
                              Suttner, Bertha von

                                Martha's Kinder

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                               Bertha von Suttner

                                Martha's Kinder

                                 Fortsetzung zu

                              Die Waffen nieder!

                                       I

Es lebe die Zukunft!
    Mit diesen Worten schlo Graf Rudolf Dotzky seine Tafelrede. Und aus diesem
Glase, fgte er hinzu, indem er den Champagnerkelch an die Wand warf, da er
klirrend zerschellte, darf kein anderer Trunk mehr gemacht werden, und heute,
zu meines Erstgeborenen Tauffest, soll auch kein anderer Toast mehr gesprochen
werden als dieser: Es lebe die Zukunft! Nicht unserer Vtersvter - wie die alte
Phrase lautet - wollen wir trachten, uns wrdig zu zeigen, sondern unserer
Enkelshne ... Mutter unterbrach er sich - was ist Dir? ... Du weinst? ... Was
siehst Du dort?
    Baronin Martha Tilling hatte ihre groen schwarzen Augen, die so seltsam von
dem weien Haare abstachen, und aus welchen ihr jetzt zwei groe Thrnen ber
die Wangen rannen, starr nach dem Garten gerichtet, der vor der offenen
Terrassenthr lag.
    Was sie dort sah, war ein Halluzinationsbild, das oft in ihren Trumen
auftauchte: ein alter Mann - ihr Mann, der im Abendsonnenschein mit einer
Gartenscheere Rosenbumchen stutzt.
    Sie hatten einst, die glcklichen jungen Eheleute, von ihrer fernen Zukunft
gesprochen: Weit Du, Martha, wenn ich einmal ber die Siebzig bin und fr das
Weltgetriebe nicht mehr tauge, da werde ich mich meiner Liebe zu den Blumen
hingeben und Grtnerei betreiben. - O, ich sehe Dich vor mir, ein Hauskppchen
- nicht etwa von mir gehkelt, derlei grauenvolle Arbeiten mache ich nie - ein
Hauskppchen auf den Silberlocken, in der Hand eine Gartenscheere, mit der Du
die welken Blten von den Rosenstmmen trennst. - Ja - und Du sitzest auf der
Gartenbank - ein duftiges Spitzentuch auf Deinem ebenfalls schon gebleichten
Haar geschmackvoll gesteckt - denn kokett wirst Du immer bleiben -; in der Hand
- also keine Hkelei, sondern das noch geschlossene Buch, aus dem Du mir spter
vorlesen wirst, und lchelnd siehst Du meiner Arbeit zu ... Wir werden ein
glckliches altes Paar sein, Martha!
    Diese Vorstellung hatte sich ihr so eingeprgt, da sie sich in ihren
Trumen wie ein Erlebnis zu wiederholen pflegte. Achtzehn Jahre schon war sie
verwitwet und immer noch, wenn sie von ihrem verlorenen Friedrich trumte, sah
sie ihn lebend vor sich; meist so, wie er in der Brautzeit gewesen, und manchmal
auch in jene Gestalt, die nur in beider Phantasie entstanden war.
    An diesem Tage, beim Tauffest ihres Enkelkindes, als Rudolf in seinem
Trinkspruch gesagt: Ja, Mutter, dieses Glas bringe ich dem Andenken Deines ewig
Geliebten und ewig Betrauerten, dem auch ich alles verdanke, was ich denke und
was ich bin - da war ihr furchtbar weh ums Herz geworden. Sie sa der offenen
Fensterthr gegenber. Die Strahlen der untergehenden Sonne umwoben einen
Rosenstrauch mit zittergoldigem Dunst und davon sich abhebend - ihr Traumbild:
sie sieht die Gartenscheere flimmern, das weie Haupthaar glnzen ... Nicht
wahr, lchelte er zu ihr herber, wir sind ein glckliches altes Paar?
    Durch Rudolfs Frage aufgeschreckt, trocknete sie rasch ihre Augen und erhob
sich.
    Sie nahm den Arm ihres Nachbars zur Rechten - Ritter von Wegemann, Minister
a. D., im Hause unter dem Spitznamen Minister Allerdings - oder eines
neuerlich angenommenen Gewohnheitswortes wegen - Minister Andrerseits bekannt.
    Man begab sich in den anstoenden Salon. Es war nur eine kleine
Tischgesellschaft gewesen: Auer den schon Genannten Rudolfs Halbschwester
Sylvia - der Mutter lebendes Jugendbild; Grfin Lori Griesbach, Rudolfs
Schwiegermutter; Doktor Bresser, der langjhrige Freund des Hauses und sein Sohn
Hugo Bresser; Graf Anton Delnitzky, der junge Pate des Tuflings; Oberst Baron
Schrauffer, ein alter Anbeter Grfin Loris und der Ortspfarrer, Pater Protus.
    Sylvia schnkte den schwarzen Kaffee in die Schalen und reichte diese den
Gsten.
    Jede Bewegung der schlanken, geschmeidigen Gestalt atmete Anmut; auf dem
rosigen Gesichtchen lag ein Schein von gehobener Glckstimmung.
    Martha und Lori nahmen auf einem kleinen Eckdivan Platz, whrend die Herren
in der Nhe Sylvias blieben.
    Also wirklich, sagte Grfin Griesbach, der Toni Delnitzky hat sich
erklrt? Da gratuliere ich ... Und darf man schon laut - -?
    Nein, nein, ich bitte Dich! ... Sylvia hat mir die Sache auf dem Wege von
der Kirche mitgeteilt - erst morgen wird er bei mir um ihre Hand anhalten. Erst
dann, bis ich ja gesagt habe, kann die Verlobung verkndet werden - wenn ich ja
sage ...
    Du wirst doch nichts einzuwenden haben? Einer der grten Epouseure
sterreichs! Da er ein leichter Vogel war - je nun, das sind sie mehr oder
weniger alle - solche junge Leute wie Rudolf findet man nicht wieder.
    Und wenn ich auch einzuwenden htte ... ich glaube wirklich, da der beiden
Charaktere nicht zueinander passen ... aber Sylvia ist kein Kind mehr ...
    Du kommst mir sehr unschlssig vor: zuerst wenn ich ja sage und dann wenn
ich auch Einwendungen machen wollte, so ntzt es nichts.
    In der That - es ntzt nichts. Schau nur, wie glckstrahlend sie aussieht
und mit welchem Eifer Delnitzky jetzt in sie hineinredet ...
    Lori seufzte. Es ist doch eine schne Sache um die Jugend! ...
    Du kommst mir eigentlich auch noch jung vor, Lori ...
    Vorgestern war mein achtundvierzigster Geburtstag ...
    Du hast Dich krperlich nicht viel und seelisch gar nicht verndert seit
den letzten zwanzig Jahren. - Du bist noch immer so schlank, so blond, so
lebhaft (so seicht, setzte sie im Geist hinzu) und so - verzeih - so
gefallschtig wie immer ... Diese prachtvolle granatrote Toilette - dazu die
Blicke, die Du unserem Minister Adrerseits zugeworfen hast - was wird Schrauffer
dazu sagen?
    Und Du in Deinem ewigen Schwarz und ewigen Ernst - Du gibst Dir ein viel
lteres air, als Dir zukommt.
    Ach, mein Schatz, wenn man solchen Schmerz erfahren hat wie ich - so
unsgliches Unglck nach so unsglichem Glck, dann drfte man schon ganz
gebrochen sein ... Ich bin es nicht, weil ich meine Kinder habe ...
    Der Minister nherte sich den Damen und lie sich in einem Fauteuil an der
Seite Grfin Loris nieder.
    Ich habe eben mit dem Grafen Rudolf disputiert, meine Damen, und rufe Sie
zu Richterinnen an. Der Ton, den er in seinem Trinkspruch angeschlagen, wollte
mir nicht gefallen ... ein Ausfall gegen die Vter und Vtersvter! Allerdings,
wenn man gerade ein Wickelkind feiert, so liegt der Gedanke an Enkelsshne nher
- andrerseits soll man nicht vergessen, da es nur einen Boden giebt fr
ersprieliches Gedeihen (namentlich fr Unsereins) - den Boden der Tradition.
Was sagen Sie, Grfin?
    Lori war weit davon entfernt, ber diese Frage irgend eine Meinung zu hegen,
aber da sie doch etwas antworten mute, so sagte sie:
    Sie haben ganz recht, ganz recht. Das ist eine Meinungsuerung, welche
denjenigen, dem sie gilt, gewhnlich als sehr vernnftig berhrt.
    Ich mu meinem Sohne recht geben, widersprach Martha. Es ist besser,
denen zu Dank zu handeln, die nach uns kommen, als jenen, die vor uns waren.
Straen pflegen ist ganz schn - Bahn brechen ist schner.
    Die Neuverlobten konnten jetzt einige unbelauschte Worte tauschen:
    Morgen werde ich also mit Ihrer Mutter sprechen, Sylvia ... ich frchte
mich ein wenig ...
    Sie glauben doch nicht, da Mama -
    Nein, abweisen wird sie mich nicht - das frchte ich nicht, sondern die
Feierlichkeit davon - die Ungewohnheit ...
    Sylvia lachte: Hoffentlich ist's ungewohnt! Wer soll denn bung darin
erlangen, um Hnde anzuhalten? brigens, auch mir ist entsetzlich ungewohnt zu
Mute ... ich begreife gar nicht, da ich mit einem kurzen ja mein ganzes Leben
verpfndet habe ... war ich nicht voreilig? Ich kenne Sie eigentlich so wenig
und Sie - - kennen mich vielleicht gar nicht ...
    Und ob ich Sie kenne: das natrlichste, heiterste, anmutigste Geschpf ...
    Kurz, das Muster eines wohlerzogenen Komtessels, wie? Ein anderes Bild
hatte ich ja auch nicht Gelegenheit, hervorzukehren in den fnf oder sechs
Kotillons, die wir miteinander getanzt haben. Es steckt aber wirklich doch noch
manches andere in mir, von dem Sie vermutlich nichts ahnen.
    Zum Beispiel?
    Ungeheure Ansprche an das Leben und an die Menschen - und besonders an den
Menschen der mein Leben ausfllen soll -
    Mu er ein halber Gott sein?
    Nein, aber ein ganzer Mensch. So wie dieser da, fgte sie hinzu, auf den
Bruder deutend.
    Rudolf trat heran. Warum wird hier mit Fingern auf mich gezeigt?
    Als Muster der Vollkommenheit wirst Du gepriesen, antwortete Delnitzky.
Du entsprichst dem Ideal, das sich Deine Schwester von einem - wie sagte sie
doch? - ganzen Menschen macht.
    Seufzend schttelte Rudolf den Kopf:
    Da mu ich das Leitmotiv meines Toasts wiederholen - es lebe die Zukunft -
die wird ganze Menschen haben ... heute findet man nur viertel, achtel,
hundertstel -
    Nicht einmal halbe gibst Du zu?
    O, Halbheit in anderem Sinne, auf die stt man nur zu oft. Ernstlich, Du
hast eine zu gute Meinung von mir, Sylvia. Du weit doch, da ich eine Aufgabe
habe, und weit, wie wenig ich noch die Kraft fand, sie zu erfllen, Du weit -
    Nicht die Kraft, unterbrach Sylvia, die Mglichkeit hat Dir gefehlt.
    Auch die. Hoffentlich wird es grere, weitere Mglichkeiten geben, wenn
mein Friedrich erwachsen ist. Sein Feld wird das zwanzigste Jahrhundert sein,
und von dem erwarte ich die Erfllung groer Dinge.
    Du bist heute ganz Zukunft, Rudi, sagte Delnitzky; da folge ich Dir
nicht, denn die Gegenwart ist mir viel zu schn.
    Sylvia warf ihm einen Blick zu, mit dem sie ihm das Weiterreden verwehrte.
Offenbar war es ihr unerwnscht, da Rudolf in diesem Augenblick erfahre, was
Delnitzkys Gegenwart so sehr verschnte.
    In einer andern Ecke standen der Oberst von Schrauffer, Doktor Bresser und
der Pfarrer im Gesprch.
    Ein hbscher Junge, Ihr Sohn, Herr Doktor, sagte der Pfarrer, dem wre
die Uniform gutgestanden - warum haben Sie ihn nicht zum Militr gegeben?
    Pater Protus war eine Zeitlang Feldkaplan gewesen und hatte sich eine groe
Vorliebe fr die Angehrigen des Militrs bewahrt. Die Erinnerung an die in
Gesellschaft frhlicher Offiziere zugebrachten Stunden gehrte zu seinen
liebsten Erinnerungen. Zweiunddreiig Jahre alt, aufgeweckten Geistes, lern- und
lebenslustig, war er von jeglichem Sektengeist, von jeglicher muckerischer
Strenge weit entfernt. Als Gesellschafter war er allgemein beliebt. Er wute
ebensowohl auf Scherze einzugehen, als an wissenschaftlichen Diskussionen
teilzunehmen. Natrlich hatten seine Freunde den Takt, dem Priester gegenber
bei Scherzen keinen zu frivolen, bei Diskussionen keinen glaubensverletzenden
Ton anzuschlagen. Ebenso zurckhaltend war Pater Protus: im gesellschaftlichen
Verkehr schlug er niemals einen lehrhaften, bekehrenden Ton an. Ob er nicht auch
selber in seinem Innern mit manchen Dogmen gebrochen, das konnte aus seinen
uerungen niemals hervorgehen, doch lag in seiner Art mit notorisch
freidenkenden Menschen ein Zug stillschweigender Achtung.
    Ein hbscher Junge, Ihr Sohn, sagte er zu Doktor Bresser, dem wre die
Uniform schn gestanden, warum haben Sie ihn nicht zum Militr gegeben?
    Gegeben? Ich? Er hat sich seinen Beruf selber gewhlt. Er ist
Schriftsteller.
    So-o? machte der Oberst. Ist denn das berhaupt ein Beruf?
    Ich sollte meinen, einer der allerschnsten, bemerkte Pater Protus.
    Und ich denke, Schriftstellerei kann man doch nur so nebenbei betreiben; es
ist ja doch keine Karriere - mit regelmigem Vorrcken, mit gesichertem
Erwerb.
    Das freilich nicht. Aber da mein Sohn von seiner Mutter ein gengendes,
selbstndiges Vermgen geerbt hat -
    Ich verstehe, unterbrach der Oberst, so privatisiert er.
    Im Gegenteil - er hat sich die breiteste ffentlichkeit als Lebensweg
gewhlt: er ist Schriftsteller und Journalist.
    Journalist? - Also der Beruf der Leute - ich glaube Bismarck hat ihn so
genannt - die ihren Beruf verfehlt haben?
    Ich finde den Journalismus einen sehr schnen Beruf, fiel der Pfarrer
lebhaft ein. Ein lieber, sehr geschtzter Freund von mir schreibt die Kunst-
und Musikreferate fr die Neue freie Presse -
    Es nimmt mich Wunder, da ein geistlicher Herr das bekannte Judenblatt -
    Oh, ich stehe nicht auf dem antisemitischen Standpunkt, Herr Oberst. Und
fr welche Zeitung arbeitet Ihr Sohn, Doktor Bresser?
    Fr zehn verschiedene. Doch vom knftigen Oktober ab wird er eine Stelle
als stndiger Redakteur eines neu gegrndeten politischen Blattes antreten.
    Hoffentlich ein gutgesinntes ... Einerlei: als Leutnant ... jetzt knnte er
auch schon Oberleutnant sein - wre mir Ihr Sohn doch lieber, wie als -
verzeihen Sie - als Federfuchser. Htten Sie ihn rechtzeitig in eine
Militrakademie gesteckt ... Aber Sie sind ja ein alter Freund der Baronin
Tilling - folglich ein geschworener Militrfeind -
    Militarismusfeind. verbesserte Bresser.
    Das bleibt sich gleich. Wenn einer eine Sache nicht mag, so fgt er ihrem
Namen ein gehssiges ismus an. Nicht wahr, Herr Pfarrer, die Feinde der Kirche
sagen auch beileibe nicht, da sie etwas gegen die Religion oder gegen die
Kleriker haben - nur dem Klerikalismus sind sie feind -
    Ich fhle da doch den Unterschied, erwiderte Pater Protus. Dann an Doktor
Bresser gewendet:
    Ihr Sohn kommt mir heute sehr schweigsam und melancholisch vor. Ist er oft
so?
    Er ist gewhnlich ernst; doch ist mir es auch aufgefallen, da er heute
etwas verstimmt scheint.
    Der junge Mann, von dem die Rede war, sa an einem Tisch und bltterte in
illustrierten Zeitschriften. Aber sein Blick haftete nur zerstreut auf den
Bildern, immer wieder irrte er in die Richtung, wo Sylvia und Denitzky
nebeneinander standen.
    Seit Jahren schon trug Hugo Bresser eine schwrmerische Neigung fr Sylvia
im Herzen. In bewuter Hoffnungslosigkeit zwar, denn er mate sich nicht an, der
gefeierten, reichen Aristokratin als Freier sich zu nahen. Was ihm aber heute in
Gebaren und Mienenspiel an dem Paare aufgefallen, hatte seine Eifersucht
entfacht.
    Selber auf ein Glck verzichten, ist schon schwer genug - aber einen andern
in dessen Besitz zu sehen, ist unertrglich ... Wenn ich recht erraten, sagte er
sich - so werde ich dieses Haus meiden - ich knnte da nicht zusehen. Und dabei:
er ist ihrer nicht wert ... Nur dem Besten, Gescheitesten, Edelsten wre sie zu
gnnen ... aber dieser Dutzendmensch! ... Ist es nicht schon bedauerlich genug,
da der herrliche Rudolf sich ein Dutzend-Komtechen nahm ...
    Indessen waren die beiden Gromtter in das Schlafzimmer der jungen Frau
gegangen, ihr einen Besuch abzustatten.
    Beatrix Dotzky, in schleifen- und spitzengeschmcktes Nachtgewand gehllt,
lag in ihrem Bette und hielt den kleinen Fritz im Arm. Kammerfrau und Wrterin
standen daneben.
    Grfin Lori eilte auf ihre Tochter zu:
    Also Trixi - wie geht's? Gib mir das Wurm ein bissel her ... So ein lieber
Schneck. Die ganze Mama - und Du siehst mir hnlich, folglich die ganze Gromama
- ich kann zwar nicht behaupten, da mich dieser Titel entzckt ...
    Er will Dir auch gar nicht passen, liebste Mama ...
    Aber mir pat er doch, Beatrix, nicht wahr? sagte Martha. Gib mir den
Kleinen, Lori.
    Grfin Griesbach lie sich nicht bitten und legte das Kind auf Marthas Arme.
    Und jetzt la Dir erzhlen ... Sie setzten sich an das Fuende des Bettes
und in bersprudelndem Redeflu berichtete sie, wie die Taufe in der Kirche vor
sich gegangen, was der Pfarrer gesprochen, und wie der Kleine geschrien und was
fr Toaste bei Tische ausgebracht wurden: Oberst von Schrauffen hatte so
herrlich von den knftigen Grotaten gesprochen, die der kleine Fritz bestimmt
war, im Dienste des Vaterlandes auszufhren, wenn er wie sein Grovater und wie
sein Urgrovater Althaus des Kaisers Rock trge. Von da sprang Loris Rede ohne
bergang auf die Genesis ihres granatroten Damastkleides bei der Spitzer, weit
Du - die arbeitet doch am chiksten ... - auf verschiedene Sorten von
Milchkasch, mit denen man am besten kleine Kinder aufpppelt, auf die Misere,
die man spter mit den Bonnen hat und auf Verhaltungsmaregeln fr die junge
Mutter. In sechs Wochen, so schlo sie, mut Du, ja mut Du nach Mariazell,
um der Muttergottes fr die Geburt des Knaben zu danken (ich bin so froh, da es
ein Bub ist - wegen dem Majorat). Ich bin schon vor Deiner Geburt nach Mariazell
- nein Mariataferl war's - gewallfahrtet und wie Du siehst, hat es Dir Glck
gebracht - -
    Martha sa schweigend am andern Bettrand und blickte nachdenklich auf das
Kind, das sie im Schoe hielt. Gedanken, Gefhle, Bilder durchwogten ihre Seele
- nicht klar, nicht abgesondert, sondern ineinander flieend, in ihrer
Vermengung eine Wehmutsstimmung ergebend.
    Der Sohn ihres Sohnes ... vielleicht wrde auch der wieder Shne zeugen ...
und so geht das Leben, um alles Sterben unbekmmert, aus entlegenster
Vergangenheit in entlegenste Zukunft hinber - dazwischen immer wieder Leid,
Kampf, Alter, Tod - und was am Ziele? Was am Wege? Wohl auch mitunter Freude,
Liebe, Begeisterungsschwung: das ist ja an sich schon erfllter Zweck. Das Ziel
kann doch nur sein: mehr Freude, mehr Liebe, hherer Schwung ... O du kleines,
hilfloses Geschpfchen, was wird aus Dir werden - wenn Du berhaupt erhalten
bleibst? Wie viel Schmerz wirst Du erdulden, wie viel Schmerz bereiten? Sicher
ist Dir nur Eines, frher oder spter: das Todsein - die ewige Abwesenheit ... O
mein Verlorener! ...
    Und wieder erstand das Bild Tillings vor ihrem inneren Auge. Aber nicht in
jener im Traum entstandenen, altersmden Gestalt, sondern wie er in seiner
Vollkraft gewesen an dem Tage, da er unter den Kugeln des Exekutions-Pelatons
zusammenfiel.

                                       II


Rudolf Graf Dotzky, geboren 1859, wenige Monate vor Ausbruch des
italienisch-sterreichischen Krieges, in dem sein Vater den Tod fand, zhlte
jetzt dreiig Jahre. Besitzer des ausgedehnten Dotzkyschen Majorats, hatte er
keinen andern praktischen Beruf als die Bewirtschaftung seiner Gter. Daneben
hatte er sich aber noch einen idealen Beruf erwhlt, dem sein Lernen, Denken und
Streben galt: nmlich die Aufgabe zu erfllen, welche Friedrich Tillings
Vermchtnis war: die Bekmpfung der Kriegsinstitution. Die eigentliche Erbin
dieses Vermchtnisses war freilich Tillings Witwe, doch freiwillig hatte sich
Rudolf zum Mitarbeiter seiner Mutter herangebildet. Das zu Friedrichs Lebzeiten
angelegte Protokoll - ein Einschreibebuch, in das die Fortschritte der
Friedensidee und -Bewegung eingetragen waren, wurde zuerst von Martha, dann von
Rudolf weitergefhrt. Die von dem Elternpaar zusammengetragene Bcherei natur-
und sozialwissenschaftlicher Werke fand in ihm einen eifrigen Studenten und
Mehrer.
    Allerdings mute daneben das obligate Studium der offiziellen
Schulgegenstnde absolviert werden; auch das Freiwilligenjahr hatte er ausdienen
mssen. Dann kam die Erbschaft des Dotzkyschen Majorats, wodurch dem jungen Mann
die Notwendigkeit erwuchs - wollte er anders den Pflichten des Grogrundbesitzes
gerecht werden - ernstliche Landwirtschaftsstudien zu betreiben - all das ergab
eine bedeutende Ablenkung von jenem idealen Beruf.
    Auch kam eine Zeit, da er durch den Umgang mit seinen Alters- und
Standesgenossen in einen Wirbel von weltlichen und sportlichen Vergngungen
gerissen wurde, wobei die Beschftigung mit seiner Lebensaufgabe stark zur Seite
geschoben ward. Sogar die Gesinnungen, die dieser Aufgabe als Grundlage dienten,
waren durch den Einflu der ganz entgegengesetzten feudalen, chauvinistischen
und reaktionren Ansichten, die in seiner Umgebung herrschten, momentan ins
Schwanken geraten und htten Gefahr gelaufen ganz unterzugehen, wren sie nicht
schon so tief in seiner Seele geankert gewesen, und wenn der niemals ganz
aufgegebene innige Verkehr mit der Mutter ihm nicht immer wieder die Ideale
aufgefrischt htte, fr die er wirken wollte - spter, spter, bis er zu Ruhe
kme.
    Und er kam bald zu Ruhe. Das schale Leben der goldenen Jugend, mit dem
ewigen Trinkgelagen und ewigen kleinen Jeux, mit den abwechslungslosen Jagd-,
Rennstall- und Koulissengesprchen ekelte ihn bald an. Es zog ihn zurck zu
seinen Bchern und zu seinen gutsherrlichen Pflichten. Schon im Alter von
vierundzwanzig Jahren hatte er sich von dem Treiben seiner Genossen losgerissen.
Er zog sich auf Brunnhof - die grte und schnste seiner Domnen - zurck und
lud seine Mutter und Schwester ein, bei ihm zu wohnen.
    Hier widmete er sich wieder mit verdoppeltem Eifer seinen beiden Berufen -
dem einen mit ausbender, dem anderen mit vorbereitender Arbeit. Er unterbrach
dieses einsame Landleben nur durch einige Reisen nach Paris, London und Italien.
Denn er sah wohl ein, da man ein Stck Welt gesehen haben msse, wenn man einst
ffentlich wirken wollte.
    Das Gebiet seiner Aufgabe hatte sich ihm unversehens stark erweitert.
Ursprnglich war es nur die eine - von Tilling berkommene Idee - Bekmpfung der
Kriegsinstitution - die ihm als Ziel vorgeschwebt, aber allmhlich kam er zur
berzeugung, da jeder Zustand, jede Einrichtung mit allen anderen Zustnden und
Einrichtungen in vielfacher Wurzelverschlingung verbunden ist, und da begann er,
sich in andere Probleme zu vertiefen und andere Bewegungen zu verfolgen; berall
lauschte er hin, wo ein neuer Geist die alten Formen sprengen wollte. Je weiter
er vorwrts drang, desto zahlreicher erffneten sich ihm immer wieder neue
Forschungsfelder. Die Flle der auf ihn einstrmenden Gedanken und erwachenden
Erkenntnisse hinderte ihn daran, sich auf irgend eine bestimmte Aktion zu
konzentrieren. Erst mute er lernen und noch lernen, erst mute sein ghrender
Geist Klrung gewinnen, ehe er daran gehen konnte, ttig in das Rderwerk des
ffentlichen Lebens einzugreifen. Spter, spter! rief er sich zu und hatte
vorlufig darauf verzichtet, sich politisch oder publizistisch zu bettigen. Er
bewarb sich nicht um den Reichsratssitz, zu dem ihn sein Grogrundbesitz
berechtigt htte, er schlo sich keinem Vereine an und verffentlichte keine
Aufstze; er begngte sich mit Studieren und Denken, mit Schauen und Beobachten.
Da er ffentlich werde wirken mssen, um die in Tillings Vermchtnis enthaltene
Aufgabe zu erfllen, das war ihm klar - aber: spter, spter.
    Als er achtundzwanzig Jahre alt war, entschlo er sich, zu heiraten. Der
Besitzer des Majorats und zugleich letzter mnnlicher Spro des Hauses Dotzky
war einfach verpflichtet, fr Vermgens- und Namenserhaltung zu sorgen und sich
eine ebenbrtige Gattin zu whlen.
    Von Kindheit auf hatte er - halb im Scherz, halb im Ernst - um sich
wiederholen gehrt, da die einzige Tochter der Grfin Griesbach, die kleine
Beatrix, seine Frau werden solle. Die Mtter waren Jugendfreundinnen, die Kinder
Spielgenossen, und der Gedanke, da sie einst ein Paar werden sollten, wuchs
sowohl bei Rudolf wie bei Beatrix als etwas selbstverstndliches, einfaches, gar
nicht tiefbewegendes noch hochbeglckendes, aber immerhin als etwas ganz
erfreuliches heran.
    Ohne langes Hofmachen seinerseits, ohne langes berlegen ihrerseits, ohne
berraschung fr die Familien und Freunde wurde Rudolfs Werbung vorgebracht und
angenommen und sechs Wochen spter die Trauung vollzogen. Beatrix war eine
anmutige und elegante Erscheinung; in geistiger Beziehung war sie nicht viel
ber das Niveau ihrer Mutter herausgewachsen, aber Rudolf hatte gar nicht den
Versuch gemacht, sie zur Teilnahme an seinen geistigen Interessen heranzuziehen
- hierin war und blieb seine Vertraute die Mutter. Bei seiner kleinen Frau
wollte er nicht Anregung zu seinen Arbeiten, sondern Erholung finden. Ausruhen
wollte er bei ihr und sich aufheitern lassen. Sie besa ein frhliches
Temperament und fhlte sich durch die glnzende Lebensstellung, die ihr der
liebenswrdige und hbsche Gatte bot, vollstndig glcklich - da konnte sie wohl
durch sonnige Laune und ungeheuchelte Zrtlichkeit die gewnschte Aufheiterung
leisten. Fr das geistige Ausruhen brgte ihr gnzliches Unverstndnis: mit ihr
gab es kein weiteres Ausspinnen der Gedanken, kein Erwgen der Plne - mit einem
Wort: keinerlei weiteres Kopfzerbrechen; in ihrer Gesellschaft mute man die
geistige Arbeit ruhen lassen.
    Martha hatte sich dieser Eheschlieung nicht widersetzt. Sie hatte die
Empfindung, da Rudolfs Lebensaufgabe und Lebensinhalt auerhalb der huslichen
Verhltnisse lag, etwa wie bei einem von seiner Berufspflicht ganz erfllten
Priester. Rudolfs Schicksal hing nicht an der Gemeinschaft mit einem geliebten
Weibe - es hatte ein weiteres Feld. Auf diesem Felde war die Mutter seine
Vertraute und Beraterin; vielleicht wre es dieser sogar schmerzlich gewesen,
eine solche Rolle einer anderen berlassen zu sollen. Der groe Liebreiz der
jungen Grfin Dotzky verbunden mit ihrem kindlichen Frohsinn, lie ber ihren
Mangel an Geist, ber die Seichtigkeit ihres Charakters hinwegsehen. Viele
nannten sie entzckend und Rudolf hatte sie von Herzen lieb.
    So fhlte sich Martha ber ihres Sohnes Eheleben ganz beruhigt und
zufriedengestellt. Anders urteilte sie ber die bevorstehende Heirat der
Tochter. Da war ihr unsglich bang. Fr Sylvia hatte sie stets den Traum
genhrt, da ihr in einer harmonischen Ehe ein Glck beschieden sein mge, wie
sie selber es an der Seite Tillings gefunden. Und dafr bot ihr das Wesen des
jungen Delnitzky keine Brgschaft.

Es war am Abend des Tauffestes. Sylvia sa beim Fenster in ihrem Zimmer. Die
Dunkelheit war schon hereingebrochen. Das Fenster stand offen und die laue
Sommernachtluft, dftebeladen, strmte herein. Hinter den Baumwipfeln stieg eine
glutrote, unnatrlich gro scheinende Mondscheibe empor. Von ferneher leiser
Unkensang und aus nahem Gebsch die Triller einer Nachtigall.
    Sylvias Kopf war an die Fauteuillehne zurckgeworfen und ihre beiden Hnde
hingen ber die Armlehnen hinab. Ihr Atem ging hrbar und kurz durch die
halbgeffneten Lippen; sie selber fhlte das Schlagen ihres Herzens.
    Verliebt ... Die Wonne dieses Bewutseins war nicht nur eine seelisch,
sondern zugleich physisch empfundene Wonne. Eine se Wrme, eine
seligkeitsahnende Beklemmung in der Brust, eine wogende Betubung im Kopf.
    Beim Abschied - sie standen von den anderen ungesehen in einer Nische der
finstern Ausgangshalle - hatte Delnitzky sie auf den Mund gekt. Der erste
Liebesku in ihrem Leben. Jetzt sa sie da und suchte sich dieses Erlebnis,
dieses Ereignis wieder zu vergegenwrtigen. Sie war erschttert, bereichert -
verndert mit einem Wort, nicht mehr dieselbe Sylvia, die sie vor einigen
Stunden gewesen.
    Die Tr ging auf.
    Im Finstern, mein Kind? Und Martha drckte an den elektrischen Knopf. Ein
mattes rosa Licht fiel nun durch die glserne Deckenampel in den Raum und zeigte
die wei lackierten Mbel, die blumengemusterten Stoffe und Tapeten des
frischen, einfachen Mdchenzimmers
    Sylvia sprang auf.
    Habe ich Dich erschreckt?
    O nein, Mama ... Gut, da Du kommst ... ich wre ohnehin spter zu Dir
hinber ... Bitte, setz Dich hierher auf das Sofa ... und la mich ... so, auf
diesen Schemel ... Und Sylvia lie sich zu ihrer Mutter Fen nieder und legte
den Kopf auf deren Scho.
    Martha strich liebkosend ber des jungen Mdchens Scheitel:
    Das ist ja unsere Mrchenerzhl-Stellung, sagte sie lchelnd, nur sind
die Rollen getauscht: jetzt mut Du mir erzhlen. Wie ist das gekommen? ...
Morgen will Delnitzky um Deine Hand bei mir anhalten .... Werde ich - werden wir
ja sagen? Bist Du mit Dir im Reinen?
    Glcklich bin ich, glcklich ...
    Die Frage ist, ob Du glcklich wirst ... Auf die Dauer, meine ich ... fr
ein Leben ... Pat Ihr auch fr einander? ... Kennst Du ihn als einen Mann, zu
dem Du vertrauensvoll aufblicken kannst, von dessen Verstand, dessen Gte,
dessen bereinstimmung mit Deinem Wesen Du berzeugt bist? ...
    Das sagte ich ihm vor ein paar Stunden selber: Wir kennen uns nicht. So wie
Du, Mama, empfand auch ich halbe Zweifel ... aber jetzt ist das verscheucht ...
Liebe kann nicht so tuschen - und ist Liebe nicht schon an und fr sich Gewhr
fr Glck? Ob frs ganze Leben? ... wer wird gleich so viel verlangen? Ist es
nicht schon Erfllung genug, da man diese goldene Frucht - das Glck -
berhaupt pflcken und die Seele damit laben darf? ... Erinnerst Du Dich, Mama -
Du hast mir nicht nur Mrchen, Du hast mir auch Geschichten aus Deinem Leben
erzhlt - erinnerst Du Dich, wie Du Deine Ehe mit Rudolfs Vater eingegangen? Ein
Kotillon auf einem Kasinoball - und sein und Dein Schicksal war besiegelt. Warst
Du nicht glcklich mit ihm? ... Freilich auch nicht frs Leben - denn nach einem
kurzen Jahr ist er Dir entrissen worden ... aber war dieses Jahr nicht schn?
    Mein Kind, das ist etwas anderes ... ich war damals so jung, so
unausgewachsen an Vernunft und Charakter - whrend Du, Sylvia -
    Ich bin doch auch jung -
    Doch schon zweiundzwanzig ... Ich war damals siebzehn Jahre alt. Aber nicht
die Jahre machen es - Du bist ein ernstes Mdchen, ein selbstndig denkendes
Weib - Du stellst groe Ansprche an die Menschen -
    Ja, dasselbe habe ich heute meinem Brutigam gesagt ... dieselben Zweifel
ausgedrckt ...
    Siehst Du?
    Ausgedrckt habe ich sie, aber ich empfinde sie nicht - wenigstens jetzt
nicht. Das Glck, das mich erfllt, ist strker als alles - alles andere - ich
begreife es ja nicht ...
    Du hast schon so viele Krbe gegeben und unter Deinen abgewiesenen Freiern
waren solche, die ich hher einschtze als Delnitzky, Du aber konntest nicht
genug zu erwgen, zu tadeln finden. Der war nicht genug universell gebildet, der
nicht hochherzig genug - dem mangelte es an funkelndem Geist, dem an edler Milde
- kurz, man htte glauben sollen, Du wolltest Deine Zukunft nur einem Ideal von
Vollkommenheit anvertrauen, und jetzt -
    Und jetzt habe ich das Gefhl, da es auf der ganzen Welt keinen anderen
Menschen gibt, dem ich angehren knnte, als Delnitzky. Mrchen sollte ich Dir
erzhlen, Mama? Da hast Du eins! Ein lichtes Wunder, ganz losgelst von allem
vernnftigen Warum? und Wozu. Es hat keine Erklrung und braucht keine. Ich bin
so glcklich und mir ist, als wre alles verzaubert, und ich selber bin eine
andere, als die ich war. Was ich frher gedacht, berlegt, erwogen - das ist
alles zerflattert, zerstoben, etwas Neues umgibt, durchdringt mich, hebt mich
empor -
    Kind, Kind - Du sprichst wie im Rausch -
    Ja, Mama. Aber nicht der Champagner ist mir zu Kopf gestiegen - ich wei
jetzt, was das Wort Glcksrausch bedeutet.
    Du bist mir aber noch die Erzhlung schuldig. Wie ist es gekommen?
    Auf dem Wege von der Kirche hat er sich erklrt.
    Nein - ich frage, wie ist es gekommen, da er Dein Herz erobert?
Allmhlich? Pltzlich? - Welche besondere Eigenschaft hast Du an ihm entdeckt?
    Eine besondere Eigenschaft? Irgend eine wahrgenommene Tugend, die mich zu
dem berlegten Entschlu veranlat htte: Dieser Mensch ist liebenswert - ich
will ihn lieben? So etwas ist nicht geschehen. Zwar hatte ich das stets so
erwartet. Da bisher alle meine Bekannten und alle meine eifrigsten Courmacher
mich kalt gelassen, sagte ich mir: es hat eben noch keiner so liebenswerte
Eigenschaften gezeigt, wie ich sie von meinem knftigen Gatten fordere; wenn
sich einer so offenbaren wird, wie mein Ideal beschaffen ist, dann werde ich ihm
meine Liebe schenken. Als ob ein solches Geschenk ein willkrlicher Akt wre!
... Jetzt habe ich erfahren, da Liebe von jeglicher Willenslenkung unabhngig
ist - ebenso gut knnte man aus freiem Entschlu ein Nervenfieber bekommen, wie
-
    Wie ein Liebesfieber? Als eine Krankheit betrachtet meine Sylvia ihr
schicksalsentscheidendes Gefhl?
    
    Als eine se, betubende, gefhrliche Krankheit -
    Warum gefhrlich?
    Weil ich sterben mte, wenn etwa jetzt ein Hindernis -
    Oh, man stirbt nicht so leicht an Schicksalsschlgen und an Seelenschmerz -
davon bin ich ein Beispiel. Doch jetzt will ich Dich allein lassen, mein
geliebtes Kind ... geh zur Ruhe - ein tchtiger, langer, fester Jugendschlaf
wird Dich erfrischen und beruhigen - Du bist jetzt so erregt ... ich will Dich
gar nicht mit weiteren Ausforschungen plagen. Morgen frh wirst Du mir besser
erzhlen knnen, was ich noch wissen will. Gute Nacht, mein Kind.
    Martha beugte sich ber ihre Tochter und strich ihr mit der einen Hand
zrtlich ber das Haar, whrend Sylvia die andere an ihre Lippen zog:
    Gute Nacht, Mutter, Freundin - einzige, gute, liebste Mama, ich bin so
glcklich ...

Nachdem sie allein geblieben, ging Sylvia wieder zum offenen Fenster und, an die
Fensterwand gelehnt, den Kopf auf den zurckgelegten Arm gesttzt, schaute sie
zum Nachthimmel auf. Jetzt stand der Mond schon hoch am Firmament und go ein
sanftes, blauweies Licht auf die Bsche und auf die Kieswege des Gartens. Die
leise bewegte Luft war von Rosen und Jasmindften durchweht.
    Diese Nachtluft und diese Dfte: wie oft hatte Sylvia deren Zauber
empfunden; doch whrend solcher Zauber sonst eine Verheiung war - heute war er
Erfllung. Ja, das Leben ist schn ... ja, der Lenz mit seinen Bltenschtzen,
mit dem geheimnisvollen Glanz seiner Mondnchte, ist Verknder und ist Spender
liebeatmender Entzckung ...
    Wie es gekommen? Das zog jetzt an Sylvias Geist vorber.
    Vor vierzehn Tagen im Prater - damals blhte noch der Flieder und es war
auch so eine laue, helle Frhlingsnacht gewesen - da war im Sacher-Saale ein
Junge-Herren-Ball veranstaltet worden. Von allen jungen Herren der
Gesellschaft galt Delnitzky als der hbscheste und eleganteste. Wenigstens zehn
Komtessen schwrmten fr ihn und fast alle Mtter wnschten im stillen, da ihre
Tchter ihn erobern mgen - denn er war eine der ersten Partien des Landes.
    Auf den drei oder vier vorhergehenden Bllen, die Sylvia mitgemacht, hatte
der junge Mann besonders auffallend ihr gehuldigt, wodurch sie sich - nicht ohne
eine gewisse Genugtuung - als der Gegenstand vielseitigen Neides fhlte. Dann
aber, in einer Soiree bei der franzsischen Gesandtschaft - am Vorabend jenes
Praterballes - hatte er sich von Sylvia ganz fern gehalten und in ziemlich
ostentativer Weise der jungen Gattin eines alten Diplomaten den Hof gemacht.
Eine gemischte Empfindung von Krnkung und rger klrte Sylvia darber auf, da
ihr Delnitzky nicht gleichgltig war.
    Am liebsten htte sie auf den Junge-Herren-Ball - den letzten der Saison -
verzichtet. Delnitzky unter solchen Umstnden wiederzusehen, wrde ihr nur Qual
bereiten. Es kam aber anders. Gleich bei ihrem Eintritt in den Saal eilte der
junge Mann auf sie zu und bat um den Kotillon.
    Einen Augenblick war sie versucht, zu erwidern, da sie vergeben sei, aber
ehe sie noch darber entschied, hatte sie schon unwillkrlich ja gesagt.
    Jene junge Frau war auch anwesend, doch wechselte Delnitzky diesmal keine
zehn Worte mit ihr. Whrend einer Tanzpause kam eine ihrer Freundinnen auf
Sylvia zu und hngte sich in sie ein:
    Komm, la uns ein wenig auf und ab gehen - ich habe Dir etwas zu erzhlen
-
    Das wre?
    Ich bin vorhin von einem Verliebten zur Vertrauten erkoren worden. Zwar
kein gar lustiges Amt - man ist in solchen Angelegenheiten lieber der Gegenstand
... aber, da es sich um Dich handelt - von der man wei, da Du meine liebste
Freundin bist ... kurz, ich bin nicht neidisch. Hast Du gesehen, mit wem ich die
letzte Quadrille getanzt? ...
    Ja, mit Delnitzky ... und ich sah ihn eifrig mit Dir sprechen -
    Was er mir so eifrig sagte, war, da er sterblich in Dich verliebt ist; da
er Dich aber fr kalt und ablehnend hlt. Gestern habe er - in seiner
Verzweiflung - versucht, einer anderen den Hof zu machen ... er hatte sich
vorgenommen, Dich zu meiden - doch heute war dieses Vorhaben wieder umgestoen;
er hielte es nicht aus ... Und er bat mich, Dich auszuforschen - klug und
unmerklich auszuforschen, ob er hoffen drfte. Ich entledige mich dieses
Auftrags ... freilich nicht gar klug und unmerklich - wozu auch? Du wirst auf
jeden Fall aufrichtig mit mir sein? Nun?
    Sylvia zgerte mit der Antwort. Da fiel das Orchester mit einer rauschenden
Walzermelodie ein und mehrere junge Leute traten mit auffordernder Verbeugung
vor beide Mdchen hin.
    Freut euch des Lebens, hie der Walzer - und wahrlich: diesem von Meister
Strau in Dreivierteltakt erlassenen Gebot gehorchte Sylvia aus vollem Herzen,
als sie sich nun von ihrem Tnzer durch den Saal wirbeln lie.
    Der Kotillon, die Krnung der schnen Ballnacht, brachte zwar keine
frmliche Erklrung, aber ein durch Blick und Tonfall sich unzhligemal
wiederholendes Bewerben und Gewhren. Auf einen Heiratsantrag htte Sylvia sich
Bedenkzeit erbeten, denn sie war durchaus nicht entschlossen, Delnitzkys Frau zu
werden - dazu mute sie ihn doch erst besser kennen lernen -, aber auf die
stummen, lieberglhten Blicke gaben ihre Augen, ohne da sie es hindern konnte,
zrtliche Antwort, und seine leidenschaftszitternde Stimme, auch indem er die
gleichgltigsten Dinge redete, weckte ein Echo in ihrer befangenen Gegenrede.
    Nach dem Kotillon das Souper an seiner Seite - und dann der Aufbruch in den
dmmernden Frhlingsmorgen hinaus; er war es, der sie in ihren Mantel hllte,
der ihr das Spitzentuch um den Kopf wand, der sie zum Wagen fhrte und ihr
einsteigen half - mit langem, bebendem Hndedruck.
    An all das dachte Sylvia zurck. Jetzt war alles besiegelt, er hatte ihre
Hand begehrt und sie hatte ja gesagt; er hatte sie gekt und sie hatte seinen
Ku erwidert ...
    Und so war es denn Sylvia ergangen, wie dem ersten besten Komtessel,
dessen ganzer geistiger Horizont von den Begriffen: Ball, Courmacher, Passion,
glnzende Partie umgrenzt ist. Und doch wie ganz anders war sie geartet. Ihre
Interessen umfaten eine ganze Welt von Ideen, Kenntnissen und Zeitfragen; an
den Bestrebungen und Plnen ihrer Mutter und ihres Bruders hatte sie stets
ernsten Anteil genommen. Obwohl von diesen beiden nicht zur ttigen Mitarbeit
herangezogen, war ihr doch Einblick in deren Denken und Fhlen gegeben, und auch
sie war ein ernstes, von hohen Idealen erflltes Menschenkind geworden. Und wenn
sie von ihrer Zukunft trumte, so pflegte sie sich an der Seite irgend eines
bedeutenden Mannes - Gelehrter oder Staatsmann - zu sehen, der seiner Zeit
seinen Stempel aufdrcken wrde, und der befhigt wre, diesen Stempel so zu
formen, da den Zeitgenossen wieder um eine Stufe herauf verholfen wrde, auf
der Skala der Veredlung und Beglckung.

Und jetzt? Jetzt war sie bereit und entschlossen, ihr Leben mit einem Mann zu
teilen, von dessen Charakter sie eigentlich nichts, gar nichts wute; von dem
ihr keinerlei Brgschaft geboten war, da er ihre Trume erfllen, da ihm
jemals eine hervorragende und einflubende Rolle zufallen wrde, da er
berhaupt ein - Edelmensch sei. Dieses von Tilling geprgte Wort war im Hause
gelufig geblieben. Und an ihrem Bruder besa Sylvia das Urbild aller
Eigenschaften, die zu jenem Titel berechtigen; von Toni Delnitzkys Eigenschaften
kannte sie eigentlich nur die, da er ihr Herz in seliger Unruhe pochen gemacht,
da er rasend verliebt schien, und da er der eine Mann, der einzige auf Erden
war, nach dessen Ku ihre Lippen sich sehnten. Sie war aber nicht verblendet,
sie dichtete ihm nicht alle Tugenden an, wie das naiv Verliebten sonst Brauch
ist. Sie gab sich Rechenschaft darber, da sie dem Bann einer Leidenschaft
verfallen war. Es war aber ein so starker und so ser Bann, da sie gar nicht
versuchen wollte, dagegen anzukmpfen. Wozu auch? Es band sie keine andere
Pflicht, sie brach niemandem die Treue; - sie setzte nur eines aufs Spiel: ihr
eigenes Glck. Das Glck spterer Jahre. Nun, diesen Einsatz konnte sie wagen;
war ihr das Glck der gegenwrtigen Stunde und der nchsten Zukunft sicher und
fhlte sie doch, da sie hchstes Glck gewhrte, da sie dem geliebten Freier
mit ihrem Ja eine beseligende Gabe gereicht, whrend ihr Nein ihm schier
unertrgliches Leid zugefgt htte. Sie empfand, da sie durch diese Verlobung
aus der Alltglichkeit in ein ungeahntes Fest - in eine Lebens-Sonntagsstimmung
gehoben war, aus der sie nicht willkrlich sich herausreien konnte, ehe die
Festnummern absolviert waren, die auf dem rosa Programm prangten ...
    Lange noch stand Sylvia am offenen Fenster und sog die balsamische Nachtluft
ein. Jeder Atemzug Freude, jeder Pulsschlag Lebensgenu.

                                      III


Martha hatte ihren Sohn bitten lassen, auf ihr Zimmer zu kommen, sie habe mit
ihm zu sprechen.
    Rudolf folgte dem abgesandten Diener auf dem Fue:
    Was steht zu Befehl, Mutter?
    Baronin Tilling sa in einem an ihr Schreibzimmer anstoenden runden Erker.
Der kleine Raum enthielt nur ein Miniatursofa an der linken Wand und einen
niedern Schrank an der rechten. In der Mitte, dem Eingang gegenber, Marthas
Fauteuil, davor ein drehbarer Lesetisch, und rechts daneben ein zweites
Tischchen. Auf diesem die Tageszeitungen, ein Arbeitskorb, Fcher, Flacon,
Blumenvase und ein Photographierahmen mit Tillings verblatem Bild. An den
Wnden hingen noch mehrere Bilder des verlorenen Gatten in verschiedenen
Aufnahmen und Gren. Darunter auch ein gemaltes lebensgroes Kniestck, von der
Hand eines berhmten franzsischen Knstlers. Dieses Portrt war aber
unvollendet. Begonnen im Sommer 1870, einige Wochen vor Ausbruch des Krieges,
konnte es nicht ausgefhrt werden, weil sich der Maler zu den Fahnen stellen
mute. Dennoch, so wie es war, zeigte es schon die sprechendste hnlichkeit.
    Der niedere Schrank, kunstvoll aus Ebenholz geschnitzt und mit Elfenbein
eingelegt, war mit Andenken an Tilling bedeckt und angefllt. Da standen zwei
Kassetten aus oxidiertem Silber mit den gravierten Jahreszahlen 1864 und 1866.
Es waren die Briefe, welche Tilling von den dnischen und den bhmischen
Schlachtfeldern an seine Frau geschrieben, und in einem kleinen goldenen
Kstchen lag der erste Brief, den sie berhaupt von ihm bekommen - geschrieben
am Sterbelager seiner Mutter. In dem Schranke waren auch die blauen Hefte
aufbewahrt, das sogenannte Protokoll, worin die Gatten im Verein die Chronik
der Friedensidee eingetragen hatten.
    In diesem Winkelchen hielt sich Martha tglich mehrere Stunden auf; hier las
sie ihre Bcher und Zeitungen, oder zog die Fden einer Stickerei, dabei an den
Verlorenen denkend.
    Mit den Worten: Was steht zu Befehl? kte Rudolf seiner Mutter die Hand.
Dann setzte er sich auf das kleine Sofa.
    Wohlgefllig blickte Martha auf ihren Sohn - ein Bild mnnlicher
Jugendfrische und Vornehmheit. Er trug einen lichten, sommerlichen Morgenanzug,
der seine sonngebrunte Hautfarbe noch dunkler erscheinen lie. Tiefschwarz das
kurzgeschorene, in drei Zacken in die Stirn gepflanzte Haar; schwarz der schmale
Schnurrbart, der den schngezeichneten Mund frei lt, schwarz auch und leicht
gekruselt der spanisch zugestutzte Kinnbart. Nur die dicht bewimperten Augen
unter den dunklen Brauen sind blau. Edelgeformt das Profil; die Gestalt
geschmeidig und schlank und beinahe sechs Fu hoch, aristokratische Hnde und
Fe. - Mit Recht galt Rudolf Dotzky als einer der hbschesten Mnner des an
schnen Mnnererscheinungen nicht armen sterreichischen Hochadels. So ungefhr
hatte auch der junge Husar ausgesehen, der das Herz der siebzehnjhrigen Martha
Althaus im Fluge erobert hatte. Die Zge waren jedenfalls hnlich, jedoch viel
durchgeistigter. Und in Sprache und Tonfall hatte Rudolf vieles von seinem
Stiefvater angenommen, so waren ihm manche seiner Bewegungen, seine Art zu
lachen und ein paar norddeutsch anklingende Redewendungen hngen geblieben.
    Ich wollte mit Dir ber zwei wichtige Dinge sprechen, Rudolf.
    Auch ich will Dir eine Mitteilung machen. Doch nachher ... Zuerst Du ...
    Also, erstens: Delnitzky hat um Sylvias Hand angehalten.
    Habe mir's gedacht.
    Sie liebt ihn und ist entschlossen, ihn zu nehmen. Zwar habe ich mir meinen
knftigen Schwiegersohn anders getrumt - was ist Deine Ansicht?
    Mein Gott, ich kenne den Toni nur wenig ... Ich knnte nichts bles von ihm
sagen, habe auch nie bles ber ihn gehrt ... Und wenn sie ihn gern hat -
    Ich halte ihn fr oberflchlich, fr unfhig, auf die Ideen und Gesinnungen
einzugehen, die meine Kinder hegen.
    Vielleicht wird Sylvia ihn beeinflussen -
    Das dacht' ich im ersten Augenblick auch ... Da sie fr einander
schwrmten, bemerkte ich schon lang - besonders seit jenem Jungen-Herren-Ball
... Und Delnitzky ist ja ein lieber, guter Mensch, ein Gentleman ...... Aber
seit die Entscheidung gefallen, steigen mir die Zweifel auf ... Meines
unvergleichlichen Friedrich Kind ... das gnne ich keinem, der nicht so ist wie
er gewesen. ... Aber gibt es einen solchen? ... Und verlieren werden wir sie
...
    Ich glaube nicht, da unsere Sylvia sich uns entfremden wird. Wir drei sind
mit zu vielen Herzens-und Geistesfasern mit einander verwachsen, als da uns
etwas auseinander reien knnte. Auch die Ehe nicht ... Sieh mich, zum Beispiel
...
    Ja Du, mein Rudolf! ... Reden wir jetzt von Dir. Das ist der zweite
Gegenstand, den ich auf dem Herzen hatte. Du hast gestern, beim Tauffest, Worte
gesprochen, die tiefen Eindruck auf mich gemacht haben - die klangen wie eine
geliebte, lngstverstummte Stimme -
    Und darum brachst Du in Trnen aus? ... Was sagte ich? Ich erinnere mich
nicht -
    Desto genauer erinnere ich mich - jedes Wort hat sich mir eingeprgt ... So
lange wir uns an die Vergangenheit klammern, werden wir Wilde bleiben - sagtest
Du - Aber schon stehen wir an der Pforte einer neuen Zeit - die Blicke sind nach
vorwrts gerichtet, alles drngt mchtig zu anderer, zu hherer Gestaltung -
schon dmmert die Erkenntnis, da die Gerechtigkeit als Grundlage alles sozialen
Lebens dienen soll und aus dieser Erkenntnis wird die Menschlichkeit erblhen -
die Edelmenschlichkeit ... Aber, Rudolf, die Zukunft wird nur eine andere, wenn
die Gegenwart zu vorbereitender Handlung ausgentzt wird. Willst Du nicht
handeln?
    Ja, ich will. Das war es eben, was ich Dir mitzuteilen hatte. Was ich vor
mir sehe, ist dies: ein Sitz im Abgeordnetenhause. Die Schaffung - vielleicht
die Fhrerschaft einer neuen Partei. Daneben publizistische Ttigkeit ... In
Bressers Blatt wird mir allwchentlich eine Spalte offen stehen -
    Und da wirst Du die Friedens- und Abrstungsidee vertreten? Wie mich das
beglckt! Du weit ja, da sich eine interparlamentarische Union gebildet hat -
da knntest Du im sterreichischen Parlament auch eine Gruppe zu bilden trachten
-
    Ich habe ein umfassenderes Programm im Sinn. Damit eine groe Wandlung
angebahnt werden knne, mssen zehn andere groe Wandlungen gleichzeitig
angestrebt werden.
    Martha schttelte den Kopf.
    Gewi, sagte sie, jede Wandlung ist von anderen bedingt, und zieht andere
mit sich - ob aber ein Mensch zugleich nach allen verzweigten Richtungen streben
soll? Wo bleibt da die Arbeitsteilung?
    Es gibt Dinge, die sich nicht teilen lassen, die ein groes Ganzes sind -
z.B. eine Weltanschauung. Je mehr ich mich umsehe im ganzen ffentlichen Leben,
je deutlicher erkenne ich, da das, was not tut, eben dies ist: eine neue
Weltanschauung - eine neue Orientierung. Nicht Schrauben und Masten sind an dem
Schiffe zu ndern, auf da es besser segele - der Kurs mu ein anderer werden.
Denn in seiner jetzigen Richtung gleitet es nach einem Maelstrom, der es in die
Tiefe ziehen wird -
    Und Du allein, mein Sohn, willst der Lotse sein, der solche Kurswendung
erreicht? Dein Ehrgeiz ist hoch.
    Ehrgeiz? - Rudolf machte eine wegwerfende Handbewegung - Nein, den hab'
ich nicht. Ich wei ganz gut, da das, was man unter Ehren und Wrden versteht,
nicht auf Pfaden zu holen ist, die man erst aushauen mu -
    Und aus welchem Anla hast Du Dich gerade jetzt zum Handeln entschlossen?
    Mein dreiigstes Jahr ist vollendet - die Lehrlingszeit ist vorber - und
dann, vielleicht auch die gestrige Feier ... Als ich es aussprach, da wir uns
der Shne und Enkel wrdig zeigen mssen, da mahnte mich das Gewissen, da ich
selber noch nichts dazu getan. Wie soll ich hoffen, da mein Sohn einst meine
Arbeit fortsetzt, wenn ich die Aufgabe nicht erfllt htte, die ich von meinem
Vater bernommen -
    Von Deinem Vater? -
    Ach, verzeih - meinen wirklichen Vater habe ich ja nicht gekannt und in
meinem Herzen habe ich stets diesen - er zeigte auf das Bild an der Wand - so
genannt.
    Das hat er auch verdient ...
    Und billigst Du meinen Entschlu?
    Ich sagte schon: er beglckt mich. Nur das eine frchte ich: - da Du ein
zu weites Feld bebauen willst, und dadurch vielleicht gerade die Pflanze
vernachlssigen wirst, deren Pflege er mit einem Blick auf das Bild - uns
hinterlassen hat. Ich meine jene ganz bestimmte, umgrenzte Bewegung - -
    Ich wei, was Du meinst: Schiedsgericht - Weltfrieden - - und das nennst Du
umgrenzt? Es bedeutet nichts geringeres als die Umwlzung aller landlufigen
Erziehung, Politik, Moral, Gesellschaftsordnung - - kurz, eine ganze Revolution.
Und bemerkst Du nicht, da wir in einer Zeit leben, in welcher auch wirklich auf
allen Gebieten revolutioniert wird? Seit zehn Jahren etwa ist in Deutschland
eine Revolution der Literatur ausgebrochen; die bildende Kunst nennt ihren
Aufstand Sezession; die Frauen heien den ihrigen Emanzipation und die
Proletarier - Sozialdemokratie, und so nach allen Seiten - -
    Nicht jeder, der eine neue Zeit ersehnt, braucht aber auf allen Seiten
mitzuarbeiten. Jeder hilft dem andern am besten, wenn er die eigene Aufgabe gut
erfllt.
    Du, Mutter, interessierst Dich eben nur fr die eine Frage - und nicht fr
den Umschwung in Literatur und Kunst - nicht fr die Frauen- noch
Arbeiterbewegung?
    Interessieren? Doch! Wer am Wandel der Zeit Anteil nimmt, der horcht und
blickt berall mit Spannung hin ... aber kmpfen und wirken, das mchte ich nur
in einer Richtung - und wie Du weit, so weit meine Krfte reichen, habe ich's
ja durch die Niederschrift meiner Lebensgeschichte auch versucht ... In anderer
Richtung fehlt mir das Verstndnis - die Auffassungskraft. So gestehe ich Dir,
da mich die neue Kunst vielfach abschreckt ... da ich noch an allem hnge, was
ich in meiner Jugend als schn bewunderte und als gut kennen gelernt ... Ich
habe nicht versucht, aus Sylvia eine neue Frau zu machen; ich bin zu alt, um zu
-
    Vielleicht ist das der Unterschied zwischen uns, unterbrach Rudolf. Ich
bin jung ... Ich bin aufgewachsen in der ghrenden Atmosphre, in dem Sturm der
Moderne ... Freilich wehte mich dieser Sturm zumeist nur aus Bchern und
Zeitungen an, - denn die Menschen, mit denen wir verkehren, die leben noch so
sehr in den alten Anschauungen und Gewohnheiten, die wissen gar nicht, da die
Welt sich bewegt. Hchstens fhlen sie, da ein miserabler Plebs an der schnen
alten Ordnung zerren will - und das wehren sie verchtlich ab. Bis auf den alten
Grafen Kolnos kenne ich aus unseren Kreisen gar keinen Menschen mit modernen
Ideen. Es gibt deren gewi ein paar Dutzend, aber ich kenne sie eben nicht.
    Von Kolnos habe ich heute einen lieben Brief bekommen, sagte Martha. Der
ist wirklich ein merkwrdiger und herrlicher Typus. Aber nicht, was ich unter
modern verstehe: nichts von Dekadententum, nichts von raffiniertem
bermenschentum, nichts von tempelschnderischen Gelsten.
    Du mut nicht gerade die krankhaften Erscheinungen des modernen Geistes ins
Auge fassen, Mutter -
    Freilich, Du hast recht; die meisten Miverstndnisse kommen auch daher:
jedes Ding hat so verschiedene Aspekte - und zwei Menschen, die im Grunde
eigentlich gleicher Meinung wren, streiten ber eine Sache, fr die sie nur
einen Namen haben, die sie aber von zwei ganz verschiedenen Seiten betrachten
... Wovon sprachen wir eigentlich?
    Von Kolnos -
    Ja, richtig ... Wo habe ich seinen Brief? - Ah, da ... er hat mir sein
neuestes Gedicht geschickt ... da lies: er kennt meine schwache Seite, wie Du
siehst, sein Lied ist gegen die Kanonen gerichtet.
    Rudolf nahm das Blatt und berflog es. Das dreizehn Strophen umfassende
Gedicht, betitelt: Nach X-tausend Jahren, schildert eine Szene der fernen
Zukunft, da man in dem vergletschert gewesenen Europa alte Funde ausgrbt und
darber Forschungen anstellt, um den Lauf der Kulturentwicklung zu erkunden:

Gelehrte schreiben dicke Bcher
Und streiten sich wie heute auch,
Um Wert und Schnheit der Antike
Und ihrer Werke Nutzgebrauch.

Nun findet man ein rtselhaftes Instrument, ber dessen Bestimmung man sich die
weisen Kpfe zerbricht. Es ist ein dickes Metallrohr. Sollte es eine
Riesenorgelpfeife, ein prhistorisches Fltenstck oder ein Trinkhorn fr
Giganten gewesen sein? Oder ein mystisches Symbol - sogar in finsteren Zeiten
der Glubigen Gtze? Endlich ward ein Stein entziffert, worin die Erklrung
eingegraben war. Darauf wre man freilich von selber nie gekommen: man brauchte
das Rohr zum Massenmorde, euphemistisch Krieg genannt:

Und weil der Totschlag gut kanonisch,
(Das Mittel heiligte den Zweck)
So nannte man das Ding Kanone
Und blies damit die Gegner weg.

Robert gab das Blatt zurck.
    Nun, ich sag's ja: ein moderner Mensch, dieser hohe Sechziger. Denn sein
Blick ist nach der Zukunft gerichtet. Er wei, da wir in Wandlung begriffen
sind. Er schaut erkennend und sehnend nach vorwrts, whrend meine verehrten
Genossen, wenn sie schon Ideale haben, sie immer nur in der Vergangenheit sehen.
Die meisten sehen berhaupt nicht weiter als ihre Nase.
    Dabei sind aber diese Menschen ihrer Anlage nach vielleicht gerade so
gescheit wie Du, mein Lieber. Es kommt nur darauf an, auf welche Gedankenpfade,
auf welche Kenntnisfelder man zufllig geraten ist. Erziehung ist alles. Und
nicht nur Kindererziehung - auch die der Erwachsenen. Tilling hat erst mit
vierzig Jahren ber gewisse Dinge nachzudenken begonnen - ber die ihm dann so
weite Horizonte aufgegangen sind.
    Du denkst doch immer und immer wieder an ihn, sagte Rudolf in leisem,
ehrerbietigem Ton.
    Martha hob den Blick zum Himmel:
    Immer. Ich bin stolz darauf, an mir erfahren zu haben, da es eine Liebe
gibt, die strker ist als der Tod.

                                       IV


Ein heier August-Nachmittag. Die Hitze hindert aber die Bewohner von Brunnhof
nicht, sich am Tennisspiel zu ergtzen.
    Der Spielplatz liegt in einem um diese Stunde von der Sonne unbeschienenen
Teil des Parkes. Von hier ist die Rckseite des Schlosses in Sicht, mit seinen
in das Parterre fhrenden Terrassen. In der Mitte ein groes Wasserbecken, aus
welchem ein Springbrunnen steigt. Rings in knstlerischer Anordnung
farbenprchtige Teppichbeete. Eben war ein Grtnergehilfe beschftigt, den
Wasserschlauch auf diese Beete zu richten, die unter dem belebenden Strahl
verstrkte Dfte aussandten, die von der schwlen Luft bis zum Tennisplatz
getragen wurden. Unter den gemischten Wohlgerchen herrschte der etwas
betubende Hauch einiger in der Nhe blhender Vanillenstrucher vor. Ein
eigentmliches Licht lag auf dem Grn des Rasens und der Bume. Jene lackierte,
theatereffektmige Frbung, die den Leuten den Ausruf abzuringen pflegt: Seht
doch! ... die sonderbare Beleuchtung ...
    Es war zufllig dieselbe Gesellschaft, die beim Tauffest versammelt gewesen,
noch vermehrt durch die Gegenwart der jungen Schloherrin, die jetzt schon
vollkommen hergestellt war und auch schon die von ihrer Mutter ihr so dringend
empfohlene Wallfahrt nach Mariazell hinter sich hatte.
    Man sa da, zur Seite des Tennisplatzes, auf einer Reihe von Bnken und sah
den vier Spielenden zu: Sylvia und ihr Brutigam; Rudolf und der junge Bresser.
    Dieser war seinem Vorsatz, das Haus zu meiden, falls Sylvia sich verlobte,
untreu geworden. Die Gewohnheit, mit der Familie zu verkehren, deren ltester
Freund sein Vater war, war ihm zu teuer geworden. Der Umgang mit Baronin
Tilling, die kameradschaftlichen Plauderstunden mit Rudolf Dotzky und wenigstens
der Anblick der still angebeteten Sylvia: darauf konnte er doch nicht auf die
Lnge verzichten. Die blde Eifersucht mute niedergekmpft werden. Hatte er
doch niemals gehofft, das Mdchen zu erringen, so mute er sich darein finden,
sie an der Seite eines anderen zu sehen. Da dieser andere kein Idealmensch war,
bot ihm eigentlich eine kleine Genugtuung, die er sich zwar nicht eingestand,
die er aber darum nicht weniger empfand. Da ihm selber Delnitzky nicht
liebenswert erschien, so gab er sich der Idee hin, da Sylvia eine
Vernunftheirat einging, an der ihr Herz nur wenig beteiligt war. Mit dieser
Vorstellung hatte er wenigstens die eine Hlfte seiner eiferschtigen Gefhle
verscheucht.
    Game - play - out. Die Worte drangen vom Spielplatz herber, aber in
ruhigem Tone; die Blle flogen hin und her oder stieen an das Netz und fielen
oft zu Boden, alles dies lautlos, auer wenn der Ball ungeschickterweise mit dem
Rand der Rakete aufgefangen wurde, dann rief gewhnlich von den Zuschauern
einer: Holz - Holz! Die Bewegungen der Spielenden hatten keinerlei Heftigkeit;
kein Laufen oder Springen, vielmehr - besonders bei den Herren - eine behbige,
sich wiegende Nachlssigkeit.
    Martha, die etwas abseits von den anderen sa, hielt ein Zeitungsblatt in
Hnden; sie las aber nicht, sondern verfolgte mit den Blicken die anmutigen
Gestalten ihrer Kinder.
    Mit Sylvias Verlobung hatte sie sich nunmehr ausgeshnt. Tglich wiederholte
ihr das junge Mdchen, da sie sich vollkommen glcklich fhle. Mitunter stiegen
ihr zwar dennoch Zweifel auf; vieles in ihres knftigen Schwiegersohnes Wesen
und uerungen wirkte auf ihre Nerven - wie etwa das Ausgleiten einer
Messerschneide auf einem Porzellanteller, oder das Kratzen spitzer Fingerngel
an einer Seidentapete, aber solche Regungen verjagte sie rasch.
    Beatrix und ihre Mutter saen nebeneinander, in eifriges
Kleinkinder-Gesprch vertieft. Die Existenz des neuen Insassen und Erben von
Brunnhof war fr seine junge Mutter die wunderbarste - und fr seine Gromutter
die wichtigste Erscheinung der Umwelt.
    Die vier Herren, Oberst von Schrauffen, Minister Allerdings, Pater Protus
und Doktor Bresser unterhielten sich untereinander.
    Von dem Spiel verstehe ich nichts, sagte der Pfarrer. Es sieht gar nicht
lebhaft aus - sehen Sie nur, wie wenig heftig die Bewegungen sind, kein Laufen,
kein Springen - im Gegenteil ... besonders die Herren - so was Behbiges,
Wiegendes, Nachlssiges. Aber msieren mssen sich die Herrschaften doch dabei,
sonst wrden sie's nicht so hartnckig betreiben - wo jetzt das Tennis einreit,
da wird tglich zur Rakete gegriffen, als ob damit eine wichtige Pflicht abzutun
wre. Mir ist leid um die gemtlichen Kegelpartien, die nun berall abkommen.
    So ist die Welt, hochwrdiger Herr - alles alte wird von neuem verdrngt.
    Der Pfarrer schttelte den Kopf. Nur unter neuerungsschtigen Menschen,
Herr Doktor - sehen Sie sich einmal die Natur an: immer wieder die gleichen
Bume, dieselben Berge -
    O nein, nicht dieselben, rief der Doktor. Die Vernderungen in der Natur
gehen nur langsam vor sich - soda man sie nicht wahrnimmt; aber meinen Sie
nicht, da seit der Tertirzeit die hiesige Gegend viel grere Wandlungen
durchgemacht hat, als die von der Kegelbahn zum Tennisplatz?
    Allerdings, besttigte der Minister. Die grten und hufigsten
Wandlungen sind aber schon in unserer Politik zu konstatieren. Da lt sich
schon gar nicht, trotz der nimmer nachlassenden Anstrengungen der Konservativen,
die geringste Stabilitt erzielen ... Ad vocem Politik: wissen die Herren, da
unser Rudolf sich um ein Mandat im Abgeordnetenhause bewirbt?
    Ich wei es, sagte Doktor Bresser. Die Baronin Tilling ist entzckt
darber.
    Einerseits begreife ich das, versetzte der Minister, Mtter freuen sich
immer, wenn sich ihre Shne im ffentlichen Leben hervortun wollen -
andererseits bringt die Abgeordneten-Laufbahn viel Verdru und Schwierigkeiten.
    Der Oberst zuckte die Achseln: Ach was, Schwierigkeiten! Mit Rudolfs Namen
und Verbindungen ... Da wird's ihm nicht fehlen, zu irgend einem angesehenen
Posten zu gelangen - zuerst ein paar Jahre im Parlament - dann irgend ein
Portefeuille -
    Ich kann mir nicht recht vorstellen, sagte Pater Protus, welche Rolle
Graf Rudolf in der Politik spielen wird. Seinem Range nach mte er sich der
konservativen Partei anschlieen -
    Allerdings, nickte der Minister.
    - Wie ich ihn aber kenne, neigt er zu den Liberalen, um nicht zu sagen -
Radikalen.
    Jedenfalls ist seine Gesinnung nicht ganz geheuer, sagte der Oberst, ich
kann die antimilitrische Rede nicht verschmerzen, die er beim Tauffest seines
Erben gehalten hat, wobei Sie, Herr Doktor, ihn noch untersttzten ... wenn ich
mich recht erinnere, so haben Sie fr Verweigerung der Heereskosten plaidiert.
Wenn Rudolf in dieser Richtung auftreten sollte -
    Der Minister machte eine beschwichtigende Handbewegung:
    Seien Sie ruhig - wem Gott das Amt gibt - gibt er auch den Verstand. Das
heit mit anderen Worten: wenn man in eine gewisse Stellung gelangt - und in
gewisse Kreise, so wird man von den Obliegenheiten dieser Stellung und dem Geist
dieser Kreise unwillkrlich so durchdrungen, da die alten Ideen und Neigungen
wie Nebel zerrinnen und man tut und wirkt, was der neue Posten erheischt.
    Es sei denn, entgegnete Bresser, da man eine so starke Persnlichkeit
ist, da die Umgebung gezwungen wird, sich ihr anzupassen und nicht umgekehrt -
    Die Spieler hatten ihre Partie beendet. Rudolf trat auf die Gruppe zu:
    Wovon sprechen Sie so emsig, meine Herren?
    Von Ihnen und Ihrer Reichsrats-Kandidatur -
    Da haben Sie wohl nicht viel Gutes gesagt, denn - mit Ausnahme Doktor
Bressers vielleicht - stehen Sie alle auf ganz anderem politischen Standpunkt,
als ich -
    Die Nancen mgen allerdings verschieden sein, sagte der Minister, aber
in der Grundfarbe, da sind doch ziemlich alle anstndigen Leute bereinstimmend:
verfassungstreu, kaisertreu, vaterlandstreu ...
    Treu, treu ..., wiederholte Rudolf kopfschttelnd. Diese schne
Eigenschaft ist wohl dem Bestehenden gegenber - wofern es gut ist - sehr
angebracht. Was soll aber derjenige sein, der dem Werdenden dienen will?
    Besser antwortete:
    Der mu khn sein.
    Ja, sagte Rudolf, und doch auch treu. Sich selber treu.
    Sylvia und Delnitzky gingen nebeneinander in einer der Parkalleen auf und
nieder; den anderen in Sicht, aber auer Gehrweite.
    In den sechs Wochen, die seit der Verlobung verstrichen waren, hatte das
junge Mdchen sehr verschiedene Stimmungen durchgemacht. Der taumelnde
Glcksrausch jenes Abends, an dem sie den ersten Ku und ihr Jawort gegeben,
hatte sich nicht wiederholt, - nur erinnern konnte sie sich an das, was sie
damals empfunden, ohne es jedoch wieder zu empfinden. Es kann eben keine zwei
ersten Ksse geben, und keine zwei Augenblicke, in welchen man einen bestimmten,
lebensentscheidenden Entschlu fat. Es war ihr sogar manchmal geschehen, da
ihr Liebensgefhl erlahmte. Auch ihr war, wie ihrer Mutter, manches, was
Delnitzky sagte oder wie er es sagte, an die Nerven gegangen. Aber das dauerte
nicht lnger als eine Minute, die nchste Minute brachte ihr wieder das
Bewutsein, da sie eine liebende, glckliche Braut sei.
    Einige Schritte waren sie schweigend einhergegangen. Delnitzky sprach
zuerst:
    Wie schn, wie schn Du bist! Das Du war nur dem Tete-a-tete
vorbehalten. Unter Leuten sagten sich die Verlobten Sie. Und gerade das machte
aus dem Du eine Art Liebkosung. So gefllst Du mir noch viel besser als im
Sommerkleid - und beim Ballspiel finde ich Dich noch graziser als beim Tanzen.
    In ihrem fufreien weien Piqukleidchen mit Ledergrtel um die
geschmeidige, nicht zu dnne Taille; mit den absatzlosen, gelben Schuhen an den
schmalen Fen; mit dem einfachen Matrosenhut auf dem kastanienbraunen Haar, das
in einer festen Flechte auf den Hinterkopf gesteckt war und auf welches die
Sonne bronzefarbene Lichter setzte - bot Sylvia in der Tat ein frisches,
liebreizendes Bild. Das jugendliche Gesichtchen mit dem feinen Profil war wie in
Glanz getaucht; rosige Glut auf den Wangen, dunkelrote Glut auf den Lippen,
schwarzes Funkeln in den Augen, weiblitzendes Lcheln; wohl konnte der
beglckte Brutigam in den Ruf ausbrechen: Wie schn Du bist!
    Findest Du? Und ist Dir mein Hbschsein das Liebste an mir?
    Alles ist mir lieb an Dir ... Bist ein Kreuzmdel ... voll Rasse - ohne
Faxen ...
    ber Sylvias Gesicht huschte eine Wolke. Das war wieder eine jener
uerungen, die sie rgerlich berhrten. Sie blieb stumm. Delnitzky fuhr fort:
    Mir ist nichts zuwid'rer als affektierte oder kokette Manieren oder gar
Blaustrumpf-Fexereien. Du bist einfach, natrlich ... zwar auch mrderisch
g'scheit - kehrst es aber nicht protzig heraus ... Vor Deinem G'scheitsein habe
ich mich anfnglich ein bissel g'frchtet ... Du hast so den Ruf, da Du
allerlei ernste Sachen studierst und mit Deiner Mama und dem Rudi stundenlang
gelehrte Bcher liest. Aber 's war nicht so schlimm ... ich hab' Dich nie 'was
Pedantisches reden g'hrt.
    Bis jetzt, mein lieber Toni, haben wir eigentlich nur im Ballsaal verkehrt,
da konnte ich natrlich keine pedantischen Unterhaltungen einleiten ... und seit
wir verlobt sind, sprechen wir fast immer von unserer Liebe - auch dieses Thema
lt nichts pedantisches zu ... Aber Du mut Dich doch darauf gefat machen, da
ich in der Tat darauf rechne, wenn wir einmal verheiratet sind -
    ber Schoppenhauer und Nietzsche oder gar ber die Geschichte der Konzilien
mit mir zu konversieren? Da danke ich -
    Die beiden Denker, die Du meinst, so tief und wunderbar ihre Sprache ist,
gehren nicht zu meinen Lieblingen -
    Hast Du sie denn berhaupt gelesen?
    Du etwa nicht? - Anton verneinte mit dem Kopfe - und was die Konzilien
betrifft, so habe ich von deren Geschichte nicht viel gehrt -
    Ich schon. Du weit, ich war zwei Jahre in Kalksburg, bei die Jesuiten -
    Bei den Jesuiten.
    Toni zuckte ungeduldig mit den Achseln. No ja, pardon, bei den Jesuiten -
und da wird alles, was Kirchengeschichte ist, gar genau studiert. Lnger als
zwei Jahr hab' ich's brigens dort nicht ausgehalten - aus mir wr' doch nie der
richtige Jesuitenzgling geworden.
    Gottlob. Was ich aber sagen wollte: ich rechne darauf, da wir in inniger
geistiger Gemeinschaft sein werden - da wir miteinander ber alles reden, was
wir bewundern - was wir bestaunen von den Mysterien, die -
    Ich staune ber das Mysterium Deiner Schnheit - -
    Jetzt zuckte sie mit den Achseln. Schon wieder?
    Bist Du bs, wenn ich Dich bewundere - wenn ich verrckt werde durch Deinen
Reiz?
    Nein, darber war sie nicht bse; aber da er nichts anderes zu sagen wute,
das begann ihr ein gewisses Grauen einzuflen.
    Er drckte ihren Arm fest an sich und beugte sich zu ihr nieder, indem er
seine brennenden Augen tief in die ihrigen senkte - eine Art zu blicken, die sie
mit sem Schauer durchrieselte. In der Tat, was in der Welt konnte neben
solchem Mysterium noch bestehen? ...
    Sie schwiegen nun beide. In der schwlen Luft erhob sich ein leiser
Regengeruch. Die sonderbare Beleuchtung wurde immer unnatrlicher; nicht wie
Gras lag es auf den Rasenflchen, sondern wie grnes Metall. Ein fernes
Donnergrollen wurde vernehmbar.
    Kinder, Kinder! riefen die anderen, es kommt ein Gewitter - gehen wir
hinein ...
    Wenn etwas Sylvias Empfindung - halb Lust, halb Bangen - noch erhhen
konnte, so war es die Aussicht, da jetzt ein tchtiges Unwetter losbrechen
werde: prasselnder Regen, grelle Blitze, Donnerschlge: darnach sehnte - und
darauf frchtete sie sich. Und richtig, kaum verstrichen noch einige
erwartungsvolle Minuten, so fing ein pfeifender Wind an, die Baumste zu biegen
und Wirbel von Staub und Blttern durch die Luft zu jagen; dicke, warme Tropfen
fielen herab; die gelbgrne Beleuchtung wich einer pltzlich heranbrechenden
Dunkelheit; schwarze Wolkenmassen wlzten sich heran und hingen tief zur Erde
herab. Ein blendender Blitz zeichnete eine feurige Zackenlinie vom Zenith bis
zum Boden und gleich darauf knatterte eine heftige Donnersalve - es mute in der
Nhe eingeschlagen haben.
    Die ganze Gesellschaft strzte, so schnell sie konnte, dem Schlosse zu. Die
Verlobten waren etwas weiter entfernt und sie muten ihre Schritte noch mehr
beschleunigen, wollten sie rechtzeitig unter Dach kommen. Hugo Bresser, einen
Schirm in der Hand, eilte ihnen entgegen.
    Jetzt kam ein frmlicher Wolkenbruch herabgeschttet. Da begann Sylvia zu
laufen; als sie nur mehr einen Schritt von Hugo entfernt war, stolperte sie ber
einen Stein und fiel. Der junge Mann fing sie noch rechtzeitig in seinen Armen
auf.
    Er umschlang sie fest. Mitten in dieser elektrizittsgeladenen Atmosphre,
in diesem Sturm der losgelassenen Elemente pochte es auch wild in seinen Adern.
Und seine langverhaltene Leidenschaft entlud sich in diesem einen Augenblick, da
der Zufall ihm das angebetete Mdchen in die Arme warf und - er konnte nicht
anders - er drckte sie ans Herz. Dabei lag in seinem ganzen Gesichtsausdruck
das deutlichste Gestndnis glhender Liebe.
    Auch Sylvia war unter dem Bann der strmischen Minute: diese pltzlich
geoffenbarte Leidenschaft glich ja auch einem Blitzstrahl ... Sie empfand keinen
Groll; was sie empfand, war vielmehr der Rckschlag desselben elektrischen
Stromes, der das Herz durchzuckte, an dem sie lag.
    Nur drei Sekunden lang. Schon war Delnitzky herbeigesprungen und befreite
sie. Er hatte von dem Vorfall weiter nichts gesehen, als das Ausgleiten ihres
Fues und die zufllig gebotene Hilfe.
    Sie haben sich doch nicht weh getan? fragte er besorgt.
    Sylvia atmete schwer und tief auf.
    Nein, nein - nichts, nichts stammelte sie und schlo die Augen.

