
                                 Duncker, Dora

                                   Grostadt

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                                  Dora Duncker

                                   Grostadt

In einem gerumigen Zimmer, dessen Einrichtung so einfach war, dass sie beinahe
an Armut grenzte, sassen zwei junge Mdchen in tiefer Trauerkleidung und ein
Mann, der die Hhe der Sechzig erreicht haben mochte, um einen runden, mit einer
blau und rot gewrfelten Decke bedeckten Tisch.
    Von draussen schlug in kurzen Abstzen ein stssiger Nordost gegen die
Fensterscheiben.
    Am Himmel zogen graue, schwere Wolken einher und verdunkelten auf
Augenblicke das kahle, unfreundliche Gemach. Man konnte dann nur noch die
bleichen Gesichter der beiden Mdchen und die auf dem Fussboden verstreuten
Bltenbltter von weissen Astern und hellfarbigen Rosen deutlich unterscheiden.
Ein widerlicher Geruch von Karbol, Rucheressenzen, Cichorienkaffee und toten
Blumen durchzog den Raum.
    Eine zeitlang war es ganz still zwischen den Dreien. Nur ab und zu klirrte
ein Kaffeelffel gegen eine der Tassen auf dem Tisch, vornehmlich von dem
breiten geblmten Sofa her, auf dem in gebckter Haltung der Mann - eine
starkknochige, breitschultrige Gestalt - sass. Als er jetzt mit der Hand
ungeschickt gegen die dickbauchige Kaffeekanne stiess und beinahe den ganzen
starkduftenden Trank verschttet htte, rief er ungeduldig die beiden ihm
gegenbersitzenden Mdchen an.
    Bring' doch endlich eine von Euch Licht, man sieht ja nicht die Hand vor
Augen mehr.
    Die schlankere und schmchtigere der beiden Mdchen war sofort aufgesprungen
und kam nach einigen Augenblicken mit einer brennenden Lampe wieder, die sie in
der einen Hand trug, whrend die andere sich schtzend ber die rotverweinten
Augen legte. Auch die im Zimmer verbliebene Schwester beschattete ihr Gesicht
vorerst gegen den grell einfallenden Lichtschein.
    Nachdem das Mdchen die Lampe auf das rotgewrfelte Tischtuch gestellt
hatte, schloss sie sorgfltig die Fensterladen, durch deren herzfrmige
Ausschnitte jetzt kaum noch ein fahler Tagesschein drang, so schnell hatte die
Dunkelheit zugenommen. Auch der Wind war strker geworden. Heulend pfiff er
gegen die Hauswand und wieder zurck, als ob er sich erbose, da einen Widerstand
zu finden.
    Als das junge schmchtige Mdchen mit ihrer Verrichtung am Fenster fertig
war und sich dem Tische wieder zuwandte, standen ihr die Thrnen in den Augen.
    Welch' eine Nacht fr Mutter da draussen, stiess sie halblaut, selbst wie
vom Frost geschttelt, hervor.
    Die jngere Schwester, kleiner und rundlicher wie sie, drckte ihr die Hand.
Auch in ihren Augen standen Thrnen.
    Grsslich, Lotte, solch' eine erste Nacht auf dem Kirchhof.
    Der Mann auf dem Sofa berhrte absichtlich die halblaute, ruckweise
gefhrte Unterhaltung zwischen seinen Tchtern. Er rhrte in seiner Kaffeetasse
und warf dabei einen halben, verlangenden Blick auf den Pfeifenstnder an der
Wand, sich gegenber.
    Nee, nee, das wrd' ja wohl doch nichts werden. So an Mutters Begrbnistag
ging das nicht wohl an. - Mit einem langen Zuge leerte er den Kaffeerest aus
seiner grossen Tasse, schob mit dem Rcken der Hand Brodkrumen und Gertschaften
bei Seite und sah dann mit einem halb mitleidigen, halb genierten Blick zu
seinen beiden stumm dasitzenden Tchtern hinber.
    Ihr wolltet ja was mit mir bereden, Kinder. Na, denn man los und lasst die
Kpfe nicht so miesepetrig hngen, wie ein paar kranke Gule. Mutter war doch nu
mal nicht zu helfen. Ein Wunder, dass wir sie so lange behalten haben. Nu
hilft's mal nichts, nu mssen wir eben ohne sie fertig zu werden suchen. Was
wollt Ihr also?
    Lotte, die ltere und schlankere von beiden, hatte ihr Taschentuch
hervorgezogen und schluchzte, keines Wortes mchtig, leise hinein. Die andere,
Lena, versuchte ihre Schwester zu trsten. Als sie sah, dass ihre Bemhungen
nicht den geringsten Erfolg hatten, wandte sie sich zu ihrem Vater hinber.
    Wir wollten mit Dir darber sprechen, Vater, dass Lotte und ich, wo wir nun
hier nicht mehr ntig sind, unseren alten Plan wieder aufnehmen und nach Berlin
ziehen wollen. Onkel Karl ist ja soweit auch ganz dafr, und er meinte, Dir
wrd's auch recht sein, wenn wir uns nun endlich selbststndig machten. Es sei
doch auch mehr als notwendig, und hier in dem Nest nichts fr uns zu holen.
    Hm. Und wie dachtet Ihr Euch das? Du wirst Dir das ja doch wohl mit Onkel
Karl schon alles grndlich ausklabautert haben, Lena?
    Ja, Onkel meinte - er wird ja auch noch selbst mit Dir reden - das beste
wre, wir gingen so schnell als mglich, damit hier nicht erst noch viel
draufgeht. Es ist ja jetzt bald Ende September. Die Wohnung wirst Du vielleicht
noch zum 1. Oktober los, und wir haben gerade jetzt zum Quartal doch die beste
Chance fr Berlin.
    Das klingt ja alles sehr schn, aber was denkt Ihr, was aus mir werden
soll, hm?
    Du hast ja doch Deine Gnadenpension, Vater - und wenn Du uns los bist, dann
kostet Dich doch das Leben nicht mehr viel. Wenn wir erst verdienen, schicken
wir Dir ja auch gern dazu, Vater, und so ein einzelnes Zimmer, vielleicht bei
Karsten in der Frbergasse, wo Du immer so gern im Garten sitzest, das kann ja
doch auch die Welt nicht kosten.
    Na, das ist doch wenigstens nett von Dir, Lena, dass Du bei diesem ganzen
Plan auch ein bischen an Deinen alten Vater gedacht hast. Wahrhaftig, das freut
mich. Geh', hol' mir einen Korn aus dem Schrank. Ich muss 'n Schluck fr den
Magen haben. Ganz schwubbrig ist mir geworden bei dem Gedanken, dass ich nun
hier allein sollte sitzen bleiben in den kahlen vier Wnden, - aber bei Karsten,
dass ist nicht bel - danke - kannst mir gleich noch einen geben, Lena. War das
heut' ein Tag! - Karsten ist ein honoriger Mensch, und wird mich gut halten
gegen eine kleine Vergtung, und dann, wenn Ihr erst verdient - - Und was meinst
Du, Lena, wenn ich mal zum Herrn Oberamtmann nach Klockow rausfhre? Vielleicht
legt er noch 'ne Kleinigkeit drauf, wenn ich ihm sage, dass ich nun ganz allein
stehe auf der Welt, und die Alte tot, und meine Mdchen mich verlassen haben -
schenk' mir noch einen ein, Lena - am Ende bin ich doch im Oberamtmann seinem
Dienst invalide geworden.
    Ja, das thu' Du man, Vater, thu' Du man was fr Dich, warf jetzt Lotte mit
thrnenverschleierter Stimme ein. Der Herr Oberamtmann ist ein guter Mensch!
    Das wre nun ich, wenigstens so ungefhr, und nu kommt Ihr d'ran. Wie habt
Ihr Euch das mit Berlin denn gedacht?
    Ich geh' doch zur Telephonie, Vater. Das weisst Du ja lngst.
    Ist denn die Wartezeit schon um, Lena?
    Noch nicht, aber in ein paar Wochen, derweile helfe ich Lotte sich
etablieren.
    Lotte sich etablieren?!
    Nur mit Mhe verhielt der Alte ein lautes Lachen. Um es herunterzuwrgen,
schenkte er sich den vierten Korn ein.
    Als was will sich Lotte denn etablieren?
    Sie will weiter Putz machen, Vater; hat doch hier schon ganz nett verdient,
unsere Lotte, warf Lena ein und zog die ltere Schwester protegierend an sich.
    Zum Etablieren gehrt aber doch vor allen Dingen Geld und nochmal Geld,
und der Alte sah seine Tchter mit einer Art melancholisch-humoristischem
Zwinkern von der Seite an.
    Lotte wurde ber und ber rot.
    Ich denke, Vater - Lena meint - Onkel Karl sagt -
    Unser mtterliches Erbteil msstest Du uns natrlich auszahlen, Vater. So
steht's im Testament, und so ist's auch in der Ordnung, platzte Lena heraus.
    Der Alte schlug auf den Tisch, dass Flasche, Glas und Tassen
zusammenklirrten.
    I sieh mal einer an, wie klug die Mdchen heutzutage sind. Ja freilich,
wenn's im Testament steht -
    Und wieder zwinkerte er mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu
ihnen hinber.
    So, und nun weisst Du, Vater, wie wir's meinen, und nun kannst Du ja
berlegen, ob Dir's so recht ist.
    Und dabei stand Lena auf und zog ihre Schwester mit in die Hhe.
    Komm Lotte, Du musst jetzt ein bischen ausruh'n. Die Mdchen waren noch
nicht bis zur Thr gelangt, als vom Flur her die Klingel anschlug.
    Wer kann denn da noch kommen? heut' am Begrbnistage, und so spt -
    Lena ging schnell hinaus, um zu ffnen, und kehrte in Begleitung eines
jungen Mannes zurck, der in verlegener Haltung eintrat.
    Der Alte auf dem Sofa hatte sich schwerfllig nach der Thr umgewandt. Als
er den jungen Mann bemerkte, legte sich ein breites, gemtliches Lcheln ber
sein Gesicht.
    Franz! So, so! Na, das ist ja 'mal nett, mein Jung', dass Du Dich noch ein
bischen seh'n lsst, an so'n schlimmen Tag. Na setz' Dich man. Trinkst 'n Korn
mit, Franz?
    Der junge Mann, eine hbsche, krftige Erscheinung, blickte unschlssig von
den beiden Mdchen zu dem Alten auf dem Sofa zurck.
    Lotte hatte sich abgewandt, aber Lena nickte ihm ermutigend zu.
    Ich will nicht lange aufhalten, Herr Inspektor. Ich wollte nur fragen, ob
der Herr Inspektor oder die jungen Damen etwas fr mich htten. In solchen
Zeiten - Aber am Ende stre ich doch nur -
    Na zum Kuckuck, Mdchen, knnt Ihr denn den Mund. nicht aufthun und Franz
Krieger zum Bleiben ntigen? Thut ja gerade, als ob uns ein wildfremder Mensch
ins Haus gefallen wre.
    Jetzt trat Lena auf den jungen Mann zu.
    Das versteht sich doch von selbst, dass Du hier bleibst, Franz, wenn Du
magst.
    Franz Krieger sah mit einem fragenden Blick zu Lotte hinber. Die aber stand
in so mder, niedergeschlagener Haltung da, dass Franz sich mit einem leisen
Seufzer zu Lena zurckwandte.
    Na, wenn's recht ist, bleibe ich auf ein Stndchen. Der Inspektor schob
ihm die Kornflasche zu.
    Ein Glas, Lena. Allemal der Bienvenu, mein lieber Franz -. Ihr braucht Euch
nicht zu genieren, Mdels - wenn Lotte ausruhen will -
    Die Mdchen gingen mit einem kurzen Kopfnicken zur Thr hinaus. Franz sah
ihnen nach und sprach eine ganze Weile gar nichts. Dann schenkte er das vor ihm
stehende Glas voll, blickte hinein und sagte: Ja, ja. Die Frau Inspektor, das
war 'ne Frau. Die armen Mdchen haben viel verloren.
    Der Alte trommelte erst eine ganze Weile auf den Tisch, ehe er sich
entschloss, eine Antwort zu geben.
    Hm, ja - besonders die Lotte wird's schwer haben. Sie ist Mutters Ebenbild.
Auch so 'ne weiche, anschmiegsame Natur, die gleich die Flgel hngen lsst.
Lena wird eher d'rber wegkommen. Die lsst sich so leicht nicht unterkriegen
oder die Butter vom Brod nehmen. Na, was sagst Du denn dazu, Franz, dass die
beiden nach Berlin wollen?
    Dem Angeredeten schoss das Blut ins Gesicht. Er brauchte eine ganze Weile,
bevor er antworten konnte.
    Also soll es wirklich Ernst werden? Sie drfen das nicht leiden, Herr
Inspektor.
    Leiden? Papperlapapp. Wenn der Knppel beim Hund liegt.
    Ist es so lange gegangen, Herr Inspektor, na, dann wird's ja wohl auch noch
ein Weilchen weiter geh'n. Und zwei so hbsche Mdchen wie Lotte und Lena -
    Der Inspektor lachte laut auf. Dann brummte er etwas in seinen martialischen
Schnauzbart, das wohl eine Art Reuebekenntnis fr sein heute so beraus
unpassendes Lachen bedeuten sollte.
    Du denkst wohl gar an 'n Mann, Franz? Arme Mdchen kriegen heutzutage nicht
so leicht einen. Zu meiner Zeit war das was anderes. Als ich meine Luise nahm,
hatte die keinen roten Dreier in der Tasche. Die 1500 Mark, die die Mdchen von
ihr kriegen, hat sie sich in der Ehe zusammengespart mit ihrem privaten Gemse-
und Obsthandel, als wir noch draussen in Klockow waren. Die hat sie ja denn auch
trotz Krankheit und Not bis zum Letzten festgehalten. Aber heute - pfui Deibel -
nee - und der Inspektor spuckte in weitem Bogen auf die Diele.
    Franz Krieger rckte unruhig auf seinem Stuhle hin und her. Er schien im
Begriff, eine von der Behauptung des Inspektors weit abweichende Bemerkung zu
machen, als der Alte das Wort schon wieder beim Wickel hatte und mit einem
gehrigen Sprunge auf eine frher gefallene Bemerkung zurckkam.
    Und was Du da von so lange gegangen sein sagst, das stimmt auch nicht, mein
Jung'. Es ist eben gar nicht gegangen. So lange Mutter lebte, - und du lieber
Gott, wie hat der arme Wurm die letzten Jahre gelebt, - war kein Gedanke, dass
die Mdchen aus dem Hause konnten. Das weisst Du ja selber, Franz. Alles wre
drunter und drber, und meine Alte vor der Zeit daran kaput gegangen. Nu aber
ist es hchste Zeit, dass der Hausstand hier aufgelst wird und Jeder seine Wege
geht. Ich hab' mich man blos ein bischen falsch gestellt, vorher, als die
Mdchen davon anfingen. Im Grunde haben sie tausendmal recht, und froh will ich
sein, wenn ich den ganzen Krempel erst los bin und in Karsten seinem Garten in
Frieden meine Pfeife rauchen kann -
    Und der Inspektor warf wiederum einen sehnschtigen Blick auf die
metallbeschlagenen Pfeifenkpfe an der Wand, die von dem Reflexlicht der Lampe
hell beleuchtet, verlockend zu ihm herberglnzten.
    Franz Krieger war whrend dieser endlosen Rede noch unruhiger als zuvor auf
seinem Stuhle hin- und hergerckt.
    Tausend Einwnde hatte er auf dem Herzen. Wrde der egoistische,
eigensinnige alte Mann gewillt sein, auch nur einige davon ruhig anzuhren?
    In seiner Unschlssigkeit nahm Franz nun doch das so lang verschmhte
Branntweinglas an die Lippen und trank es mit einem Zuge leer. Dann, nach einem
tiefen Atemzuge fasste er sich ein Herz.
    Ihre Pfeife im Garten bei Karsten rauchen - das knnten Sie ja doch wohl
auch, Herr Inspektor, ohne dass die jungen Mdchen dazu nach Berlin mssten,
wenigstens - Lottchen nicht. Die hat doch hier mit ihrer Putzmacherei frher
schon, als die Mutter noch besser war, ganz nett verdient - und - wenn der
Hausstand hier durchaus aufgelst werden soll - meine Mutter, Herr Inspektor,
die wrde Lottchen gleich zu sich nehmen -
    Der Alte sah ihn beinahe mitleidig an:
    Nee Franz, mein Jung', die Vorschlge, die lass Du man sein - damit wirst
Du kein Glck haben - die Mdchen trennen sich nicht -. Und warum sollen sie
denn nicht auch ihr Heil in Berlin versuchen, wie so viele andere -
    Und dabei vielleicht zu Grunde gehen, wie so viele andere, murmelte
Krieger vor sich hin. Laut sagte er nur:
    Welche Garantien haben Sie denn, Herr Inspektor, dass es Ihren Tchtern
glckt? Berlin ist ein heisser Boden und viel gehrt dazu, sich da
durchzubringen. Die Konkurrenz ist gross in jeder Branche, und die Gefahren
nicht minder fr junge alleinstehende Mdchen, die keinen, aber auch gar keinen
Anhalt haben. Fortwhrend fordert die Grossstadt ihre Opfer. Sollte es denn
keine Mittel geben, Ihre Tchter davor zu bewahren, dass sie vielleicht auch,
ber kurz oder lang, zu diesen Opfern gehren?
    Der Inspektor hatte dem jungen Mann zuerst mit staunender Verwunderung
zugehrt. Zu einer so langen Rede hatte Franz Krieger sich nach des Alten Wissen
noch niemals aufgeschwungen und zu einer, des Alten Meinung nach so hllschen
gebildeten, erst recht nicht. Dann aber war er ungeduldig geworden und schlug
zuletzt heftig mit der Faust auf den Tisch.
    Kotz schock Krieger, was soll denn das bedeuten? Lass Du das Flaumachen
sein, das rat' ich Dir! Die Lena ist ein ganzer Kerl, die wird die Lotte schon
ins Schlepptau nehmen, und dann - was die Gefahr betrifft, na hr' mal Jung',
das ist denn doch ein bischen starker Tobak. Meine Mdchen sind ordentlich und
rechtschaffen erzogen und fr solche Mdchen giebts keine Gefahr. Und nun aus
und basta!
    Franz Krieger hatte sich erhoben und war im Begriff, sich zu verabschieden,
als der Inspektor einlenkte.
    Nee, so wars nicht gemeint. Bleib Du man ruhig sitzen und erzhl' mir auch
ein bischen was. Die Kinder werden ja nun wohl auch gleich zurckkommen, wenn
Lotte wieder ein bischen bei Wege ist. Dann isst Du ein Butterbrod mit uns.
Essen muss ja der Mensch am Ende auch an solchem Tag. Aber von der Berliner
Geschichte fang Du mir nicht wieder an, das rat' ich Dir.
    Und dabei schlug der Alte seinem Gast auf die Schulter, dass es klatschte.
    Wirklich kamen Lotte und Lena jetzt zurck, Lotte sehr blass, aber nicht
mehr mit ganz so verschwollenen Augen. Sie setzte sich zwischen ihren Vater und
ihre Schwester an den runden Tisch und blickte, ohne sich an der Unterhaltung zu
beteiligen, nur manchmal stumm und nachdenklich zu Krieger hinber, der jetzt
auf des Inspektors Aufforderung vom Geschft zu erzhlen begann.
    Na, wie's scheint, macht sich die Sache, mein Jung'.
    Ueber Erwarten gut, Herr Inspektor.
    Bist auch ein ordentlicher Mensch, Krieger.
    Der junge Mann antwortete nicht gleich, sondern sah zu Lotte hinber, ob sie
des Vaters Bemerkung mit Miene oder Blick besttigen wrde.
    Als sie statt nach ihm, mit vollkommen abwesenden Blicken in irgend einen
Winkel starrte, meinte er schchtern:
    Das Verdienst daran ist nicht gross, Herr Inspektor. Essen und trinken
mssen die Leute am Ende immer, wie Sie eben selbst behaupteten. Na, und dann
ist gerade in Kolonialartikeln die Konkurrenz hier am Platz nicht gross. Wenn es
sich so weiter macht, hoffe ich in zwei Jahren meiner Mutter das Kapital
herauszahlen zu knnen, das sie mir zuliebe hineingesteckt hat. Dann bin ich die
Schulden los und mein eigener Herr.
    Wieder sah er nach Lotte hinber und wieder ohne jeden Erfolg. Dagegen
nickte Lena ihm freundlich zu, und der Inspektor schmunzelte und schlug ihm
bedeutungsvoll abermals klatschend auf die Schulter.
    Dann kam, wie zu erwarten gewesen, die Rede noch einmal auf Berlin. Jetzt
wurde sogar Lotte gesprchig, und bald war es Franz Krieger vllig klar, dass er
bei den beiden zunchst Beteiligten ebenso wenig gegen den Berliner Plan
ausrichten wrde, als es kurz zuvor bei dem Alten der Fall gewesen war.
    Beide Mdchen waren vllig eingenommen von ihrem knftigen Beruf und dem
neuen Leben, das sie sich zu schaffen im Begriff standen. So zartfhlend sie es
auch vor dem Vater zu verbergen trachteten, Franz fhlte es doch heraus, dass
ihnen der Boden unter den Fssen brannte und sie fort begehrten aus dem kleinen
Nest und den engen Verhltnissen mit all' jener gebieterischen Energie, die nur
erfahrungslose, blind hoffende Jugend giebt.
    Er berzeugte sich in dieser Stunde davon, dass ihm nichts brig blieb, als
sich zu fgen.
    Berlin lag nicht aus der Welt. In kaum vier Stunden war es zu erreichen. Er
wrde die beiden jungen Mdchen ja mit Gottes Hilfe nicht ganz aus den Augen
verlieren. Auch die zwei Jahre, bis er als vollkommen selbstndiger Mann
dastand, wrden vorbergehen und dann, ja dann wrde vielleicht alles anders und
besser werden.
    Als es neun Uhr schlug, empfahl er sich mit einem fragenden besorgten Blick
auf Lottchen. Sie war im Laufe des Abends immer bleicher, immer
gedankenabwesender geworden. Aber es gelang ihm nicht, ihr ein gutes, trstendes
Wort zu sagen. Sie bemerkte es nicht einmal, wie sehr ihn danach verlangte.
    Nachdem der Tisch abgerumt worden, suchten auch die Schwestern und der
Inspektor ihre Schlafkammern auf, und zum ersten Mal seit der Todeskrankheit der
Mutter hrten die Mdchen den Stelzfuss des Vaters nicht noch stundenlang ber
die Diele stapfen. Eine grosse Beruhigung schien ber ihn gekommen zu sein,
seitdem die nchsten Zukunftsplne festgestellt worden waren.
    Lena schlief ein, kaum dass sie unter die Decke geschlpft war, Lotte hrte
es noch zwlf schlagen, ehe sie in einen tiefen Schlaf verfiel. Ihr trumte, sie
habe ein prachtvolles Hutgeschft in Berlin etabliert. In langen Reihen lagen
die Hte aufgeschichtet da, nach der neuesten Mode reich mit bunten,
vielfarbigen Blumen garniert. Als sie aber nher zusah, waren es die Krnze auf
ihrer Mutter frischem Grabe. Und am Kopfende des Grabes stand Franz Krieger in
der Amtstracht des Pastor Schmidt. Gleich dem Pastor heute Morgen, hielt auch
Franz die Hnde ber dem Grabe erhoben, aber nicht in segnender Bewegung,
sondern beschwrend und warnend. -
    Vierzehn Tage spter war alles geordnet. Der bescheidene Hausrat war unter
Aufsicht Onkel Karls verkauft worden, bis auf ein paar Mbelstcke, die der
Inspektor bei Karsten eingestellt hatte und das kleine Eigentum der Mdchen, das
nach Berlin vorangeschickt worden war. Lotte und Lena hatten ihr mtterliches
Erbteil ausgezahlt erhalten und ihr bischen Kleidung zusammengepackt. Bei den
wenigen bekannten Familien - Lotte hatte dabei auch ihre Kundschaft nicht
vergessen - waren Abschiedsbesuche gemacht worden, und whrend an einem der
ersten Oktobertage der Inspektor, die Pfeife im Munde, sich gemtlich in
Karstens Garten in der Sonne dehnte, froh, die ganze Schererei los zu sein,
dampften Lotte und Lena, frhlicher Zukunftshoffnungen voll, der neuen Heimat
entgegen.
    Onkel Karl war tags zuvor in entgegengesetzter Richtung in seine Heimat
zurckgefahren. Nur seinen Nichten zuliebe hatte er es so lange in dem kleinen
Nest und bei seinem schrulligen Schwager ausgehalten.
    Lotte und Lena hatten nur eine einzige gute Bekannte in Berlin, Marie Weber,
eine Schulfreundin Lenas. Sie wurde von Lena ausserordentlich bewundert, da sie
schon seit einem Jahre als Telephonistin angestellt war.
    Es traf sich sehr glcklich, dass Frulein Weber bei Ankunft der Schwestern
gerade dienstfrei war. Sie konnte die Landsmnninnen an der Bahn empfangen und
gleich zu dem bescheidenen Htel garni fhren, in dem sie selbst bei ihrer
ersten Ankunft in Berlin abgestiegen war.
    So weit es ihre Zeit erlaubte, stand sie auch sonst den Schwestern whrend
der ersten Tage rhrig zur Seite und veranlasste auch Lena dazu, sich
unverzglich noch einmal bei der Ober-Postdirektion zu melden.
    Vor allem aber musste so schnell als mglich eine passende kleine Wohnung
gefunden werden, damit Lotte keine Zeit verlor. Von rechtswegen, behauptete
Frulein Weber, htte sie schon Anfang September ihr Geschft erffnen mssen,
wollte sie auf einen Saisonerfolg rechnen. - Lotte aber liess sich durch diese
Behauptung nicht einschchtern. Mit rastlosem Fleiss gedachte sie das Versumte
nachzuholen, sobald sie nur erst ein Arbeitsstbchen hatte und ber die
Bezugsquellen gengend orientiert war.
    Mit der Kundschaft, hoffte sie, wrde sich's dann schon machen. Hatte sie
doch zu Haus, so lange es mit der Mutter noch leidlich gegangen war, einen ganz
respektablen Kundenkreis gehabt. Zu ihrer grossen Genugthuung hatte Lotte auch
hier das Handgeld sozusagen in der Tasche. Marie Weber hatte bereits einen
Winterhut bei ihr bestellt.
    Allerneueste Mode im Preise von zehn Mark. Wenn der Hut schn wrde und sie
recht gut kleidete, hatte die Telephonistin versprochen, unter ihren Kolleginnen
fr Lottes Hte Propaganda zu machen.
    Whrend Lottes schlichter Sinn sich nur auf das nchste Notwendige richtete,
war Lena frmlich berauscht von Berlin, das sie bisher nur einmal flchtig
besucht hatte.
    Ganz gegen ihre sonstige praktische Gewohnheit brachte sie ganze Tage nur im
Anstaunen der Berliner Herrlichkeiten hin. Der in diesem jungen Geschpf lebende
und bisher kaum geweckte Schnheits- und Genusssinn kam in diesen ersten
Berliner Tagen mit pltzlicher Gewalt zum Ausbruch.
    Was konnte man in den wundervollen durchsonnten Herbsttagen auch besseres
thun, als die mrchenhaft schnen Auslagen hinter den grossen Spiegelscheiben
der Magazine bewundern, den herrlichen Tiergarten durchstreifen, Denkmler und
private sowie ffentliche Prachtgebude beschauen? Nein, so wundervoll hatte
Lena sich Berlin denn doch nicht vorgestellt. Lotte war wirklich grenzenlos
philistrs, dass sie an nichts weiter dachte, von nichts weiter sprach, als von
Wohnungsuchen und Wohnungseinrichtung, von Einkufen an Material und den besten
und billigsten Bezugsquellen. Blieb Lotte wirklich einmal an einem Schaufenster
stehen, so war es zweifellos das einer Modistin, von dem sie dann ihrerseits
nicht loszureissen war.
    Lottes instndige Bitten, ihre unantastbaren Beweisfhrungen, dass dies
Leben nur Geld verschlinge, ohne die geringste Aussicht auf Einnahmen zu
gewhren, vermochten Lena endlich dazu, mit dem Wohnungsuchen Ernst zu machen.
    Die Wirtin des kleinen Htel garni, in das Marie Weber sie gefhrt hatte,
war eine ordentliche Frau. Sie meinte es gut mit den hbschen, jungen, gnzlich
erfahrungslosen Dingern und hatte ihnen geraten, sich an die Querstrassen der
sdlichen Friedrichstrasse zu halten. Dort wrde eine kleine passende Hofwohnung
im Preise von 3-400 Mark noch zu finden sein. Ueberdies sei die Gegend fr die
Zwecke von Frulein Lottchen ausserordentlich gnstig. Es wohne da in den
grossen Mietskasernen eine Menge kleinen Publikums beisammen, das sie als Kunden
heranziehen knne. Auf eine Konkurrenz mit Gerson und Bestellungen aus dem
Tiergartenviertel wrde sie ja wohl doch nicht gleich rechnen knnen, hatte die
Wirtsfrau lchelnd hinzugefgt und Lottchen dabei freundlich auf die Schultern
geklopft.
    So hatten die Schwestern, von Marie Weber des nheren unterwiesen, in der
Krausen- und Schtzenstrasse zu suchen begonnen, aber nichts eigentlich
passendes oder wnschenswertes gefunden.
    Lena war der Sache bald berdrssig. Der Tag war sommerlich warm und sie
schlug vor, in einer kleinen Konditorei in der Nhe Station zu machen und
Eischokolade zu trinken. Lotte aber, fr gewhnlich die bei weitem nachgiebigere
und minder energische von beiden, verstand in diesen Angelegenheiten nun einmal
keinen Spass. Sie erklrte Lena ganz kategorisch, dass sie erstens seitdem sie
in Berlin wren, tglich mindestens sechszig Pfennig zu viel verbraucht htten,
und zum zweiten, dass sie die Wohnung noch heute suchen, finden und auf eigene
Hand mieten werde, wenn Lena noch einmal abschnappe.
    Das half. Lena wollte sich denn doch das Heft nicht so ohne weiteres aus den
Hnden winden lassen. Auch war Lotte, trotzdem sie sich jetzt im ersten Ansturm
mchtig zusammenraffte, im Grunde herzlich unpraktisch und wrde vermutlich, auf
sich selbst gestellt, eine grundfalsche Wahl treffen.
    So suchten sie denn gemeinsam weiter, bis sie in der That noch an demselben
Nachmittag nicht nur etwas Passendes, sondern auch etwas Hbsches gefunden
hatten.
    In der Zimmerstrasse, zwischen der Wilhelm- und Friedrichstrasse, waren sie,
einem Mietszettel nachgehend, in eines der lteren Berliner Huser geraten.
Durch einen tiefen dunklen Thorweg kamen sie in einen berraschend freundlichen
hellen Hof, um den sich die Hintergebude im Viereck zogen. Keines ber zwei
niedere Stockwerke hoch, so dass der blassblaue Oktoberhimmel breit und hell
hineinsehen konnte.
    In einen Winkel gedrckt stand sogar noch ein alter Nussbaum da, und
breitete sein noch vllig grnes Bltterdach ber die sauberen Pflastersteine.
Vor den meisten der Fenster waren grne Blumenbretter, dicht mit bunt blhenden
Herbstpflanzen bestellt, angebracht. Hinter den Scheiben blinkten schlichte aber
durchaus saubere Vorhnge. Nirgend lrmten schmutzige verwahrloste Kinder, alles
machte einen gediegenen freundlichen Eindruck, der weit mehr an kleinstdtisches
Behagen, als an das wste Durcheinander grossstdtischer Mietskasernen gemahnte.
    Lotte fhlte sich wohl hier, noch ehe sie die im Hinterhaus zu vermietende
Wohnung angesehen hatte. Hier wrde sie, das war ihr im ersten Augenblicke klar,
arbeiten und etwas leisten knnen. Die grossen hohen Huser mit den engen
dunklen Hfen hatten sie von Anfang an erschreckt und gengstigt, wenn sie sich
auch in ihrem ausgesprochenen Pflichtgefhl berwunden haben und jedes
einigermassen passende Quartier, ohne Rcksicht auf ihre besonderen
Liebhabereien, gemietet haben wrde.
    Lena war nicht im gleichen Masse begeistert. Sie fand das ganze Anwesen
grenzenlos kleinbrgerlich, so gar nicht ein bischen Berlin. Aber am Ende
gestand sie seufzend, dass sie ja vorerst nicht in der Lage seien, grosse
Sprnge zu machen. Also zugegriffen, wenn die Wohnung einigermassen taugte.
    Eine schmale, sehr steile Treppe fhrte zu dem zweiten Stockwerk hinauf. Die
Wohnung bestand aus einer Kche, einem grossen, freundlichen zweifenstrigen und
zwei kleinen einfenstrigen Zimmern und kostete 400 Mark. Smtliche Rume gingen
in einander. Der einzige Uebelstand war der, dass die Kche zunchst an der
Treppe lag, so dass Lottes zuknftige Kundschaft diese Kche wrde passieren
mssen. Aber auch darin sah die kleine Enthusiastin keinen Hinderungsgrund. Man
konnte mittels einer Gardine einen ganz netten Durchgang herstellen, der von dem
dahinter liegenden Wirtschaftsapparat nichts ahnen liess.
    Mit dem Wirt, einem der Ladenbesitzer des Vorderhauses, wurde ein coulanter
Vertrag auf zwei Jahre abgeschlossen.
    Ganz stolz darauf, Besitzerinnen einer eigenen Wohnung in Berlin zu sein,
verliessen die Schwestern das Haus.
    Auf der Strasse drckte Lotte zrtlich Lenas Arm.
    Wenn Muttchen das erlebt htte, Lena, wie glcklich wrde sie gewesen
sein!
    Lena nickte nur und zog Lotte rasch zu einem Schaufenster, in dem
Einrichtungsgegenstnde ausgestellt waren. Hatte man die Wohnung einmal, sollte
es nun auch rasch ans Mblieren gehen.
    Die Einrichtung, die beiden Schwestern gleichen Spass machte, hatte aber
auch eine bse Schattenseite; sie riss ein weit grsseres Loch in das
mtterliche Erbteil, als sie irgend vermutet hatten. Erst jetzt sahen sie, dass
das, was sie von Haus mitgebracht hatten, kaum fr das Notwendigste ausreichte.
    Gardinen fr smtliche Fenster, Vorhangstoff, um den knstlichen Korridor
herzustellen, ein Sofa und ein paar Sessel fr die Kundschaft, ein grosser
Arbeitstisch, ein Glasschrank fr die Auslage der fertigen Hte, eine
bescheidene Kcheneinrichtung und tausend andere Dinge mehr mussten beschafft
werden.
    Das erste grosse Zimmer wurde als Verkaufs- und Empfangsraum eingerichtet,
Lotte nannte es ihr Atelier, das erste kleine zum Arbeits-, Ess- und Wohnraum,
in dem dritten noch kleineren schliefen die Schwestern. Es war gerade fr die
Betten und ein Waschtischchen darin Platz.
    Whrend Lena noch mit der Einrichtung beschftigt war, begann Lotte mit den
Einkufen fr ihr Geschft. Zwei grosse Kaufhuser waren ihr genannt worden, in
denen sie alles Notwendige geliefert erhalten wrde.
    Fr den Einkauf von rohen Hten das Engros- und Exportgeschft von Ehlermann
in der Leipziger Strasse, fr den laufenden Bedarf an Band, Federn und Blumen,
Seiden-, Gaze- und Futterstoffen das Konfektionshaus von Levin am
Hausvogteiplatz. In dies luxuris, im grossen Stil eingerichtete Geschftshaus
einzutreten, hatte Lotte das erste Mal eine heftige Ueberwindung gekostet.
    Das prchtige Haus mit den eleganten Schaufensterauslagen, die
hochherrschaftlichen Equipagen, die vor der Thr hielten und denen Damen in den
elegantesten und modernsten Herbsttoiletten entstiegen, der galonierte Diener,
der die breiten Glasthren aufstiess, das alles hatte sie derartig
eingeschchtert, dass sie eigentlich gar nicht gewagt htte, dies Geschftshaus
zu betreten, wenn nicht Frulein Weber sowohl als auch die Htelwirtin sie
vorher ausdrcklich versichert htten, dass aus diesem grossen prchtigen Hause
viele Hunderte von jungen Mdchen in gleicher Lage wie sie ihren Bedarf bezgen.
    Nach einiger Zeit fasste sie sich endlich ein Herz, trat ein und begann zu
den sechs verschiedenen Hten, die sie bei Ehlermann erstanden hatte, Bnder,
Blumen und Sammet, ja sogar ein paar billige Federn auszusuchen. Der Einkauf
ging sehr langsam und umstndlich von statten. Aber da der junge Mann, der Lotte
bediente, auf den ersten Blick sah, dass er einen Neuling aus der Provinz vor
sich hatte, bte er Geduld. Das Genre kannte er. Ueberdies war die Kleine weit
hbscher und hatte trotz ihrer Schchternheit bedeutend bessere Manieren als
andere ihres Schlages.
    Heut, als beim ersten Einkauf, musste Lotte smtliche Waren baar bezahlen,
aber es wurde ihr gleichzeitig mitgeteilt, dass ihr von ihrem nchsten Einkauf
ab schon ein Monatskredit auf Buch erffnet werden wrde. Bei regelmssigen
monatlichen Zahlungen erhalte sie vier Prozent Vergtung.
    Ueber Lottes feines, blasses Gesichtchen zog ein frohes, dankbares Lcheln.
Wie freundlich und entgegenkommend man in Berlin doch war! Wenn sie nur wsste,
warum man sie und Lena so sehr vor Berlin gewarnt hatte!
    Vor allem Franz Krieger. Wenn er auch nicht viel darber gesprochen hatte,
so war doch sein ganzes Wesen eine einzige grosse stumme Warnung gewesen.
    Ob er am Ende nur so schwarz gesehen, weil er sie gern hatte? Sie wusste es
lngst, aber immer hatte sie sich gescheut, es ihn merken zu lassen. Sie mochte
ihn auch gern, gewiss, aber in anderer Art, und alles in allem hatte Lena viel
mehr fr ihn brig. Lena mit ihrem frischen, lustigen, frhlichen Wesen passte
ja auch viel besser zu ihm, denn er war im Grunde auch lustig und heiter und nur
immer so schrecklich verlegen ihr und Vater gegenber. Es that ihr ja von Herzen
leid, aber wahrhaftig, sie konnte nicht anders. Sie hatte ganz andere
Zukunftsplne, als die Frau eines Mannes zu werden, mit dem sie schon von
Kindheit an gut Freund gewesen war. Hinaufarbeiten wollte sie sich, wie so viele
in Berlin es vor ihr gethan hatten. All' ihren Fleiss wollte sie zusammen
nehmen, bis sie es zu einem feinen Geschft mit einem grossen, prachtvollen
Laden gebracht hatte, wie sie hier so viele sah. Dann sollten Vater und
Schwester bei ihr wohnen und es so recht von Herzen gut bei ihr haben und dann,
ja dann, wenn dann ein Mann bei ihr anklopfte, den sie lieb hatte mehr als alles
auf der Welt, dann sollte er sie haben, ob er arm oder reich war, und herrlich
und in Freuden wollten sie miteinander leben.
    So ganz in Gedanken versunken, bis an das Kinn bepackt, war Lotte zu Hause
angelangt. Als sie ber den Hof schritt, hrte sie von ihrer Wohnung her, in der
alle Fenster offen standen, um die kstlich warme Sonne einzulassen, eilfertige
kurze Hammerschlge, die indess verstummten, whrend sie die Treppen
hinaufstieg.
    Die Thr zur Kche war halb geffnet. An dieser Thr aber prangte etwas, was
Lotte noch nie gesehen und was ihr die Rte der Freude bis unter das goldbraune
Stirnhaar trieb: ein grosses weisses Porzellanschild mit der weithin leserlichen
schwarzen Inschrift:

                        Charlotte Weiss, Putzmacherin.

