 Jena 1856.  [88] An einem schönen Spätsommertage reiste ich über Leipzig nach Apolda, um von da aus Jena zu erreichen. Den Wagen, welchem nur das Gepäck überlassen blieb, verschmähend, ging ich zu Fuß, wobei mehr und mehr der Charakter der Gegend sich entfaltete. Die bei Apolda noch herrschende norddeutsche Hochebene wich allmählich der Thalsenkung, welche mich Jena näher führte, bis es erreicht war. Auf den Bergen die Burgen, im Thale die Saale, wie es im Liede heißt, alles in schönem Wechsel. Eine Eigenthümlichkeit besonderer Art bildete der Wald im Thale und die kahlen Berge oder Höhen, an[89] welchen nur vereinzelt Bewaldung vorkam. Das Alles befremdete mich nicht, aber es war lieblich zu schauen, und es gab nichts Angenehmeres als auf einem solchen Wege einen Theil des Thales zu durchwandern. Es zieht sich von Nord nach Süd, immer in breiter Bahn der Saale folgend, die sich, südlich aus dem Thüringer Walde kommend, nördlich, unter Aufnahme mancher anderer Gewässer, zur Elbe als Nebenfluss verhält. Die thüringische Saale bildet zugleich eine Völkergrenze, indem sie östlich slavische (Sorben, Wenden), westlich germanische Stämme von einander schied. Davon sind heute noch die Spuren erkennbar, wie sehr sie auch durch die Zeit verwischt sein mögen und im Verschwinden sind. Auch in den Namen mancher Berge ist die wendische Benennung geblieben, so z.B. im Jenzig, was Nase bedeutet. Ebenso ist Wenigen-Jena rechts von der Saale wohl von den Wenden entstanden. Auch in der Bevölkerung war mir die Verschiedenheit von der fränkischen bald aufgefallen. Sehr selten begegnet man einem Gruße, der, gleichviel ob es Bekannte oder Fremde sind, in Franken die Regel ist. Aber die Gegend hat mich stets angezogen, so lange ich[90] in Jena weilte, und durch den Reichthum der Flora und ihre Mannigfaltigkeit an Franken erinnert. Wie saalaufwärts nach Rudolstadt, so war saalabwärts nach Dornburg bis Kösen eine liebliche Landschaft und nicht minder im Osten gegen das sächsische Osterland, wohin mancher Sommer zu einem weiteren Ausfluge aufforderte, wie wenig verlockend auch manchmal das Unterkommen war. Da musste öfter der landschaftliche Genuss für Anderes Ersatz leisten. Für die Nähe Jenas bot schon der Hausberg, der »Berg mit dem röthlich strahlenden Gipfel«, einen lieblichen Blick, dazu südlich die Kernberge und nördlich der Jenzig, gegenüber und Jena benachbart der Forst mit allmählichem, in Abschnitte gesonderten Aufstiege. Die bei Studenten sehr beliebten Bierdörfer Ziegenhain und Lichtenhain hatten ihre Lage nach Ost und West vom Thale vertheilt. Ihr Erzeugnis war für mich wenig verlockend. Die »Gesammt-Universität« Jena, wie sie heißt, hat an ihrer Spitze einen Curator, welcher die Stelle der vier hohen Erhalter oder der Nutritoren der Universität vertritt. Diese sind die vier[91] sächsischen Herzöge, wobei der Großherzog von Weimar vorangeht. Der Weinbau ist gering, auch in seiner Bedeutung. Wie schon Luther sagte: Jena ubi acetum crescit. Amazon.de Widgets Ich war nach Jena als Professor extraordinarius berufen, nicht wie mein Vorgänger Oscar Schmidt der philosophischen, sondern der medicinischen Facultät zugetheilt, obgleich auch jetzt Zoologie meine Aufgabe war. In Jena fühlte ich bald die in Würzburg vermisste geistige Freiheit, und auch die Professoren traf ich auf entsprechender Stufe. Schon der Verkehr der Professoren und Docenten aller Facultäten erschien als ein bedeutendes Förderungsmittel der Wissenschaftlichkeit. Ein guter Geist beherrschte die Universität, die mit beschränkten Mitteln Bedeutendes leistete, und auf welcher von der großen Weimarer Zeit noch Vieles geblieben war. Von denen, welchen Schiller bekannt war, lebten noch Manche, aber reicher waren die Beziehungen zu Goethe, welcher oftmals in Jena sich aufhielt. Von den bedeutenden Männern, die bei meiner Ankunft in Jena lebten, nenne ich vor Allem [92] Dietrich Kieser, schon damals bejahrt (geb. 1799). An seinen Namen knüpft sich ein bedeutsamer Fortschritt der Wissenschaft durch die Erkenntnis der Bedeutung des Nabelbläschen, nicht minder durch viele, auch die Pflanzen betreffende Forschungen. Durch seine Gattin geb. Reil ward ein nicht weniger berühmter Namen mit Kieser vereinigt. Der Philolog Göttling war lange Jahre eine Zierde der Universität, auch der Theolog Carl Hase gehörte zu denen, er war ein bedeutender Mann. M. Schleiden, der Botaniker, dessen Buch über »die Pflanze« ich mit großem Interesse noch in Würzburg gelesen, war nur noch wenige Jahre in Jena, während Ried, der Chirurg, mein bayerischer Landsmannn, noch viele Jahre seiner Thätigkeit sich erfreute. Anatom und Physiolog war Huschke, ein sehr bedeutender Mann, der nicht nur an der Ausbildung der Anatomie und Physiologie durch Theilnahme an einem großen Werk, sondern auch durch Forschungen in der Richtung der damaligen Naturphilosophie betheiligt war. Auch Kuno Fischer's muss ich hier gedenken, er kam sehr bald nach mir, und ging kaum ein Jahr früher als ich nach Heidelberg. Zwei große in Jena von[93] ihm gehaltene Reden sind mir in schöner und dankbarer Erinnerung. Mit dem Ableben Huschke's ließ die Frage des Ersatzes die Facultät auf meine Person gerathen. Die Sache lag aber keineswegs einfach. Während ich für die Anatomie das größte Interesse hegte und die Annahme einer solchen Stelle für ein Glück ansah, musste ich für die Physiologie andere Empfindungen hegen. Ich selbst fand mich viel zu wenig physikalisch und chemisch vorbereitet, wie es der Fortschritt dieser Wissenschaft erforderte, als dass ich in ihr hätte lehrend auftreten können. Etwas nur zum Scheine sein, war mir immer verhasst, wie sehr auch manche Andere in solcher Bescheidenheit ein Genügen finden mögen. Meine Erklärung, dass ich die Physiologie nicht übernehmen könnte, da ich sie für etwas Besonderes, von der Anatomie wesentlich Verschiedenes hielt, stellte eine Zeit lang die Übertragung der Huschke'schen Stelle auf mich in Frage, und bei mancher Unterredung der Facultätsmitglieder mit mir wollte mir das Unterlassen jeder Einmischung meinerseits als das Bessere dünken. Endlich ward für die Scheidung eine thatsächliche Unterlage[94] gewonnen durch den Nachweis eines für die Physiologie ausgezeichneten jungen Mannes. Es war A.v. Bezold, der mir schon in Würzburg bekannt war, und dem von ihm Erwarteten vollkommen entsprach. Ich konnte mit aller Ruhe der Anatomie mich widmen, deren Ausbildung mir am Herzen lag. Jena war der erste Ort einer Scheidung der Anatomie von der Physiologie. Bald kam auch Berlin an die Reihe, denn nach Johannes Müller's Tode übernahm begreiflicher Weise Dubois-Reymond die Physiologie, und als Anatom ward Reichert aus Breslau berufen. Damit vollzog sich eine in der Natur der Dinge begründete Scheidung, welche beiden Disciplinen nur zum Heile gereichen konnte und kaum durch eine Personalunion unterbrochen ward. v. Bezold wurde bald von Jena als Physiolog nach Würzburg berufen, wo er leider schon wenige Jahre später starb. Aber die Scheidung der Anatomie von der Physiologie ist auch da geblieben. Ich überlasse Anderen, der Physiologie das Wort zu reden. Es ist zur Genüge geschehen, und Niemand zweifelt daran, dass sowohl durch die Wissenschaft[95] an sich, wie auch durch ihre Wege etwas Neues auftrat, dessen Erscheinen dem Einsichtigen klar ist. Während jener Process in mir sich vollzog, war mir in Jena durch Ernst Haeckel ein Freund geworden, der sich eng an mich anschloss. Wir haben gemeinsam die Gegend durchwandert, und viele liebliche Orte habe ich mit ihm kennen gelernt. So lange die gute Jahreszeit es erlaubte, traf man uns am Sonnabend auf einer Wanderung. Dass bei dieser Gemeinsamkeit auch die Wissenschaft keine Beeinträchtigung erfuhr, ist wohl klar. In Jena verheirathete ich mich. Da ich nicht mehr sehr jung war, gab es keinen leichten Entschluss, so dass ich sagen kann: Nel mezzo del cammin di nostra vita Mi ritrovai in una selva oscura Che la diritta via era smarrita. Die unternommene Hochzeitsreise an den Genfer See, bei köstlichem Frühling, ließ das östliche Gestade mit seinen Wäldern in voller Anmuth erscheinen und forderte zu mehrwöchentlichem Verweilen auf. Auch bei der Rückkehr nach Thüringen ward manche nördlich vom Walde gelegene Gegend[96] besucht, wie Reinhardsbrunn. Mein Glück sollte nicht von langer Dauer sein, und schon im Sommer nach der Geburt eines Töchterchens verschied meine Frau. Sie liegt in Jena begraben, wo ihre Tochter mit meinem Schwiegersohn, einem Officier, das Grab besucht hat. Eine Reise nach Holland und Belgien bot mir einige Zerstreuung, aber es bedurfte langer Jahre, bevor der Gedanke einer nochmaligen Vermählung in mir Platz zu greifen vermochte. Er brachte mir mit meiner zweiten Frau ein vortreffliches Wesen, welches meiner Familie noch lange erhalten bleiben möge. Meine Verehelichung fand wieder zu Ostern statt. Die Reise ging über Verona nach Venedig und über Triest und Wien zurück. Als ein Ereignis in jener Zeit ist die durch Ch. Darwin begründete Entwicklungslehre zu bezeichnen, die 1859 ins Leben trat. Sie kam nur scheinbar plötzlich, denn sie war vorbereitet durch viele Arbeiten Darwin's, welche den großen Gedanken noch nicht direct zum Ausdruck bringen, aber als den Weg dazu anbahnend anzusehen sind. Auch den Reisen Darwin's kommt ihr Theil zu. Es scheint mir überhaupt nicht richtig, einen Mann,[97] wie Darwin war, stückweise möchte ich sagen betrachten zu wollen, und zu ignoriren, wie die Erkenntnis des Zusammenhanges der Dinge nicht mit einem Male geworden sein kann. Ich darf sagen, dass es auch mir kein fremder Gedanke war (vgl. oben S. 53). Ich konnte daher nicht in lauten Jubel ausbrechen, als die erste Kunde von jenem gewaltigen Umschwunge aus England kam. Die Divergenz der Meinungen fand an der Lehre Darwin's einen sehr fruchtbaren Boden, und Vielen blieb sie gänzlich fremd. Die Physiologie hat sich ihr nur selten zugewendet; ob sie da sich nützlich erwies, wie man hoffen mochte, blieb mir unbekannt. Auch eine Gegnerschaft blieb nicht aus. Die bloße Kenntnis der Entwicklung war für Viele genügend, zumal ja die ontogenetischen Thatsachen leicht zu demonstriren sind. Wunder nimmt es, dass C.E.v. Baer, der in seinen jungen Jahren so Großartiges für die Entwicklungsgeschichte geleistet hatte, der Gedanke Darwin's fern blieb. Gerade diese Gegnerschaft musste Manchen als Grund gelten, den Zweifel des alten v. Baer an der Continuität der Entwicklung zu theilen. So entstehen Hindernisse des Fortschrittes[98] der Wissenschaft, durch welche Hindernisse man an die berühmten Pferdestatuen von Neapel, wie ich glaube jetzt auch in Berlin, erinnert wird, davon beim Volke die eine der gehemmte Fortschritt, die andere der beförderte Rückschritt heißt! Dass trotz alledem der Weg der Wissenschaft vorwärts geht, ist ein beruhigender Gedanke, wie er schon bei Galilei in dem berühmten »eppur si muove« seinen Ausdruck fand. Die Anatomie ward mir zur Lebensaufgabe, aber wohl in etwas anderer Art, als die übliche Vorstellung bringen mag. Handelt es sich hier um Thatsachen und ihre Erkenntnis, so kann die Beschreibung als eine Vorstufe gelten, als die niederste Art des Weges, welcher zur Erkenntnis führt. In der Beschreibung bleiben die Thatsachen isolirt; es entsteht daraus noch keine Verknüpfung derselben, welche den Zusammenhang erscheinen ließe. Das leistet die Vergleichung, die Comparation. Aus ihr entspringt die Erkenntnis des Zusammenhanges, das Verständnis, und dadurch tritt die Anatomie auf eine höhere Stufe als sie durch die bloße Beschreibung einnahm, eigentlich[99] einnehmen konnte. Durch die Vergleichung steigt der Werth und die Bedeutung der Anatomie. Amazon.de Widgets In der Vergleichenden Anatomie finden noch andere, gewöhnlich als selbständig betrachtete und so behandelte Disciplinen ihre wahre Bedeutung, eben weil sie in den Zusammenhang eintreten. Was man Histologie oder Gewebelehre nennt, die Kenntnis der feineren Structuren der Körper, hat seinen Werth eben dadurch, dass der Bau der Organe daraus erklärt wird. Aus den primitiven Formelementen, den Zellen, entstehen die Gewebe, aus welchen wieder größere Complexe, eben die Organe sich aufbauen. So wird die Zellenlehre zu einer Grundlage der Anatomie. Nicht viel anders ist es mit der Entwicklungsgeschichte oder Ontogenie (Ontogenese). Auch da ist der Anfang von einer Zelle oder ihrem Äquivalent, was dann folgt, ist mannigfach verschieden je nach der Art des Organismus, der zum Objecte dient. Überall werden wir zu einem Zusammenhange geführt, wie er auch im Ganzen sich ausspricht und in der Stammesgeschichte oder Phylogenie (Haeckel) eine bedeutende Höhe erreicht.[100] Den Umfang der Vergleichung bestimmt der sehr verschiedene Zweck. Daraus entsteht eine gewisse Beschränkung, denn wir werden zum Beispiel nicht Pflanzen und Thiere mit einander vergleichen, wo es sich nur um Thiere handelt, oder beliebige Organe, wenn die Aufgabe für bestimmte gestellt wird. Die Vergleichung hat daher ihre Gesetze, die sie der Willkür entziehen. Sie könnte überall zur Geltung kommen, wo sie gebraucht wird und der Erkenntnis nützt. In jeder anatomischen Darstellung kann die eingeflochtene Vergleichung förderlich sein, so z.B. in der Osteologie, wenn der behandelte Knochen aus der trockenen Beschreibung in die lebendige Behandlung übergeht und statt einer Aufzählung vereinzelter Thatsachen die Entstehung und das die specielle Structur Bedingende eine wenn auch nur kurze Erwähnung findet. Ich habe oftmals von Collegen, jüngeren wie älteren, vernommen, wie langweilig die Osteologie sei, und wie man sie besser gar nicht zur Vorlesung wähle, sondern sie den Studirenden zum Privatstudium frei gäbe. Es mag sein, dass damit bei vorhandenem großen Fleiße auch der ursprüngliche Zweck erreicht wird,[101] aber gewiss nicht ohne Beeinträchtigung des Ganzen. So war ich allmählich in Jena auch in der Behandlung des Unterrichts zu einem kleinen Fortschritte gelangt, und in ähnlicher Art entstand auch in anderen Theilen der Anatomie für mich manches Neue in der Darstellung. Dass die Mammarorgane mit den Geschlechtsorganen behandelt werden, entspricht nur der Physiologie, keineswegs aber der Anatomie, welche sie mit dem Integumente, als Producte desselben, kennen lehrt. Ich will hier nicht aufzählen, welche Veränderungen in der Anatomie, auch in der, die man vergleichende heißt, entstanden, und noch weniger möchte ich mich für das von der ganzen wissenschaftlichen Welt besorgte als einen Urheber betrachten lassen. Es giebt genug der Prätendenten, und ich möchte mich am wenigsten jener Armee beizählen oder dazu der Anlass sein. Der Physiologie ihre wohlerworbenen Rechte lassend, war mir für die Anatomie die Rettung aus dem Zustande der bloßen Beschreibung von Wichtigkeit. Daher nannte ich sie Morphologie im Gegensatz zur Physiologie, wobei wesentlich die[102] Verschiedenheit der Behandlung zum Ausdruck kommen sollte. Wenn ich auch erst später, in Heidelberg, diese Vorstellung aussprach, so war sie doch schon früher entstanden. Jena war für mich in jeder Hinsicht eine hohe Schule, aus welcher ich vielfach belehrt hervorging, und Alles, was ich in späterer Zeit geleistet, hat dort seine Quelle und giebt mir Ursache zu dauerndem Danke. Amazon.de Widgets Ich betrachte es als ein großes Glück, lange in Jena gewesen zu sein, in jungen Jahren, welche die Eindrücke tiefer aufnehmen und gründlicher in Vorstellungen umsetzen. Zur Beobachtung geneigt, fand ich dort in jeder Hinsicht ein reiches Feld der Erfahrung, welches ein Leben zu füllen vermag. Ich habe sie zu benutzen versucht, wie und wo ich vermochte, und das ist mein Gewinn. In jener Zeit war es auch, dass das, wofür ich schon in der Jugend geschwärmt hatte, endlich zu Stande kam: die so oft mit verfehlten Mitteln versuchte deutsche Einheit, die wir dem großen deutschen Manne, der jetzt im Sachsenwalde ruht, zu danken haben. 