                                       V


An diesem Abend blieb Sylvia nicht im Salon.
    Gleich nach dem Diner, bei dem sie die Schsseln beinahe unberhrt
vorbergehen lie, zog sie sich, heftigen Kopfschmerz vorschtzend, auf ihr
Zimmer zurck.
    Sie wollte beichten. Zuerst ihr Gewissen erforschen und dann Beichte ablegen
- sich selber. Und sich wahrscheinlich eine Bue diktieren - denn die Snde, die
sie in der bevorstehenden Gewissenserforschung zu finden frchtete, verdiente
nicht - ohneweiteres - die eigene Absolution.
    Bei Tische hatte die Unterhaltung einmal einen hheren Ton angeschlagen als
gewhnlich. Rudolf und Hugo, die einander gegenber saen, waren in ein
Wortgefecht geraten, das bald so lebhaft wurde, da alle anderen Gesprche
verstummten und die ganze Gesellschaft den beiden jungen Mnnern lauschte:
    - - Und ich sage, lieber Bresser, das hchste ist die Tat.
    Ich bleibe dabei, Graf Rudi, als Hchstes thront der Gedanke, schon
deshalb, weil er einsam sein kann - in Gletscherhhen schweben. Ich wei in der
Geschichte keine sogenannte Tat, durch die die Menschheit bereichert und geadelt
worden wre - das ist immer nur das Werk groer Gedanken gewesen.
    Die erste Stufe kann doch nicht hher stehen, als die nchste. Zuerst denkt
- dann handelt man. Das Wort mu Fleisch werden, die Idee mu eine Form
beseelen. Das Gedachte mu sich bejahen, durchsetzen, mu geschehen, mu - mit
einem Wort - getan werden; entschlossen, krftig, wuchtig getan.
    Diese Worte passen auf Faustschlge, auf Gewaltakte berhaupt. Es wundert
mich, da gerade Sie, der Friedensanwalt, so sprechen.
    Eben weil ich Anwalt einer Idee bin, lechze ich darnach, da sie sich in
Taten umsetze, in Institutionen verkrpere.
    Das geschieht von selber, wenn die Idee erst mchtig genug geworden. Eine
Institution ist nicht lebensfhig, wenn sie vorzeitig erzwungen wird ... Was
verstehen Sie brigens unter Institutionen? Gesetze? Verfassungen? Politische
Formen? Anstalten und Krperschaften? Wie ist das alles so nebenschlich, so
unwichtig gegen das Reich des Geistes ... des tglich wachsenden, immer lichtere
Hhen erklimmenden Menschengeistes ...
    In wie wenig Kpfen! ...
    Die vielen folgen langsam nach.
    Die folgen nur dem sichtbar - also dem tatgewordenen Gedanken -
    brigens: - noch wertvoller als Handeln und als Denken ist das Gefhl.
Gefhl ist der Gipfelpunkt des Lebens ... Ist auch der Regulator, all der
sogenannten Institutionen: Das Gefhl, nicht das besonnene Urteil der Massen,
kann als Gradmesser der Kultur gelten. Nur im Bereiche des Gefhls entfalten
sich die reichsten Blten der Seele: das Mitleid, die Begeisterung, die Andacht,
und die Krone alles Seins - die Liebe. Aus dem Gefhle strmt die Schpferkraft
des Knstlers und flammt die Lust des Kunstgenieens ... Auch des Naturgenusses;
nicht was wir an der Rose riechen ist, was uns entzckt, sondern was wir beim
Einatmen ihres Duftes mit allerlei verketteten Vorstellungen und Erinnerungen
fhlen; was wir an Akkorden und Tonfolgen hren, ist Lrm, erst was wir daraus
fhlen, ist Musik - -
    Was der fr geschwollenes Zeug redet, flsterte Delnitzky seiner Braut zu.
Pa nicht auf, reden wir lieber von -
    Sylvia machte eine abwehrende Handbewegung, kehrte sich noch mehr von ihrem
Nachbar weg und blickte mit gespannter Miene auf den Sprecher. Dieser fuhr fort:
    Durch das Gefhlte - Inspiration, Ahnung, Leidenschaft - wchst man ber
sich selbst hinaus. Augenblicke, in denen der Mensch zum Gotte wird - es sind
nur Augenblicke, nicht Tage, nicht einmal Stunden - sind Augenblicke
berstrmenden Gefhls ... ... Der Dichter, der Seher, der Liebende wei, was
solche Augenblicke sind. ... Wer sie erlebt hat, ist geweiht - der gbe die
Erinnerung daran nicht um schwere Schtze her ... Einer solchen Erinnerung -
Hugo nahm sein Glas zur Hand und stand auf - ich besitze sie erst seit heute -
trinke ich nun zu, und wer einen Augenblick erlebt hat, der ihn ber alles
Irdische erhoben, stoe mit mir an!
    Mit anderen Worten, sagte Oberst von Schrauffen, der neben Hugo sa und
Bescheid tat, unsere schnen Erinnerungen hoch!
    Damit war der etwas berspannte Ausfall des jungen Schriftstellers auf ein
allgemein verstndliches Niveau gebracht und die Glser klirrten: Unsere
Erinnerungen hoch! hie es um die ganze Tafelrunde.
    Delnitzky fand ein fr einen Brutigam glckliches Wort:
    Hher noch unsere schnen Erwartungen!
    Sylvia hatte Hugo zugetrunken - auf den Toast Antons gab sie nicht Bescheid.
    Als sie in den Salon gingen, fragte Delnitzky seine Braut, die er am Arm
fhrte:
    Warum hast Du vorhin nicht mit mir angestoen?
    La mich, antwortete Sylvia in nervsem Tone, - ich habe Kopfweh.
    Und dieses Kopfweh ward ihr zum Vorwand, sich ohne Verzug zurckzuziehen.

In ihrem Zimmer angelangt, war ihr erstes, die Fenster aufzureien.
Vorsichtshalber war von der Dienerschaft, als das Gewitter losging, alles
verschlossen worden, aber jetzt war das Unwetter vorbei und Sylvia lechzte nach
Luft. Die Sonne war schon untergegangen, aber noch war es Tag. Abgekhlt,
regenfeucht, schwer duftend strmte die Luft herein. Von den Bumen und Bschen
tropfte es noch herab; am Horizont, bald hier, bald dort, flammte es
wetterleuchtend auf - ein frmliches Lichtgeknatter ...
    Sylvia lie sich ein paar Minuten von den fchelnden Lften die heie Stirne
khlen, dann ging sie zur Tr und schob den Riegel vor. Es wre ihr unangenehm
gewesen, wenn jetzt ihre Mutter hereingekommen wre. Wollte sie vielleicht
nachsehen und fnde die Tr verschlossen, so werde sie in der Idee, Sylvia
schlafe, wieder fortgehen.
    Das junge Mdchen warf sich in die Chaiselongue und schlo die Augen: Also
jetzt: die Beichte - -
    ... Ich bin schuldig ... Flatterhaft - und - - wie soll ich's nur nennen?
wie? einfach beim Namen, im Beichtstuhl lgt man nicht - beschnigt man nicht: -
sinnlich bin ich. Meine Liebe zu Toni, die ja erst unter seinem ersten Ku so
mchtig aufgeflammt - ist es berhaupt Liebe? Eigentlich nein, da er mir jetzt
so oft mifllt - da so vieles, was er mir sagt, mich wie mit einem kalten
Wasserstrahl berhrt ... Und dasselbe, was ich - bei jenem ersten Ku - in Tonis
Armen empfand, es hat mich heute - und noch viel heftiger - durchzuckt, als Hugo
Bresser - - Hugo liebt mich ... das habe ich deutlich gefhlt ... Er hat es ja
auch gesagt: der Augenblick, der ihn zum Gott gemacht - den hat er erst heute
erlebt ... Das war der Augenblick, in dem er mich - die nicht Widerstrebende! -
ans Herz gedrckt ... Ich habe ihm zugetrunken ... sagte ich damit nicht: Ich
verstehe Dich? Was wird er jetzt hoffen drfen und was werde ich frchten
mssen? ...
    Es wurde an der Trklinke gerttelt.
    Ich bin's, mein Kind ... Hast Du Dich niedergelegt?
    Sylvia schwankte. Sollte sie der Mutter ffnen? Sollte sie dieser bewhrten
Freundin gestehen, was in ihrem Innern vorging? Ach, wute sie es denn selber?
... Nein - zuvor mute sie mit sich ins Klare kommen.
    Sie gab keine Antwort und Martha entfernte sich wieder.
    Jetzt schlo Sylvia das Fenster, lie die Vorhnge herab und machte Licht.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und nahm die darauf stehende Photographie
Delnitzkys in die Hand.
    Lange betrachtete sie das Bild. Dabei stiegen ihr Erinnerungen an die
zrtlichkeits- und glcksvollen Gefhle auf, die sie noch vor Kurzem bei Anblick
dieser Zge erfllten ... das ist doch Liebe - -
    Gleich darauf aber regte sich der Zweifel:
    ... Ist denn aber auch eine solche Liebe, wie ich sie jetzt durchschaut
habe, meiner wert? ... und ist nicht sogar diese im Schwinden begriffen, da ein
anderer imstande war, einen Augenblick in mir gleiche Regungen zu wecken? ...
Und da ich erkannte, wie dieser andere in seinem Denken und Fhlen ber den
Verlobten hinausragte? Welcher Schwung in Hugo Bressers Worten, und Toni nannte
das geschwollenes Zeug. Nun ja, im Grunde ... es klang etwas exaltiert - und
wer wei, ob es aufrichtig war - ob es nicht galt, mich zu faszinieren - eine
Art gesprochene Fortsetzung der khnen Umarmung im Garten? ... Vielleicht war
auch nur das Gewitter daran schuld, da ich in jenem Augenblick wie unter einem
elektrischen Schlag erbebte ... ich liebe ja diesen Herrn Bresser nicht - mein
Herz hab' ich dem Toni geschenkt ... Mein Herz? Oder ist's - -? Gleichviel: ich
bin ja, wie jedes junge Menschenkind, ein Ding von Seele und Leib - mit warmem
Blut ... Aber die Ehe - mein Gott, die Ehe ... dieses lebenslngliche Einssein
... wenn da die Seele zu kurz kommt? ... Und da hilft kein Leugnen: in der
letzten Zeit haben hundert Dinge, die ich an Toni entdeckt oder die ich an ihm
vermit habe, meine Liebe momentan wie ausgelscht - freilich entbrannte sie
dann von neuem ... Wenn aber die Augenblicke des Verlschens immer hufiger und
immer lnger werden? ... Noch wre es Zeit, zurckzutreten - - -
    Jetzt malte sie sich diese Alternative aus: die abgebrochene Verlobung. War
das nicht Pflicht, wenn auch schmerzliche Pflicht - denn der Gedanke tat ihr weh
... Doch, war sie es nicht ihrer und auch seiner Zukunft schuldig, einen Bund zu
lsen, der - wie es sich nun zeigte - nicht auf zweifel- und reueloser Gesinnung
ruhte? ...
    Mit raschem Entschlu ffnete sie ihre Mappe, um einen Abschiedsbrief zu
schreiben.
    In der Mappe lag ein Zettelchen, das einst zwischen die Blumen des ersten
Brautbuketts gesteckt war, das sie von Delnitzky bekommen.
    An das Zettelchen hatte sie nicht mehr gedacht und sie schob es jetzt
beiseite, um einen Briefbogen hinzulegen. Dabei streifte ihr Blick den Inhalt -
den hatte sie auch vergessen gehabt:
    Mein Glck ber das erhaltene Ja ist so gro, da es kein Ma dafr gibt.
Nur etwas htte noch grer sein knnen: meine Verzweiflung, wenn es nein
geheien htte.
    Die Worte drangen in Sylvias Innere wie ein flehender Schrei: Um
Gotteswillen, la von Deiner Absicht ab - strze mich nicht in Verzweiflung!
    Sie malte sich nun den Schmerz aus, den sie daran war, dem geliebten - ja
dennoch geliebten - Manne zuzufgen. Daran knpfte sich noch eine ganze Kette
anderer peinlicher Vorstellungen: das rgerniserregende Aufsehen, das eine
zurckgehende Verlobung erregen wrde; die Krnkung ihrer Mutter, der Tadel
Rudolfs, die Vorwrfe der anderen und - was schlimmer war als alles brige - der
Triumph Hugo Bressers, der mit diesem ihrem Entschlu Auslegungen und Hoffnungen
verbinden knnte, die ganz falsch wren. Ganz falsch. Ob sie nun mit dem
Brutigam brechen wrde oder nicht, ihrer Wrde war sie es schuldig, den jungen
Schriftsteller fernzuhalten.
    Sie war wieder ganz schwankend geworden.
    Zur Probe nur wollte sie den Brief aufsetzen - unter dem Vorbehalt, ihn
nicht abzuschicken.
    Sie tauchte die Feder ein. Dabei sah sie den Diamantring an ihrem Finger
blitzen, der das erste Geschenk ihres Brutigams gewesen. Wie hatte damals das
hbsche Kleinod sie gefreut - durch seine geheimnis- und weihevolle Bedeutung
gefreut: der Verlobungsring, das Pfand des gegebenen, fr das Leben bindenden
Wortes ... Leise bewegte sie die Hand hin und her, um die Steine funkeln zu
machen.
    Und ist ein Wortbruch nicht auch eine hliche Handlung? Wahrlich, sie wute
nicht, wo ihre Pflicht lag ...
    Immerhin, der Brief konnte ja fr alle Flle geschrieben werden. Sie tauchte
die wieder trocken gewordene Feder ein zweites Mal in die violette Tinte:
    Mein lieber Graf Delnitzky - -
    Sonderbar, wie ihre Hand zitterte - das war ja gar nicht ihre Schrift ...
    Verzeihen Sie den Entschlu, zu dem mich reifliche berlegung brachte -
weder ich noch Sie knnten glcklich werden -
    Sie strich die ganzen Zeilen wieder durch. Wie war das matt ausgedrckt ...
Einem Menschen einen Dolch ins Herz stoen und hflichst um Entschuldigung
bitten, fr diesen reiflich berlegten Entschlu ... So geht es nicht ... es
geht berhaupt nicht!
    Sie sprang von ihrem Sitze beim Schreibtisch auf und lief zum Bett, an
dessen Rand sie sich auf die Knie warf, das Gesicht in die Decken vergrabend.
Beten wollte sie und - weinen.
    Sie sthnte laut auf: Toni, Toni, lieb' ich Dich denn nicht mehr? Und doch,
ich kann - ich kann Dir nicht Lebewohl sagen. Beides ist so schrecklich traurig:
der Verlust meines Glcksgefhls, meines Liebesrausches oder - der Abschied von
Dir!
    Ihre schmerzliche Erregung lste sich in Trnen. Fast eine Stunde lang blieb
sie auf den Knien liegen und schluchzte - zuerst heftig, dann immer leiser.
    Eine groe Mdigkeit berkam sie und die vom Weinen brennenden Augen fielen
ihr schlaftrunken zu. Dabei durchrieselte ihre Glieder ein eigenes erschlafftes
Wohlgefhl. Sie raffte sich auf und machte ihre Nachttoilette, voll Sehnsucht
nach der vollen Ruhe des Bettes. Sie wollte nichts mehr denken - nur schlafen.
    Das Gefhl des Unglcklichseins hatte sie verlassen ... Ein warmer, linder
Strom von Zrtlichkeit stieg ihr vom Herzen auf zugleich mit Tonis Bild. Warum
hatte sie ihn denn wie einen Toten beweint - er lebte ja und auch ihre Liebe
atmete noch ... Und das Leben berhaupt, das groe, reiche, hat ja so viel
Schnes zu bieten, so viel Ses - unter anderm den Schlaf ... wie kstlich
wrde es jetzt sein, das Bewutsein zu verlieren und in tiefen, tiefen Schlummer
zu versinken ... Sie schlpfte zwischen die khlen Linnen, lschte die Kerze
aus, vergrub den Kopf in die Kissen und mit einem gemurmelten Gute Nacht, Toni
schlief sie in wenigen Minuten ein.

                                       VI


Ist's wahr, Rudi - Du willst kandidieren? Wie freu' ich mich!
    Rudolf blickte berrascht von seiner Zeitung zur Sprecherin auf:
    Woher weit Du? und warum freust Du Dich?
    Beatrix, die mit ihrem Frhstck noch nicht fertig war und sich eben eine
Buttersemmel strich, machte eine rgerliche Kopfbewegung.
    Woher ich's wei? Von fremden Leuten - denn Du hast mich nicht wert
gefunden, mir etwas so wichtiges mitzuteilen. Und ich freu' mich wegen der Ehre
- in der Politik lt sich ja zu hohen Stellungen gelangen ... Vielleicht wirst
Du Minister ...
    Das wre mir nicht unlieb, denn in solcher Stellung knnte ich Einflu
ben, nach der Richtung, die ich trume ... Aber der Weg vom Abgeordneten zum
Minister ist ein gar weiter. Und da ich Dir nichts mitgeteilt? Mein Gott,
Trixi, Du interessierst Dich doch nicht fr Politik?
    Nein, Gott sei Dank, ich interessiere mich garnicht dafr - das heit, wenn
Du einmal dabei bist, da wird's mich schon unterhalten.
    Unterhalten?
    Na ja, wenn's heien wird: der Abgeordnete Graf Dotzky hat eine groe Rede
gehalten ber ... von was redet man da? ... ber Salzsteuer oder ber neue
Gewehre - das wird doch spaig sein.
    Spaig?
    Natrlich wirst Du unter die Konservativen gehen -
    Wie, Du kennst Dich in den Parteibildungen aus?
    Das hat Mama gesagt und Herr von Wegemann -
    Rudolf lchelte: Der allerdings - diesmal ist es aber andrerseits.
    Beatrix fuhr fort: Leute von unserem Rang - scheint's - gehren immer zu
den Konservativen - berhaupt alle anstndigen Leute.
    Ich staune -
    Du wirst mir doch einen guten Platz auf der Galerie verschaffen, wenn Du
Deine erste Rede hltst - das wird mir lieber sein, als ein Theater.
    Ich bin noch nicht gewhlt.
    Als Grogrundbesitzer - auch das wei ich durch Herrn von Wegemann - bist
Du ja berechtigt ...
    Ja, wenn ich einer ihrer Parteien mich anschliee, was ich nicht tun will.
Ich beabsichtige - - aber das verstehst Du wieder nicht; ber meine Gesinnungen
und Plne wird Dich Minister Allerdings nicht unterrichtet haben, denn die
liegen auerhalb der Sphre seines politischen Denkens. Ich habe ihm einmal ein
paar Andeutungen gemacht, da schaute er mich aber so verstndnislos an, als
htte ich japanisch gesprochen. Wenn ich Dir nun erklren wollte -
    Nein, das brauchst Du nicht - mir ist auch alles japanisch, was in den
hohen Husern verhandelt wird. Lese niemals diese Rubrik in den Zeitungen ...
das ist nichts fr uns Frauen. Wenn man nicht lateinisch und griechisch gelernt
hat - das bildet ja den Verstand und auch das knnen ja nur die Mnner ... Und
berhaupt, alles Politische, es ist so fad ... Vielleicht nicht fr die Mnner,
aber die haben einen ganz andern Geist - -
    Du wrdest in der Frauenfrage nicht auf seiten Deiner
Geschlechtsgenossinnen stehen, wie ich sehe?
    Von Emanzipation - ausgenommen das Zigarettenrauchen - will ich nichts
wissen ... Wrdest Du Dir eine emanzipierte Frau wnschen?
    Was Du Dir darunter vorstellst - allerdings nicht. berhaupt wnsche ich
mir ja keine andere Frau - Du bist ein lieber Schatz ... Und ich bitte Dich -
bleib Deiner Abneigung gegen Politik treu, auch fr den Fall, da ich mich
hineinstrzen mte: Versuche dann nicht, mir eine bestimmte Richtung zu
suggerieren, wie vorhin mit dem Konservativsein der anstndigen Leute ... Was
macht unser Fritzi? Hat ihn das Mdchen in den Garten getragen?
    Ja, unter die Linde ... komm, gehen wir hin. Und sie stand auf.
    Geh Du - ich habe zu arbeiten.
    Aha, da sieht man schon den Staatsmann, sagte Beatrix lachend. Sie ging
hinter Rudolfs Stuhl, legte ihm den Arm um den Hals und kte ihn auf die Stirn.
Er mu arbeiten - sterreichs Geschicke lenken und vernachlssigt Weib und Kind
- adieu denn, zerbrich Dir nicht den geliebten Schdel ... Gib mir ein Busserl.
    Er legte die Zeitung aus der Hand und zog seine Frau zu sich herab.
    Noch zwei, Trixi - auf jedes Deiner Wangengrbchen ... Adieu - ich lasse
unsern Kronprinzen gren.
    Fr den werd' ich ein neues Wiegenlied dichten:

Schlaf, Kindchen schlaf,
Dein Vater ist ein Graf.

Das ist nicht sehr neu ...
    Warte nur:

Schlaf, Du kleiner Arier,
Dein Vater ist ein Parlamentarier.

Leichten Schrittes eilte sie durch die offene Fenstertr in den Garten hinaus.
Dabei flatterte das weie Spitzengewoge ihres Schlafrocks und die Strahlen der
Morgensonne verfingen sich goldig in ihr flockiges Blondhaar.
    Mit lchelndem Wohlgefallen blickte ihr Rudolf nach:
    Vgelchen liebes! ... Kolibri - ser ... und von einem Kolibri verlangt
man doch kein Adlerhirn ...
    Dann stand er auf und begab sich in den ersten Stock in sein Arbeitszimmer.
    Dieser Raum war im Hause unter dem Namen der Harlekinsaal bekannt. Wie das
zweifarbig geteilte Kleid der Komdienfigur, war das Arbeitszimmer des
Schloherrn in zwei abstechende symmetrische Hlften geteilt. An jedem Ende in
tiefer Nische breite Doppelfenster, durch die das Grn der Bume sichtbar ist.
Sowohl am rechten wie am linken Ende ein groer Schreibtisch, so gestellt, da
das Licht nicht gegen die Hand falle. Dort wie da Bcherschrnke, dort wie da
Wandschmuck. Aber die eine Hlfte in lichtem, die andere in dunklem Holz. Die
eine Hlfte eine Kanzlei, die andere was in englischen Landhusern studio
heit.
    Die Zweiteilung von Rudolfs Berufsleben spiegelte sich in dieser Anordnung.
Hier: die Wirtschaftsbcher und Katastralmappen; die Geschftsbriefe,
Steuerbogen, landwirtschaftliche Zeitungen, Prospekte von Maschinenfabriken und
Samenhandlungen; Versicherungs-Polizen, Muster von Holz- und Steingattungen;
eine ganze Bcherei von Fachwerken ber Feld- und Gartenbau, ber Obstzucht und
Viehzucht, ber Milchwirtschaft und Waldkultur. An den Wnden Hirsch- und
Rehgeweihe, photographische Ansichten der zu der Domne gehrigen Meierhfe,
Pferdebilder, und dergleichen mehr. Dort: der Arbeitstisch bedeckt mit Monats-
und Wochenschriften sozialpolitischen Inhalts; unter Briefbeschwerern die zu
erledigenden Briefe von berhmten Gelehrten und Schriftstellern, mit welchen
Rudolf in regelmiger Korrespondenz stand. Ein Paket Bcher - eben heute vom
Wiener Buchhndler zur Ansicht bersandt, immer die hervorragendsten
Neuerscheinungen der wissenschaftlichen Literatur. Diesmal: der letzte
Nietzsche, Gtterdmmerung, Looking backward von Bellamy; Herbert Spencer:
Grundlage der Ethik; Carus Sterne: Alte und neue Weltanschauung; Carneri:
Entwicklung zur Glckseligkeit. Im Bcherschranke die Werke von Marx, Lassalle,
Engel, Henry George, Auguste Comte, Litr Ernst Haeckel, Stuart Mill, Huxley,
Buckle, Strau, Virchow, Berthelot, Alfred Fouille, Guyeau u.a. In einem
offenen Bcherregale neben dem Schreibtisch eine Reihe von Nachschlagewerken,
Lexika und Wrterbcher; in einem andern eine Sammlung von Lieblingsdichtern;
Goethe, Byron, Viktor Hugo, Anastasius Grn, Shelley, Platen, Musset,
Longfellow, und auch von den damals jngsten: Liliencron, Henckell, Hart.
Daneben Prosadichtungen, wie Tolstois Krieg und Frieden, wie Zolas Germinal. Als
Wandschmuck Sternkarten und Photographien berhmter Gemlde lebender Knstler:
Gabriel Max, Bcklin, Klinger, Piglheim, Wereschagin. Auch einige Portrts:
Darwin, Ibsen, Richard Wagner.
    Rudolf hatte sein Arbeitszimmer in der Absicht aufgesucht, ein Programm fr
seine Kandidatur aufzusetzen. Da er sich auf keine der bestehenden Parteien
einschwren wollte, so mute er darauf verzichten, sich einfach einer der
Gruppen des Grogrundbesitzes anzuschlieen; er beabsichtigte, sich in Wien
whlen zu lassen, auf Grund seiner eigenen politischen Ideale.
    Darber wollte er nun ein Programm entwerfen. Noch kein definitives fr
Druck und Verteilung bestimmtes, sondern zunchst fr sich selber. Mit sich
mute er erst einig werden, in welche Form die ihm vorschwebenden Ziele
einzukleiden seien. Ein tchtiges, ernstes Stck Arbeit.
    Ehe er sich zum Schreibtisch setzte, trat er ans Fenster. Von hier aus sah
er ein hbsches Bild:
    Im Schatten der alten Linde, unter der Hut eines Mdchens in russischem
Bauernkostm, die rosa Wiege seines Sohnes und eben aus einer Nebenallee
herbeieilend, in ihrem flatternden weien Kleide, Beatrix. Nun war sie zur
Stelle und beugte sich ber das Wgelchen. Rudolf blieb beim Fenster stehen und
schaute der kleinen Familienszene zu. Am liebsten wre er hinuntergegangen, um
sie durch seine Gegenwart zu vervollstndigen. Aber er war ja da, um zu
arbeiten.
    Zgernd verlie er die Fensternische und sein Blick fiel - am anderen Ende
des Harlekinzimmers - auf den Arbeitstisch des Landwirts, worauf ein Paket
lag, das er nicht kannte - da mute er doch nachsehen: vielleicht etwas
Dringendes
    Er ging hin, nahm das Pckchen zur Hand - es war inzwischen von der Post
gekommen -, entfernte die Hlle und fand - was er bestellt hatte - einige kleine
Modelle von Dresch- und Semaschinen. Die Dingerchen interessierten ihn lebhaft.
Schon wollte er die Klingel ziehen, um den Verwalter rufen zu lassen; doch
rechtzeitig besann er sich, da es jetzt anderes zu tun gab. Nichts Geringeres
als ein Programm aufzusetzen, das den Ausgangspunkt seiner ffentlichen Laufbahn
bilden sollte.
    Nachdenklich schritt er zum Schreibtisch des studio zurck. Zum erstenmal
stieg ihm ein Gedanke auf, der in der Folge sich oft einstellen sollte: Man
kann nicht zween Herren dienen. Und gar dreien: die Familie, die Landwirtschaft
und ein Apostolat. Dazu noch alles, was mit seiner Lebensstellung zusammenhing:
der Umgang mit den Standesgenossen und die daraus erwachsenden geselligen
Pflichten, die Nachbarschaften mit ihren Besuchen, ihren Jagden; die Jagden auf
der eigenen Domne, bei welchem Anla Brunnhof sich mit Gsten fllte und wobei
die Tage und Abende nur mit Sport und Billard- und Kartenspiel gefllt waren;
ein Gesellschaftskreis, dessen Interessen und Begriffe von den Interessen und
Begriffen, die seine Lebensaufgabe abgaben, durch einen Abgrund getrennt waren.
    Doch, den Gedanken: man kann nicht zween Herren dienen suchte Rudolf
abzuschtteln; man hat eben einen ganzen Kreis von Pflichten und mu allen
gerecht werden knnen ... alles zu seiner Zeit ... und das Leben will auch
genossen sein ... ich werde doch den Freuden, die mir von meinem huslichen und
geselligen Leben geboten werden, nicht allen entsagen sollen ... und auch die
den nchsten Kreisen schuldigen Rcksichten darf man doch nicht auer acht
lassen, wenn man in der ffentlichkeit wirken wollte. Man mu nur in den
Stunden, die man einer gewissen Sache widmen wolle, auch ganz bei der Sache sein
... An die Arbeit!
    Er legte ein weies Blatt vor sich hin und nahm die Bleifeder zur Hand. Die
Stirn in die linke Hand gesttzt, blieb er lange in Nachdenken versunken.
Mechanisch fhrte die rechte Hand Arabesken auf dem oberen Rand des
unbeschriebenen Blattes aus. Seine Gedanken zogen weite Kreise. Den ganzen
Komplex seiner Einsichten, Schlsse, Sehnsuchten umfaten sie. Den Untergrund
bildete das Bewutsein, im Besitz einiger groer, im politischen Leben und in
sozialen Einrichtungen noch ganz neuer Wahrheiten zu sein. Die muten deutlich
herausgekehrt, die muten formuliert werden. Damit theoretische Wahrheiten sich
in politische Institutionen, in soziale Sitten umwandeln, dazu mssen sie in die
Kpfe der Leiter und der Massen dringen. Zu der Ausfhrung weittragender Ideen
ist dem einzelnen Abgeordneten freilich keine Macht gegeben ... Werksttte ist
das Parlament ja nicht, aber eine Tribne ist es. Der Predigt in einer Kirche
lauscht nur eine kleine Gemeinde; die Parlamentsrede, von allen Blttern
wiedergegeben, dringt ins ganze Land und ber die Grenzen hinaus.
    Und nun begann er zu schreiben. Einzelne Hauptworte, durch Punkte getrennt.
Gewissermaen Leitmotive, Absteckpfhle.
    Gemeinwohl. Gerechtigkeit. Vershnung. Und noch eine ganze Reihe so fort.
Als er die Liste berlas, fiel ihm auf, da diese Worte, die bei der
Niederschrift mit ganzen Begriffsketten und Bilderreihen seine Seele erfllt
hatten, voll Gre und voll Verheiung - - da diese Worte abgegriffene Mnzen,
schlimmer noch: falschen Spielmarken glichen; denn seit Jahren und Jahren und
immer wieder, bei jeder neuen Programmrede, in jedem Wahlaufruf wurden solche
und hnliche Worte vorgebracht, - wie sollte da mit das Neue und Erhabene, das
ihm vorgeschwebt hatte, wrdig ausgedrckt werden? Goldechtes Gold war's, was er
seinen Mitmenschen htte bringen wollen; wenn er ihnen aber auch nur diese
alten, verbogenen Messingmarken brachte, wie sollten sie Vertrauen fhlen - wie
den verheienen Schatz erkennen? Freilich - Gerechtigkeit, Vershnung und
Gemeinwohl; besseres knnte ja ein Volksvertreter nicht versprechen; das
traurige ist nur, da es noch von allen jenen versprochen worden, die das
Gegenteil verfolgen, die statt der Gerechtigkeit - der Gewalt Vorschub leisten,
die statt Vershnung - Verhetzung betreiben; die das Wohl der Parteifraktion
ber alles andere stellen. Fr die meisten bedeutet Politik eben gar nichts als:
Kampf der Klasseninteressen. Oder auch ein Sprungbrett fr persnlichen Ehrgeiz,
ein gnstiger Posten zur Erlangung eigenen Vorteils. Und die ausgegebene Parole
heit immer Gerechtigkeit, Gemeinwohl.
    Rudolf suchte nach einem andern Wort. Was not tut, ist nicht das Herzhlen
der in allen Morallehren, allen Katechismen, allen Festansprachen wimmelnden
Tugendnamen; was not tut, ist - jetzt hatte er das Wort: Verwirklichung.
    Er tat einen tiefen Atemzug. Wie eine Welle der Energie und des Tatendranges
hatte es ihm durch die Brust geflutet. Er sprang auf und ging im Saale auf und
nieder. Jetzt hatte sein Gedankengang eine andere Richtung. Tun, tun? Was kann
ein einzelner Abgeordneter denn tun in seiner engen Machtsphre? Er kann
fordern. Die Versprechungen und Phrasen, die aus allen Regierungsprogrammen und
in den Thronreden ebenso tugendhaft und ebenso - leer wimmeln, wie in den
Kandidatenreden, die kann man festhalten - auf ihre Verwirklichung kann man
bestehen.
    Beim Wort nehmen - das war's. All das schal und hohl gewordene Geklingel der
groen Worte, wie mte das zu herrlich brausender Harmonie anschwellen, wenn
man den Sinn herauslste und den Sinn zwnge, Tat zu werden. Ein sekundenkurzes
Leuchten fuhr durch Rudolfs Seele. Wie eine bei Nacht durch einen Blitz erhellte
Landschaft, so deutlich, aber auch so flchtig erschien ihm eine ganze Reihe von
lebendig gewordenen Worten: Wohlstand, Freiheit, Frieden, Recht ... diese vier
ineinander geschmolzen als der herrliche Begriff Glck. Nicht nur allen
versprochener, sondern fr alle erreichter Wohlstand, wahre Freiheit,
herrschendes Recht, gesicherter Frieden.
    Dann ward es wieder finster. Aber er hatte dabei das Bewutsein, da er
spter das Licht wieder herbeischaffen knne; nur ein Sichsammeln, ein kurzes
Anstrengen, und der blendende Ideenschatz wre wieder da, um sich heben zu
lassen - Perle fr Perle, Diamant fr Diamant - - Also an die Arbeit, sofort!
    Herr Graf - ein Telegramm.
    Rudolf war ber die Strung ungehalten. Aber natrlich, mit einer Depesche
durfte der Diener jederzeit in das Heiligtum des Arbeitszimmers einbrechen; es
konnte ja etwas Unaufschiebbares sein.
    Diesmal war es die Nachricht, da am folgenden Tage Brunnhof Einquartierung
bekommen sollte. Die diesjhrigen Manver fanden auf wenige Meilen Entfernung
statt. Der Quartiermeister wrde in zwei oder drei Stunden der Depesche
nachfolgen. Angesagt waren fr das Schlo: ein General, ein Oberst und mehrere
Offiziere.
    Da muten sogleich Vorbereitungen getroffen, Befehle erteilt werden. Mit dem
Programmschreiben war es vorlufig vorbei. Und nicht nur mit diesem, sondern mit
der ganzen Stimmung. Als Endaufgabe die Herbeifhrung von Zustnden, in welchen
die Vlker befreit sein sollten von Militrlasten und Kriegsgefahren - und als
nchstliegende Aufgabe die reichliche, herzliche, frhliche Bewirtung von
Militrs, die eben von der Kriegsprobe kamen. - Man kann nicht zweien Herren
dienen ...

                                      VII


Hugo Bressers Leidenschaft war durch die Zwischenflle jenes Gewittertages zu
hchster Glut entfacht. Zuerst der selig-schwle Augenblick, da er Sylvia im Arm
gehalten, dann die Exaltation, in die er sich bei Tische durch die eigenen Worte
hineingeredet, wobei er sah, wie des geliebten Mdchens Blick an seinen Lippen
hing; dann ihre Gebrde, als sie ihm zutrank; zuletzt ihre Flucht aus dem Salon:
- ihm war, als sei jetzt zwischen ihnen beiden ein Einverstndnis. Hei und
heftig empfand er, da etwas Neues in sein und in ihr Leben getreten war. Sie
liebten sich - sie muten einander angehren, trotz aller Hindernisse ... die
Verlobung wrde sie rckgngig machen - -
    Bresser hatte am folgenden Morgen schon um acht Uhr von Brunnhof wegfahren
mssen, weil er in Wien zu Mittag einer Konferenz jener Unternehmer beizuwohnen
hatte, die das neue Blatt grndeten, dessen Feuilletonredaktion ihm zufallen
sollte.
    Natrlich hatte er zu so frher Morgenstunde keine der Damen des Hauses mehr
sehen knnen; aber fr Sylvia hatte er eine stumme Botschaft hinterlassen in
Form eines Struchens, das er selbst im Garten gepflckt und gebunden, und das
er Sylvias Kammermdchen mit dem Auftrag bergeben, es auf ihrer Herrin
Toilettetisch zu legen. Es war ein - im Grunde nicht gar geschmackvoll
zusammengestelltes - Struchen, nur aus roten Blten bestehend. Eine Rose, ein
paar Fuchsien, drei Mohnblumen, und herum ein Doldenring von brennender Liebe.
Sie wrde schon verstehen, was er damit sagen wollte.
    Er bestieg ein leeres Coup. Seine Gedanken flogen von den gestrigen
Ereignissen zu der bevorstehenden Konferenz und schnell wieder zu dem Bilde
Sylvias zurck. Die Grndungs-Angelegenheit interessierte ihn nun doppelt, da es
ihm sehr erwnscht kam, gerade jetzt festen Fu in der Journalistik und in der
Schriftstellerlaufbahn fassen zu knnen. Liebe feuert den Ehrgeiz an. Er wollte
Groes erreichen mit seiner Feder. Groes als Dichter, vielleicht noch Greres
als Publizist. Einen neuen, hher gestimmten Ton in die Tagespresse einfhren,
fr die Ziele sozialer Entwicklung wirken, dem idealen Streben Rudolfs - ihres
Bruders - die Sttze der ffentlichkeit leihen, ihm helfen, indem er die
Gedanken, die Rudolf im Parlament vertrte, in dem neuen Blatt entwickeln
wollte. Denn neben der alleinigen Leitung des Feuilletons sollte ihm auch eine
Spalte im politischen Teile zur Verfgung stehen. Das war ein Kampffeld, auf dem
bedeutende Siege zu holen waren. Und er wollte siegen. Er wollte, da sie auf
ihn stolz sein knne. Wer wei, auch die Bhne konnte er erobern. Ein ganzer
Schwarm ungeborener Dramenstoffe schien in seinem erregten Hirn zu wirbeln -
nebst Ruhm wrde er auch ein Vermgen sich erschreiben. Schwert und Szepter und
Zauberstab sollte ihm seine Feder sein ...
    Auf einer Zwischenstation stieg ein alter Herr ein - zufllig ein Bekannter,
ein Berufsgenosse seines Vaters.
    Es wre Hugo viel lieber gewesen, allein zu bleiben. Er fhlte sich gestrt,
wie jemand, den man beim Schatzzhlen unterbrochen hat.
    Ah, guten Tag, Bresser - das ist ja ein sehr angenehmes Zusammentreffen!
Sie sehen prchtig aus - und so strahlend!
    Der Ausruf war gerechtfertigt. Aus den Augen des jungen Mannes blitzte
solches Feuer, ein so sieghafter Ausdruck belebte seine Zge, da es auffallen
mute.
    Kommen Sie von einer Kaltwasserkur oder fahren Sie nach Wien, einen
Haupttreffer zu beheben? fragte der andere lachend. Sie sehen mir nach beidem
aus.
    Nun war es mit dem schnen Sinnen und Trumen vorbei, Hugo mute sich fr
den Rest der Fahrt in ein banales Gesprch einlassen.
    In Wien angelangt, begab er sich in ein Caf, wo er frhstckte und die
Zeitungen las. Nicht nach den Nachrichten als solchen suchte er in den Blttern,
sondern er musterte die Anordnung, kritisierte den Stil und die Tendenz der
Kommentare, und verglich damit im Geist das Idealblatt, welches an diesem Tage
ins Leben treten sollte.
    Und wenn er durch die breite Fensterscheibe, neben der er sa, auf die
Strae blickte, wo so manche hbsche junge Frauengestalten vorbereilten -
Verkuferinnen, die nach ihren Geschften gingen - da betrachtete er auch diese
nicht wie sonst um ihrer selbst willen, sondern verglich sie mit dem idealen
Mdchen, das er zwar schon lange im Herzen trug, das ihm aber seit gestern zum
einzigen Weib auf Erden geworden war.
    Als er in das Sitzungslokal - im Bureau eines groen Bankhauses - kam, waren
schon einige der Herren anwesend. Nach weiteren zehn Minuten war man vollzhlig:
der Besitzer des Bankgeschftes und neben ihm drei andere Finanzgren; zwei
Advokaten, mehrere Reichsrats- Abgeordnete, darunter ein Minister a. D., ein
einstiger Zeitungsherausgeber und eine Anzahl junger Schriftsteller. In der
Reihe der letzteren galt Bresser als einer der Haupttrger des neuen
Unternehmens; ihm hatte man bei den Vorbesprechungen die meisten Anregungen zu
danken gehabt, und von ihm waren die Prospekte aufgesetzt worden, die man zur
Anwerbung von Mitgliedern fr das Grndungskomitee versendet hatte.
    Von einigen der Grundstze und Programmpunkte, die in jenem Prospekt
enthalten waren, war man im Verlaufe der Sitzungen schon abgekommen und manches
Neue hatte sich eingeschoben. Heute galt es, zu endgltigen Entschlssen zu
gelangen und ber die Finanzierung ins Reine zu kommen. Von verschiedenen Seiten
waren Beteiligungsbetrge gezeichnet worden, aber die anwesenden Kapitalisten
waren erst diejenigen, die den Ausschlag zu geben hatten, denn das von den
anderen Gezeichnete htte nicht zum zehnten Teile gengt, das Unternehmen
lebenskrftig zu gestalten. Ein Jahr oder besser noch, zwei Jahre mute man
arbeiten knnen, ohne auf Gewinn zu rechnen, vielmehr mute man gefat sein, im
Anfang grere Betrge zuzusetzen; das Blatt mute eine Zeitlang in Massen
gratis versendet und in allen Cafs aufgelegt werden, damit das Publikum sich an
dessen Physiognomie gewhne. Eine Zeit der Aussaat hatte vorauszugehen - dann
erst konnte man auf eine Ernte zhlen. Die grten Autornamen sollten fr die
literarischen Beitrge gesichert werden, indem man hhere Honorare bewilligte
als jede andere Zeitung. Auch im politischen Teile sollten unterzeichnete
Artikel von hervorragenden Publizisten des In- und Auslandes erscheinen; der
Nachrichtendienst sollte durch Original-Depeschen und Original-Korrespondenzen
aus allen Hauptstdten versehen werden - und alles das erforderte groe Summen.
Wenn man aber erst das reichhaltigste, bestinformierte, literarisch vornehmste,
unabhngigste - kurz das fhrende Blatt geworden, dann htte man nicht nur eine
hohe kulturelle Tat vollbracht, indem man das Niveau der Tagespresse gehoben,
dann htte man nicht nur veredelnden Einflu auf den Geist der Bevlkerung und
vielleicht auch wohlttigen Einflu auf den Gang der inner- und auerpolitischen
Ereignisse gewonnen - auch in finanzieller Hinsicht wrde man reichlichen Gewinn
erzielen. Schon bei einer Anzahl von dreiigtausend Abonnenten wrde das
angewandte Kapital sich verzinsen, und hielte man nur zwei Jahre aus, so mute
die Zahl der Abonnenten und Kufer eine weit bedeutendere Hhe erreichen.
    Das waren so die Ideen gewesen, auf welchen sich der groe Zeitungsplan
aufgebaut hatte.
    Und nun sollte die entscheidende Sitzung beginnen. Bresser fhlte sich in
gehobener Stimmung. Hier erffnete sich ihm ein reiches Wirkungsfeld. Die roten
Blumen, die Sylvia um diese Stunde schon gefunden haben mute, waren in seinem
Bewutsein mitgegenwrtig. Und selbst, wenn sie Grfin Delnitzky wurde ... ihr
Herz konnte in einigen Jahren doch dem erfolgreichen Dichter sich zuwenden ...
    Aber jetzt war berhaupt nicht der Augenblick, an Liebe zu denken. Dieser
Augenblick gehrte der praktischen Arbeit, dem Lebensberuf. Es war ein
bedeutender, zukunftsentscheidender Wendepunkt.
    Als Vorsitzender fungierte der Besitzer des Bureaus. Er erffnete die
Sitzung, indem er die Fondsbeschaffungsfrage zur Diskussion stellte und daran
die Mitteilung knpfte, da er von zwei Kapitalisten, deren Beteiligung schon in
sichere Aussicht genommen war, am selben Morgen Briefe erhalten hatte, worin
unter verschiedenen Vorwnden das gegebene Versprechen wieder zurckgenommen
wurde. Was mich betrifft, fgte er hinzu, so bleibe ich natrlich im Wort.
Hunderttausend Gulden will ich dem Unternehmen zuwenden, nur mu ich noch eine
Bedingung stellen, die brigens weiter keine Schwierigkeit machen und die wir
erst beim nchsten Punkt der Tagesordnung - Programm - errtern wollen. Das Wort
hat nun Herr Baron Glasschild.
    Der Genannte, ein behbiger Fnfziger mit ausgeprgt orientalischen Zgen,
rusperte sich, klemmte seinen Zwicker auf die Nase und sagte:
    Was ich zu bemerken htte, bezieht sich ebenfalls auf den Programmpunkt.
Aber ich will es lieber gleich jetzt vorbringen, denn es ist mir sehr wichtig.
Nmlich das: in dem Prospekt, den ich erst heute genau gelesen habe, finde ich
etwas, was durchaus hinaus mu ... Er nahm eines der auf dem Tische liegenden
Exemplare zur Hand - hier steht's: Bekmpfung des Antisemitismus.
    Die anderen blickten erstaunt auf. Der Baron, selber ein Jude, konnte doch
gegen diesen Programmpunkt nicht eingenommen sein? Dieser aber fuhr fort:
    Wissen Sie, meine Herren, man bekmpft doch nur etwas, was man ernst nimmt
- etwas, was bedrohlich sein kann. Aber der Antisemi - semitismus (mir ist das
bloe Wort schon verhat, man sollte ihm gar nicht die Ehre erweisen, es
auszusprechen) das ist ja eine schon absterbende Verirrung, die aus Deutschland
hereinkam, eine Erfindung des Pastor Stcker, die aber hier keine Wurzel fassen
wird ... dazu ist der Wiener zu gemtlich und zu - fidel, dem passen solche
dstere Verfolgungslehren nicht - auch zu passiv, zu bequem. Glauben Sie mir -
ich kenne unsere Bevlkerung; von den hohen Klassen rede ich gar nicht - ich
verkehre doch mit der hchsten Aristokratie ... na, und die kleinen Brger,
denen fllt so was gar nicht ein. Da sind nur so ein paar Hetzer, die man am
besten durch Totschweigen unschdlich macht. ... Kurz, ich erklre, wenn sich
das Blatt mit dieser Frage berhaupt befassen, das dumme Zeug nur erwhnen
wollte, so ziehe ich meine Mitwirkung zurck. Hat sich was: Antisemitismus ...
Unsinn, weiter nichts - und soll auch als Unsinn behandelt, d.h. also in einer
ernsten Publikation gar nicht behandelt werden. Dixi.
    Bresser erbat sich das Wort.
    Da ich der Urheber jenes Programmpunktes bin, so mu ich doch zu seiner
Verteidigung und Begrndung einige Argumente vorbringen.
    Bringen Sie vor, was Sie wollen, unterbrach der Baron, ich gehe von
meinem Entschlu nicht ab. Ein Blatt, das ostentativ erklrt, eine solche dumme
Frage errtern zu wollen, subventioniere ich nicht - ich nicht.
    Der Vorsitzende fiel ein: Diese Kontroverse kann leicht behoben werden,
sagte er. Ich bin ganz einverstanden, da das Wort Antisemitismus in unserem
Prospekt gestrichen werde. Gegen die Formel: Bekmpfung aller rckschrittlichen
Gesinnungen haben Sie doch nichts einzuwenden, Herr Baron?
    Nein.
    Nun, damit ist auch Ihnen Satisfaktion gegeben, Herr Bresser, denn unter
diesen Sammelnamen mu ja die mittelalterliche Bewegung auch fallen, die Sie
bekmpfen wollen, und die, wenn sie fortfahren sollte, um sich zu greifen,
natrlich in einer Tageszeitung auch besprochen werden mte.
    Ich bin's zufrieden, sagte Bresser.
    Ich aber nicht, versetzte Glasschild. Je mehr die anderen den Unfug
auffallend machen wollen, desto konsequenter mssen wir ihn totschweigen.
brigens, in ein paar Monaten redet so niemand mehr davon.
    Einer der Reichsrte erbat sich das Wort.
    Da wir schon von den Bedenken sprechen, die das Programm unserer geplanten
Zeitung erweckt, so kann ich nicht verhehlen, da mir daran der Mangel einer
strammen Parteiansicht sehr unangenehm auffllt. Wir sind einig geworden, da
wir auf Regierungssubvention verzichten. Gut. Wir werden auch keine Direktive
von oben annehmen, wie wir uns zu dieser oder jener politischen Frage zu uern
haben. Auch gut. Dafr aber mssen wir uns selber eine Direktive geben - einen
festen Weg vorzeichnen - sonst gleiten wir unversehens ins reaktionre oder ins
revolutionre Lager. Hauptsache ist doch, dem liberalen Prinzip zum Sieg zu
verhelfen, nicht wahr? Also ist es doch geboten, da wir in unsern Leitartikeln
die Grundstze und die Taktik der liberalen Partei zielbewut vertreten.
    Die Taktik dieser Partei ist mit ihren Grundstzen oft in direktem
Widerspruch, warf Bresser ein.
    Das beruht dann auf kluger Erwgung der gegebenen Umstnde.
    Opportunismus, murmelte Bresser.
    Nennen Sie es Opportunismus, wenn Sie wollen. Man mu ja doch mit den
realen Verhltnissen rechnen. Man kann, wenn man, um seine Prinzipien desto
besser durchzusetzen, regierungsfhig werden will, nicht in allem Opposition
machen; man mu gewisse Forderungen der Regierung - z.B. in der Militrfrage -
opfermutig bewilligen, schon um sich loyal zu zeigen, um keinen Zweifel an
seinem Patriotismus aufkommen zu lassen. Kurz, man mu, um nicht irre zu gehen,
um das segensreiche Wirken unserer Partei zu untersttzen, fest und unentwegt zu
ihr halten.
    Dazu htte man nicht erst eine neue Zeitung zu grnden gebraucht, bemerkte
einer der Journalisten. Wir besitzen ja in Wien ein Weltblatt, das mit Ihrer
Partei durch dick und dnn geht.
    Bresser ffnete und schlo mehrere Male hintereinander die Lippen - aber er
sagte nichts. Ein zorniges Gefhl stieg ihm in die Kehle - ein Gefhl, das einen
trockenen und bitteren Geschmack hatte. - Macht haben und allein sein: das ist
das einzige, um Groes, Neues durchzusetzen, - sagte er sich im Geiste - statt
all dieser Finanzprotzen, Politikaster und Federfuchser, er allein mit ein paar
Millionen in der Hand, dann flge das Blatt, genau im Geist seines Prospektes
beschaffen, schon in vierzehn Tagen in alle Welt. Die kongenialen Krfte kmen
dam schon von selber herbei. Aber hier - das sah er jetzt kommen, wrde das
Unternehmen an den gegenstzlichen Willensrichtungen scheitern, oder in irgend
ein altes Geleise hineingleiten. Schritte zu machen: zu diesem Beschlu raffen
sich beratende Krperschaften schon auf: aber nur schn vorsichtshalber auf -
ausgetretenem Wege. Einen neuen Weg vorzuschlagen, das wagt immer nur der
einzelne.
    Nach langer Debatte, an der sich Bresser nicht mehr beteiligte, wurde ein
Vorschlag eingebracht und angenommen, dahin gehend, da aus der Mitte der
Teilnehmer eine engere Kommission gewhlt werde, bestehend aus zwei
Kapitalisten, zwei Reichsratsabgeordneten und zwei Schriftstellern, welche ber
die Redaktion, ber die Annahme und Ablehnung von Artikeln als oberstes
Zensuramt und als entscheidende Instanz eingesetzt wrde.
    Diese Wahl wurde auf die nchste Sitzung anberaumt, denn es war mittlerweile
Essenszeit geworden, und der Hunger ist strker als die Liebe - namentlich als
die Liebe zu einem geistanstrengenden Unternehmen.
    Ich bin dabei, sagte der Vorsitzende, konstituieren wir unser
Zensurkomitee das nchstemal und dann soll auch die finanzielle Frage endgltig
gelst werden. Und somit -
    Vor Schlu der Sitzung bitte ich noch ums Wort! unterbrach Bresser mit
erregter Stimme.
    Einige der Herren, die schon im Aufstehen begriffen, setzten sich wieder.
    Also bitte, Herr Bresser, sagte der Vorsitzende.
    Ich wollte einfach meinen Austritt anmelden. Der Verlauf, den die heutigen
Verhandlungen genommen haben, zeigt mir deutlich, da unser ursprnglicher Plan
ganz fallen gelassen wird. Was an dessen Stelle getreten, macht es mir
unmglich, mitzuhalten. Der Verlust wird fr die anderen kein groer sein - ich
habe ja kein Kapital und auch keinen berhmten Namen einzusetzen ... Nur
Arbeitslust htte ich mitgebracht und Begeisterung fr gewisse Ideen. Die
Arbeitslust ist verschwunden, denn gerade die Ideen, die in meinen Augen den
Sinn und den Zweck des neuen Blattes abgaben, wrden der neubeschlossenen Zensur
zum Opfer fallen. Der Begriff Zensur an sich stt schon alles um, was ich von
diesem Blatt getrumt hatte. Wir sollen fr die Freiheit wirken und selber nicht
frei sein? Nun - heute besitze ich noch meine volle Freiheit, ich benutze sie,
um - ich wiederhole es - mich von dem Unternehmen zurckzuziehen.
    Sprach's, empfahl sich und ging.

                                      VIII


Die Kapelle im Schlo Brunnhof war reich mit Grn Blumen geschmckt. Die
Glashuser waren geplndert worden und hatten alle ihre Oleander- und Orangen-
und Palmenbume in Kbeln hergeben mssen, um den Hauptaltar zu umrahmen. Und an
die hohen Wachskerzen, die in den silbernen Kirchenleuchtern brannten, waren
weie Schleifen, Rosen und Kamelien befestigt. Die Rosen, mit welchen man auch
in reicher Flle die Altarstufen bestreute, waren aus Wiener Blumenhandlungen
geschickt, denn in Brunnhof - man schrieb den 12. November - blhten keine mehr.
Vom Eingang der Kapelle bis zu den Betschemeln des Brautpaares lief ein roter
Plschteppich und auch die ersten Reihen der Kirchenbnke waren mit rotem Stoffe
ausgeschlagen.
    Schon fllten sich die hinteren Bnke mit den Dorfbewohnern - in der
nchsten Viertelstunde muten die Herrschaften kommen. Die festgesetzte Stunde -
elf Uhr - schlug eben von der Schlouhr herab. In der Sakristei warteten, in
vollem Ornat, der Prlat des benachbarten Stiftes, der unter der Assistenz des
Pater Protus und dessen Kooperators die Trauung vollziehen sollte. Auf dem Chore
saen und standen die Musiker und Snger bereit - tchtige Krfte aus Wien.
    Unterdessen hatten in einem Saale des Schlosses die Hochzeitsgste sich
versammelt. Es fehlten nur noch die Braut und ihre Mutter.
    Die ganze Gutsnachbarschaft war eingeladen worden und auerdem noch
Verwandte aus Wien und von weiterher - im ganzen etwa sechzig bis siebzig
Personen. Ein Schwarm junger Komtessen, Sylvias Ballgenossinnen der verflossenen
Wintersaisons, unter ihnen die vier Brautjungfern in gleichen rosa Kleidern; -
die Damen alle in lichten Toiletten, zwar hoch und mit geschlossenen Htchen,
aber dennoch mit Schleppe und Schmuck; die Herren in Galauniform oder Frack, die
meisten mit Ordenskettchen im Knopfloch. Man stand in Gruppen umher und
lebhaftes Stimmengewirr fllte den Raum.
    In einem Nebensaale, zu dem die Tren offen standen, waren die
Brautgeschenke ausgestellt: zwei lange Tische voll Schmuckkapseln, silberne
Toilette-, Tisch- und Teegarnituren, Vasen, Fcher, Spitzen, Lampen,
Grtelschnallen und Sonnenschirmgriffe aus Gold und Edelsteinen und sonstigen
Kostbarkeiten. Alles das hatte die Gesellschaft schon vor einer Stunde
bewundert; jetzt standen vor der gehuften Pracht nur noch zwei der jungen
Mdchen, und ein stiller Neid, gemildert durch die Hoffnung, da die Zukunft
ihnen hnliches bescheren werde, erfllte ihre eitlen Seelchen: - ach, solche
schne Dinge besitzen, solche Brillantsterne im Haar, solche Perlenschnre um
den Hals - aus solchen Kannen den Tee eingieen, im eigenen Salon; vor solchen
Spiegeln sich frisieren lassen, Frau genannt werden, Pferd und Wagen besitzen,
Loge in Oper und Burg, und - nebstbei - auch noch einen verliebten Mann: so
wundervolle Dinge gibt es auf der Welt, und gerade so wie sie heute der Sylvia
zugefallen, werden sie nchstens auch ihnen zuteil. Das ist ja Tribut, den das
Schicksal allen Tchtern der Gesellschaft sozusagen schuldet ...
    Die Gesprche der Herren im Saale drehten sich fast ausschlielich um die
Jagd. Es war ja eben die Jahreszeit, da man von einem Schlo zum anderen fuhr,
um Hasen, Rehe und Fasane zu erlegen, und einer erzhlte dem andern, oder
fragte, bei wem gestern gejagt worden, und bei wem morgen gejagt werde und
wieviel man dort geschossen habe und wieviel da. Einige waren so glcklich, von
kaiserlichen und erzherzoglichen Jagden erzhlen zu knnen, an denen sie
teilgenommen hatten, oder die ihnen bevorstanden. Rudolf, der Hausherr, brachte
Einladungen zu den Brunnhofer Jagden vor, die vom 21. bis 23. November
stattfinden sollten. Auch in die Unterhaltung der Damen mischte sich hufig das
Wort Jagd. Wenn auch nur wenige unter ihnen waren, die sich aktiv, mit dem
Gewehr auf der Schulter, an dem Sport beteiligten, so gehrte doch die ganze
Sache um diese Herbstzeit so sehr zur Lebensausfllung ihrer Kreise, da sich
ihre Gedanken und Gesprche damit beschftigen muten. All den Hausfrauen, denen
das Empfangen und Bewirten der Gste obliegt, ist das Thema beinahe ebenso
wichtig, wie fr die Jagdherren. Wieviel ist geschossen worden? das ist die
erste Frage, welche die gastliche Wirtin an die heimgekehrten, vor dem Diner im
Salon versammelten Jger richtet, worauf dann jeder einzelne noch mit
lebhaftestem Interesse um die Zahl seiner Beutestcke befragt wird. Wieviel
haben Sie geschossen? Und wieviel Sie? Den Franzosen und den Englnder frgt
man: Wieviel Stck haben Sie gettet? Der letztere fgt der genannten Zahl
hflich hinzu: Oh, it was exzellent sport.
    Sport? Also nur Vergngen? Mit nichten. Das Ding wird als eine Art
Berufspflicht aufgefat, als etwas, das man - dem gegenseitigen Rang und
Reichtum angemessen - sich und seinen Standesgenossen schuldig ist. Der erste
Bock: das ist nicht nur ein Jubelbewutsein fr das junge Grflein - auch seine
Mutter erzhlt ihren Freundinnen mit Stolz, da der Gusti oder der Fredi neulich
seinen ersten Bock geschossen. Wenn das in Marthas Gegenwart geschah, so blieb
sie stumm. Das arme Reh! war, was sie dabei dachte, und auch ein wenig Der
arme Bub', denn wenn das als freudvolles Ehrgeizziel gelten soll: die
Vernichtung eines unschuldigen Lebens ...

Alle Gesprche sind pltzlich verstummt. Sylvia tritt ber die Schwelle in einer
weien Glorie von Atlas, Tll und Myrtenblten. Zwei kleine Knaben - in
Pagenkostm - tragen ihre Schleppe.
    Zugleich war auch Baronin Tilling erschienen. Diesmal hatte sie doch die
gewohnte tiefe Trauer abgelegt und war in lichtes Grau gekleidet. Beide Frauen
waren bla und hatten gertete Augen. Die anderen fanden das natrlich: der
Abschied und die Feierlichkeit der Lebenswende - das ist ja Grund genug zum
Trnenvergieen. Sie hatten aber nicht nur aus diesem Grund geweint - Mutter und
Tochter. Ein banges Weh hatte sie beide erfat, ein Gefhl beinahe wie Furcht
und Reue.
    Jetzt aber strzten die vier Kranzeljungfern auf die Braut zu und umarmten
sie strmisch; von allen Seiten Hndedrcke, Ksse, Gratulationen, Verbeugungen
.... Sylvias Bangen wich dem wiedererwachenden Bewutsein, da sie der
vielbeneidete, vielbewunderte Mittelpunkt dieser glnzenden, wichtigen Feier
war. Und auch von ihrer verliebten Leidenschaft strmte wieder eine beglckende
Welle von ihrem Herzen empor, als sie nun ihrem schmucken Brutigam, der auf sie
zueilte, in die freudestrahlenden Augen sah.
    Noch ein paar Minuten der Begrungen und der Gesprche, dann begann, unter
Rudolfs Anordnung, der Zug sich zu bilden.
    Der Weg aus den Salons zur Schlokirche - wenn man nicht ins Oratorium,
sondern in das Schiff gelangen wollte - fhrte ber zwei Treppen und einen
langen Korridor. Dieser ganze Weg war teppichbelegt und mit Reisig und Blumen
bestreut. Davon stieg ein Duft auf, der an Fronleichnamsprozessionen mahnte.
Glocken- und Orgelklnge drangen auch schon aus dem Kirchlein herber. Am Arm
des Brautfhrers - ein junger Vetter, Graf Althaus, - schritt Sylvia langsam
dahin, hinter ihr die schlepptragenden kleinen Pagen; es war ihr dabei zu Mute,
halb als ob sie trume, halb als ginge sie ber eine Theaterbhne, und nicht,
als wre das alles wirkliches Erlebnis.
    Und als sie die Kapelle betrat und die unzhligen brennenden Kerzen sah, die
zwischen den Blattpflanzen auf und rings um den Altar flimmerten, da empfand sie
etwas von dem Eindruck, den man beim Betreten eines Zimmers hat, in dem ein
angezndeter Christbaum strahlt. Bescherungen und berraschungen sollte es ja da
auch geben: ein funkelnagelneuer Frauentitel, ganze Schachteln voll
interessanter Pflichten - und auch Sigkeiten, sonst verbotene ... in Flle.
    Diese Christbaumstimmung machte schnell einer anderen Platz, als sie jetzt
auf den Betschemel niederkniete - - Toni Delnitzky an ihrer Seite. Die Priester
kamen aus der Seitentr und stellten sich an den Altar; vom knapp vor dem
Brautpaar geschwungenen Weihrauchfa qualmte der intensivste Kirchenduft empor
und mahnte Sylvia an Begrbnisfeiern - begraben fr ewig war ja auch die
Mdchenzeit, war die Freiheit, war die Mglichkeit, das wunderbar volle Glck
zweifelloser Liebe zu finden ... der Mann da neben ihr war ihr nicht Hort und
Zuflucht; - erst gestern, whrend des Polterabends, hatte er Dinge gesagt, die
ihr furchtbar mifallen hatten - momentan htte sie ihn beinahe hassen knnen
... zum Glck war nach solchen flchtigen Regungen die verliebte Regung wieder
desto wrmer aufgetaucht, aber das volle Vertrauen, das fehlte; das selige,
schutzessichere Sichschmiegen und Sich-kauern, das konnte sie an dieser Brust -
da neben sich - nicht finden.
    Das Kirchlein war dicht gefllt. Oben seitlich vom Altar und in den vorderen
Bnken die Verwandten und die Gste in ihren glnzenden Uniformen und Toiletten;
hinten die Beamtenschaft und die Dorfbewohner im Sonntagsstaat - gehobene
Feststimmung auf allen Mienen. Auf Marthas Gesicht jedoch lag es wie Schmerz und
Trauer. Das war man aber - bei feierlichen Anlssen - an ihr gewohnt. Wenn sie
bewegt war, pilgerten ihre Gedanken stets zu ihrem geliebten Toten - das wute
man und ehrte man.
    Die Traurede begann. Htte Pater Protus sie gesprochen, so htte er
herzlichere und bewegendere Tne anzuschlagen gewut. Der fremde, sehr klerikale
Prlat hielt eine Predigt, die eher pro domo als fr das junge Paar gehalten
schien. Das heilige Sakrament der Ehe, so fhrte er aus, ist von Gott
eingesetzt, denn es ist dem Bunde Christi mit seiner katholischen Kirche
nachgebildet. Der Zweck der Ehe bestehe darin, da sich die Eheleute gegenseitig
im Glauben strken und in der Ausbung ihrer religisen Pflichten zu
untersttzen haben, und da sie eine Familie grnden, die, in echtem Glauben
auferzogen, das Reich der Kirche immer mehr verbreite. Das Glck der Ehe ist nur
zu erreichen, wenn beide Gatten eifrig beten und die Kirchengebote erfllen; das
Unglck so vieler Ehen rhrt von dem leider so stark zunehmenden
Indifferentismus her. Die Prfungen und Krankheiten und Unglcksflle, die
keinem Menschenschicksal erspart bleiben, sind teils Strafen fr Mangel an
echter Religiositt, teils liebend auferlegte Prfungen, aus denen man, wenn man
glubig und fromm ist, gelutert hervorgeht und dann zu einem gottgeflligen
Tode gelangt, nach welchem die treuen Ehegatten im Himmel wieder zu ewiger
Seligkeit vereint werden.
    Was in dieser Traurede gesprochen wurde, darauf achtete brigens die
anwesende Gemeinde weniger, als da eine solche gehalten ward und da die darin
enthaltenen Worte zu der Zeremonie gehrten, kraft welcher diese beiden jungen
Menschenkinder zu unlslicher Lebensgemeinschaft verbunden werden - da sie
einander Liebe und Treue schwren und sich nie verlassen sollen - nicht in
Krankheit, nicht in Armut - bis der Tod sie trennt. Das ist's - einerlei, wohin
die begleitende Beredsamkeit sich versteigt - was das Priesterwort besiegelt.
    Auch der Ringwechsel, sowie das dazu gesprochene Ja war so ein
zauberkrftiges Verfahren, wodurch zwei vor einer Minute noch freie Menschen
aneinander gekettet waren, wodurch der eine Teil sogar den bislang getragenen
Namen verloren und einen neuen erworben hat.
    Sylvia empfand diese Wandlung, die doch eigentlich nur eine ideelle ist, als
wre sie mechanisch vollzogen; wie ein Ruck berkam es sie, als sie das Ja
gesprochen und den Ring am Finger fhlte: jetzt bin ich Sylvia Delnitzky.
    Vom Chor herab ertnte feierlicher, andachtsvoller Gesang. Die lateinischen
Worte verstand man nicht, aber aus der sen Melodie klang wie eine fromme Bitte
um Segen fr das junge Paar. Eine gerhrte Stimmung bemchtigte sich aller. Als
die Snger geendet hatten, ward der pro domo-Dienst wieder aufgenommen, indem
ein Credo, drei Vaterunser und drei Ave Maria laut hergesagt wurden.
    Whrend des Ringwechsels waren drauen Bllerschsse gefallen und auch
jetzt, nach beendeter Zeremonie, whrend alle Familienglieder sich um die
Neuvermhlten drngten, sie zu kssen, lieen die Burschen im Dorfe die
Freudenschsse knattern.
    Nachdem das junge Paar und die Trauzeugen ihre Namen in das Kirchenregister
eingetragen, war die ganze Handlung beendet. Von neuem formte sich der Zug, doch
jetzt in anderer Ordnung: Sylvia voran am Arme des - Gatten.
    Es folgte nun - alle Festlichkeiten gipfeln ja im Essen und Trinken und
Trinksprchen - das Hochzeitsfrhstck an der mit weien Blten berstreuten
Tafel.
    Den ersten Toast brachte der Prlat aus - auf die Neuvermhlten natrlich.
Ein Blumenstruchen hatte er fr sie gewunden. Darin war weier Flieder, als
Sinnbild der Unschuld der holden Braut; eine blaue Kornblume - die Farbe der
ehelichen Treue -; eine rote Rose, das Bild der Liebe, und das Ganze
zusammengehalten - damit die hchste Weihe nicht fehle - durch einen Dorn aus
des Heilands Dornenkrone. Und indem er ihnen diesen Strau auf den Lebensweg
mitgebe - der aber kein Dornen-, sondern ein Rosenpfad sein mge - bringe er ein
Hoch aus auf Graf Anton und Grfin Sylvia Delnitzky.
    Alle rufen hoch und stehen auf, um mit den beiden anzustoen. Gar manche
sind darunter, die vor mehr oder weniger Jahren das Gleiche durchgemacht, auf
deren Glck ebenso strmische Hoch ausgebracht wurden und die doch nichts
weniger als glcklich geworden. Sylvia ist von der durchgemachten Erregung, von
dem Lrm wie halb betubt; das Wort Glck - von allen Seiten schlgt es an ihr
Ohr ... Aber ist diese Mdigkeit, diese Abspannung, diese zugleich glhende
Neugier und frstelnde Furcht vor dem so nahe bevorstehenden Endlich allein,
dieses Bangen vor der lebenslnglichen Zukunft an der Seite eines - Fremden,
dieser Abschied von dem teuren Mdchenheim, von den Ihren -: ist denn das
Glck?
    Sie denkt auch, mehr als sie daran denken sollte, an einen Brief, den sie
vor einigen Tagen von Hugo Bresser erhalten. Einen Brief, den sie oft
durchgelesen und den sie an diesem Morgen verbrannt hatte ...
    Nach zwei Stunden war das Mahl zu Ende und eine weitere Stunde spter
bestieg das junge Paar den Wagen, der es zur Eisenbahnstation brachte. Ein
kalter Novembernebel rieselte herab, doch die Hochzeitsreise ging ja in das Land
der Sonne - an die Riviera.

                                       IX


Kurz nach der Abfahrt der Neuvermhlten hatte sich Baronin Tilling in ihre
Zimmer zurckgezogen. Sie war nicht in der Laune, mit fremden Leuten
liebenswrdig zu sein. Diese Aufgabe muten Rudolf und Beatrix absolvieren, sie
sehnte sich nach Ruhe und Einsamkeit.
    Gegen Abend aber sehnte sie sich nach Mitteilung, und da lie sie ihren Sohn
bitten, er mge zu ihr kommen. Bereitwillig willfahrte Rudolf diesem Wunsch.
Htte er nicht gefrchtet, seine Mutter zu stren, so wre er von selber zu ihr
gekommen, denn auch er hatte Unausgesprochenes auf dem Herzen, Dinge ber die er
sich mit niemand anderem als mit ihr aussprechen konnte.
    Martha, die ihre prunkvolle Brautmutter-Toilette gegen einen bequemen
Schlafrock aus schwarzem Samt vertauscht hatte, lag auf einem in die Nhe des
knisternden Ofenfeuers gerckten Ruhebett; eine unter groem Spitzenschirm
brennende Lampe verbreitete ein gedmpftes Licht in dem wohligen, mit Blumenduft
erfllten Raum. Der Duft kam von den Orangeblten des Brautbuketts, das Sylvia
hier hatte liegen lassen, als sie von der Mutter Abschied nahm.
    Hier bin ich, sagte Rudolf eintretend. Wnschest Du etwas von mir,
Mutter?
    Nur Deine Gesellschaft, liebes Kind ... Mir war so bang ... Komm, setz'
Dich daher ... Hab' ich Dich durch mein Rufenlassen gestrt - Du spieltest
vielleicht Karten unten mit den Gsten? Ich will Dich ja nicht lang aufhalten
...
    O, ich habe keinerlei Sehnsucht, wieder hinunter zu gehen. Der Pfarrer hat
meinen Platz am Taroktisch bernommen und Du hast mir den grten Gefallen
erwiesen, indem Du mich rufen lieest ... Sind das alle Depeschen? Rudolf
zeigte auf einen Haufen Telegramme, der auf dem Tischchen lag.
    Ja, ich habe vorhin alle die Glckwnsche durchgelesen - ber zweihundert
... fast berall dieselben Worte. Von hoch und nieder - von ihren einstigen
Bonnen und von Erzherzgen: demtig die einen, herablassend die anderen - alle
wnschen Sylvia Glck ... Und weit Du, Rudolf, was ich frchte? ... Sie wird
nicht glcklich werden. Das habe ich heute wieder mit erschreckender
Deutlichkeit empfunden. Und ich fhle mich so schuldig dabei, so schuldig! ...
    Ihre Stimme zitterte. Rudolf legte beschwichtigend die Hand auf ihren Arm.
    Mache Dir keine Vorwrfe, Mutter. - Die Zeiten sind nicht mehr, da Eltern
ber das Schicksal der Kinder verfgten. Sylvia hat frei gewhlt ... und
schlielich, der Toni ist nicht schlimmer als ein Dutzend andere -
    Unsere Sylvia - meines Friedrichs Sylvia - durfte aber keinem
Dutzendmenschen gegeben werden ... berhaupt, seit einiger Zeit ist mir, als
tte ich dem Andenken meines Toten gegenber nicht mehr meine ganze
Schuldigkeit. Als ich an meiner Lebensgeschichte schrieb, da hatte ich das
Bewutsein, eine Aufgabe zu erfllen; - jetzt, seitdem diese Arbeit vollendet
ist, ist mir, als mt' ich anderes wirken, tun, vollbringen, und ich tue ja
nichts ...
    Rudolf sprang erregt auf und ging einige Schritte auf und nieder. Dann blieb
er vor seiner Mutter stehen:
    Ich tue nichts. Und das lastet auf Deinem Gewissen wie auf dem meinen. Du
hast mich ja dazu aufgezogen, den Kampf fortzusetzen, den Tilling begonnen
hatte, und was habe ich bis jetzt geleistet? Immer nur verschoben und verschoben
... immer nur geplant und geplant ... Aber getan? Nichts.
    Nun wenn Du im Parlament -
    Ja, das ist auch so einer meiner Plne, meiner hinausgeschobenen
Arbeitsvorstze. Aber ich fange an zu frchten, da es damit auch nichts werden
wird ... Es fllt ja immer alles ins Wasser - wie zum Beispiel auch die
Bressersche Zeitung ... Das sollte mein Organ werden; darin htte ich ausgefhrt
und beleuchtet, was im Parlament nur angedeutet werden konnte. Wer wei aber, ob
ich berhaupt ins Parlament komme? Ich werde hin- und hergezerrt, ich mge mich
dieser oder jener Partei anschlieen, und wenn ich dann sage, was ich eigentlich
will - Dinge, die auerhalb der bestehenden Programme liegen, - so finde ich
kein Verstndnis, so glauben die Leute - ich sehe es ihnen an - ich htte einen
Sporn. Am allerwenigsten verstehen mich die Whler. Du wirst sehen: ich werde
gar nicht gewhlt. Mein Gegenkandidat, der tritt so schn vertrauenerregend in
die gewohnten Phrasengeleise; der verspricht so bieder, alle kleinen
Lokalinteressen zu vertreten, whrend ich von Allgemeinheitsinteressen fasele
... Gibt's denn eine Allgemeinheit in der Politik? Glauben denn die Leute nicht
immer, da eine Partei die andere niederringen mu, da es dem A nur gut gehen
kann, wenn der B berlistet und der C zermalmt wird? Du wirst sehen, mein
Gegenkandidat wird zehnmal mehr Stimmen erlangen als ich. Und das wird mich
nicht einmal krnken knnen, denn in jeder Ansammlung von Kpfen gibt es doch
zehnmal mehr dumme als kluge ... Hat man als Grundlage von Gesetzgebung und
Regierung etwas blderes, geradezu schdlicheres finden knnen, als das
Entscheidungsrecht der Mehrheit?
    Das Instrument mag schlecht sein, Rudolf. Aber wenn kein anderes da ist,
worauf willst Du Deine Melodie spielen?
    Meine Melodie! Wenn nur die auch schon klar und voll und alles andere
bertnend mir in der Seele klingen wollte ...
    Das tut sie ja. Wenn ich an die begeisterten Worte denke, die Du bei
Fritzis Taufe sprachst ... das war echter Klang -
    O ja, einzelne groe Glockentne, die ich selber hre, wie sie mir aus
Herzensgrund und Seelentiefe schallen ... dann aber kommt wieder der Lrm der
Welt hinzu, der sie verschlingt - das Gegacker der Alltglichkeit, das Geklffe
der Gemeinheit ...
    In solchem Zorne liebe ich Dich ... solche Selbstanklage brgt mir fr Dein
echtes Wollen.
    Du bist zu nachsichtig mit mir, Mutter. Ich wrde Deinen Tadel, Deine
Vorwrfe verdienen. Was hab' ich bis jetzt erreicht? Was habe ich nur versucht
in jener groen Sache, die Friedrich Tillings Vermchtnis war? Heute hat es mich
wie Reue erfat ...
    Wir begegnen uns, mein Kind; auch ich habe die Empfindung, mich an
Friedrich versndigt zu haben.
    Du, wieso? Was kannst Du in der Sache noch tun?
    Nicht in der Friedenssache meine ich. Ich meine ... es ist mir schwer zu
erklren ... Du hast doch meine Lebensgeschichte gelesen? Du mut darin den
Abglanz eines Dings gefunden haben, das in der Welt gar so selten anzutreffen
ist: das vollstndige eheliche Liebesglck -
    Ja, das habe ich in Deinem Buch gefunden. Auch habe ich's ja selber - als
Kind - gesehen, wie ihr beiden glcklich wart - und wie lieb ihr euch hattet.
Ich bin aber auch Zeuge, wie Deine Liebe und Treue bers Grab hinaus bis heute
jenem Andenken geweiht geblieben - ... was kannst Du da fr Reue fhlen?
    Da ich - die ich doch durch ihn die ganze Flle, die ganze Heiligkeit
ehelicher Liebe kennen gelernt, einer Liebe, die auf voller
Seelenbereinstimmung gegrndet war, da ich seine Sylvia nicht auch einem
solchen Glcke zugefhrt habe - da ich sie nicht dazu erzogen habe, nur dann
ihre Hand zu vergeben, wenn sie zugleich auch unumschrnktes Vertrauen,
tiefbegrndete Achtung schenken konnte ... ich habe nicht meine Schuldigkeit
getan, Rudolf ... Ja, die Plne, die mein Friedrich fr das Wohl der Welt
gehegt, seine Gedanken und Spekulationen die habe ich gehtet und der
ffentlichkeit bermittelt; - aber sein persnliches Werk, das er durch sein
Herz geleistet hat, das tatschliche husliche Glck, das er geschaffen: auch
das htte ich als ein Vermchtnis hten mssen und auf sein Kind bertragen. Die
Lehren, die er gepredigt, die habe ich weiter gegeben, aber die Lehren, die er
gelebt, die sind verschollen, durch meine Schuld - meine Schuld - meine Schuld
...
    Martha wiederholte dieses Wort, indem sie die Hnde vors Gesicht schlug und
in Weinen ausbrach.
    Rudolf beugte sich liebevoll ber sie:
    Nicht - nicht, Mutter! Du bist nur so angegriffen ... das sind die Nerven.
Es ist ja natrlich: die Trennung von unserer Sylvia - der entscheidende Schritt
... Aber der Toni ist ja kein bser Mensch - wer sagt Dir, da sie nicht
glcklich wird -?
    Martha trocknete sich die Trnen ab. Ihre eigene Ahnung sagt es ihr. Wenn
Du sie heute gesehen httest, wie sie - knapp vor dem Kirchgang - mir weinend in
die Arme fiel - -
    Nun ja - das Abschiedsweh.
    Nein - nicht Schmerz um das, was sie verlie - es war Furcht vor dem, dem
sie entgegenging. Nein Rudolf, sprich mich nicht frei. Wenn man gefehlt hat, so
ist noch das beste was man haben kann - die Reue.
    Das finde ich nicht; besonders wenn sich nichts mehr ndern lt. Nur die
Reue ist furchtbar, die neue Vorstze, neue Taten nach sich zieht. Drum la uns
auf meine Selbstanklage zurckkommen. Ich kann ja gut machen, was ich gefehlt
habe ... Und ich will es. Ich werde - die sind lustig da unten - unterbrach er
sich. Das Zimmer war ber dem Salon gelegen und die Weisen eines Strauschen
Walzers tnten jetzt herauf.
    Martha zuckte die Achseln: La sie - warum sollten sie nicht?
Hochzeitsstimmung ... die jungen Leute tanzen. Unter anderem, sag' mir, warum
ist denn der junge Bresser nicht gekommen?
    Ich wei es zufllig: Weil er Sylvia liebte -
    Was sagst Du da?! rief Martha auffahrend.
    Du brauchst nicht zu erschrecken. Meine hbsche Schwester hat gar vielen
Leuten den Kopf verdreht ... Hugo ist ein vernnftiger Bursch - er hat sich nie
Hoffnungen gemacht ... Jetzt ist er abgereist ...
    Ob der sie nicht vielleicht glcklicher gemacht htte? sagte Martha
nachdenklich. Als Mensch steht er jedenfalls hher als Delnitzky ... Aber diese
blden Standesvorurteile ... ich nenne sie blde und habe sie doch selber ...
ich glaube nmlich, da das Verpflanzen aus einem gewohnten Kreis in einen
anderen - niedrigeren - groes Mibehagen verursacht ... Wenn man heiratet,
heiratet man ja sozusagen die Familie, die Freunde des Gatten mit und mu den
eigenen entsagen - das ist hart.
    Der Vereinigung mit der geliebten Person zu entsagen, mag noch hrter
sein, bemerkte Rudolf.
    Gewi ... htte Sylvia eine tiefe Neigung zu Bresser gehabt - so htte ich
mich nicht widersetzt. Auch zur Heirat mit Delnitzky habe ich nur ja gesagt,
weil sie erklrte, so rasend in ihn verliebt zu sein.
    Hoffen wir, da sie es bleibt.
    Ach ich glaube, sie ist's schon heute nicht ...
    Rudolf ergriff Marthas Hand:
    Hr' mich an, Mutter, wenn Dir Deine Tochter Sorge macht, so sollst Du
wenigstens durch Deinen Sohn Genugtuung erleben. Ich will nun unsere Sache
energisch anpacken. Nicht von Wahlergebnissen und sonstigen Zufllen soll das
abhngen ... Ich mu mich auf mich selber stellen. Ich mu mich offen auflehnen
- auch gegen meine nchste Umgebung - das ganze Milieu, in dem ich lebe, die
ganze Gesellschaft, in der wir verkehren, ist auf dem Dinge aufgebaut, das ich
bekmpfen soll - auf dem Gewaltsystem. Damit meine ich nicht nur den
Militarismus, gegen den Tillings Bestrebungen besonders gerichtet waren - damit
meine ich die Gewalt in allen ihren Formen. Das Recht wird vergewaltigt, die
Vernunft wird vergewaltigt -
    Martha schaute berrascht auf: So leidenschaftlich kannte ich Dich
garnicht.
    Wenn Du an mir Leidenschaft auflodern siehst, Mutter, so versuche nicht,
sie zu dmpfen. Ich war eben bis jetzt viel zu kalt und ruhig. Man mu heftig
fhlen und heftig wollen - dann erst tut man etwas. Vielleicht scheitert man -
das hngt von uern Umstnden ab - vielleicht erstrmt man keinen der festen
Pltze, gegen die man anrennt, - aber wenigstens ist man Sturm gelaufen, und
weist fr Nachstrmende den Wea.
    Was willst Du also tun?
    Vor allem werde ich mich mit jenen Mnnern in Verbindung setzen, die an der
Spitze der Schiedsgerichtsbewegung stehen, mit dem Englnder dessen Brief Du in
Dein Buch eingetragen -
    Hodgson Pratt?
    Ja. Dann in Paris mit Frderic Passy, Jules Simon ... In Ruland ... da
werde ich an Tolstoi schreiben ... Wer Krieg und Frieden verfat hat, der ist
mit ganzer Seele ein Feind der Gewalt.
    Und mit wem wirst Du bei uns ...?
    Da will ich selber die Fahne aufpflanzen - die weie Fahne. Hole wieder
Deine roten Hefte hervor - ich will Dir, so gut ich kann, neues einzutragen
geben.

