
                                  Frapan, Ilse

                                     Arbeit

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                                  Ilse Frapan

                                     Arbeit

                                  Erstes Buch

Es hatte soeben ein Uhr geschlagen. ber dem ganz lautlosen Hause Zum grauen
Ackerstein brtete die lautlose, schwle Sommernacht.
    Pltzlich begann es in einem Zimmer des zweiten Stockwerks zu klingen, ein
langgezogenes, schlaftrunkenes Kinderweinen, und zwischenhinein laute, schrille
Schreie, einer nach dem anderen. Dann erhob sich eine dritte schluchzende
Stimme, die einzelne Silben jammernd hinausstie: Uh! Uh! Mam! Uh!
    Das dunkle Eckzimmer, wo sie weinten, wurde jh von einem hereinschieenden
Lichtstreifen erhellt. Durch die helle Lichtbahn kam mit rcksichtslosem Tritt,
so als ob es nicht Nacht wre, eine groe schwarze Frauengestalt, ihre Stirn
berhrte fast den niederen Querbalken ber der Tr.
    Kinder! Kinder! Attention! rief die Frau, hastig und erschrocken von einem
Bettchen zum anderen eilend.
    Eine Sekunde lang verstummte das Geschrei, dann brach es aus mit greller
Heftigkeit, da die ganze Luft davon zu zittern schien.
    Drei kleine Gestalten saen jammernd zwischen ihren Kissen. Nun erhob sich
die eine und stand lang und wei, mit verlangend gebogenen Armen, im Bette
aufrecht.
    Die Mutter eilte zu ihm, legte ihre Hand unter seine Achsel und versuchte
die leichte, zitternde Gestalt niederzulegen.
    Was ist dir, Hermannli? Was ist denn, groer Bub? beruhigte sie ihn.
    Der Kleine widerstrebte, steif und unbeweglich, indes er an der Mutter
vorbeistarrte, gerade hinaus mit offenen, trnenvollen Augen, den Mund vom
Weinen zuckend, ohne Acht auf die streichelnden Hnde.
    Ruhe! Attention! rief sie laut und trat hart auf den Boden.
    Dann lief sie hinaus und holte die Lampe.
    Wieder war das Geschrei auf eine Weile verstummt. Und whrend die
zusammengezogenen traurigen Augen der Mutter angstvoll suchend jeden Winkel des
groen, einfachen, weigetfelten Schlafzimmers durchsphten, folgte ihr der
blinzelnde, sonderbar vorwurfsvolle Blick der schlfrigen, aufgescheuchten
Kleinen, und die Mndchen bebten, wie bereit, aufs neue hinauszuschreien.
    Zum zweitenmal ging die Mutter von einem zum anderen, trocknete ihnen das
Gesicht, klopfte und streichelte die zarten Backen und Schultern.
    Aber ihre Stirn entrunzelte sich nicht bei ihrem Tun; die scharfe Gramfalte
um den Mund verschwand nicht. Sie war nicht hier bei den Kindern, die sie zu
beruhigen strebte.
    Und die Kinder fhlten es. Auf einmal begann das Geschrei von neuem. Es
hatte etwas Bewutloses, Elementares, Ansteckendes. Etwas vom klagenden Wind,
etwas von der Sturmglocke.
    Die Frau richtete sich heftig empor, unwillkrlich ffnete sich ihr Mund.
Da, tief in ihrer Kehle steckte auch ein Schrei, ein Schrei, den sie Tag und
Nacht zurckpressen mute, der sie wrgte, erstickte ...
    Sie rang ratlos die Hnde.
    Hermannli, was ist denn? Kinder, ich bitt euch! Verrckt! verrckt! Man
wird verrckt! - Leg dich, Bub! Schlaf! schrie sie pltzlich auf und drckte
den ltesten gewaltsam in sein Bettchen nieder.
    Papa! schluchzte der Bub und drngte ihre Hand weg.
    Nein! Sie klopfte auf den Boden. Schlafen sollt ihr!
    Pltzlich, bei den starrenden Blicken ihrer Kinder, verlie sie die letzte
Fassung. Die Trnen strzten ihr hervor, unstillbar, unaufhaltsam, die Fe
trugen sie nicht lnger.
    Sie warf sich auf den Boden, neben die Wiege, in der das Kleinste still im
Schlaf geblieben war, bi in die Kissen und zuckte in wilden Krmpfen.
    Ihre heftigen Bewegungen schaukelten die Wiege, aber die Kissen dmpften die
Schreie ihres Mundes.
    Die Lampe erlosch.
    Die Kinder beruhigten sich, schliefen ein. Und zwischen ihnen auf dem Boden,
in voller Kleidung, sank auch die Mutter endlich in bleiernen Ermattungsschlaf,
den Kopf auf der Bretterdiele, in den entzndeten Augen Bilder des Entsetzens,
die Ohren widerhallend von dem fieberischen, unbewuten Weinen ihrer kleinen
Kinder, zermalmt unter der Wucht eines furchtbaren Schicksals.

Am anderen Morgen, frh gegen sieben Uhr, kam der Vater der Frau.
    Er stand und whlte mit den sonnengebrunten Fingern in dem breiten grauen
Bart, sein breitkrempiger schwarzer Filzhut war tief in die Stirn gezogen. Die
Stimme drang, wie aus weiter Ferne, fast erloschen und dennoch rauh aus der
mchtigen Brust.
    Das Mdchen, das die Stiege kehrte, erschrak vor ihm; sie war in der letzten
Zeit in diesem Hause vllig schreckhaft geworden.
    Auf seinen goldknufigen Serbenstock gesttzt, stand der alte Plattner vor
dem kleinen Flurfenster mit dem roten Vorhang, durch den die Sonne breit auf die
blanken gelben Stufen fiel, und blickte auf seine bestaubten Schuhe, whrend er
seiner Tochter nachfragte.
    Noch nicht aufgestanden? Aber es ist bereits bald sieben Uhr. Geh, sag's
ihr.
    Die natrliche Sicherheit eines starken aufrichtigen Menschen, die sich in
der ganzen Erscheinung Plattners aussprach, schien wie durch eine innere schwere
Erregung verstrt. Bei den wenigen Worten frbte sich sein braunes Gesicht, und
die Hand, die den Stock hielt, bebte.
    Das Mdchen hatte die Flurtr hinter sich offen gelassen, durch die er
schwerfllig, stampfend eintrat; er atmete stoweise in der beklemmten Luft des
fensterlosen Flurs.
    Vater, sagte eine Stimme hinter ihm, halblaut, wie eine Frage, auf die man
keine Antwort hoffen darf.
    Plattner wendete sich um und streckte langsam die Hand aus, um die seiner
Tochter zu erfassen.
    Wortlos gingen sie miteinander auf eine der gelben Tren zu, an der ein
weies Porzellanschild mit der Inschrift Wartezimmer schimmerte.
    Plattner zeigte im Hineingehen auf das Porzellanschild. Warum nimmst du das
nicht weg? sagte er streng. Es war das erste Wort, das er sprach.
    Ja, ja, erwiderte die Tochter bereitwillig und zerstreut. Ihre Blicke
hingen an ihm. Als er sich auf einen der Rohrsthle setzte, wies sie auf das
kleine Ledersofa. Warum nicht hier? Es ist bequemer ... Du kommst so frh, so
frh zu mir, Papa!
    Er sa dicht an der Wand, den Stock zwischen den Knien, den Kopf gesenkt. In
die tiefe Stille klang durchs offene Fenster Rderknarren, Flche und der Gesang
der Amseln.
    Die Frau schob mit abgewandtem Gesicht ihr weies Tuch in die Tasche des
schwarzen Kleides. Sie stand noch immer.
    Nun, Josy, begann Plattner, sitz daher!
    Ja. Sie blieb stehen.
    Und - also - eben - Josy - - es ist also eben aus! Und fertig und aus.
    Ja.
    Schuft! Schuft! Niedertrchtiger Schuft! brach der Mann aus und stie den
Stock nieder.
    Vater! schrie Josy. Es war kein Wort, es war ein Hilfeschrei.
    Der alte Plattner zuckte den Kopf empor, schob sich den Hut in den Nacken
und blickte seine Tochter an. Auf der schnen hellen Stirn, die der Hut verdeckt
hatte, arbeitete es, die klaren Augen funkelten.
    Nun? grollte er verwundert, noch nicht Schuft genug? Was meinst?
    Das Rderknirschen, die Fuhrmannsflche, der Amselgesang erklang deutlich
wie zuvor in der Stille. Josefine chzte leise.
    Ich mein, wenn einer emal fnf Jahr Zuchthaus berkommt, no braucht man
sich nicht genieren, ihn Schuft zu heien! schrie Plattner.
    Bitte, Papa! Nicht, nicht!
    Eine neue heftige Bestrzung berlief das Gesicht des Vaters. Er sprang auf,
um der Tochter in die gesenkten, abgewendeten Augen zu sehen.
    Das wre noch besser! grollte er. Wrst ihm etwa noch gut nach all der
Schande? Hr emal - -
    Er fate nach ihrem rmel, da drehte sie ihm selbst das leidende, verzerrte
Gesicht mit den geschwollenen Augen zu. Eine kaum beherrschte Heftigkeit machte
ihre Zge scharf, fast drohend.
    Ach, Vater, kommst auch nur, um ihn noch mehr herunterzusetzen? Gern haben?
Man kann fast nicht anders! Wenn einer emal so tief drunten ist - - ach, was
wollt ihr noch! Er ist ja schon in der Hll, und ich - mit - ihm -
    Sie schrie es heraus, dann erstarb ihre Stimme im Weinen. Das Gesicht mit
den Hnden verdeckt stand sie neben dem Vater, der sie lange betroffen,
verstndnislos anstarrte.
    Bin nit herkommen derwegen, begann er endlich mit schwerer Zunge,
derwegen nit, Josy. Herkommen bin ich, um dich heim zu holen mit deinen
Kindern. Ich hab Retourbillet.
    Er machte sich an seiner Brusttasche zu schaffen, indes er fort und fort ein
gedankenloses Ja, ja, ja! murrte. Als er der Tochter die grne Fahrkarte
reichte, bebte seine Hand immer noch.
    Da siehst es. Heut oder morgen. Es luft drei Tage. Seine Stimme nahm
einen gutmtig beruhigenden Ton an. Er las das Datum umstndlich vor, Jahreszahl
und alles. Ein zutrauliches Lcheln erschien auf seinem starken,
grobgeschnittenen Gesicht.
    Die Alte hat schon die ganze Nacht rumort. Gleich gestern abend, wie's
Telegramm kommen ist vom Verteidiger, - er seufzte - da es aus ist, hat's
angefangen, Betten rsten. Ich bin gewesen wie en Ochs - vor den Kopf geschlagen
- wie's Telegramm kommen ist - aber es ging halt in Gottesnamen kein Zug mehr -
wirst es begreifen, Josy.
    Josefine prete seine Hand.
    Bist gtig, Vater! sagte sie in mdem, hoffnungslosem Ton, einzig lieb
und gtig. Sie bckte sich, schluchzte auf und legte ihren Kopf auf seine
Schulter.
    Steif und verlegen, ohne sich zu rhren, blickte Plattner gerade hin. Der
dunkelblonde Scheitel, so nah seinem Gesicht, mahnte ihn an lngst vergangene
Zeiten und machte ihn weich vor Rhrung.
    Nun, nun! stotterte er. Und dann fate er schnell nach einem Halt. Und
die ganz' Nacht hat's kracht und wetteret - - und ich hab mir dacht, wenn's nur
ihn in den Gottserdsboden hineinschmetteret htt, den verfluchten Schuft!
    Josefine richtete sich steil auf und zog mit pltzlichem Besinnen ihren Arm
zurck. In den verweinten Augen begann es leidenschaftlich zu glhen.
    Ach, ihr! Ach, ihr alle! rief sie schrill, immer das gleiche! Immer der
Schuft! Ich kann's nicht mehr hren! Ich will's nicht mehr hren! Es bringt mich
um! Er ist ja verurteilt! Fnf Jahr, Vater! Zuchthaus! Denkst es? Kannst es
ausdenken? Und die ganze Zeit, bis auf die letzte Minute, hab ich Hoffnung
gehabt, bis - -
    Die Trnen berstrmten ihr Gesicht, das im unertrglichen Weh zuckte.
Hndeballend begann sie das Zimmerchen zu durchlaufen, auf und ab.
    Wehe, wehe, wer ihnen in die Hnde fllt! Es ist ihnen recht so! Es macht
ihnen Freude! Ein Sndenbock mu sein, da die Heuchler alle ihre Tugend an Tag
legen knnen, wenn sie den einen in Fetzen reien! Nein, Vater, so versteh ich's
denn doch nit! Mt mich nicht wild machen, ich versteh's nicht! Bist gtig,
Vater, aber siehst - mit dir gehn - 's tut sich eben nicht! Wir kmen emal nicht
berein! Du hast deine Meinung, aber ich - ich bin die Frau! Da sind die Kinder!
Seine vier Kinder! Kannst die Natur umkehren? Wenn ich auch noch anfang,
schreie: hoho, der Schuft! - - Was dann? Nein, lieber grad in den See, da ein
End wr! Aber es geht ja nicht! Nit Vater, nit Mutter fr die vier Waisen?
Bedenke doch, Vater, 's wr schrecklich! Schndlich wr's gradaus! Ich vermag's
nicht und tt's doch so gern!
    Der Atem versagte ihr. Sie drckte die Hand auf den schmerzenden Hals,
whrend sie hart vor dem Vater stehen blieb, der mit gerunzelter Stirn und
offenem Munde, bla und regungslos, diesen Ausbruch angehrt.
    Es klopfte an die Tr des kahlen Wartezimmerchens, wo sie sich immer noch
befanden.
    Frau, 's Koffi ischt vorusse! rief das Mdchen, ohne zu ffnen.
    Wie wenn es eine unaufschiebbare Pflicht zu erfllen gelte, gingen Vater und
Tochter auf die Altane, aen und tranken.
    Whrend dieser Zeit sprachen sie nichts. Plattner brockte sein Brot in die
groe Kaffeetasse und brummte etwas vor sich hin vom Zahnreien, das er recht
unleidlich spre.
    Josy erwachte wie aus schreckhaften Trumen. Welcher ist's, Vater? Zeige
emal.
    Der Alte ffnete weit den Mund unter dem berhngenden grauen Bart und
klopfte mit dem Teelffel an seine gelben starken Zhne.
    's Gebi wr g'sund. Echte Bndnerzhne, sagt der Doktor Anstand - kennst
ihn ja - ist g'schickt. Aber die ewig' Aufregung zeither, 's sind halt die
Nerven. Sein Blick richtete sich voll Besorgnis auf die Tochter. Er versuchte
sich vorzustellen, wie Josy sonst ausgesehen. Ja so! Wie geht's denn dir mit
der Gesundheit?
    O danke, merci, Papa! 's passiert. Ich spre nichts.
    Er sah die scharfen Zge von den Mundwinkeln abwrts, die hohlwangige
Magerkeit Josefines. Unterm Tische ballte er die Hand. Sprst nichts, bis die
Reaktion kommt. Aber die bleibt nicht aus.
    Sie schwiegen wieder. Plattner sah hinaus.
    Der Morgen war nebelig; die Sonne schien gedmpft. Die Altane, von Reben
umzogen, deren Bltter sich an den vier Pfeilern zu goldgrnen Krnzen verwoben,
lie den Blick frei wandern ber die schne weie Stadt am grnen See, auf den
niedere weigeballte Wolken herabhingen. Hier und da funkelte eine Fensterreihe,
ein Glasdach, eine der Wiesen am tli drben war smaragdgrn herausgehoben,
sonst lag ein sanftes Lilagrau ber allem; rosig schimmerte das nackte Felsenegg
aus den sommerdunklen Wldern. Mit kosendem Zwitschern schossen die Schwalben
ganz nah und niedrig um die Altane; Wolken von Duft stiegen aus den Weinbergen
und aus den breiten saftigen Gewinden an den Pfeilern.
    Blhen eure Reben erst jetzt? entfuhr es Plattner.
    Ja! Es ist recht versptet. Die Sonne hat gefehlt.
    Wieder langes Schweigen.
    Die Nebel zerrannen und flossen wieder zusammen. Einen Augenblick standen
die hbschen Villen am See wei und zierlich wie Elfenbeinspielzeug auf dunklem,
verwischtem Grunde. Dann wieder war die Stadt grau verschattet und hob sich nur
in undeutlicher Masse vom hell und scharf beleuchteten Berge ab.
    Plattners Augen folgten dem Wechselspiel, ohne da er selbst darum wute.
Nun schob er die klirrende Tasse zurck und faltete die braunen Hnde auf der
Tischplatte. Was hast vorhin gemeint, Kind? Ich hab's nicht recht verstanden.
    Josy hob die dunkelumschatteten Augen und lie sie gleich wieder sinken; es
war eine Bewegung in ihrem eingefallenen Gesicht, die den Vater warnte.
    Man mu ja reden, wenn's auch unangenehm ist, Josy. Also - heraus mit der
Hauptsach! Willst gleich Antrag stellen auf Scheidung oder willst noch warten?
    Nein, davon ist keine Rede, sagte Josefine mit fester Stimme.
    Der Mann bumte sich von seinem Sitz auf. Das Blut stieg ihm in die Augen.
    Ich versteh nicht, sagte er rauh. Hast mich nicht recht gehrt, wie es
scheint. 's ist ja nur die letzte Form. Glatt wird's gehen, ohne allen Anstand.
Ich denk sogar, da du nicht vor Gericht erscheinen mut. Es wr ja auch widrig.
Wenn du mal von dem Schurken los bist - auch gesetzlich los - -
    Josefine stand auf, so schnell, da ihr Strohsessel umfiel. Leise, mit
zischender Dringlichkeit in der Stimme, begann sie: Nein, Papa, nein! Scheiden
la ich mich nicht! Ihr braucht mir nicht zuzureden. Weder glatt noch schwierig
- ich will's nicht! Es ist unmglich. Aber weit, es sticht mich da! Jedes Wort,
was du drber redest! Nur nicht sagen, ich wr vernarrt in ihn, jetzt noch! O
nein! Bin nicht vernarrt, Vater, bin ganz klar und so ruhig!
    Ihr ganzes Gesicht glhte pltzlich in Fieberrte.
    Du sagst: nicht vernarrt? Also verzaubert? Behext? schrie Plattner, auf
den Tisch schlagend. So ein Schuft, so ein -
    Siehst du! rief sie wild. Das ist es! Weil ihr immer so sprecht! Weil er
von der ganzen Welt verachtet, verstoen, verlassen ist! Und ich soll mitmachen?
Nein, nicht verzaubert, nicht behext, aber die nchste, wo er hat! Den einen
erwischen sie, und zehntausend gehen frei aus. Schuft! Schuft! Immer nur Schuft!
Pfui, die Bande! Alle hergefallen ber einen! Schmt euch! Vater, weit - einmal
ist der Georges doch so ganz wie andere - doch so ganz - -
    Trnenberstrmt sank sie an der Wand in sich zusammen. Aber wie der Vater
wirr und stumm dreinblickte, zwang sie ihre Fassung zurck.
    Bitte, bitte, la mich tun, was ich kann! Du weit ja, da ich immer meinen
Weg gehen mu. Ich bin ja ganz zerschlagen, eigentlich wie toll! Sie drckte
ihre Schlfen mit den Hnden zusammen. Auf die Strae mcht ich und schreien,
bis die Leute mit mir kommen und ihn da herausreien, wo sie ihn vergraben
haben!
    Sie funkelte den Vater an, kurz und schnell, mit ihren Fieberblicken. Aber
sein Gesicht war fremd und abweisend geworden; er sah sich verloren um,
betastete seine Stirn, auf der Schweitropfen standen. Dann suchte er seinen
Hut, den derben Stock und nherte sich dabei unmerklich der Tr.
    Also - also - adie, Josy, sagte er in trockenem Ton, ohne die Hand
auszustrecken.
    Sprachlos sah die junge Frau ihm zu. Sie konnte nichts reden, um den Preis
ihres Lebens nicht. Aber ihr Herz klopfte in wilder Verzweiflung, da er so
gehen sollte, ihr lieber, treuer Vater.
    Und er ging.
    Durch das halbdunkle Balkonzimmer ber den kleinen fensterlosen Flur hrte
sie seine schweren Tritte. Er stie mit dem Stock auf, als ob er mit lahmen
Fen an der Krcke ginge ...
    Die Tr klappte, der schwere, mde Tritt, der Krckstock erklang auf den
Treppenstufen ... Josy schttelte sich auf aus der Erstarrung. Sie ri das
Kleinste aus der Wiege und rannte mit ihm auf dem Arm dem Vater nach. Am Ende
der Stiege holte sie ihn ein.
    Die Kinder! rief Josy keuchend. Vater, du hast ja die Kinder nicht
gesehen.
    Er kehrte mit ihr zurck in die Wohnung.
    Die lteren Kinder lrmten in ihren Betten. Josefine ri weit die
Schlafzimmertr auf: Springt heraus, der Grovater ist gekommen!
    Schchtern, im Hemdchen, mit bloen Fen kamen sie herangehuscht, ein
blasser, schmaler Bub von sieben Jahren mit unruhigen Augen und ein untersetzter
Blondkopf mit rotgeschlafenen Backen. Ein zartes Mdchen mit dnnem, seidigem,
dunklem Haar folgte. Es ging mit gesenktem Kopf und schlaff hngenden rmchen
beschmt und langsam hinter den Buben her.
    Josefine eilte mit dem Kleinsten in die Kche. Sie war froh, einen
Augenblick fortzukommen, whrend sie doch den Vater noch hier wute, hier bei
ihr, in der traurigen Wohnung mit dem schwarzen, ghnenden Schlund in der Mitte.
Der gute, treue Vater mit dem starken, ehrlichen Antlitz, mit den krftigen,
Lebensfrische atmenden Gliedern, mit den derben Kleidern, die nach Heu dufteten,
mit den sonnenbraunen, arbeitgewhnten Hnden. Er war noch hier.
    Sie stand in der Kche und sah gedankenlos zu, wie das Mdchen die kleine
Nina badete und ankleidete. Das Mdchen lachte, denn die Kleine sog an dem
Waschschwmmchen und wollte es nicht fahren lassen. Aus dem Zimmer vorn kamen
die Stimmen der Kinder, froh und jauchzend, und dann wieder hrte sie ihres
Vaters Stimme und sein Gelchter. Josefine seufzte erleichtert. Er war ja im
Grunde ein frhlicher Mann, ihr Vater, jung geblieben zwischen seinen jungen
Zglingen von der landwirtschaftlichen Schule. Und sie fhlte es: immer doch
wrde er auf ihrer Seite sein mit seiner Hilfsbereitschaft, mit seinem
praktischen Sinn und seinem Vaterherzen. Nur keine Entzweiung zwischen ihnen!
Nur seine Hand nicht loslassen mssen!
    Zgernd entschlo sich Josefine, wieder hinberzugehen, aber dann, als sie
die frhliche Gruppe sah, wurde ihr ganz licht vor den Augen. Die Kinder hielten
den Grovater eng belagert, wie er da mitten im Balkonzimmer sa. Rslis
leichtes, kleines Figrchen lag ganz fest in den starken Armen, das Kpfchen
dicht an des Grovaters Brust geschmiegt, die Finger in seinem grauen Lockenbart
vergraben. Hermannli hielt ihn von rcklings umfat, der Kleinere, Uli, stand
zwischen den Knien des Alten, der ganz beruhigt, milde und vershnt auf die
Kinder niedersah.
    Sie gehen mit mir, alle miteinander! Deine ganze wilde Bande! Aber das ist
die wildeste von allen!
    Er zupfte Rsli an den braunen Ringeln und wiegte sie spielend. Hermann
versuchte, sie von dem bevorzugten Platze zu verdrngen. Plattners Blick
musterte scharf den Knaben, und jh entschwand das Wohlgefallen aus seinen
Zgen.
    Wie der Bub ihm gleicht! sagte er langsam. Der wird dir zu schaffen
machen. Und in romanischer Sprache fuhr er fort: Er hat mich gleich gefragt,
wo doch der Papa sei. Die Mama sage: im Spital bei den kranken Leuten, aber er
glaubt's nicht. Und warum glaubst du's nicht? frag ich ihn. Da macht der Lausbub
so ein altbrtiges G'sicht hin und flstert: Mir darfst schon sagen, Grovater,
da der Papa tot ist. Ich bin nicht so dumm, wie die Mama meint, ich merke
alles.
    Whrend der Wiedererzhlung blickte der Knabe mit seinen unruhigen Augen von
dem Grovater zur Mutter und umgekehrt, als verstehe er jedes Wort der ihm
fremden Sprache.
    Mama, wann kommt der Papa heim? sagte er, sich an des Grovaters Schulter
drngend.
    Wenn er gesund ist, entgegnete Josefine kurz.
    Wird er wahrscheinlich lange krank sein? fing der Bub in herausforderndem
Ton an.
    Ja, lang. Wahrscheinlich.
    Wieviel Jahre, Mama? Ein Jahr oder mehr? Es klang wie frhreife Ironie.
    Josy ergriff ihn am Arm. Schwatz nicht so viel, sagte sie finster. Geh
jetzt! Wasche dich! Zieh dich an! Marsch hinaus!
    Da beugte sich der Knabe an des Grovaters Ohr und zischelte: Wir beide
sind Mnner, gelt Grovater? Ich will mit dir gehen! Und du zeigst mir Papas
Grab, haha!
    Er lachte pltzlich frech der Mutter ins Gesicht, dann duckte er sich,
schluchzte auf und ging mit schlotternden Knien hinaus. Mit scheuer Miene
schlich ihm Rsli nach. Nur der kleine rotbckige Uli ritt lrmend und jauchzend
in seinem kurzen Hemdchen auf einem Blumenstab durch das Zimmer und ber die
Altane, wo Vater und Tochter wieder gramvoll nebeneinander saen. Selten fiel
ein Wort.
    Ihr kommt also nicht mit mir?
    Nein, Vater!
    Und was gedenkst du zu tun?
    Irgend etwas anfangen.
    Und denkst davon zu leben?
    Ja!
    Mit den Kindern?
    Wenn ich die Kinder nicht htt, braucht ich nicht zu leben.
    So-o-o? Der groe vorwurfsvolle Aufblick des Vaters drang Josefinen tief
in das leidende Herz.
    Hab nicht Furcht, sagte sie bitter, ich lebe und will leben. Der Bub
bringt mich fast um mit seinen Fragen, und ich gb ihn dir gern. Aber es knnte
ein Wort fallen - von den Knechten - von einem Zgling - nein. Sie werden ja
dort von nichts anderem reden.
    Plattner fuhr auf. In meiner Gegenwart? strmte er ingrimmig.
Unwillkrlich sah er hinter sich, als erwarte er schon die Angreifer und
Tuschler.
    Die Sonne kam ber den Balken herein, sie malte das zackige Blattornament
scharf und treu auf den hellen Parkettboden. Aus dem nebligen Morgen wollte ein
voller Sommertag erstehen, nicht ganz klar, aber voll lockendem, mildem Glanz.
    Was der Mensch sich selber zubereitet! nickte Plattner aus seinen schweren
Gedanken heraus.
    Josefine nickte stumm.
    Du auch, Kind, du auch.
    Ich? Was kann ich noch tun oder nicht tun? Mir hat ja das Schicksal alle
Wahl erspart, hhnte sie bitter.
    Wenn du dem - dem - Menschen absagst und lt dich scheiden und ziehst zu
deinem Vater und - -
    Dann bist erst recht gemein! rief Josy berlaut. Wenigstens ich, Vater,
ich wr's. brigens - ich knnt nicht. Da ist kein berlegen, kein Besinnen. Was
ich einmal lieb gehabt, das bleibt mein gegen die ganze Welt. Wir sind nun in
der Hlle, Vater - nun denn - in der Hlle. Sie sprang auf. Ihre starren Augen
erschreckten ihn.
    Unwillkrlich hob er den Arm, um sie zu schtzen. Aber er lie ihn wieder
sinken.
    Ihr bewegliches Gesicht hatte sich verndert.
    Man mu herauskommen, aber nicht so, wie du meinst, Vater. Man mu ihn mit
herausreien, sonst ist's gemein. Wenn ich knnte - wenn ich beweisen knnte,
da man ihn unschuldig verurteilt hat!
    Glhend, leuchtend, von Schwrmerei verklrt, mit aufwrts gerichteter
Stirn, mitten in dem sonnendurchspielten Zimmer stehend, erschien die Frau
pltzlich wie eine andere. Es war einer jener Augenblicke, in denen das sonst
unkenntlich verhllte oder umpanzerte Innerste des Menschen, sein eigenes,
individuelles Selbst, in eigenster Gestalt erscheint, berraschend, neu, eine
Offenbarung.
    Den Vater berrann ein leichter Schauer. Er schwieg betroffen. Die Tochter
gewann Gewalt ber ihn, ber seine Meinungen und Abneigungen, die er fr
unerschtterlich gehalten. Mhsam ermannte er sich.
    Unschuldig? sagte er in weichem, traurigem Ton. Josy, was trumst auch!
Er hat ja gestanden. Da fehlt kein Pnktchen am Schuldbeweis. Die Hoffnung mut
fahren lassen.
    Josefine antwortete nicht gleich. Die Begeisterung auf ihrem Gesichte
erlosch, wie eine helle Lampe erlischt. Herausforderung bebte um ihre Lippen.
    Und wer in der ganzen Welt ist unschuldig? schrie sie. Welcher Mensch und
welcher Mann? Wen drfte man nicht einsperren, wenn man jedes Blatt seines
Lebens kennte?
    Halt du! Hast schon vorhin so etwas gesagt! Plattner war aufgestanden,
Zornrte scho ihm ber die Wangen. Ich verbitt mir, da du so mit mir redest!
    Die Hnde auf dem Rcken, lief er im Zimmer hin und her, kopfschttelnd,
unbehaglich ber alle Maen, von hilflosem Mitleid geqult fr dies eigensinnige
Kind, das sich in allem Elend so selbstndig, so unbeugsam zeigte.
    Ich bin so weit, sagte Josy, ins Leere sprechend, da fr mich alles aus
ist. Achtung vor den Menschen? Pah! Glauben an die Menschen? Noch viel
haltloser. Heute denk ich so, morgen wieder anders, und alle Leute so, einfach.
Wir sind wie Buchstaben, ins Wasser geschrieben! Launische Kranke! Armselige
Verrckte, wir alle!
    Widerspricht sich bei jedem Wort und wei es selber nicht! zrnte
Plattner.
    Widersprech ich mir? - Josy errtete flchtig - nun, vielleicht auch.
Warum nicht, wo alles ringsum sich widerspricht? Aber ich wei doch nicht, warum
wir nicht aneinander hngen sollten, cote que cote. Glauben hab ich nicht,
Hoffnung hab ich nicht, aber dies - dies bichen Liebe - das ist etwas so
menschliches - so natrliches - Sie brach in ein heftiges Schluchzen aus.
    Der kleine Uli kam herangestolpert, ahnungsvollen Kummer in seinem
dreijhrigen Gesichtchen und bereit, auch zu schreien.
    Plattner drckte ihn an sich und fate Josys Hand. Gut, gut; ich sage
nichts mehr. Die kleine Zeit, wo ich noch hier bin, soll Friede sein. Von mir
aus. Seine Augen wanderten, und pltzlich rief er: Aber ich bitte dich, Josy,
warum hast du nicht wenigstens das Bild da weggetan? 's ist doch entsetzlich,
wenn jemand -
    Er stockte und zog Uli auf seine Knie.
    Der unselige Georges! wie er den Eindringling, den Verderber, den Teufel
hate!

Drei Tage blieb Plattner bei seiner Tochter und all die drei Tage stie er
Stunde um Stunde mit dem Gespenst zusammen, das hier im Hause Zum grauen
Ackerstein bei hellichter Sonne, bei Amselsang und Kinderlachen in allen
Zimmern spukte und aus seinen verschleierten Augen mit stillem Hohnlachen auf
all die blhende Wirklichkeit sah.
    Im Balkonzimmer die groe Photographie des jungen Ehepaares - Josefine und
Georges mit dem damals einjhrigen Hermann auf den Knien - verdarb dem Vater das
Frhstck und lie ihn mitten im Satz innehalten, so oft seine Augen widerwillig
ber die Wand streiften.
    Auf dem Flur das Porzellanschild an der Tr mit der Aufschrift Wartezimmer.
Sprechstunden von 7 bis 9 und von 3 bis 5 Uhr stach ihm belstigend in die
Augen, wenn er aus dem einen Raum in den anderen ging.
    Im Ezimmer wieder ein Bild: Georges mit seiner Schwester Licile, sie im
weien Konfirmandenkleid und Schleier, er halbwchsig, mit langen blablonden.
Locken ber einem goldbraunen Sammetrock, schmachtend und glatt, die fatale
Unterlippe ohne alle Form und Zeichnung schon gerade so schlaff wie jetzt beim
Erwachsenen. Eine talentlose Malerei, eine slich fade Auffassung; fr Plattner
eine tgliche Herausforderung, dies Geschwisterpaar.
    Schon damals hat er nicht getaugt, der freche lsterne Bengel! dachte er bei
sich und ballte heimlich die Faust. Und der hat meine Josy bekommen, mein
bestes, tchtigstes Kind! Wo hab ich alter Esel meine Augen gehabt? Wir sind
alle blind gewesen, sagte er sich ingrimmig.
    Im Schlafzimmer, Doktor Georges Geyers ehemaligem Schlafzimmer, derselbe
Georges Geyer als Student, in einer Gruppe, irgend einer Verbindung in Wichs.
Hier unter den brigen, ziemlich unbedeutenden Kpfen sieht er gleichwohl nach
etwas aus. Ein feines Gesicht, bis auf den Mund. Und den versteckt der Bart. Was
man so einen schnen Mann nennt. Der Teufel hol ihn.
    Und Plattner nahm allabendlich die Photographie von der Wand, um besser
schlafen zu knnen.
    Aber er schlief trotzdem schlecht. Warum konnte er nicht sein tapferes armes
Kind herausziehen aus alledem? Warum nicht sie in die Arme nehmen, samt ihren
Kleinen und fort, fort in reine Luft?
    Er htte ihr befehlen mgen: Denk nie mehr an ihn! vergi sein Gesicht,
seine Stimme, euer achtjhriges Zusammenleben! vergi das kurze Glck, vergi
die lange Schmach! es soll alles sein, als wre es nie gewesen!
    Wenn er abwesend war von ihr, im anderen Zimmer nur, dann erschien sie ihm
so jung, so hilflos, so unendlich mitleidsbedrftig.
    Seine Lider wurden hei und feucht, seine starken Hnde wanden und krampften
sich in verzweifeltem Harm. Wie ein kleines Kind war sie ihm dann, das in
dunklen Wellen um sein Leben kmpfte.
    Und wenn er sie dann wieder vor sich sah in der Dornenkrone ihres Leides, in
der ernsten Wrde der Gefatheit, unnahbar in ihrem heien Gram, unnahbar in
ihrer leidenschaftlichen Parteinahme fr den Verurteilten - dann stand er stumm,
dann sagte er sich bitter und schmerzlich: nie mehr kommen wir recht zu
einander. Der verfluchte Schuft steht zwischen uns.
    Und er hate ihn tiefer jeden Tag, und er fluchte ihm mit jedem Gedanken und
jedem Wort, und seine Tochter fhlte den Ha wie eine feindselige Atmosphre um
den geliebten Vater, die sie nicht durchbrechen konnte; sie hrte die Flche,
obgleich sie nicht ausgesprochen wurden, und Weh und Trotz kmpften in ihrem
Herzen.
    Plattner lag nachts und grbelte: Sie sagt, der Schuft ist wie alle!
Allmchtiger Gott, was meint sie? Hat er ihr zu allem brigen noch das
moralische Gefhl geraubt? Ist sie auch schon verdorben?
    Er sah Josy wieder und atmete auf: Sie ist so unschuldig - sie versteht
nicht einmal, was der schuftige Patron angestellt hat!
    Der Abschied war unsglich traurig.
    Gerade beim Verlassen der Wohnung sieht er noch die Messingtafel an der
Glastr. Auf dem Namen Doktor Georges Geyer, praktischer Arzt funkelt gelb die
Sonne. Neben Plattner steht Josy, wie immer in Schwarz, mit bleichem, schmalem
Gesicht, mit ungeduldigen Augen, denn bis zum letzten Moment frchtet sie einen
jhen Zusammensto.
    Adieu! adieu! rufen die lteren Kinder. Den dreijhrigen Uli, die
einjhrige Nina nimmt der Grovater mit; das Mdchen ist mit ihnen voraus auf
den Bahnhof, wird sie auch whrend der Eisenbahnfahrt versorgen.
    Rot vor Zorn deutet Plattner auf die sonnenglitzernde Namentafel. Und das
soll auch bleiben?
    Ja, macht Josy herausfordernd.
    Aber 's ist ja nicht wahr! Er wohnt ja ganz wo anders! ruft Plattner.
    Ein Blick auf die Kinder macht ihn still. Er erschrickt. Fast htten sie
sich gezankt, harte Worte gesagt, hier an der Schwelle der Trennung.
    Auch Josefine besinnt sich. Nein, so sollst du nicht gehen, Vater! Wir
kommen mit. Holt eure Hte, Kinder.
    Als sie gerstet da standen, und Plattner sie stumm und trbe musterte,
blitzte ihr ein pltzlicher Argwohn auf.
    Ich trage keinen Schleier. Soll ich einen Schleier umbinden, Vater? Du
scheust dich vielleicht, mit mir so ber die Strae zu gehen?
    Komm, komm! sagte Plattner mde.
    Aber du wirst angestarrt werden, Vater. Sie werden dich alle sehen wollen.
Ich kenne diese grausame Neugier, rief sie schneidend.
    Ohne zu antworten, ergriff Plattner das kleine Rsli an der Hand und ging
mit ihm hinunter.
    In Josys Augen spielten grnliche Funken. Sie wollte ihren Hut wieder
abnehmen.
    Komm, komm, Mama! Der Zug fhrt weg! drngte Hermann.
    So kamen sie dann auf die Strae. Aber nur gleichgltige Worte wurden
gewechselt, und ein gespannter argwhnischer Zug wich nicht aus den Gesichtern.
    Erst als sie die Bahnhofshalle betraten, unter dem Kohlendampf und dem
Pfeifen der Zge sich durch den Menschenstrom arbeiteten, schob sich Josefine an
ihres Vaters Seite.
    Aber das ist alles dummes Zeug, nicht wahr? alles dummes Zeug. Sie sprach
hastig, sie berstrzte sich im Reden. Ich habe dir noch nichts von meinen
Plnen gesagt. Man mu natrlich Plne machen. Mit dem dummen Zeug, dem Kummer
und so weiter verliert man alle Zeit und Kraft. Und nun reist du fort! O, wie
schade! Ich habe einen Plan, weit du, einen Hauptplan - du schickst mir Laure
Anaise, nicht wahr? Und dann, wenn ich sehe, da es geht, schreib ich dir. Du
hilfst mir ja doch, gelt? Ach, es ist eigentlich keine Minute zu verlieren, und
nun haben wir diese drei Tage - O, schon einsteigen? Kaum, da ich die Kinder
noch kssen kann!
    Noch aus dem Fenster rief Plattner seiner Tochter zu: Das Trschild ist
absolut unntig, fhrt nur irre!
    Das letzte, was er sah, war ihr hartnckiges Kopfschtteln.
    Dann kamen groe, graue Dampfwolken und legten sich zwischen die
Abschiednehmenden, und die geschwenkten Taschentcher wurden unsichtbar ...

Josefine weinte viel auf dem Rckwege. Stumm und gedrckt gingen die Kinder
neben ihr.
    Einmal blieb sie stehen: Kinder, nun ist der liebe, liebe Grovater fort!
Aber wir danken es ihm tausend-, tausendmal, da er zu uns gekommen ist.
    Tausendmal, sagten die Kleinen mechanisch.
    Und den ganzen Nachmittag, whrend sie sich in der verdeten Wohnung
bewegten, das ntigste besorgten, ohne fremde Hilfe, ward Josy nicht mde, den
beiden von dem lieben Grovater zu erzhlen, und da man ihm tausendmal danken
msse.
    Er hat uns aber nichts mitgebracht, sagte Hermann blinzelnd.
    Und Uli und Nina? fragte Rslis unsicheres Stimmchen, sind sie nicht
lieb? Wollen wir sie nicht mehr haben, Mama?
    Nein, aber ich mchte wissen, in welchem Spital Papa ist! flsterte der
Bub seinem Schwesterchen zu. Es ist sicher, da Mama ihn gar nicht lieb hat,
sonst wrde sie ihn doch besuchen. Und ich geh dann einmal, ich gehe von Tr zu
Tr und frage: Ist mein Pappe nicht hier?
    Ich geh auch, flsterte Rsli mit groen Augen.
    Nein, du nicht, das ist nur was fr Mnner, er stie sie vertraulich an.
Weit, Rsli, der Pappe ist berhaupt schon lang tot, die Mama will's nur nicht
sagen. Er ist ausgegangen und nicht heimgekommen, einmal am frhen Morgen; wir
haben noch geschlafen. Er ist gewi ermordet. Man mu sein Grab suchen. Ich will
ihm einen Kranz hinlegen von Efeu und Immergrn. Das ist fr die Toten.
    Und weie Rosen sind auch fr die Toten. Und ich will auch, sagte Rsli,
ngstlich an den Bruder geschmiegt.
    Nein, du nicht. Du bist zu klein. Du bist eine dumme Gans. Der Pappe ist
ermordet! Er spitzte den Mund und machte starre Augen.
    Rsli wurde es hei vor Angst. Das lgst du, flsterte sie emprt, das
sag ich der Mama.
    Ach, du Dumme! Warum trgt sie immer Schwarz? Schwarz ist Trauer! Da siehst
es!
    Rsli zitterte vor Aufregung. Kriegen wir jetzt einen neuen Papa?
    Ho, die redet! neuen Papa, sagt sie. So sagt man nicht, man sagt
Stiefvater! Dann kriegst du aber Wichs!
    Der Bub lachte hhnisch auf; dann stockte er. Die Kinder sahen sich
erschrocken an.
    Was habt ihr beiden vor? Warum flstert ihr? sprecht laut! rief Josefine
aus dem anstoenden Raum.
    Wir sprechen etwas, Mama, sagte Rsli kleinlaut.
    Vom Christkindli, Mama! rief Hermann und lie seine Finger knacken. Er
lchelte dreist der Kleinen zu.
    Vom Christkind? schon jetzt? Josy seufzte erleichtert. Wohl, 's ist ganz
recht, sprecht nur vom Christkindli. Verget auch den Gropapa nicht.
    Und die Geschwister nickten sich zu und steckten die Kpfe dicht zusammen
und spannen weiter an ihrem phantastischen Gewebe wie zwei der kleinen roten
Spinnentierchen, die blitzgeschwind ber schwarze Spalten und unheimliche Klfte
ihre silbernen Fdchen ziehen und daran durch die Luft fliegen, heimlich und
lautlos, fast ohne Bewegung, da man meint, sie schliefen nur, die schlauen
kleinwinzigen Spinnlein.

Josefine hatte nicht mehr geglaubt, da ihre Schwestern zu ihr kommen wrden,
aber eines Abends, in der Dmmerung, kamen sie doch zu ihr. Hbsch, jung und
elegant, von einer Wolke zarten Parfms umhllt, mit dem Knistern seidener
Unterkleider, traten sie in das Zimmer.
    In Hten und Schleiern saen sie, nahe der Tr, als Josefine, aus dem
Schlafraum der Kinder kommend, sie begrte.
    Josefines Herz wallte hoch auf, als sie die Schwestern sah. Sie konnte nicht
sprechen. Sie trug die Sonnenschirme, die sie ihnen abgenommen, aus einer
Zimmerecke in die andere.
    Die hbschen Frauen saen da wie das bse Gewissen. Schweigend bewegten sie
die Taschentcher.
    Die Balkontr war halb geschlossen, es regnete schwer. Durch das Prasseln
der Tropfen in das dichte, harte Kastanienlaub tnte das Kreischen und Klingeln
des Trams. Der Wind schttelte die Balkontr. Die Besucherinnen seufzten und
schnuzten sich abwechselnd.
    Adele, die schlanke lteste mit der gebogenen Nase und dem Zwicker am Bande,
blickte Josefine prfend an. Du trgst also Schwarz! ja, ja, ja! sagte sie in
kondolierendem Ton.
    Ihr trinkt doch eine Tasse Tee mit mir, machte Josefine aufstehend.
    Marie hielt sie zurck. Ihr kleines verweintes Gesicht unter dem toupierten
hellen Blondhaar verzog sich kummervoll.
    Nicht dazu sind wir hergekommen, Fifi; ist es denn wahr, da du dich nicht
scheiden lt?
    Ja, das ist ganz wahr, nickte Josefine, den Blick abwendend.
    Aber, mon dieu! mon dieu! was werden sie sagen! Adele zog die Handschuhe
ab und begann die Hnde zu ringen.
    Wer? machte Josefine zerstreut.
    Die Leute, Fifi, alle Leute!
    Ja, ich kann mich doch darum nicht kmmern! Josefines Gesicht ward immer
finsterer.
    Sie sagen, dir fehlen die moralischen Begriffe! schrie Marie auf.
    Ich habe meine eigenen Begriffe, Mia.
    Aber das verzeiht dir ja kein Mensch, Josefine.
    Auch ihr nicht? forschte Josefine in seltsam leichtem Ton.
    Adele richtete sich gerade auf. Wir sind deine Schwestern. Mit uns ist es
ja anders. Wir kennen dich.
    Bin ich eure Schwester? Kennt ihr mich? stammelte Josefine mit verzerrtem,
schmerzhaftem Lcheln. Sie fhlte Stiche am Herzen und atmete mhsam.
    Mein guter Mann - begann Marie.
    Mein Lon - fiel Adele ein.
    Ja, ihr seid die Glcklichen, flsterte Josefine.
    Aber das ist doch nicht unsere Schuld! riefen die Schwestern gleichzeitig.
    Nein, es ist euer Verdienst, versetzte Josefine sehr bitter.
    Schmollend blickten die Besucherinnen einander an.
    Wir haben's ja gewut, wie du uns aufnehmen wrdest! sagte Adele gekrnkt,
aber gekommen sind wir in Gottesnamen doch.
    Arme Fifi! du bist natrlich furchtbar verbittert, schluchzte Marie und
fchelte mit dem feuchten Taschentuch ihre Augen. Wir, das heit unsere Mnner
und wir, meinen es ja so gut mit dir!
    Josefine sah die Sprecherin mit einem langen, trben Blick an. Dann glitt
der Blick zur Seite und fiel auf den Boden, matt und leblos.
    Warum seid ihr gekommen? hauchte sie in sich hinein.
    Wenn du es nur nicht falsch auffassen mchtest - sagte Marie und legte mit
einer ihr eigentmlichen weich koketten Bewegung den Kopf auf die rechte
Schulter.
    Adele rckte sich zurecht.
    Das beste ist und bleibt doch, da du von Zrich fortziehst, liebe
Josefine, von dem Orte, wo - nun, wir wissen ja alle, wie schrecklich dir diese
Stadt jetzt sein mu! Zum Vater - das wre natrlich sehr schn, jedoch in
seiner Stellung - als Direktor der landwirtschaftlichen Schule - ist es ja
begreiflich. - - Nein, aber irgendwo aufs Land. Es ist auch wegen der Kinder.
Weil sie dort frische Luft haben. Sehr viel besser ist ja die Luft auf dem Lande
als in der Stadt.
    Keimfrei, Fifi, das ist nicht zu unterschtzen, fiel Marie ein.
    Adele nickte. Ganz recht. Und dann, wenn du dich dann recht bald zur
Scheidung entschlieen wolltest - nein, hr doch erst, was ich dir sagen soll -
Lon und der Vater und vielleicht auch Albert, wenn seine Geschfte so
weitergehen, werden jeder jhrlich tausend Franken hergeben, damit du die Kinder
recht erziehen und selber ziemlich bequem leben kannst. Auf dem Lande, wo alles
billiger ist, der Hauszins und so weiter, wirst du mit dreitausend Franken -
aber Lon wird sogar noch fnfhundert zulegen, wenn du ja sagst, denn der Plan,
weit du, ist von Lon, und der Vater wei noch nichts davon.
    Vater war hier, unterbrach sie Josefine.
    Hier? Bei dir und nicht bei uns? Wie lange denn?
    Drei Tage.
    Drei Tage? Die Schwestern blickten sich fragend an. Und zu uns ist er
nicht gekommen? In schner Gemtsverfassung mag er gewesen sein.
    Sie schwiegen wieder. Marie seufzte oft und schttelte den kleinen Kopf.
Nun, Fifi, was sagst du zu Lons Vorschlag?
    Josefine hielt die Augen gesenkt. Sie drehte eine welke Rose in den Fingern,
die aus der Schale auf dem Tische herausgefallen war. Ich begreife, da es euch
unangenehm ist, wenn ich hier bleibe, und euren Mnnern erst recht, sagte sie
mit schwerer Zunge, und ich danke euch fr eure Frsorge, auch der Kinder
wegen. Die zwei kleinsten hat der Vater mitgenommen, die alte Nina ist noch beim
Vater. Ich habe vorlufig nur die Sorge fr zwei.
    Die Schwestern hatten mit angehaltenem Atem gehorcht.
    Das wuten wir ja gar nicht, sagte Adele verwundert. Wir sind immer die
letzten, die etwas erfahren. brigens - Lons Plan wird ja dadurch nicht
alteriert. Er hngt wirklich sehr an dem Plan. Sogar einen Ort hat er schon in
Aussicht genommen. Es ist nmlich in Tessin, bei Morcote, weit du, an dem
reizenden Luganersee. Man bekommt selber gleich Lust, gelt Mia? Adeles
Jovialitt brach durch den Nebel der Unbehaglichkeit und des bsen Gewissens
pltzlich siegreich hervor.
    Also, Fifi, nmlich. Lon ist - er wei selbst nicht wie - an ein Huschen
in Morcote gekommen, ein reizendes Chalet. Von einem verkrachten
Geschftsfreund, sagt er. Es ist mit immergrnen Rosen berankt, von oben bis
unten. Diese kleinen gelben immergrnen Rosen, weit du - sie blhen so
merkwrdig frh. Auch Garten dabei; Kamellien im Freien - alles tadellos. Und
das Chalet gibt Lon dir kostenfrei fr dich und die Kinder zum Bewohnen! Onkel
Birrli sagt: Potztausend, da mcht ich auch hin! Mit diesen Worten. Das einzige
ist - - etwas einsam! Sozusagen weltabgeschieden! Aber das ist ja gut, nicht? Du
mut ja vergessen, arme Fifi! Dort kannst du vergessen. Die Rosen! Die Kinder!
Die Kamellien - -
    Josefine schwieg. Ihr Atem ging hrbar laut. Sie drehte die entbltterte
Rose immer schneller zwischen den Fingern.
    Marie fiel ein: Einsam ist gut, aber ich htte doch Angst so allein. Ich
habe gleich gesagt: Fifi mu einen groen Hund haben! Und den schenk ich dir,
liebste Fifi - ohne Hund la ich dich nicht in das abgelegene Huschen ziehen.
In Rapperswil hab ich einen prachtvollen Wurf echter Bernhardiner besehen. Ich
nehme nmlich auch einen, Albert ist so oft auf Reisen jetzt. Sie sind braun,
ein wunderhbsches Braun mit weien Flecken. Die Mutter ist auf den Mann
dressiert. Der Vater ein Prachttier! So hoch. Schon zweimal prmiiert! Marie
griff nach Josefines kalter Hand und war zum erstenmal, seit sie in die Tr
getreten, unbefangen und natrlich.
    Josefine blickte auf. Und was noch? machte sie mit seltsamem Lcheln.
    Ganz ernchtert sahen die Besucherinnen sich an. Sie verstanden nichts.
    Mchtest du nicht an den Luganer - stammelte Marie erschrocken.
    Ein schneidendes Lachen antwortete ihr. Josefine warf die Rose hin und
sprang auf. Warum nicht nach Afrika? Warum nicht auf eine Sdseeinsel? Das wre
doch noch weiter! Mit einem zahmen Panther zur Unterhaltung und mit dem Geld
meiner gromtigen Schwger beladen! Man kann nur lachen! Als ob ich ein Kind
wre! ein Kind! eine Null! ein Nichts! Wie gro ist der Bernhardiner, Mia, zeig
noch mal! Und was schenkst du mir, Adele, um mich zu beschtzen? Eine
Dynamitpatrone? Albert handelt ja mit Dynamit! Ach! schrie sie und lachte immer
wilder, wie gtig ihr doch seid! Wie zwei fremde Damen gegen eine arme - so zum
Verzweifeln gromtig! zum Verrcktwerden gtig. Aber seht mal - sie setzte
sich dicht zu den entsetzten Schwestern und flammte sie mit ihren groen
Leidensaugen an - es geht nicht. Der Bernhardiner frit zu viel! Und die Rosen
sind zu rot! Und der Luganersee ist zu blau! Haha! ich wei, wie blau der ist.
Das ist etwas fr Leute, wie ihr seid! nicht fr mich. Warum machst du solch ein
dummes Gesicht, liebe Mia? Von geschenktem Gelde leben - in meiner Lage - und
tun, als wre es mir ums Tanzen -? Denken, wie ich mir einen guten Tag mache?
Ach, Kinder, Kinder! - -
    Marie war zusammengeknickt. Mir ist fast ohnmchtig. Gib mir ein Glas
Wasser! sthnte sie, diese Aufregung! Dafr bin ich nicht gemacht.
    Josy ging hinaus.
    Was hat sie vor? flsterte Marie.
    Was sie vor hat? Gott mag wissen. Irgend etwas Unsinniges! Du kennst doch
Josefine. Ach, ich frchte - wir werden nicht sobald wieder hierher kommen.
    Marie weinte. Sie ist nicht zurechnungsfhig. Man wird hier ganz nervs.
Was fr ein Zustand. Und solche Hartnckigkeit. Wie de hier! Schrecklich! Man
sieht es den Zimmern an.
    Gottlob, Josefine hat Nerven von Stahl. Vater scheint auch in Unfrieden von
ihr gegangen zu sein, berlegte Adele.
    Dann kam Josy und brachte Himbeerlimonade.
    Wir mssen leiser sprechen, bat sie, die Kinder wachen schon wieder. Sie
sind so unruhig geworden -
    Der Lampenschein, leicht gedmpft durch einen zartblauen Schleier, der die
Gesichter bla machte, beleuchtete die drei Schwestern, die ungleichen
Schwestern. Sie tranken, und dabei musterten sie einander wie fremde Leute.
    Hastig, sprudelnd, wie es ihre Art war, wenn sie einmal ihre natrliche
Zurckhaltung durchbrach, begann Josy zu sprechen: Was ich tun will? O,
vielerlei. Erstlich kommt zu mir Laure Anaise von Chur, Vater hat mir heut
telegraphiert.
    Ach, die Kleine von der alten Nina? sagte Marie verwundert.
    Ja, die. Sie ist achtzehn Jahr, frisch, naiv. Nach der hab ich Sehnsucht.
    Merkwrdig! machte Adele.
    Laure Anaise - das ist wie ein Feldblumenstrau; die Kinder brauchen sie
auch. Dann - die Wohnung ist zu gro und zu teuer. Ich vermiete zwei Zimmer und
die Mansarde.
    Fifi, aber nein! nein! Das ist doch nun wahrlich nicht ntig, jammerte
Marie.
    Nicht? Ich wei wohl, was ntig ist! Viel ist ntig. Alles ist ntig. Die
Hauptsache kommt noch. Ich werde Medizin studieren und meines Mannes Praxis
bernehmen.
    Adele lachte schrill auf. Du machst dich lustig! Das ist nicht schn von
dir, Fifi, wir sind in guten Treuen zu dir gekommen!
    Und ich spreche zu euch in guten Treuen. Seit ich den Entschlu gefat
habe, bin ich wieder ein Mensch. Ich lebe wieder! Ich habe ja diese Zeit nicht
gelebt.
    Marie streichelte mitleidig Josys schmale Wange. Arme Josy! Ich bin
furchtbar erschrocken.
    Josefine fing die Hand der Schwester und drckte sie zwischen ihren
fiebernden, heien.
    Arme Marie! Arme Adele! Verzeiht! Ich mu hier bleiben. Wo sonst sollt ich
so bequem studieren, so bequem Pensionre finden. Ich werde bald hineinkommen.
Hab ihm ja oft geholfen. Bei den Operationen, wit ihr.
    Adele sa wie erstarrt in khler Wrde. Sie verga, mit dem Zwicker zu
spielen.
    Ja, ob aber Albert und Lon zu einem solchen Experiment Geld hergeben - -
    Marie seufzte tief auf.
    Wohl, sagte Josy nach langer Pause, das glaub ich gern. Ich hab auch
nicht auf eure Hilfe gerechnet, Kinder. Wir kennen uns ja. Eure Wege sind nicht
meine Wege, und eure Gedanken sind nicht meine Gedanken. Que faire?
    Marie beobachtete sie, diese vergrmten Zge mit den tiefliegenden Augen,
die einen seltsam erschrockenen entsetzten Blick bekommen hatten. Ein
schwesterliches Gefhl wallte auf. Es ist mir unbeschreiblich traurig zu Mute.
Dieses viele Schwere willst du auf dich nehmen, meine arme Fifi! Weit du, was
du brauchst? Ruhe und Erholung, sonst nichts! Wenn ich dich so ansehe - ach,
kein Mensch wrde denken, da du von uns allen die jngste bist.
    Das grte Unglck! lachte Josefine. Ich seh wohl schrecklich aus? Sie
sprang auf. Das macht das Herumsitzen, das Zuwarten. Man wird fast verrckt
davon. Nein, so kann es nicht weitergehen. Ich mu etwas tun, ich mu einen
Beruf haben, sonst geh ich zu Grunde. Nur nicht denken! Denken macht verrckt!
Tun! Arbeiten! Irgend etwas!
    Die Schwestern gingen bald. Es war kein Wort mehr ber das Geldanerbieten
gefallen.
    Besinne dich, Fifi! hie es noch beim Abschied.
    Strke dich! erhole dich! rief Marie, whrend sie Josefine kte.
    Aber als sie fort waren, hatte Josefine einen Weinkrampf.
    Hermannli erwachte davon; er rief Rsli zu: Hrst du's? Mama weint wieder!
Merkst du jetzt, da der Papa tot ist?

Die Antwort des Vaters kam umgehend. Sie lautete!
    Mein gutes Kind Josefine!
    Du bist von den Menschen, die sich selbst helfen wollen und denen anderer
Hilfe nichts ntzt. Ich billige deinen Entschlu nicht, ich billige vor allem
nicht, da du die Scheidung hinausschiebst. Denn ich bleibe dabei, sie ist nur
hinausgeschoben, und sptestens nach fnf Jahren, wenn eine gewisse schreckliche
Frist abgelaufen sein wird, wirst du die Notwendigkeit einsehen. Mir ist nur
leid, da er berhaupt einmal wieder herauskommt. Das sollte nicht sein. Ich
glaube auch nicht, da du dir die Mglichkeit eines knftigen Zusammenlebens
vorstellst. Ich kann das nicht glauben. Ich bin berzeugt, es wre das grte
Unglck fr dich. berlege, Kind.
    Ich habe dir oben so rundweg geschrieben, da ich deinen Entschlu, zu
studieren, nicht billige. Doch das ist zu viel gesagt. Ich kann nur sagen, da
mir die Frage neu und fremd vorkommt. Auf alle Flle bin ich bereit, dich zu
frdern und mit Geld zu untersttzen, soweit es in meinen Krften steht. Doch
das ist selbstverstndlich.
    Pensionre schaden nicht, nur brde dir nicht zuviel auf. Nina und Uli
mchte ich jedenfalls ber die nchsten Jahre hier behalten. Die Alte ist
versessen auf sie. Laure Anaise kommt morgen.
    Es ist wohl recht, da du dein Heil in der Arbeit suchst. Lebe gesund!
                                                                     Dein Vater.

    Josefine kte den Brief unzhlige Male. Sie hatte ein Gefhl, als msse sie
sich irgendwo auf die Kniee werfen in Dank fr die Erlsung.
    Aber sie nahm sich kaum Zeit, den Kindern zuzurufen: Der liebe Grovater
hat geschrieben. Verget ihn fein nit.
    Dann schrieb sie Briefe, Zimmerangebote und trug sie selbst auf die
Redaktion und zum Pedell, damit er sie am schwarzen Brett anschlage. Sie
erkundigte sich auch, wann der Rektor zu sprechen sei, und kaufte den Kindern,
die sie mitgenommen, auf dem Heimweg Kirschen.
    Knnten wir nicht gleich auch Papa besuchen, weil du so gut gelaunt bist?
fragte der Knabe, whrend er frhlich dahinsprang.
    Josefine fate beide Kinder an den Hnden. Hermannli und Rsli, der Papa
ist auf eine groe Reise gegangen, auf eine weite Reise -
    Nach Afrika? fiel der Bub berrascht ein.
    Ja ja, nach Afrika, und besuchen knnen wir ihn also nicht.
    Ist der Papa also wieder gesund, sagte Hermann noch verwunderter.
    Ja, gesund.
    Aber warum hat er uns nicht Gr-Gott gesagt und nicht adie?
    Es war ja spt am Abend. Ihr schliefet schon. Da ist er in die Stube
gekommen, hat euch angeschaut und im Schlaf gekt und einen schnen Gru fr
euch dagelassen. Und ist fort.
    Nach Afrika?
    Ja, nach Afrika.
    Und wir - sind wir nicht traurig, Mama? fragte Rsli mit klglichem
Stimmchen.
    Auf der Bank in der kleinen blhenden Anlage, wo sie saen und die Kirschen
verzehrten, zog Josefine die beiden Kleinen in ihre Arme. Ja, wir sind
traurig, sagte sie, ihre Trnen bezwingend, aber wir drfen nicht daran
denken. Wir sollen nur denken, wie wir tchtige, brave Menschen werden -
    Und dem Papa Freude machen, wenn er heimkommt, fiel Hermann mit altkluger
Miene ein.
    Ja. Weit noch, wie er sich ber dein erstes Zeugnis gefreut hat?
    Man mu den Papa also lieb behalten? fragte Rsli nachdenklich.
    Aber gewi! Behaltet ihn lieb, den armen Papa, behaltet ihn lieb, aber
sprecht nicht von ihm. Es tut eurer Mama weh -
    Geht es ihm nicht gut in Afrika? lispelte Rsli ngstlich.
    O nein, es geht ihm nicht gut. Und er sehnt sich nach euch und denkt an
euch, mein Rsli -
    Ich sehne mich auch, sagte Rsli feierlich, die kleinen Hnde faltend,
gib mir noch ein paar Kirschen, Mama.
    Ja, aber warum geht es dem Papa schlecht in Afrika? Ist es zu hei da?
begann Hermann wieder.
    Ja, hei. Und nun hrt, Kindli, was ich euch sage. Wir wollen den Papa lieb
behalten und an ihn denken, da inwendig, in unserem Herzen, Josefine tippte auf
Hermanns und Rslis Brust, aber sprechen wollen wir nicht mehr von ihm. Nicht
laut und nicht leise. Nicht zur Mama und nicht zu anderen Leuten, hrt ihr das?
Weil es der Mama weh tut?
    Ja, aber wenn sie mich in der Schule fragen, was denn der Papa in Afrika
macht? fuhr Hermann unerwartet heraus.
    Josefine war ratlos vor Schrecken. Nun - kannst ja nicht sagen, was du
nicht weit.
    Aber schreibt der Papa keine Briefe?
    Ich wei nicht. Wenn die Kamele den Weg finden durch die groe Sandwste -
    Die Augen der Kinder weiteten sich und hingen an ihr. Ist der Papa auf
einem Kamel, Mama?
    Ja, dort unten, sagte Josefine mechanisch.
    Aber der Bub schttelte eifrig ihren Arm.
    Erzhl uns von der groen Sandwste, von den Kamelen, erzhl uns alles,
Mama!
    Ich bin nicht dort gewesen, Bub, ich wei also nichts. Aber hrt etwas
anderes! Eure Mama war einmal klein, ganz klein, so klein wie Nina.
    Ach du! sagte Rsli lachend, das glaub ich nit.
    Ich glaub's, ich glaub's! schrie Hermann, sag weiter, Mama.
    Und die kleine Josefine, eure Mama, war hungrig und durstig, denn sie hatte
keine liebe Mutter.
    Warum nicht? erschrocken rckten die Kinder nher.
    Weil sie gestorben war und ihre kleine Josefine allein gelassen hatte.
    Ach! Und was tat die kleine Josefine?
    Sie schrie den ganzen Tag, denn sie war durstig und hungrig, aber wenn
jemand ihr Milch zu trinken geben wollte, dann drehte sie ihr Kpfchen weg und
schrie noch rger. Und die Leute sagten: die kleine Josefine trinkt nicht, sie
wird sterben.
    O! Rsli schmiegte sich dicht an die Mutter. Und wo waren wir, Mama?
    Und es wre vielleicht gut gewesen fr die kleine Josefine, wenn sie damals
gestorben wre, denn sie mute noch viel weinen, sagte Josy, von Schwche
bermannt.
    Hermannli streichelte ihren rmel. Mach es lustiger, Mama, mach die
Geschichte jetzt lustiger.
    Ja, sie wird ganz lustig. Da kommt eine braune Buerin aus dem Dorf, mit
einem lustigen bunten Rock und einem lustigen seidenen Tuch um die Schultern und
mit roten Bndern im Zopf und sagt: Gebt mir die kleine Josefine, bei mir wird
sie wohl trinken lernen.
    Ja, sagte Rsli zufrieden, mit roten Bndern im Zopf, das ist schn.
    Und sie nimmt die kleine Josefine in den Arm, steckt sie unter das bunte
Seidentuch, lacht ihr zu und htschelt sie und klingelt mit der silbernen Kette
an ihrem Hals, und die kleine Josefine mu lachen!
    Ja, sie mu lachen! lachten die Kinder.
    Kannst du lachen, so kannst du auch Milch trinken, mein Schatzi, sagt die
gute Buerin Nina, und richtig - die kleine Josefine dreht nicht mehr das
Kpfchen weg, schreit nicht mehr, sondern trinkt!
    Haha! Wir haben auch eine Nina, Mama!
    Und die kleine Josefine ist gerettet, denn die lustige Buerin ist ihre
Amme geworden und hat sie so lieb wie ihre eigenen Kinder. Und die kleine
Josefine wird gro, und die lustige Buerin wird alt. Ihre Kinder sind
verheiratet, beim Gropapa in Chur fhrt sie die Wirtschaft. Sie hat aber eine
Enkelin, und das ist Laure Anaise. Und nun, was geschieht? Laure Anaise sagt:
Ich will einmal die Josefine in Zrich besuchen, und Hermann und Rsli will ich
auch besuchen. Lange will ich bei ihnen bleiben und alles mit ihnen tun. Wann
die Stuben geputzt werden, will ich mit putzen helfen, und wann viel zu schaffen
ist, will ich mit schaffen. Und wenn sie mich dafr lieb haben, will ich singen
und ihnen auf der Zither vorspielen und mit Hermann und Rsli tanzen. Ist das
nicht schn? Sehr lieb werden wir Laure Anaise haben und keinen Augenblick
vergessen, da sie uns besucht und uns hilft. - Wie Mamas Schwester wird Laure
Anaise sein -
    Wie Tante Adele? machte Hermann erschrocken.
    Nein, nicht wie Tante Adele, bitte, Mama! rief Rsli.
    Wie Tante Marie? Tante Marie ist ziemlich hbsch, forschte der Bub mit dem
altklugen Gesicht.
    Die Mutter beruhigte sie. Laure Anaise ist Laure Anaise, heit nicht Tante,
heit Laure Anaise, hat eine Zither und lacht den ganzen Tag. -
    Diese Nacht weinten die Kinder nicht im Schlaf, von unbewuten Schrecknissen
gengstigt. Sie trumten von Laure Anaise, die mit ihnen lacht und springt, da
der schwarze Zopf mit dem roten Bande wackelt.
    Und am Morgen, als sie erwachten, war Laure Anaise gekommen und lachte
wirklich und nickte ihnen zu, nickte bei jedem Wort, aber nichts verstand sie,
denn sie war ein romanisches Kind und konnte wenig deutsch.

In der Kche erklingt das Lachen und Zwitschern der Kinder, die Zither erklingt.
    Werden die zarten Klnge allmhlich das dumpfe Grabgelute bertnen, das
unablssig, Tag und Nacht, durch dieses Haus drhnt?
    Werden die Frhlingsblumen den schwarzen Spalt verhllen, dem Hllenqualm
entsteigt?
    Josefine sah es deutlich durch die geschlossenen Tren gehen, das Gespenst
mit den verschleierten Augen, das sie verfolgte mit seiner Unbegreiflichkeit,
mit seinen hhnenden, qulenden Rtselfragen.
    Ich war dein Gatte. Ich war Georges.
    Wer bin ich? Wer ist das - Georges?
    Bin ich der Mann, den du kennst? Den du geliebt hast? Dem du noch anhngst
mit der Kraft der Erinnerung? Der Vater deiner Kinder? Der Mann, der deine
Kinder liebte? Bin ich dieser Mann? Oder bin ich der Abschaum, der Verbrecher,
der Ausgestoene, vor dem alle guten Dinge der Erde fliehen, vor dem die Sonne
ihr Gesicht verhllt? Das Scheusal, das die Menschen nicht unter sich dulden
durften? Der Angesteckte, der die Pest verbreitet?
    Nein! nein! nein! schrie es in ihrem zerspaltenen Herzen, ich kenne dich,
Georges! Du bist ganz Mensch! Hab ich dich nicht oft gesehen, hilfsbereit,
eilig, selbstverleugnend fortstrmen mitten in kalter Nacht? um als Arzt
Leidenden beizustehen? Wie oft hab ich von dir Worte gehrt, tiefe, warme, wenn
du an den Bettchen unsrer Kinder standest! Wie dientest du eifrig der
Wissenschaft! Wie wenig verlangtest du von den Menschen! Wie nachsichtig war
dein Spott! Wie frhlich war deine Weinlaune! Hast du nicht angstvoll um mein
Leben gebebt, als ich in Gefahr war? Wolltest du nicht mit mir sterben, als ich
zu sterben frchtete? Nein, du bist ganz Mensch, Georges, ich mu dich doch
kennen, ich, die Mutter deiner Kinder!
    Aber - aber - sie sagen ja - ich kenne dich nicht! Sie sagen, du seiest
jemand anders als der, der du bist. Du selber hast bekannt, nicht der zu sein,
als der du gewhnlich erscheinst. Du selber hast gegen dich ausgesagt. Das war
gefhrlich, Georges. Das war unsinnig! Sie haben alles geglaubt. Sie glauben das
schlechteste zuerst und am liebsten. Warum hast du gegen dich selber ausgesagt,
Georges?
    Sie haben dich angeklagt unbegreiflicher, lichtscheuer Greuel, die der Mund
nicht nennen kann, die nur ihr Mund nennt, der Mund der schamlosen
Gerechtigkeit, die gekommen ist, die Schamlosigkeit zu strafen. Du hast die
Beschuldigung gehrt, und du hast sie nicht ins Gesicht geschlagen, deine
Beschuldiger. Du hast ihre abscheuliche Zunge nicht in den lgnerischen Mund
zurckgestoen. Du hast die Achseln gezuckt, sagen sie, du hast - gelchelt! War
das ein Augenblick zum Lcheln, Georges?
    Wer bist du? Sprich, wer bist du?
    Ein Bild auf dem Wasser?
    Ein bunter Anstrich auf einer zerbrckelnden Lehmwand?
    Ein Ungeheuer mit Menschenaugen?
    Ein Vampir, der lachen kann und in heimtckischer Mitternacht seinen Mund in
Blut taucht?
    Ja - aber dann - wer bin ich?
    Und deine Kinder?
    Kleine weiche, rosige Geschpfe mit trumenden Augen und Vogelstimmchen -
wer sind sie?
    Sind es Kinder wie andere Menschenkinder? Sind es junge Werwlfe?
    Sind sie wie - du?
    Wie welches du? Sind sie wie dein du, das ich kenne?
    Sind sie wie jener schreckliche Verbrecher, den sie in dir gefunden haben?
    Eine Mutter denkt viel, Georges! Sage mir etwas ber die Kinder, deine und
meine Kinder! Ist ihr Schicksal - nein, nein! Ich kann es nicht aussprechen! Ich
kann die Antwort nicht hren. Ich entsetze mich vor der Antwort! Ich empre mich
gegen jede Unerbittlichkeit! - Ich will das nicht dulden, Schicksal! Hrst du
mich, du unerbittliches?
    Oh, Georges! ich kenne dein verschleiertes Lcheln. Was flstern deine
seltsam zuckenden Lippen mir zu? Was sagst du?
    Wie ich, so sind alle! Ohne Ausnahme. Keiner ist besser. Nichts ist gut.
Niemand ist wert, da ihn die Sonne wrmt. Alles ist nur Heuchelei, Konvention,
und darunter das Aas. Lge ihre Begeisterung, Lge ihre Entrstung. Sie spielen!
Hast du das nicht gesagt, Georges? Hast du nicht die Erde um mich zu einem
Leichenfeld gemacht? Hab ich nicht an deiner Seite gebebt und gezittert nach der
Sonne, die keiner auf Erden wert ist? -
    Aber dann - als alles vorber war, als du vor den Schranken standest,
abgeurteilt, verdammt, zerschmettert, ausgelscht, bist du da nicht wie ein
Flehender an der Himmelspforte zusammengeknickt? Hast du nicht mit der Stimme
der Wahrheit und der Verzweiflung geschrieen: ich sterbe ohne mein Weib! Gebt
mir mein Weib und meine Kinder!
    Haben sie nicht in ihren kalten Berichten berichtet: Es ging ein eisiger
Schauder durch alle Anwesenden?
    War das auch Heuchelei? Konvention? Lge? Hast du das gespielt? Wer bist du?
    Grbelnd, qualvoll starr ich dich an, und du erwiderst meinen Blick,
grbelnd, qualvoll. Bodenlos und seicht zugleich ist dein Auge, hhnisch und
verzweifelt zugleich ist dein Lachen.
    Wer bist du? - -
    Und pltzlich dann brach es wie ein Erlsungsschrei aus Josefines
angstbeschwerter Brust: Ein Leidender! Was frag ich noch! Ein Verlassener! Ein
Gefangener!
    Armer Georges, frchte nichts! Frchte nichts! Ich verlasse dich nicht. Ich
beurteile dich nicht. Ich verachte dich nicht. Ich will dich schtzen, denn du
bist in der Verzweiflung. Ich will aus meinem Herzen einen warmen Mantel machen
um deine Nacktheit. Ich will -
    Aber sag - wo waren deine Gedanken, whrend du bei mir warst, Georges? Was
fr Bilder -
    Ach, nicht denken! Nicht denken! Gar nichts denken.
    Leben. Und vergessen.
    Die Zeit wird helfen; dir und mir.
    Und die Arbeit! Vor allem die Arbeit.
    Schaffen mu man, nicht rechts, nicht links sehen. Schaffen, leben und
vergessen.
    Lieber Gott, ich danke dir, da ich arbeiten darf!
    Lieber Vater, ich danke dir, da du mir beistehen willst!
    Nur Krfte bitt ich ...
    Und fort mit dem qulenden Grbeln!
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Und so begann Josefine zu studieren wie ein Student und unter den Studenten.
Und ihre schmerzhafte Aufregung verwandelte sich in rastlose Ttigkeit, und eine
Flle von Kraft strmte ihr aus der Arbeit entgegen.

