
                                Scheerbart, Paul

                                  Immer mutig!

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                Paul Scheerbart

                                  Immer mutig!

Ich hatte mich verstiegen.
    Und das kam mir so selbstverstndlich vor.
    So mute es kommen.
    Jetzt konnte ich nicht mehr weiter; rauf ging's nicht mehr und runter auch
nicht.
    Allerdings - runter wr's wohl gegangen - runterkommen kann man immer.
    Aber die Sache hatte einen Haken.
    Neben mir ging's hinunter in die Tiefe - da htte ich mich kopfber
hineinstrzen knnen - doch bei dem Sturz wre mir wohl der Atem vergangen - und
mein Krper wre wohl zu Brei geworden.
    Ich befand mich in einem Gebirge, das aus hartem Stein bestand.
    Es tat mir schon leid, da ich so rcksichtslos immer hher gestiegen war.
    Ich starrte die glatte Felswand vor mir nicht sehr geistreich an; in die
grausige Tiefe wagte ich nicht hinabzublicken, denn ich glaubte, nicht ganz
schwindelfest zu sein.
    Und siehe, da hob sich vor mir in der glatten Felswand eine Platte heraus
und schob sich zur Seite, und ich erblickte in der entstandenen ffnung ein
kleines Nilpferd, das kaum halb so gro war als ich selbst.
    Na, Onkelchen, sagte das Nilpferd, wohin willst Du?
    Ich habe mich verstiegen! erwiderte ich traurig.
    Das merkt'n Pferd! rief da das Nilpferdchen. Tritt nur nher! Oder -
willst Du abstrzen?
    Nein! Nein! sagte ich schnell.
    Und ich folgte dem kleinen Tier, das eine Lampe anzndete und mich durch
einen Felsengang fhrte ... Nach ein paar Augenblicken stand ich in einem
sauberen Felsensaal.
    Oben in den hohen, schwarzen Gewlben brannten weie Ampeln aus Milchglas;
Birnenform hatten die Ampeln - die Stengel hingen unten als dicke Schnre.
    Jetzt erst bemerkte ich, da das kleine Nilpferd, das wie ein Mensch auf den
Hinterbeinen ging, einen dunkelblauen Flanellrock anhatte; der lie nur den Kopf
und die vier Fe frei.
    Nimm Platz! sagte das Nilpferd, und es setzte sich auf einen
Schaukelstuhl. Ich setzte mich neben dem groen grnen Ofen auf eine Holzbank.
    Eine dunkelgraue Plschdecke war ber den ganzen Fuboden gespannt.
    Von Mbeln sah man nicht viel; es schien eine Art Empfangsraum zu sein.
    Es war mir aber auerordentlich gleichgltig, wo ich mich befand; ich war
mde und abgespannt und durchaus nicht froh ber meine Rettung.
    Dir ist wohl nicht ganz wohl! sagte das Nilpferdchen nach einer Weile.
    Und ich erwiderte hastig:
    Wenn das nicht stimmt - dann wei ich nicht mehr, wie viel drei mal drei
ist.
    Die Antwort, flsterte mein Retter, ist von einer geradezu seltsamen
Bestimmtheit.
    Ich starrte den hohen, grnen Ofen an und war stumm wie ein Stockfisch.
    Wir hrten im Hintergrunde langsam eine groe Uhr ticken und rhrten uns
nicht.
    So mochten wir wohl eine gute halbe Stunde gesessen haben, als das
Nilpferdchen leise fragte:
    Hast Du vielleicht ein Manuskript bei Dir, das recht traurig stimmt? Du
hast doch sonst immer Manuskripte bei Dir.
    Ich drehte den Kopf langsam um, sah das Nilpferdchen gro an und sagte
unsicher:
    Woher weit Du denn, da ich sonst immer Manuskripte bei mir habe? Ich mu
mich doch wundern.
    Da sprang das Nilpferdchen von seinem Schaukelstuhl auf und hopste im
Felsensaal herum und rief laut:
    Er mu sich doch wundern! Er mu sich doch wundern! Da ein redendes
Nilpferdchen ihn gerettet hat - das wundert ihn nicht. Aber da das Tierchen so
viel wei - das wundert ihn.
    Und dann sprang das kleine Vieh ganz dicht an meine Seite und sprach im
tiefsten Ba:
    Ich freue mich ganz eklig, da Du Dich noch wunderst. Leute, die sich noch
wundern knnen, sind noch nicht ganz tot. Und da Du noch nicht ganz tot bist,
das ist sehr gut. Denn - wrest Du ganz tot, so htte ich's bedauern mssen,
Dich gerettet zu haben; Leichen rettet man doch nicht.
    Ich blickte dem Nilpferdchen ins Gesicht und wunderte mich jetzt, da es so
gut reden konnte. Und ich fragte leise und hflich:
    Was soll ich tun?
    Gib mir, antwortete das Tier, eine Geschichte zu lesen, die recht traurig
stimmt.
    Da suchte ich denn in meinen Taschen und bltterte in allen meinen Sachen,
schttelte oft den Kopf und gab dem freundlichen Nilpferd schlielich eine
Geschichte, die mir in diesem Falle zu passen schien.
    Das kleine Tier setzte sich eine blaue Brille auf, ging mit meinen Blttern
wieder zum Schaukelstuhl, lie sich auf diesem vorsichtig nieder und las:

                                  Lichtwunder


Nacht! Nacht!
    Lauter dunkle, schwarze Rume.
    Ich schwebe so dahin und wei nicht, wo ich bin - aber ich schwebe in der
unendlichen Finsternis ruhig weiter.
    Da zuckt was in der Ferne auf - ein kleines Pnktchen Licht!
    Und nun wei ich, wo ich mich befinde - ich fliege durch jene groe
Nachtkugel, die weit hinter dem leeren Raume mitten im groen Lichtmeere
schwimmt, das in jedem Atome so hell ist wie eine echte Sonne ohne dunklen Kern.
    Es gibt im Lichtmeere viele hohle Nachtkugeln - aber meine Nachtkugel ist
die dunkelste.
    Und doch - es ist nicht Alles so dunkel, wie's aussieht.
    Da drben der Lichtpunkt wird immer grer - und jetzt schieen zwei feine
Lichtkegel, die so schwanken, an mir vorber.
    Und - in den Lichtkegeln?
    Lichtwunder!
    Da fngt es gleich zu leben an - Milliarden zierliche Flgelchen glitzern
und flimmern - und leben - einen kurzen - aber seligen - Lichttag.
    Und nach dem schwebe ich wieder in der unendlichen Finsternis.
    Es dauert aber nicht lange - und von neuem schiet aus einem Spalt der
Kugelschale ein linsenfrmiger Lichtstreifen - breit wie ein Schwert.
    Und wie vorhin lebt gleich in dem Lichtstrahl was auf - eine wilde
Weltenjagd - unzhlige kleine schillernde Blasen - dies Mal sind's lauter Welten
mit edelstem Weltengewrm.
    So ist das Dasein im groen Reiche der Nacht.
    Es wird immer wieder hell.
    Und die Lichtstrahlen erzeugen mit immer wieder frischer Kraft unzhlige
Lichtwunder - Engel und Sterne, Fledermuse und Paradiesvgel - Diamanten und
Weltgestalten in immer neuer Lichtwunderform.
    Ich wei: unsre Augen knnten das Lichtmeer drauen nicht ertragen - wir
wrden drauen erblinden - daher die schtzende Kugelschale.
    Aber unsre Augen sind nicht schlechte Augen - sie sind nur so fein und
empfindlich, da die dmpfende Nacht die feinen empfindlichen Augen immer wieder
strken mu - zum Genu der ewigen Lichtwunder in der Nachtkugel.
    Augen, die drauen das Lichtmeer ohne Schaden ansehen knnen, sind
schrecklich grob.

Das Nilpferdchen hatte beim Lesen auf jeder der beiden dicken Vorderpfoten eine
Pincette. Und mit den beiden Pincetten konnte das Tier sehr gewandt meine
Bltter halten und umdrehen.
    Nach der Lektre fchelte sich das Tier vom Strande des heiligen Nil mit
meinen Blttern ein wenig Khlung zu und sagte leise:
    Das war so schmerzlich grade nicht, denn der Wert der Dunkelheit wird ja
auch gleich im richtigen Lichte gezeigt. Hast Du nicht eine lngere Sache, die
wenigstens schmerzlich endet? Mir scheint - doch davon nachher.
    Ich suchte wieder in meinen Taschen, und dann lie ich das kluge Nilpferd
dies hier lesen:

                                Die wilde Kralle



                              Ein Raketen-Scherzo

Ich kletterte immer hher; es ging ja so leicht.
    Die Astknorren waren nicht zu dick und nicht zu dnn - grade so recht.
    Aber die Spitze der Tanne konnt' ich nicht erreichen, so eifrig ich auch
klettern mochte.
    Es war doch ein schrecklich hoher Baum.
    Er war bedeutend hher, als ich dachte.
    Einmal, als ich runtersah, kam mir's so vor, als wre die Erde unten lngst
unsichtbar geworden.
    So hoch im Weltall zu sein, erschien mir da ein stolzes Vergngen zu sein.
    Ringsum kein andrer Baum - kein Stck Erde - kein Stck Wasser - nur Himmel
- nichts als Himmel - mit unzhligen seligen Sternen.
    Mit stiller Andacht starrte ich in den groen Himmel.
    Und der Himmel schien mir pltzlich so eng und begrenzt - wie eine kleine
Dorfkirche.
    Da knisterte was unter mir.
    Ich wei nicht mehr genau, wie's war - ich sah nur allmhlich, vor mir an
der sternbestickten Himmelsdecke eine wei schimmernde Riesenkralle zitternd
emporsteigen.
    Und die Riesenkralle krallte sich in die sternbestickte Himmelsdecke fest
und ri ein groes unregelmiges Loch hinein; die Eckfetzen flatterten steif
ab, als wenn ein starker Wind durch das Loch mich anbliese.
    Und ich schaute durch die flatternden Eckfetzen in eine andre Welt, die
grer ist als unsre kleine Dorfkirchenwelt.
    Dort hinten - weit hinter unserm Fixsternhimmel - war der Hintergrund
tiefschwarz und unendlich tief.
    Und in der Mitte dieser anderen Unendlichkeit stiegen langsam zwei goldene
Riesenraketen empor, die aus lauter goldenen Sonnen bestanden; sie perlten immer
hher wie langsam aufsteigende Riesenfontnen.
    Aber die Raketen gehen nicht grad in die Hhe, sie biegen sich nach allen
Seiten wie alte Baumstmme, die oft vergeblich nach dem Lichte strebten.
    Und sie werden immer grer.
    Und sie bekommen wie die Baumstmme ste.
    Die rechts sich aufreckende Rakete hat keine Ecken; sie biegt sich, wie
Schlangenleiber sich biegen. Die links sich aufreckende Rakete hat jedoch sehr
viele Ecken und Kanten wie knorrige Eichen.
    Es sieht anfnglich alles ganz friedlich aus - leider darf man keinem
Frieden trauen.
    Die goldenen Sonnenraketen biegen sich vor und zurck, als wenn der
Sturmwind an ihnen rttle. Und bald wird mir's ganz klar: Die Raketen stehen
sich gegenseitig im Wege.
    Ich hatte wohl vorher gedacht, dieses Schwanken, Drngen, Schieben und
Stucksen wre nur eine uerung der Zrtlichkeit. Mir fiel jedoch zur richtigen
Zeit ein, da ordentlichen Feindschaften ein zrtliches Vorspiel was ganz
Natrliches ist.

Die Atmosphre scheint mir recht hei zu werden. Die Schlangenrakete dehnt oft
ganz bengstigend ihren gierigen Sonnenleib. Und die Eichenrakete schwankt und
zittert wie ein wilder Trotzkopf, der gern seine Wutkrone aufsetzt.
    Die beiden Ungeheuer stehen sich im Wege - das ist mir bald vllig klar.
    Und ich nehme Partei fr die goldene Eiche, die mir der Schlange an
Schlauheit unterlegen zu sein scheint.
    Der Schlauheit mag ich stets an den Hals.
    Ich schtze die Dummheit!
    Also ruf' ich laut. Und ich erschrecke, da mir tausend Echos - der Himmel
mag wissen woher - antworten - hhnend antworten.

Hei! Jetzt kommen die goldenen Sonnen ordentlich in Bewegung! Das Gold glitzert
und zuckt! Die Raketen machen Ernst! Das ist keine Zrtlichkeit mehr! Ich recke
mich auch! Meine sehnigen Muskeln schwellen an wie springende Wildbche im
Frhling!
    Es zittern die Spitzen der weichen und der knorrigen ste so stark, da ich
mitzittern mu.
    Und aus den Spitzen fliegen nun blaue, grne und rote Lichtblasen heraus -
die brennen in dunklen Farben und werden immer grer. Und aus den Lichtblasen
schieen in die Nacht gelbe und weie Lichtkegel, die wie weite Scheinwerfer
blitzschnell den Himmel durchfliegen - von einem Ende zum andern - wie rasend!
    Eine Lichtschlacht!
    Zwei goldene Milchstraen liefern sich eine Lichtschlacht - eine lautlose.
    Ich mu mich sehr wundern.
    Himmel! Wetter! ruf ich wieder ganz laut, ist denn da hinten auch alles
so eng, da nicht mal zwei Sonnenbumchen Platz haben? Sind denn smtliche
Weltwinkel zu klein?
    ber mir hr ich ein heftiges Brummen, und seltsam hstelnd antwortet mir
eine dunkle Bastimme:
    Was weit Du von Weltwinkeln? Tu doch nicht so, als ob Du kosmische
Grenverhltnisse besser ausrechnen knntest als unsereins. Die Naseweisheit
steht Dir nicht gut. Verkrieche Dich in der alten Weltpauke! Da ist noch Platz
fr dich.
    Ich ducke mich, obgleich ich Keinen sehe.
    Die Raketen kmpfen weiter.
    Es wird furchtbar lebhaft da hinten.
    Ich mchte noch mehr sehen; das Loch in der Himmelswand erscheint mir zu
klein. Doch da kommt auch schon die wei schimmernde Riesenkralle wieder hher
und macht das Loch grer.
    Jetzt kann ich bequemer dem Kampfspiele zuschauen. Die weien und gelben
Lichtkegel flirren immer heftiger. Die roten, grnen und blauen Gasblasen werden
mordsmig gro und platzen dann - wie Alles, was zu gro wird. Dafr spritzen
die Spitzen der weichen und der knorrigen ste immer wieder neue Blasen hervor,
die auch mit weien und gelben Lichtkegeln herumflirren.
    Die Schlangenrakete wird offenbar noch schlauer; sie bedrngt die Eiche wie
ein unheimliches Krtenweib.
    Ich kann's kaum ansehen; die Schlange wird mit ihren langen Schluchen, die
ihr immer dicker aus dem Leibe herauswachsen und gar nicht mehr was Astartiges
haben, so aufgedunsen - so scheulich gro.
    Der Hintergrund, von dem sich die Raketen abheben, ist so bunt wie eine
riesige zitternde Opalflche; die roten, blauen und grnen Gaskugeln mit den
gelben und weien Lichtkegeln flattern umher, als wenn sie ein Weltfhn
durchbrause.
    Da kann ich mich nicht mehr halten.
    Die Schlangenrakete wird von oben bis unten gemein.
    Das ist die ewige Niedertracht!
    Ich mchte der Schlange an den Hals.
    Eine Kralle mcht' ich haben!
    Das schrei' ich.
    Und im selben Augenblick fhl ich, da die wilde Kralle, die unsern alten
dsigen Dorfkirchenhimmel aufri, meine wilde Kralle ist.
    Und mit meiner wei schimmernden Riesenkralle pack' ich durchs Loch, mitten
in den Schlangenleib rinn.
    Ich will nicht die Schlauheit siegen lassen! brll' ich auf und drck' mit
meiner wilden Kralle zu - den ganzen Leib der Schlangenrakete entzwei.
    Doch dabei mu ich Au! schreien.
    Ich habe mich verbrannt.
    Horngeruch - widerlicher - steigt mir betubend in die Nase.
    Ich sehe nichts mehr.
    Ich reie die Hand mit der Kralle aus dem Loche raus, um mich auf meiner
Tanne festzuhalten.
    Aber die Hand mit der Kralle tut mir zu weh, und ich kann mich mit der
Linken allein nicht halten.
    Und ich falle mit der Kralle.

Mich ergriff eine namenlose Wut.
    Die Schlauheit siegt! Sie ist zu kaltbltig! schrie ich noch.
    Dabei fiel ich immer tiefer.
    Ich hielt den Atem an, indessen - ich fiel trotzdem.
    Das Horn roch - brenzlich.
    Es war mir auch so, als ob der Docht einer alten, groen Wachskerze
verglimmte - in einer Dorfkirche.
    Ich fiel - der Teufel - mochte wissen - wohin.
    Ich glaube, ich fiel in die alte Dorfkirche unserer greulich beschrnkten
Fixsternwelt zurck.
    Ich fiel immer tiefer - immer tiefer - immer tiefer!
    Und ich wunderte mich, da unsre beschrnkte Welt so tief sein konnte.

Nach der Lektre dieser Geschichte sprang das Nilpferd wieder sehr erregt von
seinem Schaukelstuhl auf und stampfte aufrecht auf den Hinterbeinen in der Stube
herum, drehte sich fters auf dem einen Fue um sich selbst, wehte mit den
Blttern durch die Luft, stellte sich wieder dicht vor mich hin und hielt mir
mit wunderbarer Geschwindigkeit eine Rede - ohne mir einen Einwurf zu gestatten.
    Du mut, sagte es, nicht gleich so schlecht gelaunt werden, wenn Du Dir
mal die Finger verbrannt hast. Sieh nur unsere Pfoten an, da sind keine Finger
dran - und wir wissen uns doch zu helfen; die Pincetten sind noch viel feiner
als die Finger. Intelligente Leute mssen sich zu helfen wissen. Du darfst Deine
Empfindungen nicht so ernst nehmen. Wenn schon unsre Gliedmaen nicht als
Realitten von uns genommen werden wollen, so drfen wir doch die Empfindungen
dieser Gliedmaen erst recht nicht als reale betrachten. Der Schmerz wird erst
dadurch fr uns zum Schmerze, da wir ihn so nennen. Wir knnen den Schmerz auch
als potenzierte Wollust auffassen. Intelligente Leute mssen sich zu helfen
wissen. Wenn Dir ein Bein abgehauen wird, so bedenke sofort, da Dir dieses
scheinbare Unglck auch eine groe Portion sehr angenehmer Augenblicke
verschafft - denn man wird Dich verhtscheln dafr. Glaube mir, es ist nicht
Alles Pech, was schwarz aussieht. Es tut auch nicht alles weh - was sich krmmt.
Intelligente Leute mssen sich zu helfen wissen. Und ich finde, da Du Dir in
Deinen Geschichten sehr wohl zu helfen weit, denn beim Runterfallen amsierst
Du dich gleich wieder ber die kstliche Tiefe der Dorfkirchenwelt. Merkwrdig
ist es nur, da Du Dir in Deinem Leben nicht zu helfen weit - denn Deine Mienen
lassen nicht den geringsten Grad von Heiterkeit erkennen. Dir scheint die Grtze
sehr stark verhagelt zu sein.
    Ich wollte was erwidern, aber das Nilpferd lie mich nicht zu Worte kommen;
es wollte blo noch ein paar schmerzliche Manuskripte lesen - es wollte gleich
mehrere haben - und ich gab ihm diese drei:

                                  Er hatte ...



                                Eine Nachtscene

Er hatte sehr viel getrunken - das stand fest.
    Und er hatte sehr lange getrunken - so drei bis vier Tage - genau wute
man's nicht.
    Er hatte sich auch gergert - natrlich!
    Wer viel und lange trinkt, hat sich immer gergert. Das ist nun mal so auf
diesem groen Erdball.
    Und er hatte natrlich keinen Sechser mehr - das sagten Alle, die ihn
umstanden. Und die muten es wissen, denn sie waren dabeigewesen.
    Er hatte sich ja in ihrer Gegenwart die Gurgel durchgeschnitten und war
dabei umgefallen, obgleich er sich am Laternenpfahl gehalten hatte.
    Jetzt lag er da - in der Gosse.
    Er hatte endlich genug.
    Er hatte in seinem ganzen Leben niemals genug gehabt.
    Blut hatte er noch. Das merkten Alle, die ihn umstanden und nicht wuten,
wie sie ihm helfen sollten. Das Blut flo pltschernd in die Gosse. Die Laterne
leuchtete und blitzte in dem roten Blut.
    Warum hatte er sich die Kehle durchgeschnitten?
    Ja - warum hatte er?
    Er hatte das Leben pltzlich dick bekommen.
    Sich selbst hatte er niemals dick bekommen - wohl aber das Leben.
    Er hatte Talent! sagten die Leute.
    Und bei diesen Worten hatte sich ein Arzt vorgedrngt - der hatte natrlich
sein Verbandzeug nicht bei sich.
    Aber die Umstehenden hatten Taschentcher.
    Wer hatte nicht Taschentcher?
    Er hatte Talent.
    Ja - warum hatte er denn Talent?
    Er hatte einen Vogel.
    Er hatte mir's ja gesagt.
    Er hatte nie genug.
    Jetzt erst hatte er genug - mit der durchschnittenen Kehle.
    Ja - die Kehle!
    Die Kehle hatte schuld an Allem.
    Die Kehle!
    Er hatte eine Kehle!
    Er hatte eine Kehle!
    Lautlos wlzte sich eine Wolke die Strae entlang, und in der Wolke sa ein
Fleischer mit einem ellenlangen Messer.
    Der Fleischer hatte ein Messer, aber keine Kehle dazu.
    Mein Freund hatte eine Kehle.
    Er hatte jetzt genug.
    Aber er hatte trotzdem kein Talent.
    Ich wei das ganz genau.
    Er hatte ...
    Er hatte wieder zu viel getrunken.
    Er hatte ...

                                Der groe Kampf



                                Ein Dualisticum

Langsam fallen glhende Sonnen in die schwarze Nacht - und machen Alles hell.
    Und dann kommt der Erzengel Michael mit seinem langen Schwert. Mchtige
Eisenmassen rasseln auf seiner Brust, die Beinschienen knacken, und die
Armschienen platzen beinah - so schwellen dem Erzengel die Muskeln an.
    Und dann taucht aus dunklen Wolken der Kopf des Drachensatans heraus. Aber
dessen Augen sind nicht leuchtend wie die des Michael; des Drachensatans Augen
sind so matt.
    Ich hau' Dich zu Brei! brllt der Michael.
    Doch der Satan schttelt den Kopf und sieht dem Engel traurig ins lachende
Angesicht.
    Dein Schwert ist zu kurz! erwidert der mde Satan.
    Michael funkelt mit den Augen, seine Stahlrstung kreischt, und das lange
Schwert blitzt durch die Wolken.
    Satan zieht den Kopf ein, und seine ungeheuere Krpermasse kommt zum
Vorschein - Millionen weltendicke Schlangenarme winden sich aus den Wolken
heraus.
    Michael schlgt zu und haut unzhlige Schlangenarme ab - aber die
abgeschlagenen Glieder verbinden sich wieder mit dem Drachenrumpf.
    Und des Erzengels Arm erlahmt.
    Da kommt des Satans Kopf wieder an die Oberflche des Rumpfes und grinst den
Engel an wie ein Totenschdel.
    Der Engel will zuschlagen, doch er kann das Schwert nicht mehr heben - seine
Arme zittern.
    Und die Millionen dicker Schlangenarme umhalsen den eisernen Engel, so da
der schier erstickt wird.
    Hr auf! schreit der Engel.
    Der Satan lt nach, die weichen schlaffen dicken Schlangenarme lsen sich
von dem Engel los.
    Und langsam sinkt der Drachensatan zurck. Nchstens kmpfen wir wieder von
Neuem! flstert hhnisch der mde Teufel.
    Der Engel sthnt und schwebt mit hngendem Kopfe davon; nur ganz allmhlich
kehrt die Kraft in die zitternden Muskeln zurck.
    Bunte Wolken nehmen den Engel auf und erfrischen ihn. Langsam steigen starke
Marmorsulen in den Himmel empor. Die Sulen steigen immer hher und
verschwinden zwischen den Sternen.

                                Die Kummerlotte


Die Morgensonne glhte in die Resedabsche, die vor Lottens Dachfenster blhten.
    Und sie sa still vor ihrer Nhmaschine und machte ein trauriges Gesicht.
    Die Lotte war sonst immer so glcklich gewesen - frher, als sie so wenig
Geld verdiente und so oft nur Hringe zu Mittag a.
    Frher war sie eigentlich stets so recht lustig gewesen - so seelenvergngt.
    Das war jetzt Alles so anders geworden.
    Seit drei Tagen war die Lotte die richtige Kummerlotte geworden. Wie kam
das?
    Die Nhmaschine stand seit drei Tagen still.
    Und das Unglck? Wie sah's denn aus? Oh - es sah merkwrdig gut aus - das
Unglck. Andere Menschen htten das Unglck ein groes Glck genannt.
    Die arme Lotte hatte geerbt - zweimal!
    Zweimal geerbt in drei Tagen!
    Von einem alten Groonkel hatte sie zehntausend Thaler geerbt - und von
einer Kusine dreihundert Thaler.
    Das war das Unglck!
    So sah Lottens Unglck aus!
    Traurig schaute die Kummerlotte ihre Resedabsche an - ihr traten ganz dicke
Thrnen in die Augen.
    Die Leute im Hause schttelten den Kopf und meinten, bei dem guten Mdchen
sei's da oben nicht ganz richtig.
    Dumme Trine! riefen die beiden heiratsfhigen Tchter des Hauswirts.
    Kummerlotte! riefen die Gassenjungen.
    Sie aber sagte nichts dazu, sie gab keine Erklrung - sie seufzte und schlo
sich ein.
    Da sa sie nun am Fenster in der Morgensonne und grbelte.
    Das Geld ist mein Unglck! flsterte sie immer wieder.
    So lange ich kein Geld hatte, meinte sie so recht vergrmt, war ich immer
frisch und jung. Doch wie das Geld kam, war meine Jugend fort. Mu ich da nicht
traurig sein? Kann mir das Geld das traurige Gefhl ersticken? Ach ja - es ist
nicht angenehm, wenn man merkt, da man alt geworden ist. Es kam so pltzlich -
als ich nicht mehr arbeiten brauchte - und ber alles nachdachte.
    Sie nahm ihren Wandspiegel und betrachtete kummervoll ihr Gesicht! Alt sah
sie eigentlich noch nicht aus - und doch - sie fhlte, da sie's war.
    Niemand verstand die Kummerlotte.
    Sie aber verstand sich.

Und abermals sprang das Nilpferdchen auf, trampelte wild im schwarzen
Felsensaale herum und hielt dann wieder eine Rede. Onkelchen, sagte es, ber
die Vorteile, die die Armut bietet, ist schon so viel gesagt worden, da es bald
wirklich Not tut, die Vorzge des Reichtums zu verteidigen und ein bichen in
Schutz zu nehmen; die reichen Leute bedauern sich schon ein wenig zu viel; so
furchtbar schlimm ist der Reichtum doch auch nicht. Wenn die Verherrlichung der
Armut so groe Dimensionen annimmt, so brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn
sich schlielich die bedauernswerten Geldbesitzer zusammentun und sich gegen die
protzenhafte. Alles unterdrckende Macht der armen Leute empren. Das gbe dann
eine nette Bescherung. Das wre eine schne Revolution. Wer die Verhltnisse in
Europa so gut kennt wie ich, wird eine solche Revolution gar nicht fr unmglich
halten. Das Ridikle ist tatschlich das Modernste. Manche Leute, denen das
Verschleiern und Umdrehen zur Gewohnheit geworden ist, verdrehen die Dinge so
lange - bis sie selber verdreht werden. Die Reichen sind wirklich auf das Glck
der Armen viel neidischer als man glaubt - und demnach ist es wohl geboten, den
Kurs der sozialen Poesie wieder etwas zu ndern. Doch davon brauchen wir
eigentlich nicht so viel zu reden. Wichtiger ist Dein Teufel der
Lebensmdigkeit, der Gurgeln abschneidet und sich selber nichts abschneiden
lt.
    Ich wollte wieder was sagen, doch das kleine Tier fuhr eifrig fort:
    Bedenke, da die einfache tierische Luft blo ein einfacher Lebensreizer
ist, der nur einfachen Lebewesen zum Weiterleben gengenden Anreiz verschafft.
Wer nur ein bichen hher hinaus will, wird durch die einfachen Lebensreizer -
wie da sind: Schinken, Champagner, Chansonette, Leberwurst und Paprika - nicht
am Leben erhalten. Der hhere wendet sich an Kunstspe ernster Gte, an
Philosophie und berirdische Herrlichkeit. Diese letzteren Dinge ziehen schon
mehr an. Indessen - Rckflle in die gewhnliche Schinkenluft kommen immer
wieder vor. Und wenn diese Rckflle zu oft vorkommen, so wird der Weg zum
hheren zu mhsam, und das arme Lebewesen steht dann zwischen zwei Bndeln und -
verhungert beinahe. So ungefhr gelangt die Lebensmdigkeit in unsre
Erscheinungswelt; das Eine gengt nicht, und das Andre ist nicht zu erreichen.
Ich spreche, wie Du merken wirst, ganz wie Deinesgleichen, nicht wahr? Na ja!
Nun mu man aber doch, wenn man ein bichen vernnftig ist, zugeben, da man
nicht so ohne Weiteres zwei Herren dienen kann. Entweder - man steigt, so gut
man kann, ber die simplen Luftspe hinweg in die hheren hinein - oder - ja!
da liegt der Hase im Pfeffer! Wenn man mal angefangen hat, ber das Simple
hinberzusteigen, so wird man im Simplen nie wieder die Befriedigung finden, die
Hinz und Kunz darin zu finden vermgen. Ja! Ja! Die Mutter Natur hlt es doch
fr gut, Leute, die was werden knnten, mit einer kleinen Zwangserziehung zu
beglcken - und wenn's auch weh tun sollte. Was ist also die groe Mdigkeit?
Sie entsteht, wenn man Spieerglck will - und doch zu Sternenglck erzogen
werden soll. Es gibt auch hhere Wesen, die sich zu Gunsten noch hherer
Lebensreizer auch das Sternenglck abgewhnen mssen - u.s.w. - immer hher -
mit Grazie ad infinitum! Rede nicht. Onkelchen. Denke darber nach.
    Und ich tat's.

Und dann wollte der Kleine wieder was lesen.
    Und ich fand gar nichts Rechtes; mir gengten meine Sachen pltzlich nicht
mehr, was mir sehr schmerzhaft war.
    Doch schlielich gab ich zgernd wiederum drei Sachen raus.

                                  Noahs Glck


Die Leute denken immer, sagte Noah, als er seine Barke vollgepackt hatte, ich
htte das Reisen so gern. Das ist aber gar nicht wahr. Es gefllt mir hier
berall nicht - und daher reise ich - das ist die ganze Geschichte.
    Mit diesen Worten stieg Noah in seine Barke.
    Diesmal war's eine Luftbarke.
    Und mit der Luftbarke fuhr er rasch in den freien ther hinaus - an Mond und
Sonne vorbei - in die groe Sternenwelt.
    Und bald war Noah jenseits von unserm Milchstraensystem.
    Er war also schon recht weit gefahren, und seine Frau wunderte sich schon.
    Doch Noah fuhr noch weiter - er steuerte auf einen groen Nebelfleck zu, der
aus lauter Pilzsternen bestand - aus sehr vielen bunten und mannigfaltig
geformten Pilzsternen.
    Und Noah fuhr mit seiner Barke hinter den Nebelfleck und begann dann
pltzlich ein lustiges Liedchen zu pfeifen.
    Da kamen Noahs smtliche Anverwandte aufs Deck hinauf und lachten.
    Jetzt sind wir endlich so weit! rief der alte Noah mit seiner hellen
Geisterstimme.
    Und Noahs Frau fragte ihren Mann:
    Na, bist Du jetzt glcklich?
    Jawohl, rief der alte Noah, jetzt bin ich vollkommen glcklich. Hier
knnen wir bleiben - die Pilzsterne sind undurchsichtig - und von dem
Milchstraensystem, in dem sich die alte Erde dreht, werden wir nimmermehr was
sehen knnen.
    Das ist man gut! riefen Alle.
    Und Noah pries sein Glck.
    Und Noahs Anverwandte lachten - mitsamt seiner Frau.
    Noah jedoch weinte vor Freude - so gro war sein Glck.
    Und die Pilzsterne blieben undurchsichtig fr alle Ewigkeit.
    Und Noahs Luftbarke blieb fest verankert.
    Die Bewohner der Luftbarke sahen woanders hin.
    Und Noah pries sein Glck tagtglich hundertmal und konnte sich viele
Billionen Jahre gar nicht beruhigen - so sehr freute er sich ber die totale
Unsichtbarkeit jenes Milchstraensystems, in dem sich jener Erde genannte
Stern bewegte.

Da kam eines Nachts ein kluger Vogel an der Barke vorbeigeflogen - sah den Noah
und sprach redselig:
    Noah, das ganze Milchstraensystem, von dem Du nichts mehr hren und sehen
willst, existiert ja gar nicht mehr. Flieg nur um die Ecke Deines Nebelflecks
herum - da wirst Du Augen machen. 
    Noah lste vorsichtig die Anker und fuhr ganz sachte, ohne da die Schlfer
und die Schlferinnen unten in den Kajten was bemerkten, um die Ecke seines
Nebelfleckes rum - und fiel - vor Schreck rcklings aufs Deck.
    Ein kolossaler Weltdrache fllte die ganze Gegend und glotzte den Noah mit
Millionen Augen so eklich an, da dem Armen ganz plmerant zu Mute wurde.
    Doch der Drache sagte nach einer Weile hchst gemtlich:
    Lieber Noah, ich habe soeben siebenmalsiebenundsiebzig Tausend
Milchstraensysteme verspeist - glaubst Du da, da ich noch Appetit haben
knnte?
    Und der Drache lchelte sehr blde und flog empor und lie eine weite Leere
hinter sich.
    Er hat sich satt gefressen! rief der kluge Vogel.
    Noah sprang auf, drehte rasch seine Barke um und machte, da er weg kam, und
befestigte die Anker wieder an den alten Stellen hinter dem Pilzsternnebelfleck.
    Niemand auf der Barke erfuhr was von Noahs nchtlicher Fahrt um die Ecke
rum.
    Noah aber pries nicht mehr sein Glck.
    Es kam dem alten Noah fr die Folge sein Leben zeitweise komisch vor, so da
er oftmals lcheln mute.
    Und er freute sich nun, da Niemand auf der Barke sein Lcheln verstand; die
Pilzsterne blieben undurchsichtig.

                                  Nebelsterne


Sieben Nebelsterne empfanden den Dunst, in dem sie viele Billionen Jahre gelebt
hatten, eines Tages als etwas Unertrgliches.
    Aber der Dunst gehrte zu ihnen; er war ein Teil ihres Krpers. Der Dunst
war die Haut ihres Krpers. Abstreifen konnten sie also ihre Dunsthaut nicht so
ohne Weiteres. So was knnen wohl kriechende Schlangen - aber nicht die
Nebelsterne.
    Die anderen Sternwelten in der Umgegend hatten keine Dunsthaut. Und das
rgerte die Nebelsterne am allermeisten.
    Und das Herz der Nebelsterne ward verbittert, so da sie ganz gallig wurden
und tckischen Gedanken Raum gaben.
    Die Nebelsterne wollten den anderen Sternwelten auch so gern eine unbequeme
Dunsthaut anhngen.
    Und was beschlossen da die Bsen?
    Sie beschlossen, sich so weit aufzublasen, da ihr Dunst ihrer gesamten
Nachbarschaft zur Empfindung gelangen mute.
    Und die Sieben bliesen sich auf.
    Und der ganzen Nachbarschaft ward unwohl; die anderen Sternwelten, die so
lange so klar die Welt durchleuchtet hatten, verloren ihren Glanz, denn der
Dunst der Nebelsterne umzog Alles wie ein feiner Rauch.
    Da war den sieben Bsen so recht vergngt zu Mute; jetzt hatten sie nicht
mehr allein unter ihrer Dunsthaut zu leiden.
    Aber die anderen Sternwelten wurden ergrimmt und wollten den Dunst
fortblasen. Und bei dem Fortblasen erregten sie sich alle dermaen, da
allgemach eine kriegerische Stimmung in jener Weltecke die Oberhand gewann.
    Und bald zogen die einstmals hellen Sterne gegen die Nebelsterne zu Felde;
mchtige Weltblcke flogen wie Kugeln von allen Seiten in die sieben bsen
Nebelsterne hinein, da denen die Eingeweide platzten und das Mark verbrannte.
    Es war ein schauerlicher Krieg.
    Was aber war die Folge dieses schauerlichen Sternkrieges?
    Die Folge war, da sich die Krper der sieben Nebelsterne blo noch
mchtiger aufbliesen, da ihre ganze Galle berflo und in die anderen
Sternwelten berging.
    Und die ganze Wut der sieben Nebelsterne erfllte bald die ganze groe
Weltecke, so da sich die einstmals hellen Sterne schlielich auch gegenseitig
bekmpften wie tolle Hunde. Alle schlugen aufeinander los - ganz gleich, wohin
es traf - so da es brannte an allen Ecken.
    Es war ein rasender Krieg Aller gegen Alle.
    Wie sie nun so mitten in ihren kriegerischen Aktionen dahinlebten wie die
Verrckten, kam doch einigen lteren Sternen die Besinnung wieder, und die
sprachen mit gewaltiger kosmischer Stimme ungefhr so:
    Haltet ein, Brder! So kann das doch nicht fortgehen. Wir gehen ja
schlielich dabei smtlich zu Grunde. Wir mssen Frieden schlieen - wie's auch
sei! Den Dunst der Nebelsterne werden wir wohl nicht wieder los. Aber wir wollen
doch versuchen, auch trotz dieses Dunstes wieder froh zu werden. Jedenfalls sind
wir um eine groe Weisheit reicher geworden: Wenn uns bse Buben angreifen und
belstigen, so sollen wir nicht gleich wtend werden. Mit der Wut richten wir
doch nichts aus. Giftigen Dunst blst man nicht so leicht fort. Man tut besser,
sich an den giftigen Dunst zu gewhnen. Hrt auf mit dem Herumwerfen der groen
Weltblcke! Wenn Ihr nicht aufhrt, gehen wir Alle zu Grunde.
    Da ging ein leises Murren durch die Weltecke. Aber man sah die Nutzlosigkeit
des Kampfes ein und schlo wieder Frieden.
    Alle Sterne suchten danach ihre Wunden, so gut es ging, wieder zu heilen.
    Die Nebelsterne hatten am meisten gelitten. Doch auch sie waren mit der
groen Friedenserklrung einverstanden; ihre Dunsthaut verblieb ja in der ganzen
Weltecke - das lie sich nicht mehr ndern.
    Indessen - die einstmals hellen Sterne gewhnten sich allmhlich an den
giftigen, lstigen Dunst und erklrten ihn schlielich fr ein hchst
interessantes kosmisches Schleiergebilde.
    Und so beruhigte man sich nach und nach.
    Und dann wards wieder still in der Weltecke.
    Das Leben ist eben in jeder Form ertrglich; man darf nur nicht ungeduldig
werden.
    Blo nicht gleich Krieg fhren, wenn bse Buben frech werden! Die bse
Sieben! Ja! Ja!
    Also - lieber ein bichen Dunst ertragen!
    Das Ertragenknnen ist viel wertvoller als das Losschlagenknnen. Die Wunden
heilen nicht so schnell. Bilde sich blo Keiner ein, da es ein Vergngen sein
knnte, als interessanter Krppel zu leben!
    An giftigen Dunst aber gewhnt man sich - das ist nicht so schlimm!
    Brder! riefen die Sterne, wenn wir weiter nichts zu ertragen brauchen
als das bichen Dunst, so knnen wir immerhin noch ganz glcklich sein.
    Die sieben Nebelsterne rgerten sich natrlich ber die friedliche Gesinnung
ihrer Nachbarschaft nicht wenig, jedoch dieses Mal half ihnen der rger nicht
viel - sie hatten mit dem Zusammenflicken ihrer Glieder fr die nchsten Jahre
vollauf zu tun.
    Bsewichter mssen Beschftigung haben - das ist so furchtbar notwendig.
    O ja!
    Diese verfluchten Hallunken!
    O trag, so viel Du tragen kannst,
    Und sei nie ungemtlich!!

                                     Gro!


Sechstausend Ellen lang und fast ebenso breit ist die groe Krte, auf der mein
Palast erbaut wurde.
    Vor vielen langen Jahren zog ich ein - in den Palast.
    Und die Krte wandelt nun mit mir durch die groe, groe Welt.
    Ob die Krte was von mir wei?
    Ach! Die Krte ist so gro.
    Ich bin grausam klein dagegen.
    Natrlich ist es eine Schildkrte - die Krte, von der ich so viel spreche.
    Wenn blo diese Schildkrte ein wenig schneller gehen wollte.
    Ich mchte so gerne noch heute ans Ende der Welt gelangen - ans Ende!
    Geh schneller, liebe Krte!
    Ich mchte ja endlich mal die Gre der ganzen Welt begreifen - oder
verstehen - fassen!
    Aber wie soll ich das?
    Ich kann ja doch nicht ans Ende kommen, denn es gibt ja kein Ende!
    Geh schneller, liebe Krte!
    Sie will natrlich wieder nicht.
    Was hilft mir da ihre Gre?
    Alles wird immer grer - und es hilft uns Alles nichts.
    Es ntzt auch nichts, da unser Durst immer grer wird!
    Den Weltrand werden wir niemals an unsere Lippen setzen knnen.
    Ich wrde auch den Weltrand zerbeien.
    Geh schneller, liebe Krte!
    Ntzen zwar tut es nichts - aber mir kommt dann - wenn Du Dich beeilst -
wenigstens die Zeit nicht so malos gro vor.
    Ach, du liebe Zeit!

Kaum hatte das Nilpferd die Lektre dieser drei Geschichten beendigt, als sich
eine Tre knarrend ffnete und ein zweites Nilpferd aufrecht hereinspazierte.
Dasjenige, welches mich gerettet hatte, verlie eilfertig seinen Schaukelstuhl
und sagte, whrend es zgernd auf mich zukam: Die Herren gestatten wohl, da
ich sie einander vorstelle: Herr Knig Ramses aus gypten - Herr Dichter
Scheerbart aus Europa.
    Ich verlie meine Ofenbank, verbeugte mich hflich gegen den neuen
Ankmmling und stotterte verlegen: Majestt - entschuldigen!
    Doch das kleine Nilpferd lachte und sagte:
    La nur das Ceremoniell! So wie wir jetzt aussehen, pat es nicht mehr
recht fr uns. Nenn mich ruhig Du und alter Ramses. Das gengt. Gerne wrde ich
Dir die Hand schtteln, aber ich habe ja keine. brigens nennen sich die
gyptischen Knige, die hier wohnen, King - da es uns so vielen Spa macht, da
die Englnder noch immer unser Vaterland regieren. Behalte nur Platz - und lege
Dir gar keinen Zwang auf.
    Da fhlte ich mich aber etwas peinlich berhrt, denn ich hielt nun meinen
Retter auch fr einen gyptischen King und sprach dem entsprechend.
    Mein Retter lachte jedoch und sprach:
    Ich bin kein King. Ich bin der Pyramideninspektor Riboddi. Nun machte ich
denn doch ein sehr erstauntes Gesicht - und da lachten die Nilpferdchen mit
ihren breiten Mulern so laut, da es oben in den Gewlben wie Donnergrollen
erschallte.
    Er wundert sich doch noch! rief der Pyramideninspektor dazwischen.
    Und ich mute dazu ebenfalls lachen - so wie die beiden alten gypter; das
Lachen erschien mir immer die beste Art zu sein - um schnell ber eine peinliche
Situation hinwegzukommen.
    Wir setzten uns jetzt alle drei in Schaukelsthle, und der Knig Ramses
sagte gleich ganz offen:
    Lieber Scheerbart, Ihren Namen habe ich fters gehrt - aber gelesen habe
ich noch nicht eine einzige Zeile von Ihnen. Wrden Sie nicht so freundlich
sein, mir etwas zum Lesen zu geben, damit ich wei, wie Sie sind? Entschuldige,
da ich Dich aus Versehen Sie nannte - aber mir ging pltzlich die
Lebensgeschichte eines gyptischen Priesters durch den Kopf.
    Die acht Geschichten, die ich dem ersten Nilpferdchen gegeben hatte, waren
von diesem bei Seite gelegt, und es sagte jetzt lchelnd - wobei seine
faustgroen Vorderzhne leuchteten:
    Onkelchen, knausere nicht! Greif in Deine Taschen und hole aus jeder ein
neues Manuskript hervor; ich will auch was Neues haben. Aber whle nicht erst
lange - gib, was Dir zuerst in die Hand kommt.
    Und da bekamen die Herren das Folgende.

                               Platzende Kometen


Was ist das?
    Es wird immer dunkler und so schwl.
    Blitze zucken, aber es donnert nicht.
    Jetzt pfeift es oben - so gellend wie Lokomotiven, die Angst haben vorm
Tunnel.
    Und nun fliegen Hagelstcke runter, groe Hagelstcke und kleine
Hagelstcke. Sie sind nicht rund, sie sind zackig und kantig wie schlecht
gehauener Zucker.
    Aber Zucker ist das nicht - es schmeckt khl und herzhaft.
    Und jetzt rauscht es oben in den Wolken.
    Die Wolken jagen blitzschnell vorbei.
    Ein Sturm wirbelt durchs Land.
    Die Bume brechen ab, die Dachziegel fliegen mit Blumentpfen, Menschenhten
und flatternden Krhen weit weg - ins freie Feld.
    Es hagelt dabei und regnet.
    Der Regen schmeckt so khl und herzhaft wie die Hagelstcke.
    Da steckt was Seltsames drinn in diesem Hagel und in diesem Regen.
    Die Gelehrten fahren mit ihren Galakutschen aufs Rathaus und halten dort
lange Reden; alle Gelehrten haben Hagelstcke in der Hand, einige haben noch
Flaschen mit dem neuen Regenwasser.
    Die Gelehrten reden ausgezeichnet, und whrenddem hagelt's und regnet's
drauen immer strker.
    Und der Sturm heult - heult.
    Im Rathause erklren die klugen Gelehrten, da das kein gewhnlicher Hagel
sei - auch kein gewhnlicher Regen.
    Und sie kosten alle von den Hagelstcken und trinken das Regenwasser.
    Und sie sagen, da sei ein neuer Stoff drinn - im Himmel msse ein Komet
geplatzt sein - es msse ganz bestimmt ein Komet gewesen sein.
    Kometensalz ist der neue Stoff.
    Er wirkt nur so komisch.
    Wer das neue Salz gekostet hat, dem zieht so was Weiches durch alle Glieder
und die Gedanken werden so einfach.
    Das Kometensalz ist verfhrerisch wie Alkohol.
    Das Kometensalz brennt aber nicht hinten im Munde und unten im Leibe, reizt
nicht auf - es macht gengsam - still.
    Die Menschen, die das Salz im Magen haben, knnen bald ihre Gedanken nicht
mehr sammeln. Es ist den Menschen, als ginge Alles fort.
    Und dann bleiben die Menschen stehen und gehen nicht weiter, ihre Glieder
werden steif und hart wie Holz, und der erhobene Arm will nicht mehr runter; die
Hand, die den Hut zum Gren zog, bleibt mit dem Hute oben in der Luft.
    Allmhlich verhallt der Sturm, und das Wetter wird wieder besser.
    Beim hellen Sonnenschein merkt man aber erst den Umfang der ganzen
Geschichte.
    Zehn nasse Soldaten auf dem bungsplatze vor der Kaserne stehen auf einem
Beine kerzengerade, doch das andere hochgehobene Bein geht nicht runter. Eine
Bckersfrau stt dem einen Soldaten in die Seite, und alle Zehn fallen um wie
hlzerne Soldaten aus einer Spielschachtel.
    Die Luft ist wieder still.
    Und die Menschen lecken an dem Kometensalz, das massenhaft die Erde bedeckt.
Die Tiere lecken auch an dem Kometensalz.
    Und dann bleiben die Menschen und die Tiere nach und nach smtlich auf der
Strae und in den Husern in seltsamen Stellungen stehen - sitzen - oder -
liegen.
    Den Hunden bleibt das Maul offen.
    Die Vgel berschlagen sich in der Luft, fallen mit steifen Flgeln auf die
Salzhaufen und rhren sich nicht mehr.
    Ein Leichenzug steht vor einer Kirche und kann nicht weiter.
    Die Bume werden ebenfalls starr. Die Trauerbirken und die Trauerweiden
verharren in Windstellung - mit weit weggewehten sten - als wtete noch immer
der groe Sturm.
    Und die Luft ist doch so still.
    Und die Menschen und Tiere sind auch so still, als wten sie gar nichts
mehr zu sagen.
    Ein Schutzmann sitzt auf einer Parkbank unbeweglich mit einem Strolch
zusammen - sie sehen sich unablssig an.
    Ein Regiment dekorierter Nachtwchter befindet sich vor dem Rathause in
konstanter Prsentierstellung.
    Die Kinder sind in der Schule nicht mehr zu hren - so ruhig sind sie.
    Und im Rathause sitzen die Gelehrten wie Wachspuppen da.
    Der Brgermeister, der das Salz nicht anrhrte, schleppt sich mde nach
Hause, trinkt im Sorgenstuhl vor seinem Schreibtisch ein Glas Wasser und sieht
am Ofen seine Frau - sie ist unbeweglich wie ein abgeschiedener Geist.
    Der Brgermeister fat sich an den Kopf und ruft pltzlich angstvoll:
Franziska! Das ist die neue Zeit.
    Aber er kann den Mund nicht mehr zumachen - das Salz hat auch ihn gepackt -
es war im Wasserglase.
    Das furchtbare Kometensalz ist berall!
    In der Residenz sitzt der Knig auf seinem Throne und hlt immerfort das
Scepter - regiert aber nicht - denn alle seine Untertanen sind so steif wie er
selbst.
    Jedoch keinem der Gelhmten geht das Bewutsein aus; das Gehirn arbeitet
blo etwas langsamer.
    Die Augen behalten ihre Kraft.
    Die Ohren hren; es ist nur nicht viel zu hren.
    Lauter Salzsulen an allen Ecken und mitten im Wege!
    Lebende Salzsulen!
    Sie sitzen, als wenn sie unablssig nachdchten - stehen, als htten sie was
vergessen - liegen, als wren sie dabei, was Feines zu dichten - und rhren kein
Glied.
    Die Oberflche der ganzen Erde ist ganz starr geworden.

Und nach sieben Tagen wird's im Himmel abermals finster.
    Und abermals kommt ein Sturm.
    Und der Sturm wirbelt die Tiere und Menschen durcheinander wie welke
Bltter.
    Schornsteinfeger fallen von den Dchern; Arbeiter und Soldaten, Frauen und
Kinder rollen in den Gassen wie Tonnen herum, wobei die Glieder abbrechen, ohne
zu bluten.