                                       X


Im Frhjahr 1892. Hugo Bresser war seit seiner pltzlichen Abreise in seine
Heimat nicht zurckgekehrt. Einige Tage vor Sylvias Hochzeit war er nach Berlin
gereist und dort hatte er sich ganz niedergelassen. In dem Brief, den er damals
an Sylvia geschrieben und den sie an ihrem Hochzeitsmorgen verbrannte, war in
glhenden Worten, in Versen und in Prosa seine ganze Leidenschaft niedergelegt
gewesen. Wie er sie jahrelang hoffnungslos geliebt, wie erst in den letzten
Tagen - trotz ihrer Verlobung - in jener Gewitterstunde eine Hoffnung in ihm
erwacht war ... Sie mute die Verlobung rckgngig machen, hatte er, der
Wahnwitzige, vermeint ... es war Tuschung. Und so gehe er in freiwillige
Verbannung - es sei ihm unmglich, in dem Lande zu bleiben, wo sie an der Seite
eines anderen lebte. Mge sie glcklich werden - ebenso glcklich, als er tief
unglcklich ist. Nicht so unglcklich, da er sterben msse - nein, er wolle
leben und streben in heiem Ehrgeiz, um einst den Beweis zu erbringen, da es
kein Unwrdiger war, dessen Liebe sich bis zu ihr erhoben hatte und der ein paar
Stunden lang von dem Wahn beseligt gewesen, ihr Herz zu besitzen.
    Jetzt nach zweieinhalb Jahren, hielt Sylvia wieder einen Brief Bressers in
der Hand. Es waren nur wenige Zeilen, worin er anfragte, ob es ihm gestattet
sei, whrend seines bevorstehenden kurzen Aufenthaltes in Wien der Frau Grfin
seine Aufwartung zu machen.
    Sylvia sa mit ihrem Manne beim Frhstck, als dieser Brief ankam. Das junge
Paar bewohnte den ersten Stock eines Ringstraenpalais. Auf Delnitzkys Wunsch
war man schon seit Oktober vom Lande nach Wien bersiedelt. Es war in ihm eine
groe Leidenschaft fr die Oper erwacht. Zwei oder dreimal in der Woche nahm er
seinen stndigen Sitz in der zweiten Parkettreihe ein.
    Viele Leute bemerkten, da Graf Delnitzky gerade an jenen Tagen unfehlbar in
der Oper erschien, an welchen eine gewisse, wegen ihrer Schnheit und ihres
Talentes vielgefeierte Primadonna beschftigt war.
    Sylvia bemerkte das nicht - oder beachtete es nicht. In dieser kurzen Frist
von zweieinhalb Jahren war ihre Liebe zu Delnitzky vollstndig erloschen. Den
ersten Schaden hatte diese Liebe schon auf der Hochzeitsreise erlitten, durch
die jedes Hauches von Poesie, jedes Zartsinns entbehrende Art, in der der junge
Ehemann seine Gattenrechte zur Geltung brachte. Er war leidenschaftlich in ihre
Schnheit verliebt; aber diese Leidenschaft uerte sich durch eine an
Brutalitt grenzende Heftigkeit. Das Feuer, das - durch mdchenhafte Scheu und
keuschen Stolz gedmpft - in Sylvias jungen Sinnen geglht, war durch solch
rauhe Art vollends erstickt. Nicht die Schauer der Wonne hatte er zu wecken
gewut, sondern eher den Schauer des Ekels eingeflt; und ihr abwehrendes, im
gnstigsten Falle duldendes Verhalten unter den Ausbrchen seiner erotischen
Gewaltttigkeiten weckte in ihm das zornige Urteil: O, das zimperliche, kalte,
temperamentlose Geschpf!
    Nachdem der Gatte den physischen Zauber verscheucht hatte, in dessen Bann
sich Sylvia zum Brutigam hingezogen gefhlt, schwand auch bald alle seelische
Liebesempfindung; denn, ernchtert, gewahrte sie nun in voller Deutlichkeit die
Mngel seines Wesens; was ihr frher nur fr kurze Augenblicke an die Nerven
gegangen, das wurde ihr allmhlich bestndig widerwrtig. Und da sie diese
Empfindungen nicht zu verbergen wute, da sie Freundlichkeit nicht heucheln
konnte, wenn sie sich gergert und abgestoen fhlte, so erweckte ihr Benehmen
bei Delnitzky das weitere zornige Urteil: O, das launenhafte, mrrische,
zuwid're Ding!
    Zu einer Aussprache der stillen Beschwerden, zu gegenseitigen Vorwrfen kam
es nicht: Es stellte sich nur eine wachsende Gleichgltigkeit ein. Der Verkehr
wurde immer matter und khler; die Gesprche immer krzer und sachlicher - ein
paar Zrtlichkeitsausdrcke und Kosenamen, die noch aus der Brautzeit stammten,
wurden immer seltener angewendet, bis sie ganz ausstarben, und jeder Tag, statt
die beiden immer nher und immer nher zu bringen - wie dies in Tillings und
Marthas liebesgebenedeiter Ehe gewesen - jeder Tag brachte ein greres Stck
der Entfernung, der Entfremdung zwischen sie.
    Im ersten Jahr war ihnen ein Kind geboren worden. Aber auch die
Mutterfreuden blieben der jungen Frau versagt. Unter furchtbaren Schmerzen und
Lebensgefahr hatte sie das Kind zur Welt gebracht und vier Monate spter mute
sie es in qualvollen Konvulsionen sterben sehen.
    Sie wnschte sich kein zweites. Einsam fhlte sie sich nicht. Ihr Herz war
mit der Liebe zur Mutter und zu Rudolf gerade so ausgefllt wie zu ihrer
Mdchenzeit - eher noch mehr. Ihre Anteilnahme an den Bestrebungen und Ideen des
Bruders war noch gewachsen, auch der Mutter hatte sie sich inniger angeschlossen
als je. Aus ihren ehelichen Enttuschungen machte sie dieser ihrer besten
Freundin gegenber kein Geheimnis, aber sie teilte sich mit, ohne dabei in
Klagen auszubrechen. Glcklich war sie freilich nicht - aber auch nicht
unglcklich. Das groe Los hatte sie nicht gezogen in der Heiratslotterie - aber
die Niete machte sie nicht zur Bettlerin. Die Selbstvorwrfe, mit welchen Martha
sich qulte, suchte sie zu verscheuchen; sie lud alle Schuld auf sich, auf ihre
eigensinnige Verblendung - nichts, nicht einmal die mtterliche Autoritt, hatte
sie von ihrem, durch nrrische Verliebtheit befestigten Entschlu abbringen
knnen - und dafr war sie jetzt gestraft. Aber was weiter? Gibt es nicht
Tausende von Frauen, die frher oder spter mit ihren Mnnern auch in solches
Stadium gegenseitiger Gleichgltigkeit geraten? Und unzhlige Mdchen, die gar
nicht heiraten und dabei doch Genu am Leben finden? brigens - so
philosophierte sie weiter - ist denn auch Genu und ungetrbtes Glck etwas,
worauf jeder berechtigten Anspruch erheben drfe? Warum sollte gerade ihr ein
Paradies erschlossen werden, wo so viele auf Erden ein Fegefeuer, gar manche
sogar eine Hlle finden? Man mu sich bescheiden mit dem, was man hat; und
wahrlich, sie hatte gar viel: eine herrliche Mutter, einen teuren Bruder,
geistige Mitwirkung an den Lebensaufgaben dieser beiden - dazu Gesundheit,
Reichtum, Rang. - Nein, nein, Mutter, bedauere mich nicht! So wute sie Martha
stets zu trsten, wenn diese ber die zu rasche Einwilligung in die Heirat ihrer
Tochter in Selbstanklagen ausbrach.

Als Sylvia die Schriftzge auf der Adresse des Berliner Briefes erkannte,
erblate sie.
Von wem denn? fragte Anton ber seine Zeitung hinber. Er las den Sportbericht
im Neuen Wiener Tagblatt.
    Von Hugo Bresser ... er will auf kurze Zeit hierherkommen ... Das wird
seinen Vater freuen -
    Du, sag' mir: ist euer Hausfreund, der alte Bresser, nicht etwa ein
getaufter Jud'?
    Mag sein - ich wei nicht.
    Also vielleicht gar ungetauft?
    Das sicher nicht - aber warum fragst Du? Was wre denn weiter?
    O, ich mag die Juden nicht - es wird auch von Tag zu Tag mehr mal port mit
Juden zu verkehren.
    Das auch noch! seufzte Sylvia im Innern. Es war ihr nichts widerwrtiger,
als der in der Gesellschaft und in der Wiener Kleinbrgerschaft berhandnehmende
Antisemitismus. Laut sagte sie nur:
    Pater Protus denkt da viel weitherziger.
    Ach, der! Der ist auch so ein Liberaler ... Na ja, ich bin ja auch kein
bigotter Duckmuser ... aber wenn ich schon Priester wre, so wrde ich auch zu
den klerikalen Ansichten halten und mich nach meinen Vorgesetzten richten. Im
brigen ist mir das alles egal ... Wird der junge Bresser jetzt im Lande bleiben
und sich redlich nhren?
    Ich sagte Dir - er kommt nur auf kurze Zeit - sie schob den Brief hinber:
Lies selber.
    Anton machte eine abwehrende Bewegung. Es interessiert mich nicht ... der
ganze Mensch interessiert mich nicht mit seinem sogenannten schriftstellerischen
Beruf, von dem sein Vater immer so langes und breites erzhlt.
    In der Tat: im Hause Tilling war man ber die Schicksale des jungen Bresser
durch die Mitteilungen des Doktors stets auf dem Laufenden geblieben. Man hatte
erfahren, da sich Hugo in Berlin in die Schriftstellerkreise eingefhrt hatte,
da er rastlos produzierte und sowohl mit einem Roman, der in einer angesehenen
Rundschau erschienen war, als mit einem Drama, das eben die Runde ber smtliche
deutsche Bhnen machte, groe Erfolge errungen hatte.
    brigens, wenn er kommt, sagte Delnitzky aufstehend, lad' ihn zum Essen
ein ... Ich geh' jetzt ...
    Sylvia fragte nicht wohin - sie nickte einfach Adieu!
    Allein geblieben, las sie noch ein paarmal die wenigen Zeilen durch. Die
Physiognomie der Schrift war es, was sie daran fesselte - denn sie brachte ihr
deutlich jenen verbrannten Brief und die - nicht unangenehme - Sensation ins
Gedchtnis, welche ihr damals der Brief verursacht hatte. Eigentlich war es eine
Khnheit von dem Bresser, sich jetzt bei ihr anzumelden, als wre nichts
geschehen ... Sollte sie ihn empfangen? ... ... Warum nicht? Die Schwrmerei von
damals war ja sicherlich vergessen. Sie hatte selbst erfahren, wie die Zeit -
eigentlich kurze Zeit - gar tiefe Wandlungen in verliebte Gefhle bringen kann.
Und nun gar bei einem jungen Mann - einem gefeierten Autor ... der hatte in
Berlin sicher mehr als ein Liebesverhltnis angeknpft und dachte garnicht mehr
an jene wesenlose Episode ... Empfinge sie ihn nicht - den Sohn des alten
Hausfreundes - so wre das auffallend. Und er selber knnte sich's auslegen, als
frchte sie sich vor ihm - und wahrlich, das lag ihr fern.
    So ging sie an ihren Schreibtisch und antwortete: Es werde sie und ihren
Mann sehr freuen, Herrn Bresser wiederzusehen und von seinen Erfolgen berichten
zu hren. Er mge, damit man gemtlicher plaudern knne, zur Speisestunde, sechs
Uhr, kommen, und zwar am nchsten Donnerstag, da erwarte sie auch ihren Bruder,
der sich gewi ebenso freuen wrde, ihn zu treffen.
    Und am nchsten Donnerstag, zehn Minuten vor der angegebenen Stunde, fand
sich Hugo Bresser in der Delnitzkyschen Wohnung ein. Das Herz klopfte ihm, als
er das Vorzimmer betrat. Ein Diener nahm ihm den berrock ab. Vor dem Spiegel
zupfte er die weie Krawatte zurecht und berzeugte sich, da die Gardeniablte
im Knopfloch seines Fracks gut befestigt war.
    Der Diener ging voran und fhrte den Gast durch zwei groe, nur schwach
erleuchtete Salons in einen dritten, kleinen, wo die Hausfrau sa - allein.
    Sylvia, in einfacher, heller Seidengaze-Toilette, kam Hugo ein paar Schritte
entgegen und reichte ihm die Hand, die er ehrerbietig kte.
    Herzlich willkommen, Herr Bresser! Wie Sie sich aber verndert haben! -
Vorteilhaft verndert, fgte sie lchelnd hinzu.
    Sie sagte die Wahrheit. Hugo, der jetzt einen spitzgestutzten Bart und in
der Mitte gescheiteltes Haar trug, hatte ein verndertes und vorteilhafteres
Aussehen. - Auch in seinem Gesichtsausdruck, in der eleganten Sicherheit seines
Auftretens war etwas Neues, etwas, das er den Erfolgen zu danken hatte, durch
die er zu einem gefeierten Liebling der Berliner Gesellschaft geworden war und
durch die er an Selbstbewutsein gewonnen hatte.
    Sylvias uere Erscheinung war unverndert. Auf den ersten Blick und nach
den ersten getauschten Worten fand Hugo jenes gewisse Etwas in ihren Zgen
wieder, das er daran geliebt hatte - ein eigener Zauber, der, wenn sie sprach
und lchelte, um ihre, die kleinen perlenweien Zhne aufdeckenden Lippen
huschte.
    Die innere Bewegung dieses Wiedersehens verdeckten beide durch ein beinahe
berhastetes Fragen und Antworten ber die banalsten Gegenstnde: Wann sind Sie
angekommen? - Wie lange bleiben Sie? - Wie gefllt es Ihnen in Berlin? Und
seinerseits: Wie geht es dem Grafen Delnitzky, wie der verehrten Baronin
Tilling? - Hatte die Frau Grfin einen angenehmen Aufenthalt an der Riviera
gehabt und hat sie wieder eine Reise vor? Dann lenkte Sylvia das Gesprch auf
Hugos literarische Erfolge, und dadurch ward es auf ein weniger flaches Gebiet
gebracht und auf einen persnlichen Ton gestimmt.
    Sie sind nun ein anerkannter - man darf schon sagen ein berhmter Dichter
geworden, Herr Bresser! Das mu doch ein stolzes, angenehmes Gefhl sein?
    Das Angenehmste beim Dichten liegt nicht in der Anerkennung, sondern in der
Arbeit. Das Schaffen ist eine Befreiung ... eine Besitzergreifung von ertrumten
Schtzen. Alles, was einem das Leben und die Welt auch bringen mag an
Enttuschung, an Schmerz, an Zorn - das braucht einen nicht im Innern zu
erdrcken und zu ersticken ... das packt man, gibt ihm eine Form und umkleidet
es mit seiner ganzen ausgedrckten Leidenschaft - da steht es denn da, zuckend,
lodernd, weinend - aber man ist es los. Und auch die Freuden, die Seligkeiten,
die stolzen Siege, die einem das Leben nicht bietet - auch die reit man aus dem
Reich der Phantasie herunter und stellt sie vor sich hin, in den Prunk der
Sprache gekleidet - und sie gehren einem - man ist ja ihr Schpfer.
    Wie begeistert Sie von der Dichtkunst sprechen!
    Ich nehme meinen Beruf ernst, Grfin, ich gehe in ihm auf. Seit jeher, Sie
wissen es ja, habe ich darauf gerechnet, mit der Feder zu wirken. Die
Journalistik war das Feld, auf dem ich kmpfen wollte -
    Ja, ich erinnere mich - jene Zeitung, in der auch Rudolf eine Sttze seiner
parlamentarischen Aktion finden sollte -
    Die ist ins Wasser gefallen -
    Wie Rudolfs parlamentarische Laufbahn, schaltete Sylvia ein.
    Ich wei ... fr mich war's gut. Vielleicht auch fr ihn? ... Ich wurde in
ein anderes Gebiet der schriftstellerischen Arbeit gedrngt und habe darin die
unerwartetsten Erfolge erzielt.
    Gesegnet sei also jenes gescheiterte Journal!
    Nicht dieses Scheitern allein hat mich von der Journalistik zur Dichtkunst
gebracht. Es war ein Erlebnis, das meine Seele aufgewhlt hatte - ein Sturm von
Gefhlen, den ich nicht in Leitartikeln und Feuilletons htte austoben lassen
knnen.
    Sondern in Romanen und Dramen? Ich mu zu meiner Schande gestehen, da ich
Ihre Werke noch nicht kenne - haben Sie denn dazu Ihre eigenen Erlebnisse als
Stoff verwertet?
    Nein. Nur die tobenden Gedanken und Gefhle die durch meine Erlebnisse
erweckt wurden, habe ich in meine Versuche gelegt. Ich sage Versuche, wo Sie
Werke sagen, Grfin - denn obwohl ich ja als Anfnger Glck gehabt, so wei ich
doch am besten, da mein bisher Geleistetes nur schwache Versuche sind ... Mein
Werk, mein Kunstwerk - das werde ich erst schreiben. Nennen Sie das nicht
unbescheiden, nicht Vermessenheit. Ich glaube, es kann gar keinen
rechtschaffenen Knstler geben, der nicht in sich ein ganzes Chaos von
brodelnden Stoffen und Krften fhlte, das darnach strebt, eine Welt zu werden
-
    Bitt' um Verzeihung ... hab' ich mich versptet? Es war Delnitzky, der
hereingetreten. Gr Sie Gott, Bresser - na, ich gratuliere - Sie sind ja ein
Tausendsassa geworden ... das mu hbsche Tantiemen absetzen, Ihr Theaterstck,
was? Du, wandte er sich zu seiner Frau, ich soll Dir sagen: der Rudi kann heut
nicht kommen - die Beatrix ist krank.
    Ach, die Arme, schon wieder? Und meine Cousine hat auch abgesagt, so werden
wir allein essen -
    Das wird ja recht gemtlich so, sagte Delnitzky, nur la schnell
anrichten - ich geh' heut' in die Oper und von Carmen hr' ich gern den ersten
Akt.
    Whrend des kleinen Diners beschrnkte sich die Unterhaltung auf
Reminiszenzen aus der Zeit, welche Hugos Abreise und Sylvias Heirat
vorangegangen war. Man sprach von den Tennis-Partien in Brunnhof, von Pater
Protus, von der Taufe des kleinen Fritz und hnlichen Dingen. Von sich und
seinen Arbeiten erzhlte Hugo nichts, er wich sogar einigen darauf bezglichen
Fragen Delnitzkys aus. Wohl mochte er fhlen, da er von dieser Seite kein
Verstndnis fr sein Streben fnde.
    Als man von Tische aufstand, sah Delnitzky auf die Uhr: Gleich sieben - ich
bitte um Verzeihung - auf den Kaffee will ich verzichten, sonst komm ich
wirklich zu spt ... Ich lasse die Herrschaften ja beide in guter Gesellschaft
... Jugendfreunde ... Also, ich empfehl' mich ... hat mich sehr gefreut ... Sie
bleiben doch noch eine Zeit in Wien? ... Schn - also auf Wiedersehen. Adieu.
Und fort war er.
    Sylvia ging mit Hugo in den Salon zurck.
    Stre ich nicht, Grfin? Sie wollten vielleicht auch ins Theater -
    Nein, nein, ich bleibe zu Hause - ich mu sogar - meine Freunde wissen, da
ich an Donnerstagabenden zu treffen bin.
    Sie schenkte den schwarzen Kaffee ein und reichte ihm eine Schale. Zugleich
deutete sie auf einen mit Zigaretten gefllten Becher. Wenn Sie rauchen wollen
- es ist erlaubt.
    Das Tete-a-tete hatte etwas Schwles, Beengendes fr sie. Sie frchtete,
Hugo knnte von seinem Briefe sprechen, den sie an ihrem Hochzeitstag verbrannt.
Sie empfand etwas von Beschmung, denn der junge Mann mute durchschaut haben,
da ihr eheliches Verhltnis nicht war, was es sein sollte.
    In Bresser loderte die alte Leidenschaft wieder hell auf. In den Schatten
gestellt war das Bild einer jungen Berliner Schauspielerin, die seine Geliebte
war; es war ihm, als htte er nie an eine andere gedacht - als wre Sylvia
wieder das einzige Weib, das die Welt fr ihn enthielt.
    Aber er wagte es nicht, sich zu verraten. Er versuchte, die Unterhaltung in
demselben banalen Ton fortzusetzen, wie sie bei Tisch gefhrt worden war. Sylvia
ging darauf ein, doch es verletzte sie, da Bresser nicht, wie er es vor
Delnitzkys Ankunft getan, sein Gesprch jetzt wieder auf einen hheren Ton
stimmte. Sollte er glauben, da sie nicht auf seinem geistigen Niveau sei, da
sie sich nur behaglich fhle in den schalen Alltglichkeiten, welche den Stoff
zu Delnitzkys Unterhaltung abgegeben hatten? So sollte ein Dichter - und ein
Mann, der sie einst geliebt hatte, nicht von ihr denken. Und als er wieder
irgend eine nichtssagende Bemerkung vorbrachte - ein Vergleich zwischen den
Bauten von Wien und Berlin, zwischen den Kltegraden von dort und hier - da
machte sie eine ungeduldige Bewegung und sagte:
    Ach, das interessiert mich nicht ... reden Sie doch nicht so mit mir ...
Wie sagte doch Toni? Wir seien ein paar Jugendfreunde ... Freunde haben sich
doch Besseres mitzuteilen als architektonische und meteorologische
Beobachtungen.
    Wir waren aber nicht Jugendfreunde, Frau Grfin. Zwischen uns beiden ghnte
ein gesellschaftlicher Abgrund - ich blickte zu Ihnen auf wie zu einem Stern ...
Nur einmal - ein paar Stunden, ein paar Tage verga ich diese Entfernung - aber
davon soll und darf ich doch nicht reden?
    Nein, davon nicht.
    Sie schwiegen eine Weile - eigentlich hatten sie beide doch davon geredet.
    Lassen Sie uns auf Ihre literarische Laufbahn zurckkommen - das fesselt
mich wirklich lebhaft. Ich sehe, da Sie eine Lebensaufgabe haben, da Sie
groen Zeiten zustreben ... wie mein Bruder. Wie schade, da er nicht gekommen
ist; Sie htten miteinander vielleicht wieder jenen Streit aufgenommen - ber
den Vorrang des Gedankens oder der Tat ...
    Wie! Sie erinnern sich noch? Wie Sie sehen, bin ich meiner Ansicht treu
geblieben - ich habe mich einzig in den Dienst des Gedankens gestellt. Und da
nicht einmal des grbelnden, oder auf irgend welche praktische Ziele
gerichteten, sondern des frei ber allen Wolken schwebenden Gedankens. Rudolf
hat wohl noch immer politische und weltverbessernde Plne? Ach, ich frchte,
verbessern lt sich nicht viel an unserem kleinen Stckchen Umwelt ... Ich
wenigstens knnte es nicht - hchstens ein klein wenig verschnern, sei es durch
ein bichen Kunst, oder ein bichen - Liebe.
    Das Wort Liebe, in der Betonung, in der Hugo es gesprochen, verursachte der
jungen Frau eine Sekunde der Beklemmung. Sie wute selbst nicht, was diese
Beklemmung eigentlich war ... Sehnsucht? Eifersucht? Sie holte einen tiefen
Atemzug:
    Was schreiben Sie jetzt? fragte sie.
    Er hatte nicht Zeit zu antworten. Der Bediente meldete Besuch. Bald war der
Salon mit einem Dutzend Leute gefllt und Bresser empfahl sich von der Hausfrau.
    Wann sieht man Sie wieder? fragte sie, ihm die Hand zum Kusse reichend.
    Sobald Sie befehlen.

                                       XI


Rudolf Dotzky war bei den Reichsratswahlen durchgefallen. Er hatte es
verschmht, sich vom Grogrundbesitz aufstellen zu lassen, weil er sich da einer
der bestehenden Parteien htte anschlieen mssen, und hatte sich um ein Mandat
in Wien beworben. In den Wahlversammlungen hatte er sein Programm mit beredten
Worten entwickelt und viel Beifall gefunden - die Stimmenmehrheit fand er aber
nicht.
    Sein Gegenkandidat hatte ein so bewhrtes altes Programm entworfen, mit
allen blichen Versprechungen gespickt, da ihm die Stimmen nur so zuflogen.
Alles geht ja - das ist naturgesetzmig - auf der Bahn des geringsten
Widerstandes - also auf der gewohnheitsgegltteten Bahn. Die neuen, noch nie
gehrten Ideen, die Rudolf vorgebracht hatte, blieben teils unverstanden, teils
flten sie Bangen ein.
    Namentlich von seinen Standesgenossen mute er Vorwrfe hren. Die lteren
Herren gaben ihm wohlmeinende Belehrungen. Sie waren ja erfahrene Politiker -
Realpolitiker; sie wuten also genau Bescheid und versuchten eindringlich, ihn
von seinen unpraktischen Anschauungen abzubringen. An und fr sich mag ja dies
und jenes richtig sein - gaben sie zu - einiges sogar unanfechtbar, dennoch
drfe man es nicht vorbringen, weil es an gewissen Stellen verstimmen knnte -
und vor allem glte es, die eigene Partei regierungsfhig zu machen - nur dann
sei berhaupt etwas zuerreichen. Daher ist Unterwerfung unter das
Parteiinteresse das wichtigste politische Prinzip: nachgeben auf gewissen
Gebieten, damit auf der anderen Seite auch nachgegeben werde -
    Kurz, unterbrach Rudolf solche Weisheitslehren, der Kultus des heiligen
Kompromi - nein, ich danke.
    Dem meisten Widerstand begegnete Rudolf von einer Seite, von der er ihn am
wenigsten erwartet htte - bei seiner Frau und deren Mutter. Kein direkter
Widerstand gegen seine Prinzipien, denn von diesen verstanden sie nichts und er
hatte sie ihnen auch nicht mitgeteilt, sondern indirekt durch das Hervorkehren
ihrer Auffassung des ganzen parlamentarischen Berufs, in welchem sie nichts
sahen, als den Hebel zur Erlangung eigener Vorteile. Als die eigentliche
Aufgabe, als die unabweisbare Pflicht eines Abgeordneten betrachteten sie das
Bestreben, durch die politische Ttigkeit Karriere zu machen. Also natrlich
alles tun und reden, was den jeweiligen Ministern und noch mehr was
allerhchsten Orts gefallen mu. Darum, nicht wahr, Rudi, nur immer eintreten
fr Thron, Altar und Armee ... unser Hof ist ja sehr fromm ... Und -
friedliebend ist der Kaiser ja auch - aber er liebt seine Armee und tut so viel
fr sie ... was Friedrich Tilling wollte, ist ja recht schn; aber nur darf man
das Militr nicht angreifen ... je strker das Heer ist und je besser gerstet,
desto weniger werden die anderen sich trauen, Krieg anzufangen ... was wrde
auch aus allen Shnen des Adels werden, wenn man weniger Offiziere brauchte? ...
Und dann: es ist gar nicht anstndig, nicht patriotisch, wenn man gegen den
Militarismus loszieht - das tun ja die sogenannten Roten, die alle Ordnung
untergraben wollen ...
    Rudolf wehrte derlei Einmengungen zwar ungeduldig ab, aber in einer Form
oder der anderen schwirrten sie immer wieder um seine Ohren. Es war ihm daher
beinahe wie eine Erleichterung, als er nicht gewhlt wurde; denn zu dem Kampf,
der im Reichsrat aufzunehmen war, htte sich noch der Kampf mit den Seinen
gesellt. Er wre zwar nicht zurckgeschreckt vor diesem Kampf, und war
entschlossen, bei nchster Gelegenheit wieder auf den Plan zu treten.
    Den vor lngerer Zeit seiner Mutter mitgeteilten Plan, mit den Fhrern der
Friedenssache in brieflichen und persnlichen Verkehr zu treten, hatte er
ausgefhrt. Er schrieb an Hodgson Pratt und Randal Cremer nach London, an
Frdric Passy und Simon nach Paris, an Franz Wirth nach Frankfurt a. M., an
Virchow nach Berlin, an Professor Graf Kamarowsky nach Moskau, an Teodoro Moneta
nach Mailand, an Ruggiero Bonghi und Beniamino Pandolfi nach Rom, an Frederic
Bajer nach Kopenhagen, an General Trr nach Budapest; von diesen erfuhr er
genau, wie die Bewegung fr Frieden und Schiedsgerichte in den verschiedenen
europischen Lndern stand und in das bekannte Protokoll gab es wieder viel
einzutragen. Htte Rudolf dem Parlamente angehrt, so wrde er versucht haben,
sich an die Spitze einer sterreichischen Gruppe der Interparlamentarischen
Union zu stellen. Eine solche entstand anllich der im November 1891 in Rom
tagenden interparlamentarischen Konferenz, und zur Anregung dieser Bildung hatte
er redlich beigetragen.
    Im brigen war und blieb er ein Feind des Vereinswesens. Martha hatte ihm
nahegelegt, da fr ihn die beste Art, Tillings Ideen zu verwirklichen, darin
bestnde, die internationale Bewegung, mit deren Trgern er ja so eifrig
korrespondierte, nach sterreich zu verpflanzen, indem er auch in Wien einen
Verein ins Leben riefe, dessen Mitglieder dann an den alljhrlichen Kongressen
teilnehmen wrden. Aber dazu konnte er sich nicht entschlieen. Er war nicht,
was so viele Menschen nach mehrjhriger Erfahrung werden - vereins mde denn er
hatte darin keine Erfahrungen, - sondern er war vereins scheu. Konkrete Dinge,
wie beim Roten Kreuz, Rettungsgesellschaft, Tierschutz und dergleichen - die
konnten wohl durch Organisation ersprielich betrieben werden; abstrakte Ideen,
sittliche Ideale, philosophische Wahrheiten: nein, diesen half es nichts, sie in
ein Bureau mit Funktionren und Sitzungen mit Protokollen, oder in Kongresse mit
Resolutionen zu zwingen; die muten, um die ffentlichen Institutionen
umzuwandeln, ihren Weg ins Haus, in die Schule, in die Kpfe der geistigen
Fhrer und der Staatslenker finden. Eine Weltanschauung, pflegte er zu sagen,
lt sich nicht organisieren; zur Heranziehung einer Gemeinde gehren nicht
Vorsitzende, Schriftfhrer und Kassenwarte, sondern Apostel.
    Und willst Du nicht Apostel werden? hatte ihn Martha gefragt.
    Wollen - hngt das vom Wollen ab? fragte er zurck. Ebensogut knnte man
sich vornehmen, ein Genie zu werden. Wie hoch die Kraft sein wird, die man in
den Dienst einer Sache stellt, das kann man nicht bestimmen, nur das eine kann
man sich vornehmen: treu zu dienen - mit der ganzen Kraft, die man berhaupt
hat.
    Da ihm die Tribne des Abgeordnetenhauses verschlossen geblieben, blickte
Rudolf nach einer andern Stelle aus, von wo er die Flle seiner Gedanken und
Plne verknden konnte, das Nchstliegende war: Zeitungsartikel zu schreiben. Er
versuchte es. Die Anschauungen und Grundstze, die vor seinen Whlern keine
Gnade gefunden, die brachte er nun in Form von Essays zu Papier. Doch fand er
damit ebensowenig Gnade bei den groen politischen Blttern. Da herrschte ja die
gleiche Parteienge, die er in den lebendigen politischen Kreisen gefunden, ins
Papierne bertragen. Was auerhalb der gewohnten Schlagworte, der gewohnten
Phrasengeleise lag, das wollten die Bltter nicht aufnehmen. Indessen das
Aktuelle ist immer zeitungsspaltenfhig und so geschah es, als im Herbst 1891
die Telegraphenagenturen meldeten, in Rom werde unter Beteiligung offizieller
Kreise ein Friedenskongre und eine interparlamentarische Konferenz abgehalten -
so geschah es, da man in den Redaktionen doch auf jene Frage hinhorchte, und
ein groes Wiener Blatt verffentlichte einen von Rudolf Dotzky eingesandten
Aufsatz, in welchem er ungefhr folgendes ausfhrte:

    Millionenheere, in zwei Lager geteilt, waffenklirrend, stehen bereit, nur
    eines Winkes gewrtig - aufeinander loszustrzen. In der gegenseitig
    zitternden Angst vor der unermelichen Furchtbarkeit des drohenden Ausbruchs
    liegt einigermaen Gewhr fr dessen Verzgerung.
    Hinausschieben ist jedoch nicht Aufheben.
    Die sogegannten Segnungen des Friedens (als wre der bewaffnete Friede nicht
    selber ein Fluch) die werden uns immer nur von Jahr zu Jahr garantiert,
    immer nur als hoffentlich noch einige Zeit anhaltend hingestellt. Von der
    Abschaffung des Krieges, von gnzlicher Aufhebung des internationalen
    Gewaltprinzips, durch Einsetzung zwischenstaatlicher Justiz, davon wollen
    die zur Aufrechterhaltung des Friedens waffenbrderlich verbundenen Gewalten
    nichts wissen. Der Krieg ist ihnen heilig, unausrottbar, und man darf ihn
    nicht wegdenken wollen; er ist ihnen auch - angesichts der Dimensionen, die
    er unter den gegenwrtigen Bedingungen annehmen mte - furchtbar, vor dem
    eigenen Gewissen unverantwortlich, also darf man ihn nicht anfangen.
    Was ist das aber fr ein unnatrliches Ding, das nicht aufhren kann und
    nicht anfangen soll; das nicht weggewnscht und nicht herbeigefhrt, nicht
    verneint und nicht bejaht werden darf? Ein ewiges Vorbereiten auf das, was
    durch die Vorbereitung vermieden werden soll - ein Vermeiden dessen, was
    durch die Vermeidung vorbereitet wird.
    Dieses Widerspruchsmonstrum erklrt sich so.
    Jenes Gebilde aus historischer Vergangenheit, das man noch aufrecht erhalten
    will, - die gebietverschiebende, machtvergrernde, nur einen geringen
    Bruchteil der Bevlkerung in Anspruch nehmende frische und frhliche
    Kriegfhrung, die ist inzwischen im Entwicklungsgange der Kultur, zur
    moralischen und physischen Unmglichkeit geworden.
    Moralisch unmglich, weil die Menschen von ihrer Wildheit und
    Lebensverachtung verloren haben, daher nicht mehr frhlich an das
    Totschlage-Werk gehen knnen, die Blutarbeit ist mir verhat schreibt
    Friedrich III. in seinem Tagebuch; - physisch unmglich, weil die whrend
    der letzten zwanzig Jahre angewachsene Zerstrungstechnik einen Grad
    erreicht hat, der den nchsten Feldzug zwischen den groen Militrstaaten zu
    etwas gestalten wrde, das etwas ganz neues, anderes wre, etwas, das sich
    mit dem Wesen und den Zwecken des landlufigen Begriffes Krieg nicht mehr
    decken wrde.
    Ein Beispiel: wollte man durch lange Stunden ein Bad vorbereiten, das Wasser
    heizen, heizen, bis es siedet und berwallt - wre dann dasjenige, was einen
    trfe, der endlich doch in die Wanne stiege - oder vielmehr hineinfiele -
    noch ein Bad zu nennen?
    Noch ein paar Jahre solchen aufrechterhaltenden Friedens, solcher
    Heeresmehrungen, solcher Mordmaschinen-Erfindungen - elektrische
    Sprengminen, ekrasitgeladene Lufttorpedos - und kurz nach der
    Kriegserklrung sind smtliche Kriegfhrende - - verbrht.
    Jeden Augenblick kann die Explosion kommen. Diejenigen, welche die Lunte in
    Hnden haben, geben zum Glck acht. Sie wissen, da, bei solchem
    Pulvervorrat, die Folgen schrecklich wren, wenn sie unvorsichtiger- oder
    gar freventlicherweise den Funken hineinwrfen. Um also diese wohlttige
    Vorsicht zu steigern, wird der Pulvervorrat immer vergrert. Wre es nicht
    einfacher, freiwillig und bereinkommend die Lunte wegzutun, mit anderen
    Worten: abzursten? Den internationalen Rechtszustand einzusetzen, die
    getrennten Gruppen - die einander stets zuschwren, da sie, wenn von der
    andern Gruppe angegriffen, Schulter an Schulter kmpfen wollen - zu einer
    Gruppe zu verschmelzen, den Bund der zivilisierten Staaten Europas zu
    grnden?

Diese zwei Postulate: Einsetzung internationaler Friedensjustiz und europischer
Staatenbund - die bildeten in Rudolfs Sinn das ganze, klare, einfache Ziel des
von Friedrich Tilling aufgestellten Ideals. Das dritte Postulat - die Abrstung
- mte sich als die mechanische Folge der beiden anderen einstellen. So wie das
Rsten die Geste der Kriegswollenden und Kriegsfrchtenden ist, die einander
feindlich und mitrauisch gegenber stehen, so wre bei verbndeten Mchten, die
fr etwaige Streitflle ein Schiedstribunal bereit htten, die natrliche Geste
das Abrsten.
    Jenen Artikel hatte er unterzeichnet und die Folge war, da ihm aus den
verschiedenen Schichten der Bevlkerung zahlreiche zustimmende Briefe zuflogen.
Eine zweite Wirkung aber war, da man ihn in seinem Kreise als Exaltierten
Menschen klassierte. Manche seiner Freunde fanden diese Exaltation schdlich
und gefhrlich. Einigen flte es geradezu Abscheu ein, da ein Aristokrat, ein
Offizierssohn Ideen Ausdruck gab, die so bedenklich an die Deklamationen der
militrfeindlichen Sozis anklangen und an der bestehenden Ordnung der Dinge
rttelten. Dabei solch unpraktisches, unausfhrbares Zeug! - Utopie sagten die
Hflichen. Das Wort eignet sich so hbsch zum Wegfegen unbequemer Plne. Es gibt
zu, da die Sache ja ganz schn und wnschenswert wre - etwa wie die
berwindung des Todes - aber eben einfach unmglich. Da alle Errungenschaften
von heute - alle, die technischen und sozialen - Eisenbahnen und Aufhebung der
Sklaverei - meist als Utopie gegolten haben, da daher dieses Wort die ganze
Kulturgeschichte als eine ununterbrochene Kette beschmter Kleinglubigkeit
durchzieht - dessen erinnern sich die neuen Utopie-Rufer nimmer.

                                      XII


Von Rudolfs Standesgenossen war Graf Kolnos der einzige, bei dem er Verstndnis
und aufmunternde Sympathie fand. Der alte Herr hatte eine Dichternatur und
Dichter sind immer einigermaen Seher. Ihr Blick holt aus der entrcktesten
Vergangenheit romantische Zge hervor oder reicht furchtlos bis in jene
Zukunftsfernen, die ihr Schnheitsideal erfllen werden; zur opportunistischen
Anpassung an den Gegenwarts-Alltag haben Dichter kein Geschick. An dem Tage,
nachdem jener Artikel erschienen war, suchte Rudolf seinen Freund Kolnos auf.
    Die Rume, die der kunstsinnige Edelmann in einem Hause am Kolowratring
bewohnte, waren selber ein Poem. Eine Flucht von mehreren Zimmern, hoch und
gerumig wie Sle, waren mit gesammelten Kunstschtzen angefllt.
Meistergemlde, Statuetten, antike Mbel, kostbare Stoffe, Teppiche und Felle,
Prunkgefe und Waffen, hunderterlei Dinge aus Porzellan und Edelmetall, aus
Elfenbein und Bronze; Preziosen und Juwelen in Email und funkelnden Steinen;
mittelalterliche Manuskripte mit gemalten Initialen - daneben die noch
unaufgeschnittenen Bcherneuheiten von heute. Das alles aber nicht etwa
museummig in Vitrinen oder in Reih und Glied aufgestellt, sondern in
zwangloser Verteilung; als Zier und Nutzgebrauch in wohnlichem Heime.
    Graf Kolnos kam seinem Besucher mit ausgestreckter Hand entgegen.
    Gr Gott, Rudolf ... Schn, da Du wieder einmal zu mir kommst!
    Trotz des groen Altersunterschiedes sagten sich die beiden Mnner Du.
    In seiner ueren Erscheinung gehrte Kolnos demselben Typus an wie Dotzky.
Die gleiche hohe schmiegsame Gestalt, das gleiche edelgeschnittene Profil und
sogar der gleiche, spanisch gestutzte Bart, mit dem Unterschiede, da der eine
schwarz, der andere schneewei war.
    Gut, da ich Dich allein finde, sagte Rudolf, ich will Dir wieder einmal
mein Herz ausschtten und Dich um Rat fragen.
    Ganz zu Diensten, mein Junge. Komm, setzen wir uns ... Hier in meinem
kleinen Arbeitserker - da ist's am gemtlichsten ... Also meinen Rat willst Du,
um ihn wieder nicht zu befolgen? ... Oh protestiere nicht, Du wirst Dich doch
erinnern, da ich Dir das Kandidieren um das Reichsratsmandat abgeredet hatte -
und wer ging dennoch hin, um das zweifelhafte Privilegium werben, im Chor ja
oder nein sagen zu drfen, so wie man eben vom Parteischlssel aufgezogen worden
... Dein guter Genius hat Dich davor gerettet - -
    Verzeih - ich htte mich nicht als Spieldose aufziehen lassen - mein
eigenes Lied htte ich vorgebracht. Daraus ist vorlufig nichts geworden. Und so
habe ich ein anderes Mittel versucht, gehrt zu werden -
    Ja, durch die Zeitung - ich habe Deinen Artikel vom vorigen Sonntag
gelesen. Was Du sagst, ist ja alles wahr, aber -
    Wenn etwas wahr ist, dann soll's gesagt werden - dann gilt kein aber -
    Das gebe ich zu. Mein aber war nicht gegen Dich gerichtet, sondern gegen
die Mitwelt: die will keine Wahrheit hren, die sie aus ihrer Bequemlichkeit
reit.
    Die immer schwerer werdenden Rstungslasten, die ewige Unsicherheit, der
allgemeine Dienstzwang, der als Damoklesschwert drohende Weltkrieg - das nennst
Du bequem?
    Bequem ist alles Altgewohnte - denn man ist darin eingerichtet, man hat
seine Interessen daran geknpft ... In unserer auf die Kriegsidee aufgebauten
Ordnung ist der Friedensprediger der schlimmste Strenfried. Aber - schon wieder
sag' ich aber - Du hast recht getan, Dein Artikel freute mich. Und je mehr die
anderen darber raisonnierten, desto mehr freute er mich. Wenn Du meinen Rat
hren willst: verharre, verharre auf diesem Pfad. Das Verharren ist wohl immer
das schwierigste ... doch ich mute Dir diese Kraft zu.
    Danke. Die Standhaftigkeit wird mir allerdings nicht leicht gemacht.
Darber wollte ich Dir klagen.
    Wer oder was entmutigt Dich ... die Zweifler?
    Die fremden Zweifel nicht - ein eigener.
    Wie - Du glaubst nicht fest an das, was Du sagst?
    Doch. Meine berzeugung ist eben so tief wie klar. Ich zweifle nur an der
Mglichkeit, die Massen aus ihrer Apathie zu wecken. Diese Massen sehe ich vor
mir liegen, wie ein Felsgebirge. In der Hand halte ich eine Lanzette - und damit
sollten nun die Felsen von der Stelle gerckt werden? Und selbst, wenn ich statt
einer Lanzette die Lunte zu einer Mine in Hnden htte - an welcher Stelle des
Felsens sollte man ihn sprengen? Ohne Bild: wo soll man anfangen, um Vorurteile
wegzuwlzen - sie sind ja alle so eng miteinander verwachsen. Und wo soll man
anfangen, um das Unglck der Welt zu verscheuchen? Dieses Unglck heit ja nicht
nur Krieg - es heit das Elend, es heit Geistesnacht, Herzensroheit,
Lasterhaftigkeit - diese drei verteilt in allen Klassen - daher auch vom
Klassenkampf keine Erlsung zu hoffen ist. Ich meine, da -
    Rudolf wurde unterbrochen. Der Diener meldete neuen Besuch:
    Herr Hofrat Doktor Bland.
    Ich lasse bitten.
    Kolnos stand auf, um den Eintretenden - ein behbiger, sehr ernst blickender
Fnfziger - mit freundlichem Hndedruck zu empfangen. Dann stellte er vor:
Reichsratsabgeordneter Doktor Bland - Graf Dotzky. Die Herren sind ja Kollegen
... das heit, nicht Kollegen, sondern etwas mehr noch: Gesinnungsgenossen.
Kolnos erluterte diese Bezeichnung, indem er darauf hinwies, da Doktor Bland -
eine der Sulen der liberalen Partei - sich der im sterreichischen Parlament
neugebildeten Gruppe fr Frieden und Schiedsgericht angeschlossen habe und als
einer ihrer Delegierten zur bevorstehenden Konferenz nach Rom reisen werde, und
in Graf Dotzky, fgte er hinzu, sehen Sie den Verfasser des
antimilitaristischen Artikels, der -
    Ah, unterbrach der Hofrat, sind Sie derselbe Graf Dotzky, der bei den
Wahlen -
    Durchgefallen ist? Ja, der bin ich, Herr Doktor; habe daher leider keinen
Anspruch auf den Titel Kollege; desto mehr interessiert mich die
Gesinnungsgenossenschaft ... Sie beabsichtigen also, bei der Konferenz den
Militarismus zu bekmpfen?
    Die drei saen nun wieder im Erker und Kolnos deutete einladend auf ein
nebenstehendes Rauchtischchen. Bland nahm mit dankender Verbeugung eine
Zigarette und steckte sie an. Dabei schaute er durch die Glser seiner
goldumrandeten Brille mit intensiver Aufmerksamkeit auf Rudolf und seine ohnehin
ernste Miene nahm einen noch strengeren und wichtigeren Ausdruck an.
    Hm ... also jenen Artikel haben Sie geschrieben? ... ich habe ihn nicht
mehr recht im Gedchtnis ... doch Ihre Fragestellung von vorhin zeigt mir, da
Sie meine bevorstehende Reise nach Rom etwas irrig auffassen. Gegen den
Militarismus, sagten Sie? ... Nein, das nicht -
    Warum in aller Welt wollen Sie dann an der Konferenz teilnehmen?
    Mein Gott - wenn ich ganz aufrichtig sein soll, ich hatte schon lange den
Wunsch, Rom zu sehen - meine Frau auch ... die Konferenz wird ja auch ganz
interessant sein ... Und fr den Frieden kann man immer eintreten - freilich
unter dem Vorbehalt, da man an der Wehrhaftigkeit des Vaterlandes festhlt ...
Natrlich ist ja von ewigem Frieden und derlei Unsinn fr einen ernsten
Politiker nicht die Rede -
    Was in aller Welt, mchte nun auch ich fragen, fiel Kolnos ein, tun Sie
dann auf einer Friedenskonferenz?
    O, man kann da sehr ntzlich sein - - besonders mu man darauf achten, da,
wenn etwa gefhrliche Fragen, wie die elsa-lothringische oder irredentistische,
aufgeworfen werden, man den etwaigen Ausfllen der politischen Heisporne
rechtzeitig einen Dmpfer aufsetzt. An dem status quo des Territotal-Besitzes
der Staaten darf nichts gendert werden. Wer fr die Erhaltung des Friedens ist
- und das ist ja schlielich fast jeder vernnftige Mensch im allgemeinen und
unsere Partei im besondern - der mu wachen, da an dem Besitzstand der Staaten
nicht gerttelt werde, der mu darauf hinwirken, da sich die Nationen jeder
Eroberungspolitik enthalten und nur darauf sich beschrnken, so stark zu sein,
um die Agression der anderen siegreich abwehren zu knnen. Wre der Dreibund -
    Welche anderen? unterbrach Kolnos. Wenn sich die Nationen der
Eroberungspolitik enthalten, welcher Angriff ist dann abzuwehren?
    Aber Bland beachtete den Einwand nicht und beschlo den angefangenen Satz:
    Wre der Dreibund nicht so stark, so wrden die Franzosen gleich Krieg
anfangen, und gegen kosakische Einfallsgelste mu man auch sein Pulver trocken
halten.
    Und mit diesen Ansichten - rief Rudolf - sind Sie Mitglied der
interparlamentarischen Union fr Frieden und Abrstung?
    Fr Frieden und Schiedsgericht - nicht Abrstung. Das Wort Abrstung drfen
wir gar nicht in den Mund nehmen. Es ist unpatriotisch, unloyal und
unvernnftig.
    Erlauben Sie, mischte sich Kolnos ein, wenn Schiedsgerichtsvertrge
abgeschlossen werden, wozu braucht man dann die bertriebenen Rstungen? Sind
diese nicht eher unvernnftig und vertragen die sich mit den sogenannten
liberalen Ideen?
    Bland war um Antwort nicht verlegen.
    Einmal liegen die Schiedsgerichte noch in weiter Ferne - wrden doch auch
nur fr Flle in Anwendung kommen, bei welchen die Ehre und die Lebensinteressen
der Staaten nicht tangiert werden - und was die bertriebenen Rstungen
betrifft, ja da haben Sie vollkommen recht, meine Herren, die ruinieren die
Nationen - gegen die mu man sich verwahren. Da sind wir Liberalen immer auf
Posten, die bekmpfen wir standhaft. Wir verlangen Rechenschaft fr jede
Verwendung und streichen ab so viel als tunlich, um die Finanzkrfte zu schonen.
Und alljhrlich bei der Budgetdebatte erhebt einer von uns die Stimme, um das
ungesunde Wachstum des Militarismus zu verdammen. Das Wort Militarismus ist ja
eben - im Gegensatz zu Militr - die Bezeichnung eines Auswuchses, eines
ungebhrlichen bergewichts ... gerade so wie Klerikalismus im Verhltnis zu
Kirche oder Religion. So bekmpft unsere Partei auch den Klerikalismus - nicht
aber die Kirche und die Religion. Diese mu dem Volke erhalten werden, ebenso
wie das Militr dem Staat erhalten bleiben mu.
    Kolnos unterdrckte die Bemerkung besonders wenn man einen Sohn in der
Wiener-Neustdter und den anderen in der Weikirchener Militrschule hat. Diese
Ideenverbindung uerte sich nur in der Frage:
    Wie geht's Ihren beiden Buben, Herr Hofrat?
    Ich danke - es geht ihnen gut. Die Bengel freuen sich allerdings schon
riesig auf ihr Porte-Epe ... die wollten von Antimilitarismus nichts hren! Der
lteste wird schon knftigen Sommer ausgemustert - das wird ein Stolz sein,
namentlich fr seine Mama.
    Rudolf stand auf.
    Lieber Freund, sagte er zum Hausherrn, ich mu jetzt leider mich
empfehlen.
    Aber Kolnos lie den jungen Mann nicht fort. Und nachdem man noch eine
weitere Viertelstunde ber verschiedene Dinge gesprochen, wobei Rudolf uerst
zurckhaltend und wortkarg blieb, was es der Hofrat, der sich zum Gehen erhob
und Kolnos versuchte nicht, ihn zurckzuhalten.
    Und nachdem er drauen war:
    Ich habe Dir angesehen, mein lieber Rudolf, da Du Dich gergert hast.
Warum widersprachst Du nicht?
    Eben deshalb. Nichts schnrt mir so die Kehle zu, wie rger. Auerdem htte
ich etwas sagen knnen, was den Mann von seinen eingefleischten Ansichten
abgebracht htte? Vor einem groen Auditorium, oder im Abgeordnetenhause wrde
ich ihm vielleicht entgegnet haben, dem Auditorium zulieb oder zum Fenster
hinaus ... aber hier - wozu? Er wrde es mir dennoch nicht glauben, da er ein
ganz gewhnliches Muster der fortschrittslhmenden Sorte des
Fortschritts-Philisters darstellt - den Typus des freiheitsverleugnenden
Liberal-Kompromilers. Mir graut davor ... da lobe ich mir die konsequent
Konservativen, die resolut Retrograden - die marschieren doch wenigstens in der
Richtung, wo ihr verkndetes Ziel liegt. Aber diese Sorte, die trompetet hinaus,
da sie links strmen, dabei schielen sie nach rechts und rhren sich nicht vom
Fleck, halten noch die wirklich Linkswollenden am Rockschel zurck ... und wie
weise sie sich dabei vorkommen, diese Freiheitshelden die sich so schn unter
alle vorhandenen Fesseln und Joche zu ducken wissen ... Sie nehmen die Feile
wohl zur Hand, sie gebrauchen sie aber nicht: der sgende Lrm knnte
allerhchste Gehrnerven verletzen, und einstweilen - unter den gegebenen
Umstnden - sind die Fesseln und Joche ganz ntzliche Instrumente ... vielleicht
ein ganz klein wenig lockerer - aber vorlufig mssen sie dem Volk noch erhalten
bleiben.
    Kolnos lachte. Wie Du Dich ereiferst! ... Ich will ja die Bland und
Konsorten nicht in Schutz nehmen, aber gibst Du nicht zu, da man, auch wenn man
aufrichtig vorwrts will, doch etwas langsam gehen soll? Evolution - das lehrt
uns die Natur - ist ein gar langsamer Proze - -
    Als ob wir das nicht wten! Wir wissen aber auch, da das winzige
Von-der-Stelle-rcken des Ganzen das Resultat der grten Eile und grten
Kraftanspannung der einzelnen Teilchen ist. - brigens, ich kann mich all den
Anpassern nicht anpassen - ich werde mit den Leuten brechen, offen brechen
mssen!

                                      XIII


                             Aus Marthas Tagebuch.

                                                                  Im Janur 1892.

Wenn die Sonne untergegangen ist, so ist die Geschichte des Tages vorbei. Mit
diesen Worten begrndete ich Rudolf gegenber meinen Entschlu, nicht weiter an
meiner Lebensgeschichte zu schreiben.
    Dennoch habe ich mir neuerdings ein Heft hergenommen, um Eintragungen zu
machen. Nicht mein Schicksal soll ja den Mittelpunkt dafr abgeben, sondern das
Schicksal und - soweit ich Einblick darein habe - das Seelenleben meiner Kinder.
Meine Kinder sind nicht glcklich, frchte ich. Als ich mein Buch abschlo, da
war so eine Lebenswende eingetreten, die - in Romanen und auf der Bhne - wie
der Ausgangspunkt einer ungetrbten gesegneten Existenz erscheinen: glnzende
Verhltnisse, Geburt eines Erben, Verlobung. Ich lie mich selber davon tuschen
und nannte das gesicherte Glck meiner Kinder das Licht, das meinen Lebensabend
verklren sollte.
    Ach, um meinen Abend handelt es sich ja nicht. Ich beklage nur, da ihr
Mittag nicht so wolkenlos schn ist, wie ich ihn damals kommen sah.
    Meine arme Sylvia ... ihr Mann betrgt sie - das wei die ganze Stadt. Er
hat seiner Geliebten ein kleines Gut gekauft. Er versucht garnicht, seine
Abwesenheiten zu maskieren. Und Sylvia zeigt nicht die geringste Eifersucht -
ein Zeichen, da ihr Delnitzky ganz gleichgltig, vielleicht sogar verhat ist.
Also einsam, einsam! Sie hat sich mir nicht anvertraut, weil sie mir nicht weh
tun will. Glaubt sie denn, da ich nicht sehe, wie freudlos sie ist?
    Und nun Rudolf ... der trgt noch grere Sorgenlast. Er hat - der
unglckselige Atlas - die Sorgen der Welt auf sich genommen. Alles was in
unserer Gegenwart an Traurigem enthalten ist, das schmerzt - an Schlechtem, das
emprt - an Dummem, das erzrnt ihn, an Gemeinem, das flt ihm Ekel ein. So
gib doch in die andere Wagschale, sagte ich erst gestern zu ihm, all das
Lichte, Schne, Gute, das auch vorhanden ist und das in immer steigendem Mae
sich entfaltet. Die Zukunft gehrt der Gte, pflegte Tilling zu sagen ... und Du
hilfst ja mit, diese Zukunft herbeizufhren - ist Dir das nicht erhebende
Genugtuung? Er schttelte den Kopf: Bis jetzt habe ich gar nichts geleistet -
ich komme aus der Phase des Vorbereitens zum Handeln ja garnicht heraus - ein
Schnitter, der immer nur die Sense schleift, ein Zeichner, der nicht aufhrt,
Bleistifte zu spitzen ...
    Er bertreibt, er hat schon gehandelt. Nur sind seine Handlungen an
uerlichen Hindernissen, am passiven und aktiven Widerstand der anderen
abgeprallt. Da war seine Kandidatur ... sie whlten ihn nicht. Da war seine
Reise nach Berlin, seine Unterredung mit Bismarck ... der eiserne Kanzler hat
ihn abgewiesen, wie er den Abgeordneten Bhler und wie er den Prinzen von
Oldenburg abgewiesen hatte: An Abrstung drfe man nicht denken, am
allerwenigsten in Deutschland, das gegen zwei Fronten en vedette zu bleiben
hobe.
    Ich habe indessen meinem Protokoll doch wieder hoffnungsvolle Abstze
hinzugefgt. Ach, da Friedrich das alles nicht erleben konnte! Sicher htte er
sich den Friedensvereinen und -Kongressen angeschlossen. Das will nun Rudolf
nicht tun. Ich bleibe aber durch meine Korrespondenz mit den Gleichgesinnten
aller Lnder stets in Berhrung mit den militanten Trgern der Friedensidee, und
mein Protokoll spiegelt die Phasen der fortschreitenden, von der Mitwelt so sehr
verlachten oder ignorierten Bewegung wieder.
    Und da sehe ich, wie der Gedanke, da das Gewaltsystem dem Rechtssystem
weichen msse, wchst und wchst und in immer hhere Kreise dringt. Die Wogen
mssen so hoch gehen, sagte neulich Bjrnstjerne Bjrnson in einer Versammlung
im Freien, vor einer Zuhrerschaft von zehntausend Menschen, die Wogen des
Friedensgedankens mssen so hoch gehen, da sie bis in die ersten Stockwerke
spritzen.
    Ob sie bis zu einem Thronsaal dringen? Die Leute behaupten, das sei
unmglich, denn die Throne ruhen auf der bewaffneten Macht. Aber was behaupten
die Leute nicht alles?
    Zu den neuesten Eintragungen meines Protokolls gehren die Versammlungen in
Rom: die interparlamentarische Konferenz (mit bewundernswerter Energie
vorbereitet vom Kammermitglied B. Pandolfi) und der dritte Weltfriedenskongre.
Offizieller Empfang auf dem Kapitol. Die beiden Krperschaften haben
beschlossen, je ein Zentralbureau in Bern zu errichten. Der Gedanke nimmt immer
mehr Gestalt an; seine Vertreter organisieren sich. Das Umherflatternde ballt
sich zusammen und verdichtet sich. So entstehen Planeten und ebenso -
Institutionen.
    Kolnos, dem ich neulich mein Protokoll zeigte, sagte: Sie tragen da
zusammen, meine liebe optimistische Freundin, alles was in der Welt zu gunsten
Ihrer Lieblingsidee geschieht, und lassen unverzeichnet, was zu deren Nachteil
vorgeht. Ihre Sammlung umfat ein Zehntausendstel dessen, was tatschlich
gedacht, gesprochen und getan wird. Die brigen 999 Tausendstel, von denen sagt
Ihr Protokoll nichts - und die geben den Ausschlag.
    Ja, heute - aber spter? - Millionen Schneeflocken begraben das erste
Veilchen im Mrz ... wer gibt den Ausschlag? Fragen Sie den Lenz: - das
Veilchen.
    Optimistin!
    Mit diesem Namen beleidigen Sie mich nicht.
    Das war auch nicht meine Absicht.
    Sie treffen mich aber auch nicht. Das Wort will sagen, da man nur das Gute
sieht und fr alles bestehende Bse blind ist. Ich sehe beides - Ormuzd und
Ahriman. Der Kampf der beiden dauert ja fort. In diesem Bchelchen sind aber nur
die Ormuzd-Siege notiert - und da nur auf einem Felde ... er siegt ja noch auf
so vielen anderen. Zum Beispiel hat er die Hhlenmenschen abgeschafft und an
deren Stelle Kolnosse gesetzt.
    Ein magerer Gewinn, gab mein Freund zur scherzenden Antwort.

Seit jeher haben Bcher in meinem Leben die Rolle von Ereignissen gespielt. Wie
haben in meiner Jugend Darwin und Buckle auf mich gewirkt, und vor kurzem noch
Tolstoi mit seinem Das Reich Gottes ist in Euch. Weil ja solche Bcher mir als
etwas noch ganz anderes sich offenbaren, denn als wissenschaftliche und
literarische Erscheinungen: Fackeln sind sie mir, ganze, dunkle Gebiete
pltzlich erhellende Fackeln. Und die sie schwingen: ganze Menschen, mit ganz
lichterfllten Seelen ...
    Vor einiger Zeit fiel mir eine Schrift in die Hand, die mir Ereignis - ein
frohes Ereignis ward. Nicht so sehr, was der Verfasser darin schrieb, hat mich
erschttert, als da er es schrieb; da einer den edlen Mut hatte - mge es ihm
auch seine Stellung kosten - das hinauszurufen, was seinen nach Wahrheit
drstenden Geist erfllt. Nur ein dnnes Heftchen: Ernste Gedanken von Moritz
von Egidy. Das Aufsehen war gro. Egidy, Oberstleutnant bei den Husaren im
preuischen Dienst, hat seinen Abschied erhalten. Und nun - wird er die Kraft
dazu haben? - will er sich ganz der Aufgabe widmen, das auszubauen - in sich
selber und fr die Mitwelt, was er als Heilslehre in die Worte zusammenfat:
Religion nicht mehr neben dem Leben - unser Leben selbst Religion. In rascher
Folge kam nun eine Schrift nach der andern. Er zieht immer mehr die Konsequenzen
seiner ersten Ideen; der Horizont der Gedanken weitet sich, das Ernste Wollen
ward immer inbrnstiger. Es ist eine Lust, da solche Menschen leben. Jubeln
wollte ich, da - -
    Lust, Jubel? habe ich, die Beraubte, diese Worte niedergeschrieben? Gibt es
denn noch fr mich die Mglichkeit, zu frohlocken? Drngt sich nicht gleich zu
jeder freudigen Regung der trbe, dmpfende Gedanke: Er ist nicht mehr da, die
Freude zu teilen ... Mge die Welt auch noch so herrlich sich gestalten, mgen
Schtze und Wonnen, wie aus Fllhrnern, ber sie sich ergieen: die schwarze
Leere, in die mein Liebstes versunken, fr mich bleibt sie leer und schwarz ...
ein Abgrund ohne Boden. Wie man einen Stein in die Tiefe wirft, um zu lauschen,
wann er auf den Boden fllt, so lasse ich manchmal meine Empfindungen - Kummer
und Freude - in jenen Grabesabgrund fallen und horche hin ... Friedrich - was
sagst Du zu diesem Egidy? - Nichts. Stumm - auf ewig.

Liebe Martha, sagte mir neulich eine alte Cousine, ich begreife Dich nicht
... immer finde ich Dich in Zeitschriften und Bcher vertieft und alles Neue,
was in der Welt auftaucht: Dichtungen, Erfindungen, Bewegungen - das greifst Du
auf und erwrmst Dich dafr, auch wenn es noch so illusorisch ist. - Dabei
behauptest Du doch, Du httest mit dem Leben abgeschlossen. Woher dieser
Widerspruch? In unserem Alter hat man ja auch mit dem Leben abgeschlossen,
selbst wenn man keinen solchen Trauerfall erlebt hat wie Du. Da hat man doch nur
mehr ein Interesse: das Schicksal seiner Kinder und Enkel.
    Meine gute Cousine ist siebzig Jahre alt und ich hre es gar nicht gern,
wenn sie mir, der um ungefhr zwanzig Jahre jngeren, sagt: in unserem Alter.
Zudem kmmert sie sich - nebst ihren Kindern und Enkeln - noch gar lebhaft um
gar mancherlei Dinge, als da sind: Bekehrung kleiner Neger und Chinesen; die
Wunder von Lourdes; die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes und
dergleichen mehr. Darauf wies ich in meiner Entgegnung hin.
    Ja, sagte sie, die Relichion (unsere besonders Frommen sprechen das Wort
so aus), das ist etwas anderes.
    Meinst Du? Ich meine, es ist dasselbe ... es ist nmlich der Drang, fr
etwas Greres, Hheres zu fhlen und zu wirken als fr die nchstliegenden
eigenen, oder der eigenen Kinder Interessen.
    Aber, liebes Kind ( la bonne heure, das hre ich lieber als in unserem
Alter, wie kannst Du nur vergleichen - der eitle, irdische Tand und die ewige
Seligkeit?!
    Ich sprach von etwas anderem. Gerade so, wie ich es in meiner Jugend mit
Tante Marie zu tun pflegte, wenn sie das Thema Bestimmung zu variieren begann.
Die Cousine htte mich doch nicht verstanden, wenn ich ihr htte auseinander
setzen wollen, da es das gleiche Streben nach Seligkeit, nach Erlsung, nach
dem Heil ist, was diejenigen erfllt, die fr Ideen, Erfindungen, Bewegungen
sich erwrmen, von denen sie das Paradies schon diesseits erhoffen, oder doch
wenigstens die berwindung des Jammers, der - auch schon hienieden - eine Hlle
schafft. Das ist doch nicht minder Relichion.
    Ach, da ein und dasselbe Wort oft so verschiedene Dinge bedeutet! Das macht
die Verstndigung so schwer; das ist daran schuld, da einer dem anderen so oft
unrecht tut. Religion heit auch das: inbrnstig die Verpflichtung fhlen, fr
das Gute, das Rechtschaffene, das Heilige einzustehen. Sich mit der Seele
anklammern an alles, was von ewiger Schnheit, von lichter Klarheit, von
ehrfurchtgebietender Gre erfllt ist. Und das Gegenteil von alledem, das
Hliche, Finstere, Niedrige - vor allem das Grausame - bekmpfen, wo nur immer
mglich. Wenn man noch dazu durch Wort und Eid gebunden ist (habe ich nicht
geschworen, Friedrichs Aufgabe zu bernehmen?), da hat man doppelt religis zu
sein, gerade so, wie ein vom Klostergelbde gebundener Glubiger doppelt fromm
sein mu. Und so verfolge ich alle Phasen der Friedensbewegung und bleibe - mit
Rudolf und durch Rudolf mit allen Bekmpfern des Krieges in steter Berhrung:
das ist meine Betschwesterschaft.

Die Post brachte mir heute diesen Brief:
                                                             Berlin, 12. 1. 92.

Ihr Name wird unter den Vertretern einer Bewegung genannt, die die Menschheit
nach oben, das Christentum seiner Erfllung entgegenfhren soll.
    Ich halte es fr meine Pflicht, mich Ihnen respektvoll zu nahen und Sie zu
bitten, mich als einen derer anzusehen, die mit ganzer Kraft fr die hchsten
Bestrebungen eintreten. Jede Faser meines Daseins gehrt dem Aufbau eines
Reiches Gottes auf Erden, gehrt dem Werden des Christentums. Es begreift dies
alle Bestrebungen guter Menschen.
    Ich bin durchglht von Idealismus, bin aber kein Phantast - Sie haben es mit
einem Menschen zu tun. Unerschrocken, aber auch unbeirrt werde ich die Wege
weitergehen, die mir vorgezeichnet sind. Je umfassender unser Vorgehen ist,
desto wirksamer; je entschlossener, desto heilbringender; je gleichzeitiger auf
der ganzen Linie, desto durchgreifender der Erfolg.
    Jetzt also mu etwas werden. Ich lebe der festen berzeugung (das Wort
Glaube wre mir nicht genug hierfr), da wir vor dem Tore stehen, das uns
ebensowohl davon trennt, wie uns einfhrt in das Zeitalter der Vervollkommnung.
Die Klinke mit kraftvoller Hand zu ergreifen, scheint mir die Berufung aller
derer, denen Gott die Fhigkeit dazu gab.
                                              M. v. Egidy, Oberstleutnant a. D.

Diese unerwartete Botschaft erschtterte mich freudig. Ja, es will und es wird
etwas werden. Nur krftig an jener Klinke gerttelt und das Tor geht auf.

                                      XIV


Zwei Tage nach dem kleinen Diner traf Sylvia wieder mit Hugo Bresser zusammen.
Diesmal in Marthas kleinem Empfangssalon.
    Als sie eintrat, in der Absicht, wie sie es oft tat, ein Vormittagsstndchen
mit ihrer Mutter zu verplaudern, fand sie diese in Gesellschaft Rudolfs und
Hugos. Letzterer sprang auf, um sich vor der Eingetretenen zu verneigen. Es lag
Verwirrung in seiner allzu raschen Gebrde, in seinem bla und rot werdenden
Gesicht. Oder schien es Sylvia nur so - und vielleicht nur darum, weil sie
selber etwas wie Verwirrung empfand? Keine unangenehme - im Gegenteil ...
    Sie umarmte ihre Mutter, schttelte den beiden jungen Mnnern die Hand und
setzte sich. Bresser wollte sich nun empfehlen.
    Nein, nein, warum nicht gar, mein Lieber, widersetzte sich Baronin
Tilling, bleiben Sie doch! Wir drei sind oft genug miteinander allein - und
Sylvia wird gewi auch gern in unser Gesprch eingreifen, gerade da, wo wir es
unterbrochen haben.
    So? Wovon spracht Ihr denn?
    Hugo, indem er sich auf seinen frheren Platz wieder niederlie, antwortete:
    Wir sprachen vom Dichterhandwerk. Die Herrschaften - - wie das so blich,
wenn z.B. der Kaiser auf dem Industriellenball Cercle hlt - haben leutselig die
Unterhaltung auf mein Fach hinbergelenkt.
    Das ist eine falsche Darstellung, Bresser! rief Martha. Rudolf sprach ein
Langes und Breites ber die Weltlage, ber den Drang, den er empfindet, da
handelnd einzugreifen und Sie waren es, der dagegen die Behauptung aufstellte,
da man die Welt nicht umformen knne, bis sie nicht umgedichtet sei, und damit
war das Gesprch bei der Dichtkunst angelangt.
    Das ist ja im Grunde dasselbe Thema, bemerkte Sylvia, das von denselben
Streitern an jenem Gewittertage -
    Sie stockte errtend. Htte sie von dem Tag reden sollen und zeigen, da sie
sich so genau erinnerte an alles, was damals getan und gesagt worden? Htte sie
sich dem Dankesblicke aussetzen sollen, der sie jetzt aus Hugos Augen traf? Sie
zog ihre Hand aus dem Muff und atmete an dem halbwelken Veilchenstruchen, das
darin verborgen gewesen.
    Jetzt nahm Rudolf das Wort:
    Ich erwiderte, da die Kunst keine Kultur-Umwlzungen hervorbringen kann.
Eine Gegend wird verwandelt durch vulkanische Erschtterungen, durch
hereinbrechende Fluten - aber nicht durch Blumenzucht.
    Blumenzucht! rief Bresser. Als ob die Kunst ein so harmlos-heiteres Spiel
wre - als ob nicht auch sie mitunter so glhend wie Lava aus den Tiefen der
Menschenseele strmte ...
    Lachend fiel Baronin Tilling ein: Sie sind doch nicht exaltiert ... Wenn
ich denke, was fr ein natrlicher, nchterner, beinahe trockener Mann mein
alter Freund, Ihr Vater, ist! - Absichtlich go sie diesen kleinen Wasserstrahl
auf Hugos feurige Art. Sie hatte beobachtet, wie bewegt ihre Tochter ihn
angeblickt und erinnerte sich der Mitteilung, die ihr Rudolf an Sylvias
Hochzeitstag gemacht: Hugo sei abgereist, weil er Sylvia liebte.
    Sie finden mich berspannt, gndigste Baronin? Darf man denn bei meinem
Berufe ganz nchtern sein? Mein Vater ist Arzt und ich bin - - da es doch fr
unseren Kunstzweig keinen bescheidenern Namen gibt! Es kann einer ohne Anmaung
von sich sagen: ich bin Bildhauer, bin Musiker ... aber ich bin Dichter, klingt
so eingebildet - denn das Wort bedeutet nicht allein die Ausbung, es drckt
schon die sieghafte Bewltigung dieser Kunstgattung aus ... und weil ich davon
so weit, ach so weit bin, darf ich mich wohl nicht Dichter nennen - sagen wir:
Wortziselierer, Traumbndiger - -
    Bndiger ist auch ein siegreicher Begriff, sagte Sylvia.
    So nehme ich auch diese Bezeichnung zurck. Es ist ja richtig: die Trume
unterwerfen eher mich als ich sie ... Bilder, Gestalten drngen sich mir auf ...
sie rufen nach Ausdruck - sie lassen mich nicht, ehe ich sie aufs Papier gebannt
...
    Und so sind Sie denn daran, die Welt umzudichten?
    Absichtlich? Planmig? Nein. Der Genius der Kultur baut die Welt von
selber um - er zwingt nur die Knstler, ein paar Bausteine zuzutragen, ohne da
sie es wissen.
    Von selber geschieht gar nichts, warf Rudolf ein.
    Als ich noch Publizist war und plante, eine groe Zeitung zu redigieren, da
hatte ich auch so etwas im Sinne, wie Sie, Graf Dotzky: auf die Welt
reformierend einzuwirken. Das ist mir, seit ich mich der Dichtkunst, der lyrisch
und dramatisch schaffenden, hingegeben habe, ganz verloren gegangen. Vielleicht
auch deshalb, weil ich das leidige Zeitungslesen aufgegeben habe, mich um die
Tagesereignisse gar nicht kmmere und mich in die Dichterwerke der alten und
neuen Zeit vertiefte. Da hat sich eine ganze Phantasiewelt um mich aufgebaut,
bevlkert von tausend Gestalten: Gtter, Helden, Knige, Feen, Heilige. -
Gestalten, die den Kpfen von Homer, Dante, Shakespeare, Corneille, Goethe
entstiegen sind. Von den neueren und neuesten gar nicht zu reden - und ich habe
alle Modernen gelesen, auch die Russen und Skandinaven. Und da sind es nicht
allein die erdichteten Geschpfe, die mich gefangen nehmen - da ist es auch die
technische Seite der Dichtung - der Stil, die Musik der Sprache, das
Virtuosentum auf dem Instrument des Worts ... das ist's, was mich entzckt und
was mir anzueignen mich als leidenschaftlicher Kunstehrgeiz erfllt. Schnheit,
Schnheit: die erscheint mir als die hchste Offenbarung unseres Genius ... und
was man der Schnheit abzuringen vermag, das bereichert, das veredelt uns selber
und unser ganzes Geschlecht ... Auf diese Art kann auch der einzelne Knstler,
wenn er nur seine liebende Kraft anstrengt, wirklich den Schatz der Kultur
vermehren, wirklich das eigene Gehirn und die Gehirne der Mitwelt feiner modeln
und so an dem Entwicklungswerk des Menschengeistes helfend mitschaffen - besser
als durch alle politischen und konomischen und sozialen Spekulationen und
Maregeln. Es ist nicht zu sagen, welche Gleichgltigkeit, um nicht zu sagen
Verachtung, mich ber all das kleinliche Getriebe erfat hat ... man sehe doch -
in dem sogenannten ffentlichen Leben - die Enge der Interessen, die Flachheit
ihrer Vertretung, die Hlichkeit und Gemeinheit der Kampfweise. sthetisch - in
der Politik - wirken hchstens die Gewaltmenschen, daher der Kultus fr einen
Napoleon oder einen Bismarck - -
    Rudolf schlug sich auf die Stirn:
    Sie haben mir da einen neuen Horizont erffnet, Bresser ... Politiker und
Knstler geringschtzen sich gegenseitig. Sie verstehen einander nicht. Ihre
Gebiete sind zu getrennt. Ich sehe aber, da sie sich verschmelzen sollten: als
oberstes Prinzip hat - nicht nur in den Knsten - hat auch in der Lebenskunst,
in der Regierungskunst die Schnheit erkannt zu werden. Und was die Lenker der
Vlkergeschicke leiten sollte, das mte auch Begeisterung - nicht Berechnung
sein.
    Martha warf ihrem Sohn einen dankbaren Blick zu.
    Jetzt wurde neuer Besuch gemeldet.
    Es war Graf Kolnos. Nachdem er alle begrt und sich gesetzt:
    Ich bin gekommen, um - nein, noch nicht, um Abschied zu nehmen, aber um
mein baldiges Verschwinden anzukndigen. Mich packt wieder einmal meine
Reisewut.
    O weh, rief Martha, da bleiben Sie uns wieder auf ein, zwei Jahre
verschollen - Sie sind ein so unmiger Reisender - und ich entbehre Sie schwer
so lange ... Wohin diesmal?
    Diesmal nach Indien - dort war ich noch nicht. Vielleicht auch einen
Abstecher nach Japan.
    Sylvia lachte. Abstecher ist gut.
    Willst Du mitkommen? wandte er sich an Rudolf. Dieser schttelte den Kopf.
Doch warum frage ich? Wenn man Weib und Kind hat und Mutter und Schwester, so
hat man nicht diese exotischen Gelste, nicht die Fernensehnsucht, die mich
Einsamen alle paar Jahre packt, sogar noch jetzt in meinen alten Tagen. Wenn ich
so recht mde geworden bin von dem hiesigen Einerlei, von dem Tritsch-Tratsch
der Gesellschaft und dem Quitsch-Quatsch der Politik, da mu ich mich erfrischen
in ganz fremder Landschaft, unter Menschen, die nichts von uns wissen, wie ich
nichts von ihnen wei. Da lese ich keine europische Zeitung, da gebe ich
niemand meine Adresse, damit man mir von zu Hause ja nicht schreiben knne, was
es Neues gibt.
    Kolnos blieb nur kurz. Er versprach, am selben Abend zu Martha in
Tete-a-tete speisen zu kommen.
    Ich mu Sie vor Ihrer Europaflucht noch tchtig genieen, hatte sie ihm
gesagt. Sie gehren zu den wenigen Menschen, deren Existenz mir eine Wohltat
ist - Ihnen kann ich immer alles sagen, was ich auf der Seele habe.
    Kaum war Kolnos gegangen, als wieder neuer Besuch eintrat - ein Besuch, der
gleich fnf Mann hoch war: Exzellenz Grfin Ranegg mit vier Tchtern.
    Diese Gelegenheit bentzte Bresser, um sich neuerdings zu empfehlen, und
Martha hielt ihn nicht mehr zurck
    Raneggs gehrten zu den nchsten Gutsnachvaren von Brunnhof und die Familien
verkehrten sehr lebhaft miteinander. Zur Zeit, als Sylvia ihre Hochzeit feierte,
war Grfin Ranegg mit ihren Tchtern auf einer Italienreise begriffen gewesen,
sonst htten die vier schnen Schwestern sicherlich als Brautjungfern fungiert.
Diese Mdchen nebeneinander zu sehen, war wirklich ein sthetischer Genu. Alle
vier von hohem, schlankem Wuchs, von vornehmer und dabei natrlichster Anmut im
ganzen Wesen. Die lteste, Cajetane, dreiundzwanzigjhrig, hatte
feingeschnittene regelmige Zge, dunkles Haar und schwarze Augen; die zweite,
Christine, um drei Jahre jnger, war kastanienbraun mit lebhaft-schalkhafter
Kaprizenphysiognomie, und die beiden jngsten, die achtzehnjhrigen Zwillinge
Ella und Bella, einander zum Verwechseln hnlich - waren hellblond mit sanften
Blauaugen und Madonnengesichtchen. Die Zwillinge waren immer gleich gekleidet,
die zwei lteren verschiedenartig, alle vier mit hchster Einfachheit.
    Das in hohem gesellschaftlichem Ansehen stehende Paar Ranegg - er bekleidete
eine der ersten Hofchargen, sie war eine geborene Frstin - besa auer diesen
reizenden Tchtern noch zwei wohlgeratene Shne, beide im Militrdienst. Der
ltere, noch nicht ganz dreiig und schon Ulanenrittmeister, der andere, im
vergangenen Sommer ausgemustert, Leutnant bei den Dragonern.
    In Wien sahen sich die beiden Frauen - Martha und Grfin Ranegg - eigentlich
nur selten, denn whrend die erste sehr zurckgezogen lebte, machte die andere
ihren Tchtern zuliebe alle Unterhaltungen der groen Welt mit: Hof- und
Kammerblle, adelige Picknicks, erzherzogliche und aristokratische on dansera,
Amateurtheater und Wohlttigkeitsbazare ... desto fter sah man sich auf dem
Lande. Fr Martha war es immer eine Herzensfreude, mit dieser Familie
zusammenzukommen, besonders in deren eignem Heim.
    Das Leben dort bot nach jeder Richtung das Muster glcklichen und
harmonischen Menschenloses. Gengender Reichtum, glnzende soziale Stellung,
gegenseitige Anhnglichkeit, ein heiteres Dahinflieen der Tage in regelmigen
Beschftigungen: musizieren, lesen, sticken, malen, reiten, gemeinsame
Spaziergnge und Spiele. Die Mdchen, so jung sie waren, zogen dieses Landleben
dem Wiener Aufenthalt vor. Das Mitmachen der Wintervergngungen war fr die
Schwestern Ranegg mehr die Erfllung einer Standespflicht, als wirkliches
Vergngen. Im Mai, wenn die weltliche Nachsaison ihre hchsten Wogen schlug,
waren sie schon immer voll Ungeduld, Wien zu verlassen, um in ihr geliebtes
Raneggsburg zurckzukehren, das sie im Schmuck des Flieders und der blhenden
Kastanien besonders anzog. Und wenn es Winter wurde, schoben sie die
bersiedlung nach Wien so weit als mglich hinaus. Sie liebten es, auf dem
zugefrorenen Schloteich Eis zu laufen und die langen Abende um den
Familientisch zu verplaudern, jede mit einer Handarbeit beschftigt. Vor
Weihnachten wollten sie um keinen Preis fort, das Fest mute in Raneggsburg
gefeiert werden, mit dem groen Christbaum im Billardsaal, mit Bescherung fr
die Dorfkinder und Beschenkung aller Dorfarmen mit selbstgestrickten warmen
Unterkleidern und Tchern.
    Martha unterhielt sich sehr gern mit Grfin Ranegg, deren Altersgenossin sie
war. Zwar hatten sich die beiden in ihrer Jugend nur sehr flchtig, beinahe gar
nicht gekannt - erst durch die Nachbarschaft zwischen Brunnhof und Raneggsburg
waren sie einander seit einigen Jahren so nahe gekommen -, dennoch sprachen sie
mit Vorliebe von alten Zeiten miteinander, von den Begebnissen, Sitten und
Anschauungen, die in der Welt herrschten, als sie jung waren. Grfin Ranegg war
in ihren Gesinnungen viel konservativer als Martha, wenn gleich sie viel
liberaler dachte, als die Mehrzahl ihrer beiderseitigen Standesgenossinnen. Auf
halbem Wege kamen sie sich entgegen; die etwas khnen Ideen Marthas berhrten
die andere sympathisch, und das vllige Gleichgewicht des gediegenen,
toleranten, vornehmen Wesens der Grfin Ranegg bte trotz der
Grundverschiedenheit der Ansichten auf Martha einen eigenen Reiz; es lag etwas
so Beruhigendes und Harmonisches darin, - wie in allem, was aus einem Gusse und
dabei aus edlem Stoffe ist.
    Mit aufrichtiger Freude ging Martha der Eintretenden entgegen:
    Ah, sieht man Euch endlich wieder, ihr mondnen Geschpfe!
    Die vier Mdchen kten Martha die Hand.
    Ja, mondaines sind wir, seufzte Grfin Ranegg, gestern Ball bei
Pallavicini, heute bei Erzherzog Ludwig Viktor, morgen im Ministerium des uern
... Es ist eine wahre corve.
    Nun, nun, es macht Euch doch Vergngen, sagte Martha, das heit den
Kindern ... das Los der Mtter ist auf Bllen freilich kein beneidenswertes.
    Die Mdchen waren mit Sylvia und Rudolf in eine andere Ecke des Zimmers
gegangen, wo sie sich laut und eifrig unterhielten, soda die beiden lteren
Damen miteinander sprechen konnten, ohne von den anderen gehrt zu werden.
    Ich kann Dich versichern, sagte Grfin Ranegg, nicht nur fr Mtter, auch
fr die Tchter ist jetzt in unserer Welt nicht viel Vergngen zu finden ...
    Ja, besttigte Martha, das habe ich an Sylvia auch erfahren ... die
moderne junge Herrenwelt ist gar so, ich wei nicht wie ich sagen soll ...
    Sag' ihr eigenes Lieblingswort: fad. Erinnerst Du Dich zu unserer Zeit,
welch ein Unterschied - wie wurde da den jungen Mdchen der Hof gemacht, was
doch - seien wir aufrichtig, was doch die Wrze der weltlichen Vergngungen ist.
Geflirtet mu werden oder, wie man frher sagte, Passionen mssen entbrennen ...
Das hat alles aufgehrt. Unsere jungen Mnner verlieben sich nicht mehr -
wenigstens nicht in unsere Mdchen.
    Nein, in Bhnenprinzessinnen, schaltete Martha ein.
    Grfin Ranegg fuhr fort: Und zum Tanzen - da mu man die jungen Leute
ordentlich zwingen. Dabei sind die meisten, deren man doch habhaft wird, so
uninteressant, so langweilig, so gar nicht bei der Sache ... Sie tanzen ein paar
Touren, weil es sein mu, oder tanzen auch nicht. Und zu den Soiren sind sie
einfach gar nicht zu haben. Wieviel solche haben wir schon mitgemacht, wo wir
fast nur Frauen waren - ein paar alte Diplomaten und Generle ausgenommen. Auf
den Bllen gibt es zwar mnnliche Jugend, aber die wird hinkommandiert - die
Mehrzahl der Tnzer besteht aus den ganz Jungen: Gymnasiasten, Theresianisten.
Vter, Mtter, Tchter und Flaumbrte: das ist das Kontingent unserer Ballsle.
Auch junge Frauen sieht man da wenig - die haben ihre Diners und Spielpartien -
dort verkehren auch unsere Herren lieber - -
    Vielleicht wird die Sitte des Tanzens ganz aussterben, sagte Martha. Es
ist schon einmal so - die Welt verndert sich.
    Leider!
    Ich sage nicht leider. Platz dem Neuen ... Und so langweiligen sich Deine
Tchter?
    Langweilen? O nein ... hrst Du, wie sie dort mit Deinen Kindern lachen -
sie sind, Gott sei Dank, stets so guter Laune.
    Wie geht es Deiner Mutter?
    Danke - nicht gar gut. Sie sprt ihre fnfundachtzig Jahre ... Wir sind
sehr viel bei ihr ... jeden Abend bringt eine oder die andere von den Mdchen
bei ihr zu - und oft streiten sie, welche von ihnen den Vorzug haben kann, statt
auf den Ball, zur Gromutter zu gehen. Jetzt aber - Grfin Ranegg stand auf -
mssen wir wieder fort ... Kinder, kommt!
    Das war ein kurzer Besuch!
    Wir haben noch ungefhr siebzehn Visiten zu machen. - Wenn das keine corve
ist! Nchstens will ich brigens auf einen ganzen Nachmittag zu Dir kommen - auf
einen ordentlichen Plausch.
    Tu' das! Wir htten uns so viel zu erzhlen.
    Nachdem sich die Tr hinter den Besucherinnen geschlossen hatte:
    Diese Familie ist mein Kreuz, rief Rudolf. Ein wahrer Jammer!
    Aber, aber! machte Martha vorwurfsvoll, wie kannst Du so etwas sagen? Ich
kenne keine lieberen achtungswerteren Menschen.
    Das ist ja eben der Jammer ... Soll ich Dir das erklren?
    Ja, da wre ich neugierig.
    Nun denn: Ich erinnere mich, einmal dem Grtner den Befehl erteilt zu
haben, einen gewissen Baum umzuschlagen, dessen Stamm hohl war. Beim nchsten
Sturm konnte er umfallen und dabei vielleicht Schaden anrichten, also war es
besser, ihn gleich zu fallen. Und whrend ich das Todesurteil sprach, blickte
ich in die Krone hinauf und sah da ein Vogelnest, aus dem die Jungen die Hlse
streckten und das die Alten umkreisten. Lassen wir's, - sagte ich zum Grtner -
vielleicht hlt der Baum noch den ganzen Sommer aus. - Verstehst Du, was ich
meine? So stehen wir sogenannten Reformatoren auch vor morschen
Gesellschaftsordnungen und meinen, es mte da die Axt angelegt werden; in dem
Laubwerk aber, das den hohlen Stamm krnt, da haben sich die lieben, glcklichen
Vglein ihre Nester gebaut. Ihre ganze Existenz ist an die Existenz des Baumes
gebunden - was liegt ihnen an der innern Fulnis des Holzes, solange die
Bltterflle ihres Astes grnt? Hier wohnen sie und singen sie und ziehen ihre
Kleinen gro. Und siehst Du - denselben Eindruck macht mir das Bild einer
Familie wie die Raneggs ... ihr ganzes Glck, ihre ganze Wrde ruht auf den
Einrichtungen -
    Ich verstehe, ergnzte Martha, auf den Einrichtungen, die innen morsch
sind und gegen die Du ankmpfen willst -
    Ja - und so ist mir dieses Ankmpfen erschwert. Wren schon alle ste drr,
wre statt der lieblichen Singvgel nur mehr ekles Gewrm auf dem Baum, da
brauchte man nicht zu zgern mit dem Fllen ... wre die Aristokratie durchaus
verderbt und wren die Soldaten wilde Ruberseelen, wie viel leichter wre es
da, die Adelsprivilegien und den Militarismus abschaffen zu wollen ... Aber wenn
man solche Familien sieht wie diese, deren ganzer Sinn auf den alten Traditionen
ruht - wie das Vogelnest auf dem Ast -, deren Shne mit Stolz und Freuden
dienen, deren Tchter auch wieder bestimmt sind, auf dem Nebenast zu nisten -
und dabei so holde, so makellose Geschpfe sind, wie z.B. diese Ranegg-Mdchen
(ich gestehe, wre ich frei, die Cajetane knnte es mir antun ...) da vergeht
einem die Lust, zerstrend - oder auch nur strend dreinzufahren und -
    Und - fiel Sylvia ein - man sagt dann dem Grtner: Lassen wir's noch.
Besonders, fgte sie hinzu, wenn man, wie wir eigentlich, zur selben
Vogelgattung gehrt.

