
                                   May, Karl

                       Im Reiche des silbernen Lwen III

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                                    Karl May

                         Im Reiche des silbernen Lwen

                                    3. Band

                                 Erstes Kapitel

                                        

                                    In Basra

Jedem Leser von Tausend und eine Nacht ist der Name Basra bekannt, weil die
ebenso schne wie kluge Erzhlerin Scheherezade einen Teil ihrer Mrchen in
dieser einst hochberhmten Stadt spielen lie. Basra, frher auch Bassora oder
Balsora genannt, ist die lteste der am Euphrat und Tigris gelegenen
Khalifenstdte und wurde im Jahre 636 von Omar gegrndet, um den Persern die
Verbindung mit dem Meere und so den Seeweg nach Indien abzuschneiden.
    Zu jener Zeit lag an der damaligen, jetzt vollstndig vertrockneten Mndung
des Flusses die alte Stadt Teredon oder Diridotis, welche wegen der
Fruchtbarkeit ihrer Gegend Jahrhunderte lang von den Arabern zu den vier
Paradiesen der Moslemin gerechnet wurde. Sie stand seit Nebukadnezar bis zur
Zeit der macedonischen Diadochen in Blte und ist auch uns besonders dadurch
bekannt, da Nearchos, der Jugendfreund Alexanders des Groen, im Herbste des
Jahres 325 mit seiner Flotte vom Indusdelta herberkam und hier in Teredon
landete. Zwischen diesem Handelsplatze und Basra entstand ein Wettbewerb, aus
welchem die damals noch junge Khalifenstadt als Siegerin hervorging; Teredon
verdete, meist wohl auch infolge der allmhlichen, aber unaufhaltsamen
Versandung des Flusses, whrend Basra als Stapelplatz der nach Bagdad bestimmten
Waren zu solcher Bedeutung gelangte, da der persische Golf das Meer von Basra
genannt wurde.
    In einer wohlangebauten Gegend liegend und unter dem besondern Schutze der
Khalifen stehend, kam diese Stadt nicht nur zu groem materiellen Reichtum,
sondern auch zu hohem litterarischen Ruhme, weil die hervorragendsten Dichter
und Gelehrten der moslemitischen Welt sich hier zusammenfanden, besonders
nachdem Ibn Risaa, der Gefeierte, da eine der ersten Gelehrtenschulen gegrndet
hatte. Die geistige und geistliche Bedeutung dieser Akademie war eine so hohe,
da Basra durch sie den Ehrennamen Kubbet el Islam, Kuppel des Islam, erhielt.
Diese Herrlichkeit war aber nicht von langer Dauer; die Stadt ging an demselben
Schicksale zu Grunde, welchem ihre einstige Rivalin Teredon erlegen war, der mit
der Zeit unerbittlich fortschreitenden Austrocknung des Flusses, wozu sich auch
hchst ungnstige politische Verhltnisse gesellten. Jetzt besteht die Kuppel
des Islam nur aus zwischen Ruinen liegenden armen Htten und ist, obgleich
Ausgangspunkt der nach Arabien bestimmten Karawanen, fast bedeutungslos. Sogar
den Namen hat es eingebt; es wird jetzt Zober genannt, nach einer kleinen
Grabmoschee, welche auf der Stelle steht, wo der gleichnamige Parteignger von
Muhammeds Witwe Ascha den Tod gefunden hat. Uebrigens ist das alte Basra auch
dadurch interessant, da Muhammed als Knabe seinen Oheim Abu Taleb auf einer
Reise hierher begleitete und da mit einem christlichen Mnche Namens
Dscherdschis (Georgius) zusammentraf, der sich viel mit ihm beschftigte und
dann den Onkel auf die geistigen Anlagen des Neffen aufmerksam machte.
Wahrscheinlich ist hier die Wurzel zu den christlichen Anschauungen zu suchen,
deren Blten so oft im Kuran zu entdecken sind.
    Basra liegt jetzt ungefhr zwei Meilen nordstlich von der alten Stadt. Wer
etwa infolge von Tausend und eine Nacht in poetisch gehobener Stimmung
ankommt, der sieht sich von einer so unpoetischen Misre umgeben, da er schon
in der ersten Stunde wnscht, den Schauplatz ser Mrchen so bald wie mglich
wieder verlassen zu knnen. Zunchst liegt die Stadt leider nicht direkt am
Flusse, sondern eine halbe Stunde davon an einem stagnierenden und darum
belriechenden Wasser. Der Ort bietet dem Auge des Besuchers nur die Zeichen des
Verfalles; er steht auf versumpftem Grunde, welcher gefhrliche Miasmen erzeugt.
Die jahraus, jahrein hier brtenden Fieber sind so berchtigt, da z.B. die
Versetzung eines Beamten von Bagdad nach Basra fr eine Verurteilung zum sichern
Tode gehalten wird. Kein einheimischer Arzt kennt ein wirksames Mittel gegen
diese Fieber, und da auch unsere Medizinen sich als machtlos erweisen, so kommt
auch der Europer nur, um schnell wieder zu gehen. Die Bevlkerung, noch in den
zwanziger Jahren auf wenigstens sechzigtausend geschtzt, kann jetzt kaum den
zehnten Teil davon betragen, und wenn es hier nicht den Kut-i-Frengi1 fr die
groen Seedampfer gbe, welche den Handelsverkehr zwischen Mesopotamien und
Indien vermitteln, so wrde Basra an seiner jetzigen Stelle bald vergeblich zu
suchen sein.
    Obgleich ich das alles sehr wohl wute, war ich doch mit meinem Hadschi
Halef hierhergekommen, um Alt-Basra zu besuchen und dann aber ja nicht zu
verweilen, sondern ber den Schatt el Arab und Qarun zu setzen und dann am Ufer
des Dscherrahi oder auch Ab Ergun in die Berge zu reiten, durch deren Psse dann
ein Weg nach Schiras zu suchen war. Meine Leser wissen, da ich frher schon
einmal mit Halef in Basra gewesen bin2. Wir hatten schon damals die Absicht,
nach Persien zu gehen, waren aber auf die Pilgerstrae nach Mekka abgelenkt und
dann ganz verhindert worden, diesen Vorsatz auszufhren. Was wir dabei in
Alt-Basra erlebt hatten, war so interessant, da wir jetzt diese Gegend nicht
berhren wollten, ohne die Sttte wieder aufzusuchen. Heute waren wir von diesem
Ritte zurckgekehrt und saen nun unweit der Zollgebude in dem Kahwe3, welches
neben dem Thore in der Mauer liegt. Wir hatten die Pferde in dem engen,
schmutzigen Hofe stehen und warteten auf den Fhrmann, der uns an das linke Ufer
des Schatt el Arab bringen sollte. Der liebe Mann hatte uns abgewiesen und auf
spter vertrstet, weil er vorhin jemand hinbergerudert habe und sich nun erst
einmal tchtig ausruhen msse. Dieser Zeitverlust um einer so albernen Ursache
willen war rgerlich, mute aber ruhig hingenommen werden, da der Starrkopf
unsern Einwand, da wir selbst rudern wollten und er dabei ruhen knne, mit der
Widerrede beantwortete, da er seine Ruder nur fr sich und nicht fr andere
Leute habe. Aber wie jede Verdrielichkeit auch eine gute Seite hat, so sollte
es sich auch in diesem Falle zeigen, da die Verzgerung nicht ohne freundliche
Folgen fr uns sei. Ja, sie brachte uns eine Ueberraschung, wie wir sie uns
grer und besser gar nicht htten wnschen knnen.
    Ich mu bemerken, da die Wnde des Kaffeehauses grad so wie diejenigen der
Zollgebude aus geflochtenem Rohre bestanden. Es gab zwei Rume, einen grern
und einen kleinern; wir saen ganz allein in dem letzteren und konnten durch die
dnne, lckenreiche Scheidewand alles, was in dem ersteren vorging, sehen und
auch alles deutlich hren, was gesprochen wurde. Bis jetzt waren einige Leute
dagewesen, nun aber wieder gegangen. Der Wirt sa faul auf seinem Kissen, hatte
die ausgegangene Tabakspfeife auf den Knieen liegen und sah schlfrig vor sich
hin. Der junge Somali, welcher der Bedienung der Gste obzuliegen hatte, war
beschftigt, die Tschibuks, die an der Wand hingen, einen nach dem andern
herabzunehmen, um sie zu stopfen; sie waren fr die rauchlustigen Gste
bestimmt. Es war sehr still hier in den Rumen, auch drauen: nur zuweilen
hrten wir einen lauten Kommandoruf, welcher auf dem Verdecke des englischen
Dampfers erscholl, der gegen Abend die Anker lichten wollte, um nach Karatschi
und Bombay zu gehen. Dann ertnte die begrende Stimme einer krftigen
Schiffspfeife. Es kam ein neuer Dampfer an, ob von oben herab oder von der See
herauf, das wuten wir nicht, weil wir ihn nicht sehen konnten. Dieses Schiff
brachte uns die Ueberraschung, welche ich vorhin erwhnte. Es waren seit dem
Pfeifensignale kaum zehn Minuten vergangen, so hrten wir, da ein neuer Gast in
das Caf trat.
    Sallam! grte er kurz.
    Sallam aalekum! antwortete der Wirt in mdem, gleichgltigem Tone.
    Wir hatten gar keinen Grund, uns um die Besucher dieses Hauses zu bekmmern,
aber die Langeweile des Wartens veranlate uns, durch die Lcken der Scheidewand
einen Blick auf den Eingetretenen zu werfen. Kaum hatten wir das gethan, so
wollte Halef aufspringen; er ffnete den Mund zu einem Ausrufe der Verwunderung;
ich aber bedeckte ihm die Lippen schnell mit der Hand, drckte ihn auf sein
Sitzkissen nieder und raunte ihm zu:
    Still, ganz still, Halef! Das ist eine auerordentliche Begegnung; auch ich
freue mich so darber, da ich laut werden mchte, aber wir wollen warten; er
ist allein und ich mchte gern beobachten, wie er, der weder arabisch noch
trkisch versteht, sich benehmen wird.
    Der Mann, auf den sich diese meine Worte bezogen, war eine Person, die schon
an jedem Orte des Abendlandes und wie viel mehr hier in diesem Winkel des
Orientes die Aufmerksamkeit auf sich ziehen mute. Seine Gestalt war beraus
lang und knochig. Ein hoher, grauer Cylinderhut sa auf seinem schmal
ausgezogenen Kopfe. Ein unendlich breiter, dnnlippiger Mund legte sich einer
Nase quer in den Weg, die zwar scharf und lang genug war, aber dennoch die
Absicht verriet, sich noch weiter, bis zum Kinn hinab, zu verlngern. Wenn ich
dazu bemerke, da diese Nase von den Spuren einer einst auf ihr gesessenen
Aleppobeule verschnert wurde, so wird man wohl schon jetzt erraten, wer dieser
Gast des Kaffeehauses war. Der bloe, drre Hals ragte lang aus einem sehr
breiten, umgelegten und tadellos gepltteten Hemdkragen hervor; dann folgte ein
graukarrierter Schlips, eine graukarrierte Weste, ein graukarrierter Rock,
graukarrierte Beinkleider, graukarrierte Gamaschen und staubgraue
Zugstiefeletten. Um seine Taille ging ein graukarrierter Grtel, in welchem
mehrere Revolver und Messer steckten. Von der einen Schulter bis zur andern
Hfte zog sich hinten und vorn eine schmale, graukarrierte Patronenkatze herab.
Auf dem Rcken hing in einem graukarrierten Ueberzuge ein ungewhnlich groes
Gewehr, und in der Hand trug er ein kleineres, welches auch in einer
graukarrierten Umhllung steckte.
    Dieser graukarrierte Mann ging steif und wrdevoll auf eines der an den
Wnden liegenden Sitzkissen zu und bog die Kniee ein, um sich in orientalischer
Weise mit untergeschlagenen Beinen auf dasselbe niederzulassen, verlor dabei
aber aus Mangel an Uebung und Ueberflu an Ungelenkigkeit das Gleichgewicht und
kam mit weit ausgespreizten Beinen und einem krftigen Plumpse derart auf das
Kissen nieder, wie ein regelrechter Europer regelrecht zu sitzen hat.
    Thunder-storm! rief er, darob zornig, aus, besann sich aber sogleich eines
Bessern und rief dem Somali in befehlendem Tone das eine Wort zu:
    Tschibuk!
    Der ostafrikanische Jngling nahm eine der Pfeifen, die er gestopft hatte,
schob die Spitze in den Mund, legte ein Stck glhende Holzkohle auf den Tabak,
sog den letzteren in Brand und reichte dann dem Fremden den Tschibuk mit einer
grazisen Bewegung hin.
    Chanzir4! fuhr ihn dieser an und schlug ihm die Pfeife aus der Hand, da
sie dem Wirte vor die Fe flog.
    Dieser begriff den Grund dieses hier seltsamen Verhaltens und erklrte dem
Nikotin-Ganymed:
    Der Fremde ist ein Inglis, der den Tschibuk nicht aus deinem Maul haben
will; er brennt sich den Tabak selber an.
    Infolge dieser Belehrung holte der Somali eine andere Pfeife und andere
Kohle. Der Englnder griff zu und that einige Zge; da machte seine Nase eine
energische, sich strubende Bewegung, worauf diese zweite Pfeife hin zur ersten
flog.
    Was ist's? fragte der Wirt. Warum wirfst du auch diesen Tschibuk weg?
    Duchan5 miserabel! antwortete der Gefragte.
    Du sprichst vom Tabak, aber ich verstehe dich nicht. Was bedeutet das
andere Wort?
    Duchan battal! lautete nun der ganz arabische Bescheid.
    Ich habe keinen bessern. Wenn es dir bei mir nicht schmeckt, so kannst du
gehen!
    Kahwe! befahl hierauf der Gast, der ruhig sitzen blieb.
    Der Somali ging zum stets brennenden Mangal6, bereitete eine Tasse Kaffee
und brachte sie ihm. Der Inglis roch daran, that versuchsweise einen kleinen
Schluck, go dann die Tasse aus und rief mit einer Gebrde des Abscheues:
    Kahwe battal dschiddan7!
    Wenn er dir nicht schmeckt, so kannst du gehen! meinte der Wirt im
orientalischen Gleichmute, fgte aber vorsichtig hinzu, nachdem du vorher
bezahlt hast!
    Kaddaisch tamano8? erkundigte sich der Englnder.
    Ischrin kurusch - - zwanzig Piaster.
    Das war eigentlich eine Prellerei und sollte eine Strafe fr das
beleidigende Verhalten des Gastes sein. Dieser zog gleichmtig ein Geldstck aus
der Tasche und warf es hin; der Somali hob es auf und brachte es dem Wirte. Als
dieser Miene machte, herauszugeben, deutete der Englnder durch eine wegwerfende
Handbewegung an, da er nichts wiederhaben wolle. Den erstaunten Gesichtern der
beiden andern war deutlich anzusehen, da der zurckgewiesene Ueberschu ein
bedeutender war.
    Ich wunderte mich gar nicht ber diese Generositt, die meinem alten, braven
David Lindsay zur zweiten Natur geworden war. Lindsay - - da habe ich nun doch
verraten, wer dieser graukarrierte Fremde war! Ja, man denke sich mein und
Halefs Erstaunen und unsere Freude, Lord Lindsay so unerwartet hier zu sehen!
Ich wute, da er jetzt jahrelang nicht in seinem Altengland gewesen war; er
hatte sich immerwhrend auf Reisen befunden und mir vor vierzehn Monaten aus der
Kapstadt den letzten Brief geschrieben. Wohin er sich von dort aus wenden wolle,
hatte er nicht erwhnt. Nun kam er heut pltzlich hier hereingestiegen, ganz
genau in demselben eigentmlichen Habitus, in welchem ich ihn damals in Maskat,
und zwar auch in einem Kaffeehause9, zum erstenmal gesehen hatte!
    Und mehr noch als ber diese Begegnung an sich, war ich ber seine Sprache
erstaunt. Wir waren damals so lange, lange Zeit durch die verschiedensten
Gegenden des Orientes geritten und hatten hier und da so langen Halt gemacht,
da eine Anbequemung an die betreffenden Sprachen und Sitten doch eigentlich
selbstverstndlich gewesen wre; aber es war dem veritablen Englishman nicht
einmal im Traume eingefallen, sich auch nur etwas von den Gewohnheiten und der
Ausdrucksweise der Leute, mit denen wir zu verkehren hatten, anzueignen. Weil er
Englnder war, glaubte er, in jeder Beziehung durchaus nur englisch sein zu
mssen, und gab sich nicht die geringste Mhe, ein trkisches, arabisches,
kurdisches oder persisches Wort im Gedchtnisse zu behalten. Da er Deutsch
verstand und sprach, wre ein Wunder zu nennen gewesen, wenn ihm diese Kenntnis
nicht schon whrend seiner Knabenzeit von einer deutschen Verwandten
mtterlicherseits beigebracht worden wre. Er hegte die unerschtterliche
Ueberzeugung, sich selbst auf dem fernsten und unbekanntesten Erdenpunkte mit
englischem Wesen und ausschlielich englischer Sprache leicht und mhelos
bewegen zu knnen, und war der Ansicht, da auch das geringste Abweichen von
dieser Gepflogenheit eine Beleidigung seiner Nation bedeute. Diese Einseitigkeit
war uns oft in hohem Grade unbequem geworden. Wenn man sich mit einem Begleiter,
der die Sprache und die Sitten des Landes nicht kennt und versteht, unter
fremden, vielleicht gar nur halb civilisierten Vlkerschaften bewegt und dabei
oft das Unglck hat, in gefhrliche Lagen zu geraten, so versteht es sich ganz
von selbst, da die Anwesenheit eines solchen Gefhrten, und wenn er sonst der
beste Mensch der Erde wre, nicht nur hinderlich und strend, sondern unter
Umstnden sogar verhngnisvoll werden kann. Das aber hatte Lindsay niemals
einsehen wollen, und so kann man sich mein Erstaunen denken, als ich hier in
Basra auf einmal hrte da er pltzlich das Arabische nicht nur verstand,
sondern es, freilich noch sehr fehlerhaft, auch sprach!
    Er hatte sich jedenfalls jahrelang und zwar mit groem Fleie mit dieser
Sprache beschftigt, und da er das gethan und die darauf verwendete Mhe nicht
fr weggeworfen gehalten hatte, das war es, was mir an ihm vollstndig fremd
vorkam und mich mit Verwunderung erfllte. Hierzu kam ein Umstand, welcher mich
bewog, mich ber diese seine mir so berraschende Sprachfertigkeit herzlich zu
freuen: Wenn er mit uns nach Persien ritt, wo man sich ebensosehr der arabischen
wie der Landessprache bedient, war es fr uns, und besonders fr mich, eine
groe Erleichterung, nicht jemanden bei uns zu haben, der aus Mangel an
Sprachkenntnis keinen Eingeborenen verstehen konnte und dem ich also, wie das
mit Lindsay frher ja der Fall gewesen war, jedes Gesprch zu bersetzen und
alle nur einigermaen wichtigen Vorkommnisse extra zu erklren hatte. Denn da
er mit uns reiten wrde, das unterlag gar keinem Zweifel. Die Absichten, welche
ihn hierher gefhrt hatten, und die von ihm getroffenen Dispositionen mochten
sein, welche sie wollten, sobald er uns sah, lie er alles andere liegen, um
sich uns anzuschlieen, davon war ich berzeugt. Er liebte das Ungewhnliche,
sogar die Gefahr, und hing mit einer so herzlichen, aufrichtigen Zuneigung an
mir, da er ganz gewi alle seine jetzigen Reiselaunen fallen lie, um bei uns
sein zu knnen.
    Wenn ich aufrichtig sein will, mu ich sagen, da von seiner Begleitung
voraussichtlich gar manche Schwierigkeit fr mich zu erwarten war, aber er besa
andererseits auch wieder sehr gnstige Eigenschaften, durch welche diese -
Fatalitten will ich es nennen, mehr als ausgeglichen wurden. Er war ein sehr
mutiger und auerordentlich kaltbltiger Mann und besa Verbindungen, welche uns
nur Vorteil bringen konnten. Dazu kam sein auerordentlicher Reichtum. Ich
gehre nicht, aber auch mit keinem einzigen Aederchen, zu jener Art von
Menschen, welche gern jede Gelegenheit bentzen, aus der Wohlhabenheit anderer
Leute Vorteile zu ziehen, aber es ist doch auf alle Flle angenehmer, einen
Begleiter zu haben, dem jeder materielle Vorteil zur Verfgung steht, als einen,
welcher den Pfennig dreimal umwenden mu, wenn er ihn auszugeben hat und ihn
vielleicht auch dann noch wieder in die Tasche steckt. In dieser Beziehung
hatten wir an Lindsay einen hchst schtzbaren Kameraden gehabt, dessen Noblesse
fr einen andern an meiner Stelle sehr wahrscheinlich eine gute Einnahmequelle
gewesen wre. Und schlielich war, um auch das nicht zu vergessen, seine
Originalitt fr uns eine nie versiegende Quelle stiller Heiterkeit gewesen, und
es durfte angenommen werden, da wir nun wieder aus ihr schpfen drften.
    Wir sahen, da er, obgleich der Wirt ihn schon zweimal zum Gehen
aufgefordert hatte, in aller Behaglichkeit seinen Sitz behielt. Er schien ber
etwas nachzudenken, wahrscheinlich darber, was er noch verlangen und aber auch
verzehren knne, denn ihm, dem personifizierten Gentleman, war es fatal, in
einem ffentlichen Lokale zu sitzen, ohne eine anstndige Zeche machen zu
knnen. Endlich war ihm ein Einfall gekommen:
    Frank Kahwe! verlangte er.
    Unter Frank Kahwe oder Frank Kahwesi, frnkischem Kaffee, versteht man
Schokolade.
    Habe ich nicht, antwortete der Wirt.
    Kakao!
    Ich wei nicht, was das ist.
    Sherry!
    Das verstehe ich nicht.
    Da ffnete Lindsay den Mund zu einem sperrangelweiten Ghnen. Er fhlte sich
dadurch, da er nicht bekam, was er verlangte, gelangweilt, und seine Nase
blickte tief in das jetzt unter ihr ghnende, mit krftigen Zhnen umsumte
Loch, ob nicht doch vielleicht daraus ein Wunsch erscheinen werde, der zu
erfllen sei. Und da kam er auch:
    Scherbet! erklang das erlsende Wort.
    Der Somali beeilte sich, das verlangte Zuckerwasser mit Fruchtsaft zu
bringen, und bekam dafr ein so reichliches Bakschisch zugeworfen, da sein
Gesicht vor Freude glnzte und er sich durch eine dreimalige tiefe Verneigung
bedankte.
    Lindsay hob das Getrnk zum Munde und versuchte es; es schien ihm zu
schmecken, denn er that dann noch einen tiefen Zug. Indem er das Gef wieder
absetzte, fiel sein Blick hinein. Da wurden seine Augen noch einmal so gro;
sein Gesicht nahm den Ausdruck des Entsetzens an, und seine Nase strubte sich
vor Schreck empor.
    All devils! rief er aus, den Scherbet weit von sich streckend. Da ist ja
ein - - ein - - - ein - - - wie heit snail auf arabisch?
    Ich wei wieder nicht, was du meinst, antwortete der Wirt. Ist etwas in
dem Scherbet? Zeig her! Ich will sehen, was es ist.
    Durch die Freigebigkeit Lindsays dienstwillig gemacht, sprang er auf, nahm
ihm das Getrnk aus der Hand und sah nun dasselbe, was der Englishman gesehen
hatte. Ohne aber ebenso zu erschrecken, sagte er vielmehr im ruhigsten Tone:
    Eine Bazzaka, eine ganz kleine Bazzaka10, gar nicht viel lnger als mein
Mittelfinger nur! Allah hat sie ebenso geschaffen, wie er uns geschaffen hat;
wer knnte sich da grauen! Es wre schade, jammerschade um die Sigkeit. Ich
werde dir einen andern Scherbet bringen lassen.
    Er nahm die Schnecke heraus, warf sie fort, trank die Limonade bis auf den
letzten Tropfen aus und setzte sich dann wieder auf seinen Platz. Als dann der
Somali Ersatz brachte, deutete ihm Lindsay durch eine sehr entschiedene
Handbewegung an, da er das Zeug gar nicht sehen, am allerwenigsten aber trinken
mge, worauf der braune Jngling es fr weltgeschichtlich notwendig hielt, das
verschmhte Getrnk sich in das eigene Gemt zu dirigieren. Als er dies
vollbracht hatte, trat er mit seinem nackten Fue die Schnecke breit und zog
sich dann triumphierend zu seinem Kaffeefeuer zurck. Lindsay aber machte ein
Gesicht, als ob die Qualen aller an unheilbarem Weltschmerz leidenden
Menschenkinder in sein Inneres eingezogen seien, und seine Nase, die bekanntlich
mit ihren Regungen sich zu den Gefhlen ihres Herrn in steter Kongruenz befand,
hing trauernd ihre aus Abscheu vor der Bazzaka ganz wei gewordene Spitze
nieder. Diese doppelte Betrbnis machte einen so tiefen Eindruck auf den Wirt,
da er den in seinem Innern vollstndig aus dem Gleichgewichte gebrachten
Gentleman fragte:
    Ist dir etwa bel geworden? Dann rate ich dir, einen Araki zu trinken.
    Araki? fuhr Lindsay auf. Ja, einen Arak will ich haben, aber klein darf
er nicht sein!
    Er wird so gro sein, da auch ich mit trinken kann.
    Ich danke! Wenn du auch trinken willst, so la einen fr dich besonders
kommen!
    Auch so gro wie der deinige?
    Ja.
    Da ertnte die Stimme des somalischen Mundschenken:
    Fr mich auch einen?
    Meinetwegen!
    Auch grad so gro?
    Ja!
    Da holte der Garon die Branntweinkulle herein, go drei ziemlich groe
irdene Npfe voll und verteilte diese nach der ihm sehr gelufig scheinenden
Regel, mir einen, dir einen und ihm auch einen. Lindsay war diesesmal so
vorsichtig, dem Napfe bis auf den Grund zu sehen. Als er nichts Bazzakahnliches
entdeckte, nahm er einen Schluck, einen zweiten und sogar noch einen dritten.
Seine Wangen gltteten sich; das Herzeleid verschwand aus seinen vorher so
tiefbetrbten Zgen, und seine Stimme hatte einen neubelebten Klang, als er
lobend sagte:
    Der Araki ist gut, sehr gut!
    Das war das Zeichen fr die Nase, sich auch wieder aufzurichten und ihre
Spitze in holder Farbe frisch errten zu lassen. Als der Wirt dies sah, trank er
seinen Napf verstndnisinnig aus und befahl seinem Untergebenen, ihn wieder voll
zu machen. Dieser kam dem Befehle augenblicklich und ber Erwarten nach, indem
er nach seinem Herrn auch sich zum zweitenmal bedachte. Lindsay bemerkte das mit
zufriedenem Lcheln, obgleich er wohl wute, da er der Bezahlende sein werde.
Er forderte die beiden auf, soviel zu trinken, wie in ihrem Belieben stehe.
Vielleicht hegte er die rachschtige Absicht, sie fr die Schnecke in einen ganz
unmuselmnnischen Rausch zu versetzen. Der Wirt, welcher die Wirkungen des Raki
eingehend studiert zu haben schien, fhlte sich durch die Gte seines Gastes zu
der vertraulichen Mitteilung veranlat:
    Du bist ein Inglis und kennst also die Gesetze des Islam nicht. Vielleicht
weit du aber, da uns der Genu des Weines verboten ist. Doch Raki ist kein
Wein. Raki ist ein Mah es Ssahha11, und daher pflegt man ihn zum steten Wohle
des Gebers auszutrinken. Erlaube also, da ich sage: Sirreh mahabbehtak - auf
deine Gesundheit!
    Sirreh mahabbehtak! beeilte sich der Somali auch zu sagen und dabei seinen
Napf ebenso zu leeren, wie der Kaffeewirt den seinigen. Dann wurden beide wieder
gefllt.
    Diese zwei Moslemin hatten Gurgeln wie irlndische Vollmatrosen! Ich mag den
Branntwein nicht leiden, und diese hastige Art des Trinkens erst recht nicht,
doch wurde, wie sich spter herausstellte, dieser Raki nicht nur zu Lindsays,
sondern auch zu unserm wirklichen Wohle getrunken. Dabei unterhielt sich der
Englishman, welcher jetzt nur zuweilen nippte, ganz ausgezeichnet mit den beiden
Trinkern. Er blieb auch im Arabischen, wie er es in seiner Muttersprache gewohnt
war, bei seiner eigenartigen, kurz abgerissenen Sprachweise; sie aber wurden je
lnger, desto redseliger und erzhlten ihm eine Menge Dinge, die ihn gar nicht
interessieren konnten; er hrte ihnen aber, wohl des Sprachstudiums wegen, ganz
bereitwillig zu. Im Laufe des Gesprches wurden auch die in der Nhe stehenden
Zollgebude und die in ihnen beschftigten Beamten erwhnt; dies fhrte die Rede
auf die Steuern, den Zoll und schlielich auch auf den Schmuggel. Die Pascherei
ist wohl fr jedermann ein interessanter Gesprchsgegenstand; darum wurde
Lindsay jetzt noch aufmerksamer, als er vorher gewesen war. Der Wirt bemerkte
das und erzhlte ihm, durch den Raki unvorsichtig gemacht, verschiedene
Heimlichkeiten, aus denen hervorging, da er ber dieses verbotene Gewerbe mehr
wute, als er eigentlich sagen durfte. Auf den Somali hatte der Branntwein
einschlfernd gewirkt; der Wirt aber war lebhaft geworden; er rhmte sich, sehr
viel sagen und offenbaren zu knnen, wenn er nur wolle, und fgte sogar, die
Hand ausstreckend, hinzu:
    Sieh diesen Ring an meinem Finger! Er ist stumm; aber wenn er einen Mund
htte, knnte er dir Geheimnisse mitteilen, von denen du gar keine Ahnung hast!
    Es versteht sich von selbst, da ich bei der Erwhnung des Ringes Ohr war.
Sollte es ein Ring der Sillan sein? Ich hatte nicht auf die Hnde dieses Mannes
geachtet. Auch Halef hrte mit groer Spannung zu. Er schob sich, damit ihm ja
kein Wort entgehen mge, so nahe an die Flechtwand, da sie sich laut knisternd
bewegte. Lindsay bemerkte das und fragte den Wirt:
    Ist jemand da drauen? Ich hre ein Gerusch.
    Allah 'l Allah! antwortete der Kawehdschi. Es sind zwei fremde Mnner
drauen, welche Kaffee trinken; das hatte ich ganz vergessen. Ihre Pferde stehen
im Hofe, so kostbare Pferde, wie ich noch keine gesehen habe.
    Aber doch nicht Radschi Pack12?
    Echtes Radschi Pack! Willst du sie vielleicht sehen?
    Sehr gern.
    So will ich sie dir zeigen. Komm!
    Sie standen auf und gingen hinaus. Ein solcher Pferdeliebhaber, wie David
Lindsay war, lie sich den Anblick echter Araber sicher nicht entgehen!
    Sihdi, was sagst du zu diesem groen Wunder? fragte jetzt Halef. Unser
Inglis ist da! Was fr Augen wird der machen, wenn er uns erblickt!
    Noch ehe ich antworten konnte, ertnte von der Thr her Lindsays erregte
Stimme:
    Ich mu die Mnner sehen, unbedingt sehen! Den einen Sattel kenne ich,
kenne ich ganz genau. In dem Pferde kann ich mich irren; aber es gleicht dem
herrlichen Rih13, einem Hengste, den ich - - -
    Er stockte mitten im Satze. Er war whrend dieser seiner Worte mit langen,
eiligen Schritten, den Wirt hinter sich, durch den vorderen Raum gekommen und
sah nun, an der Thrffnung stehend, uns nebeneinander sitzen. Es ist mir
unmglich, sein Gesicht zu beschreiben, vollstndig unmglich! Er stand vor
Ueberraschung starr vor uns, ohne Bewegung, wie eine Bildsule. Sein Mund stand
geffnet; seine Augen waren weit aufgerissen, doch keine Lippe, keine Wimper
zuckte.
    Sir David, begrte ich ihn, indem ich aufstand; welkome wieder hier in
der alten, lieben Dschesireh14! Wer htte das geahnt!
    Ja, willkommen, Mister Englishman! lie sich auch Halef hren, der diese
beiden Ausdrcke glcklich aus seinem Gedchtnisse zusammenbrachte. Und noch
einige hinzufindend, fgte er hinzu: We are vor Freude, als wir dich kommen
sahen, fast ebenso starr gewesen, wie du jetzt vor uns stehst. Kommst du direkt
aus deinem native country? Oder hat Allah dich aus einem andern Lande zu uns
gefhrt?
    Man sah es dem kleinen Hadschi an, da er unendlich stolz auf diese frher
aufgeschnappten paar englischen Worte war. Jetzt begann Lindsay sich zu bewegen.
Er trat Schritt um Schritt auf mich zu, hob die Arme empor, breitete sie
auseinander und schlang sie dann um mich, ohne dabei aber ein einziges Wort zu
sagen. Ich war von diesem Beweise stummer, weil grter Freude tief, sehr tief
gerhrt und drckte den lieben Menschen fest an mein Herz. Da lste sich der
Bann; er konnte wieder sprechen. Er sagte mit dem weichsten Tone seiner Stimme:
    Mr. Kara, Ihr seid hier, Ihr?! Ich sage Euch, dieses Wiedersehen ist mir in
alle Glieder geschlagen. Ich mchte am liebsten weinen und bin doch froh, so
froh! Das ist wirklich ein Schulknabenstreich, den mir mein altes Herz macht!
    Lat ihm seinen Willen! Das meinige hat auch nicht bel Lust zu solchen
Streichen. Ich glaube, es mchte am liebsten Rad schlagen.
    Das steht ihm aber auch besser an, denn es ist viel jnger als meins, dem
ich eine solche Rhrseligkeit gar nicht zugetraut habe. Und da ist auch Halef,
der gewaltige Scheik und Tyrann der Haddedihn! Aber mit dem mu ich arabisch
reden!
    Jetzt war es eine Lust, das Gesicht des Englnders zu beobachten. Vorhin
hatte seine Nase ber dem weit geffneten Munde vor Erstaunen starr
emporgestanden; nun war auch in sie wieder Leben gekommen. Wie seine Augen
leuchteten, seine Wangen sich belebten und das Spiel seiner Mienen in reichem
Wechsel arbeitete, so bekam auch sie wieder Farbe, und so zeigte auch sie jetzt
eine Munterkeit der Bewegung, welche jeden, der so etwas noch nicht gesehen
hatte, in lachendes Erstaunen setzen mute. Sprach er mit Halef, so neigte auch
sie sich der Seite zu, auf welcher der Hadschi stand; wendete er sich zu mir, so
schwenkte sie auch nach mir herber. Lachte er, so geriet sie in heitere
Zuckungen, und gab er seiner Freude einen sinnig ernsten Ausdruck, so stand sie
andchtig lauschend still. Der Wirt, welcher dieser Scene beiwohnte, hatte
keinen Blick fr uns, sondern seine Augen nur fr diese wunderbare Nase, welche
mit den Gedanken und Gefhlen ihres Besitzers stets vollstndig bereinstimmte
und nicht, wie andere Nasen, sich erlaubte, zuweilen eigenmchtige Stimmungen
oder gar katarrhalische Besonderheiten zu haben. Nur damals, als sie an der
Aleppobeule laborierte, hatte sie sich gegen seinen Willen eine Extravaganz
erlaubt, die ihr aber auch nicht gut bekommen war und zur Strafe ein fr das
ganze Leben bleibendes Andenken zurckgelassen hatte.
    Whrend der ersten Aufregung des Wiedersehens waren die Eigenheiten des
Lords nicht hervorgetreten, doch sobald er sein inneres Gleichgewicht nur
einigermaen wiedergefunden hatte, machte sich zunchst seine abrupte
Ausdrucksweise geltend. Wir hatten uns noch nicht wieder niedergesetzt, als er
in derselben zu mir sagte:
    Ist eigentlich ein Festtag, ein groer Festtag heut. Mchte einen Vorschlag
machen.
    Welchen? fragte ich, nun auch kurz.
    Mssen ihn feiern, unbedingt feiern.
    Wodurch?
    Durch einen Willkommentrunk.
    Hier? Wo man nichts bekommen kann!
    Nichts? Ist groer Irrtum. Habe einen Gedanken, einen famosen Gedanken!
    Den mchte ich hren!
    Entweder Grog oder Punsch. Arak ist da, Wasser, Zucker und Feuer auch.
Citronen wird der Wirt dazu schaffen knnen. Einverstanden?
    Ja, doch nur unter der Bedingung, da wir ihn selber brauen!
    Natrlich! Werde den Koch machen. Habe an der einen Bazzaka genug gehabt;
mag keine wieder. Habt es wohl gesehen?
    Ja.
    Und mich ausgelacht?
    Ein wenig.
    Pfui! War schauderhaft! Werde lebenslang daran denken. Nun aber der
Punsch!
    Er wendete sich zu dem Wirte und erfuhr, da er alle zu dem gewnschten
Getrnke ntigen Bestandteile haben knne und auch selbst kochen drfe. Es war
eigentlich eine khne Idee, hier im Sden einen Grog brauen zu wollen, aber sie
wurde ausgefhrt. Whrend Lindsay sich als Kchenchef in seiner vollen Glorie
zeigte und der Somali ihm die dabei ntigen Handreichungen leistete, sah der
Wirt, auf seinem Kissen sitzend, ihm mit fachmnnischer Neugierde zu. Ich
betrachtete seine Hnde und bemerkte da freilich einen Ring. Er war von Silber
und die Platte schien auch wirklich achteckig zu sein; genau konnte ich es aus
der Entfernung nicht erkennen; ich mute auf eine Gelegenheit warten, der Hand
nher zu kommen.
    Als der Grog fertig war, gab es keine Glser. Da stand der Kahwedschi auf,
um andere passende Gefe herauszugeben. Er brachte thnerne Becher aus einem
Kasten, und ich trat schnell hin, sie ihm abzunehmen. Ich konnte dabei den Ring
unauffllig betrachten. Ja, die Platte hatte acht Ecken und trug die bekannten
Zeichen, ein Sa mit einem Lam verbunden, worber das Verdoppelungszeichen stand.
Der Mann gehrte also der geheimen Gesellschaft an; er war ein Sill.
    Das Getrnk war dem Lord vortrefflich gelungen; er bot in seiner freigebigen
Weise dem Wirte und dem Somali auch ihr Teil, und als er sah, wie entzckt sie
von dem ihnen bisher unbekannten Labsal waren, erlaubte er ihnen, sich auf seine
Rechnung eine neue Auflage zu bereiten; wie es gemacht wurde, hatten sie ja
gesehen. Wir aber begaben uns, um von etwa jetzt kommenden Gsten nicht gestrt
zu werden, wieder in die kleine, abgesonderte Stube. Sobald wir dort beisammen
saen, that Lindsay einen tiefen Zug aus seinem Becher und sagte, zu meiner
Genugthuung in arabischer Sprache, doch auch in seiner kurzen Weise, die ich
deutsch wiederzugeben suche:
    Mu Euch zunchst ein Rtsel aufgeben. Wollt Ihr raten?
    Ich nicht, antwortete Halef schnell.
    Warum nicht?
    Weil Allah mir die Vorzge meines Geistes und die Vortrefflichkeiten meiner
Seele nicht dazu verliehen hat, erst lange und ganz unntigerweise nach etwas zu
suchen, was ein anderer schon wei und mir also doch lieber gleich sagen kann.
    Schn! Aber du?
    Diese Frage war an mich gerichtet. Der Lord nannte mich, da er arabisch
sprach, natrlich du. Ich antwortete:
    Mu es denn geraten sein? Und warum Rtsel jetzt, wo wir doch wohl Besseres
und Ntigeres zu reden haben?
    Rtsel ist auch ntig, wirst es aber wohl nicht lsen knnen; ist zu
schwer.
    Na, da will ich es doch einmal hren!
    Gut! Es heit: Wo komme ich her?
    Das ist kein Rtsel, sondern nur eine Frage.
    Mir auch recht. Aber kannst du sie beantworten?
    Nein, denn ich bin nicht allwissend.
    Well! So will ich es sagen: Ich war bei dir.
    Bei - - mir - -? sagte ich erstaunt.
    Bei dir; das heit, in deiner Wohnung.
    Wann?
    Vor kurzem.
    So kommst du aus Deutschland?
    Yes.
    Das ist interessant! Suchtest du mich dort?
    Yes.
    In bestimmter Absicht?
    Natrlich! Wollte mit dir reisen. Letzter Brief von dir wurde mir aus
Capstadt nachgeschickt. Stand drin zu lesen, da du zu Halef und nach Persien
wolltest. Wnschte auch, Halef wiederzusehen, nach Teheran, Ispahan, Schiras zu
gehen. Kam, als damalige Reise beendet war, nach Deutschland. Wollte dich
abholen; warst aber schon fort.
    Ach, nun errate ich! Du bist mir schleunigst nach?
    Nicht eigentlich nach. Kannte deinen Weg ja nicht. Dummer Kerl, dein Wirt;
konnte mir nicht sagen, welche Route!
    Er ist nicht mein Vertrauter!
    Well! Mute also eigenen Weg nehmen: Wien, Triest mit Bahn; Triest, Suez,
Bombay mit Schiff; Bombay, Buschehr, Bagdad wieder mit Schiff, dann Haddedihn
suchen und nach dir fragen.
    Das ist ja ein auerordentlich khner Plan!
    Khn! Pshaw! sagte er wegwerfend.
    Ja, doch khn! Von Bagdad zu den Haddedihn, deren Weidepltze man erst
suchen mu, ist's ein gefhrlicher Weg.
    Bin kein Kind!
    Das wei ich; aber ob Mann oder Kind, die Gefahr ist doch da. Es ist auf
alle Flle ein Glck, da wir uns hier auf eine so fast wunderbare Weise
getroffen haben!
    Well! Dampfer legte fr fnf Stunden hier an. Habe Bord verlassen, weil es
dort zu langweilig ist.
    Ja, hier im Kahwe ist es bei Raki und Bazzaka kurzweiliger gewesen!
    Bitte, still! Mag von Schnecke kein Wort hren. Ihr seid unterwegs?
    Ja.
    Nach Persien?
    Ja.
    Well! Ich gehe mit!
    Ich denke, du willst nach Bagdad und dann zu den Haddedihn!
    Mach keine schlechten Witze! Doch, ah, ich verstehe; habe nicht gefragt, ob
Ihr mich wollt. Werde es also nachholen. Darf ich mit?
    Ja, antwortete ich in der von ihm gewnschten Krze.
    Welches die erste persische Stadt?
    Schiras.
    Wann von hier fort?
    Jetzt, nachher, sobald der Fhrmann kommt.
    Fhrmann? Hm! Wartet! Bin gleich wieder da!
    Er sprang auf und ging so eilig fort, da ich gar keine Zeit fand, ihn zu
fragen, wohin er wolle. Jedenfalls nach seinem Dampfer, um die Fahrt abzubrechen
und sein Gepck zu holen.
    Sihdi, der macht es kurz, lachte Halef. Fast htte er gar nicht erst
gefragt, ob wir ihn gern mitnehmen oder nicht. Wer wei, ob er, wenn er uns
nicht getroffen htte, bis zu den Haddedihn gekommen wre! Er glaubt nicht an
die Gefahren welche zu beiden Seiten dieses Weges lauern. Sag mir aufrichtig, ob
es dir lieb ist, da wir ihn mitnehmen sollen.
    Wenn ich ehrlich sein will, mu ich gestehen, da ich mich in den Gedanken
eingelebt habe, nur dich allein bei mir zu haben.
    Ich danke dir, Effendi! Ich wollte, er wre in seinem native country
geblieben.
    In dieser Weise will ich es doch nicht meinen. Du mut bedenken, er ist ein
sehr vornehmer Herr und seine Freundschaft eine sehr ehrenvolle Auszeichnung.
Auch sind die Vorzge seines Geistes und seines Herzens hoch anzuschlagen, und
was die Hauptsache ist, ich habe ihn lieb. Ich gebe zu, da infolge seiner
Begleitung wohl manches anders werden wird, als es sich ohne ihn gestalten
wrde. Wir werden oft Rcksicht auf ihn und seine Eigenheiten zu nehmen haben;
aber das wird alles ausgeglichen durch die vortrefflichen Eigenschaften, welche
ihm unsere Achtung und Zuneigung erworben haben. Ich will also, Fr und Wider
gegeneinander abgewogen, sagen, da es sich gleich bleibt, ob wir zu Zweien oder
zu Dreien sind.
    Wenn du so sprichst, will ich mich darein finden, nicht dein einziger
Gefhrte sein zu drfen. Horch, Effendi, was Euer Raki mit heiem Zuckerwasser
fr eine fromme Wirkung hat!
    Der Wirt sang drauen in einem fort Allahhu, Allahhu, Allahhu! Er ahmte
die heulenden Derwische nach, und der traute Ostafrikaner schrillte in den
hchsten Fisteltnen allerlei dummes Zeug dazu. Es war ohrenzerreiend und
nervenzersgend, aber hier an den vereinigten Wassern des Euphrat und Tigris
schatt-el-arabisch schn!
    Als ich dem Hadschi jetzt mitteilte, da der Wirt den Ring der Sillan am
Finger trage und also wohl zur geheimen Bruderschaft der Schatten gehre,
sagte er schnell:
    So erlaube, da ich meinen Ring auch anstecke und ihn diesem Manne wie
zufllig sehen lasse! Ich mchte sehr gern wissen, was er dann thun oder sagen
wird.
    Hm, wir drfen mit diesen Ringen nicht spielen, lieber Halef!
    Das wei ich gar wohl; aber du hrst ja, da er betrunken ist; es ist also
gar keine Gefahr dabei, denn wenn er wieder nchtern geworden ist, wird er
nichts mehr wissen. Vielleicht erfahren wir etwas.
    Das ist freilich mglich. Nur darf ich mich nicht fr einen Sill ausgeben,
weil er uns vorhin zugehrt hat und also wahrscheinlich wei, da ich ein
Europer bin.
    Gengt es denn nicht, da ich mit ihm spreche? Mich kann er fr keinen
Franken halten.
    Wenn du vorsichtig wrst, ja, dann!
    Das werde ich sein, Sihdi. Darf ich?
    Gut, ich denke auch, da die Sache fr uns ganz unbedenklich ist, und will
dir den Spa nicht verderben. Er hat einen Rausch und knnte uns auch ohnedies
nichts schaden, weil wir diese Gegend ja heut verlassen und dann ber die Grenze
gehen. Aber wenn du sagst, du seiest ein Sill, so darf er ja nicht denken, da
ich oder Lindsay als deine Gefhrten etwas davon wissen. Verstanden?
    Ja. Ich werde so geheimnisvoll thun, als ob ich in Wirklichkeit ein
Mitglied dieser Verbindung sei. Wann soll ich zu ihm gehen? Jetzt?
    Nein, sondern erst dann, wenn Lindsay zurckgekehrt ist. Jetzt wrde es
auffallen, da du mich allein lssest und hinter meinem Rcken mit ihm von
Dingen plauderst, die ich nicht wissen darf.
    Hoffentlich kommt der Inglis bald wieder, denn wenn der Fhrmann erscheint,
mssen wir bereit sein, sonst bekommt er das Bedrfnis, noch einmal auszuruhen.
Hattest du eine Ahnung, da Lindsay dich in deiner Heimat aufsuchen werde?
    Nein. Er hat mich nicht davon benachrichtigt. Ich schrieb ihm, da ich die
Absicht htte, nach Persien zu gehen und dich mitzunehmen. Da ist in ihm der
Wunsch erwacht, sich uns anzuschlieen. Da wir damit einverstanden sein wrden,
hat er fr ganz selbstverstndlich gehalten. Solche Herren leben ja immer in dem
Glauben, da alles, was sie sprechen, thun und wollen, von anderen Leuten als
Gesetz betrachtet wird. Er kennt meine Wohnung, die ich behalte, selbst wenn ich
jahrelang auswrts auf Reisen bin, und ist gekommen, um mir ganz einfach zu
sagen, da er mich begleiten werde. Da ich schon fortgewesen bin, ist er auf dem
krzesten Wege oder vielmehr mit der schnellsten Gelegenheit hierher gefahren,
um mich aufzusuchen. Sich vorher zu fragen, ob mir das lieb sein werde oder
nicht, das ist ihm gar nicht in den Sinn gekommen. Das gesellschaftliche Leben
aller Lnder und Vlker wird von einem Paragraphen beherrscht, welcher lautet:
Vornehme Leute stren nie! Wenn du das noch nicht weit, so merke es dir!
    Das habe ich nicht ntig, denn als oberster Scheik der Haddedihn vom groen
Stamme der Schammar gehre ich selbst ja auch zu den vornehmsten Personen vom
Aufgang bis zum Niedergang der Sonne, so da kein englischer Lord sich einbilden
darf, hher zu stehen als ich, der ich ein freier und unumschrnkter Beherrscher
freier Mnner bin. Ich gehre also selbst zu denjenigen Personen, welche niemals
stren. Wem Allah die hohe und unschtzbare Gabe verliehen hat, eine so groe
Menge tapferer Beduinen zu beherrschen, der kann sich getrost an die Seite der
Kaiser, Knige und sonstigen allerhchsten Regenten stellen, und ich bin der
Ueberzeugung - - -
    Hier unterbrach ich ihn mit irgend einer Bemerkung, denn wenn er auf dieses
Thema geriet, so mute man ihm den Faden der Rede schnell zerschneiden, sonst
spann er ihn bis in die Unendlichkeit hinein. Er ging zwar ber meinen Einwurf
rasch hinweg und griff den Faden wieder auf, aber glcklicherweise kehrte
Lindsay jetzt zurck, wodurch Halef zu seinem Leidwesen gezwungen wurde, vom
Thema seiner unzhlbaren Vorzglichkeiten abzulassen. Da der Lord, einen Mantel
abgerechnet, den er am Arme hngen hatte, gerade so wieder kam, wie er gegangen
war, so fragte ich ihn nach seinem Gepck.
    Gepck? antwortete er. Habe keins.
    Wirklich keins?
    Yes. Bin frher so dumm gewesen, mich mit einer Menge von Sachen zu
schleppen, und habe mich trotzdem fr einen tchtigen Globetrotter gehalten.
Habe aber von dir gesehen, wie man es machen mu. Mache es nun ebenso: Anzug auf
dem Leibe, Mantel, Waffen, Geld, weiter nichts.
    Aber wie steht es mit dem Pferde?
    Habe keins.
    So mssen wir hier eins kaufen.
    No!
    Nicht? Warum? Basra hat Pferdeausfuhr nach Indien. Es giebt also hier eine
ganz gute Gelegenheit, dem Mangel abzuhelfen.
    Mag keins von hier; will persische Rasse; diese einmal versuchen. Werde
also erst kaufen, wenn wir drben sind.
    Das geht aber nicht. Du kannst doch nicht neben uns herlaufen. Und selbst
wenn du dir diese Absonderlichkeit leisten wolltest, wrdest du es nicht
aushalten. Der Weg ber das Gebirge hinber ist weit und sehr beschwerlich.
    Welches Gebirge?
    Ich meine da hier hinber die Berge von Chusistan.
    Chusistan? Haben nichts mit Chusistan zu thun!
    Wiefern?
    Werden berhaupt nicht reiten!
    Wer sagt das?
    Ich. Werden fahren.
    Fahren? Womit? Hier giebt es keine Postchaisen.
    Schlechter Witz! Werden per Schiff fahren.
    Ah - - - so?!
    Yes. Liegt ja ein Dampfer drauen. Geht gegen Abend ab, nach Bombay. Wird
uns in Buschehr absetzen.
    Wer sagt das? frage ich wieder.
    Ich - - antwortete er. Habe bereits drei Pltze bezahlt. Mit Kapitn
gesprochen. Alles abgemacht!
    Wer hat dich dazu beauftragt?
    Beauftragt? fragte er, mit dem Kopfe hoch emporfahrend, die Stirn in
Falten ziehend und mich aus zusammengezogenen Augen erstaunt ansehend. Denke
nicht, da es einer besonderen Beauftragung bedurfte, sondern glaubte, es so
ganz richtig zu machen! Wolltet ihr denn nicht per Schiff nach Buschehr
hinunter?
    Nein.
    Well, htte das wissen sollen!
    Du konntest es erfahren, indem du uns fragtest!
    Yes, ist richtig; aber unter Reisegefhrten rechnet man nicht so genau. Da
die Pltze bezahlt sind, werden wir fahren.
    Ist das wirklich so bestimmt, wie du meinst?
    Yes.
    Wenn ich nun nicht darauf eingehe?
    Ist gar nicht mglich. Wrde eine Beleidigung fr mich sein. Was sagt Halef
dazu?
    Ich thue das, was mein Effendi thut, antwortete der kleine Hadschi.
    Well, so fahren wir. Werde doch nicht unntig bezahlt haben sollen!
    Da er mich bei diesen Worten fragend ansah, gab ich den Bescheid:
    Gut, gehen wir also per Dampfer nach Buschehr. Der Weg von dort nach
Schiras ist ja auch ganz interessant. Wenn du mit dem Wirte sprechen willst,
Halef, jetzt ist es Zeit.
    Ja, ich gehe jetzt hin, nickte er, und werde mich so verhalten, da ich
deine Zufriedenheit erlange, Sihdi. Du weit, eine Dummheit sage ich nicht!
    Ja, das wute ich freilich. Unberlegt zu handeln, das fiel ihm gar nicht
schwer, aber im Gebrauche der Zunge besa er eine desto grere Meisterschaft.
Als er sich entfernt hatte und ich lngere Zeit schweigend vor mich hingeblickt
hatte, fragte Lindsay, und zwar in englischer Sprache:
    Warum redet Ihr nicht? Habt wohl schlechte Laune? Was?
    Bitte, Launen habe ich nie!
    Woher dann aber dieses Gesicht und diese Augen? Mchte wetten, da Ihr
etwas gegen mich habt.
    Diese Wette wrdet Ihr freilich gewinnen. Aber eine Laune ist es nicht. Ich
kann berhaupt launenhafte Menschen nicht leiden. Wenn mich etwas verdriet,
sage ich es frei und ehrlich vom Herzen herunter, und dann ist es wieder gut.
    Well! Also herunter damit! Was ist's?
    Diese Frage sollte eigentlich gar nicht notwendig sein. Ihr mtet auch
ohne jedes Wort von mir wissen, was ich gegen Euch habe.
    Kann es mir aber doch nicht denken. Sollte es sein, weil ich die
Schiffspltze genommen habe?
    Natrlich ist es das!
    Aber Ihr seid doch darauf eingegangen, ohne darber zu rsonieren!
    Dazu hatte ich zwei Grnde. Erstens waren die Pltze bezahlt; man bekommt
das Geld nicht wieder; es gab also an der Sache nichts zu ndern. Und zweitens
wollte ich Euch nicht vor Halef blamieren.
    Blamieren? Oho! Das ist ein sehr krftiges Wort, Mr. Kara!
    Aber das richtige. Ich halte es fr notwendig, Klarheit zwischen uns zu
schaffen. Ich liebe es nicht, wenn ohne mein Wissen ber mich disponiert wird.
Ich bin weder ein Bedienter, ber dessen Person man nach Belieben verfgen kann,
weil man ihn bezahlt, noch eine Puppe, die sich an Fden ziehen lt. Ich will
gefragt sein. Das mt Ihr Euch ein fr allemal merken!
    Da zog er die Brauen hoch empor, welcher Bewegung seine erstaunte Nase
sofort folgte, und sagte:
    Sollte ich erst hierher laufen, um wie ein Knabe um Erlaubnis zu bitten?
    Das sind sehr unpassende Worte, Sir. Ihr kennt meine Art, zu reisen. Ich
bewege mich nicht auf den breitgetretenen, ungefhrlichen Wegen Anderer, denn
ich will die Bcher, welche ich schreibe, nicht mit den Resultaten wohlfeiler
Erkundigungen fllen, sondern nur das erzhlen, was ich selbst erlebt, geprft
und gesehen habe. Ich bin keiner der subventionierten Herren, welche unter hohem
Schutze mit groem, Aufsehen erregendem Trosse bequeme Pfade ziehen und dann,
wieder heimgekehrt, einen Vortrag auswendig lernen, um mit ihm, Stadt fr Stadt
abklopfend, Geld zu machen. Ich reise, um allberall, im Urwalde, in der Steppe,
der Wste, im Leben der Verachteten und Bedrngten, im Herzen des sogenannten
Wilden die Spuren Gottes, die Wahrzeichen und Beweise der ewigen Liebe und
Gerechtigkeit zu suchen, denn meine Bcher sollen zwar Reisebeschreibungen, aber
in dieser Form Predigten der Gottes- und der Nchstenliebe sein. Darum gehe ich
meine eigenen Wege und bewege mich in meiner eigenen Weise; ich lebe und reise
von meinen eigenen Mitteln, verlasse mich nchst Gottes Schutz auf meine eigene
Kraft und lasse mich von keinem andern Willen als meinem eigenen dirigieren. Wer
sich mir anschliet, hat sich in diese meine Eigenheit zu finden, sonst kann ich
ihn nicht brauchen. Ich mag nicht das am Zgel gelenkte Pferd, sondern ich will
der Reiter sein, und wer da glaubt, wie vorhin Ihr, mich durch ein Fait accompli
willenlos und ihm gefgig zu machen, der mag diese Probe nicht zum zweitenmal
versuchen; er wrde sich in mir tuschen! Ich bin gewohnt, selbstndig zu
handeln und werde selbst dem besten Freunde nie gestatten, ohne meine Erlaubnis
ber mich zu verfgen.
    Lindsay machte ein sehr verlegenes Gesicht. Die Falten seiner Stirn bildeten
lngst schon keine hohen Bogen mehr; er hatte den Kopf gesenkt und die vorher so
stolz erhobene Nase war tief zerknirscht zusammengesunken.
    Es war aber ja ganz gut gemeint! entschuldigte er sich.
    Das wei ich wohl; darum habe ich in Halefs Gegenwart geschwiegen und Euch
nun jetzt unter vier Augen meine Meinung gesagt. Ihr habt Euch frher stets nach
mir gerichtet und mt zugeben, da dies stets zu Eurem Vorteile war. Seit jener
Zeit seid Ihr als selbstndiger Mann gereist und habt Euch angewhnt, zu
handeln, ohne andere zu fragen. Das ist der leicht erklrliche Grund Eurer
Eigenmchtigkeit, und darum sage ich Euch meine Meinung nicht in zornigen,
sondern in ganz ruhigen Worten. Jetzt aber seid Ihr nicht mehr Euer eigener
Herr; ich bin nicht Euer, sondern Ihr seid mein Begleiter; das gebe ich Euch zu
bedenken.
    Soll das heien, da ich gar keinen Willen haben darf?
    Nein; aber wenn drei Personen eine weite, beschwerliche und wohl auch oft
gefhrliche Reise zusammen unternehmen, so versteht es sich ganz von selbst, da
keiner von ihnen ohne Wissen der andern wichtige Bestimmungen treffen darf; es
mu alles einmtig geschehen; das ist es, was ich wnsche. Ihr sagtet vorhin,
da man unter Reisegefhrten nicht so genau zu rechnen brauche; das ist
grundfalsch; ich halte es vielmehr fr sehr notwendig, da jeder Gefhrte die
Rechte der andern sehr genau beachte und auf sie Rcksicht nehme. Ihr behauptet
ferner, es wrde eine Beleidigung fr Euch sein, wenn wir uns Eurer Anordnung
nicht fgten. Ich sage Euch dagegen, da es eine Beleidigung fr uns war, diese
Anordnung ohne unser Wissen zu treffen!
    Well, hm, mag wahr sein! Will es also nur sagen: Ihr solltet nicht zu
zahlen brauchen!
    Das wei ich ja; aber das ist grad der Punkt, wohin ich mein Fragezeichen
setze, weil ich nicht wnsche, da ein Ausrufezeichen daraus werde. Ihr kennt
mich da von frher her. Ich will vor allem auch in dieser Beziehung mein eigener
Herr sein und teile Euch darum ganz aufrichtig meine Ansicht mit, da pekunire
Unselbstndigkeit fast sicher auch andere Arten von Abhngigkeit nach sich
zieht.
    Aber, Mr. Kara, ich bin reich, tausendmal reicher als Ihr! Soll ich da
nicht das Vergngen haben, Euch dann und wann etwas zu ermglichen oder
wenigstens zu erleichtern, was Euch sonst schwer fallen oder gar unmglich sein
wrde? Es ist das fr mich ja eine Kleinigkeit, grad so, wie wenn ein Pferd beim
Fttern einige Krner verliert, die von einem Sperling aufgetippt werden.
    Danke herzlich fr diesen vortrefflichen Vergleich! lachte ich.
    War nicht so, sondern anders gemeint! Sehe ein, da ich auch ein
aufrichtiges Wort bringen mu. Hrt mich ruhig an!
    Sehr gern!
    Wenn ich in meine volle Tasche greife, um einige armselige Piaster fr Euch
auszugeben, so wollt Ihr mir das nicht gestatten. Ich aber soll es mir ruhig
gefallen lassen, da Ihr in Euern Kopf, in Eure Kenntnisse, in Eure reichen
Erfahrungen greift und fr mich mit Eurer geistigen, intellektuellen Mnze nur
so um Euch werft! Mnze ist Mnze; ob aus den Schtzen Eures Verstandes oder aus
unserer Bank von England entnommen, das bleibt sich gleich. Soll ich welche von
Euch einnehmen, so mu auch ich von der meinigen ausgeben drfen, wenn ich mich
nicht als armer Almosenempfnger fhlen soll; das mt Ihr doch einsehen! Oder
nicht?
    Ich will zugeben, da das, was Ihr da gesagt habt, nicht ohne einige
Berechtigung ist, und will, so wie ich es frher nicht war, auch jetzt nicht
dagegen sein, da Ihr zuweilen einmal in Eure wohlgefllte Tasche greift; aber
Ihr drft damit nicht die Ansicht verbinden, da dies ohne unser Wissen
geschehen kann und gar vielleicht Euch die Berechtigung verleiht, uns wie heut,
mit vollendeten Thatsachen, denen wir nicht zugestimmt htten, zu berraschen.
Fr diesesmal sollt Ihr unsere nachtrgliche Zustimmung erhalten; bei einer
Wiederholung dieses Falles aber wrdet Ihr nur den Erfolg haben, ohne unsere
Gesellschaft auf Eurer Thatsache sitzen zu bleiben. So, nun mag diese heikle
Angelegenheit abgethan sein. Ihr habt es gut gemeint und ich meine es mit meinem
Tadel auch nicht schlecht, denn ich habe ihn nur ausgesprochen, um spteren
Unannehmlichkeiten zu begegnen. Wo habt Ihr denn eigentlich Eure berraschende
Kenntnis der arabischen Sprache her?
    Da hellte sich sein verdstertes Gesicht schnell auf; die Nase machte einen
frohen Seitensprung, und er antwortete:
    Nicht wahr, das hat Euch berrascht?
    Auerordentlich!
    Habt mir's gar nicht zugetraut?
    Aufrichtig gesagt, nein.
    Well! Habe mich auch riesig auf Eure Verwunderung gefreut! Meine Reise
damals mit Euch war die schnste und interessanteste von allen, die ich
unternommen habe. Ist mir nie aus der Erinnerung gekommen. Sehnte mich frmlich,
alle die Orte einmal wiederzusehen. Nahm mir also vor, den ganzen Weg noch
einmal zu machen. Dazu gehrte aber die Sprache, die ich nicht verstand.
Beschlo darum, sie zu erlernen. Wandte mich nach Oxford, Universitt;
verschrieb mir einen Lehrer. Mute mich begleiten, auch whrend der Reise
unterrichten. War ein tchtiger Kerl und hat sich viel Mhe gegeben. Habe aber
auch gearbeitet wie ein Stier, Tag und Nacht! Wundere mich, da mein Kopf noch
ganz ist, keine Lcher und Sprnge bekommen hat! Ist eine heidenmig schwere
Sache, diese arabische Sprache. Bin sehr oft ganz konfus gewesen; habe Flinte
tausendmal wegwerfen und ausreien wollen. Bin in Wut geraten, ganz verzweifelt
gewesen, habe nicht essen, nicht schlafen knnen. Riesige Kopfschmerzen,
schlechte Verdauung, Augenflimmern, Ohrensausen; habe mich ganz elend gefhlt,
unendlich jmmerlich. Dachte aber an Euch, an Eure Ausdauer, Energie; malte mir
aus, Ihr set bei mir und nicktet mir aufmunternd zu. Das half. Bin mit jedem
Tag arabischer geworden, bis mir sogar einmal trumte, ich sei ein
Beduinenscheik und zhle meinen Schafen und Kamelen das groe Einmaleins
arabisch vor. Da schriebt Ihr mir, Ihr wolltet hierher. War natrlich sofort
fest entschlossen, mitzumachen, und lernte nun mit doppelter Wut, wie eine
Windmhle im Sturme oder eine Maus, hinter der die Katze ist. War riesenhaft
stolz auf den Erfolg. Habe mir tausendmal Euer Gesicht ausgemalt, wenn Ihr hren
wrdet, was ich leiste. Fand Euch leider nicht daheim, bin also hierher. Habe
Euch hier getroffen; aber anstatt mich an Eurem Staunen weiden zu knnen, habe
ich Vorwrfe zu hren bekommen. Ganze Freude ist in das Wasser gefallen und
total ertrunken! Sehe aber ein, da ich selbst schuld bin. Htte Euch erst
fragen sollen, welchen Weg Ihr nehmen wolltet. Wird nicht wieder vorkommen; gebe
Euch mein Wort darauf!
    Da reichte ich ihm die Hand und sagte:
    Diese Freude habe ich Euch natrlich nicht verderben wollen. Ich war
auerordentlich berrascht und wollte meinen Ohren nicht trauen, als ich Euch so
flieend arabisch sprechen hrte. Ich wei am besten, wie gro die Mhe gewesen
ist, die Ihr darauf verwendet haben mt, und es kann mir nicht einfallen, Euch
die wohlverdiente Anerkennung vorzuenthalten. Ihr mt ja geradezu wie ein Pferd
gearbeitet haben!
    Pferd? Ist viel zu wenig gesagt! verbesserte er, indem infolge meines
Lobes sein ganzes Gesicht vor Wonne strahlte und seine Nase eine vergngt
horchende Lage einnahm. Habe mit dem Kopfe gearbeitet. Mu also nicht Pferd
sondern Ochse heien! Darf also annehmen, da Ihr zufrieden mit mir seid?
    Sehr zufrieden!
    Gute Leistung von mir?
    Groartige Leistung sogar!
    Well! Damit ist alles gut, alles wieder gutgemacht! Wenn Kara Ben Nemsi
meine Leistung groartig nennt, so ist das die beste Belohnung, die ich finden
kann. Mchte diese Heidenarbeit aber auch nicht zum zweitenmal machen. Wrde
ganz gewi berschnappen! Habe meinen armen Kopf sehr oft fr eine alte Pauke
gehalten. Was hat da alles hineingemut! Sukuhn, Hamza, Teschdid, Madd,
Singular, Dual, uerer Plural, innerer Plural, ana, inte, huwa, ihna, intu,
huma, wahid, marra, auwal, dreiradikaliges Verbum, vierradikaliges Verbum,
massives Verbum, konkaves Verbum, defektes Verbum - - - wer da den Verstand
nicht verliert, der hat entweder sehr viel oder gar keinen Geist! Fhle mich
aber auch wie neugeboren, da ich das alles glcklich berwunden habe. Nun sagt
mir doch auch einmal, ob ich gut oder fehlerhaft spreche!
    Welcher Meinung war Euer Lehrer ber diesen Punkt?
    Dummer Kerl! Lachte mich aus!
    Ihr habt ihn vorhin aber doch einen sehr tchtigen Kerl genannt!
    War er auch; nur in dieser Beziehung nicht! Sagte immer, ich sprche
englisch mit schlecht gewhlten arabischen Worten. Behauptete auch, ich wrfe zu
viel englische Partikel hinein. Was soll ich aber denn mit meinen Partikeln
machen, wenn ich sie einmal habe? Das war doch unrecht von ihm. Nicht?
    Recht wird wohl der haben, der da wei, da kein Meister vom Himmel
gefallen ist. Man darf nicht denken, da man fertig sei, sondern man mu sich
ben, immerfort weiterben.
    Das thue ich auch! Habe mich sogar heut gebt, mit dem Wirte da drauen.
Wollte einmal hren, wie die Sprache des Arabers klingt, wenn er betrunken ist.
    Auerordentlich lbliches Unternehmen!
    Mag sein! Nehmt Ihr es mir bel?
    Nein. Vielleicht ist es sogar vorteilhaft fr mich, da Ihr ihm einen
Haarbeutel aufgesetzt habt.
    Wieso?
    Davon werden wir spter sprechen; es gehrt eine lange, aber sehr
interessante Erzhlung dazu. Wir haben nmlich schon sehr viel erlebt, und zwar
Dinge, welche wahrscheinlich noch gar nicht zu Ende sind. Halef wird Euch alles
berichten, und ich glaube, da Ihr den Faden dann mit uns weiterspinnen werdet.
Fr jetzt ist es notwendig, zu wissen, ob Ihr wirklich die Absicht habt, Euch
erst drben in Persien ein Pferd anzuschaffen?
    Ja; eher nicht.
    Wo?
    Vielleicht Schiras.
    Aber wir mssen doch von Buschehr bis Schiras reiten!
    Nehme ein Mietspferd.
    Das ist fr uns unbequem; aber da Ihr es einmal wollt, mssen wir Euch
Euern Willen lassen.
    Wenn ich hier eins kaufte, mte ich es per Schiff hinbertransportieren
lassen wie Ihr die eurigen. Das kann ich umgehen.
    Das ist freilich wahr. Hoffentlich bekommt Ihr dort etwas Preiswrdiges. Da
wir echtes Blut reiten, drft auch Ihr nicht schlecht beritten sein, sonst kommt
Ihr nicht mit uns fort.
    Habt keine Sorge! Kaufe nichts Schlechtes. Geld ist da! Wer ist der Kerl?
    Diese Frage galt dem Fhrmann, welcher jetzt endlich kam, um uns zu
benachrichtigen, da er nun bereit sei. Wir hatten ihm gesagt, da er uns im
Kahwe finden werde. Nun brauchten wir ihn nicht. Es war vorauszusehen, da er in
echt orientalischer Weise eine Entschdigung dafr verlangen werde; darum
antwortete ich, als er seine Aufforderung, jetzt mitzukommen, ausgesprochen
hatte:
    Hast du dich denn schon ausgeruht?
    Ja, nickte er.
    Aber wir noch nicht. Wir waren noch viel mder als du und mssen also noch
lnger sitzen bleiben.
    Aber ich habe grad jetzt Zeit!
    Wir noch nicht!
    Ihr knnt auf der Fhre ebenso ruhig sitzen wie hier!
    Ganz dasselbe haben wir dir vorhin auch gesagt. Wir wollten rudern, und du
solltest dich pflegen; das beliebte dir aber nicht. Jetzt sind wir es, denen es
nicht pat.
    Spter fahre ich Euch nicht!
    So lssest du es bleiben!
    Ihr habt mir ein Bakschisch fr das Warten zu zahlen!
    Sehr gern! Wieviel verlangst du?
    Fnf Piaster. Ich denke, da Ihr das sehr billig finden werdet!
    Es ist billig; ich htte mehr verlangt. Gieb also die fnf Piaster her!
    Ich? fragte er erstaunt.
    Ja.
    Euch?
    Natrlich!
    Du sprichst ja ganz verkehrt! Wer ist es denn, der zu bezahlen, und wer,
der zu bekommen hat?
    Zu bezahlen hast du. Wer sonst?
    Doch Ihr!
    Wenn du das behauptest, bist du es, der verkehrt redet. Du bist eine
einzelne Person und hast auf uns gewartet. Dafr verlangst du von uns eine
Entschdigung von fnf Piastern?
    Ja.
    Schn! Wir sind zwei Personen, die du hinberfahren solltest; wir haben auf
dich gewartet; das macht zehn Piaster; folglich hast du uns fnf
herauszuzahlen.
    Allah w'Allah! rief er erstaunt. Sollte man so etwas fr mglich halten?
Ich hre, da du mich um mein wohlverdientes Geld betrgen willst!
    Ich kam nicht dazu, ihm auf diese Worte eine Antwort zu geben, denn Halef
that dies an meiner Stelle. Seine Unterredung mit dem Wirte war zu Ende. Er war
hinter dem Fhrmann hergekommen, stand nun in seinem Rcken an der Thr und
hatte seine Forderung und meine Antwort gehrt. Jetzt schob er ihn schnell zur
Seite, trat vor und sprach ihn zornig an:
    Betrgen? Mensch, wie darfst du es wagen, diesen weltberhmten und
mchtigen Emir einen Betrger zu nennen! Er ist so gndig gewesen, mit deinen
armseligen fnf Piastern einverstanden zu sein; er hat dir deutlich und bis zur
vollsten Ueberzeugung bewiesen, da du dieses Geld fr deine Faulheit
herauszugeben hast, und nun du uns darum betrgen willst, bist du so frech, den
Betrug ihm in das Gesicht zu werfen. Ich frage dich, ob du sie sofort bezahlen
willst oder nicht?
    Er griff mit der Hand nach seiner im Grtel steckenden Peitsche.
    Ich habe nicht zu bezahlen, sondern zu bekommen, behauptete der Mann, der
die Schnellfertigkeit Halefs nicht kannte und also gar nicht ahnte, was fr ein
Gewitter drohend ber ihm stand.
    Zu bekommen? Schn! Du sollst erhalten, was du verdienst, und zwar
sogleich! Hier hast du es, hier - - hier - - da - - da und da!
    Die Peitsche flog heraus und knallte dem Manne so krftig auf den Rcken,
da er sich mit einem Schrei des Schmerzes zur Flucht wendete. Halef eilte
hinter ihm drein und versetzte ihm Hieb auf Hieb, bis er ihn zur vorderen Thr
hinausgetrieben hatte; dann kehrte er zu uns zurck und sagte, vor Vergngen
strahlend:
    Das ist die einzig richtige Sprache, in welcher man mit solchen Menschen zu
reden hat! Fnf Piaster fr seinen Schlaf und unser Warten verlangen und auch
noch vom Betruge sprechen! Sihdi, deine Berechnung war sehr schlau; aber meine
Bezahlung war noch besser!
    Wie aber, wenn er sich bei der Behrde ber dich beschwert? warf Lindsay
ein.
    Bei der Behrde? Wie wrde ich mich freuen, wenn sie kme! Sie wrde die
Fortsetzung des Anfanges bekommen, den ich ihm zu schmecken gegeben habe. Sihdi,
bist du mit mir einverstanden?
    In diesem Falle, ja. Die Hiebe waren ganz gut angebracht.
    Hamdulillah! Endlich giebst du dich einmal als wahren Freund meiner
Nilpferdhaut zu erkennen. Das bringt dir den Glanz meiner Achtung und die Flle
meiner Ehrerbietung ein. Deine Zufriedenheit ist mir eine wahre Wonne!
    Hoffentlich brauche ich sie dir auch in Beziehung auf dein Gesprch mit dem
Wirte nicht vorzuenthalten? fragte ich mit gedmpfter Stimme.
    Du brauchst nicht zu flstern, sondern kannst so laut sprechen, wie es dir
beliebt, Sihdi.
    Wo ist er jetzt?
    Er ruht in den Armen des heien Zuckerwassers und hat den hineingegossenen
Raki als Kissen unter den Kopf genommen.
    Und sein Gehilfe, der Somali?
    Bei dem ist's umgekehrt: Er liegt im Raki und hat das Zuckerwasser als
Ruhekissen. Ihre Seelen lustwandeln in dem Lande der Trume, und aus ihren
Kehlen erschallt die Musik aller Himmel Muhammeds. Horch!
    Als wir still waren, hrten wir ein krftiges, sgeartiges Schnarchen.
    Das ist der Somali, erklrte Halef. Er liegt mit dem Kopfe in der
Holzkohlenasche und schneidet mit dem Minschar15 seines Gaumens Baumstmme
auseinander.
    Und der Kahwedschi?
    Der ruht am Ufer des Flusses und war um keinen Preis dazu zu bewegen,
herunter in das Wasser zu steigen; dann schlief er ein.
    Am Flusse? Er hat das Haus verlassen?
    Nein. Er stieg mit mir, um mir dort etwas zu geben, die unter das Dach
fhrende Leiter hinan. Bei der Rckkehr sank er in Frieden neben der Leiter hin
und sagte, wenn ich ertrinken wolle, mge ich allein hinunterspringen, er aber
werde vorsichtig auf dem Trockenen bleiben. Wenn du ihn sehen willst, will ich
dir ihn zeigen.
    Was hat er dir gegeben?
    Einen Brief.
    An wen?
    Das wei ich nicht.
    Wer hat ihn geschrieben?
    Auch das ist mir unbekannt.
    Ist er nicht mit einer Adresse versehen?
    Es stehen die Zeichen des Ringes darauf. Hier ist er.
    Er zog ein viereckig zusammengefaltetes und mehrfach versiegeltes Papier aus
der Tasche und gab es mir. Man hatte sich eines gewhnlichen Geldstckes als
Petschaft bedient. Auf der Adreseite sah ich ein mit Tinte geschriebenes Sa,
welches mit einem Lam verbunden war; darber stand das Verdoppelungszeichen.
    Er mu dir aber doch gesagt haben, fr wen dieser Brief bestimmt ist,
sagte ich.
    Das hat er auch gethan.
    Nun?
    Der Mann, der ihn bekommen soll, heit Ghulam.
    
    Was ist er?
    Das wei ich nicht.
    Wo wohnt er?
    Auch das wei ich nicht.
    Hre, lieber Halef, du scheinst in dieser Angelegenheit nichts weniger als
allwissend zu sein!
    Dafr kann ich nicht, Sihdi, sondern das heie Zuckerwasser mit Raki ist
schuld. Der Kahwedschi wollte mir so sehr viel sagen, konnte sich aber auf
nichts besinnen, weil sein ganzes Gedchtnis in dieser sen Flssigkeit
ertrunken war und alle meine Wiederbelebungsversuche nichts mehr fruchteten.
    So hast du dich ganz vergeblich bemht; dieser Brief, der uns vielleicht
von groem Vorteile sein knnte, wird uns keinen Nutzen bringen. Oder hast du es
daran mangeln lassen, den Kahwedschi in der richtigen Weise auszufragen?
    Nein, gewi nicht, ganz gewi nicht, Sihdi. Du kennst mich da nur zu wohl
und weit, da ich den Mund auf der Stelle habe, wo er sitzen mu, wenn man
jemandem ein Geheimnis abzulocken hat; aber die Geheimnisse dieses Mannes waren
infolge seiner Betrunkenheit so auerordentlich geheim, da er sie selbst nicht
mehr kannte. Da war alle meine Mhe umsonst. Wenigstens glaube ich nicht, da
du, wenn du an meiner Stelle gewesen wrest, mehr als ich erfahren httest.
    Mglich! Erzhle mir richtig der Reihe nach, was du mit ihm gesprochen
hast! Wir sind in Bagdad bereingekommen, da du einen Ring der Sillan stets bei
dir haben sollst. Ich brauchte dir ihn heut' also nicht erst zu geben. Als du
hier von uns fortgingst, sa der Kahwedschi da drauen im Vorraume auf seinem
Kissen. Der Somali war bei ihm, schnarchte aber schon. Wir haben uns hier
absichtlich laut und angelegentlich unterhalten, als ob wir gar keine Zeit
htten, zu bemerken, da du so lange Zeit nicht bei uns warst. Nun weiter!
    Weiter, Sihdi? Ich habe ja noch gar nicht angefangen! Ich steckte den Ring
an den Finger und schlenderte hinaus zu dem Kahwedschi hin. Ich war ihm sehr
willkommen, und er fing sofort selbst mit mir an, denn er war sehr neugierig, zu
erfahren, wer Ihr seid.
    Jedenfalls hast du da den Mund sehr voll genommen!
    Warum soll ich das nicht? Wenn ich einmal etwas in den Mund nehme, so mu
es etwas Ordentliches sein, damit ich auch wirklich einen Genu davon habe. Ich
gab dich fr den ersten Minister des Sultans von Sitschilia16 und Mr. Lindsay
fr den obersten Sterndeuter des Kaisers von Antakijeh17 aus. Von mir selbst
sagte ich, da ich ein Montefik-Beduine bin und von Euch gemietet sei, Euch nach
Buschir und Schiras zu begleiten. Sobald mir dies ber die Lippen gegangen war,
glaubte ich, einen Fehler gemacht zu haben, denn der Kahwedschi brauchte doch
nicht zu wissen, wohin wir wollen. Aber es waren mir nicht gleich andere Namen
in den Mund und andere Gegenden in den Kopf gekommen, und es stellte sich
nachher heraus, da grad diese beiden Stdte mir sein Herz geffnet hatten. Er
lud mich ein, mich zu ihm zu setzen, und als ich das gethan hatte, sprachen wir
zunchst von den unendlichen Vorzgen des heien Zuckerwassers, welches die
eigentliche und richtige Weihe seines Vorhandenseins erst durch einen Zugu von
Araki bekommt. Dabei hielt und bewegte ich die Hand in der Weise, da er den
Ring sehen mute. Es dauerte das zwar ziemlich lange, denn der Araki hatte die
Zahl seiner Augen so vermehrt, da er, wie er mir gestand, mich fnfzigmal sah
und meine Hnde sogar ber zweihundertmal erblickte. Er schien also zweitausend
Finger vor sich zu haben, was ihn so in Anspruch nahm, da er fr den Ring
zunchst keine Spur von Aufmerksamkeit besitzen konnte. Aber als er ihn erst
einmal entdeckt hatte, war der Eindruck, den er von ihm bekam, auch um so
grer. Er bat mich, ihn betrachten zu drfen. Natrlich erlaubte ich es ihm. Er
gab mir die Hand und begrte mich als Sill, als Schatten, als Verbndeten, als
heimlichen Kameraden. Er hielt mir eine groe Rede, die aber so wenig Sinn
hatte, da sie nicht einmal als Unsinn bezeichnet werden kann. Ich konnte von
hundert Worten, welche er sprach, kaum zehn verstehen, denn sein Mund glich
einer mit Riri18 gefllten Tandschara19, in welcher sich die Zunge wie ein Quirl
bewegte. Er erkundigte sich immer wieder, ob ich wirklich nach Buschehr und
Schiras gehen werde, und als ich dies oft genug bejaht hatte, fragte er mich, ob
ich da wohl der Sill sei, der den Brief abholen solle, welcher an Ghulam
abzugeben sei. Es versteht sich ganz von selbst, da ich vorgab, dieser Mann zu
sein und die beiden Fremden, den Minister und den Sterndeuter, nur aus dem
Grunde in dieses Kaffeehaus gefhrt zu haben, um die Gelegenheit zu finden, den
Brief in Empfang zu nehmen.
    Das war richtig, lieber Halef. Aber hast du denn nicht herausbringen
knnen, wer und was dieser Ghulam ist?
    Nein. Ich sage dir, ich habe meinen ganzen Scharfsinn zusammengenommen;
aber erstens war der Kahwedschi so betrunken, da er alles vergessen hatte und
sich auf nichts besinnen konnte, und zweitens mute er doch annehmen, da ich
diesen Ghulam wenigstens ebenso gut kenne wie er. Eine unvorsichtige Frage htte
mich verraten; sie wre das Eingestndnis gewesen, da ich der Sill nicht sei,
fr den ich gelten wollte. Du siehst ein, da ich mich sehr in acht zu nehmen
hatte und keine Erkundigung, die ihm auffallen mute, aussprechen durfte. Ich
setzte zwar die Worte so, da sie ihn eigentlich htten zwingen mssen, sich
ber Ghulam auszusprechen, aber der Raki hatte ihm nur den hundertsten Teil
seines an und fr sich schon armselig kleinen Verstandes brig gelassen, und so
redete er alles herber und hinber, herunter und hinauf, und brachte aber grad
das nicht, was ich haben wollte.
    Das ist fatal!
    Vielleicht erfahren wir es unterwegs!
    Schwerlich. Die Milichkeit liegt in dem Umstande, da Ghulam zwar ein Name
ist, aber auch einen Stand bedeutet. Ghulam kann jeder Mensch heien; dieses
Wort kommt im Persischen ebenso oft vor wie der Name Halef im Arabischen. Ghulam
ist aber auch ein Diener; besonders werden berittene Diener so genannt, und
unter Ghulam Ptsch versteht man den Pagen, den jungen Leibdiener eines hohen
Herrn. Du siehst also, da wir uns in einer Ungewiheit befinden, die uns in
Verlegenheiten bringen kann.
    Vielleicht knnte uns der Inhalt des Briefes Aufschlu geben?
    Mglich!
    So ffne ihn doch!
    Ich gehre nicht zu den Leuten, denen das Briefgeheimnis nicht heilig ist.
    Briefgeheimnis? Erlaube, Sihdi, da jeder Brief geschrieben wird, um
gelesen zu werden. Dieser ist an Ghulam gerichtet, der ihn lesen soll. Weil wir
aber nicht wissen, wer, was und wo dieser Ghulam ist, wird er ihn nicht
bekommen, auer wir ffnen das Schreiben, um zu erfahren, wo und an wen wir es
abzugeben haben. Das Oeffnen des Briefes ist also keine verbotene Handlung,
sondern eine Notwendigkeit, und wenn wir ihr Gehorsam leisten, mu uns Ghulam
dafr dankbar sein.
    Wie schn du das zu sagen weit, lieber Halef! Du bist immer der Schlaue!
    Ja, der bin ich! wenn die Lnge deines Verstandes nicht ausreicht, so mu
ich dir mit der Breite des meinigen zu Hilfe kommen. Das weit du doch schon
lngst.
    Leider aber gilt hier diese ganze Breite mit allen ihren Finessen nichts.
Wenn wir den Adressaten des Briefes nicht kennen, haben wir uns bei dem, der dir
das Schreiben bergeben hat, nach ihm zu erkundigen, also beim Kahwedschi. So
ist die Sache.
    Das drfen wir aber doch nicht!
    So mssen wir den Brief zurckgeben.
    Das fllt uns gar nicht ein! Sihdi, ich wrde den Brief ffnen, ohne zu
denken, da ich dadurch einen Platz in der Hlle bekomme. Dein Gewissen aber ist
nicht so krftig wie das meinige, sondern im hchsten Grade tschapuk
kydschyklanyr20, was unter Umstnden, wie der jetzige, tief zu beklagen ist.
Gieb mir den Brief wieder! Ich werde ihn aufmachen, und dann kannst du ihn
lesen, ohne dir Vorwrfe darber machen zu mssen.
    Ich halte das noch nicht fr notwendig; wir haben ja Zeit zum Ueberlegen.
Erzhle weiter!
    Der Kahwedschi war bereit, mir den Brief anzuvertrauen, und da dies aber
niemand sehen sollte, wollte er dies heimlich thun, denn auch der Somali durfte
nichts davon wissen. Er bat mich darum, mit ihm hinauf unter das Dach zu
steigen, wo er ihn versteckt hatte.
    Vielleicht befindet sich da oben berhaupt ein Versteck fr Dinge, welche
sich auf die geheime Verbrderung der Sillan beziehen?
    Das ist mglich, Sihdi.
    Hast du nichts bemerkt?
    Nein.
    Der Kahwedschi scheint als Postbeamter dieser Verbindung thtig zu sein; da
ist es denkbar, da man auer Briefen auch andere Dinge bei ihm niederlegt. Wo
hatte er das Schreiben versteckt?
    Das werde ich dir gleich sagen, sobald ich an die betreffende Stelle komme.
Wir gingen in den Hof, wo die Leiter steht. Ich mute ihn fhren, denn er wankte
unausgesetzt zwischen dem Orient und dem Occident herber und hinber und
knickte bei jedem Schritte zusammen, als ob er zehn bermige Kamellasten auf
dem Rcken trage. Wie ich mit ihm die vielen Sprossen hinaufgekommen bin, das
kann ich dir gar nicht sagen. Endlich oben angekommen, setzte er sich gleich
nieder und wollte schlafen; er hatte alles, auch den Brief, vollstndig
vergessen, und ich mute sehr lange in ihn hineinsprechen, ehe er sich besann,
in welcher Absicht wir so mhsam heraufgeklettert waren.
    Wie war der Raum beschaffen?
    Er war so lang und breit wie das an vielen Stellen offene Rohrdach, aber so
niedrig, da man nicht aufrecht stehen konnte. Es lag da berall altes,
wertloses Germpel herum, fr welches ich nicht einen einzigen Piaster geboten
htte. Der Brief war in einen Lappen eingeschlagen und steckte in einer Ritze
der Wand.
    War diese Ritze gro?
    Nein.
    Steckte er allein darin?
    Ja.
    So bildete sie kein Sammelversteck und war bestimmt, nur ihn zu verbergen.
Es ist mir das ein Beweis, da es da oben berhaupt keine heimliche Stelle
giebt, welche dem Sillan als Aufbewahrungssttte dient. Es wird also wohl so
sein, da dem Kahwedschi nur zuweilen ein Brief zur Uebergabe an den Boten
anvertraut wird. Wre ein geheimes und regelmig benutztes Versteck vorhanden,
so htte der Wirt den Brief dahinein und nicht in die Wandritze gethan. Was hat
er gesagt, als er dir ihn gab?
    Auch wieder allerlei unverstndliches Zeug. Als ich ihn eingesteckt hatte
und wir wieder an die Leiter kamen, um herabzusteigen, weigerte er sich, dies zu
thun. Er glaubte pltzlich, am Flusse zu sein; er sah die Wogen flieen und
hrte ihr Rauschen; darum setzte er sich nieder und war nicht zu bewegen, den
Fu auf die Leiter zu setzen. Er wolle nicht ersaufen, sagte er; dann fiel er
vollends um und schlief sofort ein. Das ist alles, was ich dir sagen kann.
Weiter habe ich nichts gesehen und nichts erfahren knnen.
    So mchte ich einmal zu ihm gehen.
    Versuche, ob du mehr erfhrst als ich. Ich glaube aber nicht, da es dir
gelingt. Soll ich dir zeigen, wo er ist?
    Ich finde ihn selbst; zeigen ist also nicht notwendig; aber mitgehen kannst
du doch.
    Als wir durch den Vorderraum kamen, sah ich den Somali. Es war so, wie Halef
gesagt hatte: Er hatte den Mangal umgerissen und lag mit dem Kopfe in der
Holzkohlenasche. Sein berlautes Schnarchen klang wie das Sgewerk einer im Gang
befindlichen Schneidemhle.
    Drauen im Hofe sah es frchterlich aus. Gut, da wir schon getrunken
hatten. Dem Europer, der nur einen kurzen Blick auf diesen Schmutz warf, war es
gewi unmglich, drin im Kahwe auch nur einen einzigen Schluck zu genieen! Die
Leiter lag an; ich stieg, von Halef gefolgt, hinauf und mute in ein enges Loch
kriechen, an dessen Rande der Wirt lag. Er hatte den Mund weit offen; sein Atem
war unhrbar. Sein Zustand schien mehr Betubung als Schlaf zu sein. Punsch und
Grog sind eben nur fr kalte Lnder, nicht fr den heien Orient.
    Ein forschender Blick durch den niedrigen, von Unrat starrenden Raum sagte
mir, da hier kein Platz zu einem wichtigen Verstecke sei. Ich steckte den
goldenen Ring der Sillan als Erkennungszeichen an den Finger und rttelte dann
den Mann. Er wollte die Augen ffnen, brachte sie aber bei diesem ersten
Versuche nicht auf. Ich rttelte ihn strker.
    La mich in Ruh! knurrte er und wlzte sich auf die andere Seite, so da
er durch das Loch hinabgefallen wre, wenn ich ihn nicht weggeschoben htte.
    Da nahm ich ihn bei den Schultern, setzte ihn auf und schttelte ihn so
lange, bis er die Augen vollstndig offen hatte. Er starrte mich an, sagte aber
nichts.
    Bist du wach? Kannst du sprechen? fragte ich ihn.
    Spre - - - chen, wiederholte er mein letztes Wort mechanisch.
    Kennst du mich?
    Du - - mich - - -?
    Weit du, wer du bist?
    Du - - bist - - -?
    Da hielt ich ihm den Ring vor die Augen und forderte ihn im strengsten Tone
auf:
    Schau diesen Ring an! Er sagt dir, wer und was ich bin.
    Er richtete sein Auge zunchst gleichgltig auf meine Hand. Sobald er aber
den Ring erblickte, wurde er aufmerksamer. Er fate die Hand und zog sie nher
an sich, um Gestalt und Schrift des Ringes zu betrachten. Dann ging es wie
Schreck ber sein Gesicht. Er versuchte, sich aufzurichten, brachte es aber
nicht fertig.
    Hazret21 - - Hazret - - Hazret - -! stammelte er. Weiter brachte er kein
Wort hervor.
    Wach doch vollends auf, Mensch! Ermanne dich, und nimm dich zusammen! Du
bist betrunken!
    Be - - trun - - ken - -?!
    Die Bedeutung dieses Wortes schien ihm nicht gleich gegenwrtig zu sein; er
sann darber nach.
    Ja, betrunken bist du, vollstndig betrunken! wiederholte ich.
    Da kam es wie eine Spur von Erkenntnis in sein Auge. Er schttelte den Kopf
und antwortete:
    Nicht - - betrunken - - nicht! Ich kann - - kann - - Die Unglubigen sagen,
kann - - - sie sagen. Soll - - - soll ich?
    Ja, sprich sie mir einmal vor, aber ohne Fehler! forderte ich ihn auf.
    Die Unglubigen, das ist nmlich die Ueberschrift der hundertneunten Sure
des Kuran. Sie lautet: Sprich: o ihr Unglubigen, ich verehre nicht das, was
ihr verehret, und ihr verehret nicht, was ich verehre, und ich werde auch nie
verehren das, was ihr verehret, und ihr werdet nie verehren das, was ich
verehre. Ihr habt eure Religion, und ich habe die meinige. In der deutschen
Uebersetzung bietet dieser Text ja gar keine Schwierigkeiten; aber um so mehr
mu derjenige aufpassen, der das arabische Original remitieren will. Ein
Betrunkener bringt das gar nicht fertig; darum wird dieses Kurankapitel als Sura
el Imtihan22 bezeichnet und auch sehr oft angewendet. Man fordert den
Betrunkenen, welcher leugnet, betrunken zu sein, auf, diese Sure herzusagen.
Bringt er das fehlerlos fertig, so hat er bewiesen, da er nchtern ist;
verspricht er sich aber dabei, so ist sein Zustand zweifellos die Folge
bermigen Trinkens. Jeder Muhammedaner kennt diese Eigenschaft und diese
Anwendung der hundertneunten Sure, und auch dem Kahwedschi war sie bekannt. Kaum
hatte ich das Wort betrunken ausgesprochen, so bot er mir an, durch diese Sure
zu beweisen, da er es nicht sei. Nachdem ich ihm meine Zustimmung dazu erteilt
hatte, nahm er sich zusammen und begann:
    Sprich, o - - - o ihr Un - - Unglubigen, ich verehre, verehre - - nicht
euch, und ihr was mich, was euch, was mir; ihr verehret mich und ich euch, und
ihr - - - ihr habt - - - habt meine Religion - - - Religion - - ich habe eure -
- - und ich - - - ich verehre - - - verehre mich nicht!
    Dazu hast du auch ganz und gar keine Veranlassung! lachte ich, denn im
Arabischen war die von ihm angerichtete heillose Verwirrung noch viel
lcherlicher als in der deutschen Uebersetzung, welche ich hier gebe. Du kannst
die Sure nicht richtig sagen und bist also betrunken!
    Be - - be - - be - - stammelte er. O Hazret - - - der Raki - - Raki - -
und hei - - heies Zucker - - - Zuckerwasser - - - wasser!
    Und nun du betrunken bist, weit du nicht, was ich bin! warf ich ihm vor.
    Was - - was - - - o, ich wei - - - wei sehr gut! Hazret bist - - - bist
Sill - - - Sill - - - hoher Sill - - - sehr, sehr hoher Sill!
    Das ist dein Glck, da du wenigstens das noch siehst. Weit du aber auch,
da du hier diesem Sill - ich deutete bei diesen Worten auf Halef - den Brief
gegeben hast, welchen Ghulam bekommen soll?
    Brief - -? Nein - - nein - - - nicht gegeben; habe noch!
    Weit du, von wem er ist, dieser Brief?
    Von - - von Esara el - - - el Awar23, der ihn geschrieben und - - - und mir
- - - mir gegeben hat.
    Wo ist Esara jetzt?
    Nach Kor - - - Korna, wo - - - wo er wohnt.
    Und weit du wirklich ganz gewi, fr wen der Brief bestimmt ist?
    Fr - - fr Ghulam el - - el Multasim24.
    Und wo Ghulam sich jetzt befindet?
    In - - in - - Strae nach - - ah - - ah!
    Da war es mit seiner Beherrschung zu Ende. Er fiel um, schlo die Augen und
lag nun wieder so betubt wie vorher.
    Es ist aus, Sihdi, sagte Halef. Du wirst nun nichts mehr von ihm
erfahren, denn er hat - - -
    Still! unterbrach ich ihn. Komm wieder mit hinunter!
    Wir stiegen die Leiter hinab und kehrten zu Lindsay zurck, welcher sich
erkundigte, ob wir noch etwas erfahren htten. Halef antwortete:
    Ich htte es nicht fr mglich gehalten, da aus dem Betrunkenen noch etwas
herauszubringen sei; dem Effendi ist es aber doch geglckt. Freilich, ich htte
mir die Fragen nicht getraut, die er ausgesprochen hat.
    Warum nicht? erkundigte ich mich.
    Weil ich sie fr unvorsichtig gehalten htte. Der Kahwedschi mute doch
hren, da du nichts wutest, und daraus schlieen, da du dich zwar fr einen
Sill ausgiebst, aber keiner bist.
    Er mute das hren? Mute er das wirklich?
    Ja.
    Er hat es aber nicht gehrt. Und noch viel weniger hat er einen Schlu
gezogen; sein Zustand war ja ein solcher, da er gar nicht folgerichtig denken
konnte. Er erkannte nicht einmal seinen Gast in mir!
    Das weit du jetzt, wutest es aber nicht vorher!
    Sei gndig gegen mich, lieber Halef! Ich gnne dir es zwar ganz gern, mir
auch einmal einen Fehler, eine Unvorsichtigkeit nachweisen zu knnen, aber
dieses Mal befindest du dich im Irrtume. Schon ehe ich den Betrunkenen zu Worte
brachte, sah ich es ihm an, wie weit ich gehen knne. Sodann sprach ich im Tone
eines Vorgesetzten, der hren will, wie weit der Untergebene unterrichtet und ob
er bei Besinnung ist. Meine Fragen htten den Kahwedschi, selbst wenn er weniger
betrunken gewesen wre, gewi nicht auf den Gedanken gebracht, da ich nicht zu
den Sillan gehre. Er hatte ja schon vollstndig vergessen, dir den Brief
gegeben zu haben. Grad so wird er, wenn er aus seiner jetzigen Betubung
erwacht, gar nicht mehr wissen, da ich bei ihm gewesen bin und mit ihm
gesprochen habe. Ich werde meinen Ring, zufrieden mit dem Resultate, jetzt
wieder in die Tasche stecken.
    Bist du wirklich zufrieden?
    Ja.
    Ich aber htte doch noch sehr gern gehrt, wo Ghulam zu finden ist. Es ist
schade, da er grad dabei wieder in den bewutlosen Mangel an Besinnung
zurckkehrte, aus welchem du ihn vorher zum mangelhaften Hersagen der Sure der
Unglubigen aufgeweckt hattest!
    Ich verlange nicht mehr, als er geben konnte. Wir haben den Namen und den
Wohnort des Absenders erfahren und wissen sogar, da er einugig ist, was uns
unter Umstnden von Vorteil sein kann. Und wir wissen nun, da Ghulam blo ein
Name und keine Standesbezeichnung ist. Der Mann heit Ghulam el Multasim.
Multasim bedeutet Pchter im allgemeinen und auch einen Staatsgutspchter im
besonderen. Da in Persien die Zlle verpachtet sind, so ist dieser Ghulam
wahrscheinlich ein Zollpchter.
    Ja, Sihdi, wenn du aus seiner verworrenen Rede so bestimmte Schlsse
ziehst, so knnen wir, falls diese richtig sind, allerdings zufrieden sein.
    Ich bin berzeugt, da meine Vermutungen mich nicht irre fhren. Vielleicht
hat das, was wir hier erfahren haben, gar keine Folgen, keine Bedeutung fr uns,
aber da wir einmal schon so tief in die Geheimnisse der Sillan eingedrungen
sind, so wollte ich auch die jetzige Gelegenheit bentzen, etwas, und sei es
noch so wenig, zu erfahren. Man wei nicht, wozu es ntzen kann.
    Da ergriff Lindsay das Wort:
    Nun redet doch endlich auch einmal eine Silbe mit mir! Sitze da, wie ein
Waisenknabe, um den sich kein Mensch bekmmert, und verstehe nichts von alledem,
was da gesprochen wird.
    Sobald wir auf dem Schiffe sind, wird Halef alles erzhlen, trstete ich
ihn.
    Well! Bin schrecklich neugierig darauf. Ist brigens nun Zeit, an Bord zu
gehen. Wollen wir?
    Ja. Aber wir mssen bezahlen, und der Wirt wird schwer aufzuwecken und dazu
zu bringen sein, uns richtig zu sagen, was wir ihm schulden.
    Ist ganz leicht abzumachen. Schreiben auf einen Zettel, was wir bekommen
haben, schtzen das nach unserer Weise ab, wickeln das Geld in den Zettel und
stecken es ihm in die Tasche. Nicht?
    Ich halte das auch fr das beste und krzeste.
    Well, werde das also machen. Ich zahle, Ihr nicht!
    Er ri ein Blatt aus seinem Merkbuche, notierte die Getrnke darauf und
wickelte das, was er dafr geben wollte und was jedenfalls nicht zu wenig war,
hinein. Dann gingen wir in den Hof zu unsern Pferden, und er stieg die Leiter
hinan, um dem Wirte den Betrag in die Tasche zu stecken.
    Whrend er das that, fhrten wir beiden andern unsere Pferde vor das Haus,
um uns dann nach dem Dampfer zu begeben, der ein Englnder mit vollstndig
englischer Bemannung war. Da traten zwei Mnner durch das Mauerthor und kamen
auf uns zu. Es war ihnen gleich beim ersten Blicke anzusehen, da sie echte
Shne Old Englands seien. Beide hatten sonnverbrannte Gesichter. Den einen hielt
ich sogleich fr einen Seemann. Der andre war in neuwaschen glnzendes Wei
gekleidet, trug einen hellen Tropenhelm mit blauseidenem Schleier auf dem Kopfe,
hellbraune Glachandschuhe an den Hnden und an einer auffallend starken,
goldenen Kette einen Klemmer auf der Nase. Diesem war die Zufriedenheit mit sich
selbst sofort beim ersten Blicke anzusehen.
    Sie blieben vor unsern Pferden stehen.
    Herrliche Tiere! meinte der Seemann.
    Araber, sagte der andere. Unkultiviertes Geschlecht! Nur der Englnder
wei, was aus edlem Blute zu machen ist.
    Sind diese nicht Rasse?
    Freilich wohl, doch nicht von wohlberlegter Zucht. Man sieht und kennt das
ja! Alles Natur, aber eben blo Natur. Kein Einflu kennerischen Denkens. Wir
Kavalleristen bemerken das sofort.
    Sie sprachen selbstverstndlich englisch. Halef verstand nicht, was sie
sagten, aber er sah dem weien Gentleman an, da seine Worte kein Lob
enthielten. Sein Gesicht verfinsterte sich. Da wendete sich dieser kurz und
befehlend in arabischer Sprache an uns:
    Wer seid ihr?
    Er erhielt keine Antwort.
    Wer ihr seid, habe ich gefragt! wiederholte er, indem seine Brauen sich
zusammenzogen. Und als wir auch jetzt still blieben, wendete er sich direkt an
den kleinen Hadschi:
    Seid ihr stumm? Alle beide? Wie ist dein Name?
    Das geschah in so verweisendem Tone, von oben herab und geringschtzig, da
der Gefragte ihm auch jetzt nicht antwortete, aber zu mir sagte:
    Ja istiksa - welch eine Neugierde! Wer ist dieser Mensch, der nur den Stolz
aber keinen Gru auf den Lippen hat?
    Der Englishman schien das Arabische besser zu verstehen, als er es sprach.
Er trat nahe zu Halef heran, hob die Hand empor und rief:
    Mensch nennst du mich? Kerl, ich bin General! Soll ich dir meinen Gru
hinter die Ohren schreiben?
    Lerne erst richtig reden, ehe du zu drohen wagst! antwortete der Hadschi.
    Kleine, freche Krte!
    Da ri Halef die Peitsche aus dem Grtel, und es htte wohl eine unangenehme
Scene gegeben, wenn unsere Aufmerksamkeit nicht grad in diesem Augenblicke
abgelenkt worden wre:
    Bill! Du, du, Bill, hier in Basra?! erklang es hinter uns.
    Wir drehten uns um. Da stand Lindsay und starrte den General mit einem
Erstaunen an, welches unmglich grer sein konnte, als es sich sowohl in seiner
Haltung als auch in seinem Gesicht aussprach.
    Ich denke, du bist in Kalkutta! fgte er hinzu.
    Davy! Alter Davy! rief der Offizier. Ist es mglich? Ich habe geglaubt,
du seist daheim!
    Sie nannten sich du. Sie waren also bekannte Freunde, vielleicht gar
Verwandte. Wer aber geglaubt htte, da nun eine herzliche Begrung erfolgen
werde, der wre auerordentlich vom Irrtum befangen gewesen. Sie gingen auf
einander zu, reichten sich die Hnde, und damit war dem gutgeschulten Herzen
wenigstens des einen volle Genge geschehen.
    Du, du also bist der Gentleman! meinte hierauf der General.
    Welcher Gentleman? fragte Lindsay.
    Der drei Pltze auf dem Steamer des Kapitns hier genommen hat.
    Der bin ich allerdings.
    Mut mir zwei abtreten!
    Unmglich, Bill!
    Pshaw! Wollte eigentlich alle drei haben. Da du es aber bist, sollst du
einen behalten. Die beiden andern jedoch mu ich unbedingt haben!
    Geht nicht!
    Mu gehen! Bin zu spt von Kut herabgekommen. Wurde vom Konsul aufgehalten.
Bin in geheimer, wichtiger Mission hier. Wurde dazu gewhlt wegen meiner
Erfahrungen und weil ich arabisch sprechen kann. Weit du: Maskat - - russische
und franzsische Einflsse - - Landverbindung zwischen Konstantinopel und Bagdad
bis Schatt el Arab - - Beherrschung des persischen Golfes - - - habe schwierige
Instruktionen - - jede andere Rcksicht mu sich unterordnen - - kam den Tigris
herab - - - war in Bagdad - - mu nach Buschihr - - von da nach Schiras und das
Innere von Persien - - -
    Das ist ja auch unsere Route! unterbrach ihn Lindsay. Knnen uns also
zusammenschlieen!
    Du? Auch nach Persien? Well! Nehme grad dich unendlich gern mit. Hrte in
Kut von dem englischen Steamer, welcher nach Bischihr geht. Bin sogleich herab;
hrte, da ein vornehmer Gentleman die drei Kabinen genommen habe. Er sei hier
im Kaffeehause. Habe sie natrlich fr mich belegt. Alles mu zurcktreten! Ging
aber, da er als vornehm bezeichnet wurde, hierher, aus Hflichkeit, es ihm
selbst zu sagen. Finde zu meiner Freude, da du es bist, old Davy. Sollst einen
der drei Pltze behalten drfen. Werde mich einschrnken - - nur dir zu liebe!
    Aber, das ist ja unmglich, lieber Vetter! behauptete Lindsay im Tone der
Verlegenheit.
    Warum?
    Weil die drei Pltze fr mich und diese meine beiden Freunde sind.
    Er deutete bei diesen Worten auf Halef und mich. Der General hielt es gar
nicht fr ntig, uns sein Auge wieder zuzuwenden, und sagte, indem er seine Hand
zum Ausdrucke unendlicher Geringschtzung hinter sich bewegte:
    Freunde? Jes! Ich kenne dich. Wieder einmal deine alte, wohlbekannte
Humanittsbetrunkenheit! Hast ganz vergessen, welche Entfernungen zwischen
Mensch im niedern und Mensch in hherm Sinne liegen! Wirst dich daheim noch ganz
unmglich machen! Wer sind denn diese Leute? Besonders der Kleine, der Knirps,
dem ich soeben eine Ohrfeige geben wollte!
    Ohrfeige? fiel da Lindsay rasch und erschrocken ein. Daran denke ja
nicht! Das wre dein Tod!
    Tod? Bist du bei Sinnen?!
    Sehr! Dieser Araber wrde eine solche Beleidigung augenblicklich mit der
Kugel oder dem Messer beantworten!
    Pshaw!
    Gewi! Versuche so etwas auf keinen Fall! Er ist Hadschi Halef, der Scheik
der Haddedihn, ein weitberhmter Krieger, der nicht mit sich spaen lt!
    Spaen? Ist mir auch gar nicht in den Sinn gekommen! Wenn ich Ohrfeigen
gebe, so thue ich das im Ernst. Und Scheik? Kann nicht imponieren. Orang bleibt
Orang, auch wenn er der Anfhrer anderer Orangs ist! Und der zweite Kerl, fr
den ich gar nicht vorhanden zu sein scheine? Impertinentes Gesicht!
    Ist Hadschi Kara Ben Nemsi.
    Araber?
    Nein, Deutscher.
    Das ist nicht viel anders! Diese Sorte treibt sich berall herum. Ist jedem
wahren Gentleman im Wege!
    Bitte! Er spricht und versteht das Englische!
    Mir gleichgltig!
    Aber mir nicht, lieber Bill! Wiederhole dir, da diese Mnner meine Freunde
sind, mit denen ich nach Persien will. Die beiden Pltze gehren ihnen, und ich
bin berzeugt, da es ihnen nicht einfllt, sie dir abzutreten.
    Gar keine Frage! Das ist abgemacht! Sie mgen sich bei dem Gepck
unterbringen lassen. Dahin gehren sie, nicht zu uns!
    Bringst mich in Verlegenheit! Unendliche Verlegenheit! Wollen doch erst
noch einmal an Bord. Mu gleich nachsehen, ob das nicht noch anders zu
arrangieren ist!
    So komm! Er nahm Lindsay beim Arme und zog ihn fort. Dieser ging eine
kleine Strecke mit, machte sich dann von ihm frei, kam zu uns zurck und sagte:
    Habt alles mit angehrt? Fatale Lage fr mich! Ist nahe verwandt mit mir.
Hochbedeutender Mann! Vortrefflicher Offizier und Diplomat! Steht in Indien. Hat
jedenfalls bedeutende Vollmachten. Mu mich fgen. Was sagt ihr dazu?
    Der gute David that mir unendlich leid. Der reine Mensch kam in ihm mit dem
Menschen von Old England in Konflikt. Aber ich konnte ihm doch nichts anderes
als nur die Wahrheit sagen:
    Mag dieser Steamer noch so gro sein, fr ihn und uns zu gleicher Zeit
giebt es keinen Platz an Bord. Ein Zusammensto wre gar nicht zu vermeiden.
Orang-Utangs verhalten sich nicht immer so zurckhaltend, wie es jetzt und hier
geschehen ist!
    Richtig! Miserabler Ausdruck von ihm! Bin euch dankbar, unendlich dankbar,
da ihr stillgeblieben seid! Gehe natrlich mit euch viel lieber als mit ihm.
Mu ihm aber doch nach! Werde ihm alles genau sagen und vorstellen. Ihr tretet
die Pltze also nicht ab?
    Nein!
    Well! Habe ihm das klar zu machen. Wartet hier, bis ich wiederkomme. Werde
es so kurz wie mglich machen!
    Er eilte den beiden Gentlemen nach.
    Hast du alles verstanden, Sihdi? fragte Halef nun.
    Ja.
    Was wurde gesprochen?
    Ich gab ihm kurze Antwort. Die Beleidigungen verschwieg ich natrlich. Dann
meinte er:
    Dieser Inglis erhob die Hand gegen mich. Er ahnte nicht, was er dabei
wagte. Du sagst mir, da er ein Verwandter unsers Freundes sei. Darum will ich
nicht weiter ber ihn sprechen, sondern schweigen. Komm, la uns von hier
fortgehen, durch das Thor, damit wir Lindsay schon von weitem sehen, wenn er
kommt!
    Wir entfernten uns, die Pferde natrlich mitnehmend, so weit von dem
Kaffeehause, da wir den Steamer liegen sahen. Dort setzten wir uns auf die
Steine nieder, um zu warten. Es war fr den Dampfer noch nicht Zeit, abzugehen,
doch lie er schon nach wenigen Minuten die Pfeife dreimal hren, und wir sahen,
da er sich in Bewegung setzte.
    Geht er fort? fragte Halef.
    Wie es scheint.
    Mit Lindsay. Der hat ihn doch noch nicht verlassen!
    Allerdings sonderbar! Komm, la uns sehen!
    Wir stiegen auf die Pferde und ritten schnell die kurze Strecke hinab, bis
wir uns dem Steamer gegenber befanden. Er hatte schon das tiefe Fahrwasser
gewonnen. Am Regeling stand Lindsay, der nach uns ausschaute. Als er uns sah,
rief er uns zu:
    Kann nicht dafr! Bin berlistet worden! Soll ich in das Wasser springen
und zu euch an das Ufer schwimmen?
    Nein, antwortete ich.
    Well! Lebt einstweilen wohl! Werde in Schiras auf euch warten. Darf ich?
    Wie es Euch beliebt.
    Will es thun. Auf Wiedersehn!
    Da trat der General zu ihm und zog ihn mit sich fort.
    Ist das Schiff abgegangen? fragte Halef.
    Ja. Man hat Lindsay nichts davon gesagt. Nun mu er mit.
    Da schlug Halef die Hnde froh wie ein Kind zusammen und rief aus:
    Alhamdulillah!25 Ich wollte es nicht gern eingestehen, Sihdi; aber mein
Herz war tief betrbt, dich nicht mehr ganz allein zu haben! Dieser Inglis ist
mir lieb; aber da ich dich mit ihm zu teilen hatte, das raubte mir die Ruhe
meines Innern. Wie freut es mich, da du mir nun ganz zurckgegeben bist! Allah
sendet zuweilen Augenblicke des Verzichtes, damit wir sehen und erkennen sollen,
wie hoch der Wert dessen ist, was er uns beschieden hat. - Was aber thun wir
nun? Noch eine Nacht in Basra bleiben?
    Nein. Wir mten am Kanale hin, nach der alten Stadt zurck, um unsere
dumpfe Wohnung aufzusuchen.
    Das war ein altes, stinkiges Loch, und doch sollte es die beste Wohnung
sein, die es gab. Es hat mich vor dem Moderduft gegraut und vor dem faulen
Wasser, welches wir zu trinken bekamen. Das Fieber brtet hier an jeder Stelle.
Am liebsten mchte ich weit vom Flusse fort!
    Ich bin einverstanden. Fahren wir noch ber!
    Mit demselben Fhrmanne?
    Ja. Ich vermute, da er deine Peitsche noch nicht vergessen hat.
    Schau, wie du pltzlich mit ihr einverstanden bist!
    Einverstanden ist nicht das richtige Wort, lieber Halef, du wirst mich in
dieser Beziehung schon noch begreifen lernen. Komm!
    Ja, komm, Sihdi! Wollen dem Inglis eine gute Reise wnschen; uns aber auch!
Wir waren zwar nur kurze Zeit hier; aber ich habe etwas in mir, was berflssig
ist. Wie ich es nennen soll, das wei ich nicht, doch fhle ich ganz deutlich,
da es da ist. Hoffentlich werde ich diese Empfindung auf den freien, lichten
Hhen des Gebirges wieder los!
    Wir ritten nach der Fhre. Der Mann sa da und schlief. Seine beiden
Gehilfen lagen in seiner Nhe und - - schliefen auch. Als wir die Schlfer
weckten, wollte der Gebieter des Fahrzeuges grob werden; er hatte die Augen noch
nicht ganz offen. Sobald sie aber geffnet waren und er uns erkannte, sprang er
auf und war zur Arbeit bereit. Es wurde der Preis ausgemacht, wobei er sich sehr
gefgig zeigte. Als wir ihn dann am andern Ufer bezahlten und er ein kleines
Extrageschenk erhielt, war er des Lobes unserer Gte voll. Halef lchelte ber
diesen Erfolg seiner Peitsche still in sich hinein.
    Wir ritten so lange, als es hell blieb, ber die jenseitige Ebene. Als es
dunkelte, machten wir bei einem wilden Dattelgestrpp Halt, um da zu
bernachten, weil es reichlich und gutes Gras fr die Pferde gab. Wir befanden
uns zwar auch hier noch auf feuchtem Stromgebiete, doch war die Luft eine andere
als in der dumpfen, arg verpesteten Stadt, und wir thaten einen so festen und
ununterbrochenen Schlaf, da wir erst erwachten, als die Sonne lngst schon
aufgegangen war.- - -

                                Zweites Kapitel

                                        