 Wanderjahre. In [55] Deutschland.  Vom deutschen Vaterlande hatte ich sehr wenig gesehen. Hatte ich auch von Arnstein manche Fußreise unternommen, im herrlichen Thal der fränkischen Saale oder auf die hohe Rhön, und einen Besuch Münchens und des bayrischen Hochgebirges von Berchtesgaden aus, so war ich doch selbst im engeren Vaterlande nicht viel mehr als ein Fremdling. Norddeutschland war mir so gut wie unbekannt, und dahin war die erste größere Reise gerichtet. In Begleitung meines theuren Bruders ging ich über Wunsiedel und Hof nach Leipzig, von da über Meißen nach Dresden, wo die Gemäldegalerie, welche noch in ihrer alten Ordnung[56] sich befand, einen längeren Besuch verlangte. Die Brühl'sche Terrasse und Manches in Dresdens Umgebung gefiel mir ausnehmend, war ich doch zum ersten Male in einer bedeutenden Stadt. Dann ging die Reise über Oschatz nach Berlin, wo mich die brüderliche Begleitung leider wegen Erkrankung verlassen musste. In Berlin fand ich weniger an dem, was die Stadt damals bot, als an einer Persönlichkeit, an dieser aber das höchste Interesse; es war der Physiolog Johannes Müller. Er hatte mir gestattet, ihn mehrmals in seiner Anstalt zu besuchen, und ich fand das freundlichste Entgegenkommen. In der Physiologie längst ein großer Meister, hatten ihn seine Forschungen zu niederen Thieren geführt, und der Besuch von Seeküsten hatte bedeutungsvolle Ergebnisse geliefert. Ich kann sie hier nicht aufzählen, und nur die großen Arbeiten über die Entwicklung der Echinodermen seien erwähnt. Die Entwicklung der Synapten hatte den tief denkenden Mann in Triest zu Problemen geführt, welche ihn sogar peinigten. Sie kamen aus derselben Quelle wie später die Entstehung der Arten aus dem Kampfe ums Dasein; Dinge, von denen damals noch keine Rede war.[57] Durch Johannes Müller war aber vieles später zu großem Werthe Gelangende schon vorbereitet, und zahlreiche Schüler, von denen Ernst Haeckel in jeder Hinsicht bei Weitem der bedeutendste war, folgten ihm. Auf der Bahn Johannes Müller's befand ich mich auch damals, in der Absicht, über Hamburg nach Helgoland zu gehen. Zum ersten Male ans Meer! Wie ich auch mich vorbereitet glaubte, so fand ich mich doch dem vielen Neuen gegenüber fremd. Es waren ja nicht bloß mir neue Thierformen, die ich zum ersten Male sah, sondern auch viele Entwicklungsstadien, die zu bestimmen waren. Auch die Vegetation im Meeresgrunde erregte mein Interesse. Ein Fischer, welcher vor mir schon Andere bedient hatte, fuhr mich ins offene Meer, zum Fischen mit dem feinen Netze nach mancherlei Larven. Groß war die Ausbeute nicht, allein es kamen mir doch viele neue Thiere zu Gesichte, deren ich auch durch Untersuchung des Ufers habhaft wurde. Was zu zergliedern war, wurde zergliedert und auch zu zeichnen versucht, aber im Ganzen ist mir doch nur ein geringer Vortheil geworden, da ich über Vieles in der Technik z.B.[58] selbst zu sehr im Unsicheren war. Hätte ich auch Manches zu einer Publikation verwerthen können, so scheute ich mich doch vor Ergebnissen zweifelhaften Werthes für die Wissenschaft. Ich habe so den Aufenthalt in Helgoland nur als einen Versuch zu betrachten, welcher zwar nicht misslang, aber doch ohne bedeutende Resultate blieb. Ich war aber bemüht, in Helgoland auch in anderer Hinsicht zu lernen. Mich interessirte in hohem Maße auch die Geologie der immer mehr sich abbröckelnden Insel, die dem gänzlichen Verschwinden entgegen geht, wobei durch alle Versuche auf der benachbarten Düne kein Ersatz werden kann. »Grün ist das Land, roth ist die Kant', weiß ist der Sand, das sind die Zeichen von Helgoland!« Dem ersten Aufenthalte folgten später noch mehrere, manche nur zur Erholung, und immer blieb mir die Insel in freundlicher Erinnerung. Das zweite Mal wurde die Rückkehr nach Würzburg über Düsseldorf und Coblenz genommen, nachdem mein Oberarzt durch eine Hummersendung wegen meines längeren Ausbleibens versöhnt war. Von Coblenz begab ich mich ins Moselgebiet, zunächst[59] nach der Eifel, zum Laacher See und endlich nach Trier, wo ich durch die vielen Überreste aus der Römerzeit nicht wenig erstaunt war. Ich muss hierbei auch bemerken, dass damals der Hummer in Würzburg noch ein fremdes Thier war, dessen Zubereitung große Bedenken hervorgerufen hatte! Zum letzten Male im Juliushospitale war mein Aufenthalt daselbst nur von kurzer Dauer, da ich für die dortige Assistentenstelle nach Ablauf der zwei Jahre weder Verpflichtung noch Neigung besaß. Die elterliche Wohnung in Würzburg nahm mich für einige Zeit auf, bis es wieder weiter gehen sollte. Kölliker hatte mich angeregt, nach Messina zu gehen, wo er und Heinrich Müller zu Forschungen sich längere Zeit aufhalten würden. Mein Vater trug keine Bedenken, nachdem Kölliker ihm vorgestellt hatte, dass eine solche Reise vielleicht sehr vortheilhaft für meine Zukunft sein könnte. Nur der Mutter fiel es schwer wegen des weiten Weges, und ihre Sorge um mich war groß und verursachte, wie sie mir später öfter schrieb, ihr viele schlaflose Nächte! Endlich trat ich die Reise an, für welche ich[60] mich wenig vorbereitet fand, nicht nur für den speciellen Zweck, sondern auch mit Hinblick auf das Land. In zoologischer Hinsicht fühlte ich mich sehr ungenügend unterrichtet, und auch meine anatomische Kenntnis der Thiere war, ungeachtet meiner früheren Beschäftigung in dieser Richtung, doch mehr als lückenhaft. Zur Ergänzung und zu dem Ersatz war jetzt keine Zeit mehr. Ähnlich verhielt es sich mit meinen Kenntnissen von Sicilien. Da war es mehr die Schule, die mir durch Erinnerungen einen guten Anhalt bot und mir dadurch möglich machte, meine historischen Kenntnisse in der gewünschten Weise zu erweitern. Ich halte die Geschichte für eine vortreffliche Lehrmeisterin, welche die Ereignisse verständlich macht, indem sie deren Ursachen erklärt. Denn es ist auch da der Zusammenhang, welcher das Wesentliche bildet, und auf den es überall ankommt. So mochte ich denn mit einiger Beruhigung die Reise unternehmen, die auch bezüglich ihrer Dauer für mein Leben ein wichtiges Ereignis blieb. Sicilien und Italien 1852. In der Schweiz bei Arth begann die mit der Post zurückgelegte Reise über den St. Gotthard,[61] dann zum ersten Male in südlicher Landschaft, am Lago maggiore, in sommerlicher Pracht. Von Magadino am Ende des Maggiore bei nächtlicher Fahrt immer weiter nach Süden, wo bald am Tage neue Stationen begannen, deren letzte Genua war. Nur wenige Tage verweilte ich da zur Besichtigung der großen Stadt, das Schiff erwartend, welches mich weiter bringen sollte. Es war dies der französische Orientdampfer Oronte, der seine Reise meistentheils nur nächtlich zurücklegte und einen großen Theil des Tages an seinen Stationen im Hafen hielt; das waren Livorno, Civitavecchia und Neapel. Obgleich man vor dem Ende der bestimmten Reise den Dampfer nicht verlassen durfte, so bot doch das Getriebe in den Häfen mannigfaltiges Interesse, wenn auch von den betreffenden Städten so gut wie nichts zu sehen war. Nur in Neapel war es ein großer Genuss für so Vieles, was mich später fesselte, die ersten Eindrücke zu erhalten. Amazon.de Widgets Endlich kam Messina, das alte Zancle, von der Sichelform, welche den Hafen bildet. Kölliker und H. Müller holten mich von der Dogana ab, und gaben mir die erste Orientirung. Es war sehr[62] schwer, zu meinen Büchern zu gelangen, welche von der Dogana mir weggenommen waren. Während ein junger Engländer schon am anderen Tage seine Bücher erhielt, hatte ich einige Wochen darauf zu warten. Es war die Censur, welche von Pfaffen besorgt wurde und die Verzögerung verursachte. Ich wandte mich an den bayerischen Consul, der ein halber Sicilianer war. Er erklärte mir gleich, dass er nichts für mich thun könnte, ich müsste mich an den preußischen Consul wenden, was denn auch mit gutem Erfolg geschah. In der mächtigen Häuserreihe der Palazzata fand sich gute Unterkunft, und ich konnte an längeres Verweilen denken. Ein einzelnes Gebäude gehört hier verschiedenen Besitzern, jedes Stockwerk einem anderen. So verfügte auch unsere Wirthin nur über einen Stock. Die Zimmer gingen nach der Meerenge mit herrlichem Ausblicke. Drüben in Calabrien bei der klaren Luft wie ganz nahe liegend Reggio und das Gebirge krönend der Aspromonte. Die Meerenge belebten viele Schiffe, und bald ward mit dem Meere noch nähere Bekanntschaft gemacht. Die Stadt Messina erhebt sich zum Theile nicht unbedeutend, und von der Nähe der Kirche San[63] Gregorio, einem wundersamen Baue, ist eine herrliche Aussicht. Durch die früheren Messina besuchenden Naturforscher hatte sich bei der Jugend die Sitte verbreitet im Hafen, der besonders bei der Fluth (Rema) von Seethieren aller Art wimmelte, diese in Gläsern zu fangen und sie dann gegen geringes Entgelt in den Gasthof zu bringen. Vom frühen Morgen an kamen die Ragazzi mit ihrer Beute, welche zumeist aus pelagischen Thieren aller Art bestand. Für diese gab es wohl keine bessere Gelegenheit. Die Thiere wurden theils frisch untersucht, theils in Spiritus aufbewahrt, auch für die Untersuchung der Eier Material gewonnen. So fehlte es schon am Beginne der Arbeit nicht an Objecten, und fleißig blieb ich mehrere Monate an der Arbeit, deren Gedeihen mich, ungeachtet der Hitze, thätig erhielt. Im Anfange des October beschloss ich einen Ausflug nach dem Ätna, der sich bisher nur durch Getöse bemerkbar gemacht hatte. Ich fuhr mit einem kleinen Dampfer nach Catania und von da mit einem Wagen höher nach Nicolosi, wo die Familie Gemmellaro mich aufnahm und auch für[64] einen Führer sorgte. Ich brachte da mit den einfachen Leuten im Garten einen gemüthlichen Abend zu. Ein Gemmellaro war Arzt und zeigte mir seine überaus einfache Wohnung, in welcher nur ein einziger Raum war, mit einer Matte bedeckt. Am anderen Tage sollte der Aufstieg beginnen, durch mehrere kleine Dörfer, dann durch Wälder von Steineichen, Kastanien und Pinien, bis allmählich die Vegetation verschwand. Die Monti rossi finden sich unterwegs, es sind Ansätze zu kleinen Kraterbildungen. Bei eingetretenem Abend war die Spitze des Berges erreicht, während gerade der fast volle Mond aufging. Es war ein großartiger Anblick, nur wäre wärmere Kleidung erwünscht gewesen, denn es war sehr kalt. Ganz Sicilien lag unter mir. Der Weg nach dem großen von eruptiven Gesteinen aller Art übersäten Val del Bove führte zur Eruption, nicht in die Nähe, sondern nur dahin, wo sie deutlich sichtbar war. Die emporgeworfenen Steine veranlassten uns, einen Schutz zu suchen, den wir bald unter einem Felsvorsprunge fanden. Es war inzwischen sehr spät geworden, so dass der Schlaf mich überwältigte und ich unter dem Donner der Eruption einschlief, sogar träumte. Mit dem Morgen[65] begann der Abstieg, wo dann in Zaffarana, einem in herrlicher Vegetation liegenden Dorfe, im Freien eine Art von Frühstück eingenommen ward. Nunmehr schlug ich den Weg in mehr südlicher Richtung ein, um noch Syracus zu besuchen. So lange es am Abhange des Ätnagebirges ? denn es ist ja kein einzelner Berg ? herunter ging, war noch Manches, was an den Vulkan erinnerte. Schlammvulkane (Macaluba genannt) verschiedenen Umfanges wurden in nicht geringer Zahl passirt. Endlich kam die Stadt Aderno, wo ich übernachtete. Es gab in der Stadt von fast 10000 Einwohnern kein einziges einigermaßen befriedigendes Wirthshaus. Die von mir aufgesuchte Locanda war ein Nest von Ungeziefer jeder Art, so dass ich froh war, als der Morgen den Aufbruch gestattete. Noch vor Syracus kommt man an den dicht am Meere gelegenen Orten Aci-Reale und Aci-Castello vorüber, aus Lava erbauten Städten am Fuße des Ätna. Nun erhielt ich Begleitung durch einen Deutschen (Ziegler) aus Thüringen, der mir durch seine guten Kenntnisse, besonders in Bezug auf Syracus, sehr werthvoll wurde. Diese einst so[66] bedeutende alte Griechenstadt ist jetzt bis auf einen im Meere liegenden Theil verschwunden, welcher ehemals Ortygia hieß. Ein Damm verbindet dieses heutige Syracus mit dem Lande, wo zur Zeit der größten Blüthe der Stadt diese in einem Umfange von sechs deutschen Meilen bestand. Man mag daraus die Zeit bemessen, deren man auch nur zur allgemeinen Orientirung bedarf. Ich verwendete drei Tage auf meinen Besuch und kann nur von einem Theile sprechen. Die Namen Archimedes und Theokrit bezeugen das hier einst herrschende geistige Leben, welches auch in den baulichen Resten sich bekundet. Solche bestehen noch in Stücken der alten dionysischen Mauer, die sich in colossaler Größe erhalten haben. Ein griechisches Theater von gewaltigem Umfange, halb aus dem Felsen gehauen, ein Amphitheater aus römischer Zeit mit vier Eingängen. Es ist ebenfalls zum Theile aus Fels. Der Tempel des olympischen Zeus bietet noch zwei ungeheure dorische, canellirte Säulen in fast vollständiger Erhaltung. Sie stehen in theilweisem Sumpflande, wie auch ein bedeutender Theil des alten Syracus, jener, welcher dem großen Hafen der alten Stadt[67] zugekehrt ist. Ein Theil des Unterganges der alten Bauwerke muss als durch die Erdbeben veranlasst gelten, denen Sicilien so oft ausgesetzt ist. So weit höheres Land mit Hügeln sich gegen das Meer dehnt, ist die zum alten Syracus gehörende Umgebung noch mit einiger Vegetation bedeckt, während es weiter davon mehr eben und mehr oder