                                       XV


An diesem Abend ging Sylvia in die Oper. Auf dem Zettel stand Der Phrophet und
darin war Antons Flamme nicht beschftigt. Sylvia pflegte nur die Opern zu
besuchen, in denen jene nicht sang.
    Sie war allein in ihrer Loge; ihr Mann hatte sie nur hergeleitet, dann aber,
eine wichtige Sitzung vorschiebend, das Theater wieder verlassen; fr ihn gab es
nichts Langweiligeres als musikalische Auffhrungen, die nicht durch die
Gegenwart seiner Schnen belebt waren.
    Sylvia gab sich dem Genusse des von Bhne und Orchester strmenden Wohllauts
hin. Ein schwermtiger Genu, denn sie fhlte sich zugleich unglcklich -
einfach unglcklich. Nur wer die Sehnsucht kennt, wei, was ich leide; das war
der Grundton ihrer Stimmung.
    Sehnsucht - wonach? Nach einem groen Erlebnis, nach - - sie wute es selber
nicht, aber ihre Existenz war so furchtbar de ... Fr immer gebunden an einen
nicht mehr geliebten Mann, der sie noch dazu in stadtbekannter Weise betrog ...
Warum war es ihr nicht beschieden gewesen, einen Gatten zu finden, mit so weitem
geistigen Horizont, mit so tiefem Gemt, wie z.B. ihr Bruder - oder begabt mit
einer schpferischen Feuerseele, wie - ach nein, es ist besser, an Hugo nicht zu
denken. Der Mann knnte ihr gefhrlich werden ... Das fehlte noch, da sie sich
verliebte ...
    Der Vorhang war ber dem ersten Akt gefallen. Der Saal erhellte sich. Nach
einer Weile ging die Logentr auf: es war Bresser.
    An einer heien Beklemmung, die ihr Atem und Stimme raubte, soda sie die
Begrung ihres Besuchers nur mit einer stummen Gebrde erwidern konnte, wurde
Sylvia gewahr, da die vorhin in Gedanken aufgetauchte Gefahr, da sie sich
verlieben knnte, schon nher war, als sie geglaubt.
    Mit der Fcherspitze deutete sie auf einen Sessel. Dankend machte Hugo von
der so erteilten Erlaubnis Gebrauch.
    Da er seinen Blick mit Bewunderung auf sie heftete, bemerkte sie wohl, und
sie hatte das fr jedes junge Weib - angenehm anregende Bewutsein, gerade
besonders vorteilhaft auszusehen - en beaut zu sein, wie die bezeichnende
Redensart lautet. Sie fhlte ihre Wangen glhen und wute, da sie hier im
Rahmen der Loge, in ihrem halbausgeschnittenen schwarzen Samtkleid und mit den
blitzenden Diamantsternen im gewellten Haar ein hbsches Bild abgeben mute.
    Es wundert mich, sagte sie, da Sie nicht vorgezogen haben, ins
Burgtheater zu gehen.
    Weil ich selber Dramen schreibe, meinen Sie? Um zu lernen?
    Um sich Begeisterung, Eingebung fr Ihre Kunst zu holen.
    Wenn ich das tun will, so gehe ich in die Oper - Musik zaubert mir zehnmal
mehr dichterische Stimmung herbei, als ein Schauspiel. brigens bin ich heute
hierher gekommen, weil ich wute, da ich Sie da sehen wrde ... Von weitem
sehen, denn ich glaubte, Ihre Loge wrde so gefllt sein, da ich mich nicht
htte eindrngen wollen - Sie waren aber allein -
    Ja - sehr, antwortete Sylvia mit einem unwillkrlichen Seufzer.
    Sehr allein? wiederholte Hugo. Die beiden Worte fhrt der Sprachgebrauch
sonst nicht zusammen - ebenso wenig wie sehr tot. Und doch - es ist so richtig -
im Alleinsein gibt es Steigerungen. Nicht in der Einsamkeit - mitten in der
Menge ist man oft am alleinsten. Und das Gegenteil von Alleinsein ist - Zweisein
...
    Vorausgesetzt, da die zwei - eins sind.
    Das habe ich sagen wollen. Eine Pause.
    Dann sprach Sylvia wieder.
    Ich mchte Sie eines fragen, lieber Bresser. Sind Sie glcklich? Freuen Sie
Ihre Erfolge? Und haben Sie in Berlin solche - Zweisamkeit gefunden?
    Das war nicht eine Frage, das sind drei Fragen, Frau Grfin. Glcklich?
Nein, ich fhle mich nicht glcklich. Erfolge? Mein Gott, es gibt in meinem
Beruf keine Erfolge, auf denen man sich gewissermaen freudig und ruhig ausatmen
knnte ... Es ist, wie wenn man auf einer steilen Leiter hinaufklimmt, man freut
sich nicht der erreichten Staffel, sondern strebt ngstlich nach der nchsten,
von der man ja wieder ganz herabkollern kann. Und die dritte Frage ...
    Die nehme ich zurck - sie war indiskret.
    Das nicht, aber fr Sie ohne Interesse. Ich verantworte sie dennoch: mein
Herz ist nicht in Berlin.
    Wieder ffnet sich die Logentr: - Minister von Wegemann
    Nachdem er ein paar Worte mit Sylvia getauscht, begrt er sehr herablassend
den jungen Bresser:
    Sieht man Sie wieder einmal zu Hause? Das ist schn ... Jetzt bleiben Sie
doch da ... ein guter sterreicher kann sich doch nicht immer in Preuen
herumtreiben.
    Ich bin nur auf kurze Zeit hierher gekommen, Exzellenz.
    Deutschland und sterreich sind doch alliiert, fiel Sylvia ein - warum
sprechen Sie das Wort Preuen so gehssig aus?
    Allerdings - verbndet sind wir; andrerseits habe ich sechsundsechzig
niemals ganz verwunden, und abgesehen von allen politischen Erwgungen, denen
ich ja jetzt fernstehe, ist es mein Privatgefhl, da man sich nirgends so wohl
fhlen kann, wie in unserem alten Wien, und da ein Mensch, der nicht im Ausland
leben mu, zu Hause bleiben sollte ... Wie geht's dem Toni, ist er nicht da?
    Danke, es geht ihm gut. Er ist in einer Sitzung ...
    Ah? Und was macht Rudolf? Sagen Sie mir, Sylvia, fgte er leiser hinzu,
knnten Sie nicht ein bichen ihren schwesterlichen Einflu geltend machen und
ihm seine Schrullen ausreden? ... Ich meine es ja gut ... er fngt an, bei
vielen Ansto zu erregen - er kann sich noch ganz unmglich machen ...
    Womit - was meinen Sie?
    Mit seinen verschrobenen Ideen ... Neulich, im Kasino, wir waren da lauter
Staatsmnner und Militrs, machte er einen Ausfall gegen die ganze
Gesellschaftsordnung, als ob er ein roter Sozi wr' ... das verstehen Sie nicht
... ich war wie auf Nadeln ... geben Sie ihm einen Wink. Dann wandte er sich
wieder laut zu Bresser:
    Sie haben ja ein Stck geschrieben, das in Berlin aufgefhrt worden ist -
hat mir neulich Ihr Vater erzhlt. Hoffentlich nicht im neuen, naturalistischen
Genre, was? - wie ein gewisser Hauptmann -
    Hm, machte Bresser, der gewisse Hauptmann hat das Zeug, einer unsrer
groen Dichter zu werden - ich mae mir nicht an, ihm gleichzukommen.
    Trachten Sie unserem Grillparzer gleichzukommen?
    Auch das mae ich mir nicht an - ich versuche berhaupt nicht, irgend
jemand nachzuahmen. Mein Glas ist klein, aber ich trinke aus meinem Glase, sage
ich mit Alfred de Musset.
    Als der Vorhang wieder aufgezogen wurde, entfernte sich Herr von Wegemann.
Hugo, durch ein Zeichen Sylvias aufgemuntert, blieb zurck.
    Sie wandten nun schweigsam ihre Blicke der Bhne zu. In schwellenden Wogen
flutete die Musik durch den Saal. Was der abwechselnd se und heroische Gesang,
was die Harfenklnge und die rauschenden Akkorde des Orchesters ausdrckten, das
empfanden die beiden jungen Menschenkinder als die Offenbarung dessen, was sie
einander zu sagen htten - wie eine Art melodische Gedankenkommunion.
    Beim folgenden Zwischenakt kamen wieder einige Besucher in die Loge, und
diesmal rumte ihnen Hugo den Platz.
    Als er sich von Sylvia empfahl, frug er, ob sie gestatte, da er morgen
seinen Abschiedsbesuch mache, da er am bernchsten Tag nach Berlin zurckreisen
werde.
    Diese Nachricht versetzte ihr einen leisen Schlag - die Anwesenheit des
jungen Dichters in Wien hatte ihr eine Erhhung des Lebensinteresses bedeutet.
    Wie? so bald schon? rief sie, ihm die Hand schttelnd. Also morgen! Um
halb fnf, fgte sie leiser hinzu - die anderen brauchten es nicht zu hren.

Am folgenden Tag zur bezeichneten Stunde fand Hugo die junge Frau allein.
    Als er ihren kleinen Salon betrat, erhob sie sich vom Klavier, auf dessen
Pult die Partitur des Propheten aufgeschlagen war.
    Sie begrte ihn mit erzwungen ruhiger Freundlichkeit. Und nachdem sie sich
gesetzt hatten:
    Also wirklich - Sie wollen sich verabschieden? ... Der Entschlu zu dieser
Rckreise scheint Ihnen pltzlich erst gestern abend gekommen zu sein?
    Ja, Grfin, gestern abend. Eine Pause.
    Ihrem Vater wird es leid tun.
    Meinem Vater tut es sehr leid.
    Nach einer abermaligen Pause sagte Sylvia:
    Mir auch ... Sie stellen doch ein Stck meiner ersten Erinnerungen dar -
als Kinder haben wir oft miteinander gespielt und jetzt - ich gestehe, ich habe
mich sehr gefreut, Sie wiederzusehen ... und so - gewachsen zu sehen. Was Sie
alles von Ihren dichterischen Versuchen und Erfolgen erzhlen, interessiert mich
... Der Einblick in einen Knstlergeist ... kurz, es tut mir sehr leid, da Sie
abreisen ...
    Wenn Sie es befehlen, so bleibe ich.
    Ah, ich habe nichts ber Sie zu befehlen, antwortete sie rasch.
    Sie war ber diese Wendung erschrocken. Vielleicht wre es besser, wenn er
abreiste ... sie erriet, da sein Motiv dazu dieselbe Gefahr sei, die auch ihr
vorgeschwebt.
    Sie haben alles ber mich zu befehlen! - Wenn ich Ihnen aber einen Einblick
- nicht in einen Knstlergeist, sondern in ein armes Menschenherz gbe, Sie
wrden mir vielleicht gebieten, nicht nur da ich jetzt abreise, sondern da ich
berhaupt nie wieder komme. Sie durchblicken, was ich sagen will ... ich sage es
aber nicht, weil das eine Vermessenheit wre, zu der ich nicht berechtigt bin
...
    Sylvia schttelte unwillig den Kopf.
    Sie haben es doch gesagt ... Reden wir vernnftig, Herr Bresser. Da Sie
einmal in mich verbrannt gewesen, das wei ich ja aus einem nrrischen Brief,
den ich an meinem Hochzeitsmorgen erhielt. Darber sind nun bald drei Jahre
vergangen ... Sie sind in ein ganz neues Leben getreten, haben die alte
Schwrmerei, wenn nicht vergessen, so verwunden - das Kopfschtteln gilt nicht.
Ihre Arbeit und - was wei ich, ich frage nicht darnach - vielleicht auch neue
Herzensbande fllen Ihre jetzige Existenz aus, also tun wir, ich bitte, als wre
niemals jener Brief geschrieben, niemals Ihre Andeutung von vorhin gemacht
worden ... ausgelscht, das Ganze ausgelscht ... und um mit dem Thema ein- fr
allemal fertig zu werden, erklre ich nun mit aller Entschiedenheit, da Sie
nichts, nichts, nichts von mir zu hoffen haben - auer den freundschaftlichen
Verkehr einstiger Jugendgenossenschaft, den in alter Herzlichkeit. Also reisen
Sie nach Berlin, wenn Ihre Geschfte oder Ihre Neigung Sie dahin rufen ... aber
nur keine Flucht, ich bitte ... das wrde mich beleidigen. So, das war das
letzte Wort ber diesen Zwischenfall - ich werde ihn nie wieder erwhnen - auch
Ihnen verbiete ich, jemals darauf zurckzukommen. Und jetzt erzhlen Sie mir von
Ihrer neuesten Arbeit.
    Sie hatte sehr schnell gesprochen, ber und ber rot dabei.
    Hugo hatte nicht versucht, sie zu unterbrechen. Ihre Worte - sie sprach ja
von seiner Liebe - bewegten ihn wonnig, betubten ihn - fast wie eine
Liebkosung.
    Die Dmmerung war hereingebrochen. Ein Diener brachte die Lampen und schrte
das Kaminfeuer. Dann entfernte er sich wieder. Das Lampenlicht war von groen,
roten Schirmen gedmpft und auch aus dem Kamin flackerte roter Schein ber den
Teppich; - eine unsglich trauliche Stimmung war in dem prunkvollen, kleinen
Gemach verbreitet.
    Bresser stand auf und lehnte sich an den Kaminsims; dadurch war er der
jungen Frau etwas nher gekommen.
    Ich werde Ihnen gehorchen, Grfin Sylvia, in allen Stcken, sagte er in
sanftem, zrtlichem Ton.
    Das ist recht.
    Einstweilen bleibe ich noch in Wien. Ich kann hier die Arbeit, die ich
begonnen habe und um die Sie mich fragen, mit mehr Mue vollenden als in Berlin,
wo meine vielen Kollegen mir keine Ruhe lassen.
    Was ist diese Arbeit?
    Ein Mrchendrama in Versen. Der erste Akt ist fertig - ich werde Ihnen ihn
vorlesen - und Sie sagen mir, ob ich den richtigen Ton getroffen.
    Haben Sie das Manuskript bei sich?
    Nein, ich bringe es das nchste Mal, wenn Sie erlauben.
    Gut - morgen.
    Gut, morgen: wie mir das freundlich klingt - nachdem ich mich schon dazu
verurteilt hatte, morgen ber alle Berge zu sein. Als ein Begnadigter fhle ich
mich.

Und am folgenden Tage kam er. Um dieselbe Dmmerstunde wie gestern.
    Doch diesmal waren die Lampen schon angezndet und Sylvia war nicht allein.
Baronin Tilling sa bei ihr.
    Als Sylvia den jungen Mann eintreten sah, stockte ihr der Atem und sie
fhlte, wie ihr das Blut in die Wangen scho. Sie war froh, nicht allein zu
sein; nur war ihr der forschende Blick etwas peinlich, den ihre Mutter, welche
das pltzliche Farbenwechseln vielleicht bemerkt hatte, nun auf sie heftete.
    Guten Abend, Herr Bresser, sagte sie, etwas unsicher. Haben Sie Ihr
Manuskript mitgebracht? Sie deutete auf eine Rolle, die er in der Hand hielt.
    Ja, das ist es. Er legte die Rolle auf einen Tisch. Ich lasse es hier -
zur gelegentlichen Durchsicht. Dann nherte er sich der Baronin Tilling und
kte ihr ehrerbietig die Hand.
    Ihr neuestes Werk? fragte diese.
    Sylvia aber nahm das Manuskript und wollte es ihm zurckgeben.
    So haben wir nicht gewettet. Sie versprachen mir vorzulesen.
    Ich wei nicht, ob die Baronin ...
    O, ich wrde unendlich gern etwas von Ihnen hren - wenn Sie meiner Tochter
versprochen haben, eine Ihrer Dichtungen vorzulesen, dann lassen Sie mich an dem
Genusse teilnehmen -
    So aber hatte er nicht gewettet. Allein mit der angebeteten Frau, ihr mit
seinen Versen seine Seele ausschtten ...: das hatte er von der verheienen
Stunde erhofft. Two is company, three is none - die Richtigkeit dieses
englischen Sprichworts schien ihm wieder einmal bewhrt. Sich jetzt hinsetzen
und den beiden Damen seinen neuesten dramatischen Versuch vortragen, wie um die
eigene Eitelkeit zu befriedigen, oder als ob er sich Kritik und Rat holen
wollte: - nein, das verhielte sich zu der getrumten innigen Geisteskommunion
wie ein Drehorgelstck zu Sphrenmusik - -
    Ich bin ein schlechter Vorleser, sagte er. Die Grfin wird, wenn sie
einmal Zeit hat, in dem Fragment blttern.
    Nur ein Fragment? fragte Martha.
    Ja, der erste Akt eines Dramas. Mehr habe ich nicht fertig.
    Aber doch den Plan der nchsten Akte?
    Der ist noch schwankend.
    Sylvia nahm die Papierrolle:
    Wenn Sie nicht vorlesen wollen, so werde ich es tun!
    Sie setzte sich zurecht und schlug das Manuskript auf.
    Wieder durchzuckte der Anblick von Hugos Schrift sie mit der Erinnerung an
den heien Liebesbrief, den er ihr damals geschrieben ... Und tot war ja diese
Liebe nicht - das wute sie - nur zu ewiger Stummheit verdammt. Und doch wieder
nicht: einem Dichter kann der Mund nimmer verschlossen werden. Was er einer in
direkter Anrede nicht sagen durfte, das konnte er ja - allen vernehmlich und nur
einer verstndlich - in seinem Gesange aussprechen. Ihr war, als mte sie nun
in dem aufgeschlagenen Hefte gar manche Stelle finden, die an sie gerichtet war,
die ihr Leidenschaftliches und Ses ins Ohr flstern wrde ...
    Gut, sagte Hugo, lesen Sie, Grfin. Meine Verse von Ihnen zu hren, wird
mich ganz eigentmlich berhren und - belehren; ich werde besser beurteilen
knnen, als wenn ich selber lese, wie die Verse klingen ... Wenn es Sie also
nicht langweilt, Frau Baronin - -
    Mich? rief Martha lebhaft, - ganz im Gegenteil, ich bin sehr gespannt -
lies, mein Kind.
    Sylvia rckte nher zur Lampe und begann zu lesen. Hugo lehnte sich in
seinem Fauteuil so zurck, da sein Kopf im Schatten des Lampenschirmes
verborgen war; sein Blick hing an Sylvias Zgen, deren Spiel bewegt und
ausdrucksvoll den ebenso bewegten und ausdrucksvollen Stimmfall begleitete. Das
melodische Organ war bei manchen Stellen weich und zitternd und erhob sich bei
anderen zu feuriger Kraft, aber beides geschah - nicht in deklamatorischer
Absicht, sondern in unwillkrlicher, deutlich verhaltener Ergriffenheit.
    Mit groem Interesse lauschte Martha dem Inhalt des Stckes, mit noch
grerem beobachtete sie ihre Tochter.
    An sie gerichtete Worte, wie sie erwartet hatte, konnte Sylvia in den
vorliegenden Versen nicht finden, denn von Liebe und Liebessachen war nicht die
Rede; aber eine Sprache von solchem Schwung und solcher Schnheit fand sie
darin, wie sie es nicht erwartet hatte.
    Krftig und klirrend wie Trompetenschall, dann wieder sanft und einlullend
wie das Pltschern einer mondbeschienenen Fontne, von wilder Frhlichkeit wie
Mnadentanz und banger Schwermut wie Grabesluten, so wechselten die Rhythmen,
so reihten sich die Strophen in berraschend neuen Wortverschlingungen
aneinander - im Schmucke ebenso neuer Bilder von tiefglhenden Farben oder
mattschimmerndem Glanz. Und diese ganze Ausdruckspracht als Gewandung erhabener
und lieblicher Gedanken, khnsten Phantasiefluges und leidenschaftlich
pulsierender Gefhlskraft. Die Leserin berkam eine genuvolle Bewunderung, wie
nur vollendete Kunstwerke sie einzuflen pflegen; von der Begeisterung, die in
diesen Versen vibrierte, strmte Mitbegeisterung in ihre Seele ber - sie war
gehoben und beglckt. Als sie das letzte Wort gelesen und die Hand, die das Heft
hielt, sinken lie, holte sie einen tiefen, zitternden Atemzug: sie liebte einen
Dichter - einen groen Dichter.
    Auch Martha war hingerissen.
    Wundervoll! rief sie. Sie haben eine groe Zukunft vor sich, Bresser.
Und, Sylvia, ich mu sagen - Du trgst sehr schn vor.
    Die beiden anderen blieben stumm. Nach einer Weile ergriff Martha von neuem
das Wort, um von der Handlung des eben gelesenen Dramenfragments zu sprechen und
zu fragen, wie dieselbe sich weiter entwickeln werde.
    Einen ursprnglichen Plan habe ich verworfen, whrend dieser Akt entstand -
also kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, wie ich die Handlung weiterfhre.
Eine ganz neue Wendung hat sich mir - durch die zufllige Eingebung einer
einzigen Reimzeile - aufgedrngt - und das mu nun erst reifen, ehe ich
berhaupt an dem Stcke weiterarbeiten kann.
    Das also sind die geheimen Vorgnge des Schaffens? sagte Martha
nachdenklich.
    Ich denke, erwiderte Bresser, da diese Vorgnge bei jedem Knstler
andere sind.
    Sylvia schwieg noch immer. Sie war wie in einen Traumzustand versetzt, aus
dem sie sich nicht durch den Klang der eigenen Stimme reien wollte. Warm und
beseligend - wenn auch zugleich bengstigend - strmte ihr vom Herzen das
Bewutsein auf, da da ein Mensch vor ihr war, dessen Scheitel mit der hchsten
irdischen Krone - mit der des Genius - geschmckt war, und von diesem Menschen
wurde sie geliebt ... ihn wiederzulieben war sester Zwang. Die Dichtung war
ihr zu Kopf gestiegen, ihre Seele taumelte in Bewunderungsrausch.
    Unerwartet trat Delnitzky herein. Damit war der Bann gelst. Wie aus einem
Traum erwachend, fuhr Sylvia empor; es war, als htte ein kalter Luftstrom ihre
Schlfe berhrt und den Rausch verscheucht.
    Gr Euch Gott alle miteinander ... K die Hand, Mama ... ah, Herr Bresser
... freut mich - noch immer in Wien? Ich hab' geglaubt, Sie sind schon nach
Ihrem geliebten Preuen abgedampft ... Du, Sylvia, ich wollte Dir sagen, ich
hab' heute zwei Freunde zum Essen eingeladen ... den Felsegg und den Milovetz.
    Gut, sagte sie.
    Er warf sich in einen Fauteui
    Bei was habe ich die Herrschaften gestrt?
    Sylvia las uns aus einem Drama vor - von Herrn Bresser.
    So. Da hab' ich was versumt ... Na, wir werden ja Ihre Stcke vielleicht
einmal in der Burg sehen, was? Das ist mir lieber als vorlesen hren ... Dazu
hab' ich gar kein Talent, oder keine Geduld.
    Hugo empfahl sich bald. Als er, sich verabschiedend, Sylvias Hand kte,
sagte er:
    Sie haben nicht ein Wort des Urteils geuert, Grfin - soll ich das als
stummen Tadel auffassen?
    Mit festem Hndedruck und einem geraden Blick in seine Augen antwortete sie:
    Sie wissen das Gegenteil.
    Ja, er wute es. Ein magnetischer Rapport hatte, whrend des Lesens, sich
zwischen Autor und Leserin hergestellt. Deutlich hatte er empfunden, da sie auf
den Flgeln seines Gesanges in die gleiche Begeisterungshhe gehoben worden, die
er in den Stunden der Arbeit erklommen hatte. Eine Kommunion auf dem Gipfel des
Parnasses - ein gleichzeitiges Eintauchen der brennenden Lippen in das khle
Geriesel des kastalischen Quells ...
    Solche, etwas berspannte Ideen erfllten und begleiteten ihn, als er nun,
Sylvias Hand verlassend, in raschen Schritten seiner Wohnung zueilte. Er hatte
die Absicht, den Drang, das Bedrfnis - heute noch, den ganzen Abend - zu
schreiben. Den zweiten Akt beginnen unter dem Eindruck, den ihm die Lektre -
aus solchem Mund in solchem Ton! - die Lektre des ersten gemacht. Anderes noch
wollte er schreiben: ein Gedicht an - sie. Seine Liebe war - im Bewutsein
erreichter Gegenliebe - zu hchster Glut angefacht, und da dies unter dem Bann
der Dichtung so gekommen, so wollte, so mute er nun in glhenden Versen seinem
Gefhle Luft machen. Sie besingen - er lechzte darnach, als wre es eine Art sie
zu liebkosen, sie zu schmcken - statt mit Kssen und Perlen - mit Rhythmen und
Reimen.

Baronin Tilling war bei Delnitzkys zu Tisch geblieben. Bald nach dem Essen
entfernten sich Toni und dessen Freunde, um in den Klub zu gehen, und Mutter und
Tochter blieben allein.
    Sylvia war die ganze Zeit zerstreut und schweigsam gewesen. Auch jetzt, wenn
Martha etwas fragte oder bemerkte, antwortete sie erst, wenn die Frage oder
Bemerkung wiederholt worden war, und da nur ganz kurz und nicht recht zur Sache.
    Komm, mein Kind - mach es wie in Deinen Mdchenjahren - nimm Dir einen
Schemel und setz' Dich her zu meinen Fen ...
    Ach, Mutter, die Mdchenjahre sind entflohen -
    Und ebenso Dein Vertrauen zu mir ...?
    Wie meinst Du -?
    Ich meine, da Du mir verschweigst was Dich drckt und was Dich bewegt. Das
war einmal anders ... Du pflegtest mir alles zu sagen - wie Deiner besten
Freundin. Jetzt freilich knnte Dein Mann mich verdrngt haben, er knnte nun
Dein Vertrauter und Berater sein ... dann wrde ich mich gern zurckziehen, aber
das ist, leider Gottes, - nicht der Fall.
    Nein, es ist nicht der Fall, murmelte Sylvia bitter.
    
    Siehst Du - und das sagst Du mir erst heute -
    Da Du es durchschaut hast -
    Ich durchschaue noch mehr ... Sylvia, komm, tu' mir den Gefallen, setze
Dich ... da und lege Deinen Kopf auf meinen Scho und sei aufrichtig, ganz
aufrichtig - ich bitte, bitte Dich!
    Etwas widerwillig, aber doch unwiderstehlich angezogen, gehorchte die junge
Frau.
    Hier bin ich also ... das alte Pltzchen ... Erinnerst Du Dich - zum
letzten Male sa ich so - am Tage, da ich mich heimlich verlobt hatte ...
    Ja, ich erinnere mich - Du legtest mir damals eine Art Beichte ab.
    Ja, Beichte. Meine Liebe war nicht sndenfrei -
    Das ist sie auch heute nicht, Sylvia -
    Ich liebe ihn ja nicht mehr, dem Himmel sei's geklagt. Nun weit Du es -
ich dachte, Du mtest es schon lngst wissen, doch Dir und mir habe ich das
Peinliche ersparen wollen, das in solcher Aussprache liegt.
    Ich hatte Dich damals gewarnt - Du wolltest nicht auf mich hren - warst
leidenschaftsbetrt, eine verliebte Natur nennt man das - une grande amoureuse -
wie's in den franzsischen Romanen heit. Aber ich wiederhole es, Deine Liebe
ist nicht sndenfrei -
    Und ich wiederhole: sie ist ja erloschen.
    Fr Toni ja - und das verstehe ich. Doch -
    Sylvia zuckte lebhaft zusammen unter der Hand, die auf ihrem Scheitel lag.
    Also auch das hast Du erraten? sagte sie bebend.
    Auch das ... Ich beschwre Dich, mein Kind, empfange diesen jungen Mann
nicht mehr ... Du bist Friedrichs Tochter ... nicht anders als in Reinheit
darfst Du durchs Leben gehen.
    Eine leise Revolte stieg im Innern des jungen Weibes auf: war sie nicht vor
allem sie selbst - und erst in zweiter Linie die Tochter von diesem oder jenem?
Aber auch sie selbst ... wenn sie gleich in Bewunderung zu dem jungen Dichter
erglhte - hatte sie denn je daran gedacht, ihrer Reinheit etwas zu vergeben?
Bresser zum Geliebten -? Der Gedanke stieg ihr da zum ersten Male auf, als etwas
hei Verwirrendes, Beschmendes, - etwas das zu verjagen war, das man nicht
ausdenken durfte - -
    Martha sprach weiter:
    Dein Vater ist tot - aber sein Werk lebt fort: wir drei: Rudolf, Du und ich
sind dessen Erben und Hter. Kein Schatten darf auf die Ehre unseres Namens
fallen, denn solcher Schatten wrde auch unsere Sache verdunkeln. Aber nicht der
Sache - auch Deiner selbst willen, Sylvia, beschwre ich Dich: geh in Reinheit
durchs Leben!
    Das will ich ja, antwortete Sylvia mit erhobenem Haupt.

                                      XVI


                             Martha an Graf Kolnos.

                                                     Brunnhof, Mitte Juni 1893.

    Lieber Freund!
        Zufllig habe ich Ihren jetzigen Aufenthalt und Ihre Adresse erfahren.
        Sie sind schon auf dem Rckweg und kommen wohl bald hier an. Nach andert
        halbjhriger Abwesenheit!
        Sie wissen nicht, was inzwischen geschehen. In meinem Hause hat sich
        Trauriges - furchtbar Trauriges zugetragen. Und Sie sollen es zuerst
        durch mich erfahren - daher schreibe ich Ihnen. Sie sind mein Freund und
        Rudolfs Freund - Ihrer Teilnahme bin ich sicher.
        Der Tod ist bei uns eingebrochen. Zweimal. Zuerst mein Enkelkind -
        Friedrich. Zwei Tage nur war der arme Kleine krank. Ein harter Schlag
        fr uns alle. Was mit solchen Kindern stirbt, ist nicht nur das
        gegenwrtige liebe herzige Wesen selber - es sind die ganzen Trume, die
        man fr die Zukunft getrumt ... Der Erbe des Dotzkyschen Majorats, der
        Nachfolger meines Sohnes, wre er nicht auch geistig sein Nachfolger
        geworden und htte das Werk weitergefhrt, das Rudolfs Lebensaufgabe
        ist? Und alles das durch ein paar Konvulsionen des kleinen Krperchens
        aus der Zukunft weggewischt!
        Rudolf war sehr unglcklich. Beatrix, die eben einer zweiten Niederkunft
        entgegensah, war ganz verzweifelt. Und jetzt kam der zweite Schlag. Eine
        Fehlgeburt und - auch Beatrix ist tot.
        Sie knnen sich meines Sohnes Schmerz wohl vorstellen. Er hatte sein
        Weibchen unendlich lieb - sie war auch ein gutes, liebes, hbsches
        Geschpf ... er beweint sie innig. Diese beiden, so kurz auf einander
        folgenden Verluste haben ihn ganz schwermtig gemacht.
        Er wird sich wieder aufraffen. Sein Alles war ihm Beatrix nicht. Er ist
        jung, ich sehe die Zeit kommen, da er sich eine neue Huslichkeit
        grnden wird. Aber als ich ihm neulich so etwas sagte, wehrte er heftig
        ab.
        So, nun wissen Sie, mein alter Freund, da Sie in uns ein paar recht
        gedrckte, traurige Leute wiederfinden. Mein holdes Enkelkind, da den
        so teueren Namen Friedrich trug - war mir gar fest ans Herz gewachsen
        ... Der Tod, der Tod ... wie wandelt der doch so grausam unter uns herum
        und knickt die Blten unseres Glcks ... Was mir unter seiner Sense
        gefallen - ich denke immer noch an 1871 - das hat mich eigentlich gegen
        seine Hiebe abgehrtet. Damals war es nicht einmal sein Hieb, nicht er
        hat ausgeholt - menschliche Barbarei hat ihm die Sense gefhrt. Ist ja
        ein viel zu schwaches, leistungsunfhiges Instrument, diese Sense ...
        einfach nur fr Handarbeit zu brauchen; - das menschliche Ingenium hilft
        da auch, mit bei Krupp und Konsorten fabrizierten Mhmaschinen. O ber
        die bodenlos wilde Unvernunft, Krieg genannt - die mu niedergekmpft
        werden ... Wieder zu meiner fixen Idee abgeschweift? Das sind Sie ja an
        mir gewohnt, teurer Freund. In den feierlichen Stunden der groen Freude
        und besonders der groen Leiden flchtet jede Seele zu dem, was ihr als
        Hchstes gilt.
        Sie werden bei Ihrer Rckkunft Rudolf nicht antreffen. Er ist auf einer
        vom Arzt verordneten Reise - zur Zerstreuung, zur Ablenkung, sagte
        Doktor Bresser - ach, ich frchte, er hat seinen Kummer als
        Reisegefhrten mitgenommen. Sylvia finden Sie noch in Wien. Auch Sylvia
        macht mir Sorge - das erzhle ich Ihnen mndlich. Ich bin allein in
        Brunnhof. Vielleicht besuchen Sie mich.

Auf der in einen Garten umgewandelten Terrasse eines Berner Hotels sa Rudolf
Dotzky und blickte nachdenklich auf das von der Abendsonne berstrahlte
Alpenpanorama.
    Um ihn herum war reges Leben. Zahlreiche Hotelgste saen um kleine Tische,
andere gingen plaudernd auf und nieder oder lehnten an der Balustrade - eine
bunte Gesellschaft aus aller Herren Lnder.
    Rudolf, der seit einer Woche hier weilte, hatte mit niemand Bekanntschaft
angeknpft. Er war auf Reisen gegangen, um eine Zeitlang einsam zu sein, und
einsam war er auch geblieben. Er hatte nun, eine nach der andern, fast alle
Stdte der Schweiz besucht und Bern sollte die letzte Etappe vor seiner
Heimfahrt sein.
    Angeblich war der Zweck seiner Reise Zerstreuung gewesen, aber was er
gefunden hatte, war vielmehr das Gegenteil - war Sammlung. Ein Gedanke, der ihm
den Kopf durchkreuzt an dem Tage, da er die Gruft verlie, in die man die Srge
seiner Frau und seines Sohnes versenkt hatte - dieser Gedanke hatte ihn whrend
seiner Reise nicht mehr losgelassen und war allmhlich zum Entschlu gereift:
dem Majorat entsagen.
    Frei sein, ganz frei sein, nicht mehr zweien Herren dienen mssen, oder gar
dreien: Familie, Ranggenossen und Menschheit. Nein, fortan nur mehr den einen
Dienst: den Menschheitsdienst. Frei fr die Zukunft, und frei von den Fesseln
der Veraanaenheit.
    Frei? ... Als ob bei der bestehenden Ordnung irgend ein Mann sich frei
nennen drfte! Mit dem Worte wird lcherlich grogetan. Rudolf wute ganz gut,
welche Fesseln ihn noch banden und die abzustreifen es berhaupt keine
Mglichkeit gab. Er war ja - wie jeder gesunde Brger im Militrstaat - Soldat.
Zwar nur achtundzwanzig Tage im Jahre, aber immerhin - Soldat. Und im Kriegsfall
jederzeit verpflichtet, einzurcken. Verpflichtet ist da auch nicht der ganz
passende Ausdruck - unter Pflichterfllung denkt man sich eine als recht
erkannte, freiwillig ausgebte Tat. Gezwungen wre das richtige Wort. Man hat
ja keine Wahl - man mu. Und mag man den Militrdienst aus was immer fr Grnden
hassen - man mu ihn verrichten. Auf Verweigerung steht Gefngnis und Tod. Und
da wagt man, von mehr oder minder ausgedehnten Freiheiten zu reden?
Leibeigenschaft und Sklaverei: das war einstens das Los eines Teils der
Bevlkerungen; heute, in den Lndern der allgemeinen Wehrpflicht, ist es das Los
aller.
    Aber was von Fesseln abzustreifen mglich war, das wollte er tun. Dem
Majorat entsagen. Mit einem Ruck wre da die ganze Last der Verwaltungs- und
Reprsentations- und sonstiger Pflichten abgewlzt, die ihm seine bisherige
Stellung auferlegt und ihn gehindert hatten, sich ganz seiner groen
Lebensaufgabe hinzugeben - der Aufgabe nmlich, ein Lehrer, ein Kmpfer, ein
Apostel zu sein. Mit Schrift und Wort wollte er seinen Mitmenschen das neue
Gesellschaftsideal vor die Seele fhren. Das, was er schon verstand, wollte er
den anderen verstndlich machen und zu dem, was ihm und den anderen noch zu
erforschen blieb, wenigstens den Weg weisen. Man kann nicht gleich gefunden
haben - erst mu man berhaupt suchen lernen.
    Dem Majorat entsagen ... es war kein kleiner Entschlu. Aber er empfand ihn
nicht als etwas Schweres - eher als etwas Erleichterndes. Als abgeworfenen
Ballast zum Hherfliegen. Unser ganzes Kunststck besteht darin, sagte Goethe,
da wir unsere (bornierte) Existenz aufgeben, um (in erhhter Weise) zu
existieren.
    Es blieb ihm brigens genug Vermgen, um sorgenlos leben und bequem reisen
zu knnen. Die groen Einknfte, die das Dotzkysche Majorat abwarfen, die gingen
ohnehin fr die mit dem Besitz verbundenen Verwaltungs- und
Reprsentationskosten auf: Der Dienertro, die gefllten Pferdestlle, die zur
Institution gewordenen gastlichen Veranstaltungen u.s.w. Der Reichtum, dem er
entsagte, htte doch niemals zur Frderung seiner Zwecke dienen knnen, im
Gegenteil: ihn nur physisch und moralisch an deren Erreichung gehindert.
Physisch, indem er seine Zeit und Kraft in Anspruch nahm; moralisch, indem es
unmglich ist, sich fr soziale Umwlzungen, fr Abschaffung mittelalterlicher
Zustnde einzusetzen, wenn man seine eigene Existenz auf eine so feudale
Einrichtung aufbaut, wie der Fideikommibesitz.
    Htte Rudolf das gleich groe Vermgen als frei verfgbares Privateigentum
besessen, dann wrde er nicht darauf verzichtet haben, denn dann htte er es in
einer zu seinen Plnen und Anschauungen passenden Art verwenden knnen: z.B.
Grndung von Volksbibliotheken, von einem groen Blatte und hnlichen Dingen.
Aber ein Vermgen, das unverkrzt und unversehrt fr den nchsten Anwrter
erhalten bleiben mute - das konnte ihn in seinem Wirken nicht frdern - nur
hemmen.
    Da der geplante Schritt in seinen Kreisen rgernis geben und bei allen
Standesgenossen - mit Ausnahme des begnstigten Vetters - Tadel erfahren wrde,
darauf war er wohl gefat. Die Bemerkungen konnte er schon hren, die darber
fallen wrden: Immer ein berspannter Kopf gewesen, dieser Dotzky ... Mir war
er immer unheimlich ... Im Grunde ist es nicht nur zu dumm - es ist ein Verrat
an seinen Standespflichten. - Statt den Platz auszufllen, auf den ihn sein
Geschick gestellt hat, in die Welt hinauslaufen und revolutionre Doktrinen
predigen, wie der erste beste Demagogenfhrer - eine wahre Schande! und was die
Variationen des alten Kreuziget ihn! mehr sind.
    brigens: Revolution zu predigen, war gar nicht seine Absicht. Man wrde es
nur so deuten - auf falsche Deutungen allenthalben war er berhaupt gefat. Die
einzige Person, bei welcher er berzeugt war, volles Verstndnis und Beifall zu
finden, war seine Mutter. Nchster Tage wollte er ihr schreiben.
    Seinen Aufenthalt in der Schweiz beabsichtigte er noch zwei oder drei Monate
auszudehnen. Hier konnte er in aller Ruhe und Abgeschiedenheit die Arbeit
vollenden, die er - wie es Egidy - mit seinen Ernsten Gedanken getan - in die
Welt schicken wollte, ehe er mit dem gesprochenen Wort, mit eigener Person
hinausginge, das Geschriebene zu vertreten und zu verbreiten.
    Ehrgeiz war es nicht, was ihn trieb - Frmmigkeit war es. Das Bewutsein,
eine hchste Pflicht erfllen zu mssen, durch deren Erfllung man sich selber
heiligt und anderen zum Heile verhilft, das ist es, was alle tieffrommen Seelen
erfllt, was zum Beispiel einen Franz von Assisi bewegte, aus einem reichen
Lebemann zum Asketen zu werden. Solche Vokationen sind nicht immer natrliche
Anlage; sie erwachen oft - wie dies ja auch beim Stifter des Franziskanerordens
zutraf - nach einem in ganz anderer Richtung gefhrten Lebenswandel. Rudolf
hatte zwar seit seiner Kindheit die Idee in sich getragen, da er die von seinem
Stiefvater hinterlassene Aufgabe einst werde bernehmen mssen, aber ganz
durchdrungen davon war er lange nicht gewesen. Er sah die Ausfhrung immer nur
wie eine Zukunftssache vor sich, whrend die Gegenwart ihm mit hundert anderen
Interessen ausgefllt war. Erst nach und nach, infolge gewisser Studien und
durch die Berhrung mit gewissen von Aposteltum durchglhten Zeitgenossen,
erfate auch ihn ein immer heftiger werdender Drang, sich dem ganz hinzugeben,
was ihm zur Religion geworden; hinauszugehen und zu predigen, was sein Glaube
war, und zu bekmpfen, was ihm als verdammenswerte Ketzerei erschien.
Andachtsvoll, hingebend, voll begeisterter Liebe, voll Ehrfurcht fr das
Gttliche, das ihm vorschwebte, voll Abscheu gegen das Bse, Gemeine und
Jammervolle, das die Umwelt ihm noch an allen Ecken und Enden zeigte, das war
nunmehr die Verfassung seiner Seele; - dieselbe Verfassung also, die man - wenn
auch mit Bezug auf eine andre Glaubenswelt - mit dem Ausdruck Frmmigkeit zu
bezeichnen pflegt. Dieselbe Frmmigkeit, die auch Marthas Seele durchglhte.

In tiefes Rachdenken versunken sa er da. Doch war es kein Denken in klaren
Worten oder deutlichen Bildern, sondern mehr in Empfindungen. Nicht verkettete
Ideen, sondern verkettete Gefhle, aneinander gereihte, ineinander verschlungene
Bewutseinsphasen.
    Eben war die Table d'hote, an der er niemals teilnahm, zu Ende, und ein
Trupp von Hotelgsten kam aus dem auf die Terrasse mndenden Speisesaal
herausgeflutet. Die meisten lieen sich in einer - dem Platze, wo Rudolf sa,
gegenberliegenden glasbedeckten Veranda nieder und lieen sich da den schwarzen
Kaffee und Likre bringen. Eine groe amerikanische Gesellschaft war darunter,
meist junge Leute beiderlei Geschlechts, und unter diesen ging es ziemlich
lustig und lrmend zu. Aus der offenen Tr des Salons drang glnzendes
Klavierspiel herber - offenbar war es ein Knstler, der sich ans Instrument
gesetzt. Alles das unterbrach Rudolfs Meditationen, ri ihn aus seiner
Vorstellungswelt heraus. Hier war ein Stckchen wirkliche Welt, ein Stckchen
lebendige Gegenwart, im Gegensatz zu seinen Zukunftstrumen, das heit zu seinen
Kampfplnen um eine bessere Zukunft. Die Leute da schienen die gegenwrtige
Stunde gut zu finden und kein besseres morgen zu ersehnen. - - Waren sie nicht
vielleicht die Klgeren? Ihrer war die Wirklichkeit, in dieser fanden sie sich
zurecht, in ihr hatten sie sich's wohlig und bequem gemacht ... Alle Plne und
Kmpfe der Unzufriedenen gehen doch nur dahin, eine Zukunft zu schaffen, in der
Leute leben werden - andere Leute als die, welche heute die Erde bevlkern - und
fr die jene ferne Zeit wieder eine Gegenwart - sein wird, in der sie es sich
bequem machen sollen. - -
    Rudolf stand auf. Der Platz war ihm zu lrmend und zu belebt geworden; er
wollte seine Gedanken in der Einsamkeit weiter denken. Wenn sein Sinn nach dem
groen Ziele: fr die Menschheit wirken gerichtet war, so strte ihn nichts so
sehr darin, als der Anblick vieler Menschen. Nur in wenigen Exemplaren oder in
der Abstraktion vermochte er die Menschheit zu lieben; wo er eine Menge
versammelt sah, fhlte er sich durch vieles angewidert und abgestoen: die
Mehrzahl der hlichen Gesichter, der unebenmigen Gestalten, die kreischenden
Stimmen, die kleinliche Geschftigkeit, die blde Unbekmmertheit, die schale
Geschwtzigkeit: - verdiente es diese Menge, da man ihretwegen sich sorgte und
sich opferte? ... Aber es gengte ihm, von den Leuten wegzuschauen, um wieder in
der Vorstellung den Gesamtbegriff Menschheit und die Bilder einzelner herrlicher
Menschenkinder wachzurufen, und damit zugleich den Wunsch, die Massen von
Unglck und Elend befreit zu sehen und den einzelnen - auch sich selber - ein
immer hher und schner entfaltetes Leben zu erobern.
    Graf Dotzky! rief pltzlich eine bekannte Frauenstimme.
    Rudolf blickte auf. Grfin Ranegg und ihre Tochter Cajetane standen vor ihm.
    Oh - meine Damen, welche berraschung! rief er. Alle abstrakten Gedanken
und Bilder waren verflogen; die wirkliche Welt, seine Welt, war mit einem Male
wieder vor ihm aufgetaucht.
    Ich bin nicht berrascht, Sie hier zu treffen, sagte die Grfin. Durch
Ihre Mutter wute ich, da Sie in Bern sind.
    Und Sie? ...
    Wir machen eine kleine Tournee durch die Schweiz ... heute frh sind wir
hier angekommen und wollen heute wieder weiter fahren. Sie bleiben wohl noch
lngere Zeit fort von zu Hause? ... Sie haben ja recht ..., ach, es war so
schrecklich -
    Grfin Ranegg hatte Dotzky seit seinem Verluste nicht gesehen und sie legte
jetzt in ihren Ton das ganze scheue Beileidsgefhl, das einen berkommt, wenn
man Menschen begegnet, die man zuletzt glcklich gesehen und die seither von
einem schweren Schlag betroffen worden.
    Cajetane, die stumm blieb, drckte das gleiche Gefhl in Blick und Miene
aus. Ihre schnen schwarzen Augen waren voll und traurig auf Dotzky gerichtet, -
so traurig, da es beinahe wie zrtlich war. Der junge Mann empfand diesen
Blick, als wre er ein mildes Streicheln. Er hatte Cajetane immer nur heiter
gesehen, voll des harmlosesten jugendlichen Frohsinns - und dieser vllig neue
Hauch des Schmerzes auf ihren Zgen lie sie ihm noch schner erscheinen als
sonst.
    Ihre letzten Worte hatte Grfin Ranegg mit einem Hndedruck begleitet und
darauf reichte auch Cajetane die Hand hin, um mit dieser Gebrde und innigem
Druck zu bekrftigen, was ihre Augen sprachen.
    Rudolf war sich bewut, da die beiden Frauen sein Unglck fr grer
hielten, als er es empfand; sie glaubten wohl, da er verloren hatte, was sein
Hchstes und Einzigstes war, da jetzt kein anderer Gedanke ihn erfllte, als
der an seine Beraubung.
    Die drei lieen sich nun an dem Tischchen nieder, an dem Rudolf vorhin
gesessen hatte. Grfin Ranegg sprach in teilnahmsvollem Tone weiter ber das
Ereignis, ber den Schrecken, den ihr die Nachricht verursacht und fragte um
Einzelheiten. Da sie aber bemerkte, da Rudolf nur einsilbig und widerstrebend
Antwort gab, so wendete sie das Gesprch auf andere Dinge und erzhlte von sich
und den Ihren:
    Schlo Ranegg war augenblicklich verwaist. Christine, die inzwischen
geheiratet hatte, war mit ihrem Mann, einem Gesandtschaftsattach, gegenwrtig
in Konstantinopel; die Zwillinge, Ella und Bella, waren auf Besuch bei einer
Tante in Bhmen; Ranegg begleitete den Kaiser auf einem Jagdausflug nach Tirol;
die beiden Shne waren in Wien. Der jngere besuchte da die Kriegsschule - auch
ihm stand eine rasche, glnzende Karriere bevor. Der ltere hatte sich verlobt
mit der Tochter eines ungarischen Magnaten ... ein wunderschnes Mdel - und
eine Herrschaft von fnftausend Joch als Mitgift ... das verdirbt nichts - aber
er wird weiter dienen - der Erzherzog ... Sie wissen ja, er ist der Adjutant des
Erzherzogs Wilhelm und sein groer Liebling - der wrde es ihm sehr bel nehmen,
wenn er quittierte; das wollte er auch gar nicht, er ist ja mit Leib und Seele
Soldat.
    Eine glckliche Familie, sagte Dotzky.
    Eigentlich ja, das sind wir, gab Grfin Ranegg zu. Und umsomehr tut es
mir leid, lieber Dotzky, da Sie das Schicksal so grausam heimgesucht hat ...
Aber es hat doch jeder seine Sorgen, fgte sie in weinerlichem Tone hinzu. So
macht mir das Leiden meiner armen Mutter viel Kummer - und mein Schwager
Hallstein mu jetzt operiert werden - und so verschiedenes andere ... Es war,
als wollte sie seinen Neid dmpfen.
    Rudolf war aber nicht neidig. Er konnte sich gar nicht mehr in die Lage
jener hineindenken, deren Freuden und Leiden ganz auf die eigenen und
nchstliegenden Schicksale und Verhltnisse beschrnkt waren, die nichts wuten
von der groen Unruhe, der groen Sehnsucht, den groen Kmpfen, die eine mit
den Lebensrtseln und sozialen Rtseln ringende Seele bewegen ... Noch am selben
Abend reisten die beiden Damen weiter und Dotzky brachte sie zur Bahn. Cajetane
war die ganze Zeit sehr schweigsam gewesen. Aber wenn sie ein paar Worte gesagt,
so hatte in ihrer Stimme stets verhaltenes Mitgefhl gebebt. Als Mutter und
Tochter vom Waggon aus dem Grafen Dotzky, der grend vor dessen Fenstern stand,
Abschied gewinkt und der Zug sich in Bewegung setzte, da sank Cajetane in die
Kissen zurck und brach in Trnen aus.
    Die Grfin sah sie berrascht an:
    Was hast Du, Caji? Ich glaube gar, der junge Witwer hat es Dir angetan ...

                                      XVII


Drei Monate spter kehrte Rudolf von seiner Reise heim.
    Diese drei Monate hatte er in einem einsamen Huschen zugebracht, das, von
grnen Weidetriften umgeben, mitten in den Bergen verborgen lag. Dorthin war er
dem Anblick von Menschen und dem Umgang mit ihnen entflohen. Und dort hatte er
jene Schrift beendet, die sein Glaubensbekenntnis und sein Tatenprogramm
enthielt. Das wollte er in die Welt vorausschicken und dann mit dem gesprochenen
Worte weiter ausfhren und verbreiten.
    Er fhlte sich im Besitze einer Heilslehre und daher als verpflichtet, sie
zu verknden. Die ganze Lehre fate er in ein Motto: Miteinander, statt
gegeneinander. Die Geschichte der Zivilisation, wie er sie auffate, war ja nur
die Geschichte der wachsenden Gemeinsamkeit - zugleich die Geschichte der
berwundenen Brutalitt.
    Wieviel unberwundene Brutalitt heute noch vorherrscht, das gab den Stoff
zum lngsten Kapitel des Schriftchens ab. Und in welcher Weise sie berwunden
werden kann, das suchte ein anderes Kapitel zu verknden: durch den Tatenmut der
Guten, den Wahrheitsmut der Wissenden. Ganz gut ist zwar noch keiner - - alles
wei noch keiner; aber das, was die Vorgeschrittenen an Edelsinn und Vernunft
besitzen, das mssen sie hervorkehren - im Kampf gegen alles Unedle, das ihnen
begegnet, und sei es in den mchtigsten Sphren vertreten; - gegen alles Dumme,
und sei es hinter den gelehrtesten und heiligsten Masken verborgen.
    Da der Gang der Zivilisation nur von elementaren, nur von wirtschaftlichen
und technischen Faktoren bestimmt werde; unabhngig von dem Wollen und Wirken
einzelner Menschen - das bestritt er. Ideen und Taten sind eben mit Elemente der
Kultur, sind - nicht die einzigen, sind aber auch die treibenden Krfte. Gewi,
Entdeckungen und Erfindungen verwandeln das Getriebe der Welt; aber das
Auftreten mchtiger Charaktere - im Guten und im Bsen - bestimmt es nicht
minder
    Und vor allem: die Summe der Einsicht, die aus der Summe der Kenntnisse
resultiert, regelt die Einrichtungen und Sitten der menschlichen Gesellschaft;
wer also irgend eine klare Einsicht gewonnen - ber manche kommt es ja wie eine
Erleuchtung - der soll es hinaustragen, damit jene Summe sich mehre. Rudolfs
klare Einsicht war die: Das Elend - in seinen verschiedenen Formen - kann aus
der Welt geschafft werden und mu daher aus der Welt geschafft werden. Die
Erlangung der Seligkeit fr jeden (das haben auch die Religionen so hingestellt)
ist eines jeden Pflicht. Aber wie? Kraft welcher Gebote und auf Grund welcher
Glaubensstze? Das hat - wenn es um das irdische Heil sich handelt - die
Gesellschaftswissenschaft zu erforschen und zu lehren. Einige der Gebote sind
lngst - auch von den alten Religionsstiftern - schon gefunden. Die goldene
Regel zum Beispiel: Was Du nicht willst, da Dir geschehe, das tue auch einem
anderen nicht; Du sollst nicht tten, nicht stehlen, nicht falsches Zeugnis
geben. Was aber die neue Einsicht und die neue Pflicht ist, das ist, da diese
Regeln ebenso fr das politische und internationale Leben zu gelten haben, wie
fr die Lebensfhrung des einzelnen.
    Und welche Dogmen? Das wichtigste Dogma des sozialen Glaubens ist die
Evolution. Wenn man glaubt, - nein, wenn man wei (die kontrollierbaren
Offenbarungen der Wissenschaft erzeugen wissen, nicht glauben), da die Welt
und alles, was in ihr sich entwickelt - trotz Entartung und Vernichtung der
Einzelorganismen - zu immer hheren, feineren und vielfltigeren Formen sich
entfaltet, so wird man diese ewigen Hemmungen und Bekmpfungen aufgeben, mit
denen man jetzt jedes sich entfalten wollende Neue, statt zur Quelle der Freude
und des Gewinns, zur Quelle des Leidens, der Unterdrckung und der Verfolgung
macht. Die Entwicklungsgesetze erkennen und darnach die Gesellschaftsordnung und
das sittliche Verhalten regeln: - das ist der Weg zum Heil
Rudolf hatte whrend seiner Abwesenheit fast tglich an seine Mutter geschrieben
und ihr von allen seinen Arbeiten und Plnen Mitteilung gemacht. Die Nachricht,
da er auf das Majorat verzichten wolle, versetzte ihr einen gelinden Schlag.
Welche Mutter wird leichten Herzens erfahren, da ihr einziger Sohn sich des
Glanzes und des Reichtums begeben will, der sein Besitz ist? Martha hatte der
stillen Hoffnung Raum gegeben, da Rudolf nach Verlauf einiger Zeit den Verlust
verwinden werde, den er durch den Tod der Seinen erlitten hatte, und sich wieder
verheiraten wrde - und vielleicht mit einer Frau, die ihm geistig ebenbrtiger
wre, als es die arme Beatrix gewesen ... Sein Entschlu aber deutete darauf
hin, da er nicht daran dachte, sich jemals wieder einen Herd zu grnden,
sondern da er sich von allen Fesseln - also auch von Familienfesseln -
freimachen wollte, um sich ganz seinem Apostolate hinzugeben.
    Die Gre dieser Opfertat erfllte sie nun auch mit stolzer Bewunderung: Ihr
Rudolf war es, der so hingebungs- und entsagungsvoll handeln wollte, im Dienste
dessen, was ihr Friedrich erstrebt und was sein Beispiel und sein Andenken in
des Knaben Seele gepflanzt hatte ...
    Noch vor Rudolfs Rckkunft verlie sie Brunnhof, um ihren stndigen Wohnsitz
auf ihrer ererbten Besitzung, Grumitz in Mhren, zu nehmen. Dorthin berfhrte
sie alle die teuern Andenken an ihren Toten - Bilder, Bcher, Mbel - mit denen
sie sich stets umgab.
    In einer Richtung war es ihr sogar lieb, von Brunnhof wegzugehen. Der Ort
erinnerte zu sehr an den zuletzt durchlebten Kummer, an das Sterben der armen
jungen Frau und ihres lieben kleinen Enkelsohnes. Sie hatte den Knaben so
zrtlich in ihr Herz geschlossen, so schne Zukunftshoffnungen auf sein Haupt
gesetzt. Er, der im zwanzigsten Jahrhundert jung sein und in voller Kraft in
neueren besseren Zeiten leben wrde - der Erbe von Friedrichs und Rudolfs Ideen
- er wrde deren Sieg wohl sehen, er wrde vollenden, was sein Vater begonnen.
Diese Trume waren verweht, zerstoben ... Jeder Platz im Garten, wo der Kleine
gespielt hatte, jedes Zimmer im Hause, wo sein helles Stimmchen schallte, das
ganze Brunnhof, dessen einstiger Herr er geworden wre, war ihr der
schmerzlichen Erinnerungen voll und sie verlie es nicht ungern.

Graf Max Dotzky, Rudolfs Vetter und nchster Anwarter auf das Fideikommi,
diente beim Handelsministerium. Ganz vermgenslos, war er darauf angewiesen, von
seinem Gehalt zu leben, und nur durch peinlichste Sparsamkeit gelang es ihm,
sich von Schulden frei zu halten. Seinen Amtspflichten kam er mit grtem Eifer
nach, denn es war sein Ehrgeiz, in der Laufbahn rasch vorzurcken, um nach
einigen Jahren einen Rang zu erreichen, dessen Bezge es ihm ermglichen wrden,
das Mdchen heimzufhren, das er schon seit Jahren liebte. Ihrerseits war
Elsbeth von Rels, Tochter des verwitweten Feldzeugmeisters Baron Rels, fest
entschlossen, und wenn es auch zehn Jahre dauern sollte, darauf zu warten, da
Max zum Sektionschef oder doch zum Hofrat avanciere, um dann seine Frau zu
werden. Unter den jetzigen Umstnden war auf die vterliche Einwilligung nicht
zu hoffen, und die jungen Leute sahen selber ein, da es unmglich war, sich
einen Herd zu grnden.
    Diesem Vetter galt Rudolfs erster Besuch nach seiner Rckkehr in die Heimat.
Er suchte ihn in seinem Bureau im Handelsministerium auf. Die beiden jungen
Mnner kannten sich nur wenig, sie waren hchstens ein halb Dutzendmal flchtig
zusammengekommen, daher war Max sehr erstaunt, als ihm der Amtsdiener den Besuch
des Majoratsherrn meldete.
    Max war allein im Bureau. Er hatte sich eben mde gearbeitet an der
Durchsicht eines besonders langweiligen Aktenstoes. Aus besonderem Pflichteifer
hatte er dies Jahr auf seinen Sommerurlaub verzichtet und die Hitze der
Stadtluft drckte ihn nieder. Die Arbeit ging nur mhselig vom Fleck. Er war in
trber, physisch und moralisch unbehaglicher Stimmung.
    Beim Eintritt seines Vetters ging er diesem einige Schritte entgegen.
    Was verschafft mir die Ehre Deines Besuchs? fragte er, Rudolf die Hand
reichend.
    Im selben Alter wie Rudolf, sah er jedoch viel lter aus; einige weie Haare
zeigten sich schon im blonden Spitzbart und an den Schlfen. Die Gesichtszge,
trotz der augenblicklichen Milaune, spiegelten groe Gutmtigkeit - im ganzen
eine sympathische Erscheinung.
    Eine wichtige Angelegenheit, mein Lieber, antwortete Rudolf.
    Bitte, bitte - steh' zu Diensten ... willst Du Dich setzen?
    Er selber lie sich wieder vor seinem Schreibtisch nieder und schob den
Aktensto beiseite.
    Ich bin ganz Ohr.
    Dadurch, da Rudolf seinen Sohn verloren hatte, war nun wieder Max der
nchste Anwrter auf das Majorat ... doch diese Tatsache hatte keinen besonderen
Wert; denn einmal war ja Rudolf nicht lter, zweitens war es nur
allzuwahrscheinlich, da er wieder heiraten und noch Shne bekommen wrde.
Immerhin eine miliche Einrichtung, diese Majorate, denn nicht immer kann ein
Anwrter beim Anblick des Besitzers den Gedanken abwehren: Wenn Du pltzlich
strbest, so wre ich ein reicher Mann ... Nein, an das hatte Max nicht gedacht!
aber doch - nicht ohne leises Neidgefhl - an Brunnhof und die sonstigen
Reichtmer, die der andere sein eigen nannte, whrend er - -
    Rudolf hatte sich in einen seitlich vom Schreibtisch stehenden Lehnstuhl
bequem zurckgelehnt und ein eigentmliches Lcheln zitterte um seinen Mund.
    Ich will vom Majorat mit Dir reden, begann er, als htte er des Vetters
Gedanken erraten.
    So? Und was denn? Max dachte, es handle sich um irgend eine
Geschftstransaktion, bei der die Einwilligung des Anwrters erforderlich wre.
    Du weit doch, woraus es besteht? Die Herrschaft Brunnhof in
Niedersterreich; die Herrschaft Nagykyral in Ungarn; das Palais in der
Wallnerstrae, die Sammlungen, der Familienschmuck; - kurz, das Ganze hat einen
Wert von ... nun, Du wirst es wohl wissen ...
    Ja, und daneben besitzest Du bedeutendes Privatvermgen und wirst noch ein
reichliches Erbe von Deiner Mutter erhalten ... Du stehst pekunir nicht
schlecht.
    Nein. Und Du?
    Ich? Ich besitze meinen Gehalt und - als Erbschaft von meinem Vater - ein
paar tausend Gulden Schulden, die ich mich verpflichtet habe, nach und nach
abzuzahlen.
    Das ist schn von Dir. Wie steht es mit Deiner Heiratsabsicht?
    Die kann noch zehn Jahre auf Erfllung warten.
    Das ist lang ... Frulein v. Rels, die jetzt schon achtundzwanzig Jahre alt
sein mag, wird dann etwas verblht sein ...
    Mein lieber Rudolf, Du hast mich noch niemals aufgesucht ... und wenn Du es
nur tust, um mir so unangenehme Dinge zu sagen ... um zu protzen, wie reich Du
bist, und mich zu verhhnen, wie arm ich bin, so ist das doch -
    Verzeih: Protzerei und Hohn sind nicht meine Motive ... aber den Kontrast
rcke ich absichtlich ins Licht - es macht mir Freude ...
    Danke schnstens, murmelte Max.
    Und wird Dir noch eine grere machen. Hr' mich an - ich werde Dir etwas
Merkwrdiges sagen ... Ich will -
    Er hielt inne. Auf den Augenblick, der jetzt kommen sollte, hatte er sich
schon lange gefreut.
    Also? Was willst Du?
    Ich will auf das Majorat verzichten und Du trittst an meine Stelle.
    Max Dotzky sprang auf und griff mit beiden Hnden an seinen Kopf.
    Bin ich verrckt - oder bist Du's?
    Bitt' Dich, setz' Dich nur wieder nieder. Ich bin bei Vernunft und spreche
im Ernst. Und ich geniee die Situation ... Ich wei, da ich Dich unbndig
glcklich mache. Das ist zwar auch nicht das Motiv meiner Tat ... das liegt
tiefer: ich tu's nicht Dir, sondern mir selber - meinem Lebenszweck zu liebe;
aber an Deinem Glck werde ich mich doch ergtzen. Es ist ein gar seltenes und
so groartiges Schauspiel, ein Mensch in wahnsinniger Freude - Deine erste Idee
war ja, da Du verrckt geworden - und doppelt angenehm ist dieses Schauspiel,
wenn man dessen Urheber ist ... Zu Deiner Hochzeit lade ich mich als Trauzeuge
ein - natrlich heiratest Du noch in diesem Jahr und ziehst gleich in Brunnhof
ein ... Du bist ja ganz starr und sprichst nichts?
    Max, der sich wieder auf seinen Sessel geworfen hatte, sa bewegungslos da.
    Und was mich auch befriedigt, fuhr Rudolf fort, ist das Bewutsein, da
Du ein braver, ehrenwerter Mensch bist und da Du dem Hause Dotzky als dessen
Oberhaupt Ehre machen wirst. Wenn Du und Elsbeth Rels in Brunnhof regieret, so
werde ich wissen, da mein einstiger Besitz in gute Hnde gelangt ist.
    Max war es zumute, als htte er einen Schlag vor die Stirn bekommen. Die
Gedanken wirbelten ihm im Kopf herum, und so sehr er sich mhte, fassen konnte
er das Gehrte - Unerhrte - nicht. Es mute ja, wenn es wahr war, und wenn er
es erst ganz gefat hatte, ihn ganz unsglich glcklich machen, das wute er, -
aber das Glcksgefhl selber konnte nicht das Gefhl des unbndigen, mit
Zweifeln gemischten Staunens verdrngen, das ihn erfllte. Endlich fand er
Worte:
    Rudi ... Wundermensch ... rei' mich aus diesem Traum - schwre, da es
Wirklichkeit ist - oder gestehe, da es ein Spa war, ein verzweifelt schlechter
Spa ...
    Du hast recht, der Witz wre matt. Es ist keiner - es ist die volle
Wahrheit - hier mein Handschlag darauf. Noch einige Formalitten und der Herr
des Dotzkyschen Fideikommi' bist Du.
    Mein Gott, mein Gott, mein Gott! rief der andere. Dann vergrub er sein
Gesicht in beide Hnde und atmete heftig. Rudolf betrachtete ihn schweigend und
weidete sich an der Tiefe seiner Ergriffenheit. Das war also ein von Freude
berwltigter Mensch! ... Dem Spender dieser Freude war's ein genureicher
Augenblick; es gewhrte ihm - wie ja alles Groe, Volle, bergewhnliche zu
erwecken pflegt - ein sthetisches Entzcken.