                                Ueber die Grenze


Sihdi, wie denkst du ber das Sterben?
    Wir waren stundenlang schweigsam nebeneinander her geritten, und nun erklang
diese Frage so pltzlich, so unerwartet, so unmotiviert, da ich den Sprecher
erstaunt ansah und keine Antwort gab. Das arabische Wort Sihdi bedeutet Herr.
So pflegte mich Halef noch immer zu nennen, obgleich wir schon lngst nicht mehr
Herr und Diener, sondern Freunde waren.
    Sihdi, wie denkst du ber das Sterben? wiederholte er seine Frage, als ob
er annehme, da ich ihn nicht verstanden habe.
    Du kennst ja meine Ansicht ber den Tod, antwortete ich nun. Er ist fr
mich nicht vorhanden.
    Fr mich auch nicht. Das weit du wohl. Aber ich habe dich nicht nach dem
Tode, sondern nach dem Sterben gefragt. Dieses ist da, kein Mensch kann es
wegleugnen!
    So sage mir zunchst, wie du zu dieser Frage kommst! Mein lieber, heiterer,
stets lebensfroher Hadschi Halef spricht vom Sterben! Hast du etwa einen
besonderen Grund zu dieser deiner Frage?
    Nein. Von meiner Seele, meinem Geiste, meinem Verstande wurde sie nicht
ausgesprochen, sondern sie ist mir aus den Gliedern in den Mund gestiegen.
    Das klang wohl sonderbar; aber ich kannte meinen Halef. Er pflegte mit
dergleichen, fr den ersten Augenblick aufflligen Ausdrcken immer den Nagel
auf den Kopf zu treffen. Darum wiederholte ich seine Worte:
    Aus den Gliedern? Fhlst du dich vielleicht nicht wohl?
    Es fehlt mir nichts, Sihdi. Ich bin so gesund und so stark wie immer. Aber
es ist etwas in mich hineingekrochen, was nicht hinein gehrt. Es ist etwas
Fremdes, etwas Ueberflssiges, was ich nicht in mir dulden darf. Es steckt in
meinen Gliedern, in den Armen, in den Beinen, in jeder Gegend meines Krpers.
Ich wei nicht, wie es heit und was es will. Und dieses unbekannte, lstige
Ding ist es, welches dich ber das Sterben gefragt hat.
    So wird es wohl wieder verschwinden, wenn wir es gar nicht beachten, ihm
gar keine Antwort geben.
    Meinst du? Gut; wollen das versuchen!
    Er kehrte nach diesen Worten in sein frheres Schweigen zurck.
    Der liebe, kleine, so gern lustige Hadschi war seit gestern oder wohl schon
seit vorgestern ungewhnlich ernst und in sich gekehrt gewesen, bei ihm eine
Seltenheit. Ich hatte angenommen, da ihn irgend ein Gedanke innerlich
beschftige; nun aber wute ich, da dies nicht der Fall gewesen sei. Es war
eine krperliche Indisposition vorhanden, von der ich annahm, da sie bald
vorbergehen werde.
    Wir waren von Basra ber Muhammera und Doraq an den um diese Zeit ziemlich
wasserreichen Dscherrahi gekommen und hatten uns von ihm in die Berge des
sdlichen Luristan fhren lassen. Nun war der Flu lngst verschwunden, und wir
befanden uns in einem wasserarmen Gebiete, wo der Regen hchst selten und dann
nur als kurzes, aber verheerendes Gewitter aufzutreten pflegt. Die Hhen ragten
schroff und steil empor. Ihre Hnge waren kahl. Man sah keinen Baum, nur hie und
da einen durstigen Strauch. Die Sonne brannte am Tage hei hernieder; die Nchte
hingegen waren empfindlich kalt, und wo es in den Schluchtentiefen mit Gras
bewachsene Stellen gab, da hatte dieses Grn sein Dasein nur dem Tau der kalten,
wunderbar sternenhellen Nchte zu verdanken.
    Wir glaubten, morgen den obersten Zuflu des Quran zu erreichen. Dort, wo es
Wald und Wasser gab, wollten wir uns ausruhen und unseren Pferden einige Tage
Zeit lassen, sich von der jetzigen Anstrengung zu erholen.
    Jetzt war es Nachmittag. Wir strebten einem Hhenkamm zu, dessen Erklimmen
die Krfte unserer Pferde so in Anspruch nahm, da wir, als wir endlich oben
angekommen waren, fr einige Zeit anhielten, um sie verschnaufen zu lassen. Tief
unter uns sahen wir das leere, wild zerrissene Bett eines Regenbaches, dem wir
zu folgen hatten, wenn wir den jenseitigen Gebirgszug erreichen wollten. Ich
sprach die Hoffnung aus, da sich dort ein zum Uebernachten geeigneter Ort
finden lassen werde. Aber Halef ging nicht, wie ich geglaubt hatte, auf diesen
Gedanken ein, sondern er sagte:
    Sihdi, ich habe es versucht, doch vergeblich. Die Frage kommt immer wieder.
Wie denkst du ber das Sterben? Antworte mir; ich bitte dich!
    Lieber Halef, meinst du nicht, da es besser wre, von etwas anderem zu
sprechen?
    Besser oder nicht besser; ich kann jetzt an nichts anderes denken. Es ist,
wie ich schon sagte, nicht der Tod, den ich meine. Den habe auch ich frher fr
etwas Wahres gehalten, jetzt aber wei ich, da er nichts als Tuschung ist.
Wenn wir von ihm sprechen, so meinen wir eben das Sterben, welches doch kein Tod
ist. Hast du schon darber nachgedacht?
    Natrlich! Jeder ernste Mensch wird das thun. Warum fragst du denn nicht
dich selbst? Du hast doch ebenso wie ich schon Menschen sterben sehen?
    Nein, noch keinen!
    Wieso? Ich habe doch mit dir vor Sterbenden gestanden!
    Allerdings. Aber sterben sehen habe ich trotzdem noch keinen Einzigen. Man
legt sich hin; man schliet die Augen; man rchelt; man hrt auf zu atmen; dann
ist man gestorben. Aber was ist dabei geschehen? Hat etwas aufgehrt? Hat etwas
angefangen? Hat sich etwas fortgesetzt, nur in anderer als der bisherigen Weise?
Kannst du mir das sagen?
    Nein, das kann ich nicht. Das kann berhaupt kein Lebender. Und wenn die
Gestorbenen wiederkommen und zu uns sprechen knnten, wer wei, ob sie es
vermchten, deine Frage zu beantworten. Sie wrden vielleicht auch nichts weiter
sagen knnen, als da im Sterben die Seele von dem Leib geschieden wird.
    Von ihm geschieden! Wo kam sie her? Wurde sie ihm gegeben? Ist sie in ihm
entstanden? Was hat sie in ihm gewollt? Geht sie gern von ihm? Oder thut ihr das
Scheiden von ihm weh?
    Lieber Halef, ich bitte dich, von diesem Gegenstande abzubrechen! Was Gott
allein wissen darf, das soll der Mensch nicht wissen wollen!
    Woher weit du, da nur Allah es wissen darf? Das Sterben ist ein Scheiden.
Ich darf ja wissen, wohin mich dieses Scheiden fhren soll, nmlich in Allahs
Himmel. Warum soll es mir verboten sein, zu erfahren, in welcher Weise dieser
Abschied vor sich geht? Hre, Sihdi, whrend du in der vergangenen Nacht
schliefest, habe ich darber nachgedacht. Soll ich dir sagen, was mir da in den
Sinn gekommen ist?
    Ja. Sprich!
    Ich bin der Scheik der Haddedihn, ein in der Dschesireh sehr reich
gewordener Mann. Worin besteht mein Reichtum? In meinen Herden. Da sendet mir
der Sultan einen Boten, durch welchen er mir sagen lt, da ich nach drei oder
fnf Jahren in die Gegend von Edreneh ziehen soll, um Rosen zu zchten, welche
mir den Duft ihres Oeles zu geben haben. Was werde ich thun? Kann ich meine
Herden mitnehmen? Nein. Ich werde sie nach und nach aufgeben, um mir an ihrer
Stelle anzueignen, was mir dort in Edreneh von Nutzen ist. Und wenn ich das
gethan habe, so kann ich, wenn die Zeit gekommen ist, aus meinem bisherigen
Lande scheiden, ohne mitnehmen zu mssen, was im neuen Lande mir nur hinderlich
sein wrde. So ist es auch beim Sterben. Ich wohne in diesem Leben, doch Allah
hat mir seine Boten gesandt, welche mir sagen, da ich fr ein anderes bestimmt
bin. Nun frage ich mich, was ich in jenem anderen Leben brauchen werde. Frher
glaubte ich, es sei nichts weiter ntig, als nur der Kuran und seine
Gerechtigkeit. Aber ich lernte dich kennen und erfuhr, da diese Gerechtigkeit
bei Allah nicht einen Para Wert besitzt. Ich wei jetzt, was ich hier hinzugeben
und was ich mir dafr fr dort einzutauschen habe. Ich will Liebe anstatt des
Hasses, Gte anstatt der Unduldsamkeit, Menschenfreundlichkeit anstatt des
Stolzes, Vershnlichkeit anstatt der Rachgier, und so knnte ich dir noch vieles
andere sagen. Weit du, was das heit, und was das bedeutet? Ich habe
aufzuhren, zu sein, der ich war, und ich habe anzufangen, ein ganz Anderer zu
werden. Ich habe zu sterben, an jedem Tage und an jeder Stunde, und an jedem
dieser Tage und an jeder dieser Stunden wird dafr etwas Neues und Besseres in
mir geboren werden. Und wenn der letzte Rest des Alten verschwunden ist, so bin
ich vllig neu geworden; ich kann nach Edreneh, nach Allahs Himmel gehen, und
das, was wir das Sterben nennen, wird grad das Gegenteil davon, nmlich das
Aufhren des immerwhrenden bisherigen Sterbens sein!
    Nachdem er dies gesagt hatte, sah er mich erwartungsvoll an. Ich war nicht
nur erstaunt, ich war sogar betroffen. War es denn mglich, da mein Hadschi
derartige Gedanken hegen und solche Worte sprechen konnte?!
    Halef, sag mir aufrichtig: Bist du krank? fragte ich ihn.
    Krank? lchelte er. Du meinst im Kopfe? Ist das, was ich gesagt habe, so
thricht gewesen?
    Nein. Unklar zwar, aber so gut, so gut! Ich meine krperlich krank.
    Ich sagte dir doch schon, da ich gesund bin. Ein klein wenig matt bin ich
seit gestern, und heut drckt etwas gegen meine Stirn. Die Sonne schien an
diesen beiden Tagen gar so hei. Das ist der Grund. Zu sagen hat es nichts.
    Und anstatt zu schlafen, hast du deinen Gedanken nachgehangen. Wir werden
heut eher als gewhnlich Rast machen. Dir ist Ruhe ntig. Komm; reiten wir
weiter!
    Es ging nur langsam in das Thal hinab, und dann folgten wir dem Regenbette,
dessen Windungen uns wieder aufwrts fhrten. An einer schmalen Stelle ritt ich
voran, als hinter mir ein lautes, zitterndes Huh u uh! erklang.
    Was war das? fragte ich, indem ich mich umdrehte.
    Mich fror ganz pltzlich, antwortete Halef.
    Ich sagte nichts, aber ich begann, besorgt um ihn zu werden. Der wackere
Hadschi besa eine fast ebenso eiserne Gesundheit wie ich selbst, doch war es
sehr leicht mglich, da er whrend unseres Aufenthaltes in dem hchst
ungesunden Basra einen Ansteckungsstoff in sich aufgenommen hatte, der nun in
ihm zu wirken begann.
    Als wir hher kamen, erhob sich ein scharfer Wind. Die Nacht versprach sehr
kalt zu werden, und das Gesicht Halefs zeigte eine Entfrbung, die mir nicht
gefiel. Ich wnschte sehr, baldigst an eine vom Zuge freie Stelle zu kommen, wo
wir zur Nacht bleiben konnten. Dieses Verlangen wurde auch sehr bald erfllt,
wenn auch in anderer Weise, als ich erwartet hatte.
    Wir erreichten das Ende oder vielmehr den Anfang des Regenbaches. Zwei
Bergeshnge stieen zusammen und bildeten ein Becken, dessen undurchlssiger
Felsengrund das Wasser angesammelt hatte. Es gab infolge der Feuchtigkeit da
allerlei Gestruch, mit Hilfe dessen man sich ein wrmendes Lagerfeuer gestatten
konnte. Das war uns beiden natrlich sehr willkommen. Weniger erfreulich aber
war, da wir die Stelle schon besetzt fanden. Es lagen ein Dutzend Mnner da,
deren abgesattelte Pferde am Wasser grasten. Die Leute sprangen auf, als sie uns
kommen sahen. Ihre zurcktretenden Stirnen und hohen Hinterkpfe lieen mich
vermuten, da sie Luren waren. Bewaffnet waren sie nicht besser und nicht
schlechter als alle diese Bergbewohner. Ihre Kleidung war die gewhnlicher armer
Nomaden, und auch unter ihren Pferden gab es keines, welches einen besonderen
Wert gehabt htte. Ob wir in ihnen ehrliche oder unehrliche Leute vor uns
hatten, das wuten wir natrlich nicht, doch waren wir gewohnt, vorsichtig zu
sein. Da sie uns mit neugierigen und unsere Pferde mit bewundernden Blicken
betrachteten, konnte uns nicht auffallen. Und ebensowenig erregte es unser
Bedenken, da sie unseren Gru nicht abwarteten, sondern uns in jenem Gemisch
von Arabisch, Persisch und Kurdisch willkommen hieen, welches man in diesem
Grenzgebiete so oft zu hren bekommt.
    Es gab unweit des Wassers einen alten Mauerrest, der gegen den Wind
schtzte; jedenfalls die beste Lagerstelle hier an diesem Platze. Sie wurde uns
sofort und freiwillig angeboten, und wir machten von dieser Zuvorkommenheit
recht gern Gebrauch. Man fragte uns nicht nach Namen, Stand und Herkommen, auch
nicht nach der Religion, was hier, wo Sunniten und Schiiten einander stets
feindlich gegenberstehen, eine Seltenheit war. Auch gab es keine der
gewhnlichen Aufdringlichkeiten, denen man bei dem Zusammentreffen mit
derartigen Leuten fast stets ausgesetzt ist. Kurz, wir fanden keinen Grund,
wegen der Anwesenheit dieser Mnner um uns besorgt zu sein.
    Selbst als wir unsere Pferde abgesattelt hatten, belstigten sie weder die
Tiere noch gaben sie ihre Urteile ber sie in jener lauten lrmenden Weise ab,
welche zudringlich ist. Auch unsere, besonders meine Waffen fielen ihnen auf;
das sahen wir ja, aber sie gestatteten sich nicht, uns nach ihnen zu fragen oder
gar sie zu berhren und zu untersuchen. Wir waren in ihren Augen vornehme
Fremde, denen sie mit Achtung und Rcksicht zu begegnen hatten. Diesen Eindruck
machten sie auf uns.
    Sie gingen nur ein einziges Mal aus ihrer hflichen Zurckhaltung heraus.
Nmlich als Halef Holz zu sammeln begann, um fr uns ein Feuer anzuznden,
leisteten sie ihm bereitwilligst Hilfe; dann aber hielten sie sich wieder so
entfernt von uns wie vorher. Trotz alledem beschlo ich, zu wachen, whrend der
Hadschi schlafen wrde. Die Ruhe that ihm not.
    Ich nahm von unseren Datteln und a. Halef versicherte, weder Hunger noch
Appetit zu haben. Das hrte ich nicht gern. Dann sah ich wiederholt, da er in
sich zusammenschauerte.
    Friert dich wieder? fragte ich ihn.
    Ja, antwortete er. Aber es ist wie ein Frieren ohne Klte. Ich mchte
gern etwas recht Heies trinken. Meinst du, da ich diese Leute hier um etwas
Kaffee bitten drfte?
    Die Nomaden hatten nmlich auf ihrem Feuer ein groes Blechgef stehen, in
welchem sie Kaffee kochten. Der Geruch dieses Getrnkes verfehlte auch auf mich
seine Wirkung nicht. Ich ging also hin zu ihnen und brachte unser Anliegen vor.
Ich sah ganz deutlich, da man sich herzlich darber freute, uns diesen Gefallen
erweisen zu knnen. Der, welcher ihr Anfhrer zu sein schien, sagte:
    Herr, Ihr steigt in groer Gte zu uns nieder. Wir sind arme Leute, und
dieser Kaffee wurde so bereitet, wie er sich fr uns ziemt. Ihr aber sollt einen
anderen, viel besseren haben, der Euer wrdig ist. Habt nur einige Minuten
Geduld; dann wird er fertig sein.
    Wir htten ihn ja auch so genommen, wie sie ihn hatten; aber wenn man an
Stelle des weniger Guten etwas Besseres bekommen kann, so wre man ein Thor, es
abzulehnen. Uebrigens pflegt man in jenen Gegenden dem Kaffee Gewrz
beizumischen, welches nicht hinein gehrt. Der, welchen sie jetzt tranken,
duftete ziemlich stark nach Cardamomen, und das war weder nach meinem noch nach
Halefs Geschmack. Ich erlaubte mir, ihnen dies zu sagen. Der Mann antwortete so
schnell und bereitwillig, da es mir unter anderen Umstnden ganz gewi
aufgefallen wre:
    Wir werden den Eurigen nicht wrzen, Herr. Aber unsere Bohnen haben einen
etwas bitteren Beigeschmack, der euch ohne Gewrz mehr auffallen wird. Sie
werden beim Hndler in der Nhe einer bitteren Sache gestanden haben. Uns thut
das nichts; Euch aber wird es ungewhnlich sein.
    Die Verhltnisse in den Kauflden des Orients sind so mangelhafte, da es
gar kein Wunder ist, wenn irgend eine Sache den Geruch oder Geschmack einer
anderen anzieht. Da der Kaffee ein wenig bitter schmecken werde, konnte also
keinen irgend welchen Verdacht in uns erwecken; aber der Eifer, mit dem es mir
gesagt wurde, htte meine Aufmerksamkeit erregen sollen. Diese Leute hatten, wie
wir spter erfuhren, uns schon lange Zeit, bevor wir sie bemerkten, von der
jenseitigen Hhe herabkommen sehen und sich aus ganz bestimmten Grnden bei
unserer Annherung so gestellt, als ob sie keine Ahnung von uns gehabt htten.
Zu dem Plane, den sie ausfhrten, gehrte ganz besonders auch der Kaffee, den
sie uns angeboten htten, wenn ich nicht von selbst mit meiner Bitte gekommen
wre.
    Das Frostgefhl Halefs nahm zu. Es schttelte ihn, und darum war es wohl
begreiflich, da er, als wir das heie Getrnk bekamen, einen groen Becher voll
auf einmal leerte und ihn sich auch gleich wieder fllen lie. Ich geno meinen
Teil langsamer. Er war stark, sehr stark. Ich nahm freilich an, da die Ursache
dieser Uebertreibung nur darin liege, da wir fr vornehme Leute gehalten
wurden. Bitter war er allerdings auch, aber man hat in den fernen, einsamen
Grenzbergen zwischen Khusistan und Luristan keine Ursache, den Feinschmecker
herauszukehren, und so trank ich nach und nach ebenso viel wie der Hadschi - -
drei groe Becher voll. Ich that dies besonders in der Absicht, dadurch zum
Wachen angeregt zu werden. Wir pflegten, abwechselnd zu wachen; heut aber hatte
ich mir im stillen vorgenommen, Halef nicht aus dem Schlafe zu wecken.
    Unsere Pferde grasten ganz in unserer Nhe. Sie waren gewohnt, sich nicht
von uns zu entfernen. Und ebenso gehrte es zu ihrer Eigenart, da sie sich nur
gezwungener Weise zu anderen Pferden gesellten. Sie hatten ihre Geheimnisse.
Was das heit, habe ich an anderen Orten wiederholt gesagt. Hierzu mu noch
erwhnt werden, da sie von Halef dressiert worden waren, auf den zweimaligen
Zuruf des Wortes Litath26 und einen dazwischen tnenden Pfiff jeden fremden
Reiter abzuwerfen. Der Beduine liebt dergleichen Dinge und hat auch Zeit genug,
sie seinen Pferden beizubringen. Sie knnen unter Umstnden von groem Nutzen
sein.
    Mein Assil Ben Rih war gewhnt, da ich ihm des Abends, ehe ich mich
schlafen legte, die Sure Abu Laheb langsam und deutlich in das Ohr sagte. Er
htte keinem Menschen Gehorsam geleistet, der dies nicht wute und also
unterlie. Ich that dies auch heut und streckte mich dann, in meine Decke
gehllt, neben Halef aus, obwohl es nicht meine Absicht war, einzuschlafen.
    Zunchst machte ich die Bemerkung, da mich der starke Kaffee nicht nur an-,
sondern sogar aufgeregt hatte. Meine Denkkraft war in die schnellste Bewegung
gesetzt. Es jagte eine Vorstellung die andere; ich konnte keine Idee festhalten.
Dabei war diese innerliche Ruhelosigkeit keineswegs von der ueren begleitet.
Ich bewegte mich nicht. Es fiel mir gar nicht ein, auch nur ein Glied zu rhren.
Ich hatte das Gefhl, da ich mich berhaupt nicht mehr bewegen knne, aber zum
festen, klaren Bewutsein wurde es mir nicht.
    Zuerst sah ich die sich hetzenden Gedanken trotz ihrer Schnelligkeit
deutlich an und in mir vorber fliegen. Nach und nach verloren sie ihre
Bestimmtheit; sie wurden verschwommen; dann konnte ich sie berhaupt nicht mehr
von einander unterscheiden, und schlielich wute ich von ihnen gar nichts mehr;
aber auch ich selbst war mir verschwunden, vollstndig verschwunden.
    Spter war es mir, als ob ich einigemale halb aufgewacht, aber sofort wieder
eingeschlafen sei. Das wiederholte sich, bis mir irgend ein Etwas in mir
zuflsterte, da ich in einem unnatrlich tiefen Schlaf liege, den ich unbedingt
zu besiegen habe. Dieses Etwas war ich selbst; ich hatte mich wiedergefunden.
Und nun begann ein Ringen mit den widerstrebenden Augenlidern und der bleiernen
Gliederschwere, die mich fest und unbeweglich an dem Boden halten wollte.
Dazwischen hinein war es mir, als ob ich das Krachen des Donners hre. Das
Rauschen des Windes und des Regens drang mir wie aus weiter Ferne an das Ohr,
und dann kam es mir vor, als ob ich in kalter Nsse liege, welche den ganzen
Krper durchdrang und ihn aber glcklicherweise auch endlich, endlich wieder
bewegungsfhig machte. Ich strengte meinen ganzen Willen an, und da gelang es
mir, den Oberkrper aufzurichten und die Augen zu ffnen. Was aber sah ich da!
    Der Himmel war verschwunden. Ein frchterliches Gewitter tobte. Ein Blitz
zuckte nach dem anderen. Der Donner schien keine Pause zu kennen. Es ging Krach
auf Krach und Schlag auf Schlag. Der Regen fiel wie eine kompakte Masse nieder.
Er hatte das Felsenbecken, dessen Boden vorher nur bedeckt gewesen war, fast
ganz bis oben angefllt. Vor mir sa Halef, mit dem Rcken am Gemuer lehnend.
Seine Augen waren geschlossen. Er regte sich nicht. Seine Kleidung bestand nur
aus Hose, Weste, Hemd und Stiefel. Der Regen troff von diesen vollstndig
durchnten Stcken. Das lenkte meinen Blick auf mich selbst. Auch ich hatte nur
Hose, Weste, Hemd und Stiefel, ganz so wie Halef, weiter nichts, alles andere
fehlte. Kein Mensch auer uns beiden ringsumher! Die Nomaden waren fort, mit
ihnen unsere Pferde, unsere Waffen und alles, was wir sonst noch besessen
hatten. Ein Griff in meine Taschen zeigte mir, da sie vollstndig leer waren.
Man hatte uns ausgeraubt, und wir muten noch froh sein, da wir nicht
vollstndig ausgezogen worden waren.
    Ich kann nicht sagen, da ich ber diese Entdeckung erschrak. Selbst wenn
ich ein schreckhafter Mensch wre, so wrde der Zustand der Betubung, dem ich
mich doch noch nicht ganz entrungen hatte, eine so energische Regung, wie der
Schreck ist, gar nicht zugelassen haben. Ich rieb mir die Stirn, und es gelang
mir, zwei Gedanken herauszureiben. Der erste war, da wir in dem Kaffee Opium
oder etwas dem Aehnliches getrunken hatten. Opiate sind ja in Persien, ihrem
Erzeugungslande, von jedermann sehr leicht zu haben. Und zweitens sagte ich mir,
da uns jetzt nichts so sehr wie ruhige Verlegung geboten sei.
    Halef! rief ich dem Gefhrten zwischen zwei Donnerschlgen zu.
    Er antwortete nicht. Ich wiederholte seinen Namen und schttelte ihn am
Arme. Die Wirkung war eine hchst sonderbare:
    Litaht! rief er fast berlaut. Dann steckte er, ohne die Augen zu ffnen,
den Zeigefinger krumm in den Mund, brachte einen schrillen Pfiff hervor und
schrie dann das Wort zum zweitenmale.
    Das war das Zeichen fr die Pferde, Fremden nicht zu gehorchen, sondern sie
abzuwerfen. Warum jetzt dieses Zeichen? Es war gewi ein Zusammenhang der Ideen
oder der Umstnde, welcher ihn veranlate, es zu geben. Ich rttelte ihn strker
und so lange, bis er die Augen aufschlug. Er starrte mich wie abwesend an.
    Halef, weit du wer ich bin? fragte ich.
    Da trat das Bewutsein in seinen Blick, und er antwortete:
    Mein Sihdi bist du. Wer denn sonst?
    Wie befindest du dich? Wie ist dir jetzt?
    Warm, sehr warm, lchelte er.
    Wie? Warm? Mich, den Gesunden, durchdrang eine eisige Klte, und er, dessen
Zustand mir Besorgnis eingeflt hatte, fhlte sich warm, sogar sehr warm! Wenn
ich richtig vermutet hatte und eine Krankheit bei ihm im Anzuge war, so konnte
die jetzige Durchnssung ihm im hchsten Grade gefhrlich werden. Und da fhlte
er sich warm! War es etwa das Fieber, welches hier einmal als Wohlthter auftrat
und ihm das Leben rettete?
    Weit du, wo wir sind und was geschehen ist? fragte ich ihn weiter.
    Er schlo die Augen, wie um nachzusinnen, und antwortete nicht gleich. Dann
ffnete er sie wieder, sprang mit einem einzigen Rucke in die Hhe und rief aus:
    Sihdi, du bist stets gegen den Gebrauch der Peitsche; aber hier ist sie es,
welche das erste Wort zu sprechen hat! Es waren zwlf Mann. Sobald wir sie
erwischt haben, bekommt ein jeder hundert Hiebe; das macht zusammen zwlfhundert
Hiebe. Welche Seligkeit fr mich!
    Er stand da, stolz und gerade aufgerichtet, als ob ihm nichts, aber auch gar
nichts fehle. Bis auf das Hemd ausgeraubt, vollstndig mittellos, sprach er doch
genau so, als ob er der Beherrscher der Situation sei. Darum sagte ich:
    Rede mit Ueberlegung, lieber Halef! Schau dich und mich an! Wir sind
Bettler; wir sind ganz ohnmchtige Menschen!
    Bettler? Ohnmchtig? Was fllt dir ein! Wenn du nicht mein Sihdi wrest, so
wrde ich dir sagen, da du dich schmen solltest, so ohne Selbstvertrauen zu
sein! Kennst du denn dich und mich nicht mehr? Hast du vergessen, was wir alles
erlebt und erzwungen haben? Bettler und ohnmchtig! Du bist der klgste Mann des
Abend- und ich bin der pfiffigste Halef des ganzen Morgenlandes! Grad da wir
vollstndig ausgeraubt und scheinbar ohne Mittel und ohne Hilfe sind, mu uns
willkommen sein! Denn das giebt uns Gelegenheit, zu zeigen, was wir knnen! La
mich nur machen! Ich werde berlegen. Ich habe nicht immer geschlafen; ich bin
auch aufgewacht; aber bewegen konnte ich mich leider nicht. Ich habe gesehen,
und ich habe gehrt. Was? Darber will ich nachdenken.
    Er setzte sich wieder nieder, obgleich die Stelle na wie jede andere war.
Den Kopf in die Hnde legend, sah er auf die Erde. Dabei sagte er, indem er
zwischen den einzelnen Worten oder Stzen lngere oder krzere Pausen machte:
    Ich wurde hin und her gewlzt, wachte aber nicht auf. - Ich fhlte fremde
Hnde in meinen Taschen, konnte mich aber nicht wehren. - - - Man hatte uns
schon drben auf dem Bergkamme stehen sehen, wo wir die Pferde ausruhen lieen.
- - - Man beschlo, uns nicht zu berfallen und nicht zu tten, sondern mit
Efjuhn27 wehrlos zu machen. - - - Dann war es Tag geworden. Ich hrte die Hufe
der Pferde und dachte an unsere Hengste. Das gab mir Kraft, die Augen
aufzuschlagen. Ich sah, da die Diebe fort wollten. Eben schwangen sich zwei auf
unsere Rappen. Der Grimm darber machte mich sofort gesund, leider nur fr einen
Augenblick. Ich rief zweimal das Wort und gab den Pfiff. Die Hengste gehorchten
sofort. Sie gingen in die Luft, und die beiden Kerle flogen in weitem Bogen auf
die Erde nieder. Der eine stand wieder auf. Der andere aber konnte das nicht
thun; er mute aufgehoben werden. Allah gebe, da er ein Bein gebrochen hat,
noch besser aber alle beide! - - - Dann schlief ich wieder ein, doch nicht auf
lange Zeit, denn ich sah sie fortreiten, da grad hinauf; jenseits verschwanden
sie. Die helle Morgensonne schien. Nun aber kam der tiefste Schlaf, aus welchem
mich der Donner weckte. Ich setzte mich auf und lehnte mich hierher. Mehr zu
thun, hatte ich nicht die Kraft. - - - Ich trumte allerlei, bis ich von dir
aufgerttelt wurde. - - - Das, Sihdi, ist es, was ich dir sagen kann, weiter
nichts!
    Wie kam es wohl, da er nicht so tief wie ich geschlafen hatte? Hatten die
in seinem Krper thtigen Krankheitserreger die Wirkung des Opiums abgeschwcht?
Wohl mglich! Da umzuckte uns ein Blitz, als ob wir mit der Umgebung in einer
einzigen Flamme stnden; es folgte ein betubender Donnerschlag, und dann gab es
pltzlich keinen Tropfen Regen mehr. Das Wetter war vorber; die Wolken
verschwanden schnell, und hierauf schien die Sonne erwrmend und trocknend auf
uns hernieder. Ihr Stand sagte uns, da es Nachmittag gegen drei Uhr sei. Uhren
hatten wir nicht mehr.
    Es war, als ob uns mit der Sonne die volle Lebenskraft zurckgegeben worden
sei. Halef behauptete, er sei vollstndig gesund und wohl und fhle nicht das
geringste Unbehagen. Er wurde, wie sich spter herausstellte, getuscht. Ich
hatte Kopfschmerzen und vermite sowohl die krperliche als auch die geistige
Elastizitt. Das konnte mich aber nicht hindern, zu thun, was ntig war. Zu
berlegen gab es nichts. Wir konnten nichts anderes thun, als den Dieben folgen.
Der Regen hatte zwar alle ihre Spuren weggewischt, aber wir wuten doch, nach
welcher Richtung sie sich entfernt hatten. Eigentlich war es lcherlich, da wir
ohne alle Waffen und zu Fue wohlbewaffnete Reiter verfolgen wollten, um ihnen
ihren Raub wieder abzunehmen; aber sie konnten doch nicht wochenlang in einer
Tour fortreiten. Sie muten einen Ort haben, an welchem sie wohnten, und dieser
konnte nicht wohl jenseits der Grenzen dieser Berge liegen. Wir muten uns auf
unsern Scharfsinn verlassen und unserem alten, guten Glck Vertrauen schenken.
Die grte Milichkeit unserer Lage bestand darin, da wir ohne Lebensmittel
waren. Aber verhungern konnten wir nicht, denn nur eine Tagesreise von hier gab
es am oberen Quran bewohntes Land, wo wir wohl bekommen wrden, was uns ntig
war. Uebrigens trug ich auf der Brust die Brieftasche mit den Geldwerten, welche
mich gegen jeden spteren Mangel sicher stellten. Es fiel mir nicht im
geringsten ein, gleich von vornherein an unserem Erfolge zu verzweifeln. Wenn
Halef munter blieb, konnte sich sehr wohl ein guter Ausgang einstellen. Er
behauptete, bereit zu sein, und so traten wir in dem scheinbar hilflosen
Zustande, in welchem wir uns befanden, an eine Aufgabe heran, zu deren Lsung
mehr, viel mehr gehrte, als uns zur Verfgung stand.
    Das Trocknen unserer hchst mangelhaften Anzge ganz einfach der Sonne
berlassend, verlieen wir das Wasserbecken und stiegen in der Richtung bergan,
in welcher sich die Nomaden entfernt hatten. Es war eine Art Bergsattel, auf
dessen anderer Seite sie verschwunden waren. Gebahnte Wege gab es natrlich
nicht. Jeder konnte die ihm beliebige Richtung einschlagen; aber es verstand
sich ganz von selbst, da er sich den bequemsten Ab- oder Aufstieg suchte. Wenn
das Terrain mehrere bequeme Richtungen bot und es keine Spuren gab, so war es
freilich fr uns schwer, zu bestimmen, wohin die Gesuchten sich gewendet hatten.
Das war hier oben der Fall. Gegenber lagen nackte Hhen, hinter denen im Osten
Berge emporstiegen, welche bewaldet oder doch wenigstens mit Gebsch bestanden
zu sein schienen. Es war anzunehmen, da die von uns Verfolgten dorthin geritten
seien. Gerade vor uns ging ein breiter, sanft geneigter Felsenhang hinab, an
dessen Fue drei verschiedene, nach Osten gehende Thler mndeten. Welches von
diesen dreien war gewhlt worden? Das wuten wir nicht. Jammerschade, da der
Regen jede Spur verwaschen hatte.
    Wir stiegen hinab und begannen, das Terrain abzusuchen, obgleich wir keine
Hoffnung auf Erfolg hatten. Aber das Glck, von dem ich vorhin sprach, war uns
gnstig. Das mittlere dieser Thler war das breiteste und, wie es schien,
bequemste. Darum gingen wir zunchst eine Strecke weit in dasselbe hinein. Da
sahen wir den zwei Finger starken Ast eines Strauches liegen. Er war gewi erst
heut frh abgeschnitten und gehrte derselben Buschgattung an, welche oben am
Wasser gestanden hatte. Er war an dem einen Ende zersplittert und zwischen
diesen Splittern hingen zwei lange schwarze Pferdehaare. Er lag ganz nahe an
einem hoch und glatt aufragenden Felsenstck, dessen Vorderseite fast ganz
trocken war, weil der Wind den Regen von Sden her gebracht hatte. Es gab da in
fast Manneshhe eine feuchte, rote Stelle am Gestein, und unten auf dem Erdboden
war ein mehrere Hnde groer Flecken geronnenen Blutes zu sehen, welches der
Regen nicht getroffen und also auch nicht aufgelst hatte.
    Ob das ein Beweis ist, da unsere Spitzbuben hier gewesen sind? fragte
Halef.
    Ja. Und zwar ein sicherer Beweis, antwortete ich. Um welches von unseren
Pferden es sich handelt, das wei ich nicht; aber man hat eines von ihnen
hierher an den Felsen gedrngt, um es zu zwingen, sich besteigen zu lassen. Es
hat sich gewehrt und ist dafr mit diesem Aste gezchtigt worden. Man hat ihn an
dem edlen Tiere in Splitter geschlagen und diesem dabei diese Haare aus dem
Schwanze gerissen. Aber der Hengst hat die Missethat sofort vergolten und den
Betreffenden so getroffen, wahrscheinlich an die Brust, da aus seiner Lunge ein
Blutergu erfolgt ist. Sie sind also in diesem Thale aufwrts geritten, und wir
wissen nun, welche Richtung wir einzuschlagen haben, wenn wir ihnen folgen
wollen.
    Wie? Was? fragte Halef zornig. Unseren Barkh oder unseren Assil Ben Rih
geschlagen? Mit diesem Knppel hier? Das mu hundertfach gerochen werden! Das
erste Gebot fr uns ist, Allah zu lieben; das zweite ist, die Menschen zu
lieben, und das dritte ist, die Tiere und berhaupt alle Geschpfe zu lieben,
welche uns dienen sollen, weil Allah sie uns anvertraut hat. Wer gegen eines
dieser drei Gebote handelt, der ist ja gar nicht wert, da sie ihm gegeben
worden sind! Ich will nicht etwa sagen, da das Schlagen berhaupt verboten sei,
denn warum htte man sonst die Peitsche erfunden, und wozu wre da ganz
besonders auch meine eigene Kurbatsch28 vorhanden, welche in diesem Augenblick
allerdings nicht mehr vorhanden ist? Ich hoffe aber, da ich sie sehr bald
wiederbekomme, um die Hiebe, mit denen die edle Haut unseres Pferdes entweiht
worden ist, mit Zinsen und wieder Zinseszinsen von diesen Zinsen zurckgeben zu
knnen! Wer ein Pferd schlgt, durch dessen Adern reines Blut und edler Wille
fliet, der ist ein Schuft, ein Schurke, ein elender Taugenichts, der die grte
Verachtung verdient. Und wenn er gar das Pferd vorher gestohlen hat und mit dem
Knppel also eine Stelle bearbeitet, welche gar nicht sein rechtmiges Eigentum
ist, so - - so - - so fehlen mir berhaupt die Worte, dir zu erklren, wie
unendlich tief der Abgrund der Niedertrchtigkeit ist, in dem er diese mir ganz
unbegreifliche That begangen hat!
    Das war so recht die Gesinnung und die Ausdrucksweise meines kleinen
Hadschi. Er stand mit geballten Fusten vor mir. Seine Augen blitzten, und sein
Gesicht zeigte den Ausdruck des hchsten Zornes. Ein Vollblutpferd mit dem
Stocke zu bestrafen, das ging ihm ber alle menschenmglichen Begriffe. Er ri
mir den Ast aus der Hand und fuhr fort:
    Gieb ihn mir! Ich sehe den Rcken schon von weitem, auf welchem ich dieses
Werkzeug der Missethat vollends zersplittern werde!
    Sei ruhig, Halef, fiel ich ein. Schau hier das Blut! Die That ist ja
schon gercht worden, und zwar viel strenger, als du sie rchen knntest.
    Meinst du? Hm! Ja! Der Hauptthter hat seinen Lohn bekommen. Aber es waren
elf andere dabei, welche die Mihandlungen geduldet haben. Traust du mir etwa
zu, da ich sie begnadige?
    Diese Frage war so ernst gemeint, da ich ber sie lcheln mute.
    Warum lachst du? fragte er. Willst du etwa meinen Grimm vergrern? Soll
ich nun auch noch auf dich zornig werden?
    Nein; das wnsche ich nicht, lieber Halef. Aber schaue dich an, und schenke
auch mir einen Blick! Wie stehen wir da! Wie sehen wir aus! Worin besteht unser
Besitz und unsere Macht? Und da sprichst du von Begnadigung?
    Warum soll ich das nicht? fragte er im Tone des Erstaunens. Werden wir
etwa so, wie wir jetzt aussehen, hier stehen bleiben? Haben wir nicht soeben die
Spur derer entdeckt, welche wir suchen? Werden wir ihnen denn nicht alles wieder
abnehmen, was sie uns gestohlen haben? Und sind sie dann nicht ganz und gar in
unsere Hnde gegeben? O, Sihdi, von dir habe ich gelernt, an mich und dich zu
glauben, und nun bist grad du es selbst, der keinen Glauben hat! Was soll ich
von dir denken! Selbst wenn es aus allen anderen Grnden unmglich wre, an
diesen Schurken Vergeltung zu ben, so ist doch diese eine Unthat, unser Pferd
geschlagen zu haben, so ungeheuerlich, da sich das Kismet29 gezwungen sehen
mu, uns diese Kerle auszuliefern! Also zweifle nicht! Ich wei, was kommen
wird. Pa auf, was ich jetzt thue!
    Er schleuderte den Ast weit von sich und fgte dann hinzu:
    So wie ich dieses Werkzeug des Verbrechens wegwerfe, so werde ich alle
meine Gte und Gnade von mir werfen, wenn diese Spitzbuben mich um Schonung
bitten! Sei so gut und komme mir dann ja nicht mit deiner wohlbekannten
Menschenliebe, mit welcher du mir schon so manche unbezahlte Rechnung
ausgestrichen hast! Ich will und werde mich rchen, und zwar so, wie ich mich
noch nie gercht habe. Jetzt komm! Wir wollen fort von hier! Wir drfen keine
Zeit versumen, um Gericht zu halten ber alle, die uns beraubt, belogen,
betrogen und beleidigt haben!
    Wir gingen, um dem Thale zu folgen, in welchem wir uns befanden. Mein
Gesicht schien jetzt einen Ausdruck zu haben, der Halef nicht gefiel, denn
dieser sah mich, whrend wir neben einander gingen, forschend an und sagte dann:
    Du lchelst abermals und doch ist es kein Lcheln. Du lchelst zwar sehr
deutlich, aber innerlich. Habe ich recht?
    Ja, nickte ich.
    So sag: Was kommt dir spahaft vor?
    Deine Ungnade.
    Die ist ganz und gar nicht lcherlich. Ich meine doch, da du mich kennst,
Sihdi!
    Ja, ich kenne dich!
    Nun? Weiter? Was willst du sagen?
    Dein Grimm will oft die ganze Welt verschlingen. Dann aber schleicht sich
heimlich und leise dein gutes Herz heran, um diese ganze Welt verzeihend zu
umarmen!
    So! Also so stark und so schwach bin ich in deinen Augen?
    Ja, aber nicht so, wie du es meinst, sondern umgekehrt: schwach im Grimme
und stark in der Gte.
    Hre, Sihdi, ich will nicht mit dir streiten. Ich streite ja berhaupt nie
mit dir, weil ich dir sonst zeigen mte, da du immer und immer unrecht hast.
Und diese Krnkung will ich dir ersparen, denn ich bin dein wahrer Freund, und
liebe dich. Aber dieses Mal mu ich dir doch sagen, da du dich in mir
tuschest. Es wird meinem Herzen nicht einfallen, geschlichen zu kommen, um
hinter meinem Rcken meinen Grimm in Liebe zu verwandeln. Du denkst nie so
scharf und empfindest nie so tief wie ich! Ich habe vorhin mit ganz besonderer
Absicht gesagt: beraubt, belogen, betrogen und sogar auch noch beleidigt. Diese
Beleidigung kannst du freilich nicht so ganz unten in der tiefsten Tiefe des
Zornes fhlen wie ich, denn du bist ein Abendlnder aus Dschermanistan30, wo man
es fr hflich hlt, das Heiligtum des Hauptes preiszugeben. Ihr grt, indem
ihr dem Kopfe das nehmt, was an jedem Kopfe das Allerwichtigste ist, nmlich die
Bedeckung. Ich aber bin ein Scheik des Morgenlandes aus der Dschesireh31, wo man
es fr eine Schande hlt, die ehrenvolle Wrde des Scheitels zu entblen. Wer
mich zwingt, unbedeckten Hauptes zu erscheinen, der hat schlimmer an mir
gehandelt, als wenn er mir hundert Ohrfeigen oder tausend Stockhiebe gegeben
htte. Er hat ein Verbrechen an mir begangen, welches ihm zu verzeihen mir ganz
unmglich ist. Nun schau mich an! Was siehest du? Oder vielmehr, was siehest du
nicht?
    Das Allerwichtigste, was es an deinem Kopfe giebt, antwortete ich.
    Halt! Lchle nicht etwa schon wieder! Diese Kerle haben mir nicht nur den
Fez geraubt, sondern auch das Turbantuch, mit welchem man den obersten und
hchsten Teil des Morgenlandes schmckt. Ich bin der hervorragendste Punkt des
berhmten Volkes der Haddedihn vom groen Stamme der Schammar. Und dieser Punkt
ist unbedeckt, der Luft, der Sonne, dem Regen und jedem Auge preisgegeben!
Verstehest du das? Kannst du mir das nachfhlen, wenn ich mir Mhe gebe, es dir
so deutlich wie mglich vorzuempfinden? Ist es dir mglich, die Gre der
Schande zu ermessen, welche mir angethan worden ist? Oder ist es ntig, die
Thtigkeit deines Begriffsvermgens durch ein erklrendes Beispiel zu
untersttzen?
    La mich dieses Beispiel hren! forderte ich ihn auf, denn wie ich ihn
kannte, war jetzt eine seiner Uebertreibungen, also etwas Drolliges zu erwarten.
    So hre, was ich dir sage! Ihr entblt aus Hflichkeit das Haupt, wenn
aber wir hflich sein wollen, so ziehen wir die Pantoffeln aus. Wieviel Menschen
giebt es in eurem Abendlande?
    Viele, viele Millionen.
    Aber ist auch nur ein einziger Scheik der Haddedihn dabei?
    Nein; keiner.
    So wirst du einsehen, was fr eine seltene und wichtige Person ich bin!
Also vernimm nun den Vergleich: Da man mir den Fez und das Turbantuch gestohlen
hat, ist eine noch viel grere Missethat, als wenn allen deinen abendlndlichen
Millionen ihre smtlichen Pantoffeln gestohlen worden wren. Das siehst du doch
wohl ein?
    Hm!
    Ich will dieses Hm! nicht hren, weil es mich an deiner Einsicht zweifeln
lt! Ich hoffe, es ist dir nun klar geworden, da ich die Rache fr diese
Beleidigung unmglich den Hnden meines guten Herzens anvertrauen - - - hre,
Sihdi, was hast du schon wieder zu lcheln? unterbrach er sich.
    Ich wundere mich ber die Hnde deines Herzens, lieber Halef.
    So! Ah - - hm - - - Hnde! Du willst die schne, gelufig flieende Sprache
meines Mundes mit Fehlern belasten, da sie stecken bleiben mge? O, Sihdi,
verdoppele ja nicht meinen Zorn, denn er ist auch ohnedies schon so gro, da
er, wenn er dich trfe, dich vollstndig vernichten wrde. Ich will dich aber
schonen und darum werde ich schweigen!
    Er rckte um einige Schritte von mir ab, um mir zu zeigen, da er mit mir
schmolle. Das that er immer, wenn ich es fr ntig hielt, gegen seine Eigenart
eine leise Verwahrung einzulegen; doch war seine Indignation nie von langer
Dauer. Er konnte es nicht aushalten, einen trennenden Gedankenstrich zwischen
sich und mir zu wissen.
    Wir waren noch nicht weit vorwrts gekommen, so hatten wir Veranlassung,
wieder stehen zu bleiben. Das Thal stieg hier in fast schnurgerader Richtung
nach oben, und es war uns also ein ziemlich weiter Blick in den vor uns
liegenden Teil desselben gestattet. Da sahen wir eine Schar berittener Mnner,
welche uns entgegenkamen und, als sie uns bemerkten, halten blieben, um uns zu
beobachten.
    Schau, Sihdi, da kommt Rettung! rief Halef, schnell seinen Groll
vergessend. Siehst du sie?
    Rettung? fragte ich. Abwarten!
    Da ist gar nichts abzuwarten! Genommen kann uns nichts werden, denn wir
haben ja nichts mehr. Und wer uns nichts Bses thun kann, der mu uns doch Gutes
thun. Es sind acht Personen, aber elf Pferde. Wie fangen wir es an, um zwei von
den ledigen Tieren zu bekommen? Ich wei es!
    Nun, wie?
    Auf Kredit. Wenn sie hren, wer ich bin, werden sie bereit sein, uns mit
zwei Pferden auszuhelfen.
    Wollen es versuchen. Komm!
    Wir gingen also weiter. Als die Reiter dies sahen, setzten auch sie sich
wieder in Bewegung. Nach zwei Minuten hielten sie an, und wir standen vor ihnen.
Sie waren schwarzhaarige, dunkelgefrbte Mnner mit Gesichtszgen, die an
Kurdistan gemahnten. Bei derartigen Begegnungen richtet man den ersten Blick auf
die Reiter, den zweiten auf die Pferde. Wir sahen, da wir von diesen Fremden
nicht unfreundlich betrachtet wurden. Ihr Pferdematerial war ein mittelmiges.
Dem entsprachen auch ihre Anzge und die Waffen, welche sie trugen. Zwei von den
ledigen Pferden waren zum Reiten gesattelt. Auf dem Packsattel des dritten sahen
wir ein in eine alte, schlechte Decke gewickeltes Bndel festgeschnallt. Der
Anfhrer, ein stark gebauter, vollbrtiger Mann, wartete nicht, bis wir ihn
grten, sondern er hob seine Rechte bis in die Gegend des Herzens und sagte in
hflichem Tone:
    Ni, vro'l ker!
    Das war der gewhnliche, kurdische Gutentag-Gru. Er enthielt keine
bertreibende Hflichkeit und klang ebenso aufrichtig, wie er einfach war. Das
gefiel uns. Wenn wir bedachten, wie wir vor diesen Leuten standen, so war gewi
anzuerkennen, da ihr Anfhrer uns den Gru zuerst gegeben hatte. Wir dankten
ihm mit gleicher Hflichkeit; dann nannte er uns, ohne von uns gefragt worden zu
sein, aus eigenem Antrieb seinen Namen:
    Ich bin Nafar Ben Schuri, der Scheik der Dinarun. Wir befinden uns auf der
Jagd. Unser Lager ist gegen Osten eine Stunde weit von hier.
    Wir sahen, da er nun unsere Antwort erwarte. Ich lie es geschehen, da
Halef sie gab. Er that dies natrlich in der ihm gelufigen Weise, auf welche er
grad unter den gegenwrtigen, fr uns so milichen Umstnden am allerwenigsten
verzichtet htte. Was unserer persnlichen Erscheinung mangelte, das mute
unbedingt durch klingende Worte ergnzt werden.
    Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al
Gossarah, der Scheik der Haddedihn vom Stamme der Schammar. Ich hoffe, da dir
dieser Name nicht unbekannt ist!
    Es war allerdings, als der Anfhrer diesen Namen hrte, wie eine Art von
Leuchten ber sein Gesicht gegangen. Nun antwortete er:
    Ich habe von dir gehrt. Einige meiner Leute sind vor mehreren Tagen von
Basra heimgekehrt. Sie haben dich gesehen und mir von dir erzhlt.
    Das war Wasser auf Halefs Mhle. Er reckte seine kleine Gestalt so hoch wie
mglich empor und fiel in stolzem, selbstbewutem Tone ein:
    Von meinen Thaten auch? In der Sahara? In Aegypten? In Arabien? In
Kurdistan?
    Alles nicht, aber vieles, lchelte Nasar Ben Schuri. Wenn Allah will,
werde ich noch mehr von dir selbst erfahren.
    Er wird es wollen, hoffe ich! Aber sieh hier diesen anderen Mann, meinen
Freund und Begleiter, an! Sein Name ist eigentlich noch viel, viel lnger als
der meinige; aber er liebt es nicht, da derselbe von Anfang bis zum Ende
vorgetragen wird. Darum will ich ihn einstweilen nur Kara Ben Nemsi aus
Dschermanistan nennen. Was ich erlebt habe, hat er fast alles miterlebt. Ich
will dir nur die allerwichtigsten unserer Thaten aufzhlen, denn wenn ich dir
alle nennen wollte, so - - -
    Er hielt mitten in der Rede inne, denn ich hob die Hand auf, um ihm Einhalt
zu thun. Grad die sogenannten groen Thaten waren es ja, die er mit den
buntesten Blumen auszuschmcken pflegte. Den orientalischen Zuhrern konnte
seine berschwengliche Ausdrucksweise freilich nicht auffallen, weil sie meist
selbst keine andere gewhnt waren; aber ich liebte sie nicht und suchte sie
darum, so oft dies mglich war, in die richtigen Grenzen zurckzuleiten. So auch
jetzt. Er gehorchte zwar sogleich, warf mir aber die bedauernde Bemerkung zu:
    Sihdi, winke mir doch nicht immer grad dann zu, wenn ich spreche! Du weit
ja, da mich das strt! Winkst du mir, wenn ich schweige, so habe ich ja viel
mehr Zeit, deinen Wink zu beachten. Das wirst du wohl einsehen! Sich hierauf
dem Anfhrer wieder zuwendend, fuhr er fort: Die letzte und allergrte unserer
Thaten geschieht eben jetzt, indem wir dir begegnen. Wir stehen grad im
Begriffe, zwlf Schurken, welche uns ausgeraubt haben, zu verfolgen, zu
ergreifen, zu richten und zu bestrafen!
    Nafars Gesicht zeigte einen zwar undefinierbaren, aber leicht erklrlichen
Ausdruck, als er hierauf fragte:
    Man hat euch ausgeraubt?
    Ja. Das siehst du doch!
    Ihr habt keine Pferde?
    Nein. Oder siehst du welche?
    Waren die Ruber beritten?
    Ja.
    Und dennoch wollt ihr sie verfolgen?
    Natrlich! Es kann uns doch gar nicht einfallen, sie entkommen zu lassen.
    Und ihr glaubt, sie einholen zu knnen?
    Ganz gewi!
    Etwa mit euren Beinen? Auf diesen euren Fen?
    Fllt uns auch nicht ein!
    Wie denn?
    Ganz selbstverstndlich auf den Fen eurer Pferde!
    Maschallah32! Ihr glaubt, da wir euch helfen werden?
    Es wre uns wohl lieb, wenn ihr es thtet, aber unbedingt notwendig ist es
nicht. Wir brauchen zwei Pferde, zwei Gewehre, zwei Messer, zwei Fez', zwei
Haks33 und Pulver und Blei. Das kaufen wir euch ab.
    Du sprichst sehr kurz und bestimmt. Knnt ihr denn dies alles bezahlen?
    Sogleich freilich nicht; aber ich bin Hadschi Halef Omar, der Scheik der
Haddedihn, und wenn ich mein Wort gebe, da ich sogar den doppelten Preis zahlen
werde, so frage ich: Wer wagt es, zu behaupten, da ich es nicht halten werde?
    Niemand. Ich glaube dir. Aber ich habe euch noch nie gesehen, und ich
besitze keinen Beweis, ob ihr wirklich die berhmten Mnner seid, deren Namen du
genannt hast. Es ist also ein ganz besonderer Handel, auf den ich mit dir
eingehen soll. Erlaube uns, o Scheik der Haddedihn, da wir von unseren Pferden
steigen, um uns von dir erzhlen zu lassen, von wem und in welcher Weise der
Raub an euch begangen worden ist!
    Das klang so vernnftig und so hilfsbereit. Da er vorher gesprchsweise
prfen wollte, konnten wir ihm nicht im geringsten belnehmen. Die Dinarun
stiegen von ihren Tieren und setzten sich, einen Halbkreis bildend, nieder. Wir
nahmen vor ihnen Platz, und dann begann Halef zu erzhlen. Er that dabei alle
mgliche, unsere Unvorsichtigkeit zu entschuldigen und die an uns begangene
Missethat ins grellste Licht zu stellen. Als er geendet hatte, richtete der
Anfhrer die Frage an ihn:
    So wit ihr also nicht genau, wer diese Menschen gewesen sind?
    Nein, antwortete Halef.
    Auch nicht, wo sie wohnen?
    Auch nicht.
    Da ging ein breites, frohes Lcheln ber das dunkle, brtige Gesicht Nafars,
und er sagte:
    Wie gut fr euch, da ihr uns begegnet seid! Was ihr nicht wit, das knnt
ihr von uns erfahren.
    Von euch? fragte Halef schnell. Wit ihr denn etwas ber diese Halunken?
    Ja, nickte der Anfhrer.
    Was und woher?
    Wir sind ihnen ja begegnet!
    Ihr? Ihnen? Begegnet? rief Halef aus, indem er aufsprang. Hamdulillah!
Das ist ja ganz so gut, als ob wir sie schon htten! Wo und wann ist das
geschehen?
    Um die Mittagszeit, im Nordosten von hier. Ich wei die Stelle ganz genau.
Und da ihr Hadschi Halef und Kara Ben Nemsi seid, so bin ich gern erbtig, euch
die Hilfe unseres ganzen Lagers anzubieten. Ja, es stimmt: Es waren zwlf
Personen, aber zwei von ihnen schienen krank oder verwundet zu sein - - -
    Der vom Pferde Abgeworfene und der vom Pferde Geschlagene! unterbrach ihn
Halef.
    Eure beiden Rappen wurden an den Zgeln geleitet. Es sa niemand auf ihnen,
und erst jetzt fllt es mir ein, da sie sehr aufgeregt zu sein schienen.
    Habt ihr mit den Leuten gesprochen?
    Nein. Sie schienen das nicht zu wnschen und ritten, nur kurz grend, an
uns vorber. Spter sahen wir einen zusammengebundenen Gegenstand an der Erde
liegen. Es ist mglich, da sie ihn verloren haben, aber keineswegs gewi, denn
wir haben nicht auf ihre Fhrten geachtet und wissen also nicht, ob er auf ihren
Spuren lag. Nachdem wir aber euch hier getroffen und erfahren haben, was euch
geschehen ist, so vermute ich, da die darin befindlichen Sachen euch gehren.
Wir ffneten natrlich das Paket und haben also gesehen, was es enthlt. Es
scheint alles zu sein, was euch an eurer Kleidung fehlt.
    Er winkte einem seiner Leute, welcher das Bndel vom Packsattel lste, um es
herbeizubringen, zu ffnen und dann den Inhalt vor uns auszubreiten. Es war zu
unserer gewi nicht unangenehmen Ueberraschung so, wie er gesagt hatte: Da lagen
unsere Decken, die Haks, die Fez', die Turbantcher, die Jacken und auch die
kleineren, unwichtigen Gegenstnde, welche zu unseren Anzgen gehrten. Es
fehlte nichts; es war, als ob man mit besonderer Aufmerksamkeit darauf bedacht
gewesen sei, gerade diese Kleidungsstcke von den anderen uns geraubten Sachen
in der Weise abzusondern, da ein glcklicher Umstand sie uns vollstndig
zurckzugeben habe. Spter sahen wir freilich ein, da uns dies htte auffallen
mssen; zunchst aber erregte der willkommene Fund nicht das geringste Bedenken
in uns, zumal die Taschen leer waren und es keinen Grund fr uns gab, auf irgend
eine Absichtlichkeit zu schlieen. Das Paket war schlecht festgebunden gewesen.
Man hatte es also whrend des Rittes verloren und dies nicht sogleich bemerkt.
Freilich lag die Frage nahe, warum man nicht umgekehrt war, es zu suchen, als
man endlich doch gewahrte, da es abhanden gekommen sei. Das war aber nicht
schwer zu erklren: Wer einen Raub begangen hat, der sucht zunchst, sich
mglichst weit zu entfernen; zur Umkehr mssen wichtige Grnde vorliegen, und
der Wert dieser Kleidungsstcke war doch nicht ein so hoher, da man ihretwegen
eine Zeit von vielleicht mehreren Stunden htte versumen mgen. Dazu kam die
Begegnung der Diebe mit den Dinarun. Die ersteren muten sich, sobald sie den
Verlust bemerkten, sagen, da die letzteren das Paket gefunden haben und, wenn
man es von ihnen zurckverlangte, gewi nach der Berechtigung dazu fragen
wrden. Das konnte sehr leicht zu unangenehmen Forschungen und Weiterungen
fhren - - - kurz und gut, es war weder fr mich noch fr Halef unbegreiflich,
da wir unsere Sachen so hbsch bei einander vor uns liegen sahen. Freilich an
den Umstand, da es fr mich berhaupt keinen Zufall giebt, dachte in diesem
Augenblick keiner von uns beiden. Halef, der stets Schnellerfertige von uns,
rief, als er die Sachen sah, voller Freude aus:
    Maschallah! Was erblicken meine Augen! Da liegt ja die ganze Ehre unserer
Hupter und die ganze Zierde unserer Glieder vor uns ausgebreitet! Ich sehe
nicht ein einziges Stck, welches sich nicht dabei befindet, sondern es ist
alles, alles da! Sihdi, ich fordere dich auf, im Verein mit meinem Munde zu
erklren, da das Kismet ehrlicher und gerechter ist, als diese Spitzbuben es
gewesen sind! Das gtige Fatum zeigt uns hier wieder einmal, da wir in die
vorderste Reihe seiner Lieblinge gehren. Und weit du, warum es uns zunchst
die geraubte Kleidung zurcksendet?
    Nun, warum? fragte ich.
    Weil wir sie ntiger als alles andere haben und damit wir hieraus erkennen
sollen, da wir auch das, was noch fehlt, zurckbekommen werden. Was sitzest du
da und regst dich nicht! Folge doch meinem Beispiele; die Sachen gehren doch
uns!
    Er war nmlich aufgesprungen und nun eifrig damit beschftigt, die
Kleidungsstcke so eilig anzulegen, als ob sein ganzes Heil in der vollstndigen
Umhllung seines kleinen, schmchtigen, aber auerordentlich sehnen- und
nervenstarken Krpers bestehe. Ich folgte nun seinem Beispiele, wenn auch in
langsamerer und bedchtigerer Weise.
    So! sagte er, als er fertig war. Jetzt bin ich wieder Hadschi Halef Omar,
aber weiter nichts. Der berhmte Krieger und Scheik der Haddedihn werde ich erst
dann wieder sein, wenn ich mein Pferd und meine Waffen wieder habe. Aber wehe
dann allen denen, welche fhig gewesen sind, einen solchen Verrat und Bruch der
Gastfreundschaft an uns zu verben! Ich werde ber sie Gericht halten wie der
Erzengel Midschal34, dem das Schwert der Rache in die Hand gegeben ist! Ich
werde weder Gnade noch Gte walten lassen! Ich werde so hart sein wie der
Kieselstein am Ufer des Tigris und so unnachgiebig wie der Grimm, der sich im
Magen eines hungrigen Lwen regt. Ich werde sie packen, wie der schwarze Panther
seine Tatzen in das Genick der Kameelstute schlgt, und ich werde sie
festhalten, wie das Krokodil seine Beute nie aus den Zhnen lt! Ihre Qualen
werden grer sein als die Qualen aller Hllen, die es giebt, und wenn sie vor
Schmerzen sthnen, wie der Hammel unter der Hand des Schlchters sthnt, so
werde ich lchelnden Mundes dabeisitzen und mich freuen, da sie der
wohlverdienten Strafe nicht entgangen sind!
    Das klang schrecklich genug. Wer ihn nicht kannte, der konnte allerdings
glauben, da er in voller Ueberzeugung spreche. Die Dinarun warfen einander
heimlich sein sollende Blicke zu. Das war nicht zu verwundern, wenn man unsere
Lage mit den Worten des Hadschi verglich. Nafar blieb ernst, doch hatte seine
Stimme einen ungewhnlich freundlichen, teilnehmenden Ton, als er jetzt sagte:
    Ich sehe, da diese Sachen allerdings euer Eigentum sind. Wir haben sie
gefunden, geben sie euch aber gern. Es freut mich, da ihr nun als Mnner vor
mir steht, denen man ansieht, da sie gewohnt sind, zu befehlen, nicht aber, zu
gehorchen. Wir sind bereit, euch Hilfe zu erweisen. Ihr knnt einstweilen diese
beiden Pferde, dann aber auch noch bessere bekommen, wenn ihr einwilligt, unsere
Gste zu sein und uns nach unserem Lager zu begleiten. Auch Gewehre, Messer und
Pulver werden wir euch geben. Und wenn ihr es fr ntzlich haltet, bin ich sogar
bereit, euch mit einer Anzahl meiner Leute zu begleiten, um den Dieben
nachzueilen und ihnen abzunehmen, was sie euch entwendet haben.
    Konnten wir willkommenere Worte hren? Gewi nicht! Ich wollte ihm sagen,
da ich bereit sei, sein Anerbieten dankbar anzunehmen, doch Halef kam mir
zuvor. Er rief begeistert aus:
    Wie glcklich ist der Stamm, dem du angehrst, o Nafar Ben Schuri. Die
Weisheit spricht aus deinem Munde, und von deinen Lippen klingen die Tne des
Verstandes! Die Grovter deiner Ahnen und Urahnen sind die klgsten Leute ihres
Volkes gewesen, und die Urenkel deiner sptesten Nachkommen werden berhmt in
allen Lndern und Gegenden des Erdkreises sein. Wir sind gekommen, das Glck
deines guten Herzens zu erhhen, indem wir annehmen, was du uns bietest. Wir
werden innige Freundschaft und ein ewiges Bndnis mit dir schlieen. Wir sind
bereit, dich sofort nach deinem Lager zu begleiten, und ich verspreche dir - -
-
    Halt! unterbrach ich ihn, denn er wre in seiner Freude fhig gewesen,
Zugestndnisse zu machen, denen nachzukommen, uns spter nicht mglich war.
    Was? fragte er. Bist du etwa mit dem, was ich sage, nicht einverstanden,
Sihdi?
    Darin, da wir die uns angebotene Hilfe annehmen, stimme ich dir bei,
Halef. Aber nach dem Lager knnen wir nicht gleich mit.
    Warum?
    Es ist nur noch kurze Zeit bis zum Untergang der Sonne. Dann werden die
Diebe Halt machen. Ich mchte womglich erfahren, wo sie die Nacht zubringen.
Gelingt uns das, so knnen wir bis frh schon wieder im Besitze unserer Pferde
sein. Wir knnen also nur eins thun, nmlich jetzt sogleich ihren Spuren
folgen.
    Das ist wahr! gab er zu.
    Ja, das ist richtig! stimmte auch Nafar bei. Und damit ihr seht, da ich
es wirklich freundlich mit euch meine, erklre ich, da wir euch begleiten
werden. Ihr werdet aber einsehen, da ich einen Boten in das Lager senden mu!
    Natrlich! Er hat Nachricht zu geben, da und warum ihr heut nicht
zurckgekehrt, sagte ich.
    Noch mehr!
    Was?
    Wir sind nicht so berhmte Krieger, welche, so wie ihr, ohne Waffen und
fast in der Minderzahl einen Feind verfolgen, der gezeigt hat, da er zu allem
fhig ist. Ich bin es meinen Leuten schuldig, Vorsicht walten zu lassen, und so
- - -
    Vorsicht? fiel da Halef schnell ein. Minderzahl? Wir waren nur zwei, und
wie sahen wir aus - - und doch sind wir hinter den Dieben her! Ihr seid acht,
mit uns zehn, genau so viel, wie die Feinde zhlen, von denen zwei krank sind!
    Aber ihr habt noch keine Waffen!
    Die haben wir!
    Wo?
    Da - - dort - - - bei den Spitzbuben! Die haben ja unsere Gewehre, und die
holen wir uns!
    Da ging ein eigenartiges Lcheln ber das Gesicht des Anfhrers. Er strich
sich mit der Hand ber den dunklen Bart und sagte in bedchtigem Tone:
    Ja, es ist alles wahr, was ich von Hadschi Halef Omar, dem Scheik der
Haddedihn, vernommen habe. Deine Gedanken haben die Schnelligkeit des Blitzes;
hierauf folgt sofort der Donner deiner Worte, und wie der Regengu kommt dann
die schnelle That. Aber wir wissen zwar, was jetzt ist und wie es ist, doch wie
es sein wird und was noch kommen kann, das wissen wir nicht. Wenn zehn Mnner
gegen andere zehn Mnner stehen und man aber leicht eine grere Schar haben
kann, so soll man nicht auf diesen Vorteil verzichten. Habe ich recht oder
nicht, Sihdi?
    Diese Frage war an mich gerichtet, und so antwortete ich:
    Ich stimme dir bei, falls dieser Zuwachs an Kriegern nicht mit Verlusten
andererseits verbunden ist.
    Welche Verluste knnten das wohl sein?
    Ich meine vor allen Dingen die Zeit, welche wir dadurch verlieren knnten.
    Wir haben keinen Augenblick zu opfern, Sihdi, denn wir folgen ja sofort der
Spur der Diebe, whrend sich nur ein einziger Mann von uns trennt, um nach dem
Lager zu reiten und mehr Leute zu holen.
    Wie folgen uns diese? Auf unserer Fhrte?
    Nein. Denn wenn sie dies thten, so mten sie erst wieder hierher, und
dann kmen sie freilich zu spt. Sie knnten dann unsere Spuren nicht mehr
sehen, weil es inzwischen dunkel werden mu.
    Er sann einige Augenblicke nach und fuhr dann fort:
    Die Reiter hatten die Richtung nach dem Dschebel Ma; das ist der Berg des
Wassers, weil es dort eine Quelle giebt. Ich bin berzeugt, da sie dort in der
Nacht lagern werden. Ich lasse dreiig oder vierzig Krieger holen, welche vor
diesem Berge an einer Stelle, wo wir auf sie warten werden, auf uns zu treffen
haben. Meinst du nicht, da dies richtig sein wird?
    Es war ein Glck fr uns, diesem Scheik der Dinarun und seinen Leuten
begegnet zu sein. Ich htte freilich gern eine andere Disposition getroffen,
fhlte mich ihm aber zu Dank verpflichtet und durfte es nicht zu einer
vielleicht mglichen Verstimmung zwischen ihm und mir kommen lassen. Darum
erklrte ich:
    Wir kennen diese Gegend nicht; euch aber ist sie wohlbekannt; darum bin ich
berzeugt, da dein Rat der beste ist, der uns gegeben werden kann. Wir werden
ihn befolgen.
    Ich danke dir, Sihdi! Du wirst die Erfahrung machen, da sich niemand
tuscht, der mir vertraut. Wir kehren also mit euch beiden um.
    Er gab einem seiner Leute die ntigen Befehle, und als dieser im Galopp
fortritt und das ledige Packpferd mitnahm, stiegen wir auf und schlugen die
Richtung ein, aus welcher die Danarun gekommen waren.
    Brrr! schttelte sich Halef, als wir kaum ein Kilometer zurckgelegt
hatten.
    Friert dich wieder? fragte ich ihn.
    Ja. Aber es ist auch noch etwas anderes.
    Was?
    Mein jetziges Pferd! O, Sihdi, welch eine Wonne des Paradieses ist es, auf
meinem Barkh zu sitzen! Ja, es sind sogar zwei, drei, vier oder fnf solche
Wonnen! Aber so ein Gaul wie dieser! Sihdi, bist du einmal auf einem Ziegenbock
geritten?
    Nein.
    Ich auch nicht; aber ich leide jetzt dieselben Qualen, die man eigentlich
nur auf dem Rcken einer Ziege suchen darf. Ich wei nicht, ist das Pferd
schuld, oder giebt es eine andere Ursache: Ich werde schwindelig; mein Herz
klopft berschnell.
    Halef, du bist krank, ernstlich krank! rief ich besorgt aus.
    Krank? O nein! Wie knnte ich krank sein, wenn es Spitzbuben zu verfolgen
und einzufangen giebt! Du mut doch deinen alten treuen Hadschi kennen!
    Irre dich nicht! Denke einmal an jenen Unglcksritt von Bagdad auf den Weg
der persischen Todeskarawane!
    An den werde ich denken, so lange ich nur denken kann. Wir ritten der Pest
entgegen, die erst dich, dann mich ergriff.
    So erinnere dich genau! Vergleiche deinen damaligen Zustand mit deinem
jetzigen!
    Allah! Hast du etwa Grund, jetzt wieder an die Pest zu denken?
    Nein, sondern einstweilen nur an das Kranksein im allgemeinen. Da du
Schwindel hast, macht mich besorgt.
    Jetzt ist er wieder weg; aber ich habe Figuren und bunte Fden vor den
Augen, die mich hindern, deutlich und klar zu sehen.
    Hm! Halef, ich wollte, wir htten unsere Pferde und berhaupt unser
Eigentum wieder und befnden uns an einem stillen, sicheren Orte, an dem wir
bleiben knnten!
    Sihdi, lieber Sihdi, mache mir doch nicht Angst mit deiner Sorge um mich!
Ich bin ja ganz gesund! Schau, vorhin fror es mich; jetzt aber ist das vllig
weg; es ist mir sogar hei, ganz hei geworden. Habe also keine Angst. Ich bin
so rstig, wie ich stets gewesen bin und wie ich bleiben werde, bis ich sterbe!
    Es wre ein groer Fehler gewesen, ihm diese gute Meinung zu widerlegen;
darum sagte ich nichts, und da auch er nicht weiter sprach, so ritten wir nun
still nebeneinander her. Nafar Ben Schuri ritt voran; dann folgten wir zwei, und
hinter uns kamen seine Leute. Es war eigentmlich, da der Anfhrer sich nicht
zu uns hielt, aber keineswegs unerklrlich. Wir sahen, da er der Fhrte,
welcher wir folgten, groe Aufmerksamkeit widmete; das htte er nicht gekonnt,
wenn er gezwungen gewesen wre, sich mit uns zu unterhalten. Auch lag es fr den
Scheik, der berdies die Gegend genau kannte, sehr nahe, sich an der Spitze des
kleinen Zuges zu halten. Vielleicht war er berhaupt ein schweigsamer Mann, der
nur dann sprach, wenn er es fr ntig hielt. Oder galt es bei ihm als ein Beweis
der Achtung und Hflichkeit, sich nicht zu uns zu gesellen und uns mit
neugierigen Fragen und berflssigen Reden zu belstigen? Wahrscheinlich hielt
er sich auch nicht fr befhigt oder erfahren genug, auf ein Gesprch mit Leuten
einzugehen, denen er sich nicht geistig gleichgestellt fhlte. Kurz, es gab
Grnde genug, seine Absonderung von uns zu erklren. Nur an eines dachten wir
nicht, nmlich da ihn das bse Gewissen oder die Vorsicht abhalte, neben uns zu
reiten und sich nach Verhltnissen fragen zu lassen, ber welche er nicht
Auskunft geben wollte. Da htten wir ihn ja fr unehrlich halten mssen, ihn,
der doch eigentlich unser Retter war, und dazu fehlte uns, zumal in unserer
gegenwrtigen Lage, die Befhigung. Uebrigens kam es zuweilen vor, da er uns
eine Bemerkung ber den Weg, die Gegend oder ber die Spuren, denen wir folgten,
zuwarf, und das gengte uns so vollstndig, da wir gar nicht mehr von ihm
verlangten.
    Mich beschftigte der Gedanke an Halef auerordentlich. Mir erschienen seine
Wangen jetzt noch tiefer als vorher eingefallen. Ich sah sie bald sich
entfrben, bald dunkler werden. Oder bildete ich mir das nur ein? Seine Augen
blickten jetzt matt und starr, und gar nicht lange, so schienen sie in
ungewhnlichem Glanz zu strahlen. Auch hierin konnte ich mich tuschen, doch
nicht darin, da er zuweilen tief und seufzend Atem holte, was ich bei ihm noch
nie bemerkt hatte. War seine Frage nach dem Sterben einer Vorahnung entsprungen,
da eine schwere Krankheit die fleischlosen, gierigen Hnde nach ihm ausstrecke?
Fast erschrak ich, denn grad als mir dieser Gedanke kam, wendete er mir sein
Gesicht zu und sagte:
    Sihdi, ich komme mit meiner Frage noch einmal: Wie denkst du ber das
Sterben?
    Wir haben das ja schon besprochen, antwortete ich. Nein, noch nicht!
    Wieso?
    Du hast mir nicht geantwortet. Du warst so klug, wie du immer bist, wenn du
meinst, da ich nach etwas frage, was ich noch nicht verstehen kann. Dann
antwortest du mir dadurch, da du mich selbst antworten lssest. Aber ich wollte
doch nicht hren, was ich denke, sondern wie du denkst.
    Lieber Halef, frage nicht jetzt nach solchen Dingen; es ist nicht Zeit
dazu.
    Warum?
    Mu ich dir das erst erklren? Was wei der Mensch vom Sterben? Und wenn er
ja darber nachdenken, oder gar darber sprechen will, so soll er das in
stiller, geruschloser Stunde thun, in welcher er nicht von dem Leben abgehalten
wird, seine Gedanken mit dem Sterben zu beschftigen. Sei gut, lieber Halef, und
la jetzt diese Frage fallen!
    Sei gut, lieber Halef! O, Sihdi, wenn du in dieser Weise zu mir sprichst,
so knnte ich nicht nur vom Sterben sprechen, sondern selbst und wirklich
sterben - - fr dich, aus Liebe, ja, aus Liebe! Wenn doch alle, alle Menschen
nur in diesem Tone zu einander sprechen wollten!
    Alle?
    Ja, Sihdi!
    Auch die guten mit den bsen?
    Ja, auch; denn dann wrden die einen vielleicht durch die anderen gerettet
werden!
    Ist das dein Ernst?
    Ja.
    Hm!
    Wieder dieses Hm!. Hinter diesem Brummen steckt stets etwas, was ich
begangen habe. Wahrscheinlich auch jetzt. Ich bitte, es mir nicht vorzubrummen,
sondern deutlich zu sagen!
    Denke an den Erzengel Midschal, dem das Schwert der Rache in die Hand
gegeben ist! Wer wollte so streng Gericht halten wie er?
    Hm!
    Ah, wer brummt jetzt? Ich oder du? Wer wollte weder Gnade noch Gte walten
lassen?
    Hm!
    Wer wollte wie ein Kieselstein oder wie ein hungriger Lwe sein?
    Hm!
    Ein schwarzer Panther, ein Krokodil? Wer wollte alle Qualen der Hlle
spenden und sich dann lchelnden Mundes ber diese Qualen freuen? Kennst du
vielleicht den Mann?
    Hm!
    Er hatte bei jedem Hm! den Kopf immer tiefer sinken lassen. Ich fuhr fort:
    Und jetzt wnscht ganz derselbe Mann, da alle, alle Menschen nur im Tone
der Liebe zu einander sprechen mchten, auch die guten zu den bsen, weil die
letzteren dadurch vielleicht gerettet werden knnten!
    Da hob er den Kopf mit einem schnellen Ruck empor, wendete mir das liebe,
liebe Gesicht wieder zu und rief aus, indem ein helles seelengutes Lcheln
darberflog:
    
    Vergieb, Sihdi! Dieser Mann, dieser Mensch, dieser Kerl, dieser Dummkopf
ist der grte Esel, den es nur geben kann! Glaubst du das?
    Nein!
    So streite ich mich mit dir! Du kennst nmlich deinen Halef nicht!
    O doch!
    Nein, noch lange nicht! Auch ich habe ihn nicht gekannt, bis - - bis - -
bis ich einmal ganz pltzlich den anderen kennen lernte.
    Den anderen?
    Ja. Hltst du es fr mglich, da ein Mensch aus zwei Personen bestehe?
    Ich sah erstaunt zu ihm hinber. Welch eine Frage!
    Ja, da schaust du mich gro an! fuhr er fort. Verzeihe mir, da ich dir
bisher die groe, wichtige Entdeckung verschwieg, welche ich an mir gemacht
habe! Ich bestehe aus zwei ganz hnlichen und doch unendlich verschiedenen
Wesen. Das eine ist gut, das andere schlimm. Beide zusammen heien Hadschi
Halef; stehen sie einander aber kmpfend gegenber, so ist das schlimme der
Hadschi und das gute der Halef. Verstehst du mich?
    Ja.
    Jetzt war er es, der mich prfend ansah.
    Du verstehst mich? Sonderbar! Kmpft es etwa auch in dir so wie in mir?
    Ja, in jedem Menschen. Aber Millionen schenken diesem inneren Kampfe keine
Aufmerksamkeit, und darum sterben sie, ohne es zum Sieg zu bringen.
    Das will ich aber! Ich will siegen, darum kmpfe ich! Kein Mensch bemerkt
das, und selbst du hast es nicht bemerkt. Es lebt einer in mir; der ist, als ob
er von Allahs Himmel stamme, so freundlich, so gtig, so edel, so aufopfernd, so
geduldig. Das ist dein Halef, den du liebst. Und es lebt einer in mir, der nicht
vom Himmel stammt, denn er ist stolz, trotzig, unvorsichtig, alles bertreibend,
prahlerisch, jhzornig, unvershnlich, rachschtig. Das ist der Hadschi, der dir
nicht gefllt und den du meinst, so oft dein Hm! sich hren lt. Du wirst
vielleicht fragen, warum ich den guten als den Halef und den schlimmen als den
Hadschi bezeichne; aber wenn ich dir sage, da Halef ein Mann und Hadschi ein
Titel ist, so wirst du mich verstehen.
    Fr diejenigen, welche es noch nicht wissen, diene die Bemerkung, da der
Anhnger des Islam dann zum Hadschi wird, wenn er eine der heiligen
muhammedanischen Stdte als Pilger besucht und dort alle seine religisen
Obliegenheiten erfllt hat. Ein Hadschi in vollstem Sinne ist der, welcher in
Mekka, Medina und vielleicht gar noch in Jerusalem zum Besuch der Omarmoschee
gewesen ist. Fr den Westafrikaner aber gengt es auch schon, das dort fr
heilig geltende Karwan besucht zu haben.
    Halef hatte nach seinen letzten Worten eine kurze Pause gemacht. Dann fuhr
er fort:
    Als du mich damals in der Sahara kennen lerntest, war ich ein junger
unerfahrener und doch sehr eingebildeter Mensch. Ich nannte mich Hadschi,
obgleich ich kein Recht hatte, diesen Titel zu fhren. Du freilich
durchschautest mich und lcheltest ber diesen falschen Hadschi, der noch nie an
einem der heiligen Orte gewesen war. Ich nannte sogar meinen Vater und auch
meinen Grovater Hadschis, obgleich sie noch nicht einmal Karwan im Lande Tunis
gesehen hatten. Das war nicht nur eine Lge, sondern sogar eine Uebertreibung
der Lge bis auf meine Vorfahren zurck. Ich war eitel und ruhmschtig; ich
prahlte; ich wollte mehr sein, als was ich war, und aus dieser Unwahrheit
entsprangen alle anderen Fehler, welche sich ber dein Hm! zu rgern pflegen.
Darum habe ich den schlimmen Kerl, der in mir steckt und mir so viel zu schaffen
macht, den Hadschi genannt. Begreifst du mich jetzt, Sihdi?
    Sehr gut, mein lieber Halef.
    Und dieser Hadschi ist dir bekannt?
    Wahrscheinlich besser, als du denkst.
    So hoffe ich, da dir auch der andere, der gute Kerl in mir bekannt ist,
den ich mit meinem Namen, also mit Halef bezeichne. Denn dieser hat mir immer
wieder zurckzuholen, was der andere mir von deiner Liebe und deiner Achtung
raubt. Diese beiden so verschiedenen Wesen wohnen in mir und streiten sich
unaufhrlich nicht nur um den Besitz meiner Persnlichkeit, sondern sogar um
jedes meiner Worte und um jede meiner Thaten. Wer von ihnen zuerst dagewesen und
wer dann spter gekommen ist, der Hadschi oder der Halef, das kann ich nicht
sagen, denn ich habe damals nicht aufgepat. Seit einiger Zeit aber beobachte
ich sie sehr genau, und da bemerke ich, da sie eigentlich gar nicht zu einander
gehren und doch unendlich schwer von einander zu unterscheiden sind. Aber
bemerkt habe ich doch, da der Halef die Wahrheit liebt und von dem andern
nichts, gar nichts wissen will, whrend aber im Gegenteile der Hadschi sich oft
die grte Mhe giebt, mich zu belgen und zu betrgen, indem er sich stellt,
als ob er der Halef sei. Darum habe ich diesem Hadschi schon hundertmal die
Gastfreundschaft in mir gekndigt; aber er hat keinen Gehorsam und kein
Ehrgefhl; er bleibt, wo er ist, und wenn ich ihn einmal vorn zur Thre meines
Zeltes hinausgeworfen habe, so ist er im nchsten Augenblicke hinten unter der
Leinwand schon wieder zu mir und in mich hereingekrochen. Sihdi, wenn ich den
Kerl fassen knnte! Leider aber ist mir das nicht mglich! Er hat weder vor mir
noch vor andern Leuten Angst, und es giebt nur einen, vor dem er sich frchtet.
    Wer ist das?
    Das bist du. Ja, du! Vor dir scheint er einen ungeheuren Respekt zu haben,
aber weniger vor deiner Gestalt, als vielmehr vor deinen Augen. Erst seitdem ich
dies bemerkt habe, wei ich, da es Augen giebt, welche der Warnung, und wieder
andere, welche der Verfhrung dienen. Ich habe sehr oft schon in Augen gesehen,
bei deren Blick dieser Hadschi sofort zu prahlen und zu bertreiben beginnt.
Aber wenn du mich anschaust, weit du, so ernst und doch so lchelnd, da kann er
gar nicht anders, da ist er sofort still. Er schmt sich vor dir; ja er flieht
vor dir. Wie das nur kommen mag? Kannst du es mir erklren?
    Vielleicht. Er flieht nmlich nicht vor mir, sondern vor dem guten Halef in
dir. Dieser ist es ja, den ich lieb habe, und wenn die Liebe mein Auge auf dich
richtet, ruft sie ihn wach und steht ihm bei, den andern zu besiegen. Das ist
ein Rtsel des menschlichen Seelenlebens, welches du nicht lsen kannst.
Versuche also nicht, ihm nachzuforschen!
    Diese Warnung ist gar nicht ntig, denn du weit ja, da ich kein Freund
von Rtseln bin. Aber ber die beiden in mir wohnenden Wesen mchte ich doch gar
so gern ins Reine kommen. So oft ich ber sie nachdenke, mu ich an die beiden
Adamlar35 denken, von denen du zuweilen gesprochen hast. Es ist in deinem Ahd
idsch dschedid36 von ihnen die Rede. Kannst du dich besinnen?
    Ja.
    Das heilige Buch der Christen spricht von einem alten Adam, den man ablegen
soll, damit ein neuer, gerechterer und besserer an seine Stelle trete. Ob da
wohl der Hadschi und der Halef gemeint sind, welche in mir wohnen?
    Ja; natrlich sind sie gemeint.
    Aber, Sihdi, da mchte ich doch beinahe sagen, da das heilige Buch der
Christen das klgste aller Bcher sei! Es schaut in das Innere der Menschen
hinein und spricht von Geheimnissen, welche er selbst nicht kennt! Wenn eine
Religion von mir mehr wei, als ich selbst, so mu ich vor ihr Respekt haben,
ich mag wollen oder nicht. Wie schade, da wir von diesem Gesprch abbrechen
mssen! Der Scheik der Dinarun scheint etwas Wichtiges zu sehen!
    Wir waren nmlich zuletzt durch eine Art von Engpa geritten. Er mndete auf
eine kleine Hochebene, von welcher aus er wiederum zu Thale fhrte. Der Scheik
hatte seinem Pferde die Sporen gegeben, um uns vorauszukommen. Nun hielt er am
Rande der Ebene und deutete uns durch Zeichen an, da ihm dort irgend etwas in
die Augen gefallen sei. Als wir uns ihm bis auf Hrweite genhert hatten, rief
er uns zu:
    Ich sehe die Ruber. Sie lagern da unten am Wasser. Kommt her; aber reitet
nicht bis ganz an den Rand dieses Platzes, damit ihr nicht von ihnen gesehen
werdet! Der Berg da drben ist der Dschebel Ma.
    An diesem Berge hatte sich die Natur endlich einmal wenigstens einigermaen
grn gekleidet. Seine Hnge waren ziemlich hoch hinauf mit Gras bewachsen, und
an seinem Fue zog sich allerlei Buschwerk hin. Es gab da sogar einen kleinen,
schmalen Wasserlauf, an dessen Ufer wir die, welche wir suchten, lagern sahen.
    Wir mssen von den Pferden steigen, wenn wir sie unbemerkt beobachten
wollen, meinte der Scheik, indem er aus dem Sattel sprang, welchem Beispiele
wir natrlich folgten. Ich glaube, da sie es sind. Oder meint ihr vielleicht,
da ich mich irre?
    Er richtete diese Frage an mich und Halef. Der letztere antwortete:
    Ich sehe gar niemand. Soeben legt sich mir wieder dieser rote Nebel vor die
Augen, den mein Blick nicht durchdringen kann. Sihdi, sag, was du erblickst!
    Ich sah zwlf Menschen und vierzehn Pferde. Zwei von diesen letzteren
standen von den anderen getrennt. Es waren unsere Rapphengste; ich irrte mich
nicht, denn ich erkannte sie ganz deutlich. Als ich dies Halef sagte, rief er
aus:
    So wollen wir eilen, schnell hinabzukommen! Diese Schurken sollen keinen
Augenblick zu lange das Vergngen haben, sich fr die Besitzer unseres Eigentums
zu halten!
    Er wollte sofort wieder in den Sattel steigen.
    Keine Uebereilung, Halef, warnte ich. Wir knnen nicht anders zu ihnen
kommen, als da wir die diesseitige Berglehne hinabreiten, und da mssen sie uns
sehen.
    Du meinst, dann fliehen sie und entkommen uns?
    Nein, ich bin vielmehr der Ansicht, da sie bleiben wrden, um uns
Widerstand zu leisten. Wir wren ohne Deckung; sie aber knnten sich hinter die
Bsche stecken. Hast du Lust, dich erschieen zu lassen, ohne dich wehren zu
knnen?
    Welche Frage! Ich will auf keinen Fall erschossen sein, gleichviel, ob ich
mich wehren kann oder nicht. Aber knnen wir denn nicht von einer anderen,
besseren Seite an sie kommen?
    Das wrde uns zu einem Umwege ntigen, fr den uns die Zeit mangelt. In
einer Viertelstunde wird es dunkel sein. Bedenke das!
    Was soll ich thun, Sihdi? Denken? Das kann ich nicht! Soeben ist es mir wie
ein leiser Hauch der Wste durch den Kopf gegangen. Mein Hirn ist hei, und alle
Gedanken sind aus ihm hinweggeblasen. Was ist das pltzlich nun? Ich mu mich
setzen.
    Er lie sich auf die Erde nieder und legte den Kopf in die Hnde. Ich wollte
mich zu ihm niederbcken; er aber wehrte ab:
    Sorge dich ja nicht um mich! Das ist gar nicht schlimm, sondern nur die
letzte Wirkung des giftigen Kaffees, den wir gestern getrunken haben. Es wird
schnell vorbergehen. Glaube mir: ich bin so gesund, wie du nur wnschen magst!
    Er schob mich von sich fort, und ich gab mir den Anschein, da ich beruhigt
sei. Ich konnte ja nichts Besseres thun, zumal Nafar Ben Schuri mich jetzt in
Anspruch nahm:
    Was du zum Scheik der Haddedihn sagtest, waren Worte der Vernunft. Wollten
wir so, wie er es wnschte, zum Angriffe schreiten, so wrde keiner von uns
lebend an die Feinde kommen. Wir mssen hier warten, bis es dunkel ist.
    Dann aber wird der Weg nur schwer zu finden sein, bemerkte ich.
    Nein. Wir sind ihn oft geritten und kennen ihn genau.
    Aber das Gerusch der Pferdehufe kann uns leicht verraten.
    So lassen wir die Pferde hier zurck. Auch verfehlen knnen wir trotz der
Dunkelheit die Feinde nicht, weil sie wahrscheinlich ein Feuer anznden werden.
Auch hoffe ich, da meine Leute kommen, ehe es finster wird.
    Wo ist die Stelle, an welcher sie zu uns stoen sollen?
    Hier diese ist es. Sie werden durch den Pa kommen, durch den wir soeben
geritten sind. Ich sage dir, da uns die Leute da unten gar nicht entgehen
knnen. Erlaube, da wir uns niedersetzen! Wir knnen jetzt nichts anderes thun,
als warten.
    Er hatte recht. In Beziehung auf die Wiedererlangung unseres Eigentums lagen
die Verhltnisse so, da ich mich beruhigt fhlte. Dagegen war es mir um Halef
bang. Ich setzte mich an seiner Seite nieder und versuchte, ein Gesprch mit ihm
anzuknpfen. Er gab mir nur ganz kurze Antworten; sein Ton war matt, der Klang
fast widerwillig; darum hielt ich es fr besser, zu schweigen.
    Da auch die Dinarun nicht sprachen, so herrschte hier oben bei uns eine
Stille, welche nur durch das jeweilige Schnaufen oder Hufscharren eines Pferdes
unterbrochen wurde. Der Tag ging schnell zu Ende. Der Abend senkte sich
hernieder, aber die erwartete Verstrkung stellte sich nicht ein. Da der Scheik
keine Bemerkung hierber machte, nahm auch ich diesen Umstand schweigend hin.
Wozu ber etwas Worte machen, was man durch sie doch nicht ndern kann! Auch
brannte unten am Wasser jetzt noch kein Feuer, und uns an die Feinde schleichen,
ohne einen solchen Wegweiser zu haben, das wre doch wohl unvorsichtig gewesen.
    Da fhlte ich Halefs tastende Hand, welche meinen Arm berhrte und an
demselben niederglitt. Er ergriff meine Rechte, nahm sie in seine beiden Hnde
und lehnte seinen Kopf an meine Seite. So sa er lngere Zeit still und
unbeweglich. Mir war es, als ob seine Hnde ungewhnlich warm seien.
    Sihdi! erklang es leise.
    Halef! antwortete ich ebenso.
    Siehst du die Sterne dort oben?
    Ja.
    Man meint, da das der Himmel sei. Ob euer oder unser Himmel?
    Meinst du, es gebe verschiedene Himmel, mein guter Halef?
    Nein. Und wenn! Htte Allah zehn Himmel, und mir wre der hchste von ihnen
bestimmt. Und htte der Gott der Christen auch zehn Himmel, und fr dich sollte
der unterste sein. Weit du, was ich thte?
    Nun?
    Ich verzichtete auf meinen obersten und ginge mit dir in deinen
niedrigsten. Er wrde fr mich doch der hchste sein, denn wo die Liebe wohnt,
da ist die schnste und beste Seligkeit. Wre ich dir willkommen, Sihdi?
    Kannst du ungewi hierber sein, Halef?
    Nein. Ich bin wie ein Kind, welches gern den Vater sagen hrt, da er es
liebt!
    So sage ich es dir von ganzem Herzen!
    Ich danke dir! Ich dachte soeben nach - - - ber dich und ber mich. Meinst
du, da wir Freunde seien?
    Gewi! Bessere kann es gar nicht geben!
    Ich denke aber anders.
    Wie?
    Solche Freunde, wie wir sind, kann es ja gar nicht geben. Wir sind mehr,
viel mehr als Freunde. Es giebt kein Wort dafr. Wenn wir uns als Menschen
lieben, welche beide ein gutes und ein nicht gutes Wesen in sich haben, so sind
wir Freunde. Aber wenn wir die Liebe nur der beiden guten Wesen in uns meinen,
so ist das mehr als Freundschaft; das mu doch wohl der Himmel sein! Das ist es,
was ich dachte, und was ich dir sagen wollte. Ich kann dein Gesicht nicht
erkennen; aber sag, lchelst du vielleicht?
    Nein. Ich bin sehr ernst, aber glcklich ernst.
    Und ich bin so weich. Woher das wohl kommen mag? Sag: Wenn ich dich hier
verlassen mte, um zu sterben, wrde ich dich dann wohl auch noch sehen
knnen?
    Halef! Wie kommst du zu dieser Frage?
    Das wei ich nicht. Sie kam mir auf die Zunge und wollte ausgesprochen
sein; da habe ich es gethan. Es spricht jemand in mir vom Tode. Ob es der Halef
oder der Hadschi ist, das wei ich nicht; aber ich werde - - - Horch!
    Es gab in diesem Augenblick allerdings etwas zu hren, nmlich ein
pltzliches Geschrei vieler Stimmen, wie es beim Angriffe oder im Kampfe
ausgestoen wird. Die Dinarun sprangen auf, und ihr Scheik rief aus:
    Allah! Das sind meine Krieger!
    Da unten? fragte ich, indem ich mich auch schnell erhob. Du sagtest doch,
da sie hierher kommen wrden!
    Sie sind direkt zu den Rubern geritten und ber sie hergefallen.
    Aber sie wuten doch nicht, wo diese sich befanden!
    Es wird sie der Zufall oder irgend ein Zeichen zu der Stelle gefhrt
haben.
    Irrst du dich nicht? Weit du gewi, da es deine Leute sind?
    Sie sind es. Es ist unser Ruf.
    So mssen wir hinab!
    Nein. Jetzt noch nicht. La nur einige Minuten vergehen, so werden wir
erfahren, wie es steht!
    Ich war nicht ohne Sorge, zwang mich aber zur Geduld. Halef war auch
aufgesprungen. Es schien alle Schwche von ihm gewichen zu sein. Seine Stimme
klang sehr energisch, als er den Scheik jetzt fragte:
    Knnen deine Krieger denn einen anderen Weg als den ihnen anbefohlenen
eingeschlagen haben?
    Ja, antwortete Nafar Ben Schuri.
    Warum? Sie haben doch zu gehorchen?
    Man kann doch auch grad aus Gehorsam etwas anderes thun, als was befohlen
worden ist.
    Nein! Das ist gar nicht mglich, denn ein Befehl wird doch gegeben, da man
ihn grad so und nicht anders befolge, als er lautet.
    Aber wenn der, welcher ihn auszufhren hat, whrenddem einsieht, da er ihn
auf andere Weise viel besser und vollstndiger erfllen kann, so ist es doch
grad die Pflicht des Gehorsams, nicht darauf zu achten, wie der Befehl
ursprnglich geklungen hat!
    Damit erkennst du also jedem deiner Leute die Berechtigung zu, deine Gebote
zu deuten und von ihnen abzuweichen oder nicht, je nachdem sie es fr ntzlich
halten. Meine Haddedihn haben genau nach meinen Worten zu handeln, ohne von
ihnen hinwegzunehmen oder hinzuzufgen. Doch schaut hinab! Man hat ein Feuer
angezndet, und man ruft. Wer ist gemeint?
    Es leuchtete unten eine Flamme auf, und wir hrten die Worte erklingen:
    Gahlab, gahlab; ta'al, ta'al, ia Scheik - - Sieg, Sieg; komm, komm, o
Scheik!
    Diese Worte gelten mir, antwortete Nafar Ben Schuri. Meine Leute wissen
ja, da ich hier oben bin, und da sie den Feind berwunden haben, so fordern sie
mich auf, zu ihnen hinabzukommen.
    Hoffentlich haben sie in ihrem eigenmchtigen Handeln nichts gethan, was
uns in Schaden setzt! Wie man etwas thut, das ist oft wichtiger, als da man es
thut!
    Die Rufe von unten wiederholten sich, und so stiegen wir auf, um
hinabzureiten. Das geschah in einer langen Einzelreihe, einer hinter dem andern.
Halef und ich machten die letzten und verlieen uns auf unsere Pferde, welche
trotz der Dunkelheit und trotz der Beschwerlichkeit des Weges nur selten einmal
einen Fehltritt thaten. So kamen wir ganz gut in das Thal hinab und ritten quer
ber dasselbe hinber, indem wir uns das Feuer als Wegweiser dienen lieen.
Dabei wurden Rufe und Gegenrufe gewechselt, und es gab einen Lrm, der immer
grer wurde, je nher wir kamen. Als wir dann anlangten, befanden wir uns
inmitten von 50 oder 60 Dinarun, welche alle auf das lebhafteste auf uns
einschrieen. Jeder einzelne wollte uns erzhlen, durch welche groen
Heldenthaten speziell auch er zum Siege beigetragen habe, und so dauerte es
ziemlich lange, bis wir erfuhren, wie hchst einfach sich die Sache zugetragen
habe.
    Der Bote, welcher von dem Scheik in das Lager gesandt worden war, hatte den
Anfhrer gemacht. Es war fr ihn selbstverstndlich gewesen, da die Diebe am
Wasser des Dschebel Ma nachtlagern wrden. Er hatte unterwegs den Entschlu
gefat, sich mit dem ganzen Ruhme des Sieges zu schmcken und den Ueberfall also
ohne den Scheik und uns zu bernehmen. Darum war er nicht nach dem Stelldichein
geritten, sondern einer anderen Richtung gefolgt, welche ihn unten thalabwrts
bis an den Fu des Berges gefhrt hatte. Dort angekommen, waren die Pferde unter
der Aufsicht einiger Leute zurckgelassen worden. Dann hatte man sich leise dem
Wasser entlang geschlichen, die Feinde trotz der Dunkelheit entdeckt und sie so
unerwartet und mit Uebermacht berfallen, da an einen Widerstand gar nicht zu
denken gewesen war. Sonderbarerweise wurde diesem eigenmchtigen Verfahren von
seiten des Scheikes nicht die geringste Rge erteilt.
    Die Ruber lagen mit Stricken und Riemen gebunden an der Erde. Doch noch ehe
wir uns mit ihnen beschftigen konnten, geschah etwas, worber selbst die
pferdekennenden Dinarun in Staunen gerieten. Nmlich kaum war der Schein des
Feuers auf mich und Halef gefallen, und kaum hatten wir einige laute Worte
gesprochen, so ertnte von der Seite her das berlaute, frohe Wiehern zweier
Pferdestimmen, und unsere beiden Rappen drngten sich, ihn gewaltsam
auseinandertreibend, durch den Haufen der Beduinen, um uns zu begren. Barkh
machte vor Freude die drolligsten Ziegenbockkapriolen, die er nur unterbrach, um
seinen Kopf an Halefs Brust zu reiben und ihm in das Gesicht zu schnauben, als
ob er sehr viel und wichtiges mit ihm zu sprechen habe. Mein Assil Ben Rih
benahm sich nicht so laut wie Barkh, aber im hchsten Grade rhrend. Er drckte
mir sein Maul fest an die Wange - Pferde gehren bekanntlich zu den wenigen
Tieren, welche kssen - leckte mir hierauf die Hand und legte sich dann zu
meinen Fen auf die Erde nieder und sah mich an, als ob er sagen wolle: Du
weit, was ich meine. Sei so gut, und thu es mir zuliebe, damit ich nicht nur
sehe, sondern auch hre, da du wieder bei mir bist! Er wollte nmlich die
gewohnte Sure in das Ohr gesagt haben. Leider durfte ich das nicht thun, weil
ich damit eines der Geheimnisse dieses prchtigen Tieres verraten htte. Aber
ich kniete zu ihm nieder, steckte den Arm unter seinem Hals hindurch und hob
seinen Kopf empor, um ihn zu streicheln und den Hauch meines Mundes seine
Nstern berhren zu lassen. Da ging sein Atem so laut und so froh, da es
geradezu gefhllos gewesen wre, zu behaupten, dies sei etwas anderes, aber nur
keine Freude.
    Er hat dich lieb, sehr lieb, sagte da der Scheik. Ist es sein Geheimnis,
da du ihn so anfassest und ihm deinen Atem giebst?
    Nein, antwortete ich kurz, weil es unter den Beduinen als Taktlosigkeit
gilt, nach dem Geheimnisse eines edlen Pferdes zu fragen.
    Aber er hat eines oder vielleicht gar mehrere? erkundigte er sich weiter.
    Allerdings, denn er ist vom echtesten, allerreinsten Blute.
    Bestehen diese Geheimnisse in Worten oder in Zeichen?
    Diese Geheimnisse bestehen eben in Geheimnissen, von denen nicht gesprochen
wird!
    Ich sagte das in zurckweisendem Tone; dennoch fuhr er fort:
    Bitte, la mich die Probe machen! Ich will seinen Hals umarmen, grad so wie
du, und ihm dann auch in die Nstern hauchen.
    Das war eine beispiellose Zudringlichkeit, welche mich leicht bewegen
konnte, meine bisher gute Ansicht ber diesen Mann zu ndern. Ich schttelte
verneinend den Kopf. Trotzdem knieete er neben mir nieder und sagte:
    Ich habe noch nie ein Tier von dieser Reinheit des Blutes gesehen. Ich mu
es liebkosen. Verweigere mir das nicht!
    Da stand ich nun allerdings schnell auf, um ihm Platz zu machen, und
antwortete:
    Du bist dein eigener Herr und darfst natrlich thun, was dir beliebt. Als
deinem Gaste ist es mir verboten, dich zu hindern.
    Jetzt schob er seinen Arm unter den Hals des Pferdes, welches diese
Berhrung zwar duldete, aber mit unwilligem Schnaufen beantwortete. Als er dann
aber Assil anhauchte, schleuderte dieser ihn mit einer krftigen Bewegung des
Kopfes zur Seite, sprang auf und schlug mit den Hinterhufen nach ihm aus,
glcklicherweise ohne ihn zu treffen, weil Halef schnell hinzugesprungen war und
den Scheik von der gefhrlichen Stelle hinweggerissen hatte. Dieser rief,
beschmt von der ihm erteilten Lehre, zornig aus:
    Allah verdamme das Vieh, welches im Zeichen des Scheitan37 geboren worden
ist! Man wagt ja frmlich sein Leben, wenn man es berhrt!
    Das thut man allerdings, antwortete ich. Warum hrtest du nicht auf mich?
Man soll nie versuchen, mit Gewalt in die Geheimnisse anderer Menschen dringen
zu wollen!
    Ist der andere Hengst von derselben Gefhrlichkeit?
    Der eine ist wie der andere. Sie erkennen nur uns als ihre Herren an. Wer
dieses unser Recht nicht achtet, der hat es zu bereuen. Schau diese beiden
Menschen an! Sie haben sich an unseren Pferden vergriffen und sie bezwingen
wollen. Die Strafe ist der That sofort gefolgt.
    Ich zeigte bei diesen Worten auf die beiden Diebe, deren verbundene
Gliedmaen vermuten lieen, da sie die zwei Unvorsichtigen seien, die sich an
unseren Pferden vergriffen hatten. Sie waren, wie auch ihre Kameraden,
gefesselt, sagten kein Wort und sahen uns auch nicht an. War das ein Zeichen der
Scham, des Schuldbewutseins? Oder hatte es auch noch einen anderen Grund? Wir
konnten ihre Zge nicht deutlich sehen, weil das flackernde Feuer keine ruhige
Helle gab.
    Ganz selbstverstndlich war es nun unser Erstes, nach den uns geraubten
Gegenstnden zu suchen. Das wurde uns sonderbarerweise viel leichter, als es zu
vermuten gewesen war. Wir sahen nmlich unweit des Feuers einen Mantel
ausgebreitet, auf welchem alles lag, was wir vermiten, von den Gewehren an bis
herunter zum kleinsten Bchschen, welches den Phosphor zur Bereitung der
Zndhlzer enthielt. Da nichts, aber auch gar nichts fehlte, htte uns wohl
auffallen mssen, doch mangelte uns jetzt die Ruhe, diesen Umstand ganz
besonders zu beachten. Die Diebe hatten den Raub wahrscheinlich erst spter
teilen wollen. Das gengte vollstndig, zu erklren, warum noch jetzt alles so
schn beisammenlag.
    Auch Nafar Ben Schuri uerte seine Freude darber, da es uns mit seiner
Hilfe gelungen sei, ohne den geringsten Verlust und so vollstndig wieder zu
unserem Eigentum zu gelangen. Er kauerte sich zu uns hin und nahm ein Stck nach
dem anderen in die Hnde, um es zu betrachten und seine Bemerkungen darber zu
machen. Ganz besonders interessierte er sich fr unsere Gewehre, deren
Konstruktion ihm vollstndig unbekannt war. Er betrachtete sie mehr als genau,
wollte den Zweck jedes einzelnen Schrubchens wissen und wurde uns mit seinen
vielen Fragen so unbequem, da Halef ihm endlich im Tone schlechtverhehlten
Unwillens bedeutete:
    Du siehst, da diese Gewehre grad so wie unsere Pferde ihre Geheimnisse
haben, welche jeder zu achten hat, dem sie nicht freiwillig mitgeteilt werden!
    Verzeih! Aber bei dieser Art von Waffen darf man doch neugierig sein,
entschuldigte sich der Scheik. Ihr beide wit, wie oft und viel von ihnen
gesprochen wird. Man erzhlt sich Wunderdinge von ihnen und von eurer Fertigkeit
in ihrem Gebrauche. Diese Gewehre sind den Waffen des ganzen Morgenlandes
berlegen. Ist es da so unbegreiflich, da ich gern wissen mchte, wie man sie
zu handhaben hat?
    Ja, es ist unbegreiflich, weil die Neugierde nur eine Eigenschaft der alten
Weiber ist. Bei dem Scheik und Anfhrer tapferer Krieger aber darf sie noch viel
weniger als sonst bei einem Mann zu finden sein.
    Das war deutlich gesprochen, wohl auch ein wenig rcksichtslos, weil wir dem
in dieser Weise Zurckgewiesenen ja so viel verdankten. Aber da er sich jetzt
wieder, wie vorhin bei den Pferden, so zudringlich zeigte, das legte unserer
Dankbarkeit einen Dmpfer auf, der uns selbst am unangenehmsten berhrte. Leider
schien er das nicht zu empfinden, denn er fgte zu den bisherigen Fehlern einen
neuen, indem er im Tone des Vorwurfes sagte:
    Du scheinst nicht zu wissen, was ihr uns schuldig seid! Wo wret ihr jetzt,
und was httet ihr jetzt, wenn wir nicht bereit gewesen wren, euch in unseren
Schutz zu nehmen!
    Halef war eifrig damit beschftigt, alles, was ihm gehrte, einzustecken,
ich ebenso. Jetzt hatten wir nur noch die Gewehre an uns zu nehmen. Wir thaten
das, und nun, da wir uns sicher und selbstndig fhlen durften, antwortete der
Hadschi:
    Du forderst Dankbarkeit? Weit du noch nicht, da der wahre Dank nicht
genommen, sondern nur gegeben werden kann? Du hast zwar von uns gehrt, kennst
uns aber nicht. Darum erscheint dir deine Gte zu uns viel grer als sie
wirklich ist. Wo wir wren und was wir jetzt htten? Wir htten auch ohne euch
die Spuren dieser Diebe gefunden. Wir wren ihnen gefolgt und htten uns noch
whrend dieser Nacht hierhergeschlichen, um zu bestrafen, was man an uns
verbrochen hat. Euch haben wir weiter nichts, weiter gar nichts zu verdanken,
als da wir drei oder vier Stunden eher hier eingetroffen sind. Und fr diese
paar Stunden sollen wir dir die Geheimnisse unserer Pferde und unserer Waffen
verraten? Denke nach, was du da forderst! Wir haben uns als deine Gste
betrachtet; aber wenn du uns mit Fragen von dir treibst, so werden wir jetzt auf
unsere Pferde steigen und nach einem Orte reiten, wo man wei, da die wahre
Freundschaft sich nicht im Ueberflu der Worte zeigt! - - Barkh, ta'ahl38!
    Als sein Pferd diese beiden Worte hrte, kam es herbei und stellte sich so
vor Halef hin, da dieser nur den Fu in den Bgelschuh zu heben brauchte, um
sich in den Sattel zu schwingen. Ich gab dem Freunde innerlich recht, htte mich
aber an seiner Stelle wohl etwas hflicher ausgedrckt. Wir hatten Rcksicht zu
nehmen. Wie kam es nur, da der sonst so gern dankbare Kleine hier so schroffe
Ausdrcke fand? Er hob auch wirklich schon den Fu, um aufzusteigen, da trat der
Scheik schnell zu ihm hin und sagte, indem er ihn am Arme zurckhielt:
    Hadschi Halef Omar, handle nicht zu schnell! Es war ja nicht meine Absicht,
euch von hier fortzutreiben! Bedenke, was man von uns sagen wrde, wenn man
erfhre, ihr seiet unsere Gste gewesen, wret aber nicht bei uns geblieben!
    Fr uns wrde das wohl keine Schande sein! antwortete Halef streng.
    Nein, aber fr uns! Darum bitten wir euch, hier zu bleiben und morgen frh
mit nach unserem Lager zu reiten. Ihr knnt diesen Ort wohl auch gar nicht eher
verlassen, als bis ihr ber die Diebe Gericht gehalten habt!
    Das war freilich ein Grund, welcher sofort wirkte:
    Gericht halten? Allerdings! antwortete der Kleine. Wer soll es thun?
Willst du dich mit einer Dschemmah39 deiner Krieger daran beteiligen?
    Nein.
    Warum nicht?
    Weil das Urteil derselben wohl nicht mit dem eurigen bereinstimmen wrde.
    Wieso?
    Jede Dschemmah hat nach dem Gesetze der Wste zu richten, welches den
Pferderaub mit dem Tode bestraft. Euer Urteil aber wird sich dieser Strenge
wahrscheinlich nicht bedienen.
    Nicht? fragte Halef im Tone der Ueberraschung. Warum denkst du das?
    Der Scheik dachte nach, wie er sich am besten auszudrcken habe. Leider
verhinderte mich sein Vollbart, seine Gesichtszge zu studieren. Sie kamen mir
verlegen und doch auch wieder pfiffig vor. Er wollte unbefangen erscheinen, und
doch htte ich behaupten mgen, da er grad jetzt befangen sei. Dann antwortete
er:
    Man hrt von euch, da ihr ganz anders denkt, als andere Leute denken. Ihr
handelt nach einer Gerechtigkeit, welche lieber verzeiht, als da sie sich den
Vorwurf der Hrte machen lt. Und hart wre es doch wohl, wenn diese zwlf
Personen wegen nur zwei Pferden alle sterben mten!
    Nur zwei? Ich sage dir, da diese zwei Hengste mehr wert sind als hundert,
als tausend andere Pferde! Die Zahl kommt also hier ganz und gar nicht in
Betracht.
    So, aber doch der Umstand, da ihr euch schon wieder in ihrem Besitz
befindet!
    Das ist richtig. Wir werden also nicht vom Tode sprechen. Aber eins dieser
edlen Pferde ist geschlagen worden. Das ist etwas, was nicht vergeben werden
kann!
    Rechne die zerbrochenen Knochen der beiden Unvorsichtigen ab, welche von
den Hufen getroffen worden sind!
    Abrechnen? Wie kommst du mir vor? Ist es deine Absicht, der Dawa wekeli40
dieser Missethter zu sein und sie zu verteidigen? Wer nicht mit richten will,
hat auch nicht zu beschnigen. Ich werde also mit meinem Sihdi beraten, und was
wir bestimmen, das wird ausgefhrt. Jetzt aber - - jetzt - - o, Sihdi, halte
mich! Der Schwindel ist wieder da. Ich sehe nichts und mu mich niedersetzen!
    Er griff nach dem vor ihm stehenden Pferde, um sich festzuhalten. Ich
schlang den Arm um ihn und fhrte ihn an das Feuer. Dort lie ich seine Decke
ausbreiten und legte ihn auf dieselbe nieder. War ich erst besorgt gewesen, so
wurde mir nun angst um ihn.
    Was fehlt dem Scheik der Haddedihn? erkundigte sich Nafar Ben Schuri. Hat
er vielleicht den Suchuna41?
    Nein, antwortete ich.
    Oder die Berdija42?
    Nein.
    Oder die Chumma mutallati43?
    Auch diese nicht. Er hat gestern vergifteten Kaffee getrunken. Davon ist
ihm noch bel. Weiter ist es nichts.
    Ich wute, da ich log; aber die Klugheit verbot mir, die Wahrheit zu sagen.
Ich war jetzt beinahe berzeugt, es mit einer schweren, typhsen Erkrankung zu
thun zu haben, mute dies aber verheimlichen, um mir die Bedingungen einer
wenigstens den Umstnden angemessenen guten Krankenpflege zu ermglichen. Da es
sich um eine ansteckende Krankheit handle, brauchte jetzt noch niemand zu
wissen. Spter freilich hatte ich es unter allen Umstnden fr meine Pflicht zu
halten, die Dinarun vor Ansteckung zu bewahren.
    Glcklicherweise hatten wir unsere Sachen wieder, auch unsere kleine
Reiseapotheke. Ich beeilte mich also, Halef Chinin zu geben. Dann lag er still
und mit geschlossenen Augen da, als ob er schlafe.
    Die aus dem Lager gekommenen Dinarun waren mit Proviant versehen. Es wurde
gegessen. Die Portion Halefs bot ich ihm nicht an, sondern hob sie auf. Fr
unsere beiden Pferde sorgte ich selbst. Dann setzte ich mich zu Halef hin, um
das zu thun, was ich auch in der vorigen Nacht mir vorgenommen aber leider nicht
gethan hatte - - zu wachen.
    Fr Nafar Ben Schuri war an der anderen Seite des Feuers ein Lager zurecht
gemacht worden. Da sa er, rauchte einen Tschibuk und schien in Nachdenken
versunken zu sein. Mit wem er sich im stillen beschftigte, das sagten mir die
Blicke, welche er von Zeit zu Zeit zu mir herbersandte. Seine Leute hatten sich
so gelagert, wie es in ihrem Belieben lag. Eine gewisse Ordnung schien dabei
nicht beabsichtigt zu sein. Einmal stand ich auf, um nach den Gefangenen zu
sehen. Ihre Fesseln waren nicht bermig streng angelegt, doch brauchte ich
nicht besorgt zu sein, da sie sich losmachen wrden, weil sie rings von den
Dinarun umgeben waren und ich ja die Absicht hatte, nicht zu schlafen. Sie lagen
mir so nahe, da mir nichts entgehen konnte.
    Ich wollte die beiden Verletzten untersuchen, um ihnen, falls mglich, ihre
Schmerzen zu erleichtern; sie duldeten das aber nicht. Dann legte ich dem, den
wir fr ihren Anfhrer gehalten hatten, einige Fragen vor, die er mir
beantworten sollte. Ich wollte ihn durch sie zu der Bitte ermuntern, nicht
streng mit ihm und seinen Leuten zu verfahren; er zog es aber vor, sich in ein
so trotziges Schweigen zu hllen, da ich den wohlgemeinten Versuch aufgab und
an meinen Platz zurckkehrte. Da richtete nun der Scheik das Wort an mich:
    Sihdi, halte es nicht fr Herzenshrtigkeit! Es ist die Furcht vor dir, die
diesem Manne die Worte raubt!
    Verteidigst du ihn abermals? antwortete ich.
    Nein. Nur suche ich mir sein Schweigen zu erklren. Welches Urteil werdet
ihr wohl ber ihn und seine Leute fllen?
    Das wei ich nicht. Ich mu darber mit Hadschi Halef sprechen.
    Und wo soll es ausgefhrt werden?
    Da wo wir uns befinden, wenn es gesprochen wird.
    Also daheim in meinem Lager!
    Warum dort?
    Weil ich euch eingeladen habe, uns dorthin zu begleiten. Sag, ob ihr uns
diesen Wunsch erfllen werdet!
    Ich bin bereit dazu, damit ihr seht, da wir nicht so undankbar sind, wie
du zu denken scheinst.
    Verzeih mir das! Wir, die wir hier zwischen den Bergen wohnen, achten nicht
auf die knstlichen Regeln der Stdtebewohner, nach denen sich ihre Hflichkeit
richtet. Ihr werdet als unsere willkommenen Gste alles finden, was euch von
nten ist. Und das, was ihr bei uns ber diese Diebe beschlieet, wird von uns
genau so ausgefhrt werden, wie ihr es von uns fordert.
    So bist du erbtig, die Ausfhrung unseres Urteils zu bernehmen?
    Ja. Nur mchte ich wissen, worin die Strafe bestehen wird. Etwa im Tode?
    Nein, keinesfalls.
    Was sonst?
    Hiebe!
    Dieses Wort sagte ich nicht, sondern es klang aus Halefs Munde. Er hatte
also gehrt, was von uns gesprochen worden war.
    Hiebe! wiederholte er, ohne aber die Lage seines Krpers zu verndern.
    Wieviel? fragte der Scheik.
    Jeder zehntausend!
    Allah! Das ist zu viel!
    Nein, sondern zu wenig!
    Das wrde doch schlimmer als der Tod sein. Kein Mensch hlt zehntausend
Hiebe aus!
    Das soll er auch nicht! Und von den beiden, die sich an unseren Pferden
vergriffen haben, bekommt jeder zwanzigtausend!
    Hre ich recht?
    Ja. Aber wenn es dir zu wenig ist, so will ich sagen - - dreiigtausend!
    Er richtete sich halb auf, machte mit dem Arme die Bewegung des Schlagens
und sank dann wieder nieder.
    Allah beschtze ihn! sagte der Scheik. Er ist krank; er hat die Suchuna.
Die Glut des heien Fiebers fliet ihm durch die Adern!
    Ich griff nach Halefs Hand, um nach dem Puls zu fhlen. Ja, er fieberte! Der
Scheik fuhr fort:
    Hoffentlich spricht er anders, wenn das Fieber vorber ist. Die Diebe
sollen die ihnen gebhrenden Schlge bekommen; aber sie durch die Bastonnade
langsam zu Tode zu martern, knnt ihr doch nicht wollen.
    Ich durfte weder ja noch nein sagen, weil ich mich zu hten hatte, Halef
aufzuregen, benutzte aber diese Gelegenheit, eine mir ntig scheinende
Vorbereitung zu treffen:
    Das Urteil wird gefllt werden, wenn wir bei euch angekommen sind. Ihr habt
doch wohl einen Tachtirwan44 im Lager?
    Mehrere. Warum fragst du?
    Der beiden Verletzten wegen. Es wrde unmenschlich sein, sie reiten zu
lassen.
    Da fiel der Scheik viel schneller, als ich erwartet hatte, ein:
    Sie sollen im Tachtirwan nach dem Lager gebracht werden?
    Ja.
    Meinst du, da ich einen Boten sende?
    Ja.
    Sogleich?
    Je eher desto besser. Wenn es mglich ist, so la zwei Snften kommen!
    Ich hatte es mit einer dieser Snften auf Halef abgesehen, welcher unmglich
in den Sattel konnte, wenn sein Zustand der jetzige blieb. Das wute der Scheik
nicht, und darum wunderte ich mich nicht ber das Lob, welches er mir spendete:
    Die Gte deines Herzens gedenkt sogar, den Feinden grere Erleichterung zu
bieten, als eigentlich ntig ist. Ein Tachtirwan gengte wohl fr beide, doch da
es dein Wille ist, so will ich nach zweien schicken, und zwar sogleich.
    Er gab einem seiner Leute den betreffenden Befehl, worauf dieser Mann zu
seinem Pferde ging und von dannen ritt.
    Ich sprach von deiner Gte, nicht von der meinigen, knpfte der Scheik das
unterbrochene Gesprch wieder an. Und doch htte ich auch von dieser letzteren
reden knnen. Weit du, zu welchem Stamm diese Leute gehren, welche euch
bestohlen haben?
    Nein.
    Sie sind Dschamikun. Allah verdamme sie in die tiefste Hlle hinab!
    Sind die Dschamikun Feinde deines Stammes?
    Nicht nur Feinde, sondern Todfeinde! Es ist Blut, unaufhrlich Blut
geflossen zwischen uns und ihnen, seit man die Namen dieser beiden Stmme kennt.
Erst krzlich wieder ist an uns ein Verbrechen begangen worden, welches zu
Allahs hchstem Himmel schreit. Ich will dir nicht jetzt davon erzhlen. Du
wirst davon hren, wenn wir heimkommen. Wenn ich solche Leute im Tachtirwan
transportieren lasse, um ihnen Schmerzen zu ersparen, so ist das eine Gte,
welche sich recht wohl mit der deinen messen kann! Vielleicht darf ich in dieser
Angelegenheit auf deinen Rat, wohl gar auf deine Hilfe rechnen.
    Wenn wir dir in irgend einer Weise von Nutzen sein knnen, so werden wir
natrlich sehr gern thun, was wir vermgen. Warum aber willst du mit deiner
Mitteilung warten, bis wir uns morgen in eurem Lager befinden?
    Weil du jetzt wahrscheinlich schlafen willst.
    Ich pflege nicht gern etwas aufzuschieben. Was man sogleich erfahren kann,
soll man nicht bis spter warten lassen.
    Das ist die Energie, die jedem Krieger wohl geziemt. Ich bin in dieser
Beziehung ganz so wie du gesinnt. Darum sollst du schon jetzt hren, was ich dir
erst morgen sagen wollte. Wirst du mir glauben, wenn ich dir noch einmal und
ganz bestimmt versichere, da die Dschamikun sich auf den Raub und Diebstahl
verlegen?
    Ich mu es ja glauben, weil sie es persnlich an uns bewiesen haben.
    Nicht nur an euch, sondern auch an uns. Sie haben uns erst krzlich wieder
im tiefsten Frieden berfallen und einen groen Teil unserer Herden weggefhrt.
Ich war mit den meisten meiner Krieger abwesend, um mit einem befreundeten
Stamme ein Fest zu feiern, zu dem uns dieser geladen hatte. Das war von den
Dschamikun beobachtet worden, und darum gelang ihnen der Raub. Sie haben dabei
fnf unserer Wchter gettet. Nun kennst du unsere Pflicht?
    Sie lautet nach euren Gesetzen: Blut um Blut!
    Ja, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben, Blut um Blut! Auch wollen
wir unsere Herden wieder haben. Du wirst es also begreiflich finden, da wir
einen Zug der Vergeltung gegen sie beschlossen haben?
    Ich halte das nach euern Gesetzen fr ganz selbstverstndlich. Wann soll er
unternommen werden?
    Wir wollten schon morgen frh aufbrechen.
    Ah! Das ist nun wohl nicht mglich?
    Nein. Die Gastfreundschaft steht selbst ber der Pflicht der Rache. Wir
haben euch eingeladen, zu uns zu kommen, und wir mssen euch also zeigen, da
wir stolz darauf sind, euch bei uns haben zu knnen. Die Dinarun haben die
Gastlichkeit niemals verletzt, sondern sie stets hher gehalten, als dies von
den anderen in dieser Gegend wohnenden Stmmen geschieht. Ich hoffe, da ihr uns
die Ehre erweist, euch in jeder Beziehung als unsere Gste betrachten zu drfen.
Welche Antwort giebst du mir?
    Wer die Gebruche jener Vlker nicht kennt, der erwartet natrlich, da ich
sofort und mit Vergngen eingestimmt habe. Es schien ja geradezu als eine
liebevolle Fgung des Schicksals betrachtet werden zu mssen, da diese
Einladung ausgesprochen wurde. Besonders fiel hier der Umstand ins Gewicht, da
Halef von einer vielleicht schweren und langwierigen Krankheit bedroht war,
welche eine Unterbrechung unserer Reise erheischte, damit ihm die so notwendige
Ruhe und Pflege geboten werden knne. Aber die Sache hatte noch eine andere
Seite, welche ich als vorsichtiger Mann nicht bersehen durfte.
    Nach den Gepflogenheiten der Beduinen ist der Gast nmlich nicht etwa, wie
bei uns, nur ein sogenannter Besuch, dem man sich zu widmen und alle mgliche
Aufmerksamkeit zu erweisen hat. Er hat nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten,
denn er ist fr die Zeit seines Aufenthaltes bei dem betreffenden Stamme ein
vollgltiges Mitglied desselben. Ja, noch mehr: Das Wort Gast hebt ihn ber
die Mitglieder des Stammes empor, und wie sie auerordentliche Pflichten gegen
ihn zu erfllen haben, so wird auch von ihm eine grere als die gewhnliche
Hingabe an das Wohl und an die Interessen des Stammes gefordert. Der Gast steht
whrend seines ganzen Aufenthaltes in gewisser Beziehung sogar noch ber dem
Scheik und hat nicht weniger als dieser an allen Freuden, doch ebenso auch an
allen Leiden seiner Gastgeber teilzunehmen. Er wrde als ehrloser Mensch
betrachtet und behandelt werden, wenn er sich von einer Gefahr zurckzge,
welche denen droht, die ihn bei sich aufgenommen haben.
    Die Frage Nafars hatte also einen zweifachen Klang, eine doppelte Bedeutung
fr uns. Sie lautete: Wollt ihr zu uns kommen und jede Untersttzung finden,
deren ihr bedrftig seid? Wenn ich hierauf mit einem Ja antwortete, so war es
mir dann unmglich, zu dem hierauf folgenden Schlusse ein Nein zu sagen: Wollt
ihr zu uns kommen, um an dem Rachezuge gegen die Dschamikun teilzunehmen?
    Diese, wenn auch nur sehr kurze Erwgung war der Grund, da ich nicht
augenblicklich die erwartete Antwort gab. Darum warf mir der Scheik sofort die
etwas pikiert klingenden Worte hin:
    Du zgerst, anzunehmen? Hltst du uns fr Leute, deren Berhrung eure Ehre
beschmutzen wrde?
    Diese Frage wrde unter andern Verhltnissen wohl auch eine andere Wirkung
hervorgebracht haben; aber es war auf Halef Rcksicht zu nehmen, und wir hatten
den Scheik ja auch schon daran erinnert, da wir seine Gste seien. Das konnten
wir unmglich zurcknehmen, und darum sagte ich in beruhigendem Tone:
    Man soll zwar rasch denken, aber nicht zu schnell sprechen, o Scheik! Ihr
habt bisher als Freunde an uns gehandelt, und ich bin berzeugt, da ihr das
auch weiter thun werdet. Warum sollte ich euch mitrauen? Warum an eurer
Ehrlichkeit zweifeln? Als ich nicht augenblicklich antwortete, hatte das einen
ganz andern Grund.
    Welchen?
    Ich fragte mich, ob es uns wohl erlaubt sei, euch in der Weise zu
belstigen, wie es geschehen wird, wenn wir darauf eingehen, fr lngere Zeit
als nur heute eure Gste zu sein.
    Belstigen? wiederholte er mein Wort.
    Ja.
    Ich wei, da du ein Christ bist. Wahrscheinlich kennst du die Forderungen
unseres Kuran nicht?
    Ich kenne nicht nur ihn, sondern auch alle seine Auslegungen.
    So mut du auch wissen, da ein Gast niemals belstigen kann! Allah zu
gehorchen, ist das oberste der himmlischen Gesetze und den Gast zu ehren, die
oberste der irdischen Vorschriften. Wir gehorchen Allah, und wir ehren unsere
Gste. Hoffentlich gengt es dir, da ich dir dies versichere!
    Ich mu gestehen: Es lag in dem Wesen, in der Ausdrucksweise und in dem
ganzen Verhalten dieses Mannes etwas, wodurch meine erst fr ihn gehegte
Sympathie verringert worden war. Ich konnte dieses Etwas zwar nicht definieren,
aber es war vorhanden und bte eine mich zur Zurckhaltung mahnende Wirkung auf
mich aus. Aber die Umstnde verboten mir, dies in Worten auszudrcken. Darum
antwortete ich:
    Es bedarf dieser Versicherung gar nicht. Aber als Gste geehrt sein zu
wollen und dazu auch noch ganz besondere Opfer beanspruchen zu wollen, das
schien mir denn doch zu viel von euch verlangt.
    Fr einen Gast etwas zu thun, kann nie ein Opfer sein. Welche Belstigungen
sind es, die du meinst?
    Schau hin zu meinem Hadschi Halef, dem Scheik der Haddedihn! Ich vermute,
da eine Krankheit sich ihm naht, welche im stande ist, euch ungewhnliche Sorge
und Arbeit zu bereiten. Meine Gewissenhaftigkeit gebietet mir die Frage, ob es
uns gestattet ist, diese Last auf euch zu legen.
    Es ist fr uns keine Last; wir werden ihn wie einen Bruder pflegen. Und
wenn die Krankheit, von welcher du sprichst, wirklich kme, so bist ja du gesund
und - - und -
    Er zgerte, weiter zu sprechen. Wahrscheinlich hatte er einen Gedanken, den
ich nicht erraten sollte, wenigstens jetzt noch nicht. Ich vermutete, da der
Satz, wenn er ausgesprochen worden wre, wahrscheinlich folgendermaen gelautet
htte: Wir haben zwar auf eure beiderseitige Hilfe gerechnet, aber falls Halef
krank wird, bist ja du noch da, und auf dich rechnen wir dann ganz bestimmt!
Ich fand nicht Zeit, hierber weiter nachzudenken oder den Scheik zu
veranlassen, sich vollstndiger und deutlicher auszudrcken, denn kaum hatte er
diese Pause eintreten lassen, so begann der bisher bewegungslos daliegende
Hadschi pltzlich sich zu regen, und zwar in hchst energischer Weise. Er
wickelte sich aus seiner Decke heraus, sprang auf, stellte sich vor mich hin und
fragte in einem Tone, der auf nichts weniger als auf Kranksein schlieen lie:
    Was hast du da gesagt, Sihdi? Ich habe alles gehrt! Denkst du wirklich und
im Ernste an die Mglichkeit, da ich krank sein werde?
    Ja, antwortete ich aufrichtig.
    Was fr eine Krankheit wird das sein? Welchen Namen giebst du ihr?
    Ich sehe sie jetzt nur von weitem. Erst wenn sie da ist, kann ich sie
erkennen und dir ihren Namen sagen.
    Also von weitem! O Sihdi, wie enttuschest du mich! Ich habe dich fr klug
gehalten, und sehe nun, da du dies gar nicht bist!
    Danke, lieber Halef!
    Bitte! Fasse doch diesen deinen Gedanken an; stelle ihn vor dich hin und
schau ihm in das lgnerische Angesicht! Du siehst meine Krankheit jetzt nur von
weitem. Sie ist also noch gar nicht da. Mu ich ihr denn erlauben, vollends
heranzukommen und in meinen Krper einzuziehen, um es sich in demselben wie in
einem festlich geschmckten Zelt bequem zu machen?
    Wenn sie will, wird es geschehen!
    Will, will, will! Auch ich habe meinen Willen, und was ich will, das pflege
ich durchzusetzen. Jede Krankheit ist Schwche. Auch die, welche du von weitem
kommen siehst, kann gar nichts anderem gleichen, als einem alten, schwachen,
elenden Weibe, welches keinen Zahn mehr im Munde hat. Und ich, der berhmte,
tapfere Scheik der Haddedihn, der selbst dem Lwen nie den Rcken zeigte, soll
mich vor einem solchen Geschpf der Schwche frchten? Ich sage dir: Ich lasse
diese Krankheit nicht heran! Ich weise sie ab! Ich lache sie aus! Du selbst hast
mich gelehrt, was ein fester Wille kann, und wie fest und unerschtterlich der
meinige ist, das mu ich doch wohl am allerbesten wissen!
    Halef, bitte, gieb mir deine Hand!
    Warum?
    Gieb sie nur!
    Wozu? Ist's etwa wegen deines Dass innabd45?
    Ja.
    Das kann ich selbst!
    Er legte den Daumen der rechten Hand an die Ader oberhalb des linken
Handgelenkes, hielt beides an das Ohr, lauschte eine kleine Weile und fuhr dann
fort:
    Ich hre nichts, gar nichts; es ist also alles in der schnsten Ordnung!
Denn wre etwas Fremdes in der Ader, so mte es sich doch bemerklich machen!
    Man darf nicht hren, sondern fhlen!
    Das ist ganz gleich, denn ich habe auch nichts gefhlt. Und dieses Gefhl
mte ich doch deutlicher haben als jeder andere, der nicht nach seinem, sondern
nach meinem Pulse greift!
    Ich wollte da eine erklrende Bemerkung machen, doch lie er mich nicht zum
Worte kommen und fgte schnell hinzu:
    Ich wei, Sihdi, da es deine Liebe ist, welche dich so besorgt um mich
macht. Aber ich will dir beweisen, da deine Gedanken auf einem ganz verkehrten
Wege spazieren gehen. Ich frage dich: Ist das Negris46 eine Krankheit?
    Ja.
    Wenn dieses Negris in meiner groen Zehe sitzt, fhlst du es dann etwa in
der deinigen?
    Nein.
    Ganz recht! Du bist geschlagen! Du bist berfhrt! Du mut erkennen, da du
unrecht hast! Das Negris thut nur dem wehe, der es hat, keinem andern. Nur wer
die Schmerzen fhlt, wei, da er ihr rechtmiger Eigentmer und Besitzer ist!
Und ganz genau so ist es auch bei allen brigen Krankheiten. Ich fhle mich
gesund, vollstndig kerngesund! Aber ich bekomme Angst um dich, Sihdi!
    Warum?
    Weil du es bist, der meine Krankheit fhlt und sieht. Sie ist also nicht
die meinige, sondern die deinige! Darum befrchte ich sehr, da wir die
Gastfreundschaft dieser guten Dinarun ntig haben, um dich wieder gesund pflegen
zu knnen!
    Wer da meinte, diese Worte seien im Fieber oder aus Unverstand gesprochen
worden, der htte sich geirrt. Ich begriff den lieben, kleinen Kerl sehr wohl.
Er machte den Ernst zum Scherze, um mich zu beruhigen, doch gelang es ihm
freilich nicht, mich zu tuschen.
    Ihr nehmt es also an, unsere Gste zu sein? fiel da der Scheik schnell
ein.
    Ja, antwortete Halef. Denn wir brauchen vielleicht einige Zeit, um dem
alten, zahnlosen Weibe, welches mein Sihdi von weitem kommen sieht, begreiflich
zu machen, da es sich weder schickt noch ziemt, mit Leuten zu verkehren, wie
wir beide sind. Und whrend dieser Frist sind wir natrlich gern bereit, euch so
ntzlich zu sein, wie es die Pflicht eurer Gste ist.
    Das war es, was der Scheik hren wollte. Er zauderte nicht, Halef beim Worte
zu nehmen:
    Auch gegen die Dschamikun?
    Jawohl. Das ist's ja grad, was ich meine!
    Da war das Wort hinaus, welches auszusprechen ich gezgert hatte! Zwar htte
ich Halef in die Rede fallen knnen; aber das wre auffllig gewesen, und, wie
bereits gesagt, es blieb uns keine Wahl. Die Schnellfertigkeit des Hadschi hatte
in diesem Falle keinen Fehler begangen, sondern nur etwas eher zugestanden, was
ich, der Bedchtigere, spter doch auch nicht htte verweigern knnen. Das
Versprechen mute dem Scheik wertvoll sein, denn er verbeugte sich gegen uns
beide, hob die Hnde bis zur Brust empor und sprach:
    So ist der Bund zwischen euch und uns geschlossen. Eure Feinde sind auch
unsere Feinde und unsere Freunde sind auch eure Freunde. Wir wollen das Brot
darber essen!
    Er zog ein Stckchen dnnen Brotfladen aus der Tasche seines Hak, brach es
in drei Teile, schob den seinigen in den Mund und gab uns die beiden anderen. Da
war nichts anderes zu thun; wir muten sie nehmen und essen, worauf wir uns in
jeder Beziehung als Dinarun zu betrachten hatten.
    Halef war nicht nur vollstndig damit einverstanden, sondern er freute sich
sogar darber. Er ging um das Feuer, zu dem Scheike hin, reichte ihm die Hand
und sagte:
    Ich habe vorhin nicht etwa geschlafen, sondern alles vernommen, was du
erzhltest. Ihr habt uns heut beigestanden, diesen Dschamikun alles, was sie uns
raubten, wieder abzunehmen. Nun werden wir euch beistehen, eure Herden wieder zu
bekommen und den Tod eurer Wchter zu rchen. Zwar sind wir nur zwei Personen,
aber - - -
    Da unterbach ihn Nafar:
    Aber ihr zhlt fr viele. Das wissen wir wohl! Solchen Gewehren, wie ihr
sie besitzt, kann kein Feind widerstehen, und ebensowenig kann, wenn ihr eure
Pferde reitet, ein Fliehender euch entkommen. Vielleicht ist die Krankheit, von
welcher ihr redet, eine Tuschung. In diesem Falle knnten wir schon morgen oder
doch bermorgen aufbrechen, um den Dschamikun die wohlverdiente Strafe zu
erteilen!
    Ich bin schon morgen bereit dazu, erklrte Halef, und mein Sihdi ganz
gewi ebenso! Ihr werdet es nicht bereuen, uns getroffen und hierher begleitet
zu haben. Doch ehe wir morgen aufbrechen, mu ber diese Diebe hier das Wort des
Gerichtes ausgesprochen werden. Es hat mich gewundert, dein Herz so mild gegen
sie zu sehen, besonders, nachdem du uns gesagt hast, da sie zu demselben Stamm
gehren, an welchem auch ihr euch zu rchen habt.
    Halef sprach diese Bemerkung gewi ganz absichtslos aus, doch schien es mir,
als ob sie dem Scheik nicht recht gelegen komme. Er antwortete nicht. Da hielt
ich es denn fr nicht unklug, diesen Eindruck durch die direkt an ihn gerichtete
Frage zu verstrken:
    Als diese zwlf Mnner euch heut begegneten, habt ihr denn nicht mit ihnen
gesprochen?
    Nein, antwortete er. Das sagte ich euch doch schon.
    Warum habt ihr sie denn nicht angehalten?
    Weshalb htten wir dies thun sollen? Wir kannten euch noch nicht, hatten
also noch keinen Bund mit euch geschlossen und wuten ebensowenig, da ihr von
ihnen beraubt worden waret.
    Habt ihr sie denn nicht als Dschamikun erkannt?
    Nein! antwortete er auffllig schnell.
    Sonderbar! Dieser Stamm hat euer jetziges Lager berfallen?
    Ja.
    Und hierauf wagten sich zwlf einzelne seiner Leute so nahe an dieses
heran? Diese Dschamikun scheinen nicht nur khne, sondern sogar verwegene
Krieger zu sein.
    Das sind sie allerdings!
    Und du wnschest eine so gelinde Strafe fr sie! Wenigstens als Geisel
httest du sie von uns fordern sollen!
    Das ist es, was ich noch thun werde. Ihr Schicksal ist ja noch gar nicht
entschieden!
    Er sah mich forschend an. Er mochte fhlen, da ich nicht ohne Mitrauen
sei. Dann fuhr er fort:
    Ich wnschte ja nur deshalb, sie nur leicht von euch bestraft zu sehen,
damit sie mir fr eine schwere Shne brigbleiben. Freigelassen werden sie auf
keinen Fall!
    So knnen wir befriedigt sein, Sihdi, meinte Halef, indem er an seinen
Platz zurckkehrte, um sich niederzulegen. Wir haben wieder, was uns fehlte.
Mit der Strafe brauchen wir ja nicht zu eilen. Damit hat es auch Zeit, bis wir
von dem Zuge gegen die Dschamikun zurckkehren. Und da wir ihn, wie ich denke,
schon morgen antreten werden, so brauchen wir jetzt Ruhe. Wir wollen also
schlafen. Gute Nacht!
    Gute Nacht! sagte auch Nafar Ben Schuri, indem er sich niederlegte.
Vielleicht war es ihm recht lieb, jetzt nicht weitersprechen zu mssen.
    Auch ich streckte mich unter meiner Decke aus, doch nur, um zu thun, als ob
ich schlafen wolle. Selbst wenn es nicht meine Absicht gewesen wre, die ganze
Nacht wach zu bleiben, htte ich jetzt doch nicht schlafen knnen. Sie gaben mir
ja beide mehr als genug zu denken, Halef sowohl wie auch der Scheik der Dinarun.
Ich schrieb das pltzliche Aufspringen des ersteren und seine eifrige Teilnahme
am Gesprche dem Fieber zu. Er hatte, anstatt mich zu beruhigen, meine Sorge um
ihn nur vergrert. Und diese Sorge wurde nicht geringer, wenn ich an Nafar Ben
Schuri dachte.
    Ich bin von jeher so herzlich gern ein dankbarer Mensch gewesen. Vielleicht
ist es einer meiner grten Fehler, das Gute, welches mir erwiesen wird, in der
Weise zu vergrern, da der, welcher es that, mich fr seinen ewigen Schuldner
halten mu. So zhlte ich auch jetzt im stillen alles auf, was wir heut dem
Zusammentreffen mit den Dinarun zu verdanken hatten. Ich verkleinerte nichts und
suchte, mglichst viel zusammenzufinden; aber trotzdem wollte es mir nicht
gelingen, es zu einem klaren, reinen, fest berzeugten Gefhle der Dankbarkeit
zu bringen. Warum das nur? Ich wollte gern lieb und gut ber diese Leute denken,
aber ich brachte das nicht fertig. Es gab einzelne Beobachtungen, und es gab
auch Worte, welche an sich vielleicht ganz unverfnglich waren, aber dadurch,
da ich sie zusammenhielt und miteinander verglich, eine fr mich unwillkommene
und unerwnschte Bedeutung bekamen. Ja, wir waren am gestrigen Nachtlager
beraubt worden und hatten die erlittenen Verluste wieder zurckgewonnen. Nun
htte ich ruhig sein knnen. Aber ich war es nicht. Es lag ein Ahnen, ein
Fhlen, ein Empfinden in mir, als ob der von uns erlittene Schaden doch noch
nicht ersetzt worden sei, oder als ob uns ein anderer, neuer Nachteil getroffen
habe, der erst spter und viel schwerer auszugleichen sei. Solche innere Stimmen
scheinen zunchst undeutlich und unbestimmt zu sprechen, aber dann, wenn ihre
Warnung zur Wahrheit wird, ist man gezwungen, einzusehen, da man sie bei etwas
grerem Vertrauen gar wohl verstanden htte.
    Es war kein Befehl gegeben worden, das Feuer zu unterhalten. Darum ging es
nach und nach aus. Ich that nichts, dies zu verhindern, denn der Himmel stand
voller Sterne, und der Schein, welchen sie herniedersandten, war hell genug fr
mich, die Gefangenen zu beobachten. Es bewegte sich nur selten einmal einer von
ihnen, und dann auch nur, um sich von der einen Seite auf die andere zu wenden.
Des Gedankens, sich von den Fesseln zu befreien und zu fliehen, schien keiner
fhig zu sein.
    Halef schlief. Ja, er schlief wirklich, fest und ruhig. Sein Atem ging
regelmig. Das machte mir Hoffnung. Vielleicht hatte ich doch zu schwarz
gesehen. Manchmal freilich ging ein Schauer ber seinen Krper und dann bewegte
er sich, als ob er im Begriff stehe, aufzuwachen. Das konnte aber auch von der
nchtlichen Klte sein, weil, wie bereits erwhnt, in Persien die
Wrmeunterschiede zwischen Tag und Nacht ganz bedeutend und viel grer sind als
bei uns.
    Erst gegen Morgen wachte er auf, und da fror es ihn allerdings so, da er
sich schttelte. Es war schon hell, und so sah er, da ich munter war.
    Du hast auch schon die Augen offen, Sihdi? fragte er. Die Dinarun
schlafen noch, obgleich es Zeit zum Morgengebete ist. Ich werde mich also
waschen gehen.
    Ich htte ihn gern gebeten, dies heut nicht zu thun, wute aber, da dies
vergeblich sein wrde. Er stand auf und ging an dem Wasser entlang, bis er
hinter einigen Bschen verschwand, um dort seine Morgenandacht zu verrichten.
Sein Gang war fest, seine Haltung sicher gewesen. Das beruhigte mich in der
Weise, da ich die Augen schlo, um schnell noch ein Viertelstndchen Schlaf
hinwegzunehmen. Wie gedacht, so geschehen: Ich schlief wirklich sofort ein und
wachte nicht eher auf, als bis ich von dem Lrm des Aufbruches erweckt wurde.
    Niemand wute, da ich die Nacht hindurch gewacht hatte. Darum nahm ich es
dem Scheik nicht bel, als er mich scherzweise einen Langschlfer nannte. Der
abgeschickte Bote war schon mit den beiden Tachtirwans angekommen. Man hatte das
frugale Frhstck eingenommen. Auch ich trank einige Schluck Wasser aus dem
Bache und a ein paar Datteln, wobei ich meinen Halef beobachtete, welcher still
auf seiner Decke sa, starr vor sich hinblickte und fr niemand, auch nicht
einmal fr mich ein Auge zu haben schien. War es so schnell anders mit ihm
geworden?
    Halef! rief ich ihn.
    Er antwortete nicht.
    Halef! Hrst du mich?
    Er nickte nur, sagte aber nichts und drehte sich auch nicht nach mir um.
    Ist dir nicht wohl? fragte ich.
    La mich! bat er jetzt mit gedrckter Stimme. Sprich nicht auf mich!
    Warum nicht?
    Ich kann nicht antworten. Ich bin so mde, so matt, so unendlich matt!
    Da ging ich hin und beugte mich zu ihm nieder. Er legte den Arm um meinen
Hals und sagte:
    Sihdi, mein lieber, lieber Sihdi, wie denkst du ber das Sterben?
    Ich denke, da wir beide noch recht, recht lange darauf warten werden,
antwortete ich.
    Meinst du? Mir aber ist, als ob es sofort beginnen solle. So wie mir jetzt
ist, mu es einem sein, der sterben soll!
    Denke nicht daran! Es ist nichts als Mdigkeit.
    Aber eine so groe, wie ich sie noch nie empfunden habe! Wenn ich mich
nicht legen soll, so mu ich dich bitten, mich festzuhalten, damit ich nicht
umfalle.
    Soeben wurden die gefesselten Gefangenen auf ihre Pferde gebracht. Die
beiden Verwundeten wollte man in die Tachtirwans bringen. Da gab ich dem Scheik
die Weisung:
    Die zwei Gefangenen kommen miteinander in eine Snfte!
    Fr wen ist die andere? fragte er.
    Fr Hadschi Halef.
    Fr den Scheik der Haddedihn? gab er verwundert zurck. Wie kann jemand,
der ein solches Pferd besitzt wie er, auf den Gedanken kommen, wie ein Weib in
eine Snfte zu steigen!
    Er ist krank. Er kann nicht reiten.
    Da nahm Halef seinen Arm von meinem Halse, sprang mit einem schnellen,
krftigen Rucke auf, sah mir mit funkelndem Auge in das Gesicht und rief zornig
aus:
    Sihdi, bist du toll? Hast du pltzlich die Gabe deines Verstandes
verloren?
    Ein einziger Augenblick hatte gengt, ihn in ein Bild der hchsten Energie
zu verwandeln.
    Nein, antwortete ich. Ich bin sogar sehr bei allen meinen Sinnen.
    Das kannst du unmglich sein, wenn du mir zumutest, nicht zu reiten,
sondern mich tragen zu lassen!
    Es mu sein, lieber Halef. Fge dich!
    Das fllt mir nicht ein. Soll ich zum Gelchter aller Menschen werden, die
es gegeben hat, die es jetzt giebt und auch die es einst noch geben wird?
    Nein. Die Krankheit ist doch nicht etwas, worber man zu lachen hat!
    Aber der Tachtirwan. Uebrigens bin ich ja gar nicht krank!
    Und soeben fhltest du dich zum Umfallen schwach!
    Jetzt nicht mehr. Das ist vorber!
    Es wird wiederkommen!
    Nein! Dein altes Weib, welches keine Zhne mehr hat, werde ich mir vom
Leibe zu halten wissen!
    Es war die Erregung des Stolzes, die ihm die Kraft gegeben hatte,
aufzuspringen. Er griff mit beiden Hnden nach dem Kopfe. Es schwindelte ihm.
    Sei gut, Halef! bat ich.
    Ich bin ja gut! Gegen dich kann ich doch gar nicht anders sein!
    Jetzt bist du es nicht. Du weit, da ich dich nie um etwas bitte, was
nicht ntig ist.
    So machst du gegenwrtig eine Ausnahme. Das, was ich thun soll, ist
vollstndig berflssig!
    Streiten wir uns nicht hierber! Kannst du dich noch besinnen, da du mir
eines Tages etwas schenken wolltest und doch nichts hattest?
    Ja. Das war zu deinem Geburtstage.
    Du warst traurig darber, da du mir nichts geben konntest. Besinne dich!
Was sagtest du da zu mir?
    Ich bat dich, mir es zu sagen, wenn du einmal einen recht, recht groen
Wunsch haben wrdest. Ich versprach, ihn dir zu erfllen.
    Ja, und zwar unbedingt zu erfllen! Nun, diesen Wunsch habe ich jetzt
ausgesprochen, und ich wiederhole ihn! Steig in den Tachtirwan!
    So forderst du das von mir als nachtrgliches Geburtstagsgeschenk?
    Ich fordere es nicht, sondern ich erbitte es mir. Sei brav; sei willig,
lieber Halef!
    O, mein guter, guter Sihdi, wenn du in diesem Tone mit mir redest, kann ich
dir nicht widerstehen! Aber, hast du gehrt, was der Scheik sagte?
    Denke nicht daran!
    Er sagte: Wie ein Weib in die Snfte steigen! Wenn ich es thue, gebe ich
meine ganze Wrde hin!
    Nein!
    Doch! Die Wrde des Mannes, die Wrde des Kriegers und die Wrde des
Scheikes!
    Diese drei Wrden werden dir bleiben; aber die Wrde meines Freundes wrde
verloren gehen, wenn du es nicht thtest.
    So thue ich es. Aber mein Gewehr und alles, was zum Manne gehrt, mu ich
mitnehmen drfen!
    Selbstverstndlich! Ich danke dir!
    Und du hebst mich hinein. Es soll mich kein anderer anfassen als nur der
allein, dem zuliebe ich es thue!
    Gern. So komm!
    Ich war ihm behilflich, einzusteigen, und gab ihm dann seine Waffen hinauf.
Als dies geschehen war, kam der Scheik zu mir. Er hatte gespannten Auges
zugesehen und fragte nun:
    Sihdi, wer wird jetzt das Pferd Halefs reiten?
    Niemand, antwortete ich, von seiner Frage nicht etwa angenehm berhrt.
    Wrdest du es mir nicht fr diese kurze Zeit erlauben?
    Nein.
    Sihdi, bedenke, da wir Brder sind! Du bist mein Gast!
    Das wei ich. Und eben weil ich es wei, darf ich dir deinen Wunsch nicht
erfllen.
    Du darfst nicht? Oder willst du nicht?
    Ich darf nicht.
    Warum?
    Das Pferd wrde dich abwerfen.
    Du brauchst ihm ja nur das Zeichen zu geben, so wird es dies nicht thun!
    Aber dieses Zeichen ist ein Geheimnis, und die Geheimnisse eines
Vollblutpferdes werden selbst dem bestem Freunde, dem Bruder, dem Gaste nicht
verraten. Das mut du wissen. Grad weil ich dein Gast bin, ist es deine heilige
Pflicht, nichts von mir zu fordern, was ich dir nicht gewhren kann. Die
Auslegung des Kuran sagt: Wer das Antlitz seines Gastes durch eine unerfllbare
Bitte schamrot macht, ist nicht wert, Gste zu haben. Das scheinst du nicht zu
wissen!
    Nachdem ich ihm diese Lehre, und zwar im ernstesten Tone, erteilt hatte,
wendete ich mich von ihm ab. Es war mir mehr als unangenehm, ja, es machte mich
bedenklich, immer wieder zu bemerken, da er danach trachtete, die Geheimnisse
unserer Pferde zu erfahren. Ich bestieg meinen Assil und nahm Barkh am Zgel, um
ihn neben mir hergehen zu lassen. Der Scheik mute es hinnehmen, da ich ihn von
jetzt an nicht mehr beachtete. Ich wagte dabei nichts, denn im Besitze unserer
Hengste und unserer Gewehre hatten wir, so lange wir Vorsicht bten, die ganze
Schar dieser Beduinen nicht zu frchten. Und da der Scheik dies wute, das war
aus seinem Verhalten mit Sicherheit zu schlieen.
    Es war ein schner, frischer Ritt in den jungen, khlen Morgen hinein. Dann
spter, als die Sonne ber den stlichen Bergen erschien, wurde es schnell warm.
Wir hatten nicht unsere gestrige Richtung rckwrts eingeschlagen, sondern wir
ritten den Weg, auf welchem der Bote die von ihm geholte Hilfe gebracht hatte.
Ich achtete aber weniger auf die Gegend als auf Halef, den ich whrend der
ersten Zeit nicht sah, weil er in dem Grunde der Snfte lag. Doch spter setzte
er sich auf und lie sein Gesicht erscheinen, um nach mir auszuschauen. Als er
mich an seiner Seite sah, nickte er mir lchelnd zu und sagte:
    Sihdi, das alte Weib ist wieder fort. Ich bin so munter, da ich gern
aussteigen und lieber reiten mchte.
    Ich bitte dich aber, sitzen zu bleiben, antwortete ich ihm.
    Meinst du, da sie wiederkommt?
    Ja.
    Ich glaube es nicht. Die Schwche ist heraus!
    Nein, sie steckt noch drin. Sie wird vielleicht sogar noch grer werden.
    Du irrst, Sihdi. Ich sehe ja, da sie heraus ist.
    Du siehst es? Wieso?
    Ich habe sie jetzt auen auf der Brust.
    Diese Worte erschreckten mich, obgleich ich so etwas erwartet hatte. Ich
verstand ihn gleich; ich wute, was er meinte. Wenn es sich um Petechien
handelte, so hatte ich das Richtige befrchtet: Halef war typhuskrank.
    Hast du Flecken auf der Brust? fragte ich.
    Ja, Sihdi.
    Wie sehen sie aus?
    Ich war bei Kindern, welche an der Chassba47 litten. Das ist eine
Krankheit, welche die Haut zu frben pflegt. Genau von dieser Farbe sind die
Flecken, die ich jetzt bei mir bemerke.
    Mit diesen Worten hatte er das Kennzeichen des Petechialtyphus angegeben.
Da gewisse Beobachtungen, welche ich seit gestern an ihm gemacht hatte, nicht
genau mit den Symptomen dieser Krankheit bereinstimmten, konnte mich nicht
beirren. Jedes Leiden pflegt nebenbei seine individuellen Erscheinungen zu
haben. Ich wute nun, da es sich mglicherweise um das Leben Halefs handeln
konnte, da die grte Schonung, die sorgfltigste Pflege geboten war und da
ich selbst im gnstigen Falle an eine Genesung vor Ablauf eines Monates nicht
denken durfte. Was das heit, wenn man sich dabei in fremder Gegend und unter
halbwilden Menschen befindet, kann man sich unschwer denken!
    Du bist so still! Worber denkst du nach? fragte er nach einiger Zeit, in
welcher ich nicht gesprochen hatte.
    Ich fragte mich nach dem Lager dieser Dinarun. So gute, gerumige und
bequeme Zelte wie unsere Haddedihn werden sie wohl nicht besitzen.
    Nein, solche nicht, Sihdi! Die giebt es nur bei uns! Aber das erwarte ich
gar nicht. Wozu auch Zelte? Wir bleiben doch hchstens nur einige Stunden dort,
weil schon heut gegen die Dschamikun aufgebrochen wird.
    Das halte ich nicht fr so bestimmt wie du.
    Es ist bestimmt. Du weit ja, da ich es dem Scheik versprochen habe, und
was ich verspreche, das halte ich!
    Aber ich? Habe ich es auch versprochen?
    Nein. Doch mein Wort gilt natrlich auch als das deinige, und ich hoffe,
da du mich nicht Lgen strafen lssest!
    Hierauf sah ich ihn nicht mehr. Er hatte sich wieder niedergelegt. Die
Schwche war also doch zurckgekehrt!
    Von nun an geschah nichts Erwhnenswertes, als da einer der Dinarun
voranritt, um unsere Ankunft zu melden. Der Scheik befand sich, wie gestern, an
der Spitze des Zuges, und da er es vermied, zu mir zu kommen, hatte ich noch
viel weniger Veranlassung, ihn da vorn aufzusuchen. Ich konnte mich des
Gedankens nicht erwehren, da es vielleicht besser gewesen wre, wenn wir ihn
und seine Leute gar nicht getroffen htten. Es wre uns wahrscheinlich auch ohne
ihre Hilfe gelungen, wenn auch nicht so schnell und mhelos, unsere Absicht
durchzusetzen.
    Nach einigen Stunden gab es wieder Bsche. Wir befanden uns also nicht mehr
in wasserloser Gegend, wie vom heutigen Aufbruche an, und ich vermutete, da wir
nun nicht mehr fern dem Ziele seien. Diese Mutmaung bewhrte sich als richtig.
Ich sah einen Reitertrupp erscheinen, welcher uns entgegenkam, und nun hielt es
der Scheik endlich fr geboten, sein Pferd so lange anzuhalten, bis wir ihn
erreicht hatten. Dann deutete er mit der Hand vorwrts und sagte:
    Sihdi, da nahen Krieger meines Stammes, um euch willkommen zu heien. Wirst
du erlauben, da sie euch mit dem gebruchlichen Lab el Barud48 empfangen? Eine
Fantasia, die wir euch als so lieben Gsten schuldig sind, wird abgehalten
werden, sobald wir uns im Angesichte des Lagers befinden.
    Das Lab el Barud besteht gewhnlich in einer tollen Schieerei, bei welcher
sehr viel Pulver verschwendet wird. Bei der Fantasia werden allerlei
Reiterknste gezeigt. Beides hat den Zweck, den Gast zu ehren und ihm zu zeigen,
da die, welche ihn empfangen, als gute Reiter und Schtzen seiner Achtung
wrdig sind.
    Ich htte dem kranken Hadschi diesen Lrm wohl gern erspart, damit aber
wahrscheinlich die Dinarun beleidigt, und da durch die Ausfhrung dieser
Gebruche das gegenseitige Gast- und Freundschaftsverhltnis besttigt wird, so
hielt ich es in Hinsicht auf unsere Sicherheit fr geraten, meine Zustimmung zu
erteilen.
    Als ich dies gethan hatte, gab er den Nahenden mit dem erhobenen Arme ein
Zeichen, worauf sie im Galopp herangesprengt kamen, uns einige Male im Kreise
umritten und unter wildem Schreien aus ihren langen Flinten wiederholte Salven
und einzelne Schsse abgaben. Dann sammelten sie sich hinter uns, um sich uns
anzuschlieen.
    Bist du mit diesem Empfange zufrieden? fragte mich der Scheik im
Weiterreiten.
    Ja, antwortete ich. Wir danken euch!
    Ich glaubte, du habest deine Erwartungen nicht erfllt gesehen.
    Warum?
    Weil du mit keinem einzigen Schusse diesen Empfang erwidert hast.
    Das war ein Vorwurf, der mir nicht gefiel, und dem eine versteckte Absicht
zu Grunde liegen mute. Und diese Absicht konnte sich nur auf die gastliche
Treue beziehen. Das wurde mir von jenem Mitrauen gesagt, welches sich nun
einmal nicht in mir niederdrcken lassen wollte und jetzt wieder seine warnende
Stimme erhob. Darum antwortete ich:
    Du weit, o Scheik, da wir weder Knaben, noch Neulinge, sondern erfahrene
Mnner sind. Wir wissen ganz genau, was so ein Lab el Barud zu bedeuten hat. Aus
euren Gewehren hat die Stimme der Gastfreundschaft gesprochen. Diese Schsse
waren eure Versicherung, ja euer Schwur, da ihr euch Mhe geben werdet, alle
eure Pflichten gegen uns zu erfllen.
    Weiter nichts? fragte er.
    Nein.
    Du irrst! Durch diese Schsse richteten wir auch die Frage an euch, wie es
mit den Pflichten stehe, die ihr gegen uns auf euch genommen habt.
    Da hielt ich mein Pferd an, fate den Zgel des seinigen, da es auch
stehenbleiben mute, richtete mich im Sattel auf, sah ihm grad und forschend in
das Gesicht und sagte:
    Das wrde eine Beleidigung fr uns sein!
    Nein! behauptete er.
    Doch!
    So bitte ich dich, es mir zu erklren!
    Es sollte dieser Erklrung gar nicht erst bedrfen! Die Gastfreundschaft
ist zwischen euch und uns bereits geschlossen. Ihr habt uns euer Wort gegeben
und dafr das unserige erhalten. Ist das so?
    Ja, gestand er ein.
    Haltet ihr uns fr Lgner?
    Als ich meinem Blick hierbei einen drohenden Ausdruck gab, senkte er den
seinen und antwortete:
    Nein. Ich gebe dir die Versicherung, dies ganz und gar nicht gemeint zu
haben!
    Das ist es, was ich wissen wollte! Wenn wir unser Wort geben, so halten wir
es unter allen Umstnden. Es bedarf bei uns keiner weiteren Versicherung durch
irgend eine That oder gar durch ein bloes Spiel, bei welchem wir gezwungen
wren, unsere Munition zu vergeuden, die viel kostbarer als die eure ist.
    Ich machte eine Pause, um den nchsten Worten eine erhhte Bedeutung zu
geben, und fuhr dann fort:
    Oder sollte es dir vielleicht so auerordentlich wichtig sein, zu sehen,
wie unsere Gewehre beim Schieen gehandhabt werden mssen? Wir schieen niemals
im Spiele, sondern stets nur dann, wenn der Ernst uns dazu zwingt, wenn wir uns
verteidigen mssen. Aber dann sitzt jeder Schu; das kannst du mir gut glauben!
Wenn ihr es fr notwendig gehalten habt, euren Worten durch eure Schsse grere
Glaubhaftigkeit zu verleihen, so sage ich dir, da wir so etwas nicht ntig
haben, weil unsere Worte Thaten sind, die nicht erst noch besonders besttigt zu
werden brauchen! Und nun frage ich dich: Sind wir im vollsten Sinne des Wortes
eure Gste oder nicht?
    Ihr seid es, versicherte er, indem er mir die Hand herber hielt.
    Es war ihm anzusehen, da er sich beschmt fhlte. Vielleicht gab es in
seinem Innern auch noch etwas anderes als diese Scham allein. Ich schlug ein,
gab sein Pferd frei und sprach, indem wir nun weiter ritten:
    Du weit nun ganz genau, wie wir ber die Heiligkeit und Verletzlichkeit
des gegebenen Wortes denken. Fordere also nicht von uns, etwas hinzuzufgen,
denn so ein Wunsch wrde eine schwere Beleidigung fr uns sein!
    Und doch hast du etwas hnliches von uns gewnscht, ohne da es mir
eingefallen ist, es dir belzunehmen!
    Was?
    Das Lab el Barud und die Fantasia.
    Soll ich gezwungen sein, dich, unseren Gastfreund, Lgen zu strafen? Du
hast uns beides angeboten; ich habe es nicht verlangt. Das ist der Unterschied.
Und durch dieses dein Angebot hast du eigentlich gesagt, da dein Wort erst noch
weiterer Bekrftigung bedarf, bevor man ihm Vertrauen schenken kann.
    Das habe ich nicht gewollt! Bei Allah! Wenn du mich in dieser Weise
verstanden hast, so zwingst du mich jetzt, eine Bitte auszusprechen.
    Welche?
    Auf die Fantasia zu verzichten!
    Das thue ich sehr gern!
    Sie wird also in Wegfall kommen, damit du nicht ferner annimmst, da sie
als Besttigung des euch gegebenen Wortes ntig sei. Wir wissen ebensogut wie
ihr, was so ein Wort bedeutet!
    Ja, das wute er wohl ganz gewi. Aber etwas anderes wute und fhlte er
wohl nicht, nmlich da das gegebene Wort seine ganze Heiligkeit verliert, wenn
es Veranlassung giebt, in einer so peinlichen Weise ber seine Bedeutung
verhandeln zu mssen.
    Wir ritten jetzt eine langsam ansteigende, sonnige Hhe empor, welche dicht
mit niedrigen Genistenpflanzen bewachsen war. Tausende von weien
Schmetterlingsblumen sandten uns da ihre kstlichen Dfte zu. Dieser Strauch,
welchen die Hebrer Retom nannten, ist identisch mit dem Wachholder des alten
Testamentes, welches von dem Propheten Elias erzhlt: Er kam in die Wste von
Bersaba und setzte sich unter einen Wachholder und wnschte sich den Tod und
sprach: Es gengt mir, Herr. Nimm meine Seele, denn ich bin nicht besser als
meine Vter. Und er legte sich nieder und entschlief im Schatten des
Wachholderbaumes. Und siehe ein Engel des Herrn rhrte ihn an und sprach: Steh
auf, und i!
    Man sah hier und da eine Ziege, welche sich die weichen Spitzen der Zweige
schmecken lie, und Kinder, von denen diese Tiere beaufsichtigt wurden. Das war
ein Zeichen, da wir uns dem Lager nherten. Zu den Ziegen gesellten sich fett
geschwnzte Schafe mit sonderbar langen, lappigen Hngeohren. Einige magere
Rinder kauten seitwrts im harten, scharfen, schilfhnlichen Grase. Dann kamen
wir an zerstreut weidenden Eseln und Maultieren vorber, und endlich sahen wir
den Lagerort, nicht oben auf der Hhe, sondern unterhalb derselben sich
seitwrts an der Berglehne hinziehend.
    Die uns dort erwartenden Dinarun waren benachrichtigt worden, da die
Fantasia zu unterbleiben habe. Dennoch saen sie alle zu Pferde, weil es fr sie
eine Schande gewesen wre, uns zu Fue zu empfangen. Sie waren so freundlich,
wie wir es erwarteten, drckten dies aber mehr durch Gesten und Pantomimen als
durch Worte aus. Redselig, wie der Beduine fast immer gegen Gste ist, zeigten
sie sich nicht. Das genierte mich aber nicht. Es gab vielmehr einige andere
Beobachtungen, durch welche ich mich enttuscht fhlte. Doch, davon spter.
    Es mochten gegen zweihundert Mnner hier versammelt sein. Ich berflog den
ganzen Plan mit schnellem Blicke. Zelte gab es nur wenige, und diese waren
rmlich. Das beste von ihnen wurde uns von dem Scheik als das bezeichnet, in
welchem wir wohnen sollten. Die vorhandenen Pferde waren teils mittel-, teils
auch minderwertiges Material, und es gab hchstens zehn oder fnfzehn, fr
welche man etwas mehr als den gewhnlichen Durchschnittspreis htte bieten
knnen.
    Auer den Zelten gab es nur niedrige Htten, welche aus Ginsterzweigen
errichtet worden waren. Weiber, Kinder, Maultiere und Esel - man verzeihe, da
ich dies zusammen nenne - waren nur so viele da, wie zum Transporte der geringen
Habseligkeiten und der mageren Schlachttiere gebraucht wurden.
    Noch ehe wir dieses sogenannte Lager erreichten, hatte Halef sich in
seinem Tachtirwan wieder aufgerichtet und mir zugerufen:
    Sihdi, mein Herz ist voller Wehmut und meine Seele voller Traurigkeit, da
ich nicht im Sattel sitzen kann. Was werden die stolzen Krieger der Dinarun von
mir denken, da ich meinen Einzug bei ihnen in einer alten Snfte halte! Sie
werden mich nicht fr Hadschi Halef, den Scheik der Haddedihn, sondern fr die
Erzgrotante aller Urgromtter halten. Ich bin wirklich zu schwach, aus diesem
Kasten zu steigen. Aber spter werde ich ihnen zeigen, da dies nur ein
vorbergehender und von mir unverschuldeter Zustand meiner einzelnen
Bestandteile ist, die ich schon wieder zum Gehorsam bringen werde!
    Er wute wie ich, da die Dinarun aus mehreren tausend Familien bestanden,
jede wenigstens fnf Personen zhlend, und im Besitze ganz bedeutender Herden
waren. Darum hatte er sich das Lager derselben ganz anders vorgestellt, als wir
es jetzt sahen, und sich unseren Empfang auch ebenso ganz anders gedacht. Diese
Enttuschung schien aber keineswegs deprimierend, sondern ganz im Gegenteile
sogar krftigend auf ihn zu wirken, denn als er einen Blick ber die ganze rund
umher bemerkbare Aermlichkeit geworfen hatte, begann er mit dem ganzen, lieben
Gesichte zu lcheln und sagte:
    Wie schn, wie wirklich schn ich es hier finde! Gefllt es dir nicht auch,
Sihdi?
    Nein! antwortete ich.
    Ich konnte das sagen, weil wir in diesem Augenblicke unbeobachtet waren.
    Nicht? Was bist du doch fr ein sonderbarer Mensch! Mir gefllt es
auerordentlich. Weit du, warum?
    Nun?
    Weil ich sehe, da diese Leute arm sind, so arm, da es mich erbarmt! Wir
werden gebraucht, Sihdi; wir werden gebraucht! Das macht mich froh! Du weit,
da ich tausendmal lieber gebe, als da ich nehme. Nehmen kann auch der Faule
und der Kranke. Aber wer geben und dem andern ntzlich sein will, der mu thtig
sein und sich zusammenraffen. Als ich die Dinarun vorhin fr reich hielt, war
ich schwach. Jetzt sehe ich, da wir ihnen helfen mssen; nun schau, was ich
thue!
    Er wollte aus der Snfte heraus, ohne sich untersttzen zu lassen. Ich war
noch nicht abgestiegen, drngte mein Pferd zu ihm hin und warnte:
    Nicht unvorsichtig, Halef! Du bist - - -
    Was bin ich? fiel er mir in die Rede. Nicht mehr schwach, sondern stark
bin ich. Da, pa auf! Willst du es etwa hindern?
    Er wendete sich blitzschnell auf die andere Seite hinber, stieg ber den
Rand der Snfte, hielt sich am Sattelhorne fest, glitt von dem Kamele herab und
kam zu mir herber.
    Nun? Was sagst du jetzt? fragte er. Bin ich noch immer krank?
    Sogar sehr! antwortete ich, indem ich mich vom Pferde schwang. Das, was
du thust, kann man ja nur im Fieber thun!
    Fieber? Fllt mir gar nicht ein! Hier hast du meine Adern. Greif hin,
soviel du willst!
    Ich that, was er wollte. Sein Puls schlug matt, aber regelmig - ein wahres
Wunder! Seine Augen glnzten und sein Gesicht strahlte, aber nicht in
Fieberhitze, sondern vor Freude.
    Nun? fragte er.
    Halef, sei vorsichtig! warnte ich. Du bist jetzt einen Augenblick frei,
aber es wird - - -
    Was wird? unterbrach er mich. Du meinst, jenes alte, zahnlose Weib werde
wiederkommen? Mag sie! Sie wird auch wieder gehen mssen! Jetzt aber la uns
essen und mit dem Scheik der Dinarun verhandeln. Du siehst, da er sich darauf
vorbereitet hat!
    Ja, man hatte sich auf unser Kommen eingerichtet. Die Luft trug den Duft
bratenden Hammelfleisches von den Feuern zu uns herber. Einige Frauen breiteten
Decken aus, auf denen die Speisenden sitzen sollten, und stellten daneben Gefe
mit Wasser, welches aus einer bergseits hervorflieenden Quelle geschpft worden
war. Nafar Ben Schuri kam, um uns zum Essen einzuladen. Halef erklrte sich
sofort bereit und folgte ihm. Mir wurde himmelangst um den kleinen Freund.
Typhus - - - und gebratener Hammel, vielleicht sogar der frchterlich fette
Schwanz desselben, welcher den Gsten stets geboten wird, weil er als das beste
Stck des Bratens gilt! Das konnte sein Tod sein! Ich nahm mir gar nicht Zeit,
erst unsere Pferde abzusatteln, sondern fhrte sie hin zur Stelle, wo gegessen
werden sollte, pflockte sie dort an und setzte mich zu dem Scheik und Halef
nieder, welcher gar nicht sumte, die Hnde zu falten und mit einem lauten Be
ism lillahi49! das Essen einzuleiten.
    Der Scheik legte ihm wirklich das dickste, vom Fette triefende Schwanzstck
vor, und Halef nahm es an. Ich wollte ihn daran hindern; da aber sah er mir
einige Sekunden lang still in das Gesicht. Er sagte kein Wort dazu; aber dieser
Blick bedeutete mehr als alle Worte: Er verbat es sich, als kranker,
unselbstndiger Mann behandelt und - - blamiert zu werden. Wie ich ihn kannte,
mute ich nun still sein. Er war jetzt Scheik der Haddedihn und Gast der
Dinarun. Das wollte er sein, und ich hatte mich zu fgen!
    Ich that dies nur mit Anwendung aller meiner Selbstbeherrschung. Dies macht
mich zum Reden ungeschickt, whrend Halef sich um so gesprchiger zeigte. Seit
er gesehen hatte, wie arm diese Leute waren, stand sein Entschlu, ihnen zu
helfen, fester als vorher. Das ganze, jetzt von ihm geleitete Gesprch hatte den
Zweck, sich zu informieren. Er warf eine Menge Fragen auf, von denen keine
einzige berflssig war, und zeigte sich dabei so berlegsam und bedacht, wie
ich ihn nur ganz selten gesehen hatte. Ich wute nicht, was ich denken sollte,
und wurde fast irr an mir selbst. Er a mit dem grten Appetit, doppelt so viel
wie ich, und trank keinen Schluck Wasser dazu. War das Fieber? Die von ihm
gestellten Fragen verrieten zwar eine fast zudringliche Wibegierde: aber Nafar
Ben Schuri schien sie fr ganz selbstverstndlich zu halten, nahm sie ihm nicht
im geringsten bel und beantwortete sie mit solcher Bereitwilligkeit, als ob er
nur darauf gewartet habe, da sie ausgesprochen wrden.
    Inzwischen hatten sich die smtlichen anwesenden Dinarun auch zum Essen
gelagert. Es ging bei den verschiedenen Gruppen, welche sich bildeten, sehr
lebhaft zu, und allerlei zu uns herberklingende laute Bemerkungen verrieten mir
die allgemeine Ueberzeugung, da noch heut zum Zuge gegen die Dschamikun
aufgebrochen werden sollte. Als auch Halef eine dieser Interjektionen hrte,
stie er ein vergngtes Lachen aus und sagte zu Nafar Ben Schuri:
    Deine Krieger scheinen sich auf dieses Unternehmen zu freuen, o Scheik der
Dinarun, und das ist ein gutes Zeichen. Denn nur das, was das Herz erfreut, wird
mit dem Arm und mit dem Verstand vortrefflich ausgefhrt. Wir sind bereit, dir
beizustehen. Nur darum habe ich dir so viele Fragen vorgelegt. Wir wollen das,
was du mir antwortetest, noch einmal kurz zusammenfassen, damit nicht nur ich,
sondern auch mein Sihdi wei, was er zu denken hat.
    Das war wieder einmal einer seiner kleinen diplomatischen Kniffe. Er pflegte
gern den eigenen Wunsch mit fremden Wnschen zu maskieren. Nun fuhr er fort:
    Also ihr seid nicht etwa der ganze Stamm, sondern nur ein kleiner Abzweig
der Dinarun?
    So habe ich gesagt, und so ist es wirklich, antwortete Nafar.
    Ihr weidetet hier in der Nhe und wurdet von den Dschamikun berfallen und
derart ausgeraubt, da von euren Herden und Zelten fast gar nichts brig
geblieben ist?
    Ja.
    Ihr wollt sie verfolgen und ihnen das Geraubte wieder abnehmen. Das mu
schnell geschehen, und darum knnt ihr nicht auf die Hilfe eures Stammes
rechnen, weil eure Genossen sich so weit von hier befinden, da eine lange Zeit
vergehen wrde, ehe es ihnen mglich wre, sich hier zusammenzufinden?
    Das ist es, was ich dir sagte. Die Dschamikun zhlten vielleicht
zweihundert Mann, als sie unser Lager berfielen. Ich habe euch schon erzhlt,
da wir nicht daheim, sondern auf einem Feste abwesend waren, sonst wre ihnen
der Raub gewilich nicht gelungen. Wir knnen ihnen das uns Gestohlene nur dann
wieder abnehmen, wenn wir ihnen sofort nachjagen, um sie einzuholen, bevor es
ihnen gelungen ist, ihren eigenen, groen Stamm zu erreichen. Kommen wir zu
spt, so ist alles fr uns verloren. Darum wollten wir schon heut frh
aufbrechen. Dies wre ganz gewi geschehen, wenn wir nicht gestern euch
getroffen htten. Dadurch haben wir einen halben Tag verloren. Jetzt aber essen
wir, und dann werden wir aufbrechen. Ich hoffe, ihr seht ein, da wir nicht
lnger warten knnen.
    Natrlich sehen wir das ein, aber ehe ihr diesen Ort verlat, giebt es noch
mehr zu thun, als blo zu essen.
    Was?
    Willst du denn nicht an unsere Gefangenen denken?
    Maschallah! Das ist richtig! Die knnen wir doch unmglich mit uns
schleppen!
    Nein. Sie wrden nur hinderlich sein und uns wohl gar entschlpfen und zu
Verrtern werden. Also essen wir vorerst; dann halten wir Gericht ber sie, und
dann wird sofort von hier aufgebrochen!
    Das klang alles so glatt und selbverstndlich, da ich es fr an der Zeit
hielt, nun endlich auch einmal das Wort zu ergreifen.
    Lieber Halef, erlaubst du, da auch ich mitsprechen darf? fragte ich.
    Was fllt dir ein, Sihdi! rief er aus. Seit wann hast du erst um
Erlaubnis zu bitten, bevor du reden darfst?
    Seit ich hre, da du der Pascha dieser ganzen Gegend und aller derer bist,
die sich in ihr befinden!
    Ich? Pascha? Fllt mir gar nicht ein! Ich habe nur deshalb so drauflos
bestimmt, weil du deinen Mund nur fr den Hammelschwanz, nicht aber fr den
Ausdruck deines Verstandes zu haben scheinst. Wer reden will, der mu das Kauen
lassen. Mir ist es berhaupt stets lieber, wenn du sprichst, denn wenn du
schweigst, so steckt etwas dahinter! Du siehst doch gewi ein, da wir uns
entschlieen mssen, da keinen Augenblick gezgert werden darf?
    Ich sehe zunchst ein, da wir uns gar nicht so zu bereilen brauchen, denn
die Worte Nafar Ben Schuris haben gelautet: In diesem Falle knnen wir schon
morgen oder doch bermorgen aufbrechen. Hat sich vielleicht etwas zugetragen,
wodurch dieses Uebermorgen so vollstndig ausgeschlossen ist, da wir uns jetzt
nicht eimal von dem heutigen Ritte ausruhen drfen?
    Nein. Es ist nichts geschehen. Aber bist du denn so ermdet? Ich bin es
keineswegs, und von dir ist man solche Schwchen ja auch nicht gewhnt.
    Vorsichtig und bedacht zu sein, ist niemals eine Schwche, lieber Halef.
Wir wissen ber die Dschamikun ja nicht mehr, als wir von ihnen wuten, ehe wir
hier diese unsere Freunde trafen. Oder gengt es dir vielleicht, von ihnen nur
zu wissen, da wir jetzt ihre Feinde sind und mit gegen sie ziehen wollen?
    Er sah mich an, nickte dann verstndnisvoll vor sich hin und sagte hierauf:
    Ja, daran habe ich freilich nicht gedacht! Und doch haben wir dieser deiner
Gepflogenheit alles zu verdanken, was wir jemals erreicht haben. Du pflegst
alles auf das reiflichste zu bedenken und mit dem Geiste anzuschauen, ehe du
handelst. Du greifst niemals einen Gegner an, ohne genau zu wissen, wer er ist,
wo er ist und wie stark er ist.
    Nun, wissen wir das von den Dschamikun?
    Nein.
    Und doch bist du bereit, sofort mit aufzubrechen! Drfen wir es wie kleine
Knaben machen, die aufeinander losschlagen, ohne zu wissen, was es fr einen
Ausgang nehmen kann?
    Er wollte antworten, wurde aber durch das Erscheinen eines Mannes daran
verhindert, welcher langsam den Berg heraufgekommen war und, als er uns sah,
seine Schritte zu uns lenkte und sich ohne Wort und Gru zu uns setzte. Seinem
Aeuern nach war er keineswegs eine Person, von der man htte sagen mgen, da
sie zu dem Scheik und zu uns gehre. Sein Krper war von um ihn herumhngenden
Fetzen nur halb bedeckt. Die hindurchblickenden nackten Stellen hatten ebenso
wie das Gesicht, die Hnde und die unbekleideten Fe einen dicken
Schmutzberzug. Ein Zeugstck, welches man in Deutschland einen verbrauchten
Hader nennen wrde, war um seinen Kopf gewunden. Darunter hingen lange Haare
heraus, welche wahrscheinlich altersgrau waren, aber derart von fettiger
Unreinlichkeit starrten, da man ihre Farbe unmglich bestimmen konnte. Trotzdem
waren sein Gang und seine Haltung so wrdevoll und selbstbewut, als ob er ber
uns allen hoch erhaben sei. Seine Gesichtszge waren auerordentlich regelmig,
Stirne und Wangen trotz des Alters beinahe ohne Falten. Ich sagte mir, da er
ein schner Greis sein werde, sobald er sich gereinigt und anders gekleidet
habe. Geradezu selten schn waren seine groen, sonderbaren Augen. Es schien,
als ob eine bisher unberhrte Gazellenunschuld in ihren dunklen Tiefen wohne.
Und doch konnten aus diesen Tiefen Blitze aufsteigen, als ob sich da unten
pltzlich ein verborgener Krater geffnet habe. Dann bekam die schwarze Pupille
einen hellen, fast mchte ich sagen, gelben Ueberschein, und die Lider ffneten
sich hoch und weit, als ob alle Strme und Fluten einer unbekannten seelischen
Welt hervorbrechen wollten. Das sah ich natrlich nicht sofort, im ersten
Augenblicke, sondern ich beobachtete es nur nach und nach, denn dieser Mann
flte mir ein so ungewhnliches Interesse ein, da ich ihn beobachtete, ohne es
mir eigentlich bestimmt vorgenommen zu haben. Es giebt Menschen, zu denen man
innerlich hingezogen wird, obgleich die ueren Verhltnisse dies gar nicht zu
gestatten scheinen. Ich will aufrichtig gestehen: der Schmutz dieses Fremdlings
wirkte abstoend, und doch war er unter allen Anwesenden der einzige, dem ich
ohne allen Vorbehalt meine Hand htte geben knnen. Warum, das wute ich nicht,
aber ich fhlte so.
    Der Scheik schien es fr ganz selbstverstndlich zu halten, da dieser Mann
sich zu uns setzte. Er nickte ihm nicht nur freundlich, sondern mit dem
Ausdrucke der Ehrfurcht zu und sagte dann zu uns:
    Das ist Sallab, der Fakir. Wohin er kommt, bringt er den Segen Allahs mit.
    Hierauf kreuzte Sallab die Hnde auf der Brust und sprach, nicht etwa mit
der gewhnlichen, widerlichen Salbung dieser stets fr fromm und oft sogar fr
heilig gehaltenen Leute, sondern im Tone ruhiger Selbstverstndlichkeit:
    Allah ist ja nur Segen, blo Segen; er kann gar nichts anderes sein!
    Hierauf nannte der Scheik ihm unsere beiden Namen. Als dies geschah,
bemerkte ich zum erstenmal den erwhnten Aufschlag und das ebenso schnelle
Niedersinken seiner Augenlider. Es war nur ein Moment, aber in diesem raschen
Blicke lag eine Bedeutung, welche mir erst spter klar wurde. Hierauf verhielt
er sich genau so, als ob er diese Namen jetzt zum erstenmal gehrt habe.
    Das Wort Fakir erklrte es zur Genge, da er sich hatte zu uns setzen
drfen. Selbst der vornehmste Mann wird es wenigstens ffentlich vermeiden, zu
zeigen, da er sich fr etwas Besseres halte, als so ein Glaubensheld fr den
Durchschnittsmuhammedaner ist. Damit wir auch in Beziehung auf unsern
Gesprchsgegenstand wten, woran wir mit ihm seien, machte der Scheik gegen uns
die Bemerkung:
    Wir knnen weitersprechen. Sallab bekmmert sich nicht um die
Angelegenheiten dieser Erde. Er lebt bereits das Leben, welches fr andere Leute
erst nach ihrem Tode beginnt.
    So erlaube, da wir uns nach den Dschamikun erkundigen! sagte Halef.
Weit du, wie viel Krieger sie haben?
    Ungefhr zweihundert, wie ich ja bereits erwhnt habe, antwortete Nafar
Ben Schuri.
    Weit du auch, wo sie sind?
    Ich habe ihnen Kundschafter nachgeschickt. Ihr hrt also, da auch ich
vorsichtig zu sein verstehe. Sie haben die uns geraubten Herden zu treiben und
kommen also nur langsam vorwrts. Aber wenn wir ihnen zuviel Zeit lassen, werden
sie einen solchen Vorsprung gewinnen, da sie ihren Stamm erreichen, ehe wir sie
einholen, und dann bleibt uns nichts brig, als unverrichteter Sache umzukehren.
Darum hielt ich es fr besser, den Ritt schon heut zu beginnen.
    Kennst du die Gegend, durch welche wir ihnen zu folgen haben?
    Sehr genau. Ich hatte die Absicht, sie im Daraeh-y-Dschib50 einzuholen. Das
ist ein langes, enges Thal mit hohen, steilen Felswnden, welches kurz vor
seinem Ende von einem sehr schmalen, aber auch sehr tiefen Flubette quer
durchschnitten wird. Es fhrt eine uralte, jetzt halb eingefallene Brcke
darber. Dieses Thal wrde eine Falle sein, in welcher wir die Dschamikun fangen
und zur Herausgabe ihres Raubes zwingen knnten, ohne da ein Kampf
stattzufinden brauchte.
    Sie werden sich hten, in diese Falle zu gehen!
    Ich bin berzeugt, da sie dieses Thal passieren werden, weil sie sonst
einen Umweg machen mten, welcher fr sie fast zwei Tage in Anspruch nehmen
wrde. Kmen wir eher hin als sie, so knnten wir die Brcke besetzen. Dann
lieen wir sie hinein, besetzten hinter ihnen auch das andere Ende des
Daraeh-y-Dschib und htten sie dann so fest im Sacke, da es ihnen ganz
unmglich wre, sich zu bewegen oder gar sich zu verteidigen.
    Da schaute Halef mich, im ganzen Gesicht lachend, an und fragte:
    Was sagst du dazu, Sihdi? Das ist ja ganz derselbe Streich, den wir schon
wiederholt den Feinden unserer Freunde gespielt haben! Und zugleich wird dadurch
das vermieden, was man nicht ohne Not thun soll, nmlich das Blut von anderen
Menschen zu vergieen. Ist dieser Plan des Scheikes der Dinarun nicht
lobenswert?
    Er scheint gut zu sein, antwortete ich. Wie aber nun, wenn die Dschamikun
ebenso klug sind wie wir und uns fangen, anstatt wir sie?
    Da lachte Nafar Ben Schuri laut auf und entgegnete:
    Die uns? Auf einen solchen Gedanken kommen diese Dummkpfe nicht! Und wenn
sie ihn htten, so knnten sie ihn doch nicht ausfhren, weil die Herden ihnen
im Wege wren.
    So denke dir die Lage, wie sie sein wrde, wenn sie wirklich in die Falle
gingen! Sie wrden allerdings in dem engen Thale stecken, und wir befnden uns
am Eingange und am Ausgange desselben. Wir wren also geteilt. Wre das
vorteilhaft fr uns?
    Ja, denn wir htten sie zwischen uns und knnten sie mit unsern Kugeln
zwingen, sich zu ergeben.
    Das bezweifle ich. Wir htten auerhalb des Thales keine Deckung, und
folglich wrden ihre Gewehre uns gefhrlicher werden als die unserigen ihnen.
    Aber das Thal ist so schmal, da nur sehr wenige auf uns schieen knnten!
    Wir aber auch auf nur wenige von ihnen! entgegnete ich.
    Sie sind aber eingeschlossen und knnen nicht heraus! Wir haben gar nichts
zu thun, als zu warten, bis sie um Gnade bitten!
    Sie knnen es lnger aushalten als wir, denn die euch geraubten Tiere geben
ihnen fr lngere Zeit Fleisch, als wir haben.
    Aber das Wasser fehlt ihnen! Das Flubett ist vollstndig trocken.
    So mssen ja auch wir drsten!
    Da rief er ungeduldig aus:
    Sihdi, ich habe geglaubt, du seiest ein tapferer Mann, und nun machst du
solche Einwnde! Denkst du denn gar nicht auch an eure Gewehre?
    Ah - - -! Unsere Gewehre - - -! Du rechnest auf sie?
    Natrlich! Ich wei, da ihr sehr viele Male schieen knnt, ohne laden zu
mssen, und da eure Kugeln wenigstens fnfmal weiter gehen als die unserigen.
Wir knnen den Dschamikun also so fern bleiben, da ihr Blei uns gar nicht
erreicht, whrend sie aber von euch alle nach und nach erschossen werden.
    Sein Gesicht hatte whrend dieser Worte den Ausdruck einer Pfiffigkeit
angenommen, welcher mir nicht gefiel. Ich hatte schon das Wort auf den Lippen,
ihm dies verstehen zu geben, aber da kam Halef mir zuvor:
    Sihdi, erlaube, da ich dich nicht begreife! Bist du pltzlich undankbar
geworden? Dieser unser Freund Nafar Ben Schuri hat uns einen groen Dienst
geleistet. Wir sind seine Gste, seine Brder. Er rechnet auf die Ueberlegenheit
unserer Gewehre. Weit du, was uns die Pflicht des Dankes und der
Gastfreundschaft gebietet?
    Halef! warnte ich ihn. Willst du mich beleidigen?
    Nein! Aber du beleidigst mich! Du bist der beste und der tapferste Mann der
ganzen Welt; aber dein Geburtsland ist Dschermanistan und wird es immer bleiben.
Ich aber wurde in der Wste geboren; ich bin ein echter Ibn el Arab51 und kann
es nicht anhren, da du pltzlich solche Bedenken trgst, die Gesetze der Wste
zu befolgen!
    Hamdulillah - - Hamdulillah! rief da der Scheik, indem er aufsprang und
die Hnde zustimmend zusammenschlug. Das ist ein Wort, wie ich es von einem
Manne erwartet habe! Ich hre, da du Hadschi Halef Omar bist, der berhmte,
unberwindliche Scheik der Haddedihn vom tapferen Stamme der Schammar!
    Das wirkte geradezu elektrisierend auf meinen kleinen, ehrgeizigen Hadschi.
Er sprang auch auf und erklrte in seinem bestimmtesten Tone:
    Ja, der bin ich allerdings, und du wirst sogleich hren, was ich
beschlossen habe: Wir reiten fort, jetzt, gleich! Wir folgen den Dschamikun bis
in das Thal des Sackes und zwingen sie dort, sich uns zu ergeben. Das sage ich,
und mein Sihdi sagt es auch. Darauf gebe ich dir mein Wort, mein Ehrenwort!
    Halef! rief ich ihm zu, indem ich nun auch aufsprang. Was fllt dir ein!
Gieb deinen Puls! Das Fieber spricht aus dir!
    Er trat einen Schritt zurck und antwortete:
    Ob Fieber oder nicht, ich hab's gesagt und werde es auch halten. Mein Puls
ging ruhig, wie er immer geht; aber wenn du zauderst, zu thun, was uns die
Pflicht und die Ehre gebietet, so mu er freilich schneller gehen! Ich bin mit
dir gereist, so weit, so weit! Und ich bin auch bereit, mit dir zu gehen bis an
das Ende der Erde. Du aber willst mir nicht einmal den Gefallen thun, den ich
unsern Freunden, den Dinarun, zu erweisen habe! Darum gab ich so schnell mein
Ehrenwort, um dich zu zwingen. Jetzt thue, was dir beliebt! Ich reite mit,
sogleich! Wirst du mich, deinen Halef, verlassen knnen?
    Der Fakir war von uns der einzige, der noch sa. Jetzt stand er auf, ergriff
Halefs Hand und dann die meine, legte beide ineinander und sagte, sich an mich
wendend:
    Halte deinen Freund und Bruder nicht zurck! Der Tod steht an seiner Seite
und streckt die Hand nach ihm aus; du aber siehst es nicht. Reite gern und
schnell mit ihm nach dem Daraeh-y-Dschieb! Dort wird er Rettung finden; hier
aber mte er sterben. Glaub es mir! Es ist so gut, als htte Allah selbst es
dir gesagt!
    Nach diesen Worten wandte er sich ab und ging von uns weg.
    Das ist die Wahrheit, erklrte der Scheik. Er sieht Dinge, die kein
anderer sehen kann, auch den Tod!
    Kennst du diesen Fakir so genau? fragte ich.
    Ja.
    Seit wann?
    Gehrt habe ich seit langer Zeit von ihm. Gesehen habe ich ihn erst gestern
frh, als er in unser Lager kam. Er ist bald hier, bald dort.
    Wie lange bleibt er bei euch?
    Der Fakir hatte sich schon so weit von uns entfernt, da er diese meine
Frage unmglich gehrt haben konnte. Und dennoch blieb er grad in diesem
Augenblicke stehen, drehte sich um und rief uns zu:
    Sallab kam, und Sallab geht. Er hat weder Brot, noch Fleisch, noch Salz,
noch Wasser hier genossen; er ist keines anderen als nur Allahs Gast. Doch was
er sprach, das war zu eurem Heile!
    Hierauf ging er weiter, bis er in einer Terrainfalte verschwand.
    Halef hielt meine Hand noch fest. Jetzt zog er sie noch nher an sich und
fragte:
    Nicht wahr, du reitest mit, Sihdi?
    Ja, antwortete ich.
    Sogleich?
    Ja.
    Was wollte oder konnte ich anderes sagen, da der Scheik bei uns stand, in
dessen Gegenwart ich doch nicht sprechen konnte, wie ich wollte.
    Ich danke dir, Sihdi!
    Bei diesen Worten gab der Hadschi meine Hand wieder frei.
    Nein, danke nicht mir, sondern dir selbst! Denn du bist die Quelle dieses
meines Entschlusses. Ich wollte erst morgen entscheiden. Du hast es schon jetzt
gethan, und so wollen wir wnschen, da wir es nicht zu bereuen brauchen!
    Es ist zu unserm Heile. Der Fakir hat es gesagt, Sihdi! Und da es denn
beschlossen ist, so wollen wir auch nicht lange zgern. Um mich brauchst du
keine Sorge zu haben. Das zahnlose Weib ist fr immer fort. Ich bin so gesund
und stark, da ich mich schme, in der Snfte gesessen zu haben wie eine
kraftlose Urahne smtlicher Gromtter aller kranken Schwiegereltern. Du hast
dich um nichts zu bekmmern. Ich werde fr alles sorgen, auch fr Futter fr die
Pferde.
    Als er das sagte, sah er so frisch und munter aus, als ob die Snfte
vollstndig berflssig gewesen sei. Der Scheik forderte ihn auf, mit ihm in das
Zelt zu gehen; er wolle ihm den Vorrat von Bla ed Dud52 zeigen. Er folgte ihm,
und da ich nun allein war, so schlenderte ich langsam durch das Lager und dann
ber dasselbe hinaus, um vollends bis auf die Kuppe des Berges zu steigen. Als
ich da oben angekommen war, sah ich den Fakir ber den jenseitigen Abhang
schreiten. Indem ich ihn mit den Augen verfolgte, blieb er stehen, hob den
rechten Arm empor, bewegte ihn, als ob er jemand warnen wolle, und ging dann
weiter. Wem hatte das gegolten? Mir? Geheimnisvoller Mann! Warum hatte er bei
den Dinarun weder gegessen noch getrunken? Und warum hatte er uns noch besonders
hierauf aufmerksam gemacht? Gab es fr ihn einen Grund, so vollstndig auf die
Gastlichkeit dieser Leute zu verzichten? Fakire sind ja immer sonderbare Leute;
warum sollte grad dieser weniger seltsam gehandelt haben?
    Als ich in das Lager zurckkam, waren die Zurstungen zum Aufbruche flott im
Gange. Halef hatte die Pferde getrnkt und die Futterscke mit Bla ed Dud
gefllt. Er teilte mir mit, da man in zwei Abteilungen reiten werde. Die
Mehrzahl sollte sich beeilen, die Kundschafter, welche den Dschamikun heimlich
folgten, so bald wie mglich einzuholen. Die brigen waren dazu bestimmt, mit
den Frauen und Kindern und der Bagage langsamer nachzukommen.
    Der gute Hadschi war ganz Feuer und Flamme, und ich htete mich wohl, seine
Begeisterung herabzustimmen. Es mute vielmehr nun meine Sorge sein, ihm diesen
seinen Enthusiasmus mglichst zu erhalten. Der Tod steht an seiner Seite und
streckt die Hand nach ihm aus; du aber siehst es nicht! Diese Worte des Fakirs
wollten mir nicht aus den Ohren. Ich mute mir ja sagen, da die jetzige
Munterkeit Halefs nicht von langer Dauer sein werde. Der Geist konnte nur
solange Herr des erkrankten Leibes sein, als er anregende Sorge und
Beschftigung hatte; dann war der Rckschlag sicher zu erwarten. Ich hatte wohl
kaum jemals mich so schweren Herzens in den Sattel gesetzt, wie heute; er aber
ritt heiter und unbefangen neben mir her und brachte es sogar fertig, ber meine
Bedachtsamkeit zu scherzen, die ihn zu dem schnellen Entschlusse gebracht hatte,
durch sein Ehrenwort alle meine Weiterungen abzuschneiden.
    Wenn ich mich nicht geirrt hatte, sondern die Krankheit, welche ich
vermutete, wirklich im Anzuge war, so mute ich nun die psychische Kraft
bewundern, welche jetzt so nachdrcklich und so lange die Herrschaft ber die
Symptome dieser Krankheit behauptete. Es verging der ganze Nachmittag, ohne da
sich eine Ermdung bei ihm zeigte. Wir ritten sogar noch einen Teil des Abends
weiter, um fr heut eine mglichst groe Strecke zurckzulegen, und als wir dann
zur Nachtruhe anhielten, sprang er so munter vom Pferde, als ob er erst vor
kurzem aufgestiegen sei. Ich schrieb diese auerordentliche Widerstandsfhigkeit
auer seinem Willen und seinem Enthusiasmus auch seinem sdlichen Temperamente
zu. Es war Feuer in ihm. Aber wenn es auch wirkte, so lange es mglich war, wenn
es verlschte, hatte ich meines Erachtens mit einem um so schwereren Rckfall zu
rechnen. Darum legte ich mich, als wir gegessen hatten, nicht ohne Sorgen an
seiner Seite nieder. Glcklicherweise bewahrheiteten sich diese meine
Befrchtungen nicht, wenigstens nicht in dem Mae, wie ich es erwartet hatte. -
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                                Drittes Kapitel