minder bis zum Meere sumpfig ist. Aber auch hier hat der Pflanzenwuchs an gewissen Örtlichkeiten stattlich sich entfaltet, wie ich weiter unten noch bemerken will. Für die Erhaltung wohl schon des alten Syracus dienten die mächtigen Latomien, deren griechischer Name als ein Zeugnis für ihren Ursprung gelten darf. Diese Steinbrüche zu besuchen verlangt nicht wenig Zeit und manche Mühe, denn die Wege dazu sind oftmals sehr schlecht und führen durch Hindernisse mancher Art, die überwunden sein wollen. Aber ein schöner Pflanzenwuchs gedeiht in den Latomien, wo die Temperatur niemals durch Winde beeinflusst wird. Ich habe nur einige der Latomien besucht und sah in ihnen Mönche; ich glaube, auch ein Kloster ist da. Wo sind diese[68] nicht in Sicilien, in diesem Lande, dessen herrliches Klima zum Nichtsthun einladet. Das in den Steinbrüchen gewonnene Material ist wenig spröde, so dass es leicht von den Wänden gelöst werden kann. Es dient noch dem alten Zwecke, wie zur Zeit des Dionys, von dem die Sage hier berichtet, dass er in der als Orecchio del Dionyso benannten Höhlung, welche heute noch gezeigt wird, auf Verräther gelauscht habe. Die Zeit, in der die mächtige Stadt das alte Akragas (das heutige Girgenti) bekriegte, liegt weit hinter uns, die Erinnerung daran lebt aber noch durch die Geschichte und macht uns die Stätte bedeutungsvoll, wie sie ja auch in der neueren Zeit durch des deutschen Dichters Platen-Hallermund Grab im Garten des Grafen Landolina es geworden. König Maximilian II. von Bayern ließ dasselbe mit einer neuen Inschrift versehen. Zu dem Vielen, welches Syracus aus ältester Zeit bietet, muss auch der ägyptische Papyrus zählen; in fröhlichem Gedeihen hält er ein Flüsschen besetzt, den Anapus, welcher nach Aufnahme der Quelle Cyane zum Meere führt. Ähnlich verhält es sich mit der Quelle Arethusa,[69] die in Ortygia, wie es heißt aus dem Meere kommend, sich ergießt. Sie ist mit einer wahrscheinlich alten Umfassung versehen, in welcher eine große Zahl Waschweiber mit vielem Geschrei bei der Arbeit waren. Dass die Arethusa das einzige in Ortygia quellende Wasser sei, ward mir in hohem Grade wahrscheinlich. Die Reise nach Syracus fand noch im Herbste 1847 statt, ebenso die Rückkehr nach Messina, und zwar im Oktober bei theilweise prachtvollem Wetter. Ein Theil des Weges ward in Begleitung eines Führers mit dem Mulo zurückgelegt, aber es währte nicht lange, bis unendlicher Regen herabströmte, »von den Bergen stürzen die Quellen, und Bäche und Flüsse schwellen«. Die Straßen hätte man unpassirbar nennen können, wenn sie nicht doch passirt werden mussten. So war es große Arbeit um nach Messina zu gelangen, wo ich dann den Winter in gewohnter Thätigkeit blieb. Ich besuchte sehr häufig das Theater und fand darin ein vorzügliches Mittel zu meiner Vervollkommnung in der italienischen Sprache, zumal die Schauspieler keine Sicilianer waren. Obwohl es im December im Ganzen mild blieb und im Februar die niederste[70] Temperatur mit 7° Celsius bestand, so bekamen die Hände doch Frostbeulen, und es empfahl sich, einige Wochen die Arbeit auszusetzen. Den Deutschen in Messina, besonders einem Herrn Jaeger, schulde ich für viele Gastfreundschaft, wie für Beistand mit Rath und That, großen Dank. Es war mir dadurch, bei einem nahezu siebenmonatlichen Aufenthalt, Messina fast zu einer zweiten Heimat geworden. Den geistigen Zusammenhang mit dem Vaterlande leistete mir die Allgemeine Zeitung, die mir der deutsche Pastor Lindenkohl zu vermitteln die Freundlichkeit hatte. Für die Reise in Sicilien ergaben sich damals außer dem Wege noch manche Schwierigkeiten besonderer Art. Den mitgebrachten Reisepass sah man erst bei der Rückkehr wieder. Bis dahin ward er ersetzt durch Pässe, welche nur für die einzelnen Provinzen Geltung hatten und jedes Mal eines besonderen »Visums« bedurften. Noch vor dem Osterfeste beabsichtigte ich, nach Palermo zu gehen. Die Reise ging um einen Theil Siciliens, durch die Faro und vorüber an dem einen herrlichen Golf beherrschenden Cefalù, an der Küste draußen die Liparischen Inseln, vulkanischer[71] Natur, wie denn der Stromboli mich bei nächtlicher Fahrt durch einen Ausbruch erfreute. Dann kam Palermo, das alte Panormus, nach dem die Phönicier ihm einen anderen Namen gegeben hatten. Außer dem von der großen in vier Theilen und amphitheatralisch gebauten Stadt Gebotenen lohnten zwei Ausflüge reichlich die Reise. In Palermo der Palazzo reale, ein großes Gebäude aus der Normannenzeit, mit vieler alterthümlicher Achitektur, auch Erinnerungen an Friedrich II., den ich in Sicilien oftmals bei gebildet sein wollenden Leuten mit dem Preußenkönig in Verwechslung fand. Im Dome von Palermo, gleichfalls Normannenwerk, liegen deutsche Kaiser in der Capelle begraben, wie Heinrich VI., Friedrich II., Peter II. von Aragonien, und manche kaiserliche Frau. Noch nahe der Stadt vor dem Thore zwei Saracenenschlösser, die Zisa und die Cuba. Letztere dient als Caserne, während erstere, von ziemlich guter Erhaltung, von der Plattform eine herrliche Aussicht über Palermo und seine Umgebung darbietet. Arabische Inschriften sind zahlreich vorhanden. Es war mir interessant, später zu[72] erfahren, wie diese Inschriften mit alttestamentlichen Sprüchen in vollem Einklange stehen, so dass die nahe Verwandtschaft beider semitischen Nationen auch aus jenen Spruchdenkmälern hervorgeht, was meinerseits nichts Neues sein soll. Von den Ausflügen aus Palermo war der nach dem Monte Pellegrino der schönste. Der ganz frei liegende, die Nordküste Siciliens begrenzende hohe Pilgerberg mit mehreren Kuppen nimmt einen Tag in Anspruch. Am Beginn geht man an einigen schönen Schlössern vorbei, dann wird der Zickzackweg steiler, und oben ist die in eine Kirche umgewandelte Grotte der heiligen Rosalie, einer Normannenfürstin. Ein anderer Ausflug nach dem hochgelegenen Monreale führt auf eine gute Straße, die weiter nach Trapano geht. Die berühmte Kirche aus der Normannenzeit enthält auch viele sehenswerthe Bilder. Die bis zum Meer sich erstreckende Ebene Conca d'oro benannt, wetteifert mit jeder sicilischen Gegend durch Üppigkeit der Gärten und große Fruchtbarkeit. Auch den Kapuzinerberg besuchte ich, von welchem die Sicilianische Vesper ausging. Weniger erfreut war ich über die Katakomben,[73] welche zu den Besonderheiten der katholischen Kirche und ihrer Mönche gehören, aber Abscheu war bei mir der erzielte Eindruck. Während meines Aufenthaltes in Palermo ergab sich mir die Gelegenheit, eine Sendung von Kunstwerken zu sehen, welche eben aus dem Innern Siciliens angekommen und wohl für ein Museum bestimmt waren. Genauer weiß ich nicht mehr den Ort der Herkunft, aber die Gegenstände blieben mir lebhaft im Gedächtnis, es waren Werke der ältesten griechischen Kunst, in vieler Beziehung an Ägyptisches erinnernd. Meine fast über ein Jahr sich erstreckende ganze Reise in Sicilien ließ bezüglich der Sicherheit keinerlei Bedenken entstehen. Viele Wege legte ich allein zurück, nicht einmal von einem Führer begleitet. Nur selten sah man Gendarmerie, Gruppen von höchst irregulär gekleideten und ebenso bewaffneten Männern, welche Compagnia d'Armi hießen. Die Sicherheit entstand dadurch, dass gerade die gefährlichsten Menschen in jenen Dienst gezogen und dafür haftbar waren; denn im anderen Falle minderte sich entsprechend der Lohn! Was man auch von der Bourbonenherrschaft halten mag,[74] der Reisende fand Schutz, nur nach der Art desselben durfte man nicht fragen. Amazon.de Widgets Noch einmal kam ich nach Sicilien und zwar nach Messina, im Jahre 1870, wo mit einigen Schülern zu arbeiten beabsichtigt war. Ich reiste über Bologna, wo die Universität früher unter päpstlicher Herrschaft stand. »Bologna la grassa« bezeichnet die über diese Stadt verbreitete Meinung! Von da nach Ancona zum adriatischen Meere mit den herrlich in der Abendbeleuchtung prangenden Wäldern des Garganus, der sich über den Busen von Manfredonia ins Meer erstreckt. Das beginnende Dunkel traf mich in der alten Longobardenstadt Benevent, der ich, auch der Hohenstaufen gedenkend, zum Besuche der vielen Alterthümer noch einen Tag widmete, um dann in Neapel meinen früheren Besuch durch mehrfache Ausflüge in die Umgebung zu ergänzen und nach Messina zu gehen. Hier fand ich die jungen Freunde und einen von ihnen in schwerer Erkrankung durch die Malaria, welcher er auch nach wenigen Tagen zum Opfer fiel. Es war ein junger Holländer, sehr begabt und aus guter Familie (Vrolick), dem die[75] ärztliche Kunst jetzt keine Hilfe mehr bieten konnte. Wir bestatteten ihn auf dem deutschen Friedhofe, welcher jenseits des Hafens liegt. Ebenda liegen noch zwei deutsche Officiere begraben, Verwandte meiner Frau, einem Schweizer Regimente angehörig, welches für die Bourbonen bei Messina ein Treffen bestanden hatte. Auch über mich kam das Fieber in kurzer Zeit, nachdem ich früher auch bei längerem Aufenthalt in Sicilien verschont geblieben war. Vormittags zu einer bestimmten Stunde wurde ich davon befallen. Ich hielt einen Höhenort für meinen Zustand geeignet und ging nach Taormina, wo sich im griechischen Theater ein Anfall wiederholte, der mich zu Boden zwang, da es mich heftig schüttelte. Chinin hatte keinen Erfolg, wovon vielleicht die Ursache an der Apotheke lag. Erst nachdem ich Sicilien wieder verlassen, ward ich fieberfrei, und in Neapel fand keine Wiederholung des Fiebers statt, wenn ich auch auf der Fortsetzung der Reise mich etwas schwächer fühlte. In Neapel bestand die beste Gelegenheit zur ersten Orientirung bei Apotheker Berncastel. Hier fanden sich täglich die Landsleute ein, und der Apotheker unterstützte uns willig mit gutem Rath,[76] machte auch wohl selbst manchen Vorschlag. Die einander vorgestellten Fremden fühlten sich dadurch schon bekannt, und Alles was da unternommen ward, diente dem Zweck der Reise. Zu vielen Ausflügen fand ich Theilnehmer, nur zum Besteigen des Vesuv nicht, so dass ich dies allein mit zwei Führern unternahm. Der Aufstieg ging von Resina aus, und der Abstieg nach Pompeji, von da fand spät Abends die Rückkehr nach Neapel statt. Nachdem so mehrere Wochen verstrichen, wurde die Heimreise vorbereitet und mit dem Vetturino der Tag festgesetzt. Ich war sehr überrascht, als zur verabredeten Morgenstunde Capuzinermönche sich einfanden, von denen einer zum Vetturino, drei in die Kutsche kamen, und so ging es nach Capua. Die Mönche kamen aus Sicilien und reisten zur Wahl ihres Pater-Generals nach Rom. Sie erwiesen sich mir artig und ließen mir beim Nachtquartier jedes Mal den Vorzug. Von Deutschland wussten sie nichts und eben so wenig von Italien, nur der Pater provincial konnte als Italiener mir einige Auskunft geben. Auf die Frage nach der Confession verhehlte ich nicht, Katholik zu sein, mit der Bemerkung, dass man in Deutschland[77] ganz andere Meinungen über die römische Kirche habe, zumal ihr nur die Minderzahl der Deutschen an gehöre. Von Terracina mit dem Cap der Circe begannen die in vollster Blüthe befindlichen Pontinischen Sümpfe, ein herrlicher Anblick! Cisterna, die letzte Stadt vor den Pontinischen Sümpfen, dann Velletri, das schön gelegene Genzano, mit dem reizenden Nemisee und Albano mit herrlicher Aussicht nach dem noch fernen Rom. Mit Rom endete die Begleitung durch die Capuziner, von welchen ich vielleicht den einen Vortheil hatte, dass die Dogana mein durch viele Bücher vermehrtes Reisegepäck freigab. Bücher waren damals in Italien sehr verdächtige Dinge, wie ich schon beim Eintritt in Messina erfahren hatte. So waren denn die Capuziner mir nochmals zum Nutzen, und mit Dank nahm ich von ihnen Abschied. In Rom, welches damals von den Franzosen besetzt war, nahm ich für mehrere Monate Wohnung auf der Piazza di Spagna bei einem im Ruhestand befindlichen päpstlichen Canonicus und war gut versorgt. Nicht weit davon befand sich das Local für die Künstler-Vereinigung, zu[78] welcher ich Zutritt erlangt hatte. Jeder Tag war damit zweckmäßig getheilt. Der Morgen führte mich zur Besichtigung der Kunstwerke, was auch auf den Nachmittag ausgedehnt wurde, während der Abend der Erholung im Kreise von Künstlern gewidmet war. Ich lernte man che der jüngeren Künstler näher kennen und erfuhr dabei auch manches Interessante aus ihrem Leben. Ein Bericht über die Kirchen Roms wird mir erlassen sein. Von ihnen hat mich St. Maria maggiore am meisten angezogen, ich habe sie mehrmals besucht. Weniger fand ich mich durch San Paolo fuori le Mure erfreut, aus deren Wiederherstellung ich damals viel Wesens machen hörte. Dass mit der Kunst auch der Genuss der Natur keine Vernachlässigung fand, ward durch den Besuch nicht weniger Villen, die ich hier nicht aufzähle, erwiesen. Sie vereinigen Beides in schönster Harmonie. So ward mir der längere Aufenthalt in Rom zu einer sehr genussreichen Zeit, in welcher ich sehr viel gelernt habe, wie die Erinnerung daran nach so vielen Jahren noch lebendig ist. In Rom besuchte ich einen Verwandten im Jesuiten-Colleg, für uns Deutsche sehr erfreulich [79] Collegio germanico genannt. Ich ward herumgeführt, auch in die Gemäldegalerie, in welcher ich auf das Porträt des Prinzen von Neapel aufmerksam gemacht wurde. Ich gratulirte dem Begleiter ironisch, indem ich sagte, sie könnten bei dieser Erziehung wohl noch viele Freude am Prinzen erleben? In wenigen Jahren waren ja die Bourbonen fort! Auch den Garten des Collegio germanico musste ich besuchen, wo eine von mir angebrannte Cigarre in ihren Aschenresten große Bedenken erregte. Auf den angebotenen Besuch der Apostelgräber verzichtete ich, da man darüber nichts Sicheres wisse, und ebenso lehnte ich den Empfang eines vom Papste geweihten »Rosenkranzes« für meine Mutter ab, da diese von solchen Dingen nichts hielte, und so bedaure ich das Unerfreuliche, für welches ich durch einen Tag im Albanergebirge eine treffliche Entschädigung fand. Ich gedenke später noch auf jene Persönlichkeit zurückzukommen. So ward mein Aufenthalt in Rom beendet. Amazon.de Widgets Aus Rom brachte mich wieder der Vetturino fort, diesmal mit einem deutschen Arzte als Reisegefährten im Coupé, während drei Engländerinnen[80] das Interieur einnahmen. Nach Siena war das Ziel, welches in vier Tagen erreicht sein sollte. Die Reise ging nicht weit vom Lago di Bracciano vorüber nach Ronciglione, welches schon im Gebirge liegt. Hier befand sich die päpstliche Grenze. Mein Reisegefährte entdeckte hier, dass ihm das Reisegeld abhanden gekommen sei. Er fuhr mit der ersten Gelegenheit wieder zurück und überließ mir die Aufgabe der Beruhigung der mitreisenden Damen. Dann bot Viterbo wieder einen Aufenthalt. Von den weiteren will ich nur Aquapendente gedenken, der Geburtsstadt des berühmten Anatomen Fabricius. Ergiebiger Regen förderte das Zusammentreffen mit dem Reisegefährten, der wieder zu seinem Gelde gekommen war, Dank der päpstlichen Gendarmerie! Endlich war Siena erreicht und damit, wie ich glaube, die erste italienische Eisenbahn, mit welcher der Weg nach Florenz führte. Hier bot ein Aufenthalt von mehreren Tagen einen reichen Kunstgenuss, dessen Erinnerung mich lange Jahre befriedigte. Dann näherte sich die Lombardei, und über Padua mit den schönen Renaissancebauten, seiner alten Universität[81] und vielen Bildwerken aller Art, führte der Weg bald nach Deutschland, wo ich nach Abwesenheit von mehr als einem Jahre wohlbehalten eintraf. Damit kam jetzt die Entschließung über meine Zukunft in näheren Betracht. Ich berieth mit den Eltern, deren Rath ich nicht gering schätzte, und so war denn, nachdem kein Zweifel bestand, dass mir der Aufenthalt in Würzburg beschieden sei, und dass das Lehrfach die einzige, mich fesselnde und daher auch mit Freuden ausgeübte Thätigkeit, die Aufnahme als Privatdocent, mein nächstes Ziel. 