Und dann wird's wieder still,
    Und allmhlich verndert sich Alles.
    Langsam fallen die Huser ein.
    Die ste der Bume fallen ab wie Eiszapfen.
    Sulen platzen, Denkmler und Trme brechen krachend entzwei.
    Und dann sickert ein dunkler Staub auf die Erde hernieder.
    Der dunkle Staub bedeckt Alles - auch die Wasser und die Meere.
    Ein andrer Komet mu wohl geplatzt sein.
    Der bestaubte Erdball dreht sich weiter.

                                 Das harte Rot


Ich stehe auf einem schwarzen Berge - und ringsum ist Alles schwarz - das ganze
Land und das ganze Meer - schwarz!
    Und der Himmel ist gleichfalls schwarz.
    Und nun gehen berall am Horizonte in gleichen Abstnden rote Sonnen auf -
dunkelrote Sonnen!
    Aber das Land bleibt dennoch schwarz - das Meer und der Himmel desgleichen.
    ber mir gehen auch viele rote Sterne auf - dunkelrote Sterne!
    Und die roten Sonnen steigen gleichmig hher.
    Aber nur die Sonnen und Sterne sind rot.
    Ihr rotes Licht leuchtet nicht - es ist nur fr sie - nicht fr uns!
    Alles, was nicht Sonne und nicht Stern ist, bleibt schwarz.
    Es wird niemals anders sein.

                                    Freunde


Sie winken und gren und lachen mich so lustig an, da ich ganz heiter werde.
    Sie reichen mir auch die Hnde und bewegen so zierlich die weien Finger.
    Ich wrde wohl mit denen da drben gut auskommen - doch sie sind ja so fern
- sie stecken alle in den Wolken - und die Wolken sind hoch.
    Wenn's doch regnen mchte!
    Dann mssen sie ja runterkommen!
    Es regnet aber nicht.

                            Der Weg zur Schlachtbank



                               Rede eines Ochsen

Ich bin ein groes Tier und ein gutes Tier. Ich wei, wohin man mich fhrt. Und
ich habe auch nichts dagegen. Ich bin der wahre Wohltter der Menschheit. Ihr
gehrt mein Herz - ihr gehren auch meine Nieren und meine Schinken - und meine
Knochen mit dem herrlichen Mark! Da man mich nicht so ehrt wie andere
Wohltter, macht mir nichts aus. Auf Dank hab' ich nie gerechnet. Da man mich
aber noch schlgt mit dem Ochsenziemer - halte ich fr gemein. Mu ich auch noch
zum Mrtyrer werden? Wozu?

Als nun die beiden Herren mit Lesen fertig waren, ergriff ich zuerst das Wort,
da es mich immer rgert, wenn ich in Gegenwart Andrer blo zuhren soll.
    Wenn ich, sagte ich mit scharfer Betonung jeder Silbe zum
Pyramideninspektor, die Erde blo fr eine groe Erziehungsanstalt halten soll,
so komm' ich mir dabei auch nicht sehr geistreich vor.
    Dazu, versetzte der alte Ramses, hast Du auch gar keine Veranlassung.
    Ich wollte sofort erwidern, wurde aber durch ein merkwrdiges Gebimmel daran
verhindert; die Luft in dem schwarzen Felsensaal schien pltzlich zu Musik zu
werden; unsichtbare kleine und grere Glocken klangen bimmelnd und brummend
durcheinander - hchst melodisch - aber hchst merkwrdig.
    Das sind unsre unsichtbaren Diener! sagte der Pyramideninspektor.
    Und dann vernahmen wir eine helle Knabenstimme, die laut aus den Gewlben
oben zu uns hinunter rief:
    Kommen Sie nur schnell, meine Herren! Das Abendbrot ist fertig - kommen Sie
- kommen Sie - sonst werden die Kartoffeln kalt.
    Danach verstummten die Glocken.
    Und wir erhoben uns aus unseren Schaukelsthlen.
    Ich war recht rgerlich und meinte brummig:
    Diese Erinnerung an das Abendbrot macht mich nicht grade sehr heiter, denn
schn ist es wohl nicht, da wir unser Leben durch Essen und Trinken erhalten
mssen. Und da Sie, meine Herren, das auch noch mssen, imponiert mir ganz und
gar nicht.
    Ramses fragte mich hflich:
    Sag mal, rauchst du vielleicht gerne?
    Ich bejahte die Frage, und der Pyramideninspektor meinte drauf ganz trocken:
    Dann knnen wir's ja so einrichten, da Du Deine Mahlzeiten rauchend
einnimmst. In diesem Falle mtest Du aber vorher ein elektrisches Bad nehmen.
Zeit wre noch dazu, denn unser Luftknabe behauptet regelmig, da das
Abendbrot fertig sei, wenn's noch zwei Stunden hin sind.
    Ich erklrte mich selbstverstndlich sehr gerne bereit, sofort ein
elektrisches Bad zu nehmen.
    Es ist aber recht schmerzhaft! erklrte der alte Ramses.
    Ich aber war neugierig und versetzte khl:
    Das tut nichts.
    Und danach gingen wir durch einen schnurgraden erleuchteten Felsengang, in
dessen schwarzen glatten Wnden unsre Gestalten sich deutlich widerspiegelten,
zum Badezimmer.
    Das Badezimmer hatte sehr viele vierkantige Sulen, die auch schwarz waren,
aber nicht spiegelten. Jede Sule war von der nchsten oder der Wand nur zwei
Meter entfernt. Sehr viele gelbe und weie Metallgerte standen umher, deren
Bedeutung ich nicht verstand; dieselbe hatte auch kein Interesse fr mich.
    Ich wurde hier dem Oberpriester Lapapi vorgestellt, der sich natrlich auch
in der Gestalt eines Nilpferdes zeigte und ebenso wie die beiden andern einen
blauen Flanellrock trug.
    Die Herren baten mich, ihnen whrend des Bades doch was zu lesen zu geben.
    Und whrend ich nun mit einer Khnheit, die mich selber berraschte, ins Bad
stieg, lasen die drei Herren:

                                 Das neue Leben



                          Architektonische Apokalypse

Langsam dreht sich der alte Erdball um die alte Sonne, die nicht mehr glht und
strahlt wie einst.
    Dunkelviolett scheint die alte Sonne, so da es nie mehr Tag wird - auf
Erden niemals mehr.
    Stille Nacht ist berall.
    Es ist sehr sehr still.
    Der Himmel ist schwarz wie schwarzer Sammet.
    Die Sterne aber funkeln so hell wie sonst - wohl noch heller, da sie grer
sind.
    Goldene Sterne sind's!
    Der Erdball ist ganz wei - ganz mit weiem Schnee umhllt - mit leuchtendem
Schnee!
    Sternklare Winternacht auf den Hhen und im Tal!
    Die tote Erde dreht sich immer langsamer.
    Doch im sammetschwarzen Himmel wird's lebendig.
    Die groen Erzengel kommen.
    Mit riesig groen weien Flgeln flattern sie eiligst herbei. Es rauscht
durch den Himmel.
    Es wird so laut, so voll Trubel die Luft, als wenn viele Millionen groer
Vlkerscharen zu neuem Leben erwachen.
    Aber es kommen nur die Erzengel. Es sind ihrer zwlf. Sie sind so
schrecklich gro. Sechs umflattern die eine Hlfte der Erdkugel und sechs die
andre, so da man von beiden kaum mehr was sieht.
    Die Engel beugen langsam, Flgel schlagend, die Kpfe herunter. Ihre Fe
schweben hoch ber den beiden Polen der Erde. Die zwlf Kpfe bilden bald mit
ihren flatternden blonden Locken um des Erdballs Mitte einen prchtigen
Haarring.
    Zunchst nimmt jeder Erzengel den groen Dom, den er im Arme trug, in beide
Hnde und setzt ihn auf ein hohes Schneegebirge. Danach ziehen alle Zwlf ihre
dicken Pelzhandschuhe aus und greifen geschwinde mit ihren zarten Fingern in
ihren weltmeergroen Rucksack.
    Aus ihrem Rucksack holen die Engel viele hundert neue, blitzblank glnzende
Palste hervor. Und mit den Palsten schmcken sie den groen Schneeball, der
sich Erde nennt, da er bunt wird und mchtig funkelt; die Augen der Erzengel
leuchten dabei, als wenn sie fr artige Kinder Spielzeug auskramten.
    Nachdem die Ruckscke geleert sind, flattern die Engel wieder empor und
schweben munter plaudernd in miger Entfernung auf und ab in schnen groen
Kreisbogen.
    Die Erde sieht bunt aus, als wre sie mit den Flgeln der kostbarsten
Schmetterlinge, erfrorenen Paradiesvgeln und gleienden Diamanten bestreut.
    Und die Palste werden hell. Millionen Lampen werden berall drinnen
angesteckt; durch die bunten Glasfenster der hohen Dome und all die vielen
Schlsser strmt gedmpftes Licht tausendfarbig in die violette Schneenacht
hinaus.
    Die violette Sonne wird noch dunkler. Die fernen goldenen Sterne verlieren
auch viel von ihrem Glanz. Der sammetschwarze Himmel rahmt die sanft aufglhende
Erde ringsum prchtig ein.
    Und die groen Glocken der Dome luten alle.
    Ein Sehnsuchtsschauer durchrieselt die weiten Schneegefilde; durch die
nagende Schwermut des kalten Erdballs ringt sich ein neues Leben durch - das
ewige Leben!
    Die Toten stehen auf.
    berall hebt sich die Schneedecke. Und all die Menschen, die einst auf der
Erde lebten und starben, steigen aus ihren Grbern heraus, schtteln sich den
Schnee ab und sehen sich erstaunt an. Als sie merken, da sie auferstanden sind,
fallen sie sich gegenseitig um den Hals und sind sehr gerhrt.
    Ja! Ja! Wer htte nicht gern ein neues Leben begonnen!
    Die Erde dreht sich schneller.
    Doch dieser groe ernste Augenblick hnelt einem groen drolligen
Maskenfest, denn alle Menschen haben Kleider an, die denen gleichen, welche sie
zu ihren Lebzeiten am hufigsten trugen. Die Bettler gehen neben den Knigen,
die Priester neben den Kriegern, die Handwerker neben den Gelehrten - in all den
vielen Trachten all der vielen Zeiten. Vom Fellschurz bis zum gebgelten
Oberhemd ist alles da.
    Die Auferstandenen steigen die goldenen Stufen zu den Schlssern und Domen
empor. Es wimmelt man so!
    Alle Sprachen der Erde wirbeln durcheinander, da es mchtig durch den
ganzen Himmel brummt und die Glocken nicht mehr zu hren sind.
    Oben aber vor den Tren der Schlsser und Dome stehen viele tausend Engel,
die nicht grer als die Menschen sind, in zarten hellgrnen, hellblauen und
hellroten Gewndern und warten.
    Feierliche Begrung! Hndedrcken und Wangengestreichel! Kopfnicken und
Armgewackel! Viel Gelchter! Und viel lchelnde Behaglichkeit!
    Die groen Burgen, die aus reinen Riesendiamanten bestehen, sprhen ihren
Farbenbrand so festlich in die Dmmerung. Und die andern Edelsteine der weiten
Sulenhallen glnzen mit den reinen Riesendiamanten um die Wette. Und die
kostbaren Steingewchse, die aus den Domen aufstreben, sind auch so wunderbar.
Die Smaragdkuppeln einzelner Schlsser werden von innen erleuchtet und werfen in
den schwarzen Sanimethimmel weite grne Lichtkegel, die sich langsam bewegen.
Die Saphirtrme ragen hher empor als die anderen Trme. Und das stille Licht,
das berall durch die tausendfarbigen Glasfenster hinausstrmt, das schimmert so
heilig-bunt und verheiungsvoll. Ungeheure Palastgebirge sind mit riesigen
Opalbogen umgittert. Wenn das Auge von Pol zu Pol schweift, so wird es verzckt
bei all der Glanzglut. Der Bauzauber ist so gewaltig, da man sich verwundert
fragt, wie es kommt, da die auferstandenen Menschen nicht einfach toll werden.
Aber - so entsetzlich es auch ist, so wahr ist es: die meisten Menschen denken
blo an das gute Abendbrot, das ihnen nach ihrer Meinung in den Domen und
Palsten von eifrigen Dienern vorgesetzt werden wird.
    Wie verblfft sind da die Auferstandenen, als sie im Innern all der vielen
Glanzburgen gar kein Abendbrot finden! Mnnlein und Weiblein sehen sich
verwundert um, entdecken aber nichts. Drauen haben sie schon schmerzlich den
gnzlichen Mangel an Bumen, Frchten und Gemsen bemerkt - und jetzt ist auch
drinnen Alles nur unfruchtbarer Stein! Marmor und Rubine, Gold und Silber, bunte
Lampen und bunte Wnde, entzckend gegliederte Kuppeln, ein bichen Sammet und
Seide, mchtige Granatsulen, glitzernde Glasgrotten und hnliche Sachen gibt's
ja in unberschaubarer Menge - doch von Hammelbraten, Schneckensalat und
Feuerwein keine Spur!
    Engel, wo bleibt das Abendbrot?
    Also ruft demnach baldigst ziemlich einstimmig das ganze groe
Menschengeschlecht.
    Die Engel ffnen schweigend im Innern der Palste und Dome kleine
Seitenpforten, die bis dahin den Blicken der Menschen entzogen waren. Alle
denken natrlich - jetzt gibt's zu essen, zu trinken und zu rauchen. Hei! Wie
sie sich freuen!
    Indessen - diesmal ist die Enttuschung noch viel grer.
    Das alte Leben grinst die Menschen an.
    Es steht eben Alles wieder auf.
    Doch ganz so schlimm wie damals, als die Sonne noch hell schien, ist das
alte Elend nicht anzuschauen. Es ist anders umrahmt! Im Palastgeschmack! Die
Sle und Zimmer, in denen die alte Beschftigung wieder aufgenommen werden soll,
sind mit so viel feinem Prunk umgeben, da die guten Menschen doch mit groer
Freude ins alte Fahrwasser hineinspringen, wenn's auch so unappetitlich ist wie
schmutzige Wsche.
    Ja! Ja! Das alte Leben!
    Der eine mu wieder seine kranke Frau pflegen, die ohn' Unterla sthnt und
klagt; er beginnt den Tanz der Qual mit kalter Ruhe wieder von vorn, wie schon
so oft - wirklich ein guter Mensch! Ein andrer guter Mensch fngt wieder an,
groe Gesellschaften zu besuchen, und klagt dabei wieder ber seine nie zu
stillende Sehnsucht nach der ewigen Einsamkeit - genau wie einst. Ein Dritter
ist wieder mit seinem Ruhme nicht zufrieden; er will immer anders berhmt
werden, was ihm natrlich nicht gelingt, da er selber nicht wei, wie er's haben
mchte. Ein Vierter bekmpft mit altem Mute seine riesige Sinnlichkeit und wird
zum chten Asketenhuptling, lt wieder seine eiserne Willenskraft bewundern,
obgleich er sich in jeder stillen Stunde auslachen mu, da ja alle seine Kraft
nur eine naturgeme Folge von Ausschweifung und Ekel ist. Ein Fnfter hofft
immer einen Sack mit Gold zu finden - und was findet er? Einen Sack mit giftigen
Witzen!! Ein Sechster mu stets vergeblich Geld besorgen - d.h. es gelingt ihm
nie!! Und ein Siebenter mu zu Allem Ja und Amen sagen, was ihm von je so
schwer fiel. Und die Millionen Andern arbeiten und regieren, befehlen und
gehorchen - auch genau so wie einst. Die Maschinen rasseln wieder, und die
Denkerkpfe rauchen wieder, die Kartoffelfelder tragen wieder ihre mehligen
Frchte, die Sufer saufen ganz im alten Stile weiter, und die Verbrecher
brechen wieder bei den Leuten, die was haben, ein.
    Alles ist wie einst! - Es spielt sich blo schn umrahmt in herrlichen
Palsten und Domen ab, die so gro sind, da man gar nicht durchsehen kann.
Sonst ist kein Unterschied.
    Die guten Menschen sind natrlich mit Allem zufrieden - aber die bsen
Menschen sind natrlich mit nichts zufrieden - ihnen gengt nicht die Alles
belebende Sonne der Baukunst - sie wollen Abendbrot mit Austern und starkem
Getrnk - ununterbrochenes Vergngen mit Tingeltangel und Schlittenfahrt.
    Die guten Engel wollen die bsen Menschen besnftigen und trsten, sagen
freundlich: Kinder, Ihr wit gar nicht, was Euch frommt! Leid und Freud sind in
jedem Menschenleben ganz gleichmig verteilt. Diese ist ohne jenes gar nicht
denkbar. Seid vernnftig! Alle Wnsche sind nicht erfllbar. Ist es nicht genug,
da wir Euch eine angenehme Umgebung geschaffen haben? Ihr wollt blo immer
vergngt sein - und das geht doch nicht.
    Warum nicht? schreien die Bsen.
    Weil's Euch langweilen wrde! antworten die Engel, und sie ghnen, whrend
sie an ein ewiges Glck denken.
    Die Bsen aber lachen - so hlich, da die guten Engel ernstlich bse
werden.
    Man sollte Euch eigentlich, fahren sie in schrferem Tone fort, piesacken
- mit feurigen Zangen. Die Dummheit mu mit Feuer und Schwert ausgerottet
werden. Ihr werdet's niemals verstehen, da anstndig wohnen besser ist als
anstndig leben. Wie die Pflanzen der Erde hauptschlich nur von Licht und Luft
lebten, so sollt Ihr jetzt auch hauptschlich von dem leben, was Euch umgibt -
von dem Licht und von der Luft der gttlichen Baukunst, die die wahre Kunst ist.
Ist es Euch tatschlich nicht genug, in diesen himmlischen Strahlburgen leben zu
knnen? Wit Ihr immer noch nicht, was es heit: in einer Traumwelt daheim zu
sein? Das ist doch die prickelnde Auster der Armut! Was sind dagegen alle
Kaninchen des Reichtums? Eine groe Quarkerei - nicht mehr! Euer Leben soll nur
ein Akkord in der Sphrenmusik des Alls sein - Euer Schmerzenslaut ist also
nicht zu entbehren - sonst wird ja die Sphrenmusik so weichlich wie Milchreis!
Ihr unglaublichen Nilpferde!
    Die Bsen schtteln sich vor Lachen und halten sich den Bauch. Die Engel
bleiben aber ganz ernst, sie sagen noch traurig: Ihr kommt ja smtlich nicht zu
kurz! Die Qualen des Bettlers werden gleich mit Freuden belohnt, von denen die
armen Knige nichts wissen. Und zu alledem kommt noch diese prunkvolle Traumwelt
Eurer Wunderpalste.
    Die macht uns grade erst recht begehrlich! Wir wollen keinen Selbstbetrug!
    Also schreien wild durcheinander die dummen Bsewichter, die immer vergngt
und selig sein wollen.
    Na, wenn Euch der Selbstbetrug nicht pat, donnern die Engel los, so
knnt Ihr ja wieder in Eure Grber zurck. Eure kannibalische Dummheit soll uns
das neue Leben, das wir Euch in dieser Glanzwelt darboten, nicht verleiden!
    Und es treten die hellgrnen Engel mit dunkelgrnen Tannenzweigen hervor,
und mit den dunkelgrnen Tannenzweigen berhren sie alle Unzufriedenen.
    Und die Berhrten fallen um und sind tot.
    Rasch werden sie hinausgetragen und wieder im Schnee verscharrt.
    Jede Spur der Bsen ist bald verweht.
    Die guten Menschen aber, die schon dankbar sind, wenn sie blo in einer
glanzseligen Traumwelt leben knnen, nehmen die Qualen des alten Lebens ruhig
ber Alles und wollen nicht mehr.
    Wie die hellgrnen Engel zurckkommen, streicheln sie den guten Menschen
freundlich die klugen Kpfe.
    Durch die bunten Glasscheiben strahlt das neue Glck in die Schneenacht
hinaus, die gar seltsam wird.
    Die Smaragdkugeln leuchten mit ihren grnen Lichtkegeln durchs schwarze
Weltall.
    Die Saphirtrme recken sich noch hher - wie bermtige Gespenster.
    Die riesigen Opalgitter schimmern wie Millionen aufgescheuchter
Schmetterlinge.
    Die vielen kleineren Schlsser sehen auf dem weien Schneeball, der sich
Erde nennt, wie Glhwrmchen aus.
    Und es ist Alles so rhrend-feierlich in der ewigen Dmmerstunde, da Jeder
ruhig werden kann.
    Die Erzengel beugen sich zum zweiten Male zur Erde herab.
    Die blonden Riesenlocken bilden wie vorhin einen prchtigen Haarring.
    Die unbeschreiblich groen Engel stecken die festlich erleuchteten Palste
wieder in ihren Rucksack, ziehen ihre Handschuhe an, nehmen ihre Dome in den Arm
- und flattern davon.
    Bald dreht sich der ganze Erdball so langsam wie vorhin - wie ein groer
Schneeball, den Kinder rollen, wenn sie einen Schneemann bauen.
    Die violette Sonne glht in der Ferne wie eine alte Ampel, der das l
ausgeht.
    Die goldenen Sterne funken im tiefschwarzen Sammethimmel - wie glckliche
Strahlburgen.
    Und die Nacht ist so still - so grabesstill!

Whrend nun die drei Herren ihre Freude an meiner Apokalypse hatten und die
Anspielung mit dem Abendbrot sehr wohl verstanden, empfand ich Hllenqualen.
    Ich stand in einem viereckigen Loch, das ber zwei Meter in die Tiefe ging.
Und in diesem Loch empfand ich pltzlich von unsichtbaren Hnden heftige
Schlge, die ber meinen ganzen Krper zuckten. Ich war ganz nackt und schrie
erbrmlich, denn die Massage, die mir unsichtbare Hnde angedeihen lieen,
schien mir alle meine Nerven zu zerreien - ich empfand Schmerzen - als wrden
mir berall Zhne ausgezogen. Aber in den Hnden eines Zahnziehers htte ich
paradiesische Wonnen gesprt - dieses elektrische Bad arbeitete vollstndig - es
war die hhere Hlle - ich danke schn - die Vergleiche fehlen mir.
    Indessen - genug davon!
    Als ich wieder aus dem Loche rauskam, war mir so unbeschreiblich wohl, da
die Leiden schnell vergessen wurden.
    Unsichtbare Hnde zogen mir wieder die Kleider an, und die drei Nilpferdchen
beglckwnschten mich und fhrten mich in den herrlichen Speisesaal, allwo sich
noch vier andere Nilpferdchen einfanden.
    Es lebten also in diesem Felsenschlo sieben Nilpferdchen.
    Die mir bereits vorgestellten waren:
    King Ramses
    Pyramideninspektor Riboddi
    Oberpriester Lapapi
    Und die vier Andern, die mir erst im Speisesaal vorgestellt wurden, waren:
    King Amenophis
    King Necho
    King Thutmosis
    General Abdmalik
    Wir setzten uns um einen ovalen Tisch auf bequeme lederne Polstersessel mit
hohen Lehnen; ich hatte auch solchen Sessel.
    Aber auf der Tafel, die aus einer glatten, weien Steinplatte bestand und
(wie schon gesagt) oval war, konnte ich keine Speisen erblicken - auch kein
Tischzeug - einfach gar nichts.
    Ich wunderte mich und sagte, da ich das tte.
    Und darber amsierten sich die sieben Herren.
    Mir wurde fast unbehaglich zu Mute.
    Bitte, sagte King Thutmosis, geben Sie mir ein paar Manuskripte heraus.
    King Ramses rief heftig dazwischen:
    Nenne den Onkel doch Du, mach' doch nicht so viel Umstnde.
    Und nun nannten sie mich alle Du und wollten mich nher kennen lernen.
    Mir blieb demnach einfach nur brig, dem Verlangen der Herren zu willfahren.
    Und ich legte auf den blanken weien Tisch nachfolgende drei Geschichten,
die von meinen Nachbarn zur Rechten und Linken mit Begierde ergriffen wurden.

                             Wir maken Allens dot!



                                   Clownerie

Hopp!Hopp!Hopp!
    Da is er - zieht Cylinder - verbeugt sich und sagt ernst wie Staatsanwalt:
     Dramatschek!
    Der Andre lchelt, klopft sich auf dickes Bauch, nickt mit kahles Kopp und
sagt schmunzelnd:
    Seer erfreut, mein Lieber! Ick bin der Kapitlski.
    Hndegeschttel - Schmunzelei - zwei Sthle - Cylinder vergraben - Mnner
rauchen jleich Ziehgarn - bald serr viel Dampf in Luft.
    Ick bin, spricht Dramatschek, wie Sie woll wissen - ein Schenie!
    Wee ick lngst! erwidert Kapitlski.
    Ick will, fhrt Dramatschek fort, bauen jroes Theater mit neistes
Brimborium and allerscheenstes Humbug (speak: Hmmbck!). Wir maken Allens dot.
Jiebst du Kapital? Speak, Kapitlski!
    Jast legt rechtes Bein auf linkes Bein, raucht wie Schornstein und kickt
jradaus wie Tatmensch.
    Kapitlski steckt rechtes Hand in sei Rocktasch - zieht aber jleich wieder
Hand raus.
    Dramatschek kriegt Courage, redet feste:
    Mensch-jutes! Denk an! Ick hab jroes Jedank mit jroes Mond - das schwebt
auf Podium und quiekt: Au!
    Jroes Narr - kei Schenie! murmelt Kapitlski - Jast seiniges jleich serr
hitzig.
    Dramatschek, das jroe Schenie, erhebt sich von Stuhl und hlt wildes Red:
    Du hast kei Ahnung, Kapitlski! Weit Du, was ick will maken? Ick will
maken jroes Theater - serr jroes und auch serr kleines. Da sollen Sterns vons
Himmel auftreten als Aktrs, sollen sein tiefsinnik wie altes Sokrates - noch
meer tiefsinnik. Jroes Riesendams sollen ooch kommen in schlackerndes Feuer und
buntes Pfaulicht. Tanzen sollen Panthers und Kameels, Oxen und Schenies. Janzes
Welt soll werden gekrempelt um. Allens maken wir dot! Siehste, Kapitlski?
    Nix seh ick! schreit der Herr mits Portmonnee.
    O du stupides Eichkatz! kreischt nu Dramatschek, hast Du kei Fantasie?
Mal Dir aus ein jroes Kunst mit Blitz und Donner - mit jroes Krieg - mit
herzzerdrcktes Jejammer und bombastisches Seligkeit. Wir maken Allens dot!
    Kei Kunst! replizieret Kapitlski, dotmaken kann jedes Mrder. Aechtes
Kunst mu maken jutes Appetit - aber nich dickes Kopp.
    Dramatschek flennt wie trauriges Mutter und sagt dazu:
    Materialiste biste - kei Schenie! Aber jieb Kapital - dann biste
Ober-Schenie - Erz-Schenie - Gold-Schenie - General-Schenie! Jieb Kapital! Sei
Freund.
    Jutes Mensch janz jerhrt - umarmt Kapitlski - derr steckt wieder Hand in
Hosentasch - zieht raus blankes Ding - chtes deutsches Pfennig - jiebts an
jutes jerhrtes Mensch.
    Uih!
    Bumm!
    Dramatschek springt hoch in die Hh, schreit wie Schwein bei Schlchters -
makt immerzu Saltomortals und packt altes dummes Kapitlski an Gurgel - dreht -
dreht - dreht ab das Kopp.

Wie Kopp in Dramatscheks langes schmales Hand, steht Kapitlski ohne Blut und
ohne Kopp janz ruhig auf - und - redet Bauch - sagt dunkel:
    Kapitlski kann leben ohne Kopp - braucht kei Kopp.
    Kopplos jeht das harte Mensch in sei Stall.
    Dramatschek heult wie Wolf, schmeit Kapitlski-Kopp mang Publikus, da
alle Mchen quietschen - und fllt steif wie trocknes Brett auf sei Nas'.
    Publikums janz dumm.
    Schenie Dramatschek weint blutijes Trn - Sand wird na und rot - immer
merr na - wird rotes Strom - und armes Kerl schwimmt fort - auch in sei Stall
...
    Armes Dramatschek!
    Armes Kerl!
    Rotes Strom wird rotes Meer!
    Armes Publikus!

                                   St. Georg



                                 Laster-Scherzo

Der Rothaarige fhrte mich schweigend zur Stadt hinaus - an der Windmhle vorbei
- hintern Kirchhof - bers freie Feld.
    Der Vollmond beleuchtete uns und die Gegend.
    Der Rothaarige klatschte in die Hnde und versank vor mir in die Erde.
    Ein kalter Wind pfiff mir um die Ohren. Ich stopfte mir eine Pfeife, steckte
den Tabak an, klappte den silbernen Deckel zu und rauchte.
    Da mir die Gegend gefiel, setzte ich mich auf meinen Feldstuhl und blickte
rauchend gradaus - so wie mir's der Rothaarige geraten hatte.
    Und siehe - dort, wo mein edler Freund, der beste Taschenspieler unsrer
Zeit, in die Erde gesunken war, da stieg jetzt langsam eine breite schwarze
Tonne hervor. Die Tonne war gute zwei Meter hoch und wohl anderthalb Meter
breit.
    In der Tonne klirrte es und klapperte, und dann brach oben der Deckel
entzwei, und ein eiserner Ritter kletterte wie ein Schornsteinfeger aus der
Tonne raus, band sich von der rechten Wade die Stahlschiene ab, flickte mit ihr
das Deckelloch und stellte sich aufrecht breitbeinig hin. Der Vollmond stand
rechts oben, und das Ganze gab ein vortreffliches Bild; die Stahlrstung glnzte
mchtig und das zweischneidige Riesenschwert noch mchtiger.
    Ich steckte mir eine zweite Pfeife an, denn bei Mondschein rauche ich immer
sehr schnell.
    Der Ritter packt sein Schwert mit beiden Hnden fester und fngt zu kmpfen
an. Es ist aber weder ein Drache noch sonst was zu sehen. Ich denke mir: es wird
wohl ein unsichtbarer Feind sein.
    Und ich habe recht.
    Der Ritter flucht und brllt:
    Das ist wieder das verfluchte Weib. Das Biest sitzt mir auf den Schultern
und drckt - drckt immerzu. Die Augen werden mir wieder rot. Ich sehe wieder
ein zerrissenes Laken und dicke wulstige Schweinsbeine.
    Der Ritter kmpft gegen Gebilde, die nur er sieht.
    Und er wehrt sich, stochert wtend mit seinem Schwert in die obere Luft -
und dann gibt's einen mchtigen Krach - der Ritter bricht durch und fllt in die
Tonne, aus der er kam.
    Ich rauche ganz gemtlich weiter und sehe mir nun die Tonne nher an, aber
sie ist wie alle Tonnen.
    Der Herr Ritter klettert wieder oben raus, macht das Loch im Deckel mit
einem andern Stck seiner Rstung nochmals ganz - und der Kampf geht von neuem
los.
    Es macht mir groen Spa - zu sehen wie sich der arme Kerl abqult.
    Er schimpft wieder wie vorhin:
    Verfluchtes Weib! Saupack! Immer dasselbe unfltig lachende Mopsgesicht!
Drckt nicht so! Wo habt Ihr blo die Kraft her? Ich breche ja wieder durch!
    Bumm! Das geschieht auch.
    Dieses nchtliche Kampfspiel im Mondenschein wiederholt sich noch zehn Mal.
    Der Ritter kmpft ohne Unterla mit den Gebilden, die nur er sieht - es sind
augenscheinlich nette Gebilde.
    Schlielich sieht es so aus, als wenn der Kerl ganz und gar verrckt wird;
er sthnt, jammert und kreischt.
    Mensch! brllt er schlielich, kannst Du diesen ewigen nutzlosen Kampf so
ruhig mitansehen? Mach doch der Sache ein Ende - sie ist ja so simpel! Meine
ganze Rstung habe ich schon zum Deckelausflicken aufgebraucht! So im Wams kann
ich doch nicht weiterkmpfen. Es ist unglaublich - aber ich kann mir allein
nicht mehr helfen. Das verfluchte Weib drckt mir wieder die Schweinsbeine in
die Augen. Das Laken reit noch weiter. Hilfe! Hilfe!
    Bumm! Schrumm! Da bricht er abermals durch.
    Ich hre zu rauchen auf.
    Wie er nun zum dreizehnten Male raufklettert und nun zum dreizehnten Male
gegen das Weib mit den Schweinsbeinen ankmpfen will, mach' ich aus meinen
Hnden zwei Fuste und renne gegen die Tonne an, da die gleich umfllt.
    Der Ritter fliegt im Parabelbogen aufs Feld.
    Das Schwert fliegt weiter als der Ritter.
    Ich gehe hin und hre, wie er ausruft:
    Jetzt hab' ich gesiegt!
    Ich will den armen Kerl aufheben - aber - der Krper ist ganz schlaff - die
Augen sind verglast - der Atem ist weg.
    Ich schmeie den toten Krper wieder hin und gehe in tiefen Gedanken durch
die Mondlandschaft nach Hause - am Kirchhof vorber - neben der Windmhle - in
die Stadt.
    Ich habe meinen rothaarigen Freund seit der Zeit nicht mehr gesehen. Es war
der unheimlichste Mensch, der mir je vorgekommen ist.
    Er konnte oft so drollig sterben, da man sich beinahe totlachen mute.
    Er hatte sehr viel ber das Leben nachgedacht.

                                   Der Mnch


Ich war ein Kind und sah ein Bild. Und das Bild zeigte mir einen jungen Mnch,
der am Fenster sa und malte.
    Es war Alles unglaublich still und friedlich. Drauen schien die Sonne ber
weite einsame Felder. Und am Fenster sa der Mnch und malte. Sein Gesicht sah
so glcklich aus.
    Da hat's mich gepackt.
    Eine ahnende Empfindung durchschlich mich so sanft wie eine weiche zarte
Hand.
    Und ich wollte auch so malen - wie der Mnch.
    Solches Malen mu glcklich machen! dachte ich.
    Und ich wollte so malen - mein ganzes Leben hindurch - am stillen
Klosterfenster - vor dem die weiten Felder der Erde so einsam daliegen - im
Sonnenschein.

Whrend nun die Herren, aus dem alten gypten meine alten Geschichten lasen,
ertnte in der Ferne eine leise, feine Geigenmusik, und in der Luft ber dem
Tische entstanden bluliche Rauchwolken, und aus den Rauchwolken kamen kleine
bunte, schimmernde Kugeln und kleine Krystallkrper in verschiedenen Formen
hervor.
    Und die Kugeln und die Krystallkrper schwebten bald wie Sterne ber dem
Tische; sie kreisten in feinen Kurven langsam umeinander, und feine Luftblasen
schwebten dann schneller durch - und diese Blasen hatten Lichtschweife - wie die
Kometen.
    Die Nilpferdchen befestigten Pincetten an ihrer rechten Vorderpfote und
fingen sich einzelne von den schwebenden Sternen, steckten sie in den Mund und
verschluckten sie.
    Das war die Abendmahlzeit meiner Gastgeber, und ich glaubte schon, ich
sollte teilnehmen an diesem astralen Souper. Aber whrend ich das dachte, wurde
mir eine schwarze Zigarre in den Mund geschoben von einer unsichtbaren Hand.
    Die Zigarre brannte, und ich rauchte.
    Die Rauchwolken meiner Zigarre mischten sich unter die Sterne, und ich
fhlte, da mein ganzer Krper immer krftiger wurde.
    Und ich rauchte und mute lcheln, und ich sagte:
    Meine Herren, ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank fr das elektrische
Bad. Ich fhle, da ich Nahrungsstoffe durch diese Zigarre in mich aufnehme. Ich
freue mich sehr, da ich mich in einer so einfachen und in keiner Beziehung
lcherlichen Art ernhren kann.
    Ich verbeugte mich, und die Herren nickten mir mit ihren dicken
Nilpferdkpfen freundlich zu.
    Der Pyramideninspektor sprach aber:
    Lieber Freund! Du hast in Deinem neuen Leben, das Du uns im Badezimmer zu
lesen gabst, das Wrtchen Nilpferd in einer nicht grade respektvollen Form
gebraucht. Wie gedenkst Du das wieder gut zu machen?
    Ich bitte sehr um Verzeihung! stammelte ich mhsam.
    Ohe! riefen da Alle wie aus einem Munde.
    So einfach, versetzte der Oberpriester Lapapi, wirst Du die Sache nicht
gut machen. Wir knnen beim Abendbrot ganz gut lesen. Die Verdauungsttigkeit
strt unsre Gehirnttigkeit nicht im mindesten.
    Ich verstand, lchelte und rief:
    Meine Herren, Sie sind auerordentlich liebenswrdig!
    Und nach ein paar Augenblicken lagen neue Manuskripte auf der glatten
Tischplatte.
    Ich rauchte, und die Herren schluckten ihre kleinen Sterne und lasen meine
Geschichten.

                                Der tote Palast



                              Ein Architektentraum

Ich wute, wo ich hin wollte.
    Ich stieg daher unverdrossen die schlecht behauene Felstreppe hher - und
war bald da.
    Und ich stand vor dem markigen Palast, den ich mein ganzes Leben hindurch
haben wollte.
    Aber so deutlich wie damals hab' ich ihn nie gesehen.
    Der Palast sitzt auf der Bergkuppe wie ein zackiger Stachelhelm.
    Ich bin sehr erstaunt.
    Aber - es ist so still.
    Ich habe eine so furchtbare Einde noch niemals empfunden.
    Und die Rubinsulen stechen mir ins Auge - und die weiten Sle der
Sonnenglut brennen so stark.
    Das also ist der markige Palast, den ich mein ganzes Leben hindurch haben
wollte!
    Es ist Alles so tot!
    Und eine Stimme spricht zu mir:
    Die Kunst, die Du ertrumtest, ist immer tot. Die Palste haben kein Leben.
Bume leben - Tiere leben - aber Palste leben nicht.
    Demnach versetz' ich, will ich das Tote!
    Jawohl! hr' ich's rufen - aber ich wei nicht, wer das sagt.
    Ich wollte die Ruhe - den Frieden! schrei' ich wild in grausigem Ekel.
    Die Ruhe, hr' ich nun, wirst Du schon finden - sei doch nicht so
gierig!

Und ich wute, was ich wollte - ich wollte die Ruhe - ohne Luft - den Abgang ins
Unendliche!!!
    Der tote Palast zitterte - zitterte!

                                Heiliger Klimbim


Die Nachtfrste kamen eines Abends auf dem groen Kaninchenhof der tiefen
Entrstung zusammen.
    Der Knigsbrunnen pltscherte, und die Orgelpfeifen lamentierten wie junge
Hunde, die ihr Lebtag noch Nichts zu essen bekommen haben. In der Gesindestube
a man trockenes Brot.
    Die Erde ist, begann der strkste Nachtfrost, weich wie ein verfaultes
Nachthemd - wir wollen ihr die richtigen Fltentne schon beibringen. Auf!
    Auf! schrieen nun auch die andern Nachtfrste.
    Und der alten Erde ward bald anders.

                               Der grimmige Igel



                                 Weisheitsidyll

Ja! sprach der Igel zum Maulwurf, diese dummen Menschen bilden sich wirklich
was auf ihr Lachen ein. Als wenn das was Besondres wre!
    Lngst berwundener Standpunkt! flsterte der kluge Maulwurf, das Lachen
haben wir nicht mehr ntig!
    Durch den Wald rauschte ein angenehmer Abendwind, und der Igel fuhr fort:
    Als wenn das Lachen was Besondres wre! Du lieber Himmel! Nichts als
Zerstrungslust! Nichts als Zerstrungslust!
    Jawohl, flsterte der kluge Maulwurf, alles Lachen ist ja eigentlich nur
ein Auslachen. Und wer was auslacht, der mchte das, was er auslacht, gern
vernichten.
    Da ward der Igel grlich grimmig, denn er hate die Zerstrer. Ich will
den Menschen das Lachen austreiben! schrie er ganz bleich vor Zorn.
    Und er ging hin und stach einem unschuldigen Arbeitsmann in die Hhneraugen.
    Der Maulwurf mute lachen.
    Den Igel aber schlug der Arbeitsmann mit seiner Axt entzwei.
    Nichts als Zerstrungslust! flsterte der Maulwurf.
    Durch den Wald rauschte ein angenehmer Abendwind ...

                                   Weltprotz


Alles sah ich.
Alles wei ich.
Alles kann ich.
Was also soll ich?
Sag, was Du willst!
Ich sage stets:
Ich mag nicht!


                               Ein stiller Abend

Ich mchte so gerne fort, aber ich wei nicht - wohin.
    Ich mchte weit bers Meer und ferne Lnder sehen - aber eigentlich liegt
mir auch nichts daran.
    Der Abend ist sehr still.
    Ein stiller Abend!
    Ist das mein stiller Abend?
    Mir ist so, als wollte ich noch einem Menschen herzlich die Hand drcken -
aber ich kenne die Menschen nicht mehr - und sie kennen mich auch nicht.
    Die Luft ist milde und weich.
    Und ich fhle, da ich allein bin.
    Ich habe mir das Alleinsein immer gewnscht - aber es ist mir doch nicht so
recht.
    Wenn der Abend nicht wre!
    Es stirbt was in mir - immer wieder stirbt was in mir - und das schmerzt so
sehr.
    Eine Hand! Eine Menschenhand! Nur noch ein Mal!
    Ich frchte nur, es ist zu spt.
    Die Hand, die ich suche, ist wohl kalt - eine Totenhand.

Nach diesen Geschichten ergriff wieder der Pyramideninspektor Riboddi, der mich
gerettet hatte, das Wort.
    Gehen wir, sagte er, gleich auf den Kern der ganzen Geschichten los. Ich
reizte Dich anfnglich, mir etwas Schmerzliches zum Lesen zu geben. Und dem
entsprechend ist das Meiste, was Du uns bisher gegeben hast, wirklich etwas
Schmerzliches. Es liegt in allen Deinen Sachen, mein liebes Onkelchen, eine
kleine Quantitt Schwermut - Unzufriedenheit mit der Welt und mit dem Leben. Und
diese Schwermut und diese Unzufriedenheit wollen wir Dir austreiben, denn sie
erscheinen uns fr einen Menschen, der was von der Welt und vom Leben begreifen
mchte, als etwas Unschickliches. Nur Leute, denen es am ntigen Grips mangelt,
knnen schwermtig und unzufrieden sein.
    Ich rauchte schweigend weiter und sagte nichts.
    Und der King Thutmosis meinte nun:
    Liebes Onkelchen! Obgleich ich Dich nicht gerettet habe, mut Du mir schon
erlauben, Dich so zu nennen, wie's der Inspektor tut.
    Ich verbeugte mich hflich, aber da riefen alle durcheinander:
    Nu rede mal was!
    Was fehlt Dir?
    Wir wollen Dir helfen.
    Los! Los! Mit Stillschweigen macht man sich hier nicht interessant. 
    Mit diesen und hnlichen Worten strmten sie auf mich ein, und ich mute
mich ganz deutlich erklren; ausweichen konnte ich nicht, obschon ich's am
liebsten getan htte.
    Wie ich's auch drehen mag, sagte ich zgernd, ich komme immer wieder in
eine Gemtsverfassung, in der ich der Welt und dem Leben beim besten Willen
keinen Geschmack abgewinnen kann. Ich sage nicht mit meinem Weltprotz: Ich mag
nicht. Ich sage vielmehr ganz deutlich ohne jedes persnliche Ekelgefhl:
    Mir ist die ganze Geschichte unsympathisch. Ich halte mich eben, da ich doch
existiere, fr berechtigt, der ganzen Existenzkomdie kritisch
gegenberzustehen. Das einfach-persnliche Unbehagen will ich fr berwindlich -
wohl auch fr protzenhaft-blasiert - und jedenfalls fr unberechtigt halten.
    Halt! rief nun der General Abdmalik, so kommen wir nicht weiter. Gib uns
mal zunchst eine grere Anzahl von Geschichten her, in denen das persnliche
Stimmungselement mehr im Hintergrunde bleibt.
    Das setzte mich nun in groe Verlegenheit, denn ich wute nicht recht,
welche Geschichten, hier am Platze sein knnten. Auerdem widerstrebte es mir,
in dieser Form Rede und Antwort zu stehen.
    Aber die Herren, denen ich das auseinandersetzte, wollten in jedem Falle
sieben Manuskripte haben.
    Und so suchte ich denn sieben Sachen, die mir so beinahe unpersnlich zu
sein schienen, zusammen - und gab sie heraus.
    Dann rauchte ich meine nahrhafte Zigarre ruhig weiter, und die sieben Herren
aus dem alten gypten schluckten ihre kleinen Sterne - und lasen dazwischen
meine sieben Sachen, die nun hier folgen mgen.

                                  Zahlenglck



                               Eine Seephantasie

Wie das brodelt, und wie das zischt, und wie das summt, und wie das rumort!
    Und der Vollmond glitzert und blitzt bers weite Meer.
    Aus dem rauschenden wogenden Meere steigt der Glckskrater heraus; das ist
ein imposanter Felsenkomplex, der Feuer speit - wie ein angestochener Drache.
    Und dampfen tut der Glckskrater - wie ein totgehetztes Rennpferd.
    Der Vollmond glnzt, als wenn er sich aufpusten mchte; er bleibt aber, wie
er ist; voller wird er nicht; es ist ihm das ganz unmglich.
    Die Dampfwolken des Kraters sind so wei wie der Kalk an der Wand - wie
Gespensterlaken.
    Und Gespenster stecken auch drinn in den weien Dampfwolken; Hexen - ganz
verrckte Hexen - machen da einen Mordsradau.
    In den Dampfwolken schimpfen die Hexen - was Zeug und Leder hlt. Und das
Geschimpfe klingt mit dem Rumor im Innern des Kraters trefflich zusammen - so
harmonisch - wie Dudelsack und Harmonium zusammen klingen.
    Und die Lawa quillt ber den Kraterrand.
    Aber das Feuer des feuerspeienden Berges ist nicht zu sehen; so dick ist
jetz der weie Dampfwolkenqualm.
    Und die Hexen werden ganz rasend vor geifernder Wut, denn die heie Lawa ist
keine gewhnliche Lawa - Zahlenlawa ist diese Lawa - sie besteht aus lauter
glhenden, giftigen Zahlen, die sich drngen und balgen wie Gassenbuben. Da
gibt's kleine Zahlen und groe Zahlen, und die bilden immer wieder die schnsten
Rechnungen - klappernde Zahlenketten!
    Und die Zahlen sind lebendig wie krabbelnde Fische, die ins Netz gegangen
sind.
    Die Zahlen sind die Kinder der Hexen.
    Eine ganz famose Lawa! Nette, niedliche Kinder sind's - das ist wahr!
    Die Hexen schimpfen, was Zeug und Leder hlt, denn den Kindern sieht man
gleich die saubere Rasse an - die machen ihren Mttern alle Ehre. Das aber pat
den werten Eltern nicht; die Kinder sollen sich nicht gleich verraten.
    Und die Hexen holen ihre Ruten vor und hauen die glhenden Zahlen, um sie
uerlich hbsch zu machen.
    Da werden denn bald die Zahlen so herrlich wie die Schmucksachen in den
Schaufenstern der Juwelierlden - - sie werden zu goldenen Zahlen und zu
Brillantzahlen und zu Emailzahlen und zu feinsten Niellozahlen - und als solche
rutschen sie nun langsam den Berg hinunter ins Meer.
    Und auf der groen Rutschbahn geben die Mtter ihren Kindern die schnsten
Lehren mit auf den Weg.
    Ihr mt immer sehr freundlich tun, kreischen sie wtend, sonst knnt Ihr
ja den Menschen nicht den Kopf verdrehen. Ihr mt den Menschen plausibel
machen, da Ihr ihnen das einzig wahre Glck bringt - das groe Zahlenglck! Ihr
drft Euer Gift erst dann ausspritzen, wenn Ihr Euch an den Menschen festgesogen
habt. Und dann mt Ihr den Menschen den Kopf dick machen mit Eurem Gift, da
die Menschen blind werden fr Alles und nur Euch lieben - Euch, Hexenzahlen! Ein
anderes Glck als das Zahlenglck darf's fr die Menschen nicht geben. Hihihi!
    Und die Hexen kichern, und die Kinder johlen - und sie schimpfen dazu - und
wie sie schimpfen! - da sind alle Fischweiber der ganzen Welt rein gar nichts
dagegen.
    Und dabei geht die Zahlenlawa gierig hinunter und taucht zischend hinein in
das Wogengewimmel des Meeres.
    Und das Meer glitzert und funkelt, da der Mond erschrickt und nicht
versteht, woher all der Glanz herkommt; er - der Mond - ist doch immer noch
nicht voller geworden.
    Und die schimmernden Pracht-Zahlen schwimmen zu den Lndern der Erde und
schwimmen da die Flsse hinaus mit Lachs und Aal Arm in Arm zu den berhmten
Stdten der Menschheit.
    Und der Glckskrater dampft wie Millionen Fabrikschornsteine, und immer mehr
Zahlenlawa strmt hinunter ins Meer, da das vor lauter Glanz brennt.
    Bald wird die Zahlenlawa das ganze Meer von oben bis unten mit Zahlenglck
erfllen.
    Und die Menschen werden sich alle in das Zahlen-Meer strzen.
    Und das Gelchter im Glckskrater wird ein groes Erdbeben erzeugen.
    Und die Kpfe der Menschen werden bei dem Zahlenglck so dick werden, da
der alte Vollmond bald neidisch werden drfte, wenn er all die groen
Wasserkpfe sieht.
    Und der Vollmond wird sich wieder aufpusten wollen - und es wird ihm nicht
gelingen - denn er kennt ja nicht - das menschliche Zahlenglck!!!

                                Der Revolutionr


Der Gemeindelehrer Lehmann war ein Menschenfreund; er beklagte tglich - beinahe
stndlich - das groe Unglck, das durch den Krieg in die Welt kam.
    Und Lehmann beschlo, alle Gemeindelehrer zu Gegnern des Krieges zu machen;
in einem Rundschreiben, das er fr sein eigenes Geld drucken lie, bat er alle
seine Kollegen instndigst, der ihnen anvertrauten Jugend selbst von den
Kriegstaten der eigenen Nation frderhin nicht mehr mit Begeisterung, sondern
nur noch mit dem Ausdrucke herzlichen Bedauerns zu erzhlen.
    Dieses Rundschreiben kam den Vorgesetzten des Menschenfreundes zu Gesicht,
und es entstand im Volksschulratsgebude eine peinliche Stille; die Leiter der
Volksschulangelegenheiten befrchteten smtlich, da derartig revolutionre
Rundschreiben auch in den Kreisen, die der Regierung nahe stehen, gelesen werden
knnten.
    Und man beschlo im Volksschulratsgebude, gleich ganz energisch vorzugehen.
    Und der Gemeindelehrer Lehmann ward seines Amtes entsetzt, und
Pensionsgelder wurden ihm nicht ausgezahlt.
    Lehmann war schwchlich gebaut und fand keine andere Stellung; es ging ihm
immer schlechter, und seine Frau wurde tglich - beinahe stndlich - immer
erregter.
    Und Lehmanns Frau strzte sich eines Nachts zum Fenster hinaus und blieb tot
auf der Strae liegen.
    Lehmann ging wie ein Trumender mit glasigen Augen umher und konnte gar
nicht mehr ordentlich denken.
    Auf einem groen Platze der Grostadt, mitten unter unsglich vielen
geschftig dahineilenden Menschen fing Lehmann, der Menschenfreund, pltzlich
ganz furchtbar laut an zu lachen.
    Nein! rief er dann immer noch lachend, es kommt doch eigentlich auf ein
Menschenleben mehr oder weniger nicht an. Der Krieg ist eine ganz vortreffliche
Einrichtung.
    Und er ging lchelnd in die Destillation, die dicht neben dem Hause lag, in
dem sich seine Wohnung befand - und in der Destillation lchelte er immerfort,
da es den Gsten des Lokals unangenehm auffiel.
    Als die Leiche seiner Frau vorbeigetragen wurde, lchelte er immer noch.
    Der Wirt der Destillation forderte den Menschenfreund auf, das Lokal zu
verlassen.