Hinter der Thr aber lachte Lena vor Freude ber ihre gelungene Ueberraschung. -
    Bei Tisch - die Herrichtung eines einfachen Mittagsbrodes hatte Lena bis zur
ihrer Anstellung bernommen - rechneten die Mdchen und kamen zu dem betrbenden
Resultat, dass von den 1500 Mark Kapital seit ihrer Abreise von der Heimat
bereits ber 500 Mark fr Reise, Htel, Miete praenumerando, Einrichtung und
Lottes heutige Einkufe verausgabt waren.
    Lotte meinte zwar, dass damit die Ausgaben ja nun auch berstanden seien,
und es jetzt ans Verdienen ginge, Lena aber, die wieder sehr praktisch geworden
war, seitdem ihr erster Berliner Rausch verflogen, sah die Dinge weniger
optimistisch an.
    Was fingen sie an, wenn ihre Einberufung nicht binnen Wochenfrist erfolgte
und Lotte nicht gleich verdiente? Selbst im gnstigten Fall wrde bis zu ihrer
Anstellung als Telephonistin noch immer Zeit genug vergehen. Aerztliche
Untersuchung, Aufnahmeprfung, vier bis sechs Wochen unentgeltlicher Dienst, das
neue Jahr wrde herankommen, ehe sie wrde mitverdienen helfen knnen!
    Lena wurde pltzlich sehr niedergeschlagen und fing an, sich Vorwrfe
darber zu machen, dass sie fr sich selbst nicht an eine interimistische
Thtigkeit gedacht hatte. Welche? Da wre freilich guter Rat teuer gewesen.
    Lotte durfte von dieser Depression beileibe nichts merken. Lena dankte Gott,
dass sie den Kopf so hbsch oben trug, und ganz Hoffnung, ganz glckliche
Arbeitsstimmung war. Um doch wenigstens selbst auch gleich etwas zu thun, machte
sie sich daran, ihre Kenntnisse in Geographie, Aufsatz und Rechnen fr die
Aufnahmeprfung wieder aufzufrischen.
    Lotte nahm indess selbstverstndlich zuerst den bestellten Hut fr Marie
Weber in Arbeit. Ob es daran lag, dass sie ganz etwas besonders gutes machen
wollte, ob ihr von den vielen Modellen, die sie tglich in den Schaufenstern
sah, zu vielerlei verschiedene Arrangements vorschwebten und sie verwirrten,
kurz und gut, was ihr nie vordem begegnet war, sie konnte mit dem Hut nicht
zustande kommen. Immer wieder hatte sie die Form anders besteckt. Einmal mit
Schleifen und Blumen, dann mit Federn, schliesslich nur mit Band. Eine ganze
Menge Material war schon beschdigt und unansehnlich gemacht worden, und noch
immer wollte es nicht das Richtige werden. Kein Wunder, dass das endlich fertig
gestellte Machwerk Marie Weber nicht zusagte. Das junge Mdchen war
rcksichtsvoll genug, sich nicht weiter darber zu ussern, bezahlte auch den
ausgemachten Preis, aber die Schwestern sahen es ihr an, dass sie keine zweite
Bestellung machen wrde, und auch auf ihre Weiterempfehlung schwerlich zu
rechnen sei.
    An diesem Abend weinte Lotte bitterliche Thrnen, die ersten heissen seit
dem Abschied von der Mutter Grab. Ihr Selbstvertrauen war tief herabgedrckt,
ihre Hoffnungsfreudigkeit auf Null gesunken.
    Ein besonderer Glcksumstand war es, dass gerade an einem der folgenden Tage
Lenas Einberufung eintraf.
    Nun gab es Neues zu denken und mitzusorgen, und auf Tage hinaus stand fr
die gutherzige, zrtliche Lotte nichts anderes als Lenas nchste Zukunft auf dem
Spiel. Trotzdem die Schwester kerngesund war, erwartete Lottchen sie mit
Herzklopfen von der Untersuchung bei dem Kassenarzt zurck. Wrden Lenas Seh-
und Hrkraft, ihre Lunge und die Blutzusammensetzung auch Gnade vor des
Gestrengen Augen finden?
    Nachdem die kleine schwerbltige Grblerin ber diese Sorge glcklich hinaus
war, kam Lenas Aufnahmeprfung an die Reihe. Bis in den grauenden Morgen des
Prfungstages hatte Lotte die Schwester examiniert und schweren Herzens sich und
Lena immer wieder die Frage vorgelegt, ob Lena auch gut bestehen werde. Da der
prfende Postsekretr der Kandidatin selbst keine gar zu ngstliche
Herzbeklemmung verursachte, war Lena endlich ber Lottes Fragen fest
eingeschlafen und die kleine Aufgeregte hatte die grsste Mhe gehabt, die
Schwester morgens rechtzeitig aus dem Bett zu bekommen.
    Desto grsser war die Freude, als Lena mit dem Uebermut eines Schulknaben,
der wieder 'mal eine mit Hangen und Bangen erwartete Versetzung hinter sich hat,
heimkam.
    Aufnahmeprfung, Vereidigung, alles war glcklich berstanden, und nun gings
mit beiden Fssen zugleich hinein in ein neues Leben.
    Tglich von 8-12 Uhr Vormittags oder von 2-8 Uhr Nachmittags - zuweilen
verschoben sich die Stunden auch - hatte Lena Dienst, der whrend ihrer
Ausbildung in zwei Teile zerfiel: In den praktischen Dienst unter Leitung einer
Aufsichtsdame, in dem das Stadt- und Ferngesprch erlernt wurde, und in den
Instruktionsunterricht bei einem Aufsichtsbeamten, der die Anfngerin ber das
Verhalten in und ausser dem Dienst und die Vorsichtsmassregeln bei Gewitter- und
Feuersgefahr unterwies.
    Lena mit ihrem anschlgigen Kopf erlernte das alles spielend. Ihr frisches,
munteres Wesen trug das seine dazu bei sie beliebt und angenehm zu machen, und
ohne allzu optimistisch zu sein, durfte sie ihre Anstellung um Anfang Dezember
erwarten. Dann gabs fr eine siebenstndige Arbeitszeit durch zwei Jahre 2 Mark
25 Tagegelder. Davon liess sich schon leben, sobald Lotte das ihre dazu
verdiente.
    Wie ein Kind freute sich Lena auf die Zeit, da sie in ihrer schmucken
Uniform, der blauen Leinenjacke mit den rot abgesteppten Nhten und den goldenen
Knpfen, die zu dem glatten schwarzen Rock so nett passte, in Reih und Glied mit
den anderen Kolleginnen wrde arbeiten drfen. Es war eine
Zusammengehrigkeitsaussicht, die ihr ungemein verlockend erschien.
    Whrend Lena so hoffnungsfreudig in die Zukunft sah, geriet Lottchen in eine
immer gedrcktere Stimmung. Ihr anfangs so guter Mut wollte sich nicht wieder
heben. Die Stunden, in denen Lena im Dienst war, dnkten ihr endlos lang zu
sein, und immer trber wurden die Gedanken, an denen sie in diesen einsamen
Stunden spann. Sie war dies Alleinsein von Haus her so gar nicht gewhnt. Dort
war sie besonders whrend der letzten Jahre stets an der Seite der Mutter
gewesen.
    Wenn es noch viel zu thun gegeben htte! Aber die Kundschaft stellte sich
nur sehr sprlich ein und war recht wenig nach Lottchens Sinn.
    Zu Haus hatten die Frau Apothekenbesitzer, die Frau Doktorin, wenn nicht fr
sich, so doch fr ihre zahlreichen Kinder, die Frau Steuereinnehmer, die Frau
Kalkulator neue Hte bei ihr bestellt, oder alte aufarbeiten lassen. Hier musste
sie schon dankbar sein, wenn ein paar Mdchen aus den Nachbargeschften kamen.
Meist fanden sich indess nur Dienstmdchen bei ihr ein, die gegen Abend, whrend
sie Einkufe fr ihre Herrschaft machen sollten, vorsprachen. Es handelte sich
da beinahe stets um denselben Auftrag: der vorjhrige Winterhut sollte bis zum
nchsten Ausgehsonntag neu aufgearbeitet werden.
    Das waren Aufgaben, die in wenigen Stunden ausgefhrt waren und im besten
Fall etwa eine Mark fr den Hut einbrachten.
    Was htte Lotte fr eine einzige Kundin mit ausgiebigen Auftrgen gegeben!
Fr eine Kundin aus besseren Kreisen mit der die Unterhandlung keine moralische
Pein war, die sich bei dem feinfhligen Mdchen oft bis zum physischen Unbehagen
steigerte.
    Die Sehnsucht nach der toten Mutter wuchs wieder mchtig in ihr auf. Nur
einmal whrend der vielen totstillen Stunden ihr Grab aufsuchen drfen, ein paar
armselige Blumen darauf niederlegen, ber dem kahlen Hgel beten und weinen!
    Und nicht allein zu der Toten, auch zu den Lebendigen trieb sie's zurck.
    Sie wollte sichs nicht eingestehen und doch war es so, jetzt schon, nach
wenigen Wochen, hatte das Heimweh sie gepackt. Nach dem Vater, nach den wenigen
Bekannten, nach den engen, vertrauten Gassen sehnte sie sich zurck. Mehr als je
zuvor musste sie auch an Franz Krieger denken. Wenn er am Ende doch recht gehabt
und sie und Lena im Unrecht gewesen wren! Ein herzbeklemmendes Gefhl war es
jedenfalls, allein und fremd zu sein unter Millionen von Menschen. Niemals ein
bekanntes Gesicht zu sehen, einen freundlichen Gruss zu bieten oder zu
empfangen. Die Freude wrde sie berwltigt haben, wenn ihr eines Tages nur
irgend ein gleichgiltiger Mensch aus der Heimat begegnet wre. Nur einmal etwas
anderes sehen als fremde Gesichter.
    Wie viel besser hatte es doch Lena! Von ganzer Seele gnnte sie ihr das
glcklichere Los, das sie gezogen hatte, aber dem Vergleich konnte sie sich
nicht entziehen. Whrend die Schwester mit einer Schar von Kolleginnen, die alle
die gleichen Interessen verbanden, zusammen arbeiten durfte, angestrengt
arbeiten, ohne rechts und links zu sehen, sass sie allein, oft ohne jede
gengende Beschftigung, und ihre Augen suchten und fanden nichts als einen
stillen, engbegrenzten Raum. Was ihr in den sonnigen Herbsttagen so gefallen,
die abgeschlossene kleinstdtische Ruhe des mauerumfriedeten Hofes, schien ihr
jetzt, wo der Herbstzauber dahin war, nur noch ein des totes Einerlei.
    Grau, bltterlos, halbverschneit stand der Nussbaum da. Die Fenster der
Nachbarn, die im Oktober einen so freundlichen Einblick in das Innere der
Wohnungen gewhrt hatten, waren fest verschlossen. Vor den Fenstern blhten
keine Blumen mehr, und der breite, in das Mauerwerk hinein lugende Himmel war
grau und schwer, wie alles in der engen Nachbarschaft.
    In den Stunden, zu denen Lena da war, liess sich freilich alles ganz anders
an. Trotzdem sie meist totmde nach Haus kam, wusste sie doch immer von
allerhand lustigen und interessanten Dingen zu erzhlen.
    War der Dienst auch noch so streng und geregelt, die Aufsichtsdame noch so
unnachsichtig, ein paar Augenblicke, um mit den Nachbarinnen zu plaudern, fanden
sich doch immer. Und dann die grosse, fast einhalbstndige Erholungspause! Wie
die Bienen schwrmten sie dann aus, die luftigen, sauber gehaltenen Steintreppen
herunter in das kleine Paradies hinein, das die jungen Mdchen auf eigene Kosten
begrndet hatten und aus eigener Tasche erhielten. Da gab es guten Kaffee und
Bier und belegte Brdchen, vor allem aber einen Schwatz, wie er lustiger bei
keinem Kaffeekrnzchen gedacht werden konnte. Was man da alles erfuhr und
lernte! Unter den hundert Telephonistinnen in Lenas Saal waren neben den
Tchtern aus einfachen Familien auch junge Mdchen aus den besten Kreisen
vertreten. Ja drei wirkliche adelige, zwei Oberstleutnantstchter und eine
Majorstochter a.D., waren darunter. Sie waren weder hbsch noch so chic in ihren
Strassenkostmen, wie die meisten der andern Mdchen, aber vornehm waren sie,
kolossal.
    Im Hause des Oberstleutnants von Strehsen hatte Prinz Leopold bei einem der
vielen Brder Pathe gestanden. Jetzt waren die jungen Herren lngst alle
Kadetten oder standen als Leutnants in der Armee, und die Schwestern mussten mit
verdienen helfen, damit die Offiziere nur einigermassen standesgemss leben
konnten.
    Warum die Brder alle zum Militr gingen, wenn kein Geld dazu da war, auf
diese etwas naseweise Frage Lenas hatte das lteste Frulein von Strehsen, das
sonst sehr nett mit ihr zu sein pflegte, freilich keine Antwort mehr gegeben,
sondern ihr achselzuckend den Rcken gedreht. Aber das wrde sich schon wieder
geben. Sie war im Grunde nicht stolz, das Frulein Clementine und fr ein
Frulein von eine gutmtige Person.
    Auch ber die Arbeit selbst sprach Lena sich dauernd sehr befriedigt aus.
Die Handgriffe wurden ihr spielend leicht. Nach acht Tagen schon hatte sie alle
Verbindungen herzustellen verstanden. Auch sprach sie deutlich und hrte scharf.
Frmlich gelehrte und von technischen Ausdrcken wimmelnde Vortrge ber die
sinnreiche Einrichtung der Schrnke, ber den Sprach- und Hrapparat, ber das
Arbeiten mit den Klinken wusste sie Lotte zu halten. Und wie sauber, ja frmlich
appetitlich alles gehalten wurde, es war eine wahre Lust.
    Lenas Enthusiasmus fr ihren neuen Beruf kannte keine Grenzen. Er umfasste
das kleinste und das grsste mit gleicher Liebe.
    So ganz eingenommen war Lena von ihren eigenen Interessen, dass sie es
vllig bersah, wie blass und abgespannt Lotte war. Als sie dann eines Tages das
trbselige, niedergeschlagene Wesen der Schwester zu bemerken begann, fing sie
in ihrer frischen energischen Art heftig zu schelten an.
    Wo soll denn das hin, Lotte? Wie siehst Du denn aus? Das kommt von dem
ewigen Stillsitzen und Alleinsein. Du wirst noch krank werden und dann haben
wir's! Das muss anders werden. Zerstreuung und Bewegung musst Du haben.
    Hol' mich doch heut 'mal abends vom Amt ab. Es ist solch' ein amsanter Weg
nach dem Westen heraus. Ich hab' Dir das schon so oft vorgeschlagen. Ich zeige
Dir die drei Offiziersfruleins. Wir sind immer in derselben Tour. Auf dem
Rckwege bummeln wir dann noch ein bischen vor den Lden herum, es sind noch
immer eine ganze Menge auf.
    Aber Lotte wollte nicht. Sie ging ungern allein weite Wege und hielt sich
lieber in der Nachbarschaft, wo sie leicht wieder nach Hause konnte. Es war ihr
unertrglich, sich anstarren zu lassen, oder gar dreiste Worte mit anhren zu
sollen, die ihr die Rte der Scham in die Wangen trieben. Mehrmals war es ihr
schon so ergangen, ohne dass sie in ihrer stillen Art jemals davon gesprochen
hatte.
    Wenn Du mich nicht abholen willst, so hol' Dir wenigstens ein Buch aus der
Leihbibliothek und vertreibe Dir damit die einsamen Stunden. Du liest ja so
gern.
    Bcher leihen kostet Geld.
    Puh! Sind wir so klamm, dass es auf ein paar Groschen ankommt?
    Ich frchte, Lena.
    Lena ksste die Schwester.
    Du, mach blos kein so trauriges Gesicht. Ich kann das nicht sehen. Pass
auf, in vierzehn Tagen habe ich meine Anstellung in der Tasche, und Du so viel
Weihnachtsbestellungen, dass Du vor Arbeit nicht weisst, wo aus noch ein. Dann
leben wir im knftigen Jahr wie die Gtter und geniessen das schne, himmlische
Berlin.
    Lotte lachte. Wenn Lena so sprach, war sie unwiderstehlich.
    Siehst Du, da lachst Du schon. Es war aber auch hchste Zeit, denn ich muss
gleich in den Dienst. Vorher aber musst Du mir versprechen, dass sobald Du den
Hut fr Gutmanns Kchin fertig hast, den noblen, weisst Du, fr eine Mark, Du
heruntergehst und Dir von nebenan ein hbsches Buch holst. Die paar Groschen fr
Dein Vergngen werden wir uns wohl noch absparen knnen. Du - und Lotte - nimm
ja nichts Rhrendes. Ich will Dich heute abend nicht wieder mit verweinten Augen
sehen!
    Lotte sah ihr lchelnd nach. Wie frhlich, wie hbsch, wie lustig die Lena
war! Wie schnell sie sich in das neue Leben eingewhnt hatte! Ja, der konnte es
nicht fehlen in Berlin!
    Um fnf Uhr war Lotte mit ihrem Hut fertig. Einkufe hatte sie heute nicht
mehr zu machen. Das wenige, was sie zum Abend brauchten, war im Hause. Auch ihre
Materialvorrte reichten bei den knappen Bestellungen noch auf ein Weilchen aus.
Sie genierte sich ordentlich, bei Levin so wenig Gebrauch von dem ihr seit dem
1. November erffneten Konto zu machen. Aber vielleicht hatte Lena recht, und es
wurde fr den Weihnachtsmonat besser mit den Bestellungen.
    Mit diesen Gedanken ging sie die Treppe hinunter, auf der eine einzige kaum
zur Hlfte aufgedrehte Gasflamme brannte. Bis zu der kleinen Leihbibliothek
waren es nur ein paar Schritte, als Lotte aber fhlte, dass die rauhe, frische
Luft ihr gut that, legte sie ihre Scheu vor dem Alleingehen ab und schritt
eiligst die Strasse ein paarmal auf und nieder.
    Pltzlich sah sie wieder alles mit heitereren, lebensfroheren Augen an. Lena
hatte recht, sie durfte sich wirklich nicht einsperren wie eine Gefangene. Ein
einziger Blick in die Aussenwelt liess gleich alles anders erscheinen.
Ordentlich frhlich schritt sie so einher und blieb sogar ganz wider ihre
sonstige Gewohnheit zuweilen stehen, um einen Blick auf die hellerleuchteten
Schaufensterauslagen zu werfen. So manches Geschft hatte schon fr Weihnachten
gerstet. Lotte berlegte, ohne diesmal an das leidige Geld zu denken, was sie
Lena und dem Vater wrde geben knnen.
    Aus dem grossen Bierrestaurant an der nchsten Ecke, das sie sonst in weitem
Bogen ngstlich zu umkreisen pflegte, seitdem sie einmal gegen Abend an der
Ausgangsthr von zwei jungen Leuten angesprochen worden war, trat eine heitere
Menschengruppe. Junge Mnner und ein paar Damen. Sie trugen Schlittschuhe in der
Hand oder ber den Arm gehngt, und sprachen lachend davon, wie gut der heisse
Grog nach der rauhen Luft auf der Eisbahn ihnen gethan. Ein frischer,
natrlicher Hauch ging von ihnen aus, etwas ursprngliches, das Lottes krankem
Gemt wohlthat. Wer weiss, ob diese Menschen nicht auch ihre Sorgen hatten und
konnten doch auf Stunden vergngt sein. Warum sollte sie allein ihr Leben
vertrauern, weil nicht gleich alles so ging, wie es htte gehen sollen? Konnte
sich denn nicht alles mit einem Schlage ndern? Konnte das, was sie vor zwei
Monaten ertrumt, als sie nach Berlin gekommen war, nicht dennoch Wahrheit
werden? Wo so viele, viele tausende einen sicheren Hafen fanden, weshalb sollte
sie gerade scheitern? Lotte richtete sich ein wenig straffer in den Schultern
auf und ging mit festen Schritten vorwrts.
    Vor ihr trippelten drei kleine acht- bis zehnjhrige Mdchen. Sie waren sehr
rmlich gekleidet und gegen die rauhe Luft nur mit verschlissenen Sommerjckchen
oder einem kreuzweis ber die Brust geschlungenen Tuch geschtzt. Arm in Arm
spazierten sie frhlich vor Lotte her und sangen dazu in einem schrillen Discant
einen Gassenhauer, von dem Lotte nur den Refrain verstand:

Ich kenn' die Welt genau,
Ich lass mich nicht verfhren,
Dazu bin ich zu schlau.

Lotte wurde rot bis unter das goldbraune Stirnhaar. Mein Gott, was diese
Berliner Kinder alles daherredeten, es war schrecklich! Ganz dunkel gings ihr
dabei durch den Sinn, dass die Armut am Ende einer so dsteren Vorschule
bedrfe, die schon in der Kindheit vor nichts zurckschrecken macht, um sich mit
Erfolg durchs Leben zu schlagen.
    Die unklaren Vorstellungen, die sich an das hssliche Lied knpften, hatten
Lotte wieder traurig gemacht, und mit dem melancholisch resignierten Lcheln,
das jetzt schon in ihrem lieblichen Gesichtchen frmlich festgewachsen zu sein
schien, trat sie endlich in den kleinen Buchladen ein.
    Der enge Raum war nur notdrftig erhellt, so dass Lotte anfangs nichts
unterscheiden konnte, als ein paar hohe Bcherregale und die Platte des
Ladentisches.
    Die schmale Glasthr zu einem Nebenzimmer in gleicher Flucht mit dem Laden
stand offen. Auf einem breiten, altmodischen schwarzen Rosshaarsofa sass da ein
junger Mann, eifrig ber eine Papierlage gebckt und schrieb.
    Er schien das leise Anschlagen der Ladenthrklingel vllig berhrt zu
haben. Erst ein kleines Gerusch, das Lotte absichtlich machte, um seine
Aufmerksamkeit zu erregen, liess ihn nervs von seiner Arbeit auffahren.
Unwillig sprang er auf und trat durch die Glasthr hinter den Ladentisch.
    Zunchst mochten seine Gedanken noch bei der Arbeit sein, die er dort
drinnen verlassen hatte, denn er gab auf Lottes bescheidene Fragen sehr konfuse
Antworten. Dann pltzlich erhellte sich sein anfangs unmutig verzogenes Gesicht.
Er drehte die Gasflamme ber dem Ladentisch heller und beugte sich etwas zu
Lotte hinber, um seine Zerstreutheit zu entschuldigen.
    
    Whrend er ihr einige Bcher zur Auswahl vorlegte, bemerkte sie, dass er ein
sehr brnetter, schlank aufgeschossener, ungewhnlich hbscher junger Mensch
war.
    Lotte bltterte, jetzt selber etwas zerstreut, in den ihr vorgelegten
Romanbnden. Dann pltzlich sah sie zu dem jungen Mann auf und gerade in seine
graublauen Augen, die er, wie sie jetzt fhlte, unentwegt auf sie gerichtet
gehalten hatte.
    In ttlicher Verlegenheit stotterte sie etwas von Preisen, die sie erst
kennen msse, bevor sie eine Wahl trfe. Er nahm ein kleines vergilbtes
Oktavblatt von einem erhhten Pult hinter dem Ladentisch und hndigte es ihr
ein. Zerstreut berblickte sie die Abonnements-Bedingungen und sagte dann
zgernd:
    Also fr ein Buch sind zehn Pfennige zu entrichten?
    Fr einen bis drei Tage, ja. Aber ich wrde Ihnen vorschlagen, Frulein,
ein Abonnement zu nehmen.
    Als sie einen Einwand erheben wollte, dessen Grund er ahnte, fiel er ihr
rasch in die kaum begonnene Rede.
    Eine Mark monatlich fr ein Buch, Frulein, und wenn Sie die Gte haben
wollten, mir Namen und Adresse aufzuschreiben, wrde das Pfand ganz fortfallen.
    Nach einem, von Seiten des jungen Mannes dringenden, von Lottes Seite
zgernd verlegenen Hin und Her wurde der Handel abgeschlossen.
    Trotz der Gegenwehr des jungen Mannes legte Lotte eine Mark auf den
Ladentisch. Sie wusste von zu Haus, wo sie die armselige Leihbibliothek viel
benutzt hatte, dass Leihgebhren praenumerando gezahlt werden mssen.
    Und darf ich nun ganz ergebenst um Jhre werte Adresse bitten, mein
Frulein?
    Charlotte Weiss, Putzmacherin, Zimmerstrasse 15.
    Whrend der junge Mann notierte, flog ein zufriedenes Lcheln ber sein
blasses Gesicht.
    Also Nachbarn? Da werden Frulein doch recht oft zum Umtauschen kommen.
Jeden Tag ist es gestattet, ein neues Buch zu entnehmen.
    So viel Zeit zum Lesen werde ich hoffentlich nicht haben, erwiderte Lotte
schchtern.
    Die Kundschaft ist wohl recht gross?
    Leider nein. Aber ich bin auch erst seit zwei Monaten in Berlin, da kann
man nicht allzu viel erwarten.
    Freilich nicht, bei der grossen Konkurrenz. Er sah das hbsche junge
Geschpf mitleidig an. Aber wenn ich das Frulein vielleicht empfehlen drfte?
    Sie sind sehr gtig, Herr -
    Verzeihung, dass ich vergass, mich vorzustellen, mein Name ist Schmittlein,
Gerhart Schmittlein. Ursprnglich verdorbener Schauspieler, jetzt
Geschftsfhrer meiner Tante Wohlgebrecht, Besitzerin dieses Ladens. Mein
eigentlicher Beruf freilich, fr den ich lebe und sterbe -
    Ein lauter Anschlag der Klingel, die Ladenthr ging auf. Herrn Schmittleins
Gesicht verfinsterte sich wieder, und Lotte bltterte angelegentlichst in den
vor ihr liegenden Bchern. Sie wusste nicht, warum, aber es war ihr pltzlich
furchtbar peinlich, hier gesehen zu werden, noch dazu von der Kchin ihres
Wirtes, die ein Buch umzutauschen kam. Das Neueste von der Marlitt hatte die
Frau beordert. Aber ja das Allerneueste.
    Whrend Herr Schmittlein mit einem spttischen Lcheln nach Lektre suchte,
bemerkte das Mdchen Lotte. Die robuste Person machte nicht viel Umstnde mit
dem Frulein aus dem Hinterhaus.
    Du lieber Jott, so'n Wurm aus der Provinz, das fr ne Mark und drunter
garniert! Einen Unterschied in der gesellschaftlichen Stellung zwischen ihnen
beiden konnte sie nicht finden.
    Na Freileinchen, wie stehts denn? Krieg' ich bis Sonntag mein' neuen? Wenn
Sie mir in Stich lassen, sind wir jute Freunde jewesen.
    Lotte konnte vor Verlegenheit und Scham kaum antworten.
    Fr was musste Herr Schmittlein sie halten, wenn diese gewhnliche Person in
einem Ton wie zu ihresgleichen mit ihr sprach?
    Gottlob schien er die Anrede der Kchin berhrt zu haben. Wenigstens liess
sein Gesicht nichts von einem blen Eindruck merken. Mit einem freundlichen, ja
frmlich tiefen Blick sah er sie an, als er sich jetzt umwendete und dem Mdchen
ein Buch einhndigte.
    Sagen Sie Ihrer Herrschaft, dass vom Jenseits keine Novitten ausgeliefert
wrden, wenigstens bis dato nicht. Hier ist eine lebendige Marlitt, auch nicht
schlechter als die tote.
    Die Kchin sah ihn an, als ob er chaldisch rede. Dann nahm sie das Buch
unter den rotblauen bis zum Ellenbogen nackten Arm und warf die Thr laut hinter
sich ins Schloss.
    Aber auch Lotte drngte es nun fort, trotz aller Anstrengungen, die Herr
Schmittlein machte, um sie zu halten und das unterbrochene Gesprch wieder
aufzunehmen. Das Buch lag eingewickelt vor ihr, sie hatte keinen Grund lnger zu
bleiben.
    Zu Haus erst bemerkte sie, dass Herr Schmittlein ausser dem Band moderner
Novellen, den er ihr so warm empfohlen, noch einen dicken Band Gedichte
eingewickelt hatte. Ohne auf Titelblatt oder Verfasser zu sehen, schlug Lotte
das Buch bei dem vermutlich zufllig darin liegenden Zeichen auf.
    Das Gedicht, das durch einen dicken Bleistiftstrich am Rande noch besonders
kenntlich gemacht war, sprach von einem sterbenden Mdchen, an dessen armseligem
Lager die Mutter sehnlichst den Morgen erwartet.
    Die ersten Strophen kamen Lotte in ihrer jetzigen Stimmung besonders rhrend
vor. Dann pltzlich stutzte sie und berlas mit heissen Augen zwei, dreimal eine
weitere Strophe. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Dachten auch andere, wie Franz
Krieger gedacht? Dieser ihr unbekannte Dichter und Herr Schmittlein? Hatte der
junge Mensch in den kurzen Minuten ihres Zusammenseins ihr das Heimweh und die
Todesangst vor der Zukunft aus den Augen gelesen? Hatte er Zeichen und
Merkstrich eigens fr sie gemacht, um auch seinerseits warnend den Finger
aufzuheben?
    Um sich ein wenig zu beruhigen, den Geisterspuk zu bannen, der fr sie in
den vor ihr liegenden gedruckten Zeilen lag, begann sie in ihrer schlichten,
eintnigen Manier die Verse laut vor sich hin zu lesen:

Die Not im lch'rigen Gewande
Zertritt die Perle der Moral;
Das Loos der Armut ist die Schande,
Das Loos der Schande das Spital!
Ja, jede Grossstadt ist ein Zwinger,
Der rot von Blut und Thrnen dampft,
Drum htet Euch, ihr armen Dinger,
Denn diese Welt hat schmutzige Finger -
Weh, wem sie sie ins Herzfleisch krampft. -