 Die Herkunft.  Was wir sind, sind wir geworden durch Vererbung und Anpassung, wie Alles, was da organisch existirt. Auch der Mensch bildet keine Ausnahme in der Erscheinungswelt. Die Vererbung ist das conservative Princip, welchem das Verändernde in der Anpassung entgegensteht. Daher ist von größter Bedeutung, was wir von den Vorfahren empfingen, und was uns das Leben zur Veränderung des Empfangenen an Gelegenheit oder vielmehr an Bedingungen bot. Als Ort der Herkunft meiner Familie väterlicher Seite muss ich Fulda nennen. Seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts war da der Ausgang, der sich allmählich im nördlichen Hessenland und südlich nach Franken ausgedehnt hat. Größtentheils[3] waren es Beamte, manche waren geistlichen Standes, davon einige Mönche (Benedictiner). Woher die Familie nach Fulda kam, ergiebt sich für den ersten des Namens, welcher mit »ex suevia oriundus« bezeichnet ist. Dieser kam schon in jungen Jahren nach Fulda, wo er sich verheirathete, mit eines Schöffen Tochter, so dass er schwerlich ein ganz geringer Mann war. Unter Suevia ist wohl Oberschwaben zu verstehen, denn da bestehen Familien gleichen Namens, wie ja der Württemberger Hofmaler aus Wangen stammte und in manchen Dörfern, wie Herlazhofen bei Isny, der Name Gegenbaur sehr verbreitet ist. Er bedeutet keine Gegnerschaft, sondern ist wohl aus einer alten Bauernbezeichnung, aus der Geburo entstanden. Baur nicht als Bebauer des Feldes, sondern als Bewohner des Landes, wie ja heute noch die »Buren« solche Bewohner bezeichnen. Der Name Gebauer ist mir nur aus Schlesien bekannt geworden. Eine Beziehung des von Fulda ausgehenden Stammes zu dem schwäbischen ward nicht fortgesetzt, und wenn ich auch auf die Verschiedenheit der Familienwappen kein Gewicht legen kann, denn diese sind ja überhaupt erst ein[4] späterer Familienerwerb, so ist doch durch den Mangel einer Übereinstimmung die Stammesverwandtschaft der schwäbischen und der Fuldischen Gegenbaur nicht ausgeschlossen. Jedenfalls hat der fuldaische Stamm keine Beziehungen zu Schwaben bewahrt. Wahrscheinlich ist es mir, dass der Erste meines Namens in Fulda durch Vermittelung des Abtes vom Kloster Weingarten unweit Ravensburg nach Fulda kam, denn es ist nachgewiesen, dass damals ein Abt von Fulda sich nach dem dreißigjährigen Kriege längere Zeit im Kloster Weingarten aufhielt. Amazon.de Widgets Mein Urgroßvater war Franz Gegenbaur, Fürstl. fuldaischer Hofkammerrath; mein Großvater Carl Gegenbaur hatte in Heidelberg studirt und ward zur Zeit, da die Universität wesentlich katholisch war, Amtsvogt in Urzell in Hessen, wo auch mein Vater 1792 geboren ist, der noch im Alter einmal die Gegend besuchte. Im benachbarten Steinau war zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts Grimm Amtsvogt, an dessen wenig ältere Söhne, die berühmt gewordenen Brüder Grimm, mein Vater sich sehr gut erinnern konnte, wenn auch der Verkehr in der Confession ein Hindernis fand.[5] Aus Urzell nach Römershag bei Brückenau versetzt, erlitt hier der Großvater mit seiner Familie alle Unbilden des Krieges. Plünderungen und Verwüstungen des Eigenthums folgten sich mehrmals. Eine alte Magd sorgte für die Sicherheit der zahlreichen Kinder, welche sie bei feindlichen Anfällen sogar vertheidigte. Als ein Aufstand der Landbevölkerung ausgebrochen war, ward mein Großvater von den Franzosen als Anstifter angesehen und abgeführt, um erschossen zu werden. Nur dem beherzten Auftreten der den Soldaten folgenden Großmutter und ihrem inständigen Flehen gelang es, dass der Großvater endlich die Freiheit erhielt. So gingen über Römershag schwere Zeiten, sie erwarben meinem Großvater die Hochachtung der Bevölkerung, von deren Gesinnung sich noch der Enkel überzeugen konnte, als er vor nicht langer Zeit jenen Ort einmal besucht hat. Auch meinem Vater war eine Zeit lang der Aufenthalt im Römershager Schlösschen beschieden, als er im Jahre 1826 dortselbst Amtsverweser war. Es war, wenn ich nicht irre, ursprünglich Besitz der bekannten Familie von der Tann, welche, so viel ich weiß, auch sonst auf der Rhön begütert ist.[6] Eine drohende Hand mit der Inschrift: »Ecce tibi, nisi veneris amicus!«, soll den oftmals in Brückenau weilenden König Ludwig veranlasst haben, Fremde auf den Besuch Römerhags aufmerksam zu machen. Mit dem Ableben des Großvaters und der Versetzung des Vaters nach Würzburg gingen die Beziehungen zu Fulda allmählich verloren, wenn auch noch zahlreiche Verwandte dort lebten. In Würzburg, wo ich 1826 zur Welt kam, war die Heimat meiner Familie. »Des Lebens ernstes Führen« war als Grundzug des Wesens wohl schon von den Vorfahren ererbt und galt auch bei meinem Vater, der ein hohes Alter (fast 90 Jahre) erreicht hat. Von mütterlicher Seite war mein Großvater Jacob Roth, der Sohn eines Bäckers, welcher mehrere Söhne studieren ließ. Die untere Maingegend, in der Nähe Aschaffenburgs, war die Heimat, in der manche Verwandte besucht zu haben ich mich aus meiner Jugend erinnere. In Mainz hatte der Großvater studirt und kam frühzeitig zur Anstellung als Amtsvogt in Külsheim, wo auch meine Mutter 1800 geboren ist. Meine Großmutter Eleonore gehörte einer rheinischen Adelsfamilie, von Germersheim, an. Sie starb sehr bald nach[7] meiner Geburt. Im Kriege mit den Franzosen 1799 war der Großvater als Külsheimer Amtsvogt an der Spitze einer Abtheilung des Kurmainzer Landsturms, mit welcher er den Feind am Neckar bis zur Heidelberger Brücke vertrieb. Groß war der kriegerische Erfolg keineswegs, aber er zeugt doch von patriotischer Gesinnung. Eine spätere Zeit findet den Großvater in Miltenberg, und hier setzen auch viele Erinnerungen meiner Mutter ein. Die Kriegszeiten hatten auch Russen nach Miltenberg gebracht. 1814 hatte das zur Herstellung der Verbindung der Alliirten bestimmte Tettenborn'sche Corps dort längeren Aufenthalt. Der General mit dem Stabe fiel meinem Großvater zu, welcher, das nicht unansehnliche Amthaus zur Verfügung stellend, sich mit seiner Familie in einen beschränkten Raum zurückzog. Da die Russen nicht als Feinde gekommen waren und alle Kosten der Verpflegung zu ersetzen versprachen, hatte mein Großvater mit dem General Tettenborn die bezügliche Verhandlung zu beider Zufriedenheit geführt und gern das Bestimmte geleistet, wie groß auch die Last in mehreren Monaten gewachsen war. Als beim Scheiden der Einquartierung ein[8] Officier dem Großvater zwei Ducaten übergab, nahm dieser dieselben, ging damit jedoch zu Tettenborn, der, wohl seine Russen kennend, alsbald die ganze Summe erstattete, die sich von Hand zu Hand so gewaltig vermindert hatte! Das Städtchen Miltenberg bot den Großeltern auch Verkehr mit gebildeten Familien, und für meine Mutter war besonders jener sehr werthvoll, der sich mit der Familie des Consistorialraths Horstig (Horstig-Engelbrunner) entwickelt hatte. Diese Familie bewohnte das Miltenberger Schloss, welches nicht weit vom Amthause entfernt lag, so dass ein inniger Verkehr der Töchter entstehen konnte. Wie dieser weit ins Leben hinein sich freundlich gestaltet hatte, erfuhr ich nach Jahren, als ich einmal eine der Töchter, welche an einen Theologie-Professor in Rostock verehelicht war, beim Besuche meiner Mutter in Würzburg antraf und in dem Austausche der alten Erinnerungen die Wärme der Empfindungen beider Damen, die sich so lange nicht gesehen hatten, wahrnehmen konnte. Großvater Roth war heiteren Gemüths, zum Scherze geneigt und von Interesse für das Schöne und Edle erfüllt. Wohlthätiger Sinn erwarb ihm[9] viele Leute als Freunde. Er beschäftigte sich viel mit Lectüre, wie seine nicht geringe Büchersammlung bezeugt, und war ein Freund der Musik, welche auch in seiner Familie gepflegt wurde. Mit der gleichgesinnten Gattin und den heranwachsenden Kindern war ein schönes Familienleben entstanden, und bei allen vier Kindern waltete, so lange sie lebten, ein treues Zusammenhalten. In seinen späteren Jahren war der Großvater mit mancherlei mechanischen Arbeiten beschäftigt, Herstellungen meist künstlerischer Art. So kannte ich ihn in meiner frühen Jugend. »Als er hinüber war, sanft entschlafen, Standen versammelt schon gute Thaten umher, Jede mit Licht gekrönt, jede bis zum Richter Seine treue Begleiterin!« So lautet die Inschrift auf seinem Grabdenkmal auf dem Würzburger Friedhofe 1836. Von seinen Söhnen war der jüngste, Joseph, ein bedeutender, wenn auch wenig bekannter Mann. Er hatte Jura studiert und trat später weitere Reisen an, auch nach Nordamerika, bis zu den Rothhäuten, wo er viele Erfahrungen gesammelt hat. In seinen Zimmern sah ich in Würzburg lange[10] Zeit die Erinnerungen an jene Reise in Büffelhäuten, Waffen u. dergl. In der Kunst war er als Dichter wie als Maler thätig, obwohl er nur selten in die Öffentlichkeit trat. Manche seiner Gedichte hat im Laufe der Zeit die Würzburger Zeitung veröffentlicht, andere, welche nicht minder bekannt gemacht zu werden verdienten, sind in Freundeshand. Allzugroße Bescheidenheit verbarg auch sein großes Talent als Zeichner und Maler. In München hat er bei Rottmann gemalt, den er als seinen Meister verehrte. Landschaft wie Architectur waren ihm gleich vertraut, und viele Ausführungen in Öl entstanden, wobei die Abendstimmung oder die Mondbeleuchtung die herrschende war. Auch vieles Begonnene kam nicht zur Vollendung, und ich traf ihn oft in der Behandlung eines Gemäldes, welches er aus zahlreichen Vorräthen hervorgesucht hatte, um es, wenn auch nur theilweise, zu fördern. Nur Wenigen vergönnte er den Einblick in seine Thätigkeit. Ich kann mich zu diesen Wenigen rechnen, und ich genoss sein Vertrauen bis zu seinem Tode. Amazon.de Widgets Das Streben meines Oheims war nie auf den Erwerb gerichtet. Die Kunst allein brachte ihm Freude und Genuss. Er wurde von Händlern viel[11] belästigt, aber selten gelang einem derselben der Versuch des Kaufs eines Bildes. So lange ein kleines Vermögen reichte, bot dieses dem Bedürfnislosen spärlichen Unterhalt. Später traten die Geschwister ein, vor Allem meine Mutter, und zuletzt ward vom Oberbibliothekar Ruland durch eine Anstellung als Custos der Wagnerschen Kunstsammlung der Würzburger Universität die Existenz des Trefflichen gesichert. ? Ein hohen Zielen geweihtes Leben war in fast stetem Kampfe mit der Entsagung! Er war unvermählt. Meine Mutter hatte von sieben Kindern nur drei über das reifere Alter gelangen sehen, und davon starb mein Bruder, der nur wenige Jahre jünger war als ich, während der Vorbereitung zur academischen Laufbahn als Chemiker. Ich hielt ihn immer für begabter als mich und besaß an ihm einen treuen Freund. Die Schwester, obwohl verheirathet und Mutter von mehreren Kindern, ward zur sorgsamen Pflegerin unserer Mutter, als diese herzleidend geworden war, und kam zu diesem Zwecke oft von Burgsinn nach Würzburg. Da verschied auch meine liebe Mutter[12] im Juli 1866, während die Preußen in Würzburg einzogen und der Verkehr mit dem Norden unterbrochen war. Ich konnte desshalb nicht von Jena kommen, und habe meine Mutter nicht wieder gesehen. Sie war eine Frohnatur, deren Andenken in vielen schönen Erinnerungen mir, so lang ich lebe, theuer sein wird. Die Schwester hat ihr den letzten Dienst geleistet und auch dem nunmehr verlassenen Vater Trost gespendet, hilfreich und gut, wie sie immer war. Ein höheres Alter war der Schwester nicht beschieden. Sie starb schon 1877. Ich selbst, meiner Mutter ältestes Kind, bin am 21. August 1826 geboren, und überlebte alle Geschwister. 