                                        

                                    Am Tode


Ich schlief infolge des gestrigen Nachtwachens heute sehr rasch ein und wre
wahrscheinlich die ganze Nacht hindurch nicht aufgewacht, wenn Halef mich nicht
aufgerttelt htte.
    Verzeih, Sihdi, da ich dich wecke! sagte er. Ich glaube, das alte Weib
will wieder kommen.
    Sprst du ihr Nahen? fragte ich.
    Nicht nur ihr Nahen. Sondern ich bemerke, da sie schon ganz vor mir
steht.
    Halef, du sprichst mit Mhe! Deine Zhne klappern!
    Nein; aber es hlt mir den Mund halb offen, ganz so, wie einem Menschen,
der sehr friert. Gieb mir von deiner Arznei!
    Ich folgte dieser Aufforderung. Als er die absichtlich vergrerte Gabe
genommen hatte, erkundigte er sich:
    Weit du, was Zittern ist, Sihdi?
    Ja, jedermann wei das wohl.
    Aber hast du selbst schon einmal gezittert?
    Ich glaube, nein.
    Ich auch nicht, weder aus Angst noch aus irgend einem anderen Grunde. Aber,
denke dir, jetzt zittre ich! Oder vielmehr, nicht ich thue es, sondern das alte,
zahnlose Fieberweib, welches nun doch in mich hineingekrochen ist, zittert in
mir. Ich glaube, aus Furcht, schnell wieder heraus zu mssen. Und sodann ist es
mir, als ob mir ein Grtel um den Kopf gelegt und bermig fest zugeschnallt
worden sei. Meine Beine sind mir abhanden gekommen. Ich wei zwar ganz genau,
da ich sie noch habe, aber ihr Selbstbewutsein ist ihnen verloren gegangen.
Sie knnen sich nicht mehr auf sich selbst besinnen, und darum ist es gar nicht
zu verwundern, da sie auch mich ganz und gar vergessen haben, obgleich ihnen
das verboten ist. Ich werde einmal versuchen, sie von ihrer Pflichtvergessenheit
zurckzubringen.
    Er erhob sich langsam und unsicher, blieb aber nur kurze Zeit stehen, lie
sich dann wieder nieder und sagte:
    Das ist eine ganz eigentmliche Empfindung, die ich dir wohl nicht deutlich
genug machen kann. Es scheint mir, als ob ich da unten keine Knochen, keine
Sehnen und kein Fleisch mehr habe, sondern blo noch die Haut, und diese ist so
auerordentlich dnn, da ich von innen heraus den Stoff der Hose sehen kann!
    Welch naive und doch bewundernswerte Deutlichkeit, mit welcher er diesen
Schwchezustand seiner Glieder beschrieb! Er war in dieser Beziehung ja schon
berhaupt unbertroffen! Er verstand es, selbst fr das unerklrbar Scheinende
Worte zu finden, welche trotz ihrer Sonderbarkeit fast stets das Richtige
trafen.
    Nun war ich fest berzeugt, da er keinen Augenblick mehr werde schlafen
knnen. Jeder Arzt htte das mit der grten Bestimmtheit behauptet. Aber ich
sollte sogleich vom Gegenteile berzeugt werden, denn er wickelte sich in seine
Decke ein und sagte:
    Der Frost ist weg, ganz pltzlich weg, wohl weil ich aufgestanden bin. Ich
werde wieder warm. Nun bin ich md, so sehr md. Ich werde wieder schlafen. Gute
Nacht, mein Sihdi!
    Gute Nacht, mein lieber Halef!
    Lieber Halef! So sagst du zu mir? Hast du mir verziehen?
    Von ganzem Herzen!
    Ich danke dir! Wollen ja nicht vergessen, einander ohne alle Unterbrechung
und ohne alles Aufhren recht, recht lieb zu haben! Du hast mir vergeben, aber
ich selbst mir nicht. Ehe ich dich weckte, habe ich ber heut nachgedacht. Ich
war nicht gut zu dir, nicht hflich und bescheiden. Das ist zwar nicht dein
guter Halef, sondern jener bse Hadschi gewesen, der immer, immer Fehler macht,
aber da ich diese seine immerwhrenden Dummheiten nicht zu dulden habe, mu ich
mich ganz ebenso wie ihn selbst anklagen. Er hat dich beleidigt und gekrnkt.
Das war schlecht, nicht blo von ihm, sondern auch von mir!
    Nun war er still, der liebe prchtige Kleine. Ich lauschte. Er bewegte sich
nicht mehr, und als ich mich nach einiger Zeit zu ihm hinberbog, bemerkte ich,
da er eingeschlafen war. Er wachte zu meiner groen Freude auch nicht eher auf,
als bis die Dunarun aufstanden und er durch den nun entstandenen Lrm aufgeweckt
wurde. Da stand er auf, a und trank, war munter wie ein vollstndig gesunder
Mann und sagte, als er sah, da ich ihn beobachtete:
    Sie ist lngst wieder fort, die mich heute nacht besuchte. So alte Klage-
und Jammerweiber halten es bei einem rstigen Menschen niemals lange aus. Soeben
steigt der Scheik auf das Pferd. Komm, Sihdi, la uns dasselbe thun!
    Er schwang sich leicht und frei in den Sattel, so wie ich gewohnt war, es
von ihm zu sehen. Ich wurde vollstndig irr an dem Krankheitsbilde, welches mir
in Beziehung auf ihn bisher drohend vorgeschwebt hatte, und fragte mich, ob es
sich vielleicht doch nur um eine morbillse Infektion handle. Aber dann htte
unbedingt ein Katarrh der Luftwege und der Augenbindehaut, begleitet von einem
reichlichen Thrnengusse, vorhanden sein mssen, und das war keineswegs der
Fall. Mochte nun aber vorliegen, was da wollte, ich mute die Entwickelung ruhig
abwarten. Halef kmpfte jedenfalls mit grerer Anstrengung, als er mir
eingestehen wollte, gegen dieses Uebel, und ich nahm mir vor, ihm diesen Kampf
nicht thrichterweise zu erschweren, da ich ihn die Gre meiner Besorgnis
sehen lie.
    Unser Nachtrab hatte uns gegen Mitternacht eingeholt. Er blieb noch hier, um
auszuruhen und uns dann zu folgen. Wir aber ritten weiter.
    Es ist nicht mein Zweck, die Gegenden, durch die wir kamen, zu beschreiben.
Topographische Ausfhrlichkeiten pflegen wohl fr den Fachmann interessant, fr
andere aber langweilig zu sein. Es gengt vollstndig, nur das zu erwhnen, was
mit dem Zwecke unseres Rittes in Zusammenhang stand.
    Es war noch am Vormittage, als wir ber eine Tiefung kamen, auf welche zwei
breitere Thler und mehrere schmale Schluchten mndeten. Es schien, als ob es
hier einst einen tiefen See mit zahlreichen Wasserzuflssen gegeben habe. Der
Boden bestand aus einem feinen, hellen, fast mehligen Sande, in welchem jede
vorhandene Spur mit ungemeiner Deutlichkeit zu sehen war. Man konnte sogar den
Weg, den eine Maus oder ein kleiner, hpfender Vogel genommen hatte, ganz genau
erkennen. Die Stelle war rundum von Hhen umgeben, welche die Winde abhielten;
es gab also hier keine Luftbewegungen, durch welche die Spuren ausgewischt und
verweht wurden.
    Daher auch die groe Deutlichkeit einer Fhrte, welche aus einer rechts von
uns liegenden Schlucht herauskam, um links in einer andern zu verschwinden. Sie
fhrte also quer ber unsern Weg. Nafar Ben Schuri, welcher, wie bisher stets,
unserm Zuge voranritt, sah sie zuerst. Er hielt an, um sie zu betrachten. Seine
Leute gruppierten sich sogleich in der Weise um ihn, da die Fhrte unter den
Hufen ihrer Pferde verschwand. Als wir nun hinkamen, hrten wir die Worte des
Scheikes:
    In dieser einsamen Gegend sollte man keine Spur vermuten. Ich wei genau,
da es weder nach rechts noch nach links hin Menschen giebt. Wer mag das wohl
gewesen sein, der hier vorber gekommen ist?
    Du fragst und scheinst es doch aber gar nicht wissen zu wollen, antwortete
Halef.
    Wieso? fragte Nafar verwundert.
    Wenn ich dir einen Brief schreibe, den ich auf einen schwarzen Schiefer
geschrieben habe, was thust du da?
    Ich lese ihn.
    Nein! Ich sehe ja, da du das nicht thust! Du lschst ihn aus und fragst
dich dann verwundert, was auf dem Schiefer wohl gestanden habe.
    Traust du mir wirklich keine grere Klugheit zu?
    Wie kannst du mir eine Frage vorlegen, durch deren Beantwortung ich dich
beleidigen wrde! Schau diesen Sand! Er ist die Schiefertafel. Der, welcher hier
geritten ist, hat eine Schrift geschrieben, welche zu lesen ist, nmlich seine
Spur. Anstatt sie aber zu lesen, lat ihr eure Pferde so ber die Fhrte
trampeln, da sie nun fast nicht mehr zu sehen ist. Nun sei so gut und
beantworte dir deine Frage selbst!
    Halef hatte vollstndig recht. Wir beide ritten zur Seite, stiegen da, wo
die Spur noch nicht ausgetreten war, von den Pferden und folgten ihr, um die
Eindrcke zu betrachten, so weit, bis ich genug gesehen zu haben glaubte. Der
Scheik war uns langsam gefolgt. Als ich mich jetzt wieder umwandte, fragte er:
    Nun, was habt ihr gesehen? Der Scheik der Haddedihn wird uns jetzt zeigen,
wie gut er lesen kann!
    Das klang beinahe ironisch. Halef war sofort mit der richtigen Antwort da:
    Wir haben nichts, gar nichts gefunden, o Scheik der Dinarun. Darum bitten
wir dich, dein Pferd zu verlassen, um zu versuchen, ob du diese Schriftzeile
besser lesen kannst als wir!
    Was liegt daran, zu wissen wer hier war? entgegnete Nafar ausweichend.
    Sehr viel liegt daran! Wir befinden uns auf einem Kriegszuge. Es darf uns
nicht gleichgltig sein, wer in derselben Gegend mit uns ist. Es kann uns Verrat
und Gefahr von jeder Seite drohen. Ich hoffe, da dir dies nicht unbegreiflich
ist!
    Er gab seiner Stimme einen strengen Klang. Da stieg der Dinari53 vom Pferde
und betrachtete die Fhrte. Hierauf schttelte er den Kopf und sagte:
    Man sieht, da zwei Reiter hier vorbergekommen sind, weiter nichts.
    Wirklich weiter nichts?
    Nein.
    Wahrscheinlich bemerkte Halef das Lcheln, welches ich um meine Lippen
fhlte. Er hatte mehr gesehen als Nafar und nahm wohl an, da die Schrift fr
mich trotzdem noch verstndlicher gewesen sei, als fr ihn selbst. Darum fuhr er
fort:
    Du sprichst von zwei Reitern, von weiter nichts. Was ritten sie fr Tiere?
    Pferde natrlich!
    Was fr Pferde waren es?
    Wer kann das wissen? Niemand!
    So! Dieser Niemand bin ich. Das eine Pferd war ein junger Hengst, das
andere aber eine Stute, welche wenigstens schon fnf- oder sechsmal geboren
hat.
    Da machte der Dinari die Augen weit auf und fragte:
    Woran siehst du das?
    Das ist auch eines unserer Geheimnisse, welche nicht verraten werden. Es
wrde dir auch nichts ntzen, wenn ich es dir sagte, denn es gehrt viel
Erfahrung und eine lange Uebung dazu, die Zahl der Geburten, also das ungefhre
Alter einer Stute aus ihren Spuren zu erkennen. Wre der Sand nicht so fein, so
wrde selbst ich vergeblich forschen. Glaubst du nun, da der Scheik der
Haddedihn eine Fhrte lesen kann? Und da steht Kara Ben Nemsi, der mein Lehrer
in dieser Kunst gewesen ist. Ich sehe es ihm an, da diese Spur ihm noch mehr
gesagt hat als mir. Sprich, Sihdi, was hast du gesehen?
    Die Stute ist allerreinsten Blutes, antwortete ich.
    Ja; das wei ich auch.
    Sie ist einmal infolge eines Fehltrittes lange Zeit fukrank und
unbrauchbar gewesen.
    Maschallah! rief da der Scheik der Dinarun. Weit du, an welchem Fue?
    Links vorn. Es war eine Flechsendehnung, welche nur langsam und durch die
grte Ruhe zu heilen ist.
    Bist du allwissend?
    Nein. Ich habe meine Augen gebt. Das ist es, weiter nichts. Du scheinst
verwundert zu sein. Kennst du ein solches Pferd?
    Ja. Es ist eine braune Stute. Ihre Haut bekommt in der Sonne dunklen
Kupferglanz; sie hat die drei berhmten Haarwirbel der Pferde des Propheten; sie
trinkt das Wasser mit der Zunge, wie ein Hund; ihr Ohr ist schrfer als das Auge
des Geiers, und wenn sie dich anschaut, glaubst du, dem sanften Blicke einer
Huri zu begegnen.
    Der Beduine wird stets poetisch, wenn er von einem edlen Pferde spricht. So
auch hier.
    Wem gehrt dieses Pferd? erkundigte ich mich.
    Diese wunderbar schnelle Stute heit Sahm54 und gehrt - - dem - - - Ustad
55.
    Er zgerte so eigentmlich, dieses letzte Wort auszusprechen. Das hatte
jedenfalls einen besonderen Grund, der nicht allein in ihm vorhanden war, denn
als er diesen Namen aussprach, drngten sich die bei uns haltenden Dinarun
sofort noch nher zu uns heran.
    Wer ist das, der Ustad? fragte ich.
    Ein Dschamiki, antwortete er so kurz, da ich annahm, er gebe nicht gerne
Auskunft ber diesen Mann.
    Vielleicht der Scheik einer Unterabteilung der Dschamikun?
    Nein.
    Also ein gewhnlicher, wenn auch reicher Mann?
    Auch nicht!
    Weder Scheik noch einfacher Nomade? Was aber denn?
    Warum willst du das so durchaus wissen? sprach er ungeduldig. Dieser Mann
geht mich und auch dich nichts an!
    Dich vielleicht nicht, aber mich! Ich habe keinen Grund, mich vor irgend
einem Menschen oder gar nur vor dem Namen eines Menschen zu scheuen. Wir
verfolgen die Dschamikun; zwei von ihnen sind hier an dieser Stelle gewesen. Das
eine der Pferde ist die Stute des Ustad. Ich mu also unbedingt wissen, wer
dieser Ustad ist und was es mit ihm fr eine Bewandtnis hat.
    Ich spreche nicht von ihm! erklrte er in einem Tone, als sei dies nun
sein letztes Wort. Es klang fast wie ein Befehl fr mich, still zu sein. Da
regte sich das Mitrauen von neuem in mir. Sein Verhalten war fr mich ein
Rtsel, dessen Lsung ich mir unbedingt verschaffen mute.
    Komm, Halef!
    Indem ich diese Aufforderung an meinen Hadschi richtete, wendete ich mich
von Nafar Ben Schuri und stieg wieder in den Sattel. Halef that ebenso. Der
Blick, den er mir zuwarf, sagte mir, da er mich verstanden hatte und mir recht
gab.
    Wohin? fragte er.
    Dorthin!
    Ich zeigte nach der Schlucht links, nach welcher die Spur fhrte, und setzte
mein Pferd anstatt in Schritt in schnellen Trab. Da rief der Scheik der Dinarun
hinter uns her:
    Was fllt euch ein? Warum reitet ihr dorthin? Wollt ihr uns verlassen?
    Wir antworteten nicht, sahen uns auch nicht um und erreichten schnell die
Schlucht, hinter deren Eingangsfelsen wir fr die Dinarun verschwanden. Hier lag
derselbe leichte Sand wie drauen. Die Fhrte war ebenso deutlich wie dort.
Halef hielt sich neben mir. Er konnte es nicht ber das Herz bringen, zu
schweigen!
    Sihdi, was hast du vor? fragte er. Willst du unsere Freunde verlassen?
    Nein.
    Aber warum entfernst du dich von ihnen?
    Erstens um sie zu zwingen, mir Auskunft ber diesen Ustad zu geben, und
zweitens um sie darber zu belehren, da wir Mnner sind, denen man Antwort zu
geben hat, wenn sie fragen!
    Das sind wir allerdings! Doch meine ich, da wir unsere Freunde - - -
    Freunde? unterbrach ich ihn. Sei vorsichtig mit diesem Worte! Es fllt
mir schwer, das rechte Vertrauen zu dieser Freundschaft zu haben.
    Ich aber traue ihnen, Sihdi!
    Das wei ich gar wohl; es wre aber besser, wenn du zu mir mehr Vertrauen
httest, als zu ihnen. Es liegt irgend etwas zwischen ihnen und uns. Ich wei
es, kann es aber nicht finden. Wir werden es aber erfahren und ich hoffe, da
wir uns nicht zu der Sorte von Menschen zu zhlen haben, welche nur durch
Schaden klug werden knnen! - Schau! Was ist hier?
    Da sind die Reiter abgestiegen, um auszuruhen, antwortete er.
    So war es allerdings. Sie hatten an der rechten Seite der Schlucht Halt
gemacht und sich in den weichen Sand gesetzt. Daneben standen niedrige
Akazienstruche, deren Spitzen und Bltter von den Pferden abgefressen worden
waren. Die Eindrcke in dem Sande waren da, wo sie gesessen hatten, so scharf,
da man sogar sah, welche Stellung dabei von ihren Extremitten eingenommen
worden waren. Kaum hatte ich einen Blick dorthin geworfen, so entri mir die
Ueberraschung den Ausruf:
    Welche Entdeckung! Oder tusche ich mich?
    Was ist's, Sihdi? fragte Halef.
    Spter! Die Dinarun kommen!
    Sie waren es nicht alle, sondern nur der Scheik mit einigen von ihnen. Ich
war wieder abgestiegen, um die Eindrcke in dem Sande zu untersuchen. Er blieb,
um die Spuren nicht wieder zu verwischen, in einiger Entfernung von uns halten
und rief uns, halb rgerlich, halb bittend zu:
    Ist denn pltzlich irgend ein Scheitan56 in euch gefahren? Warum verlat
ihr uns? Wollt ihr etwa hier weiterreiten?
    Ja, antwortete ich.
    Warum?
    Wenn ich einen so gefhrlichen Weg unternommen habe, wie der unsere ist,
lasse ich nie eine unbeantwortete Frage auf ihm liegen. Ich mu unbedingt
wissen, wen oder was ich vor mir habe.
    Du meinst den Ustad? Er wute also wohl, warum wir uns entfernt hatten.
Ist dir dieser Mann denn so sehr wichtig?
    Ja.
    Warum?
    Weil du ihn durch dein Schweigen fr mich wichtig gemacht hast. Httest du
mir nicht die Auskunft verweigert, so wre er fr uns wohl weiter nichts als
jeder andere Mensch.
    Und was soll euch diese Fhrte ntzen?
    Sie soll mich zu der Kenntnis fhren, welche du uns nicht geben willst. Wir
reiten als eure Freunde mit euch. Es handelt sich hierbei vielleicht um Blut und
Leben. Darum ist die grte Vorsicht geboten. Ich sehe, da sich noch andere
Personen in unserer Nhe befunden haben, vielleicht noch befinden. Ich will
wissen, wer sie sind. Ich entdecke, welches Pferd geritten wird. Ich will
Auskunft ber den Besitzer desselben. Du kannst sie geben, giebst sie aber
nicht. Das ist gegen die Offenheit, welche ich von dir zu fordern habe! Du hast
Geheimnisse vor uns, die wir mit dir in den Kampf gehen sollen. Das trennt uns
von euch. Wir reiten dieser Fhrte nach, bis ich wei, wer die Mnner sind, die
unsere Wege kreuzen!
    Du hast einen harten Kopf! warf er ein.
    Nicht das, sondern nur einen festen Willen!
    Weit du, was kommen wird, wenn ihr euch von uns trennt?
    Was?
    Ihr werdet in unbekannter Gegend hilflos sein! Der Hunger wird an euch
nagen, und der Durst wird euch verzehren!
    Kein Mensch htte mir jetzt einen greren Gefallen erweisen knnen, als
dieser Mann es mit diesen Worten that. Halef traute den Dinarun, ich aber nicht.
Das brachte mich in einen zunchst zwar nur innern Zwiespalt mit ihm, der uns
aber uerlich gefhrlich werden konnte. Hatte doch Halef mir schon da oben im
Lager Widerstand geleistet! Ich mute wnschen, da sein Vertrauen zu diesen
Leuten ihn nicht wieder zu einem solchen Fehler verleite. Wirklich erschttert
aber mute es nicht von mir, sondern von ihnen selbst werden. Da kam Nafar Ben
Schuri mit seinem Worte hilflos mir zur rechten Zeit zur rechten Hilfe.
Dieses Wort wirkte auf meinen kleinen Hadschi wie ein feindlicher Pistolenschu.
Er ritt zu dem Scheik hin, blieb hart vor ihm halten und fuhr ihn zornig an:
    Wer wird hilflos sein? Wer wird hungern? Und wer wird drsten? Warum
besteht ihr darauf, da wir mit euch reiten, wenn ihr uns fr junge Schakals
haltet, die sich den eigenen Schwanz abfressen, wenn nicht die Mutter ihren
Hunger stillt? Hast du jemals gehrt, da Hadschi Halef Omar, der Scheik der
Haddedihn, sich nicht zu helfen gewut habe? Hltst du uns fr kleine Buben,
denen du auf ihre Fragen mit der Beleidigung des Schweigens antworten darfst?
Meinst du, da wir nur dir zuliebe unsere Gewehre mhsam nach dem Thale des
Sackes schleppen, um von dir dann einen Wasserschluck und eine Dattel zu
erhalten, damit wir nicht vor Durst und Hunger uns in die Brhe faulender Gurken
verwandeln? Denkst du, wir lesen dir die schwere Sprache der Fhrten zu dem
Zwecke vor, von dir zu erfahren, da sie unntz sei? Ob dieses Land uns bekannt
oder unbekannt ist, das ist uns vllig gleich. Jeder Schu aus unsern Gewehren
wird uns Nahrung bringen, und jeder Busch oder Strauch hat uns zu sagen, wo wir
Wasser finden werden! Du hast uns hilflos genannt. Schau dich an! Weit du, als
was ich dich jetzt vor mir krumm im Sattel sitzen sehe? Als den
niedergeschmetterten Scheik der Dinarun, dem jetzt, in diesem Augenblicke, um
nichts als nur um unsere Hilfe bange ist! Ich habe gesprochen!
    Er wendete sein Pferd um und kam wieder her zu mir. Der Scheik antwortete
nicht sogleich. Da er zornig sei, war ihm wohl anzusehen, doch gebot ihm die
Klugheit, sich zu beherrschen. Seine Leute sprachen leise auf ihn ein.
    Hast du jemals so etwas gehrt, Sihdi? fragte Halef mit unterdrckter
Stimme. Hilflose Menschen sollen wir sein! Mit solchen Freunden hat man
freilich nur mit der ntigen Vorsicht umzugehen! Wenn mich ein Freund beleidigt,
so ist das schlimmer, als wenn ein Feind es thut! Ich werde mich in Zukunft
nicht nach meinem Herzen, sondern nach deinem Verstande richten!
    Da kam Nafar nher und wendete sich an mich:
    Sihdi, ich konnte nicht ahnen, da euch mein Schweigen beleidigen werde.
Ich bin Moslem und rede also nicht gern von dem, der ein Feind des Propheten
ist. Ich habe nicht daran gedacht, da du ein Christ bist. Willst du mir
verzeihen?
    Ich nickte nur. Da fuhr er fort:
    Hast du noch den Wunsch, etwas ber den Mann zu hren, den sie den Ustad
nennen?
    Natrlich!
    Er ist ein Dschamiki, wurde aber nicht bei den Dschamikun geboren. Sie
waren arme Teufel, doch treue Anhnger des Propheten, als er aus einer fernen
Gegend zu ihnen kam. Er unterrichtete sie in der Weisheit und Fertigkeit der
Abgefallenen. Sie wurden durch ihn wohlhabend, viele sogar reich, haben sich
aber aus freien Nomaden in unfreie Sklaven der Arbeit verwandelt. Sie zchten
Vieh; sie bebauen Aecker, und sie besitzen Grten, in welche sie Bume pflanzen.
Pfui!
    Und dennoch sind sie Ruber, die euch eure Herden gestohlen und die Wchter
ermordet haben? warf ich ein.
    Ja, das sind sie freilich auch! Der Abfall vom Propheten treibt stets zu
Raub und Mord!
    Meinst du?
    Ja. Das darf dich nicht beleidigen, denn du bist ja nie ein Moslem gewesen
und also kein Abgefallener.
    Sind die Dschamikun Christen?
    Das wei ich nicht. Ich wei nur, da sie von Muhammed abgewichen sind.
    Wie nennen sie sich?
    Nur Dschamikun. Ihrer Religion geben sie keinen Namen. Der Ustad ist ein
alter, alter Mann, aber mit tiefschwarzen Haaren. Man sagt, er sei mehrere
hundert Jahre alt. Ja, einige meinen sogar, da er nie geboren worden sei und
niemals sterben werde. Das ist gewi nur Aberglaube. Aber Eins, was man ber ihn
sagt, ist richtig. Nmlich, da man sich hten mu, bs von ihm zu reden. Wer
das thut, dem folgt die Rache wie ein bser Geist, der nicht eher ruht, als bis
er ihn vernichtet hat. Darum wollte ich deine Frage nicht beantworten. Bist du
nun vershnt?
    Ich will es sein, warne dich aber vor hnlichen Beleidigungen. Weit du
vielleicht, ob Sallab, der Fakir, mit den Dschamikun bekannt ist?
    Er geht berall hin, wahrscheinlich auch zu ihnen.
    Ist er ihnen mehr Freund als euch?
    Wer kann das sagen!
    Er ist hier gewesen.
    Hier? An diesem Orte? fragte er erstaunt.
    Ja.
    Unmglich!
    Er hat auf der braunen Stute des Ustad gesessen.
    Das ist ebenso unmglich!
    Schau her! Hier an dieser Stelle sind die beiden Reiter von den Pferden
gestiegen. Der, welcher den Hengst ritt, hat die Spuren von ledernen Sohlen
hinterlassen. Der andere, welcher von der Stute sprang, ist barfu gewesen. Nun
komm hierher, wo sie gesessen haben! Hier der barfige, und hier der andere.
Hast du vielleicht schon einmal einen Menschen so auffllig sitzen sehen, da er
nur das eine Bein unterschlgt und auf das Knie desselben die Kniekehle des
andern Beines legt, dessen Ferse also jenseits den Boden berhren mu!
    Maschallah! So sitzt nur einer! Auch du hast ihn gesehen!
    Wer ist's?
    Der Fakir!
    Richtig! Diese seine Art zu sitzen oder vielmehr zu hocken ist mir sofort
aufgefallen, als er in eurem Lager sich bei uns niederlie. Der barfige Mann
hier hat ganz genau in derselben Weise gesessen.
    Kann es nicht einen zweiten geben, welcher auch diese Gewohnheit hat?
    Gut, nehmen wir diese Mglichkeit an! Aber hast du dir genau betrachtet,
wie der Fakir gekleidet war?
    In Fetzen!
    Wodurch wurden diese Fetzen zusammengehalten?
    Durch eine Schnur. Die Enden des Knotens hingen hinten herab.
    Hast du an diesen beiden Enden etwas bemerkt?
    Zwei Cypressenzapfen an jedem.
    So sieh hierher! Diese Zapfen haben, als er sa, den Sand hinter ihm
berhrt. Er hat sich bewegt und mit sich diese Zapfen. Siehst du diese Striche?
Und da, wo sie stillgelegen haben, die runden Eindrcke in dem Mehle des feinen
Sandes?
    Er richtete die Augen auf diese Zeichen und dann, gro und weit geffnet,
auf mich.
    Sihdi, sagte er, das ist nun freilich Spurenlesen! Es ist bewiesen, da
es wirklich der Fakir war, der hier gesessen hat. Aber an das Pferd des Ustad
glaube ich noch nicht!
    Ich habe nur gesagt, was fr ein Pferd es war. Mehr kann ich nicht wissen.
Den Ustad hast du selbst genannt. Ist er denn reich genug, der Besitzer eines
solchen Pferdes zu sein?
    Ja, man sagt, da er die Macht ber den ganzen Reichtum der Erde besitze.
    Man sagt so manches, was man eben blo sagt. Heut hat fr mich nur das
Geltung, was ich hier sehe. Wann denkst du, da wir das Daraeh-y-Dschib
erreichen werden?
    Wir werden schon heut abend in seiner Nhe sein, obgleich wir einen Umweg
eingeschlagen haben, um nicht auf etwaige Nachzgler der Dschamikun zu treffen.
    So treffen wir aber doch vielleicht auf eure Spher nicht!
    O doch! Wir haben heut den Weg der Feinde zu kreuzen, um ihnen dann
zuvorzukommen. An dieser Kreuzungsstelle haben meine Kundschafter auf uns zu
warten.
    So kennen sie die Stelle, an welcher diese Kreuzung stattfindet?
    Ja. Ich hoffe, da euer Vertrauen zu uns nun wieder vollstndig
zurckgekehrt ist!
    Er sah mich an, erwartungsvoll, was fr eine Antwort ich nun geben werde. Da
wurde mir so offen, da er es hrte, von Halef die Frage zugeworfen:
    Was wirst du ihm sagen, Sihdi? Das Vertrauen ist nicht wie eine Dattel, die
man in der Minute zehnmal hin und her geben kann. Es geht schneller fort, als es
wiederkehrt.
    Ich werde ihn nach einer Lcke fragen, die es zwischen ihm und uns giebt,
lieber Halef, antwortete ich.
    Eine Lcke? Ich kenne keine.
    Und doch ist sie da. Wir haben sie mitgenommen, als wir das Lager der
Dinarun verlieen. Sie wurde um Mitternacht, als uns der Nachtrab erreichte,
grer als sie vorher war, und nun bin ich neugierig, ob es ihm gelingt, sie
auszufllen. Ich habe darber geschwiegen, weil du an die Dinarun glaubtest und
ich dir deine Unbefangenheit gnnte.
    Ich verstehe dich nicht!
    Du wirst es gleich hren!
    Und zu dem Scheik gewendet fuhr ich fort:
    Ist euer Lager jetzt vollstndig verlassen?
    Ja, nickte er.
    Es befindet sich niemand mehr dort?
    Kein Mensch mehr!
    Es ist also alles mit uns unterwegs? Mit uns hier und dem Nachtrab?
    Alles!
    Und unsere Gefangenen? Die Dschamikun? Mit denen wir Gericht halten
wollten?
    Er war schneller mit der Antwort da, als ich erwartet hatte:
    Ich habe sie nach dem groen Lager unseres Stammes geschickt. Dort werden
sie bis zu unserer Rckkehr fr euch aufbewahrt.
    Warum sagtest du uns das nicht?
    Habt ihr mich gefragt?
    Du hattest es uns auch ohne Frage mitzuteilen. Die Gefangenen gehrten
zunchst uns und dann spter dir. Ich sagte nichts ber sie, weil ich es fr
ganz selbstverstndlich hielt, da sie sich beim Nachtrab befinden wrden. Ich
sage dir ganz aufrichtig folgendes: Da diese wenigen Dschamikun so nahe bei
euch waren, obwohl ihr von ihren Stammesgenossen beraubt worden waret, das
erschien mir unbegreiflich. Da ihr ihnen begegnet seid, ohne sie als Dschamikun
anzuhalten, hielt ich fr hchst sonderbar. Da sie nun verschwunden sind, ohne
da du es fr ntig gehalten hast, uns ein Wort darber zu sagen, das kommt mir
sogar bedenklich vor. Darum will ich dir deine Frage nach unserm Vertrauen jetzt
noch nicht beantworten. Du wirst schon ganz von selbst bemerken, ob es
wiederkehrt oder verschwunden bleibt. Jetzt wollen wir den unterbrochenen Weg
fortsetzen.
    Er sagte nichts, lenkte um und ritt mit seinen Begleitern wieder aus der
Schlucht hinaus. Erst nach einiger Zeit blickte er sich einmal um, damit er
sehe, ob wir ihm folgten. Natrlich thaten wir das. Drauen stieen wir zu dem
Trupp, der auf uns gewartet hatte, und ritten dann mit diesem weiter, indem wir
die beiden Letzten des Zuges waren.
    Sonderbar, das mit den Gefangenen! sagte Halef nach einiger Zeit, whrend
welcher er still an sich niedergesonnen hatte. Glaubst du, Sihdi, da ich seit
unserm Aufbruche gar nicht an diese Leute gedacht habe?
    Ich bemerkte das.
    Und aber du?
    Ich sah erst heut frh, da sie fehlten.
    Und hast gegen mich geschwiegen!
    Du warst so heiter wie in den letzten Tagen selten. Ich wollte dich nicht
ohne Not bedenklich stimmen.
    Weil du mich wegen meiner Krankheit schonen willst; ich wei es! Glaubst du
noch an sie?
    Ja.
    So gieb mir jetzt wieder die Arznei!
    Halef! rief ich. Fhlst du dich wieder unwohl?
    Nein. Aber die Alte ist wieder da. Sie hat sich heimlich herangeschlichen.
Sie sitzt hinter mir auf dem Pferde und streicht mir mit eiskalter Hand am
Rcken auf und ab. Sie mu wieder fort. Gieb mir das Mittel!
    Ich hatte whrend der letzten Stunden in Beziehung auf das Fieber nicht auf
ihn geachtet. Jetzt sah ich seine Augen glnzen. Sie hatten einen unstten,
ngstlichen Blick. Ich nahm das Chinin aus der Satteltasche und gab ihm davon.
Er nahm es ein, und dann wurde es fr lngere Zeit still zwischen uns.
    Dieses Schweigen hatte seinen Grund zunchst in der Besorgnis, welche ich in
Beziehung auf Halef von neuem hegte. Sodann aber war mir auch in Betreff meiner
selbst ein Gedanke gekommen, welcher sehr geeignet war, mich zu beunruhigen.
    Wir hatten in jngster Zeit ganz bedeutende Fehler begangen, Fehler, welche
eigentlich fr uns htten unmglich sein sollen. Hierzu kamen, wenn ich
nachdachte, eine ganze Menge kleinere Sonderbarkeiten, die uns eigentlich gar
nicht gelufig waren. Vor allen Dingen fragte ich mich, wie es mglich gewesen
war, da wir hatten von dem Lager der Dinarun aufbrechen knnen, ohne vorher
ber unsere Gefangenen zu bestimmen. Hierauf fiel mir ein, da es doch
eigentlich geraten gewesen wre, uns die Leichen oder die Grber der beim
Ueberfalle der Herden ermordeten Wchter zeigen zu lassen. Auch das hatten wir
nicht gethan. Wie war es fr uns alte, erfahrene, doch sonst so scharfsinnige
Leute mglich gewesen, uns solcher Unterlassungssnden schuldig zu machen? Bei
Halef war die Krankheit schuld. Was aber bei mir? War ich pltzlich vergelich
geworden? Hatte ich die Schrfe meiner Denkkraft eingebt? Woher kam auch bei
mir die sonderbare Mdigkeit, die ich gar nicht beachtet hatte, obgleich sie von
Halef schon einige Male erwhnt worden war? Ich befinde mich in dem Besitze
einer Konstitution, wie nur selten ein Mensch sie hat. Meine Gesundheit macht
fr mich den Gedanken, krank zu sein, fast zur Unmglichkeit. Und wenn ich ja
vielleicht einmal unwohl sein sollte, so glaube ich es nicht. Ein Zustand, ber
welchen andere klagen und sehr besorgt sein wrden, ist fr mich eine kleine,
gar nicht beachtenswerte Unplichkeit, ber die ich kein Wort verliere. Nun
aber jetzt, da mir der erwhnte Gedanke gekommen war, that ich das, was ich
bisher versumt hatte: Ich nahm nicht Halef, sondern einmal auch mich selbst
her, um mich auf mein Wohlbefinden hin zu untersuchen, und da - man lache nicht!
- geschah das Unerwartete, da das alte, zahnlose Weib mir in die Ohren
raunte, da sie auch bei mir zu Gaste sei.
    Der Gedanke an die Mglichkeit brachte die Erkenntnis der Wirklichkeit. Was
ich bisher nicht beachtet, ja fast kaum empfunden hatte, das trat mir jetzt im
Handumwenden deutlich ins Gefhl: Mein Kopf war eingenommen, meine Stimmung
unlustig, mein Geist ermdet und mein Krper nicht mehr von der gewohnten
Beweglichkeit. Diese Entdeckung machte ich, und kaum hatte ich sie gemacht, so -
- so - - - war es mir, als ob in diesem Augenblicke mein Stirnbein doppelt dick
geworden sei und mir das Gehirn zusammendrnge. Unsinn! Ich, und Kopfschmerzen
haben! Geradezu lcherlich! Die reine Einbildung! Aber ich fhle ihn ja! Ist es
erlaubt, an Autosuggestion zu glauben?
    Ich nahm mich zusammen und gab meinem Pferde ganz absichtslos die Sporen,
da es einen weiten Satz nach vorwrts that.
    Was ist's? fragte der Hadschi, indem er mir in das Gesicht sah. Was haben
deine Wangen fr eine Farbe? Warum sind sie pltzlich eingefallen? Bist du
krank?
    Fllt mir nicht ein! lachte ich, ohne aber dabei wirklich heiter zu sein.
    Du, verbirg mir nichts! Meine alte Frau hat dich gegrt! Das wre grad
das, was uns noch fehlt! Mir ist so hei, so hei und so innerlich angst. Ich
habe Sehnsucht nach der allergrten Klte, die es giebt. Vor meinen Augen
drehen sich feurige Rder. Sihdi, wir mssen den Scheik fragen, ob es nicht
vielleicht hier in der Nhe Wasser giebt.
    Er trieb sein Pferd an und ritt nach vorn. Ich folgte ihm. Noch ehe wir den
Scheik erreicht hatten, rief er ihm zu:
    Nafar Ben Schuri, sag, ob es in dieser Gegend irgendwo Wasser giebt!
    Zum Trinken?
    Ja, auch! Aber noch viel mehr! So viel, da man hineinspringen und sich
baden kann.
    Da zeigte ich mit dem ausgestrecktem Arm rechter Hand nach vorn und sagte:
    Dort ragt ein Berg, ganz dunkel blaugrn. Da giebt es Wald, wahrscheinlich
sogar Laub-, nicht Nadelwald. Kennst du ihn?
    Ja antwortete der Scheik. Seine Kuppe trgt Nadelbume. Weiter unten aber
folgen Mrwaran und Dischbudakan57. Wir kommen an seinem Fue vorbei.
    Wo Mrwaran stehen, giebt es unbedingt flieendes Wasser!
    Das giebt es allerdings dort. Es fliet in einen stehenden Weiher. Ich
kenne ihn. Wir haben dort gefischt. In etwas ber zwei Stunden werden wir ihn
erreichen.
    So spt? fragte Halef.
    Ja. Die Richtung durch die Luft ist nicht halb so weit; aber wir mssen
zweimal tief in Thler hinab und jenseits wieder hinauf. Der Teich liegt an der
westlichen Seite des Berges.
    Zwei Stunden warte ich nicht. Kommt uns nach! Wir reiten voraus. Du machst
doch mit, Sihdi?
    Er berhrte, ohne meine Antwort abzuwarten, die Flanken seines Rappen mit
den Sporen. Da scho das edle Tier mit ihm davon, als ob es von einem Bogen
abgeschnellt worden sei. Mein Assil Ben Rih folgte augenblicklich, ohne einen
Antrieb von mir abzuwarten. Er wute, da er mit Barkh zusammengehre.
    Es ging zunchst ber ebenes Terrain, und da war es eine Wonne, so ber
dasselbe hinzufliegen, als ob die Hufe den Boden gar nicht berhrten. Halef
jauchzte auf. Ich lie ihn voran. Das sollte seinen Ehrgeiz anspornen und seine
Energie beleben. Vielleicht hielt er dann aus! Mit abgespanntem Geiste einen Weg
von ber zwei Stunden zurckzulegen, das htte ihn vielleicht bis zur Niederlage
ermattet. Darum rief ich ihm zu:
    Zhle nach, Hadschi, in wieviel Minuten ich dich einhole!
    Da warf er den Arm in die Luft und rief lachend:
    Nie, nie! Ich zhle nicht. Es wre eine Ewigkeit!
    Er legte sich nach vorn. Der Luftzug ri ihm auf der Brust den Burnus auf
und schwellte ihn zum Ballon. Da zog er den Saum unter dem Sitz hervor, um ihn
fliegen zu lassen. Es sah aus, als ob Ro und Reiter beschwingt seien. Der Boden
der Erde schwand frmlich hinter uns. Ich schaute mich um. Die Dinarun hatten
ihre Pferde angehalten, um uns erstaunt nachzublicken. Einen solchen Ritt hatten
sie wohl noch nicht gesehen.
    Schon nach kurzer Zeit war die Ebene zu Ende. Nun ging es im Galopp einen
sanft ansteigenden Hang hinunter, quer ber die Tiefe des Thales und drben
wieder hinauf. Es war eine wahre Wonne, Halef in dieser Weise so leicht, wie von
aller Schwere befreit, dahinfliegen zu sehen. Bei so einem echten Beduinenritt
haben beide, der Reiter und das Pferd, nur einen einzigen Willen und eine
einzige Ehre!
    Der jenseitige Abfall der Hhe war steiler. Es lagen da Felsenbrocken wie
ausgest, und zwischen ihnen standen vereinzelte Koniferen. Halef mute da den
Rappen zgeln; ich den meinen auch. Mein Assil war ein besserer Kletterer als
Barkh. Das edle Tier wollte nicht zurckbleiben, sondern das andere unbedingt
einholen; aber so oft wir fast herangekommen waren, ging Halef mir wieder davon.
Unten angekommen, griffen die Pferde ganz von selbst wieder in der frheren
Weise aus. Mein Assil lie jenen tiefen, gutturalen Ton hren, welcher ein
Zeichen der Ungeduld war. Er rgerte sich, da ich ihn zurckhielt. Da gab ich
ihm die Zgel frei, richtete mich in den Bgeln auf, um mein Gewicht zu
erleichtern, und rief das Wrtchen jallah aus, welches so viel wie vorwrts
bedeutet. Das herrliche Geschpf warf, vor Freude laut wiehernd, den Kopf in die
Hhe, lie ihn wieder sinken, und nun, aber nun war zu sehen, was so ein echtes
Vollblut zu leisten vermag, aus freiem Willen, ohne von dem Reiter angetrieben
zu werden, und nur aus reinem Ehrgefhl. Es mag Leute geben, fr welche dieses
Wort zu hoch gegriffen ist. Sie mgen sich ein anderes suchen. Der wahre
Tierfreund aber wei, woran er ist!
    Die Folge dieses pltzlichen Anlaufes war, da ich Halef berholte. Da lie
er jenen lauten, scharfen Ton erschallen, welcher sich aus dem a und dem ch
zusammensetzt. Der Reiter treibt mit ihm sein Tier zur Eile an, und nur eine
arabische Kehle ist im stande, ihn richtig hervorzubringen. Da legte sich Barkh
nun wieder in das Zeug, um Assil einzuholen. Ich hatte gar nicht die Absicht,
voranzubleiben, sondern ich wollte, da Halef den Weiher vor mir erreichen
sollte. Aber damit war mein Pferd nicht einverstanden. Als ich die Zgel
straffer nahm, begann es, zornig zu schnauben. Ich konnte mich durch eine
falsche Behandlung um sein Vertrauen, um seine Hingebung bringen; darum hielt
ich es fr besser, ihm seinen Willen zu lassen.
    Als wir auf der zweiten Hhe ankamen, hatte der Hadschi mich wieder
eingeholt. Sein Gesicht strahlte. Krper, Geist und Seele waren bei ihm in
gleicher Spannung. Das war es ja, was ich gewollt hatte!
    Sihdi, gieb jetzt zu, da ich dich besiege! rief er mir zu.
    Nein! antwortete ich.
    So pa auf!
    Du willst doch nicht etwa das Geheimnis anwenden?
    Nein. Das thun wir ja nur in grter Not. Aber pa auf, ich siege doch!
    Er bog sich so weit wie mglich nach vorn nieder, um in aneiferndem Tone auf
das Pferd einzusprechen:
    Rascher, rascher, mein Freund! Zeige nun deine Eilfertigkeit, du Edler!
Erweise mir die Liebe, schneller zu sein, du liebster aller Lieblinge! Ich bin
stolz auf dich! Dein Wert ist unvergleichlich, du grter meiner Schtze! Willst
du zugeben, da ich mich vor dem Sihdi da neben uns zu schmen habe? Du weit,
da mein Ruhm auch dein Ruhm und deine Schande auch meine Schande ist. Erhre
mich! Meine Liebe wird dir deinen Eifer lohnen. Lauf, o, lauf! Flieg, o, flieg,
du meine Freude, meine Wonne, meine Lust! Ich gebe dir eine ganze Handvoll
Datteln; die besten, die aller-, allerbesten, die ich habe, die suche ich dir
aus! Denke doch, denke doch: Datteln, Datteln, Datteln!
    Das Pferd verstand natrlich nicht den Sinn der Worte, aber die Bedeutung
derselben. Das Wort Tamr, Datteln, aber war ihm wohlbekannt. Es senkte den Kopf
tiefer und griff noch schrfer aus als bisher. Die Folge war, da wir genau
nebeneinander blieben.
    Unser Ritt war ein so schneller, da der Berg, der unser Ziel war, in hoch
emporstrebender Bewegung zu sein schien. Auch seine Breite gewann mit jedem
Augenblick. Bald trennte uns nur noch eine muldenhnliche, grasige Bodensenkung
von ihm. Es ging ventre--terre ber dieses Gras. Da, rechts, flo Wasser von
der Hhe. Saftiges Gebsch bezeichnete seinen Lauf, bis, zwischen den Stmmen
hoher Erlen und Eschen hervor, der Spiegel des Weihers uns entgegenglnzte.
    Wasser, Wasser, Wasser! Endlich, endlich! rief Halef aus.
    Er gab seinem Rappen heimlich den Sporn der von mir abgelegenen Seite. Ich
merkte das gar wohl an der Bewegung seines Pferdes, sagte aber nichts. Dieser
kleine, etwas unehrliche Kniff mochte ihm immerhin gelingen. Barkh scho infolge
desselben mit einemmal vor, und ohne da mein Assil diesen schnell entstandenen
Vorsprung einzuholen vermochte, waren wir am Ziele angelangt. Halef natrlich
zuerst. Er wendete sein Pferd herum und fragte:
    Nun, Sihdi, wer ist Sieger?
    Du! antwortete ich.
    Aber du lchelst ja!
    Ist die Schande, von dir besiegt worden zu sein, so gro, da ich weinen
soll?
    Du, Sihdi, verbirg dich nicht! Ich verstehe dieses Lcheln. Ich habe Barkh
angetrieben; du aber hast Assil zurckgehalten. Gestehe es! Sei aufrichtig!
Thatest du es?
    Ja, antwortete ich. Ich konnte es ehrlich sagen, weil ich meinen Zweck,
Halef in Spannung zu halten, doch erreicht hatte.
    Also, ich wre unterlegen, wenn du gewollt httest?
    Ja. Ich sage dir das so offen, weil es eine Ehre, ein groes Lob fr dich
ist.
    Wieso?
    Barkh stammt nicht von einem eurer Pferde. Assil ist ihm ber, weil er bei
euch geboren und von dir erzogen worden ist. Er ist unvergleichlich, weil Rih,
sein Vater, unvergleichlich war.
    Das ist richtig. Deine Worte machen mich stolz, Sihdi. Ich war nicht
ehrlich gegen dich. Du sprachst kein Wort zu deinem Hengste; ich aber habe dem
meinen zuletzt den Sporn gegeben. Verzeihe mir!
    Wir waren, whrend wir diese Worte wechselten, abgestiegen. Wie standen
unsere Pferde da! Still, als htten sie sich schon stundenlang hier befunden.
Ihr Atem ging ruhig. Es gab keine einzige Flocke Schaum und keine einzige
schweiesnasse Stelle ihrer Haut. Wir liebkosten sie. Da fate Barkh mit den
Zhnen Halefs Aermel und lie ihn nicht wieder los.
    Weit du, was er will? lachte der Hadschi.
    Die versprochenen Datteln.
    Ja. Der Mensch hat auch seinen Tieren Wort zu halten.
    Er ffnete den Futtersack und that genau das, was er versprochen hatte: Er
suchte eine Handvoll der besten Datteln aus und gab sie dem gedchtnisstarken
Mahner. Hierauf sattelten wir die Pferde ab, worauf sie ohne unser Zuthun
augenblicklich in das Wasser gingen, bei in der Wste geborenen Pferden eine
Seltenheit!
    Die An- oder Aufregung war mit dem Ritte vorber. Die Spannkraft lie bei
Halef schnell und sichtlich nach. Als er nach dem Einflusse des Baches ging, um
von dem dort noch klaren und lebendigen Wasser zu trinken, sah ich, da seine
Schritte unsicher waren. Mich selbst berkam ein eigentmliches Gefhl. Es war
mir, als ob ich von ebenso unsichtbaren wie unfhlbaren Hnden langsam
emporgehoben und dann in das Gras gelegt wrde. Ich mute mich setzen. Da
begannen die Erlen um mich herum zu tanzen. Mein Kopf kam mir wie eine hohle
Kugel vor, die immer grer und leerer wurde. Ich schlo die Augen. Sonderbar:
Ich hrte mit den von ihm doch so entfernten beiden Ohren ganz deutlich das
Klopfen meines Herzens. Jemand ergriff meine Hand.
    Sihdi, Sihdi, was ist mit dir? Die Haut deines Gesichtes sieht wie Erde
aus! Warum hast du die Augen zu?
    Es kostete Mhe, sie zu ffnen. Halef stand gebckt vor mir. Aus seinem
Blicke sprach die Angst, die auch in seiner Stimme klang. Das half. Ich sprang
auf und antwortete:
    Es war ein Tanz der Bume um mich her, den ich vorberlassen wollte.
    Ganz wie jetzt oft bei mir! Die Gegend, durch welche wir kamen, drehte sich
im Kreise; der Kopf schmerzte, und alle Eingeweide meines Innern wollten sich
empren. Es hat mich alle meine Kraft gekostet, dir das zu verbergen und mich
aufrecht zu halten. Allah verderbe dieses alte Weib! Kann sie sich nicht mit mir
zufrieden geben? Bin ich ihr nicht genug, ich, der berhmte Scheik der
Haddedihn, dem Tausende von tapferen Kriegern gehorchen? Mu sie ihre
unbeschnittenen Fingerngel auch nach dir ausstrecken? Sie allein ist schuld,
da alles um uns tanzt! Wenn ich sie doch sehen und fassen knnte! Es sollte ihr
vergehen, mit solchen Mnnern sich derartige Scherze zu erlauben. Komm und trink
Wasser! Das khlt das Blut und rgert dieses Weib!
    Er behielt meine Hand zrtlich in der seinen und fhrte mich dorthin, wo er
getrunken hatte. Er, der Kranke, leitete mich! Was sollte daraus werden! Es
galt, mich zusammenzunehmen! Ich trank, trank und trank in langen Zgen. Ich
fhlte frmlich die khle Woge, die dabei langsam und krftigend durch meinen
Krper und meine Glieder ging. Als ich mich dann aufrichtete, war mein Auge
wieder klar.
    Und nun komm, wir mssen baden, forderte mich Halef auf. Aber ja nicht
entfernt voneinander. Wir haben beisammen zu bleiben, damit wir einander helfen
knnen, falls auch das Wasser um uns tanzen sollte.
    Eine hierzu geeignete Stelle war bald gefunden. Ich stieg zuerst in die fr
uns jedenfalls auerordentlich wohlthtige Flut. Sie war am Rande seicht, wurde
aber bald sehr tief. Ich schwamm hinaus. Das war nach dem kaum vorbergegangenen
Schwindelanfalle vielleicht eine Unvorsichtigkeit, aber ich nahm an, da diese
Bewegung mir ntzlich sein werde. Jedoch nicht lange, so kehrte ich um. Ein
Luftzug kruselte die Oberflche des Wassers, und dieses Kribbeln und Krabbeln
und Flimmern und Funkeln ging mir durch das Auge ins Gehirn. Ich fhlte mich
unsicher.
    Als ich wieder Grund gewann, mute ich nach Halef suchen. War er denn noch
nicht im Wasser? Da wurde ich durch eine Bewegung aufmerksam gemacht. Ich
nherte mich der betreffenden Stelle. Da lag er, lang ausgestreckt, den Kopf
hintenber gebeugt, so da nur Mund und Nase auerhalb des Wassers waren. Diese
Situation war eine spahafte; aber das Lachen verging mir, als ich vollends
herankam und den Krper sah. Der ganze Leib war voller Flecken, die eine
livid-dunkle Frbung hatten.
    Typhus! Wirklich und wahrhaftig Typhus!
    War es denn eine Menschenmglichkeit, da sich jemand bis zu diesem
vorgeschrittenen Stadium der Krankheit aufrecht halten und zuletzt sogar noch
einen solchen Parforceritt mitmachen konnte?! Ein Kind der sogenannten
Zivilisation htte das gewi nicht fertig gebracht! Nur der durch und durch
kerngesunde, abgehrtete Krper des enthaltsamen Nomaden, der die Laster und
entnervenden Gensse der hher stehenden Intelligenz nicht kennt, kann eine
solche Gegenkraft und Widerstandsfhigkeit zeigen. Neben diesen krperlichen
Eigenschaften hatten auch die seelischen des kleinen Hadschi das Ihrige dazu
beigetragen, da er nicht schon lngst zusammengebrochen war. Vielleicht hatten
auch rein geographische Faktoren mitgewirkt. Aber mochte das sein, wie es
wollte, die Thatsache war jetzt da. Sie lag vor meinen Augen da im Wasser,
bedeckt mit Petechien, deren vorher scharfe Rnder schon begannen, in einander
berzugehen. Als ich das sah, that mein Kopf mir pltzlich weh, und es ging,
mich schttelnd, ein Frost durch meine Glieder. Da kam Halefs Kopf schnell ganz
nach oben.
    Du frierst, Sihdi? Ich sehe es! sagte er. Geh du ans Land! Ich werde noch
liegen bleiben.
    Das ist schon vorber, antwortete ich. Aber, Freund, wie siehst du aus?
    Gefleckt wie ein Leopard! Nicht wahr? Aber, aber - - was sehe ich da?
    Er erhob sich ganz, zeigte auf meine Brust und fuhr fort:
    Da ist es auch bei dir! Genau so hat es bei mir angefangen!
    Ich schaute an mir hernieder. Was ich vorher noch nicht bemerkt hatte, das
sah ich jetzt: auch ich hatte Flecken, allerdings noch klein. Sie lagen
unterhalb der Schlsselbeine.
    Bist du erschrocken? fragte der Hadschi. Warum schweigst du? Warum sagst
du nichts? Ist es eine Krankheit? Eine schwere oder eine leichte? Kennst du
sie?
    Ich kenne sie, Halef, antwortete ich. Und damit du keine Fehler machst,
mu ich aufrichtig mit dir sein. Sie ist fast ebenso gefhrlich und langwierig
wie die Pest, welche uns damals dem Tode nahe brachte. Von zehn Kranken sterben
zwei - -
    Aber warum sollen grad wir diese beiden sein? unterbrach er mich. Es
mgen nur erst noch die acht anderen kommen! Eher mitzurechnen, fllt mir gar
nicht ein!
    Auch ich hoffe, da wir dem Schlimmsten entgehen. Wir sind beide in
Beziehung auf unsere Gesundheit keine Durchschnittsmenschen; also knnen die von
mir erwhnten Ziffern nicht fr uns gelten. Glcklicherweise bin ich im Besitze
der besten Gegenmittel, Kampher und Chinin. Kalte Bder mssen wir haben. Wenn
es mir in den Sinn kommt, bleiben wir gleich hier. Unser Leben mu uns ebenso
teuer sein, wie die Pflicht der Gastlichkeit. Aber wo nehmen wir die Pflege her,
die uns so ntig ist?
    Daher, von wo sie uns damals gekommen ist, vom Himmel Allahs, der uns nie
vergessen hat und nie vergessen wird. Mein guter, mein lieber Sihdi, denke doch
daran, da wir auch damals keinen Menschen hatten, der sich unser annehmen
konnte. Wir lagen in der grten Einsamkeit, unter uns die pesthauchende Erde,
doch ber uns das groe, lichte Zelt, von welchem alle Engel auf uns
niederschauten. Sie kamen mir im Traume, und auch im Wachen dachte ich an sie.
Sind wir nicht gesund geworden ohne alle andere als allein nur ihre Hilfe?
    Ja, du Wackerer, du Treuer! Sie haben uns gepflegt, erst dich durch meine
und dann mich durch deine Hand, obgleich diese unsere Hnde so schwach, so
hager, so elend waren.
    So werden sie es jetzt auch wieder thun! Oder glaubst du das nicht?
    Ich glaube es. Aber damals wurde ich erst dann von der Pest ergriffen, als
du bereits wieder am Gesunden warst. Jetzt jedoch werden wir wahrscheinlich zu
gleicher Zeit - -
    Zu gleicher Zeit? unterbrach er mich. Fllt uns gar nicht ein! Wenn
dieses alte Weib etwa denkt, da alles genau so zu gehen hat, wie sie es will,
da irrt sie sich! Wir haben doch auch unsern Willen! Und den setzen wir durch!
Es kommt mir gar nicht in den Sinn, da wir miteinander krank werden! Wenn wir
es nicht nacheinander werden knnen, so werden wir es lieber gar nicht! So lange
der eine krank ist und der Pflege bedarf, hat der andere gesund zu bleiben! Der
Anfang hierzu ist ja schon ganz richtig eingetreten! Diese Flecken haben sich
bei mir eher eingestellt als bei dir. Die Hhe der Krankheit wird also nicht zu
gleicher Zeit eintreten. Vor dieser Hhe aber lege ich mich nicht nieder! Ehe es
mich nicht mit tausend Armen packt, habe ich den Dinarun Wort zu halten.
    Halef - - -!
    Sihdi - - -! Ich wei, was du sagen willst. Morgen aber werden wir im Thale
des Sackes sein, und wir sind nicht derart krank, da wir hier liegen bleiben
mssen. Uebermorgen ist der Kampf vorbei, und dann werde ich ohne Widerstreben
thun, was du bestimmst. Bleiben wir hier zurck, so ziehen die Dinarun nicht als
unsere Freunde, sondern als unsere Feinde weiter und kommen, sobald wir hilflos
sind, zurck, um sich zu rchen. Hilflos! Das war ja das Wort des Scheiks!
Lassen wir es nicht zur Wahrheit werden, Sihdi!
    Dieser Beweis hatte Hand und Fu. Wie freute ich mich darber, da seine
Denkkraft sich noch so scharf erwies! War das dem Einflusse des kalten Bades
zuzuschreiben? Ich legte mich zu ihm, denn auch ich emfand, da das Wasser
wohlthtig auf mich wirkte. Unsere Pferde weideten drauen im saftigen Grase,
ein lange entbehrter Genu fr sie. Die Schatten der hohen Eschen deckten uns
so, da uns der heie Strahl der Sonne nicht belstigen konnte. Wir fragten
nicht danach, ob ein zu langes Verweilen im Wasser uns schaden knne, und
verlieen es erst dann, als wir anzunehmen hatten, da die Dinarun nun bald
eintreffen wrden. Als sie sich hierauf einstellten, standen wir schon zur
Fortsetzung des Weges bereit.
    Natrlich aber hielten nun auch sie erst Rast, auf welche jedoch nur eine
halbe Stunde verwendet wurde. Dann ging es weiter, wobei wir uns, wie vorher, am
Ende des Zuges hielten.
    Es war whrend dieses Aufenthaltes der Dinarun am Deiche zwischen uns und
dem Scheik kein Wort gesprochen worden. Fr seine Leute hatten wir freundliche
Augen und hfliches Benehmen, aber auch keine Reden gehabt. Das hchst fatale
Wort Mitrauen verschlo ihm und uns den Mund.
    Wir bemerkten mit Genugthuung, da wir uns jetzt in einer wasser- und darum
wald- und weidereicheren Hhenzone befanden. Das war ein Umstand, der uns
Beruhigung gewhrte. Uebrigens schien die Wirkung des Bades auf uns eine ganz
verschiedene zu sein. Ich fhlte mich gekrftigt, whrend Halef mir mitteilte,
da er sehr ermdet sei. Er war kalte Bder nicht gewohnt, und das heutige hatte
wohl eine zu lange Dauer fr ihn gehabt.
    Spter sah ich, da er sich schttelte. Die Sonne schien noch warm auf uns
nieder, und darum nahm ich an, da diese seine Bewegung eine rein zufllige sei.
Als sie sich aber wiederholte, gestand er mir auf meine Frage, da er von einem
inneren Frost geschttelt werde, und bat mich wieder um Chinin. Ich hielt es fr
geraten, ihm dieses Mittel jetzt vorzuenthalten und schlug ihm eine Wiederholung
unseres Wettrennens vor. Sofort richtete er sich munter im Sattel auf und sagte:
    Ich bin mit Freuden einverstanden, Sihdi. Aber ich mache eine Bedingung.
    Welche?
    Da wir die Pferde wechseln!
    Welch ein kleiner Schlaumller! Ich erklrte mich selbstverstndlich bereit
dazu und gab ihm meinen Assil, whrend ich seinen Barkh bekam. Am liebsten
htten wir auf diesem Ritte den Weg eingeschlagen, den wir berhaupt zu nehmen
hatten, wren da aber zu Fragen an den Scheik gezwungen gewesen, der mit uns
schmollte. Wir beschlossen also, eine andere Richtung zu nehmen, und zwar rund
um einen Berg, welcher zur Linken vor uns lag. Wir muten, wenn wir ihn umritten
hatten, wieder auf die Dinarun, und wenn nicht auf sie selbst, so doch auf ihre
Spuren stoen. Wir riefen also Nafar Ben Schuri zu, was wir beabsichtigten, und
wollten schon die Pferde antreiben, da antwortete er:
    Bleibt doch hier! Dort, jenseits des von euch erwhnten Berges, liegt ja
der Kreuzungspunkt, auf welchem meine Krieger auf uns warten.
    Das ist fr uns kein Grund, uns in eure Langsamkeit zu fgen. Ihr kennt ja
nun die Schnelligkeit unserer Pferde. Wahrscheinlich sind wir eher dort als
ihr.
    Aber ihr kommt gewi?
    Ja.
    Schwre es mir!
    Was fllt dir ein! Einen Schwur giebt es selbst fr viel wichtigere Dinge
bei uns nicht. Du hast mein Wort, und das mu dir gengen!
    Nun ritten wir fort, aber zunchst langsam, denn Halef hatte eine Mitteilung
auf seinem Herzen:
    Er ist mitrauisch, Sihdi.
    Und beleidigend, fgte ich hinzu.
    Ja, es war eine Beleidigung, einen Schwur zu verlangen. Wir mssen ihm von
groem Werte sein.
    Das scheint freilich so!
    Hast du eine Ahnung, warum?
    Ja.
    Welche?
    Es ist eben nur eine Ahnung, das heit, etwas Unklares. Von Wert sind wir
ihm als Helfer gegen die Dschamikun. Er wei, da er sich auf unsere Erfahrung
und auf unsere Fertigkeit im Schieen mehr verlassen kann, als auf sich selbst
und alle seine Leute. Das hat er uns ja schon gesagt, ohne es eigentlich sagen
zu wollen. Aber diese Betrachtung gengt mir nicht, verschiedenes zu erklren,
was mir aufgefallen ist.
    Was?
    Er trachtet so auffallend und eifrig darnach, die Geheimnisse unserer
Waffen und unserer Pferde kennen zu lernen. Warum? Diese Geheimnisse haben doch
nur fr den Besitzer Wert. Hat er etwa die Absicht, unser Eigentum an sich zu
reien!
    Sihdi! rief Halef berrascht.
    Ist er etwa unser Feind, der nach den Pferden und Gewehren trachtet, die
ihm aber ohne vorherige Aufklrung unntz sind? Und giebt er nur deshalb vor,
unser Freund zu sein, weil er auf diesem Wege die Geheimnisse zu erfahren hofft?
Wird er dann, sobald er sie kennt, uns sein richtiges Gesicht zeigen - - das
Gesicht eines Rubers und Mrders?
    Sihdi! Kann ein Mensch von so bodenloser Schlechtigkeit sein?
    Das fragst du und hast doch schon solche Menschen kennen gelernt!
    Wie thricht wre ich gewesen, wenn du recht httest!
    Trste dich! Auch ich habe keineswegs klug gehandelt. Wir haben die grte
Vorsicht zu beobachten. Das ist um so schlimmer fr uns, als wir von der
Krankheit jeden Augenblick niedergeworfen werden knnen.
    Du, Sihdi, die Krankheit ist nun bei mir Nebensache! Seit du deine
Befrchtung ausgesprochen hast, giebt es fr mich nicht eher Zeit, krank zu
sein, als bis wir wissen, woran wir mit diesem Nafar Ben Schuri sind. Ist jetzt
noch etwas zu besprechen?
    Nein.
    So wollen wir beginnen. Zu gleicher Zeit. Pa auf! Eins - - zwei - - -
drei!
    Bei drei! begann die Jagd nach der Ehre, welche, wie ich wollte, dem
Scheik der Haddedihn zufallen sollte. Leider sollte sie ihm nicht vergnnt sein,
aber auch mir nicht. Es wurde eine ganz andere Jagd daraus.
    Wir hatten uns von den Dinarun auf einem Plateau getrennt, von welchem wir
hinunterritten, um an den Fu des Berges zu gelangen, den wir halb umkreisen
muten. Unten angekommen, sahen wir, da sich das Terrain zunchst so sehr
verengte, da wir gezwungen waren, langsam zu reiten. Wir hatten uns vorsichtig
durch ein fast unzugngliches Felsengewirr zu winden, wo es aber doch Spuren
davon gab, da zuweilen Menschen hier vorberzukommen pflegten. Diese Enge trat
dann mit einem Male weit auseinander, um sich in das Thal zu ffnen, dem wir
rund um den Berg zu folgen hatten. Grad als wir aus ihr hervor wollten, tauchten
kaum zwanzig Schritte entfernt zwei Reiter vor uns auf, welche da
hineintrachteten, wo wir herauskamen. Und wer waren sie?
    Sallab, der Fakir! Er ritt eine braune Stute, die sichtlich ein Pferd
allererster Rasse war, jedenfalls Sahm, dem Ustad angehrig. Sein Begleiter,
ein jngerer Mann, sichtlich auch ein Fakir und ebenso unbewaffnet wie Sallab,
sa auf einem dunkeln, halbedlen Hengste. Beide erschraken, als sie uns
erblickten.
    Die Dschamikun! rief Sallab aus.
    Nein, nur wir! antwortete ich.
    Ihr beide allein?
    Ja.
    Das glaube euch der Scheitan! Komm! Zurck, zurck!
    Er wendete sein Pferd und jagte fort. Der andere folgte ihm.
    Sihdi, was ist - - - rief Halef.
    Still! Kein unntzes Wort! unterbrach ich ihn. Diese beiden Fukara58 sind
die Schlssel zum Rtsel, welches zu lsen ist. Wir mssen sie unbedingt haben!
    Auch mit Gewalt?
    Ja, wenn sie sich wehren! Nimm du den andern; ich fasse Sallab. Aber seine
Stute ist pfeilschnell. Gieb mir meinen Assil! Jeder sein Pferd, welches er
kennt. Rasch, rasch!
    Wir sprangen ab und wechselten die Tiere. Dann ging es vorwrts, hinter den
Fliehenden her.
    Nimm dich in acht! rief ich Halef noch zu. Sie knnten doch verborgene
Waffen bei sich fhren!
    Keine Sorge, Sihdi! Hamdulillah! Endlich, endlich einmal eine Hetze, eine
wirkliche, wahrhafte Hetze! Wohlan! Jallah, jallah, jallah!
    Das Umtauschen unserer Pferde hatte keine Minute in Anspruch genommen,
dennoch waren die Fukara schon weit von uns entfernt; Sallab ritt voran. Wie die
Sache lag, durfte ich mich auf keine lange Jagd einlassen. Da der Kreuzungspunkt
jenseits des Berges lag, konnten die Dschamikun in der Nhe sein. Wir muten die
Flchtlinge also so bald wie mglich fassen.
    Assil - - Assil! Ramchchchchch, ramchchchchch!
    Das war die Aufforderung zum schnellsten Galopp. Ich streichelte ihm den
Hals. Er flog. Die Vorderhufe berhrten noch den Boden, so griffen die hinteren
schon vor. Es war eine Lust, dieses Gefhl, als ob man nur den freischwebenden
Sattel und gar kein sich bewegendes Tier unter sich habe! Ich kam den beiden
Fukara schnell nher. Da sah Sallab sich um. Ich hrte, da er einen Schrei
ausstie. Er trieb sein Pferd an; es vergrerte die bisherige Schnelligkeit.
Der andere schlug auf das seine ein, blieb aber zurck. Nach kurzer Zeit hatte
ich ihn erreicht. Indem ich an ihm vorberflog, that ich das so nahe, da ich
ihn erreichen konnte. Er sa halb nach vorn gebeugt. Ich stie ihm die Faust in
die Seite. Die Kraft meines Stoes wurde durch Assils ungemeine Schnelligkeit
verdoppelt. Der Fakir flog aus dem Sattel, und hinter mir erscholl die Stimme
Halefs:
    Ich ergreife ihn! Ich halte ihn! Ich bringe ihn Schau nur noch nach dem
andern, Sihdi!
    Ich sah gar nicht nach dem Hadschi zurck, denn ich wute ja, da er thun
werde, was ich erwartete. Aber Sallab schaute sich wieder um, und da er mich in
solcher Nhe hinter sich sah, mute er erkennen, da ich ihn in einer Minute
eingeholt haben werde. Ich behielt ihn scharf im Auge und sah, da er dreimal
mit beiden Hnden auf beide Halsseiten seines Pferdes schlug und dabei ein Wort
ausrief, welches ich nicht verstehen konnte.
    Sollte dies das Geheimnis der Stute sein? War dieser Fakir ein solcher
Freund und Vertrauter des Ustad, da dieser es ihm mitgeteilt hatte? Meine Frage
wurde sofort beantwortet: Die Stute lief nicht mehr, sondern sie raste! Es war
das Geheimnis gewesen. Kaum hatte er es gegeben, so war seine Entfernung von mir
schon verdoppelt. Ich mute also auch das meinige anwenden. Indem ich mich weit
vorbog, legte ich Assil die Hand zwischen die Ohren und sagte dreimal seinen
Namen. Dieses Zeichen war gewhlt worden, weil es sehr schwer auszufhren ist.
Nur ein Reiter, welcher eines arabischen Renners wrdig ist, wird es fertig
bringen, im schrfsten Galoppe die Ohren seines Pferdes mit der Hand zu
erreichen.
    Die Wirkung war eine groartige. Zunchst schien es fr einen Moment, als ob
Assil haltenbleiben wolle. Es ging wie ein Zittern durch seinen ganzen Krper.
Dann lie er ein tiefes, schnaubendes Sthnen hren, ein Sthnen dankbarer
Willensfreudigkeit. Und aber nun - - - nun kam es mir vor, als ob die Beine
nicht mehr zu sehen seien, so unglaublich schnell bewegten sie sich. Die Bsche
und Bume flogen frmlich an mir vorber. Der Boden des Thales kam wie auf einer
sich drehenden Walze auf mich zugeflossen, um hinter mir zu verschwinden. Die
stehende Luft des Thales wurde in blasenden Wind verwandelt. Meine Bewegung
glich nicht mehr einem Ritte, sondern einem horizontalen Fallen. Ich konnte
nicht anders: ich jauchzte auf, worauf Assil schnaubend frohe Antwort gab.
    Das war ein ganz anderes Wettreiten, als ich mit Halef beabsichtigt hatte!
Die berhmte, pfeilschnelle Stute des Ustad und das beste Blut der Haddedihn im
Kampfe gegen einander! Nicht im Scherz, sondern im Ernste! Beide mit geffneten
Geheimnissen und sich anstrengend, ihr Bestes, ihr Alles herzugeben! Wer wird
siegen?
    Diese Frage blieb mir hchstens eine Viertelminute lang eine Frage. Sie
verwandelte sich in die Antwort, als ich sah, da das Geheimnis die Stute
aufgeregt hatte. Das Spiel ihrer Glieder war von wunderbarer Leichtigkeit, aber
nicht regelmig. Sie zeigte bald die rechte, bald die linke Flanke. Bald sah
ich ihren Kopf auf dieser, bald auf jener Seite. Schon nach kurzer Zeit kam es
mir vor, als ob sie sich nicht immer gleich, sondern in bemerkbaren Pulsen
vorwrts bewege. Wahrscheinlich hatte man sie seit langem nicht mehr gebt, im
Geheimnisse zu rennen, und darum wurde ihr nun jetzt die Lunge kurz und schwer.
Dazu kam, da der Reiter kein Mann fr ein Pferd dieser Gattung war. Ob man
berhaupt gewohnt ist, einen Fakir reiten zu sehen, mag hier Nebensache sein.
Mit Sallab mute es in dieser Beziehung eine ganz besondere Bewandtnis haben.
Aber er sa jetzt whrend des Geheimnisses nicht anders als bei einem ganz
gewhnlichen Galopp im Sattel. Ich vermutete, da er seine eigne Lunge nicht zu
regulieren und dem Pferde berhaupt keine Erleichterung zu geben wisse. Eine
innere Fhlung zwischen ihm und dem Tiere gab es nicht, denn ich sah, da er, um
Steinen und anderen Hindernissen auszuweichen, die Zgel zu Hilfe nahm. Das thut
man doch nicht, wenn die Energie des Reiters mit der seines Pferdes in guter,
innerlicher Verbindung steht!
    Wie wunderbar glatt und gleich lie dagegen Assil seine Krfte spielen. Das
war es ja: es glich einem Spiele, keiner Anstrengung. Es war, als ob er nicht
mehr Krper, sondern nur noch Willen sei. Er ging ber Lcher und Steine hinweg,
oder er vermied sie, ohne da seine Rckenlinie sich dabei zu heben oder zu
senken schien. Der Schlag seiner Hufe wettete an Regelmigkeit mit dem Ticken
einer Uhr. Die Mitte seiner Stirn wich keinen Augenblick lang und keinen Zoll
breit von der Gesamtrichtung seines Krpers ab. Von seinem Atem war kein Hauch
zu spren. Die Schnelligkeit, von der ich vorhin sprach, war nicht mehr da; an
ihre Stelle war die Unbegreiflichkeit getreten.
    So kam ich dem Fakir nher und immer nher. Er drehte sich immer fter um
und begann, das Pferd zu schlagen. Ich war kaum zehn Lngen hinter ihm, als er
die Unvorsichtigkeit beging, es auch noch mit den Fen zu bearbeiten.
    Halt ein! rief ich ihm zu. Im Geheimnisse schlgt und stt man nie ein
Pferd!
    Kaum hatte ich dies gesagt, so bewahrheitete es sich. Die Stute gab ihre
Windeseile auf, fiel in Galopp, that einen Seitensprung, einen zweiten wieder
zurck, und - - - der Fakir flog aus dem Sattel! Ich scho sofort weit ber ihn
hinaus, gab aber schnell das Zeichen und nahm mit dem Zurufe Andak!59 das
Geheimnis wieder zurck. Fast noch im Fluge ging Assil einen Bogen, fiel dabei
durch Galopp und Trab in Schritt und blieb da stehen, wo der Fakir von der Erde
aufstand und sich prfte, ob und wo er vielleicht Schaden genommen habe.
    Warum bist du vor uns geflohen? fragte ich ihn, indem ich abstieg.
    Sihdi, dein Pferd ist kein Pferd, sondern ein Dschinni60! antwortete er.
    Ich habe dich nicht nach meinem Pferde gefragt! Bist du verletzt?
    Nein. Allah sei Dank!
    So hole Sahm herbei!
    Sahm? fragte er erstaunt. Du kennst den Namen dieser Stute?
    Ich wei noch mehr, mehr als du denkst. Aber eins wei ich nicht und kann
es nicht begreifen: Warum bist du vor uns erschrocken und hast die Flucht
ergriffen?
    Weil - - weil - -
    Er sprach nicht weiter, sah mir forschend ins Gesicht und senkte dann den
Kopf.
    Da trat ich nahe zu ihm hin und sagte:
    Du scheinst frher von dem Scheik der Haddedihn und mir gehrt zu haben?
    Ja.
    Gutes oder Bses?
    Nur Gutes.
    Und hltst uns doch fr schlimme Menschen?
    Nein.
    Doch! Denn gute Menschen flieht man nicht!
    So lange sie gut sind, ja!
    Sind wir es etwa nicht mehr?
    Ist der Mensch noch gut, wenn er sich in den Dienst der Bsen stellt?
    Meinst du die Dinarun?
    Ja.
    Wir stehen nicht in ihrem Dienste!
    Aber in ihrer Freundschaft. Und die Freundschaft solcher Leute macht den
besten Ruhm zunichte.
    Deine Worte klingen mir unverstndlich; aber sie haben groe Aehnlichkeit
mit der Warnung, die mir meine Ahnung gab. Vor allen Dingen mu ich dir sagen,
da wir nie beabsichtigt haben, die Freunde bser Menschen zu sein - - -
    Ich wurde unterbrochen, weil Halef kam. Er ritt neben dem andern Fakir.
Beide unterhielten sich, als ob sie sich im herzlichsten Einverstndnisse
miteinander befnden. Sobald er mich erblickte, rief er mir zu:
    Assil hat gesiegt?
    Ja, antwortete ich.
    Ich wute es! Warte, was ich dir zu sagen habe, Sihdi! Es ist von grter
Wichtigkeit.
    Er trieb seinen Barkh an, sprang, als er uns erreicht hatte, ab und fuhr
eifrig fort:
    Hier werden wir uns niedersetzen, um Beratung zu halten. Weit du, Sihdi,
wer und was unsere Dinarun sind?
    Nun?
    Wir sind dumm gewesen, ganz unendlich dumm! Sie sind gar keine Dinarun,
sondern Ausgestoene, Ausgestoene aus allen Stmmen, die es in dieser Gegend
giebt. Jeder Mensch, der ein Verbrechen, eine schlechte That begangen und sich
mit Schande beladen hat, geht zu ihnen, um sich ihnen anzuschlieen. Sie leben
nur von Diebstahl, von Raub und hnlichen Unternehmungen. O, Sihdi, wir haben
diesen Leuten ein Vertrauen geschenkt, welches sie gar nicht verdienen. Du bist
zwar ein ganz klein wenig klger gewesen als ich, aber sehr viel trgt das auch
nicht aus. Ich mchte dir eine Ohrfeige geben, mir selbst aber zehn oder zwanzig
oder auch fnfzig. Aber weil ich dich viel zu sehr achte und liebe, als da ich
sie dir wirklich geben knnte, so mu ich natrlich auch auf meine fnfzig
verzichten!
    Sein Aerger war sehr echt, denn ohne diese Echtheit wre es ihm, der so viel
auf seine persnliche Ehre hielt, gar nicht eingefallen, in Gegenwart der beiden
Fukara so despektierlich von sich selbst zu sprechen. Was mich betrifft, so war
es mir willkommen, endlich Klarheit zu erlangen; aber ich wollte vermeiden, eine
begangene Unvorsichtigkeit durch eine zweite, vielleicht noch grere wieder
gutmachen zu wollen. Darum fragte ich ihn:
    Weit du gewi, da unsere bisherigen sogenannten Freunde keine Dinarun
sind?
    Ja.
    Wer hat es dir gesagt?
    Dieser Fakir.
    Er deutete auf ihn.
    Und du glaubst ihm?
    Natrlich! Unter Fukara darf keine Lge sein!
    Das ist erstens nicht ganz richtig, und zweitens mu ich dich fragen:
Knntest du darauf schwren, da diese beiden Fukara wirkliche Fukara sind?
    Maschallah! Welche Frage! Richte sie doch nicht an mich, sondern an sie
selbst!
    Da wandte ich mich an Sallab:
    Sei aufrichtig! Meine Frage soll der Prfstein deiner Ehrlichkeit sein.
Bist du ein Fakir?
    Da antwortete er:
    Du bist Kara Ben Nemsi, der Mann aus Dschermanistan, und wir wissen, da
aus Dschermanistan nie ein bser Mensch zu uns gekommen ist. Darum will ich
ehrlich sein. Ich bin kein Fakir und dieser mein Begleiter ist auch keiner.
    So heiest du gar nicht Sallab?
    Nein.
    Wie denn?
    Ich legte mir aus guten Grnden den Namen des bekannten Fakirs bei. Aber
wer ich eigentlich bin, das darf ich dir so lange nicht sagen, als du dich fr
verbunden hltst, diesen Rubern Untersttzung zu erweisen.
    Haben sie uns belogen, so ist das, was wir ihnen versprochen haben, so gut
wie nicht gesprochen!
    Nun, sie haben euch belogen!
    Kannst du das beweisen?
    Beweisen? Was verlangst du fr Beweise?
    Ich mu gestehen, da er mich mit dieser Frage in Verlegenheit brachte. Ich
antwortete ihm:
    Sie haben sich als Dinarun bezeichnet, und du behauptest, da sie keine
seien. Du selbst aber gestehst ein, da du als Fakir Sallab eine Lge seist. Von
dir ist die Unwahrheit erwiesen, von ihnen aber nicht.
    Wir hatten uns niedergesetzt, alle vier. Der Alte senkte den Kopf, sah
einige Zeit sinnend vor sich nieder, hob ihn dann wieder und fragte:
    Ihr seid mit denen, die sich Dinarun nennen, gegen die Dschamikun
ausgezogen. Wir sind Dschamikun. Ihr habt uns gefangen. Was werdet ihr mit uns
thun?
    Wir lassen euch frei. Ihr knnt reiten, wohin ihr wollt.
    Gleich jetzt?
    Ja.
    Reiten?
    Natrlich!
    So wollt ihr nicht wenigstens unsere Pferde als Beute behalten?
    Nein.
    Aber bedenke, was fr ein Pferd die Stute ist!
    Kein Mann aus Dschermanistan wird jemals in euer Land kommen, um Beute zu
machen!
    So segne dich Allah, und so segne er auch alle, welche in deiner Heimat
dieses menschenfreundlichen Gedankens sind! Du hast dich soeben als ein Mann
erwiesen, der das, was er zu sein vorgiebt, auch wirklich ist, nmlich ein
Christ. Die Nchstenliebe und Selbstlosigkeit, welche Isa Ben Marryam61 von
allen fordert, die sich nach seinem Namen nennen, ist bei dir nicht blo ein
leerer Schall, sondern sie leitet dein Leben, dein Reden und dein Thun. Ich aber
kann dir leider jetzt, in diesem Augenblicke, nicht den von dir geforderten
Beweis erbringen, da das, was ich sage, mit der Wirklichkeit bereinstimmt.
Erst die Thatsachen des morgenden Tages werden dir zeigen, da du mir heute
Vertrauen schenken konntest. Wre dieser Nafar Ben Schuri im gegenwrtigen
Augenblick hier bei uns, so wrde er eingestehen mssen, da ich die Wahrheit
ber ihn gesprochen habe. Du sollst von mir erfahren, was diese Wahrheit sagt.
    Er machte eine kleine Pause und fuhr dann fort:
    Nafar hat als Oberster der Ausgestoenen unten in Bagdad und Bassora
Spher, von denen er alles fr ihn Wichtige erfhrt, was dort geschieht. Von
ihnen kam die Kunde von euren herrlichen Pferden, von den unvergleichlichen
Gewehren, welche euch beiden die Strke eines ganzen Stammes verleihen. Man
teilte ihm mit, da ihr kommen wrdet, und er nahm sich vor, euch diese Schtze
abzunehmen. Er lie euch unterwegs beobachten, ohne da ihr es bemerktet. So
erfuhr er, wann und wo ihr kamt. Euch offen zu berfallen, das wagte er nicht,
weil er eure Waffen frchtete. Darum entschlo er sich zur List. Ihr solltet
seine Gste sein und einen Schurb en Nom62 von ihm bekommen.
    Bei ihm? Von ihm? unterbrach ihn Halef. Das war doch nicht bei ihm!
    Hre mich nur weiter! antwortete der Alte. Man hatte am Wasser auf euch
gewartet, weil anzunehmen war, da ihr dort bleiben wrdet. Ihr kamt. Man
stellte sich bescheiden; man htete sich, euch durch Aufdringlichkeit
mitrauisch zu machen. Darum war man in Verlegenheit, wie man euch den Schurb en
Nom werde beibringen knnen. Da aber batet ihr selbst um Kaffee. Man that den
schon bereitgehaltenen Afiun63 hinein und gab euch das Getrnk, welches ihr
trotz seiner Bitterkeit bis auf den letzten Tropfen zu euch nahmt. Dann schlieft
ihr ein. Man wollte euch nur berauben, nicht ermorden. Aber selbst als
ausgeraubte Mnner hatte man euch zu frchten, eurer Erfahrung, eurer Klugheit,
eurer Khnheit wegen. Darum mutet ihr ber die, welche euch den Trank der
Schlfrigkeit reichten, im Irrtum sein; also lie sich Nafar Ben Schuri gar
nicht bei euch sehen, und darum lauerte er nicht mit allen seinen Leuten auf
euch, sondern er schickte nur wenige Mnner an das Wasser, welche dann nach
vollbrachter That leicht verschwinden konnten. - - - Diese That gelang, und der
darauffolgende Regen deckte sogar ihre Spuren zu. Aber als man eben begonnen
hatte, des vollbrachten Raubes froh zu werden, mute man die Vergeblichkeit
desselben erkennen. Eure Gewehre gingen von Hand zu Hand, doch niemand konnte
entdecken, auf welche Weise man mit ihnen zu schieen habe. Sie waren fr die
Unwissenheit wertlos. Und eure Pferde lieen keinen Reiter aufsitzen. Man wollte
sie zwingen, doch war die Folge, da dabei zwei Mnner verletzt wurden. Es galt
also, die Geheimnisse der Pferde und der Waffen zu erfahren, und das konnte nur
durch euch erreicht werden.
    Allah, wallah, tallah! rief Halef zornig aus. Wir werden diesen Schurken
unsere Heimlichkeit derart offenbaren, da ihnen vollstndig unheimlich dabei
werden soll! Sprich weiter!
    Nafar Ben Schuri fate den klugen Plan, als euer Retter aufzutreten. Er war
berzeugt, da die Dankbarkeit euch verleiten werde, eure Geheimnisse gegen ihn
nicht als Geheimnisse zu betrachten. Man mute euch da zwar alles wiedergeben,
aber doch nur fr kurze Zeit. Er schickte also die Thter nach einer bestimmten
Stelle, wo sie sich ruhig berfallen lassen sollten, und ritt euch dann
entgegen, denn er nahm ganz richtig an, da ihr nicht umkehren, sondern
weitergehen wrdet, um nach den Uebelthtern zu suchen. Auf welche Weise er
diesen seinen Plan ausgefhrt hat, das wit ihr besser, als ich es wei. Ihr
habt ihm ja dabei geholfen!
    Ja, das haben wir allerdings! gestand Halef ein. Wir haben diesem Manne
geglaubt und ihm vertraut. Wir haben ihm die Gefangenen berlassen und nicht
einmal nach den Leichen und Grbern derer gefragt, die ihr ihm gettet habt!
    Wir? Ihm? Ja, ich wei gar wohl, welche Fabel euch erzhlt worden ist; aber
wo es keine Leichen giebt, kann es auch keine Grber geben. Es ist ihm kein
einziger Mann gettet oder auch nur verletzt worden.
    Was? Wie? So ist auch das eine Lge?
    Ja. Wir tten nicht! Unser Glaube verbietet uns den Angriff gegen das Leben
derer, die selbst dann unsere Brder sind, wenn sie die Thorheit begehen, sich
als unsere Feinde zu betrachten.
    Allah! Welch ein Glaube! Welche Friedfertigkeit! So seid ihr also
Christen?
    Vielleicht, vielleicht auch nicht! Erst dann, wenn ich Christen kennen
gelernt habe, kann ich dir sagen, ob wir welche sind. Nicht wir haben Blut
vergossen, sondern Nafar Ben Schuri hat es gethan. Seine That hat mir, grad mir
das Herz so schwer, so tief verwundet. Und dieses Herz, es will laut auf um
Rache schreien, weil ich ein Mensch mit menschlichen Gefhlen bin. Aber da oben,
wo der Himmel in stillen Stunden fr mich offen ist, da steht ein lichtes,
groes Wort geschrieben, welches das irdische Gesetz der Rache berstrahlt. Ed
dem b'ed dem!64 schreit das Menschenherz zum Himmel auf, wenn der Rauch
vergossenen Blutes aufwrts steigt; von droben aber rufen tausend Engel ihr es
Samah!65 nieder, und bei diesem heiligen Gebot mu jede Wunde schweigen!
    Er war aufgestanden und ging, innerlich erregt, eine kleine Weile hin und
her. Ich sah jetzt nicht den Schmutz, der sein Gesicht entstellte, und nicht die
Lumpen, die ihn hlich machten. Aber ich sah den tiefen Schmerz, der seine
Augen fllte, und ich sagte mir, da wir diesem Mann wohl vertrauen drften. Als
er sich beruhigt und wieder niedergesetzt hatte, sprach er weiter:
    Ich will annehmen, da ihr euern Bund mit Nafar Ben Schuri fr zerrissen
halten werdet, und betrachte es darum als keinen Fehler, euch schon jetzt zu
sagen, was ihr eigentlich erst spter erfahren solltet. Nmlich der Tir66
unseres Stammes, zu welchem ich gehre, hat sich von den andern Dschamikun
abgesondert, weil wir Muhammed zwar fr einen Propheten, seine Lehre aber nicht
fr seligmachend halten. Wir sind nicht mehr Nomaden, sondern wohnen in Husern,
welche wir nur im Sommer mit Zelten vertauschen. Wir haben Grten und Felder,
welche wir bebauen, und Herden, deren Ertrag wir auf den Markt von Isfahan
liefern. Unsere Ernten sind reich an Gallpfel, Mastix, Mannah, Sesam und Tabak.
Mit dem letzteren versorgen wir fast ganz Chusistan. In Beziehung auf den Ruf,
in dem wir stehen, fge ich hinzu, da sich unausgesetzt hundert unserer jungen
Leute bei der Leibgarde des Schah-in-Schah befinden, obgleich der Beherrscher
sehr wohl wei, da sie ihre Waffen niemals verwenden wrden, unschuldiges Blut
zu vergieen. Ich bin der Scheik und werde nicht bei meinem Namen, sondern Peder
67 genannt. Hoch ber mir und allen andern aber steht der Ustad, vor dessen
Ehrwrdigkeit wir uns in Liebe und Gehorsam beugen. Ihr werdet ihn sehen; das
hoffe ich.
    Ist er in eurem Stamm geboren? erkundigte ich mich, indem ich an die
Angabe Nafars dachte.
    Nein. Wenn du Auskunft ber ihn haben willst, so wende dich an ihn selbst.
Er ist fr uns ein Bote des Himmels, fr den wir keine solchen Fragen haben. Wir
leben in steter Eintracht unter uns und halten Frieden mit allen andern
Menschen. Als wir uns um unseres Glaubens willen von den andern Dschamikun
trennten, wurden wir eine Zeitlang von ihnen heftig angefochten und sehr hart
bedrngt. Nun aber haben sie eingesehen, da dieser Glaube auch fr sie nur Gte
und nur Vorteil hat. Sie sind uns wieder freund geworden. Zu hten haben wir uns
nur noch vor den Ausgestoenen, welche euch gesagt haben, da sie Dinarun seien.
Sie leben nur vom Raube, wobei sie selbst den Mord nicht scheuen. Wir aber
nennen sie nur Massaban68, weil unser Chodeh69 nicht will, da wir diejenigen,
welche uns leid thun, mit einem bsen Wort bezeichnen. Diese Massaban, deren
oberster Anfhrer Nafar Ben Schuri ist, schwrmen in einzelnen Trupps berall
herum, in der Absicht, zu ernten, wo sie nicht geset haben. Aber wenn es einen
greren Streich gilt, finden sie sich schnell zusammen. Ein solcher war es, der
uns betroffen hat. Unsere Mnner waren fast alle auf einem Fest der Leng-i-Karun
abwesend - - -
    Ich denke, Nafar Ben Schuri war auf einem solchen Feste? fiel Halef ein.
    Das ist nicht wahr. Er berfiel uns whrend der Nacht, raubte alles, was er
zusammenraffen konnte, und fhrte auch einen Teil unserer Herden mit sich fort.
Hierbei wurden von den wenigen Mnnern, welche daheim geblieben waren, sechs
ermordet. Unter den Toten befand sich mein einziger Nachkomme, mein Enkelsohn,
die Freude meiner Augen, die geliebte Abendrte meiner letzten Lebenstage. Als
wir am andern Tage heimkehrten, sah ich ihn vor mir liegen, blutbefleckt und mit
weit aufgerissenen Augen und im Todesschmerz geballten Hnden. In meinem Innern
erklangen zwei Stimmen. Die eine rief mir Ed dem b'ed dem! zu; die andere aber
lie ihr Samah, samah! tnen. Es war ein kurzer, aber schwerer Kampf. Das Samah
unseres gnadenreichen Chodeh siegte. Ich lie alle meine Mnner zusammenkommen,
um zu beraten. Der Ustad stieg von seinem hohen Hause nieder und wohnte der
Versammlung bei. Wir sprachen lange hin und her; da gab er seinen Plan und mit
demselben unserm Willen Festigkeit. Es wurde beschlossen, der Plage des Landes,
welche die Massaban bilden, mit einem einzigen krftigen Streiche ein Ende zu
machen. Wir wollten sie fangen ohne alles Blutvergieen; keiner sollte entgehen.
Dann sollten sie dem Sipahsalar70 geschickt werden, welcher grad jetzt nach
Soldaten fr Farsistan sucht und keine findet, weil kein Angeworbener hinab nach
der ungesunden Grenze gegen Indien will. Wir sandten also einen Boten nach
Isfahan, um diese Nachricht hinzubringen, und machten uns zur Verfolgung der
Massaban auf. Als sie von uns erreicht wurden, bemerkten sie unsere groe
Ueberzahl und verloren den Mut, sich zu verteidigen. Sie lieen ihren Raub
stehen und liegen und ergriffen die Flucht. Hierauf verwandelte ich mich und
meinen Begleiter hier in Fukara und ritt ihnen mit der Stute des Ustad nach,
weil fr meinen Zweck unter Umstnden das schnellste unserer Pferde ntig war.
Als sie sich gelagert hatten, lie ich den Begleiter an einem verborgenen Orte
mit den Tieren zurck und ging zu ihnen. Ich gab mich fr Sallab aus, dessen
Namen sie kannten. Ein Fakir darf nicht fortgewiesen werden. Man duldete mich.
Auch ist er ein Mann, der sich nur um religise Dinge zu bekmmern pflegt. Man
war also in meiner Gegenwart nicht so vorsichtig, wie man es gegen einen andern
gewesen wre. Ich hrte verschiedenes. Es waren Bruchstcke. Aber wenn ich sie
zusammensetzte, bekam ich ein fast ganz vollstndiges Bild. Das veranlate mich,
abends, als es dunkel war, mich scheinbar zu entfernen. Aber ich kehrte zurck
und belauschte Nafar Ben Schuri, als er mit einigen seiner Leute zusammensa.
Ich hrte, was man gegen euch vorhatte. Gern htte ich euch gewarnt, aber ich
kannte ja die Oertlichkeiten nicht, und ihr mutet auch schon dort angekommen
sein, wo ihr den Schlaftrunk bekommen solltet. Als ich dann wiederkam und bei
ihnen sa, hrte ich, da man eure Waffen gegen uns brauchen wollte. Wir sollten
verfolgt werden, denn die Massaban wollten uns ihre verlorene Beute wieder
abnehmen. Das war mein Augenblick, den ich sogleich benutzte. Ich that, als ob
ich gar nicht aufgepat und darum auch gar nichts verstanden htte, und begann,
von dem Thale des Sackes zu sprechen. Dahin wollten wir sie nmlich locken, weil
dies der einzig passende Ort war, sie so einzuschlieen, da sie sich gar nicht
wehren konnten. Nafar Ben Schuri griff meine Worte sofort auf. Er ahnte meine
Absicht nicht im geringsten. Sein Gehirn begann, an der Falle zu bauen, deren
Entwurf ich ihm hingeschoben hatte, um ihn selbst zu fangen. Um ihn sicher zu
machen, stellte ich mich ganz unwissend und erzhlte, da ich auf meinem Wege
eine Schar von Dschamikun gesehen habe, welche sehr eilig nordwrts geritten
sei.
    Hatten sie Herden? fragte er.
    Nein.
    Wie viele waren es?
    Wohl einige Hundert.
    Er glaubte es und dachte nun, wir htten uns getrennt, und es seien bei den
Herden, denen er folgen wollte, nur wenige unserer Leute geblieben. Sein
Vorhaben erschien ihm also als sehr leicht ausfhrbar, und als ich mich dann zum
Schlafen niederlegte, konnte ich es mit dem Bewutsein thun, da mein Anschlag
eine gute Statt gefunden habe. Am andern Morgen erfuhr ich dann auch wirklich,
da beschlossen worden sei, die Dschamikun zu verfolgen und in dem Thale des
Sackes einzuschlieen. Ich htte nun gehen knnen, denn meine Absicht war
erreicht; aber der Gedanke an euch hielt mich noch fest. Eure Namen sind
bekannt. Ich wollte wissen, ob der gegen euch gerichtete Anschlag gelungen sei.
Ich wnschte, euch ntzen zu knnen. Da kamen die Massaban, welche euch beraubt
hatten. Sie brachten alles mit, was euch abgenommen worden war. Man jubelte. Da
aber stellte es sich heraus, da eure Pferde strrisch und eure Gewehre
unbrauchbar seien. Es wurde schnell Rat gehalten und man nahm sich vor, sich
euer scheinbar anzunehmen, bis man die Geheimnisse eurer Tiere und Waffen
erfahren habe. Wie man das ausfhrte, wit ihr ja. Ich bekam dadurch Zeit, meine
Dschamikun zu unterrichten. Ich ritt zu ihnen, um ihnen meine Anweisungen zu
erteilen, und als ich am anderen Tage zurckkehrte, setzte ich mich zu euch. Ich
erfuhr, da ihr die Massaban wirklich fr Dinarun hieltet und ihnen gegen uns
helfen wolltet. Nun wute ich genug und ging. Von der nchsten Anhhe aus sah
ich Kara Ben Nemsi auf dem Berge stehen und winkte ihm warnend zu. Das war fr
so erfahrene Mnner, wie ihr seid, hinreichend, zur Vorsicht zu mahnen. Ich
wollte euch helfen. Ich gedachte nicht, euch als unsere Feinde zu betrachten.
Ihr solltet zwar mit gefangen genommen, dann aber sofort wieder freigelassen
werden. Ich hatte gesehen, da der Scheik der Haddedihn krank sei. Ich kenne
diese Krankheit genau. Sie wird sehr hufig vom Euphrat und vom Tigris zu uns
heraufgeschleppt, und wir kennen ein Mittel, welches ganz unfehlbar wirkt. Ich
machte darum den Hadschi aufmerksam, wo er das Leben gegen den Tod finden werde,
wei aber nicht, ob ihr mich verstanden habt. Ich wute alles, auch da uns
Kundschafter nachgeschickt worden waren. Als ich wieder zu meinen Dschamikun
kam, beeilten wir uns, die Falle so zu stellen, da die Massaban ganz gewi
glauben werden, wir seien es, hinter denen sie sich zuzuschlieen habe. Auch wir
haben Kundschafter. Sie haben euch scharf beobachtet. Als ich den Ort eures
letzten Nachtlagers erfuhr, setzte ich mich mit diesem meinem Begleiter zu
Pferde, um euch mit eigenen Augen zu beobachten. Wir dachten nicht an die
Mglichkeit, da es jemandem von euch einfalle, von euerm Wege abzuweichen. Da
trafen wir auf euch.
    Und wendetet sogleich die Pferde, um die Flucht zu ergreifen! Warum thatet
ihr das? fiel hier Halef ein.
    Durften wir euch trauen? fragte der alte Scheik lchelnd.
    Nein. Du hast recht. Aber wie steht es nun jetzt? Wie denkt ihr nun von
uns?
    Da stand Peder wieder von seinem Platze auf, stellte sich in feierlicher
Haltung vor uns hin und antwortete:
    Ihr habt uns gefangen, aber wieder freigegeben. Das war eine That des
Vertrauens und der Ehrlichkeit. Ich will nicht minder ehrlich sein als ihr. Ja,
ich bin es schon gewesen! Ich habe euch gesagt, da wir den Massaban eine Falle
gestellt haben, in welche sie gehen sollen. Wenn ihr ihnen das mitteilt, falls
ihr ihnen mehr glaubt als uns, so ist diese unsere Mhe vergeblich gewesen. Ich
spreche keine Bitte aus. Dieses mein Schweigen mag euch sagen, was ich von euch
denke.
    Nun sprang auch Halef auf. Ich sah ihm an, da er seinem schnellen
Temperamente folgen wollte. Er besann sich aber, wendete sich zu mir und fragte:
    Hrst du es, Sihdi? Der Scheik der Dschamikun giebt sich wehrlos in die
Hnde unserer Rechtschaffenheit! Ich wollte ihm sagen, was wir thun werden; aber
sag du es ihm!
    Ich folgte dieser Aufforderung, indem ich mich erhob und dem Alten die Hand
reichte:
    Wir glauben dir! Deine Falle wird sich ganz gewi bewhren, denn wenn die
Massaban zgern sollten, hineinzugehen, werden wir sie hineinfhren. Am liebsten
ritte ich jetzt mit dir zu deinen Leuten; aber wir betrachten uns von diesem
Augenblicke an als deine Freunde und Verbndete und wollen nicht der
unverdienten Ruhe pflegen, sondern das unsere dazu beitragen, da euer Vorhaben
gelinge und diese Landplage unschdlich gemacht werde.
    Das, das wollt ihr wirklich thun? fragte Peder im Tone der Freude.
    Ja. Darum bitten wir dich, uns das Ntige ber die Lage des Daraeh-y-Dschib
mitzuteilen, damit wir keine Fehler machen. Aber thue das schnell und kurz, denn
wir mssen nun zu den Massaban zurckkehren, wenn sie nicht wegen unseres zu
langen Ausbleibens mitrauisch werden sollen.
    Ich kann diese seine Instruktionen hier bergehen, weil sich ihr Inhalt aus
dem Nachfolgenden ergeben wird. Peder beschrieb die Oertlichkeiten so genau, da
ich eine hinreichende innere Anschauung von ihnen bekam. Auch ber die Falle, in
welche die Massaban gefhrt werden sollten, sprach er sich in der Weise aus, da
wir nicht im Zweifel darber waren, wie wir uns zu verhalten hatten. Dann
trennten wir uns von ihm und seinem Begleiter, und zwar in ganz anderer Weise,
als wir vorhin mit ihnen zusammengetroffen waren. Sprachlich will ich hier noch
bemerken, da das persische Wort Peder (Vater) nicht etwa wie der deutsche Name
Peter, sondern mit dem Tone auf der letzten Silbe, also Pedehr, ausgesprochen
wird.
    Als wir hierauf nun Seite an Seite um den nrdlichen Fu des Berges
herumritten, sagte Halef zu mir:
    Jetzt wissen wir nun endlich genau, woran wir mit diesen Lgnern und
Betrgern sind. Wie schwer wird es mir fallen, nun auch Betrger zu sein!
    Betrger? Wieso?
    Weil wir ihnen doch nicht merken lassen drfen, da wir alles wissen. Wir
mssen uns verstellen, mssen uns als Freunde gebrden, und das, das fllt mir
ganz entsetzlich schwer, Sihdi! Wenn ich nicht sagen darf, was ich denke, so
sage ich lieber nichts!
    Ganz richtig! Ich bitte dich, genau nach diesem Worte zu handeln, doch
nicht nur in Beziehung auf das Sprechen. Auch alles, was du thust, mu
verschwiegen sein. Du darfst durch keine Bewegung, durch keine Miene verraten,
da du mehr weit, als du wissen sollst.
    Das ist es ja eben, was mir schwer fllt!
    Es ist leichter, als du denkst. Man mu sich nur hten, gesprchig oder gar
geschwtzig zu sein. Wir brauchen uns nur genau so zu verhalten, wie wir es
gethan haben, seit wir auf die Spuren getroffen sind. Dann wird es einer groen
Verstellungskunst gar nicht bedrfen. Auch ich gebe mich nicht gern anders, als
ich bin; aber wenn in diesem gegenwrtigen Falle Klugheit gegen Arglist und
Schweigsamkeit gegen Verstellung gehalten wird, so kann das ganz unmglich eine
Snde sein. - Hat dich unser Eilritt angegriffen, Halef?
    Ich fragte so, weil ich sah, da er jetzt nicht mehr stramm im Sattel sa.
Da nahm er sich sofort zusammen, richtete sich auf und antwortete:
    Angegriffen? Mich? Wie kann mich ein Ritt angreifen, der die grte Wonne
ist, die ich mir zu Pferde vorstellen kann? Sei doch so gut, jetzt ja nicht an
die Krankheit zu denken! Du siehst doch jedenfalls ein, da der Hauptteil
unseres Erlebnisses mit den Massaban erst jetzt beginnen soll. Meinst du, da
ich da dem alten Weibe erlauben werde, mich von den Thaten, welche geschehen
sollen, auszuschlieen? Wir werden es kurz machen. Wahrscheinlich sind wir schon
morgen mit diesen Leuten fertig. Und so sage ich dir: So lange wir sie nicht in
der Falle haben, so lange wrde selbst der Tod nichts ber mich vermgen. Und
wenn er mich niederwrfe, ich wrde doch wieder aufstehen, um ihnen zu beweisen,
da sie sich in uns verrechnet haben. La uns machen, da wir schnell zu ihnen
kommen!
    Nicht lange hierauf hatten wir den Berg umkreist und stieen auf die Fhrte
der Massaban, welcher wir folgten, bis wir den Reiterzug an einer Stelle
einholten, wo von dieser und der nchsten Hhe aus sich ein ebenes Tafelland
nach Osten zog. In diese Ebene ritten wir nun hinaus, ohne da uns jemand nach
dem Verlauf unserer Reitpartie gefragt htte. Man verhielt sich still gegen uns,
und das war uns nur lieb.
    Nach einiger Zeit sahen wir auf der Flche vor uns mehrere Reiter
erscheinen, welche, als sie uns erblickten, schnell auf uns zukamen. Nafar Ben
Schuri ritt ihnen entgegen und sprach lngere Zeit mit ihnen. Dann gab er das
Zeichen zum Weiterreiten. Diese neu zu uns gestoenen Massaban machten nun die
Fhrer.
    Ob das wohl die erwarteten Kundschafter sind? fragte Halef.
    Jedenfalls, antwortete ich.
    Warum meldet er uns nicht, was sie ihm berichtet haben?!
    La ihn! Es ist die Laune des bsen Gewissens. Er spielt den Gekrnkten,
freilich ohne zu wissen, da dieses sein Schmollen uns sehr willkommen ist.
    Aber, haben wir es uns gefallen zu lassen? Wir sind nicht seine
Untergebenen, sondern stehen ber ihm. Er ist doch der Meinung, da wir ihm
helfen sollen, und da hat er uns doch unbedingt zu berichten, welche Meldung ihm
gebracht worden ist!
    Htten wir uns noch als seine Helfer zu betrachten, so wrde ich mir diese
Zurcksetzung freilich verbitten. Nun aber, da sich die Sache so ganz anders
gestaltet hat, kommt mir sein Schweigen sehr gelegen. Dein Selbstgefhl kann
sich beruhigen, lieber Halef. Du weit ja doch, da die Strafe nicht auf sich
warten lassen wird.
    Das lt mich allerdings den Verweis, den ich ihm geben mchte, in den
Abgrund meines Zornes fallen lassen. Dort mag er bis zur Stunde der Vergeltung
liegen bleiben!
    Das gekrnkte Ehrgefhl meines kleinen Hadschi brauchte nicht lnger als ein
kleines Viertelstndchen zu warten, um zu Worte kommen zu knnen. Schon nach
dieser kurzen Zeit stieen wir auf eine von Sden herberstreichende breite
Fhrte, welche diejenige der Dschamikun mit ihren Herden war. Gleich der erste
Blick belehrte uns, da diese Pferde- und Wiederkuerspuren ber einen Tag alt
waren, ein auerordentlich wichtiger Umstand, den aber weder die Kundschafter,
nach Nafar Ben Schuri beachteten. Jetzt hielt er es nun fr an der Zeit, einige
Worte an uns zu richten:
    Das ist der Kreuzungspunkt, von dem ich zu euch sprach. Ihr seht, da wir
die Dschamikun glcklich eingeholt haben.
    Eingeholt! Wie er sich irrte! Sie waren ja schon gestern hier
vorbergekommen und hatten also mehr als genug Zeit gehabt, ihre Falle zu
stellen. Seine Kundschafter taugten nichts. Natrlich hteten wir uns, ihn
darauf aufmerksam zu machen, da seine Ansicht eine durchaus falsche sei. Er
fuhr fort:
    Diese Ruber und Mrder machen hier, indem sie weit nach Osten hinaus
abbiegen, den Umweg, der sie in unsere Hnde bringen wird. Indem wir ihnen nicht
folgen, sondern geradeaus nach Norden reiten, kommen wir ihnen zuvor und
gewinnen mehr als genug Zeit, das Daraeh-y-Dschib zu besetzen.
    Wie weit ist es von hier bis dorthin? erkundigte ich mich.
    Wir sind schneller gewesen, als wir vorher dachten. Wenn wir uns sputen,
knnen wir es noch vor dem Eintritt der Dunkelheit erreichen.
    Meinst du, da die Dschamikun dann morgen kommen?
    Eher keinesfalls.
    Und unser Nachtrab? Wo bleibt der?
    Diese Frage schien ihm ganz unerwartet zu kommen. Er machte eine verlegene
Miene. Ich hatte sie ausgesprochen, weil mir daran lag, die Massaban alle
zusammen in das Netz zu bekommen. Auch die, welche sich noch hinter uns
befanden, sollten mit dabei sein.
    An den Nachtrab habe ich gar nicht gedacht, weil es nicht ntig ist,
erklrte er.
    Nicht ntig? Willst du haben, da deine Absicht durch ihn verraten und die
Ausfhrung desselben dadurch verhindert werde?
    Wieso verhindert?
    Sonderbare Frage! Wann wird der Nachtrab am Thale des Sackes ankommen?
    Morgen.
    Und die Dschamikun kommen auch morgen? Sie werden ihn sehen und sofort ber
ihn herfallen!
    Maschallah! Das ist richtig! Das mu verhtet werden! Sihdi, gieb uns
deinen Rat! Was meinst du, da wir thun?
    Es ist nur eines mglich: Deine Dinarun haben uns zu folgen und sich noch
whrend der Nacht bei uns im Thale einzustellen.
    Im Thale?
    Ja.
    Nicht an oder bei dem Thale?
    Nein. Wenn du fhig wrest, einen so unverzeihlichen Fehler zu begehen,
wrde ich mit dem Scheik der Haddedihn sofort umkehren und euch keinesfalls
weiter begleiten, weil wir berzeugt sein wrden, da dein so schn angelegter
Plan dann fr uns unheilvoll werden mte. Wir haben diese Nacht natrlich in
dem Thale, keineswegs aber bei demselben zuzubringen.
    Warum?
    Ich gab mir den Schein der Ungeduld, indem ich antwortete:
    Denkt ihr denn gar nicht nach? Wenn wir eine ganze Nacht lang in der Nhe
des Thales lagern, so giebt das Spuren, welche noch wochenlang zu sehen sind.
Die Dschamikun mten doch blind sein, wenn sie diesen unverzeihlichen
Selbstverrat nicht bemerkten! Und nach einer so handgreiflichen Warnung wre es
nur Wahnsinnigen zuzumuten, in die Falle zu gehen. Der Felsengrund des Thales
aber nimmt keine Spuren an, die zur vorzeitigen Entdeckung fhren knnen.
Auerdem bieten uns die hohen Steinwnde Schutz gegen jede Unbill der Nacht. Und
drittens befinden wir uns, wenn die Entscheidung naht, gleich frhmorgens an Ort
und Stelle und knnen so wunderbar schn versteckt bleiben, da bis zum letzten
Augenblicke kein Dschamiki ahnen kann, wie nahe sein Verderben ist.
    Ich sah ihm an, da ich ihn berzeugt hatte. Auch auf den Gesichtern seiner
Leute, welche meine Worte gehrt hatten, war nichts als Zustimmung zu lesen. Da
sagte er:
    Ich hre, da du dir die Sache gut berlegt hast. Auch ich hatte schon so
hnliche Gedanken. Wir sind bereit, deinen Vorschlag auszufhren. Die
Kundschafter mgen hier bleiben, um den Nachtrab, sobald er ankommt, hinunter
nach dem Daraeh-y-Dschib zu geleiten. Nun aber mssen wir uns beeilen, weil es
im Thale eher finster wird als auerhalb desselben.
    Die Spher stiegen von den Pferden und setzten sich nieder. Der Zug ritt
weiter, ich mit Halef hinterdrein. Der letztere sprach, als uns niemand hrte:
    Sihdi, das hast du pfiffig gemacht! Jede Lge vermieden und doch unseren
Zweck erreicht! Leider haben diese Menschen keine Ahnung von der Lehre, die du
ihnen jetzt gegeben hast.
    Welche Lehre, Halef?
    Das fragst du mich? Du selbst, der sie erteilte?
    Sprich sie nur aus, damit sie hrbar werde!
    Beide knnen klug sein, der Bse sowohl als auch der Gute. Aber wenn es zum
Schlusse kommt, so stellt sich unbedingt heraus, da nur der Gute wirklich und
wahrhaft klug gewesen ist.
    Was folgt hieraus?
    Nichts, als was ich gesagt habe. Das ist doch wohl genug!
    Drehe es einmal herum!
    O, Sihdi, was mutest du mir zu! Du weit ja, da ich nicht gern Rtsel
lse! Und wenn man etwas herumdreht, so wird es verkehrt, und ich werde mich
wohl hten, etwas Verkehrtes zu sagen! Drehe du doch selbst es um, damit ich
hre, wie es aus deinem Munde klingt!
    Jedenfalls nicht verkehrt. Aus deinen Worten geht hervor, da es die wahre
Klugheit ist, nur gut, nie aber bs zu handeln. Nafar Ben Schuri ist stolz auf
seinen Plan, den er fr ungeheuer schlau hlt. Von wem aber hat er ihn bekommen?
Von dem Peder!
    Ganz recht! Hast du dir die Augen dieses Mannes betrachtet?
    Ja.
    Ich auch. Droben im Lager der Massaban, als er noch als Fakir galt, habe
ich ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Jetzt aber mchte ich mich fragen, ob
ich wohl schon einmal etwas so Schnes wie diese Augen gesehen habe. Es ist mir
da ein Gedanke gekommen, und ich kann mir nicht helfen, ich mu ihn dir sagen.
    Sprich!
    Wirst du mich auslachen?
    Nein!
    Im Herzen des Menschen wohnt entweder der Himmel oder die Hlle, und das
Auge ist das Fenster, durch welches entweder Allah oder der Scheitan seinen
Blick nach auen richtet. Dieser Peder trgt den Himmel in sich. So oft er
seinen Blick auf mich lenkte, war es mir, als ob Allah mich anschaue. Ich knnte
diesem Manne niemals etwas thun, was ihn betrben mte. - - Gieb mir die
Medizin!
    Diese letzte Aufforderung kam so unerwartet, da ich ihn betroffen ansah.
    Habe ich dich erschreckt? fragte er. Es ist nichts, wirklich gar nichts!
Du brauchst keine Sorge zu haben. Aber ich fhle pltzlich den Hals nicht mehr.
Es ist mir, als ob der Kopf frei in der Luft schwebe. Und doch wird er mir ganz
pltzlich so schwer, da ich das Gefhl habe, er werde mir herunterfallen.
    Das war ein schlimmes Zeichen. Nach der bisherigen Aufregung begann das
Gegenteil nun einzutreten. Auch ich fhlte eine bedenkliche Eingenommenheit des
Kopfes, gab aber doch nur Halef von dem Mittel, obgleich ich es wohl auch htte
nehmen sollen.
    Unsere bisherige gute Stimmung war pltzlich eine ganz andere geworden. Die
Sonne schien nicht mehr, und nun sie hinter den Bergen verschwunden war,
breitete sich die Dmmerung mit der jenen Gegenden eigenen Schnelligkeit ber
das Land. Dieser uere Vorgang wollte sich auch in unserm Innern fortsetzen.
Kein Mensch, und sei er ein noch so ausgeprgter, krftiger Charakter, bringt es
fertig, sich den Einflssen der Natur ganz zu entziehen. Er hat an den Leiden
und den Freuden der Schpfung teilzunehmen, welche auf ihn, so lange er lebt,
niemals verzichten wird.
    Halef sa jetzt zusammengedrckt im Sattel; er lie den Kopf hngen. Was
mich betrifft, so fhlte ich mich nicht nur ermdet, sondern matt. Diese
Mattigkeit lag nicht in meiner Natur; sie war mir fremd, war - - Krankheit. Wie
kam es doch, da ich grad jetzt an das Hammelfleisch denken mute, welches wir
im Lager der sogenannten Dinarun gegessen hatten? Ich fhlte, da es mir
unmglich sein wrde, gegenwrtig auch nur einen einzigen Bissen davon zu
genieen. Schon blo der Gedanke daran schttelte mich! War das ein Wink von
innen heraus? Wer vermag die dort wohnenden Geheimnisse zu ergrnden!
    Unser Weg war jetzt ein unausgesetzt abwrts gehender. Der voranreitende
Nafar Ben Schuri hatte sichtlich Eile. Es ging in schnellem Tempo teils an
Berghngen, teils auch ber freie Bodensenkungen hin, bis uns ein kurzes,
schmales Thal aufnahm, dessen Mndung uns an den Rand eines Warr brachte,
welches mich an gewisse Gegenden der inneren Sahara erinnerte.
    Unter Warr hat man einen Ort zu verstehen, dessen Boden mit wirr liegenden
Felsentrmmern bedeckt ist. Ein solches Warr im wahrsten Sinne sahen wir hier
vor uns liegen. Als ob vor Jahrtausenden da ein riesiger feuerspeiender Krater
vorhanden gewesen sei, so gerade und steil stieg ringsum das schwarze Gestein
zum Himmel auf. Wo lebten die Giganten, welche die Spitzen der rundum ragenden
Berge abgebrochen und in solche Tiefen geschleudert hatten, da sie in tausend
Trmmer zerschmettert worden waren? Es sah ganz so aus, als ob von unheilvollen
Urkrften hier einst irgend eine erschreckliche Teufelei ausgefhrt worden sei.
Die Zwischenrume der gewaltigen Steinbrocken waren mit Farnen, Dornen und
allerlei Gestrpp so dicht ausgefllt, da es gewi unmglich gewesen wre,
hindurchzukommen, wenn es nicht ein jetzt leeres Wasserbett gegeben htte,
welches in zwar zahlreichen, aber doch gangbaren Windungen nach der anderen
Seite hinberfhrte.
    Wir folgten diesem Wege. Drben angekommen, trafen wir auf ein zweites, noch
breiteres Wasserbett, welches sich mit dem unserigen vereinigte. Nafar Ben
Schuri deutete in die Richtung desselben zurck und rief uns zu:
    Das ist der Weg, auf dem die Dschamikun kommen werden. Und da, gerade vor
uns, seht ihr das Thor, durch welches man in das Daraeh-y-Dschib gelangt.
    Zwei frher senkrecht stehende Felsenwnde hatten sich einander zugeneigt,
bis sie hoch oben aufeinander getroffen waren. Sobald uns dieses finstere, aus
gewaltigen Massen bestehende und doch einsturzdrohende Thor aufgenommen hatte,
war es so dunkel um uns her, da es einiger Zeit bedurfte, bis wir die Augen
hieran gewhnt hatten und die nchste Umgebung zu unterscheiden vermochten. Da
habe ich mich freilich wohl falsch ausgedrckt, denn es gab nur eine nchste
und gar keine weitere Umgebung. Das Thal bestand hier aus dem Wasserbette und
einem nicht viel breiteren Ufer rechter Hand, welches unsere Pferde zu
erklettern hatten. Links gab es keinen solchen Rand, weil das Wasser - nmlich
wenn es welches gab - direkt von der Felsenwand begrenzt wurde. Indem wir nun
langsam und vorsichtig auf diesem einen und auch einzigen Ufer hinritten,
begleitete uns hoch oben ein Himmelsstreifen, welcher nicht breiter als eine
Hand zu sein schien.
    Die Schritte unserer Pferde erregten hier einen wahren Hllenlrm, von den
zurckgeworfenen Schallwellen verzehnfacht, dumpf, hohl, ohne Hhe oder Tiefe,
unbegrenzt, vollstndig klang- und wesenlos. Es war ein Spektakel schattenhafter
Gerusche, denen mit dem Inhalte auch das Leben fehlte.
    Spter senkte sich das Wasserbett tiefer, und das Ufer wurde breiter. Wir
bekamen mehr Platz. Es gab sogar Bsche solcher Arten, die keiner direkten
Sonnenstrahlen bedrfen. Wir atmeten eine dicke, stehende, feuchtmodrige Luft,
welche die Lungen beschwerte. Das wurde erst besser, als die Felsen oben weiter
auseinander traten und uns vom Ausgange des Thales oder vielmehr der Schlucht
her ein frischer Odem entgegenwehte. Dann gab es pltzlich Raum genug fr uns
alle und auch fr unsere Pferde. Der Sack war zu Ende.
    Eigentlich war der Name Dschib nicht zutreffend gewhlt fr die vorhandene
Oertlichkeit. Sie glich weniger einem Sacke, als vielmehr einer lang- und
dnnhalsigen, weitbauchigen Phiole oder einer jener Flaschen, in welche der
Steinwein abgezogen wird. Der lange, schmale Gang verbreiterte sich mit einem
Male zu einem groen, halbkreishnlichen Platze, auf dem wir ganz bequem lagern
konnten. Und doch hatte der Ausdruck Sack, wenigstens im vergleichenden Sinne,
auch seine Richtigkeit, weil der Weg von hier nicht weiter ging. Die Bodenlinie
der Flasche wurde nmlich von einem tiefen Felsenrisse gebildet, dessen Ende wir
nicht ersehen konnten. In diesen Ri mndete unser Wasserlauf. Es mute bei
geflltem Bette Grauen erregen, die Wassermasse spurlos da unten in der Tiefe
verschwinden zu sehen! Der jenseits des Risses liegende Teil des Berges war
nicht steil gerichtet; er bildete vielmehr eine moosig grne Bschung, auf
welcher einzelne uralte Eichen und andere Laubhlzer standen. Das lockte
hinber; aber leider konnten wir nicht, weil der Felsenspalt uns von ihm
trennte!
    Es hatte eine Brcke hinbergefhrt, deren Reste wir noch sahen: zwei
Urwaldstmme, darber Querstmme und dann Steine darauf. Die Steine waren
verschwunden. Von den Querstmmen reichte nur noch einer von oben bis in den
Felsenri hernieder, wo er sich eingestemmt hatte, um zu verraten, da die
Brcke nicht von der Natur, sondern durch Menschenhand zerstrt worden sei. Die
Dschamikun hatten Stmme und Steine in die Tiefe gestrzt, damit den Massaban
die Flucht von hier aus abgeschnitten sei. Als der Anfhrer der letzteren die
Vernichtung sah, war er nicht etwa enttuscht, sondern er rief ganz im Gegenteil
sehr erfreut aus:
    Die Brcke ist eingestrzt! Welch ein Glck fr uns! Wenn die Dschamikun
morgen kommen, knnen sie nicht hinber und sind gezwungen, sich uns zu ergeben!
Wir haben nun gar nicht ntig, die Brcke zu besetzen, und knnen uns also alle
daran beteiligen, die Feinde hier hereinzutreiben!
    Das gab eine allgemeine Freude, an welcher wir beide uns freilich nicht
beteiligten. Halef war nmlich mehr vom Pferde herabgefallen, als
herabgestiegen. Ich nahm ihn in den Arm und fhrte ihn zu einer Stelle, welche
ich zum Lagern fr die beste am ganzen Platze hielt. Dort legte ich ihn nieder,
holte seinen Sattel zum Kopfkissen und wickelte ihn in seine und in meine Decke
ein, denn ich sah, da der Frost ihn frmlich schttelte. Die Zhne schlugen ihm
zusammen. Er schien am Ende seiner Krfte angekommen zu sein. Noch hatte ich ihn
nicht ganz eingehllt, so ri er die Decken wieder weg, richtete sich in
sitzende Stellung auf und sagte, indem er mich mit weit aufgerissenen Augen
angstvoll anstarrte:
    Sihdi, mssen wir hier bleiben?
    Ja, nickte ich.
    Die ganze, ganze Nacht?
    Ja.
    Da sterbe ich! Ich fhle, da ich es hier nicht aushalte, da ich fort mu,
da es mein Leben kostet, wenn ich bleibe!
    Zurck knnen wir unmglich!
    Aber vorwrts?
    Die Brcke ist weg!
    Wir haben die Pferde! Der Spalt ist schmal. Wir springen hinber!
    Halef! rief ich erschrocken. Das wrde Wahnsinn sein!
    Da prete er die Lippen zusammen und ballte die Fuste, als ob er alle seine
Krfte herbeizwinge. Es gelang ihm, die Schwche noch einmal zu besiegen. Er
stand ganz auf, ging hin an den Spalt, wo die Brcke gelegen hatte, und ma die
Entfernung der gegenberliegenden Kante mit scheinbar ruhigem Auge. Dann drehte
er sich zu mir um und sprach:
    Sihdi, erhre mich! Es ist vielleicht die letzte, die allerletzte Bitte,
die ich in diesem Leben zu dir sage. Ich habe dich belogen, denn ich wollte dich
nicht bengstigen. Meine Krankheit ist schlimmer, als du denkst. Ich habe mit
allen Krften gegen sie gekmpft, ohne es dir einzugestehen. Diese Krfte sind
alle; sie reichen nur noch zu dem letzten Sprunge dort hinber. Dann breche ich
zusammen, und du sollst mich pflegen. Willst du diesen Sprung mit mir wagen?
    Halef, mein lieber, lieber Halef! antwortete ich kopfschttelnd, nicht aus
Angst vor dem Wagnis, sondern aus Herzenssorge um ihn.
    La mich nicht viele Worte machen, denn sie rauben mir die Kraft, die ich
ntiger brauche. Durch den Gang knnen wir nicht zurck. Das erfordert zu viel
Zeit, und die Massaban wrden uns auch nicht lassen. Bleiben wir aber hier, so
wei ich, da ich verloren bin. Allein aber kann ich unmglich fort. Sihdi, mein
Sihdi, hast du mich noch lieb?
    So lieb, wie noch nie, mein Halef!
    So denk an den frchterlichen Sprung damals, den du auf deinem herrlichen
Rih ber die Spalte des Verrters71 thatest. Assil leistet im Springen ganz
dasselbe wie sein Vater Rih, und dieser Ri hier ist ganz gewi nicht so breit,
wie jene Spalte war!
    Ich legte ihm beide Hnde an die Wangen, kte ihn auf den Mund und sah ihm
dann in das Gesicht. Es hatte noch nie einen so liebevollen, aber auch noch
niemals einen so entschlossenen Ausdruck gehabt. Es war wirklich sein Leben, um
welches es sich handelte. Es mute gerettet werden!
    Wirst du denn fest im Sattel sitzen? fragte ich. Nur noch zwei Minuten
fest?
    Ich schwre es dir bei Allah zu, Sihdi!
    Gut, dann sei es gewagt! Bleib du ruhig stehen. Ich werde die
Vorbereitungen treffen.
    Die Massaban hatten damit zu thun, ihre Pferde zu versorgen und es sich dann
mglichst bequem zu machen. Sie achteten infolgedessen nicht besonders auf uns.
Ich legte Barkh den Sattel wieder auf, schnallte die Decken an Ort und Stelle
und untersuchte mit ganz besonderer Vorsicht die Lage und die Festigkeit der
Bauchgurte. Whrend ich das that, sagte Halef:
    Sihdi, die Pferde knnen keinen weiten Anlauf nehmen. Sage ihnen also, um
was es sich handelt! Sie werden dich verstehen.
    Ich fhrte die Rappen also ganz hart an die Spalte, so da sie mit den
Kpfen gegen dieselbe standen.
    Natt, natt - springen, springen! sagte ich, indem ich sie streichelte.
    Da hoben sie die Schwnze; ihre Ohren legten sich vor und ihre Nstern
weiteten sich, tief Atem holend. Sie wuten gar wohl, was das Wrtchen natt zu
bedeuten und was hierauf zu erfolgen hatte.
    Wer zuerst? fragte Halef.
    Du. Doch beachte, da auf der Kante drben der Felsen unter einer Schicht
von Erde und faulem Holze liegt. Barkh wird abrutschen, wenn er nur mit den
Vorderhufen fat. Nimm die Peitsche in die Hand, um unglcklichen Falles
nachzuhelfen, und schaue dich ja nicht erschrocken um, wenn ich es fr ntig
halte, den rettenden Schwung durch einen Schu zu untersttzen!
    Es wird das alles gar nicht bedrfen. Du kommst gleich hinter mir?
    Sobald ich sehe, da du drben bist und mir Platz gemacht hast. Eher
nicht.
    Kann es losgehen? Jetzt?
    Ja.
    So sei Allah unsere Hilfe! Ich denke an Hanneh, der ich mein Herz gegeben
habe, und an Kara Ben Halef, meinen Sohn, welcher der Stolz und die Hoffnung
meines irdischen Lebens ist. Sihdi, wir bleiben beisammen, jenseits dieser
Felsenspalte, lebend, lebend hier oder lebend dort. Du warst und bist mein
Freund; ich danke dir! Schaff Platz! Nun soll's beginnen!
    Im Hintergrunde unseres Lagerplatzes war es vollstndig Nacht. Vorn gab es
noch einen letzten, langsam ersterbenden Dmmerungshauch. Ueber dem Felsenrisse
aber stand der offene Himmel, und da reichte die Helle grad noch zu, den
jenseitigen Bord des Abgrundes deutlich zu erkennen, aus welchem uns das
Sterben entgegen ghnte, denn Tod giebt es ja doch nicht! Sollte uns da
unten in der schauerlichen Spalte vielleicht Halefs Frage: Sihdi, wie denkst du
ber das Sterben? beantwortet werden?
    Er griff nach seinem Gewehre, um es sich am Riemen ber den Rcken zu
hngen; da aber nahm ich es ihm weg und sagte:
    Halt, du sollst nicht beengt sein. Ich werde es mit zu den meinigen
nehmen.
    Aber du hast ja schon zwei! warf er ein.
    Thut nichts. Ich bin nicht so krank wie du, und mein Assil Ben Rih springt
besser als dein Barkh. Ich habe dich also zu entlasten.
    Er wollte es trotzdem nicht zugeben; ich schnitt aber alle weiteren
Einwendungen dadurch ab, da ich unsere beiden Pferde an den Zgeln nahm und sie
um des Anlaufs willen so weit wie mglich in die Schlucht zurckfhrte. Als dies
Nafar Ben Schuri sah, fragte er:
    Warum verlat ihr eure gute Stelle? Wollt ihr da hinten schlafen, wo die
Luft so schlecht und so schwer zu atmen ist?
    Nein, antwortete ich; sondern wir wollen euch zeigen, wie ihr es machen
mt, wenn ihr morgen die Dschamikun fangen wollt.
    Uns das zeigen? In welcher Weise?
    Wir reiten ber die Spalte.
    Unmglich! So einen Sprung bringt kein Pferd fertig. Wer ihn wagte, der
wre unbedingt wahnsinnig. Er wrde nicht nur Allah versuchen, sondern in den
sicheren Tod strzen!
    Wir verlassen uns allerdings auf Allahs Schutz; aber wahnsinnig sind wir
nicht. Was euch mit euren Pferden verderblich sein wrde, das drfen wir den
unseren wohl zutrauen. Macht Platz, und keiner stelle sich etwa in den Weg oder
mache sonst eine Bewegung, uns zu hindern. Wir wrden ihn niederreiten!
    Aber, Sihdi, ich sage dir, da ihr unbedingt da hinunter in den Ri - - -
    Schweig! unterbrach ich ihn hart. Du hast uns gar nichts zu sagen!
    Ich hatte die Absicht, ihn durch diesen meinen strengen Ton derart zu
verblffen, da er jeden Schritt und jeden Griff nach uns unterlie. Und das
gelang. Hatten wir einmal zum Sprunge angesetzt, so konnte jede Strung uns das
Leben kosten. Als kluger Mann htte er sich nach dem eigentlichen Grunde dieses
unseres Wagnisses fragen mssen, und da wre er gewi auf die einzige richtige
Antwort gekommen, da wir uns von ihm und seinen Leuten trennen wollten; aber
dieses Vorhaben erschien ihm so ungeheuerlich, da der Schreck darber ihn zu
gar keiner Ueberlegung kommen lie.
    Denkt euch, ihr Mnner, schrie er seinen Massaban zu, unsere Gste wollen
ber den Spalt springen! Das nenne ich eine Verwegenheit, die ganz unglaublich
ist!
    Sie antworteten in ihrer wirren, lrmenden Weise. Wir achteten nicht darauf.
Halef hatte Barkh bestiegen. Die Peitsche in der Hand, sah er mich mit
zuversichtlichem Lcheln an und sagte:
    Ich bin bereit. Mein Rappe mu es verzeihen, wenn er in diesem seltenen
Falle einmal einen Schlag von mir bekommt. Es kann dadurch ihm und mir das Leben
gerettet werden. Soll ich jetzt?
    Ich will erst vollstndig freie Bahn machen und bitte dich noch einmal, ja
nicht zu erschrecken oder dich umzusehen, wenn ich etwa schiee!
    Der ganze Vorgang spielte sich natrlich viel schneller ab, als ich ihn
erzhlen kann. Ich warf nochmals einen forschenden Blick auf Halef. Seine
Haltung war fest und gut, und sein Gesicht hatte den Ausdruck eines solchen
Selbstvertrauens, als ob an ein Milingen des Sprunges gar nicht zu denken sei.
Nun warf ich mir zwei Gewehre ber den Rcken, machte das dritte schufertig,
schwang mich in den Sattel und lie Assil derart nach der Spalte courbettieren,
da die wenigen Massaban, welche noch im Wege standen, zurckweichen muten.
    Ileri - vorwrts! rief ich nun Halef zu.
    Bi aun illah - mit Gottes Hilfe! Jatib, jatib, ia Barkh - spring, spring, o
Barkh!
    Indem er diese Worte ausrief, trieb er sein Pferd an, welches nun wohl
wute, um was es sich handelte. Es flog, nein, es scho in der Weise vorwrts,
da mein Ohr die einzelnen Hufschlge nicht voneinander unterscheiden konnte. Es
gab in mir ein Gefhl, welches ich noch nie empfunden hatte und das mich
wahrscheinlich auch jetzt nicht ergriffen htte, wenn der Hadschi nicht so krank
und matt gewesen wre. Mein ganzes Wesen schien ein einziger, groer, lauter
Hilferuf zu sein.
    Da setzte Barkh hben an - - jede seiner Muskeln war federnde Energie - -
jetzt schwebte er ber dem Abgrunde - - nun fate er drben Boden - - mit allen
vieren - - schon war es mir, als msse ich vor Freude jauchzen - - - da gab die
jenseitige Kante unter seinen Hinterhufen nach - - sie rutschten ab - - - Halef
erkannte die frchterliche Gefahr - - - er hieb mit der Peitsche hinter sich
nach der Weiche des Hengstes - - - dieser wollte empor, brachte es aber nur zu
einem vergeblichen Kratzen des nun von der trgerischen Humusschicht befreiten,
glatten Felsenrandes - - - sie muten, muten, muten abstrzen, beide, Reiter
und Pferd, wenn nicht mein Schu noch Rettung gab! - - - Ich drckte ab. Der
Krach wurde mit verzehnfachter Strke von den Felsen zurckgeworfen und schien
von hundert Echos wiederholt zu werden - - - es war, als ob dieser gewaltige
Knall die mechanische Kraft besitze, die Hinterhand des Pferdes emporzuheben - -
- oder war es die bewundernswerte Geistesgegenwart Halefs? - - - Er zog die
Beine empor, legte beide Hnde auf die Schulter des Rappen und schleuderte sich
seitwrts am Kopfe desselben vorber nach vorn, wodurch er glcklich den festen
Boden erreichte - - - das dadurch entlastete und durch den Schu zur Anspannung
aller Nerven getriebene Tier gewann die felsige Kante, that einige krampfhafte
Stze vorwrts und blieb dann, am ganzen Leibe zitternd, zwischen den Bumen
stehen. Halef folgte ihm wankend - - - drehte sich um - - - erhob den Arm, um
mir zu winken - - - brach dann aber in einer Weise zusammen, als ob ein Schlag
ihn zu Boden geworfen habe.
    Ich glaube nicht, da ich jemals im Leben so tief, so unendlich tief und
erleichtert aufgeatmet habe, wie in jenem Augenblicke! Die Massaban hatten, wie
vom Schreck gelhmt, vollstndig still und unbeweglich gestanden; nun aber
machten sie ihren Gefhlen durch ein Geschrei Luft, welches infolge des Echos
gar nicht aus menschlichen Kehlen zu kommen schien. Sie sprangen hin und her,
schlugen mit den Armen in die Luft und gebrdeten sich so, als ob sie toll
geworden seien.
    Ruhe! Macht Platz! brllte ich sie an, denn nur durch diese allerstrkste
Art des Tones konnte ich mich ihnen hrbar machen.
    Bleib doch, bleib! schrie Nafar Ben Schuri. Hast du denn nicht den
sichersten, schauerlichsten Tod vor deinen Augen gesehen?!
    Hast du denn nicht gesehen, da dieser Tod gar nicht so sicher ist, wie du
sagst? antwortete ich. Gebt Raum! Nehmt euch in acht!
    Indem ich mein Pferd mitten unter sie hineintrieb, zwang ich die Horde, die
Bahn wieder frei zu geben. Dann streichelte ich den schnen, warmen Hals des
Rappen und bat ihn in ruhigem Tone:
    Jatib, ia Assili, jatib - spring, o mein Assil, spring!
    Er wute seinen Freund Barkh drben, und er verstand diese meine Worte. Da
bedurfte er gar keines Antriebes. Ich hrte, da er die Brust voll Atem nahm,
und hob mich in den Bgeln. Das gab ihm freie Spannung. Er that die wenigen
Sammelsprnge in wunderbarer und nervenruhiger Sicherheit, kam ganz genau am
Rande des Abgrundes zum Ansatze und ging leicht, wie ein Gedanke ber die Spalte
hinber. Noch vier, fnf Schritte, dann blieb er drben, ohne da ich ihn
anzuhalten brauchte, genau neben Barkh stehen.
    Dies war mit so verblffender Leichtigkeit vor sich gegangen, da die
Massaban da hinten dieses Mal ganz still blieben. Ich sprang ab, warf die
Gewehre weg und zog mit beiden Hnden den Kopf des herrlichen Tieres an meine
Brust. Assil hatte es verdient, da ich vor allen Dingen erst ihm einige
dankbare Schmeichelworte sagte; dann aber mute ich nach Halef sehen.
    Er lag am Boden und regte sich nicht. Tot war er natrlich nicht, sondern
nur besinnungslos und zwar nicht etwa vor Schreck oder Angst, sondern infolge
der Ueberanstrengung aller seiner krperlichen und geistigen Krfte. Der lngst
von mir befrchtete Augenblick des endlichen Zusammenbrechens hatte sich nun
eingestellt!
    Was war zu thun? Da - - - horch! War das nicht eine halblaute Stimme, welche
mich rief?
    Sihdi - - - Sihdi!
    Das klang hinter einem der starkstmmigen Bume hervor.
    Wer ruft? fragte ich.
    Ich! Der Scheik der Dschamikun.
    Peder?
    Ja. Ich darf nicht hinter dem Baume hervor, weil mich die Massaban da
drben trotz der Dmmerung doch vielleicht sehen wrden. Komm her zu mir!
    Ich ging hin. Ja, da stand er, noch als Fakir, wie wir ihn vorher gesehen
hatten.
    Wirklich du! sagte ich. Wie ist es mglich, da du schon hier sein
kannst. Wir sind so schnell geritten, und zwar, wie es scheint, den
allerkrzesten Weg!
    Wir aber noch schneller, und zwar auf einem Wege, welcher auch nicht lnger
als der eure ist. Ich wollte vor euch hier sein, um wo mglich noch heut abend
die Falle schlieen zu knnen. Ich habe sowohl hier, als auch am Eingange des
Daraeh-y-Dschib meine Wachen stehen, welche mir alles melden, was geschieht. Sie
sahen euch kommen und haben hinter euch das Thal so gut besetzt, da die
Massaban nur dann wieder heraus knnen, wenn wir es ihnen erlauben.
    So mu ich dir vor allen Dingen sagen, da noch whrend dieser Nacht auch
noch der Nachtrab ankommen wird.
    Das ist mir wichtig. Ich danke dir und werde meine Vorkehrungen darauf
treffen. Ich postierte mich hierher, um die Enttuschung der Massaban zu
beobachten, sobald sie shen, da die Brcke nicht mehr vorhanden sei. Ich hatte
vergessen, dir zu sagen, da wir sie zerstrt haben. Es war anzunehmen, da du
mit dem Scheik der Haddedihn bis morgen frh bei ihnen hier im Thale bleiben und
dich dann in unaufflliger Weise von ihnen trennen wrdest, um zu kommen. Ihr
habt das aber schon heut und zwar derart gethan, da meiner Bewunderung die
Worte fehlen. Sihdi, habt ihr denn nicht an den Tod gedacht?
    O doch! Grad weil wir das thaten, wurde der Sprung unternommen. Es galt,
Halef zu retten. Er konnte es unmglich da drben bis morgen frh aushalten. Das
Wagnis mute unternommen werden.
    Es war mehr, viel mehr als blo das, was man Wagnis nennt! Ich fhlte mich
bis jetzt so so sehr beschmt, da ich mit der berhmten Stute des Ustad von dir
auf deinem Rappen eingeholt worden bin; nun ich aber hier gesehen habe, was ihr
euch und euren Pferden zuzumuten versteht, sehe ich ein, da es keine Schande
ist, von euch bertroffen worden zu sein. Es war auch fr mich ein schrecklicher
Augenblick, Hadschi Halef an der Kante ber dem Abgrund hngen zu sehen. Sein
khner Schwung und dein Schu haben ihn gerettet. Als ich dann sah, da du
bereit warst, ihm zu folgen, bebte mir das Herz. Der Araber war auf dem Araber
nicht glatt angelangt; so gab es also fr den Europer noch weniger Hoffnung,
auf einem nichtfrnkischen Pferde diesen entsetzlichen Sprung mit Glck zu thun.
Wie gern htte ich dir zugerufen, dies zu unterlassen; aber es war mir ja
verboten, meine Gegenwart zu verraten! Da kamst du angesaust, so leicht, so
glatt, so unbeschreiblich sicher! Du saest nicht; du standest hoch im Bgel.
Noch nie war das von mir gesehen worden! Das war so ungewohnt, so fremd, so ber
mir, und doch kam augenblicklich die Gewiheit ber mich, da fr dich nichts zu
frchten sei. Dein Rappen ging in khnem, festem Bogen in die Luft. Es war nur
ein Moment, aber doch so hell, so deutlich, was ich sah: du warst es zwar, doch
war's auch ein Gesicht, ein Blick ins ferne Land, das wir die Zukunft nennen: du
warst das Abendland, auf fehlerfreiem, morgenlndischem Pferde! Der Abgrund
zwischen hier und dort, er schwand; dein Assil trug das Christentum mir zu. Die
finstere Schlucht dort ist verschwundenes Land. Ich heie dich, den Westen, hoch
willkommen! Krank liegt der Osten hier zu unsern Fen, in tiefer Ohnmacht, ganz
wie Halefs Krper. Doch du und ich, wir werden ihn erwecken, und unsere Liebe
soll ihm Rettung sein!
    Er zog mich an sich und kte mich. Ich erwiderte diesen Ku so gern, so
gern, obwohl er noch als Fakir gekleidet und darum in diesem Augenblicke nicht
etwa ein Ideal krperlicher Sauberkeit war. Dann fuhr er fort:
    Das war das Gesicht, welches ber mich kam, fr einen einzigen, noch
weniger als kurzen Augenblick; aber dieses Schauen in die Ferne der zuknftigen
Zeit wird von seiner Deutlichkeit nichts verlieren, denn was die Seele unserm
Auge zeigt, das darf von dem Geiste nicht vergessen werden! - - Nun erlaube mir,
fr Hadschi Halef zu sorgen. Ich gehe fort, um Befehle zu erteilen, werde aber
schnell zurckkehren.
    Er entfernte sich. Welch ein sonderbarer Empfang von seiten dieses Mannes!
Es war ein ganz eigentmlicher Eindruck, den er mit seinen Worten auf mich
machte. Dazu die nun hereingebrochene Nacht. Ueber mir die hochragenden Bume,
durch welche ein schweres, ernstes Rauschen ging. Vor mir ein vollstndig
unbekanntes Terrain, mit Menschen, die mir fremd und dennoch Freunde waren.
Hinter mir die durch unsere Entschlossenheit besiegte Tiefe, ber welche die
rufenden Stimmen der Massaban herberklangen. Sie wollten Antwort von mir haben;
ich gab sie ihnen nicht. Mit diesen Leuten wollte ich nichts mehr zu thun haben.
Ich war entschlossen, wenn mglich, keinen von ihnen jemals wiederzusehen. Ich
nahm an, da wir uns mit ihnen gar nicht mehr zu beschftigen brauchten; die
Dschamikun hatten jedenfalls Leute genug, mit ihnen fertig zu werden.
    Halef lag noch genau so da, wie er niedergefallen war. Dem Atem fehlte die
Strke, die Brust zu bewegen, und den Puls konnte ich kaum fhlen. Ich rief
seinen Namen, sogar ganz nahe bei dem Ohre; es machte keinen Eindruck auf ihn.
Seine Hnde, seine Arme, seine Glieder waren vollstndig schlapp. Es lag vor mir
ein Krper, der weder Kraft noch Willen und kaum noch Leben hatte. Das war der
hochenergische, strotzende und sprhende Hadschi Halef, der sich so gern den
grten Helden des Morgenlandes nannte. Als ich ihn so vor mir liegen sah oder
vielmehr ihn unter meinen Hnden fhlte, verga ich natrlich ganz, auch an mich
selbst zu denken. Dennoch bemerkte ich, da mir, wenn ich mich bckte, der Kopf
schwer nach vorn fallen wollte. Es war, als ob in meinem Gehirn eine reibende
und darum schmerzende Bewegung vorhanden sei. Die Augenlider wollten nicht
geffnet bleiben. Es ging durch mich, wohl ebenso geistig wie auch leiblich,
eine Empfindung, welche nur durch die Worte ausgedrckt werden kann: du hast
dich gestrubt, so lange du mutest; jetzt aber sind alle Gefahren vorbei; nun
bist du mein!
    Da kam Peder wieder. Er hatte mehrere seiner Leute bei sich. Ich hatte mich
neben Halef niedergesetzt und stand auf. Das wurde mir schwer, so schwer, da
ich mich mit den Hnden sttzen mute. Einige von den Dschamikun nahmen den
Hadschi auf und trugen ihn fort. Andere ergriffen die Zgel unserer Pferde, um
sie zu fhren. Der Scheik fate meine Hand und sagte:
    Der Ustad lt euch bitten, bei ihm zu wohnen. Ich habe ihm einen Boten
gesandt; er wei, da ihr kommt.
    Ist es weit? fragte ich.
    Fiel ihm nur diese meine Frage oder auch der matte Ton auf, in dem ich sie
ausgesprochen hatte? Er erkundigte sich:
    Bist du etwa auch krank?
    Ganz pltzlich md, sehr md!
    Hast du Flecken am Krper?
    Ja, auf der Brust.
    Allah jesellimak - Gott erhalte dich! In diesem Zustande habt ihr einen
solchen Todessprung gewagt! Ganz unbegreiflich, ja eigentlich eine
Menschenunmglichkeit!
    Ich versuchte, zu scherzen:
    Du hast vorhin in mir das Abendland gesehen. Verzeihe mir, da es so krank
zu euch gekommen ist!
    Da drckte er mir die Hand, an welcher er mich fhrte, fester und
antwortete:
    Ich kenne euer Leiden. Es geht so gern auf die gesunden Andern ber. Doch
tragt ihr es uns ja nicht heimlich zu und gebt die Schwche nicht fr Strke
aus. Wer uns nicht tuscht, der tuscht sich nicht in uns. Komm, lieber Mann,
ich will dir Bruder sein!
    Es war unter den Bumen so dunkel, da ich die Hand vor den Augen nicht
sehen konnte. Der Peder hielt mich fest. Er kannte das Terrain genau und machte
auf jede Eigentmlichkeit desselben aufmerksam. Dennoch wurde mir das Gehen
schwerer, als die Umstnde es eigentlich begrndeten. Ich stolperte und
schwankte oft. Da schlang er, um mich zu sttzen, stets und schnell den Arm um
mich. Am liebsten wre ich in diesem starken, liebevoll besorgten Arme liegen
geblieben, um mich von ihm weitertragen zu lassen!
    Wie lange wir so, oft auf-, oft abwrts gingen, wei ich nicht. Das Gefhl
fr die Bestimmung der Zeit war mir vollstndig abhanden gekommen. Dann war der
Wald zu Ende. Die Sterne standen ber uns, und unsere Fe schritten ber ebenen
Boden und auf weichem Grase. Wir hatten bei der Entfernung von der Felsenspalte
den Schlu gemacht, waren also die letzten und beide allein. Von dem Hadschi und
den Pferden sah ich nichts. Als ich nach ihnen fragte, bekam ich die Antwort:
    Habe keine Sorge! Du wirst deinen Freund beim Ustad finden, eure Pferde
auch und ebenso die Gewehre.
    Die Gewehre! Da kam noch nachtrglich der Schreck ber mich. Ich hatte sie
vergessen, vollstndig vergessen, gar nicht an sie gedacht, als ich vom Peder
fortgefhrt worden war. Erst jetzt fiel mir ein, da ich sie, als ich nach dem
Sprunge aus dem Sattel stieg, neben mich hingeworfen hatte. Diese im andern
Falle ganz unmgliche Vergelichkeit brachte mich zu der Ueberzeugung, da die
Krankheit auch bei mir viel weiter vorgeschritten sei, als ich gedacht hatte.
    Kaum hatte ich diesem Gedanken Raum gegeben, so begann er, mich zu
beherrschen. Ich mute stehen bleiben. Meine Beine zitterten, die Fe versagten
mir den Dienst.
    Was ist mit dir? fragte der Peder, fllt dir das Gehen schwer?
    Nicht schwer, nicht leicht; es giebt eben kein Gehen mehr. Erlaube, da ich
mich fr einen Augenblick setze!
    Er umfate mich, um mich langsam niederzulassen. Ja, sitzen! Das war nicht
mglich; ich mute sofort liegen; es fehlte mir die Kraft, den Oberkrper
aufrecht zu halten. Da sanken auch die Lider herab und waren nicht wieder in die
Hhe zu bringen. Was nun mit mir geschah, das wei ich nicht. Ich war wie ganz
im festen Schlafe, zuweilen auch wie nur im Traume. Ich hrte zuweilen die
gtige, besorgte Stimme des Peder. Er sprach zu mir; er sprach auch zu Andern,
doch klang es wie aus weiter, weiter Ferne. Ich fhlte mich gehoben und
getragen. Ich war so leicht; ich hatte keinen Krper. Ich bestand aus nichts als
nur aus froher Zuversicht und glcklichem Vertrauen, und diese gnzliche
Hingebung lag wie auf Engelsflgeln ausgebreitet.
    Dann war es mir, als schwebe ich durch tausend, tausend selige Ewigkeiten,
unendlich lang und doch so kurz, so kurz! Was fr Tne erklangen da? Waren das
die Harfen verklrter Geister? Oder war es der Psalter des alttestamentlichen
Sngers, der da spricht:
    Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt!
    Und da legte sich eine Hand auf meine Stirn. Es war, als ob von ihr aus eine
gtig reine, immaterielle Kraft durch mein ganzes Wesen gehe. Und eine tiefe,
wohllautende Stimme sprach die letzten Worte ganz desselben Psalms:
    Der Herr behte deinen Eingang und deinen Ausgang von nun an bis in
Ewigkeit. Amen!
    Die Stimme schwieg. Leise Schritte entfernten sich. Tiefe, fromme Stille
herrschte in mir und auch rund umher. Aber ich hatte die Empfindung, da ich
nicht allein und verlassen sei. Es umwehte mich ein feiner, gottesdienstlicher
Duft, wie von Weihrauch und Myrrhen. Da erklangen hoch ber mir zwei Glcklein.
Sonderbar, da ihr schnes Harmonieverhltnis mir sofort in die Ohren trat! Die
eine, tiefe, war in die untere Dursexte der oberen gestimmt. Es war gewi ganz
eigentmlich, da mir trotz meines Ouinte fehle! Nun wieder tiefe Stille. Dann
hrte ich in kurdischer Sprache ein vierstimmiges, feierliches Lied erklingen,
dessen erste Strophe deutsch zu lauten htte:

Herr, ich trete
Im Gebete
Vor dein heilig Angesicht.
La dir sagen
Meine Klagen;
Hre, was mein Flehen spricht!

    Es waren nicht Orgel- sondern Harfentne, welche dieses Lied begleiteten.
Gab es hier eine Kirche? War ich berhaupt auf der Erde? Trumte oder wachte
ich? Ich hatte keine Macht ber meine Augen. Besa ich berhaupt jetzt welche?
War ich jetzt vielleicht nur Geist, nur Seele? Wo war mein Krper geblieben? Ich
fhlte ihn nicht!
    Da gab es neben mir ein leises, leises Rauschen wie von einem feinen, sich
bewegenden Gewande. Zwei warme, weiche Frauenhnde ergriffen meine Hand, und
eine innig sprechende Altstimme betete:

Herr, es treten,
Um zu beten
Zu dir Alle, die du liebst.
La den Glauben
Uns nicht rauben,
Da du nichts als Leben giebst!

    Meine Hand wurde lange festgehalten. Das merkte ich, obgleich ich den Sinn
fr Zeit und Raum kaum noch zu besitzen schien. Dann gab es eine Berhrung, als
ob zwei Lippen sich auf diese meine Hand legten. Ich wollte sie zurckziehen,
ohne da ich diese Bewegung ausfhren konnte. Wer war es, der, vor mir knieend,
um mein Leben gebetet hatte? Ich wnschte so dringend, dies zu erfahren, doch
gelang es mir nicht, ein Wort der Frage auszusprechen. Aber ich fhlte, da
meine Augen sich ffneten; das war so eigenartig, so ganz als ob es nicht meine
leiblichen, sondern die seelischen seien. Da sah ich in ein liebes, ernstes,
reines Frauengesicht. Es war von einer so frommen, edlen Schnheit, wie man
Heilige abzubilden pflegt. Die Augen waren dunkel und trotzdem doch so hell, so
licht, so klar. Es ging von ihnen eine Wrme aus, welche auf mich berflo. Mir
war, als ob ich dieses Antlitz schon einmal gesehen habe, nicht gleichgltig und
vorbergehend, sondern sorgsam und mit derselben Herzenswrme, welche ich jetzt
zurckempfing. Nun breitete sich ein frohes Lcheln ber die so kinderholden und
doch so frauenhaft sinnigen Zge, und die Lippen, welche vorhin meine Hand
berhrt hatten, fragten mich:
    Erkennst du mich, Sihdi? Ich bin Schakara, welche du vom Tode errettet
hast.
    Ich wollte antworten, konnte aber nicht. Ich hrte nichts, als ein
unverstndliches Flstern, welches aus meinem Munde kam. Da fuhr sie fort:
    Ich bin das Mdchen, welches damals in Amadijah die Oelim kires72 gegessen
hatte. Deine Hand brachte mir das schon fast entflohene Leben zurck73. Kannst
du dich erinnern?
    Ich bewegte meine Augenlider, um ihr anzudeuten, da ich sie verstanden
habe. Zu sprechen war mir nicht mglich. Da legte sie ihre Rechte auf meine
Stirn und sagte:
    Die Krankheit hat dir das Reden verboten. Aber sei getrost! Chodeh ist die
Barmherzigkeit. Er wird uns nicht das schreckliche Leid anthun, dich bei uns
sterben zu lassen. Der Ustad hat fr euch gebetet, und die Gte des Himmels wird
ihn ganz gewi erhren. Schau, da kommt er. Siehst du ihn?
    Sie fragte mich so, weil mir jetzt die Augen zugefallen waren; ich konnte
sie nicht wieder ffnen. Doch hrte ich Schritte, welche sich nherten.
    Kam er noch nicht zu sich? wurde Schakara gefragt.
    Das war dieselbe tiefe, wohllautende Mnnerstimme, welche ich schon gehrt
hatte.
    Er ffnete die Augen und sah mich an, antwortete sie. Sprechen konnte er
nicht.
    Hat er dich erkannt?
    Ich glaube es.
    So liegt er nun wieder in der vorigen Bewutlosigkeit. Ihn werden wir wohl
retten. Von seinem Gefhrten dort aber kann ich das leider nicht auch sagen. Er
steht bereits sehr nahe am Tode.
    Da hrte ich Halefs Stimme laut und zornig erklingen:
    Am Tode? Sein Gefhrte? Also ich? Ihr glaubtet wohl, ich schlafe? Ich bin
soeben aufgewacht und habe euch gehrt. Ich stehe nicht am Tode! Nein, nein,
nein! Ich bin Hadschi Halef Omar, der Haddedihn vom Stamme der Schammar. Mich
kennt man berall; einen Tod aber giebt es nicht! Darum ist das, was ihr sagt,
ganz unmglich. Ich befinde mich nicht am Tode - - - am Tode - - - nicht, nicht
- - - am - - - - - Tode! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich hrte diese Worte meines Hadschi, wute aber nicht, wo er lag. Es war,
als ob irgend eine Frage nach ihm sich in mir emporringen wolle; sie trat aber
weder in das Bewutsein noch in den Willen, denn ich hatte die Empfindung, als
ob ich jetzt emporgehoben und weit, weit fortgetragen werde, und wie in
unendlicher Ferne hrte ich die Worte verklingen: Am Tode - - - am Tode - - -!
- - -
    Wie lange ich fern von mir gewesen war, oder, durch die gewhnliche
Redensart ausgedrckt, wie lange ich nun wieder ohne Bewutsein dagelegen hatte,
das wei ich nicht. Hierauf schien es, als ob mir Harfenklnge nahten. Es war
aber umgekehrt: ich kam zu ihnen; die Besinnung kehrte mir zurck. Es bedurfte
jetzt keiner Anstrengung fr mich, die Augen zu ffnen, doch fhlte ich eine mir
unbekannte Schwere in den Lidern. Ich war auerordentlich matt. Als ich
versuchte, den Kopf zu bewegen, dauerte es eine ganze Weile, bis es mir gelungen
war, das Gesicht auf die von der Wand abgewendete Seite zu legen. Ich hatte den
Mund offen, und sonderbarerweise war es mir, als ob dies so sein msse; es fiel
mir gar nicht ein, ihn zu schlieen. Und doch war ich mir zu derselben Zeit
vollstndig darber klar, da dies zu den Krankheitserscheinungen des
exanthematischen Fiebers gehre.
    Nun sah ich, wo ich mich befand. Es war ein hoher, lichter, wei getnchter
Raum, dessen Wnde augenscheinlich aus starken Mauersteinen bestanden. Die
beiden Seiten waren nicht durchbrochen. In der Hinterwand gab es eine breite
Doppelthr, fr die Gegend, in welcher wir uns befanden, eine groe Seltenheit.
An der Vorderseite standen zwei Sulen, die mit den Mauerwerken drei offene
Bogen bildeten, durch welche Luft und Licht mehr als genugsam Zugang fanden. In
der einen Ecke lag ich, in der andern Halef, mit den Fen nach der Thr
gekehrt, damit die vorn hereinbrechenden Sonnenstrahlen nicht direkt in unsere
Augen fallen mchten. Lngs der ganzen Hinterwand waren blhende Pflanzen
aufgestellt, zur Augenweide fr uns, wie ich spter hrte. Rechts, wo ich lag,
stand in einer breiten Nische ein thronhnlicher Sessel. Vor ihm lag ein Teppich
ausgebreitet, mit persischen Sitzkissen nach rechts und links. Ich schlo
daraus, da ich mich nicht in einem Wohnraume befand. In der Folge erfuhr ich,
da der Ustad hier die Aeltesten des Stammes zu empfangen und mit ihnen zu
beraten pflege. Es war ein kaum genug zu schtzender Vorzug fr uns, da er grad
dieses Gela fr uns bestimmt hatte. Ich sah an den Wnden Sprche stehen; aber
ich las sie nicht. Selbstdenken konnte ich; aber geschriebene Zeichen in
Gedanken zu verwandeln, das brachte ich nicht fertig.
    Bettstellen gab es natrlich nicht, doch waren unsere Lager von der grten,
hier zu Lande ganz ungewohnten Reinlichkeit. Man hatte weiche Kissen hoch
aufeinander gerichtet, so breit, da mehrere Personen htten nebeneinander
liegen knnen, und die hellen, saubern Kamelhaardecken waren so fein und leicht,
als ob sie aus Seide gewebt worden seien. Halef lag still, ganz bewegungslos.
Sein Gesicht war auerordentlich eingefallen; es glich dem einer Leiche.
Seltsamerweise machte mich das nicht im geringsten bange. War das Vertrauen?
Oder war es die Gleichgltigkeit, welche man bei Kranken oft zu beobachten
pflegt?
    Unweit der Thr sa Schakara mitten im Pflanzengrn. Wei war ihr Gewand.
Sie hatte den Schleier nach hinten geschlagen. Ihr dunkles Haar hing in langen,
schweren Flechten herab. Die schlanken Finger glitten ber die Saiten der
Sandurah74. Darf man ein menschliches Wesen mit einem Gedicht vergleichen? Man
sagt ja, da der Mensch das herrlichste Gedicht der ganzen Schpfung sei. Wenn
nicht das herrlichste, aber gewi eines der frmmsten sah ich hier!
    Htte wohl ein europischer Arzt erlaubt, in der Nhe so schwerkranker
Personen Musik zu machen? Wahrscheinlich nicht! Es kommt ja wohl auch auf die
Art des Instrumentes an. Der Harfenton ist der am wenigsten knstliche. Er
bietet Klnge der Natur, wohllautend fr das Menschenohr gestimmt. Dieser
Wohllaut ist auch fr kranke Nerven angenehm. Man darf einer Kurdin nicht
zumuten, Knstlerin zu sein. Schakara griff nur die vorgestimmten Akkorde; sie
wute nichts von einer chromatischen Vernderung der Tne; aber grad durch diese
diatonische Einfachheit war jede Mitthtigkeit des Ohres ausgeschlossen; es
empfing die Tne ebenso leicht und selbstverstndlich, wie die Brust die
Luftwellen, von denen sie herbeigetragen wurden, atmete. Daher kam es, da diese
Klnge die Seele unmittelbar berhrten; sie schienen zur Atmosphre dieses
Hauses zu gehren und einen die Lebenskrfte hebenden, wohlthuenden Einflu
auszuben. Ich fhlte diesen Einflu. Es war, als ob es in mir Etwas gebe, was
den Harfentnen verwandt sei, was lange, lange geschwiegen habe und nun endlich,
endlich einmal mit erklingen drfe. Darum berhrte es mich fast wie eine
Entsagung, wie ein Verlust, als Schakara aufhrte und die Harfe auf die Seite
lehnte.
    Bitte, spiel weiter! bat ich sie.
    Ich hatte diese Worte ganz unwillkrlich, fast ohne Willen ausgesprochen.
Nun berkam mich eine Art von Verwunderung darber, da ich wieder sprechen
konnte. Die Kurdin kam schnell zu mir herber, lie sich an meiner Seite nieder
und sagte:
    Suhker Chodeh!75 Ich hre deine Stimme! Siehst du mich, und verstehst du,
was ich sage?
    Ja, antwortete ich.
    Du befindest dich im hohen Hause des Ustad. Er wnscht, da ich euch
pflege. Erlaubst du es mir?
    Ja.
    Hast du einen Befehl fr mich?
    Nein, nie!
    Warum nicht?
    Fr dich nur Bitte, nie Befehl.
    Da ergriff sie meine Hand, sah mir mit einem langen, frohen Blick ins
Angesicht und sagte dann:
    Du bist noch ganz so voller Gte, wie du damals warst. Sag, Effendi,
welcher Wohlgeruch ist dir der liebste?
    Benefsesch76.
    Da kte sie mir die Hand, stand auf und eilte aus der Stube. Warum hatte
sie mich nach meinem Lieblingsdufte gefragt? Der Grund sollte mir leider nur zu
bald zur Erkenntnis kommen. Er war mir nicht fremd, aber meine Gedanken waren
jetzt zu schwach, ihn augenblicklich zu erraten. Da drben bei Halef hatte man
eine Menge in Erdksten gepflanzte Rosen aufgestellt; bei mir hier gab es keine
Blumen, doch fragte ich mich nicht, woher das kommen mge.
    Mich fror ganz pltzlich, durch und durch und so intensiv, als ob ich ganz
in Schnee und Eis begraben sei. Es war ein von starkem Fieber begleiteter
Schttelfrost, der mich an die Petechien erinnerte, welche ich unterwegs auf
meiner Brust bemerkt hatte. Ich sah nach, die Flecke hatten sich jetzt ber den
ganzen Oberleib verbreitet; auch auf den Armen bemerkte ich sie. Diese
Entdeckung lie mir den Kopf hei erglhen, whrend der Krper vor Klte bebte.
    Da sah ich den Peder hereintreten und leisen Schrittes zunchst hin zu Halef
gehen. Er trug natrlich die Fakirlumpen nicht mehr, sondern war ganz wei in
weite, kurdische Hosen und ein bis auf die Kniee reichendes Obergewand
gekleidet, welches an der Taille von einer blauen Schrpe zusammengehalten
wurde. Da steckten anstatt der Messer und Pistolen einige schn erblhte,
purpurglhende Schirasrosen. Sein langes, seidengrau glnzendes Haar war von
vorn nach hinten zurckgekmmt und hing bis ber die Schultern herab. Sein heut
vom gestrigen Schmutze freies, Ehrfurcht erweckendes Angesicht wurde von jenem
Hauche innerer Jugend verschnt, welche aus der Seele auf den Krper berstrahlt
und selbst im hchsten Lebensalter nicht vergeht. Man sah ihm an, da er mit
vollem Rechte Pedehr genannt wurde, ein Vater, der den Seinen nichts als Liebe
giebt, Liebe mit verstndiger Einsicht gepaart, und von ihnen dafr wieder Liebe
erntet.
    Er betrachtete Halef aufmerksam, kniete dann bei ihm nieder und sprach zu
ihm, ohne aber eine Antwort zu erhalten. Hierauf strich er ihm wiederholt ber
das Gesicht und ergriff seine Hnde, um sie zu bewegen. Auch das war ohne
Erfolg; der kleine, liebe Hadschi gab kein Zeichen, da er lebe. Da kam der
Pedehr zu mir. Er sah, da ich die Augen offen hatte, lie sich bei mir nieder
und fragte:
    Siehst du mich, Sihdi?
    Ja, antwortete ich.
    Nun richtete er seine groen, klaren Augen auf die meinigen. Es war, als ob
er mit diesem seinem langen Blicke in die Tiefen meines Innern hinabsteige, um
es zu erforschen. Dann fuhr er fort:
    Schmerzt es deinen Kopf, wenn ich zu dir spreche?
    Wenig, aber doch.
    So wollen wir nur das sagen, was unbedingt ntig ist. Ich kenne diese
Krankheit und wei, da du nicht an ihr sterben wirst, es trete denn eine
unvorhergesehene Ursache zur Verschlimmerung ein. Ihr habt in der verflossenen
Nacht unser Heilmittel wiederholt getrunken, wovon du aber nichts weit, weil
ihr beide ohne Bewutsein waret. Es wird gewi seine Wirkung thun.
    Auch bei meinem Halef?
    Er zgerte mit der Antwort. Da bat ich ihn:
    Sag die Wahrheit! Ich bin ein Mann und mu, mu, mu sie wissen!
    Er neigte zustimmend den Kopf und sprach:
    Ja! Von einem andern wrde ich denken, da ich ihn schonen msse; dir aber
bin ich die Wahrheit schuldig. Du wirst in einen langen, tiefen, schweren Schlaf
verfallen, und wenn du aus ihm erwachst, wird das, was an deinem Freunde
unsterblich ist, von ihm geschieden sein. Das ist es, was menschliches Ermessen
zu dir aus meinem Munde sagt. Er wird vielleicht noch einigemal fr kurze
Augenblicke zu sich kommen, dann aber einschlummern und erst im Verscheiden
wieder erwachen. So denke ich. Aber ich hoffe, da Chodeh, welcher die
allmchtige Liebe ist, es anders und viel besser wei. Nun sag auch mir die
Wahrheit! Bist du erschrocken?
    Nein. Ich danke dir! Deine Aufrichtigkeit hat mich geehrt. Sie beweist mir,
da du mich nicht fr einen Schwchling hltst. Halef darf nicht sterben. Chodeh
wird helfen.
    Ja, wenn wir glauben, wird er uns wohl den Melek esch Schefa77 senden!
    Ich bin berzeugt davon. Aber wir drfen uns nicht unthtig auf diesen
Engel verlassen, sondern mssen seiner Hilfe entgegenkommen. Lat mich
nachdenken!
    Ich war doch schwcher, als ich gedacht hatte. Nicht nur das Sprechen,
sondern auch das aufmerksame Zuhren, um zu verstehen, griff mich an. Ich schlo
die Augen, um nachzudenken; aber es kamen mir keine Gedanken. Ich fieberte, und
dieses Fieber brachte mir allerlei verworrene, unklare Bilder vor das innere
Angesicht. Es war, als ob sich ein nur halb durchsichtiger, sich unausgesetzt
bewegender Vorhang vor mir befinde, hinter welchem sich Ereignisse abspielten,
die ich nicht deutlich zu erkennen vermochte. Da geschah etwas ganz Sonderbares:
der Vorhang stand pltzlich still; er teilte sich nach rechts und links, und ich
sah eine liebe, liebe Gestalt vor mir erscheinen. Ihr Anblick wurde mir nur fr
einen ganz kurzen Moment gewhrt, aber das Bild hatte so scharfe Umrisse und so
lebendige Zge und Farben, da ein Irrtum darber, wer es sei, ganz
ausgeschlossen war. Es kam ein Reiter, erst in der Ferne klein, doch immer
grer werdend, in schlankem Galoppe auf mich zugeritten; gerade vor mir
parierte er sein Pferd, senkte die Hand zum Grue und war dann verschwunden. Der
Vorhang schlo sich und begann, sich wieder zu bewegen wie vorher. Wer war es
gewesen? Unser Kara Ben Halef, meines kranken Freundes Sohn. Sogar das Pferd
hatte ich erkannt. Es war der dunkelbraune, noch nicht vier Jahre alte Ghalib
78, den die Haddedihn als Leihgebhr fr die Pferdezucht des Stammes der Abu
Hammed-Beduinen gewonnen hatten. Dieser Braune berechtigte zu den schnsten
Hoffnungen und war unsern beiden Schwarzen ebenbrtig. Ich berlegte nicht
lange, sondern fragte, die Augen wieder ffnend, den Pedehr:
    Willst du den Hadschi retten? Du kannst es!
    Wie gern! versicherte er.
    Habt ihr einige sehr schnelle, ausdauernde Pferde?
    Ja.
    Und jemand, der die Gegend am Tigris jenseits von Qalat el Aschig,
gegenber von Samara, kennt?
    Ich habe einen sehr zuverlssigen Mann, der ein guter Reiter und schon
einigemale am Dschebel Sindschar gewesen ist. Er kennt die Gegend, von welcher
du sprichst.
    Sende ihn, und gieb ihm einige Begleiter mit. Im Westen von Qalat el Aschig
wird er auf die Haddedihn treffen. Er soll um keinen Preis verraten, da Halef
krank ist; aber er soll unbedingt den Sohn des Hadschi bringen, welcher Kara Ben
Halef heit und den Ritt hierher auf dem dunkelbraunen Pferde Ghalib zu machen
hat! Das Denken und das Sprechen fllt mir schwer. Gieb die Befehle so, wie du
sie fr ntig hltst!
    Da erhob er sich, fate meine Hand und sprach:
    Ich verstehe dich, Effendi. Wenn Halef erwacht, um zu sterben, soll er
seinen Sohn vor sich sehen. Dadurch wird seine Seele vielleicht festgehalten
werden. In nicht mehr als einer Stunde werden drei vertrauenswerte Mnner unser
Urd79 verlassen, um deinen Wunsch so schnell wie mglich auszufhren!
    Hierauf entfernte er sich. Ich aber fhlte mich in hohem Grade ermattet und
versank in einen lethargischen Zustand, der aber nicht Bewutlosigkeit und auch
nicht Schlaf zu nennen war, denn meine inneren und ueren Sinne blieben in,
wenn auch nur geringer, Thtigkeit. Ich hrte das leise Rauschen von Schakaras
Gewand wieder, und ich bemerkte, da ein ser Veilchenduft in meine Atmosphre
trat. Und dann - ob gleich hierauf oder spter, das wei ich nicht - war es mir,
als ob ich im Gelobten Lande sei, und zwar in El Chalil80. Ich ritt auf dem
alten Pflasterweg nach dem Haine Mamre hinaus und lie mir im russischen Hospize
dort den Schlssel zum Aussichtsturme geben. Ich sah die unterhalb desselben
stehende Eiche Abrahams so deutlich, wie sie in Wirklichkeit absterbend dort
zu sehen ist, und ritt dann zwischen Weinbergsmauern weiter, die Jerusalemstrae
hinaus und rechts hinber nach dem Brunnen Abrahams. Er liegt in der unteren,
rechten Ecke des Mauerfeldes, und die strengglubigen Bewohner von El Chalil
sehen es nicht gern, wenn ein Christ von seinem Wasser trinkt. Ich schpfte aber
doch und trank und trank. Hierauf sammelte ich, wie ich schon frher gethan, den
Samen der dort massenhaft wachsenden Kompositenblumen, um ihn daheim in meinem
Garten auszusen. Da erklang eine Stimme hinter mir: Friede sei mit dir! Ich
richtete mich auf und wandte mich um. Wer war die hohe, patriarchalische
Gestalt, welche leuchtenden und doch so gtigen Auges vor mir stand? War es der
erste der Erzvter, zu dem zu dritt die Engel kamen, um bei ihm einzukehren? War
es Abraham, Tharahs Sohn, der aus Ur, im Lande der Chalder, stammt? Ja, gewi,
er war es; er mute es sein; aber nicht so alt wie im Haine Mamre und auch nicht
so jung wie in Mesopotamien, und doch beides, alt und jung zugleich! Ich schaute
in ehrerbietigem Staunen zu ihm auf.
    Ja, ich schaute! Ich hatte die Augen wieder geffnet. Ich war nicht mehr
geistig dort in El Chalil, sondern wirklich hier im kurdisch-persischen Gebirge.
Ich befand mich auf meinem Krankenlager. Es war ringsum mit duftenden Veilchen
geschmckt. Zu meinen Fen sa Schakara, die Spenderin derselben, und zur Seite
stand - - - Abraham, der Erzvater? Vielleicht hat dieser ein ganz genau solches
einfaches, kamelhaarenes Gewand getragen wie der hochgestaltete, ehrwrdige
Greis, den ich jetzt vor mir sah. Greis? Ja, denn der schneeweie Bart, welcher
ihm bis herab zur Grtelschnur reichte, konnte nur eine Gabe des hchsten
Menschenalters sein; aber das Ehrfurcht gebietende Angesicht war hochbetagt und
jugendlich zugleich, und die voll und schwer vom Kopfe herniederhngenden
Haarflechten zeigten eine nicht etwa stumpfe und knstliche, sondern so echte
und lebenswahre Schwrze, wie sie nur den Jnglings- und den krftigsten
Mannesjahren eigen ist. Ich sah wie vorhin mit geschlossenen, nun mit offenen
Augen staunend zu ihm auf. Da lchelte er mild zu mir hernieder, breitete die
Hand wie segnend ber mich und sprach:
    Friede sei mit dir!
    Das war dieselbe tiefe, klangvolle Stimme, welche ich vorhin am Brunnen
Abrahams gehrt hatte. Es ging ein geheimnisvolles, kstliches Imponderabil von
diesem Manne aus. Es kam zu mir, durchflutete mich, zog mich zu ihm hin. Ich
konnte gar nicht anders, ich durfte ihm nur die eine Antwort geben:
    Du bringst ihn mir. Mein Dank und Segen sei dein Eigentum!
    Die Jugend ist beim Alter, der Sohn beim Vater eingekehrt, fuhr er fort.
Die Liebe soll dich hier mit mir vereinen. Vertraue uns, so wirst du bald
gesunden. Ich lege dir die Hand auf das kranke, mde Haupt. Aalek essallam u
rahhmet Chodeh - der Friede und die Barmherzigkeit Gottes sei mit dir!
    Er lie seine Hand fast eine Minute lang auf meiner Stirn liegen. Sie war so
warm und doch so eigen frisch. Ich griff nach ihr und fhrte sie an meine
Lippen. Er lie das geschehen, hob aber dann den Finger und sprach, indem sein
Mund fast schalkhaft lchelte:
    Verschweige dies daheim! Wie darf das Abendland die Hand des Morgenlandes
kssen! Man wrde dich wohl kaum begreifen knnen!
    Hierauf wendete er sich von mir und ging zu Halef hinber. Das also war der
Ustad, der Meister! Ich folgte ihm mit meinen Augen, weil es mir unmglich
war, sie von ihm abzuwenden. Fieberte ich etwa schon wieder? Es kam mir der
sonderbare Gedanke: Soeben hast du in das Angesicht des Orients geschaut. So
eine Idee kann doch nur bei einem Kranken mglich sein!
    Er stand einige Zeit am Lager des Hadschi, ohne etwas anderes zu thun, als
ihn zu betrachten; dann legte er auch ihm die Hand auf das Haupt, worauf er sich
sehr ernsten Angesichtes entfernte.
    Das war er! sagte Schakara. Dein Herz wird ihm gewi bald angehren.
Willst du nun die Harfe hren?
    Ich nickte. Sie ging nach der Stelle, wo die Sandurah lag, hatte sie aber
noch nicht erreicht, so blieb sie stehen. Der Hadschi hatte sich bewegt.
    Sihdi - Sihdi - Sihdi! rief er laut.
    Hier bin ich, Halef, antwortete ich.
    Ich war ganz nahe, ganz nahe! fuhr er fort, ohne da er die Augen ffnete.
    Wo?
    Am Sterben, am Sterben! Ich habe sie gesehen, beide, beide, ihn und ihn!
    Wen?
    Den Hadschi und den Halef! Der Hadschi war ein anderer; der Halef aber, der
war ich! Der Halef lenkte seine Schritte hinauf nach dem Paradiese; der Hadschi
aber hielt ihn fest, um ihn hinab zur Dschehenna81 zu zerren. Es war ein
schwerer Kampf. Der Halef war nicht stark genug, und der Hadschi wollte eben
siegen; da fhlte ich eine Hand auf meiner Stirn und war gerettet. Hamdulillah!
    Seine Stimme hatte einen eigentmlichen, angstvollen, erschtternden Klang.
    Warum antwortest du mir nicht? rief er. Ich will noch leben; ich darf
noch nicht sterben. Der Halef in mir ist noch nicht geschickt dazu; der Hadschi
wrde ihn zur Tiefe reien. Die Hand, die Hand, sie soll so oft wie mglich
wiederkommen! Sie soll dem Halef helfen - helfen - - hel - - - hel - - - -!
    Er sprach immer langsamer, langsamer und keiser, bis bei der letzten Silbe
die Bewutlosigkeit wieder ber ihn kam. Schakara griff zur Harfe, deren Akkorde
ich erst deutlich hrte; dann schien es, als ob sie sich entfernten, bis sie
endlich ganz verklangen - - - ich war eingeschlafen.
    Eingeschlafen? Es war mehr als blo nur Schlaf. Ich erfuhr spter, da ich
fast zwei Tage lang gelegen hatte, ohne mich ein einziges Mal zu bewegen. Ein
ganz entsetzlicher Frost war die Veranlassung, da ich erwachte. Drben in der
andern Ecke waren mehrere Mnner beschftigt, Halef mit kaltem Wasser und
Tchern zu frottieren. Die Luft kam mir verschlechtert vor. Es roch trotz der
frischen Veilchen, welche ich sah, so dumpf, so moderig, fast wie nach Leiche.
Ah! Da kam die Erkenntnis: Ich selbst war es, von dem dieser Geruch ausging, der
ein Symptom des Petechialtyphus ist! Nun wute ich, da eine wochenlange
Betubung sich meiner bemchtigen werde. Also darum die Veilchen! Diese Blumen
hatten bei mir denselben Zweck wie dort bei Halef die Rosen. Es wurde mir
himmelangst, mehr um ihn als um mich. Ich wollte die Mnner fragen, brachte aber
kein Wort ber die Lippen. Doch dauerte dieser Zustand nicht lange, da mir das
Bewutsein sehr bald wieder schwand.
    Spter erinnerte ich mich, zuweilen kaltes Wasser an meinem Krper gefhlt
und scharfen Salmiak gerochen zu haben. Auch war es mir, als ob Halef mich
gerufen und vom Sterben gesprochen habe. Dann, als ich zwei volle Wochen so
gelegen hatte, stellte sich die erste, deutliche Empfindung bei mir ein: Ich
fhlte die Hand des Ustad auf meiner Stirn.
    Er lchelt! sagte er. Wie todesmatt! Vielleicht schlgt er die Augen
auf!
    Ich versuchte, es zu thun, doch gelang es mir nur halb. Da beugte sich der
Ustad zu mir nieder und sagte:
    Ich sehe, da du mich verstehst. Sei getrost; du bist gerettet! Auch Halef
lebt noch. Er ist noch nicht erwacht. Wenn er es thut, ist es vielleicht zum
Leben!
    Hierauf schlief ich sogleich wieder ein. Die spteren Erinnerungen erzhlten
mir, da Schakara sehr oft bei mir kniete und mir wie einem Kinde mit einem
Lffel dnne Speise gab. Ich war so schwach, da ich kaum schlucken konnte.
Hierbei freute ich mich unendlich ber die Entdeckung, da der schlimme Geruch
verschwunden war. Fast noch grere Freude bereitete mir der Anblick einer vor
meinem Lager errichteten Pyramide, an welcher meine Waffen, meine
Kleidungsstcke und Assils Zaum- und Sattelzeug hingen. Das war ein Zeichen
liebevollster Aufmerksamkeit.
    Assil! entfuhr es meinen Lippen. Ich sehne mich nach ihm.
    Willst du ihn sehen? fragte die Kurdin.
    Ja.
    Sie ging nicht, ihn bringen zu lassen, sondern sie trat, nur unter den
Eingangsbogen hin und rief den Namen des Rappen. Er war also da drauen in der
Nhe. Ich hrte seine nahenden Schritte und sein mir so liebes, zutrauliches
Schnauben. Es gab vom Vorplatze aus ein Dutzend Stufen zu ersteigen. Einige
Schmeichelworte von ihr veranlaten den Rappen, heraufzukommen. Daraus erkannte
ich, da sie sich viel mit ihm beschftigt hatte. Ich sah neben der Sule, an
der sie stand, seinen charaktervollen, schn gezeichneten Kopf erscheinen, den
sie liebkosend an sich drckte. Er legte seine Lippen an ihre Wange. Das war der
Ku, mit dem er auer mir nur noch Halef auszuzeichnen pflegte. Er hatte sich
also mit Schakara ganz ungewhnlich zusammengefreundet.
    Assil! rief ich ihn. Meine schwache Stimme klang allerdings gar nicht laut
dabei. Er stutzte. Assiil, lihene - hierher! Da kam er mit einem schnellen,
kurzen Satze vollends herein und schaute sich um. Ich streckte ihm die Hand
entgegen. Er nherte sich, blieb bei mir stehen und sah mich lange zweifelnd an.
    Er kann dich nicht erkennen, denn du siehst dir nicht mehr hnlich, sagte
Schakara.
    Assil, mein Lieber, mein Braver, mein Treuer, mein Liebling!
    Da kam er ganz zu mir heran, um mich in nchster Nhe zu beriechen. Er
berhrte meine Hnde, mein Gesicht. Und nun warf er pltzlich den Kopf hoch
empor und stie ein drei-, viermal wiederholtes und so eigenartiges Wiehern aus,
wie ich es noch nie von ihm gehrt hatte. Hierauf lie er Schwanz und Ohren
spielen und ging unter allerlei drolligen, aber unendlich rhrenden Kapriolen
bald vorn, bald hinten in die Luft. Diese seine Bewegungen glichen den freudigen
Sprngen eines Hundes, der seinen lange entbehrten Herrn wieder vor sich sieht.
Schakara ging hinaus, um einige Handvoll grner Kischr82 herein zu holen, welche
sie ihm auf meine Decke streute. Sie hatte also entdeckt, da dies seine
Lieblingsspeise sei. Aber er fra sie nicht; er nahm nicht eine einzige davon,
sondern er scharrte, wie dies vor dem Schlafen seine Weise war, mit den
Vorderhufen den aus Steinflieen bestehenden Boden und legte sich dann lang und
eng an meinem Bette nieder, so da ich seinen Kopf mit der linken Hand erreichen
und dankbar streicheln konnte. Jede Kreatur will Liebe haben und giebt sie
doppelt wieder, wenn sie sie empfngt!
    Von jetzt an hatte ich nicht mehr mit der Krankheit, sondern nur noch mit
der allerdings auerordentlichen Schwche zu kmpfen, welche ihre Folge war. Ich
bekam krftige, aber leicht verdauliche Nahrung. Der Ustad und der Pedehr kamen
tglich wiederholt, um nach mir zu sehen, doch thaten sie das nur, wenn sie
wuten, da ich schlief. Sie wollten vermeiden, mich durch das Sprechen mit
ihnen anzustrengen, aber tausend Beweise stiller, liebevoller Aufmerksamkeit
sagten mir, da sie mit ihren Gedanken immer bei mir und Halef seien. Schakara
war Tag und Nacht unausgesetzt im Raume. Sie verlie ihn nur dann, wenn krftige
Mnnerhilfe fr uns ntig war.
    Und aber Halef? Der lag nun schon drei Wochen lang in tiefster Betubung. Er
atmete nur leise; der Schlag seines Herzens war kaum noch zu spren. Ich lie
mich einmal zu ihm hintragen, um ihn anzusehen. Welch ein Anblick bot sich mir!
Ich konnte die Thrnen, welche aus meinen Augen brachen, nicht hinunterkmpfen.
Man ist als Genesender ja berhaupt weicher als sonst gestimmt. Ich hatte ein
Skelett vor mir, dessen Anblick durch die dunkle Petechialhautfarbe doppelt
schmerzlich wirkte. Die Augenlider lagen konkav in ihren Hhlen; die Wangen
hatten sich in Vertiefungen verwandelt, und weil der Hadschi sehr gesunde Zhne
besa, trat die untere Partie des Gesichtes wie bei einem Totenkopfe hervor.
Genau so wie ihn hatte ich im Gizehmuseum bei Kairo die Mumien von Ramses II,
Thutmosis und anderer altgyptischer Herrscher vor mir liegen sehen. Dort die
toten Zeugen einstigen Strebens, den Krper ewig zu erhalten, und hier der kaum
noch atmende Beweis, da der Leib, sobald die Seele sich von ihm zu lsen
beginnt, der unerbittlichen Zersetzung anheimzufallen hat!
    Der Anblick that mir wehe; ich lie mich nach meinem Lager zurcktragen.
Dort kam mir der Gedanke, nach einem Spiegel zu fragen. Ja, es gab einen. Man
brachte ihn mir, und ich schaute hinein. Du lieber Himmel, ich sah nicht viel
besser als Halef aus. Es war gar kein Wunder, da Assil mich nicht erkannt
hatte. Wenn ich nicht gewut htte, da ich es sei, so wre ich wohl kaum auf
den Gedanken gekommen, in diesem dunkeln, hippokratischen Schemen mein eigenes
Bild vor mir zu haben!
    Aber das besserte sich nun von Tag zu Tag. Ich geno viel Milch, mein
Lieblingsgetrnk, und erhielt sehr reichlich ausgepreten Saft von
Hhnerfleisch. Bald konnte ich aufrecht sitzen, ohne gleich wieder umzufallen.
Das Sprechen strengte mich nicht mehr an, und ich machte an mir die bei
Genesenden sehr hufige Beobachtung, da geistig ganz wertlos scheinende
Kleinigkeiten mir ein ungewhnliches, wenn auch fast kindliches Interesse
abgewannen.
    Es war an einem dieser Tage. Die Sonne stieg dem Untergange zu. Da trug man
Kissen hinaus ins Freie, und Schakara fragte mich, ob ich nicht einmal drauen
sitzen mge. Der erste Ausflug, zwanzig Schritte weit bis vor die Sulen hin!
Ich stimmte freudig ein. Zwei Mnner hoben mich auf und brachten mich hinaus.
Das war keine schwere Arbeit, denn ich war sehr leicht geworden. Nun sah ich zum
erstenmal die Gegend, in welcher wir uns befanden. Sie mute auch jedem, der
nicht Rekonvaleszent war, als ein Paradies erscheinen.
    Von da, wo ich mich befand, fhrten zwlf Stufen auf eine weite, grasige
Terrasse hinab, auf welcher Assil und Barkh spazieren gingen oder vielmehr
spazieren sprangen. Sie war von Blumenbeeten und blhenden Rosenbumchen
eingefat. Mehrere hoch- und breitkronige Dilbiplatanen breiteten schtzend ihre
Wipfel ber diesen freien Platz, von welchem ein gut unterhaltener Zickzackweg
hinab zur Sohle des Thales fhrte. Das Haus des Ustad stand hoch auf stolzer
Hhe. Es war auf gewaltigen, altpersischen Mauerresten errichtet und glich mehr
einer Burg als einem Wohngebude, doch konnte ich das jetzt noch nicht sehen.
Das vor mir liegende Thal hatte eine elliptische Form, an deren westlicher,
schmaler Seite ich hier sa. Es war wohl eine Wegesstunde lang und halb so
breit. In der Mitte flimmerten die vom Windeshauche bewegten Wellen eines Sees,
welcher rundum von saftig grnem Weideland umgeben war. Ich sah da Pferde,
Maultiere, Kamele, Rinder und eine Menge Kleinvieh grasen. Hieran schlossen sich
wohlbebaute Felder, welche bis an die rings emporragenden Berge reichten, an
denen sich Wein-, Maulbeer-, Frucht- und Blumengrten bis da hinaufzogen, wo der
Wald sich seiner Herrschaft nicht berauben lie. Ich sah lebhafte Wasser von den
Hhen flieen, um ihren Weg zum See zu suchen, auf dem - ein Wunder hier in
Persien! - ein kleines Boot sein helles Segel blhte. Ueberall standen Huser,
meist mit platten Dchern, aus festen Steinen aufgefhrt und freundlich wei
getncht. Sie wurden im Winter bewohnt. Fr die jetzige Jahreszeit hatte man
luftige Zelte errichtet oder auf den Dchern aus Laub und Stangen Htten gebaut,
in denen man des Nachts zu schlafen pflegte. Diese Htten sind auch in andern
Gegenden des Orients gebruchlich. Man sieht sie z.B. besonders auf den alten,
dumpfigen Gebuden von Beled esch Schech und El Jadschur, welche an der Strae
von Hafa nach Nazareth liegen. Die Berge erreichten hier eine solche Hhe, da
ihnen der Wald nicht bis ganz hinauf zu folgen vermochte. Die Kuppen bildeten
alpine Weiden, auf denen die dort grasenden Ziegen dem Auge als ganz winzige
Tpfelchen erschienen.
    Die Mehrzahl der Huser und der Zelte lag im Vordergrunde, von welchem aus
ein breiter, straenhnlicher Weg hinauf nach einem Felsenvorsprunge fhrte, wo
ich ein Bauwerk liegen sah, dessen Stil meine Verwunderung erregte. Es war ein
nach allen Seiten offener Tempelbau, dessen Dach nur von Sulen, nicht von
geschlossenen Wnden getragen wurde. Es gab kein einziges Zeichen, welches
verriet, welcher Art von Verehrung es zu dienen habe. Ich sah nur die Sulen und
das Dach, sonst weiter nichts. Es gab keinen Altar, keinen einzigen Sitz, keinen
Rednerstuhl. Aber an allen Sulen rankten sich blhende Kletterrosen und andere
Schlingpflanzen empor, und der ganze Platz rund um den Tempel bildete einen
sichtlich mit groer Liebe gepflegten Blumengarten, durch welchen zahlreiche,
mit reinlichem Sand bestreute Wandelgnge fhrten.
    Noch hing mein bewundernder Blick an dieser Herrlichkeit da drben, da kam
jemand durch den Raum gegangen und blieb hinter mir am Pfeiler stehen. Ich sah
ihn nicht, aber ich fhlte ganz deutlich, da es der Ustad war. Es verging
einige Zeit, ohne da er sich bewegte oder sprach. Auch ich war still. Ich sah
hinauf zu den Bergen. Das Licht hatte begonnen, sich aus dem Thale
zurckzuziehen. Die leise schreitende Dmmerung stieg empor. Als sie den Fu des
Waldes erreicht hatte, erschienen die freien Hhen wie in flssiges, leuchtendes
Gold getaucht. Die scheidende Sonne gab ihnen den letzten, glhenden
Abschiedsku. Das Gold ging in tiefere Orange- und Purpurtne ber, denen ein
kurzer, violetter Schatten folgte; dann schwang sich das Abendrot von den Bergen
himmelwrts, um sich dort fr eine andere Welt ins Morgenglhen zu verwandeln.
Gute Nacht! klang es mir durch die Seele.
    Ich hatte das blo gedacht, und doch ertnte sogleich neben mir die tiefe
Stimme des Ustad:
    Gute Nacht fr uns; fr andere aber bedeutet es den Morgen! Erlaubst du
mir, Effendi, eine kurze Zeit bei dir zu sein?
    Du bist mir, wie kein anderer, hochwillkommen! antwortete ich ihm.
    Da trat er zu mir heran, legte mir die Rechte auf das Haupt und sprach:
    Seit du bei mir in meinem Hause bist, ist's heut zum erstenmal, da deine
Krankheit nicht zwischen meinen Worten und dem Verstndnisse derselben steht.
Sie ist gewichen; du kannst nun, ungehindert von ihr, das, was ich sage,
empfangen und begreifen. Ich heie dich zum zweitenmal willkommen und bitte
dich, bei mir zu bleiben, so lange es dir und deinem hhern Ich, welches ihr
Seele zu nennen pflegt, bei mir und meiner Seele gefllt. Ich habe auf dich
gewartet.
    Du? Auf mich? fragte ich erstaunt.
    Ja. Schon seit langer, langer Zeit. O, ihr wit gar nicht, wie lange wir
schon auf euch warten, auf euch, auf euch, auf euch!
    Er hielt einen Augenblick inne, wie um mir Zeit zu gewhren, ber seine
Worte nachzudenken; dann fuhr er weiter fort:
    Und nun du endlich, endlich gekommen bist, und zwar in einer Weise, wie ich
kaum hoffen konnte, so segne ich dich mit dem besten Segen, den ein Mensch vom
Himmel zu empfangen und einem andern Menschen zu geben vermag. Nimm ihn hin von
mir, diesen Segen, und glaube nicht, da er in leeren Worten bestehe! Er kommt
nicht von mir sondern von dem, der die einzige Quelle alles Segens ist!
    Als er das gesagt hatte, trat er von mir weg und setzte sich zu meinen Fen
auf die erste der hinabfhrenden Stufen nieder. Das war so bescheiden und
anspruchslos; das war so klein, und doch war es so gro!
    Nun herrschte eine Weile zwischen uns Schweigen. Die schnelle Dmmerung
verwandelte sich in Nacht. Die Huser waren verschwunden, aber freundliche
Lichter tauchten auf, um uns die Stellen zu bezeichnen, an denen Menschen
wohnten. Am Himmel wurden die Sterne immer sichtbarer. Ihr Schein reichte hin,
uns die erhabenen Gestalten der Berge sichtbar zu machen, um deren baumlose
Hupter lichtere Tne webten, welche mein Auge unausgesetzt auf sich zogen. Da
deutete der Ustad empor und sagte:
    Ich sehe, da du hinauf zu unsern Bergen schaust. Wollte das Abendland doch
stets dasselbe thun! Aber es scheint nur unsere Thler kennen zu wollen! Wenn es
von uns redet, so spricht es nur von unsern Tiefen, nicht von unsern Hhen! Von
unserm Alter, nicht von unserer Jugend! Von unserer Vergangenheit, nicht von
unserer Zukunft! Von unserem Tode, nicht von unserm Leben! Von unserer Ohnmacht,
nicht von unserer Strke! Von unserm Verfall, doch nicht von unsern Hoffnungen!
Ich wei nur einen einzigen Europer, der anders und besser von uns denkt, und
dieser Mann bist du, Effendi.
    Ich habe noch nicht mit dir hierber gesprochen. Soltest du mich trotzdem
kennen? fragte ich.
    Ja. Wir haben nicht die Mittel des Verkehrs, die ihr besitzt; aber der
Ilahn83 ist ein schneller Reiter. Er eilt von Duar84 zu Duar, um zu verknden
was er sah und was er hrte. Er hat schon lngst, schon lngst von dir erzhlt.
Du warst wiederholt ein Gast der Haddedihn, und von ihnen bis herauf zu uns ist
gar nicht weit. Du warst schon einigemal in den Bergen Kurdistans. Was da
geschah, das haben wir erfahren. Ich habe geahnt, da deine Seele dich auch zu
uns fhren werde, und darum sagte ich soeben, da du von uns erwartet worden
seist. Aber es giebt noch eine andere, bessere und zuverlssigere Quelle, aus
deren reinem, klarem Wasser mir dein geistiges Angesicht entgegenblickte. Ahnest
du vielleicht, wer diese Quelle ist?
    Nein.
    Ihr Name ist Marah Durimeh.
    Sie? Meine liebe, liebe Freundin und Beschtzerin? fragte ich da schnell.
Kennst du sie?
    Wahrscheinlich kennt sie keiner so gut, wie ich sie kenne. Doch, schweigen
wir jetzt von ihr! Es giebt noch eine andere Person, an die ich jetzt zu denken
habe. Als ich am Morgen, nachdem man euch zu mir gebracht hatte, eure Waffen
sah, fiel mir ein Chandschar85 auf, der bei dir gefunden worden war.
    Kennst du ihn? fiel ich rasch ein.
    Ja. Es kennen ihn sehr viele. Ist er ein Geschenk?
    Ja.
    Wo hast du ihn bekommen?
    In Amerika.
    Bon wem? Verzeih, da ich dich frage! Es ist nicht mige Neugierde, die
mich zu dieser Erkundigung veranlat.
    Von einem Perser, Namens Dschafar.
    Mirza Dschafar, der Sohn von Mirza Masuk?
    Ja, von ihm.
    Er gab dir die Waffe mit der Versicherung, da derjenige, der ihm diesen
Chandschar vorzeige, sei er, was er sei, darauf rechnen knne, da er alles fr
ihn thun werde?
    So ist es. Also auch diese Worte sind dir bekannt!
    Nicht nur sie und nicht nur alles, was Mirza Dschafar mit dir erlebte,
sondern auch alles, was er mit dir gesprochen hat. Du siehst also, da ich dich
besser kenne, als du wohl ahnen konntest. Darum wei ich ganz genau, wie du ber
das Morgenland und sein Verhltnis zum Abendlande denkst. Ich begreife, da du
nheres ber Mirza Dschafar erfahren mchtest, bitte dich aber, mich jetzt nicht
zu fragen. Du gehst ja noch nicht fort von mir, und wir haben also Zeit genug,
ber diesen mir so wichtigen Mann zu sprechen. Es liegt ein Geheimnis ber ihm,
und ich wei jetzt noch nicht, ob ich es dir so weit, wie ich es kenne,
enthllen darf.
    Er schwieg. Auch ich war still. Wie wunderbar die Fden des menschlichen
Lebens gesponnen werden! So fern die Maschen von einander liegen, es kommt ganz
unerwartet ein Faden, der sie eng vereinigt. Wer sind die Arbeiter, die an
unsern Websthlen sitzen? Wir selbst? Wer liefert uns das Garn? Wer bringt es
auf die Spule? Wer legt die Kette um den drehenden Rahmen? Wer legt die Muster
auf? Wer lenkt das unermdliche Schiffchen Tag fr Tag, Stunde fr Stunde, vom
ersten bis zum letzten Augenblicke unserer Erdenzeit? Immer und immer nur wir
selbst? Wir armen armen, kurzsichtigen Thoren!
    Es lag in diesem Gedankengange, da mein Blick hinber nach dem Blumentempel
gefhrt wurde. Ich fragte den Ustad, was das fr ein Gebude sei.
    Es ist unser Beit-y-Chodeh86, antwortete er. Du kannst es auch Beit Allah
nennen. Chodeh und Allah ist ja gleich. Ihr nennt ihn Gott!
    Da aber wendete er, der mir bisher die Seite zugekehrt hatte, sich pltzlich
ganz zu mir herum und sagte:
    Gott - Allah - Chodeh - welch eine Todsnde, zu behaupten, da diese drei
Worte nicht Verschiedenes bedeuten! Ich sah einen englischen Missionar, welcher
seinen Schlern befahl, den Schpfer und Erhalter aller Dinge nur englisch God
zu nennen; Allah und Chodi seien ganz andere Gtter! Als ob der Ewig-Ewig-Eine
von irgend einem sich berhebenden Menschenkinde gezwungen werden knne, fr
jede andere Sprache und fr jede andere Art, in der die Sterblichen zu ihm
lallen, auch ein anderes Wesen anzunehmen! So ein Thor stellt sich hoch ber
Gott, indem er es in seiner Verblendung wagt, zu bestimmen, welches Wort der
einzig richtige Name des Weltenlenkers sei! Hast du als Christ den Mut, Gott
Allah oder Chodeh zu nennen, Effendi?
    Wenn ich berhaupt schon den Mut besitze, von Gott oder gar im Gebete mit
Gott zu sprechen, so ist der Mut, den du meinst, wohl selbstverstndlich. Ich
besitze nicht die Macht, Gott vorzuschreiben, wie er sich in den verschiedenen
Lndern der Erde nennen zu lassen habe. Und ich bin auch nicht so wahnsinnig, zu
behaupten, da Gott ein Wesen sei, dessen Namen nur aus Buchstaben des deutschen
Alphabetes zusammengesetzt werden knne.
    So denke auch ich. Man giebt ihm in jeder Sprache und in jeder
Anbetungsweise so viele und so verschiedene Namen; aber er ist und bleibt stets
derselbe. Welches Menschenwort knnte ihn umfassen? Von welchem irdischen
Gebude drfte man sagen, da er hier ausschlielich wohne? Darum haben wir zwar
die Sulenhalle da drben errichtet, aber wir nennen sie nicht sein Haus,
sondern unser Gotteshaus. Dieses haben wir fr uns gebaut, nicht aber zur
Wohnung dessen, der allgegenwrtig ist und sich nicht etwa von einem andern Orte
und von andern Menschen entfernen kann, um, uns zum Vorzuge, bei uns
einzuziehen. Wer einen besondern Ort fr Gott bestimmt, der begeht die Snde,
dem allumfassenden Geiste die Fesseln von Raum und Zeit anlegen zu wollen. - - -
Warum ist es zu allererst Chodeh, von dem ich zu dir spreche? Warum habe ich
nicht mit etwas anderem begonnen? Du solltest vor allen Dingen und zunchst
wissen, wem dieses Haus und dieses kleine Reich gehrt, dessen Lichter du da
unten glnzen siehst. Ich wollte dir damit sagen, da du dich bei Leuten
befindest, welche wissen, wem sie angehren. Und wir sagen nicht blo, da wir
ihm dienen, sondern wir sind jederzeit bereit, dieses Wort in Thaten zu
verwandeln. Horch! Da hast du gleich Gelegenheit, so eine That zu hren.
    Die beiden Glocken begannen, ber uns zu klingen.
    Warum lutet man? fragte ich.
    Um zum Gebete aufzufordern. Irgend ein Bewohner unsers Thales sendet in
diesem Augenblicke seine Seele zu Chodeh empor; er hat das hier gemeldet; die
Glocken klingen, und so weit ihre Stimmen zu hren sind, faltet jedermann die
Hnde, und tausende von Herzen beten mit. Ich thue es auch!
    Ich ebenso!
    Es war, als ob diese meine zwei Worte mit Willen begabte Wesen seien, welche
meine Hnde faten, um sie ineinander zu legen. Mu man wissen, um was jemand
bittet, um mit ihm beten zu knnen? Nein! Der Glaube trgt die Nchstenliebe
himmelan; der Gegenstand des Wunsches braucht nicht genannt zu werden. Euer
Vater wei, was ihr bedrfet, noch ehe ihr darum bittet.
    Giebt es vielleicht ein Dogma oder irgend ein Glaubensbekenntnis, gegen
welches ich gesndigt htte, indem ich hier als Mensch mit andern guten Menschen
meiner brderlichen Pflicht gedachte? Ich hoffe: keines! Es sei denn, da eine
Religion existiere, welche die Verkncherung des Herzens zur unbedingten Folge
hat! Es war eine ganz eigenartige Atmosphre, aus welcher ich hier an diesem
Orte und in dieser Stunde krperlich und geistig Odem sog. Da unten in Basra
hatten wir die pest- und fieberschwangern Dnste einer nicht blo orographischen
Tiefe eingeatmet; hier oben aber umwehte mich, auch nicht blo uerlich, eine
Lebensluft, die frei von Keimen zum Erkranken war. Ich htte behaupten mgen,
da nie ein Glockengelut so rein erklungen sei wie dieses hier. Vielleicht
waren die aufsteigenden Frbitten von eben derselben Lauterkeit, weil niemand
wute, um wen und um was es sich handelte. Dieser von jeder Aeuerlichkeit
erlste Gottesdienst wirkte so unmittelbar und siegreich auf das Gemt, da eine
Frage nach Knigges Umgang mit Andersglubigen gar nicht aufkommen konnte. Nur
einem vollstndig herz-und gemtslosen Menschen wre es zuzutrauen gewesen, hier
ohne sowohl innere als auch uere Teilnahme zu bleiben.
    Als der letzte Ton der Glocken zwischen den Bergen verklungen war, verharrte
der Ustad noch einige Zeit im Schweigen; dann wendete er sich mir wieder zu und
sagte:
    So wie jetzt wurden die Glocken gelutet, mitten in der Nacht, als man dich
und den Scheik der Haddedihn hier bei mir eingebettet hatte. Es gab keinen
einzigen Dschamiki, der sich nicht dem Schlafe entri, um fr euch zu beten. Und
alle, alle, sind auch dann noch mit dieser Frbitte einverstanden gewesen, als
sie erfuhren, da ihr unsern Chode Gott und Allah nennet. Wret ihr beide bei
uns gestorben, so htten wir euch nicht etwa abseits eingescharrt, sondern ihr
wret unter Glockenklang und Liedersang auf den Berg getragen worden, wo alle
unsere Brder und Schwestern liegen, die sich verwandelt haben. Wir htten euch
gesegnet, wie wir sie gesegnet haben, und euch die schnsten und duftendsten
unserer Rosen auf die Grber gepflanzt. Denn wir verheimlichen nicht, was wir
wissen und was wir glauben und was kein guter unbefangener Mensch bezweifeln
kann, nmlich da nicht wir die Richter sind, welche ber die Seligkeit oder
Verdammnis der Sterblichen zu bestimmen haben. Sag, wrde man auch bei euch
Christen einem Andersglubigen die Glocken luten und den Segen geben? Ich frage
dich nicht, um eine Antwort zu erhalten, denn ich wei, da du sie mir nicht
geben darfst.
    Als er jetzt schwieg, blieb ich still. Warum? Blo wegen meiner krperlichen
Schwche als Genesender? Oder aus Klugheit, um ein Wortgefecht zu vermeiden?
Warum soll man, wenn man von Achilles redet, grad von seiner Ferse sprechen!
Mein Auge war hinunter auf das Thal gerichtet. Ich sah Lichter, welche sich hin
und her bewegten. Waren das Fackeln? Vereinzelte Stimmen drangen herauf; sie
klangen wie Kommandorufe. Da fragte mich der Ustad:
    Bemerkst du, da sich da unten das Dorf belebt?
    Ja, antwortete ich.
    Fhlst du dich schwach oder wohl?
    Wohl. Warum willst du das wissen?
    Weil ich eine Mitteilung fr dich habe, welche dich wahrscheinlich sehr
bewegen wird.
    Sprich sie aus! Ich frchte nichts fr mich.
    Sie ist eine doppelte. Das eine klingt nicht froh. Das will ich dir zuerst
sagen, damit das andere dich wieder beruhigen mge. Mein Pedehr vermutet, da
Hadschi Halef Omar in dieser Nacht erwachen werde.
    Zum letzten Male?
    Das wei allein Chodeh. Ich bin berzeugt, da die Erwartung des Pedehr
sich erfllen werde, denn er kennt diese Krankheit so genau, wie kein zweiter
sie kennt.
    Wo werden die Boten sein, die wir nach den Weidepltzen der Haddedihn
gesandt haben!
    Das ist das zweite, was ich dir mitzuteilen habe. Der Gedanke, Kara Ben
Halef holen zu lassen, wurde zwar von dir ausgesprochen, aber er kam nicht von
dir. Da er dir gegeben wurde, lt mich fr unsern dem Tode so nahen Freund
noch Hoffnung hegen. Unser Knnen ist erschpft; es giebt nur noch die
Mglichkeit, da der unerwartete Anblick seines Sohnes ihn rettet.
    Aber der ist nicht hier!
    Er kommt.
    Wirklich? Gewi? Noch heut? fragte ich in freudiger Ueberraschung.
    Ja; noch heut, noch diesen Abend, noch vor Mitternacht.
    Ich lehnte mich zurck und holte tief, tief Atem. Es war, als ob der Odem
mir bisher gefehlt und sich nun wieder eingestellt habe. Ich schlo die Augen.
Mein Blick richtete sich nach innen. Da sah ich nun so recht, wie schwer die
Sorge um meinen Halef auf mir gelastet hatte. Jetzt teilte sich die
unheilschwangere Wolke, und ein lichter Strahl gab mir die Hoffnung wieder!
    Sind die Boten denn schon zurck? erkundigte ich mich.
    O nein! Sie sind mit dem jungen Scheik der Haddedihn nur bis zu einem Duar
gekommen, welcher fast drei Tagesritte von hier liegt. Da mssen sie bleiben, um
sich zu erholen. Auch ihre Pferde konnten nicht weiter. Der Sohn, welcher kommt,
um seinen Vater wo mglich noch lebend anzutreffen, hat weder sich noch sie
geschont. Nur die Rcksicht auf sein abgetriebenes, edles Pferd hat ihn
vermocht, eine volle Nacht in jenem Duar zu bleiben, damit es einmal lnger
ruhen knne. Aber er hat sogleich nach seiner Ankunft dort zwei Boten
vorausgesandt, von denen ich erfuhr, da er heut abend sicher kommen werde.
    Warum sagst du mir das erst jetzt?
    Weil ich es selbst nicht frher wute. Der Vorsprung, den sie vor ihm
hatten, wird durch die Eile, mit welcher er ihnen folgt, derart ausgeglichen,
da er nur ganz kurze Zeit nach ihnen hier einzutreffen gedenkt. Nun siehst du
die Lichter, welche sich da unten im Thale bewegen. Es versammelt sich da eine
Schar meiner Dschamikun, um den beiden entgegenzureiten.
    Den - - beiden? Sind es zwei?
    Ja.
    Wer noch, auer ihm?
    Ein Haddedihn, welcher nicht zu Pferde mit ihm kommt, sondern sich zweier
Eilkamele bedient, um mit ihnen wechseln zu knnen.
    Wie heit er?
    Das wei ich nicht. Die Boten waren ber seine Hedschan87 der Bewunderung
voll; sie versicherten, noch nie im Leben so herrliche Tiere gesehen zu haben.
    Tragen diese Kamele etwa einen Tachtirwahn88?
    Nein. Meinst du, da der junge Haddedihn eine Frau mitbringe? Es giebt kein
Weib, welches, selbst in der Snfte, eine solche Anstrengung auszuhalten
vermchte. Die Boten sagten, der Begleiter Kara Ben Halefs scheine ein vornehmer
Christ zu sein, der zwar wenig, aber sehr gebieterisch spreche. Er trage eine
blaue Brille und darunter noch einen blauen Schleier, um seine Augen zu
schtzen. Wahrscheinlich sei er einer der gelehrten Abendlnder, welche nach der
Dschesireh kommen, um in den dortigen Ruinen alte Ziegel auszugraben. - - Nun
sag, hat dich diese Nachricht aufgeregt?
    Nein. Um aufgeregt sein zu knnen, bin ich wohl noch zu schwach. Wir stehen
vor einer Entscheidung. Fllt sie ungnstig aus, so trifft sie mich nicht
unvorbereitet, und ich wei, da das Leben des Menschen nicht mit dem Tode
aufhrt. Selbst wenn Hadschi Halef strbe, wrde er mir unverloren bleiben. Die
Nachricht von der Ankunft seines Sohnes erfllt mich mit herzlicher Freude. Das
Wiedersehen wird nicht schdlich auf mich wirken.
    So bin ich beruhigt. Ich kam, dich vorzubereiten. Ich wei, da du wohl
viele Fragen hast, deren Beantwortung du dir wnschest. Mein Pedehr wird das
gern thun. Ich sorge fr die Seelen unserer Dschamikun; alles andere ist in
seine Hand gegeben.
    Er erhob sich, strich mir mit der Hand wie liebkosend ber das Haar und
kehrte dann nach dem Innern des Gebudes zurck. Bei dieser Berhrung meines
Hauptes hatte ich wieder das Gefhl, als ob dabei eine gtig reine, nicht
materielle Kraft durch mein ganzes Wesen gehe. Kann man den von einem
wohlwollenden Menschen ausgehenden Segen in dieser Weise fhlen? Oder giebt es
ein uns noch unbekanntes Fluidum, welches in dieser Weise von dem einen auf den
andern bertragen werden kann?
    Nun war ich allein und dachte an Halefs Sohn. Endlich, endlich! Ich hatte
eine Zuversicht in mir, welche an die Gewiheit grenzte, da er seinen Vater
retten werde. Wer aber war der Fremde, den er mitbrachte? Einen Augenblick lang
hatte ich an seine Mutter gedacht, an Hanneh, die lieblichste und schnste
unter allen Blumen des Morgenlandes. Ich war durch die Snfte zu diesem
Gedanken gefhrt worden. Aber ich hatte doch angeordnet, da Hanneh nichts von
Halefs Krankheit erfahren solle, und mute mit der Ansicht des Ustad
einverstanden sein, da ein weibliches Wesen einen solchen Parforceritt
unmglich aushalten knne. Zwar war sie eine auerordentlich resolute Frau; sie
verstand, jedes Pferd nach Mnnerart zu reiten, und sie hing mit so inniger
Liebe an Halef, da ihr der Entschlu, jetzt mitzukommen, sehr wohl zugetraut
werden konnte; aber anzunehmen, da sie diesen Gedanken in Wirklichkeit
ausgefhrt habe, das schien mir doch viel zu gewagt zu sein.
    Ein europischer Gelehrter! Man hielt ihn wohl nur seiner blauen Brille
wegen fr einen solchen; er brauchte es ja trotzdem nicht zu sein. Auch ich
hatte solche Brillen bei mir gehabt, um sie aufzusetzen, wenn die Sonnenstrahlen
allzu blendend von den hellen Sand- oder Felsenflchen zurckgeworfen wurden.
Ich war von dem damals noch kleinen Kara gebeten worden, sie ihm zu schenken,
und hatte es gethan. Also, die Brille macht noch nicht den Gelehrten; ich habe
nie im Leben die Absicht gehabt, gelehrt zu sein, denn es ist mir nie
gelungen, mir dieses Wort sympathisch werden zu lassen. Wer aber war dieser
Mann? Unser David Lindsay jedenfalls nicht. Nur allein diesem, der sich aber
unterwegs nach Schiras befand, konnte die khne Schrulle beikommen, sich Hals
ber Kopf einer solchen Hetzpartie nur aus dem Grunde anzuschlieen, weil es
etwas Ungewhnliches war. Ich sann hin und her, konnte mir aber auer ihm
niemand denken, und hielt es darum fr das beste, jetzt einmal dem Beispiele
Halefs zu folgen, der, wenn es etwas zu erraten gab, sich stets mit der
Bemerkung aus der Schlinge zu ziehen pflegte, da er sich mit der Lsung von
Rtseln nicht abzugeben habe.
    Unten im Thale gab es wieder Ruhe; die Schar der Dschamikun, von welcher der
Ustad gesprochen hatte, war fortgeritten. Auf dem freien Platze zu meinen Fen,
wo sich unsere Pferde befanden, wurden an den dazu vorhandenen
Einfassungssttzen Fackeln aufgesteckt, welche spter angebrannt werden sollten.
Dann kam der Pedehr mit einigen Bedienten in den Raum, an dessen Sule ich
sitzend lehnte. Er gab leise Befehle. Dann kam er heraus, setzte sich bei mir
nieder und fragte:
    Der Ustad hat dir gesagt, wer heut noch kommt?
    Ja.
    Ich wei, da du dich auf das Wiedersehen mit dem Sohne freust, und ich
hoffe, da der Himmel den Vater dir erhlt. Denkst du, stark genug fr diesen
vielleicht schweren Abend zu sein?
    Wenn ich will, wird der Krper gehorchen.
    Ich habe Befehl erteilt, die Kerzen der Beratung hereinzubringen. Sie
werden nur dann angebrannt, wenn die Aeltesten des Stammes sich bei dem Ustad
befinden, um mit ihm wichtige Angelegenheiten zu beraten. Doch soll auch an dem
heutigen Abend der Raum so tageshell erleuchtet sein, wie er es bei diesen
Gelegenheiten ist. Ich habe ber das Leben des Kranken zu wachen und brauche
Licht, um die Schrift seines Angesichtes lesen zu knnen. Was ich verbiete, darf
nicht geschehen. Bist du damit einverstanden, Effendi?
    
    Sehr gern!
    Wenn er erwacht und aber nicht spricht, so wird er sterben. Findet jedoch
seine Seele den Weg zu seinem Munde noch frei, so kann er uns erhalten bleiben.
Unser Freund kann sich nur durch sich selbst, durch seinen eigenen Willen
retten. Besitzt er diesen noch, so hoffe ich fr ihn. Wenn er einen Wunsch
uert, so haben wir ihn zu erfllen, falls dies mglich ist, denn dieser Wunsch
ist die Sttze, an welcher das niedergesunkene Leben sich aufzurichten hat.
    Ich bitte dich, mich hineinschaffen zu lassen. Ich mchte, wenn er erwacht,
an seiner Seite oder doch wenigstens in seiner Nhe sein.
    Dies wird geschehen, doch warum schon jetzt? Macht dich der Aufenthalt im
Freien schwach?
    Nein. Warten wir also bis spter! Jetzt mchte ich gern wissen, was aus den
Massaban geworden ist. Ich habe noch nichts wieder ber sie gehrt.
    Ich werde dir das morgen oder bermorgen ausfhrlich erzhlen. Heut aber
wird dein Inneres so sehr beschftigt werden, da ich dir nur das Eine sagen
will: Es ist uns keiner entgangen. Gengt dir das?
    Wenn du willst, ja. Horch! War das nicht ein Schu? Noch einer! Und noch
einer!
    Drei Schsse. Sie kommen. Viel eher, als ich dachte!
    Mit Kara Ben Halef?
    Ja. Bist du innerlich gerstet, Effendi?
    Gewi!
    Prfe dich! Es wird ein Sturm sein, welcher an deiner Seele, an deinem
Leben rttelt!
    Diese Seele ist stark; ich kenne sie.
    So sei es denn! Wir wagen viel, sehr viel, doch meine Hoffnung blickt zu
Chodeh auf, der nur allein es ist, dem wir vertrauen mssen. Ich will nach Halef
schauen und dann am Thor die Gste begren; hierauf kehre ich mit ihnen hierher
zurck zu dir.
    Er ging hinein, und ich hrte, da er befahl, die Kerzen anzubrennen. Gleich
hierauf drang eine Flle des Lichtes durch die offenen Bogen heraus auf den
Vorplatz. Ich sah deutlich unsere zwei Pferde liegen und mehrere Dschamikun
damit beschftigt, die aufgesteckten Fackeln schnell anzuznden. Auch die andern
Rume des hohen Hauses schienen hell erleuchtet worden zu sein, denn die
Strahlen vereinten sich zu einem glnzenden Lichtstrome, welcher weit hinaus bis
an den See und tief hinunter bis auf die Sohle des Thales flutete. Von dort
klangen laute Stimmen herauf. Ich hrte Pferde wiehern. Eine Fantasia oder gar
ein lrmendes Pulverspiel gab es nicht. Die Nhe des Todes verbietet solche
Dinge.
    Bald hrte ich fernleisen Hufschlag, welcher lauter wurde. Er kam den Berg
herauf. Nun ertnte das langgezogene, ungeduldige Chchchchchuuuuh eines
Kameles. Ich kannte diesen Ton. So klagt das Hedschihn der ebenen Wste, wenn es
gezwungen wird, auf ungewohnten Bergwegen zu schreiten. Von rechts unten her
erklang die laute Stimme des Pedehr. Ich verstand die Worte nicht, doch waren
sie das Willkommen, welches er den Gsten sagte. Hierauf erschienen einige
Dschamikunreiter auf dem Vorplatze. Sie waren die Fhrer. Hinter ihnen kam, von
den Fackeln gengend beleuchtet, Kara Ben Halef, auf seinem Ghalib sitzend.
Ihm folgten zwei aus der edelsten Bischarizucht stammende Eilkamele. Das eine
war ledig; auf dem andern sa der verschleierte Fremde. Seine Waffen hingen am
Sattelknopfe. Er sprach mit dem Pedehr. Er war ebenso wie Kara in den
gewhnlichen Wstenanzug gekleidet.
    Kara Ben Halef sprang vom Pferde und trat zu dem Kamele hin, um dessen
Reiter beim Absteigen zu untersttzen. Dieser aber glitt ohne die beabsichtigte
Hilfe schnell aus dem Sattel herab und fragte so laut und pressant, da ich die
Worte verstehen konnte:
    Nun sag, wo liegt der Scheik der Haddedihn?!
    Welch eine Stimme! Die kannte ich ja! Tuschte mich mein Ohr, oder war es
Wirklichkeit?
    Hier oben in der Halle, antwortete der Pedehr.
    So komm!
    Mit diesen Worten ergriff der Fremde Karas Hand, um mit ihm die Stufen
emporzueilen.
    Ich ersuche euch, nicht so schnell zu gehen, bat der Pedehr. Es ist
notwendig, da ich vorher - - -
    Dem Verschleierten aber fiel es gar nicht ein, auf diese Worte zu achten. Er
zog Kara von Stufe zu Stufe in grter Ungeduld hinter sich her, bis er die
oberste erreicht hatte. Da fiel sein Blick auf mich. Er blieb stehen, um mich zu
betrachten. Seine Gestalt schien pltzlich alle Mglichkeit, sich zu bewegen,
verloren zu haben. Er stand starr, wortlos, eine ganze, ganze Zeit. Dann hob er
langsam die Arme und schlug die Hnde laut zusammen.
    Sihdi?! rief er aus.
    Ich bin es, antwortete ich.
    Da that er die drei Schritte zu mir her, warf sich vor mir nieder, zog meine
beiden Hnde unter seinen Schleier und drckte sein Gesicht hinein. Es waren
glatte, bartlose Wangen, die ich fhlte. Sein Krper bewegte sich konvulsivisch.
Er wollte den Ausbruch des Schmerzes, das Schluchzen unterdrcken und konnte es
doch nicht. Aus seinen Augen flo eine Flut von Thrnen ber meine Hnde. Kara
stand still auf der vorletzten Stufe. Auch er erkannte mich, lie aber dem
Andern das Vorrecht, zuerst mit mir zu reden.
    Da hob dieser Andere den Kopf empor, sah mir noch einmal forschend ins
Gesicht und sagte schluchzend:
    Das, das ist mein Sihdi! Der einzige Freund meines irdischen Lebens! Der
kluge Berater meines Herzens! Der treue Leiter meiner irrenden Seele! Der
unerschtterliche Fels in jeder Not! Kennst du mich?
    Hanneh!
    Ich konnte dieses kleine Wort kaum ber die Lippen bringen, so tief
erschttert war ich. Meine Augen standen voller Thrnen, und meine Stimme bebte.
Da warf sie den Turban vom Kopfe, ri den Schleier herab und rief jammernd aus:
    Ja, ich bin es! Aber bist du der noch, der du warst?
    Ich werde es wieder sein!
    Ja, du mut, du mut, du mut es wieder sein! Ich mache dich gesund, ich,
ich, ich! Und ich beginne damit gleich, gleich jetzt, in diesem Augenblick!
Kennst du das Mrchen von Chakika89, welche vom Himmel kam und dem Tode
begegnete? Sie kte ihn; da wurde aus ihm das Leben.
    Ich kenne es. Diese lichte, himmlische Chakika ist die herrlichste
Wahrheit, die es giebt.
    So la mich dieses Mrchen sein, und zrne mir wegen meiner Khnheit
nicht!
    Sie rutschte auf den Knieen ganz zu mir heran, zog meinen Kopf an sich und
kte mich auf beide Wangen und dann noch auf die Stirn. Dann fuhr sie unter
Thrnen fort:
    Wer war es, der dich jetzt mit den Lippen berhrte? Nicht Hanneh, das Weib
von Hadschi Halef Omar, des Scheikes der Haddedihn! Der Ku dieser Frau knnte
dir nichts ntzen trotz aller Liebe und Dankbarkeit, die sie in ihrem Herzen fr
dich pflegt. O, mein Sihdi! O, mein Effendi! Ich wute, da du uns allen teuer
bist, aber wie, wie, wie teuer, das wute ich noch nicht! Das habe ich erst
jetzt begriffen, wo du, von Todes Hand noch festgehalten, mit einem Lcheln auf
mich niederblickst, so schwach, so matt und doch so lieb und gut, da es mir das
Herz zerreien will! Kara Ben Halef, mein Sohn, tritt herbei, und leg deine
Hnde auf das Haupt dieses Mannes, der zu uns kam, um uns allen nichts als nur
Liebe, Liebe, Liebe zu erweisen!
    Er bi die Zhne zusammen, um nicht lautauf zu weinen; aber seine Lippen
zitterten und seine Augen standen voll Wasser. Er legte mir nicht nur die Hnde
sondern auch die Wange auf den Kopf; er hatte mich lieb, so recht von ganzer
Seele lieb. Da faltete seine Mutter ihre Hnde und sprach weiter:
    Sihdi, ich segne dich! Ich segne dich nicht so, wie andere segnen. Ich gebe
dir mehr, als was nur ich dir geben knnte. Ich segne dich durch die Hnde
meines Kindes, auf dem der Segen seines Vaters und seiner Mutter liegt. Dreifach
also ist der Segen, der auf dir ruhen soll in alle Ewigkeit!
    Da erklang die tiefe, klare Stimme des Ustad, der, von uns unbemerkt, hinter
uns an der Sule gestanden hatte:
    Nicht nur dreifach soll er sein, und nicht nur gesegnet sollst du haben,
sondern auch gesegnet werden!
    Er trat aus der Halle heraus, breitete seine Hnde ber sie und fuhr fort:
    Ich sehe dich heut zum erstenmal, und doch ist es mir, als seist du mir
schon lngst, schon lngst bekannt. Ich hre, da du Hanneh bist, unsers Hadschi
Halef Weib; aber fr mich und uns bist du in diesem Augenblicke mehr. Du bist
die Seele des weiblichen Geschlechtes, die aus der Hhe niederstieg, um Geist in
Seele zu verwandeln. Wie hast du mich gerhrt! Wie ward mein Herz bewegt von
deinem Herzen! Es wallt in mir ein groes Wnschen auf, fr welches ich das
rechte Wort nicht finde. Du, eines Moslem Weib, verurteilt zu des Harems
Einsamkeit, hast einem Nasarah90 gegenber dies Gesetz gebrochen, um dem hheren
des Herzens zu gehorchen. Wie wert mu doch sein Christentum deines dreifachen
Segens sein! Und so gern, wie es noch nie geschah, will ich fr dich zu Chodeh
beten, an dir zur Wahrheit zu machen, da, wer da segnet, selbst gesegnet wird!
    Sie schaute zu ihm auf, aus weitgeffneten Augen, mit einem langen, langen
Blicke.
    Bist du der Ustad? fragte sie.
    Man nennt mich so, antwortete er.
    Du sagtest, es sei dir so, als habest du mich schon lngst gekannt. Habe
nicht auch ich dich schon gesehen? Doch wo und wann? Ich kann mich nicht
besinnen. In diesen Bergen ist es nicht gewesen. Du hast den Gebieter meines
Stammes und meines Zeltes bei dir aufgenommen. Ich danke dir! Erlaubst du mir,
da ich jetzt zu ihm gehe?
    Ich fhre dich, antwortete er. Der Pedehr ist bei ihm. Doch, meine
Tochter, bist du stark genug, den Hadschi so zu sehen, wie man nur Leichen
sieht?
    Da richtete sie sich auf. Ihre Augen blitzten. Sie war ganz
Entschlossenheit.
    Kennst du das Weib, Ustad? fragte sie.
    Ich kenne es, lchelte er, und ich sehe, da du es bist!
    Vielleicht erschrecke ich, doch eine Klage wirst du nicht aus meinem Munde
hren. Auch mein Sohn ist stark. Komm, Kara, la uns zum Vater gehen!
    Welch eine Frau! Der Ustad ergriff ihre Hand, um sie zu leiten. Sie gab die
andere Kara; so gingen sie hinein. Ich horchte. Sie schritten langsam nach der
Ecke, in welcher Halef lag; dann war es still, kein Wort, kein Laut zu hren.
Wie war sie ber mein leidendes Aussehen erschrocken! Halefs Anblick aber war
noch schlimmer. Und doch diese Ruhe hinter mir! Ich wiederhole: Welch eine Frau!
    Ich schaute den Dschamikun zu, welche Karas Dunkelbraunen und die beiden
Kamele abgeschirrt hatten und ihnen nun Wasser und Futter gaben. Aber meine
Gedanken waren natrlich weniger dort als in der Halle am Lager des Freundes.
Erst nach langer Zeit hrte ich wieder Schritte. Der Pedehr kam zu mir.
    Sie ist eine Heldin und ihr Sohn ein Held, flsterte er mir zu. Sie sind
bei ihm. Auch der Ustad wird bleiben, denn wir vermuten, da Halef bald erwachen
werde. Ich sah, da sich die Falten seiner Stirn bewegten.
    Und ich? Darf ich hinein? fragte ich.
    Ich bitte dich darum. Er darf dich nicht vermissen.
    Er holte einige Leute, welche mich samt den Kissen hineinbrachten. Hanneh
und Kara saen zur Seite Halefs, der Ustad zu seinen Fen. Ich bekam einen
Platz in der Nhe. Der Pedehr hatte sich auf der Ecke des Lagers niedergelassen.
Er beobachtete den Kranken unausgesetzt. Schakara war auch da, und an der Thr
standen zwei Mnner, um etwaige Befehle sofort auszufhren.
    Ich konnte das Gesicht Halefs deutlich sehen. Die Halle war von Wachskerzen
hell erleuchtet. Die Bienenzucht der Dschamikun lieferte dieses auerhalb ihres
Gebietes seltene Material. Ich wiederhole, da das Gesicht des Hadschi ganz dem
einer Mumie glich. Hanneh bewegte sich nicht. Ihre Zge waren wie aus Stein
geformt. Kara sa so, da ich die seinigen nicht beobachten konnte. Was mich
betrifft, so gab es in mir eine zwar erwartungsvolle, sonst aber ruhige Stille.
Es war, als ob jedes Wnschen und Wollen verschwunden sei; aber das bedeutete
nicht etwa eine Ergebung in das Unvermeidliche, sondern es war eine Zuversicht,
die ich vor der Ankunft Hannehs und Karas keineswegs empfunden hatte.
    Sihdi!
    Was war das? Hatte mich wer gerufen? Ich schaute die Andern fragend an. Sie
blickten ebenso fragend zu mir herber. Keiner hatte dieses Wort gesprochen,
aber alle hatten es gehrt.
    War es Halef? erkundigte ich mich.
    Niemand wute es. Seine uns bekannte Stimme war es nicht gewesen. Auch hatte
man keine Bewegung seiner Lippen gesehen. Nun hingen wir mit unsern Augen an
seinem Munde, welcher ein wenig offen stand.
    Sihdi - - - Sihdi - - -!
    Jetzt hrten wir genau, da Halef es war, obwohl die Stellung seiner Lippen
sich nicht im geringsten verndert hatte. Das war eine ganz eigentmliche
Stimme, nicht laut, nicht leise, ganz ohne allen Ton und Klang und doch so gut
verstndlich. Wenn es Schatten oder Schemen gbe, welche sprechen knnten, so
wrden sie es ganz gewi in dieser Weise thun.
    Halef, mein lieber Halef! antwortete ich.
    Der bin ich nicht! erwiderte er.
    Nicht mein Hadschi?
    Der bin ich auch nicht!
    Also mein Hadschi Halef?
    Ich bin es nicht!
    Wer bist du denn?
    Ich wei es nicht!
    Sag mir deinen Namen!
    Ich habe keinen!
    Aber du kennst dich doch?
    Ich bin ich!
    Wo bist du?
    Hier!
    Wo ist das?
    Bei dir, bei meinem Sihdi! Jetzt bei den Haddedihn! Wo ist Hanneh? Sie ist
nicht da! Wo ist Kara, mein Sohn? Er ist auch nicht da. Ich suche sie!
    Wo gehst du hin, sie zu finden?
    Er antwortete nicht. Darum schwieg auch ich.
    Er hatte alle diese kurzen Antworten gegeben, ohne die Lippen zu bewegen.
Darum waren die Labiallaute nicht zu hren gewesen. Das hatte aber nicht
verhindert, ihn zu verstehen.
    Sihdi - - - Sihdi - - -! erklang es nach einer lngeren Pause wieder.
    Ja, sagte ich.
    Ich bin bei dir.
    Wieder?
    Ja. Ich habe deine Augen.
    Wirklich?
    Wirklich! Und was du siehst, das sehe ich auch! Nun habe ich sie gefunden.
Ich sehe sie! Kara und Hanneh, die ich liebe. Ich sehe noch mehr. Ich sehe - - -
wer - - - wer ist das? Das ist der - - - Pe - - - der Pe - - - Pedehr und - - -
und - - - ich mu fort - - - fort von dir! - - - Wer - - - wer - - - wer bin - -
- bin - - - wer bin ich und wer - - - -
    Da stand der Ustad mit einer unerwartet schnellen Bewegung auf und rief ganz
auffallend laut und deutlich:
    Du bist Hadschi Halef Omar, der Scheik der Haddedihn! Hrst du? Hadschi
Halef Omar, der Scheik der Haddedihn vom Stamme der Schammar!
    Had - - - Hadschi Hal - - - Halef - - - - - - - -
    Er brachte nur diese Silben zusammen; dann verhauchte seine Stimme und wurde
nicht mehr gehrt. Nun lie sich der Ustad wieder nieder, bog sich zu mir
herber und fragte mich, leise flsternd:
    Begreifst du, was ich that?
    Nein.
    So denke nach! Ich habe ihn zu sich zurckgefhrt.
    Ist es denn mglich, eine Seele, welche bereits im Begriffe steht, ihre
Verbindung mit dem Krper zu lsen, durch Worte festzuhalten?
    Ja, das hast du jetzt erfahren und wirst den Beweis bald kommen sehen. Fr
euch Abendlnder ist das freilich ein Rtsel. Eure Seelenlehre ist noch nicht
einmal so weit gekommen, da sie sagen kann, was und wo die Seele ist. Wer die
sonderbare Ansicht hegt, da der Offizier im Krper des Soldaten stecke, der
wird alle Bewegungen dieses Soldaten als Regungen des Offiziers erklren; ber
die Seele aber Auskunft zu geben, das wird ihm ganz unmglich sein!
    Das klang so alt und doch so neu, in jedem Falle aber wahr!
    Nun wieder strte kein Laut die Stille um uns her. Wir konnten nichts thun,
als warten. Es verging wohl ber eine halbe Stunde; da sahen wir, da die
bisherige Starre im Gesicht des Hadschi weichen wollte. Die Mumienhnlichkeit
begann, sich zu verlieren, obgleich von einer eigentlichen Wiederbelebung der
Zge noch nicht gesprochen werden konnte. Jetzt bewegte er die Lippen, doch wir
hrten nichts. Es war zu bemerken, da seine Augapfel sich unter den
geschlossenen Lidern regten. Es gab in ihm eine Anstrengung, welche vergeblich
nach dem Erfolge rang. Hierauf zuckten seine Arme und Beine unter der Decke; es
ging ein Leben durch seinen ganzen Krper, und fast schreiend erklangen die
Worte:
    Sihdi - - Sihdi - - bist du bei mir?
    Ich sage, fast schreiend, aber es war doch kein eigentliches Schreien,
nicht einmal ein Rufen, auch nicht das, was man laut zu nennen pflegt. Und
doch klang es so deutlich, so heftig, so todesngstlich! Man hrte dieser Stimme
die auerordentliche Schwche an, und trotzdem war sie im fernsten Winkel der
Halle zu vernehmen.
    Ich bin hier, antwortete ich.
    Sag, wie heie ich?
    Du bist mein Freund Halef Omar.
    Der Scheik der Haddedihn?
    Ja.
    Ich liege bei den Dschamikun?
    Ja.
    Bin ich noch krank?
    Jetzt noch; bald aber wirst du gesunden.
    Du bist Kara Ben Nemsi?
    Ja.
    So staune! Ich wei, was sterben heit!
    Sag es mir!
    Nicht jetzt. Das Sprechen fllt mir schwer. Sihdi, hast du nicht Glocken
hier gehrt?
    Ja, die Glocken des Gebetes.
    Lat sie luten; lat beten, da ich leben bleibe. - Ich will zurck zu
Hanneh, meiner Seele. Sie ist - - -
    Er hielt inne. Sein Gesicht bekam zum erstenmal wieder einen Ausdruck,
nmlich den der Spannung. Er suchte in sich nach. Dann fuhr er fort, so langsam,
als ob er die Worte mhsam aus der Ferne herbeiholen msse:
    Wie ist mir denn? - - - habe ich nicht - - - meine Hanneh - - - hier
gesehen? - - - Sa nicht auch - - - - Kara, mein Sohn - - - bei mir - - - an
diesem Lager? - - - Ich hatte nicht - - - meine Augen - - - sondern andere. - -
- Mit diesen Augen - - - sah ich meine - - - - meine eigene Leiche. - - - Bei
ihr sa Hanneh - - - wie ein Mann gekleidet - - - hier, hier - - - zu meiner
rechten Hand - - - - Ich kann den Kopf nicht wenden - - - - die Augen nicht
ffnen - - - sie nicht sehen - - - und doch, und doch - - - Hanneh, Hanneh - - -
mein Glck und meine Retterin - - - ich wei - - - du bist bei mir!
    Da war es fr einen Augenblick um ihre ganze Selbstbeherrschung geschehen.
Sie stie einen fast berlauten Schrei aus, sprang empor und rief:
    Allah, ich danke dir! Fast wre ich erstickt vor lauter Qual und Herzeleid!
Nun aber kann ich wieder atmen, denn ich wei, da mein Geliebter nicht sterben,
sondern leben wird. Du, Allbarmherziger, hast ihn mir zurckgegeben!
    Wir hatten whrend dieser ihrer Worte nur auf sie geschaut und nicht auf
Halef gesehen. Nun aber staunten wir ber die Wirkung, welche der Klang ihrer
Stimme auf ihn hervorgebracht hatte. Er bewegte den Kopf; seine Zge hatten
Leben bekommen; seine Augen waren geffnet und mit dem Ausdrucke des Entzckens
auf Hanneh gerichtet. Kara war auch aufgestanden; er trat an die Seite seiner
Mutter. Halef sah ihn neben ihr. Da konnte er pltzlich auch die Hnde bewegen.
Er faltete sie und sprach:
    Auch du bist hier, mein Liebling? Ich bin nicht gestorben und habe doch die
Seligkeit, den ganzen, ganzen Himmel hier bei mir!
    Hierauf schlo er die Augen. Mutter und Sohn knieten bei ihm nieder. Sie
nahmen seine Hnde und sprachen ihre berquellende Liebe in zrtlichen Worten
aus. Er antwortete nicht. Da erklangen ber uns die Glocken, denn einer der an
der Thr stehenden Dschamikun war, sobald Halef diesen Wunsch ausgesprochen
hatte, fortgegangen, um ihn zu erfllen. Der Kranke hrte es und lchelte. Jetzt
beteten Tausende fr ihn. Wir hier in der Halle auch. Er schlief indessen ein.
Mit ihm auch noch ein anderer, nmlich ich.
    Das war nach den Anforderungen, welche dieser Abend an mich gestellt hatte,
gar nicht verwunderlich. Ich wurde so pltzlich von einer ganz unwiderstehlichen
Mdigkeit befallen, da mein aufrecht sitzender Oberkrper den Halt verlor. Ich
fiel um. Man trug mich nach meiner duftenden Veilchenecke, in welcher ich einen
so langen und tiefen Schlaf that, da, als ich am nchsten Tag von ihm erwachte,
die Sonne sich fast schon wieder zum Untergange neigte. Ich fhlte sogleich, da
diese lange Ruhe mich auerordentlich gekrftigt hatte.
    Wer sa bei mir, als ich die Augen ffnete? Hanneh! Sie hatte einen
mitgebrachten Frauenanzug angelegt. Als sie sah, da meine Augen offen und auf
sie gerichtet waren, reichte sie mir die Hand und sagte:
    Ich gre dich aus vollem Herzen und mit meiner ganzen Seele, mein Effendi.
Ich wartete auf dein Erwachen. Inzwischen sitzt mein Kara dort bei Halef, um mir
sofort zu melden, wenn ich ntig bin. Jetzt mut du sogleich essen. Ich werde es
Schakara sagen, da sie dir die Speise bringe.
    Weit du, wo sie ist?
    Ja. Sie ist schnell meine Freundin geworden, denn sie besitzt ein
siegreiches Herz, dem niemand widerstehen kann.
    Hanneh stand auf und eilte hinaus, um bald darauf mit der Kurdin
zurckzukehren. Whrend die letztere mir beim Essen behilflich war, ging die
erstere zu Kara und Halef, welcher, wie Schakana mir sagte, seit gestern abend
in einem immerwhrenden, tiefen und wahrscheinlich wohlthtigen Schlafe gelegen
hatte. Hanneh beugte sich ber ihn und berhrte seine Stirn mit ihren Lippen.
Sie schien ihn dadurch aufgeweckt zu haben, denn er begann, sich zu regen.
Schakara verlie sofort die Halle, um den Pedehr zu holen, welcher das Verlangen
geuert hatte, bei dem Erwachen des Scheikes gegenwrtig zu sein.
    Ich hrte, da Halef leise vor sich hin sprach. Zu verstehen war aber
nichts. Auch hatte er die Augen nicht geffnet. Da kam der Pedehr. Er
beobachtete den Kranken kurze Zeit und winkte dann Hanneh, mit ihm zu reden. Sie
that es, indem sie laut einige Worte sprach, die seine Kosenamen waren. Da ging
ein Lcheln ber sein Angesicht. Er lauschte. Sie wiederholte die Worte und
knpfte an sie die Frage, wie er sich befinde. Da hrte ich seine
auerordentlich matte und doch so deutliche Stimme erklingen:
    Hamdulillah - - - es war - - - kein Traum - - -! Mein Leben - - - ist zu
mir - - - gekommen! Hanneh - - - Hanneh - - - und - und - - und - - -
    Er schwieg, um nachzusinnen. Da fuhr Kara an seiner Stelle in dem
angefangenen Satze fort:
    Und ich ebenso, mein Vater! Kara Ben Halef, dein Sohn; ich bin auch bei
dir.
    Kara - - - mein - - - mein Sohn - - der junge Held - - - der Haddedihn - -
-?
    Er bewegte den Kopf; er kehrte das Gesicht dem Sohne zu, doch ohne die Augen
aufzuschlagen. Dann sprach er weiter:
    Auch hier - - -? Zu mir - - - gekommen? - - - Ich sah ihn schon - - -!
Geritten - - -?
    Ja, mein Vater.
    Auf - - - auf welchem Pferde?
    Auf Ghalib, den du mir schenktest, damit er mich lieben und meinen Willen
verstehen lerne.
    Da ging ein schneller, energischer Ruck durch Halefs Krper.
    Steig auf! sagte er.
    Auf Ghalib? fragte Kara.
    Ja.
    Jetzt? Hier?
    Ja - - -! Der Stamm der Haddedihn - - - bist du - - -! Ich will - - - die
Tapfern sehen!
    Dieser Befehl erklang in mattestem Tone und trotzdem so willenskrftig. Kara
sah den Pedehr fragend an.
    Dieser nahm ihn bei der Hand, um ihn von dem Lager weg und hinaus auf den
Vorplatz zu fhren. Dabei hrte ich, da er ihm die Unterweisung gab:
    Der Braune mu so schnell wie mglich gesattelt werden. Du legst alle deine
Waffen an und kommst so, wie man sich in den Kampf begiebt, herein und bis zu
deinem Vater hingeritten. Das mu so sein! Dein Anblick giebt ihm neue
Lebenskraft. Beeile dich, mein Sohn!
    Halef war jetzt still; aber er wartete. Seine zwar nur leisen, aber
ungeduldigen Bewegungen verrieten das. Nach einigen Minuten - es waren wohl kaum
mehr als fnf - erklang seine Stimme wieder:
    Kara - - - schnell - - - schnell - - -! Ich habe - - - habe - - - keine
Zeit - - -!
    Der Ton war so ngstlich, da Hanneh rasch aufstand und an die nchste Sule
trat, um nachzuschauen. Da kam der Pedehr auch schon herein.
    Es eilt! sagte sie zu ihm.
    Er kommt sofort, antwortete er. Sei mutig, und sei still! Dieser
Augenblick wird viel entscheiden. Knie hin zu ihm; du wirst ihm ntig sein!
    Sie folgte dieser Aufforderung soeben, als Halef die nur noch mit Mhe
hervorgebrachten Worte hren lie:
    Er - - - er kommt nicht - - -! Ich mu - - - mu gehen!
    Da aber gab es drauen lauten Schlag der Hufe. Treppenstufen zu ersteigen,
das war dem edlen Ghalib ungewohnt; er schien sich zu weigern.
    Jallah, kawahm, kawahm - vorwrts, schnell, schnell! erscholl Kara's
aufmunternde Stimme.
    Da nahm der Braune mehrere Stufen auf einmal und kam von der letzten aus in
einem weiten, rgerlichen Sprung hereingeflogen, um hart an Halefs Lager
angehalten zu werden und dort, wie aus Erz gegossen, still zu stehen. Der junge
Haddedihn hatte das Messer und die Pistolen in den Grtel gesteckt, die
kunstvoll ausgelegte Beduinenflinte quer ber dem Rcken und die lange,
doppelschneidige Lanze in der Hand. Das kraftvoll schne Bild eines
Beduinenkriegers, so sah er blitzenden Auges auf den kranken Vater nieder.
    Dieser ffnete die Augen und richtete den Blick zu seinem Sohne empor. Er
schien es gar nicht zu bemerken, da Hanneh ihm die Arme unter Kopf und
Schultern schob, um ihn ein wenig aufzurichten.
    Ghalib - - - der Unbesiegliche - - -! sagte er. Er trgt - - - die
Zukunft - - - meiner Haddedihn - - -! Doch die - - - Vergangenheit - - - stirbt
nicht - - - stirbt nicht - - -! Die bin - - - bin ich - - - mit ihm die - - -
Gegenwart - - -! Ich bleib bei euch - - - bei euch - - -! Ich will - - - ich
will - - - ich will - - -! Kara - - - Hanneh - - - mein Leben - - - kehrt
zurck!
    Er hielt den frohen Blick noch einige Zeit auf Kara gerichtet; dann schlo
er die Augen. Hanneh bettete ihn wieder bequem in die Kissen. Mir kam es vor,
als ob sein Gesicht jetzt einen ganz, ganz andern Ausdruck habe, nicht mehr den
leichenhaften wie vorher. Kara stieg vom Pferde und fhrte es so leise wie
mglich hinaus. Hanneh sah den Pedehr ngstlich fragend an. Er nahm sie bei der
Hand, zog sie empor und sagte:
    Die Hoffnung ist erwacht! Komm mit! Wir wollen ihm einen strkenden Trank
bereiten. Wenn er ihn zu sich nimmt, so wird er gerettet sein!
    Als sie miteinander fortgegangen waren, kam Kara wieder herein, erst fr
einige Augenblicke zu mir; dann setzte er sich zu seinem Vater, welcher zwar
nicht ganz wach zu sein aber auch nicht zu schlafen schien. Er bewegte bald
dieses und bald jenes Glied in einer Weise, welche darauf schlieen lie, da es
nicht unwillkrlich sondern absichtlich geschehe.
    Dann kehrte der Pedehr mit Hanneh zurck. Ich vermutete, da in dem Gefe,
welches sie trug, von demselben ausgepreten Fleischsaft sei, der auch mich so
gestrkt hatte. Er wurde Halef mit Hilfe des Lffels gegeben; er weigerte sich
nicht, ihn anzunehmen, und fiel dann sogleich in einen ruhigen Schlaf, von dem
der Pedehr sagte, da er wenigstens bis zum nchsten Morgen dauern werde.
    Hanneh und Kara waren unbeschreiblich glcklich hierber und stellten, als
ich mich jetzt wieder wie gestern hinaus in das Freie schaffen lassen wollte,
die Bitte an mich, ihnen da drauen zu erzhlen, was ich seit unserer Trennung
von den Haddedihn mit Halef erlebt hatte. Dagegen erhob aber der Pedehr ganz
entschieden Einspruch. Er wies sie auf die Anstrengungen ihres eigenen Rittes
hin und machte sie allen Ernstes darauf aufmerksam, da sie sich jetzt unbedingt
ganz grndlich auszuruhen htten. Halef bedrfe ihrer heut nicht mehr, da sowohl
er als auch Schakara in bester Weise fr ihn sorgen wrden. Sie muten
gehorchen, und so kam es, da ich dann spter ganz allein drauen vor der Halle
sa, um dasselbe Schauspiel des Sonnenunterganges zu genieen, welches mich
gestern schon so erhoben hatte.
    Wie viele Menschen habe ich schon sagen hren, da man die Schnheiten der
Natur niemals allein sondern stets in Gesellschaft genieen msse. Ich bin da
ganz anderer Meinung. Schon das Wort genieen scheint mir da falsch gebraucht
zu sein. Ich knnte mit ganz demselben Rechte sagen, da ich eine Predigt, ein
Oratorium, ein Kirchenlied genieen wolle. Auf mich wirkt die Natur erhebend,
und zugleich veranlat sie mich zur Einkehr in mich selbst. Ich bin ein Teil von
ihr und kann sie nicht schauen, ohne mit ihr auch mich selbst zu betrachten.
Gesellschaft anderer Leute wrde mir da nur hinderlich sein. Durch den Wald will
ich allein spazieren, auer ich bin gesellschaftlich gezwungen, noch jemand
mitzunehmen. Plauderei entheiligt mir die That. Denn ein solcher Gang zum
predigenden Walde ist fr mich eine That, und zwar nicht blo eine krperliche,
sondern mehr noch eine seelische. Werde ich begleitet, so bringe ich fast nichts
mit heim als nur die Erinnerung an das, was gesprochen worden ist.
    Ganz ebenso ist es mit dem Sonnenauf- und mit dem Sonnenuntergang. Jede
Bemerkung, jede Interjektion, sei sie auch noch so begeistert, mu, falls ich
sie anzuhren habe, die Erhabenheit und Heiligkeit des Augenblickes mindern. Ich
habe menschliche Gesellschaft gern, wie ich berhaupt die ganze Menschheit
herzlich liebe; aber die Natur will ich in ungestrter Einsamkeit auf mich
wirken lassen, und meine schnsten und gewi auch besten Lebensstunden sind die,
in denen ich in stiller Nacht und ohne einen Plauderer neben mir dem ewig
frommen und ewig treuen Sternenhimmel in seine leuchtend hellen Augen sehe.
    So auch heut, wo ich allein und von hflicher Rcksicht frei vor der Halle
des hohen Hauses sa. Ich kenne ein Bild, Die Genesende unterzeichnet. Eine
weibliche Gestalt sitzt bleichen Angesichtes in hochgelegener, offener Laube,
von welcher aus einer der herrlichsten Punkte des Rheinthales zu berschauen
ist. Soeben dem Tode entronnen, hat sie das Krankenzimmer mit dieser freien, vom
Blumendufte umwehten Stelle vertauscht, um neues, sonniges Leben einzuatmen. Sie
nimmt es mit einem stillen, milden, unendlich dankbaren Lcheln entgegen; aber
die groen, ernsten Augen sind nicht hinunter auf die glitzernden Fluten des
Stromes oder die grnenden Rebenhnge sondern weit, weit hinaus in die
grenzenlose Ferne gerichtet, die selbst den Horizont unter sich nur als
trgerische Vorspiegelung des Menschenauges kennt. Es ist, als ob diese Augen,
welche nur Unbegrenztes schauen, noch immer nach der unsichtbaren Pforte jener
Geheimnisse suchten, deren Schlssel in der verschwiegenen Erde des Friedhofes
vergraben liegt. Die Seele, welche sich von dem Krper trennen wollte, hat die
Verbindung mit ihm noch nicht vollstndig wieder hergestellt. Sie zieht den
Blick hinaus, dorthin, wohin sie heimwrts gehen wollte, dem Taucher gleich, der
nach vollbrachtem Tagewerke sich von der schweren, unbehilflichen Rstung trennt
und sie am Strande liegen lt, um, wonnig atmend, wieder frei zu sein. -
    An dieses Bild dachte ich am heutigen Abend, was leicht erklrlich war. Auch
ich stand im Genesen und fhlte jenen weichen, tief empfnglichen Ernst in mir,
dem es ein Bedrfnis ist, ber den Horizont der Endlichkeit hinauszuschreiten.
Dort, jenseits dieser Grenze, giebt es dann ebenen Weg; die Zeit der Schlagbume
ist berstanden, und kein niederes Interesse kann den Blick von jenen Hhen
lenken, in denen nicht einmal die Sterne mehr die Namen tragen, die ihnen von
den Menschen gegeben worden sind. Sie wandeln gro und erhaben ber uns, und wer
ihnen mit dem Herzen, nicht mit dem Rohre folgt, dem offenbaren sie viel mehr,
viel mehr, als man durch dieses Rohr ber sie erfahren kann. Keine noch so
kunstvoll gearbeitete teleskopische Linse wird jemals an Schrfe das Auge der
Seele erreichen!
    Whrend ich mich bis fast Mitternacht im Freien befand, sa Schakara bei
Halef. Der Pedehr war bei dem Ustad, in dessen Wohnung heut eine wichtige
Beratung stattfand, welche nicht in der Halle abgehalten werden konnte, weil
diese ja uns berlassen worden war. Der Scheik der Dschamikun kam grad, als ich
mich wieder hinein nach meinem Lager bringen lie. Er teilte mir mit, worber
verhandelt worden war.
    Wir haben ber das beabsichtigte Fest der fnfzig Jahre gesprochen, sagte
er.
    Ein persisches Fest dieses Namens war mir nicht bekannt. Darum sah ich ihn
fragend an.
    Hat dir noch niemand etwas hiervon gesagt? erkundigte er sich.
    Nein.
    Auch Schakara nicht?
    Nein.
    Sie htte gewi sehr gern davon gesprochen, denn dieses Fest beschftigt
uns alle schon seit lngerer Zeit; wahrscheinlich aber ist ihre Meinung gewesen,
auch in diesem Punkte gehorsam sein zu mssen. Der Ustad hat nmlich befohlen,
euch nicht mit fremden, also auch nicht mit unsern Angelegenheiten zu
behelligen. Ihr mutet unberhrt von jeder innern Strung bleiben. Deine
Genesung aber, Effendi, ist so weit vorgeschritten, da ich nun unbedenklich zu
dir von diesem Feste sprechen kann. Es gab einen Kampf zwischen dem Ustad und
uns, der ein Kampf der Liebe war. Unser Herr wnschte nicht, da dieses Fest
gefeiert werde. Heut abend aber haben wir ihm die Erlaubnis durch unsere
vereinten Bitten abgerungen. In zwei Wochen nmlich werden es fnfzig Jahre, da
er zum erstenmal in ein Zelt unseres Stammes trat, und die Dankbarkeit gebietet
uns, diesen Tag feierlich zu begehen. Er hat sich bisher ablehnend verhalten;
heut aber lie er sich berzeugen, da es ein Herzensbedrfnis fr uns sei, und
hat uns die Genehmigung erteilt - nicht seinet- sondern unsertwegen, sagte er.
Ihr seid zu dieser Zeit noch hier bei uns, ein Umstand, ber den wir uns alle
freuen - - -
    Wird euch diese Freude nicht vielleicht von Hadschi Halef getrbt werden?
fiel ich ein.
    Diese Frage war natrlich von dir zu erwarten. Ich mchte dir gern sagen,
was ich denke, befrchte aber, da du ber mich lcheln wirst.
    Dann bin ich beruhigt! Wenn es nichts Schlimmeres als nur ein Lcheln ist,
was du von mir erwartest, mut du in Beziehung auf ihn wohl gute Hoffnung
hegen!
    Ja, die habe ich. Mein Ausdruck Lcheln aber war anders gemeint. Ich bezog
ihn nicht auf Halefs Genesung, sondern auf deine Gedanken. Ich habe als sein
Arzt Ansichten, welche vielleicht sehr fern von den deinen liegen, das ist es,
was ich meinte.
    Du bist der Hekim91; ich aber bin der Laie. Wie knnte es mir beikommen,
ber dich zu lcheln!
    Und doch! Denn was ich dir sage, wird nicht die Ansicht allein des Hekim
sein. Ich habe es mit einem schwerkranken Menschen zu thun. Wer und was ist das
Wesen dieses Menschen? In welcher Beziehung stehen seine Teile zu einander? Das
mu ich wissen, wenn ich ihn richtig behandeln soll. Ich vermute aber, da du
ber diese Fragen ganz anderer Meinung bist als ich.
    Vielleicht, vielleicht auch nicht. Keinesfalls aber werde ich fr deine
Gedanken nichts anderes als ein Lcheln haben. Ich bitte dich, sie
auszusprechen!
    So hre!
    Er sprach zwar diese beiden Worte, doch lie er mich zunchst nichts weiter
als nur sie hren. Er hatte sich an meinem Lager niedergesetzt, das Gesicht mir
voll zugewendet. Jetzt hob er den Kopf und schaute in das stille, bescheidene
Licht der Kerzen, welche in der Nische brannten. Es war, als ob er durch dieses
Emporblicken ein ganz anderes Gesicht bekommen habe. Wie rein, wie edel
erschienen mir die Linien desselben, die bei unserm ersten Zusammentreffen von
hlichem Schmutz bedeckt gewesen waren! Die Kerzen sandten ihm ihre Flmmchen
als winzig kleine und doch fast strahlend helle Punkte in die schnen Augen. Das
lange, graue Haar gab einen ganz eigenartigen, lebendig wallenden Rahmen zu
diesem Bilde. Da kam eine Erinnerung ber mich. Ich sah mich im Atelier eines
Freundes. Er arbeitete an einer Darstellung aus der Offenbarung Johannis. Ich
sah die Studienbltter durch. Eines von ihnen fesselte mich ganz besonders.
Unter einem eingefallenen, nach oben offenen Mauerbogen sa der Seher und
schaute himmelan, nach einer Oeffnung in den dunkeln Wolken, aus welcher eine
Flle jenseitigen Lichtes auf ihn niederstrahlte. Darunter war zu lesen: Und
ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die
erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Das mit diesen Worten
wunderbar harmonierende Gesicht des Inspirierten hatte einen tiefen Eindruck auf
mich gemacht; es war mir lange, lange geistig gegenwrtig geblieben, bis neue
Regungen es in Vergessenheit hatten geraten lassen. Und nun sah ich es pltzlich
wieder, in mir und auch auer mir. Denn die Zge des Pedehr glichen in diesem
Augenblicke fast ganz genau denen jener Studie, und es war gewi nicht zu
verwundern, da sie auch dieselbe Wirkung auf mich hatten. Es ging etwas durch
mein Inneres, was mich begreifen lie, da man unter den Trmmern des Veralteten
sitzen knne, um den Blick empor zum Neuen, wirklich Wahren zu erheben.
    Grad so, als ob dieser mein Gedanke fr ihn laut und vernehmlich geworden
sei, wendete sich jetzt der Pedehr mir wieder zu und sagte:
    Es ist fr dich wohl ein Neues, was ich dir mitteilen werde. Ich bitte
dich, mir meine Frage zu beantworten: Weit du, was Geist ist?
    Nein.
    Weit du, was Seele ist?
    Nein.
    Meinst du, da beides das Gleiche sei?
    Nein.
    Weit du, was Krper ist?
    Auch nicht.
    Da ging ein so liebes, kluges Lcheln des Einverstndnisses ber sein
Gesicht, und er sprach:
    Ich wrde dir das Lob deiner Bescheidenheit nicht versagen, aber du hast es
nicht verdient. Du erwartest, von mir zu hren, was du mir nicht sagen willst.
Und weil dir die Wahrheit dessen, was du mir sagen knntest, als nicht ganz
zweifellos erscheint, so ziehest du vor, diese Zweifel nicht an deine, sondern
lieber an meine Worte legen zu knnen. Du sollst deinen Willen haben. Wer
Schonung bietet, der darf wohl selbst auch auf sie rechnen.
    Wie das so klang! Sa da wirklich nur ein ungebildeter Dschamiki vor mir?
Zwar der Scheik des Stammes, aber doch ein Mann, der in Beziehung auf seinen
uern und auch innern Werdegang allen andern Dschamikun gleichzurechnen war?
Wenn seine geistige Persnlichkeit bedeutend hher stand, als man nach seiner
Lebensstellung schlieen durfte, so konnte das nur eine Folge seines
langjhrigen Verkehres mit dem Ustad sein. Hatte ich aber dieses angenommen, so
trat sogleich die weitere Frage an mich heran, in welcher Weise und auf welchem
Wege wohl dieser letztere zu einer so hohen Entwickelung seiner Individualitt
gelangt sein knne. Dieser mein Gedankengang wurde durch den Pedehr
unterbrochen, welcher weiter sprach:
    Hast du Geist, Sihdi?
    Ich hoffe es, antwortete ich.
    Nein, hoffe es nicht! Du hast zwar dieses Phantom, aber eigentlich hat es
dich: du bist sein Sklave! Hast du Seele?
    Meinst du eine Seele oder Seele berhaupt?
    Sei nicht der spitzfindige, gelehrte Europer, sondern antworte mir. Hast
du Seele?
    Ja.
    Nein, sondern auch sie hat dich; aber sie ist kein Phantom, sondern eine
erhabene, gttliche Wahrheit, der wir unser Anrecht auf die Seligkeit verdanken.
Das sagt ein halbwilder Asiat dem von der Weisheit dieser Welt erzogenen
Abendlnder. Ob letzterer es glauben wird, das ist wohl sehr die Frage. Der
Osten hat den Westen schon so manches gelehrt, was entweder nicht geglaubt oder
nicht verstanden worden ist. Und nun der Orient dieser vergeblichen Belehrung
md geworden ist, behauptet man, da er alt und schwach geworden sei. Doch, ich
wollte ja nicht vom Ilmi ahwali nefs92, sondern nur als Hekim von der Krankheit
unseres Hadschi Halef zu dir sprechen. Ueber die Seele magst du mit dem Ustad
reden, der von ihr wohl noch mehr wei, als was in seinen Bchern steht.
    Bcher? fragte ich. Er hat Bcher?
    Da schaute mich der Pedehr mit einem Blicke an, der mir die Rte in die
Wangen trieb, und antwortete:
    Ob - er - Bcher - hat -! Er besitzt sogar vier groe, groe Bibliotheken!
Die erste besteht im Kitab el mukkades93; die zweite ist sein Herz, in welchem
tausend herrliche Suren stehen; die dritte umfat alles, was die Schpfung
seinem Auge lehrt, und die vierte wirst du sehen, wenn du so weit genesen bist,
da du die Treppe emporsteigen kannst, um ihn in seiner Wohnung aufzusuchen. Da
wirst du viele, viele Bnde finden, die in Sprachen geschrieben sind, von denen
ich ein Wort weder lesen noch verstehen kann. Wenn ich ihn nach dem Inhalte
frage, so antwortet er, da die ganze Summe alles dessen, was geschrieben ist,
nichts anderes als der Ausruf sei, den die Pilger ausstoen, wenn sie nach
langer, mhsamer Wanderung endlich Mekka liegen sehen: Hier bin ich, o mein
Gott! Die noch viel lngere und viel schwerere Reise durch diese Bnde schliee
ganz genau mit denselben Worten ab. Ich habe einen groen Teil meines Lebens da
oben bei ihm und seinen Bchern gesessen, um seinen Worten zu lauschen und sie
in mir nachklingen zu lassen. Da ich meinen Stamm durch Kampf und Leid zum
Frieden fhrte, habe ich ihm zu verdanken, und da man mich als einen guten
Hekim kennt, ist auch eines seiner Werke, fr welche ihm die Liebe der
Dschamikun zu danken hat. Grad die Krankheit, welche auch dich und deinen Halef
ergriff, hat frher groe und schwere Opfer von uns gefordert. Der Ustad aber
hat ihre Macht gebrochen, indem er uns lehrte, wie sie zu behandeln sei. Ahnst
du, warum sie so gefhrlich sei, gefhrlicher als viele, viele andere?
    Sage es mir!
    Du weit es nicht, und eure Aerzte wissen es auch nicht.
    Ich vermute, der langen Betubung wegen, die sie mit sich bringt.
    Du triffst das Richtige. Aber sage mir, was der Grund dieser Betubung
ist!
    Die Seele zieht sich vom Krper zurck.
    Ja. Aber warum?
    Natrlich der Krankheit wegen.
    Du wandelst im Kreise, Effendi. Und du kennst die Seele nicht. Hast du
einmal den Ausdruck gute Seele gehrt?
    Ja.
    Bse Seele?
    Nein.
    Jetzt kommt das Neue, was ich dir sagen wollte. Nmlich es giebt keine bse
Seele. Die Seele scheut alles Bse, sogar schon alles Hliche. Das Bse und das
Hliche hat nur darum so groe Macht ber uns, weil die Seele davon abgestoen
wird. Sie zieht sich zurck; dann stehen wir ohne ihren Schutz allein. Der
Mensch soll seine Seele nicht versuchen, sondern alles meiden, was sie, die sich
nicht beflecken will, beleidigen mu. Er soll sie ja nicht zwingen, sich von
ihm, wenn auch nur fr die krzeste Zeit, zu trennen. Hast du schon einmal
gesehen, da ein Mensch in Ohnmacht fllt?
    Schon oft.
    So wirst du wissen, da der Grund fast stets ein bser oder hlicher war.
Bei bsen Dnsten, bei hlichen Gerchen oder gar bei wirklichem Gestank
befindet sich der Mensch nicht wohl; er atmet schwer; er kann sogar das
Bewutsein verlieren. Die Seele zieht sich von den Sinnen zurck, welche ihr
diese Schmerzen bereiten. Wird dir dein Haus oder Zelt so verunreinigt, da du
es nicht mehr aushalten kannst, so verlssest du es. Nun denke ber deine
Veilchen und ber Halefs Rosen nach!
    Ah. Ich beginne, zu begreifen!
    Diese Krankheit lst gewisse, feine Krperteilchen auf, ohne sie aber
ausscheiden zu knnen. Der Verwesungsproze beginnt bei lebendem Leibe. Der
Geruch wird dir das bewiesen haben. Ich frchte dein Lcheln und will dir
deshalb und einstweilen nur sagen, da wir die duftenden Rosen und Veilchen
nicht etwa nur darum zu euch gestellt und dein Lager mit ihnen bestreut haben,
um unsere Nerven des Geruches zu schonen. Es ist vorzugsweise aus andern und
tiefern Grnden geschehen. Bin ich ein guter Hekim, so habe ich mein Augenmerk
nicht allein auf den Krper, sondern auch auf die Seele zu richten. Ich mu aus
allen Krften und mit allen Mitteln dahin wirken, da sie sich nicht gnzlich
vom Krper loslse. Du ahnst nicht, wie oft du whrend deiner langen
Bewutlosigkeit im reinigenden Wasser gelegen hast. Diese Bder haben noch ganz
andere Grnde als nur die Suberung des kranken Krpers! Lchelst du?
    Nein.
    Es schien mir so! Wenn die Zersetzung des Krpers so weit vorgeschritten
ist, da die Seele die Sinne nicht mehr berhren kann, dann ist der Kranke
aufzugeben. Darum setzte ich bei Halef meine Hoffnung darauf, da er noch werde
sehen, hren und sprechen knnen. Sie hat mich nicht betrogen. Aber die Seele
des Leidenden darf nicht blo knnen, sondern sie mu auch wollen. Es war ein
wunderbar glcklicher Gedanke von dir, zu den Haddedihn zu schicken, da Kara
Ben Halef kommen solle. Und die vortreffliche Wirkung wird dadurch verstrkt,
da er seine Mutter mitgebracht hat. Der Anblick dieser beiden Lieben hat die
Seele gezwungen, mit dem Krper verbunden bleiben zu wollen. Denn glaube mir,
der Leib hat keine Macht, die Seele zu halten, wenn sie sich nicht halten lassen
will oder halten lassen darf! Gelingt es dem Arzte, dieses seelische Wollen zur
Energie zu steigern, so kann er doppelt frohe Hoffnung hegen. Halef kam mir da
mit seinem Wunsche entgegen, seinen Sohn zu Pferde und als Krieger sehen zu
wollen, und du weit, wie gern und schnell ich hierauf eingegangen bin. Ich
glaube nun, da er gerettet ist.
    Du glaubst es nur?
    Ja.
    Wie gern mchte ich hren, da du berzeugt seist!
    Wahrte bis morgen!
    Giebt es da eine Entscheidung?
    Wahrscheinlich. Halef ist doch, wie ich gesehen habe, ein ausgezeichneter
Reiter?
    Nicht nur das. Er ist mit ganzer Seele bei allem, was das Pferd betrifft.
    Mit ganzer Seele! Das ist das, was ich wnsche, denn diese seine Seele ist
dadurch zu fassen. Ich denke dabei an den Wettritt zwischen euch beiden und uns.
Du wirst dabei bemerkt haben, da ich wahrscheinlich ein guter Scheik oder
Hekim, aber kein tadelloser Reiter bin. Der innige Umgang mit dem Ustad hat mir
nicht erlaubt, in der notwendigen, immerwhrenden Uebung zu bleiben. Wre das
nicht, so htte ich die Stute besser geritten und wre von dir wenigstens nicht
so schnell eingeholt worden. Ich erinnere mich, da Halefs Augen leuchteten.
Liebt er solche Anstrengungen der Pferde?
    Ein Wettreiten auf edlen Rossen geht ihm ber alles!
    Wohl! Es wird bei dem geplanten Feste ein solcher Ritt stattfinden - - -
    Das ist ja in zwei Wochen schon! unterbrach ich ihn. Ich befrchte, da
er da noch zu schwach ist.
    Allerdings. Er soll auch nicht etwa mitreiten. Aber schon das Wort, der
Gedanke wird von guter Wirkung auf ihn sein. Ich vermute, da er morgen nicht
nur fr einige kurze Minuten erwacht. Finde ich, da ich es wagen darf, so werde
ich ihm ber diesen Wettritt eine Bemerkung machen. Wirkt sie so, wie ich
erwarte, so wird das geschehen, was du vorhin wnschtest: Mein Glaube, meine
Vermutung wird sich in Ueberzeugung verwandeln. Aber freilich, kein Mensch und
also auch kein Hekim ist allwissend. Wo wre ein Sterblicher, der zu sagen
vermchte, was schon im nchsten Augenblicke mit ihm geschehen kann. Aber nach
menschlichem Ermessen bist du gerettet, Effendi, und ich hoffe, von dem Hadschi
morgen dasselbe sagen zu drfen.
    Das, o Pedehr, haben wir nur euch zu verdanken, eurer Nchstenliebe und der
aufopfernden Pflege, welche - - -
    Still, still! unterbrach er mich. Sprechen wir lieber von dem Geschenk,
welches ich dir morgen zu machen gedenke!
    Ein Geschenk? Auch noch?
    Ja.
    Darf ich schon heut erfahren, was es ist?
    Ja. Denn ich meine, da man eine Freude nie zu frh bereiten knne.
    Nun, so sage es! Was ist es?
    Rate einmal, Sihdi!
    Unmglich! Es giebt so vieles, womit du mich in deiner Gte erfreuen und
sttzen knntest.
    Sttzen, sttzen! Das ist es ja! Du hast es fast erraten!
    Also sttzen? Etwa ein Stock?
    Ja, ein Stock. Du sollst morgen versuchen, zum erstenmal wieder aufrecht zu
gehen. Und wenn es nur einige Schritte sind, so wird es dich doch strken.
    Strken! Jetzt bist nun du es, der das richtige Wort getroffen hat.
Strken! Da ich daran denken darf, morgen diesen Versuch zu unternehmen, das
lt schon jetzt mich fhlen, da es mir gelingen wird. Wie doch schon im
Gedanken eine so groe Wirkung liegt!
    So schlafe dich recht aus! Es ist schon spt geworden. Chodeh behte dich!
    Er ging, und ich that, was er gesagt hatte: Ich schlief bis tief in den
nchsten Vormittag hinein.
    Als ich erwachte, sah ich Hanneh und Kara bei Halef sitzen. Eben kam
Schakara vom Vorplatze herein. Sie sah meine Augen offen, nickte mir still zu
und glitt wortlos hinaus, um mir meinen Morgentrank zu holen. Da sie ihn mir
brachte, wurden die beiden andern auf mich aufmerksam und kamen zu mir herbei.
Ich hrte von ihnen, da Halef zwar noch schlafe, aber sich zuweilen leise
bewege. Der Pedehr hatte angeordnet, sofort zu ihm zu schicken, sobald der
Kranke die ersten Zeichen gebe, da er wieder bei sich sei.
    Wieder bei sich sei! Diese Worte lieen mich an meine gestrige
Unterhaltung mit dem Genannten denken. Wieder bei sich! Wer ist dieser Sich?
Dieser Er oder diese Sie? Dieses Wesen, diese Persnlichkeit?
    Nach der Ansicht des Pedehr ist es die Seele. Der Geist ist ihm Phantom.
Er kennt am Menschen nur den Krper und die Seele. Die letztere ist das
eigentliche Wesen. Was nun aber ist der Leib? Die Seele kann sich von ihm
trennen. Unter gewissen Umstnden wird aus diesem Knnen ein Wollen, welches
sich sogar - jedenfalls beim Sterben - zum unbedingten Mssen steigert. Ist sie
die Herrin und der Leib der Diener? Oder ist dieses Verhltnis fr ihn
vielleicht ein noch viel niedrigeres? Gleicht er einer, allerdings aus Organen
zusammengesetzten, Maschine, welche im Schlafe zu ruhen hat, whrend sie zu
dieser Zeit heimkehrt, um fr den morgenden Tag neue Aufgaben und neue Krfte zu
empfangen? Bleibt sie auch whrend dieses seines Schlafes und whrend dieser
ihrer Abwesenheit durch geheimnisvolle Fden oder Beziehungen so mit ihm
verbunden, da sie bei jeder Strung zu seinem Schutz zurckgerufen wird? Und
wenn es so ist, wo liegt das Heim, zu dem sie einst am Grabe vllig Rckkehr
feiert? Im Leibe keinesfalls! Die chemisch-mechanische Thtigkeit gewisser
Organe in ihm wird selbst durch die tiefste Ohnmacht nicht beendet, denn diese
Krfte wirken unaufhrlich weiter, bis der dazu ntige Stoff vollstndig
aufgezehrt worden ist. Aber das willkrliche Leben ist unterbrochen, und alle
ihm zugehrigen Bewegungen sind eingestellt, bis sie, die Herrin, wiederkehrt,
um den entseelten Krper aufs neue zu beseelen.
    Was gestern vom Pedehr hierber gesagt worden war, das hatte so einfach, so
naiv geklungen. Natrlich hatte er unrecht, er, der geistig arme Mann im
unkultivierten Kurdenlande! Mit welch einem unendlich zusammengesetzten und
ebenso imponierenden Apparate behandelt dagegen unsere gelehrte Psychologie
dieses Seele genannte, mit hundert Armen und Beinen zappelnde Gliedertier!
Natrlich hat sie recht, diese auf allen Akademien gepflegte und von allen
seelenvollen Menschen anerkannte Wissenschaft! Und Geist? Ein Phantom? Ist es
nicht grad der Geist, dem wir diese tiefeingehende, beglckende Wissenschaft
ber die Seele verdanken? Ist nicht er es, der uns mit dem Animismus, dem
Okkultismus, dem Spiritismus, der Pneumatologie und hnlichen bersinnlichen
Geschenken gesegnet hat? Und dieser Geist, der die Menschen sogar Geister sehen
und mit Geistern sprechen lt, soll ein Phantom sein? Pedehr, Pedehr, du bist
ein lieber, guter Mensch, bist mein und Halefs Retter, ragst seelisch ber
Tausende empor, doch mu ich dir es sagen: Du hast nicht eine einzige Spur von
Geist! -
    Man kann sich denken, da ich an den Stock dachte, der mir fr heut
versprochen worden war. Die liebe Ungeduld verleitete mich zu der Bitte an
Schakara, ihn mir doch recht bald zu bringen. Sie versprach es lchelnd, that es
aber nicht, wenigstens nicht gleich.
    Es mochte gegen Mittag sein, als Halef die ersten Zeichen gab, da er
erwache. Kara eilte sofort aus der Halle, um den Pedehr zu holen. Als dieser
kam, hatte er den Stock in der Hand; er gab ihn mir.
    Ich halte mein Versprechen, sagte er, doch warte noch ein wenig. Ich
werde dich hinab zu Assil tragen lassen. Dort wirst du im Schatten der Platanen
bis zum Abend ungestrt sein und dich wohlbefinden.
    Kaum hatte er das gesagt, so lie sich Halefs Stimme hren:
    Kara, mein Sohn!
    Hier, mein Vater, antwortete der Gerufene, der neben dem Pedehr gestanden
hatte und nun hin zu dem Hadschi eilte.
    Ich sah dich auf dem Ghalib. Weit du, wann das war?
    Gestern war's.
    Wo?
    Hier.
    Hier? Wo ist das?
    In dieser Halle.
    Halle? Warte. Ich will sie sehen!
    Er kehrte seinem Sohne langsam das Gesicht zu und ffnete die Augen. Ihr
Blick ging, soweit er reichen konnte, von Person zu Person, von Stelle zu
Stelle. Als er mich in meiner Ecke sah, fragte er:
    Wer liegt dort? Ist das nicht mein Sihdi?
    Ja, ich bin es, mein Halef, antwortete ich.
    O, Sihdi, Sihdi, ich besinne mich. - Ich war sehr krank. - Ich bin es noch.
- Ich starb bereits. - Da rief man mich zurck. - Ich hab sehr viel gesehen. -
Doch wei ich es nicht mehr. - Vielleicht fllt es mir wieder ein. - Ich will
nicht sterben. - Ob ich wohl noch leben bleibe?
    Er sprach nur in kurzen Stzen, leise, aber hrbar. Nach jedem Satze
sammelte er sich und holte tief Atem. Als eine Weile vergangen war, bat er:
    Hanneh - Kara - - steht auf! - Ich will euch ganz sehen. - Ich liebe euch!
    Sie thaten nach seinem Willen. Da begann sein Auge, sich mehr zu beleben.
    Mein Weib! Wie danke ich dir! - Mein Sohn! Wie schn warst du auf deinem
Pferde! - War Ghalib sehr ermdet?
    Nur ein einziges Mal, antwortete Kara.
    Hast du fr ihn gesorgt?
    Ja.
    Fr Barkh auch?
    Ja, mein Vater.
    Wenn ich sie sehen knnte!
    Im Nu eilten Hanneh und Kara hinaus, um die Pferde zu holen. Als sie die
beiden brachten, kam Assil aus eigener Machtvollkommenheit hinterher gelaufen.
Er wute, wo ich lag, und wendete sich zu mir. Die zwei andern wurden hin zu
Halef gefhrt. Dieser bekam pltzlich Kraft, den Arm erheben zu knnen.
    Barkh, mein Liebling! - Komm her zu mir! sagte er, indem er die Hand nach
dem Rappen ausstreckte.
    Dieser trat ganz zu ihm heran, spielte mit den Ohren und nahm die
dargebotene Hand in die Lippen.
    Mein Guter! - Mein Treuer! - Du hast dich nach mir gesehnt! - Ich sehe es
dir an! klagte der Kranke. Er hat gehungert! - Wie ist's damit? - Sag mir es,
o Pedehr!
    Es ist so, wie du sagst, antwortete der Gefragte. Wenn sie auch nicht
gehungert haben, so konnte Schakara sie doch oft nur dadurch zum Fressen
bringen, da sie ihnen ihr grnes Lieblingsfutter gab.
    Wenn ich gesund bin - - - wird Barkh wieder fressen - - wie vorher. - -
Aber ob ich nicht - - doch sterben werde?!
    Du wirst leben bleiben!
    Glaubst du das?
    Ja.
    Wirklich?
    Gewi! Du wirst von heut an so schnell genesen, da du wahrscheinlich schon
bei unserm groen Wettrennen zugegen sein kannst.
    Wettrennen? fiel Halef rasch und hrbar krftig ein. Giebt es ein
Rennen?
    Ja.
    Wo?
    Hier. Rund um den See.
    Wann?
    In zwei Wochen.
    So ein kleiner Ritt? - Ganz gewhnlich und gelegentlich?
    O nein! Es wird ein groes Fest bei uns gefeiert, zu welchem Tausende von
Menschen herbeistrmen werden. Es dauert mehrere Tage, und wir werden vieles
thun, die Gste zu unterhalten. Das Hauptstck wird ein Wettrennen sein, welches
aus mehreren Abteilungen besteht.
    Gro? - Mehrere? - Hanneh, Hanneh! - Gieb mir deinen Arm! - Richte mich
auf! - Das mu ich weiterhren! - Alles, alles will ich hren!
    Es hatte sich seiner eine Energie bemchtigt, die man vorher fr vollstndig
unmglich gehalten htte. Sein Gesicht, sein Blick, seine Stimme, alles, alles
war im Handumdrehen anders geworden. Es schien, als ob ganz pltzlich die volle
Lebenskraft durch seine Adern pulsiere.
    Reg dich nicht auf! Schone dich! warnte der Pedehr.
    Aufregen? Schonen? antwortete er. Ich spreche doch blo! Ich strenge mich
ja gar nicht an!
    Er machte jetzt zwischen den Stzen nicht mehr, wie vorher, eine Pause, um
Atem zu suchen.
    Sag, was fr Pferde werden laufen? erkundigte er sich.
    Es werden nicht blo Pferde sein. Wir lassen alle Arten der Tiere laufen,
die es bei uns giebt, Schafe, Ziegen, Esel, Maultiere, Lastkamele, Reitkamele,
gewhnliche Pferde, und zum Schlusse wird es mehrere Rennen zwischen Tieren
edelster Rasse geben.
    Wem gehren sie?
    Das wei ich noch nicht. Jeder Gast darf sich beteiligen, und es werden
viele kommen, welche gute Renner besitzen.
    Allah, wallah, tallah! Darf ich mich mit melden?
    Du?
    Ja ich!
    Verzeihe mir, o Scheik der Haddedihn! Eure drei Pferde werden
wahrscheinlich die besten sein, und ich bin sehr berzeugt, da du rasch
gesunden wirst; aber die zum Reiten ntige Strke wirst du in zwei Wochen doch
noch nicht besitzen.
    Wer hat das gesagt? Wer wagt es, das zu behaupten?
    Jeder Hekim mu das sagen!
    Allah verderbe alle Hekims, die es - - - Nein, Allah verzeihe mir! Ich will
nie wieder solche bse Worte sprechen!
    Hanneh hatte ihn durch Kissen so gesttzt, da er mit dem Oberkrper halb
aufrecht lag. Er machte einen geradezu mehr als blo Hoffnung erweckenden
Eindruck. Der Pedehr aber lie ihn keinen Augenblick aus dem Auge. Wenn er sich
auch nichts merken lie, so war es fr ihn doch selbstverstndlich, da auf die
jetzige An- oder vielmehr Aufregung die unausbleibliche Abspannung folgen werde.
    Wird mein Sihdi in zwei Wochen wieder hergestellt sein? erkundigte sich
Halef.
    Ja; aber wettreiten darf er mir noch nicht!
    Du bist grausam. Aber Kara, meinem Sohne wirst du es nicht verbieten? Er
ist nicht krank.
    Ich wnsche sogar, da er sich beteilige.
    In drei Rennen? Mit jedem unserer Pferde einmal?
    Wenn du es wnschest, gern!
    Oh, wte ich doch schon jetzt, was fr Renner zu besiegen sein werden!
    Ich kann dir sagen, da es feine Perser, vorzgliche Turkmenen und echte
Araber geben wird.
    Das ist fr heut genug. Kara, mein Sohn, du wirst von jetzt an mit jedem
unserer Pferde tglich einen Eilritt unternehmen! Ueberwache sie beim Fttern
und beim Trnken! La sie - - - la sie bi zur - - - zur Schnelligkeit der
Geheimnisse gehen - - - aber zwinge sie - - - ja zu dieser nicht - - -!
    Er begann jetzt wieder, Pausen zu machen. Seine Stimme wurde matter.
    Hanneh, la mich wieder nieder! bat er.
    Sie nahm die sttzenden Kissen weg. Nun lag er wieder wie vorher. Da fuhr er
langsamer und leiser fort:
    Ghalib wird siegen - - - ganz gewi! - - - Barkh berholt jedes - - - jedes
andere Pferd! - - - Assil Ben Rih aber wird - - - sie alle mit Leichtigkeit - -
- mit Wonne in ihre - - - in ihre Schande rennen! Mit dem reinen - - - echten
Blut der Haddedihn - - - ist kein anderes - - - kein anderes zu vergleichen - -
-!
    Er schlo die Augen. Alle waren still. Nach einiger Zeit hrte ich ihn wie
befehlend sagen:
    Kara - Kara, der Bgel - - - ist zu scharf - - -!
    Der Pedehr nickte befriedigt vor sich hin. Was er dann leise zu Hanneh und
ihrem Sohne sagte, konnte ich nicht verstehen. Dann aber kam er her zu mir und
sagte:
    Ich frchtete entweder die Gleichgltigkeit oder eine grere Aufregung.
Nun bin ich doch zufrieden!
    Und deine Hoffnung - - -? fragte ich.
    Ist zur Gewiheit geworden. Wenn keine unvorherzusehende Strung kommt,
wird er gerettet sein. Das Rennen wird ihn beschftigen, auch wenn er zu
schlafen scheint. Ja, es wird ihn vielleicht sogar bis in den Traum begleiten.
Er wird, wie du gestern sagtest, mit seiner ganzen Seele ununterbrochen bei
diesem Rennen sein und sich an diesem Gedanken zum neuen Leben strken. Dich
aber werde ich jetzt hinunter zu den Platanen tragen lassen. Dort magst du den
Stock versuchen, bis er dir spter nicht mehr ntig ist.
    Er ging, und gleich hierauf kamen drei Dschamikun, welche mich hinausbringen
sollten. Sie trieben zunchst Assil hinaus, was Kara Veranlassung gab, auch
Barkh und Ghalib wegzufhren. Hierbei war das laute Gerusch der Hufe nicht zu
vermeiden. Halef bewegte sich. Grad als man mich vom Lager hob, ffnete er die
Augen.
    Komm her zu mir, Sihdi - - -! sagte er, du sollst - - - etwas hren - - -
etwas sehr - - - sehr Wichtiges - - -!
    Man setzte mich bei ihm nieder.
    Gieb mir deine Hand! bat er.
    Ich ergriff die seinige. Er sah mir mit seiner alten Innigkeit in die Augen
und fuhr mit leiser Stimme fort:
    Sihdi - - - wie denkst du - - - ber das Sterben?
    Ich denke berhaupt nicht mehr daran, antwortete ich.
    Ich auch nicht! - - - Das alte - - - alte Weib - - - ohne Zhne - - -!
Weit du - - -? Sie ist fort - - -! Sie wollte - - - mich zwingen - - - zum
Sterben - - -! Da erfuhr ich - - - da auch dieses Sterben - - - eine groe,
groe Lge ist - - - so gro - - - wie es gar keine - - - keine zweite giebt! -
- - Sihdi, leg dein Ohr - - - an meinen Mund - - -!
    Ich folgte dieser Aufforderung, da flsterte er mir zu:
    So lange ich lebte - - - steckte ich im Tabuth94 - - - das ist der Leib - -
-! Ich sollte, - - - sollte, nein - - - ich wollte - - - wollte, nein - - - ich
durfte - - - durfte auferstehn! - - - Da rief jemand - - - im Sarg meinen ganzen
- - - ganzen Namen! - - - Das hielt mich in - - - in ihm - - - von neuem in ihm
fest! - - - Ich war - - - war nicht allein - - -! Es standen - - - standen - - -
ich sah - - - Sihdi, ich kann - - - mich nicht besinnen! Es fllt mir - - -
schon noch wieder ein - - - dann sage - - - sage ich es dir!
    Ich behielt seine Hand in der meinen, whrend er hierauf lngere Zeit ohne
Wort und Bewegung lag. Pltzlich zuckte er zusammen und rief mit erhobener
Stimme aus:
    Sihdi, es giebt ein groes Rennen - - -! Ich mu essen - - - mu trinken -
- - mu stark werden - - -! Assil - - - mein Barkh - - - und Ghalib, der
Ueberwinder - - -! Ich bin froh - - - da ich lebe - - -! Wir werden siegen - -
- siegen - - - siegen - - -! Hamdulillah - - - Hamdulillah - - - Hamdulillah! -
- -