Als Lena an diesem Abend erst gegen elf Uhr nach Hause kam, - sie hatte
ausnahmsweise bis um zehn Dienst gehabt, - fand sie Lotte mit dem Kopf auf dem
Tisch ber ihren Bchern eingeschlafen. Als sie die Schlafende aufrichtete, war
ihr Gesicht von Thrnen berstrmt.
    Aergerlich warf Lena die Bcher bei Seite und Lotte wach kssend, sagte sie:
    Und ich hatte Dir doch so streng verboten, etwas Rhrendes aus der
Bibliothek zu holen. -
    Wenige Tage spter, an einem Sonntag Vormittag, als Lotte die Welt wieder
mit etwas lichteren Blicken anzusehen begann - sie hatte gerechnet und gefunden,
dass das Geschft sich ein wenig zu heben schien - klingelte es draussen an der
Flurthr.
    Eine kleine, untersetzte behbige Frau in etwas aufflliger Sonntagstoilette
stand vor ihr und stellte sich als Frau Wohlgebrecht, Besitzerin der
Leihbibliothek, vor.
    Lotte bat die kleine Dame zaghaft, durch den knstlich hergestellten
Korridor einzutreten, und fragte dann verlegen, ob sie wegen des Pfandes kme,
oder ob sonst etwas versehen worden sei, Herr Schmittlein sich etwa im
Abonnementspreis geirrt habe?
    Die Frau lchelte gutmtig und ttschelte Lotte ber das prachtvolle Haar.
    I wo denn, wo denn, was denn nicht noch? wies Frau Wohlgebrecht die
verzagt Fragende freundlich zurck und liess sich behaglich in einem der neuen
Plschsessel in Lottes Atelier nieder.
    Einen Hut wollt' ich mir bei Ihnen bestellen, Frulein Weiss. Was man in
der Nachbarschaft haben kann, soll man nicht zu weit suchen.
    Lotte wurde glhend rot. Herr Schmittlein meinte es also wirklich gut mit
ihr! Und dann stotterte sie etwas von zu gtig und machte sich eilfertig
daran, ihren grossen Glasschrank aufzuschliessen, in dem drei einsame Hte seit
Wochen ihr unbeobachtetes Dasein fristeten.
    Aber Frau Wohlgebrecht wehrte ab. Das lassen Sie man, Frulein. Was
Fertiges will ich nicht. Das werden Sie zum Fest schon noch loswerden. Ich
mchte was Hbsches, Neues, nach meinem eigenen Geschmack. Ich denke so, Sie
stecken mir einen Hut flchtig auf und kommen dann zur Anprobe 'rum. Haben Sie
Hutformen, Band und Federn hier?
    Lotte schloss den Schrank wieder zu und holte ihren noch ziemlich
reichlichen Vorrat von Levin und Ehlermann herbei. Nachdem Frau Wohlgebrecht
eine Menge gutes Material ausgewhlt hatte, wurde es bei Seite gelegt, und Lotte
versprach, die Anprobe bis bermorgen Abend fertig zu halten.
    Sehr schn, Frulein, sehr schn.
    Frau Wohlgebrecht sah dabei erst Lotte, dann das nette saubere Zimmer an.
Dann sagte sie pltzlich:
    Wissen Sie was, Frulein, wenn Sie weiter nichts vorhaben, sollten Sie sich
so einrichten, gleich den Abend ber dazubleiben und ein Butterbrod bei mir zu
essen. Mein Neffe liest uns vor, und dabei knnen Sie ja, wenn Sie wollen, den
Hut gleich fertig machen, dann verlieren Sie keine Zeit.
    Lotte machte zu der freundlichen Einladung ein so verlegenes Gesicht, dass
Frau Wohlgebrecht eine beleidigte Miene aufzog.
    Sie hatte dem einsamen Wurm auf freundliche Weise eine Abwechselung und
Ersparniss verschaffen wollen.
    Das arme Mdchen, nach welchem sie inzwischen die eingehendsten
Erkundigungen eingezogen hatte, that ihr leid. Sie hatte ihm etwas Gutes
zuwenden wollen, und nun schien es, als solle sie mit einem hochmtigen Korb
dafr belohnt werden. Da hatte der Junge, der Gerhart, ihr was Nettes
eingebrockt!
    Sie erhob sich mit einem sehr piquierten: Wenn Sie nicht wollen, oder was
Besseres vorhaben, freilich -
    Lotte war ganz benommen von diesem seltsamen Erfolg ihrer dankbaren
Verlegenheit.
    O Gott nein, verehrte Frau. Sie haben mich gewiss nicht richtig verstanden.
Ich kme ja nur allzugern, aber gerade am Dienstag hat Lena, meine Schwester,
keinen Abenddienst. Ich weiss nicht, ob Sie davon wissen - wir sind beide so
ganz fremd in Berlin - haben noch keinen Familienanschluss, und da kann ich Lena
doch hier nicht so allein sitzen lassen. - Wre es vielleicht am Mittwoch
gestattet, da ist Lena bis 9 Uhr auf dem Amt -
    Frau Wohlgebrecht hatte sich lngst wieder gesetzt. Sie schmunzelte vergngt
vor sich hin. Das war so ganz nach dem Sinn der gutherzigen Frau, gleich zwei
armen Dingern einen angenehmen und billigen Abend zu verschaffen, und dazu ihrem
Gerhart ein doppeltes Vergngen. Denn dass der Strick lieber zwei Zuhrerinnen
fr seine Poesien haben wrde, als eine, das wusste sie im voraus.
    Bis Mittwoch warten? Wo denken Sie hin, Frulein?
    Es bleibt bei Dienstag und Sie bringen Ihre Schwester mit. Abgemacht.
    Frau Wohlgebrecht hielt Lena die Hand hin.
    Schlagen Sie ein, und auf gute Nachbarschaft.
    Was hat Ihnen mein Neffe denn mitgegeben?
    Lieder eines Modernen.
    Sie schob das Buch geringschtzig bei Seite.
    Auf diesem Punkt ist nichts mit ihm anzufangen. Nichts geht ihm ber das
Moderne, und in seinen eigenen Werken -
    Lotte wurde wieder einmal dunkelrot, diesmal vor freudiger Ueberraschung.
    Herr Schmittlein dichtet auch selbst?
    Frau Wohlgebrecht legte ihren dicken Zeigefinger ber die Lippen.
    Pst, Fruleinchen, im tiefsten Vertrauen will ich's Ihnen erzhlen, er
dichtet nicht nur, er ist sogar ein grosses Talent. Gedruckt ist freilich noch
nichts von ihm, aber passen Sie auf, es wird, es wird. Ich seh' es schon, wie
die Kundschaft, die er mir ja schon ganz aufs Moderne dressiert hat, ob sie will
oder nicht, nichts anderes fordern kommt, als Schmittlein und wieder
Schmittlein. Und geben Sie 'mal Acht, wenn dann in den Zeitungen grosse Artikel
ber ihn stehen, dann wird es auch heissen, seine Tante, die Wohlgebrecht, die
hat ihn eigentlich entdeckt. Sie glauben nicht, Frulein, was ich mit dem Jungen
schon alles durchgemacht habe, aber er lohnt mirs, er lohnts, passen Sie auf.
Als sechsjhrigen Bengel hab' ich ihn schon bei mir gehabt, denn die Mutter,
meine Schwester selig, war immer krank. Da ich nichts eigenes Kleines hatte,
that ich's ja auch nur allzugern. Nachher, wie gar nichts aus ihm wurde und er
durchaus zum Theater wollte, worber der Schwager rein wild war, hab' ich ihn
wieder zu mir genommen, das war nach dem Tode meines Seligen. Ich hab' ihm die
Hauptflausen ausgetrieben und ihn ein bischen Buchhndler lernen lassen, und
jetzt ist er mein Geschftsfhrer und ebenso gut als ich selber, nur natrlich
viel gebildeter, denn trotzdem er eigentlich nicht viel gelernt hat, weiss er
Alles. Mein einziger Kummer ist, dass ich glaube, er hlt nicht so recht zu
unserem Kaiserhause und hat auch darin allzu neumodische Ansichten. Nein, Sie
brauchen nicht zu erschrecken, Frulein, Anarchist ist er nicht, aber Demokrat,
Sozialdemokrat, wahrhaftig ja, das ist er. Na, das das sind ja wohl die jungen
Leute heut alle, die nicht mit 'ner Million in der Tasche auf die Welt gekommen
sind. Vereine und Versammlungen, die besucht er fr sein Leben gern. Politische
und literarische. Aber sonst ist er sehr solide, und ich bin mit ihm zufrieden,
und wenn ich im Frhjahr fort muss, kann ich ihm das Geschft getrost auf eine
Weile berlassen.
    Sie wollen fort, Frau Wohlgebrecht?
    Ich muss, mein Engel, auf ein paar Monate. Meine Bruderstochter, die ist
oben in Westpreussen auf dem Lande verheiratet. 'Ne Mutter hat der Wurm nicht
mehr, gerade wie Sie, Fruleinchen. - Na deswegen mssen Sie nicht gleich
weinen. Darin hat der Gerhart so unrecht nicht, dass manch einem besser da oben
- oder wie er sagt, im Nichts - denn auch mit der Religion ist's schwach bei
ihm bestellt - als unten bei uns zu Mute ist. Ja, was ich sagen wollte, zu
meiner Bruderstochter kommt im Frhjahr zum erstenmal der Storch, und den Besuch
mcht ich das kleine Frauchen nicht allein berstehen lassen.
    Jetzt zog Frau Wohlgebrecht eine dicke goldene Uhr zwischen den Knpfen
ihrer braunen Taille hervor.
    O, o, meinte sie und erhob sich gemtlich, da habe ich mich ja schn
verplaudert. Also am Dienstag auf Wiedersehen, Frulein. So um sieben 'rum
erwarte ich Sie. Ach was, zu danken brauchen Sie nicht, versteht sich doch von
selbst, dass man freundlich zu 'nem armen Mdchen ist, das sich
mutterseelenallein durch die Welt schlagen muss.
    Lotte sah ihrem Besuch nach, bis die Windung der Treppe ihr Frau
Wohlgebrechts Anblick entzogen hatte.
    Wie gut diese Frau mit ihr war und sicherlich durch die Frsprache des Herrn
Schmittlein! Gar nicht mehr so verlassen kam sie sich vor, seit Frau
Wohlgebrecht bei ihr gewesen war. Gott im Himmel, nein, gewiss wrde ihr die
Grossstadt nicht zum Zwinger werden, der rot von Blut und Thrnen dampft.
Heute wollte sie jedenfalls nicht mehr an das schreckliche Gedicht denken. Nein,
keinen Augenblick mehr.
    Mit heissen Backen setzte sie sich an das Kchenfenster. Was Lena wohl dazu
sagen wrde, dass sie eine wirkliche Einladung bekommen hatten, die erste in
Berlin, und noch dazu in das Haus eines wirklichen Schriftstellers! Lotte
schwindelte der Kopf. Wenn Lena nur erst da wre, damit sie ihr volles,
glckliches Herz ausschtten konnte!
    Ein brenzlicher Geruch hinter dem Vorhang erinnerte sie daran, dass das
Mittagbrot noch nicht fertig war. Schnell band sie eine Schrze ber das
Sonntagskleid, zog den Vorhang zurck und stellte sich an den Herd. Aber whrend
sie mechanisch auf das Essen acht gab, schweiften ihre Gedanken weit fort und zu
dem zurck, was Frau Wohlgebrecht ihr von Gerhart Schmittlein erzhlt hatte, und
mit einem schweren Seufzer fragte sie sich, ob, wenn der Umgang wirklich
fortgesetzt wrde, ihre lckenhafte Bildung, ihr mangelhaftes Verstndnis fr
Dinge, die sie kaum dunkel ahnte, jemals dazu ausreichen wrden, dem hohen Fluge
seiner Gedanken zu folgen. -
    Lena teilte zwar Lottes freudigen Stolz ber Frau Wohlgebrechts Einladung
nicht, aber sie war durchaus einverstanden damit.
    Erst vor einigen Tagen hatte eine der Aufsichtsdamen es ihr nahe gelegt,
Familienanschluss zu suchen. Sie sei nun lange genug in Berlin, um daran zu
denken.
    Da Lena wusste, dass der Verkehr in rechtschaffenen Familien beinahe ein
Gesetz fr die auf dem Amt beschftigten jungen Mdchen war, und sie jetzt, kurz
vor ihrer Anstellung, ganz besonders bemht sein musste, jedem Wunsch von Seiten
der Behrde zuvorzukommen, kam ihr Frau Wohlgebrechts Einladung sehr gelegen.
Lenas sonstige Aussichten auf Geselligkeit waren gleich Null. Der Verkehr mit
Marie Weber konnte nur ausnahmsweise gepflogen werden.
    Das junge Mdchen arbeitete auf Amt IV und die Flle, dass ihre
beiderseitige Dienstzeit so fiel, dass sie einen Abend htten zusammen
verbringen knnen, wrden zu zhlen sein. Das Krnzchen, das krzlich von den
Kolleginnen ihres eigenen Amtes veranstaltet worden war, hatte sie bisher der
Trauer wegen nicht besuchen knnen. Anderen Anschluss aber hatte sie nirgends
gefunden.
    Lotte war berglcklich, dass sie der Schwester so indirekt einen Dienst
erweisen konnte. Gewhnlich war es umgekehrt gewesen, und alle Beziehungen, die
das Leben der Schwestern bisher verschnt hatten, waren von der
temperamentvolleren, heitereren Lena ausgegangen. Leider war, wie so hufig in
dieser mangelhaftesten aller Welten, die Vorfreude der bessere Teil der Sache
gewesen.
    Anfangs zwar hatte sich alles trefflich angelassen. Die Schwestern waren von
Frau Wohlgebrecht sehr herzlich empfangen worden. Herr Schmittlein hatte sich
bemht, seiner strmischen Freude, Lotte wieder zu sehen, einen Dmpfer
aufzusetzen, um die andere Schwester nicht zu beleidigen, die ihm brigens,
trotzdem sie entschieden die hbschere von beiden war, nicht halb so gefiel als
die sanfte, therische Lotte.
    Dann war die Hut-Angelegenheit als erste Programmnummer gefolgt. Sie war
sehr glcklich abgelaufen. Frau Wohlgebrecht hatte dem Entwurf ehrliches Lob
zollen knnen.
    Nachdem man belegte Butterbrode verspeist und dazu Thee und helles Moabiter
Bier getrunken hatte, war es ans Vorlesen gegangen. Von diesem Augenblicke an
hatte die Missstimmung begonnen.
    Zunchst hatte Schmittlein noch im letzten Augenblick, als er grade beginnen
wollte, das vor ihm liegende Manuskript gegen ein anderes vertauscht. Was er fr
Lotte allein ausgewhlt - die gute Tante kam dabei nicht in Betracht - wollte er
der fremden Schwester nicht preisgeben. Sie sah ihm ganz danach aus, als ob sie
an seinen Werken nicht nur kein Gefallen finden wrde, sondern sich auch nicht
genieren wrde, ungeschminkte Kritik daran zu ben.
    Kaum hatte er dann mit dem Lesen begonnen, so war die Ladenklingel in
Bewegung gesetzt worden. Dieser Zwischenfall, der sonst kurz vor acht Uhr
berhaupt nur selten noch einzutreten pflegte, wiederholte sich vier bis
fnfmal. Lotte empfand dieses ewige Kommen und Gehen in einer so weihevollen
Stunde wie eine persnliche Bosheit gegen den Dichter, und Schmittlein selbst
schien nicht weit von dieser Ansicht entfernt. Wenigstens warf er, als die
Klingel kurz vor halb neun Uhr noch einmal anschlug, das Manuskript heftig bei
Seite und verschwor sich, whrend seiner Kulischaft - keine der drei Damen
ahnte, was er damit meinte, - weder Tinte noch Feder mehr anzurhren.
    Endlich, nach Ladenschluss, war es ruhiger geworden. Aber mit der Stimmung
war es doch vorbei. Als Schmittlein berdies bemerkte, dass seine Arbeit keinen
sonderlichen Eindruck machte, unterbrach er sich und legte das Heft missmutig
bei Seite.
    Auf allseitiges Drngen, hauptschlich aber auf einen bittenden
Augenaufschlag Lottes hin, nahm er dann noch ein anderes Heft zur Hand, eine
Gedichtsammlung: Lieder eines Missvergngten betitelt.
    Ob diese galligen Gedichte von ihm selbst oder einem seiner Freunde
stammten, erfuhr niemand von den Anwesenden. Ehrlich gestanden gelstete auch
keinen nach einem nheren Aufschluss, denn diese Verse mit ihrer schwarzgrauen
Lebensweisheit gefielen nicht einmal Lotte. Sie waren noch schlimmer als das
Gedicht von dem sterbenden Mdchen und dem garstigen Elend der Armut.
    So war nach ein paar unerquicklichen Stunden im Grunde jeder froh, als der
Abend zu Ende ging.
    Nachdem die Schwestern das Haus verlassen hatten, berhufte Gerhart in
seinem nervsen Unmut die unschuldige Frau Wohlgebrecht mit Vorwrfen fr den
Missgriff, Lena mit eingeladen zu haben. Dieser Umstand sei einzig an dem
verfehlten Abend schuld.
    Da ihr Lena selbst nicht sehr sympathisch erschienen war, und ihr die
Enttuschung des armen Jungen leid that, wusste sie nicht allzu viel zu ihrer
Entschuldigung vorzubringen. Dagegen vertrstete sie gutmtig auf ein anderes,
gemtlicheres Beisammensein mit Lotte.
    Aber Gerhart war nicht so leicht zu beruhigen; sein einziger geheimer Trost
blieb der, dass er hoffte, Lotte dazu zu vermgen, unter vier Augen mit ihm
zusammen zu kommen.
    Lena rchte sich indessen instinktiv fr das hinter ihrem Rcken ber sie
gefllte Urteil, indem sie ihrerseits ber alles spttelte, was sie bei Frau
Wohlgebrecht gefunden hatte. Ueber die spiessige Einrichtung des einzigen
Wohnzimmers, ber den kleinbrgerlichen Ton der Frau und ihr breites, behbiges
Wesen, ber den engen, kleinlichen Zuschnitt des Geschfts, vor allem aber ber
Herrn Schmittleins famose Dichtungen. Nein wahrhaftig, wenn der Talent hatte, so
hatte sie es auch.
    Lotte verlor zu Anfang den Kopf und weinte bittere Thrnen ber Lenas
herzlose Auffassung und ihren schnden Undank fr die gebotene Gastfreundschaft.
Dann raffte sie sich auf und verteidigte ihre neugewonnenen Freunde. Ja, sie
scheute sich nicht, Lena heftige Vorwrfe ber das spttische Wesen zu machen,
das sie den ganzen Abend ber zur Schau getragen hatte. Die Verstimmung auf
Lottes Seite sass so tief, dass sie ganz gegen des Mdchens Gewohnheit mehrere
Tage lang anhielt. Vielleicht htte man sich auch dann noch nicht ganz
verstndigt, wenn nicht etwas dazwischen gekommen wre, das bis auf weiteres
alles andere in den Hintergrund drngte - Lenas Anstellung.
    Freilich bat Lotte vergebens, Lena mchte Frau Wohlgebrecht, die so warmes
Interesse fr das bevorstehende Ereignis gezeigt hatte, Mitteilung von ihrer
Anstellung machen. Lena wehrte sich energisch. Nein, sie wollte nichts mehr mit
diesen Leuten zu thun haben. Von Berlin erwartete sie sich denn doch einen
anderen Umgang, als den Verkehr mit einer kleinen Ladenbesitzerin und einem
eingebildeten Dichter. Lotte wrde bald sehen, dass sie den nicht ntig htte.
Heut knne sie noch nichts verraten, aber bald wrde es sich offenbaren und dann
wrde Lotte Augen machen.
    Lotte machte schon jetzt Augen, aber betrbte, ber Lenas Eigensinn.
    Bald aber trat die lichte Seite des Ereignisses gnzlich in den Vordergrund.
    Lena wrde von nun ab ein erhebliches zu dem Hausstand beisteuern knnen,
und wenn der Weihnachtsmonat fr Lotte lohnende Arbeit brachte, konnte man der
nchsten Zukunft wieder ein wenig ruhiger ins Auge sehen.
    Und wirklich trat dieser glckliche Umstand ein, nicht zuletzt durch die
gtige und angelegentliche Empfehlung der Frau Wohlgebrecht. Htte Lotte nur
gewusst, wie sie der prchtigen Frau ihren Dank abtragen sollte!
    Als eines Nachmittags gar die junge Frau eines Kommunallehrers erschien und
sich auf Frau Wohlgebrecht berufend, drei Hte fr ihre drei kleinen Mdchen zum
Fest bestellte, da fhlte Lotte das unabweisbare Bedrfnis, ihrer Wohlthterin,
trotzdem Frau Wohlgebrecht nichts davon wissen wollte, zum mindesten einen
besonderen Dankbesuch abzustatten.
    Als sie gegen acht Uhr den Laden betrat, war nur Herr Schmittlein zugegen.
Die Tante war fr den Abend eingeladen.
    Lotte, die jetzt zum Bcherlesen keine Zeit hatte, und somit kein auf der
Hand liegendes Geschft mit Herrn Schmittlein, wollte den Laden eilends wieder
verlassen. Gerhart aber, froh, sie endlich einmal fr sich zu haben, hielt sie
mit allen erdenklichen Ausreden fest. Er zeigte ihr die Weihnachtsneuheiten und
fragte sie aus, was sie selbst davon wohl gerne besitzen mchte. Dabei kamen sie
auf das Fest zu sprechen, und Lotte behauptete nun, entschieden fort zu mssen.
Sie wolle noch ein paar Einkufe fr eine Handarbeit, ein Hauskppchen fr den
Vater machen und habe auch fr die Wirtschaft noch mancherlei zu besorgen.
    Schmittlein widersetzte sich dem mit seiner ganzen impulsiven Energie.
    Ein so junges Mdchen, das dabei so - die Fortsetzung verschluckte er,
aber sein warmer Blick ergnzte die fehlenden Worte - sollte abends nicht
allein in den Strassen umherlaufen. Mit Frulein Lena ist das ganz was anderes,
die steht ihren Mann. Aber Sie - nein!
    Sie sei ja aber doch die ltere, gab Lotte lchelnd zurck.
    Darauf km's nicht an! Sie mit ihrem sanften, stillen Wesen mache den
Eindruck, als ob sie stets eines Schutzes bedrfe. Er begreife berhaupt nicht,
dass man sie habe nach Berlin gehen lassen. Sie habe ja absolut nicht das Zeug
dazu - bis jetzt wenigstens nicht.
    Zunchst hatte Lotte Miene gemacht, ihm ob dieser Unterschtzung zu zrnen.
Mein Gott, machte sie denn einen gar so kindischen, unselbstndigen Eindruck,
dass alle Welt sich bemssigt fhlte, ihr zu sagen, sie gehre gar nicht nach
Berlin? Aber ein Blick in seine ehrlich besorgten Augen hatte sie umgestimmt.
Sie wusste ja selbst am besten, wie schutzbedrftig sie sich fhlte und wie
dankbar sie jedem war, der sich ihrer annahm.
    Mit einem sanften Errten sagte sie:
    Ich danke Ihnen, Herr Schmittlein, Sie mgen in manchem Recht haben, aber
da ich nun einmal hier bin, werde ich auch sehen mssen, mit Berlin fertig zu
werden.
    Und Sie wollen heut wirklich noch weiter, so spt und allein?
    Ganz gewiss. Ich muss mich daran gewhnen, so ungern ich es thue.
    Warten Sie einen Augenblick. Ich schliesse den Laden und begleite Sie.
    Das kam in einem Ton heraus, als ob er ein Herrenrecht auf sie habe. Aber
der Ton zwang sie zu einer Einwilligung, die sie auf eine hfliche Anfrage
vielleicht niemals gegeben htte. Wenige Minuten spter verliessen sie zusammen
das Haus.
    Draussen fiel ein feiner Schnee. Er berstubte Lottes zierliche Gestalt,
und des jungen Mannes schnheitsdurstigen Augen that es wohl, sie einmal in
einer lichteren Farbengebung, als in dem dsteren Einerlei des tieffarbigen
Schwarz zu sehen.
    Sehr langsam schritten sie nebeneinander her, von tausend gleichgltigen
Dingen plaudernd, die ihnen beiden pltzlich sehr interessant erschienen.
Endlich dachte Lotte auch wieder an ihre Einkufe. Es war halb neun vorber, als
sie damit zu Ende kam. Sie wollte nun nach Haus zurck. Aber Schmittlein hielt
sie unter immer neuen Vorwnden fest. Endlich fragte er geradezu, wie lange
Frulein Lena heute im Dienst sei?
    Bis zehn Uhr.
    So haben Sie noch eine Menge Zeit, Frulein Lottchen. Kommen Sie, lassen
Sie uns noch ein Weilchen zusammenbleiben. Weshalb soll jeder von uns allein zu
Hause sitzen und Trbsal spinnen, anstatt das hbsch gestimmte Beisammensein
noch zu geniessen? Wer weiss, wie bald es sich wieder so trifft.
    Er schlug ihr vor, in ein nahes Bierhaus zu gehen und dort zusammen eine
Kleinigkeit zu Abend zu essen. Aber sie wollte nichts davon hren. Entsetzlich
unpassend, ja unerhrt schien ihr das. Ausserdem hatte sie keinen Pfennig Geld
mehr bei sich.
    So gehen wir noch ein wenig auf und ab.
    Sie nickte stumm Gewhr. Das war der beste Ausweg. Auch sie htte sich
ungern schon jetzt von ihm getrennt. Seine zarte Frsorge, die sich in jedem
Blick und Ton offenbarte und die sie seit Jahren, seitdem die Mutter krank
geworden, nicht mehr gekannt hatte, that ihr unendlich wohl.
    Der Schneefall wurde immer strker. Gerade als sie vor einer kleinen,
unscheinbaren Konditorei standen und durch die Glasscheibe auf die bescheidene
Weihnachtsausstellung sahen, kam zu dem heftigen Schneefall ein stssiger Wind
auf, der ihnen scharf ins Gesicht blies. Gerhart Schmittlein legte wie schtzend
seine Hand einen Augenblick um Lottes Schulter.
    Sie werden sich erklten, Frulein Lottchen. Treten wir doch einen
Augenblick ein. Ich kaufe eine Kleinigkeit fr die Tante. Das macht ihr Spass.
    Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er mit ihr ber die ausgetretenen Stufen
in den kleinen Laden.
    Der Verkaufsraum sowohl, wie das dahinter liegende Zimmerchen mit seinen
runden Marmortischen war vllig leer.
    Am Ladentisch, hinter einem erhhten Aufbau, der als Kasse diente, sass halb
verschlafen ein Bediensteter der Konditorei in zweifelhaft weisser
Konditortracht.
    Er schreckte beim Eintritt der beiden wie vor etwas Ungewohntem zusammen und
fragte mit ungelenker Zunge nach ihrem Begehr.
    Schmittlein und Lotte traten an den Ladentisch und betrachteten die einfache
Auslage, die fr Lottes unverwhntes Auge immerhin noch sehr viel Verlockendes
hatte.
    Was meinen Sie, Frulein Lottchen, was wir fr die Tante mitnehmen?
    Lotte zeigte auf eine drollige Schweinegruppe von Marzipan, dabei lachte sie
halb wider Willen, denn im Grunde war es ihr sehr peinlich, mit Herrn
Schmittlein so ohne weiteres in eine Konditorei gegangen zu sein.
    Also die Schweine. Und was noch, Frulein Lottchen? Htten Sie nicht -
drfte ich nicht -?
    O nein, bitte, gab sie erschreckt zurck.
    Also die Schweine, wandte er sich an den Verkufer, und ein Pckchen
Chokolade. Die kann Tante kochen, wenn Sie wieder zu uns kommen, Frulein
Lottchen.
    Er war gerade im Begriff, den Einkauf zu bezahlen, als ein neuer, noch weit
heftigerer Windstoss gegen die Ladenthr prallte und eine frmliche kleine
Schneelawine gegen die Scheibe drckte.
    Jetzt knnen wir unmglich hinaus, entschied er.
    Kommen Sie, Frulein Lottchen, wir setzen uns daneben ins Zimmerchen und
warten das Wetter ab. Und da es schrecklich kalt und ungemtlich hier ist,
fgte er halblaut hinzu, werden wir ein Glas Grog trinken.
    Er machte die Bestellung und schritt dann mit seiner Begleiterin unter einem
braunen, staubigen und verschlissenen Lamberquin fort, in das kleine Zimmer
nebenan.
    Lotte strubte sich anfangs heftig, sich zu setzen oder gar ihr Jacket
abzulegen. Es bedurfte all' seiner Ueberredungskunst, um sie davon zu
berzeugen, dass es absolut kein Staatsverbrechen sei, wenn sie ein halbes
Stndchen zusammen verplauderten, bis das rgste Wetter vorber war.
    Aber der Grog?
    Ein vortreffliches Prservativ gegen Erkltung.
    Und dabei zog er sie fast mit Gewalt auf einen Stuhl neben sich nieder, und
ihre beiden Hnde ergreifend, sah er sie flehend an.
    Wollen Sie mir denn niemals einen Gefallen thun, Frulein Lottchen? Sie
sehen ja doch, wie viel mir daran liegt, einmal ein Stndchen mit Ihnen allein
zu sein!
    Langsam schlug sie die gesenkten Lider zu ihm auf.
    Wenn das - wenn Ihnen wirklich daran liegt -?
    Und das fragen Sie noch? Haben Sie es neulich nicht gefhlt, wie sehr die
Gegenwart Ihrer Schwester auf mir gelastet hat? Ich war an jenem Abend gar nicht
mehr ich selbst. Ein mrrischer Geselle war ich, weil ich Sie nicht allein haben
konnte, und alles, was mir auf der Seele brannte, in mich verschliessen musste.
Heut aber sind wir allein. Heut darf ich Ihnen alles sagen, alles lesen, was ich
Ihnen neulich weder sagen noch lesen durfte.
    Lottchen war pltzlich so beklommen zu Mute, dass sie kein Wort
herausbrachte. Zum Glck kam jetzt der Aufwrter mit dem dampfenden Grog.
    Nachdem beide schweigsam ein paar Augenblicke in dem heissen Getrnk
herumgelffelt, trank Lotte aus reiner Verlegenheit ein paar Schluck. Es
schmeckte ihr gar nicht, aber der heisse Trank rann ihr doch wohlig durch die
Glieder, und wie sie jetzt zu Gerhart Schmittlein aufsah, erschien es ihr
pltzlich wirklich kein so grosses Verbrechen mehr zu sein, hier mit ihm zu
sitzen. Im Gegenteil, sie war stolz darauf, dass ihm, dem zuknftigen berhmten
Dichter an ihrer Gesellschaft lag, dass er sie zu seiner Vertrauten machen
wollte, sie, das arme kleine Putzmachermdel, das in der grossen Riesenstadt
Niemandem sonst etwas galt.
    Jetzt zog er das Heft, das er neulich Lenas wegen bei Seite gelegt hatte,
aus der Tasche und legte es vor sich hin.
    Liebes Frulein Lottchen, ehe ich Ihnen aus meinen Gedichten vorlese,
mchte ich, dass Sie einen Blick in mein Inneres thten.
    Sehen Sie, Frulein Lottchen, alles, was ich bisher durchlebt habe, und
wovon Sie ja auch zum Teil schon durch die Tante wissen, ist mir nichts als eine
Vorstudie zu dem Endziel, das ich mir gesteckt habe. Das besondere Programm, das
mir zur Erreichung dieses Endzieles vorschwebt, wrden Sie heute noch nicht
verstehen, darum spreche ich Ihnen nicht davon. Noch sind Sie zu sehr
eingewickelt in anererbte und anerzogene Vorurteile, um zu begreifen, wohin ich
steuere. Doch denke ich, wenn wir gute Freunde bleiben, werde ich Sie erlsen
und befreien, wie ich mich selbst - freilich zum Teil erst - erlst und befreit
habe. Wollen Sie sich von mir befreien lassen, Lottchen?
    Lotte verstand zwar kein Wort von alledem, aber wie Gerhart Schmittlein es
mit leuchtenden Augen sprach, klang es ihr alles so gross und erhaben, dass sie
in seine ihr dargebotene Hand einschlug und freudig die geforderte Zusage gab.
    Whrend er ihre Hand zwischen seinen pltzlich fieberheiss gewordenen
Fingern festhielt, fuhr er fort:
    Auch ich bin noch lange nicht so frei, so hocherhaben ber das
Alltagsgetriebe, wie ich es zu sein erstrebe, wie es meine Vorbilder sind. Sie
haben Ibsen, Nietzsche, Tolstoj, Schopenhauer nicht gelesen?
    Lotte schttelte ngstlich den Kopf.
    Ich dachte es mir. Darum ist es, wie ich schon vorher betonte, schwer, ja
unmglich, Ihnen vorerst mein Programm zu entwickeln. Den Hauptparagraphen
daraus wird Ihnen Ihr glcklicher, feinfhliger Instinkt vielleicht verstndlich
machen. Ibsen hat einmal das gewaltige Wort ausgesprochen: Der strkste Mann
ist der, der allein steht. Ich modle mir dies Wort als Lebensmotiv in ein
anderes, geistesverwandtes um, das da lautet: Der strkste Mann ist der, der
frei ist, denn Freiheit ist Kraft. Diese absolute Freiheit, die der Kraft gleich
ist, verlange ich fr mich als Brger in meiner Stellung zum Staat, als
schaffender Knstler in meinem Beruf, als Mensch in der Liebe, und da, Lottchen,
wre ich denn auf dem Punkte angelangt, von dem aus Sie meine Gedichte werden
empfinden und beurteilen mssen: dem Standpunkte der freien Liebe.
    Lottchen sass da wie in der Hypnose. Sie wagte nicht, sich zu rhren. Wie
gebannt hielt sie unter seinen heissen Worten, seinen heisseren Blicken still.
Sie wusste nicht mehr, wo sie war, kaum noch, wer da zu ihr sprach. Sie fhlte
nur eine alles bezwingende Macht ber sich einbrechen, gegen die keine Fiber in
ihr sich aufzulehnen wagte. Und nun setzte er sich nher noch zu ihr und, ihre
Hand in der seinen, begann er, aus dem Buch zu lesen, von Dingen, an die Lottes
keusche Seele nie zu rhren gewagt hatte. Sie verstand seine Dichtungen kaum zur
Hlfte, aber die sengende Glut, die aus diesen freien Liebesliedern strmte,
berauschte sie wie Haschisch. Tief drang das Gift ihr ins Blut, um so tiefer, je
ahnungsloser sie es einsog.
    Tritte hinter ihnen schreckten sie aus ihrem Rausch. Gerhart Schmittlein
schloss hastig das Buch, als der weissgekleidete Aufwrter nach ferneren
Befehlen fragte.
    Ein unwilliger Wink machte ihn wieder verschwinden. Dann wandte er sich zu
Lotte um. Ihre Hnde fest in den seinigen pressend, sagte er beinahe atemlos:
Nun Lottchen?
    Es ist gewiss alles sehr, sehr schn, aber ich - ich frchte mich davor.
    Er streichelte sanft ihre Hand. Etwas wie ein grosses Mitleid lag in seiner
warmen Stimme.
    Arme kleine Maus. Da sind sie ja, die Vorurteile, die engen, von denen ich
sprach. Aber wir werden sie schon ber Bord werfen und frei werden, frei -
    Ihr bittender Blick verschloss ihm den Mund. Nach einer kleinen Pause sagte
sie zgernd, denn sie hatte eigentlich das instinktive Gefhl, ihn damit zu
krnken:
    Und haben Sie nur solche Gedichte gemacht, gar keine andern?
    Er war nicht gekrnkt, aber er sah sie mit humoristischer Ironie von der
Seite an.
    Doch, Frulein Lottchen, als ich noch ein dummer Junge war und Liebe auf
Triebe, Sonne auf Wonne reimte.
    Er warf mit einer kleinen verchtlichen Bewegung den Kopf zurck.
    Lotte, sah traurig zu ihm auf.
    Dann begann sie zgernd noch einmal:
    Es braucht ja nichts von Liebe und Triebe und Sonne und Wonne darin
vorzukommen - aber ich dachte, ein Dichter wie Sie, Herr Schmittlein, - so ein
einfaches, kleines Lied - so etwas, was man gleich begreift und versteht - Die
Thrnen schienen ihr frmlich vom Herzen in die Kehle aufzusteigen.
    Mchten Sie ein solches Lied haben, Lottchen?
    O Gott, ja, Herr Schmittlein, wenn es nicht zu unbescheiden ist, darum zu
bitten. Gleich nach Weihnachten ist Mutters Geburtstag. Mutter liegt so einsam
in ihrem kalten Grab. Mir ist so bange, wenn ich daran denke. Ein gutes Wort
mchte ich fr sie haben, wie ich es fhle, aber nicht aussprechen kann. Sie
sind immer so gut zu mir, Herr Schmittlein, Sie werden mich nicht auslachen,
nein?
    Er streichelte sanft ihre Hand, die neben der seinen auf der Marmorplatte
lag. In diesem Augenblick kam es ihm furchtbar brutal vor, dass er diesem
sanften, keuschen, schchternen Geschpf seine wilden Lieder vorgelesen hatte.
    Liebes Frulein Lottchen - ich Sie auslachen? Wie knnen Sie so etwas
denken? Gewiss mache ich Ihnen das Gedicht auf Ihrer Mutter Grab - nur weinen
Sie nicht, bitte weinen Sie nicht! Ich kann's nicht sehen, Lottchen, wenn Sie
weinen.
    Und er beugte sich sanft auf ihre gesenkte Stirn nieder und drckte seine
Lippen auf diese reine weisse Stirn, mit einem Kuss, von dem in seinen
Liebesliedern nichts zu lesen gewesen war.