 Heidelberg 1873.  [103] Nie hatte ich die Absicht, in Jena mein Leben zu beschließen, wie sehr auch die langen, dort verlebten Jahre und vieles Erfreuliche dafür hätten sprechen können. Es trieb mich eben nach dem Süden, aus welchem ich gekommen war, und so wurde der Weggang von Jena nicht schwer. Er wurde durch Manches, was die letzten Tage brachten, sogar erleichtert. Viele hielten meine gute Frau für die Ursache, zumal sie eine Heidelbergerin war. Das war das größte Unrecht, denn sie hat niemals auch nur mit einem Worte in jener Richtung gesprochen. Der Curator meinte, ich könnte wohl warten, bis ich nach Berlin berufen würde, was bald bevorstände. Eine solche[104] Berufung lag gar nicht im Bereiche meiner Wünsche, besonders wenn ich daran dachte, in welcher Art Johannes Müller ersetzt wurde, und wie in Berlin das Geringe in der Wissenschaft so bald zur Herrschaft gelangte. Mit letztem Gruße von Freund Haeckel fuhren wir von Jena weg und befanden uns bald in Heidelberg. Seitdem habe ich Jena nicht wieder gesehen. In Heidelberg entstanden mir mancherlei Bedenken, weniger durch die Wohnung, die nach ein paar Jahren durch den Erwerb eines eigenen gut gelegenen Häuschens mit kleinem Garten sich in befriedigender Weise gestaltete. Aber die medicinische Facultät ? sollte richtiger Difficultät heißen ? war bei meiner Berufung getheilt. Diese ging aus und ward gefördert von einem Manne, der nicht germanischer Herkunft war und jetzt nicht mehr lebt. Es währte nicht lange, bis ich in der neuen Stelle mich vollkommen heimisch fühlte, so dass eine Berufung nach Holland, später auch eine Anfrage wegen Straßburg, keinen Reiz für mich hatten, wenn ich mich auch darüber freuen konnte, dass[105] man noch an mich dachte. An Thätigkeit habe ich es auch in dieser Periode nicht fehlen lassen, und die mir gestellten Aufgaben wurden durch die Zeit nicht vermindert. Ich war der Nachfolger meines Schwiegervaters Fr. Arnold, der seit dem Jahre 1833 an mehreren süddeutschen Universitäten gelehrt hatte. Er war ein würdiger Herr, offen, bieder und ein Freund der Wahrheit, woraus ihm manche Gegner entstanden, wie dieses ja gewöhnlich der Fall ist. Ein ausgezeichneter Lehrer und beliebt bei seinen Schülern; hat er in der Anatomie doch keine dauernde Bedeutung gewonnen, wenn auch nicht mit Recht. Sehr frühe durch Untersuchungen über das Nervensystem, auch in Frankreich, ein berühmter Mann geworden, blieb er mit deren Auftreten der Zellenlehre, sowie den daran anknüpfenden, rasch sich vermehrenden Forschungen fern. Obgleich er kein Feind des Mikroskops war und auch in alten Tagen sich noch damit beschäftigte, so waren doch für jene Zeit wichtige geltende Thatsachen an ihm vorübergegangen, und andere ernteten den Ruhm. Was hat es aber heute zu bedeuten, ob diese oder jene Zelle, so oder so geformt, an diesem oder jenem[106] Gewebe betheiligt ist. Es gewannen andere Fragen die Oberhand, und die damaligen Gegner Arnold's sind durch die Zeit mit ihren neuen Problemen längst überwunden. Amazon.de Widgets Meine hiesige Anstalt besaß eine große Sammlung, welche einer Umänderung bedurfte, da in ihr Raum zu gewinnen nöthig war. Dabei entstand in einem großen Saale eine feuchte Wand, die mich bei der Regierung zu einem Gesuch veranlasste, auf welches vom badischen Landtage sieben Vertreter desselben zur Einsichtnahme erschienen. Sie zogen ohne jedes Bedenken wieder ab, und so blieb es beim Alten. Aber es währte nicht lange, bis mich eine schwere Erkrankung 1881 befiel, welche nach der Aussage des Arztes in der Feuchtigkeit der anatomischen Anstalt ihre Ursache hatte und mich für ein halbes Jahr aufs Lager warf. Meiner lieben Frau hatte mein Zustand große Sorge bereitet. Ende des Sommers erfolgte meine Genesung, welche von Dauer blieb. Bald ließ die Regierung aus eigenem Antriebe die nöthige bauliche Veränderung der Anstalt vornehmen, wobei sich ein Wasserlauf da, wo ein Keller hergestellt wurde, ergab.[107] Endlich muss ich hier noch des schon 1852 bei den Jesuiten in Rom besuchten Verwandten gedenken, welcher zum Erzbischof von Freiburg i. Br. ernannt war und auf der Reise dorthin starb. Wie der Nekrolog in der Zeitung meldete, hinterließ derselbe nur zwei kleine Schriftchen, die Einführung des römischen Ritus in Fulda betreffend, die ganze Thätigkeit eines wissenschaftlich gebildet sein sollenden Mannes! An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Haeckel hat mich oftmals in Heidelberg durch seinen Besuch erfreut, das letzte Mal noch vor einem Jahre, bevor er seine Reise nach »Insulinde« antrat. Meine Thätigkeit in Heidelberg setzte Früheres fort, dazu begann ich auch etwas mir Neues in der Bearbeitung eines Lehrbuch der Anatomie des Menschen, auf den schon in der vergleichenden Anatomie gewonnenen Grundlagen. Es konnte hierdurch dem Unterricht in größerer Ausdehnung genützt werden. Die Brauchbarkeit des Buches erwies sich durch sieben Auflagen, in welchen allmählich je zwei Bände entstanden. Meine Beschäftigung mit vergleichender Anatomie hat die[108] Meinung bei Manchen entstehen lassen, ich sei gar kein Anatom, sondern nur ein Zoologe, als ob das etwas Geringeres wäre! Auch noch in etwas anderer Art war mir literarische Wirksamkeit vergönnt. Während in Jena die Universität mich vielseitig in Anspruch nahm, durch die Fortsetzung einer schon älteren wissenschaftlichen Gesellschaft und ihre zeitgemäße Umgestaltung, auch mit Herausgabe einer Zeitschrift, von welcher die ersten Bände mir schon durch die Mahnungen an die Mitglieder zeitraubend waren, ward mir mit der Übersiedelung nach Heidelberg größere Freiheit. Ich beschloss jetzt die Herausgabe einer selbständigen Zeitschrift, die ich Morphologisches Jahrbuch nannte, und die bereits in einer Serie von Bänden erschienen ist. Möge sie auch ihrem Zwecke entsprechen, wenn sie nicht mehr unter meiner Leitung erscheint! Bei jüngeren Freunden fand ich treue Unterstützung, vor Allen muss ich hier Max Fürbringer nennen, der in Heidelberg mein Nachfolger ward. Er stand mir schon in Jena sehr nahe. Oskar Hertwig, Georg Ruge, ebenso Friedrich Maurer haben ihr Ziel erreicht. Hermann Klaatsch,[109] welcher noch in Heidelberg ist, gilt als ausgezeichneter Lehrer. Für das Einleben in Heidelberg hatte dessen Umgebung einen bedeutenden und von mir voll gewürdigten Einfluss. Die Richtung des Neckarthales von Ost nach West war mir erfreulicher als das von Süd nach Nord verlaufende Thal der Thüringer Saale, und schon die Vorstellung jetzt in der Nähe des Rhein zu sein war ein Gewinn. Die waldbedeckten, auf beiden Seiten über die Stadt ziehenden Berge im östlichen Anschlusse zum Theil an den Odenwald ließen öftere Spaziergänge entstehen und weitere Ausflüge, wobei ich Kuno Fischer zum Begleiter hatte. Mit diesem, der kurz vor mir Jena verlassen hatte, war ich befreundet, und er blieb in dieser Gesinnung bis in unser hohes Alter, wo er mich noch durch häufigen Besuch erfreut, während mir das Gehen versagt ist! Ich besitze an ihm einen treuen Freund in des Wortes vollster Bedeutung. Von den gemeinsamen Unternehmungen sind mir manche in guter Erinnerung. Nach dem Hohenstaufen, wo die Ruine mit der Inschrift: »hic transibat Caesar« an den alten Schwabenkaiser mahnt. Der geologische Aufbau des Berges[110] mit seinen Stufen macht den Namen verständlich. Drüben im Thale wurde Lorch besucht mit den Denkmälern in seiner Kirche. Auch zum Bodensee führte uns ein Ferienausflug mit Kuno Fischer und von da über den Gotthard nach dem Comersee zu einer Zeit, da noch keine Eisenbahn jenen Berg überschritt. Es war mir immer eine Erfrischung, mit jenem geistvollen Mann verkehren zu dürfen, mit welchem die Gemeinsamkeit vieler Anschauungen über die Dinge mich verbindet. Ich habe Vieles von ihm gelernt und fühle mich dankbar bewegt, wenn ich an die mit Kuno Fischer gepflogenen Unterhaltungen denke. In der in der Regel Mitte August oft auch nicht fern vom Anfange dieses Monats für mich beginnenden Ferienzeit dienten Reisen zu meiner Erholung. Manchmal trat ich eine solche schon für die Osterferien an, wenn Italien besucht werden sollte. Da war es die Riviera di Levante, wo Sta. Margarita mehrmals besucht wurde; meine Tochter war dabei die Begleiterin. Amazon.de Widgets In den späteren Jahren blieb es bei der Reise im August, und das Ziel war dann der Heiligenberg,[111] oberhalb Meersburg am Bodensee. Es war mir ein sehr sympathischer Ort, im Besitze des Fürsten Fürstenberg, dem ein schön gelegenes stattliches Schloss dort gehört. Diese meine Secessio in montem sacrum, wie ich sie nannte, habe ich in einer Reihe von Jahren unternommen, manchmal von der lieben Frau begleitet, zuweilen auch von meinen Kindern. Die Unterkunft im Gasthause zur Post war befriedigend. Die waldige Umgebung bot schöne Spaziergänge nach allen Richtungen, aber das Beste blieb bei gutem Wetter die prachtvolle Ansicht der Alpen von den Allgäuer Bergen bis zum Jura. Der Heiligenberg bot auch im Sommer stets gebildete Gesellschaft, meist Schwaben, und war mir, so lange ich noch reisen konnte, der liebste Aufenthalt: »Ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet!« Schön ist auch der Weg dahin, über Constanz und Meersburg durch zahlreiche Dörfer schon höher empor, von Feld und Wald begleitet. Das große, ich glaube Prämonstratenser Kloster Salem nicht weit vom Anfange jener Straße, jetzt ein prinzlicher Sommersitz, beherrschte vor Abschaffung der Klöster die ganze Gegend, die ihm zinspflichtig[112] war. Es war die Aufhebung der Klöster in Baden für das ganze Land ein dankbar anzuerkennender Schritt, welcher natürlich bei der Geistlichkeit keine Zustimmung gefunden hat, wie denn auch die Versuche einer theilweisen Errichtung von Klöstern sich oft wiederholen. Ein Nonnenkloster in Baden-Baden hat längst dazu den Anfang gemacht. Die Verschiedenheit der deutschen Stämme hat sich in erfreulicher Weise erhalten, wenn auch nicht allgemein. Es mag dann kommen, dass längst Verschwundenes wiederkehrt, und ein Rückschritt für einen Fortschritt gehalten wird, welcher in Deutschland doch niemals auf dem von Rom vorgeschriebenen Wege ging. Von meinen Kindern ward das Interesse für die Kunst allgemein gehegt, und ich sehe dies als einen Atavismus an, welcher von meiner seligen Mutter seinen Ausgang nahm. Meine älteste Tochter ist mit einem von uns hochgeschätzten Major verheirathet, wie ich früher schon einmal erwähnt habe. Mein Enkel ist ein vielversprechender junger Mann. Meine zweite Tochter hat sich zur Künstlerin entwickelt, welche in ihrem erfolgreichen Streben mir viele[113] Freude macht. Mein Sohn, der Jurisprudenz studirte und Doctor geworden ist, lässt durch seine Strebsamkeit nur Gutes und Schönes erwarten. So will ich denn hoffen, dass die in meiner Familie waltende Eintracht auch noch nach mir fortbestehe.[114] 
 Die Schulzeit. [13] Weißenburg am Sand oder im Nordgau 1834?37 und Arnstein 1838.  Meine frühesten Erinnerungen haben zwar vielfach in Würzburg ihre Stätte, wo nicht bloß eine zahlreiche Verwandtschaft sowohl von Vaters- als auch von Muttersseite bestand, sondern mir auch der erste Unterricht zu Theil wurde, aber erst in Weißenburg in Mittelfranken entstand vieles für mein Leben Bedeutungsvolle, wenn auch nur in den ersten Anfängen. Der Aufenthalt bei einer von der Würzburger ziemlich verschiedenen Bevölkerung, eine andere Landschaft in der Nähe des Städtchens und dieses selbst erweckten in dem Knaben eine Menge neuer Eindrücke, von denen[14] die meisten dauernde wurden. Sehr bald kam ich in die Lateinschule, die von zwei Lehrern geleitet wurde, davon der eine, Rector Kohl, später Decan in Roth unweit Nürnberg, mir in dankbarster Erinnerung ist. Der Unterricht, welchen ich zwei Jahre von diesem Manne genoss, war besonderer Art. Die Erweckung des Urtheils bildete die Hauptsache, wenn auch die Pflege des Gedächtnisses dabei nicht vernachlässigt ward. Der Unterricht war nicht bloß auf die Schulstunden beschränkt, er nahm auch die wöchentlichen Spaziergänge und Ausflüge während der guten Jahreszeit, selbst in den Ferien, in Anspruch, jedes Mal in Anpassung an die sich bietende Gelegenheit, die sehr mannigfaltig sein konnte. Die Ausflüge führten zur Fossa Carolina, dem Versuche Karls des Großen zu einer Verbindung der Altmühl mit der Rezat und damit einem ersten Donau-Maincanal. Beim Dorfe »Graben« waren noch die deutlichen Spuren dieses durch Karls Sachsenkriege nicht zu Ende gelangten Unternehmens erkennbar, von welchem der auf einer Böschung mit Kiefern bestandene Graben in einer Strecke vorhanden und in meiner Erinnerung[15] blieb. Ein ander Mal ging es zum Paterich (Patricius) und zu sonstigen Spuren der Römerzeit, welche durch den Limes in der Nähe Weißenburgs nicht selten waren. Überall gab es Anknüpfungen zur Vermehrung der Kenntnisse, und selbst bei einer Rückkehr während eingetretener Dunkelheit bot der nächtliche Sternenhimmel Anlass zu erwünschter Belehrung. Auch Spaziergänge mit der Mutter waren nicht selten. Sie dienten im Sommer zugleich meiner Belehrung über die Pflanzenwelt, indem der Mutter wenigstens die deutschen Namen der meisten wildwachsenden Pflanzen bekannt waren. Der Weg nach der Jacobsruhe, einem in der Nähe gelegenen lieblichen Wäldchen, bildet eine angenehme Erinnerung. Auch im Sammeln und Trocknen der Pflanzen gab sie mir einige Unterweisung, wie in den Anfangsgründen des Zeichnens, woran ich viel Freude empfand. Von da an blieb dieser Unterricht, für den die Mutter bald einen Lehrer besorgt hatte, für die ganze Jugendzeit unter manchem Wechsel der äußeren Verhältnisse bestehen. Nicht so erging es dem gleichfalls in Weißenburg begonnenen Unterricht in der Musik, welchen ich mit dem Bruder[16] theilte. Dieser kam mir bald voraus und setzte den Unterricht auch ferner fort, während mir wegen Mangels musikalischen Gehörs Dispens von diesem Unterrichte zu Theil ward. Ich kann nicht sagen, dass ich damit unzufrieden war. Die ehemals freie Reichsstadt Weißenburg mit ihren stattlichen Thoren und hohen Mauern enthielt auch manche interessanten Gebäude, wie das Rathhaus, die Stadtkirche, und manche andere. Durch ihre Lage bildete sie einen Ort großen Verkehrs. Zogen auch die Lastwagen um die Stadt herum, so ging doch die Post täglich mehrmals durch die Stadt und wurde bei zahlreichen Extraposten und der oft eigenthümlichen Beladung derselben, sei es durch Gepäck oder durch Dienerschaft, ein Gegenstand hohen Interesses für die Jugend. Auf diesem Wege sah ich den jungen Griechenkönig Otto mit seinen Begleitern im Fes und Fustanella, auch manche andere hohe Häupter. Aber auch ein Zug vertriebener Zillerthaler blieb in meinem Gedächtnisse, kleine Wagen mit der Habe und manchen alten Leuten, während die Jüngeren sie begleiteten. Sie zogen nach Schlesien, wo Preußens König ihnen eine neue Heimat[17] geboten hatte. Weißenburg war wohl der erste evangelische Ort, den die Auswanderer sahen. Minder erfreulich als die Erlebnisse in Weißenburg war die Beobachtung eines hier waltenden Aberglaubens, der wohl noch dem Mittelalter entstammte. Ich habe das wohl unzählige Mal wahrgenommen und muss mich hier auf die Hauptsache beschränken. So wurde als ein Sitz von Unholden die Stadtmauer nicht bloß von uns Knaben angesehen, von der aus ein Weg auch nach der Schule führte, welchen die Schüler oft gingen, um zu einem finsteren Theile der Mauer zu gelangen, wo es dann hieß: »der Drud kommt«. In panischem Schrecken lief dann die Gesellschaft zu einer helleren Mauerstrecke. Der »Drud« war auch die Bezeichnung für Schreckgespenster anderer Art. Sie wurden auf dem Dachboden von Häusern gesehen, ein bestimmtes Haus war uns sogar als unbewohnt bekannt wegen jener Gespenster. Die Knaben liefen manchmal des Abends vor jenem Hause zusammen, da in ihm ein Gespenst sich zeigen sollte. In der That war einmal eine Person im Dachbodenraume zu erblicken, welche sich aber als ein beim Gespensterspielen begriffener Junge herausstellte.