                                     XVIII


Die gerichtlichen und geschftlichen Transaktionen der Besitzesbertragung waren
erledigt.
    Zur feierlichen bergabe veranstaltete Rudolf ein kleines Fest in Brunnhof,
welches zugleich ein Abschiedsfest sein sollte, bei dem er seine Familie und
Freunde zum letzten Male auf dem alten Herrensitze um sich versammelte.
    Die Tafel war im groen Speisesaal gedeckt. Der Sptherbsttag hatte
empfindliche Klte gebracht und im Monumentalkamin brannten ganze Stmme
knisternden Fichtenholzes. Vom Kronleuchter flutete das Licht von achtundvierzig
Wachskerzen herab, und noch sechs silberne Kandelaber (auch Stcke des zum
Majorat gehrigen Familiensilbers), die zwischen den Aufstzen auf der Tafel
standen, und zahlreiche Lampen auf den Pfeilertischen vervollstndigten die
Beleuchtung. Kostbare alte Gobelins an den Wnden; kunstvoll geschnitzte
Eichenholzmbel in gotischer Form, der Tafeldienst besorgt von einem
Haushofmeister in Frack und weier Krawatte, zwei Bchsenspannern mit silbernen
Epauletten und Bandelieren und vier Lakaien in Galalivreen in Schuhen und
Strmpfen. Auf die Menkarten gemalt, auf die Porzellanteller eingebrannt, in
die Bestecke und Glser graviert, in den Damast des Tischzeugs gewebt: berall
das Dotzkysche Wappen (in gespaltenem Felde drei schrglinke blaue Sterne und
hinten ein zugekehrter silberner Schlssel. Auf dem gekrnten Helme mit rechts
rotsilberner und links blaugoldener Decke zwei aufwrts geschrgte silberne
Schlssel vor einem rot mit Pfauenfedern besteckten Spikel zwischen offenem,
vorn silbernen und hinten roten Fluge), - kurz, der ganze Aufwand von Pracht und
Prunk und Eitelkeit, der in den Schlssern reicher und alter Adelsfamilien zu
herrschen pflegt.
    Mehr als vierzig Personen, im Abendanzug, saen um den Tisch. Martha hatte
den Sitz der Hausfrau, Rudolf den des Hausherrn inne. Rechts von Baronin Tilling
sa Max Dotzky, und zur Rechten Rudolfs - Frulein Elsbeth von Rels. Den
Feldzeugmeister von Rels hatte Martha an ihre linke Seite gesetzt und seine
andere Nachbarin war Sylvia Delnitzky. Die Familie Ranegg war, mit Ausnahme der
in Konstantinopel weilenden Tochter Christine, vollzhlig erschienen. Von alten
Freunden des Hauses waren auerdem anwesend: Minister Wegemann, Graf Kolnos,
Oberst von Schrauffen, der alte Bresser und Pater Protus.
    Das Diner - in acht Gngen - war zu Ende; man knabberte nur noch an den
Sigkeiten des Nachtischs. Auf ein Zeichen des Herrn fllten die Diener noch
einmal die Champagnerkelche und verlieen dann alle den Saal. Rudolf klopfte mit
dem Messer an sein Glas und die lebhaften laut durcheinander summenden
Tischgesprche verstummten mit einem Schlage.
    Ohne aufzustehen, aber mit erhobener, deutlich vernehmbarer Stimme begann
Rudolf zu reden:
    Meine lieben Freunde und verehrten Gste. Sie alle wissen, da unser
heutiges Beisammensein einem ganz besonderen Anla gilt ... einem ungewhnlichen
Anla. Manche hier sind genau unterrichtet, um was es sich handelt - den anderen
wird es eine berraschung sein.
    Ehe ich die Sache verknde, mchte ich einen kurzen Rckblick in die
Vergangenheit werfen - vielleicht findet sich da teilweise eine Erklrung fr
das, was Sie nun hren sollen ... Ich erinnere mich - und mehrere unter Ihnen
werden sich auch erinnern - an ein Festmahl, das uns um diese selbe Tafel
versammelt hat - zur Taufe meines armen kleinen Fritz ...
    Rudolf hielt einen Augenblick bewegt inne und auch durch den Kreis seiner
Hrer ging eine Bewegung, ein leises Beileidsgemurmel.
    Er holte tief Atem und fuhr fort: Es lebe die Zukunft! toastierten wir
damals. Die Zukunft aber, die mein Sohn verkrpern sollte, die ist ins Grab
gesunken ... Es war ein groer Schmerz, so gro, da ihn meine Beatrix nicht
berleben konnte ... Mein ganzer huslicher Herd ist eingestrzt. Das
teilnahmsvolle Gemurmel wiederholte sich - einige unter den Frauen fhrten ihr
Taschentuch an die Augen. Doch, als ich damals auf die Zukunft trank, hatte ich
nicht die Zukunft meines Hauses - ich hatte die Zukunft unseres ganzen
Geschlechts - des Menschengeschlechts, im Sinn, an der wir alle, bewut oder
unbewut, mitarbeiten - an der ich bewut und in bestimmter Absicht mitarbeiten
will. Und dazu will ich ganz ungebunden sein ... Ohne weitere Umschweife: ich
habe auf das Dotzkysche Majorat verzichtet und dessen nchsten Anwrter, meinen
Vetter Maximilian in meine Rechte eingesetzt.
    Ein noch lauteres Murmeln - diesmal staunenausdrckendes - erhob sich,
verstummte aber sogleich wieder, als Rudolf aufstand und sein Glas erhebend
weiter sprach:
    Ich bitte Sie also, in Graf Maximilian Oskar Dotzky von Donaschits, Herrn
auf Brunnhof und Nagykyral, meinen Nachfolger zu sehen und auf sein Wohl, sowie
- er verneigte sich zu seiner Nachbarin zur Rechten - auf das Wohl seiner
Braut, Frulein Elsbeth von Rels, mit mir anzustoen.
    Laute Ausrufe folgten. Alle waren aufgestanden, man stie mit den
Brautleuten an und wnschte ihnen Glck. Auch mit Rudolf wurde angestoen. Dabei
vernderten sich aber die gratulierenden Mienen in halbwegs kondolierende.
    Rudolf war der erste, der sich wieder auf seinen Sessel niederlie und
abermals gab er das Zeichen, da er sprechen wollte. Da setzten sich auch die
anderen und allgemeines Schweigen war bald hergestellt.
    Ich will keinen neuen Toast ausbringen, meine Freunde, keine Tischrede
halten; aber sagen will ich Ihnen, was meine Abdankung bedeutet und bezweckt ...
Haben Sie etwas Geduld mit mir. Vortrge zu halten gehrt zu meinem
Zukunftsprogramm, und dies soll mein Jungfernvortrag sein -
    Versteht sich, wenn ich einmal auf ein Podium trete und vor versammeltem
Volke spreche, dann werde ich nicht dasselbe Thema whlen, das ich nun vor Ihnen
errtern will - das Thema meiner Abtrnnigkeit. Gerade diesem Kreise hier -
Verwandte, Jugendfreunde, Standesgenossen - glaube ich, solche Errterungen
schuldig zu sein ... Der Mensch ist verrckt! - so wird wohl das erste
zusammenfassende Urteil sein, welches von einem Teil der hier Anwesenden, und
von den meisten der nicht anwesenden Angehrigen unserer Gesellschaftskreise
ber meinen Entschlu gefllt werden wird - das wei ich. Nun, so will ich Ihnen
wenigstens gesagt haben, worin die Methode besteht, die in meinem Wahnsinn
steckt.
    Nach kurzer Sammlung fuhr er fort:
    Zwei Krfte sind es, die den Gang der menschlichen Kultur bewegen und
regeln: die vorwrtstreibende und die hemmende Kraft - der Fortschrittsdrang und
der Erhaltungstrieb. In der Politik haben diese beiden die Namen Liberalismus
und Konservatismus angenommen; - aber damit ist nur eine ganz enge Sphre
bezeichnet, in der diese Krfte sich bettigen, deren Spiel die ganze Welt -
Natur und Geist - von allem Anfang an geformt hat und in aller Zukunft weiter
formen wird.
    So stark und so bewut wie in unserer Gegenwart sind - so scheint es mir -
diese Gegenstze noch nie hervorgetreten, und da heit es: Farbe bekennen. Man
kann ja auch ganz abseits stehen bleiben, sich nicht kmmern um das, was
vorgeht, und nur seinen eigenen, engsten Interessen leben -, das tun auch gar
viele. Aber diese Vielen - ohne es zu wissen - helfen doch der einen der
streitenden Krfte: eines der wirksamsten Elemente des Beharrungsvermgens ist
ja die Trgheit.
    Mit dem niemals tuschenden Instinkt, der dem Redner zum Bewutsein bringt,
was die Zuhrerschaft empfindet, wurde Rudolf gewahr, da ein leiser Hauch von
Gelangweiltsein, von mimutigem Unverstndnis ber die Tischgesellschaft wehte.
Da aber einige da waren, darunter seine Mutter, die ihn ganz verstanden und mit
Spannung an seinen Lippen hingen, das wute er auch, und fr diese sprach er
unbeirrt weiter:
    Ich bin nicht abseits gestanden. Ich habe hineingelauscht in den Kampflrm
und wurde von dem Drang erfat, mich mitkmpfend zu beteiligen. Mein Stand,
meine Stellung, meine persnlichen Vorteile und Interessen wrden erfordern, da
ich mich auf seiten derjenigen stelle, die das Bestehende verteidigen. Doch das
kann ich nicht: mein Gefhl, meine Einsicht und (mit einem Blick auf seine
Mutter) eine als Erbe bernommene Mission treiben mich in das andere Lager. Um
also ehrlich und frei zu sein, bleibt mir nichts brig, als meine Stellung und
mein Interesse aufzugeben - und das habe ich getan. Zu den Dingen der alten
Ordnung, die ich perhorresziere, gehrt zum Beispiel auch die Einrichtung der
Majorate - es ist daher ein gerechtfertigter, mehr noch, ein gebotener Schritt,
da ich dem Majorat entsage - und das habe ich getan.
    Bravo! rief Max. Und Feldzeugmeister von Relz sekundierte. Dieser Zug von
Rudolfs Verrcktheit war seinem Besitznachfolger und dem Vater der knftigen
Herrin von Brunnhof jedenfalls sympathisch. Auch Elsbeth htte gern in den
Beifall eingestimmt, doch war sie zu schchtern dazu. Sie schwamm in traumhafter
Glcksstimmung - war es doch wie ein Traum, da ihr nun pltzlich alles
zugefallen: der Geliebte, die wunderbare Herrschaft, der umgebende Luxus ... sie
htte vor Rudolf niederknien mgen, um ihm zu danken. Ein Narr? das ist zuviel
gesagt - ein Schwrmer, ein edler Schwrmer - und Gott sei Dank, da er nicht
vernnftiger war! ..
    Ihr Bravo, Exzellenz, wandte sich Rudolf an Herrn von Rels, werden Sie
vielleicht zurckziehen, wenn ich sage, da zu denselben von mir
perhorreszierten Dingen auch - nein, nicht auch: obenan der Militarismus gehrt.
Und nicht nur, wie das unsere matten Liberalen hervorkehren, die Auswchse und
bertreibungen des militaristischen Systems, sondern das organisierte
Totschlagen als Rechtsmittel berhaupt. Das will ich fortan in aller Offenheit
hinaussagen, ohne Umschweife - auch einem Feldzeugmeister ins Gesicht. Nur der
ist frei, der das sagt, was er denkt. Mit der Abdankungsurkunde habe ich mir ein
Stck Freiheit erkauft. Ich benutze sie.
    Bravo! riefen Kolnos und Bresser.
    Herr von Rels sprang auf: Verzeihen Sie - begann er mit erregter Stimme.
    Aber die andern riefen: Nicht unterbrechen! und der General lie sich
wieder auf seinen Sessel nieder.
    Verzeihen Sie mir, Exzellenz, sagte Rudolf, ich habe Sie nicht verletzen
wollen. Was man gegen eine Institution spricht, ist nicht persnlich gegen ihre
Vertreter gemnzt. Vergessen Sie nicht, da alles, was ich gegen den Krieg
vorbringen oder wirken kann, im Geist eines Vermchtnisses geschieht, das mir
von einem tapferen Soldaten - von Friedrich Tilling - zugefallen. Was ich getan
habe, beweist gengend, wie ernst ich meine Aufgabe, meine bevorstehenden Kmpfe
auffasse. Im Kampfe darf man vor der Notwendigkeit nicht zurckschrecken, auf
den Gegner loszuschlagen. Meine Waffe ist ja nur das gesprochene und
geschriebene Wort - die will ich gradaus und ehrlich gebrauchen, das heit immer
nur das sagen, was ich fr wahr halte - das aber ohne Rcksicht, ohne Schonung.
Da man, wenn man mit seiner Meinung zurckhlt, die anderen schonen wolle - das
ist gewhnlich nur Vorwand; sich selber will man vor Unannehmlichkeiten hten,
sich schont man dabei: man mag den anderen nicht erzrnen, nicht um ihm den Zorn
zu ersparen, sondern um sich diesem Zorn nicht auszusetzen. Feigheit ist's mit
einem Wort. Eine Feigheit, die ich an mir selber erfahren, als ich ein
Fortschrittsanwalt, zugleich aber kluger Gutsbesitzer, taktvoller Hausherr und
liebenswrdiger Vetter sein wollte. Jetzt will ich nichts anderes sein, als ein
am Entwicklungsgang der Menschheit bewut und furchtlos mitarbeitender
Mitmensch.
    In solcher Mitarbeit, glauben Sie mir, liegt erhebender Genu. Vor allem das
Bewutsein einer erfllten Pflicht. Nicht allen offenbart sich diese Pflicht:
aber die, welche Einsicht genommen haben in den Kampf der Zeiten, und die die
drohenden Gefahren und winkenden Rettungen sehen, die knnen nicht anders - die
mssen mittun. Rettenwollen ist ein natrlicher - ein dem Gesellschaftstrieb
anhaftender Instinkt.
    Was ich sehe ist dies:
    Es sind Zaubermchte am Werk, die menschliche Gesellschaft so zu verndern,
da die Kultur von morgen sich zu der Kultur von gestern verhalten wird, wie der
Schmetterling zur Raupe ... Die Raupe hat sich schon eingepuppt - die Kultur von
heute ist die Chrysalide.
    Bravo! sagte jemand aus der Gesellschaft, der das Wort Chrysalide poetisch
fand, und daher ein Beifallszeichen fr angebracht hielt.
    Die Zaubermchte, die ich meine, sprach Rudolf weiter, heien Technik und
Wissenschaft. Soviel knnende und soviel wissende Wesen, wie die Menschen zu
werden jetzt im Begriffe stehen, mssen auch vernnftige Wesen mit vernnftigen
Einrichtungen werden. Das ist der Zwang des Anpassungsgesetzes. Da aber unsere
Lebensfhrung und unsere aus unwissenden Zeiten berkommenen Einrichtungen
vernnftig seien, wird man doch nicht behaupten wollen? Um nur das eine
hervorzuheben, das Unvernnftigste von allem: neun zehntel aller Hilfsquellen
darauf zu verwenden, einander besser totschlagen zu knnen ... Sich die Heimat
Erde in Beutestcke einzuteilen, um die man sich gegenseitig zerfleischt, statt
sie in gegenseitiger Hilfeleistung in ein Eden umzuwandeln ... Wie murmelten Sie
in den Bart, Freund Wegemann - Sozialistenphrasen? Mein Gott, oft gesagte
Wahrheiten - und solche, auf die sich eine nach Verbreitung strebende Partei
aufbaut, werden immer zu Phrasen ... ich will hier aber nicht in
sozialdemokratischem Parteigeist, sondern im weitern Sinn - in sozialem Geist
gesprochen haben. Da die soziale Frage in gewaltiger Bedeutung unsere Gegenwart
erfllt und nach Lsung drngt - das kann doch niemand leugnen? Das Arbeitervolk
ist es mde, zu leiden, und unter uns gibt es solche, die mde sind, es leiden
zu sehen. Ich fr mein Teil kann nicht lnger mig zusehen, bei all den
unntzen Schmerzen, Lasten und Gefahren, unter denen meine Mitgeschpfe sthnen.
Tat twam asi ...
    Das indische das bist Du veranlate den poetischen Beifallsspender zu
einem neuerlichen Bravo!
    Ein groes Erlsungswerk bereitet sich vor - davon wissen gar viele
Zeitgenossen - und wohl auch viele meiner lieben Tischgenossen - nichts. Was sie
allenfalls davon vernehmen, klingt ihnen wie das ferne Rauschen einer drohenden
Sturmflut und sie rufen nach Deichen und Dmmen. Wir aber, die wenigen, die
hingehorcht haben, wir hren das Rauschen einer neuen Zeit der gewaltlosen Zeit,
der elendbefreiten Zeit. Wenn wir sie auch nicht erleben ... brigens, wer wei?
- ihr Kommen beschleunigt zu haben, das soll unsere hchste Genugtuung sein. Das
habe ich mir zur Aufgabe erkoren. Nennen Sie solches Beginnen nicht vermessen
und nennen Sie es nicht unntz. Beugen Sie sich nicht jener bequemen Ansicht,
da sich die Kulturwandlungen von selber vollziehen. Das ist falsch - nichts
geschieht von selbst. Es fllt doch niemanden ein, zu behaupten, da sich alle
technischen Fortschritte und Erfindungen von selber eingestellt htten -
unabhngig vom Studium und der Arbeit der Techniker und Erfinder. Da studiert
und da gearbeitet wird, mag auf einen Zwang, der in den Naturvorgngen liegt,
zurckgefhrt werden, das will aber nicht besagen, da die Kulturarbeit von
selbst entsteht. Sie entsteht durch den Willen der Kulturarbeiter ... Diese
Willenskraft mag man auch eine Naturkraft nennen - aber dieser persnliche Wille
wird zum Motor der Entwicklung. Auch unter den Entwicklungsfeinden gibt es
energisch Wollende und es gelingt ihnen gar wohl, den Gang der Kultur zu hemmen,
sogar momentan zurckzuschleudern ... ihn aber gnzlich aufzuhalten, das gelingt
ihnen nicht, denn da dieser - wenn auch in der Spirallinie - unaufhrlich
vorwrts und aufwrts fhrt: das ist Naturgesetz. Dies ist mein zuversichtlicher
Glaube. Ein heier Glaube, der mich oft mit einem Glcksgefhl durchstrmt,
mitten unter den Zorngefhlen, die mir die herrschenden Verkehrtheiten
einflen. Wenn ich auch wei, da Zorn eine unwissenschaftliche Regung ist -
rgert sich der Zoologe ber Tigerbosheit und Schlangengift? - so ist er doch
auch eine ntzliche Regung, denn er rttelt zur Abwehr auf ... Ohne Leidenschaft
wird nichts Krftiges vollbracht.
    Das ist's auch, was ich Ihnen sagen wollte - mein Tun ist durch eine in
tiefster Seele lodernde Leidenschaft bestimmt ... Ob ich Krftiges vollbringen
werde, das ist dahingestellt, aber was ich an Kraft besitze, das ist nun in
meinem Wollen konzentriert.
    Er hielt einen Augenblick inne. Wieder empfand er es deutlich, da die
Zuhrerschaft - mit Ausnahme der wenigen - ihm nicht gefolgt war.
    Und er gewahrte auch, da ihm die Worte nicht zu Gebote standen, mit denen
er gern die Flle der ihn bewegenden leidenschaftlichen Gefhle und Gedanken
ausgedrckt htte. Das wre ihm wohl nur mglich gewesen, wenn von seinem Feuer
etwas auf die Widerstrebenden sich bertragen htte und aus ihrer Mitte dann ein
Funke der Begeisterung herbergesprungen wre ... Er hatte die Vision eines
groen Saales, gefllt mit Mnnern und Frauen aus dem Volke; Leute, die in ihren
gramgedrckten Verhltnissen mit Sehnsucht nach Verheiungen besserer Zeiten
aufhorchten: wie wrde der Dank und die Hoffnung solcher Lauscher ihn gleichsam
tragen, emporheben ... aber diese hier? - auf der Hhe der Gesellschaft
geborenen, alle Vorteile des Bestehenden genieenden - die muten wohl jeden
Gedanken an eine nderung als ruhegefhrdend und glcksbedrohend empfinden -
wenn sie berhaupt zuhrten, wenn das Gesagte nicht vollkommen abprallte an
ihrem Unverstndnis und ihrer Klte.
    Er ward sich bewut, da er nicht weiter reden sollte, noch konnte und
suchte nach einem Schlu:
    Meine Freunde - Ihnen das Ziel meines Wollens ganz klar zu legen, oder gar
meine berzeugung auf Sie bertragen zu wollen - das konnte nicht der Zweck
meiner Rede sein, die ohnehin schon zu lang geworden ist; ihr kurzer Sinn ist
der: hier stehe ich, weil ich nicht anders kann. Und damit ist die Tafel
aufgehoben - in Brunnhof die letzte Tafel, deren Wirt ich gewesen bin. Er stand
auf und erhob sein Glas: Doch - damit wir mit einem Hoch abschlieen knnen,
trinke ich Dir noch einmal zu, lieber Mar - Dotzky, est mort, vive Dotzky!
    Die anderen waren froh, die etwas gelangweilte und mitunter peinliche
Stimmung mit neuem Glseranstoen und Hochrufen verscheuchen zu knnen.
    Dann begab man sich in den anstoenden Empfangssaal. In den Gruppen, die
sich bildeten, wurde natrlich von dem Ereignis des Tages gesprochen. Das Urteil
ber Rudolf lautete zwar nicht, wie er selber vorausgesagt, auf Verrcktheit -
aber die ganze Skala von Worten, die den selben Sinn umkleiden, hielt dabei her:
berspannt - Trumer - Irregeleitet - Phantast - hm, ein Original..

                                      XIX


Rudolf stahl sich hinaus. Er war nicht aufgelegt, in Privatgesprchen den
Gegenstand weiter auszufhren, ber den er soeben eine Rede gehalten. Und ein
eigentmliches Trauergefhl hatte sich seiner bemchtigt - etwas wie
Abschiedsweh, das ihn drngte, sich von der heiteren Gesellschaft zu entfernen,
und in einem einsamen Winkel seinen Gedanken nachzuhngen.
    Er suchte sein einstiges Arbeitszimmer - das Har lekinzimmer - auf. Es war
schon halb ausgerumt, die ihm persnlich gehrenden Bcher und Bilder in
herumstehenden Kisten verpackt. Der Raum war durch eine Ampel von mattem Glas
nur schwach beleuchtet. Dagegen sah man durch das unverhllte breite Fenster
hellen Mondenschein. Rudolf trat hin und lehnte die Stirn an die Scheibe. Wie
zauberhaft lag da der Park seines schnen Brunnhof ... Nein, nicht mehr sein
Brunnhof. ... Das war ja der Gedanke, den er ausspinnen wollte, das war das
wehmtige Bewutsein, das ihn beschlichen hatte: vorbei!
    Zwischen seinem alten Leben, und dem, dem er jetzt entgegenging, war nunmehr
wie ein eiserner Vorhang herabgerollt. Und ein Abgrund war gegraben, zwischen
ihm und den meisten Menschen, mit denen er durch verwandtschaftliche und
gesellschaftliche Bande verbunden gewesen. Vorbei die kameradschaftliche
Gemeinschaft mit seinen Standesgenossen; vorbei die huldreiche
Freundschaftlichkeit der Spitzen des Landes; vorbei die ehrerbietige Hingebung
seiner zahlreichen Beamten- und Dienerschaft; vorbei diese ganze Machtstellung,
die aus dem Chef eines adeligen Majorats einen kleinen Potentaten macht ... dem
allen ein ewiges vale - -
    Aber auch intimeres Abschiedsleid erfate ihn. In diesen Mauern, die er nun
verlie, hatte sein huslicher Herd gestanden. Auf dem Pltzchen da unten im
Park unter der groen Linde, wie oft hatte er - das Bild trat ihm lebhaft vors
innere Auge - wie oft hatte er da die Wiege seines Shnchens gesehen und darber
gebeugt, die holdselige Gestalt der jungen Mutter.
    Diesen Besitz freilich, dem hatte er nicht selber entsagt, den hatte ihn der
Ruber Tod entrissen - aber es wre ihm ja so leicht mglich gewesen, sich auf
demselben Grund einen neuen Herd zu bauen, dem Hause eine neue Herrin zu geben -
dem Stammsitz einen neuen Erben. Diese Mglichkeit war durch seinen Verzicht nun
abgeschnitten.
    Ein schwerer Seufzer hob seine Brust. So deutlich, so fest umrissen, so
wirklich waren die Dinge, denen er entsagte, und so unsicher, so nebelhaft die
Ziele, denen er entgegenstrebte. Nein, nicht die Ziele - die leuchteten ihm klar
in Leitsternlicht, aber die dahin fhrenden Wege, die waren das unsichere.
    Eine Hand legte sich sanft auf seine Schulter. Er wandte sich um.
    Du, Mutter?
    Ich dachte wohl, da ich Dich hier finden wrde, mein Rudolf. Aber ich
stre Dich vielleicht?
    Ach nein ... Dich, gerade Dich jetzt hier zu haben, tut mir wohl. Denn Du
bist die Einzige, die mich ganz verstehen kann ... auch in Anwandlungen der
Verzagtheit ... verstehen und aufrichten.
    Bist Du verzagt, weil die da unten Dich nicht verstanden haben? Wenn sie
Dich verstnden, wre es da berhaupt ntig, als Lehrer und Kmpfer
hinauszuziehen?
    Hinaus, hinaus ins Dunkle, ins Kalte ...
    Um in das Dunkel Licht zu tragen ... Aber kalt - ja, da hast Du wohl recht
- unter den Fremden, unter den Massen weht es einen eisig an - und nur eines
kann Wrme und Kraft geben - -
    Was ist das eine? fragte Rudolf, da Martha inne hielt.
    Man mu das Herz voll Liebe haben ...
    Fr die Fremden? Fr die eisigen Massen?
    Nein, fr ein nahestehendes, ebenso warm liebendes als geliebtes Wesen.
    Das besitze ich an Dir, Mutter.
    So meine ich's nicht. Es mu die andere, die zrtlich glhende Liebe sein.
Die gibt auch Kraft ... Das unendliche Glck, das dieses Gefhl im Besitz, die
unendliche Trauer, die es im Verlust einflt, die lassen einen erkennen, da
alles, alles daran gesetzt werden mu, den Ha aus der Welt zu schaffen. Glaube
mir: Friedrich und ich haben nur darum so heftig den Drang empfunden, fr die
Erlsung der Mitmenschen von der Geiel des Hasses zu wirken, weil wir einander
so bereinstimmend lieb hatten. Du hast Weib und Kind verloren - bist gar so
einsam, mein armer Rudolf ... Und selbst in der Ehe bist Du einsam gewesen ...
Ich wei ja, da Beatrix nicht das Wesen war, das Deine Seele ganz ausfllen
konnte. Wie wnschte ich Dir, da -
    Nein, unterbrach er, ich will nicht wieder heiraten. Ich will frei sein,
ganz fessellos -
    Um Dich in den Sturm hinauszustrzen? Wieviel besser kann man das, wenn man
wei, da man jeden Augenblick in den Hafen zurckkommen kann. Ja, Hort und
Schutz und Panzer - alles das ist die Liebe - die beglckte und die trauernde.
Noch jetzt ist mir der reichste Besitz die Erinnerung an meinen Toten. Dir,
Rudolf, ist das Leben noch solchen Reichtum schuldig ... eine Gefhrtin wrdest
Du brauchen - eine mitstrebende, dabei angebetete -
    Ich denke nicht an mich ... Und gerade jetzt, was mich erfllt, ist
Verzicht und Entsagungsweh - von Zukunfts- und Glckshoffnungen wei ich nichts.
Die Liebe, wie Du sie besessen hast, und fr mich trumst, was ist das fr eine
seltene Zufallsgabe! Ich gehe nicht aus, solche Wunderblumen zu suchen, fr
mich. Ich gehe aus, Pflichten zu erfllen - fr andere. Und traurig bin ich -
    Ja, das hre ich an Deinem Ton. Mir ist's auch zum Weinen.
    Also weine, Mutter, das erleichtert - -
    Beide verfielen in wehmtiges Schweigen.
    Der Mond verfinsterte sich. Schwarze Wolken zogen ber seine Scheibe und es
erhob sich ein klagender Wind, der durch die Rauchfnge pfiff.
    Martha schttelte sich frstelnd. Komm, sagte sie, la uns zu den anderen
zurckgehen. Harre bei Deinen Gsten aus - das letztemal.
    Rudolf erfllte den Wunsch seiner Mutter, er begab sich in den Salon zurck.
Man sa und stand in lebhaft sprechenden Gruppen umher. Bei seinem Nahen
verstummten die meisten Unterhaltungen; er hatte den Eindruck, als wre eben von
ihm die Rede gewesen.
    In einer Ecke sah er Minister Allerdings, Pater Protus und Oberst von
Schrauffen bei einander stehen. Auf diese Gruppe ging er zu.
    Hier sind ja drei meiner nchsten Freunde versammelt - tres faciunt
consilium - gern wollte ich hren, was Ihr gesagt habt.
    Ich sagte, antwortete der Minister, da ich den Eissto schon lange
kommen gesehen ... Dein Benehmen und Deine uerungen in der letzten Zeit lieen
alles Extravagante vorausahnen. So toll habe ich es allerdings nicht erwartet -
seinen Besitz herschenken!
    Und Sie, Herr Oberst?
    Na, nachdem Sie mich so grad herausfragen und Exzellenz Wegemann sich auch
kein Blatt vorm Mund genommen hat, so rede ich auch grad heraus. Mir kommt die
G'schicht nicht nur stark verruckt, sondern sogar ein biss'l straffllig vor.
Wollen's unter die roten Sozialisten gehen? Haben's ganz vergessen, da Sie ein
Kavalier - und da Sie Reserveoffizier sind?
    In der Tat, mon Colonel, in diesem Falle habe ich mich nur meines
Menschtums erinnert. Und Sie, mein lieber Pater Protus - werden Sie mich auch
exkommunizieren? Wie ich Sie kenne, frchte ich das nicht von Ihnen.
    Der junge Pater blickte Rudolf ernst und mild ins Gesicht:
    Sie haben recht, Herr Graf - mir liegt jedes Anathema fern ... Nicht einmal
richten und urteilen mchte ich da, wo ich nicht ganz verstehe. Ihre Absichten -
Ihre Gedankenkreise sind mir nicht ganz klar; aber so wie ich Sie kenne, wei
ich, da Sie Gutes wollen ... Mir tut es nur in der Seele weh, einen solchen
Patron zu verlieren. Ach, htte die arme Frau Grfin und htte das arme Bubi
gelebt - Sie wrden uns dann nicht verlassen haben.
    Rudolf schob seinen Arm unter den des Paters und zog diesen ein paar
Schritte weiter.
    Kommen Sie, mein lieber Herr Pfarrer, ich mchte ein paar Worte mit Ihnen
allein reden. Setzen wir uns hier in diesen Winkel, da hrt und strt uns
niemand. Den beiden anderen habe ich nicht weiter Rede stehen wollen. Ich habe
mich von ihnen getrennt - abgrundweit, da gibt's kein Verstndigen mehr und was
jene von mir denken, mu mir gleichgltig sein. Ihnen gegenber, Pater Protus,
habe ich das Bedrfnis, mir noch ein bichen das Herz auszuschtten.
    Das klingt ja wie die Einleitung zu einer Beichte.
    Ich habe bei Ihnen nie gebeichtet ... und berhaupt, wie Sie wissen, mich
den kirchlichen Zeremonien ferngehalten -
    Sie - Herr Graf - wie gar viele - glauben, ohne auszuben -
    Nein ... Sie sollen keine falsche Meinung von mir haben. Ich glaube nicht -
und meinte, da Sie das wuten -
    Ich vermutete es wohl, aber -
    Ach, seien wir in dieser letzten Stunde ganz aufrichtig ... ... Wir haben
uns gegenseitig immer geachtet und gegenseitig hinter dem, was wir verschwiegen,
einander auf den Grund der Seele geblickt, nicht wahr? Ich wei, was Sie Ihrem
Beruf schuldig sind und schtze den Takt sehr, mit dem Sie es verstanden, ein so
pflichttreuer Landpfarrer und ein Mensch von modernem Geist und Wissen zu sein.
    Und Sie, Herr Graf, vereinten taktvoll den kritischen Skeptiker mit dem
adeligen Kirchenpatron.
    Ich aber, Pater Protus, habe dem Dualismus entsagt. Mit den anderen
Majoratsprrogativen habe ich auch das Patronat niedergelegt - und so kann ich
mich ganz frei geben. Takt - das ist so ein Ding, das diejenigen brauchen, die
einen Widerspruch verbergen, den sie in sich tragen, oder durch den sie sich
lavierend durcharbeiten wollen ... ich habe diese Notwendigkeit abgeschttelt -
und darum sage ich Ihnen jetzt ganz offen: der Kampf, zu dem ich mich rste -
der Befreiungskampf gegen alles, was die Menschheit in Fesseln, auch in geistige
Fesseln schlgt - der wendet sich natrlich auch gegen -
    Also ist es doch richtig, unterbrach der Pfarrer, da die sogenannten
Friedensfreunde - denn dazu gehren Sie ja - Feinde der Religion sind?
    Es ist nicht richtig. Gewi gibt es unter den Kriegsfeinden viele
Freidenker - aber auch viele Glubige. Und in dem Kampfe gegen den Krieg
bettigen die Freidenker doch ihre Gesinnung nicht, - sie trachten vielmehr, in
der Kirche eine Verbndete zu finden, denn sie wissen, welche Macht ihr
innewohnt, und wissen, wie sehr die Religionsgebote mit den Friedensgeboten
bereinstimmen. Eben weil die organisierten Verfechter der Friedensidee sich der
Bekmpfung einzelner Richtungen und Einrichtungen - die ich bekmpfen wollte -
enthalten, unterlasse ich es, mich ihren Vereinen und Kongressen anzuschlieen.
Ich will nach jeder Richtung hin die neue Weltanschauung vertreten - eine
Weltanschauung, die meiner berzeugung nach bestimmt ist, wie eine neue Religion
(das Wort heit ja Band) die kommenden Geschlechter zu verbinden -
    Freilich, unterbrach Pater Protus mit leiser Bitterkeit im Tone, mit
solchem neuen Glauben mu man dem alten gegenber als Feind auftreten - nicht
als Patron.
    Feind? Im Sinne von Ha und gewaltttigem Verfolgungs- und
Vernichtungseifer? - nein. Loyaler Gegner? - ja. Ach, Pater Protus, Pater Protus
- was sind das doch noch fr unklare, traurige Zustnde in der Welt ... wie
schmerzlich stoen die Gedanken, die Pflichten, die Leidenschaften aneinander!
Dabei sehe ich so deutlich, wo das Heil liegt ... einfach darin: gut sein und
wahr sein - in jeder Lage, unter allen Umstnden, niemals Bses zufgen, niemals
behaupten, was falsch ist ... Welche von den bestehenden Institutionen im Staate
verstt nicht gegen diese zwei Dinge - Gte und Wahrheit?
    Was ist Wahrheit? Das hat schon Pontius Pilatus gefragt, Herr Graf.
    Was Lge ist, mute er jedenfalls wissen, denn als er sagte: ich wasche
meine Hnde in Unschuld, da hat er gelogen - er wusch sie in Blut. Was Gte ist,
braucht keiner zu fragen, das fhlt jeder - auch der Harte, indem er sie
verlacht ... Aber, lieber Herr Pfarrer, ich habe ja nicht mit Ihnen
philosophieren wollen - nur Lebewohl wollte ich Ihnen sagen, dabei herzhaft Ihre
Hand drcken und - ohne die Punkte auf die i zu setzen - Aug' in Auge Sie
versichern, da ich Sie verstehe und Sie schtze und mich von Ihnen verstanden
wei. Auch meinen weiteren Kurs werden Sie nicht verdammen, selbst wenn ich das
nicht mehr bin, was wir vorhin taktvoll nannten.
    Pater Protus drckte fest die dargereichte Hand und blickte dem anderen ins
Auge: Ja, wir verstehen uns.
    Rudolf sah nun, da Grfin Ranegg und ihre Tochter Cajetane im Begriffe
waren, sich von seiner Mutter zu verabschieden.
    Er eilte auf die Gruppe zu, denn es drngte ihn, mit diesen lieben
Nachbarinnen noch ein paar Worte zu tauschen.
    Wie, Sie wollen schon fort? ... Nein, so lasse ich Sie nicht - ich mu
Ihnen noch sagen, da zu den Dingen, die ich durch den Verlust von Brunnhof am
schmerzlichsten vermissen werde, die Nachbarschaft der Raneggsburg gehrt.
    Sie gehen ja nicht aus der Welt, lieber Graf Rudi, sagte die Grfin
freundlich. Den Weg nach unserem Hause - hier und in Wien - werden Sie
hoffentlich immer noch finden. Und recht oft.
    Danke, Grfin. Aus dieser liebenswrdigen Aufforderung sehe ich, da Sie in
mir nicht - wie so viele hier - einen gefhrlichen Narren sehen.
    Cajetane fiel lebhaft ein:
    Sprechen Sie nicht so ... Sie sind ein -
    Hier blieb sie stecken. Rudolf schaute sie berrascht an. Ihre Wangen
glhten und ihre groen schwarzen Augen blickten ihn eigentmlich an.
    Grfin Ranegg lie sich nicht mehr zurckhalten. Sie verlie den Saal, an
ihrer Seite Martha, die ihr das Geleite gab. Rudolf bot Cajetane den Arm und die
beiden folgten in einiger Entfernung den vorangehenden Mttern. Der Weg zum
Schlohof, wo der Wagen stand, fhrte ber mehrere lange Korridore, die Treppe
hinab, durch eine lange Halle; man hatte Zeit zu einem Gesprch.
    Was wollten Sie vorhin sagen, Grfin Cajetane? fragte Rudolf. Sie sind
ein - begannen Sie und brachen ab. Was bin ich?
    Ein ungewhnlicher Mensch.
    Das ist sehr milde ausgedrckt.
    Sie glauben doch nicht, da ich mir eine Verurteilung erlaube -
    Doch wre eine solche - von Ihrem Standpunkt - nur zu natrlich. Ich bin
ein aus der Art Geschlagener, whrend Sie ein Muster - ein Prachtexemplar der
Art sind, aus der ich geschlagen bin. Sie mssen mich daher verurteilen.
    Ich tue es nicht. Zwar verstehe ich Sie nicht ganz, aber ich wei, ich
fhle, da Sie Groes und Edles bezwecken -
    Und glauben Sie, da ich es erreiche?
    Auch das kann ich nicht wissen. Ich habe ja in das alles keinen Einblick -
bin ganz unwissend. Was Sie getan haben, hat groen Eindruck auf mich gemacht -
dennoch, wenn ich mir Ihre Worte zurckrufen will, so geht es nicht. Ich wei
nicht mehr, was Sie gesprochen haben - ich gbe was drum, wenn ich's noch einmal
hren oder lesen knnte ... ich glaube, ich knnte da etwas lernen, etwas ganz
Neues -.
    Flt Ihnen das Neue keine Furcht ein, Grfin Cajetane? Ihre ganze
Erziehung fut auf dem Alten, Ihr ganzes schnes, harmonisches Leben ruht
darauf.
    Sie schttelte den Kopf, aber blieb die Antwort schuldig. Sie war zu
zurckhaltend, um ber sich zu sprechen, um sich gegen die Meinung zu
verteidigen, da sie nur am Alten hing, whrend doch ihr junger, offener Sinn
sich den Ahnungen und Verheiungen nicht verschlossen hatte, mit denen die nach
Neugestaltung auf allen Gebieten ringende Gegenwart erfllt ist. Und der Mann an
ihrer Seite hatte den Mut, dieser Neugestaltung Phrophet und Mitschpfer zu
sein, opferte dafr Stellung und Reichtum - wahrlich, ein ungewhnlicher
Mensch. Wie bemerkte er vorhin? Das war milde ausgedrckt - nein, schwach
ausgedrckt war's ... sie htte sagen mgen - aber auch dazu war sie zu
zurckhaltend -: ein herrlicher Mensch.
    Nun gingen sie schweigend bis hinunter. Aber Rudolf fhlte, da dieses
Mdchen - eines jener Vgelchen, die auf den zum Falle bestimmten Bumen
nisteten - da dieses Mdchen fr ihn und fr sein Tun voll Sympathie war.
Unwillkrlich drckte er leise ihren Arm an sich.

                                       XX


Der zwischen Hugo Bresser und Sylvia schwebende Liebesroman, der an jenem Abend,
da sie sein Drama vorgelesen, fr beide in ein die Herzen tief bewegendes
Stadium getreten war, war seither zu keinem Abschlu gelangt - weder Bruch noch
Vereinigung - auch nicht einmal zum Gestndnis.
    ber ihn war mit der gesteigerten Anbetung Schchternheit und Scheu gekommen
- er frchtete, sie zu erzrnen und zu verlieren, wenn er sprche. Und dadurch,
da er sie zum Gegenstand seiner dichterischen Huldigung machte, war sie ihm in
eine Art Wolkenferne gerckt - in Wolken, die zwar seinem eigenen
Weihrauchkessel entstiegen, die sie aber in Unnahbarkeit hllten.
    Die ihr gewidmeten und sie besingenden Gedichte gab er ihr nicht zu lesen.
Die sollten zu einem ganzen Bande anwachsen, und erst wenn er unbestrittenen
Ruhm erreicht htte, sollten sie so berreicht werden. Nur Groes durfte er ihr
schenken: nichts Geringeres, als fr ihren Namen die Unsterblichkeit.
    Und sie? Sie kam ihm nicht entgegen. Geh in Reinheit durchs Leben. Dieses
Wort ihrer Mutter hatte sich ihr im Gedchtnis festgesetzt, wie dies manchmal
bei Melodien geschieht, die man nicht los wird, die im Ohre nachklingen, man mag
wollen oder nicht. Auch die Antwort, die sie darauf gegeben, blieb so haften:
Das will ich ja. Es war dies ein nicht allein der Mutter, sondern auch sich
selber gegebenes Versprechen.
    Das Bewutsein, den jungen Dichter zu lieben, erfllte sie mit einem so
intensiv beseligenden Gefhl, da sie es wunschlos geno. Es war eine ganz aus
Bewunderung und Zrtlichkeit zusammengesetzte Empfindung - von keinem Schatten
sinnlichen Verlangens gestreift. Es war die zweite Liebe in ihrem Leben. Welcher
Unterschied mit der ersten! Errtend dachte sie jetzt an den leidenschaftlichen
Taumel zurck, der sie zur Zeit ihrer Verlobung erfat hatte. Wie sie damals
erglht fr einen Menschen, von dem sie nicht eine wahrhaft liebenswerte
seelische Eigenschaft kannte - whrend jetzt die Seele allein, die groe, lichte
Seele eines Knstlers, eines gottbegnadeten Genius es ihr angetan. Die
Ernchterung, welche durch Tonis brutale Art zu lieben so jh und schmerzlich
auf ihren Rausch gefolgt war, hatte ihr die sinnliche Seite der Liebe verekelt
und der vllige Mangel an Idealitt, den ihr Gatte im ehelichen Verkehr gezeigt,
machte ihr nun die blo ideale Ekstase ihrer neuen Liebe doppelt wert.
    Da echte Liebe schlielich nach beiden Seiten hin nach Vollendung und
Erfllung drngt, das wute sie nicht. Sie war, so sehr die Natur sie zur 
grande amoureuse geschaffen, in Liebesdingen nicht erfahren. So lie sie
sorglos und still beglckt es sich gengen, da eine reine, von keinem
Leidenschaftssturm gepeitschte ruhige Flamme ihr Herz durchwrmte. Nicht nur im
bildlichen Sinne fhlte sie diese Wrme, sondern fast wie etwas Greifbares,
physisch Vorhandenes. Es stieg in ihrer Brust auf - beim Erwachen, beim
Einschlafen, oft unter Tags, wenn sie an etwas ganz anderes dachte. Wie ein
pltzlicher heier Strom, der vom Herzen zur Kehle flutete, den Atem beklemmend
- in unnennbarer Se ... Nicht Verlangen war das, sondern Besitzesfreude. Als
einen reichen, lebenserhhenden, sie mit Stolz erfllenden Besitz empfand sie in
solchen Augenblicken, da sie liebte - einen herrlichen Menschen liebte, von dem
auch sie - seit langem schon - geliebt war. Und wenn sie so an ihn dachte, da
erschien vor ihrem Innern weder sein Gesicht noch seine Gestalt, sondern nur das
abstrakte Bild seines hochfliegenden Geistes, seiner schnheitsgewaltigen Kunst.
Gegen eine solche Liebe, durch die sie sich nur gehoben und geadelt fhlte,
brauchte sie doch nicht anzukmpfen? ...
    Sie hatte sich alle seine Werke kommen lassen und geno jede gelungene
Stelle darin, wie ein Durstender eine saftige Frucht geniet. Der Wohllaut der
Verse, die sie sich laut vorsagte und die sie bald auswendig kannte, wiegte sie
ein wie Musik; jeder neue, schne Gedanke war ein Rechtstitel mehr auf ihre
stolze Liebe. Nicht nur in Reinheit - nein, in Gre konnte man da durchs Leben
gehen!
    uere Umstnde traten hinzu, um die Gefahr hintanzuhalten, da die so
himmelhoch gespannte - im eigentlichen Sinne des Wortes berspannte Leidenschaft
der Liebenden in eine irdische umschlage. Fast nie trafen sie sich allein.
Notwendige Reisen - Sylvia zu ihrer erkrankten Schwiegermutter, Hugo zur Probe
seiner Schauspiele nach deutschen Stdten - und andere Zuflle mehr brachten
lange Trennungen, und so kam es, da jetzt, nach so langer Zeit, der Roman noch
schwebte - ohne Bruch und ohne Vereinigung.
    Das Verhltnis Delnitzkys mit der schnen Sngerin dauerte fort. Es war ihm
zur Lebensgewohnheit geworden. Da er weder vor der Welt und seinen Verwandten,
noch auch vor seiner Frau - von der er wute, da sie davon unterrichtet war -
diese Liaison zu verbergen suchte und da die anderen die Sache schweigend, wie
etwas Selbstverstndliches, hinnahmen, so war ihm allmhlich zu Mute geworden,
als lebte er da in einer Art zweiter konzessionierter Ehe, und da er wenigstens
darin als treu und standhaft sich erwies, das rechnete er sich selber zum
Verdienste an.
    Zudem hatte ihm die Geliebte einen Sohn geschenkt und er liebte das kleine
Brschchen - mit ihm zu spielen, war ihm eine wahre Lust. Der Gedanke an eine
Scheidung von Sylvia war ihm wohl manchmal aufgestiegen - da konnte er die
andere heiraten und dem kleinen Toni seinen Namen geben. Was diesen Gedanken
aber nicht recht aufkommen lie, war die Vorstellung der fr einen
sterreichischen Aristokraten recht unerquicklichen und umstndlichen, zu einer
Scheidung erforderlichen Formalitten: Religionswechsel, Naturalisierung in
Ungarn und vor allem der Eklat. Dieser Begriff hatte fr ihn etwas besonders
Abschreckendes. So flte ihm das, was sein Schwager Dotzky getan, das Aufgeben
seiner Stellung, um unter die Sozis zu gehen - wie er Rudolfs Handlung
bezeichnete - einen an Verachtung grenzenden Widerwillen ein. Natrlich wurde er
im Klub und wo er sonst hinkam, mit allerlei Fragen oder Kritiken ber Rudolfs
Vorgehen behelligt. Er sollte den Leuten erklren, wie und warum sein Schwager
so Unerhrtes angestellt und was er noch Unerhrteres vorhatte. Aber er ward des
Auskunftgebens bald mde und sagte nur mehr mit rgerlichem Achselzucken: Ach,
bitt' Euch, lat mich mit dem Querkopf in Ruhe ... mich gehen seine
Extravaganzen nichts an. - Er versuchte auch, seiner Frau den Umgang mit Rudolf
zu verbieten. Diesen Versuch wies Sylvia jedoch mit aller Entschiedenheit
zurck. Die Zuneigung und Hochschtzung, die sie seit frhester Kindheit fr
ihren Stiefbruder hegte, war durch seine so ungewhnliche Tat noch um vieles
gestiegen. Sie blickte zu ihm auf, voll Stolz auf das, was er getan, und voll
Vertrauen in das, was er sich zu tun vorgesetzt.
    Von der Gesellschaft hatte sich Sylvia allmhlich zurckgezogen. Das
Bewutsein war ihr peinlich, da sie von ihren Bekannten als die verlassene und
betrogene Frau bedauert wurde. Solche, die wuten, da sie eigentlich nicht
betrogen war, da sie die Untreue ihres Mannes kannte, die verurteilten sie mit
Strenge: Das ist unmoralisch von einer Frau, sich solches gefallen zu lassen,
herzlose Gleichgltigkeit, verchtliche Schwche! Wie oft hatten vermeintliche
gute Freundinnen mit allerlei vorsichtigen Redewendungen ihr zu hinterbringen
gesucht, da es heie ... da man munkle ... sie mge doch auf ihrer Hut sein
... Und wenn sie auf solche Insinuationen achselzuckend mit einem Ich wei ja
alles antwortete, dann brach die Entrstung los: Wie, Du weit ... und duldest
es? - vergit Du, was Du Deiner Wrde schuldig bist? Deine Rechte als Gattin
mut Du wahren. Manche sagten auch, sie solle sich einfach rchen ... gleiches
mit gleichem. - Das am allerwenigsten. In Reinheit wollte sie durchs Leben
gehen.
    Lnger als ein Jahr war es nun, da sie Hugo Bresser nicht gesehen. Hufig
jedoch erhielt sie von ihm Briefe und, wenn auch seltener, sie schrieb auch ihm.
Es waren keine Liebesbriefe, aber zwischen den Zeilen pochte, hrbar fr den
Empfangenden, das Herz des Schreibenden. Der einzige Gegenstand der
Korrespondenz war die Literatur. Er schrieb von seinen Entwrfen und Erfolgen,
er bersandte ihr Proben der Sachen, die er eben auf der Werkstatt hatte; er
schickte ihr aber auch Bcher anderer Verfasser, die Eindruck auf ihn gemacht,
und dissertierte ber deren Inhalt. Sylvia gab ihr Urteil ab, nicht im Tone der
Kritik, sondern einfach, indem sie sagte, was sie bei dieser oder jener Stelle
empfunden
    Seitdem sie einem Dichter ihr Herz geschenkt, war ihr die Beschftigung mit
Dichterwerken zu einem genureichen, lebenausfllenden Studium geworden. In
einem schnen Gedichte - ob es nun von Hugo war, oder nur von ihm angepriesen -
konnte sie schwelgen, wie ein musikliebender Mensch in Melodien schwelgt. Zu
eigenem Schaffen brachte sie es nicht, htte es auch gar nicht gewollt. Das
Vertiefen in die Werke der anderen gab ihr volle Befriedigung.
    Erst durch die Liebe war diese Passion in ihr geweckt worden. Das gehobene
und geradezu wonnige Entzcken, mit welchem sie an jenem Abend Hugos Dichtung
vorgelesen, hatte in ihr die Leidenschaft fr alle Poesie angefacht, und von da
an versenkte sie sich mit Inbrunst in die Werke aller toten und lebenden Meister
des gebundenen Worts. Und ihr Dichter hielt - in ihren Augen - neben den
berhmtesten Literaturhelden Stand. Da auch er die hchste Stufe seiner Kunst
erreichen werde, war fr sie nicht zweifelhaft. Und sie blickte mit einer Art
Ehrerbietung zu ihm auf. Da sie die groe Dame, er ein eigentlich noch
unbekannter Literat und gesellschaftlich unbedeutender Mensch war, kam ihr gar
nicht zum Bewutsein - er war der Gottbegnadete, der Anwrter auf die
Strahlenkrone des Ruhms - sie eine einfache, unbedeutende Frau.

Einige Tage nach dem Abschiedsdiner in Brunnhof erhielt Sylvia von Hugo einen
Brief, worin er seine Ankunft in Wien fr den nchsten Tag ansagte.
    Es versetzte ihr einen freudigen und zugleich bangen Schreck. Die lange
briefliche Gemeinschaft war ihr zu teurer Gewohnheit geworden, da sie beinahe
frchtete, die persnliche Berhrung knnte irgend eine Strung, einen Miton
hineinbringen.
    Dennoch gewann die Empfindung die Oberhand, da der morgige Tag mit diesem
Wiedersehen ihr ein hohes Fest verhie. Sie teilte es sich so ein, da sie um
die Stunde, fr die er sich angesagt, allein zu Hause war.
    Es war Nachmittag vier Uhr. Drauen schien eine helle und warme Herbstsonne.
Dennoch brannte im Kamin ein lustig prasselndes kleines Feuer. Und auf einem
Seitentische, ber blauen Spiritusflmmchen, brodelte in silbernem Kessel das
Teewasser. Von der Strae her gedmpfter Wagenlrm. Magnolienduft vom
Blumentisch. Vor diesem steht Sylvia und pflckt eine Blte ab, die sie an ihre
Taille steckt. Sie trgt ein Straenkleid aus schwarzem Samt - eben war sie von
einer Ausfahrt heimgekommen - auf ihren Wangen lag frisches Rot und die Augen
funkelten.
    In einer halben Stunde sollte er kommen, doch schon jetzt ertnte die
Klingel.
    Ein Besuch? Nun, die Losung war gegeben, niemand anderer sollte vorgelassen
werden als Bresser - und Anton war von Wien abwesend.
    Die Tr ging auf und der Diener berreichte auf silberner Platte ein
Telegramm.
    Jedenfalls eine Absage von Bresser ... An der bittern, schmerzlichen
Enttuschung, die ihr dieser Gedanke verursachte, erkannte sie erst, wie sehr
sie sich auf den bevorstehenden Besuch gefreut.
    Die Depesche war aber nicht von Bresser und betraf etwas ganz
Gleichgltiges. Jetzt freute sie sich doppelt und mit vollem Bewutsein. Die
Furcht, da das Wiedersehen irgend einen Miton bringen knne, war nun verflogen
- vielmehr eine Erfllung sollte es werden, ein Lschen des brennenden Durstes
ihrer Seele.
    Sie ging ans Klavier und spielte leise die Sonnenaufgangshymne aus dem
Propheten. Diese Melodie war ihr seit jenem Theaterabend die Zauberformel
geblieben, mit der sie sich jederzeit die Gegenwart ihres Dichters herbei
beschwren konnte, als atmete sie seine Nhe.
    Vom Klavier ging sie in ihre gewohnte Ecke, wo neben der Chaiselongue ein
drehbares Lesetischchen stand. Sie setzte sich und nahm ein Buch zur Hand. Der
Band Gedichte von Hugo Bresser ffnete sich von selber auf der Seite, die sie
gewollt. Auch da fand sie eine Beschwrungsformel - eine gewisse Strophe voll
Wohllaut und voll Schwung.
    Aber sie legte das Buch wieder weg. Sie durfte doch nicht bei dieser Lektre
sich finden lassen - das htte wie eine plumpe Absichtlichkeit geschienen. Sie
lie die Hnde herabfallen und schlo die Augen. Nicht spielen, nicht lesen
wollte sie - nur so dasitzen, das holde Bangen der Erwartung genieend, dem
eigenen Herzen lauschend, wenn manchmal ein beschleunigter Schlag ihr bis in die
Kehle drang - wie s das war ...
    Noch war die halbe Stunde nicht verflossen - und wieder ertnte die Klingel.
    Sylvia sprang auf; sie fhlte, da sie erbleichte.
    Bresser trat ber die Schwelle und verneigte sich ehrerbietig; sie blieb -
eine Weile regungslos - auf ihrem Platz stehen.
    Durch den zeremoniellen Gru und den Ton seiner Stimme Gndigste Grfin
kam sie zur Besinnung, und - ganz Weltdame, die einen willkommenen fremden Gast
empfngt - ging sie ihm ein paar Schritte entgegen und reichte ihm die Hand zum
Kusse.
    Wie ich mich freue, Sie wieder zu sehen, Herr Bresser - werden Sie nun eine
Zeitlang in Wien bleiben? Bitte, setzen Sie sich ... und sie selber lie sich
auf ihren gewohnten Platz neben dem Lesetischchen nieder ... Sehen Sie -
lchelnd - ich habe hier Ihren Gedichtenband - aber Sie drfen nicht glauben,
da ich ihn nur im Hinblick auf Ihr Kommen hierher gelegt, ich ...
    Sie stockte. Denn Bresser ging weder auf ihren frmlichen, noch auf den
scherzenden Ton ein; er blieb stumm und auch den angebotenen Sitz hatte er nicht
angenommen; sein Gesicht zeigte tiefe Bewegung, die Augen hielt er mit
zrtlichem Vorwurf auf sie geheftet - sie fhlte, da er von ihrem Empfang
enttuscht war.
    Das war er im Anfang auch gewesen; aber wie sie jetzt so stockte, wie unter
seinem Blicke auch in ihren Augen es zrtlich zu schimmern begann, da verstand
er, da diese angenommene Gleichgltigkeit nur ein Schleier - ein fr ihn jetzt
durchsichtiger Schleier war, den sie ber den sonst zu grellen Glanz ihrer
gegenseitigen Wiedersehensfreude geworfen hatte. Eigentlich nach all den
getauschten Gedanken und getauschten Empfindungen, nach der Sehnsucht, die sich
in dem verflossenen Jahr von einem zum andern gesponnen, htten sie ja einfach
sich in die Arme sinken mssen: - o Du, Du - seh' ich Dich endlich! - Da dies
aber nicht sein konnte, so war diese Art wohl die beste gewesen; sie wuten ja
doch beide, was unter dem Schleier verborgen war.
    So wollte er denn ihrem unausgesprochenen Befehl gehorchen und, indem er
sich setzte, sagte er, einen unbefangenen Ton erzwingend:
    Ob ich lngere Zeit in Wien bleibe, Grfin? Das hngt von Umstnden ab. Der
Direktor des Burgtheaters, dem ich mein Drama eingereicht, hat mich zu einer
Unterredung bestellt. Vielleicht handelt es sich um nderungen - angenommen ist
das Stck - vielleicht auch schon um den Beginn der Proben; da mte ich
allerdings hier bleiben.
    Was - ein Stck an der Burg - und davon hatten Sie mir nichts geschrieben!
    Ich wollte es nicht frher sagen, als bis die Annahme sicher war.
    Und welches Ihrer Stcke?
    Mein letztes, noch nirgends aufgefhrtes - von dem Sie den ersten Akt uns
vorgelesen haben -
    Ah - Der tote Stern -? Den haben Sie zu Ende gefhrt - und mir in Ihren
Briefen kein Wort? ...
    Meine Ambition war, da Sie die folgenden Akte nicht im Manuskript, sondern
von der Bhne aus beurteilen sollen.
    Ich werde furchtbar zittern bei der Premire.
    Zittern? Fr mich?
    Fr Sie, fr das Stck, fr mich - ich knnte es nicht vertragen, wenn das
Publikum keinen Beifall zeigte -
    Wenn das Stck durchfiele, meinen Sie? ... Wer wei, ob es vor Ihnen Gnade
findet? Vielleicht mte Ihnen dessen Fiasko gerechtfertigt erscheinen.
    Werde ich denn berhaupt urteilen knnen, wenn ich zittere? Nur wenn Sie
mir das Ganze zu lesen gben, knnte ich mir klar werden, ob ich's schn finde
oder nicht. Erzhlen Sie mir doch wenigstens, wie Sie die Handlung weitergefhrt
haben -
    Nichts erzhle ich, Grfin Sylvia. Ich habe mich zu lange darauf gefreut,
Ihnen meine Dichtung in fertiger Gestalt und lebendig und neu vor die Augen zu
fhren. Ihnen ganz allein wird es vorgespielt werden - das brige Publikum wird
fr mich gar nicht anwesend sein.
    Sie sprachen dann von dem groen Ereignis in Sylvias Familie, Rudolfs
Verzicht auf das Majorat. Es tat Sylvia wohl, zu hren, wie gro Hugo die Sache
auffate, mit welchem weiten Blick er die von ihrem Bruder gewhlten Wege und
Ziele umspann.
    Mich nennen Sie Dichter, Grfin? sagte er. Nun ja, mit geschriebenen
Bildern und Worten dichte ich, aber Rudolf tut es mit Handlungen, mit khnen
begeisterungsglhenden Taten ... was er unternommen hat, kann zum hinreiendsten
Poem werden.
    So sprachen sie lange ber allerlei Dinge. Aber etwas Unausgesprochenes lag
zwischen ihnen; etwas, woran beide dachten, und wovon jedes wute, da es in den
Gedanken des anderen obenauf war. Es zitterte in ihren Stimmen, es blitzte in
ihren Augen auf, es tnte in ihrem Schweigen nach, wenn manchmal die
Unterhaltung stockte.
    In einer solchen Pause geschah es, da ihre Blicke sich begegneten und wie
liebkosend aneinander hngen blieben. Er war glcklich, sie so schn zu sehen -
und auch sie empfand es wie eine Freude, da seine Erscheinung so harmonisch zu
seiner Knstlerseele pate: edle Zge, leuchtendes Auge und dabei in Art und
Ton, in Kleidung und Bewegung - tadelloser Weltmann. Diesen Menschen zu lieben,
war man wahrlich entschuldbar ... sie war stolz auf ihn - und fast stolz auf
sich, da ihr Herz sich einem so Wrdigen geschenkt.
    Nach einer kleinen Stunde, die ihnen verflogen war, wie fnf Minuten, mute
er gehen - der Direktor erwartete ihn.
    Wann darf ich wiederkommen?
    Morgen um dieselbe Stunde.
    Der Abschiedsgru war ein langer, fester. Stumm sagten sie einander durch
diese warmen, bebenden Hnde:
    Herrliche, auf Wiedersehen! - Auf Wiedersehen, Lieber!

                                      XXI


Rudolfs Schrift war erschienen; - eine Anklageschrift; der Titel lautete das
Verbrechen der Kulturmenschheit. Zugleich gab er eine zweite - eine
Verheiungsschrift heraus: Das Glcksfllhorn der menschlichen Kultur.
    In der ersten war die ganze Schale seines Zornes auf die Heuchelei, den
Bldsinn und die Grausamkeiten ausgegossen, die den herrschenden, sogenannten
Kulturzustnden zugrunde liegen. In der zweiten lie er seiner Begeisterung und
seiner Einbildungskraft freien Lauf, um zu schildern, wie das Erdenleben sich
gestalten mte, wenn neben den mrchenhaften Errungenschaften der technischen
Kultur auch die ethische zur Geltung kme, das heit: wenn Wahrhaftigkeit,
Vernunft und Gte alle gesellschaftlichen Verhltnisse regelten. Absichtlich
hatte er diese beiden Aspekte wie er die Welt sah - und wie er sie sehen wollte,
nicht in eine Arbeit verschmolzen, sondern getrennt, um Zorn und Verheiung mit
gleichem Feuer vertragen zu knnen - nicht das eine durch das andere gedmpft.
    Das nchste Ergebnis dieser Verffentlichung war - da die Broschren so gut
wie gar nicht gelesen wurden. Sowohl die Anklage blieb ungehrt, als auch die
frohe Botschaft. Zwar brachten einige Bltter Notizen; aus Bekanntenkreisen
erhielt er einige anerkennende - auch zwei oder drei tadelnde, von anonymen
Schreibern sogar einige grobe Briefe - aber eine Revolution machten die
Schriften nicht, nicht einmal Lrm. Es war da wieder einmal ein Fingerhut voll
Pulver zum Sprengen einer Gebirgskette angewendet worden.
    Aber gleichviel. Eine kleine Schrift von unberhmter Feder kann die Welt
nicht aufstren. Ihr Zweck war auch ein anderer. Rudolf hatte sich sozusagen das
Programm vom Herzen geschrieben, das er seinem Apostolat zugrunde legen wollte.
Er wute ja, da das, was er unternahm, eine langjhrige Kampagne werden mute,
um irgendwie durchzudringen - und vorlufig war in den beiden Schriften zu
dieser Kampagne der Plan abgesteckt. Er hatte hineingelegt, was ihm in manchen
Nachtstunden berkam, wenn er zwischen Wachen und Trumen lag und an sein
Lebenswerk dachte - nmlich, tiefgeekelte Entrstung ber obwaltende
Schildbrgereien, Bosheiten und Gemeinheiten und dann wieder frohlockendes
Erfassen der Glcksmglichkeiten einer schneren Zukunft und der schon
vorhandenen Anstze dazu. Er mute sich aber selber sagen, da seine
Ausfhrungen, wie sie da auf dem Papiere standen, nur ein ganz matter Abklatsch
jener nchtlich heftigen Gefhlsanwandlungen und grellen Gedankenblitze war, das
kam daher - sagte er sich: zum Schreiben hat man nur Worte, - festgeprgte, an
alte Erkenntnisse geknpfte Worte, die Gedanken hingegen, vom Gefhle
sekundiert, operieren mit Ahnen und Sehnen, mit inbrnstiger Neuerkenntnis von
Dingen, fr die im bestehenden Wortschatz der Ausdruck noch nicht geprgt ist.
Wenn ich denke, so erklrte er einmal im Gesprch mit Kolnos diesen Kontrast:
so bewegt sich mein Geist mit Schwingen und wenn ich schreibe - in Galoschen.
    Unter den Briefen, die ihm infolge seiner Publikation zugekommen waren, fiel
ihm einer auf in verstellter Frauenhand und ohne Unterschrift. Es waren nur
wenige Zeilen:
    Die Lektre Ihrer beiden Schriften - die Titel sind mir zu lang, ich nenne
sie die Hlle und das Paradies - haben mich tief ergriffen und ich mu es Ihnen
sagen. Wenn Sie auch nicht wissen, wer es sagt - ich glaube, es wird Ihnen
immerhin lieb sein, zu erfahren, da Ihre Worte eine Schwesterseele - die
empfngliche Seele eines jungen Weibes - in gehobenste Mitschwingung versetzt
haben.
    brigens nicht um Ihnen angenehm zu sein, schreibe ich dieses, sondern um
meine eigene Sehnsucht zu befriedigen, die Sehnsucht, Ihnen zu sagen, da mein
Herz in hingebender Bewunderung fr Sie schlgt. Das niedergeschrieben zu haben
und mir vorzustellen, da Sie es lesen werden, das tut diesem Herzen wohl.
    Rudolf war nicht unempfnglich fr den warmen Ton, der aus dem anonymen
Briefchen sprach. Aber nachdem er es beiseite geschoben, und die anderen mit
gleicher Post angelangten Zuschriften las, dachte er nicht mehr daran.
    Was ihm mehr zu denken gab, war ein amtliches Schreiben aus dem
Kriegsministerium, das ihn fr den nchsten Vormittag, zehn Uhr, in die Kanzlei
des Ministers beschied.
    Er ahnte wohl, was da kommen wrde. Der Gang war ihm ein unangenehmer, aber
er mute getan werden. Am folgenden Tag fand er sich pnktlich zur bestimmten
Stunde am bestimmten Orte ein.
    Der Kriegsminister war ein Vetter vierten Grades seines verstorbenen Vaters
und oft war er mit ihm in befreundeten Husern zusammengekommen, hatte ihm auch
einmal als Jagdgast in Brunnhof empfangen. Aber diesmal sollte er dem Gestrengen
nicht in verwandtschaftlichem, noch in gesellschaftlichem, sondern in
dienstlichem Verhltnis gegenber treten, in seiner Eigenschaft als Oberleutnant
der Reserve.
    Der Minister war allein in seinem Kabinett, als Rudolf, von einem
Ordonnanzoffizier gemeldet, dasselbe betrat.
    Der alte Herr, dessen Physiognomie immer eine martialische war, nahm einen
ganz besonders strengen Ausdruck an und mit schnarrender Stimme sagte er:
    Ah - Herr Oberleutnant Dotzky - kommen Sie nur her.
    Rudolf, der in einiger Entfernung salutierend stehen geblieben war, trat
nher. Die Ansprache bedeutete nichts gutes. Auerdienstlich waren die beiden
Mnner auf dem Duzfue. Das unfreundliche Sie kehrte den Vorgesetzten heraus.
Sagen Sie - er nahm von seinem Arbeitstisch zwei gelbe - Rudolf gar
wohlbekannte Hefte und hielt sie, eins in jeder zitternden Hand - in die Hhe -
haben Sie diese beiden Wische geschrieben?
    Ja, Exzellenz. Ich habe die Schriften ja auch gezeichnet.
    Aber Sie Unglcksmensch - wissen Sie, was nun geschehen mu?
    Ich kann es mir ungefhr vorstellen. Ich werde aus dem Armeeverband
scheiden mssen.
    Und eine solche Schand' - die wollens so gleichmtig hinnehmen?
    Ich habe mir das Recht, zu sagen was ich will, schon sehr hoch bezahlt,
indem ich auf das Majorat verzichtet - da kommt es auf einen Verzicht mehr oder
weniger nicht an. Als Schande empfinde ich die Freiheit nicht. Ich werde eines
Ranges fr verlustig erklrt, der mich zwingen soll, Dinge mit anzusehen, die
ich verurteile. Diese Verlusterklrung ist berechtigt, aber sie beschmt mich
nicht. Wre es mglich, einfach seinen Austritt aus der Reserve anzumelden, so
htte ich es getan, da das aber nicht angeht, so -
    Aber Dotzky - bist Du denn ganz verrckt, unterbrach der Minister, in das
verwandtschaftliche Du zurckfallend - ist die Geschichte mit dem Majorat
wirklich wahr? Ich hab's nicht glauben wollen.
    Ja, ich will ungebunden sein.
    Das ist ja niemand auf der Welt. - Jeden binden Pflichten - von unserem
allerhchsten Kriegsherrn angefangen, an dessen Pflichttreue jeder sich ein
Beispiel nehmen kann.
    Gewi. Aber auch ich habe nur aus Pflichtbewutsein gehandelt.
    Und was in aller Welt willst Du denn mit solchen revolutionren Schriften
erreichen? Ich habe meinen Augen nicht getraut wie ich's durchgeblttert hab'.
    Ich bin nicht revolutionr. Ich sage was schlecht ist in unserer Gegenwart
und was gut werden knnte in der Zukunft. Ich sage aber nicht, da der Weg vom
schlechten Alten zum guten Neuen ber die Revolution fhrt. Von Gewalt will ich
nichts wissen weder von oben, noch von unten. Nicht eine Zeile wird in diesen
Schriften zu finden sein, die zu irgend einer Gewaltttigkeit aufreizen will.
    Und ich sage Dir, es ist nicht eine Zeile darin, vom Titel angefangen, die
nicht Auflehnung bedeutet. Verbrechen der Kulturmenschheit. Mein Amt ist auch
ein Stck unserer Kultureinrichtungen ... Bin ich ein Verbrecher? ... Kurz, Sie
haben sich unmglich gemacht. - Ich htte Sie fr gescheiter gehalten. Wissen
Sie denn nicht, da ein Soldat nicht offene Kritik ben darf an Dingen wie die
Gesellschaftsordnung oder gar am Militr selber?
    Wer darf also Kritik ben - da bei der allgemeinen Wehrpflicht jeder Mann
Soldat sein mu - nur Frauen, Kinder, Greise und Krppel? Und da faselt man von
Freiheit -
    Du hast furchtbar vertrakte Ideen. Aber schlielich - ich will die Sache zu
applanieren trachten. Es hngt ja in letzter Instanz doch von mir ab. Wenn Du
wirklich nachweisen kannst, da Du nichts direkt Beleidigendes und nichts zur
Auflehnung Ermunterndes gesagt und gemeint hast, und auch in Zukunft -
    Auch in Zukunft werde ich nie zur Gewalt aufmuntern oder zum Hasse
aufhetzen. Diese beiden Dinge sind ja eben das, was ich bekmpfe.
    Halte Dich in Zukunft lieber ganz still -
    Wenn das die Bedingung Ihrer Nachsicht sein soll, Exzellenz, dann mchte
ich schon bitten, es bei der Strenge bewenden zu lassen - denn zum Schweigen
kann ich mich nicht verpflichten.
    Na, wir werden ja sehen, wie Du Dich weiter auffhrst. Einstweilen
betrachten Sie sich als gewarnt, Herr Oberleutnant Graf Dotzky.
    Und damit war Rudolf entlassen.
    Er verlie das Kabinett des Ministers in trber Stimmung ... Es war ihm, als
fhlte er Kugeln an den Fen und Handschellen an den Hnden. Das ganze
Kriegsgebude, das er nun durchschritt, mit seinen schmucklosen Slen, seinen
weiten Gngen, seinen Treppen, ber die uniformierte Menschen auf und nieder
eilten, machte ihm den Eindruck eines Gefngnisses. Und vor dem Tor die
schwarzgelbe Barriere, die Schilderhuschen, der Trupp von Soldaten, die neben
dem Tor auf der Bank saen - das alles, was er doch so oft gesehen, erschien ihm
heut in ganz neuem Licht ... wie eine Mahnung, da das Bestehende feststeht, da
es voll organischen Lebens ist und da die Versuche, es umzustoen, daran
zerstieben mssen, wie der Schaum einer kleinen Welle am Meeresfelsen.
    Und als er nun ganz herausgegangen und den Platz am Hof vor sich sah,
erschien ihm auch diese altbekannte Szenerie in einem ganz besonderen Licht. Es
hatte die ganze Nacht geregnet, das Pflaster glnzte im schwarzen Na und es
regnete noch immer; zugleich brach aber ein Sonnenstrahl aus den Wolken und
spielte um das Haupt des Radetzky-Denkmals. Der alte Feldmarschall sitzt zu
Pferde, dem Kriegsgebude kehrt er den Rcken und mit der ausgestreckten Hand
scheint er die zahlreichen Hkerinnen zu segnen, die auf diesem Platze
allmorgendlich Gemse verkaufen. Auf der andern Seite des Platzes, dem
Kriegsgebude gegenber, steht das Palais der Nunziatur - auch so ein ragender
Fels, an dem so manche Wellchen zerschellen ... Es war ein lrmendes Gewimmel,
vor allen Stnden die feilschenden Kchinnen mit ihren Einkaufskrben, auf dem
Straenpflaster das Gerassel der Fiaker, Einspnner, Omnibusse, Frachtenwagen
und auch - von allen Gefhrten das jammervollste - ein Klberwagen; hin- und
hereilende geschftige Leute, die mit ihren Regenschirmen aneinander stieen -
das Ganze ging Rudolf furchtbar an die ohnehin gespannten Nerven. Es berkam ihn
jenes mde und traurige Gefhl, das sich in dem Stoseufzer Luft machte: Ach,
tot sein! ... Und da fielen ihm seine Toten ein. Die liebliche Beatrix, mitten
aus der Jugendflle und von des Lebens Hhen in die finstere Gruft geschleudert
- und sein armer kleiner Fritz! Was gbe er darum, wenn er die beiden noch
bese ... unvergossene Trnen schnrten ihm die Kehle zu.
    Als er aber wieder in seine Wohnung gekommen und an den Schreibtisch trat,
auf dem die unterdessen eingelaufenen Briefe und Bltter und seine angefangenen
Arbeiten lagen, da ward diese Anwandlung mutlosen Trbsinns bald verscheucht.
Die Sorgen, die sein eigenes Los betrafen, muten verschwinden angesichts der
groen Sache, der sein Leben nun ganz geweiht war. Die Briefe, die mit der
letzten Post gekommen waren, trugen viel dazu bei, die niedergeschlagenen
Gefhle zu bannen, die ihn beim Verlassen des Kriegsministeriums bermannt
hatten. Dort war er in der so starr und unumstlich scheinenden alten Welt
gewesen, wo alles wie in enge Eisenreifen eingeklemmt ist; und die Briefe hier
brachten Kunde der verheiungsreichen, sich dehnenden, werdenden Welt. Signale
von Mitkmpfenden, Mithoffenden, Mitwissenden. Es war ihm, als riefen alle diese
ihm zu: Nur Mut, nur Ausdauer - wir sehen schon die gelobte Stadt, wir rtteln
an ihren Toren - hilf mit!

                                      XXII


Am nchsten Tag - wie es ihm gestattet worden - und an den nchstnchsten kam
Bresser wieder.
    Fast niemals traf er Sylvia allein; aber wenn auch ein Dutzend Menschen
trennend zwischen ihnen war, die beiden Liebenden wuten sich zu finden, durch
beziehungsvolle Worte, durch stumme Blicke oder auch durch den Kontakt
gleichgestimmter Gedanken und gleichschwingender Wnsche. Im Tete-a-tete waren
sie einander eher ferner, denn da berkam sie beide eine eigene Schchternheit
und Angst. Und diese Angst zu vertreiben, sprachen sie mit erzwungener Klte von
gleichgltigen Dingen - so wie gespensterfrchtende Kinder im Finstern laut zu
singen beginnen.
    Hugo wute sich geliebt. Dieses Bewutsein erfllte ihn mit so
berwltigendem Glck, da er nicht wagen wollte, die angebetete Frau durch
ungestmes Werben zu erschrecken. Die Leidenschaft fr Sylvia fllte ihm auch
nicht - eben jetzt - die ganze Seele aus. Die Proben seines Stckes nahmen ihren
Fortgang; dadurch war er in fieberhafte Aufregung versetzt. Vom Schicksal gerade
dieser Dichtung, in die er sein Bestes gelegt, hing so furchtbar viel fr ihn
ab. Neben der Frage des Erfolges oder Mierfolges an einer so entscheidenden
Sttte, wie das Wiener Burgtheater, stand noch mehr auf dem Spiele: sein ganzes
Selbstvertrauen; denn wrde diese Arbeit durchfallen, so mute er an seinem
Talent verzweifeln; und umgekehrt, gefiel sie, so wre ihm in seiner Kunst der
weitere Siegesaufstieg sicher. Und die aufregendste Alternative von allen: vor
ihr, vor Sylvia, als gefeierter Dichter oder als durchgefallener Autor
dazustehen - sie zu glhender Bewunderung hinzureien oder zu mitleidiger
Enttuschung stimmen ... Er wohnte smtlichen Proben bei und bte strengste
Selbstkritik. Vieles erschien ihm matt und farblos und im Lauf der Proben nahm
er verschiedene Striche und nderungen vor. Bei Tag und Nacht feilte er noch in
Gedanken an dem Werk.
    Sylvia indessen, die keine solche Ablenkung hatte, war mit ihrer Seele im
Banne ihrer neuen, tglich wachsenden Leidenschaft. Sie wehrte sich umso weniger
gegen deren berauschende Macht, als Hugos ehrfurchtsvolle Zurckhaltung sie in
Sicherheit wiegte. In Reinheit durchs Leben gehen - diesem Vorsatz durfte sie
nicht untreu werden, aber da war keine Gefahr; ihr Dichter selber, das war ja
ersichtlich, mischte kein profanes Begehren in seine Herzenshuldigung - auch er
liebte in Reinheit.
    Sylvia, ich mchte ein ernstes Wort mit Dir reden - damit trat eines
schnen Tages Delnitzky in das Zimmer seiner Frau, die eben beschftigt war, in
einem Bande Bresserscher Gedichte zu lesen.
    Sie blickte berrascht auf. Der Umgang der beiden Gatten war seit letzter
Zeit ein ganz frmlicher geworden; nur in Anwesenheit anderer sprachen sie mit
einander, unter vier Augen hatten sie sich nichts zu sagen, am allerwenigsten
ernste Worte.
    Sie legte das Buch aus der Hand: Was gibt's?
    Anton setzte sich neben den Tisch an der Seite ihrer Chaiselongue und
schaute das weggelegte Buch an.
    Aha, das stimmt, brummte er.
    Was stimmt?
    Diese Lektre - mit den Dummheiten, die Du machst.
    Ich verstehe nicht.
    Du lt Dir von diesem Skribifax die Cour machen - die ganze Stadt spricht
schon davon, und wie steh' ich da?
    Wie Du dastehst? - verzeih, das wei lngst die ganze Stadt, vor der ist es
kein Geheimnis, da Du -
    Er lie sie nicht ausreden:
    Das ist was anderes ... wenn ber mich getratscht wird, so hat das weiter
keine Bedeutung - ich bin ein Mann. Aber ich kann nicht dulden, da meine Frau
Anla zu bler Nachrede gibt, und ich verbiete einfach -
    Jetzt sprang Sylvia auf.
    Du, mir? Dazu hast Du das Recht verwirkt. Ich habe mir nichts vorzuwerfen
und ich lasse mir nichts verbieten.
    Na, na, echauffier' Dich nicht so. Da Du Dir nichts vorzuwerfen hast,
glaube ich ja - ich kenn' Dich als viel zu wohlerzogen, als da Du - und
besonders mit so jemand - Dir was vergeben wrdest. Aber Du kompromittierst Dich
- und damit auch mich ... Ein guter Freund hat mir's gesteckt - und ich denke,
es gengt, wenn ich Dich aufmerksam mache, da die Leute reden ... da wirst Du
von selber der Sach' ein End' machen und mir dankbar sein, da ich Dich
rechtzeitig gewarnt hab' ... denn was kann einer Frau teurer sein als ihr guter
Name? Schon Skandal genug in der Familie, da der Rudi solche Narrheiten macht
und ganz vergit, was er seinem Rang schuldig ist.
    Kein Wort mehr ber meinen Bruder! rief Sylvia zornig.
    Wenn ich auch nichts reden wrde, die brige Welt nimmt sich kein Blatt vor
den Mund. Man bedauert die arme Baronin Tilling, da ihr Sohn ihr so wenig Ehre
macht - so soll doch wenigstens die Tochter ... Kurz - er stand nun auch auf -
Du verstehst mich schon - das Ganze ist ohnehin peinlich, reden wir nicht mehr
davon ... Verbiete dem preuischen Zigeuner das Haus - das ist ja ganz einfach.
    Bleich und zitternd stand Sylvia da. Sie rang nach Worten, fand aber keine.
    Er nahm einen gemtlichen Ton an: Brauchst Dich nicht weiter zu alterieren
- die ganze G'schicht' kann dann vergessen sein - und er schritt der Tr zu.
    Sie blickte ihm nach, noch immer stumm. Die Klinke in der Hand, drehte er
den Kopf zurck:
    Also ausgemacht? - Keine Antwort? Mir auch recht.
    So, da kommt ohnehin die Mama - k die Hand, Mama, kommst gerade recht ...
Die Sylvia ist ein bissel aufgeregt, weil ich ihr einen guten Rat gegeben hab'
... sie soll's Dir erzhlen ... Wie ich Dich kenne, wirst Du mir recht geben -
ich la Euch allein. Adieu.
    Martha erschrak ber den Gesichtsausdruck ihrer Tochter. Es lag etwas darin,
was sie vorher niemals an ihr gesehen; die Augen sprhten unheimlich und die
Lippen bebten wie in verhaltenem Zorn. Sie blieb regungslos. Martha ging auf sie
zu und legte ihr die Hand auf die Achsel.
    Was ist denn geschehen? Habt Ihr einen Auftritt gehabt? Wegen Frulein
Irma?
    Nein, wegen Hugo Bresser.
    Ah so - sagte Martha gedehnt. Sie ging hin und setzte sich. Und Toni
sagte, ich wrde ihm recht geben ... ich gestehe, Sylvia, da ich heute auch die
Absicht hatte, mit Dir ber denselben Gegenstand zu reden.
    Sylvias Atem ging noch immer kurz. Das Zittern ihrer Lippen hatte nicht
aufgehrt. Jetzt lie auch sie sich in einen Fauteuil sinken, der Mutter
gegenber.
    La hren, sagte sie.
    Ich mchte vorher wissen, was zwischen Dir und Deinem Mann vorgefallen -
und aus welchem Anla ... Du hast Dir doch nichts zu schulden kommen lassen ...
Warum bist Du so verstrt?
    Weil ich emprt bin, emprt! Dieser Mensch, der mich seit Jahr und Tag
betrgt - nein nicht einmal betrgt, sondern mir ins Gesicht die Treue bricht -
der wagt es, mir Befehle zu erteilen, auf da ich mich und ihn nicht
kompromittiere - seine Ehre hngt also nicht von ihm ab, sondern von dem, was
ich tue oder lasse ...
    Das ist schon einmal so, liebes Kind - die Untugend eines Gatten gibt der
Frau kein Recht, ihren eigenen Ruf aufs Spiel zu setzen ... Wenn es in der Welt
hiee, da dieser junge Bresser -
    In der Welt, in der Welt! ... das ist doch nicht das hchste, diese Welt,
in der es heit - diese blde, widerspruchsvolle, ungerechte Welt, in deren
Vorurteilsnetzen auch meine sonst so gedankenkhne Mutter gefangen ist - -
    Aber Sylvia!
    Ja, ja - den Militarismus, so das, worauf unsere ganzen Staaten ruhen, das,
was unserer Frsten Lieblingsbesitz und unserer Adelsfamilien Existenzgrundlage
ist, das mchtest Du nur so wegblasen. - Die himmelschreiende Ungerechtigkeit
aber in der Gesellschaft, mit Bezug auf die Pflichten von Mann und Frau, die
siehst Du nicht - da soll man sich fgen, da sagst Du, es ist schon einmal so
... Der Mann mag Liebschaften haben, soviel er will - ohne auch nur den Schein
zu wahren, die Frau aber soll alles dulden, mu ihr Herz und ihre Sinne
ersticken, ihrem Glck entsagen - nur damit die famose Welt nicht tuschelt ...
eine Welt noch dazu, die ihre Gesetze nicht einmal einhlt, sondern tglich im
Geheimen bertritt - geheim mu es nur sein ... Nein, Mutter, siehst Du nicht
ein, da da ein Unrecht, eine Knechtschaft herrscht, die mit den andern Formen
von Sklaverei und Unglck sich messen kann, gegen die Du Dich auflehnst, wie es
mein Vater getan und wie Rudolf es tut!
    Martha war betroffen. In dieser Richtung hatte sie in der Tat niemals einem
auflehnenden Gedanken Raum gegeben. Sie antwortete nichts.
    Da sie ihrer Entrstung Luft gemacht, fhlte sich Sylvia wieder ruhiger. Sie
stand auf und ging zu ihrer Mutter hin:
    Im brigen, Mama, sagte sie, indem sie den Arm um Marthas Schulter legte,
sei mir nicht bse, und sei nicht besorgt. Ich habe mir wirklich nichts
vorzuwerfen - aber von Anton lasse ich mir nichts befehlen.
    Und von mir nichts predigen?
    Auch das nicht, liebste Mutter. Ich kann und will allein fertig werden mit
meinem Herzen und meinen Pflichten.
    So gibst Du zu, da Du Pflichten hast?
    Die hat jeder - es kommt nur darauf an, gegen wen -
    Du meinst, gegen sich selber?
    Reden wir jetzt von anderen Dingen, bitte. Was hrst Du von Rudolf?
    Martha blieb nicht lange. Die Erregung und die Worte ihrer Tochter hatten
sie erschttert. ber die Sache weiter zu reden, nachdem Sylvia erklrt hatte,
sie wolle allein mit sich fertig werden, ging nicht gut an und von anderen
Dingen zu sprechen, war sie nicht aufgelegt. Also brach sie ihren Besuch
vorzeitig ab.
    Kaum war sie einige Minuten fort, als der Diener meldete:
    Herr Bresser.
    Sylvia mute einen Aufschrei unterdrcken. Eine warme Woge schwellte ihr das
Herz. Nach dem Vorgefallenen htte ihr keine Nhe zugleich verwirrender und
teurer sein knnen, als die Nhe des jungen Dichters. - Nach drei Seiten
Bretterwnde mit Ngeln und Mauern mit Glasscherben und nur eine Seite frei, wo
ein lichtbergossener Pfad hinausfhrte aus all dem Dunkel und auf diesem Pfad -
bereit, ihr das Geleit zu geben: Hugo Bresser. So empfand sie in dieser Minute.
    Htte er seine Arme geffnet - sie wre hineingesunken und htte dabei nicht
den geringsten Skrupel gehegt, da dies etwa nicht in Reinheit geschehen.
    Er aber, frmlich wie immer, verbeugte sich, und die kleine zitternde Hand
fhrte er respektvoll an seine Lippen. Er bemerkte ihre Blsse und ihren
ungewohnten Ausdruck.
    Sind Sie nicht ganz wohl, Grfin?
    O ja, ganz wohl. Setzen Sie sich, bitte.
    Er gehorchte. Ich tusche mich nicht, Grfin Sylvia, Sie sind in einer
auergewhnlichen Gemtsverfassung ... doch, ich habe keinen Anspruch auf Ihr
Vertrauen.
    Sie antwortete nichts. Nach einer Weile sagte er leise:
    Sie sind nicht glcklich ...
    Und sie noch leiser: Nein, nein, nein - glcklich bin ich nicht.
    Sylvia!
    Zum ersten Male nannte er sie so. Sie schauerte, doch sie rgte es nicht.
Sie hob nur die Augen und schaute ihn tief und rtselhaft an.
    Unter diesem Blicke erschauerte nun er, und das lang zurckgehaltene
Gestndnis drngte sich hervor:
    Sie wissen doch, nicht wahr, Sie wissen es, da -
    Sylvia erriet an seinem Gesichtsausdruck, an dem Ton seiner Stimme, was
jetzt kommen sollte und sie unterbrach ihn mit einer heftig abwehrenden
Handbewegung:
    Ich wei, ich wei - ich will's aber nicht hren ... nicht heute.
    Wenn Sie es nur wissen, das gengt mir - heute.
    Die junge Frau stand auf und ging ans andere Ende des Zimmers bis ans
Fenster und lehnte die Stirn an die Scheiben. Eine schwle Unruhe war ber sie
gekommen. Dazu eine Mischung von zwei ganz heterogenen Gefhlen, die
nebeneinander ihr Sein durchdrangen, obschon sie sich gegenseitig aufheben
sollten: - so unglcklich und so selig ...
    Aber der gefhrliche Auftritt sollte nicht verlngert werden; wieder trat
der Diener ein, Besuch anzumelden - die Schwestern Ranegg.
    Hugo nahm seinen Hut und ging - nicht heute war sein Tag. Nicht heute, aber
- - er war nicht die Beute doppelter Gefhle - er war nur selig.

                                     XXIII


                             Aus Marthas Tagebuch.