Lotte dankte Gott, dass Lena noch nicht zu Hause war, als sie, noch immer
zitternd vor Erregung, eintraf. Ohne etwas zu geniessen, kleidete sie sich aus
und legte sich zu Bett.
    Als Lena um halb elf kam, wollte sie sich erst schlafend stellen, aber Lena
beugte sich so zrtlich ber sie und fragte so frsorgend, ob sie auch nicht
krank sei, dass Lottchen es nicht fertig bekam, der Schwester etwas vorzumachen.
    Halb in den Kissen verborgen, damit Lena ihr heisses Gesicht nicht sehen
sollte, gab sie zur Antwort, dass sie ein wenig Kopfweh habe, das sie schon
verschlafen werde.
    Und ich htte Dir eine so hbsche Neuigkeit zu erzhlen, von der Du nun
gewiss nichts hren magst, schmollte Lena, indem sie das Oberkleid ablegte.
    Nein, nein, erzhle nur, wenn es etwas Hbsches ist, werde ich umso besser
danach schlafen.
    Und sie streckte Lena eine fieberheisse Hand aus den Kissen entgegen.
    Lena setzte sich auf Lottes Bettrand und begann ihr schweres dunkles Haar
auszubrsten und in einen langen dicken Zopf zu flechten. Dabei kicherte sie
leise vor sich hin.
    Diesmal habe ich eine Einladung, Lotte, - Du bekommst einen Kuss, wenn Du
rtst, bei wem!
    Lotte zerbrach sich den schmerzenden Kopf. Ausser Marie Weber wollte ihr
niemand einfallen.
    Lena schttelte sich vor Lachen, dass die schmale Bettstatt krachte.
    Na, ich will Dir's sagen, aber Deinen Kuss bekommst Du nicht. Auf den
Rcken kannst Du nicht mehr fallen, denn das hast Du vorsichtiger Weise schon
vorher besorgt - also spitze die Ohren, das ist das einzige, was Dir noch zu
thun brig bleibt und hre: Ich bin zum ersten Feiertag bei Oberstleutnants
eingeladen.
    Sie betonte jedes Wort einzeln und setzte einen dicken Gedankenstrich
zwischen jede Silbe.
    Lotte richtete sich nun doch in die Hhe und sah Lena unglubig an.
    Geh doch, Du machst Dir einen Witz mit mir, Lena. Dafr bin ich heut nun
gerade nicht aufgelegt.
    Lena packte die Schwester bei den Schultern.
    Aber nein, aber nein. Du kannst mir's schon glauben. Heut in der Pause
kamen die beiden Frulein von Strehsen ganz feierlich an - die Bemerkung von
damals, weshalb all' ihre Brder zum Militr mssten, wenn kein Geld dazu da
sei, hat Frulein Clementine, wie ich damals gleich vermutete, mir lngst
vergeben - und fragten, ob ich am ersten Feiertag abends ihnen das Vergngen
meines Besuches schenken wollte. Du siehst, Lotte, ich avanciere schneller als
Du.
    Dabei riss sie die Schwester an sich und ksste sie bermtig auf den Mund.
    Lotte seufzte, machte sich los und vergrub den heissen Kopf wieder in den
Kissen, whrend Lena, das Ende ihres Zopfes zwischen den schimmernden Zhnen,
lustig weitersprach.
    Es wird nur ein kleiner Kreis beisammen sein - sonst knnte ich ja auch,
der Trauer wegen, nicht hingehen. Ein paar junge Mdchen, zwei der Brder, ein
Kadett und ein Leutnant, und ein paar Freunde des Leutnants, simple
Zivilpersonen. Ihr Vater, so habe Elisabeth, die zweite Strehsen, ihr erzhlt,
sei zwar sonst gar nicht fr die Geselligkeit, aber zu Weihnachten werde allemal
eine Ausnahme gemacht. Na, was sagst Du nun, Lotte?
    Dabei liess Lena, die inzwischen ihre Nachttoilette beendet hatte, ihren
Zopf wieder frei, zog die Strmpfe von den flinken kleinen Fssen und schlpfte
neben Lotte unter die Decke ihrer eigenen schmalen Bettstatt.
    Wenn die in unserem Nest zu Hause das hren, die platzen vor Neid. Bei
einem wirklichen adligen Oberstleutnant, mit Leutnants, Assessoren und sonst
noch was.
    Lena zitterte frmlich vor Vergngen.
    Du, sag' 'mal, Lotte, was zieh' ich blos an? Mein schwarzes wollenes so
ohne ein bischen weiss sieht ganz abscheulich aus. Schwarz steht mir berhaupt
scheusslich, Dir viel besser, weil Du helleres Haar und zartere Farben hast.
    Meinst Du, ich knnte einen weissen Umlegekragen und einen schwarz und weiss
karrierten Shlips dazu nehmen?
    Aber Lena, Muttchen ist doch kaum ein Vierteljahr tot!
    Freilich - aber - schliesslich - hier wo das Niemand so genau weiss - und
dann, ich muss Dir sagen, die schwarzen Kleider machen am Ende auch nicht die
wahre Trauer aus. Bei uns hrt man so manches, was in schwarzen Trauerkleidern
gesndigt wird.
    Lotte fhlte sich schwer getroffen. Was hatte sie selbst nicht heut auf ihr
Gewissen geladen! Sie dachte an die schwle Stunde in der Konditorei und an
Herrn Schmittleins Kuss. Gewissensbisse peinigten sie. Gewiss, wie viel
schlimmer war das alles, als ein weisser Kragen und ein karrierter Shlips!. Und
whrend ihr wieder heisse Strme durchs Blut jagten, als sie der vergangenen
Stunden gedachte, sagte sie, ihren Kopf aufs neue vor Lena verbergend,
kleinlaut:
    Eigentlich hast Du recht. Nimm ruhig einen weissen Kragen und einen
karrierten Shlips. Und nun bitte, lsch' das Licht aus. Mein Kopf thut
schrecklich weh.
    Lena war im Umsehen eingeschlafen, whrend Lotte noch stundenlang in
fieberhafter Erregung dalag. Sie konnte die wilden, heissen Worte in Gerharts
Liedern nicht vergessen, den seltsamen Ausdruck nicht, mit dem seine Augen dabei
auf ihr geruht hatten. Wrde sie das alles jemals ganz verstehen lernen? -
    Die vierzehn Tage bis Weihnachten gingen wie im Fluge dahin. Beide
Schwestern hatten alle Hnde voll zu thun. Neben den Berufsarbeiten sollten noch
Weihnachtsgeschenke fr zu Haus und gegenseitige kleine Ueberraschungen
angefertigt werden. Und dabei kam Lotte nicht von der Stelle. Die Glieder waren
ihr schwer wie Blei, und wie zerschlagen schlich sie umher. Bei der Arbeit
sanken ihr die Hnde traumverloren in den Schoss. Mit fragendem, suchendem Ton
murmelte sie dabei einzelne Stellen aus Gerhart Schmittleins Liebesliedern vor
sich hin, unablssig darber grbelnd, was er mit ihrer Erlsung und der freien
Liebe gemeint habe.
    Ihn selbst hatte sie seit jenem Abend nicht wiedergesehen. Jeder Mglichkeit
einer Begegnung ging sie sorgfltig aus dem Wege. Sie machte nur die
notwendigsten Gnge und die zu Stunden, von denen sie wusste, dass er im
Geschft festgehalten war. Die Weihnachtsbesorgungen berliess sie Lena.
    Trotzdem Lotte so trge und zerstreut gearbeitet hatte, war zwei Tage vor
Weihnachten alles fertig. Die Hte fr ihre Kundschaft sowohl, als das
Hauskppchen fr den Vater, ebenso die kleinen Aufmerksamkeiten fr Lena und
Frau Wohlgebrecht.
    Lotte war gerade dabei, das Postpacket fr zu Hause zu packen, als es
draussen an der Flurthr klingelte. Sie fuhr zusammen und wurde kreidebleich.
    Mein Gott, wenn er es wre! Es war schon spt, fast neun Uhr, und sie war
ganz allein.
    Zgernd ging sie, um zu ffnen. Ein Stein fiel ihr vom Herzen, als sie Frau
Wohlgebrecht vor sich sah, trotzdem die kleine Frau ein grimmiges Gesicht machte
und heftig auf Lotte einschalt.
    Was fllt Ihnen denn ein, Sie kleines Ungeheuer, sich gar nicht mehr bei
uns sehen zu lassen? Was soll denn das bedeuten, hm?
    Es gab so viel zu thun, murmelte Lotte verlegen, ihren Gast ins Zimmer
ntigend.
    Ach was, gute Nachbarschaft kann man deswegen doch halten. Da wird wohl
noch was andres dahinter stecken. Kann mir's schon denken, der Junge hat sie
weggegrault mit seinem modernen Firlefanz. Habe ihm auch schon meine Meinung
gesagt. Nee, nee, Sie brauchen nicht zu widersprechen, Frulein Lottchen.
Glauben Sie, ich htte es nicht gemerkt, dass die Geschichte neulich Ihnen nicht
gefallen hat, wenn Sie mit Ihrem lieben Gesicht auch nicht so spttisch dazu
ausgesehen haben, wie Ihre Schwester Lena. Und wer weiss, vielleicht hat er
Ihnen in irgend einer stillen Stunde auch noch seine Gedichte verzapft. Sehen
Sie, Sie werden dunkelrot. Ich kenne die Verse zwar nicht, aber sie werden
danach sein. Das Talent in Ehren, allemal, da reicht sobald keiner 'ran, - aber
die moderne Puschel - puh!
    Sie haben ganz recht, dass Sie uns aus dem Wege gehen. Na, ich werde schon
dafr sorgen, dass er Sie ungeschoren lsst. Er soll seine moderne Kunst wo
anders auskramen als vor Ihnen. Es giebt ja genug verdrehte Leute, die Gefallen
daran finden, eben blos, weil's Mode ist und sozusagen in der Luft liegt.
    Blos wir beide, wir sind nicht reif dafr. Na, ich werd's ja nun auch wohl
nicht mehr werden, und Ihnen, Lottchen, wnsch' ich es nicht einmal. Aber nun
endlich zur Hauptsache. Sie kommen doch Heiligabend zu uns 'rum? Ihrer Schwester
sag' ich's nicht, der hat's bei uns nicht gefallen. Nee, reden Sie nichts
dagegen, Lottchen, das hat man ihr an der Nase angesehen. Die Wohlgebrecht ist
ihr zu simpel, die will hher hinaus. Recht hat sie. Aber Lottchen, Sie hab' ich
nun 'mal in mein Herz geschlossen, Sie wrde ich ungern entbehren. Ganz einfache
Berliner Weihnachten: Karpfen und Mohnpiehlen und 'ne nette Tanne und nur uns
drei drum 'rum.
    Lotte htte fr ihr Leben gern zugesagt.
    In Frau Wohlgebrechts Schutz fhlte sie sich mit Gerhart Schmittlein ganz
sicher, und an dem kleinen, behaglichen, altmodischen Zimmer, das Lena so
spiessig fand, hing sie schon wie an einer Art Heimat. Aber wie durfte sie
ohne Lena?
    Unmglich konnte sie die Schwester am ersten Weihnachtsfest in der Fremde
allein lassen.
    In eben diesem Augenblick steckte Lena den lustigen Kopf mit dem kleinen
schwarzen Pelzbarett durch die Thr.
    Nur nher Lena, es ist Frau Wohlgebrecht.
    N' Abend, Frulein.
    In gerechter Selbsterkenntnis ihres neulichen unliebenswrdigen Betragens,
war Lena ausnahmsweise zuvorkommend gegen Lottes Besuch. Bei der Erwhnung der
Einladung stimmte sie lebhaft dafr, dass Lotte ja annehmen mchte.
    Sie knnten einander ja zeitig bescheeren und dann mge Lotte getrost zu
Frau Wohlgebrecht herumgehen. Sie selbst habe fr sie beide heut eine
Aufforderung von Marie Weber bekommen, den Heiligabend mit ihr bei ihrer Tante
zu verbringen. Da wrde sie dann auf ein Stndchen allein hingehen. Und ihre
Arme von hinten um Lottes Hals schlingend, fuhr Lena lustig fort:
    Beichte nur gleich, Lottchen, dass Du am ersten Feiertag Strohwitwe bist
..... Frau Wohlgebrecht wird sich Deiner gewiss mit Freuden annehmen.
    Ich - fgte sie mit trocken humoristischer Herausforderung gegen Frau
Wohlgebrecht gewandt, hinzu - bin nmlich fr den ersten Feiertag bei
Oberstleutnants von Strehsen eingeladen.
    Lena war auf eine gereizte Antwort gefasst gewesen, aber Frau Wohlgebrecht
that das gerade Gegenteil. Sie ttschelte Lena freundlich auf den Arm.
    Ei, das freut mich, sagte sie. Das ist was fr Sie, Frulein. Da wird's
Ihnen besser gefallen als bei mir simplen Frau.
    Lena war ehrlich beschmt und unterliess es, noch weiter mit der
Strehsenschen Einladung zu protzen. Bei der ersten schicklichen Gelegenheit
rumte sie das Feld.
    Auch Frau Wohlgebrecht brach bald auf, nachdem sie Lotte eindringlich ans
Herz gelegt hatte, ja nicht spter als acht Uhr zu kommen. -
    Am Heiligabend frh traf ein Kistchen von zu Haus bei den Schwestern ein.
Zwei Briefe lagen obenauf. Der eine vom Vater, der bisher kaum mehr als ein paar
flchtige Postkarten an seine Kinder geschrieben hatte; der andere Brief war von
Franz Krieger. Lotte legte beide bei Seite. Sie sollten gemeinsam unter dem
Weihnachtsbaum gelesen werden.
    Den Inhalt des Kistchens packte sie mit wehmtigen Empfindungen aus.
    Welch ein Unterschied zwischen dem Vorjahr, da Mtterchen noch zwischen
ihnen geweilt hatte, und heute. Und was alles lag zwischen jenem letzten
Weihnachten und dem heut! Allein die letzten beiden Wochen seit dem Abend in der
Konditorei erschienen ihr ein ganzes Leben voller Zweifel und Fragen zu
enthalten.
    Der Vater hatte selbstgeschttelte Nsse aus Karstens Garten, ausserdem fr
jede von ihnen einen kleinen, gut gemeinten, aber recht berflssigen billigen
Schmuckgegenstand gesandt.
    Franz Krieger war ganz aufs praktische bedacht gewesen. Den Hauptinhalt der
Kiste machte sein Geschenk, eine Flle von Kolonialwaaren aus seinem Geschft,
aus, welche die Wirtschaftsausgaben in der That auf lange Zeit hinaus wesentlich
erleichtern mussten.
    Um halb drei Uhr kam Lena nach Haus. Dann wurde schnell gegessen und bei
einbrechender Dunkelheit das kleine Bumchen angezndet.
    Als die Schwestern dann Hand in Hand in Lottes Atelier gingen, das heut
als Weihnachtszimmer diente, wurde ihnen beiden doch bitter weh ums Herz und
schluchzend sanken sie einander in die Arme.
    Lena war, wie immer, zuerst getrstet. Sie betrachtete die Geschenke und
machte eine kleine spttische Bemerkung ber Kriegers fr ihren Geschmack allzu
praktische Weihnachtsgabe. Dann griff sie nach seinem Brief, der an beide
Schwestern gerichtet war.
    Sie studierte lange daran herum und legte ihn dann scheinbar unbefriedigt
bei Seite.
    Zu Lotte sagte sie nur: Frau Krieger krnkelt und Onkel Fritz in Anklam ist
gestorben. Da Lotte keine Anstalten machte, gleich selbst zu lesen, nahm Lena
den Brief noch einmal auf, und mit einer unwilligen Kopfbewegung begann sie die
folgende Stelle vorzulesen:
    Je lnger Ihr fort seid, desto mehr bedrckt es mich, dass ich Eurem Vater
nicht viel entschiedener abgeredet habe, Euch ziehen zu lassen. Alle Zeitungen
sind voll von dem Elend alleinstehender armer Mdchen, einer gewissen Art von
Elend, von dem Ihr ja, Gott sei Dank, keine Ahnung habt. Die Statistik ber
Arbeitsangebot und Nachfrage beweist ausserdem immer aufs neue, dass der Zuzug
der Arbeitsuchenden ausser allem Verhltnis zu der Mglichkeit steht, einem
jeden Zugezogenen ausreichende Arbeit zu gewhren. Ich beunruhige mich sehr um
Euch, auch die Mutter. Du, Lena, hast ja inzwischen Deine Anstellung erhalten
und knntest am Ende, wenn Du Dich in einer Familie einlogiertest wie Deine
Freundin Marie, ganz gut mit Deinen Tagegeldern auskommen. Mit Schaudern aber
denke ich daran, wie sauer es Euch werden muss, einen Hausstand zu erhalten.
Lotte wird bei der Arbeit, die sie dazu leisten muss, ihre zarte Gesundheit
vllig ruinieren.
    Vielleicht, Lotte, wrdest Du Dich entschliessen, wieder nach Hause zu
kommen. Du wirst Dir ja nun, nach einem Vierteljahr, ziemlich klar darber sein,
wie es sich mit der Kundschaft macht. Hier sollte Dir eine reichlich
auskmmliche garantiert sein, wenn Du Dich entschlssest zurckzukommen. Was
Deinen Vater betrifft, so wird natrlich kein Mensch von Dir verlangen, dass Du
bei Karsten mit ihm wohnen sollst. Das ist auch gar nicht ntig, Du weisst,
meine Mutter hat Platz genug in ihrer Wohnung und wrde Dich gern bei sich
aufnehmen. Ueberlegt Euch meinen Vorschlag.
    Auch fr Lena wre es vielleicht besser, sie kme zurck -
    Lena warf noch einmal ebenso unwillig den Kopf zurck, wie sie es gethan,
als sie die Stelle vorzulesen begonnen.
    Was sich Franz nur denkt! Zurckgehen wie ein paar dumme Ghren und sich
von dem ganzen Nest auslachen lassen. Zu dumm!
    Franz meint es gut!
    Nun, so geh doch Du!
    Lotte schttelte mit abweisender Miene und mit ins Leere starrenden Augen
den Kopf.
    Nein - nie - nie!
    Gott sei Dank, dass Du vernnftig bist. Ich hatte schon die grsste Angst,
Du wrdest darauf reinfallen. Berlin wieder verlassen, welch ein Gedanke! Das
schne, wundervolle Berlin!
    Ich werde Franz ordentlich den Standpunkt klar machen. Er thut ja gerade,
als ob wir rein gar nichts wssten und knnten und nur gerade hier sssen, um
aufs Verhungern und Verkommen zu warten.
    Dann flog ein triumphierendes Lcheln ber Lenas frisches Gesicht. Wenn er
erst von meinem Umgang mit Oberstleutnants hrt, wird er wohl andere Saiten
aufziehen.
    Dabei sprang sie auf und biss in ein grosses Stck des wrzigen
Weihnachtsgebckes, das Franz Kriegers bekrittelter Sendung beigelegen hatte.
Behaglich knabbernd erbat sie dann des Vaters Brief von Lotte. Der war ebenso
sorglos und egoistisch, als Franz Kriegers besorgt und selbstlos geklungen
hatte.
    Er schrieb, dass es ihm bei Karsten dauernd vortrefflich ergehe. Bei
Eintritt der rauhen Witterung habe ihn sein Beinstumpf zwar wieder geschmerzt
und gezwickt, jetzt sei aber alles wieder gut. Karsten heize ordentlich ein und
sein Stbchen sei so ruhig und mollig, wie er es das ganze Leben nicht gekannt,
das Essen vortrefflich und Karsten sein Korn eine honorige Nummer.
    Ihnen beiden ginge es ja, wie es scheine, auch vortrefflich. Ein grosses
Weihnachtsgeschenk drften sie nicht von ihm erwarten. Seine Pension reichte ja
man gerade fr sein Auskommen aus. Zu Weihnachten oder zu Neujahr wrde sich der
Klockower hoffentlich anstndig erweisen und ihm den blauen Lappen wieder
zukommen lassen. Wenn dann die Mdchen mal auf Besuch nach Haus kmen, wrde er
ihnen ein anstndiges Geschenk machen.
    Dass er die Mutter oder seine Tchter entbehre, davon schrieb er kein Wort.
    Schweigsam legte Lena des Vaters Brief wieder auf den Weihnachtstisch
zurck. Sie hatte es sich lange abgewhnt, ber seine Eigenheiten zu sprechen.
    Von der Jerusalemer Kirche schlug es Acht.
    Jetzt musst Du rumgehen, Lotte, es ist die allerhchste Zeit, ich will nun
auch aufbrechen, ich habe so wie so noch einen weiten Weg bis zu Maries Tante.
    Sie lschten den Weihnachtsbaum aus. Dann machten sie sich schnell zurecht
und gingen zusammen die Treppe hinunter und ber den stillen Hof.
    Vor der Thr trennten sich ihre Wege.
    Lotte ging rechts die paar Huser zu Frau Wohlgebrecht hinauf, Lena suchte
die nchste Pferdebahnhaltestelle auf. - Frau Wohlgebrecht hatte die Thr schon
in der Hand.
    Endlich, endlich, Kindchen! Der Gerhart ist heute wie ein kleiner Junge, er
kann den Aufbau nicht erwarten.
    Na, viel kriegt er nicht. Immer dasselbe: drei Oberhemden und ein
Vierteldutzend Strmpfe. Sauber und adrett muss der Mensch sich halten, selbst
wenn er ein Genie ist.
    Was soll denn das heissen, Herzchen. Fr mich? Ein schner Unsinn, auch noch
was mitzubringen.
    Lotte murmelte etwas, von Dankbarkeit abtragen. Aber Frau Wohlgebrecht, die
so etwas absolut nicht vertragen konnte, unterbrach sie eilfertig.
    Also, das soll der Gerhart haben, und das ich?
    Sie ksste Lotte auf die in letzter Zeit recht schmal gewordene blasse
Wange.
    Gerhart Schmittlein steckte den Kopf durch die Thr.
    Ja, ja, wir kommen schon! Was der Junge heut fr 'ne Unruhe hat!
    Wenige Augenblicke spter - Frau Wohlgebrecht hatte den beiden kaum Zeit zu
einer Begrssung gegnnt - standen sie unter dem Weihnachtsbaum, den Gerhart
wunderhbsch und weihevoll mit weissen Lilien und goldbesternten Kerzen
ausgeschmckt hatte.
    Lotte fand auf ihrem Platz ein paar ntzliche Gaben von Frau Wohlgebrecht,
daneben ein Buch, aus dem ein weisser Briefumschlag hervorsah und ein paar
frische Blumen von Gerhart.
    Mein Gott, wie gut diese Menschen mit ihr waren! Nachdem man einander
dankbar die Hnde gedrckt, ging Frau Wohlgebrecht in die Kche, um nach den
Karpfen zu sehen.
    Einen Augenblick blieb es ganz still zwischen den beiden Zurckgebliebenen.
Dann trat Gerhart auf Lotte zu, die mit niedergeschlagenen Augen vor ihrem Platz
stand, seine Blumen in der Hand. Nur um etwas zu sagen, fragte er mit seiner
leisen, warmen Stimme:
    Freuen Sie die Blumen ein bischen, Lottchen? - Das Buch wird Ihnen
vielleicht heute noch nicht gefallen - ich muss Sie erst noch ein wenig dafr
erziehen - und was darin steckt, das haben Sie sich ja ganz besonders bei mir
bestellt. Das Gedicht auf das Grab Ihrer Mutter!
    Sie legte ihre Hand in seine schon lange ausgestreckte und hob den Blick mit
sanfter, dankbarer Zrtlichkeit zu ihm auf.
    Wie gut Sie sind! Darf ich - ich mchte es am liebsten erst lesen, wenn ich
ganz allein bin!
    Sie sah so hinreissend aus in ihrer hilflosen, dankbaren Hingabe, dass er
sie am liebsten an seine Brust genommen und ihr blasses Madonnengesichtchen mit
Kssen bedeckt htte; aber er bezwang sich. Er hatte es wohl gefhlt, wie schon
die wilde Leidenschaft seiner Gedichte sie zurckgestossen. Sie musste es erst
lernen, die Liebe zu begreifen, die sein Ideal war. So fuhr er ihr nur leicht
und zrtlich ber das schne Haar.
    Lesen Sie die Verse, wann Sie wollen, Lottchen. Morgen sagen Sie mir dann,
wie sie Ihnen gefallen haben.
    Lotte nickte stumm und machte langsam ihre Hand aus der seinen, heiss
pulsierenden los. Sie frchtete sich vor den glhenden Schauern, die sie das
letzte Mal so nahe bei ihm durchhebt hatten.
    Weshalb haben Sie sich so lange nicht sehen lassen, Frulein Lottchen?
Waren Sie mir bse?
    O nein, aber es gab viel zu thun, ich hatte zum Lesen keine Zeit - und auch
nicht zum Kommen -
    Und mich fragen Sie gar nicht, weshalb ich seit jenem Abend nicht nach
Ihnen gesehen - Ihnen nicht einmal geschrieben habe? Haben Sie gar nicht daran
gedacht?
    Lotte antwortete nicht. Sie konnte ihm doch nicht sagen, dass sie zwischen
Bangen und zweifelnden Fragen und heisser, uneingestandener Freude an nichts
gedacht hatte als an ihn.
    Ich hatte auch zu thun, Frulein Lottchen. Ich wollte Ihnen gern eine
Freude bereiten - wissen Sie welche?
    Sie schttelte den Kopf.
    Ich habe ein paar Skizzen geschrieben, so im landlufigen Sinn, dran ist
nicht viel, - und nun raten Sie einmal!
    Sie errtete und sah fragend zu ihm auf, der schon wieder dicht vor ihr
stand.
    Ich habe die Skizzen verkauft, Lottchen, an eine grosse Zeitung und Geld
dafr bekommen - eine ganze Menge Geld, und deshalb konnt' ich Ihnen heut eine
Weihnachtsfreude bereiten und morgen -
    In diesem Augenblick trat Frau Wohlgebrecht ein, und mit ihr zog der wrzige
Duft der Weihnachtskarpfen in das Zimmer.
    Schnell, schnell, Kinder, es ist angerichtet.
    Sie gingen in das kleine Esszimmer nebenan. Gerhart hatte den Tisch mit
Tannenzweigen geschmckt, die ihren Duft angenehm und echt weihnachtlich mit dem
der Karpfen mischten.
    In der Mitte des Tisches stand eine Champagnerflasche, rings herum drei
Weinglser. Sektkelche gab es im Hause Wohlgebrecht nicht. -
    Die gutherzige Wirtin strahlte, als sie Lottchens erstauntes Gesicht sah.
    Na, was sagen sie nun, Herzchen? Alles der Junge.
    Und sie ttschelte den grossen Menschen zrtlich auf den Rcken wie ein
kleines Kind.
    Er hat Ihnen wohl schon gebeichtet, Lottchen?
    Aber das ganze gute Geld musste nun auch gleich zum Fenster hinaus!
    Fr Sie hat er ja denn auch noch eine grosse Ueberraschung vor! Darf ich
Gerhart?
    Weshalb nicht, Tantchen!
    Fr morgen hat er zwei Theaterbillette gekauft, zu einem neuen Stck im
Deutschen Theater. Da will er mit Ihnen hingehen.
    Mit mir?
    Ja, Frulein Lottchen, mit Ihnen, wenn Sie meine Einladung nicht
verschmhen?
    Und Ihre Frau Tante?
    Frau Wohlgebrecht lachte.
    Ich? Gott soll mich bewahren! Keine zehn Pferde kriegen mich in so 'n
modernes Stck. Ich geh' nur ins Schauspielhaus oder ins Berliner auf 'n
Abonnementsplatz und seh mir den ollen Schiller an oder 'mal die Zrtlichen
Verwandten, oder so was. Gehen Sie in Gottes Namen allein mit ihm. Fr mich
ist so was nichts.
    Lotte machte ein ttlich verlegenes Gesicht.
    Na, Sie werden sich doch nicht genieren, Kind? Wenn ich es erlaube, ist's
auch in Ordnung und nichts dabei, und allzu etepetete muss man auch nicht sein,
wenn man jung ist.
    Gerhart, der Lotte gegenber sass, warf ihr einen flehenden Blick zu.
    O Gott, nein, sie konnte nicht ablehnen. Sie durfte ihn nicht erzrnen, er
hatte es wahrlich nicht um sie verdient.
    So hob sie die Augen mutig zu ihm auf und sagte ernst und herzlich:
    Es ist nicht so wie Ihre Tante meint. Nur gegen mein armes Muttchen ist es
nicht ganz recht gehandelt, wenn ich jetzt schon ins Theater gehe, aber dennoch,
ich nehme es dankbar an.
    Bravo, rief Frau Wohlgebrecht, die dem lieben Wurm gern das Beste
gnnte.
    Gerhart sagte nichts. Er hob nur sein sektgeflltes Glas gegen sie auf und
blickte sie mit strahlenden Augen an. Er versprach sich so unendlich viel von
diesem Abend. Schwer htte es ihn getroffen, wenn sie sich ernsthaft geweigert
htte.
    Im Laufe des Abends erzhlte er ihr von dem Stck, in das sie morgen
zusammen gehen wollten. Zwar hatte er es von der Bhne noch nicht gesehen, aber
er kannte es lngst vom Lesen.
    Es war Hauptmanns Versunkene Glocke.
    Als Lotte hrte, dass es ein tiefernstes Werk sei, was Herr Schmittlein ihr
zeigen wollte, beruhigte sich ihr aufgeschrecktes Gewissen. Nein, damit wrde
sie an der toten Mutter kein Unrecht begehen. Auch von dem Dichter erzhlte ihr
Gerhart. Er sagte ihr, dass er ihn fr den Genialsten unter den Modernen halte
und dass es sein grsster Stolz sei, denselben Namen zu tragen wie er.
    So eilten die Stunden wie im Fluge dahin. Es war elf Uhr, als Lotte, von
Gerhart geleitet, nach Hause ging. Whrend des kurzen Weges wurde kaum noch ein
Wort zwischen ihnen gewechselt. Hand in Hand, als ob es nicht anders sein knne,
gingen sie schweigend durch die stille, milde, sternenhelle Nacht.
    Lena schlief schon, aber Lotte konnte sich lange nicht entschliessen, ihr
Lager aufzusuchen.
    Sie zndete die Lampe an und setzte sich mit Gerharts Gedicht unter den
Weihnachtsbaum. Nachdem sie es gelesen hatte, zog eine grosse, weihevolle
Zrtlichkeit in ihr Herz. Lotte wusste nicht, galt sie der toten Mutter, galt
sie ihm, der der Teuren so herzliche Worte ins Grab nachgesungen hatte.
Inbrnstig drckte sie das Blatt an die Lippen. Nachts musste es unter ihrem
Haupte ruhen. So war es ihr, als habe sie von beiden ein Stck Liebe bei sich,
von der Mutter und dem Freund. -
    Als sie am nchsten Abend neben Gerhart im Deutschen Theater sass, kam sie
sich wie in einer anderen Welt vor.
    Sie hatte sich ein Berliner Theater zwar viel schner, eleganter und lichter
vorgestellt, als dieses grosse, dstere, unschmucke Haus, aber die
berwltigende Menge von Menschen, die es fllte, die eleganten
Festtagstoiletten der Damen, besonders in den Logen, das geheimnisvolle Raunen
und Rauschen und Tuscheln, das Gesumm und Gesurr, ehe der Vorhang sich hob, war
ihr schon etwas so ungewohntes, dass es ihr vllig den Kopf benahm.
    Gerhart hatte sich die fr seine Verhltnisse ungeheuerliche Ausgabe
gemacht, zwei Parquetpltze zu kaufen. So sassen sie mitten drinnen in dem
bunten, lebhaften Getriebe, und Lotte kam sich in ihrem schlichten schwarzen
Kleid unter all' den geputzten, feiertglich angethanen Menschen wie ein
Schatten, wie ein Nichts vor. Nur wenn sie zu Gerhart aufsah, der ernst und
feierlich dasass wie in der Kirche, fhlte Lotte sich wieder gehoben.
    War sie nicht an der Seite eines Dichters, als seine Freundin, als seine
Vertraute! Konnte dieser Dichter nicht einst ebenso gross und berhmt werden,
wie der, dessen Werk sie nun hren und sehen sollte! Und war diese Gemeinschaft
nicht ein weit herrlicherer Schmuck als das prchtigste Festtagsgewand!
    Mit einem Blick grenzenloser Dankbarkeit blickte sie zu Gerhart auf. Tief
und lange erwiderte er den Blick und still liess sie es geschehen, dass seine
Hand liebkosend wieder und wieder ber die ihre fuhr.
    So, in weihevoller Stimmung sassen sie beide da, bis der Vorhang sich hob.
Lotte lauschte vorgebeugten Hauptes.
    Es kam ihr schwer an, diese eigentmliche Sprache zu verstehen, die ihrem
Ohr oft wie ein gnzlich fremdes Idiom klang. Aufs usserste strengte sie sich
an, dem Dialog und der Entwicklung der Handlung zu folgen; sie wollte so ber
alles gern Gerharts Vertrauen rechtfertigen und eine Dichtung bewundern, die er
so hoch stellte. Aber je mehr sie sich darein zu vertiefen suchte, je weiter die
Handlung fortschritt, um so verwirrter und enttuschter wurde sie.
    Das einzige, was sich fr ihr Verstndnis klar heraushob, war das Verhltnis
des Glockengiessers zu seiner Frau. Und das missbilligte sie aus tiefster Seele.
Dass Heinrich sein braves Weib verlassen konnte, das sich so herzlich um ihn
gebangt hatte, dass er seiner kleinen Kinder vergass, um dem fremden, schnen
Rautendelein zu folgen, darin konnte sie nicht, wie Gerhart, eine grosse,
befreiende That erblicken. Wenn so viel Snde ntig war, um den Menschen zum
echten Knstler zu machen, dann war ja das Talent weit mehr ein Fluch als ein
Segen. O Gott, nein, sie konnte Gerharts Anschauungen ber diesen Punkt ganz und
gar nicht teilen.
    Fr Lotte war das Scheiden Heinrichs von seiner Frau keine Notwendigkeit,
sie konnte in dem Zusammenleben des Glockengiessers mit Rautendelein nichts
poetisch Hinreissendes erblicken. Ganz im Gegenteil, abschreckend,
verdammenswert schien ihr das eine wie das andere, und wie ein Stich ging's ihr
durchs Herz bei dem Gedanken, dass Gerhart Schmittleins freie Liebe am Ende auch
nichts anderes sei als das, was sie heute vor sich sah. Sie hasste das schne
Rautendelein mit all seinen Knsten und Wundern fr das, was es an den armen
Glockengiessersleuten verschuldet hatte.
    Auch fr den schwermtigen Humor des Nickelmann, fr den faunischen des
Waldschrat zeigte Lotte nicht das geringste Verstndnis.
    Von allen Personen des Stckes liess sie allein den Pfarrer, Frau Magda und
die unschuldigen Kindlein gelten.
    Gerhart war in Verzweiflung. Ausserordentliches hatte er sich von dem
Eindruck des Werkes auf ihr empfngliches Gemt erwartet. Und nun musste er
einsehen, dass er in seiner Hast, sie zu dem zu machen, was ihm einzig
ersehnenswert dnkte, nur vorschnell und bereilt gehandelt hatte. Der Wunsch
war diesmal der Vater eines gnzlich verfehlten Gedankens gewesen. Nicht sie,
ihn traf die Schuld. Mehr als ungerecht, knabenhaft kindisch war es von ihm
gewesen, von Lotte heute schon ein Verstndnis fr eine solche Dichtung zu
erwarten.
    Bei der Ungeduld, die ihn marterte, Lotte ganz fr sich zu gewinnen, war es
doppelt hart, sich das eingestehen zu mssen. Alles, alles erwartete er von ihr.
    Mit Seele und Leib sollte sie sein werden, seine Muse, sein Geschpf!
    Beinahe vom ersten Augenblick an, da er sie gesehen, hatte er das Gefhl
gehabt, dass es ohne dieses Mdchen jemals weder Erfolg noch Glck fr ihn geben
knne.
    Je lnger sich dieses Zusammenschmelzen verzgerte, je brennender wurde sein
Verlangen danach. Wie lange sollte er noch warten? Von Kind an war er
leidenschaftlicher Natur gewesen. Was er begehrte, musste er besitzen. Besass er
aber erst einmal, so war es zumeist mit der Lust am Besitz auch schon vorbei
gewesen. Oft schon hatte er begehrt, oft schon hatte der Ueberdruss am
Erreichten ihn gepackt, aber so sehnschtig, so mit allen Fibern hatte er noch
nie nach etwas verlangt, wie danach, die friedlich schlummernde Seele, die
schlafenden Sinne dieses keuschen, reinen, zrtlichen Geschpfs zu wecken.
    Dass er Lottes Herz lngst besass, wusste er. Aber nach dieser altmodischen,
madonnenhaften Liebe fragte er nicht. Er, der Verknder der freien Leidenschaft,
der moderne Rebell gegen alles Bestehende, wollte das Weib und seine Liebe so,
gerade so, wie sein Programm es erforderte.
    Wie eine mchtig auflodernde Flamme wollte er des Weibes Liebe haben. Glut
und Verheerung sollte sie bringen. Mit loderndem Wonnebrand den Geliebten
umschliessen zu kurzem berseligem Rausch. Und wie ein Phnix aus der Asche
dieses Glutenbrandes wollte er dann selbst zu hchster Meisterschaft erstehen.
So und nicht anders wollte er lieben und geliebt sein.
    Als sie nach dem Schluss der Vorstellung durch die Strassen gingen, brannte
das alles wieder in Gerhart auf. Mit ungeduldigem Zorn presste er ihre Hand
zwischen seinen Fingern. Er war nahe daran brutal zu werden, aber ihre zrtliche
Sanftmut entwaffnete ihn.
    Ich weiss, Sie zrnen mir. Haben Sie nur noch ein wenig Geduld! Vielleicht
lerne ich noch alles was Sie wnschen. Bitte, Herr Schmittlein, zrnen Sie mir
nicht. Ich kann's nicht ertragen, wenn Sie bse auf mich sind.
    Und dabei hob sie das feine, zrtliche Gesichtchen mit den warmen,
unschuldigen Augen zu ihm auf wie ein Kind, das der Mutter Verzeihung erfleht.
    Er beugte sich zu ihr nieder und ksste sie auf den Mund, ganz kurz und
sanft, um sie nicht noch mehr einzuschchtern. Dann aber presste er, von
Leidenschaft bermannt, ihre beiden Hnde zwischen die seinen und sthnte:
    Versprich mir, dass Du mich begreifen willst, oder ich gehe zu Grunde.
Durch Dich will ich werden, was ich werden kann. Du darfst mich nicht im Stich
lassen, es wre Snde, Verbrechen. Schwre mir, dass Du es nicht willst!
    O Gott, ja - ja was Sie wollen, ich will es thun!
    Du schwrst es?
    Ja.
    Und sie an sich pressend rief er:
    Ich werde Dich an diesen Schwur erinnern. Bald, bald!