[18] Solche Vorstellungen waren hier im Städtchen sehr verbreitet, sie befremdeten auch meine Eltern, denn auch in ihrer Wohnung sollte es umgehen. Meine Mutter wagte beherzt den Geist zu bannen mit dem Erfolge, dass bald eine Diebin sich herausstellte, welche sofort aus dem Hause entfernt ward. Bei Weißenburg erhebt sich die Feste Wülzburg, welche schwerlich noch im früheren Zustande ist. Für uns Knaben war es immer ein Vergnügen, wenn wir den Vater dorthin begleiten durften, eine Festung war etwas Neues und Fremdes für uns. In der Nähe davon hausten an einem sehr abgelegenen Orte zwei schon betagte Frauen, Pfarrerstöchter, welche wohl einmal bessere Zeiten gesehen hatten. Die dürftig eingerichtete Wohnung, von einem Hunde bewacht, verrieth die Armuth, welche ich auch daraus entnehmen konnte, dass meine Mutter beim Besuche der Frauen manchmal Lebensmittel mitgebracht hatte. Einige silberne Löffel, vielleicht der einzige Werthbesitz der Frauen, wurden verborgen gehalten und kamen erst aus manchen Hüllen zum Vorschein, um uns etwas Milch aus einem nahen Hofe anbieten zu können. Der Kampf ums Dasein[19] tritt in vielerlei Formen auf; hier erschien er bei den Pfarrerstöchtern als Idyll, und idyllisch war die ganze Umgebung. Man hätte darob die beiden Frauen glücklich preisen können, wenn nicht überall zugleich die Entsagung von jenem Kampfe ein offenes Zeugnis abgelegt hätte. Nicht wenige andere Pfarrerstöchter lebten in Weißenburg, manche mit der Mutter bekannt, ja befreundet, und eine ward deren beste Freundin, welche sogar nach langen Jahren die alten Empfindungen treu bewahrte und bei öfterem Wiedersehen in Arnstein bewies. Amazon.de Widgets Von allem in Weißenburg Erlebten ist mir die Schule bei Rector Kohl das Wichtigste, und mit Dank erfüllt mich immer die Erinnerung daran. Die Versetzung des Vaters nach Arnstein brachte mich in neue Verhältnisse. War die Gegend auch lieblich und im Thale der Wern besonders erfreulich durch den schönen Wechsel von Wald und Wiesen nicht minder wie durch die Blicke auf das Rhöngebirge und ihm benachbarte Berge, wie der Dreistelz bei Brückenau und der Sodenberg und andere, so kam doch für mich sehr bald die Nothwendigkeit zum Scheiden[20] aus dem theuren Elternhause, wenn auch nur für einen Theil des Jahres. Ich sollte bald die Schule in Würzburg beziehen, zuerst die Lateinschule, dann das Gymnasium, zunächst bei mir fremden, wenn auch wohlwollenden Leuten durch die Sorgfalt der Eltern untergebracht. Es ward mir sehr schwer, in diesen Wechsel mich zu finden, und nur durch die in einigen Jahren erfolgende Begleitung durch meinen theuren jüngeren Bruder ward ich erleichtert. In Arnstein war außer der mit dem Städtchen hochgelegenen Stadtkirche noch als Rest eines mittelalterlichen Beguinenklosters, die Kirche von Maria-Sontheim unten im Thale, wo bei der guten Jahreszeit Sonntags auch Gottesdienst gehalten wurde. Hier befand sich auch der Friedhof, in welchem zwei meiner Schwesterchen bestattet sind. Stadtpfarrer von Arnstein war Anton Ruland, ein sehr gelehrter, merkwürdiger Herr, den ich nicht in Kürze übergehen kann. Er war ein Freund meiner Eltern, die er oft besuchte, und auch mir stets wohlgesinnt. Ein guter Redner, dessen Predigten ich mit Erbauung folgte. Aber er war kein Freund aller Einrichtungen der[21] katholischen Kirche, so z.B. der in Franken so üblichen, besonders im Sommer häufigen Wallfahrten, so unter Anderen auch zur »Schwarzen Muttergottes« in Dettelbach. Wenn der Volksmund von »Leut' wie die Wallleut'« spricht, um damit unzuverlässige Menschen zu bezeichnen, so trifft er das Rechte. Solche Wallfahrer, die jährlich im Sommer auf den Kreuzberg der Rhön zogen, hat Ruland nie empfangen und die Vertretung stets anderen Geistlichen überlassen, mochten sie ihm auch persönlich völlig fremd sein. Als Oberbibliothekar der Würzburger Universität war er einst zur Übernahme der schon erwähnten Martin Wagner'schen Kunstsammlung beauftragt worden, nach Rom zu gehen. Er vollführte seinen Auftrag, ohne den Papst gesehen zu haben, da dieses, wie er selbst meinen Eltern mittheilte, nicht in seinem Auftrage lag. Dass er kein Freund der Mönche war, konnten die Würzburger Stadtverordneten, denen auch er angehörte, oft genug erfahren. »Was wollen denn diese Mönche«, hieß es bei ihm, so oft von den in Würzburg noch immer zahlreichen Klöstern ein Anspruch irgend welcher Art erhoben ward. In noch rüstigem Alter starb Ruland in[22] München an der Cholera. Seine, wie ich weiß, vorzüglich der fränkischen Geschichte dienende Privatbibliothek ward, wohl schwerlich mit seinem Willen, der Vaticana übergeben. Habent sua fata libelli! Kehre ich nun wieder zu meiner Schulzeit zurück, so ward mir bis zu den letzten Jahren des Gymnasialbesuches keine freundliche Erinnerung. Es waltete hier ein eigener Geist, ganz verschieden von dem in Weißenburg. Vor Allem war mir die große Strenge der Leitung empfindlich, denn für fast alle Dinge bestanden Verbote. Mochte es Winter oder Sommer sein, wir hatten Abends pünktlich zu Hause uns einzufinden. Wehe dem, welchen der Pedell einmal nicht um 6 Uhr in seiner Wohnung antraf. Vierzehn Tage Ferien zu Ostern und sechs Wochen Herbstferien waren die zum Besuche der Eltern gestattete Zeit. Da war es denn vorzüglich der Herbst, welcher die nöthige Erholung brachte und von den Eltern auch zu kleinen Reisen gern gebilligt war. Mit einigen Kameraden unternommene Ausflüge führten mich mehrere Male auf die Rhön, auch in den Steigerwald und in die westliche Maingegend.[23] Zu den Ferienausflügen zur Zeit, da meine Eltern in Arnstein wohnten, zählte auch ein sehr häufig im Herbst unternommener nach Hammelburg, wo damals meine Großmutter väterlicherseits lebte. Es ist ein sehr alter Ort, der auf die Amaler in der Gothenzeit zurückführt: Amalaberga steht mit der Gründung im Zusammenhang. Im weiten Thale der fränkischen Saale gelegen, bietet die Umgebung einen Reichthum von landschaftlicher Herrlichkeit und auch geschichtlich interessante Stätten. In der Nähe führt eine auf die Bergeshöhe sich schlängelnde Straße zu Schloss Saaleck (nicht Solleck, wie es seinerzeit Götz von Berlichingen in seiner Biographie geschrieben hat oder wohl schreiben ließ), wo aus einer alten Burg allmählich ein wohnlicherer Bau entstand, den die Äbte von Fulda als Sommerfrische bewohnten, wobei der berühmte Saalecker Wein seine Anziehung wohl auch bei diesen nicht verfehlt haben wird. Ein Mönchskloster beginnt den Aufstieg zum Berge, es wird die Altstadt genannt, weil wahrscheinlich hier die erste Ansiedelung der Germanen ausging, welche wie auch sonst fast allgemein Mönche leiteten. Saalaufwärts folgte nicht weit von Hammelburg[24] die schöne Ruine Trimberg und dann die Bodenlaube bei Kissingen, beide aus der Zeit der Minnesänger durch diese berühmt. Zu der regelmäßigen Ferienerholung muss ich auch das Jagdvergnügen rechnen, welches der Vater, selbst ein großer Freund der Jagd, mir gern gestattete. Obgleich ich manchen Hasen, zuweilen auch ein Reh erlegte, war es mir dabei doch viel weniger um die Vernichtung eines Thieres zu thun, als um den Genuss des freien Umherschweifens in Wald und Flur, wo die Natur mein größtes Interesse erweckte. Sehr bald im Besitz einer kleinen Flinte, die erst später einer größeren wich, wanderte ich auf die Bergeshöhen um Arnstein, pflanzensammelnd, auch manche kleine Thiere, welch letzteren zu Hause der Zergliederung dienten. Ein angelegter »Blüthenkalender« ward durch mehrere Jahre vervollständigt. Meine Jagdtasche, auch ein Messer zum Wurzelgraben, waren meine wichtigsten Instrumente; es war die ganze Pflanze, die mir beachtenswerth war. Das systematische Bestimmen, zunächst an den Pflanzen geübt, war ein vortreffliches Mittel zur Schärfung des Auges nicht nur, sondern auch des Urtheils. Es war[25] keine verlorene Zeit, die ich so in den Ferien verbrachte. Während des Semesters war viele Zeit durch den Besuch des Gottesdienstes in Anspruch genommen. Außer täglicher Messe war noch Sonn- und Feiertags Vormittags Hochamt und Nachmittags »Vesper«, bei deren Psalmen ich nicht selten an heißen Tagen vom Schlaf überwältigt wurde. In meinem letzten Gymnasialjahre ward ein neuer Feiertag eingeführt, der des Heiligen Aloysius von Gonzaga als Patron der studierenden Jugend! Bevor er zum »Heiligen« erhöht war, soll seine Lebensführung weniger fromm gewesen sein, was durch den Eintritt in die Gesellschaft Jesu verständigen Ausgleich fand. Für mich aber entstand die Betheiligung an dem mit großer Prozession begangenen Feste. Dabei war mir, als dem Ältesten der Oberclasse des Gymnasiums, das Tragen der neuen Aloysiusfahne zugefallen, was ich mit möglichster Würde, wenn auch durch die Ausdehnung des Umzugs und den heißen Junitag ziemlich ermüdet, vollzog. Wie sehr in Bayern schon damals der Wind von Rom her wehte, gab auch am Gymnasium die[26] Übertragung des Geschichtsunterrichts auf den Religionslehrer, der natürlich ein katholischer Geistlicher war, zu erkennen, während früher der Geschichtsunterricht dem Classenlehrer zustand. Dass wir die Verschiedenheit der Behandlung der Geschichte bald empfanden, brauche ich wohl nicht hervorzuheben. Wir alle waren uns bewusst, dass die Verherrlichung der römischen Kirche der Zweck dieser Änderung war und die Jesuiten die Urheber. Bei uns allen, die nicht Geistliche wurden, ward wohl nur das Gegentheil von dem Gewollten erreicht. So trafen manche Dinge zusammen, um den Wunsch nach dem Absolutorium zur Sehnsucht zu steigern, und so erfolgte denn glücklich der Abschluss der mehrere Wochen währenden Prüfung, ohne allen Vorbehalt von Nachprüfungen, wie sie üblich waren. Im August 1845 beschloss ich die Gymnasialzeit, nachdem uns zur Vorbereitung auf die früheren Herbstferien das Gaudete juvenes, vacatio imminet, patriam intrare licebit sieben Wochen lang durch Tilgung je eines Buchstabens das Näherrücken der glücklichen Zeit verkündet hatte. Aber diesmal war es ernst, und[27] die Entfernung des blauen Sammtkragens, welchen die Gymnasiasten tragen mussten, wie die Lateinschüler den rothen, bildete ein sehr rasch sich vollziehendes Geschäft. Auf die Theilnahme an dem Abschiedscommers verzichtete ich, um rascher in die Heimat zu gelangen. Der weite Weg an Rimpar vorbei durch den Gramschatzer Wald war noch vor Abend zurückgelegt, und freudig begrüßten mich die entgegenkommenden Eltern. Wie auch der Weg durch das Gymnasium nicht leicht zu gehen war, so bot mir doch sein guter Abschluss viele Befriedigung. Ich hatte nie nöthig, eine Classe zu wiederholen, wenn ich mich auch keineswegs zu den besten Schülern zählen konnte. Die ersten waren allerdings solche, welche in der Folgezeit es nicht weit gebracht haben. Die Hälfte wurden Pfaffen. Meine Dankbarkeit für den empfangenen Unterricht ward nicht durch die Jahre vermindert; die classische Literatur blieb mir eine treue Freundin, die in allen Lebenslagen mir nahe stand. Der bekannte Ausspruch Cicero's über die Studien ist niemals von mir vergessen worden, und darin glaube ich die wahre Lebensphilosophie zu erblicken, als[28] die beste Frucht der Schule, gegen welche der Dank kaum größer als gegen die Eltern sein kann, denn es sind hier die Grundlagen für das spätere Leben errichtet, die um so sicherer sind, je tiefer sie gelegt wurden. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, wie die Neuzeit den Gymnasien in manchen Formen zerstörende Ideen entgegenbringt. Die classischen Sprachen sollen ganz oder theilweise in Wegfall kommen. Quid mihi Hecuba! Die Kenntnis des Alterthums macht einen Theil unserer Bildung aus, auf welche zu verzichten das Ignoriren der classischen Sprachen bedeutet, welche Manche gern auch todte Sprachen heißen. Sie leben freilich so wenig wie das Alterthum, aber es heißt auch, der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig, und dieser Geist darf nicht vernichtet werden, wie wenig er auch hohen Herren wichtig sein mag. Noch in der Schulzeit erstand mir in meiner Vaterstadt eine Quelle vieler Erinnerungen. Es waren nicht bloß die Gassen mit ihren Häusern und die Plätze, sondern es war vorzüglich die Geschichte der Entstehung, nach welcher ich zu forschen begann. Viele Wappen und Inschriften an den alten[29] Häusern des damaligen Hochstifts, auf den alten fränkischen Adel sich beziehend, wurden abgezeichnet und studirt, so dass die Heraldik mir keine ganz fremde Sache blieb. Auch der jetzt spurlos verschwundene »Katzenwiker«, wie er damals hieß, als der Katten (?) wighus (Kampfhaus) gedeutet, mit einem sehr alten Bau, in welchem Barbarossa sich mit Beatrix von Burgund vermählte, erweckte mir großes Interesse. Es waren also meine Allotria, welche mich beschäftigten, denn von da an führt ein Weg in meine spätere Zeit, und nach der Saat folgt die Ernte. So gelangte ich allmählich zu den ersten Vorstellungen der Geschichte der Stadt Würzburg, in welcher das ganze Mittelalter von Kämpfen der Bürger mit den durch Übermuth sich auszeichnenden Bischöfen erfüllt war. Viele derselben waren nicht einmal Priester. Die Fehde war ihr Lebensgenuss. Diese Bischöfe hatten ihre Burg auf dem Marienberge, der jetzt die »Festung« vorstellt, und es währte sehr lange, bis der Sitz des Bischofs in die Stadt gelangte (im achtzehnten Jahrhundert). Dass auch geistigen Kämpfen in früherer Zeit keine geringe Bedeutung zukam, erweist gleichfalls die Geschichte.[30] Nicht selten war ich im Kreuzgange des Doms zu finden, mit dem Studium alter Bilder oder Inschriften beschäftigt. Zu den schönsten Erinnerungen aus meiner Jugend gehört der Besuch von Amorbach bei einem Onkel, einem älteren Bruder meiner Mutter, welcher fürstl. Leiningenscher General-Cassier war, wo ich, wie bei der Tante, als stets willkommener Gast behandelt wurde. Während der letzten Jahre meiner Schulzeit, auch in den ersten Jahren auf der Universität, machte ich Gebrauch von der ein für allemal bestehenden Einladung und fuhr von Würzburg aus mit einem Mainschiffe nach Miltenberg. Es war von da kein weiter, aber ein sehr anmuthiger Weg nach Amorbach, umgeben von herrlichen Wäldern, welche hohe Berge bedeckt hielten. Die Fahrt auf dem Main geschah meist auf einem Holzschiffe, auf welchem ich der einzige Reisende war, einige Mal fuhr ich mit der Post, mit welcher die Reise bis Miltenberg einen Tag in Anspruch nahm. Nach Amorbach pflegte ich zu Fuß zu gehen. In Amorbach war die ganze Umgebung für mich von großem Reize, wozu die hier stattfindende[31] Vereinigung von sieben Thälern nicht wenig beitrug. Ausflüge nach allen Richtungen wurden unternommen. Auf dem Gotthardsberge, dem Ausläufer eines ins Thal der Mudau, welche in den Main sich ergießt, bei Amorbach ziehenden Bergrückens, bestand eine in vielen Theilen gut erhaltene Klosterruine, von deren waldiger Umgebung die herrlichste Aussicht war. Nicht weit von Amorbach liegt Amorsbrunn, welch beide Orte sich von der ersten Christianisirung des Odenwaldes im 7. Jahrhundert herleiten. Der heilige Amor soll einer jener christlichen Sendlinge gewesen sein. Amorbach war früher Benedictiner-Abtei, welche aus ihren großartigen Resten erkennen lässt, dass es den Mönchen nicht schlecht ergangen ist, wie groß auch ihre Anzahl war. Ein stattlicher Bau von mehreren Stockwerken, dem die große und schöne Kirche sich anschließt, bezeugt den Reichthum des Klosters und dient heute zu Wohnungen der fürstlichen Beamten. Ein großer Teich gegenüber, wie er ja den Klöstern nicht fehlen durfte, erfreute mich oft im Herbste durch die Sammlung von vielen Zugvögeln, welche im Röhricht des Ufers Abends mit Lärm ihren Aufenthalt nahmen.