                                  Zweites Buch


Rastlose Ttigkeit, wie freundlich bist du dem Leidenden, der sein Herz nicht
beschwichtigen kann. Aber Gedankenarbeit mu es sein, Gedchtnisarbeit selbst
ist willkommen. Das strkt, das lindert, das - betubt.
    Die Uhr schlgt halb sechs. Dunkel, mondlos ist der Wintermorgen.
    Steh auf, Josefine, die du mde wie eine Lohnarbeiterin gestern abend auf
dein Bett sankest; um sieben Uhr beginnt das Kolleg.
    Wecke die Kinder nicht, sie brauchen den Morgenschlaf, wecke nur Laure
Anaise und das Mdchen, das dir und den drei Pensionren das Essen bereitet.
Zwei von den dreien mssen auch geweckt werden, sie haben auch um sieben Kolleg.
    Da poltert schon einer in die Kche, um sich die Stiefel zu putzen.
    Ein ordentlicher Mensch, dieser Bernstein; der Einfall, da sich jeder hier
selbst die Schuhe zu putzen habe, stammt von ihm.
    Kocht das Wasser, Laure Anaise? Ein Ei fr jede Person; wir haben Kolleg
bis elf in einem Ruck, dann komm ich heim. Nur zwei Grad heute morgen? Zieh
Hermannli die wollenen Strmpfe an, die ich zurecht gelegt habe, und la Rsli
nicht ohne Jckchen in den Garten. - Guten Morgen Kollege! Ist Ihr Referat
fertig? Ich brauche einen hellroten Farbenstift, knnen Sie mir aushelfen? Ich
werde mich blamieren heut im Prpariersaal, Sie sollen sehen!
    Bernstein ruft zum Tee. Bernstein macht immer den Tee morgens. Er hat seinen
Samowar dazu hergegeben. Ein ordentlicher Mensch, dieser Bernstein. Immer
gelassen, hilfbereit, ohne Galle.
    Er steht neben dem Samowar und liest. Das ganze Zimmer ist voll
Holzkohlendampf. Zwei Bcher hat er unter dem Arm, die Pelzmtze liegt vor ihm
auf dem Teller. Er liest halblaut, murmelnd und blickt nicht auf, wenn jemand
kommt. Laure Anaise lacht ber Bernstein, aber Bernstein ist ein ordentlicher
Mensch.
    Den heien Tee geschluckt, die Kinder gekt, die sich erwachend die Augen
reiben, noch ein paar Anordnungen an Kthe wegen des Mittagessens, und hinaus in
den Wintermorgen. Die Laternen brennen rot. An der Spitalscheuer heult der Hund
an der Kette. Ein Wagen fhrt ganz langsam in den Spitalhof ein; ein anderer mit
einem schmucklosen Sarge rasselt hinaus. Beide, der Krankenwagen und der
Totenwagen, fahren an Josefine vorber, die in das Auditorium der Anatomie geht.
Sie blickt sich nach dem Sarge um, trbe Gedanken wollen sich ihrer bemchtigen.
    Da luft es eilig heran durch den Nebel ber den knirschenden Kies. Eine
Kollegin. Hren Sie, schlgt's schon ein Viertel? Nachher sind unsere Pltze
fort. Sie strmen vorwrts.
    Atemlos hinein und auf die Pltze. Die ganze Wandtafel ist schon
vollgezeichnet, der Assistent wscht sich eben die Hnde. Man ghnt, zeichnet
nach und ghnt.
    Richtig, der hellrote Farbenstift fehlt. Fatal!
    Ist da schon der Professor? Wischt der Assistent die Zeichnung schon ab? Es
ist ja noch niemand fertig! Was fr eine Art ist denn das, abzuwischen, ehe
jemand fertig ist?
    Meine Herren und Damen -
    Zwicky wird die Zeichnung haben, denkt Josefine, whrend sie eifrig
nachschreibt. Zwicky ist der zweite Pensionr. Auch ein ordentlicher Mensch,
aber hitzig und ehrgeizig, nicht so wie Bernstein.
    In den Prpariersaal jetzt. Nun, was ist da fr ein Auflauf? Etwas besonders
interessantes? Ach nein, nur eine frische Leiche, eben aus dem Wasser gezogen.
Eine Frau, die mit ihrem Kinde in die Siehl gesprungen ist; sie wird sofort
verteilt.
    Josefine weicht zurck, es ist ihr immer noch schwer.
    Der Prosektor sagt etwas. Ein einziger lacht.
    Dann drhnendes Gescharre. Was hat er gesagt? Das Scharren will kein Ende
nehmen.
    Geniert Sie das, meine Herren? piepst die schwache Stimme des Prosektors.
Sehen Sie her, es ist, wie ich sage. Wir haben noch keinen Proletarier seziert,
der nicht auch sein bichen Fett gehabt htte.
    Sie scharren wieder. Der Prosektor ist durchaus unbeliebt.
    Josefine geht mit ihrem Prparat an ihren Tisch. Die Hand ist's, die sie
bekommen hat, die rechte Hand der Selbstmrderin. Eine feine, jugendliche Hand,
die Finger von Nadeln zerstochen. Die Hand einer fleiigen Nherin. Nun starr,
blulich, gekrmmt.
    Ist Ihnen schlecht? ruft die Kollegin vom Nachbartische, wollen Sie eine
Zigarette?
    Josefine bezwingt sich, raucht und beginnt ihre subtile Handarbeit an der
zernhten Hand. Eine Mutter mit ihrem Kind im Arm - in der Siehl gestern - heute
hier - zerstckt - von einer anderen Mutter, die an ihrem toten Leibe den Bau -
die normale Anatomie studiert.
    Was? ich werde doch nicht ohnmchtig? Kollegin, Wasser! Nein, ich laufe
hinaus! Aber ich komme sofort wieder. Lassen Sie niemand mein Prparat
wegnehmen, bitte - oh - Luft!
    Josefine kommt zurck, noch etwas bla, aber gefat. Sie schmt sich ihrer
Schwche. Sie mchte sich verteidigen. Ich begreife das nicht. Ich stehe ganz
ruhig und interessiert, schneide vorsichtig, habe keine Spur von Widerwillen,
und pltzlich fhle ich etwas unter den Fusohlen, so eine Schwche - es dreht
sich langsam alles im Kreis - der Magen wird ungemtlich - im Munde - Sie
schttelte sich, sie frchtete eine Wiederholung des Anfalls.
    Ich denke gar nichts, sagte die Nachbarin ruhig. Tun Sie das auch. Ich
finde, diese Prparate sind wirklich angenehm. Neulich hatte ich mal eins mit
Wrmern unter der Haut. Das war widerlich. Es mu ja doch sein.
    Knnen Sie sogar hier essen? ruft Josefine fast erschrocken.
    Die Kollegin kaut. Nur Beefsteak, englisch, nicht. Es ist 'ne gewisse
hnlichkeit. Aber mein harmloses Butterbrot - warum nicht?
    Warum nicht? Es mu ja sein. Man mu ja essen, alles mu so sein, wie es
ist. Die magere, zernhte Hand, die scharfen Messerchen zum Zerschneiden, der
Selbstmord der Armen. Woher sonst frisches Material nehmen fr die normale
Anatomie?
    Ich - das hier - der Prpariersaal - arme, verzweifelte Mutter - starrer
Zeigefinger du -
    Nun, was ist das heute mit mir? Fngt es schon wieder an? Nimm dich
zusammen, Josefine, der Assistent kommt. Er wird dich fragen nach den Namen der
Muskeln, der Nerven, die diese arme Hand - Um Himmels willen, was ist mit mir?
Ich werde mich blamieren! Sie ist ja tot. Fhlt nichts mehr. Hat den Witz des
Prosektors nicht gehrt. Keine Miene verzogen! Du willst doch lernen. Lernen, um
nachher helfen zu knnen! Kann ich - kann ich helfen? Solchen armen Mttern, die
in die Siehl springen mssen mit ihrem Kinde im Arm?
    Da! der Assistent. Er schiebt heran. Das tgliche Examen beginnt.

Das ist's ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Da er im innern Herzen spret,
Was er erschafft mit seiner Hand.

Immer zitiert er, der Assistent ... Was er erschafft -
    Und was er zerstrt auch. Wieso zerstrt? Hier wird nichts zerstrt. Nur
schn reinlich zertrennt. All die Muskeln, die Bnder, die Nerven. Nachher gibt
es ein zierliches Prparat. Man lobt sogar. Es mu ja sein. Aber doch lobt man
das schnste Prparat. Das ist fr den Ehrgeiz.
    Warum sprang sie in die Siehl? Sitzt ihr Mann vielleicht im Zuchthaus? Und
die Kindesleiche? Die ist gleich in Eis gelegt, nicht wahr?
    Ach richtig, da ich es nicht vergesse - morgen ist Rslis Geburtstag. Die
kleine Wachspuppe mu ich noch kaufen, sie freut sich so darauf. Liebes Rsli
du!
    Aha, der Professor auch noch. Jetzt examiniert der noch einmal. Werd ich
bestehen? Werd ich mich blamieren? Nein, ich werde schon wissen, ich bin das
meinem Vater schuldig.
    Was fr ein hlicher, quarrender Ton? Woher kommt der?
    Nein aber! ruft die Kollegin, der Lausbub, der Luzerner, sehen Sie, was
der macht. Hat den Magen da genommen und blst ihn auf wie 'nen Dudelsack!
Seelenroheit!
    Der Bursche lacht hihi! Ein paar lachen mit.
    Pfui! schreit Josefine. Es ist ihr so entfahren, ganz laut und emprt.
Alle gucken sie an. Einige nicken.
    Das htten Sie sich sparen knnen, sagt die Kollegin, der bringt's in die
Bierzeitung, passen Sie nur auf. Man mu diese Dinge nicht so ernsthaft nehmen.
Der Lausbub kommt vom Frhschoppen. Das macht nur bses Blut gegen uns
Weibliche. Tun Sie das, bitte nicht wieder.
    Josefines Gesicht zuckt. Immer werd ich pfui schreien, wenn's ntig ist.
Sollen wir berall dabei sein und schweigen? Man lt uns zu - nun - wir wollen
den Ton mit bestimmen, der hier herrschen darf!
    Sie sind zu hitzig. Wenn Sie so machen, fliegen wir Weibliche nchstens
hinaus. 's ist ja nur ein dummer Junge.
    Am Ausgang trifft Josefine mit dem Luzerner zusammen. Er bringt sein blasses
freches Gesicht dem ihren ganz nah und schreit: Sie da! Warum haben Sie pfui
gerufen?
    Warum? Josefine sieht ihn ernsthaft an. Solche Roheiten gehren nicht in
eine wissenschaftliche Anstalt, Herr -
    Der Student blinzelt. Seine Augen rten sich vor Wut. Sie haben hier nichts
zu monieren. Dazu ist der Prosektor da.
    Ich werde mich beim Professor beschweren!
    Hihi! sogar beschweren! Haben Sie nicht gehrt, was der Doktor Ebert vom
Proletarierfett gesagt hat?
    Schmen Sie sich, Herr! ruft Josy.
    So? auch noch schmen! Wer zimperlich tut, mag drauen bleiben, wissen
Sie's jetzt?
    Es hat sich ein Kreis um die Streitenden gebildet, niemand greift ein. Der
Luzerner ist ein bekannter Raufbold.
    Ich hab's ja nur ausmessen wollen, wieviel Kubikcentimeter Inhalt so en
Proletariermagen fat, grinst der Bursche gegen die Umstehenden.
    Man lacht.
    Kommen Sie fort! Die Kollegin zieht Josefine mit sich. Sie haben schon
genug angerichtet, Sie hetzen uns den ganzen Prpariersaal auf den Hals,
smtliche deutsche Studenten!
    Mde und zerschlagen heim zum Mittagessen.
    Aber an der Tr laufen Josefine die Kinder entgegen.
    Einen Augenblick, Kinder, Mama mu sich erst umziehen.
    Fort mit den Arbeitskleidern, an denen der Geruch aus dem Prpariersaal
klebt! Fort mit den abstoenden Bildern, den niederdrckenden Vorstellungen
dieser letzten Stunden. - Es ist doch gut, da wir nicht in die Siehl gesprungen
sind, meine sen Kinder.
    Leg dein Kpfchen an, Rsli, schneckelt euch an die Mama; ja, die Mama
bleibt jetzt bei euch, vier volle Stunden, wir haben heut einen bequemen Tag.
Und morgen? was ist morgen? Wie alt wird unser Rsli morgen? Und wnscht sich
noch eine Puppe, so ein groes Mdchen von sieben Jahren!
    Aber da kommt Bernstein zum Mittagsessen, lesend im Gehen wie gewhnlich.
    Josefine lt die Kinder los und ruft ihn an: Haben Sie die Geschichte mit
dem widerwrtigen Luzerner gehrt? Wo waren Sie, als ich den Streit hatte?
    Bernstein zieht die Brauen in die Hhe und blickt mit runden Augen durch die
Brille. Wei nicht. Komme eben vom Prpariersaal. Nichts gehrt. Bernstein
liest wieder.
    So hren Sie jetzt. Oder - Sie haben wohl keine Lust?
    Ach - nein. Ich lese.
    Josefine lacht und wendet sich wieder zu den Kindern. Aber ihre Gedanken
sind bei dem Zusammensto mit der Roheit, den sie heut wieder erlitten, und
instinktiv nur drckt sie die Kleinen an sich.
    Wie einsam ich bin, fhrt es ihr schmerzhaft durch die Seele.
    Da klingelt Hermann mit der Kuhglocke zum Mittagessen. Das ist sein Amt und
sein Vergngen. Er klingelt, bis ihn Zwicky am Ohr nimmt und ihm die Schelle
entreit. Zwicky spielt oft mit den Kindern, er packt sie derb an, aber sie
haben ihn gern.
    Kthe bringt das Mittagessen. Es ist geniebar, mehr nicht. Die Kartoffeln
sind sogar angebrannt.
    Aber, Kthe! ruft Josefine.
    Bernstein blickt von seinem Buche auf, er macht ein finsteres Gesicht.
Beschmen Sie das Mdchen nicht, wir essen die Kartoffeln doch.
    Wir sind nicht so verwhnt, fllt Zwicky ein.
    Nur der dritte Student sagt nichts. Ihn scheinen die angebrannten Kartoffeln
zu verdrieen. Sein Schweigen beunruhigt Josefine. Diesem Neuen gegenber fhlt
sie sich als verantwortlicher Minister, wie sie das nennt.
    Es tut mir sehr leid, Herr Dubois - Kthe hat vielleicht etwas anderes.
    Dubois murmelt und errtet. Der wird nicht lange hier bleiben. Diese Art
fhlt sich in der kleinen Republik Zum grauen Ackerstein nicht behaglich.
Bernstein und Zwicky sind wie zu Hause, der dritte ist immer ein Wandergast,
sonderbar! -
    Lateinstunde bei Zwicky, dann wieder ins Kolleg bis sieben Uhr. In die
Stadt, eilig, sonst sind die Lden geschlossen und das Wachspppchen fr Rsli
nicht mehr zu haben.
    In den Anlagen um die Universitt rauscht der Sturm, er jagt Josefine den
steilen Weg des Schienhut hinab zum Hirschengraben, wo die kahlen Bume mit
ihrem breiten Gest die Laternen fast verdecken.
    Wachspuppe - morgen Repetitorium in der vergleichenden Anatomie - und der
will Arzt werden? darf Arzt werden? Sind wir wirklich nur geduldet, wie die
Kollegin sagt? Ach, das zahme, zahnlose, wehrlose Frauenvolk! Die Entstehung des
Glykogens ist mir nicht klar, da frag ich Bernstein - noch kein Brief vom Vater
- ach, mein kleiner Uli, so lang hab ich dich nicht gesehen! - Und der will Arzt
werden! Und den wollen sie auf die Menschheit loslassen? - Georges -
    Ein Schauder schttelt Josefine, jemand fat sie am Genick und dreht ihr den
Kopf nach rechts hin. Dort!
    Von Mauern umgeben, von Anlagen umschlossen, liegt dort das Haus des
Schreckens wie ein Herrensitz oder ein Schlo. Was tut er jetzt! Sie haben ihn
mit Schreinerarbeit beschftigt, aber er hat kein Geschick fr mechanische
Arbeiten. Fortwhrend verletzt er sich an seinem eigenen Werkzeug. Dann geht er
mig und brtet vor sich hin.
    Ach, qualvoll! qualvoll!
    Nur den Weg nicht gehen, der sich an der Zuchthausmauer entlang windet!
    Sie standen nicht immer, diese Mauern. Es kam ein Tag, da wollte man dies
schreckliche Haus strmen und die Gefangenen befreien. Den schmalen gewundenen
Weg kamen sie herauf, wollten die Tren erbrechen. Damals ist hier scharf
geschossen worden, und nachher hat man die festen Mauern angelegt.
    Josefines Herz bebt mit den Sturmsten um die Wette.
    Wenn solch ein Tag wiederkme wie der von 1871, von dem ihr der Vater als
Augenzeuge erzhlt hat, und sie dabei, und sie in der vordersten Reihe! Sie wird
doch in der vordersten Reihe sein, wenn es zu befreien gilt!
    Komm heraus, du Armer, Verachteter, unseliger Mann du! Fhle die Luft, den
Alpenwind von den Bergen herunter. Sieh, die Sonne scheint noch! Die Erde steht
noch fest. Der See rollt seine blitzenden Wellen. Wer hat dir das Schandkleid
angezogen? Wer hat dir die rote Nummer auf die hliche Jacke genht?
    Ihre Seele strmte in ihre Augen, sie flossen ber.
    Wie Georges vor ihr gestanden ist, wenn sie ihn besuchte! Wie ihm die
graugelbe Jacke am mageren Leibe hngt! Wie gelb sein Gesicht geworden ist, wie
fahl sein Haar, wie matt seine Augen, wie schlrfend sein Schritt. Ein
gebrochener Mann! Wie er wimmert und klagt und seine blutlosen Hnde zeigt und
auf seine Brust schlgt und chzt.
    Morphium, Josefine, bring mir Morphium! Aber genug! Ich will nicht an der
Schwindsucht sterben, das geht mir zu langsam. Du kannst es leicht verschaffen,
mut es tun! Ich hinterlasse einen Brief, in dem ich sage, da ich das Gift noch
selbst in Besitz hatte. Auf dich fllt kein Verdacht! La mich sterben.
    Entsetzliche Stunden, diese Besuche im Zuchthause. Krankmachende,
wirrmachende Minuten.
    Nun haben sie ihn nach Neuenburg bergefhrt, seit einem halben Jahre ist er
fort von hier.
    Aus Schonung! sagte der Direktor. Ihre Besuche lassen stets eine
hochgradige Aufregung zurck bei dem Gefangenen; in der Zwischenzeit findet er
sich in sein Schicksal so gut wie die anderen hier.
    Der Direktor hat Josefine immer mit Achtung und Mitgefhl behandelt; endlich
hat er den Ausweg einer Wegfhrung des Gefangenen in eine Anstalt seines
Heimatkantons erdacht.
    Es geschieht auch in Ihrem Interesse, hat der Direktor gesagt.
    Der Vater hat Josefine darauf einen beglckwnschenden Brief geschrieben. Er
hat seine Meinung noch immer nicht gendert, der alte Plattner. Das macht den
Verkehr zwischen Vater und Tochter schwierig.
    An der Zuchthausmauer raschelt der drre Efeu. Ob in Neuenburg oder hier,
immer doch ist der Unglckliche dort, wo in der Mauer die Gittertr schliet,
die sich nur ffnet, wenn der Wchter es erlaubt. - -
    Vorwrts! in den Laden. Das Wachspppchen fr das geliebte Kind gekauft.
Laure Anaise htte den Gang machen knnen, aber Josefine wollte selbst.
    Ach, meine Kleinen, zu wenig, zu wenig bin ich fr euch! Und doch - alles,
was ich treibe, mein ganzes Studium, mein ganzes Tagewerk, ist es nicht fr
euch? Wozu sonst lebte ich? Was wre mir dies schwere Dasein? Ihr versteht das
heut noch nicht. Ihr schmollt mit mir, wenn ich immer von euch weggehe. Einmal
werdet ihr es verstehen. Einmal werdet ihr wissen, da mich die Liebe zu euch
von euch forttrieb ...
    Und morgen also Repetitorium, und am Samstag zum erstenmal Diagnose machen!
Himmel, wenn ich mich nur nicht blamiere!

Sie blamierte sich nicht. Sie machte all ihre Examina in der denkbar krzesten
Frist, trotz all der Erschwerungen. In den Pensionren fand Josefine Kameraden,
die sie bereitwillig und mit groer Stetigkeit vorwrts schoben. Auch das dritte
Zimmer gewann einen stndigen Bewohner in Helene Begas, einer scharfugigen,
tchtigen Mathematikerin, die Josefine bald freundschaftlich nher trat und ihre
Hilfe auch auf das Stiefkind des Grauen Ackersteins, die geregelte
Hauswirtschaft, ausdehnte. Ihr war es zu danken, da in das Hausmdchen Kthe
ein feuriger Ehrgeiz einzog, keine Kartoffeln mehr anbrennen zu lassen. Man
nannte Kthe die Ernhrerin und behandelte sie mit Achtung, und Kthe sah, da
hier im Hause niemand lebte, nur um sich einen guten Tag zu machen. Verwundert
sah sie, wie emsig geackert ward im Haus Zum grauen Ackerstein. Es gab nur ein
Gesprch, nur ein Interesse, nur ein Streben - die Arbeit! die Arbeit! und noch
einmal die Arbeit!

Wenn Josefine spter dieser Jahre gedachte, dann sah sie vor sich einen flachen
Garten unter einem grauen Himmel. Mit schnurgerader Regelmigkeit war der
Garten angelegt, in unbersehbar viele kleine Quadrate geteilt, und jedes
Quadrat trug seine Namentafel. Und in diesem Garten wandert sie und ist wieder
Kind. Eine zweite Schulzeit ist gekommen. Wie Hermann und Rsli denkt man nur
von einem Tag auf den anderen. Wie Hermann und Rsli freut man sich, wenn man
gut bestanden hat, und ist niedergeschlagen, wenn man schlecht bestanden hat.
Man freut sich auf den Samstagnachmittag, weil dann kein Kolleg ist; man erwacht
und will aus dem Bette springen, mit Herzklopfen, mit Angst, weil man zehn
Minuten zu spt aufgewacht ist, und auf einmal dehnt man sich lachend: Ach, es
ist Sonntag! Sonntag. Und wie gut sind die Ferien, obwohl man dann erst recht
studiert, alles wieder durcharbeitet und endlich auch einmal zum Lesen kommt.
Natrlich wissenschaftliche Bcher, aber zusammenfassende, philosophische, vor
denen man klein wird und ganz sich vergit und seine eigene ephemere Existenz.
    Das sind schne Jugendaugenblicke, die vor den Bchern und die vor dem
Mikroskop, wo man sich in das Geheimnis des Lebens vertieft. Der Kern der
stillen Zelle wird unruhig, er dehnt sich zur Spindel, die Elemente, einen
Augenblick zum Knuel verschlungen, ordnen sich an beiden Polen. Sie schlieen
sich zu Sternen zusammen, sie lsen sich von einander, aus dem Mutterstern sind
zwei Tochtersterne geworden, die ein selbstndiges Dasein fhren; der Teilung
des Zellkerns folgt die Teilung der Zelle, ein neues Individuum ist entstanden,
da unter dem zarten Deckglschen auf dem Objekttrger, und ich hab es werden
sehen!

Eine merkwrdige Krftigung ging von diesen Naturstudien aus. Josefine verga
nicht nur sich und ihr Leid, sie fhlte eine intellektuelle Freude, einen Genu
am Erkennen, der sie widerstandsfhig machte gegen die Ste des Geschicks. Es
war ihr, als gewnne sie festen Grund unter den Fen. Sie schwebte nicht mehr
im Bodenlosen, sie erkannte wenigstens die Grenzlinien des unbekannten Landes,
das hinter aller menschlichen Erkenntnis liegt. Es war vielleicht nicht mglich,
etwas zu wissen, aber man konnte vieles sehen, woran man nie zuvor gedacht. Die
Schaulust war auch eine Lust und keine geringe.
    Josefine verga zuweilen, da die Kinder noch jnger waren als sie, und
zeigte ihnen, was sie selbst berrascht hatte. Die Kleinen sahen den lebendigen
Plasmastrom durch die Stengel der Armleuchterpflanze rinnen und beguckten durch
das Fernrohr die Ringe des Saturn. Josefine wollte ihnen groe Eindrcke geben,
die grten, die sie selber gehabt. Dann saen die Kleinen nachher mit Laure
Anaise zusammen und woben Mrchen daraus. Rsli war voll Phantasie, sie dichtete
am eifrigsten. Sie sah die Bume bluten, wenn man ihnen einen Zweig abschnitt,
und die Traube am Hausspalier sprach zu ihr mit deutlicher, flsternder Stimme:
Nimm mich, Rsli, ich bin reif. Wenn sie sich in den Straen verirrte, dann
war allemal ein guter Zwerg gekommen und hatte sie nach Hause gefhrt. Ein
Zwerg, ganz gewi! Glaubst du es nicht, Mama? Er war ganz klein mit einem groen
Bart, so wie die Zwerge immer sind, Mama.
    Frulein Begas warnte zuweilen: Das ist nicht gut, Frau Josy, das Rsli
phantasiert so viel zusammen, Sie als Mutter sollten das nicht dulden.
    Dann lchelte Josefine. Lassen Sie doch. Das Kind ist glcklich. Ich freue
mich ber seine schne Mitgabe fr das schwere Leben.
    Ich freue mich nicht! Das Rsli wird konfus und unzuverlssig. Es lgt ganz
ruhig, gerade ins Gesicht.
    Ach, Frulein Helene, Sie sind Mathematikerin! Lassen Sie dem Rsli sein
harmloses Spiel. Das Leben ist so grau - -
    Zum Schlusse fiel Frulein Begas ber Laure Anaise her: Auch Laure Anaise
ist nicht klar. Sie macht Ausflchte, wenn sie was pecciert hat. Und den ganzen
Tag sind die Kinder mit der zusammen.
    Dann ward Josefine gereizt. Sie verstehen das nicht, liebe Helene, Sie
knnen Laure Anaise nicht begreifen. Das Mdchen ist wie ein Stckchen Natur,
und mir sagt sie immer die Wahrheit. Ich habe Laure Anaise sehr lieb, und die
Kinder hngen an ihr. Was wollen Sie weiter?
    Einmal nach solchem Gesprch kam Laure Anaise ins Zimmer. Sie brachte ein
Krbchen voll zarter Herbstzeitlosen in dunkelgrnem Moos und strahlte vor
Freude.
    Ach, die sind ja giftig! rief Frulein Begas unzufrieden.
    In Josefines mdem Herzen aber erwachte ein Sturm von Zrtlichkeit. Sie nahm
das zierliche Mdchen in die Arme, prete sie an sich und kte ihre glnzenden
Kirschenaugen, in die das krause Haar hineinhing. Ich bin froh, da du da bist,
Laure Anaise.
    Hinter der Portiere strzte Hermann hervor: Mich auch, Mama! Mich auch
kssen, Mama!
    Rsli aber hatte sich zwischen den Vorhangfalten verkrochen und beobachtete
stumm und gespannt ihre Mutter und Laure Anaise, die Hermann vergeblich
wegzudrngen suchte. Rslis dunkle Augen glhten, ihr kleines leidenschaftliches
Gesicht zuckte in verhaltenem Weinen. Und dann, als Josefine hinausgegangen war,
ohne sie zu beachten, ohne sie zu sich zu rufen, stampfte sie mit den Fen und
brach in unstillbare Trnen aus.
    ber den Flur schrie und wimmerte es: Papa! Papa! Papa!
    Frulein Begas suchte die Kleine zu beruhigen, es gelang ihr nicht.
    Was ist euch? Was fllt euch ein? Wollt ihr schweigen! rief Josefine
zornig hereinstrmend.
    Die Kinder blickten trotzig zur Seite. Sie saen auf einem Bnkchen, hielten
sich umfat und schrien um die Wette.
    Wir wollen zum Papa, sagte Hermann; sein Gesicht hatte einen so bekannten
Ausdruck, da Josefine zusammenschrak. Wir wollen nach Afrika, wo Papa ist!
    Da kam es wie ein Entsetzen ber Josefine. Sie fhlte eine Klte herwehen
von dem Pltzchen, wo die Kinder saen. Sie entgleiten mir, dachte sie, ich kann
sie nicht halten. Ich gebe mein Leben fr sie, und sie entgleiten mir.
    Sie wollte niederknien, die Kinder umfassen, mit ihnen weinen, ihre Trnen
trocknen, aber sie blieb stehen, starr aufrecht, trnenlos, mit geballten
Hnden.
    Sie sah auf einmal fremde Kinder vor sich, die ein ihr unbekanntes Weh
weinen machte; - sie sah sich selbst einem unbekannten Ziel nachrennen auf
unbekannten Wegen. Die Wege fhrten sie weit, weit fort von jenen fremden
weinenden Kindern.
    In diesem selben Augenblick - was ist das? Woran denke ich? Denke ich an die
interessante Anamnese von heute morgen oder denke ich an die Kinder?
    Ein Schleier zerri, sie fhlte die Leere um sich wie eine scharfe, bis ins
Mark fressende Klte.
    Ist alles Betrug? Wozu leb ich? Leb ich nicht fr sie? Bin ich ganz allein?
Ist jeder so allein wie ich?
    Sie konnte die Kinder nicht ansehen. Sie fhlte: Es sind seine Kinder. Meine
nicht. Ich liebe sie nicht genug.
    Zwickys laute, lrmende Stimme tnte ber den Flur. Hermann erhob den Kopf
und schttelte seine Schwester: Onkel Zwicky soll uns reiten lassen, komm.
    Mit furchtsamen Blicken nach der Mutter, die in mder Haltung in einem Stuhl
hing, schlichen die Geschwister hinaus. Rsli schluchzte noch eine Weile, bis
sie sich beruhigte. Mit Laure Anaise aber wollte sie den ganzen Tag nichts zu
tun haben. Abends noch beim Auskleiden stie sie mit den Fen nach ihr.

Unsinn! sagte sich Josefine, als sie die kleine Gesellschaft lachen und
jauchzen hrte, die Kinder entbehren nichts. Meine Sentimentalitt meldet sich
wieder. Die schlauen Schelme haben bemerkt, da ich unruhig werde, wenn sie nach
dem Papa schreien, und nun probieren sie's immer von neuem. Ich gebe den Kindern
jeden freien Augenblick. Dies Kopfzerbrechen ber unabnderliche Dinge ist ein
schdlicher Zeitvertreib. Und ich habe nicht einmal Zeit. Ich habe Besseres zu
tun. Ich arbeite, um den Kindern eine Existenz zu schaffen. Wenn ich die Kinder
nicht gehabt htte, htte ich das Leben nicht auf mich genommen. Jetzt ist es
mir recht, da ich es getan habe. Es ist der Mhe wert, gelebt zu werden, solch
ein Arbeitsleben. Man wird stark davon. Die Kinder werden einmal einsehen, wie
schwer das war. Wenn ich die Kinder nicht htte, wie unendlich viel einfacher
lge alles. Dann knnte ich mich ganz dem Studium widmen - - dann - Mein Leben
fr die Wissenschaft! Ich htte Tchtiges geleistet, ich wei es.
    Oft empfand sie Fesseln um sich, atmete schwer unter den hunderterlei
Verpflichtungen.
    Ich kann mich dem Studium nicht so hingeben, wie ich mchte. Die anderen
haben es gut. Helene, und der Bernstein erst! Wie Bernstein mcht ich am
liebsten sein. Hrt und sieht nichts als seine Physiologie. Die Physiologie ist
seine Mutter, seine Geliebte, seine Welt. Er braucht keine Kunst, keine
Religion, er braucht nur Physiologie. Ohne Zucker, ohne Butter kann er leben,
ohne Physiologie nicht. So mcht ich mich konzentrieren knnen. So unbeteiligt,
khl und rein durch dies dumme, abscheuliche, widerspruchsvolle Leben gehen.
Aber dieses beste Glck ist mir versagt. Nun - wenigstens werd ich Brot fr
meine Kinder schaffen. Das ist auch etwas!
    Bei dem Gedanken, da auch das Brotschaffen etwas sei, ging ein Aufrecken
jedesmal durch Josefines Gestalt.
    Ein ganzer Mensch werd ich sein, nicht nur eine Frau. Fr meine Kinder werd
ich arbeiten. Fr meine Kinder und auch fr Georges! Fr dich, du Armer! Ich,
die Mutter von allen!
    Eine fieberhafte Freude durchzuckte sie. Sie ri die Kinder an sich, drckte
und kte sie. Ich, ich werde euch alles geben! Das Brot, die Kleider, das
Haus! Von meinem Blut, von meinem Hirn sollt ihr leben, Kinder. Von meinem ganz
allein! Versteht ihr das?
    Spielst du dann mit uns? sagte Rsli zaghaft unter den heftigen
Liebkosungen der Mutter.
    Spielen? Nein, dazu hab ich nicht Zeit. Mama mu lernen. Hier! all die
dicken Bcher. Seht ihr? In den Ferien spielen wir zusammen.
    Josefine schob die Kleine von sich und griff mit Ungestm nach dem
verlassenen Buch. Der Wirbel der Empfindungen legte sich. Sie atmete bald ruhig
und gleichmig.
    Ich werde doch knnen, was jeder beliebige Bub kann, lchelte sie, ich werde
doch lernen, beobachten, mich konzentrieren knnen wie jeder dieser jungen
Studenten?
    Und es gelang vollkommen; mit den Aufgaben wuchsen die Krfte.

Josefine stand vor dem dritten Examen. Sie arbeitete jetzt atemlos, aber nicht
ohne Genu, denn sie war ganz allein. Der Vater hatte die lteren Kinder und
Laure Anaise mit sich in die Berge genommen, und auch die Pensionre waren
verreist.
    Es war im August. Tglich wehte der Fhn und trieb die heien Luftwellen bis
in die Zimmer voll grner Dmmerung, durch die geschlossenen Lden hinein.
    Aber die Morgen waren herrlich. Wenn die Sonne die kahlen Felsen am
tligipfel rtlich und violett anhauchte, sprang Josefine aus dem Bette, als
wren diese lichten Morgenfarben grelle Trompetenste.
    Schnell, schnell an den Waschtisch, in die groe, flache Blechwanne und mit
khlem Gusse den schlummerheien Leib erfrischt.
    Schnell in die einfachen Kleider, jeden Tag dieselbe dnne schwarze Bluse,
denselben schwarzen Rock. Keine Schleife, kein Band, keine Blume. Nichts als
einen schmalen weien Leinenkragen um den Hals. Keine Manschetten, nur die
schwarzen langen rmel, die bis auf die feinen Hnde fielen. In der halb
klsterlichen Tracht sah sie jung und schmal aus. Das kurzgeschnittene Haar, von
dem eine eigensinnige Locke in die gefurchte Stirn hing, umrahmte einen ernsten,
energischen Jnglingskopf. Aber sie sieht nicht in den Spiegel. Mit nackten
Fen schnell, schnell in die Kche an den Herd - die kalten Fliesen khlen so
angenehm. Die Sonne scheint hei in das Kchenfenster, auf dem Fenstersims tnt
das Zwitschern der Sperlinge und das Scharren ihrer kleinen Fe.
    Mit dem Frhstcksbrettchen hinaus auf den khlen Balkon. Wie frisch! wie
duftig! wie morgendlich! Noch fllt kein Strahl durch das Weinlaub - das Haus
Zum grauen Ackerstein liegt still, wie unbewohnt.
    Josefine trinkt ihren Tee und liest dabei. Bis elf Uhr ist der Balkon im
Schatten. Alles besorgt sie sich selbst, geht nur zum Mittagessen aus und
tglich zwei Stunden in den bakteriologischen Kurs. Manchmal hat sie keinen
Zucker besorgt, dann trinkt sie den Tee bitter, manchmal ist die Butter
aufgegessen, dann it sie ihr Brot trocken. Auch die Kthe ist in die Ferien
gegangen, zu ihrer Mutter ins Dorf.
    Nichts unterbricht die Stille um die Arbeitende als je einmal die
elektrische Klingel. Dann ist's der Milchmann, der Brieftrger, die Obstfrau.
Manchmal ein Wort wird gewechselt, oft geht alles stumm vor sich.
    Dann - die Flucht vor der Sonne, von einem Zimmer ins andere. Und doch mu
man frs Mikroskop helles Licht haben, darf die Lden nicht alle schlieen.
Josefine liest laut, und ihre Stimme widerhallt in den menschenleeren Zimmern,
deren Tren alle offen stehen, der Khlung halber.
    Hei ist der Gang zum Mittagessen, das Essen drftig und schlecht, denn die
Pensionswirtin hat keine Pensionre in den Ferien; bei Tisch wird kaum
gesprochen.
    Und nach dem Essen wieder das Buch. Es kostet Mhe, denn das Gedchtnis wird
schwerfllig.
    Man sieht dann Zeichnungen an, um nicht mig zu gehen; auch beim Examen
gibt es ja oft Zeichenaufgaben aus dem Gedchtnis.
    Heie, mde Nachmittagsstunden! Hirnanatomie zum Kaffee. Aber der Kaffee
belebt ein wenig. Die Schuhe werden wieder ausgezogen, der heie Kopf unter den
Brunnen gehalten, die schweren Lider mit Wasser gewaschen. Man mu doch
studieren, und diese Hirnanatomie ist so schwer!
    Die westliche Sonne sticht wie ein blinkender Dolch zum Fenster herein. Auf
dem weien Papier der Zeichnung, des Buches, auf dem Tischtuch, der Zimmerwand
erscheinen blutige Flecken.
    Einen Augenblick ausruhen!
    Josefine faltet die Hnde ber dem Scheitel und lehnt sich zurck. Nicht
schlfrig ist sie, aber erregt, zerstreut, mit Herzklopfen und brennenden Augen.
Ach, die Sonne! wenn sie nur einmal erst unterginge! Das ganze Limmattal
schimmert in rotviolettem Nebel, und die Strahlen zielen nach allem Glnzenden
im Zimmer.
    Auf den Balkon hinaus mit dem Buch! Sein Asphaltboden ist weich von der
Hitze, der Stuhl bohrt Lcher hinein. Die bunten Wicken aus dem Garten duften zu
stark.
    Es ist beklommener hier als in den Zimmern, der Fhn hat eine dumpfe Schwle
zurckgelassen.
    Kaum ist die Sonne hinab, so steht schon der Mond auf dem Berg, ein groer,
runder Mrchenmond zwischen den runden Obstbaumwipfeln. Er steht da, aber er
scheint noch nicht. Heuschrecken zirpen laut. Heuduft steigt von den Matten auf.
Am tli brennen Feuer im Walde. Josefine lehnt einen Augenblick am Balkongitter
und blickt hinaus. Schn und friedlich! Schon blinkt der Abendstern.
    Schnell! schnell wieder an die Arbeit! Was zauderst du mig! was trumst
du! Es gibt noch ganze Bnde durchzulesen. Alles mu repetiert werden. Du stehst
ja vor dem Examen.
    Wie hell der Mond jetzt scheint. Man knnte dabei lesen. Und es
wetterleuchtet wieder, so wie gestern und die ganze Woche. Der Himmel ffnet
Lichttore und zeigt seine verschlossene Herrlichkeit.
    Stehst du noch immer da, Josefine?
    Die Lampe angezndet - vielleicht auch eine Zigarette, denn die Mcken sind
zudringlich hier drauen.
    Sie sitzt bei der Lampe, raucht und liest. Eine Fledermaus raschelt am
Weinlaub - nun ist sie auf dem Balkon und umschwebt lautlos die Studierende.
Eine zweite, dritte, vierte, fnfte folgt. Wie kleine Gespenster kreisen sie um
den energischen Jnglingskopf mit dem kurzgeschnittenen Haar und der einen Locke
auf der gefurchten Stirn. Josefine blickt zerstreut dem schwebenden
Schattenreigen zu. So still alles rundum. Und sie so allein, so fern von all den
ihrigen, so abgetrennt. Ganz unpersnlich kommt sie sich selber vor, ganz ohne
Zusammenhang mit anderen Menschen. So, als knnte nicht Freud, nicht Leid sie
mehr berhren.
    Die Hand, die das Buch hlt, wird schlaff. Wie im Traum sieht sie die Hand
an mit dem Finger, an dem der Trauring zu gro geworden ist.
    War ich einmal eine Frau? Liebte Rosen, Spitzen und Parfums?
    Liebte Ksse und Bonbons und bunte Fcher? Ich?
    Es kann wohl nicht sein!
    Sie lchelt flchtig, zuckt verachtend die Schultern, wirft die Zigarette
fort und vertieft sich in ihr Buch. Physiologische Chemie diesmal. Noch viel
schwerer als Hirnanatomie. Aber sie rckt sich dabei bequem zusammen.
    Ich werde doch knnen, was jeder Bub da kann? ich werde mich doch nicht von
den Buben beschmen lassen? ermuntert sie sich.
    Hell scheint der Mond; nicht mehr so gro wie im Aufgang, aber in klarem
Silbergrau. Die Blumen duften, lautlos schweben die Fledermuse - Josefine
studiert.
    Wie gut das ist, so allein zu sein! wie wohltuend diese Einsamkeit. Alles
schlft ein, was qult und strt, und nur das reine, blaue Flmmchen Intelligenz
brennt still in diesem stillgewordenen Hause.
    Josefine schrak auf.
    Strmisch und anhaltend ertnte die elektrische Glocke der Haustr, die sie
schon seit einer Stunde geschlossen hatte.
    Wer ist da? rief Josefine vom Balkon zu der vom Mondlicht hell
beschienenen schwarzen Gestalt hinab, die auf der Haustreppe stand.
    Depesche! scholl es zurck.
    Bei dem Schein des Mondes, der den weien Gartenhag in ein Kirchhofsgitter
verwandelte, las Josefine:
    Ninina schwer erkrankt. Keine Hoffnung.
                                                                     Dein Vater.

Mit schweren Fen stieg Josefine die Treppe wieder hinauf.
    Es war aber noch kaum Schmerz, was sie empfand, nur eine dumpfe Mattigkeit
und Verstrung.
    Sie kam in das erste Zimmer und erschrak vor dem hellen Mondschein; als sei
etwas Unheimliches in ihrer Abwesenheit eingedrungen.
    In allen Zimmern schien der Mond, in allen Zimmern webte etwas Unheimliches,
Drohendes.
    Auf dem Balkon schwebte immer noch der Fledermausreigen um die brennende,
von keinem Luftzug gestrte Lampe. Ein Kranz von toten Nachtschmetterlingen lag
auf dem Tisch um die Lampe her und auf dem aufgeschlagenen Buch.
    Alles sah so fremd, so verndert aus, wie erstorben.
    Der Gedanke, da ihre stille Arbeit hier nun pltzlich zu Ende sei, ergriff
Josefine mit schmerzlicher Heftigkeit.
    Keine Ruhe, murmelte sie, keine Ruhe!
    Pltzlich sah sie Nininas zartes Kpfchen vor sich in der Luft. Die Augen
waren geschlossen, die Lippen welk. Sie starrte auf das Bild.
    Nini! stammelte sie zrtlich, Nini! dringend, bittend.
    Sie sprang auf, blickte wild um sich, aber ihre Augen blieben trocken.
    Keine Hoffnung? keine Hoffnung?
    Sie lief durch all die leeren Zimmer, hob die gefalteten Hnde empor und
sthnte: Nini! keine Hoffnung! Nini!
    Dann wollte sie es pltzlich nicht glauben, suchte das Telegramm, fand es
nicht, fand es zuletzt und las mit stieren Augen den Aufgabeort: Camischolas.
    Sie ging auf den Balkon, schlug die Bcher zu und lschte die Lampe. Aber
wei und geisterhaft leuchtete der Mond auf dem Balkon und in allen Zimmern.
    Sie sagte laut mit rauher Stimme: Es wird sterben. Es ist schon tot.
    Dann nahm sie alle Bcher aus dem Bort und baute sie auf dem Tische auf,
ohne zu wissen, was ihre Hnde machten.
    Sie hatte keine Gedanken, nur Bilder, immer das Kinderkpfchen mit den
welken Lippen, und dann das Dorf dort oben in Graubnden: Camischolas, die
grauen Schindeldcher so klein unter den mchtigen Bergen.
    ber Chur, sagte sie und begann ohne Licht nach dem Fahrplan zu suchen.
Aber er war vom Winter her und diente ihr nicht.
    Nini! keine Hoffnung! Nini!
    Sie lief in die Kche und putzte ihre Schuhe, brstete ihr Kleid.
    Dann packte sie einige Sachen zusammen und stand auf dem Balkon und sah den
Morgen kommen ber den See. Er kam mit streifigem, dunklem Gewlk und leisem
Regen, aber es war doch der Morgen; man konnte nach dem Bahnhof gehen und den
ersten Zug nehmen, reisen.

Wir haben ihr Blumen gegeben, Mama, viele blaue Glockenblumen und rote
Bergnelken, aber Nini wollte sie nicht, Nini wollte nichts, erzhlte Rsli mit
fragenden ngstlichen Augen. Auch Vergimeinnicht, Mama, und kleine weie
Lilien und Fingerhut! Ich wei, wo sie wachsen. Nini ist dort, ich hab es
gesehen. Da in einem Loch bei der Kirche. Laure Anaise lgt immer, sie sagt, sie
ist im Himmel.
    Hermann beugte sich zu der Mutter Ohr: Aber der Grovater ist sehr grob,
Mama, das ist ein alter bser! Immer hat er Nini gebadet, und sie schreit:
Bitte, bitte! ich will ganz artig sein! Nun ist sie davon gestorben, Mama. Aber
er soll es nicht hren - er kommt, Mama, er kommt; sag es ihm nicht! bitte, sei
ganz freundlich, damit er nichts merkt. Dann lief er dem Grovater zu und
schmeichelte: Wir haben die Mama gefunden! Sie ist in Rueras ausgestiegen, weil
alle Leute ausgestiegen sind. Wir wollen der Mama gleich Ninis Grab zeigen. Sie
hatte schon bien di1 gelernt, nicht Grovater?
    Mit einer Gebrde des Widerwillens schob der alte Plattner den Buben von
sich und ergriff seiner Tochter Hand: So schnell ist's gekommen. Ein gesundes
Kind ... Gestern haben wir's begraben ... Komm ins Haus, Josy.

Es gibt eine Grenze der Leidensfhigkeit, ber die hinaus keine Steigerung
mglich ist.
    Josefine empfand nur einen dumpfen Kummer ber den Tod ihres jngsten
Kindes. Sie hatte es nicht leiden, nicht sterben sehen, und sie fhlte eine Art
von Dank dem Schicksal gegenber, das ihr diese Qualen der Ohnmacht erspart
hatte.
    Wie die Erzhlung eines Fremden, der fremdes Leid berichtet, vernahm sie
ihres Vaters Worte. Die drei Tage der Krankheit hatten ihm viel von seinem
gewohnten Frohmut gekostet. Die Unmglichkeit, sofort einen Arzt zu beschaffen,
hier in dem hoch in den Bergen gelegenen Alpendorf, war eine schwere Prfung
gewesen fr den Mann, der sonst in einer greren Stadt lebte, wo es in jeder
Strae einen Arzt gibt.
    Das Kindli erkrankte in der Nacht, hatte pltzlich Krmpfe. Die Wirtsfrau
ist ordentlich: sie machte einen Tee und ein laues Bad. Sagte, das sei nichts
Auffallendes bei Kindern. Morgens dann lag das Kleine und schlief ruhig. Ich
ging hinunter nach Disentis, aber der Arzt dort war ber Land und fort. Wie ich
zurckkomme, ist's Nina aufgewacht und verlangt zu trinken. Gegen Abend wieder
Krmpfe. Ich schicke einen Boten nach Disentis - es sind immerhin achtzehn
Kilometer ab und auf -, der Doktor solle sofort kommen. Der Bote bringt die
Nachricht: der Doktor ist im Dunkel aus seinem Wagen gestrzt, hat einen
Armbruch und Kontusionen im Gesicht. Schickt etwas Beruhigendes mit. Morgen wird
er dann selber kommen. Soll ich etwa nach Andermatt fahren? berlege ich. Ich
fahre nach Andermatt, finde den Arzt, nehme ihn mit. Er sieht das Kindli an und
findet die Krmpfe unerklrlich, denn im Augenblick ist keine Spur von Krmpfen
da. Gibt eine Medizin und fhrt ab. ber die Oberalp, weit Josy, das ist eine
Tour fr die halbe Nacht! Wr nicht Vollmond gewesen, hell wie am Tage, er wre
nicht weggefahren. Kaum ist er fort, fangen die Gichter wieder an. Lauf dem
Wagen nach! schrei ich Laure Anaise zu, und die luft, bis sie hinfllt. Der
Wagen ist zu weit voraus, man kann ihn nicht einholen. Eine bse Nacht, sag ich
dir, eine Nacht! Ohnmchtig - dumm, ah pfui, es ist 'ne Misere. Frh um sechs
Uhr meldet sich der Doktor-Patient mit der Armschiene und dem verbundenen Kopf.
War ein braves Mannli, aber etwas einfltig. Meinte, ich htte mit dem kranken
Kindli zu ihm kommen knnen, da er selbst blessiert sei. Aber wie er das Nina
sieht, vergeht ihm der Spa. Da ist leider nichts zu machen. Der nchste Anfall
macht Schlu. Ich steh da, als htte er mir eins ins Genick gegeben. Aber
gestern htt man noch helfen knnen? sag ich. - Schttelt er den Kopf: Nein, die
Art ist immer tdlich, zumal in dem Alter. - Viereinvierteljahr, sag ich. -
Przis, sagt er. Ein braves Mannli, nur ein wenig einfltig. Aber er war ja
selbst blessiert, auf den Kopf gefallen. Er blieb bei mir und der Nina, bis es
vorber war.
    Mit seinem gebrunten, faltigen Gesicht, umrahmt vom langen, weien Haar,
stand Plattner der Tochter gegenber wie ein unschuldig Angeklagter, der sich
verteidigt.
    Es ist nichts versumt worden, glaub es mir - mut es in Geduld annehmen,
sagte er und drckte ihre Hnde, whrend seine klaren, blauen Augen sich
trbten.

Josefine nahm es an in Geduld. Sie war sehr ruhig. Alle wunderten sich im
Dorf. Sie hatten gedacht, da so eine stdtische Mutter weinen und schreien
wrde. Die Stdtischen hatten so wenig Fassung, so wenig Haltung.
    Aber diese schrie und weinte nicht. Man grte sie, redete sie an, sie
erwiderte auf Romanisch, kurz und einfach. Mit ihren ernsthaften, stillen,
klugen Gesichtern blickten die Bauern und Buerinnen die Stdtische an und
fanden ihr ernsthaftes, stilles, kluges Gesicht vertraut und verstndlich. Diese
schwarze hagere Frau mit den dunkelumrnderten Augen wute, da das Leben kein
Kinderspiel ist, und da man sich drein schicken mu.
    Sie alle muten das. Hoch und wild sind die Berge, und das Huschen ist gar
klein. Lawinen, Steinmuren schicken die Berge herunter, zerknicken den Wald, wie
ein Kinderfinger ein Hlzchen knickt, verschtten die duftende Matte, vernichten
Menschen und Tiere. Das Hochgewitter kommt, und alle Bche werden zu tollen
Riesen, die mit wtenden Sprngen herunterpoltern, Felsstcke schleudern, die
Brcken einrennen, Schlammstrme ber die kargen Felder ausspeien.
    Da beugt man den Nacken und hlt still.
    Und am Morgen nach der Verwstung glhen die mrderischen Verwster in
kinderreiner, unschuldiger, roter Pracht, der Himmel strahlt, alle Engel lachen,
und das arme Menschlein kniet auf dem zerwhlten Grunde, und seine Trnen werden
zu Gebeten vor der Herrlichkeit und Schnheit, die tten kann und entzcken
zugleich, so da man das Sterben nicht fhlt.

Wie ein Bild nur, nicht wie Wirklichkeit empfand Josefines mde Seele die
groartige Umgebung. Das grne Tal mit dem brausenden, weischumenden jungen
Rhein, die steil aufragenden fichtenbewachsenen Vorberge, die abenteuerlich
gezackten, weigekrnten Himmelsstrmer, die dahinter starren, das Tal eng
umschlieend, wo die braunen zierlichen Holzhuschen mit den grauen
steinbeschwerten Dchern stehen.
    Die Mittagssonne sengt die Haut, nur das Kirchlein wirft einen kleinen
Schatten, und dort auf dem Thymianbeet spielen die Kinder, und Josefine sitzt
dabei.
    Wie auf einer Klippe, von allen Seiten frei, steht das Kirchlein von Sedrun,
auf dessen kleinem Friedhof sie Ninina begraben haben. Camischolas hat keinen
Kirchhof.
    Da naht wieder ein Begrbniszug. Der Kster voran mit der schwarzen
Trauerfahne, zwei Priester im gelben, seidenen, blumigen Ornat, der gute, alte,
weihaarige Kaplan von Rueras im langschigen, verschabten, schwarzen Rock, der
kahle Sarg ohne Kranz, ohne Blume, und dahinter in langem, langem Zuge in
unfrmlichen schwarzen Jacken steckende, zusammengekrmmte, betende, schwatzende
Frauen. Auch Kinder. Ebenso schwarz sind die Rckchen, aber die Gesichter rot
und munter, die Rcken gerade. Die Rosenkrnze drehen sich zwischen den
hartgearbeiteten dunkelbraunen Hnden, die Lippen murmeln Totengebete, auf den
bunten Sumen der Kopftcher und der Schrzen spielt die Sonne.
    Hinein in die Kirche der ganze Zug. Josefine schliet sich an. Sie ist ja im
Leid wie die anderen hier. Es ist auch das ganze Dorf mitgegangen, als man
Ninina begrub.
    Und Josefine ist's, als ob man ihr Kind jetzt begrabe.
    Der Zug lst sich auf. Der Sarg wird vor den Hauptaltar getragen. Die
Buerinnen aber gehen, eine nach der anderen, zuerst in die Seitenkapelle,
vorber an dem lebensgroen steinernen grauen Kruzifix, zu dem mit weien
Schdeln wunderlich geschmckten Altar. An der einsamen Kerze, die dort mit
flackerndem Schein die leeren Hngehuse beleuchtet, zndet jede der
Leidtragenden ihr eigenes mitgebrachtes Kerzchen an.
    Schtzend hlt sie die Hand vor die zuckende Flamme und begibt sich auf
ihren Platz in der kellerkalten, dunklen, weihrauchduftenden Kirche.
    Lange Gebete von murmelnden Stimmen. Lange Gesnge aus rauhen, ungebten
Kehlen. Eine lange eintnige Predigt neben dem schwarzen schmucklosen Sarge.
    Wie traurig zittern die schwachen Kerzenstmpfchen im Atem der Betenden die
dunklen Bnke entlang! Alles liegt auf den Knien. Die Lichtchen knistern und
verlschen. Ein neues ist in Bereitschaft - so lang ist die Andacht, auch dies
wird noch abbrennen.
    Josefine betet mit aus dem Buche ihrer Nachbarin. Sie will niemand hier
krnken - sie alle gingen mit Ninina.
    Sind wir nicht alle Fleisch und Bein? hat man ihr geantwortet, als sie hat
danken wollen.
    Sie betet mit, sie will niemand hier krnken.
    Die Messe ist zu Ende. Man geht hinaus. Die Freunde des Toten, die seinen
Sarg bis hierher getragen, bringen ihn hinaus in die Gruft.
    Drauen wieder ein langes Gebet. Jeder kniet an dem Grabhgel seiner Lieben,
eines Verwandten, eines Freundes.
    Der Himmel strahlt in feurigem Blau, wie eherne Riesen starren die Berge,
und hier, auf der kleinen grnen Klippe ber dem Abgrund kniet das mhebeladene,
leidgewohnte Leben am offenen Grabe. Die goldenen Strahlensterne an den
schwarzen Kreuzen leuchten, die bunten Sume der Kopftcher und Schrzen
flimmern rot und gelb - vergnglicher Schmetterlingsflgelstaub auf den
schwarzen Schwingen des Todes.
    Und berall so, in der ganzen Welt, denkt Josefine. Eine kleine grne
Klippe, auf der das zagende, kurze Leben sich zusammendrngt, verloren im
Nichts, in der Nutzlosigkeit, in der Zwecklosigkeit.
    Nini ist tot. Ruhe, mein Kind. Du warst so klein und hast schon leiden
mssen. Nun wirst du nie mehr leiden. Ruhe ist das Beste. Ruhe, mein Kind. - -
    Besorgt blickte Plattner seine Tochter an, als sie hereinkam. Warum bist
nicht mit nach Chiamutt? sagte er unzufrieden. Da sieh, Alpenrsli hab ich
noch g'funden, und der Strahler,2 wo ich besucht hab, ist 'n drolliger Kerle,
der kann dir erzhlen.
    Josefine nickte zerstreut.
    Wie ist dir's denn, Josy, hm? drngte er, ihre Hand ergreifend, 's hat di
arg anpackt, gelt du?
    Nein, ganz gut, Vater, machte Josefine, aber ich mchte bald wieder fort.
Meine Arbeit wartet auf mich.
    Plattner nahm die Pfeife aus dem Mund.
    Schon? sagte er. Solltest dir e bitzli Ruh gnnen.
    Ich brauche Arbeit, erwiderte sie bestimmt, weiter taugt mir nichts. La
mich nur bald fort.
    Kopfschttelnd blickte der Mann seiner Tochter nach. Wenn's nur auch gut
geht, murmelte er mit beklemmtem Herzen.

Es war am Nachmittag vor Josefines Abfahrt, als ein schweres Gewitter heraufzog.
    Eben noch hatte man geheuet und die starkduftende Heulast in viereckige
Tcher gebunden hie und da, um sie auf dem Nacken die steilen Matten hinan zu
den Stadeln zu tragen, eben noch hatten die Kinder mit Josefine im jhen
Bergwald die ersten Preielbeeren gepflckt, als der Himmel sich pltzlich
verfinsterte, schwarzblaue Wolken mit fahlen Sumen ihn berdeckten, ein
gelblicher Dunst wie Schwefelqualm das grne Tal erfllte und der Nebel die
Berge verschluckte, da man kaum um sich sah.
    Heim! heim, geschwind, ihr Kinder!
    Verwundert und unwillig gehorchten sie, die Preielbeerstruchen, grn,
wei und rot, gefielen ihnen so gut.
    Josefine nahm Rsli an die Hand, Hermann folgte mit Uli. ber den steilen
Waldpfad zwischen den laut aufrauschenden Fichten hinab zu der kleinen
Rheinbrcke. Das grne Wasser stubte in weiem Gischt um die Pfeiler, im Sprung
eilten sie ber das bebende Brckchen. Die ersten Donner rollten.
    An der geschwrzten Wassermhle vorbei, immer den engen
felsbrockenbestreuten Pfad am Bachtobel empor zu den schtzenden Husern von
Camischolas.
    Seid ihr da? rief ihr Plattner entgegen, grad komm ich auch an. Am
Krutzlipa sind Touristen auffi - 's ist aber nit geheuer, werden schon
umkehren. Da, es lutet schon Sturm in Sedrun, 's kommt ordentlich.
    Die ersten starken Blitze zuckten, angstvoll klang das Sturmluten vom
Sedruner Kirchlein herber, angstvoll antwortete ihm Rueras und Selva.
    Im Wirtshause lief alles durcheinander. Der Wirt versicherte den Stall und
den Wagenschuppen, die Wirtin rumte die Blumenstcke von den Auenbrtern und
der kleinen Altane, all die herrlichen hochroten Hngenelken, die grauen
Rosmarin und Melissen.
    Wie eine Traumerscheinung stob die Bergpost vorber, die fnf Pferde mit
fliegenden Mhnen, klatschend auf dem nassen Boden; heftig bumte das
Vorderpferd sich zurck vor dem blauen Feuer vom Himmel, und die
hochaufgerichtete Gestalt des Postillons mit der wehenden Geiel in der
erhobenen Faust schien durch die Luft zu fliegen.
    Die Kinder frchteten sich nicht. Sie standen am Fenster des Gastzimmers zu
ebener Erde und freuten sich ber die weien und rehfarbenen Khe, die eilig
heimtrotteten auf der spiegelnden Landstrae, getrieben von der kleinen Hirtin
im roten Kopftuch. Hastig klingelten die groen Glocken an den breiten bunten
Bndern durcheinander, wie sie von einer Seite der Strae zur anderen stapften
und sich zusammendrngten, Schutz suchend vor dem schrg niederprasselnden
Regen. Und zwischen ihnen und hinter ihnen drein sprangen die sonderbaren
kleinen rotbraunen hageren Schweine, schlugen mit den langen buschigen Schwnzen
und Ohren und grunzten mrrisch.
    Josefine hatte der Wirtin geholfen, nun stand auch sie am Fenster und
blickte hinaus.
    Sie war in groer Erregung seit ihrem Hiersein. Die lange nicht geatmete
Luft des Hochgebirges wirkte auf sie wie ein aufregender Trank. Sie schlief
unruhig, von bunten Trumen geqult, und fast keine volle Nachtstunde
hintereinander. Ein Gefhl des Schwebens, der vollen Losgelstheit beherrschte
sie. Sie war niemals mde, immer gespannt, gehetzt, erwartungsvoll.
    Das Gewitter steigerte ihre Unruhe. Mit starren Augen verfolgte sie die
strzenden Regenbche an den immer von neuem behauchten Scheiben, blickte sie in
das mihandelte Grtchen hinab.
    Ganz klein war es und eben noch wohlgepflegt. Ein wenig blaugrner Lauch,
ein wenig Wrzkraut fr die Kche, ein paar silberwei gefleckte Disteln mit
groen violetten Blten, ein paar rote Trkenbundlilien und ganz nah der
schtzenden Wand des Nachbarhauses ein junger Kirschbaum mit eben sich rtenden
Frchten. Unten bei Truns und Ilanz wachsen der Bergkirschen die Flle, hier
oben, im Gebiet der Arven und Fichten, ist ein Fruchtbaum eine Seltenheit. Er
war der Stolz des Besitzers, dieser junge fruchtbeladene Baum.
    Mit einer steigenden, ihr selbst unerklrbaren Angst im Herzen hefteten sich
Josefines weit geffnete Augen auf das wild vom Gewittersturm umhergeschleuderte
Bumchen.
    Alle Bltter waren nach oben gestrichen, die Fruchtstiele durcheinander
gewirrt, die ste schlugen hin und her; der Pfahl, an dem es angebunden war, bog
sich, krachte, das Stmmchen wollte sich losreien.
    Hagel! Auch noch Hagel! Ein rasendes Wetter brach los. Die Blitze zischten
so schnell herab, da das verfinsterte Zimmer unaufhrlich in zuckenden blauen
Flammen stand, gegen die klirrenden, brechenden Scheiben klopften die harten
Eiskrner, Heufetzen und Schindelstcke fuhren vorbei, der Sturm heulte wie in
der Winternacht zwischen den Husern, die Haustr drhnte, auf- und
zugeschlagen, und verloren wimmerten die Glocken von Sedrun, Rueras und Selva.
    Die Kinder hatten sich zu dem Grovater geflchtet, Hermann und Rsli
versteckten die Kpfe und schrien nur zuweilen auf; Uli sa auf des Grovaters
Knie, unerschrocken und fragelustig.
    Josefine stand allein.
    Sie sah das Dach des Nachbarhauses in Trmmer gehen, einen Fensterladen
herumwirbeln und herabstrzen; klglich flog der bunte Kattunvorhang aus dem
leeren Loche heraus, wurde gepackt und fortgerissen. Die Blumen standen wie
zerstampft, eine weie Eisschicht bedeckte die Beete, das Kirschbumchen mit
gebrochener Krone, die wie ein verwundetes Haupt schmerzvoll zuckte, ohne
Bltter, ohne Frchte, war ein kahler Stumpf geworden.
    Eine unstillbare Traurigkeit berfiel Josesine. Ihre ausgebrannten Augen
fanden Trnen, eine Flut von Trnen, ihr selbst unbewut.
    Ihr armes Feld! Kaum geblht hat der Roggen, und schon zerschlagen! Ihre
lange, mhselige, schweiauspressende Arbeit auf den jhen glhenden Matten - da
wirbelt das Heu, im Wettersturm und Hagel zerstreut - ihr niederes, armes Haus,
jedes Brettchen von liebevoller, kunstfertiger Hand geschnitzt - ihr kleiner
Kirschbaum - die Bltter - die Frchte - ihr kleiner Kirschbaum!
    Die Glocken winselten Gnade! Gnade!
    Die Berge schienen zu bersten - das Ende aller Dinge gekommen.
    Laure Anaise strmte herein. Ihr Haar triefte, ihre Kleider klebten. Wit
ihr's denn schon? Der Bach hat die Brcke eingerannt, und zwei Mannen sind
weggerissen, zwei Wildheuer aus Surrhein, sagen sie - der Bach bringt Felsen
herab, so hoch! - Aber wie denn? Du weinst, Josefine? Warum?
    Sie flog zu Josefine hin, umschlang und kte sie, wischte ihr die Trnen ab
und war wie auer sich. Grovater, sieh emal her! Josefine ist krank! Sie hat
noch nie geweint, und nun weint sie, weil zwei Mannen weggerissen sind -
    Ein neuer Donner brllte ber das Tal herunter.

Du bist nit gut z' Weg, die Kleine hat recht, sagte Plattner, als Josefine
sich erholt hatte. So empfindlich mu man nit sein. Mut ihm Meister werden,
Josy. So was fhrt zur Melancholie. Die Welt ist schlimm genug, aber so schwarz
ist sie denn doch nit. Zumal hier in den Bergen. - Der Roggen ist noch grn, er
steht wieder auf. Der Cavenz3 sagt's auch.
    Josefine antwortete nicht, ihre verweinten Augen hingen an dem
zersplitterten Stumpf des jungen Kirschbaums. Die Krone lag daneben zwischen den
Disteln.
    Der Wirt Cavenz trat auch heran. Er hatte schon wieder die kurze Pfeife
angezndet, die ihm whrend der Wut des Wetters ausgegangen war. Wir sind - wir
Bauern hier sind glckliche Menschen, sagte er ganz unvermittelt. Verstehen
Sie recht. Mit Wind und Wetter kmpfen - das ist das rgste nicht. Wir sind alle
arm, und deswegen ist niemand arm. Es hat doch jeder zu essen. Gehen Sie nach
Paris und London, seine klugen, braunen Augen wurden lebhaft, gehen Sie nach
Berlin, und sehen Sie, was dort ist! Dort ist Elend! Dort ist Sklaverei! Dort
ist's zum Erbarmen, schauderhaft. Ich bin in Paris und London gewesen. Ich war
auch in Wien und Berlin. Ich wei nicht, wo's am schlimmsten ist. Lieber vom
Wetter zusammengeschlagen werden, lieber vom Berg abstrzen. Gehen Sie emal
dorthin. 's Herz steht einem fast still. Man wei ja nicht, wofr! Hier wei
ich's, wofr!
    Erwartungsvoll blickte er Josy an.
    Sie nickte, schttelte ihm die Hand. O, es geht mir nichts ber die Berge,
sagte sie, 's ist ja auch meine Heimat; der Vater ist von Valendas. Der
Grovater war ein Bauer. In einer Grostadt knnt ich nicht leben. Es ist auch
nur - Sie mute sich abwenden.
    Bleib noch ein, zwei Wochen hier, mahnte Plattner, du brauchst mal ein
Ausrasten. Hier oben ist bald wieder Sonnenschein. Verleb ein paar gute Tage
hier, 's ist dir notwendig.
    Aber Josefine hatte keine Ruhe. Es hetzte sie von Stelle zu Stelle. Die
Arbeit, Vater! Du weit, was das auf sich hat. Dazu lebt man doch, da man
schafft. Dazu lebst du doch auch.
    Plattner brummte. Aber nit so blindwtig wie du. Das ist nichts.
    Herr Cavenz, sagte Josefine, jetzt, sehen Sie - ich mu mein Examen
machen! Ja, Vater, es ist doch so. Die Bcher liegen zu Haus.
    Htten Sie's nur mitgebracht, Frau, meinte der Wirt zutraulich.
    Einen Tag spter, als sie sich's vorgesetzt, fuhr Josefine nach Zrich
zurck.