Whrend Lotte und Gerhart Schmittlein so in schwermtigem seelischen Ringen den
Feiertagsabend verbrachten, war Lena seit den letzten, fr beide Schwestern
beraus trben Jahren, zum erstenmal wieder ganz in ihrem Element.
    Strehsens wohnten in Charlottenburg, nahe dem hinteren Eingang zur Flora.
Schon der weite Weg mit der elektrischen Bahn machte Lena, wie alles Neue, das
sich ihr bot, unbeschreibliches Vergngen. Die festtglich gekleideten
Fahrgste, die eleganten Fuhrwerke, die an ihr vorberrollten, die langen Zge
von Spaziergngern, die zu beiden Seiten der Chaussee sich ergingen, zu
beobachten, war ein frmliches Fest fr sie. Das Beste an dem langen Weg blieb
aber, dass er Zeit gab, sich auszumalen, wie es bei Strehsens zugehen wrde.
    Sie sah sich schon die Steinstufen zu der eleganten Villa, von der
Clementine und Elisabeth so hufig sprachen - in Charlottenburg konnte man sich
den Luxus erlauben, nicht in einer Mietskaserne zu wohnen - hinaufsteigen, sie
sah die Salons sich ffnen, sie atmete schon den aristokratischen Duft dieses
vornehmen Kreises.
    Als sie dann endlich vor der sogenannten Villa, einem schmutziggrauen,
zweistckigen Hause in der Wilmersdorfer Strasse stand, fiel es Lena nicht
einmal auf, wie vollstndig dies Haus hinter der Schilderung der Schwestern und
ihren eigenen Erwartungen zurckblieb, so ganz war sie von der Aussicht
kommender Freuden eingenommen.
    Die meisten Gste waren schon in den zwei engen, mit altmodischen,
verschossenen Mbeln und allerhand billigem Zierrat vollgestopften Zimmern
versammelt, als Lena eintrat.
    Einen Augenblick lang war sie von dem Bewusstsein, zum erstenmal in eine
Berliner Gesellschaft zu treten, so benommen, dass sie verlegen auf der Schwelle
stehen blieb. Als sie aber fhlte, dass ihr das Blut heiss in das Gesicht
schoss, trat sie rasch entschlossen auf die ihr entgegeneilenden Schwestern zu.
    Nein, sie wollte hier nicht als verlegenes, ungeschicktes Landgnschen
auftreten und danach behandelt werden, um keinen Preis!
    Nach kurzer Begrssung nahmen Clementine und Elisabeth die junge Kollegin
bei der Hand, um sie der Mutter zuzufhren.
    Die Frau Oberstleutnant, eine grosse, hagere Gestalt mit scharfen Zgen,
stand in der Mitte des Zimmers, als die drei Mdchen an sie herantraten. Mit
herabgezogenen Mundwinkeln lchelte sie Lena missvergngt an. Sie hatte nicht
viel Zutrauen zu dieser Freundschaft aus der Provinz. Als Lena aber eine
durchaus korrekte Verbeugung machte und gelufig ein paar verbindliche
Redensarten vorbrachte, war die Frau Oberstleutnant sofort entwaffnet. So viel
gesellschaftliche Routine hatte sie dieser kleinen Brgerlichen nicht zugetraut.
    Wahrhaftig, wenn man nher zusah, hatte dies hbsch gewachsene Mdchen mit
dem frischen Teint, den blhenden Farben und dem prchtigen schwarzen Haar
bedeutend mehr Chic und Eleganz als ihre eigenen hageren, blassblonden Tchter.
Aus dem misstrauisch verzogenen Lcheln wurde eine wahrhaft freundliche
Begrssung. Die Frau Oberstleutnant, die noch immer viel auf die Dehors ihres
heruntergekommenen Hauses hielt, war viel zu klug, um nicht auf den ersten Blick
zu sehen, dass eine Persnlichkeit wie die Lenas, der abgestandenen Geselligkeit
ihres Hauses nur ntzen konnte.
    Sie hatte lngst einzusehen gelernt, dass man in Berlin dergleichen
auffrischende brgerliche Elemente mit in den Kauf nehmen musste, wollte man
auch nur einigermassen Oberwasser behalten.
    Es hatte Mhe gekostet die Kinder, die bei ihr im Hause lebten oder doch am
meisten um sie waren, mit dieser Einsicht zu befreunden. Die Mdchen, durch die
tgliche Berhrung mit den unterschiedlichsten Elementen weitsichtiger gemacht,
waren eher dahinter gekommen, dass die Mutter recht hatte. Bei ihrem
Lieblingssohn Kurt, dem Leutnant, hatte es grsserer Anstrengungen bedurft, um
den Beweis zu fhren. Schliesslich, vor einigen Monaten etwa, hatte er dann aber
einen gewaltigen salto mortale gemacht. Die meisten brigen Bekanntschaften
abschttelnd, hatte er sich mit einer in Berlin sehr bekannten Persnlichkeit
verbrdert, mit dem jungen Bornstein, Chef eines der angesehensten Bankhuser
und nebenbei Gross-Grundbesitzer in der Nhe von Berlin.
    Arm in Arm mit Max Bornstein betrat Kurt von Strehsen auch jetzt wieder das
Zimmer. Er eilte mit dem Freunde ohne Umstnde geradewegs auf die Mutter und die
sie noch immer umstehenden drei Mdchen zu. Ohne sich des lngeren mit einer
weitschweifigen Begrssung seiner Familie einzulassen, zu der er selbst
Bornstein kaum Zeit liess, bat er, den Freund und sich der jungen Fremden
vorzustellen.
    Zeit zur Unterhaltung gaben Clementine und Elisabeth indes den jungen Leuten
nicht mehr. Lena musste weiter, um endlich mit dem Papa bekannt zu werden.
    Durch eine, mit verblassten grnen Portieren verhangene Thr zogen die
Schwestern Lena in ein halbdunkles Berliner Zimmer, in dem an der einen
Lngswand ein kaltes Bffet aufgestellt war.
    Der Herr Oberstleutnant sass an dem einzigen ziemlich breiten Fenster und
stiess vernehmlich einen unwilligen Laut aus, als die Thr sich ffnete. Er trug
ein schlechtsitzendes Civil und hatte die Kreuzzeitung vor sich auf den Knien,
die er jetzt mit einem hrbaren Aufschlagen der Hand neben sich auf das
Fensterbrett legte.
    Clementine und Elisabeth liessen sich von der menschenfeindlichen Stimmung
des Vaters, an die sie wohl gewhnt sein mochten, indes nicht im geringsten
einschchtern.
    Sie stellten ihm Lena, die er mit erzwungener Hflichkeit begrsste,
umstndlich vor, richteten dann noch eine Unzahl mglichst berflssiger Fragen
an ihn, welche den alten Herrn vollends zur Verzweiflung brachten, und machten
mit der wie auf glhenden Kohlen stehenden Lena erst Kehrt, als die Missstimmung
des alten Herrn ihren Hhepunkt erreicht hatte.
    Lena, der die Situation immer fataler geworden war, machte den Mdchen
Vorwrfe, den alten Herrn um ihretwillen gestrt zu haben. Die etwas burschikose
Elisabeth lachte darber laut auf.
    Was sein muss, muss sein in einem guten Hause. Uebrigens knnen Sie sich
trsten, Frulein Weiss. Papa ist immer so. Geselligkeit ist ihm verhasst. Fr
ihn existiert nichts als die Kreuzzeitung und die Rangliste.
    Als sie das zweite Gesellschaftszimmer wieder erreicht hatten, traten Kurt
und Max Bornstein den Damen ungeduldig entgegen. Die jungen Herren hatten es
beide sehr eilig, ihre vermeintlichen Unterhaltungsrechte an Frulein Weiss
geltend zu machen, da sie vorher schnde zu kurz gekommen waren.
    Leutnant Kurt, als der Sohn des Hauses, nahm die Prioritt fr sich in
Anspruch. Als besonderen Beweis seiner Wertschtzung fhrte er das junge Mdchen
in den beiden Zimmern umher und zeigte ihr die Familiengalerie der Strehsens an
den grellfarbigen, geschmacklos tapezierten Wnden. Zuletzt fhrte er Lena vor
die Haupt-Sehenswrdigkeit des Hauses, den eingerahmten Brief des Prinzen
Friedrich Leopold, der seiner Zeit das Patengeschenk des hohen Herrn fr Kurts
jngeren Bruder begleitet hatte.
    Fritz Leopold, so erklrte Kurt dabei, steht jetzt in Graudenz und mopst
sich in der langweiligen Garnison. Kann's ihm nicht verdenken, fgte der
Leutnant mit einem bewundernden, anzglichen Blick in Lenas lebhafte dunkle
Augen hinzu. Werden in Graudenz schwerlich so viel reizende junge Damen zu
finden sein wie in Berlin.
    Lena lachte ber das wohlfeile Kompliment, whrend Bornstein, der den beiden
auf Schritt und Tritt gefolgt war, dem Leutnant einen finstern Blick zuwarf, der
ungefhr zu bedeuten schien: Was fllt dem dummen Jungen ein, hier schon wieder
Sssholz zu raspeln?
    Sehr zu rechter Zeit erschien jetzt die Frau Oberstleutnant und rief ihren
Sohn ab. Er sollte die Punschbowle ansetzen. Man wollte bald speisen, um nachher
noch Gesellschaftsspiele vornehmen zu knnen.
    Bornstein zog bei dieser Ankndigung ein spttisches Gesicht, und nur die
Gewissheit, den Leutnant fr den Augenblick los zu sein und die allerliebste
kleine Telephonistin auf ein Weilchen fr sich zu haben, liess ihn von einer
ironischen Bemerkung abstehen.
    Zunchst versicherte er sich Lenas Tischnachbarschaft mit einem Eifer, als
ob es nichts Wichtigeres auf der Welt fr ihn gegeben htte. Dann zogen sie sich
in einen Winkel in der Nhe des bei Seite geschobenen Tannenbaumes zurck.
    Bornstein machte Lena auf ihre Bitte aus der Entfernung mit dem brigen Teil
der Gesellschaft bekannt. Er zeigte ihr den jngsten Sohn des Hauses, einen
langen Lichterfelder Kadetten, der heimlich Sssigkeiten knabberte und in
ttliche Verlegenheit geriet, wenn ihn jemand ansprach. Da war ferner eine
Tante, eine unverheiratete Schwester der Hausfrau, die mit ihren Falkenaugen
jedes Prchen neidisch verfolgte.
    Augenblicklich beobachtete sie ihre Nichte Elisabeth, die sich mit dem sehr
spt erschienenen Assessor von Reibenstdt so laut ber die Frauenfrage
ereiferte, dass man die Schlagworte bis in den engen Winkel neben dem
Weihnachtsbaum vernahm. Die letzte, Lena noch unbekannte Person war ein junges,
sehr blasses, beraus einfach gekleidetes Mdchen, eine entfernte Verwandte des
Oberstleutnants; wie Bornstein erklrte, das Aschenbrdel des Hauses Strehsen.
Dann kam der unermdliche Erzhler von den Gsten des Hauses auf die Gastgeber
selbst zu sprechen. In halblautem, ironisierendem Flsterton erzhlte er Lena
von den einzelnen Mitgliedern der Familie, in die er durch Kurt eingefhrt
worden war. Der Freund selbst wurde dabei am wenigsten geschont. Ein guter Kerl
sei er, ja, aber ein schrecklicher Windhund, vor dem sie auf der Hut sein msse.
    Lena lachte ber diese Warnung, wie ber die meisten ungemein drollig
hervorgebrachten Bemerkungen Bornsteins. Der aber nahm den Fall ganz ernst und
erzhlte ihr von haarstrubenden Dingen, die Kurt bei jungen Mdchen angerichtet
habe.
    Und sind Sie so viel tugendhafter als Ihr Freund, Herr Bornstein? fiel
Lena ihm neckend ins Wort.
    Er schttelte sehr energisch den Kopf mit dem nicht allzu vollen, ins
rtliche spielenden Haar.
    Mir gefllt nicht so leicht ein Mdchen, sagte er bedeutungsvoll, Lena mit
einem langen Blick ansehend, wenn mir aber mal eins gefllt -
    Zu Tisch, zu Tisch! rief jetzt der scharfe Diskant Clementines.
    Lena nahm, ohne sich nur im geringsten merken zu lassen, wie sehr diese
Bevorzugung ihr schmeichelte, Bornsteins Arm und liess sich in das Esszimmer
geleiten, aus dem der Oberstleutnant jetzt verschwunden war. Wie Elisabeth ihr
zuflsterte, hatte er sich mit der Rangliste in sein Schlafzimmer geflchtet.
    Bornstein fhrte Lena zu einem kleinen Tischchen, an dem das blasse Mdchen
mit dem Kadetten sass. Da kaum fr vier Personen Platz war, hatte Bornstein Kurt
hier nicht zu frchten. Uebrigens sass er bereits am andern Ende des Zimmers
zwischen seiner Schwester Elisabeth und dem Assessor. Es schien beinahe, als ob
er auf hheren Befehl seiner Mutter zur Beobachtung auf diesen ausgesetzten
Posten kommandiert worden sei.
    Lena amsierte sich kstlich ber die Beflissenheit, mit der Herr Bornstein
sie bediente. Hringssalat, Punschbowle, kalter Aufschnitt, alles kam nur so
herangeflogen, kaum dass sie einen Wunsch geussert hatte. Es war das reine
Mrchen vom Tischleindeckdich, das sie da erlebte. Wenn Lotte das gesehen htte,
oder lieber noch Franz Krieger, der sich einbildete, dass man gar keine Rolle in
Berlin spielte, dass man hchst berflssig, ja eigentlich nur zum Verhungern da
sei, Lena htte etwas darum gegeben.
    Nachdem Bornstein sich selbst versorgt hatte, setzte er sich dicht neben
Lena, mit grosser Geschicklichkeit einen verhltnismssig breiten Raum zwischen
ihnen und den beiden andern schaffend. Er fragte sie nach dem und jenem, ihre
Heimat und ihre Huslichkeit betreffend. Als das Mdchen bei diesem Thema bald
ziemlich einsilbig wurde, nahm er selbst das Amt des Erzhlers wieder auf. Er
sprach ihr von seinem Gut, einige Meilen sdwestlich von Berlin gelegen, von dem
grossen, schn eingerichteten Herrenhaus, das die Leute das Schloss nannten,
dem prachtvollen Garten mit seinen Obst- und Blumenzchtereien, die beinahe eine
Berhmtheit in der Gegend seien, von seiner Jagd in den umliegenden Forsten, zu
der er Kurt im Herbst viel draussen gehabt hatte.
    Sobald wir wieder gute Jahreszeit haben, mssen Sie mir einmal die Freude
Ihres Besuches schenken.
    Als Lena ihn verwundert ansah, fgte er rasch hinzu: Mit den Strehsens
natrlich, die mir ihren Besuch schon lange zugesagt haben.
    Lena nickte in ihrer kurzen Art.
    Wenn's Urlaub giebt und Strehsens mich mitnehmen wollen, mit Vergngen.
    Max Bornstein hatte zwar niemals daran gedacht, die Strehsens in corpore
nach Dahlow einzuladen, aber um den Preis, der reizenden Kleinen mit seinem
Besitz zu imponieren, konnte man am Ende, wenn's so weit war, in den sauren
Apfel beissen.
    Einstweilen aber hatte es bis zum Frhjahr noch gute Weile. Wer weiss, wie
er bis dahin mit Lena stand und ob ihr dann selbst noch an der Gesellschaft der
Strehsens gelegen sein wrde. Fr alle Flle wollte er Kurt gleich nach Tisch
ausdrcklich verpflichten, ihn mglichst oft mit Frulein Weiss
zusammenzubringen. Zum Dank und zur Anspornung wrde er ihm einen neuen Kredit
in Aussicht stellen.
    Nach dem Essen wurden die im Programm vorgesehenen, von Bornstein ironisch
belchelten Gesellschafts- und Pfnderspiele gespielt, bei denen Kleinigkeiten
vom Weihnachtsbaum ausgelost wurden. Um elf Uhr brach die Gesellschaft auf,
damit die Berliner noch gute Fahrgelegenheit fanden.
    Bornstein, der whrend der den Spielunterhaltung, an der er sich nicht
beteiligte, wenig Gelegenheit mehr gefunden hatte, mit Lena zu sprechen, trat
kurz vor dem Aufbruch an sie heran und bat um das Vergngen, sie nach Haus
begleiten zu drfen. Lena sah mit verlegenem Bedauern zu ihm auf.
    Herr Leutnant Kurt hat sich mir schon angeboten - aber wenn Sie trotzdem -
Bornstein machte kurz Kehrt. Nein, er mochte nicht teilen. Ueberdies hatte er
ganz genug fr heut von den Faseleien des Leutnants.
    Lotte lieh whrend der folgenden Tage Lenas enthusiastischen Schilderungen
ber den Strehsenschen Gesellschaftsabend nur ein zerstreutes Ohr. Ihre Gedanken
weilten unablssig bei ihrem letzten Zusammensein mit Gerhart, und wie ein
schwerer, drckender Alb lag der feierliche Schwur, den er von ihr gefordert
hatte, auf ihrer Seele.
    Wenn sie wirklich einmal aus diesen Trumereien erwachte, war es nur, um mit
erschreckten Augen in die Wirklichkeit zu starren.
    Sie hatte gleich nach dem Fest die beschmende und bengstigende Entdeckung
gemacht, dass, wenn sie den letzten Notgroschen nicht angreifen wollte, es
unmglich sein wrde, am ersten Januar die Miete zu zahlen. So also stand es um
ihr Fortkommen in Berlin.
    Zunchst raffte sich Lotte wieder auf, und alles Uebrige in den Hintergrund
drngend, sah sie der Gefahr klar ins Auge. Sie rechnete und berdachte, wo zu
sparen und einzuschrnken sei. Sie trieb alle kleinen Aussenstnde eifrig ein,
aber trotz des gewaltigen moralischen Aufschwungs, den sie sich gab, kam sie um
keinen Schritt weiter.
    Immer nher rckte der Zahlungstermin, und noch immer war die Miete nicht
vollstndig beisammen.
    Lena, auf deren Tagegelder Lotte sich fest verlassen hatte, liess sie
vollkommen im Stich. Alles, was sie zu erwarten gehabt, hatte sie sich von einer
Kollegin vorschiessen lassen und bereits fr allerlei Putz und Tand verausgabt,
den sie fr den Weihnachtsfeiertag sowohl, als auch fr eine mit den Strehsens
vereinbarte Sylvesterfeier unentbehrlich hielt.
    So zrtlich Lotte an Lena hing, so sehr sie die jngere Schwester bewunderte
sie konnte sich nicht verhehlen, dass Lena unerhrt leichtsinnig gehandelt
hatte.
    Aber das Herz, die Schwester anzuklagen, ihr Vorwrfe zu machen, hatte sie
doch nicht. Lena war frhlich, glcklich und gesund, whrend sie selbst alle
Tage matter und willenloser wurde. Mochte Lena wenigstens das Leben geniessen,
sie mit ihrer grblerischen Schwerbltigkeit wrde doch niemals dazu im Stande
sein.
    Eine Zeit lang dachte Lotte darber nach, ob sie mit Gerhart ber ihre
Verlegenheit sprechen sollte. Aber immer wieder verwarf sie diesen Gedanken. Sie
wollte ihn nicht herabziehen in die Mhsale ihres kleinbrgerlichen Daseins. Er
wrde auch wenig Sinn dafr haben, und helfen konnte er ihr nicht, ohne den
Beistand der Tante. Das aber wollte Lotte um keinen Preis. Die prchtige alte
Dame hatte ihr schon so viel herzliche Gutthaten erwiesen, es widerstand ihr
durchaus, sie direkt um eine Hilfeleistung zu bitten. Ausserdem schmte sich
Lotte gerade vor Frau Wohlgebrecht ihrer Verlegenheit. Was sollte die thtige,
tchtige Frau, die so viel auf Lotte hielt, davon denken, dass sie gleich, nach
dem ersten Quartal schon, ihren Verpflichtungen aus eigener Kraft nicht mehr
nachkommen konnte! Es blieb nur ein einziger Ausweg, und so schwer es Lotte
ankam, sie musste ihn gehen und sich blutenden Herzens entschliessen, den kargen
Rest ihres kleinen Vermgens anzugreifen. Wenn es so weiter ging, was sollte
daraus werden? Zum ersten Male sehnte Lotte Franz Krieger herbei. Er, mit seinem
ruhig erwgenden Blick htte ihr sicher sagen knnen, wie und wo sie gefehlt, wo
sie anzusetzen habe, um wieder Ordnung und Gedeihen in ihre Verhltnisse zu
bringen. Aber er war nicht da! Von dem Vater wrde sie niemals Rat zu erwarten
haben, und die Mutter, die treueste Freundin, war nicht mehr! Sie war allein,
ganz allein! -
    An Lena gingen Lottes Kmpfe spurlos vorber.
    Sie hatte nur noch Sinn fr ihre dienstfreien Stunden, die sie zumeist mit
den Strehsens verbrachte, und die Sylvesterfeier, zu der Max Bornstein sie alle
in ein vornehmes Weinhaus Unter den Linden eingeladen hatte.
    Mit dieser Feier hatte es seine ganz besondere Bewandtnis. Bornstein, der im
allgemeinen kein sonderlicher Freund von Familienverkehr war, hatte lngst alle
Einladungen abgeschlagen, die ihm, wie alljhrlich, zu Dutzenden zugegangen
waren. Lngst auch hatte er sich vorgenommen, mit Kurt Strehsen den
Sylvesterball des Balletkorps zu besuchen. Nachdem er aber Lena Weiss kennen
gelernt hatte, gab er dieses Vorhaben auf und machte dem Leutnant den Vorschlag,
den letzten Abend des Jahres en famille zu verbringen. Das heisst, was Bornstein
so en famille nannte. Er lud das Strehsensche Quartett, Mutter, Tchter und Kurt
- der Oberstleutnant wurde selbstverstndlich bergangen - ein, am
Sylvesterabend seine Gste zu sein, unter der Bedingung, dass Frulein
Clementine und Elisabeth ihre Kollegin Lena aufforderten, an der Feier
teilzunehmen. Auf andere Gste wurde verzichtet. Man wollte ganz unter sich
sein.
    Lena, die sich whrend der vergangenen Festwoche schon mehrere Rgen seitens
der Aufsichtsdamen zugezogen hatte, war am einunddreissigsten whrend der
Dienststunden derartig zerstreut, dass es nur ihren gutmtigen Nachbarinnen zu
danken war, wenn sie, ohne unliebsames Aufsehen zu erregen, durch ihre
Arbeitszeit kam.
    Endlich schlug die Stunde der Erlsung. Rasch, ohne auch nur auf die
Strehsens zu warten, strzte sie davon.
    Lenas Staat, der Lotte so viel heisse Thrnen, so viele qualvolle Stunden
gekostet hatte, war schon zurechtgelegt, so dass sie nur hineinzuschlpfen
brauchte. Lena war berglcklich. Das weisse Oberhemd, das kurze, fest
anschliessende schwarze Jckchen darber sassen wie angegossen. Nun fehlte nur
noch der schwarz und weiss karrierte Shlips, und fertig war sie. Es war auch
hchste Zeit, denn whrend Lena die Schleifenenden vor dem schmalen Spiegelchen
festknpfte, wurde draussen die Flurklingel schon gezogen.
    Max Bornstein hatte um die Erlaubnis gebeten, sie um neun Uhr abholen zu
drfen.
    Lotte ffnete dem eleganten, jungen, hypermodern gekleideten Mann etwas
verlegen die Thr und bat ihn, inzwischen in ihrem Atelier Platz zu nehmen,
die Schwester wrde gleich kommen.
    Bornstein verbeugte sich tiefer, als er sich je vor Lena verbeugt hatte, und
stammelte einige unzusammenhngende Worte, whrend er dem schlanken blassen
Mdchen in ihr Arbeitszimmer folgte. Er hatte etwas ganz anderes von der
gemeinsamen Huslichkeit einer kleinen Putzmacherin und einer Telephonistin
erwartet, so eine Art Bohme, in der man es nach keiner Richtung hin sonderlich
genau zu nehmen brauchte. Frmlich betroffen war er, alles anders zu finden wie
er gedacht. Hier konnte er sich nicht so ohne weiteres im Neglige geben, -
wenigstens vor den Augen dieses beinahe vornehmen, stillen Mdchens nicht - wie
er es sonst bei dergleichen kleinen Scherzen gewohnt war. Eigentlich fatal!
Bornstein liebte es nicht, besondere Umstnde machen zu mssen. Wenn er das
vorher gewusst htte, wrde er, einstweilen wenigstens, einen Besuch in dieser
geordneten, gut brgerlichen Huslichkeit vermieden haben.
    Endlich kam Lena. Als sie in ihrem neuen, feschen Kostm in die schmale
Thrffnung trat, ein Lcheln auf dem frischen, rosigen Gesicht, da verschwanden
Bornsteins Beklommenheit, sein Unmut im Augenblick wieder.
    Wahrhaftig, das Mdel war so reizend, dass man sich schlimmsten Falles schon
ein paar Unbequemlichkeiten um seinetwillen aufhalsen konnte.
    Die beiden hielten sich nicht lange mit Abschiednehmen auf. Ihr schwarzes
Jacket und das Pelzbarett hielt Lena schon in der Hand. Bornstein half ihr
galant hinein, und dann, nachdem Lena Lotte flchtig auf die Wange geksst und
Bornstein sich steif vor ihr verbeugt hatte, eilten sie durch die Kche die
Treppe hinunter. Vom Hofe her hrte Lotte ihr frhliches, etwas lautes Lachen.
    Nachdenklich schttelte sie den Kopf. Diese Freundschaft Lenas wollte ihr
nicht so recht gefallen, insbesondere nicht, seit sie Herrn Bornstein nun selbst
gesehen hatte. Freilich, er war ein intimer Bekannter von Strehsens, folglich
nach Lottes kurzsichtiger Logik ein jedes Vertrauens werter Mann. Auch hatten
die Strehsens Lena ja vllig in ihren Schutz genommen, sie gehrte seit
Weihnachten beinahe wie zur Familie, also trugen sie auch die Verantwortung fr
Lena. Trotzdem wrde Lotte unter anderen Verhltnissen Lena nicht so ohne
weiteres den Kavalierdiensten des Herrn Bornstein berlassen haben. Aber jetzt -
nach dem, was zwischen ihr und Gerhart vorgekommen war, hatte sie auch nur das
Recht zu einem Vorwurf, einem Tadel?
    Ein kleiner Trost war es ihr, dass Franz Krieger, an den sie jetzt
fortwhrend denken musste, oft genug zu Haus gesagt hatte: Die Lena wird schon
durchkommen, die weiss sich zu helfen. Die lsst sich so leicht kein X fr ein U
machen. Und dann hatte er hinzugefgt: Aber Du, Lottchen! Was soll aus Dir
werden? Der gute, brave Mensch! Lotte seufzte auf. Er wrde es sich zu Herzen
nehmen, er ganz gewiss, wenn er gewusst htte, wie tief sie jetzt schon in
Sorgen steckte. Aber es musste durchgekmpft werden, es musste!
    Sie nahm ihre kleinen Geschftsbcher vor und fing an zu rechnen und zu
berlegen, wie sie es im nchsten Jahre praktischer und nutzbringender
einrichten knnte. Auch das Haushaltungsbuch schlug sie auf. Es half nichts, so
schwer es auch war, sie mussten noch einfacher leben, sich noch mehr abgehen
lassen. Sie mussten leben, wie wirklich arme Leute!
    Den Kopf in die Hand gesttzt, sass sie und rechnete. Sie hatte viel Zeit,
die ganze lange Sylvesternacht durch.
    Gerhart hatte die Jahreswende mit ihr allein verleben wollen. Sie hatte sich
geweigert, mit blutendem Herzen, aber sie hatte es doch fertig bekommen. Seit
sie ihm jenen Schwur geleistet, frchtete sie sich instinktiv vor dem Alleinsein
mit ihm. Sie hatte ihm andere Vorschlge gemacht, aber er hatte nur sie, sie
allein gewollt. Als sie unerbittlich blieb, war er in heftigem Zorn
davongegangen. Wie sie von Frau Wohlgebrecht zufllig gehrt, wrde er Sylvester
in einer freien literarischen Vereinigung feiern.
    Whrend Lotte sich das Hirn zermarterte, was sie an Groschen und Pfennigen
sich absparen knne, ging es in dem, von den Restaurationsrumen etwas abseits
gelegenen Zimmer, in das Bornstein seine Gste geladen hatte, hoch her.
    Lena war die bermtigste von allen.
    Sie genoss, vllig harmlos, aber in vollen, durstigen Zgen, was sich ihr
bot, Stunden leichtlebigen Genusses, wie sie sie nie zu trumen gewagt. Alles
entzckte und berauschte sie. Das rot ausgeschlagene, luxuris ausgestattete
Zimmer, die in Kristall und Silber blitzende Tafel, die kostbaren frischen
Blumenstrusse, die vor dem Gedeck jeder Dame lagen, das ausgezeichnete Souper,
die kstlichen Weine, von denen sie freilich nur zu nippen wagte. Ihr ganzes
Leben lang htte sie so dasitzen mgen, selbst plaudern und dem Geplauder
zuhren, den feinen Duft, aus Blumen und exquisiten Speisen gemischt, einatmen
und den bethrenden Schmeicheleien zuhren, die ihr Nachbar ihr von Zeit zu Zeit
ins Ohr flsterte. Diese Schmeicheleien ernst zu nehmen, oder gar sich durch sie
zu einem wrmeren Gefhl hinreissen zu lassen, daran dachte Lena nicht. Nur
lustig wollte sie sein, geniessen und auskosten, was ihr so freigebig geboten
ward.
    Clementine und Elisabeth machten sich heute weidlich ber ihre Kollegin
lustig. So recht kleinbrgerliche Provinz, das Vergngen an einem solchen Abend
derartig zur Schau zu tragen!
    Sie hatten zwar alle drei, Mutter und Tchter, den ganzen Tag auf das
Bornstein'sche Souper hin gehungert, aber um nichts in der Welt htten sie sich
merken lassen, wie gut es ihnen schmeckte, wie behaglich es ihnen nach der
huslichen Misere in dieser luxurisen Umgebung zu Mute war.
    Die hagere Frau Oberstleutnant, die heute spitzer und verkmmerter aussah
denn je, nahm Lenas und Bornsteins Benehmen ernster als ihre Tchter. Sie hatte
sich zwar niemals eingebildet, dass Bornstein Absichten auf Clementine oder
Elisabeth habe, aber die so grob zur Schau getragene Verehrung des Bankiers fr
die kleine Telephonistin, der diese, in ihren Augen wenigstens, mehr als
koketten Vorschub leistete, verletzte und emprte sie doch. Ausserdem drohte
dieser Fall all ihre ausgeklgelt freisinnigen, gesellschaftlichen Anschauungen
jh ber den Haufen zu werfen. Das Benehmen der beiden war einfach skandals
brgerlich. So inkorrekt htte sich ein Mann von Adel, ein Mdchen der
Aristokratie nie betragen. Was aber konnte man schliesslich erwarten von einem
jungen Menschen, dessen Grossvater noch hinter dem Ladentisch eines
Materialwaarengeschfts gestanden hatte, und einem Mdchen von Gott weiss
welcher Abkunft, aus Gott weiss welchem mrkischen oder mecklenburgischen Nest,
dessen Name als Geburts-oder Sterbesttte niemals im Gothaer vermerkt gewesen
war, noch mutmasslich jemals darin vermerkt sein wrde!
    Schliesslich aber beschloss die Frau Oberstleutnant doch gute Miene zum
bsen Spiel zu machen, schon um Kurts willen, der es in keinem Fall mit
Bornstein verderben durfte. Sie mochte gar nicht an die Misere denken, die
wieder ber sie hereinbrechen wrde, wenn Bornstein eines Tages Kurt den Kredit,
den er ihm so freigebig gewhrte, wieder entziehen wrde.
    Erst lange nach Anbruch des neuen Jahres wurde die Tafelrunde in dem roten
Zimmer aufgehoben.
    Kurt, der unbesonnener Weise in Uniform erschienen war, hatte sich nicht mit
Unrecht geweigert, in der ersten Stunde nach Mitternacht die Damen durch die
Friedrichstadt zu begleiten. Rempeleien mit Zivilisten waren seine Sache nicht.
Er war im Grunde viel zu aristokratisch bequem, um nicht gern jedem Anlass zu
Unannehmlichkeiten oder Streit aus dem Wege zu gehen - nicht nur in der
Sylvesternacht.
    An der Leipziger- und Friedrichstrassen-Ecke trennte man sich. Kurt bestieg
mit seinen Damen den letzten Pferdebahnwagen nach dem Westen, Bornstein
begleitete Lena nach Hause.
    Bornstein hatte eigentlich von diesem Heimweg in Anbetracht der animierten
Stimmung, in der sie sich beide befanden, mehr erwartet.
    Trotzdem man, wie auf stillschweigendes Uebereinkommen, den Weg lang genug
ausdehnte, gelang es Bornstein nicht, mit Lena ber das Mass des Herkmmlichen
hinauszukommen.
    So bermtig sie sich auch den ganzen Abend mit ihm gezeigt hatte, sobald
sie allein mit ihm war, zog sie, sich selbst vielleicht unbewusst, eine Grenze,
ber die selbst ein Bornstein sich nicht hinauswagte.
    Verwnscht, wie viel von der Dame in diesen beiden Mdchen steckte! Na, nur
nicht gleich den Mut verloren. Was nicht war, konnte ja am Ende werden.
    Als er zum so und sovielten Male vor der Zimmerstrasse Kehrt machen wollte,
erklrte Lena sehr entschieden, totmde zu sein und nach Haus zu wollen. Erst
als er ganz ehrlich kummervoll noch um ein paar Minuten bat, da er morgen auf
mehrere Tage von Berlin fort msse, liess sie sich erweichen und schlenderte
noch ein Weilchen neben ihm her.
    Wo mssen Sie denn hin, Herr Bornstein? fragte sie schon halb verschlafen.
    Nach Dahlow, liebes Frulein Lena. Ach, ich wnschte, Sie kmen mit! Es
wird zum Sterben langweilig werden. Denken Sie nur, in dem grossen Haus ganz
allein mit dem Inspektor! Nichts wie rechnen und wieder rechnen und bogenlange
Berichte entgegennehmen und Belege einsehen und revidieren - Brr. - Wenn die
Jagd nicht wre, mchte man geradezu verrckt werden!
    Lena war bei der Erwhnung von Dahlow wieder munter geworden. Von ihrer
Kindheit her, damals als der Vater noch Inspektor auf Gross-Klockow gewesen,
hatte sie eine heimliche Liebe fr grossen Grundbesitz, natrlich nur, wenn es
darauf wie auf einem echten Herrensitz zuging. Fr ihr Leben gern htte sie
Dahlow einmal gesehen; aber sie durfte Bornstein das nicht merken lassen, sonst
htte er sie gleich beim Wort genommen, und es ging doch unmglich an, dass sie
zu ihm nach Dahlow kam.
    So fragte Lena hauptschlich nach dem, was ihr das Unverfnglichste erschien
und was sie doch wieder am meisten interessierte, nach seiner Blumen- und
Obstzucht, von der er ihr am Weihnachtsabend bei Strehsens schon einmal flchtig
erzhlt hatte. Bornstein, der selbst ein grosser Blumenfreund war und dem
berdies daran lag, ihr Dahlow so verlockend wie mglich zu schildern, machte
wahrhaft mrchenhafte Beschreibungen von seinen Treibhusern und Mistbeeten.
    Mehlmann, sein Obergrtner, war eine Spezialitt fr seltene Arten von
Blumen und Frchten. Er hatte auf der letzten grossen Blumen- und
Obst-Ausstellung in Treptow eine der hchsten Auszeichnungen bekommen. Lenas
noch kurz zuvor so verschlafene Augen wurden gross und grsser.
    Blumen, und seltene dazu, waren ihre Passion. Ich bringe Ihnen einen
Strauss Orchideen mit, Frulein Lena, wenn Sie ein bischen nett mit mir sind -
aber das Beste wre schon, Sie kmen selbst heraus.
    Bornstein sah das Mdchen mit bittender Frage an, aber sie schien ihn
durchaus nicht zu verstehen oder verstehen zu wollen. So fgte er, wie vor acht
Tagen, nur um etliches verstrkt hinzu: Mit Strehsens natrlich.
    Aber ich bekomme keinen Urlaub!
    Na, noch besser. Diese albernen Postonkels. Das fehlte gerade! Dann
schwnzen Sie eben 'mal.
    Darauf steht augenblickliche Entlassung.
    Mein Gott, wie kann man sich in solchen Drill begeben, wenn man ein so
fesches Mdel ist wie Sie, Lena. Warum sind Sie nicht auch Putzmacherin wie Ihre
Schwester? Da knnten Sie den ganzen Tag thun und lassen was Sie wollten.
    Lena seufzte ganz heimlich auf. So wie Herr Bornstein jetzt sprach, hatte
sie schon die ganze letzte Woche ber gedacht. Der regelmssige Dienst fing an
ihr schrecklich langweilig und drckend zu werden. Aber sie wollte ihrem neuen
Freunde nicht Recht geben und behauptete, sich in diesem Drill, wie er sagte,
riesig wohl zu fhlen. Sie war doch etwas - knigliche Beamtin. -
    Auch was rechts, brummte er.
    So unter Scherzen und Streiten kamen sie endlich vor Lenas Hausthr an.
    Nun aber wirklich Gute Nacht!
    Er htte ihr fr sein Leben gern einen Kuss gegeben, aber sie sah ihn so
merkwrdig verwundert an, als er sich zu ihr herabbeugte, dass er es vorzog,
sich mit dem schmalen, rosigen Streifen, zwischen Handschuh und Jacketrmel zu
begngen.
    Lena wurde puterrot, aber sie freute sich doch.
    Und wann darf ich Ihnen die Orchideen bringen?
    Einen Augenblick lang sah sie ihn zgernd und schwankend an. Dann sagte sie
rasch entschlossen ohne Ziererei und Koketterie: Sonntag Abend bei uns. Von
sieben ab bin ich dienstfrei.
    Bornstein war es nicht ganz zufrieden. Er frchtete die stille Schwester mit
ihrem ruhigen, vornehmen Ernst, aber dennoch sagte er freudig zu. Am Ende war es
immer besser als nichts. -