[32] In der Umgebung Amorbachs war ein schöner mit meinen Vettern unternommener Ausflug nach Waldleiningen, einem dem Fürsten gehöriges Jagdschloss. In der Nähe, gegen Kirchzell und Ernstthal, die Reste der halbzerstörten Wilden-Burg, in welcher wir als Knaben uns tummelten, und an deren unterirdischen Räumen, von denen manche Sage bestand, wir uns ergötzten. Alles im schönsten Walde. Auf einem gleichfalls den Odenwald durchziehenden Umwege erreicht man Erbach, wo ein gräfliches Schloss eine bedeutende Waffensammlung birgt, in der Kapelle auch einen Steinsarg, in welchem die Gebeine Eginhards und Emmas ruhten, der aus Seligenstadt hierher kam. Mit dem Ableben meines Onkels fand der Besuch Amorbachs seinen Abschluss, aber er bleibt für mein Leben in treuem Gedächtnis. Noch vor meinem Schul-Abschluss erlebte ich in Würzburg ein bedeutungsvolles Fest, das am 5. August 1845 beginnende erste deutsche Sängerfest, welches den Anfang vieler späterer bildete und nach langer trauriger Zeit die Gemeinsamkeit deutschen Empfindens in erfreulicher Weise kund gab. Das Lied: Schleswig-Holstein meerumschlungen,[33] deutscher Sitte hohe Wacht! ward beim Würzburger Sängerfeste gesungen, wie auch Deutsche aus allen Gauen die Theilnehmer waren. Eine patriotische Stimmung war unter uns jungen Leuten verbreitet und trug dazu bei, zu vergessen, wie es überall noch in Deutschland an politischer Reife gebrach. Aber die Zeit kam auch dafür, und man darf nichts für vergeblich halten, weil es erst im Beginne ist. Zur Erinnerung an jenes schöne Fest lasse ich hier ein Gedicht meines Onkels Joseph Roth aus der Würzburger Zeitung folgen, worin die Stimmung des Festes zum schönen Ausdruck kommt. Gruss Walthers von der Vogelweide an die deutschen Sänger in Würzburg am 4. August 1845. Amazon.de Widgets »Ich wil sprechen wille komen, der in grueze bringet, daz bin ich; Ich wil Tiutschen mannen sagen solhin maere, daz si deste baz Al der werlte süln behagen; ane groze miete tuon ich daz.« Wollt' aller Vöglein Singen und aller Lenze Duft aufs neue mir erklingen und weh'n in meine Gruft;[34] es dräng' kein Maienschimmer so licht zu mir herein, so wonniglich schien nimmer, wie heut, mein Schlaf zu seyn! Das geht wie rosige Träume durch meine Grabesruh, es ist, als flüstern's die Bäume dem alten Münster zu; sie flüstern: »verschlaf nicht länger diese ahnungsvolle Zeit, wach' auf, du träumender Sänger! wach' auf, o Vogelweid! »Es wollen selt'ne Gesichte, von Anblick wunderbar, dich rufen zu dem Lichte; Ein Fest, wie keines war, ein Sommerfest mit Schalle zieht ein in die Vaterstadt; sein Klang ist's, so die Halle deines Grab's erschüttert hat.« Da bin ich! ? Sonder Wanken folgt solchem Ruf dein Sohn; da bin ich, Mutter der Franken, in deinen Gassen schon! Ich walle ungesehen durch manche grüne Pfort'; ? was will der Fahnen Wehen, der Wald von Reisern dort?[35] Von allen Herden und Nesten zieh'n Vögel auch zu Wald, auf allen Zweigen und Ästen belebt sich's mannigfalt; es jubeln schmetternde Lerchen aus jedem Flur heran, sie sitzen, singende Fergen, gar auf dem Feuerkahn! Die Thüringer Finken haben verlassen ihren Hag; ich hör' der Bayern und Schwaben alttreuen Wachtelschlag. Das sind die Drosseln aus Norden, zu grüßen den gelblichen Main, von alten fränkischen Borden die hellen Sänger am Rhein. Dass sie ein Spiel begehe, naht wohl die Sängerschaar? ? Das gemahnt mit süßem Wehe den Walther wunderbar! Wie alter Mären Klingen wird's wieder in ihm wach: o Heinz von Ofterdingen! Wolfram von Eschilbach! O rosenvolle Zeiten! O minniglicher Schall! Vom Klange uns'rer Saiten wie scholl der Fürstensaal![36] Das Rennen mit den Spießen, der holden Frauen Dank; dess möcht' ich noch genießen manch hundert Jahre lang! Heut schreiten sie nicht in Eisen, die Schwerter an der Seite; doch tönt's in Siegesweisen, als kämen sie aus dem Streite. Sie führen ja eingefangen einen Flüchtling in der Mitten, er geht mit blumigen Wangen ? der dreißigjährige Frieden! Doch habt ihr annoch Waffen, o Kinder dieser Zeit! dem Rechte Schutz zu schaffen; dess wahrt in Lust und Leid! Noch deckt der Schild der Ehre der deutschen Männer Herz, er steht als Schirm und Wehre viel blank von funkelndem Erz. Lasst fliegen denn die Pfeile des Lied's von güld'nem Schaft, der in Gewalt und Eile erprobt des Schützen Kraft! Zu wecken die Zagenden, Schlaffen, zu stärken allerwärts, werft blitzende Gewaffen tief in des Volkes Herz![37] Was frommte all mein Ringen wenn dieses mir entstand? Was sollte all mein Singen, ohne dich, o Vaterland? Was wollte ich zu Lohne, wenn ich dir gedienet han? Das wer mir Ehr' und Krone, dass ich nur Recht gethan. Ich bring euch eine Kunde, so mich das Grab gelehrt; was ich im Leben funde, hat mir der Tod bewährt: Es kann jed' edles Streben nun nimmermehr vergehn; es muss zu ew'gem Leben in Siegen aufersteh'n. Und schmückt die Stadt der Franken schon alter Ehren Zier: doch mag sie gerne danken dieser jüngsten für und für. Wir bieten's wie wir's haben, nehmt es in Treuen hin! Vor allen andern Gaben des Gebers Herz und Sinn. Sie heißt euch Frucht und Blüthen des Lands willkommen seyn, und ihre Mägdlein bieten den Feuertrank vom Stein;[38] sie stellt als Kampfes Richter, ihrer preislichen Frauen Chor ? der ist kein Sänger und Dichter, der andern Dank sich erkor. Und ist die Lust verklungen, das Tönen all dahin: dann werd' ein Kranz geschlungen von frischem Immergrün. Vergesst nicht, ferne Brüder, wie nah ihr uns verwandt! das erste eurer Lieder bleib': »Unser Vaterland!« 
 Würzburg 1854.  [82] 1854 erlangte ich die Habilitation und kam damit zu vielen problematischen Dingen. Außer Kölliker, welcher natürlich als ausschließlich maßgebend betrachtet werden musste, war noch Heinrich Müller und F. Leydig für mich von Bedeutung, und dabei konnte in keinem Falle eine Konkurrenz bestehen. Als einzige Vorlesung blieb mir Zoologie, wo Prof. Leiblein, ein persönlich sehr liebenswürdiger Herr, aber ein überaus langweiliger Lehrer und auch wissenschaftlich auf keiner hohen Stufe befindlich, wohl nicht als Gegner zu betrachten war. Ich kündigte also für das nächste Semester Zoologie an. Das Wo erledigte sich dadurch, dass Kölliker mir gestattete, unter der[83] Voraussetzung, dass keiner der älteren Collegen beeinträchtigt würde, das Anatomiegebäude zu benutzen. So kam denn eine Vorlesung über Zoologie für mich mit großer Mühe zu Stande. Es waren nicht wenige Zuhörer, die ich zu einer nicht sehr geeigneten Nachmittagsstunde versammelte, und es war wohl auch mein Vortrag nicht sehr anziehend, aber die Neigung der Studenten zur Unterstützung eines jungen Privatdocenten kam auch mir zu Gute. Große Schwierigkeiten bereitete mir die Beschaffung der Lehrmittel. Es gab bei der anatomischen Sammlung zwar auch eine Sammlung von Thieren; allein sie stand begreiflicher Weise nicht zu meiner Verfügung, wenn auch ein Theil davon durch mich in Messina gesammelt war. Für diese war mir ja durch Vermittelung Kölliker's eine Entschädigung zugekommen. Ich hatte also kein Recht auf die Benutzung jener Objekte. So behalf ich mich mit Abbildungen, die zum großen Theile von mir angefertigt waren, zum Theile auch während des Vortrags auf der Tafel entstanden. Mein nicht bedeutendes Zeichentalent unterstützte mich dabei. Ich begann die Darstellung von den niederen[84] Thieren zu den höheren fortschreitend und hatte viel Arbeit dabei, zumal mein erkrankter Bruder auch seinerseits Zeit beanspruchte. So verlief das erste Semester (Sommer), und das zweite begann in ähnlicher Art. Ich hatte die gleiche Vorlesung über Zoologie angekündigt, hielt sie auch wie vorher, aber ich war von vielen Freunden, auch älteren, veranlasst worden, ein mehr populäres Colleg über Anatomie und Physiologie für Juristen, einmal wöchentlich, anzukündigen, denn das neue Gerichtsverfahren mit Öffentlichkeit und Mündlichkeit machte auch medicinische Kenntnisse wünschenswerth. Es waren mehr als dreißig Zuhörer, für welche mir durch Kölliker die Benutzung der Objecte des Präparirsaals genehmigt war. Der Tag verlangte von mir nicht bloß die jeweilige Vorbereitung, sondern auch einmal in der Woche die Herstellung der für den Abend nöthigen Präparate. Amazon.de Widgets Wenn ich auch nicht erwartete, dass für eine längere Zeit meiner Thätigkeit eine bestimmte Richtung ward, so war ich doch für dieses mein zweites Semester durch eine kleine Einnahme gesichert und ließ es gern geschehen, als Kölliker meinte, ich solle nicht wieder so eine Vorlesung ankündigen,[85] denn er selbst habe doch die Verpflichtung dazu. So blieb es denn fürs dritte Semester bei der Zoologie, und ich war befriedigt, dass diese zu Stande kam. Nun war endlich für mich eine Stelle in Aussicht. Freund Leydig, der, ich weiß nicht mehr genau wie, befördert ward, gab die zootomische Prosectur auf und überließ mir die Bewerbung. Es war nichts Bedeutendes, aber einige hundert Gulden fester Einnahme waren mir überaus werthvoll. Obgleich der Vater für meinen Unterhalt reichlich sorgte, war ich doch stets darauf bedacht, selbst zu verdienen, und die Bewerbung um jene Prosectur galt mir als ein wichtiger Schritt. Ohne Examen ging es nicht, denn wie leicht konnte man am Ende doch nicht so ganz würdig sein! Es konnten auch noch Andere sich bewerben, über die mir zwar gar nichts bekannt war, aber ein Gerücht darüber fand Verbreitung. In der That aber blieb ich der einzige Candidat und fand mich am bestimmten Tage ein, um ich weiß nicht mehr das wievielste Examen bei Kölliker zu bestehen. Ich erhielt zunächst als Aufgabe die Verfertigung eines anatomischen Präparates über die electrischen Organe des Rochen und dazu eine bestimmte Frist. Es[86] ist dasselbe Objekt, von welchem ich später in meinem Lehrbuch für vergleichende Anatomie eine Abbildung gegeben habe. Das Präparat näherte sich sehr langsam seiner Beendigung, denn in der Zwischenzeit kam mir die Kunde von einer Berufung, die mich von Würzburg entfernen sollte. Kölliker mahnte mich oft an die Beendigung des Präparates, ich ließ jene Nachrichten immer sicherer werden, bis ich endlich sagen konnte, ich sei als außerordentlicher Professor nach Jena berufen, und dieses mein drittes Semester als Privatdocent in Würzburg sei mein letztes. So war es auch. Ob ich bei allem Wohlwollen, welches ich gefunden, bei einem Verbleiben den richtigen Weg gegangen wäre, war mir niemals zweifelhaft, wenn auch manche Professoren mir dazu riethen und meinten, sie könnten die Regierung zu meiner Ernennung zum Professor in Würzburg veranlassen. Maßgebend war für mich, dass in Würzburg nicht nur gar kein Raum für eine ersprießliche Thätigkeit für mich war, und dass ich es für vortheilhaft hielt, in jungen Jahren den Ort zu wechseln, so lange noch neue Eindrücke zur eigenen Entwicklung fruchtbar werden können. Auch meine[87] Eltern hegten solche Meinung, wie schwer auch, besonders der Mutter, der Gedanke einer Trennung durch eine weite Entfernung ward. Obgleich mein Vater keineswegs ohne Vermögen war, habe ich doch niemals, wie so manche Anderen, nach erlangtem Doctorgrade oder der Beendigung von Reisen an einen Abschluss meiner Thätigkeit gedacht. Die Arbeit war mir immer zugleich Erholung, oder es bedurfte dazu nicht längerer Ruhepausen. Dass das Leben nur Thätigkeit ist, habe ich sehr frühzeitig erkannt und was man Genuss des Lebens nennt als ein Ding sehr verschiedener Abstufungen betrachtet. Sic me servavit Apollo! 
 Universität und Juliushospital.  [39] Beides waren Stiftungen des Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn (1575?1619), wenn schon die Universität mit einer älteren Stiftung begann. Bischof Julius war ein bedeutender Förderer der Gegenreformation und verfolgte die Protestanten seines Landes, aus deren Mitteln er jene großartigen Stiftungen unternahm. An diesen blieben noch lange Zeit die Spuren ihrer Entstehung erkennbar, wie ich später bemerken werde. Mit neunzehn Jahren bezog ich die Universität, in der Absicht Medicin zu studiren. Ein Biennium philosophicum war damals in Bayern für alle Studirenden nöthig, ich glaube mit Ausnahme der [40] Theologen, welche sofort ihrem Seminar verfielen. Für das Biennium waren philosophische Vorlesungen obligatorisch, aber man durfte auch einzelne Fachcollegien besuchen. Das war aber nur Ausnahme, die Regel schrieb sogar die Vorlesungen bei gewissen Professoren vor. Sie waren derart vertheilt, dass immer ein bestimmter Cursus dem einen, ein anderer einem anderen Lehrer zukam. Jegliche Hörfreiheit fehlte. Während des Biennium philosophicum ward von einem recht wenig klaren Kopf Philosophie vorgetragen. Ich versuchte diese Vorlesung bei einem Theologen zu hören, welcher mir sehr verständlich erschien, aber schon bald vernahm ich die Absetzung dieses Lehrers, wie das ja damals kein besonderes Ereignis war. Für Weltgeschichte traf mein Cursus einen sehr confusen, zum Lehren wenig geeigneten älteren Herrn, während ich einen anderen Cursus bei einem sehr guten Lehrer hören konnte. So weit es anging, versuchte ich diese Vorlesung zu besuchen. Es war nicht ausführbar, denn durch das wöchentliche Verlesen war der Besuch einer nicht belegten Vorlesung sehr erschwert, so dass es beim Alten bleiben musste. Alle Semester waren[41] öffentliche Prüfungen aus den belegten Fächern zu bestehen. Das war nicht allzu schwer, aber ich war doch sehr vergnügt, als ich schon nach einem und einem halben Jahre das Biennium als für mich abgeschlossen betrachten durfte und als Studiosus medicinae immatriculirt ward. Während des Anfanges meiner Studien waren die Verhältnisse an der Universität wohl wenig geändert gegen die Zeit, da sie unter Bayern kam, und auch unter den Studierenden war nichts Wichtiges entstanden. Gesellschaften gab es nur wenige, und davon waren die Corps in minderer Zahl als später. Wir hielten uns im Ganzen fern von den Corps. Nur um den Fechtboden belegen zu können, trat ich für ein Semester in nähere Beziehungen zu einem Corps. Die schon aus der Schulzeit mit einander Befreundeten hielten zusammen und versammelten sich wöchentlich mehrere Male in einer Kneipe oder Restauration, ohne dass irgend ein Zwang bestand. Eine Anzeige auf der Polizei war Sache des