Nur keine Ruhe! Arbeit! Nur keine Mue! Arbeit! Nur kein Nachsinnen! Nur kein
Grbeln! Arbeit! Arbeit! Arbeit! Das Kind ist gestorben! Arbeit! Georges ist
dort! Arbeit!
    Was er wohl denkt? - Denk nicht daran! Arbeit!
    Vielleicht war es zu retten? - Denk nicht daran! Arbeit!
    Sie leben dort, gebckt zum felsigen Boden. Ihr Rcken ist gekrmmt, ihre
Beine und Arme scheinen wie knorrige Wurzeln. In ihren Gesichtern sind Runzeln
und Falten von zuviel Luft. Ihre Augen trnen von zuviel Luft. Aber zwischen den
Trnen glnzt ihr gerader unverhllter Blick wie ein Stern! Arbeit! Arbeit!
Arbeit!
    Das Kind ist gestorben. Mein Vater hat es sterben sehen. Er liebte das Kind.
Er hielt es in den Armen, bis es starb. Seine Arme sind auch hart wie knorrige
Wurzeln.
    Die Trnen liefen ihm in den weien Bart, weil das Kind gestorben war. Er
ging auf die Felsen, kam zurck und lchelte: Die Alpenrosen! Sein starkes
Herz lchelte: Die Alpenrosen! Was hat sein Herz so stark gemacht? Arbeit!
Arbeit! Arbeit!
    Arbeit, und sei es die graueste, eintnigste!
    Arbeit, und sei es die blutigste, hoffnungsloseste!
    Arbeit, mein Opium! mein Rausch!
    Arbeit, meine Betubung! mein Leben! Hetzjagd von Minute zu Minute! Hetzjagd
von Gedanke zu Gedanke! Nie zu Haus, weder drinnen noch drauen!
    Arbeit!

Blutig und hoffnungslos erschien Josefine die Arbeit in den Kliniken.
    Nach dem dritten Examen hatte sie mit dem Wintersemester den Besuch der
Kliniken belegt, wie es sich gehrte.
    Der Eindruck war ein berwltigender.
    Die wissenschaftliche Haltung, welche vor den Leichen des Prpariersaals
mhsam errungen worden, zerbrach vor dem lebendigen Leiden, vor dem Sthnen und
chzen, dem Wimmern der Angst, dem Schreien der Qual, vor dem trostsuchenden
Fleheblick der gepeinigten Kranken, vor ihrem hilflosen Hinabsinken in die
unersttliche Grube.
    Der Schnitt in das lebende, blutende Fleisch war ein anderer Schnitt als der
in die weie, wchserne Leiche. Die Zersgung des rotmarkigen Knochens hatte
eine andere Bedeutung als das Zersprengen des elfenbeinfarbenen, prparierten
Schdels.
    Das Leben schrie zum Leben, vor dem Tode. Es schrie um Hilfe mit seinen
Wunden, seinem Elend, seiner Verkrppelung. Es wehrte sich gegen die Vernichtung
mit kleinen, fleischlos weichen Kinderknchelchen und mit den erlahmten,
verbrannten, zerknickten Muskeln junger Riesen, die man aus den Fabriken
heraustrug. Es schlug um sich mit den verzehnfachten Krften des Wahnsinnigen,
es pfiff mit schauerlichem Winseln aus der Lunge des Schwindschtigen.
    Das Leben schrie, und vor dem schreienden Leben stand der Arzt, auch ein
schwaches, stets bedrohtes, dem Tode unterworfenes Geschpf, und dieses auch
schwache, stets bedrohte, dem Tode unterworfene Geschpf nahm eine
wissenschaftliche Haltung an, um sein Zittern und seine Hoffnungslosigkeit zu
verdecken. Und der Hoffnungslose erfand in seiner Hoffnungslosigkeit Namen auf
Namen, lange, gelehrte Bezeichnungen, und er taufte die zerfressenen Nasen so
und die vereiterten Lungen so und die gelhmten Gehirne so, und es schien ihm,
als sei ein Funke Hoffnung irgendwo aufgeblitzt.
    Das Leben schrie, und der Hoffnungslose forschte, warum es schrie, und fand,
warum es schrie - was man so finden nennt - und er schrieb die Geschichte der
Krankheit, ihre Symptome, ihre Entstehung, ihren Ausgang, den immer gleichen
Ausgang.
    Und er sagte: Jetzt! jetzt haben wir es.
    Das heit, wir glauben jetzt zu wissen, was dies sein knnte.
    Wir haben dies studiert.
    Wir haben Bcher darber geschrieben.
    Es kommt bei Millionen vor.
    Es hat verschiedene Grade und Stufen.
    Wenn wir es merken, so ist es schon zu spt.
    Aber doch ist es gut, alles ist gut, denn wir wissen!
    Und die Hauptsache ist: Das Material geht uns nicht aus.
    Der Mensch ist sterblich, aber die Krankheit ist unsterblich.
    Sie wird immer von neuem geboren.
    Sie wird immer von neuem erworben.
    Es ist sehr wohl mglich, da wir noch einmal dahinter kommen, was es ist.
    Inzwischen probieren wir, inzwischen experimentieren wir und fhlen uns
Herren ber Leben und Tod.
    Unter unseren Hnden quillt das jngste Leben ans Licht.
    Wir bergeben es dem Licht, wie wir den Sterbenden dem Grabe bergeben.
    Wir beherrschen das Leben vom Ende bis zum Anfang, vom Anfang bis zum Ende.

Josefine sah, wie einige dieser rzte so sicher wurden, da ihre Sicherheit
ihnen wie ein Rausch zu Kopf stieg.
    Sie hrte einen Professor sarkastisch halb, halb mitleidig lchelnd sagen:
Fr den Naturmenschen hat der Tod immer etwas Geheimnisvolles.
    Er entschuldigte den Naturmenschen, er lchelte milde und mitleidig ber den
Naturmenschen, fr den der Tod immer etwas Geheimnisvolles hat.
    Nun ja! ein Naturmensch!
    Aber freilich - ein wenig Sarkasmus umspielte doch seine Lippen! Der
Naturmensch hatte immerhin den Ausweg, einen Professor zu fragen - einen von
uns! - und sich belehren zu lassen, da der Tod nichts Geheimnisvolles hat. Gar
nichts!
    Tod ist einfach: letaler Ausgang. Und letaler Ausgang ist immer das Ende.
    Also - was gibt es da Geheimnisvolles?
    Nur ein Naturmensch kann in einem so alltglichen, allstndlichen,
allmintlichen Vorgang etwas Geheimnisvolles sehen!
    Und einem stieg der Rausch der Sicherheit bis ber den Kopf und machte ihn
roh wie einen Trunkenen.
    Und er sprach zu dem Sterbenden: Kehre uns dein Gesicht zu, damit wir sehen
knnen, wie du stirbst.
    Aber da scharrten die Studenten und machten durch ihr Scharren dem
Sicherheitstrunkenen bemerklich, da er zu wissenschaftlich gewesen war.
    Josefine hrte es auch.
    Sie fhlte das Blut in ihren Schlfen sausen. Sie dachte an die Bemerkung
ber das Proletarierfett im Prpariersaal.
    Sie dachte: Es ist wieder ein Deutscher! Sie nennen das schneidig!
    Und sie sagte ein Wort.
    Der sicherheitstrunkene deutsche Professor sah sie an. Er sah das Wort auf
Josefines Lippen. Er sah in vielen Gesichtern Mibilligung, besonders in denen
der weiblichen Studierenden. Er hate diese weiblichen Studierenden. Ihre
Mibilligung war eine Kritik seiner Sicherheitstrunkenheit, darum waren sie ihm
zuwider.
    Und er blinzelte tckisch gegen Josefine hin: warte nur.
    Ein kranker Mann lag vor dem Auditorium.
    Der Sicherheitstrunkene hie den Wrter den Kranken entblen.
    Noch weiter! noch mehr! ganz!
    Er hie den entblten Kranken auf einen Stuhl stellen, berall frei
sichtbar.
    Und dann blickte er sich suchend um und rief Josefine zur peinlichsten,
verletzenden Untersuchung.
    Peinlich und verletzend war die Untersuchung fr den Kranken.
    Peinlich und verletzend war die Untersuchung fr die Untersuchende.
    Peinlich und verletzend war die Untersuchung fr die diensttuende Schwester.
    Peinlich und verletzend war der ganze Auftritt fr die Studierenden.
    Und diese peinlichste, verletzendste Untersuchung war vllig nutzlos, war
nur eine Strafe, war nur eine Rache, war nur eine Roheit des frauenfeindlichen
deutschen Professors.

Hier wird das Herz zerfleischt!
    Mit brennenden Wangen und brennenden Augen kam Josefine nach Hause. Sie war
den Weg gelaufen, als sei jener sicherheitstrunkene Mann mit dem rohen, kalten
Gesicht hinter ihr.
    Planlos lief sie jetzt durch die Zimmer, die Hnde ineinandergepret, die
Lippen zusammengebissen.
    Ach, so ohnmchtig sein! so ohnmchtig!
    Sie betrachtete ihre Hnde, schauderte und fhlte irgend eine geheime
Schuld.
    Sie stand auf dem Balkon, in den sachte die Schneeflocken hereintrieben.
    Sie stand im Schnee und sah auf die im Schnee schlummernden Wiesen, auf den
im Nebel schlummernden See.
    Sie stand und sah und sah doch nichts.
    Ich kann das nicht ertragen.
    Ich kann nicht. Hier wird das Herz zerfleischt!
    Rsli kam gelaufen, breitete die Arme aus und drngte sich an Josefine.
Einmal hab ich dich, Mama!
    Josefine schrak vor dem Kinde zurck. Sie versteckte ihre Hnde. Nein,
nein, nicht jetzt! Geh, Rsli, spiele - ich habe keine Zeit.
    Mit gesenkten Locken schlich die Kleine weg.
    Josefine betrachtete immer ihre Hnde, schttelte sie in unertrglichen
Schmerzen; dann nahm sie den weien, flockigen Schnee vom Balkongitter und
begann damit ihre Finger zu reiben.
    Sie bebte in Todesangst, ihre Knie knickten ein, sie sann und sann.
    So zwecklos alles!
    So grausam alles!
    So hoffnungslos alles!
    Sie sah ber den Schnee hinunter. Sie hielt sich am Gitter fest.
    Dort - das Spital - die Kliniken, ein gelber, langgestreckter Bau in Grten.
Das Dach beschneit, die Bume der Grten schwarz gegen den nebelgrauen Himmel.
    Daneben das Frauenspital, das Absonderungshaus, die Anatomie. Weiter daneben
der kahle Kirchhof mit den wenigen hngenden Weiden, alles eine weiliche Flche
mit eingesunkenen Steinen und schwarzen Kreuzchen.
    Aus den kahlen Bumen erhob sich krchzend eine Krhenschar; aus den hohen
Fenstern gellten die zerreienden Schreie der Gebrenden.
    Tolle Posse! Tolle Posse des Lebens! berall Leiden! berall Kranke! Es
schwillt wie von Leichen. Sie kommen wie eine Flut herauf gegen den Balkon.
    Nein, nein, nicht Leichen! Leichen sind gut, Leichen sind still, Kranke sind
es. Von Kranken schwillt es, von entsetzlichen Kranken!
    Sie blickte weiter hinaus, ber die Stadt.
    Sie begriff nichts mehr.
    Huser bauen sie? Grten, Brcken, wozu? Wozu das alles?
    Es ist lcherlich.
    Fabriken, Museen, Bilder, Statuen - lcherlich! lcherlich!
    Es ist nicht wert, den kleinen Finger zu rhren.
    Hier wird das Herz zerfleischt.
    Es gibt nur Kranke.
    Wir sind alle vermodert.
    Wozu das alles! Wahnwitz! Wahnwitz!
    Wieder ertnte das wilde Schreien, die Luft trug weit heute.
    Josefine sah sich da drinnen, unter den brigen Studierenden.
    Und so hmische Gesichter bei diesen Mnnern!
    Sie sind hmisch, weil der Professor roh ist!
    Roh und hmisch im Angesicht des Todes.
    Er lehrt sie roh und hmisch sein.
    Man erkennt ihre Gesichter nicht wieder, wenn er da ist.
    Einer entstellt Hunderte.
    Das ist auch Schule!
    O, wie ich ihn hasse!
    Ich gewhne mich nie.
    Roh und hmisch ist nur dieser eine, die anderen sind nicht roh und nicht
hmisch.
    Aber wir alle sind wie die Gtter in den Wolken, und drunten ist der
schwrenbedeckte Lazarus.
    Wir haben fr ihn im besten Fall ein freundliches, berlegenes Wort, wir
haben oft ein kleines Lachen, einen kleinen Witz.
    Ein Mensch ist kein Mensch fr uns, ein Mensch ist Material.
    Ein Mensch ist eine Spitalnummer und ein Fall.
    Er windet sich vor uns in Schmerzenskrmpfen, und wir beobachten nicht ihn,
nur den Fall. Wir interessieren uns wissenschaftlich fr den Fall.
    O, wie ich uns alle hasse!

In den Kliniken ging es so her.
    Die Studierenden versammelten sich in einem Hrsaal des Krankenhauses; das
medizinische, das chirurgische, das Kinderspital, das Frauenspital, das
Irrenhaus - jedes hatte einen besonderen Hrsaal. Der Professor betrat das
Katheder, gab eine kurze Einleitung, und sodann wurden zwei oder drei Flle, das
heit Kranke, herbeigeholt und dem Auditorium vorgestellt.
    Einer der Studierenden, ein Praktikant, trat zu dem Kranken, der zuweilen
noch gehen konnte, gewhnlich aber in einer eisernen Bettstelle lag, in die er
im Krankensaal gelegt worden, indem man ihn aus seinem eigenen Bette fr die
Dauer der Untersuchung heraushob. Diese Umbettung war dem Kranken immer eine
Belstigung und verursachte ihm hufig groe Schmerzen, aber schlimmer noch war
die Angst, vor dem ganzen Auditorium mit seinen Schmerzen, seinen Wunden, seiner
hilflosen Ble ausgestellt zu werden.
    Diese im Hrsaal und im Operationssaal den Studierenden preisgegebenen
Kranken waren stets Kranke der dritten Klasse, das heit solche, die wenig
bezahlten, weil sie arm waren, und solche, die so arm waren, da sie nichts
zahlen konnten, sondern da die Stadt- oder Dorfgemeinde, der sie angehrten,
fr sie zahlen mute.
    Die ausgezeichneten Spitler mit den vervollkommneten Einrichtungen waren
nmlich, genau betrachtet, weniger Wohlfahrtseinrichtungen, als die sie im
allgemeinen hingestellt werden, denn Schulen zum Unterricht der Studierenden, in
denen man bte, wie andere, zahlungsfhige Kranke zu behandeln und zu kurieren
seien.
    Die Entblung des mittellosen Kranken vor einer groen Schar Studierender,
die Vernichtung seines Schamgefhls, wurde hier als keine Vernichtung oder kein
Eingriff in die Menschenwrde angesehen, da man bei der dritten Klasse
Schamgefhl berhaupt nicht voraussetzte. Diese Annahme einer durchgehenden
Verschiedenheit der Empfindung von Besitzlosen und Besitzenden war ein in jeder
Beziehung unschtzbares Hilfsmittel fr die Professoren wie fr die
Studierenden. War es ihnen gelungen, durch fortgesetzte Verletzung des
Schamgefhls bei einem Menschen dasselbe zu vernichten und ihn wirklich schamlos
zu machen, dann exemplifizierten sie sofort mit Genugtuung an diesem Fall und
wiesen nach, da der Besitzlose berhaupt kein Schamgefhl habe. Gewissenhafte
gingen bei diesen Behauptungen gern zurck auf die sozialen Schden, vor allem
auf die Wohnungsnot, die viele Personen verschiedenen Geschlechts in einen Raum
oft zusammenpferche und keine Entwicklung des Schamgefhls aufkommen lasse.
    Aber auch diese Gewissenhaften verschmhten es nicht, aus den traurigen
Tatsachen die uersten, fr sie bequmen und beruhigenden Schlufolgerungen zu
ziehen.
    Der Praktikant, das heit jener der Studierenden, an den gerade die Reihe
war, das bisher theoretisch erworbene Wissen jetzt vor dem wirklichen Fall,
das heit dem Kranken, zu erproben, zu bettigen, zu vervollkommnen, begann
darauf dem vor ihm ausgestreckten Leidenden eine Reihe auswendig gelernter
Fragen zu stellen, die der Kranke schon sehr oft gehrt und beantwortet hatte,
die ihn daher langweilten, qulten und erbitterten, und von denen er wute oder
doch ahnte, da sie weder aus Teilnahme noch aus Hilfsbereitschaft fr seine
Person gestellt wurden, sondern einfach darum, weil der medizinische Kurs in dem
und dem Semester dem Studierenden diese Fragebungen vorschrieb. Der Praktikant
zeigte dabei meistens jene komische Wichtigkeit, mit der beim Schulespielen
der Kinder die Rolle des Lehrers dargestellt wird, von einem anmaenden Knirps
in kurzen Hschen, der seine Kleinkinderstimme zu kreischenden Kommandos erhebt.
Die schielende Furcht des Praktikanten vor dem Professor, der jedes seiner Worte
kritisch verfolgte, die Angst, sich vor den spottschtigen Kommilitonen zu
blamieren, erhhte noch den Eindruck des Kindlich-Komischen. Komisch war ferner
die unverhllte Mhe des Praktikanten, genau den Professor zu kopieren, in
dessen Kolleg er sich gerade befand. Derselbe Student war nacheinander: kurz
angebunden, mildtrstend, cynisch, rcksichtsvoll, Gott aus den Wolken, brutal,
humoristisch - ganz wie der jedesmalige Professor. Bei den weiblichen
Studierenden bemerkte Josefine von dieser geschmeidigen Anpassungsfhigkeit
nichts; sie schienen ihr alle bestimmteren Charakters als die mnnlichen; dem
brutalen Cynismus waren die Studentinnen smtlich abgeneigt, doch zeigten auch
sie schon viel Anlage, den Gott aus den Wolken zu spielen, wenngleich die milde
Rcksichtnahme bei weitem berwog. Josefine sah unter den Studentinnen
ausgezeichnete Krfte, eine Vereinigung von Intelligenz, Gte und
Leistungsfhigkeit, die sie mit Bewunderung, mit Genugtuung erfllte. Josefine
stand freundlich zu ihnen allen, aber an einem Punkt schieden sich stets ihre
Wege: diese Medizinerinnen konnten oder wollten nie ber ihren Beruf
hinaussehen, sie schoben alles Grbeln als unfruchtbar weit von sich und suchten
ihr Ziel auf mglichst schnellem Wege zu erreichen. Dann wollten sie ihren
leidenden Geschlechtsgenossinnen nach Krften in allen Leibesnten beistehen und
sich selbst eine geachtete Stellung in der Gesellschaft erwerben. Eine gute
Praxis, eine womglich leitende Stelle an einem ffentlichen Spital war ihr
angenehmster Traum.

Josefine aber grbelte und litt. Auch sie war zu diesem Studium gekommen, um
eine geachtete Stellung in der Gesellschaft, dazu Brot fr ihre Kinder und ihren
unglcklichen Mann zu erwerben. Immer hatte sie gemeint, da die Ttigkeit des
Arztes die edelste, idealste sei, und mit Freuden hatte sie ihr zu dienen
gehofft. Die ersten Jahre ihres Studiums waren in glcklicher Tuschung
verflossen, ihre heie Arbeit schien so planvoll, so unbestechlich, so ehrlich
und erfolgverheiend.
    Und nun, in den Kliniken, brachte ihr jeder Tag eine neue, furchtbare
Erleuchtung.
    Um Gottes willen, was tun wir?
    Wo ist unsere Hilfe? Wo ist unsere berlegung? Wo ist unsere Vernunft?
    Josefine fragte, und die Antwort hie: Frevel! Jammer! Unsinn!
    Keine Hilfe sah sie. Keine berlegung herrschte.
    Dumpf und vernunftlos, in unentwirrbaren Knueln, wand sich vor ihr das
blutende Leben.
    Frevel! Jammer! Unsinn!
    Die Gespenster umtanzten sie den ganzen Tag, die ganze Nacht. Sie hielten
sich bei den Schattenhnden, sie konnten sich in eine Gestalt verschmelzen, die
eine konnte sich in die andere verwandeln, der Frevel ward zum Unsinn, der
Unsinn zum Frevel.
    Die organisierte Gewalt der Brutalen, bersatten, der organisierte Besitz
der Besitzenden hatten ber die Besitzlosen, Hungernden, Nachgiebigen eine
Sklaverei verhngt, der sie sich nicht entziehen konnten. Die Sklaverei der
schwachen, zur beranstrengung gezwungenen Leiber der Schlechtgenhrten, der
Angesteckten, der Krankgeborenen, der Widerstandsunfhigen, der jungen Kinder
erzeugte jene Summe des Jammers, von dem die Welt widerhallte, und nun kam im
rztlichen Gewande der Unsinn geschritten und wollte mit Messer und Gift heilen,
was durch Hunger und berbrdung, durch Auspressung des Blutes und des Schweies
so krank geworden, da es nicht mehr um Heilung, sondern um den Tod flehte.
    Die Erhaltung des Lebens ist unser erstes Gebot, sprach der Arzt, und es
klang so menschenfreundlich, so trstlich, so hoffnungsvoll.
    Aber der Kranke bat: Lassen Sie mich sterben! Wr ich nur schon vorher
gestorben! Sie wissen nicht, was mein Leben ist!
    Nein, er wute es nicht, und er wollte es auch nicht wissen, der
grundgelehrte, ausgezeichnete, geistreiche Arzt, die Leuchte der Wissenschaft.
Er hatte ja die Wissenschaft zu pflegen, ihr heiliges Feuer zu unterhalten, er
fhlte sich als Diener und Beherrscher der Gttin Wissenschaft. Mit dem Leben
hatte er nichts zu tun. Um das Leben konnte er sich nicht bekmmern, dazu lie
ihm sein Beruf nicht Zeit. Oh, wie er ihn liebte, seinen Beruf. Er hatte eine
wundervolle, eine epochemachende Erfindung gemacht in seiner Spezialitt. Nur in
den speziellsten Grenzen der Spezialitt durfte man hoffen, etwas zu leisten. Er
hielt sie noch geheim, seine Erfindung, denn bis jetzt waren die Versuchsobjekte
leider fast unmittelbar nach der Operation gestorben. Aber er wrde so lange
versuchen, bis es ihm glckte, einmal einen einige Wochen am Leben zu erhalten,
und dann wrde er hervortreten. Das Material wuchs ja immer nach. Ihm winkte
Berhmtheit. Ein Weltruf. - -
    Josefine beobachtete, grbelte und litt.
    Sah dies denn niemand als sie? Fhlte denn niemand den Frevel, den Jammer,
den Unsinn als sie allein?
    Sie sahen alle so zufrieden aus, diese Professoren, diese Operateure, diese
Assistenzrzte, diese Schwestern, diese Wrter und Wrterinnen. Sie wandelten
einher mit Wichtigkeit und Wrde.
    Der neue Operationssaal - ist er nicht wundervoll? Nichts als Glas und
Eisen! Diese Instrumentenschrnke, diese prachtvollen vernickelten Lffelserien,
um aus tiefliegenden Abscessen die Materie herauszulffeln, diese spiegelblanken
Knochensgen, diese Hkchen und Haken, die Zngelchen und Zangen, diese
interessanten krummen Nadeln zum Vernhen der Wunden, diese Hunderte und
Hunderte von Messerchen, Lanzetten, Messern! Diese sinnreichen und hbschen
Apparate zum Auskochen der Instrumente, zum Auskochen der Tcher, diese Reihen
von Chloroformmasken, von Gummischrzen fr die rzte, von Waschvorrichtungen
fr die blutbespritzten Hnde, von in jeder Richtung beweglichen und
zusammenklappbaren Operationstischen!
    Mithausfraulichem Stolz zeigten die Schwestern diese Schtze, zeigten sie in
ihrer zierlichen Anordnung, ihrer Ntzlichkeit, Unentbehrlichkeit, in ihrem
Silberglanz, in ihrer geflligen, das Auge erfreuenden Form.
    Welche eine Summe von menschlicher Ttigkeit steckte in diesen
Instrumentensammlungen! Welch eine Summe menschlicher Intelligenz und Energie
war auf die Erfindung und Herstellung dieses ganzen ungeheuren Spitalapparats
verwendet worden!
    Und wofr das alles? Wozu?
    Wer so fragte, erhielt prompte Antwort!
    Man fhrte ihn vor die scheulichen Wunden der Arbeit, zeigte ihm die
Phosphornekrose der Phosphorarbeiter, die an der langsamen Fulnis der
Kieferknochen durch das Gift zugrunde gehen. Man zeigte ihm die
quecksilbervergifteten Spiegelarbeiter, die bleivergifteten, in unheilbaren
Bldsinn verfallenen Maler, die rhachitischen Kinder, die in feuchten Kellern
feinste Gewebe und Spitzen weben muten, damit der feine Faden nicht brche, die
aus Mangel und schlechter Ernhrung der Tuberkulose Verfallenen, mit verzehrten
Lungen oder mit abgesgten Gliedern.
    Man fhrte die Fragenden zu den Opfern der Maschinen, zu den von den
Zahnrdern Gepackten, von den Transmissionen Umhergeschleuderten, von den
Dampfhmmern Zerschlagenen, von den giftigen Gasen Erstickten, von den
elektrischen Strmen Verbrannten, von feuerflssigem Metall Verbrhten.
    Fr diese! Fr diese! -
    Kann das mglich sein? dachte Josefine schaudernd. Kann es sein, da dies
die Ordnung ist? da dies unabnderlich ist? Dieser Frevel, dieser Jammer,
dieser Unsinn - ist er unabnderlich?
    Und ihr durch eigenes Leben fein gewordenes Ohr vernahm den nie
verstummenden Hilfeschrei aus der Tiefe: Ihr da oben, die ihr die Luft und die
Sonne zumesset und verteilt, die ihr das Brot, das uns ernhrt, zumesset und
verteilt, die ihr die Kleider, die unsere Ble decken, zumesset und verteilt:
Hilfe! Hilfe! Hilfe! Lat uns atmen! Lat uns essen! Lat uns nicht erfrieren!
Die Arbeit, die ihr uns aufgeladen, und deren Frchte ihr uns aus den Hnden
nehmt, die Arbeit geht ber unsere Krfte! Sie zerquetscht uns! Sie vergiftet
uns! Sie zerreit uns! Wir sind erschpft. Wir erkranken leicht. Wir leben nur
halb so lang wie ihr. Unsere Kleinen schon verkmmern im eintnigen Erwerb um
den Bissen Brot. Und immer steht der Hunger vor der Tr! - - -
    Und die Antwort? O, auch die Antwort hrte Josefine.
    Es ist nichts zu tun, nichts zu ndern. Gott hat gewollt, da es sei, wie
es ist. Kein einzelner von uns vermag ihm in den Arm zu fallen. Die Entwicklung
der Menschheit geht ber Blut und Leichen. Die Industrie verlangt ihre
Hekatomben, aber darum drfen wir ihre Entfaltung nicht beschrnken. Und
brigens - kennt ihr unsere Hospitler? Es ist das Schnste und Wunderbarste,
was unsere Humanitt, unsere hochentwickelte Humanitt geschaffen hat. Die
Menschenliebe ist hier zur Genialitt geworden. Alle Flle sind hier vorgesehen.
Ist ein Glied schadhaft geworden und verfault, so schneidet man es dort ab. Wir
haben lauter neueste Instrumente, und jhrlich gibt es neu verbesserte Methoden.
Nun denn - diese ausgezeichneten Anstalten, diese Hospitler und Kliniken sind -
hrt es, ihr Unzufriedenen! - in erster Linie fr euch bestimmt! Wir wissen, da
ihr erschpft seid! Wir wissen, da ihr leicht erkrankt! Wir wissen, da ihr die
Neigung habt, nur halb so lange zu leben wie wir. Wir wissen, da es fr arme
Kinder gut ist, sich recht frh an schwere Arbeit zu gewhnen, und da dabei
leicht etwas geschieht, was auch uns nicht lieb ist. Aber dafr sind nun eben
die Kliniken und Krankenhuser geschaffen worden. Das ist unsere Liebe zu euch.
Das ist unsere Frsorge.
    Frevel! Jammer! Unsinn!
    Es schien Josefine, als sei es nie jemand in den Sinn gekommen, ber all
diese grausamen Sophismen ernstlich nachzudenken.
    Htte man nachgedacht, so htte man ja ein anderes Mittel finden mssen als
die Spitler und die Kliniken, um all diese knstlich erzeugte Summe von Elend
aus der Welt zu rumen.
    Aber man dachte nicht nach, man wollte nicht nachdenken. Nachdenken hie
zweifelhaft werden an der Vortrefflichkeit und Notwendigkeit des gegenwrtigen
Zustandes. Nachdenken hie an den Sttzen der heutigen Ordnung rtteln. Und zu
dieser Ordnung gehrte man selbst. Darum tat man leicht und wohlgemut. Man
lachte sogar ber die Mglichkeit, in diesen Dingen etwas zu ndern. Alles, was
bestand, war gut in den Augen derer, die aus diesem Stand der Dinge Vorteil
zogen. Zur Ergnzung der heutigen Gesellschaftsordnung mit ihrer wild und ppig
wuchernden Industrie, mit ihrer Sklaverei der Massen gehrten ganz notwendig
diese schnen Hospitler mit den prachtvollen Operationsslen, mit den
sinnreichen Operationstischen aus Glas und Eisen, mit den eleganten
Glasschrnken voll blitzender Instrumente zum Abschneiden der zerschmetterten
Arme und Beine, mit den vervollkommneten Tobzellen fr die Tobschtigen, mit den
Rntgenstrahlenapparaten zur Behandlung der Tuberkulosen, mit den elektrischen
Lampen mit den feierlichen oder groben, immer aber wissenschaftlichen rzten in
weien, reinlichen Metzgerkitteln und Gummischrzen, mit den hbschen
Pflegerinnen in gestrkten Hubchen, lieb und sauber, hilfbereit und
hoffnungslos. Alles dies mute sein. Die Humanitt erforderte dies. Die
Humanitt erforderte, da die Glastische zum Abschneiden der zerschmetterten
oder verfaulten Arme und Beine von Glas und Eisen seien, da die rzte groe
Gehlter bekmen, und da die guten, hoffnungslosen Pflegerinnen gestrkte
Hubchen trgen, aber keinem fiel es ein, da die Humanitt eigentlich
erforderte, da man Mittel ausdchte, wie alle diese so auerordentlich human
aussehenden, grausig-appetitlich sich darstellenden Personen und Dinge
berflssig zu machen seien.
    Tag und Nacht tobte der Kampf, Tag und Nacht sanken die Toten, die
Verwundeten nieder. Und mit aufmerksamen Augen standen die rzte an der
Peripherie des bluttriefenden Schlachtfeldes und trugen die Verwundeten
beiseite, um sie zu verbinden, zu flicken, auf die Fe zu stellen, damit sie
aufs neue in den Kampf eintreten und umfallen knnten. Aber den Kampf zu
bekmpfen, die gesundheitsschdlichen Betriebe abzuschaffen, die Ausbeutung
unmglich zu machen, Mangel und Not hinwegzurumen - daran dachte niemand. Und
geschah es doch einmal, dann waren diese Versuche so lcherlich winzig gegenber
dem allgemeinen Frevel, so erfolglos und zersplittert, da sie einzig dem bsen
Gewissen der Besitzenden entsprungen schienen, die nach einem Leben des Genusses
die Brosamen von ihrer Tafel in alle Winde streuten.
    Nein, das geht nicht! das kann nicht so weiter gehen! berlegte Josefine,
als sie vor dem zerstckten Krper der armen Tuberkulsen stand, die heute zum
zehntenmal operiert wurde. Sie kannte die Geschichte dieser Tagelhnersfrau aus
deren eigenem Munde, eine schaurig beredsame Geschichte gegenber der trockenen
Anamnese im rztlichen Journal. Aber wenn man das Journal zu lesen verstand,
dann war es fast noch schauriger in seiner Trockenheit. Es lautete ins Deutsche
bersetzt ungefhr so:
    1880, 5. Januar, linker Fu, groe Zehe amputiert.
    1880,12. Mrz, linker Mittelfuknochen reserziert.
    1880, 20. Juli, linker Fu total amputiert bis zum Knchel.
    1882, 2. Mai, linke Hand vierter Finger amputiert.
    1882, 10. Dezember, linke Hand Mittelfinger amputiert, Handgelenk
reserziert.
    1883, 27. Mrz, linke Hand bis zur Handwurzel amputiert.
    1884, 6. Januar, linker Arm Ellbogengelenk reserziert.
    1886, 18. Juni, linker Arm bis zur Schulter amputiert.
    1886, 12. November, rechter Oberschenkel operiert.
    Und die Frau, als sie aus der Narkose erwachte, sah mit ihren klugen
traurigen Augen Josefine mit einem herzzerreienden Blick an: Sechs ruhige
Jahre im Grab htt ich haben knnen. Wie lange wollt ihr noch so fortmachen mit
mir? So viel gelitten, als die Hand noch da war - immer hat er mir die Finger
gebogen, damit sie nicht steif werden - ich mute so schreien - sie schwollen
hoch auf jedesmal. Dann, als der Fu ab war und ich mit dem schweren Schuh gehen
sollte, dreimal durch den Saal, vor all den Studenten! Ich konnt's nicht, bat um
einen Stock. Nein, sagt er, Sie sollen's ohne Stock lernen, stellen Sie sich
geflligst nicht so an! Er sagte geflligst und lachte. Er war so ein Groer,
Dicker, Gesunder, mit Schmissen kreuz und quer bers Gesicht. Ich konnt's nicht,
fiel um, der Fu wurde wieder schlimmer. Er war sein Assistent, der Professor
war menschlicher. Die Schwester sieht mich - ich rutschte die letzte Strecke auf
den Knieen -: Legen Sie sich zu Bett, sagt die Schwester. Das war eine Gute. Er
hie Reich, hie der Assistent, ist nun auch schon Professor. Es war nicht hier,
es war drauen, in Deutschland. Aber sagen Sie mal, was soll ich denn auf der
Welt? was fr ruhige Jahre htte ich gehabt, wenn ich damals gleich gestorben
wre!
    Nein, das geht nicht! das kann nicht so weiter gehen! dachte Josefine,
sprechen konnte sie kaum, nur ein paar leere Worte, die vor dem heien Blick der
Unglcklichen zu Schaum zerflossen. Sie stand auf und ging von ihr, sie schmte
sich so fr all diesen Jammer und Unsinn, in den sie schon verwickelt war.
    Wenn man nur den hundertsten Teil der gesamten Arbeit, Mhe, Anstrengung,
den hundertsten Teil des Nachdenkens und des Geldes, das man auf die
Hinwegrumung des Schuttes, des Abfalles, des Aases, auf das Hoffnungslose
verwendete, auf die Vorbeugung all dieses Elends verwendet htte, wie unendlich
anders mte es in unserer Gesellschaft aussehen! dachte Josefine.
    Aus Mangel, in ungesunden Massenwohnungen wurden die Kranken krank, und wenn
sie krank waren, dann nahm man sie in die Kliniken auf, damit die Studenten an
ihnen lernten, schnitt ihnen die tuberkulsen Knochen weg und entlie sie, damit
sie weiter hungerten. Aber niemand dachte daran, da es einzig mitleidig,
menschlich und vernnftig wre, niemand aus Mangel an Nahrung in
gesundheitsschdlicher, abstumpfender Arbeit und in schlechten, engen Wohnungen
krank werden zu lassen.
    Was hatte diese Unglckliche, eine nur von Tausenden, gearbeitet, ehe sie
krank wurde? Sie erzhlte Josefine, da sie in Berlin Knopflcher gemacht hatte,
nichts als Knopflcher, nicht mit der Maschine, mit der Hand.
Hundertvierundvierzig Knopflcher bezahlte der Wscheverkufer mit
zweiunddreiig Pfennigen. Knopflcher zum Frhstck, Knopflcher zum Mittag,
Knopflcher zum Abendessen, Knopflcher im Sommer, wenn der heie Kalkstaub zum
Fenster hereinfliegt und die Nadel rostig wird in der schwitzenden Hand.
Knopflcher im Winter, wenn der ganze Tag dunkel ist in dem dunkeln Hinterhaus,
wo sie eine Stube haben, und wo die Fe absterben vor Klte vom ewigen Sitzen.
Knopflcher, Knopflcher, Knopflcher, hundertvierundvierzig Stck fr
zweiunddreiig Pfennig, achtzehn Jahre lang.
    Ich bracht's auf acht Mark die Woche, bevor da ich krank wurde.
    Josefine nahm ein Blatt Papier und begann zu rechnen. Ihre Hand bebte, ihr
Herz schlug unregelmig, setzte aus und begann dann mit einem wilden Auftakt
von neuem.
    Sie wollte ausrechnen, wie viele Knopflcher die Frau am Tage, in der Woche
gemacht, um acht Mark zu verdienen.
    Arbeiteten Sie auch Sonntags?
    O ja, manchmal aber nur den halben Tag.
    Also gewhnlich den ganzen Sonntag?
    Ja, aber meist doch 'n paar Stunden weniger als Alltags.
    Und Alltags - wie lange arbeiteten Sie da?
    Siebzehn bis achtzehn Stunden - unter dem konnt ich das nicht zwingen.
    Und waren verheiratet und hatten drei Kinder, wie Sie sagen?
    Ja, drei Kinder, mein kleiner August starb mir ja gleich.
    Also eigentlich vier Kinder?
    Ja, drei sind am Leben und verdienen schon mit. Hier ist das ja ganz
anders, hier kriegen sie dreiig Centimes die Stunde; wr ich hier man eher
hergekommen.
    Und Ihr Mann, was macht der?
    Mein Mann ist schon sieben Jahre in der Erde. Der ist damit durch.
    Was war sein Geschft?
    Sein Geschft war auf Nadelspitzen, wissen Sie, in der Fabrik. Aber, das is
auch nich gut.
    Nadelspitzen! Auch nicht gut! Nein, freilich.
    Und er hatte dann Malr. Das war 'ne ganze Kleinigkeit, will ich mal sagen.
Er hatte bei einer Aufladestelle 'n paar Kohlen aufgesammelt. Wir konnten das ja
gut brauchen, das knnen Sie sich wohl denken. Nu kam das raus, und mein Mann
kriegte zwei Monat. Das Gericht wollt mich da auch mit 'rein ziehen, aber mein
Mann sagte: nee, ich htte da nichts von gewut. Na, das war je nu nich wahr,
ich wut das ganz gut, wo die paar Kohlen herkamen, das waren je man 'n paar,
so'n kleinen Brotbeutel voll. Aber, einer mut doch bei den Kindern bleiben. Nu
kam er wieder zu Haus und war ganz anders. Mutter, sagt er, nu haben sie mir zum
Dieb gemacht, nu is mir alles gleichgltig. Das dauert nich lange, da kommt mein
Mann und bringt 'n feinen Herrenhut. Ach jotte doch, trag ihn wieder hin! sag
ich; ich hatte so 'ne Angst. - Nee, sagt er, der is 'n Studenten abgefallen,
mitten auf'm Weg. Der war ja betrunken, der andere gab ihm 'n Sto, und da fiel
der Hut in'n Dreck. Ich hab ihn man mitgenommen, da er nich untern Wagen kommt.
Anderen Tag haben wir die Polizei in der Stube. Den Hut hatte mein Mann schon
verkauft. Er hatte ja kein' rechten Verdienst mehr, in die Fabrik wollt' er
nicht wieder. Mutter, sagt er, seit da ich hab brummen mssen, hab ich da keine
Geduld mehr zu. Wenn ich an all die Jahren denk und an all die Nadelspitzen, wo
ich all gemacht hab, dann wird mir ganz kribbelig. So'n Leben is gar kein Leben,
das 'n Hundeleben, das sagen sie da auch alle, die da brummen mssen. Ich mcht
was Forsches, 'n Haus anstecken oder so was, blo aus berdru, das kannst mir
glauben. Ach, was hab ich geweint! was hab ich geweint! Nu war mein Mann ja
rckfllig, und sie gaben ihm sechs Monat. Sechs Monat fr den alten verfluchten
Hut. Ja, nehmen Sie es man nich bel, da ich fluchen tu! das soll ja nich sein!
das is auch sonst meine Manier nich, aber manchmal - Nu, wie mein Mann wieder
frei kam, sah ich das all: der war krank! Ach jotte doch, was war der Mann
krank. Da war das bald zu Ende. Er hatte die Auszehrung. Der Doktor, der sagte,
der Husten wr woll von dem Glasstaub, womit die Nadelspitzen geschliffen
werden. Das is nich gesund. Und in den Gefngnis, da war das immer so kalt und
feucht gewesen, die husten da alle. Er wut das nich, da er sterben tat, er war
ganz wie wild, mein Mann. Ich mut ihn man qulen und bitten, da er nich auf
die Strae ging und was ansteckte. Er wollt immer was anstecken. Mutter, sagt
er, wenn das denn so recht brennt! so'n Hllenfeuer! nich du? Ach, er war ja
wohl nich so ganz bei sich, denk ich man. Wie er tot war, dacht ich, nu kriegt
ich 'n bchen Ruh. Nu kam das.
    Josefine sah wie erschreckend auf das Notizblatt, das mit Zahlen bedeckt
war. Sie hatte diese Ziffern geschrieben, sie hatte die Summe der Knopflcher
berechnet, whrend die Arme vor ihr den kurzen, furchtbaren Bericht gab ber
das, was ihr Leben gewesen war.
    Die Tatsache traf Josefine wie ein unerwarteter Blick in den Spiegel. Sie
erblickte sich selbst, und sie sah in ihrem eigenen Bilde das Bild aller
Menschen ihrer Kaste und ihres Berufes.
    Ja! ja! ja! das sind wir! so sind wir! wir rechnen, whrend sie verbluten!
Wir rechnen, und wir glauben, da wir etwas fr sie tun, wenn wir die
Schweitropfen zhlen, die sie fr uns vergieen!
    Das ist die Wissenschaft! So ist ihre Stellung zum lebendigen, leidenden,
blutenden Leben!
    Nie, nie, nie wird dem lebendigen, leidenden blutenden Leben durch die
Wissenschaft Hilfe kommen!
    Es ist alles Lge und Betrug!

Oft noch in spteren, stumpferen Jahren gedachte Josefine dieser Augenblicke vor
der verstmmelten Kranken, wo in ihre bittere Verzweiflung die ersten Tropfen
der Selbstverachtung geflossen waren.
    Und sie gedachte auch, wie mitten in ihren angstvollen Selbstanklagen der
behandelnde Arzt zum Verbinden hereinkam, sauber und wichtig mit einem Geruch
nach Wein und einer Jovialitt, die gleichfalls vom Wein herrhrte, und wie
geschftig er von Bett zu Bett eilte, und wie er ber die alte Frau lachte, die
im Delirium lag und unanstndige Lieder sang, und wie er sie ermunterte, mehr
dergleichen zu singen. Er lachte wie gekitzelt. Und wie wrde er erst gelacht
haben, wenn man ihn gefragt htte, warum er sich so wichtig und vortrefflich
vorkomme.
    Und Josefine erinnerte sich spter, wie ihr an dieser Stelle die
Phylloxera-Kommission eingefallen war und ihre ausgezeichnet wichtigen und
wrdigen Mitglieder.
    Der Vater hatte Josefine von diesen vortrefflichen Herren erzhlt, nachdem
er ihren Bericht entgegengenommen.
    Nach der streng sachlichen Berichterstattung hatte eines der
Kommissionsmitglieder ein hbsches, kleines Frhstck gegeben und dabei ein ganz
klein wenig zu viel getrunken. Und in diesem Zustande hatte das wrdige Mitglied
einen hbschen, kleinen Trinkspruch ausgebracht auf - die Phylloxera, die sie
hier so freundschaftlich vereinigt, die ihnen eine so ersprieliche Ttigkeit
erffnet, und die sie hoffentlich noch recht oft so freundschaftlich
zusammenfhren werde.
    Aber die Phylloxera wird, denk ich, bald vertilgt sein! hatte Plattner
ganz bestrzt gerufen.
    Worauf der Trunkene treuherzig erwidert: Wollen's nicht hoffen. Da wr ja
die Phylloxera-Kommission auf einmal berflssig.
    Mglich oder unmglich, den gegenwrtigen Zustand zu ndern, dachte Josefine
- um die Mglichkeit handelt es sich gar nicht. Es handelt sich darum, da die
Phylloxera-Kommission von der Phylloxera lebt, und da sie brotlos ist, wenn die
Phylloxera vertilgt wrde. Es handelt sich darum, da der Arzt von der Krankheit
lebt, und da es in seinem Interesse liegt, wenn die Gelegenheit nicht
ausstirbt, fr die er seine Kenntnisse erworben hat.
    Wie die Made im faulen Fleisch, wie der Richter im Verbrechen, so sucht und
findet der Arzt und das Heer seiner Gehilfen in den Krankenhusern und Kliniken
eine auskmmliche Existenz. Und darum liegt es im Interesse der Interessenten,
da faules Fleisch, Verbrechen und Krankheiten immer in gengender Masse
vorhanden seien; und alle Reden von Humanitt, Wohlfahrtseinrichtungen,
Fortschritten der Zivilisation sind bei der heutigen Ordnung der Dinge und im
Munde der sich darin Wohlbefindenden Lge und Betrug!

So schwer war fr Josefine in dieser Zeit das Leben.
    Auch die Arbeit versagte.
    Josefine hatte arbeiten wollen, weil sie in der Arbeit Betubung suchte.
Aber mitten in der Betubung durch die Arbeit war in ihr durch die Berhrung mit
dem leidenden, blutenden Leben ein hherer Sinn und ein hherer Anspruch
erwacht.
    Jetzt wollte sie arbeiten um des Nutzens willen, den ihre Arbeit den
Menschen bringen sollte, und nun verzweifelte sie, da ein solcher Nutzen
aufzufinden sei.
    Sie fhlte sich einsam und ohne Zusammenhang mit den Menschen, wie ein
Sandkorn unter einem Berg von Sand.
    Das ist die einzige Anarchie, die vernichtet, dachte sie verzweiflungsvoll,
unsere heutige Ordnung, wo keiner sich um den anderen kmmert! Wir studieren!
studieren! studieren! Aber nachher halten wir uns absichtlich die Augen zu, um
uns nur ja auf das zu beschrnken, was unseres Amtes ist. Und jeder hat ein Amt,
und jeder hat eine Spezialitt, und von Amt zu Amt und von Spezialitt zu
Spezialitt gibt es keine Verstndigung. Und Amt und Spezialitt haben den
Menschen aufgefressen. Und nirgends ist eine Stelle, wo alle menschlichen
Ttigkeiten zusammenmndeten!

                                  Drittes Buch


Wer war der Mann, der eben von Ihnen wegging?
    Bernstein hockte vor seinem Ofen, hatte alles herausgeworfen und hielt den
Rost zwischen den geschwrzten Fingern. Mit hinaufgezogenen Augen und
halboffenem Munde sah er sich nach der Fragerin um.
    Josefine stand da, als ob sie mit der Tr hereinfallen wolle: die Arme weit
geffnet, eine Hand am Rahmen, die andere am Drcker. Ein leichter Zug strubte
ihr lockeres dunkelbraunes Haar an den Schlfen auf und machte die Papiere auf
Bernsteins Schreibtisch zittern.
    Der Hockende zog seine langen Beine unter sich; die schmalen knochigen
Schultern schoben sich gegen die Ohren hinauf; ihn fror in dem schwarzen
russischen Hemd aus leichter Wolle. Ech! grmelte er, kommen Sie - extra -
deshalb - zu - mir - herein? Das - ist - sonderbar!
    Warum sonderbar? Die blasse Frau mit den hochgeschwungenen Brauen sah
starr und gespannt auf den Kollegen und Hausgenossen zu ihren Fen. Warum
sonderbar? wiederholte sie und schien kaum zu wissen, was sie sagte.
    Bernstein blinzelte verwundert mit den hellgrauen gutmtigen Augen.
Erstesmal hre ich von Ihnen: wer ist dieser Mann!
    Eine leise Verwirrung kam in Josefines starres Gesicht. Kann ich nicht
fragen?
    Nein! brummte Bernstein, in den Kohlen whlend, erstesmal hre ich von
Ihnen so eine neugierige Frage.
    Ich habe keine Zeit, machte Josefine, und ihr Fu begann nervs auf dem
Boden zu arbeiten, ich mu fort.
    Ech! es ist kalt, machen Sie die Tr zu.
    Gleich. Ich mu ja gehen. Nun?
    Bernstein betrachtete sie prfend, unangenehm berrascht. Er nieste. Ech!
mir gefllt nicht. Erstesmal sprechen Sie wie russische Frulein: Wer ist er?
Wie heit er? Wie heit seine Familie? Ech!
    Gut, mit Ihnen kann man heut nicht reden. Josefine schlo die Tr halb.
Was fehlt Ihnen?
    Es ist kalt! schrie Bernstein in scheinbarem Grimm, ech!
    Die Sonne scheint, erwiderte sie und blickte nach dem Fenster, durch das
ein breiter bernsteingelber Februarsonnenstreif hereinkam und ber den
Parkettboden spielte.
    Die Sonne scheint. Ihre Stimme klang erregt, ihre Augen hatten einen
intensiven Blick nach auen.
    Warum sind Sie heute - so - so - offenherzlich? Sie sehen aus - so - so -
    Wie seh ich aus? fragte Josefine in abwesendem Ton.
    Ich wei nicht! Bernstein warf die Ofentr zu, da es wie ein Schu klang.
Dann reckte er seine langen Arme, als ob er eben aufgestanden wre; er sprang
auf und klopfte oberflchlich die Asche von seinen braunen abgetragenen Hosen.
Das Feuer knisterte. Erbarmen Sie sich meiner! Kommen Sie herein. Bernstein
nahm der Kollegin den Trgriff fort und schob sie sanft ins Zimmer. Und so
weiter, machte er schelmisch, einladend, oder wollen Sie schon fort?
    Ja. Leben Sie wohl, ich habe keine Zeit, beharrte sie zerstreut.
    Nein, einen Augenblick. Er hatte ihr einen Stuhl hingeschoben, den
Korblehnstuhl, in dem er selbst gewhnlich sa, und den er mit einer
selbstgenhten rotbunten Decke aus russischem Kattun verziert hatte.
    Josefine setzte sich flchtig.
    Was wollen Sie von mir? fragte Bernstein, indem er auf und ab ging und die
Arme bereinander schlug wie ein Kutscher.
    Mir liegt absolut nichts daran. Josefine griff nach einer Broschre und
schlug sie auf.
    Sehen Sie mal, machte Bernstein kopfschttelnd und den Zeigefinger der
linken Hand erhebend, sehen Sie mal, wie Sie sind.
    Wie bin ich?
    Ich wei nicht. Er ging wieder auf und ab.
    Pltzlich zeigte sich auf seinem brtigen Gesicht ein spitzbbisches
Lcheln, das ihn zu einem kleinen Buben von fnf Jahren machte. Man mu ihm
sagen! Er wird sich sehr freuen.
    Wer? Was? Josefine stand auf.
    Ja, man mu ihm sagen! Mein Kamerad wird sich freuen, neckte Bernstein
lachend.
    Ach, mit Ihnen kann man heut nicht reden! Ist er Russe?
    Russe? Wieso nicht? Meine Kameraden sind Russen, hoffentlich. Laufen Sie
schon? Sitzen Sie!
    Sind die Russen so schwarz?
    Er ist ziemlich schwarz. Haben wir in Ruland viele Vlker. Wie Sie singen
in Ihre Geidelberg: Mein Vaterland mu grer sein.
    Josefine lchelte schwesterlich. Ach, Bernstein, Ihr Deutsch ist ein Elend.
Immer sprechen Sie Geidelberg; ha - hei - Heidelberg! Sie hauchte es ihm vor.
    Ech, diese deutsche Sprache! Weite ich schon lange, aber werde lernen
niemals. Etwas Unglaubliches! Immer werde sprechen Geidelberg.
    Josefine blickte in die Broschre, aber sie las nicht. War er auch in
Heidelberg mit Ihnen?
    Bernstein starrte sie an. Was ist das? Erstesmal sind Sie so - so -
begeisterungsvoll! Man mu ihm unbedingt sagen. Er wird sich sehr freuen,
wiederholte er neckend.
    Das werden Sie nicht tun. Josefine richtete ihre ernsthaften Augen gerade
auf seinen spottenden Mund.
    Bernstein jauchzte fast; er duckte sich und lachte: Was brauchen Sie von
ihm? Was kmmert Sie? Das ist interessant! Soll ich ihm sagen?
    Aber Josefine wurde immer ernster; ein fast drohender Zug erschien auf ihrem
erregten Gesicht. Wenn ich Sie nicht besser kennte, so wrd ich heute glauben,
da Sie mich noch kein bitzeli kennen, sagte sie streng und traurig und warf
das Heft hart auf den Tisch.
    Bernstein hrte zu lachen auf. Er wurde verlegen, ging wieder an den Ofen
und rasselte mit der Tr. Pltzlich sagte er mit unglubigem, in sich gekehrtem
Ton, ganz leise: Ja, er hat mich auch gefragt.
    Ein jhes Errten lief ber Josefines Zge, das sie verwirrte, verjngte,
auer sich brachte. Wirklich? Es klang wie ein zerdrckter Schrei.
    Bernstein wurde rot und kehrte sich schnell ab. Scheint es mir, Sie haben
ihm das Tr aufgemacht.
    Mit gesenktem Kopf, mit drstend geffneten Lippen sagte sie: Was hat er
gefragt?
    Kommt zu mir und fragt: Wer war diese hoche Frau? War das Sie?
    Josefine prete das Heft in ihrer Hand fest zusammen. Ich nehme das mit,
stammelte sie mit zuckenden Mundwinkeln und war hinaus.

Mde und abgeqult kam Josefine aus der Klinik.
    Es war Sonntag.
    Sie kam von denen, wo nie Sonntag ist, und sie hatte selbst keinen Sonntag.
Ihre Kleider waren voll vom Geruch des Jodoforms. Ihre Hnde hatte sie wie immer
mit der Sublimatlsung gewaschen. Ihre Lungen atmeten beklemmt nach dem
stundenlangen Aufenthalt in den kranken Dnsten. Vor ihren Augen standen
hliche Bilder. Die Verbrannte, die den Mund nicht schlieen konnte, die
entsetzliche ...
    Aber noch hrter hatte es sie getroffen, das kleine Webermdchen nicht mehr
zu finden. Es hatte so gute Fortschritte gemacht, hatte ein wenig Fleisch auf
den Bckchen. Aber nun war die gute Zeit fr das Mdchen zu Ende. Die Eltern
konnten nicht, die Gemeinde wollte nicht lnger fr sie zahlen. Sie war also
fortgebracht worden, um daheim gesund zu werden.
    Sie wird nicht gesund werden, sie wird sterben, und vorher wird sie sich
ohne Pflege, und vielleicht sogar mit Arbeit beladen, elend abqulen, und sie
wird ihre kleinen Geschwister anstecken, dachte Josefine. Und dann wird man die
Geschwister hierher bringen, eins nach dem anderen, kleine, gelbe, blutlose
Geschpfe mit bergroen anklagenden Augen, und wir werden sie eine Weile hier
behalten, sie behandeln und pflegen und sie dann zurckschicken zum Sterben.
    Wie immer nach besonders schmerzlichen Eindrcken war es Josefine unmglich,
sogleich zu ihren Kindern zu gehen.
    Heut war ihr Verlangen nach viel Luft, nach viel Stille, viel Einsamkeit
besonders gro.
    So ging sie denn, langsam aufsteigend, die Straen am Zrichberg hinan. Wer
einmal aufatmen knnte! dachte sie unablssig, whrend sie, gegen den Wind
kmpfend, der ihre Kleider an ihrem Krper festklebte, zwischen den
heimkehrenden Familien mit lustigen Kindern sich vorwrts arbeitete.
    Oder ist es der Fhn, der mich heute so schlaff macht? Sie blickte zerstreut
um sich. In harten Linien, indigoblau und schwarz, standen die nahen Berge, die
Schneegipfel waren verhllt. Schnell sich ballendes und zerreiendes Gewlk
bedeckte den lichtgrauen Himmel. Die schwarzen Bume bebten bestndig, auch wenn
der Sturm schwieg, wie von einer inneren Aufregung geschttelt. Warm war es, der
Boden na; auf den gelblichen Matten grten und dampften die Dngerhaufen. Die
Spiegelmeise sang ohne Unterbrechung, atemlos; die Sperlinge schrien.
    Es wird wieder Frhling; ber acht Tage brennen die Fastnachtsfeuer, dachte
die Einsame mit einem Seufzer, und ihr Leben erschien ihr wie ein schwerer,
entsetzensvoller Traum. Einmal aufwachen und frei sein! Ach! Und sie atmete tief
und mit einer bewuten Heftigkeit die starken, feuchten Lfte.
    An der kleinen schmucklosen Flunterer Kirche mit dem schwarzen Dach und den
schmalen Fenstern ward sie aufgehalten. Aus zwei Wagen stieg eine lndliche
Hochzeitsgesellschaft, dunkle Kleider, sonnverbrannte Gesichter, ohne Jugend,
ohne sichtbare Freude. Die Braut in ihrem grnen Wollenkleide, mit dem weien,
knstlichen Kranz im Haar, ging mit festen Tritten, und ohne sich um jemand zu
kmmern, geradeaus. Der Brutigam, rot und ngstlich unter seinem hohen
Zylinder, sprach ber die Schulter weg mit einer lteren Frau, die ihm ein
groes weies Tuch in die Rocktasche stopfte.
    Josefine sah gedankenlos zu, wie die geschftigen Leute unter das kleine
geschnitzte, von zwei Holzpfeilern getragene Schutzdach traten, wie sie die
gelbe, mit Messingngeln verzierte Tr zurckschlugen, wie sie langsam, zgernd
im dmmerigen Inneren des Kirchleins verschwanden.
    Hier bin ich auch getraut worden, murmelte sie. Josefine liebte dies weie
Kirchlein, die Stelle, wo es liegt, ber der Stadt, wie auf einer vorgeschobenen
Klippe. Und sie liebte den von drei lndlichen Husern begrenzten,
unregelmigen Platz oberhalb der Kirche mit seinem offenen Brunnen und mit dem
Blick nach drei Seiten steil abwrts durch drfliche, gartenreiche Straen, mit
Weinbergen, Obstbumen, offenen Gartenpfrtchen und bewachsenen Mauern.
    Aber heut war alles trbfarbig, und der Blick weit hinab ber den sonst so
reizenden Vordergrund auf den blaugrnen See erschien hart, die Silhouetten der
Huser wie ausgeschnitten, der See kaum vom Himmel unterschieden.
    Der goldene Zeiger auf dem himmelblauen Zifferblatt der kleinen Turmuhr
stand auf fnf.
    Ich mu zurck. Die Kinder warten auf mich. Laure Anaise auch. Und ich habe
so viel zu tun!
    Aber sie ging langsam aufwrts, nicht zurck. Der Fhn brach pltzlich
hervor zwischen den Husern wie aus einem zusammengepreten Sack. Er zischte und
heulte und drngte sich hinter den Ecken hervor; er schien aus jeder Richtung zu
kommen. Die ziegelroten und rostgelben Bltter der Gebsche raschelten wie
gefegt zu Boden und hpften wie Frsche.
    Da mu ma fescht hinschtehe, da ma net umkait4 wird, lachte ein Alter mit
einer Pelzmtze und blies Josefine frhlich seinen Pfeifendampf ins Gesicht.
    Noch ein paar Schritte, dachte sie, und sie lie sich weiterdrngen, immer
hinauf. Und schon fhlte sie die Wohltat der schnellen Bewegung, und der Kampf
mit dem Winde belebte sie.
    Noch ein Stckchen! Nur bis zum Waldrand!
    Einzelne Huser nur standen hier zwischen den Gtern, aber sie hatten etwas
so traulich Einladendes. An einem langen, niederen Hause mit grnen Lden war
ein Fenster offen, und ein lockiger Mdchenkopf drohte und lachte hinaus zu
einem Mann in grnem Schurz, mit einer Handsge, der unten stand und sich eine
lange gelbe Hobelspanlocke an dem gestrickten braunen Wams vorn befestigt hatte.
Das Mdchen bot ihm einen Fastnachtskuchen fr die Locke, aber er wollte sie
nicht hergeben, sondern streichelte sie mit den schwrzlichen Fingern und
versuchte zugleich mit dem Griff der Handsge den Kuchen dem Mdchen aus der
Hand zu schlagen.
    Ein leises Lcheln kam die Einsame an, als pltzlich der Kuchen herunterfiel
und unter dem Siegesgeschrei des Bewerbers im stacheligen Dorngestrpp
zerbrckelte.
    Bis zum Waldrande.
    Die Huser und Menschen blieben hinter ihr, kein Spaziergnger war zu sehen
auf dem schmalen, steilen Wiesenpfad.
    Ein breitwipfliger Baum an der Halde schttelte einen blitzenden Regen in
das Gras, das im Schatten noch bereift war. Der Meisengesang klang wie eine
Glasglocke durch den Sturm.
    Es wird wieder Frhling, dachte sie und bckte sich zu den ersten Blumen am
Rain, ein paar Marienblmchen, die kurzstengelig und gro, mit rotgesumter
Scheibe, sich an den Boden drckten.
    Und ich bin noch stark, und es wird wieder Frhling.
    Sie blickte nach der Sonne, die wie eine riesige rote Marienblume auf dem
tliberg sa. Ein violettroter Dampf fllte das Tal, die Stadt schien im Qualm
zu ersticken, aber nun wurden pltzlich die Berge frei, und die Firnen errteten
in ihrem sanften, goldigen Rosenglanz. Der See zu ihren Fen war eine
goldberflimmerte Schale. Die zerflockten Wolken strahlten in Regenbogenfarben
wie das Prachtgefieder eines Riesenvogels.
    Ist das der Paradiesvogel? hatte Rsli sie neulich gefragt, als die Sonne
so schn unterging.
    Josefine lchelte, vor ihren Augen schwammen rote und grne Kreise, und eine
Art Schwindel ergriff sie von der Blendung.
    Da kam aus dem glhenden Abendrot jemand den schmalen Pfad, den sie hinan
wollte, herabgegangen.
    Es war ein hochgewachsener, schlanker Mann.
    Die eigentmlich stolze Haltung, die ihn von allen Menschen unterschied,
welche Josefine je gesehen, machte, da sie ihn von weither erkannte: es war
Bernsteins Kamerad.
    Er trug den Hut in der Hand, die Stirn hoch. Und von dieser breiten, blassen
Stirn ber den dunklen Augen schien etwas Glnzendes und Beglckendes
auszugehen.
    Er kam heran, und die groen, weitgeffneten Augen zogen sich zusammen und
wurden freundlich: wie ein Sternenregen von guten Wnschen sprhte es aus ihrer
Tiefe ber die ihm Begegnende.
    Weit schwenkte er den groen Hut im Bogen zur Begrung und ging ein wenig
auf den steilen Wiesenbord hinauf, um nicht hart an ihr vorbeizustreifen, denn
der eingeschnittene Pfad war fr zwei zu schmal.
    Ohne sich aufzuhalten, ohne den Schritt nur zu verlangsamen, gingen sie
grend aneinander vorber.
    Josefine sah ihn einen Augenblick hoch ber sich, wie auf einem Postament;
einen Moment erblickte sie sein scharfes Profil mit dem lockigen Spitzbart wie
eine Kamee auf Goldgrund.
    Dann war er vorbeigegangen. Noch einige Minuten schritt sie vorwrts gegen
den schwarzen stummen Wald, aus dem die Krhen ihr entgegenkrchzten.
    Sie ging, ohne zu wissen, da sie ging.
    Vor ihr war noch dieser seltsame dunkle Kopf, ihr vertraut aus alten
Zeichnungen und Bildern. Aber dieser fremde Mann war ihr nicht nur aus alten
Zeichnungen und Bildern vertraut ... Von den Gedanken dieser Stirn glaubte sie
die meisten zu kennen ... Von der hellen berstrmenden Gte dieser ernsten Zge
hatte sie als junges Mdchen getrumt ... Er war also in der Welt?
    So reich war die traurige Erde?
    Josefine wendete sich jh gegen die Stadt zurck; rote Kreise und grne
Flecke tanzten ber das fahle Gras, ber die goldbraunen Bsche, ber den
violetten Abendhimmel, an dem keine Sonne mehr stand.
    So reich ist die traurige Erde?
    Und auf dem ganzen Heimweg brannten ihr die Wangen, und es war ihr, als sei
sie nur ausgegangen, um ihn zu suchen, den sie nicht kannte.

Bis Josefine zu ihrem Hause kam, war die Sonnenfeier vorber.
    Grau lag der Graue Ackerstein auf seinem Hintergrund von schwarzen Bumen,
und auf dem Platze vor der Treppe drngte sich ein Trpplein Buben. Sie waren
aneinander geraten, geballte Fuste stieen hinaus, zwei lagen am Boden und
pufften sich.
    Was gibt's hier? fragte Josefine hastig, steh auf, Hermannli, la los,
sag ich dir. Sie ergriff ihren Buben an der Schulter und zwang ihn,
aufzustehen.
    Verdutzt und verdrielich blickte Hermann die Mutter an. Seine Nase blutete,
die Augen waren verschwollen, der Sonntagsanzug beschmutzt. Wie er sich mit den
beschmierten Hnden durch das zerzauste dnne Haar fuhr, sah er nicht aus wie
ein Sieger, obgleich der stmmige, rotbckige Widersacher unter ihm gelegen
hatte.
    Du bist emal zugerichtet! Warum hast gerauft? fragte die Mutter,
widerwillig sein blasses, altkluges Gesicht mit den frischen Knabenzgen der
Kameraden vergleichend.
    Hermann schttelte seiner Mutter Hand ab. No, no, Mama, wir haben
Versammlung! Wegen em Faschtnachtsfer.5 Wir haben dann gefunden -
    Na, na - wir net, unser Lehrer hat g'funden - fiel der Nchststehende ein.
    Ja, 's wr geschieter, wir tten das Geld frs Faschtnachtsfer eme armi
Weible geben, unterbrach ihn Hermann in sicherem Ton.
    Schtatt da man's Holz unntig verbrennt, wo's so der6 ist, berichtete
ein ganz Kleiner.
    Eme armi Wibli, wo kein Mann mehr hat, schrie jemand aus dem Hintergrunde
und lachte hell auf.
    Noch einer lachte.
    Hermannli fuhr hastig herum nach der Stelle, von woher das Lachen kam. Er
holte zum Schlagen aus und traf seine Mutter in die Brust.
    Sie umfate ihn mit beiden Armen und hielt seine Hnde nieder.
    Das ischt der Ebstein, wo den saudummen Antrag geschtellt hat! schrie der
Bub und versuchte, sich zu befreien. Seine hngende Unterlippe zuckte, seine
Augen fllten sich mit Trnen ohnmchtiger Wut.
    Die Buben drngten pltzlich auseinander. Einige stellten sich an
entfernteren Bumen auf, andere gingen ganz fort, ohne umzublicken.
    Der Ebstein ischt 'n saudummes Luder! kreischte Hermann und wollte sich
nicht ins Haus ziehen lassen.
    Josefine fhlte den alten Druck auf dem Herzen zurckkehren.
    Sie haben ber mich gesprochen, die Kinder auf der Strae spotten ber mein
Unglck, dachte sie, und ihre Hnde wurden schlaff.
    Em armi Wible, wo kein Mann mehr hat! hhnte ein verhallender,
unterdrckter Ruf aus der Ferne.
    Hermann ri sich los und sprang mit seinen langen, schlanken Beinen ber
einen Zaun, hinter dem er den Sptter vermutete.
    Das ist mein Leben, dachte die Unglckliche, das ist mein Leben.
    Die Buben hatten sich alle verlaufen, die Versammlung war zu Ende. Hermann
kam zurck; er weinte laut und ohne alle Beherrschung; er hatte seinen Gegner
nicht gefunden und drngte sich rcksichtslos an der Mutter vorber in die
Haustr. Der Anblick seines verzerrten nassen Gesichtes erinnerte sie qualvoll
an ein anderes, das sie ebenso na von Trnen und verzerrt von Wut gesehen. Sie
hatte Mhe, sich zu bezwingen.
    's ischt nit der Wert, sich aufzuregen! komm! sagte sie.
    Aber der Bub stie ihre Hand von sich. Wo ischt der Pappe? heulte er, sie
sagen so Zegs7 - i will zum Pappe! I lauf denn emal in d' Welt, du wirscht
schon sehn. Er sait - weit, was der Ebstein sait? er sait, wir sollten 's Geld
dir geben, du hbist auch kein Mann und seiest 'n armis Wible.
    Seine matten, grauen Augen glitzerten rachschtig und tckisch, und doch war
etwas unsglich Elendes, Erbarmungswrdiges in diesem hlichen Jungen, der
schon zusammenbrach unter einem schweren Schicksal.
    Schweigend legte die Mutter den Arm um seine dnne Gestalt und zog ihn mit
die Treppe hinauf und in ihr Schlafzimmer.
    Dort stand sie eine Weile wortlos mit ihm, der in ihren Arm
hineinschluchzte.
    Ein armes Weib ist deine Mutter, Bub, sie haben ja recht, flsterte sie
seufzend in sein Haar, ein armes Weib ...
    Wie der Knabe heftiger weinte, besann sie sich.
    Aber so arm nit, das weit ja auch. Mut dir nichts draus machen ...
    Hermann erhob sein Gesicht. Ischt der Pappe tot?
    Nein.
    Kommt er emal heim?
    Ja.
    Wo ischt der Pappe?
    Du weit 's ja, Hermannli.
    's ischt nit wahr! winselte der Junge, meine Kameraden sagen - der Pappe
sei net in Afrika, er sei wo anders -
    Josefine drckte sein weinendes Gesicht fest an ihre Brust. Sie bebte vor
Entsetzen, und doch schien es ihr ja natrlich, da dieses Schreckliche einmal
kommen mute. Hatte sie es nicht erwartet?
    Wenn er die Wahrheit wei, so kann er nicht hier bleiben, das hlt ein Kind
nicht aus, fhlte sie, und ihr Atem stockte vor Angst.
    Ich werd's wohl besser wissen als deine Kameraden, machte sie, hr nur
auf mich.
    Schwr, Mamme! flsterte der Bub mit verstecktem Kopfe.
    Ja, ja, ich schwr's!
    Hermannli fuhr in die Hhe, sein Gesicht vernderte sich. Mamme, Mamme,
jetzt hast du geschworen! rief er in sonderbarem Ton, anklagend, drohend,
zweifelnd.
    Josefine versuchte zu lachen. Warum nit gar schwren! Eure Rede sei ja ja,
nein nein, weit es nit? hast's ja gelernt!
    Nein, nein, nein, Mamme! schrie leidenschaftlich der Junge, es hilft dir
nit, du hast geschworen! Er begann hin- und herzuspringen wie besessen,
pltzlich rannte er aus der Tr. Ich sag's dem Ebstein! dem Ebstein!
    In Hut und Cape blieb Josefine sitzen, stumpf und ratlos.
    Ein Netz um sie, ber ihrem Kopf, um ihre Glieder ...
    Kein Schritt frei ...
    Die Zukunft schwarz ...
    Und die Kinder?