                                Viertes Kapitel

                                        

                                 Ein Blutrcher


Viele meiner Leser sind, wie ich wei, in Palstina gewesen. Die Meisten von
diesen werden wohl auch, wie einst der Mann im Gleichnisse Christi, von
Jerusalem hinab nach Jericho gegangen sein. Er-Riha wird diese Stadt vom
heutigen Araber genannt. Von ihr aus geht es ber eine alte, verfallene Brcke
nach dem fernliegenden Toten Meere. Nach der andern Seite fhrt, an
zerlumpten, niedrigen Beduinenzelten vorber, ein bequemer Weg nach An es
Sultan95, wo die eingeborenen Bettler gern unter Wasser tauchen, um die fr sie
hineingeworfenen Geldstcke herauszuholen. Trinken aber mag man lieber vor als
nach dieser Prozedur!
    Geht man von hier aus noch weiter, so sieht man den imposanten Dschebel
Qarantel vor sich liegen, der sich aus dem Abgrunde wie ein bser Traum aus
tiefem Schlaf erhebt. Seine Einsamkeit hat schon in den frhesten Zeiten
anziehend auf fromme Anachoreten gewirkt. Die Hhlen wurden von ihnen bewohnt.
Zelle gesellte sich zu Zelle. Sie sind hoch am schwindelnd steilen Fall der
Felsen gelegen. Heute wird diese Siedelung als Strafkolonie fr
griechisch-katholische Priester gebraucht.
    Warum diese scheinbar unmotivierte Abschweifung nach dem gelobten Lande? Der
Aehnlichkeit der Orte wegen. Ich kann die Lage des von dem Ustad bewohnten,
hohen Hauses eigentlich nur Denen deutlich machen, welche den Dschebel
Qarantel gesehen haben. Und doch wie so verschieden sind sie beide von einander.
Bei Jericho jeder Nomade ein geborener Bettler; hier in dem abgelegenen,
kurdischen Orte jeder Bewohner ein Ehrenmann. Dort Einde, hier das gepflegteste
Tier- und Pflanzenleben. Dort abgrundtiefes Grauen und hier ein herzerfreuender
Blick von der Hhe in die Tiefe. Dort die unerbittlich geballte Faust der
geistlichen Oberbehrde und hier aber die stets gtig geffnete Hand dessen, der
nur von der Liebe zu seiner dominirenden Wrde emporgehoben worden war. Auch in
Jericho habe ich unter freiem Himmel wiederholt ganze Nchte durchgewacht.
Warum? Der Unsauberkeit und des Ungeziefers wegen, welches mich aus der Wohnung
heraus bis an den verwilderten Garten trieb. Da strahlten mir auch die Sterne;
aber die krperliche Qual lie auch nur hliche geistige Bilder zu. Ich sah am
Tel ed Dem96 den Chan Chadrur vor mir liegen, welcher die Herberge sein soll, in
die der barmherzige Samariter seinen Pflegling brachte. Dort habe ich fr eine
Flasche allerschlechtesten Bieres drei Mark bezahlt. Ein Glas widerlich
parfmiertes Wasser kostete einen Frank. Wer aus Sparsamkeit nicht einkehrt, ist
des fernern Weges nicht sicher. Die Verhltnisse sind nach zweitausend Jahren
noch ganz dieselben. Das ist das gelobte Land! Wie herrlich weit hat man es
dort gebracht! Damals war der Samariter, der verachtete Ketzer, der Barmherzige.
Wie ist es jetzt? Wenn ich mir diese Frage unter dem Sternenhimmel Jericho's
vorlegte, so stand kein Stern mehr ber Bethlehem, und keine Schar der Engel
fand sich ein, um ihr Et in terra pax, hominibus bonae voluntatis zu singen.
    Vor christlicher Zeit wurde der Jude von Rubern berfallen, beraubt und
fast erschlagen. Jetzt, nach zwanzighundert Jahren, steht es nicht besser um
diese und hnliche, oft intellektuelle und moralische Wegelagerei. Jetzt fallen
Christen ber Christen her. Besonders wer es wagt, nicht den von jedermann
betretenen sondern, seinen eigenen Glaubensweg von oder nach der heiligen Stadt
zu gehen, der kann sehr leicht an sich selbst erfahren, was Lucas 10 Vers 30 zu
lesen ist. Christus wute gar wohl, weshalb er grad dem Schrift- und
Buchstabenstolz mit seinem Gleichnisse vom barmherzigen Samariter diese ewig
unheilbare Wunde schlug. Auch wir Christen haben unser Jerusalem und unser
Jericho mit dem Toten Meere in der Nhe. An dem Wege zwischen beiden liegt das
un- mit dem egoglubigen Strauchrittertum im Hinterhalte. Wo ist die Humanitt,
die wahre christliche Liebe und Barmherzigkeit? Soll sie auch noch in der
Gegenwart nur dem ketzerischen Samariter berlassen bleiben? Gehen etwa auch
jetzt noch Priester und Leviten an dem Angefallenen vorber, ohne sich seiner
anzunehmen? Solche Fragen kamen mir in den Sinn, als ich des Nachts unter den
staubigen Oleandern von Jericho sa und an die gttliche Lehre von der
Nchstenliebe dachte.
    Dagegen hier im christenfernen Kurdistan! Welch eine herrliche Auslegung
hatte da das Gleichnis des Herrn an uns selbst gefunden. Wer und was waren hier
die Barmherzigen? Etwa Christen? Priester und Leviten? Vielleicht auch nur
Ketzer, denn ich hatte ja ihre Glaubenssatzungen noch gar nicht kennen gelernt.
Es war bisher nur von Chodeh, also von Gott gesprochen worden. Gab es bei ihnen
berhaupt Satzungen? Waren sie mir verschwiegen worden, weil man annahm, da nur
die Liebe, nicht aber die Konfession barmherzig sei. Was fr ganz andere, viel
trstlichere Gedanken waren mir gestern abend unter dem hiesigen Sternenhimmel
gekommen! Hier war ich nicht um meines Dogma willen, sondern als Mensch von
guten Menschen aufgenommen und mit grter Aufopferung gepflegt worden. Niemand
hatte mich gefragt, wo ich getauft und wo ich konfirmiert oder gefirmt worden
sei. Giebt das der Liebe einen mindern oder hhern Wert? Wer ist mein
Nchster? - Der, welcher die Barmherzigkeit an mir that! Wenn aber ein Christ
mir Ha oder Neid anstatt der Liebe giebt, was ist er dann fr mich? Mein
Nchster? Oder noch schlimmer als nur fremd? Ist er dann berhaupt ein Christ?
    Wie herrlich war der Nachmittag unter den Platanen, in deren Schatten man
fr mich die Kissen zum Sitzen ausgerichtet hatte. Die Sonne brannte, doch
konnten die Strahlen nicht durch die dichten Wipfel dringen. Die Rosen dufteten;
jede Pflanze schien Wohlgeruch auszuatmen. Ich befand mich nicht weit genug vom
Hause entfernt, um es und seine Lage ganz berschauen zu knnen. Es stand auf
kompaktem Felsengrund, dessen Spalten durch festes Mauerwerk ausgefllt worden
waren. Sein hinterer Teil nahm die natrlichen Hhlungen des Gesteines ein. Der
vordere Teil ragte frei empor, mehrere Stockwerke hoch und war von ansehnlicher
Breite. Das Dach war glatt, vorn mit einer assyrischen Mauerkrnung; wie man sie
in Dur-Sargon zu sehen bekommt. Doch habe ich ganz hnliche Krnungen auch in
alten Orten des obern Niles getroffen. Ueber dem Dache gab es in dem Felsen
offene Hhlungen, zu denen schmale Stege emporfhrten. Das erinnerte mich
lebhaft an den Stabl Antar bei Siut, der ganz ebenso zu ersteigen ist. In
einer dieser Hhlen sah ich die beiden Glocken hngen. Sie war halbkugelfrmig
ausgebaucht. Die Tonschwingungen konnten nur nach der einen, offenen Seite
flieen, was ihnen eine erhhte Strke und betrchtlich erweiterte Hrbarkeit
verlieh.
    Glocken hier im persischen Kurdistan? So wird wohl mancher fragen. Ich habe
freilich viele, viele Menschen kennen gelernt, welche der falschen Ansicht sind,
da nur das Christentum Glocken besitze und da es in frherer Zeit noch keine
gegeben habe. Wenn sogar im Konversationslexikon von Pierer zu lesen ist, da
die Glocken eine Erfindung der christlichen Kirche seien, so darf man sich nur
wundern. Kleinerer Glcklein bediente man sich schon im frhesten Altertume;
aber schon im alten China gab es grere und sogar groe. Die zu Peking ist ber
zwlfhundert Zentner schwer und fast fnf Meter hoch. In Aegypten wurden die
Osirisfeste durch Glockenspiele eingelutet. Man hat kleine Bronzeglocken in
Assyrien ausgegraben. Im alten Indien wurden die Buddhisten durch groe,
metallene Glocken zum Gottesdienste zusammengerufen. Bei den Griechen bedienten
die Priester der Kybele und der Persephone ihre Glocken, und Kaiser Augustus
lie eine Glocke vor dem Tempel des Jupiter aufhngen. Glocken indischer oder
assyrischer Form kamen nach Persien. Die griechische Kirche liebte und
verbreitete besonders das Glockenspiel. Im Quellenlande des Euphrat und des
Tigris, wo es heut noch Christen uralten Bekenntnisses giebt, besaen
wohlhabende Gemeinden schon zu frhen Zeiten ihre Glocken. Der Islam verhielt
sich ablehnend, doch geduldete Christen durften ihre Glocken behalten. So war es
also gar kein Wunder, da auch die Dschamikun zwei besaen, zu denen sie, wie
ich spter erfuhr, durch den Ustad auf ganz eigentmliche Weise gekommen waren.
Es fhrte eine bequeme Treppe zu ihnen hinauf, so da man also auch des Nachts
ohne Besorgnis emporsteigen konnte.
    Von da aus, wo ich sa, konnte man den Eingang zu dem freien Platze sehen.
Man verschlo ihn durch ein groes Thor, welches jetzt offen stand. Von diesem
Platze aus stieg man die Stufen zu der Halle empor. Links fhrte ein Weg nach
einer breiten, hohen Thr, deren starke Steinpfosten gewi schon seit
Jahrtausenden standen. Rechts ging man nach einem Garten, in welchem zwischen
Obstbumen Blumen und Gemse gepflegt wurden. Dorthin beschlo ich, meinen
ersten Spaziergang zu machen. Ich griff zum Stocke und stand auf. Die Beine
zitterten zunchst ein wenig, und die Fe wollten lieber auf dem Kissen liegen
bleiben. Aber sie muten gehorchen, und als sie sahen, da ich bei meinem Willen
blieb, fgten sie sich in das Unvermeidliche.
    Ich kam ber den ganzen Platz hinber bis zur Garteneinzunung, an der ich
aber halten blieb, um auszuruhen. Nachdem ich dies gethan hatte, ging es weiter,
in den Garten hinein. Er war sehr gro. Es gab da eine ganze Menge Beete, von
deren Ertrgnissen ein groer Haushalt bestritten werden konnte. Zwischen ihnen
standen viele Bume, welche Frchte trugen. In leidlicher Entfernung sah ich ein
Weichselgebsch, an welchem eine Bank stand. Dort wollte ich mich niedersetzen.
Ich ging also hin. Hierbei kam ich an zwei nahe beieinander stehenden,
persischen Erikan97 vorber, welche so voller Frchte hingen, da ihrer fast
mehr als Bltter waren. Es war eine frhe, eigroe, kstlich blaurot gefrbte
Pflaume! Ja, kstlich!!!
    Wenn ich hier erst ein und dann sogar drei Ausrufezeichen mache, so hat das
seinen guten Grund. Obst geht mir ber jede andere Speise. Ich esse da gewi so
viel, wie sogar meine vier Ausrufezeichen schwerlich vermuten lassen. Und
Pflaumen? Gar von dieser geradezu zum Stehlen einladenden Sorte? Man wrde
staunen, wenn ich sagen wollte, wieviel ich da essen und aber auch vertragen
kann. Ich sage es also lieber nicht. Das alles gilt aber nur vom Obste. In
Beziehung auf andere Speisen sind die sogenannten Tafelfreuden fr mich nichts
als Tafelarbeiten. Ich wei, und ich schmecke, was gut ist oder nicht; ich kann
sogar auch tadeln; aber ich esse nicht, um zu essen, sondern weil ich leben
bleiben will. Geknsteltes oder Komplicirtes schiebe ich zurck. Ich will
einfach essen, womglich nur eine einzige Speise, aber gut. Das Zusammengesetzte
ist keineswegs so zutrglich wie man denkt. Ich habe das an mir und tausend
Andern erfahren. Wenn die Menschen doch wten, was die Art und Zubereitung der
Nahrung fr einen Einflu, fr eine Wirkung hat! Doch, hierber knnte man
Bcher schreiben, und es wrde doch vergeblich sein. Aber, da ich jetzt als
Sechzigjhriger mich krperlich und geistig noch genau so jung und
arbeitsfreudig wie ein Zwanzigjhriger fhle, das habe ich wohl vorzugsweise dem
Umstande zu verdanken, da ich so einfach und so wenig wie nur mglich esse.
Obst aber, so viel ich immer kann, das ganze Jahr hindurch. Nach dem Preise soll
man da nicht fragen. Und Pflaumen! Solche, wie grad hier - - -!
    Da stand ich unter den Bumen und schaute sehnschtig hinauf. Wem gehrten
sie? Wer war der Glckliche, der da pflcken oder gar schtteln konnte, ohne
erst jemand fragen zu mssen? Der Ustad? Der Pedehr? Weder der eine noch der
andere war da. Es gab berhaupt im ganzen Garten keinen Menschen, an den ich
eine Bitte htte richten knnen. Was nun thun? Soll ich? Oder soll ich nicht?
Darf ich berhaupt? Adam und Eva im Paradiese wuten wenigstens, da sie nicht
durften; ich aber wute nicht einmal das! Doch wozu diese bermige Zartheit
des Gewissens! Bei solcher Art von Pflaumen! Ich war ja Gast! Und der Garten
gehrte einem Orientalen, nicht einem abendlndischen Besitzer, bei dem das
Bumeschtteln nicht mit zu den unveruerlichen Rechten des bei ihm
Aufgenommenen gerechnet wird! Ich legte also beide Hnde an den einen Stamm und
- - - schttelte.
    Hei! Was gab das fr einen Erfolg! Es regnete frmlich Pflaumen auf mich
nieder! Das freilich hatte ich nicht gewollt! Es hatten nur einige fallen
sollen; aber sie waren beinahe berreif, und in Anbetracht meiner jetzt noch so
geschwchten Krfte hatte ich mich zu energisch in das Zeug gelegt: Weit ber
die Hlfte der Frchte lagen nun jetzt unten. Ich stand da mit wohl demselben
Gefhle wie jener Reiter, der sich links so krftig auf das Pferd geschwungen
hat, da er rechts, auf der andern Seite wieder hinuntergefahren ist. Jedes
Zuviel ist eben schdlich! Aber da ich die herabgefallenen Pflaumen doch
unmglich wieder oben anheften konnte, so fllte ich mir die Taschen, lie die
andern liegen und ging dann nach der erwhnten Bank, um dort zu thun, was nun
das beste war, nmlich meinen Raub genieen.
    Ich sa nun so, da ich die beiden Pflaumenbume nicht mehr sehen konnte.
Das minderte die Kraft der Vorwrfe, welche ich mir zu machen hatte. Ich a!
Aber, es ist nichts so fein gesponnen, El Aradsch bringt es an die Sonnen. Wer
ist El Aradsch? Das wird man sogleich sehen und sogar auch hren. El Aradsch
heit: der Lahme.
    Auch Frenk maidanosu mit, zur Abendsuppe! rief hinter mir eine
eigentmlich fette Stimme.
    Frenk maidanosu ist ein trkisches Wort und heit zu deutsch Kerbel. Also
fr heute abend stand eine Potage von Kerbel in Aussicht. Das war zwar gut und
auch leicht verdaulich, aber fr mich sollte das in meiner gegenwrtigen
Eigenschaft als Pflaumendieb auerordentlich verhngnisvoll werden. Zunchst
noch ganz ahnungslos, drehte ich mich um, zu sehen, wer gesprochen hatte und wem
die Worte galten. Ich mute mit der Hand das Weichselgezweig auseinander
schieben, um nach dem Hause hinschauen zu knnen. Ich erblickte zunchst eine
unendlich lange, mnnliche Gestalt, welche bis ber die Kniee hinauf barfu war.
Von dieser Gegend an war ein blaues, sackhnliches Hemd zu sehen, welches mit
Mhe und Not den Hals erreichte. Dann kam ein unverhltnismig kleiner Kopf mit
einem Gesicht, welches mir ein Lcheln abntigte. Dieser Mann war ganz gewi
nicht unter vierzig Jahre alt, hatte aber so junge, kindlich weiche Zge, da
der Kontrast zwischen Gesicht und Gestalt allerdings zum Staunen ntigte. Dazu
kam, da er eine kurdische Ledermtze trug, deren Streifen ihm hinten bis in das
Genick und vorn ber die Nase herabhingen. Man denke sich einen aus Leder
geschnittenen Stern, dessen Mitte auf dem Scheitel liegt, whrend die Strahlen
wie die Beine eines prparierten, monstrsen Spinnentieres nach allen Seiten
herunterflattern! Seine Arme schienen noch lnger zu sein als seine Beine, von
denen das eine krzer als das andere war; er hinkte. Er trug einen leeren Korb
in der Hand und ging grad nach der Gegend hin, wo die beiden Pflaumenbume
standen, der eine noch als Zeuge meiner Ehrlichkeit, der andere aber als Beweis
der Missethat, die ich begangen hatte.
    Das war die Person, welcher die Anweisung zur Kerbelsuppe gegolten hatte.
Wer aber hatte sie gegeben?
    Ich sah eine jetzt geffnete Thr, welche ich vorher nicht beachtet hatte.
Da stand ein weibliches Wesen, so strahlend wei wie eine abendlndische
Festjungfrau gekleidet. Festjungfrulich waren auch die langen Zpfe, in welche
sie ihr herabhngendes Haar geflochten hatte. Festlich auch die beiden Rosen,
die rechts und links auf die Ohren niederschauten. Und das Gesicht? Knnte ich
es doch beschreiben! Dieses Gesicht war zwar etwas Ganzes, sogar etwas seltsam
Harmonisches, und aber doch schien es, als ob jeder einzelne seiner Teile sich
bestrebe, herauszutreten und fr sich selbst zu bestehen. Jede Wange bildete ein
blhend rotes, nach ganz besonderem Ansehen trachtendes Halbkgelein. Das Kinn
that sich weiter unten fast noch mehr hervor; es schien auf sein mehr als
neckisches Grbchen ganz besonders stolz zu sein. Das Nschen begann erst da, wo
andere Nasen fast schon zu Ende sind, und schaute zwischen den beiden Wangen so
frohsinnig heraus und in die Welt hinein, als ob seinesgleichen nirgends mehr zu
finden sei. Auch die glatte, faltenlose Stirn trat heiter vor. Und die Aeuglein
unter ihr! Ja, diese Aeuglein! Wer kann berhaupt Augen beschreiben? Und nun gar
so liebe, kleine, gute, auerordentlich lebendige! Und wie das Gewand, so war
auch dies Gesicht ein Abglanz allergrter Sauberkeit. Man darf ja nicht denken,
da es hlich gewesen sei. O nein! Es war zwar nicht schn, nicht hbsch, nicht
lieblich, nicht - - ja, was noch nicht? Es war berhaupt alles nicht, aber es
war gut, ja wirklich gut! Aber wie alt? Zwanzig? Dreiig? Vierzig? Wer das nur
sagen knnte! Ich wollte genauer hinsehen, da aber drehte sie sich um und
verschwand nach innen. Wenn diese personifizierte Reinlichkeit etwa die
Gebieterin der Kche war, so konnte man von ihr alles, ganz gleich, ob mit oder
ohne Kerbel, mit Vergngen essen!
    Maschallah - Wunder Gottes! hrte ich jetzt von seitwrts her einen Ruf.
    Ich wendete mich zurck und machte nach dorthin eine Lcke ins Gezweige. Da
stand der Lahme vor den Pflaumen, so lang, wie er war, vollstndig starr und
steif vor Schreck. Hierauf kam einige Bewegung in ihn, aber nicht viel; er
schttelte den Kopf.
    Ahija - o wehe! klagte er.
    Hierauf sah man, da er eine Anstrengung machte, nachzudenken. Es gelang.
    Ja charami - o, du Spitzbube! rief er aus, indem er sich nach allen Seiten
umschaute.
    Es ging ihm also eine Ahnung auf, da die Pflaumen nicht von selbst
heruntergefallen seien.
    Jil'an Daknak - verflucht sei dein Bart! schimpfte er, und als er den
Thter nicht erblickte, fgte er noch viel zorniger hinzu: Allah jelbisak
borneta - Allah setze dir einen Hut auf!
    Mit diesem Wunsche leistete er sich die allergrte Schande fr den Dieb.
Wer einen europischen Hut, vielleicht gar einen hohen Zylinder, occidentalisch
Angstrhre genannt, aufgewnscht bekommt, mit dessen Ehre ist es nach streng
orientalischen Begriffen ganz gewi fr immer aus! Nun griff der lange Mensch
unter die Mtze und rieb sich die Stirn. Er that dies einigemal. Wahrscheinlich
wollte er die Antwort auf die Frage, wer der Spitzbube wohl sein knne,
herausreiben. Es gelang ihm aber leider nicht.
    Allah ja'lam el gheb - Allah kennt das Verborgene! seufzte er endlich
erleichtert.
    Das war das einzige und, wie es schien, ihn sehr beruhigende Resultat,
welches er sich aus der Stirn frottiert hatte. Dann kniete er nieder, um die
Pflaumen in den Korb zu lesen. Dabei betrachtete er jede einzelne mit einem
Blicke, als ob er sie sich ganz besonders vorgemerkt habe. Aber pltzlich fuhr
er halb empor. Er hatte etwas Wichtiges gesehen. Das waren die Fustapfen,
welche ich in dem weichen Boden zurckgelassen hatte.
    Men schabar nahl - wer Ausdauer hat, dem gelingt es! rief er aus.
    Er glaubte wohl, auch jetzt noch immer gerieben und nachgedacht zu haben.
Nun erhob er sich und hinkte den Spuren langsam nach. Sie fhrten ihn natrlich
her zu mir. Als er um die Ecke des Gebsches trat, steckte ich soeben eine
Pflaume in den Mund. Zunchst blieb er wie eine Salzsule vor mir stehen. Er
bewegte kein Glied. Nicht einmal seine Wimper zuckte.
    Wer bist du? fragte ich.
    Du - - du - - du hast die Pflaumen - - - meines Ustad gestoh - - -
    Weiter kam er nicht. Die Stimme versagte ihm. Also diese Frchte waren fr
den Ustad reserviert! Da konnte ich ruhig sein; der gnnte sie mir gewi. Aber
dieser meiner Ruhe stand ein ebenso schnelles wie gewaltsames Ende bevor, denn
der Lahme bekam pltzlich seine ganze Bewegungsfhigkeit, sogar zehnfach
gesteigert, wieder, und ehe ich nur den Gedanken htte fassen knnen, da so
etwas mglich sei, warf er sich mit aller Macht ber mich her, schlang die
berlangen Arme anderthalbmal um mich herum und begann, aus Leibeskrften um
Hilfe zu schreien. Nach den Ausdrcken, die aus seinem Munde flossen, war
eigentlich zu schlieen, da er eine ganze Bande von Dieben, Rubern und Mrdern
ergriffen habe. Er war ein auerordentlich krftiger Mann, mich aber hatte die
Krankheit so geschwcht, da ich vergeblich versuchte, von ihm loszukommen.
Glcklicherweise dauerte es nur ganz kurze Zeit, bis mir die von ihm
herbeigerufene Hilfe kam. Wahrscheinlich sah er sie, denn er hrte auf mit
Schreien; statt seiner aber hrte ich die fette Stimme der sich eiligst
nhernden Festjungfrau.
    Wo sind denn die Ruber, die Mrder? fragte sie.
    Hier, hier! Komm, komm! antwortete er.
    Wen haben sie ermordet?
    Die Pflaumen, die Pflaumen des Ustad, die Frchte meines lieben, hohen
Herrn!
    Unsinn! Pflaumen werden doch nicht ermordet!
    Komm nur; komm, und sieh ihn an!
    Sie kam; sie stand schon da.
    Zeig, Tifli! gebot sie ihm.
    Tifli heit mein Kind, sogar mein kleines Kind. Er lie mich los. Ich
hatte im Gefhle meiner Ohnmacht mich ganz passiv verhalten und konnte nun gar
nicht anders, ich mute ihm lachend in das grimmige Kindergesicht sehen. Wenn
dieser Mann ein kleines Kind war, welche Lnge muten da die groen Kinder
wohl hier zu Lande haben! Die Festjungfrau war zunchst auch ganz ohne Worte.
Sie schien nicht recht zu wissen, aus wem von uns dreien sie klug zu werden
habe.
    Das ist er! sagte er, indem er beide Zeigefinger schnurstracks auf mich
richtete.
    Wer? fragte sie.
    Der Dieb.
    Was hat er gestohlen?
    Die Pflaumen! Dort liegen noch welche!
    Er deutete nach den Bumen. Sie schaute hin, sah die Frchte unten liegen,
schlug die dicken Hndchen patschend zusammen und jammerte:
    Die besten, grad die allerbesten!
    Aufgehoben haben wir sie fr unsern Herrn! klagte er mit.
    Bis zur Stunde der hchsten Reife! fuhr sie fort.
    Dann erst it er sie, seine Lieblinge! fgte er hinzu.
    Er hat wohl noch genug! trstete ich.
    Da sahen beide mich so erstaunt an, als ob ich etwas ganz Unbegreifliches
gesagt habe. Dann fuhr mich der Lange zornig an:
    Sie sind alle sein, alle, alle! Wer bist du denn?
    Ja, wer bist du? Das wollen wir wissen! erklrte mir die Besitzerin des
frohsinnigen Nschens.
    Das wit ihr nicht? antwortete ich.
    Nein, sagte sie.
    Ihr habt mich noch nicht gesehen?
    Noch nie! Doch, wer du auch seiest, wie darfst du es wagen, hier Frchte zu
stehlen! Kein einziger Dschamiki stiehlt. Du mut ein Fremder sein!
    Aus der Fremde kam ich allerdings, doch gehre ich zum Hause. Ich bin des
Ustad Gast.
    Gast? Seit heut?
    Seit Wochen schon.
    Seit Wo - - Wo - - - Wochen - - Wo - - -!
    Das runde, kleine Mndchen blieb ihr offen stehen, so offen, da man die
kerngesunden, perlengleichen Zhne sehen konnte. Die Wnglein verloren die
Farben; das Kinn zeigte sich ngstlich gespannt; das Nschen wollte
verschwinden, und die Aeuglein schlossen sich, zwar langsam aber ganz. Hatte sie
etwa einmal von einer Europerin gesehen, welche Ritterdienste in solchen Fllen
von einer kleinen Ohnmacht zu erwarten sind? Nein! Die Aeuglein ffneten sich
wieder. Sie wurden sogar noch grer, als sie vorher gewesen waren.
    Heut - heut - verlt der - - der fremde Effendi - - zum erstenmal - - das
Haus - - - stotterte sie.
    Du hast ihn wirklich noch nicht gesehen? fragte ich.
    Nein. Niemand von uns - - durfte die Halle betreten. Bist du - - du etwa
der - - - der Effendi?
    Ja, ich bin's.
    Da fuhr sie vor Entsetzen zwei Schritte zurck. Ihr liebes Gesicht verlor
nun alle, alle Farbe. Der Lange aber scho in seinem Schreck noch hher empor,
als er eigentlich gewachsen war. Wahrscheinlich wollte er mit der
gedankenreichen Stirn so hoch hinaus, da ihr meine Rache unmglich etwas
anhaben konnte. Diese Bewegung brachte ihn auf eine rettende Idee:
    Ich hole Kerbel! rief er aus.
    Mit drei Stzen seiner langen Beine war er bei den beiden Bumen, raffte den
Korb auf, schttete die hineingelesenen Pflaumen wieder heraus und rannte fort,
um die fernste Ecke des Gartens zu erreichen. Ich sah ihm lachend nach und hatte
dabei nicht acht auf meine Festjungfrau. Da erklang es neben mir:
    Und ich mu in die Kche!
    Da drehte ich mich um. Sie war schon weg. Ich schob die Zweige auseinander,
um ihr nachzusehen. Sie scho in grter Eile auf einige Hausbedienstete zu,
welche auch von den Hilferufen angelockt worden waren, aber nicht gewagt hatten,
nher zu kommen.
    Fort! Weg mit euch! rief sie, indem sie an ihnen vorberkam. Das Kind hat
wieder eine Dummheit gemacht. Strt dort den Effendi nicht!
    Hierauf verschwand sie in ihrem wohlthtigen Reiche. Vor mir lag eine ihrer
beiden Rosen, die ihr entfallen war. Ich hob sie auf und steckte sie zu mir. -
    Warum erzhle ich dies eigentlich nichts weniger als bedeutende Ereignis
hier? Weil im Menschenleben oft das, was gleichgltig erscheint, spter grere
Wichtigkeit gewinnt, als man vorher vermuten konnte.
    Nach einiger Zeit kam das Kind aus seiner Gartenecke zurck, htete sich
aber wohl, an mir vorbeizugehen. Es machte vielmehr einen Bogen hinterwrts, um
wieder in die Kche zu gelangen. Hierauf verlie auch ich den Garten, versumte
aber nicht, mir die Taschen noch einmal mit Pflaumen zu fllen. Noch hatte ich
mich nicht lange niedergesetzt, da kam der Pedehr. Er war in der Kche gewesen
und die Kchin hatte ihm erzhlt, was geschehen war. Er fragte mich, ob mir das
Kind sehr wehe gethan habe. Ich beruhigte ihn mit Vergngen.
    Er wird von uns nur Kind genannt, sagte er. Andere pflegen ihn El
Aradsch, den Lahmen zu nennen. Es hat mit ihm eine eigene Bewandtnis, welche du
spter auch noch kennen lernen wirst. Du liebst das Obst?
    Ja. Ich esse es sehr gern, und zwar ungewhnlich viel.
    Thue das, so lange du lebst! Die reine, keusche Lebenskraft ist nicht im
Fleische des ausgewachsenen Tieres vorhanden. Geniet man welches, so soll es
nur ganz junges sein. Das reife Tier giebt auch dem Menschen, der es geniet,
tierische Reife. In der Frucht des Baumes aber ist das reinste Leben
aufgespeichert, weil Wurzeln, Stamm und Zweige das Unreine zurckbehalten haben.
Nun weit du, warum der Ustad uns gelehrt hat, nicht nur Felder, sondern auch
Grten anzulegen.
    Hatte der Pedehr Recht? Ich habe mich spter an seine Weisung gehalten und
befinde mich sehr wohl dabei!
    Hanneh und Kara kamen abwechselnd zu mir auf den Vorplatz heraus. Ich erfuhr
von ihnen, da Halef still und ruhig schlafe.
    Spter hatte ich das Vergngen, die Kchin und das Kind wiederzusehen. Sie
wollten miteinander hinunter in das Dorf und muten da an mir vorbergehen. Das
Kind hatte jetzt ein lngeres Gewand angelegt, welches fast bis an die Knchel
reichte. Die Gebieterin der Kche hatte sich mit einem langen, weiten, weien,
schleierhnlichen Stoff geschmckt, welcher, ihr Gesicht freilassend, von dem
Kopfe aus hinten niederfiel und, nach vorn zusammengerafft, die ganze Gestalt
einhllte. Es war an ihr berhaupt, jetzt und auch spter, nichts als nur Wei
zu sehen.
    Man sah Beiden an, da sie sich meinetwegen in Verlegenheit befanden. Sie
nherten sich nur zgernd. Sie sagte ihm etwas und schob ihn dann mit der Hand,
voranzugehen. Da ermannte er sich, that einige schnelle, lange Schritte bis zu
mir her, verbeugte sich und sagte:
    Effendi, ich bin Tifl.
    Das war ganz genau dasselbe, als wenn er in deutscher Sprache gesagt htte:
Effendi, ich bin ein kleines Kind. Ich mute lcheln und nickte ihm zu.
    Aber ich bin nicht klein! fuhr er fort.
    Ich nickte wieder.
    Ich bin ein Mann! versicherte er.
    Ich nickte abermals.
    Ich habe Mut, sehr viel Mut! Ich frchte mich niemals, vor keinem einzigen
Menschen!
    Das hast du an mir bewiesen, besttigte ich.
    Ja, an dir! Sogar an dich habe ich mich gewagt! Man hat mich dafr sehr
gescholten; aber ich behaupte, da ich richtig gehandelt habe. Sage du es
selbst: Hattest du die Pflaumen meines Herrn herabgeworfen?
    Ja, das hatte ich.
    Und mir aber sind sie anvertraut. Habe ich gegen meine Pflicht gesndigt.
    Nein, du bist ein treuer Wchter im Garten deines guten Herrn.
    Da breitete sich der Ausdruck herzlichster Befriedigung ber sein kleines
Gesicht. Er drehte sich zu der Kchin um und sagte:
    Hast du es gehrt, o Pekala?
    Pekala ist ein trkischer Name und bedeutet die Kstliche. Sie machte ein
sehr ernsthaftes Gesicht, womit sie aber fast grad das Gegenteil von der
beabsichtigten Wirkung hervorbrachte und antwortete ihm:
    Ich habe es freilich gehrt; aber der Effendi ist gtiger gegen dich, als
du verdienst. Merke dir: Man hat sogar auch Pflaumendiebe hflich zu behandeln,
falls man nicht genau wei, wer oder was sie sind. Du bist eben unser kleines,
unerfahrenes Kind welches nichts als Fehler macht. Und nun thu, was ich dir
befohlen habe!
    Er wendete sich mir wieder zu, und zwar mit einer so komisch verlegenen
Miene, da sein Gesicht jetzt ganz genau demjenigen eines ausgescholtenen
kleinen Knaben glich.
    Soll ich es wirklich machen, Effendi? fragte er mich.
    Was?
    Pekala hat mir befohlen, dich um Verzeihung zu bitten.
    Wofr?
    Da ich dich als Spitzbube behandelt und festgehalten habe.
    Hre, lieber Tifl, das hast du recht gemacht!
    Recht? fragte er in freudiger Ueberraschung.
    Ja. Pekala meint es gut mit mir. Sie will das Unrecht, welches ich that,
entschuldigen. Aber ich war wirklich ein Pflaumendieb. Ich habe dir also nichts
zu verzeihen, sondern ich lobe dich, denn du hast deine Pflicht gethan.
    Da nahm sein Gesicht einen frohen, weichen, und doch beinahe mnnlichen
Ausdruck an.
    Du tadelst mich also nicht? fragte er.
    Nein.
    Sondern du hast mich gelobt, wahrhaftig gelobt?
    Ja.
    Effendi, das werde ich dir nie und nie vergessen! Mein Herz ist dein
Eigentum. Wir gehen jetzt miteinander hinunter in das Dorf. Hast du vielleicht
eine Besorgung? Soll ich dir etwas mitbringen?
    Nein, lieber Tifl.
    Lieber Tifl! Hast du es gehrt, meine gute Pekala? Lieber Tifl hat er
gesagt! Andere Europer sind ganz anders als er. Er ist grad so wie ich: er ist
nicht stolz. Es bleibt dabei: mein Herz ist sein. Komm!
    Er griff nach ihrer Hand, um sie fortzuziehen. Aber sie blieb noch stehen.
Ihr Auge war auf meine Brust gerichtet; ich dachte nicht daran, weshalb.
    Hast du die Rosen lieb, Effendi? fragte sie mich.
    Ja, sehr, antwortete ich. Jede Blume. Blumen gleichen den Seelen guter
Menschen; sie erfreuen uns, ohne da diese Freude uns spter betrbt. Warum
fragst du mich?
    Weil du die Rose aufgehoben hast, welche ich verloren habe. Es ist die Rose
einer niedrigen Dienerin. Erlaubst du mir, dir tglich einige zu pflcken?
    Ja. Ich nehme sie sehr gern von dir, o Pekala.
    Ich danke dir! Oemrn tschok ola!
    Das sind trkische Worte. Sie bedeuten den Wunsch: Mge dein Leben lang
sein! War sie etwa osmanischer Abstammung?
    Allah billingdsche olsun - Gott sei mit dir! antwortete ich.
    Da schlug sie die kleinen, dicken Hnde freudig zusammen und fragte:
    Du verstehst trkisch?
    Ja.
    So darf ich in meiner Muttersprache mit dir reden, wenn du zu mir
sprichst?
    Das sollst du sogar, damit ich von dir lerne!
    Da war sie es, die sich stolz mit der Frage an ihren Tifl wendete:
    Hast du es gehrt? Lernen will er von mir! Auch mein Herz ist sein
Eigentum. Jetzt komm!
    Sie machten mir eine sehr tiefe und darum sehr hfliche Verbeugung, bei
welcher er, der Lange, natrlich weit herablassender verfahren mute als sie.
Dann entfernten sie sich. Wie leicht es doch ist, Menschenherzen zu erfreuen!
Warum thut man das so wenig?
    Kurze Zeit hierauf kam Kara aus der Halle. Er sagte mir, da sein Vater fr
einige Augenblicke aufgewacht sei, und dabei, wie noch halb im Schlafe, mit
leiser Stimme die Worte gesagt habe:
    Kara mu die Pferde ben!
    Er hatte darum die Absicht, jetzt, wo die Hitze des Tages vorber war, bis
zum Abend auszureiten, und zwar mit allen drei Pferden, weil Assil und Barkh so
lange Zeit nicht vom Hause fortgekommen waren. Er sattelte auch sie, weil er es
nicht fr vornehm hielt, sie nackt nebenherlaufen zu lassen, setzte sich auf
Ghalib und ritt dann zum Thore hinaus.
    Hierauf mochten kaum zehn Minuten vergangen sein, so hrte ich von der
Gegend dieses Thores her ein lautes, schnaufendes Atemholen. Ich drehte mich um.
Tifl kam wieder, aber wie! Er machte Sprnge, als ob es sich um sein Leben
handle. Seine langen Beine flogen nur so! Um bei dem so eiligen Laufe die Mtze
nicht zu verlieren, hatte er sie abgenommen und trug sie in der Hand.
    Was ist geschehen? fragte ich, als er an mir vorber wollte.
    Er blieb fr einen Augenblick stehen.
    Der junge Hadeddihn! antwortete er, indem er die Hand mit der ledernen
Spinne durch die Luft schwang.
    Kara Ben Halef?
    Ja.
    Der ist soeben fort.
    Ich wei es, Effendi.
    Er reitet aus.
    Und ich darf mit! Ich habe ihn gefragt! Hamdulillah! Ich bin schnell
heraufgerannt, um das Pferd zu holen!
    Hierauf rannte er weiter, nach dem Garten hin, hinter dem sich, was ich noch
nicht wute, eine grasige Weide fr Pferde an der Seite des Berges hinzog. Wie
das Kind sich freute! Fr Kara war es freilich ntzlich, jemand, der die
Gegend kannte, mitzunehmen. Aber grad diesen Tifl? Und wer wei, auf welchen
alten Gaul er sich wagen durfte! Es sollte doch wohl eine Schnelltour mit unsern
edlen Tieren werden!
    So waren meine Gedanken. Ich kannte das Kind eben nicht. Man soll sich
stets hten, vorschnell zu urteilen! Wer kam nach kaum einer Minute im eiligen
Trabe aus dem Garten? Sahm, der Braune des Ustad. Ohne Sattel und Zaum! Nicht
einmal eine Leine um den Hals! Er sprang nach dem Thore zu. Hinter ihm her
rannte das Kind, strahlende Wonne im ganzen Gesicht.
    Den willst du reiten? rief ich ihm zu. Er geht dir ja durch!
    Da lachte er laut auf. Mit zwei, drei weiten Stzen hatte er das Pferd
erreicht. Ein khner, wundervoll abgemessener Sprung, und er sa oben. Die
langen Beine legten sich fest an den Leib des Pferdes. Ein Wehen mit der
Kurdenmtze nach mir zurck, dann flog der seltsame Centaur zum Thore hinaus.
Wer htte denken knnen, da dieser so willenlos und unbehilflich erscheinende
Tifl ein solcher Reiter sei! Es war zum Verwundern!
    Wie aber hatte Kara auf den Gedanken kommen knnen, grad das Kind und
keinen andern mitzunehmen? Das war folgendermaen geschehen:
    Als der junge Hadeddihn den Berg hinabritt, hatte er die Absicht, den Weg
einzuschlagen, den er mit seiner Mutter gekommen war. Dies war ja der einzige,
den er kannte, doch auch nicht genau, weil es bei der Ankunft ja nicht mehr Tag,
sondern Abend gewesen war. Als er jetzt nun durch den Duar ritt, sah er die
Kchin und Tifl vor einem Hause stehen, mit dessen Bewohnern sie sprachen. Er
wollte an ihnen vorber, doch ging das nicht so glatt, wie er gedacht hatte.
Assil und Barkh zeigten nmlich die Absicht, stehen zu bleiben. Sie drngten
nach Pekala und ihren Begleiter hin. Kennen euch die Pferde? fragte er.
    Sehr gut, antwortete die Kstliche. Sie haben sogar sehr innige
Freundschaft mit uns geschlossen.
    Wie ist das gekommen? Ich habe noch nie gesehen, da sie Fremden eine
solche Zuneigung schenkten.
    Wahrscheinlich ist es Dankbarkeit. Sie grmten sich; sie weigerten sich, zu
fressen. Da habe ich ihnen die besten und grnsten Leckerbissen aus der Kche
hinausgetragen oder durch unser Kind geben lassen. Das nahmen sie. So lernten
sie uns kennen. Nun freuen sie sich stets, wenn sie uns sehen.
    Ja, Tiere sind fr die ihnen erwiesenen Wohlthaten oft dankbarer als die
Menschen. Auch ich danke Euch!
    Aber diese ihre Dankbarkeit hat die beiden Rappen nicht verleiten knnen,
ihren Herren ungehorsam zu sein
    Wie meinst du das? Was deutest du da an?
    Da zeigte sie auf Tifl und antwortete, indem sie pfiffig lchelte:
    Richte deine Frage an diesen hier, au unser Kind! Ich habe es nur gesehen;
er aber hat es gefhlt.
    Da sprach der Lange in vorwurfsvollem Tone:
    Warum sprichst du davon, o Pekala? Du solltest es doch nicht verraten! Was
habe ich dir gethan, da du mich so beschmen willst?
    Es geschieht zu deiner Erziehung. Kinder mssen erzogen werden. Ich hatte
es dir verboten, und du thatest es aber doch. Da flogst du freilich herab!
    Ah, du bist aufgestiegen? fragte Kara.
    Ja, gestand Tifl, indem sein Gesichtchen einen unendlich klglichen
Ausdruck annahm.
    Auf welchen? Assil oder Barkh?
    Ich habe es mit beiden probirt.
    Nun, weiter!
    Da ri er sich mit der linken Hand die Spinnenmtze vom Kopfe, um mit der
Rechten kratzend in die Haare zu fahren, und antwortete:
    Ich mute herunter!
    Ja, das glaube ich! Wir haben es sie so gelehrt. Du warst kaum oben, so
flogst du wieder herab!
    Da richtete sich das Kind in seiner ganzen Lnge auf und rief:
    Kaum oben? Oho! Ich bin Tifl, der nur dann aus dem Sattel geht, wenn er
will! Es hat mich noch kein Pferd zwingen knnen, es unfreiwillig zu verlassen!
    Aber diese beiden doch!
    Ja. Aber ich wrde schwren, da es eine Lge sei, wenn ich nicht selbst
der heruntergeworfene Tifl wre! Doch so sehr schnell, wie du meinst, ist es
nicht geschehen. Es gab einen Kampf, einen schweren Kampf, doch, doch - - - doch
- - -
    Er zgerte mit den Worten; es fiel ihm schwer, seine Niederlage
einzugestehen. Da fiel die Kchin lachend ein:
    Ich stand dabei; ich sah den Kampf. Tifl glaubte, es erzwingen zu knnen;
aber die Pferde wollten nun einmal nicht, und so mute das Kind fliegen.
    Erst nach lngerer Zeit? Nicht gleich? fragte Kara. Das ist sonderbar!
Dann mtest ja du eigentlich ein besserer Reiter sein, als ich je einen gesehen
habe!
    Der? Das Kind? Ein Reiter? Blo eigentlich? fragte Pekala. Natrlich ist
er das! Er ist ja Sa'is98 beim Schah-in-Schah gewesen!
    Maschallah! Sa'is? Beim Beherrscher von Persien? Warum ist er das nicht
geblieben?
    Weil das Kind zu sehr wuchs. Es brauchte mit jeder neuen Woche auch eine
neue Uniform, scherzte die Kchin. Darber wurde es dem Schah-in-Schah
himmelangst; er konnte das nicht aushalten und schickte Tifl also fort. Hier bei
uns kann er wachsen, so hoch er will. Wir haben keine kostbaren Stallungen,
welche er dadurch demoliert, da er mit dem Kopfe durch die Decken stt.
    O, meine Pekala, was hast du heut wieder einmal fr ein bses Herz! klagte
der Lange. Ich wei ja, da ich dem Schah-in-Schah zu lang, zu dnn und also zu
hlich wurde; aber grad dieser meiner Lnge wegen sitze ich auf dem schlimmsten
Pferde fest, weil meine Beine seinen ganzen Leib umfassen - - -
    Und mit den Fen kannst du unten sogar noch einen besonderen, festen
Knoten knpfen, fiel sie ein.
    Darum bist du der einzige, der unsern Sahm richtig zu reiten versteht.
    Wer ist Sahm? fragte Kara.
    Das ist die berhmte, echtbltige Stute des Ustad, auf welcher unser Pedehr
von Kara Ben Nemsi eingeholt worden ist. Htte das Kind auf ihr gesessen, so - -
-
    Tifl lie sie den begonnenen Satz nicht vollenden; er fiel schnell und
eifrig ein:
    Ich htte mich ganz gewi nicht einholen lassen!
    Assil schlgt jedes andere Pferd! behauptete Kara.
    Kennst du unsere Stute? fragte Tifl.
    Nein.
    Hast sie aber gesehen?
    Noch nicht.
    Soll ich sie holen?
    Hierher? Warum holen? Ich darf sie wohl spter sehen!
    Du reitest aber jetzt spazieren. Mit deinen edlen Pferden. Wohin?
    Das wei ich nicht genau. Ich kenne eure Gegend noch nicht. Ich will unsere
Tiere im Laufen ben. Weit du, des Wettrennens wegen.
    Bei diesem Rennen werde ich Sahm reiten. Erlaube mir, da ich jetzt mit dir
be. Ich eile. Ich hole die Stute. Warte hier! In zehn Minuten bin ich wieder
hier.
    Er rannte fort, ohne die Antwort Karas abzuwarten. Diesem blieb nichts
anderes brig, als zu verweilen, bis nach noch nicht zehn Minuten Tifl auf
ungezumtem und ungesatteltem Pferde wieder bei ihm eintraf. Er ritt die Stute,
damit Kara sie beobachten mge, in den verschiedenen Gangarten einigemale hin
und her und fragte ihn dann, was er zu ihr sage. Kara besa zwar viel von der
groen Lebhaftigkeit seines Vaters, hatte dazu aber von seiner Mutter jene
Bedachtsamkeit geerbt, welche vorschnelles Reden oder Thun vermeidet. Er htete
sich also, ein Urteil auszusprechen, und lobte ihre sichtbaren Vorzge, ohne zu
sagen, ob er einen Fehler an ihr entdeckt habe. Dann fragte er Tifl, nach
welcher Gegend man einen Spazierritt, wie der beabsichtigte sei, am besten
machen knne. Der Gefragte antwortete, seinem Namen Kind gar nicht entsprechend,
auerordentlich sachgem:
    Wir mssen einen groen, freien Platz zum Galoppieren haben, dann aber auch
steile, beschwerliche Wege, welche uns zeigen, was unsere Pferde auf ihnen zu
leisten vermgen. Von hier aus nach Osten liegt eine weite Ebene, welche erst
grasig und dann nur noch sandig ist. Jenseits von ihr erhebt sich das Gebirge,
ber welches zwei Psse fhren, der Boghaz-y-Chrgusch99, welcher so heit, weil
es dort in den Bschen viele Hasen giebt, und der Boghaz-y-Ghulam100, den man so
nennt, weil dort einmal ein Bote des Beherrschers ermordet worden ist. Wenn wir
einen dieser Psse hinaufreiten und durch den andern zurckkehren, lernst du die
Gegend kennen, durch welche sich die stliche Grenze unsers Gebietes zieht.
    Ist es weit?
    Fr gewhnliche Pferde, ja; fr unsere aber nicht.
    Da mein Vater krank ist, mchte ich nicht erst spt des Nachts heimkehren.
    Wir kehren um, sobald du willst.
    Ist die Gegend sicher?
    Ja.
    Du siehst, da ich nur mein Messer bei mir habe; du aber bist ganz
unbewaffnet. Auf eurem Gebiete duldet ihr wohl keine bsen Menschen, doch kommen
wir ja, wie du sagst, bis an die Grenze desselben. Und die Massaban sind sogar
bis hierher zu euch gedrungen, um euch zu berfallen. Wirklich und unausgesetzt
sicher ist wohl kein Ort hier in den Bergen.
    Das ist richtig. Aber wer solche Pferde reitet wie wir, der kann jedem
Uebel schnell und leicht entgehen. Frchtest du dich vielleicht?
    Welch eine Frage fr Kara! Ob er sich frchte! Das war bei ihm ein
vollstndig unmgliches Gefhl. Er war zu verstndig, sich als beleidigt zu
betrachten, und als Gast der Dschamikun hatte er sich zu hten, selbst
beleidigend zu werden. Darum hielt er es fr das beste, so zu thun, als ob diese
Frage ganz ungehrt an seinem Ohre vorbergegangen sei.
    Komm! Vorwrts! sagte er, indem er seinem Ghalib das Zeichen zum
Weitergehen gab. Assil und Barkh hatten ihren Willen gehabt und folgten ohne
Widerstreben.
    Kommst du noch vor Nacht zurck? wurde das Kind von der Kchin gefragt.
    Sehnst du dich schon jetzt nach mir? antwortete er lachend.
    Nicht an dich sondern an Kara Ben Halef denke ich. Ich wei, da es weder
Zeit noch Schranken fr dich giebt, wenn du auf Sahm sitzest. Er aber hat noch
von der Reise auszuruhen. Ich werde dich sehr streng bestrafen, wenn du dich
versptest!
    Welche Strafe wird das sein?
    Du bekommst nichts zu essen!
    Das kenne ich! Mit dem Munde entziehst du mir die Kost, aber schon nach
einer Viertelstunde giebst du mir sie mit den Hnden doppelt, weil mein Hunger
nicht meinem Magen sondern deinem Herzen wehe thut!
    Da sehe ich, wie schlecht ich dich erzogen habe! Die Liebe ist verderblich
fr solche Kinder, du sollst aber von jetzt an meine Strenge kennen lernen!
    Die giebt es ja gar nicht! Leb wohl, o Pekala. Hast du noch einen Wunsch?
    Bring frohe und hungrige Gste mit!
    Das ist ein oft gebrauchter, beduinischer Abschiedsgru. Die Kchin sagte
das wohl nur, um berhaupt etwas zu sagen. Sie ahnte nicht, da, oder gar in
welcher Weise er in Erfllung gehen werde.
    Der Ritt ging zunchst des Sees entlang und dann ber das ganze Thal
desselben hin, bis es zwischen den Bergen einen tiefen Einschnitt gab, welcher
sich jenseits auf die von Tifl erwhnte Ebene ffnete. Dort wurde den Pferden
erlaubt, zu galoppieren. Tifl erwies sich als ein unbertrefflicher Naturreiter.
Von den feineren, erzieherischen Verhltnissen zwischen Mensch und Tier aber
wute er wohl nichts. Wer ihn so sicher, so fest, so ganz wie mit dem Pferde
zusammengewachsen, im Sattel sitzen sah, der mute es freilich fr fast
unmglich halten, da er sowohl von Assil als auch von Barkh abgeworfen worden
sei; aber diese unsere Hengste waren nicht, wie die braune Stute des Ustad,
gewohnt, augenblicklichen Instinkten, sondern einem zielbewuten, sich stets
gleichbleibenden Willen unterthan zu sein.
    Das Kind machte verschiedene Versuche, den jetzigen Ritt zu einem Wettrennen
zu gestalten, hatte aber damit bei dem bedachtsamen Kara keinen Erfolg. Dieser
war einerseits viel zu klug, eine Niederlage der Sahm sich wiederholen zu
lassen, whrend andererseits sein Stolz ihm nicht gestattet htte, etwa aus
Hflichkeit freiwillig auf den Sieg zu verzichten. Es blieb also bei dem, was er
sich vorgenommen hatte, nmlich bei einem Uebungsreiten, welches keinem
leidenschaftlichen Zweck zu dienen hatte.
    Die Stute hielt, so lange der Boden grasig war, sehr leicht den gleichen
Schritt mit unsern Pferden; aber spter im tiefen Sande fiel sie bemerklich ab.
Das konnte ihr aber nicht zur Schande gereichen, weil sie kein Pferd der
sandigen Steppe war. Als dann der Hasenpa erreicht wurde und der langsame
Aufstieg auf steinigem Boden begann, muten dafr nun unsere Tiere sich
anstrengen, es ihr gleichzuthun, worauf Kara von Tifl wiederholt aufmerksam
gemacht wurde.
    Die Gegend war hier felsig und unfruchtbar. Niedriges, trockenes Gestrpp
berzog die Berge mit schmutzigem Grau, und nur hier oder da gab es einen Baum,
dessen dnn benadelte Zweige keinen Schatten spendeten. Als die Hhe des Passes
erreicht worden war, konnte man darum die Aussicht nach allen Seiten frei
genieen. Das Kind deutete auf einen der aufgerichteten Steinhaufen und sagte:
    Das ist das Grenzzeichen. Bis hierher gehrt das Land den Dschamikun.
    Und wem sodann? fragte Kara.
    Allen Menschen.
    Giebt es keinen besondern Besitzer?
    Das ist der Schah-in-Schah, dem ja da ganze Reich gehrt. Die Gegend hier
ist so d und drr, da niemand sie haben will. Wer sie bekme, mte Steuern
zahlen; wer aber kann diese hier aus solchen Felsen ziehen? Wenn der Muhassil
kommt, so fragt er nicht, ob der Boden etwas getragen hat, sondern er nimmt
alles mit, was man besitzt.
    Wer ist der Muhassil?
    Das weit du nicht?
    Nein.
    Das ist der unwillkommenste aller Gste, die es giebt. Jedermann in Persien
soll Steuern zahlen. Auch die freien Stmme werden dazu angehalten. Unser Ustad
hat versprochen, es zu thun, und wir halten Wort. Darum wird kein Muhassil zu
uns kommen. Andere aber zahlen nicht eher, als bis sie dazu gezwungen werden,
denn sie behaupten, ein freier Mann sei auch von Steuern frei. Zu ihnen wird ein
mglichst strenger, vielleicht gar hartherziger Offizier oder Beamter gesandt,
der Soldaten mitbringt, die ihm helfen mssen, den Mal-i-Divan101 und den Sadir
Avariz102 mit Gewalt einzutreiben. Sobald er diese Gewalt auszuben beginnt, hat
man ihn mit dem Titel Muhassil zu ehren. Er nimmt zunchst das, was er fr den
Beherrscher haben will. Sodann nimmt er das, was er fr sich selbst haben will,
und das ist gewhnlich alles, was noch da ist.
    Leistet man ihm denn da nicht Widerstand?
    Widerstand? Er wrde nur gehen, um dann mit noch mehr Soldaten
zurckzukehren. Das beste Mittel, ihm zu entrinnen, ist die Flucht. Aber er
kommt meist so unerwartet, da sie unmglich ist. So hat er krzlich auch die
Kalhuran berrascht, welche eigentlich noch gar keine Steuern zu bezahlen
haben.
    Wer sind diese Kalhuran?
    Ein Nomadenstamm, dessen Land nicht mehr ausreichte, ihn zu ernhren. Eine
Abteilung von ihm bat um neues Land und bekam die Gegend, welche du hier stlich
vor uns liegen siehst. Sie beginnt zwar erst jenseits dieser Felsenberge, ist
aber von so geringer Fruchtbarkeit, da lange Jahre dazu gehren, den Boden zu
verbessern; darum wurde den Kalhuran gesagt, da sie erst nach dem zehnten
Sommer Steuern zu bezahlen htten. Sie sind nun erst vier Jahre hier; dennoch
sandte man ihnen einen Boten, welcher sie benachrichtigte, da sie jetzt schon
zu bezahlen htten. Sie weigerten sich. Da stellte sich ganz unversehens ein
Muhassil mit einer ganzen Schar von Soldaten bei ihnen ein. Der hat es sich bei
ihnen so bequem gemacht, als ob er jahrelang bleiben wolle. Er wird so lange an
ihrer Habe saugen, bis sie kein einziges Pferd, kein armes Schaf mehr haben.
    Maschallah! Der sollte das einmal bei unsern Hadeddihn versuchen! Weit du,
welchen Namen dieser Dschady103 hat?
    Er heit Omar Iraki. Der Scheik der Kalhuran ist ein junger Mann, dem der
Ustad eine Tochter unsers Stammes zum Weibe gegeben hat. Sein Name ist Hafis
Aram. Ich kenne ihn, denn er war ja bei uns, als er sie hinber zu sich holte.
Chodeh beschtzte ihn! Vor dem Muhassil aber bewahre er alle Menschen. Grad von
diesem Omar Iraki hat man nur Bses, aber kein einziges gutes Wort gehrt. Komm,
reiten wir hinab! Unten wenden wir uns dann nrdlich, um durch den Pa des
Couriers heimzukehren.
    Auf dieser Ostseite fielen die Berge steil zur Tiefe. Der Weg ging in
zahlreichen Windungen hinab, so da er immer nur fr kurze Strecken zu
berschauen war. Umso freier war die Aussicht in die Ferne, ber die
steppenhnliche Flche hinber, zu welcher die beiden jetzt hinunterritten.
    Als sie die letzte, unterste Krmmung des Weges berwunden hatten und schon
daran dachten, wieder galoppieren zu knnen, bot sich ihnen pltzlich ein
unvorhergesehenes Hindernis dar. Da standen nmlich, zwischen den Felsblcken
zerstreut, wohl gegen zwanzig Pferde, deren Reiter an einer versteckten Stelle
plaudernd bei einander saen. Einer hockte als Wchter auf einem hochgelegenen
Steine, von welchem aus man einen weiten Ausblick in die Steppe hatte. Das waren
persische Soldaten, und zwar Kavalleristen. Eigentliche Uniformen trugen sie
nicht. Auch ihr Anfhrer war an keinem Rangabzeichen, sondern nur an einem
langen, schweren Schleppsbel zu erkennen, den er trug. Ihre Waffen taugten
nicht viel; desto besser aber waren ihre Pferde. Die persische Kavallerie ist
berhaupt recht gut beritten. Als sie die beiden Reiter sahen, sprangen sie alle
auf.
    Sallam! grte Kara kurz, aber in hflichem Tone und indem er ihnen die
Hand entgegensenkte.
    Sie antworteten nicht. Ihre Augen waren bewundernd auf die vier Pferde
gerichtet. Kara hielt nicht an. Er wollte an ihnen vorber. Da aber stellte sich
ihm der Anfhrer in den Weg.
    Halt! sagte er in befehlendem Tone. Wer seid Ihr?
    Man darf nicht vergessen, da Kara der Sohn meines wackeren Hadschi Halef
war, dem, auer wenn er wollte, niemand imponieren konnte.
    Sag vorher, wer bist du? forderte er den Perser auf.
    Du siehst, da ich Soldat bin! antwortete dieser stolz.
    Und du siehst, da ich keiner bin! Ich diene nicht; ich bin ein freier
Mann!
    Ein Mann? lachte der andere. Schau meinen Bart und greif an den deinen
dann! Ich stehe hier im Namen des Schah-in-Schah und frage dich nochmals, wer du
bist!
    Und ich sitze hier in meinem eigenen Namen im Sattel und antworte nur dann,
wenn es mir beliebt! Allah schtze deinen Bart! Zum Frchten ist er nicht!
    Als er dies sagte, richtete er seine dunklen Augen mit einem solchen
Ausdrucke auf den Perser, da dieser die Hand, welche er schon erhoben hatte, um
Ghalib am Zgel zu fassen, wieder sinken lie und von ihm zurcktrat.
    Ich hre an deiner Sprache, da du ein Araber bist, sagte er. Ich bin
Mlazim ewwel104, des Beherrschers aller Herrscher. Nun weit du es.
    Der Beherrscher aller Herrscher kann nur Allah sein! Ich bin Kara Ben
Hadschi Halef, ein Hadeddihn vom Stamme der Schammar.
    Wo kommst du her?
    Woher es mir beliebt!
    Wo willst du hin?
    Wohin es mir behagt!
    Maschallah! Denn fr ein groes Wunder Gottes scheinst du dich zu halten!
Ich habe hier zu fragen!
    So frage die, welche dir zu antworten haben; zu ihnen aber gehre doch
nicht ich!
    Das war keineswegs verwerflicher Hochmut von Kara, sondern das
wohlberechtigte Selbstbewutsein des freigeborenen Arabers der Dschesireh. Wenn
die Fragen in hflichem Tone und nicht in der Weise eines Verhres ausgesprochen
worden wren, so htte er sie wahrscheinlich beantwortet. Auch gefielen ihm die
hhnischen Blicke nicht, mit denen Tifl von den sich herandrngenden Soldaten
betrachtet wurde. Das verchtliche Lcheln dieser Leute forderte ihn heraus,
ihnen zu zeigen, da zum Lachen gar kein Grund vorhanden sei.
    Auch du gehrst zu ihnen! behauptete der Offizier. Ich stehe an des
Gesetzes Stelle. Ich bin hier Polizei!
    Ich auch!
    Da fuhr der Perser um einige Schritte zurck. Er hatte imponieren wollen und
sah und hrte nun aber, da ihm dies nicht gelungen sei.
    Wagst du vielleicht, mit mir zu scherzen?
    Sehe ich etwa so spahaft aus?
    Sein jugendlich schnes, wie aus dunklem Marmor gemeieltes Gesicht zeigte
allerdings keine Spur von Lust zum Scherzen. Der Grundzug unseres Kara war ein
steter Ernst, welcher durch einen elegischen Hauch eher erhht als gemildert
wurde. In seinen Augen, die er von der Mutter hatte, lag etwas, was keine
zudringliche Berhrung duldete. Das wirkte auch jetzt. Der Oberlieutenant wagte
es nicht, seinen Zorn hervortreten zu lassen; ja es klang sogar, als ob er sich
entschuldigen wolle, als er nun sprach:
    Du weit es nicht; aber ich stehe hier ber dir, ber jeden, der da kommt.
Ich habe diesen Platz zu bewachen.
    Warum?
    Weil ich die Mrder des Muhassil fangen will.
    Welches Muhassil?
    Omar Iraki.
    Wallah! Ist er ermordet worden?
    Ja.
    Von wem?
    Von Hafis Aram und seinem Weibe.
    Chodeh, Chodeh! rief da das Kind erschrocken aus.
    Kennst du Hafis Haram? fuhr der Offizier fort.
    Nein, antwortete Kara.
    Dann schwang er sich vom Pferde. Sein Interesse war erwacht. Er gedachte
dessen, was Tifl ihm erzhlt hatte, und es stieg eine Ahnung in ihm auf, da
sich hier ein Ereignis vorbereite, in welches er vielleicht ntzlich eingreifen
knne. Und mit der Bedachtsamkeit, die weit ber seine Jugend ging, lie er ein
interessiertes Lcheln ber seine Zge gleiten und sagte:
    Eine Mordthat ist begangen worden! An einem Muhassil! Das ist eine
schreckliche That! Kann man erfahren, warum und wie sie geschehen ist?
    Ja. Ich werde es dir erzhlen. Aber vorher mut du mir sagen, woher du
kommst und wohin du willst.
    Aus welchem Grunde willst du das wissen?
    Weil du von jenseits gekommen bist, aus dem Gebiete der Dschamikun. Ich
sage dir, da ich es auf sie abgesehen habe! Du aber bist ja kein Dschamiki,
sondern ein Hadeddihn aus der Dschesireh.
    Da machte Kara eine stolz wegwerfende Handbewegung und fragte:
    Hafis Aram hat den Muhassil ermordet?
    Ja.
    Er ist der Scheik der Kalhuran?
    Ja.
    Sein Weib ist Dschamikeh?
    Ja. Sie hat den ersten Schu auf den Ermordeten gethan. Wir stehen also in
Blutrache mit den Dschamikun. Nun sage mir, woher du kommst!
    Es war ein sehr ruhiges und sehr berlegenes Lcheln, welches sich ber
Karas Lippen legte, als er antwortete:
    Ich sage dir es gern. Hier dieser mein Begleiter kommt mit mir von dem
hohen Hause des Ustad. Er ist ein Dschamiki, und ich bin Gast der Dschamikun.
Sie und ich, wir sind eins. Was sie thun, verantworte auch ich. Eure Blutrache
trifft also auch meine Person!
    Da trat der Perser noch einen Schritt von ihm zurck und rief erstaunt aus:
    Kara Ben Halef - so nanntest du dich?
    Kara Ben Hadschi Halef, ja!
    Also, Kara Ben Hadschi Halef, bist du bei Sinnen?
    Warum diese Frage?
    Siehst du nicht, da wir zwanzig Personen gegen euch beide sind? Das gengt
doch wohl!
    Aber es ist falsch! Richtiger ist, da wir zwei Personen gegen nur zwanzig
sind. Das gengt noch besser!
    Du bist toll, wirklich toll! Httest du nicht verschweigen knnen, da du
Gastfreund der Dschamikun bist?
    Ja, ein anderer htte das wohl gethan.
    Warum nicht du?
    Aus zwei Grnden: Erstens sage ich niemals eine Lge, selbst wenn sie mir
das Leben retten knnte. Und zweitens frchte ich mich nicht vor euch. Wie ihr
von mir denkt und was ihr von mir wollt, das ist fr mich von keiner groen
Wichtigkeit; die Hauptsache ist, da mich vor mir selbst schmen mte, wenn ich
euch die Unwahrheit gesagt htte. Und wenn ein Mensch sich selbst verachten mu,
so ist dies das allerschlimmste, was ihm im Leben geschehen kann.
    Der Offizier schaute ihn eine ganze Zeitlang an, ohne ein Wort zu sagen.
Dann fragte er:
    Du sagst niemals eine Lge?
    Nie!
    Auch nicht in der Not?
    Nein. Es giebt keine Not, welche die Lge rechtfertigt, denn die Lge ist
die grte und entsetzlichste Not, an der die Menschen leiden!
    Aber deine Aufrichtigkeit wird euch euer Leben kosten!
    Du irrst!
    Ich irre? Du bist zweifellos verrckt!
    Und sich an seine Leute wendend, fuhr er fort:
    Ihr habt es gehrt. Da steht ein Mensch, ein junger Mensch, der niemals
eine Lge sagt, selbst wenn es ihm das Leben kosten sollte. Was sagt ihr dazu?
    Ein allgemeines Gelchter war die Antwort.
    Ich lache ebenso wie ihr, stimmte er ihnen bei. Dann drehte er sich wieder
nach Kara um: Ihr seid natrlich unsere Gefangenen. Eure Pferde gehren uns!
    Versuche es, sie dein zu nennen!
    Ich brauche es nicht zu versuchen, denn ich habe es bereits gethan. Wir
bringen hier die grte Beute heim, die jemals gemacht worden ist! Du, Knabe,
bist der allerdmmste Kerl, den es auf Erden giebt! Dieser deiner Dummheit darf
ich beantworten, was du mich vorhin fragtest. Setze dich!
    Er deutete auf einen Stein, der neben Kara lag. Dieser lie sich auf ihn
nieder. Dies schien Gehorsam zu sein. Auch Tifl war von seiner Stute gestiegen.
Er trat zu Kara und setzte sich neben ihm auf den Boden nieder. Die Soldaten
umringten die Pferde, um ihre bewundernden Bemerkungen ber diese ebenso
unerwartete wie unschtzbare Beute zu machen. Der Offizier aber sprach zu Kara
weiter:
    Du hast also den Muhassil Omar Iraki nie gesehen?
    Nie, antwortete der Gefragte.
    Er war ein Herr, der einen starken Willen hatte. Kein Steuerverweigerer
konnte ihm widerstehen. Daher wurde er berall hingesandt, wo Andere vor ihm
nichts erreicht hatten. So kam er auch zu den Kalhuran, den rudigen Hunden,
welche nicht zahlen wollten. Grad hundert Reiter waren bei ihm, welche von den
Verweigerern als teure Gste aufgenommen und verpflegt werden muten. Nun waren
nicht nur die Steuern, sondern auch unsere Lhne zu bezahlen. Die Schuld wurde
von Tag zu Tag grer. Wir nahmen erst nur die Wolle, dann auch die Schafe
selbst. Das reichte nicht. Wir griffen natrlich auch nach den anderen Herden.
Da rotteten sich die Hunde zusammen, um uns zu widerstehen. Der Muhassil lie
den Scheik Hafis Aram ergreifen und zu sich in das Zelt bringen. Dort wurde er
gepackt, niedergeworfen und zu den Fen des Muhassil festgehalten. Dieser
verlangte Geld. Der Scheik behauptete, keines zu haben. Da drohte der Muhassil
mit der Peische. Hafis Aram aber leugnete fort. Da begann der Muhassil, ihn zu
zchtigen, mit eigener Hand, denn er war ein sehr starker Mann, der die Peitsche
zu fhren verstand. Der Scheik wollte sich losreien, aber acht Hnde hielten
ihn am Boden fest. Da war er still. Er nahm die Hiebe auf sich, ohne eine Klage,
einen Laut hren zu lassen. Aber seine Augen waren unheimlich starr auf den
Muhassil gerichtet, ohne da er diesem auf seine bei jedem Schlag wiederholte
Frage nach dem Gelde eine Antwort gab. Was sagst du zu solcher Hartnckigkeit,
Kara Ben Hadschi Halef?
    Wit ihr, was es heit, einen freien Beduinen zu peitschen? Den Scheik
eines ganzes Stammes? fragte Kara.
    Was soll es weiter heien, als da er eben Prgel bekommt? Auch wir alle,
die wir jetzt in des Beherrschers Diensten stehen, sind von freien Eltern
geboren worden. Haben wir uns etwa dadurch, da wir den Ungehorsam zwingen, die
Gesetze zu erfllen, in verchtliche Sklaven verwandelt? Stehen wir nicht im
Gegenteile hher als die Widerspenstigen? Scheik Hafis Aram wre ganz gewi von
dem Muhassil erschlagen worden, und zwar mit vollstem Rechte, wenn ihm nicht
eine so ganz unerwartete Hilfe gebracht worden wre, da wir alle vor
Ueberraschung versumten, ihr zu widerstehen. Rate, von wem sie kam!
    Ich rate nicht. Sage es!
    Sie wurde dem Scheik von seinem Weibe gebracht, der Dschamikeh, welche
Allah verdammen mge! Sie hate und frchtete den Muhassil. Als sie, von einem
Gange zurckkehrend, vernahm, da er ihren Mann habe holen lassen, wurde sie von
ihrer Angst herbeigetrieben. Sie lauschte am Zelte, vor dem kein Wchter stand.
Sie hrte die Streiche, welche fielen. Da trat sie ein. Sie sah, was geschah,
und sprang zum Muhassil hin, um seinen Arm festzuhalten.
    Herr, du schlgst einen freien Moslem? schrie sie ihn an. Keinen Hieb
weiter!
    Er ri sich von ihrer Hand los, gab ihr selbst einen Schlag und dann dem
Scheik einen zweiten. Da sprang sie zum Sufra105, auf welcher die zwei geladenen
Pistolen des Herrn lagen. In der Krze eines einzigen Augenblickes hatte sie die
eine ergriffen, gespannt, auf ihn gerichtet und scho ihm die Kugel in die
Brust. Er war nicht sofort tot, griff, indem er die Peitsche fallen lie, mit
den Hnden nach der Wunde und stie einen Schrei aus. Dann begann er, zu wanken.
Wir eilten zu ihm, um ihn zu halten. Die vier Mnner, welche den Scheik
festhatten, erschraken ebenso wie wir. Sie lieen ihn los und sprangen auf, nur
fr den Muhassil besorgt. Da schnellte sich Hafis Aram empor, ri die zweite
Pistole von der Sufra, jagte dem schon Verwundeten die Kugel in die Stirn und
rief:
    So zahlt man Peitschenhiebe heim!
    Hierauf ergriff er die Hand seines Weibes und ri sie mit sich fort, zum
Zelt hinaus. Der Muhassil glitt in unsern Hnden tot zur Erde nieder. Wir hatten
nur Augen fr ihn. Darum konnten die beiden so schnell entkommen. Aber ich fate
mich doch bald und eilte fort, um sie ergreifen zu lassen. Da traf ich den Suari
juzbaschysy106. Einige Worte gengten, ihn zu unterrichten. Wir rannten nach dem
Zelte des Scheikes, kamen aber schon zu spt. Er hatte mit der Frau auf zwei von
seinen Pferden sofort die Flucht ergriffen. Diese Hunde laufen schneller, als
man denkt!
    Kara war der Erzhlung mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Jetzt fragte
er:
    Habt ihr erfahren, wohin sie sich gewendet haben?
    Ja. Die Spuren haben es uns gesagt. Denn keiner der Kalhuran wollte uns
Auskunft geben. Schakale pflegen einander zu helfen. Zum Glcke hatte Hafis Aram
nicht schnell genug gute Pferde erwischen knnen. Die zwei, welche ihm bequem
gestanden hatten, sind alt und keine ausdauernden Renner. Wir sind besser, viel
besser beritten als er. Darum htten wir ihn wohl bald eingeholt, wenn er auf
dem geraden Wege geblieben wre. Aber die Angst vor uns hat ihn zu einem Umwege
ber felsigen Boden getrieben, wo seine Spuren nicht mehr zu sehen sind.
    So seid ihr ihm dorthin nicht gefolgt?
    Nein.
    Und wit also nun nicht, wo er sich befindet?
    Nicht ganz genau, aber doch so, da er uns nicht entkommen kann. Er will zu
euch, zu den Dschamikun, weil sein Weib von ihnen stammt und weil er euern
sogenannten Ustad fr mchtig genug hlt, ihn gegen uns zu beschtzen. Dieses
Ziel aber kann er nur durch den Pa der Hasen oder den Pa des Kuriers
erreichen. Darum sind wir schleunigst hierhergeritten und haben beide besetzt.
    Weit du genau, da es keinen andern Weg giebt?
    Einen Weg nicht, aber wenn er jene felsigen Berge gut kennt, ist es
vielleicht mglich, ber sie hinweg so weit nach Norden zu entkommen, da er die
Psse hier umgehen kann. Dem aber ist der Suari juzbaschysy auch zuvorgekommen,
indem er mit unsern schnellsten Pferden und besten Reitern einen Bogen dorthin
schlgt. Sieht er die Flchtigen, so wird er sie mir hierher entgegentreiben. -
So, das ist es, was ich dir aus Dankbarkeit erzhlen wollte.
    Dankbarkeit?! lchelte Kara.
    Ja.
    Wofr?
    Zunchst fr euch und sodann noch viel mehr fr eure Pferde.
    Du nennst sie jetzt wieder unsere Pferde. Dies ist richtiger als das, was
du vorhin sagtest!
    Lchle nicht! Du thust es doch nur aus Verlegenheit! Ihr seid unsere
Gefangenen. Wenn wir den Scheik und sein Weib nicht ergreifen sollten, so haben
wir doch euch. Ihr werdet die Dijeh107 mit eurem Leben zahlen. Und eure Pferde
sind uns noch viel, viel mehr wert als ihr selbst und der Scheik mit samt seinem
Weibe. Sie gehren uns als rechtmige Beute. Wir werden sie dem Schah-in-Schah
anbieten, welcher gewi eine sehr groe Summe fr sie bezahlt, um in den Besitz
solcher Zierden seines Stalles zu kommen.
    Herrscher zahlen zuweilen ganz anders als mit Geld!
    Das la getrost nur unsere Sorge sein; dich gehen diese Pferde nichts mehr
an!
    Gut! Einverstanden! Nimm sie dir!
    Kara sagte das so gleichmtig, als ob es sich nur um eine Bagatelle handele.
    Ja, ich nehme sie. Du hast also eingesehen, da du dich darein ergeben
mut. Ich werde sofort einmal diesen Rappen da probieren.
    Er meinte Barkh. Als seine Leute diese Worte hrten, wichen sie von den
Pferden zurck, um ihm Platz zu machen. Sie waren natrlich nicht weniger als er
ber den vermeintlichen Fang erfreut, weil auch ihnen ein Teil des Ertrages
zuzufallen hatte. Er ging hin und schwang sich so schnell in den Sattel, da der
Hengst gar keine Zeit fand, sich zu weigern. Aber schon im nchsten Augenblicke
ging Barkh so rasch hintereinander erst vorn und dann hinten in die Hhe und
bockte hierauf so krftig zur Seite, da der Offizier grad da auf die Erde zu
liegen kam, wo das Pferd vorher gestanden hatte. Seine Leute lachten laut. Aber
als er sich erheben wollte und es doch nicht zu knnen schien, kamen sie von
dieser respektwidrigen Lustigkeit zurck. Er sagte zunchst kein Wort, hielt
ihnen aber die Arme auffordernd hin, ihm behilflich zu sein. Nun richteten sie
ihn auf. Er konnte stehen. Aber als er vorwrtsschreiten wollte, sthnte er.
    Hast du Schmerzen? fragte Kara.
    Ich bin auf den Sbel gefallen, lautete die Antwort.
    Warum bliebst du denn nicht oben?
    Schweig! gebot er in donnerndem Zorne.
    Dann hinkte er unter allerlei Gesichtsverzerrungen nach einem niedrigen
Felsenstck, um sich da niederzusetzen und die schmerzenden Krperstellen
prfend zu betasten.
    Gebrochen habe ich nichts. Aber der Sbel ist kaput, und gequetscht hat er
mich. Das werde ich noch lange fhlen.
    Hierbei erinnerte er sich, da ber ihn gelacht worden war.
    Sellab! rief er.
    Der Genannte trat zu ihm.
    Ihr habt gelacht. Du am meisten. Hinauf auf diesen Hengst, der den Scheitan
im Leibe zu haben scheint! Das sei deine Strafe. Wehe dir, wenn du auch herunter
mut!
    Der Mann gehorchte. Er kam ganz gut hinauf und wollte sich eben festsetzen,
da sa er aber auch schon wieder unten. Der Oberlieutnant gebot einem andern
Soldaten, den Versuch zu machen; den lie aber Barkh gar nicht heran. Er hatte
die Geduld verloren und schlug nach ihm aus.
    Eine Bestie! konstatierte der Offizier. Sind die andern ebenso? fragte
er Kara.
    Das mut du doch wissen? antwortete dieser.
    Ich? Wieso?
    Es sind ja deine Pferde! Das sagtest du!
    Der Zurechtgewiesene senkte den Kopf. Er dachte nach. Dann sagte er:
    Der Stute ist am meisten zu trauen. Wer will es mit ihr versuchen?
    Ein Mutiger nherte sich und begann damit, da er sie vorsichtig liebkoste.
Sie that, als ob er gar nicht vorhanden sei. Kara kannte sie noch nicht und warf
deshalb einen forschenden Blick auf Tifl. Dieser machte ein Auge zu und
blinzelte ihn mit dem anderen lustig an. Das war genug gesagt.
    Der Soldat klopfte die Stute an verschiedenen Stellen. Sie bewegte nicht
einmal die Spitze eines Ohres. Grad diese wartende, lauschende Unbeweglichkeit
htte ihm verdchtig vorkommen mssen; er aber gewann im Gegenteile durch sie
den Mut, erst einen Vorder- und dann einen Hinterfu der Sahm aufzuheben, um die
Hufe zu betrachten. Sie lie auch das ruhig geschehen. Das machte ihn sicher. Er
stieg auf. Auch jetzt noch stand sie still; aber sie wendete den Kopf, um ihr
Auge auf das Kind zu richten. Kara war hchst gespannt, welche Mucke man zu
sehen bekommen werde. Der Offizier aber freute sich des scheinbar guten
Erfolges. Er sagte:
    Es ist also doch wohl nur dieser Rappe, dem man nicht trauen darf. Reite
aber doch einmal vom Fleck!
    Der Soldat wollte gehorchen, aber damit war fr die Sahm die Zeit gekommen.
Sie that nicht etwa einen Sprung, o nein. Sondern sie fiel einfach um,
blitzschnell, als ob ein Schlag sie getroffen habe, wlzte sich zwei-, dreimal
auf dem Reiter hin und her, sprang auf der andern Seite wieder auf und stand
dann so ruhig und sanftugig wieder da, als ob sie ganz auer stande sei, auch
nur das kleinste Wsserlein zu trben.
    Fr Reiter, welche strzen, lautet im Abendlande der schonende
Sportausdruck: Er hat sich vom Pferde getrennt. Hier aber htte man berichten
mssen: Madame Sahm hat sich vom Reiter getrennt. Dieser letztere blieb
zunchst ein ganzes Weilchen vollstndig still neben der nun harmlos mit dem
Schwanze wedelnden Stute liegen. Dann begann er, sich mit den tastenden Hnden
in der Weise ber smtliche Teile seines Krpers zu fahren, wie man es bei
Stubenfliegen beobachtet, wenn sie mit den Beinen die anhaftenden Lebestubchen
und Ansteckungsstoffe vom Leibe zusammenstreichen, um sie zum Heile der Menschen
zu verzehren. Sein Gesicht war whrend dieser anatomischen Untersuchung ein
nichts weniger als frhliches. Als er zu der Ueberzeugung gekommen war, da er
trotz der dreifachen Umwlzung noch alles wohl beisammen habe, kam er zu dem
Entschlusse, erhebend auf sich einzuwirken. Er richtete sich vorlufig nach
lblicher Quadrupedenart auf Hnde und Fe auf, schaute sich nach allen Seiten
prfend um, ob nicht vielleicht ein doch abhanden gekommenes Glied zu sehen sei,
und ging endlich sehr langsam und hchst vorsichtig in jene aufrechte Stellung
ber, in welche selbst ein abgeworfener Reiter schlielich doch zurckzukommen
strebt. Hierauf wankte er wie ein ngstlicher Quartaner, der zum erstenmal
Schlittschuh fahren soll, vom Schauplatze der erlittenen Trennung weg und
verschwand hinter einem Felsenstcke, um sich da, fern von der verstndnislosen
Menschheit anzusiedeln. Es darf nmlich nicht verschwiegen werden, da diese
seine schmerzliche Auferstehung leider von seinen Kameraden mit lautem Gelchter
begleitet wurde. Selbst der Offizier stimmte zunchst mit ein; dann aber fragte
er das Kind in zornigem Tone:
    Du saest, als ihr kamt, auf diesem Pferde. Ist es dein?
    Nein, antwortete Tifl.
    Wem gehrt es?
    Dem Ustad.
    Wutest du, da es sich wlzt?
    Ja.
    Auf welches Zeichen hin thut es das?
    Frag das Pferd, nicht mich! Ich habe mich nicht gewlzt!
    Da sprang der Oberlieutenant auf, ging, obgleich er noch kurze Zeit vorher
solche Schmerzen gehabt hatte, schnell zu ihm hin und fuhr ihn an:
    Mensch, so spricht man nicht mit mir! Wagst du das noch einmal, so antworte
ich mit der Peitsche!
    Da richtete sich das Kind in seiner ganzen Lnge, ihn weit ber Kopfeshhe
berragend, vor ihm auf und sagte:
    Denk an den Muhassil! Was hat seine Peitsche ihm gebracht? Mehr sage ich
dir nicht!
    Wer htte diesem Tifl wohl ein so mnnliches Verhalten zugetraut! Seine
Kinderzge hatten einen so ernsten, ja strengen Ausdruck angenommen, da der
Ausbruch von Thtlichkeiten nun unvermeidlich zu sein schien. Da aber ertnte
die Stimme des Wchters, welcher von seiner Warte herunterrief:
    Ich sehe zwei Reiter!
    Wo? fragte der Offizier, der sogleich seine ganze Aufmerksamkeit von Tifl
weg nach oben richtete.
    Ganz drauen.
    Wie weit?
    So weit, da sie nur wie kleine Punkte sind.
    Welche Richtung haben sie?
    Das sieht man nicht sogleich. Warte!
    Man kann sich denken, da nun eine allgemeine Spannung eintrat. Es vergingen
mehrere Minuten, bis der Mann dann meldete:
    Sie nhern sich, aber nicht gerade.
    Wie denn?
    Sie sind jetzt schon viel weiter sdlich als vorhin.
    Da scheuen sie sich vor den beiden Pssen. Sie werden den Suari juzbaschysy
gesehen haben, der sie mit seiner Schar zurckgetrieben hat. Pa auf, ob wohl
noch andere Reiter kommen!
    Sie sind schon da!
    Wo?
    Im Norden, hinter ihnen, aber sehr weit zurck.
    Dann ist es so, wie ich sagte. Der Suari juzbaschysy hat sie dort im Norden
nicht durchgelassen. Sie sind umgekehrt, und er folgt ihnen. Sie kommen nicht
hierher; sie hegen Verdacht. Sie versuchen, einen Ausweg nach Sden zu finden.
Den mu ich ihnen verlegen. Zehn Mann mit mir auf die Pferde! Schnell, vorwrts!
Wir treiben sie hierher! Die andern zehn bleiben hier, um sie zu empfangen und
diese beiden Gefangenen zu bewachen!
    Einige Augenblicke spter jagte er mit der Hlfte seiner Leute davon. Da
die, welche er seine Gefangenen nannte, an Flucht denken knnten, das schien ihm
gar nicht in den Sinn gekommen zu sein. Die zurckbleibenden waren nicht weniger
unbesorgt. Sie eilten zu dem Wchter hinauf, um von dort aus die Jagd besser
sehen zu knnen. Sogar der Soldat, von welchem sich die Stute in so
unceremonieller Weise getrennt hatte, krabbelte den andern langsam nach, um sich
den Genu, den sie dort oben suchten, ja nicht entgehen zu lassen. So waren also
Kara und Tifl allein miteinander unten geblieben. Hatten sie sich schon vorher
nicht als Gefangene betrachtet, so konnte es ihnen jetzt erst recht nicht
einfallen, dies zu thun.
    Tifl war sehr ernst. Er hatte sich im hchsten Grade lobenswert benommen.
War er etwa, wie so mancher Mensch von sich behauptet, aus zwei verschiedenen
Naturen zusammengesetzt? Oder besa er die Eigenheit, sich dem ber ihn
genhrtem Vorurteile gegenber anders zu zeigen, als er eigentlich war? Er
kletterte auf einen der nahen Felsen, schaute gen Osten und sagte dann:
    Sie sind es. Du hast alles gehrt, o Kara Ben Hadschi Halef. Sag mir, was
du zu thun gedenkst!
    Wir mssen ihnen helfen, antwortete der Hadeddihn.
    Ja, das mssen wir!
    Wie denkst du dir das? Den Mlazim mit seinen Leuten frchte ich nicht;
aber am Passe des Couriers steht eine zweite Schar, und da drauen kommt der
Suari juzbaschysy mit der seinigen geritten. Wir haben keine Angst; aber der
feigste Mensch kann, wenn er ein Gewehr besitzt, den tapfersten, der wehrlos
ist, mit seiner Kugel oder Lanze tten; ohne selbst nur die geringste Gefahr zu
laufen. Wir mssen uns also fern von diesen ihren Waffen halten. Was siehest du
jetzt?
    Die Pferde der Flchtlinge sind schlecht. Nicht lange, so werden sie
eingeholt sein.
    Sie mgen sie stehen lassen. Wir geben ihnen Barkh und Assil dafr. Wie
gut, da ich diese mithabe! Ist das dir so recht?
    O, wie so recht! Chodeh segne dich, o Kara Ben Hadschi Halef! Es ist die
hchste Zeit!
    So komm!
    Tifl kam vom Felsen herab. Beide stiegen in die Sttel und ritten dann in
die Steppe hinaus. Als die Soldaten dies sahen, erhoben sie zwar ein lautes
Geschrei, konnten aber damit nichts an der Thatsache ndern, da ein Vorteil,
den man nicht festzuhalten versteht, stets nur zum Nachteil wird. Kara und Tifl
galoppirten.
    Weil sie sich nun nicht mehr am hher liegenden Felsen sondern in gleicher
Ebene mit den sich weit drauen bewegenden Reitern befanden, konnten sie
zunchst von diesen gar nichts sehen. Bald aber tauchte die Linie, auf welcher
diese Bewegung vor sich ging, als Horizont vor ihren Augen auf. Da konnten sie
nun zunchst drei verschiedene Gruppen erkennen; die einzelnen Reiter waren noch
nicht von einander zu unterscheiden. Es gab eine mittlere, kleine und rechts und
links von ihr je eine grere. Das Verhltnis dieser Gruppen zu einander
vernderte sich nur sehr langsam; dennoch aber war nach und nach immer
deutlicher zu erkennen, da die innere Gruppe von den beiden ueren am
seitwrtigen Ausbrechen verhindert und auf den Pa des Hasen zugedrngt wurde.
Kara und Tifl hielten sich jetzt eng neben einander. Sie ritten voran, whrend
Assil und Barkh ledig hinter ihnen folgten, ohne gefhrt zu werden. Nun sie
einmal im Gange waren, fiel es diesen edlen Tieren nicht ein, auch nur um einen
Schritt zurckzubleiben. Der schlanke Galopp brachte die beiden Reiter so
schnell vorwrts, da die erwhnten Gruppen sich schon nach Kurzem vor ihren
Augen in Einzelpersonen aufzulsen begannen. Aber sobald dies geschah, war
allerdings auch zu erkennen, da die allergrte Eile ntig sei.
    Die beiden Reiter in der Mitte waren jedenfalls Hafis Aram, der Scheik der
Kalhuran mit seiner Frau. Rechts von ihnen sah man den Oberlieutnant mit seinen
zehn Kavalleristen. Diese konnten die grere Schnelligkeit entwickeln, weil sie
wohlausgeruhte Pferde hatten. Links kam der Rittmeister mit seinen Leuten,
welche gewi nicht weniger als zwei Dutzend zhlten. Die Verfolger waren den
Verfolgten wohl um das Vierfache nher als Kara und Tifl.
    Mssen wir die Geheimnisse anwenden? fragte darum der letztere besorgt.
    Nein, antwortete der Hadeddihn. Das thun wir nur im allerschlimmsten
Falle.
    Aber es steht doch schlimm!
    Noch nicht!
    Man wird sie gleich einholen.
    Sie kommen ja grad auf uns zu! Mit jedem Sprunge der Pferde wird es
besser.
    Kaum hatte er das gesagt, so geschah etwas, was dieses Wrtchen besser Lgen
strafen zu wollen schien. Der Scheik der Kalhuran nmlich hatte bisher
angenommen, da er es nur mit zwei feindlichen Abteilungen zu thun habe; nun
aber sah er auch noch andere Reiter, die sogar genau von vorn grad auf ihn
zukamen. Er mute auch sie fr Gegner halten. Die Entfernung war ja noch so
gro, da vom Erkennen der Gesichter keine Rede sein konnte. Er glaubte sich
also in der allerhchsten Not und versuchte, noch Rettung dadurch zu finden, da
er von der bisherigen Richtung schief nach rechts abwich. Er konnte freilich
hoffen, hierdurch an den neuerschienenen Feinden glcklich vorberzuschneiden,
gab damit aber dem Rittmeister eine bedeutend grere Chance, ihn einzuholen.
    Das ist falsch! rief Tifl erregt aus. Das sollte er nicht thun!
    Er wei doch nicht, wer wir sind, und da wir ihn retten wollen!
antwortete Kara. Giebt es denn nicht vielleicht ein Zeichen, welches er kennt?
    Nein!
    Aber schon nach einigen Augenblicken hatte er sich auf etwas besonnen. Er
fgte hinzu:
    Doch, aber doch! Ich habe einen Gedanken. Ich werde einen Raum zwischen dir
und mir lassen. Hoffentlich sieht er dann, da hier die Stute unseres Ustad
luft. Und meine Mtze, die ich so oft vor ihm vom Kopf genommen habe! Ich zeige
sie ihm. Wenn er scharfe Augen hat, so erkennt er mich an ihr!
    Er lie zwischen sich und Kara so viel Abstand entstehen, da die Sahm von
Karas Pferden abgesondert zu sehen war. Dann richtete er seine lange, schmale
Figur mglichst hoch empor, nahm die Mtze vom Kopfe und schwang sie in so
aufflliger Weise ber sich, da der Scheik der Kalhuraa ganz besonders auf ihn
aufmerksam werden mute. Zur groen Freude des Kindes lie der Erfolg der
gegebenen Winke auch gar nicht lange auf sich warten; Hafis Aram lenkte wieder
in die vorherige Richtung ein, und man sah trotz der noch groen Entfernung
deutlich, da er den Arm in die Hhe hob, um Antwort zu geben.
    Ganz natrlich hatten aber seine Verfolger dieselbe Beobachtung wie er
gemacht. Zwar wute der Rittmeister nichts ber Kara und Tifl; aber dafr
mute es dem Oberleutnant um so klarer sein, da und durch wen den
Flchtlingen jetzt diese Hilfe kam. Es war zu sehen, da er seine Leute antrieb,
ihre Eile zu vergrern.
    Er hat mich verstanden! jubelte Tifl. Aber, schau, was ist's mit seinen
Pferden?
    Diese Frage war sehr gerechtfertigt, denn die Schnelligkeit der Verfolgten
begann jetzt pltzlich, sich zu vermindern. Ihre Pferde konnten nicht mehr
weiter. Sie fielen aus der bisherigen Karriere zunchst in einen kurzen,
stoweise noch erzwungenen Galopp; dann hielt mitten in demselben das eine an,
that noch einige wankende Schritte vorwrts und brach hierauf, vollstndig
erschpft, zusammen. Es war dasjenige, welches die Frau des Scheiks ritt. Sie
besa Gewandtheit genug, whrend des Sturzes abzuspringen, so da sie nicht mit
zu Falle kam. Sie lie das Tier liegen und lief, so schnell sie konnte, weiter.
Da stand auch das andere still, Hafis Aram glitt aus dem Sattel, fate sein
Weib, als es ihn erreichte, bei der Hand und zog es in eiligstem Laufe mit sich
fort.
    Whrend dies geschah, hatte sich der Abstand zwischen den verschiedenen
Parteien so verringert, da Kara und Tifl das jubelnde Geschrei der Verfolger
hren konnten. Der erstere ma mit scharfem Auge die verschiedenen Abstnde; der
letztere besa diese ruhige Kaltbltigkeit nicht.
    Das Geheimnis, das Geheimnis! rief er aus. Wir kommen sonst zu spt!
    Nein, entgegnete Kara. Vielleicht nachher, doch nicht jetzt! Wir kommen
grad zur letzten, rechten Zeit!
    Er hatte ganz richtig geschtzt. Der Oberleutnant ritt von allen seinen
Leuten das beste Pferd und befand sich infolgedessen dem Scheik am
allernchsten. Seine Untergebenen waren wohl noch an die hundert Pferdelngen
hinter ihm. Man hrte seine drohend brllende Stimme. Dreihundert Lngen
jenseits, links von ihm, kam der Rittmeister herangestrmt. Da fragte Tifl,
natrlich mitten im Jagen:
    Werden Assil und Barkh sich nicht weigern, den Scheik und seine Frau zu
tragen?
    Nein, antwortete Kara. Ich sage ihnen ein Wort; das gengt. Ich befrchte
nichts. Nur der Oberleutnant kann uns stren.
    Kmmere dich nur um die zu Rettenden, damit sie nicht zgern, aufzusitzen;
ihn aber berla mir!
    Getraust du dich an ihn?
    Da lachte das Kind laut auf und sagte:
    Getrauen? Hast du mich fr feig gehalten? Pa auf! Gleich sind wir da.
    In diesem Augenblick blieben die Flchtlinge stehen; sie waren auer Atem.
Aber sie erkannten Tifl, sahen zwei ledige Pferde und sandten den Rettern
freudige Rufe entgegen. Diese sausten heran. Kara zgelte seinen Ghalib und
hielt mit ihm und den beiden Rappen vor Hafis Aram an.
    Steigt schnell auf! sagte er, indem er absprang, um die Hengste zu halten.
    Das ist edles Blut! sagte der Scheik. Werfen sie uns nicht ab?
    Nein. Nur schnell hinauf! Ich halte sie!
    Es geschah das viel schneller, als man erzhlen kann. Hafis Aram hob erst
seine Frau empor und schwang dann sich selbst hinauf. Dabei entging ihnen das
Zeichen, welches Kara den beiden Pferden gab. Sie wuten nun, da sie zu
gehorchen hatten.
    Indessen war Tifl eine kleine Strecke weitergeritten, dem Oberleutnant
entgegen. Da holte er nach rechts aus, lie seine Sahm einen kurzen Bogen
gehen, der ihn im Zurckkehren wieder herber und an die Seite des Offiziers
fhrte, welcher Kara wtend zubrllte, sich nicht an den Flchtlingen zu
vergreifen. Er achtete nur auf diese, nicht auf Tifl, der bald so eng neben ihm
ritt, da die beiden Pferde sich berhrten. Nun erst nahm er Notiz von ihm.
    Was willst du, Hund? Fort mit dir! schrie er ihn an. Fort, fort! Dabei
erhob er die Faust, um nach Tifl zu schlagen.
    Nein, nicht fort! antwortete dieser. Ich mache dir meinen Besuch.
    Er hob den einen Flu auf den Rcken der Stute und schnellte sich von ihr zu
dem Offizier hinber, so da er hinter diesem zu sitzen kam. Dann schlang er die
langen Arme um ihn, legte die Beine fest an den Leib des Pferdes und rief aus:
    Ich thue dir nichts. Ich will nur sehen, wie es mit eurem Atem steht. Pa
auf!
    Er drckte den Soldaten so an sich, da diesem die Luft verging, und prete
die Weichen des Pferdes in der Weise zusammen, da es im Galopp unterbrochen und
nach wenigen langsameren Schritten gezwungen wurde, stillzustehen. Es hielt
gerade da an, wo der Scheik soeben mit seinem Weibe auf die Rappen gestiegen
war. Da sah man den Rittmeister gejagt kommen, in jeder Hand eine gespannte
Pistole haltend.
    Fort! Schnell! gebot Kara. Er schiet; wir aber haben keine Waffen.
    Er galoppierte mit den beiden Geretteten davon, in der Richtung zurck, aus
welcher er gekommen war. Tifl lie sein nach Atem schnappendes Opfer los, sprang
herab und hinber zur Sahm, welche ganz in der Nhe stehen geblieben war. Er
schwang sich auf. Halt! Bleib! schrie der nun nahegekommene Rittmeister.
Ich fange dich!
    Thue das! antwortete der Angerufene.
    Ich schiee!
    Das kannst du, aber treffen nicht!
    Um so wenig wie mglich Ziel zu bieten, bog er den Oberkrper tief an den
Hals des Pferdes herab, welchem er mit einem Schnalzen der Zunge das Zeichen zum
schnellsten Laufe gab. Es gehorchte. Da krachten hinter ihm zwei Schsse, aber
keiner von ihnen traf. Die Kavalleristen, welche ihre Offiziere nun einholten,
schickten ein vielstimmiges Geschrei hinter ihm her.
    Das htte meine gute Pekala sehen sollen! lachte er in sich hinein. Wie
wrde sie sich freuen!
    Nun keine Kugel mehr zu frchten war, richtete er sich wieder auf. Er fhlte
sich sicher, wenigstens fr jetzt, denn von den Soldatenpferden eingeholt zu
werden, davon konnte ja nicht die Rede sein.
    Nach einiger Zeit schaute Kara sich um. Er sah, da die beiden
Kavalleristengruppen beisammenhielten. Ihre Offiziere schienen sich zu beraten.
Da parierte auch er seinen Ghalib, um Tifl vollends herankommen zu lassen. Der
Scheik hatte bis jetzt nichts weiter als vorhin seine ersten Worte gesagt. Er
wollte jetzt sprechen, wahrscheinlich von seiner Dankbarkeit. Da aber sagte der
junge Hadeddihn zu ihm:
    Jetzt keine Worte, o Scheik der Kalhuran! Wir haben uns zunchst zu - -
    Wie? Du kennst mich? unterbrach ihn dieser doch.
    Ja.
    Sag, wer du bist! Ich kenne dich nicht.
    Ich bin Kara Ben Hadschi Halef Omar, ein Hadeddihn vom Stamme der
Schammar.
    Hadschi Halef Omar? Ist dieser dein Vater Hadschi Halef Omar etwa der
Scheik eures Stammes?
    Ja.
    Maschallah, und doch auch nicht Maschallah! Es ist ein Wunder, aber dennoch
keines! Ein Wunder Allahs ist es, da wir errettet worden sind, grad als die
Gefahr fr uns am grten war. Und wiederum ist diese Rettung kein Wunder zu
nennen, weil sie durch den Sohn eines Mannes geschah, dessen Leben aus einer
ununterbrochenen Reihe solcher Ereignisse besteht. Du scheinst der Erbe seiner
Thaten zu sein!
    Jetzt war Tifl herangekommen. Auch er schaute sich um. Als er sah, da die
Soldaten halten geblieben waren, sagte er zu dem Scheik:
    Frage jetzt nicht. Wir haben keine Zeit. Wir wissen, was geschehen ist.
Deine Feinde haben es uns erzhlt. Auch wir mssen beraten. Lat uns aber dabei
weiterreiten!
    Als sie ihre Pferde wieder in Bewegung gesetzt hatten, ergriff der Scheik
abermals das Wort:
    Ich will also von dem Vergangenen noch schweigen; aber ber das, was vor
uns liegt, darf ich doch sprechen. Reiten wir durch den Pa des Hasen?
    Nein, antwortete Kara.
    Warum nicht?
    Weil dort zehn bewaffnete Soldaten stehen. Der grte Mut ist ohnmchtig,
wenn er keine Waffen hat.
    So mssen wir nach dem Passe des Couriers hinber.
    Der ist mit noch mehr Leuten besetzt.
    Wit ihr das genau?
    Ja.
    So bleibt uns nur der Versuch, nach rechts oder links durchzubrechen. Ich
habe das schon versucht, doch meine Pferde hielten es nicht aus.
    Mit diesen hier wird es vielleicht gelingen, meinte Kara.
    Nein, sagte Tifl.
    Warum nicht?
    Sieh hinter dich!
    Als Kara dieser Aufforderung folgte und sich umschaute, sah er, da die
Perser einen Entschlu gefat hatten. Sie unterlieen es, den Flchtlingen zu
folgen. Sie hatten sich wieder in zwei Abteilungen getrennt, welche in Galopp
die Richtung nach den beiden Pssen einschlugen.
    Sie trachten darnach, uns die beiden einzigen Wege zu den Dschamikun zu
verlegen, sagte der Scheik.
    Aber sie werden uns dabei nicht aus den Augen lassen, fgte Kara hinzu.
Wollen wir nach rechts oder links, so sind sie gewi schnell da. Ich mchte
ihre Kugeln mehr wegen unserer Pferde als wegen uns selbst vermeiden. Soll ich
daheim die Schande erleben, erzhlen zu mssen, da so edles, unersetzliches
Blut durch das Blei solcher Leute zu Grunde gehen mute?
    So wei ich keinen Rat!
    Aber ich! erklrte Tifl.
    Welchen?
    Wir knnen zwischen den Pssen hinberkommen.
    Hamdulillah! rief da der Scheik erfreut aus. Giebt es denn noch einen
Weg?
    Einen Weg nicht, aber doch die Mglichkeit, die andere Seite zu erreichen,
ohne da man zu klettern braucht. Niemand ist so oft in diesen Bergen gewesen
wie ich. Ich suchte da nach heilsamen Krutern fr den Pedehr.
    So suchen wir diese Richtung auf!
    Aber wir knnen da nicht reiten, sondern wir mssen gehen. Niemand darf von
einem Pferde mehr fordern, als es leisten kann.
    So steigen wir ab, sobald es ntig ist!
    Also kommt!
    Tifl wollte bei diesen Worten seine Stute antreiben, doch forderte Kara ihn
auf:
    Halt, noch nicht so schnell! Sag uns erst, wie lange es dauert, bis wir die
Hhen hinter uns haben werden!
    Das Kind sah nach dem Stande der Sonne und antwortete sodann:
    Wir werden noch vor der Dmmerung die jenseitige Ebene erreichen.
    Aber wahrscheinlich nicht wir allein.
    Wer noch? fragte der Scheik.
    Das Militr.
    Du denkst, da man hinter uns hersteigen werde?
    Auch das ist mglich, doch meinte ich etwas Anderes. Die Soldaten
beobachten uns. Wenn sie sehen, da wir versuchen, hier in gerader Richtung ber
die Hhen zu kommen, werden sie schnell zu beiden Seiten durch die Psse reiten,
um uns drben zu empfangen. Dann bleibt uns weiter nichts brig, als in die
Felsen zurckzukehren. Dann aber ist es Nacht geworden; wir mssen im Gebirge
bleiben und uns frh am Morgen von neuem jagen lassen.
    Da aber kme uns Hilfe von Pedehr.
    Meinst du?
    Ja. Denn da ich dich in Tifls Begleitung sehe, so vermute ich, da du jetzt
Gast der Dschamikun bist.
    Das ist allerdings der Fall.
    So kannst du dich auf die von mir vermutete Hilfe fest verlassen. Wei man,
wohin ihr geritten seid?
    Nicht genau. Aber man hat gesehen, in welcher Richtung wir uns entfernten.
    Das ist genug. Wenn ihr nicht nach Hause kommt, wird man euch suchen.
    Man wird nicht suchen! fiel Tifl ein.
    Doch! behauptete der Scheik.
    Nein! lchelte das Kind.
    Warum nicht?
    Weil wir zur rechten Zeit nach Hause kommen werden.
    Bist du berzeugt davon?
    Ja.
    So schwre!
    Das klang im hchsten Grade ernst. Genau so, als ob es sich um Tod oder
Leben handle. Darum schaute Kara den Scheik berrascht an. Dieser aber sah
nichts weniger als ernst, sondern jetzt sogar ganz heiter aus.
    Du wunderst dich ber mich? fragte er. Ich sehe, da du unsern Tifl noch
nicht kennst. Er hat gar manches Geheimnis unter seiner alten Mtze stecken.
Also, Tifl, willst du das, was du sagtest, beschwren?
    Nein, antwortete der Gefragte.
    Warum nicht?
    Weil ich niemals schwre: Mein guter Ustad sagt, da es Snde sei. Es ist
also verboten!
    Er sagte das so treuherzig bestimmt, so rhrend berzeugt, so kindlich
gehorsam, da der neben ihm reitende Kara ihm die Hand hinstreckte und
beistimmend zu ihm sagte:
    Ja, es ist verboten! Auch bei uns, den Hadeddihn. Mein Vater wei von Kara
Ben Nemsi, da jeder Schwur eine Snde an Allahs Namen ist.
    Aber eine Beteuerung ist erlaubt? fragte der Scheik, indem er schalkhaft
zu Tifl hinberlchelte.
    Ja, nickte dieser.
    Nun, so beteure es!
    Da nahm Tifl mitten im Reiten und zwar mit einer Bewegung, als ob er
Jemandem eine Ehre zu erweisen habe, die zackige Mtze vom Kopfe und sagte,
indem er den Blick des Scheiks mit heiterem Einverstndnisse zurckgab:
    Wir werden zur rechten Zeit nach Hause kommen. Das versichere ich im Namen
meiner guten Pekala, die, bis wir eintreffen, mit ihrer Kerbelsuppe auf uns
warten wird. Beeilen wir uns also jetzt!
    Aber wie willst du das anfangen? fragte Kara.
    Er erhielt keine Antwort, denn das Kind hatte sein Pferd schon bei den
letzten Worten zum vollen Laufe angetrieben und flog so schnell voran, da man
ihm schleunigst folgen mute. Der Hadeddihn konnte sich den Vorgang nicht ganz
erklren; er sah darum den Scheik fragend an.
    Du bist erst kurze Zeit bei dem Dschamiku? erkundigte sich dieser.
    Ganz kurze.
    So kannst du dieses Kind allerdings noch nicht begreifen. Es steckt ein
ganzer, seltener Mann in ihm, der aber daheim verborgen bleibt und nur zum
Vorschein kommt, wenn Tifl zu Pferde sitzt. Dieser Mann ist nicht nur tapfer,
sondern auch so klug, so ungewhnlich klug, da man sich ihm unbedingt
anvertrauen darf. Und wenn er gar irgend etwas im Namen seiner geliebten Pekala
verspricht, so wei er, was und warum er es sagt, und es giebt fr jeden, der
ihn kennt, keinen Zweifel, da es in Erfllung gehen wird.
    Also auch das jetzige Versprechen?
    Ganz gewi!
    Aber wie? - Das ist mir rtselhaft.
    Frage ihn nicht! Er wrde es doch nicht sagen. Wenn er sich so verhlt, wie
eben jetzt, liebt er es nicht, ausgefragt zu werden. Er hat einen Gedanken, den
er fr gut hlt, und wird ihn in der Weise ausfhren, da wir zufrieden sein
knnen. Folgen wir ihm also, ohne in ihn zu dringen! Das gute Kind ist so
unendlich glcklich, wenn man ihm vertraut!
    Die vier Pferde flogen jetzt nur so ber die Steppe dahin. Die Frau des
Scheik sa fest; sie ritt so sicher wie ein Mann, Tifl schaute sich nicht um;
aber man sah, da er nach rechts und links die Perser beobachtete. Der Anfhrer
derselben schien ein umsichtiger Mann zu sein, der seine Bestimmungen fr
verschiedene Mglichkeiten vorausgetroffen hatte. Denn jetzt, da es sicher war,
da die Flchtigen grad ber den Bergeszug wollten, trennten sich von seinen
beiden Abteilungen Leute, welche von hben und drben her ganz dieselbe Richtung
einschlugen und jedenfalls den Befehl hatten, den Scheik und seine Retter durch
die Felsen zu verfolgen.
    Das war es, was du befrchtetest, sagte Kara zu dem Scheik.
    Vorhin, aber jetzt nicht mehr! antwortete dieser.
    War es vorhin bedenklicher als jetzt?
    Nein; aber inzwischen hat uns Tifl sein Versprechen gegeben, und er wird es
halten.
    Aber bedenke den Unterschied! Hier auf ebenem Boden sind wir im Vorteile,
weil wir bessere Pferde haben. Da oben aber werden die Soldatengule den
meinigen im Klettern berlegen sein. Wenn man uns nach oben folgt, wird man uns
wahrscheinlich einholen.
    Mag es geschehen!
    Aber dann, was thun?
    Ich frage nicht, Tifl wei, was er will!
    Nun war der Fu der Hhen erreicht. Es gab da eine zunchst sanft
ansteigende, schuttartige Halde, vor welcher der spinnenmtzige Fhrer nicht vom
Pferde stieg. Er ritt hinauf; die andern folgten. Die Hufspuren waren in dieser
Art von Boden mehr als deutlich zu erkennen. Als man oben angekommen war,
deutete Tifl auf diese Fhrte und sagte:
    Hier habe ich ihnen gesagt, wohin wir wollen. Sie werden uns folgen, weil
sie es glauben.
    Wie meinst du das? fragte Kara. Sollten sie es vielleicht nicht glauben?
    Nein.
    Warum nicht?
    Weil ... weil ...
    Er brach mitten in der Antwort ab. Seine Brauen zogen sich zusammen; seine
kindlichen Zge wurden um Jahre lter; sie nahmen einen ernsten, ja abweisenden
Ausdruck an.
    Bist du hier daheim, oh Kara Ben Hadschi Halef? fragte er.
    Nein.
    Aber ich kenne diese Gegend. Wren wir bei den Hadeddihn, so folgte ich
dir. Wir befinden uns aber bei den Dschamikun. So folge mir!
    Er sprang vom Pferde und ging weiter, die Stute hinter ihm. Die andern
stiegen auch ab und schritten hinter ihm her, wobei der Scheik und seine Frau
die Rappen an den Zgeln fhrten, weil sie ihnen als Fremden wohl nicht so
unbedingt und willig gefolgt wren, wie es ntig war. Es ging eine ziemlich
steile Felsenlehne hinauf. Hier und da stand ein Busch, irgend ein Gestrpp,
Tifl brach da immer Zweige ab, die er fallen lie, um die Verfolger hinter sich
herzulocken. Man konnte sie nicht sehen, weil hohes Gestein dazwischen lag. Dann
aber kam eine vortretende Stelle. Als die Vier auf sie heraustraten, sahen sie
die Soldaten tief unter sich, welche, ihre Pferde auch fhrend, den Berg
heraufgestiegen kamen. Einer von ihnen schaute zufllig empor und sah die hoch
oben Stehenden. Er machte seine Kameraden auf sie aufmerksam, worauf sie mit den
geballten Fusten drohten und zornige Rufe heraufsandten.
    Sie kommen wirklich! sagte der Scheik. Nun bin ich neugierig, was
geschehen wird.
    Das geschieht! antwortete Tifl.
    Er deutete nach rechts und links, wo weit drauen die brigen Perser zu
sehen waren, welche in grter Eile auf die Psse zujagten. Hafis Aram sprach:
    Sie reiten hinber, um uns jenseits zu empfangen, und diese hier jagen uns
vorwrts. Wenn wir doch Waffen htten! Ich fand nicht Zeit, die meinigen zu
holen. Es mute alles nur darauf gerichtet sein, so schnell wie mglich aus dem
Duar zu verschwinden.
    Wir brauchen keine Waffen - kommt!
    Mit diesen Worten wendete Tifl sich zum Berge zurck, um die Flucht
fortzusetzen. Sie fhrte in ein Gewirr von Felsen hinein, durch welches der
Kurde sonderbarer Weise nicht die gerade Richtung nahm. Er wich vielmehr bald
nach dieser und bald nach jener Seite von ihr ab, so da der zurckgelegte Weg
beinahe einen Kreis bildete, auf welchem man fast wieder zurck zum ersten
Punkte kam. Hier ging es zwischen zwei eng zusammenstehenden Felsen hinein,
welche eine schmale, oben offene, sich abwrts senkende Hhle bildeten. Das war
ein sehr beschwerlicher Weg, welcher nur hchst langsam zurckgelegt werden
konnte. Warum Tifl gerade diesen Teil des Berges whlte, das war den Andern
unerfindlich; sie sagten aber nichts.
    Als man wieder in das Freie kam, befand man sich an einer Felsenwand, welche
senkrecht nach oben stieg. Das Kind blieb lauschend stehen und gab mit der
Hand zum Munde das Zeichen, zu schweigen. Da oben erklangen jetzt Stimmen.
    Wer ist das? fragte leise der Scheik.
    Die Perser sind es, lchelte Tifl, indem er ebenso leise antwortete.
    Also ber uns?
    Ja.
    Maschallah!
    Das ist der Vorsprung, auf dem wir vorhin standen, als wir sie kommen
sahen. Wartet noch!
    Als es nach kurzer Zeit oben still geworden war, winkte der Kurde, ihm
weiter zu folgen. Nach einiger Zeit sahen die andern zu ihrem Erstaunen, da sie
sich oberhalb der frher genannten Felsenlehne befanden, welche sie
heraufgekommen waren. Sie trafen auf ihre eigene Fhrte, die inzwischen durch
die Spuren der Verfolger verstrkt worden war.
    Nun suchen sie da oben nach uns! lachte Tifl. Wir gehen wieder hinunter.
Aber nicht hier, sondern dort, wo man auf dem festen Steine keine Eindrcke
machen kann.
    Er deutete vorwrts, nach einer Stelle, wo das kompakte Gestein jenseits des
weicheren Bodens hart zu Tage trat. Es senkte sich allmhlich bis fast an den
Rand der Steppe nieder. Die Pferde rutschten mehr als sie stiegen hinunter, wo
man nur noch ein schmales Randgebsch zu durchbrechen hatte. Jenseits desselben
wieder auf der Ebene angekommen, wollte Tifl sich auf sein Pferd schwingen; da
ergriff Kara ihn am Arm, sah ihm mit fast bewunderndem Ausdruck in das Gesicht
und fragte:
    Tifl, sag, wo hast du das her?
    Ich? - Was? lautete die ruhige Antwort.
    Diese Klugheit, diese Umsicht.
    Du meinst, da ich klug gewesen sei? erkundigte sich der Kurde, indem er
das allerkindlichste seiner Gesichter zeigte.
    Ja, auerordentlich klug! Jetzt erst begreife ich dich. Sag: du hast gar
nicht ber die Berge hinber gewollt?
    Nein.
    Sondern nur so gethan, um die Perser zu betrgen?
    