                              Der hfliche Eremit



                                  Ein Menuett

Guten Tag! sagte schmunzelnd der hfliche Eremit. Und er schttelte dabei
seinem Freunde immer wieder hflich die Hand.
    Sei mir willkommen! rief begeistert der groe Einsiedler. Und dabei rckte
er seinen Ledersessel ans Fenster und drckte seinen Freund in den Ledersessel
hinein.
    Hier hast Du Cigarren! schrie der allzeit einsame Mann seinem Freunde ins
Ohr. Und gleichzeitig zndete er ein Zndloch an, das er in brennendem Zustande
dem Freunde zierlich hinhielt.
    Wir trinken Grog! kreischte der herrliche Wirt seinem Gaste ins Ohr. Und
bald brodelte das kochende Wasser.
    Und dann ward's gemtlich in der Einsiedlerhhle.
    Der Herr des Hauses sprang und tanzte vor Vergngen und erzhlte dabei in
einem fort.
    Ja - die Hflichkeit!
    Mein guter Freund! brllte der hfliche Mensch. Und dabei nahm er seinen
schnen Revolver von der Wand und scho einen Spatz, der auf dem Fensterbrette
sa, mausetot.
    Der Freund drckte sich.
    Der hfliche Eremit drckte ihm herzlichst hundertmal die Hand und bat ihn,
ja recht bald wiederzukommen.
    Der Freund drckte sich.
    Der Spatz aber war tot - ganz tot.

                                  Parademarsch



                             Verrckte Bein-Vision

Und sie schreiten mchtig aus.
    Die Trompeter - die guten Trompeter - blasen so hell in den Frhling hinein.
    Und die Beine der Soldaten heben sich immer wieder zum Himmel auf.
    Oh - es sind so viele Soldaten.
    Welche Lust mu es sein, so viele Soldatenbeine ganz und gar beherrschen zu
knnen!
    Und sie schreiten mchtig aus! - Linkes Bein! - Rechtes Bein! - Immer mutig!
- Immer mutig! - Linkes Bein! - Rechtes Bein! - Auf und ab! Auf und ab!
    Beine - Beine - echte Beine sind feine Sachen! Kannibalischfeine!! - Hoch
das Bein! Hoch das Bein! - Hoch das alte Soldatenbein! - Hher! Noch hher!
Immer noch hher! bis in den alten blauen Himmel hinein! So ist es fein!
    Ja - ja - es mu tatschlich fein sein - Herr vom Soldatenbein sein!
    Beine hoch! Alle Beine hoch! Hurrah!
    Der Frhling lacht dazu - und die Trompeter blasen immer noch - sie blasen
ber die grnen Rasen - es sind so viele Trompeter!

Aber oben ber den Wolken liegt der Herr der Soldatenbeine, lang ausgestreckt
wie eine lange lange eiserne Maschine, und die sieht so greulich schwer aus -
bengstigend!
    Sollte dieser Herr von Eisen - diese Maschine - diese Beinmaschine - die
Absicht haben, herunterzufallen? Ich danke schn! Mein Schdel ist nicht von
Eisen - andrer Leute Schdel auch nicht. Denen, die sehr viel ber Alles
nachdenken, wird schon ganz brgenklietrig! So'n geharnischter Riesenritter -
wenn der aus den Wolken fllt ...

Buh! Huh! Rechtes Bein!
Buh! Huh! Linkes Bein!

Aber - wie? Was ist das? Da kommen ja andre Soldaten - schwarze - ganz schwarze
- groe Gespenster - zwei Meilen groe - sehr schlanke - mit schlackrigen
Gliedern und langen, drren, wackligen Knochenbeinen. Und die Knochenbeine heben
sich genau so wie Soldatenbeine beim Parademarsch - nur noch viel hher - viel
viel hher - wahrhaftig! bis an die Sterne!!
    Und jedes Mal, wenn die Gespenster oben mit den kralligen Zehen einen Stern
berhren - fllt der runter - der Himmel wei - wohin.
    Und whrend die Gespenster immerfort in Zickzacklinien durch die andern
Soldaten durchstolzieren, werden allmhlich alle Sterne vom Himmel
heruntergerissen - auch Sonne und Mond - so da es ganz duster wird - ringsum.
    Die Trompeter blasen immer noch in der alten Tonart.
    Die Soldaten und Gespenster marschieren unentwegt weiter - man hrt's! - man
hrt's! Die Stiebelsohlen klatschen man so. Die Gespenster treten ein bichen
leiser auf.
    Und jetzt wird's oben ber uns pltzlich wieder hell. Der Herr der Beine,
der mit seiner ungeheuren hochfeudalen Stahlrstung lang ausgestreckt auf den
Wolken liegt wie eine lange Maschine, wird innerlich erleuchtet - wie - wei ich
nicht. Aber die Stahlgewlbe werden auf Brust und Bauch, Ellenbogen, Knie und
Schienbein berall hell - die Wolken dazwischen ebenfalls.
    Der Herr der Soldaten- und Gespensterbeine, diese eiserne Maschine, die
augenscheinlich jeden Augenblick aus den Wolken fallen mchte wie ein ehrlicher
Nachtwchter - der Herr des Kriegs - der schlgt das Visier auf und schaut hinab
- grinsend - wie ein frecher Gewohnheitsmrder.
    Das Gesicht oben ist jedoch ganz kreidebleich wie ein Angststck - bartlos
natrlich - ich mag's nicht sehen und drcke meine beiden Fuste in meine
Augenhhlen.
    Indessen - jetzt mu ich wieder hren - die gleichmigen Schritte der
Soldaten und Gespenster drhnen mir in den Ohren. Rechtes Bein! Linkes Bein!
Weiter! Kehrt! Weiter! Kehrt! Feste! Feste!
    Immer mutig! Auf und ab! Immer mutig! Auf und ab! Auf und ab!
    Es ist unheimlich. Ich ffne wieder die Augen und - und sehe nichts - gar
nichts.

Alles ist duster und - merkwrdig! - so lig - als wenn's Maschinenl geregnet
htte.
    Stiebel knarren, trockne Eichen rauschen, Flinten knattern in der Ferne. Und
oben scheuern sich im Marschtakt eiserne ungeheure Beinschienen.
    Und nun prasselt wahrhaftig ein veritabler Oelregen auf mein Haupt
hernieder.
    Das ist mir hchst unangenehm - beinah ekelhaft!
    Alles duster und lig!
    Und die Trompeter blasen immerzu - ohne Pause.
    Was ist das? Was ist das Alles?
    Dalldorf und Maison de sant?
    Nee!Ih nee!
    Ich wee schon - blo Europa und Amerika - selbstverstndlich!
    Wat dachten Sie?
    Die Elfenbein-Maschine wird wieder ordentlich eingelt! Na ja!
    Alles klar!
    Hinter den Kulissen - alten spanischen Wnden - klatscht die Zukunft
fortwhrend Bravo - Bravo! - Bravissimo!!

                                   Meerglck



                                 Eine Groteske

Das alte Meer tobt.
    Und langsam steigen aus den schumenden Wogen Geister heraus - malos
riesige Geister!
    Mit wildem Trotz kommen sie hher und hher.
    Ihre Fuste sind geballt.
    Sie drohen mit ihren geballten Fusten.
    Und pltzlich schlagen sie mit ihren Fusten aufs tobende Meer, da die
schumenden Wasser hoch aufspritzen - bis an die Sterne.
    Unergrndliche smaragdgrne Augen starren aus den Geisterkpfen heraus - in
die Welt hinein.
    Verzehrende Wehmut und maloser Zorn kreischt - in diesen grnen Augen.
    Das alte Meer tobt.
    Und langsam tauchen die Geister des Meeres wieder hinab - ins alte kalte
Wogenbett.
    Gurgelnd schliet sich das Wasser ber den haarigen Kpfen, in denen die
smaragdgrnen Augen verlschen.
    Und wieder tobt das Meer - einsam - einsam - und gro!

                               Die drei Denkmler


Das Denkmal eines Esels, das Denkmal eines Schweines und das Denkmal eines
Fuchses zierten den Platz einer Grostadt.
    Nachts um die zwlfte Stunde sprachen die Denkmler miteinander - jedes
Denkmal sagte:
    Was sich blo die Menschen dabei gedacht haben, als sie Mir eine solche
Ehre zu Teil werden lieen!

                                  Stille Nacht


Der groe Lrm ist fort.
    Totentanz.
    Zwei Elefantenrssel winden sich neben mir, als suchten sie was - einer
rechts und einer links.
    Nachtglck.
    Jetzt hat das groe Schweigen begonnen, das lautlose Schwrmen bricht an mit
dstren Wolken.
    Totentanz.
    Die Priester bewegen ihre Arme so wie Elefantenrssel, die heiligen Tiere
schweben empor und sinken zurck, kommen nher und wenden den Kopf mhsam nach
rechts und nach links, als suchten sie was.
    Nachtglck.
    Meine beiden Elefantenrssel schmiegen sich an mich, schlingen sich um
meinen Leib und drcken - wrgen.
    Totentanz.
    Ich schwebe weiter den dstren Wolken zu.
    In der trben Dmmerung sind die Priester mit den heiligen Tieren.
    Jetzt lsen sich meine beiden Elefantenrssel von meinem Leibe langsam los.
Die Priester setzen sich auf die heiligen Tiere und reiten davon in die
Finsternis.
    Nachtglck.
    Ich bin allein - Alles verschwindet.
    Die trbe Dmmerung zerfliet und wird ganz schwarz.
    Die Welt ist dunkel - wie einst.
    Totenglck.

Nun entwickelte sich das folgende Gesprch:
    King Ramses: Wir nehmen zunchst an, da Du allem Irdischen Realittenwert
nicht beimessen willst - bemerken aber, da Du dieses lbliche Wollen sehr
hufig zu vergessen pflegst. Und dieser Vergelichkeit entspringen Deine
traurigen Stimmungen in erster Linie. Du brauchst Dich nicht zu genieren - auch
die grten der irdischen Philosophen haben an dieser merkwrdigen
Vergelichkeit gelitten. Auch das Meer ist eine reale Sache durchaus nicht.
Nichts ist so merkwrdig wie die Vergelichkeit der Skeptiker. Aber so kommt es,
da Deine sieben Geschichten ber die ganz gewhnliche Anschauungsart der Dinge
nicht sehr hoch hinausragen. Siehst Du das ein?
    Ich: Ja, ich mu das wohl einsehen - obwohl ich nicht recht wei, was ich
denn zusammendichten sollte, wenn ich die Eindrcke, die ich von der Welt
empfangen habe, beim Dichten weglassen wollte.
    King Ramses: Das war nicht sehr geistreich erwidert, liebes Onkelchen! Der
radikale Skepticismus, der die Grundlage smtlicher Philosopheme ist, bedeutet
durchaus nicht die groe Lehre von der groen Leere der Welt - vielmehr das
Gegenteil. Wenn die Welt, wie sie den menschlichen Sinnesorganen erscheint, nur
eine einzige Seite des Daseins der Betrachtung darbietet, so wird das Dasein
wohl noch mehr Seiten haben - und wir irren wohl nicht, wenn wir sagen: noch
unendlich viele Seiten! Und wenn Du dieses beim Dichten nie vergessen wrdest,
so wrde jede Deiner Dichtungen einen kolossalen Hintergrund bekommen - und Du
wrdest beispielsweise die scheinbare Tatsache, da sich eine arme Frau zum
Fenster hinausgestrzt hat, mit einem Weltenhintergrunde ausstatten, der die
scheinbar traurige Tatsache als ein wunderbares, rtselhaftes Phnomen
erscheinen lt, in dem auch Strahlen des allmchtigen Weltganzen aufsprhen,
die nur dem Dummkopf unsichtbar bleiben.
    Ich: Da mu ich nur frchten, da diese Anschauungsart die menschliche
Rohheit noch vergrern knnte. Die Realitt der Empfindungen kann ich doch
nicht so ohne Weiteres leugnen.
    King Thutmosis: Halt! Das geht denn doch zu weit. Wenn Du schon die Realitt
der sogenannten Gegenstnde und Tatsachen leugnest, so wird Dir doch nichts
Andres brig bleiben als - auch die Realitt Deiner Lust- und
Schmerzempfindungen zu leugnen. Ich mchte blo wissen, wo bei diesen die
Realitt sitzen soll. Die sogenannten seelischen Schmerzen erscheinen uns nicht
einmal als direkt aus einer veritablen Ursache entspringende Empfindungen; man
schneide die Raisonnements ab oder ndere sie um, so ist die Seelenqual nicht
mehr da. Und der physisch genannte Schmerz wird in den meisten fllen auch
blo durch Raisonnements dazu. Wir knnen Dir sogar verraten, da alle Schmerzen
nur durch die Raisonnements entstehen - und solchen ganz knstlich entstehenden
Empfindungen willst Du Realitt beimessen? Die Schmerzen bekommen gewhnlich
erst in der Erinnerung Existenzgewnder.
    Ich: So - also: wenn mir ein Bein abgehackt wird, so ist das gar kein
Schmerz?
    King Thutmosis: Zieh nur die Furcht vorher und die Raisonnements fr die
Zukunft nachher von dem Schmerze ab, so wird von diesem hchstens ein Etwas
zurckbleiben, das Dir notwendiger Weise unangenehm nicht zu sein braucht.
    Ich: Wie steht es nun aber mit den sogenannten moralischen Raisonnements?
    King Necho: Mir erscheint doch, da sich die Behandlung dieser Frage auch
ganz von selbst ergibt. Da wir smtlichen Raisonnements den realen Wert
abstreiten mssen, so haben auch die moralischen keinen realen Wert. Und hieraus
folgt sehr viel!
    Ich: Das glaube ich schon; eine veritable Gemeinheit ist nicht mehr eine
veritable. Die Schurken und die Gewissensbisse werden zu Nebelgebilden, die man
einfach wegblasen kann.
    King Necho: Und es ist nicht mehr ntig, da Du Dich ber einen Parademarsch
allzu sehr entrstest. Ja - der ganze Entrstungszauber nimmt
bedenklich-komische Physiognomieen an, wenn man auch die moralischen Qualitten
der menschlichen Handlungsweise als Gedankenkompositionen hinstellt, die nur im
Banne menschlicher Sinnesorgane ein Daseinsrecht haben. Und hhere Lebewesen
gar, die ber Gestirne oder ber noch Greres gebieten, nach menschlicher Moral
behandeln zu wollen, wirkt einfach komisch.
    Ich: Aber jedenfalls darf man deshalb die Rohheiten nicht fr eine gttliche
Sache halten.
    King Amenophis: Wer als Mensch erkannt hat, da er berall von Dingen
umgeben ist, die reale Bedeutung nicht haben - und wer daher davon berzeugt
ist, da die Welt in Wahrheit unendlich viele Male bedeutender und grandioser
ist, als sie menschlichen Augen erscheint - der ist gar nicht mehr im Stande,
etwas zu begehen, was andre Menschen roh nennen knnten. Da eine jede Lehre
auch miverstanden wird, ist doch eine natrliche Folge der unendlich groen
Vielseitigkeit aller Dinge. Es haben eben unsre gesamten kosmischen
Vorstellungskombinationen gleichfalls keine reale Bedeutung - da die Welt noch
immer unendlich viele Male grandioser ist - als wir durch Worte - anzudeuten
vermgen. Und das mu man behalten - und darf es nie vergessen - dann wird man
nie wieder ein trauriges Gesicht machen, das in keinem Falle geistreich
aussieht.
    Ich: Ja - ich erkenne sehr gerne an, da die Vergelichkeit in dieser
Angelegenheit Orgien feiert. Ich glaube schon, da hier der Kern aller
Sentimentalitten steckt. Wir mssen viel fter dran denken, da unser ganzes
Leben wirklich nur ein plastisches Schattenspiel ist.
    Der Oberpriester Lapapi: Und darum mssen wir auch an der Grandiositt der
Welt niemals zweifeln; es darf uns nie wieder in den Sinn kommen, da irgend
eine Sache nicht harmonisch in das Weltganze hineinpat. Wir mssen ganz fest
davon berzeugt sein, da die Welt, die sich in unendlich vielen
Anschauungsformen allen Lebewesen offenbart, so groartig ist, da jeder Zweifel
an dieser Groartigkeit von selbst verstummen mu. Es mu uns einfach wie etwas
Lcherliches vorkommen, wenn Jemand sagen mchte: dieses ganze Leben ist nicht
einen Dreier wert. So was kann nur ein Ungebildeter sagen - oder Einer, der
wieder mal die wichtigsten Erkenntnisse unsres Lebens vergessen hat.
    Ich: Ja - ich sehe ein, wir sollen zu allen Zeiten vor dem Weltganzen knieen
und anbeten.
    Der Oberpriester Lapapi: Das Knieen und Anbeten ist eine Gewohnheit
einfacher Lebewesen - wer weiter in der Erkenntnis gekommen ist, bildet sich
nicht mehr ein, da er jemals dem Weltganzen nher sein knnte; er glaubt auch
nicht, da das Weltganze ein Wohlgefallen an knieenden Betern haben knnte - das
wre denn doch allzu plumper Anthropomorphismus.
    Ich: Aber das Bewutsein sollen wir haben, da keine Auflehnung dem Ganzen
gegenber erlaubt ist.
    General Abdmalik: Wir sollen uns blo gegen die Traurigkeit auflehnen und
auch nie vergessen, da es dem Weltganzen eigentlich sehr gleichgiltig ist, ob
sich ungebildete Leute gegen das Weltganze auflehnen oder nicht. Wenn Jemand mal
auf die Welt schimpft, so macht er sich nur lcherlich. Und darum soll man den
Leuten, die nicht immer mutig sind, von Zeit zu Zeit einen derben Puff
versetzen. Es eignet sich brigens auch die Soldateska des Erdballs sehr wohl
dazu, die Trauerklpfe des Erdballs ein wenig durch Pffe aufzumuntern. Das soll
man auch nicht vergessen, obschon es nicht so leicht zu begreifen ist. Die
Soldateska hat eben ebenfalls ihre guten Seiten - wie Alles, was dazusein
scheint. Was der physische Schmerz im Leben des Einzelnen bedeutet, das bedeutet
der Krieg im Leben der Vlker; Schmerzen und Krieg sind dazu da - zum Leben zu
reizen.
    Ich: Also: man schlgt sich gegenseitig tot, um den Beweis zu fhren, da
das Leben wirklich lebenswert ist - nicht wahr? Der Oberpriester Lapapi: Hher
stehende Lebewesen brauchen natrlich so plumpe Lebensreizer nicht mehr. Aber
ich bitte Dich, nicht zu vergessen, da auch der Tod eine reale Bedeutung nicht
hat - auch das Sterben ist in unserm Leben - ein Ding, das was Andres ist - als
es zu sein scheint.
    Der Pyramideninspektor Riboddi: Und deshalb sollen wir immer im Geiste
Pyramiden erbauen und in diesen Pyramiden unsre Schmerzen fein einbalsamiert zur
Ruhe bestatten. Unsre Schmerzen haben auch ihre guten Seiten wie Alles, was
dazusein scheint. Schade, da meine Herren Vorredner schon so viel geredet
haben, sonst htte ich auch lnger reden knnen. Indessen - die kurzen Reden
haben auch ihre guten Seiten - wie Alles, was dazusein scheint. Und deshalb sind
wir auch so froh, da wir dazusein scheinen. Denn: da Alles seine guten Seiten
hat - so knnen wir keine Ausnahme bilden - und haben darum auch unsre guten
Seiten - auf die wir uns jetzt legen wollen.
    Dieses sagt der Inspektor, schluckt noch einen kleinen Kometen runter und
pfeift.
    Und sofort wird Alles ganz dunkel.
    Unsichtbare Hnde heben mich auf, tragen mich weit fort und legen mich in
ein groes Bett, allwo ich sofort einschlafe.
    Und whrend ich schlafe, nehmen mir unsichtbare Hnde ein Manuskript weg,
das ich den Herren aus dem alten gypten grade recht feierlich berreichen
wollte -

                                Die Nubaumtorte


Auf der Pyramide des Cekrops, die auch in der Nhe der alten Sphinx zum Himmel
aufragt, flsterten die Gespenster; sieben durchsichtige Totengrber legten eine
Mumie auf die zehnte Stufe der Pyramide vorsichtig hin.
    Der Mond glnzte.
    Und die sieben Totengrber steckten flsternd sieben Streichhlzchen an und
erweckten die olle Mumie. Nach dieser geheimnisvollen Tat verschwanden die
sieben Totengrber - wie Zigarrendampf verschwindet, wenn ein groer Wind kommt.
    Und die Mumie, ein alter gyptischer Priester, erhob sich und kletterte
behende auf die Spitze der Pyramide, allwo ein europischer Baumeister mit
untergeschlagenen Beinen wie ein alter Pascha dasa.
    Die Herren begrten sich mit verschiedenen Verbeugungen - aber ohne Worte.
    Vor dem Baumeister stand eine hohe Nubaumtorte - ein Meisterwerk der
hheren Konditorkunst - gearbeitet nach einem alten arabischen Rezept, das zur
Zeit des Chalifen Motawakkil berechtigtes Aufsehen hervorrief.
    Der Priester nahm auf der andern Seite der Nubaumtorte dem Baumeister
gegenber Platz, holte sein heiliges Steinmesser aus der Grteltasche - und
langte zu.
    Die Herren aen zusammen wie alte Bekannte.
    Der Mond glnzte.
    Und der Priester sprach, whrend er ein groes Tortenstck kunstgerecht
zerschnitt:
    Mit dem ganzen Leben ist nicht viel los - darauf kannst Du Dich verlassen.
Ich wei das ganz genau, denn ich kenne die Erde bereits seit fnftausend
Jahren. Heute feire ich wieder mal meinen Geburtstag. Ich sage Dir: Alles ist
einfach miserabel. Als Geist hat man auch nichts von seinem Leben. Ich freue
mich, Dich hier angetroffen zu haben - aber ich freue mich nur, weil ich jetzt
wieder mal die beste Gelegenheit habe, einen Menschen von der absoluten
Lcherlichkeit des Daseins berzeugen zu knnen. Nu rede Du, sonst komme ich zu
kurz bei der Torte.
    Der Baumeister blickte hinab in den Mondenschein, der auch die Wste Sahara
ganz hell machte, und sagte nach einer Weile: Meine liebe Mumie! Wenn Du schon
ein Wesen bist, das menschliche Philosophie im Leibe hat, so wird es Dir nicht
gelingen, mich von der Lcherlichkeit des Daseins zu berzeugen.
    Kstlich! rief die Mumie, warum denn nicht?
    Weil Dir, versetzte der Baumeister, klar sein mu, da Du weder die Welt
noch das Leben - weder das kosmische Dasein noch das menschlich-irdische Dasein
- durchschauen kannst. Und weil sich ein anstndiger Mensch, der Philosophie im
Leibe hat, nicht ein Urteil ber Dinge bildet, die er nicht durchschauen kann.
    Nun wurde die Mumie mchtig wtend und schrie laut in den afrikanischen
Mondenschein hinein:
    Mensch aus Europa! Was erlaubst Du Dir? Ich bin ein alter Priester aus dem
alten gypten! Nenne mich hinfort nicht mehr Mumie, sondern wie sich's gebhrt.
Ich habe fnf Jahrtausende durchlebt - und den greren Teil dieser Zeit als
Geist durchlebt. Da werde ich die Welt und das Leben doch wohl kennen gelernt
haben.
    Mitnichten, erwiderte gelassen der Baumeister, und wenn Du fnf Millionen
Jahre durchlebt httest, Du wrest ebenfalls noch nicht so weit, um Welt und
Leben ganz durchschauen zu knnen. Warst Du vielleicht vor zwei Jahrtausenden im
nahen Alexandria?
    Selbstverstndlich! brllte der Priester.
    Da hast Du wohl auch, fuhr der Andere fort, die Skeptiker kennen gelernt,
die da auseinandersetzten, da wir nur Sinnbilder der Welt - diese selbst aber
nicht zu erkennen vermgen.
    Ach, darauf willst Du hinaus! rief nun wieder lachend die Mumie, wenn Du
mit so alten philosophischen Scharteken ankommst, so wirst Du mich nicht aus dem
Text bringen. Wenn wir gar nicht raus knnen aus unsern Sinnbildern, wie's die
Skeptiker behaupten, so ist ja dieses famose Sinnbilderdasein erst recht ein
Jammerdasein - dann knnen wir doch erst recht kein Loblied auf unser irdisches
Gefngnis singen. Diese schwarze Kseglocke, unter der wir hier sitzen, verdient
es eben nicht, da wir sie Himmel nennen, nicht wahr? Durch die paar hellen
Lcher, die Ihr da oben Sterne nennt, kommt nicht allzuviel Licht in unser
Dasein hinein, nicht wahr? Ja - ja - es ist kein erhebendes Gefhl, in dieser
leeren Kseglocke wie eine Made dazusitzen und nicht weiter zu knnen -
eingeklemmt von den inhaltlosen Bildern unsrer Sinne. Nu rede Du, sonst komme
ich zu kurz bei der Torte.
    Und der alte Priester a wieder wie ein Scheunendrescher und versuchte
mehrmals zu lcheln, was ihm aber bei dem permanenten Gekaue nicht gelang.
    Der Baumeister klatschte whrenddem mehrere Male mit der flachen Rechten auf
die eine Pyramidenseite wie auf einen Pferdeschenkel, da es lustig durch den
Mondschein schallte, und sprach dann, nachdem er noch ein gutes Stck von seiner
Torte gegessen hatte, folgendermaen:
    Vieledler Priester aus dem alten gypten! Deine Phantasie ist sehr madig -
ich danke! Aber - um in Deinem gyptischen Bilde vom Himmel zu bleiben, frage
ich Dich: warum sollen wir denn nicht durch die hellen Lcher da oben durch
knnen? Mit unsern Augen knnen wir doch die Lcher durchblicken und andre
Welten sehen. Gengt das denn nicht? Haben wir denn nicht ein paar Augen im
Kopf, die berall durchdringen knnen - und berall Alles sehen knnen? Und
trotz unsrer herrlichen Augen nennst Du unsre Welt ein Gefngnis? Edler
Priester, es steckt, wie ich gleich geahnt habe, so schrecklich wenig
Philosophie in Deiner trbsinnigen Weltanschauung. Ich kriege beinahe die
Schimpfsucht. Donnerwetter! Mit unsern herrlich leuchtenden Augen kommen wir
eben aus unsrer dunklen Weltglocke raus - in Millionen andrer Weltrume hinein -
in denen Alles anders ist - so wie wir's gerade wollen - voll lachender
Herrlichkeit und allmchtiger Grandiositt. Unsre Augen haben einen Weltenwert.
Unser Sinnbilderdasein knnen wir so reich machen, da uns die ganze
Unendlichkeit dagegen klein erscheinen kann. Wir knnen doch mit unsern Augen,
auch wenn sie blind geworden sind, zu allen Zeiten Alles sehen, was wir wollen.
Gengt das denn immer noch nicht? Ein Dasein, in dem wir schlechterdings Alles
haben, was von unsrer Natur empfangen und gehalten werden kann - ein solches
Dasein sollen wir miserabel nennen? Ein herrlicheres Dasein knnen wir uns ja
gar nicht denken - das gibt's ja gar nicht.
    Der Baumeister war ganz auer Atem gekommen. Eulen flogen fauchend an der
Pyramide vorber. Die Mumie hrte fr ein paar Augenblicke mit ihrem Kauen auf
und sagte hstelnd:
    Rotbackige Begeisterungsweisheit! Jnglingspoesie! Deinen Reden fehlt ja
das Rckgrat; Dein Augenamsement bleibt doch nur eine simple Sinnenlust. Wenn
Du mit der Sinnenlust allein zufrieden bist, so wei man ja, was man von Dir zu
halten hat. Aber bei gengsamen, einfachen Gemtsmenschen wirst Du groen
Anklang finden - bei denen kannst Du Triumphe feiern! Der alte Priester a
jetzt langsam weiter und besah den Rest der Nubaumtorte mit grtem Eifer, als
wenn er ihr Rezept - ihre Seele - entdecken wollte.
    Da sagte der Baumeister, alle zehn Finger krallenartig erhebend:
    Ich bersehe das Witzige in Deiner Randglosse, denn es war nicht sachlich
und nicht korrekt, aber ich verstehe wohl, da Du von den menschlichen Sinnen
nicht viel halten magst - Du hast ja eingeschrumpfte Sinne - eine
eingeschrumpfte Nase, eingeschrumpfte Augen und Ohren - entschuldige, da ich
das nicht gleich bemerkte. Aber mit Deinen eingeschrumpften Sinnen darfst Du
Dich hier nicht als Weltweiser aufspielen - das schickt sich nicht fr einen
Geist, der Philosophie im Leibe zu haben glaubt. Der Baumeister reinigte sein
silbernes Kuchenmesser, whrend der alte Priester aus dem gypterlande den
ganzen Rest der Nubaumtorte mit beiden Hnden ergriff und ganz ungeniert
hineinbi wie ein wildes Tier.
    Aus einer rgerstimmung, fuhr der Herr aus Europa, whrend er sein
Kuchenmesser in seinen berzieher steckte, fort, macht man keine
Weltanschauung. Es ist doch lcherlich, wenn man eine gelegentliche, durch
Verdauungsstrung oder sonstwie hervorgerufene Weltverachtung in Permanenz
erklren mchte. Man kann ja nicht einmal eine gelegentliche Weltverulkung in
Permanenz erklren.
    Man kann auch, entgegnete die Mumie, eine gelegentliche Weltverhimmelung
nicht in Permanenz erklren - das ist ebenfalls lcherlich.
    Aber nicht so dumm wie Deine Trbsinnsphilosophie! gab der Baumeister
zurck.
    Die Mumie schluckte den letzten Happen von der Torte runter und fragte
hhnisch:
    Was sagst Du nun?
    Der Baumeister klatschte wieder mit der Rechten auf seine Pyramide und
blickte hinber zur groen Sphinx, die im Mondenschein leuchtete wie ein
Gespenst.
    Und der Herr aus Europa verglich stillschweigend die alte Sphinx mit der
alten Mumie, die vor ihm sa, so da es dieser unangenehm auffiel.
    Sage mir doch, sprach nun langsam der alte Priester, warum wir Deine
lcherliche Nubaumtorte aufgegessen haben. Sag mir das, und ich gehe. Sag's mir
doch! Du bist ja so furchtbar schlau.
    Das kann ich, versetzte da der Baumeister, erst dann Dir sagen, wenn Du
mir gesagt hast, warum Du keine weien Manschetten trgst.
    Da schnrte sich die Mumie fester ihre Wickelbnder um - erhob sich - schrie
laut: Pfui Deiwel! - und strzte sich rcklings die Pyramide runter.
    Auf jeder Stufe schlug der Mumienkrper krftig auf - was sich so anhrte,
als wrde ein alter Sack ausgeklopft - ein Lumpensack!
    Viel Staub kam aus dem Sacke raus; der Staub war sehr alt.
    Der heilige Nil glitzerte wie der Grtel einer alten gyptischen Prinzessin
- so viel Mondenschein kam von oben runter.
    Der Mond umglnzte auch die Pyramide des Cekrops von allen Seiten, denn das
himmlische Licht stand nun oben grad ber der Spitze der Pyramide, in der
Cekrops - oder ein andrer Pharao - seinen langen Schlaf schlief.
    Eulen flogen wieder fauchend an der Pyramide vorber.

Wilde Trume hatten mich geplagt.
    Ich schwebte immerzu zwischen groen, papiernen Hampelmnnern herum - die
schrieen immer, whrend unsichtbare Hnde unten an ihren Strippen zogen, da die
papiernen Arme nur so flatterten - ja - die Hampelmnner - die schrieen immer:
    Wir leben ja gar nicht, aller Lebensschmerz ist pure Einbildung; der
Schmerz ist l.
    Und ich sah, wie l von den Hampelmnnern heruntertroff- und unten ein
groes lmeer erzeugte - das pltzlich zu brennen anfing.
    Und abermals hoben mich unsichtbare Hnde auf und schwebten mit mir durch
festlich strahlende Steingewlbe, in denen die Wnde und Sulen funkelten wie
Brillanten.
    Ist dieses Reich nicht herrlich?
    Also riefen die Unsichtbaren.
    Und ich sagte:
    Das habe ich mir Alles schon tausendmal in meinen Trumen zusammengedacht.
    Nachdem ich dieses gesagt hatte, sa ich wieder einem kleinen Nilpferdchen
gegenber, und das meinte lchelnd:
    Jetzt trumst Du nicht mehr! Ich bin der Oberpriester Lapapi und mchte mit
Dir ber Deine Nubaumtorte reden. Wie kommst du nur dazu, einem alten
gyptischen Priester eine so fadenscheinige Weisheit in den Mund zu legen?
    Ich war nicht im Stande, was Vernnftiges zu erwidern, und bat nur hflich
um Entschuldigung.
    Und da nickte der Oberpriester und offerierte mir eine dunkle Cigarre.
    Rauch nur, flsterte er lchelnd, wobei seine groen weien Zhne mich
anglnzten, zuerst mal Dein Frhstck auf. Und dann wollen wir weiterreden.
    Ich tat, wie er mich geheien.
    Die Cigarre brannte gleich - ohne Schwefelholz.
    Und whrend ich rauchte, lief Lapapi im Zimmer herum und meinte hstelnd:
    Hm! Hm! Wenn ich jetzt was zu lesen htte!
    Nun - ich verstand die Anspielung.
    Und es dauerte nicht lange, so hatte der Lapapi was zu lesen.

                                Der alte Mrder



                               Ein Gemtsmrchen

Epheu rankte sich ber das alte Gemuer der stillen Ruinenwelt.
    Und es war einmal ein Mrder. Der mordete ohn' Unterla. So manchem
Menschen-Dasein machte er ohn' Erbarmen ein blutiges Ende. Der Mrder mordete
stets mit seinem langen kostbar ciselierten Patriarchendolch.
    Dunkelgrne Epheubltter fielen auf den Erdboden.
    Als nun der Grausame nach harter Tagesarbeit wieder einmal des Abends seine
Stammkneipe betrat, brachte ihm der Wirt Wasser zum Abwaschen des vielen
Menschenbluts und Wein zum Aussplen des Magens. Und whrend der Wirt seinen
Gast eifrig bediente, fragte er so nebenbei:
    Sagen Sie mal, lieber Herr Mrder, warum morden Sie stets am Tage? In der
Nacht kann man doch viel gemtlicher morden.
    Frische hellgrne Epheubltter schwebten durch die Stube zum Fenster hinaus.
    Und nach einer langen Weile sprach darauf der alte Gewohnheitsmrder
folgendermaen:
    In meinen Jugendjahren, als ich noch ein Mrderjngling war, pflegte ich
nur des Nachts zu morden. Da traf es sich mal, da ich einem alten Wuchrer im
Walde auflauerte. Die Nacht war dunkel, und ich bekam nachher den Jammerkerl zu
packen. Ich schlug ihm gleich mit der Faust so feste unter die Nase, da ihm
alles Reden verging. Und dann mordete ich, so wie ich's gewohnt bin. Den
Leichnam schmi ich mitten auf die Strae, denn Totengrber spiele ich nicht
gern; die vielen Epheubltter wirken nicht angenehm auf mein Gemt. Was aber
mute ich zwei Tage nach dem Morde hren? Ich mute hren, da ich aus Versehen
den rmsten Mann der ganzen Gegend totgestochen hatte - und da der Wuchrer
entkommen war. Das ergriff mich furchtbar, und ich habe geweint wie ein kleines
Kind. Nein - einen armen Mann tten, ist ein Verbrechen. Einen Wuchrer tten ist
eine gute, brave Tat. Und so morde ich, jetzt nur noch am hellen, lichten Tage.
Man sieht dabei sofort, ob es auch ntig ist, solchen Kerl totzustechen. Mancher
Lump verdient blo eine tchtige Tracht Prgel. Ich renke manchmal den Schuften
nur die Arme oder die Beine aus und la sie dann laufen; die also Bestraften
vergessen die Lektion nicht so leicht und bessern sich gemeinhin. Der Wirt
nickte freundlich, und die Frau Wirtin brachte dem Herrn Mrder Eisbein mit
Sauerkohl und gutes Lagerbier dazu. Dunkle Epheuranken schwankten vor den
Fenstern der Schnke. Der Mrder sah die Ranken nicht; er trank nach dem
Abendbrot noch eine kleine Weie mit Kmmel und ging dann hinaus in den
Mondenschein, allwo viele schlechte Menschen spazieren gingen den Berg hinauf -
bis zur stillen Ruinenwelt, wo der dunkle Epheu mchtig wucherte.
    Aber der Mrder beschmutzte seinen Dolch nicht; das nchtliche Morden hatte
er sich ganz abgewhnt.
    Das war damals, als noch Richter, Staatsanwalt, Henker und Rechtsanwalt dem
Namen nach unbekannt waren auf Erden; die Justizpflege war noch von
patriarchalischer Einfachheit.
    Heute gibt es solche Leute, die mit so viel edlem Anstande wie unser alter
Mrder morden, nicht mehr.
    Grne Epheubltter fallen auf den Erdboden.

                                  Trauermarsch


Langsam schreiten die Gerippe, klappern im Takte mit ihren Knochen, schreiten
schweigend mit Fackeln in der Knchelhand durch die Straen der groen Stadt.
    Es ist Nacht, Alles sehr einsam, und von Zeit zu Zeit erschallt wieherndes
Gelchter.
    Sind's die Gerippe, die so scheulich lachen? - oder lachen die Menschen,
die aus den Fenstern rausgucken und dem Trauermarsch der Knochenleute so blde
nachstarren?
    Die Fackeln - die brennenden Fackeln - stecken sich jetzt die Toten in den
Mund - und die ganzen Schdel fangen an zu brennen.
    Wieder wieherndes Gelchter!

Die Toten aber schreiten mit ihren brennenden Hirnschalen ruhig weiter - wie
alte Soldaten.
    Still geht's mit den Fackeln im Munde zur Stadt hinaus.
    Und dann lacht es wieder so schauerlich ...
    Wer lacht denn blo?
    Lach' ich selbst?
    Ich bin ganz ernst - wie stets!
    Ich glaube: die groe Stadt lacht.

                             Zwei Knaben gingen ...


Zwei junge Leute gingen ber Land.
    Da kam ein alter Mann des Wegs und sthnte sehr.
    Die jungen Leute lachten.
    Da kam ein eleganter Wagen - und der fuhr so schnell, da der alte Mann
nicht ausbiegen konnte und berfahren wurde.
    Die jungen Leute lachten abermals, whrend sich der alte Mann auf der
Landstrae hin und her wand und erbrmlich schrie.
    Dies Alles hatte ein Gendarm gesehen; er eilte herbei und half dem Alten
wieder auf die Beine.
    Und die jungen Leute lachten zum dritten Male - johlend wie Gassenbuben.
    Da die beiden jungen Leute ganz gut gekleidet waren, fragte der Gendarm,
woher sie kmen und wer sie wren.
    Wir kommen, sagte der eine, vom Diner und sind moderne Leute.
    Da gab der Mann des Gesetzes dem khnen Redner eine Backpfeife.
    Doch im selben Augenblicke hatte der moralisch Entrstete einen Messerstich
im Herzen; den hatte ihm der andre junge Mann gegeben.
    Hiernach liefen die beiden jungen Leute davon.
    Aufgegriffen sind sie noch nicht, obschon Unzhlige der Tat verdchtig
erschienen.
    Die modernen Leute sagen jetzt nicht mehr, da sie die modernen Leute sind -
denn sonst machen sie sich gleich verdchtig - zum mindesten kriegen sie
Backpfeifen.
    Es sollen auch schon zwei moderne Leute totgeprgelt sein - das ist aber
blo ein Gercht.
    Wahr ist jedoch, da neulich ein Moderner angespuckt wurde.

Dir fehlt was an der Galle! sagte nach der Lektre der Oberpriester Lapapi.
    Und ich sagte gar nichts dazu.
    Er aber fuhr fort:
    Es gibt Leute, die da glauben, da nur eine bitter-ernste Weltanschauung
Anspruch auf Bedeutung haben knnte; diese Leute merken gar nicht, da sie sich
mit ihrem traurigen Gesicht eigentlich nur blamieren, denn das Gesicht des
Trbsinns ist zugleich das Gesicht der Unbildung; nur ungebildete Menschen sehen
bitterernst aus. Wer ein bichen weiter sehen kann - wer da gewohnt ist, mit
weitem Bick in die Welt zu schauen - der lt sich von dem ueren irdischen
Scheine der Dinge nicht tuschen - der wei, da hinter der uns sichtbaren
Erscheinungswelt noch unendlich viele andere Erscheinungswelten stecken - und
da wir gar kein Recht haben, die Welt zu verachten, weil uns einzelne
Phnomene, die von unsern Sinnen bemerkt werden, unverstndlich oder abstoend
vorkommen.
    Da horchte ich auf und bemerkte hastig:
    Dann wr's aber doch wohl ntig, auf diese Phnomene einzeln einzugehen.
    Damit, erwiderte der Priester, bin ich durchaus einverstanden. Frage nur,
und ich will Dir Antwort geben.
    Ich erklrte nun zunchst, da mir die Art der menschlichen Krper-Ernhrung
durchaus nicht imponieren knnte.
    Und Lapapi antwortete:
    Zunchst mu doch wohl zugegeben werden, da das Essen und Trinken den
Menschen durchaus keinen Schmerz bereitet.
    Besonders, warf ich ein, wird den Menschen dann das Essen und Trinken
keinen Schmerz bereiten, wenn sie nichts zu essen und zu trinken haben.
    Ganz richtig, versetzte der Oberpriester, aber Du wirst jedenfalls
zugeben, da eine wahrhaft gute Laune durch Hunger und Durst nicht umgebracht
werden kann. Zum mindesten wird die Phantasie durch Hunger und Durst aufs
angenehmste gesteigert. Und - habe die Todesfurcht mal total berwunden, so
werden Dir die Schmerzen, die Hunger und Durst scheinbar verursachen, nicht sehr
wehe tun. Du kennst ja wohl jenen pessimistischen Philosophen, der das
freiwillige Verhungern fr die einzig anstndige Selbstmordmanier erklrte. Na
ja! Indessen - kommen wir auf das Essen und Trinken, das dazusein scheint,
wieder zurck! Du willst sagen - ich merke das wohl - da es Dir nicht
sympathisch ist, wenn man dazu lebende Tiere abtten mu. Ja - willst Du noch
was Besseres haben? Willst Du gleich Sterne essen, wie wir's tun?
    Bitte! Bitte! unterbrach ich das kleine Nilpferd heftig, wir wollen doch
ernst bleiben. Ich finde Ihre Bemerkungen frivol.
    Das Nilpferd machte einen Luftsprung mit doppeltem Saltomortal oben im
Gewlbe; wir befanden uns in einem sehr hohen Bibliothekzimmer.
    Vergi nicht, sagte der alte Herr, als er wieder vor mir sa, den
Oberpriester Lapapi, der hier vor Dir steht, immer feste mit Du anzureden. Und
gewhne Dir ein wenig die Feierlichkeit ab - die habe ich am Nil vor vier
Jahrtausenden so grndlich kennen gelernt, da ich keinen Geschmack mehr daran
finde.
    Ich wollte nun hren, was zur Sache gehrte, und bat darum.
    Da ward er aber wtend, schmi drei dicke Folianten auf den Fuboden und
rief:
    Sollen wir denn hunderttausendmal erklren, da irdische Visionen keine
Realitten sind? Weit Du denn, da die Tiere gelebt haben? Weit Du denn, da
die Tiere, die Du essen darfst, gestorben sind? Man kann doch nicht Dinge
verurteilen, die uns blo furchtbar zu sein scheinen. Wie oft sollen wir denn
die alte Weisheit wiederholen? Es ist geradezu ermdend und hchst langweilig,
immerfort dasselbe vorzukauen. Glaubst Du, wir seien als Professoren angestellt?
Glaubst Du, wir htten wie tellurische Magister die verdammte Pflicht und
Schuldigkeit, immer wieder das einmal behandelte Thema nochmals zu behandeln?
    Der Oberpriester Lapapi lie mich pltzlich allein.
    Und da sa ich nun mit meinen Manuskripten zwischen den Bcherregalen und
bedauerte, da ich nicht vorsichtiger vorgegangen war.
    Und ich ordnete die Manuskripte, die ich noch hatte - und whlte drei Stcke
aus, die ich bei der nchsten Gelegenheit den gyptern berreichen wollte.

                                    Der Wurm


Der Wurm in meiner alten Kommode nagt immerzu - immerzu. Er wird ewig nagen -
niemals wird er aufhren zu nagen. Und ich mu es immerzu hren - immerzu.
    Ob ich das ewig werde aushalten?
    Es ist nicht wahrscheinlich.

                                  Herbstmorgen


Ach ja! rief er laut in den Morgenwind, und dabei setzte er sich auf eine
Bank. Er hatte so viel getrunken, da er jetzt nicht mehr weiter trinken mochte
- er hatte die ganze Nacht getrunken.
    Die Welt ist ziemlich traurig und ganz bestimmt sehr langweilig. Der Sommer
ist jetzt auch kaputt.
    Mit diesen Worten begrte er die Morgensonne, die mit einem alten Leiermann
zusammen um die nchste Straenecke kam.
    Die Bank in den Anlagen war khl, der Leiermann kam immer nher und erhielt
von ihm zwei Mark und fnfzig Pfennige. Das Geld bestand aus Sechsern und
Groschen. Fr das Geld sollte der Leiermann eine ganze Stunde ohne Aufhren
spielen.
    Die Vergngungen der Wstlinge sind immer sehr seltsamer Natur.
    Doch da stieg aus dem Hause, das der alten Bank gegenberstand, eine feine
Rauchsule heraus - die ward bald zu dickem Qualm; es brannte in dem alten
Hause.
    Der Leiermann aber mute ruhig weiterspielen.
    Die Feuerwehr kam, Polizisten zu Fu und zu Pferde eilten nach rechts und
nach links.
    Der Leiermann spielte weiter.
    Da wurden die Polizisten natrlich sehr rgerlich ber das unaufhrliche
Spielen.
    Der Leiermann wird verhaftet und abgefhrt.
    Der Mann, der die ganze Nacht immerfort getrunken hatte und jetzt gar nicht
mehr trinken mochte, sitzt ruhig wie ein altes Gtzenbild auf seiner alten Bank
in den Anlagen - und hat gar kein Mitleid mit dem alten Leiermann.
    Das Feuer im alten Hause wird gelscht.
    Die Feuerwehr fhrt wieder ab.
    Die Polizisten verschwinden.
    Es ist ein stiller Herbstmorgen.
    Wozu noch was retten wollen? Der Sommer ist doch tot.
    Also murmelt der Mann auf der alten Bank.
    Dann denkt er an die Feuerwehr und bedauert, da er nicht mit den Leuten,
die immer noch was fr rettungsfhig und rettungswert halten, mitgefahren ist.
    Armer Leiermann! ruft er mit einem Seufzer, steht auf und geht weiter.

                                 Menschenliebe


Der Himmel tat sich auf, und ein Engel kam vom Himmel herunter zu den Menschen.
Der Engel reichte allen Menschen freundlich die Hand und wurde von ihnen
gestreichelt - aber mir so viel Zrtlichkeit und Ausdauer, da dem Engel
schlielich alle Glieder weh taten.
    Da rannte der Engel davon und setzte sich am Ufer eines Flusses auf einen
wei angestrichenen Stein.
    Auf diesem Steine dachte der Engel ber sein Unglck nach, denn ihm taten
die Glieder ganz gehrig weh.
    Pltzlich aber erinnerte er sich, da er ja noch himmlisches l in seinem
Tornister habe, holte das l hervor - und rieb sich alle seine Glieder mit dem
le ordentlich ein.
    Da ward dem Engel wieder wohl, und er ging zu den Menschen zurck.
    Indessen die Menschen fingen abermals an, den Engel zu streicheln mit viel
Zrtlichkeit und Ausdauer.
    Da jedoch die Menschen bemerkten, da sie sich die Hnde eklig voll l
machten, so wurden die leicht erregbaren Menschen rgerlich und verhauten den
Engel in nicht grade rcksichtsvoller Art.
    Der Engel rannte abermals davon in einen finsteren Wald hinein. Und da den
Engel jetzt wiederum alle Glieder schmerzten, gebrauchte er zum zweiten Male
sein himmlisches l.
    Und bei dieser zweiten Einreibung dachte der gute Engel darber nach - was
wohl bei den Menschen leichter zu ertragen sei - das Gestreicheltwerden oder das
Verklopptwerden.
    Zurckgegangen zu den Menschen ist der Engel nicht.

Ich mochte wohl mit diesen ausgesuchten drei Geschichten ausgeschlagene drei
Stunden so ruhig dagesessen haben - da kam endlich der General Abdmalik in das
Bibliothekzimmer. Kaum aber hatte er einen Luftsprung mit Saltomortals wie
Lapapi gemacht - so lachte er furchtbar - und rannte davon.
    Ich sa abermals drei ausgeschlagene Stunden mit meinen drei Manuskripten da
und wartete - es lie sich aber kein Nilpferdchen sehen.
    Da ging ich denn in ein Nebenzimmer - und da saen denn die Herren - lange
Pfeife rauchend - in bequemen Ledersesseln und lasen in groen Folianten.
    Mein Erscheinen blieb anfnglich ganz unbeachtet.
    Ich hustete jedoch und reichte mit einigen Worten der Entschuldigung meine
drei Manuskripte dem Knig Thutmosis, der mir zunchst sa.
    Dieser Knig sah blo in die Manuskripte hinein - dann sprang er wtend auf,
schmi seinen Folianten auf den Fuboden und schimpfte sogleich wie ein
Rohrspatz.
    Glaubst Du denn, wir wren toll geworden, da wir ewig und immer alle Tage
und alle Nchte blo Deine trbsinnigen Geschichten lesen mchten? Wir haben was
Besseres zu tun. Mit solchem Zeug komm uns nicht wieder.
    Und dann warf er auch meine Manuskripte auf die Erde, da sie wie Bltter im
Winde berall herumflogen.
    Mit Mhe sammelte ich sie und steckte sie ein und wollte mich entfernen.
    Da stie mir aber der Inspektor mit seinem rechten Vorderfu in den Bauch
und sagte:
    Gib drei lustige Geschichten fr die drei traurigen!
    Ich wollte erst nicht, aber ich lie mich doch berreden und gab, was man
verlangte, bemerkte aber gleich sehr ernst:
    Lustigere Geschichten habe ich augenblicklich nicht bei mir. Ich bitte,
nicht wieder zornig zu werden, wenn sie einem der Herren doch noch zu trbsinnig
erscheinen sollten. Ich kann nicht lustiger sein - als ich bin!
    Nun - die Herren lasen dann ganz ruhig, was ich ihnen gegeben hatte.