Da erscholl Rslis Vogelstimmchen vor der Tr: Mamme, Mamme!
    Und nun war das Vgelchen drinnen, hpfte um die traurige Mutter hin und her
und sah nichts von ihrer Trauer.
    Mamme! Mamme! ich sage dir ppis! Ich sage dir ein schnes Geheimnis! Meine
se Mamme, es ist so schn! es ist im Keller! du mut in den Keller mit abi! Es
ist zwischen den Kartoffeln und Kohlen! O! ich habe es entdeckt, aber es ist ein
Geheimnis! du darfst es keinem Menschen auf der ganzen Welt sagen, auf der
ganzen Welt, Mamme!
    Ich bin mde, sagte Josefine und lehnte sich in den Stuhl zurck. Ich bin
weit gegangen und mde, mein Rsli, ein andermal!
    Das ungestme Kind kletterte auf der Mutter Scho und nahm ihr den Hut ab.
Es schmiegte sich an ihre Backen. O nein, Mamme, gleich, gleich: das Geheimnis
ist so schn! du mut es sehen! Du mut aber schwren, da du es keinem Menschen
sagst! Schwr! nun? schwr! So! man nimmt zwei Finger, sagt Laure Anaise!
Rslis wilde, braune Locken tanzten. Sie hatte ihr Schrzchen von einer Schulter
herabgerissen und schlug heftig und nervs mit dem freien Zipfel um sich,
whrend sie sich auf der Fuspitze drehte. So machen wir's in der Turnstunde,
Mamme! gleich komm! gleich komm! ich turne immer mit den schwersten Hanteln! Ich
kann sie so hoch aufheben!
    Whrend Josefine aufstand, sprang die Kleine auf einen Stuhl und reckte die
rmchen gerade gegen die Decke, dann sprang sie der Mutter jauchzend auf den
Nacken.
    Das Geheimnis! das Geheimnis! ist - wei! ist - schn! ist - wei! ist -
wei! sang sie ber die Treppenstufen und schttelte ihr Haar. Dann kehrte sie
um und holte ein Schchtelchen Streichhlzer. Das Geheimnis ist im Dunkeln,
Mamme; darum ist es gerade ein Geheimnis, flsterte sie mit groen Augen. Dir
allein, Mamme! dir allein. Mit ihren eigensinnigen kleinen Hnden drehte sie
den Schlssel im Vorhngeschlo und zndete die Hlzchen an, glcklich, die
Mutter einmal zu haben, ganz nah, ganz fest, und ihr etwas zu zeigen, etwas
Merkwrdiges, etwas ... Hier! hier ist es! hier! Triumphierend leuchtete sie
mit dem blauen Flmmchen in eine Ecke hinein, zwischen die Kartoffeln, die
lange, weie Keime getrieben hatten, mit denen sie nach Licht und Erde zu tasten
schienen. Eine Blume! ein schnes Geheimnis! sieh!
    Die Mutter hielt ihr Mdchen an der Hand; ihr ernstes Gesicht hatte die
ngstliche Spannung verloren. Ja, Rsli, ja, mein Liebling.
    Eine merkwrdige Ergriffenheit berkam Josefine vor dieser Blume in dem
schwarzen, schmutzigen Keller, vor dieser zarten Hyazinthe, deren vergessene,
weggeworfene Zwiebel hier in der hlichen Dunkelheit einen Scho getrieben,
einen Bltenschaft getrieben hatte.
    Bei dem unsicheren, immer schnell verlschenden Streichholzlicht beugte sich
Josefine mit ihrem Kinde an der Hand ber das duftende Wunder des Lebens.
    Wei, Mama, ganz wei! flsterte die Kleine feierlich. Siehst du es
jetzt? ist es nicht ein schnes Geheimnis?
    So schn, so einfach, so selbstverstndlich erhob sich aus dem dunklen Eck
die weie Pflanze. Ganz fest und aufrecht stand sie auf den vielen nackten,
weien Wurzeln wie auf ihren eigenen Fen. Wei die Wurzeln, wei die Zwiebel;
die Bltte nicht grn, die Glocken nicht rot oder blau, alles wchsern bleich
und doch nicht krank oder verkmmert. Reizend gebogene Bltter mit feinen,
wasserklaren Lngsadern, weie durchscheinende Glocken, so zart, so klar, da
der weie Klppel durch die Wandung schien. Ein Mrchengebilde, keine
Wirklichkeit, ein Idealbild ihrer selbst, eine Blume des Traumes, eine Hyazinthe
der Phantasie ...
    Mutter und Kind hielten sich fest umschlungen. In Josefine klang eine neue
unfabar schne Melodie. Der Fremde und die Blume und das Kind? waren sie sich
nicht in irgend einer Art verwandt? war da nicht eine seltsame, verwirrende,
entzckende hnlichkeit?
    Ist die arme Erde so reich? Woher kommt dies neue beseligende Licht? Wunder
ber Wunder!
    Mein Kind! hauchte sie, meine se berraschung, meine neue Blume! Was
entfaltet sich vor mir? War ich blind?
    Und das Kind fhlte die Zrtlichkeit der Mutter wie warme Wellen ber sich
rinnen, und es bebte und schauerte vor Glck ... Was werden die Schmetterlinge
zu ihr sagen, wenn sie sie sehen, Mama?
    Josefine seufzte, pltzlich erschreckend. Kein Schmetterling wird sie
besuchen, mein Kind.
    Aber die Bienen? was werden die Bienen sagen?
    Es ist Winter, mein Rsli, die Bienen schlafen ja alle.
    Aber die Sonne, Mama?
    Die Sonne, mein Kind? Nein, die Sonne darf diese Blume nicht sehen.
    O - wie schade! Mama, wie schade! Warum darf die Blume die Sonne nicht
sehen?
    Wenn die Sonne sie trifft, dann wird die Blume sterben und verdorren.
    Rsli hielt eilig die Hndchen ber die Blume. Sterben und verdorren? Nein!
Ich will ein Huschen machen mit den Hnden. Sie soll nicht sterben! nicht
sterben! Schon zitterte Trauer in des Kindes Stimme. Mama?
    Die Mutter - aber sie war sehr jung in diesem Augenblick - streichelte des
Kindes Haar. Der Mond wird sie bescheinen, und sie wird leuchten, schner als
alle Blumen, sagte sie trumend. Leuchten in berirdischer Schnheit, und
ihresgleichen wird nicht sein unter den Blumen des Waldes, des Gartens und der
Wiese!
    Entzckt kte die Kleine ihrer Mutter Kleid. Ja! ja! ja! flsterte sie
wie berauscht. Mehr, Mama! mehr, mehr!
    In Dunkel und Vergessenheit, im schmutzigen, traurigen, lichtlosen Loche
ist sie aufgeblht, trumte die Frau dem horchenden Kinde ins Ohr, und ihre
Schnheit ist nicht die Schnheit dieser Welt; sie ist zarter, feiner,
therischer als die Blume der Sonne, und fleckenlos steht sie inmitten des
Schmutzes und strahlt nur umso heller und duftet nur um so berauschender ...
    Die Kleine hob die Arme empor. Ist das Mrchen aus? Du weit so schne
Mrchen, Mamme! Aber - ist es nicht traurig?
    Das Stimmchen hallte wie ein Schluchzen aus.
    Vielleicht auch traurig, sagte Josefine vor sich hin.
    Und bleibt hier ganz allein?
    Wir kommen alle Tage.
    Arme Blume! gelt, Mama?
    Arme Blume.
    Ganz allein, Mama!
    Ganz allein -

Josefine hatte immer wesentlich in Mnnergesellschaft gelebt. Schicksal oder
eigene Neigung oder beides abwechselnd hatte sie mehr den Frauen entfernt, den
Mnnern genhert.
    Frh verlor sie die Mutter, frh wendeten sich die Schwestern von ihr ab.
    Ein kluger, guter Vater, der sich treu bemhte, ihre Gaben zu entwickeln,
ein strebsamer Bruder, der mit ihr lernte, gaben ihr Ersatz fr die Verlorenen.
Als der Bruder in jungen Jahren auf Java verunglckte, wohin eine Studienreise
ihn gefhrt, schlo sie sich mit schwesterlicher Neigung an einen Freund des
Verstorbenen, dachte, fhlte mit ihm. Der Freund war es, durch den sie Georges
Geyer kennen lernte, den einzigen Mann, der sie weder durch seine Gesprche noch
durch seinen Interessenkreis angezogen hatte, sondern den sie mit elementarer
Leidenschaft liebgewonnen, ohne sich je ber ihre Liebe Rechenschaft geben zu
knnen. Zwei gleich heftige Temperamente waren von einer Flamme entzndet
worden. Die Flamme erlosch bald bei dem Manne, um eine unselige, verdeckte,
glimmernde Gier zu hinterlassen, die sein Leben verdarb und das seiner Frau und
Kinder. Die Liebe der Gattin nhrte sich von Erinnerung und Hoffnung und von
einem zornigen, eifernden Mitleid fr den Ausgestoenen. In allem Elend fhlte
sie sich ihm gegenber als die Starke, die Sttzende, die Schtzende.
    Lngst hatte sie aufgehrt, fr sich von ihm das Geringste zu fordern, ja
nur zu erwarten.
    Von ihm oder von irgend einem anderen Manne, auer von dem Vater.
    Geben! geben! nur immer geben! Meine Arbeit, meine Gedanken, meine Seele,
mein Blut! Es ist gut, da ich etwas zu geben habe. Es tut wohl, dem Sturm die
Brust zu bieten.
    Und lchelnd gedachte sie ihrer Kindheit und der Begeisterung, mit der sie
einmal als kleines Mdchen einen schweren Pack fr ihren Vater getragen. Es
waren Bcher, und der Vater war auf der Versuchsstation, drauen vor der Stadt,
hatte aber lngst diese Bcher erwartet.
    Der Sturm blies sie vom Wege ab, als sie, ihr Bndel fest an die Brust
gedrckt, die steile, frischbeschotterte Strae hinaufkletterte. Der Sturm
entri ihr den Hut und entfhrte ihn weit ber die Matten, und sie mute ihm mit
dem schweren Pack nachspringen, und das Herz klopfte ihr vor Entzcken, da der
Pack so schwer und da die Strae so steil war. Mit der Brust gegen die Winde,
das hatte schon das kleine Mdchen gefhlt.
    Und als sie endlich beim Vater angekommen, da hatte er sie ausgelacht und
gesagt: Wohl! wohl! trag sie nur heim. Hier zwischen den Samenbeeten ist's
nichts mit dem Lesen. Und munter hatte sie wieder aufgepackt und war mit ihrer
Last bergab gesprungen.
    Damals war der Vater fr sie der erste aller Menschen gewesen.
    Spter waren es die groen Dichter und Knstler, die sie mit Anbetung
verehrte, lauter Tote oder Niegesehene.
    Dann, eine Weile, war es Georges ...
    Und dann, nach zwei, drei Jahren ihrer Ehe, gab es fr sie nichts
Verehrungswrdiges mehr, weder bei Mnnern noch bei Frauen, gab es fr sie
keinen Menschenglauben, keine Hoffnung auf die Zukunft mehr. Nichts war ihr
geblieben als der alte instinktive Drang, sich zu bettigen, etwas zu sein,
etwas zu geben.
    Und von diesem Drange hatte sie gelebt bis zu jenem Tage, da eine Hand aus
dem Nebel, eine warme, starke Hand die ihre streifte und ein heller, heier
Sonnengu die Finsternis verschlang.

Oft und oft war es Josefine peinlich und beschmend zum Bewutsein gekommen, da
sie unter Frauen und Mdchen wie verirrt, miverstanden und bespttelt oder
gefrchtet dasa, whrend sie im Verkehr mit Mnnern frei und zwanglos sprechen
konnte und offenes Entgegenkommen und selbstlose Frderung fand.
    Sie schmte sich, da sie den Frauen nichts zu sagen wute, und da die
Frauen sie nicht liebten, whrend die Mnner sie suchten. Sie schmte sich, da
Mnnerverkehr ihr unentbehrlich war, und da ihr die huslichen Angelegenheiten,
die kleinen intimen Interessen fr ihre Toilette und die ihres Hauses nicht
wichtig und anziehend erschienen.
    Was fr ein Mdchen sie ist! hatten die Kameradinnen gespottet, als sie
noch zur Schule ging.
    Was fr eine Frau sie ist! hatten die Schwestern und die Bekanntinnen
geklagt.
    Es ist wohl recht, wenn eine Frau Verstand hat, aber das Gemt ist die
Hauptsache, eiferten die anderen Frauen. Und als sich Josefine verheiratet,
hatten sie ihren Mann bedauert wie einen, der auf den Kuhhandel gegangen und
betrogen worden ist.
    Sie steckten die Kpfe zusammen: Der arme Mann! ob der auch emal Spieli8
kriegt oder Salwinli9 oder so ppis Urchigs?10
    Und als ber die Familie das Unglck hereingebrochen, als der Unselige ins
Zuchthaus abgefhrt war, da rechthaberten sie: No g'seaht mer's emal wieder,
wohin ds fhrt, wenn d' Frau nd ischt! Hat der arme Mann auch jemal bei seiner
Frau Spieli kriegt oder Salwinli oder so ppis Urchigs? Ja, ja, wo d' Frau nd
ischt, no kommt's Unglck g'schwind an enen Mann. 's ischt nur zum Beduere.
    Nein, mit diesen Frauen gab es kaum ein Verstndnis, und Josefine zog sich
zornig und verchtlich von ihnen zurck. Ihr tiefes inneres Feuer, ihre
Selbstndigkeit war den Mnnern etwas Verwandtes, den Frauen etwas
Bengstigendes.
    Immer breiter ward die Kluft, die Josefine von ihren Geschlechtsgenossinnen
schied. Immer bswilliger steckten sie die Kpfe zusammen.
    Sie lat sich net emal scheiden? Jo, warum net? Do schteckt ppis
Verdeckt's! Sie schtudiert als Frau mit drei Kindern? No ischt sie nd wert! so
ppis tut nmme guet! Den Mann hat sie bereits ruiniert, es nimmt uns nur auch
wunder, was das emal fr Kinder gibt?
    Und dann erzhlten sie sich wieder und wieder, was Josefine als junges
Mdchen ber die Kinderfrage gesagt.
    Sich grmen, weil man keine Kinder hat! Wie sonderbar! Kann ich mich grmen
um etwas, das ich nicht kenne? Bin ich selbst denn nicht auch ein Kind? Und
sollte ich an die ganze Welt, die da vor mir ist, so gro und wundervoll, nicht
denken, sondern an mein zuknftiges Kind? Und das Kind dann, wenn es ein Mdchen
wre, wieder an die ganze Welt nicht denken? Und so weiter und so weiter? in
alle Ewigkeit? Das ist doch dumm!
    Dumm, hat sie g'sait, przis dumm! 's ischt ppis Gefhrlichs in dem Maitli
g'si von Anfang. Sie hat so Meinunge g'habt! Ja, fr was braucht so e jungs
Maitli Meinunge zu habe? I bin so alt worde, aber nie, meiner Lebtag, htt i mir
so was traut.
    Und wie die Josy so gar nicht hatte nachfhlen knnen, da ein Mdchen sich
aus Sehnsucht nach Kindern mit irgend einem Mann, gleichviel mit welchem,
verheiratete! Nicht einmal glauben konnte sie's. Wie sie gelacht hatte!
    Ein Mann? aber das ist doch kein - wie sagt man? doch kein Werkzeug - kein
Mittel nur? das ist doch scheulich, so zu heiraten! Da bliebe ich doch ledig
und machte aus mir selbst etwas! Bin ich nicht selbst etwas? Irgend eine Blte?
irgend eine grne Spitze? Bin ich fr mein Leben nichts und nur etwas fr die
Zukunft? Ihr mt wohl schrecklich klug sein, da ihr so weit hinausdenkt. Ich
stolpere auf Schritt und Tritt, ich bin nmlich sehr dumm noch! Klein und
kindisch und mchte mich selbst entwickeln. Wenn ich selbst noch nichts bin,
wozu hat die Welt Kopien von mir ntig?
    Sie hatte gesagt: Kopien von mir, aber jeder fhlte, da es hie: Und
Kopien von dir und von dir und von euch allen! Unangenehme Augen hatte sie
gehabt, fragend und offenherzig und ernsthaft und unbequem; keine hatte sich in
ihrer Gegenwart so recht ausklatschen knnen, alle hatten sich bald abgewendet
und geseufzt: Ach, was fr ein Mdchen! was fr ein Mdchen!
    Seit Josefine studierte, sah sie kaum jemals mehr eine der frheren
Bekanntinnen. Um Sommerfliegen zu vertreiben, ist nur ein kleiner Wind ntig,
und ber das Geyersche Haus war ein Vernichtungssturm ergangen.
    Aber auch mit den Schwestern und Schwgern war jeder Verkehr abgebrochen.
    Da geschah es, da Josefine mit Bernstein und Zwicky aus dem Kolleg ging,
und da ihnen eine schlanke Dame in elegantem pelzbesetztem Kostm begegnete.
Sie hielt eine Lorgnette mit langem Stiel vor die Augen. Als sie in die Nhe der
drei Studenten kam, stutzte sie, errtete und ging quer ber die Strae nach dem
jenseitigen Trottoir.
    Josefine senkte den Kopf und erhob ihn dann pltzlich mit einer ihr
eigentmlichen, energischen Bewegung. Kommen Sie, Zwicky, sagte sie laut, wir
versperren den Weg.
    War das nicht -? begann der Student, mit verstrtem Gesicht der Dame
nachblickend, die in entgegengesetzter Richtung drben weiterging.
    Wohl ... ich habe sie gesehen.
    Grt nit emal?
    Ich bin's ja gewohnt. Wir haben sie, scheint's erschreckt.
    Verfluchte Sauerei! platzte der junge Mann los, ganz rot und beleidigt,
mit Falten auf der Stirn.
    Bernstein, der etwas voraufgegangen war, blickte sich schlau lchelnd um.
Ech, Ihre Schwester, glaub ich?
    Grt nit emal! wiederholte der Junge emprt.
    Bernstein schob den runden Hut noch mehr in den Nacken, er zuckte die
Achseln. Wozu brauchen Sie sie? Was brauchen Sie von ihr? Denken Sie, da sie
versteht gar nicht! Da Ihre Schwester ist eine Hausfrau - -
    Verfluchte Sauerei! schrie Zwicky.
    Eine Kaufmannsfrau! was versteht eine Kaufmannsfrau, fuhr Bernstein
gemchlich fort. War es sehr unangenhm fr Ihre Schwester! Man mu nicht bse
sein, nur ein bichen verstehen! Sehr unangenehm fr Ihre Schwester!
    Fr mich auch! knurrte der Schweizer.
    Bernstein stie mit dem Fu eine Orangenschale vom Trottoir. Nein. Es ist
sehr interessant! Sind Sie beleidigt? Ech, was kmmert Sie! Eine gewhnliche
Dame! nicht intelligent, ganz anderer Kreis, ganz andere Anschauung. Wozu haben
Sie diese Dame ntig?

Zwei Tage darauf erschienen Adele und Marie im Haus Zum grauen Ackerstein.
    Wieder war es Abend.
    Aber die Wohnung war nicht leer und traurig wie bei ihrem letzten
gemeinsamen Besuch. Alle Fenster schimmerten hell, und auf dem schmalen Korridor
hrte man die Stimmen lebhaft sprechender Menschen.
    Josefine kam heraus, angeregt, den Kopf hoch, die Augen glnzend.
    Neugierig blickten die Schwestern in die halboffene Tr hinter ihr, drei
oder vier Herren in eifriger Unterhaltung waren zu erkennen.
    Ach, du hast wohl Besuch? sagte Adele in frmlichem Ton, wir entziehen
dich deinen Gsten.
    Kommt herein, wenn ihr wollt! Es sind Kollegen - Josefine stand da und
blickte von einer der Schwestern auf die andere.
    Sie wehrten mit bertriebenem Schrecken ab. Wir? zu lauter fremden Herren?
Nein, das bringt nicht jede fertig! hstelte Marie und versuchte ihrem weichen
Gesicht einen strengen Ausdruck zu geben. Wir wollten dich allein, Josy.
    Josefine wendete sich ins Zimmer zurck.
    Frulein Helene, kann ich meinen Besuch in Ihr Zimmer fhren? Erlauben
Sie?
    Besuch? Damen? scholl eine krftige Stimme zurck. Unmglich! eine
schreckliche Wirtschaft bei mir. Alles voll Flickerei.
    Bernstein, kann ich in Ihr Zimmer?
    Keineswegs! keineswegs!
    Ein lautes Gelchter brach los.
    Zwicky kam zu Josefine hinaus, grte die Besucherinnen mit einem kurzen
Kopfruck nach seitwrts und sagte, whrend das Blut ihm in die Stirn stieg: Bei
mir ist's leidlich, Frau Josy, die Damen begreifen schon, da man arbeiten mu.
Und ohne sich weiter zu verabschieden, trat er trotzig den Rckweg ins
Wohnzimmer an.
    Verzeiht, sagte Josefine lchelnd, so ist's jetzt bei uns, aber der
Zwicky hat immer eine gute Ordnung, hier herein, bitte.
    Wollen wir nicht lieber in dein Schlafzimmer -
    Aber Marie fiel ihrer Schwester ins Wort. La nur, Adele, dort ist wohl
nicht geheizt, und ich huste immer noch. Wir sind ja auch nur gekommen -
    Hier ist Zwickys Bude, ich bringe sofort Licht, sitzt inzwischen.
    Die beiden saen im Dunkeln. Sie seufzten und beratschlagten.
    Adele! fang du an.
    Du hast herkommen wollen, Marie. Ich sagte und sage noch: vollstndig
hoffnungslos.
    Hat sie denn nit emal e Bedienung? Das ist 'ne Wirtschaft.
    Bohme, meine liebe Marie.
    Sie sieht aber sehr gut aus.
    Find ich auch! Sogar auf der Strae neulich. So jung!
    In einer Studentenbude uns zu empfangen! Unglaublich! Adele versuchte in
der Dmmerung des Zimmers, das eine Glastr hatte, etwas zu erkennen.
    Das ist wohl das frhere Wartezimmer. Ein hbscher Bursch, gelt?
    Wer? der Zwicky, meinst du? hbsch wohl, flott, aber er grte kaum.
    Josefine brachte die Lampe.
    Marie vernderte ihr Gesicht. Sie blickte sanft und kummervoll. So sehen
wir uns wieder.
    Wie geht's euch? wie lebt ihr?
    Und etwas zurckgelehnt in den Stuhl, die Arme gefaltet, das Kinn gehoben,
hrte Josefine den Bericht der Schwestern an. Ihre Augen wanderten an der Decke;
oft bemerkte sie, da sie ganze Stze nicht gehrt hatte. Dann, gezwungen, mit
fremdem, khlem Lcheln, blickten sich von Zeit zu Zeit die drei fremden
Schwestern ins Gesicht.
    Es ging ihnen wohl, sehr gut, ausgezeichnet, neue Geschftsverbindungen mit
Smyrna. Denke nur, Josy, ja, Lon ist auch sehr befriedigt zurckgekommen, er
ist so geachtet, aber ich habe nun schon ein Vierteljahr diesen nervsen Husten,
eigentlich nur ein Kitzeln, ja, eigentlich nur das, aber es macht mich
unglcklich, effektiv, und das ganze Haus, das ganze Haus wird dadurch
ungemtlich; denn wenn man nervs ist, kann man sich nicht so beherrschen, und
es gibt ja immer etwas mit den Dienstboten - die tglich anspruchsvoller werden
- und die Kinder - und dann in der letzten Zeit - Marie wendete sich
hilfesuchend nach Adele um, die schon ein paarmal ungeduldig dazwischenzufahren
versucht hatte und nun steif aufstand, um sich auf das kleine Sofa zu setzen.
    Entschuldige, Josefine, aber diese harten Sthle - ich mchte nicht
korpulent sein, habe die dicken Leute nie beneidet, aber so harte Sthle kann
man dann - nicht auf die Dauer -
    Ihr wolltet mir etwas Bestimmtes sagen? begann Josefine, whrend sie sich
bemhte, Adele ein kleines abgenutztes Wollkissen hinter den Rcken zu schieben.
    Eine unangenehme Stille trat ein.
    Adele streckte ihre rechte Hand aus, die in dem neuen, faltenlosen Handschuh
ganz wie von Holz aussah und berhrte Josefines Arm. Es gehen Gerchte! sagte
sie feierlich.
    Die Studentin blickte auf die hlzerne Hand und machte eine Bewegung, um sie
abzuschtteln. Sie runzelte die Brauen.
    Gerchte bis nach Basel, bekrftigte Marie. Und dann nach einer schweren
Pause gedankenvoll: Nein, das geht nicht! Das geht nicht.
    Adele fiel ein. Josefine - es geht nicht. Du mut Rcksicht nehmen. Die
Tante Ludmilla aus Basel ist hier!
    Die Studentin lachte hell auf, ein lautes, zorniges Lachen wie ein Schrei.
Und der alte Schuhu soll mich schrecken? Lebt sie immer noch? Und erbittert
ber alles Ma fgte sie hinzu: Suft sie noch so viel? Betet sie noch immer,
wenn sie nicht lstert oder flucht? Uh! Tante Ludmilla!
    Marie klemmte ihre Hnde in einander. Adele, lispelte sie, sag du -
    Josefine ergriff Marie am Mantel. Mia, es ist deine Erbtante, das hatte ich
vergessen! Verzeih - - ihre Stimme klang schneidend, - Gott, ich freute mich,
als ich euch sah, aber ihr bleibt ewig dieselben!
    Adele erhob sich. Geh zu deiner Mnnergesellschaft, die ist interessanter!
    Ohne Zweifel, Adele! rief Josy herb, aber gleich, sich beherrschend, fgte
sie hinzu: Kommt mit hinein! Seht euch meine Leute an, hrt, was wir vorhaben!
Wir bereiten einen Verein vor fr Gymnasiasten. Abstinenz. Zwicky ist Prsident
-
    Zwicky heit der hbsche Bursch? entfuhr es Adele.
    Josy blickte sie scharf an, sie verstummte und sah beiseite.
    Du bist nun einmal eine Mnnerfreundin, Josy, stichelte Marie.
    Josefine fixierte eine nach der anderen. Wohl! das bin ich! Ihr nicht?
    Adeles Gesicht zuckte, ein unangenehmes Lcheln verzerrte es. Ich hab's ja
neulich selbst gesehen.
    Was, Adele? was?
    Man trifft dich berhaupt nur mit Mnnern!
    Du kompromittierst dich und uns mit! winselte Marie.
    Wodurch?
    Keine antwortete.
    Josefine bi die Zhne aufeinander. Oh ihr! machte sie, ihr! Und dann,
mit einer bermenschlichen Kraftanstrengung, bezwang sie sich noch einmal.
Kinder, sagte sie in berlegenem Ton, seid nicht so ungemtlich. Ich begegne
euch, und ihr grt mich nicht. Ihr kommt zu mir und beleidigt mich. Seid ihr
nicht zwei wste Weiber?
    Sie umfate rechts und links eine der Schwestern und lie dann pltzlich
los. Sie prallten ein wenig zur Seite und schwankten wie vom Sturm geschttelte,
schlecht bewurzelte Bume. Dazu schnauften sie vor Emprung durch die Nasen, und
endlich begann Marie jmmerlich zu husten - sie wand sich, als msse sie
ersticken.
    Josefine wollte sie beruhigen, ihr erhitztes Gesicht streicheln, ihr heien
Tee bringen, aber sie tat nichts von alledem. Ihre Arme waren schlaff, ihr Kopf
leer und mde, ihre Beine schwer ...
    Sie lie Marie husten und stand abgewandt.
    Da trat Adele ihr ganz nahe. Wenn ich es nur begriffe, sagte sie hmisch,
mit der Absicht, durch eine qulende Erinnerung zu verletzen, hast du Ursache,
die Mnner uns vorzuziehen?
    Josefine wich zurck. Sie sind besser gegen mich als ihr, sagte sie mit
Nachdruck auf jedem Wort, sie sind mitleidiger und menschlicher. Sie erzhlen
mir nicht, was der Abhub auf der Strae fr Schmutz ber mich ausgiet! Wer ist
diese Tante Ludmilla? Nichts Schmutziges und Gemeines, das sie nicht ausdenken
knnte! Eine betrunkene Betschwester, ich kenn sie gut! Ja, Marie, so ist's.
Widrig an der Seele wie hlich am Krper, mit ihren blutunterlaufenen Glasaugen
und ihrer Schandzunge. Geht hinein und seht meine Gesellschaft an und
vergleicht! Ach, ihr! Htte sie nicht Geld, so wrdest du vor ihr schaudern,
meine sanfte Marie - schme dich! ganz einfach. Der Zorn bermannte die
beleidigte Frau. Schm dich! rief sie, und stie mit wuchtiger Armbewegung die
Tante Ludmilla mit ihren Verleumdungen weit von sich. -
    Die Tr ward pltzlich geffnet. Niemand hatte Schritte gehrt.
    Hoch und schwarz, mit seiner stolzen Haltung und seinem strahlenden Gesicht,
den Hut in der Hand, stand vor den feindlichen Schwestern Bernsteins Kamerad ...
    Hovannessian, sagte er, sich vorstellend, und neigte tief den Kopf vor
Josefine. Und dann, unschlssig, schchtern fast, mit einem unwillkrlichen,
freudigen Lcheln sah er auf die Frau nieder. Man hat mir gesagt ... Wo ist
diese Versammlung?
    So gro sah er aus in dem kleinen Zimmer, so fremd und so freundlich - die
Stimme war so mnnlich - die dunklen Augen blickten so bekannt - -
    Hier! antwortete eine zarte, frohe, befangene Frauenstimme, Josefines
Stimme.
    War es die ihre?
    Sie blickten einander an, und jeder sah nur den anderen.
    So sprichst du? sagte sein Blick, sprichst du so milde, fremde Frau?
    Ich freue, freue mich! antwortete der Blick der Frau.
    Ist es wahr? Bin ich dir willkommen?
    Willkommen! Willkommen! Ja!
    Hast du mich erwartet? Kann ich dir in etwas helfen? fragte sein Auge.
    Es war so dunkel eben noch, und da kamst du! erwiderte das ihre.
    Hier, wiederholte Josefine laut, und ohne einen Gedanken, der nicht Er
war, ging sie durch das pltzlich hell gewordene Zimmer auf den hellen Flur
hinaus und in die Versammlung.
    Der Gast folgte. -
    Als Josefine lchelnd, mit aufgeschlossener Seele, mit schwingendem Schritt
in Zwickys Stbchen zurckkehrte, um die Schwestern nachzuholen, waren sie fort
...
    Auf dem Tische lag eine Visitkarte Adeles, darauf gekritzelt war: Adieu,
wir kommen nicht wieder.
    Josy las es gedankenlos, zerri die Karte und warf die Stckchen in den
Papierkorb. Und dann, mit denselben lchelnden Lippen, nahm sie die Lampe auf
und kehrte zurck in die kleine Versammlung, als gehe sie dem Glck entgegen.

Die kleine Versammlung war in angeregter Unterhaltung.
    Zwicky hatte rote Ohren und guckte in verschiedene Bcher, aus denen Zettel
hervorhingen. Er sagte, er wollte lieber reden als organisieren, und bat daher
Helene Begas, den Vorsitz zu bernehmen.
    Nein, es mu ein Schweizer sein, hie es, es handelt sich wesentlich um
Schweizer Gymnasiasten.
    Prsident? Wozu? Sind Sie nicht im Parlament hier, sagte Hovannessian.
    Alle sahen ihn an.
    Ech! machte Bernstein, er ist noch in Ruland! Hat man immer Vorsitzenden
hier! Ganz parlamentarisch.
    Dann eine Frau, sagte Hovannessian.
    Warum?
    Jeder erwartet dann etwas Sympathisches.
    Hermann streckte den dnnen Hals vor und rief: Nein, keine Frau.
    Hovannessian, neben dem der Bub sa, lachte ber das ganze Gesicht. Mit
seiner schlanken Hand schlug er ihn leicht auf den Kopf. I du! Was weit du!
Piepst du?
    Keine Frau! murrte Hermann und zog den Kopf tief zwischen die Schultern.
    In der Schweiz Frau ist frei, sagte Hovannessian, weit du nicht?
    Der Knabe blickte argwhnisch und ngstlich nach dem Fremden, dessen groes
warmes Auge lchelnd auf ihm ruhte. Nein.
    Schade! Du mut lernen.
    Hermann duckte sich noch mehr. Pltzlich glitt er von seinem Sitz auf den
Boden und schlich sich hinter den Sthlen fort und zu Bernstein, neben dem er
stehen blieb.
    Man einigte sich schnell dahin, da Zwicky als Vorsitzender gleichwohl reden
drfe, soviel er wolle.
    Der Bub schrie: Bravo! und applaudierte wie im Theater. Mit einer
Siegermiene kehrte er auf seinen frheren Platz zurck.
    Sitze hier! machte Hovannessian, indem er in seine Rocktasche zeigte.
    Hermann errtete und schielte den starken Mann unbehaglich an. Die
Rocktasche war gar nicht so klein ... Es wurde ihm wieder bedenklich, und er
glitt aufs neue auf den Boden und hinter den Sthlen fort. In der Ecke unter dem
Schreibtisch hatte Rsli eine Puppenstube eingerichtet, in welcher sie diesen
Augenblick ganz still fr sich emsig waltete. Zu ihr flchtete sich Hermann, um
mit ihr zu flstern und zu deuten. Nachher saen dort beide Kinder und starrten
den Fremden an, der so merkwrdige Sachen sagte und so tat, als kenne er sie
schon lange. Mitten zwischen den Reden bckte er sich zuweilen und nickte und
blinzelte ihnen zu, ohne zu sprechen, nur mit dem Zeigefinger in die
aufgespreizte Rocktasche deutend: Sitze hier!
    Propaganda fr totale Abstinenz unter den Gymnasiasten, das ist unsere
Hauptaufgabe, das wird die Aufgabe des Vereins sein! rief Zwicky und fuhr sich
durch das lockige Haar, bis es wie ein Hahnenkamm aufrecht stand, und er begann
seine Plne darzulegen. Schriften sollten verfat, wissenschaftliche Broschren
popularisiert werden, und diese Bltter wollte man gratis an die Schler
verteilen.
    Und an die Schlerinnen, riet Josefine.
    Scheint es mir, auch an die Lehrer, bemerkte Bernstein mit listiger Miene.
    An die Lehrer ja, aber die Mdchen - nein, machen wir uns nicht zu mausig!
nur nicht zu mausig! fiel Helene Begas ein.
    Mu man sich immer mausig machen, glaube ich! sagte Hovannessian
unternehmend.
    Frulein Helene wehrte ab. Damit sie uns sofort das Handwerk legen! Wenn
wir die Schlerinnen wie erwachsene Mdchen behandeln, kriegen wir's mit den
Eltern zu tun!
    Trinken solche kleine Mdchen Wein? fragte Hovannessian sehr berrascht.
    Na, Sie glauben wohl, da die Mdchen hier Engel sind? rief Helene.
    Ja, glaube wohl, sagte er frhlich. Immer dachte ich, da im Ausland sind
solche Engel, wunderbare - -
    Alle lachten, und Hovannessian lachte am herzlichsten.
    Rsli unter dem Schreibtisch starrte ihn wie verzaubert an.
    Sind Sie wohl gar deswegen ins Ausland gekommen? spottete Helene.
    Nein, sagte er treuherzig, zu studieren.
    Bernstein verzog den Mund. Ech! Weiter! weiter!
    Helene Begas konnte ihre gute Laune nicht bezwingen. Na, haben Sie bei uns
viele Engel gefunden?
    Nein, machte er, noch nicht.
    Wieviel denn? Oder gar keinen?
    Bis heute? Bis heute habe ich keinen gefunden.
    Aber heute einen gefunden?
    Er betrachtete die Scherzende freundlich, wie wenn sie ein kleines dummes
Kind wre, das durchaus eine Antwort auf eine dumme Frage verlangt: Mu ich
Ihnen sagen -?
    Zur Sache! rief Zwicky, also wollen wir die Schlerinnen von vornherein
mithineinziehen -
    Nein! nein! Vorsichtig! Sonst geht alles schief! warnte Helene.
    Nun, warum denn? Wir sind doch nicht in Deutschland!
    Zwicky hielt seine Rede. Er gab meistens Physiologisches. Mit besonderem
Nachdruck verweilte er auf jenen Versuchen, die nachweisen, da die feinsten
Nervenendigungen der Hirnrinde durch den Genu des Alkohols eine Lhmung
erleiden, die nie wieder gehoben werden kann.
    Ein anwesender Gymnasiast schrieb eifrig nach, so, als ob er sich im Kolleg
befinde.
    Helene Begas ergriff nach Zwicky das Wort. Sie schilderte das Elend in
Trinkerfamilien mit Hilfe einer groen Reihe von Zahlen.
    Der Gymnasiast konnte fast nicht nachkommen. Er hatte ein blasses Gesicht
mit einer groen Nase und einem keimenden Backenbart. Im Eifer des Schreibens
erschien zwischen seinen vollen roten Lippen die Zunge und begleitete die
Bewegungen der Hand. Die Kinder unter dem Schreibtisch ahmten es erst
unwillkrlich und dann absichtlich nach. Hovannessian nickte ihnen zu und
forderte sie pantomimisch auf, in seine Rocktasche zu steigen.
    Und dann, als das Frulein gelesen hatte, sprach Hovannessian.
    Geben Sie der Jugend eine Begeisterung, sagte er, etwas, wofr sie
kmpfen soll, eine Idee; begeistern Sie die jungen Leute, das ist, glaube ich,
die Hauptsache. Er war aufgestanden und sprach, hinter seinem Stuhl stehend. Es
war ein krauses Deutsch, aber ganz leicht und natrlich kam es ber seine
Lippen, und in seinen trumerischen Augen glomm eine freudige Flamme auf.
Begeisterung! jedes Lebensalter hat seine Begeisterung! Als wir Kinder waren,
bauten wir unseres Schifflein aus Papier und setzten es auf den Bach. Aber das
Bach war fr uns ein Meer. Und der kleine Sommerwind, der in das Papiersegel
blies, war ein Sturm. Und das Schifflein segelte fort in ferne Lndern. Es hatte
reiche Fracht: unsere Gedanken - kindische Gedanken - unsere Trume und Wnsche
- kindische Trume und Wnsche. Aber wie teuer! wie lieb!
    Der blasse Gymnasiast mit der groen Nase sa ganz aufrecht. Er hatte nichts
zu schreiben jetzt. Der sorgenvolle, eifrige Geschftsausdruck war aus seinen
Zgen verschwunden, sie wurden rein, glubig, so als hre er einen schnen,
fernen Gesang.
    Hovannessian fuhr fort: Physiologie und Statistik ist gut, gewi, aber fr
die Jugend ist eine Begeisterung besser als Physiologie und Statistik. Die
kleinen Papierschiffen schwimmen nicht mehr, wir haben eingesehen, da sie das
ferne Ufer nicht erreichen. Aber nun schicken wir die Gedanken selber aus, die
Trume selber aus. Wohin sollen sie fliegen? Eine Sonne brauchen sie, ein
leuchtendes Ziel, ein Ideal, das immer leuchtet und immer leuchtet und unsere
Gedanken, unsere Augen, ganzes Wesen, ganzes Leben zu sich reit. Wir haben so
getan und tun noch so in Ruland. Russische Jugend lebt mit Ideen. - Sie wollen
arbeiten fr Abstinenz von Alkohol unter der Jugend. Es ist sehr gut. Aber
bleiben Sie nicht bei medizinisch - physiologisch - statistisch! Zeigen Sie, da
hier ist eine Idee, eine Idee von Vervollkommnung. Geben Sie eine Begeisterung
fr Idee der fortschreitenden Entwickelung. Wer sich frei hlt vom Gebrauch des
Alkohols, hlt sich frei von einem schdlichen Bedrfnis. Frei werden von
schdlichen Bedrfnissen - das heit berhaupt frei werden. Hier ist
Entwickelung. Neue Generation soll freier werden, als alte war; zeigen Sie der
Jugend, wie man an sich selber fr seine Freiheit arbeiten kann! Geben Sie der
Jugend eine Begeisterung, die sie mitreit und sie lehrt, was ist der Zweck und
Bedeutung von unserem ganzen menschlichen Leben!
    Hovannessian erhob den Kopf, dann suchten seine Augen den Gymnasiasten und
hefteten sich fest auf das jetzt tief errtete Gesicht des Jnglings, der den
Blick schwrmerisch zurckgab.
    Der Vorsitzender Ihres Bundes, sagte er, wenn Sie einen haben mssen -
wir in Ruland haben keinen - Ihr Vorsitzer mu einer von Ihnen selbst sein. Sie
mssen das zwischen sich ganz allein machen. Und mit seinem ernsthaften,
brderlichen Lachen fgte er hinzu: Scheint es mir, da Sie sehr guter
Vorsitzer werden in Ihrer Gesellschaft.
    Der Gymnasiast schnellte vom Platz auf. Sein blasses Gesicht war
rotberstrahlt, und er bebte vor freudiger berraschung und Beschmung. Darf
ich einmal zu Ihnen kommen? stammelte er.
    Hovannessian ging sofort zu dem Knaben hinber und verabredete mit ihm. Der
Gymnasiast sah zu ihm auf mit einem blinden, ergebenen Vertrauen, das ihn in
Josefines Augen schn machte.
    Er hat den Blick fr das Gute im Menschen, und sein Blick erweckt es, fhlte
sie, und eine glhende Bewunderung fr den Fremden berwallte sie. Ihr Gesicht
wurde so hei, da sie sich abwenden mute; sie frchtete, ihre Empfindung stehe
auf ihren Lippen geschrieben, jeder knne sie ablesen.
    Denke ich, wir werden dort bei Ihnen, in Ihrer Gesellschaft, von Zeit zu
Zeit zu Gaste sein, sagte Hovannessian, medizinisch - statistisch und so
weiter. Aber Hauptsache werden Gymnasiasten unter sich machen. Wie denken Sie?
    Die Versammlung diskutierte noch eine Weile.
    Frulein Begas war nicht einverstanden. Vielleicht kommt gar nichts heraus;
wenn alle nichts wissen, alle auf gleichem Niveau stehen - wer soll dann die
Fhrung bernehmen?
    Sieht man deutlich, da Sie sind eine Monarchistin! spttelte Bernstein,
immer Fhrung, Prsident, Knig, ech!
    Helene drohte mit dem Finger. Na, und Sie? haben Sie keinen Zar? Nur nicht
mausig machen!
    Selber ziemlich mauseriges Frulein! Sehr mauserig.
    Nicht Schule! Gruppe zur Selbstbildung wollen Sie machen, beharrte
Hovannessian. Fhrung ist in Literatur zu finden. Beste Ideen der besten Denker
zusammen kennen lernen, nicht Prsident, nicht Schulmeister!
    Anarchismus! machte Helene halb scherzend, halb prfend.
    Der Fremde richtete sich auf, wie wenn er gerufen worden. Seine groen,
weitgeffneten, dunklen Augen blitzten freudig auf. Er wandte sich gegen das
Frulein und lauschte gespannt .....
    Aber es kam nichts weiter, es war nur ein hingeworfenes Wort gewesen.
    Da nickte er, harmlos und heiter, indem er nach seinem Hute griff: Ganz
anarchistisch mu es sein. Freie Kooperation.
    Darf ich mitkommen? rief der Gymnasiast und sprang auch auf.
    Hovannessian legte ihm leicht den Arm um die schmale Schulter. So gingen sie
hinaus.
    Josefine reichte beiden die Hand.
    Sie folgte jeder Bewegung des Fremden mit Selbstvergessenheit, ohne die
Augen abzuwenden. Dabei hielt sie Rsli im Arm, die schlaftrunken und weinerlich
zu der Mutter geflchtet war.
    Einer der Gste nach dem andern verabschiedete sich und verschwand.
    Josy merkte es kaum; sie stand unbeweglich und streichelte mit lssigem
Druck die weichen, wirren Haare und das heie, kleine Ohr des Kindes. Aber sie
war nicht hier. Sie wanderte, gezogen und gefhrt, ber die nassen,
frhlingswinddurchrauschten Straen an der Seite dessen, zu dem eine rtselvolle
unbezwingliche Neigung sie hinri, seit der ersten Minute, da sie ihn gesehen.

Die ganze Nacht war ein Spukgeheul im Kamin, ein Rasseln der Ziegel auf dem
Dache, lautes Katzengeschrei aus dem Garten und das Klatschen der Regenben
gegen die Fenster.
    Josefine wachte nach kurzem, allzu tiefem Schlummer auf. Sie konnte sich in
ihrem Zimmer nicht zurechtfinden, starr waren ihre Glieder, wie festgebunden.
    Ach ja, sie lag in der Gletscherspalte, daher war es so dunkel rundum.
    Schreien? nein, es ist nicht mglich, die Lippen sind schon zugefroren. Und
wenn sie auch schreien knnte - der Ton selbst ist gefroren, ist unhrbar,
dringt nicht hinaus aus dem eisigen Loch.
    Knnte sie nur eine Hand heben, einen Finger nur!
    Oh, alles schon Eis! schon Eis! Bald kommt es ans Herz.
    Es kriecht kalt herauf, durch alle Adern kalt herauf -
    Oh!
    Meine Kleider sind im Absturz zerrissen! Nackt und hilflos bin ich!
    Verloren!
    Verloren!
    Es kommt an - mein - Herz!
    Halt - jetzt - halt - jetzt -
    Nein - das ist - nicht - nicht der Tod - das ist ja -
    Josy fhlt: pltzlich richten sich warme Strahlen auf ihre nackte Brust.
    Die Sonne ist gekommen! durchzuckte es sie.
    Zu mir herein! die Sonne! in mein Grab!
    Und whrend rund um sie her, von den Fen aufwrts, die kettende, ttende
Klte dringt, brennt ihr die Sonne ein berschwengliches Entzcken in die Brust.
    Die Sonne! die Sonne! die Sonne! Und sie wird noch scheinen, wenn ich
gestorben bin! fhlt sie, und das Wonnegefhl wird immer heftiger, wird fast zur
Qual.
    Erfroren und verbrannt!
    Erfroren und verbrannt!
    Nimm mich! nimm mich! nimm mich, Sonne!
    Ihr ist, als ob die nackte Haut ber dem Herzen sich der Sonne entgegenhebt,
sich von ihrem versteinten Krper ablst und in die Glut hineinsaust, whrend
Fleisch und Gebein zu Eis gefrieren.
    Du, die noch scheinen wird, - die noch scheinen wird, wenn ich gestorben bin
-
    Es ist meine Seele - es ist meine Seele - ist - meine - Seele - Hhh! da
fliegt sie in die Sonne hinein! mitten in die groe rote -
    Ein heier Schlag hat sie durchfahren und nun - was war?
    Jetzt bin ich wach, dachte Josy, endlich ist es vorbei! Diese unbequeme
Rckenlage ist schuld; die Stockung im Blutumlauf bringt das hervor.
    Ganz klar war es ihr noch nicht, doch stand sie auf und tastete mit
eiskalter Hand nach einem Glase.
    Ein unsteter Mondschein flog durch das Zimmer und ber das Bett, in dem
Laure Anaise und Rsli dicht umschlungen lagen. Laure Anaise mit offenem Munde,
mit tief um die Stirn gewhltem schwarzem Haar sah fahl und hager aus, und
Rslis zartes Gesicht erschien der Mutter leichenhaft bla.
    Josy war pltzlich ganz wach.
    Wenn sie krank wre! Und statt fr sich selbst ein paar Gramm Bromkali
aufzulsen, wie sie gewollt, beugte sie sich ngstlich ber die Schlafenden und
sog den warmen, reinen Hauch ihres Kindes ein.
    Aber whrend sie sich so berzeugte, da beide ruhig schliefen, kam eine
Trauer, ein Einsamkeitsgefhl ber sie, das beinah Furcht war. Mit nackten
Fen, die Augen gro offen, stand sie, ohne sich besinnen zu knnen, blickte
scheu nach dem Fenster, an dem der Regen wie Trnen herunterrann; die gekalkten
Stmme der Obstbume im Garten schimmerten unbestimmt im Mondlicht - jmmerlich,
wie gequlte Kinder schrien die Katzen.
    Ein nie empfundener Wunsch, sich anzulehnen, an kraftvolle Schultern sich zu
schmiegen, tauchte wie unbewut auf. Sie streckte die rechte Hand aus und
seufzte. Pltzlich warf sie beide Arme ber dem Kopf zusammen, und heie,
qualvolle Trnen brachen hervor. Es schmerzte in den Augen, in der Kehle, in der
Brust.
    Langsam ermannte sie sich und ri die Vorhnge zusammen; das Totenlicht auf
Rslis Kpfchen brachte sie zur Verzweiflung.
    Sie tastete sich an ihr Bett zurck.
    Was fehlt mir? fragte sie, und sie antwortete sich: lebenswund; lebenswund.
    Denke, da er in der Welt ist! sagte eine se Stimme, vor der Josefine
erschauderte.
    Es war wie eine Liebkosung, dieser warme, frohe Ton.
    Denke, da solch ein Mensch lebt! da er Wirklichkeit ist! kein
Kindermrchen, kein Poetenmrchen, schlichte Wirklichkeit -
    Josefine ertrug die Stimme nicht lnger, sie wollte sie nicht lnger hren.
    Und du lgst! sagte sie, bebend vor Zorn, und es ist alles Betrug! Es ist
eine Schwche, die vorbergeht, und er ist ein Mensch wie die anderen. Ich bin
erfahren, nur zu erfahren! Nur zu sehr belehrt, da die Welt nicht so ist, und
da es solche Menschen nicht gibt! Nein, so ist die Welt nicht, und wir mssen
sie nehmen, wie sie ist!
    Sie zndete eine Kerze an und schluckte das beruhigende Salz, das sie sich
selber verschrieben hatte.
    Aber es wirkte sehr langsam, und whrend sie dalag und auf den Schlaf
wartete, ward die se Stimme nicht mde, zu flstern: Er ist in der Welt! er
ist wirklich! kein Kindertraum, kein frher Morgentraum, kein Jungemdchentraum!
    Es ist Lge! es ist Lge! wir trumen, und wenn wir erwachen, lcheln wir
ber unsere Trume, oder - wir weinen ber sie.
    Sie wollte sich im Bette aufbumen, wollte Licht machen, sich ankleiden,
arbeiten, um nichts mehr zu hren.
    Aber eine unsichtbare Gewalt drckte ihren Krper nieder, eine weiche,
schwere Hand legte sich auf ihren Kopf, und das Singen in ihrer Seele ward
lauter als zuvor.
    Und doch hren wir nicht auf zu suchen, unser ganzes Leben lang! Und doch
hren wir nicht auf zu suchen, so lange wir atmen.
    Ich habe nichts gesucht! ich habe nichts ersehnt. Ich glaube an nichts
Gutes! Ich glaube an nichts Groes. Es ist ein Schatten! Es ist eine Schwche!
    Ahhh! da war wieder der Sonnenschein auf der nackten Haut; und dazu ein
seliges Wohlgefhl des Geborgenseins, der Sicherheit, des Ruhens in einer
groen, mchtigen, ringsum verbreiteten Kraft.
    Freude! hauchte es um sie; Freude! Freude.
    So fhlte sie sich untersinken.

Tage des Rausches, in denen die Wirklichkeit undeutlich und alle unsichtbaren,
namenlosen Dinge gro und wichtig sind und selbst das Heimlichste klar! Tage des
Rausches!
    Josefine empfand pltzlich Sehnsucht nach Musik, sie, die ihr Ohr als stumpf
und empfindungslos kannte. Sie nahm Rsli an die Hand und ging mit ihr ins
Gromnster, zum Orgelkonzert.
    Viele Studenten waren dort, alle sahen die schlanke schwarze Frau mit dem
weigekleideten Kinde kommen. Manche grten sie, aber sie dankte nur wenigen,
denn sie sah niemand in den Farben des Lebens - die Menschen, die anderen
Menschen waren fr sie zu Schemen verblat.
    Der Orgel gegenber, im Chor, auf einer der langen Bnke ohne Lehne nahmen
sie Platz. Aber die Bank knarrte erbarmungslos, und Josy flchtete sich mit der
Kleinen in einen dunklen, dicht an die Mauer gedrckten Kirchenstuhl.
    Die Orgel begann, gegen ihre Gewohnheit, wie es der Hrerin schien, leise
und bebend, als schauerten Tropfen herab, klingende, warme Regentropfen, weich
und voll und doch suselnd und zart. Und Josefine war es, als ob ihr Herz sich
ffne, und ihre Seele wurde wie ein drstendes Erdreich, das sich dem sanften
Perlenregen entgegenbog. Aber allgemach fielen die Tropfen seltener und wurden
grer, und jeder der Tropfen hatte eine andere Stimme, und es waren keine
Tropfen mehr, es waren goldene Kugeln, die in einem pltzlich aufschieenden
Springquell spielen. Und nun werden aus den goldenen Kugeln kleine klingelnde
Schellen und groe, sanft hallende Glocken. Und nun unterreden sie sich
miteinander, die kleinen klingelnden Schellen und die groen hallenden Glocken;
erst ein aufgeregtes Flstern von den kleinen zwitscherhellen, nun ein
machtvolles Drhnen von den groen ruhigen. Und nun fangen sie an, durcheinander
zu rufen, immer tiefer, immer heller, immer drhnender, immer spitziger, und
pltzlich - fngt der Turm, in dem die Glocken hngen, mit an. Er erzittert von
oben bis unten, er schwankt von einer Seite auf die andere, er kracht, er
donnert, er reit auseinander, er strzt zusammen! O - da ist der sanfte Regen
wieder, will das wilde Brausen hinwegschmeicheln, eine kleine Weile klingeln
ngstlich, wimmernd, sterbend die Silberglckchen. Aber Feuerstrme brechen aus,
die Berge wanken und bersten, die Erde bebt, es grollt aus ihren Schlnden, eine
Welt - eine Welt will untergehen! - Ruhe! Freude! Feierlich in groen breiten
Wellen rollt es heran ber die zerstrte Welt, breite Strahlengarben schieen
ber weite, leuchtende, unendliche Wasserspiegel - ein schwaches dumpfes Sthnen
- ein ses allgemeines Klingen - die ganze Luft Musik - Ende.
    Da die Weissagungen aufhren werden, fhlte Josefine, und es schien ihr,
als liege vor ihr das groe Geheimnis des Lebens in heiliger Unschuld, in Sieg
und Verklrung, und sein Name sei Schnheit und Gre und unerschpfliche Liebe.
-
    Und neben ihr sitzt Rsli, die langen, schwarzen Beinchen eingeschlagen, die
Hnde zusammengedrckt, und sieht sich staunend um.
    Zum erstenmal ist sie in einer Kirche. Rsli sieht die Fenster an, die
langen, staubigen, schmalen Fenster und denkt: Das sind also Kirchenfenster? Der
Himmel ist ebenso blablau dahinter wie hinter anderen. Sie sieht die grauen
Steinfliesen an und denkt: Die sind aber kalt! Und sie tippt nach dem grauen,
dicken, viereckigen Pfeiler vor ihr. Der ist auch kalt, aber das braune Holzwerk
der unbequemen Sthle und der kleinen gewundenen Treppe dort, das Holz sieht
ordentlich warm aus. Stufe fr Stufe wandern Rslis Augen die kleine braune
Holztreppe hinauf - da oben mu es nett sein! Wenn sie da hinauf knnte! - Da -
was ist denn das da? Ein Kirchenfenster kann es doch nicht sein, da gegenber?
Ich bin kurzsichtig, denkt Rsli, Mama hat es gesagt. Wenn man die Augen
zukneift, wird das da drben etwas ganz Merkwrdiges. Ein Mnnergesicht wird es,
mit einem Schnurrbart und einer Pfeife und einer runden hohen Mtze. Ganz in
einen dicken berzieher ist der Mann eingewickelt, der Kragen geht bis halb ber
den Hinterkopf. Er hrt unbeweglich zu. Die Musik ist so gro! Der Mann raucht,
aber keine Wolke steigt aus seiner Pfeife ... Rsli kann die Augen nicht
abwenden. So gemtlich sitzt er da im Fenster, als wre er hier der Hausherr!
Ein freudiger Schreck durchzuckt Rsli: Wie, wenn es der liebe Herrgott wre?
Dies ist ja die Kirche, man sagt auch Gotteshaus. Also wird er es wohl selber
sein! Rsli starrt und starrt. Er sieht so freundlich aus, aber doch nicht wie
Menschen. Sein Gesicht ist farblos wie Silber. Oder wie durchsichtig. Es wird
Rsli immer klarer, da er es ist. Und sie faltet ihre Hnde fest und sieht ihn
entzckt an - -
    Die Musik ist aus. Josefine erhebt sich. Als sie drauen sind - die
Allerletzten, zupft Rsli ihre Mutter, die gar nicht hrt: Mama, weit du, wer
da war?
    Die Mutter hrt nicht; ungeduldig zupft die Kleine: Hast du ihn auch
gesehen, den lieben Herrgott?
    Ja, sagt die Frau zusammenschreckend und wundert sich ber ihr Kind und
wundert sich doch nicht. Es ist ihr so s-schaurig, da die Kleine immer mit
ihr ist in diesen Entzckungen.
    Sie halten sich fest an den Hnden ...

Helene Begas nahm Josefines Arm und sah ihr mit freundschaftlicher Besorgnis in
die Augen: Du bist krank Josy, du brauchst Ferien! Und so zerstreut und
ungleich. Neulich, als ich dich mit Rsli die steile Wiese hinunterlaufen sah,
hab ich mich gefreut. Donnerwetter, dacht ich, die hat Spannkraft! Da kann sich
unsereins verstecken. Aber jetzt gefllst du mir ganz und gar nicht.
    Josefine besah ihre Ngel; ihr Gesichtsausdruck wurde gezwungen. Das ist
diese psychiatrische Klinik, die mich so aufregt. Heut war's der Assistent, hat
mich fast krank gemacht, der brutale Mensch! Diese Vergewaltigung des intimsten
Lebens durch die Kliniken und durch uns Mediziner: es macht mich wild! Ich
kann's nicht ertragen!
    Sie seufzte tief und sah die ruhige Helene geqult und ngstlich an. Es war
ein armes Ding, primre Melancholie lautet die Diagnose. Sie ist fast
hergestellt. Er bringt sie vors Auditorium. Nun, erzhlen Sie uns Ihre
Geschichte. Sie sitzt da, engbrstig, scheu, rot vor Scham. Aber ich werde ja
bald entlassen, sagt sie leise. Das wollen wir nicht wissen, erzhlen sie von
Ihrem Emil, wie der Sie berall verfolgt hat. Und der Bursch lacht und blinzelt,
und er fhlt sich so berlegen und so witzig - o! Das Mdchen - 'n armes Ding,
'n Zimmermdle, springt halb auf, sie hat schon nasse Augen: I bin nit hier, um
usg'lacht z' werde! Nein, wir lachen Sie nicht aus, lacht der Doktor, nun, was
hat Ihnen der Emil alles angetan? Der Emil, der Uhrmacher, in den Sie verliebt
waren! Das Mdle schweigt und hngt den Kopf. Er hebt ihr das Kinn in die Hhe,
grinst sie an: Er hat dann auch recht verliebtes Zeug durch den Ofen an Sie
hingeschwatzt, gelt! I bin jetzt g'sund! Was geht das die Schtudente an! murmelt
das arme Ding. Er wendet sich an das lachende Auditorium. Sie hat ihn nmlich
nur vom Sehen gekannt, und er hat sich berhaupt nie um sie gekmmert! Wie die
Kranke zusammenzuckte, wie sie den Kopf ganz auf die Brust sinken lie - es war
bemhend! es war brutal! Aber er lt nicht los. Und vor lauter Verliebtheit hat
sie sich dann eingebildet, er spricht mit ihr durch den Kamin, oder war es
durchs Dach? Durch den Ofen, murrt die Patientin; die Dummen im Auditorium
lachen laut. Sagte er natrlich, er wollte Sie heiraten! amsiert sich unser
edler Dozent. Das Mdchen schttelte den Kopf. Na, was wollt er dann von Ihnen?
Da er Ihr Schatz wollt sein? Helene, ich sag dir's, mir saust es im Kopf, ich
wollte auffahren und schreien: Das geht ber Ihre Befugnis, Doktor! Ach, man ist
ja so feige!
    Das Frulein drckte Josefines Hand. Gut, da du dich beherrscht hast. Wir
armen Frauen, was sollen wir machen! Hast du gelesen, wie's den Hrerinnen an
deutschen Universitten ergeht? Man mu noch Gott danken jeden Tag. Aber das war
wirklich ruppig.
    Los, auch, was er weiter sagt! Er sagt: Aber wie konnten Sie denn so etwas
einem ordentlichen Menschen zutrauen? So ein Heuchler, wie dieser Doktor ist!
Als ob man's nicht wte, wie sie's alle treiben, und halten sich doch samt und
sonders fr ordentliche Menschen! Josy ballte die Hnde.
    Und was das arm' Ding drauf erwiderte, klang so himmeltraurig, so - o!
    Was sagte sie?
    Sagte klglich und ganz von Herzen: Weil ich halt nur 'n armes Mdle bin.
    Helene fand das eher beruhigend. Siehst du, Josefine, das ist ihnen
natrlich, diese Denkweise; sie fhlen ja nicht wie wir, diese ungebildeten
Leute! Wie kannst du dich ewig mit jedem Erstbesten identifizieren?
    Was red'st auch! Josefine entri der Freundin ihre Hand, auf ihrer Stirn
standen Zornfalten. Denkst du so? Bist 'n Frauenzimmer und denkst auch nur mit
dem Kopf wie die, wo unsere ganze Ordnung geschaffen haben? Weil's uns bequem
ist, glauben wir so! Aber ich glaub's nit; die heut, das arm' Zimmermdele mit
ihrer heien Liebe zu dem Uhrmacher, der sie nit emal kennt -
    Ja, aber das ist doch schon bichen verrckt! fiel die Mathematikerin
besnftigend ein.
    Josy flammte: Verrckt? Warum? Sie hat ihn geliebt, den feinen, stillen,
fleiigen Menschen, und hat's keinem gesagt, keinen damit belstigt. Und dann
ist sie in Melancholie verfallen, weil er so hoch ber ihr war und sie keine
Mglichkeit sah, sich ihm zu nhern -
    Aber nein! unterbrach sie Helene erstaunt, solche romantische Ideen hat
eine rztin?
    Nicht eine rztin, alle rzte wissen, da Strungen im Triebleben von auen
hervorgerufen werden knnen. Was ist berhaupt innen und auen? - Ein Monismus
sind wir, wenigstens in dieser Beziehung, eine Einheit, und ich bin ganz rasend
ber dich, da du mit diesem Doktor glaubst, arme Leute htten kein Gefhl! Sie
brach pltzlich in Trnen aus. Weit, Helene, du - es freut mich nur, da du
nicht Medizin studierst. Solche wie du hat's unter den Mnnern genug!
    Danke! merci vielmal! Mit verbissenem Gesicht drehte Helene sich um. Du
bist eigentlich so ganz Weib, so recht Weib, Josy, und weit's selber nicht!
    Wei es nicht? Wei es, bei Gott! schrie Josy, die Arme weit ausbreitend,
dank auch Gott dafr!
    Helene lchelte wider Willen. Gut also, du weit es. Ob aber so ein rechtes
Weib sich zum Studieren eignet, das ist wohl die Frage!
    Josefines Gesicht verdunkelte sich. Vielleicht! Was mich angeht! Mein Leben
ist zu schwer.
    Die Freundin kam zurck. Nimm Ferien, sagte sie entschieden. Wenn du
nachher auf der Nase liegst, was war dann die ganze Mhe ntz? berhaupt, wie du
dir alles zu Herzen nimmst! Ich kann das gar nicht verstehen. Es hat ja keinen
Zweck. Pltzlich wunderst du dich ber die Menschen, wenn sie sich zeigen, wie
sie nun mal sind? Ich wundere mich ber nichts mehr, ich freue mich den ganzen
Tag, seit ich in der Schweiz bin! Mit Genu nehm ich die Gelegenheit wahr, die
mir hier geboten ist! Bei uns zu Haus ist ja noch tiefste Nacht und Finsternis!
In unserem teuren Deutschland ist fr uns der Tag berhaupt noch nicht
angebrochen! Ich sage dir, das ist 'n Hottentottenland, und unsere Studenten
sind Hottentottenkerle, und unsere Mediziner sind Menschenfresser gegen uns
Frauenzimmer, und kurz und gut - du solltest mal 'n paar Jahre bei uns sein!
Morgen sest du drauen, wrst hinausgeschmissen, ganz einfach. Und bermorgen
wrst du im Loch! Nein du - bei uns - kritisieren - is nich! Noch gar
Frauenzimmer, die ja schon ohnehin vogelfrei sind!
    Josefine lachte unglubig auf. Viel hatte sie nicht gehrt. Schlimmer als
in Ruland, sagte sie mechanisch.
    Helene nickte heftig. Ist es auch! Viel schlimmer! In Ruland drckt man
ohne Unterschied des Geschlechts. Was zur Partei der Intelligenz gehrt, ist
verdchtig. Bei uns gibt es keine Partei der Intelligenz, es gibt nur politische
Parteien, die Studenten haben keine Meinung oder sind gegen uns, und das hhere
Streben der Frau ist nicht verdchtig, sondern verchtlich! Verstehst du? Groer
Unterschied!
    Ja, es drfte endlich anders werden! meinte Josefine.
    Drfte wohl, aber wird nie! nie! sag ich dir. Bei uns ist es so: wer nicht
selbst drckt, der verehrt doch wenigstens die Unterdrcker. Verehrungsmichel
erster Sorte wir Deutschen, oder eben Despoten. Und oft beides in einer Person!
Reizende Mischung. Und alles so von Herzen, so bona fide, ohne die heimliche
Selbstverspottung anderer Nationen. Na, ich sage nichts mehr.
    Josefine sah mit einem langen Blick hinaus in die berstenden Knospen der
Baumkronen. Ihr Gesicht rtete sich. Zuweilen denke ich ganz im Ernst, da wir
berufen sind -
    Wer wir?
    Wir Frauen -
    Aha!
    Da wir Frauen zu einer Art Revision des Mnnerstaats berufen sind, fuhr
Josy nachdenklich und halb beschmt fort. Da die ganze Frauenbewegung diesen
Sinn und Zweck hat. Revisorinnen im Dienste der Menschlichkeit, die halt doch,
und wr's auch im Schneckengang, vorwrts geht! An all die Versteinerungen
unseren schlicht menschlichen Mastab anlegen, mit unserem vielgescholtenen
Gefhl ihre kalten Verstandeswerke durchprfen und sehen, was standhlt, was
nicht - was wirklich ntzt, was ganz entschieden schadet - gegen ihre
Pedanterie, Profitsucht, Brutalitt und blinde Folgsamkeit den Schrei der Natur
erheben - der mihandelten, getretenen Menschlichkeit Rechte zu wahren - dort -
dort dort - -
    Helene starrte sie an, Spott und Rhrung kmpften auf ihren Zgen. Sorg fr
dich selbst, Josy, Kind, groes, trichtes, liebes Herz! Sie seufzte mit
feuchten Augen: Denk an das Nchste, das Allernchste. Du arbeitest nicht wie
sonst. Etwas beschftigt dich, strt dich; ich frchte, du wirst das
Staatsexamen dieses Jahr nicht machen knnen.
    Josefine antwortete nicht; sie blickte noch immer wie im Traum auf die
verklrte Apfelbaumkrone, deren Knospen wie Bronze funkelten.
    Helene ging zu der Stummen und legte ihr die Hand auf die Schulter: Mach
jetzt Ferien.
    Khl und abweisend blickte Josy auf. Nun, was willst du? du sagst mir
Unangenehmes, ohne Grund. Ich arbeite. Ich bin nicht mig, auer diesen
Augenblick. Sie sprang vom Stuhl auf, ihre Augen rteten sich, eine tiefe Qual
sprach daraus. Umsetzen. Transponieren, flsterte sie, wie zu sich selbst; es
geht alles, es mu berwunden werden. Und dann, als sie Helenes forschendes
Anschauen bemerkte, wurde sie heftig: Nimm deine Augen fort! Wir sind hier doch
nicht in der psychiatrischen Klinik! Noch hab ich meine fnf Sinne beie'nander.
    Traurig lie die Mathematikerin sie an sich vorbei und hinausgehen.

Ja, sie identifizierte sich mit dem armen verschchterten Zimmermdle, sie hielt
sich nicht fr feinere Rasse, wie Helene Begas es unbewut immer tat.
    Fast tglich sah sie Hovannessian jetzt, und wenn sie ihn nicht sah, so
stand er doch vor ihren Augen. Oft in sonderbaren Verkleidungen.
    Bald war er vor ihr als schlanke, schwarze Zypresse mit leise geneigtem
Wipfel, mit erzgegossenem Stamm, an den sie sich wohlig lehnte, den sie mit
beiden Armen umfate, an den sie ihr sehnschtiges Herz drckte. Bald hing er
ber ihrem Himmel mit breitoffenen Schwingen, ein Knig der Adler, hoch ber den
Grbern und Schlnden der Erde.
    Er funkelte als Stern, rtselhaft und s und fremd; er war ein weies
Marmorbild auf einer hohen Sule, ein Bild der Menschlichkeit und der reichen
Gte. Viel erzhlte er ihr, und nachher erblickte sie ihn als Jger im
unbetretenen Wald, wie er fr sich und die Genossen Feuer anzndet, das Wild
abhutet erlegt und am Spiee ber den Kohlen dreht wie ein homerischer Held,
oder als Fischer am Meer, Gast in der Fischerhtte des Einsamen, auf Seemrchen
horchend, und Mrchen ersinnend beim Licht des Kienspans, indessen drauen die
Mondkugel ber die brechenden Wellen rollt. Ein andermal liegt er mit lachenden
schwarzen Gesellen auf buntem Teppich im Garten unter dem Maulbeerbaum; Lieder
singen sie auf die Lilie, die Nachtigall, die Rose, sie springen auf, um zu
tanzen, den grazisen, plastisch schnen Einzeltanz, der eigentlich nur eine
wechselnde Folge anmutig herrlicher Stellungen ist; einer spielt auf dem Tarr11,
zuckend fhrt das Knochenstbchen, mit spitzigen Fingern gehalten, ber die
Drahtsaiten - in sanften Tnen summt die Suflte, und unermdlich klopft mit
behenden Fingern der Tipelipitspieler auf den mit Haut berspannten
zusammengebundenen Steintpfen den Takt ...
    Und pltzlich verwandelt sich der furchtlose Jger, und er ist ein scheuer,
grougiger, barfiger Knabe, der mit beiden Hnden eine weie Taube an sich
drckt, seine Taube, die er leidenschaftlich liebt, und die man ihm wegnehmen
wird, um sie dem Vater gebraten vorzusetzen! Der hungrige Student in Moskau, der
von Tee und Kartoffeln lebt und immer noch ein paar Kopeken besitzt fr andere
und fr einen Theaterplatz, wenn ein erster Schauspieler kommt, und der am
eifrigsten ist, ihm die Pferde auszuspannen in schumendem Enthusiasmus; der
frhliche Geiger, der pltzlich die Geige opfert, weil es ihm in den Sinn kommt,
da es Besseres zu tun gibt, als zu spielen; - der brderliche Mensch in
einer Welt brutalsten Faustkampfes; - der Starke mit dem Kinderlcheln, fr den
es keine Beschwerden gibt, oder der sie nicht anerkennt, der Furchtlose, der
sich nicht scheut, zu helfen, gleichviel, ob es dabei beschmutzte Hnde geben
kann - alles, alles ist er, und die Liebende lebt wie in einem Wunderlande.
    Ein Kind ist sie, wenn der Rausch ber sie kommt, ein Kind, wunderschtig,
wunderglubig. Wie weit ist sie von ihrem frheren Selbst! Hat sie nicht in
ihrer unseligen Ehe, von dem unglcklichen Manne gelernt, da alle Menschen, und
sie selber auch, niedrig sind? viel zu verbergen haben? Des Menschen Trachten
ist bse von Kind auf! So war es, bis sie ihn kannte, ihn, der nun alle
Erfahrung, alle Weisheit zu Schanden macht.
    Denn nun bringt jeder neue Tag eine neue Entzckung, eine neue beseligende
Offenbarung! Auf der Stirn des Mannes, den sie liebt, leuchtet alles Gute,
leuchtet der Ku der groen, tiefen, starken Gte!
    Und so frei und schlicht und selbstverstndlich geht dieser Mensch, von
dessen Stirn das Gute leuchtet! so wie eine Feier der Schnheit ist sein Leben!
Sie fhlt - fr ihn ist die Welt da, nur fr ihn und seinesgleichen ...
    Und langsam aus dem entzckten Staunen wuchs fr Josefine ein heier
Schmerz. Sie lernte, da sich selber fhlen heie, sich krank fhlen; ganz
entwurzelt war sie, ohne irgend einen Zusammenhang nach rechts oder links.
    Und sie qulte sich: Gehrt die Welt den Guten? ist das wahr?
    Wohin dann sollen wir uns flchten, wir, die wir schlimm sind und nur
Schlimmes von allen erwarten?
    Sie begann sich vor Hovannessian zu frchten. Was hab ich mit dir zu
schaffen, du allzu helles Licht? La ab, wirf keinen Strahl in meine
Dunkelheit!
    Schwarze, strmische Wellen rollen dahin, treiben eine zerbrckelnde
Eisscholle, treiben sie hinaus in Nacht und Untergang. Und auf der
zerschellenden Scholle die unbestimmten Umrisse einer menschlichen Gestalt. Sie
kennt diese Gestalt - diese Gestalt ist das Schicksal, das auf sie wartet in der
Zukunft, diese und keine andere!
    Geh! geh! geh! du Herrlicher, du Guter - nicht fr mich, nicht fr mich
strahlt deine Stirn. Bleibe so fr mich, schnste Sule der Menschlichkeit,
aufgerichtet unter den Bumen, die bis zum Grase niederblhen, aus dem die
weien Blten wieder emporblhen zu den Bumen! So wie ich dich jetzt sehe, mit
dem schlanken Fu auf dem Spaten, mit den hellen Tropfen frohen Schweies auf
der Stirn, aus der du den Hut zurckgeschoben hast hinter die tanzenden,
schwarzen Locken!
    Josefine blickte hinaus zu der heiteren Gruppe im Garten, trank ihre
sehnschtigen Augen satt an der geliebten Gestalt.
    Abschied! ich nehme Abschied von dir.
    Lautes Lachen klang unter den Fenstern; sie warfen sich mit abgefallenen
Kirschblten, Zwicky, Hovannessian, die Kinder, Laure Anaise ... Rsi mit
purpurroten Bckchen ist ganz auer sich, wie fiebernd in dem warmen,
dftebeladenen Wind, der die eben begrnten Strucher biegt und die zitternden
Schatten spielen lt auf der vom drrenden Ost und der starken Maisonne
blagrau gefrbten, wartenden Erde.
    Weie Blten und seliges Blau und goldiges Grn und Kinderlachen.
    Kommen Sie nicht? ruft Hovannessian und stt krftig den Spaten in den
sonnenharten Boden. Kommen Sie auch! Schne Arbeit! Er strahlt. Einen Weg
machen wir!
    Nun kommt Rsi zu ihm gelaufen, er beugt sich zrtlich zu der Kleinen, seine
schwarzen Bartlocken streifen ihr Haar. Liebkosend spricht er mit dem Kinde -
wenn er mit Kindern spricht, immer bekommt seine tiefe Stimme diesen
liebkosenden Klang.
    Die Kleine blickt freudig empor, und ihre Gebrde, dieses Aufhorchen voll
Hingebung macht sie so schn.
    Oh, denkt die Frau am Fenster, wr ich so klein wie die! wr ich mein eigen
Kind und stnde bei ihm so und blickte in die Hhe zu ihm so - wie Rsi, wie
mein glckliches Kind zu ihrem lieben Herrgott aufblickt, den sie im
Kirchenfenster sieht! Noch einmal jung sein, noch einmal glauben - keine
Vergangenheit, keine Zukunft, keine Schuld, keine Furcht, keine Pflicht, keine
Klarheit!
    Und wie gebannt durch ihre wilde Sehnsucht hebt Hovannessian nun die Augen
zu der Frau oben, und sein frohes Gesicht wird ernst ...
    Pltzlich scho ihm das Blut hei in die Wangen.
    Sie war fort.