Ich habe mir jetzt wieder angewhnt - wie ich es in meiner Jugendzeit getan -
Tagebuch zu schreiben. Nicht regelmig, nur wenn etwas mir die Seele bedrckt,
hatte ich so Zwiegesprch mit mir selber.
    Ach, wo sind die Zeiten, da ich Einen hatte, dem ich alles, alles sagen
konnte, dem alles zu sagen mir Lust und Bedrfnis war! Was ich erlebte, ward mir
erst zum Erlebnis, wenn ich es mit ihm geteilt hatte. Jede Freude, jede Sorge,
jeder Zweifel, jede Hoffnung, jedes Urteil kam mir erst ganz zum Bewutsein,
wenn ich darber mit ihm gesprochen und seine Meinung darber erfahren hatte.
Mein erster Gedanke war stets: was wird Friedrich dazu sagen? Ich kannte ihn so
gut, da ich in den meisten Fllen wohl wute, was er sagen wrde - aber ich
sehnte mich darnach, es zu hren - und dann erst war mein Erlebnis, meine
Stimmung, mein Urteil sanktioniert. Jetzt hab' ich niemand, dem ich mich so ganz
vertrauen kann - als hchstens mich selber. Was ich empfinde, kommt ja doch auch
dem am nchsten, was er empfunden htte - waren wir ja so sehr eins geworden. So
beschwre ich mir seinen Geist herbei, wenn ich diese Bltter flle ...
    Unsere Sylvia macht mir Kummer. Ich sehe sie auf einem gleitenden - in einen
Abgrund gleitenden Pfad. Und Schwindel - d.h. Liebesleidenschaft - hat sie
erfat. Mein Gott, ich kenne das nicht ... ich habe wohl auch geliebt, aber so
ruhig, so innig, so - gesetzlich, nur den eigenen Gatten, niemals einen anderen,
was wei ich also von den tollen, betubenden Gluten verbotener Liebe. Ich kann
nicht urteilen, darf also auch nicht richten ... Und das Predigen, das ich
neulich versuchen wollte, das milang gar klglich. Sie lehnte sich auf. Dabei
warf sie mir vor, da ich ja auch eine Auflehnerin sei und ihr Vater ein
Revolutionr gewesen. Ich frage mich: sind nicht alle Stufen der Befreiung von
Jammer, Qual und Fesselung durch Auflehnung erreicht worden? Die ersten Emprer
sind freilich oft die Mrtyrer ihrer Khnheit, aber sie sind es, die den
Nachkommenden ein Stck - ein dann unbestrittenes Stck Freiheit errungen haben.
Mir ist, als htte Sylvia vor mir einen Vorhang aufgehoben, hinter dem bislang
ein ganzes Stck Welt fr mich verborgen lag, eine Kette von Dingen, ber die
ich eigentlich nie recht nachgedacht ...
    Neulich hatte ich eine kleine Diskussion mit meiner Freundin Ranegg. Na ja,
Du, sagte sie, Du denkst da ganz anders, Du bist eben eine moderne Frau.
    Groer Gott - wie wenig trifft diese Bezeichnung zu! Das fhle ich jetzt
ganz deutlich. Rokoko bin ich zwar nicht, auch der Metternich-ra bin ich
entwachsen und unter unseren reaktionren kirchen- und militrfrommen Kreisen
gebe ich die neuerungskhnste Aufwieglerin ab - aber der wirklichen Modernitt
gegenber stehe ich da kopfschttelnd, auffassungslos. stheten, Dekadenten -
bermensch - the new woman ... Ich sehe wohl, da eine ganz neue Geschmacksflora
(in der sich auch eine absonderliche Typenfauna zu regen beginnt) um mich her
aufspriet - eine Kunst, neuer Stil, neue Sensationen - aber verstehen, mich
damit identifizieren, das will nicht gehen. Wenigstens nicht so schnell. Ich
versuche es ja, denn mein Entwicklungsglaube schtzt mich vor dem bei alten
Leuten gebruchlichen Widerstand gegen das Neue; da aber alles Neue auch das
Bessere sein msse - wie so viele junge Leute meinen - vor diesem Glauben
schtzt mich die Erkenntnis, da so manches, was da auftaucht, nur vergngliche
Mode oder krankhafte Entartung ist. Oder auch eine bergangsform, aus der - -
    So weit hatte Martha geschrieben, als sie mit der Meldung unterbrochen
wurde, Graf Delnitzky frage, ob die Frau Baronin ihn empfangen knne.
    Martha bejahte, unangenehm berrascht. Toni hatte nicht die Gewohnheit,
seiner Schwiegermutter ohne Anla Besuche zu machen und unter den obwaltenden
Umstnden war der Anla vermutlich ein unerfreulicher.
    Und richtig. Ich bin gekommen, sagte er nach der ersten Begrung und
nachdem er sich gesetzt, um in einer recht peinlichen Angelegenheit - Er
stockte. Martha kam ihm nicht zu Hilfe. Sie blickte nur fragend auf. Sylvia
wird Dir ja neulich gesagt haben, hub er wieder an, was es zwischen uns fr
eine Auseinandersetzung gegeben ... Ich mchte wissen, was sie Dir erzhlt hat
und was Du ausgerichtet hast ... Du bist doch gewi auch dafr, da dieser Sache
mit dem Herrn Theaterdichter ein Ende gemacht werden soll -
    Welcher Sache?
    Ach, tu' doch nicht so ... Weit Du denn nicht, da die Leute schon reden
-?
    Die Leute reden mancherlei. Auch ber Dich.
    Das hat mir Sylvia auch geantwortet - als ob es dasselbe wre, was man von
einem Mann erzhlt, oder von einer Frau. Das ist doch ein gewaltiger Unterschied
...
    Die Ungerechtigkeit dieses Unterschieds fngt mir zu dmmern an.
    Es ist schon so.
    Ja, mit diesem Satz glaubt man allen Widerspruch abzuschneiden ... ich hab'
ihn auch angewendet. Aber man sollte eher sagen: es ist noch so. Doch, es wird
nicht so bleiben. Der Anspruch der Frau auf die Treue ihres Gatten wird -
    Was? unterbrach Delnitzky, auch Du? - Du nimmst Dich um die Ansprche der
Frauen an? - Bist Du unter die Frauenrechtlerinnen gegangen? Von der Seite kenne
ich Dich gar nicht ... Hast Dich, Gott sei Dank, dieser sogenannten Bewegung
immer ferngehalten.
    Weil man nicht berall mittun und mitsprechen kann. Du weit, da eine
andere sogenannte Bewegung mir Herz und Sinn ausfllt.
    Na ja, die ist aber - weil ganz aussichtslos - auch harmlos, whrend die
verflixte Frauenfrage schon ganz bedenkliche Dimensionen annimmt - neulich haben
sie sogar schon einen weiblichen Doktor promoviert. Aber das hat ja im Grunde
nichts damit zu tun, was ich mit Dir besprechen wollte, Mama.
    Und was war das?
    Einfach dies: Du mut mir helfen, den Bresser aus Sylvias Nhe zu
verbannen. Martha machte eine Bewegung. Du brauchst nicht zu erschrecken,
fuhr er fort, ich glaube ja gar nicht, da sie in den Menschen verliebt ist,
aber er schwrmt fr sie und, wie gesagt: die Leute munkeln - und das kann ich
nicht zugeben.
    Und wie, wenn sie ihn liebte?
    Aber Mama - um Gotteswillen ...!
    Hast Du ihr denn geboten, was eines jungen Weibes Anspruch an das Leben
ist? - Hast Du ihr Liebe gegeben? Und Treue gewahrt? ... Toni, ich habe nie ber
diese Dinge mit Dir gesprochen, weil ich finde, da eine Schwiegermutter sich
solcher Einmengung enthalten soll, aber heute warst Du es, der den Gegenstand -
Euer eheliches Verhltnis - zur Sprache gebracht hat, und da kann ich mich nicht
enthalten, Dir zu sagen: wenn dieses Verhltnis zerstrt und bedroht ist, so
liegt die Schuld an Dir.
    Delnitzky sprang auf: Ich sehe schon, an Dir habe ich keine Sttze ... Ich
werd' mit dem sauberen Herrn allein fertig werden mssen. Es wird mir doch nicht
schwer fallen, ihn beim Rockkragen zur Tr hinauszuexpedieren.
    Mige Dich doch! Gerade auf diese Weise wrdest Du den Eklat herbeifhren,
den Du zu frchten scheinst.
    Was soll ich also tun? Zuschauen, wie meine Frau einen Liebhaber -
    Schweig'! So zu sprechen hast Du kein Recht. Fr Sylvias Reinheit stehe ich
ein. Aber sie sollte nicht lnger zuschauen, da Du Deine Geliebte, diese -
    Willst Du etwas Beleidigendes sagen? unterbrach Delnitzky, vielleicht
weil sie beim Theater ist?
    O nein, aber weil sie das Eigentum einer anderen entwendet hat.
    Damit meinst Du mich? Glaub' mir, auf dieses Eigentum hat Deine Tochter nie
viel Wert gelegt. Du weit gar nicht, wie kalt und abstoend sie mit mir war -
gleich nach unserer Hochzeitsreise. Wir passen nicht zusammen.
    So gehet denn auseinander ...
    Scheidung? Wir leben in einem katholischen Land ... Freilich, man knnte
ungarischer Staatsbrger werden ...
    Die Idee scheint Dir nicht zu mifallen?
    Ach Gott, es sind da tausend Schwierigkeiten und ich hasse Schwierigkeiten
... Du willst also nichts tun, um Sylvia auf den Pfad der Pflicht zu lenken?
    Auf den von Dir verlassenen? Ich will berhaupt nichts tun, Anton - weder
fr, noch gegen Dich. Wenn Sylvia meinen Rat erbittet, so werde ich ihn erteilen
und sicher in der Richtung, in der ich ihre Ruhe und ihre Ehre gesichert she
... aber ungebeten werde ich mich nicht als Sittenpredigerin aufdrngen. Sie ist
der mtterlichen Autoritt entwachsen. Ich bin ihre Freundin - mehr nicht.
    Meine Freundin bist Du nicht -
    In aller Aufrichtigkeit: nein. Du hast mein Kind nicht glcklich gemacht
... Du betrgst sie vor aller Welt - wie soll sie Dir da liebevoll zugetan
sein?
    Es ist ja auch nicht ntig, da Du meinetwegen einschreitest, sondern ihr
zu nutz und frommen. Wenn sie sich kompromittiert, so wird es ihr Schaden - und
wenn sie sich vergeht, ihr Unglck sein. Denn ich lasse mir nichts gefallen.
Mein Name darf nicht in den Schlamm gezerrt werden.
    Er war dunkelrot im Gesicht und die Stirnadern waren angeschwollen. Martha
empfand etwas wie Furcht: dieser Mann wre imstande, ihrer Sylvia ein Leid
zuzufgen. Die vorhin angeregte Idee einer Scheidung nahm die Form eines
Wunsches an. Freilich, kein schnes Los, eine geschiedene Frau zu sein. Aber
wenn es gilt, einer Gefahr zu entrinnen, so kann man nicht erst fragen, ob der
Fluchtpfad in eine liebliche Gegend mndet.
    Ich htte mir den Besuch bei Dir ersparen knnen, fuhr Delnitzky im selben
zornigen Tone fort. Auf den Einflu, den Du auf Deine Kinder bst, brauchst Du
Dir wirklich nicht viel einzubilden. ber den Rudi und sein Gebaren wird ja
genug gespottet und geschimpft. Da es geheien hat, er wrde aus der Reserve
fortgejagt, hast Du wohl erfahren?
    Martha warf den Kopf zurck. Du versuchst, mir weh zu tun. Was zwischen
Rudolf und dem Kriegsminister vorgefallen, wei ich - ich besitze meines Sohnes
volles Vertrauen und ich vertraue auch ihm. Was er tun wird, wird recht getan
sein. Das Gebiet seiner Pflichten liegt hher als Du weit.
    Verrckt ist er einfach - und Ihr alle miteinander.
    Sie stand auf: Anton, ich ersuche Dich, mich zu verlassen. Du hast kein
Recht, in meinem Hause mich und meine Kinder zu insultieren. Sie sagte es mit
ruhiger und gar nicht erhobener Stimme, doch war sie kreidebleich geworden.
    Oh, ich gehe ja ohnehin, antwortete der Schwiegersohn.
    Und ohne zu gren eilte er zur Tre hinaus und schlug diese heftig hinter
sich zu.

                                      XXIV


Sylvia sa in einer Parkettloge des Burgtheaters - allein. Sie hielt den Zettel
in der Hand.

                                Zum ersten Male:
                                Der tote Stern.
                  Mrchenspiel in 4 Aufzgen von Hugo Bresser.

Am selben Morgen hatte sie eine Sendung des Dichters aus Dresden erhalten, wohin
er sich begeben hatte, um der Generalprobe seines Stckes beizuwohnen. das dort
gleichzeitig mit Wien aufgefhrt werden sollte. Doch war ihm die
Burgtheater-Premire die wichtigere und mit dem Sechsuhrzuge wollte er heute
hier eintreffen.
    In jener Sendung war die Sammlung der Gedichte An sie enthalten. Ich
wollte Ihnen diese Lieder erst schicken, schrieb er dazu, bis ich zu Weltruhm
gelangt wre, damit die Huldigung Ihrer wrdiger sei. Doch nein - so lange will
ich nicht warten - wer wei, ob ich je zu Weltruhm gelange ... Und nicht die
Auenwelt - Sie habe ich mir zum Richter eingesetzt. Was ich in den Augen jener
bin, die ich besinge - das entscheidet. Und diese knnte mich nicht ganz
beurteilen, wenn sie von meinen Dichtungen nicht kennte, was meiner innersten
Seele entrungen, was mit meinem Herzblut geschrieben ist - was ich schreiben
mute.
    Mehrere Stunden des Tags hatte Sylvia mit lesen und wieder lesen der zwanzig
Gedichte zugebracht, und sie stand von dieser Lektre auf, so leidenschaftlich
aufgewhlt und s erschpft, als wre diese Stunden ber der Dichter selber zu
ihren Fen gelegen. So geliebt zu sein, so anbetungsvoll, so schmerzlich, so
zrtlich und hei - das htte sie sich niemals trumen lassen.
    Das Theater war noch leer - es fehlten beinahe zwanzig Minuten bis zur
angesetzten Anfangszeit. Sylvia htte um alles in der Welt nicht das erste
Aufziehen des Vorhangs, das erste Stimmen der Orchesterinstrumente versumen
wollen. Da dieser Theaterabend zu den wichtigsten, angst- und doch zugleich
genureichsten ihres Lebens gehren wrde, fhlte sie, und so wollte sie ihn
ganz und gar ausntzen, auch die Vorstimmung kosten - auf dem Kampfplatze
selber. Nie noch im Leben - selbst an ihrem Hochzeitstage nicht - war sie so
erregt gewesen, wie an diesem Abend. So mu einst den Rittersfrauen zu Mute
gewesen sein, die von ihrer Galerie auf den Tournierplatz herabsahen, wo der von
ihnen still und hei Geliebte entweder siegen oder in den Staub fallen sollte
...
    Ein Viertel vor sieben. Das Publikum fngt an, die letzten Parkettreihen und
die hchste Galerie zu fllen. Noch ein paar Minuten und die Musikanten kommen
zum Orchestertrchen herein und setzen sich an ihre Pulte. Die Logen sind noch
leer. Sylvia spht nach der Direktionsloge ... wo mag Hugo sein? Man sieht ihn
nicht ... vermutlich hinter dem Vorhang ... wenn es ihm nur einfiele, jetzt auf
einen Augenblick zu ihr zu kommen - mit einem Hndedruck htte sie ihm Mut
machen wollen und selber ermutigt werden - sie hatte vielleicht grere Angst
als er ...
    Fnf Minuten vor sieben. Jetzt fllt sich das Parkett, auch in den ersten
Reihen und in den Logen beginnt es, sich zu regen. Die Galerien sind bis auf den
letzten Platz gefllt und im Stehparterre sind die Zuschauer dicht gedrngt.
    Punkt sieben. Der Kapellmeister gibt das Zeichen und das Orchester setzt
ein. Zwei Erzherzge nehmen am Rand der Inkognitologe Platz und in der
Kammerherrenloge zeigen sich ein halb Dutzend uniformierte Herren und Hofdamen.
    Erwartungsvolle Spannung scheint ber dem ganzen Haus zu schweben -
Premirenstimmung. Der Vorhang rollt auf. Sylvias Herz pocht und sie atmet
schwer. Den ersten Akt kennt sie ja, hat sie ihn doch selber vorgelesen; sie
wei noch, wie entzckt sie von der Schnheit der Sprache gewesen - aber wrde
das, hier auf der Bhne, so zur Geltung kommen?
    Von der ersten Szene, durch drei oder vier Minuten verstand sie kein Wort.
War es, weil ihr das Blut im Kopfe tobte, oder weil man immer erst eine Zeitlang
an die Stimmen, die von der Bhne dringen, sich gewhnen mu, bis man die Worte
auffat und bis man sich berhaupt den Vorgngen dort gefangen gibt? Und die
Leute da herum, die gleichgltigen Leute, und die nrgelnden Rezensenten, diese
ganze, einem Neuling gegenber instinktiv widerstrebende Menge - wann wird es
dem Dichter gelingen, die mitzureien, wenn sogar sie, seine glhendste
Bewunderin noch dasa, verstndnislos, unaufgetaut? ...
    Aber es whrte nicht lange und die Reden und Gegenreden der Schauspieler
drangen deutlich und lebendig ins Haus. Sylvia erkannte einige der Verse, die
ihr bei jener ersten Lektre aufgefallen waren, und sie hatte die Genugtuung,
da Stellen, deren Schnheit sie frappierte, auch vom Publikum aufgefat zu
werden schienen. Nicht etwa durch laute Bravos bekundete sich das, denn damit
halten die kritischen Zuschauer in den Eingangsszenen einer Erstauffhrung
zurck; es ist nur wie ein kaum hrbares Aufseufzen - vielleicht ist es nicht
einmal ein Laut, sondern nur ein Zucken jenes elektrischen Rapports, der eine
versammelte Menge den gleichzeitig erweckten Beifall empfinden lt.
    Mit beruhigtem, immer sicherer werdenden Genu gibt sich Sylvia jetzt dem
Bhnenspiel gefangen. Zu der Sigkeit der Versmelodien, zu der Pracht der
hinwogenden Rede, die sie schon beim Lesen so entzckt hatte, war nun auch der
Zauber dargestellten Lebens hinzugekommen. Die Trger der Hauptrollen Fritz
Krastel und Stella Hohenfels - waren die verkrperte Poesie. Das eigentmliche
Silbergeriesel des Hohenfelsschen unvergleichlichen Organs verlieh den Versen
neben ihrem gedanklichen Wert noch den sinnlichen Reiz des Klanges. Und dazu:
was es zu schauen gab! Das Stck war ein Mrchenspiel, also waren der Phantasie
des Dichters keine Grenzen gesetzt. In verschwenderischer ppigkeit boten die
vorgefhrten Bilder, was ein Maler nur ertrumen kann - an Farbenglut und
Formenpracht. Nach der ersten Verwandlung war der Schauplatz ein Zaubergarten.
Eine Fee, eine wirkliche Fee, hatte der Regie geholfen ein Bild zu schaffen, das
fr das Auge ein Rausch war - die Fee Elektrizitt. Mit ihren unwahrscheinlichen
Leuchteffekten, ihren violetten, blauen und rosa Feuern, mit ihren
Silberlichtern und Goldgluten und Lavaflammen, tauchte sie die Gestalten und
Dekorationen in immer neue und magische Glanzwogen; eine Flora, wie sie noch
kein irdisches Auge gesehen, wucherte in diesem Garten des Glcks, in dessen
Hintergrund ein diamantener Tempel ragte. Die Lust des Schauens beeintrchtigte
aber nicht die Lust des Hrens, denn die Dichtung erlahmte keinen Augenblick.
Auch da glitzerte es von Witz und strahlte in Pathos. Als der Vorhang fiel,
brach das Haus in lauten Beifall aus.
    Bresser, Bresser! rief man von mehreren Seiten. Aber Bresser erschien
nicht. In seinem Namen dankte der Regisseur
    Sollte er den Zug versumt haben, oder verschmhte er es, sich zu zeigen?
Sylvia empfand es als eine Erleichterung, da er dem Hervorruf nicht gefolgt
war. Die Schpfung war dem Publikum preisgegeben, zu Beifall oder Tadel - nicht
der Schpfer. Nur sein Geist schwebt ber dem Werke, nicht seine Person hat sich
davor zu stellen. Wie kommt er dazu, sich vor jenen zu verbeugen, die er
beschenkt hat, warum soll er dafr danken, da sie ihm dankbar sind?
    Aus diesen Gedanken wurde Sylvia durch Hugos Vater gerissen, der in die Loge
trat. Sie reichte ihm die Hand:
    Ich wnsche Ihnen Glck, sagte sie - es ist ein Erfolg.
    Das kann man noch nicht wissen, antwortete der alte Herr. Der erste Akt
ist gut ... aber ein Erfolg entscheidet sich erst am Schlu ... Warum ist die
Baronin Tilling nicht gekommen?
    Mama ist unwohl - sonst wre sie schon hier ... sie hatte sich schon
lebhaft auf diese Vorstellung gefreut.
    Und Ihr Gatte?
    Ist heute in der Oper.
    Ah - ja. Ein Ausdruck des rgers huschte ber Doktor Bressers Gesicht.
    Ihr Sohn sollte heute aus Dresden zurckkommen und nun -
    Er ist zurckgekommen und er ist im Theater - ganz im Hintergrund der
Direktionsloge verborgen. Er will sich nicht zeigen.
    Die Direktionsloge lag der ihrigen schrg gegenber, also konnte er sie
sehen - der Gedanke berhrte sie angenehm. Und da er, wie sie es vorausgesetzt,
es vorzog, sich dem Applaus zu entziehen - in Bescheidenheit und zugleich in
Stolz - das war ihr auch eine Genugtuung.
    Sie mssen doch groe Freude an Ihrem Sohn haben, Doktor Bresser.
    Mein Gott, wenn ich ihn glcklich wte ... aber das Dichterhandwerk
scheint ihn stark herzunehmen - er ist oft von einer Schwermut ... als ob die
Liebe zu den Musen eine unglckliche Liebe wre.
    Sylvia wute wohl, wer seinen Liebesgram verschuldete. Jene Schwermut war in
einige der zwanzig Sonette gelegt, die sie heute zum erstenmal gelesen, von
denen sie aber schon manche Strophe auswendig wute.
    Zum zweiten Male hebt sich der Vorhang. Jetzt war Sylvia gespannter wie
zuvor, denn was nun folgen sollte, war ihr neu. Immer hatte Bresser sich
geweigert, ihr mitzuteilen, was die brigen Akte enthielten; und zwar aus dem
Grunde, damit sie einst ganz unbefangen beurteilen knne, wie die Dichtung von
der Bhne herab wirke. Sie hatte das Gefhl, als sollte nun das Stck ihr allein
vorgespielt werden; die anderen waren nur so nebenher zugelassen - als Richterin
war nur sie berufen. Ob ihr der tote Stern gefallen werde, ob sie gespannt,
gerhrt, erhoben, befriedigt sein wrde, das war die Frage, die den in der Loge
drben verborgenen Verfasser ganz erfllte - das wute sie
    Der zweite Akt spielte im Garten des Schmerzes. So hell und lieblich die
Bilder des ersten Aufzugs gewesen, so dster und erschtternd waren die
Vorgnge, die sich jetzt abspielten. Die Sprache hielt sich auf gleicher Hhe,
und in dramatischer Steigerung bewegte sich die Handlung weiter. Als der Vorhang
zum zweitenmal fiel, erhob sich wieder lauter, langanhaltender Beifall. Htte
sich aber auch keine Hand im Saale gerhrt, Sylvia htte doch gewut, da dieser
zweite Akt vollendet schn war. Da aber die Bewunderung der Menge dem geliebten
Manne zuflog, erfllte sie mit stolzem Hochgefhl. Ja, sie war stolz auf ihn und
- wenn sie an die Widmung seiner zwanzig Lieder dachte - stolz auf sich. Ein
bisher ganz unbekanntes Glcksgefhl durchstrmte sie. Der Theatersaal war wie
in einen Festsaal verwandelt und sie fhlte sich als des Festes heimliche
Knigin.
    Sie blickte im Hause umher. Nur wenige ihrer Bekannten waren da. Noch waren
viele Mitglieder des Hochadels auf ihren Besitzungen - man schrieb Dezember -
und das Interesse fr literarische Ereignisse ist in diesen Kreisen berhaupt
kein so reges, als da man vom Lande herfahren wrde, um der Auffhrung eines
neuen Stckes, von einem neuen Autor noch dazu, beizuwohnen. Ja, wenn es 
thetre par gewesen wre, zu Ehren irgend einer fremden Frstlichkeit - das
wre etwas anderes. Dazu kommt man schon hergereist; es ist aber auch gar zu
schn: die vielen Uniformen im Parkett, die Toiletten und der Schmuck in den
Logen und dann am folgenden Tag in allen Blttern die Liste der Anwesenden, bei
der kein glnzender Name, keine offizielle Persnlichkeit fehlt. Da soll man
doch dabei gewesen sein; aber so ein modernes Theaterstck, da mu man erst
abwarten, was die Bekannten dazu sagen, und ob man berhaupt die Komtessen
hineinfhren kann ...
    Sylvia richtete ihr Glas von Loge zu Loge. Endlich traf sie auf ein paar
bekannte Gesichter: Grfin Ranegg mit ihren Tchtern Cajetane und Christine und
bei ihnen - Kolnos. Dieser schaute eben herber und erkannte sie. Er stand auf
und verabschiedete sich - offenbar wollte er zu ihr kommen. Eine Minute spter
trat er auch schon in ihre Loge ein.
    Ganz allein, Grfin Sylvia? Und Ihre Mutter?
    Sie ist nicht ganz wohl.
    Doch nichts Bedeutendes?
    Nein, eine leichte Erkltung. Was sagen Sie, Graf Kolnos, ist's nicht
wunderschn?
    Ja - er lt sich sehr gut an. Wer htte das hinter dem kleinen Bresser
gesucht? ... Ich sehe ihn nmlich immer noch als kleinen Buben vor mir.
    Was sagen die anderen? Wie urteilt die Ranegg?
    Sie hat nichts ber das Stck gesprochen.
    Aber Sie haben doch schon Urteile aufgefangen? Der Beifall ist ja gro -
sind die Leute nicht entzckt?
    Sind Sie es, liebe Sylvia?
    Ja.
    Fr die anderen ist der Ausdruck zu stark. Entzckt ber eine Dichtung -
das kommt bei uns nicht vor. Man schwrmt fr einzelne Knstler in gewissen
Rollen - das Stck ist Nebensache. Bewunderung kehrt man hchstens fr die
Klassiker hervor, da ist man auf sicherem Boden ... den neuen, noch lebenden
Autoren gegenber ist man voller Mitrauen.
    Gehren Sie auch zu diesen man?
    Einigermaen. Ich begeistere mich auch nicht so leicht; ich mte das Werk
erst lesen - es sind so viele uere Effekte darin, welche blenden ... beinah
wie in einem Ballett.
    Und ist es nicht auch dichterische Kunst, wenn man mit Bildern, mit aus
hchstem Phantasiereichtum geschpften Bildern die Zuschauer in bezauberte
Stimmung versetzt? ...
    Eigentlich ja - aber warten wir erst das Ende ab.
    Das Ende wird ebenso schn wie der Anfang - das fhle ich zuversichtlich -
Hugo Bresser ist ein groer Dichter -
    Sylvia, wissen Sie, da die Leute sagen, da Hugo Bresser Ihnen nicht
gleichgltig ist? - Oh, errten Sie nicht und entrsten Sie sich nicht - ich bin
der Letzte, der daran Ansto nhme, wenn es wahr wre. Nur finde ich, da es die
Leute nichts angeht, da sie's nicht zu merken brauchten ...
    Noch nie war mir dieser Sammelbegriff gleichgltiger als heute.
    Welcher Sammelbegriff?
    Das, was Sie Leute nannten - Leute, die so freundlich sind, mir ins Herz
schauen zu wollen.
    Mein Gott - man mu doch etwas zu reden haben. Besonders so lang etwas nur
vermutet, nur gewittert wird - ist's interessant; wei man es einmal, so
schweigt man einverstndlich dazu. Da die Grfin X. ein Verhltnis mit dem
Opernkapellmeister hat; da Frst Ypsilon schon seit Jahren der begnstigte
Hausfreund der Baronin Z. ist: das sind alles so landlufige Kenntnisse, ber
die man kein Wort mehr verliert; hchstens konstatiert man es - aber nicht in
medisantem Ton - nur um zu zeigen, da man auf dem Laufenden ist ... Jetzt
verlasse ich Sie, liebe Sylvia, der dritte Akt beginnt.
    Mit dem Aufrollen des Vorhangs war Sylvia wieder in die Zauberwelt versetzt
- ein befreiender Gegensatz zu dem Stckchen wirklicher Welt, das sich in
Kolnos' satyrischem Berichte gespiegelt hatte.
    Der dritte und letzte Akt berflgelten noch die zwei ersten an dramatischen
Effekten und an poetischer Kraft. Zum Schlu erhob sich ein wahrer
Beifallssturm. Es war ein ganzer, ein groer Erfolg.
    Sylvia lie sich im Logensalon auf das kleine Sofa fallen und mit
geschlossenen Augen und zurckgelehntem Kopfe sa sie da. Sie fhlte sich so
erschttert, so berauscht, da sie um alles in der Welt jetzt nicht da
hinausgehen wollte, in das Gedrnge der Korridore und Treppen, wo sie riskierte,
von Bekannten angesprochen zu werden, die, als wre nichts geschehen, sie mit
einem nchternen Guten Abend angesprochen htten und dazu: Wie hat es Ihnen
gefallen - es war ja ganz hbsch.
    Sie wollte abwarten, da sich das Publikum ganz verzogen hatte. Wie sie so
dalag, rief sie sich die Bilder zurck, die an ihren geblendeten Augen
vorbergezogen waren und schwelgte in den neuen Sensationen, unter denen sie
erbebte und erglhte. Grande amoureuse - wie einmal ihre Mutter sie genannt -
ja, als das fhlte sie sich jetzt. Eine groe Liebende - das heit, da die
Leidenschaft, die sich ihrer bemchtigt hatte, sie nicht schwach, sondern stark
machte, da das Glck, das zu nehmen und geben in ihrer Macht stand - ein
berwltigendes, erhebendes - mit einem Wort voll Gre war.
    Ihr Bedienter wartete, wie ihm befohlen worden, geduldig vor der Tr, aber
jetzt trat die Logenschlieerin herein.
    Ich bitt' Euer Gnaden - es wird schon ausgelscht.
    Sylvia erhob sich und trat vor den Spiegel, um sich das Spitzentuch um den
Kopf zu schlingen. Ihr eigener Anblick in dem zurckgestrahlten Bild war ihr
fremd; es lag etwas Verklrtes darin, ein s-zrtlicher Zug um den Mund, der
dunkler glhte als je, und es durchzuckte sie eine, zwar schon fter, aber nie
so intensiv empfundene Freude - die Freude, schn zu sein.
    Sie trat hinaus. Der Bediente legte ihr den mit Hermelin geftterten
Theatermantel um die Schultern. Langsamen Schrittes - sie fhlte sich so eigens
abgeschlagen - - ging sie durch die Gnge und die Treppe hinab, in der Tat als
letzte - es war schon alles leer.
    Nur an dem Pfeiler neben der untersten Stufe lehnte noch ein Mann.
    Als sie herankam, ri er den Hut vom Kopf und trat ihr entgegen: Hugo
Bresser.
    Also endlich, also doch! rief er.
    Sie hngte sich schweigend in ihn ein und lie sich zum Ausgang fhren. Hier
standen sie nun Arm in Arm, whrend der Diener den Wagen holte.
    Nun, fragte er, Ihr Urteil? - Ich will Ihr Urteil hren!
    Ihre Hand drckte schwerer auf seinem Arm:
    Herrlich!
    Das beglckt mich ... Aber noch einen anderen Urteilsspruch erbitte ich mir
... nicht ber das Stck, sondern ber mich - ber Tod und Leben fr mich ...
die zwanzig Lieder? ...
    Wieder ein Druck der weibehandschuhten Hand auf dem schwarzen rmel und in
innigstem Tone:
    Mein Dichter!
    Der Diener kam zurck: So, grfliche Gnaden, der Wagen.
    Hugo half der geliebten Frau beim Einsteigen.
    Darf ich eine Strecke mitfahren?
    Eine Sekunde zgerte Sylvia, dann aber mit Entschiedenheit:
    Nein.
    Und wann erlauben Sie, da ich morgen -?
    Warten Sie eine Zeile von mir ab. Gute, gute Nacht!

                                      XXV


In derselben Woche hatte es noch eine Sensationspremire in Wien gegeben:
Rudolfs erster ffentlicher Vortrag.
    Es war im groen Musikvereinssaal und an einem Sonntag Nachmittag, damit -
bei freiem Eintritt - recht viele Leute aus den arbeitenden Klassen kommen
knnten. Fr vorherige Bekanntmachung durch die Zeitungen und durch
Anschlagzettel war gesorgt worden, und so geschah es, da der weite Raum sich
noch als zu klein erwies. Einige vordere Reihen waren fr die persnlichen
Bekannten Dotzkys, die ihn hren wollten, reserviert; das brige Publikum war
aus allen Schichten der Gesellschaft zusammengesetzt.
    Als die Tren geffnet wurden, gab es ein Drngen und Hasten, und bald war
der Saal bis an die Decke gefllt. Viele muten umkehren, ohne Einla zu finden.
    Rudolf stand vor der ersten Sitzreihe, mit seiner Mutter und Grafen Kolnos
im Gesprch. Das Schwirren und Sausen, welches das Drngen und Niedersetzen all
dieser Leute verursachte, machte ihm keinen anderen Eindruck, als ob er, von
einer Strandterrasse aus, das Branden des Meeres gehrt htte. Ein fremdes,
fernes Element, diese Menschenmenge, weiter nichts.
    Was er sprechen wollte, das galt ja nicht diesem zufllig hier versammelten
Publikum, das galt der Mitwelt, der ffentlichkeit berhaupt. Eine Handvoll
Samenkrner wollte er ausstreuen, hier und anderswo, heute, und morgen wieder;
allmhlich wrde doch, an einer Stelle oder der anderen, die Ideensaat
aufsprieen; in einzelne Seelen wrde wohl dringen, was die seinige erfllte,
und Nachfolger und Mitarbeiter wrden ihm erstehen; vielleicht auch solche, die
ihn weit berflgelten - desto besser! Von persnlicher Beifallssucht war in dem
heiligen Feuer, das ihn durchglhte, auch nicht ein Funke enthalten.
    Eine Zuhrerschaft, die einen Redner beklatscht und ihm zujubelt, die hatte
er in diesem selben Saale vor einigen Wochen gesehen, als anllich eines
Katholikentages ein antisemitischer Volksmann eine mit ordinren Witzen gewrzte
Harede gegen Judenliberale und Freimaurer, gegen Aufklricht und
Wissenschaftsdnkel losgelassen. Und es war ein gar vornehmes Publikum gewesen:
Bischfe und Minister, Generle und Aristokraten, Damen aus hohen und hchsten
Kreisen, und daneben, in vielen Exemplaren, auch der kleine Mann, dem stets
geholfen werden soll. Noch greren Jubel aber hatte er diesen Saal durchbrausen
gehrt, wenn auf dem Podium ein geschickter Geiger stand oder eine hbsche Diva
schalkhafte Lieder zum besten gab: nein, um Applaus buhlte Rudolf wahrlich
nicht. Weder als Volksgunstsnger noch als Redeknstler trat er auf, kein
rhetorisches Virtuosenstcklein hatte er zu bieten - nur etwas zu sagen hatte
er.
    Alle Pltze waren besetzt, die anberaumte Stunde war berschritten - es war
Zeit zum Anfangen.
    Rudolf stieg auf das Podium; das Summen der im Saal gefhrten Gesprche
verstummte, erwartungsvolles Schweigen stellte sich ein.
    Ich habe Herzklopfen, flsterte Martha dem nebensitzenden Kolnos zu.
    Sie war nicht die einzige. In einer der letzten Reihen - sie war vom Hause
entschlpft und mit einer Freundin hierher gekommen - sa Cajetane Ranegg und
ihr Herz und alle ihre Pulse pochten so heftig, da ihr beinahe die Besinnung
verging.
    Dotzky selber zitterte nicht. Es war ja nicht das erstemal, da er zu einer
versammelten Menge sprechen sollte. Whrend seiner gescheiterten Wahlkampagne
hatte er es hufig getan und dabei seine Fhigkeit erprobt, Stimme und Rede zu
beherrschen. Hier war es freilich etwas anderes, aber etwas, das ihm ein
erhhtes Gefhl berlegener Sicherheit gab; nicht um etwas von den Versammelten
zu erreichen, stand er da, sondern um ihnen etwas zu geben.
    Er trat an das Pult, das vorn am Podium stand, und stellte sich seitwrts
dazu, mit den Ellenbogen sich daran lehnend. Es lag keinerlei Manuskript auf dem
Pult und er hielt auch keines in der Hand - er wollte frei sprechen.
    Mit lauter, fester Stimme hub er an:
    Ihr Unzufriedenen! Vorerst nur an diese, an die Unzufriedenen hier im Saale
wende ich mich - Ihnen hab' ich eine Botschaft zu verknden: es wird besser
werden ... Vielleicht bald, vielleicht noch lange nicht - das hngt von der Zahl
und der Arbeit der Unzufriedenen ab.
    Aber unter denjenigen hier, die diese Ansprache auf sich beziehen knnen,
mu ich - sollen meine Worte nicht an eine falsche Adresse gehen - genauer
sichten, welche Gattung Unzufriedener ich meine. Jene sicher nicht, die damit
unzufrieden sind, da man allenthalben beginnt, an alten Zustnden zu rtteln;
auch jene nicht, die ihrer Unzufriedenheit durch Schimpf und Gehssigkeit Luft
machen wollen - eine Methode, die von der Hetzrede bis zur geschleuderten Bombe
reicht - und ebensowenig jene, die mit ihrer eigenen zuflligen Privatlage
unzufrieden sind und nun wnschen, da blo diese - im Rahmen der bestehenden
Verhltnisse, so viel auch andere davon bedrckt werden - sich zum Besseren
gestalte. Nein, weder zu den Quietisten - im Sinne von quieta non movere -, noch
zu den Anarchisten der Tat, noch zu den einfachen Egoisten rede ich, sondern zu
denen, die ein heiliger Unmut erfllt gegen das Unglck aller Bedrngten und
Bedrckten - und ein heiliger Wagemut dazu, das Unglck wegschaffen zu wollen -
fr sich und fr andere.
    Doch einzig mit Mitteln, die eben so rein seien, wie der Zweck.
    Nun will ich die Dinge herzhlen, mit denen wir unzufrieden sind und sein
mssen, wenn anders es wirklich besser werden soll.
    Er machte eine kleine Pause und vernderte seine Stellung. Dann begann er
mit gleichfalls verndertem Ton die angesagte Herzhlung.
    Eins nach dem andern lie er die Zustnde und Einrichtungen Revue passieren,
die das Ungemach und die Qualen des gegenwrtigen Gesellschaftslebens
verschulden. An jede einzelne seiner Anklagen - denn indem er die Zustnde
nannte, klagte er sie an - knpfte er eine Schilderung, beinahe eine Erzhlung.
Es war wie eine Reihe vorgefhrter Bilder, fertig und lebensvoll: Arbeiterelend,
Frauenerniedrigung, Soldatenmihandlung, Konfessions- und Rassenhader, das
Schicksal der Arbeitslosen und was sonst der beklagenswerten Erscheinungen in
der herrschenden Gesellschaftsordnung mehr sind.
    Eine Gesellschaftsordnung, die auf Privilegien aufgebaut, auf Gewalt
gesttzt, und von Ungerechtigkeit und Unwissenheit durchseucht ist. Eine
Gesellschaftsordnung, die zwar alle Tugenden und Gebote kennt und verkndet,
deren Herrschaft und Befolgung allgemeines Glck verbreiten wrden - nmlich die
Tugenden: Milde, Gromut, Nchstenliebe - Feindes liebe sogar; die Gebote: tte
nicht, lge nicht, neide nicht; die aber alle diese schnen Dinge in die
Moralhandbcher, in die Religionsstunden, eigentlich ins Jenseits verbannt, im
ffentlichen Leben aber ohne Geltung lt und in ihren staatlichen Institutionen
geradezu ins Gegenteil verkehrt.
    Etwas wie ein eisiger Hauch wehte den Redner an. Hatte er leises Murren oder
das Ruspern des Polizeiorgans gehrt, oder war es nur jener geheimnisvolle
Rapport, der zwischen einem Vortragenden und der ihm lauschenden Menge sich
einstellt? - Kurz, er wurde pltzlich gewahr, da ein Teil der Zuhrerschaft
tadelnden Widerspruch, wenn auch nicht uerte, so doch empfand.
    Wenn er jetzt zurckwich, war er verloren. Ein feindseliges Publikum, das
kann nicht besnftigt, das mu gebndigt werden. Er trat einen Schritt vor, mit
verschrnkten Armen, mit zurckgeworfenem Kopf.
    Und jetzt ein Wort an die Zufriedenen hier im Saale. Ihnen habe ich nicht
zu Dank gesprochen. Die Anklagen gegen Bestehendes klingen in Ihren Ohren wie
Aufreizung zum Umsturz - und dabei knnte strzen, was Ihre Zufriedenheit
bedingt: Stellung, Reichtum, Karriere ... darum Handschellen und Knebel her fr
den aufwiegelnden Strenfried!
    Zufriedene, meine Brder - wir sind ja alle Brder - Sie vergessen, da Sie
den Strenfrieden vergangener Tage alles danken, worauf Ihr heutiges Behagen,
Ihre gegenwrtige Sicherheit und Freiheit - so viel oder, meines Erachtens, so
wenig Sie davon haben - mit einem Wort, Ihre ganze Kultur ruht. Htten alte
Zustnde niemals ihre Anklger, neue niemals ihre Verteidiger gefunden, so wre
dieses ganze Publikum heute vielleicht bei einem auto da f versammelt, oder,
wenn man noch weiter zurckgreift, hauste es knochennagend in dunklen Hhlen ...
Nur scheinbar ist der Verlust, wenn eine gewohnte, liebgewordene alte Ordnung
einer moderneren Platz macht; so haben die Ritter ihre Burgen aufgeben mssen,
auf Knappen und Wassergrben verzichten - doch welcher von ihren Nachkommen lebt
jetzt nicht sicherer und besser in den unverteidigten Landhusern? Welcher kann
nicht bequemer die gebrauchten Waren sich verschaffen, wenn er sie in den
Stadtlden einkauft, als wenn er sie durch berfall fahrender Kaufleute sich
erbeuten mte? Es kann kein bel oder Leiden geben - wenn solches bel und
Leiden der einen den anderen auch Vorteil und Gewinn bringt -, dessen
Fortschaffung nicht den anderen noch greren Gewinn zufhrte, als sein Bestehen
ihnen gewhrte.
    Darum: nur niemals erlahmen in der Bekmpfung einer als bel erkannten
Einrichtung! Niemals zurckweichen aus Rcksicht fr ihre Trger und Diener;
nicht die Sklaverei bestehen lassen wegen des Profits der Sklavenhndler, oder
die Folter beibehalten wegen des Erwerbs der Folterknechte. Rcksichtslosigkeit?
Die gehrt zu jeder Rettungsarbeit. Ertrinkende darf man bei den Haaren aus dem
Wasser ziehen, aus brennenden Husern mag man die Leute unsanft in die
Rettungsschluche stoen, und aus sozialen belstnden soll man die verblendet
Zufriedenen durch rauhe Wahrworte zu befreien trachten. Befreien, erlsen: das
sind nicht Aufgaben, die man erfllt, indem man aus Fllhrnern Blumen schttet,
sondern - der Sprecher trat noch einen Schritt vor und sprach mit lauterer
Stimme - sondern, indem man mit wuchtigen Hieben Ketten sprengt, mit khn
geschwungenem Speer Drachen fllt, oder mit zornig geschwungener Peitsche einen
Tempel reinfegt!
    Lautes Hndeklatschen. Da erschrak Rudolf und er fhlte sich errten. Dieser
Beifall erschien als Quittung fr einen plumpen Theatereffekt. Von Hieben,
Drachen und Peitschen hatte er gesprochen, dabei hatte seine Stimme gedrhnt,
und das Publikum dankte ihm dafr, wie einem debtierenden Tenoristen fr ein
gut geschmettertes hohes C.
    Es htte nur noch gefehlt, da er sich hflichst verbeugte. Das tat er
nicht. Er blieb mit verfinsterter Miene eine Weile regungslos; dann hub er
wieder an, indem er wie ruheheischend die Hand vorstreckte:
    Es scheint mir, da ich miverstanden wurde. Axt und Speer und Peitsche,
die mir einen Applaus eingetragen, als htte ich diese Kraftwerkzeuge
virtuosenhaft durch die Luft sausen lassen, die waren nur bildlich gemeint. Ich
stehe hier, um gegen die rohe Gewalt zu sprechen; aber fr das Wort selber,
diese Waffe des Gefhls und der Idee, wollte ich das Recht vindizieren, scharf
und wuchtig zu sein - und krftig und unerschrocken gebraucht zu werden, wie
einst Axt und Speer und Peitsche gebraucht worden sind. Die Dinge, die ich
bewltigt sehen wollte, waren da auch nur in bildlichem Sinne gedacht. Die
Ketten sind nicht aus Eisen, die Drachen haben keine Schuppen und nicht auf
steinernen Sulen ruhen die Tempel, die ich meine. Ich mu deutlicher werden -
    Und nun ging er daran, in ruhigem Tone zu erlutern, was in seinen Augen die
Ketten und Fesseln seien, mit welchen wir alle gebunden sind, und wie sie
abzuschtteln wren; was er sich unter dem hehren Tempel denkt, den die Hndler
entweihen, und wie man diese zu verjagen htte; und schlielich wie der Drache
heit, der in der Mitwelt so verheerend haust, und woraus die Sankt-Georgs-Tat
bestehen soll, durch die das Ungetm zu erlegen sei.
    Jeder Mann wird als Sklave geboren. Er mu dienen, ob er will oder nicht,
er mu ein vorgeschriebenes Lernpensum durchmachen, soll er nicht drei sondern
nur ein Jahr dem Militrzwang unterliegen - und whrend er dieses Mujahr dient,
heit er euphemistisch Freiwilliger. Von Freiwilligkeit und Selbstbestimmung
sieht man im ganzen Gesellschaftsgetriebe nur wenig. Die Leibeigenschaft ist
zwar aufgehoben - aber ist man nicht an die Scholle geklebt, wenn man nicht nach
beliebigem Ziel und auf beliebige Zeit verreisen kann, ohne Deserteur zu heien,
und ist man etwa bewegungsfrei, wenn man die Galeerenkugel der Armut schleppt?
Wie all diese Ketten zu sprengen seien? Durch die Lsung der sozialen Frage. Da
er diese Lsung hierher mitgebracht habe, in eine fertige Formel gedrngt: so
viel trichte Vermessenheit wrde man ihm hoffentlich nicht zumuten; er habe nur
diese Mahnung zu geben: die soziale Frage mu unablssig, ehrlich,
wissenschaftlich studiert, Experimente mssen gewagt werden, so lange bis man
die Lsung gefunden hat - der hehre Tempel, das ist die Natur, das ist das Leben
selber. Beide so voll der Pracht und der Wunder, der Mysterien und der Schtze.
Das Leben mit seiner angeborenen Lust - die Lebensfreude - und das
Allerheiligste dazu - die Liebe. Die Natur in ihrer Ewigkeit und Unendlichkeit,
in ihrer Allmachtskraft, ihren immerwirkenden Gesetzen und stetem
Entfaltungswandel ... Und wie wird dieser Tempel - Natur und Leben, uns als
Sttte der Andacht und der Seligkeit gegeben - wie wird der geschndet durch den
darin betriebenen Tuschungsschwindel und Lgenschacher! Heraus damit! Zu dieser
Reinigung braucht man nur das eine: Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Mit anderen
Worten: die Offenbarungen der Wissenschaft zum Dogma, - das stete Forschen nach
Erkenntnis und deren mutige Verkndigung zum Kultus - und die unschuldigen
Gensse des Lebens zum Ritus erhoben. Gensse, auf die alle den gleichen
Anspruch haben sollen. Das haben die Kirchen gar wohl verstanden, da auf ihre
Feste und Feiern, auf Gnaden und Verheiungen alle gleich berechtigt sind - auch
die rmsten und Niedrigsten - ebenso mu in dem Tempel, den ich meine, jeder
gleichen Anspruch und Anteil an Lebensfreude haben - auch die rmsten und
Niedrigsten. Oder vielmehr: rmste brauchte es nicht mehr zu geben, die Erde ist
fruchtbar genug, damit keiner darbe - und niedrig darf niemand heien, der nicht
niedrig denkt ...
    Und nun der Drache -
    Rudolf machte eine kurze Pause um sich zu sammeln. Jetzt wollte er das
vorbringen, was ihm am tiefsten im Herzen brannte, und von dem er wute, da es
einer Auffassung entstammt, die fr neun Zehntel aller Gegenwartsmenschen ganz
ferne lag. Ihm erschien als der feindliche Drache was jene als Gtzen verehrten.
    Martha befiel eine leise Angst. Sie sah kommen, was ihr Sohn sagen wollte
und sie zitterte, da dies fr manchen Anwesenden verletzend ausfallen knnte.
In den Parkettreihen sah man zahlreiche Uniformen - und war das Ungeheuer, gegen
das der Vortragende jetzt den Georgs-Speer zucken wollte, der Krieg - -
    Ach Kolnos, flsterte sie ihrem Nachbar zu, mir ist bange.
    Ich verstehe Sie, gab er zurck. Aber nur unverzagt, Martha Tilling -
dort oben steht ein Kmpfer ... Er tut und sagt, was er mu.
    Freunde, Gegner und Gleichgltige hier im Saale, Glckliche und Bedrngte,
Mnner und Frauen, Reiche und Arme, Soldaten und Brger, Aristokraten und
Arbeiter - der Drache den ich meine, das ist nicht nur mein, das ist auch Ihr,
ist unser aller heimtckischer Feind. Und seine Name ist - Gewalt. Aber nicht
als ein zu Bekmpfendes, Verheerendes, Ungeheuerliches - mit einem Worte nicht
als Drache wird von unserer Gesellschaft die Gewalt erkannt, sondern sie gilt
und schaltet als deren legitime hochangesehene Herrscherin. Sie betrachtet man
als Grundlage der Ordnung, als Schutz vor Gefahren; sie ist die Spenderin der
hchsten Ehren, die Vollzieherin des Rechts. Der Glanz und Stolz der Nationen
beruht auf der gewaltgesicherten Macht; Gewalttaten werden Grotaten genannt;
zur Erlangung von Orden und Wrden, zur Bettigung von Pflichttreue und Mut, zur
Verteidigung und Eroberung der hchsten Gter dient als Mittel der Totschlag.
    Und dieses System ist so tief gewurzelt in allen unseren Einrichtungen, in
der Erziehung, im Unbewuten - da die meisten unter uns im Dienste des Drachen
Gewalt leben und sterben, ohne ihn nur einmal in die bluttriefenden Augen
geschaut zu haben.
    Die wenigen, die das Ungetm in seiner Entsetzlichkeit erkennen, die werden
von tiefem Schauer durchbebt - Schauer und Schmerz. Tten, tten, tten ... wenn
man sich in den Sinn dieses Wortes versenkt, und dabei die Einbildungskraft (die
ja bei abstrahierten Begriffen so selten mittut) spielen lt, und sich
vorstellt, wie man das Eisen in die Brust des Bruders bohren, oder unter seinem
Hieb verbluten soll, und wenn man als letzten Schlu der Zivilisation das
Schlachtmesser - ob man es auch hochtrabend Schwert nennt - walten sieht, da
wird man von dem St. Georgsfeuer erfat: das Scheusal mu berwunden werden.
    Wieder eine Applaussalve.
    Kopfschttelnd fuhr Rudolf fort: Wenn ich im Eifer meines Gefhls mich zu
etwas heftiger Sprache mit gewaltttigen Bildern hinreien lasse, so lohnt mich
Ihr Beifall. Aber, da ich's nur gleich sage: Zur berwindung der Gewalt denke
ich mir keinerlei Gewalttaten. So lange man glaubt, das Bse mit Bsem
vertreiben zu knnen, wird der Gewaltring nicht gebrochen, der uns umklammert
hlt.
    Der Gang der Kultur ist das Zurckweichen der Gewalt vor dem Recht. Noch
sind wir auf diesem Wege nicht weit vorgeschritten; aber jedenfalls wird die
menschliche Gemeinschaft in dieselbe Richtung weiter sich bewegen, bis zum
Eintritt in die gewaltlose ra, in die kriegslose Zeit - wie dies vom
Vershnungsapostel Egidy - der selber ein tapferer Soldat war - geprgte Wort
lautet. Was wir tun knnen, ist die Beschleunigung dieser Entwicklung; - aber
jedes brutale Mittel: Aufruhr, Attentat, Verfolgung - verfehlt den Zweck, und
verzgert den Gang der Kultur.
    Revolution predige ich nicht. Ich rufe auch nicht dem Publikum zu: Gehet hin
und schaffet dieses oder jenes ab, denn ich wei, da wir nicht direkt aus
diesem Musiksaal herausgehen knnen, ein kleines Huflein Leute, selbst wenn wir
eines Sinnes wren, was wir gewi nicht sind - um heute abend noch, oder morgen
frh die gleichgltige Masse drauen mitzureien, die Gegner zu bekehren und
jahrtausend alte Institutionen umzustoen. Ich sage nur dieses, den
Unzufriedenen zum Trost, den Zufriedenen zur Warnung: die Wandlung vollzieht
sich schon.
    Und so wie er vorhin die Zustnde aufgezhlt, die mit ihren Qualen und
Lasten die Gegenwart bedrcken, so nannte er jetzt, eine nach der anderen, die
verschiedenen Bewegungen und Organisationen, welche eine glcklichere und
gerechtere Zukunft vorbereiten; und neben den sichtbaren Organisationen auch die
unsichtbaren Stimmungen im Zeitgeist, durch die ein hheres Menschentum und
damit auch eine hhere soziale Ordnung sich ankndigt.
    Noch etwas zum Schlu. Ich habe von Eintracht, Wohlstand, Friede, Freiheit
gesprochen und gezeigt, wie viele Keime schon sprieen, aus denen der Garten des
kommenden Paradieses hervorblhen wird. Und da bin ich mir des Spottes wohl
bewut, der aus gar weisen Hirnen auf mich niedertrufeln wird. - - Oh, der
naive Tor, wird es heien - er sieht nicht, wie die praktische Welt auf das
Gegeneinander und nicht auf sein empfohlenes Neben- und Freinander eingerichtet
ist; er sieht nicht, wie die Interessen berall im Kampfe liegen, er hrt nichts
vom Lrm der Parteizwiste, des Klassenhasses, der Rassenverfolgungen; er wei
nicht, wie die Geister von altem und neuem Aberglauben befangen sind - oh der
blinde, taube Trumer!
    Darauf will ich antworten: Alles das sehen und hren wir nur zu deutlich,
wir, die wir eine schnere Zukunft vorhersagen; wir sehen und hren sogar
schrfer als die anderen, denn unter der wuchernden alten Riesenvegetation sehen
wir auch die blagrnen Hlmchen der knftigen Flora; durch den wsten Lrm des
Heute vernehmen wir doch schon den noch fernen Heroldsruf des Morgen ...
    Als letztes Wort wiederhole ich also mit tiefster Zuversicht mein erstes: es
wird besser.
    Aber mithelfen mssen wir dabei!

Der Vortrag war zu Ende. Im Saale wurde geklatscht - nicht bermig, und das
Publikum strmte den Ausgngen zu.
    Rudolf stand im Knstlerzimmer, wo ihn einige Freunde beglckwnschten. Mit
Kopfschtteln wehrte er die Komplimente ab. Er fhlte sich unbefriedigt und
abgespannt.

                                      XXVI


Rudolf war vom Musikvereinssaal direkt nach Hause gefahren, ohne auch nur mit
seiner Mutter gesprochen zu haben. Er sehnte sich danach, allein zu sein und
auszuruhen.
    Die Sache hatte ihn heftiger aufgeregt als er sich's vorgestellt. Beim
Auftreten war er ganz ruhig gewesen; als aber whrend des Sprechens ihm
zweierlei klar wurde: nmlich, da ihm die Macht fehlte, alles so zu sagen, wie
er wollte, und da, was er sagte, teils nicht verstanden, teils mit zwar
schweigendem, aber feindseligem Widerspruch aufgenommen wurde, da hatte sich
seiner eine Aufregung bemchtigt, die peinlich und bitter war - so bitter, da
ihm davon in der Tat ein bitterer Geschmack im Gaumen blieb.
    Im Bette warf er sich hin und her und konnte keinen Schlaf finden. Er
versuchte, sich zu erinnern, was er gesprochen und korrigierte daran herum: dies
und jenes htte er sagen sollen. Dabei verlor er aber immer wieder den Faden und
mute von vorn anfangen.
    Erst gegen Morgen verfiel er in einen fieberhaften Schlummer und als er um
neun Uhr erwachte, fhlte er heftigen Kopfschmerz. Das gewohnte kalte Bad
erfrischte ihn.
    Auf dem Frhstckstisch fand er die Zeitungen. Natrlich galt sein erster
Blick den Berichten ber den gestrigen Abend. Nicht ob Lob oder Tadel darin
enthalten war, interessierte ihn, sondern ob der Inhalt seiner Rede in einem
guten Auszuge wiedergegeben, ob sein Gedankengang, wennschon nicht vom Publikum,
so doch von den anwesenden Journalisten richtig aufgefat worden war.
    Das war nicht der Fall. Einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Phrasen;
mitunter auch ganz entstellte Zitate und als eigenen Kommentar dazu die unter
herablassendem Lob versteckte Andeutung, da man es mit einem wohlmeinenden,
aber die rauhen Wirklichkeiten des Lebens ignorierenden Idealisten zu tun habe.
In solchen Wendungen hat das Wort Idealismus den Klang von Unvernunft. Die
ernsten Praktiker haben nur ein gerhrtes Lcheln dafr.
    Ein einziges Blatt brachte einen richtigen, die wichtigsten Punkte
hervorhebenden Auszug und fgte ein begeistertes habemus prophetam hinzu.
    Neben den Zeitungen lag auch ein Briefchen in der gewissen verstellten
Handschrift der Unbekannten. Es war vom vorigen Abend datiert:

    Ich bin berwltigt. Als Sie das Podium betraten, war mir, als drehe sich
    der Saal um mich herum; alle Lichter tanzten - ich war in eine andere Welt
    entrckt. Da stand ein Mann, der entsagungsund begeisterungsvoll fr eine
    edle Sache - die Sache des Menschheitsglcks - seine Person einsetzt ... So
    gibt es also doch noch Gre in der Welt, - gibt es Menschen, die ber die
    Massen der Alltagsleute hinausragen - und dabei so viel Kraft und Zauber
    haben. Rudolf Dotzky, ich danke Ihnen, da Sie mir geoffenbart haben, was
    dem Leben Wert und Adel gibt, ich danke Ihnen, da Sie sind, Rudolf Dotzky!

Das Briefchen war, wie seine Vorgnger, ohne Unterschrift.
    Rudolf war noch kaum mit der eingelangten Post fertig, als seine Mutter bei
ihm eintrat. Er sprang auf und eilte ihr entgegen.
    Stre ich Dich, liebes Kind? ... Du bist mir gestern entkommen - und ich
mu doch ber Deinen Vortrag mit Dir reden.
    Es ist wahr - ich habe gestern die Flucht ergriffen - ich war so
unzufrieden mit mir und den anderen ... bitte, setz' Dich ... Hier die Bltter -
die sind auch nicht zufrieden ...
    Hab' ich schon gelesen und mich gergert. Die haben Dich nicht verstanden
-
    Und Du - welchen Eindruck hattest Du?
    Lach' mich nicht aus, Rudolf, aber ich war so sehr Mutter des Debutanten -
d.h. so von Lampenfieber geschttelt, da ich zu gar keinem ruhigen Urteil kam.
    Also sogar fr Dich war der arme Teufel auf dem Podium - der doch nur im
Dienste einer Sache - Deiner Sache dort oben stand, einfach ein - wie soll ich
sagen? - ein Konzertredner ... Als solcher habe ich allerdings nicht ressiert,
das fhlte ich gleich.
    Nein - kein Konzertredner - ein Kmpfer stand dort oben. So drckte sich
Kolnos aus. Der hat Dich verstanden.
    Ja, ja, man wird nur immer von solchen richtig aufgefat, die ohnehin
gleicher Meinung sind. Aber die anderen hinzureien - und darauf kommt es doch
an ...
    Hinreien? Ich meine: berzeugen, darauf kme es an. Auch das ist eine
schwere Sache, die nicht mit einem Male gelingen kann. Es ist schon viel getan,
wenn es gelingt, Gleichgesinnte in ihrer Gesinnung zu bestrken. Darum - weit
Du - ich htte lieber gesehen, wenn Du Deine Kraft in den Dienst einer
abgegrenzten Bewegung gestellt httest, dieselbe, die in meinen roten Heften -
    Du meinst, wenn ich als Mitarbeiter und Redner mich an den
Friedenskongressen beteiligt htte?
    Allerdings - da httest Du Gleichgesinnte bestrken und auch nach auen hin
besser wirken knnen, auf einem bestimmten Gebiet. Das Allumfassende verliert
sich ins Weite: qui trop embrasse, mal treint. Du willst doch als Lehrer
auftreten? Also trage den schwachen Schlerkpfen auf einmal doch nur einen
Gegenstand vor; versuche nicht - besonders wenn Analphabeten darunter sind, sie
in einer Unterrichtsstunde zu Enzyklopdisten zu machen.
    Rudolf wiegte lchelnd den Kopf:
    Deine Kritik, liebste Mutter, ist noch strenger als die der Herren
Berichterstatter.
    In den nchsten Tagen erhielt Rudolf wieder Briefe von der anonymen
Anbeterin; dazu noch andere Epistel verschiedener entzckter Zuhrerinnen, die
ihn - ganz wie dies gefeierten Schauspielern und Sngern zu geschehen pflegt -
um Autogramme baten, oder gar zum Stelldichein bestellten. Ferner Anfragen von
auswrtigen Vereinen, ob nicht im Laufe der Wintersaison ein Vortrag zu erlangen
wre.
    Er antwortete bejahend; er wollte so oft als mglich sprechen. Obwohl ihm
die erste Probe einen so bitteren Nachgeschmack gelassen, so sehnte er sich
darnach, wieder und immer wieder dem lauschenden Volke mitzuteilen, was er als
Heilswahrheit empfand, und durch unermdlich wiederholte Predigt dahin zu
wirken, da die Zahl der Einsichtigen sich mehre, welche helfen sollten, den
Eintritt einer lichteren ra zu beschleunigen. Und wenn es eine Kunst war, durch
das gesprochene Wort die Menge zu berzeugen, zu trsten, aufzurtteln,
mitzuziehen, nun so wrde er, durch die beiden unentbehrlichen Gehilfen jeder
Kunst - Flei und bung - vielleicht auch zur Meisterschaft gelangen. Dann ein
Herrscher sein, um besser dienen zu knnen. Denn einzig um den Dienst der Sache
war ihm zu tun. Und um die Erfllung des eigenen Gewissensgebots. Auch eine Art
Kampfgier war in ihm erwacht - ein zorniger Drang, aller gleinerischen
Niedertracht die Maske abzureien; ein Drang, der Gesellschaft ins Gesicht zu
sagen, wie viel bodenlos Dummes und bodenlos Bses er hinter ihren hochmtigsten
und umschmeicheltesten Leuten und Dingen sah. Freilich ist durch Gesetze dafr
gesorgt, da niemand alles sagen kann, was er denkt. Gegen Verchtlichmachung
sind manche Dinge und Leute geschtzt, denen es nicht verwehrt ist, verchtlich
zu sein und Verchtliches zu tun.
    Rudolfs Auftreten als ffentlicher Redner hatte in Wien nicht das Aufsehen
erregt, das seine Freunde und er selber davon erwartet hatten. Denn abgesehen
von dem, was er gesprochen, wre es ja doch jedenfalls als ein
Sensationsereignis zu betrachten gewesen, da ein Mann in seiner Stellung so
auftrat - und man htte doch - wie es Achtungserfolge gibt - auf einen
Staunenserfolg rechnen knnen. Neunzig Hundertel der Einwohnerschaft hatten das
Ereignis einfach nicht bemerkt, und jener Bruchteil, der den Vortrag gehrt oder
darber gelesen, war davon nicht erschttert. Die Anwesenden erzhlten wohl
ihren Bekannten, da sie dabei gewesen, was aber der Inhalt des Vortrags war,
htten die wenigsten erzhlen knnen und die begngten sich, ein summarisches
Urteil abzugeben - meist sehr von oben herab.
    Zufllig hatte Rudolf Gelegenheit, ein Gesprch ber seinen Vortrag zu
belauschen. Es war in dem von Knstlern und Literaten viel besuchten Kaffeehaus
an der Ecke der Krthnerstrae und Wallfischgasse. Er war hineingegangen, um ein
paar auslndische Bltter zu sehen und setzte sich an ein Fenster. Um einem
Nebentisch, dem er den Rcken kehrte, saen ein paar junge Schriftsteller, die
sich ber ihre neuesten ultramodernen Arbeiten unterhielten.
    Nach einer Weile aber stockte das Gesprch. Da lie einer, ein ungefhr
neunzehnjhriger Jngling mit einer Froschphysiognomie, die Bemerkung fallen:
    Ich war am vorigen Sonntag im Musikvereinssaal -
    Ach ja - der Dotzky, fiel ein anderer ein. Nun, wie war's?
    Furchtbar vieux jeu, alte Leier - Leitartikelstil - Kanzelgeist im
Journalistendeutsch. Hervorkehrung berwundener Standpunkte. Wichtigtuende
Naivitt. Segensgesten mit der Don-Quixote-Lanze, die bekannte Idealmeierei.
Fortschritt, Freiheit, Menschenliebe, allgemeiner Wohlstand - mit einem Wort,
Quatsch. Der gute Mann hat keine Ahnung von der Umwertung der Werte, er wei
nichts vom Adel des Herrenmenschen, der vor allem dem Gebote folgen mu: Werde
hart. Der wird kein berwinder sein. Was er eigentlich will, wei ich nicht -
wei er vermutlich selbst nicht. Soviel ist sicher: davon wei er nichts, da
des modernen Menschen einziges Ziel sein soll: eine Individualitt sein und -
sich ausleben.
    Rudolf zgerte. Sollte er sich umwenden und der Tischgesellschaft sich
vorstellen? Dem berlegenen Individuum - das sich auslebte - eine kleine
Verlegenheit bereiten und dann seinen Standpunkt behaupten?
    Er widerstand der Versuchung und lauschte weiter. Man sprach nicht lnger
von ihm, sondern knpfte an das Gesagte an, um ber Nietzsche zu dissertieren,
und langte bald wieder bei den eigenen Angelegenheiten an, der geplanten
Herausgabe einer ultravioletten Revue.
    Das interessierte Rudolf weniger. Er zahlte und ging. Er schlenderte ber
die Ringstrae, in Nachdenken versunken. Was er da gehrt hatte, summte ihm im
Kopfe nach. Besonders das Wort berwinder.
    Wodurch wird das berwinden gar so sehr erschwert? - - Dadurch, da die
Arbeit derer, die etwas berwinden wollen, lange vor ihrer Vollendung von jenen
unterbrochen wird, die ihrerseits die berwinder zum Gegenstand der berwindung
machen wollen. Da bemhte sich z.B. eine junge naturalistische Schule, den
verlogen gewordenen Idealismus zu verdrngen; und noch war sie in voller Grung,
noch hatte sie ihre Meisterwerke nicht hervorgebracht, so war schon eine neue
romantische Schule daran, den Naturalismus fr berwunden zu erklren. Das
erste, was manche Leute von einer neuen wissenschaftlichen Theorie erfahren,
ist, da man sie schon lngst widerlegt und abgetan hat. Verbreitet wird sie
viel spter als abgeurteilt. Und nun gar der groe Kampf, dem Rudolf sich
angeschlossen hatte: die berwindung der jahrtausendalten Institutionen
menschlicher Unfreiheit, ein Kampf, der kaum erst begonnen hat, und zu seiner
Austragung der rastlosen und kraftvollen Anstrengung mehrerer Generationen
bedrfen wird - der soll auch schon als veraltete Philisterei belchelt werden?
... Wahrlich, Schlagworte wechseln heutzutage schneller als Hutmoden. Man darf
sich ja - in der geistigen jeunesse dore - gar nicht mehr sehen lassen mit
einem vorjhrigen Ideal! Erst dann lt sich wieder damit hervortreten, wenn es
eine Zeitlang berwunden gewesen, und die Reihe an die berwinder kommt,
ihrerseits vieux jeu zu werden. In immer rascherem Tempo spielt sich dieses
Hin und Her ab, dieses Altwerden des Neuen und Wiederneuwerden des Alten - mit
Hinzukommen von wirklich noch nie dagewesenen Begriffen und Dingen. Man mte
dabei ganz haltlos, schwindlig und rasend werden, wenn es nicht ein paar feste,
ruhige Punkte gbe, - einiges, das unter all diesem Wirbelnden, Flchtigen,
Aufblitzenden und Untertauchenden als das Ewigragende erscheint ... Zum Beispiel
- Rudolf suchte nach solchen Ewigkeitsbegriffen - zum Beispiel: Liebe, Gte. Er
mute unwillkrlich lcheln: Da bin ich ja wieder mitten drin in der - wie sagte
doch der hartgesottene Auslebe-Jngling - alten Idealsmeierei.
    Ein Vorbereilender stie an ihn an. Da hob er den Kopf und bemerkte, da er
sich vor dem Tor des von der Familie Ranegg bewohnten Hauses befand.
    Dem Impulse, hier einen Besuch abzustatten, folgte er rasch.
    Die Frau Grfin zu Hause? fragte er den Portier.
    Zu dienen, grfliche Gnaden, antwortete der Mann und gab das
Glockenzeichen.
    Oben lie ihn der Diener ohne vorherige Meldung in den Salon ein. Grfin
Ranegg und ihre Tchter Cajetane und Christine saen um einen in einer Salonecke
stehenden runden Tisch, auf dessen Mitte eine schirmbedeckte Lampe brannte, und
der mit Bchern, Arbeitskrben und Schreibmaterial bedeckt war.
    Als Rudolf eintrat, erhoben sich alle drei Stimmen, um ihn zu begren; es
schien ihm, als wre unter den Ausrufen: Ah, Sie? - Ah, Graf Dotzky - Das ist
schn! auch ein leiser Schrei ausgestoen worden. War denn sein Besuch gar so
berraschend? Sonst war er ja ein hufiger Gast in diesem Hause gewesen und
diesen gemtlichen runden Tisch kannte er ganz gut, um welchen die Raneggschen
Damen in den Nachmittagsstunden zu sitzen pflegten, mit Lektre, Handarbeiten
und Korrespondenz beschftigt. War er denn, seit seinem Auftreten, ein gar so
exotisches Geschpf geworden, da sein Erscheinen erschreckte, wie das des
steinernen Gastes?
    Die Grfin aber reichte ihm mit sichtlicher Freude die Hand.
    Setzen Sie sich her zu uns, Graf Rudi ... Es ist wirklich schn von Ihnen,
da Sie bei Ihren neuen, groartigen - (sie suchte nach einem passenden
Ausdruck, fand aber keinen) hm, Sachen die alten Freunde nicht vergessen.
    Ach, meine groartigen Sachen, antwortete Rudolf lchelnd, indem er sich
setzte, werden wohl viele alte Freunde mir entfremden, nicht mich ihnen.
    Er blickte Cajetane an und war erstaunt, sie so bla zu sehen, bla bis in
die Lippen.
    Ich war am Sonntag verhindert, Sie anzuhren, sagte die Grfin - aber die
Caji war dort mit den Blaskowitz' - sie war ganz entzckt.
    Jetzt war das Gesicht des jungen Mdchens mit Purpur bergossen.
    Rudolf schttelte den Kopf.
    Entzckt? Das Wort scheint kaum zu passen. Die Frage ist: waren Sie
einverstanden?
    Cajetane nickte.
    Ja, sagte sie leise und fgte hinzu: Neue Horizonte haben sich mir
erffnet ... es war schn.
    Rudolf ergriff ihre Hand:
    Danke, Grfin ... Das ist das erste Beifallswort, das mich erfreut. Ja,
darum handelt es sich: neue Horizonte - die sollen der Gemeinde aufgehen, wenn
der Prediger von einem gelobten Lande spricht.
    Prediger? fiel Christine ein. Hren Sie, Graf Rudi, so heilig fassen Sie
nicht alle Ihre Zuhrer auf. Ich kenne mehrere, die nennen Sie Agitator.
    Beweger? Auch kein schlechter Name. Ich wollte, ich knnte die Menschen
aufrtteln.
    Nehmen Sie mir's nicht bel, sagte die alte Grfin, aber vom Rtteln bin
ich keine Freundin.
    Das wei ich, Exzellenzfrau.
    Sie wollen sagen, da ich so konservativ bin, weil ich die Frau eines
Geheimen Rates bin? O nein - sondern berhaupt ... es ist doch nicht gemtlich,
wenn der Boden, auf dem man steht, zum Zittern, die Sulen, an die man sich
lehnt, zum Wanken gebracht werden, nicht wahr?
    Wo jetzt der Ring steht, da stand noch vor vierzig Jahren die Bastei. Htte
niemand an den Basteimauern rtteln drfen, so wre hier nicht Ihr schnes Haus
erbaut worden -
    Ist das aber ein Grund, um mir mein Haus gutwillig zerstren zu lassen? Das
knnen Sie doch nicht von mir verlangen?
    Nein, das kann ich nicht verlangen. Sehe ich aber wirklich danach aus, als
ob das meine Absicht wre? Wie man doch immer die stillen Aufbauer, die an
Stelle des Verfallenden neues Material herschaffen wollen, mit gewaltttigen
Zerstrern verwechselt! Was ich bringen wollte, ist ein bichen Licht, ein
bichen Liebe -
    Verzeihen Sie, lieber Dotzky, das sind doch keine neuen Sachen. Haben wir
nicht Licht genug in der Offenbarung und Liebe genug in unserer schnen
Religion? Wenn die Leute nur wirklich fromm wren, aber leider sind sie's zu
wenig von Natur und werden dann auch noch irre gemacht von allen den sogenannten
Aufklrern.
    Womit Sie mich meinen?
    Ach, nur nicht streiten! rief Christine.
    Cajetane seufzte. Ihr war die Wendung, die das Gesprch genommen hatte,
offenbar peinlich und darum beeilte sich Rudolf, es abzulenken, indem er sich um
das Befinden der Shne Ranegg erkundigte.
    Oh, es geht ihnen prchtig ... die Kriegsschule glnzend absolviert ...
Auf dieses Thema gebracht, sprudelte die Rede der Grfin in vergngtester Weise
weiter. Von den frohen Nachrichten ber die militrischen Erfolge ihrer Shne
ging sie zum Schicksal ihrer verheirateten Tochter ber und da gab's auch nur
Erfreuliches zu berichten: Familienzuwachs, eine Erbschaft, interessante Reisen
- kurz ein rosa in rosa gemaltes Bild des Lebens.
    Und in dieser Art Leben - so flog der Gedanke durch Rudolfs Sinn - htte ich
meinen Platz bewahren knnen: Sorgenlosigkeit, Familienfreuden, genureiche
Erlebnisse ... und statt dessen - -
    Und hren Sie, fuhr die Grfin fort, ich will Ihnen etwas anvertrauen ...
in wenigen Tagen soll's ja doch offiziell -
    Aber Mama! unterbrach Christine.
    Schad't nichts - eine Woche lang wird der Rudi schon schweigen. Also: meine
Christine hier ist auch glckliche Braut - Otto Weissenberg -
    Der lteste Sohn des Frsten Franz Weissenberg? - oh, ich gratuliere, das
ist ja eine der glnzendsten Partien des Landes - und dabei ein lieber, hbscher
Mensch - ich freue mich herzlich. Und er schttelte Christinens Hand. Jetzt
aber ist die Reihe an Ihnen, Grfin Cajetane -
    Oh, an der wre eigentlich zuerst die Reihe gewesen, da sie unsere lteste
ist, aber sie ist ein eigensinniges Mdel.
    Cajetane machte eine unwillige Bewegung und stand auf.
    Jetzt kamen einige andere Besucher. Es waren zumeist Leute, die Rudolf
kannte. In den allgemeinen Gesprchen, die gefhrt wurden, vermieden sie jede
Anspielung auf den stattgehabten Vortrag im Musikvereinssaale. Es war wie eine
zarte Rcksicht. Von ihren faux pas erwhnt man doch den Leuten nichts.
Allmhlich landete die Unterhaltung wieder bei Jagdangelegenheiten und
Gesellschaftstratsch; man versuchte gndig, Rudolf hineinzuziehen, als ob man
bei ihm das lebhafteste Interesse fr diese salonfhigen Gesprchsstoffe
voraussetzte. Wirklich, sie bauten ihm goldene Brcken. Wenn er nur seinen
Schritt vom Wege bereuen wollte und wieder vernnftig werden - sie wrden ihn
ja wieder als ganz normal behandeln.
    Cajetane hatte sich an das andere Ende des Salons begeben, wo das Klavier
stand. Sie machte sich dort mit Ordnen der Notenhefte zu schaffen.
    Rudolf ging zu ihr hin. Er hielt es in der Mitte der anderen nicht lnger
aus. Ein pltzlicher Entschlu war ihm gekommen: in diesem Kreise wrde er sich
nicht mehr als Besucher, als kameradschaftlicher Standeskollege bewegen. Streit
und Kampf aufnehmen? Das ja - mit jedem und allerorts - aber hfliche
Gemeinpltze austauschen, harmlos konversieren, als ob nichts vorgefallen wre,
als ob er sich nicht feierlich von den hier geltenden Anschauungen losgerissen
htte - sich noch mit einer gewissen Nachsicht patronisieren lassen? Nein, das
nimmermehr. Dies sollte seine letzte Visite im Raneggschen und hnlichen Salons
sein.
    Doch zu Cajetane zog es ihn. Der mute er noch einmal die Hand drcken. Er
ging zu ihr hin.
    Was suchen Sie in diesen Noten?
    Sie hatte ihn nicht kommen gesehen. Jetzt wandte sie sich rasch um; wie ein
Schauer oder wie ein elektrischer Schlag durchschttelte es ihre Gestalt.
    Habe ich Sie erschreckt?
    Nein, ich ... ich ... oh, Graf Rudolf -
    Was denn, Cajetane - was haben Sie? Ich wollte Ihnen nur Adieu sagen - ich
gehe.
    Das begreife ich.
    Wie meinen Sie?
    Ich meine, da Sie sich dort unmglich wohl fhlen knnen. Und sie deutete
mit dem Kopf nach der Richtung, wo die Gesellschaft sa.
    Sie haben recht - ich fhle mich dort nicht wohl. Obwohl es ja eigentlich
mein von Geburt auf gewhntes Milieu ist.
    Sie aber sind neugeboren - Sie haben sich ein neues Reich erwhlt und das
ist nicht von - sie wiederholte die Kopfbewegung wie vorhin - nicht von dieser
Welt.
    Sie sind ein merkwrdiges Mdchen, Cajetane. Sollten Sie auch zu einer
anderen Welt gehren?
    Gehren noch nicht, aber mich dahin sehnen - ja.
    Seit wann?
    Seit - seit - Ihrem Abschiedsfest in Brunnhof - und seit Ihren Vortrgen
und Broschren.
    Meine Broschren haben Sie gelesen? Da mchte ich doch -
    Das Gesprch wurde durch die Dazwischenkunft Christinens unterbrochen. Da
empfahl sich Rudolf von der Hausfrau und den anderen und ging.