Die gute Frau Wohlgebrecht hatte wieder einmal einen krftigen Zorn auf Lotte.
    Nach einem steifen Neujahrsbesuche hatte das Kind sich nicht mehr sehen
lassen.
    Irgend etwas war da wieder nicht in Ordnung. Wenn die alte Wohlgebrecht auch
die Bildung nicht gepachtet hatte, ihre gesunden Augen hatte sie doch im Kopf
und ein X fr ein U liess sie sich noch lange nicht machen.
    Zunchst nahm sie ihren Gerhart ins Gebet, der auch nicht gerade in rosiger
Laune herumlief und mehr Zeit in seinen modernen Klubs und Vereinigungen
verbrachte, als ihr lieb war.
    Viel war ja nicht aus ihm herauszubekommen. Er machte dunkle Andeutungen
ber die Beschrnktheit der Weiber, ber verrottete, unmoderne Vorurteile, ber
erbrmliche Rcksichten auf Brauch und Herkommen, die einem Seele und Sinne
zernagten, was er aber eigentlich damit meinte, und ob sich etwas, alles, oder
gar nichts von seinen dunkeln Reden auf Lottchen Weiss bezog, daraus konnte Frau
Wohlgebrecht absolut nicht klug werden.
    Nicht viel anders erging es ihr bei Lotte selbst, als sie an einem eisig
kalten Abend um die Mitte Januar zu ihr herumkam.
    Der Name Gerhart schien ihr die Lippen eher zu schliessen als zu ffnen, und
doch hatte Frau Wohlgebrecht ihren Kopf darauf gesetzt, dem armen Kinde, das sie
so blass und traurig fand wie nie zuvor, zu helfen. Sie versuchte es hier, sie
versuchte es da, bis sie endlich auf die rechte Spur gekommen schien.
    Na und Herzchen, wie stehts denn mit dem Jahresabschluss und dem Geschft?
Da hielt Lotte sich nicht lnger, und in Thrnen ausbrechend legte sie eine
umfassende Beichte ab.
    Frau Wohlgebrecht hrte dem langen Bericht stillschweigend zu. Das war so
recht etwas fr sie, trsten und helfen knnen. Denn getrstet musste das liebe
Geschpf werden, und geholfen werden musste ihm erst recht, das stand fest in
dem goldenen Herzen der alten Frau.
    Whrend Lotte sprach, unterbrach Frau Wohlgebrecht sie mit keinem Wort. Nur
ab und zu klopfte sie dem Mdchen zrtlich auf die Schulter oder streichelte
Lottes nervs verschrnkte Hnde, um ihre Teilnahme kund zu thun.
    Erst als Lotte die heftigsten Anklagen gegen sich selbst erhob, ergriff Frau
Wohlgebrecht das Wort und protestierte ganz entrstet.
    Was reden Sie nur da, Kindchen? Glauben Sie etwa, es ginge Andern nicht so?
Wenn zwei so arme, unerfahrene Dinger wie Sie und Ihre Schwester in Berlin auf
anstndige Weise glatt durchkommen, so ist das eine Ausnahme, aber eine grosse,
sag' ich Ihnen. Was denken Sie denn, was hier alles herumluft und Arbeit sucht?
Eins schnappt sie dem andern vor der Nase weg. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
Das ist einmal nicht anders. Aber wer A gesagt hat, muss auch B sagen knnen.
Nu, man Kopf hoch und am rechten Ende angefasst, damit die Verlegenheiten
aufhren.
    Frau Wohlgebrecht sah sich in dem netten behaglichen Raum um.
    Wie lange haben Sie hier Kontrakt, Kindchen?
    Bis Oktober bers Jahr.
    Hm, ja - na das kann sich spter finden.
    Erst wollen wir 'mal sehen, ob sich nicht mehr verdienen lsst, ehe wir an
die userste Grenze der Sparsamkeit gehen. Sagen Sie 'mal, wie ist denn das mit
Ihrer Schwester? Die kriegt doch, so viel ich weiss, ihre 2 Mark 25 Tagegelder.
Die muss doch ordentlich zuschiessen?
    Lotte war in ttlicher Verlegenheit. Um nichts in der Welt htte sie gerade
Frau Wohlgebrecht, die schon so wenig von Lena hielt, die Wahrheit gesagt. Sie
stotterte etwas von grossen Ausgaben, die Lena gehabt, und dass das alles in
diesem Monat anders sein wrde. Und um Frau Wohlgebrecht gar nicht erst zu
Gedanken oder Wort kommen zu lassen, fgte sie rasch hinzu:
    Ich glaube, es ist besser, ich gebe das selbstndige Arbeiten ganz auf und
sehe mich nach einer Stelle in einem Modewarengeschft um. Ein grosses Gehalt
wird man mir freilich nicht geben, fgte sie bitter hinzu, denn fr Berliner
Geschmack verstehe ich, wie es scheint, nicht genug, aber es ist doch immer was
sicheres.
    Dabei warf Lotte einen so sterbenstraurigen Blick auf ihren Arbeitsschrank
und ihre behagliche kleine Umgebung, als gelte es heute schon, auf
Nimmerwiedersehen davon Abschied zu nehmen.
    Frau Wohlgebrecht hatte den Blick aufgefangen und verstanden. Das Herz that
ihr ordentlich weh dabei. Wenn man dem Kinde doch nur dies bischen armseliges
Glck erhalten knnte, die ruhige Arbeit in den eigenen vier Wnden!
    Frau Wohlgebrecht wusste im Voraus, dass die stille Lotte sich in einem
Berliner Geschft totunglcklich fhlen wrde.
    Na, nur nichts bereilen, Lottchen. Nur keine berstrzten Entschlsse
fassen, das hat noch allemal gereut.
    Frau Wohlgebrecht stand auf.
    Lassen Sie mir ein paar Tage Zeit, Kind. Ich will das alles berlegen. Was
haben wir heute? Mittwoch. Schn. Kommen Sie Sonnabend Abend nach
Geschftsschluss zu mir herum. Bis dahin denke ich, werde ich einen Rat fr Sie
wissen. Sie ksste Lotte auf die Stirn und ohne ihren Dank abzuwarten, war sie
auch schon davongegangen. -
    Als Lotte am Sonnabend Abend um die verabredete Zeit zu Frau Wohlgebrecht
kam, trat Gerhart ihr mit einem seltsamen Gemisch von Freude und Bestrzung
entgegen.
    Denken Sie nur, Lottchen, die Tante - nein, es ist kein Unglck geschehen -
wie Du gleich blass wirst - so kommen Sie doch herein, Lottchen - bitte -!
    Sie folgte ihm zgernd in das kleine gemtliche Zimmer mit dem schwarzen
Rosshaarsopha. Auf dem runden Mahagonitisch brannte die Lampe und davor lagen
Gerharts Schreibereien, gerade so wie sie es zum erstenmal gesehen, als sie
zaghaft und fremd den halbdunklen Laden betreten hatte.
    Was ist denn mit Frau Wohlgebrecht?
    Die Tante ist heut Nachmittag telegraphisch nach Westpreussen gerufen
worden, Sie wissen ja, Lottchen, zu der Nichte, der jungen Frau, zu der sie im
Frhjahr hinwollte. Da ist ein Malheur passiert, ein bischen was schief
gegangen. Du brauchst nicht so entsetzte Augen zu machen, Lotte, das kommt fter
vor.
    Tante wird nun wohl fr lange Zeit fortbleiben. Ich fhre das Geschft
einstweilen allein. Aber willst Du Dich denn nicht endlich setzen, Lotte? Ich
glaube wahrhaftig, Du frchtest Dich schon wieder vor mir. Du kannst ganz ruhig
sein - seit dem Weihnachtsabend im Deutschen Theater -
    Er sprach nicht weiter, doch in dem, was er gesprochen, hatte eine so
unendliche Bitterkeit gelegen, dass Lotte die Thrnen in die Augen schossen.
    Sie nahm sich zusammen und setzte sich auf den Stuhl, den er ihr
hingeschoben hatte, um ihm zu zeigen, dass sie ihm vertraute.
    Er nahm ihr den Schulterkragen ab und das schwarze Htchen.
    Minna ist draussen. Sie kann uns einen Thee machen, wenn Du willst.
    Lotte schttelte den Kopf.
    Ich habe schon Abendbrot gegessen. Hat Frau Wohlgebrecht Ihnen denn gar
keinen Auftrag fr mich gegeben?
    Er setzte sich zu ihr.
    Einen ganzen Band voll. Gross Folio, so dick. Wir haben in diesen Tagen
ber alles gesprochen und sind uns ber alles einig geworden. Wirklich,
Lottchen, Sie knnen sich einbilden, nicht ich, sondern die Tante sprche jetzt
mit Ihnen.
    Ohne dass sie es wollte, huschte ein Lcheln ber ihr Gesicht.
    Gerhart griff nach ihrer Hand.
    So msstest Du immer aussehen!
    Dann setzte er sich absichtlich ein wenig entfernt von ihr in die Sophaecke
und zog eine ganz geschftliche Miene auf.
    Also Lottchen, die Tante und ich sind zu dem Entschluss gekommen, Ihnen zu
raten, einstweilen, wenigstens bis Ostern, die Verhltnisse zu lassen, wie sie
sind. -
    Ja aber -
    Zu besseren Einnahmen mssen Sie es natrlich bringen. Die Tante hat Ihnen
da - er schob ihr einen mit Namen und Adressen beschriebenen Zettel ber den
Tisch zu - Familien aufgeschrieben, von denen Sie zweifellos, wenn auch nicht
gleich, so doch nach dem Frhjahr zu, Auftrge bekommen werden. Tante so wie ich
sind der Ansicht, dass, da Sie Wohnung und Einrichtung einmal haben, nun doch
noch ein Weilchen aushalten sollten -
    Sie sprach kein Wort und sah nur mit grossen traurigen Augen zu ihm hinber.
    In einem Geschft - Jetzt trafen sich ihre Blicke. Gerhart sprang auf.
    In einem Geschft, Lottchen, siehst Du, da knnte ich Dich nicht sehen! Mit
andern gewhnlichen Elementen, ein stupides Publikum bedienen, - es wrde mich
wahnsinnig machen. Dich dort zu wissen. Versprich mir, dass Du es nicht thun
willst, versprich es mir!
    Wie gern, Gerhart - ich frchte mich ja selbst so sehr davor - aber wenn -
wenn es nun nicht anders geht?
    Er war vor ihr stehen geblieben und sah sie mit heissen Augen an.
    Es wird gehen, Lottchen, es muss gehen. Du hilfst mir - ich helfe Dir. Hr'
einmal zu. Da liegt eine neue Arbeit. Wenn Du ein bischen gut mit mir bist, wenn
ich Dich nur ab und zu sehen darf - so wie heut! - nicht anders, Lottchen, ich
verlange ja gar nicht mehr von Dir, siehst Du, dann wird mir die Arbeit
gelingen, das fhle ich, das weiss ich, und wird mir viel Geld bringen - das
teilen wir dann, denn was mein ist, ist auch Dein, und Du, Du hast ja auch
einzig das Verdienst daran, wenn es gelingt.
    Er war vor ihr niedergekniet und hatte den Kopf in ihren Schoss gelegt. Sie
bebte am ganzen Leibe.
    Mein Kind, mein liebes Kleines, nimm doch Vernunft an. Wenn Du mich auch
nicht ganz verstehst, das wirst Du doch begreifen, dass Du mir ntig bist, wie
nichts in der Welt, und ich Dir auch, glaube mir's, Lotte, ich Dir auch, und
dass wir, wie alle Menschen, ein Recht auf Glck haben!
    Er hatte sich aufgerichtet und strich ihr sanft ber das heisse Gesicht.
    Was ich Dir mit der Versunkenen Glocke sagen wollte, hast Du nicht
begriffen. Du verstehst es noch nicht, dass es hchste Seligkeit fr einen
Knstler ist, Brust an Brust, Seele an Seele mit einem geliebten Weibe sich
auszuleben, so lange oder so kurz Liebe und Glck und Schaffenskraft whren,
selbst wenn es danach in den Abgrund geht, in das Nichts. Das kannst Du heut
noch nicht fassen, mein Kleines, nein?
    Lotte schttelte kaum merklich den Kopf und sah mit unbeschreiblicher
Zrtlichkeit zu ihm auf.
    Aber dass jeder Mensch ein Recht auf Glck hat und dass er ein Narr ist,
wenn er sich dieses Glckes nicht teilhaftig macht aus Grnden elend dummer
Vorurteile, das wirst Du doch begreifen?
    Ja, das begreif' ich, Gerhart, ich sehne mich ja auch nach Glck, o so
sehr, so sehr. Du glaubst nicht, wie ich leide.
    Zum erstenmal kam es ber ihre Lippen, das trauliche Du, sie wusste es nicht
einmal, so natrlich war es ihr. Nun, da auch die alte Frau nicht mehr fr sie
da war, hatte sie nichts mehr als ihn, Gerhart! Und wie sie so zu ihm
aufblickte, kam er ihr pltzlich um Jahre gereift und gealtert vor, whrend sie
sich hilflos fhlte, wie ein Kind. Und in einer pltzlichen Aufwallung von
beinahe kindlicher Zrtlichkeit neigte sie sich zu ihm und legte die Arme um
seinen Hals und seufzte an seiner Brust all' ihren Kummer, all' ihre schweren
Sorgen aus.
    Er hielt sie sanft in den Armen, und so rasch und heiss sein Blut auch ging,
er rhrte sich nicht.
    Als sie ruhiger geworden war, ksste er sie auf die Stirn.
    Komm nun, ich will Dich nach Haus bringen, Lottchen. Es wird alles gut
werden. Nur versprich mir, nichts ohne mich zu thun. -

Max Bornstein war lnger in Dahlow festgehalten worden, als er vorausgesehen
hatte. Freilich war die Jagd mehr als die Geschfte an diesem Aufschub Schuld
gewesen. So kam es, dass am Sonntag Abend der Orchideenstrauss fr Lena, statt
durch ihn selbst, durch einen Expressboten in der Zimmerstrasse abgegeben werden
musste.
    Lena machte zunchst ein verdriessliches Gesicht. Sie war schon so verwhnt
durch Bornsteins Aufmerksamkeiten, fhlte sich so ganz Herrin der Situation,
dass sein Fernbleiben sie schwer verdross. Es krnkte ihre Eitelkeit, und dann
war es wirklich kein Vergngen, mit der trbseligen Lotte, die kaum von ihrem
Buch aufsah, den ganzen Sonntag Abend allein zu Haus zu sitzen. Wo aber sollte
sie hin? Mit Marie Weber war sie seit der Freundschaft mit Strehsens ganz
auseinander. Die Jugendfreundin hatte einmal ber Clementine und Elisabeth
abfllige Aeusserungen gemacht, ja sich sogar soweit verstiegen, Lena ihre
Beziehungen zu Herrn Bornstein vorzuwerfen. Seitdem war sie mit Marie Weber
fertig gewesen. Sie war und blieb eben eine Pute vom Lande, mit der es nicht
lohnte, sich weiter abzugeben.
    Um zu Strehsens hinauszufahren, war es zu spt geworden. Wenn Bornstein
schon nicht selbst kam, so htte er den Strauss mit der Absage wenigstens frher
schicken knnen! Zu dumm, den ganzen freien Sonntag Abend hier in den
langweiligen vier Wnden sitzen zu sollen! Schliesslich kam sie auf den
Gedanken, Lotte aufzufordern, mit ihr zu Frau Wohlgebrecht zu gehen.
    Die Frau war das letzte Mal ja ganz nett zu ihr gewesen und wer weiss, ob
sich mit dem bleichen Dichterjngling nicht doch am Ende was anstellen liess!
Pour passer le temps war er am Ende gut genug.
    Als Lena Lotte diesen Vorschlag machte, lehnte diese gegen ihre Gewohnheit
sehr schroff ab.
    Frau Wohlgebrecht ist verreist, sagte sie kurz.
    Sie wollte um nichts in der Welt mit Lena in ein Gesprch ber ihre besten
Freunde geraten.
    So komm, lass uns in ein Restaurant gehen, es ist sterbenslangweilig, hier
allein zu sitzen, besonders wenn Du den ganzen Abend nichts thust als lesen!
    Lotte schob das Buch bei Seite und sah Lena ernsthaft an.
    Wir haben kein Geld, Lena, um in ein Restaurant zu gehen. Ich habe Dir bis
jetzt nichts davon gesagt, um Dir Deine frohe Laune nicht zu verderben, aber
einmal muss es doch sein - wir mssen uns sehr, sehr einschrnken, liebe Lena.
Ich bin am Ersten in grosse Verlegenheit geraten - ich habe unsern letzten
Notgroschen angreifen mssen - Sie legte die Hand auf Lenas Arm.
    Du darfst mir nicht bse sein, Lena, aber nicht wahr, - in diesem Monat
wirst Du von Deinen Tagegeldern so viel als mglich fr den Haushalt sparen? Ich
selbst werde mir sicherlich die erdenklichste Mhe geben, mehr zu verdienen und
viel, viel weniger zu gebrauchen.
    Lena zog ihre brummigste Miene auf. Auch das noch! Statt eines fidelen
Abends mit Bornstein eine Predigt von Lotte. Noch mehr einschrnken sollten sie
sich und das bischen, was sie verdiente, auch noch fr den Haushalt hergeben? -
brrr!
    Nur um etwas zu sagen und der Sache rasch ein Ende zu machen, gab sie ein
hastiges, oberflchliches Versprechen.
    Mein Gott, Lotte that ihr ja auch leid, aber das war doch ein grssliches
Leben!
    Dann drehte sie den kostbaren Strauss, den sie noch immer in der Hand hielt,
hin und her. Mit einem halb belustigten, halb ironischen Lcheln sah sie auf die
wundervollen Blten.
    Was der wohl wert ist, Lotte? Zehnmal knnten wir uns dafr mindestens satt
essen und noch dazu in einem feinen Restaurant.
    Sie dehnte und reckte sich nach hinten zu ber die Stuhllehne hinber.
    Was das fr eine Misere ist, jeden Groschen zehnmal herumdrehen zu mssen -
ich glaube wirklich, Lotte, Du bist zu penibel, man ist doch nur einmal jung und
hat doch auch sein Recht auf Glck.
    Lotte blieb die Antwort in der Kehle stecken, als sie jetzt von Lena
denselben Ausdruck hrte, den Gerhart gestern gebraucht hatte. Es musste doch
etwas daran sein, an diesem Recht auf Glck. Sie wollte es ja auch jedem andern
gern zugestehen, nur sich selbst nicht, wenn es nur auf den verworrenen Wegen zu
erreichen war, die Gerhart sie ahnen liess.
    Da Lotte nicht antwortete, fuhr Lena fort: Weisst Du, Lotte, ich htte
eigentlich Lust umzusatteln -
    Lotte sah die Schwester ganz entgeistert an.
    Was denn, jetzt, nachdem Du die Anstellung endlich hast? Um Gottes willen
nur das nicht. Deine feste Anstellung ist das Einzige was uns rettet.
    Pah! Wenn ich mich nun verbessern kann? Das ewige an den Dienst
angeknppelt sein, gefllt mir nicht mehr. Bei dem kleinsten Versehen sich
'runterputzen lassen mssen wie ein dummes Schulmdchen, das passt mir nicht!
Und dann ist noch eins. Regelmssige Einnahmen sind ja ganz gut, aber mich kann
so was auf die Dauer nicht reizen und befriedigen. Ob ich am Apparat gut oder
schlecht arbeite, ist, so lange man mich berhaupt behlt, fr meine Einnahmen
ganz egal. Ich muss meine bestimmten Jahre absitzen, ohne mich verbessern zu
knnen. In jeder andern selbstndigen Branche ist mir doch wenigstens die
Mglichkeit gegeben, mehr zu verdienen, sobald ich mehr und besser arbeite. -
    Ja, aber Lena, denk' doch blos an mich!
    Lena lchelte gutmtig, aber doch ein wenig berlegen.
    Nimm mir's nicht bel, Lotte, Du bist ja eine zehntausendmal bessere Seele
als ich, aber ich bin dafr aus anderem Holz geschnitten. Wenn's gilt, wenn ich
meinen ganzen Willen einsetzen kann fr eine Sache, die mich freut, kann ich
auch was leisten. Und ich wsste schon eine, die mich freuen wrde! Sieh 'mal -
und sie hielt Lotte den Orchideenstrauss, der zwischen den Schwestern auf dem
Tisch gelegen hatte, entgegen - dabei ist mir der Gedanke gekommen - an ein
Blumengeschft nmlich. - Horrend teuer sind die frischen Blumen in Berlin -
wenn man da irgend was fnde, woher man billig beziehen knnte, ohne selbst
draussen einen Garten anlegen zu mssen - vielleicht aus Klockow durch Vater
oder Franz Krieger - knnte man ein grosses Geschft machen. Und Geld haben will
ich, viel Geld und bald! Hier in Berlin ist ein Leben ohne Geld unertrglich.
Mit Geld msste es das Paradies sein!
    Lena sprang lebhaft auf, strich sich die schwarzen widerspenstigen Haare von
den Schlfen, dann lief sie mit grossen Schritten in dem kleinen Zimmer hin und
her.
    Mit beredten Worten entwickelte sie Lotte ein Bild des Lebens, das sie
fhren wrde, wenn sie so oder so zu Geld kme. Es war in diesem Bilde nichts
von dem zu sehen, was Lotte ertrumt hatte, als sie zuerst nach Berlin gekommen
war, ganz im Anfang, als sie noch gehofft hatte, es zu einem blhenden Geschft
zu bringen. Vater und Schwester spielten in Lenas Plnen keine Rolle.
    Auch kein zuknftiger Gatte, mit dem sie ohne Ansehen von Geld und Gut wrde
leben und glcklich sein knnen, weil sie selbst genug erwarb, um mit ihm zu
teilen.
    Immer mehr und mehr redete Lena sich in ein Zukunftsbild hinein, das wohl
erst krzlich durch den Verkehr mit Bornstein so bestimmte Gestalt angenommen
haben musste.
    Gesellschaften, glnzende Diners und Soupers, elegante Toiletten, Reisen und
was sonst noch alles zu dem Luxus der oberen Zehntausend gehrt, schilderte sie
Lotte in glhenden Farben. Sie sprach sich in einen frmlichen Rausch, aus dem
sie mit glhenden Backen und glnzenden Augen erst wieder zu sich kam, als Lotte
ein paar dnne Scheiben Schlackwurst und ein paar Stcke trockenen Schwarzbrots
auftrug. Essbutter hatte Lotte seit dem Ersten gestrichen.
    Lena sah emprt auf den kargen Imbiss.
    Ist denn von Franz Kriegers Weihnachtssendung nichts mehr da? fragte sie
vorwurfsvoll.
    Doch Lena, aber wir mssen sparsam damit umgehen. Fr Essen und Trinken
darf ich in diesem Monat nur das Allernotwendigste noch ausgeben.
    Lena zuckte die Achseln. Dann, nachdem sie das Brot mit der dnnen
Schlackwurstscheibe ein paar Mal hin- und hergedreht hatte, entschloss sie sich
kurz und biss mit ihren prachtvollen Zhnen krftig hinein.