In dieser Nacht trumte es Josefinen, da ihr pltzlich ein Fremder
gegenbertrte, dessen unerwartetes Erscheinen sie von einer Seite des Zimmers
zur anderen scheuchte.
    Der Fremde war in eleganter Kleidung, wie bereit, in eine Gesellschaft zu
gehen. Sie bemerkte deutlich die breite, weie Hemdbrust unter dem lose
berhngenden Kaisermantel, den spiegelnden Zylinder, die neuen roten
Handschuhe.
    Er sprach nichts, sondern stand da mit einem geheimnisvollen und blasierten
Lcheln auf dem schlaffen Munde, das sie zu verhhnen schien. Seine goldene
Brille glitzerte, die Glser glitzerten, so da sie seine Augen nicht sehen
konnte. Und dann begann er eine Gebrde des Hndewaschens zu machen, die ihr so
sehr, so unheimlich bekannt war: die rechte Handflche wscht den linken
Handrcken - die Schultern runden sich - er scheint sich auf ein Wort
vorzubereiten, auf ein Wort, vor dem sich die Trumende ngstigt, das sie nicht
hren will.
    Immer sonderbarer lchelt er; seine glitzernden Glser sind auf sie
gerichtet - er hebt den Arm und beschreibt einen Bogen voll geknstelter Grazie,
einen einladenden Bogen, mustert sie, ihre Gestalt von den Fen aufwrts und
lchelt spttisch berlegen; etwas Cynisches ist auf seinen breiten, blassen
Lippen zu lesen.
    Ich kenne Sie wirklich nicht, sagt die Trumende, bitte, verlassen Sie
dieses Zimmer.
    Ihr Herz scheint nicht mehr zu schlagen, kalt und gleichgltig ist ihr, und
tief, tief unten glimmt eine Angst - eine Angst!
    Sie wacht auf: das war Er!
    Georges!
    Ich habe gesagt: ich kenne Sie nicht.
    Aber ich kannte ihn wohl.
    Oh! Oh! Oh!
    Von Schauder durchzuckt blieb sie starr liegen.
    Das war Er.
    Habe ich diesen geliebt? Diesen einmal geliebt? geliebt?
    Nein! nein! nein!
    Fort, du Entsetzlicher! Fort! Mensch, ich kenne dich nicht! Ich war nie
dein! Nie! Nie!
    Hrst du? Niemals!
    Ich habe dich nie gekt! Nie!
    Hrst du? Niemals!
    Fremd! Wildfremd! Fort!
    Ein Nachttier! ein Phantom!
    Wer hat dich ausgedacht? Du! Du!
    Und sie richtete sich heftig auf, rang hart die Hnde und sthnte fast
bewutlos: Oh, Herr des Himmels, tte ihn! tte ihn! tte ihn!

 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Da kam eine kleine weinerliche Stimme wie ein zerdrckter Vogellaut aus dem
Dunkel: Mama! Mama!
    Die Frau hielt den Atem an.
    Rsi wachte.
    Mama, warum sagst du tten?
    Einen kurzen Augenblick schien es Josefine, als schwebe ein Stern durch die
Nacht; als klinge etwas ...
    Aber nur einen Augenblick.
    Dann zog sie stumm das Leintuch ber den Kopf und wiederholte mit
zusammengebissenen Zhnen und geballten Fusten ihr furchtbares Gebet:
Allmchtiger Gott! Herr des Himmels! Tte ihn! tte ihn! tte ihn!

Ich habe etwas gebracht. Ich habe das Bild gebracht, sagte Hovannessian im
Eintreten zu Josefine.
    Sie blickte flchtig auf, einen schnellen Blitz Auge in Auge gab es.
    Beide hatten heute einen gespannten, fast unglcklichen Zug zwischen den
Brauen.
    Welches Bild?
    Repin, die Burlaki, Sie wissen.
    Er legte das Bild - eine farbige Lithographie - vor Josefine auf den
Schreibtisch und trat einige Schritte hinter ihren Stuhl zurck, wie um sie in
der Betrachtung nicht zu stren.
    Die Frau hatte nur einen Blick auf die frchterliche Gruppe geworfen, dies
Huflein Elender, die - ach, wie mhselig, wie schwer an der allzu groen Last
schleppen, die ihnen aufgeladen worden. Mit einem Blick, mit dem ersten Blick
erschlo sich ihrer aufgewhlten Empfindung die fast bermenschliche Gewalt
dieses Gesanges der Qual.
    Die Riesen der Arbeit voran, mit blaurot geschwollenen Gesichtern, den Kopf
gesenkt, wie der Ochs im Joch die Stirn senkt, um mit ganzer Schulterkraft zu
ziehen, zu ziehen, vorwrts zu schleppen, das hoch mit Gtern beladene Schiff
stromaufwrts zu schleppen. Hinter den starken menschlichen Zugtieren die zhen,
mageren, sehnigen; fleischlose Hlse mit vorgedrngtem, fast berstendem
Kehlkopf, mit straff, zum Zerreien gespannten Muskeln, die wie Knorren und
Stricke auf den eckigen Knochen liegen. Inmitten der Ergebenen ein junger
Emprer, aufgebumt, Schmerz und Wut im hocherhobenen Kopfe, der sich
zurckwirft und die Hand unter den entsetzlichen Riemen schiebt, der ihm ber
die nackte, saftstrotzende Brust geht und tief in das Fleisch schneidet - der
entsetzliche Riemen, der alle drckt - der ber ihre Brust zu dem Lastschiffe
geht, an dem sie schleppen. Wieviel Flche auf diesen Lippen! wieviel Sthnen in
ihrem unendlichen Gesang! Aber der letzte in der Reihe, der flucht nicht mehr,
der singt nicht mehr! Stumpf und aller Menschenwrde beraubt, mit hngenden
Armen und auf die Brust gesunkenem Kopfe trottet er mit, ohne Bewutsein, ohne
Willen; sein Gesicht ist gegen den Boden gekehrt, das menschliche Zugtier ist
auch zur Haltung des Tieres zurckgefhrt worden - alles ist zu Ende.
    Hovannessian hrte ein lautes, ununterdrckbares Schluchzen.
    Dicht an den Tisch gepret, beide Hnde vor dem Gesicht, sa die Frau ber
dem Bilde, und ihre Schultern zuckten im Weinen. Eine unbegrenzte Traurigkeit
hatte sie befallen angesichts dieser Qualbeladenen, und sie hatte alles
vergessen, sich selbst, Hovannessian, Georges, die Kinder, das Zimmer, in dem
sie sich befand - alles. Die Luft um sie war voller Sthnen, und ihr Herz schien
zu bluten, als sei hineingestochen worden. Sie fuhr mit der Hand nach der Brust
- da! da! da prete der entsetzliche Riemen und schnitt in das weiche, zuckende
Fleisch.
    Wo war das Kreuzchen?
    Da sollte doch ein Kreuzchen hngen an einer Schnur?
    Sie tastete danach, als msse sie auf ihrer Brust das Kreuzchen finden, das
jenem Jngling in der Mitte des Bildes, dem jungen Emprer im roten zerrissenen
Kaftan, unter dem Riemen hervor auf der Brust hing. Ach nein, sie hatte nichts
vergessen! Sie wute alles deutlicher als je. Sie wute: das ist das Leben,
meines auch! meines auch! Gerade die zwingende Symbolik des Bildes, diesem Bilde
eigen wie allen Werken groer Kunst, gerade diese zwingende Symbolik hatte sie
berwltigt, ins Herz getroffen.
    Alle so! Alle so!
    Sie selbst, Georges, die Kinder, die Kranken.
    Nur - -
    Nein, er nicht - der Mann mit dem strahlenden Lcheln war nicht unter dieser
Gruppe! Hovannessian nicht!
    Sie blickte ein wenig seitwrts, sie wollte diese groen Zge sehen, auf
denen das Leiden keinen Raum hatte ...
    Aber ein ganz Neues durchbebte sie, als ihre Augen ihn gefunden - halb
abgekehrt stand er, sinnend, und groe klare Tropfen rannen ihm aus den weit
offenen Augen in den Bart ...
    Sie fhlte eine geheimnisvolle Anwesenheit. Etwas Unsichtbares war hier im
Zimmer zwischen ihnen, zwischen jenem weinenden Manne und ihr selbst, die ihre
Trnen wie einen heien Quell strmen fhlte.
    Sie hielt den Atem an, und eine leichte Bewutlosigkeit berkam sie: Funken
und Sterne umtanzten sie, eine schwere drhnende Musik betubte ihre Ohren. Sie
flog weg, ber dunkle, unabsehbare Tiefen, rasend schnell - -
    Dann empfand sie eine leichte Berhrung, ihre Haare strubten sich, ein
Schauder berlief ihre Kopfhaut, ihre Arme: sie war wach. Neben ihrem Stuhl, in
den sie zurckgesunken war, stand Hovannessian, streichelte ihr Haar und
murmelte, sich zu ihr niederbeugend: Das ist jetzt nicht mehr! Das machen jetzt
die kleinen Schleppdampfer!
    Sie lchelten sich an wie zwei Auferstandene, mit Trnen an den Wimpern,
unglubig und erstaunt, umgeben von einer Flle berirdischer Glckseligkeiten
...
    Zum erstenmal sehe ich, da Sie viel gelitten haben, flsterte Josefine
und forschte auf seinem ihr jetzt nahen Gesicht. Es ist das, was Sie so ...
    Sie wollte sagen, was Sie so schn macht, aber sie konnte es nicht sagen,
sie errtete.
    Hovannessian hielt ihre Hand, seine Wimpern zitterten wie die Flgel eines
dunklen Schmetterlings. Ich habe in letzter Zeit sehr viel ber die Frauen
nachgedacht, sagte er mit fremd klingender Stimme.
    Was haben Sie gedacht?
    Er wurde sehr bla, eine schchterne Anmut breitete sich ber seine
mnnlichen Zge. Er schlo die Augen, prete stumm ihre Finger.
    Pltzlich trat ihm das Blut ins Gesicht - er beugte sich tief auf ihre Hand,
schamhaft in bermchtigem Gefhl: Verzeihen Sie! Verzeihen Sie! Ich habe nicht
so von den Frauen gedacht! Nicht so hoch! Verzeihen Sie, Sie haben mich gelehrt!
verwandelt! ganz verwandelt! Ich habe nicht gehofft, da ich finde - - Ich habe
nicht geglaubt - oh, verzeihen Sie! verzeihen Sie!
    Er strzte auf die Knie, den Kopf an ihr Kleid gedrckt. Dann erhob er sich,
hastig und verwirrt, und verlie wortlos das Zimmer.

Zwischen den Seelen, die sich anziehen, wchst eine zarte, seidenfeine,
lichtscheue Vegetation, wie weie Algenfden, wie tastende Wurzelglieder,
hinber, herber. Zitternd und leicht zerbrechlich, und doch straff die Rhrchen
gefllt mit dem besten Safte des Lebens. Leise, verborgen dem Tage, suchen
einander die schwirrenden blinden Fdchen, die seiner Seele, die ihrer Seele
entsprossen, und wenn die Stunde erfllt ist, wenn sich die zarten Munde
berhren, die tastenden Glieder aneinander gleiten - dann blht eine Blume auf,
gro und duftend und leuchtend in allen Farben des Himmels und der Erde, genhrt
von den sesten und erhabensten Trumen, vom feinsten Herzblute, und ihrem
Kelch entsteigen Wolken von Duft, die Leben spenden und Tod, untrennbar, so
ineinander gemischt, da beides eins ist. Und beides ist gleich s, erhaben und
erwnscht, Leben und Tod.
    Die Stunde war erfllt, die Blume war erblht. - -
    Sterben! dachte die Alleingebliebene in ihrer Verzckung, sterben in dieser
Minute! Du! du! du! Ich habe ja nicht gewut, was fr Menschen leben; ich habe
ja nicht geahnt, da es einen Menschen gibt, tausendmal grer, hher, teurer
als die ganze Welt. Und du redest von mir, du! du! Was bin ich? Wie kannst du zu
mir sprechen, wie du gesprochen hast? Ich lebe ja nur, seit ich dich kenne! Ich
bin ja nichts ohne dich! Ich habe ja erst durch dich Sinne, Gefhl, eine Seele
bekommen! Ich sehe erst jetzt die unbeschreibliche Schnheit der Erde, des
Himmels, des Lebens!
    Ach, sterben! jetzt! jh! in der Seligkeit dieses Augenblicks. Es ist zu
schn, es wird schnell zerbrechen. Er wird mich sehen, wie ich wirklich bin,
dann wird es vorber sein.
    Nein, sterben, und wre es unter Qualen, aber mit dem Ku des Glckes auf
den Lippen. Sterben durch deine Hand! Durch deinen Dolch. Mit dir zusammen
sterben?
    Eine pltzliche Angst berfllt Josefine, eine Angst vor sich selbst. Ich
bin irr! Auch ihn tten wie den anderen, den ich heute nacht in seinem Gefngnis
erstickt habe? Was fr mrderische Gedanken hege ich! Und mich - mich sollte er
lieben?
    Aber der verfhrerische Gedanke lt sich nicht bannen. Er legt sich wie ein
erschlaffendes Bad um die mde Seele.
    Knnte das sein! Mit ihm zusammen sterben ... Ach - ich mu allein! Er mu
leben! Was? diese Augen brechen sehen? diese Stirn erbleichen sehen im
Todesschwei? Und meinetwegen?
    Ach, eine Hilfe! eine Hilfe aus dieser groen Not! Sie ringt die Hnde.
    Nur die Glcklichen drfen sterben. Nicht Menschen wie ich!!
    Es klopft hart an die Tr.
    Josefine springt auf, ffnet verstrt.
    Vom Frauenspital ist Botschaft da. Sie mu kommen. Sofort. Diese Geburt, die
erste, die sie selbstndig leiten soll, das erste Mal, da ihr diese Aufgabe
wird, und sie hat das vergessen? So untauglich also! Solch eine nutzlose
Trumerin! Und was fr Trume! Heiliger Gott, la nur nie einen Strahl deines
Himmelslichts in dies dunkle Herz fallen. Schande! eine Schande!
    Josefine rafft eilig ihre Instrumente zusammen, sie senkt den Kopf, ruft
Helene zu, da sie gehe, und luft hinaus.
    Das ganze Gewicht des Daseins schwebt ber ihrem unbeschtzten Nacken und
will sich darauf niederstrzen.
    Die Oberwrterin guckt sie befremdet an, die Praktikantin Josefine scheint
ihr viel zu aufgeregt. Wei diese Praktikantin auch, da hier zwei Menschenleben
von ihr abhngen?
    Aber wie sie den Hut abgelegt hat und die Handschuhe wegtut, hat sie ja
schon ein ganz anderes Gesicht. Die Erregung ist wie weggewischt, hier ist nur
tiefer Ernst und ein Aufgehen in ihrer Aufgabe.
    Am Bett der sich windenden, schreienden Frau gewinnt Josefine alle Ruhe
wieder. Das arme Dienstmdchen, das in seinen Schmerzen um den Tod winselt - sie
besnftigt es liebevoll, weist es zurecht, sagt ihm, da es leben msse, um ihr
Kind zu geben. Und das seltsame blinde Gesetz des Lebens um jeden Preis ergreift
sie beide, die Gebrende und die rztin. Wem gebe ich mein Kind? Dem Licht? dem
Tage? der Finsternis? grausamer Verfolgung? Die Arme fragt es nicht, sie duldet,
sie hlt aus.
    Und in demselben blinden Lebensdrang, der die Mutter beherrscht, tut mit
Kraft und mit keinen Augenblick erschlaffender Umsicht die Helferin, was sie zu
machen hat. Den ganzen Abend bleibt sie, die ganze Nacht am Bette der Ringenden.
    In dieser Nacht, in der sie gewnscht hatte, sich das Leben zu nehmen, in
der sie sich das Leben genommen htte, wre sie ein freier Mensch gewesen, nicht
eine Mutter und Helferin - in dieser selben Nacht verhalf sie einem Wesen zum
Leben und erhielt das andere in seinen Nten.
    Als sie frstelnd und hungrig durch die tauige Morgendmmerung beim ersten
schchternen Amselruf heimwrts ging, war das wundersame Erlebnis mit
Hovannessian schon Vergangenheit geworden. Das schwere blutige Leiden eines
Menschen lag dazwischen. Sie dachte an Bcher, die sie notwendig zu studieren
htte, an vielerlei Gelerntes und wieder Vergessenes.
    Hovannessian, sagte sie halblaut vor sich hin, und ein Lcheln lste ihre
starren Zge, mein lieber Freund, Sie denken viel zu hoch von mir!
    Sie sah zur Seite; es war ihr trstlich zu denken, er gehe dort neben ihr.
    Viel zu hoch! wiederholte sie sich, wirklich, das Beste, was ich vermag,
ist, da ich mich der Forderung des Augenblicks fgen kann.
    Eine Ruhe, wie sie ihr lange fern geblieben, senkte sich mit der Ermdung
der Muskeln auf ihre Sinne. Als habe sie ein Ziel, ein langersehntes, jetzt
unverhofft erreicht.
    Er schtzt an mir, da ich arbeiten kann! sagte sie, befriedigt lchelnd,
es ist das einzige, was er an mir schtzen kann, sonst bin ich ja nichts. Wir
wollen uns das erhalten, nicht wahr, mein Freund? Oh, ich habe so lange nicht
mit voller Kraft gearbeitet.
    Ihre Blicke kten den Morgenstern.
    In ihrem Herzen war ein Heiligtum.

Wie eifrig du dich zu Grunde richtest! schalt Helene Begas die Freundin.
Diese ewige Exaltation. Auch wenn du nicht sprichst - immer siehst du aus, als
wolltest du aufschreien! Und arbeiten bis in die Nacht obendrein! Ich lese jetzt
Augustinus. Sehr lehrreich! Du hast wohl Heimsuchungen wie der?
    Josefine zischte ihr etwas ins Gesicht. Sie war glhendrot geworden.
    Helene seufzte. O, diese verkehrte Welt! Diese glhenden Heiligen alle! Der
Hovannessian ist auch so einer. Ich bin immer in Versuchung, ein Zndhlzchen in
seinen Dunstkreis zu halten - ich glaube, es wrde brennen! Meinst nicht auch?
Und als keine Antwort kam, fuhr sie ernster fort, auf das Repinsche Bild
deutend, das jetzt in der Nhe des Schreibtisches mit Heftngeln befestigt war.
Gestern hat Hovannessian mir das Bild erklrt, sagte Helene, es ist
ausgezeichnet gemacht, nicht wahr? Der Junge da, in dem zerrissenen roten Kittel
mit dem Kreuz auf der Brust, den zeigte er mir ganz gerhrt. Der kmpft noch,
sagte er, die anderen haben sich schon ergeben. Und dann, ganz ruhig: Bei diesem
habe ich immer an ihre Freundin Josefine gedacht, da ist eine groe hnlichkeit.
Und seine Augen brannten zwei Lcher in das Bild, sag ich dir, so hat er es
angestaunt.
    Sprich nicht von ihm, murmelte Josefine, ihr Ton bat: Sprich noch! sprich
mehr von ihm!
    Aber Helene gehorchte den Worten: Gottchen, ruhig Blut! Das bete ich immer
fr dich, liebste Josy - ich hab's ja zum Glck, bin als Amphibium geplant
gewesen und rein aus Zufall 'n Mdchen geworden. Ich sage dir, so was Bequemes
wie mein Temperament - -

Ja, Josefine hatte Augenblicke heftigen Verlangens nach dem Manne, den sie
liebte. Sie hate und verachtete sich unbeschreiblich in diesen Augenblicken,
aber sie kehrten immer wieder. War er fern, dann blieb er ihr Held, ihr Adler,
ihr edler Zypressenbaum, aber seine Nhe reizte und qulte sie zuweilen so, da
sie fortgehen mute. Sie stand dann, nach Fassung und Ruhe suchend, in ihrem
Schlafzimmer, rang die Hnde, bi ihre Lippen, reckte verlangend die Arme nach
der Tr. Und schmte sich! schmte sich!
    Dann trieb der Drang sie wieder zurck zu ihm, und sie machte absichtlich
kleine enge Schritte, hielt die Arme ngstlich dicht an sich gedrckt, wenn sie
wieder ins Zimmer trat.
    Einmal auf ihn zufliegen und ihn totkssen! Einmal!
    Aber sie kam scheu und langsam und sah mit wilder Eifersucht Hermann oder
Rsi in seinem Arm. Kaum beherrschte sie ihre Blicke.
    Wenn Zwicky neben ihm stand, vertraulich die Hand auf Hovannessians
Schulter, Helene und Bernstein scherzend mit ihm spielten, ihn um den Tisch
herumjagten oder die Erwachsenen und die Kinder ihn dicht umdrngten, dann kam
ihr eine wahnsinnige Lust, zu rufen: Er ist mein! mein! Fort ihr alle! Wie knnt
ihr wagen, ihn zu berhren?
    Ihr ganzes Wesen war in Emprung in solchen Augenblicken; - gegen Laure
Anaise, die sich oft mit naiver Bewunderung in Hovannessians Nhe drngte,
entstand dann ein spontaner Widerwille in der Seele der Frau, gegen den sie
umsonst mit allen Grnden der Vernunft ankmpfte. Dann kam eine Wut ber sich
selbst, eine Zerknirschung, eine Verachtung, die in tiefster Selbsterniedrigung
sich genugtun wollte.
    Sie wollte an Hovannessian schreiben, ihm ihre ganze wilde lodernde
Leidenschaft enthllen und ihm sagen: So sehr hast du dich in mir geirrt! so
schlecht bin ich!
    Aber sie schrieb nicht, denn wenn sie allein war, verflog der unheilige
Sturm, und ihre Seele kniete andachtsvoll vor ihrem Abgott. Sie war wieder rein,
wieder glcklich, sie wollte ihn nicht fr sich, der ganzen Welt sollte er
leuchten, viele beglcken durch sein Dasein, so wie er sie beglckte. Wenn sie
dich kennen, dann werden sie nicht mehr trauern, nicht mehr allein sich fhlen;
keine Niedrigkeit, keine Gemeinheit, keine Angst vor dem Abgrund wird sie mehr
qulen, wenn sie dich kennen, meine Sonne!
    In solchen Augenblicken schien ihre Liebe ihr ein Gottesdienst; sie vergo
Freudentrnen vor einem Altar; die Gewiheit, da das Leben gut sei, weil auf
ihrem Altar dieses Bildnis stand, umtnte sie wie himmlischer Gesang.
    Sie hob die Hnde und betete wie ein Kind: Mach mich gut! mach mich fromm,
da ich zu dir in Himmel komm! Amen.
    Zwischen frommer Ekstase und wildem Begehren hin und her gerissen, gehetzt
und mde, griff sie dann nach der Arbeit, der immer wartenden, wie zu einer
heilenden Arzenei.
    Und in der Arbeit schien es ihr, als lebe sie erst jetzt wirklich. Das
andere war ein Tanzen und Taumeln auf strmischer Flut; hier war sie selbst,
hier stand sie ruhig am Steuer und drehte das Rad und sphte sorglich nach den
Sternen und den Klippen.
    Sie wuchs in dieser Zeit an Einsicht und Stoffbeherrschung; ihr Blick
vertiefte sich mehr und mehr, und ein Gefhl der berlegenheit ber ihre eigenen
Leidenschaften wehte manchmal khl herauf.
    Ich liebe ihn, weil ich ihn lieben will, dachte sie dann; wenn ich nicht
will, dann kann ich diese Lampe auslschen. Es wird dann Nacht sein, aber man
kann auch im Finstern leben.
    So vergingen zwei Monate, und dann kam ein Abend. Jener Abend.

Josefine war noch spt in der chirurgischen Abteilung geblieben.
    Die ihr liebe Krankenschwester Wanda war abwesend; ein kleiner
Halbtagsausflug nach Rapperswyl war ihr gewhrt worden unter der Bedingung, da
sie Ersatz stellen knne. Josefine war fr sie dageblieben.
    Es war schwl; den ganzen Tag hatten die Fliegen ihre Kranken geqult, und
die offenen Fenster hatten nicht vermocht, frischere Luft in der berfllten
Abteilung zu schaffen.
    Dieser Spitaldunst, zusammengesetzt aus den scharfen, durchdringenden
Gerchen des Jodoforms, des Chloroforms und des Karbols und aus den
Ausdnstungen der Kranken und ihrer Wunden, war der Medizinerin noch immer eine
schwer zu ertragende Last.
    Schrecklich waren vor allem die eiterhftigen jungen Mdchen; in ihrer Nhe
roch es nach Tod und Verwesung, und doch forderten gerade diese Hilflosen, zu
langem Siechtum Verurteilten so sehr die Teilnahme heraus. Neben ihrem
Schmerzenslager sitzen, ihre eiskalte, feuchte oder fieberglhende Hand
streicheln, einen sanften Dankesblick in ihre tiefliegenden Augen rufen - es war
Josefine unmglich, auf diese Freude zu verzichten, obgleich die leichte
Bettkleidung der Kranken vom Schwei der Schwche durchtrnkt war, und obgleich
ihr beklemmter Atem aus einem Grabe zu kommen schien.
    Widriger war ihr das Geznk zweier blutjunger Mdchen gewesen, die sich
gegenseitig mit klglichen und doch von Bosheit geschliffenen Stimmen wegen
ihrer Verstmmelungen verhhnten. Beide waren Lupuskranke.
    Sie hat nur ein Aug, und sie glaubt noch, da sie sich putzen mu! Fr den
Doktor bist schn g'nug. Meinst, er schaut so eine an? Mit dem Kotelett im
G'sicht? haha!
    Aber du! schrie die andere fast weinend, du mit dem knschtlichen Kndel
da! ischt ds e Ns? Halte - l, wllscht en Schpiegel eppe? I ben noch dusigmal
schner fr di!
    Die erste, die mit einem roten Bande getndelt hatte, das sie sich um den
glatten, weien Mdchenhals schlang, befhlte oberflchlich den seltsamen
Nasenklumpen, den ihr der Arzt aus der Stirn geformt hatte. Vorsichtig liefen
die Fingerspitzen ber die gespannte Haut.
    Net so bel wie du! grollte sie hmisch, und i krieg allbot en Mann, aber
du - jo frili, du bischt zum Beduere! so e Blindschleich - wer die emal nimmt!
    Die Halbblinde schlug ein gellendes Gelchter an, das in Schluchzen endete.
Du! du! en Mann? aber i - i bin schon besser, gelt Schweschter? I wr net bel!
Ein Aug sieht noch g'nueg! Schweschter, Se, die welche von uns zwei ischt
schner? die wel' kriegt 'n Mann?
    Schmt's euch! beruhigt euch! kriegt alle beide keinen Mann! 's geht auch
so! sagte Schwester Wanda, die erfrischt und rotbckig von ihrem Spaziergang
zurckgekehrt war und einen groen Feldblumenstrau in die Abteilung mitbrachte.
Zankt ihr schon wieder?
    Josefine war dann gegangen. Sie konnte das Gekeife nicht loswerden. Mit
zusammengezogener Stirn horchte sie noch auf die jammervollen und hlichen
Worte, whrend sie unter den wehenden Bumen des Spitalgartens dahinging.
    Es wetterleuchtete ber dem See; der Himmel war mit flatternden Wolken
bedeckt, zwischen denen der fast noch volle Mond hinrollte, bald verschwindend,
bald aus dem zackigen, schwarzen Vorhang auftauchend und einen blauen Gu von
Licht auf den Weg sendend.
    Als sie fast das Tor des Gitters erreicht hatte, in dem ein Seitenpfrtchen
fr sie offen stand, kamen leichte, leise Schritte ber den Kies, und eine
Stimme sagte: Guten Abend.
    Josefine wich unwillkrlich zurck. Sie hatte sich unausgesetzt mit ihm
beschftigt, hatte bei dem Zank der Kranken gedacht: Wie entsetzt wrde
Hovannessian sein, wenn er dies hrte! Sie hatte sich eben gewhnt, alles an ihm
zu messen, was ihr begegnete.
    Und nun war er pltzlich vor ihr, schien hier auf sie gewartet zu haben.
    Wollen Sie spazieren, oder sind Sie mde? sagte er leise, indem er an ihre
Seite trat.
    Befangen, wortlos, taten sie nebeneinander einige Schritte.
    Es ist aber schwl, sagte Josefine gepret, es kommt etwas.
    O nein, noch nicht. Ich mchte, wenn Sie erlauben - einige Worte mit Ihnen
- Seine bebende Stimme sagte alles.
    Das Schweigen, mit dem sie an Josefines Hause vorber und die noch unbebaute
ansteigende Strae hinangingen, war betubend.
    Sie standen einen Augenblick und blickten auf das lichtdurchstickte
Stadtbild unter ihnen, auf das jetzt alle Sterne und der Mond leuchtend
heruntersahen. Der Wind strich mit einem pltzlichen tiefen, dumpfen Orgelton
ber die Berghalde hinter ihnen.
    Hovannessian hielt ihre Hand, drckte sie an die Lippen und atmete tief.
Mir ist so schwer ... Ich kann nicht mehr zu Ihnen kommen ... So gespannt, so
unruhig ...
    Ja, flsterte Josefine mechanisch, ja, es ist wohl -
    Ich wei - Sie lieben - einen - anderen -; ich - ich wei - Sie - o, ich
bin Ihr Freund - ich mchte - Sie lieben - ihn - Ihren Mann - Er zeigte
flchtig nach oben. Ach, knnt ich Sie nehmen und aus allem heraustragen, und
wir fliegen - fliegen auf einen schnen Stern! Mu ich - mu ich fortbleiben?
Soll ich - Josefine?
    Sie hob ihre angstvollen Augen auf, flehend, auer sich. Nein! nein! flehten
ihre Augen. Ja, hauchten ihre zitternden Lippen.
    Er sthnte auf, der Fleheblick brachte ihn um alle Besinnung.
    Josefine fhlte pltzlich etwas Starkes, Mchtiges, Heies, das sie ganz
umschlang, ganz einhllte.
    Sie zerschmolz in einer nie empfundenen Glut.
    Eine Flamme zuckte auf ihren drstenden, verbrannten Lippen.
    Sie bumte sich zurck, stemmte die Hnde gegen seine breite, hochklopfende
Brust ...
    Willst du nicht mein sein? willst du nicht? rauschte es an ihrem Ohr wie
ein Wildbach. Und der wilde Bach ihres Blutes schrie ja. Aber ihr selbst
unerklrlich, unbewut riefen die Lippen: Nein! nein!
    Nein! Er lockerte seinen Arm um ihre Schulter, er seufzte laut.
    Nein?
    Nein! wiederholte die Frau, nein! nein!
    Sein Arm sank herab. Er nahm ihre Hand, klemmte ihre Finger zwischen seine
Zhne. Ich soll nicht wiederkommen?
    
    Nein!
    Und du wirst mich vergessen, Josefine?
    Ein gebrochener Laut kam aus ihrem Munde, sie bebte am ganzen Krper.
Sterben, flsterte sie rauh, nur sterben!
    Ein pltzlicher Schauder berlief seine groe, prchtige Gestalt. Das ist
zu schwach fr dich! - du - wirst leben, sagte er leise, nachdrcklich.
    Die Hand vor den Augen stand er eine Weile stumm. Josefine rhrte sich
nicht. Die Luft war voller Seufzer.
    Ihr war, als sei er schon fern, fern, als sei sie schon gestorben.
    Nach mir - was ich tun werde, fragst du nicht, sagte er bitter.
    Hastig trat sie auf ihn zu: Was wirst du tun?
    Da zog er sie noch einmal in die Arme und begann zu flstern, in seiner
Sprache, mit erstickter Stimme, mit nassen Augen, einen Segen, ein Gebet, einen
Dank. Und dann: Lebe! lehre mich zu ertragen! du wirst vieles tun! Ich werde
von dir hren. Vielleicht hrst du von mir. Wir haben Aufgaben dort - du weit
... in Ruland! Sein Ton verlor die dringende Wrme, seine Augen blickten gro
und ber sie hinaus. Zwischen dir und mir liegt ein Dolch, sagte er mit
gerunzelten Brauen. Seine Arme gaben sie frei. Du hast es so gewollt.
    Das Wetterleuchten um sie herum ruhte keinen Augenblick, es war ein rotes
und grnliches Lohen, die ersten Donner rollten ber den See. Hell schien der
Mond.
    Erschlagt mich, ihr Blitze, wimmerte Josefines gequlte Seele, dies ist
mehr, als ich tragen kann.
    Sie wendete sich um, entfernte sich: Einziger Freund! stammelte sie mit
gesenktem Kopfe, lebe wohl - glcklich du! - vergi - ich - ich - danke - dir
-
    Sie verschwand im Schatten der Bume. Ihre Worte verklangen klagend im
Rauschen der ste.
    Hovannessian lie sie gehen ... Er wartete, da sie zurckkehren, da sie
wenigstens den Kopf nach ihm zurckwenden wrde.
    Aber sie tat es nicht. Mit wankenden Schritten, in gebeugter Haltung, aber
durch eine unerklrliche Kraft beseelt ging sie vorwrts, blind geradeaus.
    Wenn ein Berg dort vor ihr wre, sie wrde hindurchgehen, dachte der Mann.
    Er folgte ihr in einiger Entfernung, sah, wie sie in den Lichtkreis ihres
Hauses trat, wie sie sich zu kurzer Rast an die Pfosten des kleinen, hlzernen
Vorbaues lehnte. Mit hintenber gesunkenem Kopf stand sie, den Hut in der
schlaff herabhngenden Hand.
    Er fhlte, da er sie allein lassen msse, aus Schonung, aus Zartgefhl, aus
einer Liebe, die er sich selbst nicht zugetraut, und die ihm pltzlich gekommen
war, irgendwoher, vom Himmel herunter oder aus dem Herzen der Frau, die ihn
geboren.
    Gefunden und verloren, dachte er. Warum drngt alles vorwrts! Warum konnte
es nicht bleiben, wie es war!
    Sie war im Hause verschwunden.
    Gott schtze dich! Gott sei mit dir! murmelte der Mann unter den Bumen,
mechanisch -
    Er glaubte an keinen Gott, er glaubte an keinen Schutz, der sich erflehen
lie, aber in dieser heiligen Stunde fand er auf seinen Lippen die Worte seiner
Mutter, die er liebte, die Worte einfltiger, demtiger, ergebener Zrtlichkeit.
    Auf dem Bnkchen in der Anlage, wo er ihr Haus sehen konnte, verbrachte er
die Nacht.
    Zwei Tage spter hatte er die Stadt verlassen.

Und Josefine lebte weiter in dem verdeten Zimmer, in dem verdeten Hause, in
der verdeten Stadt.
    Die Welt war eine Wste geworden.
    Lebte weiter, ein Leben ohne Sinn und Inhalt, ohne Sonne und Stern,
verstmmelt und verarmt.
    Lebte so, lange, lange Monate, vier qualvolle Monate.
    Nicht unttig, aber in einer seellosen, bewutlosen Ttigkeit, aufnehmend
und wieder vergessend, und von neuem aufnehmend und von neuem vergessend.
    Die Arbeit, ihre Ehre und ihre Hoffnung, war wieder nur das Opium geworden,
das ihre Schmerzen betubte, abstumpfte, einschlferte.
    Sie spann sich in ein dichtes Netz; was drauen vorging, war so gleichgltig
geworden. Eine seltsame Unempfindlichkeit gegen Bses und Gutes stellte sich
ein. Ihr Verkehr mit den Kindern selbst, mit den Hausgenossen und Freunden wurde
uerlich und unfruchtbar.
    Aus der Einsamkeit kommen wir, in Einsamkeit leben wir, in die Einsamkeit
kehren wir zurck, fhlte sie, und gro und fremd blickte sie die anderen
Menschen an, die von Gemeinsamkeit, Zusammenwirken, Solidaritt sprachen.
    Sie war allein.

                                  Viertes Buch


Dor dem Bahnhofsgebude, auf dem gerumigen Platz um den schnen Brunnen und
unter den Sulengngen stand eine Kopf an Kopf gedrngte Menge.
    Die Silberlinden des Platzes und der ausmndenden Straen waren schon gelb
und dnn belaubt, aber eine heirote Oktobersonne schien durch weilichen Staub
und Dunst und machte die grne, weischumende Limmat, deren lebendige Wasser,
rasch und wirbelnd nach der Aufstauung, zu den Mhlen unterhalb der Brcken
niederrauschen, zu einem erfrischenden, Erquickung hauchenden Anblick.
    Frauen ohne Kopfbedeckung, mit Krbchen am Arm, braune Grovterchen mit
qualmenden Pfeifen, Kinder in bunten Sommerkleidern und Mdchen mit
Kinderwgelchen bildeten Gruppen unter den Arkaden, nah den Ausgngen. Eifrig
ugten sie nach den vom Portier ausgehngten Schildern, welche die ankommenden
Zge verknden sollten; Lachen und Scherzworte belebten zuweilen die Gruppen,
unter denen es kein Stoen und Drngen gab, wohl aber eine gemeinsame angenehme
Aufregung, die Erwartung von etwas Frhlichem und Willkommenem.
    Lauter und dichter drngte sich die Menge auf dem Platz, unter den
gelichteten Bumen; bis zum Eingang der Lwenstrae standen sie, schlossen den
kleinen Zeitungskiosk an der Brcke ein und gestatteten selbst dem elektrischen
Tram und den gelben Postwagen nur eine langsame, beengte Durchfahrt. Hier
herrschten die Mnnerkleider vor, aber nicht die gewohnte dunkle Tracht des
Stdters, sondern weie und weiblaue Turnerkleidung, aus der schlanke gebrunte
Arme und Nacken hervorsahen. Fahnen und Banner wurden von Zeit zu Zeit bewegt,
zuweilen spielte ein nahe dem Brunnen aufgestelltes Musikkorps. Die Sonne
blinkte in dem springenden und strzenden Wasser und auf den blanken
Messingrhren der Trompeten; Jodler stiegen wie Vogelrufe empor, und ein kleiner
Trupp italienischer Arbeiter, zusammengedrngt in einer Ecke, sang ein taktmig
mit den Spazierstcken auf den Straensteinen betontes Schelmenlied. Der Zug
pfiff, eine Kirchenuhr schlug, dann schlug auch die Uhr des Bahnhofs mit hellem,
schwirrendem Schlag: fnf Uhr.
    Das ersehnte Schild wurde herausgehngt, Mtter und Vter strebten, sich in
die Nhe der Doppeltren zu drngen, die Kinderwgelchen bildeten Spalier, die
Portiers ffneten, und die Kinder der Ferienkolonien, alle mit Struen in den
Hnden, mit weinlaubbekrnzten Hten, mit Efeuzweigen um den Hals, mit
Eichenkrnzen, die auf der Spitze eines Stockes schaukelten, alle lustig,
erhitzt, bestaubt und betubt von der Fahrt und dem Lrm, kamen laufend und
springend die einen, vertrumt und langsam die anderen aus der dmmerigen Halle
in das blendende Sonnenuntergangsrot heraus. Es wurde gekt, umarmt, geschrien,
gesucht, kleine Reisetaschen und Kfferchen geschwenkt, ein frhliches, lautes
Gewimmel entstand zu den Fen der groen Sandsteinpfeiler, unter den Bogen. Die
roten Heidekrautstrue, die bekrnzten Strohhte, die bunten
Herbstbltterranken, in die einige der kleinsten Reisenden vom Mtzchen bis zum
Saum des kurzen Kleides eingehllt waren, schwrmten zwischen die
Grovterpfeifchen, die ausgestreckten Mutterarme, die den Weg versperrenden
Kinderwgelchen hinein, flimmerten abwrts ber die breiten Stufen und verloren
sich in der Menge.
    Ehe die Eltern noch ihre Kinder, die Kinder ihre Mtter gefunden, kam der
zweite festlich erwartete Zug an; eine andere Pforte ffnete sich, donnernd
fuhren die Wagen in die Halle, siegreiche Turner mit radgroen Lorbeerkrnzen,
mit bekrnten Bannern erschienen auf der Treppe, Hurrageschrei, Bravorufen,
Hndeklatschen erscholl ihnen entgegen, die Fahnen der auf dem Platze Wartenden
begrten die Fahnen der Ankommenden, die Musikanten schmetterten los, hben und
drben, hinter den Turnern tauchten braune brenstarke Gestalten auf in dunklen
rmellosen Sammetwmsern, Sennen aus dem Bernerland, aus dem Freiburgischen, von
denen zwei je eine junge Tanne, die sie mit ihren eisernen Fusten aus dem
Berggestein gerissen zu haben schienen, ber den Huptern der Heraustretenden
schwenkten.
    Die Luft erbrauste von Jubel. Jemand intonierte das Schweizerlied, und
Gottfried Kellers feurig-inniges:

Oh mein Schweizerland! oh mein Heimatland!
Wie so innig, feurig lieb ich dich!

drhnte aus Hunderten von jungen Kehlen ber den menschenvollen Platz.
    Alles war laute Freude, Stolz, gute Laune - man stand und sang, schrie,
lachte, ohne sich zu drngen, ohne Eile fortzukommen, ohne belstigende, die
Menge in Verwirrung bringende Polizei.
    Eines jener improvisierten Feste, an denen das Schweizerleben so reich ist,
ein Besuch der Bergbewohner bei den Stdtern, krftig gefeiert durch krperliche
Spiele und heitere Wettkmpfe in allerlei Fertigkeiten, begann mit diesem
jubelnden Empfang auf dem Bahnhofplatze, dessen beflaggte Huser den frhlichen
Ankmmlingen den Gru der ganzen schnen Limmatstadt entgegenwinkten.
    Der lange Wagenzug hatte eine Menge Besucher gebracht, die alle durch ein
Band vereint schienen. Die wenigen Privatleute, die zwischen die geschmckten
gebrunten Gesellen vom Hochgebirge geraten waren, drckten sich langsam und wie
beschmt vorwrts, wofern sie nicht Schaulust oder Teilnahme zum Stehenbleiben
und Mitwarten veranlate. Einige begrten sich laut mit irgend einem starken
Sennen oder einem berhmten Schwinger, stolz auf die Bekanntschaft und hoffend,
da von dem Glanze jener Berhmtheit etwas auf sie selber hinstrahlen werde. - -
    Einer nur, ein kranker gelber Mann, schleppte sich teilnahmlos und mhsam
durch die gestauten Massen. In einem eleganten Anzuge, der ihm zu weit war und
jene uns so sehr auffallende Mode von ehegestern zeigte; mit einer kleinen
juchtenledernen Reisetasche, die ihn ganz auf die linke Seite hinunterzog. Der
unter den Schlapphten unangenehm hervorstechende Zylinder gab ihm etwas
Exotisches; tief sa er ihm ber den matten Augen.
    Billete vorweisen geflligst! schrie der Beamte an der Schranke zum Gott
wei wievieltenmal und streckte auffordernd die Hnde aus.
    Der krnkliche Reisende beachtete nichts, hrte nichts. Den Kopf zwischen
den Schultern, die Rechte auf die Brust gedrckt, wollte er chzend
vorbergehen. Als der Beamte ihn lauter anrief und den Arm vor die
Nachdrngenden hielt, stie er einen Schrei aus und begann pltzlich zu laufen.
    Halte l! schrie der Beamte. Billet!
    Eine resolute Frau packte ihn am rmel.
    Ach! ach! machte der Ergriffene klglich, als ob die Schulter ihn vom
Zupacken schmerze; die Hand, mit der er endlich das verlangte Billet hervorzog,
war bla und gedunsen und zitterte so sehr, da ihm das Krtchen entfiel.
    Der Beamte schimpfte, ein paar Flche wurden hrbar.
    Endlich war alles in Ordnung, aber der kranke Mann kam nicht weit: von einer
pltzlichen Ohnmacht befallen, mute er in den Wartesaal gefhrt werden, damit
er sich erhole.
    Der Portier bergab ihn einem Kellner, der den Feingekleideten auf englisch
um seine Befehle befragte.
    Der Reisende antwortete in deutscher Sprache mit geschlossenen Augen:
Kognak, Gepcktrger, Droschke! Nach dem Kognak erholte er sich sichtlich, und
als er dem Gepcktrger, der die kleine Tasche bernommen hatte, durch die
Korridore folgte bis zur Rckseite des Bahnhofes, wo es mglich war, einen Wagen
zu erlangen, war sein Schritt nicht ganz so schleppend wie vorhin.
    Zwei hbsche Mdchen mit groen Hten und enggeschnrten Taillen strichen
dicht an dem Reisenden vorber. Er hob den Kopf und sah ihnen nach, sein Gesicht
belebte sich. t! Trger! machte er halblaut, wie heien die?
    Verstndnislos blickte ihn das verschwitzte Gesicht unter dem blanken
Mtzenschild an: die pltzliche Vernderung des schlaffen Kranken war wie
Hexerei. Sie kommet wiet her, gelte Sie? sagte der Trger herablassend.
    Der Reisende stieg ein.
    Der Droschkenkutscher knallte.
    Driig Rappe, Herr! sagte der Trger, sich aufstellend. Driig Rappe,
Sie! schrie er zornig, als er keine Antwort bekam, und er folgte dem sich
bewegenden Wagen.
    Driig! Sie! rief der Kutscher.
    Pardon! vergessen!
    Der Trger erhielt fnfzig Centimes, aber er mute sie zwischen den
Straensteinen aufsammeln, der zerstreute Reisende hatte sie hinausgeworfen.

Eine halbe Stunde spter stand der gelbe, kranke Reisende vor dem Hause Zum
grauen Ackerstein und las, sich niederbeugend, auf dem blanken Messingschilde
den Namen: Dr. Georges Geyer.
    Er hrte noch das langsame Wegrollen des Wagens, der ihn hergebracht;
jenseits der Tr mit dem Messingschilde erklang Gelchter, leichte Fe
trippelten, eine Flurlampe wurde angezndet.
    Das letzte Abendrot erlosch hinter der roten Gardine des Flurfensters; der
Reisende sphte hinaus auf den wei herauf schimmernden, gekrmmten Weg, den ein
knorriger Apfelbaum mit gelichteter Krone berwlbte. Er sphte hinein zwischen
die bunten Vorhnge vor der Glastr. Das Gelchter, die leichten Schritte waren
verhallt, still brannte die Lampe auf dem schmalen rn.
    Ein Heimchen schrillte vernehmlich; das Herz des Ankmmlings pochte so, da
die Musik des Heimchens damit zusammenklang. Zum Umsinken mde, mit
zusammengebissenen Zhnen stand er unschlssig.
    Endlich erhob er die gedunsene, zitternde Rechte und tastete nach der
Klingel. Auf einmal fuhr er empor: die Finger hatten eine Vertiefung gefunden
mit einem flachen Knopf. War er nicht sonst gro und von Glas? murmelte er und
beugte sich zu dem flachen Metallknopf in dem glnzenden Grbchen.
    Er wollte lachen. Der linke Mundwinkel zog sich gegen das Ohr abwrts, die
linke Schulter zuckte gegen das Ohr herauf.
    h! wieder! chzte er und fuhr sich glttend ber die verzerrte Wange.
    Dann, mit einem ungeduldigen Kopfschtteln, legte er zwei Finger auf den
Metallknopf in dem Grbchen und drckte.
    Ein langanhaltendes, starkes Luten ertnte, dann Trffnen, Schritte.
    Vor dem Reisenden stand ein schnes, schwarzhaariges Mdchen in einer
feuerroten rmelschrze, gro und schlank, eine Stricknadel zwischen den Zhnen.
    Bona sera, zischelte sie, zu wem wnschen Sie?
    Frau Geyer, murmelte der Fremde und verzerrte sein gelbes Gesicht in
entsetzlicher Weise.
    Das schne Mdchen wich zurck, ohne ihren Widerwillen zu verbergen. Die
Frau ist net daheim, ist mir leid, sagte sie kurz, indes sie die Stricknadel
zwischen den weien Zhnen herauszog.
    Wann kommt sie? beharrte der Besucher, das hbsche, finster gewordene
Gesicht eindringlich musternd.
    Um elf in der Nacht halt oder um zwlf!
    Der Fremde chzte und schttelte den Kopf. Argwhnisch schaute er sie an.
Wo ist sie denn so lange?
    Ja, in der Klinik halt! Wenn mer emal Assistentin ischt, net wahr?
    Ach! er schlug sich vor die Stirn, lachte auf seine nervse, entstellende
Weise und fragte grmlich: Wer ist denn sonst daheim?
    Das Mdchen wunderte sich. Der Herr Bernstein ist mit dem Frulein Helene
im Kolleg, aber der Herr Loginowitsch ist vielleicht daheim, i will go frage!
    Sie ging schnell und ohne anzuklopfen in eine Tr hinein; als sie
zurckkehrte, kam ein etwa elfjhriges, hellgekleidetes Mdchen mit langen,
braunen, um Stirn und Nacken herabhngenden Haaren mit heraus. Die Kleine
drngte ihre zarte, schmchtige Gestalt an die des schwarzhaarigen Mdchens,
dessen krftige Schnheit neben dem durchsichtigen Kindergesicht mit den groen,
weit aufgeschlagenen und dennoch wie schlafenden Augen fast derb erschien.
    Die Mama ist in der Klinik, sagte eine leise, se Stimme, und die
durchsichtigen Bckchen errteten.
    Auch das kranke Gesicht des Besuchers hatte sich gertet; die Augen waren
wie mit Blut gefllt, der Mund zuckte unaufhrlich. Er hatte die Arme erhoben
und sagte, gewaltsam seine Stimme dmpfend und ohne den Blick abzuwenden: Aber
du bist zu Haus!
    Damit trat er ber die Schwelle, die Tasche schleifte er nach ...
    Ich? schrie die Kleine schrill auf und flchtete vor dem Eindringling bis
in die offenstehende Kchentr. Laure Anaise! komm! komm! Sie stampfte mit den
Fen und fing an zu weinen.

In einem mutlosen und strrischen Ton sagte der Besucher, da er warten wolle.
Und wie angezogen von der schwarzen Inschrift auf dem achteckigen
Porzellanschild ging er auf jene Tr zu.
    Laure Anaise folgte ihm und ffnete: ein Windsto kam durch das unsichtbare,
offene Fenster jenes schmalen Raumes und trieb die Flamme der Flurlampe in einer
roten Spitze empor.
    Sksi, murmelte das Mdchen, es geht zu lang! Warten? ja - es kann elfi,
zwlfi werden, bis da sie kommt! Lieber morgen.
    Der Fremde sa auf einem Stuhl neben dem Schreibtisch und antwortete nicht.
    Das Mdchen stolperte ber seine Juchtentasche. Jesis Gott! schrie sie
auf, bedrckt und aufgeregt. Mit einem langen Schritt trat sie ber das
Hindernis hinweg und berhrte den Eindringling an der Schulter. Sie! keuchte
sie, hren Sie net? kommen Sie morgen wieder!
    Eine Lampe! erwiderte er, ohne den Kopf zu erheben, aber die Schultern zog
er zusammen, als sei er gebrannt. Eine Lampe und ein Glas Wasser! Sein chzen
klang dem Mdchen schauerlich.
    Sie wich an die Tr zurck, lief zu Herrn Loginowitsch, pochte und strzte
zu ihm hinein.
    Da ist einer! O, kommet Sie g'schwind! Er ischt so wie von Holz, ganz wie
Holz - ins Zimmer gangen - ganz wie - Holz!
    Loginowitsch, die Feder hinterm Ohr, sprang auf, seine runden Brillenglser
funkelten verwundert. Ich verstehe nicht wie immer, sagte er und lachte, da
sich sein kleines, verzwicktes Gesichtchen in noch engere Falten zog. Was
wollen Sie? Pltzlich horchte er auf: Tschisch! weint etwas?
    Sie liefen hinaus - ber den Flur schallte ersticktes Weinen und Geschrei.
    Dort an der Tr des Warteraumes wehrte sich Rsi in den Armen des Fremden,
der sie an sich prete und wie sinnlos auf Haar und Gesicht kte. Sein Hut lag
auf dem Boden, sein haar- und bartloser, gelber Kopf glich einem Totenschdel.
    Nun lie er ihn wie gesttigt hintenberfallen und sich das Kind aus den
Armen reien.
    Es zuckte und schrie wimmernd in Laure Anaises Kleiderfalten hinein.
    Das groe Mdchen zog sie mit sich fort. Es war wie eine Flucht. Noch hinter
der zugezogenen Kchentr klang ungeschwchtes Weinen.
    Loginowitsch setzte sich in Positur. Er war purpurrot und schimpfte auf
Russisch, dann auf Deutsch: Fort! fort! hinaus! was willst du machen? willst du
Kind tten?
    Der Eindringling war ganz teilnahmlos geworden. Erschpft lehnte er an der
Wand. Die dunklen Lider bedeckten die Augen ganz. Er schien pltzlich zu
schlafen.
    Der junge Russe schrie aus der anderen Ecke: Nein, das geht nicht! das geht
nicht. Seine Stimme wurde immer leiser, ganz zutraulich zuletzt. Er ging auf
den Fremden zu und sagte zweifelnd: Krank vielleicht? Was wollen Sie? Sie ist
nicht fr die Mnner, aber fr die Frauen und Kinder. Knnen Sie zum Arzt
gehen.
    In dem fleischlosen Gesicht zuckte es; mhsam und schlfrig tat der
Eindringling die dunklen Augen auf. Seine Blicke waren erloschen, stumpf und
glsern. Wer wohnt hier? murmelte er, aber er schien sich selber zu fragen,
keine Antwort zu erwarten.
    Loginowitsch lchelte mit achselzuckendem Mitleid. Viele Leute wohnen hier.
Wen mssen Sie sehen?
    Drauen an der Tr steht ein Name, machte der Fremde lauernd.
    Der Russe winkte abwehrend. Der Name macht gar nicht. Es gibt nicht mehr.
    Zwei gelbe Funken fuhren aus den mden Augen des Fremden. So, so! gibt
nicht mehr? Wer sagt das? Aber der Name steht an der Tr. Ein Widerspruch eo
ipso, nicht wahr! Ah! ah! Ist er tot? Er zwinkerte mit den Lidern und grinste
wie im Vorgenu einer angenehmen Botschaft. Es wrde mich interessieren, zu
hren, was Sie von ihm wissen! Haben Sie ihn tot gesehen, Herr - wie war der
Name?
    Loginowitsch, murmelte der Russe. Was wollen Sie? Ich verstehe nicht. Tot
oder abwesend - ich wei nicht von diesem. Es interessiert mich nicht.
    Abwesend? forschte der Zudringliche, Sie sagten abwesend, Herr
Loginowitsch? Abwesend wo? Es interessiert mich! Wo? Um Gottes willen, wo?
    Vor seinem scharf und drohend gespannten Gesicht wich der Russe zurck.
    Wir wissen nicht. Es kmmert mich nicht. Knnen Sie Frau fragen. Nun gut,
gehen Sie!
    Und er ffnete einladend die Haustr mit dem Messingschild.
    Wohin? rief der Besucher in langgedehntem seufzenden Ton. Dann reckte er
sich und zog die neuen, gelben Glacs ab. Ich werde warten. Ich habe lange
gewartet. Oder halt, man kann sie rufen! Sagen Sie, Herr Loginowitsch, ein
Verwandter! Einen Nachfolger hat er nicht? Sind Sie vielleicht der Nachfolger?
Nein? Nein! Sie ist in der Klinik, sagen Sie, Herr Loginowitsch? In welcher
Klinik? Ich kannte die Kliniken auch. War viel dort, ja, ja. Haben Sie ihn tot
gesehen? Nein? Und kein Nachfolger? Erstaunlich! Ich dachte bestimmt, ich htte
so gehrt. Knnen Sie mir ein Glas Wasser geben? Ich bin sehr erschpft. Das
Sprechen strengt mich an. Aber ein Genu! ein wahrer Genu. Ich danke dem Zufall
eine angenehme Bekanntschaft! chzend hielt er inne und wischte sich die
Tropfen von der Stirn. Geben Sie mir einen Stuhl, ich falle um. Ich schwre
Ihnen, es war mir angenehm, Sie zu treffen. Ich dachte anfangs, Sie seien der
Nachfolger. Aber nein, Sie sind vielleicht etwas jung. Ich kann sitzen, wo Sie
wollen. Im Wartezimmer steht ein Schreibtisch jetzt und die Regale alle. Man
sieht so etwas gleich. Leben hier recht vergngt, hm? Ja, ja, nun bitte ich aber
dringend, da Sie gehen, Herr Loginowitsch! So schnell Sie knnen! Es wird die
Frauenklinik sein, selbstverstndlich! Sagen Sie: ein Verwandter! Sagen Sie: ein
Vater, der sein Kind kte. Ja, Herr Loginowitsch, das haben Sie gesehen! das!
Einen Vater, der sein Kind kt! Sie haben doch nichts anderes vermutet?
Erlauben Sie, da ich mich legitimiere!
    Mit einer hastigen Gebrde zog er ein Kartenetui hervor und entnahm dem
Tschchen eine angegilbte Karte, die er schwebend zwischen den langen,
knochigen, weien Fingern hielt.
    Der Russe musterte ihn mit aufgerissenen Augen; er berlegte, welchem
klinischen Fall der vor ihm Sitzende wohl entsprechen mchte.
    Erfahren Sie, wer ich bin, Herr Loginowitsch, sagte der Gast in dumpfem
Theaterton. An der Schwelle seines alten Glckes - er schluchzte laut auf -
an der Schwelle seines alten Glckes sitzt der Mann, welcher das Unglck hatte,
zeitgenssische Vorurteile zu verletzen, und dem man dafr das Herz brach! Er
sthnte und begann heftig und unverhllt zu weinen. Sein verzerrtes Gesicht,
sein Blick voll Anklage und Vorwurf, der nach oben gereckte Zeigefinger der
erhobenen Hand, die tnenden Worte - alles erschien zugleich unecht und echt,
spontan und studiert, wahr und unwahr, berechnet und natrlich und verlogen.
    Sind Sie ein Artist? entfuhr es dem erstaunten Loginowitsch.

Der Russe war gegangen, um Josefine von der Klinik zu holen.
    Laure Anaise lie sich nicht sehen, Rsli wich nicht von ihrer Seite.
    Da knarrten Schritte ber den Kies, Schritte auf den Steinstufen der
Vortreppe.
    Der Wartende richtete sich auf. Er hatte an dem Tischchen im Flur gesessen
und eine Karaffe Wasser leer getrunken.
    Ihn frstelte, und die herankommenden Schritte vergrerten sein Unbehagen.
Er zitterte und suchte mit den Augen nach einem Unterschlupf. Doch blieb er
sitzen.
    Josefine kam allein.
    Sie ffnete mit dem Drcker und betrat den Flur mit ihrem gewohnten, etwas
harten Schritt. In ihrem schwarzen Blusenkleide sah die Gestalt jugendlich und
aufrecht aus.
    Das schmale Gesicht leuchtete hell unter dem kleinen dunklen Hute; sie trug
ein Bcherpaket und ein Kistchen Trauben, die sie aus der Stadt heraufgeholt
hatte.
    Morgen war Rslis Geburtstag.
    Loginowitsch hatte sie nicht getroffen.
    Als sie den gelben, kahlen Menschen an dem dreibeinigen Tischchen sitzen
sah, blieb sie stehen, prete die Gegenstnde, die sie trug, fester an sich.
    Ein leiser Laut, wie von einem sterbenden Vogel, kam aus ihrer Kehle ...
    Auge in Auge verharrten sie, eine Sekunde lang.
    Ist es - begann sie zweifelnd, und die Bcher fielen zu Boden.
    Der Sitzende kroch ganz in sich zusammen: Sfine, murmelte er, kann ich
hier bleiben?
    Die Stimme durchzuckte sie, es wurde dunkel vor ihren Augen. Ein Abgrund
dampfte herauf. Sie konnte sich nicht vorwrts bewegen. Sie hrte eine Stimme
sagen: Bist du schon frei gekommen? Es mute wohl ihre Stimme sein. Warum
bist du noch vor der Tr? sagte sie scheu; ihre tdliche Angst wurde zu einem
blassen Lcheln. Willst du nicht hineingehen?
    Er rhrte sich nicht, sondern starrte seiner Frau in jeder Bewegung nach,
die sie machte. Sfine, seufzte er, gib mir zu essen! Ich habe gewartet, um
mit dir zu essen, den ganzen Tag. Hast du guten Wein? Sieh mal, wie ich aussehe!
Sieh meine Hnde! Sie haben mir ein Vierteljahr geschenkt, die Schufte. Dachten
wohl, ich sollte lieber bei dir krepieren! Seit Jahren leide ich an Dyspepsie.
Gibt es was rechts zu essen? Wo kann ich mich hinlegen? Ich bin wie ein Toter.
Die berraschung ist miglckt, du bist nicht berrascht, Sfine, nicht angenehm
wenigstens! Nun sag mir, was ist das fr ein Laffe, der hier den Hauswart macht?
Wollte mich hinausschmeien, der Bub! Und das saubere Mdle, wer ist die? Alles
fremd! alles fremd! Hu!
    Er sttzte den Kopf, schttelte sich und chzte.
    Ich mu eine Kur durchmachen, regelrecht ... Nun, du schlachtest wohl kein
Kalb fr mich, Sfine? Wegen meiner nit! Da hausen Polen und Polacken! Pah! Hast
du keinen Wein? Wir mssen doch das Wiedersehen feiern, Frau? Hast du Geld? Sie
haben mich auf die Strae gestellt mit fnfzig Franken. Das andere ist
draufgegangen! Alles selbst verdient und wie noch! Pah!
    Er spie auf den Boden wie ein Fuhrknecht und lachte grimmig. Dann stand er
mhsam auf, blickte Josy scheu von der Seite an. Zu wem komm ich da? Sag's,
Frau! Willst du mich nit? Hast keine Hand? keinen Gru? Die Freude war zu gro,
gelt Sfine? Nun, mir ist's eins! Nit so viel frag ich nach euch! Tag und Nacht,
jede Stunde, jede Minute hab ich gebetet, hab ich gebetet: Wiedersehen, ach,
nur's Wiedersehen erleben, und dann - was danach kommt - Schweigen. Nun steht
man da, nun sieht man sich und -
    Er machte ein paar taumelnde Schritte gegen die Tr zu, er chzte wie ein
Greis.
    Von Pharisern verklagt, von Pharisern verurteilt, von Pharisern
gerichtet, von dem - eigenen - eigenen - einzig - und - unerschtterlich -
geliebten - verzweiflungsvoll - geliebten - eigenen - Weibe verstoen -
    Er knickte zusammen und sank mit der Stirn gegen die Wand.
    Wohin! wohin! schluchzte er, keine Hand, keinen Gru! Gott, erbarm dich
meiner!
    Josefine trat endlich zu ihm. Ihre Hand zitterte, ihr Atem stockte, ihre
Stimme war kalt, aber sanft. Du sollst alles haben, Georges. Vater hat vor
kurzem Wein geschickt. In einer halben Stunde ist ein Nachtessen bereit. Wirst
auch gut schlafen nach der Anstrengung, wirst dich erholen. Die Worte alle sind
nicht ntig - du weit wohl, wer ich bin.
    Er wandte sich um, seine nassen Augen enthllend, sein Mund zuckte
unaufhrlich.
    So wahr mir Gott helfe, ich werde jetzt in der Tugend leben! sagte er
klglich, ich habe Gnade gefunden, meine Seele ist erweckt. Die Morgenrte ist
da! Wir werden glcklich sein, Sfine.
    Sein Gesicht wurde wie ein Tuch, die Nase scharf und spitz - er fiel in
Ohnmacht und lag eine Stunde lang besinnungslos.

Laure Anaise half Josefine den Ohnmchtigen auf Hermanns Bett legen. Er war so
leicht, da beide erschraken, als sie ihn aufhoben. Die feinknochige, weichliche
Gestalt knickte zusammen unter ihren Hnden.
    Das schne Mdchen blickte widerwillig auf den Hingestreckten, schttelte
den Kopf und kte Josefine traurig auf die Backe.
    Ja ... aber, begann sie.
    Josefine winkte ihr zu schweigen. Sieh, wie krank er ist, sagte sie mit
mahnender Stimme. Sprach sie zu jener? Mahnte sie sich selbst?
    Ihr gefrorenes Blut begann aufzutauen, ihre Backen frbten sich, der kalte
Glanz der Augen trbte sich: langsam pochte das Erbarmen.
    Halte seine Hnde hoch! Das Kopfpolster fort und unter die Fe!
    Sie rieb den Todblassen, brachte ther herbei, tat alles, was in solchem
Falle als zweckmig erkannt worden. Anfangs war sie nur Arzt. Allmhlich kehrte
ihre Seele zu ihr zurck. Sie brachte es ber sich, ihn anzusehen; sie vermochte
es, seine feuchtkalte Stirn zu streicheln.
    Schweige! schweige noch! flehte ihre Seele; httest du geschwiegen - ich
wre nicht so gewesen.
    Und mitten in ihren Bemhungen, ihn ins Bewutsein zurckzurufen, wnschte
sie, diese Bemhungen hinauszuschieben, um ihn beklagen und bemitleiden zu
knnen, um ihn nicht hassen zu mssen.
    Wenn er nicht spricht, so reden diese eingesunkenen Schlfen, diese
blutlosen Ohren, diese wchsernen Lippen, dieser abgemagerte, in langer Haft
verbrauchte Krper eine unwiderstehliche Sprache, fhlte sie, und sie konnte
dieser Sprache horchen und wissen, da sie ein Mensch war.
    Wenn er sprach - - Wer ist dies? hatte sie die ganze Zeit gedacht. Was geht
mich dieser an? Was hab ich mit dir zu schaffen, Fremder du?
    Und ein Widerwille, ein Ekel, den sie nicht bemeistern konnte, hatte sie
gepackt. Wenn er tot zu meinen Fen lge - ich wrde es nicht fhlen, hatte sie
gedacht, ganz betubt von Entsetzen.
    Und eine Sekunde spter hatte er dort gelegen zu ihren Fen, nicht tot,
aber todhnlich, und ihre Menschlichkeit war wiedergefunden.
    Whrend sie sich um ihn bemhte, wurde er unter ihren Hnden allmhlich
wieder der Leidende, der Vergewaltigte; - mit einem ernsten mtterlichen Lcheln
begrte sie sein erstes Augenaufschlagen, duldete seine bebenden Hnde auf den
ihren, empfing sein fassungsloses Schluchzen an ihrer Brust.
    Und auch ber den Unglcklichen kam eine sonderbare Regung. Er schwieg und
weinte nur.
    Schwieg, als wolle er sich ihr ins Herz hinein schweigen.
    Weinte, als wolle er sich ihr ins Herz hinein weinen.
    Was Josefine noch einen Augenblick vorher fr unmglich gehalten - es war
geschehen: in Schweigen und Trnen hatten sie etwas von Gemeinsamkeit
zurckgewonnen, und in der Frau war der ganze starke Beschtzertrieb erwacht,
als sie nun auf den Klglichen, Gebrandmarkten in ihrem Arm niedersah.
    Ihr wurde warm, die Augen verklrten sich, eine Art Verzckung spiegelte
sich auf ihren Zgen wie in jenem Augenblick, als sie ihrem Vater so neu, so
fremdartig erschienen war. Der jammervolle Mann betrachtete sie mit offenem
Munde, scheu, angstvoll, in sich zusammensinkend. Er zog seinen Kopf aus ihrem
Arm und sthnte: Never! never! never! never! never!
    Die Frau aber, noch ganz ihrem Beschtzerimpulse hingegeben, verstand seinen
Verzweiflungsruf nicht, sie lchelte dazu. Lchelte wie eine Mutter einem
kranken Kinde lchelt, ernst, sanft und berlegen.
    Du wirst gesund werden, sagte sie trstend, flchtig seine feuchte, eckige
Stirn kssend und ruhig die Hnde wegdrngend, die sich nach ihr ausstreckten.
    Wenn du nur erst arbeiten kannst, fgte sie hinzu. Schlaf's bitzeli, bald
gibt's zu essen. Sie verlie ihn trotz seines Widerspruchs.