                              Die gebratene Ameise



                                  Arbeitsspa

Bei den fleiigen Ameisen herrscht eine sonderbare Sitte: Die Ameise, die in
acht Tagen am meisten gearbeitet hat, wird am neunten Tage feierlich gebraten
und von den Ameisen ihres Stammes gemeinschaftlich verspeist.
    Die Ameisen glauben, da durch dieses Gericht der Arbeitsgeist der
Fleiigsten auf die Essenden bergehe.
    Und es ist fr eine Ameise eine ganz auerordentliche Ehre, feierlich am
neunten Tage gebraten und verspeist zu werden. Aber trotzdem ist es einmal
vorgekommen, da eine der fleiigsten Ameisen kurz vorm Gebratenwerden noch
folgende kleine Rede hielt:
    Meine lieben Brder und Schwestern! Es ist mir ja ungemein angenehm, da
Ihr mich so ehren wollt! Ich mu Euch aber gestehen, da es mir noch angenehmer
sein wrde, wenn ich nicht die Fleiigste gewesen wre. Man lebt doch nicht
blo, um sich totzuschuften!
    Wozu denn? schrieen die Ameisen ihres Stammes - und sie schmissen die
groe Rednerin schnell in die Bratpfanne - sonst htte dieses dumme Tier noch
mehr geredet.

                                   Die Helden


Wahrlich! Da saen die Helden mit ihren blanken Schwertern und mit ihren
glnzenden Augen in ihren prchtigen Mnteln auf den schweren Sesseln.
    Die Helden sprachen lange kein Wort. In dem kleinen dunkelgrauen Zimmer
hrte man nur die groe, alte Uhr langsam hin und her ticken.
    Wir haben's vorausgesehen! begann endlich der stille Blonde.
    Es mute so kommen! sagte ein Andrer.
    Wir haben lange genug geschwiegen! brummte ein Dritter.
    Unsre Geduld ist gerissen! rief ein Vierter.
    Allzugut ist dumm! flsterte ein Fnfter.
    Dann erhoben sie sich von ihren Sitzen und schwuren sich ewige Treue - ewige
Treue gegen den alten Feind - den Geschftsmann.
    Und sie zogen aus mit ihren Mannen und schlugen den Geschftsmann tot.
    Das war keine Heldentat! sagten sie nachher.
    Und es war doch eine Heldentat - sogar ihre grte Heldentat.

                              Schlechtes Publikum!


Auf dem braunen Kameel sa ein kleiner Affe.
    Der Affe hatte ein rotes Rckchen an und blickte neugierig nach tallen
Seiten herum, wie das so Affen zu tun pflegen.
    Aber die beiden Tiere waren auf einer einsamen Landstrae, wo's keine
Zuschauer gab.
    Da machten sie denn den Krhen ihre Spe vor.
    Die Krhen flogen in groen Scharen vorber und hielten sich nicht auf.
    Wie sich manche Tiere an die Menschen gewhnen knnen!
    Schlechtes Publikum! brummte das Kameel.

Das also, sagte nach einer Viertelstunde der Herr Amenophis, soll nun lustig
sein!
    Ich sagte leise:
    Es fllt mir immer schwerer, die Lebenskomdie anzusehen und als solche zu
empfinden. Mir wchst die irdische Atmosphre, um es ganz deutlich zu sagen, zum
Halse hinaus. Ich kann nicht mehr.
    Da standen die Nilpferdchen auf, stellten ihre Folianten in die Regale,
hpften auf einem Beine und sagten:
    Hm! Du bist ein interessanter Gast!
    Man gut, da wir Dich am Abhange vom Tode errettet haben.
    Du bist es wert, leben zu bleiben.
    Aber so wie Du bist, erscheinst Du uns nicht grade sympathisch.
    Mchtest Du nicht doch, uns zu gefallen, anders werden?
    Wir mchten Dich ja so gerne anders machen.
    Das elektrische Bad scheint nicht viel gentzt zu haben. Vielleicht bist Du
jetzt ein bichen anders blo aus Hflichkeit.
    Nach diesen Bemerkungen hpften sie wieder auf einem Beine und pfiffen dazu,
wobei ihr breites Maul spitz wurde und furchtbar komisch aussah.
    Aber mir machte das alles nicht den geringsten Spa, und ich meinte nur
verdrlich:
    Schneidet mir die Langeweile aus, wenn Ihr mich anders haben wollt.
    Da sprach der Pyramideninspektor Riboddi ernst:
    Wir wollen Dich allein lassen, wenn Du Dich in unsrer Gesellschaft
langweilst.
    Und sie gingen ohne Gru davon.
    Und ich blieb lange Zeit allein.
    Und ich wollte ber das nachdenken, was die alten gypter gesagt hatten -
aber meine Gedanken schweiften ab und fuhren ruhlos umher durch meine Kindheit
und durch die mathematische Bedeutung der Kegelschnitte und durch einen stillen
Wald und durch Dinge, die mir immer unsympathisch waren - durch Geschrei und
Gewimmer - Krankenbett und Totenhalle.
    Meine Traurigkeit nahm immer mehr zu, und ich sagte leise:
    Es ist doch Alles gar nichts.
    Da fiel ein Glas von einem Schranke herunter und zerbrach.
    Ich sprach dann leise, als wren die alten gypter noch da:
    Das Glas zerbricht so leicht - wie wir selber zerbrechen - und dann sind
blo noch Scherben da - und die Scherben sind immer ein klglicher Anblick.
Warum zerbrach das Glas? Es bleibt berall ein schriller Ton von zerbrochenen
Glsern zurck - und ich finde nicht das mehr in den Scherben, was ich einst im
Glase fand. Ihr sagt, es gbe ja noch viele Trillionen Glser. Das mag wahr
sein, aber ich wollte doch, das alte Glas wre nicht zerbrochen. Ihr sagt, da
es nicht ewig bestehen knnte - das wre langweilig, wenn man immer dasselbe
Glas vor sich htte. Aber ist es nicht auch langweilig, da man immer wieder
Scherben vor sich hat? Es mag durchaus nicht geistreich sein, wenn man etwas
beklagt. Schon richtig! Aber wollen wir denn immer geistreich sein? Mir ist es
ganz egal, ob mein Gesicht dumm oder klug aussieht. Und wenn Alles blo ein
Schattenspiel ist - kann man's sehr geistreich nennen, wenn uns die Welt immer
blo als miges Spiel erscheint? Gewi, es ist nicht ntig, da Alles immer
ernst aussieht - es sieht ja leider das Meiste schon ernst genug aus - aber was
habe ich, wenn ich das Ernste als Komdie behandle - und die Komdie als eine
bitterernste Sache? Schlielich ist mir Alles ganz egal. Und das macht nicht
heiter. Das sind, sagt Ihr, blo bergangsstadien. Jawohl, es wird ja Alles
wieder anders. Auf Regen folgt Sonnenschein. Blo hier bei diesen gyptischen
Herren gibt es weder Sonnenschein noch Regen - die Fenster fehlen ja.
    Da ward es pltzlich ganz dunkel in dem Bibliothekzimmer, und ich sagte nur
noch:
    Das ist wahrscheinlich die gyptische Finsternis. Neugierig bin ich doch -
was jetzt kommt.
    Und ich sank dabei in die Tiefe.
    Und es ging immer schneller hinunter.
    Und pltzlich ward es wieder ganz hell.
    Und ich war in einem orientalischen Wundergarten, in dem die Frchte an den
Bumen groe Edelsteine sind.
    Ich wurde von unsichtbaren Hnden durch den Garten getragen und konnte dabei
die Edelsteine ruhig betrachten.
    Es waren viele zierliche Pavillons mit glitzernden schlanken Sulen in dem
groen Garten - in dem wirkte ein seltsames, blaugrnes Licht so duftig wie ein
feiner Nebel von Wohlgerchen.
    Und wie ich nun ein paar Topasbirnen genauer ansah, bemerkte ich, da sich
kleine gelbe Perlen von den Birnen loslsten und wie Seifenblasen in der Luft
herumschwebten und auch wie Seifenblasen grer wurden. Und dann sah ich auf
diesen gelben Blasen unzhlige winzig kleine Kerlchen, die Kanonen auf kleine
Hgel hinaufschleppten und von dort aus auf die anderen gelben Blasen
losschossen. Auf den anderen Blasen krabbelten ebenfalls kleine Kerlchen mit
Kanonen herum. Und ich bemerkte bald, da sich die Blasen nach zwei Seiten hin
ordneten, und danach flogen die Schsse immer schneller von Blase zu Blase; es
knisterte in der Luft. Und bei dem Schieen sah ich, wie jede der winzig kleinen
Kugeln entsetzliche Verheerungen unter den kleinen Leuten anrichtete. Und es
dauerte nicht lange, so zappelten auf den Blasen all die kleinen Wesen mit
zerrissenen Gliedmaen neben den Kanonen herum und starben, wie es schien, unter
groen Qualen.
    Und dann sah es so aus, als zgen die Topasbirnen all die gelben Blasen
wieder an - und dann verschwanden die Blasen in den Birnen.
    Das ist, sagte mir ein Unsichtbarer, Alles nur ein Entwicklungszauber.
Dieser Garten ist die Wunderkche der Nilpferde, allwo die kleinen Sterne
geschaffen werden, die den Nilpferden, wie Du weit, zur Nahrung dienen.
    Ich wurde weiter getragen und sah an einer dunkelblauen Saphirpflaume ein
anderes Schauspiel.
    Da kamen kleine Zwerge mit Allongeperrcken heraus, umschwebten die Pflaumen
und redeten zu ihr. Ich konnte die Worte der winzig kleinen Zwerge deutlich
verstehen:
    Liebe Pflaume, sagte der eine Zwerg, es ist auerordentlich berflssig,
da du so glnzend bist. Du mut jenen zarten, stumpfen Hauch bekommen, der Dir
so gut steht.
    Und danach klopften alle Zwerge ihre Perrcken aus, soda ein groer
Puderstaub entstand, der der Saphirpflaume jenen zarten Hauch verlieh.
    Nach diesem Perrckenausgeklopfe steckten die Zwerge alle ihre Finger in den
Mund und wurden nun immer kleiner - und nach ein paar Augenblicken unsichtbar.
    Entwicklungszauber! sagte mein unsichtbarer Begleiter, nichts als
Entwicklungszauber! An allen Frchten gehen solche kleinen Wunder vor. Wenn die
nicht vorkmen, wrden die Nilpferde nichts Ordentliches zu essen haben. Alle
diese Steinfrchte sind uralt und fhlen sich als groe Welten; sie mssen sehr
viele Verwandlungen durchmachen, bis sie ebar sind. Hier kannst Du wohl noch
mehr erleben als in den groen Sternen des Himmels.
    Ich fhlte, da mir so leicht wurde.
    Und ich wollte noch mehr von diesen Miniaturwelten sehen und sagte das.
    Man kam meinem Wunsche gleich entgegen, denn aus einem Kirschbaum, dessen
Kirschen Rubine waren, wirbelten pltzlich groe Scharen kleinster Elfen heraus;
die Elfen kneteten in ihren Hnden kleine rote Tropfen. Und unter dem Kneten
entstanden aus diesen roten Tropfen alte Kpfe, die ganz rot vor Zorn waren und
niedertrchtig schimpften. Und die Elfen warfen die Zornkpfe in die Hhe und
stieen mit langen feinen Lanzen in die Kpfe hinein, da die aufbrllten vor
Schmerz. Die Elfen stachen grausam fters durch die Kpfe durch. Und whrend nun
aus den roten Tropfenkpfen kleine Blutstropfen herunterrieselten, sah es
pltzlich so aus, als wenn die Kpfe leuchteten. Und so war's auch; ich blickte
schrfer hin und bemerkte, da die Kpfe jetzt rote Sonnen zu sein schienen -
die Augen waren zu Sonnenflecken geworden. Und diese Sonnen schwebten empor und
verschwanden oben. Die Elfen warfen ihre Lanzen den Sonnen nach, klatschten in
die Hnde und verschwanden in den Kirschen.
    Wie leicht sich hier Alles verndert! sagte ich leise.
    Und die Stimme neben mir erwiderte ebenso leise:
    Wenn Du nun wtest, da in jeder Stunde berall immer wieder neue
Vernderungen vorkommen, wrdest Du nicht sagen mssen, da hinter diesen
Wunderfrchten unsglich viele schne Dinge stecken?
    Das knnt ich, sagte ich still, nicht leugnen.
    Nun mut Du aber, fuhr die Stimme fort, wissen, da alle Dinge, die Du
auf Erden siehst, ebenfalls solche Wunderfrchte sind. Hinter jeder
Erscheinungswelt steckt eben eine unendliche Reihe andrer Erscheinungswelten.
    Ich fhlte nach diesen Worten eine groe, sehr angenehme Schlaffheit in
allen Gliedern. Und es kam mir so vor, als verstnde ich die ganze Welt. Und ich
begann zu reden - wie im Traum. Was ich redete, erschien mir auerordentlich
scharfsinnig. So als wren alle Weltgeheimnisse vor mir aufgelst - so wurde
mir.
    Und ich sah nicht mehr die kostbaren Frchte des Wundergartens.
    Ich schwebte zwischen perlgrauen Wolken und redete ohn Unterla.
    Aber heute wei ich leider nicht mehr, was ich redete; das habe ich total
vergessen.
    Ich wei nur noch, da ich damals mitten im Reden einschlief und dann weiter
trumte - und mich im Traume auch noch reden hrte - sehr weise kam ich mir vor
- und ich fhlte mich sehr glcklich.
    Und das groe Glcksgefhl verlie mich lange Zeit nicht; ich mu damals
sehr lange geschlafen haben.
    Mir ist heute noch so, als wenn das, was ich damals im Schlafe fhlte, das
Herrlichste war - von Allem, was ich je erlebte.
    Als ich die Nilpferdchen in einem kleinen weien Sammetzimmer wiedersah - in
dem Zimmer war Alles von weiem Sammet - da fhlte ich noch immer die ganze
Traumseligkeit wie vorhin.
    Und die alten gypter, denen ich davon sehr ruhig, aber auch sehr heiter
erzhlte, wollten nun etwas von mir lesen, in dem was vom Traumglck gesagt
wird.
    Ich erinnerte mich, da ich so was bei mir hatte.

                                  Katta-Kottu



                                   Japaneske

Ja wohl! sagte der Admiral Tiko, man kann auf dieser Erde anfangen, was man
will - lange freut man sich doch nicht ber seine Taten.
    Die Sonne ging langsam im Westen unter, und der Waldsee des Knigs wurde
bunt wie ein Pfau. Ein paar Frsche quakten. Lebende Libellen flogen berm
Wasser hastig hin und her allmhlich den Ufern zu, wo die Fliederbsche dufteten
und die Ameisen fleiig waren.
    Der Admiral Tiko, eine groe Persnlichkeit, besah seinen kstlichen
Siegelring, den er immer am rechten Zeigefinger trug, und dachte ber das Leben
nach.
    Der Waldsee wurde nun dunkler, aber drben auf dem hohen Berge funkelte das
Felsenschlo wie eine alte Knigskrone. Die Frsche quakten lauter. Die Libellen
verschwanden. Eine schwarze Ameise bi dem groen Admiral in den linken kleinen
Zeh und starb.
    Der Abendwind zitterte in den Bltenkelchen und wehte ihren Duft vorsichtig
in die Welt hinaus. Es bhten in den Grten des Knigs unzhlige Blumen -
Nelken, Tulpen und Narzissen.
    Tiko blickte zum Felsenschlo empor, und seine Gedanken wurden anders.
    Der Knig htte das Felsenschlo gerne dem Admiral geschenkt zum Lohne fr
seine Taten. Der Tiko liebte das Schlo; es war ein feines Kunstwerk und so
still. Dort oben konnte man das weite blaue Meer berschauen und Ruhe haben bis
ans Ende seines Lebens - wohlige Ruhe.
    Indessen - wollte der Tiko das Geschenk annehmen, so sollte er sein Kommando
niederlegen und die Schiffe des Knigs fahren lassen, ohne mitzufahren.
    Das gefiel dem groen Manne nicht.
    Das Schlo funkelte nicht mehr, denn die Sterne des Himmels fingen zu
funkeln an. Die Farbenpracht der Sonne sank lautlos in die stille Nacht.
    Drben am andern Ufer des Waldsees klatschten lange Ruder ins Wasser; das
taten die Feuerwerker. Es sollte ein groes Feuerwerk abgebrannt werden mit
Platzbomben und Diamantraketen. Tikos Gedanken vernderten abermals ihre
Richtung. Die Tochter des Knigs, die witzige Prinzessin Katta-Kottu, feierte
ihren Geburtstag, und Tiko sollte sehr bald mit der Prinzessin allein in einem
kleinen Kahn sitzen - und rudern. So hatte es sich die Katta-Kottu gewnscht; es
erschien ihr so nett, sich whrend des Feuerwerks mit dem Admiral gemtlich zu
unterhalten.
    Die Frsche quakten, und Tiko atmete tief auf. Fr die berhmten Mnner
schwrmte die Katta-Kottu; das war immer so gewesen. Tiko besah wieder seinen
Siegelring. Der Abendwind suselte duftig und milde.
    Die Sterne standen am Himmel und strahlten. Die Feuerwerker priesen die
Nacht - sie lag so still da wie des Knigs Schatzkammer.
    Der dicke Diener des Admirals meldete die Ankunft der Prinzessin.
    Tiko ging hin und begrte die Katta-Kottu voll Ehrfurcht und Bewunderung.
    Die hellblauen Papierlaternen der Hofdamen wackelten, die Kavaliere strichen
sich den Schnurrbart und verbeugten sich.
    Alle waren in hellblauer Seide erschienen, nur Katta-Kottu's Kleider waren
schneewei und die des Tiko zinnoberrot.
    Der Admiral stieg mit seiner Prinzessin in den kleinen goldenen Kahn, und
die Kavaliere stiegen mit den Hofdamen in die anderen Khne, die in Silber
glnzten.
    Und dann ruderte man langsam ein paar Ellen weit auf den See hinaus und
plauderte dabei.
    Tiko sagte befangen:
    Der Mond scheint heute nicht.
    Da lachte die Prinzessin und meinte, da man auch ohne Mond gut trumen
knne.
    Trumen? fragt Tiko.
    Nu ja! was denn sonst?
    Also erwiderte die witzige Katta-Kottu.
    Der Admiral sah in seinem zinnoberroten Gewnde so drollig aus, und die
Prinzessin fand das so nett - so traumhaft.
    Wenn er blo nicht so viel schweigen wollte! dachte sie bei sich.
    Er aber dachte immer nach, bevor er sprach - so auch jetzt. Und er fate
nach einer Weile seine Gedanken in diese Worte:
    Prinzessin! Zu trumen pflegt man, wenn man nichts zu tun hat. Wer sein
Leben mit Taten fllt, trumt nicht mehr; die Trume drehen dem Tatendurst das
Genick um. Der Traum macht trge; die Augen sehen nicht mehr klar. Und man ist
bald nicht mehr fhig, eine Tat zu vollbringen - ein mder Mensch. Das ist doch
zu beklagen, da das Tatglck das grte Glck ist.
    Hm! versetzte die Witzige, das klingt so klug und ist es gar nicht. Nein!
Wahrhaftig nicht! Ihr knnt mir's glauben! Ich stelle das Traumglck ber Alles.
Das Tatglck kann nicht grer sein. Mu es also nicht kleiner sein? Es mu
doch, nicht wahr?
    Tiko lchelte berlegen und schttelte den Kopf.
    Das gefiel aber der Prinzessin nicht, und sie fuhr bse fort:
    Admiral! Das Leben ist, so wie es ist, doch nicht schn genug. Ist der
Traum daher nicht das schnere Leben? Tatglck kann nur im gewhnlichen Leben
entstehen, Traumglck aber entsteht im schneren Leben. Mu also das Traumglck
nicht schner sein als das Tatglck?
    Wiederum mute der Admiral lcheln, und er sagte spttisch:
    Das ist nicht wahr, Prinzessin! Das Tatglck ist doch mchtiger als das
Traumglck. Der Traum ist immer bald zu Ende, und ich liebe die kurzen Sachen.
    So! rief nun erregt die Katta-Kottu, es gibt aber auch lange Trume.
Neulich hatte ich einen ganz langen Traum. Hrt zu!
    Sie machte eine Pause und hub dann feierlich zu erzhlen an:
    Die Erde wird ganz dunkel wie schwarze Seide. Ich aber mag die Finsternis
nicht. Ich znde also meine kleine rote Lampe an und will fort. Und da sehe ich
vor mir eine Treppe - die fhrt in das Erdinnere. Ich gehe die Treppe hinunter
und komme in einen schwarzen Saal; die Wnde sind glatt und spiegeln. Und ich
steige noch eine Treppe tiefer und trete in einen noch greren Saal, der auch
schwarz ist wie der vorige; aber hier sind die Wnde nicht mehr glatt, einzelne
Teile sind mit wunderlichen Schnitzereien bedeckt - Alles aus schwarzem Stein -
aus spiegelglattem Stein! Und ich steige noch weitere Treppen hinunter und komme
in die tiefer gelegenen Sle; jeder tiefere ist immer grer und reicher - mit
Galerieen, Kuppeln und herrlichen Grotten. Und die Schnitzereien aus Stein
werden immer drolliger, und es sind so viele, da man bald nicht mehr die
Empfindung hat, von Wnden umgeben zu sein. Auch die schwarzen Fubden sind
voll Schnitzerei; die ist natrlich flacher gearbeitet. Ich sehe mir Alles an,
und ich sehe mir Alles sehr lange und grndlich an. Es ist Alles ganz anders als
oben auf der Erde - viel kecker. So viele Tiere und Blumen, die's gar nicht gibt
- und nicht blo Molchdrachen! Es ist in tausend Jahren nicht zu beschreiben -
so seltsam! Ich bin da unten lange - sehr lange! - ganz allein, so da ich mich
schlielich graule. Meine kleine rote Lampe leuchtet mir nicht hell genug. Aber
kaum wird mir das lstig, so springen auch schon sechs schwarze Pudel auf mich
zu. Die Pudel haben milchweie Augen, und diese Augen sind so hell, da
pltzlich Alles hell wird. Da seh ich denn, da das schwarze Gestein von ganz
feinen - haarfeinen! - trkisblauen Linien durchdert ist. Und nun wird's
berall lebendig. Gazellen kommen von den Galerieen herunter und rufen
freundlich Katta-Kottu! Sie sprechen aber so oft meinen Namen aus, da ich
erstaunt frage: Was wollt Ihr denn von mir? Da ffnet sich eine groe sehr fein
geschnitzte Pforte, und weigekleidete Priester tragen in einer Snfte meinen
toten Bruder herbei. Ich laufe ihm entgegen - und er springt auf - und umarmt
mich. Und whrend ich ihn weinend ksse, umtanzen uns kleine weie Elefanten,
rot und grn gestreifte Giraffen, kleine dunkelviolette Schweine und bunt
karrierte Kameele. Ein merkwrdiges Volk! Mein Bruder dreht sich mit mir, und
wir tanzen wie die Tiere. Und dabei verwandelt er sich in einen kleinen Zwerg,
und ich werde noch kleiner - noch viel kleiner - ich werde - es ist wirklich
wahr! - ein - Floh! Drollig - nicht? Ja! Da sah Alles aus - so gro! Nicht zu
sagen! Ich hpfte meinem Bruder auf die dicke Nase, und - er - ach - er
zerdrckte mich mit seinem Zeigefinger.
    O weh! schrie der gute Tiko.
    Aber die gute Katta-Kottu bemerkte lchelnd, da im Traume das
Zerdrcktwerden gar nicht so unangenehm sei. Sie plauderte unbeirrt weiter:
    Ich trume eigentlich zu allen Zeiten - auch mit offenen Augen am hellen
lichten Tage. Sehr oft spiele ich mit den Sternen, klebe dem Monde lange Ohren
an und knipse der Sonne die Nase ab, verspeise ein paar Kometen und reie die
Milchstrae entzwei. Ach ja - mit dem Himmel steh ich berhaupt auf sehr
freundschaftlichem Fue. Und nun soll ich einem berhmten Admiral das Traumglck
noch deutlicher machen? Ach, du guter Himmel, gib mir ein Zeichen, da ich recht
habe! Bitte! Bitte! Lieber Himmel, sei so gut!
    Katta-Kottu faltete die Hnde, und dabei stieg rauchend die erste Rakete zu
den Sternen empor, und helle bunte Diamanten fielen aus dem Feuerkopfe der
Rakete langsam hernieder.
    Tiko sah das Felsenschlo aufleuchten im Diamantenglanz und sagte dann
hastig:
    Frauen gegenber behauptet man immer mehr, als man will - oft das Gegenteil
von dem, was man denkt. Die Trume sind allerdings nicht ihrer Krze wegen zu
verdammen - umgekehrt! - sie leiden fast alle an erschrecklicher Lnge. Ich
hatte das vllig vergessen. Die Trume sind lang und faul: sie hneln der
Schildkrte, whrend die Tat flink ist wie ein feuriger Tiger.
    Admiral! entgegnete die Prinzessin gereizt. Vergleiche sind billig wie
kleine Fische, und lange Schildkrten sind mir unbekannt. Ich knnte auch sagen,
der Traum sei die Blte des menschlichen Lebens, die uns durch ihren Duft und
durch ihre Farbenpracht entzckt, whrend die Tat eine dicke Frucht ist, die man
essen kann - essen! Die Frucht ist ntzlich - aber sehr plump. Die Blte gibt
uns doch mehr Glck. Ach Himmel, gib mir ein Zeichen, da ich recht habe!
    Tiko lchelt, so wie er's oft zu tun pflegt, rudert ein wenig weiter in die
Mitte des Sees hinein, besieht wieder seinen Siegelring und schildert der
Prinzessin mit gesenktem Blick eine strmische Meeresnacht, redet von
Kommandobrcke und Sturzwelle, von Sprachrohr und Tauende, von wegfliegenden
Mtzen und brechenden Mastbumen.
    Wie der Admiral wieder schweigt, starrt er der Prinzessin fest ins Auge -
aber siehe! - da wird's pltzlich so furchtbar hell - von oben dringt ein
grelles, hellgrnes Licht hernieder - und im selben Augenblick schlgt dicht vor
dem goldenen Kahn ein grner Feuerball in die Mitte des Waldsees.
    Der goldene Kahn kippt um - und die Prinzessin wird mit dem Admiral in die
Tiefe gerissen.
    Tiko hat gleich mit der Linken das Kleid der Prinzessin gepackt. Und Beide
werden zusammen von den wilden Wirbeln immer tiefer ins Wasser gezogen - so sehr
sich auch der Admiral mit den Beinen dagegen strubt.
    Unten fhrt er mit dem rechten Arm so tief in den Schlamm, da er gleich
fhlt, wie auch seine rechte Wange beschmutzt wird.
    Indessen - tatkrftig wie stets - arbeitet er sich bald aus diesem tiefen
Sumpfgebiet raus und schwimmt mit der Prinzessin in der Linken an die Oberflche
des Sees, wo er mit strmischen Halloh von den Kavalieren und Hofdamen begrt
und mit der Prinzessin rasch ans Ufer gebracht wird.
    Am Ufer wird der Tiko von seinem dicken Diener sofort in ein Zelt getragen,
von seinem roten nassen Gewande befreit, gewaschen und abgetrocknet. Und dann
hilft der Dicke seinem Herrn in die Uniform.
    Nach zehn Minuten erscheint der Admiral in voller Gala wieder im Freien. Die
Hofgesellschaft bereitet dem Retter der Prinzessin eine strmische Ovation. Er
dankt, indem er militrisch grt. Die blauen Ampeln wackeln.
    Man erzhlt dem Gefeierten, da ein hellgrnes Meteor, das wie ein dicker
grader Pinselstrich aussah, vom blauen Himmel runter schrg in den See fuhr. Und
die Wirbel, die durch das pltzliche Einschlagen des glhenden Weltkrpers
entstanden, rissen die Beiden in die Tiefe; sie waren zu zweit in die Mitte des
Sees gerudert. Die andern Boote hatten sich vom Ufer nicht entfernt und kamen so
mit dem Schreck davon.
    Tiko lchelte auch bei diesen Berichten wie sonst, besah wieder seinen Ring
und lie sich zur Prinzessin fhren, die soeben aus ihrer Ohnmacht erwacht war.
Man hatte ihr schon, als sich der Admiral ihr ehrfrchtig nherte, die ganze
Geschichte erklrt.
    Die Katta-Kottu rief ihrem Retter gleich lachend zu:
    Ich habe gesiegt! Das Meteor war ein Zeichen des Himmels! Mein Gebet ward
erhrt - nicht wahr? Jetzt werdet Ihr wohl, mein lieber Admiral, berzeugt sein,
da das Traumglck hher zu stellen ist als das Tatglck.
    Mitnichten, versetze der schneidige Tiko, der Himmel wollte das Tatglck
preisen. Die gndigste Prinzessin wre nicht am Leben geblieben, wenn ihr nicht
das Tatglck des Admirals Tiko treu zur Seite gestanden htte.
    Ah! sprach nun die Katta-Kottu mit verzogener Unterlippe, der Herr
Admiral ist rechthaberisch und will fr seine Rettung bedankt sein. Ich danke!
Ich danke wirklich! Jedoch - ich mu bei meiner berzeugung bleiben; ohne
Traumglck wird zudem kein Mensch eine groe Tat begehen.
    Tiko rusperte sich vernehmlich und flsterte:
    Der Mensch wird nichts vollbringen, wenn er im Traumglck stecken bleibt.
Wer im Sumpfboden des Waldsees stecken bliebe, wrde auch nichts mehr
vollbringen.
    Darauf schrie die Katta-Kottu, da es dem Tatmenschen in den Ohren gellte:
    Und dennoch ist das Traumglck das einzig wahre Glck!
    Tiko entgegnete ruhig:
    Gndigste Prinzessin, die menschlichen Zungen sind ungleich; was der einen
Zunge s, kann der andern bitter schmecken. Katta-Kottu erwiderte still:
    Admiral, Ihr habt eine sehr lose Zunge! Ich wollte Euch noch von den
Trumen erzhlen, die uns wie alte Erinnerungen und liebe Tote umranken - aber -
ich wnsche Euch eine gute Nacht!
    Da versetzte Tiko hart und laut:
    Der Admiral Tiko wnscht der Prinzessin Katta-Kottu die beste Besserung!
    Er verbeugte sich kurz, machte links um Kehrt und ging davon.
    Vor dem Zelt der Prinzessin trat der Knig dem tapfern Mann in den Weg,
umarmte seinen treuen Diener und frug:
    Was willst Du nun haben: das Felsenschlo oder das Oberkommando ber die
groe Flotte, die in die Sdsee gehen soll?
    Das Oberkommando! lautete die feste Antwort.
    Der Knig, ein alter Mann mit weiem Vollbart, erhob seinen rechten
Zeigefinger und frug leise:
    Ist das weise?
    Jawohl! behauptete ohne Besinnen der starke Tiko. Weise handelt man
stets, wenn man sich ber alle Weisheit lustig macht.
    Der alte Knig streichelte seinem treuen Diener die rechte Wange, nickte und
meinte dazu obenhin:
    Die Katta-Kottu wird sich wohl ebenfalls freuen.
    Tiko errtete und verbeugte sich ganz tief. Und dann verschwand er hinterm
nchsten Gebsch, setzte sich lchelnd auf sein wildes Ro, das der dicke Diener
gar nicht mehr halten konnte - und sprengte blitzenden Auges dem Hafen zu.
    Die Sterne funkelten wieder.
    Im groen Palaste des Knigs fiel aus dem linken Auge der Prinzessin
Katta-Kottu eine dicke Trne auf das Kinn der Kammerzofe.

Ich rauchte, whrend die Herren lasen - und meine Stimmung wurde beim Rauchen
nur noch weicher, so da ich immer noch zu trumen glaubte.
    Wir sprachen dann Langes und Breites ber die verschiedenen Formen des
Schmerzes und besonders ber die Leiden, die man seelische zu nennen pflegt.
    Nimm Dir, sagte der King Thutmosis, diese Leiden mal weg, und dann mach
mal was oder werde mal was. Es wird Dir Beides so sauer fallen, da Du geneigt
sein knntest. Dir die Leiden knstlich zu erzeugen.
    Danach sprachen wir wieder Vieles ber das Nichtreale der
Schmerzempfindungen, und ich bezweifelte, da viele Menschen diese Weisheit
begreifen knnten.
    Dem begnete jedoch der Knig Amenophis in sehr heftigen Worten.
    Wenn erst, sagte er lebhaft gestikulierend, der gute Wille da ist, die
Vlker in dieser Beziehung aufzuklren - so wird dieser gute Wille schon seine
guten Frchte zeitigen. Aber vorlufig sind allerdings die weisen Herren des
Erdballs eiferschtig darum bemht, alle Erkenntnisse, die ihnen mal in den
Scho gefallen sind, fr sich zu behalten und fr ihr ganz besonderes Eigentum
zu erklren. Es wird aber anders kommen. Erkenntnisse sind nicht Dukaten, die
man vergraben kann. Es ist sehr tricht, zu glauben, da die Vlker weniger
Begriffsvermgen haben als die Einzelnen. Ich, der ich ein alter gyptischer
Knig bin, werde das wohl besser wissen. Nichts ist leichter zu begreifen als
die Lehre von der Unrealitt der Erscheinungswelt. Die Vlker der Erde haben
schon hundertmal schwierigere Dinge begriffen. Und die Lehre von der Unrealitt
der Empfindungswelt ist noch leichter zu begreifen. Diese Lehre ist ein
Ansthetikum erster Gte. Schmerzstiller waren immer sehr beliebt - und diese
Lehre vom Wesen (d.h. von der Wesenlosigkeit) des Schmerzes wird ebenso beliebt
werden. Die Leute werden schon begreifen, wenn man ihnen erklrt, da alle ihre
Schmerzen ihr Dasein blo der Einbildungskraft verdanken - und da diese
Schmerzen nur Entwicklungsphasen markieren, die smmtlich bergangsstadien sind.
Jeder Schmerz erhht die Lebenslust. Schmerzen sind Reizmittel und durchaus
notwendig, da viele schwchliche Naturen ohne die sogenannten Schmerzen zu
Grunde gehen wrden.
    Ich kam aus meiner weichen Stimmung durch diese Rede nicht raus und sagte
daher ganz weich:
    Ich glaube, lieber Knig, da Du auf dem richtigen Wege bist.
Schmerzstiller knnen nur von kranken Naturen gebraucht werden. Und es ist nicht
unmglich, da die Kranken die Lehre von der Schmerzlosigkeit der Schmerzen
begreifen knnten. Wie gerne begreift man das, was man sich wnscht. Die
Gesunden werden schon weniger leicht von der Existenzlosigkeit des Schmerzes zu
berzeugen sein.
    Hoho! rief da der Knig Necho, in dieser Beziehung habe ich in gypten
Erfahrungen gesammelt. Da gab's viele einfache Kraftnaturen, die gar nicht
begreifen konnten, was Schmerz ist. Wenn man an solche Kraftnaturen denkt, wird
man viele Grausamkeiten des Altertums nicht mehr mit so entsetzlich empfindsamen
Worten verurteilen. Fell und Fell ist ein Unterschied.
    Ich fhlte mich so wohl, und meine Zigarre schmeckte mir so gut, da ich
sehr geneigt war, auch kritiklos zuzustimmen; das weie Sammetzimmer trug wohl
viel zu meinem Oppositionsmangel bei.
    Es gibt, sagte ich, Menschen, die den Schmerz suchen - und die, glaub'
ich, brauchen auch den Schmerz. Wer ihn nicht sucht, braucht ihn nicht - kennt
ihn vielleicht gar nicht. Der Schmerz ist wohl blo ein Kulturprodukt; das wilde
Tier fhlt noch nicht so empfindsam.
    Worin, bemerkte der Oberpriester Lapapi, stecken denn die Reize der
Tragdie? Doch blo darin, da man fhlt, wie aus den groen Schmerzen die
grten neuesten Freuden erwachsen.
    Und daher, fuhr nun der General Abdmalik fort, ist der groe Tragiker
immer ein groer Humorist, der nie in Verlegenheit kommt. Als Soldat mu ich die
groen lustigen Tragiker bewundern; sie haben was Heldenhaftes an sich.
    Auf dem an lag der Ton, und ich mute lachen, da ich allmhlich dahinter
zu kommen glaubte, da ein tchtiger Redner eigentlich der Held an sich
genannt werden mte.
    Und ich sagte, was ich dachte.
    Und die Nilpferdchen lachen unbndig.
    Man kann sich und Andern Alles abschwatzen, wenn man's nur versteht.
    Einem festen Redner gegenber hlt Keiner Stand - nicht einmal der
Zahnschmerz.
    Ein guter Redner erstickt jeden Widerstand im Keime, da er Keinen zu Worte
kommen lt.
    O red - so lang Du reden kannst.
    So und so hnlich redeten jetzt die Herren, und ich wute nicht, ob sie
damit wieder alles Gesagte auflsen wollten.
    Ich wollte wieder eine ernste Stimmung haben, denn ich fhlte noch immer den
Nachklang aus der Wunderkche.
    Und ich wollte mir diese schmerzlose Stimmung erhalten. Und ich bemerkte
einiges ber die Vergnglichkeit derartiger Stimmungen.
    Die sieben Herren mit den groen breiten Mulern widersprachen mir und
meinten, da es doch sehr langweilig wre, wenn man ohne Unterbrechung in
derselben rosigen Laune dahinleben mte.
    Ich gab den Herren, um mich ihnen deutlicher zu machen, ein Manuskript, das
grade von dieser Vergnglichkeit der groen Seligkeit handelte.

                                   Adlerflug



                                Eine gute Stunde

Endlich - hoch genug!
    Keine Wolke mehr!
    Aller Nebel ist unten - wo die Menschen herumkrabbeln.
    Hier oben krabbeln sie nicht mehr.
    Ich denke nicht mehr wie einst - auch mein Nest liegt tief unter mir.
    Ich schwebe wie ein echter Gott - ohne Flgelschlag - in weiten mchtigen
Kreisen.
    Und Niemand siehts.
    Erdrinde vergessen!
    berall - die Unendlichkeit!
    Ich fhle das Ganze - das endlose Ganze - bin nicht mehr ein Stck Erde. Ich
bin mehr - Alles!
    Wenn ich's nur halten knnte!

King Amenophis, der mir sehr heftig vorkam, sagte ziemlich gereizt:
    Manche scheinbar unauflslichen Ekelzustnde sind blo dazu da, unsern Witz
zu strken. Und auch die menschlichen Rohheiten sind dazu da. Die Gemeinheit der
Menschen wirkt doch immer blo wie ein Narrenspa. Wer erlaubt sich denn was
Niedertrchtiges gegen seine Mitmenschen? Doch gemeinhin nur der, der infolge
eines weit vorgeschrittenen Intelligenzmangels sich selber hher schtzt als bei
Andern. Und so was erzeugt doch Narrenkomdien. Da Andre darunter leiden, liegt
zumeist an diesen Andern. Seid nicht so dumm und humorlos wie die Bsewichter -
und Ihr werdet sie smtlich einfach auslachen.
    Der Oberpriester Lapapi fgte dem hinzu:
    Niemand wird bestreiten, da jeder Gestank eigentlich stets was
Lcherliches hat. Es ist gar nicht mglich, auf die Gemeinheit des Gestankes zu
schimpfen; wer das tte, wrde zweifellos auch die dicksten Trauerklpse zum
hellsten Gelchter bringen. Und so ist es auch mit Rohheit, Gemeinheit und
Grausamkeit. In diesen steckt auch immer etwas Lcherliches. Dasjenige, was wir
so das Schlechte nennen, ist doch nur ein Konglomerat von Grotesken. Der
Bsewicht, der immer gleich Millionen umbringen will, ist immer eine lcherliche
Figur - wie Jeder, der von seiner Wut bermannt wird. Der Teufel ist ein
komischer Herr. Und es gibt nichts, was so komisch wirkt - als wenn jemand mal
so recht den Bsewicht spielen mchte. Dieses komische Element in all den
Dingen, die als verbrecherische Handlungen von den Menschen bestraft werden, mu
doch mit den Gemeinheiten und Rohheiten, die sich lcherliche Menschen
herausnehmen, wieder vershnen.

Wenn ich nur so bliebe!
    An der Brust keinen Druck mehr - keine Sehnsucht!
    Nichts strt - kein Lftchen bewegt sich um mich - nur ich bewege mich -
ganz langsam - schwebe - schwebe - als All!
    Ich sehe ferne Zeiten - dort hinten und da vorn.
    Unzhlige Welten rauschen ihr Glck mir zu.
    Es gibt nur ein Glck, wenn man nicht mehr Stck ist.
    Aber es hlt nicht lange an.
    Der Atem hlt's nicht aus.
    Sternheere, meine Sternheere - lacht durch mich - lnger!
    Lacht lnger!
    Aber ach - Wolken kommen.
    Langsam geht's wieder hinab.
    Ich aber will's nie vergessen.
    Einen Augenblick Allglck - und - und - Alles geht wieder.

Ich sagte hiernach, da ich die Lehre von der Unempfindlichkeit der einfachen
Kraftmenschen fr sehr gefhrlich hielte - die Lehre knnte die Verrohung der
Menschen noch weiter steigern, was doch nicht sehr wnschenswert wre.
    Das fhrte nun abermals zu einer lebhaften Auseinandersetzung.
    So redete der Oberpriester weiter, und ich erklrte sehr bald, da ich
wirklich geneigt sei. Alles, was geschieht, fr herrlich und wunderschn zu
halten - die Moralisten erklrte ich dabei auch fr komische Figuren - und die
gypter gaben mir Recht - ich aber gab ihnen schlielich meine Mckenphantasie.

                                Der Todesrausch



                              Eine Mckenphantasie

Komm an die Lampe! schrie selig die kleine Zippa.
    Ihre Flgel flatterten, und zweihundert Mcken vernahmen den Ruf und folgten
der kleinen Zippa - selig - ohne Besinnen.
    Bei der Lampe, die von einem grnseidenen Lampenschirm umhllt war, sa ein
alter Mann und a sein Abendbrot.
    Da kam die kleine Zippa mit den zweihundert Mcken - und der Zippa ward ganz
toll zu Mut.
    Sterben! Sterben ist doch das Seste im Leben! Sterben wollen wir jetzt!
Sterben!
    Und alle Mcken schrieen das der Zippa nach.
    Mit seligem Gelchter flogen sie gegen den heien Cylinder, und bald lagen
alle zappelnd neben dem Abendbrot des alten Mannes.
    Der wollte die Sterbenden schnell tten, damit sie nicht so lange zu leiden
htten.
    Aber Zippa rief lachend, whrend sie sich ihre verbrannten Flgel
abscheuerte:
    La sein! Wir sterben ja so gern! Das Sterben ist ja so schn!
    Und die smtlichen sterbenden Mcken schrieen es wieder der Zippa nach.
    Und Alles lachte - und starb.
    Der alte Mann a weiter.
    Er hatte Hunger.

Wer wei, sagte Lapapi dazu, ob diese Mcken nicht klger sind als manche
Menschen. Es wre aber sehr komisch, wenn man ihren Todesrausch fr eine
Lebensverneinung halten mchte.
    Es ist mir, versetzte ich schnell, sehr bekannt, da man ber
Lebensverneinung und Lebensbejahung so lange reden kann, bis diese beiden Dinge
wahrhaftig nicht mehr von einander zu unterscheiden sind.
    Nach diesen Bemerkungen lachten die kleinen Nilpferdchen wie die Tollen und
stieen mich so lange herum, bis mir schlielich Hren und Sehen verging.
    Und nachdem die alten Herren also ihren bermut ausgetobt hatten, begaben
wir uns alle zusammen wieder in den Speisesaal, allwo das Sternepicken von Neuem
begann; die Pincetten der Herren funktionierten ausgezeichnet.
    Ich bedauerte, da ich infolge des elektrischen Bades an diesem Tafelspa
nicht teilnehmen konnte, was, als ich's sagte, abermals groe Heiterkeit
erregte.
    Es wurde beim Essen viel ber die menschliche Dummheit geredet, und der
heftige Knig Amenophis, der vorhin so lebhaft die Vlker fr sehr klug gehalten
hatte, sagte lachend:
    Man mag mich ja fr sehr dumm halten, da ich die Vlker fr sehr klug
halte - aber ich habe ja nicht behauptet, da sie gegenwrtig schon alle sehr
klug sind - spter, so meinte ich, knnten sie's mal werden. Und - wenn sie's
nicht werden, so schadet das nicht so viel. Denn - wr's ein Vergngen, klug zu
sein, wenn's keine Unklugen gbe? Ich denke natrlich nicht an die Schadenfreude
- ich denke: Ist nicht das Hauptvergngen an der Klugheit die bertragbarkeit
derselben auf andere Leute? Und - wren alle so klug wie die Klgsten - so
knnte man die Klgsten auch die Dmmsten nennen, denn es gibt immer noch andre
Lebewesen, die klger sind als die Klgsten. Und dies ist nicht das Dmmste.
Denn auch unsre Vorstellung von aller Klugheit darf Realittsbewutsein nicht
beanspruchen. Hinter jedem Klugen - steht Einer, der noch klger ist - und diese
Reihe geht mit Grazie ad infinitum. Eine Steigerung ist berall noch mglich.
Die Flle der neuen Erkenntnisse ist auch so, da sie eine Reihe darstellt, die
ebenfalls, wie Alles, was dazusein scheint, mit Grazie ad infinitum geht.
    Und, sagte danach der Inspektor, da wir diese unendlichen Reihen nicht
immerzu ansehen knnen, so ist eine Unterbrechung ntig.
    Er pfiff, es ward wieder dunkel, und unsichtbare Hnde legten mich wieder in
ein Bett, in dem ich wieder sofort fest einschlief und nicht trumte - gar nicht
trumte.

Als ich mich dann wachend im Kreise meiner alten gypter wiederfand, fragten
mich alle Sieben so recht besorgt:
    Wie geht's Dir jetzt?
    Da mute ich unwillkrlich lcheln, griff in meine Brusttasche und legte als
Antwort das folgende kleine Manuskript auf den Tisch.

                                   Gerettet!


Es lehnen sich unzhlige Riesen, die gestrandet sind, an eine alte zackige ganz
steile Steinwand. Die messerscharfen Zacken der Wand schneiden in das Fleisch
der Gestrandeten, da es schmerzt.
    Aber es heit: stillhalten - oder abstrzen!
    Die wild an die Steinwand anprallenden Meereswogen spritzen den Riesen oft
in die Augen.
    Es heit: stillhalten!

Nachdem die Sieben das gelesen, erhoben sie sich ernst von ihren Pltzen, und
der Knig Ramses sprach wrdevoll:
    Wir gatulieren Dir, liebes Onkelchen! Es freut uns, da Du endlich auftaust
und anfngst, unsre Gesellschaft so zu wrdigen - wie sie's verdient. Wir wrden
Dir, falls wir noch im Besitze einer Hand wren, mit ihr die Deinige krftig
schtteln und dann mit Dir lachen und frhlich sein - nach dem Muster der
biederen und nicht biederen Rauschphilister der Menschheit.
    Jetzt kommt, sagte der Oberpriester Lapapi, der groe Rausch!
    Der Knig Amenophis aber bemerkte hierzu gleich wieder sehr heftig:
    Wenn ich diese Reden vom Rausch schon hre, so wird mir immer gleich so
betrunken zu Mute. Meine Herren, vergessen wir nie, da auch unser Rausch nur
ein Schattenspiel ist - wie unser Kater desgleichen.
    Und ich versetzte lustig:
    Warum sollen wir grade beim Rausch daran denken, da auch er nichts
Wirkliches ist?
    Weil das den Rausch noch steigert! gab da der alte Thutmosis zur Antwort.
    Und dann gingen wir zu einer Nische, die von einem schwarzseidenen Vorhange
abgeschlossen wurde.
    Der Inspektor pfiff, - es erloschen alle Lampen - aber die gypter zogen den
schwarzseidenen Vorhang langsam zur Seite.
    Und ich sah drauen den Nachthimmel mit unzhligen funkelnden Sternen.
    Und der alte Thutmosis sagte mit seiner weichen Stimme ganz leise:
Vergessen wir nie, da auch dieses Weltbild nur ein Bild ist - und da auch
hinter dieser groartigen Weltenpracht noch ein Hintergrund mit unendlich vielen
anderen Erscheinungswelten - lebt.
    Lebt! wiederholten die gypter.
    Und ich fhlte, da nichts so herrlich ist - wie das Leben - wie's auch sei!
    Und die Sterne strahlten.
    Und wir standen ganz still und sahen hinauf und dachten an das, was dahinter
- lebt.