                                     XXVII


Nach dem Burgtheaterabend verbrachte Sylvia eine ruhelose, aber s ruhelose
Nacht.
    Ihre Liebe hatte sich, das fhlte sie, zu einer mchtigen Leidenschaft
entfaltet, zu etwas, gegen das es kein Ankmpfen mehr gab. Dem Geliebten htte
sie vielleicht noch entsagen knnen - aber ihrer Liebe nicht - ebenso wie man ja
einen Trunk von sich weisen kann, nicht aber den Durst. Der brennt, ob man will
oder nicht.
    Schon lange hatte das Delnitzkysche Paar kein gemeinschaftliches
Schlafzimmer mehr, Sylvia war also allein. Gegen zwei Uhr, da sie durchaus
keinen Schlaf finden konnte, machte sie Licht. Sie warf die Decke von sich und
sprang vom Bette herab. Ein langes, spitzenbesetztes Nachtgewand fiel ihr bis zu
den Kncheln und die nackten Fchen verschwanden in dem flockigen Fell, das vor
dem Bette auf dem Teppich lag.
    Sie hllte sich in einen warmen Schlafrock, nahm das Licht und ging in das
Nebengemach - ihren kleinen Salon.
    Was sie dort suchte, war Hugos Photographie, die unter anderen Bildern in
einer Schatulle auf dem Tisch lag, und das in ihrem Schreibtisch verschlossene
Heft der ihr gewidmeten Gedichte.
    Sie nahm beides und ging damit ins Schlafzimmer zurck. Hier zndete sie die
Kerzen am Toilettetisch und am Ankleidespiegel an. Sie wollte Helle um sich
    Auf dem Toilettetisch erblickte sie die Blumen, die sie am Abend an ihrem
Kleiderausschnitt stecken hatte - nunmehr verwelkte, aber desto strker duftende
Tuberosen. Sie nahm das Struchen auf und sog dessen betubenden Atem ein - das
brachte ihr die ganze Stimmung des herrlichen Theaterabends zurck.
    Dann setzte sie sich auf den Toilettesessel nieder, ihrem eigenen
zurckgestrahlten Bilde gegenber. Abwechselnd sah sie auf dieses und auf Hugos
Photographie, bltterte in dem teueren Heftchen und kte die sterbenden
Tuberosen.
    Was in den glhenden, so oft gelesenen Liedern stand, und was sie als ihr
dargebrachte Huldigung hingenommen und als kunstvolle Poesie bewundert hatte -
das verstand sie jetzt alles und glaubte es ihm. Was er von seiner Liebe sprach,
das war ja auch von dem gleichen Gefhl diktiert, unter dessen Bann sie selber
erglhte. Ebenso sehnschtig mute er ihrer gedenken, wie sie seiner; ebenso
tief unglcklich wrde er sein, wie sie es wre im Falle hoffnungsloser
Trennung, ebenso berirdisch selig beide, wenn sie einander angehren ... Sie
hatte Groes zu vergeben und zu versagen - in ihrer Hand lag das Glck und das
Unglck zweier Menschen. Sie malte sich beides aus, in wonneschwlen und in
schmerzlichen Bildern. Eine Zrtlichkeit berflutete sie, wie sie niemals
hnliches empfunden.
    Nachdem sie eine Stunde so gesessen, wurden ihre Lider schwer. Se
Schlaflust befiel sie. Sie mute sich aufraffen, um nicht auf dem Sessel
einzuschlafen. Sie stand auf, verlschte die Lichter, lie den Schlafrock fallen
und schlpfte wieder unter die seidenen Decken.
    Hugos Bild und Gedichte, sowie das Blumenstruchen hatte sie unter das
Kopfkissen geschoben, und es whrte kaum fnf Minuten, so lag sie in tiefem -
aber nicht traumlosen Schlaf.
    Um den Stuck-Plafond des Schlafzimmers lief eine durch Rosenguirlanden
verbundene Bande schwebender Amoretten. Als ob diese Rosen entblttert auf die
Schlferin herabschneiten, so lind und so betubend war der Traum, der sie
umfing.
    Vom Arm des Geliebten weich umschlungen, schaukelt sie in einer Barke auf
saphirblauem See. Lngs der Ufer Grten und Terrassen, Haine voll rieselnder
Bltendolden, Sulen und Statuen, weie Pfauen und funkelnde Paradiesvgel,
sprhende Fontnen - das Ganze in magische Farben getaucht, bald in Purpur eines
Sonnenuntergangs erglhend, bald in violettem Glanz, als wre ber See und Land
elektrisches Veilchenlicht ergossen; ber der Barke ein goldenes Dach und auf
ihrem Boden ein mit sterbenden Tuberosen berstreuter Teppich aus Hermelin.
Khlfchelnde Lfte, und von weitem se Musikklnge - ein Festesrausch fr alle
Sinne; aber jedes andere Entzcken berragend, das leidenschaftliche Vollglck
ihrer Liebe - -
    Vielleicht hatte dieser Traum mit allen seinen Bildern nur eine Sekunde
ausgefllt, aber im Gedchtnis der Erwachenden war's, als htte er stundenlang
gedauert. Als sie die Augen ffnete - es war schon Tag - da machte sie die
schnell wieder zu, um sich den Traum zurckzurufen und ihn womglich weiter zu
trumen. Das Weitertrumen gelang nicht; aber das Zurckversetzen in seine
Stimmung brachte ihr - als wr's ein Erlebnis, eine Offenbarung gewesen - ein
neues Bewutsein, eine neue Kenntnis, die Kenntnis eines Seligkeitsgrades, von
dem sie bisher nicht geahnt hatte, da ihr Lebensthermometer ihn erreichen
knnte.
    An diesem Morgen wollte sie nicht mit Anton zusammenkommen. Sie lie sich
die Frhstcksschokolade auf ihr Zimmer bringen, ebenso die Zeitungen. Sie
verschlang die Berichte ber die gestrige Erstauffhrung. Es waren nur kurze
Notizen in der Theater-und Kunstrubrik - die eigentlichen Besprechungen pflegen
erst in den folgenden Tagen die Feuilletons zu fllen - aber schon heute war in
smtlichen Blttern der volle Erfolg konstatiert und der Verfasser des toten
Sternes als ein lebendiger, am Dichterhimmel glanzvoll aufgehender Stern
begrt.
    Sylvia labte sich an diesen Kritiken. Sie geno das Lob, als wre es eine
ihrer Liebe erteilte Sanktion.
    Und was nun? Lange blieb sie in Gedanken vertieft. Das Ergebnis ihres
Nachsinnens war, da sie ein Billett an Hugo schrieb, des Inhalts:
    Ich wnsche, ich befehle, da Sie mir acht Tage fernbleiben. Bald erhalten
Sie Aufschlu.
    Dann klingelte sie ihrer Jungfer, um sich in Straentoilette zu werfen, lie
anspannen und fuhr zu ihrer Mutter.
    Baronin Tilling, welche wegen starker Erkltung das Zimmer hten mute, und
daher gestern verhindert gewesen, der Burgtheaterauffhrung beizuwohnen, war
eben auch damit beschftigt, in den Blttern die Kritiken zu lesen; es
interessierte sie lebhaft, zu erfahren, ob der Sohn ihres treuen alten
Hausfreundes Erfolg geerntet hatte. Sie sa in einem zum knisternden Ofenfeuer
geschobenen Fauteuil, ein Tischchen mit den Zeitungen neben sich. Ihre Tochter
erblickend, rief sie erfreut:
    Ah, Du bist's Sylvia - das ist schn von Dir ... Du kommst nachsehen, wie's
mir geht? Nun, wie Du siehst: viel besser - ich habe da gerade ber Bressers
Stck gelesen ... Du warst ja drin - erzhle, wie war's? Aber was hast Du - Du
siehst so eigentmlich aus, so feierlich? ...
    Sylvia hatte hastig Hut und Mantel abgelegt, sie war bla und sichtbar
erregt.
    Was ich habe? Das wirst Du gleich erfahren ... Und wie das Stck war?
Wundervoll. Hugo ist ein Genius. Ich bete ihn an.
    Kind, was redest Du?
    Soll man das nicht sagen drfen? ... Seiner Mutter nicht? Seiner besten
Freundin soll man's verschweigen, wenn ein groes Gefhl -
    Ein verbotenes Gefhl, Sylvia.
    Mutter, Mutter, ein solches - solches - Polizeiwort von Dir! Verbotene
Gefhle kann es doch ebenso wenig - noch weniger geben als verbotene Meinungen!
- Nur das Verknden kann einem untersagt werden von irgend einem Bttel der
offiziellen Ordnung und Moral - aber doch nicht von Martha Tilling!
    Also sag', was Du mir zu sagen hast, mein Kind.
    Sylvia schob einen Schemel herbei und lie sich zu Marthas Fen nieder:
    Ich will's machen wie in alter Zeit ...
    Mit dem Rcken an Marthas Knie gelehnt, das Gesicht dem Zimmer zugekehrt,
begann die junge Frau zu reden, leise, langsam, eintnig, in lngeren und
krzeren Abstzen.
    Ich bete ihn an - und will die Seine werden.
    Martha unterdrckte einen Ausruf.
    Ich habe mir vorgenommen, Dich nicht zu unterbrechen, sagte sie. Sprich
weiter.
    Anton hat mir die Treue gebrochen, ich bin frei ... In Reinheit durchs
Leben gehen: Das habe ich Dir geschworen - und auch mir selber ... und ich will
es halten.
    Mit keiner Lge, keiner Falschheit werde ich mein Tun beschmutzen. Eine
Larve vors Gesicht halten? Nein. Wessen htte ich mich zu schmen? Im Gegenteil:
stolz bin ich auf meine Liebe und stolz auf die seinige ... Sich verstecken,
verschleiern? Nein. Im Gegenteil: ein Diadem setze ich mir auf.
    O, meine hiesige Welt, mit der werde ich brechen mssen, das wei ich wohl.
Die wrde mir mein stolzes Lieben nicht verzeihen. Ja, wenn ich mich versteckte,
wenn ich meinen Mann und sie alle zu betrgen trachtete, und sie durchschauten
mich - dann wren sie voll Nachsicht ... etwas Geflster, listiges Augenzwinkern
- eine Nummer mehr auf der amsanten Liste der chronique scandaleuse doch von
der Besuchs- und Einladungsliste wrden sie mich nicht streichen ...
    So aber, wenn ich es verschmhen werde zu lgen - werde ich verpnt sein:
Sie wissen schon? Die Sylvia Dotzky - mit dem jungen Dichter durchgegangen (sie
werden es doch durchgegangen nennen), sollen in Italien leben - abscheulich!
    Warum gerade in Italien? Das erzhle ich Dir spter ... ich habe einen Traum
getrumt - da war unserer Liebe solch ein Schauplatz gegeben voll sdlicher
Renaissancepracht ... vielleicht finde ich das an irgend einem italienischen See
oder Meeresstrand. Und wie er da arbeiten und schaffen wird - in seiner
Seligkeit die Welt bereichern, mit den Gaben seines Genius ...
    brigens, zwei Menschen auf dem Gipfel des Glcks, ist das nicht auch schon
eine Bereicherung der Welt ...
    Ich danke Dir, da Du mich nicht unterbrichst - aber ich kann mir denken,
was Du nun einwenden wolltest: Wie lange soll der whren, dieser
Glcksparoxismus? Was dann, wenn der Rausch verflogen, die Jugend geschwunden
ist ... was dann? - -
    Nun, nach einem Dann, das hinter dem Ziele meiner und seiner Sehnsucht
liegt, nach dem fragen wir wahrlich nicht. Sollte das Glck, wie ich es mir
denke, nur die Dauer eines einzigen Maimondes haben, das wrde hundert solche
Existenzen aufwiegen, wie die, denen ich sonst entgegenvegetiere ...
    Und dann, wer wei? Fr das Alter kann uns auch noch ein schner Frieden
blhen. Selbst den Satzungen der Welt knnen wir ihre Tribute entrichten. Ich
kann ja auch Bressers Gattin werden - wie Cosima Blow die Gattin Wagners
geworden. Ich will mich von Toni scheiden lassen. Es wird hoffentlich nicht
schwer sein; dann kann er seine Geliebte heiraten und seinen Knaben - Du siehst,
ich wei alles - legitimieren.
    Gibt er mir meine Freiheit nicht - nun dann nehme ich sie mir ... Als mein
Recht. Ich lehne mich auf!
    Da eine Frau einem Mann, der sie fr eine andere verlassen hat, fr den sie
selber auch keinen Funken Liebe mehr empfindet - ihre ganze Zukunft opfere,
dabei ihr Herz ersticken mu: dieses abscheuliche Unrecht werde ich nicht
erdulden. Ich lehne mich auf!
    Damit werde ich nicht nur mir, damit werde ich - wie mit jedem Kampf ums
Recht - der abstrakten Gerechtigkeit und meinen Leidensschwestern gedient haben.
    Da wird immer so viel gezetert und gejammert ber Ketten und Joche und
Hrigkeiten ... Die Meinen - Du, Mutter, an der Spitze mit Deiner Auflehnung
gegen den Krieg, und Rudolf mit seinem Feldzug gegen jegliche Gewalt ... aber
das Jammern und Zetern hilft nicht: abschtteln mu man. An der Hrigkeit sind
die Hrigen schuld mit ihrer strflichen Geduld ... Ein gebeugter Nacken: ist
das schn? Nein - schn ist das zurckgeworfene Haupt, das achilleische
Lockenschtteln -
    Mein Gott, Mama, ich rede etwas berspannt ... die Worte kommen mir so ...
Seit Monaten und Monaten lese ich Gedichte und gebundene Sprache - und jetzt, in
der Erregung, verfalle ich in diesen Ton ... Und doch, was ich vorhabe, Du wirst
es gleich hren, ist nichts berspanntes, bereiltes - ist ein berlegter,
ruhiger Schritt.
    Ich will mit Toni in Ordnung kommen - ihm alles sagen, meine Freiheit
zurckverlangen, Scheidung anbieten und dann - sollte er sich auch weigern - mir
mein Leben einteilen, wie ich mu - ohne Heuchelei. So lange ich nicht alles
geordnet und geklrt habe, will ich Bresser nicht wiedersehen. Es wre mir -
nach dem gestrigen Abend, nach dem heute Nacht getrumten Traum unmglich - ich
versichere Dir, einfach unmglich - ihm nicht ans Herz zu sinken. Und das will
ich nicht, solang ich's nicht in Reinheit tue, das heit ohne Hehl wie ohne Reu.
    Siehst Du, ich bin hierher zu Dir gekommen, um meinen Wahrheitsmut auf die
Probe zu stellen, um ihn zu festigen ... Werde ich imstande sein, meiner Mutter
alles zu sagen? Das fragte ich mich noch auf der Stiege ... Ich habe die Probe
bestanden - und jetzt ist mir leicht und licht ums Herz.
    Sie stand auf und blickte ihrer Mutter ins Gesicht: Nun mchte ich Deine
Antwort hren.
    Martha legte den Kopf an die Fauteuillehne zurck und schlo die Augen.
    Bist Du bse?
    Ein tiefer Seufzer hob Marthas Brust.
    Meine armen Kinder - sagte sie leise.
    Warum arm, Mutter? Sie kniete wieder neben Martha nieder - und warum
denkst Du jetzt auch an Rudolf? Was hat sein Schicksal mit dem meinigen gemein?
    Da Ihr beide gleich zu bedauern seid. Beide fhlt Ihr das, was in Eurer
Welt Euch umgibt, als unertrglich. Schranken ... Ihr wollt sie einrennen und
stoet Euch blutig daran.
    Mag sein, aber wir bringen sie ins Wanken - desto besser fr die, die nach
uns kommen. Ich frage Dich nochmals: bist Du bse?
    Martha verneinte mit stummen Kopfschtteln. Sylvia kte sie.
    Jetzt will ich gehen, Mama. Morgen komme ich wieder. Da wirst Du ber alles
nachgedacht haben und mir Antwort geben knnen. Jetzt bist Du zu erschttert.
Leb' wohl.

                                     XXVIII


                             Aus Marthas Tagebuch.

Ich werde meinem Kinde behilflich sein - nmlich die Ehescheidungssache zu ebnen
trachten. Vielleicht blht ihr doch noch ein Lebensglck an der Seite des
geliebten Dichters.
    Glck, Glck ... da wir alle immer nach diesem Phantom haschen; da wir
immer glauben, wir htten ein Anrecht darauf, nicht nur fr uns selber, sondern
auch fr alle, die uns teuer sind ... Fr mich habe ich ja schon lange
abgeschlossen - aber in dem Glcke meiner Kinder htte ich mich noch sonnen
wollen, und wie ist das nun anders gekommen! Beide in Kampf und Sorgen, beide
aus den normalen, gesellschaftlich gesicherten Lebenslagen gerissen, die ja der
solide Untergrund sind, auf den glckliche Existenzen sich aufzubauen pflegen.
    Bin ich nicht mit schuld daran? Ja - ich habe zum Kampfe aufgestachelt. Zu
der Aufgabe, Friedrichs Mission fortzufhren, habe ich meinen Sohn aufgezogen.
Er hat aber den Kampf auf ein Feld hinausgetragen - ein so groes und fernes -
wo ich ihm nicht mehr folgen kann.
    Und ebenso Sylvia. Ihr trotziges Auflehnen gegen die Urteile der Welt -
wodurch sie zur knftigen Befreiung der Frauen mitgeholfen haben will: auch
dahin vermag ich ihr nicht zu folgen. Sie mag ja recht haben ... Von Rudolf
htte ich gewnscht, da er, unter Beibehaltung seiner Stellung und Grndung
eines neuen huslichen Herdes, sich auf einen Zweig der Kulturarbeit beschrnkt
htte: auf die Bekmpfung des Krieges - wie sie in meinem Protokoll von Abb
de Saint Pierre und Leibnitz und Kant und - Tilling bis zu Frdric Passy und
Egidy reicht. Da sich einreihen, zu den Kongressen die Kraft seiner
Persnlichkeit mitbringen, das Propagandawerk durch seine pekuniren Mittel
untersttzen, in hohen politischen und hchsten Machtkreisen, bei denen er doch
kraft seiner - nunmehr aufgegebenen! - Stellung Zutritt hatte, Proselyten zu
machen trachten: das war's was ich von ihm erhoffte. Aber er ist weit darber
hinweggeflogen - zu weit, beinah ins Uferlose. Freilich: alle bel sind mit
einander verschlungen und ein Geist vermag auch die ganze Verkettung zu
bersehen; aber positiv helfen, wirken, vorwrts bringen, das kann jeder
einzelne nur auf einzelnem Gebiet. So scheint es mir wenigstens.
    Verloren sind darum seine Arbeit und sein Streben nicht; zur allgemeinen
Einsicht, wie der knftige Tempel gebaut sein soll, kann er beitragen und
dadurch zur Inangriffnahme seiner Errichtung anfeuern, aber des Erfolges wird er
sich nicht freuen knnen, der sich an das tatschliche Einfgen eines kleinen
Bausteins knpft ...
    Doch zurck zu meiner armen Sylvia. Man mag noch so groen Anteil nehmen an
dem Gang der ffentlichen Ereignisse, an den Phasen - den auf- und
niedersteigenden - der Kultur, das Nchstliegende: Freude und Sorge, Glck und
Unglck im eigenen Hause - das drngt sich doch in den Vordergrund des Denkens
und Handelns. Was soll ich nur tun, um da helfend einzugreifen? Mit Delnitzky
reden? Mein letzter Auftritt mit ihm hat zwar eine Schranke zwischen uns
aufgerichtet ... aber wenn ich doch ihn zu bewegen trachtete, Sylvia
freizugeben? Ich wnschte beinah ebenso heftig wie sie selber, die Fesseln
dieser unseligen Ehe gelst zu sehen.
    Und mein anderer Wunsch wre, da Rudolf nicht so herzenseinsam bliebe ...
ach, meine armen Kinder! Egidy hat auch Familienbande - hat eine Huslichkeit,
die ihn tief beglckt. Das hinderte ihn nicht, der Allgemeinheit eine Kraft zu
weihen, die immer noch im Wachsen begriffen ist. Ich setze einiges von dem
hierher, was er mir erst gestern schrieb. Briefe von solchen Menschen gehren
ins Tagebuch, denn sie sind Erlebnisse:
    - - An Umsturz braucht zunchst gar nicht gedacht zu werden - nur an den
Einsturz, den Zusammenbruch einer veralteten Weltanschauung.
    Zum Umsturz - d.h. zum Drunter und Drber, zu einem Schreckenszustand kann
es nur kommen, wenn die Vertreter der bisherigen Ordnung in trauriger
Verblendung, oder gar aus selbstischen Grnden, sich gegen den Zusammenbruch
veralteter Vorstellungen auflehnen, sich gegen den Einsturz unhaltbarer
Gestaltungen anstemmen. Da sie den Zusammenbruch hindern knnen - daran ist ja
natrlich nicht zu denken, so wenig sich jemand einbilden darf, da er diesen
Einsturz veranlat hat.
    Die Gemeinsamkeit ist ein lebender Organismus, dessen Schden nur von innen
heraus, nur durch ein neues, reines, warmes Herzblut geheilt werden knnen.
Keine Empfindelei, kein Sich-verlieren in Betrachtungen, kein klingelndes
Wortgetse. Sich-entschlieen-Wollen. Jeder in seiner Weise auch tun. Wir wollen
praktische, wollen verwirklichungsvolle Tatidealisten sein.
    Nicht mit einem Male wird alles anders werden, sondern allmhlich natrlich;
aber das Tempo entscheidet. Allmhlich sagen alle, es kommt nur darauf an, ob
langsamer Schritt - eins - nochmal zurck - eins - nochmal zurck - zwei ...
(Sie kennen doch den Kasernenhof?) oder natrlicher, etwas flotter, meinetwegen
auch mal bichen Geschwindschritt - braucht ja nicht Sturmschritt mit tambours
battants zu sein. Und es wird. Es mu werden. Der Durchbruch der neuen
Weltanschauung wird - nicht ohne Weh und Ach - aber doch als ein natrlicher
Vorgang, eine Geburt sich vollziehen.
    Sie sprechen von meiner Arbeitskraft, verehrte Baronin. Nun ja, ich habe
Arbeitskraft und Schaffensdrang und wie sehne ich mich danach, beides
unmittelbar zur Geltung zu bringen. Geredet und geschrieben haben schon viele;
wurden sie aber dann vor das Tun gestellt, so versagten sie; sie schlossen
elende Kompromisse mit der seichten Unabnderlichkeit und anderen
Elendsbegriffen ab. Die Ehrlichkeit, die bereinstimmung, das
In-bereinstimmung-bringen von Lehre und Leben, darum handelt es sich fr mich.
Und darin weiche ich nicht um eine Nagelbreite von meiner Erkenntnis zurck.
    Wahrlich, ich kenne keinen Menschen, auf den besser als auf Egidy die Worte
paten:

Von Halbheit halte den Pfad rein,
Der ganze Mann setzt ganze Tat ein,
Und wahre Ehre mu ohne Naht sein.
                                                                   (Ernst Ziel.)

Da solche Menschen leben, wie Moritz von Egidy, und in die Welt hinaustreten,
ihre Lehren zu verknden, das ist doch ein groer Trost. Selbst wenn man an die
Macht der Heroen nicht glaubt, wenn man meint, da die Kulturentwicklung sich
unabhngig vom Einflu einzelner vollzieht, so kann man diese einzelnen - wenn
nicht als Bildner, so doch als Symptome der Kulturwandlung betrachten. Von der
langsamen, aber stetigen Entfaltung der Anti-Kriegsbewegung - dieser mein
Lieblingsaspekt jener Wandlung - gibt mir mein Protokoll fortgesetzt Kunde.
Bei der letzten Konferenz - in Bern - der interparlamentarischen Union sprach
Bundesprsident Schenk die Worte: Es freut mich, so viele Volksvertreter zu
sehen, die fr Friedensjustiz und Abrstung ihre Stimme erheben; noch mehr wrde
es mich freuen, wenn offizielle Vertreter der Regierungen zu einer Konferenz
ber denselben Gegenstand zusammentrten. Und eine solche Konferenz wird
kommen.
    Ob sich diese Wahrsagung erfllen wird? Die Idee von einer Umkehr in dem
allgemeinen Rstungswettlauf ist schon in die Kabinette gedrungen, das wei ich.
Lord Salisbury hat vor kurzem ein vertrauliches Dokument vorbereitet, in welchem
die jhrlichen Kosten des Militrs in Europa detailliert aufgestellt waren. Da
zeigte es sich z.B., da in den Jahren 1882 bis 1886 die Staaten Frankreich,
Deutschland, sterreich-Ungarn, Grobritannien, Spanien und Italien zusammen
eine Summe von 974715802  einzig fr Heereszwecke verausgabt hatten. Das
Memorandum war anfnglich ausschlielich fr das englische Ministerium bestimmt,
aber Lord Salisbury teilte es dem Deutschen Kaiser mit, der so frappiert davon
war, da er privatim seine Absicht kundtat, eine europische Konferenz
einzuberufen zwecks Erwgung praktischer Manahmen, den allgemeinen Frieden zu
sichern. Daraufhin erhielt die halboffizielle Presse den Befehl, die Frage
aufzuwerfen - das Jahr 1890, ich erinnere mich, brachte eine frmliche
publizistische Kampagne ber diesen Gegenstand. Das Projekt wurde in Frankreich
schlecht aufgenommen, wo man sich auf Elsa-Lothringen als auf ein jeden
Abrstungsgedanken ausschlieendes Hindernis berief. Der Deutsche Kaiser lie
hierauf die Idee fallen. Solche Ideen pflegen aber nach einer Zeit wieder
aufgenommen zu werden, wenn nicht an derselben Stelle, so an einer anderen.
Ideen sind - Kraft, daher ebenso keimfhig und unvertilgbar wie Stoff.

                                      XXIX


Als Rudolf an jenem Nachmittag das Raneggsche Haus verlie, verfolgte ihn
Cajetanes Bild und Stimme. Ihre Worte klangen ihm nach, und was er heraushrte,
erweckte einen Verdacht in ihm: sollte sie etwa die anonyme Briefschreiberin
sein?
    Nun, ein Grund mehr, dieses Haus fortan zu meiden. ... Noch einmal an diese
Kreise durch neue Bande sich fesseln zu lassen, sich abermals mit Leuten von so
verschiedenen Lebensinteressen und Lebensauffassungen verschwgern? - nein, das
wollte er nicht. Cajetane war ein liebes Ding und, wie es schien, etwas
verbrannt in ihn, daher auch das momentane Bewundern seiner Taten und Schriften;
wie bald aber wrde, wenn die erste Schwrmerei abgekhlt, wieder das alte
Naturell zum Vorschein kommen, und wie wrde sie dann versuchen, geradeso wie es
Beatrix getan, ihn von seinen Extravaganzen abzubringen und in den Scho des
alleinseligmachenden Aristokratismus zurckzufhren.
    Und er selber: der Kampf, den er aufgenommen, fllte seine Seele vollstndig
aus. Fllte sie mit Sorgen, rger, Sehnsucht, Hoffen, - kurz, mit einer groen
Leidenschaft. Daneben war nicht Platz fr Herzens- oder gar
Heiratsangelegenheiten. Hchstens - er war ja doch ein junger Mann - spter
einmal fr kleine galante Zerstreuungen; aber auch daran dachte er gegenwrtig
nicht.
    Er schlenderte ber den Ring dahin. Der Abend war schon hereingebrochen. In
den Auslagfenstern funkelten die Gas- und elektrischen Flammen. Kunsthandlung,
Blumenhandlung, Fahrradhandlung, Schmuckhandlung - eine neben der anderen zeigte
ihre Reichtmer und ihre Lebensgenulockungen. Vor einem erzherzoglichen Palais,
dessen erste Etage in Licht strahlte, hielt eine Reihe von Equipagen - offenbar
ein groes Diner ... Aus dem Grand Hotel, an dem er jetzt vorberging, drang
eine Musikwoge - nun ja, zur Table d'hote spielte ein Orchester -; ein junges
Paar in Reisekostm kam eben unter dem Tor hervor und schritt - von Portier und
Hoteldirektor begleitet, zu einem mit eleganten Koffern und Taschen bepackten
Wagen: Zum Orientexpre - Kutscher - schnell -
    Hier freilich sah die Welt aus, wie die beste aller Welten, hier hatte man
nach Reformen kein Verlangen ... Mit pltzlichem Entschlu winkte Rudolf einem
Fiaker. Er wollte ein ganz verschiedenes Stck des hauptstdtischen Lebens
anschauen - lernen, beobachten, Erfahrung und Anfeuerung suchen zu seiner
Aufgabe.
    Wohin, Euer Gnaden? fragte der Kutscher.
    Weit in die Vorstadt hinaus - irgend eine Vorstadt, nahe bei der Linie - zu
irgend einem Gasthaus -
    Was fr ein Gasthaus?
    Wo es gerade Volkssnger, oder lieber noch: wo es eben eine Versammlung
gibt oder hnliches ...
    Ich versteh', Euer Gnaden, zufllig is in Margarethen drauen, beim
Goldenen Apfel, heut Siegesfeier oder so was politisches. Is das recht?
    Ganz recht - fahren wir zum Goldenen Apfel.
    Nach einer Viertelstunde hielt der Wagen vor dem Wirtshaus, ein
unansehnliches, nur stockhohes Gebude.
    Der Kutscher ffnete den Schlag:
    Hier sein mer, Euer Gnaden - da ist der Eingang. Er zeigte auf eine Tr im
beleuchteten Erdgescho.
    Gut. Warten Sie da.
    Es war ein mit Bierdunst und Zigarrenrauch gefllter Raum, den Rudolf jetzt
betrat, ein lnglicher, niedriger Saal. Ungefhr zwanzig besetzte kleine Tische
und im Hintergrund eine lange Tafel, um die dichtgedrngt etwa dreiig Mnner
saen. Nur einer davon stand mit hochgehobenem Glase: In diesem Sinne - also
der Schlu eines Toastes, und die Tafelrunde brachte ein sogenanntes donnerndes
Hoch aus.
    In der Nhe dieses Ehrentisches war an einem kleinen Tischchen noch ein
Platz frei. Hier lie sich Rudolf nieder und bestellte ein Krgel Bier.
Erstaunte Blicke - von Gsten und Kellnern - streiften ihn, denn seine
Erscheinung pate wenig zu der gewohnten Kundschaft des Lokals. Diese bestand -
nicht aus Arbeitern, sondern aus allerlei Gewerbtreibenden und Hausherren vom
Grund: Pfaidler, Selcher, Fleischer - behbige Kleinbrger, sich selber
ungeheuer wichtig dnkende Whler.
    Es war richtig so wie der Fiaker es gesagt: eine politische Siegesfeier. Der
Kandidat der anwesenden Stimmenabgeber war gegen einen liberalen
Gegenkandidaten mit groer Majoritt durchgedrungen. Jetzt war der kleine Mann
gerettet und die Korruption berwunden und der Glaube der Vter befestigt und
was die Konsequenzen eines solchen Wahlsieges mehr sind.
    Alles dies hrte Rudolf aus den einzelnen Stzen heraus, die aus der
allgemeinen Unterhaltung zu ihm herberdrangen. Das ganze untermengt mit
boshaftgemeinen Brocken und Schmhausrufen, wie: Na, wir wollen's ihnen
zeigen, Blutaussaugerpack, Mir sein mir und lassen uns nix g'fallen, Aua
mit die tiafen Tn.
    An Rudolfs Tischchen saen zwei junge Mnner von widerlichem Aussehen; der
eine fahl und mager, der andere feist und blaurot im Gesicht; gekleidet schienen
sie in von Herrschaften abgelegte Anzge, mit verknitterten Hemden und lose
gebundenen schmutzigen Kravatten. Die beiden unterhielten sich miteinander, aber
nicht ber Politik, sondern ber verschiedene Malis und Resis und Mizzis, deren
Feschigkeit und harbe Reize sie einander rhmten. Sie gehrten aber auch zu
der Gesellschaft der Ehrentafel, denn als der vorige Toast beendet war, hatten
sie mit ihren Krgeln hinbergewunken Prosit, Spezi.
    Ein groer Ekel schnrte Rudolfs Kehle zu. Das also sind die Stoffe, aus
denen die Landesgesetzgebung gebraut wird - Leute von solchem Bildungsgrad, tief
unter Null - von solcher Gesinnungsroheit ... die gehren zum Rderwerk der
Maschine, die eines groen Reiches Geschicke webt!
    Zu diesem moralischen Ekel gesellte sich der physische. Die Burschen pafften
an Virginia-Stummeln und spukten alle Augenblicke auf den Fuboden; wenn sie
ihre Bierglser zu den Lippen fhrten, sah man wie ungewaschen ihre Hnde und
wie niemals geputzt ihre abgebissenen Ngel waren. - Glckliche Zustnde,
menschenwrdiges Dasein fr alle? - Jawohl, das ist das Ziel, dazu gehrt aber
auch, da wrdige Menschen herangezogen werden - moralisch und physisch reine
Menschen. Anders ausgedrckt: schn hat ein Geschlecht zu sein, das glcklich zu
werden verdient - mehr noch: um glcklich werden zu knnen ... Aus solchen
Gedanken wurde Rudolf durch ein lautes Meine Herren gerissen, das der Mann auf
dem Ehrenplatz der Tafel, offenbar der Gefeierte des Abends, ausstie, indem er
mit dem Messer an sein Glas klopfte und sich erhob, zum Zeichen, da er reden
wolle.
    Bravo, bravo! riefen die andern und verstummten dann mit erwartungsvollen
Mienen.
    Meine Herren, oder vielmehr, meine Freunde (Bravo!), meine verehrten
Kampfgenossen! Ich bin mir bewut, voll und ganz bewut, welche Pflichten mir
mein Sieg, den ich Ihnen, den ich Ihrer Gesinnungstreue danke ... mein Sieg mir
auferlegt und diese Pflichten, das gelobe ich ... will ich ausfhren -
unentwegt, voll und ganz (Bravo!). Ohne Furcht und ohne Scheu werde ich die
Mngel aufdecken ... und die Hallunken entlarven die - die abscheulichen
Hallunken, welche - welche -
    Na ja, nieder mit die Juden! kam einer dem Redner zu Hilfe.
    Ja - ich werde das Mandat unserer christlichen Bevlkerung hoch halten und
zeigen, da die verfolgten, zurckgesetzten Christen wieder ihre Rechte geltend
machen ... und da das urgemtliche, urehrliche und urlustige Wienertum ... das
goldene Wienerherz - kurz unsere alten kaisertreuen, gottesfrchtigen und doch
so kreuzfidelen Gesinnungen sich - wie soll ich sagen - von den Einflssen der -
oder vielmehr den Aufdringlichkeiten einer spekulativen Rasse von Parasiten mit
voller Kraft - das heit mit kraftvoller Entschiedenheit stets und immer und
berall schtzen, befreien, kurz -
    Kurz davonjagen, die Juden, resmierte wieder die Aushilfsstimme.
    Davonjagen, davonjagen, riefen nun alle im Takt und applaudierten
frenetisch.
    Da hielt es Rudolf nicht lnger aus. Er sprang auf und trat an den Tisch.
    Meine Herren - seine Stimme klang fest - auch ich bin ein Wiener Whler
und bin auch schon selber Kandidat gewesen - mein Name ist - doch der Name tut
nichts zur Sache. Wollen Sie mir gestatten, ein Wort zu sagen?
    Wer san mer denn? A schner Herr. - Hoffentlich a Spezi. - No, so
reden S' tnte es von verschiedenen Seiten.
    Ich bin kein Spezi, wenn Sie darunter einen Gesinnungsgenossen verstehen.
Aber da Sie - er wandte sich an den Gefeierten - im Abgeordnetenhaus auch
Gegner finden werden, so werden Sie es wohl vertragen, da einer Ihnen hier
entgegentrete.
    Also a Liberaler, o je! rief der Angeredete. Aber nur heraus mit der
Sprach. Und er nahm eine parlamentarische Haltung an, indem er die Hand in den
Westenausschnitt schob.
    Ein Liberaler? wiederholte Rudolf. Ich wei nicht recht, was Sie unter
dieser Bezeichnung verstehen. Einfach als Mensch mchte ich sagen, da es im
tiefsten Grade traurig ist, wenn eine Parole des Hasses und der Verfolgung den
Ausgangs- und Zielpunkt einer politischen Aktion darstellt -
    Oho, rief jemand. Se san wohl selber a Jud.
    Zufllig nicht -
    Nachher a Judenknecht, a bezahlter. Da haben's hier nix zu schaffen, in
einer G'sellschaft von redliche Antisemiten. - Schauen's da weiter kommen.
    Rudolf verschrnkte die Arme. Er war totenbleich, aber nicht vor Angst,
sondern vor innerer Emprung.
    Gut, sagte er, ich versetze mich einen Augenblick an Ihre Stelle. Sie
sind Antisemiten. Der Titel ist ja sehr gut getragen. Nicht nur unter einfachen
Brgersleuten wie Sie, auch in hohen und hchsten Kreisen ist die Sorte
vertreten, und auch Gelehrte und Professoren verteidigen diese Anschauung von
allerlei ethnographischen und nationalkonomischen Standpunkten, aber Sie, Sie
bringen, wie ich sehe, nur Ihr Temperament mit - nur so ein Stckchen gesunden
Ha und Verachtung - bitte sagen Sie mir also, wie wollen Sie Ihr Programm
ausfhren? Was soll denn mit den Juden geschehen?
    Was mit ihnen g'schehen soll? Nach Palstina jagen oder umbringen kann
man's leider nit. Aber verhindern kann man's, da Richter oder Lehrer werd'n -
nix kaufen soll man in die jdischen G'schft - und wenn mgli, die Gter von
die Reichen - von die Rothschilds und dergleichen - einziehn. Und kan Umgang mit
ihnen haben - auch mit die Getauften nit -
    Ein anderer fiel jetzt ein, der Grimmigsten einer:
    Ich mcht schon mittun, wenn sich a Jd taufen lt - so wie der heilige
Johannes es tan hat - ihn ganz einitauchen - dann aber sein Kopf so lang unterm
Wasser tauchen, bis er dersauft. Das hbsche Scherzwort erregte beiflliges
Gelchter.
    Rudolf hatte sich dem Festtische mit der Absicht genhert gehabt, mit ein
paar aus seiner inneren Bewegung quellenden Worten etwas Aufklrendes ber die
Pflichten und Ziele von Volksvertretern zu sagen, - zu demonstrieren, da durch
Ha und Verfolgung nichts Ersprieliches geleistet werden knne; an Herz und
Vernunft hatte er appellieren wollen und zeigen, wie diese beiden, wenn in den
Dienst der Mitbrger gestellt, diesen zu moralischer und materieller Erhebung
verhelfen knnen. Aber nach dem, was er jetzt gehrt, sah er ein, da eine
solche Sprache hier ebenso wenig verstndlich wre, wie etwa eine griechische
Ode vor einem Trupp von Irokesen, und er verzichtete auf jeden weiteren Versuch,
mit den Anwesenden zu diskutieren. Nur nach einem Worte suchte er, das seiner
ganzen Entrstung ber den wahrgenommenen barbarischen Tiefstand Luft machte -
aber er fand es nicht.
    No, is der Herr jetzt paff? Sieht er ein, da man gegen so stramme
Parteileut' wie wir, nit aufkommen kann - da wir fr unser christliches Volk
einstehen werden, gegen alle Juden und Judenliberalen, sowie gen alle Freimaurer
und Sozi. Unser altes Wien, mit sein' goldenen Herz, mit sein' frommen Sinn,
darf uns von die Eindringlinge und ihre Knecht' nit verschandelt werd'n: No,
sagt der Herr noch immer nix?
    Ich sage, da ich Sie ebenso tief bedauere, als - verachte.
    Und er wollte sich zum Gehen wenden. Aber da brach ein Sturm los. Alle
sprangen von ihren Sitzen auf, Schimpfworte flogen durcheinander, worunter der
Ruf Jud, Jud am hufigsten erscholl, weil er in solcher Mitte als die
gehssigste Beschuldigung gemeint ist. Einer warf seinen Bierkrug nach Rudolfs
Kopf, doch ohne ihn zu treffen. Zwei Leute - die Burschen, an deren Tisch er
vorhin gesessen - packten ihn an den Schultern und, whrend nunmehr der ganze
Saal in den Schrei: Aui, aui, werft's ihn aui ausbrach, wurde der
berwltigte zum Ausgang gedrngt und so unsanft herausbefrdert, da er auf das
Pflaster fiel. Hinter ihm schlugen die Exzedenten die Tr wieder zu.
    Die Strae war leer; nur der Fiaker stand da. Erschrocken sprang der
Kutscher herbei und half seinem Fahrgast vom Boden auf.
    Jessas, Maria und Josef, Euer Gnaden, haben's Ihnen weh tan?
    Nichts, nichts ... wehrte Rudolf ab. Fahren wir wieder auf den Ring
zurck. Und er stieg ein. Im Wagen bemerkte er, da er an einer Stirnwunde
blutete.
    Es war aber nur ein Ritzer. Am folgenden Tage sprte er nichts mehr davon.
Aber eine andere Wunde hatte ihm der Vorfall geschlagen. Eine tiefe Verletzung
seines Glaubens an die Menschheit.

                                      XXX


Hugo Bresser erwartete mit Ungeduld das versprochene Wort. Nach zwei Tagen traf
es ein:
    Ich will Dein sein. Aber ohne Falsch und Hehl. Erst mu ich mich befreien.
Also noch Geduld. Ich schreibe wieder. Bis dahin ist Dir mein Haus verschlossen.
Aber nicht wahr? Das Wort gengt - ich wiederhole es: so wahr ich weiter leben
will und kann - Dein will ich sein.
    Von diesen Zeilen aufs tiefste erregt, setzte sich Hugo sogleich an seinen
Schreibtisch, um zu antworten. Seine Pulse flogen, ein seliger Rausch erfate
ihn und mit fliegender Feder schrieb er auf die erste Seite vier glhende
Strophen - ein Triumphlied ber das Thema: Du willst mein sein vielleicht das
schnste Lied in dem Zyklus An sie, - dann fuhr er in Prosa fort:
    Sylvia, sag' nicht zum Glcke Spter! Spter kann ja eins von uns zweien
gestorben sein - was wre das fr ein Raub! Du willst Dich frei machen? Bist
Du's denn nicht? Sprst Du nicht, da in beglckter Liebe eine solche Kraft
liegt, da sie alle Ketten, Skrupel, Rcksichten spielend ber alle Dcher
schleudert?
    Das ist ja wieder ein sklavisches und ngstliches Sichbeugen unter das Joch
des fremden Willens, ein Abhngigsein von fremdem Urteil, da Du da erst
Scheidungsurkunden und dergleichen brauchst, da Du erst dem ganzen Kreis von
Tanten und Sippen hfliche Anzeigen machen willst: Meine Verehrtesten, ich liebe
Hugo Bresser und will die Seine werden.
    Wen geht das etwas an? Das ist unsere Welt und eine so groe, so
freudenhelle, da sie fr uns das ganze brige in Nichts und ins Dunkel
verdrngt ... Du bist zu stolz, um zu lgen? Vor allem sollten wir zwei zu stolz
sein, unser Glck der kalten Menge blozulegen ... ein Glck, das um so ser
wre, je verschwiegener es bleibt. Nicht ngstlich verschwiegen, nur sorglos,
als wre die Mitwelt nicht da. Die Liebe hat solche Isolierungsgewalt. Sie
umgibt das selige Paar mit einem undurchsichtigen Netz - aus Flammen gewoben.
Das ist der echte Feuerzauber.
    Ich bin von einem Hochmut! ... Mir ist, als trge die Erde niemand, der mir
ebenbrtig ist. Der Knig aller Knige bin ich, denn Du willst mein sein ...
niemand ist wrdig, mir die Schuhriemen zu lsen, aber vor Dir lieg' ich im
Staube - Herrin.
    Doch wieder nein: nicht Dein Knecht will ich sein, sondern Dein Schtzer -
Kind! Du weit nicht, welche sanfte, schmelzende Zrtlichkeit ich Dir bereit
halte; ruhen sollst Du an meinem Herzen, Dich in meine Arme schmiegen, im
Bewutsein voller Sicherheit und Geborgenseins. Du hast ja viel Trbes
durchgemacht - Stunden der Bitterkeit, des Ekels, des Aufruhrs - Trost brauchst
Du und Rast und Stille. Frchte nicht, da Dein Geliebter Dich in einen ewigen
Wirbelsturm der Leidenschaft mit sich reien will - ich will Dir Frieden geben.
Minuten lodernder Extase - aber auch Stunden heiterer Vernnftigkeit. Oder auch
Unvernnftigkeit; wir sind gescheit genug jedes fr sich, um miteinander
kindisch sein zu drfen. Ja, frhlich wollen wir sein - scherzen und lachen.
Scherz ist der Page der Knigin Freude - und diese ist die Gemahlin des Knigs
Glck.
    Dann wollen wir auch - in anderen Stunden - ernst sein, dem Leben mit seinen
Rtseln tief ins Auge schauen, wir wollen - -
    Ich breche ab - Ungeduld erfat mich. Diesen Brief trage ich selbst in Dein
Haus, um ihn Deinem Mdchen in die Hand zu geben, damit er Dir schnell und
sicher zukomme. Und Du: hab' Erbarmen und hab' Mut.
    Zur selben Zeit war Sylvia gleichfalls mit Schreiben beschftigt. Es war ein
Brief an ihren Mann.

    Lieber Anton!
        Es gibt Dinge, die sich leichter schriftlich als mndlich sagen lassen.
        Ich wnsche - und wahrscheinlich komme ich dabei Deinem eigenen Wunsch
        entgegen - eine Trennung unserer Ehe.
        Du liebst seit mehreren Jahren eine schne Knstlerin, die Dir einen
        Sohn geschenkt hat; Du verbringst mehr als die Hlfte Deiner Zeit in
        ihrem Hause - das Du ihr geschenkt hast; Du versuchst nicht einmal den
        Schein der Treue gegen mich zu wahren - kurz, Du hast tatschlich unsere
        Ehe schon gelst.
        Ich war allein und dadurch - frei. Ich aber blieb allein und hielt
        meinen Part in dem von Dir gebrochenen Vertrage aufrecht. Jetzt aber mu
        es anders werden. Ich habe mein Herz verschenkt und will meine Freiheit
        vindizieren. Betrgen will ich nicht. Weder Dich noch die Welt. Ich
        bitte Dich also, bereinstimmend mit mir Schritte zu einer regelrechten
        Scheidung anzubahnen. Von meiner Liebe lasse ich unter keinen Umstnden.
        Solltest Du in eine Scheidung nicht willigen, so wrde ich einfach
        abreisen - und nicht allein.
        Ich besitze selbstndiges Vermgen, das weit Du, und kann wo immer
        unabhngig leben.
        Die Hauptsache ist jetzt gesagt. Das brige kann, wenn Du einverstanden
        bist, mndlich verhandelt oder zwei Rechtsfreunden zur Durchfhrung
        bergeben werden.
        Nicht ganz ohne Wehmut scheide ich von Dir; denn ich erinnere mich der
        Zeit, da ich glaubte, wir beide wrden mit- und durcheinander glcklich
        werden. Es ist anders gekommen. Du warst der erste, der sein Glck fern
        von unserem Herde gesucht und gefunden - die Reihe ist an mir. Nur
        mchte ich -

Bis hierher hatte sie geschrieben, als die Jungfer eintrat und ihr Hugos Brief
bergab.
    Sylvia erkannte die teuere Schrift, aber sie zerri nicht sofort den
Umschlag. Erst wollte sie ihr eigenes Schreiben vollenden und an seine
Bestimmung kommen lassen
    Warte einen Augenblick, sagte sie und mit vor Erregung zitternder Hand -
der unerbrochene Brief wirkte auf sie wie eine geliebte Nhe - warf sie noch ein
paar Schluzeilen auf den begonnenen Briefbogen und schob ihn in ein Kuvert.
So, das trage hinber zum Herrn Grafen und bergib es ihm selber.
    Wissen Frau Grfin nicht, da der Herr Graf heute frh abgefahren ist? Der
Kammerdiener hat ihm seinen Koffer gebracht, dann einen Fiaker geholt ... und
der Herr Graf ist auf die Sdbahn, und dem Portier hat er gesagt, da er erst
morgen oder bermorgen zurckkommt - -
    Ach so - einerlei ... leg' den Brief auf seinen Schreibtisch.
    Jetzt war sie allein und vertiefte sich in Hugos Zeilen. Sie las sie einmal
durch, dann ein zweites Mal, Satz fr Satz - jeden ein paarmal hintereinander;
einzelne Worte wiederholte sie laut und lauschte ihrem Klang, als wren sie
Musik: Ein Netz - aus Flammen gewoben ... Dein Schtzer, Kind ... schmelzende
Zrtlichkeit ... Alle Tne, die der Briefschreiber angeschlagen - Leidenschaft,
Wagemut, Ruhesehnsucht, glhende Extase und schumender Frohsinn, alles das
vibrierte in ihrer Seele nach, und weckte solches Verlangen nach seiner Nhe,
da sie aus Erbarmen mit sich selber mehr noch als mit ihm, ihn am liebsten
gleich gerufen htte ... Aber sie widerstand der Lockung. Rufen wrde sie ihn
nicht, aber wenn er kme ... Bei dem Gedanken fhlte sie eine Beklemmung, von
der sie nicht htte sagen knnen, ob sie Schmerz oder Seligkeit war - -
    Gewaltsam raffte sie sich aus dieser Trumerei empor und klingelte ihrer
Jungfer.
    Schnell, einen Fiaker, befahl sie. Sie hatte den raschen Entschlu gefat,
ihre Mutter aufzusuchen und bei ihr den Tag zu verbringen. Sie wollte nicht
allein bleiben - allein mit ihrer gefhrlichen Sehnsucht.
    Aber Baronin Tilling war nicht zu Hause. Auch sie war - so sagte der Diener
- diesen Morgen von Wien weggefahren, nach Grumitz, in geschftlicher
Angelegenheit.
    Den Wagen hatte Sylvia fortgeschickt, also ging sie zu Fu wieder in die
Richtung des Rings zurck. Bei einer Kreuzung mute sie stehen bleiben, um ein
paar Wagen vorberfahren zu lassen und pltzlich hrte sie eine Stimme hinter
sich:
    Sylvia!
    Sie wandte sich um.
    Ach! rief sie - Hugo Bresser stand neben ihr. Er war ebenso bewegt wie
sie, ebenso bla wie sie. Mit weit aufgerissenen Augen, einen fast schmerzlichen
Zug um den zitternden Lippen, blickten sie einander eine Weile starr an.
    Ein eilig Vorbergehender, der ein Paket trug, stie unsanft an ihnen an; da
kamen sie rasch zur Besinnung und erinnerten sich, da sie auf belebter Strae
waren. Sylvia wandte sich zum Gehen und als wre es selbstverstndlich, schritt
Hugo neben ihr.
    Sie haben meinen Brief - begann er. Das Du, welches er
niedergeschrieben, wollte ihm auf diesem ffentlichen Orte nicht ber die Lippen
und auch von dem Briefe zu reden, schien ihm gar nicht am Platze und so
vollendete er nicht den begonnenen Satz und fragte etwas anderes:
    Woher kommen Sie?
    Diese Wendung war ihr eine Erleichterung. - Ich komme von der Wohnung
meiner Mutter - sie ist aber heute nach Grumitz gefahren, ich habe sie nicht
getroffen. Wie sind die weiteren Auffhrungen Ihres Stckes ausgefallen?
    Ich habe ihnen nicht beigewohnt. Es ist merkwrdig, wie gleichgltig mir
das Stck geworden ist - vielleicht, weil ich jetzt mein eigenes Drama erlebe
...
    Sie ging schweigend weiter und er blieb an ihrer Seite. Nach einer Weile
sprach er wieder:
    Ich habe heute morgen den Grafen Delnitzky fahren gesehen - mit einem
Koffer auf dem Bock; ist er abgereist?
    Ja, auf ein oder zwei Tage!
    So sind Sie allein?
    Sie verstand den Sinn dieser Frage und antwortete:
    Ich empfange niemand.
    Sie kamen an einen Fiakerstand vorbei.
    Fahr m'r, Eu'r Gnaden? fragte einer von den Kutschern. Hugo blieb stehen
und blickte Sylvia ins Gesicht:
    Wie wr's, wenn wir einen Wagen nhmen, und -
    Wohin?
    Einerlei ... nach Schnbrunn, auf den Kahlenberg - es wre ja doch nach
Eden.
    Sie schttelte den Kopf und ging weiter. Eden war ja auch ihr Ziel. Aber in
Italien sollte es sein - und wenn sie sich ganz frei gemacht. Seine Worte hatten
eine Vision in ihr erweckt, die in Freudenglanz getaucht war. Und berhaupt:
glcklich - einfach glcklich machte sie seine Nhe.
    Nach ein paar Schritten brach Hugo das Schweigen:
    Es hat mir jemand geschrieben: Ich will Dein sein.
    Sie machte eine heftige Bewegung mit der Hand, die er als Bitte auffate, er
mge nicht hier, auf offener Strae an diesem heiligen Geheimnis rhren - und er
begann von anderen Dingen zu reden: von einer hmischen Kritik, die eine
Wochenschrift ber sein Stck gebracht; von Rudolf, dessen Vortrag er leider
nicht gehrt - doch in seiner Stimme lag so innige Wrme, als htte er stets nur
wiederholt: ich liebe Dich - ich liebe Dich in Zeit und Ewigkeit. In ihr
steigerte sich das Verlangen, dieses Wort von seinen Lippen zu hren und es ihm
selber zu sagen, und so waren die einsilbigen, bedeutungslosen Antworten, die
sie ihm gab, gleichfalls von verhaltener Zrtlichkeit durchzittert.
    Manchmal verstummten sie auch ganz und gingen nur so nebeneinander her:
nicht Arm in Arm, doch so nah, da ihre Arme sich streiften ... Sylvia kam sich
vor, wie in eine nie gekannte Lage versetzt. Alles, was sie umgab, war ihr fremd
und eigentmlich, als htte sie hnliches niemals erlebt - das Geklingel der
Trambahn, die Spiegelscheiben der Auslagen, die geschftigen und die
flanierenden Leute - alles war so unwirklich, es gehrte nicht zu ihr und sie
gehrte nicht hinein. berhaupt, was sie jetzt durchbebte, war nur Prludium,
Prolog ... das eigentliche Stck sollte erst folgen. Auch ihr ganzes frheres
Leben war wie ausgelscht, die Gegenwart galt nicht, aber das Kommende ... Sie
wagte nicht, gerade hineinzuschauen in diese Verheiung, gerade so, wie man
nicht in die Sonne schaut - -
    So waren sie vor dem Dotzkyschen Hause angelangt. Sie wollte ihm nun die
Hand reichen und Adieu sagen - aber sie war wie gelhmt und tat es nicht. Sie
konnte nicht einmal stehen bleiben, sondern bewegte sich mechanisch weiter und
trat unters Tor. Er desgleichen. Da fing ihr Herz wild zu pochen an. Sie wollte
gar nicht mehr, da er sie verlasse.
    Auf der Treppe bot er ihr den Arm und an der Flurtr zog er die Klingel.
Jetzt konnte sie ihn noch immer wegschicken - sie tat es nicht.
    Der Diener ffnete. Sylvia trat ber die Vorzimmerschwelle; Hugo
hinterdrein. Der Diener nahm seiner Herrin die Jacke und dem Besucher den
berrock ab und ffnete dann eine Tr. Sylvia ging voran; ohne sich umzusehen
durchschritt sie die ganze Flucht der Zimmer, bis sie in ihrem kleinen Salon
anlangte. Sie warf ihren Hut auf ein Mbel und wandte sich um. Hugo, der ihr in
dieses Heiligtum gefolgt war, stand mit dem Rcken an die geschlossene Tr
gelehnt und ffnete die Arme. Mit einem halberstickten Schrei sank sie hinein.
    O mein Geliebter, Geliebter, Geliebter ... Ihr gesenkter Kopf war an
seiner Brust geborgen. Geborgen: das war das rechte Wort fr das, was sie
empfand: das Vollgefhl der Erfllung.
    Er hob ihren Kopf empor und bog ihn zurck, um ihr tief in die Augen zu
schauen:
    Mein, mein ... dann drckte er seinen Mund auf ihre wie kssedurstend
geffneten Lippen.
    So blieben sie zwei selige Minuten umschlungen. Dann ri Sylvia sich los und
entfernte sich ein paar Schritte.
    Sie lie sich in eine Sofaecke fallen mit einem tiefen zitternden Seufzer.
Er nherte sich.
    Dort, sagte sie und wies nach einem seitlich stehenden, etwas entfernten
Fauteuil.
    Er gehorchte. In dieses Zimmer, das wute er von frher her, konnte jeden
Augenblick jemand hereinkommen. Nur vorhin, als er an den Trflgel gelehnt
gestanden, war man vor berraschung sicher gewesen.
    Ich habe nicht geglaubt, sagte Sylvia, da ich so lieben kann.
    Wie ich Dich liebe, wei ich lngst ... Schon damals - erinnerst Du Dich -
in Brunnhof, bei dem pltzlichen Gewitter, wie Du mir entgegenliefst und
ausglittest - als ich Dich in meinen Armen auffing, schon damals wute ich: fr
mich kann es nur einen Himmel auf Erden geben - Dich besitzen.
    Ja, wir werden glcklich sein, ber alle Begriffe glcklich ... Und Du
wirst dabei ein noch grerer Dichter werden, als Du schon bist.
    In dieser Stunde ist mir jeder Ehrgeiz erstorben - hheres kann ich nicht
erreichen, als Dich -
    Nicht erstorben, nur betubt. Mir ist auch so zu Mute ... wie in einem
Taumel - und doch so ruhig, ruhig ... Teurer -
    Sie streckte die Hand aus. Er rckte mit seinem Fauteuil nher, um diese
Hand ergreifen zu knnen. Nun sagten sie sich in geflsterten Worten - Hand in
Hand und Aug' in Auge - die hundert innigen, trichten Dinge, die wie
gesprochene Liebkosungen sind. Und schlielich, trotz der gefhrlich offenen
Tr, fanden sich ihre Lippen wieder in einem langen, weltentrckenden Ku.
    So entrckend, da sie nicht hrten, wie jene Tr tatschlich aufging und
jemand bis in die Mitte des Zimmers kam.
    Erst ein zornig ausgestoener Fluch schreckte sie auseinander. Hugo sprang
auf - ihm gegenber stand Anton Delnitzky.
    Mit dem Ausruf: Elender, frecher Schuft! strzte dieser nun auf Hugo los
und versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht.
    Sylvia stie einen Schrei aus und sank zu Boden - besinnungslos

                                      XXXI


Whrend im Delnitzkyschen Hause dieses Drama sich abspielte, war Rudolf im
Begriff, Wien zu verlassen, um einige seiner im Ausland abzuhaltenden Vortrge
zu absolvieren.
    Zwar htte es nicht gedrngt: bis zum ersten versprochenen Vortrag dauerte
es noch vierzehn Tage, aber der Vorfall im Vorstadtwirtshaus hatte ihm einen
solchen Ekel eingeflt, da er das sehnschtige Verlangen empfand, so schnell
als mglich eine andre Luft zu atmen und mit ganz neuen Eindrcken den so
peinlichen Eindruck zu verwischen.
    Er hatte solche Eile, da er nicht einmal von Mutter und Schwester sich
verabschieden wollte. Nur ber eines wollte er sich vor seiner Abreise noch
aussprechen, nur eine gewisse Warnung vorzubringen, fhlte er sich verpflichtet.
    Zu diesem Zweck suchte er Herrn von Wegemann auf und traf ihn glcklich zu
Hause. Es war eben dessen Frhstcksstunde.
    Minister Allerdings lud Rudolf ein, mit ihm eine Omelette und ein
Beefsteak zu teilen, was dieser bereitwillig annahm, weil er wute, da es sich
bei Tisch, und namentlich nach Tisch, bei Kaffee und Zigarre, am besten plaudern
liee. Er hatte die Absicht, sich ber die Sache, die ihm am Herzen lag,
grndlich auszusprechen. Zwar war Herr von Wegemann nicht mehr aktiv an der
Politik beteiligt, aber er war in stetem Verkehr mit den leitenden Mnnern und
gehrte mit allen seinen Ansichten und Neigungen der herrschenden Partei an.
Dazu war er der intimste Freund desjenigen Staatsmannes, der damals den hchsten
Einflu besa, und der als ein Mann von aufrichtig kirchlicher Gesinnung, dabei
von universeller Bildung und lauterstem Charakter bekannt und allgemein - auch
von seinen Gegnern - hochgeachtet war.
    Ein gar gemtliches Hagestolzen-Heim war es, in dem Herr von Wegemann
hauste. Alles, was ihn umgab, war gediegen und behaglich. Einige groe schne
Frauenportrts an den Wnden lieen annehmen, da der Minister es verstand, die
sorgenlose, angenehme Gegenwart mit noch angenehmeren Erinnerungen an die
Vergangenheit zu wrzen.
    Rudolf empfand eine gewisse leise Anwandlung von Neid, die ihn in letzter
Zeit fters berkam, wenn er einen Menschen beobachtete, der mit sich, mit
seiner Existenz, seinem Milieu und seiner Zeit in ruhiger, vlliger
bereinstimmung stand; bei dem das ganze Seelenleben - Denken, Wissen, Fhlen -
in eine Art System gebracht war; das alles so schn geordnet und friedlich, da
man daneben ganz gut auch seine kleinen materiellen Vergngungen und
Angelegenheiten systematisch betreiben kann, einen geregelten Haushalt haben,
sein solides Vermgen administrieren, von der eigenen Klugheit und Wichtigkeit
durchdrungen sein, kurz, in der Atmosphre des engbegrenzten Egoismus sich
wohlfhlen, wie der Fisch im Wasser. Whrend Leute, die wie er nach allen
Richtungen andre Zustnde ersehnen, Leute, die das Heimweh der Zukunft in sich
tragen, sich so heimlos fhlen, so losgelst von den kleinen Interessen der
umgebenden Gegenwart.
    Als die beiden Mnner nach beendetem Frhstck sich im Rauchzimmer, wo
Kaffee und Likre aufgetragen waren, niedergelassen hatten, begann Rudolf:
    Und nun zum eigentlichen Zweck meines Besuchs. Da ich mich verabschiede,
weil ich heute abend auf lngere Zeit Wien verlassen will, sagte ich schon; was
der Grund ist, der mich forttreibt, das will ich Ihnen jetzt sagen. Ich habe
hier vor kurzem etwas so Revoltierendes erlebt, da ich eine Zeitlang eine andre
Luft atmen mu ... Aber Ihnen, der Sie dableiben, mchte ich etwas ans Herz
legen. Auf eine Gefahr mchte ich aufmerksam machen, die ich im ffentlichen
Leben aufsteigen sehe.
    Allerdings - Gefahren sehe ich auch. Zum Beispiel die berhandnehmende
Glaubenslosigkeit, der wachsende Materialismus - womit natrlich Verrohung Hand
in Hand geht -, die Begehrlichkeit der Massen und dergleichen mehr. Da gilt es
eben, da die edleren Elemente sich zusammennehmen und alles aufbieten, um die
subversiven Krfte nicht aufkommen zu lassen -
    Bitte, unterbrach Rudolf, reden wir nicht in vaguen Allgemeinheiten. Das,
was ich sagen will - die Sache, die mir bedrohlich scheint, ist etwas ganz
Positives. Es will sich hier eine Partei breit machen, die sich auf eine einzige
Idee sttzt, nmlich die Idee einer Rassenverfolgung.
    Na ja - um auch positiv zu reden - Sie meinen die Antisemiten.
    Ja. Ich wei, da diese Partei, oder vielmehr diese Gesinnung sich
verbreitet und bis in die hohen und hchsten Kreise heraufdringt, aber sozusagen
incognito - whrend die Wortfhrer, die da offen diese Gesinnung als ein
politisches Programm ins Parlament bringen wollen, in ihren Reihen so
bildungslose, oder sich absichtlich roh gebrdende Individuen haben ... Wenn man
das gewhren lt, so werden diese Leute in das parlamentarische und politische
Leben einen so rohen Ton, ein so niedriges Geistesniveau einfhren, da dabei -
abgesehen von der Verwerflichkeit des Verhetzungsprinzips berhaupt - smtliche
politische Fragen herabgedrckt werden. Wenn ich Ihnen sagen wrde, was ich
neulich aus dem Munde einiger neugewhlter, von der Einwohnerschaft bejubelter
Vertreter dieser Partei fr Ausdrcke boshaftester, beschrnktester Gemeinheit
gehrt habe - Sie wrden schaudern.
    Ich wei, ich wei ... Sind ja einfache Vorstadtbrger - die reden, wie
ihnen der Schnabel gewachsen ist - im Abgeordnetenhaus werden sie schon den
parlamentarischen Ton annehmen mssen ... und anderseits mu man bedenken, da
diese Wahlen doch einen Sieg ber viel gefhrlichere Kandidaten bedeuten. Von
den Antisemiten wei man doch, da sie glubige Christen sind und da sie alles
bekmpfen werden, was die Ultraliberalen und Sozialisten und dergleichen
unternehmen wollten, um an den Sulen von Thron und Altar zu rtteln -
    Rudolf wollte etwas sagen, aber mit beschwichtigender Handbewegung fuhr der
Minister fort:
    Mein Gott, ich selber habe ja nichts gegen die Juden ... bin ja, wie Sie
wissen, hufiger Gast bei unserer haute finance und kenne einige ganz
ausgezeichnete Leute unter jdischen Doktoren ... aber wie gesagt, die
Antisemiten, deren Verfolgungsideen man ja durchaus nicht aufkommen zu lassen
braucht - haben ihr Gutes. Und wenn man sie untersttzt, so geschieht das
durchaus nicht, weil man ihre Ziele erreichen oder ihre Mittel anwenden will,
sondern weil sie indirekt dazu beitragen, andre Gegner fernzuhalten.
    Sie geben also zu, da jene Partei von oben protegiert wird? Gehrt etwa
Graf - (er nannte Wegemanns Freund, den leitenden Staatsmann) zu diesen
Protektoren?
    Allerdings -
    Ich kenne ihn doch als einen vornehm denkenden Edelmann, als einen milden
Christen, der unfhig wre, solche uerungen zu indossieren, oder solche
Gehssigkeit zu fhlen, wie die antisemitischen Wahl- und Hetzreden zu schren
trachten - und doch sollte er es opportun finden, diese Partei zu untersttzen?
    Mein Freund hat ein starkes katholisches Empfinden. Erst gestern sprachen
wir ber die berhandnehmende religise Gleichgltigkeit -
    Ich bemerke eher, da die klerikalen Einflsse berhandnehmen.
    In manchen Kreisen allerdings. Anderseits aber -
    Also, wie denkt Ihr Freund ber die Sache?
    Er sagte - ich habe mir seine Worte genau gemerkt -: Je mehr ich diese
Fragen erwge, desto fester und klarer wird meine berzeugung, da sie es ganz
eigentlich sind, von deren Wendung die Zukunft der Geschicke Europas abhngt.
Die Krisis, in der wir leben, liegt in dem Kampf der Revolution gegen die
christlichen Ideen, auf denen seit mehr als tausend Jahren die staatliche
Ordnung Europas und seine Zivilisation beruht. Siegen diese Ideen nicht, dann
wird Europa zugrunde gehen und mit ihm die ganze Ordnung der Dinge. Dann folgt
ein Chaos, das so lange dauern wird, bis die christlichen Ideen wieder, wie in
den Zeiten Karls des Groen, allmhlich die Geister gewinnen und wieder eine
neue christliche Ordnung der Staaten und Vlker herstellen - was aber weder wir
noch unsere Kinder erleben werden. Wollen wir sie vor allen Greueln der Anarchie
und der Christenverfolgung bewahren, so mssen wir in sterreich dem Sturm wider
die Kirche Widerstand leisten.
    Rudolf nickte vor sich hin.
    Das stimmt zu meiner Auffassung, sagte er. Man sieht, man fhlt, da all
die Dogmen schwanken, von denen man glaubt, da sie die Grundlagen der
Zivilisation sind - (aber da mchte ich doch zwischen Klammern fragen, ob denn
die heutigen Staaten wirklich nach christlichen Grundstzen verfahren? ... ich
wollte es wre so, dann fielen dreiviertel meiner Anklagen weg!) - also, um
dieses hohe Gut, die Zivilisation, zu schtzen, mu man kmpfen und im Kampf
gilt das Axiom, da jede Waffe gut sei - gerade so wie der jesuitische (nicht
christliche) Satz allenthalben Geltung behauptet: der Zweck heiligt die Mittel.
An diesem Satze krankt unser ganzes politisches System. Zwecke - ber deren
Ntzlichkeit man sich tuschen kann, Zukunftsgefahren, die gar nicht existieren,
werden als so gro aufgefat, da sofort auch die bsesten Mittel geheiligt
erscheinen, und man protegiert Roheit, Verfolgung und allerlei an sich
Abscheuliches und Niedriges in der Gegenwart, welches helfen soll, ein
vermeintlich Hohes zu erreichen und vermeintlich entsetzliche
Zukunftskalamitten abzuwenden. Da aber die geduldete Roheit sicher bse Folgen
nach sich ziehen mu, bersieht man ... Sehen Sie, verehrter Freund, das ist das
ganze Geheimnis, warum sonst gute, wahrhaft tugendhafte Menschen so viel Bses
geschehen lassen - sie glauben dadurch noch Schlimmerem vorzubeugen. So haben
sich bisher noch alle historischen Schandtaten durch edle Motive begrnden
lassen und sind mitunter auch aus edlen Motiven verbt worden ... und die
Geschichte wird auch solange eine Kette von Greueln bleiben, solange der
Kulturmensch nicht jene unselige Formel abschwrt und nicht erkennt, da fr
keinerlei Zwecke ein Mittel angewendet werden darf, das weniger heilig, weniger
rein ist als der Zweck. Wenn Sie Einflu auf Ihren Freund haben, liebster Herr
von Wegemann, und den haben Sie ja - ebenso wie auf andere machthaberische
Kreise - dann benutzen sie ihn, um zu warnen ... darum habe ich Sie bitten
wollen ...
    Nein, mein lieber Dotzky, ich enthalte mich jeder Einmischung in
ffentliche Angelegenheiten - ich nehme meinen Ruhestand ernst. Und auerdem
teile ich da weder Ihre Befrchtungen noch Ihre Auffassungen. Sie haben von
staatsmnnischer Politik keinen rechten Begriff. Da mu man sich wehren, so gut
man kann und die Mittel, die man anwendet, nicht nach ihrem idealen, sondern
praktischen Gehalt prfen. Der gute Zweck ist doch die Hauptsache. Wenn wir den
monarchischen und den christlichen Gedanken schtzen, schtzen wir da nicht den
Boden auf dem wir stehen und die Luft die wir atmen? Die anderen, unsere Gegner,
die haben wieder ein Interesse daran, diese Prinzipien zu unterminieren und tun
es mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln - soll man das geschehen lassen?
Sie sind ein ganz vortrefflicher Mensch, mein lieber Rudi, ein liebenswrdiger
Trumer, aber von dem Ernst und den Pflichten des staatsmnnischen Berufs haben
Sie keine Ahnung ... Idealismus und sthetik und dergleichen sind ganz schne
Dinge, gehren aber auf ein anderes Feld: ins Knstlerhaus, in die Pflegesttten
klassischer Studien, aber doch nicht in die Volksvertretung und
Ministerkabinette - in diesen mu ...
    Rudolf hatte mit wachsender Ungeduld zugehrt:
    Verzeihen Sie, da ich widerspreche, unterbrach er jetzt. Meine Meinung
ist die: nachdem Volksvertretung und Ministerkabinette die Sttten sind, wo dem
Leben der Vlker die Richtung gegeben wird, so obliegt die Pflege des Ideals
gerade diesen; denn dahin strebt doch die Kultur: da die Schnheitsideale und
Sittlichkeitsnormen das Leben durchdringen. Wir werden uns gegenseitig nicht
berzeugen, sehe ich - es wre fruchtlos, weiter zu disputieren, dennoch habe
ich bei dieser Unterhaltung gelernt, sie hat mir einen tiefen Eindruck in die
Ursachen der gegenwrtigen Kmpfe und Kampfweisen gewhrt ...
    Warum sagen Sie gegenwrtig? Es ist ja immer derselbe Kampf, mein Lieber,
wie er seit Erschaffung der Welt getobt hat und wie er in Ewigkeit weiter toben
wird - der Kampf zwischen Gut und Bse.
    Rudolf schttelte den Kopf:
    In Ewigkeit? Das ist wieder eine Verkennung des Entwicklungsgesetzes.
Dieser lange Kampf ist aber nur darum bis heute unentschieden geblieben, weil
das Gute noch nicht versucht hat, sich durch Gutes durchzusetzen, weil immer
noch das Bse als Mittel sanktioniert ward. Ein neues, ganz neues Licht mu die
Geister erhellen - und das wird kommen. Gerade so, wie - auf physischem Gebiet -
das elektrische Licht entdeckt wurde, wird auf geistigem Gebiet eine neue
Erkenntnis erstrahlen, durch die die Macht des sogenannten Bsen - nicht mit
Unrecht Macht der Finsternis genannt - endgltig berwunden wird.
    Wegemann zuckte lchelnd die Achseln:
    Schwrmer!
    Danke, sagte Rudolf, indem er aufstand. Ich nehme diese Bezeichnung als
Ehrentitel an und - nichts fr ungut. Ich fge nur hinzu, da, wenn ich
einigermaen schwrmerisch von der Gre einer vorhergesehenen Zukunft spreche,
ich dabei die kleinen, tunlichen, praktischen Schrittchen nicht bersehe, die
schon heute nach jener Richtung getan werden knnen, und die jeder von uns zu
tun sich bemhen soll. Jetzt adieu - und nochmals Dank fr die lehrreiche
Unterhaltung.
    Am selben Abend reiste Rudolf von Wien ab. Sein Ziel war Venedig. Vom
stillen Zauber dieser Stadt, dem er sich durch vierzehn Tage hingeben wollte,
versprach er sich Linderung fr sein durch die letzten Vorgnge verwundetes
Gemt.

                                     XXXII


In der Wohnung seines Vaters lag Hugo Bresser. Die Kugel, die ihn verwundet
hatte, war zwar glcklich gefunden und entfernt worden, aber noch schwebte der
Patient zwischen Leben und Tod.
    Im Krankenzimmer herrschte Halbdunkel; die Fenstervorhnge waren zugezogen,
denn Hugo vertrug kein Licht, es tat ihm weh. Am Kopfende des Bettes stand der
alte Vater, und an der Seite saen zwei Frauen, Sylvia und Martha.
    Nach dem Duell hatte Anton Delnitzky Wien verlassen. Seiner Frau lie er ein
Schreiben zurck, worin er ihr die von ihr verlangte Freiheit gab. Die
Scheidung soll vollzogen werden - schrieb er - den Grund hast Du dazu
gegeben. Deinen Geliebten habe ich natrlich niederschieen mssen; nach dem was
vorgefallen, hatte weder er noch ich eine andere Wahl, als auf den Kampfplatz zu
gehen. Und Du und ich knnen miteinander nichts mehr zu tun haben; wir knnen
uns gegenseitig auch nicht verzeihen, was wir einander angetan. Du hast unsere
Ehre tdlich verletzt - und ebenso verletzte ich Deinen Liebhaber. Da gibt es
keine Verzeihung - weder fr Dich noch fr mich. Wir sind miteinander fertig.
    Als Sylvia von der Ohnmacht erwachte, in die sie bei jenem Auftritt gefallen
war, befand sie sich auf ihrem Bette, auf das man sie gebracht hatte. Sie wute
nicht, wie lange sie bewutlos gewesen, noch was weiter geschehen war.
    Da ein Zweikampf folgen wrde, wute sie, und ein frchterlicher Zorn stieg
in ihr auf ber die elenden Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft, die als
Auskunftsmittel fr schwierige Lagen den Mord eingesetzt haben. Als ob das Tten
irgend etwas gut machen knnte! Die beiden Mnner wrden sich schlagen - das war
klar. Ein wildes Verlangen, dieses Duell zu verhindern, erfllte sie - doch
wute sie zugleich, da jeder Versuch scheitern wrde. Was konnte sie tun? Sich
dem Gatten zu Fen werfen? Umsonst! Abzubitten hatte sie ihm nichts - und um
das Leben des anderen flehen: was half's? Der andere wrde ja selber - sie
erinnerte sich des Schlages, den er ins Gesicht bekommen - nicht ruhen, ehe er
diese Schmach mit Blut gewaschen. Als ob vergossenes Blut berhaupt etwas
reinigen, etwas Geschehenes ungeschehen machen knnte - - o ber den geheiligten
Widersinn, unter dessen Herrschaft die blde Welt sich gestellt hat! Oder zu
Hugo eilen und ihm sagen: Du gehrst mir, Du hast kein Recht mehr, Dich mir zu
entreien - fliehen wir ...
    Aber kaum zum Bewutsein zurckgekehrt, und diese und hnliche Gedanken in
ihrem gequlten Hirne wlzend, verfiel sie in heftiges Fieber mit Delirium. Und
was die nchsten Tage brachten, das wute sie nicht. Sie nahm nur dunkel wahr,
da um sie Frauen bemht waren, da ein Mann ihren Puls fhlte, und da die
Gestalt ihrer Mutter ber sie gebeugt war ...
    Erst als das Duell schon vorbei war, hatte sie sich wieder erholt. Jetzt
mute sie alles erfahren. Sie forderte es. Sie schrie nach Auskunft - es war ihr
Recht ... Martha willfahrte ihr
    Das Duell hat stattgefunden - auf Pistolen - Anton blieb unverletzt und ist
abgereist, und Hugo -
    Ist er tot?
    Nein, Kind, nicht tot - aber schwer verwundet.
    Jetzt fand sie keine Ruhe mehr, sie mute zu ihm.
    Aber Sylvia - Du, zu dem Mann, mit dem sich Dein Gatte geschlagen, was
wrde die Welt -
    Darnach frage ich nicht - Hugo stirbt vielleicht. Die Welt? - Ihre
Satzungen sind es, die Dir Mutter, Deinen Abgott gettet haben, und die den
Mann, der mich betrogen, zum Mrder meines Geliebten machten.
    Dein Geliebter? ... so war er -
    Wie soll ich ihn anders nennen? - Ich lieb' ihn ja. Die Welt verachte ich
und verchtlich wre ich, tt' ich's nicht ... Gehen wir - komm mit, Mutter, und
gehen wir gleich.
    Jetzt war es am dritten Tag seit dem ersten Krankenbesuch der beiden Frauen.
    Hugo lag mit geschlossenen Augen da und atmete schwer.
    Schlft er? fragte Martha im Flsterton.
    Doktor Bresser schttelte den Kopf:
    Ich glaube nicht.
    Sylvia war bla und verweint. Noch hoffte sie auf Rettung, aber schon die
Mglichkeit - die sogar eine Wahrscheinlichkeit war - da er verloren sei, und
dazu der Anblick seiner Leiden, verursachten ihr so tiefen Schmerz, da seit
drei Tagen und Nchten ihre Trnen fast nie versiegten.
    Gestern und vorgestern waren Mutter und Tochter je zwei Vormittags- und zwei
Nachmittagsstunden beim Kranken geblieben und am Abend wurde noch um Nachricht
geschickt. Augenblickliche Gefahr war noch nicht eingetreten gewesen.
    Martha blickte auf die Uhr und stand auf.
    Komm, Sylvia, jetzt wollen wir gehen.
    Die junge Frau erhob sich auch.
    Sollte ihm schlechter werden, so lassen Sie uns rufen, sagte sie zum
Doktor.
    Aber als die beiden schon nahe der Tr waren, kam ihnen Bresser nach und
sagte bedeutungsvoll:
    Gehen Sie nicht -
    Sylvia erbebte. Sie schaute zu Bresser auf, eine entsetzte Frage im Blick.
    Er verstand diese Frage und antwortete:
    Ich frchte -
    Sylvia flog wieder an die Seite des Bettes zurck und kniete da nieder.
Jetzt weinte sie nicht - der Schreck war zu heftig gewesen.
    Hugo lag regungslos; der Atem, der durch seine halboffenen Lippen drang,
hatte einen leise wimmernden Laut.
    Baronin Tilling ergriff die Hand ihres alten Freundes:
    Was frchten Sie? - Steht es so schlecht?
    Es steht schlecht.
    Es gab Martha einen Stich. Dabei dachte sie weniger an Hugo, als an den
Freund. Der einzige Sohn! - Freude und Stolz seines Alters ... eine so
glanzvolle Zukunft vernichtet ...
    Ich habe nicht gengend Vertrauen in meine Kunst - auch nicht in die des
Arztes, der ihn jetzt neben mir behandelt - ich habe noch Professor Linden
gerufen. Er wandte sich an die knieende Sylvia: Grfin Sylvia, Doktor Linden
kann jeden Augenblick kommen. Wollen Sie vielleicht unterdessen ins Nebenzimmer?
-
    Sie hob den Kopf.
    Das hat ja Zeit, bis er da ist - und wenn er mich fortschickt.
    Dann hat er Sie aber schon gesehen. - Sylvia blickte verstndnislos. -
Ich meine, es knnte dann bekannt werden ... Doktor Linden kommt berall herum
... und nach allem, was man in der Stadt erzhlt -
    Ist mein Platz nicht hier, meinen Sie?
    Mein Gott, die bse Welt -
    Ein Ausdruck tiefster Geringschtzung flog ber Sylvias Zge:
    Ich bleibe. Und wieder vergrub sie den Kopf in die Decke am Bettrand.
Bresser hatte sie verstanden: angesichts von Liebe und Tod - diesen beiden
erhabenen Gewalten - war dem jungen Weibe das, was er vorhin die Welt genannt,
zu einem Nichts geschrumpft.
    Der erwartete berhmte Professor kam. Er konnte nur besttigen, was Doktor
Bresser selber gefunden: die Gefahr war gro. Natrlich hatte er die beiden
Damen erkannt und wohl darber gestaunt, da diejenige, deren Gatte - ihretwegen
- den Rivalen verwundet hatte, an diesem Krankenbette weilte, aber er lie davon
nichts merken.
    Er verordnete weiter nichts als eine hohe Dosis Chinin zur Niederschlagung
des Fiebers. Gelnge es nicht, die 40 Grad-Temperatur herabzudrcken, stiege sie
noch ber 41, so wre das das Ende ... aber es war ja mglich, da ... nun, er
wollte am selben Abend noch einmal nachsehen.
    Im Vorzimmer ging es lebhaft her. Ein Zeitungsreporter reichte dem andern
die Stiegentrklinke. Auch andere Leute in Menge kamen Nachricht zu holen ber
den Zustand des Dichters. Bressers Diener gab Auskunft ber das Befinden und den
Zeitungsmenschen teilte er die Bulletins mit, welche dann regelmig in allen
Morgen- und Abendblttern erschienen. Die ganze Stadt war voll Teilnahme und
etwas Skandalsucht mischte sich wohl auch dazu, man erzhlte sich in allerlei
Versionen, was die Ursache des Duells gewesen und der abgedroschene Satz 
cherchez la femme wiederholte sich in allen geistreich sein wollenden
Kommentaren.
    Es wurde Abend. Eine schirmberschattete Lampe in einer vom Bett entfernten
Ecke verbreitete nur sehr gedmpftes Licht in dem durch dunkle Tapeten und
Holzverkleidungen ohnehin dunkel erscheinenden Raume. Es war sein Studierzimmer,
in das der Doktor den verwundeten Sohn hatte betten lassen - das gerumigste
Gemach der Wohnung.
    Hugo war eingeschlummert. Sylvia sa neben ihm und hielt seine Hand in der
ihren. Auf einem Diwan am anderen Ende des Zimmers saen Doktor Bresser und
Martha nebeneinander, in mehr oder minder langen Zwischenrumen leise Worte
tauschend.
    Erinnern Sie sich, sagte Martha nach einer Pause, unserer Fahrt auf dem
Karren von Kniginhof nach Horowetz am Tage nach der Schlacht?
    Ich erinnere mich ... An dem Leichenhaufen vorbei, von dem die Raben
aufflogen. Das war doch noch trauriger.
    Nur schauriger - und ebenso berflssig.
    Ja, es ist dieselbe groe Snde: Zweikampf oder Hunderttausendkampf -
derselbe Wahn, da man mit Tten etwas erreichen, etwas beweisen, etwas
gutmachen kann. Es ist alles so traurig, so traurig -
    Mein armer Freund ... Martha seufzte schmerzlich. Es war ihr unendlich weh
zu Mute. Dieser sterbende junge Mann, das verdorbene Schicksal ihrer Sylvia ...
Von Rudolf - der hatte auch gar harte Kmpfe aufgenommen - war sie schon lnger
ohne Nachricht. Die ganze Zukunft ihrer Kinder (an sich dachte sie ja nicht)
schien ihr mit einem Male so verrammelt, die ganze Welt so verdstert. Bilder
aus der Vergangenheit stiegen vor ihrer Erinnerung auf, alle so grausig wie das,
welches sie vorhin wachgerufen: der vom Leichenhaufen an der zerschossenen
Kirchhofsmauer in den von fahlem Mondlicht erhellten Nachthimmel auffliegende
Rabenschwarm ... Sie sah den Novemberregentag auf dem Grberfeld von Sadowa, da
der junge Kaiser in Trnen ausbrach - die schmucklosen Srge sah sie, in denen
man im Laufe einer einzigen Woche - der Grumitzer Cholerawoche - - ihre drei
blhenden Geschwister hinausgetragen - und, das frchterlichste Bild von allen:
zusammenstrzend unter dem Feuer des Exekutionspelotons, die geliebte Gestalt
ihres Friedrich - -
    Der Kranke erwachte.
    Wasser! bat er leise.
    Der alte Doktor strzte hinzu, aber Sylvia hatte schon ein Glas gefllt und
mit erregungszitternder Hand an Hugos Lippen gesetzt. Er trank mhsam, aber
gierig. Dann sank sein Kopf auf das Kissen zurck; er hatte sie wieder nicht
erkannt.
    Seit Sylvia hierhergekommen - jetzt war es schon am dritten Tage - hatte er
noch mit keinem Wort und keinem Blick gezeigt, da er wute, wer da neben ihm
war. Sie lechzte danach, von ihm erkannt zu werden. Sie wute, da ihre Nhe ihn
beglckt htte; es war ihr schrecklich, da er nicht imstande war, dieses Glck
- vielleicht das letzte - noch zu fhlen. Vergebens hatte sie ihm zugeflstert:
Hugo, Hugo, ich bin's - sieh mich an - Deine, Deine Sylvia! Vergebens ihm ins
Auge geschaut, die verzehrendste Leidenschaft, die innigste Zrtlichkeit im
eigenen Blick - seine armen, fieberbrennenden Augen irrten wie hilfesuchend
umher und nicht ein Schein von Verstndnis und Bewutsein. Das war ja gar nicht
Hugo, der da lag, nicht ihr Dichter, von dem sie angebetet wurde, das war nur
ein zuckender, leidender Krper mit zwar noch nicht entflohener, aber abwesender
Seele.
    Gegen zehn Uhr kam der Professor wieder. Er fand - was auch Doktor Bresser
schon konstatiert hatte - da das Fieber bedeutend nachgelassen.
    Das ist gnstig, setzte er hinzu.
    Sylvia erbebte. Wie ein seliger Hoffnungsblitz hatte sie dieses Wort
durchfahren.
    Beim Fortgehen gab der berhmte Arzt die Mglichkeit zu, da der junge Mann
davonkomme. Die folgende Nacht wrde er wahrscheinlich ruhig schlafen. Da wre
viel gewonnen. Und beim nchsten Erwachen - Hugo war wieder eingeschlummert -
wrde er wohl bei Bewutsein sein.
    Bei Bewutsein - auch dieses Wort durchfuhr Sylvia mit sehnsuchtsheier
Freude - ein Wiedersehen wrde das ja sein!
    Martha schlug vor, da man nach Hause fahre. Sylvia aber weigerte sich.
    Ich weiche nicht mehr von hinnen, bis er gerettet ist, oder -
    Tot brachte sie nicht ber die Lippen. Um keinen Preis htte sie den
Augenblick versumen wollen, den der Professor vorher gesagt - den Augenblick
des zurckkehrenden Bewutseins. Wenn er erwachte, mute sein erster Blick auf
sie fallen - dann wrde es ein glckliches Erwachen sein, das wute sie.
    Als Martha sah, da ihre Tochter so fest entschlossen war, zu bleiben,
verzichtete auch sie auf das Nachhausegehen. Doktor Bresser stellte ihr sein
Schlafzimmer zur Verfgung - er selber wollte bei seinem Sohne wachen. Auch
Sylvia bot er an, ihr in einem Nebenraum ein Bett aufschlagen zu lassen, sie
aber erklrte, da sie sich von dem Lehnstuhl an Hugos Seite nicht rhren werde
- sie knne auch da ruhen. Martha nahm des Doktors Antrag an und zog sich
zurck.
    Zwei Stunden spter. Hugos Atemzge gingen regelmig und ruhig. Bresser lag
angekleidet auf dem Diwan und war eingeschlummert, ebenso die Wrterin, die in
einem Lehnstuhl neben dem Ofen ruhte. Die einzige Wache im Zimmer war Sylvia,
die beim Kopfende des Krankenbettes sa und unverwandten Blickes auf den
Daliegenden schaute, obwohl die geliebten Zge kaum auszunehmen waren, denn die
Lampe am anderen Ende des Zimmers war noch mehr herabgedreht worden und nur ein
ganz schwacher Schein ging davon aus. Die Wanduhr tickte hrbar - vor kurzem
hatte sie ein Uhr geschlagen. Im Ofen knisterten die brennenden Scheiter. Von
der Strae her, trotz der geschlossenen Lden, dringt von Zeit zu Zeit das
dumpfe Rollen eines vorberfahrenden Wagens - Leute, die von lustigen Festen
heimfuhren, vermutlich, und die keine Ahnung hatten von dem Bangen hier oben -
ein Bangen, das sich vielleicht bald in wilden Schmerz verwandeln konnte. Der
Gedanke, da der Geliebte sterben wrde, drngte sich ihr immer wieder auf.
Manchmal qulte sie sich absichtlich damit, sich vorzustellen, da er schon tot
sei - ein Faltenwurf der Decke auf seiner Brust warf einen Schatten, der bei
einiger Einbildung wie ein Kruzifix aussah ...
    So verging noch eine Stunde. Die Uhr holte schnarrend aus, um Zwei zu
schlagen. Zugleich regte sich der Kranke
    Sylvia sprang auf und neigte sich ber ihn. Seine Augen waren offen. Es
durchfuhr sie der gleiche selige Hoffnungsstrahl wie bei Professor Lindens Wort:
bei Bewutsein. Vielleicht jetzt ... vielleicht war er - er selber wieder da -
-
    Hugo, Hugo, kennst Du mich? rief sie leise, aber inbrnstig.
    Er war in der Tat zum Bewutsein erwacht. In raschen Erinnerungsblitzen
spielte sich in seinem Geiste das Vorgefallene ab: das Duell, die Verwundung,
der Transport hierher, die Operation und dann ein leeres Nichts. Und jetzt: ihr
Gesicht lag im Schatten, aber die Stimme hatte er erkannt - jetzt, ber ihn
gebeugt, das Weib seiner Liebe ...
    Sylvia, Sylvia, Du! - So hab' ich Dich wieder?
    Und auf immer ... bist gerettet - bist genesen ... ein langes Leben liegt
vor Dir, vor uns ... Nichts soll uns trennen. - Wie ist Dir? ... Wie fhlst Du
Dich?
    Ich bin glcklich, Sylvia, o so glckl - -
    Er erhob sich ein wenig, fiel aber mit einem durchdringenden
Schmerzensschrei wieder in die Kissen zurck.
    Da war auch schon Doktor Bresser an der Seite seines Sohnes und beugte sich
ber ihn.
    Er ist zu sich gekommen, sagte Sylvia, er hat mich erkannt. Nicht wahr,
Hugo - was ist Dir? ... Hugo, so sprich doch! ...
    Der alte Mann wehrte ihr ab:
    Still, er stirbt - -

                                     XXXIII


                         Martha Tilling an Graf Kolnos.