Hermann schlich herauf, durchnt und schmutzig. Er wollte sich an der Mutter
vorber in sein Kmmerchen drcken.
    Wieder auf dem See? sagte sie flsternd, sie werden dich einmal tot
bringen, Bub. Hast schon drin gelegen, scheint mir. Sie befhlte sein nasses
Gewand.
    Strrisch ri er sich los. Ich war ja nit dort, sagte er.
    Nit auf 'm See, Hermann?
    Noi!
    Wo warst du?
    Er ghnte, warf sein strhniges blondes Haar zurck und sagte: Ach doch!
    Lgst du? sagte die Mutter und blickte ihm ins Gesicht.
    Meinethalb, erwiderte er trotzig.
    Du hast Wein getrunken, dein Atem schmeckt danach! rief die Frau, seinen
dnnen Arm ergreifend. Weit doch, da es nit gut fr dich ist.
    Vollkommen genau wei ich's, murrte der Dreizehnjhrige, hast mir's ja
oft und oft gepredigt.
    Aber warum folgst du nit, Hermann? Weit auch, da du nit gut bist?
    Kann sein, erwiderte der Bub.
    Das ist keine Antwort, machte Josefine, rede wie sich's schickt, wster
Bub.
    Er schielte sie von unten an. Mutter, du bist so klug, alle sagen, da du
klug bist; - weit denn nit, da man nit gut sein kann?
    Wieso nit kann? Warum nit?
    Weil's zu schwer ist! Einfach.
    Josefine fhlte einen scharfen Stich. Ja, es ist schwer, sagte sie
pltzlich leise. Aber, sie stand da mit gesenkter Stirn, man mu versuchen,
Hermann! immer versuchen.
    Ich versuch's auch, alle Tag. 's ist mir schon langweilig worden.
    Josefine ergriff fest seine kleine, schlaffe, schmutzige Hand und zog den
Buben in ihr Zimmer. Es war jener ehemalige Warteraum, voll von Bchern jetzt,
mit einem kleinen Schreibtisch und einer Waschvorrichtung.
    Ich sage dir etwas, Hermannli, sprich leise, es ist ein Krankes im Haus.
    Ihr Flstern, ihre Dringlichkeit erschreckten den Buben; er wollte sich
losreien, aber sie drehte sogar den Schlssel im Schlo und stellte sich mit
dem Rcken gegen die Tr. Es war so finster, da sie sich nicht sahen.
    Hermannli, der Pappa ist gekommen, er ist aber krank, und man mu ihn nicht
stren, hrst es?
    Der Bub tat einen Sprung in der Dunkelheit, tastete nach der Mutter. Der
Pappe?
    Wohl! ich sag's. Es ist ihm aber nit gut gangen, Hermannli; man fragt ihn
um nichts, qult ihn nit. Weit es jetzt?
    Aus Afrika? fragte nach einer Weile der Junge in eigentmlich zweifelndem,
fast hhnischem Ton. Oder woher?
    Was hat er gehrt? dachte die Frau, mit welchen Worten hat man sein
schwaches Herz schon vergiftet? Sie fhlte eine feindselige Kraft, die den
reichbegabten, aber innerlich haltlosen Knaben von ihr entfernte. In ihm war
etwas, das sich gegen ihren Einflu stemmte, sie schnell reizte, oftmals
erbitterte.
    Man verlangt von dir Gehorsam und Verstand, sagte sie schrfer, als sie
wollte, du bist alt genug, um zu wissen, da viele Dinge in der Welt vorgehen,
ber die man schweigt. Dein Vater hat viel Schlimmes erlebt, er mu gepflegt
werden und gute Kinder finden, die zu ihm halten und nicht zu jenen fremden
Menschen, die mit ihm hart verfahren sind.
    Hermann schien schweigend nachzudenken. Pltzlich murmelte er vorwurfsvoll:
Aber du hast emal geschworen, der Pappe sei in Afrika, und derweil heit's in
der Klasse -
    Genug, unterbrach ihn die Mutter, schm dich zu wiederholen, was die
frechen Lausbuben reden. Tu selber recht, Hermannli, sell ischt d' Hauptsach.
Wir haben kein Recht zu beurteilen oder zu verurteilen, fgte sie seufzend
hinzu, wir nicht.
    Aber - der Pappe ist mir ja der liebste auf der ganzen Welt! sagte Hermann
verwundert. Und vielleicht - ist er gut im Griechischen, Mamme? Im anderen
Schuljahr fangen wir Griechisch an - das wr ppis.

Acht Tage lang hielt Josefine den Kranken im Bette fest. Anfangs widerstrebte
er, schalt und weinte, apostrophierte die Wnde, beklagte seine Heimkehr, sein
Schicksal, sein Dasein, - allmhlich ward er ruhiger.
    Josefine war viel bei ihm, immer in der Rolle des Arztes oder der
Krankenschwester, geduldig, sanft und fremd. Hermann kam oft in ihrer
Begleitung, allein lie sie ihn nicht zum Mann. Rsli war tagelang nicht einmal
zu einem Morgengru zu bewegen. Sie schrie vor Angst vor dem Menschen, der sie
so wild gekt hatte, und in dem sie ihren Papa nicht erkennen wollte. Sie hatte
keinen Papa in der Erinnerung, sie wollte keinen Papa haben, sie klammerte sich
an ihre Mama, um sie zurckzuhalten, wenn sie in Hermanns Kmmerchen ging, wo
der Kranke noch lag, - einmal schrie sie laut nach Onkel Hovannessian um Hilfe.
Es war das einzige Mal, wo ihre Aufregung von Josefine geteilt wurde ...
    Im brigen war Josefine nie, seit Jahren nicht, so hoffnungslos ruhig
gewesen, wie sie jetzt war.
    Mein Schicksal ist besiegelt, dachte sie, ich bin nicht geboren, um
glcklich zu sein. Aber unter die Fe will ich nicht fallen, oben will ich
bleiben, solange ich atme.
    Der Schrei ihres Kindes nach dem Einzigen, Verschollenen erschtterte sie
fr einen Tag. Dann zog die ebnende Welle auch ber diese Erinnerung hinweg. Ich
habe Unmenschliches gelitten, als ich ihn verlor, nun bin ich schwertfest, -
alles, was kommt, ist im Grunde gleichgltig, dachte sie achselzuckend.
    Dann fhlte sie aber doch eine Neigung in sich, ihr Leben zu gestalten, zu
bilden wie mit Knstlerhand, ihr Leben und das ihrer Umgebung. Man mu
versuchen, alles gut einzurichten, dachte sie, fr Georges eine Beschftigung
suchen, das ist das Wichtigste. Die Arbeit wird ihn heilen, wie sie mich geheilt
hat. Wer von den Hausgenossen Vernunft annimmt, soll bleiben; wer den hohen
Aussichtsturm der Moral besteigt, der kann abziehen. Ich werde offen mit ihnen
sprechen.
    Und sie ging zuerst zu Helene Begas.
    Helene schwankte zwischen Kopfschtteln und Bewunderung.
    Du bist verrckt, liebe Josy, sagte sie mit feuchten Augen, du rennst dir
den Schdel ein Soviel ich sehe, gibt es hier nur eins: Scheidung. Wegziehen
kann ich nicht, denn du dauerst mich in deiner Verranntheit, und du wirst bald
einen Menschen ntig haben.
    Noch eine Frage: Wie wirst du mit Georges verkehren, Helene? Man mu da
etwas zartfhlend sein, Leni, sagte Josefine trocken.
    Helene kam ein wenig aus der Fassung. Sie errtete, halb voll Zorn, halb,
weil sie sich ihrer Vernnftigkeit schmte, auf die Josefine so wenig hielt.
    An Bernstein hast du beinah einen Verbndeten, sagte die Mathematikerin,
wir haben uns schon gezankt ber ihn und dich.
    Zankt euch ja immer, lchelte Josefine; also Bernsteins bin ich sicher.
    Bernstein verzog das Gesicht, als Josefine ihn bat, mglichst viel seiner
Mue dem unglcklichen Georges zu widmen.
    Ech! meine Mue! Wo habe ich eine Mue? Wre es sehr interessant fr mich,
mit diesem Mann zu sprechen! Aber ich habe keine Zeit! Man mu ein wenig mit ihm
weinen, glaube ich, aber ich habe keine Zeit! Es ist eine traurige Tatsache,
nicht wahr? Niemand hat Zeit fr die Kranken und Unglcklichen! Lassen Sie mich
in Ruh, bitte sehr, bitte ergebenst, bitte hochachtungsvoll! ech!
    Ein paarmal, in der Folge, fand Josefine, wenn sie nach Hause kam, ihren
Freund Bernstein neben Georges' Bett. Aber schnell, mit verlegenem Gesicht, zog
er sich zurck, sobald sie eintrat.
    Glaube ich, da dieser Mann ist sehr krank, sagte er dster zu Helene
Begas, nervenkrank, schrecklich, oder so etwas. Er hrt nicht, was man spricht,
ihn interessiert nichts. Ich frage, womit wollen Sie sich beschftigen? wollen
Sie vielleicht die russische Sprache lernen? Er schreit auf seine Frau, da sie
ist schlecht, da sie geht in Klinik, da sie liebt ihn gar nicht, da er will
lieber in Loch sitzen - schrecklich! Und wenn seine Frau kommt, er sagt alle
dumme Sachen, ich wei nicht, wie sie kann anhren solche dumme Sachen, wie er
spricht. Man hat ihn vergiftet, mit den Stecknadeln absichtlich gestochen. -
Laure Anaise will ihn mit Tee verbrennen, die Kinder drauen heulen wie Hunde,
das bedeutet, da er stirbt, - seine Frau will auch, da er stirbt, und er will
nicht, und solche Dummheiten. Er hat sehr Loginowitsch, ich wei nicht, warum;
ich sage: Loginowitsch ist ein ganz ordentlicher Mensch. Er schreit: Nein, er
ist schlecht. Und immer von dieser Tugend spricht er, schrecklich! Ich sage: Wo
haben Sie diese Tugend gelernt? Er sagt: Wo ich alles gelernt habe! Man mu die
Tugend lieben, sagt er, und seine Augen sind wei vor Wut. Ich sage: Ich glaube,
man mu etwas Positives machen, man mu sich mit etwas beschftigen! vielleicht
haben Sie Lust, die russische Sprache zu erlernen? Er faltet die Hnde, so, und
sagt: Du liebst mich nicht? gut, du wirst sehen, wirst sehen, sehen! Manchmal es
ist interessant, manchmal ganz langweilig. Und ich habe keine Zeit, Sie wissen.
    Dann ging Bernstein nicht mehr zu Georges, und Georges schien ihn nicht zu
vermissen ...
    Loginowitsch zog aus, schon um Platz zu machen, weil doch nun einer mehr in
der Familie war. Mit Befremden fhlte er, da Josefine ihn khl entlie: die
Abneigung des Kranken gegen ihn war auf dessen Frau bergegangen, so schien es.
Sie entfernte sich von jedem, der, wissentlich oder unwissentlich, Georges
beleidigte.
    Und inzwischen gab es unter allen Menschen, mit denen der Unglckliche in
Berhrung kam, nur einen einzigen, der ihn unaufhrlich qulte, reizte,
erbitterte, zur Verzweiflung brachte, und dieser eine war Josefine selbst.
    Sie wute halb darum, wollte es aber nicht wissen. Sie vermied alles
Nachdenken ber diesen Punkt als etwas Widriges, Niederziehendes,
Entwrdigendes. Mit derselben khlen Ruhe, mit der sie an jenem ersten
Wiedersehensabend die sehnschtigen Arme des Heimgekehrten von ihren Schultern
entfernt hatte, scheuchte sie alle Gedanken ber Georges' auf sie gerichteten
Gefhle oder Wnsche. Und etwas Unpersnliches, Abstraktes wuchs in ihrem
Verhalten gegen alle, gegen den Vater selbst.
    Plattner hatte bald nach des Schwiegersohns Rckkehr einen Brief gesandt,
einen angstvollen Brief, in dem die bewegte Vaterliebe wie zartes grnes
Feinlaub zwischen den eckigen Steinbrocken der nchternen Worte hervorbrach.
    Josefine antwortete so:
    Es geht ber Erwarten gut, mein lieber Vater. Georges hat seit seinem
Hiersein drei Pfund zugenommen, die Herzttigkeit ist intensiver und
gleichmiger geworden, der Husten qult weniger. Die Lunge ist gesund, da ist
keine Sorge. Da die Stimmung des Patienten noch daniederliegt, ist erklrlich.
Aber diese Depression zu entfernen, mu jetzt das Hauptbestreben sein. Georges
sollte eine leichte krperliche Beschftigung haben, die ihm etwas Frische gibt.
Bcher liest er nicht; es ist, als ob er das Lesen verlernt htte; er grbelt
nur, und das ist in seinem Zustande schdlich. Bitte, schicke deine Drehbank,
die kleinere, die du nicht benutzest. Meine wackeren Hausgenossen, wie du sie
nennst - und mit Recht nennst! - sind leider sehr zusammengeschmolzen. Zwicky
ist fort nach Wien, die Kinder entbehren ihn sehr. Es ist mglich, da ich auch
Helene verliere; wenn sie ausstudiert hat, kehrt sie jedenfalls nach Deutschland
zurck.
    Meine Schluprfungen schiebe ich nicht hinaus, frchte nichts, lieber
Vater. Die Ereignisse dieser letzten Wochen drngen mich zu mglichst schnellem
Studienabschlu. Ich werde nicht als Assistentin dienen, wie du vermutest,
sondern sofort mein Wartezimmer fr Patientinnen ffnen. Die Arbeit ist mir
alles.
                                                          Deine dankbare Tochter
                                                                           Josy.

    Nachschrift. Deine Nachricht ber Ulis treffliche Entwickelung sei herzlich
verdankt. Mein Kleinod ist am sichersten bei dir; ich kann ihn jetzt nicht
sehen; es ist zu viel, was auf mir liegt. In seinen Kinderzgen trgt er dein
Gesicht, mein Vater, das ist meine Freude. D. O.
    Plattner las diesen Brief mit zusammengezogener Stirn und langem
Kopfschtteln. Er kopfschttelte ber das, was zwischen den Zeilen stand. Fragen
tauchten auf, die nicht beantwortet wurden, - auch nicht durch das, was zwischen
den Zeilen stand. Zartgefhl verbot diese Fragen. Der alte Plattner errtete bis
in seinen grauen Bart ...
    Einen Augenblick dachte er daran, die Drehbank selbst nach Zrich zu
bringen, Josefine zu sehen. Er gab den Plan sofort wieder auf. Zwischen ihr und
mir steht die Fratze, dachte er bitter, keinen Fu setz ich wieder ber die
Schwelle.
    Dann begab er sich an die verstaubt im Winkel stehende Drehbank und putzte
einen halben Tag lang daran. Zornig rieb er jeden Rostflecken, jedes Stubchen
weg. Sein rger wuchs mit dem Schwei, den er bei der Arbeit vergo. Fr wen?
heiliger Gott, fr wen, murrte er. So ein Starrkopf von einem Weib! drillt
mich, drillt ihren alten Vater wie einen Zwirn! Und man gehorcht, wahrlich, man
gehorcht.
    Die Drehbank wurde eingepackt. Der Transport war sehr teuer und umstndlich.
Der alte Plattner wetterte noch auf dem Rckwege.

Der Heimgekehrte sa den grten Teil des Tages und starrte die Decke an.
    Auf seinem Kopfe wuchs junges Haar, weies und rtliches durcheinander, in
seinem Kopfe wuchsen neue Vorstellungen vom Weibe im allgemeinen und von der
Frau, der er wieder habhaft werden wollte, und die sich ihm ohne Mhe und
Aufsehen, aber still und beharrlich entzog.
    Die ganze Welt war auf den Kopf gestellt, seit man ihn eingekerkert hatte.
Nicht in sein Haus war er zurckgekehrt, sondern in das seiner Frau; der graue
Ackerstein war seiner Frau untertan, und allein ihr Wille war es, der darin
regierte. Die Dienstboten, zu denen er Laure Anaise mit Unrecht hinzuzhlte,
waren von Josefine angestellt, hielten eng zu ihr, waren nur ihr Rechenschaft
schuldig. Die Hausgenossen hatte sie hereingezogen und zu ihren Freunden
gemacht. Die Kinder waren ihre Kinder, ihr folgten sie, ihr gehorchten sie, vor
ihr hatten sie Respekt, ihr suchten sie zu gefallen, ihr vertrauten sie.
Besucher kamen, aber sie kamen nur zu ihr, an der Tr ward nur nach ihrem Namen
gefragt, an ihre Tr klopften sie; nur fr sie brachte der Postbote Briefe,
Drucksachen, ganze Ste oft, - ihn suchte weder Mensch noch Briefe. Seine
Bcher, deckenhohe Regale voll wissenschaftlicher, meist
spezialwissenschaftlicher Bcher, waren in ihren Besitz bergegangen; sie
studierte sie, exzerpierte sie, schlug darin nach, hatte Haufen davon auf ihrem
Schreibtisch, der sein Schreibtisch in der Studentenzeit gewesen war. Er
brauchte keine Bcher jetzt, er brauchte keinen Schreibtisch. Die Bcher waren
ihm stumm, sagten ihm ihre Geheimnisse nicht mehr, blickten ihn hochmtig und
verchtlich an mit ihren Goldtiteln und stolzen Namen. Aber ihr waren sie
beredt, zu ihr sprachen sie verstndnishoffend, - Verstndnis findend.
    In seinem ehemaligen Wartezimmer sa Josy an seinem kleinen
Studentenschreibtisch, und den groen Schreibtisch, den er besessen, benutzte
nun Bernstein. Er begann Bernstein zu hassen wegen des Schreibtisches. Er konnte
seine Stimme nicht mehr hren. Wenn Josy mit dem Russen etwas Sachliches,
Wissenschaftliches sprach, so zitterte er vor Neid und Migunst. Mit ihm sprach
sie nur Alltgliches, absichtlich, um ihn zu demtigen, so schien es ihm. Alles
geschah hier, um ihn zu demtigen. Das Messingschild an der Tr mit seinem Namen
darauf hing dort, um ihn zu verspotten; die Etikette ist geblieben, das seltene
Prparat aber ist fort. Sein altes Wartezimmer hie nur deshalb noch
Wartezimmer, weil Josy bald approbierter Arzt sein wrde. Josy wrde Arzt sein,
in seinem ehemaligen Warteraum wrden Josys Patientinnen sitzen und auf sie
warten, whrend er in irgend einem Hinterzimmer an der Drehbank bastelte.
Verwnschtes Leben! Als ein Lebendigtoter sa der Unglckliche da, als ein
nackter Beerbter, der, aus dem Grabe zurckgekehrt, seinen Platz ausgefllt,
seine Kisten und Kasten ausgeleert findet. Der Mann, der von der Natur dazu
bestimmte Platzergreifer, Inbesitznehmer war verdrngt und ohnmchtig gemacht
durch das Weib, durch die von der Natur dazu bestimmte Untergebene,
Untergeordnete, durch den Menschen zweiter Sorte, und aus den Hnden dieses auf
den Thron gelangten Sklaven sollte der rechtmige, entthronte Herrscher sogar
das Leben, das Brot, das ihn ernhrte, empfangen!
    Dumpfe Verwunderung, verbissene Wut mischte sich in die qualvolle Ohnmacht
des Verschmhten. Er entwarf Plne zur berlistung der gefhrlich starken und
unangreifbar gut stehenden Gegnerin; er meinte, sie sei nur deshalb so stark und
selbstndig geworden, weil sie sich der Unterjochung durch die Liebe entzogen
habe. Er nahm den Begriff der Liebe so niedrig wie mglich und redete sich ein,
wenn er sie unter diese Liebe zwnge, dann wrde sie so schwach werden wie er
selbst. Er lechzte danach, sie schwach zu sehen. Das natrliche Gleichgewicht
der Geschlechter schien ihm gestrt durch diese starke Frau, die er als zartes,
nachgiebiges, liebevolles Mdchen kennen gelernt, die er zu heftiger, aber
kurzer Leidenschaft entflammt, die er demtig und ergeben das Frauenlos an
seiner Seite tragen gesehen, die er durch sein Verbrechen mit brgerlicher
Schande bedeckt, die er bei seiner Verurteilung als weinendes, zerbrochenes,
unglckliches Weib zurckgelassen, und die sich whrend dieser Jahre langsamen
Absterbens fr ihn so unerwartet verwandelt, so neu und eigenartig entwickelt
hatte. In den ersten Zeiten, als er sie fr gefhllos hielt, trstete er sich
damit, da auch sie in gewissem Sinne abgestorben sei, aber dann kamen bald
Augenblicke, wo ihre Augen glnzten im Feuer des innigsten Anteils, wo es wie
prophetische Begeisterung in ihrer Rede klang. Mit Ha und Verwunderung bemerkte
er diese neue und ihm ganz fremde Jugendfarbe in ihren Zgen, in ihrem ganzen
Wesen, sobald die groen Fragen der Menschheit gestreift wurden. Sie hatte also
Gefhl zu geben, ihr Herz schlug stark und hei, strker und heier als in jener
Zeit, da sie sein gewesen, - aber ihm, dem Verdrngten, Beerbten, Verhhnten,
Verratenen, Kleingemachten galt kein Schlag mehr dieses starken heien Herzens.
Ohne einen Schatten des Vorwurfs fr ihn, aber auch ohne Erbarmen, ohne
Bedauern, mit mnnlicher Rcksichtslosigkeit hatte sie ihn in das Nichts
hinabgestoen, und ihre Gte und Nachsicht war Beleidigung, war Verdammung.
    Schrie er ihr wilde Vorwrfe entgegen, so behandelte sie ihn als Kranken,
bat ihn, sich nicht aufzuregen, eine beruhigende Arznei zu nehmen, seine
Gedanken auf andere Dinge zu lenken. Weinte er vor Ohnmacht und Hilflosigkeit,
so sprach sie von Hysterie, brachte Schlafmittel, verwies ihn auf seine
Drehbank, bestellte ein interessantes Reisewerk in der Buchhandlung, da er
medizinische Bcher nicht anrhren mochte, seit ihm die Ausbung der
Medizinkunst verboten war.
    Einmal fand er einen angefangenen Brief:
    Lieber Vater, es geht uns sehr gut; Georges beginnt mit Eifer an der
Drehbank zu schaffen. Er hat schon ein paar Serviettenringe gemacht. Nach
Lesung dieser Zeilen bekam Georges einen Wutanfall, in dem er die Drehbank zu
zertrmmern versuchte. Sie war von Eisen und widerstand ihm. Die paar
Schrubchen, die er mhsam zerbrochen, lie Josefine am nchsten Tage wieder
ergnzen; er hatte ihr erzhlt, da ein Knorren im Holz die Beschdigung
angerichtet habe.

Helene Begas war eine heimliche Raucherin, wie es heimliche Trinkerinnen gibt.
Da sie das Rauchen fr ein Laster hielt, zugleich aber sich einbildete, da die
ganze Welt oder wenigstens ganz Zrich auf die Studentinnen she, um ihre
schlechten Gewohnheiten in der Zeitung bekannt zu machen, so pflegte sie
allerlei Vorkehrungen zu treffen, ehe sie sich das leidenschaftlich geliebte
Kraut anzndete. Die Fenster wurden geffnet, die grnen Jalousien fest
geschlossen, die Vorhnge zugezogen, das Schlsselloch verstopft. Dann lie sie
ihre vollen Haare herunter, warf den Rock ab und legte sich in Pumphschen aufs
Sofa, die Zigarette im Munde, das Schchtelchen neben sich. In solchen Stunden
kam sie sich welterobernd, revolutionr, gefhrlich vor und dachte mit Entzcken
an die entsetzten Mienen ihrer gut brgerlichen Familie, falls diese sie jetzt
erblicken wrde. In ihrer Naivett glaubte sie, da niemand, auch Josefine
nicht, von ihrer Leidenschaft wisse, obgleich der scharfe Duft in ihren Kleidern
hing und ihr Zimmer ganz imprgniert hatte.
    Es war etwa vier Wochen nach Georges' Heimkehr, tief in der Nacht. Josy war
vor einigen Minuten aus der Frauenklinik gekommen, hatte die Flurlampe gelscht
und sich sofort in das groe Eckzimmer begeben, in dem sie mit Rsli und Laure
Anaise schlief. Sehr still war es. Die rauchende Studentin hatte Laure Anaises
Atemzge durch die dnne Wand gehrt, dann Josefines Schritte dort nebenan, sie
hrte sie die Uhr aufziehen, ihre Hnde waschen.
    Unermdlich, diese Josefine, dachte Helene und drckte sich tiefer in die
Sofakissen. Es war so schn warm, sie hatte zum erstenmal Feuer heute abend, und
ihre Zehen dehnten sich so wohlig in den kleinen braunen Lackschuhen auf der
Sofalehne.
    Pltzlich fuhr sie zusammen: irgend ein ungewohnter Ton, etwas wie ein
erstickter Schrei war erklungen. Schrie Rsli im Schlaf? Nein, es wurde ja gar
nicht geschrien, es war ja wie ein Scharren auf dem Boden, ein lautes Seufzen,
ein schwerer Gegenstand erbebte, fiel, dann eine flsternde Stimme: Nun? was?
was war das?
    Dann Laufen auf bloen Fen, etwas wie ein Rtteln, Stampfen ohne Schuhe,
wieder Seufzer, Gemurmel, endlich nahende Schritte, ein Griff an Helenes Tr ...
    Schlge ...
    Helene Begas warf ihre Zigarette von sich, suchte den Trschlssel auf der
Tischdecke, steckte ihn ins Schlo, blies die Lampe aus und fragte mit
beklommener Stimme: Wer?
    Leni! flsterte es drauen.
    Die Studentin ffnete, und Josefine fiel ihr in die Arme, drngte sie ins
Zimmer zurck und drehte selbst den Schlssel um. Sie war auer Atem, ergriff
Lenis Hand und hielt sie wie mit Zangen fest. Die Studentin sah angstvoll an ihr
hin. Josy hatte das Kleid abgelegt, mit der Linken drckte sie einen kleinen
dunklen Gegenstand an die entblte Brust.
    Helene fuhr ihr mit der Hand bers Gesicht, es war wie mit kaltem Schwei
bedeckt, die Haare klebten an der Stirn.
    Behalt mich hier, sagte sie, ich kann nicht dorthin. Ihre rauhe Stimme
brach einen Augenblick, ein unwillkrliches Schluchzen bewegte ihre Brust.
    Nein, aber das - - begann Helene.
    Znde an, Leni. Ach, so ein Weib zu sein! Nun, wo sind deine Hlzli?
    Josefine zndete selber die Lampe an, ihr Gesicht war bleich und feucht,
aber voll Entschlossenheit. Sie wandte sich zum Ofen: Du hast noch Feuer? Ist
gescheit. Sie nahm den kleinen Gegenstand von der Brust, lchelte sonderbar,
ingrimmig und entschieden, hob das Sckchen empor und blickte es an, indes sie
zum Ofen niederkauerte. Im Feuerschein glhte das rote Seidensckchen mit den
krausen Zeichen darauf.
    Josefine zog das rote Schnrchen auf und griff in das Sckchen; eine
handvoll brauner knitteriger Bltter kam zum Vorschein. Sie drckte ihren Mund
hinein, sog den Atem der verdorrten Rosenbltter in sich und warf dann eins nach
dem andern in das ersterbende Feuer ...
    Zuletzt zog sie zwei dnne Briefbogen hervor mit einer feinen, zarten
Schrift. Sie warf sie in die Flammen, ohne zu zgern. Dann kte sie das
Sckchen, als sei dies das kostbarste von allem, sie bi hinein, und ihr starres
Gesicht war pltzlich trnenberstrmt, die Stirn tief gerunzelt.
    Was liegt daran? sagte sie dann und warf auch das rote Sckchen in den
Ofen. Es verkohlte langsam, schwelte so hin, die goldenen Buchstaben, lauter
Glcksverheiungen, wurden schwarz und ruig. Als es verbrannt war, war auch das
Feuer schwarz und leblos, nur ein paar rtliche Funken irrten noch in dem
Zunder. Josy drckte sie mit der Kohlenschaufel zusammen.
    Dann stand sie auf und setzte sich auf einen Stuhl. Sie hatte Helene Begas
ganz vergessen.

Helene aber sa in der Sofaecke und beobachtete sie, sprachlos vor Trauer und
Mitleid. Leise legte sie der Freundin ein Tuch um die nackten, bebenden
Schultern. Josefine schien es nicht zu fhlen. Wie aus tiefen berlegungen
heraus sagte sie emporgewendet: Kannst du den Rpin nehmen? Es wre schade - -
    Sie vollendete nicht, sondern stand auf. Dann bring ich das Bild sogleich.
    Nein, morgen! ich frchte - - Helene wollte die Tr zuhalten.
    Was frchtest du? Josy lchelte spttisch. Meinst, ich frcht ihn?
    Ihr Blick war so, da die Mathematikerin einen Furchtschauer empfand.
    Ich dachte, er schlge dich, Josy, sagte sie stockend.
    Josefine lachte drohend: Er - mich? O weh! Sie besah ihre Hnde.
    Helene sprang zurck: Josy!
    Als Josefine dster schwieg, nherte sie sich ihr und fate schwesterlich
ihren Arm.
    Ich denke brigens, sagte die Studentin flsternd, vielleicht - wenn du
ihn doch wieder auf-und angenommen hast - aber ich verstehe wohl nichts von
Gefhlen -
    Nein, du hast recht! verstehst nichts davon- - Josefine musterte sie.
    Ich meine aber doch, so, theoretisch gesprochen, was fr einen Wert oder
was fr eine Wichtigkeit legst du hier einer Sache bei, die schlielich doch
weit untergeordnetere Bedeutung hat als eure brgerliche Gemeinschaft?
    Glaubst du? fragte Josefine mit eindringlicher Betonung und mit dem
erschreckenden Lachen. Untergeordnete Bedeutung? glaubst du?
    Ja, ich meine, Josefine, bist du nicht grausam?
    Die Frau zuckte die Achseln. Wei nicht. Interessiert mich nicht.
    Ja, aber, sieh, du bist doch sonst so gut, so verstndig auch, so klar -
    Josefine senkte den Kopf, als ob eine Sturzwelle von Vorwrfen sich ber sie
ergsse. Der geneigte Nacken mit dem schweren Haar gab ihr einen rhrenden,
demtigen Reiz in Helenes Augen.
    Du kannst ihm schlielich nicht verdenken, da er dich liebt, sagte sie an
Josefines Ohr, wir lieben dich ja alle! Wie hat Hovannessian dich geliebt!
    ber Josefines Nacken rann ein Schauer. Seufzend richtete sie sich auf. Was
sprichst du? schm dich auch. Dann schob sie Helene zurck. Meinst, ich knnte
- aus irgend einem Grunde in der Welt - einem zu eigen sein, den ich nicht
will? fragte sie, rot vor Scham, meinst du das? Und wenn der Himmel einfllt -
wenn ich ihn damit aufhalten soll - - Sie schleuderte etwas von sich mit der
linken Hand, wiederholte dann diese Bewegung noch heftiger und wie im uersten
Abscheu mit beiden Hnden.
    Das ist das einzige, was unmglich ist, stammelte sie, und wenn es die
Hlle hier wird - ist mir gleich! Ich frchte nichts! Er wird schon lernen. Wir
mssen unter Menschen gehen, Leni, er mu wieder Selbstgefhl kriegen ...
    Und du glaubst, das sei ein Ersatz fr -
    Was verlangst du von mir? rief die Frau gereizt, bin ich ein Mollusk, ein
Tier? Lieben, wen ich mag, gehren, wem ich mag - das ist mein Menschenrecht.
    Als verheiratete Frau hast du kein Recht - -
    So? so? das denkst du? so feig denkst du, Mdle, so gering von dir und
uns? schrie Josefine.
    Helene war etwas beleidigt. Sie zog sich hinter den Tisch zurck. Wenn ich
mich einmal versagt habe, wenn ich gebunden bin - dann bin ich eben gebunden,
sagte sie verwundert. Zugleich gebunden und frei - das versteh ich nicht.
    Ja, wer alles verstnde!
    Bist eben doch inkonsequent, Josefine.
    Mag sein.
    Aber das ist nicht gut.
    Wer ist immer gut? Man tut, wie man mu.
    Und wenn er wieder - Exzesse - macht?
    Ja!
    Und wenn er wieder Exzesse macht, sag ich?
    Und ich sage ja!
    Was dann?
    Wei nicht.
    Josy!
    Ja?
    Du bist hart.
    Das Leben ist mit mir hart.
    Vielleicht, wenn er sich wieder zurckfnde, zu dir -
    Nie! niemals.
    Niemals? das ist ein unhaltbares Wort zwischen Menschen, Josy, das sollte
man nie aussprechen.
    Und ich sag's noch einmal!
    Nun - dann - gib ihn frei, Josy, la ihn eine andere finden! Als
Medizinerin - -
    Josefine hielt sich die Ohren zu, Helene war unerbittlich.
    Siehst du nun, wie schwer das ist? Siehst du nun, was du auf dich genommen
hast? Viel zu unbedacht hast du gehandelt, hast dir bermenschliches zugetraut!
Aber jetzt, nicht wahr, jetzt frchtest du dich doch, da du dich beschmutzen
knntest? jetzt wrst du selber froh, wenn du getan httest, wie alle Leute dir
rieten? Josy, wirklich, ich habe dies kommen sehen! Sobald ich deine Geschichte
erfuhr, und dann, als ich ihn mit Augen sah-
    Josefines hartnckiges Schweigen ermunterte die Mathematikerin immer mehr.
Mit einer Art Triumph sprach und sprach sie - ihre Genugtuung, recht zu
behalten, war so gro, da sie ihr Mitgefhl fr die Freundin erstickte.
    Du willst mit Menschen verfahren wie mit Schachfiguren, Josy, so einfach
verfgen: stehe hier, aber keinen Schritt darfst du selbstndig tun! Das lassen
die Menschen sich aber nicht gefallen! Die haben auch ihren Willen, ihre
Individualitt, ihr Ich. Pat es ihnen zufllig, so werden sie wohl stehen
bleiben; pat es ihnen nicht, so kmmern sie sich wenig um deinen Willen. Solche
knstliche Schranken aufrichten - das ist sehr leicht, aber die anderen zwingen,
diese Schranken zu achten, das ist ganz was anderes!
    Hilflos, mde, mit verfallenem Gesicht hockte Josefine im Sessel. Nicht nur
die Worte, auch die Gedanken versagten ihr.
    Ich brauche etwas Schlaf - frh aufgewesen - murmelte sie, die Augen
schlieend; ihr Kopf mit der eckigen Wangenlinie und den abwrts gezogenen
Mundwinkeln sank zurck. Sie schlief nach wenigen Minuten. Frulein Begas schob
ihr ein Kissen hinter den Kopf - mit einem kindlichen Lcheln, das sie ganz
verjngte, dankte Josefine, ohne die Lider zu ffnen.

In dem stummen, unterirdischen Kampfe, der da im Grauen Ackerstein zwischen
niederzwingenden und emporreienden Gewalten gefhrt ward, gab es
Waffenstillstand.
    Wie der Tiger, der den Sprung verfehlt hat, so war Georges in seine Stube
zurckgeschlichen, gedemtigt, unterjocht, mit lahmen Gliedern.
    Er arbeitete an der Drehbank die nchsten Tage. Kam jemand zu ihm, so
erhielt er von dem Emsigen kaum einen blden, leeren Blick, ein mattes Gemurre;
er a sehr stark, schlief viel, fhrte eine Art Pflanzenleben.
    Seine Frau war ganz durch Vorbereitungen zum Staatsexamen in Anspruch
genommen. Dazwischen kamen Sorgen wegen der Dissertation.
    Josefine hatte eine groe Anzahl Mikrophotogramme fr ihre Abhandlung
bereit, deren Wiedergabe im Druck unerwartete Schwierigkeiten verursachte.
    Sie kam mit einem milungenen Clich zu Georges, um seine Meinung zu hren.
Ganz unbefangen kam sie, frisch und eifrig; wie Mann zum Manne sprach sie zu
ihm.
    Es war das erste Mal, da sie sich nach jener furchtbaren Nachtszene allein
miteinander befanden. Bei den Mahlzeiten waren stets die Pensionre und die
Kinder wie ebenso viele abstumpfende Widerlager zwischen ihnen.
    Scheu und feindselig hatte sich Georges in die Ecke zurckgezogen, als
Josefine mit ihrem entschlossenen, unbekmmerten Schritt hereinkam.
    Sieh, sagte sie, ihm das Blatt hinhaltend, da lueg auch, was sie mir
hingesudelt haben! Kein Detail erkennbar! eine graue Sauce! bin fast
untrstlich, wenn man mir die Sach so verderbt.
    Lange verstand er nicht, was sie wollte, guckte mit zitternder Unterlippe
das Blatt an, seufzte auf.
    Das Negativ war nicht so, versteht sich, fuhr die Frau fort, vielleicht
en wenig dichter als die besten, aber so ist's halt unbrauchbar, gelt?
    Georges hielt das Blatt vor die Augen, zuckte die Achseln und legte es hin.
Undeutlich. Wertlos, sagte er knurrend.
    Josefine lebte auf: C'est a! Undeutlich und wertlos! Was macht man?
    Eine neue Kopie halt.
    Er hat's bereits fnfmal versucht, es wird nt.
    Ja, da ist's Negativ schuld.
    Die Frau nickte. Frcht es auch. Aber dann -
    Neue Aufnahme, sagte der Mann teilnahmlos. Neue Aufnahme machen, er
hstelte hinter der Hand.
    Glaubst es? aber woher die Zeit nehmen? rief Josefine bestrzt. Und noch
sechs, sieben andere von der Schnittserie sind so verwischt. Heit also sieben,
acht neue Aufnahmen machen. Sie schttelte den Kopf. Undenkbar.
    Auf einmal zuckte ein Gedanke hell ber ihr Gesicht. Mach du sie, Georges.
    Er prallte zurck vor ihrem aufleuchtenden Auge, vor ihrer lebhaft
gestikulierenden Hand, vor dem werbenden Willen, der, ihr selber unbewut, wie
eine Flamme aus ihr hervorbrach. Kein Wort erwiderte er.
    Aber freudig und zuversichtlich kam sie nher. Ich bringe dir alles, trage
die ganze Geschichte zusammen! Die Prparate sind ja smtlich vorhanden,
deutlich numeriert. Du verstehst das so ausgezeichnet, hast's ja mich gelehrt,
Georges.
    Geh zu deinen Polacken! grollte er und drehte ihr den Rcken.
    Die Frau folgte ihm in den Winkel. Tu nicht so wst, du! Gelt, Georges, du
hilfst mir aus? aber ob's da heroben still genug ist? Der Tram fhrt, da der
Boden schttert und das Haus bebt -
    Nachts fhrt kein Tram, sagte der Mann, widerwillig interessiert.
    Josy nickte wieder. Ja, auch ich hab die Aufnahmen nachts gemacht. Drunten
im Laboratorium freilich. Aber es ginge auch hier. Sie musterte die Drehbank.
    Die steht fest, sagte er und horizontal.
    Eben das. Sie strich ber die Flche. Du wirst sie tausendmal besser
machen, als meine sind, lockte Josefine.
    Tausendmal! hhnte er, eine widerwillig lchelnde Grimasse machend.
    Man kann dann schreiben, da die Abbildungen von dir sind, Georges.
    Oh - Handlanger fr dich - murrte er, argwhnisch und geqult, dazu taug
ich noch, gelt?
    Und es liegt dir doch auch daran, da mein Buch - mein erstes Buch - sich
mglichst gut prsentiert, fuhr Josefine unschuldig fort.
    Ihre Naivett machte ihn verdutzt.
    Nun ja, sagte er, wenn du's so annimmst -
    Sie lief fort, um das Mikroskop und die Prparatserie zu holen; wenn Georges
wieder Interesse an wissenschaftlichen Arbeiten bekam, dann sah die Zukunft fr
ihn nicht so trostleer aus.

Sowie sie hinausgegangen war, geriet Georges in eine fiebernde Wut. Mit Hast
verriegelte er die Tr, lehnte sich mit dem Rcken dagegen, die Hnde geballt,
die Zhne aufeinander gebissen. So horchte er auf ihren schnellen Schritt, auf
ihr Klopfen. Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis sie kam. Er verging vor
Ungeduld, Widerwillen und Verlangen. Frostschauer zogen sich von seinem kahlen
Kopfe, auf dem jedes neue Hrchen auf und nieder bebte, abwrts ber seine matte
Haut. Er entblte seinen hageren Arm und sah das Zusammenziehen der Haut zu
kleinen Inseln, das Beben des Blutes in dem dunkel und wie obenauf liegenden
Aderngeflecht.
    Ah, misrable, sthnte er, den Arm streckend und anziehend und mit dem
Zeigefinger der Rechten das schwache Muskelspielverfolgend, - malheureux que je
suis!
    Das Fenster war mit von auen anklebenden gelben Blttern fast bedeckt, ein
gelbes Dmmerlicht kam herein und machte alle Farben fahl und krank; der
nchterne Raum, die schwarze Drehbank - es war ihm, als sei er hier angekettet,
mit Eisen an diese Drehbank geschmiedet, als sei er in einem viel
entsetzlicheren Gefngnis jetzt als zuvor.
    War es das, wonach er sich fnf frchterliche Jahre lang gesehnt hatte? War
es das?
    ffne, bitte! rief Josefine drauen, ich habe keine Hand frei.
    Er stellte sich taub, schlich auf den Zehen ans Fenster, streckte den Kopf
durch die offene Luftscheibe, lie sie drei-, viermal rufen.
    Sie hatte inzwischen ihre Hand frei gemacht und klapperte an dem Drcker.
    Verschlossen? warum? hrte er sie sagen.
    Dann kam er mit groem Gepolter und riegelte auf.
    Sie musterte ihn erstaunt. Schliefst wohl?
    Er rieb sich die Augen, dehnte sich, ghnte, schwieg.
    Gut, ich will dich nicht lange stren. Schlafe weiter. Hier ist alles. Du
findest dich schon zurecht.
    Er sprach noch immer nicht und hielt sie eben dadurch zurck.
    Mein Instrument kann nicht schuld sein, sagte sie, sich zu dem blanken
Mahagonikasten beugend; das ist noch immer tadellos. Sieh selbst.
    Als er sein eigenes Mikroskop wieder erblickte - eines der letzten sehr
vervollkommneten Instrumente, das er wenige Monate vor seiner Verhaftung
angeschafft hatte -, brach seine Fassung. Er weinte mit zusammengebissenen
Zhnen. Er hatte dieses groe prchtige Instrument geliebt, wie ein Knstler
sein Werkzeug liebt.
    Josefine begriff sofort und wurde sehr verlegen. Mit zugeschnrter Kehle
begann sie, so als ob ihr dieser Gedanke spontan komme, von seiner Zukunft zu
sprechen: Wissenschaftliche Arbeit - schriftliche meine ich - das ist
eigentlich dein Feld, Georges, dort wirst du etwas leisten, und niemand kann dir
wissenschaftliche Arbeit verbieten! Das gibt's nicht, so weit reicht ihre Macht
denn doch nicht. Man wird vielleicht auch etwas zusammen herausgeben, du und ich
gemeinsam, - wie denkst du?
    Ziemlich stark abgenutzt, sagte er mhsam und strich ber eine abgestoene
splitternde Ecke des Mahagonikastens. Schade!
    Eine Uhr schlug. Die Frau schnellte auf: Also heute nacht? willst du?
Schlafe aber im voraus, sonst wirst du verkrzt, und du brauchst viel Ruhe!
Sieben Aufnahmen, und jede circa eine halbe Stunde - da wirst du fast die ganze
Nacht dran rcken mssen! Ich laufe jetzt! Ade! Dank dir zum voraus!
    Sie ging, und er riegelte sich wieder ein. Nicht einmal die Hand gegeben!
Dann warf er sich aufs Bett und grbelte. Er sah sie, blau im Gesichte und
veratmend auf dem Boden liegen, auf dem Boden dieses Zimmers, lang hingestreckt
neben der Drehbank. Und er, er kniete auf ihr, zerri ihre Kleider, zerfleischte
sie, whlte in ihrem wehrlosen unterjochten Leibe, berauscht vom Geruch des
frischen Blutes. Und dieser Geruch des frischen Blutes, ihm bekannt von mancher
Operation, wo er ihm immer wie einen seltenen Wohlgeruch empfunden hatte, -
diesen Geruch glaubte er pltzlich um sich in der Luft zu spren, aufreizend und
peinigend und lastend schwer. In Konvulsionen der Lust und des Grausens wand er
sich auf seinem Bette. Gehate und geflohene Bilder aus der Vergangenheit wurden
zu lebendigen Szenen, die sich mit furchtbarer Anschaulichkeit, mit Geschrei und
Gewimmer hier vor ihm, zwischen dem Bette und der Drehbank von neuem abspielten.
Er sah verzerrte Kpfe auftauchen, verkrampfte Glieder zuckten - aus dunkeln
Kleidern - wei und rosig hervor. Pltzlich fllte sich die ganze Luft mit
blutigen Teilen menschlicher Leiber, und alles das wollte ber ihn strzen,
wollte ihn zudecken, ihn begraben. Er entwischte durch ein Fenster und wurde von
einer Bergspitze heruntergeschmettert ... dann lag eine kalte Leiche auf ihm und
prete ihn, Mund auf Mund, Brust auf Brust, Glied auf Glied, in die weiche
feuchte khle Erde hinein.

Mit verklebten Augen, mit verklebter Zunge taumelte er auf ... Es hatte gepocht
...
    Durch die geschlossenen Lider hindurch fhlte er, da es Tag war.
    So matt, so weich - wie zerschmolzen fhlte er sich. Aber der Blutgeruch,
das Gewimmer vor seinen Ohren war nicht mehr da.
    Er sah sich um wie ein Nachttier, das ein Versteck sucht.
    Warum pochten sie an seine Tr? Hatte er wieder etwas begangen?
    Ich bin unschuldig! wahrhaftig: ich bin unschuldig! stammelte er und
verkroch sich unter die Decke. Aber gleichwohl sah er, da die Tr aufging, und
da jemand hereinkam.
    Er verkroch sich noch tiefer, und nun sah er noch besser, sah zwischen
seinen Zehen hindurch nach den vielen Menschen, die hereinkamen.
    Sie kamen, kamen, aber das Zimmer wurde nicht voll. Ein paar schwarze Herren
drehten sich in der Mitte herum, die anderen gingen in die Wnde hinein, ohne
jede Schwierigkeit.
    Hier ist das Gebiet der Hallucinationen, sagte er, und dann hielt er eine
Rede ber die Hallucinationen. Jemand lachte aus der Ecke, die Versammlung wurde
aufgelst. Er schlug auf den Tisch, erhitzte sich, schrie: Realitt? Hier haben
Sie die schnste Realitt, meine hochverehrten Anwesenden! Kein Arzt leugnet Sie
oder sie, - denn das ist im Grunde ganz das nmliche, Sie oder sie, meinen Sie
nicht? Willkrliche Striche kann jeder machen, aber was gewinnen Sie damit? Ich
rede aus Erfahrung, aus blutiger und, ich darf wohl sagen, unangenehmer
Erfahrung. Ob jemand durch die Tr hereinkommt, oder ob er aus der Wand
hervorkriecht oder so von der Decke herunterspringt, was fr ein Unterschied ist
zwischen diesen Jemanden, wenn sie sich unverschmt, eynisch, aufdringlich an
einen Menschen heranmachen, - sagen Sie selbst! Die Krone der Unverschmtheit
ist ja gerade dieser von der Decke Heruntergesprungene, denn wie Sie alle
wissen, kann der Geist nur da wieder hinaus, wo er hereinkam. Durch die Decke!
ich bitte Sie! Sie werfen ihn in die Hhe, - er fllt Ihnen auf den Kopf, Sie
schumen vor Wut, laden ihn in einen Revolver, schieen ihn gegen die Decke -
der Gips berstet, der Plafond kommt auf Sie herunter, voran natrlich der kleine
Jemand, den Sie los werden wollen. Nein, nein, es gibt nur ein Mittel: spielen
Sie mit ihm, schlau, kindlich, machen Sie ihn kirre, zutraulich und sorglos. Und
dann - und dann - ja - ja - In diesem hbschen Augenblick ein scharfes
Messerchen bereit halten! Blutet's, so war's eine Realitt, unzweifelhaft! - es
blutet nmlich immer, ich habe ja meine Erfahrungen, meine - hm! hm! Kuriert -
kuriert, und doch nicht kuriert! Man ist halt Psychopath, meine Herren! - -
    Jemand kam an sein Bett, griff nach seiner Hand, an seinen Puls.
    Was kann das sein?
    Es wurde ihm schwer, die Zhne auseinanderzubringen. Endlich gelang es ihm,
und er rchelte: Ein Anfall! Seit Jahren ausgeblieben. Gib Morphium.
    Josefine gab ihm Morphium. Er belebte sich wunderbar schnell, sprach ganz
vernnftig, a und trank und schlief ein.
    Die Frau besah die Instrumente auf dem Tische. Sie waren unangerhrt;
kopfschttelnd packte sie alles auf und trug es fort. Ihr Buch erschien ohne
jene miratenen Clichs, die brigen fnfzehn Tafeln waren vollstndig gelungen.
    Georges fragte nie wieder danach, und sie zeigte ihm das Buch nicht, als es
herauskam.
    Er sah es dann, als sie in der Klinik war, bltterte darin mit anfangs
gleichgltigen, dann aufglimmenden Augen. Als Hermann zufllig darber zukam,
warf er den Band schnell unter das Bcherregal.
    Auch das Mikroskop betrachtete er nie wieder.
    Josefine hatte die sechs schweren Examenwochen hinter sich; die letzte Stufe
war erstiegen - sie konnte nun ihre Praxis ausben, berall wo sie wollte in
ihrem Vaterlande. Eine Art Befreitsein empfand sie, nicht mehr. Zuweilen
verwandelte sich dies Gefhl des Losgebundenseins in eine wehe Verlassenheit.
Bedauern ergriff sie, da die Studienzeit hinter ihr liege; rckwrts gesehen
erschien sie ihr als die einzige Zeit, wo sie wirklich gelebt. Die grten
Schmerzen und die grten Freuden lagen in diese Zeit eingeschlossen wie Perlen
in kstlicher Fassung, und wenn sie sich selber erblickte, wie sie vor diesen
fnf und ein halb Jahren gewesen, dann staunte sie ber ihre damalige, fast
ungestme Frische. Wie konnte ich das alles auf mich nehmen, damals, unter dem
Druck des groen Unglcks! Da ich nicht erlegen bin, da ich nicht einmal
ernstlich erkrankte, da ich es durchgemacht habe, und da ich nun ein ganz
selbstndiger Mensch bin - wie merkwrdig ist das alles!
    Und mit wehmtigem Neid sah sie die eben immatrikulierten Studentinnen ins
Kolleg gehen. Oh, schne, schne Zeit! Nehmt sie wahr! Blickt nicht so
geschftig, nicht so sorgenvoll! Ihr denkt, da ihr sehr wichtige Personen seid;
da ihr schon viel viel Groes und Schweres arbeitet! Aber ihr arbeitet noch
nicht, ihr nehmt nur auf wie das weiche Frhlingsland den warmen Regen. Wann ihr
fertig seid, dann - beginnt eure Arbeit. Erst dann. Meine Arbeit beginnt jetzt,
und was - was werde ich tun?
    Werde da in meinem Sprechzimmer sitzen, froh, wenn mein Warteraum von
hilfesuchenden Kranken berluft? Werde sie hereinbitten, einzeln, feierlich?
werde den Gott aus den Wolken spielen, Lebenshoffnung aus meiner hohlen Hand
herabsprengen auf emporgerichtete sterbende Elende? Werde dem an der Armut
Leidenden die krftige Kost des Wohlhabenden verschreiben und nicht die
hhnische Trne beachten, mit der er aus meiner Tr hinausgeht? Werde Ruhe
verordnen der zwlf Stunden tglich ber dem Stickstuhl hngenden Stickerin, fr
die Ruhe gleich Arbeitslosigkeit und Arbeitslosigkeit gleich Verhungern ist?
Werde Wunden flicken, wie man Lcher in den Schuhen flickt, gleichgltig,
geschftsmig, in der ruhigen berzeugung, da ich die wahren Wunden mit keiner
Sonde erreichen, mit keinem Pflaster heilen kann? Werde - oh das
allerschlimmste! werde mich einreihen in die Heere der Zufriedenen, der mit dem
Bestehenden Einverstandenen, der mit den gegebenen Tatsachen Rechnenden? Nein,
nur das nicht! nur das nicht! nur das nicht!
    Was aber werde ich tun?
    Und es schien ihr, da sie von Himmelsflgen heimgekehrt sei, um auf die
platte Erde zu fallen und dort Ameisenarbeit zu verrichten, eine von Millionen
anderen Ameisen!
    Ameisenarbeit! nun denn auch das, wenn es so sein mute! Aber wenigstens
keine schdliche, der Ameisenheit schdliche Arbeit verrichten!
    Ntzlich sein, selbst am Leben bleiben mit meiner Familie, der ich Brot
schaffen will und mu, und der Ameisenheit ntzlich sein - das ist fast
unmglich! Aber dann wenigstens nicht schdlich sein. Fr mich und die Meinen
sorgen und doch nicht schdlich sein! So viel wenigstens!
    Ach, und wre es denn nicht doch auch mglich, ein wenig zu ntzen? Hab ich
so viel gelernt, so klar gesehen, so tief gefhlt, was schlimm, verderblich,
zerstrend ist, und sollte ich kein, aber kein Mittel haben, gegen dieses
Schlimme, Verderbliche, alle Krfte Zerstrende mitzukmpfen?
    Was kann ich tun? Ich Ohnmchtige, Einzelne? Der Einzelne kann nichts,
nichts ausrichten, und wer sollte mir wohl helfen? Es denkt ja niemand so, wie
ich denke.
    Pltzlich tauchte vor ihr wie ein Stern ein schnes Gesicht auf; eine schne
Stirn sah sie ber tiefen Augen, und hinter der schnen Stirn wohnten schne
Gedanken. Gedanken den ihren gleich und deshalb schn fr sie. Den ihren gleich?
nein, tausendmal hher, glnzender, schwungvoller.
    Damals ging ich auch so ratlos und verzweifelt, dachte sie, so einsam,
allein auf der Erde. Und da kamst du gegangen, und was ich gewollt und ersehnt -
in dir fand ich mich selber wieder, nur unendlich viel strker, besser, reicher!
So weit, weit her kamst du, aus einer anderen Welt, aus anderen Lebensformen,
und mit dir verstand ich mich, als htte eine Milch uns genhrt. Einer bist du,
einer bin ich - unter all den Millionen - wo sind unsere Freunde? Gewi - sie
sind da! sie warten auf uns! sie stehen hinter der Tr! Ihre Hnde sind
ausgestreckt, die unsrigen zu fassen! Sie halten kaum den Ruf nach uns auf ihren
Lippen zurck! Es wird ihnen schwer, ihre Ungeduld zu zgeln, so wie wir kaum
die unsere zgeln knnen ...
    Soll ich nicht rufen?
    Und unwillkrlich fast, kaum wissend, was sie tat, begann Josefine den
unbekannten Freunden zu rufen.
    Sie wollte diese Hnde fassen, die sich ihr wartend entgegenstreckten. Sie
wollte diesen Augen begegnen, die aus Not und Drangsal des Tages wie aus der
Wste der Einsamkeit die ihren suchten.
    Sie wandte sich zurck an jene Fernsten, die sie nur ahnte, nicht einmal
glaubte: sie schrieb.
    Aber ihrer impulsiven Natur war dieser Weg zu weit, zu lang, und sie fhlte,
da nur die Hoffnungsvollen ihn beschreiten knnen - jene, die zu warten wissen,
denen die Sehnsucht nach dem Echo der Gefundenen nicht sofort erfllt werden
mu, und die ohne dieses Echo sterben. Nein, unmittelbarer als mit der Feder,
mit ihrer eigenen Stimme wollte sie die unbekannten Freunde erreichen,
zusammenrufen, mit ihren eigenen leiblichen Ohren den klagenden oder
begeisterten, nicht durch sie, aber mit ihr begeisterten Widerhall hren.
    Und dann, wenn wir viele geworden sind - wer wei! vielleicht knnen wir
doch gemeinsam etwas tun, etwas - etwas tun! dachte sie, und es schien ihr, als
weiche die zehrende Unruhe von ihr, die sie keinen Augenblick mehr verlie ...
Etwas tun ... ach!

Helene Begas brachte eine deutsche Zeitschrift mit; sie war ganz aufgeregt,
zwischen rger und Vergngen.
    Beim Mittagessen, nach der Suppe, schlug sie auf und las:
    Gelehrte Weiber und geprellte Ehemnner! Nun - klingt nett, nicht wahr?
vielverheiend! Und wahrhaftig, ich sage euch, - der Titel ist so anlockend -
massenhaft wird die Nummer gekauft! Wenigstens zwanzig Studenten standen am
Kiosk: Mir auch Gelehrte Weiber, bitte mir Geprellte Ehemnner - so ging es in
einem fort! Nach dem Inhalt fragte kein Mensch, es war nur der Titel. Huh, war
ich wtend! Diese Burschen da! Dies Gegrinse und Gewieher! Ich glaube, was von
schlechten Elementen in Zrich studiert, drngte sich zu dem Kiosk, ich war das
einzige Frauenzimmer. Wie Butter an der Sonne fhlt ich mich.
    Was ist's denn? was Witziges und Nettes? fragte Josefine, lchelnd ber
Lenis Eifer.
    Witzig keine Spur, schrie die Mathematikerin, immer das Gewhnliche! Wenn
sie noch Geist htten! Aber das ist wirklich die Strafe des Himmels - sobald
einer sich verleiten lt, dies Thema anzupacken - gleich verlt ihn, was er
etwa an Geist besitzt, und nur Bosheit bleibt und Plattheit!
    Warum sind Sie so aufgeregt? Bernstein ffnete seine Augen, so weit er
konnte, scheint es mir, da dieser Herr Verfasser nicht sehr gefhrlich sein
kann.
    Bosheit und Plattheit nicht gefhrlich? Helene schlug die Hnde zusammen.
In welcher Welt leben Sie, Bernstein? Unermelicher Schaden geschieht durch
solche boshafte platte Darstellungen! Alle Esel wiehern Beifall, fhlen sich
gehoben und gestrkt in ihrer Eselhaftigkeit!
    Halten Sie den Verfasser auch fr einen Esel? erkundigte sich Georges, mit
seinem Lffel spielend.
    Wer ist der Verfasser? fragte gleichzeitig Bernstein.
    Ich wei nicht; er unterzeichnet Strindberg jun. Na, das ist nun eine
Unverschmtheit mehr, Strindberg hat doch Geist, aber dieser Junior ist nur
platt! wie eine Scholle, sag ich Ihnen. Hren Sie mal 'ne Probe. Helene las
vor:
    Ein bewuter Schwindel ist dieses sogenannte Streben nach
Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Weiber wnschen durchaus keine
Gleichberechtigung, sobald es sich um unbequeme oder schlecht bezahlte Arbeit
handelt. Sie wnschen nur die bequemste, angenehmste und am besten honorierte
Arbeit an sich zu reien. Diese Arbeit ist ohne Zweifel die Arbeit des
Gelehrten, und darum wollen die Weiber pltzlich alle gelehrt werden. Sie haben
mit ihrer bekannten Schlauheit entdeckt, da es sehr angenehm ist, Arzt zu sein,
eine Vorzugsstellung zu besitzen und gute Honorare zu beziehen. Die Folge ihrer
Entdeckung ist nun ein Zudrang zu dem medizinischen Beruf. Gleichberechtigung!
schreien sie, aber sie meinen Herrschaft. Was soll der gleichberechtigte Ehemann
der Medizinerin tun? Nun, die gelehrte bessere Hlfte wird ihm vielleicht
erlauben, Wasser zu tragen und ihr die Hnde zu waschen, wenn sie aus der Klinik
kommt. Das heit dann sehr hbsch Arbeitsteilung. Kein emanzipiertes Weib drngt
sich jemals dazu, Kaminfeger zu werden oder Kloakenputzer: vor dem Ofenru oder
der Abfalldohle macht das Streben nach Gleichberechtigung sofort Halt! Hier
fordert auch die emanzipierteste Emanzipierte keine Arbeitsteilung, sondern
hchstens eine Teilung des Lohns mit dem Manne. Mag er doch in das heie
schwarze Kaminloch hinaufklettern, mag er doch in die belriechende,
miasmatische Grube hinabsteigen - das Weib wird derweil gemchlich zu Hause
bleiben, mit der Nachbarin schwatzen und lstern und in Sigkeiten und
unntigem Putz das schwer erworbene Geld des Ehemanns verhausen. Ein junger
Landwirt kurierte sein fr Gleichberechtigung schwrmendes Eheweib auf ebenso
leichte wie nachahmenswerte Weise. Er weckte sie des Morgens um halb vier aus
den sesten Emanzipationstrumen. Sie erschrak sehr, die Tochter aus besserem
Hause. Jesis Gott, was fllt dir ein, mich so frh aufzuwecken? sprach sie.
Stand uf, sprach er, nimm die Klber, fhr sie auf den Berg, ich will jetzt eine
Gleichberechtigung eintreten lassen. Ach, du mein Spavogel! sprach das Weib. Da
warf er sie zum Bett hinab und prgelte sie zur Tr hinaus. Spavogel hin,
Spavogel her! Hier wird nicht gespat, hier wird Gleichberechtigung
durchgefhrt. Das Weib wollte nicht, wehrte sich und schrie: Ich kann das nicht.
Aber ich kann das? denkst du, Weib, denkst du? ich kann alle Tage um halb vier
Uhr aufstehen oder um drei? Marsch, Gleichberechtigung, fhre die Klber auf den
Berg! Und der Mann prgelte sie in den Stall hinein, wo die jungen Klber dem
Morgen entgegenbrllten. Und er lachte sehr und sagte: Man mu euch Weiber zur
Gleichberechtigung zwingen, ihr versteht sie falsch! So belehrte ein kluger Mann
sein trichtes Weib, und von da an hatte er Ruhe vor ihr.
    Ech! unterbrach Bernstein, wozu lesen Sie! lassen Sie das! Er
betrachtete den Knaben Hermann, der begierig zuhrte und die Erzhlung
einzusaugen schien.
    Chaibeluschtig! Weiter, sagte der Bub und seufzte vor Genu.
    Georges warf den Lffel klirrend auf den Teller, ein fleckiges Rot spielte
auf seinen blanken Backenknochen.
    Gesunde Auffassung, scheint mir, sagte er mit einem bsen Lcheln, was
haben Sie an dem Essay auszusetzen, Damen?
    Essay! lieber gar! Helene warf das Blatt hin und schttelte sich vor
Lachen. Hermann griff sofort nach der Zeitschrift; seine Mutter nahm sie ihm aus
der Hand, so heftig, da sie zerri.
    Dummheiten, Bub, nichts fr dich! sagte sie mit finsterem Gesicht, wenn
du lesen willst - es gibt so viel Gutes. In Hermanns Augen stiegen Zorntrnen
auf.
    Ich will das lesen, sagte er, zu dem Vater gewandt, in dessen
Gesichtsausdruck er Billigung, ja Wohlgefallen suchte und fand.
    Josy zerri das Blatt mit der ihr eigentmlichen Heftigkeit in kleine
Stcke, die sie in den Kohlenkasten warf.
    Fhlst du nicht, Bub, da hier Hliches ist? sagte sie verwundert und
bekmmert, roh und dumm ist die Erzhlung! Mach deine Augen auf, Hermannli,
wirst sehen, da die Frauen berall mit ihren Hnden schaffen, gleichviel ob die
Arbeit angenehm ist oder nicht. Das Schreiberhirn stellt sich dumm, so, als ob
es nur faule Weiber gbe, und derweil sind schon alle Fabriken voll von
arbeitenden Frauen. Und in den Familien - -
    Sie vollendete nicht, denn Hermanns gleichgltige verbissene Miene brachte
sie aus der Fassung. Er hatte die Hand auf seines Vaters Arm gelegt, - der
innere Zusammenhang zwischen diesen beiden ging ihr blitzartig auf. Ein Gefhl,
das fast Entsetzen war, drckte ihr auf dem Herzen. Hermann! schrie sie auf,
schrill, auer sich, komm hierher! hre!
    Georges blickte gro auf, mit zurckgeworfenem Kopfe; er lehnte sich gegen
den Knaben mit der Schulter, als ob er ihn verdecken, schtzen wolle.
    Er ist wohl auch mein Sohn, oder - knnt ihr gar am End auch das schon ohne
uns, ihr Herrscherinnen von heute? Sein spttisches Zischeln ging in Gelchter
aus.
    Josefine schlo wie betubt die Augen, in ihrem Kopfe sauste und hmmerte
das Blut - das - das - ging ja nicht, so ist es ja schlecht! Man wird sich also
jetzt hier streiten, so - streiten, - und sich vergessen wird man, - Dinge
sagen, o pfui! was fr Dinge! Und das schadenfrohe Blinzeln in Hermanns matten
Augen, das soll sie - sie ertragen?
    Sie zwang sich zu einem lauten Lachen, das sie alle aufschauen machte. Oh,
Hermannli, wie bist du angefhrt, rief sie, der Vater scherzt, und du
verstehst nichts! Komm, mach, schieb! hinaus! es schneit! der erste heurige
Schnee! frhzeitig, gelt? Und die Geranien sind noch drauen. Der Schnee bringt
sie um. Lauf, Hermannli, spring, die Geranien heraustun!
    Sie verlie mit den Kindern das Zimmer - ohne Hut ging's in das schmale
Grtchen, der nasse Schnee khlte ihre heie Stirn. Hinter ihr ging der Streit
fort - mochte er fortgehen, Bernstein und Helene wrden ihre Meinung schon
allein verfechten.
    Der Knabe mute die Pflanzen aus dem Boden heben, der sich mit leichtem,
weiem Anflug bedeckte; Rsi holte Scherben herbei, fllte sie halb mit Erde,
Josefine setzte die Geranien hinein. Sie blhten noch reich, rosa, leuchtend rot
und purpurn, die Wurzeln hatten sich tief und weit verbreitet.
    Der Knabe tat gehorsam, aber mrrisch seine Sache; als eine Viertelstunde
vergangen war, berlie Josy die Kinder sich selbst. Sie hatte ja zu tun. In
kurzem war dann Sprechstunde, und sie nahm alles streng gewissenhaft: kein Fall,
den sie nicht nach der Konsultation reiflich bearbeitet htte. Das Nachschlagen
und Studieren kostete schon so viel Zeit, da sie hier, im Herbstschnee,
zwischen den Kindern, bereits mit ihren Gedanken bei der Arbeit war. Aber das
wunde Gefhl, das sie hinausgetrieben, erwachte neu, als sie vor ihren Bchern
sa.
    Was kann ich wirken, ich, deren Einflu nicht einmal bis zu meinem eigenen
Kinde reicht? Sie sah sich selbst im Spiegel beim hastigen Vorbeigehen und
erschrak vor ihrem traurigen, versonnenen Grblergesicht.
    Zu wenig Liebe! dachte sie, ja, das ist's, was mir fehlt! Ich habe nicht
Liebe genug! Einen liebe ich! Einem habe ich alles gegeben, fr die anderen
bleibt nichts.
    Verzweiflung ergriff sie.
    Nichts geblieben! Nichts. Mein Herz ist eine Wste! Wenn ich den Buben
liebte, dann liebte er auch mich, dann horchte er auf meine Worte, nicht auf
seine, dann htte ich ihn nicht verloren.
    Die Tr nach Helenes Zimmer stand offen, ein matter Tagesschein lag auf dem
geflchteten Bilde, auf dem Rpinschen Bilde, hob die zurckgebumte Gestalt des
Jnglings im roten, zerfetzten Hemd aus allen anderen heraus.
    Josefine heftete ihre Augen auf das Bild, sehnschtig, hilfesuchend bei den
Hilflosen. Sie sehnte sich nach den glhenden Trnen, die sie beim ersten
Erblicken des Bildes vergossen. Damals hatte sie gefhlt. Damals hatte sie
gelebt. Ihr war so hohl, so ausgetrocknet jetzt.
    Nie wieder werd ich so weinen, dachte sie, er hat alles mitgenommen, auch
meine letzten Trnen. Und sie staunte mit zitternder Seele, was ihr Leben htte
sein knnen ...
    Rsi guckte herein, rosig von der Luft. Wir haben alles fertig gemacht!
Komm und sieh, Mamme! es sind fnfzehn Tpfe, du mut kommen.
    Nein, nein, Liebling, spter, ich habe nun zu tun.
    Das Kind schlich nher, lauter Bitte und Vorwurf. So will ich bei dir sein,
Mamme.
    Du weit doch, ich habe zu schaffen, Kind.
    Bitte, Mamme!
    Sieh, Rsi, das ist so: die kranken Leute kommen, ich soll ihnen helfen.
Aber ihr Leiden ist sehr verschiedenartig, und ich bin noch nicht sehr gebt.
Also, weit schreib ich mir vieles auf in dieses groe Buch, weit was die
Kranken von ihrer Krankheit sagen, und nachher mu ich dann in meinen Bchern
suchen und vervollstndigen, was sie gesagt haben, um ein ganzes Krankheitsbild
zu bekommen. Verstehst du das?
    Rsi nickte und seufzte. La mich meine Aufgabe bei dir lernen, Mamme, ich
will ganz still sein.
    Mein Rsi, sieh, das geht nicht. Wenn du bei mir bist, mein Schatzeli, dann
seh ich immer nach dir hin, und dann verge ich, was ich nachschlagen will,
verstehst? Und dann kommt bald die Sprechstunde.
    Das Kind schmiegte sich fest an die Mutter, wollte nicht loslassen. Ach
nein, Mamme, nein! Du hast mich ja doch viel, viel lieber, Mamme, warum -
    Lieber als wen?
    Josefine begann leicht mit der Linken in dem vor ihr liegenden Buche zu
blttern.
    Das Kind strzte sich auf diese Hand wie ein wildes Tierchen, kte und
schlug sie, schob das Buch weit zurck; war ganz ungebrdig.
    Lieber als die ganze Welt! schrie sie, bse und weinerlich.
    Die Mutter zitterte, kte lchelnd die feuchten, zurckgebogenen Wimpern
ber den weichen Bckchen. Ja, und nun?
    Und warum bekmmerst du dich immer um die anderen, Mamme?
    Um welche anderen?
    Die du nicht so lieb hast, wie mich, Mamme! Sitz lieber so mit mir!
    Josefine stutzte, nachdenklich schwieg sie, fhlte Rslis heftigen
Herzschlag. Auch mit denen, die man am liebsten hat, sitzt man nicht den ganzen
Tag Arm in Arm, sagte sie endlich lchelnd.
    Oh doch! warf das Kind ein, drben ist ein Brautpaar, die sitzen immer
so! Das liebliche Gesichtchen errtete verschmt. Eine Frhreife lag um den
schwellenden, leicht aufgeworfenen Mund mit der kleinen, runden, purpurroten
Unterlippe.
    Die Mutter betrachtete sie eine Sekunde lang berrascht.
    Ein Brautpaar? sagte sie mechanisch, und das hast du -. Die dunklen
Kinderaugen mit ihrer bodenlosen, spiegelnden Tiefe verwirrten sie. Gelt, das
sind nrrische Leut! sagte sie ernst und schob die Kleine leicht hinweg.
    Oh nein! summte Rsi kopfschttelnd, errtete heftig und besah ihre
Schuhspitze. Ich werde auch eine.
    Was wirst du?
    Eine Braut! Ihr Schelmenlcheln war so lieblich, da Josefine sie an sich
zog.
    Oh, du mein dummes Maitli, sagte sie und kniff Rslis weiches Ohrlppchen
zusammen, wir wollen schon sehen, was du wirst! Ein starkes, gutes Mdchen,
Schatzeli, das ist einmal die Hauptsach. Geh! geh! bis aufs Wiedersehen.
    Schon whrend der letzten Worte hatte Josefine wieder nach dem Buch
gegriffen, und noch ehe das Kind zur Tr hinaus war, schien seine Gestalt und
sein Gesicht halb undeutlich zu werden und aus ihrem Bewutsein zu schwinden.
    Sie vertiefte sich in ihr rztliches Journal, immer von Furcht vor dem
Gestrtwerden beklemmt; als es drauen lebhaft wurde, stand sie auf und
verriegelte ihre Tr.
    Aber dann, als sie sich wieder zu ihren Studien setzen wollte, kam ihr
blitzartig ein anderer Einfall.
    Sie nahm einen Briefbogen und schrieb mit ihrer groen, eckigen Handschrift:
    Lieber Georges!
    Arbeite nicht gegen mich bei den Kindern!
    Den Bogen steckte sie hastig in ein groes Kuvert, schrieb darauf: Herrn
Dr. Georges Geyer, dazu die volle Adresse und klebte eine Marke darauf.
    Dann legte sie das beiseite wie einen Sack, in den man seine Sorgen verpackt
hat, und den man nun versenkt in die Tiefe.
    Wieder kamen die Bcher an die Reihe, aber nicht lange. Das Wartezimmer
fllte sich, die Sprechstunde begann. - Josefine hatte Glck mit ihren
Patientinnen: jede von ihr behandelte schickte ihr neue zu. Es gab Arbeit die
Flle.

Am nchsten Tage brachte die Post einen Brief fr Josefine, den sie mit
gepreten Lippen in Empfang nahm. Sie kannte die Handschrift.
    Der Brief war nicht viel lnger als der ihre. Er lautete:
    Liebe Sfine!
    Auf deine Zuschrift in Lapidarstil habe ich nur eine Antwort: dein Wunsch
ist mir Befehl.
                                   Gehorsamst
    Georges Geyer,
                                           Doktor der Medizin, approbierter Arzt
                                                                auer Diensten.