Als der Vorhang vor den Sternen wieder fiel, flammten in dem Saale, der hinter
uns war, unzhlige dunkelgrne Lampen auf - und die machten, da die Wnde und
Sulen und besonders die hohen Kuppelgewlbe ganz geisterhaft leuchteten; feine
Schattenspiele zuckten durch das Geleuchte, und auch die Nilpferdchen neben mir
wirkten in dem grnen Licht wie Schattenspiele aus einer anderen Welt.
    Lautlos wandelten die gyptischen Herren auf dem Mosaikfuboden auf und ab.
Und dann sprangen sie ber einander - und dabei sprangen sie immer hher - bis
in die hohen Kuppelgewlbe hinein, wo die Schattenspiele gleich in noch grere
Bewegung gerieten, da sich die Nilpferdchen oben sehr fix in unzhligen
Saltomortals berschlugen.
    Ich sah mir das ohne Erregung an.
    Aber pltzlich standen die Herren wie eine Sule vor mir - einer auf des
andern Kopf - alle sieben ber einander - was mich an mexikanische und indische
Skulpturen erinnerte.
    King Ramses stand ganz oben und sprach jetzt mit feierlicher
Vorderpfotenbewegung ohne Pincette:
    Jetzt kannst Du lachen, liebes Onkelchen! Du sollst heiter sein fr alle
Ewigkeit. Du hast jetzt begriffen, was berall dahinter ist - wie viel dahinter
ist - da unendlich viele Erscheinungswelten hinter jeder Sinneswahrnehmung den
grandiosen Welthintergrund bilden.
    Ja, rief ich nun freundlich, darber kann ich aber doch nicht immerzu
lachen und hinter sein - das wre doch langweilig.
    Aha! riefen da die Sieben im Chore.
    Deine Bemerkung beweist uns, fuhr der Knig Ramses fort, da Du auf dem
rechten Wege bist. Du siehst ein, da auch die beste Laune auf die Dauer
unertrglich werden kann. Gut, mein Sohn! Du hast Dich eben auch mit der
schlechten Laune abgefunden und sie als eine Notwendigkeit erkannt. Der
grandiose Welthintergrund ist fr Dich nicht mehr ein leeres Spukphantom. Wenn
ich also sagte, Du wrdest von jetzt an fr alle Ewigkeit ein Lachender sein -
so meinte ich das selbstverstndlich blo figrlich und symbolisch. Ich wollte
sagen: Du wirst nicht mehr das Gleichgewicht verlieren.
    Da schrieen die gypter:
    Wir verlieren's auch nicht!
    Und dabei standen sie auf dem rechten Bein, wodurch die Tiersule fein
gegliedert wurde.
    Und dann schrieen sie:
    Wir knnen auch lachen!
    Und dabei standen sie auf dem linken Bein und lachten, da es oben nur so
knarrte.
    Und dann machten sie zusammen oben sieben mal sieben Saltomortals - und
standen danach wieder unten auf dem Mosaikfuboden in einer Reihe.
    Ich htte, sagte der Knig Ramses, eigentlich in Versen sprechen sollen,
aber der Klangzauber der Verssprache ist der Deutlichkeit nicht immer dienlich.
Und wir sind nun mal die Apostel der Deutlichkeit.
    Wir wollen, fiel da der Herr Oberpriester Lapapi ein, unserm lieben Gaste
zeigen, da jetzt auch fr ihn die groe Sonne aufgeht.
    Der Inspektor pfiff wieder - es ward wieder dunkel - und der seidene Vorhang
wurde zum zweiten Male knisternd nach beiden Seiten auseinandergezogen.
    Und ich sah einen Sonnenaufgang.
    ber weien Schneegebirgen flammten himbeerrote Wolken in einen dunkelblauen
Himmel hinauf.
    Und groe goldene Quadrate wurden in den roten Wolken sichtbar und
schaukelten wie Glasscheiben, da es funkelte.
    Und es rieselten feine Schleiergebilde herunter, in denen seltsame Wesen
staken mit braunen Gesichtern. Und diese Schleierwesen setzten sich auf die
goldenen Platten.
    Hiernach sah's so aus, als wenn Funken aus den himbeerroten Wolken
herausspritzten - brandrote Funken, die auf die Schneegebirge fielen.
    Gleichzeitig kamen seltsame Gestalten aus den Schneegebirgen heraus - und
auch aus dem blauen Himmel kamen seltsame Gestalten heraus - und die vereinigten
sich in den roten Wolken und auf den schaukelnden goldenen Platten.
    Und Alles wurde immer heftiger bewegt, und glhende Strahlen flogen wie
Pfeile durch.
    Dabei kam die Sonne hervor - ganz glutrot - mit einem Medusenantlitz - das
mich ganz starr machte - so da ich nichts Andres mehr sehen konnte - als dieses
blutrote Medusenantlitz.
    Und ich hrte, wie der seidene Vorhang von den gyptern wieder zugezogen
wurde.
    Jedoch ich sah das blutrote Antlitz trotzdem.
    Dieser Medusenkopf war in allen Teilen rot - doch zeigten sich verschiedene
Rots - das dunkelste in den groen starren Augen.
    Ich hrte die gypter miteinander flstern und sah das Rot immer noch.
    Mir war, als wenn in weiter Ferne Dinge vor sich gingen, die ich beim besten
Willen nicht verstehen konnte - und das blieb so, wie mir schien, eine lange
Zeit.

Spter fhlte ich, da mich unsichtbare Hnde wieder aufhoben - und mir bers
Gesicht strichen - so da ich das Rote nicht mehr sah.
    Das wirkte wie eine Erlsung.
    Und dabei empfand ich pltzlich einen heftigen Heihunger.
    Und der Pyramideninspektor Riboddi sagte neben mir, als wenn er meinen
Hunger mitempfnde:
    Wenn Du gestattest, da ich mir ein Manuskript aus Deiner Tasche nehme, so
sollst Du sofort eine Zigarre haben.
    Ich war selbstverstndlich einverstanden - und obschon ich nichts sah,
fhlte ich doch gleich Riboddis kalte Pincette in meiner rechten Brusttasche.
    Und dann rauchte ich - und sah die brennende Glut meiner Zigarre.
    Aber Riboddi hatte, was er wollte.

                            Fritz, der Schweinejunge



                           Eine lehrreiche Geschichte

Das hatte man den groen Spttern immer gesagt. Aber sie wollten nicht hren.
Sie wollten an die Gefhrlichkeit der Dummheit nicht glauben.
    Die Dummheit wird doch immer noch unterschtzt.
    Wie gewhnlich saen die Sptter auch in der Sylvesternacht in der
Prachtgondel ihres Luftballons. Sie waren hoch in den Wolken so recht fidel,
denn die Prachtgondel war natrlich fein suberlich mit dicken Glasscheiben auf
allen Seiten zugeschlossen.
    Um zwlf Uhr nachts sollte natrlich der Punsch mit den Kalbskotelettes nach
oben geschickt werden.
    Fritz, der Schweinejunge, sollte den Korb hinaufschicken.
    Der Ballon mit der Prachtgondel war mit fnf festen, sehr langen Stricken
unten angebunden.
    Und da es Sylvesternacht war, schien es ganz natrlich, den Schweinejungen
Fritz mit dem Korbe bei den fnf Stricken allein zu lassen.
    Es schlug halb zwlf, und der Fritz sah, da ihn kein Mensch beaufsichtigte.
    Ih! dachte er, wozu sollen die dummen Sptter da oben so viel Punsch
trinken?
    Und er nahm eine Flasche aus dem Korbe und trank sie zur Hlfte aus.
    Ih! dachte er, die schmeckt ganz gut. Die andern Flaschen werden nicht
schlechter schmecken - und die Kalbskotelettes?
    Er sann ein bichen nach und machte dann die Stricke vorsichtig los und lie
den Luftballon davonfahren. Den Korb versteckte er hinten im Busch. Und dann
rief der dumme Schweinejunge:
    Hilfe! Hilfe! Hilfe!
    Und dann kamen die Andern und sahen, da der Luftballon fort war - die
Andern waren natrlich nicht ganz nchtern - denn es war ja Sylvesternacht. Und
so schpfte Keiner Verdacht.
    Und Fritz, der Schweinejunge, a nach einer kleinen Stunde gemtlich seine
Kalbskotelettes und trank seinen feinen Punsch dazu.
    Die groen Sptter fuhren durch Schnee und Regen im Mondenschein durch die
herrliche Sylvesternacht - hatten aber nichts zu essen und nichts zu trinken.
    Verfluchte Zucht! schrieen sie im Chore. Aber das half nichts. Fritz a
und trank und lachte die Sptter aus.
    Ein dummer Schweinejunge ist fast immer zugleich auch ein verfluchter
Schweinehund.
    Hei! Da schaukelten die Sptter hoch in der Luft, denn der Luftballon war
mit ihnen durchgegangen. Das kam davon! Die Sptter wollten dem dummen
Schweinejungen niemals die Ehre antun, seine Schweinewege zu verfolgen.
    Da schaukelten sie jetzt oben in der Luft - ohne Speise und ohne Punsch -
daran labte sich der unverschmte Fritz.
    Die Sptter htten sich gleich um acht Uhr Abends den Punsch und die
Kalbskotelettes hinaufschicken lassen sollen. Dann wre das Unglck nicht
passiert.
    Man sollte sein Nachtessen nie aus den Augen verlieren - denn Schweinejungen
gibt's berall.

Als ich wieder sehen konnte, sah ich, da ich mit den alten gyptern in einem
auerordentlich behaglichen Zimmer zusammensa. Die Wnde des Zimmers bestanden
aus weiem Sammet mit goldenem Blattornament, das so recht unordentlich
angeordnet zu sein schien.
    Wir saen in hellblauen weichen Sammetsesseln, und die Tischdecke war
schwarzer Sammet mit blutrotem Medusenkopfornament. Eine silberne sehr groe
flache Aschschale stand auf dem Tisch. Die andern Herren pickten wieder
schwebende Sterne, die aber diesmal wie Weintrauben zusammenhngend ber der
Tafel schwebten.
    Und mir war so, als wenn meine Taschen leichter geworden wren.
    Ich erinnerte mich, da der Riboddi in meine Tasche gefat hatte - mit
seiner Pincette - whrend ich meiner nicht mchtig war.
    Ich erklrte etwas heftig, da ich mich beunruhigt fhle. Da sagte der King
Amenophis eifrig:
    Mit dem Verstande berwindet man keine Gefhle - so sagt man - und das
stimmt wohl - da man gewhnlich nicht sehr viel Verstand besitzt.
    Ich wei nicht, entgegnete ich gereizt, was diese Bemerkung hier soll;
ich habe das Gefhl, da mir Manuskripte weggekommen sind. Und wenn mich nichts
wtend macht - dieses macht es.
    Mit unerschtterlicher Seelenruhe sagte da der King Thutmosis - sanft wie
stets:
    Vor die groen Freuden haben die Gtter die kleinen gestellt, die man
berwinden mu - um zu jenen zu gelangen. Aus diesem Grunde mu man den
tierischen Amsements aus dem Wege gehen, wenn man die komplizierteren mchte,
die nicht blo mit der Gier nach Existenzverlngerung gebacken sind.
    Der Knig Necho sagte danach, whrend ich meine Tasche nervs von auen
befhlte:
    Und vor die groen Schmerzen haben die Gtter wiederum die kleinen
Schmerzen gestellt, die man nicht berwinden kann, wenn man jene flieht. Daher
kommt Onkels Taschenrger.
    Ich wurde furchtbar wtend, doch die Herren lachten gemtlich und pickten in
ihre Traubensterne.
    Der Oberpriester Lapapi aber brllte mit furchtbarer Stimme:
    Kleine Leute, die noch nicht zu leben gelernt haben, mgen wohl als
Knstler die einzelne Erscheinung abgesondert wie ein Meerwunder betrachten und
beurteilen - die Kunst jedoch, die ein bichen mehr sein will, sollte stets den
grandiosen Hintergrund haben.
    Meine Herren, rief ich da erregt, ich mchte blo wissen, wo mehrere von
meinen Manuskripten geblieben sind. Sind die auch im Hintergrunde geblieben?
    Nanu! riefen da Alle durcheinander, Sie werden uns doch nicht im
Verdachte haben?
    Ich, erklrte ich, finde unter den Manuskripten, die ich Ihnen noch nicht
gezeigt habe, keine ernsten Manuskripte - die sind fort.
    Das ist ja unglaublich, sagte der General, zeigen Sie mal her, was Sie
noch da haben.
    Ich dachte natrlich nicht daran, ihnen meine brigen Manuskripte
anzuvertrauen.
    Und ich gab rgerlich blo vier bis fnf Sachen hin. Doch kaum hatten die
Herren die Sachen in der Hand, so rief der mir sehr verdchtig vorkommende
Pyramideninspektor:
    Hier haben wir schon was Ernstes!
    Was haben Sie denn? fragte ich bse.
    Er lachte, sagte, da ich ein sehr vertrauensseliger Onkel sei, und las vor,
was er fr sehr ernst zu halten berechtigt zu sein glaubte.

                              Zwei Weltenschpfer



                                     Skizze

Sein Auge leuchtet wie tausend lichtsprhende Sonnen. Er sitzt auf seinem groen
Weltensessel und trumt.
    Seine Sterne drehen sich zu seiner Rechten und zu seiner Linken, sausen an
seinen Knieen vorber, gehen in Schraubenlinien um seine Finger, bleiben still
an seinem weien Barte hngen, wandern langsam in kompliziertesten Kurven in die
groe Weite und leuchten alle so still - wie Nachtlampen in einer Sommernacht.
Und er freut sich ber seine stille ruhige Weltenheerde wie ein guter Hirt.
    Sein helles Auge schweift in die Unendlichkeit.
    Da ist ihm so, als lsten sich dort drben im dunklen Hintergrunde ein paar
Schleier los; es wird dort immer heller. Und pltzlich sieht er da hinten weit
hinter seinem Weltenraum den Kopf eines alten Freundes, der da drben auch
Stern-Welten schuf.
    Die Weltenschpfer gren sich.
    Und der alte Freund zieht alle dunklen Schleier fort und zeigt, was er in
den vielen Billionen Sternjahren gemacht hat.
    Aber des Freundes Sternmeere sind nicht so ruhig. Da flackert's und flammt
es. Die Sterne glhen in tausend Farben und zeigen die tollsten Formen -
gleiende rissige Rsselsterne winden sich zuckend um Diamantgebilde,
Feuersulen drehen sich wie Pfropfenzieher und flattern wie knallende Peitschen.
    Die beiden Weltenschpfer sehen sich lange die neuen Welten an; Jeder von
ihnen schaut weit vorgebeugt zum Nachbarn hinber. Und whrend der Ruhige still
seine Gedanken in der Vergangenheit spazieren fhrt, jgt sie der
Leidenschaftliche wild in die fernste Zukunft.
    Sie fhlen, da sie Beide anders sind, doch sie empfinden das nicht als
etwas Strendes.
    Sie nicken sich lchelnd zu.
    Die Weltenschpfer haben alle Nichts gemeinsam. Ihre Sterngebilde wissen das
nicht; die Geschpfes eines Schpfers hneln sich wie die Kinder eines Vaters.
    Langsam fallen wieder die dunklen Schleier des Hintergrundes. Und die beiden
Weltenschpfer sind wieder allein; ihre Augen blitzen, da ihre Sterne staunend
hineinhorchen in die tiefen Raumgefilde.
    Die Augen der Weltenschpfer durchstrahlen ihr Reich; sie wissen, da sie
nicht das ganze unendliche Weltenall durchdringen und umspannen knnen.
    Auch dieses Wissen strt sie nicht.
    Unantastbar bleibt ihr seliger ewiger Schpferrausch.
    
    
Das ist ja viel zu einfach! sagte hierzu der heftige King Amenophis - und
dabei schlug er mit seinen Vorderpfoten so krftig auf die schwarze Sammetdecke,
die ber der Tischplatte lag, da diese in allen Fugen knackte und knisterte -
und da sie silberne Aschschale hoch aufsprang.
    Ich erklrte, da ich durch eine derartige Tischbearbeitung mein Eigentum
schwerlich wiederbekommen wrde.
    Hatte ich aber geglaubt, da ich durch diese Bemerkung das Gesprch auf
meine verlorengegangenen Manuskripte lenken knnte, so hatte ich mich arg
getuscht.
    Als wre gar nichts los, hub nun wieder der Thutmosis zu reden an - mit
seiner lieblichen sanften Stimme sagte er holdselig - lchelnd:
    Das Leben des Einzelnen mu, wenn er Schpfer zu sein vorgibt, viel inniger
mit seinen Geschpfen zusammenhngen. Das Leben des einzelnen ist so ohne
Weiteres als ein unabhngiges fr uns gar nicht vorstellbar. Die Welt ist viel
komplizierter und interessanter. Man mte die unendliche Folge der
Erscheinungswelten in allen schaffenden Existenzen als empfindbar und wirksam
hinstellen; die unendlichen Reihen, die die verschiedenen Erscheinungswelten
darstellen, mssen doch im schaffenden Geiste sehr bald als unendliche Reihen
bewut werden. Wenn sie das nicht werden, hat man kein Recht, von Weltschpfern
zu reden, da es doch, wie wir wohl wissen, auch schaffende Geister gibt, die da
schaffen, ohne zu wissen, wohin ihr Schaffen fhrt; solche Schpfer stehen aber
nicht auf einer hohen Stufe - auch die Intelligenz der Schpfer ist nur in einer
unendlichen Reihe fr uns zu versinnlichen.
    Es lt sich, bemerkte dazu der brummige King Necho, eben nicht so ohne
Weiteres sagen, da wir gar nichts von der Welt wissen. Da wir unsre
Erscheinungswelt immerhin als eine winzigkleine Teilerscheinung des Alls
betrachten mssen, so wissen wir damit wahrlich schon genug. Aus dieser
winzig-kleinen Erkenntnis von einem Teile geht uns die groe Erkenntnis von dem
grandiosen, nie zu fassenden Weltenzauber des Ganzen auf. Und Leute, die von
diesem noch keine Ahnung haben, sollten doch das Wort Welt ein wenig
vorsichtiger gebrauchen.
    Ich gebe das, erwiderte ich rasch, durchaus zu und bitte die Herren
hflichst um Entschuldigung. Ich werde die unendlichen Reihen, die die
Erscheinungsformen darstellen, nicht mehr vergessen. Aber ich mu doch auch
bemerken, da ich durch diese Erkenntnis wirklich nicht wieder in den Besitz
meiner Manuskripte gelange.
    Da gab's aber einen Sturm.
    Mit wem reden wir denn?
    Hlt hier Jemand in diesem Medusenzimmer seine Manuskripte fr
Erscheinungsformen?
    Es scheint hier ein guter Onkel immerfort Kopf und Zeh miteinander zu
verwechseln.
    La uns mal erst lesen, was wir haben.
    Nach solchen und hnlichen Redensarten, bei denen mich Keiner von den alten
Herren eines Blickes wrdigte, lasen sie - das, was sie hatten.

                               Die Welt von Eisen



                               Ein groes Gebrumm

Groe Sternvlker brummen pltzlich.
    Es sind groe hohle eiserne Sterne, die da so brummen.
    Eine Schauermr hat die eisernen Sternvlker grimmig gemacht - darum brummen
sie.
    Sie haben gehrt - es ist kaum zu glauben - viele Milliarden groer
Blickmeilen von ihnen entfernt lebe auf einem kleinen Lehmklmpchen ein kleines
Wrmchen, das jetzt tatschlich das Weltganze erfat habe - das ganze Weltganze
- von oben bis unten und nach allen Seiten.
    Dies Wrmchen auf seinem Lehmklex!
    Die eisernen Sternvlker brummen frchterlich, da es kaum anzuhren ist;
die Bffelhorn- und die Schneckensterne sind ganz besonders laut.
    Und so weit weg soll das Wrmchen sein.
    Eine Schauermr!
    Eine Blickmeile ist so weit, wie ein Strau von tausend Muttersonnen fr die
scharfsichtigsten Sternaugen sichtbar ist.
    Und das Wrmchen ist viele Milliarden solcher Blickmeilen entfernt!
    Die eisernen Sternvlker grunzen vor Wut - sie haben das Weltganze immer
noch nicht erfat.
    Und das Wrmchen soll ihnen ber sein?
    Jetzt vernehmen sie - die Trichtersterne flstern's ihnen zu - da das
Wrmchen zwei kleine Beinchen haben soll und auch mit schier unendlich groen
Glaslinsen beim besten Willen nicht sichtbar zu machen ist.
    Wie das die eisernen Sterne hren, mssen sie mordsmig lachen, da der
ganze Himmel drhnt - als fhrten Billionen Glockensterne Krieg miteinander.
    Es gehen doch noch lustige Geschichten in den Sternvlkern um.
    Dieses Wrmchen!
    Dieses unsichtbare zweibeinige Wrmchen!
    Die eisernen Sternvlker brummen bald nicht mehr. Spe bebrummt man nicht.

                                    Krebsrot



                               Ein Herren-Scherzo

Auf der groen Freitreppe stand einer - der besann sich pltzlich auf sich
selbst.
    Er betrachtete sich und sah, da Alles an ihm krebsrot war.
    Bin ich ein gekochter Krebs?
    Also kam's dem Besonnenen ber die schmunzelnden Lippen.
    Gut! fuhr er aber fort, dann sollen Alle zu gekochten Krebsen werden!
    Und er ging hinauf in sein hohes Haus und wollte alle seine Freunde
verwandeln.
    Es gelang ihm aber nicht.

                                Der Radaubengel



                                 Nihilisten-Ulk

Eben waren die guten Hofmeister vom Tode auferstanden und wnschten sich
gemtlich guten Morgen - da schlug der Blitz in eine gesunde Eiche, und der
Donner schttelte alle Himmel.
    Das war aber noch gar nichts, denn gleichzeitig stieg der nie besiegte
General Hohnke aus seinem Grabe heraus und fing so frchterlich ber die
Bedeutung der Freiheit zu reden an, da die guten Hofmeister schleunigst wieder
in ihr altes Grab krochen.
    Hohnke jedoch schlug Alles kurz und klein - auch die smmtlichen Himmel.
    Freiheit! brllte er kanonenmig.
    Dies Gebrll war aber nicht mehr zu hren, denn die Himmel waren mit allem
Zubehr nicht mehr am Leben - Hohnke stand im Nichts.
    Er wunderte sich mchtig - half ihm leider nichts.
    Was weg ist, ist weg!
    Nichts kann so viel zerstren wie das Freiheitsgebrll - smmtliche Himmel
mit allem Zubehr bringt es einfach um.
    Die Freiheit will eben weiter nichts als - Nichts.
    Hohnke! Du kannst mir leid tun! Wo bist Du jetzt?
    Hohnke ist wohl auch nicht mehr am Leben.
    O Hohnke! General Hohnke!

                                 Mein Grovater


Das ist Alles so lcherlich! sagte mein Grovater, als er das sah, was ich
schrieb.
    Ich schaute meinen Grovater freundlich an und meinte: Grovater, das
verstehst Du nicht!
    Grovater schwieg, denn er war sehr klug und wute, da mit mir nicht zu
spaen sei.
    Schlielich wute ich nicht, was ich mit ihm anfangen sollte ...
    Und da fing ich an, mich mit ihm zu prgeln ...
    Er zerbrach mir mein Nasenbein.

Diese vier Stcke schienen den alten Herren zu gefallen; sie lachten, steckten
die Kpfe zusammen und zeigten sich einzelne Stellen.
    Ich bewunderte, wie geschickt sie mit ihren Pincetten umzugehen verstanden.
    Ich sah mir die Blutmedusen auf der schwarzen Sammetdecke genauer an und
sah, da jede einen ganz anderen Gesichtsausdruck zeigte. Und ich verglich diese
vielen Gesichter mit dem Gesichte der groen Sonne, die mir die Augen geblendet
hatte. Whrenddem sagte der King Thutmosis lchelnd:
    Unser Scheerbart hat ohne Frage das ernsthafte Bestreben, seine verehrte
Nase tiefer in die Weltgeheimnisse zu stecken. Er sucht berall nach groen
Hintergrnden. Das ist schon richtig. Aber die Hauptsache verliert er immer aus
den Augen. Da diejenige Erscheinungsform der Welt, die uns offenbar wird, in
allen ihren uerungen unendlich viele Daseinsmasken vornimmt, das stimmt schon.
Es stimmt auch, da es in unsrer Erscheinungsform der Welt nach allen Richtungen
kein Ende gibt. Diese gewi sehr groartige Tatsache kommt in der Welt von Eisen
gut zum Ausdruck.
    Indessen, fuhr nun der brummige Necho fort, wenn das auch viel ist, ist's
noch nicht genug. Du darfst nie vergessen, da alle Sterne mit ihrer
Unendlichkeit - nur eine einzige Erscheinungsform der Welt darstellen - und da
sich an diese eine einzige Erscheinungsform der Welt noch unendlich viele andere
Erscheinungsformen anreihen, die uns vorlufig noch nicht fabar sind. Und diese
anderen Erscheinungsformen, deren Zahl eben in keiner Unendlichkeit Platz findet
- machen uns die Welt eben unendlich viele Male grer, als sie uns bisher
erschien. So kommt es, da die unendliche Welt, die wir zu sehen vermeinen,
jetzt nur ein Tropfen in einem unendlich viele Male greren Meere fr uns ist.
    Mir wurde schwindlig - und ich sagte das.
    Da aber lachten Alle, und der Lapapi sagte freundlich:
    La nur! Das geht vorber!
    Der Knig Ramses sprach darauf sehr feierlich:
    Vergi nicht, was ich Dir jetzt sage: Wenn Du in Deinem ganzen Leben nur
dieses Eine von der unendlich groen Anzahl der Erscheinungsformen der Welt
begriffen httest - und wenn Du nie danach vergessen wrdest, da hinter jedem
Stck, das Deine Sinne wahrnehmen, noch unendlich viele andre Dinge
dahinterstecken, zu denen Du mit Deinen Sinnen nicht gelangen kannst - - - so
hast Du das Grte erfat von Allem, was Du in Deinem armen Leben erfassen
kannst. Dann ist aber Dein Leben nicht mehr arm - wie's auch sei! Und darum
kannst Du, wenn Dein Leben zu Ende geht, ruhig sagen: Ich habe einen Abglanz des
Hchsten empfunden, und mehr kann mit meinem armen Sinnen Niemand empfinden. Und
dann werden Dir Deine armen Sinne wieder reich erscheinen, wenn sie Dich auch
oft scheinbar geqult haben. Und Du wirst ruhig sterben knnen - einen seligen
Tod - da Du weit, da Du die ungeheure, Alles erdrckende, furchtbar erhabene
Gewaltsonne der unendlichen Welt-Tiefe, die in alle Ewigkeiten hinein immerzu
immer noch mehr geben kann, angestarrt hast - und selig wurdest. Alle
schwiegen.
    Und ich sah mit brennenden Augen auf die schwarze Sammetdecke, auf der die
roten Medusenkpfe zu tanzen schienen.

Nach langer Zeit, in der wir viel gesprochen hatten, baten mich die alten Herren
wieder um ein paar Manuskripte.
    Ich erklrte ihnen feierlich, da nach meinem Dafrhalten meine Arbeiten fr
sie keinen Wert haben knnten.
    Sie aber sagten, da es sie trotzdem interessiere, wieder mal was von mir zu
lesen, wenn auch der grandiose Hintergrund nicht da sein sollte.
    Und so kam's denn, da ich wieder was gab - allerdings mit einem Gefhl, das
vom Stolze weiter entfernt war -als der Bauer von der Erkenntnistheorie der
Nilpferde, bei denen ich lebte.

                                  Sonnenschein


Die alten Bume waren so hoch.
    Und der Donner ging ab, hinten hinter die Berge.
    Die Wolken verzogen sich, als wrden sie zerpflckt von einer groen Hand.
    Es regnete nicht mehr, auch das Blitzen lie der gute Himmel sein. Dafr
flog ein Sonnenstrahl durch die zerpflckten Wolken, und andre Sonnenstrahlen
folgten.
    Da traten die alten Leute aus der Tr und gingen durch den Wald zur Lichtung
der Sonne entgegen.
    Die Sonne schob ihre blanke Glatze aus einem dicken Wolkenknuel heraus -
und die Sonnenglatze glnzte.
    Und dann kam die ganze Sonne wieder in den blauen Himmel hinein - und
blendete - und funkelte auf den nassen Blttern der mchtigen Bume - glizerte
auf der sommerbunten Wiese - und machte Alles wieder hell und leuchtend.
    Die alten Leute standen unter den alten Bumen - da wo's rausging aufs Feld.
Den alten Leuten schien die Sonne ins Gesicht, und sie standen da und hatten
sich an die Hand gefat und schauten so in die frische Glanzwelt hinein.
    Sonnenschein!

                          Weisheit aus der Kreidezeit


Es war einmal ein altes Mastodon, das lebte in der Kreidezeit. Und das Mastodon,
das lebte in der Kreidezeit. Und das Mastodon war viel klger als alle andern
Mastodons - es sagte immer nur:
    Mein Freund, wie's auch sei und wie's auch werden mag - sei berzeugt: es
ist Alles so gut!
    Diese Worte waren auerordentlich trostreich fr die ganze Kreidezeit.

Das alte Mastodon gefiel den Nilpferden ber alle Maen; sie beglckwnschten
mich zu diesem Opus in einer Weise, die mir heute noch Spa macht.
    Das ist nicht blo ein Simplicittsdokument! sagte der Oberpriester.
    Und der Inspektor meinte freundlich:
    Onkelchen, damit wre eigentlich Alles gesagt! Nun kommt es blo darauf an,
da man diese Sache niemals in Zweifel zieht. Leicht ist eine Wahrheit
auszusprechen. Schwer ist es, eine Wahrheit zu behalten, da das menschliche
Gedchtnis sehr mangelhaft ist. Am schwersten ist es aber, einer gewonnenen
Erkenntnis gem zu leben.
    Der General Abdmalik fgte noch hinzu: Sehr verwerflich ist es, wenn Jemand
sagt: Ich sage gar nichts mehr. Ein solches Individuum erklrt innerlich alles
Seiende fr veritablen Mist. Als wenn des Menschen Nase ein Hauptsinn wre!
Onkelchen, ich sage Dir: der Mist vernichtet die Mystik keineswegs.
    Nach diesen Worten gingen pltzlich alle Lampen aus, und wir saen wieder
mal im Dunkeln.
    Nun hrte ich die Nilpferde mit einander sprechen; es klang so, als wren
sie weit ab - und es hallte dazu. Ich konnte zuweilen die einzelnen Stimmen
nicht mehr ordentlich unterscheiden - und wute bald nicht mehr, ob da noch die
Nilpferdchen sprachen.
    Die eine Stimme sagte jedenfalls:
    Die Anzahl der komischen Dinge ist so schrecklich gro. Auch die Laster
sind so komisch.
    Eine andre Stimme sagte:
    Der Gram ist auch sehr komisch - besonders, wenn man ihn tglich umdreht,
wie man Brillanten umdreht, die doch auch so komisch sind.
    Und eine dritte Stimme flsterte ganz leise:
    Der Schmierfink ist komischer als alles Andre. Jedes hbsche Bild mu er
beschmieren. Und dabei kommt er sich noch so geistreich vor. O Du komischer
Schmierfink! Du denkst, Du bist ein Philosoph - und fhrst doch blo Komdien
auf.
    Ich dachte an meine verlorenen Manuskripte - aber ich kam nicht weit mit
diesem meinem Denken.
    Ich hrte pltzlich dicht an meinem rechten Ohr die brummige Stimme des
Knigs Necho:
    Ih, Du Schlingel, sagte er, kannst Du Dir denn gar nicht Deine
kleinlich-irdischen Gedanken abgewhnen? Sei doch froh, da Du Deine traurigen
Geschichten endlich mal verloren hast. Glaubst Du, es sei so unumgnglich
notwendig, gleich Alles zu behalten und Alles auszufhren, was angefangen ist? O
nein! Verschwende auch mal! Die Natur verschwendet ebenfalls! Also: grme Dich
nicht! Du bist doch jetzt von der Traurigkeit befreit,demnach brauchst Du doch
Deine traurigen Manuskripte nicht mehr wiederzufinden. Gib mal gleich eine
Geschichte her, die so nach Befreiung schmeckt!
    Und King Necho stand im nchsten Moment mit einer brennenden Laterne vor
mir.
    Ich sa in einem groen Keller auf einem Fa, suchte, mute lcheln und gab
am Ende dem brummigen Knig, was er begehrte.
    Famos! rief er und las bei Laternenschein:

                                 Die Befreiung



                           Eine japanische Novellette

Mu-Schika, die Tochter des groen Topffabrikanten, sa in ihrem Turmzimmer und
weinte bitterliche Trnen. Eingesperrt war das gute Kind. Der bse Gouverneur
der Nordprovinz, der schlimmste Mdchenruber seiner Zeit, hatte auch die edle
Mu-Schika in heimtckischer Manier ihren Eltern geraubt. Doch da die Geraubte
ihrem Peiniger mit grtem Trotz auseinandergesetzt hatte, da sie niemals sein
Weib werden knne, weil sie frei bleiben wolle zeit ihres Lebens, so hatte der
bse Gouverneur das Mdchen eingesperrt in seinem hohen Turm, den er nur zum
Zwecke der Mdchenzhmung auf dem hchsten Berge der Nordprovinz vor vielen
Jahren erbauen lie.
    Mu-Schika sa und weinte; ihre Trnen flossen wie Gebirgsbche zur
Frhlingszeit. Und der herrlichen Aussicht, die sich ihr vom Fenster aus darbot,
warf sie nicht einen einzigen Blick zu; ihre Augen waren auch zu verweint. In
jeder Stunde stampfte sie mehrmals mit ihren kleinen Fen auf den Steinboden
und rief voll strmischer Leidenschaft:
    Frei will ich sein! Frei will ich sein! Frei! Frei!
    Diesen strmischen Redestrom hrte der Sturmgott Lobu, der gerade die
Nordprovinz einer eingehenden Untersuchung unterzog. Und der Sturmgott Lobu
freute sich ber die strmische Art der Mu-Schika. Und er beschlo, das arme
Mdchen zu befreien.
    Whrend er sich nun unten vor der eisernen Pforte an die Arbeit machte, trat
ihm der junge Maler Tai-Tai, der die Gefangene gleichfalls liebte, mit bleichem
Antlitz entgegen und rief: Willst Du die Mu-Schika befreien? Das la nur
bleiben. Ich befreie sie. Ich bin Tai-Tai!
    Der Sturmgott gab ihm eine Ohrfeige und rief: Ich bin Lobu!
    Und nun fingen sie an, sich mchtig zu zanken. Jeder wollte vor lauter
Eifersucht die Mu-Schika ganz allein befreien. Und whrend des Zankes prgelten
sie sich fters, wie das Rivalen zu tun pflegen. Dem Tai-Tai fehlten bald zwei
Backenzhne, und dem Lobu blutete die Nase. Und dazu schien der Vollmond durch
die ganze Nacht. Und durch die ganze Nacht zankten sich und prgelten sich die
Rivalen, so da es zur Befreiung gar nicht kam. Whrend oben Mu-Schikas Trnen
in Strmen flossen, flo unten das Blut ihrer Befreier in Strmen.
    Und so dmmerte denn allmhlich der Morgen, und vor dem Turmfenster erschien
die Gttin der Morgenrte, die herrliche Ballikra.
    In einer goldenen Barke sa die Gttin, und kleine Zwerge bekrnzten die
Barke mit dunkelroten Rosenketten. Der Himmel war oben tiefblau wie ein Meer.
Und auch die Ballikra hrte die wilden Freiheitsreden der Mu-Schika. Schnell
ri sich die Gttin ein paar Rosen aus dem schwarzen Haar und warf sie durch das
Turmfenster der Gefangenen in den Scho. Da sprang das Mdchen erschrocken
empor, starrte die herrliche Ballikra wie ein Wunder an, fiel auf ein Knie und
flehte weinend:
    O Ballikra, nimm mich mit und fhre mich zu meinen Eltern zurck, denn ich
will frei sein - frei - frei - frei! Da nahm die Gttin die Mu-Schika in ihre
goldene Barke und fuhr mit dem verweinten Kinde durch die weien Morgenwolken zu
dem Hause des groen Topffabrikanten.
    An der eisernen Pforte des Turmes wischen sich unterdessen die Rivalen die
Blutstropfen aus dem Gesicht und verbinden sich die Handgelenke. Und ihrem
Treiben sieht oben aus dem Turmfenster mit glhenden Wutaugen der bse
Gouverneur zu. Der Gouverneur hat sich durch eine Hintertr in den Turm
geschlichen und hat sehen wollen, ob seine Mu-Schika noch nicht kirre wurde.
Und nun ist sie fort! schreit er voll Entsetzen in die Morgenluft hinein.
    Er glaubt, die beiden Kerls da unten an der Pforte htten seine Mu-Schika
befreit. Er geht hinunter und stellt die Leute zur Rede, wird aber gleich ganz
eklig angelackt. Die beiden Rivalen gehen sofort mit vereinten Krften auf den
Gouverneur los; der starke Tai-Tai zerbricht ihm die Kinnlade, und Lobu stt
ihm sein Schwert durch den Bauch, da der Bsewicht gleich aufbrllend den Geist
aufgibt.
    Hierauf reicht der Sturmgott dem Maler die Hand und sagt bitter:
    Junger Mann! Whrend wir hier um Mu-Schika kmpften, ist das lockere
Mdchen mit einem Andern durchgegangen. Wir wollen dieses Weib vergessen.
    Das wollen wir! ruft Tai-Tai, hackt dem toten Gouverneur den Kopf ab und
erklrt den Sturmgott fr seinen besten Freund. Sie schtteln sich lange die
Hnde, und bald gehen die ehemaligen Rivalen Arm in Arm dem nchsten Wirtshause
zu.
    Doch die befreite Mu-Schika erzhlt ihrem Vater, dem groen Topffabrikanten,
wie sie von der herrlichen Ballikra befreit wurde, zeigt jubelnd die
dunkelroten Rosen der Gttin und kt alle ihre Schwestern und auch ihre Mutter
mit leidenschaftlicher Inbrunst.
    Der alte Vater lacht und erklrt seiner Tochter mit Feiertagsmiene:
    Meine liebe Mu-Schika! Da Du so mutig gewesen bist, sollst Du auch frei
blieben - zeit Deines Lebens. Und kein Freier soll Dir nahen. Auch den Tai-Tai
werfe ich die Treppe runter, wenn er kommt.
    Aber Tai-Tai kam nicht, und andre Liebhaber kamen ebenfalls nicht. Mu-Schika
blieb frei bis ans Ende ihrer Tage und ward gefeiert von allen Frauen der
Nordprovinz und lebte glcklich ohne Mann - frei - frei!

Wir befanden uns jetzt in groen Kellergewlben, die recht dunkel und
geheimnisvoll waren.
    Ich sa auf einer Tonne - aber die Tonne schwamm in einem dunkelgrnen
Wasser, das den ganzen Boden bedeckte und recht tief zu sein schien; ich nahm
einen schweren Stein, der auf meiner Tonne neben mir lag, und warf ihn in das
Wasser und horchte - und erst nach langer Zeit hrte ich den Stein unten dumpf
aufschlagen. Der Knig Necho hatte whrenddem meine Befreiung zu Ende gelesen;
er sa auch auf einer Tonne wie ich und leuchte mir nun mit seiner Laterne ins
Angesicht.
    Da kamen auch die anderen Nilpferde auf Tonnen mit Laternen
herangeschwommen, und es wurde heller durch die vielen Laternen. Ich wunderte
mich ber die Gre dieses Felsenpalastes und sprach auch ber die unsichtbaren
Geister, durch deren Dienste die Treppen so berflssig geworden seien. Und ich
bedauerte, da die Eindrcke, die ein gewhnlicher Mensch in seinem gewhnlichen
Erdenleben hat, so hart und umstndlich sind.
    Man mu, erhielt ich zur Antwort, das Eine wie das Andre zu schtzen
wissen; berall sind eben die unendlichen Reihen; die Situationskomdien sind in
der Welt so mannigfaltig wie alles Andre.
    Der Oberpriester Lapapi sprach vom Schattenspiel des irdischen Lebens und
meinte milde: Es ist doch nicht zu tadeln, da gewisse Sinneswelten wie
diejenige, die Du auf der Erde kennen gelernt hast, so viel scheinbar Konstantes
und Kompaktes haben. Dafr hat ja auch der Mensch das Leben im Schlafe. Da sein
Leben im scheinbar wachen Zustande oft so feste, eckige Formen empfngt,
steigert doch nur die Empfindungsfhigkeit. Wie wre sonst der Begriff der
Vergnglichkeit zu erzeugen? Und der gehrt doch auch ins groe Dasein hinein.
Alte Lampen knnen nicht so ohne weiteres als ewige Existenzdokumente auftreten
- alte Manuskripte ebenfalls nicht- und alte Menschen erst recht nicht. Auch in
diesen Vergnglichkeitskomdien bilden sich berall die schon so oft von uns
erwhnten unendlichen Reihen. Sie wirken berall - und bewirken, da wir ber
die Notwendigkeit oder berflssigkeit des scheinbar Daseienden nicht reden und
auch nicht denken knnen. Die unendlichen Reihen des groartigen Spukreiches,
das wir fr Weltleben halten, umketten und umkrnzen uns berall. Auch die
Dummheit und die Klugheit zeigt berall die unendlichen Reihen- es kann Keiner
der Dmmste und auch keiner der Klgste sein - drber und drunter ist immer noch
mehr. Und dieser Unendlichkeitszauber, der berall Alles beherrscht, ist das
Herrlichste von Allem was wir haben.
    Er sprach so weiter und mir wurde so - betrunken zu Mute; die vielen Tonnen
und der flssige Boden trugen wohl zu meiner Stimmung bei.
    Wir schwammen jetzt aus einem Gewlbe ins andre - um mchtig dicke Sulen
rum. Und ich bewunderte die Pilzbildungen in den Gewlben und an den Sulen, die
an vielen Stellen wei wie Schnee und dann wieder dunkelbraun und schwarz waren
- auch mal ganz bunt schillerten - und zuweilen leuchteten - unheimlich- wie
dicke Gespensterbeine.
    Als der Oberpriester Lapapi zu reden aufgehrt hatte (seine letzten Worte
hatte ich gar nicht mehr begriffen), sprach ich von meiner Trunkenheit.
    Dazu lachten aber die alten Herren, und der Ramses rief mir laut lachend zu:
    Da siehst Du nun, da es auch unendlich viele Arten von Betrunkenheit gibt
- auch in der stecken die unendlichen Reihen.
    Ich wollte noch viel darber sagen, den Alkohol fr eine Krcke und die
gewhnlichen menschlichen Rauschzustnde fr bedauerlich in Folge der
Katerleiden erklren, aber man schnitt mir kurz das Wort ab und behauptete, da
auch der Kater seine Glanzseiten habe - ich sollte nur mal nachsehen, ob ich
nicht eine Geschichte htte, die das beweisen knnte.
    Ich fand sehr schnell eine solche.
    Aber ich sollte sie nun vorlesen - wurde von unsichtbaren Hnden auf ein
groes Fa gestellt - und die sieben Herren zogen sich mit ihren sieben Laternen
in die uersten Winkel zurck.
    Ich wunderte mich jetzt, da die Tonnen alle so schwammen, wie sie auf dem
Erdboden stehen.
    Und dann las ich.
    Es war sehr unheimlich.
    Meine Stimme schallte oben in den Gewlben so laut, da mir sehr bald die
Ohren schmerzten.
    Aber ich las trotz meiner Ohrenschmerzen mit fester Stimme meine Geschichte
zu Ende.

                          Meine Tinte ist meine Tinte



                               Ein Klexosophicum

Eine sehr stille Sommernacht!
    Matte Dmmerung mit traumschweren Gardinen und sanften suselnden Winden.
    Ich liege in weichen schneeweien Betten.

Und die Betten sind so schwer.
    Es pltschert was - tropft.
    Drben ist es, am Schreibtisch.
    Aber da ist ja so viel Schwarzes auf dem Schreibtisch - so viel Schwarzes.
    Sanft suselnde Winde drauen.
    Auf dem Schreibtisch tropft es - sollte das meine Tinte sein?
    Meine Tinte ist meine Tinte.
    Aber sie ist so lebendig.
    Sie geht ja aus dem Tintenfasse raus.
    Und es ist viel Tinte, so viel schwarze Tinte.
    Jetzt ist sie bei mir und beugt sich ber mein Bett - wie eine kleine
Milchstrae - wie eine kleine schwarze Milchstrae.
    Jetzt tropft es wieder, und schwarze Tropfen fallen auf meine weien Betten.
    Dort in der Ecke ber meinem rechten Fue sitzt ein groer schwarzer Klex.
    Und der Klex - ein ganz runder ist es - ist der Stil.
    Neben dem runden Klexe entsteht nun ein viereckiger Klex - der heit Ziel.
    Und zwischen den Beiden bewegt sich ein schwarzer Tropfen wie eine
Quecksilberkugel auf einer Menschenhand - die Kugel ist das Spiel - das groe
Spiel.
    Bin ich in einer Spielschachtel?
    Woher kenne ich alle die klingenden Namen? Sie klingen so gut zusammen wie
die guten Reime in alten Gedichten. Am Stil ist das Ziel das Spiel, es dreht
sich.
    Im Stil sitzt das Spiel hinterm Ziel.
    Hinterm Ziel!
    Wie stilvoll das Spiel ist!
    Auf dem Stil liegt der alte Nil - ein schwarzer Bindfaden. Jetzt wei ich:
der Nil ist der schwarze Faden, an dem spielt das Ziel mit dem Kiel und dem
Zuviel - das sind neue Klexe - vieleckige Klexe - mit Raupen.
    Schwarze Raupen kriechen ber den Nil - wohl Neger. Meine Tinte ist meine
Tinte - bei der ist Alles mglich. Mein schner weier Kopfkissenbezug bekommt
auch was ab - meine Betten sehen aus wie weie Himmel - mit schwarzen Sternen -
viele Himmel - - bergige Himmel - Schimmel mit Sterngewimmel.
    Es klingt ja so hbsch - ist das Gebimmel von Klexen? Glocken sind's!
    Aber da mittendrin ist ein roter Klex - und der nennt sich Ich. Das ist
keine Tinte, denn ich habe ja rote Tinte gar nicht zu Hause. Ich wollte mir
immer rote Tinte anschaffen. Aber ich hab's vergessen - nur die Namen der Klexe
kenne ich smtlich - die kenne ich ja schon seit Olims Zeiten.
    An der Bettkante im dicken Wassermann wackeln drei Sterne - sie heien Welt,
Wild und Wald. Die sind auch so mohrenschwarz und bedrngen jetzt das Ich -
umkreisen das rote Ich.
    Ich mu mich doch geschnitten haben, denn das rote Ich mu ein Blutstropfen
von mir sein. So was kommt wohl mal vor. Jetzt geht der Weltklex ber mein Ich
hinber - dem schadet's aber nicht. Die Klexe Lust, Last und List kommen meinem
Munde sehr nahe.
    Gehen die Klexe in meinen Mund? Sie kommen mit Kuh, Ruh und Schuh auf meinen
Mund los.
    Brr! schmecken die sauer!
    Sanfte Winde wehen - aber die wehen ja die smtlichen Klexe in meinen Mund.
    Ich kann meinen Mund nicht schlieen.
    Alle meine Klexsterne kullern hinunter in meinen Magen. Wie verschiedenartig
die Klexe schmecken. Meine Tinte mu sehr gemischt sein - wohl mit den Giften
aller Zeiten.
    Welt schmeckt nach Salpeter. Aber ich wei nicht, wie Salpeter schmeckt -
wahrscheinlich wie Bomben. Sehr gut!
    Ich schliee die Augen, denn ich kann dieses fortwhrende Heranrollen der
schwarzen Sterne nicht vertragen.
    Das Rollen tnt wie Donnern und bricht pltzlich ab.
    Es hrt Alles auf - ich mu schon Alles runter haben.
    Ein guter Magen ist ein guter Magen.
    Doch da rollt ja schon wieder was!
    Die Augen kann ich nicht aufmachen.
    Ach so!
    Ich wei ja!
    Das ist ja mein rotes Ich - das kann ich nicht runterschlucken. Das Ich kann
ich nicht verdauen.
    Sanfte Winde wehen um meine Stirn - da wird's aber na.
    Ich meine: auf meiner Stirn wird's ganz na.
    Ist das Angstschwei?
    Nein - ich fhle jetzt ganz deutlich - es sind nur die schwarzen Sterne, die
allmhlich aus meiner Stirne wieder rausperlen - wie Alkohol - wenn man ihn
literweise getrunken hat - aus der Stirne rausperlt - so perlen auch die
schwarzen Sterne aus der Stirne heraus.
    Die Winde drauen vorm Fenster mssen sehr khl sein - oder sind die Sterne
meiner Stirne so khl?
    Sind sie so khl wie eine Birne?
    Mein Ich fllt gleich vom Bette runter.
    Mein Ich fllt und platzt entzwei - auf dem Teppich. Jetzt ist Alles wieder
gut.
    Blo auf dem Teppich wird ein roter Klex sein.
    Das Schwarze verdunstet.

Nachdem ich das gelesen hatte, umzuckten mich grne Blitze, und ich hrte einen
furchtbaren Donner.
    Erschrick nicht, rief da die Bastimme des alten Necho, wir klatschen Dir
nur Beifall - daher die Blitze.
    Ich war ganz verwirrt und mute sehr lachen, obschon ich nicht wute, ob das
Hohn oder Huldigung bedeuten sollte. Wenn wir gut gelaunt sind, sagte da der
Oberpriester Lapapi, so kann uns eigentlich die Bedeutung einer Sache ganz
gleichgltig sein. Da Du aber augenscheinlich etwas eitel bist, so kannst du ja
mal den unsichtbaren Geistern was vorlesen. Wir wollen Dich verlassen,
verpflichten Dich aber, mindestens sieben Sachen hinter einander vorzulesen.
Tust Du das nicht, so lassen wir Dich hier fr alle Ewigkeit allein.
    Mir wurde bei diesen Worten so zu Mute - wie einem Menschen in der Hand
eines Zahnziehers zu Mute wird. Ich rief ngstlich:
    Ich will ja gern Alles tun. Gebt mir blo eine Lampe; im Dunkeln knnte
mir's schwer fallen, was vorzulesen.
    Hast ja, brummte da der Necho, bei Deiner Tinte auch keine von unsern
Lampen gebraucht.
    Ich zog meine Papiere aus der Tasche und sah, da die Papiere selber
leuchteten.
    Verzeihen Sie, meine Herren! rief ich nun lachend, die Unsichtbaren haben
meine Manuskripte leuchtend gemacht. Das hatte ich gar nicht bemerkt. Das ist ja
riesig schmeichelhaft fr mich. Verzeihen Sie, da ich all die Wunder immer erst
nachher bemerkte. Und verzeihen Sie mir, da ich noch immer nicht fr all die
Wunder gedankt habe. Aber - Worte scheinen mir in allen diesen Fllen nicht zu
gengen. Ich werde gleich lesen. Selbstverstndlich! Das tu ich ja so gern.
Verzeihen Sie mir alle meine Taktlosigkeiten - doch ich bin so berauscht - von
all dem Glck.
    Da blitzte es abermals grnlich vor meinen Augen - zu hren war jedoch
nichts.
    Die alten gypter sah ich nicht mehr.
    Und das Blitzen hielt an, so da ich dabei lesen konnte. Oho! sagte ich da
zu mir selbst, Du hast Dir vorhin eingebildet, Deine Manuskripte htten
Leuchtkraft - das war wohl wieder blo eine groe Einbildung von Dir. Das
Blitzen hielt an, und ich las bei dem grnlichen Blitzlicht die sieben folgenden
Geschichten.
    Wieder donnerte meine Stimme oben in den Gewlben machtvoll und schauerlich
- aber meine Ohren hatten sich schon daran gewhnt.

                           Die siebzehn Spitzen oder

                           Das Quadrat des Ellipsoids


Ich kutschierte durch die Vergangenheit und traf Napoelon den Ersten, Alexander
den Groen und Csar von Rom.
    Sie machten sich nichts aus mir.
    Das war mir gerlich.
    Da ich aber in der Wissenschaft viel weiter bin als diese drei Alten, so
holte ich meine siebzehn Ulanen mit ihren siebzehn Lanzen aus meiner
Westentasche hervor und lie ein Quadrat mit den Lanzen bilden. Das sah nun so
aus wie ein Ellipsoid - genau so!
    Ich hatte eben das Quadrat des Ellipsoids ganz ohne Mhe mit Lanzen
erschaffen - erschaffen! Natrlich!
    Ich kann eben Alles - noch viel mehr als Alles! Noch viel mehr!
    Auch viel weniger!
    Gro starrten mich die drei Alten an.
    Ich aber pustete die alten Mrchenschweine um.
    Ich puste diejenigen, die mich nicht verstehen, immer um.
    Das Heu roch.