                                                           Grumitz im Juni 1895.

Teuerer Freund.
    Innigsten Dank dafr, da Sie mir Ihre baldige Rckkunft anzeigen und die
Adresse ihrer letzten Etappe geben. Da kann ich Ihnen wieder, wie schon einmal,
schreiben, was in der langen Zeit Ihrer Abwesenheit in meinen Kreisen
vorgefallen.
    Es war ein Drama, ein erschtterndes Drama. Sie werden ja alles hren, wenn
sie zurckkommen, aber vielleicht mit bertreibungen und Entstellungen. So
sollen Sie zuerst die ganze Wahrheit von mir erfahren.
    Wenige Tage, nachdem Ihr - wie nennen Sie's doch? - Ihr periodischer
Reiseraptus Sie gepackt hatte, Ziel: das Innere Afrikas -, hat sich das Drama
abgespielt. Vielleicht ist doch durch die Zeitungen die Kunde davon zu Ihnen
gedrungen? Aber Sie lesen ja keine Zeitungen in Ihrem Erholungsexil - und so
wissen Sie wohl nichts vom Duell Bresser-Delnitzky. Ja, mein Schwiegersohn hat
den jungen Dichter tdlich verwundet: Bresser war - nein, nicht Sylvias
Geliebter - er war von Sylvia geliebt. So sehr geliebt, da sie, unbekmmert um
das, was die Welt dazu sagen knnte, an sein Krankenlager eilte - ich mit ihr -
und da sie bei ihm blieb - ich mit ihr - bis zu seinem letzten Seufzer.
    Was dann folgte, war herzzerreiend. Mein Gott, ich habe ja in meinem
schwergeprften Leben viele Schauerszenen durchgemacht, die der unbarmherzige
Tragdiendichter Tod zu schaffen wei: die Agonien in den bhmischen Lazaretten,
die Cholerawoche in Grumitz, die Hinrichtung meines Liebsten ... zuletzt die
Verluste, die meinen Rudolf betroffen - aber ich dachte nicht, da ich noch
einmal einer Sterbestunde beiwohnen sollte, die mir eine ganz neue Art des
Schmerzes offenbaren wrde. Es ist ja nun vorber, Gott sei Dank - also kann
ich's sagen. In der Stunde, die ihr den Geliebten ihres Herzens entri, ist
meine arme Sylvia in so wahnsinnige Verzweiflung verfallen - da die anderen es
kurzweg Wahnsinn nannten; sie mute in eine Nervenheilanstalt gebracht werden,
wo man sie durch sechs Monate unter strengster Bewachung hielt, denn sie
versuchte es mehr als einmal, zum Fenster hinauszuspringen, oder den Kopf an die
Mauer zu schlagen. Nicht als bewuten Selbstmordversuch, sondern in Anfllen von
Fieberdelirium. Nach und nach wich die Umnachtung ihres Geistes und die
Schmerzparoxismen machten einer sanfteren Schwermut Platz; stundenlang weinte
sie an meiner Brust - ich besuchte sie natrlich tglich. Nach weiteren zwei
Monaten konnte die Anstalt sie als geheilt entlassen und seither lebt sie bei
mir. Immer noch tief melancholisch. - Aber, sie ist ja noch jung, ich rechne auf
die Heilkraft der Zeit; vielleicht bietet ihr das Schicksal doch noch Trost ...
    Die Scheidung ihrer Ehe ist vollzogen. Leider in einer Weise, als htte nur
sie alle Schuld. Anton hat vor kurzem seine Sngerin zur Grfin Delnitzky
gemacht. Diese hat das Theater verlassen und die beiden leben in dem Landhaus,
das Anton ihr schon vor Jahren geschenkt.
    Und Rudolf? Diese Frage htten Sie jetzt sicher an mich gestellt, wenn ich
Ihnen alles obige mndlich erzhlt htte; denn Sie wissen ja, da in meinen
Gedanken und Sorgen stets meine beiden Kinder den gleichen Platz einnehmen. Sie
lesen berhaupt in meiner Seele, Kolnos, und haben mich immer so gut verstanden,
- selbst damals, als Sie einem kurzen Irrtum sich hingegeben hatten - haben Sie
schnell begriffen, warum es nicht sein konnte ... doch davon reden wir
eigentlich niemals. Verzeihen Sie, da ich da an einer Erinnerung rhrte, die
ihnen vielleicht peinlich ist ... mir gehrt sie eben zu den lieben Erinnerungen
...
    Also Rudolf? Er war am Vorabend jenes Duells von Wien abgereist und erfuhr
davon erst nach einigen Tagen durch die Bltter. Vom Zustande Sylvias wute er
nichts. Ich wollte ihn nicht benachrichtigen, weil ich wute, das er
eingegangene Verpflichtungen erfllen mute und ich wollte ihm diese Aufgabe
nicht erschweren. Aber von anderer Seite erhielt er Mitteilung: da lste er
seine Engagements und eilte zu mir. Der Mutter und der Schwester in Unglck und
Bedrngnis beizustehen: das erkannte er als seine nchste Pflicht. - Und
wahrlich, seine Nhe hat mir wohlgetan.
    Noch ein anderes liebes Wesen hat sich um mich bemht - so viel Trost und
Aufrichtung als mglich zu bringen getrachtet: Cajetane Ranegg. So oft ich
allein war, kam sie zu mir; nur wenn Rudolf mir Gesellschaft leistete, ging sie
fort. Sogar in auffallender Weise; sie mied ihn, so gut sie konnte. Da sie ihn
lieb hat, wei ich schon lange ... ich habe es Ihnen ja auch gesagt, und meinen
Wunsch dazu, da er sie heimfhre, aber er will von Wiederverheiratung nichts
hren.
    Als Sylvia vollstndig genesen war, bersiedelten wir nach meinem alten
Grumitz, dem ich fr Brunnhof untreu geworden war. Ach, wie ist der Ort so
bevlkert von den Gespenstern meiner Jugend ... Rudolf brachte mich hierher und
reiste dann wieder ab - er mute das Versumte nachholen. Was er tut und denkt
und plant - das erzhle ich Ihnen mndlich. Ich bin ja noch immer mit ganzer
Seele bei den groen Aufgaben, die mein Gatte hinterlassen und mein Sohn
bernommen hat. So sehr der eigene Kummer - um meine unglckliche Sylvia - mich
auch bedrckt, so sehr ich selber leidend war, alle diese Sachen haben mein Herz
stark hergenommen (Herz nicht im bildlichen Sinne, sondern als Organ), und meine
Gesundheit ist arg erschttert - so habe ich doch nie aufgehrt, fr jene Ideale
- die meine Religion sind - zu sinnen und zu sorgen. Im Unglck flchtet ja
jeder zu seiner Religion.
    Was soll ich Ihnen noch erzhlen? Max und Elisabeth Dotzky, die
seelenvergngt auf Brunnhof residieren (ob Rudolf da nicht bereilt gehandelt
hat? ... er wollte Ketten abstreifen, und doch: wie viele schleppt er noch
hinter sich!) also diese beiden glcklichen Leutchen haben - pour comble - auch
noch einen Thronerben bekommen - - Armes, kleines Fritzi ... es war ein gar so
lieber Bub'! Auch etwas, was ich nie recht verschmerzen kann. In der Kunst,
Gromutter zu sein, war ich eine so frohe Knstlerin ...
    Von Lori Griesbach hre ich schon lange nichts. Sie soll eine groe
Betschwester geworden sein: tgliche Frhmesse, Paramentensticken, Sammlung fr
Kirchenbaufonds, Protektion katholischer Vereine, Untersttzung der Missionen,
Verkehr mit dem hohen Klerus u.s.w. Den Tod ihrer Tochter und ihres Enkels
betrachtet sie - so sagte sie neulich einem gemeinsamen Freunde - als ein
gttliches Strafgericht fr die Familie Dotzky, weil die Dotzkys nicht von
echter Glubigkeit durchdrungen sind. Nun ja - es war ein harter Schlag fr die
Arme. Mge auch sie in ihrer Religion Trost und Sttze finden ... Vorausgesetzt,
da dieses fromme Gehaben nicht nur das Mitmachen einer eleganten Mode ist; denn
es wird ja in unseren Kreisen tglich mehr und mehr als bon ton betrachtet, sich
recht kirchlich zu zeigen - nach dem von oben gegebenen Beispiel.
    Hier in Grumitz leben wir drei Frauen uerst still und freuen uns nur der
sommerlichen Natur - es ist die Zeit der Rosenpracht. Wir drei, sagte ich.
Cajetane Ranegg ist nmlich mein Gast. Ich bin ihr unendlich dankbar dafr, denn
ihre Gesellschaft ist fr meine traurige Sylvia eine Wohltat, ein wahrer Segen.
Cajetane ist jung - und obwohl sie auch einen Herzenskummer hat - heiterer,
sonniger Gemtsart. Das ist ein Umgang, der fr meine Rekonvaleszentin doch viel
ersprielicher ist, als der einer selber leidenden und wahrlich recht gedrckten
alten Frau.
    Nicht, da ich mich gar so alt fhlte ... Aber in den Augen junger Leute ...
Es mu ein Naturgesetz sein, da der Jugend wieder nur Jugend als vollgltig
erscheint. -
    Ob meine Freundin Ranegg damit einverstanden ist, da ihre Tochter hierher
kam und sich der meinen so sehr angeschlossen hat, wei ich nicht. Die
Scheidung, die Duellaffre, die auf Bressers Tod folgende Nervenkrankheit:
alles das sind Dinge, die einer so korrekten Frau wie Grfin Ranegg gewi
Skrupel einflen; dagegen ist diese Frau doch auch wieder viel zu weitherzig,
um etwa ihrer Tochter verbieten zu wollen, uns beide mit ihrer lieben Nhe zu
trsten. Auch mir ist Cajetane eine wahre Aufrichtung. Ich liebe sie einfach.
Und sie mich - das fhl' ich genau. Wenn ich auch wei, da ich ihr nur per
procura teuer bin, das tut nichts. Im Gegenteil: ich bin ihr dankbar fr das,
was sie fr meinen Sohn empfindet. Ich kann mit ihr ber seine Plne sprechen -
sie folgt mit liebevollstem Verstndnis. Von ihm erscheint ihr alles erhaben und
schn. Vielleicht wrde sie, wenn er das Gegenteil von dem vertrte, was er
vertritt, dies ebenso bewundern - ich wei es nicht; aber es tut mir wohl, zu
wissen, da fr meinen einsamen Rudolf ein so liebendes Herz schlgt ... Wer
wei, wenn ihn einst die Einsamkeit, die Heimlosigkeit drckt, so wird er - -
Lachen Sie mich nicht aus, Kolnos, da ich mich so als Heiratsstifterin entpuppe
... man kann nicht ungestraft so glcklich in der Ehe gewesen sein, wie ich es
war - genug, dieser Brief ist ungebhrlich lang geworden. Auf Wiedersehen - ich
rechne auf Ihren Besuch.

                                     XXXIV


Rudolf hatte sich von den Erschtterungen wieder erholt, die er durch den
unliebsamen Wirtshausabend und wenige Tage darauf durch die unglcklichen
Ereignisse im Hause Delnitzky erlitten hatte. Nun war seine Schwester wieder auf
dem Wege der Genesung, und manche erhebende Eindrcke und Erfahrungen auf
sozialem Gebiet hatten die deprimierenden Eindrcke jener Wiener Vorstadtepisode
wett gemacht. Da in einer Kampf- und bergangsepoche, wie die, in der er lebte,
zwei Weltanschauungen - mehr noch, zwei Weltordnungen miteinander ringen, an
manchen Orten und durch einige Zeit die rckstndige Sache Siege feiert, das
darf einen, der auf der andern Seite kmpft, nicht entmutigen; das darf ihn vor
allem den Blick nicht trben fr die Siegesanzeichen im eigenen Lager. Es kommt
nur darauf an, wohin man den aufmerksamen Blick wendet. Und in letzter Zeit
hatte Rudolf Gelegenheit gesucht und gefunden, die lichtvollen Phasen der
sozialen Entwicklung zu beobachten und sich mit den Dingen und Personen zu
beschftigen, die dem Eintritt einer neuen ra vorarbeiten.
    Was auf der anderen Seite noch so stark vorherrscht: das Elend in den
unteren Schichten - Unwissenheit und Lasterhaftigkeit - verteilt in allen
Schichten, - - die aufgestachelten Verfolgungsgelste der Nationen und Rassen,
die Verherrlichung des Gewaltprinzips in den machthabenden Sphren - das alles
bersah er nicht. Doch er fhlte darber hinweg den Hauch des neuen Geistes. Des
Geistes, der berufen war, diese Dinge zu berwinden. Sie gelten ja nicht mehr
allgemein als unabnderliche Tatsachen, mit denen man sich abfinden mu, sondern
als zu lsende Probleme und allenthalben waren Krfte an der Arbeit, die
Lsungen herbeizufhren. Bewute Krfte neben den unbewuten.
    Der alte Jammer war noch lange nicht gebannt, aber die Kulturmenschheit hat
ihm sozusagen gekndigt, ihm das Dienstverhltnis aufgesagt.
    Was Rudolf am meisten anspornte und in gehobene Stimmung versetzte, war der
persnliche Verkehr mit Gesinnungsgenossen. Darin fand er den positiven Trost,
da eine ganze Phalanx von Geistern demselben Ziele zusteuert, das er winken
sah; er war also kein vereinzelter Trumer, kein allzuverfrhter Herold. Schon
lange hatte er mit den Fhrern der verschiedenen fortschreitenden Ideen in
brieflichem Verkehr gestanden; jetzt hatte er sie selber aufgesucht, um im
lebendigem Gedanken- und Gefhlsaustausch mit ihnen die eigene Zuversicht zu
strken. Er war nach Berlin gefahren, um sich Moritz von Egidy vorzustellen, und
hatte sich dort nicht nur an den ffentlichen - - von einer Zuhrerschaft von
Tausenden bejubelten Vortrgen, sondern auch an dem intimen Umgang des
herrlichen Menschen erlabt.
    Er eilte dann nach England. Das war nicht nur eine Wallfahrt zu Herbert
Spencer, dessen Werke die Grundlagen zu seinem eigenen Denken gebildet, sondern
dieses freieste Land Europas, mit seiner Immunitt gegen den festlndischen
Militarismus, erschien ihm als der eigentliche Hort des Friedensgedankens, wie
es ja tatschlich, neben den Vereinigten Staaten Nordamerikas, die Wiege des
Friedensgedankens ist. Wenn auch dort wie berall eine Jingopartei existierte
und die groen Massen noch nicht von der Idee eines gesicherten Weltfriedens
durchdrungen waren, so bot England damals die sonst nirgends existierende
Tatsache, da die Regierung - in der Person ihres zum viertenmal als solchen
fungierenden Premier - das Prinzip des Vlkerschiedsgerichts vertrat. Da wenige
Jahre spter gerade in diesem Lande der Kriegsgeist am heftigsten aufflackern,
die Gladstones Prinzipien grndlich abgeschworen wrden - das sah Rudolf
freilich nicht voraus.
    Auch zu dem grand old man wallfahrtete er. Als er ihn besuchte, war ein
Freund des Meisters in dessen Arbeitszimmer anwesend: Unterhausmitglied Philip
Stanhope - jngerer Bruder Lord Chersterfields - auch ein Friedenskmpfer und
Mitglied der Interparlamentarischen Union. Das Gesprch fiel auf die nchste
Konferenz dieser Union, die in diesem Jahre - 1894 - im Saale der ersten Kammer
der hollndischen Generalstaaten zusammen treten sollte.
    Ich habe meinem Freund Stanhope eine Mission fr diese Konferenz gegeben,
sagte Gladstone. Schon im Vorjahre, fgte er hinzu, habe ich im Parlament es
ausgesprochen - anllich des Antrages Cremers und Sir John Lubbocks einen
stndigen Schiedsgerichtsvertrag mit den Vereinigten Staaten abzuschlieen. Ich
habe den Antrag untersttzt; habe aber hinzugesetzt, da so wertvoll die
abgegebenen Erklrungen zu gunsten der Arbitrage und gegen die bertriebenen
Rstungen auch seien, es noch ein anderes Mittel gibt, vorzugehen, auf welches
ich einen besonderen Wert lege, das ist: die Grndung eines Tribunals zu
provozieren - eines Zentral-Tribunals Europas, eines hohen Rats der Mchte. Mein
Freund Stanhope wird diese Idee vor der Konferenz weiter ausfhren.
    Im folgenden September wohnte Rudolf im Haag dieser Konferenz bei, nicht als
Teilnehmer, sondern als Zuhrer.
    Zu Punkt drei der Tagesordnung: Vorbereitung eines Organisationsplanes
eines internationalen Schiedsgerichtstribunals fhrte der Referent, Mr.
Stanhope, Gladstones Worte ber das europische Zentral-Tribunal, ber den
hohen Rat der Mchte an und fuhr fort:

    Unsere Aufgabe ist es nun, diese Forderung mutig vor die Regierungen zu
    bringen. Alles, was bis jetzt an sogenanntem Vlkerrechte besteht, ist ohne
    eigentliche Grundlage gewesen, auf Zuflle, auf Przedenzflle, auf
    Entscheidungen von Frsten aufgebaut. Daher ist das Vlkerrecht diejenige
    Wissenschaft, welche die wenigsten Fortschritte gemacht - eine
    widerspruchsvolle Anhufung von vaguen Paperassen. Zwei groe
    Notwendigkeiten liegen vor den zivilisierten Vlkern: Ein internationales
    Tribunal und ein Kodex, der dem modernen Geist entspricht und sich elastisch
    den neuen Fortschritten fgen knnte. Damit wre der Triumph der Kultur
    erreicht und die verbrecherische Zuflucht zum Massentotschlag abgeschnitten.
    Wie die Dinge heute stehen, werden in jedem Parlament neue Militrkredite
    gefordert und wir werden von der Presse zur Bewilligung gepeitscht. Anders
    wre es, wenn wir antworten knnten: Die Gefahren, gegen die die verlangten
    Rstungen uns schtzen sollen, wrden durch das von uns verlangte Tribunal
    beseitigt. Darum soll ein Projekt ausgearbeitet werden, das wir den
    Regierungen vorlegen knnten.

Mit groer Genugtuung hrte Rudolf diesen Worten zu. So war denn die Bewegung
vom Gebiet der Theorie in die Wege der Praxis geleitet. Gespannt folgte er der
an Stanhopes Antrag sich knpfenden Diskussion. Vorerst der allen groen
Initiativen gegenber - wie es scheint - unvermeidliche Hemmversuch: Es sei fr
die Mitglieder der Konferenz ntig, sagte ein Opponent, nur greifbare,
ausfhrbare Antrge zum Beschlu zu erheben, welche in den verschiedenen
Parlamenten mit einiger Wahrscheinlichkeit der Annahme vorgelegt werden knnten;
nun wrde aber Herr von Caprivi sicher nie den Vorschlag eines internationalen
Tribunales in Erwgung ziehen, - auch msse man vermeiden, durch derlei Plne
den Fluch der Lcherlichkeit auf sich zu ziehen; die Gegner seien nur allzusehr
geneigt, die Konferenzbesucher als Trumer zu verspotten.
    Ach, bemerkte Rudolf halblaut zu seinem Galerienachbar: Die Rcksicht auf
das Lachen der Toren wrde alles Vorschreiten der Weisheit hindern.
    Dem Opponenten wird aber entgegen getreten. Houseau de Lehaie spricht fr
die Vorlage und sagt, da angesichts so groer Gesinnungen wie die soeben hier
entwickelten, angesichts der Begrndung einer Sache durch Mnner wie Stanhope
und Gladstone das Wort lcherlich berhaupt nicht mehr ausgesprochen werden
darf. - Lauter Beifall. - Noch ein zweiter erhebt sich fr den Vorschlag: der
ehrwrdige Frederic Passy. Gegen ein anderes vorhin angewendetes Wort will ich
protestieren, sagte er - das Wort nie. Es ist noch gar kein groer
Fortschritt, gar nichts neues berhaupt zur Geltung gekommen, von dem nicht
anfnglich behauptet worden wre, es knne nie geschehen. Da z.B.
Parlamentarier aus allen Lndern zusammentreten, um ber Weltfrieden zu
verhandeln, da sie dies im Sitzungssaale der ersten Kammer eines monarchischen
Staates tun werden ... wie viele htten auf die Frage, wann solches sich
zutragen knne, nicht geantwortet: Nie!
    Den Verlauf dieser Verhandlung hatte Rudolf stenographiert und seiner Mutter
geschickt. Er schrieb dazu:
    Hier hast Du etwas fr Dein Protokoll. Htte Tilling das erlebt! Der Plan
wird ausgearbeitet und an alle Regierungen verschickt werden. Nach und nach
inkarniert sich doch das Wort. Diesmal stammt es ja von einem Regierungsleiter.
Ein Beweis, da auch schon in den Regionen, wo man kann, der Wille erwacht, der
bisher nur in den Regionen, wo man wnscht, ein dunkles, verlachtes Dasein
fhrte. - Freilich gerade jetzt tobt im fernen Osten wieder ein grausamer Krieg
(hast Du die haarstrubenden Chroniken aus Port Arthur gelesen?) - wrde Europa
da doch Einhalt gebieten! ... Aber war es nicht Europa, das den Chinesen und den
Japanern das Kriegshandwerk gelehrt und sie mit den modernsten Waffen
ausgerstet hat! Das alte System treibt eben berall noch seine Frchte. Doch
das neue bereitet sich unablssig vor - fr die Massen unsichtbar, fr uns
Kundige sichtbar vor.
    Die geplante Vortragsreise, die durch das Unglck seiner Schwester, die ihn
nach Wien zurckberufen hatte, unterblieben war, hatte Rudolf spter dennoch
ausgefhrt. Ob er dadurch viele Adepten gemacht, war ihm zweifelhaft, da er
sich aber in seinen Ansichten gefestigt und seinen Gedankenhorizont erweitert
hatte, dessen war er sich deutlich bewut.
    Neben der lebendigen Anregung, die er in der persnlichen Berhrung mit den
fhrenden Geistern unter den Zeitgenossen fand, vertiefte er sich auch in deren
Schriften und verfolgte berhaupt alles, was von neuen wissenschaftlichen und
dichterischen Erscheinungen die Welt bewegte. Dennoch: bei all diesem
leidenschaftlichen Interesse an dem Gang der Welt, bei dem Eifer, mit dem er
selber suchte, zur allgemeinen Kulturarbeit sein Scherflein beizutragen, erfate
ihn manchmal ein Gefhl von Einsamkeit und Lebensleere. Das waren Anflle, die
zuerst nur selten sich einstellten und schnell verflogen, dann aber in immer
krzeren Zwischenrumen wiederkehrten und immer lnger anhielten. Es war, wenn
es kam, eine dumpfe, beengte, schwermtige Stimmung - etwas aussichts- und
hoffnungsloses - ganz und gar heimatloses. - Der Anspruch an persnliches Glck,
der sich in jedem Geschpfe regt (auch beim entsagungsvollsten Asketen, der ja
die ewige Seligkeit erstrebt), der machte sich fhlbar durch unbestimmtes
Sehnen, durch qulende Selbstvorwrfe. Als ob ein zweites Ich in ihm wre, das
dem andern bitter zurief: Wag gibst Du alles fr die undankbare Mitwelt hin -
wie sorgst Du fr die ungeborenen Geschlechter, und wie vergissest Du dabei mich
und meine Rechte ... bin ich denn der Garniemand?
    Am besten wurde Rudolf den inneren Nrgler los, wenn er sich unter
Mitstrebende mengte. Und so folgte er gern der Einladung, der
interparlamentarischen Konferenz beizuwohnen, welche im August 1895 in Brssel
tagte, und wo das Projekt, das in der vorherigen Konferenz angeregt worden,
fertig vorgelegt werden sollte.
    Zum ersten Male war in dieser Krperschaft das Knigreich Ungarn vertreten
und zwar, in glnzendster Weise, durch seinen berhmtesten Schriftsteller:
Maurus Jokai und seinen grten politischen Redner: Graf Albert Apponyi.
    Der Entwurf zur Einsetzung und Organisation eines stndigen internationalen
Schiedsgerichtshofes - - aufgesetzt vom belgischen Senator Chevalier Descamps -
fand die Genehmigung der Konferenz und dessen Versendung an alle Regierungen
ward beschlossen.
    Eben wollte Rudolf dieses Ergebnis, das ihm sehr verheiungsvoll schien,
seiner Mutter schreiben, als er ein Telegramm aus Grumitz erhielt, des Inhalts:
    Komme sofort. Mutter sehr krank. Sylvia.

Mit dem nchsten Zuge fuhr er heimwrts. Die Depesche hatte ihm einen
schmerzlichen Schlag versetzt; er argwhnte, da das Wort sehr krank nur eine
schonende Vorbereitung auf das schon eingetroffene Schlimmste war.
    Wie sehr er an seiner Mutter hing, das empfand er jetzt, da er sie verloren
whnte, mit doppelter Klarheit. Einsam hatte er sich oft gefhlt, in letzter
Zeit? ... Nun begriff er erst, da die wahre Vereinsamung erst dann sein Los
sein wrde, wenn diese Vertraute, mehr noch, diese Eingeberin seines Strebens
ihm entrissen wre.
    Wenn er sie nur noch am Leben fnde? ... Wenn er ihr doch noch einmal sagen
knnte, wie teuer sie ihm war, und ihr zuschwren, da er weiter arbeiten wolle
an Tillings Mission ...
    Es war eine traurige, bange Reise. Manchmal klammerte er sich an den
Gedanken, da sie ja wieder gesund werden und noch lange leben knne; dann aber
sah er sie wieder im Sarge liegen, in die Gruft versenkt - -

Als er in die Endstation einfuhr, von wo noch eine halbstndige Wagenfahrt nach
Grumitz lag, war seine Bangigkeit aufs hchste gesteigert, denn hier mute er
schon erfahren, ob die Schloherrin noch lebte oder nicht.
    Er sprang aus dem Waggon - da stand schon ein Grumitzer Diener.
    Wie geht es? fragte er atemlos.
    Besser, grfliche Gnaden, besser ... Vorgestern war's der Frau Baronin
recht schlecht - aber jetzt, sagt der Doktor, ist's wieder viel besser - bitt',
der Wagen ist da.
    Erleichterten Herzens und voll erneuter Hoffnung, da dieser Besserung volle
Genesung folgen werde, schwang sich Rudolf auf das bereitstehende
Kutschierwgelchen und nahm selber die Zgel zur Hand.
    Es war ein prchtiger Sommermittag, warm, sonnig und duftig. Der Weg fhrte
an weiten Feldern vorbei, durch einen hochstmmigen Wald, und hinter diesem kam
das Schlo in Sicht, zu dem eine lange Kastanienallee fhrte.
    In der Allee kamen zwei Frauengestalten dem Wagen entgegen. Rudolf hielt an,
warf die Zgel dem Diener zu und sprang vom Bock - schon von weitem hatte er die
beiden erkannt: Sylvia und Cajetane.
    Da letztere in Grumitz sei, hatte er nicht gewut, und er empfand es als
eine angenehme berraschung, sie zu sehen.
    Sylvia fiel dem Bruder um den Hals:
    Gott sei Dank, Rudi - es geht viel, viel besser ... sie ist wieder auf.
Aber vorgestern, als ich telegraphierte, glaubten wir, es sei das Ende - nicht
wahr, Cajetane?
    Das junge Mdchen nickte bejahend und reichte nun Rudolf die Hand. Es war
eine khle und bebende Hand.
    Ja, sagte sie, es war eine frchterliche Stunde.
    Sie gingen nun eilend zum Schlo. Dabei lie Rudolf sich erzhlen, was
vorgefallen. Es war ein Herzkrampf gewesen; schon der dritte oder vierte seit
ein paar Monaten, doch whrend die frheren ganz leichter Art gewesen, hatte
dieser letzte die bedrohliche Form eines Erstickungsanfalles gezeigt.
    Aber was sagt der Doktor?
    Da man mit einem Herzbel - bei richtiger Schonung und Behandlung -
achtzig Jahre alt werden kann. Das sagte nmlich der Arzt, den wir aus Wien
riefen; der hiesige, der den Anfall gesehen, war sehr erschrocken, und auf seine
Weisung hin habe ich Dir telegraphiert.
    Sylvia, whrend sie sprach, hatte sich in Rudolf eingehngt. Jetzt erst
bemerkte er, wie elend die junge Frau aussah, bla und abgemagert, und welch
rhrender Schmerzenszug auf ihrem - dabei doch immer - schnen Gesichte lag.
    Bist Du auch krank, Sylvia? fragte er teilnahmsvoll.
    Nein, nur unglcklich.
    Kannst Du Dich nicht trsten?
    Nie.
    Rudolf schwieg. Er wollte den banalen Trost nicht vorbringen, da die Zeit
solche Wunden heilt. Wer einen teuern Gram nhrt, empfindet solche Trostversuche
beinah als Beleidigung, das wute er, da gab es nichts anderes, als in der Tat
die Zeit wirken zu lassen - die groe Zerstrerin, die ja alles verlscht - zum
Glck auch das Unglcklichsein.
    Weit Du, sagte Sylvia nach einer Weile, wer es am besten versteht - ich
will nicht sagen, mich zu trsten, aber mein Leid zu teilen, zu verklaren, oder
gar auf Augenblicke vergessen zu machen? Hier, unsere liebe Caji -
    Sie waren vor dem Schlotor angelangt.
    Komm, jetzt fhre ich Dich zu unserer Mutter - sie erwartet Dich.

                                      XXXV


Martha Tilling hatte ihr Ruhebett zur offenen Balkontr schieben lassen, und
hier lag sie, mit Kissen unter dem Kopf und einer Decke ber dem Scho. Von
ihrem letzten Anfalle war ihr eine groe Mattigkeit geblieben, und trotz der
Sonnenwrme frstelte es sie.
    Rudolf trat herein und eilte auf das Lager zu:
    Mutter! Liebste!
    Er hatte sich neben sie gekniet und sie drckte seinen Kopf an ihre Brust.
    Mein Rudolf ... wie freu' ich mich, da Du da bist ... und da ich - nicht
fort bin.
    Du wirst bald wieder ganz gesund sein.
    Mglich ... Wollen's hoffen ... obgleich - - nein, frchterlich wre es mir
gewesen, wenn ich so pltzlich, ohne Dich noch einmal zu sehen ... das war mir
das Schmerzlichste bei meinem Anfall - wie ich glaubte, da es schon aus sei und
Du so weit weg ...
    Jetzt bleibe ich bei Dir, bis zu Deiner vollen Genesung -
    Oder bis zu meinem - nein, denken wir nicht daran ... ich bin so froh, da
Du gekommen bist. Wir werden uns ja so viel zu erzhlen haben.
    Als Rudolf einige Stunden spter sich in seinem Zimmer umgezogen hatte und
in das Speisezimmer zum Diner hinabging, fand er da auer Sylvia und Cajetane
den Grafen Kolnos, der seit einigen Wochen Marthas Gast in Grumitz war. Der
junge Mann empfand eine aufrichtige Freude, den lteren Freund hier zu treffen;
auch wute er, wie seine Mutter Kolnos schtzte und da es ihr lieb sein werde,
whrend ihrer Rekonvaleszenz dessen Gesellschaft zu genieen. Er war fest
berzeugt, da sie bald wieder hergestellt sein wrde. Die Angst, sie nicht mehr
zu finden, war so schmerzlich gewesen, da die darauf folgende Freude eine umso
intensivere war und nun keine neue Angst mehr aufkommen lie; - die Nhe des
schnen Mdchens - der Schreiberin der anonymen Briefe, das wute er lngst -
trug auch dazu bei, seine Stimmung zu heben; und in wirklich froher Laune nahm
er an der kleinen Tafelrunde Platz. Vergessen und verscheucht alle seine eigenen
Kampfsorgen - nur ein eigentmliches Gefhl von Herzensbehaglichkeit.
    Dieses Grumitzer Speisezimmer, wie weckte das auch so freundliche
Kindheitserinnerungen in ihm! Es war noch alles so wie vor dreiig Jahren:
dieselben Bilder Frucht und Wildstcke - an den Wnden; dieselbe groe
silberzeuggeschmckte Kredenz aus geschnitztem Eichenholz - diese unheimlichen
Vgel Greif mit den herabhngenden Flgeln und wie zum Schnappen offenen
Schnbeln, die hatten ihm stets einen ganz besonderen Eindruck gemacht - und wie
einem manchmal eine schwache Erinnerung an einen Duft, an einen Geschmack
durchzuckt, so durchzuckte ihn jetzt eine Mahnung an jene damals so starke
Vogel-Greif-Sensation; und andere Bilder daneben; wenn der kleine Junge zum
Dessert hereingefhrt wurde, da nahm ihn Gropapa Althaus auf den Scho und gab
ihm eine Frucht oder ein Bonbon; er sah noch den struppigen weien Schnurrbart,
den lose aufgeknpften blauen Generalsrock ...
    Alle diese Vergangenheits-Erinnerungen erhhten die Behaglichkeit seiner
Stimmung und in heiterem Tone begann er mit den anderen zu plaudern. Aber er
fand keinen Widerhall. Auf ihren Gesichtern lag ein dsterer Schatten. Sie
antworteten ihm einsilbig und in gedmpftem Ton. Von Sylvia wunderte ihn dieses
Gebaren nicht - sie trug ja schwer an ihrer Trauer, aber was bedrckte Kolnos
und Cajetane? Sollte die Gefahr doch nicht behoben sein - wuten sie etwa von
einer hoffnungslosen Prognose des Arztes?
    Warum seid Ihr so traurig? fragte er. Der Zustand unserer Kranken ist
doch nicht mehr furchterregend?
    Kolnos seufzte: Die unmittelbare Gefahr scheint gehoben, antwortete er,
aber -
    Aber was?
    Es war ein frchterlicher Moment vorgestern - und das kann sich wiederholen
- -
    Jetzt war Rudolfs momentane frohe Laune wieder verflogen. Er war sich
neuerdings bewut, da diesem Hause der Engel des Todes schon gar nahe gewesen;
hatte er doch vor wenigen Stunden selber gefrchtet, ihn hier zu finden ...
    Und mit diesem Stimmungswechsel tauchten jetzt auch andere Erinnerungsbilder
aus seiner Grumitzer Kinderzeit in ihm auf ... nichts mehr von Spielen und
Festen, sondern jene Sterbewoche des Kriegsjahres 1866, aus der sich eine Kette
von Angst- und Schreckensszenen in sein Gedchtnis gegraben hatte ...
    Der Rest des Mahles verlief ziemlich schweigsam. Gleich nach dem Essen
entfernte sich Sylvia, um bei der Mutter nachzusehen.
    Bring' uns Nachricht, sagte ihr Rudolf, und frage sie, ob jemand von uns
ihr heute noch Gesellschaft leisten soll.
    Nach einer Weile kam eine Kammerjungfer und richtete aus:
    Frau Grfin Sylvia lt sagen, da es der Frau Baronin viel besser ist, da
sie aber schon zu Bett gegangen und schlafen will - heute also niemand mehr
sehen will. Frau Grfin Sylvia bleibt bei ihr.
    Das Mdchen wandte sich zum Gehen. Cajetane rief ihr nach:
    Sagen Sie der Grfin Sylvia, da ich sie in der Nachtwache ablsen werde.
    Sehr wohl, Komte. Ich hab' so schon, wie gestern und vorgestern, im
Nebenzimmer fr Komte ein Bett aufgeschlagen.
    Wie gut Sie mit meiner Mutter sind, Cajetane -
    Weil ich sie liebe.
    Nach diesen Worten wurde das junge Mdchen feuerrot; es fiel ihm ein, da
man beim gesprochenen Wort nicht unterscheiden kann, ob das sie mit kleinem
oder groem Anfangsbuchstaben gedacht sei, und rasch verbesserte es sich: Weil
ich die Baronin Tilling liebe.
    Eine Welle von Zrtlichkeit erwrmte Rudolfs Herz. Er richtete einen
dankbaren Blick auf sie und drckte ihr stumm die Hand.
    Sie entfernte sich bald und die beiden Mnner blieben allein. Ein liebes
Geschpf, sagte Kolnos, nachdem sich die Tr hinter Cajetane geschlossen. Ich
wei, welcher Trost ihre Anwesenheit hier im Hause ist ... Und sie beweist
Charakterstrke, indem sie hier bleibt. Tglich erhlt sie Briefe von zu Hause,
wohin man sie zurckruft: die Ihren sind gar nicht damit einverstanden, da sie
so lange fortbleibt, und so manches andere ... Aber sie lt sich nicht irre
machen. Komm, ich schlage vor, da wir unsere Zigarren drauen rauchen; es ist
ja ein gar so wundervoller Abend.
    Die Fenstertren des Speisesaals fhrten auf eine Terrasse, vor welcher das
Blumenparterre des Parkes lag. Kolnos und Rudolf traten hinaus und lieen sich
da in zwei Schaukelsthle nieder. Die Luft war warm; am mondlosen Himmel
wimmelte es von funkelnden Sternen. Ein Duft von Violen und Heliothrop strich
von den Beeten herauf. Allerlei Nachtgeflster war vernehmbar: raschelndes Laub,
das Tropfen einer Fontne, ein ferner Unkenchor und nahes Grillenzirpen;
manchmal das Anschlagen eines Hundes vom Dorfe her und aus dem Schlosse, dessen
Fenster meist offen standen, hin und wieder die gedmpften Tne verrichteter
Hausarbeit: das Schlieen von Tren, Stimmen, Schritte.
    Aus den Fenstern des oberen Stockes, da, wo Marthas Zimmer lagen, drang ein
Schein durch die Jalousien. Kolnos schaute hinauf:
    Es ist noch Licht bei ihr, sagte er. Dann nach einer Weile: Hier auf der
Terrasse saen wir - sie und ich - vor einigen Tagen noch beisammen, und ich
mute ihr von meiner letzten Reise erzhlen. Es war vielleicht meine letzte ...
ich bin schon zu alt, um mich in fremden Zonen herumzutreiben.
    Wo bist Du diesmal gewesen?
    Ach, lassen wir das ... Mich drngt es, Dir etwas anderes zu erzhlen -
etwas, was weiter zurckliegt und was mir in diesen letzten Tagen, am Lager
Deiner Mutter, das ich fr ein Sterbelager hielt, wieder vor die Seele getreten
ist, so deutlich und lebendig - so -
    Was war es? fragte Rudolf, da Kolnos bewegt inne hielt.
    Die Erinnerung an meine letzte tiefe Leidenschaft. Du sollst es wissen,
Rudolf - ich habe Martha Tilling aus ganzer Seele geliebt.
    Du? ... Meine Mutter? rief der junge Mann erschttert. Und sie?
    Sie? Ach, Du kennst sie ja: sie hat dem Toten die Treue gewahrt. Ich werde
Dir einmal den Brief lesen lassen, worin sie das Angebot meiner Hand
zurckgewiesen hat.
    Wann war denn das? Da ich niemals eine Ahnung hatte ...
    In der Mitte der siebziger Jahre - sie war damals fnfunddreiig Jahre alt
- in der Vollentfaltung ihrer Schnheit. Wir hatten eine Zeitlang korrespondiert
anllich einer Gedichtsammlung, die ich verffentlicht hatte und worin sie
einige Strophen gegen den Krieg gefunden. Dann besuchte ich sie ... die
Innigkeit des Kultus, den sie dem verlorenen, auf so tragische Weise verlorenen
Gatten weihte, hielt mich davor zurck, meiner erwachenden Leidenschaft Ausdruck
zu geben. Aber wir verstanden uns in vielen Dingen so gut ... stundenlang
konnten wir miteinander sprechen ber Gott und die Welt. Ich fhlte, wie in ihr
Herz eine warme Freundschaft fr mich einzog und da - nach einem weiteren Jahre
- wagte ich, sie zu bitten, die Meine zu werden ... Ich htte es nicht tun
sollen - ich htte verstehen sollen, da ich Unmgliches wollte -
    Ja - ich kann es mir auch nicht vorstellen, da meine Mutter ihrem - heute
noch - Betrauerten jemals einen Nachfolger htte geben knnen.
    Fr mich war ihre Antwort - ihr sanftes, wehmtiges aber unverbrchliches
Nein ein harter Schlag. Damals unternahm ich meine erste groe berseeische
Reise, die mich drei Jahre von Europa fernhielt.
    Und kamst geheilt zurck? Ja, Zeit und Abwesenheit sind souverne Mittel
gegen Liebesschmerz.
    Nicht immer, versetze Kolnos kopfschttelnd. Du siehst es an Deiner
Mutter selber. Ich habe Linderung gefunden. Meine Leidenschaft hat sich in
Freundschaft verwandelt und jetzt - Na, jetzt sind wir ja beide alt - und die
Freundschaft ist auf beiden Seiten echt und treu. Ich kann Dir nicht sagen, wie
ich erschrak, als ihr so schlecht war ... sie zu verlieren, das Unglck wre -
    Reden wir nicht davon, unterbrach Rudolf. Ich hoffe fest, da sie wieder
gesund wird.
    Die beiden Mnner blieben noch lnger als eine Stunde im Gesprch; Rudolf
erzhlte von seinen jngsten Unternehmungen und Erfahrungen und daran knpfend,
besprachen sie bereinstimmend des jungen Mannes weitere Aktionsplne.
    Es war zehn Uhr und Kolnos zog sich auf sein Zimmer zurck. Rudolf blieb
noch eine Weile, in Gedanken versunken, auf der Terrasse sitzen. Dann stieg er
die Treppe zum Garten hinab; er wollte noch einen kurzen Rundgang in den
duftenden Laubgngen machen.
    Unterdessen war Cajetane Ranegg gleichfalls - von einer anderen Seite - in
den Garten gekommen; die herrliche Nacht hatte sie herausgelockt. In ihrem
Zimmer war sie von groer Unruhe geqult worden. Das Zusammentreffen mit dem so
heftig geliebten Mann hatte sie aufs tiefste erschttert. Wie sie ihn heute
kennen gelernt - als liebevollen, um das Leben der Mutter so zrtlich besorgten
Sohn - war er ihr noch teurer geworden. Morgen wollte sie abreisen ... Sie mute
ihn fliehen, wenn sie sich nicht verraten sollte. Vielleicht wute er schon, wie
es um sie stand. Die anonymen Briefe hatte er wohl durchschaut - und dennoch war
er kalt geblieben; sie hatte also nichts zu hoffen und ihr Stolz verbot ihr,
sich dem Verdacht auszusetzen, da sie ihn doch zu erobern trachtete. - Also
fort von Grumitz.
    Dieser Entschlu verursachte ihr Schmerz - aber sie war das ihrer Wrde
schuldig ... Der Violenduft der schnen Sommernacht erschien ihr wie der
Ausdruck ihres Schmerzes. Gerade wie Musik dasselbe zu sagen scheint - nur in
verstrktem Mae - was in der Stimme des bewegten Hrers liegt, so sprechen
mitunter auch Dfte nach, was die Seele des Atmenden erfllt: Sehnsucht,
Zrtlichkeit, Trauer.
    Um die Biegung eines dunklen Weges stieen die beiden Lustwandelnden
aneinander.
    O, Cajetane - - noch auf?
    Ihr Herz schlug heftig:
    Ja - ich ... ich - es ist eine so schne Nacht ...
    Wundervoll ...
    Er schob ihren Arm unter den seinen, als ob es ganz selbstverstndlich war,
da sie nun miteinander weiter promenieren sollten. Ein Glcksschauer
durchrieselte das junge Mdchen, dennoch hielt ihre Wehmut an, denn sie wute ja
doch, da sie hoffnungslos liebte.
    Rudolf begann von seiner Mutter zu sprechen. Das war doch die Frage, die ihn
jetzt am meisten erfllte: wrde das bel berwunden werden oder nicht? Und das
Bewutsein, da das Mdchen an seiner Seite von treuer Anhnglichkeit an die
Kranke beseelt war, machte sie ihm lieb und wert - mehr noch als die Kenntnis
ihrer Schwrmerei fr ihn. Aber auch diese war ihm s: geliebt von ihr - zum
ersten Male, seit er Cajetane kannte, ergriff ihn dieser Gedanke mit einer
dankbaren weichen Rhrung. Er drckte ihren Arm an sich und blieb stehen.
    Liebe Cajetane, sagte er innig. Es war ihm ganz warm ums Herz.
    Aber nein: falsche Hoffnungen durfte er ihr nicht machen. Gewaltsam ri er
sich aus der zrtlichen Stimmung heraus, und wieder weitergehend sagte er in
vernderten Ton:
    Wir mssen jetzt ins Haus zurck ... ich will noch einmal oben nachfragen.
Und Sie? ... Bleiben Sie noch drauen?
    Sie lie seinen Arm los.
    Ja, ich bleibe noch ... Gute Nacht.
    Also auf morgen.
    Er schttelte ihr die Hand und entfernte sich rasch.
    Cajetane wandte sich um und verlor sich in die dunklen Laubgnge. Der
Violenduft war jetzt noch viel beredter als zuvor. Das kurze Erlebnis hatte die
Strke ihrer Gefhle verdoppelt: doppelt verliebt und - im Gegensatz zu der
kurzen Seligkeit, die seine pltzliche Wrme erweckt und seine darauf folgende
Klte so schnell verscheuchte - doppelt unglcklich.
    Martha verbrachte eine gute, ruhige Nacht. Am folgenden Tag fhlte sie sich
so gekrftigt, da sie ausgehen wollte; das gab aber der Arzt nicht zu; sie
durfte sich nicht anstrengen.
    Um zwei Uhr nahm sie am Mittagessen im Speisezimmer teil; das Mahl wurde
begangen wie eine Genesungsfeier. Cajetane aber fehlte dabei; sie war am selben
Mittag nach Raneggburg zu ihren Eltern zurckgekehrt.
    Als Rudolf von dieser Abreise erfuhr, war er unangenehm betroffen; doch die
Freude ber die sichtliche Besserung seiner geliebten Kranken lie die
Mistimmung nicht aufkommen. Die Idee, nchste Tage in Raneggsburg einen Besuch
abzustatten, flog ihm durch den Sinn ... Er fragte:
    Warum ist sie so pltzlich abgereist? Ist etwas geschehen?
    Oh, ihre Mutter begehrte schon lange nach ihr - sie sollte schon vor
einigen Tagen fort und blieb nur wegen meiner Erkrankung ... und da ich jetzt
wieder wohl bin - - sagte Martha laut, leise fgte sie aber hinzu: Sie flieht
Dich.
    Im Laufe des Nachmittags besuchte Rudolf seine Mutter auf ihrem Zimmer. Sie
war allein.
    Wieder lag sie auf der Chaiselongue, denn es hatte sie pltzlich eine groe
Mattigkeit befallen und ein leiser Schmerz in der Herzgegend hatte sie daran
gemahnt, da der berstandene Anfall sich ber kurz oder lang wiederholen
knnte.
    Nun, wie geht's? rief Rudolf eintretend, in munterem Ton.
    Ach, leidlich ... Schn, da Du kommst - ich habe Dir viel zu sagen.
    Strenge Dich nur nicht an mit Reden.
    Er schob einen anderen Sessel herbei und setzte sich seitlich zu Fen der
Chaiselongue.
    Ich mchte sprechen, begann Martha, von dem, was nach meinem Tode -
    Nein, nein, das verbitte ich mir, unterbrach Rudolf ungestm. Du bist
wieder gesund - ans Sterben brauchst Du nicht zu denken - und ich will nichts
davon hren.
    Martha faltete die Hnde.
    Sei doch vernnftig! bat sie. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie qulend
mir jener Moment war, den ich fr das Ende hielt - weil Du nicht an meiner Seite
warst und ich Dir nicht alles sagen und von Dir nicht hren konnte, was wir zwei
uns zum Abschied zu sagen htten ... damit also solche Qual nicht wiederkomme,
lasse uns die gegenwrtige Stunde bentzen, in der Du bei mir bist und in der
ich die Kraft habe, zu sprechen. Du wirst ja wieder von hier abreisen: auch Dir
wird es eine Genugtuung sein - falls mir etwas geschieht - da wir nicht
auseinander gerissen worden, ohne uns gesagt zu haben, was zu sagen war. Also
reden wir jetzt, als wre es meine letzte Stunde ... es ist ja nur eine Fiktion
... der Schmerz fllt weg, aber die Feierlichkeit soll bleiben ... Wir sind doch
zwei vernnftige Menschen, Rudolf - wir wissen, da der Tod, wenn er einmal
angeklopft hat, bald wirklich zu kommen pflegt ... schttele nicht den Kopf - es
ist so ... Und wir wissen auch, da sein Kommen oder Wegbleiben nicht dadurch
bestimmt wird, ob man von ihm spricht oder nicht. Wir beiden haben schon
schlimmeren Todesfllen ins Gesicht geschaut, mein armer Sohn, als es der meine
wre! Ich habe meine Laufbahn vollbracht ... es ist Abend - ich frchte mich
nicht vor der Nacht.
    Sie nahm vom nebenstehenden Tischchen ein mit Limonade geflltes Glas und
tat einen tiefen Zug.
    So sprich, Mutter, ich hre, sagte Rudolf ehrerbietig.
    Ich bitte Dich - es ist meine letzte hchste Bitte - la niemals nach in
dem Werk, das Du begonnen hast ... Wenn Du viele Enttuschungen erlebst - wenn
Du auch wahrnimmst, da der eingeschlagene Weg nicht der richtige war, versuche
einen anderen, nur das Ziel verliere nicht aus den Augen - es handelt sich ja um
so Groes, so unausdenkbar Groes, um nichts Geringeres, als das Glck - das
Edelglck - der Welt, an Stelle ihres Elends.
    Ich verstehe Dich, schaltete er ein.
    Bei den letzten Worten, die sie mit vor innerer Erregung bebender Stimme
gesprochen, hatte sie sich ein wenig erhoben. Jetzt lehnte sie sich wieder ganz
zurck und fuhr in ruhigerem Tone fort:
    Man sollte meinen, wenn man diese Welt verlt, da es einem gleichgltig
sein mte, wie die Zukunft der knftigen Geschlechter sich entwickelt. Das ist
aber nicht der Fall, wenigstens nicht bei mir. Die Sehnsucht nach besseren
Zeiten fr unsere Enkel - wenn ich ja auch keine Enkel habe - brennt mir hier
auf meinem Totenbette ... - Rudolf machte eine Bewegung - es ist ja nur
Fiktion - brennt mir ebenso hei auf der Seele, wie in der Zeit jugendlicher
Lebenskraft, da man noch hoffen konnte, jene Zukunft selber zu erleben. Das mu
ein Naturtrieb sein, diese Sorge um ein Jenseits des eigenen Lebens; und auf das
Vorhandensein dieses Triebes sttze ich meinen Unsterblichkeitsglauben.
    Das tun die Glubigen auch, die auf einen Himmel hoffen.
    Ja, die erhoffen aber diesen Himmel fr ihr eigenes Ich - auerhalb der
Erde und auerhalb der Menschen. Solchen ist gewhnlich auch die Zukunft der
Gesellschaft ganz gleichgltig und sie arbeiten nichts dafr. Ich aber glaube an
ein allgemeines - nicht individuelles - ewiges Leben, ein Leben, an dem wir alle
gleich teilhaftig sind. Stets enthlt die Welt ein bewutes, leidendes,
genieendes, hherstrebendes Ich - gleichviel, ob die einzelnen Erscheinungen
davon hier und dort gestorben oder noch nicht geboren sind ... Aber lassen wir
das - um mich Dir verstndlich zu machen, mte ich lange sprechen, und ich mu
Dir ja anderes sagen.
    Ich glaube doch zu wissen, was Du meinst. Zum Beispiel: eine groe,
lodernde Flamme; die einzelnen Funken zerstieben, andere entznden sich - es ist
aber dasselbe Feuer und brennt weiter.
    Martha nickte:
    Und soll nicht nur weiter brennen, sondern immer lichter und immer heier,
damit jeder einzelne Funke, der sich neu entzndet, desto frhlicher sprhen
kann ... Und so wird das kommende Jahrhundert die krieglose, die elendlose Zeit
bringen, und die das herbeifhren helfen, erfllen das Gesetz ... die allein
sind auf dem richtigen Wege - mgen sich ihnen tausend Hindernisse
entgegenstemmen, mgen sie verkannt, verspottet - vernichtet werden, ihre Arbeit
baut das Kommende auf. berdauern sie den Ansturm der Gegenkrfte, so knnen sie
ihren Sieg noch sehen. Dir, Rudolf, kann es beschieden sein, Du bist noch jung.
    Ich sehe schon heute, Mutter, da jener Bau sich zu erheben beginnt, zu dem
ich einzelne - verschwindend kleine - Steinchen trage und so lange ich lebe,
tragen werde. La mich die Feierlichkeit dieser Fiktion, da Du eine Sterbende
seist, bentzen, um den unverbrchlichen Eid zu leisten, da ich in dem
begonnenen Kampfe niemals erlahmen werde, da keine Lockungen und keine Trbsale
mich vermgen sollen, von meiner Aufgabe abzulassen. Ich gestehe, da ich
manchmal verzagte ... in hnlichen Augenblicken werde ich an die gegenwrtige
Stunde denken, an diese feierliche Erneuerung meines Fahneneides.
    Bei den Worten: da Du eine Sterbende feist hatte er sich auf ein Knie
herabgleiten lassen und Marthas herabhngende Hand erfat. Zum Schlu drckte er
einen Ku darauf und setzte sich wieder auf seinen vorigen Platz.
    Danke, mein Kind. Und noch eins: glaube nicht, da ich - eine Art
weiblicher Abraham - meinen Sohn einem fremden Wohl opfern will. Ich sehe im
Gegenteil, da Dir die hchste Genugtuung winkt, wenn Du Dich dem Geist der
wachsenden Kultur verbndest, wenn Du - geschehe was wolle - ausharrst als
Streiter der Gte. Die Zukunft gehrt der Gte - das Wort stammt von Tilling -
aber damit die Gte zur Eroberin werde, zur Welteroberin, dazu braucht sie ihre
kraftvollen Helden. Mgest Du ein solcher sein! Dabei aber sollst Du nicht - ich
sagte es schon - hingeopfert werden. Die Arbeit am Glck anderer schliet das
eigene Glck nicht aus.
    Tilling war glcklich, sagte Rudolf nachdenklich.
    Ja - und auch ich. Weit Du, Rudolf, Du solltest - - doch nein, ich will
nicht etwa diese Stunde mibrauchen, um Dir etwas aufzuzwingen, wozu Dein
eigenes Herz Dich nicht drngt ... aber wenn Du Dich einmal einsam fhlst ...
Oder, sag' mir's offen: hast Du irgend eine Liebe, die -
    Nein, ich bin frei - und ich verstehe, wo Du hinauswillst ... Cajetane ...
Was meintest Du - bei Tisch - als Du sagtest, sie htte mich geflohen?
    Es ist so. Sie ahnt, da Du von ihrer Liebe weit, und dabei wei sie, da
Du nicht an sie denkst - also meidet sie Deine Nhe, aus Stolz und aus Furcht -
- Sie liebt und bewundert Dich so sehr, da sie ganz aufgehen wrde in Dein Tun
und Streben ... davon ist ihr nichts mehr fremd. Nicht nur, da sie alles
auswendig wei, was Du geschrieben und gesprochen - alle Berichte ber Deine
Vortrge besitzt sie - sie ist auch durch meine Schule gegangen. Ich habe sie in
unsere Ideale eingeweiht - Du hast auf der ganzen Welt keine verstndnisvollere
und begeistertere Anhngerin als sie, Rudolf. Doch genug - ich darf in dieser
Stunde nicht einen Druck auf Deine Entschlieungen ber - wenigstens in dieser
Richtung nicht. Da habe ich noch eine andre sterbende Bitte an Dich: Nimm Dich
unserer Sylvia an - sei ihr Sttze! Sie wird sich erholen - aber jetzt darf man
sie ihrem Grbeln nicht berlassen. Nimm Dich ihrer an.
    Ich verspreche es.
    So und jetzt - Martha erhob sich wieder in sitzende Lage - jetzt kehre
ich wieder zu den Lebenden, den vielleicht noch lange Lebenden zurck. Die
Fiktion ist vorber. Ich will gesund werden.
    Rudolf umarmte sie:
    Das hoffe ich zuversichtlich, Mutter!

Am nchsten Tage, als Mutter und Sohn wieder allein waren, kamen sie auf die
Gegenstnde zurck, die gestern in der fiktiven Sterbestunde besprochen worden -
diesmal aber ohne Pathos, in familirem Ton.
    Ich fhle mich heute wirklich viel besser, sagte Martha, vielleicht
wird's noch ganz gut.
    Aber gewi!
    Weit Du, obgleich ich das Sterben nicht frchte, das Leben ist mir doch
noch lieb. Es ist - abgesehen von seinen Freuden, die ja mit seinen Sorgen
abwechseln - an sich doch so interessant. Wenigstens fnf Jahre wollte ich noch
leben.
    Warum gerade fnf?
    Weil da ein neues Jahrhundert eintritt, und die Menschen dann vielleicht -
    Ach, das hoffe ich nicht, unterbrach Rudolf kopfschttelnd. Die Natur
macht keine Sprnge - die Zivilisation auch nicht. Sag' mir, Mutter, um von
nherliegenden Dingen zu reden: Du wolltest mir keinen bindenden Wunsch
aussprechen inbezug auf - - auf - Er stockte.
    Nun?
    Auf Cajetane - sag', wrdest Du es wnschen? ... ...
    O, wie sehr!
    Warum?
    Schon, damit sich Dein Adel fortpflanzt -
    Mein Adel? Darauf legst Du Wert? Nun aber ich dem Majorat entsagt habe -
    Miversteh' mich nicht. Nicht an den grflich Dotzkyschen Adel denke ich -
sondern an Deinen Rang als Edelmensch. Auch dieses Wort stammt von Tilling,
erinnerst Du Dich? - Und so wie Du den Rang von Tilling bernommen, so knntest
Du ihn einst einem Sohn bertragen. Den Stamm derer fortsetzen, die den Mut
haben, das Rechte, das sie sehen, auch zu ergreifen - Du wrdest ja Deine Kinder
danach erziehen.
    Schon wieder denkst Du an ferne Generationen? - Einstweilen trachte ich
erziehend auf meine Zeitgenossen zu wirken - die mich hren und die mich lesen,
und vor allem auf mich selber. Ich fhle, da ich in einemfort mich entwickle
und da ich noch sehr viel zu lernen und an mir zu formen habe. Man mu
bestndig auf seine innere Stimme horchen - man mu trachten, sein inneres Wesen
von allen ueren Hindernissen zu befreien -
    Man darf kein Kompromimensch sein, willst Du sagen?
    Die Unterhaltung wurde durch das Hinzukommen von Kolnos und Sylvia
unterbrochen.
    Kolnos berbrachte die eben eingelangten Postsachen und setzte sich damit zu
Martha, um ihr, wie es in den letzten Wochen zur Gewohnheit geworden, aus den
Zeitungen vorzulesen.
    Rudolf bentzte das, um seine Schwester in eine andre Ecke des Zimmers zu
fhren.
    Komm, Sylvia, la uns ein wenig plaudern; wir haben eigentlich garnicht
Gelegenheit gehabt - ich wollte, da Du mir Dein Herz ausschttest.
    Unterdessen sah Martha ihre Briefe durch. Sie gab zwei davon Kolnos.
    Lesen Sie mir das vor, es wird Sie interessieren.
    Er las:

                                                     Krasnoje Poljana, den - -.

    Auf die Gefahr hin, liebe Baronin, Sie zu langweilen, indem ich wiederhole,
    was ich so oft in meinen Schriften, und ich glaube, auch Ihnen schon gesagt
    habe, kann ich mich nicht enthalten, es noch einmal auszusprechen: je lter
    ich werde und je mehr ich ber die Frage des Krieges nachsinne, desto mehr
    bin ich berzeugt, da die einzige Lsung der Frage in der Weigerung der
    Brger lge, Soldaten zu werden. So lange jeder Mann im Alter von 20, 21
    Jahren seine Religion - nicht nur das Christentum, sondern auch das
    mosaische Gebot Du sollst nicht tten - abschwren und versprechen mu, alle
    niederzuschieen, die sein Chef ihm befiehlt - auch die Brder und Eltern -,
    solange wird der Krieg dauern und wird immer grausamer werden. Auf da der
    Krieg verschwinde, tut nur das eine not: Die Wiederherstellung der wahren
    Religion und damit der menschlichen Wrde. Man mu den Leuten zeigen, da
    sie selber es sind, die das Leid des Krieges hervorbringen, indem sie den
    Menschen mehr gehorchen, als Gott.
                                                                   Leo Tolstoi.

Was sagen Sie dazu? fragte Martha, halten Sie das von Tolstoi angegebene
Mittel wirklich fr das einzige?
    Ich glaube berhaupt nicht an einzige Mittel, antwortete Kolnos. Eine so
tausendfach verschlungene Sache, wie eine alte Institution es ist, die mu auch
von tausend verschiedenen Seiten angegriffen werden, um zu weichen. Und dann,
wer kann den einzelnen - anderen - zwingen hinzugehen und als Mrtyrer zu
sterben? - Auch die Sklaverei ist nicht dadurch aufgehoben worden, da die
Sklaven sich widersetzten ...
    Darauf las Kolnos den zweiten Brief:

                                                            Aulestad, Norwegen.

    Sie fragen mich, wie ich mir die Zukunft der Friedenssache denke? Immer im
    Bilde des Sonnenaufgangs. Fr uns Nordlnder kann der Sonnenaufgang so viel
    mehr bedeuten als fr Sdlnder - bisweilen erwartet und begrt wie ein
    Wunder. Die Finsternis war so erdrckend lang, die Stille unheimlich, die
    erste Glut ber den Felsenspitzen so trgerisch ... Es dauert und dauert und
    wchst, aber - keine Sonne! Auch wenn der Himmel schon hoffnungsvoll
    erstrahlt - noch immer keine Sonne! Und es ist kalt - eigentlich klter als
    frher, denn die Phantasie ist ungeduldig geworden.
        Da, auf einmal wie ein Blitz mitten in unsere Betrachtung hinein die so
        lange verkndete Majestt selber! So stark, so bezwingend, da die Augen
        sie nicht ertragen. Wir wenden den Blick zur Landschaft, die schon lange
        beseelt war, ohne da wir es merkten, - in die Luft, die schon lange
        erhellt war, ohne da wir es wahrnahmen. Alles, alles, bis hinab in die
        Tiefen und bis hinauf in die Hhen ist besonnt, klar, vollendet - von
        Wrme erfllt, von Tnen durchzogen ...
        So, meine ich, geschieht es uns. Wir merken in unserer Sehnsucht nicht,
        was sich vollzieht - wie nahe schon die groe Sonne des Weltfriedens
        ist. Es kommt etwas, das es bringt, wie ein Wunder. Aber es ist kein
        Wunder, wir sehen nur nicht in unserer Ungeduld, wie alles dafr
        vorbereitet war.
        Ihnen, liebe Frau, viele Gre
                                                         Bjrnstjerne Bjrnson.

Unterdessen hatte Rudolf seine Schwester neben sich auf ein kleines Sofa setzen
lassen. Er schaute sie voll besorgter Teilnahme an. Sie war so bla, und die
zarten Zge gar so schmal. -
    Nun, sag', wirst Du mir nicht wieder aufblhen? Du bist kaum achtundzwanzig
- was kann Dir das Leben noch alles bieten!
    Nichts. Und nach einer kleinen Pause: Hast Du den toten Stern gelesen,
Rudolf?
    Ja. Aber so denke doch nicht immer an den Verlorenen. Ich wei, da Dich
ein harter Schlag getroffen hat.
    Ach wre mein Unglck nur reuelos ...
    Reulos? Das bist Du nicht?
    Das bin ich nicht ...
    Meine arme Schwester, also doch?
    Was doch?
    Du warst seine - seine Gel -
    Sie unterbrach ihn mit heftiger Gebrde.
    Nein, nein ... das ist's ja eben - das nie genossene, das nie geschenkte
Glck. Man soll zum Glcke nicht spter sagen - spter kann eins von uns
gestorben sein - das schrieb er mir in seinem letzten Brief ... Und so kam es
auch - spter war er gestorben!
    Rudolf drckte ihr mitfhlend die Hand.
    Ach so! -
    Nach einer Weile versetzte er:
    Du darfst Dich Deinem Kummer nicht so standhaft hingeben, Sylvia. Nimm Du
Dir nicht als Beispiel die unverbrchliche Totentreue unserer Mutter. Du hast
kein gleiches Recht dazu. Wenn man jahrelang mit einem geliebten Wesen
verbunden, wenn man mit ihm eins gewesen, Glck und Unglck geteilt, - die
Seelen mit allen Gedanken und Wnschen verflochten, dann nur ist das
lebenslngliche Nachtrauern erlaubt. Aber Du und Hugo? - Glaubst Du, wenn er
Dich verloren htte, Dich, die er nie besessen - htte da nicht schon nach
kurzer Zeit eine neue Liebe seinen Dichtersinn erfllt?
    Du tust mir weh, Rudolf.
    Verzeih - eine rettende Hand mu manchmal rauh zugreifen -
    Mir geht Cajetane ab - die hatte eine gar zarte Art, mit meiner wunden
Seele umzugehen ... Da sie so pltzlich abgereist ist, macht mich bse - auf
Dich!
    Warum auf mich? Hab' ich Deine Freundin verjagt?
    O, Du weit ganz gut ...
    Ja, er wute. Und ein Wunsch, da die Geflohene da wre, erfate ihn. Am
liebsten htte er zu Sylvia gesagt: Schreib' ihr, da sie wiederkomme. Aber er
hielt sich zurck.

                                     XXXVI


Mitternacht. Martha war mehrere Tage so wohl und krftig gewesen, da sie selber
und auch ihre Umgebung es nicht mehr fr ntig befunden, da jemand bei ihr
wache, und sie war allein in ihrem Schlafzimmer.
    Sie fand aber keinen Schlaf und auch keine Ruhe. Eine eigene Beklemmung
schnrte ihr die Kehle zu und eine eigene Bangigkeit beschlich ihr Gemt. Sie
machte Licht und setzte sich im Bette auf. Die liegende Stellung hielt sie nicht
aus.
    Sollte sie der nebenan schlafenden Jungfer klingeln? Nein - wozu? - sie
brauchte ja nichts. Nur Luft. Die konnte sie sich selber verschaffen, wenn sie
das Fenster ffnete; wrde sie zu diesem Zweck die Jungfer rufen, so gbe das
gleich Alarm - es hiee: ein neuer Erstickungsanfall und das ganze Haus liefe
zusammen.
    Sie schlpfte in ihre Pantoffel und in einen auf dem Sessel neben dem Bett
liegenden weiten, weichen Schlafrock und ging sachten Schrittes zu dem Fenster,
dessen Flgel sie aufschlug.
    Eine frische, nach Sommerregen duftende Luft kam hereingestrmt. Man hrte
das Klatschen der dichtfallenden Tropfen auf das Laub und das Rieseln aus einer
Dachrinne. Martha atmete in tiefen Zgen die feuchte khle Luft ein und die
Brustbeklemmung wich; die Gemtsbangigkeit aber blieb - verstrkte sich sogar
zur Traurigkeit. Die Dunkelheit, das eintnige Gepltscher und selbst der starke
Regengeruch hatten etwas so melancholisches ... Ach nein, die Melancholische war
sie selber - nicht die feuchte Sommernacht - und jetzt wute sie auch - woher
ihre Augen sich mit Trnen fllten, was die Ursache ihres Bangens war: der
Gedanke an das Gestorben-, das Begrabensein ...
    Sie machte das Fenster wieder zu, nahm das Licht und ging durch die
offenstehende Tr in ihr anstoendes Schreibzimmer, da wo alle ihre geliebten
Reliquien waren und wo an allen Ecken und Enden die Andenken und Bilder Tillings
standen und hingen. Hier wollte sie nun recht grndlich an den Tod denken - hier
Abschied nehmen von ihren Erinnerungen und Abschied von sich selber.
    Sie warf sich in den Lehnstuhl vor dem Schreibtisch und rckte das Licht so,
da sein Schein auf die groe, gemalte Photographie Tillings fiel, die in einem
Rahmen auf dem Tische stand. Das liebe Antlitz schien sie anzublicken.
    Mein Friedrich! Langsam und hei rannen die zwei Trnen, die ihr ins Auge
getreten waren, ber die Wangen herab.
    Dann aber weinte sie nicht mehr. Nicht um zu trauern hatte sie sich hierher
gesetzt; denken wollte sie; sich noch einmal vergegenwrtigen, was sie in der
fingierten Todesstunde mit ihrem Sohn gesprochen; ob sie denn auch alles
Wesentliche gesagt! - Nein, lange nicht alles. Was auch immer im Leben sie
gesprochen oder geschrieben ber die groe Sache, die ihr auf dem Herzen lag,
stets war ein Rest geblieben; stets war das am heftigsten Empfundene, das am
klarsten Erkannte nicht ausgedrckt worden.
    Vorhin, im Dunkeln, als sie im Bette lag und ein krampfhaftes Zusammenziehen
ihres Herzens sie aus halbem Schlafe aufgeweckt, da war ihr mit einem einzigen
Gedanken ein volles Verstndnis aufgeblitzt fr den ganzen Jammer der sich
gegenseitig bedrohenden Menschheit und gleichzeitig fr die Erhabenheit des
Ziels, solchen Jammer zu verscheuchen, fr die einfache Erreichbarkeit des Ziels
- so intensiv schmerzlich, was den Jammer, so freudig hell, was die Rettung
betrifft - da sie whnte, jetzt und jetzt msse sie auch die Formel finden ...
aber whrend sie darnach mit den Gedankenfhlern tastete, war der ganze
Bewutseinszustand entschwunden. Jetzt, wo sie so dasa, versuchte sie, sich ihn
zurckzurufen - vergebens, andere Gedanken drngten sich heran: Sylvia, Cajetane
- und mit aller Gewalt, wie immer, wenn sie so seelisch erregt war, eine Flut
von Erinnerungen an ihren Verlorenen - aneinandergereiht alle die Bilder der an
Glck und Schmerz so reichen Ehezeit ... Wrde es sich ser, leichter sterben,
wenn er noch da wre? Wenn sie in der letzten Stunde den Kopf an seine Brust
lehnen knnte? Die arme, vor mehr als zwanzig Jahren zerschossene, lngst
verweste Brust ... Jetzt war die Reihe des Verwesens an ihr - zurck ins All,
die getrennten Atome. Bei dem Gedanken All - es ist ja doch nur ein anderes
Wort fr Gott - durchrieselte sie ein Andachtsschauer. So blieb sie versunken;
wenn sie auch um nichts bat - es war ein Beten.
    Dann nahm sie Tillings Bild in die Hand. Da sie beide einst so glcklich
gewesen, da sie einander so geliebt, das war eine unvertilgbare Wirklichkeit.
Unvertilgbar auch die Idee, deren Hut er ihr bergeben, und die sie nun in die
Hut ihres Sohnes gelegt. Wieder strengte sie sich an, eine geeignete Wortformel
zu finden, in der sich jene Ideen einkapseln lieen, wie kostbare Tropfen
Lebenselixiers in ein goldenes Flschchen -
    Drauen regnete es immer heftiger. Es hatte sich nun auch ein Wind erhoben,
der den Gu an die Scheiben peitschte und sich pfeifend in die Kamine warf. Die
klagenden Tne rissen Martha aus ihrem Sinnen heraus und verstrkten ihr
Bangigkeitsgefhl ... Sollte sie doch rufen? Ihre Kinder wrden ja herbeieilen,
sie zu beruhigen, zu trsten, ihre lieben, aber ach - so wenig glcklichen
Kinder ... Nein, wozu ihren Schlaf stren, ihnen berflssig Angst bereiten?
    Die moralische Bangigkeit ging wieder in physische Beklemmung ber. Ein
heftiger Schmerz in der Herzgegend steigerte sich zu Atemnot und lautes Sthnen
entrang sich ihrer Brust.
    Die Jungfer, die durch das Heulen des Windes schon frher erwacht war und
unter der Tr den Lichtschein sah, hrte jetzt dieses Sthnen und eilte ihrer
Herrin zu Hilfe. Sie fand sie nach Atem ringend und nun geschah, was Martha so
gern vermieden htte, das Haus ward alarmiert.
    Der Anfall dauerte aber nicht lange; bald lag Martha ganz ruhig atmend und
schmerzbefreit auf ihrem Bett, das ihre Kinder und die anderen umstanden.
    Der herbeigeholte Arzt des Ortes bat, man mge nach dem Wiener Professor
telegraphieren und es wurde ein reitender Bote nach der Station gesprengt.
Ebenso hatte Sylvia - einem gegebenen Versprechen gem - sofort an Cajetane
eine Depesche geschickt.
    Nach einer Stunde schlief Martha ein.
    Schlief ein und erwachte nicht wieder. Ein Herzschlag hatte ihrem Leben ein
sanftes Ende gemacht.

Mit demselben Zuge, als der Wiener Arzt, war am folgenden Nachmittag Cajetane
Ranegg in Grumitz angekommen. Schon auf der Station erfuhren beide, da alles
vorber sei.
    Schluchzend betrat das junge Mdchen das Sterbezimmer und strzte auf das
Lager der Toten, an dessen Seite Rudolf kniete. Sylvia sa in einiger
Entfernung, das Gesicht in den Hnden vergraben.
    Rudolf stand auf und trat auf Cajetane zu. Ein Strom von Zrtlichkeit
berflutete sein wundes Herz; er umschlang ihre Gestalt und weinte an ihrer
Achsel.
    Sie hat Dich unendlich lieb gehabt, Cajetane, sagte er.
    Da er mit diesem Du und mit dieser Umarmung sich verlobte, das fhlte er.
Doch er fhlte es wie einen lindernden Trost, wie die Erreichung eines Hafens. -
-
    Am nchsten Abend - bei der Toten wachten Sylvia und Kolnos - ging das
Brautpaar in denselben Laubgngen auf und nieder, wie neulich am Vorabend von
Cajetanes Abreise.
    Wieder dufteten die Violen so stark, aber diesmal hauchten sie dem jungen
Mdchen ganz andere Dinge zu als neulich. Es mischte sich - was freilich
Halluzination war - der Geruch der Wachskerzen dazu, die zu Hupten und zu Fen
der Aufgebahrten brannten - und so erzhlten die Violen von unverhofftem
Liebesglck und von dsterer Totenklage.
    So wie damals schob er ihren Arm unter den seinen.
    Wir haben einen Lieblingswunsch der Verlorenen erfllt, Cajetane, sagte
er.
    Sie erschrak.
    Wie? - Vielleicht nur deshalb? ... Nur um ihren letzten Willen zu
erfllen?
    Er schttelte den Kopf.
    Sie hat nichts befohlen. Sie wute nur, was mir frommt. Doch: eines hat sie
mir auferlegt und habe ich ihr zugeschworen: meinem Lebenswerke treu zu bleiben.
Bist Du darauf gefat, Kind, da es gilt, mir Vertraute, Kameradin zu sein?
    Ja, das will ich.
    Weit Du, da Du da verzichten mut auf Deine ganze gewohnte Umgebung, auf
den Beifall der Deinen, auf die Gemeinschaft mit ihnen?
    Ja, das wei ich.
    Du wirst mir folgen mssen in andere Lnder - und, wer wei, nicht nur als
freiwillige Reise - es ist ja alles mglich: vielleicht verkennt und verfolgt
man mich und weist mich aus.
    Alles will ich mit Dir teilen: auch die Verbannung, auch das Gefngnis -
selbst den Tod.
    Er blieb stehen.
    Vielleicht den Sieg, Geliebte, sagte er und drckte sie an sein Herz.

                     Harmannsdorf, Jnner 1901 - Mrz 1902.