Als die Frau diese Zeilen gelesen, glaubte sie ein Hohngelchter um sich zu
hren. Sie verbrannte den Brief und verwnschte ihre Torheit, ihn
herausgefordert zu haben.
    Dann betubte sie sich durch Arbeit, bis sie von nichts mehr wute, an
nichts mehr dachte, als was der Tag und die Stunde von ihr als rztin forderten.
Mitten in dieser Betubtheit empfand sie zuweilen selbst eine Art Behagen, fast
Schadenfreude. Da sitzt er und mchte mich rgern und qulen, aber alles gleitet
an mir ab. Ich bin sicher vor allem. Diese Tagesaufgabe ist wie ein Wall um mich
herum.
    Es gab Bses genug auerdem.
    Laure Anaise folgte ihr eines Abends in ihr Zimmer, fiel ihr schluchzend um
den Hals und bat, sie wegzuschicken.
    Nein, nein! aber was denkst du auch, eiferte Josefine erschrocken, sollen
wir dich entbehren? sollen die Kinder ganz verlassen sein?
    La mich fort, Josy - mut es mir nicht zu schwer machen, weinte das
Mdchen, bleiben kann ich emal nimmer.
    Und warum nicht?
    Laure Anaise lie den Kopf hngen. Er hat nichts zu schaffen, und - und -
    Wen meinst du, Laure? stammelte Josefine erbleichend.
    La mich fort! wiederholte das schne Kind mit sprhenden Augen, du bist
blind, aber mir ist's verleidet, seit da er im Hause ist.
    Josefine lie sie aus den Armen. Ich wei nicht, was du meinst, sagte sie
khl, wenn du gehen willst. Laure Anaise, wenn es dir verleidet ist, so geh.
    Das Mdchen begann zu weinen. Ich kann ja nicht dafr, Josefine, frage nur
das Frulein Leni und den Bernstein, die werden dir's schon sagen.
    Also -, machte die Frau, also - wann willst du fort?
    Nun bist du noch taub12 worden, da ich's Maul auftue! rief das Mdchen,
und recht hab ich doch!
    Josefine betrachtete sie schweigend. Wohl! wohl! sie werden alle gehen!
Einer nach dem anderen! Alle meine Freunde, alle die mir lieb sind ...
    Gott im Himmel wei -, fing Laure Anaise an.
    Unmutig seufzend wandte Josefine sich ab, winkte mit der Hand. Geh, wenn du
gehen willst. Was hab ich dir zu bieten?
    Das schne Mdchen strich sich die schwarzen, krausen Haare aus den Augen.
Descht unrecht, Josy, machte sie schluchzend, weit 's, wie gern ich blieb.
    Josefine warf wieder die Arme um sie. Laure! Laure! Kind! wie hab ich mich
gefreut, als du zu mir kamst! geh nicht von mir! bleib, Laure, bleib bei mir!
    Laure weinte still, den Kopf auf Josys Schulter. Du magst ihn nimmer,
Josy, flsterte sie mit ihrer rauhen Stimme, Jesis Gott, ich mag ihn auch nit,
aber er plagt mich und streicht mir nach.
    Wieder schob Josefine sie weg. Du trumst, Kind - aber wenn du so widrige
Dinge trumst, dann ist es besser, fortzugehen. Es ist das einzige. Sie wollte
das Mdchen kssen, und Laure Anaisens Mund kam ihr entgegen, aber pltzlich
schttelte sich Josy und kte nicht. Du warst mir sehr lieb. Ich bin dir ewig
dankbar, murmelte sie mit trockenen Lippen, kalt und tonlos. Und dann belebte
sie sich und wurde freundlichfremd. Nimm deine notwendigsten Sachen, Kind, und
fahre noch heute zu deiner Mutter. Ich schreibe ihr, da du Erholung brauchst.
Dein Gepck send ich nach. Fr eine gute Stellung werd ich dir Sorge tragen. Ja,
ja - so ist alles geordnet, nicht wahr? Alles recht, gelt du?
    Laure Anaise sprach nicht mehr; nickte nur zu allem und weinte. Sie fhlte
sich von einer starken Hand gefat, die sie hin und her schob, und sie hatte nun
keinen eigenen Willen mehr.
    Einmal nur, whrend sie ihre Habseligkeiten zusammenpackte mit Josefinens
Hilfe, die sie nicht mehr aus den Augen lie, schrie sie pltzlich auf, da man
sie fortschicke.
    Josefine antwortete mit einem traurigen Lcheln: Fortschicken nicht, nur
schtzen! Sage du wie ich, Laure Anaise, weiter bitt ich nichts. Ihre Stimme
wurde warm und eindringlich, whrend sie noch einmal zu ihr trat: Sprich nichts
von - hrst du? Es ist so schwer ohnehin, Laure! Sei treu, Kind, du schonst
mich, wenn du - ihn - schonst.
    Laure Anaise blickte sie wild an, verstand nichts. Aber sie beugte sich vor
Josefine und versprach alles.
    Sie verlie das Haus, bevor die Kinder aus der Schule kamen. Rsi war auer
sich - alle anderen nahmen die Nachricht, da Laure Anaise dringend der Erholung
bedrfe, und da sie deshalb zu ihrer Mutter gereist sei, mit vielsagendem
Schweigen auf ...
    Georges pfiff einen Gassenhauer.

Der alte, knorrige Birnbaum neben dem Hause Zum grauen Ackerstein chzte leise
in strmischen Winternchten. Wie auf einer Klippe stand das bebende, umtobte
Haus frei und jedem Wetter zugnglich.
    Nun erbarmt er mich wieder, seufzte Josefine, wenn sie Georges' rastloses
Auf- und Ablaufen hrte.
    Einmal, an einem Sonntagmorgen, ging sie zu ihm hinein.
    Er sa in einem pelzgeftterten, alten Mantel, den er zuweilen ehemals auf
berlandfahrten getragen, am Fenster, auf einem niederen Hocker, die Knie
heraufgezogen, den Kopf an die Fensterbrstung gedrckt, den Mund offen, als
schreie er verschmachtend.
    So sa er als Gefangener, dachte sie beim Eintreten, und ihr Herz wurde
weich.
    Nun, Georges, sagte sie befangen und ungewhnlich sanft, hast du kalt?
was machst du jetzt?
    Sein Blick war leer, schweifte von dem Fenster zu ihr und dann ber die
Wnde.
    Ausgezeichnet, murmelte er schlfrig, wie immer.
    Du bist nicht zum Kaffee gekommen, begann sie, nher tretend.
    Er verbeugte sich tief, ohne aufzustehen: Danke, merci, madame. Meine
verehrte Gebieterin ist immer huldreich. Ich liege hier wie ein zerrissener
Lappen, und das Weib kommt, sich zu weiden. Tut den alten Koffer auf, blickt
hinein: Lieg nur da, Lappen! lieg nur! Die Schaben wollen auch etwas! Ja, ja.
Er schttelte den Mantel, es stubte von Wollflecken und zerfressenen Haaren.
Wir sind mottenfrig, ja, ja.
    Josefine setzte sich auf einen Stuhl. Das Zimmer mit dem vor Hitze surrenden
Eisenfchen, mit den unordentlich umhergestreuten Kleidern, mit der bestaubten
Drehbank und dem verkommenen Bewohner, der hier vor Luftmangel zu sterben
schien, angeklebt an die Scheibe wie eine der grauen Motten - all dieses
erschien ihr pltzlich so schrecklich, so anklagend, so unnatrlich in ihrem
Hause, da, zwischen ihr und den Kindern, da sie sich wie trumend, und von
einem Traumdruck beklemmt, die Augen rieb und flsterte: Ach, warum auch hier?
Wir wollen unter Menschen gehen, hrst du? heute noch, Georges!
    Er legte die Hnde schtzend auf knisternde Papiere, schob das Tintenfa
gegen die Scheibe, da sie erklirrte, und lchelte hhnisch.
    Du schreibst? sagte sie aufspringend, hier auf dem Fensterbrett ist's ja
so unbequem! Nein, das geht nicht lnger! das soll gleich -
    Ein reuevolles Bedauern, das ihr fast den Atem raubte, machte ihr Gesicht
jung und gtig.
    Sie sprang auf mit einer Gebrde, als wolle sie gleich, in diesem
Augenblick, alles zurechtrcken, einrenken, als suchte sie nur, wo zuerst
anzufangen sei -
    Bist du nicht in deinem Hause, Georges? Bist du nicht Herr? rief sie
bittend, und sie fing an, von den Grnden zu reden, weshalb er hier jetzt so
eingeschrnkt sei, fing an, sich zu entschuldigen. Diese pltzliche Rckkehr,
Georges, ich konnte nichts vorbereiten, und dann ist es so geblieben ... Ich bin
so berhuft, dazu ist jetzt -
    Sie brach erschrocken ab; der Name, der ihr fast auf den Lippen schwebte,
sollte nicht gesprochen werden.
    Also du schreibst? sagte sie nhertretend, wir wollen dir einen Tisch
hereingeben, hrst du -
    Er spie seitwrts auf den Boden, schien sie nicht zu beachten. Er machte
sich bestndig mit den Papieren zu tun, die er zum Teil unter den Mantel
steckte.
    Auf einmal blickte er sie schief an, lachte mit einem blechernen Ton und
murmelte etwas von Komdie, die sie hier tragiere. Herr bin ich? Wie
ungewhnlich witzig heute morgen! Ach, du! du! Ja, es kommt einmal eine
Abrechnung, schrie er ihr zu, da sie zusammenfuhr, es kommt! es kommt der
Tag! Die Wut blinkte ihm in Trnen aus den Augenwinkeln, er konnte sich nicht
mehr zurckhalten. Dies irae, dies illa! rief er mit pathetischer Gebrde,
ihr Weiber von heute - wahrhaftig, zu viel nehmt ihr euch heraus! Warte nur,
bis die schreckliche Stimme aus der Tiefe der Grber erklingt; wann deine
gottlose berhebung zerplatzt vor dem Hauch des Ewigen - Weib! Weib! was wirst
du ihm antworten?
    Josefine sah seine wutzitternden Adern auf der Stirn, seine nassen Augen -
sie fhlte, da er schwer litt in diesem Zustande, und sie sehnte sich, etwas zu
seiner Erleichterung zu tun. Aber sie wute auch, da es ihre Anwesenheit hier
war, die ihn in diesen Zustand versetzt hatte, und so ging sie, ihn mit
traurigen Blicken fixierend und unwillkrlich schwer aufseufzend, nach der Tr.
    Augenblicklich sprang er ihr nach. Nur ber meine Leiche! keuchte er, die
Zhne weisend wie ein wtender Hund, sinnlos, zu jeder Gewalttat bereit.
    Aber die Frau empfand keine Furcht, nicht an sich dachte sie. La die Tr,
sagte sie bestimmt, ich hole dir etwas, du bist - sehr - krank - Georges. Und
whrend sie diese Worte, einzeln nacheinander, wie ebensoviele Dolchstiche in
ihn hineinbohrte, legte sie ihre starke und geschmeidige Hand auf seine
Schulter, die unter ihrem Druck entwich, zusammenknickte wie morsches
Lattenwerk.
    Erbarme dich! erbarme dich! schrie er auf und strzte in die Knie, die
Hnde in ihr Kleid verkrampft, so da es zerri.
    Sfine, Weib, vor Gott dem Allmchtigen und nach menschlicher Satzung mein
Weib - das heit meine Untergeordnete, meine Dienerin, widerstrebe nicht!
kreischte er vom Boden auf.
    Sie befreite sich endlich, schlug seine Hnde zur Seite wie die eines
lstigen, sich anklammernden Kindes, wortlos, furchtlos, ohne auf seine Worte zu
hren; zuweilen huschte ein ganz unwillkrliches Lcheln ber ihr gespanntes
Gesicht, weil sie so stark war.
    Er rollte auf dem Boden rckwrts in einer Flut von Papieren, die sich aus
dem zerfetzten Pelzmantel ergo.
    Htte ich nur dich nie gesehen, wimmerte er, mein Unglck bist du! meine
Schande! Solch ein Weib mu jeden Mann ruinieren! Ach, ach, mein Kopf! mein
Herz! Nimm mich wieder auf, hrst du? Warum erbarmt's mich noch, da ich sie
nicht totschlage? Gib einem Manne, was ihm gehrt! Sein Weib und die anderen
Weiber! Ist ja nicht der Wert, darber zu reden! Vom Teufel erdacht! vom Teufel
gemacht! Uh! Meine Ohnmacht! Er begann den Boden zu schlagen.
    Halt! rief Josefine, nach einem aufwirbelnden Papierblatt haschend, was
ist doch das?
    Sie hatte die berschrift gelesen, die ihr schon so bekannt war. Von den
Gelehrten Weibern und geprellten Ehemnnern war bereits die vierte Fortsetzung
erschienen; man sprach schon in der Stadt darber, andere Zeitungen brachten
Erwiderungen, der pseudonyme Verfasser wurde heftig angegriffen, noch heftiger
verteidigt. Hier sogar, im Hause Zum grauen Ackerstein, hatte es lachende
Debatten gegeben ber diese Herzensbekenntnisse eines Verschmhten, dessen
possenhaft frivoler Ton immer mehr in ein hallendes Pathos bergegangen war, und
dessen wunderliche Zitate aus unbekannten Bchern auf einen klugen Schalken zu
deuten schienen, der nichts als eine Mystifikation bezweckte und vielleicht am
Schlu, nachdem er alle Gegner des Frauenstudiums hervorgelockt, mit
Pritschenschlag und Nasendrehen hinter der Maske hervorspringen werde.
    Und nun?
    Nun hielt Josefine das Manuskript in der Hand, und der auf dem Boden kauernd
sinnlose Worte ausstie - Worte, die auch in jenen Artikeln vorkamen - Georges
war der Verfasser!
    Ihr war, als habe sie einen Stich in die Ferse erhalten - die Schlange, die
sich vor ihr feige zischend krmmte, hatte doch zugebissen.
    Georges der Verfasser!
    Sie blickte auf das lange und breite Blatt in ihrer Hand, viel korrigiert,
viel durchstrichen, bedeckt mit Georges' verschnrkelten, pomphaft geschwollenen
Schriftzgen. Es stand ihm zu Gesicht, dieses Blatt, es pate zu der verzerrten
Larve, die, halb Angst und halb Triumph, zu ihr in die Hhe starrte.
    Sie warf es heftig von sich, ihre Geduld, ihre berlegung verlie sie.
    Hier war Schande, und die Schande traf sie mit.
    Sie schrie laut auf.
    Du! Du! hast du Grund? gerade du? Was fr ein Mann! Ach, gemeingefhrlich!
ach ja! Solche Dinge schreibst du? du? Solche Dinge sagst du anderen, die dumm
und roh sind! Oh, ich schme mich! ich schme mich fr dich!
    Wie eine Flamme der Verachtung war ihr Gesicht, die Augen gro offen, die
Nstern geblht ..
    Dazu mibraucht er seinen Verstand! Schande!
    Und sie strzte hinaus, ohne sich nach dem umzusehen, der mit angehaltenem
Atem, bebend vor ihrer Verachtung und gestachelt von Schadenfreude in seinem
mottenfrigen Pelzmantel im Winkel lag, ein ewiger Gefangener seiner
havergitterten, maulwurfblinden Seele.

In den Tagen tiefer Niedergeschlagenheit und qulenden Brtens ber diese neue
schlimme Entdeckung fand die bedrngte Frau nur eine Zuflucht - ihren Beruf.
    Wie zuvor zum Studium, so flchtete sie nun zu ihren Kranken. Was fr ein
Segen wurde fr sie diese nervenerschtternde, opferfordernde, oft so
aussichts-und fruchtlose Ttigkeit! Hier fand sie sich selbst wieder. Hier
allein.
    Zu Helene hatte sie nicht kommen mgen mit ihrer Bedrngung; sie frchtete
Helenes rein verstandesmiges Urteil.
    Sie schmte sich vor ihr, schmte sich auch vor Bernstein. Es kam ihr in
solchen Momenten zum Bewutsein, da er einem anderen Volke angehrte. Er wrde
lachen und sagen: Sehen Sie, was diese Deutschen machen! (Den Unterschied
zwischen Deutschen und Schweizern beachtete er niemals!) Wir in Ruland sehen so
etwas nicht, nie in der Welt.
    So gerecht und menschlich gut er sonst dachte - ber seine Vorurteile konnte
auch er nicht hinaus.
    Und wenn ihre flehenden Gedanken sich zu Hovannessian wendeten, dann, ja
auch dann berkam sie Beschmung. Wre er noch hier gewesen - auch ihm htte sie
ihre Wunden nicht entblen knnen, das fhlte sie. Ihre Wunden, ihre eigenen
Wunden, denn was der unglckliche Georges auch verbrach - sie trennte sein Tun
nicht von dem ihren.
    Es schien ihr, als htte der Mann, den sie anbetete, den sie so hoch ber
sich fhlte, sie mit verachten mssen fr diese schmhlichen Sudeleien gegen die
Frauen. Dieser Georges, den sie einmal gewhlt, den sie einmal geliebt - er
zeugte gegen sie, so schien es ihr.
    So schwach war ihre Seele, so wenig Einflu verstand sie zu ben, so wenig
Achtung zu erzwingen, so wenig Liebe zu sen und zu ernten!
    Und sehnschtig und gierig trank sie den seltenen Dank ihrer Kranken, denen
sie geholfen, freute sich jedes freundlichen Lchelns einer Patientin, drckte
wieder und wieder die Hand, die ihre gedrckt.
    Georges hat mich nie gekannt und wird mich niemals kennen, dachte sie,
Hermann frchtet mich und hintergeht mich, fr mein Rsli selbst bin ich
unverstndlich - aber die Kranken, die ich behandele - die kennen mich! Und es
scheint ihr, da diese fremden Mdchen und Frauen, die in ihre Sprechstunde
kommen, sofort Vertrauen zu ihr gewinnen, da sie ihr weder ihre ngste noch
ihre Verirrungen verbergen, da sie ihre Trnen und ihre Hoffnungen vor ihr
zeigen, und da sie hier, hier unter den Leidenden Verstndnis findet fr ihre
Hingebung, fr ihre Bereitschaft, fr die Liebe, die ihr Lebenselement ist.
    Und es mehren sich die Augenblicke, wo sie sogar die berzeugung fhlt,
etwas Gutes, Ntzliches, bisher von keiner anderen Hand Geleistetes oder zu
Leistendes zu vollbringen. Diese Mdchen und Frauen, die zu ihr, der
Geschlechtsgenossin, kommen mit ihrem Vertrauen, frher und unbefangener als zu
dem Geschlechtsfremden, vor dem die natrliche Schamhaftigkeit jede Unverdorbene
zurckbeben lt - die sie von Anfangsleiden heilt durch sorgsame und leichte
Eingriffe und so vor drohendem Siechtum bewahrt, das der Vernachlssigung folgt,
- die sie durch schwesterliche Ratschlge - Weib zum Weibe - sttzt, leitet,
anfeuert, erhebt, mit dem Gefhl ihrer Menschenwrde und ihrer hohen
Verantwortung erfllt - darf sie sich nicht sagen: diesen habe ich Gutes
erwiesen? Und vielleicht nicht ihnen allein, vielleicht auch ihren Kindern!
Vielleicht wird hier etwas von mir bleiben, eine leichte und doch unverwischbare
Spur meines Lebens, meines Einflusses, und nicht ganz, nicht ganz werde ich
verschwinden, wenn ich verschwinde ...
    Und mit Inbrunst und bis zu vlliger Erschpfung gab sie sich ihrem
rztlichen Berufe hin, in dem sie ein neues Leben gefunden fr das alte,
aufkeimend zwischen den Trmmern ihres persnlichen Glckes und stark und grn
berwlbend, was Schutt und Staub geworden war ...

Aber nicht immer rauscht der grne, dornige, herb duftige Baum ber ihr - das
Nagen und Bohren in ihrer Seele schweigt nicht immer.
    Allen Ernstes: es ist eine Schande, da unter ihrem, ihrem Dache
Schmhschriften gegen die Frauen geschrieben und in die Welt geschickt werden.
Darf sie das dulden?
    Darf sie, deren leidenschaftlicher Wunsch, deren zielvolle Ttigkeit dahin
geht, ihre Schwestern zu heben, darf sie - kann sie mit ansehen, da aus
unlauterer Quelle ein Schlammstrom quillt, bereit, alles zu besudeln, was bunt
und blhend feste Quadern, zeitgefgte Mauern zersprengt hat und dem Licht
entgegentastet mit verlangenden Organen?
    Was tun?
    Josefine schreibt an Georges: Ich bitte dich dringend, diese fr dich selbst
erniedrigenden und mich beschimpfenden Artikel abzubrechen.
    Sie schreibt das und zerreit das Blatt.
    Warum?
    Nun, vor ihr steht sein hohnlachendes Gesicht und sie wei: er wird
versprechen und nicht halten. Das Gegenteil wird er tun von dem, was er
versprochen.
    Sie schreibt an die Redaktion der Zeitung, die Georges' Aufstze
verffentlichte: Mein Herr! Diese Aufstze werden nicht fortgesetzt. Der
Verfasser ist ein geistig anormaler Mensch; er bedauert selbst, da seine
Schrift an die ffentlichkeit gelangt ist.
    Sie liest, was sie geschrieben, und wieder zerreit sie das Blatt.
    Warum?
    Ach, vor ihr windet sich der Unglckliche, von allen Bitterkeiten Trunkene,
und ihr Fu bebt, der ihn nun ganz vernichten will. Geistig anormal - die
Menschen halten es fr schimpflich, geistig anormal zu sein. Man darf sie
schlecht, cynisch, frivol, hyperegoistisch heien - nur nicht geisteskrank! Wer
geisteskrank ist, der ist tot.
    Mu sie ihn tten?
    Sie schreibt an Georges: Ich verbiete dir die Fortsetzung der Gelehrten
Weiber.
    Sie zerreit den Zettel.
    Nein, Kerkermeister kann sie nicht sein! Zensor sein ist ihr verhat. Und
dieser Armselige!
    Aber ein gemeingefhrliches Unkraut wuchern lassen? Dumme Vorurteile in
Handweite haben und sie nicht ausraufen? Ist das konsequent? Ist das durch
irgend welche Rcksicht zu verteidigen? Mit Liebe hegt man jedes gute Samenkorn,
und hier, wo Gift gestreut wird aus vollen Hnden, soll man nichts tun, die
Unheilshnde aufzuhalten?
    Der Gedanke an Hermann, an seine ungezgelte Schadenfreude ber die
Schmhungen gegen die strebenden Frauen machte sie endlich fest.
    Aufhalten! Es mu sein. Es darf nicht einer kommen und die Kinder lehren,
ihre Mtter zu verachten!
    Ich mu hart sein, ich bin es anderen Mttern, den Frauen bin ich es
schuldig, dachte sie.
    Und pltzlich sah sie vor sich diesen Bogen mit Georges' Handschrift, dieses
vielfach durchstrichene berkorrigierte Manuskript, und es wurde ihr leid und
hei um den Unseligen. Seine Arbeit war das, seine Gedanken, sein Ehrgeiz, sein
Stolz, das einzige vielleicht, an dem er sich aufrecht gehalten in diesem
entsetzlichen zellenartigen Stbchen mit der Drehbank, mit dem bestaubten
Fenster, das einzige, an das er sich geklammert in diesen schrecklichen Monaten
der Vereinsamung, in seiner Verstmmelung. Mit der Folgerichtigkeit eines
Naturgesetzes war dieses Widrige aus ihm herausgewachsen, so wie im Zahn der
Schlange das Gift wchst, wie in der Tollkirsche der tdliche Saft.
    Weh, wenn keine Brcken zwischen den Seelen sind, dachte Josefine, wenn
alles Finsternis, Verwirrung, Ha und Verderben ist! Liebten wir uns, so gbe es
Brcken, aber wir sind fern von einander, durch ewige Klfte geschieden.
    Ich habe zu wenig Liebe! klagte sie sich an.
    Und sie, die starke Frau, die selbstndige freie Denkerin, die von keinem
Gotte Rettung hoffte, faltete ihre Hnde und flehte: Oh du, der du die Liebe
bist, gib, da ich lieben kann, wo ich nicht liebe, gib, da ich morgen lieben
kann, wo ich heute noch verachte und hasse, und la mich Bses mit Gutem
berwinden.

                                  Fnftes Buch



                               Josefine an Helene

                                                                    Am Vorabend.

Liebe und vertraute Leni!
    Dein dringlicher Brief ist schon drei Monate alt und noch immer
unbeantwortet. Verzeih!
    Du fragst, was sich bei uns ereignet habe seit den letzten vier Jahren - ja,
sind es schon vier Jahre, da du von hier fort bist? Mein Leben ist ein Wirbel,
ich kann den Lauf der Tage nicht verfolgen, der Lauf der Jahre entgeht mir ganz.
Wenn ich die Kinder ansehe, dann wei ich's, da die Zeit vergeht, sonst fhl
ich nur des Dienstes immer gleichgestellte Uhr.
    Liebste Leni, mein Uli war hier, eine ganze Woche! Du wrdest ihn lieb
haben, er entwickelt sich wunderbar, ganz meines Vaters Frische und Geradheit,
wie er auch sein Gesicht hat. Mein Rsli hat ein Jahr lang gelegen, denk es! Sie
ist zu schnell gewachsen, zu weich in den Knochen, Schlingpflanze - es ist mir
oft unbeschreiblich bang um sie. Das ist keine, die ihren Weg macht, es sei denn
durch ein Talent. Sie schreibt Verse, hat Temperament und Phantasie, wie aus
einem anderen Himmelslicht, steckt voll ser sentimentaler Dummheiten! - Wie
oft hast du mir vorgeworfen, mir gesagt: Du hast keinen Wirklichkeitssinn.
Nun, das war dahingestellt, aber dies Kind Rsi hat wahrlich keinen, Gott sei's
geklagt!
    Hermann studiert Theologie, es ist sein Wunsch und der seines Vaters ...
    Ach, Leni, diese Kinder, ber denen ein Schicksal schwebt!
    Georges ... aber das interessiert dich wohl nicht ...
    Das ist's, was sich bei uns ereignet, so im allgemeinen gesprochen. Auf
Nheres einzugehen, hat keinen Zweck.
    Meine liebe Leni, wie freut mich dein Bericht. Du bist gesund, arbeitest,
strebst fr die Frauen, ich fhle mit dir und wnsche dir Gutes.
    Siehst du wohl, du kannst dich nicht entschlieen, dich mit Lothar zu
vereinigen, aus dem Grunde, weil er verwachsen ist! Du sprichst von deiner
Verpflichtung als Weib, Gesundes zu vererben, nicht Krankes. Aber Schatzeli,
denkt's dir noch, wozu du mir geraten einmal? Mir kam es wieder in den Sinn
jetzt, und ich hab gelacht. Ein wenig stumpfsinnig warst du doch damals, liebe
Leni, gibst du's jetzt zu? brigens, die Buckel sind nicht erblich, Schatzeli,
dieser Skrupel fllt dahin. Liebst du Lothar - - aber was red ich - meine weise
Leni liebt berhaupt keinen Mann, nicht wahr? B'htis!
    Leneli, ich hab etwas Gutes gefunden! Ich drucksele seit fnf Jahren an dem
Wunsch, ffentlich zu sprechen. Endlich, endlich mu es probiert werden.
    Morgen Abend in der Eintracht mach ich den ersten Versuch. Mir ist fast
schwindelig bei dem Gedanken und so froh wie vor dem ersten Ball oder vor noch
rgerem - meiner Hochzeit oder so.
    Fragst nach meinem Programm? Oh, das ist sehr lang und sehr kurz! Kampf
gegen verstaubte und versteinerte Autoritten im Leben und in der Wissenschaft,
weiter ist es nichts! Auf Schritt und Tritt sind wir ja umgeben von diesen
unsterblichen Gtzenbildern - unsterblich deshalb, weil sie von Stein und Dunst
und Trgheit gewoben sind, und weil Dummheit und Grausamkeit ihre Priesterinnen
heien. Aber sie sollen doch fallen, strzen mssen sie und zusammenkrachen, und
gesegnet jede Hand, die Hand mit anlegt!
    Du siehst, ich bin nicht blde, ich bin nicht berbescheiden. Ich werde mir
zunchst die Autoritt in der Familie aufs Korn nehmen, da, wo sie am wildesten
und am verderblichsten wuchert!
    Als Medizinerin seh ich nur zuviel. Wrst du hier, ich tt alles an dich
hinschwatzen, und du wrdest kritisieren und schimpfen wie gewhnlich. Das wre
einmal nett.
    Ob's wohl auch anderen so merkwrdig zu Mute ist vor ihrer ersten
ffentlichen Rede? Hat niemand seine Sensationen ber diesen Punkt
niedergeschrieben? So viel kommt hier zusammen, weit du! Innerliches, aber auch
uerliches. Ich fand mein Haar zu lang und lie es stutzen; ich wollte eine
rote Krawatte anstecken, aber Rsi will, da ich ein Struchen rote Nelken
trage - ich, die seit zehn Jahren keine Blume getragen hat! Wird mir das Wort
gehorchen? Wird es mir nicht in der Kehle stecken bleiben wie das Wasser in
einer zu vollen Flasche? Wird meine Stimme ausreichen? Wird sich das Band der
Sympathie weben zwischen mir und den Hrern, ohne das alles ein totes Gerede
bleibt? Meine Hrer sind herrlich, das beste Auditorium, das denkbar ist. Ich
kenne sie von manchem Abend her, diese Arbeiter und Arbeiterinnen, kenne ihre
gespannten glubigen Augen, ihre feurige und andchtige Bereitwilligkeit. Sie
nehmen so auf, wie durstige Pflanzen dem Tau ihre Bltter hinbreiten.
    Liebe Leni, ich habe aus meinen Sorgen zwei oder drei Bndel gemacht und sie
in die Ecken geschleudert. Ich werde starken Tee trinken vor meinem Vortrage und
in die Sonne gehen, damit ich warm werde, ganz warm und hell. Und dann werde ich
mit warmer, heller Stimme meine Freunde rufen.
    Werden sie mir antworten? Einige frhere Patientinnen kommen auch hin, sie
freuen sich, wie sie sagen, die guten Dinger.
    Wnsche mir Glck.
                                                                     Deine Josy.


                               Helene an Josefine

Liebste Freundin!
    Dein Brief voll Jugendschwung hat mich nicht mehr in Berlin erreicht,
sondern hier in dem freundlichen Mnden, wo ich bei Lothars Mutter Sommerfrische
halten will.
    Ich mu dir nur gleich mitteilen, liebe Josy, da ich Lothar mein Jawort
gegeben habe. Im Prinzip bin ich ja lngst mit ihm einverstanden, und wenn es
auch keine vulkanische Leidenschaft ist, die uns verbindet, so haben wir uns
doch sehr gern und denken, da unser neues Verhltnis unserer alten Freundschaft
keinen Abbruch tun wird.
    Zur Hochzeit kommen wir nach Zrich, du mut dabei sein. Nachher mieten wir
uns ein, am Dolder irgendwo; - ich denke es mir sehr hbsch, in Lothars
Begleitung all unsere alten Pltze wieder aufzusuchen und besonders das Haus
Zum grauen Ackerstein, wo ich so viel treue Freundschaft erfahren habe. Du
verzeihst mir wohl, da ich Lothar in deine Geschichte eingeweiht habe. Es
konnte nicht gut vermieden werden. Seiner Teilnahme darfst du jedenfalls sicher
sein. Im brigen hlt er dich fr einen weiblichen Don Quixote, wie ich auch,
liebste Josefine. Sonderbar, ich habe oft gelchelt, manchmal sogar gelacht, wie
du weit, ber deinen Eifer, dir das Leben sauer zu machen, wo jeder andere
vernnftige Mensch sich's mglichst s machen will. Aber dann, wenn ich so ber
dich nachdenke, stehst du vor mir so hoch - und dem Lothar scheint es auch so zu
sein. Geht es mir wie gewhnlich, dann denke ich nicht an dich, Josy, du weit,
ich bin ganz offenherzig. Aber wenn es mir sehr schlecht oder, wie in diesem
Augenblick, sehr gut geht, dann bekomme ich eine wahre Sehnsucht nach dir und
bin ganz niedergeschlagen, da ich nicht zu dir kann.
    Siehst du, solch eine Liebeserklrung hab ich noch niemand gemacht - sie
sieht mir fast nicht hnlich - was meinst du?
    Was hrst du von Bernstein?
    Schreibt Zwicky dir nie?
    Und Loginowitsch?
    Meine ganze Jugend liegt dort, im Grauen Ackerstein, im unvergelichen
Zrich! Ich komme mit Lothar hin und will sie mir wiederholen! Man hetzt sich zu
Tode in der Weltstadt und lebt doch nicht. Ich bete Berlin an und hasse es.
    Liebe Josefine, strke mich mit deiner Kraft! ich fhle mich oft so mde, so
altbacken, so eingetrocknet. Und das ist nun Braut. Glcklicherweise ist Lothar
noch viel mder, altbackener und eingetrockneter als ich. Aber ein feiner
Philolog ist er und scharf in der Dialektik, da kann ich mich verstecken - huh!
Wir gedenken ein Knabenpensionat zu grnden, fr Auslnder, die gut zahlen. Ich
bernehme die Mathematik. Mit Knaben werde ich sehr gut fertig. Wo - ist noch
unbestimmt. Vielleicht in Zrich?
    Wir freuen uns darauf, dich reden zu hren! Einzige Josy du, mit roten
Nelken, feuerroten natrlich, in der feuerroten Volksversammlung! Im Grunde
bekmmert es mich zwar sehr, da du ganz in das uerst Radikale gertst, du
bist doch aus so guter brgerlicher Familie! Aber mit dir zu streiten lohnt
nicht, du wirst nie etwas anderes tun, als was du willst. Bringe nur deinen Mann
nicht mit in die Eintracht, wenn wir kommen, hrst du? Dann wird aus der
Eintracht eine Zwietracht, denn wir zwei hassen uns nun mal, dein Mann und ich.
    Schreibe doch, was er tut - von ihm mchte ich vor allem wissen.
    Weit du warum?
    Gre ihn und die Kinder. Rsi mu aber angehalten werden, du verliebte
Mutter! Das sollte unsere Tochter sein. Sei herzlich umarmt von
                                                            deiner Helene Begas.

    Gehorsamste Gre sendet Ihnen, verehrte gndige Frau, Ihr ergebener
                                                                  Lothar Brker,
                                                            Gymnasialoberlehrer.


                       Plattner an seine Tochter Josefine

Mein gutes Kind!
    Meine kurze Meldung an dich von vorgestern mu ich leider heute besttigen.
Lon ist ruiniert, und - um dir's gleich zu sagen, mein ganzes Kapital ist mit
verloren! Es geschieht mir recht; die groen Zinsen haben mich hineingekriegt,
so gut wie die anderen. Aber, ich gedachte, dir einmal etwas Ordentliches zu
hinterlassen, drum hab ich nach der Leimrute geluget - und so geschieht mir
eigentlich nicht recht, sondern unrecht.
    Der Herr Bankdirektor hat nicht dirigiert, der Herr Aufsichtsrat hat nicht
beaufsichtigt - von dem Albert steckt auch das Hauptvermgen in der Sach.
Sauerei! Eine Wut hab ich! eine Wut!
    Sorg dich nur nicht um mich oder um den Uli, Kind; so lang ich arbeitsfhig
bin, langt's ja zu allem. Aber dir hatt ich's zugedacht - du solltest's einmal
in die Hnde bekommen, was dein Vater zusammengeschafft - es krnkt mich, nicht
zum Sagen.
    Gelt du, Josy, das Kapital fr dein Studium war doch meine klgste Anlag!
Bist jetzt selbstndig, hast gute Praxis, kannst Mann und Kinder ernhren. Gott
segne dich, mein gutes Kind!
    Mich wundert's fast, wie du's schaffst. Lese auch von Vortrgen, die du den
Arbeitern hltst. Schn und gut, aber bitt dich, bertreib's nicht, Josy. Der
Mensch ist kein Pferd. Mir ist's grad jetzt - briegen mcht ich wie 'n altes
Weib, da du keinen Centime von mir kriegen wirst. Es wr denn, der Herrgott
schenkte mir noch zehn Arbeitsjahre!
    Aber meine Schwiegershne sind flott, gelt du? Man wei nicht, welches da
der Liebere ist! Saukerle, alle miteinander! Das heit, vom Albert wei man
nichts anderes, als da er den ganzen Aufsichtsrat gestimmt hat zur
Vertrauensseligkeit, aber das ist Haufen genug! Und, nicht wahr, mit Rechtem ist
doch auch der Albert nicht zu seinem Millionenbesitz gelangt. Vier Villen hat
der Kauz: - eine in Flelen, eine in Menaggio, eine in Lauterbrunnen, eine bei
Zrich. Doch halt - hatte mu es heien. Ob er heut noch 's Dach berm Kopf hat
- wer kann's sagen.
    Der Lon soll sich fortgemacht haben, denk auch! Doch heit's, es sei ihm
nichts anzuhaben. Jetzt - was so ein flchtiges Bankdirektorshirn ausbrten
kann, der Lon wird's ausbrten, und der Herr Aufsichtsrat wird ihm schon
soufflieren, wo er stecken bleibt; gib Obacht! 's ist halt sehr verdchtig.
                                                           Dein gebeugter Vater.


                        Adele an ihre Schwester Josefine

                                                           Privatim und in Eile.

Geliebte teure Fifi!
    Eine arge Komplikation in Lons Geschften ist eingetreten, und
unbersehbare Wirren stehen noch bevor. Mein Mann braucht Sammlung an einem
unbekannten Ort. Bei euch knnte ihn niemand finden, dort wird man ihn nicht
suchen, weil es ja allgemein bekannt ist, da kein Verkehr zwischen uns besteht.
Es handelt sich um einige Tage, dann mu sich alles aufklren. Schreibe mir
sofort, ob du Lon verstecken kannst, ich wrde mich dir in jeder Weise
erkenntlich zeigen!
                                                                          Adele.

                        Marie an ihre Schwester Josefine

Einzig geliebteste Josefine!
    Zu dir komme ich in meiner Angst, weil ich niemand so vertrauen kann wie
dir, Teure, Schwester! Mit Albert ist etwas passiert, und er wird gesucht, aber
er will sich nicht finden lassen, er sagt, es sei noch nicht gut, lieber spter
- - er mchte gern zu euch, es ist ja stadtbekannt, da wir nie zusammenkommen,
und bin ich schon oft deswegen gefragt worden. Aber Not bricht Eisen, und wir
sind doch Schwestern, nicht wahr - oh, meine Josefine, wenn es nach mir gegangen
wre, diese Entfremdung wre niemals eingetreten! Es handelt sich nur um einige
Tage, Albert wird dann alles aufklren, er mu nur erst zu sich selber kommen
und nicht die Meute hinter sich fhlen, sagt er. Er ist mit allem zufrieden,
auch sollt ihr keinesfalls Umstnde machen. Bitte, hilf uns, Teure, dies fleht
in uerster Angst
                                                deine dich innig liebende Marie.

    PS. Heute abend wird er im geschlossenen Wagen bei euch vorfahren, przise
elfdreiviertel Uhr. Er kann auf dem Sofa schlafen. Er nimmt mit allem vorlieb!
Nur kein Aufsehen und berhaupt die uerste Diskretion! Bitte Antwort durch
eines der Kinder berbringen, aber versiegelt.




                               Josefine an Adele


Liebe Schwester!
    Ich wei nicht, ob es Lon bekannt ist, da Albert dasselbe Gesuch an uns
stellt wie dein Mann. Es wre mir lieb, wenn ihr euch einen anderen Zufluchtsort
aussuchtet. Gib Rsi, die dies berbringt, die Antwort mit. Falls die zwei
Mnner auf ihrem Plan bestehen, habe ich noch vieles anzuordnen.
                                                                       Josefine.


                               Josefine an Marie

Liebe arme Marie!
    Ich wei nicht, ob dein Albert hier mit Lon zusammentreffen, oder ob er
sich auch vor ihm verstecken will.
    Das heit, da Lon gleichfalls seinen Besuch bei uns anmeldet.
    Wie steht es denn jetzt? Kann Albert nicht wo anders hingehen? Die Sache ist
mir sehr unsympathisch. Das Mdchen soll deine Antwort gleich mit zurckbringen.
                                                                     Deine Josy.


                               Adele an Josefine

Teure Schwester!
    Sei nicht hart! Es geht nicht anders! Die zwei Verfolgten haben sich zu
beraten, und das kann ungestrt nur bei euch geschehen. Sie werden zusammen um
elfdreiviertel Uhr heute abend in geschlossener Droschke bei euch ankommen. Wir
wissen, da du ber viele Dinge freier denkst als die engherzige Gesellschaft.
Auch hast du keinen so strengen Moralbegriff, glaube ich; deine traurigen
Erfahrungen, teure Schwester! La uns etwas davon zu gute kommen! weise uns
nicht ab! Innig bittet
                                                                    Deine Adele.


                               Marie an Josefine

Einziggeliebte Josy!
    Was soll Albert anfangen, wenn du nicht willst! Wir glaubten, du seiest
nicht so hart wie die brigen, auch sind wir doch Schwestern, und nach diesem
wird es keine Miverstndnisse mehr zwischen uns geben, dafr werde ich sorgen.
Das Zusammentreffen bei dir ist verabredet, geliebte Josy, es ist notwendig. Du
hast gesagt, es gibt keine Verbrecher, es gibt nur Kranke, vielleicht ist dies
die Zeitkrankheit, denn man hrt ja jeden Augenblick von solchen
Zusammenbrchen. Deine arme Marie ist unglcklich, und du willst sie abweisen?
Nein, Josefine ist nicht schlecht, sie kann nicht nein sagen. Sie kommen heute
abend elfdreiviertel Uhr. Bitte, bitte, bitte! Sie knnen auf dem Sofa schlafen,
machen absolut keine Ansprche! Ich rechne auf deine schwesterliche Liebe.
                                                         Deine unglckliche Mia.


                               Josefine an Adele

Liebe Adele!
    Mitfolgend den Hausschlssel zum Grauen Ackerstein.
    Wir, das heit die ganze Familie, reisen heute abend acht Uhr nach Chur zum
Vater. Lon und Albert mssen sich selbst bekochen und versorgen, denn das
Mdchen geht vorsichtshalber mit nach Chur. Wir bleiben eine Woche fort,
hoffentlich sind die Herren bis dahin einig!
    Ich mu noch eine Vertreterin besorgen, daher Schlu. In bezug auf
Habsuchtsvergehen sind meine Begriffe sehr streng, liebe Adele!
                                                                           D. I.

    Nachschrift. Befrdere, bitte, diese Zeilen an Marie weiter, ich habe nicht
Zeit, zweimal dasselbe zu schreiben. Ihr mt nicht vergessen, da ich pltzlich
aus meiner Praxis heraus mu, Kinder. Sage Mia, sie habe recht, aber es gebe fr
mich eine besonders abstoende Krankheitsform, und das sei die Geldsucht. - Mg
es euch gut gehen!
                                                                       Josefine.


                          Josefine an den Arbeiterbund

Sehr geehrter Herr!
    Mein auf bermorgen festgesetzter Vortrag mu leider verschoben werden, da
ich verreisen mu. Bitte um Feststellung eines Tages nach dem zwlften Juli.
                                                                  In Hochachtung
                                                                     Jos. Geyer.




                          Josefine an eine Patientin!


Sehr geehrte Frau!
    Bitte, erschrecken Sie nicht, wenn morgen Frulein Dr. Lauterer statt meiner
bei Ihnen Besuch macht. Sie vertritt mich whrend einer achttgigen Abwesenheit
von Zrich, und vertrauensvoll knnen Sie sich mit allem an sie wenden. Zu dem
kleinen Eingriff, den ich bei Ihnen vornehmen mu, werde ich in der bernchsten
Woche zurck sein. Nur guten Mut und Hoffnung!
                                                        Ihre Dr. Josefine Geyer.


     Josefine an die Operationsschwester im Schwesternhaus zum Roten Kreuz

Liebe Schwester Erna!
    Die fr morgen frh elf Uhr angesetzte Operation werde leider nicht ich
ausfhren - ich mu unerwartet verreisen. Frulein Dr. Lauterer wird mich
vertreten. Bereiten Sie die Patientin vor, und sagen Sie ihr, da Frulein Dr.
Lauterer nicht nur so gut, sondern besser ist als ich. - Da ich acht Tage lang
wegbleibe, werde ich eventuell auch die Patientin Allenstein abgeben mssen, was
mir aber leid wre, da sie sehr nervs ist. Ihr Fall vertrgt Aufschub; will sie
warten, so kann ich die Operation am zwlften Juli nachmittags drei Uhr
vornehmen. - Um regelmigen tglichen Bericht nach untenstehender Adresse
bittet
                                                      Ihre Sie herzlich grende
                                                                 Dr. Jos. Geyer.
                                               Chur, Landwirtschaftliche Schule,
                                                             Professor Plattner.


              Josefine an die hhere Tchterschule im Gromnster

Sehr geehrter Herr Direktor!
    Hierdurch bitte ich Sie um die Erlaubnis, meine Tochter Rsi schon jetzt,
acht Tage vor Beginn der Sommerferien, aus dem Unterricht nehmen zu drfen. Eine
unerwartete Reise der ganzen Familie nach Chur macht diese Maregel notwendig.
                                                                  In Hochachtung
                                                                 Dr. Jos. Geyer.




       Schreiben des Missionshauses Basel an Frau Dr. med. Josefine Geyer


Sehr geehrte Frau!
    Wir wenden uns an Sie mit unserer Antwort auf eine Anfrage, die vor ungefhr
einem Monat an unsere Direktion gelangt ist, und zwar von einer Seite, die Ihnen
die nchste ist. Ihr Gemahl, Georges Geyer, hat sich an uns gewandt in der
Absicht, sich zum Missionar ausbilden und wider die Gtzendiener senden zu
lassen.
    Wir wissen nicht, ob Ihnen diese Absicht bekannt ist, glauben aber aus
gewissen Grnden daran zweifeln zu mssen. Es scheint uns, da Sie dem Petenten
wrden abgeraten haben, aus Grnden, die Ihnen genugsam bekannt sind, und die
wir hier nicht zu errtern brauchen. Unser Herr Jesus Christus will reine
Sendboten, wie kommt der Zchtling dazu, sich uns anzubieten? Wir ziehen es vor,
dem Herrn Georges Geyer auf diesem Umwege die Antwort zu erteilen, die er
verdient.
    Bitte, dieselbe zu bermitteln und uns die Peinlichkeit persnlicher
Berhrung mit genanntem Herrn zu ersparen.
    Der Herr erleuchte Sie und schenke Ihnen seinen Frieden. Amen.
                                                                  Die Direktion.


                     Josefine in Zrich an Georges in Chur

Lieber Georges!
    Du kommst zwar morgen zurck, aber dies ist etwas, das ich lieber
schriftlich als mndlich mit dir bespreche. Weit du, wenn du mit mir schlechte
Witze machst, das schadet ja nicht, aber Leute wie diese Missionare haben ein zu
kitzeliges Fell, die solltest du in Ruhe lassen! Du hast dir den schlechten Witz
erlaubt, bei ihnen anzufragen, ob sie dich zum Missionar ausbilden wollen, und
sie haben natrlich nein gesagt.
    Die Antwort kam an mich, war grob abweisend, ich schicke sie dir nicht. Aber
wie konntest du auch solche Leute necken!
    Gefllt dir die Ttigkeit auf der landwirtschaftlichen Versuchsstation? Wre
das nichts? Auf Wiedersehen! Mit Gru
                                                                       Josefine.




                  Georges Geyer in Chur an Josefine in Zrich


Meine unvergleichliche Sfine!
    Ich bin ein unglcklicher Mensch - das beste fr mich wre ein Mhlstein an
meinen Hals gehngt und im Meere ersuft.
    Es war aber kein schlechter Witz von mir, es war mein heiliger Ernst,
Missionar zu werden, und ich hoffe, meinen Plan doch noch durchzusetzen.
    Ist es nicht unendlich viel leichter, den anderen zu predigen, wie sie sein
sollen, als selber gut zu sein? Die Gabe des Wortes ist mir verliehen, wie du
weit, Sfine, ich besitze die Gabe der Beredsamkeit! Die Gabe des Guthandelns
besitze ich nicht, also halte ich mich an das, was ich habe. Man mu Gott fr
alles danken! Wer war der heilige Augustinus, he? Ich identifiziere mich mit
ihm, ich habe Visionen wie er, ich fhle den Drang, zu belehren, wie er! Die
Baseler sind dumm, ein Genie wie meines zurckzuweisen! Sie werden es bereuen,
wenn ich ohne ihre Hilfe zur Heiligkeit gelange. Denn dazu gelangen werde ich,
eben weil ich die Gabe des Wortes besitze. Ich behaupte, da ich durch den
Besitz dieser Gabe und durch den Mangel an anderen Gaben zum Missionar geradezu
prdestiniert bin. Mein ganzes frheres Unglck htte mich nicht betroffen,
falls ich meinen Beruf gleich anfangs erkannt htte. Ich htte tun knnen, was
ich getan - es htte nicht geschadet, einem Missionar htte es nicht geschadet.
Sie tun mehr, und es schadet ihnen nicht. Ich fhle den Beruf in mir, zur Bue
zu posaunen!
    Diese Schwarzen und Braunen und Gelben, die ich dem Himmel gewinne, werden
fr mich Frbitter sein. Kurzum, es ist ein Geschft, und ein gutes Geschft,
und ich werde doch noch hineinkommen. Es ist leicht zu erlernen, ich besitze
bereits die erforderlichen Kenntnisse. Predigst du nicht auch, unvergleichliche
Sfine? Hast du fr mich etwas anderes gehabt als schne Worte? In deiner Frage,
wie mir die buerliche Ttigkeit zusage, sehe ich sogar etwas Entwrdigendes. Du
willst mich fr ewig hinunterdrcken, Sfine. Aber ich, ich werde mich erheben
und Missionar werden! Ich kenne die Snde, ich kann also vor ihr warnen, ich
freue mich darauf, unter Sndern zu sein! Aus gewissen Andeutungen deines Alten
schliee ich, da es geraten ist, auch Lon und Albert in mein Gebet
einzuschlieen. Charmante Familie! Wahrlich, wir brauchen unter uns einen, der
zur Bue posaunt! Und dieser eine wird sein
                                                          dein gehorsamer Diener
                                                                        Georges.

    PS. Mglich, da ich katholisch werde, wenn die Umstnde es erfordern - mich
bekreuzigen kann ich schon.


                          Rsi an ihre Mutter Josefine

Meine einzige Mama!
    Ich danke dir, da du mich hierher nach Weggis gebracht hast, und da ich
bei Laure Anaise sein darf. Laure Anaise ist eine schne Frau, und ihr Mann ist
nicht so schn, weil er zu klein ist. Ich mchte auch solch einen Mann haben, er
ist so lieb mit Laure Anaise, und der Bubi kreischt vor Freude, wenn er ihn
sieht, aber etwas grer mchte ich ihn haben, den Meinen. Doch das hat noch
lange Zeit, und oft denke ich, ich mchte gar nicht gro werden, lieber klein
bleiben und eine Nixe werden im Vierwaldstttersee. Htte ich nur blondes Haar,
meine Mama, eine Nixe mit schwarzem Haar gibt es nicht, oder? Dann kme ich
heraus auf den blauen Felsen, wenn der Mond scheint, und er scheint gerade
jetzt, und es ist so wonnig, dir ohne Lampe im Mondschein zu schreiben.
Gegenber ist der blaue Felsen, und das soll mein Platz sein, es ist nicht so
schn, wenn er leer ist.
    Wenn ich eine Nixe wre, knnte ich auch singen, und ich wei ein Lied,
meine Allerse, und das macht mich so traurig. In Laure Anaises Garten stehen
viele Rosenbumchen, und eins war so schn, und es ist pltzlich gestorben. Ich
wei nicht warum, und niemand wei warum. Am Morgen sah ich, da die
halboffenen, groen, weien Rosen ganz ruhig wie immer an dem Zweig hngen, aber
die kleinen, jungen Knospen und die kleinsten brunlichen Bltter sind so weich,
ganz schlaff. Ich dachte zuerst an die Schlafblumen, die du uns frher gezeigt
hast, an die Akazien, die nachts ihre Blttli zusammenfalten wie kleine Hnde,
die beten. Kann es nicht sein, da ein Rosenbumchen auch einmal schlfrig ist?
Vielleicht hat es die ganze Nacht in den Mond gesehen, oder der Wind hat soviel
zu erzhlen gehabt, oder es macht auch mde, wenn die groen Hummeln so laut um
seine Ohren summen. Ich wollte die Knsplein aufwecken, aber sie fielen auf die
Seite, so matt. Ist es Schlaf? dachte ich, wurde ngstlich.
    Am Abend hingen die groen, weien Rosen wie schwere Glocken herab, und die
kleinen Zweige hatten alle Krfte verloren, und ich brachte ihm Wasser, aber er
war schon zu schwach, er trank nicht mehr, das Wasser rann ber den Boden fort
und benetzte es nicht. Er will sterben, sagte ich zu Laure Anaise, und Laure
Anaise und ihr Mann und ich, wir mochten nicht essen, aber Bubi versteht es noch
nicht. Am Morgen war er schon tot - so kalt und still, kein Blttchen fiel ab -
nun rascheln sie wie Papier und sind klein und braun und die weien Rosen wie
gelbe Klngel, und sie duften immer noch. Und die Rosenbumchen stehen alle in
einem Kranz, und sein Platz ist wie ein dunkles Grab.
    Liebe Meine, bitte, bitte, schicke mir einen blablauen Schleier, aber ein
groer soll es sein, so gro, da ich ganz hineinschlpfen kann. Dann brauche
ich keine Kleider, die Hitze ttet mich. Sie hat auch das Rosenbumlein gettet.
In den blauen Schleier will ich mich einhllen und auf dich warten, meine
Allerse. Kommst du und nimmst mich? Aber nimm mich nicht sogleich, es ist hier
schn, man denkt, es ist die Sonne so gro, so flammend rot, aber es ist der
Mond, der aufsteigt.
                                                                Deine mde Rsi.


                                Rsi an Josefine

Meine allerse Mama!
    Weit du, wo ich bin? Kannst du mich sehen? Oh, ich bin im Nubaum, und die
Zweige sind ganz dicht um mich, und die Sonne ist wie grnes Gold, und ich bin
nur ein Vogel im Baum. Ich denke an nichts den ganzen Tag, und du bist immer in
meinem Herzen, und ich habe dich noch tausendmal lieber, und oben durch die
kleinen Rume guckt der Himmel zu dir und mir herein.
    Wenn ich deine schnen Briefe bekomme, klopft mein Herz, und ich will alles,
alles tun, was du willst, Meine. Nur von dir will ich lernen, denn die Menschen
sind nicht so gut, wie du sagst, Mama, sie sehen mich an mit Gesichtern und
ngstigen mich mit Fragen nach dir und nach Papa.
    Ich halte mir inwendig die Ohren zu. Alle Mdchen haben Liebesgeschichten,
das finde ich so scheulich. Ich sage immer den Vers, den du gemacht hast, und
fr den ich dir tausendmal danke:

Nie sollst du mich verliebter Schwachheit zeihen!
Dort will ich sein, wo Leid zu lindern ist!
Und keine Trne soll mein Aug entweihen,
Die weibisch um mich selber fliet.

    Nein, keine Trne! keine weibische Trne! Ich will auch, ich will auch Leid
lindern, wie du, du Allerbeste. Wir leiden viel vom Leide anderer, sagst du. Ja,
es ist wahr, aber ich trume so Schnes, ich leide nicht viel, Mama! Im Traum
wurde der blaue Schleier, den du mir geschickt hast, so lang wie eine Strae,
und ich konnte darauf in den Himmel fliegen. Aber ich flog nicht, ich ging so
sanft, ber die Berge glitt ich weg und ber den See und sah eine goldene Halle
mit weien Gttern und sah den Gott Odin, der sang, und die Tne fielen herab
als goldner Regen in den blauen See. Und ich war die Nixe und hielt meine Hnde
offen wie zwei weie Muschelschalen im Mondschein, und die goldenen Regenkrner
fielen hinein und streckten kleine weie zitternde Wurzeln aus, und nach oben
wuchs ein Wald von weien Lilien, wuchs ber meinem Kopf zusammen, und ich ging
verloren, wei nicht, wo ich geblieben bin. Suche mich wieder, meine se Mama!
                                                                           Rsi.


                        Hermann an seine Mutter Josefine

Liebe Mutter!
    Da du findest, da ich so auerordentlich faul im Briefschreiben bin, will
ich diesen Regentag benutzen, um dir endlich einmal zu antworten.
    Es war sehr gut, da ich nach Basel ging, in vieler Beziehung. Es gefllt
mir hier auerordentlich, und ich werde wohl ein bis zwei Semester hier hngen
bleiben. Die gefrchtete Tante Ludmilla entpuppt sich als eine zwar scheulich
anzusehende, aber sonst sehr brauchbare Dame, dank deren Bemhungen ich hier
endlich in die besseren Kreise komme. Dazu hilft mir nun auch mein Studium in
hohem Grade, und wrde ich es schon aus diesem Grunde jedenfalls beibehalten. Es
ist geradezu eine Kalamitt, dieser Mangel an tchtigen Theologen, eine
Kalamitt unserer Zeit, und wenn ich auch durchaus kein Mucker bin, so glaube
ich doch, da unserer Wissenschaft ein groer Aufschwung bevorsteht, und da man
dumm ist, wenn man die Gelegenheit nicht benutzt. Allerdings werde ich nach
Deutschland bersiedeln, dort ist mehr zu holen fr unsereinen - als Schweizer
Bauernpfarrer dem Rindvieh zu predigen, das pat mir nicht. Ich wei, da du
ber all diese Fragen ganz anders denkst, aber dafr bin ich auch ein junger
Mann und mu einen Platz zu finden suchen, nicht zu weit von der Sonne. Dazu ist
bei uns leider keine Aussicht, bei uns sind nur die Pfarrer berhmt, die sich
fr Volksmnner ausgeben, und fr die Ehre bin ich nicht zu haben. Ich habe
mich, seit ich hier bin, also seit zwei Monaten, mehr und mehr zum Aristokraten
entwickelt, es mu wohl so in meiner Natur liegen. brigens wrde mir daheim
Vaters Vergangenheit jede Carriere abschneiden, das sehe ich deutlich. Du hast
uns in dieser Hinsicht stets wie blinde Hhner behandelt, liebe Mama, die Eltern
denken ja immer, da ihre Kinder nur immer das hren und sehen, was die Eltern
gerade fr wnschenswert halten.
    Auch Onkel Albert und Onkel Lon werden hier unaufhrlich durchgehechelt,
aber die Schlauheit, mit der sie ihre Millionen in Sicherheit gebracht haben,
ist so genial, da auch die Anerkennung nicht fehlt. Die sind nun alle beide mit
ihren Frauen auf der Weltreise, heit es. So etwas kann verblffen, wenn es auch
im Grunde genommen nur ein Blendwerk der Hlle ist. Tante Ludmilla wute alles,
sie ist trotz ihrer neunzig Jahre und ihrer Leidenschaft fr den Alkohol einfach
bewunderungswrdig. Sie behauptete mit wtendem Gelchter, Onkels Zusammenkunft
in unserem Hause, whrend wir nach Chur fuhren, habe dem Vater
fnfmalhunderttausend eingebracht! Als ich ihr sagte, da sie sich leider irre,
und da wir die Sache nur aus Verlegenheit mglich gemacht htten, stie sie
mich mit ihrem hornigen Zeigefinger in die Brust, da ich es wohl einen Tag lang
spren mute, und schimpfte auf dich wie maniakalisch. Tante Ludmilla hat mich
schon in einige Familien eingefhrt, wo es natrlich an hbschen Tchtern nicht
fehlt. Neulich lie sie etwas fallen von ihrer Absicht, mich eventuell zu
adoptieren. Dann bin ich ihr Pflegesohn, und alle unntzen Frager sind aufs Maul
geschlagen. Wie denkst du darber, liebe Mama? Ich kann ja nicht anders
hinaufkommen, es mu ja etwas fr meine Zukunft getan werden! Ich will mich doch
ausleben, ich bin doch kein Asket! Du mut das doch begreifen, liebe Mutter, ich
bin eben anders!
                                                   Dein gehorsamer Sohn Hermann.

Als Josefine Hermanns Brief gelesen hatte, beschlo sie, sofort nach Basel zu
fahren.
    Ihre heftige Entrstung benahm ihr sogar whrend der Sprechstunde die
gewohnte berlegene Konzentration. Sie mute zuweilen ihre Frage an eine
Patientin wiederholen, weil sie die Antwort nicht gehrt hatte.
    Ich fahre mit dem letzten Zuge, spreche nachts mit meinem Burschen und bin
mit dem frhesten Morgenzuge zurck, dachte sie.
    Es war November, aber laulich, und heller Mondschein.
    Die Fahrt mu ich zum Schlafen benutzen, dachte sie, aber wie ist es denn
mglich, zu schlafen? Dieser Bursch ist ja eine vollstndige Widersinnigkeit!
Hat man ihn in die Welt gesetzt, damit er die Leute betrge?
    Sie fuhr wie eine gewitterschwarze Wolke ber Rsli her, die beim summenden
Gaslicht einsam mit roten Wangen am Tisch sa und in ein winziges Notizbchlein
kritzelte.
    Ach, du mit deinen ewigen Verseleien, auch du machst mir Sorge! schrie
Josefine und ri dem erschrockenen Kinde das goldgernderte Bchlein fort. Rsi
starrte mit geblhten Nasenflgeln und dunkel offenen Augen auf ihre Mutter.
    Sie schrie auf, wie ein verwundeter Vogel schreit.
    Was schreist du? zrnte die Mutter wild und heftig.
    Gib mir mein Buch! mein Buch! mein einziges - einziges Glck! flehte Rsi
und begann zu schluchzen.
    Da ist's! weine nicht, du Dummes! man reit dir nicht den Kopf ab. Sie
warf das Bchlein auf den Tisch. Ich fahre nach Basel - ist der Papa daheim?
    Wei nicht, schmollte das Mdchen, still weinend und mit dem Kopf nickend.
    Siehst du! sie wei nicht! lebt taub und blind! Ach, ich mchte eine
Tochter, die lebt, die stark ist und ein Mensch! schrie Josefine auer sich.
    Rsi stand auf, zitterte an allen Gliedern, ihr Gesicht war totenbla. Du
liebst mich nicht mehr, Mama, ich wei es, du hast mir so kalt geschrieben nach
Weggis, alles, was ich tue, ist schlecht, aber - - Sie warf das Bchlein vom
Tisch herunter, trat darauf und schrie wimmernd ...
    Kind! Rsi! was ist das?
    Pltzlich hatte Josefine begriffen, pltzlich schmolz ihr Herz. Sie lief auf
das Kind zu, umarmte es strmisch, kte es auf die nassen Augen, die nassen
Bcklein. Ihre Herzen klopften dicht aneinander.
    Verzeih! verzeih! flsterte die Mutter, flsterte das Kind, und sie kten
sich und weinten miteinander. Dann, fest umschlungen, setzten sie sich auf einen
Stuhl.
    Sieh, mein Alles, wie unglcklich ich bin ber deinen Bruder! Sein erster
Schritt hinaus ist ein Schritt in den Sumpf! Er will eine Rolle spielen, reich
werden! Alles setzt er aufs Spiel, seine Mutter, sein Vaterland, seine
Wissenschaft! Die abscheuliche alte Spinne in Basel will ihn adoptieren, und er
sieht darin etwas Gutes, weil es ihm Vorteil bringt! Und dieses Brschlein habe
ich in die Welt gesetzt, damit es die Leute betrge!
    Aber ich, Mama, ich tue so etwas nie! ich bin doch deine Tochter, oder
willst du lieber eine andere? rief die Kleine, und mit zusammengebissenen
Zhnen weinte sie Trnenstrme in den Hals der Mutter.
    Josefine kte sie leidenschaftlich. Ach, Kind, ich bin so abgehetzt! Ich
bin so mde von diesem Sommer! Verzeih! verzeih! Was hat es alles gegeben diesen
Sommer! Und nun Hermann! Sie sprang auf. Hilf mir, Kind, Rsi! Mein
Regenmantel ist noch na, die Schuhe mssen vom Schuster geholt werden. Auch mit
Papa mu ich sprechen. Um halb acht Uhr geht der Zug.
    Rsi war wie Wachs; sie zerschmolz fast in Liebe und Schmerz, als sie die
Mutter sich unglcklich nennen hrte. Alles, alles wollte sie tun! ... Und ganz
werden wie du! wie du!
    Georges kam nach Hause, und Josefine hatte noch eine kurze, dringliche
Unterredung mit ihm, bei der sie fast allein sprach.
    Ich bringe unser Brschli heim, sagte sie endlich, nachdem sie ihm alles
erzhlt hatte, und dann mssen wir weiter sehen. Cynismus ist Gift fr Hermann,
und diese alte Tante Ludmilla ist cynisch! Er mu zurck auf ordentlichen Weg
kommen. Es geht nicht, da er Theologie studiert, Georges. Widersetze dich auch
und rate ihm zu etwas anderem, ich bitte dich! Er hrt auf dich, er tut nur mir
gegenber so selbstgewi, sonst ist er nur zu bestimmbar. Darf ich auf dich
rechnen, Mann?
    Du beabsichtigst vielleicht, einen Bankdirektor aus ihm zu machen?
lchelte Georges verbindlich, auch das Geschft nhrt seinen Mann.
    Die gequlte Frau sah ihn an. Fr einen Augenblick verkrperte sich ihr in
diesem gelben, grinsenden Gesichte alles Widrige, Verwerfliche, Hassenswerte,
das sie wute. Alle Qual, alle Ratlosigkeit ihrer Lage spiegelte sich wie in
einer trben Lache in diesen matten roten Augen.
    Ja, ja, sagte der Mann aufseufzend, das Leben ist halt schwer.
    Sie hob den Kopf, die Verzweiflung bermannte sie. Suchte sie hier Hilfe?
Und weil es schwer ist, la uns zusammenstehen, sagte sie verwirrt, la uns
in dieser Sache zusammenstehen, Georges. Tu nichts gegen mich! Sie streckte ihm
die Hand hin.
    ber seine gelben Backen lief ein schwaches Rot, er berhrte ihre Hand und
murmelte: Nein, nein.
    Du bist sein Vater, Georges.
    Leider.
    Hltst ihn etwa fr verloren?
    Nein, aber du, Sfine.
    Ich hol ihn, sagte sie entschlossen, drckte dem Manne die kalten,
widerstrebenden Finger und machte sich bereit. Georges bot ihr sogar seine
Begleitung an. Verlegen lehnte sie ab und fuhr allein.

Aus dem heien Coup, das sie schlfrig und schwer gemacht, sprang sie auf den
nassen, schmutzigen Perron hinab.
    Josefine war in Basel. Es regnete schon, seit sie eingestiegen war. Ihre
Unruhe verstrkte sich in dieser jetzt stillen, wie ausgestorbenen Stadt, ber
der eine dunkle Schwle lag. Nur auf der Rheinbrcke ging ein frischer Wind und
warf ihr die Kleider so um die Glieder, da sie mhsam vorwrts kam. Der Rhein
brauste im Regen - sie blieb einen Augenblick stehen und sah ihn ziehen,
geheimnisvoll wie den Strom der Unterwelt, glanzlos und farblos.
    Sie dachte flchtig an Sommertage voll Duft und Glanz, da sie ber diese
Brcke gegangen, ber den jungen, grnen, schumenden, herrlichen Rhein.
    Wre ich nie geboren! wre ich doch nie geboren, sagte sie voll
Bitterkeit.
    Es schlug elf Uhr, als sie vor dem Hause stand, in dem Hermann ein Zimmer
gemietet hatte. Es war ein kleines Hotel; unten, in der Bierstube wurde laut
gesprochen, eine keifende Frauenstimme zankte mit einer dumpfen, weinerlichen.
Man hrte Gepolter, Geschirr klapperte.
    Josefine zog die Glocke, und sogleich erschien, mit gertetem, zornigem
Gesicht, die Frau aus dem Gastzimmer, die Wirtin. Mitrauisch betrachtete sie
die Fremde, die hier nach ihrem Sohn fragte.
    Wei nit, ob er daheim ist.
    Ein Trupp Gste unter triefenden Regenschirmen kam in den Flur. Mit
erheiterter Miene wandte sich die Wirtin ihnen zu; gleichgltig, ber die
Schulter weg, rief sie nach dem Mdchen, da es die Dame hinaufbegleite.
    Hermanns Tr war verschlossen, kein Klopfen half.
    Er ist jedenfalls noch nit daheim, sagte das Mdchen, ein hbsches, junges
Ding mit verweinten Augen und trotzigem Munde, und ohne viel Umstnde stellte
sie den Leuchter auf ein halbrundes Tischchen, nahe der Tr, knixte Sksi und
rannte wieder hinunter zur Bedienung der Gste.
    Josefine verlangte ein Zimmer.
    Es war alles besetzt bis auf eine Mansarde, droben, neben Hermanns Stbchen.
    So ist's am besten, sagte die Mutter erfreut, ich werde hren, wann er
kommt. Kommt er oft spt heim? machte sie hastig.
    Das Mdchen blinzelte mit den schweren Augenlidern. I knnt's gewi nit
sagen - 's sind halt junge Herre. Wnsche Sie no ppis?
    Da sa sie nun neben dem Stearinlicht auf dem Stuhl und wartete auf ihren
Sohn. Sie hatte Regenmantel und Hut abgelegt, frstelnd drckte sie die Arme an
den Leib, hielt sich steif aufrecht, um wach zu bleiben.
    Langsam verrann die Zeit.
    Sie legte ihre Uhr vor sich auf den Tisch, horchte auf jedes Gerusch.
Manchmal kam es ber die Treppen, eine Tr wurde aufgeschlossen. Dann sprang sie
auf und starrte hinaus, aber es war niemand ins Nachbarzimmer gegangen.
    Der Regen flo in breiten, lartigen Streifen an den kleinen Scheiben
hinunter - die Kerze, die einen Bruch in der Mitte hatte, fiel bald auf die
eine, bald auf die andere Seite und tropfte schnell ab, stand schon in einem
weien See ...
    Ich bin ganz kopflos hierher gekommen, ich htte schreiben sollen vorher,
dachte sie.
    Es war halb zwei jetzt.
    Wei Gott, wo der sich herumtreibt. Man mu nur die Ruhe nicht verlieren -
mit Heftigkeit geht es nicht - ich werde ganz ruhig -
    Langsam begann sich das Licht zu vergrern - wurde undeutlich, wurde wieder
gro - die Stube drehte sich - das Fensterchen, von dem ein Stck fehlte, weil
die schrge Wand da hinunterschnitt -
    Ha - a - a - a - a - h.
    Sie schreckte pltzlich auf, erschreckt durch ein Geschrei, ein Sprechen und
Winseln!
    Sie setzte sich aufrecht auf dem Sofa - wie kam sie hierher? - dieser
erstickende Qualm, diese Dunkelheit - dieses Geschrei?
    Durch die Wand, an der sie sa, hrte sie es wieder, grob und heiser: Usse!
13 usse! 'es Chaib ist besoffen! hehheh! Usse! Usse! Usse!
    Josefine tastete nach der Tr, die Kerze war verbrannt, sie fand sich nicht
zurecht -
    Nebenan winselte die Frauenstimme: La mi doch schlafen! 's ischt kalt!
kein Obdach bei der Nacht, o bitt di, noch e halbe Stund!
    Und dann wieder: Schieb! Usse! I will denn emal schlafen, du -
    Die Schimpfwrter schienen einander zu ersticken, so dicht folgten sie sich
...
    Josefine hatte endlich den Trdrcker gefunden, schaudernd zgerte sie noch,
dann ri sie die Tr auf ...
    Ihr gegenber, in der offenen Tr, stand - Hermann - im Hemd - barfig, die
Kerze in seiner Hand beleuchtete hell sein blasses, stumpfes Gesicht mit der
nassen, hngenden Unterlippe ...
    ber die knackenden Treppenstufen verlor sich das Gewinsel in der Tiefe des
stummen, dunklen Hauses.
    Er wischte sich den Mund mit dem Handrcken und lallte noch: Chaib!
Saumensch! Verfluchtes.
    Die Mutter wich zurck, sah und wollte nicht sehen, hrte und glaubte nicht
... Gespensterfurcht lhmte ihr die Hnde, die Zunge.
    Aber als er sich umdrehte, in die Tr zurcktreten wollte, strzte sie sich
pltzlich vor und schrie in der Raserei ihres Schmerzes: Selber verflucht,
schamloser Hund!
    Er zuckte wie getroffen, lie den Leuchter klirrend fallen, warf seine Tr
zu, verriegelte.
    Sie rttelte, sie drohte, er gab keine Antwort, er machte nicht auf.
    Nun stellt er sich tot, dachte sie, der Feigling! Eben noch hatte er den Mut
der Brutalitt! Grausam, feig, gemein - ein schdlicher Wurm! Und das ist mein
Geschenk an die Menschheit!
    Sie trug einen Stuhl heraus vor seine Tr und sa dort.
    Er soll mir nicht entkommen, dachte sie. Htte ich eine Waffe gehabt, ich
htte ihn niedergeschossen. Und warum auch nicht? Das ist mein Geschenk an die
Menschheit!
    Nun schlief sie nicht wieder ein, nun sa sie mit gro offenen Augen und
wartete auf den Tag.
    Er wird nicht so bald aufwachen, aber ich lasse den Schlosser kommen, er
soll mir Rede stehen. Ich werde nicht mehr schimpfen - ich habe geschimpft wie
er, ich habe mich gemein gemacht. Htte ich einen Revolver gehabt, ich htte ihn
erschossen! Er spie auf sein Spielzeug, als er ein kleiner Bub war. Spie darauf
und zertrat es, wenn es ihm genug gedient hatte. Dies ist mein Geschenk an die
Menschheit! Es ist gut, da ich keine Waffe habe. Ich mu noch leben fr Rsli.
Ich hatte Plne - groe Plne - Entwrfe - Hoffnungen - ich wollte etwas Gutes
hinterlassen, etwas Ntzliches - dem Leben dienen -
    Ihre Gedanken verwirrten sich, kreisten wild umeinander, kehrten mit
ttender Schrfe zu dem einen Punkt zurck: Was ist alles, das ich bestenfalls
tun knnte gegen dieses Geschenk an die Menschheit! Hier ist das Wirkliche, das
Schreckliche, Unentrinnbare! das Unaufwgbare!
    Als sie Schritte auf der Treppe unten hrte, ging ein Drhnen durch ihren
Kopf: Sie werden heraufkommen, werden mich hier sehen, sie, die alles wissen,
unsere ganze Schande.
    Mit tiefgebeugtem Nacken, des Schlages gewrtig, sa sie eine ganze lange
Zeit.
    Aber die Tritte verhallten wieder, und unsglich traurig schien der halb
verzehrte Mond ber die schmutzigen, leeren, sich heraufwindenden Stufen.
    Ach, da es nicht wahr wre, dieses Letzte, Abscheulichste! Da ihr Sohn
jetzt da heraufkme mit dem elastischen Schritt seiner zwanzig Jahre, ber diese
leeren Stufen heraufsprnge, die Augen glnzend vom langen, feurigen,
begeisterten Gesprch mit den jungen Kameraden, sorglos pfeifend, unter dem
triefenden Hut, voll schnen, unklaren berschwangs, wie der junge Zwicky nach
Hause zu kommen pflegte, die Arme reckend: Hah, jetzt mu es dann anders werden!
jetzt probieren wir's emal, wir, die Jungen. Ach, km er selbst, den Hut schief,
selbstgefllig kichernd, mit Kotillonorden behngt, mit dem Struchen im
Knopfloch - es wre gut, es wre alles gut! Nur nicht so! nur nicht dieses!
    Und sie sah ihn heraufkommen, rot vor Scham und Stolz und Leidenschaft, mit
der Zitternden, Scheuen, die halb Lcheln, halb Traum ist, die eine
Augenblicksliebe ihm in den Arm geworfen, und die sich vergessen hat, Werkzeuge
der Natur sie alle beide, der blinden, nicht bsen, nicht guten, gleichgltig
schaffenden Natur ...
    Gut selbst dieses! Alles gut! Nur nicht so! Nur dieses Letzte nicht!
    Sie konnte nicht lnger warten. Sie schlug wieder an die Tr. Hermann!
ffne! ich bin da!
    Nichts regte sich, kein Laut kam.
    Sie beugte sich zum Schlsselloch, horchte an der Trritze: kein Atemzug war
zu hren.
    Ein Grab, dachte sie, schlimmer als ein Grab, viel schlimmer!
    Und sie begann zu weinen, heie, mhsame, versprengte Trnen.
    Mein Geschenk an das Leben Gift, meine Gabe an die Menschheit diese
fressende Pest!
    Sie starrte in den gelben Mond hinter dem nassen Treppenfenster.
    Moral insanity! dies ist moral insanity! Wir haben wenigstens auch dafr
einen Namen! Vielleicht wre es besser als alles andere, das ich tun kann, wenn
ich ihn ttete. Ich wrde es tun, wenn ich ihn liebte, aber - ach, ich liebe ihn
nicht genug, um mich mit ihm zu vernichten.
    Sie dachte an ihre Plne, ihre Bestrebungen, und es schien ihr, als wren
ihre Hnde voll grauer Asche.
    Ist nicht alles dies nur ein Mittel, um sich zu betuben? Auch nur ein
Opium? Damit ich den Abgrund nicht sehe, aus dem alles Leben aufgestiegen ist
und in den es hinabsinkt? Wenn mein eigener Sohn, den ich von Kind auf
hinberziehen wollen auf die gute, auf die positive Seite - was ist dann
Erziehung? Beispiel? Gewhnung? Zu wem redet man? Und es fiel ihr ein, zu wem
seit Jahrtausenden die Weisen und die Dichter geredet, und eine ungeheure Angst
ergriff sie. Ihr Mittel versagte, ihr Opium versagte, und sie strzte in das
Bodenlose hinab.