                              Das neue Konzerthaus


Im Lande der Heibranen, allwo man immer neue Systeme schafft, waren's die
Musiker mde, sich immer nur von einem Dirigenten dirigieren zu lassen - sie
wollten deren zwo zu gleicher Zeit gemeinschaftlich an der Arbeit sehen.
    Und auf einem groen Musikfeste, das zu Ehren des dicksten Dichters im
Heibranenlande veranstaltet wurde, wurde den Musikern gestattet, sich von zwo
Dirigenten zu gleicher Zeit gemeinschaftlich dirigieren zu lassen.
    Als nun das Spiel begann, brach sofort eine Revolution unter dem Publikum
aus, denn dem Publikum ward pltzlich klar, da eigentlich berall zwo Leute zu
gleicher Zeit gemeinschaftlich an der Spitze sein mten - sowohl in den Bureaux
- wie auf andern Orten, allwo Heibranenarbeit verrichtet wird.
    Und seitdem regierten berall immer zwo Herren zu gleicher Zeit
gemeinschaftlich - sowohl in den hchsten wie in den niedrigsten Machtstellen.
    Die Heibranen nannten das neue System den Neozwoismus.
    Und sie befanden sich lange Zeit recht wohl bei diesem neuen System.

                                Die Butterblume


Eine groe gelbe Butterblume wuchs in den blauen Himmel hinein und leuchtete wie
eine groe gelbe Sonne. Die gelben Bltenbltter glnzten und kruselten sich.
Und in den Bltenblttern bauten Strche mit langen roten Schnbeln und langen
roten Beinen ihre Nester. Und die Strche flogen tglich mit ihren langen wei
und schwarz gefrbten Flgeln um die groe gelbe Butterblume rum. Die
Butterblume wurde nicht welk, und die Strche wurden nicht krank.
    Im blauen Himmel leuchtete die gelbe glnzende Butterblume wie eine groe
gelbe Sonne.
    Die Menschen staunten das Wunder an.
    Es war aber gar kein Wunder - es war nur ein lcherliches Symbol.

                                  Das Knblein


Ich wei nichts, sagte das Knblein in der Badewanne. Das ist auch gar nicht
ntig! bemerkte die weise Mama. Ich will doch aber, rief das Knblein, ein
groer Mann werden. 
    Dann brauchst Du, schrie krchzend das weise Weltweib, erst recht nichts
zu wissen.
    Dolle Welt! murmelte das Knblein.

                                Mensch und Tier



                                   Mausidyll

Der Kampf war aus.
    Aber wer gesiegt hatte, war nicht offenbar geworden.
    Der Br hatte sich gewehrt bis zum letzten Moment, und der Indianer, der mit
dem Bren rang, war frchterlich zerkratzt worden.
    Der Indianer war ein groer Krieger, und seine Feinde nannten ihn die groe
Schlange.
    Der Kampf war aus.
    Mensch und Tier waren in der Hhle zusammen zu Boden gestrzt. Das Tier lag
unten, der Mensch auf dem Tiere. Aber Beide waren tot.
    Da lag sie nun - die groe Schlange.
    Tot lag sie da - auf der Brenhaut, und kein Mensch kam, den groen Krieger
zu bedauern. Es htt' ihm das auch nichts gentzt. Zwei kleine Muse krochen aus
der einen Ecke der Hhle hervor und sahen sich die Geschichte an.
    Da lag nun die groe siegreiche Schlange wie ein altes Lschpapier auf der
Brenhaut ganz still.
    Tote sind immer ganz still.
    Die beiden Muse zernagten dem Bren das Zahnfleisch, das ihnen
auerordentlich gut schmeckte.
    Der Vollmond schien in die Hhle und beleuchtete das stille Bild. In der
Ferne knallte ein Bchsenschu, und das Echo an den Felsen hallte lange den
Knall nach - so im Zickzack.
    Die Muse bekamen Durst.

                     Kuddel-Muddel oder die vielen Rosinen


Sie hatten alle sehr viele Rosinen im Kopfe, und so kamen sie in hellen Haufen
auf dem Kapitol der Unternehmungslust zusammen. Und auf dem Kapitol zeigten sie
sich gegenseitig ihre vielen Rosinen - in denen stak alles das, was sie wollten.
    Sie wollten alle mal ergrnden, worin der eigentliche Hauptwert des Lebens
und der Kunst zu erblicken sei.
    Und whrend sie nun immer heftiger all die vielen Hauptwerte ergrndeten,
wurden ihre Reden immer verworrener - so da schlielich ein groes
Kuddel-Muddel entstand - nicht blo in den vielen Hauptwerten und Reden, sondern
auch in den vielen Kpfen und Rosinen.
    Und es ward pltzlich unheimlich still auf dem Kapitol. Aber nach einiger
Zeit hrte man in einer Kapitolsecke ein gemtliches Gelchter, und es sprach
einer, dem nie was klar geworden, da er stets die grten Rosinen im Kopfe
gehabt hatte:
    Meine Herrschaften! Wenn uns auch der Witz ausgeht, lachen knnen wir
trotzdem immer noch! Also: lachen wir ber das entzckende Kuddel-Muddel dieser
entzckenden Rosinenwelt!
    Da muten sie alle so welterschtternd lachen, da sogar das Kapitol der
Unternehmungslust in seinen Grundvesten erbebte.

                                     Zart!


Eine ganz kleine feine Spinne - die mcht' ich lieben! Aber sie mu ganz klein
und fein sein.
    Und sie mu meine Liebe erwidern - natrlich!
    Wenn sie mir nicht gut ist, schlag' ich sie mit meinem zierlichen Pantoffel
kurz und klein.
    Aber wenn sie mir gut ist - dann wird - Alles - Alles - sein! Ich werde mich
mit meiner Spinne in ein ganz zartes venetianisches Zierglas setzen, wo auer
uns nichts drinn sein darf.
    Drauen werden die goldig glitzernden Seepferdchen Augen machen!
    Uih! Wird das ein feines Leben sein!
    Spinnchen, komm!
    Na komm, mein kleines feines Spinnchen!
    Die alte Porzellanuhr auf der Bauchkommode tickt blo wie gewhnlich!
Erschrick nur nicht!
    Na komm!
    Unsere Welt ist leicht!

Als das zu Ende war, war's im Keller muschenstill, nur in der Ferne fiel von
Zeit zu Zeit ein kleiner Tropfen ins Wasser, da es pltscherte.
    Das grne Blitzlicht blitzte nicht mehr, es erfllte die Kellergewlbe ein
grnlich leuchtender Nebel.
    Alle Verchter der Welt hatten von der Welt keine Ahnung, obschon sie immer
so taten.
    Also sprach hinter mir eine sanfte Stimme, und ich glaubte, das wre eine
Geisterstimme.
    Der Kombinationen und Permutationen sind berall unendlich viele.
    Diesen Satz fgte die Stimme noch hinzu.
    Ich aber konnte mich nicht bewegen; ich empfand nur eine groe Starre, mir
war auch so, als hrte mein Herz zu schlagen auf, obwohl meine Augen ganz wach
blieben. Und nun wute ich nicht, ob ich trumte oder ob das, was ich sah, der
sogenannten Wirklichkeit angehrte.
    Ich sah, da auch das Wasser rings um meine Tonne ganz starr wurde - es fror
und bildete sehr bald eine glatte Eisflche, in der sich die Gewlbe entzckend
spiegelten. Und dann kamen unzhlige meterhohe, ganz schlanke Gestalten aus
allen Ecken bers Eis gelaufen; sie glitschten oft aus und fielen ber einander
- aber sie lachten immerzu; ihr Leib war kaum so dick wie mein Arm, ihre Arme
hatten kaum meine Fingerdicke. Diese spindeldrren Gestalten lachten sehr
bermtig, und ihre faustgroen Gesichter waren so lustig, da ich gar nicht
mde ward, ihrem Mienenspiele zuzuschauen.
    Die dnnen Mnnchen hatten Menschengestalt; ihre Glieder staken in eng
anliegendem Handschuhleder - - von verschossenen Farben.
    Die Herren erinnerten mich immerfort an alte Handschuhe; sie kletterten auf
meine Tonne, lachten mich an und visitierten meine Taschen.
    Und ich konnte mich nicht bewegen.
    Und einer der Drrsten fand in meinen Taschen ein Manuskript, das er
vorlesen wollte.
    Whrend ich nun in meinem Starrkrampf ganz ruhig auf meiner Tonne sa, rief
der Drre mit quiekender Stimme:
    Ruhe, meine Herren! Ich werde Ihnen eine Geschichte unsres guten Onkels
vorlesen. Bitte, gruppieren Sie sich auf dem Eise in malerischen Stellungen. Ich
werde mir erlauben, mich auf sechs Herren zu setzen, die auf einander stehen.
    Im Nu sah ich vor mir sechs Herren ber einander - wie ein hohes
schwankendes Rohr - und auf den Kopf des Obersten setzte sich der Vorleser und
rusperte sich.
    Whrenddem hatten die andern Taumenschen vielverschlungene Rankengruppen auf
dem Eise gebildet - und zwischen diesen Gruppen sah ich nun die sieben kleinen
Nilpferde auf Schlittschuhen zierliche Bogen schneiden.
    Und der Drre las, whrend die Nilpferdchen oft auch durch die Rankengruppen
ihre zierlichen Bogen schnitten:

                                 Leichte Bilder


Die sieben groen Seifenblasen tanzen auf dem Wellensee. Und die groen
Seifenblasen stoen sich nicht, trotzdem sie haushoch sind - turmhoch!
    Sie hpfen - die Blasen.

La die Welten nur fest sein,
La die Helden nur stark sein,
So fein kann doch der Quark sein.

Aber der sanfte Abendwind blst die feinen Blasen entzwei.
    Und die roten Schiffe kommen mit den roten Segeln - die Schiffe schaukeln
auf und ab, schaukeln vorber, denn was sollen sie hier?
    Die Schiffe sind so ernst und lcherlich - besonders die roten.

Der Flieder duftet in der Nacht,
Und kleine Katzen schleichen behutsam.
Der Sonnenschein ist ferne -
So ferne wie die Sterne.

Und die Eisberge kommen.
    Sie kommen aber nicht nher - in der Ferne bleiben sie - frchten sie die
Hitze am Strande des Ulks?
    Welcher Irrtum! Hier ist es gar nicht so hei - die Spe sind nicht hitzig
- das sind sie unter keinen Umstnden, denn sonst wren's ja keine Spe mehr.

Die bittern Schnpse schmecken gut.
Die bittern Schnpse schmecken gut.

Und die Sorgen kommen - als Riesenratten mit klatschenden Schwnzen - schwimmen
auf dem Wellensee - hpfen und schaukeln - mgen sie weiterhpfen und
weiterschaukeln!

Leb wohl, Du Land der stillen Zecher!
Fllt mir die letzten Flaschen ein!
Ich bin ja doch kein armer Schcher,
Ich sitz im Grnen.

Jetzt aber - jetzt kommt eine wilde Gesellschaft - lauter Weltverbesserer -
jetzt wird's beinah bermtig!
    Die Weltverbesserer rennen auf den Strand - ganz nackt. Sind die mager!
    Ich strecke ihnen meine Zunge entgegen.
    Die Kerls wollen die Welt verbessern?

Rosen, sanfte Rosen,
Fallen in die Silberkanne.
Rosendfte sind so schwl:
Zerpflcke die sanften Rosen.

Die Welt kann ja gar nicht besser werden - sie ist ja das Beste von Allem, was
wir zum Besten haben knnen.
    Die Sonne geht drben auf - es ist wohl eine sechseckige Sonne.
    Es wird Alles bunt wie Kolibris.
    Und leichte Gestalten steigen aus dem Wellensee - Duftgestalten mit langen
Armen und chten Kugelbeinen - mit Gestalten sind ganz durchsichtig - auch die
Kugeln unterm Rumpf - wie Tabaksqualm steigen diese guten Geister empor - in den
blauen Himmel.

Ein wilder Husar
Nimmt das Leben genau?
Au! Au!

Ich liege und sehe den leichten Duftgestalten traurig nach - ach - am Strande
des Ulks wird man so schwer, da man nicht mehr so leicht aufsteigen kann wie
Tabaksqualm.
    Aber die sechseckige Sonne steigt alle Morgen auf.
    Ich beneide die Ecken-Sonne.

Neidisch bin ich wie ein Geizhals,
Haben mcht ich tausend bunte
Edelsteine.
Und ich mchte friedlich schlafen,
Rechts und links die bunten Edelsteine.

Ich liege und kann nicht auf.
    Schwefelhlzchen mit rotem Kopf tanzen auf dem Wellensee - wie Menschen -
wie stockdumme Menschen, die Nichts zu tun haben.
    Die groen Ratten kommen wieder - sie fressen die Schwefelhlzchen auf und
platzen entzwei wie Seifenblasen.
    Es knallte - es knallte!

Endlich ist der Mops gettet,
Und die Wellen sind gertet.
rgre Dich, tiefernster Tor,
ber alle krausen Kringel.

Seifenblasen kommen aber nicht noch einmal - und sie sind so wichtig am Strande
des Ulks.
    Bume wachsen im Wellensee - Wunderbume - aber ich seh sie nicht - die sind
unten auf'm Meeresboden - ja - warum sind sie unten?
    Ach ja!
    Robinson!
    Ist das Robinson, der da vor mir steht?
    Er ist so alt, wackelt mit dem Kopf, streicht sich den weien Schnurrbart
nach unten und deutet mit dem Zeigefinger nach oben.
    Oben ist der Himmel offen, und die hellgrnen Engel, die ich so verehre,
machen da oben Musik.
    Die Musik ist so sanft, da ich die Augen schliee, um besser hren zu
knnen.
    Da sagt Einer zu mir:
    Du bist ein alter Faulpelz!
    War das Robinson?
    Es klang doch so sanft.
    Ich trume, und sanfte Krokodile schreien:

Wie schn ist die Welt!
Wie schn ist die Welt!

Ein nasser Leinwandlappen fllt auf mein Haupt.

Nach Beendigung der Vorlesung brllten alle die drren Kerle, als wenn ihnen die
Haare einzeln ausgerissen wrden; die Drren hatten sehr lange blonde Haare.
    Und ich hrte aus dem Gebrll heraus, da sie moderne Zeit spielen
wollten.
    Die Nilpferdchen schnitten ruhig ihre zierlichen Bogen auf dem Eise weiter.
    Aber die Drren spielten vor mir moderne Zeit.
    Es war ein unbeschreiblicher Spa.
    Nicht Alles konnte ich deutlich erkennen. Ich sah nur, da die Drren unten
auf dem Eise immer wieder neue Rankengruppen bildeten und die dann immer wieder
mit Gebrlle umwarfen, so da es viele blutende Nasen gab.
    Doch die blutigen Nasen strten die Heiterkeit durchaus nicht; auch die
Nilpferdchen mit ihrem unermdlichen Bogenschneiden strten die Heiterkeit
keineswegs.
    Die Gesichter der Drren bekamen oft einen Ausdruck, der mich an bekannte
Persnlichkeiten erinnerte, die vielleicht heute noch auf der Erdrinde eine
Rolle zu spielen sich einbilden.
    An unglaublichen Hohnspen fehlte es nicht - und es wurde furchtbar viel
geredet - und ich habe niemals in so kurzer Zeit so viel dummes Zeug gehrt.
    Das charakterisiert! sagten die Drren nach jeder dummen Redewendung.
    Es hrte sich an, als wollte sich Jeder blo blamieren - durch Albernheit,
Unwissenheit und Dnkel.
    Vortreffliches Bild der modernen Zeit!
    Das riefen sie wohl hundert Mal dazwischen.
    Whrend es nun so aussah, als wenn auf dem Eise ein Heer verrckt gewordener
Akrobaten und Schlangenmenschen sich herumbalgte, hrte ich pltzlich wieder die
Stimme des mir schon bekannten Vorlesers.
    Meine Herren, rief sie, hier habe ich ein Manuskript, das die
Borniertheit der modernen Zeit in klassischer Weise symbolisiert.
    Es ist der Monolog des verrckten Mastodons.
    Die Nilpferdchen standen pltzlich still und waren ganz starr; sie staunten
den Vorleser mit offenem Maule an.
    Ich war emprt und rief wtend:
    Das ist ja eine lngst veraltete Geschichte - die zhlt nicht mit.
    Aber die Drren bildeten wieder im Nu ein paar Dutzend Leibersulen - und
vereinten sich dann so, da sie zusammen einer gyptischen Pyramide glichen.
    Auf diese Pyramide kletterte der Mann mit dem Monologe rauf - und las oben
vor - mit furchtbar ernstem Tonfall:




                        Monolog des verrckten Mastodons


Zpke! Zpke!
    Mekkimpsi - muschibrps.
    Okosni! Mamimne ...
    Ekakrllu rndima ska, inti ... windi ... nakki; pakki salne hepperppe -
hepperppe!!
    Lakku - Zakku - Wakku - Quakku - - - muschibrps.
    Mamimne - lesebesebimbera - roxrx - roxrx!!!

Quilliwake?
    Lesebesebimbera - sur - huh ...

Was hierauf folgte, wei ich nicht mehr.
    Ich wei nur, da ich spter in einem sehr schnen Schlafzimmer aufwachte.
    Ich lag in einem sauberen Bett, und mit taten alle Glieder weh. Und eine
ganz alte Dame trat in mein Zimmer und sagte freundlich:
    Dir ist wahrscheinlich so zu Mut, als wenn Du Kater httest. Nun - da pat
ja wohl das Mrchen vom blauen Hund in Deine Stimmung hinein. Gestattest Du, da
ich die Geschichte den Herren vom Nil bringe?
    Ich gestatte! sagte ich.
    Und die alte Dame ging mit dem Mrchen davon. Mir war so wst im Kopf.
    Und die Herren vom Nil lasen im Nebenzimmer mein altes Manuskript.

                          Das Mrchen vom blauen Hund


Der Ritter Knut Lemcke von Bullerstein hat endlich ausgeschlafen, hat gleich
sein Panzerhemd angezogen, Stahlhaube auf den Brummschdel gestlpt und sein
Schwert in die Hand genommen.
    Mit dem rechten Fu stt er die Tr zum Altan grimmig auf und saugt die
frische Abendluft in langen Zgen schmunzelnd ein.
    Da steht er nun auf seinem Altan. Die Sonne geht drben ber'm
Birkenwldchen grade unter.
    Lange geschlafen! sagt der Knappe und setzt den Morgenimbi auf den Tisch
- Eier, Schinken, Butter, Brot, sauren Aal und eine Kanne Moselwein.
    Der Ritter it und trinkt und denkt an die wste Nacht, die nun auch hinter
ihm liegt.
    Die Sonne geht unter - der Mond geht auf.
    Der Knappe bringt ein gebratenes Huhn nebst rotem Wein und verschwindet
wieder - lautlos wie ein stiller Schatten.
    Knut beugt sich ber die Brstung des Altans und schaut in die tiefen,
bewaldeten Abgrnde; er denkt an was, vergit es aber gleich wieder. Die Spitzen
der Tannen, Fichten, Buchen, Erlen und Eichen sind tief, tief unter Knut. Der
Mond bescheint die welligen Waldberge und auch die stramme Burg.
    Der Ritter beit ins Huhn und lt die Wlder das sein, wie sie sind. Doch
pltzlich hrt er's bellen da unten.
    Wetter! ruft er, ist das nicht mein toter Hund? Der bellte doch grade
so.
    Er erhebt sich und brllt: Hopsmajor! - denn so hie der Hund bei
Lebzeiten.
    Der Vollmond leuchtet unheimlich hell. Hopsmajor bellt - die Echos umhallen
Knutens Ohr.
    Der Hund kriecht langsam an der Burg empor; Knut hrt's ganz deutlich. In
den Hecken raschelt's, alte Ziegelsteine rollen ins Tal, und dazwischen bellt
der dumme Kter.
    Dem Ritter Lemcke von Bullerstein struben sich smmtliche Haare, er murmelt
mit groen Augen: O Karoline!
    Jetzt ist der Hund dicht unter der Brstung, das Gebell wird schrecklich
laut, Lemcke stt vor Schreck auffahrend mit dem linken Ellenbogen die Kanne
um, und der gute Rotwein bersprudelt die Fliesen des Altans.
    Knut! Knut!
    So hrt der Ritter rufen unter der Brstung, und Hopsmajor! stt er
heiser hervor. Und danach sieht der Herr von Bullerstein seines toten Hundes
Antlitz ber der Brstung.
    Das Tier hat sich doch stark verndert, denkt sein Herr, denn es ist ganz
blau, ganz blau - wie Blaubeeren.
    Nu? brllt der Hund finster, wunderst Du Dich denn gar nicht, mich heute
Abend im Mondenschein wiederzusehen?
    Hopsmajor, eine krftige Dogge, legt die Vorderpfoten auf die Brstung, der
Ritter stottert: Ich - ich wun - wundre mich nie!
    Denn nich! erwidert lchelnd die blaue Dogge. Weit Du auch, was ich
jetzt vorstelle!
    Nee! versetzt der Lemcke, nee!
    Zwei haarfeine Blitze umzucken den Mond - wie Eichenste sehen sie aus.
    Hopsmajor zieht die Hinterbeine nach und geht auf der Brstung des Altans
langsam auf und ab. Der Ritter reicht dem Tier den Rest des Huhns, doch der Hund
winkt mit der linken Vorderpfote ab.
    Aber! ruft der gute Knut - Hand mit Huhn sinkt in den ritterlichen Scho.
    Des Hundes rechtes Hinterbein, das auch ganz blau ist wie der ganze Hund,
wird dick - und dicker - und dann immer lnger - riesiglang - bis in den Himmel
reicht es bald hinein - bis an die Sterne. Die Krallen kratzen an den Sternen,
und dann wird das Bein wieder so, wie's war.
    Nu? fragt der Hund, weit Du nu, was ich vorstelle?
    Nee! heit es wieder.
    Itzo wird der Kopf des Hopsmajors immer grer und dicker - so gro, da der
Ritter gar nicht mehr das ganze Tier sehen kann - blo die groe Riesenschnauze
sieht er - Nichts als Schnauze! Die Schnauze drckt den Herrn Ritter an die
Wand, da der Au! schreit. Und da wird der Hundskopf wieder, wie er war.
    Der Hund fragt abermals: Nu? und abermals heit es: Nee! Inde - alsdann
wird der ganze Rumpf hinter den Vorderpfoten grer und dicker - so gro und
dick, da der Leib bald die smtlichen Tler unterm Altan ausfllt.
    Donnerwetter! So blau und so dick!
    Also Knut.
    Der Hund fragt aber zum dritten Male: Nu? und zum dritten Male heit es:
Nee!
    Ich will's Dir sagen, brllt nun rgerlich der blaue Hopsmajor, dessen
Kopf lcherlich klein aussieht dem riesigen Sackleibe gegenber, ich bin - das
sag ich Dir unter vier Augen - das Symbol des Vornehmen.
    Dacht ich mir - scho - schon! stottert der Knut, wi - willst Du - Du mir
- wei - weiter Nichts mi - mitteilen?
    Hopsmajor ruspert sich und bemerkt in distinguiertem Tonfall:
    Ich werde mich ganz klar aussprechen.
    Den Mond umzucken wieder zwei haarfeine Blitze. Knut beit noch mal ins
Huhn, rgert sich, da er nichts zu trinken hat, freut sich, da dem Hunde jetzt
die smtlichen Tannen, Eichen, Erlen, Buchen und Ahorns in den Bauch picken -
der Hopsmajor aber beginnt so:
    Mein lieber Freund Knut Lemcke von Bullerstein, Du bist sonst ein ganz
famoser Kerl, dessen vornehme Lebensallren mir schon whrend meiner
gewhnlichen Lebenszeit betrchtliche Gensse verschafft haben. Du bist unter
allen Umstnden zu allen Zeiten ein wahrhaft vornehmer Mann, den man ohne
Weiteres seines Umganges wrdigen darf. Nimm zunchst mal eine kleine Prise!
    Der blaue Hopsmajor nimmt fix eine Schnupftabaksdose aus seiner rechten
Backentasche und reicht sie seinem frheren Hausherrn. Beide schnupfen und
niesen, und der Blaue fhrt fort:
    Nur dann, wenn Du angetrunken bist - die Bauern sagen Sternhagelduhn - dann
bist Du so, da man Dich nicht fr vornehm erklren kann. Mensch, merkst Du
nicht, da diese Angelegenheit hchst peinlich geworden ist? Du wirst im
angesoffenen Zustande - und in diesem befindest Du Dich doch in jedweder
Gesellschaft - teils zu grob und teils zu liebenswrdig. Du behltst nicht die
Balance. Du drckst die grten Peter der Menschheit, die selbstverstndlich
Peter niemals heien, in ungebndigter Rhrung an Dein edles Ritterherz und
merkst gar nicht, da diesen Petern Deine Rhrung hchst lcherlich vorkommt, da
sie von der ewigen Sehnsucht der Besoffenheit nicht die blasseste Ahnung haben.
Andrerseits aber geht's wieder folgendermaen: Merkst Du, da Du Dich mit Deiner
seelischen Entblung lcherlich machst, so haust Du dem nchsten Besten - und
das sind immer noch die Leidlichsten - ohne Scham und Mitleid ins lachende
Antlitz. Und aus solchen Wutausbrchen entstehen dann ganz alberne
Mopsgeschichten, da Du nachher von Nichts mehr die blasseste Ahnung hast und
oftmals in sehr wenig vornehmer Weise grade diejenigen um Entschuldigung
bittest, die Du httest verhauen sollen. Mensch, hre: Sterne verkratzen, mit
der Schnauze Alles bedrngen und Sich recht breit machen - darin allein steckt
das wahrhaft vornehme Wesen - das zgellose Temperament sollen Andre nicht
sehen!!!

Sauf drum hinfro ganz allein,
Mein lieber Lemcke von Bullerstein!

Und es gibt einen frchterlichen Knall, Knut springt in die Hhe - und sieht die
Tler mit blauen Mondnebeln bedeckt.
    In der Hand hlt der Ritter noch immer das Stck Huhn, und der Altan
schwimmt - Alles Rotwein!
    Stimmt! sagt Knut Lemcke von Bullerstein.
    Gste! sagt devot der Knappe, der etwas verschlafen aussieht.
    Achherrjeh! schreit dazu der arme Knut, o Karoline!
    Der Knappe eilt davon, der Herr Ritter folgt ihm, denn die Gste warten - er
murmelt in seinen krausen Bart:

Sauf drum hinfro ganz allein,
Mein lieber Lemcke von Bullerstein!

Wie der groe Knut die Treppen runterstolpert - zum Ahnensaal - murmelt er noch:
    Na - nchstens!

Als ich glaubte, die Herren vom Nil mten zu Ende gelesen haben, rieb ich mir
die Augen und - ja - und ich war nicht mehr im Bett - ich sa wieder wie sonst
den alten Herren gegenber.
    Und der King Thutmosis sprach mit seiner sanften Stimme:
    Wir haben Deine leichten Bilder und das Mrchen vom blauen Hund gelesen und
freuen uns, da Du jetzt ausgeschlafen hast.
    Ich sah die Herren etwas verdutzt an - aber sie lchelten - und das sah so
verschmitzt aus - des breiten Mundes wegen. Nun - ich war wohl neugierig, jedoch
ich verga meine Neugierde, denn mich bewegte pltzlich eine andere Sache.
    Ich mchte, sagte ich, ber die Unsichtbaren, die uns hier bedienen, ein
wenig aufgeklrt werden.
    Du willst also, sagte nun der Oberpriester Lapapi, andre
Erscheinungsformen der Welt kennen lernen.
    Das ist, erwiderte ich, nicht so ganz richtig, da Geister, die mit einer
anderen Substanzuerung zusammenhngen, ber ihre Sphre hinausgehen und in die
unsre hineinragen - und in dieser sogar ttig sind. Diesen Zusammenhang zweier
Sphren mchte ich begreifen lernen. Im gewhnlichen irdischen Leben habe ich
ein derartiges Zusammenklingen zweier Sphren wohl fr mglich gehalten - aber
es war mir doch im Grunde sehr rtselhaft und unwahrscheinlich. In diesem
Felsenpalaste werde ich nun scheinbar eines Besseren belehrt; was mir unmglich
schien, ist hier ein Alltgliches. Also kurz gesagt: ich mchte wissen, wie die
Erscheinungsformen der Welt sich zu einander verhalten.
    Dazu sagte der Oberpriester Lapapi:
    Es wre doch allzu seltsam, wenn die unzhligen Erscheinungsformen der Welt
nicht zu einander Beziehungen haben sollten. Die unendliche Zahl der
Kombinationen und Permutationen wird auch in den Beziehungen der
Erscheinungsformen unter einander das herrschende Prinzip sein. Also: es wird
Wesen, die in mehreren Sphren zu gleicher Zeit leben, ebenso gut geben, wie
Wesen, die nur in einer Sphre leben. Es wird auch Wesen geben, die sich
Letzteres blo einbilden, dieweil sie die anderen Sphren, in denen sie sonst
noch leben, fr eine kurze Zeit vergessen haben. Es gibt auch hier die
unendliche Zahl von Komplikationen, die auszudenken uns naturgem etwas schwer
fllt. Vielleicht denkst Du mal darber nach - vergi es nur nicht!
    Der Pyramideninspektor Riboddi fragte mich hiernach, ob ich mich mal ans
Fenster setzen mchte, um mir die Gebirge anzusehen.
    Ich war gerne bereit dazu.
    Doch der Knig Ramses wollte nun noch ein paar Manuskripte von mir haben.
    Das berhrte mich pltzlich sehr peinlich - und ich sagte schnell:
    Es liegt etwas Demtigendes in Ihrem Wunsche, Herr Ramses! Sie wissen, da
meine Arbeiten Ihnen nichts bieten knnen. Ich vermisse jetzt selber in meinen
Arbeiten den groen Hintergrund, und es tut mir daher gar nicht mehr leid, da
sich einzelne meiner Geschichten verloren haben - den groen Hintergrund haben
sie ja smtlich nicht. Kurzum: ich kann nur sagen, da ich mich eigentlich aller
meiner Geschichten schme. Ich sehe durchaus ein, da nur die Poesie einen Wert
hat, die von Leuten hervorgezaubert wird, denen die Grandiositt der Welt in
Fleisch und Blut bergegangen ist - und die niemals vergessen, da Alles, was
wir mit unsern Sinnen wahrnehmen und durch Komposition der Sinneswahrnehmungen
denken knnen - nur einer einzigen Sphre angehrt, hinter der unendlich viele
andere Sphren stecken. Nur wer das ganz in sich aufgenommen hat, kann
Kunstwerke schaffen, die der Rede wert sind.
    Nach dieser Rede erhob sich der Knig Ramses und sagte zu den andern
Nilpferden:
    Edelste Pferde vom edelsten Nil! Hebt mich auf den Tisch, denn ich will
eine Rede reden, die der Rede wert ist.
    Die sechs andern alten Herren taten, wie der Ramses bat - und er sprach nun
mit beweglichen Gesten, whrend er eine Pincette auf jeder Vorderpfote auf und
zu schnappen lie, auf dem Tisch wie folgt:
    Edelster Onkel aus Europa! Wenn wir so denken wollten wie Du in Deiner
scheinbar harmlosen Bescheidenheit zu denken beliebst, so wrden wir 99% der
Welt fr berflssig erklren - und mit dem letzten groen Perzent wrden wir
auch nicht viel anzufangen wissen. Edelster Onkel, es ist eben durchaus
verkehrt, wenn wir blo das scheinbar Edelste fr wertvoll halten mgen - Alles
hat seinen Wert - mindestens seinen bergangswert. Das Edelste ist ein solches
nicht, wenn es sich nicht aus einer weniger edlen Masse herausheben kann. Und
auerdem sind doch die Faktoren der ganzen Wertschtzungsgeschichte nur
Scheinfaktoren, nicht wahr? Was wir Dir beibringen wollen, ist doch
hauptschlich:
    Schtzung der ganzen Welt. Du sollst Dich daran gewhnen, in Allem etwas
Edles zu sehen. Oh, wir wissen ja, da du das stets gewollt hast - aber vom
Wollen bis zum Knnen ist noch ein weiter Schritt - wohl mehrere weite. Wir
wissen andrerseits sehr genau, da Du zuweilen Diesem und Jenem aus moralischen
Grnden ins Gesicht schlagen mchtest. Das tut aber doch kein gebildeter Mensch
- fr den gibt's eben keine Schurken. Der Gebildete hat die Dummkpfe in keinem
Falle - er wei, da auch Schurken blo Schurken sind infolge Mangels an
Verstand. Ein wirklich intelligenter Lump wird ein ganz anstndiger Kerl sein,
da nur ein Schafsgesicht einen nicht ganz sauberen Gedankengang in sich
entstehen lassen kann. Und darum - entschuldige, da ich's mit der Logik nicht
sehr genau nehme - sind wir berzeugt, da an Allen was auszusetzen ist, da es
mit der Verstandeskraft der uns bekannten Lebewesen nicht vollendet aussehen
kann. Denn wre der Verstand Aller vollendet - so mte ein Ei dem andern
gleichen - was bekanntlich nicht der Fall ist. Und darum verlangen wir auch in
den Kunstwerken nicht blo die edelsten Terrassen und Dcher - sondern auch alle
Stufen, die hinauffhren. Und darum - - - sind uns Deine Manuskripte durchaus
nicht so berflssig. Und Dir soll das Geschreibsel der grten Rhinozerosse
auch nicht so berflssig erscheinen. Und darum wollen wir itzo in erster Linie
wieder was von Dir lesen. Hast Du nun wieder Mut? Ja? Na - da siehst Du es.
    Ich mute lcheln, bi mir auf die Unterlippe, gab drei Sachen und lie mich
auf einen Balkon fhren, um die weien Schneekuppen der Berge zu sehen - blauen
Himmel, Schatten und Sonnenschein -
    Whrend ich allein auf dem Balkon sa, lasen die gypter, was ich ihnen
gegeben hatte.

                               Der lachende Wolf


Guten Morgen! sagte das gutmtige Trampeltier.
    Der Wolf aber lachte unbndig.
    Warum, frug nun ganz ernst das Trampeltier, mut Du so schrecklich
lachen?
    Der Wolf lachte noch strker.
    Das Trampeltier schttelte den Kopf und konnte sich die Sache nicht
erklren.
    Klr mich auf! rief das Tier schlielich wtend.
    Der Wolf lachte am strksten und sprach dann:
    Am besten lacht es sich doch, wenn man gar keinen Grund zum Lachen hat. Das
ist ja das wahre Lachen.
    Und der Wolf lachte wie hundert glckliche Goldgrber; das ganze Wald- und
Wiesenland lachte mit.
    Das Trampeltier ging verblfft um die nchste Ecke - da schrie's laut:
    Dieser Wolf!

                                 Die Roseninsel



                                Ein Klexmrchen

Unter einem dunkelblauen Himmel schwamm eine Insel, die von oben bis unten mit
Rosen bedeckt war - mit weien, gelben und roten.
    Das war die kstliche Roseninsel!
    Wege gab's auf der Insel nicht, denn es wohnte da Niemand; die Rosen blhten
und dufteten berall, da die ganze Insel wie ein schwimmender Rosenstrau
aussah. Aber dieser Strau war nicht glcklich - denn das Meer, in dem er
schwamm, war pechrabenschwarze Tinte.
    Und wenn's windig wurde, spritzte die pechrabenschwarze Tinte hoch auf, so
da die meisten Rosen schwarz gesprenkelt wurden. Das machte die Rosen recht
hlich, und die Hlichkeit machte die eitlen Blumen unglcklich.
    Es war den Rosen ganz unertrglich, da Niemand nahte, um sie zu bewundern.
    Indessen - eines Tages segelte ein buckliger Zwerg auf einem Silberschiff
bers groe Meer - und kam dabei auch in die Tinte - wie schon Manche vor ihm.
    Whrend aber die Andern immer mglichst schnell aus der Tinte wieder
rauszukommen strebten und sich fr die beklexte Roseninsel durchaus nicht
begeistern konnten - fiel es dem buckligen Zwerge gar nicht ein, die Tinte fr
ein bel anzusehen - ganz im Gegenteil!
    Der Bucklige wollte nmlich ein Land entdecken, das anders ist als alle
andern Lnder und von allen Menschen seiner Absonderlichkeit wegen gemieden
wird.
    Nun - solch ein Land war eben die Roseninsel - das war die richtige Welt,
die er suchte - die war ganz anders als die gewhnliche Menschenwelt.
    Und die Rosen gefielen dem Buckligen ber alle Maen. Schwarzgefleckte
Rosen! Wonnige Klexblumen! rief der kleine Mann schwrmerisch aus, kommt an
mein edles Herz! Die Welt, die mit Tinte befleckt ist - die Welt ist allein mein
wahres Heimatland - da sieht endlich mal Alles anders aus.
    Und die Rosen kicherten.
    Aber der Bucklige landete, bahnte sich ein paar Wege bis in die Mitte der
Insel und baute sich dort mit den Planken seines Silberschiffes einen kleinen
Palast, allwo er lebte bis an sein seliges Ende.
    Die Rosen waren glcklich.
    Man kann sich eben auch in der Tinte wohl fhlen.
    Der buckliche Zwerg fhlte sich jedenfalls in der Tinte auerordentlich wohl
- nur da war er wirklich auf Rosen gebettet.
    O du merkwrdige Rosenwelt!
    O du sonderbare Tinte!
    O du beneidenswerter Zwerg!

                                   Silentium!


Sehr merkwrdige Affenpinscher strmen in die Arena, das Publikum staunt, die
Pauken donnern, und die Fidelbogen flitzen ber die sen Saiten der drolligen
Knackmandel. Hinten rauscht ein altes Seidenkleid, in den Glhlampen zucken
junge Geisterquallen.
    Die Affenpinscher aber halten sich den Mund zu und sagen nichts.
    Was ist passiert?
    Die Erde hat sich eine Schlafmtze ber die Ohren gezogen - eine dicke
Schlafmtze!
    Still! Still!
    Jetzt blo ruhig sein!
    Still! Still!

Whrend die alten gypter drinnen lasen, sa ich drauen auf dem Balkon in einem
sehr bequemen Sessel und rauchte meine nahrhafte Zigarre und schaute zuweilen
ber die Balkonbrstung hinunter in die grausigen Abgrnde, in deren Tiefe
Wlder und Drfer schimmerten.
    Und dann sah ich wieder hinber zu den weien Schneekuppen der Berge, die
unter dem blauen Himmel mchtig leuchteten - mchtiger leuchteten als weies
Papier - da der Schnee doch komplizierter ist.
    Und ich sah Schatten und Sonnenschein - und Alles atmete tiefen Frieden -
die Berge lagen so ruhig da - wie schlafende Kinder. Ich dachte an die
Unsichtbaren und freute mich auf all das Leben, das ich spter noch fhren wrde
- mit andern Geistern zusammen - in mehreren Sphren zu gleicher Zeit. Und ich
nahm mir vor, schon in meinem irdischen Leben so viel wie mglich vom
zuknftigen durch Kombination vorwegzunehmen und zu Poesie zu machen.
    Ausschpfen lt sich ja, sagte ich zu mir selbst, die groe Welt doch
nicht. Je mehr man von ihr kennen lernt, um so grer wird fr uns das, was sie
immer noch auerdem hat.

Dann sollte ich noch mehr Geschichten geben.
    Und ich gab - noch vier.

                           Ich lass' Dich nicht los!



                                  Ein Zerrbild

Ich will, was ich will! schrei ich ihm schrill wie eine Lokomotiven-Pfeife
dicht berm Ohrlppchen ins immer noch nicht ganz taube Ohr.
    Und da hab' ich ihm den Rock zerrissen.
    Und da hab' ich ihm mit dem Zeigefingerknchel der linken Hand in das
Fleisch gestoen, das ihm berm Herzen sitzt.
    Und dann hab' ich ihm an den Schlund gepackt, da er die Augen verdrehte -
wobei ihm der Schlips abfiel.
    Ich habe seinen dummen Schlips zertrampelt, und dann habe ich - wild
ausgesehen wie ein Teufel.
    Und da hat er Angst bekommen und sich nicht lnger gewehrt.
    Ich la' Dich nicht los!
    Diese Worte sagt ich ihm so klar und deutlich, da er vollkommen das
Selbstbewutsein verlor.
    Nun geht er ruhig neben mir - mein Schatten - mein Zerrbild! Er sagt auch zu
mir: Ich la' Dich nicht los! Es klingt mir fters sehr unheimlich - ich
mchte eigentlich wieder allein sein.
    Diese verdammte Gier!
    Diese verfluchte Sehnsucht!
    Dieses alberne Herrschenwollen!
    Alles dieses lt uns auch nicht los - Nichts lt los! Diese Welt ist doch
sehr fest ...

                                     Tief!


Glatt und grau liegt vor mir - unter mir - das groe Wasser, das endlos ist wie
der Unsinn.
    Schnes groes Wasser, hast Du mich lieb?
    Eine merkwrdige Gestalt kommt hinten aus Dir heraus und geht auf Dir - wie
ein dicker Rentier auf'm Tanzboden geht - nach einer Bierreise!
    Gestalt, die Du da so unheimlich nahst, bist Du betrunken? Du gleitest ja
immer aus! Geh vorsichtiger! Langsamer! Nicht mit beiden Fen zugleich! Immer
erst den linken und dann den rechten Fu - oder umgekehrt!
    Die merkwrdige Gestalt, die ganz in einen weien Mantel gehllt ist, kommt
wirklich nher, obgleich sie fortwhrend ausglitscht.
    Es mu ein seltsames Vergngen sein, auf dem groen Wasser, das immer grau
ist wie ein alter Sumpf, so mit Anstrengung herumzuglitschen.
    Mensch, rief ich, wenn Du ein Mensch bist und Deutsch verstehst, so sage
mir, warum Du da so bengstigend auf dem groen Wasser herumschwankst. Betrunken
bist Du nicht - sonst lgst Du lngst auf der Nase.
    Es ist eben, versetzt der fortwhrend ausgleitende junge Mann, so
furchtbar schwierig, hier zu gehen.
    Na, das merkt ein Pferd! schrei ich ihm zu, warum machst Du Dir denn die
Mhe? Warum bist Du nicht zu Hause geblieben?
    Ich will, hstelt nun der kstliche junge Mann, unter allen Umstnden fr
tief gehalten werden.
    Mir wird ganz eigen zu Mute. Ich verstehe dieses Individuum durchaus nicht.
Die Qulerei soll fr tief gehalten werden? Hat man nicht schon genug zu leiden?
Soll man sich noch Extra-Wunden schlagen? Dem Kameel da unten geht's wohl wieder
mal zu gut.
    Das Schwierigste ist das Tiefste! flstert der alberne Geck, mir kann
nichts schwierig genug sein. Mir gefllt brigens der schlpfrige Pfad ganz
ausgezeichnet.
    Ach so! brll' ich nun, Dir kommt's nur auf die Schlpfrigkeit an!
Mensch, Du bist wirklich tief!
    Tief! Sehr tief! stt heiser - wie stets - das Gespenst hervor und
glitscht weiter, als ginge es auf einem eingeseiften Walro.
    Es ist nicht mehr zum Ansehen.
    Es ist zum Schieen!
    Gleich mu der dumme Kerl auf der Nase liegen!
    Das soll alles tief sein!
    Es ist zum Schreien!
    Schlacht ein Schwein!
    Schlacht Dein zerbrochenes Nasenbein!
    Das ist noch tiefer, da's schmerzhafter ist.
    Ich steige hher - in die hellen Wolken hinein.
    Das ist wahrscheinlich nicht tief!
    Aber ich glaube leider nicht daran, da man weiterkommt, wenn man
runterkommt.
    Ich bin wohl zu vernnftig ...
    Ich kann's aber nicht ndern!
    Ewig ausgleitendes Gespenst! - Du bist mir schrecklich - wie ein Alb auf der
Brust! Fall doch!

                                 Nackte Kultur



                                 Schwarzer Spa

Schwipp! Da flogen die schwarzen Cylinder, die weien Bffchen, die Trikots und
Chemisettes, die Fracksche und die rmelrcke, die Strmpfe, Krinolinen und
alle die andern Hllenhllen auf die groen Scheiterhaufen rauf.
    Die Flammen loderten majesttisch zum afrikanischen Himmel empor, und die
schwarzen Herren und Damen aus Afrika umtanzten die lodernden Flammen wie die
Besessenen.
    Nackt waren die schwarzen Menschen - splitternackt. Zehn Volksredner aus
Europa hatten es fertig gebracht, ganz Afrika zu revolutionieren.
    Schwarze Menschen! hatten die Volksredner gesagt, Ihr mt eine neue
Kultur begrnden. Lat Euch von den Europern nichts wei machen. Die Europer
sind mit ihrer unnatrlichen Kultur sehr unzufrieden, da die vielen
Kleidungsstcke den ganzen Menschen beengen. Werdet wieder nackt, wie ihr
einstmals waret - und Ihr werdet pltzlich an der Spitze einer neuen Kultur
stehen - an der Spitze der nackten Kultur - der natrlichen Kultur - die dem
Menschen gestattet, frei zu leben - frei von allem Plunder. Es lebe hoch der
nackte Mensch mit der splitternackten Kultur! Hrt Ihr schon was nher kommen?
Hrt Ihr's noch nicht? Es sind die Maler und Bildhauer, die da kommen! Sie eilen
aus allen Erdteilen herbei und wollen sich bei Euch niederlassen - da sie im
nackten Menschen das chte wahre Kulturideal erblicken. Das Fleisch ist der
groe Trumpf der Natur - die Kulturauster - also - hoch das schwarze
Menschenfleisch! Hoch! Hoch!
    Und die Schwarzen entkleideten sich allesamt - und standen nun da in ihrer
stolzen Nacktheit wie Adam und Eva im Paradiese. Die schwarzen Leute umtanzten
mit ihren schwarzen Weibern die Scheiterhaufen, auf denen all die lcherlichen
Bekleidungsgegenstnde endgiltig verbrannten.
    Und dann arrangierten die smtlichen nackten Vlker des heien schwarzen
Erdteils einen grandiosen Kstenreigen mit Pechfackeln. Die Kinder trugen die
Pechfackeln.
    Die Schwarzen faten sich alle gegenseitig an die Hnde und bildeten so eine
mchtige Riesenkette - und die Riesenkette hatte die Form einer Landkarte von
Afrika - denn diese Menschen-Kette drckte auf die smtlichen Meeresksten des
afrikanischen Kontinents. Um die unzhligen Mohrenfe pltscherte das
Seewasser. Die Kinder mit den Fackeln jauchzten.
    Also zeigte sich die neue Kulturhorde den zurckgebliebenen Erdteilen in
ihrer stolzen Nacktheit.
    Die zehn Volksredner aus Europa standen ganz nackt in dem
quatorsonnenschein und gratulierten sich hndeschttelnd - dem hagersten von
den zehn Volksrednern war allerdings die neue Kultur noch lange nicht nackt
genug; und sie beschlossen, in Europa hundert Millionen Rasiermesser anfertigen
zu lassen - alle Haare sollten rasiert werden - sogar die Augenbrauen und die
Wimpern.
    Die Schwarzen aber tanzten auf den Meeresksten wie die Besessenen; sie
drckten sich dabei immer fester die schwarzen Hnde; die schwarzen Seelen
dampften.
    Das war ein Kettentanz! Das war ein Befreiungstanz!
    Das war das erste nackte Kulturfest mit flackernden Pechfackeln und bewegten
Beinen.
    Alle Mannsleute und auch die Weibsleute waren ganz aus dem Huschen.
    Alle Knstler der Erde klatschten Beifall mit ungeheurem Eifer.
    Durch den kolossalen Schall entstanden viele Gewitter mit Blitz und Donner.
    Die Rasiermesser kamen langsam nher - auf reichbeflaggten
Regierungsdampfern.
    In Timbuktu sollte den schwarzen Leuten das kunstgerechte gegenseitige
Einseifen beigebracht werden; das Rasieren verstanden sie bereits - nur mit dem
Einseifen wollte es immer noch nicht so recht gehen.
    Die Seifensieder freuten sich so - wie Knstler und Barbier.

                                   Heie Luft


Wie wird mir? rief der Stern Klixu.
    Ihm wurde so merkwrdig - Alles dehnte sich in ihm, und es ging so'n groes
Behagen durch seinen Leib.
    Und die ganze Welt schien ihm immer schner zu werden - so lustig.
    Wie wird mir? rief der Stern Klixu.
    Er war in eine andre Weltgegend gekommen - wo die Luft hei ist.
    Was doch die Luft macht!

Dann war ich wieder mit den Nilpferdchen in einem kolossalen Grottensaal
zusammen.
    In diesem Grottensaal gab's an den Wnden und Sulen und auf den Terrassen
zwischen den feinsten Tropfsteingebilden unzhlige blinkende Wasserflle, die
aber lautlos waren - was recht unheimlich, doch nicht unangenehm wirkte.
    Whrend wir nun langsam an stillen Teichen mit lautlosen Fontnen
vorberwandelten und ich mich im Stillen ber alle diese Wunderwelten mal
ordentlich auswunderte, fiel mir pltzlich schwer aufs Herz, da auch diese
herrliche Zeit ein Ende nehmen mte - und da ich auch den alten gyptern bald
fern sein wrde.
    Und mir traten, ohne da ich's wollte, ein paar dicke Trnen in die Augen -
ich lachte zwar gleich - aber die gypter merkten doch, was los war.
    Und wir sprachen vom Abschiednehmen.
    Der General Abdmalik meinte:
    Als ich noch in Syrien gegen die Chetiter kmpfte und so manchen guten
Kameraden durch den Tod verlor, wurde mir sehr bald klar, da uns der Gestorbene
oft viel nher ist als der Lebende. Die Leute, die sich blo mgen, solange sie
sich gegenseitig ins Auge sehen knnen, sind sich nicht sehr gut. Es gibt
Freundschaften, fr die es keine Entfernungen gibt - und auch keine zeitlichen
Unterschiede. Und darum glaube ich, da auch Du, lieber Onkel, bei uns bleiben
wirst, wenn Du fort bist. Und darum sei nicht traurig. Werde nicht bse! Das
Wort Freundschaft gengt natrlich fr derartige Zusammenhnge verschiedener
Lebewesen ganz und gar nicht. Fr die besten Dinge hat eben die menschliche
Sprache Worte noch nicht gefunden.
    Und darum, fiel nun der Pyramideninspektor ein, mssen wir jetzt ganz
besonders lustig sein und uns fest einprgen, da es lichtlose Situationen nicht
gibt. Wenn wir auch mal scheiden mssen - es ist auch das gut so. Manche Wesen
wurden uns erst dadurch zu ganz auerordentlichen Wesen, da wir von ihnen
Abschied nehmen muten. Das wird Dir auch zuweilen so gegangen sein. Das spielt
bereits ins Geisterhafte hinein. Doch bevor wir Dir mehr von dem auerrumlichen
Zusammenhange der Kreaturen erzhlen - mut Du uns etwas Lngeres vorlesen -
eine Geschichte, die uns eine Erinnerung bleibt, die uns verbindet mit Dir, so
da wir Dir auch helfen knnen, wenn Du nicht mehr bei uns bist.
    Ich strich leise ber Riboddis Kopf - Funken sprangen in meine Hand - und
ich suchte danach in meinen groen Taschen lange Zeit.
    Und ich fand, was ich suchte - stieg auf eine Terrasse - und las dort:

                                      Lika



                             Eine Knstler-Odyssee

                                       I

Wie lachende Kinder schaukelten die Wellen auf der groen See.
    Der Himmel war dunkelblau.
    Das Wasser war dunkelblau.
    Lika sa in einer feinen weien Porzellanschale, deren Rand so kraus war wie
ein Kragen der Maria Stuart.
    Die ziemlich flache runde Schale zeigte im Innern krause Linien -
mattbraune, die sich zierlich verschnrkelten, wie altindische Schrift.
    Und ein orangefarbiger Sonnenschirm schtzte die Lika vor den Strahlen der
Sonne.
    Der Schirmstock stak in der Mitte der Porzellanschale. Das orangefarbige
Schirmdach war aus Seide - nicht gebogen, sondern grad und steif wie ein Schirm
aus dem Lande der Chinesen.
    Lika wute nicht recht, was sie denken sollte.
    Jedoch da tauchte pltzlich neben ihr im blauen Meerwasser ein dicker Triton
empor und fragte, nachdem er sich das Wasser aus den Augen gewischt hatte:
    Nun, Lika, wohin willst Du?
    Lika besann sich auf Worte, doch sie merkte, da sie fast alle Worte
vergessen hatte.
    Nur ein Wort fiel ihr wieder ein - das Wort Heimat.
    Und die Lika rief laut:
    Du, ich mcht' in die Heimat!
    Der Triton fragte wieder:
    Was willst Du denn da?
    Das Glck!
    Der Lika war dieses zweite groe Wort ganz unwillkrlich in den Mund
gesprungen.
    Jetzt merkte sie erst, was sie gesagt hatte, und sie lchelte darber.
    Der Triton aber meinte:
    Gut, so wollen wir die Heimat mit Deinem Glck suchen - nicht wahr, Lika?
    Ja! sprach sie.
    Darauf schwamm der Triton - die Porzellanschale mit der Lika vor sich
herschiebend - gradaus.
    Die Lika lie sich das gern gefallen.