    Ja.
    Du wolltest sie veranlassen, durch die beiden Psse nach der andern Seite
der Hhe zu eilen?
    Ja.
    Damit wir hier freien Weg bekmen?
    So ist es.
    Aber was nun? Denkst du, da wir jetzt ber die Seitenberge reiten, von
denen der Scheik wieder zurckgetrieben worden ist?
    Nein, das haben wir nicht ntig.
    Aber was ist denn deine Absicht?
    Wir reiten ganz einfach durch den Pa der Hasen, durch welchen wir gekommen
sind, wieder nach Hause.
    Aber da treffen wir doch wieder auf die Perser!
    Wo?
    Nun, doch entweder noch im Passe selbst oder erst am Ende desselben.
    O nein. Wenn du das von ihnen glaubst, so hltst du sie fr unbeholfen. Du
hast aber doch gesehen, wie umsichtig ihr Anfhrer sich alles berlegt hat.
Denke dir grad in der Mitte zwischen den beiden Pssen eine Linie ber das
Gebirge. Er glaubt, da wir dieser Linie folgen und also auch jenseits auf der
Mitte zwischen ihnen eintreffen. Wird er da seine Leute dort bei den Pssen auf
uns warten lassen?
    Allerdings nicht, gestand Kara ein.
    Sondern wo?
    Eben in der Mitte.
    Die Psse werden also fr uns frei. Es ist folglich sehr wahrscheinlich,
da wir heimreiten knnen, ohne von den Persern berhaupt gesehen zu werden.
    Auer, wenn er in den Pssen Wachen zurcklt.
    Vielleicht thut er das, vielleicht auch nicht.
    Und wenn er es thut, was dann?
    Es kme darauf an, wie stark diese Wache ist, ob wir uns ihrer mit List
erwehren knnen, oder ob wir Gewalt anwenden drfen, ohne vor ihren Waffen
besorgt sein zu mssen. Jetzt suchen uns die Soldaten da oben auf der Hhe; wir
aber reiten nach dem Hasenpa.
    Man stieg zu Pferde. Der Scheik der Kalhuran that dies langsam und mit so
vorsichtigen Bewegungen, als ob er sich dabei zu verletzen befrchte. Seine
Frau, welche bisher kein Wort gesagt, sich aber auerordentlich wacker gehalten
hatte, beobachtete ihn dabei mit liebevoll mitfhlenden Blicken. Whrend des
Weiterrittes war er sehr still. Zuweilen bi er die Zhne zusammen. Kara,
welcher das alles sah, dachte an die Erzhlung des Oberleutnants und was im
Zelte des Muhassil mit Hafis Aram geschehen war.
    Hast du Schmerzen? fragte er ihn teilnehmend.
    Der Scheik zgerte mit der Antwort. Da aber lie die Frau um erstenmal ihre
Stimme hren:
    Sagtet ihr nicht, ihr wtet, was sich in unserm Duar ereignet hat?
    Ja. Der Offizier hat es uns erzhlt.
    Und da fragst du, ob Hafis Aram Schmerzen leide? Ich sage dir, er ist ein
Held, den ich nicht genug bewundern kann! Du hast gehrt, wie scheinbar ohne
Qual er sprach. Du hast ihn sogar heiter lcheln sehen. Und doch ist er am Leibe
so blutig wund, da es mich grauste, als er mir meine Bitte erfllte, es mir zu
zeigen. Man hat ihn geschlagen wie einen Hund. Man ist mit ihm -
    Er unterbrach sie mit einer Handbewegung.
    Darf ich, dein Weib, welches dich so innig liebt, dir nicht mein Mitleid
zeigen? fragte sie.
    Mitleid? antwortete er. Ist es eine Ehre fr einen Mann, bemitleidet zu
werden?
    Aber ich wei, was fr entsetzliche Schmerzen du so still zu tragen und zu
beherrschen hast!
    Du fhlst sie mit mir, weil du mich liebst, und dafr danke ich dir. Doch
da ein Mann, der Scheik eines Stammes, Schlge bekommen habe, das darf er in
Gegenwart anderer selbst nicht aus dem Munde seines Weibes hren. Ich bitte dich
also, jetzt nicht mehr davon zu sprechen.
    Er reichte ihr seine Hand hinber. Sie zog sie an ihre Lippen und kte sie.
Es lag ein so inniges und doch zugleich so stolzes Erbarmen in den Augen, die
sie kaum von ihm lassen konnte. Und sie war keine Europerin, sondern sie
gehrte einem Volke an, welches man als halb wild zu bezeichnen pflegt! Er
aber gab sich nun doppelte Mhe, ihr keine Spur der Schmerzen, welche er als
Mann und Krieger zu verheimlichen hatte, mehr sehen zu lassen.
    Man kam durch den Pa, ohne von etwas Erwhnenswertem gestrt zu werden. Als
man sich dem Ausgange desselben nherte, stieg Kara vom Pferde und reichte dem
Kinde die Zgel, es zu fhren.
    Warum? fragte Tifl.
    Ich will leise vorausgehen.
    Du denkst, da sich Wchter da vorn befinden?
    Hast du das nicht selbst fr mglich gehalten? Kommt langsam nach! Ist
niemand da, so haben wir nichts als nur eine kurze Zeit verloren. Wird der Pa
aber bewacht, dann knnte uns ein unvorsichtiges Vorwrtsreiten teuer zu stehen
kommen.
    Er ging voran. Die andern hielten sich so weit hinter ihm, da er den
Hufschlag ihrer Pferde nicht hren konnte. Der Weg machte einige Windungen,
welche verhinderten, ihm mit den Augen zu folgen. Als man an der zweiten
Krmmung vorbergekommen war, sah man ihn an der dritten stehen. Er deutete
warnend nach vorwrts und winkte mit der Hand, zu ihm zu kommen.
    Hast du jemand gesehen? fragte der Scheik, als er ihn erreichte.
    Ja. Es sind fnf Soldaten hier.
    Im Sattel?
    Nein. Sie sitzen mitten auf dem Wege an der Erde, und ihre Pferde raufen
zur Seite am Gestrpp herum.
    Ich will sie betrachten, sagte Tifl.
    Er stieg ab und schlich sich vorsichtig bis zur Krmmung hin. Indem er den
Kopf nur bis zu den Augen vorstreckte, sah er, wer sich jenseits derselben
befand. Dann kam er zurck. Er machte eine beruhigende Handbewegung und sprach:
    Sie sind ganz ahnungslos und also ungefhrlich. Wir reiten ber sie hinweg.
Das wird sie so erschrecken, da wir schon fern von ihnen sind, ehe sie an ihre
Waffen denken knnen. Darf ich voran?
    Ja, nickte der Scheik. Wir folgen sofort hinter dir her.
    Tifl schwang sich wieder auf. Dann scho er auf seiner Stute hinter der
Krmmung hervor, grad auf die Perser zu und in einem Bogen ber sie hinweg. Sie
schrien laut auf und wollten aufspringen, warfen sich aber, als sie noch die
drei andern kommen sahen, statt dessen schnell glatt auf den Boden nieder. So
kam es, da sie von den Hufen der ber sie hinwegspringenden Pferde nicht
berhrt wurden. Diese letzteren jagten noch eine ganze Strecke weiter und wurden
erst dann, als man sich sicher fhlte, zu langsamerem Gange gezgelt. Nun
schaute sich Kara nach den Wachen um. Sie hatten sich von ihrer Ueberraschung
erholt, kamen aber nicht etwa hinterdrein, sondern sie galoppierten, den Pa
verlassend, in nrdlicher Richtung lngs des Hhenzuges dahin.
    Sie wollen melden, da wir entkommen sind, sagte der Scheik.
    Ja, entkommen! fgte seine Frau hinzu, indem sie tief und erleichtert Atem
holte. Chodeh sei Dank! Erst jetzt knnen wir in Wahrheit sagen, da wir
gerettet sind. O Tifl, Tifl, wie danke ich dir!
    Da zeigte das Kind die allerverlegenste seiner Mienen und antwortete, auf
den Hadeddihn deutend:
    Nicht mir gebhrt der Dank, sondern diesem klugen Kara Ben Hadschi Halef
Omar. Htte er nicht zwei ledige Pferde mitgenommen, so wre es uns unmglich
gewesen, euch zwischen den Reitern herauszuholen.
    Da reichte der Scheik Kara seine Hand und sprach:
    Verzeihe mir, da ich jetzt keine lange Rede des Dankes halte. Ich bin sehr
md und mchte bald verbunden werden. Ich werde dich und diese drei herrlichen
Tiere, so lange ich lebe, nicht vergessen. Nur mit solchen Pferden konnten wir
gerettet werden! Dein Dunkelbrauner ist kstlich. Wem aber gehren die beiden
andern?
    Da kam Tifl dem Hadeddihn, welcher antworten wollte, schnell zuvor:
    Versuche, es zu erraten, o Scheik der Kalhuran.
    Sollten diese Rappen zu dem Braunen gehren? fragte dieser.
    Weiter!
    Es gab einen schwarzen Hengst der Hadeddihn, der von keinem andern Pferde
jemals besiegt worden ist. Er hie Rih und wurde von Kara Ben Nemsi geritten, so
oft dieser bei Hadschi Halef Omar war.
    So schau den Rappen an, auf welchem die Gebieterin deines Zeltes sitzt! Er
heit Assil Ben Rih.
    So ist er Rihs Sohn? Maschallah! Und der andere Hengst? Der mich jetzt
trgt?
    Sein Name ist Barckh. Er hat den berhmten Scheik der Hadeddihn zu uns
gebracht.
    Was hre ich! Haschi Halef Omar ist bei euch?
    Ja.
    Aber zwei Rappen! Wer reitet den andern?
    Denke nach!
    Sollte - - sollte Kara Ben Nemsi wieder einmal bei seinem Freunde sein?
    Ja, auch er ist da. Und noch jemand ist da! Du wirst sie alle sehen. Wir
wollen nicht hier erzhlen, denn wir mssen uns nur beeilen, wenn wir heimkommen
wollen, bevor es ganz dunkel wird.
    Es ging zunchst in nicht zu schnellem Gange ber die tiefsandige Ebene
hinber. Hierbei verstand es sich ganz von selbst, da zuweilen ein Blick
zurckgeworfen wurde. Da waren nach verhltnismig kurzer Zeit die
Kavalleristen zu sehen, welche von den Posten am Passe benachrichtigt worden
waren. Sie kamen hinterher. Kara behauptete das; der Scheik aber wollte es nicht
glauben. So blieb man also fr einige Augenblicke halten, um sie zu beobachten.
    Es ist ja ganz unmglich, da sie auf den Gedanken gekommen sind, uns noch
weiter zu verfolgen! lie sich Hafis Aram hren.
    Sie mssen doch eingesehen haben, da sie uns auf ihren Gulen nicht
einholen knnen! fgte Kara hinzu.
    Es ist nicht blo das. Aber sie drfen sich doch nicht auf das Gebiet der
Dschamikun wagen!
    Ist ihnen das verboten?
    Ja. Der Ustad hat vom Schah-in-Schah das Recht erwirkt, kein bewaffnetes
Militr bei sich zu dulden. Diese Soldaten befinden sich aber nicht blo schon
auf seinem Gebiete, sondern ich sehe es nun allerdings auch ganz deutlich, da
sie hinter uns dreingeritten kommen. Sind sie etwa so verwegen, uns bis zu den
Wohnungen der Dschamikun zu verfolgen? Fast scheint es so!
    So ist also der Ustad hier alleiniger Herr?
    Er gehorcht nur dem Beherrscher selbst. Das steht auf einem Pergament
geschrieben und wurde von dem Schah-in-Schah eigenhndig unterzeichnet und
besiegelt. Ich bin zwar seit heut der Blutrache verfallen, weil ich den Muhassil
erschossen habe; aber auf das Gebiet der Dschamikun darf mir kein Rcher folgen.
Hier giebt es ewigen Frieden, der hchstens einmal von den Verachteten und
Ausgestoenen gebrochen werden kann, die keinem Gesetze gehorchen. Wenn diese
Soldaten uns folgen, ohne dort an den Bergen ihre Waffen abgelegt zu haben, hat
der Ustad das Recht, sie alle, vom ersten bis zum letzten niederschlieen zu
lassen! Tifl, sag, was meinst du dazu?
    Ich werde es gleich beim ersten Hause melden, damit in der krzesten Zeit
es alle wissen, antwortete der Genannte. So lat uns also eilen! Vorher aber
sollst du mir sagen, o Scheik der Kalhuran, ob ich mein Versprechen erfllen
werde. Ich habe im Namen meiner guten Pekala beteuert, da wir zur rechten Zeit
daheim sein werden.
    Du hltst stets dein Wort, besonders aber wenn du es im Namen deiner Pekala
giebst. So auch heut.
    Ich danke dir. Nun kommt!
    Sobald der tiefe Sand dieser Ebene in grasigen Boden berging, konnten die
Pferde weit ausgreifen. Es dauerte dann nur noch kurze Zeit, bis man den See
erreichte und mit ihm das erste Haus, an welchem Tifl anhielt, um die von ihm
erwhnte Meldung abzugeben. Der Bewohner desselben war, so zu sagen, auf dieser
Seite der Pfrtner des Duars und hatte den die Sicherheit desselben betreffenden
Nachrichtendienst zu verwalten. Als dies besorgt war, stand es fest, da die
Soldaten, falls sie wirklich kmen, den ihnen fr solche Flle vorherbestimmten
Empfang finden wrden, und Tifl konnte nun mit den drei Andern direkt nach dem
hohen Hause reiten. Allen denen, die ihnen begegneten, fiel der ganz
unerwartete Besuch Hafis Arams und seines Weibes auf, zumal er in dieser ganz
seltenen Weise und ohne die imponierende Kamelsnfte geschah, aber es gab
Keinen, der irgend ein Aufheben davon machte. Hchstens, da hier oder da Einer
stehen blieb, um den Reitern verwundert, aber still nachzuschauen. Das
Gemeindeleben war hier eben ein anderes, geordneteres und darum auch ruhigeres
als in den Drfern anderer Stmme. - - -
    Das war es, was Kara whrend seines Rittes erlebt hatte. Er berichtete es
mir spter noch ausfhrlicher, als ich es hier erzhlt habe. Dieser sogenannte
Uebungsritt war also noch viel mehr geworden, als er ursprnglich htte werden
sollen.
    Was mich betrifft, so war mir whrend dieser Zeit nichts Besonderes
begegnet. Mit der festjungfrulichen Kchin gab es ein kurzes Gesprch. Als
sie bei ihrer Rckkehr aus dem Thale an mir vorbergehen wollte, nickte ich ihr
freundlich zu. Dies veranlate sie, stehen zu bleiben. Sie machte die kleinen
Aeuglein zu, um besser nachdenken zu knnen, welchen Gegenstand des Gesprches
sie am liebsten whlen knne; dann schlug sie sie wieder auf und fragte mich,
natrlich in trkischer Sprache:
    Effendi, kennst du Teheran?
    Ja, nickte ich.
    Hast du dort Hagad, den Aschtschy108 gekannt?
    Nein.
    Das ist schade, denn er war mein Vater. Hast du aber Machub Suleiman
Effendi gekannt, welcher Sefir109 war?
    Nein.
    Auch das ist schade, denn er war der Herr meines Vaters. Beide kamen nach
Teheran, der Sefir, weil der Sultan ihn sandte, und mein Vater, um fr ihn zu
kochen. Meine Mutter war auch dabei, und als mein Vater ein Jahr lang fr Machub
Suleiman Effendi gekocht hatte, wurde ich geboren.
    So stammst du also nicht aus der Trkei, sondern aus Persien?
    Ich stamme von meinem Vater und von meiner Mutter, und beide waren Osmanen.
Ich habe als Kind meist trkisch mit ihnen gesprochen, und darum liebe ich noch
heute diese meine Muttersprache sehr. Mein Vater kochte auch mit fr meine
Mutter, und da ich sein Liebling war, hat er mich alles gelehrt, was er konnte.
Ich half ihm gern und berall, und als meine Mutter gestorben war, lie er sein
Harem fr immer leer, und ich blieb mit ihm allein. Als der Sefir nach Stambul
zurckkehrte, blieb mein Vater in Teheran, weil er Koch des Beherrschers wurde.
Aber unsern Tifl kennst du wohl?
    Natrlich! Das weist du ja!
    Er hie damals anders; aber ich habe ihn stets Tifl genannt. Manche heien
ihn El Aradsch, weil er hinkt. Ich glaube, seinen frheren Namen hat er ganz
vergessen. Er kam mit anderen Kindern der Dschamikun nach Teheran, um Reitknecht
des Schah-in-Schah zu werden. Er wohnte also im Ark110, grad so wie ich, und wir
wurden sehr bald und auch sehr gut mit einander bekannt, weil sein steter Hunger
keinen Anfang und kein Ende hatte. Ich ftterte ihn und nannte ihn darum Tifl,
das Kind. Alles, was er von mir bekam, schmeckte ihm kstlich, und weil dieses
Wort in der trkischen Sprache pek ala heit, so hat er mir den Namen Pekala
gegeben. Daher kommt es, da wir beide noch heut von jedermann Pekala und Tifl
genannt werden. Mein Tifl war eigentlich nur fr die Pferde geboren. Er wute
und wollte auer mir nichts anderes als sie. Und wie er sie liebte, so liebten
sie ihn auch. Er war noch sehr klein, da that es ihm kein anderer Ses gleich.
Darum waren seine Vorgesetzten auerordentlich mit ihm zufrieden. Aber das
rhrte ihn nicht; er achtete nur auf mich; ein Lob von mir war ihm lieber als
tausend andere. Ich erzog ihn aber auch sehr sorgfltig und erziehe ihn noch
heut! Ein Mann mu nmlich stets erzogen werden! Man darf nur freilich nicht
darauf achten, wenn er sich dagegen strubt. Sie sind alle, alle fast noch wie
die Kinder!
    Auch der Ustad? Oder der Pedehr? unterbrach ich sie.
    Diese meine Frage brachte sie sichtlich in Verwirrung. Sie sah mich verlegen
an, rieb sich mit dem gebogenen Zeigefinger das kleine, unbedachtsame Nschen
und lie ihre runden Wnglein noch betrchtlich rter werden, als sie so schon
waren. Dann warf sie pltzlich den Kopf zurck und verriet mir durch den
triumphierenden Ausdruck, der sich ihres ganzen Gesichtes bemchtigte, da sich
unter der Ursprungsstelle ihrer langen Haarflechten ein rettender Gedanke
eingefunden habe.
    Das sind doch keine Mnner! sagte sie.
    Was denn?
    Herren und Gebieter! Du weit doch, da es zweierlei mnnliche Wesen
giebt!
    So?
    Ja! Nmlich solche, welche zu gebieten und solche, welche zu gehorchen
haben. Die Herren sind schon erzogen; die anderen aber mssen es sich gefallen
lassen, da man es mit ihnen thut.
    Und dazu seid wohl ihr Frauen da?
    Ja! Denn zur Erziehung eines Mannes gehrt auerordentlich viel Liebe,
Geduld und Energie, und diese drei sind nicht bei euch, sondern nur bei uns zu
finden. Wenn du das nicht glaubst, so frage nur mein Kind! Du wirst von ihm
erfahren, was fr Mhen und Sorgen mir seine Erziehung bereitet hat und auch
heute noch bereitet. Es ist kein Spa, die Mutter eines Jungen zu sein, der fast
ganz genau so alt ist, wie ich selber bin. Er ist sogar einige Monate lter! Ich
sage dir, Effendi, es hat keinen geringen Kampf gekostet, mich bei ihm in
Respekt zu setzen, denn er glaubte, da die Pflicht des Gehorsams nach der
Krperlnge zu bestimmen und zu bemessen sei. Er a fr drei oder vier Personen,
und dadurch sammelte sich in seinem Krper jene heimtckische Kraft zum Wachstum
an, welche ihn spter so beraus schnell in die Hhe trieb. Es gab eine Zeit, in
der ich, wenn ich genau aufpate, ihn wachsen sehen konnte. Ich aber blieb
klein. Das krnkte mich. Ich wollte so gern in gleicher Lnge mit ihm bleiben.
Darum begann ich, ebenso viel zu essen wie er. Aber die Kraft wirkte bei mir
nicht nach oben hinaus, sondern sie ging in die Breite und rundum im Kreise. Ich
wurde kugelrund, anstatt mir seine schlanke Hhe anzueignen. Er war gezwungen,
auf mich herabzuschauen, und das erweckte in ihm die Einbildung, da er
berhaupt und in jeder Beziehung ber mir erhaben sei. Meine Flle imponierte
ihm nicht; ja, er belchelte sie sogar. Wie mich das betrbte! Ich mute ja
befrchten, da er meiner mtterlichen Zuneigung gewi noch ganz entwachsen
werde. Diese fast tglich zunehmende Krperlnge entfremdete ihn mir mehr und
mehr. Er wurde immer stolzer auf sie. Er sah gar nicht, wie sehr sie ihm
schadete. Ein Pferdejunge hat bei seiner bestimmten Gre zu bleiben. Er aber
scho weit ber die Achseln seiner Vorgesetzten empor. Das nahmen sie ihm bel.
Seine Hosen waren stets zu kurz; seine Aermel getrauten sich nicht ber die
Ellbogen hinaus. Das sah nicht schn, sondern hlich aus, und darum wurde er
mehr und mehr zurckgesetzt, obwohl er der geschickteste und gutherzigste von
allen war. Das rgerte ihn. Er wurde grob, besonders mit mir. Sein Magen blieb
mir treu, aber sein Herz entfernte sich immer mehr von mir. So wren wir uns
gewi nach und nach immer fremder geworden, bis wir uns gar nicht mehr gekannt
htten, da aber trat ein Ereignis ein, durch welches die Verschiedenheit unserer
Gestalten vollstndig und fr immer ausgeglichen wurde. Weit du, da der Islam
den Wein verbietet, Effendi? Der Kuran will es so.
    Nein; der Kuran will es anders.
    Wieso? Ich verstehe dich nicht.
    Die betreffende Stelle lautet: Alles, was betrunken macht, sei untersagt!
Also ist jeder betubende Trank verboten, nicht aber der Wein besonders, falls
man ihn so geniet, da man nchtern bleibt.
    Du magst recht haben. Aber ein kluger Muselmann htet sich lieber gleich
ganz vor ihm, weil der Betrunkene nicht eher von dieser seiner Betrunkenheit
etwas wei, als bis er wieder nchtern ist. Dann macht ihm die Trbsal seines
Jammers nicht nur dieses eine Wort, sondern den ganzen Kuran pltzlich heilig!
Aber der Schah-in-Schah hat zuweilen Gste, welche nicht Muhammedaner sind. Er
mu ihnen Wein geben, wenn sie bei ihm speisen. Darum giebt es einen Kabu111, in
welchem viele, viele Flaschen aufbewahrt werden, die bis zu den Hlsen herauf
voll von den verschiedenen Betrunkenheiten sind. Der Weg von meiner Kche nach
diesem Kabu war gar nicht weit, und es kam zuweilen vor, da die Thr zu diesen
Flaschen offen stand. Was glaubst du wohl, Effendi, was nun geschehen wird?
    Tifl verluft sich in den Keller!
    Maschallah! Woher weit du das?
    Ich vermute es.
    Er hat es dir nicht erzhlt?
    Nein.
    Das wrde mich auch wundern, denn er spricht nie davon. Denn seine Scham
ber das, was er dort that, ist grer, als der ganze Keller ist! Aber so
schnell, wie du denkst, geht das nicht. Ich mu es dir genau der Reihe nach
erzhlen. Das Kind hatte am Mittag bei mir gegessen, ich wei noch ganz genau,
was fr Speisen und wieviel. Soll ich es dir sagen?
    Nein, ich danke dir.
    Ich hatte auch Dattelbrhe gemacht, ber den dicken Reis zu gieen. Die war
ihm zu dnn. Er zankte. Ich zankte wieder. Er wurde noch zorniger; ich auch. Er
sa am Boden, und weil er da nicht lnger war als ich, so bentzte ich das sehr
eilig und geschickt und stlpte ihm den ganzen Topf mitsamt der Dattelbrhe ber
den Kopf. Sie lief ihm in die Augen, in die Ohren, in die Nase, in den Mund. Er
begann zu schreien, zu husten, zu niesen. Der Topf pate ihm nur ganz eng auf
den Kopf. Er schob und schob, um ihn zu entfernen; das ging sehr langsam. Sein
Grimm wuchs, und ich bekam Angst. Ich glaubte, er werde sich dann mit dem Topfe
an mir rchen. Ich floh also aus der Kche und versteckte mich. Erst nach
langer, langer Zeit getraute ich mich zurck. Tifl war fort; der Topf lag
zerbrochen am Boden. Ich las die Scherben auf und gelobte mir, die Dattelbrhe
knftig noch viel dnner zu machen, als sie heut gewesen war. Der Nachmittag
verging. Die Zeit zum Abendessen kam, aber Tifl nicht. Da wurde ich traurig und
nahm mir vor, die Brhe doch nicht dnner zu machen. Am nchsten Morgen war Tifl
noch nicht da; am Mittag auch nicht. Da grmte ich mich, denn ich sah ein, da
die Dattelbrhe viel, viel dicker sein msse. Als dann am Abend und wieder am
Morgen das Kind immer noch nicht kam, gelobte ich mir, die Brhe noch dicker als
den dicken Reis zu machen. Ich weinte. Aber das half nichts, denn frh fehlte
Tifl immer noch. Nun erkundigte ich mich nach ihm. Niemand hatte ihn gesehen.
Man suchte, aber man fand ihn nicht. Wie ich mich da grmte! Ich suchte die
weggeworfenen Scherben wieder zusammen, sah sie traurig an und kam zu dem
Entschlusse, sobald er wiederkehre, eine so dicke Dattelbrhe zu machen, da man
sie als Reitsattel auf den Rcken eines Kamels schnallen knne. Das half! Denn
kaum hatte ich das gedacht, so kam der Mrd-y-Scharab112 in die Kche gelaufen
und meldete ganz auer Atem, da Tifl gefunden worden sei. Er liege jammernd im
Keller und knne nicht herauf, weil er ein Bein gebrochen habe. Weit du, was
ich that, Effendi?
    Du liefst in den Keller!
    Ich lief? O, ich glaube, ich bin geflogen! Ja, mein Tifl lag unten. Er war
grad wieder nchtern geworden.
    Nchtern? War er denn betrunken gewesen?
    Wie kannst du fragen! Wenn ihr Mnner zornig seid, thut ihr alles, was
verboten ist! Der Zorn ist ja schon an sich nichts weiter, als eine Art von
Rausch, von Betrunkenheit, und wenn dann so ein vom Zorne berauschtes Kind gar
noch die Thr des Kellers offen findet, so kann man sich denken, da es nicht
vorbergeht. Tifl war also hinabgestiegen. Du weit, was er fr ein Esser war.
Meinst du, da er nicht trinken konnte? Es lagen zehn oder zwlf leere Flaschen
neben ihm.
    Wie hatte er sie geffnet?
    Die Hlse fehlten. Er hatte sie abgeschlagen. Aber wie er das gemacht
hatte, das wute er nicht mehr. Er erinnerte sich nur, groen Durst gehabt und
viel, sehr viel getrunken zu haben. Erst spter fiel ihm ein, da er die vielen
steilen Stufen heraufgestiegen, aber wieder hinabgefallen sei. Dabei hatte er
das Bein gebrochen. Es war ihm unmglich gewesen, aufzustehen. Er glaubte, da
er dann weitergetrunken habe, bis er eingeschlafen sei. Aber welch ein Schlaf!
Erst dem Mrd-y-Scharab war es gelungen, ihn durch fortgesetztes Rtteln
aufzuwecken.
    Er wird inzwischen doch zuweilen fr kurze Zeit erwacht sein. Stand es
gefhrlich mit dem Bein?
    Es war unterhalb des Knies gebrochen und so sehr geschwollen, da der Hekim
113, welcher gerufen wurde, sagte, er knne nicht eher etwas thun, als bis diese
Geschwulst verschwunden sei. Dadurch ist das Bein krzer geworden. Das Kind
hinkt und wird deshalb von vielen Leuten El Aradsch, der Lahme, genannt. Aber
eine Schwche ist nicht zurckgeblieben. Tifl springt und reitet ebenso schnell
und ebenso vortrefflich wie vorher, doch Sas konnte er nun als Hinkender
unmglich werden.
    Ich vermute, du hast ihn gepflegt?
    Natrlich! Kein anderer Mensch durfte ihn berhren; ich duldete es nicht.
Ich war ja schuld an seinem Zorne, in dem er that, was er sonst gewi
unterlassen htte. Und - - und - - darf ich dir etwas anvertrauen, Effendi?
    Warum nicht?
    So will ich dir sagen: Dieser Unfall hat mich mit meinem Tifl fr immer so
vereint, da er mir gehorcht in allen Stcken, auer - - auer - - wenn er auf
dem Pferde sitzt. Dann ist er der Herr; dann habe ich nichts zu sagen, ihm
nichts zu befehlen. Er schmt sich noch heute jener Betrunkenheit. Ich brauche
sie nur so von weitem zu erwhnen, so thut er alles, was ich will, nur damit ich
schweige. Ist das im Abendlande, wo man alles, was man will, trinken darf,
ebenso? Ist auch dort der Rausch der Vater und die Betrunkenheit die Mutter so
fortgesetzter Scham?
    Welche Antwort htte ich auf diese Frage wohl geben knnen! Glcklicherweise
wartete Pekala sie gar nicht ab, sondern fuhr in ihrem Eifer sogleich fort:
    Wie dankbar mein Tifl damals war, und wie dankbar er jetzt noch ist! Er
hat und verachtet die Undankbarkeit ebenso wie ich. Wir haben beide einander
gesundgepflegt, erst ich ihn und dann er mich.
    Auch du wurdest krank?
    O, wie sehr! Nicht mein Krper, sondern meine Seele. Kaum konnte Tifl
wieder gehen, so trat der Tod zu uns und nahm mir meinen Vater. Weit du, was
das heit? Ich hatte nur diese beiden, den Vater und das Kind, weiter keinen
Menschen. Ich hatte nur fr diese zwei gelebt. Als Vater tot war, wollte ich
auch sterben, wollte ihm nach, wollte zu ihm. Ich weinte und jammerte den ganzen
Tag; ich durchwachte alle Nchte. Man lachte ber mich; nur Tifl lachte nicht.
Aber er gab mir auch nicht Recht. Er schalt mich aus. Da wollte ich ber ihn
zornig werden, that es aber nicht, denn wir hatten uns mit Hand und Mund
versprochen, nie wieder zu zanken, und das hielten wir. Er dachte ber den Tod
ganz anders als ich. Was sagst du von ihm, Effendi?
    Es giebt gar keinen Tod, antwortete ich.
    Da schlug sie die Hndchen zusammen und rief im Tone der Verwunderung aus:
    Auch du? Auch du? Und doch habe ich gehrt, da man im ganzen Abendlande
ebenso fest an den Tod glaube, wie hier bei den muhammedanischen Sunniten und
Schiiten! Der Ustad hat uns gelehrt, da der Tod fr ewig besiegt und berwunden
sei. Ich glaubte, da nur er dies sagen und beweisen knne, und nun hre ich,
da du dasselbe denkst! Der Tod war mir ein bser, finstrer Mann, der jeden holt
und keinen wiedergiebt. Ich frchtete mich vor ihm, wnschte aber doch, da er
komme und mich zu meinem Vater fhre, denn ich liebte diesen mehr, viel mehr,
als ich das Sterben frchtete. War das klug oder thricht, Effendi?
    Keines von beiden! Aber du glaubst, damals ber den Tod anders gedacht zu
haben als jetzt?
    Ja.
    Nun, so sag: Was glaubst du jetzt?
    Da es keinen giebt, ganz so wie du.
    Und damals?
    Da es einen giebt.
    Du irrst. - Du glaubtest schon damals nicht daran.
    Nicht? Effendi, das mu doch ich wissen, nicht aber du!
    Du hast es doch selbst gesagt!
    Wann?
    Soeben! Du hast gewnscht, da der Tod komme und dich zu deinem Vater
fhre. Kann es da einen Tod geben? Nmlich in deinen Gedanken!
    Gewi! Ich wnschte ihn ja herbei!
    O Pekala, o Pekala!
    Du lchelst? - Warum?
    Der Tod soll dich zu deinem Vater fhren. Wenn er das kann, so giebt es
deinen Vater noch?
    Natrlich!
    Und wenn er dich zu ihm bringen soll, so bist auch du noch vorhanden?
    Ja.
    Also ihr beide, du und dein Vater, seid noch da?
    Ja. Ich komme zu ihm!
    So seid ihr aber doch nicht tot!
    Da machte sie eine Geberde des Erstaunens und rief aus:
    Maschallah! Das ist richtig! Du hast mich gefangen!
    Nicht dich habe ich gefangen, sondern etwas ganz anderes! Denke weiter!
Wenn ihr nach dem Tode nicht tot seid, giebt es doch gar keinen Tod!
    Diesen Gedanken begreife ich. Aber man stirbt doch!
    Ist dieses Sterben ein Aufhren, ein vollstndiges Vernichtetsein?
    Nein. Es bringt vielmehr das wahre, rechte Leben. So sagt der Ustad.
    So sage auch ich; so sagst auch du, und so hast du stets gesagt, auch
damals, als du dich nach dem Tode sehntest. Nur dies wollte ich dir beweisen. So
reden Tausende und Abertausende vom Tode, ohne zu wissen, da sie ihn mit ihren
eigenen Worten aus dem Dasein streichen. Als der Mensch zum erstenmal von dem
Tode sprach, wurde er, der Tod, im Menschengehirn geboren; aber es war das eine
Totgeburt. Und die Gedankenleiche dieses Totgebornen hat man durch Millionen
Gehirne und durch Jahrtausende bis auf den heutigen Tag weitergeschleppt und
wird sie noch durch die folgenden Jahrhunderte zerren, ohne einzusehen, da man
alle diese lcherliche Furcht und Mhe auf einen Korkuluk114 verwendet!
    Korkuluk! So hnlich sagte damals auch mein Tifl.
    Wie? Er, der junge Mensch?
    Warum nicht, Effendi? Bedenke doch, da unser Ustad sich bereits fnfzig
Jahre bei den Dschamikun befindet! Was er glaubte und dachte, davon hat er die
Alten berzeugt, und diese haben es den Jungen, den Kindern, berliefert. Weit
du, in welcher Weise das geschieht? Ganz so, wie mein Tifl mit mir that, als ich
ihm sagte, da ich sterben wolle. Es giebt im ganzen Duar kein einziges Kind,
welches auf einen solchen Wunsch nicht sofort antworten wrde, da er ja gar
nicht in Erfllung gehen knne. Darf ich dir erzhlen, wie Tifl zu mir sprach?
    Ja, sage es mir!
    Da trat sie nher zu mir heran, kauerte sich in orientalischer Weise vor mir
nieder, zog den weien Schleier so um sich, da nur ihr liebes Angesicht und die
beiden Hndchen aus demselben vorschauten, und begann:
    Es war am Abend; drauen vor der Kche, wo die Tarfastrucher115 ihre
langen, niedlich blhenden Zweige ber mich senkten, als ob sie Erbarmen mit
meiner Trauer htten, denn ich weinte leise vor mich hin und wnschte mir den
Tod. Da kam Tifl, ebenso leise, leise, denn mein Schluchzen war ihm heilig. Er
lehnte sich neben der Tarfa an die Mauer und sagte lange, lange nichts, kein
Wort. Kein Laut war ringsum zu hren; in mir nur sprach die Sehnsucht nach dem
Tode fort und fort in trostlosen Klagelauten. Da pltzlich ertnte die Stimme
des Kindes neben mir, halblaut, langsam, feierlich. Wie klang sie doch? Ganz
anders als wie sonst! So hoch von oben! Als ob eine gtige Fee aus Alif lela wa
lela116 da ber den Zweigen schwebe und von ihrer schnen, lichten Heimat zu
mir sprechen wolle. Meine Thrnen stockten. Ich lauschte.
    Pekala machte eine Pause. Ihre Augen suchten das nahe Rosengebsch. Sie
sann. Welch einen Ausdruck hatte jetzt ihr Gesicht! Als ob die Fee jetzt wieder
bei ihr sei und ihr mit lieber Hand verschnernd und durchgeistigend ber die
Wangen gestrichen habe! Dann fuhr sie fort:

Es kam ein Sonnenstrahl zum Monde nieder
Und hielt mit seinem Glanze bei ihm Rast,
Doch mit der Morgenrte ging er wieder
Und wurde dann der Erde Tagesgast.
Da sprach der Mond: Was soll ich um ihn trauern?
Ein Scheiden giebts im Licht, doch keinen Tod.
Es wird nur wenig, wenig Stunden dauern,
Da kehrt der Freund zurck im Abendrot!

    Sie schwieg und sah mich eigentmlich fragend an. Ich mu gestehen, da ich
zgerte, zu sprechen. Das war nicht, wie ich erwartet hatte, ein orientalisches
Mrchen, keine heidnische Sage, kein christliches Gleichnis. Wie sollte ich es
nennen, wie rubrizieren? Aber war es denn so auerordentlich notwendig fr mich,
der nun sofort mit irgend einem Schema herbeistrzende Abendlnder zu sein? Die
Strophe wirkte ganz genau so, wie es der Dichter beabsichtigt hatte. Wer aber
war dieser Dichter? Sie hatte von der Art und Weise des Ustad gesprochen, auf
seine Leute einzuwirken. Geschah es vielleicht durch solche Gedichte, welche
selbst von der Jugend sehr leicht verstanden und auswendig gelernt werden
konnten?
    Hast du gehrt, was ich gesprochen habe? fragt sie, als ich so lange still
war und nichts sagte.
    Jawohl, meine liebe Pekala, antwortete ich.
    Und auch verstanden?
    Gewi.
    Ich kann es nicht so sagen, wie es damals klang. Man mu die Augen voller
Thrnen um einen lieben Abgeschiedenen haben, um es so zu hren, wie es gehrt
werden soll. Und es mu mit einer Stimme gesprochen werden, die aus einem so
kindlich glubigen Herzen klingt, wie dasjenige meines Pfleglings damals war und
heute noch ist und immer bleiben wird. Er fgte nichts hinzu, kein Wort, kein
einziges. Er lehnte noch einige Zeit still an der Mauer und ging dann fort, so
leise, leise wie er gekommen war. Ich aber sa noch lange, lange unter den
berhngenden Tarfazweigen, und es wurde ruhig und immer ruhiger in mir. Meine
Thrnen hatten aufgehrt, zu flieen; meine Todessehnsucht schwieg. Ich sah
durch die langen, feinen Bltenrispen hindurch den Mond am Himmel stehen. Der
Sonnenstrahl war bei ihm: ich sah ihn leuchten. Unten bei mir, auf der Erde, war
es dunkel. Aber morgen, morgen wird alles, alles um mich her im Sonnenglanze
strahlen. Auch der Strahl ist dabei, den ich liebe, nach dem ich mich sehne. Oh,
Effendi, Effendi, ob mein Auge dann wohl so geffnet ist, da ich im stande bin,
ihn zu erkennen?
    Ich sah sie an und mute mir Mhe geben, ihr nicht merken zu lassen, da ich
ber sie staunte. War das noch die festjungfruliche Kchin, die mir beinahe
lcherlich vorgekommen war? In welchem Lichte erschien mir jetzt ihr ewig langer
Tifl, den ich fr einen Schwachkopf gehalten hatte! Hatten etwa die Bewohner
des hohen Hauses alle zwei verschiedene geistige Gestalten? Mu man aus Europa
zu den verachteten Kurden gehen, um Menschenseelen entdecken zu lernen? Sieht
man nicht, so oft man eine solche Entdeckung macht, da jeder Mensch eigentlich
zu zweien ist? Warum wurde es mir hier so leicht, daheim aber so schwer gemacht,
das zu erkennen, was der Scheik der Haddedihn nicht den Hadschi, sondern den
Halef nannte? Ich ri mich von diesen Gedanken los, denn ich sah, da Pekalas
Augen betrachtend auf mich gerichtet waren.
    Wo hatte das Kind den Gedanken her, dir grad mit diesem Gedichte den
beabsichtigten Trost bringen zu knnen? fragte ich.
    Die Liebe sagte es ihm, Effendi. Hast du noch nie bemerkt, da die wahre,
wirkliche Liebe stets das Richtige trifft? Es war nach dem Tode des Vaters nun
zum erstenmal, da ich ruhig und ununterbrochen bis zum Morgen schlief. Als ich
erwachte, war ich ernst, doch weinte ich nicht mehr. Wenn eine Thrne
emporsteigen wollte, dachte ich an den Sonnenstrahl, der nicht stirbt, sondern
strahlend wiederkehrt. Und es geschah auch sehr bald, da ich keine Zeit mehr
hatte, mich der Trauer hinzugeben. Der Vater war tot; man brauchte mich nicht
mehr. Was sollte ich thun? Wo sollte ich hin? Tifl ging nun lahm. Er konnte
nicht Sas werden. Man beschlo, ihn als unbrauchbar zu den Dschamikun
zurckzuschicken. Da geschah es, da unser Pedehr nach Teheran kam, um nach
seinen Leuten zu sehen, welche bei der Leibgarde des Beherrschers standen. Er
schaute auch nach Tifl, und dieser erzhlte ihm von mir. Da lie er mich zu sich
kommen. Hast du gesehen, wie schn, wie gut seine Augen sind? Er richtete sie
auf mein Angesicht, als ob er mir durch Leib und Seele schauen wolle. Dann
fragte er mich, ob es mir recht sei, mein Kind zu den Dschamikun zu begleiten
und dort zu bleiben, so lange es mir gefalle. Wie glcklich mich das machte! Ich
nahm sie an, die neue Heimat, die mir so lieb geboten wurde. Ich mag sie nicht
verlassen, so lange, als ich lebe, und da es keinen Tod giebt, ist es mein
allergrter Wunsch, dann einst wie jener Sonnenstrahl zu sein, der mir gesagt
hat, da ich niemals sterben werde.
    Sie schlug den Schleier wieder auseinander und stand auf.
    Ich habe eine Bitte, Effendi, sagte sie. Wirst du sie mir erfllen?
    Gern, wenn ich kann.
    Du kannst es, wenn du willst. Sei ein wenig lieb und gut zu meinem Kinde!
Verzeihe ihm seinen heutigen Irrtum! Seine allergrte Freude ist die
Dankbarkeit, und diese Freude wirst du ihm bereiten, wenn du die Gte hast, ihn
freundlich zu beachten.
    Es bedarf dieser deiner Bitte nicht, meine gute Pekala. Wenn ich so weit
gekrftigt bin, da ich mich wieder in den Sattel setzen darf, werde ich hier
tglich einen Ausflug unternehmen. Er kennt die Gegend und ist, wie ich gesehen
habe, ein vortrefflicher Reiter. Darum soll er mich begleiten. Sage ihm das!
    Wie wird er sich darber freuen! Ich sage dir meinen Dank dafr, ja, den
meinigen, denn ich bin stolz darauf, da du keinem Andern diesen Vorzug giebst,
als grad dem Kinde, welches ich erzogen habe!
    Sie legte die Hnde auf der Brust zusammen, verbeugte sich und ging. Ich
schaute ihr nach, bis sie jenseits der Gartenthr verschwand. Welch ein
eigenartiges, psychologisch hchst interessantes Verhltnis zwischen diesen
beiden Menschenkindern - Pekala und Tifl! Ist unsere sogenannte Psychologie
berhaupt imstande, eine solche seelische Zusammengehrigkeit gengend zu
erklren? Was ist die Seele? Wo ist die Seele? Welcher Art ist ihre Verbindung
mit dem Leibe? In welcher Weise wirkt sie auf unsere krperlichen und geistigen
Organe ein? Wir sprechen tglich, ja stndlich von ihr; aber man zhle doch
einmal alles, alles auf, was man von ihr wei! Wer darf behaupten, da er sie
kenne? Wer hat sie begriffen. Wer hat die Thr zum Prfungssaale geffnet, sie
in ihrer ganzen, groen, herrlichen Identitt eintreten lassen und gesagt: Das
ist die Seele des Menschen. Sie steht schon seit Jahrtausenden bereit, euch jede
Auskunft zu erteilen; ihr aber habt eure Erkundigungen nur an euch selbst, doch
nicht an sie gerichtet. Ihr habt in euch selbst hineingesprochen und darum nicht
ihre, sondern nur eure eigene Antwort gehrt. Nun bringe ich sie euch. Woher?
Das wit ihr nicht? Habt ihr den Mut, sie zu fragen, wer sie ist? Dann fragt sie
nicht nach ihr, sondern nur nach euch. Sie hat nur eine einzige Antwort, die sie
giebt, und diese Antwort seid - ihr selbst! - - -
    Hanneh, welche bei Halef war, lie sich zuweilen unter den Bogen der Halle
sehen, um mir lchelnd zuzunicken. Einmal aber stieg sie die Stufen herab, kam
zu mir her und sagte:
    Er schlft und nimmt, ohne dabei aufzuwachen, die Nahrung ein, die ich ihm
von Zeit zu Zeit gebe. Ist das gut?
    Ja, antwortete ich. Er schluckt den dnnen, aber strkenden Drang ganz
unwillkrlich. Bist du um etwas besorgt, so frage den Pedehr! Seine Auskunft ist
zuverlssiger als die, welche ich dir geben kann.
    Als die Sonne verschwunden war, versuchte ich, mit Hilfe des Stockes die
Treppe hinaufzusteigen. Es gelang. Ich brachte es sogar fertig, dann noch in die
Halle hinein und bis hin zu Halef zu gehen. Dort setzte ich mich fr einige
Augenblicke nieder. Sein Gesicht sah nicht mehr mumienfarbig aus. Es war von
jenem Lebenstone berhaucht, welcher mit Sicherheit darauf schlieen lt, da
das vorher stockende Blut seinen Kreislauf wieder begonnen hat. Sonderbar! Liegt
wirklich eine befehlende Kraft im Blicke des menschlichen Auges? Zwei Personen:
die eine schlft; die andere schaut ihr in das Angesicht und denkt dabei, ob sie
wohl erwachen werde. Der Schlfer sieht das nicht. Seine Augen sind geschlossen.
Wer in ihm ist es, der aber doch den Blick bemerkt und auch den Gedanken
versteht? Denn gar nicht lange, so beginnt der Schlfer, sich zu regen. Besitzen
alle Menschen diesen Einflu? Oder nur einige?
    Halef regte sich. Er wendete mir sein Gesicht langsam zu.
    Sihdi! hauchte er.
    Weiter war nichts zu hren. Ein leises, liebes Lcheln spielte um seine
Lippen.
    Er ahnt, da du hier bist, flsterte Hanneh mir zu. Oder meinst du, da
er dich gesehen hat? Seine Augen sind aber doch fest geschlossen!
    Hast du nur geahnt, da er meinen Namen sagte? fragte ich sie, natrlich
ebenso leise.
    Geahnt? Nein. Er sagte ihn doch wirklich.
    Von ihm aber soll es nur Ahnung sein, da ich hier bei ihm bin? Er wei es
wirklich!
    Woher? Von wem? Er sah dich nicht!
    Kann man nur dann sehen, wenn man die Lider ffnet? Schlie deine Augen,
Hanneh, und versetze dich in das Lager der Haddedihn!
    Ich thue es, nickte sie, indem sie die Augen zumachte.
    Geh jetzt zu deinem Zelte!
    Ich sehe es.
    Deutlich?
    Ja, ganz genau so, wie es ist. Der Vorhang ist zurckgeschlagen; der helle
Teppich glnzt heraus; mein Hndchen sitzt darauf. Im Nebenzelte bckt man Brot.
Ich sehe den dnnen Rauch, und ich rieche - - - ja, Sihdi, ich rieche, da der
Teig sich schon zu brunen beginnt. Ich rieche es wirklich, gewi, wahrhaftig!
Ist das nicht sonderbar?
    Nein, gar nicht sonderbar! Deine Seele war jetzt dort! Wer das nicht
begreift, der nennt es Phantasie.
    So war diese meine Seele jetzt nicht hier bei mir?
    Doch!
    Und sie soll zu gleicher Zeit auch dort im fernen Lager der Haddedihn
gewesen sein? Das begreife ich nicht!
    Ich will es dir erklren. Schau durch den mittlern Bogen, zum See und bis
zum letzten Hause des Duar. Was siehst du dort?
    Ein Mann steigt von dem Hause hinunter nach dem Wasser.
    Steig mit ihm hinab!
    Ich thue es. Jetzt ist er unten. Er wirft das Obergewand ab, um sich zu
waschen.
    Wo bist du jetzt, Hanneh?
    Hier.
    Warst du nicht soeben auch dort bei diesem Mann?
    Ja, das war ich, doch aber mit dem Krper nicht. Es war mein Blick.
    Nur dein Blick? Hast du nicht zu ganz derselben Zeit gesehen und zugleich
gedacht?
    Allerdings!
    Wer war es, der sah? Wer war es, der dachte? Wo wurde gesehen? Hier oder am
See? Wo wurde gedacht? Dort oder in dieser Halle? Wer ging mit dem Manne hinab?
Wer zhlte vielleicht sogar die Schritte und die Stufen? Wer fhlte es leise
mit, wenn sein Fu sie berhrte?
    Ich!
    Aber du dachtest doch soeben, da du nur hier, nicht aber dort gewesen
seist!
    Maschallah! Ich war auch dort, wirklich dort! Wenn ich die Augen offen
habe, kann meine Seele nur so weit gehen, wie mein Blick reicht. Aber wenn ich
sie schliee, so ist sie frei und kann so weit gehen, wie es ihr beliebt. Wie
ist das zu erklren?
    Denke selbst darber nach! Es giebt Dinge, ber welche man nur mit sich
selbst fertig zu werden hat. Ich kann dir ebensowenig helfen, sie zu begreifen,
wie ich dir behilflich sein kann, da sich dein Krper aus den Speisen bilde,
welche du genieest. So gebe ich dir Nahrung fr den Geist und fr die Seele;
verdauen aber kannst du sie nur selbst. Du bist eine einsichtsvolle, kluge,
wibegierige Frau, meine gute Hanneh. Mit einer andern wrden ich niemals ber
diesen schwierigen Gegenstand sprechen. Und es giebt auch noch einen andern,
viel, viel triftigeren Grund, da ich es thue.
    Welcher ist das, Effendi?
    Errtst du ihn nicht?
    Nein.
    Das wundert mich.
    Sage ihn nur!
    Denke an das, worber du mich zuletzt fragtest, ehe ich mit deinem Hadschi
Halef Omar diese Reise antrat!
    Erlaube, da ich mich besinne!
    Sie dachte nach. Dann blickte sie schnell und berrascht zu mir her und
sagte:
    Jetzt wei ich es! Ich war betrbt ber die angebliche Seelenlosigkeit der
Frauen und wendete mich mit der Bitte um Auskunft an dich. Ist es das?
    Ja.
    Halef war trotz seiner Liebe zu mir stets berzeugt, da die Frauen keine
Seelen haben und also auf die Himmel Allahs verzichten mssen. Das betrbte
mich. Du aber gabst mir Trost. Ich werde dir das nie vergessen!
    Damals gab ich dir Trost. Was aber heut?
    Mehr, viel mehr, nmlich Ueberzeugung!
    Sogar den Beweis!
    Ich sagte damals, da du mir die Seele gegeben habest. Jetzt aber hast du
noch mehr gethan: du hast sie mir gezeigt. Ich wei jetzt, da sie da ist, in
mir oder auer mir, vielleicht auch beides. Sie kann mit meinen Augen sehen; sie
kann auch sehen ohne sie. Ich bin diese meine Seele, aber ich bin sie doch nicht
ganz. Und hinwiederum ist diese meine Seele Hanneh, aber sie ist es auch nicht
ganz. Sie ist etwas, was ich bin, und sie ist noch etwas, was ich nicht bin. Was
und wo ist das aber, was sie ohne mich ist? Du siehst mich so verwundert an,
Effendi. Warum?
    Wegen dieser deiner Gedanken.
    Sind sie falsch?
    Oh nein! Aber ich habe solche Worte noch nie aus dem Munde einer Frau
gehrt?
    Weil euern Frauen nicht gesagt wird, da sie keine Seelen haben. Sie sind
also nicht gezwungen, sich zu grmen und ber diesen angeblichen Mangel
nachzudenken. Mich aber hat die Trauer darber, da mir die Seele abgesprochen
wurde, veranlat, ber sie nachzudenken. Und auch dann noch, als du mich
getrstet und beruhigt hattest, habe ich in jeder ungestrten Stunde und gar
manche ganze Nacht hindurch in mir gesucht, ob sie sich wohl offenbaren werde.
Es geschah aber nicht. Dann kam ich hierher. Mein armer, kranker Halef liegt vor
mir, bald wach und bald wieder ohne Bewutsein. Ich beobachte ihn. Ich suche
nach seiner Seele. Ist sie da, wenn er erwacht? Ist sie da, wenn er in halber
Betubung leise Worte redet? Wo ist sie, wenn ihm fr lange, lange Zeit die
Besinnung fehlt?
    Und vor allen Dingen, wo ist die deinige, Hanneh? Wo ist sie jetzt?
    Da schaute sie mich verwundert an.
    Doch wohl hier, bei mir, in mir! antwortete sie. Oder ist sie es nicht,
die jetzt mit meinem Munde zu dir spricht?
    Die Antwort auf diese deine Frage ist doch leicht!
    Fr mich ist sie so schwer, da ich sie nicht finden kann.
    So bitte ich dich, zu berlegen! Denke dir, da du eine Freundin suchst,
welche du finden willst! Bist du selbst etwa diese Freundin?
    Nein.
    Oder ist sie da?
    Auch nicht. Denn wre sie da, so wrde ich sie doch nicht suchen, Effendi.
    Du sprichst von ihr. Sind das deine oder ihre Worte?
    Die meinigen.
    Richtig! Nun aber suchst du nach deiner Seele. Du sprichst von ihr mit mir,
eben jetzt, in diesem Augenblick. Kann sie es sein, die mit mir redet?
    Nein. Sie ist nicht ich, sondern wir sind ich und sie. Aber wer ist es, der
sich jetzt meiner Lippen bedient, um von ihr zu sprechen?
    Das ist Hanneh, die sich nach Allahs Himmel sehnt, der keinem
Menschengeiste offen steht, wenn ihn nicht seine Seele aufwrts leitet. Sie
kennt den Weg, denn sie ist bei Allah daheim. Nicht so der Geist, der nichts
anderes wei und nichts weiter anerkennt als nur das, was nicht ber seine
irdischen Begriffe geht.
    So meinst du also, da Seele und Geist verschiedene - - -
    Sie hielt inne, denn Schakara kam zur Thr herein. Sie hatte mit ihr zu
sprechen und winkte sie von Halefs Lager zu sich hin. Ich ging hinaus, vor die
Sulen, wohin inzwischen meine Kissen nach dem gewohnten Platz geschafft worden
waren. Dort setzte ich mich nieder.
    Ein Beduinenweib! Wie rhrend dieses angstvolle Suchen nach jenem
geheimnisvollen Wesen, dessen Hand uns den Schlssel zu dem Menschheitsrtsel
bietet, ohne da wir uns die Mhe geben, seinen Flgelschlgen so zu lauschen,
da wir den rechten Augenblick erfassen knnten, den Schlssel zu ergreifen. Der
Orientale besitzt mehr Hinneigung zum Metaphysischen, als der Abendlnder. Es
darf darum nicht wunder nehmen, da Hanneh, die nach unseren Begriffen fast
gnzlich Ungebildete, der aber neben einem ungewhnlichen Wissensdrange der
leicht und schnell auffassende Scharfsinn verliehen war, ein so lebhaftes
Interesse fr Dinge besa, welche jenseits des Bereiches unserer krperlichen
Sinne liegen. Sie hatte schon in uerer Beziehung Seltenes erlebt, und darum
war auch ihr inneres Leben reich gestaltet. Fr eine Frau von ihren
Eigenschaften lag es nahe, sich ber die Gesetze dieses Innenreiches klar zu
werden. Und da man Alles, was sich auf dasselbe bezieht, seelisch zu nennen
pflegt, so hatte sie eben die Seele zum besonderen Gegenstande ihres
Nachdenkens gemacht. Freilich waren ihre Gedankenwege ganz andere, als sie der
nchterne Occidentale einzuschlagen pflegt, der ja von seinen Zielen und Idealen
verlangt, von gleicher Nchternheit wie er selbst zu sein, doch pflegt ja wohl
ein Jeder gern zu behaupten, da nur der von ihm eingeschlagene Weg der einzig
rechte sei. Wohl dem, der vorwrts kommt! Wer aber, weil er den Wald wegen der
vielen Bume nicht sieht, vor lauter topographischer Gelehrsamkeit im Dickicht
stecken bleibt, dem ist allerdings ein nchternes Ueberlegen anzuraten, falls er
wirklich wnscht, endlich einmal in das Freie zu gelangen. -
    Um die Kuppen der Berge spielte jener sanfte, abschiednehmende Schimmer,
welcher der kurzen Dmmerung voranzugehen pflegt, weil er der Scheidegru der
fernen Abendrte ist, da lenkte der Schall von Hufschlag mein Auge dem Thore zu.
Kara und Tifl kehrten zurck. Bei ihnen waren der Scheik der Kalhuran und sein
Weib, die ich nicht kannte. Schakara hatte das Pferdegetrappel auch gehrt. Sie
kam aus der Halle. Als sie die Frau Hafis Arams erblickte, stie sie einen Ruf
der Ueberraschung aus und eilte die Stufen hinunter, um sie zu begren. Der
Scheik fragte, sobald er abgestiegen war, wo der Pedehr zu finden sei, und
wollte sich zu ihm fhren lassen. Er kam nach der Halle herauf, erreichte mich
aber nicht ganz, sondern hauchte auf der Mitte der Treppe nieder und schlo die
Augen. Seine Frau kniete mit Schakara erschrocken neben ihm nieder und nahm
seinen Kopf in ihren Arm.
    Ich kann nicht mehr! sagte er, ohne da er die Augen ffnete. Tragt mich
hinein!
    Tifl eilte fort und kam sehr schnell mit einigen Kurden zurck, welche den
vor unertrglichem Schmerz fast Ohnmchtigen durch die Halle in das Innere des
Hauses trugen. Die andern gingen mit. Kara allein blieb da. Ich fragte ihn, wer
die Beiden seien, die mit ihm gekommen waren. Er ging zunchst hinein, um nach
seinem Vater zu sehen, und kam dann, mir meine Frage zu beantworten, mit seiner
Mutter wieder heraus. Sie setzten sich zu mir, und dann begann er, sein
interessantes Erlebnis zu erzhlen.
    Er berichtete sehr sachgem und bescheiden. Es fiel ihm nicht ein, seine
Person hervorzuheben. Wenn es einer besonderen Betonung der Person bedurfte, so
lie er diesen Ton vielmehr nicht auf sich sondern auf Tifl fallen. Freilich
gelang es ihm nicht, in ruhigem Zusammenhange zu sprechen. Zwar ich hrte ihm
zu, ohne ihn zu stren, aber seine Mutter unterbrach ihn mit ungezhlten Fragen
und Bemerkungen. Ihr Liebling hatte ja etwas sehr Wichtiges erlebt, etwas, was
Hadschi Halef Omar, wenn er jetzt bei uns gewesen wre, ganz unvermeidlich eine
Heldenthat genannt htte, und diese That mute natrlich in mtterlichem
Stolze von allen Seiten auf das Sorgfltigste beleuchtet werden. Als er geendet
hatte, sah sie mich an und fragte:
    Du hast gehrt, oh Sihdi, was er, die Wonne meiner Augen, uns erzhlte. Nun
sag, was du an seinem Verhalten auszusetzen hast!
    Nichts, antwortete ich.
    Wirklich nichts?
    Nein.
    Glaubst du, da sein Vater, mein guter Hadschi Halef Omar, derselben
Meinung sein wrde?
    Ja.
    Ich danke dir! Denn das ist eine Anerkennung, welche gar nicht grer sein
knnte! Bedenke doch, wie jung er ist. Ihr beide aber seid erfahrene Mnner.
Wenn er so gehandelt hat, wie ihr selbst gehandelt httet, und du sagst ihm das,
so ist das ein Lob, zu dem ich nichts hinzuzufgen habe. Fr die Sorge aber,
welche die Mutter um ihn hegt, ist er doch wohl etwas zu verwegen gewesen. Man
soll Mut und Tapferkeit besitzen; aber man braucht sich doch nicht so mit aller
Gewalt der Gefahr auszusetzen.
    Hat er das gethan?
    Ja.
    Inwiefern?
    In sofern, als er so offen gesagt hat, da er der Gast der Dschamikun sei.
Es wre besser gewesen, wenn er das verschwiegen htte. Dann htten sie ihn
nicht als ihren Gefangenen betrachten drfen.
    Es ist in Wirklichkeit ja gar nicht dazu gekommen, da man ihn als solchen
behandelt hat.
    Aber man htte es sehr leicht thun knnen! Man war ja berechtigt, ihn
sofort zu tten, und da er keine anderen Waffen als sein Messer besa, htte er
sich gar nicht dagegen wehren knnen.
    So schnell geht das nicht!
    In der Regel nicht. Jedem Blutgerichte pflegt eine Verhandlung
vorauszugehen. Aber du weit ja ebenso gut wie ich, da es keine Regel giebt,
die nicht ihre Ausnahmen hat. Du hast Kara gelobt, und ich stimme in dieses Lob
so gern mit ein; dabei aber habe ich seine allzu groe Khnheit zu tadeln, ohne
zu bercksichtigen, ob du dich an diesem Tadel beteiligst oder nicht. Er mute
unbedingt verschweigen, da er jetzt zu den Dschamikun gehrt.
    Das htte, wie er ja selbst ganz richtig gesagt hat, ihn zu Lgen fhren
mssen.
    Lgen! Giebt es nicht Notlgen?
    Fr mich nicht.
    Freilich giebt es die. Man wird durch die Not dazu getrieben, und darum
sind sie erlaubt!
    So sagt man. Aber grad da es Notlgen gebe, das ist die grte aller
Lgen. Ich nenne sie anders.
    Wie?
    Feigheitslgen! Es ist gar nicht schwer, sich bei jeder Lge, die man
macht, einen zwingenden Grund zu denken, den man dann als Not bezeichnet. Aber
nicht diese grere oder geringere Not ist es, welche zu der Lge zwingt,
sondern die Feigheit, mit welcher man vor ihr die Flucht ergreift, verhindert
den furchtsamen Menschen, die Wahrheit offen zu bekennen. Es giebt keine Not,
und wre es sogar der Tod, die so gro wre, da die Folgen der Notlge nicht
noch weit ber sie hinauswachsen knnten. Das hat unser Kara trotz seiner Jugend
eingesehen, und darum ist es zwar sehr tapfer, aber noch vielmehr klug von ihm,
da er sich so fest vorgenommen hat, niemals, und wrde er auch noch so sehr zu
ihr gedrngt, eine Lge zu sagen.
    Aber wenn er sich nun durch sie das Leben retten kann? Sein Leben gehrt
doch nicht ihm allein, sondern auch mir und seinem Vater und uns allen. Er hat
alles, alles zu thun, um es sich und uns zu erhalten!
    Giebt es irgend eine Lge, von der er ganz bestimmt voraussagen knnte, da
sie es ihm retten werde?
    Da fragst du mich zu viel, Effendi. Es ist ja bei jeder Lge mglich, da
sie sofort erkannt und durchschaut wird.
    Sehr richtig! Und wird sie durchschaut, so verschlimmert sie nur die Lage.
Sie verzehnfacht das Mitrauen und verstrkt die Gefahr, die man durch sie
vermeiden will. Das ist aber noch das Geringste, was ich gegen sie zu sagen
habe. Die Lge, auch die Notlge, ist eine Mrderin. Sie ttet die
Selbstachtung. Und geradezu frchterlich ist es, da der Lgner gar nicht
bemerkt, da er diesen Selbstmord fortgesetzt an sich begeht. Grad er setzt gern
und stets den hchsten Trumpf auf seine Ehre. In Wirklichkeit aber fhlt er gar
wohl, da sie ihm vollstndig fehlt. Das macht ihn ungewi und mitrauisch gegen
andere. Der Glaube an sie geht ihm verloren. Er verliert das Vertrauen zur
Menschheit durch seine eigene Schuld, durch seine eigene Lgenhaftigkeit. Er hat
das moralische Band, welches ihn mit Allen vereinigte, freventlich zerrissen und
mu an jedem Augenblicke gewrtig sein, als rechtsloser Mensch, als
Ausgestoener behandelt zu werden.
    Wie du das sagst, o Effendi, klingt es schlimm!
    Jawohl! Aber auch das ist noch das Schlimmste nicht. Das Allerschlimmste an
der Lge sind die fliegenden Samen.
    Fliegende Samen? - Wie meinst du das?
    Es giebt Pflanzen, welche, wenn sie ausgeblht haben, in ihren Kronen
hunderte von kleinen, leichten Hrnchen erzeugen, die alle mit einem weien,
federfeinen Schirmchen versehen sind. Ein jeder Lufthauch, der so ein Schirmchen
fat, nimmt den daran befindlichen Samen mit sich fort, und da, wo er ihn fallen
lt, entsteht eine neue Pflanze. So ein Gewchs kann durch diese Art der
Verbreitung in kurzer Zeit fr eine ganze Gegend verderblich werden. Das Unkraut
verbreitet sich so, da es nur mit der grten Anstrengung wieder auszurotten
ist.
    Und so thut es auch die Lge?
    Ja. Sie ist grad dann am gefhrlichsten, wenn sie nicht entdeckt wird, wenn
der Lgner seinen Zweck erreicht hat, wenn die sogenannte Notlge die Not
scheinbar beseitigt hat. Da gedeiht die Lge in grter Heimlichkeit. Niemand
sieht sie stehen. Niemand vernichtet sie. Nur der Lgner kennt sie. Er pflegt
und hegt sie. Er sorgt dafr, da kein Mensch sie bemerkt. Er sieht darauf und
freut sich darber, da alle ihre Folgen und alle ihre Samen sich entwickeln.
Sind diese Folgen reif, so bleiben sie nicht an Ort und Stelle; sie werden
fortgetragen. Oft nicht weit, oft aber auch in groe Ferne. Dort lassen sie sich
nieder und beginnen zu wachsen und sich zu vermehren. Die Lge treibt tausend
neue Blten, die alle, alle wieder Lgen sind, deren Samen dann weitergetragen
werden, hierhin und dorthin, in Masse aber besonders auch wieder dorthin zurck,
wo die erste stand und so gute Pflege fand. Der Same dieser ersten fiel auch in
die Nhe. Er fand den besten Boden. Er wuchs und wuchs und brachte immer neue
Pflanzen. Der Lgner hat, nachdem ihm die erste Lge gelang, nicht wieder
nachzusehen. Jetzt kommt er hin und sieht zu seinem Schreck, da seine
Unwahrheit zum Unkraut geworden ist, welches alles Gute berwuchert. Die
Nachbarn werden laut, die ferner Wohnenden auch. Man fragt; man forscht, und man
entdeckt die Herkunft dieses Uebels. Da ist es nun um ihn fr alle Zeit
geschehen. Verstehst du mich, Hanneh?
    Beinahe, antwortete sie.
    Ja, das Unkraut kann man freilich stehen sehen, die Lge aber nicht, weil
sie keinen Krper hat. Aber ihr Gift verpestet nicht blo die Gedanken, sondern
auch die Worte und Thaten, und diesen ist es deutlich anzumerken, da sie bei
Lug und Trug entstanden sind. Man nennt die Lge einen hlichen Schandfleck an
dem Menschen; aber sie ist noch mehr: Sie ist die Mutter aller Uebel, die es
giebt. Es giebt wohl keine Missethat, welche nicht durch die Lge vorbereitet
oder wenigstens begleitet wird. Hanneh, meine Freundin, ich sage dir, da Kara
recht gehandelt hat, als er die Wahrheit sagte. Oder glaubst du, da man einer
Lge geglaubt htte?
    Wahrscheinlich nicht.
    Ganz gewi nicht! Er kam aus der Gegend der Dschamikun. Wre er so feig
gewesen, sie zu verleugnen, so wre das Mitrauen der Perser fr ihn schdlicher
geworden als die Wahrheit, die er ihnen so offen und ehrlich sagte. Sie nannten
ihn dieses Mutes wegen toll. Sie hielten ihn fr einen unbedachtsamen,
leichtsinnigen Menschen, mit dem sie leichtes Spiel zu haben glaubten. Nur darum
unterlieen sie jene Vorsichtsmaregeln, welche sie im andern Falle ganz gewi
getroffen htten. Der Scheik der Kalhuran hat es vor allen Dingen der
Wahrheitsliebe Karas zu verdanken, da er gerettet worden ist. Eine Notlge aber
htte diese Rettung hchst wahrscheinlich ganz unmglich gemacht. Oder meinst
du, hieran noch zweifeln zu mssen, wie du vorhin thatest?
    Nein. Du hast mir ja bewiesen, da ich Unrecht hatte. O, Sihdi, ich bin
keine Lgnerin; gewi bin ich das nicht; aber so hlich und so schdlich, wie
du es jetzt beschrieben hast, habe ich mir die Lge doch nie gedacht. Ich habe
mich stets vor ihr gehtet, denn ich war zu stolz, mich mit ihr abzugeben; nun
aber ist sie fr mich ebenso wie fr Kara, meinen Sohn, zur Unmglichkeit
geworden. Man tte mich; aber lgen werde ich nie! Geschlagen, geprgelt ist der
Scheik der Kalhuran worden! Und dann die lange Flucht! Der schnelle Ritt! Die
Sorge, angegriffen zu werden! Die Angst, nicht um sich, aber um sein Weib! Was
mu er ausgestanden haben! - Hat er geklagt?
    Nein, antwortete Kara. Sein Weib erwhnte einmal seine Schmerzen; da
gebot er ihr aber, zu schweigen. Er hat frchterlich gelitten. Hier aber brach
er endlich zusammen. Die Menschenkraft war zu Ende. Er ist ein Mann!
    Hier findet er die Pflege, die ihm ntig ist. Aber wird er vor der Rache
sicher sein?
    Ganz gewi, so lange er sich hier befindet.
    Denkst du, mein Sohn, da die Soldaten ihm bis hierher folgen werden?
    Sie kamen hinter uns ber den Sand; dann aber verloren wir sie aus den
Augen. Tifl hat sie unten angemeldet. Wenn sie kommen, werden sie niemand
berraschen. Aber es ist so still im hohen Hause, was wohl nicht der Fall wre,
wenn man sie hier erwartete.
    Du irrst, Kara, sagte ich. Siehst du die beiden Mnner, welche da unten
die Fackeln an die Pfhle stecken? Man will den Vorplatz erleuchten. Warum? Und
schau! Jetzt schafft man unsere Pferde fort, nach dem Garten, hinter welchem die
Weide liegt. Man braucht also den Platz. Fr wen?
    Kara und Hanneh hatten nicht auf diese Umstnde geachtet. Mir aber fielen
sie auf, obwohl es jetzt so dunkel geworden war, da man die da unten sich
bewegenden Gestalten kaum noch erkennen konnte.
    Da kam der Pedehr mit Tifl durch die Halle. Sie traten heraus zu uns.
    Also eile hinab, und sage es!
    Auf diese Worte des Ersteren sprang das Kind die Stufen hinunter, um sich
nach dem Dorfe zu begeben. Der Pedehr reichte Kara die Hand und sprach:
    Ich habe so Gutes ber dich gehrt. Du hast einen Freund von uns und eine
Tochter unseres Stammes gerettet. Ich danke dir! Der Platz hier vor euch wird
sich in kurzer Zeit sehr beleben. Bleibt hier! Was auch geschehe, ihr knnt ganz
ruhig sein. Der Ha ist bei der Liebe eingedrungen. Er wird sich ihr ergeben
mssen. Sie hat ihn nicht zu frchten, denn ihre Strke ist stets grer als die
seine.
    Ich fragte ihn nach dem Befinden des Kalhuran.
    Er bedarf der besten Pflege, antwortete er. Sein Unterkleid klebt am
gnzlich wunden Leibe. Er mute mit ihm sogleich in das Bad gelegt werden, damit
es sich von dem aufgesprungenen Fleische lse. Aber er ist stark. Vom Wundfieber
kann ich ihn nicht befreien, doch dann wird er, wie ich hoffe, schnell genesen.
    Und sein Weib? Dieser Schreck! Dann die Anstrengung des Rittes! Die
Aufregung wird sie aufrecht gehalten haben. Aber nun? Wie geht es ihr?
    Sie ist ein rstiges Weib: du brauchst keine Sorge um sie zu haben. Aber
unser Ustad war sehr betrbt ber sie.
    Warum?
    Das fragst du mich? Habe ich dir nicht mitgeteilt, da ein Dschamiki
niemals Menschenblut vergiet? Sie wird bestraft!
    Ich sah ihn unglubig an.
    Ja, nickte er ernst; sie wird bestraft! Das Leben des Menschen ist nicht
blo das, als was es von dem Durchschnittsmanne betrachtet wird. Es ist etwas
ganz Anderes. Es ist mehr, viel mehr als blo ein Existieren auf der Erde,
welches mit der Geburt seinen Anfang und mit dem Tode sein Ende nimmt. Ja, es
ist sogar auch mehr als blo ein Irgendwoherkommen zu der Erde und dann ein
Irgendwohingehen von der Erde! Es hat nmlich einen Zweck! Und wenn dieser Zweck
durch irgend einen unglckseligen Umstand, sei es, wie hier, durch eine ttende
Hand, nicht erreicht wird, so wird nicht nur das augenblickliche Leben, die
gegenwrtige Existenz vernichtet, sondern mit ihr auch alles, was seit Anbeginn
bis heut vorhanden war und unter unendlichen Kmpfen sich entwickelte, um
diejenige Form des Daseins zu erreichen, welche nun von der verbrecherischen
That zertrmmert worden ist. Mu da nicht selbst die grte, die hchste Liebe
als strafende Gerechtigkeit eingreifen?
    Als er dies sagte, stellte ich mir die Scene vor, welche dem Muhassil das
Leben gekostet hatte. Was htte wohl ich an der Stelle des Gepeitschten gethan?
Und seine Frau! Wie mute der Anblick der frchterlichen Schande, die man ihm
anthat, ihre ganze Natur empren! Sie handelte unter der Einwirkung des
Augenblickes, und weil dieser Augenblick ein blutiger war, so sprang auch das,
was sie that, als Erzeugnis des Momentes blutigrot gefrbt aus ihr hervor.
    Du sprichst von Strafe, sagte ich. Meinst du damit auch Hafis Aram
selbst?
    Nein. Er ist ein Kalhur. Ihn haben wir nicht zu richten.
    Gehrt sein Weib noch zu eurem Stamm?
    Ja. Die Dschemma117 der Dschamikun wird zusammentreten, um das Urteil zu
fllen.
    Wer wird der Vorsitzende dieser Versammlung sein?
    Ich.
    Nicht der Ustad?
    Nein. Er ist der geistliche Scheik des Stammes. Fr weltliche
Angelegenheiten bin ich es.
    Darf ich der Dschemma beiwohnen?
    Wir werden dich sogar auffordern, es zu thun.
    Darf ich mitsprechen?
    Ja, denn du bist als unser Gast ein Dschamiki, und wenn wir dich rufen,
beizuwohnen, so haben wir dich damit als wrdig anerkannt, das Vorrecht der
Aeltesten mit uns auszuben.
    So bitte ich, die Angeklagte verteidigen zu drfen!
    Du darfst es; jeder von uns darf es, denn welcher gerechte Richter knnte
nur Anklger und nicht zugleich auch Verteidiger sein? Uebrigens hat sich ein
besonderer Verteidiger bereits gemeldet.
    Wer?
    Der Ustad.
    Von dem du aber sagtest, da er ber die Angeklagte und das, was sie that,
betrbt sei.
    Diese seine Betrbnis wird der Verteidigung nicht den geringsten Eintrag
thun. - Da schau! Sie kommen!
    Man hrte die Schritte vieler Leute, welche zum Thore hereinkamen. Ich
konnte zwar nicht die einzelnen Gestalten unterscheiden, aber ich sah, da es
ihrer viele, ja sogar sehr viele waren. Der Pedehr ging zu ihnen hinab. Ich
vernahm aus dem Tone seiner Stimme, da er ihnen kurze, sehr bestimmte Weisungen
erteilte. Dann zerstreuten sie sich nach allen Seiten; wohin, das war in der
abendlichen Dunkelheit nicht zu erkennen.
    Hierauf wurden die Fackeln angezndet. Nun war der Platz in der Weise
erhellt, da man deutlich sehen konnte, was auf ihm vorging. Jetzt war er leer.
Nur Tifl allein stand da. Er kam bis an die unterste Stufe herbei und sagte zu
uns herauf:
    Sie kommen!
    Wer? fragte Kara.
    Die Soldaten.
    Doch nicht etwa alle?
    Alle! Man hat sie ruhig durch den Duar reiten lassen. Kein Mann ist ihnen
begegnet. Die Huser waren verschlossen. In den Zelten gab es nur einige Frauen,
welche ganz genau wuten, wie sie sich zu verhalten und welche Auskunft sie zu
geben hatten. Diese Perser werden sich wundern. Sie glauben, es kurz mit uns
machen zu knnen; wir aber werden mit ihnen noch viel krzer sein. Unser Pedehr
hat nachgeschaut, ob alles in Ordnung ist. Da kehrt er zurck.
    Der Genannte kam von der dem Garten entgegengesetzten Seite des Hauses her,
wo ich das Thor mit den uralten Sulenpfosten gesehen hatte.
    Ich war im Gefngnisse, sagte er, indem er die Treppe halb erstieg und
sich dort auf eine der Stufen niedersetzte.
    Es giebt hier bei euch ein Gefngnis? fragte ich verwundert.
    Fr uns nicht, denn wir brauchen keins. Aber fr Flle wie den, der sich
jetzt ereignen wird, sind Rume fr unwillkommene Gste vorhanden, deren wir uns
entledigen wollen.
    Die Soldaten sollen gefangen genommen werden?
    Ja.
    Und wenn sie sich wehren?
    Dazu finden sie gar nicht Zeit. Ich hre ihre Pferde. Sie sind also schon
in der Nhe und werden sogleich dort an dem Thore erscheinen.
    Wir schauten hin. Zunchst sahen wir zwei Frauen, welche sich von den
Persern sehr freiwillig hatten zwingen lassen, ihnen den Weg hier herauf zu
zeigen. Sie eilten sofort nach dem Garten, in welchem sie verschwanden. Hierauf
kamen die Offiziere, nmlich der Suari jzbaschysy118, der Mlazim ewwel119 und
ein Mlazim sani120. Der letztere hatte bei der Jagd auf Hafis Aram den Pa des
Kurirs zu bewachen gehabt, und darum hatten Kara und Tifl ihn noch nicht
gesehen. Hinter diesen Dreien folgten die Kavalleristen, denen die helle
Beleuchtung des Vorplatzes gar nicht aufzufallen schien. Auch wurde es von
keinem von ihnen beachtet, da, als sie alle herein waren, irgend jemand hinter
ihnen das Thor zumachte. Sie waren, ohne den geringsten Widerstand gefunden zu
haben, durch den ganzen Duar geritten und glaubten nun, hier oben auf dieselbe
Ergebung in das Unvermeidliche zu treffen. Die Dschamikun waren ihnen als Leute
geschildert worden, welche den Frieden liebten und so viel wie mglich jede
Streitigkeit vermieden. Es mute ja leicht sein, so unkriegerischen Menschen
einen solchen Schreck einzujagen, da sie sich in alles fgten, was man von
ihnen verlangen wollte. Hierzu stimmte der Umstand ganz besonders, da man nicht
die geringste Vorbereitung zum Widerstande bemerkte, sondern nur einige Personen
sah, welche auf der Treppe saen und auch ganz ruhig sitzen blieben. Auerdem
stand nur Tifl noch unten an den Stufen.
    Die Kavalleristen ritten in einer geraden Reihe auf und bildeten dann gegen
die Treppe Front. Die Offiziere kamen bis nahe an dieselben hin und stiegen da
von ihren Pferden. Als hierbei der Oberleutnant das Kind erblickte, rief er,
sich an den Rittmeister wendend, aus:
    Da steht der lange Kerl, der Halunke, der mit dabei war! Soll ich ihm
Fesseln anlegen lassen?
    Der Angeredete warf einen Blick auf Tifl und auf dessen Umgebung und
antwortete dann in verchtlichem Tone:
    Fesseln? Wie berflssig! Wir haben ja das ganze Haus mit allem, was da
wohnt, in unserer Gewalt!
    Und da - - da - - fuhr der Oberleutnant fort, indem er auf Kara zeigte,
da neben dem Weibe sitzt auch der Andere, der bei dem Langen war!
    La ihn sitzen! Auch er ist unser. Du siehst ja, da sich die Kerle vor
Angst gar nicht zu regen wagen. Wenden wir uns zunchst an den Alten da!
    Er meinte den Pedehr. Er trat bis an die letzte Stufe heran und richtete die
Frage an ihn:
    Du bist ein Dschamiki?
    Ja, antwortete der Gefragte, ohne aufzustehen.
    In diesem Hause wohnt der Mann, den ihr den Ustad zu nennen pflegt?
    Ja.
    Hole ihn!
    Das ist unntig.
    Warum?
    Er wird nicht kommen.
    Ich befehle es ihm!
    Du - - - du - - -?
    Dieser Frage wurde ein so ganz eigenartiger Ton gegeben, da der Rittmeister
darauf verzichtete, seinem Befehle Nachdruck zu verleihen. Er fuhr vielmehr,
sich zu erkundigen, fort:
    Es giebt hier einen alten Schech el Beled121, welcher Pedehr genannt wird?
    Ja. Aber er ist nicht blo Schech el Beled.
    Was noch?
    Er lt sich nur von den Bewohnern dieses Gebietes Pedehr nennen, weil er
sich als den Vater dieser seiner Kinder betrachtet. Fr jeden Fremden aber, also
auch fr dich, ist er Schir Alamek Ben Abd el Fadl Ibn ilucht Marah Durimeh122,
der Scheik der Dschamikun vom freien Volke der Bachtijaren.
    Als ich das hrte, erstaunte ich, denn ich hatte nicht ahnen knnen, da er
ein Groneffe meiner herrlichen Marah Durimeh sei. Warum hatte er mir das nicht
gesagt? Auf den Rittmeister machte diese Mitteilung freilich einen ganz andern
Eindruck. Er rief lachend aus:
    Welch ein Name! Wer kennt Abd el Fadl, und wer kennt diese Marah Durimeh!
Ich kenne nicht einmal diesen Schir Alamek! Kann ein Lwe der Sohn der Gte
sein? Lcherlich!
    Abd el Fadl heit nmlich Diener der Gte. Schir heit Lwe und ist in
jenen Gegenden ein Ehrentitel, den man sich durch bewiesene Furchtlosigkeit
erwirbt. Der Offizier fuhr fort:
    Ich habe mit dem Besitzer dieses langen Namens zu sprechen. Rufe ihn!
    Auch das ist unntig, antwortete der Pedehr.
    Warum?
    Ich bin es.
    Ah! Du?
    Er betrachtete ihn in zudringlich belwollender Weise und fgte dann in
befehlendem Tone hinzu:
    Steh auf! Ich komme im Namen des Schah-in-Schah. Man hat mich nicht sitzend
zu empfangen!
    Nimm diesen deinen Wunsch zurck!
    Es ist kein Wunsch, sondern ein Befehl!
    Hier hat niemand zu befehlen, als nur ich allein! Und so befehle ich dir,
mir zu beweisen, da du im Namen des Schah-in-Schah zu uns gekommen bist!
    Ich bin sein Offizier!
    Das ist kein Beweis. Hast du eine Schrift, von der eigenen Hand des
Beherrschers unterzeichnet?
    Da schlug der Offizier an seinen Degen und rief:
    Ich brauche keine Schrift von ihm! Ich schreibe meine Befehle selbst, und
dieser Sbel hier ist meine Feder. Pa auf, was gleich geschehen wird!
    Er drehte sich nach seinen Leuten um und gab ihnen den Befehl zum Absitzen.
Sie gehorchten. Nun lie er sie zu Fu so weit vorrcken, da ihre Linie ihn
beinahe erreichte. Es war also zwischen ihnen und ihren Pferden ein Zwischenraum
entstanden. Jetzt wendete er sich dem Pedehr wieder zu und sprach zu ihm weiter:
    Du siehst, welchen Nachdruck ich meinen Befehlen geben kann. Weit du,
warum wir kommen?
    Ja.
    Steh auf, sage ich! Man hat sich zu erheben, wenn ich spreche. Das hrtest
du bereits!
    Und du hast bereits gehrt, da ich dich warnte, an diesem Wunsche
festzuhalten!
    Eine Warnung? - Warum?
    Sobald ich mich erhebe, hast du dich zu erniedrigen!
    Du redest irre!
    Irre? Wohlan, so sollst du sehen, wer sich irrt. So lange ich noch sitze,
scheinst du der Herr zu sein; sobald ich mich erhebe, bin ich es in der That. So
war es verabredet. Du willst es haben. Gut, ich thue es!
    Er richtete sich auf und gab mit dem emporgehobenen Arm ein Zeichen. Was
hierauf folgte, ist nicht so schnell zu erzhlen, wie es geschah. Die bisher
versteckt gewesenen Dschamikun kamen nmlich infolge dieses Winkes von allen
Seiten herbei. Sie fllten im Momente den ganzen Zwischenraum zwischen den
Reitern und den Pferden aus. Sie warfen sich auf die ersteren, um sie zu
entwaffnen. Sie waren ihnen an Zahl so berlegen, da Widerstand eine Albernheit
gewesen wre. Auch wirkte die Pltzlichkeit dieses Ueberfalles so verblffend,
da den Persern die Waffen entrissen waren, noch ehe sie sich entschlossen
hatten, selbst nach ihnen zu greifen. Und das geschah von Seiten der Dschamikun
ohne allen Lrm, ohne jedes Geschrei, in vorher anbefohlener Schweigsamkeit. Die
Kavalleristen freilich waren nicht ebenso still. Sie brllten und fluchten; sie
wollten dreinschlagen, um wenigstens mit den Fusten nun das Versumte
nachzuholen. Aber bei jedem Einzelnen von ihnen standen mehrere Dschamikun,
welche die ihm entrissenen Waffen drohend auf ihn richteten. Es gab nur noch
eine kleine Weile ein Hin- und Herwogen zusammengedrngter Gestalten, einen
vereinzelten Ruf, eine zornige Verwnschung; dann trat auf dem Vorplatze eine
Ruhe, eine Stille ein, als ob die auf ihm stehende Menge nur aus friedlich
gesinnten Menschen bestehe.
    Auch bei uns an der Treppe spielte sich die Scene mit auerordentlicher
Schnelligkeit ab. Kaum war der Pedehr aufgestanden, so sprang Tifl zu den
Offizieren heran, ri dem Suari jzbaschysy und dem neben ihm stehenden Mlazim
sani die Pistolen aus den Grteln, richtete eine von ihnen auf sie und rief
drohend:
    Bewegt euch nicht, sonst schiee ich!
    Kara war zwar in das, was geschehen sollte, nicht eingeweiht, doch begriff
er augenblicklich, um was es sich handelte. Er schnellte sich von seiner Mutter
weg, die Stufen herunter und auf den Mlazim ewwel, bemchtigte sich seiner
Pistole, hielt sie ihm vor die Brust und sagte:
    Nicht ihr hattet uns, sondern wir haben euch; ich sagte es dir! Rhre dich
nicht, wenn du nicht willst, da ich schiee!
    Die drei vorher so siegesbewuten Offiziere wagten nicht, zu widerstreben.
Es war eine Ueberraschung sondergleichen, welcher sie und alle ihre Untergebenen
jetzt verfallen waren. Der Pedehr stand hoch aufgerichtet an seinem Platze und
berschaute den Erfolg.
    Fhrt sie ab! gebot er mit lauter Stimme. Es wird keinem etwas geschehen;
nur der, welcher sich weigert, wird sofort erschossen!
    Da setzten sich die untenstehenden Gestalten in Bewegung, hin nach dem alten
Thore zu, welches jetzt weit offen stand. Es ging zwar langsam, aber mit
ununterbrochener Regelmigkeit. Man hatte gehrt, da man an Leib und Leben
nichts zu frchten habe; das beruhigte jedes etwa noch vorhandene Bedenken; man
fgte sich. Es verschwand ein Perser nach dem andern in dem Raume, welchen der
Pedehr vorhin als Gefngnis bezeichnet hatte. Er sah jetzt die drei Offiziere
lchelnd an.
    Schnallt eure Sbel ab, und bergebt sie Tifl! gebot er ihnen, indem er
auf das Kind deutete.
    Sie gehorchten, ohne ein Wort zu sagen.
    So! sprach er. Jetzt habt ihr gesehen, was es heit, wenn man es wagt,
von dem Scheike der Dschamikun zu verlangen, sich vor einem unwillkommenen
Menschen von seinem Sitze zu erheben. Nun steht ihr so vor mir, wie es sich fr
solche Leute schickt und ziemt. Ich kann mich also wieder setzen, Kara und Tifl
neben mir. Die Eindringlinge aber bleiben stehen!
    Er lie sich auf seinen vorigen Sitz nieder. Die beiden Genannten nahmen bei
ihm Platz, der bescheidene Tifl eine Stufe tiefer.
    Ich stehe nicht, sondern ich gehe! rief der Rittmeister zornig aus.
    Wohin? fragte der Pedehr.
    Fort!
    Wenn du deine Leute im Stiche lassen willst, so kannst du es ja thun. Ich
halte dich nicht, sondern ich erlaube dir, im Namen des Schah-in-Schah feig die
Flucht zu ergreifen. Es werden zwei meiner Dschamikun mitgehen, um dich zum Duar
hinauszufhren. Das Zurckkehren ist dir dann streng verboten!
    Mitgehen?
    Ja.
    Du meinst, mitreiten!
    Nein, du wirst laufen.
    Fllt mir nicht ein!
    Versuche doch, es zu ndern! Wer bewaffnet die Grenze der Dschamikun
berschreitet, ohne unsere Erlaubnis zu besitzen, der ist uns mit allem, was er
bei sich hat, verfallen. Es ist eine Gnade von mir, wenn ich dir die Freiheit
schenke. Pferd und Waffen gehren uns. So lautet der Vertrag, den der
Beherrscher mit unserm Ustad eingegangen ist. Ihr erklrtet unsere vier Pferde
fr eure Beute, obwohl euch von ihren Reitern nichts geschehen war. Ihr aber
kamt in schlimmer Absicht zu uns; ihr wagtet es, die Herren zu spielen, mir hier
befehlen zu wollen. Es ist ganz folgerichtig, da nun wir von Beute sprechen.
Der einzige Unterschied ist, da alle eure Gule zusammen nicht so viel wert
sind wie ein einziges von unsern edlen Tieren.
    Was wir besitzen, gehrt nicht uns, sondern dem Schah-in-Schah! behauptete
der Rittmeister.
    Auch alles, was ihr den Kalhuran raubtet? Ihr habt es wieder herzugeben.
Man wird eure Taschen untersuchen, eure Kleider, alles, was ihr bei euch habt.
Ich lasse Kalhuran kommen, welche dies thun. Ihre Herden, die ihr fr euer
Eigentum erklrtet, werdet ihr ihnen nun wohl lassen mssen, denn der Muhassil
ist tot, und vor seinen Soldaten, welche, wenn ich sie freigegeben habe, sich
ohne Pferde und Waffen von Mitleid zu Mitleid betteln mssen, braucht sich
niemand mehr zu frchten!
    Die Offiziere sahen einander betroffen an. Das hatten sie nicht erwartet!
Und nun, grad jetzt, geschah etwas, aus dem sie erkannten, da es dem Pedehr
sehr ernst mit seinen Worten war. Nmlich die Dschamikun hatten ihre Gefangenen
untergebracht. Eine bestimmte Anzahl von ihnen war zu deren Bewachung beordert.
Andere verbreiteten sich ber den Platz, um zum Dienste des Pedehr bereit zu
sein. Die brigen aber setzten sich, als ob dies etwas ganz Selbstverstndliches
sei, auf die Soldatenpferde und ritten auf oder mit ihnen zum Thore hinaus und
nach dem Dorfe hinunter. Das war natrlich alles vorher so bestimmt worden. Es
bedurfte hierzu weder eines Befehles noch irgend einer Frage. Dennoch aber hatte
der Pedehr bei der Entwerfung seines Verteidigungsplanes einen groen Fehler,
eine Unterlassungssnde begangen. Er hatte etwas nicht mit in Betracht gezogen,
was von einer andern und zwar hchst wichtigen Person fr ungeheuer wesentlich
gehalten wurde. Diese Person war unsere vortreffliche Pekala.
    Eben als der letzte der Dschamikun zum Thore hinausgeritten war, leuchtete
vom Garten her das weie Gewand der Festjungfrau in unseren Augen. Sie nahte
sich der Treppe, langsam, zgernd, jetzt bedachtsam berlegend, ob sie ihre
Absicht ausfhren drfe, dann aber wieder einige sehr energische Schritte
vorwrts machend. Das erregte unser aller Aufmerksamkeit. Tifl stand von seinem
Sitze auf und fragte ihr entgegen:
    Suchst du vielleicht mich, meine gute Pekala?
    Da kam sie schnell vollends herbei und antwortete:
    Nicht nur dich, sondern euch alle.
    Sich hierauf an den Pedehr besonders wendend, fuhr sie in klagendem Tone
fort:
    Was habe ich dir gethan, o Pedehr, da du mich heut so ganz vergessen hast?
Ich mchte meine Augen in Thrnen baden, ganz so, wie mein Herz in Wehmut und
Jammer gebadet ist!
    Warum denn solches Herzeleid? fragte er lchelnd.
    Es luft mir alles ber!
    So la doch das Feuer kleiner werden!
    Dann wird sie zu dick; sie dmpft mir ein!
    Wer?
    Die Suppe!
    Ah, die Suppe! Liebe Pekala, die ist jetzt Nebensache. La das Feuer
ausgehen!
    Da schlug sie die kleinen, fetten Hnde zusammen, da es nur so klatschte,
lie das Weie ihrer Aeuglein sehen und rief im Tone fachmnnischer Entrstung
aus:
    Das Feuer ausgehen! Da erkaltet sie mir doch zu Kleister, den ich durch
keine Hitze wieder geniebar machen kann! Sie war zur Zeit des Abendessens
fertig, denn ich hatte mir die grte Mhe gegeben, weil grad der Frenk
maidanosu die allergrte Pnktlichkeit verlangt. Ich richtete alles mit der
grten Liebe vor. Ich freute mich auf die Bewunderung meines gelungenen Werkes.
Und nun stehe ich ganz allein in meiner Kche, welche die berflssigsten
Wasserdmpfe weint, und kein Mensch hat Zeit und Lust, zu genieen, was ich mit
meiner grten Kunst fr alle, die ich ernhren mu, bereitet habe!
    Das ist nicht zu ndern, meine gute Pekala. Wir haben an Wichtigeres als an
deinen Frenk maidanosu zu denken!
    Wichtigeres? Du scherzest, o Pedehr! Mein Kerbel wurde gepflckt, noch ehe
an die Soldaten zu denken war; er geht ihnen also vor! Er mu gereinigt,
gewaschen, geschnitten, gewiegt und gekocht werden; sie aber bleiben, wie sie
sind; er geht ihnen also vor! Wenn er zu lange in der Hitze steht, so verdirbt
er, weil er seinen Wohlgeschmack verliert; an den Soldaten aber ist berhaupt
nichts mehr zu verderben; er geht ihnen also vor. Tifl hat gewut, da es
Kerbelsuppe giebt; Kara Ben Nemsi hat es gewut; Kara Ben Halef hat es erfahren;
Hanneh, seiner Mutter, habe ich es sagen lassen; durch das ganze Haus ist diese
beglckende Nachricht gegangen, und nun sie, die hei Ersehnte und wunderbar
Gelungene fertig ist, bin ich allein anwesend, um ihren Triumph zu feiern,
whrend ihr die Schande angethan wird, die Verachtung aller Abwesenden zu
erfahren. Ich bin entrstet, o Pedehr! Ich habe nicht verdient, da ich grad so
entwaffnet und grad so verchtlich behandelt werde wie diese drei jammervollen
Sklaven des Muhassil, welche so weinerlich vor dir stehen, als ob der letzte
Rest ihres Mutes im Begriffe stehe, vor lauter Herzensangst grad so wie meine
Kerbelsuppe aus dem Topfe herauszulaufen! So! Das war es, was ich dir sagen
wollte. Und nun entscheide du jetzt, wer wichtiger ist, mein Frenk maidanosu
oder sie!
    Die verchtliche Handbewegung, welche sie den Offizieren hinberwarf, konnte
gar nicht geringschtzender sein. Sie schickte ihnen noch einen, ihrer Ansicht
nach vollstndig vernichtenden Blick zu, lie dann die Augenlider entrstet
niederfallen und wendete sich hierauf in einer Weise von ihnen ab, als ob diese
Leute gar nicht mehr fr sie vorhanden seien.
    Vorhin hatte der Pedehr ber Pekala gelchelt; jetzt aber war sein Gesicht
sehr ernst geworden. Hatte er etwa das gleiche Gefhl mit mir?
    Er war jedenfalls geneigt gewesen, die drei Perser als Offiziere zu
behandeln. Grad als Pekala erschien, hatte er im Begriffe gestanden, eine mehr
oder weniger eingehende Aussprache mit ihnen herbeizufhren. Aber waren sie das
wert? Gab es bei ihnen berhaupt eine ethische Frage, an welche er anzuknpfen,
auf welche er einzugehen, die er mit ihnen zu behandeln hatte? Ich gestehe, da
ich selbst auch ebensowenig wie er hieran gedacht hatte. Da wurde diese geistig
einfache und bescheidene Festjungfrau von der Sorge um ihren gefhrdeten Frenk
maidanosu herbeigefhrt, um uns in ihrer drastischen Weise die Herren
Offiziere derart wahrheitsgetreu zu zeichnen, da wir uns der Wirkung ihrer
Strafrede nicht entziehen konnten. Der Pedehr stand auf und rief einige Namen
ber den Platz hinber. Die genannten Dschamikun kamen herbei.
    Fhrt diese drei Mnner auch fort! gebot er ihnen.
    Wohin? fragte der Rittmeister.
    Zu euren Leuten.
    Zu ihnen? - Wir sind Offiziere!
    Ja; ihnen in allem Bsen voran! Fort mit euch!
    Du wolltest uns ja gehen lassen!
    Ihr seid aber nicht gegangen. Fort!
    Um nicht von den Fusten der Dschamikun zum Gerhorsam gezwungen zu werden,
ergaben sie sich in das Unvermeidliche und schritten unter deren Bedeckung dem
mehrfach erwhnten Thore zu.
    Nun, Pekala? fragte der Pedehr, indem sein frheres Lcheln wiederkehrte.
    O, mein guter, guter Pedehr! antwortete sie.
    Bist du zufriedengestellt?
    Grad so sehr, wie ich dich und euch alle zufriedenstellen werde. Ich danke
dir! Die Kerbelsuppe wartet nur noch auf den letzten, verklrenden Gu des
kochenden Wassers. Ich eile, ihn ihr beizubringen!
    Schon wollte sie fort. Da kam ihr ein Gedanke. Sie sprang mehr, als sie
stieg, die Stufen zu mir herauf, neigte sich mir mit wichtiger Miene zu und
fragte:
    Giebst du mir nun recht, Effendi?
    Worin? fragte ich.
    Da die Mnner alle noch der Erziehung bedrfen?
    Hm!
    Sogar - - - aber das sage ich ganz leise, und du verschweigst es ihm - - -
sogar zuweilen auch unser Pedehr?
    Hm!
    Du sollst nicht blo brummen, sondern mir eine deutliche Antwort geben!
    Wenn dein Frenk maidanosu gut ist, bekommst du sie, sonst aber nicht.
    So ist sie mir gewi. Ich fliege nach meiner Kche!
    Und sie flog! Ihre helle Gestalt schien den Boden nicht zu berhren, und die
weien Falten ihres Gewandes wehten wie Flgel hinter ihr.
    Ihr werdet sie schon noch kennen lernen, scherzte der Pedehr. Sie greift
zuweilen derart in die Zgel der Regierung ein, als htte sich jedermann, vom
Ustad an bis zum kleinsten Pferdehter herab, als ihren Tifl zu betrachten. Wir
aber sind damit gern einverstanden. Sie hat ein eigenes Gefhl fr den rechten
Augenblick.
    Diese seine letzteren Worte interessierten mich. Auch ich lernte whrend
unsers Aufenthaltes im hohen Hause Pekala von dieser Seite kennen. Es giebt
glcklicherweise nicht wenige solcher Leute. Wohl dem Menschen und wohl auch
seiner Umgebung, der, wie der Pedehr sich ausdrckte, ein eigenes Gefhl fr
den rechten Augenblick besitzt! Aber was heit das? Sind diese Worte der
richtige, treffende Ausdruck fr das, was sie eigentlich sagen sollen? Nein! Man
bedient sich hierfr oft auch des Ausdruckes Instinkt; man sagt, da derartige
Personen instinktiv handeln. Aber was ist Instinkt? Naturtrieb! Was versteht man
unter Natur? Man spricht auch von einer geistigen Natur. Was heit
natrlich? Krperliches, Geistiges, Seelisches kann natrlich sein! War es
eine Folge des Instinktes, des Naturtriebes, da Pekala grad in dem Augenblicke
bei uns erschien und dem Ereignisse eine so unerwartete Wendung gab, an welchem
wir mit den drei Personen auf dem toten Punkte standen? Gewi nicht! Sie
befand sich in ihrer Kche und wute gar nicht, was hier bei uns gethan oder
gesprochen wurde. Mancher bringt die Ahnung mit dem Instinkte in Verbindung.
Hatte Pekala etwas geahnt? Nein! Auch pflegt man instinktiv und unwillkrlich
gleichzustellen. Hatte Pekala die Kche unwillkrlich verlassen? War ihre
Strafrede eine unwillkrliche Mitteilung? Auch nicht! Man beobachte die
Personen, welche jenes Gefhl fr den rechten Augenblick besitzen! Man wird da
oft von feinem Sinn, von Zartgefhl, von Takt und dergleichen sprechen; man wird
das, was sie thun, ihrer besonderen Einsicht, ihrer Unterscheidungsgabe, ihrer
Scharfsichtigkeit zuschreiben: aber alle diese Ausdrcke sind unzureichend, und
selbst wenn man das, was sie bedeuten, addieren knnte und dann die Summe
prfte, so wrde man finden, da dieses Exempel ein ganz falsches sei.
    Turenne sagte einst zu einem seiner Generale: Ihr kommandiert nicht,
sondern ihr werdet kommandiert! Ist die Ahnung fr den rechten Augenblick
eine Thtigkeit von mir, oder wird sie mir gegeben? Ist es richtig, zu sagen,
da ich ahne, oder habe ich zu sagen, da mir diese Ahnung irgendwoher komme?
Ich handle unwillkrlich, also ohne Willkr, ohne Willen. Der Antrieb kommt
nicht von mir. Von wem sonst? Jedenfalls von einer Seite, auf welcher es grere
Einsicht giebt, als ich besitze! Und diese auer mir existierende und auf mich
wirkende grere Klugheit soll ich als einen in mir verhandenen Naturbetrieb
bezeichnen? Nein! Wer aber ist der Turenne, der mich im rechten Augenblicke
vorwrts kommandiert? Wie schaut er aus? Wo ist der erhabene Punkt, von welchem
aus er, was ich denke, will und thue, dirigiert? Ist er jenes fr uns leider
noch so auerordentliche unbekannte Wesen, welches wir die Seele nennen? Wenn
diese Seele sowohl in uns als auch auerhalb von uns in der Weise thtig ist,
da beide Arten dieser Thtigkeit in innigem Zusammenhange miteinander stehen,
so ist es erklrlich, warum wir die uns von auen her gegebene Ahnung fr eine
innere Thtigkeit von uns selbst halten. Und es gilt hierbei, der Wahrheit gem
zuzugeben, da der Turenne da drauen unendlich mehr berschaut, als unser
schwacher, blder Blick erfassen kann. Das sind nicht etwa metaphysische
Schlsse, sondern sie grnden sich auf tglich sich wiederholende Vorkommnisse
in Innern meiner vor aller Augen existierenden Persnlichkeit. Wer nicht gelernt
hat, die Vorgnge seines innern Lebens ebenso unausgesetzt wie scharf und
unbefangen zu beobachten und zu vergleichen, dem wird es allerdings bequemlich
sein, sehr vieles, was er nicht zu begreifen versteht, ganz einfach postlagernd
nach dem Reiche des Uebersinnlichen zu adressieren, damit er, der physisch gern
Bequeme, hinter seinem eigenen Schalter ruhig schlafen knne. -
    Als der Pedehr sich entfernt hatte, holte Tifl fr Hanneh, Kara und mich ein
niedriges Serir123 und brachte uns dann die von Pekala so energisch verteidigte
Frenk maidanosu-Suppe, welche wir zusammen aen. Dann ging ich schlafen, denn
der heutige lange Aufenthalt in der ozonreichen, freien Luft hatte mich ermdet.
    Als ich am nchsten Morgen erwachte, war Kara schon wieder ausgeritten, doch
ohne Tifl, weil dieser durch verschiedene Besorgungen in Betreff der gefangenen
Soldaten zurckgehalten wurde. Halef war einmal fr kurze Zeit aufgewacht. Er
hatte mit Hanneh gesprochen. Es waren zwar nur wenige Worte gewesen, aber so
lieb und klar, da die Gute sich ganz glcklich ber diesen Fortschritt fhlte.
Als Schakara mir das Frhstck brachte und ich mich nach dem kranken Scheik der
Kalhuran erkundigte, antwortete sie:
    Er befindet sich in guter Pflege, denn seine Frau weicht fast keinen
Augenblick von seiner Seite. Unser Pedehr kennt eine gute Salbe, welche die
Schmerzen der Wunden stillt. Hafis Aram wird wahrscheinlich nur wenige Tage das
Lager zu hte haben.
    Wie steht es mit den Soldaten?
    Sie stecken drben im Gewlbe. Sie wollten uns vorschreiben, wie sie zu
behandeln seien, haben aber zur Antwort bekommen, da man sich genau so zu ihnen
verhalten werde, wie sie es verdienen. Man wird heut wohl einige von ihnen
laufen lassen.
    Einige?
    Ja. Gbe man sie alle zu gleicher Zeit frei, so knnten sie durch ihre
groe Zahl den zerstreuten Bewohnern des Gebirges schdlich werden. Darum wird
man von Tag zu Tag nur wenige auf einmal freigeben, und auch diese werden zu
Pferde nach so verschiedenen Richtungen ber die Grenze gebracht, da es ihnen
gewi schwer werden sollte, sich zusammenzufinden. Die Offiziere kommen zuletzt
daran. Auch sind heut frh Boten ausgesandt worden, welche dafr zu sorgen
haben, da jedermann vor den etwa diebisch Herumstreifenden gewarnt werde. Wen
man entlt, dem wird vorher alles abgenommen, was ihm nicht zu gehren scheint.
Man hat sie alle ausgesucht und da auerordentlich viel gefunden, was den
Kalhuran von ihnen abgezwungen worden ist.
    Diese sind natrlich auch benachrichtigt worden?
    Gewi! Das war ja das allererste, was gethan werden mute! Sie brauchen nur
zuzugreifen. Was man ihnen unter dem Vorwande der Steuern weggenommen hat, das
wird nur von ein paar zurckgebliebenen Soldaten bewacht. Diese wird man einfach
fortjagen. Sie sind fast alle keine Muhammedaner, sondern Armenier aus der
Vorstadt Dschulfa bei Isfahan.
    So werden sie dorthin gehen und Lrm machen. Dann kommt ein neuer und noch
viel schlimmerer Muhassil zu den Kalhuran!
    Schlimmer als dieser Omar Iraki war, kann keiner sein! Auch hat unser Ustad
noch whrend dieser Nacht einen Bericht geschrieben, welchen sichere Boten zu
dem Beherrscher bringen. Eine Abschrift davon bekommt der Hekim-i-Schera124 von
Isfahan. Du stehst also, da nichts versumt worden ist, was uns von der
Vorsicht gebotet wird. Wir haben nichts, gar nichts zu befrchten, denn der
Schah-in-Schah hat unsern Ustad lieb, und wir wissen gar wohl, da unsere
Gefangenen gar keine eigentlichen Soldaten sind.
    Gesindel, welches der Muhassil zusammengetrommelt hat!
    Ja. Nicht einer von ihnen trgt eine wirkliche Uniform. Sie knnen nur froh
sein, da wir sie nicht allesamt dahin schicken, wohin wir die Massaban
geschickt haben. Wahrscheinlich htten wir es gethan, wenn es nicht zu viele
Mhe machte. Es bedarf dazu einer ganzen Schar von Leuten, welche den Transport
zu fhren und zu bewachen haben. Mein Oheim hat also hierauf verzichtet.
    Oheim! Es war zum erstenmal, da sie sich einer Bezeichnung der
Verwandtschaft bediente. Ich wute seit gestern wohl, wen sie jetzt meinte, that
aber doch, als ob es mir unbekannt sei, und fragte:
    Du hast einen Oheim hier?
    Ja. Weit du das noch nicht? Habe ich es dir noch nicht gesagt? Ich knnte
sogar von zweien sprechen.
    Darf ich erfahren, wer es ist?
    Unser Pedehr. Sein Vater Abd el Fadl war der Sohn einer Schwester unserer
Marah Durimeh.
    Und der zweite Oheim?
    Das ist der Ustad selbst. Auch er ist mit Marah Durimeh verwandt; aber wie,
das wei ich nicht genau.
    Hast du ihn nicht einmal gefragt?
    Ich that es einst. Es war da drauen vor der Halle, da, wo du jetzt des
Abends zu sitzen pflegst. Wir waren allein und sprachen von ihr. Da fragte ich
ihn. Er antwortete nicht sogleich. Er sah so lange und so still hinber nach
unserm Gotteshause, welches im Mondenscheine wie ein frommes Mrchen aus dem
Paradiese lag. Dann legte er mir die Hand auf das Haupt und sagte: Meine
Verwandtschaft mit Mara Durimeh? Was weit du, liebes Kind, von dem, was
eigentlich Verwandtschaft ist! Sie ist nicht leiblicher Natur. Der Krper,
welcher sich fort und fort erneuert, bleibt nicht derselbe Leib, den uns die
Mutter gegeben hat. Er verndert zwar nicht die Gestalt, doch stets und
ununterbrochen die Stoffe, aus denen er zusammengesetzt ist. Er nimmt sie auf
und giebt sie ab, beides zu gleicher Zeit. Der Krper, in dessen Ohr du heut das
liebe Wrtchen Vater rufst, ist durch die Ausscheidung seiner jetzigen und die
Aufnahme neuer, ihm ganz fremder Bestandteile nach zwei Jahren ein vollstndig
anderer geworden, und du aber nennst auch diesen gnzlich fremden noch deinen
Vaters. Der Stoff also ist es nicht, der uns befreundet. Doch aber aus dem
Mutterherzen flo dem Kinde, bis es geboren wurde, mit jedem Pulse das Leben zu.
Und aus dem Elternherzen strahlte ihm die Liebe, die es nhrte, pflegte und
auferzog, um es in dem ebenso tglich und immerfort sich erneuernden
Menschheitskrper Aufnahme finden zu lassen. Ist es nicht diese Liebe, welche
befreundet? Und nimmt also an dieser Verwandtschaft nicht die ganze Menschheit
teil? Der Krper, den heut unsere Marah Durimeh besitzt, ist mir vollkommen
fremd; er hat mit dem meinigen nichts, als die menschliche Form gemein. Und was
verbindet diese beiden Gestalten mit den lngst verwesten Krpern unserer Ahnen?
Nichts, nichts und wieder nichts! Das, was ich Verwandtschaft nenne, besteht nur
und allein in der liebenden Zuneigung zwischen Geist und Geist, zwischen Seele
und Seele. Kann ich da aber von Onkel und Tante, von Neffe und Nichte sprechen?
Giebt es da Vater und Mutter, Sohn und Tochter? Wenn ein groer, hoch
entwickelter Geist einen kleinen, unentwickelten an sich zieht und zu sich
emporhebt, ist der eine dann der Vater und der andere der Sohn? Oder wenn eine
zarte, kindlich schwache Seele sich an eine gottbegnadete, starke schmiegt, um
bei ihr Schutz und Sicherheit zu finden, ist die eine dann die Mutter und die
andere die Tochter? Trachtet dein Geist, den meinen zu begreifen, so wirst du
mir mehr und mehr verwandt, und verbindet deine Seele sich immer inniger und
inniger mit der meinen, so treten wir uns durch diese Freundschaft nher, als
wir durch die krperliche Geburt uns nhern konnten; aber in keiner Sprache der
Menschen giebt es passende Worte, die Grade dieser geistigen und seelischen
Verwandtschaft zu bezeichnen. Ich sage dir ein groes Geheimnis, mein liebes
Kind: Es kann ein neuer Geist von einem oder einigen anderen geboren werden;
Seelen aber stammen nicht von Menschenseelen, sondern nur allein von Gott, dem
Herrn! Mein Leib und Marah Durimehs Leib gehen einander nichts an, obwohl wir
gleiche Ahnen haben. Unsere Seelen kamen von Chodeh. Aber mein Geist wurde aus
dem ihrigen geboren. Willst du nun noch fragen, ob ich vielleicht ihr Vetter
oder wohl ihr Neffe sei? - - So oder hnlich antwortete mir der Ustad. Ich habe
viel darber nachgedacht und endlich es begriffen. Begreifst du es auch,
Effendi?
    Ja. Sein Geist verschmht schon lngst die Oberflche des Lebens; er
schpft nur aus der Tiefe. Und seine Seele wurde zwar in das Thal gesandt, nun
aber wohnt sie hoch oben auf dem Berge. Wie glcklich seid ihr, in ihm ein
Vorbild zu besitzen, nach welchem ihr, ungestrt von andern, streben knnt!
    Habt ihr nicht auch Vorbilder? Strebt ihr ihnen nicht nach?
    Unser Leben ist unendlich vielgestaltig. Ueber tausend, tausend
Nichtigkeiten stolpert unser Fu. Der eine beschimpft, was dem andern heilig
ist. Es giebt kein Ideal, welches nicht von feindlicher Seite mit Schmutz
beworfen wrde. Jeder hlt allein nur sich fr klug. Keiner ist nur allein
Mensch, sondern hauptschlich etwas Anderes. Alle verlangen, da ihnen vergeben
werde, aber wo ist der, der auch selbst vergeben will? Wer - - -
    Ich hielt inne. Beinahe erschrak ich ber mich selbst. Ich htte ja
stundenlang in diesem Tone fortfahren knnen, aber was sollte da Schakara von
unserm schnen, stolzen Abendlande denken! Durfte ich so unvorsichtig sein, von
Dingen zu sprechen, welche ich hier unbedingt zu verschweigen hatte? Die junge,
unverdorbene Kurdin sah mich, als ich so pltzlich schwieg, fragend an. Ich
ffnete schon den Mund, um von etwas Anderem anzufangen, da glitt ein
verstndnisvolles Lcheln ber ihr Gesicht, und sie sagte:
    Ich wei, ich wei, Effendi! Es ist bei euch nicht alles so, da wir es
wissen drfen. Christen gegen Heiden, Christen gegen Juden, Christen gegen
Christen, so sieht es bei euch aus. Und alle, alle, alle diese Feindseligkeit
nur um des wahren Christentumes willen! Wir wissen es; du brauchst es nicht zu
verschweigen. Ein einziges Wort Christi, welches dieser so und jener anders
deutet, kann bei euch die Liebe, welche der Heiland predigte, in den grimmigsten
Ha verwandeln. Wir haben gehrt von - - - doch, du hast ja geschwiegen, und da
habe auch ich still zu sein. Wirst du heut wieder hinaus auf den Platz gehen?
    Ja, und zwar sogleich.
    So werde ich dir die Kissen hinausschaffen lassen. Soll ich dich fhren?
    Nein. Ich danke dir! Der Stock gengt vollstndig.
    Ich stand auf und ging zunchst zu meinem Hadschi Halef Omar hin. Sein
Gesicht gefiel mir heut mehr als gestern. Hanneh sah, da ich mich freute. Sie
gab mir froh die Hand. Hierauf begab ich mich hinaus, die Stufen hinunter und
dorthin, wo ich gestern gesessen hatte. Noch war ich nicht lange da, so kam
Pekala. Sie hatte in der einen Hand ein Krbchen mit Pflaumen und in der andern
einige Rosen.
    Ich habe auf dich gewartet, Effendi, sagte sie. Unser Ustad sendet dir
diese Frchte, und ich lege diese Rosen hinzu, weil du beide, die Frchte und
die Blumen, liebst.
    Sag dem Ustad meinen Dank; dir gebe ich ihn selbst!
    Du sollst tglich welche haben, so lange es welche giebt. Erlaubst du mir
nun eine Frage?
    Gern. Aber welche?
    Ich mchte so gern wissen, ob du gestern abend mit meiner Frenk
maidanosu-Suppe zufrieden gewesen bist.
    Sie war gut.
    Wirklich?
    Ja.
    Erinnerst du dich an das, was du mir versprochen hast, falls sie dir
schmecken wrde?
    Ah! Du meinst die Erziehung?
    Ja. Du versichertest, mir eine Antwort zu geben.
    Nun wohlan!
    Ich machte eine sehr ernste Miene und fuhr fort:
    Ich gebe dir zu, da du recht hast: Wir Mnner bedrfen noch alle der
Erziehung!
    Oh, Effendi, wie bist du verstndig und einsichtsvoll! Was du sagst, ist
immer richtig! Ihr habt noch viel zu lernen!
    Aber wir werden es lernen, damit wir dann auch die Frauen erziehen knnen.
    Wen? fragte sie rasch.
    Die Frauen. Oder meinst du, da es besser fr euch sei, unerzogen zu
bleiben?
    Effendi, jetzt hre ich, da das, was du sagst, doch nicht immer richtig
ist!
    Das schadet nichts, liebe Pekala. Wir irren alle. Du nicht zuweilen auch?
    Ja, zuweilen; aber in Betreff der Erziehung wei ich, was ich wei. Da
kommt unser Pedehr. Er scheint zu dir zu wollen. Erlaube, da ich gehe!
    Sie entfernte sich, um in ihre Kche zurckzukehren. Der Pedehr kam die
Stufen herunter und zu mir her. Ich bot ihm eines der Kissen an, und er setzte
sich nieder. Er erzhlte mir in Beziehung auf die gefangenen Soldaten, was ich
bereits von Schakara erfahren hatte. Da kam das Kind von links, wo sie
steckten, herber und meldete ihm, da der Suari Jzbaschysy behaupte, sehr
notwendig mit ihm zu sprechen zu haben. Er erhielt die Weisung, ihn zu holen.
    Als der Rittmeister gebracht wurde, war sein Auftreten keinesweges so
selbstbewut wie gestern, als er kam. Er hielt den Kopf gesenkt. Der Stolz war
ihm benommen; aber aus seinem Auge sprach der zurckgehaltene Grimm.
    Was willst du von mir? fragte der Pedehr.
    Alles! antwortete er.
    Was verstehst du unter diesem Alles?
    Alles, was ihr uns abgenommen habt; dazu die Waffen, die Freiheit und die
Pferde!
    Wenn du nichts weiter willst als das, so kannst du wieder gehen. Was wir
haben, das behalten wir.
    Es gehrt aber uns!
    Euch?
    Ja.
    Sagtest du gestern nicht, da es das Eigentum des Schah-in-Schah sei?
    Das war auch richtig. Er hat es uns anvertraut. Wir haben ihm Rechenschaft
darber abzulegen.
    Das ist nun nicht mehr ntig, weil ich ein Verzeichnis aufstellen werde.
Was ihm gehrt, wird er dann von mir bekommen. Ich betrge ihn nicht.
    Du - - bist - - sehr unvorsichtig, Pedehr! knirschte der Rittmeister.
    Du hast mich Scheik zu nennen, nicht Pedehr. Merke dir das! Ein Vater von
Dieben bin ich nicht!
    Diebe? Wir sind Soldaten! Ich bin Offizier!
    Wo sind eure Uniformen? Ah, du schweigst?
    Der Rittmeister hatte vor Zorn die Hnde geballt, die rechte halb erhoben.
Da sah ich an ihr einen Ring, der mir auffiel. Er war von weiem Metalle und
hatte eine achteckige Platte. Ich schaute schrfer hin. Der Rittmeister war in
seinem Zorne an den Pedehr herangetreten. Er stand mir noch nher, so nahe, da
ich die auf der Platte befindlichen Zeichen erkennen konnte. Es war ein s mit
einem lm verbunden und darber ein Verdoppelungszeichen. Nun wute ich, was ich
von ihm zu denken hatte. Er war ein Sill, ein Mitglied jener geheimen
Verbrderung, mit der wir ja schon wiederholt in Reibungen geraten waren. Er
trat bei der letzten Frage des Pedehr wieder von ihm zurck und antwortete:
    Wenn wir zu Beduinen kommandiert sind, knnen wir uns kleiden, wie wir
wollen!
    Wer hat euch zu den Kalhuran kommandiert?
    Das ist meine Sache, nicht die deine!
    Gut, so ist es auch nicht meine Sache, ob du Offizier bist oder nicht.
    Ein Schurke ist er, weiter nichts! sagte ich jetzt.
    Der Pedehr sah mich erstaunt an.
    Weit du das? fragte er.
    Sogar ganz genau!
    Kennst du ihn?
    Ja.
    Seinen Namen?
    Nein.
    Nur seine Person also?
    Auch diese nicht. Ich habe ihn gestern abend zum ersten Male gesehen. Aber
dennoch bleibe ich bei meiner Behauptung.
    Beweise sie! brllte mich der Perser an.
    Schweig! befahl ihm der Pedehr. Dieser Effendi sagt kein Wort, was er
nicht beweisen kann. Ich kenne seine Grnde nicht, werde sie aber wohl erfahren.
Wenn er dich einen Schurken nennt, so bist du einer!
    Wer ist der Mann, den du Effendi nennst? Ein Dschamiki ist er nicht; das
sehe ich ihm an. Ein Perser auch nicht. Jedenfalls ein trkischer Sunnit, dem
nur die Hlle offen steht. Ich lache ber alles, was er sagt. Ich frage dich
noch einmal: Giebst du uns wieder, was uns gehrt?
    Nein.
    So frchte die Blutrache!
    Die giebt es hier auf meinem Gebiete nicht.
    Du kennst den Blutrcher nicht!
    Wer wird es sein! Irgend ein Mensch! Ein Verwandter des Getteten! Ein
freier Beduine jedenfalls nicht!
    Der Pedehr sagte das in geringschtzendem Tone. Das brachte den Perser noch
mehr auf.
    Nein, ein Beduine ist er freilich nicht. Er hat es nicht ntig, Brot zu
genieen, welches auf Kamelmist gebacken worden ist! Weit du, wie der Muhassil
geheien hat?
    Der Pedehr schnippste verchtlich mit dem Finger.
    Omar Iraki, sagte er.
    Kennst du seine Familie?
    Sie ist mir gleichgltig. Da er ein Iraki ist, stammt er da unten aus dem
Sand heraus.
    Spotte nicht! Sein Vater ist einer der mchtigsten Mnner im Reiche des
silbernen Lwen. Er hat die Gewalt, euch alle zu verderben. Es stehen ihm
tausende von Soldaten zur Verfgung, die euer ganzes Gebiet zur Wste machen
werden!
    Sie mgen kommen! Hoffentlich sind sie klger und vorsichtiger, als ihr
gewesen seid! Aber wie heit denn dieser groe Mann, der solche Macht besitzt?
Willst du vielleicht die Gnade haben, mir seinen Namen mitzuteilen?
    Er wird Ghulam el Multasim genannt.
    Als der Perser diesen Namen sagte, sah er uns mit einem triumphierenden
Blicke an. Er schien zu erwarten, da wir erschrecken wrden. Das war aber
keineswegs der Fall. Freilich kann ich nicht behaupten, da der Name gar keinen
Eindruck auf uns gemacht habe. Seine Wirkung auf den Pedehr und mich war eine
verschiedene. Man wird sich wohl noch des unadressierten Briefes erinnern, den
Halef von unserm Wirte in Basra bekommen hatte. Wir hatten zwar von dem
letzteren erfahren, da er an einen gewissen Ghulam el Multasim gerichtet sei,
aber nicht, wo dieser Ghulam wohne. Die einzige Auskunft des schwerbetrunkenen
Wirtes hierber hatte gelautet:
    In - - - in - - - Strae nach - - ah - - ah!
    Ich hatte schon fters an dieses Schreiben und seinen Adressaten gedacht.
Das Wort in deutete an, da er in einer Stadt wohne, aber in welcher? Das war
die Frage! Sein Haus schien nicht im Innern sondern in einem Auenteile dieser
Stadt zu liegen. Das war aus den beiden Worten Strae nach - - zu schlieen.
Aber war dieser Ghulam el Multasim derjenige, den der Rittmeister meinte? Ghulam
heit, wie bereits einmal gesagt, Lufer, Page, auch Courier. So hie ja der
Pa des Couriers auch Boghaz-y-Ghulam. Unter Ghulam versteht man auch die
Leibgarde des Schah. Wenn ein Offizier dieser Leibgarde fr besondere Dienste zu
belohnen ist, so kommt es vor, da er als Muhassil irgendwohin geschickt wird,
um die Steuern einzutreiben. Vielleicht war der Mann, von welchem der
Rittmeister sprach, Offizier der Leibgarde. Da beide Ghulams, der meinige und
der seinige, identisch seien, war ein Gedanke, dessen Richtigkeit durch den Ring
besttigt wurde. Der Adressat des Briefes war unbedingt ein Sill. Da der
Rittmeister auch einer war, bewies sein Ring. Ich freute mich herzlich darber,
dem unbekannten Adressaten hiermit auf die Spur gekommen zu sein, doch
selbstverstndlich fiel es mir nicht ein, durch irgend eine Frage mein
besonderes Interesse fr ihn zu verraten. Ich war also still.
    Ganz anders der Pedehr. Kaum hatte er den Namen gehrt, so hielt er den
Rittmeister mit einem so erstaunten Blicke fest, da dieser ganz verlegen wurde.
    Ghulam el Multasim! sagte er. Der Blutsauger! Der Verachtete! Und du
hast, wie es den Anschein hat, geglaubt, da ich erschrecken werde? Meinst du,
da dieser Feigling es wagt, mich offen anzugreifen? Ja, nun wei ich, da
dieser Effendi Recht hat: du bist kein Offizier, sondern ein Schurke! Du hast
dich als seine Kreatur entpuppt. Ich bin mit dir fertig. Fort, fort!
    Eine solche Wirkung des genannten Namens hatte der Perser nicht erwartet. Er
fhlte sich entlarvt und sagte kein Wort dagegen, als die beiden Dschamikun,
welche ihn gebracht hatten, ihn nun bei den Armen faten, um ihn fortzufhren.
Als er hinter dem mehrfach genannten, alten Thore verschwunden war, sagte der
Pedehr zu mir:
    Nun ist es gewi, da diese Menschen keine wirklichen Soldaten sind. Dieser
Multasim war nmlich frher Offizier der Leibgarde, ein nach obenhin
kriechender, nach unten aber grausam rcksichtsloser Mensch. Er wute sich durch
solche Kriecherei bei dem damaligen Muajir el Memalek125 in der Weise
einzuschmeicheln, da es ihm gelang, einen langjhrigen Pachtbrief fr gewisse
Staatseinnahmen ausgestellt zu erhalten, den auch der Sader aazam126 mit
unterschrieb. Als er das erreicht hatte, nahm er seinen Abschied vom Militr, um
nicht mehr gehorchen zu mssen, sondern nun fortan befehlen zu knnen und dabei
ein reicher Mann zu werden. Er ist giftig wie eine Assaleh127, feig wie eine
alte, zahnlose Hyne und gefhllos wie ein Stein. Wenn ein einziges Schaf
gengt, die Steuer, welche schuldig geblieben ist, zu decken, so nimmt er eine
ganze Herde. Wohin er kommt, da setzt er sich fest, um Land und Menschen
auszusaugen, und wenn er endlich geht, ist er rund wie ein Maultier, welches von
der fetten Weide kommt. Es giebt Menschen, welche den Raubtieren gleichen, und
wieder andere, die wie das Ungeziefer sind. Wenn man sie und ihre Thaten kennen
lernt, mchte man an Chodeh's Gte und Gerechtigkeit zweifeln, falls man nicht
so genau wte, da uns nur zu unserm Heile die Grnde dessen, was geschieht,
verborgen bleiben - -
    Er war, wie es schien, mit seinem Satze noch nicht zu Ende; aber er hielt
jetzt inne, weil er sah, da meine Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt wurde. Ich
horchte. Es klangen Tne, die von oben herabkamen. Waren das Menschenstimmen?
War es ein Lied, welches sie sangen? Ich konnte die Worte nicht vernehmen. Die
Melodie lag nicht blo in der obern Stimme, sondern auch in den unteren. Die
Harmonisierung war eine sehr eigenartige, ganz gegen unsere Generalbaregeln und
aber doch nichts weniger als fehlerhaft. Mehr diese Seltsamkeit als der Gesang
berhaupt war es, die mich frappierte. Der Pedehr lchelte.
    Ueberrascht dich der Gesang? fragte er.
    Ja, gestand ich ihm.
    Weil du ihn hier in einer so abgelegenen Gegend hrst? Bei Leuten, von
denen ihr meint, da sie gar nicht singen knnen?
    Nicht blo darum. Niemand wei besser als ich, da der Orient nicht
unmusikalisch ist.
    Aber ihr haltet seine Musik fr hlich?
    Wenigstens nicht fr schn.
    Trifft dieses Urteil auch uns? Wir sind ja hier im Oriente. Also nicht
schn!
    Ich sah, da er dies scherzend meinte. Es schaute mich dabei der Schalk aus
seinen lieben, schnen Augen an.
    Ich bitte dich! So war es nicht gemeint! antwortete ich schnell. Man hat
aufgehrt. Das Lied ist zu Ende. Schade! Kaum hatte es begonnen, so hrte es
schon wieder auf. Wenn ein fremder Mann nur blo sehr schnell an dir vorber
geht, kannst du nicht wissen, wer und was und wie er ist. So auch bei diesem
Liede. Es ist eine mir ganz fremde Gestalt an meinem Ohre vorbergegangen. Sie
trug ein orientalisches Kleid. Es war mir, als ob sie nicht zu den jetzt
Lebenden gehre, sondern im Grabe der Vergangenheit geschlummert habe und nun
wieder auferstanden sei. Das ist der Eindruck, den dieses Lied auf mich gemacht
hat.
    Wie du das so in dieser Weise sagst! Das sollte unser Chodj-y-Dschuna128
hren!
    Wie? Es giebt hier einen Lehrer, der besonderen Unterricht im Gesang
erteilt?
    Giebt es solche Leute denn nicht bei euch auch?
    Allerdings. Aber unsere Verhltnisse sind ja doch ganz andere als die
eurigen.
    Ich kenne sie nicht. Und was unsern Gesang betrifft, so liebe ich ihn zwar
sehr, kann dir aber keine gelehrte Auskunft ber ihn erteilen. Du wirst den
Chodj-y-Dschuna kennen lernen und von ihm alles erfahren, was du wissen willst.
Er ist eine Quelle der Tne, welche trotz seines hohen Alters hell und reichlich
flieen.
    Jetzt sang man wieder. Es wurde fters abgebrochen und wieder neu begonnen.
Das war Unterricht.
    Man scheint zu ben? fragte ich.
    Ja. Und weit du, fr wen?
    Nein.
    Fr dich!
    Fr mich? Das klingt so freundlich berraschend!
    Freundlich? Ja, weil wir wnschen, da du es freundlich aufnehmen mchtest.
Und berraschend? Was dich berrascht, ist bei uns ein lieber, alter Brauch. Das
Grab war dir schon geffnet, doch Chodeh's Hand hat dich ergriffen und wieder in
das Leben zurckgefhrt. Was dir geschieht, das geschieht auch uns, denn du bist
unser Gast. Wir sind so froh, und fr diese Freude soll heute der Tag des Dankes
sein.
    Das klang so einfach, so selbstverstndlich! Ein Tag des Dankes! Fr mich!
Ich gestehe, da mich das verlegen machte. Diese Verlegenheit war der Grund, da
ich die ganz berflssige Frage that:
    Warum grad heut?
    Weil Sonntag ist, der erste Sonntag, nachdem du das Krankenlager verlassen
hast. Ich mchte dir da eine Bitte sagen, oder vielmehr nicht blo eine, sondern
zwei, und hoffe, da du sie mir gewhren wirst!
    Wie gern, wenn ich kann!
    Du kannst! Die erste ist, da du uns berhaupt erlaubst, zu thun, was uns
sowohl vom Herzen als auch von der Religion befohlen wird. Wir wrden es zwar
auch ohne deine Erlaubnis thun, denn zwischen Chodeh und seinen Menschenkindern
darf kein fremder Wille stehen, der da meint, Befehle erteilen zu knnen. Das
mag bei den Muhammedanern geschehen; bei uns aber ist es anders. Wir haben
keinen Imam, welcher sich einbildet, als der Eischikkagazi-Baschi129 des
Weltenherrn darber entscheiden zu knnen, welchen Besuch Chodeh anzunehmen hat
und welchen nicht. Aber wenn du es nicht gestattetest, so wrdest du nicht dabei
sein knnen, was fr uns sehr betrbend wre. Die zweite Bitte ist, da du dich
nicht belstigt fhlen mgest. Wir wnschen, da du dich so frei von allem
Zwange fhlest, als ob das, was wir thun, in gar keiner Beziehung zu dir stehe.
Denke dir, wir hielten Dankestag fr einen Menschen, der dir vollstndig
unbekannt ist. Willst du das, Effendi?
    Ich gab ihm, tief gerhrt, die Hand und antwortete:
    Du hast nichts zu fragen, und ich habe nichts zu entscheiden. Wie knnte
ich mich als Imam gebrden, nachdem ich von dir hrte, da es fr euch keinen
giebt! Aber sage mir, in welcher Weise ihr diesen lieben, alten Brauch
auszufhren pflegt!
    Du wirst das besser sehen, als jetzt hren. Man wird dich gegen Mittag in
einer Snfte hinber nach dem Gotteshause tragen. Dort bleibst du bis zum Abend.
Es wird fr alles gesorgt sein, was du brauchst. Unser Tifl ist in deiner Nhe,
um dich zu bedienen. Jeder Dschamiki, der im Duar oder in der Nhe wohnt und
euch als seine Gste betrachtet, weil ihr die Gste seines Ustad seid, wird
anwesend sein. Gezwungen wird niemand. Wer kommt, der folgt nur seinem eigenen
Willen. Aber so viele es ihrer sein mgen, es wird dich keiner belstigen. Es
wird so sein, als ob du gar nicht zugegen wrst, doch wenn du mit jemand zu
sprechen wnschest, so gengt ein Wort an Tifl, der ihn zu dir holt. Jetzt
erlaube, da ich gehe! Man braucht mich, wie es scheint, anderwrts.
    Schakara stand nmlich oben bei den Sulen und winkte ihm. Er ging.
    Was waren das doch fr Gedanken, welche sich nun in mir regten! Ich bergehe
sie. Um aufrichtig zu sein, mu ich sagen, da die Vorstellung, der Mittelpunkt
einer Feier zu sein, eine unangenehme Empfindung in mir erregte. Es ist
keineswegs ein beglckendes Gefhl, die Aufmerksamkeit Vieler auf sich gelenkt
zu sehen. Man frage einen sogenannten berhmten Mann, und wenn er nicht blo
berhmt, sondern auch verstndig ist, so wird man erfahren, wie teuer er diese
Aufmerksamkeit zu bezahlen hat. Er ist durchaus nicht zu beneiden, sondern
vielmehr zu beklagen. Die Oeffentlichkeit ist die Feindin jedes wahren Glckes.
Wohl dem Manne, dem nicht das frchterliche Los zuerteilt worden ist, die
Aufmerksamkeit von Menschen zu erregen, welche so kurzsichtig und so belwollend
sind, ihn wegen einer Berhmtheit zu hassen und zu verfolgen, die schon an
sich nicht leicht zu tragen ist!
    Es war mir also gar nicht lieb, zu wissen, da ich der Mittelpunkt dessen
sei, was man sich vorgenommen hatte; aber ich konnte doch unmglich so undankbar
sein, das, was ich empfand, den Gefhlen dieser guten Leute voranzusetzen! Ich
hatte mich zu fgen.
    Einige Zeit, nachdem der Pedehr in das Haus gegangen war, sah ich einen Mann
aus dem Garten kommen, dessen Aeueres meine Augen sofort auf sich zog. Nicht
seine Kleidung ist's, die ich besonders zu beschreiben habe. Sie zeigte nichts,
was mir htte auffallen knnen. Sie war so einfach wie die jedes andern
Dschamiki. Aber er selbst, der Mann war es, der gleich beim ersten Blicke mein
ganzes Interesse erwecken mute. Man denke sich Bismarck in orientalischem
Anzuge und mit einem lang herabwallenden weien Bart, aufrecht, stolz und aber
doch nachdenklich daherschreitend, so hat man ein deutliches Bild von der
Gestalt, die sich mir nherte. Auch das Gesicht von fast frappierender
Aehnlichkeit, die starken, buschigen Brauen nicht ausgenommen. Er blieb kurz vor
mir stehen, hob beide Hnde bis zur Brust, verbeugte sich und fragte:
    Du bist Kara Ben Nemsi Effendi?
    Ja, antwortete ich.
    Ich komme von unserm Pedehr. Er hat mir gesagt, da du es mir nicht
belnehmen werdest, wenn ich dich begre. Ich bin der Chodj-y-Dschuna.
    Du bist mir willkommen! Erlaube, da ich dich bitte, hier bei mir Platz zu
nehmen!
    Ich schob ihm eines meiner Kissen hin, und er setzte sich. Als er sprach,
sah ich, wie liebenswrdig, ich mchte fast sagen harmonisch, seine vollen,
trotz des Alters noch so frischen Lippen geschwungen waren. Ich hatte das
Gefhl, als knne dieser Mund nur kluge, gtige, nie aber hliche Worte
sprechen. Er bemerkte wahrscheinlich, da mein Auge nicht mit einem gewhnlichen
Blicke auf ihm ruhte, denn er begann das Gesprch mit der Erkundigung:
    Du schaust mich so eigen an. Bin ich dir vielleicht bereits bekannt?
    Nein.
    Nicht! Aber du lchelst! Ich vermutete fast, da du mich schon einmal
gesehen habest.
    Das ist allerdings der Fall.
    Ich wei nichts davon. Wo?
    Nicht hier, sondern in Dschermanistan130.
    Maschallah! Da bin ich nie gewesen!
    Das glaube ich dir wohl. Du warst es auch nicht selbst, sondern nur dein
Ebenbild.
    Giebt es dort einen Mann, dem ich so hnlich bin?
    Sogar sehr hnlich! Und er ist kein gewhnlicher Mann, sondern die rechte
Hand des Schah-in-Schah von Dschermanistan.
    Er sann einen Augenblick lang nach und fragte dann:
    Die rechte Hand? Ich wei nicht, ob ich es erraten werde. Die Faust dieses
weisen Herrschers wird Molaka131 genannt. Seine rechte Hand aber kann wohl nur
Bismarak132 sein. Habe ich es richtig getroffen?
    Ja.
    Und du findest, da ich Aehnlichkeit mit diesem auch bei uns bekannten und
berhmten Manne besitze?
    Sogar eine ganz auffllige! Deine Gestalt ist wie die seinige, und auch in
Beziehung auf seine Gesichtszge bist du eine sehr wohlgetroffene, lebendige
Abbildung von ihm.
    Also eine zufllige Gleichheit krperlicher Eigenschaften, auf welche man
sich ebenso wenig einzubilden hat, wie man darber in Trauer zu geraten braucht,
da man einem nicht beliebten Menschen hnlich sieht. Nicht durch seine ueren,
sondern durch seine innern Eigenschaften wird der Wert eines Menschen bestimmt.
Bismarak ist ein groer, in der ganzen Welt bekannter Mann. Ich bin ein kleiner
Musikadschi133, den man nur hier in dieser Gegend kennt. Und grad darum bin ich
wahrscheinlich glcklicher als mein berhmtes Ebenbild. Ich habe keine Feinde! -
Der Pedehr sagte mir, da du auf unsern Gesang aufmerksam worden seiest. Was du
vernommen hast, war nur eine Uebung, nach welcher du nicht urteilen darfst.
    Das thue ich auch nicht. Dennoch hat das, was ich hrte, mich zum
Nachdenken angeregt.
    Zum Nachdenken? Also treibst du auch Musik? Denn bei wem dies nicht der
Fall ist, fr den pflegt sie nur vorhanden zu sein, um gehrt, nicht aber
begriffen zu werden.
    Ich sah ihn erstaunt an. Ein Kurde brachte die Musik mit dem menschlichen
Begriffsvermgen in Verbindung! Er war also Musikphilosoph! Dieser Gedanke
wollte mich zum Lcheln bringen; ich unterdrckte es aber glcklicherweise. Der
Ort, an dem ich mich befand, hatte mich schon fters berzeugt, da europischer
Hochmut grad hier noch viel weniger als sonst irgendwo berechtigt sei. Auch sah
dieser Mann gar nicht darnach aus, als ob er ber einen hohen, ihm unbekannten
Gegenstand in kindischer Ueberhebung schwatzen oder faseln knne. Da ihm meine
Ueberraschung nicht entging, so erkundigte er sich:
    Du scheinst anderer Meinung zu sein. Habe ich etwas Unberlegtes gesagt?
    Nein. Ich schliee ganz im Gegenteile aus deinen Worten, da du sehr wohl
zu berlegen verstehst. Du hast ber Musik sehr oft und grndlich nachgedacht?
    Nicht nur sehr oft, sondern auch sehr gern, grndlich aber nicht. Kein
Mensch darf sich rhmen, derartigen schweren Fragen bis auf den Grund zu
dringen. Selbst dann, wenn einst unser Geschlecht auf Erden ausgestorben ist,
wird das Reich der Tne unerforscht geblieben sein. Ich habe gehrt, da die
grten Gelehrten sich mit dieser Forschung befat haben und auch noch heut
befassen. Es ist vergeblich gewesen. Ich bin kein Gelehrter. Ich baue meinen
Garten und mein Feld und hte meine Schafe. Ich pflege dabei die Musik ganz aus
demselben Grunde, aus welchem ich esse und trinke, atme, wache und schlafe; es
ist der Befehl der Natur, dem ich gehorchen mu. Das eine beschftigt meine
Gedanken ganz ebenso wie das andere. Diese Gedanken knnen nicht gelehrt, nicht
weise sein, denn ich habe keine Schule besucht, in der man lernt, wie man
gelehrt zu denken hat. Sie strengen mich nicht an; ich gebe mir keine Mhe, sie
zu finden; sie kommen mir wie die Luft, indem ich Atem hole; sie sind so leicht,
so einfach, so selbstverstndlich. Ich wrde wohl mit keinem Gelehrten ber
Musik sprechen knnen, und doch ist es mir ganz so, als ob ich mich dessen, was
ich von ihr denke, nicht zu schmen brauchte. Wenn jemand spricht, wenn er
singt, wenn er musiziert, so hrst du Tne. Was aber ist der Ton? Ist er es
selbst, den du hrst? Oder sind es nur die luftigen Falten seines Gewandes,
welche an dein Ohr schlagen? Was fr Tne giebt es wohl? Etwa viele? Oder giebt
es nur einen einzigen, der sich aber nach der Verschiedenheit der Personen und
der Werkzeuge auch verschieden offenbart? So giebt es auch nur eine einzige
Liebe, die sich aber bei jedem Geschpf und in jedem Augenblicke anders zeigt.
Dieser Ton ist von Chodeh allen Menschen gegeben worden; sie wren ja nicht
Menschen ohne ihn. Er ist ihnen so notwendig wie das Licht, ohne welches sie
nicht leben knnten. Die Natur giebt tglich neue Strahlen und tglich neue
Tne. Sie kommen von dem einen Lichte und von dem einen Tone. Der Mensch besitzt
Organe, beide, die Strahlen und die Tne, in sich aufzunehmen. Und er hat oder
macht sich Werkzeuge, beide hervorzubringen, weil dies fr die Fortexistenz der
Menschheit unentbehrlich ist. Werden die Tne in einfacher, natrlicher Weise
hervorgebracht, so bilden sie die Sprache. Erweckt, gebraucht und vereinigt er
sie nach knstlerischen Regeln, so hat er das hervorgebracht, was wir Musik zu
nennen pflegen. Je mehr er sich mit dieser seiner Kunst von der Natur entfernt,
desto schwerer zu begreifen wird ihre Sprache sein. Ja, es kann wahrscheinlich
vorkommen, da man sie gar nicht mehr zu verstehen vermag. Darum meine ich: Wer
Musik fr andere macht, um begriffen zu werden, der soll der Natur so nahe wie
mglich bleiben. Der unmittelbare Nachbar der Natur ist der Gesang, den
jedermann versteht, weil er nicht auf das Wort verzichtet hat. Wir lieben ihn
und pflegen ihn. Er ist ein trauter Freund, der nicht in Rtseln sondern offen
mit uns spricht. Ja, dieser Freund ist sogar mit uns verwandt, ist hier geboren,
ist unser eigenes Kind, denn was wir singen, machen wir uns selbst! Die
Janitscharenmusik, welche in Teheran und Isfahan zu hren ist, bringt uns keinen
einzigen Gedanken, den wir begreifen und liebgewinnen knnten. Ist das auch
Musik, Effendi? Wenn die hchste Stufe der Kunst die ist, auf welcher sie mit
der Natur nichts zu schaffen hat, so mut du zugeben, da ihr eigentlicher Zweck
nur der sein kann, das Ohr mit unbegreiflichem und bldem Lrm zu fllen.
    Er hatte langsam und bedchtig gesprochen, aber doch flieend und in einer
Weise, die mir deutlich sagte, da er es mit einem Lieblingsthema zu thun habe.
Es war ganz eigen, da er, doch ziemlich ungefragt, mir die Resultate seines
Nachdenkens in so selbstverstndlicher Weise dargelegt hatte, als ob er nur aus
diesem Grund zu mir gekommen sei. Ein einfacher, armer Dschamiki, und solche
Gedanken! Ob richtig, ob falsch, es waren Gedanken, und zwar keine gewhnlichen!
Die Bewohner dieses weltentlegenen Thales muten mir von Stunde zu Stunde immer
interessanter werden! Als er mich jetzt, auf eine Aeuerung wartend, anschaute,
fiel mir der Ausspruch eines neueren deutschen Philosophen ein, welcher die
Musik als tnende Weltidee bezeichnet hat. Da neckte mich der Schalk, zu
versuchen, wie weit der Chodj-y-Dschuna mit diesem Worte in Verlegenheit zu
bringen sei. Ich sagte also:
    Diese Art der Musik ist allerdings keine tnende Weltidee; das gebe ich
zu.
    Mir geschah ganz recht: Ich hatte mich sofort meiner Hinterlist zu schmen.
Die starken Brauen zogen sich fr einen Moment zusammen; ein kurzer,
verweisender Blick zuckte aus den ernsten Augen zu mir herber, doch unverndert
und freundlich wie bisher klang seine Stimme, als er antwortete:
    Tnende Weltidee! Das klingt sehr gelehrt. Ist dieses Wort von dir?
    Nein. Ich wohne nicht in so hohen Regionen. Es ist einer der grten
Weltweisen in Dschermanistan, welcher der Musik diesen Namen gegeben hat.
    Jeder Weltweise hat seine eigene Sprache. Ich wei also nicht, was grad
dieser unter Weltidee versteht. Aber auch ich habe mir eine Idee von der Welt
gemacht und ebenso eine von der Musik, und beide stehen in enger Beziehung zu
einander. Sag, Effendi, giebt es nicht gelehrte Leute, welche behaupten, da
nichts in der Welt verloren gehe?
    Ja; die giebt es allerdings.
    Ich glaube dasselbe. Kein Mensch, kein Tier, keine Pflanze, kein
Wassertropfen, kein Wort, kein Gedanke kann verloren gehen, kann sich so
vollstndig auflsen, da nichts, gar nichts mehr von ihm vorhanden wre. Alles
Vorhandene ist dem Wandel unterworfen, kann aber nicht in Nichts zerfallen. Das
Geistige kann krperlich, und das Krperliche kann geistig werden. So haben sich
die Schpfungsworte Gottes zu Welten verkrpert und zu allem, was sich auf
diesen Welten befindet. Jedes dieser Worte hatte seinen eigenen Ton, und alle
diese Tne sind auf die Verkrperungen der Worte bergegangen. Sie sind hrbar
bei ihnen, oder sie ruhen in ihnen, bis sie hrbar werden, Gott sprach im Blitz
das Wrtlein Donner aus; nun rollen Donner, so oft die Blitze zucken. Die
Verkrperung des Wortes lst sich in demselben Ton auf, in welchem das
Schpfungswort erklungen ist. Da werden Tne der Freude und des Schmerzes frei,
der Klage und des Trostes, des Zornes und der Vergebung; aber sie alle, alle
vereinen sich zum Klange des einen groen Wortes, welches vom Munde Chodehs
ausging und wieder zu ihm zurckkehrt. Das ist das Wort der Liebe. Und diese
Liebe ist der Grundton und Urquell jeder wahren Kunst und jeder wahren Musik.
Denn - - -
    Er konnte nicht weitersprechen, denn jetzt kam Hanneh die Stufen herab, zu
uns her und sagte zu mir:
    Effendi, mein Halef ist erwacht und hat deinen Namen genannt. Er mchte mit
dir sprechen.
    Ich entschuldigte mich bei dem Chodj-y-Dschuna und bat ihn, zu warten, bis
ich wiederkme. Er aber schien es fr hflich zu halten, mich freizugeben, indem
er meinte, da wir das jetzt unterbrochene Gesprch ja zu jeder Zeit wieder
aufnehmen und fortsetzen knnten. Ich lie ihn nicht gern gehen. Mir war, als ob
er die Hauptpunkte erst noch vorzubringen gehabt habe, und so mitteilsame
Augenblicke, wie der jetzige gewesen war, pflegen bei Mnnern seiner Art nicht
eben hufig zu sein.
    Als er sich von uns gewendet hatte und ich mit Hanneh die Treppe
hinaufstieg, was sie, um mich zu schonen, sehr langsam that, sagte sie:
    Ich habe euch gestrt; aber du darfst mir nicht zrnen. Halef hatte so
Angst um dich.
    Angst? Warum?
    Er sagte, du befndest dich in sehr groer Gefahr.
    Ich? Ich sa ja so ruhig dort auf den Kissen! Hast du ihm das nicht
mitgeteilt?
    Das that ich wohl; aber er glaubte es nicht. Er verlangte dringend, dich
sofort zu sehen.
    Jetzt waren wir oben und traten in die Halle. Halef hatte sein Gesicht dem
Eingange zugekehrt. Sein Auge schaute ngstlich zu uns her. Als er mich sah, gab
ihm die Freude einen sichtbaren Ruck; ein frohes Lcheln ging ber sein hageres
Angesicht, und er sagte, so laut er konnte:
    Sihdi, du bist da, wirklich da! Allah sei Dank! Nun ist alles, alles wieder
gut!
    Ich ging zu ihm hin, setzte mich auf den Rand seiner Lagersttte, nahm seine
Hand in die meinige und antwortete:
    Ja, mein lieber Halef; ich bin da; ich bin bei dir. Ich befinde mich wohl.
Du hast wohl einen schlimmen Traum gehabt, in welchem du mich sahst?
    Es war kein Traum. - - - Warte! - - - Ich bin vor Angst um dich so schwach
geworden. - - - Ich mu erst ruhen; - - - mu Krfte sammeln.
    Seine Stimme war hierbei leiser und immer leiser geworden. Dann schlo er
die Augen. Hanneh hob den Zeigefinger bekrftigend in die Hhe, zog die Brauen
hoch empor und flsterte mir zu:
    Er schlief allerdings nicht; aber es war auch kein Wachen. Ich habe ihn
frher niemals so gesehen. Er bewegte das Gesicht und die Lippen genau so, als
ob er vor Entsetzen schreie; aber es war kein Laut zu hren. Der Schwei trat
ihm endlich auf die Stirn; den wischte ich weg, und bei dieser Berhrung
erwachte er.
    Es war aber doch nur Traum! sagte ich ebenso leise.
    Nein! behauptete sie. Ich habe einmal einen Arifi134 gesehen, der die
Gabe hatte, halb wachend und halb trumend in die Zukunft zu schauen. Genau wie
dieser Mann sah vorhin Halef aus. Warte, was er erzhlen wird!
    Wir befanden uns allein in der Halle. Es war still. Da ffnete Halef die
Augen, richtete einen langen Blick auf mich, als ob er sich berzeugen wolle,
da ich wirklich bei ihm sei, schlo sie wieder und begann dann, langsam und mit
leiser, aber doch vernehmlicher Stimme zu sprechen:
    Es war bei dir, fern, sehr ferne von hier, in Dschermanistan. - - - Ich
hrte, da du sterben mssest, und doch warst du nicht krank, sondern gesund und
stark, rstiger, viel rstiger noch als jetzt. - - - Und doch lagst du im
Sterben. - - - Aber du lagst nicht eigentlich, sondern du standest, aufrecht,
ohne Furcht, lchelnd. - - - Und doch wutest du es, und doch sagtest du es
selbst, da du jetzt sterben werdest. - - - Nicht schnell, nicht pltzlich,
sondern langsam, sehr langsam. - - - Dein Tod werde nicht Stunden und Tage,
nicht Wochen und Monde, sondern Jahre hindurch dauern! - - -
    Er machte eine Pause, und so fragte ich ihn:
    Sprach ich denn mit dir?
    Nein. Du sahst mich ja gar nicht. Du sprachst berhaupt kein Wort! Alle,
alle brllten und schrieen auf dich ein; du jedoch bliebst ohne Worte, ganz als
seist du stumm. - - - Aber alles, was du dachtest, das war genau so, als ob du
mir es sagtest. Ich erfuhr jedes Wort, durch dich, obgleich du keine Silbe
sprachst. - - -
    So waren also Andere bei mir?
    Viele, sehr viele. - - - An ihren Anzgen sah ich ja, da ich mich bei dir
im Abendlande befand. Sie waren nicht morgenlndisch gekleidet. - - - Es waren
ihrer viele, die um dich herumstanden, lauter Feinde, grimmige Feinde. Sie
riefen; sie schrien; sie brllten; sie hhnten; sie sagten, du seiest der
schlechteste Mensch auf Allahs Erde. Links, weit in das Land hinaus, standen
noch welche; die freuten sich und brllten mit. - - - Rechts gab es eine groe,
groe Menge von Leuten. Diese waren deine Freunde und forderten dich
unaufhrlich auf, dich zu wehren. Das thatest du aber nicht. - - - Von den
Feinden kam einer nach dem andern auf dich zu. Sobald er dich erreichte, verlor
er seine menschliche Gestalt und verwandelte sich in eine hliche Made, welche
sich tief in dein Fleisch fra. - - - Ich schrie, so oft ein Mensch zum Wurm,
zur Made wurde und sich in deinen Krper bohrte. Du aber hrtest mich nicht, und
ich konnte nicht hin, dich zu beschtzen. - - - Deine Augen waren hell und die
Zge deines Angesichts freundlich. Man sah dir an, du freutest dich; du fhltest
keine Schmerzen. Du hattest Mitleid mit den Menschen, welche sich durch ihren
Ha zu Wrmern machten, um dich vllig aufzuzehren, wie ein Leichnam im Grabe
von den Maden aufgefressen wird. - - - Aber es sah schrecklich aus! Die
schmutzfarbigen Fresser nagten sich immer hher an dir hinauf; sie wurden immer
dicker und fetter, und wenn sie zum Platzen waren, fielen sie herab und krmmten
sich da unten vor Vergngen - - -
    Ein sonderbarer Traum, sagte ich kopfschttelnd, als er jetzt wieder eine
Pause der Erholung machte.
    Kein Traum! Und auch nicht sonderbar! Er war weit mehr; er war entsetzlich!
- - - Einmal bemerkte ich, da du pltzlich und zufllig an mich dachtest. Da
wurde ich dir sichtbar. Du sahst mich stehen und vergeblich die Hnde ringen. -
- Da riefst du mir zu: Sorge dich nicht um mich! Das alte Fleisch mu herunter!
Das la ich von den Maden mir besorgen! Weh thut es nicht! Du weit es ja: der
Hadschi hat zu sterben; ich gebe ihn hier den Wrmern, die seine Totengrber
sind. Der Halef aber bleibt. Dem knnen sie nichts thun, weil er nicht
sterblich ist. So werde ich schon vor dem Tode frei vom Tode sein! - - - So
sagtest du, und die Feinde hrten es. Da wuchs ihr Grimm in das Malose. Sie
vernderten nicht mehr einzeln oder zu Zweien ihre menschliche Gestalt, sondern
sie wurden jetzt pltzlich alle, alle fressende Maden und strzten sich auf
dich. - - - Ich schrie vor Angst, schrie wieder und immer wieder. Da - - da
berhrte mich die erlsende Hand meiner Hanneh. Sie wischte mir den Schwei von
der kalten Stirn, und das war der Anla, da ich erwachen durfte! - - -
    Er hatte zuletzt immer schneller und schneller gesprochen und das, was er
sagte, mit hastigen Armbewegungen begleitet. Das war fr seine geschwchte Kraft
zu viel gewesen. Er kroch in sich zusammen und brachte keinen Laut mehr hervor.
Das machte Hanneh Sorge, doch beruhigte ich sie in leisem Tone:
    Frchte nichts. Hat er den Traum selbst berstanden, so wird ihm auch die
Erzhlung nichts schaden. Es ist keine Gefahr vorhanden, sondern nur gesteigerte
Schwche. Er wird einschlafen und dann gekrftigt wieder erwachen.
    So geschah es auch. Schon nach wenigen Minuten hatte ihn der Schlummer uns
entzogen. Wir wechselten noch einige Bemerkungen ber das eigentmliche
Vorkommnis, und dann verlie ich die Halle, um mich wieder hinaus auf meinen
Platz zu begeben. Als ich hinauskam, stand eine Snfte dort, und bei ihr unser
Kind, welches mir sagte, da ich jetzt, wenn es mir recht sei, hinber nach dem
Gotteshause getragen werden solle. Ich war natrlich einverstanden. Tifl trug
ein, wie es schien, ganz neues Feierkleid, und die Snfte war reich mit Rosen
und sonstigen Blumen geschmckt. Die Festjungfrau stand am Gartenthore, und
ihr Nicken und Knixen sagte mir, wessen Hand diese freundliche Ausstattung
besorgt hatte.
    Vor meiner Ankunft drben auf der jenseitigen Hhe hatte ich vor allen
Dingen zwei Eindrcke zu berwinden, den des Gesprches mit dem Musiklehrer und
den von Halefs Traum. Mit dem Traum war ich schnell fertig. Jeder Mensch trgt
zwei Prinzipe in sich, ein gutes und ein bses. Wenn ich Feinde haben sollte,
die es fr ihre Aufgabe halten, das Bse in mir abzutten und es sich zu ihrem
eigenen Wohlbefinden einzuverleiben, so werde ich mich allerdings mit keinem
einzigen Worte dagegen wehren. Ein Kampf zu dem Zwecke, fehlerhaft zu bleiben,
wrde die allergrte Thorheit sein, die ich mir einst vorzuwerfen htte. Der
menschliche Krper ist, wenn er begraben wird, allerdings fr die Wrmer
bestimmt. Aber die Seele, der Geist? Giebt es vielleicht auch geistige Maden,
welche in den ethischen Fulnisstoffen prassen, ohne die wir Sterbliche nicht
mehr Menschen sondern Gtter wren? Arme, arme Made, wie bist du zu bedauern!
Welcher Ordnung der Lebewesen mag dein Organismus angehren, da er dazu bestimmt
zu sein scheint, sich an moralischen Leichen vollzumsten! Ich hoffe zu deinem
eigenen Heile, da du nicht in Wirklichkeit, sondern nur in Halefs Traume
vorhanden bist!
    Was den Chodj-y-Dschuna betrifft, so vermutete ich, in ihm eine Quelle
gefunden zu haben, aus welcher mir neue, dem Abendlande fremde Ansichten ber
Musik flieen knnten. Er hatte nur so kurze Zeit gesprochen, und doch besa
schon das Wenige, was mir von ihm gegeben worden war, fr mich eine Tiefe, in
welche hinabzusteigen ein hoher und edler geistiger Genu zu werden versprach.
Dieser Mann hatte Gedanken und Anschauungen, die mir gewi nur zur Bereicherung
dienen konnten, und ich fhlte meine europischen Wangen keineswegs bei dem
Vorsatze schamrot werden, von diesem ungelehrten Kurden so viel wie mglich
lernen zu wollen. Der Osten hat uns mehr, viel mehr geistige Schtze geliefert,
als wir in unserm Stolze geneigt sind, zuzugeben. Es liegt fr uns noch Manches
dort verborgen, wovon wir keine Ahnung haben, und der Chodj-y-Dschuna kam mir
wie ein abseits vom groen Wege liegen gebliebener Diamant vor, der es wohl wert
war, da ich ihm Beachtung schenkte. -
    Diese Gedanken begleiteten mich, als ich den Berg hinabgetragen wurde - -
Schloberg, htte ich beinahe gesagt. Der Weg war breit und wohlgepflegt und von
ausgewhlten Bumen, Zierstruchern und schnblhenden Pflanzen besetzt. Ich
habe daheim so manches Schlo gesehen, welches keinen von so verstndiger Hand
angelegten Aufgang hatte. Jede Krmmung war berechnet, einen neuen und immer
wieder schnen Blick ber das Thal zu bieten. Wenn der Ustad aus seinem hohen
Hause trat, um diesen Weg nach dem Duar hinabzusteigen, wie mute er sich da
seines Werkes freuen! Und jeder, der zu ihm emporzugehen hatte, konnte das nur
mit Dank und Liebe thun!
    Da dieses letztere der Fall sei, sah ich jedem an, der uns begegnete. Wie
freundlich waren diese Leute und wie gern gaben alle ihre Gre! Ich bemerkte
keinen neugierigen, unbescheidenen Blick, und kein einziges gteloses Auge.
Selbst die Kinder winkten mir mit ihren kleinen Hnden zutraulich grend zu,
und einige Male hrte ich, da ich von ihnen Dust-y-Duar135 genannt wurde.
Dieses allgemeine und ungeknstelte Wohlwollen htte in mir ganz dasselbe Gefhl
erwecken mssen, wenn es nicht schon vorhanden gewesen wre. Ich bin gern zu
Vergleichen geneigt. Beim Anblicke der hoch aufstrebenden Berge und des sich
zwischen ihnen hinziehenden Ortes zeigte mir die Erinnerung jene ebenso
gelegenen Gebirgs-und Alpendrfer, in denen man nur von der Habsucht empfangen,
von dem Eigennutz zu Tische gefhrt und von der Ausbeutung auf Schritt und Tritt
belstigt zu werden pflegt. Du armes, armes Kurdistan, wie fern bist du doch
davon, ein menschlich kultiviertes Land genannt zu werden!
    Tifl ging voran. Man ahnt wohl kaum, was diese drei Worte sagen! Jede seiner
Bewegungen verkndete: Dieser Effendi hinter mir ist meinem Schutze fr den
ganzen Tag anvertraut worden! Ich bin zwar nichts, gar nichts weiter, als ihr
alle seid, aber heut mu ich doch bitten, mich als Respektsperson zu betrachten!
Er trug Sandalen und hatte seine Spinnenmtze durch ein buntes, malerisch um den
Kopf geschlungenes Tuch ersetzt. Man grte ihn heut anders als wohl sonst.
Warum auch nicht? Dnken nicht auch wir uns, ganz andere Menschen zu sein,
sobald wir unsere Lenden durch den Frack entblt und unsere gesellschaftliche
Bedeutung in dunkelcylinderhafter Weise behauptet haben? Das Festkleid stimmt
den Menschen feierlich, und in feierlicher Weise geschah alles, was unser Kind
am heutigen Tage that.
    Indem wir quer durch das Dorf kamen, sah ich die Bewohner desselben
erwartungsvoll vor den Thren stehen. Sie hatten ihre besten Sachen angelegt und
trugen Blumen in der Hand oder auf der Brust. Jederman hatte Gste, die von
auswrts angekommen waren. Die Mnner waren unbeschftigt; die Frauen und
Mdchen aber hatten mit allerlei Vorbereitungen zu thun, welche darauf schlieen
lieen, da man heut nicht hier unten sondern oben auf dem Berge speisen werde.
    Der Weg, welcher jenseits hinauffhrte, war ebenso in Serpentinen angelegt
wie der, den wir von unserm Hause herabgekommen waren. Auch seine Einfassung
zeugte von denselben sorgfltig pflegenden Hnden. Aber ich achtete weniger auf
ihn selbst, als vielmehr auf die Aussicht, welche er nach der Seite des hohen
Hauses bot. Ich sah es heute zum ersten Male liegen. Seine ganze Fronte lag vor
meinen Augen. Sie wuchs immer deutlicher aus dem jenseitigen Berge heraus, je
hher ich auf den diesseitigen hinaufgetragen wurde. Was von da drben zu mir
herberschaute, war mir ein Rtsel, ein groes, groes baustilistisches Rtsel.
Es zog meine Blicke frmlich zu sich hinber, und es kostete mich eine Art von
Selbstberwindung, sie schlielich davon abzuwenden, weil ich den Anblick nicht
langsam, nach und nach entstehen, sondern pltzlich, auf einmal, in seiner
ganzen Ungeteiltheit auf mich wirken lassen wollte. Und sonderbar: Kaum hatte
ich diesen Entschlu gefat, so drehte der auch jetzt noch immer
voranschreitende Tifl sich um und sagte:
    Ich bitte dich, Effendi, jetzt nicht zum hohen Hause hinberzuschauen!
    Warum fragte ich.
    Unser guter Ustad gebot mir, dich darum zu bitten.
    Hat er dir einen Grund mitgeteilt?
    Er sagte etwas, was ich nicht verstehe. Er sprach von einer langen, langen
Zeit.
    Von welcher Zeit?
    Von der, die noch vor der groen Flut gewesen ist, die einst ber die ganze
Erde ging. Seitdem sind viele tausend Jahre vergangen.
    Was hat das aber mit deiner Bitte zu thun?
    Das ist es ja, was ich nicht begreife. Du sollst diese vielen tausend Jahre
nicht nach und nach mit deinen Augen durchleben, indem du unterwegs unausgesetzt
hinberschaust. Sondern du sollst warten, bis du oben angekommen bist und unter
unsern Sulen sitzest. Dann wirst du staunend diese ganze, lange Zeit mit einem
Male vor dir liegen sehen und sie vielleicht vom ersten bis zum letzten
Augenblick begreifen.
    Ich werde diesem deinem Rate folgen, mein lieber Tifl.
    Ja, thue es! Und noch etwas habe ich dir zu sagen. Darf ich gleich jetzt,
damit ich es nicht vergesse?
    Gewi!
    Du sollst bemerken, da der Berg der Vater dieses Hauses ist. Es tritt nur
vorn aus ihm heraus. Die innere Seite liegt in ihm verborgen. Rechts und links
am Berge siehst du die Brche, aus denen die Steine zum Bau des Hauses stammen.
Sie liegen so verschiedenartig bereinander wie die Stockwerke des Gebudes.
Unten dunkel, nach oben immer heller werdend. Nie ist ein fremder Stein zu
diesem Bau verwendet worden. Nur die Menschen, welche die verschiedenen
Stockwerke aufeinander gesetzt haben, sind aus fremden Lndern gekommen und nach
ihrer Zeit wieder in der Fremde verschwunden. Unser Ustad sagte, das sei so
Erdenbrauch.
    Wir waren jetzt an eine Biegung gekommen, welche wie ein Altan aus dem Berge
hervortrat. Hier lie Tifl halten, um mich die sich hier bietende, herrliche
Aussicht genieen zu lassen. Er hob die Hand gegen das hohe Haus und sagte:
    Ich zeige zwar hinber, doch schaue nicht hin. Hier, wo wir uns befinden,
stand unser Ustad einst mit einem fremden Mann, welcher gekommen war, uns seine
Religion zu bringen. Er behauptete, die unsere werde uns nicht in den Himmel,
sondern in die Hlle fhren. Als er aber einige Zeit bei uns gewohnt hatte,
erkannten wir, da sein Himmel, wenn alle Seligen darin ihm glichen, fr uns
eine Hlle sein wrde. Er mute wieder gehen. Am Tage, bevor er uns verlie,
ging der Ustad mit ihm hier herauf. Sie blieben hier, wo wir uns jetzt befinden,
stehen. Der Fremde schttelte den Kopf ber unser hohes Haus. Er meinte, da es
ein ganz gedankenloses, hliches Gebude sei. Sie hatten mich mitgenommen. Ich
befand mich bei ihnen und hrte also, was ihm der Ustad antwortete.
    Nun, was?
    Das kann ich nicht so schnell sagen. Ich mu in die Erinnerung
hinabsteigen, um es dir heraufzuholen.
    Er sann eine Weile nach; dann sprach er weiter:
    Ihr fremden Gste seid doch sonderbare Leute! Ihr kommt hierher und tretet
mit Forderungen und Aenderungen an uns heran, als ob dies Land nicht uns,
sondern euch gehre und wir eure Gste seien. Ein Gast kommt heut, verweilt
einige Zeit und geht dann wieder fort. Er wird Spuren seines kurzen Besuches
zurcklassen; aber wenn er ein verstndiger Mann ist, wird er darauf verzichten,
unsere Berge umzustrzen und unsere Thler auszufllen. Die Erde ist diesem
Thale gleich; der Mensch kommt als ihr Gast. Auch die Vlker sind nur Gste. Sie
lassen Spuren davon zurck, da sie dagewesen sind; aber die Berge in die Thler
strzen und die ganze Erde in ein einziges groes Feld verwandeln, auf dem es
nichts als allgemeine Gleichheit geben wrde, das wird kein noch so groer Mann
und kein noch so mchtiges Volk fertig bringen. Und das ist ein Glck. Durch
diese Ausgleichung wrde alles Leben auf der Erde bald vernichtet werden. - So
lautete der eine Gedanke des Ustad.
    Er dachte wieder nach und fuhr dann fort:
    Du kommst zu uns, um uns diese Gleichheit aufzuzwingen. Du forderst die
Vernichtung des Bestehenden. Du sprichst von einer anderen, hheren Kultur. Grad
so wie du hat bisher noch jeder Mensch und jedes Volk von der seinigen
gesprochen. Und die nach uns kommen, werden von der ihrigen ganz dasselbe sagen!
Du hast das Bauwerk da drben als hlich, als sinnlos bezeichnet; ich aber sage
dir, es hat nicht nur Sinn, und zwar einen tiefen, tiefen Sinn, sondern es ist
eine ganze, ganze Predigt, eine so gewaltige Predigt, wie du mir wohl keine
halten kannst! Wer hat diesen Bau errichtet? Etwa ein einziger Meister? Whrend
kurzer Lebenszeit? Die Jahrtausende kamen und gingen; die Vlker sind gekommen
und gegangen; die Zeit war mit der Menschheit Gast auf Erden, und jeder Gast hat
die Spur von dem zurckgelassen, was er hier in dieser seiner Fremde wollte. Die
Menschen, welche hier erschienen und verschwanden, haben einst, da sie noch
lebten, hrbare Worte gesprochen; ein hherer Wille aber trieb sie an, dem
vergnglich Hrbaren steinerne Gestalt zu verleihen, um es bleibend sichtbar zu
machen. Jeder von ihnen hat geglaubt, da nur er allein der Weise, der
Erleuchtete sei, da nur er allein das Richtige getroffen habe. Aber nur einer
von ihnen, der Erste, baute auf den eigentlichen Grund. Auf was aber setzten die
anderen ihre Steine? Auf das, was sie verwarfen! Knntest du es anders machen,
wenn du bei uns bleiben und da drben bauen wolltest? Die Gedanken wren wohl
vielleicht von einem anderen Orte; die Steine aber mtest du von diesem unserm
Berge nehmen, und die Arbeit mte dir von uns geliefert werden. Nun frage ich
dich, welchen Einflu wohl dieses Material und diese unsere Arbeit auf deine
Gedanken haben wrden. Zeige mir in den Stockwerken da drben einen reinen,
einheitlichen Stil! Er fehlt, und darum hast du dieses Haus hlich genannt.
Giebt es berhaupt einen allein echten, einen allein wahren Stil? Bist du es,
der ihn bringt? Wird in deiner Heimat ganz ausschlielich nur nach ihm gebaut?
Du schweigst. Ich will dasselbe thun!
    Es ist ganz selbstverstndlich, da der gute Tifl nicht so sprach, wie ich
seine Aeuerungen hier niederschreibe. Er gab sich alle Mhe, die Ausdrucksweise
seines Herrn nachzuahmen, und es war wohl rhrend, zu hren, da ihm das
Unmgliche so ganz und gar nicht gelingen wollte. Aber ich hatte da wieder einen
hochinteressanten Beweis von dem Einflusse jenes wohlthtigen Geistes, der mit
dem geheimnisvollen Herrn des hohen Hauses hier bei den Dschamikun eingezogen
war. Ich mute zwar vieles erraten und manches ergnzen, aber die Hauptsache war
doch die, da Tifl den Ustad verstanden hatte und mit mir nun hierber sprechen
konnte. Auf diesem bescheidenen Wege hatte wohl manches tiefe und schne Wort
des greisen, ehrwrdigen Denkers nicht nur im Duar, sondern auch noch weit ber
ihn hinaus die beabsichtigte Verbreitung gefunden. Der Mund des Unmndigen
spricht oft wirkungsvoller als die Lippe der Gelehrsamkeit.
    Als wir den Weg nun fortsetzten, fhrte er uns aus den Grten heraus auf
eine grne Alm, die sich bis hinauf zu den Blumensulen des Beit-y-Chodeh
ausbreitete, hinter welchem dann der hohe, von zahlreichen Pfaden durchzogene
Wald begann. Der Tempel selbst war, wie bereits lngst gesagt, von einem
umfangreichen Strauch- und Rosenpark umgeben, den des Schattens und der Winde
wegen breitkronige Bume flankierten. Als wir durch diese Anlage kamen, htte
ich am liebsten anhalten lassen, um aus der Snfte zu steigen und bewundernd von
Strauch zu Strauch, von Busch zu Busch zu gehen. Was fr herrliche Rosen waren
da zu sehen! Wie verschieden die Sorten, und wie schn jede einzelne in ihrer
Art! Und zwar in dieser Hhe des Gebirges! Welche Mhe und Arbeit, welche Liebe
und Geduld war ntig gewesen, um alle die duftenden Kinder des Tieflandes und
der windesstillen Thler hier oben zu akklimatisieren! Mit welchem Verstndnisse
war der Park angelegt, und wie viel fleiige Blumenhnde gehrten dazu, ihn so
zu erhalten, wie er jetzt vor mir lag! Ich sah, da man noch bis in die letzten
Stunden mit dem Messer thtig gewesen war, um alles zu entfernen, was sich als
unschn oder auch nur berflssig zeigte.
    Das Beit-y-Chodeh lag mitten in dieser Herrlichkeit auf einer breiten, weit
hervorstehenden und festgegrndeten Felsenplatte; die aus der kompakten Masse
des Berges nur zu dem Zwecke hervorgesprungen zu sein schien, als Trgerin eines
so weit in die Umgegend hinausleuchtenden Gotteshauses dienen zu sollen. Die
abfallende Lage brachte es mit sich, da die vordern Sulen auf hohem Felsen
futen, der auf breiten Stufen zu ersteigen war, whrend die hintere Seite sich
auf der Berhrungslinie des Steines mit dem Berge erhob.
    Das Innere des Tempels war mit Platten ausgelegt und, wie schon einmal
erwhnt, vollstndig leer. Aber heut hatte man vorn, an der stlichen Sule, von
welcher aus sich die beste Aussicht in die Weite und ein Ueberblick der ganzen
Nhe bot, fr mich einen Sitz hergerichtet, nach welchem ich direkt getragen
wurde. Als ich ausgestiegen war, entfernten sich die Leute mit der Snfte; Tifl
aber sagte:
    Ich bin dein Diener fr den ganzen Tag, Effendi. Ich werde stets dort an
der hintersten Sule sein. Du brauchst mir nur zu winken, wenn ich zu dir kommen
soll. Aber es ist der Wunsch des Ustad und auch des Pedehr, da niemand dich
belstige. Sie bitten dich, zu denken, du seiest zwar hier in unserer Mitte,
aber ganz unsichtbar fr Jeden, mit dem du nicht verkehren willst. Hast du jetzt
etwas zu befehlen?
    Bleib jetzt noch hier bei mir, antwortete ich. Ich bin doch fremd und
werde dich wahrscheinlich zunchst um Auskunft zu bitten haben.
    Er erwartete wohl, da ich mich setzen werde; aber dies zu thun war mir
unmglich. Der Blick, der sich mir von dieser Stelle aus bot, war so kstlich,
so einzig, so unvergleichlich schn, da er einen Sterbenden htte zwingen
knnen, die Augen wieder aufzuschlagen und nach diesem Erdenparadiese
zurckzukehren.
    Die Sonne stand jetzt fast im Scheitelpunkte; also lag das Innere des
Tempels, durch welchen ein reger Lufthauch strich, in khlem Schatten. Ich
lehnte mich an die Auenseite der Sule und lie mein Auge rundum wandern gehen.
    Im Osten schlossen sich die Berge bis auf jene Lcke, welche den Weg nach
dem Hasen- und Courierpa offen lie. Im Norden ragten himmelhoch die stillen,
ernsten Gipfel, die durch Nadel- und dann Laubwald, immer wilder werdend, zu den
Grten und mit diesen bis mitten in den Duar hinabstiegen. Im Sden stand ich
hier auf frommer Hhe, und im Westen trat das hohe Haus, den Blick gefangen
nehmend, aus dem mchtigen Massiv der schweren Felsenwand hervor.
    Tief unten lag der See. Da die Sonne fast senkrecht ber ihm stand, so
strahlte er in jenem kstlichen, adularen Blauwei, welches den ceylonischen
Mondsteinen eigen war, die mir in den Juwelenlden von Colombo zum Kaufe
angeboten wurden. Auf dem Hauptwege des Duar herrschte reges Leben. Die Bewohner
begannen, ihre Huser und Zelte zu verlassen, um zum Beit-y-Chodeh
emporzusteigen. Die Frauen und Mdchen trugen in malerischer Weise auf den
Kpfen oder Schultern Thongefe oder selbstgeflochtene Krbe mit Blumen und den
Speisen, welche mitzunehmen waren. Die sich nicht, wie sonst im Oriente,
absondernden Mnner gingen ihnen wrdevoll zur Seite. Die Kinder fllten, stets
in lebhafter Bewegung, smtliche Lcken aus. Das waren nicht die langsamen,
schweren, melancholischen und nur selten eine Miene verziehenden Puppen, als
welche im Morgenlande sich so oft die Kinder zeigen! Auch ein Teil der Tierwelt
war mit in Bewegung, denn man hatte fr frische Milch zu sorgen; die deshalb
mitzunehmenden Khe und Ziegen waren mit grnen Zweigen geschmckt, und manche
von ihnen trugen bunte Strue auf den Hrnern. Waffen sah ich nicht. Es war ein
Bild der Eintracht und des Friedens.
    Das alles erfate ich mit einem kurzen Blicke. Dann lenkte ich meine
Aufmerksamkeit dem hohen Hause zu. Was ich in Tifls Manier von dem Gesprche
des Ustad mit dem Fremden ber dieses Haus gehrt hatte, das sah ich nun vor
meinen Augen liegen. Es war einiges dabei gewesen, was ich nicht verstehen
konnte; nun aber begriff ich es sofort. Ja; der Ustad hatte recht gehabt: ich
sah eine in Stein laut tnende Predigt der Jahrtausende vor mir liegen. War sie
hlich, war sie schn? Das fragte ich mich nicht. Ich sah und hrte sie zu mir
herberklingen, in Tnen, die so gewaltig waren, da fr Stilfragen weder Zeit
noch Raum in mir gefunden wurde. Die Wirkung war da; was kmmerte mich der Stil!
    Was sind die altindischen Tempel? Die gyptischen Pyramiden? Die
mittelamerikanischen Teocalli? Gewaltige Menschenwerke, welche der Zerstrung
bis heutigen Tages trotzten, ja. Doch reden sie zu uns von einer gewissen, ganz
bestimmten Zeit in einem ebenso gewissen, ganz bestimmten Tone. Hier aber lag
ein Bau vor mir, zu dem in unberechenbarer Vorzeit der Grund gelegt worden war;
die spter Gekommenen hatten ihn fortgesetzt, und heut sah ich, da er noch
fortzusetzen war. Also kein Ueberrest aus einer vergangenen, besonderen Epoche,
sondern ein steinernes Kalenderwerk von Anbeginn bis auf die Gegenwart, mit Raum
auch noch fr die zuknftige Zeit!
    Von Anbeginn?
    Ja, von Anbeginn! Denn die lange, untere, massive, viele, viele Meter hohe
und bis in das Innere des Berges reichende Mauer hatte kein anderer als nur der
gegrndet, der von Anfang war! Waren vielleicht die hheren Teile dann ihm
geweiht gewesen? Wie hie hierauf der Mensch, der mchtige, dem diese
Riesenmauer noch zu niedrig gewesen war? Vielleicht Olor, der sagenhafte? Oder
war es Hasisadra, von dem man sagt, da er zur Zeit der Sndflut dort Knig
gewesen sei? Hatte er das Nahen der Flut geahnt und baute hher, um sich vor ihr
zu schtzen? Oder ging der Geist des ersten Brudermordes, Kains Gespenst, im
Lande um? Mute der Mensch sich von den Menschen durch Mauern trennen, die
selbst fr Giganten unersteigbar waren? Denn die Riesenquader, welche ich auf
Gottes Fundament an- und bereinandergefgt sah, hatten wenigstens dieselben
Dimensionen, wie die weltberhmten Mauersteine, welche die Umfassungsmauer von
Baalbeck bildeten. Ich selbst bin, um ihn auszuschreiten, dort auf einen Block
gestiegen, den man Chadschar el Hubla nennt, und habe ihn ber einundzwanzig
Meter lang, mehr als vier Meter hoch und genau vier Meter breit gefunden. Und
hier am hohen Hause zhlte ich sechs Lagen solcher Steine. Sie waren nicht
durch Mrtel, sondern durch ihre eigene Schwere miteinander verbunden und hatten
so fein und genau geschliffene Seiten, da von da aus, wo ich stand, selbst nach
verflossenen Jahrtausenden die Fugen nicht berall deutlich zu erkennen waren.
In gleicher Hhe mit ihnen lagen in den Seiten des Berges die Brche, denen man
diese Kolosse entnommen hatte. Sie waren dunkel, fast schwarz gefrbt. Welche
Art von Gestein, das konnte ich natrlich von so weit aus nicht bestimmen.
    Was fr Innenrume waren durch diese Quader wohl nach auen abgeschlossen
worden? Es gab in gewissen Zwischenrumen Oeffnungen, um Luft und Licht den
Zutritt zu gestatten. Ich war sehr wibegierig, zu erfahren, ob man noch heut
von oben da hinuntersteigen knne. Da die Treppe eine sptere Erfindung ist, so
hatte frher wohl ein steinerner Gangweg hinaufgefhrt. War ein solcher doch
sogar bis fast auf die Spitze des babylonischen Turmes, natrlich in Spiralen,
angelegt gewesen! Jene Zeit verwendete kolossale Krfte auf den Gebrauch
kolossaler Mittel. Waren die Zwecke entsprechend gro? Wer will und kann die
Antwort bernehmen?
    Diese Riesenquadermauer erreichte nicht die volle Breite des
Felsenfundamentes. Es war berhaupt jedes folgende Stockwerk schmler als das
vorhergehende gebaut, dafr aber mehr artikuliert. Je mehr der Geist den Stoff
beherrscht, desto weniger ist von dem letzteren zu gleichem Zwecke ntig. Die
obere Lage der Steine war etwas vorgerckt, vielleicht den sechsten Teil von
ihrer Breite. Dadurch war der Abschlu erreicht worden, der zugleich als
Brstung fr das jedenfalls glatte Dach gedient hatte.
    Welchem Zwecke hatte dieser cyklopische Bau gedient? Der Verehrung des
groen, einzig-einen El, dessen Name in so vielen Gottesnamen wiederklingt?
Warum ihm, dem Allanwesenden und Nieverschwindenden diese unzerstrbaren
Felsenblcke auf unwandelbarer, von der Natur selbst hergestellter Unterlage?
    Wie lange wohl hatte das obere Dach dieses Souterrain, wie ich es nennen
will, das Sonnenlicht geschaut? Wer kann es sagen! Dann waren Andere gekommen
und hatten weitergebaut. Die folgende Etage war, wie bereits erwhnt, schmler;
auch trat sie etwas zurck, um eine Vorhalle bilden zu knnen. Auch sie bestand
aus schweren Werkstcken, welche teils dem schon angegebenen, teils den
darberliegenden Brchen entnommen waren. Das Material der letzteren hatte
hellere Farbe. Darum schaute die Etage nicht so sehr tiefernst, fast drohend wie
das Erdgescho, zu mir herber. Sie war nicht hoch, zeigte dafr aber schon das
Bestreben der Gliederung und des figurenbildenden Meiels. Die vordere Seite
wurde nicht von einer kompakten Mauer gebildet, sondern von starken, breiten,
ungemein tragfhigen Pfeilern, deren Zwischenrume dem Sonnenlicht direkten
Zutritt gewhrten. Der Abschlu ber ihnen lie schon den Versuch zur Bogenlinie
sehen. Die beiden Pfeiler, welche den Haupteingang bildeten, fielen mir ganz
besonders auf. Es traten aus ihnen zwei hchst eigenartige Hochreliefs hervor,
welche sitzende Figuren bildeten, an denen die Zeit leider nicht schonend
vorbergegangen war. Doch konnte man noch recht wohl erkennen, da es sich um
die Darstellung eines Wesens handelte, dessen Personifizierung vier Gesichter
hatte. Durfte ich diese Figuren nur als Andeutung der Himmelsrichtung, der vier
Winde betrachten? Ganz gewi nicht. Wer wurde mit vier Gesichtern abgebildet?
Brahma. Aber ihm direkt war doch nie ein Tempel geweiht! Und die Reste, welche
von der einstigen Vorhalle noch brig waren, deuteten auf das alte Persien,
nicht aber nach Indien hin. Sie war von einem auf leichteren Pfeilern ruhenden
Dach berdeckt gewesen. Wahrscheinlich hatte es den Himmel darstellen sollen. Es
war lngst eingefallen, und von den Pfeilern standen nur noch zwei, deren Knufe
menschlichen Kpfen mit Hals und Schultern glichen. Von den letzteren gingen
nach den Seiten Flgel aus, um das Architrav zu bilden. Geflgelte Wesen! Sollte
diese Meielarbeit auf die Strahlenflgel schlagenden Amschaspands deuten,
welche nach altiranischem Glauben den Himmel bevlkerten und im Sonnenlichte zur
Erde niederschwebten, um die Wnsche der Menschen im Gebete zu Gott
emporzutragen?
    Man darf heutzutage kaum mehr von den Engeln reden, obgleich sogar in der
Bibel zu wiederholten Malen und deutlich genug von ihnen erzhlt und gesprochen
wird. Warum? Der Eine versteht unter ihnen wirklich existierende Geschpfe
Gottes; der Andere lt sie nur als Personifikationen gewisser Krfte oder
Eigenschaften gelten. Welcher von Beiden hat recht? Aber wer gab dem Anderen die
Erlaubnis, ber den beglckenden Kindesglauben des Einen zu zrnen? Und von wem
wurde diesem Einen der Auftrag, dem Anderen zu verbieten, die Ursachen und
Wirkungen im Bereiche der irdischen Natur zu poetischen Gestalten zu verklren?
Die heilige Schrift bedient sich beider Anschauungsweisen. Sie erzhlt von
persnlich auftretenden Engeln, und sie spricht von Winden und Feuerflammen, die
sie Engel nennt. Nur der Mensch allein ist es, der da ewig deutelt!
    Abermals zurcktretend und wieder etwas schmler folgte nun ein zweietagiges
Gescho. Es stellte sich, obgleich aus hellerem Material gebaut, nichts weniger
als freundlich dar. Es hatte nur oben Fensterffnungen, nicht aufrecht stehend,
sondern wagrecht liegend, als solle jeder Blick von auen her abgewiesen werden.
Wie schmal, wie niedrig sie doch waren! Und unten gab es nur eine ebenso schmale
Thr, deren Oberschwelle von zwei steinernen Tafeln gebildet wurde. Sie hatten
eine Schrift enthalten, welche man wahrscheinlich noch jetzt entziffern konnte,
doch sah ich, da sie durch einen quer darbergehenden Ri wie ausgestrichen
worden war. Sie hatten nicht Festigkeit genug gehabt, den Druck von oben
auszuhalten.
    Dieser Bau sah ganz so aus, als msse sein Bewohner jeden Augenblick aus der
engen Thr treten, um in alle Welt hinauszurufen: Da sich mir niemand nahe!
Ich bin der Auserwhlte von Anfang an und werde es ewig bleiben! Auf dem
Vorhofe sah es wst aus. Auf Haufen von Schutt und Scherben wucherte dichtes
Unkraut. Besonders vor der Thr waren die Disteln und Stechranken so
undurchdringlich geworden, da der erwhnte imaginre Bewohner am besten
drinzubleiben und zu schweigen hatte. Ueppige Dornen wanden sich auch um den
Ueberrest eines steinernen Gebildes, dessen Gestalt ich also nicht erkennen
konnte. Es schien eine Sule zu sein, die sich in sieben Arme geteilt hatte. War
es vielleicht ein Kandelaber gewesen? Aber die Arme hatten einander nicht
gekreuzt gegenbergestanden, sondern ihre noch vorhandenen Stmpfe zeigten, da
sie nebeneinander, also in gleicher Flche, emporgerichtet gewesen waren. Wo
giebt oder gab es solche Leuchter? Wem war das siebenfache Licht verlscht, als
jener Ri dort an der Thr quer ber die beiden Tafeln ging? Hatte der
allanwesende El da unten im Erdgescho nicht Macht genug besessen, die
Leuchter hier oben zu schtzen? Oder hatte man sein vergessen gehabt, grad so,
wie man das Vermchtnis dessen verga, der einst in Chalda sein wirklich
Auserwhlter gewesen war?
    Jede der bisherigen Etagen hatte, wenn nicht einen besonderen Stil, so doch
wenigstens Einheitlichkeit. Nun aber kam ein Gescho, welches nur das
Einheitliche besa, da die Gesamtfassade aus einem und demselben Material
bestand. Dies war ein weilichgrauer, dichter Kalkstein, vermengt mit den
Ueberresten fossiler Organismen, Schnecken, Muscheln und Korallen. Das Bauwerk
erhielt durch diese hellere Frbung, welche auch die in gleicher Hhe liegenden
Brche zeigten, ein freundliches, beinahe einladendes Aussehen; leider aber
wurde dieser gute Eindruck fast vollstndig dadurch aufgehoben, da es sich in
allen brigen Beziehungen als ein architektonisches Quodlibet darstellte. Es gab
Thore und Thren in den verschiedensten Formen und Gren. Eine imposante
Freitreppe fhrte zu einem so engen und niedrigen Thrchen, da man nicht
aufrecht passieren konnte; man war gezwungen, zu kriechen. Und vor einem hohen,
breiten, weitgeffneten Thore lag eine alte, schmale, wackelige, hlzerne
Treppenstiege, der eine ganze Anzahl von Stufen abhanden gekommen waren. Es gab
Eingnge ganz zur ebenen Erde und aber auch solche, die man nur per Leiter
erreichen konnte.
    In so ganz verschiedener Hhe lagen auch die Fenster, bei denen die
Ungleichheit noch viel grer als bei den Thren war. Keines befand sich in
gleicher Hhe mit dem anderen. Neben breiten, hohen Saal-oder Kirchenfenstern
gab es kleine, arme Gucklcher, in die kein Mensch den Kopf zu stecken
vermochte. Hier war eines vollstndig unbeschtzt, dort ein anderes mit einem so
starken Laden versehen, als ob man sich vor ganzen Ruberbanden zu frchten
habe. Man denke sich hierzu die ebenso unregelmig und verworren angebrachten,
oft ganz schief gehenden Haupt-, Brstungs-, Gurt-, Kmpfer- und Sockelgesimse,
die Eckarmierungen und Lisenen, die Sulen-und Pilasterstellungen, zwischen
denen es keine einzige verbindende Idee gab, so kann man sich wohl schwerlich
darber wundern, da der Fremde, von welchem Tifl mir erzhlte, dieses Bauwerk
hlich genannt hatte. Ein anderer htte es wohl gar als lcherlich bezeichnet,
was doch noch schlimmer als nur hlich ist!
    Und das Dach, oder vielmehr die Dcher? Denn ein einheitliches Dach, das gab
es nicht. Ich sah zwei einander nahestehende, sehr hohe Abteilungen, welche noch
gar nicht ausgebaut waren, von ihnen eingeengt aber, kaum einige Meter breit,
ein winziges Parterregela, dessen nadeldnne Turmspitze zwischen den beiden
anderen hoch empor und weit ber sie hinausragte. Tief unten eine Zwiebelkuppel,
hoch oben ber ihr ein Schindeldach! Daneben ein mit Ziegeln gedeckter
Balkenreiter! An dem einen Ende ein runder Quaderturm, stolz fr die Ewigkeit
gebaut, und doch schon fast in sich zusammengestrzt, weil auf die
allerschwchste Stelle der Unterlage gesetzt. An dem anderen ein hagerer,
schiefer Campanile, auch noch nicht fertig, weil er beim Weiterfhren unbedingt
eingestrzt wre, denn man hatte ihn zwar absichtlich schief gebaut, aber den
Schwerpunkt falsch berechnet.
    Wer war der Architekt, der dieses Unikum ersann? Oder hat ein solches
Quodlibet gar nicht in seiner Absicht gelegen? Hat er keinen Plan, keine
Zeichnung hinterlassen? Hat er keine Weisungen gegeben? Kein einziges Wort ber
die Aufgaben gesagt, die er den Arbeitern zu stellen hatte? Sollte es nicht eine
Wohnung fr viele unter einem einzigen Dache werden? Wo sind die hin, welche
anfingen, und dann die, welche aufhrten, hier zu bauen? Warum steht das ganze
Gebudekonglomerat jetzt leer? Warum haben nicht einmal die Dschamikun sich
entschlossen, es zu bewohnen? Befrchten sie, da es zusammenbrechen werde? Oder
ist ihnen ihr auf Gottes ebenem Boden und am klaren Wasser liegender Duar lieber
als die fremdartige, untrauliche Baute, die wie die Bergeszellen am Dschebel
Qarantel bei Jericho136 nur unfreiwilligen Anachoreten zur Wohnung dienen
konnte? -
    Abseits von diesen bergan kletternden Etagen und von ihnen durch die schon
wiederholt erwhnte Pferdeweide getrennt, lag in sdlicher Richtung ein anderes
Bauwerk, welches nun jetzt mein Auge auf sich zog.
    Der Grundfelsen stieg hier viel weiter als da drben den Berg empor. Er trug
ganz so wie dort, aber bedeutend hher, die Riesenmauer, von deren kolossalen
Quadern der Garten des Ustad und der Vorplatz gehalten wurde, auf dem ich im
Schatten der Dlbiplatanen gesessen hatte. Die Breite des Vorplatzes und Gartens
freigebend, stand hier nun das gastliche Haus, dessen Bewohnern wir so viel, so
viel zu verdanken hatten.
    Es war mir mglich gewesen, schon einen Teil desselben zu sehen, vom
Vorplatze aus. Aber der lag so nahe am Gebude, da ich wohl an ihm
emporschauen, es aber nicht ganz berblicken konnte. Nun sah ich es vollstndig
vor mir liegen. Da bemerkte ich denn, da es aus einem uralten und aus einem
spteren Mauerwerk bestand.
    Zu dem ersteren gehrte das Gewlbe, in welchem jetzt die gefangenen
Soldaten steckten. Es stieg dann noch um zwei Stockwerke hher empor und
schien ein altpersischer Wartturm gewesen zu sein, zum Aufenthalte fr die
Personen bestimmt, welche man in unserer Ritterzeit die Knappen nannte. Das
einstige Herrenhaus, um zwei Geschosse hher gebaut, lag etwas davon entfernt.
Sein glattes Dach hatte eine Mauerkrnung nach altassyrischer Weise. Haus und
Wartturm waren spter durch den jetzigen Versammlungssaal verbunden worden, in
welchem Halefs und mein Lager sich befanden. Ich sah auf dem Dache dieses Saales
Laubhtten stehen, in denen, wie ich spter hrte, Hanneh und Kara schliefen.
    Da es in dem Kalkfelsen ber dem Hause Hhlen gab, habe ich schon erwhnt.
Auch da in einer von ihnen die Glocken hingen, zu denen ein Weg und eine
bequeme Treppe fhrte. Nun aber sah ich noch etwas bisher fr mich vollstndig
Unbekanntes. Nmlich das eigentliche hohe Haus.
    Ich hatte bei dieser Bezeichnung stets nur an die Wohnung des Ustad gedacht.
Jetzt glaubte ich, den vorhin beschriebenen Etagenbau so nennen zu mssen. Ich
fragte Tifl, und er sagte mir, da das wirkliche hohe Haus dort auf der
hchsten Hhe stehe, da man aber nebenbei diese Bezeichnung auch den beiden
anderen Bauwerken gebe, weil auch sie von den Bewohnern des Duar dem Ustad
berlassen worden seien.
    Auf der Spitze des Berges, hoch ber der ganzen Umgegend, doch auf bequemen
Pfaden zu erreichen, da wo der klare Himmel sich fr das Auge auf die grne Alpe
legte, stand in andchtiger Erdenstille ein nach vier Seiten offenes,
weitgespanntes, weies Leinwandzelt. So schien es mir beim ersten Blick. Aber
die vermeintliche Leinwand empfing die Strahlen der ber ihr stehenden Sonne
nur, um sie in so wunderbarer Weise in das Thal herniederzubrechen, da ich mein
Auge mit der Hand beschirmte, um das flimmernde Licht von ihnen abzuhalten. Da
sah ich freilich, da es nicht Leinen, sondern, man denke, Alabaster war.
Freilich aber ist da nicht der echte Gipsalabaster gemeint, den man z.B. in
Derby und Volterra findet und zur Herstellung teurer Kunstwerke verwendet,
sondern der mit dem Tropfsteine verwandte und hufig vorkommende Kalkalabaster,
den die Kalkhhlen ihres Berges den Dschamikun geliefert hatten. Tifl besttigte
mir dieses letztere. Er nannte den Alabaster weien Rucham137 und sagte:
    Im Innern dieses Berges und auch anderer Berge der Umgegend giebt es sehr
groe Mengen dieses schnen Steines. Man erkennt sein Vorhandensein an dem
Wasser, wenn es aus dem Gebirge zu Tage tritt. Es lst den Kalk wie Zucker auf
und setzt ihn in den Felsenzwischenrumen als festen Rucham wieder an. Doch
nimmt es noch so viel Kalk mit sich fort, da man ihn leicht bemerkt.
    Wer hat das Zelt da oben gebaut?
    Wir.
    Giebt es denn Leute bei euch, welche gelernt haben, diesen Stein zu
brechen, zu bearbeiten und zu polieren?
    Ja. Der Ustad hat es sie gelehrt. Als er noch jung war, hat er in den
Stdten, wo es groe Pltze fr die Toten giebt, berall gern den Kabristan138
besucht, um die Grabdenkmler zu betrachten. Er verweilte sehr oft in den
Werksttten der Bildhauer, wo die Trban139 gehauen werden, um mit ihnen darber
zu sprechen, welche Gestalt und welchen Sinn man ihnen eigentlich geben sollte.
Da hat er nicht blo zugeschaut, sondern auch mit zugegriffen und also gelernt,
wie Bildnissteine zu behandeln sind. Von dem Zelte da oben hat er eine Zeichnung
gemacht und vorher alles genau berechnet, ehe er mit den Leuten, die er dazu
aussuchte, an die Arbeit ging. Sie waren nicht gebt, und es ist also manches
Stck von ihnen zerbrochen oder verdorben worden. Aber der Ustad hatte Geduld,
und so wurde das Werk, wie du siehst, endlich doch so fertig, wie es von ihm
vorgeschrieben war. Aber es hat viel Zeit gekostet, sehr viel Zeit, weil die
Arbeiter alles erst zu lernen hatten!
    Das glaubte ich ihm gern. Einem hhern Gedanken zeitlich dauernde Gestalt zu
geben, dabei hat ja die Zeit ganz vorzugsweise mit beteiligt zu sein. Wahre
Kunstwerke werden nicht vom Augenblick vollendet, auch wenn ihm gewandte Hnde
und nicht ungebte Dschamikun zur Verfgung stehen.
    Gefllt es dir, Effendi? fuhr Tifl fragend fort.
    Gefallen? Das ist zu wenig gesagt. Ich mchte tglich hier stehen und zu
ihm aufwrts schauen. Es wohnt ein Wort in diesem Zelte, ein groes, ernstes,
und unendlich vertrauensvolles Wort. Es fllt mir jetzt nicht ein; ich mu es
aber finden.
    Vielleicht wei ich es und kann es dir sagen.
    Du? fragte ich verwundert und unglubig.
    Ja, ich! Freilich bin ich nicht klug genug, hierber nachzudenken und das
Wort zu finden. Aber wahrscheinlich ist es dasselbe Wort, welches der Ustad
sagte, als das Zelt fertig geworden war. Er bezeichnet es auch oft mit ihm.
    Welches Wort ist es?
    Amen! Wenn er von dem Zelte spricht, so nennt er es zuweilen unser Amen.
Ich verstehe das nicht; aber du wirst es begreifen.
    Ja, ich begriff es. Amen! Das war das richtige Wort. Nun ich es hatte,
zeigte mir mein Auge die Besttigung. Ich hatte bisher nicht auf einen Umstand
geachtet, den ich erst jetzt bemerkte. Die Stelle, an welcher das Zelt stand,
lag nmlich gerade ber dem Etagenbau. Indem ich nun den Linien desselben folgte
und sie bis oben weiterfhrte, sah ich, da der unten auf der breiten
Felsenbasis ruhende und aufwrts immer schmler werdende Bau bei einer gedachten
Weiterfhrung ein gleichschenkeliges Dreieck bilden mute, dessen Spitze ganz
genau das Zelt berhren wrde.
    War dies Berechnung vom Ustad? Jedenfalls! Das Thema der vor mir in Stein
erklingenden Predigt hatte mir der Felsengrund im tiefsten Tone heraufzurufen:

Wo warst denn du, o Mensch, als ich die Berge grndete?
Wo stecktest du, als ich die Sonnen einst entzndete?
Wo sind sie alle hin, die hier zum Berge kamen?
Bau auf mein ew'ges Wort; steig auf zur Sonne. Amen!

So sprach der Fels, der einst aus der Tiefe stieg, um alles, was da lebt,
emporzuheben. Und nun der Menschenbau? Seine Lippe war lngst erstarrt, hohl,
leer und darum stumm sein Mund. Aber seine steinerne Leiche lag vor mir
ausgestreckt in jener wortlosen und doch berwltigenden Beredsamkeit, die jedem
von der Seele verlassenen Leibe eigen ist. Dann kam die leer gebliebene und also
der Zukunft vorbehaltene Baustelle. Was sagte sie? Sie sprach nur Fragen aus.
Wer ist es, der da kommen wird? Vielleicht einer, der niemals starb? Der,
welcher mitten unter ihnen ist, wenn zwei oder drei versammelt sind in seinem
Namen? Aber wenn er es thte, wrde er in der bisherigen Weise weiterbauen?
Sprach er nicht immer nur von seines Vaters Hause, in dem es viele Wohnungen
gebe, und da er hingehe, sie fr uns vorzubereiten? Warum also hier Stein auf
Stein trmen, wenn wir gar nicht bleiben knnen? Warum Huser neben und ber
Huser bauen, whrend fr unsere kurze Wanderung ja doch ein Zelt gengt?
    Da stand es oben, dieses Zelt, hell leuchtend an der Scheidelinie zwischen
Himmel und Erde! Jahrtausende haben da unten gebaut, stark und fest wie fr
endlose Zeiten, und doch und doch vergeblich fr die Ewigkeit! Und da kommst du,
o Ustad, du Unbekannter, du, der du dem Auserwhlten von Chalda gleichst, der
dort sein Zelt abbrach, um es im Haine Mamre wieder aufzuschlagen. So schlugst
auch du dein Zelt da oben auf. Du nennst es das Amen der unter ihm erklingenden
Berg- und Felsenpredigt. Ich habe dich verstanden. Mchten doch auch andere dich
verstehen! - - -
    Ich htte jetzt noch gern verschiedene Fragen an Tifl gerichtet; aber da
erklangen drben, ganz unerwartet fr mich, die Glocken, und ich sah die
Dschamikun erscheinen. Sie bildeten einen Festzug, welcher mir hinter dem
dichten Grn der Grten verborgen geblieben war. Nun er die offene Matte
erreichte, mute ich ihn bemerken.
    Voran schritt der Pedehr. Ihm folgte eine Anzahl meist graubrtiger Mnner,
welche zusammenzugehren schienen.
    Das ist die Dschemma140, sagte Tifl.
    Nach ihnen kamen die Bewohner des Duar mit allen ihren Gsten, wohl
geordnet, doch in beliebiger Reihenfolge, zunchst die mnnlichen und dann die
weiblichen mit den Kindern und dem wirtschaftlichen Zubehr. Sie zogen heran,
erst ber die grnende Weide, dann durch den duftenden Park. Als der Zug den
Tempel erreicht hatte, lste er sich auf. Die Tiere wurden nach dem Waldesrande
gefhrt, wo eine reichlich flieende Quelle frisches Wasser gab. Jedermann ging,
wohin es ihm beliebte. Der Pedehr aber kam mit der Dschemma die Stufen
heraufgestiegen. Es waren feierliche Augenblicke. Ich fhlte mich ergriffen von
dem Gefhle ernster und doch froher Erwartung.
    Wo aber war der Ustad? Ich sah ihn nicht. Da bemerkte ich, da die Mnner
der Dschemma ihre Blicke aufwrts nach dem Walde richteten. Ich drehte mich um.
Er kam.
    Sein Gewand war kein anderes als das bescheidene, hrene, in welchem ich ihn
schon gesehen hatte. Er trug keinen anderen Schmuck als nur eine halboffene
Rosenknospe an der Brust und eine ebensolche in der Linken. Aber wie er so aus
dem dunklen Walde trat und sinnend mild zu uns herniederstieg, mute ich an das
Wort Jesaias, des Sohnes Amos denken:
    Wie kstlich sind auf den Bergen die Fe der Boten, welche den Frieden
predigen, das Gute lehren und das Heil verkndigen! Die da sagen zu Zion: dein
Gott ist der Herrscher!
    An ihm war nichts, was glnzte und was gleite. Doch alle, die ihn sahen,
schauten ihm so aufrichtig liebend und ehrfurchtsvoll entgegen, da ich von dem,
was sie bewegte, auch ergriffen wurde. Als er den Tempel betrat, verneigten sie
sich. Er dankte still und gtig lchelnd mit der Hand und kam dann her zu mir.
Mir die Rose gebend und dabei mit der Rechten mein Haupt berhrend, sprach er:
    Friede sei mit dir und mit uns allen! Die Glocken des Gebetes klingen. Dein
Herz sei wie die Rose hier. Warum ich dieses sage, das wirst du spter hren!
Sei heut mit uns ein unbekannter Dschamiki! Wen nur der Himmel kennt, der hat
die rauhe Hand der Erde nicht zu frchten!
    Hierauf wendete er sich von mir ab und zu der Dschemma hin. Ich hrte, da
er sagte:
    Wir haben noch weitere Gste zu empfangen. Ich war hoch ber den Wald
hinaufgestiegen und schaute in das weite Land hinaus. Da sah ich einen Trupp von
Reitern, welche in groer Eile aus der Morgengegend kamen. Sie haben den Duar
wohl schon erreicht.
    Wahrscheinlich sind es Kalhuran, die sich erkundigen wollen, ob ihr Scheik
wohl bald zurckkehren werde. Man wird ihnen sagen, da wir oben sind. Doch was
ist das? Warum hat man den Lutenden das Zeichen der Warnung gegeben? Sind nicht
Freunde, sondern Feinde angekommen? antwortete der Pedehr.
    Das Glockenluten hatte nmlich pltzlich aufgehrt, doch ohne da die
Glocken schwiegen. Sie sprachen in einzelnen, auseinander gehaltenen Schlgen
weiter, ungefhr so, wie bei uns im Abendlande, wenn von dem Turme Feuer
gemeldet wird. Und jetzt sah man einen Reiter kommen, der sich in grter Eile
auf das erste, beste ungesattelte Pferd geworfen hatte. Er achtete der
Krmmungen des Weges nicht, sondern trieb das Tier trotz der Steilheit der Matte
in gerader Richtung auf den Tempel zu. Sobald er sich vernehmlich machen konnte,
hrten wir ihn rufen, konnten aber die Worte nicht verstehen. Sie schienen aber
nichts Gutes zu enthalten, denn die am untern Park befindlichen Dschamikun, die
sie deutlich vernommen hatten, erhoben ihre Stimmen in zorniger Weise, um die
Botschaft schnell weiter zu geben. Sie ging von Mund zu Mund, bis wir sie
hrten:
    Ghulam el Multasim, der Blutrcher, ist im Duar!
    Eine so feindliche Kunde mitten in die Klnge des Friedens hinein! An jedem
andern Orte htte sie gewi eine augenblickliche und groe Verwirrung
hervorgebracht. Hier nicht. Der Ustad trat vor die Sulen hinaus und hob die
Hand empor. Da trat augenblicklich tiefste Stille ein. Hierauf ging er auf die
Dschemma zu und sagte:
    Bleiben wir ruhig! Wer hat den Thrdrcker zum Gewlbe der Gefangenen?
    Ich habe ihn hier, antwortete der Pedehr.
    So kann der Rcher nicht zu ihnen. Wir haben Zeit. Warten wir, was der Bote
sagt!
    Dieser war am Blumenpark vom Pferde gesprungen und zu Fue herbeigeeilt. Er
kam soeben die Stufen herauf und meldete:
    Ghulam el Multasim ist da! Einige groe Herren sind bei ihm und auch noch
bewaffnete Leute, zusammen zwlf Personen. Ich stand mit meinem Sohne am
Eingange des Duar, als sie kamen. Sie fragten nach euch.
    Sind sie nach dem hohen Hause? erkundigte sich der Ustad.
    Nein. Ich wies sie hier herauf und gab ihnen meinen Sohn als Fhrer mit.
Ich wollte sie vom hohen Hause abhalten, weil es jetzt dort nur wenige Mnner
giebt. Dann nahm ich das Pferd und ritt zu euch herauf, gleich quer den Berg
heran, um ihnen zuvorzukommen. Aber die Grten hinderten mich. Die Perser werden
wohl sofort erscheinen!
    Ja, sie erschienen. Sie hatten soeben die Matte erreicht und hielten einen
Augenblick an, um das Terrain zu beurteilen. Dann setzten sie sich wieder in
Bewegung. Sie hatten einen Entschlu gefat; welchen, das sollten wir sogleich
sehen.
    Der Park war ihnen im Wege. Sie wollten nicht absteigen, sondern ihre
Befehle den Dschamikun vom Sattel herab erteilen. Darum ritten sie um ihn herum.
An der hintern Seite angekommen, brachen sie durch die Rosen und kamen zwischen
den Sulen zu uns herein, um ihre Pferde grad vor der Dschemma anzuhalten.
    Ein Dutzend Personen! Niemand frchtete sie, obgleich sie, wie man zu sagen
pflegt, bis an die Zhne bewaffnet waren. Aber es war nicht nur die Strung des
Festes, auf welches sich jedermann gefreut hatte, zu beklagen, sondern der so
unerwartete Einbruch des Blutrchers konnte auch auerdem sehr leicht noch
Folgen haben, die jetzt nicht vorauszusehen waren. Ghulam stand im Rufe der
Grausamkeit, und als Grausamer war er feig. Die Feigheit greift sehr gern zur
Hinterlist. Was fhrte er im Schilde? Von den zwlf Reitern hatten einige das
Aussehen vornehmer Leute. Sie ritten teure Pferde. Wenn sie die Freunde des
Multasim waren und sich seiner Sache annahmen, konnte ihr Einflu bei Hofe dem
Ustad und seinen Dschamikun wohl schdlich werden. Ich war auerordentlich
gespannt darauf, zu sehen, wie er sich berhaupt verhalten und was er im
Besondern zu der rohen und rcksichtslosen Entweihung seines Tempels sagen
werde. Konnte irgend eine Gelegenheit geeignet sein, ihn mir so zu zeigen, wie
ich ihn kennen lernen wollte, so war es die gegenwrtige hier.
    Einer von den zwlfen ritt einen hochgebauten turkmenischen Fuchs von, wie
es schien, hochedler Tiukihrasse. Er war ein schner Mann von gegen sechzig
Jahren, schwarzgrau bebartet, sehr wohlhabend gekleidet und auer mit
ausgelegten Schiewaffen mit einem krummen Sbel versehen, dessen von Steinen
blinkende Scheide fr sich allein ein kleines Vermgen bedeutete. Ich habe
berhaupt keine besonders groe Vorliebe fr sogenannte schne Mnner, und wenn
sie sich selbst bei gewhnlichen Gelegenheiten so herausputzen wie dieser hier,
so lasse ich sie am liebsten ihrer Selbstbewunderung ber. Die wahre, edle
Schnheit bedarf des Putzes und des Tandes nicht.
    Dieser Mann war Ghulam el Multasim, der sich einbildete, mit zwlf Pferden
den ganzen Widerstand der Dschamikun niederreiten zu knnen. Er sah sich, sobald
sein Turkmene still stand, im Kreise um, nahm den Ustad scharf in das Auge und
fragte ihn in strengem Tone:
    Wer bist du?
    Der Gefragte that, als ob er ihn weder gehrt noch gesehen habe, als ob er
gar nicht vorhanden sei. Er sagte zum Pedehr:
    Reinige den Tempel! Sobald ich zurckkehre, wird die Feier dieses
Freudentages beginnen.
    Hierauf ging er langsamen Schrittes hinaus zu seinen Rosen.
    Der ist taub! lachte der Multasim. Und sich nun an den Pedehr wendend,
fragte er diesen:
    Wer war dieser alte Mann, der weder Augen noch Ohren zu haben scheint?
    Auch der Scheik antwortete nicht, wenigstens nicht durch Worte. Er that
einige Schritte bis vor die nchste Sule hinaus und wehte mit einer
emporgehobenen Falte seines weien Oberkleides zum hohen Hause hinber. Das
Zeichen wurde gesehen; die Glocken verstummten. Hierauf rief er den drauen in
den Gngen des Parkes wartenden Dschamikun einige mir nicht gelufige kurdische
Worte zu. Das war ein Kommando, dem sie augenblicklich gehorchten. Sie besetzten
im Nu und auf allen vier Seiten das Innere des Tempels in der Weise, da fr
keinen Unbewaffneten ein Entkommen mglich gewesen wre. Dann wendete er sich
wieder zurck, sah dem Perser gro in die Augen und sagte:
    Der ehrwrdige Mann, der jede Roheit flieht, ist der Schah-in-Schah der
Dschamikun, die ihn ihren Ustad nennen. Ich bin der Scheik desselben Stammes.
Wer bist du?
    Man pflegt mich Ghulam el Multasim zu nennen. Du wirst mich kennen!
    Wenn du dieser bist, so kenne ich dich besser, als dir lieb sein kann!
Weit du, wo du dich befindest?
    Der Ort ist mir gleichgltig!
    Aber uns nicht!
    Dieses Haus ist keine Moschee und keine Kirche!
    Aber auch kein Pferdestall! Schaut euch um! Hier stehen zweihundert
Dschamikun; da drauen noch weit mehr. Was habt ihr hier zu schaffen!
    Ghulam wurde unsicher. Er begann, einzusehen, da sein Einfall einen andern
Ausgang nehmen knne, als er gedacht hatte. Da aber zog einer der Reiter, der
neben ihm hielt, seine Doppelpistole aus dem Grtel, spannte beide Hhne und
rief:
    Was sollen Worte! Wir sind Blutrcher. Namen zu nennen ist unntig; aber
ich bin Mirza141, und hier sind noch zwei andere, die auch Mirza sind. Was aber
seid denn ihr?
    Der Pedehr sah ihm ruhig lchelnd in das Gesicht und antwortete:
    Mirza nennt sich heut ein jeder, dessen Urahne verurteilt worden ist, der
sptere Mann eines frheren Weibes in Teheran oder Isfahan zu sein. Die
Dschamikun aber sind ohne Ausnahme alle Prinzen, echte, wirkliche, wahre
Prinzen, nicht einer unrhmlichen Abstammung wegen, sondern zufolge der edlen
Zwecke, fr welche sie leben und fr welche sie jetzt auch zu handeln wissen
werden!
    Das waren beleidigende Worte. Die Pistole war gespannt, die andern elf
besaen wahrscheinlich mehr Mut als der Multasim. Es war fr sie mit solchen
Pferden und solchen Gewehren sehr wohl mglich, die sich ihnen
entgegenstellenden Dschamikun niederzureiten. Und selbst wenn ihnen dieses nicht
gelingen sollte, so mute es, wenn es einmal zum Schieen kam, Tote und
Verwundete geben. Da kam mir ein Gedanke. Ich nherte mich der Gruppe, um im
befrchteten Augenblicke der Gefahr entgegentreten zu knnen.
    Welch eine Frechheit gegen uns! rief der vorige Sprecher aus. Wer htte
das zu dulden?
    Ich nicht - ich nicht - ich nicht - - auch ich nicht!
    So riefen die andern alle, indem sie die Flinten oder Pistolen schufertig
machten. In diesem Augenblicke geschah etwas, was uns spter oft Veranlassung
zur heitern Erinnerung gegeben hat. Es kam nmlich jemand sehr eilig die Stufen
herauf, drngte sich zwischen den dort stehenden Dschamikun hindurch und blieb
dann fr einen Augenblick stehen, um die Situation mit einem Blicke zu
berfliegen. Dieser Jemand war unser Kara Ben Halef. Er hatte sich vollstndig
bewaffnet und trug auerdem meinen Henrystutzen in der Hand. Sein Erscheinen
warf eine kurze Pause in die Scene. Als er mich stehen sah, trat er schnell auf
mich zu, reichte mir den Stutzen und sagte laut so da es alle hrten:
    Es kam die Meldung auf das hohe Haus, der Blutrcher sei gekommen und mit
elf andern hierher geritten. Ich wute, da ihr ohne Waffen seid, nahm schnell
die meinen und bestieg die Sahm, die am nchsten zu handen war, um dir, Effendi,
so schnell wie mglich dein Gewehr zu bringen. Sechs schiee ich auf der Stelle
nieder. Die andern sechs nimmst du mit deinem Stutzen, aus welchem du endlos
schieen kannst, ohne da du zu laden brauchst. Sag nur ein Wort zu mir, so geht
es los!
    Er spannte den Revolver seines Vaters, den ich diesem geschenkt hatte, und
richtete ihn auf die Perser. Diese sahen die gefhrliche Waffe. Sie sahen auch
den Stutzen, dessen fremdartige Konstruktion sie zur Vorsicht mahnen mute. Der
Multasim gab den andern mit der Hand ein Zeichen, zu warten, und richtete an
Kara die Frage:
    Du hast einen Revolver! Und ein so gnzlich unbekanntes Gewehr! Bist du ein
Dschamiki?
    Nein, antwortete Kara, indem er ihm herausfordernd in das Gesicht sah.
    Wer denn?
    Ich bin Kara Ben Hadschi Halef Omar, des Scheikes der Hadeddihn vom Stamme
der Schammar.
    Was war das mit dem Pferde des Multasim? Warum stieg es vorn in die Hhe?
War das die Folge eines unwillkrlichen Schenkeldruckes seines Reiters? War er
erstaunt? Oder gar erschrocken? Kannte er den genannten Namen? Sein Gesicht
hatte den Ausdruck ungewhnlicher Spannung angenommen, und fast hastig lie er
die Frage hren:
    Dieser Hadschi Halef Omar ist Scheik der Dschesireh-Hadeddihn?
    Ja, nickte Kara stolz.
    Ist er jetzt daheim bei seinem Stamme?
    Nein.
    War er krzlich in Bagdad?
    Ja.
    Er ist im Kellek den Tigris hinab?
    Ja.
    War er auch am Birs Nimrud?
    Ja.
    Allein?
    Nein.
    Wer war bei ihm?
    Der kluge, vorsichtige Jngling sah ein, da er hier zu schweigen habe. Er
sprach:
    Was fragst du mich? Du bist hier fremd, verwegen eingedrungen; ich aber bin
der Gast der Dschamikun. Ich frage dich! Wenn du nicht Antwort giebst, so
schiee ich dich auf der Stelle nieder! Was hast du hier zu suchen?
    Da hob der Pedehr die Hand abwehrend empor und sagte:
    Nicht schieen! Im Gebiete der Dschamikun wird niemand gettet, auer
Chodeh ttet ihn! Und hier ist eine Sttte des Friedens, die von keiner That des
Hasses je entweiht werden darf!
    Da lie Kara den Revolver sinken, sah enttuscht zu mir herber und fragte
mich:
    Was ist zu thun, Sihdi? Ich darf nicht, wie ich will!
    Du kannst auch nicht, antwortete ich lchelnd.
    Warum?
    Schau den Revolver genauer an!
    Er that es. Da blitzte es lustig ber sein Gesicht.
    Er ist ja gar nicht mehr geladen! rief er. Die Patronen sind alle
heraus!
    Sollten sie einrosten? Ich selbst hab sie herausgenommen, am Tage, an
welchem ich mein Krankenlager zum erstenmal verlie.
    Aber dein Stutzen ist geladen?
    Auch nicht!
    Maschallah! So lacht man uns ja aus!
    Die Perser erhoben allerdings ein hhnisches Gelchter. Das strte mich aber
nicht. Ich stand dem Multasim jetzt nahe und sah einen Ring der Sillan an seiner
Hand.
    La sie lachen! sagte ich. Wir brauchen keine Gewehre. Thue den Revolver
ruhig weg!
    Wenn du es sagst, Effendi, hat es guten Grund!
    Er schob die Waffe in den Grtel, und ich gab ihm auch den Henrystutzen
wieder. Da lie der Multasim seinen Turkmenen bis ganz nahe zu mir herangehen
und sagte:
    Du wirst Sihdi und Effendi genannt. So nannte der Scheik der Hadeddihn
einen Fremden, der sich bei ihm befand. Bist du aus Dschermanistan?
    Ja, antwortete ich.
    Heiest du Kara Ben Nemsi?
    Man nennt mich so.
    Du warst mit dem Hadeddihn am Birs Nimrud?
    Ja.
    So verdamme dich Allah tausendmal! Du wirst die Stelle, an der du stehst,
nicht lebendig verlassen!
    Ich legte die Hand unter die Mhne seines Pferdes, befhlte die Muskel und
sagte hchst unbefangen:
    Zu weich! Dieser Fuchs wrde keinen langen Galopp aushalten. Du mut ihm
weniger Gerste geben und ihn des Nachts in Decken hllen, damit er sich das
Fleisch hrter schwitze!
    Schweig, Hund!
    Frher htte ich mir dieses Wort nicht gefallen lassen. Jetzt nahm ich es
ruhig hin und fuhr fort:
    Die Rippen liegen gut; aber fr einen echten Tiukih ist der Hals zu kurz
und der Kopf zu klein. Auch die Hufe mten grer sein. Ich glaube, der Vater
war ein voller Turkmene, die Mutter aber eine Araberin nicht allerersten
Ranges.
    Bist du verrckt? fuhr er auf. Ich will mit dir wegen eurer Thaten am
Birs Nimrud abrechnen, und du gebrdest dich, als ob ich als dein Reitknecht dir
Rechenschaft ber mein Pferd zu geben habe!
    Was kannst du denn von unsern Thaten wissen! lachte ich, um ihn zur
Unvorsichtigkeit zu verleiten.
    Alles wei ich, alles! rhmte er.
    Was?
    Da ihr die Sill - - - - -.
    Er hielt schnell und erschrocken inne.
    Sprich weiter! forderte ich ihn auf. Oder frchtest du dich vielleicht
vor mir?
    Allah behte mich, vor einem Christen Angst zu haben!
    Bist du denn Muhammedaner?
    Ich sah den Augen seiner Gefhrten sofort an, da ich mit dieser Frage eine
schwrende Stelle getroffen hatte. Darum fuhr ich fort:
    Httest du nicht eine persische Lammfellmtze auf dem Kopfe, so drftest du
wohl keinen Turban tragen! Ihr Christen raucht mit Muhammed den Kaliun142, so
lange er euch den guten Tabak liefert, und zwar zu billigem Preise oder gar
umsonst. Sobald ihr aber zahlen sollt, schttet ihr ihm euer schmutziges
Pfeifenwasser vor die Fe und kehrt zu Isa und seiner Mutter Marryam zurck!
    Er wollte mir eine zornige Antwort zuschleudern; aber ich fuhr schnell fort:
    Du hltst mich fr deinen Feind und hast mich Hund genannt. Du solltest
vorsichtiger sein! Du httest wohl anders, ganz anders zu mir gesprochen, wenn
dir bekannt gewesen wre, da ich dich gren soll!
    Gren? Du? Mich? fragte er erstaunt.
    Ja.
    Von wem?
    Wnschest du, da ich dir hier den Namen sage?
    Ja.
    Ich thue es nicht.
    Warum?
    Weil ich dein Bestes will.
    Mein Bestes? Glaubst du, etwas sagen zu knnen, was mir schadet?
    Nicht blo das! Aber es ist nicht nur dein Geheimnis, sondern auch das
meinige. Ich rate dir, vorsichtig zu sein, denn es handelt sich nicht um dich
und mich allein. Du tuschest dich in Personen, die du gar nicht kennst!
    Ich verstehe dich nicht! gestand er verlegen.
    Das glaube ich wohl! Ich will dich schonen und also vorsichtig sein. Du
hast gefragt, von wem ich dich zu gren habe. Hre mich an, und sage mir, wenn
ich innehalten soll, damit ich dir nicht schade! Sind dir die Ufer des Schatt el
Arab bekannt?
    Ja, antwortete er zgernd.
    Wohnt an ihnen jemand, der mir einen Gru an dich anvertraut haben knnte?
    Nein.
    Gut! Gehen wir also weiter aufwrts. Kennst du den Ort, der oberhalb der
Stelle liegt, an welcher der Schatt el Arab aus dem Euphrat und Tigris
entsteht?
    Das ist Korna.
    Giebt es dort einen Mann, der mir ebenso bekannt sein knnte, wie dir? Der
mich vielleicht sogar lieber htte, als dich?
    Nein.
    Seine Verlegenheit wuchs. Ich fuhr fort:
    Ich meine nmlich einen Mann, der nur ein Auge hat!
    Allah! rief er da aus.
    Der infolgedessen Esara el Awar heit und -
    Schweig, schweig! unterbrach er mich da schnell. Effendi, es ist mglich,
da ich dich verkannt habe; ja, es ist sogar sehr wahrscheinlich! Komm schnell
zur Seite, damit ich mit dir sprechen kann!
    Er sprang vom Pferde und ergriff meinen Arm. Sein Verhltnis zu dem
Einugigen mute fr ihn eine auerordentliche Wichtigkeit besitzen. Ich kannte
es nicht, weil ich den von dem Kaffeewirte in Basra bekommenen Brief ja nicht
gelesen hatte. Ich besa ihn aber noch. Der Multasim wollte mich mit sich
fortziehen, whrend seine Gefhrten nun auch von ihren Pferden stiegen; ich
machte mich aber von ihm los und sagte:
    Hre mich an! Vor Allen, die hier bei uns stehen! Was ich sage, ist wie ein
Schwur. Ich nehme nichts davon und thue nichts dazu!
    Was? Sage es!
    In seinen Augen flimmerte ein ungewisses Licht. Er befand sich in groer
Aufregung. Er konnte sie kaum beherrschen. Das benutzte ich, indem ich fortfuhr:
    Es giebt fr dich drei mchtige Personen. Die eine bist du selbst; die
andere bin ich, und die dritte ist unser Esara el Awar in Korna. Du mut
wnschen, da keiner von diesen Dreien der Gegner eines der beiden andern sei.
Nun stelle dich so zu mir, wie es dir gefllt! Ich bin Gast der Dschamikun. Ihr
Feind ist mein Feind. Du kommst als Blutrcher, also als mein Feind! Du hast die
Feindschaft sogar so weit getrieben, diesen Ort hier durch die Hufe eurer Pferde
zu entweihen. Mache das schleunigst wieder gut! Die Blutrache liegt zwischen mir
und dir. Fordre Blut, oder fordre den Preis. Wir werden uns nach dieser deiner
Forderung richten und dir ebenso Blut oder Preis entgegenhalten. Durch eine
Kugel vergossenes Blut ist nicht so teuer wie das Blut, welches an der Peitsche
deines Sohnes hngt. Rache gegen Rache und Gnade gegen Gnade! Die Dschemma der
Dschamikun ist bereit, mit dir zu verhandeln, doch nicht heut. Es ist keine Zeit
dazu. Aber in Beziehung auf mich kann ich dir schon jetzt, in diesem Augenblicke
sagen: Ich werde mit dir kein Wort ber Esara el Awar sprechen, als bis du mir
beweisen kannst, da diese gegenseitige Forderung in Frieden und fr immer
ausgeglichen ist. Jetzt bin ich fertig! Ich werde sehen, was du thust!
    Ich wendete mich ab und ging hinaus, die Stufen hinab und zwischen Rosen
einen Weg entlang, der zu einem kleinen Rasenplatze fhrte. Dort setzte ich mich
nieder. Das Stehen hatte mich md gemacht.
    Ueber mir hingen herrliche Paskaleh-Rosen, deren Duft s wie die Liebe und
erquickend wie die Freundschaft ist, und zwischen ihnen groe, dunkelrote
Fritillarien-Glocken. Wie ist der Schpfer dieser Blumenwelt so gtig und so
lieb! Kann er derselbe sein, der auch die Menschenwelt erschuf? Oder ist die
Blume nur deshalb ohne Snde, weil es ihr, der nur sich Hingebenden, unmglich
ist, sich einen Unterschied zwischen Fr und Gegen, zwischen Mein und Dein zu
konstruieren? Knnte doch der Mensch so wie die Blume sein! Wie hatte vorhin der
Ustad gesagt, indem er mir die Rose gab? War denn er so unendlich glcklich, in
der Selbstberwindung so weit gekommen zu sein, da er kein eigenes Ich mehr
kannte? Es stieg in mir das heie Wnschen auf, doch einmal so sehr, so schwer,
so bitter, so tief gekrnkt zu werden, da jeder, jeder Andere es nicht erdulden
und nicht ertragen knnte. Ich aber mchte dann die Selbstlosigkeit und das
unerschtterliche, beglckende Gottvertrauen besitzen, alles still und heiter
ber mich ergehen zu lassen, als ob der Menschenha nur der naturnotwendige
Schatten der Liebe Gottes sei. Die Sillan, diese Schatten, ruhig in den Ruinen
Babels nach alten Ziegeln und Schriften, nach modernden Beweisen menschlicher
Schwchen whlen lassen, indem ich hier vom lieben, rosenduftumwobenen
Beit-y-Chodeh hinauf zum herrlichen Alabasterzelte schaue und von unten herauf
die Felsenstimme ertnt: Steig auf zur Sonne. Amen!
    Nach einiger Zeit stand ich wieder auf, um nach dem Tempel zurckzukehren.
Ich ging nach der hintern Seite desselben und begegnete auf dem Wege dorthin
vielen Frauen und Kindern, von denen einige mir sagten, da ich von Tifl gesucht
werde. Ich traf ihn schlielich selbst. Er war berall nach mir herumgelaufen,
ohne mich zu finden.
    Effendi, du wirst gebraucht, rief er mir zu, noch ehe er mich erreicht
hatte.
    Von wem? Wozu? erkundigte ich mich.
    Von dem Blutrcher. Er sagte, er habe mit dir zu sprechen.
    Aber ich nicht mit ihm. Ich bin mit ihm fertig. Wo ist er?
    Sie lagern oben am Waldesrande. Sie haben unseren Pedehr gebeten, dem Feste
zuschauen zu drfen.
    Was? Wirklich? Das wre ja ein Sieg fr uns!
    So sagte auch der Pedehr. Ein Sieg, den wir dir verdanken. Er lt dich
bitten, den Blutrcher ja nicht abzuweisen, denn es sei hchst wahrscheinlich
wirklich wichtig, was er dir zu sagen habe.
    So komm!
    Als wir den Tempelbau erreichten, bemerkte ich zunchst, da er nicht mehr
von den Mnnern besetzt war. Sie hatten sich wieder zu ihren Angehrigen in den
Park zurckgezogen. Das war ein Zeichen, da die Feindseligkeit, wenigstens fr
einstweilen, zu ruhen hatte. Wir traten hinten, da, wo die Pferde die Rosen
niedergestampft hatten, hinaus auf die Matte. Da sah ich die Perser im Schatten
der ersten Waldbume sitzen. Der Multasim bemerkte mich, stand auf und kam
herab; ich ging ihm langsam entgegen. Sein Gesicht war sehr ernst, doch nicht
feindselig. In seinen Augen lag aber etwas Lauerndes. Wir standen nun vor
einander.
    Ich schickte nach dir, sagte er.
    Ich erfuhr es, antwortete ich.
    Du hast uns in unserem Thun gestrt. Ich habe nachgegeben. Nun mchte ich
wissen, ob ich recht gethan habe. Ich kenne euch. Woher, das wirst du wissen;
wenn nicht, so kannst du es ahnen. Deine Vorsicht geht oft ber alle List. Aber
eine Lge machst du nie. Ist das so?
    Ja.
    Wirst du jetzt lgen?
    Nein. Warum fragst du das?
    Weil ich die Wahrheit von dir wissen will.
    Wenn ich berhaupt spreche, so wirst du nichts anderes von mir hren als
nur sie.
    Auch wenn es dein grter Schade wre? Wenn es dein Leben kosten knnte?
    Auch dann!
    Es war ein ganz eigenartiger Blick, mit dem er mich nun musterte. Lachte er
innerlich mich aus? Oder zitterte irgend eine gute Saite seiner Seele?
    Ich glaube es, nickte er. Dann fuhr er fort: Ich will wissen, ob du ein
Freund oder ein Feind von mir bist. Sage es!
    Ich bin keines Menschen Feind. Ich hasse keinen bsen Menschen; aber das
Bse in ihm kann ich nicht lieben.
    Das will ich nicht wissen. Warst du vorhin gegen mich wahr oder listig?
    Beides, wahr und listig.
    Hast du einen Gru an mich?
    Ja. Aber er wurde nicht mir, sondern einem anderen anvertraut. Ich erfuhr
zufllig von ihm.
    Das war keine Lge, denn ich hatte einen Brief, und ein Brief enthlt doch
wohl noch mehr als blo einen Gru.
    So hast du dich zwischen mich und Asara el Awar eingedrngt?
    Ja.
    Wei er davon?
    Das verrate ich nicht. Er mag es dir selbst sagen.
    Was weit du alles von ihm und mir?
    Hierber schweige ich.
    Bist du unser Verbndeter?
    Nein.
    Also unser Gegner? Ein Drittes giebt es nicht. Ich verlange die Wahrheit
von dir!
    Ich sage sie. Ich habe mit euch nichts zu schaffen. Aber handelt ihr gegen
die Gesetze und berhrt meine Person dabei, so bekommt ihr es mit mir zu thun.
Ich rate euch also, mich und meine Freunde in Ruhe zu lassen!
    Bis jetzt hatte er an sich gehalten. Er beherrschte sich auch noch; aber
seine Augen blitzten; sein Gesicht verzerrte sich vor Ha, und er ballte die
Fuste.
    Also - - - Feind! knirschte er.
    Ja, wenn du es so nennst - - - Feind! antwortete ich ruhig.
    Weit du, was das fr dich bedeutet?
    Ich wei nur, wie gefhrlich es fr dich ist. Ich habe nichts zu frchten.
    Bin ich etwa nichts? Heut mu ich dir weichen. Heut mu ich verzichten. Du
wrdest mich sonst verraten. Aber es kommt eine andere Zeit. Und ich werde dafr
sorgen, da sie sehr bald kommt. Dann rechne ich mit dir ab. Bestehst du noch
auf dem, was du vorhin sagtest?
    Ja.
    Da ich mich zu vergleichen habe?
    Unbedingt!
    Da streckte er mir die Hand hin. Seine Stimme zitterte.
    Hier nimm meine Hand. Es ist die Hand des rgsten Feindes, den es fr dich
giebt. Du zwingst mich, auf die Blutrache gegen die Kalhuran und Dschamikun zu
verzichten. Aber ich entsage nicht; ich werfe sie auf dich. Nimmst du sie an?
    Er stand vor mir wie einer, der sich kaum mehr zu beherrschen vermag. Ich
ergriff seine Hand und antwortete:
    Ja. Ich nehme sie an.
    Du weit also, da ich der Blutrcher gegen dich bin?
    Ja.
    So sei von dieser Stunde an gesegnet von allen Teufeln, die in des obersten
Scheitan tiefster Hlle wohnen. Du entgehst mir nicht!
    Und du sei geleitet und gefhrt von den Engeln der Selbsterkenntnis und der
gttlichen Barmherzigkeit. Der, welcher ber allen Menschen steht, der steht
auch ber dir. Wehre dich, so viel du willst, ihm entgehst du nicht!
    Hund!
    Mensch!
    Ich speie aus vor dir. Lecke es auf! Wenn nicht jetzt, so dann spter. Ich
werde dich dazu zwingen!
    Er spuckte vor mir nieder, warf mir die geballte Faust entgegen, drehte sich
um und ging. Ich hatte Hafis Aram, den Scheik der Kalhuran, und sein Weib von
der Blutrache erlst. Dafr aber war ich ihr nun selbst verfallen. Diesen
letzteren Umstand aber durften die Dschamikun nicht erfahren. Wer wahrhaft
dankbar ist, wird nie vom Danke sprechen! - - -

                                Fnftes Kapitel

                                        

                                 Ahriman Mirza


Eine musikalische Familie. Der Vater spielt die erste Violine, der Onkel das
Cello, der eine Sohn die zweite Violine und der andere die Viola. Fr heut sind
alle Freunde eingeladen. Es soll ein Quartett gegeben werden. Kammermusik. Ob
von Mozart, Haydn oder einem anderen, das wei man nicht. Aber da man nur
Schnes, Gutes, von den vier Knstlern Durchdachtes und Verstandenes hren
werde, davon ist man berzeugt. Man freut sich also auf den Genu. Man kommt.
Man wei, da man gern gesehen ist. Man nimmt Platz. Die Noten liegen auf den
Pulten. Die Instrumente sind bereit, schon wohlgestimmt. Auch die Zuhrerschaft
befindet sich in jener Stimmung, welche dem Erfolge gern und einsichtsvoll
entgegenkommt. Da sind die Vier. Sie nehmen Platz. Sie greifen nach den
Instrumenten. Durch den Raum geht das Gerusch leise gerckter Sthle; hier ein
erwartungsvolles, kurzes Ruspern, dort das Rauschen bequemgelegter Seide. Dann
tiefe Stille. Jetzt! Die Bogen berhren die Saiten. Die ersten Takte erklingen.
Die Erwartung hat sich in offenruhende Empfnglichkeit verwandelt. Man lauscht.
    Da wird die Thr aufgerissen. Ein Feind der Familie kommt lrmend herein,
rcksichtslos strend, ungeladen. Er erklrt, da er die Absicht habe, einen
Strafproze gegen die Familie zu fhren, und macht in ganz ungesitteter Weise
die Anwesenden mit dem Inhalte der Anklage bekannt. Man unterbricht ihn. Man
entzieht ihm das Wort. Man sagt ihm, da er unrecht habe und da doch jetzt und
hier nicht die rechte Zeit und der rechte Ort zu solchen Dingen sei. Man sei zu
einem Kunstgenu versammelt, nicht aber, um sich mit dem jus criminale zu
befassen. Da entschliet er sich, mit zuzuhren, nimmt einen Stuhl und setzt
sich nieder.
    Soll man die unangenehme Scene gewaltsam enden? Ihn hinauswerfen? Nein! Man
entschliet sich, ihn gewhren zu lassen und das Stck von neuem anzufangen.
Aber in welcher Stimmung befindet man sich nun? Werden die in Geist, Herz und
Gemt anzuschlagenden Accorde so befriedigend ausklingen, wie es vorher mit
froher Bestimmtheit zu erwarten war?
    Das ist ein Bild. Ich bringe es, um begreiflich zu machen, da auch die
vorhin vom Glockentone berhrten Saiten unsers Innern durch den rauhen Gedanken
der Blutrache vollstndig zum Schweigen gebracht worden waren. Ob sie wieder so
ungezwungen und rein erklingen wrden wie vorher, das war wohl zu bezweifeln. -
    Tifl war, whrend ich mit dem Multasim sprach, nach dem Tempel gegangen. Als
ich nun zu diesem zurckkehrte, hatte er von meinem Platze ein Kissen geholt und
an eine der beiden Sulen des hintern Ausganges gelegt. Der Chodj-y-Dschuna
stand dabei. Ich sah, da er mir etwas zu sagen hatte.
    Wir sollen dich nicht stren, Effendi, entschuldigte er sich. Ich bitte
dich aber, fr kurze Zeit zunchst hier zu bleiben. Hier ist der beste Platz, zu
hren, wie es klingt, wenn alle Winde zum Gebete kommen. In deiner Ecke dort
wrde dich die Harfe stren.
    Hierauf ging er nach der Mitte des Tempels, wo eine Harfe lag. An der einen
Ecksule stand Schakara, die ihrige vor sich haltend. Das veranlate mich, auch
nach den drei andern Ecken zu sehen. Sie waren in ganz gleicher Weise von
Dschamikinnen besetzt. Am Haupteingange hatten sich der Ustad und der Pedehr
einander gegenber niedergelassen. Zu ihren beiden Seiten sa die Dschemma. Rund
um das Gebude hatten sich die Bewohner und Bewohnerinnen des Duar aufgestellt.
Es war so still, man sagt, wie in einer Kirche.
    Da gab der Ustad mit der Hand ein Zeichen. Der Chodj-y-Dschuna griff einige
einleitende Accorde, um das Metrum anzugeben. Hierauf die vorige Stille wieder.
Ich ahnte, was nun kommen solle, und schlo die Augen.
    Wo gab es die Lfte, als es Anfang war? Im gttlichen Gedanken! Unendlich
mild, als beginne ein warmer Sonnenstrahl mit leiser Zrtlichkeit dem andern
zuzuflstern, ward dieser Gedanke jetzt zum ersten Ton. Es war ein
einig-ungeteilter, aber doch kein einzelner Ton. Er erklang nicht hoch, nicht
tief, und doch war er erklungen. War er nach Schwingungen zu messen? Nein! Das
irdische Ma ist ja doch nur ein Notbehelf. Es wird sich immer irren! In diesem
ersten, einen Tone lagen, wie die Strahlen im Lichte, alle die unzhlbaren
Klnge der Zeit und Ewigkeit unisono verborgen. So klang er leise, leise, sich
selbst kaum ahnend, hin, noch unberhrt vom schpferischen Willen. Aber da,
pltzlich, als ob der Schpfer prfen wolle, wie er dereinst das Licht geprft,
indem er, bevor die Sonnen waren, die Strahlen alle durch das Weltall blitzte
und dann wieder zu sich rief, - so that auch dieser erste Ton sich pltzlich
auf, um alle Harmonieen, die es gab und geben wird, aufleuchtend von sich
auszusenden und aber augenblicklich wieder in sich zu vereinen.
    Nun aber begann es, sich in ihm zu regen. Alles was dieser eine Aufblitz in
unendlicher Flle zeigte, das hatte sich nun langsam, eines aus oder mit dem
andern, harmonisch zu entwickeln. Es teilte sich der Ton und blieb doch
ungeteilt. Er gab sich ganz in tausend andern Tnen hin und hrte doch nicht
auf, zu sein und zu bleiben, was er war. Der Lufthauch kam und wiegte ihn, als
ob er mit und von ihm trume, auf und nieder. Da gebar der Traum das erste
Intervall, welchem, ewig stammverwandt, die anderen alle folgten. Sie
umschlangen sich, vereint zur Tonika, und klangen in das Erdenparadies
hernieder, um, wenn der Mensch seiner Seligkeit gedenkt, sich in ihm wieder
aufzulsen, da er den Stimmen dieser Erde die Klnge des Himmels geben mge.
    Wie aber klingt so himmlische Musik? Die Winde sagen es. Sie lauschen
berall. Und wo ein frommer, heiliger Ton sich hren lt, da nehmen sie ihn
auf, um ihn zur groen Harmonie zu tragen, die betend aufwrts steigt, um als
Lob und Dank zu dem zurckzukehren, aus dessen Mund sie einst als erster Ton
erklang.
    Die Harfen schwiegen. Ich schlug die Augen wieder auf. Die vier Spielerinnen
legten ihre Instrumente fort. Der Chodj-y-Dschuna zgerte, dies auch zu thun. Er
schaute mit zagenden Augen zu mir her. Da stand ich auf, ging zu ihm hin und gab
ihm, dem Herzensdrange folgend, meine Rose.
    Sie ist vom Ustad, sagte ich. Ich bin so arm gegen dich, du reicher Mann.
Ich habe nichts Besseres.
    Du beschmst mich! antwortete er. Ich lehre nichts, als das, was ich
empfangen habe. Auch da ich es wiedergeben kann, verdanke ich nicht mir. Nimm
du nun meine Rose. Ich bitte dich!
    Er reichte sie mir. Das war so einfach, so menschlich lieb, da es mich
herzlich rhrte.
    Sende mir deine Schlerinnen heraus, damit ich auch jeder von ihnen eine
breche, bat ich ihn.
    Hierauf ging ich hinaus. Die Mdchen kamen. Die Rosen gehrten nicht mir,
sondern ihnen, und doch sah ich ihnen an, da ich fr einen Dank die rechte
Weise getroffen hatte.
    Tifl wartete mein, um mir zu sagen, da ich nun wieder nach meinem Platze
gehen knne, wenn ich wolle. Ich that es, voller Erwartung, was nun kommen
werde. Nichts Gewhnliches, davon war ich berzeugt! Dieser Gesanglehrer besa
mehr als das, was man Talent zu nennen pflegt!
    Es kam jetzt eine Anzahl Dschamikun mit Frauen und Mdchen herein. Sie
stellten sich in der Mitte auf, um zu singen, ohne Leitung; der Chodj-y-Dschuna
war nicht bei ihnen. Was ich hrte, war ein dreistimmiges Lied. Der Text
lautete:

Ich komm zu dir im Sonnenstrahl
Und la mir deine Rosen blhen.
In tiefer Andacht liegt das Thal
Vom Morgen- bis zum Abendglhen.
Ich sehe aus der stillen Flut
Die Berge Gottes aufwrts steigen,
Und wo sein Haus auf Sulen ruht,
Soll heut sich mir der Himmel zeigen.

Ich komm zu dir im Sonnenstrahl,
So spricht der Herr und steigt hernieder.
Die Glocken klingen bers Thal,
Und von den Bergen tnt es wieder.
Brich auf, mein Herz, der Rose gleich,
In der sich alle Dfte regen.
Es naht sich dir das Himmelreich;
Brich auf, und dufte ihm entgegen!

    Ueber diesen Text ist nichts zu sagen, kein Wort. Er spricht ja selbst!
Wovon? Von einer Begegnung im Beit-y-Chodeh. Nun verstand ich die Worte, welche
der Ustad sagte, als er mir die Rose gab. Aber die Tonweise! War das Gesang,
oder war es Sprache? Gesangssprache oder Sprachgesang? Ich meine keineswegs
Recitativ. Mit diesem hatte es nicht die entfernteste Aehnlichkeit. Unser Gesang
ist Kunst; dieser war Natur. Aus unserer Harmonisierung ist jeder einzelne
Akkord zu lsen; hier war das eine Unmglichkeit. Bei uns pflegt man im
Liedgesange die Melodie einer einzelnen Stimme, den andern die Begleitung zu
geben; hier war alles Melodie, jede Stimme, und doch wurde jede eine von den
andern harmonisch untersttzt. Das war schwer, sehr schwer und klang aber doch
so auerordentlich natrlich, so ungewollt, so ganz von selbst. Es gab keine
Absicht, irgend einen bestimmten Akkord zu bilden, eine Septe in die Sexte
herabzuleiten. Alles, was ich ber Komposition wute, war hier gleich Null!
    Und aber doch diese Wirkung! Von mir und den Dschamikun selbst will ich in
dieser Beziehung nicht sprechen; aber das Lied hatte smtliche Perser vom
Waldesrande herabgelockt. Sie hatten ihre Pferde oben gelassen und sich hinten
bei den Sulen hingesetzt. Es war ihnen und ihrem Verhalten anzusehen, welchen
Eindruck das Lied auf sie gemacht hatte. Indem sie miteinander sprachen,
drckten ihre Mienen und Blicke sehr deutlich den Wunsch aus, da man doch
weitersingen mge.
    Er wurde erfllt. Die vorigen Snger hatten sich entfernt. Jetzt kamen vier
Mnner und vier Frauen, also acht Personen. Man nennt das bei uns ein
Doppelquartett. Was sie sangen, klang auerordentlich ernst. Die Worte lauteten:

Wir knieen hier vor deinem Angesichte
Im Geist vom Geiste, nicht im Staub vom Staube,
Wir flehen um das Licht von deinem Lichte;
Im Dunkel bleibt der falsche Erdenglaube.
Du bist der Vater. Alle sind wir dein.
La uns im Lichte deine Kinder sein!

Du schufst die Welt als grtes Wort der Liebe,
Doch will die Menschheit dieses Wort nicht fassen.
Und wenn sie tausend heilge Bcher schriebe,
Sie wrde doch nicht lieben, sondern hassen.
Du bist der Vater. Alle sind wir dein.
La uns in Liebe deine Kinder sein!

In ewgem Frieden kreisen deine Sterne.
Ihr Licht umfliet die ganze, ganze Erde,
O da sie doch von diesem Lichte lerne
Und endlich, endlich menschenfreundlich werde!
Du bist der Vater. Alle sind wir dein.
La uns im Frieden deine Kinder sein!

    Das war ein Gebet! Und wie wurde es gesungen! Nicht etwa nach einer alten,
wohlbekannten Melodie, der man auch jeden andern Text unterlegen kann. Hier
beteten die Tne noch deutlicher als die Worte. Die Perser waren doch wohl
Leute, welche durch Worte nicht so leicht berwltigt werden konnten; aber als
der letzte Ton jetzt ber das Thal hinber nach den lauschenden Bergen klang, wo
die Hirten still bei ihren Herden standen, da sah ich alle zwlf Kpfe tief
herabgesenkt, und es dauerte lngere Zeit, ehe sich die Gesichter wieder sehen
lieen. Worte klingen sehr leicht nur an das Ohr. Waren bei ihnen die Tne
tiefer eingedrungen, um ihnen das erbetene Licht zu der Erkenntnis zu bringen,
da niemand sich der wahren Liebe rhmen darf, wenn er nicht den Frieden seines
Nchsten achtet. Dann htte der zum Menschenherzen trachtende Himmelsklang hier,
am Beit-y-Chodeh der Dschamikun, ein Wunder bewirkt, welches den wohlerwogenen
Worten und wohlgesetzten Reimen und Liedern anderer nicht gelingen will!
    Nun kam Tifl zu mir her und sagte, indem er mich von der Seite her pfiffig
anlchelte:
    Effendi, jetzt ist die Zeit gekommen, in der man essen mu - - wenn man
nmlich etwas hat.
    Ich habe aber nichts! klagte ich.
    O, mehr als ich! Sogar Pflaumen!
    Wo?
    Da, wo es im Wald am schnsten ist. Der Ort ist nur fr einen einzigen, und
ich soll dich bitten, heut auch einmal dort sein Gast zu sein.
    Wer ist's?
    Du wirst ihn sehen.
    Aber, bin ich nicht zu schwach, da hinaufzusteigen?
    Es ist nicht weit von hier. Auch kannst du unterwegs ruhen, so oft du
willst.
    So la uns gehen!
    Er fhrte mich an den Persern vorber, bergan dem Walde zu. Der Stock
erleichterte mir den Weg. Dennoch mute ich schon am Waldesrande anhalten, um
auszuruhen. Man konnte von hier aus den ganzen Park bersehen, durch dessen
vielgewundene Gnge schmale, lebendige Menschenstrme wie durch Rosenadern
pulsierten. Der Ustad und der Pedehr waren noch im Tempel. Wer Schatten suchte,
kam herauf zum Walde. Ueberall glnzten freundliche Gesichter. Heiteres Lachen
erscholl. Hier und da erklang schon die abgerissene Zeile eines kleinen
Liedchens. Allerlei sangeslustige, flgellose Lerchen stimmten vorschnell ihre
Kehlen.
    Man soll jetzt noch nicht singen, erklrte mir das Kind. O, Sihdi, wir
haben viele schne Lieder! Fr Kinder, fr Jnglinge und Jungfrauen und auch fr
die Alten.
    Singst auch du?
    Da warf er sich in die Brust, richtete sich hoch auf und antwortete:
    Hre, was ich dir sage: Ich singe sie alle, alle stumm! Willst du es
hren?
    Ja.
    So bitte ich dich aber, zu warten. Jetzt darf ich noch nicht.
    Warum nicht?
    So bald nach den ernsten Gesngen hrt der Ustad Liebeslieder nicht gern.
    Liebeslieder? Tifl, Tifl! Was hre ich!
    Der Gute verstand mich gar nicht. Fast schmte ich mich, diesen scherzenden
Vorwurf ausgesprochen zu haben. Man sieht: Die Sittenrichterei kann selbst im
Scherz den Anklger an Stelle des vermeintlichen Delinquenten schlagen. Wie
gefhrlich mag sie da wohl erst im Ernste sein!
    Wir gingen weiter, waldaufwrts. Es fhrte uns ein Weg zwischen hohen Bumen
hin. Es war ein sichtbar wenig benutzter Seitenweg.
    Hier geht nur er, sagte Tifl.
    Wer?
    Er! Du mut es raten!
    Selbstverstndlich riet ich nun den Ustad. Nach einiger Zeit kamen wir an
einen vor langen Jahren freigemachten Platz, in dessen Mitte ein groer,
weitstiger Birnbaum stand. Er hing voll schner, reifer Frchte. Die hohen
Waldbume gewhrten ihm Schutz. Sonst htte er in dieser Hhe nicht gedeihen
knnen.
    Unter ihm stand - ich staunte! - ein wohlgedeckter Tisch. Eine Holzplatte
auf in die Erde geschlagenen Beinen, nicht niedrig, wie die orientalischen sind.
Vor ihm zwei hohe Bnke, auf denen man ganz nach europischer Art sitzen konnte.
Er war mit einem weien Tuch belegt, auf welchem weiporzellanene Schalen und
Teller, auch eine Weinflasche mit Glas, meiner warteten. Es gab kalte Kche,
fein suberlich verteilt.
    Und wer stand da bei diesen Herrlichkeiten? In ihrer ganzen blitzblanken
Sauberkeit? Strahlend vor Stolz und Freude? Mit liebevollen Aeuglein und
rotblhenden Rosenwnglein? Natrlich Pekala, die Kstliche, heut meine
Festjungfrau in wahrster Wirklichkeit!
    Sei willkommen, Effendi! rief sie mir entgegen. Ich habe fr dich
angerichtet. Auch Pflaumen sind da. Tifl hat sie fr dich gepflckt. Der Ustad
gebot es ihm.
    Ich reichte ihr die Hand.
    Pekala, was bist du doch gut! sagte ich.
    Gut mu man immer sein; das ist ja Pflicht. Und man ist es auch so gern!
Man will ja gar nicht anders sein! Aber euch, euch, Effendi, mchten wir doch
recht, recht glcklich machen! Euch mchten wir die grte Liebe zeigen, die wir
haben!
    Warum grad uns, du Liebe? Es sind so viele Menschen da, und es giebt doch
wohl nur eine einzige Liebe fr sie alle!
    So sagt auch der Ustad, ganz genau so. Aber ihr macht es uns so leicht, und
andere machen es uns so schwer. Doch, was sagst du zu diesem Tische, Effendi?
    Sie stemmte die Arme in die Seiten und schaute mich an, als ob ich etwas
ganz Unbegreifliches anzustaunen habe.
    Wunderbar! antwortete ich.
    Ja, es ist auch wirklich wunderbar! Siehst du das herrliche Fakhfuri takymy
143?
    Ja. Wei, wie frischer Schnee!
    Das grne Scharab kardehi144?
    Grad wie Smaragd!
    Das Sofra bezi145 mit geblmten Mustern?
    Sehr schn! Das hast wohl du geplttet?
    Ja. Aber wir haben kein t146 hier. Ich habe ein Hackebeil hei gemacht
und ein Papier dazwischen gelegt. Da ging es auch. Weit du, wer eine Trkin
ist, der wei sich stets zu helfen!
    Wie schade da, da ich keine bin!
    Effendi, klage nicht! Du bist ja ohnedies auch recht klug. Es kann nicht
jedermann eine Trkin sein. Es mu auch andere Vlker geben! Aber siehst du auch
das Jemek takymy147 mit den blankgeputzten Griffen? Habe ich es richtig
hergelegt?
    Ja, denn ich nehme es da weg, wo es liegt. Ganz fein aber ist es, wenn das
Messer rechts und die Gabel links liegt.
    Ich wollte sie doch nicht eines Fehlers zeihen; darum drckte ich mich in
dieser Weise aus. Sie wechselte aber das Besteck schnell um, indem sie sagte:
    Du bist fr mich der feinste Mann, und ich denke, da du mich auch fr eine
feine Dienerin hltst. Machen wir es also nicht wie fr gewhnliche Leute,
sondern fein. Bemerkst du auch den Tapa tschekedscheji148? Du siehst, wir haben
alles. Du sollst die Flasche doch nicht in der Weise ffnen, wie Tifl damals
that, indem er die Hlse herunterschlug. Dann ist es kein Wunder, wenn man
betrunken wird!
    Diese Betrachtung lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das Kind. Sie drehte sich
nach ihm um und sagte:
    Ich bediene den Effendi selbst. Du kannst gehen!
    Er that zwei Schritte, blieb dann aber stehen.
    Nun, warum nicht? fragte sie.
    Weil ich es doch auch einmal sehen mchte.
    Was?
    Das Tuch und das Porzellan und alle die seltenen Sachen da auf dem Tisch.
    Schau dir es nachher an!
    Und auch wie der Effendi frnkisch sitzt und it.
    Das wrde ihn stren!
    Und wie schn und fein du ihn bedienst, nachdem du alles so trefflich
vorbereitet hast.
    Dieses Lob stimmte sie augenblicklich fr ihn um.
    So bleib, sagte sie. Steig auf den Baum und hole die besten Frchte
herab!
    Er war im Nu hinauf.
    Es sind Armudlar149, Effendi, belehrte sie mich.
    Das meine ich auch, stimmte ich ihr bei.
    Sie heien Gulab-i-Schahi150, verbesserte Tifl vom Baume herunter, indem
er die Sorte nannte.
    Wrdest du sie auch als Armud kompostusu151 essen, Effendi? fragte sie
weiter.
    Wenn man frisches Obst hat, soll man es frisch essen. Aber ich liebe es
auch gekocht.
    So sollst du beides bekommen: die frischen Birnen und auch den sen
Kompostusu152. Nun setze dich aber nieder, und i! Aber alles! Du mut wieder
rund werden - so, wie ich! Du mut rote, dicke Backen bekommen - so wie meine
hier!
    Ich danke dir, liebe Pekala!
    Danke mir nicht schon jetzt, sondern dann, wenn du sie hast! Ich habe dich
nur so gesehen, wie du durch die Krankheit geworden bist: unendlich hager und
mit eingefallenen Wangen. Nun aber sollst du wieder so werden, wie es sich fr
einen Effendi aus Dschermanistan schickt und gehrt. Erlaube mir, dir meine
Gestalt und Flle als Muster anzubieten, welchem du nachzustreben hast, um es zu
erreichen und wo mglich noch zu bertreffen! Einer der grten Vorzge, den wir
Trken haben, ist der, da wir unserer Seele einen mglichst umfangreichen
Krper bieten. Da hat sie Platz! Da kann sie sich rhren und bewegen! Da fhlt
sie sich nicht eingeengt und kann, wenn sie will, sogar spazieren gehen. Wird
sie aber in der Weise, wie jetzt bei dir, zwischen Haut und Knochen eingedrckt,
so entstehen jene unglckseligen, ezmisch gewordenen Dschanlar153, denen man es
nicht belnehmen kann, da sie ber das Erdenleben stets nur zu schimpfen und zu
rsonnieren haben. Ein wohlgestalteter, runder Mann hingegen wird immer guter
Laune sein und stets ein zufriedenes Lcheln auf den Lippen haben. Ich wei das
ganz genau. Ich sehe es an mir!
    Du bist sehr scharffinnig, liebe Pekala!
    Nicht wahr? Beinahe eine Kizfeilesuf154! Du mut mir aber auch ansehen, da
ich gewohnt bin, sehr viel nachzudenken. Ich kann das auch, weil meine Seele
vollstndig Platz zum ausgiebigsten Nachdenken hat. Da ist nichts zum
Verwundern. Nun aber i! Und erlaube mir noch eine Frage, die ich mir trotz
alles Nachdenkens nicht beantworten kann! Gehrt etwa noch ein kleiner Tisch
hierher?
    Nein.
    Nicht? Aber wozu da das andere, kleinere Tuch?
    Wo?
    Hier.
    Sie griff in die Innentasche ihres Gewandes und zog eine weie Serviette
hervor. Ich nahm sie ihr aus der Hand und schlug sie aus den Falten. Sie war
nicht gezeichnet, doch mit winzigen, liebevollen Stichen eingesumt. Mein
Gesicht fiel, indem ich dieses Leinenstck betrachtete, der Kchin auf.
    Du staunst, Effendi? sagte sie. Du bist verwundert? Sogar sehr?
    Ja, antwortete ich. Das htte ich hier nie gesucht!
    Nicht? Das freut mich, denn es mu also etwas sehr Feines sein!
    Es ist ein Peschkir. Man sagt auch Petschata155.
    Das kenne ich nicht. Wozu ist es?
    Um beim Essen das Gewand zu schonen. Wenn man etwas verschttet oder
sonstwie Flecke macht, so werden sie von der Petschata aufgefangen. Wer
vorsichtig it, der braucht sie nur so herzulegen. Wer aber unschn it, der
steckt die Ecke da oben herein. Man sieht also an der Petschata, was fr einen
Esser man vor sich hat. Schau her!
    Ich machte es ihr vor. Da schlug sie die Hnde zusammen, da es schallte,
und rief entzckt:
    Wie mir das doch gefllt! Das ist fein, wirklich fein! Weit du, Effendi,
ich werde, wenn er sich zu meiner Zufriedenheit betrgt, fr unsern Tifl eine
machen!
    Zwei! rief der Genannte vom Baume herunter.
    Warum? fragte sie hinauf.
    Fr dich auch eine, falls ich mich nicht ber dich zu beklagen habe!
    Ich mchte wissen, worber du dich bei mir beklagen knntest! Ich trage
dich auf allen meinen Hnden und sehe dir einen jeden Wunsch von den Augen ab.
Du bist der glcklichste Mensch, den es nur geben kann. Drum pflcke ruhig
weiter, und la die Petschata Petschata sein!
    Ich hatte whrend dieses kleinen, gutgemeinten Wortgefechtes die Serviette
wieder zusammengeschlagen und dann weggelegt. Als Pekala dies nun bemerkte,
fragte sie:
    Du nimmst sie nicht? Warum? Ich bitte dich!
    Sie nahm sie vom Tisch und hielt sie mir wieder hin. Ich wehrte ihre Hand
aber ab.
    Nein, meine gute Pekala! Ich will von diesem Tuche, von diesem Porzellane
und mit diesem Messer und dieser Gabel essen, weil ich dich sonst betrben wrde
- vielleicht auch noch einen Andern. Aber was nicht unbedingt ntig ist, das
werde ich nicht berhren.
    So sag mir aber, warum?
    Du ahnst es wahrscheinlich nicht; aber diese Sachen sind, auer fr diesen
Andern, wohl eigentlich unberhrbar. Ich vermute, da er sie auerordentlich
wert, ja heilig hlt.
    Sie sah mich nachdenklich an, trat dann ganz nahe zu mir her und sagte:
    Das ist wahrscheinlich richtig. Ich will es dir mitteilen, weil mir nicht
verboten wurde, davon zu sprechen. Diese und noch einige andere Sachen sind in
einer kleinen Lade wohl verwahrt. Es giebt einen Tag, einen einzigen Tag im
Jahre, an dem der Ustad diese Lade aufschliet. Da deckt er sich den Tisch mit
eigener Hand, ganz so, wie ich es hier gemacht habe. Ich bringe ihm die Speisen
selbst hinauf. Ich sehe einen frnkischen Stuhl vor dem frnkischen Tisch; aber
der Ustad sitzt noch nicht. Er steht mit gefalteten Hnden am Fenster und schaut
so unverwandt, wie innerlich betend, zu unserem lieben Beit-y-Chodeh hinber. Er
trgt an diesem Tage ein ganz altes, hrenes Gewand, welches auch in dieser Lade
liegt und hinten einen Baschlyk156 hat. Ein ebenso alter Strick schlingt sich um
seine Lenden, und um den Hals hat er eine Perlenschnur, an welcher ein kleines
Bild hngt; was fr eines, das wei ich nicht. Er it erst dann, wenn ich wieder
gegangen bin. Er ist an diesem Tage noch ernster und noch stiller, als zu jeder
andern Zeit. Niemand darf ihn stren, auer ich, wenn ich ihm das Essen bringe.
Aber frh, am Morgen, kommt er herab und teilt an alle, die im hohen Hause
wohnen, kleine, freundliche Geschenke aus, die er whrend des Jahres mit eigenen
Hnden fr sie gefertigt hat. Begreifst du das?
    Wenn du mir den Tag nennen kannst, so ist es mglich, da ich es verstehe.
    Ich habe ihn mir gar wohl gemerkt, und es ist fr mich sehr leicht, ihn
nicht zu vergessen, weil er mein Geburtstag ist.
    Vielleicht ist es auch der seinige?
    O nein. Das wei ich ganz genau.
    Woher?
    Er selbst hat es mir gesagt. Ich habe bisher darber geschwiegen, weil es
so eigen, so geheimnisvoll klang; dir aber mchte ich es erzhlen, grad dir.
    Warum mir, liebe Pekala?
    Weil er heut fr dich jene Lade, die er so heilig hlt, geffnet hat. Er
lie mich zu sich kommen. Er hatte alle diese Sachen fr dich bereit gelegt und
bergab sie mir mit der Weisung, dich hier mit ihnen zu bedienen, sie aber von
niemandem, hchstens noch von unserm Kinde, berhren zu lassen. Das habe ich
gethan. Kein Mensch hat sie gesehen.
    Sagte er noch sonst etwas hierber?
    Ja. Fast ganz dasselbe, was er mir damals sagte. Ich will es dir erzhlen.
Tifl, steig vom Baume herab. Leg die Birnen her, und geh vor an den Weg! Es soll
uns niemand stren.
    Er gehorchte gleich, denn er hatte alles gehrt und sah also ein, weshalb er
fortgeschickt wurde. Als er gegangen war, berichtete sie:
    Es war an diesem Tage. Der Ustad hatte mich reicher beschenkt als die
andern, weil er wute, da mein Geburtstag sei. Als es gegen Abend dunkelte,
ging ich hinauf zu ihm, um die Reste der Mahlzeiten zu holen. Du wirst gesehen
haben, da vor seinem Gemache ein Schahnischin157 ist. Da sa er auf dem
frnkischen Stuhle, was er sonst niemals thut, und las in einem Buche, obgleich
es auch da drauen schon fast dunkel war. Als er mich hrte, kam er herein, um
das Licht anzuznden. Ich hatte mich so sehr gefreut und sagte ihm noch einmal
fr die heutigen Geschenke Dank. Da schaute er im Dmmerschein der kleinen Kerze
von so hoch zu mir hernieder, legte mir die Hand auf den Kopf und sprach:
    Der Eine giebt; der Andere nimmt. Der Eine stirbt; der Andere wird geboren.
Wenn die Menschen doch wten, da jeder Geburtstag auch zugleich ein Tag des
Sterbens ist! Mein Sterbetag war heute!
    Sie schwieg und wendete sich halb von mir ab, indem sie mit der Hand nach
ihren Augen griff. Als sie sich wieder herumdrehte, sah ich die Feuchtigkeit der
Thrne noch, die sie hatte entfernen wollen. Dann fuhr sie fort:
    Ich wei nicht, wie es kam, ich mute weinen, als ich diese seine Worte
hrte. Und indem ich weinte, sprach er sie noch einmal, als ob ich sie ja nie
vergessen solle:
    Der Eine giebt; der Andere nimmt. Der Eine stirbt; der Andere wird geboren.
Wenn die Menschen doch wten, da jeder Geburtstag auch zugleich ein Tag des
Sterbens ist! Mein Sterbetag war heute!
    Die gute Pekala hatte diese Wiederholung nur schwer zu Ende gebracht. Jetzt
hob sie die Falten ihres Schleiers zum Gesicht empor, um es darin zu verbergen,
und weinte, leise schluchzend, vor sich hin. Wie kam es doch, da auch mir die
Augen feucht wurden? Es giebt Worte, welche, mgen sie gesprochen werden, wann
und wo es auch sei, sich so tief in das Herz des fhlenden Menschen senken, da
er sich ihrer Wirkung nicht entziehen kann.
    Du hast dir das sehr gut gemerkt, liebe Pekala, sagte ich, um sie von
ihrem Schmerze abzulenken.
    Sie strich die Thrnen fort, lie den Schleier wieder nieder und antwortete:
    Ich bin dann sogleich drauen vor seiner Thr stehen geblieben und habe die
Worte auswendig gelernt, um sie niemals zu vergessen.
    War das alles, was er sagte?
    Alles! Aber war das nicht genug, mehr als genug, Effendi? Mu es nicht
frchterlich fr einen Menschen sein, zu wissen, an welchem Tage er sterben
werde?
    Noch ganz anders ist es, wenn ein Mensch wei, da er gestorben ist!
    Das ist unmglich. Kann er denn leben und doch wissen, da er tot sei? Aber
da es Leute giebt, welche ihren Sterbetag voraus wissen, das habe ich schon oft
gehrt.
    Kein Mensch kann ihn wissen, kein einziger, auer er will zum Selbstmrder
werden. Gott hat sich die Bestimmung dieses Tages vorbehalten und wird entweder
in seiner Gte oder in seiner Gerechtigkeit die Entscheidung treffen.
    Aber der Ustad wei ja doch den seinen!
    Nein, auch er nicht!
    Hast du nicht soeben seine eigenen Worte gehrt?
    Du deutest sie falsch. Du hast das Wrtchen war mit dem Wrtchen ist
verwechselt.
    Das verstehe ich nicht, Effendi.
    Denke nach, und erinnere dich genau! Hat er gesagt: Mein Sterbetag war
heute. Oder sagte er: Mein Sterbetag ist heute. War oder ist? Hierauf kommt es
an.
    Ich wei es: war heute; so sagte er.
    Also hat er nicht ein zuknftiges sondern ein schon vergangenes Sterben
gemeint. Es ist das ein tiefes, tiefes Wort von ihm gewesen, und ich wundere
mich nicht darber, da du dich in seiner Deutung irrtest.
    Also meinte er, da er schon gestorben sei?
    Ja.
    So war sein Wort ein Rtsel!
    Allerdings.
    Wer kann es lsen? Ich nicht!
    Ich auch nicht. Kein anderer Mensch kann es lsen, als nur er allein. Wem
der Tod oder vielmehr das Sterben berhaupt ein Rtsel ist, dem wird der wahre
Todestag, die eigentliche, wirkliche Zeit des Sterbens, ganz gewi erst recht
verborgen bleiben. Es giebt nur wenige, sehr wenige Menschenkinder, welche
wissen, warum und wo und wie und wann man stirbt. Man kann krperlich leben und
geistig oder seelisch doch gestorben sein. Und wie das Eine mglich ist, so auch
das Andere. Auch Isa Ben Marryam, den wir den Heiland nennen, verlangt vom
Menschen, da er neu geboren werde. Wer hat da aber zu sterben? Die Bibel
antwortet: Der alte Adam. Wer ist das? Du siehst also, da die christliche
Religion ein Sterben und Geborenwerden mitten in diesem unsern gegenwrtigen
Leben von uns fordert. Hierin liegt eine der verschiedenen Weisen, in denen das
Rtsel des Ustad gelst werden kann. Fr ihn ist es schon lngst kein Rtsel
mehr. Denn wer da wei, da er gestorben ist, und sogar den Tag genau kennt, an
welchem es geschah, der schaut nicht mehr in ein trgerisches Dmmerlicht,
sondern vor seinen Augen liegt der helle Tag in seliger Klarheit ausgebreitet.
    Ich hatte mich an den Tisch gesetzt und zu Messer und Gabel gegriffen; da
erscholl vom Rande der Lichtung her die Stimme unseres Kindes:
    Der Ustad kommt. Ich trete auf die Seite.
    Er zog sich hinter die Bume zurck. Ich wollte wieder aufstehen, aber
Pekala bat mich:
    Thu nicht, als ob du es weit! Er wird sich gewi freuen, dich essen zu
sehen.
    Da begann ich denn, zuzulangen. Tifl hatte ihn gewi schon von weitem
bemerkt, denn es dauerte lngere Zeit, ehe er erschien. Nun, als er auf die
Lichtung trat, legte ich das Besteck natrlich wieder weg. So, wie jetzt er, war
wohl auch Abraham einst einhergeschritten, wenn er im Haine Mamra wandeln ging.
Und seine Gste hatten ihm in solcher Ehrfurcht entgegengesehen, wie ich sie
fhlte, als dieser Patriarch der Kurden sich mir nherte. Aus seinen Augen
schaute mich die Seelengte an, und mir war es, als ob ich meine Arme um ihn
schlagen msse, um ihm zu sagen, da ich ihn nie, niemals verlassen mchte.
    Ich wollte sprechen, um ihm zu danken. Er sah das und veranlate mich durch
eine kleine, stille Handbewegung, dies nicht zu thun. Sein Blick berflog den
Tisch und blieb auf der unbenutzten Serviette haften. Dann sah er mich mit einem
lieben, lieben Blicke an. Er hatte mich durchschaut.
    Es war eine Segenshand, die dieses Speisetuch mit vielen, vielen Stichen
fr mich sumte, sagte er. Es war am Tage, da ich einstens starb, da schenkte
sie es mir. Nun nehme ich es in die meinige von Jahr zu Jahr, wenn ich das
stumme Gedchtnismahl des eigenen Todes halte. Warum steht heut derselbe Tisch
fr dich gedeckt? Ich liebe dich und habe dich erkannt. Du bist derselbe, der
ich einstens war, in jener Zeit, da ich noch suchen ging. Es lebt der Geist in
dir, der damals mich verfhrte, ihn fr den Geist des Weltenalls zu halten. Und
doch ist's nur der Geist der armen, kleinen Erde, der seinen Menschen vorgelogen
hat, er sei der Allmchtige, der den ganzen, unendlich weiten Himmel nur allein
fr sie geschaffen habe. Du wirst wie ich aus diesem Himmel herabgerissen
werden, der weder ihm noch dir gehrt, wenn du ihm weiterfolgst. Du wirst da
unten liegen, so wie einst ich am Boden lag - - ein stillgewordener Acker
Gottes, ber den des Todes Pflugschar gehen mu, damit er zubereitet sei, wenn
der Semann kommt, den man das Leid der Erde nennt. Da wird der Pflug aus deinem
Herzen reien, was jener Erdengeist hineingepflanzt. Und wenn er seine letzte,
tiefste Furche zieht und dir die strkste Wurzel aus dem Herzen zerrt, dann
mache dich bereit: Es naht dein - - - Sterbetag!
    Sein Auge ruhte nicht auf mir. Er hatte vor sich hin, wie in weite Ferne
geschaut, als ob er das alles sehe, was er sagte. Nun hob er den Blick zu den
Baumkronen empor, deren Zweige und Nadeln im Sonnenstrahle goldgerndert
zitterten. Ein milder Farbenschein, wie durch eine rosig angehauchte Lichtglocke
geworfen, berflutete sein Angesicht.
    Dann naht der Semann und giebt den Furchen neues Leben, fuhr er fort. Du
wirst ihm stillehalten mssen, so wie auch ich ihm stillehielt. Die Egge
schmerzt; die Stacheln reien Wunden. Doch darfst du sie nicht achten. So viele
ihrer seien, aus jeder sprot und grnt es froh zum Himmel auf, damit der
stillgewordene Acker Gottes dereinst zum reichen Erntefelde werde. Das meine
liegt im wilden Kurdistan. Umringt von Feinden, die mich hassen, neiden! Die
Berge tragen meine Einsamkeit; sie sind mit ihr mein Schutz, der nimmer wankt.
Wo aber, fragst du wird das deine liegen?!
    Jetzt senkte er den Blick zu mir nieder und sah mir lchelnd ins Gesicht.
Seine Hand legte sich auf mein Haupt und glitt dann leise, fast zrtlich an der
Wange nieder. Dann sprach er weiter:
    Wo es liegt? Du weit es nicht, und doch hab' ich's von dir erfahren. Ich
stand an deinem Lager. Kein Mensch war da, als ich und meine beiden Kranken. Du
lagst besinnungslos, doch sprachst du mit dir selbst. Da lernte ich dich kennen.
Da hrte ich zwar dich, doch auch den Geist, der einst der meine war. Dann
klangen liebe Worte, die Worte deiner Seele. Du ahnst wohl nicht, wie mchtig
Seelen sind! Sie wird den Geist bezwingen, wie einst der meine ihn bezwang. Was
ich dir sage, das ist, als htte sie es gesagt! Dein Erntefeld liegt fern von
diesem meinem Lande. Es ist ein anderes, als das meinige. Ich sehe Thler und
ich sehe Berge. Auch dir ist, so wie mir, die Ebene gram. Drum mache es so wie
ich: Such auf den Bergen Schutz, und steige nie zur Flche nieder, auf der die
dunklen Zelte deiner Feinde stehen. Geh in die hehre Einsamkeit, wie ich, und
sei, wenn dir ein Gegner naht, so stumm, wie ich es heut zu meinen Feinden war.
Auch dir lebt ein Pedehr, der gern es bernimmt, den Feiertag, den du zu leben
hast, vom Schmutz des Werkeltages zu befreien!
    Er griff jetzt nach der Serviette, gab sie mir und sagte:
    Du dachtest zart. Ich danke dir dafr. Doch sei mein Gast an meinem
Sterbetag! Nimm dieses Tuch getrost! Es ist fr mich ein groes Heiligtum. Die
mir es gab, sie stand an meiner Seite, als ich im Sterben lag. Die letzte,
tiefste Furche ging durch mich. Da bumte ich mich auf. Ich wollte meinem Leiden
nicht gehorchen. Sie aber sagte mir ein groes Wort, ein Wort, so gro, da es
die ganze Welt umfat. Da brach ich wieder nieder, um ganz in meiner Kleinheit
zu verschwinden. Und als ich dann, nach langer, langer Zeit, als Auferstandener
kam, um ihr zu danken, da sagte sie, sie habe mir zu danken, weil sie in mir zum
zweiten Male auferstanden sei. Wirst du wohl ihren Namen nun erraten? Er ist
auch dir von Herzen lieb geworden.
    Unsere Marah Durimeh!
    Dieser Name flog frmlich aus meinem Munde. Es konnte ja keine andere sein
als sie!
    Ja, sie, die Einzige! sagte er. Denk, da sie hier an deiner Seite sitze
und dir erzhle von jemand, dem nichts erspart geblieben ist von allem, was die
Erde Schlimmes bietet, und der nur durch das Schweigen jenen Sieg errang, mit
dem man nicht den Feind allein, nein, auch sich selbst bezwingt. Denn merke
wohl: Dein grter Feind bist du. Um ihn versammelt sich der andern ganze
Schaar. Sie steht und fllt mit ihm. Er ist's, der fallen mu in deiner
Sterbestunde. Fr den, der dann, von dir befreit, das andere Leben lebt, giebt
es dann nur noch Menschen, im schlimmsten Fall beklagenswerte Thoren, doch
Feinde, Feinde nie!
    Hierauf legte er mir die Hand auf die Brust und sprach in warmem, bittendem
Tone:
    La dein Herz so ruhig schlagen, wie das meine schlgt! Wenn es aufbegehren
will, so gebiete ihm Schweigen! Betrachte die Menschen so, als ob du bereits
gestorben seist und von ihnen nicht mehr erreicht werden knntest! Es gehre
ihnen von allem, was du bist und was du hast, nichts, nichts, als nur allein die
Liebe!
    Er ging hierauf wieder fort.
    Welch ein Mensch! Solche Charaktere knnen wohl nur in der Einsamkeit der
Berge reifen! Aber glcklicherweise ragen Berge berall. Warum sollen es immer
nur geographische Hhen sein? Giebt es nicht auch noch andere Alpen, auf denen
man sich ein hohes Haus erbauen und ein Beit-y-Chodeh errichten kann? Redet
nicht auch die heilige Schrift von solchen Bergen? Sagt nicht der Psalmist, da
von ihnen seine Hilfe komme? An was fr Berge dachte ich wohl, als ich vor
Jahren, im Notizbuche Reiseeindrcke festhaltend, auch folgende Zeilen
niederschrieb:

Schon weicht die Flche hinter mir;
Die Ebene beginnt, zu steigen.
So naht das Herz, Jehovah, dir,
Wenn hinter ihm die Zweifel weichen.

Mir ist, als ob am Horizont
Ich Bergesspitzen leuchten she.
So reinigt, lutert, wrmt und sonnt
Die Seele sich in Himmelsnhe.

Hinauf, hinauf! Ich raste nicht.
Ich will und will nicht unten bleiben.
Mein frmmstes, seligstes Gedicht
Will ich beim Glhn der Alpen schreiben.

Das werde ich dann heimlich, still
In einem Kirchlein niederlegen.
Vielleicht gereicht's, so Gott es will,
Dem, der es findet, einst zum Segen!