Junger Herr! Herr Geyer! Ihre Mutter ist kommen! schrie die Wirtin und
bearbeitete krftig die Tr. Es war heller Tag.
    Gedemtigt stand die Mutter daneben.
    Meine Mutter? - Sofort! rief es aus Hermanns Zimmer und dann noch einmal:
Ich komme schon.
    Die Tr tat sich auf.
    Nun, da haben wir den jungen Herrn. Lachend trottete die Wirtin davon.
Hermann war da.
    Liebe Mama, diese berraschung. Willst du nicht Platz nehmen? Du mut aber
frh von Zrich fort sein! Es ist doch nichts passiert? Entschuldige die
Unordnung, ich habe spt gearbeitet. Oder willst du dir nur einen Feiertag
gnnen? Was ist denn los?
    Hermann war wohlgewaschen und frisiert, in guten Kleidern; das Zimmerchen
duftete nach Veilchenseife und war aufgerumt, das Bett zugedeckt; auf dem
ovalen Tische vor dem Sofa lagen viele Bcher in neuen, schnen Einbnden, mit
glnzenden Goldtiteln. Aufgeschlagen aber war eine groe, silberbeschlagene
Bibel, von deren vergilbten Seiten bunte Initialen leuchteten.
    Ohne die Mutter anzusehen, fuhr Hermann herum, das heit: er glitt mit
unhrbaren, geschmeidigen Bewegungen. Eben trug er eine Schnurrbartbinde von der
Kommode zum Lavor und legte sie schmunzelnd in Papier, rosa Seidenpapier, das
frhlich knisterte.. Dabei sprach er fortwhrend.
    Tante Ludmillas Familienbibel, die mut du dir ansehen, Mama. Nun, wie
geht's daheim? Aber da du dich losgemacht hast!
    Auf seinen blassen Backen waren hektische Flecke, die Nervositt seiner
Gebrden nahm zu, als die Mutter noch immer schwieg.
    Aber schlechtes Wetter! Es regnet, sagte er mit harmlosen Blicken nach dem
Fenster.
    Josefine konnte nicht sprechen, und er sprach immer weiter, mit immer mehr
sich rtenden Backen und immer unruhigeren Gebrden. Schiefe Blicke fuhren ber
sie hin, ber ihr eingefallenes Gesicht, ihre nassen Kleider.
    Mit trockenem Gaumen brachte sie endlich hervor: Genug. Packe zusammen.
Heim.
    Er sprang empor, tat, als verstehe er nichts ...
    Da sagte sie's ihm.
    Aber er leugnete rundweg.
    Ein falscher Verdacht! Ganz falsch! Schlielich, warum nicht zugestehen,
wenn es nicht falsch wre? Alle tun so, man ist keine Ausnahme. Es gehrt sich,
da ein junger Mann das Leben kennen lernt. Frauen - natrlich - anstndige
Frauen wissen diese Dinge nicht und brauchen sie auch nicht zu wissen. Aber ein
Mann - das ist etwas ganz anderes! ...
    Ich sa hier und arbeitete, habe das Zimmer den ganzen Tag nicht verlassen.
Es kann ja sein, wenn du mich gesehen haben willst, da ein anderer - Hier im
Haus wohnen mehr Leute - Und jeder findet, da man das Leben kennen lernen mu.
Ein Mucker, ein Duckmuser? aber wozu denn? Welche Mutter verlangt von ihrem
Sohne, da er wie ein Asket lebe? welche anstndige Mutter kmmert sich
berhaupt? das sind die Nachtseiten des Lebens! Man ist sinnlos betrunken, nun
ja. Auch das mu man einmal durchmachen. Und was man in der Betrunkenheit tut
oder sagt - dafr ist man nicht verantwortlich. Nicht mal vor Gericht. Ich wei
von nichts, entsinne mich nicht. Du bist eine Ausnahme, Mama, aber ich bin
normal! Ein gewhnlicher, normaler Mensch, Gott sei Lob und Dank. Du denkst nun
gleich, ich sei schlecht, ich sei verloren, aber das ist sehr unrecht von dir,
und wenn du das Leben shest, wie es wirklich ist - Verachten? nicht verachten
etwa? ein feiles Geschpf, das sich fr ein paar Centimes preisgibt, das soll
ich nicht verachten? Aber du, Mama, du hast sogar vom Onkel Lon und Onkel
Albert verchtlich gesprochen, nur weil sie am Gelde gehangen sind!
    Auf all seine Verteidigungsversuche erwiderte Josefine nur das eine:
Zusammenpacken! Sofort.
    Mechanisch gehorchte er, fortwhrend redend und scheltend: Du bist die
schrecklichste Despotin, Mama, die es geben kann! Es wird mir bei dir gehen, wie
es dem Pape gegangen ist. Eine Puppe, eine Mumie machst du aus dem Menschen.
Ach, du fngst ja sogar mit Rsli an, sagte er mrrisch und hmisch, sie
schreibt mir, du shest es nicht gern, da sie Verse macht. Alle, alle willst du
uns zerquetschen! Aber ich mu heraus! Ich lasse mich von Tante Ludmilla
adoptieren, und dann geh ich nach Deutschland und werde deutscher Brger. Eine
Stellung und ein Vermgen ist gar nichts Schlechtes! Du verdrehst alles. Du mut
also berall nur schlechte Menschen sehen, denn alle wollen eine Stelle und
Geld. Nirgends, in keiner Familie, gibt es eine Mutter, wie du bist.
    Als sie nach Zrich zurckkamen, mute sich Josefine sofort zu Bett legen.
    Die Kollegin konstatierte eine Nervenberreizung und Erschpfung.
    Drei Wochen lag sie krank und fast ohne zu reden. Dann erhob sie sich, nahm
ihre Bcher wieder vor, nahm ihre Praxis wieder auf.
    Die Patientinnen brachten ihr viele Blumen, und Rsli schrieb ein Gedicht zu
ihrer Genesung.

Mit vergrerten Augen und ruhelos ging Josefine ihrer Ttigkeit nach, das Opium
schien nicht mehr zu wirken. Sie hatte einige Vortrge angesagt, aber sie
verschob das alles auf eine gnstigere Zeit, und sie schalt sich deshalb. Ein
fauler und ungetreuer Knecht, dachte sie, der sein Pfund nicht benutzt, das ihm
verliehen. Wer wei, wie lange ich noch sprechen kann - wie lange ich noch lebe.
Und dann schien es ihr, als kmen Schatten geschlichen und hllten sie ein in
dunkle Tcherwolken und begrben sie unter den Nebeln, den ewigen Nebeln der
Niederung.
    Mit melancholischem Achselzucken beobachtete sie sich selber und die
nachgebliebenen Spuren der kaum berstandenen Krankheit. Laute Musik
durchschtterte sie; bei einer Auffhrung des Fliegenden Hollnders fiel sie
in Ohnmacht und brauchte einen Tag nachher, um sich ganz zu erholen. Pltzlich,
beim ersten Erblicken einer Verwundung oder nur bei der Abnahme eines Verbandes
erfate sie ein unbezwinglicher Ekel - ja, als sie eines Tages aus einem Bande
von Langs Vergleichender Anatomie ein flchtig hineingeschobenes Rezept
herausnahm und sich das Buch dabei aufbltterte, erschrak sie heftig bei der
Abbildung eines ganz gewhnlichen Skorpions.
    
    Sie fhlte es kalt vom Kopfe abwrts rinnen, warf das Buch hastig auf die
Seite, und es schien ihr, als she sie das vielgliedrige, rotbraun schillernde
Futier auf der grnen Schreibtischplatte herankriechen. Mit einem Schrei sprang
sie auf, fate sich an die Stirn und zwang sich zur Klarheit, whrend sie
zitterte und einen slichen, betubenden Geruch in der Umgebung versprte.
    Dumm! dies ist dumm! murmelte sie und schlug das Buch wieder auf, sah den
Skorpion lange und aufmerksam an. Ich werde mich doch nicht vor mir selber
lcherlich machen? Und - in der Tat - das Hliche verlor seine Wirkung, und
sie war imstande, ein Spiritusexemplar eines Skorpions aus ihrem Schrank zu
entnehmen und mit der Abbildung zu vergleichen. Es ging auch vollstndig gut,
bis sie in dem Chitinpanzer des konservierten Tieres seitlich eine weiche,
gelbweie Stelle entdeckte, aus der eine gefranste Masse hervorquoll. Da kam der
Widerwille so stark, da sie Brechreiz versprte ...
    Und als sie bei einer Sektion im Irrenhause das stark vernderte Hirn eines
Trinkers zugereicht bekam, entglitt die Schale ihren pltzlich entkrfteten
Hnden, und das frische, blutige Hirn und die blutige Schale, auf der es so
weich und rund aufgelegen, und die Medizinerin - alles fiel miteinander auf den
Boden, in den Staub. Es war sehr unangenehm - das kostbare Prparat war stark
beschdigt und fast unbrauchbar geworden durch Staub und Glassplitter, und die
Medizinerin war mehrere Stunden hindurch ohnmchtig und tief beschmt.
    Nach diesen Vorfllen wurde Josefine ein wenig ngstlich, und was noch
seltsamer war - ihr Mann, Georges Geyer, wurde ngstlich und bekam einen Blick
und eine Aufmerksamkeit fr Josefine - etwas ganz Neues und Unerhrtes bei ihm.
    Hermann hat dich auf dem Gewissen, wiederholte er oftmals bedauernd, das
Mutterherz bleibt eben doch der schwache Punkt ...
    Vor diesen anteilvollen Blicken, diesen mitfhlenden Worten floh Josefine,
sie waren ihr die bitterste Besttigung ihrer Schwche.
    Es wird vorbergehen, dachte sie, mir wurde auch einmal schlecht, anfangs,
im Prpariersaal, als ich die Hand der Nherin sezieren mute! Und ist's nicht
spter gut gegangen? Aber er wnscht es, er wnscht, mich herunterkommen zu
sehen.
    Und sie hielt sich steif aufrecht und bemhte sich, ruhig und heiter
auszusehen, wenn Georges in der Nhe war. Und die Gebrde der Ruhe und
Heiterkeit wirkte strkend auf ihre Stimmung.
    Seltsame Ableitungen fr ihre Unruhe suchte und fand sie in dieser Zeit: Ein
notwendiger Besuch beim Zahnarzt brachte sie auf die Wahrnehmung, da
krperliche Schmerzen ihre Erregung abzustumpfen vermchten. Nun wurde sie eine
tgliche Patientin des Zahnarztes, lie plombieren, feilen, ein paar alte
Stumpfe beseitigen und fand dabei fast Vergngen. Schmerz wurde als Wohltat
empfunden, als angenehmer Reiz, als die beste und vollkommenste Zerstreuung.
Spter dann, betroffen, unheimlich klar, gestand sie sich, da hier eine
Vorstufe jener Selbstverletzungen und Verstmmelungen vorliege, die den
Irrenrzten so viel Kopfzerbrechen ber ihre Patienten verursachen.
    Und sie unterlie jene Besuche und zwang ihre Unruhe nieder, verschrieb sich
selbst Beruhigungsmittel und krftige Dit.
    Etwas Blut pflanzen! sagte sie sich, wie sie es ihren Patientinnen sagte,
aufmunternd, lchelnd.
    So lange ich noch meinem Willen gehorche, nicht meinem Widerwillen, so
lange bin ich noch nicht verloren, redete sie sich zu.
    Und sie vermochte es, ihren eigenen Willen zu tun, sie hielt auch wieder
Vortrge gegen die Autoritt.
    Aber sie fhlte, wie das, was einmal lebendige, glhende Empfindung gewesen,
allmhlich zum Wort, zum fertig geprgten Satz erstarrt war, und da zuweilen
nicht sie es war, die redete, nicht ihre Seele, sondern aus ihr heraus ein
tuschend hnlicher Automat, soda sie sich vor ihm entsetzte.
    Einmal, in einem der Vortrge, war Georges anwesend, ohne da Josefine davon
wute.
    Beim Hinausgehen durch das lebhaft interessierte Publikum, das ihr noch
dankte, gesellte sich der krnklich aussehende, gebeugte Mann mit dem ergrauten
Spitzbart ostentativ zu ihr. Mit einer lebhaften Bewegung streckte er ihr die
Hand hin, ber einige Dazwischenstehende hinweg. Und laut sagte er mit seiner
rchelnden Stimme: Ausgezeichnet! Bravo, Sfine, das war eine Leistung!
    Die Frau schrak zusammen bei der lauten Anrede, starrte wie eine
Nachtwandlerin und stammelte: Was war es denn? was habe ich gesagt?
    Und erschpft und ngstlich lie sie sich von ihm hinausfhren, an seinem
Arm, durch die Menge, die er triumphierend und mit Schweitropfen auf der
kahlen, gefurchten Stirn betrachtete.
    Sein Arm, seine Stimme zitterte.
    Willst du fahren, Sfine? sagte er zrtlich und beugte sich zu ihr,
willst du etwas trinken?
    Sie fate sich an die Stirn. Was habe ich gesagt? Wenn ich nur wte -
    Sie verga alles, lehnte sich an ihn und empfand nur noch seine Zrtlichkeit
wie etwas Sttzendes, Gutes.
    Sfine, teures Weib, ich werde jetzt arbeiten, ich werde Agenturen
bernehmen, sagte Georges beim langsamen Heimgehen, wenn zwischen uns wieder -
zwischen uns die alte Liebe -
    Er bebte vom Kopf bis zum Fu, schlotterte im Gehen, schluchzte, prete
ihren Arm.
    Ja, ja, ja, murmelte die Frau, immer die Hand an der Stirn, wenn ich nur
wte -
    Im Hausflur nahm er sie in die Arme und kte sie.
    Ach nein, ach nein, wehrte sie und begann zu weinen, aber alles still wie
im Traum.
    Mit einem wirren, abwesenden Ausdruck langte sie endlich in ihrer Wohnung
an.
    Heute hat ein anderer gepredigt, sagte sie zu dem aufgeschreckt horchenden
Rsli. Ich war nicht da. Sie lachte und sah sich nach Georges um, der mit
erregtem Gesicht ihren Hut betastete, der ihm am Arm hing.
    Wir haben ihn abgenommen, er hat keinen Schaden gelitten, sagte er und
legte den Hut auf den Tisch. Tee! geschwind! siehst du nicht, da sie erschpft
ist? schrie er Rsli an, und dann ging er mit groen Schritten auf und nieder.
Ich werde hier das Regiment bernehmen, so geht es nicht lnger. Und er hielt
das erschrockene Mdchen in der Tr auf: Rsli, ich erwarte es von dir! Du hast
dich zu sehr gehen lassen. Wir haben uns alle zu sehr gehen lassen.
    Dann setzte er sich neben Josefine auf das Sofa, umarmte sie und lehnte
ihren Kopf an seine Schulter! Teure! schlafe! ruh aus! Ich werde das alles in
Ordnung bringen.
    Josefine schlief sanft ein.

Sie wute nichts von all diesem am anderen Tage.
    Ihres Vortrags entsann sie sich ziemlich gut wieder, nicht aber der spteren
Vorgnge.
    So entstehen die Geschichten von Doppelgngern, sagte sie nachdenklich,
oder vom zerlegten Ich. Es ist interessant, das alles an sich selbst zu
beobachten. Dann fragte sie Rsli: Jemand war gut zu mir, sttzte mich, fhrte
mich. War es der Vater?
    Und sie errtete bei dieser Frage, sah, da auch das Kind errtete und
nickte.
    Nun, wir sind wunderlich, wir Menschen, gelt, Rsli? Was wissen wir von
uns? was wissen wir von einander? Machst du noch Verse?
    Ja, sagte die Kleine schchtern.
    Und auf was? an wen, Rsli?
    An dich, Mama, innig sagte es das Kind und beschmt.
    An mich? Josefine staunte und seufzte, streckte die Hand aus ... Und es
war der Vater, der mich fhrte? trumte sie verwundert, laut.
    Er war so in Angst um dich, Mama, lispelte Rsli.
    Ist das wahr?
    Josefine blickte in den matten Februarsonnenschein, der die kleinen Brtchen
auf dem Frhstckstisch und die gelbe Butter und das schlanke Stengelglas mit
den gelben, duftenden Trompetenblumen sanft vergoldete.
    Sie fhlte sich gerhrt und schwach.
    Mit matten Flgelschlgen bewegte sich um sie, so schien es ihr, ein armes,
gedrcktes, lichthungriges, liebedurstendes Leben, wartend - gespannt -
unheimlich....
    Und sie sttzte den Kopf und schlo die Augen, und es war ihr wie einer
ruhmlos berwundenen.

In diese Schwle flog wie ein Bote himmlischer Erquickung ein von fremder Hand
mit blauem Tintenstift geschriebener Brief.
    Er lautete so:

                                           Dorf Glatt, Ct. Zrich. 3. 3. 199 ...

Verehrte Frau!
    Obwohl ich Sie nie gesehen, bewahre ich doch ein so deutliches Bild von
Ihnen in der Seele, da ich in einer schwierigen und furchtbaren Angelegenheit
mich an Sie wende, als an die einzige, die helfen kann.
    Ich habe ein groes Vertrauen zu Ihnen; Ihre Bemhungen um die unschuldig
gekrnkte Kindheit sind mir wohlbekannt, und mit innigem Anteil und herzlicher
Dankbarkeit bin ich Ihren Bestrebungen seit Jahren gefolgt. Ja, es kann nicht
bel stehen um die Welt, solange gute Krfte sinnvoll walten wie in Ihnen,
verehrte Frau! Oft schpfe ich Freudigkeit aus dem Gedanken an Sie, die Sie kein
Verzagen, kein Ermatten kennen.
    Die Angelegenheit, in der ich Ihre gtige Hilfe heische, verlangt
persnliche Besprechung. Leider, leider kann ich zu Ihnen nicht kommen, das ist
mir nicht vergnnt. Werden Sie die Gte haben und zu mir kommen? Ich bitte Sie
darum im Namen der Menschlichkeit, der Sie dienen, im Namen der unschuldig
gekrnkten Kindlein, deren Recht Sie verkndigen.
    Nur Sie knnen helfen, nur auf Sie hab ich meine Hoffnung gesetzt. Es wird
Ihnen Zeit kosten, aber da Sie retten sollen, wird es Ihnen um die Zeit nicht
leid sein, wie ich Sie kenne. Unser Dorf liegt vier Stationen von Zrich weg,
kommen Sie, wann Sie knnen, ohne Anmeldung. Fragen Sie nur nicht nach im Dorfe
- ich lege Ihnen eine Skizze des Weges bei, den Sie gehen mssen, um mein Haus
zu finden. Von der Kirche zum Brunnen links, dann ber die Brcke, an der die
groe Linde steht. Von da ist's nimmer weit, die Kiesgrube bleibt rechts, hinter
unseren Husern beginnen gleich wieder die Felder.
    Ich erwarte Sie mit Sehnsucht und gre Sie in Verehrung.
                                                             Ihr Rudolf Fischer.

Josefine hatte schon fter Briefe hnlichen Inhalts empfangen, sie kamen von
jenen unbekannten Freunden, die sie in ihren Vortrgen anrief, die sie berall
in der Welt verstreut wute, und deren Dasein ihr Herz gewrmt und erhoben hatte
bis zu diesem letzten, schweren Erlebnis.
    In den Tagen dieses Kummers, in den Wochen dieser Niederlage, in den Monaten
dieser Verzweiflung hatte sie die unbekannten Freunde vergessen.
    Und nun meldeten sie sich wieder, meldeten sich durch diesen Brief des
Vertrauens und der Sympathie, riefen sie zu Hilfe, wandten sich an ihre Kraft.
    Wer ist Rudolf Fischer?
    Warum kann nicht er kommen?
    Was verlangt er von mir?
    Wie ist es mglich, da er an mich glaubt, an mich, die ich selbst nicht
mehr an mich glaube?
    Der warm innige Ton des fremden Briefes war wie ein Duft auf ihren Wegen.
Die Veilchen kommen wieder, und es wird nun Frhling, und ich - ja, ich fhle,
da die Sonne wrmt, auch mich wrmt, und ich bin nicht mehr schwach, ich werde
niemand enttuschen, der mich fr stark hlt - ich werde sogleich - sogleich
heute - heute ist Sonntag, und ich bin frei - sogleich fahr ich zu diesem Rudolf
Fischer im Dorfe Glatt!
    Dies ist eine dringliche Sache!
    Sie rief Rsli und fragte sie, ob sie mit ins Dorf fahren wolle.
    Das Mdchen zauderte. Ins Dorf mcht ich schon, aber zu den Kranken nicht.
    Dies ist kein Kranker, Mdchen - dies ist ein krftiger Mensch, der um
andere sorgt.
    Rsli drehte sich hin und her. Wenn er nicht krank wre, gingest du nicht,
Mama - du gehst ja nur immer zu Kranken.
    Aber ich sage dir - und - brigens - ist es dir denn so unangenehm, zu
Kranken -
    Die Kleine nickte kummervoll; ihr zartes Gesicht drckte heftigen Ekel aus.
    Ich kann es nicht, Mama - la mich zu Hause, sie sind so hlich anzusehen,
und - aus den glanzlosen, dunklen Augen kam ein Anklageblick, zornig und dster
- du gehst ja nur immer zu ihnen, sogar am Sonntag.
    Josefine wandte sich ab. So bleib, sagte sie herb, es wird einmal niemand
glauben, da du mein Kind bist. Hlich und langweilig - andere Worte hrt man
nicht von dir! Schme dich!
    Rsli nickte, blutrot im Gesicht, dann tropften Trnen herunter auf die
zusammengepreten Hnde. Immer sagst du das! Immer! Immer!
    Josefine wurde ungeduldig. Ach, das Gewinsel! Mach dich fertig und komm! Zu
Mittag sind wir zurck, aber Papa und Hermann sollen voraus essen, auf alle
Flle.
    Rsli wollte nicht, nun erst recht nicht ...
    Heut nachmittag ist doch die Vorstellung, Mama! Ich will lieber ins
Theater. Ich freue mich so auf die Versunkene Glocke. Es kommen Elfen drin vor
und Waldgeister. Gehst du nun nicht mit hin?
    Wei nicht, ob ich zurck bin - die Versunkene Glocke kann man noch immer
sehen, Kind.
    Ein Wehlaut schrillte. Rsli weinte laut. Pltzlich schrie sie ganz auer
sich: Ich hasse die Kranken! Oh, wie ha ich sie!
    Sie stampfte mit den Fen, wie sie als eigensinniges Kind zu tun pflegte,
schttelte ihre Locken, lief endlich hinaus.
    Nicht einmal Adieu hatte sie gesagt.

Josefine fuhr.
    Aber sie war tief niedergeschlagen, und zuweilen verga sie ganz, wohin sie
fuhr.
    Sie sind mir entglitten, alle miteinander. Nina, meine kleine Knospe, die
dort oben liegt unter den Gletschern von Camischolas, Hermann, der dort unten
kriecht im Sumpf der gemeinsten Niedrigkeit seinen widrigen Genssen nach - und
mein Rsli - mein Rsli ein Nichts, eine kleine, enge, hirnlose, eiferschtige
Taube!
    Was wird ihr Schicksal sein?
    Der Zug rollte langsam durch eine hellbesonnte Hgellandschaft. Zwischen den
blauenden Wldern dehnten sich ebene, weie Streifen, die Tler im leichten
Schneeberzug, der vor der Sonne zerflo. Hier und da lag schon eine Matte
schneefrei im gelblichen Sammetgrn des Frhlings. Buchen und Eichen glitten
nahe am Wege vorber, rostrot und blank im Schmuck der vorjhrigen Bltter. Ein
kleiner Birkenwald, durch den sie fuhren, stand noch blattlos, aber sonnig
rotbraun das kahle Gest; schon stieg darin der Saft des neuen Lebens. Und als
Josefine den Wagen verlie, begrte sie auf dem lehmigen Eisenbahndamm die
kleinen, goldgelben, feinstrahligen Sonnen des Huflattichs, die sich berall
zwischen den Steinen hervordrngten, mit denen die Bschung belegt war, in
kleinen Trupps, die rotbraunen Knospenknpfchen dreist und hoch zwischen den
aufgeblhten Sonnchen.
    Wre doch mein Rsli hier, dachte die Mutter, und sie atmete tief den
frischen, feuchten Hauch der sprossenden Erde, und dann bckte sie sich zu den
frhen Blumen, dem Huflattich und dem zarten Ehrenpreis, der am naglitzernden
Feldrain dicht ber dem Boden seine kleinwinzigen Blauugelein aufsperrte. Aber
sie pflckte sie nicht.
    Und wieder beschwichtigte sie ihre Angst mit der Hoffnung, da Rsli ein
Talent entwickeln wrde, eine musikalisch-dichterische Begabung.
    Sie ist noch Kind, trstete sie sich, und Kinder sind Egoisten. Sie wird
ber sich hinauswachsen, und allmhlich wird in ihre kleine Versmusik eine Seele
einstrmen. Meine weie Hyazinthe im Keller, meine seltene Blume, dachte sie
zrtlich.
    Sie trat auf den Dorfweg, und die kstliche Frische des Frhlingstages
khlte ihr die Stirn. Wie ein Hort des Friedens lag das saubere, behbige Dorf
mit seinen groen, wei oder rosa getnchten Husern, eingebettet in die weiten
Felder, zwischen denen der Pfad hinfhrte. berall ragten die grnen Spitzen der
Saat aus der leichten Schneebedeckung, einladend wand sich links ein schmaler
Fusteig in den Wald, einen lichten Buchenwald, voll dunkelgrnen Efeus am Boden
und an den weigrauen Stmmen hinauf.
    Josefine hielt den kleinen Plan aus Fischers Brief in der Hand. Sie blickte
darauf von Zeit zu Zeit und fand ihn wunderbar genau, jedes Haus, jede
Straenkrmmung war darauf verzeichnet.
    Still und feiertglich, mit blanken Fenstern und blhenden Geranien und
knospendem Goldlack dahinter lagen die Huser. Die Scheuern waren geschlossen,
kein Ackerwagen stand im Wege, die Dungsttten waren sorgfltig aufgeschichtet,
die Stalltren standen halb geffnet, um Luft und Sonnenschein zu den friedlich
wiederkuenden Tieren einzulassen.
    Aus dem roten Kirchlein, an dem Josefine vorberkam, erklang des Pfarrers
skandierende Stimme; das stattliche, steinerne Schulhaus trug in breiten, weien
Buchstaben auf rotem Grundbande die Inschrift: Wissen ist Macht.
    Am Gasthaus Zum Hirschen, dessen Fenster aus neubemalten, rotbraunen
Rahmen wie dunkle Augen blitzten, trat der Wirt unter die Tr und prfte den
Eindruck des Geweihschmuckes an seiner Mauer auf die Vorbergehende.
    Dann war das schnelle, glatte, grne Flchen da, mit spielenden Kindern an
den grasigen Hngen; die Kinder boten ihre schmutzigen Hndchen dar und
lispelten ein scheues, verwundertes Gre Sie.
    Dann kam die Linde, kurzstmmig, mit einer mchtigen, halbkugeligen Krone,
die sogar laublos einen groen, netzartigen Schatten warf ber den
hellgetrockneten Weg und das glatte, gleitende, grne Flchen, und aus der es
in klaren, sonnenblitzenden Tropfen regnete.
    Und dann war links ein niederes Huschen mit grnen Fensterrahmen und
braunem Fachwerk auf weigetnchter Wand, und das kleine Haus hatte ein
schmales, abgegriffenes, lose angelehntes Trchen ber drei ausgetretenen
Steinstufen.
    Josefine sah nochmals auf die kleine Bleistiftskizze: dies war das Haus.
    Sie schlug das Trchen nach innen und befand sich auf einem schmalen Gange,
wo es nach Heu roch und ganz dunkel zu sein schien, aber das war nur der
Gegensatz gegen die Lichtflle des Frhlingsmorgens, aus der sie kam. Im Trchen
war ein Fenster, und auch die kleine Tr, auf die sie zuging, besa ein
Fensterchen.
    Sie tastete sich entlang und klopfte.
    Eine Stimme, die lauter Willkommen war, sagte Herein!.
    Das braune Zimmerchen mit der niederen Balkendecke war hell durchsonnt. Und
all das klare Frhlingssonnenlicht fiel auf ein weies Bett und auf einen
dunklen Kopf auf den Kissen, einen Kopf, der tief und unbeweglich fest liegen
blieb, whrend die Stimme, die wie von fernher hallende Stimme eines Menschen,
der im Wald nach seinem Freunde ruft, unsicher aufhorchend sagte: Gre Sie
Gott ...
    Befangen, berrascht blieb Josefine an der Tr stehen. Ich bin hier
eingedrungen, sagte sie, verzeihen Sie doch, ich suche Einen, Namens Rudolf
Fischer.
    
    Der bleiche, dunkle Kopf unter dem dunklen Haar lag regungslos und tief wie
zuvor, aber in die Wangen strmte es rot, und die seltsam ergreifende Stimme
sagte: Sie sind am rechten Ort. Und pltzlich lauter rief er: Ach, aber Sie
kommen von Zrich? Sie sind die Frau Josefine Geyer? O, Mutter! Mutter! es freut
mich! aber es freut mich!
    Sie sind der Rudolf Fischer, der mir geschrieben hat? Josefine kam an das
Bett.
    Er bewegte die Hand ihr entgegen, aber zitternd, schwach, auf der Decke
entlang. Josefine nahm sie in die ihre; es war die heie, berzarte,
durchgeistigte Hand eines Schwerkranken. Ich bin's, der Ihnen geschrieben hat,
und so schnell sind Sie gekommen zu dem ganz Fremden, sagte der unbeweglich auf
dem Rcken Daliegende, ihre Hand fest drckend, und immer noch mit dem Rot der
Erregung in dem feinen, scharfen Gesicht mit der breiten Stirn ber den tief
eingesenkten Augen. Das gleichmige, gelbliche Bla war wie von einem inneren
Feuer durchglht, wie durchscheinender Marmor, hinter dem das Abendrot brennt.
O, ich danke Ihnen, da Sie gekommen sind! Ich danke Ihnen. Und mit ein wenig
erhobener Stimme rief er wieder: Mutter! Mutter!
    Sie sind krank? Ihr Brief lie mich das nicht vermuten. Sie liegen schon
lngere Zeit?
    O ja! Seit zweiundzwanzig Jahren. Mutter! Mutter!
    Wie aus der Wand hervor trat ein altes Weiblein, braun wie eine ausgebrannte
Kohle, verbrannt vom Leben, auf dem Kopfe ein wenig aschengraues, dnnes Haar,
mit roten, ausgeweinten Augen, in deren Grund es warm und stetig leuchtete. Sie
streckte eine hartgearbeitete, runzelige, aber feingeformte Hand aus, der
Besucherin entgegen; mit der Linken hielt sie ein groes, frisches Brot an das
weite, blaue Kattunjckchen gedrckt. Die ausgeweinten Augen blitzten auf, und
eine tiefe, innige Gte, die kein Leiden zu verzehren vermocht, sprach aus ihrem
Gesicht. Mit den Worten des Sohnes begann sie: Ach, aber das freut mich! Frau
Josefine Geyer, das freut mich aber auch, da Sie zu uns kommen! Sitzen Sie!
Nicht auf die Bank, hier auf den Sessel, da mein Rudolf Sie auch sehen kann!
    Josefine sa und blickte bald den Kranken, bald die Mutter an. Wie hnlich
sie sich waren, obwohl in den Zgen ganz verschieden, und obwohl die Frau in
Tracht und Aussehen eine schlichte Buerin war, whrend der Sohn mit dem
geistvollen Gesicht und den schlanken Hnden keinem Stand und keiner Klasse
angehrte.
    Aber auch der Mutter Ausdrucksweise und Benehmen hatte etwas Freies,
Vornehmes, Gehobenes, wie Josefine das nie bei einer Buerin gefunden. Mit
unendlicher Liebe blickte sie auf den kranken Sohn und sagte: Er hat's sich so
arg gewnscht, da Sie kommen mchten, er hat etwas auf dem Herzen ... Es plagt
ihn bei der Nacht.
    Ja, es plagt mich, wiederholte der Sohn, aber Sie sind nun meine
Hoffnung. Er hob mit der rechten Hand ein ovales Spiegelchen am Griff von der
Wolldecke seines Lagers und brachte es unter seine Augen. Ich sehe Sie gut,
sagte er lchelnd, wie jung und frisch Sie sind, o, das ist herrlich! Mit Hilfe
dieses kleinen Spiegels, den ich bewege, schaffe ich mir Ersatz dafr, da ich
die Augen nicht bewegen darf. Nein, den Hals kann ich nicht drehen, die
Nackenwirbel sind verwachsen. Die kleinste Bewegung - auch der Augen - macht mir
arge Krmpfe, tagelang. Aber so geht's. Er bewegte das glitzernde Spiegelchen.
Das Gras wird grn, die Spatzen tragen zu Nest. Aber die herrliche Zeit fr
mich ist vorbei - nun - es geht halt auch so ...
    Wann war die herrliche Zeit fr Sie? fragte Josefine mit angehaltenem
Atem.
    Im Winter, da ist meine Mutter bei mir, lchelte der Kranke, im Sommer
bin ich viel allein, die Mutter ist drauen, auf unserem Land. Aber die Tr ist
offen, es kommt Besuch, sie kommen alle herein, bald der eine, bald der andere,
Gre Gott sagen. Das ganze Dorf kommt, sogar jene, die ich lieber nicht she,
setzte er mit unterdrcktem Ton hinzu.
    Die Mutter ging hinaus, um einen Kaffee zu bereiten fr die Besucherin.
    Wie konnten Sie den Weg aufzeichnen, den Sie so lange nimmer gegangen
sind? wunderte sich Josefine.
    Den habe ich im Kopf. Das Gedchtnis ist eine wunderbare Kraft! Ich habe
nie zuvor daran gedacht, da ich die Lage unserer Wohnung im Dorfe und das Dorf
selbst so fest im Kopfe htte, aber als ich mir berlegte, da Sie den Weg nicht
kennten, und da es notwendig wre, Sie allen Fragens zu berheben, da nahm ich
den Stift und das Papier und zeichnete jenen Weg ohne Mhe und ohne Nachsinnen.
In solchen Augenblicken fhlt man sich reich. Sie fanden sich gut zurecht? Es
gab keine Fehler?
    Er war unbeschreiblich rhrend in seinem kindlichen und so begreiflichen
Ehrgeiz und bewunderungswrdig in seiner Dankbarkeit.
    Oft und oft, viel fter wohl, als ich selber wei, bin ich, whrend ich
hier lag, den halbstndigen Weg zur Station und zurck gewandert und habe so im
Geiste repetiert. Aber Huser sind gebaut worden, die ich nie gesehen, Gter
haben andere Grenzen erhalten, da kam dann die Phantasie, die unentbehrliche
Gttin, zu Hilfe, da alles der Wirklichkeit entsprach. Innig dankbar zu sein -
wieviel Ursache habe ich jeden Tag!
    Er sah so gehoben, so glcklich aus, dieser Leidende mit dem unbeweglichen
Nacken und der beweglichen Seele; mit den kraftlosen Gliedern und der sieghaften
Intelligenz. Und dazu diese kindliche Freude an seinem eigenen Knnen, dieser
liebenswrdige menschliche Zug, der alle Zrtlichkeit erweckt.
    Josefine sprach mit ihm ber seine Krankheit. Er antwortete so, als handle
es sich um eine dritte Person, nicht um ihn selbst. Eine heitere Objektivitt
war hier, eine abgeklrte Ruhe ohne Hoffnung.
    Ich habe eine Entzndung und Verwachsung der Halswirbel, eine dadurch
bedingte Zerrung und Schdigung des verlngerten Marks. Es begann, ohne
nachweisbare Ursache, als ich im Seminar war, ich zhlte siebzehn Jahr. Gelhmt?
Nein, bis jetzt nicht, dauernd nicht, aber kraftlos. Ich wre so dankbar, wenn
es nur so bliebe. Aber es wird nicht. Schon einmal gab es eine Lhmung hier im
rechten Arm. Vorbergehend war ich blind, und die Gefahr des Erblindens besteht
immer. Noch kann ich lesen und schreiben, wie Sie wissen. Das kleine Pult von
der Decke wird dann herabgelassen. Ich lese viel - der Pfarrer liest mir auch
vor. Mit dem Essen ist's einfach, ich hab seit vielen Jahren meinen Teller nicht
mehr gesehen, und mein Speisezettel ist der denkbar bescheidenste. Es ist nicht
ganz leicht, als vermgensloser Mensch zweiundzwanzig Jahre lang krank zu sein.
    Noch immer wute Josefine nicht, wozu Rudolf Fischer sie hergerufen.
Vielleicht ist's doch die Medizinerin, von der er ein neues Mittel fr sich
erhofft, dachte sie, und ihr sank das Herz. Wenn dem so wre, wer htte die
Unbarmherzigkeit, hierin etwas Herabsetzendes fr den Kranken zu finden? Aber
wir sind so geartet, da wir uns fieberhaft sehnen nach dem Unbegreiflichen,
nach dem bermenschlichen im Menschen, nach dem, was wir selbst nicht tun
knnten, das wir nicht von uns fordern wrden, und das wir uns nicht zutrauen.
    Und Josefines Seele, die so lange das kleine Sthnen des Mitleidheischenden
gehrt hatte und den dumpfen Schrei des gepeinigten Fleisches - bebend horchte
sie auf die Stimme dieses bleichen berwinders im niederen Bauernstbchen. Da
er nicht fr sich selber bitte, sondern fr einen anderen, wnschte sie zu
erleben. Es war etwas Mitleidloses, fast Grausames in diesem Wunsch, das fhlte
sie. Aber mit aberglubischer Heftigkeit bewegte er sich in ihr. Sie sehnte
sich, wieder zu glauben an den Menschen in der Erhhung, nachdem sie so lange
den Menschen in der Erniedrigung gesehen.
    Und der Kranke schien ihre Sehnsucht zu erraten.
    Bis die gute Mutter mit dem Kaffee kommt, sag ich Ihnen geschwind, weshalb
ich Sie da herausbemhen mute, begann Rudolf Fischer, und wieder war sein Ton
so frisch und lebhaft, da man sein Kranksein verga. Es ist besser, die Mutter
ist nicht zugegen, sie frchtet sich meinethalb, die treue Mutter, und nicht
ganz grundlos, aber hier gilt es, keine Furcht zu haben, denn es geht um zwei
Menschenleben. Merken Sie auf. Nicht weit vom Haus, bei Nachbarsleuten, sind
zwei fremde Bbli untergebracht, vier Jahre und zweieinhalb, Kostkinder, von
einer Dorfgemeinde eines anderen Kantons fr das bliche Kostgeld hierher
versorgt. Aber die Kosteltern sind vllig gewissenlose Menschen: Hunger,
Schlge, Unreinlichkeit, Zurcksetzung gegen die eigenen, schlechtgewhnten
Kinder - Milch von einer kranken Kuh und, wenn sie schreien, Einsperrung zu den
Suen im Schweinestall - so ist ihre Elternschaft. Ohne Frsorge, ohne
Reinlichkeit, wie man sie fr das Vieh aufwendet, und ohne einen Funken Liebe.
Und wie kann ein Kind ohne Liebe gedeihen? Seine Stimme brach, seine Lippen
wurden bleich, Schwei stand auf seiner Stirn.
    Josefine hatte sich aufgerichtet, kaum bezwang sie sich: Man mu sie holen,
sofort! Ich nehme sie mit heim zu mir - man mu! rief sie erregt.
    Warten Sie! warten Sie! sagte der Kranke, hren Sie alles. Der Vater der
Kinder, der leibliche Vater ist nicht von hier; er soll einen Einbruch verben,
befindet sich im Strafhause fr lange Jahre. Die Mutter hat sich von ihm
geschieden, Vermgen gibt es nicht - begreiflich! - so hat die Gemeinde die
Bbli ausgetan. Ich hre ihr Angstgeschrei alle Stund, da man sie plagt. Sie
kommen zu meiner Mutter um ein Stcklein Brot, eine gelbe Rbe. Aber die Mutter
ruft sie dann hinter die Tr oder in den Schopf, denn es darf's niemand sehen im
Pflegehaus, man vergnnt's ihnen nicht. Wagt einer der Nachbarn etwas dawider zu
sagen, so gibt's grobe Reden. Immer heit's: Die Lausbuben sind in den Grund
verderbt, das werden einmal auch Zuchthusler, das schlimme Blut mu
herausgeprgelt werden -
    In zorniger Aufregung unterbrach ihn Josefine: Die rohen Unmenschen! Ja,
ja, so reden sie! Das ist ganz typisch, immer, ohne Ausnahme reden sie so. Immer
wlzen sie ihr Verbrechen auf die Kinder ber, schreien, die Kinder seien
schlecht. Und was das tollste ist - man glaubt's! Kinder von zwei, von vier
Jahren sind schlecht, mssen mihandelt, krperlich und moralisch zerdrckt, zu
den Suen gesperrt werden, weil sie schlecht sind! Ich habe einen Kerl gekannt,
einen Schlosser aus Bayern, der brannte seinen neunjhrigen Buben mit glhenden
Eisen auf dem Rcken, um ihn zur Achtsamkeit zu gewhnen! Es gibt Lehrer, die
ihre Schler mihandeln, weil sie kurzsichtig oder schwerhrig sind. Es gibt
Lehrer, die ihre Schler tten, um sie grndlich zu bestrafen. Wegen eines nicht
gelsten Rechenexempels hat ein Lehrer in Schneberg einen zehnjhrigen Schler
gettet. Wahrheit! Aber der Lehrer hie dann nicht Mrder, sondern schneidiger
Kerl. Oh, wie ich diese rohe Bande hasse!
    Ja, sagte der Kranke tiefatmend, ich hasse sie auch! Aber viel ist Mangel
an Phantasie, meinen Sie nicht? Man sollte diesen Leuten auch die eigenen Kinder
nicht lassen, sie taugen nicht zum Erziehungswerk.
    Josefine war aufgestanden und ging unruhig umher. Es tut mir krperlich
weh, diese Vorstellung, da die Bbli dort schmachten. In der Ruberhhle.
Lassen Sie mich hin. Auf den Armen trag ich sie hinaus. Sie sind dann feig, die
Quler. Nicht eine Stunde mehr mcht ich sie dort lassen. Eine Stunde ist viel,
wenn man gepeinigt wird. In den Stall zu den Suen, sagen Sie? aber sie knnen
epileptisch werden vor Angst und Schrecken! Sie hatte den Hut, ihr einfaches
schwarzes Filzhtchen, vom Nagel genommen.
    Aber der Kranke hielt sie ngstlich zurck. Nicht! o bitte nicht so! es ist
unmglich, sogleich dorthin zu gehen, ohne da Sie meiner Mutter das grte
Elend bringen, flehte er. Ja, wenn's so leicht wre, Abhilfe zu schaffen -
aber das mu alles gesetzmig und berlegt geschehen! Die geben sich nicht
leicht, die wollen ja das Kostgeld nicht verlieren! Und es darf nicht heien,
da ich die Sache verraten habe, der Mutter halb darf es nicht sein. Ich hab
auch lang gekmpft, ob ich schreiben darf. Im Dorf hngt halt alles zusammen. 's
ist nicht wie in der Stadt. Wenn einer den Ackerwagen will, so geht er in meinen
Schopf, ohne langes Fragen, und nimmt ihn, wann ich nicht daheim bin. Wenn einer
etwa ein Blatt Papier, irgend einen Gegenstand ntig hat, so geht er in ein
Haus, nimmt den Schlssel, wenn keiner daheim ist, schliet Kisten und Kasten
auf, holt sich heraus, was er braucht, und meldet's spter einmal. Wir sind alle
einander verpflichtet, wir sind alle einander nah. Aber dieses Verhltnis
fordert auch Schonung der Fehler. Die Augen drckt man zu. Es ist schwer, zum
Nachbar zu sagen: Gottlos handelst du an anvertrautem Fleisch und Blut. Die gute
Mutter bringt's nicht fertig, es wrd auch keinen Wert haben. Die rohen Leute
taugen nicht zum Erziehungswerk, ich sagt's schon, man sollt ihnen auch die
eigenen Kinder nicht anvertrauen. So pflanzt sich Roheit ohne Ende fort. Dann
aber ertrug ich's nicht mehr, ich schrieb an Sie, von der ich soviel Gutes
gehrt, und gleich sind Sie gekommen! Ich kann Ihnen Ihre Liebe nicht vergelten!
Gott segne alles, was Sie tun. Erschpft schwieg er.
    Die alte Frau mit den ausgeweinten Augen kam wieder herein, mit ihr der
krftige Geruch brennenden Reisigs. Sie blickte ngstlich von dem Sohn auf die
Besucherin. Nun, wissen Sie's dann? Mein Rudolf gab nicht Ruh; Tag und Nacht
sind ihm die armen Bbli im Kopf gelegen. Aber mir ist angst um meinen Rudolf.
So herzlose Leut, wo unschuldige Kinder mihandeln, knnen auch dem Rudolf -
Sie brach ab und seufzte aus schwerbedrckter Brust. Dann, whrend sie ein
Tischtuch ausbreitete, blickte sie flehend zu Josefine auf: Schonen Sie meinen
Rudolf! Er hat keine Furcht, aber mir ist's frchterlich angst bei der Sach.
Wann jetzt Nachfrage kommt bei den Kosteltern, und sie wissen, da der Rudolf -
Sie legte die runzeligen Arbeitshnde zusammen: Sie tten ihn berfallen - er
ist immer allein -, tten da hereinkommen und ihm bse Grobheiten machen, ihn
bedrohen - wohl gar - Sie drckte ihre ausgeweinten Augen zu, als frchtete
sie, weiteres zu sehen, das da in diesem friedlichen, liebedurchwebten Stbchen
geschehen knnte.
    Ein gutmtiges Lachen vom Bett her ertnte: Nun, so gar gefhrlich ist's
nicht! Aber die Mutter hat schon so viel um mich geweint - Vorsicht ist ntig,
ihrethalben. Sie werden schon einen Weg finden, Frau Josefine, wo wir keinen
wissen.
    Ich werde einen finden. Sie und Ihre liebe Mutter mssen ganz aus dem Spiel
bleiben. Es mu ja gelingen, sagte Josefine warm.
    In tiefer Rhrung hatte sie zugehrt. Die Offenbarung, die sie hier
empfangen, berwltigte sie. Sie wird den Weg finden, ganz gewi, in das
Zuchthaus gehen, mit dem Gefangenen reden, mit dem Direktor der Strafanstalt, in
seinem Namen die Kinder hier fortnehmen, es wird ja gehen. Aber was war ihr Tun
gegen das dieses wunderbaren Schutzlosen, der noch schtzend und warm das rmste
umfate, das es auf Erden gibt: mihandelte, gedemtigte Kinder, Kinder ohne
Frsprecher - wie leuchtete sein Bild sonnenumflossen im reinsten Schein! Weder
seine eigene Hilflosigkeit noch die Angst seiner Einzigen, Geliebten, hatten ihn
zu hindern vermocht, das auszufhren, was er fr seine Pflicht erkannt: die
Rettung dieser preisgegebenen Kleinen.
    Und war denn kein Gesunder da? sagte Josefine, laut mit sich selber
sprechend, hndefaltend.
    Sie haben dann nicht Zeit, erwiderte er sanft, berlegen's auch wohl
nicht so; wenn man so daliegt, da sind die Gedanken reger, als wenn man mit den
Armen schafft. Ich habe Zeit fr alles, sagte er, und die Phantasie, die es
braucht.
    Es klang nicht wehmtig und nicht bitter, und es durchschtterte die
horchende Frau.
    Mut und Kraft und Hoffnung strmt aus von dem Hoffnungslosen - Macht, eine
gute, rettende Macht von dem Ohnmchtigen, fhlte Josefine.
    Sie kommen oft daher um einen Rat, sagte die Mutter, mein Rudolf ist halt
der Kopf vom ganzen Dorf, sag ich.
    Ja! rief Josefine, ihr die Hand drckend, das ist er gewi.
    Und vor ihrer erregten Phantasie erschien dies Dorf wie ein einziger
Organismus. Viele Arme bewegte es, viele Muskeln, die sich rhrten, aber hier,
hier konnte sie das geheimnisvolle Leben des Hirns beobachten, das jenem dumpfen
Treiben einen Sinn und ein Ziel verlieh.
    Und wie sie weiter und weiter blickte, berschaute sie so die Erde, die
ganze Erde, und sie war wie ein wstes Durcheinander von Leibern ohne Kopf, die
sich mit Fusten und Waffen zu vernichten bemhten. Aber hier und da in dem
Chaos glnzte ein heller Schein auf, derselbe Schein, der von Rudolf Fischers
bleichem Haupt ausstrahlte. Und jeder dieser hellen Punkte war eine fhlende
Intelligenz. Und so blitzschnell die ganze Wunderwelt an Josefines Augen
vorberzog: doch entdeckte sie mit unendlicher Freude und Beruhigung, da diese
scheinbar isolierten Punkte durch feine, leuchtende Fden miteinander verknpft
waren, und da diese Fden und diese Sterne ein harmonisch schnes Ganzes
darstellten, Worte des Friedens und der allumfassenden Liebe ber dem dunklen,
eklen, wimmernden Chaos ...
    Sie schweigen, Frau Josefine, sagte der Kranke, aber nicht wahr, Sie
werden die rmsten Bbli retten? Ich fhle mich so beruhigt, seit Sie da zu mir
hereingetreten sind. Es geht von Ihnen eine Kraft aus und ein Mut und eine
Hoffnung - gelt, Mutterli? Oh, das ist herrlich! Sie sind eine glckliche Frau.
    Ich werde die armen Bbli nicht mehr acht Tage dort lassen, sagte Josefine
entschlossen. Es wird ohne alle Belstigung fr Sie gehen. Und dabei dachte
sie unablssig: Kostbare, seltene Minuten, die ich hier verlebe! So gro ist der
Mensch! So wohl tut es, einem groen Menschen zu begegnen. Was fr ein Glck,
da ich gekommen bin.
    Glcklich sind Sie, sagte der Kranke leise seufzend, selber drfen Sie
handeln, mssen nicht andere vorschieben. Das mu herrlich sein. Und mit einer
leisen Schwrmerei im Ton fuhr er fort: Wenn ich mir denke, da Sie nun gehen,
frei und leicht, ganz selbstndig Ihrem freien, starken Herzen nach - wie ein
Mann - und doch kein Mann, sondern ein Weib und mit dem Herzen eines Weibes -
und die Welt, die Sie so ntig hat! Ich habe schon lange von Ihnen gehrt - von
Ihren Vortrgen - auch Ihre Schriften gelesen vom Recht des Kindes, das sonst
nirgend ein Recht hat! Mir ist's jedesmal warm worden und der Mutter auch. Gelt,
Mutterli? Ach, sprach ich das erste Mal, da finde ich eine Freundin. Verzeihen
Sie meine Dreistigkeit: Sie sind mir Freundin! Und jetzt - was sollte ich
beginnen, ohne Sie, ich Hilfloser -
    Josefine beugte den Kopf wie unter einem Bltenregen. Eine leichte Betubung
berfiel sie. Von allen Seiten schwirrten die Blten um sie, und es duftete so
s, so schmeichelnd .. Keine Einsamkeit mehr, Liebe ber ihr Verdienst, o weit
darber hinaus, Verstndnis, Freundschaft.
    Und dann - in jhem Stimmungswechsel, den die Erregung hervorrief, gedachte
sie der Qual all dieser Monate, und sie begann zu weinen, unterdrckt zwar, aber
dennoch hrte es der Kranke, den leisen schluchzenden Ton.
    O, o, sagte er mit hellseherischer Sicherheit, das war verfehlt! Ich habe
nicht gefragt, was Sie angeht. Sie sind im Leid! Ja ja, Sie sind im Leid! Und
ich habe Torheit gesprochen. Sein Gesicht wurde ngstlich und traurig.
    Was ist Ihnen geschehen? Wer kann Ihnen Leid zufgen, da Sie weinen
mssen?
    Josefine erschrak vor seinem Ton. Sie wollte sich zurckhalten, aber der
qulende Drang, auf eine Minute ihre eigene Last einem anderen zuzuwerfen,
bermannte sie: Ich bin frei und gesund, zu gehen. Aber einen Sohn hab ich -
und er - nennen Sie mich nicht glcklich! rief sie leidenschaftlich, Sie sind
glcklicher als ich.
    Er ist vielleicht auch krank, Ihr Sohn? sagte die Frau Fischer mitleidig
und sah voll Sorge auf ihres Rudolfs bebende Hnde.
    Ach, wre er so gesund wie Ihr Rudolf, rief Josefine schmerzgepeinigt,
ich wre glcklich!
    Die ausgeweinten Augen in dem sonnenbraunen Gesicht der Buerin starrten sie
mit vorwurfsvoller berraschung an. Sie hatte nicht verstanden.
    Josefine aber sah, da sie grausam gewesen, denn der Kranke atmete heftig,
als wehre er sich gegen etwas Drohendes.
    Nein, hauchte er schwach, nein, nein, nein.
    Die Mutter ging an sein Bett, legte ihm die Hand auf die Stirn. Es schien,
als bitte ihre Gebrde demtig um Erbarmen fr den Sohn.
    Eine stumme angstvolle Viertelstunde verging.
    Die Wanduhr tickte mit metallisch hallendem Schlag - Schritte der
Vorbergehenden, Kindergeplauder, das regelmige Klopfen kleiner Steine
aufeinander ertnte - dann das liebkosende tiefe gurr! gurr! von Tauben auf
dem Fensterbrett drauen.
    Die Tubli wollen Futter! sagte Rudolf, wie erwachend, Mutterli, gib
ihnen auch.
    Reuevoll und unruhig hatte Josefine dagesessen - nun sah sie erleichtert zu,
wie die alte Frau das Fenster auftat, und wie ihr die zwei zartblauen Tauben auf
die krnergefllten Hnde flogen und pickten. Sie brachte die Zutraulichen dem
kranken Sohn, und sie wichen kaum seinen streichelnden Hnden aus, schlugen nur
ein wenig mit den Flgeln und stiegen dann auf seine Bettdecke, um sich auch
dort Futter zu holen.
    Verzeihen Sie nur meine Schwche, sagte er bittend zu Josefine, so ein
Anfall ist allemal etwas Arges. Es schwindelt einem so sonderbar, es ist grad
so, wie wenn ich auf dem Kopf stnde. Oder das Bett kehrt sich um, und ich
schwebe ber einem Abgrund, falle nicht, finde aber auch nirgend Halt. Oft geht
es eine ganze Nacht so - ich liege dann angeklammert und falle doch
unaufhrlich, wie mir scheint.
    Ich bin zu lang geblieben, verzeihen Sie mir! bat Josefine und wollte
gehen. Mir ist's jetzt angst, da ich Ihnen geschadet habe.
    Aber nun baten Mutter und Sohn, da sie noch bleibe, den nchsten Zug
benutze.
    Ich habe immer viel Besuch, aber Ihr Kommen - das ist eine besondere
Freude, das drfen Sie mir nicht abkrzen, weil ich jetzt nicht brav gewesen
bin! Aber nun werd ich schon.
    Und voll Stolz erzhlte die Mutter, wie viel Briefe immer kommen und Karten
und Gre jeden Tag fr meinen Rudolf. Aus der ganzen Welt.
    Die Schwerkranken und Unheilbaren sind auch eine Brderschaft, lchelte
Rudolf, und wir schreiben uns, deutsch und franzsisch. Das ist ein Trost und
ein Genu. Vielleicht haben Sie, als Medizinerin, von dieser Einrichtung gehrt.
Sie zieht sich um die ganze Erde. So lebt man trotzdem mit. Und auch Gesunde
schreiben mir. Ich habe liebe Freunde.
    Er griff in ein ganz niederes Bort, das zu rechter Hand ber dem Bette
befestigt war, und holte einen kleinen Sto Briefe und Karten herunter. Viele
liebe Freunde, wiederholte er, der liebsten einer ist der.
    Und er tat mit der rechten Hand in die linke eine photographische Karte und
schob das Bildchen Josefine auf der Decke hin, die eben die Tauben verlassen
hatten.
    Josefine nahm das Bild - zuckte zusammen, bckte sich, um nher zu sehen,
und dann, mit durstigen Augen sog sie sich dran fest ...
    Es war Hovannessian.
    Sein Name ist Hovannessian, sagte der Kranke mit zrtlichem Triumph, und
das Bild kommt aus Persien, denken Sie nur! Ein Armenier und mein Freund! Wie
kann das sein? Aber er war in Zrich vor sechs Jahren, und zweimal war er bei
mir. Mein Arzt hatte ihm von mir erzhlt, und darauf besuchte er mich. Der
liebe, liebe Freund Hovannessian.
    Die Mutter Rudolfs trat hinter Josefines Stuhl, umfate zutraulich ihre
Schulter und betrachtete mit ihr das Bildnis.
    Und ich seh's auch immer wieder gern, weil er mir so lieb ist! Ja, der ist
uns ins Herz eingegraben, gelt Rudolf? Die Stadt ist Tabris, sag ich's richtig?
Ach, wieviel hat er auch erzhlt, wie er hier war! Da ist er gesessen, auf dem
gleichen Sessel, und wir sind nicht md worden zu hren, der Rudolf nicht und
ich auch nicht. Wie man dort im fernen Land das Brot macht und den Wein und die
Teppiche, und wie man tanzt, und wie die Frauen so verschleiert sind und kein
Recht haben, und wie man sich Mrchen erzhlt, die erwachsenen Leut, denken Sie
auch! Sie lachte mit kindlichem Wohlgefallen.
    Schne Mrli, wir haben's auch gern gehrt, gelt Rudolf. Aber jetzt ist er
dann ein Groer worden, schreibt sein Freund, wo auch manchmal an den Rudolf
schreibt, Schulen grndet er, Schulen in Persien, fr die Armenier, denken Sie.
Aber einfach und arm ist er geblieben und geht noch immer im russischen Hemd,
lueget Sie nur das Bild an. Und sie deutete eifrig auf die Photographie.
    Und ein Dichter, fiel der Kranke begeistert ein, ja, das ist ein Mensch,
wie ich sonst keinen kenne. Er dichtet das Leiden des unterdrckten armenischen
Volkes, das die christlichen Vlker von Europa hinschlachten lassen aus
Freundschaft fr die Trken, die sie morden. Aus Freundschaft - nein! aus
Profitsucht! Ach!
    Wenn man's nur lesen knnte! sagte die Mutter, und ihre geschwchten Augen
bekamen Glanz, es mu herzzerreiend sein!
    Ja, es ist dann russisch! Schad dafr! Und mit einem sehnschtigen Seufzer
setzte der Kranke hinzu: O, da ich ihn nur noch einmal sehen drfte im Leben,
den lieben, meinen lieben Hovannessian, Tag und Nacht mcht ich ihm zuhren.
    Gefllt er Ihnen nicht? fragte die Alte, jetzt vllig aufgelebt und
beglckt; gelt, er ist ein edler Mann? Ja, und wann ich hundert Jahr alt werde,
nimmer verge ich's, wie er da sa und erzhlte und so gut mit dem Rudolf war.
    Der Kranke faltete die Hnde: Er lebt, und Gott ist mchtig in ihm, sagte
er mit hingerissener Stimme, und mir ist's ein Trost, da ich ihn in der Welt
wei ... Ach, da Sie ihn nicht kennen, Frau Josefine! Sie htten sich auch
verstanden, Sie zwei! Wieviel Gemeinsames, wieviel hnliches.
    In ihrer Begeisterung war es weder Mutter noch Sohn aufgefallen, da
Josefine ganz verstummt war.
    Sie aber sa auf dem Stuhl, auf dem einst er gesessen, und hrte aus dem
Munde reiner Liebe wiedererzhlen, was er auch ihr erzhlt, und sie fhlte seine
Gegenwart hier so deutlich, da Schauer auf Schauer sie berrann.
    Sie mssen dann einmal seine Briefe lesen, sagte Rudolf, und ein
zrtlicher Jubel war in seiner Stimme, wenn Sie wieder kommen. Sie nehmen auch
schon teil an ihm, ich fhl es. Ach ja, gewi, Sie lieben ihn auch schon.
    Ich liebe ihn, erwiderte Josefine, und wieder fhlte sie den Blumenregen
leise und duftend ber sich herunterfallen, und sie schlo die Augen und
lchelte: was fr ein schner Traum.
    Eine kleine Weile stand sie noch an Rudolfs Bett, der fest ihre Hnde hielt.
    Sie werden die Kinder retten, sagte er. Oh, dank Ihnen! Schnes haben Sie
mir gebracht, Unverlierbares. So dankbar lassen Sie mich zurck, so beruhigt.
Ich vertraue auf Sie fr die armen Bbli! Und noch etwas ... Als Sie weinten,
zuvor, da fand ich kein Wort. Zu tief - litt ich - mit Ihnen. Nun ist mir eins
eingefallen, und ich bitte, nehmen Sie es mit. Es ist aus dem Augustinus: Ein
Sohn solcher Trnen kann unmglich verloren gehen! Gott segne Sie! Gedenken Sie
daran: Ein Sohn solcher Trnen kann unmglich verloren gehen! Gott segne Sie und
segne alles, was Sie tun!

Von Segenswnschen und Abschiedsgren umflattert, von der alten Frau noch
geleitet, trat Josefine auf die Dorfstrae hinaus.
    Kommen Sie wieder zu uns! Kommen Sie wieder! bat die Frau mit den
ausgeweinten Augen, und ihre Hnde wollten Josefines nicht loslassen. Und als
sie endlich fortgegangen war, die Strae hinab, sah sie noch immer die alte Frau
stehen im blauen Kattunjckchen, wie sie die Augen mit der Hand schtzte und ihr
nachblickte.
    Im warmen Frhlingssonnenschein, der breit auf der stillen Dorfstrae lag,
ging sie mit schwingendem Schritt entlang.
    Es war ihr wunderbar froh zu Mut, und je weiter sie ging, umsomehr vertiefte
sich dies ganz neue Wohlgefhl. Ist die Welt so schn? Ist das Leben so reich?
Und diese Erde, die von neuen Krften bebt, ist dies mein Boden? mein Wohnort?
mein Aufenthalt? Aber das ist ja alles so reizend, so traumschn, so jung, so
nie gesehen! Wo bin ich denn?
    Sie schritt ber das Brckchen und sah das glatte grne Wasser ziehen, mit
Goldfunken berstreut.
    Sie schritt querfeldein und sah mit trunkenen Blicken das Sonnenglitzern auf
der jungen grnen Saat, auf der kein Schneestubchen mehr lag. Alles funkelte
und blitzte und leuchtete, und ihr Herz schlug ungestm, und immer schneller
wurden ihre Schritte. Erneuerung! fhlte sie, und das Wort durchzuckte sie wie
ein belebender Ku.
    Wiedergeburt! fhlte sie, und es schien ihr, da sie emporsteige aus einem
dunklen Grabe, mit zitternden Augenlidern, mit ngstlich an den Leib
geschlossenen Armen. Empor, empor, in die frischen, veilchenduftenden
Frhlingslande, mit der Sonne ber dem Scheitel und mit Freundesrufen von allen
Seiten!
    Hier ist meine Welt, fhlte sie, hier sind die Meinen! Hier, diesen gehre
ich - endlich, endlich habe ich gefunden.
    Hovannes, sagte sie vor sich hin, und ihre Lippen kten seinen Namen, und
ihr Herz strmte, da sie gesagt, dort gesagt: ich liebe ihn.
    Ja! ja! In Ewigkeit! In Ewigkeit! Er lebt, und Gott ist mchtig in ihm,
widerhallten in ihr Rudolfs Worte, und auch ihre Hnde falteten sich. In ihm
liebe ich das Leben, oh, welcher Reichtum, welche Flle, wie unerschpflich
reich bin ich selbst!
    Ja, ich lebe, ich lebe wirklich. Ich habe gekmpft, ich habe gefhlt, ich
habe gedacht, ich habe teilgehabt an den Gedanken meiner Zeit, ich bin ein
Mensch!
    Aber wo war meine Hoffnung? Hatte ich eine Hoffnung? War nicht alles nur
Arbeit, Arbeit, Arbeit, Opium, um die Schmerzen zu betuben, die Schmerzen und
die de und die Hoffnungslosigkeit?
    Aber nun - nun habe ich das heilige Land gesehen.
    Nun funkelt ber mir der schne Himmelsstern, und trostreich ist sein Glanz.
    Die groe Gte - die ursprngliche Schnheit der Menschennatur - sie ist
Wahrheit, kein Traum - sie, sie allein ist Wahrheit, und einmal, einmal wird sie
die Welt besitzen.
    Und eifrig und glcklich begann sie, whrend sie schneller und schneller
durch die sprossenden Saaten schritt, berall in dem, was sie bis jetzt erlebt,
in den Menschen, die sie gesehen, in dem gesamten Menschheitsausschnitt, der ihr
bis jetzt zugnglich gewesen, das Gute zu suchen.
    Und - o Wunder - nun war es berall! Ja, es schien schamhaft, es verbarg
sein errtendes Antlitz, es schien fast, als ob die Menschen sich schmten, ihre
Gte zu zeigen. Aber es war berall, und es herrschte im stillen und machte
alles wieder gut.
    Aus dem Moder des Elends, des Unrechts, der Schmach brach es hervor in
tausendfltigen Blten, in allen Farben des Regenbogens. Selbst das, was am
hrtesten macht, Gewalt, Besitz, Dienst, bevorzugte Stellung, Wohlleben, war nur
eine harte Rinde, aber gleichwohl durchdringlich fr die Gewalt des Guten. Auch
diese Rinde spaltete sich oft und oft, und auch aus diesen starren Stmmen
brachen die zarten Blttchen, die freundlichen Blumen hervor.
    Als seien ihr pltzlich neue Organe gesprot, das berall verbreitete Gute
wahrzunehmen - so war ihr zu Mut.
    Und wieder sah sie jenes weite, groartige Bild vor Augen, das ihr in des
Kranken stillem Stbchen so wunderbar das Herz geweitet und erhoben hatte.
    Aber es war nicht mehr wie zuvor geschieden in Finsternis und Licht, nicht
mehr so grell.
    Auch ber dem entsetzlichen, wsten, eklen Chaos der gegeneinander erhobenen
Fuste und Schwerter lag schon jener zarte Schein, der der Morgendmmerung
vorausgeht, und dieser Schein, unsicher und zitternd, flo zusammen aus
Millionen und Millionen unsichtbarer Quellen. Das Heer der Sterne aber, das ber
jenem Chaos stand, war ein so starkes, unbersehbares Lichtmeer geworden, da es
unmglich war fr menschliche Augen, hineinzusehen.
    Sie hngen alle zusammen, fhlte sie, mehr Licht in einem, weniger im
anderen - es wird alles ausgeglichen! Wie schn! o, wie schn!
    Und mit schwingenden Schritten und stark vor Freude und Hoffnung ging sie
geradeswegs in den Glanz hinein.

                                    Funoten


1 Romanisch fr Guten Tag.

2 Kristallsucher.

3 Eigenname.

4 umstrzt.

5 Fastnachtsfeuer.

6 teuer.

7 Zeugs, Dinge.

8 Eine Fleischspeise.

9 Ein Gebck.

10 Etwas Nationales, Urwchsiges.

11 Kaukasisches Saiteninstrument.

12 Zornig.

13 Hinaus!