Wirthes. Unsere Gesellschaft bestand innerhalb einiger Semester, und außer Würzburgern nahmen auch einige Norddeutsche daran Theil. Um die Confession[42] bekümmerte man sich nicht, und es wusste schwerlich Jemand, ob er einen Katholiken oder Protestanten zum Nachbarn hatte. Wie sehr hat sich all' das im Laufe der Jahre geändert! Der Student reiht sich jetzt nach der Confession, wenn auch zum Glück nicht Alle, so doch ein Theil, der, mag er klein oder groß sein, immer einen Rückgang des geistigen Aufschwunges bedeutet. Katholische Studenten-Verbindungen, welche den Papst feiern und die römische Kirche, unter welcher alles Geistige bisher seit Jahrhunderten Vernichtung fand, für das Höchste halten, erscheinen jetzt an den Universitäten! Der Ultramontanismus blüht und gedeiht, und überall wird er zum Zeichen der Zeit in einem Lande wie Deutschland, dessen Einwohner in der Mehrzahl Protestanten sind! Ich sollte auch bald Gelegenheit finden zu neuen Erfahrungen ähnlicher Art. Amazon.de Widgets Vorher muss ich aber über meine Berufswahl berichten, die mit der Immatriculation als Stud. med. nicht abgethan war. Die Mittheilung an die Eltern bereitete diesen geringe Freude, zumal der Vater sehr wenig damit einverstanden war. Ich hatte mehrere Tage ernsten Grollens zu überstehen,[43] die meine Mutter, welche mich besser kannte, zu lindern bemüht war. Ich hatte mit der Wahl des Fachstudiums keineswegs die Absicht, als Arzt mein Lebensziel zu suchen, vielmehr war schon damals mein Blick auf die Naturwissenschaft gerichtet. Naturforscher zu werden war meine Absicht. Meinem Vater waren das unbekannte Dinge. Dass er die Ärzte hochschätzte, dess war ich sicher, aber ein Beamter zu sein, wie alle seine Vorfahren es waren, galt ihm mehr. Die Mutter kannte längst meine Freude an der Naturwissenschaft, hat sie selbst doch schon mich als Knaben mit Pflanzen näher bekannt gemacht, und wusste sie doch auch, wie viel ich mich ebenso mit Thieren und ihrer Zergliederung, mit dem Sammeln von Allem, was da fleucht und kreucht, in der Ferienzeit beschäftigt hatte, wie denn auch die Versuche, das Gesehene zu zeichnen, bei ihr oftmals ein wohlwollendes Urtheil fanden. Durch die Mutter ward nach einiger Zeit der Vater wieder versöhnt, und ich durfte seiner Zustimmung mit meiner Absicht gewiss sein. In diese Zeit trat ein die Universität wenn auch nur vorübergehend erregendes Ereignis. Im Mai 1847[44] fand eine Auswanderung der Studenten statt. Wie diese Zeit im Allgemeinen eine sehr bewegte war, so bemächtigte sich auch der Würzburger Studenten eine, angeblich durch Excesse des Militärs veranlasste Erregung, die zu einer allgemeinen Versammlung führte, in welcher der Auszug nach Wertheim beschlossen ward. Dieses Städtchen wurde gewählt, da in Baden der traurige Aufstand herrschte und demzufolge ein Einschreiten gegen uns am wenigsten zu befürchten war. Da zogen wir denn, wohl mehrere hundert Studenten, nach dem nicht fernen Wertheim, dessen Bewohner uns gut aufnahmen. Ich verlebte da überaus vergnügte acht Tage, und machte da auch manche fürs Leben werthvolle Erfahrungen. Es kamen zu unseren täglichen Versammlungen auch manche vorher von uns niemals gesehene Leute, die Reden hielten. Man konnte sehr bald wahrnehmen, dass es Agitatoren waren, welche uns zu bearbeiten versuchten zu Gunsten der Revolution. Auch aus Polen sollten Manche gekommen sein. Manche der Agitatoren waren zweifellos Juden. Durch jenen Auszug entstand für uns keine andere Schwierigkeit, als eine Verkürzung des Semesters.[45] In demselben Jahre 1847 begann eine Erneuerung der medicinischen Facultät mit der Berufung von Albert Kölliker aus Zürich, durch welchen auch für mich eine wichtige Veränderung in der Richtung des Fortschrittes entstand. Kölliker war für Physiologie berufen, las aber auch vergleichende Anatomie, Histologie und Entwicklungsgeschichte. Ich war ein sehr eifriger Schüler, mit meinem Freunde Nikolaus Friedreich, welcher mir bereits von Weißenburg näher bekannt war. Die damaligen Zustände der Universität zeigten mit Ausnahme des Juliushospitals fast überall nur Anfänge. Für alles Neuere im Unterricht mussten die Locale erst beschafft werden, so für Chemie, für mikroskopische Untersuchungen u.a.m., überall Nothbehelf. Kölliker trug über vergleichende Anatomie in einem Raume vor, welcher der Thierarzneischule angehörte, am östlichen Ende der Stadt. Wie diese Anfänge ihre weitere Entwicklung nahmen, will ich übergehen; es genüge diese Bemerkung. Schon vor Kölliker wirkte Franz Leydig aus Rothenburg a./T. als Privatdocent, er vertrat mikroskopische Anatomie und hatte viel mit des Lebens Schwierigkeiten zu[46] kämpfen, war aber ein vortrefflicher Mann, mit welchem ich mich bald innig befreundete. Seine Bedeutung für die richtige und volle Erkenntnis der feineren Structur der Thiere erhebt ihn hoch über viele Andere. Auch Heinrich Müller muss ich hier nennen, einen liebenswürdigen Mann, der sich durch seine Untersuchungen über die Retina ein bleibendes Denkmal gründete. Dass er eng an Kölliker sich anschloss und zu diesem oftmals in Abhängigkeit gerieth, war aus seiner Natur begreiflich. Nach dem Ableben des bisher die pathologische Anatomie vertretenden Professors Mohr kam durch die Berufung Rudolf Virchow's in die Würzburger Facultät ein neues Element mit überaus fruchtbarer Wirksamkeit. Dass man einen mit den Berliner Demokraten in Verbindung stehenden jungen Mann damals nach Bayern berief, war durch den großen Einfluss Professor Rieneker's bei dem bayerischen Ministerium (Abel) möglich. Durch Virchow ward nicht bloß der pathologischen Anatomie eine neue sehr fruchtbare Richtung zu Theil, sondern auch der gesammten Anatomie, in welcher der Gedanke der Entwicklung zur Herrschaft gelangte. Das ist Virchow's großes Verdienst.[47] Ich besuchte Virchow's Vorlesungen mit dem größten Interesse und nahm auch Theil an seiner eigenen Entwicklung, indem der wiederholte Besuch einer und derselben Vorlesung mich die oft bedeutenden Veränderungen erkennen ließ, die in den Vorstellungen des Lehrers entstanden waren. Es war auch bei gespanntester Aufmerksamkeit nicht leicht, einem Vortrage Virchow's zu folgen. Man sagte, er trüge unvorbereitet vor. Um so größer war unser Gewinn. So kam ich auch dadurch einem Ziele näher und hatte keine Ursache, eine andere Universität zu besuchen, nachdem ich in Würzburg so vielseitige Vortheile fand. Auch der physikalisch-me dicinischen Gesellschaft, die an Sonnabenden außer Ärzten die bedeutendsten unserer Lehrer vereinigte, will ich nicht vergessen, mit einigen anderen Studirenden hatte auch ich den Zutritt bei ihr. Der Besuch der Klinik im Juliushospitale eröffnete mir einen bedeutungsvollen neuen Weg; Freund Friedreich war Assistenzarzt bei Marcus, dem Vorstand der inneren Klinik. Er forderte mich auf zur Nachfolge, da sehr bald eine ähnliche Stelle frei sein würde.[48] Für Friedreich lagen die Verhältnisse einfacher als für mich. Mir war längst klar geworden, dass mich die Neigung zur Naturwissenschaft trieb, und dass, welche Wissenschaft es immer auch sein mochte, ich darin größere Befriedigung finden würde, als in der Heilkunst, in welcher ich keine wahre Wissenschaft sah. Am meisten imponirte mir noch die Chirurgie durch ihre Erfolge, wenn diese auch, durch die Hand des schon bejahrten Textor erzielt, keineswegs bedeutende zu nennen waren. Das Streben nach Sicherheit in der Existenz und der immer lebhafter werdende Wunsch, meine Eltern durch eigene Thätigkeit zu entlasten, führte mich zur Meldung für eine Assistentenstelle im Juliushospital. Sie ward mir nach Bestehen einer Prüfung auch zu Theil. Ich ward dritter Assistenzarzt bei Hofrath Marcus und war nun im Bezuge einer kleinen Einnahme bei freier Station. Zunächst waren die Geisteskranken in den beiden Querbauten des Juliushospitals unter meiner Obhut, bei sehr traurigen Einrichtungen, die wohl schon lange nicht mehr existiren. Allmählich ward ich anderen Abtheilungen zugetheilt. Der Oberarzt Hofrath Marcus war noch in sehr rüstigen Jahren, persönlich sehr[49] liebenswürdig, aber leider amaurotisch erblindet, so dass er nur am Arme des Assistenten die Kranken besuchen konnte, wobei natürlicher Weise Alles durch uns vermittelt ward. Dadurch, dass wir das die Kranken Betreffende zu ermitteln hatten, trat auch an uns die ganze Verantwortung heran, die vollständig empfunden, unsere Aufgabe nicht wenig erschwert hat. Gewöhnlich besuchte Marcus nur ein paar Krankenzimmer, in welchen er sich von uns über die dort befindlichen Patienten genau berichten ließ. Von einem vortrefflichen Gedächtnisse unterstützt vermochte er dann über Dinge, die er nie gesehen hatte, einen ausgezeichneten Vortrag zu halten, wenn auch manchmal die Blindheit eine zuweilen komische Irrung veranlasste. Wie er ein guter Redner war, hatten auch seine Vorträge, wenn auch manchmal etwas pathetisch, nicht geringen Beifall, und seine Vorlesung über Geschichte der Medizin war stets von vielen Hörern besucht. »Was sagen die Studenten?«, war eine gewöhnliche Frage an uns, die in Anbetracht aller Umstände sehr begreiflich sein musste. Nach nur kurzer Frist musste ich schon Curse geben, über Auscultation und Percussion, später[50] auch über Hautkrankheiten und Anderes, welche Thätigkeit auch durch die Vorbereitung viele Zeit in Anspruch nahm. Der Aufenthalt im Juliusspitale erforderte mit seinen Pflichten überhaupt von mir große Anstrengung, um allen Ansprüchen gerecht zu werden. Nach des Tages Mühen blieb der Abend und ein Theil der Nacht für das Studium, so dass ich selten in ein auch von einigen anderen Assistenten besuchtes Bierlocal kam. Nachdem ich während der ganzen Schulzeit so viel mit geistlosem Kirchenbesuch geplagt war, dachte ich jetzt endlich in einem Zustande der ersehnten Freiheit mich zu befinden. Es dauerte aber nicht lange, bis auch den Assistenten der Kirchenbesuch auferlegt wurde, den wir so lange als möglich uns fern zu halten gesucht hatten. Das Juliushospital sei eine katholische Anstalt, welche ihre Angehörigen zum Besuche ihres Gottesdienstes verpflichte. Wenn wir nunmehr auch hin und wieder die Spitalkirche besuchten, so entstand doch inzwischen eine größere Schwierigkeit durch die aus einem Pfarrer und zwei Kaplänen bestehende Klerisei. Der Spitalpfarrer war ein wohlwollender alter Herr, die Kapläne von großen Prätensionen erfüllte,[51] ungebildete junge Leute, welche wohl außer ihrem geistlichen Seminar nichts erfahren und nichts gelernt hatten. Sie verlangten, dass wir das jeweils von ihnen betretene Krankenzimmer sofort zu verlassen hätten, und Anderes mehr. Überall waltete im Juliushospital die Oberhand der Pfaffen; unser Oberarzt hatte sich diesem längst gefügt, und die nächste Spitalbehörde, das Oberpflegamt, stimmte immer mit den Pfaffen überein. Amazon.de Widgets Noch war ich nicht promovirt, aber bald erhielt ich dazu die Erlaubnis, und am 15. April 1851 fand die öffentliche Promotion statt. Ich hatte einen Vortrag zu halten, die sogenannte Quaestio promovendi, und eine Anzahl Thesen zu vertheidigen, die sich über das Gebiet der Medicin erstreckten. Kölliker trat als Opponent auf, nicht bezüglich der Thesen, von denen manche sehr angreifbar waren, sondern gegen die Quaestio promovendi selbst. Das kurz vorher noch geforderte Lateinisch für die Promotion war eben in Würzburg abgeschafft worden, wie ich dafür halte mit Recht, denn die Wissenschaft verlangt Freiheit auch für die Darstellung, welche Freiheit in der Muttersprache sicherer erreicht wird. Ich behandelte in meinem[52] Vortrage die Veränderungen der Pflanzenwelt, weil ich damit näher vertraut war. Von vielen Pflanzen ist die Art nicht sicher bestimmbar, wegen der nicht selten bedeutenden vielen Variationen, wie zum Beispiel bei den Hieracien. Die Unbeständigkeit der Art lässt schließen, dass sie einen älteren Zustand der Pflanze vorstellt, aus welchem der spätere entstand. Die Vorstellung der Entwicklung zeigt uns den Weg, auf welchem nicht bloß die Pflanzen, sondern auch die Thiere entstehen, kurz alles Lebende hat seine Anfänge, aus denen es sich hervorbildet, und die Geschichte der Entwicklung lässt mit den Anfängen auch den Zusammenhang des Ganzen erkennen und verstehen. Eine Ausdehnung auf Thiere konnte ich nicht wagen, da es mir dazu an Kenntnis gebrach. So etwa lauteten meine Worte, in deren Erinnerung nur um einige Jahre später die Darwin'sche Lehre mir nicht unbekannt, mindestens nicht fremd erschien. Kölliker's Opposition war in der Hauptsache gegen die Verwerthung von Thatsachen gerichtet, die nicht sicher bekannt seien, wie ja alles von mir über die Verwandtschaft verschiedener Lebensformen Vorgebrachte auf sehr unsicheren Füßen stehe. Die Naturwissenschaft[53] dürfe sich nur mit Thatsachen beschäftigen und könne nie von nur unsicheren Dingen ausgehen. Wenn ich auch damit vollkommen übereinstimmen konnte, so musste ich doch für mich bekennen, dass ich ja nichts Anderes behauptet hatte. Damit endete die Stunde für den Vortrag, und es erfolgte die Promotion, nach welcher ich ziemlich befriedigt als Doctor in mein Spital ging. In der im Juliushospital während eines und eines halben Jahres zugebrachten Zeit habe ich viel für meine praktische Ausbildung als Arzt gethan, so dass ich mich im Stande fühlte, überall eine Stelle als Arzt zu übernehmen, die damals in Bayern nur durch die Kreisregierung zu erhalten war. Nur die Medicinalbehörde hatte die Verfügung über die Ärzte, bei denen von Freizügigkeit noch keine Rede war. Der Regierungsmedicinalrath, ein Freund meines Vaters, machte mir sogar einmal den Vorschlag, ich solle auf die Rhön gehen, er könne da, wo eben Krankheiten herrschten ? es war der Hungertyphus ? durch meine Wirksamkeit gut für meine Zukunft sorgen; doch dorthin zog's mich nicht! Der schon lange in mir erwachte Wandertrieb ließ mich die durch die absolvirte Prüfung entstandene[54] Gelegenheit benutzen, um wenigstens für einige Zeit das Juliusspital zu verlassen und ein Stückchen der Welt mir anzusehen. Vorerst erhielt ich von meinem Oberarzt den erbetenen Urlaub für mehrere Wochen, die sich allerdings auf das Dreifache vermehrten, so dass der Sommer darüber verging. Wenn auch beurlaubt, war ich doch noch Assistent und im Juliushospitale angestellt. Meinen Austritt konnte ich erst vollziehen, nachdem meine auf zwei Jahre bestimmte Dienstzeit abgelaufen war. Damit tritt schon diese Zeit in die Reihe der Wanderjahre, welche mit einer Periode von viel kürzerer Dauer beginnen, als bald darauf eine größere und mir viel wichtigere Untersuchung nöthig machte. 