    Unsere gute Pekala hatte sich, als der Ustad kam, bescheiden vom Tische
zurckgezogen. Nun, als er fort war, kam sie wieder, um von neuem ihres Amtes zu
walten. Die Entfernung war allerdings keine groe gewesen. Darum hatte sie
Verschiedenes von dem, was gesprochen worden war, gehrt. Das zeigte sich durch
die Frage, welche sie sogleich an mich richtete:
    Nicht wahr, ich hatte mit dem Sterbetage recht, Effendi? Er sprach doch
auch mit dir davon.
    Ja; aber da wirst du mir eine Bitte zu erfllen haben, liebe Pekala.
    Sehr gern! Welche?
    Denke nicht zu oft und zu viel ber den deinigen nach! Und sei schweigsam
ber das, was du hier vernommen hast! Wenn man von so etwas redet, mu man es
verstanden haben.
    Das habe ich freilich nicht. Es war zu schwer fr mich.
    Trotzdem du dich eine Kizfeilesuf genannt hast? scherzte ich.
    Das bin ich auch. Aber es hat jeder Mensch seinen eigenen Feilesufluk158,
den der andere nicht begreift. Der meinige wchst in der Kche und sagt mir
jeden Tag, da alle Menschen essen mssen. Darum setze dich nun wieder nieder,
und la mich die Freude erleben, da es dir schmeckt!
    Das wird nun wohl nicht so werden, wie du wnschest. Ich bitte dich, noch
einige Zeit Geduld zu haben.
    Warum, Effendi? Willst du nun etwa gar nicht essen?
    Nicht sogleich. Ich mchte nachdenken. Geh mit deinem Tifl ein Stndchen
spazieren, und komm dann wieder!
    Wie schade! Das ist es ja eben, was mein Feilesufluk nicht begreifen kann!
Wenn gelehrte Mnner in den Sattel ihres Geistes steigen, um in seinem Reiche
herumzugaloppieren, da lassen sie ihn hungern. Sie sagen, sie knnen nicht
essen, wenn sie denken. Was wird er da wohl fr Sprnge mit ihnen machen knnen!
Gieb ihm Futter, Effendi, viel Futter! Wenn du das thust, dann wirst du erst
bemerken und an dir selbst erfahren, was ich, eure Pekala, unter Nachdenken
verstehe! Was soll aus dir werden? Die Seele hat keinen Platz; der Geist mu
darben, und der Krper darf nicht essen. Du gehst mir ja zu Grunde! Wozu bin ich
denn mit meiner schnen, groen Kche da? Doch dazu, da alles, was ich mache,
aufgegessen wird! Doch will ich nicht zanken, denn ich sehe, da es dir wehe
thut. Ich gehe!
    Wehe thun? Das nun freilich nicht! Sie deutete meine Bemhungen, das Lachen
zu unterdrcken, falsch. Es waren nur wenige Schritte, welche sie that; dann
blieb sie stehen, sah auf die Erde nieder, kam wieder zurck, ganz nahe an mich
heran und sagte halblaut, damit Tifl, der sich nun wieder auf der Lichtung
befand, es nicht hren mge:
    Weit du, was ich mir ber unsern Ustad ausgesonnen habe? Whrend er mit
dir sprach, kam es mir in den Kopf.
    Was?
    Es liegt ein Geheimnis ber ihm, und ich habe etwas davon entdeckt. Er kann
alles; er wei alles. Er kennt das ganze Morgen- und wohl auch sehr viel vom
Abendlande. Er hat sehr, sehr viele Bcher in abendlndischer Schrift. Ich
glaube, da er frher dort gewesen ist, um alles, was man dort lernen kann, sich
anzueignen. Da hat er auch an solchen Tischen, wie dieser ist, gegessen. Er
kehrte in die Heimat zurck. Dann starb etwas in ihm; denn in dieser Weise meint
er es doch, wenn er von seinem Tode spricht. Das Gedeck hier ist ein Andenken an
diesen seinen Toten, und darum hebt er es so heilig auf und sucht es an jedem
Sterbetag hervor. Was sagst du dazu? Ob ich wohl recht habe?
    Pekala, du hast ein kluges Kpfchen!
    Nichts weiter? Das habe ich lngst gewut! Aber es freut mich, da auch du
es nun erfahren hast. Jetzt gehe ich wirklich!
    Und sie ging auch wirklich; Tifl mit. Ich war allein.
    Ueber mir schlug ein persischer Ispinos159. Er sprang von Zweig zu Zweig,
immer weiter herab. Ich warf ihm Brocken hin, und er kam bis an den Tisch heran,
um sie zu nehmen. Seine hellen Augen waren ohne Furcht auf mich gerichtet. Warum
lt die sogenannte unvernnftige Kreatur sich von der Gte locken? Warum lacht
nur der Mensch ber den, der selbstlos alle liebt? Oder ist das nicht der Mensch
berhaupt, sondern nur der Menschengeist, der raffinierende Teil der
Schpfungskrone? Wie glcklich dann die niederen Geschpfe, von denen man
behauptet, da sie keinen Geist besitzen! Was versteht das gesellschaftliche
Tier, Mensch genannt, denn eigentlich unter Liebe? Wenn die Hassenden sich
zusammenrotten, damit Liga gegen Liga, Konfession gegen Konfession, Fraktion
gegen Fraktion aufeinanderplatze, so behaupten auch sie, in Liebe verbunden zu
sein. Eine Liebe aber, welche hassen kann, giebt es einfach nicht! In ganz
derselben Weise belieb- und zugleich behaugeln sich die Vlker ebenso wie auch
die einzelnen Individuen. Wer aber wahre Liebe bringt oder brachte, die vor
allen Dingen und zunchst nach Frieden strebt, der wurde stets und wird noch
heute an das liebe Kreuz geschlagen. Und dabei behauptet jede Partei, da sie
allein es sei, die den Frieden wolle! Natrlich aber behlt sie sich
stillschweigend vor, da er nur zu ihrem Vorteil abzuschlieen sei! Ist das denn
Frieden? Nein, sondern neuer Grund zum Kampfe!
    Das Weltmeer kann nicht ruhig sein. Es ist eine den Winden preisgegebene,
willenlose Flssigkeit. Aber mu denn die Menschheit mit ihren anderthalbtausend
Millionen bewuter und denkender Intelligenzen sich ebenso in stetem Wogengange
befinden? Mu der hochbegabte, seiner Verantwortlichkeit sich sehr wohl bewute
Mensch, sobald sein Nachbar wellt, sofort auch Wellen schlagen und sie
weitergeben? Giebt es keinen Halt auf weiter See? Kein festes Land? Und mu auch
jedes der vorhin gezhlten kleinen, winzigen Binnenwsserlein gleich lcherlich
hohe Brandung schlagen, wenn vom Andern her ein Lufthauch es berhrt? Kennt denn
niemand jene Wunderhand, die damals, als auf dem See Genezareth der Ruf Herr,
wir verderben erscholl, den Elementen sofort Ruhe gab? Wei man nur in seinem
Namen, aber nicht in seinem Geiste zu handeln? Erheben sich nicht augenblicklich
tausend Wogen ringsumher, wenn es einmal eine freundliche Herzenswelle wagt,
sich von dem allgemeinen Strom zu trennen? Wie manche solche Welle, die nach den
Grten und Feldern des Ufers flieen wollte, um sie zu befruchten, ist von den
dunkeln Fluten, auf deren Grund die schwere, sthlerne Schlepperkette ruht, mit
fortgerissen worden!
    Aber droben auf den Bergen, da liegen sie, in tiefer Einsamkeit, vom hohen
Forst beschtzt, die immer klaren Wasserspiegel. Von unentweihten Quellen
gespeist, flieen sie ber von Heil und Segen fr jedermann, der von dem sumpf-
und fieberreichen Strome aufwrts nach seinem Ursprung wandert. Anstatt
Menschenrecht herrscht hier noch Gottesrecht. Die holde Fee der
Menschheitskinderzeit geht liebreich wandeln von Haus zu Haus. Des Edens fromme
Sage wird beim Scheine des brennenden Spanes an jedem Herd erzhlt, und wenn die
Ahne im lauschenden Kreise der Enkel eine mit ihr altgewordene Mhr erzhlt, so
hebt sie wohl mit den Worten an: Als wir noch Kinder waren. Sie wei ja nicht,
da sie stets Kind geblieben ist!
    So sitzt nach vollbrachtem Tagewerke oft auch die gute Pekala mit ihrem
Kind auf jener Bank im Garten, wo ich von beiden als Pflaumendieb berfallen
wurde. Was mag sie ihm erzhlen, die ebenso Kind wie er geblieben ist? Hat doch
der Ustad es erreicht, seine frher unbotmigen Dschamikun in wohlerzogene,
dankbare Kinder zu verwandeln! Mit welchen Mitteln hat er das fertig gebracht?
Mit Hilfe jener Fee, welche keine Gewaltthat kennt und doch alle Menschen
zwingt: sie heit - - die Gte! Aber mit welchen andern Mchten mag er gerungen
haben, um sie in sich abzutten, ehe er den Weg nach diesen seinen Bergen fand!
Es sei ihm nichts, gar nichts erspart geblieben, sagte er. Nun aber war es
glcklich berwunden. Warum geben unsere Dichter solchen Lebenskmpfen fast
immer einen tragischen Schlu? Kennen sie unsern Herrgott nicht? Die Erdenbhne,
fr welche er seine Gestalten schafft und, wie es scheint, nach freiem Willen
handeln lt, kennt die Tragik nur als kurze Episode. So ist auch das, was der
befangene Mensch fr ein Lustspiel, einen Schwank oder gar fr eine Farce hlt,
nichts weiter, als eine vom Schauspieler eigenmchtig extemporierte Scene,
welche der unbestechliche Regisseur sehr bald zu rgen wei. Auf dieser Bhne
geht niemand tragisch unter. Wer in dem einen Akt am Boden zu liegen scheint,
darf sich im nchsten zum neuen Kampf erheben. Und wenn fr ihn nach endlich
errungenem Siege die letzte Erdenscene kommt, so hlt der Dichter selbst den
Kranz fr ihn bereit.
    Ich sa hier - um mich des Bhnenjargon zu bedienen - vor den piettvoll
aufbewahrten Requisiten mir unbekannter Leidensscenen. Warum war es grad mir
erlaubt, sie zu berhren? Weil ich Marah Durimeh kannte? Weil der Ustad Grund zu
haben glaubte, anzunehmen, da ich, so wie er, durch die Schule der Leiden zu
gehen haben werde? Es mute noch einen andern, dritten Grund haben, den ich aber
jetzt wohl noch nicht wissen durfte. Ich verzichtete darauf, ber ihn
nachzudenken. Wer so weitausschauend ist, den Berg mit jenem Amen sagenden
Alabasterzelt zu krnen, der wei auch wohl, wann die rechte Zeit, zu sprechen,
gekommen ist.
    War denn schon eine Stunde vorber? Wohl kaum eine halbe. Aber Pekala hatte
es nicht lnger ausgehalten. Sie kam jetzt mit ihrem Tifl wieder und sagte,
jedenfalls um ihre zu schnelle Rckkehr zu entschuldigen:
    Effendi, du mut nun schnell essen. Kara Ben Halef ritt nach Hause, um beim
Vater zu bleiben, damit seine Mutter zum Beit-y-Chodeh kommen knne. Sie ist da
und fragt nach dir. Sie mchte dich gern bei sich haben.
    Ich brauchte die dienstfertige Festjungfrau eigentlich gar nicht; es lag
ja alles bei der Hand. Aber sie lie es sich nun einmal nicht nehmen, dabei zu
sein. Jetzt griff sie nach der Flasche und dem Korkzieher. Indem sie letzteren
verlegen betrachtete, sagte sie in ihrer vom Ustad jedenfalls nicht gewollten
Offenheit:
    
    Flaschen sind sehr selten hier bei uns. Ich habe, seit ich hier bin, keine
als nur diese hier gesehen. Ich wei wirklich nicht, wie man es macht, um die
Tapa160 mit diesem eisernen Dinge herauszuziehen.
    Trinkt der Ustad Wein? fragte ich.
    Nie. Es ist die einzige Flasche, die er hat. Alles, was gegoren ist, trinkt
er nicht. Und alles, woran Blut war, it er nicht. Warum, das wei ich nicht.
    So lassen wir den Wein unberhrt.
    Aber, er ist doch fr dich bestimmt.
    Es wird schon einmal ein Gast kommen, dem er ntiger ist, als mir. Jetzt
fange ich an!
    Die Muhammedaner sagen Bismilla161, wenn sie zu essen beginnen. Das ist ein
gutes Wort. Verzeih, da ich es vorhin vergessen habe!
    Nun war es unterhaltend, zu beobachten, wie die beiden zuschauten. Ich
machte mir den Spa, die europische Art, zu essen, so verwickelt wie mglich
darzustellen. Welche Wonne dieses Hantieren der Festjungfrau bereitete! Wie
oft rief sie dem Kinde zu: Du, das ist fein! Und als ich endlich gar einige
Birnen und Pflaumen schlte, schlug sie die Hnde zusammen und sagte: Das ist
das Allerfeinste. So etwas giebt's in der ganzen Welt gar niemals wieder!
    Hierauf war es Zeit, mit Tifl zu den Dschamikun zurckzukehren. Als wir aus
dem Walde traten, bot sich mir ein sehr bewegtes, freundliches Bild. Die Perser
saen, links von uns, hier oben. Am Tempel hatte sich der Pedehr zu Hanneh
gesellt. Den Ustad sah ich nicht. Ueberall gab es sitzende, stehende oder heiter
sich bewegende Menschengruppen. Die jungen Mnner unterhielten sich mit
verschiedenartigen Spielen, welche den Zweck hatten, Kraft und Gewandtheit zu
verleihen.
    Soll ich anfangen, Effendi? fragte mich Tifl.
    Womit?
    Singen. Ich sagte dir doch, da ich sie alle stumm singen werde. Man wollte
schon lngst damit beginnen. Aber der Pedehr hat mir versprechen mssen, da ich
der erste sein darf.
    Du willst es hier thun, gleich hier oben?
    Ja. Meine Stimme geht weit, bis dort zum Berg hinber, und hier sehen mich
auch alle. Pa auf, Effendi, wie still und ruhig alle sein werden, wenn ich
anfange!
    Ich wurde wirklich neugierig. Das Kind als Solosnger! Ich hatte gar kein
so rechtes Vertrauen zu ihm; aber wenn er so singen, wie er reiten konnte, so
war das Selbstvertrauen, welches er zeigte, sehr wohlbegrndet.
    Was wirst du singen? fragte ich.
    Was ich dir schon sagte: Ein Liebeslied. Dieses bringe ich von allen am
besten. Pa auf!
    Er stellte sich in Positur, rusperte sich und begann. Welch eine Stimme!
Fast htte ich ihn mit Maschallah unterbrochen. Das war ja ein Tenor, ein
Heldentenor von unbeschreiblicher Flle und herrlichster Klangfarbe!
Allwissender Pollini! Von unserm Tifl aber hast du nichts gewut, sonst wrest
du schon lngst hier bei den Dschamikun gewesen, um wo mglich den Besitzer
dieser gradezu phnomenalen Stimme hier auf- und daheim am Alsterbassin wieder
abzuladen! Es war genau so, wie er gesagt hatte: Gleich bei dem ersten Tone
schaute alles herauf zu uns, und noch war kaum die zweite Zeile beendet, so
hatte auf der Graslehne und im Parke jede Bewegung aufgehrt. Ich sah zu den
Persern hinber. Sie waren alle aufgesprungen, wie von der Macht, welche in
Tifls Kehle steckte, elektrisiert. Wie reich begabt war dieses unser Kind! Und
welcher Text war es, der dem Liede unterlag? Folgender:

Die schnste Blume auf der Welt
Stand morgens an des Nachbars Zelt.
Da kam der Tag im goldnen Licht
Und kte fromm ihr Angesicht.
Kaum glaubte ich dem Sonnenschein:
Das konnte nur ein Mrchen sein.

Die schnste Blume auf der Welt
Stand abends an des Nachbars Zelt.
Da kam die Nacht im Mondeslicht
Und kte fromm ihr Angesicht.
Kaum glaubte ich dem Mondenschein:
Das konnte nur ein Mrchen sein.

Die schnste Blume auf der Welt
Steht nun bei mir in meinem Zelt.
Wer kommt nun jetzt mit seinem Licht?
Wer kt nun fromm ihr Angesicht?
Wer geht bei uns nun aus und ein?
Das mu erst recht das Mrchen sein!

    Das also war ein Liebeslied! Ich lasse es ohne Kommentar, denn es redet
seine eigene Sprache!
    Als der letzte Ton verklungen war, ertnten von allen Seiten laute Achsant-
und Jagadarufe162.
    Nun, Effendi, kann ich singen? fragte er.
    Fast noch besser, als du reiten kannst, antwortete ich.
    Und waren nicht gleich alle stumm?
    Alle!
    Ja; ich singe ber alle weg und reite an allen vorbei. Das wirst du sehen,
wenn wir Wettrennen haben. Unsere Stute wird die Siegerin sein. Sie steht dort
an der Tempelecke.
    Wie kommt das? Ich denke, Kara ist mit ihr heimgeritten?
    Ja; aber seine Mutter ist dann auf ihr herbergekommen. Siehst du, da sie
dir winkt?
    Hanneh forderte mich allerdings mit der Hand auf, zu ihr zu kommen. Ich
leistete natrlich Folge und erlste dadurch den Pedehr von der Verpflichtung,
bei ihr zu bleiben. Sie ging mit mir nach meiner Ecke, wo wir uns neben einander
niedersetzten.
    Hast du schon einmal so herrlich singen gehrt wie heute, Sihdi? fragte
sie.
    Wir haben im Abendlande wunderbare Musik und sehr berhmte Snger und
Sngerinnen, antwortete ich.
    Aber wir nicht. Du kennst doch unsere arabische Musik. Ich habe sie bisher
fr unvergleichlich gehalten. Aber was ist sie gegen diese hier! Wir schreien,
quieken und jammern; das nennen wir singen. Hier aber habe ich zum ersten Male
in meinem Leben singen gehrt!
    Wirklich?
    Ja.
    Besinne dich, Hanneh!
    Worauf? Ich wei nichts.
    Ich habe im Lager der Haddedihn einige Male deutsche Lieder gesungen, um
euch zu zeigen, wie sie klingen. Nun sagst du, du habest nie singen gehrt!
    Es machte mir heimlich Spa, sie in Verlegenheit zu bringen. Sie errtete
zwar, war aber doch schnell mit der Antwort da:
    Das hatte ich vergessen. Auch ist es ein Unterschied, ob nur einer singt
oder mehrere.
    Tifl sang auch allein!
    O, der! Nimm es mir nicht bel, Effendi, aber an den kommst selbst du noch
lange nicht. Er selbst ist ein so langer, langer Mensch. Aber seine Stimme ist
noch tausendmal lnger als er. Sie reicht, soweit das ganze Thal sich dehnt!
    Es scheint sehr praktisch zu sein, die Stimme nach ihrer Lnge zu
beurteilen!
    Natrlich ist das richtig! Thust du das nicht auch? Denke doch, wenn vorhin
die beiden Lieder hier im Tempel gesungen wurden! Sie sind aber so lang, da ich
sie noch jetzt in meinen Ohren und in meinem Herzen klingen hre.
    Wo warst du, als man sang?
    Halef schlief fest; da brauchte ich nicht ganz in seiner Nhe zu sein. Ich
setzte mich an deine Sule, wo ich dich bei unserer Ankunft sah. Da war es
pltzlich, als ob sich der Himmel ffne und als ob die heiligen Malaka163 ihre
Stimmen hren lieen, um Allahs Herrlichkeit zu preisen. Da faltete ich die
Hnde, denn es war jemand in mir, der beten wollte. Wer es war, das wei ich
nicht; aber ich fhlte es, da er auch vom Himmel ist. - Was haben dort die
Perser mit dem Pferde?
    Weit du, warum sie gekommen sind und wie wir sie empfangen haben?
    Ja. Kara erzhlte es mir. Jetzt stehen sie dort bei der Sahm des Ustad. Sie
sprechen von ihr. Tifl kommt. Sie reden mit ihm. Er thut so stolz. Jetzt lacht
er ber sie. Sie scheinen sich zu rgern. Er wird das Pferd gelobt haben; sie
aber tadeln es.
    So schien es allerdings zu sein. Sie waren vom Waldesrande herabgekommen,
denn sie fhlten wohl das Bedrfnis, nicht so allein fr sich zu bleiben. Nun
beschftigten sie sich mit der Sahm, deren Verteidiger Tifl machte. Das
dauerte lngere Zeit. Sie schienen nicht blo ber das Pferd, sondern auch ber
andere Dinge mit ihm zu sprechen. Dann suchten sie den Pedehr auf, mit welchem
sie einige Zeit verhandelten. Es schien wichtig zu sein, denn er schickte einen
Boten zu den Aeltesten, um sie zusammenrufen zu lassen. Dann kam er zu mir.
    Effendi, die Dschemma wird gebildet. Ich bitte dich, mit beizuwohnen,
sagte er.
    In welcher Angelegenheit?
    Der Blutrache wegen. Die Perser wollen fort. Das ist uns lieb. Darum bin
ich auf ihren Wunsch, jetzt in Krze zu verhandeln, eingegangen.
    An welchem Orte wird es sein?
    Da oben, wo sie gesessen haben. Bring auch unsere Freundin Hanneh mit.
    Mich? fragte sie. Was hat ein Weib in eurer Dschemma und mit dieser
Blutrache zu schaffen?
    Weil ein Weib, die Frau des Scheikes der Kalhuran, mit in sie verstrickt
ist. Wir mchten dich ersuchen, an ihrer Stelle zu sprechen. Kara Ben Nemsi wird
sich ihres Mannes annehmen. Unser Ustad wollte es selbst thun; aber weil die
Beratung so pltzlich kommt und er fortgegangen ist, um erst gegen Abend
wiederzukommen, kann ich ihn nicht damit belstigen.
    Als er fort war, sagte Hanneh:
    Ist das nicht sonderbar, Sihdi, da man mich zu der Versammlung der
Aeltesten ruft?
    Es ist noch eine viel grere Ehre fr dich, als fr mich, Hanneh; du
kannst stolz auf sie sein!
    Ich bin es auch. Was sind diese Dschamikun doch fr seltene Menschen! Ich
werde fr die Frau des Scheikes sprechen, als ob ich sie selbst sei. Ich habe
sie gesehen und mit ihr gesprochen. Sie heit Amineh und soll mit meiner
Verteidigung zufrieden sein!
    Da will ich dir eine wichtige Mitteilung machen, meine liebe Hanneh. Ich
halte nmlich diesen Blutrcher nicht fr einen Moslem. Wahrscheinlich ist auch
sein Sohn keiner gewesen. Es giebt zwei berhmte arabische Rechtslehrer, El
Mohekkik und Minhadj, nach deren Aussprchen man vorkommenden Falles
entscheidet. Sie haben beide den Satz aufgestellt: Wenn ein Moslem einen
Nichtmoslem ttet, so unterliegt er der Blutrache nicht.
    O, das ist gut! Ich danke dir, Sihdi!
    Du bist scharfsinnig. Vielleicht gelingt es dir, herauszubringen, ob er
Muhammedaner ist oder nicht.
    La mich nur machen! Werden seine Gefhrten auch dabei sein?
    Nein. Das wre gegen die Regel.
    So erlaube, da ich vorangehe!
    Wohin?
    Zu ihm.
    Aber, Hanneh! Warum?
    Das hrst du spter. Er kennt mich nicht und wei nicht, da ich bei der
Dschemma sein werde.
    Sie stand auf und ging. Dabei zog sie den Burko164 aus ihrem Ueberwurf und
verhllte mit ihm ihr Gesicht. Ich folgte ihr.
    Ghulam el Multasim befand sich wegen der zu erwartenden Verhandlung in
Unruhe. Er hatte sich von seinen Gefhrten getrennt und war allein, um sich das,
was er sagen wollte, zurechtzulegen. Hanneh richtete es so ein, da sie an ihm
vorberkam. Ich sah, da sie ihm ein Wort zuwarf. Er antwortete. Sie blieb
stehen, nur kurze Zeit, um einige Bemerkungen mit ihm zu wechseln. Dann
entfernte sie den Schleier vom Gesicht, nickte ihm zu und entfernte sich. Ich
ahnte, warum: sie hatte gesiegt.
    Nach einiger Zeit waren die Aeltesten beisammen. Sie setzten sich in einem
Kreise nieder, in dessen Mitte der Pedehr sich niederlie. Ich mute an seiner
linken Seite Platz nehmen. Der Blutrcher erschien und stellte sich vor uns auf.
Zuletzt kam Hanneh, unverschleiert. Der Pedehr wies ihr ihren Platz an seiner
rechten Seite an. Als das der Multasim sah, rief er erstaunt aus:
    Ein Weib? Das kann ich nicht dulden!
    Diese Frau ist das Weib von Hadschi Halef Omar, des Scheikes der
Haddedihn, entgegnete der Pedehr. Du mut es dir gefallen lassen, da sie fr
Amineh spricht, die deinen Sohn erscho! Wenn es dir nicht pat, so kannst du
gehen. In diesem Falle aber hast du auf alles zu verzichten. So will es das
Gesetz.
    Ich bleibe!
    Nun wohl. So sei die Dschemma hiermit erffnet. Du hast zunchst deine
Anklage mit ihren Beweisen vorzubringen und dann deine Forderungen mit ihren
Begrndungen zu stellen. Ehe das geschieht, habe ich dich auf etwas aufmerksam
zu machen, was fr dich von grter Wichtigkeit ist. Wirst du Blut fordern oder
den Preis?
    Blut! antwortete er, indem er mir einen bezeichnenden Blick zuwarf.
    Du bist persischen Glaubens?
    Persischen? Ja!
    So wird deine Blutrache nach schiitischen Gesetzen und zwar nach den
Auslegungen des Khalil behandelt werden mssen. Ich hoffe, da du rechnen
kannst?
    Beleidige mich nicht!
    Hast du das Blut berechnet?
    Blut? Berechnet? Ich verstehe dich nicht.
    Wie viele Personen sind gettet worden?
    Eine.
    Von wie vielen wurde sie gettet?
    Von zweien.
    Welches Geschlechtes waren diese?
    Ein Mann und ein Weib.
    Gelten beide in Beziehung auf die Blutrache gleich?
    Nein, das Weib halb. Was fragst du mich nach so bekannten Dingen!
    Du wirst es gleich hren. Anderthalb Personen haben eine Person gettet.
Nach Khalil gehrt also jeder der beiden Thter nur zu drei Vierteilen deiner
Rache. Das andere Viertel darfst du nicht berhren. Wenn du es verletzen
solltest, bist du selbst der Rache verfallen. Das ist es, was ich dir vorher zu
sagen hatte.
    Man sah dem Multasim an, da ihm diese pfiffige, aber durchaus auf dem
Gesetze beruhende Ausfhrung das Gleichgewicht strte. Solche Bruchteile lassen
sich nur dann bezahlen, wenn der Preis, nicht aber Blut gefordert wird.
Uebrigens war ich neugierig, ob er unsere unter vier Augen getroffene
Verabredung erwhnen werde. That er das, so durfte er sich nicht an den beiden
anderen rchen. Forderte er aber deren Blut, so war ich wieder frei. Seine nun
zu erwartende Anklage mute Licht in diese Sache bringen. Er ffnete bereits den
Mund, um zu beginnen, da ergriff Hanneh vor ihm das Wort:
    Halt! sagte sie. Auch ich habe vorher ein Wort zu sagen. Nmlich nach den
Auslegungen von El Mohekkik und Minhadj giebt es keine - - -
    Maschallah! unterbrach sie der Pedehr erstaunt. Da du so gelehrt bist,
das ahnte ich nicht!
    Sie nickte mir lchelnd zu, antwortete ihm nicht und begann von neuem:
    Nach den Auslegungen von El Mohekkik und Minhadj giebt es keine Blutrache,
wenn der Gettete kein Muhammedaner ist. Der tote Muhassil aber war ein Christ.
    Beweise es! fuhr der Multasim sie zornig an.
    Bist du, sein Vater, ein Moslem?
    Ja.
    Du hast vorhin gesagt, du seist armenischer Christ!
    Ich scherzte.
    So hast du dein Leben verwirkt!
    Sie erhob sich, zeigte auf ihn und fuhr im strengsten Tone fort:
    Ich ging vorhin an diesem Lgner vorber und wrdigte ihn, von meinen
Lippen gegrt zu werden. Er dankte. Ich hatte eine Frage. Er antwortete. Da war
ich so hflich, mich zu entschuldigen, da ich durch den Schleier zu ihm
sprechen msse, weil er kein Dschamiki, sondern ein Moslem sei. Da sagte er, ich
brauche das nicht zu thun, denn er sei armenischer Christ. Das war die Wahrheit.
Sie entfuhr seiner Unbedachtsamkeit. Als Muhammedaner hat er sich uns jetzt nur
vorgelogen!
    Und sich nun direkt zu ihm kehrend, fgte sie hinzu:
    Whle! Bist du Christ, so giebt es keine Rache. Bist du ein Anhnger des
Propheten, so habe ich dir, weil du mich belogst, mein Angesicht gezeigt, und
diese Schande schreit nach deinem Blute. Du wirst diesen Berg nicht lebend
verlassen. Ich rufe meinen Sohn, der die Ehre seiner Mutter wieder herstellen
und dich niederschieen wird wie einen Schakal. Also, whle!
    Der Multasim war, wie schon einmal gesagt, ein Feigling. Hanneh stand so
auerordentlich drohend, und er wute nicht, da ihr Sohn jetzt gar nicht hier
sei. Die Situation kam ihm bedenklich vor. Das Leben war ihm lieber als die
Ehre, und so antwortete er:
    Ob ich Christ oder Muhammedaner bin, das ist jetzt gleich. Ich habe dafr
gesorgt, da mein Sohn gercht wird. Aber wie ist's? Wre ich ein Christ, so
htte ich auf Blut zu verzichten. Ob aber auch auf den Blutpreis? Wer ist so
ehrlich, es zu sagen?
    Wir sind alle ehrlich! erklrte der Pedehr. Nicht Blut, aber den Preis
httest du zu bekommen.
    Wie hoch?
    Das htten wir hier zu besprechen. Aber bedenke: Die Peitsche deines Sohnes
hat das Blut des Scheikes der Kalhuran vergossen, der ein freier Beduine ist!
    Dafr hat er sich das Leben meines Sohnes genommen!
    Aber Peitschenhiebe kosten zweimal so viel wie ein Leben, wenn nicht in
Blut bezahlt wird. Wir haben also noch den Preis eines Lebens zu fordern!
    So fordert es! lachte der Perser. Ich verlange als Blutspreis die Stute
des Ustad. Das ist so billig, da ihr selbst euch darber wundern werdet.
    Du willst also nicht, da Leben gegen Leben sich aufhebe?
    Nein! Und ich biete euch meinen Turkmenen, den ihr alle gesehen habt, als
Preis fr die Schlge an. Ich hrte, da bei euch nchstens Wettrennen sei. Wenn
wir einig werden, so komme ich. Die beiden Pferde mgen mit einander laufen. Der
Sieger rettet das seine und gewinnt das andere dazu.
    Das war ein berraschender Vorschlag. Aber ich durchschaute ihn, obgleich
seine Worte friedlich klangen. Er hielt sein Pferd fr der Stute berlegen. Er
war berzeugt, da er diese gewinnen werde. Damit wre dann die Rache beigelegt
gewesen, und unsere geheime Abmachung htte nicht zu gelten. Aber dieser Mensch
wollte die Stute haben und auch mich. Das Wettrennen gab ihm Gelegenheit,
wiederzukommen, also in meiner Nhe zu sein. Wer wei, was er plante. Ich hatte
vorsichtig zu sein.
    Der Pedehr war ein energischer Mann. Er bedachte sich nicht lange. Pferd
gegen Pferd, das elektrisierte auch ihn, wie uns alle. Die Stute Sahm war zwar
nicht sein eigentliches Eigentum; aber er kannte den Ustad, und er kannte noch
einen, den er rief. Dieser eine war - - Tifl. Als er kam, fragte ihn der Pedehr:
    Hast du dort den turkmenischen Fuchs gesehen?
    Ja, antwortete das Kind.
    Er soll zum Rennen mit unserer Sahm laufen.
    Darber wird meine Pekala lachen!
    Meinst du das wirklich?
    Ja. Ich lache auch!
    Da fragte der Multasim in hhnischem Tone:
    Ist dieser lcherliche Mensch euer Sachverstndiger? Wird etwa er die Stute
reiten?
    Wer sie reitet, ist gleichgltig. Es geht nicht Reiter gegen Reiter,
sondern Pferd gegen Pferd.
    Da schien dem Perser ein weiterer Gedanke zu kommen. Er sah eine Weile
sinnend vor sich nieder und sagte dann:
    Ich setze jedes Pferd, welches ich mitbringe, gegen jedes Pferd, welches
ihr ihm entgegenstellen knnt. Gehst du darauf ein?
    Welche Bedingung stellst du da?
    Erstens, da ihr gezwungen seid, mitzumachen. Und wenn ich euch zehn Pferde
brchte, so httet ihr zehn Pferde gegen sie zu setzen.
    Und zweitens?
    Und zweitens verlange ich, da jedes siegende Pferd das besiegte gewinnt.
    Du bist sehr khn!
    Das sagst du, weil du dich frchtest. Ich bin meiner Sache so gewi, da
ich sogar fordern mchte, auer den Pferden auch Kamele stellen zu knnen.
    Da ging ein leises Lcheln ber das Gesicht des Pedehr. Er streifte mich mit
einem schnellen, fragenden Blicke, den der Perser nicht bemerkte, und fragte
diesen, nachdem ich mit einem ebenso unbemerkten Kopfnicken geantwortet hatte:
    Hast du vielleicht die gefhrliche Absicht, uns um unser ganzes Vollblut zu
bringen?
    Ja, die habe ich! Ich werde dafr sorgen, da euch nie wieder beikommen
kann, euch mit der Kavallerie eines Muhassil zu messen! Wenn ihr Mut habt, so
schlagt in meine Hand! Wo nicht, so seid ihr mir verchtlich!
    Deine Verachtung ist dein Eigentum, von welchem dich kein Mensch befreien
wird. Du wirst sie also wohl fr dich behalten mssen!
    Brlle, wie du willst, alter Lwe; beien aber kannst du nicht. Nimmst du
die Wette an, so reie ich dir auch noch die letzten Zhne aus!
    Ich warne dich, Unvorsichtiger!
    Und ich lache!
    So sei es denn! Bring also auch Kamele! Wir halten gegen alles, was du zum
Wettlauf bringst. Aber es bleibe so, wie du gesagt hast: Es ist gleichgltig - -
-
    Wem die Tiere gehren! fiel da der Multasim schnell ein. Ihr knnt nicht
verlangen, da ich, der ich in der Stadt wohne und ein einzelner Mann bin, so
viel Vieh besitze wie ihr!
    Er ahnte gar nicht, wie willkommen diese neue Bedingung dem Pedehr war.
Dieser besa die Klugheit, ein bedenkliches Gesicht zu zeigen; erklrte aber
dann doch:
    Wenn ich hierauf eingehe, so kannst du ja das Vollblut von ganz Persien
gegen uns zusammentreiben. Aber es sei! Die Besitzer und Reiter sind
gleichgltig. Jedem Tiere, welches ihr bringt, mu von uns ein Gegner gestellt
werden. Pferd gegen Pferd; Kamel gegen Kamel! Jedes kann gegen jedes laufen, so
oft es dir oder uns gefllt. Und zuletzt die Hauptsache: Der Besiegte geht
sofort in den Besitz des Siegers ber!
    Da ging ber das Gesicht des Multasim ein so triumphierender Ausdruck, als
ob er eine schwere Schlacht geschlagen und gewonnen habe. Er hielt dem Pedehr
die Hand hin und rief aus:
    Angenommen! Endlich, endlich habe ich euch! Schlag ein!
    Hier ist sie, sagte der Pedehr, indem er ihm die seine gab. Du lachst.
Ich lache nicht. Die Sache ist mir ernst. Es steht mehr, viel mehr auf dem
Spiele, als du denkst.
    Wo? Doch nur bei euch!
    Irre dich nicht! Wir haben zwar nur gesagt Pferd gegen Pferd und Kamel
gegen Kamel; aber wer die sind, die sich eigentlich und in Wahrheit hinter
diesen Tieren gegenberstehen, das scheinst du nicht zu wissen!
    Nicht? Da sage ich dasselbe Wort zu dir: Irre dich nicht! Die Wette ist
fertig, denn du bist der Scheik und hast eingeschlagen. Es kann nichts
rckgngig gemacht werden, und darum habe ich nicht notwendig, vorsichtig zu
schweigen, wenn du mir mit leeren Drohungen und Warnungen, die mich
einschchtern sollen, kommst. Du sagst, ich wisse nicht, wer sich
gegenbersteht. Ich wei es nur zu gut; du aber weit es nicht. Soll ich es dir
etwa sagen?
    Du stehst ja hier, um zu sprechen. Selbst wenn ich dir das Wort verbieten
knnte, wrde ich es doch nicht thun.
    Wohlan; ihr sollt es hren! Aber es gengt mir nicht, es nur euch zu sagen.
Ich mchte, da es jeder Dschamiki zu hren bekomme!
    Das wird geschehen. Was hier gesprochen wird, erfhrt der ganze Stamm.
    Und ich will, da meine Gefhrten dabei sind, wenn ich spreche. Sie sollen
euch die Wahrheit aller meiner Worte bekrftigen.
    So sei dir erlaubt, sie herbeizurufen, obgleich sie in der Dschemma der
Dschamikun nichts zu suchen haben!
    Ich rufe sie nicht, sondern ich hole sie!
    Auch das sei dir gestattet!
    Erlaubt? Gestattet? Du redest ja auerordentlich hoch herunter! Nimm dich
in acht! Hre erst, was wir dir sagen werden, und dann schau, ob du noch so hoch
da oben stehst!
    Er entfernte sich. Da sahen wir, da der Ustad wieder auf dem Festplatze
angekommen war. Er sah uns hier versammelt und kam langsamen Schrittes zu uns
herauf. Der Pedehr berichtete ihm, warum die Dschemma zusammenberufen und was in
ihr gesprochen und beschlossen worden war. Er beendete seinen Bericht mit der
Entschuldigung:
    Ich htte dich fragen sollen, ehe ich ber die Sahm bestimmte. Wir wrden
in ihr unser bestes Pferd verlieren. Aber ich war berzeugt, deiner Zustimmung
gewi sein zu knnen.
    So erleichtere ich dein Gewissen, indem ich dir sage, da du recht
gehandelt hast, erklrte der Ustad.
    Ich danke dir! Der Multasim wird hchst wahrscheinlich mit den besten
Vollblutpferden kommen, die er nur aufzutreiben vermag. Aber er hat in seinem
kurzsichtigen Eifer nicht an unsere Gste gedacht. Mit Assil Ben Rih, Barkh,
Ghalib und unserer Sahm mssen wir ja siegen, denn ich zweifle nicht, da sie
mitlaufen drfen werden.
    Er sah mich bei diesen Worten an. - Darum sagte ich:
    Das versteht sich ganz von selbst. Dschamikun und Hadeddihn, diese beiden
Namen klingen jetzt zusammen wie ein einziges Wort. Mag der Multasim bringen,
was er will; er wird geschlagen werden. Ich kenne unsere Pferde!
    Und ich meine zwei Hudschuhn165! fgte Hanneh rasch hinzu. Was die
Dschamikun fr Kamele besitzen, das wei ich nicht; aber so schnellfig und
ausdauernd sie auch sein mgen, sie wurden hier im Gebirge geboren und
auferzogen und knnen also unmglich das leisten, was jedes meiner echten
Bischari-Hudschuhn im Wettlaufe zeigen wird. Ich wette mit ihnen den ganzen
Besitz der Hadeddihn gegen jeden andern Preis!
    Der Ustad und der Pedehr sahen einander lchelnd an.
    Da hrst du es ja! sagte der letztere. Der Tag des Rennens wird noch
interessanter werden, als wir zu ahnen vermochten. Der Tag deines Kommens! Auch
in dieser Beziehung ein Siegestag fr uns! Wir knnen ruhig sein. Schau hingegen
die Perser dort! Wie erregt sie sind! Was ist in sie gefahren? Warum wnschte
der Multasim berhaupt, da sie hren, was er sagen will? Der Umstand, da die
Wette von uns angenommen worden ist, scheint ihn ganz verwandelt zu haben. Man
sollte meinen, da hinter ihr noch ganz andere, verborgene Absichten stecken!
Vielleicht sind sie so unvorsichtig, sich zu verraten. Wer sich so benimmt, wie
jetzt sie, bei dem ist nichts mehr von Bedachtsamkeit zu suchen.
    Die Perser zeigten jetzt allerdings ein ziemlich aufflliges Benehmen. Ihre
bisherige Ruhe und Gemessenheit war verschwunden. Die Gruppe, welche sie
bildeten, stand keinen Augenblick still. Die einzelnen Personen sprachen und
quirlten durcheinander, als ob die Geister der Besessenen in sie geraten seien,
von denen das Evangelium erzhlt. Es mute ein fr sie sehr wichtiger Gedanke
sein, der sie gar nicht daran denken lie, da der Mensch sich in allen
Lebenslagen zu beherrschen habe. Und ihre jetzige war doch eine solche, da sie
sich wohl htten hten sollen, sich in dieser Weise auffllig zu benehmen. Noch
whrend sie zu uns kamen, bemerkte man an ihnen nichts von der Besonnenheit, mit
welcher die Beisitzenden der Dschemma ihnen entgegenblickten.
    Der Ustad hatte sich nicht zu uns gesetzt, sondern sich unter einen nahen
Baum gestellt, wo er alles hren konnte. Er schaute in die weite Ferne. Fr die
Perser hatte er kein Auge.
    Hier sind wir! begann der Multasim. Wir haben beschlossen, da ein
anderer euch das sage, was ich euch sagen wollte. Vorher aber habe ich mich nach
den Reitern meines Sohnes zu erkundigen. Wo sie sich befinden, das hrte ich von
dem langen Menschen, der sich Tifl nennt; aber ich konnte ihm das unmglich
glauben. Darum frage ich jetzt: Wo sind diese Leute?
    Drben im hohen Hause, antwortete der Pedehr.
    Als Gste?
    Nein.
    Als was sonst?
    Als Gefangene.
    Wer hat sie gefangen genommen?
    Ich!
    Mit welchem Rechte?
    Mit dem Rechte, welches uns der Schah-in-Schah verlieh: Wer unser Gebiet
mit den Waffen in der Hand betritt, ohne unsere Erlaubnis zu besitzen, ist uns
verfallen.
    Wir sind auch bewaffnet!
    Ich sehe es. Auch ihr habt das Gebot des Beherrschers bertreten, und ich
knnte mit euch thun, was mir beliebt. Es wird ganz auf euer weiteres Verhalten
und auf meine Entscheidung ankommen, ob ich euch fortreiten oder einsperren
lasse.
    Das wagst du nicht! rief der Perser aus.
    Ich wage nie etwas, denn es kommt mir niemals bei, irgend etwas
Unberlegtes zu thun. Ich kann euch alles, was ihr bei euch habt, abnehmen. Auch
eure Pferde sind von dem Augenblicke, an welchem ihr einen der Psse dort im
Osten hinter euch hattet, unser Eigentum, unsere rechtmige Beute. Du siehst,
wie gtig wir handelten, indem wir auf die Wette eingingen, durch welche wir uns
selbst gentigt haben, etwas, was uns schon so gehrt, noch extra zu gewinnen!
    Hiervon sprechen wir jetzt nicht. Ich besitze dein Wort, und das wirst du
nicht brechen!
    Gewi nicht! Aber ihr selbst knnt es sehr leicht durch ein unangemessenes
Verhalten brechen. Ich warne euch!
    Der Multasim wurde verlegen. Er sah zu seinen Gefhrten hinber, als ob er
sich aus ihren Augen neuen Mut holen wolle, und fuhr dann fort:
    Wann giebst du diese Leute wieder frei?
    Wann es mir gefllt.
    Ich fordere eine bestimmte Antwort!
    Da schaute der Pedehr ihm mit einem groen, langen Blicke in die Augen und
sagte dann:
    Du forderst? Und in diesem Tone? Ich warne dich zum zweitenmal! Weit du,
was das bedeutet? Die dritte Warnung bricht mein Wort. Dann seid auch ihr dem
Rechte verfallen, welches euch so auerordentlich verhat zu sein scheint.
Sprich also hflich, sage ich dir! Du bist nicht hier, um Steuern einzutreiben,
sondern wir sind hier versammelt, um euch den Hochmut auszutreiben! Ich behalte
diese Leute nicht in unserm Duar. Ich werde sie freigeben, aber genau zu der
Zeit und in der Art und Weise, wann und wie es uns gefllt.
    Und ihr Eigentum?
    Sie haben keines.
    Es gehrt dem Schah!
    Das ist nicht wahr. Dein Sohn hat sie ausgerstet. Sie waren nicht Soldaten
sondern seine feilen Schergen.
    So gehrte es ihm und jetzt mir, der ich sein Erbe bin!
    Es gehrt den armen Menschen, denen er es abgenommen hat. Ich werde nach
ihnen forschen, um es ihnen wiederzugeben. Darauf gebe ich dir auch mein Wort.
Und damit ist diese Angelegenheit erledigt!
    Damit htte sich der Multasim gewi nicht beruhigt, wenn er nicht gezwungen
gewesen wre, die dritte Warnung zu vermeiden. Er machte eine entschuldigende
Handbewegung zu den andern Personen hin und sagte dann, sich wieder zu dem
Pedehr wendend:
    Wir beschlossen vorhin, die Gefangenen mit uns zu nehmen, wenn wir
fortreiten. Giebst du sie uns mit?
    Nein.
    Besinne dich! Giebst du sie uns mit?
    Nein!
    Denke an die Folgen! Jetzt sage ich: Ich warne dich! Giebst du sie uns
mit?
    Zum drittenmal: Nein! Nun gut! Es ist bei den Dschamikun nicht
gebruchlich, Raubtiere gegen Menschen loszulassen!
    So bin ich mit dir fertig. Nun wird ein Anderer sprechen!
    Er wollte diesem Anderen Platz machen; da aber fiel der Pedehr in
entschiedenem Tone ein:
    Nicht ohne da ich es erlaube! Du warst zur Dschemma geladen und durftest
also reden.
    Aber du gabst zu, da ich meine Gefhrten holte!
    Da sie zuhren, aber nicht, da sie sprechen sollten! Ich bin es, der die
Dschemma leitet; ich allein habe also zu bestimmen, wer sprechen darf und wer
nicht. Befehlen lasse ich mir nichts. Einem hflichen Worte aber wird mein Ohr
geffnet sein.
    So bitte ich dich, zu erlauben, da einer meiner Freunde euch das sage, was
uns eigentlich hierher zu euch gefhrt hat.
    Die Blutrache.
    Nein. Sie kam hinzu. Die eigentliche Ursache, da wir zu euch wollten, ist
eine andere. Unser Weg fhrte uns durch das Gebiet der Kalhuran. Ich schlug grad
diesen ein, um meinen Sohn mit aufzusuchen. Ich fand nur seine Leiche, wenige
Stunden, nachdem er ermordet worden war. So bin ich also auch als Blutrcher da.
Die eigentliche Ursache werdet ihr von diesem Mirza hren, dessen Worte bei uns
als Befehle gelten.
    Wie heit er?
    Ahriman Mirza.
    Den kennen wir nicht.
    Ich wei es, aber ihr werdet ihn kennen lernen. Er ist von kaiserlichem
Geblt, und seine Macht geht ber das ganze Reich.
    Wie kommt es da, da wir uns seines Namens nicht erinnern. Seine Abstammung
gilt hier im Lande der Dschamikun nicht mehr, als der Stammbaum jedes anderen
Unterthanen des Beherrschers. Er steht nicht hher, als ich stehe und als auch
unser Tifl steht, ber den du spottetest. Sein Wort hat keinen greren Wert,
als jedes andere Wort, welches von uns in Erwgung gezogen wird. So mag er denn
vortreten und sprechen. Wir werden ihn hren und ihm dann die Antwort geben,
welche wir fr die richtige halten.
    Da trat der Multasim zurck und der Andere vor. Ich hatte bisher nicht auf
die Einzelnen, also auch nicht auf ihn geachtet. Jetzt sah ich ihn genau an.
    Was zunchst seinen Anzug betrifft, so bestand dieser aus roten
Schnrstiefeln mit goldenen Zgen, einer ebenso roten, weiten, persischen Hose,
vorn und an den Seiten mit breiten, auffallend reichen Goldstickereien versehen,
einer roten, mit silbernen Tressen fast ganz bedeckten, langen Weste, einer
braunen Ueberjacke mit eng aneinanderstehenden Knpfen, deren Brillantsteine
doch ganz unmglich echt sein konnten, und weit herabfallenden, orientalischen
Schlapprmeln, kostbar rotseiden unterfttert, und einer Lammfellmtze jener
seltenen Art, welche von ungeborenen, lebendig aus der Mutter geschnittenen
Lmmern stammt. Sie hatte vorn eine Agraffe, deren Diamant, wenn er nicht
Bergkrystall gewesen wre, gewi ein Frstentum gekostet htte. Waren die
Tressen und Stickereien vielleicht auch nicht echt? Um das bestimmen zu knnen,
mute man sie genauer betrachten, als jetzt mglich war.
    Dieser Mann hing fast ganz voller Waffen. Es giebt ja Charaktere, welche
schon durch den Anblick einer so berschwenglichen Armierung imponieren wollen.
Ein gebogener Sbel und eine breite, federnde Tigerklinge an der Seite. Im
strotzenden Grtel ein Messer, einige Dolche und mehrere Pistolen. Querber von
der linken Schulter nach der rechten Hfte ein gefllter Patronengrtel. In der
Hand eine fast bermig lange, orientalische Flinte mit rotgelb glnzendem
Bronzelauf. Die Schfte, Griffe und Scheiden dieser Waffen brillierten in
blitzenden Facetten. Selbst der Handknauf der tief in das Fleisch schneidenden,
stahlharten Krokodilhautpeitsche, welche zum handlichen Gebrauche neben dem
Sbel hing, flimmerte blutigrot, als ob er aus lauter dunklen Rubinen
zusammengesetzt sei.
    Und nun die Person selbst:
    Habe ich jemals einen schnen Mann gesehen, so war es dieser hier! Hoch und
schlank gewachsen, doch stark und voll gebaut, lie der edel geformte Krper
ungewhnliche Kraft und groe Gewandtheit ahnen. Und dieser Kopf! Er kam mir
bekannt vor. Ich besann mich. Ich hatte einmal ein Bild gesehen: Loki mit dem
herrlichen Heimdall um Friggas Halsband kmpfend. Der Knstler hatte es
verstanden, dem Kopfe und den Zgen Lokis jene dmonisch verfhrende Schnheit
zu geben, welche Seligkeit verspricht und doch aber nur Verderben giebt. Und nun
ich diesen Ahriman Mirza vor mir stehen sah, war es mir, als ob er jenem Maler
als Modell gesessen haben msse. Ganz besonders deutlich war ihm die
Ueberzeugung anzusehen, da er ein schner Mann sei, dem niemand widerstehen
knne. Aber das Licht seiner Augen stand nicht gerade, sondern schief; das
willensstarke Kinn zog das Lcheln des Mundes nieder, und die begehrlichen, zum
Hohne geneigten Lippen waren voller und breiter, als sich mit dem brigen
Gesicht vertrug.
    Und seine Stimme! Kraftvoll und wohllautend, der feinsten Schattierung, der
unwiderstehlichsten Ueberredung fhig. Aber pltzlich zischend scharf, schrill,
widerlich rauh. Es war die Stimme eines Verfhrers unter zweien, aber auch eines
grausamen Kommandanten unter vielen!
    Als er stolz und hochaufgerichtet vor uns stand und aller Augen auf sich
ruhen sah, zog er einen der Dolche aus dem Grtel und steckte ihn vor sich in
die Erde. Ich wute sehr wohl, was das bedeutete, schnellte mich aber doch, der
augenblicklichen Eingebung folgend, hin zu ihm und zog den Dolch wieder heraus,
um ihn zu betrachten. Sofort ri er ein Pistol hervor und richtete es auf mich.
Der Hahn knackte.
    Du nimmst den Kampf auf? fragte er drohend.
    Nein, antwortete ich.
    Wir sahen einander in die Augen. Es war mir, als ob wir noch fters so vor
einander stehen wrden. In den seinen lag der Ha sprungbereit. Mein Blick war
kalt; er verriet mich nicht. Da lie er die Waffe sinken, nahm die
verchtlichste Miene an, die ich jemals gesehen habe, und sagte:
    Ich wei, du bist jener Dschermane, der mit dem Scheik der Hadeddihn im
Orient spionieren geht! Aber du kennst ihn nicht. Du kennst nicht einmal seine
bekanntesten Gebruche. Wenn ein Feind zum Feinde kommt, um mit ihm zu reden, so
sticht er die Klinge seines Messers in die Erde, um anzudeuten, da die
Feindschaft ruht, so lange gesprochen wird. Dasselbe meinte auch ich. Du
Unerfahrener hast mich nicht verstanden. Ich konnte dich niederschieen, wenn
ich wollte. Ich habe dich aber begnadigt. Doch nicht auf lange Zeit. Sofort
wieder in die Erde mit dem Chandschar166! Sonst schiee ich!
    Ich bckte mich und steckte ihn genau an seine vorige Stelle. Ich hatte
gesehen, wovon ich mich hatte berzeugen wollen. Dieser Dolch glich auf das Haar
dem Chandschar, den ich in Amerika damals von Mirza Dschafar als Geschenk
bekommen hatte. Beide muten unbedingt aus der Hand eines und desselben
Waffenschmiedes hervorgegangen sein. Zwischen beiden mute es irgend eine innige
Beziehung geben, die ich aber nicht kannte. Und zwischen meinem Freunde Dschafar
und diesem Ahriman Mirza mute irgend ein Verhltnis liegen, von dem ich jetzt,
in diesem Augenblicke, zu ahnen wagte, da es fr mich von der schwerwiegendsten
Bedeutung sei. Es verstand sich ganz von selbst, da der Perser nicht erfahren
durfte, weshalb ich nach dem Messer gegriffen hatte. Mochte er mich immerhin fr
einen unerfahrenen Menschen halten! Es gewhrt ja stets nur Vorteil, vom Feinde
unterschtzt zu werden.
    Als das Messer wieder an seinem Platze war, erklang die Stimme des Persers
hhnisch:
    Ein Glck fr dich, da du mir gehorchst! Wahrscheinlich wirst du dich noch
oft so voller Angst, wie jetzt, zu fgen haben!
    Ich gestehe, da es mich bedeutende Selbstberwindung kostete, ihm nicht in
das vom Spotte so schnell verunschnte Gesicht zu lachen. Aber um der anwesenden
Dschamikun willen war ich gezwungen, doch wenigstens eine Antwort zu geben, und
so sagte ich in ruhigem Tone:
    Ich habe nicht dir, sondern dem Gebrauche gehorcht. Ist dieser Chandschar
dein Eigentum?
    Wem sollte er sonst gehren!
    Und kennst du ihn?
    Frag nicht so thricht!
    Ist der ein Thor, der an Mrchen glaubt?
    Wird vielleicht in Tausend und eine Nacht von diesem Chandschar erzhlt?
lachte er bermtig auf.
    Nein. Aber in Tausend und ein Tag ist von einem hnlichen die Rede, der
niemals ttet, obgleich jeder Stich durch Leib und Seele geht. Der deinige ist
es nicht. Das habe ich gesehen.
    Das glaube ich wohl! Er ist kein Mrchendolch. Sieh zu, da du seine
Schrfe nicht vielleicht einmal kennen lernst!
    Ich kehrte an meinen Platz zurck. Der ganze Vorgang war den Dschamikun ein
Rtsel. Hanneh sah mich fragend an. Sie kannte mich und ahnte also, da ich
nicht ohne guten Grund gehandelt hatte. Der Ustad lehnte am Stamme des Baumes
und sah nicht her. Er kannte meinen Chandschar. Hatte er den des Persers
gesehen? Wenn ja, so aber wohl nicht deutlich. Aber er mute sich doch einen
Grund denken, da ich nach dem Dolche gegriffen hatte! Sein Gesicht war still.
Es verriet kein Wort von dem, was er sich dachte.
    Nun, nachdem diese kleine, unerwartete Scene vorber war, begann Ahriman
Mirza zu sprechen. Er sah uns dabei nicht an. Auch er schaute hinaus in das
Weite. Giebt es jenseits des Horizontes Punkte, an denen Gedanken
zusammentreffen knnen oder gar zusammentreffen mssen? In welcher Ferne lag da
wohl die Stelle, an der sich beides zu vereinen hatte: Das, was der Ustad
dachte, und das, was der Mirza sprach? Das letztere klang, als ob er es sich
selbst schon tausendmal vorgesprochen habe und auch noch tausendmal vorsprechen
werde. Er konnte es auswendig, wie die Engel ihr Halleluja singen und die Teufel
ihr Dschehenna brllen. Er sagte:
    Unser Reich lag in Frieden. Der Schah-in-Schah herrschte, und wir thaten,
was uns beliebte. Der Schah war streng, und wir waren noch strenger als er. Wir
standen uns gut dabei. Das Volk gehorchte uns mehr als ihm, denn es sah uns, ihn
aber nicht. Es wohnten nur Wenige in der Nhe seines Thrones. Wir setzten seine
Diener in ihre Aemter und geboten ihnen, wie sie ihm zu dienen htten. Sie
ehrten ihn in Worten, uns in Werken. Dabei dachte das Volk, da es glcklich
sei. Da kamen fremde Menschen, mit ihrer lngst vergessenen, vergrabenen Lehre
von der Liebe. Sie erzhlten von Isa Ben Marryam, der zwar gestorben, doch
wieder auferstanden sei. Sie sprachen nichts als nur von Frieden und Vershnung,
von Gnade und Barmherzigkeit. Sie zogen predigend durch das Land und kamen auch
zu uns, um uns, wie sie sagten, zu bekehren. Schon glaubten wir, da sie
Propheten seien, die uns durch die Macht ihrer Liebe zwingen wrden, den Platz
zu rumen und dem Volke den Weg zum Herrscher freizugeben. Da schauten wir sie
uns an. Wir verglichen ihre Worte mit ihren Werken. Wir sahen, fr wen die Worte
und fr wen die Werke waren. Wir wurden wieder ruhig, denn sie glichen uns. Sie
hatten nichts in das Land gebracht, als nur einen andern Namen. Sie hatten
unsere Strenge in ihre Liebe umgetauft. Sie sprachen vom Frieden und bekmpften
einander selbst. Sie lehrten die Vershnlichkeit und entzweiten sich
untereinander doch immer mehr. Sie predigten von der Gnade, verziehen einander
aber nie. Sie verkndeten Barmherzigkeit und versagten einander des allerrmsten
Bettlers Brot. Da sahen wir Strengen einander an, lachten und sagten: Das sind
Leute, die wir brauchen knnen! Ihre Lehre ist uns ungefhrlich. Nach ihren
Worten zwar hat Isa Ben Marryam die Welt erlst; nach ihren Thaten aber kann er
kein Erlser sein, da er nun schon seit zweitausend Jahren als Heiland bei und
in ihnen lebt, ohne ihren gegenseitigen Ha in Liebe verwandeln zu knnen! So
sagten wir und lieen sie uns ruhig dienen, wie uns noch niemand gedient hatte.
Unsere Herrschaft war von ihnen nicht erschttert sondern nur befestigt worden.
Ja, wir konnten nur wnschen, da diese Religion des in der Liebe versteckten
Hasses ewig dauern mge, denn da war in alle Unendlichkeit hinein der
Schah-in-Schah nur dem Namen nach ein Herrscher, die Macht aber hatten wir!
    Als Ahriman Mirza so weit gekommen war, hielt er inne. Er schaute zu dem
Ustad hinber, in dessen Gesicht sich eine auffllige Vernderung vollzogen
hatte. Der Herr des Hohen Hauses hatte seinen Blick aus der Ferne zurckkehren
lassen. Seine Hnde lagen jetzt gefaltet ineinander. Betete er? Wenn er es that,
so konnte es nur ein Gebet des Dankes sein, welches er still und unhrbar zum
Himmel sandte, denn seine ehrwrdigen und doch so jugendlichen Zge wurden von
dem Ausdrucke einer Freude verklrt, die sich auf keinen irdischen Gegenstand
beziehen konnte. War ihm dort, wohin er geschaut hatte, ein Blick in jene Welt
geffnet worden, in welcher tausend Jahre sind wie eine kurze Erdenstunde? War
ihm dort die Erkenntnis aufgegangen, da in den beiden schnell verflogenen
Erdenstunden, welche seit Christi Kreuzestod verflossen sind, doch auch noch
Anderes geschehen ist, als Ahriman Mirza zu erwhnen fr gut befand? Fast schien
es so, denn indem er jetzt seine Hnde trennte, hob er erst den einen und dann
den andern Arm empor, breitete beide aus, als ob er das ganze Thal seiner
geliebten, treuen Dschamikun mit allem, was darber drauen lag, umfassen wolle,
um es segnend an das Herz zu drcken, und sprach:
    Und doch und doch wird einst die Zeit erscheinen, in der alle irdische
Kreatur erkennen mu, da Isa Ben Marryam im Geist und in der Wahrheit ihr
Erlser ist! Er ging voran. Wir haben ihm zu folgen. Ihm war die Nchstenliebe
gleich der Gottesliebe. Wer auch nur einen einzigen Stein aufhebt, um seinen
Bruder mit ihm zu treffen, der steinigt seine eigene Seligkeit und wird
gerichtet werden! Ben Marryam nahm den reuigen Verbrecher vom Pfahl des Kreuzes
weg mit sich in Chodehs Paradies. Nur wer sein Kreuz auf sich genommen hat, um,
was er that, zu ben, wird, wenn er stirbt, des Heilandes Worte hren:
Wahrlich, ich sage dir, du wirst noch heute mit mir in meinem Himmel sein! Ben
Marryam war so gttlich gro, da er sogar die Teufel liebte. Er fuhr zu ihnen
nieder in die Hlle, um sie zum Thore jener Zeit zurckzufhren, in der sie
Chodehs gute Engel waren - - -
    Bis hierher hatte Ahriman Mirza den Ustad mit seinen Worten kommen lassen.
Jetzt aber glhten seine Blicke zornig auf wie Funken, die aus dunkeln Kohlen
sprhen. Sein diabolisch schnes Gesicht verzerrte sich zur Hlichkeit, und
kreischend, scharf und schrill klang seine Stimme:
    Aber die Teufel lachten ber ihn und seine selige Zeit! Sein hoher
Schah-in-Schah lebt in der Menschheit Worten, doch nicht in ihren Thaten. Wer
ist der wahre Herr der Erdenwelt? Der, den ihr Satan nennt! Das Himmelreich des
Einen wird ihr nur immerfort verheien; das Reich des Andern aber ist schon da!
Der Eine thront in ewiger Himmelsliebe, die aber hier auf Erden unaufhrlich
hat. Mit ihrer Ewigkeit ist es also schon lngst vorbei. Der Andre thront in
diesem ihrem Hasse, der wahrhaft ewig ist, weil er ja niemals liebt. Sein Reich
wird folglich nie zu Ende gehen! Nun ffne, Ustad, deinen weisen Mund, und sag
mir: Wer vertauscht die mchtige Wirklichkeit mit einem leeren Schein, der
nichts vermag, als Thoren zu betrgen? Man sagt von deinem Isa Ben Marryam, es
sei der Teufel einst zu ihm getreten und habe ihn versucht. Was fr ein Teufel
ist das wohl gewesen? Der Hlle ist er sicher unbekannt. Wenn sie den Heiland
aller Welt versucht, versucht sie ihn nicht so, wie jeden kleinen Menschen. Sie
lt sein Evangelium sich zeigen und blttert nach, was es enthalten mag. Wenn
sie sodann auf jeder, jeder Seite das gleinerische Wort der Liebe liest, von
der sie wei, da sie kein einziges Menschenkind, viel weniger die ganze Welt
erfllen kann, wen wird sie da wohl prfen? Ben Marryam in der Felsenwste, wo
es nichts giebt, was ihn verfhren knnte? Ben Marryam auf hoher Tempelzinne, wo
ihn der Menschen Bosheit nicht berhrt? Ben Marryam auf einsamer Bergesspitze,
von welcher aus sie ihm wohl ihr Reich, doch er nicht ihr das seine zeigen kann?
So thricht ist sie nicht! Aber sie wird alle ihre Teufel senden, um auf Erden
nachzuschauen, ob sich irgendwo ein Mensch befindet, der nicht mit den andern
Schflein auf des Hasses Weide geht! An diesen wird sie sich, zunchst in ihrer
verfhrerischesten und dann, wenn dies nichts fruchtet, in ihrer
abschreckendsten Gestalt zu hngen wissen, um ihn entweder zur Herde
zurckzulocken oder durch den Ha zum Gegenha, zur Rache zu verfhren. Wo wre
der Mensch, der ihr widerstehen knnte? Ich will ihn sehen!
    Er sah den Ustad auffordernd an, doch dieser antwortete nicht. Da fuhr er
fort:
    Zeige mir den ganz Unmglichen, Undenkbaren, den ich als Mensch vernichten
will und der, in diese Vernichtung strzend, kein Wort des Fluches, sondern
Segen fr mich hat! Zeige mir ihn, so sei alles, alles sein, was ich besitze,
und mein Herz mit allem Ha dazu, den er zur Liebe wandeln mge! Zeige mir ihn,
den es nie gegeben hat und niemals geben wird, den aus dem Himmel einst
Verschollenen, der pltzlich, unerwartet, mitten in der Hlle unter Teufeln
sitzt und fr die betet, die ihn da hinabgerissen haben! Ich will ihm die Macht
und Gewalt ber alle diese Teufel geben, damit er sie bekehre und die Hlle ein
Beit-y-Chodeh werde, unendlich grer und unendlich herrlicher als das, welches
hier vor unsern Augen steht! Zeige ihn mir, so bin ich dein! Wo nicht, so bist
du aber mir mit allen deinen Dschamikun verfallen!
    Er trat einige Schritte vor, bis fast an den Ring, den die Aeltesten
bildeten. Die halb geballte Faust emporgehoben, schaute er den Ustad mit einem
so herausfordernden Blicke an, als ob er wirklich ber eine Hlle mit allen
ihren Teufeln zu gebieten habe.
    Was hatte ich ber diesen Mann zu denken? War er ein Besessener? Oder litt
er an einer Monomanie, die ihn um die Kenntnis seiner selbst gebracht hatte?
Ahriman Mirza! Hie er wirklich so, oder wurde er nur so genannt? Welcher Vater
giebt seinem Sohne den Namen Ahriman! Wie hatte ich ihn zu nehmen? Ernst oder
lcherlich? Ich sah die Dschamikun einen nach dem andern an. Auf ihren
Gesichtern war nichts zu lesen. Aber der Ustad?
    Dieser wendete sich dem Perser zu. Sein Gesicht zeigte die mildstrahlende
Gte, in welcher er vorhin zu mir an den Tisch gekommen war. Er sprach zu ihm,
und zwar ganz so herzlich, wie dort zu mir. Und wie erstaunte ich, als er mit
Worten begann, die ich als einen augenblicklichen Einfall von mir, also als mein
geistiges Eigentum betrachten mute! Er sagte:
    In den Mrchen von Tausend und ein Tag wird folgendes erzhlt: Es war am
Tag, an welchem die Erlsung suchen ging. Sie klopfte an an allen, allen
Erdenpforten. Doch als sie sagte, wer sie ausgesandt, da fand sie keine Thr,
die ihr geffnet wurde. Da ging sie trauernd weiter, bis zum tiefsten Schlund,
in welchem die verdammten Geister wohnen. Sie setzte sich an seinem Rande hin
und weinte ber Chodehs Menschenkinder. Es flo der Thrnen still vergoss'ne
Flut. Wohin? Der Schmerz weint bei geschloss'nen Augen. Sie sah es nicht. Doch
als sie dann die nassen Lider hob, da kam es aus dem Dunkel hell emporgestiegen.
Wer waren sie, die engelslicht und rein an ihr, der Trauernden, vorberschwebten
und, leuchtend wie der letzte Sonnenstrahl, der Abschied nahm, im Abendrot
verschwanden? Da kam er selbst, von Chodeh einst verbannt, der sich erkhnt, dem
Himmelsherrn zu gleichen! Er stand vor ihr, sah lange stumm sie an und breitete
dann seine starken Schwingen. Gieb mir die Hand! sprach er. Ich trage dich im
Abendrot zurck zur Morgenrte. Was keiner Himmelsliebe mglich war, hast du
erreicht durch deine Erdenthrnen. Wenn die Erlsung um die Menschen weint, so
mu sogar das Herz der Hlle brechen. Ich war der Erste aller Kreatur. Ich war
der Erste, der den Herrn betrbte. Nun will ich auch der Allererste sein, der
reuig wiederkehrt mit der Erlsung! Er schaute therwrts. Da kam der
Abendstern. S dufteten ringsum die Nachtviolen. Da schlo der Abgrund sich.
Der Himmel that sich auf. Und mit dem Duft der Blumen schwanden Beide.
    Ahriman Mirza war Wort fr Wort dem Mrchen mit immer wachsender Spannung
gefolgt. Jetzt zischte er in sich berstrzender Weise dem Ustad zornig zu:
    Was soll das sein? Was willst du mir mit diesem Mrchen sagen? Wo hast du
es her? Sind es deine eigenen Gedanken? Von diesen Tausend und ein Tag hrte man
noch nichts! Du willst mir entgehen, indem du dich hinter alte, mythenhafte oder
neue, selbstersonnene Lgen versteckst. Gieb mir Antwort auf das, was du von mir
hrtest! Ich sagte: Zeige mir einen solchen Unmglichen, Undenkbaren, so bin ich
dein. Wo nicht, so bist du aber mir mit allen deinen Dschamikun verfallen! Du
weit nicht, was euch droht. Ich bin gekommen, euch zu vernichten!
    Da kam der Ustad langsamen Schrittes herbei, trat in den Kreis, sah
mitleidig auf ihn hernieder und antwortete:
    Du armer, armer Mann! Deine Macht mag noch so gro sein; die Allmacht aber,
gegen welche du dich aufbumst, ist doch noch grer! Hast du nicht zugestanden,
da du alles, alles geben wrdest, selbst dein Herz mit seinem ganzen Hasse,
wenn du einen einzigen wahrhaft Liebenden fndest? Du hast am falschen Ort
gesucht. Suche an der rechten Stelle! Denn da du berhaupt suchst, das hast du
mit diesen deinen Worten zugegeben. Und man sucht doch nichts, ohne da man es
begehrt und es zu haben wnscht. Du willst uns vernichten? Wohl durch deinen
Ha? Ich aber sage dir, da ich es bin, der dich vernichten wird! Und zwar durch
meine Liebe, indem ich dich segne! Du wirst von diesem meinem Segen aufgezehrt
werden, so aufgezehrt, da nichts mehr von dir brig bleibt. Und doch zu
gleicher Zeit wirst du in diesem meinem Segen erstehen und wachsen zu einem
neuen, wunderbaren Leben. Ich gebe ihn dir, den Segen, der dich ganz und voll
erneuern wird!
    Bei diesen Worten legte er ihm die beiden Hnde auf die Schultern. Der
Perser aber fuhr vor ihm wie vor einer Natter zurck und rief aus:
    Ich mag ihn nicht! Ich schttele ihn ab! Dein Segen ist ein Fluch fr
mich!
    Ich habe ihn dir gegeben, und er bleibt! Du bist ihm verfallen und der
Liebe, die dich verfolgen wird, bis du vor ihr zusammenbrichst!
    Da lachte Ahriman Mirza in schallendem Hohne auf und antwortete:
    Du sprichst so kindisch und zugleich so altersschwach, wie eure sogenannte
Frmmigkeit ja stets zu reden pflegt! Sie ist die alt und schwach gewordene,
lcherliche Tante aller der augenverdrehenden Seelen, welche so gern die Hnde
auflegen, um ihre Bettlerarmut und Begehrlichkeit hinter dem nur allzu
durchsichtigen Schleier des sogenannten Segens zu verbergen. Hast du schon
einmal einen Menschen gesehen, der dir seinen Segen umsonst gegeben hat? Was
hast du bezahlen mssen, bevor oder nachdem du ihn bekamst? Wer sind die von
Himmelsgaben strotzenden Millionre, welche zu segnen wagen? Untersuche ihre
Taschen, um darin noch weniger als nichts zu finden. So stehst auch du vor mir
in deiner ganzen, armseligen Bettelhaftigkeit! Was giebst du mir? Ein leeres
Wort, welches dich nichts kostet! Und was forderst du dafr? Mich selbst mit
allem, was ich bin und was ich habe. Ja, nicht nur das! Du verlangst auch gar
noch das, was ich durch diesen Segen zu werden habe! Du siehst es jetzt an dir:
euer Himmel giebt nur Worte und lt sie sich mit dem vollen Inhalte einer
ganzen Zeit und Ewigkeit bezahlen. Die Hlle aber giebt, giebt und giebt ohne
Unterla. Sie teilt die ganze Flle der Glckseligkeit an den durch euch
verarmten Menschen aus und will nichts, nichts von ihm dafr, als da er sie
geniee! Sag, bist du vielleicht schon so tief in eure Lgenhaftigkeit
versunken, da du es wagen kannst, dies leugnen zu wollen?
    Da wich die bisherige Milde aus dem Gesichte des Ustad. Sein Gesicht wurde
tiefernst, und sein Auge richtete sich auf den Perser, als ob der Blick
desselben alle Bestandteile seines Leibes und seiner Seele aufzulsen vermge.
    Du stehst weit, weit jenseits jener Grenze, an welcher das Geschpf zum
Teufel wird! sagte er. Deine Gedanken besitzen die betrgerische
Geschmeidigkeit der Hlle. Wollte ich dich mit Worten schlagen, so mte ich mit
ihnen zu dir hinab in die Dschehenna steigen. Aber ich verzichte auf das Wort,
denn ich wei, da dich deine eigene That zerschmettern wird! Im heiligsten der
Bcher steht geschrieben, da die Menschen sich von der Weisheit Chodehs nicht
berzeugen und von seiner Gerechtigkeit nicht strafen lassen. Und in den Bchern
der Geschichte ist zu lesen, da sie seine Gte verachten und keine
Nchstenliebe haben. Sie sind hartnckiger als die Teufel, welche sich vom
Geiste Chodehs strafen lieen und sich selbst in der Hlle die gegenseitige
Hilfe nicht versagen. Was die nicht thun, die ihr Menschen nennt, das thaten
die, welchen ihr den Namen Teufel gebt: Sie nahmen das Kreuz auf sich, welches
die Folge ihres Sndenfalles war. Nun sollen sie auch die Ersten vor allen
Andern sein, die sich der gttlichen Macht der Gnade fgen. Wenn der Himmel ber
die Hartherzigkeit seiner Erdenkinder weint, werden die Thrnen der Erlsung an
ihnen vorber in die Hlle trufeln. Dann wird aus dieser Thrnenflut ein Jubel
sich erheben. Die Tiefe wird zur Hhe, die Dunkelheit zum Lichte, der Fluch zum
Segen aufwrts steigen. Und wer ist der, der dann sich aus dem Abgrund heben
wird, um der Erlsung stumm ins Auge zu schauen? Der ihr dann sagt, da er in
Reue wiederkehren wolle? Das wirst du sein, Ahriman Mirza, du selbst, der hier
vor meinen Augen steht! Und wenn sich hinter dir die Hlle schliet und vor und
ber dir der ganze Himmel ffnet, so wirst du selbst, du selbst die Antwort
sein, die er dir giebt auf das, was heut die Hlle hier durch deinen Mund
gefragt! - Nun habe ich dir weiter nichts zu sagen. Was du noch vorzubringen
hast, das ist der Andern Sache. Ich berlasse dich dem Scheik der Dschamikun!
    Er verlie den Kreis, in welchem er mitten unter uns gestanden hatte, und
schritt die grne Alm hinab, dem Tempel zu. Der Perser verschrnkte die Arme
ber der Brust, warf den stolzen Kopf zurck und schaute ihm nach, bis er hinter
dem Rosengebsch verschwunden war. Dann sagte er in schneidender Ironie:
    Ein alter Mann, der nicht mehr denken kann und darum nur noch lieben will,
weil er sich ohne Liebe hilflos fhlt! Wie stolz knnt ihr auf diesen
Schwchling sein, der fr die Faust, die ich gegen euch ballen werde, nicht eine
mutige Antwort, sondern nur die von der Angst geffnete Hand des Segens hat! Mit
welchem Rechte hat er berhaupt gesprochen? Ist er ein Dschamiki? Bei euch
geboren? Er scheint nicht zur Dschemma zu gehren. Er verwies mich auf den
Scheik. Warum hat er meine Rede unterbrochen? Ich sprach zur Dschemma, aber
nicht fr Andere. Ich wollte euch sagen, weshalb wir eigentlich hierher zu euch
gekommen sind.
    Da antwortete der Pedehr:
    Was du da fragst, geht keinen Fremden an. Wurdest du unterbrochen, so
sprich jetzt weiter. Aber fasse dich kurz! Es ist nur Geflligkeit von uns, da
wir dir berhaupt Gehr schenken!
    Welche Gte! lachte er. Ich danke euch!
    Er lie seine Gestalt eine hchst nachlssige, miachtende Haltung annehmen
und fuhr dann fort:
    Ich erzhlte von jenen Anhngern Isa Ben Marryams, welche wir, als sie
kamen, fr Feinde hielten und dann aber ganz im Gegenteile als unsere
allerbesten und brauchbarsten Helfer anerkannten. In ihrer inneren Zerrissenheit
sorgen sie ja selbst dafr, da sie uns nie beherrschen knnen werden. Der Raum
zwischen dem Schah-in-Schah und seinem Volke wird von uns und ihnen ausgefllt.
Wer bei dem Herrscher etwas erreichen will, der hat sich an uns zu wenden. So
war es stets, und so mu es immer bleiben! Aber da hrten wir vor einiger Zeit,
da ein Mann beim Schah-in-Schah gewesen sei, ohne uns vorher zu fragen, und da
er einen Stamm regiere, dessen Angelegenheiten alle direkt zwischen ihm und dem
Schah-in-Schah entschieden werden, ohne da man uns Beachtung schenkt. Ja, wir
erfuhren sogar, da jeder Mensch, der diesem Stamme angehrt, sich selbst
persnlich an den Herrscher wenden knne. Wir erkundigten uns. Es war der Stamm
der Dschamikun. Der Mann aber, der sich erdreistet hat, in solcher Weise uns
unserer heilig gewordenen Rechte zu berauben, ist nicht etwa ein Dschamiki,
sondern ein vollstndig Landfremder, von dessen Herkommen niemand etwas wei.
Auch er spricht von Isa Ben Marryam. Auch er redet, ganz wie jene Vorherigen,
von Frieden und Vershnung, von Gnade und Barmherzigkeit. Darum muten wir ihn
fr ebenso uns ntzlich wie die Andern halten, so lange wir nichts nheres
erfuhren. Da aber verbreitete sich das Gercht, da die Dschamikun eine groe
Schar der Massaban gefangen genommen und nach Teheran abgeliefert htten. Diese
Massaban gehren zu uns. Sie bilden zwar keinen Stamm fr sich, stehen aber
unter unserm ganz besondern Schutze. Auf den Vorschlag eures Ustad hat der
Schah-in-Schah, ganz ohne sich vorher bei uns zu erkundigen, diese Massaban nach
den Fiebergegenden verbannt, die einer Hlle gleichen. Da wir bergangen worden
sind, ist es uns nicht mglich gewesen, dies zu verhindern. Durch diese
unerhrte, eigenmchtige That eures Ustad habt ihr euch verraten. Wir haben euch
erkannt. Knnt ihr leugnen, da es wahr ist, was ich erzhle?
    Leugnen? antwortete der Pedehr. Bei den Dschamikun darf die Lge nicht
wagen, sich einzuschleichen. Und sollte sie sich etwa offen zeigen, so offen,
wie heut ihr zu uns gekommen seid, so wrde sie genau so weichen mssen, wie ihr
am Schlusse des Rennens beschmt abzuziehen haben werdet.
    Das Rennen warte ab! fuhr der Perser auf. Wir verfgen ber Pferde von so
adeligem Blute, wie - - -
    Da fiel der Pedehr schnell ein:
    Von so adeligem Blute, wie eure Freunde, die Massaban, besitzen, die
Mrder, Ruber und Diebe sind, von denen wir das Land befreien muten! Jetzt
sage ich dir, was du uns soeben sagtest: Durch diese Freundschaft habt ihr euch
verraten. Wir haben euch erkannt! Ihr seid noch grere Massaban als die, welche
der Schah-in-Schah nach der Hlle des Sdens schickte! Nehmt euch in acht, da
ihr ihnen nicht zu folgen habt!
    Scheik - - -? Drohst du uns?! erklang es schnell und giftig.
    Ja! antwortete er. Der Ustad hatte fr dich und euch nur Liebe. Er kann
nichts anderes haben. Du lachtest ber seine offene Hand des Segens, welche er
deiner Faust entgegenhielt. Du nanntest ihn furchtsam, einen Schwchling. So
wisse denn: Die geballte Faust, die du von ihm erwartet zu haben scheinst, wird
sich dir sicher zeigen, sobald er es fr ntig hlt! Ich bin diese Faust! Wenn
ich meine Finger, die Tausende von Dschamikun, zusammenziehe, so giebt das einen
Schlag fr euch, der euch wohl noch ganz anders treffen wrde, als wir jene
unglcklichen Massaban getroffen haben, welche nur die Werkzeuge waren, whrend
ihr die Thter seid. Du hast gehhnt, da der Ustad sich ohne Liebe hilflos
fhle. Er ist nicht ohne Liebe. Wir alle lieben ihn; das ist genug! Und er ist
der Gebieter dieser Faust, auf deren Strke er sich stets verlassen kann! Ich
habe vorhin den Multasim gewarnt; jetzt warne ich dich: Zwinge mich nicht, mein
Wort zurckzunehmen! Du selbst wirst es mir brechen, sobald du abermals
beleidigend wirst. Hte dich, so weiter wie jetzt aus deiner eingebildeten Hhe
zu uns herabzusprechen! Thust du das noch einmal, so stecken wir euch zu euren
edlen Kavalleristen, die jedenfalls ebenso adeligen Blutes sind wie die Massaban
und auch ihr!
    Man sah Ahriman Mirza an, da diese Rede des Pedehr aufregend auf ihn
wirkte; aber die Sorge, da dieser seine Drohung wahrscheinlich ausfhren werde,
veranlate ihn, sich zu beherrschen. Er fuhr mit den beiden Daumen hben und
drben hinter seinen Grtel und krallte die brigen Finger um die in demselben
steckenden Waffen. Dadurch wurde das Grtelschlo frei, welches ich bis jetzt
entweder nicht gesehen oder nicht beachtet hatte. Nun aber zog es meine
Aufmerksamkeit derart auf sich, da ich mir Mhe geben mute, sie
geheimzuhalten. Auf dem goldenen oder vergoldeten Grunde dieses Schlosses war
nmlich ein silberner Ring angebracht, der ein Sa und ein Lam umschlo, welche
beiden Buchstaben ber sich das Verdoppelungszeichen hatten. Ahriman gehrte
also zu den Sillan, und wie es schien, bekleidete er in dieser geheimen
Verbindung einen hohen Rang, vielleicht gar den allerhchsten! Ich hatte dieses
Zeichen bisher nur an Fingerringen gesehen. Da er es so gro und deutlich an
dieser augenflligen Stelle trug, konnte keinen anderen Grund als den
angegebenen haben.
    Hatte ich ihn bisher schon an sich fr einen ungewhnlichen Mann halten
mssen, so war er nun auch in besonderer Beziehung zu den Sillan zu
distinguieren. Freilich lie er mir nicht Zeit, diesen meinen heimlichen
Betrachtungen nachzuhngen, denn er sprach jetzt weiter, und zwar schnell; in
abgerissenen Stzen, denen man es anhrte, da er so rasch wie mglich zu Ende
kommen und nicht gegen die Warnung des Pedehr verstoen wolle.
Eigentmlicherweise gebrauchte er jetzt nicht mehr die erste Person der Mehr-,
sondern der Einzahl. Er verriet hierdurch den Druck, den die Drohung des
Scheikes auf ihn ausbte und gegen den sich sein Selbstbewutsein so gern
aufgebumt htte und aber doch nicht konnte.
    Ich durfte das nicht lnger dulden, sagte er. Ich beschlo, selbst
hierher zu gehen. Ich mute diesen fremden Ustad sehen. Ich hatte zu erfahren,
wie es bei euch steht. Ich wollte vor allen Dingen nach eurer Liebe suchen. Ich
brauchte dazu keine lange Zeit. Ein kurzer Besuch gengte. Meine Augen sind
scharf. Es entgeht ihnen nichts! Ich nahm mir vor, euch zu - - -
    Hier hielt er inne. Er hatte wohl etwas sagen wollen, was er nun mitten im
Satze als eine Unvorsichtigkeit erkannte. Dann sprach er weiter, immer nur im
Ich:
    Ich kam zu den Kalhuran. Ich hrte, was dort geschehen war. Ich erfuhr, da
die Mrder zu euch seien. Ich sah eure Boten und sprach mit ihnen. Ich richtete
es so ein, da wir eher wieder abritten als sie. Ich erfuhr, da ihr den Mrdern
des Muhassil Schutz gewhrt. Ihr frchtet euch nicht, dies zu thun. Ist das die
gewhnliche Liebe, die kein Opfer bringt? Auf alle Flle aber war es khn von
euch! Ich hrte von euren fremden Gsten. Ihr habt sie aufgenommen und
wochenlang gepflegt. Die Krankheit war ansteckend, auerordentlich gefhrlich
fr euch. Ist das die Liebe, die kein Opfer bringt? Wir kamen hier an. Ich sah
euer Hohes Haus, euer Beit-y-Chodeh. Ich hrte eure Musik und eure Lieder. Ich
spreche nicht davon. Dieses Geplrr ist mir zuwider! Ich redete mit diesem
lcherlichen Tifl. Das kleine Kind lie mich auf die Erwachsenen schlieen. Was
ich noch sah und hrte, wit ihr selbst. Es war und ist und bleibt genug fr
mich! Und nun - nun - - nun?
    Er schaute zum Tempel hinab und dann hinber, rund um das ganze Thal. Seine
Augen leuchteten. War das Wohlgefallen oder Mifallen? Man sah es ihm nicht an.
Hierauf lie er den Blick im Kreise ber die ganze Dschemma gehen. Seine Hand
fuhr nach den Augen und legte sich ber sie. Kam der tief aufseufzende Atemzug,
den man jetzt hrte, aus seinem Munde? Er hatte einen Rundblick ber das
Paradies der Dschamikun gehalten. Tauchte jetzt, bei zugehaltenen Augen, in
seinem Innern das Bild eines anderen, noch herrlicheren auf?
    Als er die Hand nun wieder fallen lie, kam es mir vor, als ob seine Wange
pltzlich eingefallen und bleicher sei. Der dunkle Bart zuckte um seine Lippen,
und seine Stimme zitterte leise, indem er das Wort von neuem ergriff:
    Wre euer Ustad hier, so wrde ich ihm jetzt auch ein Mrchen erzhlen,
nicht aus Tausend und eine Nacht, auch nicht aus seinem Tausend und ein Tag,
sondern aus Tausend und eine Qual. - - - Es giebt Einen, den ich glhend,
glhend hasse. Und wahrlich, wahrlich, ich wei, da es ihn giebt! Und es giebt
ein Buch, welches ich vernichten mchte, da kein Blatt, keine Zeile, kein
Buchstabe brig bliebe! Dieses Buch sagt von diesem Einen: Tausend Jahre sind
vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist. Wrde ich einem Menschen
gebieten, ein Buch ber mich, mich, mich zu schreiben, so mte darin zu lesen
sein: Tausend Qualen sind vor dir wie ein Lcheln - - - wenn sie vergangen sind!
Aber diese eine, eine, letzte, die nach den tausend frheren kam, sie ist die
frchterlichste, die entsetzlichste, die unbeschreiblichste, weil sie niemals,
niemals, niemals enden wird. Sie mu ewig sein, weil jener Eine, Eine ewig ist!
    Er beugte den Kopf und stand zusammengesunken da, als ob er zusammenbrechen
wolle. Da aber richtete er sich pltzlich wieder auf und sprach in wieder
energischem Tone:
    Rckblicke, wo doch niemand je zurckkann! Weder der Mensch, noch der
Teufel, noch die Hlle! Ich komme zum Schlu. Ich mache euch einen Vorschlag.
Ihr sollt ihn hren. Anzunehmen braucht ihr ihn heut noch nicht. Ich gebe euch
Zeit bis zum Tage des Wettrennens. Da sollt ihr mir sagen, was ihr beschlossen
habt. Also hrt!
    Unweit von uns sa Tifl mit einigen Mnnern, mit denen er sich unterhielt.
Pekala, welche jetzt nicht mehr mit Speiseangelegenheiten beschftigt war, hatte
sich zu ihnen gesellt. Das Kind schaute soeben zu uns herber. Da winkte der
Perser ihm zu, nherzukommen, und setzte dann seine Rede fort:
    Ihr seht mich heut zum erstenmal. Auch mein Name war euch bisher unbekannt.
Ihr wit also nicht, wer und was ich bin, werdet es aber erfahren, sobald ihr
meinen Vorschlag angenommen habt. Ich bin der oberste derer, durch welche man
mit dem Schah-in-Schah verkehrt. Meine Freundschaft kann selig machen, und meine
Feindschaft kann verdammen. Das ist mein altes Recht, welches ich mir nicht
nehmen lasse. Wer es antastet, richtet sich zu Grunde. Euer Ustad hat sich an
diesem Rechte vergriffen. Ich sollte ihn wohl eigentlich verderben. Die Macht
dazu ist in meinen Hnden. Aber er gefllt mir, und auch ihr habt mir gefallen.
Ich wei, da ihr einen vom Beherrscher eigenhndig unterschriebenen Vertrag
besitzet. Ich knnte ihn euch abverlangen. Oder ich knnte den Schah-in-Schah
veranlassen, ihn fr nichtig zu erklren. Dann wre es mit euch aus. Ich wrde
mit Militr kommen und euer Gebiet besetzen, um euch zu vertreiben. Viel
mitzunehmen wrde euch wohl nicht bleiben. Ihr kennt ja unsere Macht und unsere
Art. Dies alles werde ich thun, ganz unbedingt und sicher, wenn ihr meinen
Vorschlag von euch weiset. Ich bin aber berzeugt, da ihr zu klug seid, dies zu
thun. Ich mchte euch Freund sein und Freund bleiben. Ihr sollt euern Ustad
behalten, euer Land, euer Eigentum und alle eure Rechte. Es soll bei euch alles
und jedes genau so bleiben, wie es ist. Ich will nichts, gar nichts von euch
haben, sondern ich will euch ganz im Gegenteile etwas geben, etwas so Seltenes
und Kstliches, da die Groen des Reiches alle ihre Finger danach lecken. Ihr
hrt und seht, wie gut ich es mit euch meine. Ich bin als euer wahrer, als euer
bester Freund zu euch gekommen.
    Er lie seine Augen wieder im Kreise herumgehen; sie trafen
selbstverstndlich auf sehr erwartungsvolle Gesichter. Der Pedehr aber lchelte
still vor sich hin. Niemand sagte ein Wort. Darum fuhr der Perser fort:
    Macht euch klar, was ich euch bringe! Auf der einen Seite ist euch tiefste
Armut, Vertreibung ber die Grenze, wohl gar Vernichtung gewi. Auf der anderen
Seite behaltet ihr alles: es bleibt alles genau so, wie es ist, und ich bringe
euch dazu noch ein Gnaden-oder auch Ehrengeschenk des Schah-in-Schah, um welches
euch das ganze Land beneiden wird, weil es euch noch inniger mit ihm verbindet.
Sag, was du denkst, o Scheik!
    Du scheinst mchtiger und gtiger zu sein, als sogar der Himmel. Selbst
Chodeh giebt nicht mehr, als man besitzt. Wir haben genug. La uns das!
    Hast du einen Sohn?
    Nein.
    Ich hrte es. Er ist tot.
    Ermordet von deinen Massaban!
    Das ist vorber! Hast du eine Tochter?
    Nein.
    Wer ist dein Erbe?
    Der Stamm wird es sein.
    Wer wird nach deinem Tode Scheik?
    Der, welchen die Dschemma whlt und unser Ustad besttigt.
    Kann er schon vorher gewhlt werden? Also wenn du noch lebst?
    Ja. Ich wnsche sogar, da es geschehe.
    Hierauf bezieht sich mein Vorschlag.
    Maschallah! Du willst dich in die Wahl meines Nachfolgers mischen?
    Nein. Es soll gar nicht gewhlt werden. Ich will ihn euch bezeichnen.
    Wer soll es sein?
    Tifl.
    Man kann sich die Wirkung dieses einen, kleinen, einsilbigen Wrtchens
denken! Aber niemand sprach. Tiefe Stille herrschte rundum. Auch der Pedehr
schwieg, doch war jetzt sein Lcheln ein ganz anderes als vorher.
    Also Tifl wird als zuknftiger Scheik gewhlt, setzte der Perser seine
Rede fort, und der Schah-in-Schah giebt ihm eine Frau.
    Das also ist das Gnaden- oder Ehrengeschenk? fragte der Pedehr.
    Ja. Ein kostbares Geschenk, denn sie ist die Tochter eines Freundes von
mir, der Prinz ist und also den Titel Mirza hat. Ich sehe, da ich mich nicht in
euch getuscht habe. Ihr scheint vor Entzcken ber dieses unerwartete Glck
ganz starr zu sein.
    Macht das Entzcken starr?
    Ich denke es. Die Sprache hat es dir aber nicht geraubt. Was hast du mir zu
sagen?
    Ich? Hier kann doch wohl nur der, den es betrifft, zu sprechen haben. Tifl,
komm her!
    Der Gerufene trat nher. Er lachte am ganzen Gesicht; aber es war ein Lachen
deutlichster Verlegenheit.
    Hast du gehrt, was gesagt worden ist? fragte ihn der Pedehr.
    Ja, antwortete das Kind.
    Was sollst du werden?
    Scheik.
    Willst du?
    Nein.
    Warum nicht?
    Ich bin ja viel zu dumm dazu!
    Aber das ist ja grad der Grund, weshalb er dich vorgeschlagen hat!
    Wenn er so dumm ist, wie er denkt, da ich bin, so mag er es selber
werden!
    Jetzt hltst du dich aber doch wieder fr klug!
    Auch das ist richtig!
    Wieso?
    Um Scheik zu sein, dazu bin ich zu dumm. Und um mich zum Scheik machen zu
lassen, bin ich zu klug. Eben weil ich mich fr dumm halte, bin ich gescheit.
Bei diesem Perser aber ist es umgekehrt: er hlt sich fr gescheit und ist
folglich dumm!
    Das war ein urechtes Tiflwort. Alle lachten, nur Ahriman Mirza nicht.
    Noch etwas, lieber Tifl! fuhr der Pedehr fort. Hast du alles gehrt?
    Ja.
    Auch da du eine Frau bekommen sollst?
    Auch das.
    Was meinst du dazu?
    Ich mag keine.
    Aber sie ist eine Prinzessin!
    Umso schlimmer!
    Also nicht?
    Nein! Wenn ich mir eine Frau nhme, so knnte es doch wohl keine andere
sein als meine Pekala. Die bckt und kocht. Die kann alles und thut alles. Die
erzieht mich sogar. Eine Prinzessin aber mte ich erziehen, und das ist mir
nicht einmal bei meiner Pekala eingefallen und kann mir also bei einer Fremden
erst recht nicht einfallen!
    Aber du sollst doch von ihr erzogen werden! Das ist es ja eben, was dieser
Ahriman Mirza will! Einen dummen Scheik der Dschamikun mit einer verschmitzten,
arglistigen, rnkevollen Frau, welche ihren Anhang mit allen Fehlern, Gebrechen
und Snden, an denen wir dann langsam zu Grunde gehen sollen, mit zu uns bringt!
Und das bezeichnet man als ein Gnaden- und Ehrengeschenk des Schah-in-Schah!
Solche Geschenke giebt die Hlle, aber nicht der Beherrscher, der nur das Gute
will! Uebrigens, mein lieber Tifl, will ich dir ein Wort der Wahrheit sagen.
Schau dir den Perser an! Genau!
    Tifl that es sehr eingehend.
    Bist du fertig! fragte dann der Scheik.
    Ja.
    Gefllt er dir?
    Nein!
    Uns auch nicht. Auch wir gefallen ihm nicht, obgleich er, um uns zu
berreden, das Gegenteil behauptete. Das war aber von ihm gelogen. Er hat sich
ber dich lustig gemacht. Er kennt dich nicht, deinen Mut, deine Gewandtheit,
deine Fertigkeiten, deine Treue und Liebe, dein reines Herz, dein tiefes Gemt
und alle, alle die tausend Himmelsgaben, die dir von Chodeh verliehen worden
sind. Er ist genau und wirklich das, was du vorhin von ihm sagtest: dumm! Wenn
der neue Scheik der Dschamikun jetzt gleich bestimmt werden sollte und wir
htten die Wahl zwischen dir und ihm, so versichere ich dir, da wir dich whlen
wrden; er aber mte mit einer Nase abziehen, die gewi zehnmal grer wre als
der Weg von Teheran nach Isfahan! So, das mute ich dir sagen, weil wir dich
lieben und achten und es nicht dulden knnen, da ein Fremder glaubt, seine
Prinzessin genge den Ansprchen, die unser Tifl machen kann! Mit solchem Kder
fngt man keinen Dschamiki! - - - Ich erklre die Dschemma fr beendet! Die
Versammlung der Aeltesten ist nicht da, um Albernheiten anzuhren! Zugleich aber
erinnere ich noch einmal daran, da ich diesen Fremden nur so lange Sicherheit
biete, als sie jedes beleidigende Wort vermeiden. Tifl, nimm vierzig Krieger,
die sich bewaffnen mgen, und schaffe die ungeladenen Perser bis jenseits des
Hasenpasses! Ich whle dich dazu, damit sie sehen, da selbst der, den sie fr
den Allerdmmsten von uns halten, zum Befehlshaber einer ganzen Reiterschar
geeignet ist!
    Unser Kind eilte freudestrahlend fort.
    Einen solchen Ausgang der Verhandlung und eine solche Beantwortung seines
Vorschlages hatte Ahriman Mirza nicht erwartet. Er kochte vor Grimm; das war ihm
anzusehen. Aber er sah ein, da er, wenigstens fr jetzt, seinem Hasse keinen
Ausdruck geben drfe. Er hatte von seiner raffinierten Intelligenz geglaubt, da
sie der naiven Klugheit der Dschamikun ber sei, und mute sich nun doch als der
von ihr Geschlagene fhlen. Er zwang seine Wut hinunter, aber sie bebte in dem
Klange jedes Wortes, als er, indem die Aeltesten alle aufstanden, laut ausrief:
    Ich soll niemand beleidigen, werde aber selbst als dumm bezeichnet! Wir
rechnen spter hierber ab! Uebrigens habe ich nicht verlangt, da ihr euch
schon heut entscheiden sollt!
    Wir haben es aber trotzdem gethan, antwortete der Pedehr.
    Ich nehme es nicht an!
    Um deine Niederlage nicht einzugestehen!
    Schweig! Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe: Ich gebe euch Zeit bis zum
Tage des Rennens.
    Wir werden dann nichts anderes zu sagen haben als heut.
    Warte es ab! Man wei nicht, was inzwischen geschieht. Was die Wette
betrifft, so werden wir dich zwingen, an ihr festzuhalten!
    Ich habe keine Ursache, zurckzutreten.
    Wir kommen alle, alle Zwlf!
    Uns ist das gleich. Aber wit ihr auch, was ihr damit thut?
    Nun - was?
    Der Tag des Rennens ist ein Freudentag fr alle Dschamikun und ein Ehrentag
fr unsern Ustad. Wir feiern ihn seinetwegen. Wenn ihr euch an dieser Feier
beteiligt, so ehrt ihr ihn. Das mute ich euch sagen.
    Da stie Ahriman Mirza ein hliches Lachen aus und antwortete:
    Die Muhammedaner feiern ihren Freitag und die Christen ihren Sonntag, beide
Allah und Gott zur Ehre. Aber ich sage euch, da der Teufel, indem er sich an
dieser Feier beteiligt, seine besten Ernten hlt. Kein anderer Tag bringt der
Hlle soviel ein, wie solche Feiertage, all denen der Mensch von wem? - von wem?
gezwungen wird, sich aus den schtzenden Armen der segenbringenden Arbeit zu
reien. Hat er sie aus der Hand gelegt, so gehe er, wohin er will, er wird vom
Teufel gepackt und hat keinen anderen Schutz und Schirm als nur sich selbst und
jenes mir verhate Haus, in welchem er sich doch nicht den ganzen Tag verbergen
kann! Wenn wir kommen, so kommen wir nicht eures Ustad willen, sondern aus ganz
anderen Grnden. Versteckt euch in euer Beit-y-Chodeh oder thut sonst, was ihr
wollt, wir packen euch doch! Der Alte hat mich gesegnet. Nun segne auch ich
euch. Wie ich es meine, und was mein Segen bringt, das werdet ihr erfahren!
    Er wollte sich abwenden und gehen, da nannte Hanneh seinen Namen:
    Ahriman Mirza, noch ein Wort!
    Was? fragte er, indem er sie verwundert ansah.
    Du wirst es gleich sehen. Ich mu dir jemand zeigen.
    
    Wer sich in der Nhe befand, der schaute wegen der sich auflsenden Dschemma
jetzt her zu uns. So auch Pekala. Darum konnte Hanneh, ohne ihren Namen nennen
zu mssen, ihr winken, herbeizukommen. Pekala gehorchte. Ihre ganze schneeweie,
rotblhende und wohlgenhrte Erscheinung war ein neugieriges Fragezeichen, was
sie wohl bei den Aeltesten und Fremden zu schaffen haben werde. Hanneh nahm sie
bei der Hand, fhrte sie zu dem Mirza und sagte da zu ihr:
    Schau dir diesen Irani an! Er verlangte, da Tifl Scheik der Dschamikun
werde!
    Warum nicht? fragte die Festjungfrau ganz ernsthaft. Er hat ganz das
Geschick dazu! Der Tag der Wahl mu ja frher oder spter eintreten. Da schlage
ich ihn vor!
    Diese Antwort hatte Hanneh freilich nicht erwartet! Sie fuhr fort:
    Er soll eine persische Prinzessin heiraten!
    Welche?
    Dieser Irani wei es. Er will sie ihm bringen.
    Warum nicht? Fr meinen Tifl ist die Tochter des Schah-in-Schah grad gut
genug! Wenn sie kommt, werde ich sie erziehen. Vor allen Dingen hat sie unserm
Ustad und meinem Tifl zu gehorchen. Andere Gepflogenheiten gelten bei mir nicht.
Er mag sie bringen. Ich werde sie mir ansehen. Pat sie mir nicht, so mag er sie
in seine eigene Kche stecken. Fr ihn ist sie dann wohl noch viel zu gut!
    Jetzt nun erklrte Hanneh dem Perser, indem sie ihm mit ihrem freundlichsten
Lcheln in das Gesicht sah:
    Das ist Pekala, welche Tifl fr besser als deine Prinzessin gehalten hat!
Das mag bei euch wohl anders sein; bei uns aber befassen sich mit dem
Heiratsstiften nur alte Weiber, denen die Zhne zum Regieren ihres Zeltes
ausgefallen sind! Du hast so oft vom Teufel gesprochen. Bei den Dschamikun und
bei den Hadeddihn nehmen die Mnner nicht von ihm, sondern aus Allahs Hand ihre
Frauen. Fhre deine Prinzessin zu den Massaban. Die glauben vielleicht an das
Gnaden- und an das Ehrengeschenk; wir aber nicht!
    Der selbstbewute, berstolze Mann! Sich von Frauen so etwas sagen zu
lassen! Und grad dieser sein Hyperstolz verbot ihm, eine Antwort zu geben! Er
drehte sich um und ging zu seinem Pferde, denn seine Gefhrten machten sich auch
schon mit den ihrigen zu schaffen. Sie wollten fortreiten. Als der Multasim
Sattel und Zaum seines Fuchses geordnet hatte, stieg er nicht sogleich auf,
sondern kam zu mir, der ich abseits stand und ihnen zuschaute.
    Denkst du daran? fragte er kurz.
    Ja, antwortete ich ebenso.
    Ich habe es als Geheimnis betrachtet.
    Ich auch.
    Die Wette gilt?
    Gewi!
    Aber sie hebt die Blutrache nicht auf!
    Eigentlich doch!
    Fr mich nicht!
    Nun, dann auch nicht fr mich!
    Ich fasse dich!
    Oder ich dich!
    Er sah mich erstaunt an. Er hatte wohl angenommen, da nur ganz allein er
diese Angelegenheit deuten und behandeln knne, wie es ihm beliebte.
    Du mich? fragte er. Bist denn du der Blutrcher, oder bin ich es?
    Eigentlich keiner von uns, nun aber alle beide.
    Das verstehe ich nicht!
    So bedaure ich dich um dein Gehirn! Du hattest eine Blutrache gegen den
Scheik der Kalhuran, weil er deinen Sohn erschossen hat. Er hatte eine gegen
dich, weil sein Blut durch die Peitsche deines Sohnes vergossen worden ist.
Beides wurde durch die Wette ausgeglichen. Du bestehst im Geheimen trotzdem noch
auf Blut, und zwar auf dem meinigen. Nun wohl, so trete auch ich nicht zurck
und fordere das deinige. Ich habe sogar ein greres Recht dazu, denn der Scheik
der Kalhuran war Moslem, dein Sohn ein Christ, und auerdem ist Kugelblut um
vieles, vieles billiger als Peitschenblut. Du packst mich, und ich packe dich,
wann, wo und wie es uns pat. Du bist vor mir nur auf dem Gebiete der Dschamikun
sicher. Das merke dir!
    So gegenseitig habe ich es nicht gemeint, sagte er, indem er verlegen vor
sich niedersah.
    Das dachte ich mir, denn ihr hochedeln und vornehmen Beschtzer der
Massaban denkt nicht anders als sie, die Ruber und die Mrder. Nun aber weit
du, woran du bist!
    Da war seine Verlegenheit weg, und der Trotz trat ihm wieder in die Augen.
    Es sei, wie du sagst! zischte er mich an. Also Blut gegen Blut! Das
meinige und das deinige! Du kennst mich nicht, kannst mich leider auch nicht
kennen lernen, denn der Augenblick, an dem dies mglich wre, wird der
Augenblick deines Todes sein!
    Wie das so frchterlich klingt! lachte ich. Es ist ja gar nicht so! Es
ist im ganzen Land bekannt, da du der grte Feigling Persiens bist. Ich werde
dir mit offener Waffe entgegentreten, die aber weder Dolch noch Pistole, sondern
etwas ganz anderes ist. Doch du wirst mir nur mit verborgener Arglist kommen, um
an mir zum verchtlichen Meuchelmrder zu werden. Ich bin darauf gefat. Das
sage ich dir in aller Ehrlichkeit.
    
    Gefat?! entfuhr es ihm. So sei gefat, dreimal oder tausendmal gefat;
mein wirst du sicher werden!
    Sein Benehmen in diesem Augenblick war unvorsichtig. Seine blitzschnelle
Antwort und der versteckt sein sollende Blick seines heimtckischen Auges lieen
mich vermuten, da er schon einen Plan gefat habe. Und da stand fr mich sehr
fest, da es ein bald mglichst auszufhrender sei.
    Er eilte zu seinem Pferde, denn die Andern waren schon aufgestiegen. Ahriwan
Mirza sa in einem reich geschmckten Schuhsattel, von welchem ebenso wie von
jedem Riemen bunte Fransen und Quasten rund um den Leib des Pferdes
niederhingen. Er spornte es hin zum Pedehr, hielt vor ihm an und sagte:
    Wir reiten fort, hinber nach dem Hasenpa, wie du gesagt hast. Aber bevor
wir den Duar verlassen, haben wir mit den Reitern des Multasim zu sprechen. Ihr
gebt sie nicht frei. Dagegen ist nichts zu machen. Aber er hatte diese Leute
seinem Sohne nur geliehen. Er ist ihr Herr und Gebieter und hat sie viel zu
fragen und ihnen viel zu sagen.
    Ihr Herr und Gebieter bin jetzt ich, antwortete der Pedehr. Es ist,
sobald ihr hier angekommen waret, ein Bote nach dem Hohen Hause geschickt
worden. Sobald ihr euch dort sehen lat, wird man auf euch schieen. Mit diesen
Leuten darf nur der sprechen, dem ich es gestatte; euch aber erlaube ich es
nicht. Richtet euch danach!
    Du scheinst nicht zu wissen, wie sehr du dich irrst. Hast du sie fr
zusammengelaufenes Gesindel gehalten, welches der Muhassil angeworben hat?
    Ja. Das sind sie auch!
    Nein. Sie sind Milizen, die seinem Vater, dem Multasim, vom Sipahsalar167,
geliefert worden sind. Ihre Uniformen haben sie abgelegt, weil sie einstweilen
aus dem Dienste des Krieges in den der Finanzen traten. Ihre Anfhrer sind
wirkliche Offiziere, welche dich beim Sipahsalar verklagen werden, und er wird
dich bestrafen lassen. Du hast trotz der Unterschrift des Schah-in-Schah, welche
sich nur auf eure Rechte und auf eure eigene Gerichtsbarkeit bezieht, nicht die
Erlaubnis, dich an Soldaten zu vergreifen, welche von einem ganz Andern zu
richten sind!
    Ich richte sie nicht. Ich bestrafe sie nicht. Ich wei genau, wie weit
meine Rechte gehen. Ich habe diese Menschen eingesperrt, weil es in diesen
meinen Rechten liegt. Dein Multasim mag mir die vom Sipahsalar unterzeichnete
Beglaubigung bringen, da sie wirklich Soldaten sind! Wir werden mit diesem
Zeugnisse zum Beherrscher gehen und ihn fragen, ob seine Offiziere und Soldaten
etwa vorhanden seien, um gegen friedliche Bewohner seines eigenen Landes Krieg
zu fhren, oder ob diese Bewohner nur zu dem Zwecke Soldaten werden, um wie
verachtete Massaban gegen ihre Mitunterthanen losgelassen zu werden.
    Das wage nicht!
    Ich habe dir schon einmal gesagt: ich wage nicht! Die Ausbung heiliger
Rechte ist kein Wagnis!
    Die Rechte Ghulams, des Multasim, sind ebenso heilig!
    Seine Rechte? Und auch nur vielleicht! Aber wie er sie ausbt, das ist
nichts weniger als heilig! Das hat der Herrscher nicht gewollt, als er sie ihm
verlieh! Oder - - - sind sie ihm etwa gar nicht vom Schah-in-Schah verliehen?
Ich habe gehrt, sein Kontrakt sei damals von zwei Ministern unterzeichnet
worden. Befindet sich auch das allerhchste Siegel dabei?
    Das geht dich nichts an!
    Es geht jeden an, der hier im Lande wohnt. Und uns geht es gar doppelt an,
weil dieser Multasim es wagt, mit den Waffen in der Hand unser Gebiet zu
betreten, um hier den Herrn zu spielen! Ich bin der Scheik der Dschamikun. Mir
ist ihr Glck und der Frieden ihres Landes anvertraut. Es ist meine Aufgabe, in
diesem Frieden fr die Wohlfahrt des Landes, welches ihnen gehrt, zu sorgen.
Wir wollen auch mit Andern in demselben Frieden leben. Wir haben es gethan. Wir
sind es nicht, die ihn jemals brechen werden. Aber sollten sie das zu thun
wagen, dann wehe ihnen!
    Wehe! lachte der Mirza. Willst du es nicht gleich dreimal ausrufen? Ein
solches Wehegeheul aus einem Munde, der sich der Friedfertigkeit und der
Nchstenliebe rhmt, mu ja, wenn es zum Himmel eures Chodeh aufgestiegen ist,
von den Lippen aller Seligen, die dort wohnen, lobpreisend widerhallen! Liebe
und Wehe! Hier hast du dich ebenso entlarvt, wie vorhin euer frommer Ustad sich
verriet!
    Und du bist ganz derselbe Verdreher der Ursachen und der Folgen gegen mich
wie gegen ihn! Als du dich aufmachtest, um zu uns zu reiten, hattest du
vergessen, die Ueberlegung zu Rate zu ziehen. Und weder unterwegs noch hier an
deinem Ziele bemerktest du, da du die Vorsicht daheim gelassen hast. Du
behauptetest, so groe Macht zu besitzen, da wir uns vor dir zu frchten
htten. Bist du denn so thricht gewesen, zu glauben, da sich diese Macht auch
ber uns erstreckt? Hast du angenommen, da es uns nicht einfallen werde, nach
ihr zu forschen, um sie kennen zu lernen? Du prahlst ebenso wie der Multasim mit
der Gewalt, die euch gegeben worden sei. Wohlan! Wir werden thun, was jeder
Kluge thun wrde. Wir schlagen nicht blind auf sie los, sondern ganz so, wie du
zu uns gekommen bist, so werden wir dorthin gehen, woher sie zu stammen hat,
wenn sie keine angemate ist. Und wenn - - -
    Also Spione! unterbrach ihn der Perser.
    Nein! Ein Spion sagt dem Feinde nicht mit dieser meiner Ehrlichkeit, was er
zu thun beabsichtige. Und grad diese Ehrlichkeit hast du auer Berechnung
gelassen. Was wird der Schah-in-Schah sagen, wenn er erfhrt, da du dich
rhmst, mchtiger zu sein als er! Was wird er thun, wenn er hrt, da es euer
wohlerworbenes Recht sei, ihn als eine Puppe zu behandeln, der ihr von allem
Reichtume und allen Erzeugnissen des Landes nur den billigen Weihrauch streut,
um alles andere in den eigenen Sckel stecken zu knnen! Was wird er
beschlieen, falls er vernimmt, da ihr diejenigen seiner Unterthanen mit
Vernichtung bedroht, welche nur allein ihm gehorchen wollen und sich also
weigern, euch als Gtzen zu betrachten, vor denen man anbetend niederzusinken
hat! - Diese Folgen deines Rittes hast du nicht bedacht. Du hast dir angemat,
hierher zu kommen, um uns kennen zu lernen. Es hat uns nur einer zu kennen, der
Schah-in-Schah, vor dem unsere Herzen offen liegen. Aber eure Herzen? Ihr seid
so unvorsichtig gewesen, sie vor uns zu ffnen, whrend ihr sie gegen ihn
verschlossen hieltet. Nun wird sein Blick in ihre tiefsten Tiefen gehen, und was
sich ihm dann offenbart, das kann nichts anderes als das Wehe sein, welches ich
dir zugerufen habe. Dieses Wehe stammt also nicht von mir; es wohnt in euch
selbst und wird aufsteigen wie ein verzehrendes Feuer und wie ein alles
verschttender Aschenregen, wenn die Hand des Herrschers niederfhrt, um den
Janardagh168 aufzusprengen und auseinander zu reien. Dann wird das Land von all
den giftig bsen Dnsten frei, die diesem Berge des Unheiles bisher entstiegen,
und wenn der dunkle Rauch, der ber Chodehs Erde ging, verschwunden ist, wird
endlich, endlich jedermann den reinen Himmel und den wahren Herrscher schauen! -
Ich bin mit dir zu Ende - - - fr heute und jetzt. Reitet fort! Ihr mgt euch
wenden, wohin ihr wollt, es erwartet euch dort nicht dieses, sondern ein noch
ganz anderes Ende!
    Whrend die beiden mit einander sprachen, waren auch die andern Perser zu
ihnen herangekommen. Sie hatten den letzten Teil der Rede des Pedehr gehrt und
sahen nun den Mirza an, was er thun werde. Er bohrte die Innenspitzen seiner
Schuhbgel in die Flanken des Pferdes, da dieses vor Schmerzen sich bumte und
fast berschlug. Dann warf er die Hand verchtlich in die Luft und rief unter
grellem, weithin schmetterndem Lachen aus:
    Ein noch ganz anderes Ende! Alter Narr! Es giebt ja gar kein Ende! Welch
ein Glck, wenn es so wre, wie du sagst! Vielleicht aber hast du recht, denn
uns fehlt nichts weiter, als nur das Eine, die Allwissenheit! Versuchen wir es!
Ist es ein Phantom, oder ist es Wirklichkeit? Reiten wir ihm zu, dem von dir
angedrohten, von Anderen aber hei ersehnten Ende!
    Dem Ende - dem Ende! lachten die Andern ihm nach.
    Sie trieben ihre Pferde an und ritten, das Beit-y-Chodeh jetzt in einem
weiten Bogen vermeidend, die grne Alm hinab und verschwanden bald hinter dem
Gebsch der unten liegenden Grten. Wir schauten ihnen nach, bis wir sie nicht
mehr sahen. Dann wendete sich der Pedehr mir zu, indem er fragte:
    Sind dir schon einmal derartige Menschen begegnet, Effendi? Sollte man sie
nicht fr etwas ganz Anderes halten?
    Es ist mir an ihnen vieles rtselhaft, antwortete ich.
    Kannst du mir sagen, was?
    Wohl kaum! Es giebt Empfindungen, fr welche die Sprache keine Worte hat.
Es kommen uns Ahnungen, die wir uns nicht einmal in Gedanken deuten, noch viel
weniger aber in hrbare Laute kleiden knnen. Es war mir, als ob Ahriman Mirza
zwei verschiedene Leben besitze und zwei verschiedenen Reichen angehre. Seine
hrbare Rede gehrte dem einen an, dem andern aber der Sinn, der in ihr lag, und
der Geist, der sie ihm diktierte. Ich habe viele, viele Menschen kennen gelernt,
so einen aber noch nicht! Es gab, whrend er sprach, gewisse Stellen, an denen
ich mir sagte, da ich mich hten msse, an mir selbst irre zu werden. Er ri
mir Gedanken aus der Tiefe, von denen ich niemals eine Ahnung gehabt habe. Und
er wute sie so zu leiten und zu gestalten, da es mir schwer wurde, sie als
irrig zu erkennen. Wehe dem denkschwachen, vertrauensvollen Opfer, welches er
sich erwhlt! Es mu ihm unbedingt verfallen sein! Da taucht ein Bild vor meinen
Augen auf, ein Bild, widerlich und schn zugleich. Aber es gehrt nicht hierher
in Tempelsnhe. Knnte ich es dir zeigen, so wrde in ihm wohl wenigstens
einigermaen die Antwort auf die Frage liegen, die du an mich gerichtet hast.
    Sprich immerhin! Es giebt kein Bild im Himmel und auf Erden, welches der
Sonnenglanz, der jetzt von unserem Beit-y-Chodeh fr heut Abschied nehmen will,
nicht doch verklren knnte.
    Du sagst: im Himmel und auf Erden. Und dieses Bild bezieht sich allerdings
auf beide. Ich habe daheim ein liebes altes Buch. Es ist gewi vierhundert Jahre
alt und von meinen Vorfahren auf mich gekommen. Es enthlt nur Bilder, keinen
Text, aber die Rckseiten wurden von den Hnden der jeweiligen Besitzer fromm
beschrieben. Denn diese Bilder wurden zur Erklrung und Veranschaulichung dessen
gedruckt, was uns das Kitab el mukkadas169 erzhlt. Es ist fr mich von
unschtzbarem Werte. Ich habe es schon als Kind sehr oft mit meinen kleinen
Hnden aufgeschlagen und schaue auch noch jetzt so gern hinein. Es dnkt mich
heut, als sei ich es selbst, dessen Gefhle und Gedanken, dessen Kmpfe,
Niederlagen und Siege auf diesen Blttern abgebildet seien. Die Menschheit in
ihrer Kinderzeit, dem Vater vertrauend und in dankbarer Liebe ihn verehrend. Des
Knaben Trotz und Unbedachtsamkeit, die, wie einst Israel, nicht gehorchen
wollen. Des Jnglings heigeliebte Ideale, im Harfenton der Psalmen aufwrts
erklingend. Hierauf der eigene Sinn, welcher verlangt, mit den Augen schauen zu
mssen, was das Herz bisher ohne Einwand glaubte. Das immer suchende und nicht
ermdende Forschen nach Besttigung. Der Kampf mit andern Vlkern, die andere
Gtter hatten. Die frchterliche Gegnerschaft dessen, der einst zu Hiob kam, um
ihn zu vernichten. Das feste Halten an dem Gottesglauben, trotz aller Siege,
denen ich erlag. Der schwere, heie Kampf des tapferen Judas Makkabus, sich aus
diesen Niederlagen wieder aufzurichten und, obwohl von seinen eigenen Brdern
verachtet und verdammt, die Hhe von Moria wieder zu ersteigen und sich die
Liebe seines Volkes zu erringen. Wie war das so schwer, jawohl das aller-,
allerschwerste! Doch glaube ich, ich habe es erreicht!
    Der Pedehr hatte sich in das Gras niedergelassen. Ich stand aufrecht vor
ihm. Ich hatte von einem Bilde reden wollen, und wovon sprach ich aber nun?
Konnte ich dafr? Warum waren die schnen, mildglnzenden Augen, mit denen er zu
mir aufblickte, so liebreich fragend und so seelengut! Seine Dschamikun nannten
ihn Pedehr, den Vater. Sie liebten ihn; sie ehrten ihn; sie vertrauten ihm. Er
verdiente das, denn er war ihnen im wahrhaftesten Sinn des Wortes und in
vollster Wirklichkeit ein Vater. Wie kam es doch, da ich jetzt an den meinigen
denken mute! Er war ein einfacher Brgersmann gewesen, schlicht und recht, wie
arme Leute sind, vor deren Thr die Drftigkeit am Tage wacht und auch des
Nachts nicht schlft. Er hatte jenes Forschen und Suchen nicht begreifen knnen.
Die materielle Not ist blind gegen Ideale. Er litt unter meinen ueren
Niederlagen; an den inneren Siegen aber, zu denen sie mich fhrten, konnte er
nicht teilnehmen; sie brachten ihm keinen Gewinn. Und als ich endlich, endlich
oben war, aus voller Brust tief Atem holend, weil ich in meinem Glauben an die
Menschheit die Ueberzeugung in mir trug, da mir vergeben sei, da legte er sich
hin und starb, mich zwingend, meine schne Hoffnung, alles, alles an ihm gut
machen zu knnen, nach jenem Lande zu richten, in welchem ein jeder nachzushnen
hat, was hier auf Erden zu shnen vergessen worden ist!
    War es der Pedehr, der vor mir sa und mich so still und doch so
erwartungsvoll anschaute? Diese Stirn! Dieser fragende Blick! Auch mein Vater
war so, wie er, trotz seines hohen Alters immer jung gewesen! Was wollte dieses
Auge? Dieser Blick? Was kann ein Vater wollen, wenn der vor ihm sitzende Sohn
von seinen Fehlern spricht. Verzeihen doch, verzeihen! Sang man da unten im
Tempel jetzt wieder das Rosenlied? Nein. Es klang mir nur im Innern, und es
bedurfte nur einer geringen Aenderung, so war auch ich gemeint:

Brich auf, mein Herz, der Rose gleich,
In der sich alle Dfte regen.
Gott ist an Gnade berreich;
Brich auf, und dufte ihm entgegen!

    Effendi, was thust du hier? fragte der Scheik. Hre ich recht? Stand das
in deinem Bilderbuche? Du beichtest ja dich selbst hinein! Oder nicht?
    Ja, Pedehr, ich beichte! gestand ich ihm. Das Bilderbuch, von dem ich
spreche, enthlt die Beichte aller, aller Welt. Wenn ich von dieser
Menschheitsbeichte spreche, so darf auch die nicht fehlen, die ich der
Menschheit schuldig bin! Sie nehme diese Beichte mit in die ihrige auf! Dann
kann ihr nicht vergeben werden, wenn sie nicht mir vergiebt!
    Da fate er mit seinen beiden Hnden die meinigen, zog mich halb zu sich
nieder und sprach:
    Aber du beichtest hier im fernen Kurdistan! Vor mir allein! Die Menschheit
hrt dich nicht!
    Sie wird mich hren! Denn sie wird es lesen!
    Etwa in einem deiner Bcher?
    Ja!
    Und genau so ehrlich und so offen, wie du hier zu mir gesprochen hast?
    Genau so!
    Ef - - - fen - - - di - - -!
    Er sah mich staunend, fast erschrocken an. Mir aber war so warm, so leicht,
so frei ums Herz. Ich fhlte, da ein frohes Lcheln um meine Lippen spielte.
    Weit du, was du dir da vorgenommen hast? Diese deine Menschheit wird dir
gern verzeihen; aber alle, alle, die ihr Ganzes bilden, werden einzeln
vortreten, um dich zu verdammen!
    Ich frchte mich weder vor der Menschheit noch vor dem Einzelnen! Was hier
geschieht, geschieht auch dort! Ich beichte auch fr dort! Vor dem, der jenseits
richtet! Lt er dann, so wie man hier mit mir gethan, die einzelnen vor seine
Stufen treten, so bin ich frei von Schuld!
    Da zog er mich vollends zu sich nieder, schlang seine Arme um meinen Hals,
kte mich auf beide Wangen und sprach:
    Mein lieber, lieber Sohn! Glaubst du, da ich mit meinen Dschamikun auch
mit zur Menschheit gehre? Ja? Du nickst! Du bist ergriffen! Ich sehe Thrnen!
Weine nicht! Ich sage dir: Unter denen, die aus der Menschheit treten, weil sie
nicht menschlich denken und verzeihen, wird sich kein einziger Dschamiki
befinden! Fr die andern aber, die es thun, sei das, was du schreibst, wie nicht
geschrieben, denn du beichtetest der Menschheit, aber nicht denen, die aus ihr
getreten sind!
    Da stand der Ustad vor den Sulen des Tempels und gab ein Zeichen nach dem
hohen Hause hinber. Man hatte auf dieses Zeichen gewartet, denn die Sonne war
im Untergehen, und sogleich erklangen die Glocken. Der Pedehr erhob sich, zog
mich mit sich empor, behielt mich mit der Linken umarmt und zeigte mit der
Rechten nach dem Alabasterzelt hinauf.
    Erzhle mir spter von deinem Bilde weiter! sagte er. Es wird sich jetzt
ein anderes zeigen. Auch aus einem Kitab el mukkadas, aber nicht aus einem
geschriebenen, welches man nach Belieben ffnen und schlieen kann, sondern aus
dem, welches unaufhrlich ber die ganze Erde offen ausgebreitet liegt. Wenn du
die Bilder deines Buches recht verstanden hast, so wirst du auch dieses recht
verstehen.
    Jetzt drehte der Ustad sich nach unserer Seite. Als er uns in Umarmung
stehen sah, nickte er zu uns herauf und verlie den Tempel, um herbeizukommen.
Die Augen aller anwesenden Dschamikun und ihrer Gste waren hinber nach dem
hchsten Punkte des Gebirges gerichtet.
    Die Sonne hatte unser Thal verlassen und senkte sich jenseits der Berge
nieder. Whrend sie diese auf der uns abgelegenen Seite beleuchtete, begann hier
die Dmmerung emporzusteigen. Schon webten um den See dunkle Schatten, die wie
abgeschiedene Seelen ber seine Gewsser zu schiffen schienen. So, wie diese
Dmmerung emporstieg, um schlielich das ganze Thal in Dunkel zu hllen, so
klettert auch das Leid im Menschenherzen immer hher und hher, um es gnzlich
auszufllen. Giebt es denn keinen Punkt, den es nicht erreichen kann, den es
niemals ganz zu umnachten vermag? Doch!
    Schon waren die Bergeshupter im Sden, Osten und Norden in ihr letztes,
tiefstes Violett gefrbt; dann wurden sie von den Strahlen verlassen, die empor
zum Firmamente flchteten, um sich in dem Glanze der Sterne aufzulsen. Im
Westen aber, wo der Himmel in Flammenglut gestanden hatte, erschien der letzte
Tagesgru im Abendrot, um sich am Alabasterzelte sterbend auszuleuchten. Es
stand in dieser keuschen Abschiedsglut, als sammele es am Thore der Seligkeit
die hochgestiegenen Pilgerseelen allesamt, die, durch des Lebens Leid und Weh
verklrt, dem hchsten Erdenpunkt entschweben sollen, damit der Felsengrund, auf
dem das hohe Haus errichtet wurde, sich als vom Herrn mit eigener Hand gelegt
erweise.
    Der Himmelsstrahl brach sich auf dem halbdurchsichtigen Steine in alle seine
Erdenfarben. Sie schimmerten und blitzten, als sei das ganze Zelt mit den
Schmuckstcken der Herrscher aller Zeiten und aller Welten ausgelegt. Und noch
als diese mrchenhafte Herrlichkeit vom abendlichen Dunkel erreicht und unsern
Augen entzogen wurde, war es anzusehen, als ob jeder einzelne der Brillanten
sich weigere, fr heut bis morgen ausgelscht zu werden.
    Ich stand noch lngere Zeit und schlo die Augen, um dieses wunderbare Bild
frs Leben festzuhalten. Man sagt, die Erde knne schon die Hlle sein. Jawohl;
ich glaube es! Doch mit demselben Rechte der Ewigkeit, sich uns schon hier in
der Zeit zu offenbaren, kann uns die Erde auch ein Himmel sein. Wenn der Himmel
nur von Engeln oder Seligen und die Hlle nur von Teufeln oder Verdammten
bevlkert wird, so kommt es ja wohl nur auf die Menschen an, welches von beiden
sie sein und wozu sie die Erde machen wollen!
    Der Pedehr ri mich aus meinem Sinnen.
    Nun, Effendi, fragte er, gleicht dieses Bild dem deinen, von welchem du
sprechen wolltest?
    Mit einigen kurzen Worten erklrte er dem Ustad, auf was sich diese seine
Frage bezog. Dann antwortete ich:
    Knnte ich dir deutlich machen, was das ist, was wir im Abendlande ein
Pendant nennen. Sonderbarerweise sind beide Bilder hnlichen Inhaltes und
einander nahe verwandt. Ich mchte das meinige Vom Himmel nach der Erde und
dieses hier Von der Erde nach dem Himmel unterzeichnen. In meinem alten Buche
fehlen Bltter. Ich habe es versucht, die Lcken durch meine Phantasie zu
ergnzen. Das erste Blatt, welches ich ihm geben mchte, ist das, von dem ich
sprach. Ich dachte folgendes: Ein hoher Punkt in Ahuramazdas lichtem Himmel, der
steil zur Tiefe fllt, in der die Erde liegt. Da oben eine Schar seiner Engel,
die wibegierig und verlangend nieder in das Unbekannte schauen. Zu ihnen tritt
Ahriman, der Emprer, der sich dnkt, Gott gleich zu sein. Er will hinab, doch
nicht allein. Er sucht sie zu verfhren, den Himmel zu verlassen und mit ihm ein
Reich zu grnden, in dem der Herr nichts zu befehlen habe. Um sie dem ewigen
Gebieter abwendig zu machen, spricht er zu ihnen in jener Weise, welche man heut
diabolisch nennt. Er bethrt sie so mit Aftergrnden und trgerischen Schlssen,
wie heut Ahriman Mirza es mit uns zu thun versuchte. Und erstaunlich ist es
wohl: der Ahriman auf meinem Bilde glich ganz genau dem Mirza, der dort am
Waldesrande vor uns stand. Hat dieselbe Idee auch stets die gleiche Gestalt, mag
sie stammen, woher sie auch sei? Das Bse hat fr den ersten, flchtigen Blick
wohl immer eine verlockende Gestalt. Aber wenn man sie zwingt, den Mund zu
ffnen, so ist das sicherste Erkennungszeichen die Leidenschaft, mit der sie
alles treibt und thut und redet. Der, welcher einst dem Teufel den
Quastenschwanz und Pferdefu verlieh, hat sicherlich in seinem Dienst gestanden.
Die Hlle ist ein Sumpf, auf dem die Decke ppig grnt und blht, den irren
Lebenswanderer anzulocken. Der Himmel glnzt, sie aber kann nur gleien. Ihr
Gold ist falsch, wie ihre Diamanten. Die flimmernden Steine des Mirza sind wohl
auch nicht echt!
    Die verschiedenen Gruppen der Dschamikun vereinigten sich, um unter dem noch
fortdauernden Glockenluten nach dem Duar zu ziehen. Meine Snfte wurde
gebracht. Hanneh stand in der Nhe. Ich lud sie ein, mit einzusteigen. Es war
gengend Platz fr zwei Personen da. Sie nahm es an, doch sagte sie:
    La uns noch warten, bis die Sterne leuchten! Ich mchte gern das Zelt da
oben in ihrem Lichte schauen.
    Das war mir recht. Der Ustad und der Pedehr gingen. Der letztere kam aber
noch einmal zurck zu mir und fragte mich:
    Effendi, erlaubst du mir, ihm zu sagen, was wir gesprochen haben? Ich kann
kein Geheimnis vor ihm haben und mchte doch auch gern, da er von deiner
tapfern Beichte erfahre, die weder Menschenfurcht noch sonstige Feigheit kennt.
    Ich kenne keinen Grund, es ihm zu verschweigen, antwortete ich. Es ist
nichts in mir, was ich ihm verheimlichen mchte.
    Hierauf fhrte ich Hanneh quer durch den Tempel. Wir setzten uns an seinen
Stufen nieder. Sie war still, ich auch. Ein jetzt noch matter Schein lag
zwischen hier und dort. Nur der Abendstern stand schon im vollen Glanze. Frh
heit er Morgenstern. Er ist derselbe; nur die Namen sind verschieden. Nicht so
auch Gott? Zwischen den beiden Namen des Sternes liegt eine Nacht. Welche Nchte
sind es, die zwischen den verschiedenen Namen Gottes liegen? Und wer ist es, von
dem diese Dunkelheiten ausgegangen sind? Von ihm, dem ewigen Lichte, nicht!
    Ich sehe es, sagte Hanneh leise, als ob das Alabasterzelt ein Heiligtum
sei, von welchem man nicht in lauten, rauhen Worten sprechen drfe.
    Auch ich sah es nun. Der Berg, auf dem es lag, erschien uns jetzt als eine
formlose, finstere Masse. Nur in der Hhe hatte er Konturen, welche der Himmel
ihm verlieh. So scheinen auch die Berge des Lebens in der Tiefe ohne Gestalt zu
sein; aber sie tritt um so mehr und um so deutlicher hervor, je nher sie zum
Firmamente steigen. Auch das Zelt selbst erschien noch schattenhaft. Im Innern
war es ohne Licht, doch nahte dies von oben. Als ob der Gedanke, der es erstehen
lie, erst jetzt geboren und sofort zum Krper werde, so that es sich im heller
werdenden Schein der Sterne vor unsern Augen immer weiter und immer deutlicher
auf, bis es in magischer Schnheit, klar und rein, dem Meister dankte, welcher
die im Gesteine verborgene Bergesseele aus ihrer schwermassigen Gestaltlosigkeit
befreit und ihr im bedeutungsvollen Bildnisse die Erlsung gebracht hatte.
    Wir saen und schauten, ohne zu sprechen. Was soll man reden, wenn man von
Gefhlen bewegt wird, fr die es keine Worte giebt! Nach wohl geraumer Zeit
stand Hanneh auf. Wir gingen zur Snfte und wurden heimgetragen. Im Duar
herrschte lautes, froh bewegtes Leben. Droben war es still.
    Als wir unsern Saal betraten, fiel es mir auf, da sich mein Lager nicht
mehr dort befand. Kara sa bei seinem Vater. Der Ustad und der Pedehr standen
dabei. Halef schlief. Aber sein Gesicht hatte nicht die Ausdruckslosigkeit,
welche dem vollstndigen Unbewutsein eigen ist.
    Er war so froh ber seinen Traum, sagte Kara leise, um ihn nicht etwa zu
wecken.
    Hat er wieder getrumt? fragte Hanneh.
    Ja. Und zwar wieder vom Effendi.
    Doch nicht etwa von den frchterlichen Maden!
    Doch! Der erste Traum war wiedergekehrt. Ich wei, da so etwas zuweilen
geschieht. Auch schrie er wieder. Bald aber beruhigte er sich. Ich sah ihm sogar
an, da er sich ber etwas freute, und als er dann erwachte, sagte er mir,
worber. Das machte ihn so glcklich!
    Was?
    Die Wrmer hatten einander schlielich selbst aufgefressen, bis endlich die
letzte aller Maden so dick geworden war, da sie an sich selbst zerplatzen
mute. Der Effendi aber stand so heiter und so rstig da, als ob er gar nicht
von ihnen berhrt worden sei. Nachdem der Vater mir dies erzhlt hatte, schlief
er wieder ein.
    Wie sonderbar! Was sagst du dazu, Sihdi?
    Ich bin kein Ruja tschykaran170, antwortete ich.
    Eigentmlich ist es freilich, da der eine Traum so deutlich und so sicher
an den andern knpfte.
    Warum eigentmlich? fragte der Pedehr. Ist es nicht mit dem Leben ganz
dasselbe? Knpft da nicht auch das eine an das andere an? Wenn in dieser
Beziehung etwas sonderbar sein kann, so ist es nur der unbegreifliche Wahn, das
ein von der Seele und von dem Geiste so unendlich reich ausgeflltes Dasein in
dem Leibe von Wrmern und von Maden enden knne! Der Traum des Hadschi ist mehr,
als ein Traum, denn er zeigt uns die Wirklichkeit. Wenn alle Menschen, die auf
Erden wohnen, nichts als Wrmer oder Maden wren, und nur ein einziger bese
Geist und Seele, sie wrden doch nicht im stande sein, ihn auch nur krperlich,
und noch viel weniger geistig oder seelisch zu vernichten! Der Effendi kann
nicht nur, wenn andere von ihm trumen, sondern auch wenn sie von diesem Traume
erwachen, vollstndig ruhig sein!
    Nicht nur ruhig! sagte der Ustad; sondern sogar glcklich! Komm, Effendi;
geh mit mir!
    Er nahm mich bei der Hand und fhrte mich hinaus nach der Stelle, wo ich
abends immer gesessen hatte. Er legte mir seine Rechte aufs Haupt und sprach:
    Hier war es, wo, grad so wie jetzt, diese meine Hand auf dir ruhte. Kannst
du dich noch besinnen, mit welchen Worten ich dich willkommen hie?
    Ja, erwiderte ich.
    Sage sie!
    Ich heie dich zum zweitenmal willkommen und bitte dich, bei mir zu
bleiben, so lange es dir und deinem hheren Ich, welches ihr Seele zu nennen
pflegt, bei mir und meiner Seele gefllt. Ich habe auf dich gewartet!
    Ja; so sagte ich. Du hast es dir gemerkt. Und heute wiederhole ich diese
meine Worte. Ich heie dich zum drittenmale willkommen! Bis jetzt warst du bei
mir. Heut aber hat es sich herausgestellt, da auch deine Seele bei der meinen
ist. Effendi, weit du, was das heit? Noch nicht!
    Er lie seine Hand von mir herabgleiten, deutete nach dem Tempel, der drben
hell im Sternenlichte stand, und fuhr fort:
    Es giebt Welten, von denen du keine Ahnung hast. Wie die Sterne immer
weiter und weiter entfernt von der Erde liegen, so erheben sich diese Welten in
unirdischen Entfernungen ber einander. Keine niedere kann die hher liegende
stren. Wer sich in eine hhere emporgerungen hat, der bleibt fr die niedere
unerreicht; es sei denn, da er freiwillig zu ihr niedersteige. In allen diesen
Welten giebt es Bewohner, welche die hhere entweder hassen oder sich nach ihr
sehnen. Die Hassenden sind fr sie unschdlich. Die sich Sehnenden werden
emporgehoben. Es liegt eine unermeliche Macht in diesem Sehnen. Sie ist wie die
Gewalt des glubigen Gebetes, welchem Chodeh nicht widerstehen kann, wenn es
selbstlos ist! Diese Welten sind vor deinem Auge unsichtbar, deiner Seele aber
wohlbekannt. Aber da sie vorhanden sind, das kannst du fhlen, wenn sich in
deiner Seele Sehnsucht nach einer hheren regt. Diese Sehnsucht ist eine
schmerzliche, weil der Geist, von dem sie sich nicht trennen darf, nicht folgen
will. Er ist das Selbst; sie aber ist die Liebe. Er will nicht auf das
verzichten, was er jetzt besitzt, weil er nicht an das glaubt, was wohl ihr Auge
sieht, aber nicht das seine. - Wie unendlich glcklich bist da du, Effendi! Du
besitzest diesen Glauben; ja, er ist sogar doppelt dein: Was deine Seele glaubt,
glaubt auch dein Geist. Was sie erstrebt, wird auch von ihm ersehnt. Du wirst es
erreichen!
    Er senkte den Kopf und schwieg eine kleine Weile. Dann sprach er mit
leiserer Stimme weiter:
    So war es nicht bei mir! Mein Wesen war nicht ein vereintes wie das
deinige; es war geteilt. Der Zwiespalt wohnte zwischen meiner Stirn und meinem
Herzen. Ahnst du wohl, wie er hie?
    Ahriman Mirza? wagte ich zu raten.
    Ja; er war es! Er ist's zu jeder Zeit, der sich zwischen Geist und Seele
drngt, um wo mglich beide zu vernichten. Du kennst ihn nicht in dieser
frchterlichen Thtigkeit, weil bei dir Geist und Seele einig sind. Er konnte
nicht zwischen sie treten. Und aber dennoch solltest du ihn kennen. Er griff bei
dir an anderer Stelle zerstrend ein. Er drngte sich zwischen sie beide und den
Krper! Dein leibliches, dein ueres Leben war es, welches er vernichten
wollte, um dadurch auch sie bis auf den Tod zu treffen! Nicht innerlich, denn
das vermochte er nicht, sondern in diesem ueren, leiblichen Leben rang er dich
nieder, und du hattest es nur dem unantastbaren Frieden und der unbesieglichen
Kraft deines Innern zu verdanken, da es dir gelang, dich aufzuschnellen und
nach langem, schweren Kampfe endlich fr immer obzusiegen! Niemand, kein Mensch
hat das gesehen! Doch einer sah es, und der vergit es nicht. Er hrte auch, was
du da drben zum Pedehr gesagt. Ich wei, du wirst es thun; du wirst es halten!
Und noch eines wei ich darum auch, nmlich da du der wirklich bist, als den
ich dich bei mir erwartet habe. Bis jetzt stand dir der Raum der Dschemma offen,
weil du der kranke Gast des ganzen Stammes warst. Von heute an wohnst du bei
mir, in meinem stillen, lieben Heim, wo du, vom Alltag nicht gestrt, dem Klange
der Glocken nher bist als hier. Du sahst wohl schon, da deine Lagersttte hier
in der Halle fehlt. Es ist bei mir schon alles fr dich vorbereitet. Gieb mir
die Hand! - - - - - - -

                                    Funoten


1 Landeplatz.

2 Siehe: Karl May Auf fremden Pfaden pag. 261.

3 Kaffeehaus.

4 Schwein.

5 Tabak.

6 Kohlenbecken.

7 Der Kaffee ist sehr schlecht.

8 Wieviel kostet es?

9 Siehe Karl May Durch die Wste pag. 318.

10 Schnecke.

11 Wasser der Gesundheit.

12 Reinstes Blut.

13 Wind.

14 Insel, Land zwischen Euphrat und Tigris.

15 Sge.

16 Sicilien.

17 Antiochien.

18 Leim, Kleister.

19 Topf.

20 Kitzlich.

21 Ew. Hochgeboren.

22 Sure der Prfung.

23 Esara, der Einugige.

24 Ghulam, der Pchter, Staatspchter.

25 Allah sei Dank.

26 Herunter!

27 Opium.

28 Peitsche aus Nilpferdhaut.

29 Schicksal.

30 Deutschland.

31 Gegend zwischen Euphrat und Tigris.

32 Gottes Wunder.

33 Mntel.

34 Michael.

35 Trkisch: Adam = Mensch, Adamlar = Menschen.

36 Neues Testament.

37 Teufel.

38 Barkh, komm!

39 Versammlung der Aeltesten.

40 Advokat.

41 Heies Fieber.

42 Kaltes Fieber.

43 Wechselfieber.

44 Kamelsnfte.

45 Puls fhlen.

46 Podagra.

47 Masern.

48 Pulverspiel.

49 Im Namen Gottes!

50 pers. Thal des Sackes, unsere Sackgasse gleich.

51 Sohn des Arabers, also = Araber.

52 Wurmstichige Datteln = Pferdefutter.

53 Singular von Dinarun.

54 Pfeil.

55 Meister.

56 Teufel.

57 Persische Erlen und Eschen.

58 Plural von Fakir.

59 Halt!

60 Geist, berirdisches Wesen.

61 Jesus, Mariens Sohn.

62 Trunk des Schlafens.

63 Opium.

64 Blut um Blut!

65 Verzeihung, Gnade!

66 Unterabteilung.

67 Vater.

68 Die Unglcklichen.

69 Gott.

70 Kriegsminister.

71 Siehe Karl May, Der Schut, pag. 499

72 Todeskirsche.

73 Siehe Karl May Durchs wilde Kurdistan pag. 205 ff.

74 Orientalische Harfe.

75 Gott sei Dank!

76 Veilchen.

77 Engel der Genesung.

78 Sieger, Ueberwinder.

79 Lager, Dorf.

80 Hebron.

81 Hlle.

82 Schoten von Erbsen oder Bohnen.

83 Kunde, Bericht, Fama.

84 Lager, Dorf.

85 Dolch.

86 Gotteshaus.

87 Plural von Hedschin-Reitkamel.

88 Kamelsnfte.

89 Die Wahrheit.

90 Christ.

91 Arzt.

92 Psychologie.

93 Bibel.

94 Sarg.

95 Sultansquelle.

96 Bluthgel.

97 Pflaumenbume.

98 Pferdejunge.

99 Hasenpa.

100 Courierpa.

101 Grundsteuer.

102 Unregelmige Steuern.

103 Blutsauger, Vampyr.

104 Oberlieutenant.

105 Niedriges, orientalisches Tischchen.

106 Rittmeister.

107 Blutpreis.

108 Koch.

109 Trkischer Gesandter, Botschafter.

110 Residenz.

111 Keller.

112 Mann des Weines, Kellermeister.

113 Arzt.

114 Popanz, Scheuche. Schemen.

115 Tamarisken.

116 Tausend und eine Nacht.

117 Versammlung der Aeltesten.

118 Rittmeister.

119 Oberleutnant.

120 Unterleutnant.

121 Oberhaupt des Dorfes.

122 Schir Alamek, Sohn des Abd el Fadl, des Schwestersohnes von Marah Durimeh.

123 Tischchen.

124 Oberster Richter.

125 Finanzminister.

126 Premierminister.

127 Wstenschlange.

128 Lehrer des Gesanges.

129 Oberster der Thrsteher.

130 Deutschland.

131 Moltke.

132 Bismarck.

133 Musikant.

134 Seher.

135 Freund des Dorfes.

136 Siehe S. 339.

137 Marmor.

138 Friedhof.

139 Grabstein.

140 Versammlung der Aeltesten, Gemeinderat.

141 Prinz.

142 Persische Wasserpfeife.

143 Porzellangeschirr.

144 Weinglas.

145 Tischtuch.

146 Plttglocke.

147 Ebesteck.

148 Korkzieher.

149 Birnen.

150 Kaiserbirnen.

151 Gekochte Birnen.

152 Kompot.

153 Zerquetschten Seelen.

154 Philosophin.

155 Serviette.

156 Kapuze.

157 Sller.

158 Philosophie.

159 Finke.

160 Kork.

161 In Gottes Namen.

162 Hast du es schn gemacht, Bravo!

163 Engel.

164 Schleier.

165 Plural von Hedschihn = Reit- oder Eilkamel.

166 Dolch.

167 Kriegsminister.

168 Vulkan.

169 Heiliges Buch, Bibel.

170 Traumdeuter.