                                       II


Als sie nun so eine gute Strecke gefahren waren, sahen sie einen kleinen Turm am
Horizonte.
    Die Lika frug:
    Was ist denn das da?
    Und der Triton sagte Wasser prustend:
    Das ist ein Leuchtturm!
    Als sie ziemlich nahe daran waren, beugte sich ein riesiges Sprachrohr vom
Turme hinunter, und die beiden Kinder des Meeres hrten eine laute Stimme - die
frug dumpf:
    Wer bist Du?
    Der Triton versetzte mit schallendem Gelchter: Ich bin doch der Triton,
der fidele Triton!
    Wen aber hast Du, kam's nun wieder aus dem Sprachrohr, in der
Porzellanschale?
    Das ist doch, gab da der Triton zurck, die kleine Lika - die will
wissen, wo ihre Heimat ist und ihr Glck.
    Ist das Kind sehr klug?
    Also hrten anitzo die Beiden fragen, und die Lika gab zur Antwort:
    Ich hab's gar nicht ntig, sehr klug zu sein, wenn blo mein Triton sehr
klug ist.
    Langes Schweigen.
    Dann aber brummte es im Sprachrohr:
    Die Lika ist tatschlich das klgste Kind der Welt. Ihr knnt in den Hafen
fahren.
    Da klatschte die Lika verngt in die Hnde und tat ganz stolz.
    Der Triton jedoch brllte laut:
    Blase die Zwerge zusammen! Blase! Blase!
    Und es geschah.
    Im nchsten Augenblick fingen tausend Blasen auf den Molen und am Ufer zu
blasen an.
    Das Blasen erschtterte die ganze Luft, soda sich die Lika ihre beiden
kleinen Ohren mit den Zeigefingern zuhalten mute.


                                      III

Die Zwerge kamen eiligst herbei.
    Die Lika fuhr mit ihrem Triton in den Hafen und ward dort von den Zwergen
herzlichst begrt; sie schwenkten mit ihren riesigen gelben Strohhten frhlich
in der Luft herum.
    Und dann setzte sich der Triton mit seinen Fischbeinen bei der Feuerschnke
auf den Hafenrand.
    Der fidele Triton trank ein paar Eimer Jammerschnaps und erklrte den Zweck
seines Besuchs - er lie sich dabei gemtlich von den Zwergen das Kreuz reiben.
    Die Zwerge rauchten fast smtlich gute Cigarren und sahen in ihren
buntdurchwebten Schlafrcken auerordentlich gutmtig aus, obgleich sie sich
eigentlich nicht wenig einbildeten, denn sie waren Maler - chte Knstler - und
wuten das sehr genau.
    Wie daher der Triton beim zehnten Eimer fragte: Wo ist das Glck? - riefen
alle Zwerge sofort:
    Wo man Tag und Nacht Knstler sein kann.
    Und als der Triton beim zwlften Eimer fragte: Wo ist die Heimat? - riefen
die Zwerge abermals:
    Wo man Tag und Nacht Knstler sein kann.
    Die Lika unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm kraulte sich hinter den
Ohren, kniff dem Triton in die Schuppen des linken Fischbeins und sagte:
    Na, dann wollen wir nur das Land suchen.
    Die Zwerge taten sehr erstaunt, und ein Dickkopf meinte:
    Lika, eigentlich htte ich Dich fr klger gehalten.
    Der Triton lachte, Lika verstand das aber nicht.
    Und so verabschiedeten sich die beiden Kinder des Meeres, denn die Lika
hatte es furchtbar eilig.
    Die Zwerge bedauerten, da der Besuch so kurz bemessen gewesen sei, lieen
wieder alle Blasen blasen, da die Molen bebten - und dabei fuhr die Lika mit
ihrem Triton am Leuchtturm vorbei wieder ins Meer hinaus, allwo es etwas dunkler
wurde.


                                       IV

Es ward Nacht. Die Sterne gingen auf und der groe Mond.
    Der groe Mond beleuchtete das groe Meer, und die Lika freute sich an dem
blitzenden Wellenglanz.
    Der Triton lenkte die Porzellanschale allmhlich einem andern Lande zu;
einem grnen Lichte, das nur schwach am Horizonte vorschimmerte, kam er langsam
nher.
    Die Lika machte den Sonnenschirm zu, bog den Stock nach vorn, so da die
Spitze sich auf den krausen Rand der Schale legte, und schlief ein bichen ein.
    Als sie wieder erwachte, sah sie vor sich ein groes schwarzes Gebirge.
    Unten, wo der Fels ins Meer stie, war ein groes zackiges Loch - das
schimmerte grn - da fuhr der Triton mit der Lika durch. Und nun schwammen sie
in einem weiten hohen grnen Grottensaal. In herrlichen Nischen standen weie
Gestalten aus Stein.
    Die Lika sah sich ganz verwundert um.
    Unten war Alles Wasser, doch an den Seiten hinter den Nischen fhrten weie
Treppen bis hoch in die grne Lichtkuppel hinauf. Die weien Gestalten aus Stein
waren von Menschenhand geschaffen; die beiden Kinder des Meeres waren bei den
Menschen - die kamen jetzt langsam die weien Treppen hinunter.
    Die ernsten Bildhauer in ihren weien Gewndern glichen mit ihren langsamen
Bewegungen bsen Gespenstern.
    Die Lika hielt den Atem an; ihr lief's kalt ber den Rcken.
    Die Bildhauer - lauter Menschen - kamen langsam immer nher, und das arme
Kind in der Porzellanschale frchtete sich.
    Der Triton schlug mit der Faust aufs Wasser, da es hoch aufspritzte.


                                       V

Der fidele Triton taucht unter, stt beim Wiederauftauchen mit dem Kopf unter
die Porzellanschale und hebt sie hoch in die Luft, hlt aber noch die Hnde an
den krausen Rand.
    Die Bildhauer flstern was und wenden sich ab - ihren Steingestalten zu.
    Der Triton bringt wieder dieselben Fragen wie bei den Zwergen vor, jedoch
die Antwort bleibt aus - die Bildhauer hmmern an ihren Steingestalten.
    Vorsichtig setzt der Triton die Porzellanschale wieder ins Wasser und sagt
ruhig:
    Liebe Lika, wundre Dich nicht ber die Schweigsamkeit dieser Herren. Sie
wollen Dir mit ihrem Gehammer blo dieselbe Antwort geben, die Du bei den
Zwergen vernahmst.
    Die Lika versetzte kleinlaut:
    Ich wei noch: Glck und Heimat ist dort, wo man Tag und Nacht Knstler
sein kann. Da mssen wir wohl wieder weiter. Mir wird hier auch so schwl.
    Der Triton lacht, da es im grnen Grottensaal unheimlich schallt, und fragt
wild:
    Kein Modell gefllig?
    Wir formen, brummt darauf ein alter Bildhauer, jetzt nur noch
Menschenkrper; die verkrppelten Wesen - namentlich die knielosen - sind nicht
mehr nach unserm Geschmack.
    Das nimmt der Triton ganz ruhig hin, schwimmt wortlos mit der Lika durch die
nchste Pforte ab - in einen roten Grottensaal, wo lauter Gruppen mit
Schlangenarmen in den Nischen stehen. Es geht noch durch goldene, silberne,
blaue und anders gefrbte Grottensle.
    berall - wilde Steingesellen mit lustigen Kpfen und seltsamen Gliedmaen -
abenteuerlich tolle Mrchengeister.
    fters brummt der Fischbeinige:
    Krppel! Feine Krppel!
    Die Lika versteht nicht, was er damit sagen will.


                                       VI

Und dann sind die Beiden wieder in der freien Welt - drauen unterm blauen
Himmel.
    Die Morgensonne lacht, und die Lika lacht mit.
    Auf einem stillen Waldsee sind die Beiden, sie freuen sich ber die grnen
Bume, ber die Wasserrosen und ber die weien Schwne, die wrdevoll ihr Haupt
umdrehen, um die Lika in ihrer Porzellanschale zu sehen; Lika spannt wieder
ihren orangefarbigen Sonnenschirm auf.
    Am Ufer blhen dicke bunte Blumen, wilde Enten fliegen hin und her, Hirsche
kommen und trinken Wasser, sehen die Lika und laufen fort - in die dunklen
Wlder, durch die Niemand durchblicken kann.
    Es ist still, es bleibt aber nicht still.
    Von einem Birkenhgel klingt ein sanftes Saitenspiel hernieder.
    Und wie sie weiter fahren, ertnen in den Wldern harte Hrner und drhnende
Pauken - ganz in der Nhe hinterm hohen Schiff wird eine Flte gefltet.
    Der Triton sagt:
    Du, das ist ein Dudelsack!
    Aber danach hren sie einen glockenhellen Gesang - viele Mdchenstimmen!
    An den Ufern wird's auf allen Seiten immer lauter - Geigengesumm und
Trompetengeschnatter - Trommelgerassel und Harfengeklimper!
    Musik berall!
    Und es klingt so fein zusammen.
    Die Lika lauscht und lchelt und bewegt im Takte die zarten Finger.
    Vorsichtiger bewegt der Triton seine glitzernden Fischbeine, damit man ja
die Lika Alles hren kann - all die vielen Jubelstimmen, die dem Morgen guten
Morgen sagen.


                                      VII

Pltzlich - auf allen Bergen ein wstes Geschrei!
    Alle Instrumente kreischen durcheinander - und es erscheinen die
Bocksbeinigen - tolle Weiblein und noch tollere Mnnlein.
    Die Musiker sind's!
    Sie begren den fidelen Triton und die drollige Lika mit graulichem
Gejohle.
    Wo ist die Heimat? fragt der Triton.
    Da wird's mit einem Male wieder still, und die Bocksbeinigen singen im
groen Chore:

Ach, unsre Heimat ist doch berall -
Im blanken Saale und im Stall,
Auf freiem Berge und im engen Tal -
Im grenzenlosen Weltenall!

Und dann springen die Snger und Sngerinnen ins Wasser, kssen den Triton und
wollen die Lika aus ihrer Schale herausheben - aber ach! - das geht nicht - die
Lika ist ja mit ihrer Porzellanschale zusammengewachsen - wie die Schnecke mit
ihrem Haus.
    Groes Entsetzen.
    Aber die Lika macht wieder ihren Sonnenschirm zu, und die Bocksbeinigen
beruhigen sich, tragen ihre beiden Gste so recht behutsam ans Ufer und spielen
dort zum Tanze auf. An dem knnen nun die beiden Kinder des Meeres nicht
teilnehmen. Jedoch das strt die Freude nicht.
    Nach dem Tanze wird Wein getrunken und Rauschmusik gemacht; die ganze
Gesellschaft schwimmt in Seligkeit. Alle erklren der Lika, da das Glck in der
Kehle und in den Instrumenten sitze; ein vernnftiges Wort lt sich mit diesen
Leuten nicht reden.
    Der Triton sagte blo:
    Liebe Lika, glaube mir: auch diese fidele Gesellschaft teilt die Meinung
der Zwerge in jeder Beziehung.
    Und die Augen der Lika leuchteten verstndnisinnig auf - wie zwei neue
Sterne.


                                      VIII

Als das Fest zu Ende war, erklrte die Lika ihrem Begleiter wrdevoll: Mein
Lieber, erlaube mal! Jetzt will ich endlich ans Ziel kommen. Das gesuchte Land
mu denn doch zu finden sein. Wenn Du mich nicht bald hinfhrst, so mu ich mir
einen andern Fhrer suchen. So geht's nicht weiter.
    Hm! versetzte der Triton, weckte mit einer dreieckigen Trommel ein paar
schlafende Musiker und bat um einen Wagen.
    Ohne die Andern Musiker in ihren Trumen zu stren - sie schliefen smtlich
- kamen die Herren bereitwillig der Bitte nach, spannten sechs Hirsche vor ein
Kabriolett - - und bald ging's ber Stock und Stein in eine andre Gegend; die
Lika kriegte Angst bei der schnellen Fahrt, denn sie sa in einer Schale von
allerfeinstem dnnstem Porzellan.
    Auf einem groen runden, mit bunten Fliesen bedeckten Platze blieben die
Hirsche dampfend stehen.
    Und aus dunklen Wolken kam ein aufgeblasener Luftballon herunter.
    Die Lika schlug die Hnde berm Kopfe zusammen, aber die Bocksbeinigen
setzten sie mit ihrer Porzellanschale in die Gondel, halfen auch dem Triton
hinein - und fort ging's - hinauf in die dunklen Wolken.
    
    Das war eine Fahrt!
    Die Lika war ganz sprachlos.
    Der Ballon fuhr durch die Wolken durch und kam in den hellen blauen Himmel.
    Drei Bucklige kletterten an den Gondelstricken empor, und drben stieg ein
riesiges Purpurgebirge so hoch ins Blaue, da man die roten Spitzen oben nicht
mehr sehen konnte.
    Aber was Andres sahen die Kinder des Meeres - lange Mnner mit furchtbar
langen schmalen Flgeln!
    Die Flgelmnner flogen an den Purpurfelsen herum - wie Schwalben vor ihren
Nestern herumfliegen.
    Was sind denn das fr Kerls? frug die Lika.
    Und die drei Buckligen riefen oben unterm Luftballon:
    Das sind die groen Dichter!


                                       IX

Na - die Dichter waren ganz freundliche Herren; sie empfingen die schnurrigen
Gste wie alte Bekannte, hoben sie aus der Gondel und brachten sie durch ein
rundes Fenster in ihre Felsenwohnung. Der Triton legte sich gleich auf einen
molligen Divan und stopfte sich einen Tschibuk.
    Die Lika setzte man auf einen fnfeckigen Fenstertisch, von wo aus das gute
Kind eine prchtige Aussicht ber kunterbunte Wolkenbndel geno; keilfrmige
Schatten und Sonnenstrahlen huschten vorber.
    Also jetzt, sprach Lika, an ihre Porzellanschale klopfend, soll mir
endlich der richtige Weg zur Heimat mit dem Glck gezeigt werden. Bitte!
Sprechen Sie, meine verehrten Herren!
    Die Dichter erkundigten sich tiefernst bei dem Triton nach dem, was das
resolute Kind wissen wollte, und dann hub der lteste der Dichter also an:
    Fr diejenigen Weltbewohner, die Laien und keine Knstler sind, bedeuten
die Begriffe Heimat und Glck etwas Andres als fr uns Knstler. Das Laienvolk
verbindet eben mit den einzelnen Worten vllig andre Geschichten. Das geht uns
natrlich nichts an. Laiensache bleibt Laiensache! Wir Knstler aber nennen die
ganze Welt unsre Heimat und finden berall dort unser Glck, wo wir nach unserm
Geschmack leben knnen. Das Land, das Du suchst, brauchst Du also nicht mehr zu
suchen, denn Du bist ja schon da. Du willst doch Knstlerin werden, nicht wahr?
    Ich mchte, erwiderte schchtern die gute Lika, gern eine Knstlerin
werden.
    Das freut mich! sprach der Dichter, freut mich sehr! Ich htte Dich auch
im andern Falle zum Fenster hinausgeworfen.
    Aber, schrie erschrocken die Lika, meine Porzellanschale wre dann doch
entzweigegangen!
    Wir Dichter sind, fuhr der alte Herr unbeirrt fort, ebenfalls Knstler,
auerdem haben wir noch die Verpflichtung, weise Gedanken zum Ausdruck zu
bringen. Namentlich kommt es uns zu, jegliche Einrichtung der Welt im besten
Lichte zu zeigen und alle Schattenseiten nach Mglichkeit zu erhellen. Der
Triton lachte leise auf seinem molligen Divan und blies wirbelnde Tabakswolken
in das stille, hochgelegene Dichterzimmer.


                                       X

Kluge Lika, merkst Du nun bald was?
    Also der Triton - die Lika sagte:
    O ja! Ich merke, da die ganze Reise eigentlich berflssig war, denn was
ich suchte, ist ja da. Unsre Heimat ist berall. Und das Glck kommt ja beim
Schaffen. So klug, um das Alles zu begreifen, bin ich schon. Wo aber lerne ich
das Schaffen?
    Schaf! versetzte beim Flgelputzen ein jngerer Dichter, ordentliche
Knstler lernen berhaupt nichts von Andern, sie probieren einfach und knnen
dann was.
    Ach so! flsterte nun die Lika lchelnd, da werde ich Erinnerungen aus
meinem Leben schreiben, das kann ich bereits.
    Die Dichter verneigten sich respektvoll und begrten in dem
Porzellanmdchen die neue Kollegin, empfahlen ihr aber, zuvrderst ins
Riesenreich zu fahren, allwo fr Dichterinnen und Erinnerungskunst sehr viel
Platz vorhanden sei.
    Die Lika sagte nicht Nein, und so ging's schnurstracks ins Riesenreich.
    Die hflichen Dichter brachten ihre beiden Gste schleunigst in die
Hinterzimmer und von dort in eine dstre Hhle, die nur von Fackeln erleuchtet
wurde. Unten pltscherte Wasser - da setzte man die Beiden hinein.
    Und bald schwamm der Triton, die Porzellanschale wieder vor sich
herschiebend, durch einen matt erleuchteten Hhlenflu.
    Das Wasser rauschte sehr - es rauschte immer strker, immer schneller scho
es dahin. Bald merkte die Lika, da sie sich in einem reienden Strome befanden.
    Wir sind in der Wasserrutschbahn! brummte der Fischbeinige, hob die
Porzellanschale ein bichen hher - und dann ging's wie eine Pfeil hinab -
rasend rasch - wieder hinaus ins Freie.
    Und durch den spritzenden Wasserschaum sahen sie - das Riesenreich.


                                       XI

Uih!
    Das saust und braust und schumt und sprht seinen Wasserstaub, da
Regenbogen entstehen - hinunter geht's in grader Linie - zum dunkelblauen Meere.
    Und was sieht die Lika?
    Riesen sieht sie drben auf den Inseln des Meeres. Die Riesenkpfe ragen
hoch in die Wolken - und bauen tun die Riesen - Palste bauen sie mit blitzenden
Trmen, Erkern und Sulenhallen - Alles funkelt und glht und zuckt und sticht
in lodernd brennenden Farben - denn alle Bausteine sind natrlich echte
Edelsteine und Diamanten - riesige!
    Die Lika jauchzt, ihre Haare flattern, ihre Kleider flattern - und das
Wasser strzt polternd, groe Wogen rauschend - mit dem Triton, der die
Porzellanschale geschickt hoch ber seinem Haupte hlt, ins blaue Meer.
    Das war eine feine Fahrt! ruft die Lika, als sie unten sind. Die
Purpurgebirge liegen schon weit hinter ihnen, denn die Wasserrutschbahn fhrt
schnell dahin - wie eine Kanonenkugel.
    Willst Du nun, fragt der Triton, auch die Riesen noch einmal fragen, wo
Deine Heimat mit Deinem Glcke ist?
    Das ist wohl, erwiderte die Lika, nicht grade ntig, denn ich wei ja
schon, da unsre Heimat und unser Glck blo dort ist, wo wir ungestrt Knstler
sein knnen. Hbsch wr's aber doch, wenn wir frgen. Wie machen wir das?
    Likas Fhrer steuert der nchsten Insel zu, wo das ganze Ufer aus hohen
Sulenhallen besteht - dort klingelt er an einem dicken Strick - und bald
erscheint eine kolossale Riesentrompete in der Luft. Wieder werden die alten
Fragen gestellt.
    Wo ist unsre Heimat? brllt der Fidele.
    Bauen! tnt's aus der Trompete zurck.
    Wo ist unser Glck? fragt er dann.
    Und abermals kommt's aus der Trompete heraus:
    Bauen!
    Siehst Du, sagt da der kluge Meermann, die Riesen meinen ganz genau
dasselbe wie die Zwerge. Jetzt weit Du doch endlich, was Du wissen willst. Es
war nicht leicht, Dir die Geschichte klar zu machen. Deine Heimat hast Du also
gefunden. Nun schreibe Deine Erinnerungen, damit Du auch glcklich wirst.
    Ich danke Dir, sagte freundlich das gute Porzellangeschpf, gib mir nur
das ntige Papier und einen Tintenstift. Ich will gleich glcklich sein.
    Der Triton zieht das Gewnschte aus seinem Rucksack hervor und gibt es hin.
    Der Himmel ist blau.
    Das Meer ist blau.
    Der Triton taucht unter.
    Die Lika schreibt ihre Erinnerungen unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm.


                                      XII

Feierlich trmen die Riesen einen edlen Baustein auf den andern, heften die
groen Diamanten ordentlich fest, messen und zeichnen und rechnen, bauen Palast
an Palast, da alle Inseln im Riesenreich immer herrlicher glnzen und glitzern
- wie Kronen - wie ewige Kronen.
    Schiffe kommen und bringen neues Werkzeug, unzhlige neue Stoffe, Silber und
Glas fr die Kuppelbauten - Gold fr die dicken Wetterfahnen.
    Die weiten Sulenhallen, die Terrassen mit ihren spiegelnden Fliesen, die
Treppen mit den offenen Pforten - fassen die hohen Inseln so ein - als wren's
Juwelen. Aus den Turmlaternen leuchtet's wie aus glcklichen Augen. Und alles
scheint weit aufgetan zu sein - frei - sonnendurstig!
    Die Lika sitzt in ihrer Schale - schaukelt im Meerwasser neben einem groen
siebeneckigen Turm, schreibt aber so emsig an ihren Erinnerungen, da sie das
Schaukeln gar nicht bemerkt.
    Der Triton bringt ihr einen neuen Tintenstift und meint schmunzelnd:
    Es ist nur gut, da Du wie alle chten Knstler von der Luft leben kannst,
sonst wrdest Du vielleicht nicht ganz so glcklich sein.
    Doch! sagt sie, ganz so glcklich!
    Na! Na! tnt's zurck.
    Mwen schweben vorbei - weie.
    Das Meer ist blau.
    Der Himmel ist blau.
    Und die Lika schreibt.
    Der Triton pltschert im Wasser herum und spielt mit dicken Lachsen.


                                     Finis!

Hierber sprachen wir Vieles.
    Die alten gypter setzten mit vielem Eifer ihre Kunstanschauungen
auseinander; es wrde zu weit fhren, hier auf diese nher einzugehen; es liegt
ja wohl auf der Hand, da sich die Nilpferde auch die Entwicklungsfhigkeit der
irdischen Kunst in unendlichen Reihen dachten - und dem konnte ich nur
zustimmen. Ein unglaubliches Ereignis schnitt darauf mit einem Male das Gesprch
ab - - - ich sah - Millionen weier Muse aus allen Ecken hervorkommen.
    Und die Zahl der weien Muse vermehrte sich derart, da die Wnde, Sulen
und Terrassen, die alle tropfsteinartig gebildet waren, ganz wei wie Schnee
wurden - was sich zwischen den unzhligen lautlosen Wasserfllen und
Springbrunnen hchst seltsam ausnahm. Lapapi klopfte mir auf die Schulter und
fragte mich:
    Glaubst Du, da Dein Wesen durch Deine uere Erscheinung wesentlich
markiert ist?
    Ich verneinte das lebhaft.
    Glaubst Du, fuhr er nun fort, da Du gleichzeitig noch was Andres sein
kannst - Etwas, von dem Du augenblicklich nichts weit?
    Ich bejahte das ebenso lebhaft, denn die Nilpferde, die zugleich alte
gypter waren, schienen mir allein schon Beweis genug zu sein.
    Lapapi sagte jedoch triumphierend:
    Siehst Du? So weit wollten wir Dich haben! Wer wei, was wir auer dem, was
wir jetzt zu sein scheinen, noch auerdem sind! Wir sind eben hchst
wahrscheinlich ebenso kompliziert wie die Welt. Und diese Erkenntnis unsrer
selbst ist fast ebenso wichtig als die Erkenntnis der Welt. Und darum kannst Du
wohl annehmen, da diese weien Muse auch nicht blo das sind, was sie zu sein
scheinen. Und darum!
    Und darum! tnte es nun aus tausend Musekehlen - und ich sah, da jede
Maus auf den Hinterbeinen sa - was urpossierlich wirkte.
    Und darum, schlo nun Lapapi, gib mir ein paar Deiner Geschichten, die
ich den Musen vorlesen mchte.
    Ich tat natrlich sofort, was er wollte.
    Wir setzten uns auf weie Pelzsessel, die jetzt neben uns standen, und
Lapapi las den Musen vor, whrend ich in aller Gemtsruhe eine Cigarre rauchte.

                                    Flausen


La mich gehen, trauriger Mond! rief die schwarze Prinzessin, und sie schlug
nach ihm mit ihrem Perlenfcher. Der Mond lchelte, rieb sich mit seinem linken
kleinen Zeh den rechten Nasenflgel und umarmte die Prinzessin.
    Der aber ward die Geschichte lstig, denn der Mond, ein dnnbeiniger
Liebhaber, war das lcherlichste aller Weltgeschpfe - wenn er nicht am Himmel
stand und leuchtete. War er oben nicht zu sehen, so war er unten und machte
lauter unntze Flausen, und dabei lacht er immer so widerlich, obgleich ihm
eigentlich sehr traurig zu sein pflegte.
    Der Mond blies auf seinem Waldhorn ein altes Lied und schlug dazu den Takt
mit seinem dicken Kopfe, indem er mit diesem immer wieder gegen einen alten
Baumstamm stie - natrlich mit dem Hinterkopfe!
    Der Prinzessin schien das zu dumm; sie rannte schleunigst davon. Und der
Mond lachte, ri sich die Beine mit den Armen aus, indem er diese wie Schlangen
um die untern Gliedmaen rumschlang, bi sich dann die Arme und den Rumpf ab -
und schwebte lachend den nchsten Wolken zu.
    Das Waldhorn blieb im Walde.

                             Die neuen Storchnester



                                  Stil-Scherzo

Es war einmal ein gebildeter Mann - dem waren die Storchnester nicht schn
genug.
    Und er begann, neue Storchnester zu konstruieren - aus farbigen Hlzern in
allen mglichen Stilarten.
    Und so setzte er dann in einem schnen Winter die neuen Storchnester auf
seinem Hause und auf denen der Nachbarn an die Stelle der alten Storchnester.
    Im Frhling aber kamen die Strche und suchten ihre alten Storchnester - und
fanden sie nicht. Enttuscht und in verbitterter Stimmung flogen die Strche
weiter.
    Der gebildete Mann war emprt.
    Und seine Nachbarn waren so wtend, da der Gebildete sofort eine
Erholungsreise antreten mute.
    Diese ungebildeten Strche!

                                Die wilde Hummel



                                   Eine Fabel

Eine wilde Hummel wurde jeden Tag lter, und das gefiel ihr nicht.
    Sie wollte jeden Tag jnger werden.
    Als nun der Zaubrer Zappro des Weges kam, bat die wilde Hummel diesen
mchtigen Mann um ein Verjngungskraut.
    Zappro schmunzelte und gab das, was die Hummel von ihm verlangte.
    Das dumme Tier fra von dem Kraut und wurde nun tglich jnger - aber auch
kleiner - schlielich so klein wie die Kleinsten - und dann - allmhlich - zum
Ei. Ei! Ei! schrie da die Wilde, bin ich jetzt eigentlich besser dran?
    Zappro lachte und ging weiter.
    Man soll eben, murmelte er vergngt, nicht zu toll nach der Jugend sein.
Die gibt uns das ewige Leben ganz bestimmt nicht.
    Die vernnftigen Hummeln umsummten Zappros Kopf und wollten sich gar nicht
von ihm trennen; ein weiser Mann hat sehr viel Anziehungskraft.

Oh, wenn ich den Beifall beschreiben knnte, der mir nach diesen kleinen
Scherzen von den weien Musen zu Teil ward! Sie kicherten und schmunzelten und
klatschten mit ihren Vorderkrallen zusammen, da es sich anhrte, als wrden
alte Felsen mit Sandpapier abgerieben.
    Na, Onkelchen, rief mir der Knig Ramses zu, jetzt hast Du mal einen
Beifall erlebt. So was mu man auch mal erleben. Und - nachdem ich unendlich
viele Worte des Entzckens von den Musen vernommen hatte, so da ich schon
unwillkrlich lachen mute, verlangten die Muse noch eine Zugabe.
    Es sollte aber eine menschliche Geschichte sein.
    Wer wrde wohl glauben, da ich mich lange bitten lie? Es fiel mir gar
nicht ein, mich lange bitten zu lassen - ich holte was vor und bat den Lapapi,
zuerst einmal die Geschichte anzusehen.
    Als das geschehen war, fragte ich den Lapapi, ob er's nicht fr richtig
hielte, da der General Abdmalik die Geschichte vorlse. Lapapi schmunzelte, gab
dem General die Papierbltter - und der General las nun vor, nachdem er mir noch
eine paar sonderbare Blicke zugeworfen hatte, die ich nicht verstand.

                                General von Bax



                                    Luftspa

Nicht mit dem rechten Zeh den Mond kitzeln!
    Also donnerte der General von Bax beim Betreten des Exerzierplatzes seine
Mannschaften an.
    Die Leutnants mssen viel schneidiger an die Luft gesetzt werden! brummte
er dann in seinen Bart - dabei setzte er sich auf seinen Luftstuhl.
    Das Luft-Regiment war vollzhlig mitten in der Arbeit. Was wollen Sie
mehr? fragte der General seinen alten Freund, den persischen Oberstleutnant
Nisaraddi.
    Der ri die Augen auf und rief:
    Teufel! Hagel! Schinkensemmel!
    Die Adjutanten lachten, denn der Perser pflegte seit Jahr und Tag die
meisten deutschen Worte an der falschen Stelle zu gebrauchen.
    General von Bax klatschte in die Hnde, befahl, die Luftballons
runterzuziehen, und lie zunchst mal sein ganzes Regiment in Reih und Glied
antreten.
    Das Regiment nahm einen ganz gehrigen Platz ein, denn die Soldaten des
Herrn von Bax sahen smtlich dicker aus als der alte Falstaff - zehnmal so dick.
    Die Soldaten sind nicht so dick, weil sie so viel zu essen bekommen - die
Uniform macht es. Eine kugelfrmige Korkhlle schtzt die Soldaten vor
unliebsamen Zusammensten mit dem Erdball; es sieht oftmals recht gefhrlich
aus, wenn ein Soldat bei seinen bungen oben am Luftballon pltzlich runterfllt
- aber Korkmantel und Fallschirm machen das Fallen beinahe zum Vergngen; nur
bei starkem Sturm ist das Fallen gefhrlich.
    Und nach fnfzehn Minuten steht das Luft-Regiment in schneidigster
Paradestellung vor seinem General; die Luftballons bilden den Hintergrund.
    Die kugelrunden Korkmntel sind so dick. ber ihnen sind die kleinen
Soldatenkpfe zu sehen. Aber ber diesen Kpfen ragen die hohen Fallschirme
zusammengeklappt wie riesige Helmspitzen zum Himmel empor. Unter den Korkmnteln
sind nur die Soldatenstiefel zu sehen; die haben breite dicke Korksohlen.
    Marschieren tun die Soldaten niemals; das berlassen sie den Erdregimentern.
Doch mit dem Fallschirm wird exerziert. Der verschwindet zuerst blitzschnell im
Korkmantel; der Soldatenkopf verschwindet dabei ebenfalls im Korkmantel.
Hiernach steigt der Kopf wieder ans Tageslicht, und die Fe verschwinden.
Sodann erscheint abermals der Fallschirm und spannt sich auf. Ein kstliches
Exerzitium!
    Der persische Oberstleutnant hlt sich den Bauch vor Lachen und umarmt den
General von Bax strmisch, wobei dem Perser unzhlige funkelnde Trnen ber die
braunen Wangen rollen. v. Bax lchelt wie ein Unsterblicher.
    Indessen treten die zusammengekoppelten Fesselballons in Aktion. Die Ballons
haben das Aussehen groer Lampions von kurzer Sulenform. Alle zeigen hellgrne
und gelbe Querstreifen. Im Innern bestehen die Ballons aus vielen separierten
Blasen, so da durch ein paar Kugellcher nur sehr wenig Gas entweichen kann.
    Oben im blauen Himmel stehen die hellgrn und gelb gestreiften Ballons
ebenfalls wie Soldaten in Reih und Glied. Ein imponierender Anblick!
    Und dann wird das Regiment an langen Stricken zum Himmel hinaufgezogen -
aber nicht bis dicht unter die Ballons - so weit nicht. Die Soldaten bleiben
zumeist tiefer - sie fllen die ganzen Stricke - sie hngen wie die
Papierschnitzel am Schwanz eines Papierdrachens.
    Und oben wird eine Salve abgegeben - und nach der Salve rasen die
zusammengekoppelten Ballons ber den ganzen Exerzierplatz. Und die Soldaten
fliegen dahin wie die Schwalben im Sturm.
    Danach treten die Wolkenmacher in Aktion - und das Regiment wird in dichte
graue Dampfwolken gehllt. Motorwagen ziehen unten das Regiment kreuz und quer
ber den ganzen Exerzierplatz, und whrenddem wird aus den Dampfwolken heraus in
verschiedenen Hhen immerfort geschossen - da es knattert und knallt wie im
veritablen Kriege.
    Zuletzt zieht das Regiment, ganz in Dampfwolken gehllt, mit feierlicher
Luftmusik beim General von Bax vorbei - den neuen Kasernen zu, wobei Huser,
Straen und Kirchen kaum ein bemerkenswertes Hindernis bilden - so hoch kann das
Regiment steigen.
    Und die Marschklnge in den Lften rauschen nieder wie militrische
Sphrenmusik.
    Ungezhlte Volksscharen klatschen Beifall, von Bax und Nisaraddi umarmen
sich wieder und fahren in das beste Frhstcks-Restaurant - umjubelt von
begeisterten Mnnern, Frauen und Kindern.
    So weit ist nun Alles ganz gut.
    Indessen - jetzt kommt die Katastrophe.
    Der Schah von Persien erscheint, und das Luftregiment soll sich natrlich im
besten Lichte zeigen - in verblffender Parade-Aktion.
    Und whrend der Parade wird's pltzlich strmisch. Ein Orkan rast ber's
Paradefeld. Die Motorwagen kippen um. Die Stricke reien unten ab. Die
Signalpfeifen kreischen alle auf einmal. Und das ganze Regiment verschwindet in
den Orkanwolken auf Nimmerwiedersehen - von Bax und Oberstleutnant Nisaraddi
verschwinden ebenfalls, denn sie machten die Luft-Parade unvorsichtiger Weise
oben in der Luft mit.
    Der Schreck des Volkes, der Regierung und des Schahs von Persien spottet
jeglicher Beschreibung; ein langes Wehgeschrei zittert ber die ganze
Erdoberflche.
    Die Freie Volkszeitung schrieb in ihrem Abendblatte, das natrlich
pechschwarz umrandet war:
    Wir haben ja gleich gesagt, da man mit so gefhrlichen militaristischen
Experimenten, die dem armen Steuerzahler kaum noch zhlbare Millionen kosten,
nicht so leichtfertig htte vorgehen sollen. Die Tragfhigkeit der Ballons ist
eine so horrende gewesen, da nicht einmal das strkste Schnellfeuer auf die
Ballons den Mannschaften etwas ntzen konnte; die Ballons blieben eben oben und
wurden mit dem ganzen Armeekorps ins Meer geschleudert. Der tragische Vorfall
drfte jedenfalls die Regierung zwingen, allen militaristischen Neuerungen eine
erbarmungslose Skepsis gegenberzustellen. Man sieht ja, wohin die Phantastik
fhrt. Der Allgemeine Staatsanzeiger stellte sofort in einem fachmnnisch
geschriebenen Artikel fest, da von einem Schnellfeuer auf die Ballons gar nicht
die Rede sein konnte, da sich ja die Mannschaften durch Feuern nach oben in
eigene Lebensgefahr gebracht haben wrden; die Soldaten htten ja an ihren
Stricken ber einander und nicht neben einander gesessen.
    Die Freie Volkszeitung ignorierte diesen Artikel und schrieb am nchsten
Tage mit noch dickerem Trauerrande:
    Der emprende Leichtsinn unsres Generalstabes hat eine Katastrophe mglich
gemacht, die in der ganzen Kriegsgeschichte niemals ihresgleichen finden drfte.
Bei dem hohen Seegange ist nicht einmal daran zu denken, die Leichen des
verunglckten Regimentes zu bergen. Der Schah von Persien wird einen netten
Begriff von unserer Kriegstchtigkeit empfangen haben. Die Katastrophe wird
unvermeidlich eine schwere Erschtterung unsres Staatsorganismus zur Folge
haben. Wir stehen nach der Ansicht alter verdienter Generale vor dem Ausbruche
eines groes Krieges. Unsre Feinde wissen ganz genau, wie viel wir fr das
Luft-Militr geopfert haben.
    Und der Volkswille schrieb:
    Es verlautet, da dem verdienten General von Bax, der einen so tragischen
Tod in den Fluten des Oceans fand und dessen Leiche immer noch nicht geborgen
ist, ein Denkmal gesetzt werden solle. Dieses Denkmal drfte fr die Phantasten
im Generalstabe gleichzeitig ein ganz gehriger Denkzettel sein.
    Und das Publikum flatterte vor Aufregung.

Nach drei Tagen aber kehrte der Herr von Bax mit seinem Regiment in die liebe
Heimat zurck - denn er wurde rechtzeitig von einigen Kriegsschiffen gerettet.
    Nicht ein einziger Mann hatte sein Leben eingebt. Nur etwas na waren alle
geworden. Die Korkmntel hatten das Untersinken der Mannschaften unmglich
gemacht. Und die Ballons waren ebenfalls ganz unbeschdigt geblieben.
    Natrlich - so gro wie am Paradetag das Entsetzen gewesen war - so gro war
jetzt der Jubel - wohl noch grer.
    Und von Bax hatte jetzt Oberwasser; er konnte pltzlich tun, was er wollte.
    Er war der Herr der Situation.
    Und die Situation auszuntzen - das versteht der Herr von Bax meisterhaft.
    Er setzt sofort eine ganze Reihe phantastischer Neuerungen durch.
    Zunchst fhrt er automatische Gummistelzen fr seine Mannschaften ein, so
da die ntigenfalls mit einer Schnelligkeit marschieren knnen, die ans
Lokomotivartige grenzt.
    Alsdann lt er kolossale Kanonenballons bauen, soda die schwersten
Granaten, von oben geschossen, viel weiter fliegen als bisher.
    Durch Verwendung von gefesselten Luftkugeln, die aber immer nach der Seite
geschossen werden, nach der man hinwill, erleichtert er die schwierigen Aufgaben
der Motorwagen, die auf unebenem Terrain ihre Not hatten.
    Aber alles Das ist dem khnen General noch nicht genug. Er setzt auch noch
ein Clowns-Bataillon durch.
    Durch die tollsten Kostme, Spe und Grimassen, Trapez- und
Akrobaten-Kunststcke soll dieses Bataillon den Feind zum Lachen bringen; die
Offiziere dieses polyformierten Bataillons mssen erprobte Humoristen sein.
    Die Phantasten haben im Generalstabe endgiltig gesiegt - die Erdregimenter
werden einfach abgeschafft.
    Ohne Luftarmee arbeiten wollen, erscheint pltzlich Allen als die hhere
Stieselei.
    Nisaraddi kauft gleich zweihundert Schlangenmenschen fr den Schah von
Persien auf - denn  der Clown im Dienste des Militarismus erscheint dem
lachlustigen Perser die beste Erfindung der Neuzeit zu sein.
    Und die zweite Parade vor dem Schah wird zum grten Triumph fr den General
von Bax.
    Jedesmal, wenn das Clowns-Bataillon in Aktion tritt, wlzt sich das gesamte
Publikum am Erdboden in frchterlichen Lachkrmpfen.
    Es scheint allen Zuschauern so klar, da gegen die komischen Soldaten kein
Feind ankommen kann, da selbst vergrmte Indianer in Lachkrmpfe verfallen
mssen - und in dem Zustande ohne jede Schwierigkeit wie Seehunde mit Knppeln
tozuschlagen sind.
    Keiner sagt Baxen, das seien Faxen - dazu ist der Luftgeneral viel zu
berhmt.
    Alle Welt ruft:
    Bax! Hurrah! Bax!
    Der aber sagt nur:
    Das ist der lngst entbehrte Humor im Militarismus. Leider hat der General
in der auf den Paradetag folgenden Nacht sehr bald zu viel Champagner getrunken
und sagt daher schlielich, whrend ihm sein Diener Luft zufcheln mu, da
nichts weiter als:
    Luft! Luft!

Niemals htte ich's geglaubt, da auch diese Geschichte noch mal so viel Beifall
finden wrde; die Muse tanzten vor Vergngen - und ich htte mich beinahe
schief gelacht.
    Hhere Dammlichkeit, sagte ein jugendlicher Mausknig, Dein Name ist
Mensch. Wie froh sind wir nur, da wir nicht mehr als Menschen auf der Erde
herumzukrabbeln brauchen. Und dann folgte eine Schimpferei, die nicht mehr
schn war und die Nilpferde schlielich rgerte.
    Lapapi sagte ernst.:
    Ich finde es nicht richtig, da die Muse sich so rcksichtslos ber die
Menschen lustig machen; die Muse sollten bedenken, da ein Lebewesen in
Menschengestalt doch zugegen ist.
    Die Muse waren augenblicklich still.
    Ich aber mute so schrecklich lachen, da mir die Luft wegblieb und das
Bewutsein abhanden kam.
    Als ich dann aufwachte, erblickte ich Dinge, die mich in groe Verwunderung
versetzten - so was hatte ich bei den gyptern nicht vermutet.
    Es war das Furchtbarste, was ich jemals sah.
    Ich glaubte, in einem Schlachthause zu sein. Immerfort wurden nackte
Menschen hereingeschleppt von dunkelbraunen Kerls, die wie Schlchter gekleidet
waren. Die brachen den nackten Menschen mit eisernen Stangen die Arme und Beine
entzwei und schlugen ihnen dann mit einem dicken Klumpenbeil ins Gesicht, da
das Blut nach allen Seiten spritzte. Danach wurden die Leiber zerschnitten,
ausgenommen und in einen groen Kessel geschmissen.
    Und dieses Treiben ging auch ganz lautlos vor sich.
    Ich wollte die Augen schlieen, da der Anblick gradezu entsetzlich wirkte;
die Wut der Schlchter steigerte sich fortwhrend, und immer mehr nackte
Menschen wurden vor meinen Augen verstmmelt und totgeschlagen.
    Und ich konnte meine Augen nicht zumachen und mute das Entsetzliche ruhig
weiter mit ansehen.
    Doch auch das ging vorber.
    Es gab nach einiger Zeit einen starken Knall - und das schauderhafte
Schlachtbild war weg.
    Wundervolle Dfte strmten in mich ein - und in der Luft schwebten zahllose
Frauengestalten in ganz zarten, dnnen Gewndern, und diese Frauengestalten
zerpflckten blaue, rote und gelbe Blumen und warfen die Stcke der
Bltenbltter in Rucherpfannen aus Silber.
    Das ist, sagte da Jemand hinter mir, ganz genau dasselbe wie das
Fleischerbild - nur eine andre Erscheinungsform. Du hast also gar keinen Grund,
das Schlchterbild zu verurteilen, denn es ist ebensogut blo eine Chimre, wie
dieses, was Du jetzt siehst.
    Es gab dann wieder einen starken Knall - und ich sah pltzlich die weien
Muse in einem wundervollen Garten auf Steinfliesen Menuett tanzen.
    Das ist, sagte dieselbe Stimme von vorhin, auch ganz genau dasselbe wie
das Schlchterbild - nur eine andre Erscheinungsform. Du bist nmlich wieder in
der Wunderkche, allwo die Speisen fr die sieben groen Nilpferde hergestellt
werden. Diese sogenannten Speisen sind schrecklich kompliziert - noch viel
komplizierter, als Du ahnst - denn was Du sahst, war natrlich blo ein
Gleichnis.
    Ich wollte was erwidern, doch die Stimme fuhr fort:
    Du kannst Dir nicht denken, da der Weltraum, wie er Dir zum Bewutsein
kommt, dadurch, da man ihm die grten Dinge zugibt oder abnimmt, grer oder
kleiner wird. Und so ist es auch mit der Zeit - eigentlich knnen wir uns gar
nicht denken, da sie fortschreitet - alles Vergangene ist uns oft scheinbar
eben so nahe wie das Gegenwrtige - oder wie das Zuknftige. Unbegreiflich -
nicht wahr?Und leugnen kannst Du das Dasein dieser unbegreiflichen Dinge
keineswegs - nicht wahr? Na ja! Aber bedenke: wrdest Du Alles begreifen, so
wrde die Welt gleich nach dem Begriffensein Dir langweilig vorkommen mssen.
Ah! Freilich! Indessen - damit die Welt nicht langweilig wird, ist uns allzeit
ein beschrnkter Verstand gegeben, dessen wir uns nicht zu schmen brauchen.
Eigentlich mten wir uns ber unser beschrnktes Begriffsvermgen freuen - denn
nur mit diesem wird uns die Welt ertrglich. - Und darum sollten wir auch den
grten Fragen vom Weltganzen und vom Weltgeist, der ein Allgeist sein will, aus
dem Wege gehen. Wir knnen doch nicht darauf rechnen, mit einem beschrnkten
Begriffsvermgen jemals das Unbeschrnkte zu begreifen. Und das schadet auch
nichts. Wenn wir selber schon in unsglich vielen Erscheinungsformen auftreten
knnen, so mte dementsprechend der Allgeist - auch eigentlich ein Geist sein,
der zu gleicher Zeit noch in unendlich vielen anderen Erscheinungsformen
aufgehen kann. Hier hrt natrlich unser Verstehen ganz und gar auf - und
vernnftige Leute sagen: glcklicher Weise! Wir knnen uns nicht einmal einen
unendlichen Raum denken, der doch blo einer Erscheinungsform angehrt - und
danach noch von einem Allgeist reden wollen, geht denn doch nicht an. Das ginge
ein bichen zu weit - und drfte nur den Ungebildeten zu verzeihen sein. Seien
wir zufrieden, wenn wir von der Grandiositt der Welt und alles Dessen, was in
der Welt ist, eine Ahnung haben, die uns nicht mehr zweifeln lt - an der
Grandiositt des Daseienden. 
    Nach diesen Worten gab's zum drittenmal einen Knall - und ich war im
Dunkeln.
    Ich war jetzt so an die hchsten Wunderlichkeiten gewhnt, da ich glaubte,
mich knne nichts mehr verblffen.
    Doch da sah ich pltzlich einen goldenen Trichter vor mir - der leuchtete.
    Und der Trichter kehrte die groe runde Trichterffnung mir zu, und aus dem
Trichter tnte eine Stimme heraus - die sprach hastig:
    Gleich wirf drei Manuskripte in diesen Trichter. Aber schnell, sonst reien
wir Dir den Kopf ab.
    Die Stimme kam mir ganz unbekannt vor.
    Ich warf natrlich drei Manuskripte hinein.

                                   Narr Nero



                                Eine wste Nacht

Steh auf! Steh auf!
    So gellt es mir in den Ohren, und ich ffne meine Augen und sehe einen alten
dicken Mann neben meinem Bett auf dem Stuhl sitzen, auf dem meine Kleider
liegen. Ich werde furchtbar wtend, denn ich lasse mir nichts gefallen -
besonders nicht von einem alten dicken Mann. Der aber sieht meine Wut und
spricht also:
    Ich bin der alte Kaiser Nero und als alter Wterich so ziemlich bekannt.
Jetzt mu ich mir als Geist allnchtlich einen Kumpan zum Saufen holen. Und
dieser Kumpan mu jedesmal der grte Wterich seiner Zeit sein. Den ich suche,
hab' ich gefunden. Reich mir Deine Hand.
    Ich schlage dem Herrn Nero sofort mit der Faust ins Gesicht.
    Indessen - der Schlag geht durch, und mein Nero lchelt. Er steht auf,
reicht mir hflich meine Unterhosen, hilft mir beim Anziehen dieser Unterhosen,
fllt mir lachend um den Hals und schwebt mit mir durch die Zimmerdecke durch in
die Sternennacht hinauf. Unten seh' ich viele Laternen und dazwischen eine
Schlgerei. Ich bin immer ein Narr gewesen, raunt mir der Nero ins Ohr, ich
war ebenso wtend mein ganzes Leben hindurch wie die Leute, die sich da hauen.
    Wir fliegen weiter und sehen unter uns immerfort wtende Menschen, die sich
hauen.
    Viel Blut fliet, zerbrochene Glieder bersten, Hunde heulen, Schdel
knacken, und Alles wird pltzlich mit Blut besudelt, da mir bel wird.
    Was soll die Narrheit? frage ich wild.
    Wie? schreit da der Kaiser lachend, merkst Du jetzt schon, da die Wut
eine Narrheit ist?
    Ich sage wtend: Ja!
    Er schttelt mich heftig und fliegt dann mit mir in einen Weinkeller.
    Wir trinken natrlich und reden ber die Welt und ber die Seligkeit.
    Wir trinken, bis wir unter den Tisch fallen.
    Und pltzlich wird der Nero ber mir schrecklich gro, und er wird immer
grer - so gro wie die ganze Welt. Und seine Stimme hr' ich erschallen wie
Posaunen; sie sagt laut und klar:
    Ich bin der Kaiser der Welt, und alle Menschen sollen so wtend werden wie
ich. Doch ich bin auch ein Narr - und das sollen die Menschen auch werden. Sie
sollen nrrisch sein, wenn sie wtend sind.
    Und der Narr Nero tanzt wie ein Toller - und ich mu lachen.
    Da tanzen wir zusammen.
    Und all die Leute, die sich eben noch geschlagen haben, kommen herbei und
mssen auch furchtbar lachen - denn wir tanzen mit neronischer nrrischer Wut.
    Und die wtenden Menschen singen dazu:

Nero! Nero! Du bist unser groer Nero!
Nero! Nero!