Auf den Berliner Telephonmtern ging es an einem Tage um die Mitte Februar zur
Brsenzeit heiss her. Eine neue, ber Nacht hereingebrochene politische
Konstellation liess pltzlich alle Werte schwanken. Eine lange nicht dagewesene
allgemeine Baisse trat ein, und das Telephon hatte stundenlang nichts Anderes zu
thun, als unwillkommene Botschaften, zweifelnde Fragen und noch zweifelndere
Antworten hin und her zu befrdern.
    Auch auf dem Amt, auf dem Lena arbeitete, herrschte fieberhafte Thtigkeit.
    Smtliche Beamtinnen waren mit Eifer und Hingebung auf ihrem Posten und
liessen sich Mhe und Anstrengung nicht verdriessen.
    Sie wussten ja, dass es heute keiner ihrer Berliner Kolleginnen anders ging
und dass dies Arbeitstempo naturgemss nicht lange andauern konnte. Nach
Brsenschluss musste es ruhiger werden.
    Selbst Lena, die whrend der letzten Tage immer lssiger in ihrer Arbeit
geworden war, nahm sich heute zusammen. Es war beinahe, als ob sie wisse, dass
man sie seitens der Aufsichtsbeamten heute besonders scharf aufs Korn genommen
habe.
    Gegen Mittag liess der fieberhafte Betrieb nach. Es war eine
verhltnismssige Stille eingetreten. Eine besnftigende Ruhe nach dem Sturm. An
einem der mit grnem Tuch bezogenen Tische, an denen die Aufsichtsdamen sich
zeitweise zu schriftlichen Arbeiten niederlassen, trat der oberste
Aufsichtsbeamte heran.
    Er beugte sich ein wenig zu einer lteren Dame mit schlichtem grauem
Scheitel nieder und sagte halblaut: Nun Frulein Lffler, wie steht es mit
Frulein Weiss?
    Das ltliche Frulein zuckte mit den Schultern und machte ein betrbtes
Gesicht.
    Immer dieselbe Geschichte, Herr Strmer. Unaufmerksam und flchtig.
Augenblicklich nimmt sie sich ja zusammen. Schade um das nette, begabte Mdchen.
Ich frchte, wir werden sie zum Ersten entlassen mssen.
    Wenn es nur nicht Knall und Fall sein muss! Mir scheint, wir kommen nicht
darum, so leid es mir thte. Das Betragen des Mdchens ausser dem Dienst -
    Ist da auch etwas vorgefallen? fragte Frulein Lffler ganz bestrzt.
    Der Beamte rieb sich mit dem Zeigefinger ein paar Mal ber den stark
gerteten Nasenrcken, ehe er antwortete.
    Hm, Frulein, ja, das ist so eine Sache. So 'ne hbsche junge Person. Man
kann es ihr ja im Grunde nicht verdenken. 'N bischen Plaisir will der Mensch
auch haben. Soll sich da so was angebandelt haben mit einem jungen Bankier. - Na
und das darf doch nu 'mal nicht sein!
    Wissen Sie das bestimmt, Herr Strmer? Vielleicht ist es nichts als eine
der vielen Klatschereien, die die Mdchen untereinander aushecken.
    Das dachte ich anfangs auch. Und Herr Strmer rieb immer strker auf
seinem Nasenrcken herum. Aber leider ist es nicht so. Ich kann Ihnen gar nicht
sagen, Frulein Lffler, wie leid es mir thut. Es ist wirklich was dran an der
Geschichte. Das heisst - Sie mssen nicht gleich das Schlimmste denken.
    Frulein Lffler wandte sich schamhaft ab.
    Wie man in Berlin sagt - sie geht mit ihm. Er trifft sie an irgend einer
Ecke abends, wenn sie vom Dienst kommt, dann gehen sie in ein Restaurant oder,
wenn's mit der Zeit so passt, ins Theater. Da ist ja nun an und fr sich am Ende
nichts weiter dran, tausende von Mdchen machen es so und bleiben dabei ganz
anstndig - aber als Knigliche Beamtin, da geht das doch nicht, da geht das
doch nicht!
    Herr Strmer stiess das Letztere frmlich jammernd heraus. Er war in seinem
Privatleben niemals das Urbild der Tugend gewesen und dabei doch ein tchtiger
Beamter geblieben. Es wurmte ihn, dass man hier so streng mit den armen jungen
Dingern ins Gericht ging.
    Das Frulein war aufgestanden, um einen neuen Rundgang zu beginnen.
    Sie dachte zwar weit strenger ber den Fall als Herr Strmer, aber sie
wollte Lena ebenso ungern pltzlich preisgeben.
    Reden Sie doch dem Mdchen 'mal ordentlich ins Gewissen, Herr Strmer, eh'
man's an die grosse Glocke hngen muss. Sie kann ja, wenn sie will. Sehen Sie
nur, - und sie zeigte auf den nicht allzu entfernten Schrank, an dem Lena
eifrig arbeitete - wie sie heut auf dem Posten ist.
    Schade, schade, brummte Herr Strmer und schritt, eifrig und nachdenklich
an seiner roten Nase herumreibend, in sein Bureau zurck.
    Nach Schluss ihrer Dienststunden liess er Frulein Weiss zu sich kommen.
    Lena war sich vollkommen klar darber, was ihrer wartete. Sie kannte das
Reglement und wusste, dass auf schlechtes Betragen, auch ausser dem Dienst,
sofortige Entlassung stand. Sie hatte sich zwar nichts weiter zu Schulden kommen
lassen, als dass sie sich ein paar Mal mit Bornstein kstlich amsiert und sich
an guten Dingen grndlich satt gegessen hatte, aber sie wusste auch genau, dass
das gengte, um sie ihrer Anstellung sofort verlustig gehen zu lassen.
    Mit vollem Bewusstsein dessen, was sie aufs Spiel setzte, hatte sie sich mit
Bornstein vergngt. Sie musste nun die Folgen tragen, allerdings frher, als sie
erwartet und auch gewnscht hatte. Gern wre sie geblieben, bis ihre Plne mit
dem Blumengeschft weiter gediehen waren, bis sie wenigstens mit Bornstein sich
darber beraten hatte. Vor allem um Lottes willen, die der Verlust ihrer
Stellung doppelt schwer treffen wrde, so lange ein Ersatz dafr nur in der Luft
schwebte.
    Herr Strmer hatte Lena eine ganze Weile in das hbsche Gesicht gesehen,
bevor er zu sprechen begann. Das Mdchen sah ganz und gar nicht wie eine
Schuldige aus.
    Aber dennoch - und er murmelte mit heftigem Nasenreiben wieder sein monoton
tragisches: Schade! Schade!
    Leider - er rusperte sich - leider, Frulein, muss ich Ihnen sagen, dass
man - hm - auf dem Amt nicht zufrieden mit Ihnen ist. Sie haben in letzter Zeit
oft nachlssig gearbeitet - aber hm - schade - das ist nicht die Hauptsache -
das heisst, ich meine der Hauptgrund, aus dem ich Sie kommen liess. Nmlich,
Frulein - Herr Strmer sah Lena mit einer knstlich sittenstrengen Miene an -
Ihr Betragen ausser dem Dienst - Sie sollen - Sie haben - mit einem hiesigen
bekannten Bankier - Was haben Sie dazu zu sagen, Frulein?
    Lena zuckte die Achseln.
    Nichts, Herr Strmer - es wird wohl so sein!
    So, hm, ja! Sie gestehen es also zu? Schade! Schade!
    Ich gestehe zu, dass der bekannte Bankier, wir knnen ihn ja auch der
Einfachheit halber gleich beim Namen nennen, also dass Herr Bornstein mich
mehrmals abends nach dem Dienst erwartet hat und mit mir in ein Restaurant oder
ein Theater gegangen ist.
    So - und -?
    Was und?
    Na, ich meine, Frulein Weiss, was denken Sie sich dabei?
    Gar nichts.
    Sie verstehen mich nicht. - Ich meine, sind Sie die Verlobte des Herrn -
hat er Ihnen ein Heiratsversprechen gegeben -?
    Lena lachte hell heraus.
    Das glauben Sie doch selber nicht, dass es Herrn Bornstein einfallen wrde,
ein bettelarmes, halbgebildetes Mdchen zu heiraten. -
    So - und das sagen Sie so ganz kaltbltig? Sie wissen, der Herr wird Sie
nicht heiraten und trotzdem gehen Sie allein mit ihm aus und lassen sich vor
aller Welt mit ihm sehen?
    Herr Strmer ereiferte sich frmlich.
    Lena zuckte hochmtig die Achseln.
    Eine Anstandsdame habe ich nicht zur Verfgung - und ob es anstndiger ist,
mich mit Herrn Bornstein heimlich, irgendwo im Verborgenen zu treffen -
    Strmer, dessen Interesse an dem Mdchen immer wrmer wurde, unterbrach sie
eilig.
    Um Gottes willen, fangen Sie so etwas nicht an! Halten Sie sich brav,
Frulein Weiss - um Ihrer selbst willen. Amsement ist am Ende noch keine Snde,
wenn man jung ist - aber darber - nicht wahr, Frulein Weiss - darber werden
Sie nicht gehen!
    Lena sah ihren Vorgesetzten sehr erstaunt an. Sie wusste einen Augenblick
gar nicht, wo er hinaus wollte. Dann schien ihr dunkel aufzudmmern, was er
meinte.
    Sie wurde ein wenig rot und schttelte dann sehr energisch den Kopf.
Antworten that sie nicht, aber Herr Strmer verlangte es auch nicht. Er hatte
sie auch so verstanden.
    Nach einer kleinen verlegenen Pause sagte Lena:
    Also dann bin ich wohl aus dem Dienst entlassen?
    Herr Strmer bearbeitete seinen Nasenrcken mit Furor und sagte kleinlaut:
    Eigentlich ja - aber hm - wenn Sie versprechen, sich die kommenden vierzehn
Tage zusammenzunehmen, mchte ich Sie bis zum ersten Mrz behalten. Eine so
pltzliche Entlassung knnte Ihnen sehr schaden, Frulein Weiss, und dazu
beitragen, dass Ihre Zukunft vielleicht gnzlich ruiniert wird -
    Lena unterbrach ihn.
    Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Strmer - sehr. Wir sind sehr arm, und
meine Schwester wrde ber das Ausbleiben der Tagegelder in diesem Monat schon
sehr unglcklich sein. Zum 1. April wrde ich brigens selbst um meine
Entlassung gebeten haben.
    So, so. Haben Sie etwas anderes vor?
    Ja - ich will ein Geschft etablieren!
    Darf man fragen - -?
    Nein, das ist noch Geheimnis!
    Herr Strmer lchelte. Dann stand er auf zum Zeichen, dass Lena entlassen
sei.
    Also ich darf morgen wiederkommen? Nochmals vielen, vielen Dank.
    Lena nahm sich whrend der zwei folgenden Wochen in und ausser dem Dienst
sehr energisch zusammen. Sie arbeitete so tchtig, wie in der ersten Zeit, so
dass Herr Strmer tglich mehr als zehnmal sein melancholisches Schade, Schade
wiederholen konnte.
    Mit Bornstein kam sie in dieser Zeit kein einziges Mal zusammen. In vierzehn
Tagen war sie frei, dann konnte sie machen was sie wollte.
    Da Lenas Herz bei der ganzen Sache sehr wenig beteiligt war, dnkte ihr die
Trennung wohl langweilig, wurde ihr aber, von der Gemtsseite aus betrachtet,
nicht im geringsten schwer.
    Bornstein hingegen wurde viel tiefer davon betroffen. Je fter er mit Lena
zusammenkam, je verliebter wurde er in das lustige frische Ding mit dem hellen
Verstande, der in seinen Augen die fehlende Bildung reichlich ersetzte. Ihre
Zurckhaltung machte ihm den Verkehr mit ihr nur noch reizvoller. Er war
bersttigt von alledem, was ihm um seines Reichtums willen jahrelang mhelos in
den Schoss gefallen war. Dass Lena eine ausgemachte kleine Egoistin war, strte
ihn durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. Ihre im Grunde harmlose Genusssucht
befriedigen zu knnen, freute ihn. Ihm selbst war schon als Kind gelehrt worden,
dass ohne einen gesunden Egoismus heut niemand mehr durch die Welt komme. Und
sein Lehrmeister war kein grauer Theoretiker, sondern ein tchtiger Praktiker
gewesen, jener Grossvater, der selbst noch hinter dem Ladentisch gestanden und
den Grund zu dem bedeutenden Wohlstande der Familie gelegt hatte.
    Lotte erfuhr vorerst kein Wort von Lenas Kndigung. Wozu das arme Ding, das
sich das ganze Leben mit Nahrungssorgen verdarb, vor der Zeit ngstigen? Sie
wrde das alles noch frh genug erfahren.
    Der ungeduldig ersehnte Mrz kam endlich heran. Lena war frei.
    Draussen schien die Sonne so warm und hell, als wre man schon mitten
darinnen im lebenspendenden Frhling gewesen.
    Lena stiess die Fenster ihrer engen Schlafkammer auf und steckte den Kopf
weit hinaus in den Sonnenschein und die warme Luft.
    Alles was sie sonst bekrittelt hatte, gefiel ihr heut. Der Hof mit dem noch
kahlen Nussbaum, auf dem die Spatzen lustig zwitscherten, die schmalen
Seitenflgel mit ihren vielen Fenstern, die heute an dem ersten schnen Tage des
Jahres alle weit geffnet standen, die lustig im Morgenwind flatternden
Gardinen, die sie wie wehende Fahnen grssten.
    Lena zog sich gleich fix und fertig an, obwohl sie nichts zu thun und den
ganzen kstlichen Tag zur freien Verfgung vor sich hatte.
    Als Lena zum Frhstck kam, das Lotte schon lngst fr sie bereit gestellt
hatte, fand sie neben ihrer Tasse einen Brief von Bornstein.
    Sie liess sich Zeit mit dem Oeffnen. Erst nachdem sie mit Lotte geplaudert
und ihr Frhstck beendigt hatte, nahm sie eine Nadel aus dem vollen Haarknoten
und schnitt den Umschlag damit auf. Bornstein schrieb:
    Liebste Lena, Dir und mir allerbesten Glckwunsch zur wiedergewonnenen
Freiheit! Wenn es Dir recht ist, wollen wir diesen ersten Mrz feierlich
begehen. Hoffentlich ist der Himmel uns gndig -
    Lena lachte und blickte ber Lottes ber die Arbeit gesenkten Kopf hinweg in
den Sonnenschein.
    Wenn es nicht gerade in Strmen giesst - in diesem Fall erhltst Du bis
zehn andere Nachricht - wollen wir uns Punkt elf Bahnhof Friedrichstrasse unter
der Uhr treffen. Frchte nicht, dass ich Dich nach Dahlow entfhren will, so
gern ich es thte. Dein Eigensinn - pardon Kleine - Deine Willensstrke ist ja
leider! unbesiegbar. Wir wollen nach Wannsee oder Potsdam fahren, was Dir lieber
ist, ein gutes Diner einnehmen, wogegen Du doch vermutlich nichts haben wirst,
gegen Abend zurckkommen und in ein Theater gehen. Ich schlage Dir
Central-Theater vor, Thomas soll in der neuen Posse zum Brllen komisch sein. -
Danach - na, das magst Du bestimmen.
    Also auf Wiedersehen Punkt elf unter der Uhr. B.
    Nachdem sie gelesen, fragte sie Lottchen, was es wohl an der Zeit sei.
    Neun vorbei, gab sie, die schon seit dem frhesten ber der Arbeit sass,
mit einem ganz kleinen Vorwurf zurck.
    Lena stand auf und ksste sie. Die Schwester that ihr in diesem Augenblick
unbeschreiblich leid. Nun wrde sie wieder den ganzen schnen Tag lang hier
sitzen und sticheln um elenden Hungerlohn, whrend sie draussen in vollen Zgen
das himmlische Leben geniessen wrde.
    Auch ein wenig Gewissensbisse hatte sie. War es nicht eigentlich ihre
Pflicht, Lotte endlich zu sagen, dass sie ausser Stellung sei, es ihr zu sagen,
ehe sie fr den ganzen Tag das Haus verliess?
    Nachdenklich blickte Lena ein paar Augenblicke in den Sonnenschein hinaus.
Draussen im Nussbaum zwitscherten noch immer die Spatzen und aus den offenen
Nachbarfenstern tnte ein lustiges Lied.
    Nein heute nicht - morgen - morgen bestimmt. Heute wollte sie einmal einen
rechten, echten Feiertag haben, durch keine Sorgen, keine Vorwrfe getrbt.
    Es drngte sie aber doch, Lotte durch irgend etwas ihre mitleidige Zuneigung
zu beweisen. Sie legte die Arme von rckwrts um den Hals der Schwester.
    Du Lotte, kann ich Dir nicht ein bischen helfen? Ich brauche erst um halb
elf fort.
    Lotte sah mit einem herzlichen Blick zu Lena auf.
    Ich danke Dir, liebe Lena - aber es ist wirklich nichts zu thun. Mit dem
Mittagbrot hat es noch lange Zeit, und eingeholt ist schon alles.
    Nun fiel Lena ein, dass sie der Schwester doch wenigstens sagen musste, dass
sie heut nicht zu Tisch kommen wrde.
    Nicht gerade fliessend kam das Bekenntnis heraus. Aber Lotte schien ber
diese Nachricht nicht sonderlich beunruhigt zu sein. Entweder sie war wie
gewhnlich mit ihren Gedanken wieder weit ab, oder sie glaubte, dass Lena bei
Strehsens essen wrde, wie dies schon fter vorgekommen war.
    Ohne von der Arbeit aufzublicken, sagte sie gleichmtig nichts als: Bist Du
zum Abend zurck?
    Und als Lena jetzt selbst etwas von Strehsens murmelte und meinte, es knne
Mitternacht werden und sie mge nur ja nicht auf sie warten, schwieg Lotte ganz.
    Sie wrde auch geschwiegen haben, wenn sie die Wahrheit gekannt htte. Ihr
eigenes Gewissen war so schwer belastet, dass sie sich innerlich gar nicht
berechtigt fhlte, Lena Vorhaltungen zu machen.
    Lena, der man im Grunde keinen besonderen Hang zur Pnktlichkeit nachrhmen
konnte, war heute auf die Minute zur Stelle.
    Gleich nach ihr kam Bornstein, ein paar prachtvolle Marchal-Niel-Rosen in
der Hand.
    Das war eine Wiedersehensfreude! Selbst Lena, die nicht das geringste Talent
fr Zrtlichkeiten hatte, wurde ganz warm. Wenn sie sich nicht gerade mitten im
Getmmel der Friedrichstrasse begegnet wren, htte Bornstein heut aus Lenas
bermtiger Freude heraus vielleicht seinen ersten Kuss bekommen.
    Sie bestiegen ein schon halb besetztes Coup zweiter Klasse und fuhren nach
kurzer Debatte bis nach Potsdam hinaus.
    Lena war anfangs mehr fr Wannsee gewesen, das ihre Kolleginnen ihr stets in
den blhendsten Farben geschildert hatten, aber Bornsteins feierliche
Versicherung, dass man um diese Jahreszeit in Potsdam jedenfalls besser essen
und trinken wrde, hatte schliesslich den Ausschlag gegeben.
    Es war ein vllig sommerwarmer Tag, dieser erste Mrz. Ein reiner
wolkenloser Himmel blaute ber den kahlen Feldern, den Kiefernwaldungen und
langgestreckten Ortschaften, durch die sie dahin fuhren.
    Lena war in den fnf Monaten, in denen sie in Berlin war, noch nicht ber
Charlottenburg hinausgekommen, und auch das hatte sie nur von der Berliner Seite
aus besucht. So machte ihr schon die Eisenbahnfahrt einen Riesenspass. Die
Sport-Etablissements auf dem Kurfrstendamm, Charlottenburg von einer Seite, von
der sie es noch gar nicht kannte, das auf dem Amt so viel besprochene Halensee,
der Grunewald mit seinen prchtigen Seen, die heut im Sonnenschein, umstanden
von ihrem immergrnen Kiefernkranz, einen fast hochsommerlichen Eindruck
machten, alles entzckte sie.
    Grosse Plne schmiedete sie whrend der Fahrt fr den Sommer. Jede Woche
mindestens einen Ausflug in den Grunewald und die Potsdamer Gegend, und
Sonntags! Ach, Sonntags erst! Sonntags wrde sie dann frei sein, ganz frei, vom
frhen Morgen bis in die sinkende Nacht.
    Bornstein hatte seine streitbare Miene aufgesetzt. Mit dem Grunewald solle
sie ihn nur geflligst in Ruhe lassen. Das sei alles nichts gegen Dahlow. Sie
wrde ja sehen, wenn sie sich endlich entschlsse.
    Lena sah ihren Begleiter einen Augenblick lang halb nachdenklich, halb
schelmisch von der Seite an. Dann sagte sie zgernder als es sonst ihre sicher
zugreifende Art war:
    Ueber Dahlow mchte ich bei Tisch was mit Ihnen bereden, Herr Bornstein -
    Bornstein zwinkerte vergngt zu ihr hinber, und sagte nichts weiter, als
hm, hm. Bei sich dachte er:
    Na, hoffentlich wird die kleine Krabbe endlich 'mal Vernunft annehmen!
    Auf dem Bahnhof in Potsdam liessen sie sich einen kleinen Imbiss geben, dann
wurden in einem Fiaker die Stadt und die kniglichen Grten, so weit sie fr
Fuhrwerk zugnglich waren, durchfahren.
    Sanssouci, auf das Lena sehr gespannt war, wollte Bornstein ihr absolut
nicht zeigen, damit wollten sie warten, bis es wirklich Frhjahr war und der
Flieder blhte.
    Lena verzog den Mund, aber sie fgte sich. Bornstein war ein zu
liebenswrdiger Kavalier und meinte es zu gut mit ihr, als dass sie einer
solchen Kleinigkeit wegen htte ihren Kopf aufsetzen sollen.
    Bei ihrer Vorliebe fr grosse Wasserflchen, die ihr auch den Wunsch,
Wannsee aufzusuchen, so besonders rege gemacht hatte, wurde sie bei dem
Ausblick, der sich ihr auf der Glienicker Brcke bot, fr das versagte Sanssouci
vollauf entschdigt. Nein, wie das schn war! Und wie viel man von diesem
herrlichen Punkt aus bersah! Da lag ja auch Babelsberg, wo der alte Kaiser
Wilhelm gewohnt hatte. Tief grn leuchtete die breite Rasenflche bis zur
Schlossrampe hinauf.
    Lena erinnerte sich des alten Kaisers noch ganz gut von einem Kaisermanver
in der Nhe von Gross-Klockow her. Der Vater hatte sie und Lotte auf einem alten
Jagdwagen des Barons mit in das Manvergelnde genommen, und ein glcklicher
Zufall hatte sie ganz nahe zu der Stelle gebracht, wo der alte Kaiser mit seinem
Stabe hielt.
    Sie erzhlte Bornstein die kleine Episode; dabei gingen ihre strahlenden
Augen lebhaft ber das schne Landschaftsbild hin und her, das von der Sonne
goldhell beschienen vor ihnen lag.
    Bornstein musste ihr alles erklren.
    Schloss Glienicke - Babelsberg gegenber - das frher Prinz Karl, der Bruder
des Kaisers, bewohnt hatte. In schrger Richtung davon, auf dem anderen
Havelufer, Sakrow. Vor ihnen, wenn sie den Weg am Ufer links hinunter
verfolgten, die kaiserliche Matrosenstation; drben, wiederum weiter nach links,
von der Havel aus landeinwrts, die Trme des Pfingstberges.
    Lena htte am liebsten all diese Punkte noch heute besucht, aber Bornstein
trieb zu Tisch. Als er sie daran erinnerte, dass es Essenszeit sei, versprte
auch sie starken Appetit. So schlenderten sie Arm in Arm zu dem offenen Wagen
zurck, der diesseits der Glienicker Brcke nchst der Haltestelle der
Pferdebahn auf sie wartete.
    Sie beschlossen, irgendwo im Freien zu speisen und lobten diesen Mrztag,
der ihnen mit seinem Sonnenschein die Stunden zu echten Festtagsstunden machte.
    Der Kutscher fuhr sie zu einem Restaurant, in dem man, wie er versicherte,
sehr fein, und auch im Freien speisen knne. Er wrde so noblen Herrschaften
doch ganz gewiss nur das Beste empfehlen.
    Im Freien sassen sie zwar, aber das Diner war nicht das, was Max Bornstein
fr Lena gewnscht htte. Ihre heitere Laune liessen die beiden sich aber
dadurch nicht stren. Es wre auch schwer gewesen, heute in Lenas Gesellschaft
nicht heiter zu sein.
    Allerliebst sah sie aus in ihrer weissen Wollblouse und dem kurzen schwarzen
Rock, dem kecken schwarzweissen Htchen und den chiken Stiefeletten. Dabei hatte
sie eine Art zu plaudern und zu lachen, die Bornstein vollends den Kopf
verdrehte. Das war so die Freundin, wie er sie sich immer gewnscht, aber trotz
seines tollen Lebens noch niemals gefunden hatte, halb Dame, halb Grisette.
Donnerwetter, mit der wrde er es sein ganzes Leben lang aushalten, Was besseres
wnschte er sich gar nicht. Fast niemals launisch und immer fidel, mehr pikant
als schn, nie langweilig, und gesund vom Scheitel bis zur Sohle, gesund auch in
ihren schlechten Eigenschaften, in ihrem Egoismus und ihrem Eigensinn.
    Wahrhaftig, Bornstein htte in dieser Stunde nicht bel Lust gehabt, Lena um
ihre Hand zu bitten.
    Es ging niemand Andern etwas an, wen er heiratete, und fr seine
Lebensanschauung wre sie die beste Frau der Welt gewesen. Auf Bildung pfiff er.
Er wusste am besten, dass es mit seiner eigenen auch nicht weit her war.
    Und um ihn direkt zu blamieren, dazu war der kleine Racker viel zu klug.
    Na aber, es brauchte ja nicht gleich heute zu sein. Ein bischen berlegen
konnte man ja die Sache noch. So ganz ohne Bedenken war sie am Ende doch nicht.
Dabei fiel ihm ein, dass Lena ber Dahlow hatte mit ihm sprechen wollen.
Donnerwetter, das htte er beinahe vergessen! Noch besser, eine Konjunktur zu
verschlafen, auf die man so lange gewartet hatte! -
    Indem er sein Sektglas gegen sie aufhob, sagte er schmeichelnd:
    Na, Ktzchen, Du wolltest mich doch bei Tisch was fragen, Dahlow
betreffend. Hast Du Dir das schon wieder anders berlegt?
    Lena schttelte lebhaft mit dem Kopf. Dann sagte sie unvermittelt:
    Kommt Ihr Grtner manchmal nach Berlin, Herr Bornstein?
    Willst Du wieder Blumen haben, Mieze? Dann komm nur und hol' sie Dir
selbst.
    Darum handelt es sich nicht - und Lena steckte, wie Bornstein es nannte,
ihre Geschftsmiene auf.
    Es handelt sich um etwas sehr Ernstes. Ich habe nmlich einen grossen Plan
vor, Herr Bornstein -
    Um Himmelswillen, Lena, Du willst Dich doch nicht schon wieder in eine
Stellung begeben? Ich danke Gott, dass Du endlich frei bist!
    In eine Stellung nicht, - aber arbeiten muss ich doch, wovon soll ich denn
leben?
    Er wollte ihr sagen, dass sie nur den Mund aufzuthun brauche, um nie wieder
im Leben eine Hand zu rhren, aber weiss der Himmel, wie es kam, er hatte nicht
recht den Mut dazu. Dieses kleine Frauenzimmer hielt ihn noch immer in Schach.
Aergerlich ber sich selbst, sagte er gereizt:
    Na also, was ist es denn?
    Etwas, wozu ich Ihren Rat und Ihre Hilfe gebrauche, Herr Bornstein!
    Wenn Du was von mir willst, knntest Du doch wenigstens Max und Du zu mir
sagen, stiess er brummend heraus.
    Ich mag das nicht. Es hat auch gar keinen Sinn. Wir sind doch bis jetzt
auch so ganz gut fertig geworden.
    Na also, brummte er zum zweiten Mal.
    Ich mchte gern ein Blumengeschft etablieren, Herr Bornstein, aber ich
habe nichts dazu als kolossale Lust -
    Hm, ein bischen wenig.
    Obgleich ihm diese Idee gar nicht bel passte, - er hatte lngst daran
gedacht, ihr ein nettes kleines Geschft zu kaufen - wollte er sie doch ein
bischen zappeln lassen. Vielleicht konnte dieser Plan ihr zur Falle werden, in
der sie sich endlich verfing.
    Lena war einigermassen erstaunt, Bornstein so wenig entgegenkommend zu
finden. Er las ihr doch sonst jeden Wunsch von den Augen ab, und gar auf einen
ausgesprochenen einzugehen, hatte er noch niemals auch nur einen Augenblick
gezgert.
    Da mchte ich mir vor allen Dingen Rat bei Ihrem Grtner holen.
    Er hatte es auf der Zunge, ihr zum so und sovielten Male zu sagen: Fahr
doch nach Dahlow, wenn Du was willst. Aber er bezwang sich und gab das
Versprechen, ihr den Grtner hereinzuschicken.
    Sie war ganz glcklich bei dem Gedanken. Unwillkrlich musste er ber sie
lachen.
    Frauen bleiben doch stets kurzsichtige Kindskpfe, selbst die gescheitesten.
    Nun, und was ist mit dem Rat meines Grtners gross erreicht? Sei doch nicht
so dumm, Mieze, und thue Deinen Mund auf. Du weisst ja, ich geb' Dir das Geld
gern, wenn Du Dich durchaus etablieren willst. Blumen sind noch lngst nicht das
schlechteste.
    Und nun fing er auf einmal an, selbst fr den Plan Feuer zu fangen, immer
mit dem Hintergedanken freilich, dass Lena von Dahlow wrde ihre Ware beziehen
mssen, und dass es sich dann von selbst ergeben wrde, dass sie fter
hinauskam.
    Er zog sein Notizbuch aus der Tasche und fing an, mit seinem kostbar
getriebenen silbernen Stift Zahlen zu notieren. Dann hielt er ihr einen langen
Vortrag, wie alles gemacht werden msse. Gleich in den nchsten Tagen wollten
sie einen netten Laden in der Potsdamer Gegend mieten. Schon zum ersten April
natrlich. Auch Mehlmann, sein Obergrtner, sollte allerbaldigst hereinkommen,
um Rat zu geben, was sie fr Personal brauchen wrde und so weiter. Sie selbst
wrde whrend dieser vier Wochen wohl oder bel in ein grosses Blumengeschft
hineingucken mssen, um doch wenigstens etwas von der Branche zu verstehen.
    Lena war berglcklich und mit Bornsteins smtlichen Vorschlgen
dankbarlichst einverstanden. Nur ber die Vorstreckung und Verzinsung des
Kapitals konnten sie nicht einig werden.
    Was Bornstein ihr da vorrechnete, sah trotz ihrer mangelnden Erfahrung
beinahe wie ein Geschenk aus. Und das wollte Lena nicht. Um keinen Preis. Ein
solches Abhngigkeitsverhltnis widerstrebte ihrer Erziehung und ihren
Anschauungen, vor alledem aber auch ihrem ungestmen Drang nach Freiheit und
Selbstbestimmung. Sie wollte in dieser Sache ihr eigener Herr sein, sich unter
keiner Bedingung Bornstein gegenber zu etwas verpflichten. Instinktiv scheute
sie den ersten Schritt. Er sollte keine anderen Rechte ber sie gewinnen, als
die eines freien, heiteren Verkehrs. Was darber ging, das war vom Uebel.
    So viel hatte ihr kluger Kopf in den wenigen Monaten in Berlin schon
gelernt.
    So beschftigt waren die beiden mit ihren Plnen, dass sie stundenlang in
dem Restaurant sitzen blieben. Nach Tisch waren sie in ein behagliches Zimmer
bergesiedelt, in dem sie ihren Kaffee tranken. Bornstein liess sich Absynth
dazu geben. Dann zeichneten und rechneten sie weiter an ihren Wohnungs- und
Ladenplnen, engagierten Personal und arrangierten Schaufenster, bis es fr das
Theater viel zu spt geworden war.
    Lena war nicht sonderlich betrbt darber. Sie ging schon ganz in ihren
neuen Ideen auf.
    Zwischen acht und neun kamen sie in Berlin an. Sie bummelten noch ein
bischen Unter den Linden herum und blieben wohl ber eine halbe Stunde an dem
Blumenfenster von Schmidt stehen.
    Pltzlich kam Bornstein ein guter Gedanke.
    Weisst Du was, Mieze? Ich melde Dich gleich morgen hier als Volontrin an.
Der Chef kennt mich und verdient genug an mir, um mir diesen kleinen Gefallen
thun zu knnen.
    Lena war natrlich vollkommen einverstanden.
    Dann gingen sie in einen der modernen Bierpalste in der Friedrichstrasse.
In den Weinstuben, die sie im Grunde vorzogen, pflegte Bornstein mehr Bekannte
zu finden als ihm bequem war.
    Beim Abendbrot bat Lena, falls er morgen nach der Zimmerstrasse hinauf
kommen sollte, Lotte noch nichts von all' diesen neuen Plnen zu erzhlen. Die
Arme sei so nervs und berarbeitet, dass sie in allem Neuen nur ein neues
Schrecknis, einen neuen, drohenden Schicksalsschlag she. Jedenfalls msse sie
ihr erst beibringen, dass sie ihre Stellung als Telephonistin endgltig
aufgegeben habe.
    Bornstein fand das sehr rcksichtsvoll von Lena gedacht, ganz gegen ihre
sonstige Gewohnheit. Er sprach es auch aus und freute sich, als sie ihm die
Antwort gab:
    Wenn man selbst glcklich ist, mchte man andern doch wenigstens ihre
schwierige Lage einigermassen leicht machen.
    Er streichelte statt jeder Erwiderung die neben der seinen auf dem Tisch
liegende Hand Lenas mit zrtlichem Respekt.
    Dann sagte er ihr, dass er morgen berhaupt nicht nach der Zimmerstrasse
kommen wrde. Er wolle bei Schmidt sein Heil versuchen und dann nach Dahlow
hinausfahren, um alles Notwendige mit Mehlmann zu besprechen.
    Uebermorgen kann er dann hereinkommen und uns einen passenden Laden
draussen im Westen suchen helfen. -
    Der nchstfolgende Tag liess sich noch wrmer an als der vorhergegangene.
    Gegen Mittag wurde es frmlich schwl, und Lena, die von einem kurzen Gang
von ihrer Schneiderin nach Hause kam, meinte lachend, dass heut sicherlich noch
ein Wunder geschehen und ein Gewitter aufziehen wrde. Falb habe jedenfalls
wieder einen kritischen Tag prophezeit.
    Lotte arbeitete an neuen Schulhten fr die drei Mdchen der Lehrerfrau. Sie
war so ziemlich die einzige Kundin, die ihr von Frau Wohlgebrechts Empfehlungen
brig geblieben war. Da ihr aber Lena gestern ihre Tagegelder vom Februar mit
einem ganz geringen Abzug eingehndigt hatte, sah Lotte die Dinge ausnahmsweise
nicht ganz so schwarz wie gewhnlich an. Heut Abend wrde sie mit Gerhart
zusammenkommen. Dann wollte sie sich noch einmal mit ihm besprechen, ob man die
Dinge bis zum Sommer so weiter laufen lassen knne, oder ob sie versuchen solle,
den Wirt zu bitten, sie aus dem Kontrakt zu entlassen.
    Trug Lena ferner so regelmssig wie im Februar zum Hausstande bei, so wrde
es, angesichts einer auch nur kleinen Kundschaft fr Frhjahrs- und Sommerhte,
bei der grssten Sparsamkeit wohl angehen, die Wirtschaft noch ein Weilchen
aufrecht zu erhalten.
    Als Lena heut so bald von ihrem kurzen Gang zurckkam, war Lotte sehr
erfreut. Die grosse Einsamkeit lastete jetzt doppelt schwer auf ihr.
Einigermassen staunte sie freilich, als sie hrte, dass Lena wiederum den ganzen
Tag ber frei sei, ebenso wie gestern. Das wrde doch nichts Uebles zu bedeuten
haben?
    Lena redete der Schwester einstweilen alle Bedenken aus. Sie wollte erst
kurz vor dem Schlafengehen beichten. Lotte den ganzen Tag ber mit einem
vorwurfsvollen, verweinten Gesicht umhergehen zu sehen, das konnte sie nicht
ertragen.
    Eigentlich wunderte sie sich selbst darber, dass Lotte noch nicht hinter
die Wahrheit gekommen war. Es war nur dadurch erklrlich, dass Lena die
Schwester nur unvollstndig in das Dienstreglement eingeweiht hatte, und Lotte
seit Weihnachten so vertrumt war, dass sie Lenas Kommen und Gehen kaum mehr
beobachtet hatte.
    Sie speisten schlecht und recht, aber ganz heiter bei offenen Fenstern, und
da das von Lena angekndigte Frhlingsgewitter noch keine Anstalten machte
heraufzukommen, machten sie nachmittags einen Spaziergang miteinander. Abends
setzte Lotte das Abendbrot um eine Stunde frher als sonst auf, zum grossen
Unbehagen Lenas, denn nun musste sie endlich sprechen, besonders da Lotte, wie
sie ihr sagte, gleich nach dem Abendessen noch einen Gang vorhatte. -
    Heut, wo die Schwestern so vertraut mit einander waren, wie seit lange
nicht, wrde Lotte, wenn Lena danach gefragt htte, ihr sicherlich die
beabsichtigte Zusammenkunft mit Gerhart Schmittlein nicht verheimlicht haben.
Aber Lena fragte nicht, sondern druckste, whrend sie widerwillig an ihrem
Wurstbrot herumkaute, daran herum, wie sie Lotte die peinliche Angelegenheit am
schnellsten beibringen knne.
    Lotte gab endlich ganz arglos selbst die Handhabe dazu, indem sie sagte:
    Wann hast Du morgen Dienst, Lena? Doch wahrscheinlich sehr frh nach diesen
zwei freien Tagen?
    Jetzt oder nie, dachte Lena und platzte mit einem:
    Gar nicht - ich bin entlassen heraus.
    Lotte starrte sie erst mit grossen Augen, die vor zorniger Erregung ganz
dunkel waren, an. Dann brach sie wie gefllt zusammen, und laut schluchzend fiel
sie mit dem Kopf vornber auf den Tisch.
    Lena sprang hinzu, aber Lotte wehrte sie heftig ab. Lass, lass, nun ist
alles aus - das ist das Letzte, wimmerte sie.
    Und einen solchen Zorn hatte das sanfte, zrtliche Geschpf in diesem
Augenblick auf die Schwester, die ihr so kaltbltig den Verlust der letzten
wirtschaftlichen Grundlage ankndigte, dass sie so, wie sie da war, aus dem
Zimmer hinaus und ber den Hof ins Freie lief, um sich zu dem einzigen Halt, den
sie nun noch besass, zu Gerhart Schmittlein zu flchten.
    Als sie auf die Strasse kam, fielen die ersten Regentropfen auf ihr wirres
Haar. Ein schwler, schwerer Wind schlug ihr in das heisse Gesicht, und von fern
her grollte der erste Donner.
    Lotte lief mehr, als sie ging an den wenigen Husern vorber bis zur der
kleinen Leihbibliothek.
    Dichter fiel der Regen, und die leichte weisse Hausblouse, die sie trug, war
schon fast vllig durchnsst, als sie die niedere Ladenthr aufstiess, dass die
Glocke laut und schrill anschlug.
    In demselben Augenblick zuckte der erste fahlblaue Blitz durch das offene
Fenster.
    Gerhart war allein im Laden, als Lotte so pltzlich eintrat. Die Hand ber
die Augen gelegt, hatte er in Gedanken verloren dagesessen. Jetzt sprang er auf
und streckte ihr die Hnde ber den Ladentisch entgegen. Auf den ersten Blick
sah er, dass irgend etwas Besonderes mit ihr vorgegangen sein msse.
    Geh hinein Lotte, die Lampe brennt schon. Ich lasse den Laden sofort
schliessen. Minna mag das besorgen.
    In wenigen Minuten war er bei ihr.
    Sie sass zusammengekauert in dem hochbeinigen Lehnstuhl der Tante und hielt
das Gesicht in den Hnden vergraben. Er kniete neben ihr nieder wie das letzte
Mal, als sie am Tage der Abreise von Frau Wohlgebrecht bei ihm gewesen war, und
ihre Hnde kssend, die ihr eiskalt im Schoss lagen, bat er zrtlich:
    
    Lotte, liebes Kleines, was ist denn geschehen?
    Stockend und schluchzend erzhlte sie ihm alles. Sie hatte kein Geheimnis
mehr vor ihm. Dass Lena ihre Stellung verloren, dass sie nun nicht wsste, wovon
sie leben sollten, und zuletzt leise, sich ber ihn beugend, flsterte sie ihm
ins Ohr, was sie sich bisher selbst nicht eingestanden, die dunkle Angst um Lena
und Bornstein.
    Er trstete sie so gut er konnte.
    Er strich ihr das feuchte wirre Haar aus der Stirn und ksste sie, sich
bermchtig beherrschend, sanft auf den Mund.
    Lass nur, mein Kleines, ich arbeite schon fr Dich mit - wenn Du nur
manchmal bei mir bist.
    Und Lena?
    Lass doch Lena, die ist aus anderem Holz geschnitzt, die wird schon durchs
Leben kommen. Die klammert sich an ihr Recht auf Glck. Glaube mir, die ist
nicht so zaghaft wie Du.
    Lotte war aufgesprungen und ans Fenster getreten. Erst ein pltzlicher
greller Blitzstrahl und gleich darauf ein heftiger Donnerschlag scheuchten sie
zu Gerhart zurck. Er stand mitten im Zimmer und sah mit einem ihr rtselhaften
Ausdruck zu ihr hin.
    O, mein Gott, wenn sie ihn doch nur ganz verstanden htte! Wenn sie ihm
htte ganz vertrauen knnen, ihm, dem einzigen, der sie wirklich lieb hatte auf
der Welt, das letzte Herz, das sie besass!
    Warum hatte sie niemand, der ihr sagte, was Recht und Unrecht war in dieser
Wirrnis ahnungsschwerer Gedanken und Gefhle? Wenn die Mutter gelebt htte, dass
sie sie htte fragen knnen: Darf ich ihn lieben, wie er geliebt sein will,
darf ich ihm vertrauen? Aber die Mutter gab keine Antwort mehr auf ihre
verzweifelten Fragen, sie war verstummt auf ewig.
    Niemand konnte ihr raten als ihr eigenes Herz, und das schlug ihm in
brennender Zrtlichkeit entgegen.
    Er sah es ihr an, was in ihr vorging, aber er rhrte sich nicht. Mit
heissen, hungrigen Augen folgte er jeder ihrer Bewegungen. Erst als sie nun
einen Schritt auf ihn zu machte, ffnete er weit und sehnschtig die Arme.
Kampfesmde strzte sie an seine Brust, und whrend er sie heiss und immer
heisser umschlang und ihr Hals und Antlitz mit glhenden Kssen bedeckte,
stammelte sie halb besinnungslos: Ich liebe Dich, ich liebe Dich - thu' mit
mir, was Du willst.
    Mit geschlossenen Augen lag sie in seinen Armen. Und die Wellen seiner lang
zurckgedrngten Leidenschaft brachen ber ihr zusammen, und in dem lodernden
Wonnebrand, den er getrumt hatte, hielt er die Geliebte umschlungen zu
berseligem Rausch.
    Draussen aber tobte der Sturm, prasselte der Regen gegen die niederen
Fenster, krachte der Donner, und die grellblauen Blitze des Frhlingsgewitters
erhellten die Liebesnacht der endlich Ueberwundenen.
    - - - - - - - - - - - - - -
    Draussen in der Natur hatte sich ein jher Umschlag vollzogen. Auf die
warmen Vorfrhlingstage war wieder Winterklte gefolgt, und in dem
Blumengeschft von Schmidt, in dem Lena seit ein paar Tagen als Volontrin
arbeitete, mussten alle die Vorsichtsmassregeln zur Erhaltung und Verpackung
kostbarer Pflanzen wieder angewendet werden, die sonst nur der Hhepunkt des
Winters vorzuschreiben pflegt.
    Der Einblick, der ihr in das Geschft gewhrt wurde, machte Lena grosse
Freude. Zuversichtlich war sie davon berzeugt, dass sie es in dieser Branche zu
etwas bringen wrde. Selbstndig zu sein, frei disponieren zu drfen, ihrer
Vorliebe fr alles Schne, Dekorative die Zgel schiessen lassen zu knnen,
dnkte ihr sichere Gewhr fr Erfolg. Bei den kleinen Diensten, die man von ihr
verlangte, zeigte sie in der That eine bedeutende Geschicklichkeit, ja mehr als
das, ein ausgesprochenes Talent. Die schwere Kunst des Bindens ging ihr bald so
gelufig von der Hand, als ob sie sie ihr Lebenlang gebt habe, und in
geschmackvollen Zusammenstellungen von Blumenarrangements bertraf sie bald die
meisten der seit Jahren angestellten jungen Damen.
    Dem Chef des Berliner Hauses Schmidt war es sehr angenehm, seinem
langjhrigen Kunden schon nach vierzehn Tagen eine ungewhnlich befriedigende
Auskunft ber seinen Schtzling geben zu knnen.
    Frulein Weiss ist frmlich prdestiniert fr unsere Kunst, versicherte er
zu wiederholten Malen und fgte hinzu, dass er glcklich sein wrde, wenn er
eine solche Kraft fr sich selbst gewinnen knnte. Ein wahrer Segen, dass die
junge Dame sich draussen im Westen etablieren will. Die Konkurrenz wrde uns
sonst bange machen knnen.
    Bornstein klopfte dem verbindlichen Herrn mit protegierender Geste auf die
Schulter. Er nahm die Bewunderung auf, wie sie gemeint war, als ein
liebenswrdiges Kompliment, aber er konnte es seiner Eitelkeit nicht versagen zu
erwidern, dass das Haus Weiss jedem Wettbewerb mit dem Hause Schmidt aus alter
Freundschaft aus dem Wege gehen werde.
    Gleich in den ersten Tagen des Mrz war in dor Potsdamerstrasse zwischen
Kurfrsten- und Blowstrasse, unter Mehlmanns Oberaufsicht ein hbscher Laden
mit einem sehr gerumigen Schaufenster und einer behaglichen kleinen Wohnung
gemietet worden.
    Mehlmann engagierte auch das notwendige Personal und hatte sich anheischig
gemacht, am ersten April morgens ein fix und fertig ausgestattetes
Geschftslokal zu bergeben. In dem Schaufenster sollten nur Dahlower Produkte
prangen. Bornstein und Lena gaben ihre Zustimmung.
    Die Massregeln des Alten mussten respektiert werden, wenn man's nicht mit
ihm verderben wollte, und Lena war viel zu klug, um nicht zu wissen, wie ntig
sie Mehlmanns Geflligkeiten noch haben wrde. Darum schluckte sie auch den
Wunsch herunter, die Blumenarrangements fr das Schaufenster selbst zu machen.
Um sich aber als zuknftige Prinzipalin nicht ganz hintenan setzen zu lassen,
mahnte sie den Alten nachdrcklich bei der bitteren Klte, die noch immer
herrschte, recht vorsichtig bei dem Transport zu sein.
    Sie war stolz, bei dieser Gelegenheit ihre, bei Schmidt jngst erlernte
Weisheit an den Mann bringen zu knnen.
    Der Alte murmelte etwas von langem Winter, der ihr bei ihrer Unerfahrenheit
teuer zu stehen kommen werde, versprach aber im brigen alles bestens zu
besorgen. -