Und Alle tanzen, um auch zu Narren zu werden.
    Man bringt mich dann ganz sanft zu Bett - Narr Nero bringt mich zu Bett.
    Narr Nero bringt auch die Andern ganz sanft zu Bett.

Nero! Nero! Du bist unser groer Nero!
Nero! Nero!

Das ist das neoneronische Wiegenlied!
    Die wtenden Narren werden immer sanfter.
    Schlummer!

                                Der Triumphator


Abdullah rief seinen Leibsklaven herbei und fragte ihn scharf:
    Warum erstattest Du mir nicht Bericht ber meinen Vetter, den
leichtsinnigen Ibrahim?
    Herr! erwiderte der Leibsklave, ihm ist Alles genommen, was er besa. Ich
war von seinem Anblicke dermaen erschttert, da ich mich erst sammeln mute.
    Abdullah schlug mit der Faust auf ein Teebrett, das vor ihm auf dem
Divantischchen mit Tassen und Schsseln bepackt war, so da Tassen und Schsseln
auf den Teppich flogen.
    Mit diesem leichtsinnigen Hund, rief der starke Abdullah,  hast Du noch
Mitleid? Ich sage Dir: mein Vetter Ibrahim verdient kein Mitleid; ihm geschieht
ganz recht, wenn er als Bettler zu Grunde geht.
    Der Leibsklave fiel zu Boden und kte vor seinem Herrn den Teppich.
    Der Vetter Ibrahim stand zur selben Zeit auf dem Marktplatz neben den
Bettlern und achtete nicht auf das, was um ihn herum vorging.
    Und nach einer Stunde kam sein Vetter Abdullah hoch zu Ro ber den
Marktplatz geritten und schrie dem Ibrahim zornig zu:
    Was tust Du hier auf dem Marktplatz, Du leichtsinniger Verschwender? Ich
habe mein Geld nicht in leichtsinnigen Spekulationen vergeudet. Ich habe
gespart, und Du bist ein Bettler geworden. Nimm hier diesen Beutel, da sind
hundert Silberlinge drinn. Geh und suche durch redliche Arbeit Dein Leben zu
fristen, Du Bettler!
    Und Abdullah warf dem Ibrahim den Beutel mit den Silberlingen vor die Fe
und ritt stolz dahin ber den Markt und dann durch die Palaststrae zu seinem
Freunde, dem reichsten Kaufmann von Bassora.
    Abdullah lchelte stolz; er fhlte sich reich und edel zugleich. Ibrahim
lchelte auch, er hob den Beutel mit den hundert Silberlingen auf und ging in
die krumme Gasse zu dem alten Weinhndler, den er schon so lange kannte.
    Und Ibrahim hielt sich auch fr reich und edel zugleich; er nahm es seinem
Vetter gar nicht mehr krumm, da er seinen geschftlichen Ruin so schlau zu
stande gebracht hatte.
    Wahrhaft reiche Menschen sollen nicht stolz sein auf ihren Reichtum!
flsterte Ibrahim beim dritten Glase. Und beim siebenten Glase flsterte der
lustige Ibrahim:
    Wahrhaft edle Menschen sollen auch nicht stolz sein auf ihren Edelmut.
    Und beim elften Glase lag Ibrahim unterm Tisch und murmelte:
    Ich hab's gar nicht ntig - zu triumphieren.
    Doch Abdullah triumphierte.

                            Der galante Ruber oder

                              Die angenehme Manier



                               Ein Garten-Scherzo

Halt! rief der Hauptmann.
    Und dreiig blanke Flinten drehten sich der Gesellschaft zu.
    Der Herr Graf lie sein Glas fallen, da es auf seinem Knie zerschellte und
die gelben Stiefel mit Rotwein besprengte.
    Sechs Damen fielen aufkreischend in Ohnmacht; die Kavaliere erbleichten und
griffen nach ihrem Portemonnaie.
    Nicht so schnell, meine Herren! sprach der Hauptmann, ich verachte Ihr
Geld. Sie irren sich in mir. Knoppke, lege den Herren die Handfesseln an. Herr
von Rabenwitz wird sich die Ehre geben, die ohnmchtigen Damen mit Arabiens
Wohlgerchen zu besprengen.
    Der Vollmond stieg dunkelrot hinter dem Schwanenteich aus den Fliederbschen
heraus, und die beiden Ruber taten, was ihnen ihr Gebieter, der sich eine gute
Cigarre anzndete, befohlen hatte. Als nun die sechs Damen wieder erwachten,
verbeugte sich der groe Ruberhauptmann artig wie ein Page und sprach sanft wie
eine Taube zur Grfin:
    Meine Gndigste, wir wollen uns die Ehre geben, Ihnen eine kleine
berraschung zu bereiten. Als Lohn bitte ich nur, mir eine einzige kleine Bitte
zu gewhren. Ist sie gewhrt?
    Die Grfin neigte hflich bejahend ihr Haupt, denn sie war doch neugierig.
    Und mehrere Ruber verlieen die Gesellschaft, bestiegen den groen Kahn und
ruderten bis in die Mitte des Schwanenteiches. Die Gesellschaft, die in einer
wild zerklfteten Felsengrotte unter schwankenden Lampions sa, erholte sich ein
bichen, denn die brigen Ruber zogen sich mit ihren Flinten hinter die
Rosenbsche zurck. Der Herr Hauptmann nahm auf einem Schaukelstuhle Platz.
Lieblich dufteten die Rosen.
    So sah man denn erwartungsvoll in den Teich, der vom roten Monde unheimlich
erleuchtet wurde.
    Da pufft es pltzlich auf dem Teich, und schillernde groe Gasblasen - grne
und blaue - steigen langsam in den schwarzen Nachthimmel empor.
    Die runden groen Gasblasen zittern, die grnen und blauen Wolkenwirbel im
Innern der Blasen ziehen sich, dehnen sich aus, zucken und drngen sich zusammen
- und dann platzen die feinen Luftballons - wie Seifenblasen - - und dicke
sanfte Perlen fallen wie Schnee aus ihnen heraus - langsam in den Teich. Der
Hauptmann bietet der Grfin den Arm und geht mit ihr ein paar Schritte
seitwrts.
    Der Graf springt auf, rttelt an seinen Handfesseln, rollt die Augen und ist
wtend fr Sechs.
    Aber die Grfin kommt gleich wieder und lchelt - sie hat allerdings ihr
Perlenkollier, das einen halben Zentner Gold gekostet hat, nicht mehr bei sich.
    Der Graf setzt sich wieder.
    Und der Hauptmann wendet sich nun an die Damen, die schwarzes Haar haben
(zwei sind's nur), und feierlich spricht er:
    Meine gndigsten Damen, auch Ihnen wollen wir eine berraschung bereiten.
Sie werden fhlen, da ich nur ein kleines Andenken mchte - und mir's nicht
abschlagen - nicht wahr?
    Die Damen nicken hastig, denn sie sind noch neugieriger als die Grfin.
    Und zwei Raketen steigen aus dem Schwanenteich, sie teilen sich oben in
sieben Arme, aus deren umgebogenen Spitzen dicke rote Tropfen, die wie
Blutstropfen aussehen, schnell herunterstrzen. Die schwarzen Damen erschrecken,
Herr von Rabenwitz besprengt sie aber mit duftigen Olivenwasser.
    Die Schwarzhaarigen ziehen ihre Ringe vom Finger und machen auch die
Ohrringe los, geben Alles dem guten Hauptmann, der das Empfangene dankend
einsteckt, doch gleichzeitig bemerkt, da er auch die im schwarzen Haare
befindlichen Haarnadeln als Andenken haben mchte. Er bekommt auch diese
Haarnadeln, an denen unzhlige Rubine blitzen.
    Wollen Sie nicht, fragt der Graf, ein Glas Wein trinken? Leider ist meine
Bedienung nicht hier.
    Der Hauptmann lchelt, zuckt mit den Achseln und sagt leise:
    Verliebte trinken nicht, Herr Graf! Jetzt kommt die berraschung fr die
drei Blonden.
    Und da knattern auch schon drei groe Sonnen los - das funkelt und blitzt -
das knistert und knackt - das poltert und rumort - wie echte Rebellen.
    Die Sonnen drehen sich und schleudern brennende Diamantengarben nach allen
Seiten.
    Der Hauptmann erhlt derweil von den drei Blonden alle Pretiosen, die sie
bei sich haben, als Andenken.
    Und er kt den Damen smtlich zrtlichst die Hand und blickt ihnen ernst
und traums ins Auge.
    Und dann verschwinden die Ruber - lassen die kleine Gesellschaft wieder
allein.
    Das war ja entzckend - brillant! rufen die Kavaliere, denn ihnen hatte
man nichts abgenommen.
    Aber die Damen sind ganz verwirrt.
    Der Graf ruft polternd: Nun macht uns mal die Fesseln los!
    Man mu immer nur verliebt tun!
    Die Damen werden noch verwirrter, tun aber trotz ihrer Verwirrung, wie der
Graf gebot.
    Die Damen sind rot wie Rotwein.
    Der Vollmond leuchtet Allen hell ins Angesicht.

Nachdem ich kurze Zeit gewartet hatte, hrte ich abermals den Trichter sprechen
- und zwar in kurzen Abstzen, die ungefhr diesen Wortlaut hatten:
    Die allzu guten Menschen sind ebensolche Narren wie die allzu bsen.
    Manche Leute werden blo deshalb von andern anmalich behandelt, damit sich
jene das Kopfhngertum abgewhnen.
    Die Brutalitt macht die Brutalisierten immer munter, darum schimpfe man
nicht auf die Brutalitt.
    Die Komdie des Geldbeutels ist im menschlichen Leben blo ein
Zwischenaktsscherz.
    Gleichheit ist sehr oft Ungerechtigkeit.
    Die Lichtphantome der Moral sind ebenso kompliziert wie alle andern Dinge
der Welt.
    Es zeugt von wenig Scharfsinn, wenn man den Gttern flucht.
    Die Moral der Gtter ist immer anders als die Moral der Kreaturen. 
    Und dann kam Verschiedenes, was ich bei den Nilpferdchen schon hundert Mal
gehrt hatte.
    Und dann sa ich wieder dem Lapapi gegenber - in der groen Bibliothek.
    Er sprach von den geheimnisvollen Krften, die berall die Hauptsache
hervorbrchten.
    Und im Laufe des Gesprchs kam auch die nachstehende Geschichte zum
Vorschein.

                               Die Gter der Erde



                                   Kraftspa

Lege Dich hier still hin!
    Das klang weich von ihren Lippen.
    Und sie nahm ihren alten Zauberstaub und berhrte mit ihm.
    meine Stirn; die Spitze des Stabes war kalt und prickelnd.
    Ein langes Summen ging durch die Luft, als kmen tausend Bienen an.
    Und dann ward Alles hellblau vor meinen Augen.
    Und aus dem Hellblauen schritt in goldener Rstung ein schlanker Ritter
heraus, kam auf mich zu, ffnete sein Visir und sprach:
    Die Gter der Erde ruhen zu Deinen Fen. Erhebe Dich und streichle, was Du
da siehst.
    Ich erhob mich und sah, da ich auf einem hohen Felsen gelegen hatte. Unter
mir in den Abgrnden rings umher krochen wilde Drachen herum.
    Und ich wollte meine Hand ausstrecken, um die Tiere zu streicheln; aber das
ging nicht; sie waren zu tief unter mir. Warum streichelst Du die guten Tiere
nicht? fragte der Ritter.
    Ich kann nicht! gab ich zurck.
    So blick mich an! rief der Ritter heftig aus.
    Durch seine Rstung quollen seine dunkelblauen Adern durch, seine Augen
brannten wie Rubine. Und die dunkelblauen Adern wurden immer dicker, da ich
glaubte, sie mten gleich platzen. Und die Muskeln des ganzen Krpers zerbogen
die goldene Rstung, da sie klirrte.
    Eine krampfhafte Erregung packte mich; ich hrte, wie meine Zhne
knirschten.
    Jetzt blick runter! rief mir der Ritter rauh zu.
    Ich tat's - und die Drachen waren mir ganz nahe.
    Ich streichelte sie, und Alles erglhte in mir, da ich einen Schrei der
Wonne ausstie.
    Ich streichelte in den Drachen die Gter der Erde.
    Die Drachen schlugen mit den langen Schwnzen um sich und waren ganz zahm.

Die Geschichte wurde von Herrn Lapapi scharf kritisiert. Man sehe, sagte er
zum Schlu, die Wellen des Meeres an - sie sind jeden Tag anders - und immer
wieder anders - wie die Schachpartieen, die auf der Erde gespielt werden, auch
immer wieder anders sind. Und so sind auch die Gter der Erde immer wieder
anders - und wir drfen nicht denken, da wir mal eines schnen Tages alles Gute
und Schne gemtlich zu unsern Fen sehen werden. Das wre ja das Ende vom
Liede. Wenn wir auch fters das Vergngen haben, uns einzubilden, da wir viel -
sehr viel - erreicht haben - Alles werden wir nie haben - und es ist gut, da es
so ist. Da wir immer wieder nach einem neuen Ziel jagen - das sollte uns doch
beweisen, da die Welt unendlich reich ist. Und trotzdem hat es Leute gegeben,
die von dieser letzterwhnten Tatsache auf die Armut der Welt schlieen wollten!
O, es gibt so unendlich viele Komdien! Demnach - immer mutig, liebes
Onkelchen!
    Und dann sprachen wir vom Abschiednehmen, und dabei las der Lapapi dieses
hier:

                                 Die Trklinke


Franz, mach' die Laden zu! sagte der alte Tischler Dmpke.
    Und Franz ging heraus und tat das.
    Der Wind heulte durchs Dorf, in der Kche hustete die alte Marie, und die
Laden gingen klappernd drauen zu.
    Franz kam wieder in die warme Stube und sagte: Die Trklink' ist drauen
kaputt.
    Der alte Tischler brummte was - Franz ging wieder fort und legte sich
schlafen.
    Die alte Marie tat das auch.
    Und der alte Tischler sa nun wieder ganz allein in der warmen Stube - ganz
allein.
    Der Wind heulte durchs Dorf.
    Der Tisch stand dicht am Ofen, und die Lampe auf dem Tisch brannte trbe.
    Der Alte hatte in einem Reisebuch gelesen - von Afrika, wilden Tieren und
vielen vielen Schwarzen, die immer grinsten und um ein groes Feuer
herumsprangen. Dabei hatte er immer an seine Knabenjahre denken mssen - als
Knabe wollte er Missionar werden - es war aber anders gekommen.
    Jetzt sa der alte Tischler trumend da, nahm die Brille ab und legte sie
auf's Buch, dachte an lange vergangene Zeiten und an die Trklinke.
    Da hrte er's drauen im Flur knarren - es flsterte was - und dann ging die
Stubentre auf.
    Und herein trat ein Matrose mit einer Handharmonika unterm Arm. Der Matrose
setzte sich dem alten Tischler gegenber auf einen Schemel, steckte sich eine
Kalkpfeife an und spielte ein bichen auf der Handharmonika.
    Als der Matrose zu spielen aufhrte, da ihm die Pfeife ausging, frug der
Alte heiser:
    Wer bist Du?
    Der Matrose lchelte und sprach:
    Das mut Du doch wissen. Wir kannten uns doch - so vor vierzig Jahren -
nicht wahr?
    Und nun sahen sich die Beiden lange an.
    Und der alte Dmpke nickte - jeder Zug stimmte - so sah er - der alte Dmpke
- vor vierzig Jahren aus.
    Und ihm wurde so merkwrdig still zu Mute.
    Er hatte immer gewnscht, sich noch einmal so zu sehen, wie er einst war,
als er noch zu den Jungen gehrte. Matrose war er allerdings nie gewesen - aber
so wie der da vor ihm - so sah er aus - mit der Kalkpfeife und der
Handharmonika.
    Willst Du, fragte der Alte, etwas trinken?
    Ich hab's bei mir! erwiderte der Junge, und dabei zog er eine Flasche Rum
aus der Tasche.
    Sie tranken, und dann sprach der junge Matrose - mit stiller leiser Stimme:
    Ich bin der Mensch, der Du einst warst, bin der junge Dmpke - frisch und
lustig! Ich frchte mich nicht vor dem Tode wie Du. Ich habe keine Angst; ich
lache, rauche, trinke und spiele Handharmonika.
    Er spielte wieder lustige Lieder, doch die klangen dem Alten alle furchtbar
traurig.
    Wo wohnst Du? frug der Alte.
    Der Junge aber lachte und meinte: Was wei ich, wo ich wohne! Ich lebe und
frage nicht so viel wie Du. Ich trinke.
    Und er trank.
    Und dann spielte er wieder.
    Und bei dem Spiel wurde dem Alten so traurig, da er weinen mute, und
whrend er weinte, wurde ihm schwarz vor den Augen, da er nichts mehr sehen
konnte.
    Die Musik klang ihm immer ferner. Alles wurde schwarz. Als am nchsten
Morgen der Franz in die Stube trat - mit Licht, sah er den Alten noch immer auf
dem Stuhle sitzen. Die kleine weie Katze sa auf dem Tisch.
    Die Lampe war ausgegangen.
    Der Franz erschrak und rief die alte Marie.
    Der alte Dmpke war tot.

Und dann sa ich noch ein Mal rauchend mit den sieben alten Herren am groen
ovalen Speisetisch - und in der Luft schwebten seltsame Gebilde, die von den
Nilpferdchen mit ihren Pincetten geschickt aufgegriffen und verschluckt wurden.
    Geister waren diese Gebilde; ich sah viele elektrische Funken in der Luft
aufsprhen, und oft kamen bunte Stichflammen vor - und dann glitzerte es wieder
wie bunte Krystalle - und dann ward's weigrau wie Seenebel - usw.
    Deutlich sehen, wie die Geister gestaltet waren, konnte ich keineswegs -
aber ich wurde deshalb nicht neugierig - wute ich doch, da meine Sinne sich
mit denen der alten gypter nicht vergleichen lieen.
    Ich sollte - das bezweifelte ich nicht - bald wieder als gewhnlicher Mensch
unten auf der Erde herumkrabbeln - und das machte mich beinahe traurig.
    Doch als die alten Herren meine Traurigkeit bemerkten, wurden sie ganz
aufgebracht - ich schmte mich denn auch - und bat um Verzeihung - und suchte
lange unter meinen Papieren das, was die Herren noch nicht kannten.
    Und ich fand noch drei Sachen, die ich mit der Versicherung auf den Tisch
legte, da es mir nie wieder einfallen wrde, traurig zu werden.
    Die Herren lachten dazu und drohten mir mit den Pincetten.
    Wehe Dir, wenn Du nicht Wort halten solltest! sagte der General Abdmalik.

                               Lachende Giraffen



                               Ein Schattenspiel

Es ist sehr dunkel und sehr still in der Wste.
    Doch das hlt nicht lange an.
    Es knistert pltzlich, und hinten wird der Himmel rot - dunkelrot - weinrot!
    Durchsichtig ist der weinrote Himmel - aber hinter ihm ist nichts zu sehen -
gar nichts zu sehen.
    Dagegen sieht man vor dem weinroten Himmel was: von rechts und von links
kommen riesig groe schwarze Giraffen heran und schreiten gravittisch - albern
mit dem Kopf nickend - der Mitte zu.
    Und die groen schwarzen Giraffen lachen furchtbar hochmtig, denn sie
halten sich fr das auserwhlte Geschlecht - auf Erden ist nicht ihresgleichen.
Sie, die groen schwarzen Giraffen, kommen mit ihren Kpfen dem Himmel am
nchsten. Auf Erden kann kein Geschpf den Kopf hher tragen.
    Die Giraffen nicken sich albern zu, lachen und tun grlich vornehm. Sie
spazieren auf und ab und begren sich immerzu - wie Gigerls auf der Promenade.
    Oh! Diese Giraffen! Nein!
    Die Erde ist schwarz, die Giraffen sind schwarz, und der Himmel ist weinrot.
Die Riesenwespen aber, die jetzt von oben herunterfliegen, sind gelb wie
blhende Butterblumen.
    Die gelben Riesenwespen stechen den Giraffen in die Nasen, die von den
dummen Tieren viel zu hoch getragen werden.
    Oh! Da verndert sich das Promenadenbild.
    Die Giraffen nicken nicht mehr, lassen auch das Lachen sein - sie springen
wie Riesenflhe hoch in die Hhe - recken die Hlse wie Elefantenrssel -
hampeln mit den Beinen herum, als wenn sie Pyramiden besteigen wollten -
schnauben Wut - stecken die Kpfe in den Sand wie der Vogel Strau - springen
dann wieder wie Riesenflhe - - - kurzum: sie sind wild, verfluchen die Wespen
und recken die Hlse nach allen Seiten. Sie krmmen den Hals, da man glauben
knnte, sie wollten sich ganz und gar in toll gewordene Schlangenleiber
verwandeln.
    Die Giraffen verrenken ihre Glieder, als wenn sie verrecken mchten.
    Indessen - nur ihr Gelchter verreckt in der Ferne - wie ein sterbender Fhn
- wie ein sterbender Fhn!
    Es wird grausig - das Schattenspiel!
    Der weinrote Himmel leuchtet mchtig auf, als wollte er sagen:
    Es ist leichter, seine Nase in ein Weinglas zu stecken - als in den
Himmel!
    Die Giraffen gehen jammernd und geduckt rechts und links ab.
    Die heien Trnen der groen Tiere zischen im Wstensande - wie verprgelte
Klapperschlangen.

                                   Zu Hause!


Wchter! Wchter!
    Kabinetsrat! Weltrat! Alter edler Konnofolski!
    Also schrieen meine beiden Leiblakaien.
    Ich aber brllte mit meiner unheimlichen Roststimme:
    Konnofolski! Wird's bald? Mach mal das Tor auf, denn Ich bin da! Hurrah!
Erkennst Du Mich nicht mehr? Ich sitze auf Meinem hellgrnen Nashorn und begre
Dich, Du Faulpelz! Guten Morgen, Konnofolski! Mach beide Torflgel auf - beide!
Bewundere Meine weien Sammetkleider und rufe begeistert: Ah! Ah! Ah!
    Und mit meinem beiden Leiblakaien, die zu meinen beiden Seiten auf kleinen
zahmen Eisbren ritten und dabei in blutroter Seide staken, ritt ich nun durch
das dunkle Tor; es hallte an den Wnden.
    Und dann kam ich auf die dunkelblaue Wiese - im gestreckten Galopp - hoch zu
Nashorn!
    Hei! Das war ein Empfang!
    Meine hellblauen Lwen reichten mir prustend die dicken Pfoten. Die vielen
Riesen - ebenfalls smtlich Mein Eigentum! - brllten einen Riesen-Choral. Die
weien Adler umkreisten mein gedankenvolles Haupt und quiekten fortwhrend
lustig:
    Viktoria! Viktoria! Viktoria!
    Meine guten Freunde sprangen meinem grnen Nashorn ber's grne Nashorn und
jodelten vor Vergngen - es hrte sich einfach scheulich an - oh - abscheulich!
    Und Alles - Alles lachte - und sah so doll aus, da ich - nolens volens! -
mitlachen mute.
    Wir machen uns eben immer berall ber Alles lustig - sehr lustig!
    Die abenteuerlichsten Fabeltiere und Fabelgtter umringten Mich und beteten
mich an - Mich - Ihren lcherlichen trankpfigen Herrn und Meister.
    Und sie gratulierten Mir - denn ich war so glcklich - ich war ja endlich
mal wirklich von den Menschen und von der Erde erlst - diesen unglcklichsten
Weltspen, die in jenem Sternenmeer entstanden, das der Vater Knulleke regiert
und sein Eigen nennt. Heil dem groen Knulleke!
    Er hat mir auch Mein Heim geschaffen - und geschenkt. Und das ist mehr wert
als die Menschenerde. Ich besitze hier alles Mgliche und Unmgliche - Wiesen,
Burgen und Palste - Gebirge, Meere und Pappelwlder - Cigarren, Rebhhner,
Riesen, Gtter, Knige, Billionen Wundertiere und noch viel viel mehr. Und bei
mir zu Hause geht's berall hchst lustig zu - da gibt's keine sentimentalen
Weltverchter, die stets Ach und Oh schreien.
    So was gibt's doch bei mir nicht.
    Ach! Oh! Ihr gemtvollen Dusselkppe des Erdballs - beit Euch die groen
Zehen ab!
    Beit zu! Es lebe Knulleke!
    Also schrie ich - und alle Gtter, Tiere und Spaonkels brllten mir nach:
    Es lebe Knulleke!
    Mir ist die ganze Welt einfach Wurscht - wenn ich zu Hause bin - bei Mir zu
Hause!
    Zu Hause ist es doch immer am besten - besonders wenn man nach langen
Irrfahrten wieder mal heimkehrt.
    Jetzt bleib ich aber vorlufig hier. Ich hab's ja nicht mehr ntig,
rumzubummeln.
    Konnofolski, bring Mein hellgrnes Nashorn endgiltig in den Stall!
    So sprach ich befehlend und stieg die Email-Stufen meiner blitzenden
Spottburg hinan.
    Alles klirrte und klapperte.
    Knulleke! Hurrah!
    Der gute Knulleke, der mir dieses drollige Heimatland geschenkt hat, soll
hoch leben - denn Ich lebe jetzt auch wieder hoch - hher - und am hchsten -
alle Tage und alle Nchte - bei Regen und bei Sonnenschein!
    Raset, Riesen!
    Raset, Riesen!
    Vorhang!

                                   Kirowtti


Kirowtti, ein mordsmig groer Nebelfleck mit fnfzig Centralsonnen, wute
nie, was er vor langer Weile anfangen sollte. Er hatte ber alles genugsam
nachgedacht, hatte Alles gesehen, was in der Welt zu sehen war, und hatte das
Denken und Sehen allmhlich dick bekommen.
    Halt! rief er da eines Abends, ich wei, was ich mache: ich male mir eine
Welt aus, die's noch nicht gibt - das ist ein ausgezeichneter Spa!
    Und er schuf sich ein Traumreich. Und von seiner Umgebung merkte er bald
nichts mehr. Ein feiner Spa!

Die Herren waren auerordentlich liebenswrdig zu mir und ermahnten mich, mein
Versprechen nicht zu vergessen.
    Bedenke stets, sagte der King Ramses, da sich die Welt in unendlich
vielen Erscheinungsformen offenbart.
    Bedenke auch immer, sagte der King Amenophis, da alle diese
Erscheinungsformen der Welt zu einander in Beziehung treten knnen - und Alles
immer noch reicher machen knnen - immer noch reicher - immer noch reicher!
    Bedenke auch, sagte der King Thutmosis, da jedes Lebewesen ebenso
kompliziert ist wie die Welt.
    Und bedenke ganz besonders, fgte der King Necho hinzu, da auch die
unendlich vielen Erscheinungsformen des einzelnen Lebewesens unter einander
ebenfalls in Beziehung treten knnen und dadurch das Leben des Einzelnen auch
immer noch reicher machen knnen - immer noch reicher.
    berall sind die unendlichen Reihen! sagte der General. Und wer die
Grandiositt der Welt, rief da der Oberpriester, einmal ordentlich begriffen
hat - der wird an der grandiosen Vernnftigkeit dieser grandiosen Welt nicht
mehr zweifeln.
    Er wird, sprach leise der Pyramideninspektor, auch in aller Not und im
Angesichte des Todes immer mutig bleiben, da er nicht mehr zweifelt an jener
Welt-Vernnftigkeit, die Alles berragt.
    Und nach diesen Ermahnungen, die ich wohl Wort fr Wort behalten habe,
kam's, da die Herren noch ein Manuskript lasen.

                                Die blaue Blume



                                Ein Hexenmrchen

Feine weie lange Finger kamen aus den Wolken raus und bewegten sich wie
gefangene Aale.
    Sepu, die junge Hexe, sa in ihrer dunkelgrnen Moosgrotte und ordnete ihre
alten Steinbchsen, in denen die vielen Zauberkruter staken. Die Hexe hrte das
Meer rauschen, denn es war ganz in der Nhe und so lebhaft in Bewegung, wie die
langen Finger, die aus den Wolken herauskamen.
    Die Sepu ist eine kluge Hexe - sie hat nur ein einziges Ziel - sie will blo
die Menschen toll machen - weiter will sie nichts.
    Und es ist so klug, Alles in Einem zu sehen.
    Die Finger in den Wolken werden zu Krallen - zu sehnigen Krallen - sie
zittern und beben - als strme Lustsucht durch ihre Adern.
    Die Sepu hat verschiedene blaue Blumen unter ihren Krutern - aber die alten
blauen Blumen sind alle vertrocknet und nicht mehr scharf genug. Mit so
trockenem Kraut ist nicht viel auszurichten - bei den Menschen schon ganz und
gar nicht, denn die haben sich allmhlich derart an die verschiedenen Gifte
gewhnt, da es den Hexen immer schwerer wird, zum Ziele zu kommen. Die
Krallenfinger werden oben ganz steif.
    Es gibt trotzdem noch eine gute blaue Blume! sagt die Hexe zu sich selbst,
und die hat doch immer die Menschen toll gemacht. Die blaue Blume reizt die
Phantasie der Menschen so schrecklich auf, da die armen Menschen immer Tolleres
sehen und hren und schlielich glauben, sie shen das Unsichtbare und vernhmen
das Unhrbare - das Weltgeheimnis aus dem neuen Reich - das, was hinter Mond und
Sternen in ganz andren Zaubergrotten thront. Mag's kosten, was es will - diese
blaue Blume mu ich finden.
    Die Sehnenkraft in den Krallenfingern lt nach.
    Die Hexe wei: es ist keine Kleinigkeit, die blaue Blume des Jenseits zu
finden. Sie ist ganz dnn wie ein Zwirnsfaden und mit dem bloen Auge nicht zu
entdecken. Die seltsame Blume streut kleine, scharfe Stachelfdchen um sich. Und
wo diese Stachelfdchen sind, da ist sie in der Nhe - tief im Erdreich
verborgen; sie zieht sich tief ins Innre der Erde hinein, wenn was naht - lt
kaum ein Loch zurck - so schlank ist sie.
    Die Finger in den Wolken werden schlaff.
    Oh, diese schlanke Wunderblume mu die Sepu haben - sie geht gleich suchen -
mit nacktem Leibe - die Stachelfdchen will sie fhlen - wenn's auch weh tun
sollte. Das Tastgefhl des Leibes wird immer feiner. Die Sepu windet sich ber
die Dnenhgel und ber die Steine am Strande des Meeres wie eine Schlange - und
fhlt - mit dem ganzen Leibe - mit ungeheurer Aufmerksamkeit. Die Sepu sucht
lange Zeit.
    Die Finger in den Wolken sind nicht mehr Krallen, sie sind so wie hngende
tastende Fhlhrner. Die Finger suchen auch nach einem neuen Kitzel wie die
Sepu.
    Die Sepu sucht lange Zeit.
    Pltzlich schreit sie auf - ein Stachelfdchen hat ihr das Knie geritzt - es
tut weh - Blut sickert in den Sand am Meeresstrande.
    Aber die Sepu wird jetzt das Kraut, das den Menschen das Jenseits offenbaren
soll, schon finden.
    In den Wolken sieht die junge Hexe lauter Handteller mit ausgespreizten
langen Fingern.
    Die Sepu grbt. Sie grbt immer tiefer und noch tiefer - und - findet die
blaue Blume.
    Die blaue Blume ist wie ein Zwirnsfaden. Wenn sie sorgsam gestreichelt wird,
faltet sie sich langsam auseinander und zeigt Bltter und Blten - aber sie mu
sehr zart gestreichelt werden.
    Der Himmel ist voller Fuste.
    Sepu luft lachend ber den Strand mit der blauen Blume des Jenseits.
    Sepus Knie blutet noch immer.
    Die Fuste in den Wolken tun sich auf und lassen funkelnde Sterne
herunterfallen.
    Die Sterne haben alle nur denkbaren Farben und Formen. Die Sepu sieht's und
nickt.
    Hexengelchter!
    Hndegeklatsch!

Und dann kam die Stunde, in der ich Abschied nehmen sollte.
    Der Pyramideninspektor flsterte mir noch zu:
    Was jedem Schaf im Schlaf kommt - kann doch nicht so erhebend sein - wie
das, was Andern in wilder Qual kommt.
    Verachte Nichts! sagte mir noch der Oberpriester, je unwissender und
dmmer Jemand ist - um so mehr steht ihm noch bevor.
    Und dann standen wir auf.
    Und alle Nilpferdchen umarmten mich.
    Da sie halb so gro als ich waren, kletterten sie alle zu diesem Zweck auf
den Tisch.
    Ich mute lcheln - aber die Aufmerksamkeit gegen mich war doch sehr fein.
    Indessen - ich wei heute noch nicht, wie's kam - jedenfalls erinnerte ich
mich pltzlich an eine Geheimtasche, in der noch eine Geschichte stak.
    Kurz und gut: ich holte sie vor - und die Herren lasen sie, ohne vom Tische
runterzuklettern.

                      Die Fabrik lebenslustiger Kreaturen



                           Kosmische Existenz-Komdie

Nacht war's auf Erden, und der Mond schien hell, und die gelben Butterblumen
blhten auf der Wiese, denn es war sehr warm.
    Und ber die Wiese gingen fnf Damen mit fnf Herren, und diese zehn
Personen fanden Europa langweilig - zum Sterben.
    Es ist berall nichts los, sagten sie melancholisch, man kann hinkommen,
wohin man will, berall ertnt die alte Leier des vollendeten Stumpfsinns. Wer
da wte, wo was los ist, knnte ein Bombengeschft machen.
    Und bei diesen Worten ging die kleinste Gesellschaft, storchartig hoch die
Beine aufhebend, ber die Wiese, auf der die gelben Butterblumen im
Mondenscheine blhten - so sorglos blhten, als wre wirklich nichts los.
    Da sprang ein fremder Herr ber den nchsten Chausseegraben und rief laut
und krftig:
    Meine Damen und Herren! Verzagen Sie nicht: ich wei, wo was los ist.
    Die Gesellschaft blieb erschrocken stehen und starrte den fremden Herrn wie
ein Weltwunder an.
    Der Fremde sah sehr elegant aus - schwarzer Cylinder, gelber langer
berzieher, Prinzenkrawatte, Lackstiefel - alles hchst elegant. Der Herr trug
allerdings blo einen Lackstiefel, der andere Fu stak nur in einem lilafarbigen
Strumpf. Und im Cylinder befand sich vorn ein regelmiges fnfeckiges Loch, das
mit Goldfden sauber umsumt war. Und auf dem Rcken des berziehers hatte der
Schneider eine weie Weste aufgenht - ebenfalls mit Goldfden.
    Jedoch sonst war alles tadellos - auch der schwarze Spitzbart und die blasse
Gesichtsfarbe.
    Wollen die Herrschaften, begann der Fremde, von meinen
Erleichterungspillen kosten und dann die Augen schlieen, so wird alles mit
grter Schnelligkeit arrangiert werden.
    Zgernd entsprach die Gesellschaft den Wnschen des fremden Herrn.
    Und als die Zehn danach die Augen wieder ffneten, hatte der Fremde eine
hohe Leiter in der Hand.
    Die Leiter war aber so hoch, da sie an den Mond gelehnt werden konnte.
    Als das nun wirklich geschah, rang sich ein Schrei der Bewunderung von den
Lippen der zehn Personen los.
    Der groe Zauberer ergriff nach diesem Schrei einen groen schwarzen Kasten,
der neben ihm stand, ffnete ihn, stellte ihn unten vor der Leiter aufrecht hin
und sagte hastig: Steigen Sie schnell ein, meine Herrschaften, die Leiter ist
eine Drahtseilbahn, und in dem Kasten, der Waggoncharakter besitzt, haben Sie
smtlich bequem Platz.
    Zgernd entsprach die Gesellschaft auch diesem Wunsche des fremden Herrn,
der sich schlielich ebenfalls in den Kasten setzte und dann den Deckel
zumachte.
    Da war's denn sehr dunkel in dem schwarzen Kasten, und es lie sich ein
feines Summen und Pfeifen vernehmen. Und siehe da - nach ein paar Augenblicken
sprang der Kastendeckel wieder auf - und die Gesellschaft befand sich auf dem
Monde.
    Und auf dem Monde standen unzhlige andere Leitern, die zu den nchsten
Fixsternen hinauffhrten.
    Jetzt, sprach lchelnd der Fremde, knnen wir hinfahren, wohin wir
wollen. Kennen Sie schon die Fabrik lebenslustiger Kreaturen? Ich seh's Ihnen an
der Nase an, da Sie noch keine Ahnung von der Fabrik haben. Wenn Sie dahin
wollen, so steigen Sie nochmals in den Kasten.
    Die Damen und Herren wollten was sagen, doch der Fremde stellte den Kasten
vor die nchste Leiter und bat, erst Platz zu nehmen. Sodann fuhren sie wie
vorhin im dunklen Kasten hher hinauf - in eine ganz entfernte Sternenwelt
hinein; die Fahrt dauerte diesmal viel lnger; auch das Gesumme und Gepfeife
machte sich hier so scharf bemerkbar, da jegliche Unterhaltung unmglich wurde.
Als der Deckel wieder aufsprang, sprang der fremde Herr sehr vergngt
gleichfalls auf und sagte, whrend er den Damen beim Aussteigen behilflich war:
Es freut mich sehr, meine Damen, da Sie so herrlich gekleidet sind, auch die
Cylinderhte der Herren bereiten mir eine wahre Herzensfreude. Sie befinden sich
hier auf dem Dache der Fabrik lebenslustiger Kreaturen, und die Sternenwelt, die
Sie von hier aus sehen, wird Ihnen wohl ganz neu sein.
    Die Damen lchelten seelenvergngt und sprachen ihren Dank in den
herzlichsten Worten aus, die Herren gltteten ihre Cylinderhte und wuten gar
nicht, was sie zu der schnellen Fahrt sagen sollten; die Sterne, die sie sahen,
schienen sich in lebhafter Bewegung zu befinden.
    Die Fortschritte der modernen Technik ..., begann der Herr, der eine
goldene Brille trug - doch er kam nicht weiter in seiner Rede; ein groes Rad
kam auf die Gesellschaft zugelaufen, so da sie erschrocken auseinanderstob.
    Doch das Rand stand pltzlich still, und da sahen alle, da es ein Rad gar
nicht war; ein junger Dachdirektor war's - als solcher stellte er sich nmlich
vor.
    Aussehen tat der junge Dachdirektor etwas eigentmlich: der Mann hatte nicht
blo unten zwei Beine, er hatte auf jeder Schulter auch noch ein Bein, dessen
Fu sich hoch oben in der Luft zierlich bewegte. Mit diesen vier Beinen konnte
der Herr Direktor ganz bequem wie ein Rad laufen; der Rumpf dieses Radmannes
nahm nicht viel mehr Raum ein als der Kopf, der zwischen den Oberbeinen sa -
fest eingeklemmt.
    Der fremde Herr griff in das fnfeckige Loch seines Cylinders, schwenkte
diesen zur Begrung in der Luft herum und sprach feierlich:
    Herr Dachdirektor, diese fnf Damen und diese fnf Herren sind vom Stern
Erde und drften Ihnen vielleicht Gelegenheit geben, Ihre Kunst zu erproben.
Wenn ich nicht sehr irre, werden diese Herrschaften sehr gerne bereit sein, die
hhere Lebenslust kennen zu lernen. Es ist wohl nur eine fachmnnische Erklrung
dieser kleinen Gesellschaft gegenber ntig.
    Der fremde Herr setzte sich wieder seinen Cylinder auf und drehte sich um,
so da alle die weie Weste, die auf der Rckseite des gelben berziehers
aufgenht war, sehen konnten. Auch der lilafarbige Strumpf wurde im
Sternenlichte deutlich sichtbar.
    Jetzt kamen ber das Dach sehr viele andere Rder herangelaufen, und der
Herr mit der goldenen Brille rusperte sich und meinte wohlwollend: Aha! Da
sind wohl die Kollegen des Herrn Dachdirektors.
    Welch ein Irrtum! rief stolz der Angeredete, das sind meine Assistenten,
die zum Frhstck eilen. Ich wollte ebenfalls grade mein Frhstck einnehmen,
doch ich bin gerne bereit, Ihnen vordem in aller Eile die gewnschte Erklrung
zu geben. Hren Sie genau zu, denn ich habe nicht viel Zeit zu verlieren: Sie
sehen in diesem dunkelgrnen Himmel unzhlige Sterne - teils in roter - teils in
blauer Farbe. Und diese Sterne werden, wie Sie sich durch Augenschein berzeugen
knnen, immerzu - bald grer - bald kleiner. Da drben sehen Sie sechs ganz
dicke hellblaue Sonnen, die gleich zu Punkten werden mssen. Da sind sie's
bereits geworden! Sehen Sie, da ich Recht hatte? Na ja! Die Sterne in dieser
Weltgegend haben nmlich ganz besondere Fhigkeiten. Das sind eigentlich gar
nicht selbstndige Sterne, die Sie hier so als Punkte und Scheiben erblicken;
von denen bilden immer mehrere zusammen ein selbstndiges Wesen. Jeder Stern
dieser Weltgegend hat nmlich die Fhigkeit, mit Blitzesschnelligkeit einen oder
mehrere Tropfen von sich abzustoen und jeden Tropfen im Handumdrehen eine ganz
betrchtliche Strecke in den Raum hinauszuschieen - ohne sich von diesem
Tropfen, der natrlich ganz gewaltige Dimensionen besitzen kann, zu trennen.
Denken Sie an den Syrup der Erde!Wenn Sie von dem was runtertropfen lassen, so
bleibt der Tropfen gewhnlich an einem dnnen Syrupfaden hngen und wird von dem
so hin-und hergezogen. So auch hier! Nur mit dem Unterschiede, da beim Syrup
der Erde manchmal wirklich was abfllt - whrend das bei unsren Sternen nicht
vorkommt. Unsre Sterne, die so syrupartig einzelne Teile ihres Krpers abstoen
- nach allen Richtungen abstoen, da die Schwerkraft bei uns durch ganz andre
Krfte ersetzt ist - unsre Sterne tun dieses Abstoen - um nicht immer blo an
einem Punkte leben zu brauchen - sie wollen eben an mehreren Punkten der Welt zu
gleicher Zeit leben. Verschiedene unsrer Sterne knnen Tausende von Tropfen
abstoen, ohne sich von ihnen zu trennen - d.h. die Sterne knnen an tausend
Punkten des Weltraumes zu gleicher Zeit sein - berall zu gleicher Zeit dort
auftauchen, wo was los ist. Haben Sie mich verstanden, meine Damen und Herren?
    Die Damen und Herren nickten gedankenvoll mit den Kpfen; sie hatten
wirklich die Geschichte verstanden. Wir haben nun, fuhr der Herr Dachdirektor
fort, die Erlaubnis erhalten, unter diesen Dchern kleinere Lebewesen zu
fabrizieren, die das im Kleinen sein drfen, was die Sterne im Groen sind. Es
ist uns mglich, in unseren Laboratorien kleinere Lebewesen in beliebiger
Gestalt herzustellen, die mit Hilfe feinster Fhlfden, die nicht viel krzer
sind als die Fhlfden der Sterne und fr irdische Augen selbstverstndlich
niemals sichtbar werden, ihre Persnlichkeit an verschiedene Orte zu gleicher
Zeit zu senden vermgen. Das ist das hhere Doppelgngertum - das bewute. Unsre
Kreaturen fhren ein vielfaches Leben, das viel lustiger ist als das einfache
Leben, das gemeinhin ziemlich langweilig ist, wie Sie wohl wissen. Daher heit
unsre Fabrik die Fabrik lebenslustiger Kreaturen. Haben Sie mich verstanden?
    Abermals bejahten die Damen und Herren.
    Dann, fuhr der Direktor zum zweiten Male fort, bin ich bereit, Sie zu
lebenslustigen Kreaturen zu machen. Sie werden als solche ein hundertfach
interessanteres Leben fhren als bisher, da Sie infolge der Syrupfhler, die Sie
bald haben sollen, berall, wo was los ist, dabei sein drfen. Dann werden Sie
auf die herrlichen Momente des Lebens nicht lange zu warten brauchen. Sie
brauchen dann blo in jenem Turm da drben den Vergngungsanzeiger
durchzublttern - und alle Vergngungen, die in dieser Gegend zu haben sind,
stehen sofort zu Ihrer Verfgung. Wir haben in der Tiefe noch einen
Kunstanzeiger und einen Kriegsanzeiger und auch einen Anzeiger fr pikante
Verwirrungen - und noch ein paar Dutzend andere Anzeiger. Ich mu Sie aber
bitten, sich umgehend zu entschlieen, ob Sie sich umwandeln lassen wollen -
oder nicht. Sie brauchen sich blo da oben im Retortenpalast einstampfen zu
lassen. Die relativ einfache Prozedur kann ohne alle Umstnde sofort vor sich
gehen. Aber Sie mssen in den nchsten fnfzig Augenblicken schlssig sein - ich
mu zum Frhstck - und habe wirklich nicht lnger Zeit.
    Nach diesen Worten ging der Direktor mit dem fremden Herrn im gelben
berzieher hinter den nchsten Schornstein, nachdem er dem Herrn freundlich mit
der rechten Hand auf die weie Weste geklopft hatte; der Direktor hatte zwei
Hnde wie die Leute vom Stern Erde.
    Himmel! rief Kamilla Schmidt, die Geschichte ist ja lebensgefhrlich.
Nicht um Alles in der Welt lasse ich mich einstampfen.
    Und die kleine Gesellschaft debattierte fnfzig Augenblicke mit Geschrei und
Hnderingen.
    Als der Direktor zurckkehrte, redete der Herr mit der goldenen Brille im
Namen Aller folgendermaen:
    Wir danken Ihnen, Herr Dachdirektor, fr Ihr freundliches Anerbieten von
ganzem Herzen, knnen uns aber leider nicht entschlieen, unser Jawort
abzugeben. Wir wollen doch lieber das einfache Leben behalten, es erscheint uns
sicherer; wir mssen denn doch befrchten, durch das allzu vielfltige Leben
allzu nervs zu werden.
    Hasenfe! schrie der Direktor wtend.
    Rufen Sie den Hausknecht vom Erfrischungspalast! rief er einem
vorbereilenden Assistenen zu.
    Und dann jagte der Herr Direktor kopfber als Rad zum Frhstckspalast.
    Der fremde Herr mit dem lilafarbigen Strumpf lie sich nicht blicken.
    Dafr kam der Hausknecht, ein kolossaler Riese mit ungeheurem roten Kopf und
schwarzem Maul und blauen Felsenzhnen, an den Dachrand mit dem Kopfe heran und
sagte schnarrend:
    Wohin sollen ich denn die kleinen Leute hinpusten? - so was mu mir doch
gesagt werden.
    Und mehrere Assistenten sagten ihm den Stern, auf dem die Leute zu Hause
waren, und auch die Nummer des Milchstraensystems.
    Und da pustete der Hausknecht vom Erfrischungspalast die zehn Leute vom
Sterne Erde vom Dache runter, da ihnen Hren und Sehen verging.
    Als die fnf Damen und die fnf Herren wieder zum Bewutsein kamen, sahen
sie, da sie auf einer Wiese lagen, auf der viele gelbe Butterblumen blhten;
die Sonne schien den zehn Personen hei ins Angesicht.
    Und da schimpften sie pltzlich wie die Rohrspatzen und warfen sich
gegenseitig vor, feige Memmen zu sein; Kamilla Schmidt schimpfte am meisten.
    Nach dem Geschimpfe sprangen sie alle ber den Chauseegraben, ber den der
fremde Herr gesprungen war.

Danach haben die alten Herren vom Nil herzlich gelacht.
    Der General Abdmalik sagte lachend, whrend er wie ein Soldat auf dem Tische
marschierte:
    Na, die Herrschaften waren nicht immer mutig!
    Nun mssen wir aber, sagte der Knig Ramses, ein Ende machen.
    Und der alte Oberpriester Lapapi sprach das Schluwort:
    Denk immer, da jedes Weltstck ebenso gut ein gordischer Knoten ist wie
die Welt selbst - und da jeder Mensch auch solch ein gordischer Knoten ist.
    Nach diesen Worten drckten mir unsichtbare Hnde die Augen zu - und ich
verfiel in einen langen, langen Schlaf, in dem ich nichts trumte.
    Als ich dann aufwachte, lag ich neben einem Roggenfeld, in dem blaue
Kornblumen und rote Mohnblumen blhten. Nicht weitab graste eine hellbraun und
wei gefleckte Kuh.
    Der Himmel war dunkelblau.
    Neben mir sa mein Dackel, den ich schwarzer Deiwel nannte, da er so von
der Dorfjugend geschimpft wurde. Ich hatte Hunger, griff in meine groen Taschen
- und siehe - da staken zwischen den Manuskripten bunte seidene Taschentcher,
in denen sehr, sehr viele Knoten waren.
    Und ich erinnerte mich - an Lapapis Schluwort - nahm meinen schwarzen
Deiwel und band ihm ein blaues Taschentuch um den Hals - und ein gelbes sowie
ein rotes um den schwarzen Leib. Der schwarze Deiwel war ein gutes Vieh und lie
sich das gern gefallen.
    Dann stand ich auf - und sah in der Ferne ein Stck vom dunkelblauen Meer
und links davon einen Park.
    Und dann wute ich, wo ich war.
    Ich war auf Rgen, der Park war der von Juliusruh, und rechts drben lag
Breege, wo ich schon seit dem vorigen Jahrhundert wohnte.
    Ich hatte Hunger und sagte zu meinem Hunde: Weit Du vielleicht, was meine
Frau heute zu Mittag gekocht hat? Der schwarze Hund mit den bunten
Knotentchern bellte. Aber die Antwort verstand ich nicht.
    Ich ging langsam nach Hause, whrend der Hund ber die Felder lief - wie
sonst.
    Schn sah der Deiwel aus.
    Ich sah zum Himmel auf - und da war's mir pltzlich - als ginge der Himmel
auseinander.
    Und ich schaute tief hinein in unglaublich groe Wunderwelten, da es mich
durchzuckte - und da ich laut ausrief:
    Das ist der niemals erschpferische Reichtum der Welt!
    Doch dann sah Alles wieder im Himmel so aus wie sonst.
    Es war nur ein Moment.
    Aber der sa fest in mir.
    Langsam ging ich weiter - nach Hause.