In Frau Wohlgebrechts kleinem Stbchen neben der Leihbibliothek war von den
hartnckigen Winterlaunen, die so manchem zu schaffen machten, nicht viel zu
spren. Der ganze Raum schien wie von Sonnenschein und Rosen durchstrahlt und
durchduftet zu sein.
    Auf dem schwarzen Rosshaarsofa sass Gerhart und schrieb mit heissen Wangen
und flammenden Augen ein Frhlingsdrama, das er schon lange knospend in der
Brust getragen, und das nur Lottes Ksse bedurft hatte, um zur Blte
aufzuspringen. Seine ganze Zukunft, so schien es ihm, hing an diesem Stck.
Dieser eine Wurf sollte ihn unter die Ersten reihen, und dazu war Lottes Liebe,
ihre vllige Hingabe ihm ntig gewesen.
    So wie er sie jetzt besass, war sie ihm Weib, Modell und Muse zugleich. Er
bedurfte ihrer steten Nhe, um schaffen zu knnen. Sobald ihm ein Gedanke, eine
Form versagte, riss er sie an sich und berauschte sich an seinen eignen heissen
Liebkosungen aufs neue fr sein Werk.
    Lotte hatte sich anfangs geweigert, den ganzen Tag ber bei Gerhart zu sein.
Nachdem er ihr aber mit Bitten und Flehen und tausend Liebesbeweisen klar
gemacht hatte, dass er nur dann etwas zu leisten im Stande sei, wenn sie an
seiner Seite bliebe, seiner Sehnsucht jeden Augenblick erreichbar, nachdem er
ihr versichert, dass jedes andere Mdchen, nachdem es sich dem Geliebten in
freier Liebe hingegeben, noch zu ganz anderem sich verstehen, ganz zu ihm
halten, unter einem Dach mit ihm leben wrde, hatte sie endlich nachgegeben.
    Und sie kam und blieb ber alles gern. Lena, die ganz in einem neuen Leben
aufging, war ihr fremd und fremder geworden, und was sollte sie allein in ihren
vier den toten Wnden, vor denen ihr graute, seit sie das warme Leben in
Gerharts Armen, an Gerharts Herzen kennen gelernt hatte. Heimlich gestand sie
sich's, dass sie ihm dankbar sein msse, dass er nicht auf einem vlligen
Zusammenleben bestand, denn im tiefsten Innern ihres Herzens fhlte sie, dass
sie schwach genug gewesen wre, es ihm nicht zu weigern.
    Was hatte sie auch zu verlieren? Auf wen Rcksicht zu nehmen? Fremd, wie sie
nach Berlin gekommen war, war sie geblieben. Niemand ausser Gerhart hatte je
nach ihr gefragt. Lena ging ihre eigenen Wege, der Vater kmmerte sich nicht um
sie, die einzige, die ihr Gewissen schlagen machte, war die tote Mutter. Und
doch, wenn sie aus seligen Gefilden zu ihr niedersehen konnte, abgeklrt und
rein, keinen irdischen Vorurteilen mehr unterworfen, gnnte sie ihrem Kinde
vielleicht das warme zrtliche Pltzchen am Herzen des geliebten Mannes. Und
noch eins gab es fr Lotte, das ihr in zaghaften Stunden Mut einflsste. Sie war
keine grosse Menschenkennerin, aber so viel sagte sie sich doch: Gerhart war
jung, war wandlungsfhig. Der Traum von der freien Liebe, in der allein er heute
Heil und Seligkeit sah, wrde vorbergehen. Und wenn sie dann beide so viel
erworben hatten, dass sie einen Hausstand grnden konnten, wrde er sie heiraten
und niemanden wrde sie mehr zu frchten und zu scheuen haben.
    Selten waren die Stunden, in denen sie so klgelnd sich selber Mut machen
musste. Nach der langen Zeit herber Not und zehrender Sorge, unausgesetzten
Widerstandes gegen Gerharts Liebeswerben, liess Lotte sich jetzt willenlos
dahintragen von den sanft einlullenden Wellen ersten zrtlichen Liebesglcks.
    Am ersten April verliess Lena die Wohnung in der Zimmerstrasse, um in die
behaglichen Zimmer neben ihrem Geschftslokal berzusiedeln. Ihren Anteil an der
Miete hatte sie Lotte bis auf weiteres bezahlt. Bornstein, der in der letzten
Zeit fter nach der Zimmerstrasse gekommen war, hatte zwar den Vorschlag
gemacht, Lotte mge im Guten versuchen, aus dem Kontrakt zu kommen, fr sie
allein wrde ja eine Stube und Kche anderswo am Ende gengen. Gerhart aber, der
brigens absichtlich noch niemals mit Bornstein zusammengetroffen war, wollte
davon nichts hren. Lotte sollte in seiner unmittelbaren Nhe bleiben und nicht
durch lstige Wohnungsvernderungen aus ihrem Frieden herausgerissen werden. Es
wrden sich schon Mittel und Wege finden, das ntige Geld aufzubringen.
    Einstweilen hatte er freilich Anstalten gemacht, das gerade Gegenteil zu
erreichen. Er hatte an Frau Wohlgebrecht geschrieben, dass er zum ersten Oktober
aus ihrem Geschft ausscheiden msse. Er knne es nicht lnger verantworten,
seine Zeit und seine Krfte derartig zu zersplittern. Er wrde bis dahin soweit
sein, nicht nur auskmmlich, sondern glnzend von seiner Feder leben zu knnen.
    Ursprnglich hatte er der Tante gleichzeitig eine Andeutung ber seine und
Lottes Beziehungen machen wollen, da er wusste, wie lieb die alte Frau das
Mdchen hatte. Dann aber war er davon zurckgekommen. In ihrer brgerlichen
Beschrnktheit wrde Frau Wohlgebrecht zweifellos gleich von heiraten sprechen,
und auf seine Erwiderung, dass die Verhltnisse das nicht gestatteten, in ihrer
grenzenlosen Gte und Familienliebe jede denkbare Untersttzung anbieten.
    Seine Ablehnung htte ihn dann leicht undankbar erscheinen lassen knnen,
und das wollte Gerhart der Tante gegenber nicht sein. Es wrde ihr schon wehe
genug thun, dass er die Stellung bei ihr aufgeben wollte.
    Wirklich lautete auch Frau Wohlgebrechts Brief ganz verzweifelt. Musste
Gerhart sie wirklich verlassen? Gengte es nicht, eine bescheidene Hilfskraft zu
engagieren, um ihn zu entlasten? Sie selbst knne vorerst gar nicht daran
denken, nach Berlin zurckzukehren. Das arme kleine Frauchen sei noch immer so
schwach und hinfllig, dass sie sorgsamster Pflege bedrfe. Dazu der Mann und
die grosse Wirtschaft, die doch auch nicht ganz vernachlssigt werden drften.
Es sei schon ein Kreuz um das Siechtum. Von ihr und allem, was auf ihren
Schultern lge, wolle sie aber gar nicht einmal sprechen, sondern nur von ihm!
Er mge es wohl bedenken: Die bescheidene Stellung bei ihr sei doch immer eine
Art Auskommen; was wolle er denn anfangen, wenn es wieder nichts wrde mit dem
Verdienst durch die Feder? Zuletzt kam dann noch die Frage nach Lotte, die in
keinem von Frau Wohlgebrechts Briefen fehlte. Das Kind hatte so lange nicht
geschrieben, es ging ihm doch leidlich wohl? Seit Ende Februar hatte sie nichts
von ihr gehrt und jetzt waren sie schon im Mai, von dem man freilich hier oben,
so nahe der russischen Grenze, noch nicht viel verspre.
    Gerhart hatte den Brief zusammengefaltet und in seine Brusttasche gesteckt.
Er wollte ihn morgen Lotte zeigen. Heut Abend wrden sie sich, zum erstenmal
seit sie einander angehrten, nicht mehr sehen. Gerhart wollte um sieben an der
Sitzung einer freien literarischen Vereinigung teilnehmen, der ein geselliges
Beisammensein in einem Gartenlokal folgen sollte. Lotte hatte sich standhaft
geweigert ihn zu begleiten. Mit ihm allein gab es keine Skrupel mehr fr sie.
Aber eine Gesellschaft mit ihm besuchen, sich dort, der Sitte dieser Kreise
folgend, als seine Freundin einfhren lassen, das brachte sie nicht zu Wege.
    Gerhart war anfangs sehr verstimmt ber diese Entscheidung gewesen. Er hatte
Lotte mit Vorwrfen berhuft dafr, dass sie noch immer an Vorurteile sich
klammere, die er nun endlich berwunden whnte; aber gerade dies scheue, keusche
Zurckweichen vor der Oeffentlichkeit hatte ihn dann wieder entzckt und
gewonnen. Dies Kleinod fr sich allein zu besitzen, war es am Ende schon wert,
thrichten Vorurteilen nachzugeben. Wer weiss, ob in dieser Gemeinde, in der
alles der freien Liebe huldigte, nicht am Ende auch andere Augen sich auf Lottes
unvergleichlich knospende Anmut gerichtet htten? Und statt erneuter Vorwrfe,
die sie erwartet hatte, hatte er sie so leidenschaftlich an seine Brust
gepresst, als ob es schon jetzt glte, sie einem andern zu entwinden.
    Lotte hatte den Abend dazu benutzt, um zu Lena herauszugehen. Erst einmal
hatte sie der Schwester einen flchtigen Besuch gemacht und weder von ihrem
Geschft noch von den angrenzenden Wohnrumen einen Eindruck empfangen.
    Nun war sie vllig berrascht von dem, was sie zu sehen bekam. Wahrlich,
trotz manchen Grolls, den sie gegen Lena auf dem Herzen hatte, ihr Platz war
wirklich in Berlin, sie war zur Grossstdterin geboren.
    Schon das Schaufenster mit seinen geschickt angebrachten elektrischen
Flammen, die durch das Arrangement der Blumenauslagen zu frmlich malerischen
Effekten gesteigert wurden, machte auf Lotte einen ausserordentlichen Eindruck.
Darber das Schild, das in grossen, weithin leuchtenden Buchstaben den Namen
Lena Weiss trug. Welch eine Flle von Erinnerungen rief dies Schild an jene
Stunden in ihr wach, in der sie selbst, das Herz und den Kopf bervoll von
Hoffnungen und Plnen, zuerst vor das eigene bescheidene Porzellanplttchen, das
ihren Namen trug, getreten war. Was war von all den Hoffnungen und Entwrfen
brig geblieben, die sie damals beseelt hatten?
    Nichts als die Erkenntnis, dass sie nicht dazu geschaffen sei, mitzukmpfen
in dem heissen Kampf ums Dasein. Dass sie kein moderner Mensch, keine
zielbewusste Kraftnatur sei, die ihr Leben auf eigene Hand zurecht zu zimmern
weiss, keine Persnlichkeit wie die Grossstadt sie braucht und zum Dank dafr
auf ihre starken Schultern nimmt. Nichts war sie, als eines jener vielen armen
Mdchen, zu nichts geschaffen als zu lieben und geliebt zu werden, sich
hinzugeben, hinzuopfern vielleicht fr ihre Liebe. - Und seltsam, was ihr bisher
als das hchste Glck, als die Ausfllung ihres ganzen jetzigen und zuknftigen
Daseins erschienen war, ihr Liebesleben mit Gerhart, kam ihr, der Position Lenas
gegenber, auf einmal nur wie eine flchtige Episode vor, die ein Windhauch
verwehen konnte. Der Boden schien ihr pltzlich unter den Fssen zu schwanken.
Alles was sie gefestigt und abgeschlossen geglaubt, war ihr ins Wanken geraten,
und zum erstenmal wieder seit langen Zeiten schlugen ihr jene erbarmungslosen
Worte ans Ohr, die sie so ahnungsvoll durchschauert hatten:

Ja, jede Grossstadt ist ein Zwinger,
Der rot von Blut und Thrnen dampft!
Drum htet Euch, ihr armen Dinger,
Denn diese Welt hat schmutz'ge Finger,
Weh, wem sie sie ins Herzfleisch krampft!

Ihre Lippen hatten es, ohne dass sie selbst es wusste, vor sich hin geflstert,
whrend sie vor dem glnzend erleuchteten Schaufenster ihrer Schwester stand.
Wie war diese seltsame Stimmung nur so pltzlich ber sie gekommen? Sie fuhr
sich mit der Hand ber die Augen. Was war das nur mit ihr? Wie im Fieber bebend
stand sie da. So konnte sie unmglich bei Lena eintreten.
    Langsam fuhr sie sich mit der Hand ber die Stirn, wie Gerhart es ihr zu
thun pflegte, wenn sie erregt war. Dann, ohne zu beachten, wie viel dreiste
Blicke ihr folgten, schritt sie ein paar Mal vor dem Hause auf und nieder. So,
nun war sie wieder die alte, nun konnte sie Lena begrssen.
    Vorn in dem gerumigen Ladenraum hantierte ein junges Mdchen in einer
hellen Blouse mit stark eingeschnrter Taille. Sie spritzte die gebundenen
Strusse und die losen in malerischer Unordnung umherliegenden abgeschnittenen
Blumen an. Ein ssser, betubender Duft von Veilchen, Maiblumen, Rosen und
Tuberosen schlug Lotte entgegen. Als sie das Mdchen nach ihrer Schwester
fragte, zeigte dieses mit der Hand nach rckwrts, wo in einem mit Palmen fast
verstellten Raum Stimmen laut wurden.
    Frulein sind da drinne, sagte sie in unverflschtem berlinerisch, und
ohne sich weiter um die Eingetretene zu kmmern, setzte sie ihre Spritze wieder
in Bewegung.
    Lotte suchte sich den Weg zwischen den Palmen hindurch bis in das
anstossende Gemach.
    Halb erschreckt, halb verwundert, prallte sie einen Augenblick vor dem
Anblick zurck, der sich ihr so unerwartet bot.
    In einem kleinen, ganz in trkischem Geschmack eingerichteten Raum sass auf
einem niederen Polster Lena, eine Cigarette zwischen den Lippen, ihr gegenber
lehnte ein junger Offizier mit beiden Armen auf einem kostbar eingelegten Tisch,
und whrend er blaue Ringe in die Luft blies, erzhlte er Lena eine, allem
Anschein nach beraus lustige Geschichte. Lottes unerwarteter Eintritt schien
die beiden nicht im geringsten zu genieren.
    Lena sprang auf und umarmte ihre Schwester, und whrend sie den Arm noch um
Lottes Taille geschlungen hielt, stellte sie ihr den Offizier als Leutnant von
Strehsen, Clotildes und Elisabeths Bruder vor.
    Die freilich nichts mehr von mir wissen wollen, fgte sie lachend hinzu.
Der Herr Leutnant hat mir eben die Kriegserklrung seiner Familie berbracht.
    Unfreiwillig, gndiges Frulein, gnzlich unfreiwillig, fiel Kurt nselnd
ein.
    Wie Sie sehen, lege ich's Ihnen nicht zur Last, sagte Lena, ihm die Hand
reichend, die er nach Lottes Ansicht unntig lange in der seinen behielt. Aber
Herr Bornstein wird bse sein, sehr bse sogar, darauf knnen Sie sich gefasst
machen.
    Kurt machte ein verblfftes Gesicht. Daran hatte er noch gar nicht gedacht.
Das konnte eklig werden!
    Auf mich auch? Meinen Sie, Frulein Lena?
    Lena verstand ihn sofort. Der arme Junge sass schon wieder 'mal in der
Klemme und brauchte Bornsteins offene Hand.
    Na lassen Sie gut sein, Herr Leutnant. Ich werde das schon machen.
Schliesslich, was knnen Sie dafr, wenn Ihre Mutter und Ihre Schwester so be -
    Sprechen Sie es ruhig aus, so beschrnkt sind.
    Lena lachte.
    Ja, das wollt' ich wirklich sagen. Ob man ein Telephon bedient oder Blumen
verkauft, bleibt sich doch wahrhaftig gleich -
    Da weder Lotte noch Kurt antwortete, fuhr sie fort:
    Na ja, ich sehe ja ein, dass ich das alles einstweilen von Herrn Bornstein
annehme, mag ihnen nicht passend erscheinen - aber schliesslich sind sie doch
nicht meine Richter - und dann in einem Jahr wird das alles schon anders
aussehen. Ich denke doch selbst nicht daran, mich Herrn Bornstein so sehr zu
verpflichten.
    Dabei sah sie, schon wieder heiter, den Leutnant schelmisch von der Seite
an, als ob sie sagen wollte: machst Du's denn besser? Und hast nicht 'mal
Aussicht, Dich Deiner Verpflichtungen zu entledigen? Und das wissen sie ganz gut
und geben doch ihren Segen dazu!
    Aber sie sprach es nicht aus. Der gute Junge that ihr leid. Dass Strehsens
den Unsinn begangen hatten, ohne einen Groschen Vermgen alle ihre Shne
Offiziere werden zu lassen, sollte ihm nicht zur Last gelegt werden.
    Sie gnnte es ihm gern, dass Bornstein ihn ber Wasser hielt.
    Sie streckte dem Leutnant die Hand entgegen.
    Also, Herr Leutnant, auf Wiedersehen. Bornstein knnen Sie heut nicht mehr
erwarten. Der ist in Karlshorst und speist dann im Klub. Bitte, sagen Sie Ihrer
Frau Mutter und Ihren Schwestern, dass ich trotz ihrer Verachtung und ihres
Zorns einstweilen noch recht vergngt am Leben sei.
    Kurt nahm nun endlich, und zwar recht widerwillig seine Mtze. Das war eine
Verabschiedung sans phrase. Er wusste nicht recht, ob er sie seiner Botschaft
oder der Gegenwart der kleinen Schwester zu verdanken hatte. Jedenfalls war er
fr den Augenblick entlassen. Bei seiner Verehrung fr Lena ein fataler Moment,
der ihm indess noch Stimmung liess zu bemerken, dass Lenas Schwester gleichfalls
ein reizender kleiner Kfer sei, beinahe noch hbsche als seine gute Freundin,
die Extelephonistin.
    Und die Gigerlknigin pfeifend schritt der Leutnant durch den Laden in dem
erhebenden Bewusstsein, dass Berlin doch ein jttliches Pflaster und Kurt von
Strehsen einer seiner beneidenswertesten Treter sei.
    Nachdem der Leutnant gegangen war, sah Lotte sich in dem kostbar
eingerichteten Raum um, dann, immer ohne ein Wort zu sprechen, blickte sie lange
auf ihre Schwester.
    Lena wurde dies Schweigen endlich unbehaglich.
    Was siehst Du mich denn so merkwrdig an, Lotte? Ach so - und sie blickte
an sich herunter auf das chike helle Frhjahrskleid, das sie trug - Du wunderst
Dich, dass ich die Trauer abgelegt habe? Bornstein mochte das nicht. Er sagt,
Trauerkleider, das macht einen schlechten Eindruck in einem jungen Geschft,
noch dazu in einem Blumengeschft, wo alles bunt und heiter sein soll!
    Und Du thust alles, was Herr Bornstein wnscht?
    Lena lachte laut auf.
    Das fehlte noch! Aber hier im Geschft, weisst Du, muss ich mich schon ein
bischen nach ihm richten, weil er mir doch alles Geld dafr vorgestreckt hat!
    Lotte sah ihre Schwester nachdenklich an.
    Freilich da hat er viel fr Dich gethan, und ich meine immer, wenn jemand
so viel fr einen thut - und sie sah missbilligend auf den Platz, auf dem der
Leutnant zuvor in breiter Behaglichkeit gesessen hatte.
    Lena verstand sie sofort.
    Nein, Lotte, Du bist zu komisch. Ich glaube wirklich, Du bildest Dir ein,
Bornstein und ich wren Liebesleute und er htte ein Recht auf mich. Sie
knipste den Nagel des Daumens und des dritten Fingers zusammen.
    Noch nicht so viel ist zwischen uns. Gute Freunde sind wir, weiter nichts.
Schn dumm wre ich, wenn ich mich auf was Anderes einliesse. Heiraten thut er
mich ja doch nicht - und was hab' ich nachher?
    Lotte war totenblass geworden. Wie die Posaunen des jngsten Gerichts tnten
ihr Lenas leicht und frhlich hingeworfene Worte im Ohr.
    Heiraten thut er mich ja doch nicht - und was hab' ich nachher?
    Herrgott, Lotte, was ist denn mit Dir? Du siehst ja kreideweiss aus!
    Lena nahm die Halbohnmchtige erschreckt in den Arm.
    Frulein, Frulein - schnell holen Sie den Portwein vom Bffet. Meiner
Schwester ist nicht gut.
    Halbtot, mit geschlossenen Augen lag Lotte in Lenas Arm. Erst nachdem sie
ein paar Tropfen von dem schweren Wein getrunken hatte, kam wieder Leben in ihr
blasses Gesicht und ihre eiskalten Hnde.
    Lena streichelte sie und berredete sie gutmtig, nach vorn mit ihr in den
Laden zu gehen.
    Die Luft ist nicht gut hier in dem kleinen trkischen Loch, sagte sie,
sich zum Scherz zwingend, denn Lottes Zustand flsste ihr ernsthafte Besorgnis
ein. Komm, wir gehen in den Laden. Die Thr nach der Strasse ist auf, da
bekommst Du frische Luft. Du setzt Dich in ein Eckchen und ich thue derweil
meine Arbeit.
    Lotte folgte ihr mechanisch. Nach und nach wurde ihr wirklich besser, Lenas
muntere Thtigkeit brachte sie auf andere Gedanken. Wie sie die Schwester so
heiter hantieren sah, musste sie daran denken, wie recht der Vater und Franz
Krieger gehabt, dass sie fr ein Mdchen wie Lena keine Gefahr darin sahen, in
Berlin einen Beruf zu suchen.
    Lena hatte wirklich das frische Zugreifsche, auf das der Vater seine
Hoffnung fr sie gesetzt hatte.
    Wie Lotte so nach Haus zurckdachte, fiel ihr gleichzeitig ein, wie lange
sie nichts von der Heimat gehrt und wie viel lnger noch sie selbst nicht
geschrieben hatte. Ein letzter, gutherzig frsorglicher Brief von Franz Krieger
lag noch immer unbeantwortet zwischen ihren Geschftsbchern. Mein Gott, wenn er
wsste! Er, der sie noch immer lieb zu haben schien, der sich noch immer um sie
sorgte! Nein, sie konnte ihm jetzt nicht schreiben, gerade ihm nicht. Um nichts
in der Welt! - -
    Gerharts Frhlingsdrama machte ungeheure Fortschritte. Er arbeitete mit
einem Schwung, als ob ihm Flgel gewachsen wren. Eine merkwrdige, fast
krankhafte Ausdauer war ber den unstten Menschen gekommen, der sich sonst von
jeder Stimmung, von jeder Laune hatte treiben lassen. Seine ganze Seele war bei
dieser Arbeit, in der er ein Stck ureignen Wesens niederlegte. Sein ganzes
heisses Liebesleben mit Lotte strmte er in dieser Dichtung aus, und wenn ihm
einmal die Kraft versagte, griff er zu seiner alten Praxis und berauschte sich
immer aufs neue an der Glut seiner eigenen Leidenschaft.
    Wenn Lotte dann, was ihr noch immer geschah, scheu von ihm zurckwich, rief
er seine Muse, seine Gttin in ihr an. Mit tausend Eiden schwur er ihr immer
aufs neue, dass ihre Liebe ihm fr seine Arbeit so notwendig sei, wie dem
Verschmachtenden ein Tropfen Wasser zum Leben.
    Er nannte sie seine Laura, seine Friederike, und immer wieder besiegt, sank
das schwache zrtliche Geschpf in seine sehnschtig ausgestreckten Arme.
    Seit jenem Abend bei Lena hatte Lotte sich's vorgesetzt, mit Gerhart ber
ihre Zukunft zu sprechen. Ehrlich und aufrichtig wollte sie ihm sagen, dass sie,
trotz all ihrer Liebe zu ihm, nicht ber das hinfort kme, was er
eingefleischte brgerliche Vorurteile nannte. Dass sie die freie Liebe fr
einen sndigen Rausch halte, dem ein Ende gesetzt werden msse. Dass sie sich
trennen wollten, bis die Mittel zur Heirat gefunden seien. Aber sie kam nicht
dazu. So weit hatte sie in seinem Umgang doch schon einen freieren Blick
gewonnen, dass sie einsah, seine Arbeit konnte nur von einer wilden freien
Leidenschaft getragen, gedeihen. Er konnte sich jetzt nicht von ihr trennen,
wollte er seine Arbeit nicht aufs Spiel setzen, noch weniger aber konnte er
gerade jetzt seiner Ansicht nach spiessbrgerliche Entschlsse fassen.
    Und ihn um selbstschtiger Grnde willen um das Glck des Schaffens, um die
Hoffnung auf Erfolg bringen, das brachte Lotte nicht ber ihr gutes,
nachgiebiges Herz. -
    In einem freien literarischen Verein, der grosse Hoffnungen auf Gerhart
setzte, hatte er krzlich die beiden ersten vollendeten Akte seines Werkes
gelesen. Lotte war nicht dabei gewesen, aber sie hatte nicht nur von Gerhart
gehrt, dass das Frhlingsdrama, selbst in dieser noch unfertigen Gestalt einen
Sturm des Entzckens erregt hatte. Der annwesende Direktor einer freien Bhne
hatte Gerhart die Auffhrung im Herbst zugesichert, ja man hatte einen Vorschuss
aufgebracht, um sich das Stck zu sichern und Gerhart Schmittlein die
Arbeitszeit zu erleichtern.
    Dieser Erfolg hatte Gerhart, wenn das mglich war, einen noch erhhten
Schwung fr seine Arbeit gegeben. Im Juni hoffte er fertig zu sein. Dann wollten
sie ein paar Ferientage irgendwo in der Nhe verbringen. Auch Lotte wrde es
ntig haben. Gerhart fiel es, trotzdem er ganz in seiner Arbeit lebte, doch auf,
dass sie in der letzten Zeit nicht zum besten aussah. Aber wenn er sie fragte,
wich sie ihm aus. Sie wusste selbst nicht, was ihr fehlte.
    An einem schwlen Junitage wurde das Frhlingsdrama vollendet. Am Abend las
Gerhart es Lotte in einem Zuge vor.
    So sehr ihr die erste Hlfte gefallen hatte, so tief es sie gerhrt hatte,
unzhlige feine Zge aus ihrem und Gerharts Liebesleben frmlich portraithnlich
darin wieder zu finden, so wenig befriedigte sie der zweite Teil. Die ungeklrt
bleibenden Verhltnisse ngstigten sie, und Gerharts Antwort, als sie ihn nach
dem Warum fragte, bedrckte sie mehr, als dass sie sie beruhigt htte. Wenn so,
wie er meinte, das wirkliche Leben aussah, wenn so, unausgeglichen und
verworren, es verklang, was hatte sie dann zu erwarten? Und doch war es ihr von
Tag zu Tag gewisser geworden, dass eine Klrung eintreten msse. Etwas, das sie
seit kurzem mit geheimnisvoll sssem Schauer ganz erfllte, drngte bermchtig
dazu. Noch hatte sie keine Gewissheit, aber ihr ganzes Wesen schien ihr selbst
wie von einem heiligen Wunder durchsetzt zu sein. In der ersten ruhigen Stunde
wollte sie's Gerhart vertrauen, dann musste ja Klarheit werden. An die
Mglichkeit, dass dieser fanatische Wirklichkeitsdichter hinter sein eigenes
Leben, hinter das ihre und vielleicht das eines Dritten ein Fragezeichen, eine
unlsbare Ziffer setzen knnte, um sich selbst treu zu bleiben, dachte sie
nicht. So weit hatte ihre gesunde Natur sich von seiner krankhaften noch nicht
verwirren lassen.
    Am nchsten Morgen fuhren sie nach Friedrichshagen hinaus. Der Tag war warm,
aber nicht so schwl, als der vergangene, die Luft rein und etwas bewegt. Die
Fahrt wurde ziemlich schweigsam zurckgelegt.
    Gerhart war abgespannt von der fieberhaften Thtigkeit der letzten Wochen.
Jetzt, nach der Vollendung seines Werkes, trat der natrliche Rckschlag ein.
Auch beherrschte ihn eine leichte Verstimmung gegen Lotte, ihrer Auffassung der
letzten Akte wegen. Wenn er es auch nicht allzu schwer nahm - ein ernsthaftes
Urteil konnte er ja am Ende nicht von ihr verlangen - so hatte es ihn doch
peinlich berhrt, dass der Schluss des Frhlingsdramas eine so geringe Wirkung
auf sie ausgebt hatte.
    Lotte machte keinen Versuch, Gerharts Schweigsamkeit zu unterbrechen. Sie
war in einer weichen, mden, ihr selbst rtselvollen Stimmung. Trumerisch lag
sie gegen die Bank zurckgelehnt und blickte beinahe gedankenlos in den
lichtblauen Himmel, auf die Felder, Grten und Ortschaften hinaus, an denen der
Zug sie vorberfhrte.
    Gerhart liess verstohlen die Blicke zu ihr hinberschweifen. Er hatte sie
selten so reizend gesehen wie heut. Sie hatte auf seinen Wunsch fr diesen Tag
die Trauer abgelegt und trug ein einfaches weisses, zierliches Waschkleid, ohne
jeden Ausputz, ohne jede Farbe. Den Hut hatte sie abgelegt. Das krause
goldblonde Haar fiel ihr in feinen Lckchen in die Stirn. Mit einer ihr selbst
unbewussten Sehnsucht, mit einer tastenden Frage blickten ihre tiefen graublauen
Augen ins Weite. Ueber ihrem ganzen Wesen lag ein eigentmlicher, blumenhafter
Zauber: etwas geheimnisvoll Werdendes, etwas Reifendes und doch unendlich
Keusches, wie die Frucht, die aus der kaum erschlossenen Blte drngt.
    In Friedrichshagen suchten sie eine Gartenwirtschaft dicht am Wasser auf. Am
Ufer ihnen gegenber zogen sich in sanften grnen Linien die Mggelberge hin,
von dem schlanken Aussichtsturm gekrnt. Die Luft war ganz still geworden. Wie
ein grosser klarer Spiegel lag das Wasser vor ihnen da. Trumerisch blickte
Lotte in die leise auf dem Strand verrinnende Flut. Dieses einfache
Landschaftsbild erfllte sie mit unendlicher wehmtiger Freude. Es erinnerte sie
an die waldumsumten Seen ihrer Heimat und mit der Heimat an die Mutter.
    Leise stahl sie sich in Gerharts Arm und blickte mit grossen zrtlichen
Augen zu ihm auf. Er war ja nun ihr Alles, ihre Heimat, ihre Familie!
    Er drckte Lotte an sich und wies mit der Hand nach dem jenseitigen Ufer.
    Nach dem Essen fahren wir hinber in den Wald. Dort sind wir allein, ganz
allein.
    Ein kleiner befreiender Seufzer hob Lottes Brust. Sie fhlte, dort wrde sie
endlich sprechen knnen.
    Die Mahlzeit, zu der der Kellner jetzt rief, war einfach und bald verzehrt.
Sie mussten sich sehr einrichten, wenn sie keine Schulden machen wollten. Von
dem Vorschuss war nicht viel mehr brig. Kleinere Skizzen, die Gerhart jetzt
schnell htte verwerten knnen, seit er offiziell zu der Clique der Modernen
gehrte, hatte er whrend der Arbeit an dem Frhlingsdrama nicht geschrieben;
Lottes Verdienst aber reichte nur gerade aus, um das Notwendigste in ihrer jetzt
mehr als einfachen, ja kmmerlichen Wirtschaft zu bezahlen. Wenn Lena es nicht
bernommen htte, whrend des laufenden Vierteljahrs noch fr die Miete
aufzukommen, Lotte wre die Not ber dem Kopf zusammengeschlagen.
    Nach dem Essen nahmen sie ein Boot und liessen sich bis an den Wald
hinberrudern.
    Gegen Mittag war es nun doch bedeutend wrmer geworden, und auf dem Wasser
hatte die Sonne so heiss gebrannt, dass sie keine rechte Freude an der
Ueberfahrt gehabt hatten. Erst im Walde atmeten sie wieder auf. Wie gut das
that, sich hinstrecken zu knnen im Schatten der grossen Kiefern und zu dem
blauen, hochgewlbten Himmel aufzusehen!
    Gerhart hatte sich's zuerst bequem gemacht. Die Hnde unter dem Kopf
gefaltet, hatte er sich platt auf den sonnendurchwrmten Waldboden geworfen. Ein
paar Augenblicke hatte er mit geschlossenen Lidern fast regungslos dagelegen,
dann hatte er nach Lotte gerufen, die um ein paar Schritte weiter auf einem
niederen Moosrcken sass und einen Grashalm sinnend durch die Finger gleiten
liess. Sie kam sogleich zu ihm und kniete neben ihm nieder.
    Kss' mich doch! sagte er ein wenig ungeduldig, ohne die Augen
aufzuschlagen. Wozu sind wir denn hier?
    Lotte ksste ihn sanft auf die Stirn und die geschlossenen Augen. Er aber
nahm den rechten Arm unter dem Kopf hervor und zog sie heftig an sich.
    Weib, Weib, flsterte er wild.
    Gerhart!
    Es lag etwas so banges in ihrem Ausruf, dass er sie augenblicklich los liess
und sich aufrichtend ihr ins Gesicht sah.
    Mein Gott, was ist denn nur mit Dir, Du siehst ja schon wieder totenbleich
aus!
    Sie drckte sich schluchzend an seine Brust.
    Gerhart - ich - o - ich ngstige mich so sehr -
    Du ngstigst Dich? Ja, wo vor denn?
    Er verstand sie ganz und gar nicht.
    Dann pltzlich stieg eine dunkle Ahnung in ihm auf. Er fasste nach ihrer
Hand und sah ihr tief in die Augen.
    Und stammelnd, unter Schluchzen und Jubeln rang sich ihr das selbst noch
kaum eingestandene Geheimnis aus der Brust.
    Einen Augenblick lang sprach Gerhart kein Wort. Totenstille war zwischen
ihnen.
    Lotte drohte der Atem stille zu stehen.
    Nun zog er sie fester an sich und sagte bewegt:
    Also doch, ich dachte es fast. Du warst so seltsam in der letzten Zeit.
    Dann richtete er sich fest in den Schultern auf und sagte mit lchelnder
Genugthuung:
    Es wird ein schnes, begabtes Kind werden, dies Kind der freien Liebe.
    Lotte sah sprachlos zu ihm hin. Ein stolzes Lcheln lag auf seinem Gesicht.
    - Ja, Gerhart - aber nun - ist es doch selbstverstndlich, dass wir sobald
als mglich -
    Er hrte gar nicht auf sie.
    Wenn es ein Knabe ist, und ich hoffe zuversichtlich, es wird einer sein,
wollen wir ihn Erik nennen, wie den Helden meines Frhlingsdramas. Ist es ein
Mdchen, mag sie Helga heissen.
    Nicht Luise, wie mein Mtterchen? wandte Lotte schchtern ein.
    Luise ist so altmodisch, Kleines. Uebrigens passt der Name auch nicht in
den Rahmen Eurer Zukunft.
    Eurer Zukunft?
    Nun ja, Deiner und des Kindes. Ich sehe sie ganz deutlich vor mir erstehen.
An einem stillen Ort, nicht allzuweit von hier, ein kleines weinumsponnenes
Huschen, davor ein Grtchen mit bunten Blumen. In dem Grtchen Du und das Kind,
beide in weissen leichten Gewndern. An den Festtagen meines Lebens, wenn mir
ein grosser Wurf gelungen, oder aber wenn ich mde geworden bin nach langer
Arbeit, komme ich zu Euch hinaus und suche Trost und Frieden und neue heisse
Liebe in Eurem Schoss.
    Lotte hatte die Hnde ber dem Knie gefaltet und blickte still zu Boden,
damit er die Thrnen nicht sehen sollte, die ihr im Auge standen. Er meinte es
ja gewiss gut mit dem was er sprach, aber sie hrte aus alledem nur das eine
heraus, dass er nicht immer bei ihr sein werde. Der Mann nicht bei seiner Frau!
Der Vater: nicht bei seinem Kind!
    Er aber sagte ganz arglos:
    Nun Kleines, wie gefllt Dir mein Plan?
    Und als sie nicht antwortete, hob er ihr Gesicht zu sich auf und sah die
Thrnen ber ihre Wangen fliessen.
    Weshalb weinst Du denn? fragte er ein wenig ungeduldig. Aengstigst Du
Dich so sehr? Aber Kleines, Mutter werden ist doch etwas natrliches; Milliarden
Frauen und Mdchen machen es durch.
    Sie schttelte sanft den Kopf, dass das wirre Lockenhaar in der seitlich
durch die Stmme fallenden Sonne aufblitzte.
    O nein, ich ngstige mich gar nicht. Es ist nur, dass Du so selten bei mir
sein willst - ein Mann gehrt doch nun einmal zu seiner Frau.
    Sie hatte das Letzte nur ganz leise und verschchtert hervorgebracht. Eine
Ahnung sagte ihr pltzlich, dass er, der Priester und Verknder der freien
Liebe, am Ende etwas ganz Anderes gemeint habe als eine Ehe.
    Ein kurzer, halb gepfiffener, halb gehauchter Laut kam von seinen Lippen. So
also stand es. Das erwartete sie!
    Einen Augenblick schwankte er, ob er ihr nicht gleich die volle Wahrheit
sagen, sie gar nicht erst im Zweifel darber lassen solle, dass er niemals daran
denken wrde, sie zu heiraten. Aber als er sie so vor sich sitzen sah in ihrer
rhrenden Schnheit, ein Bild hingebender, vertrauender Liebe, brachte er's
nicht bers Herz. Er wollte sie langsam an den Gedanken gewhnen. In dieser
Stunde, da sie ihm eben erst ihre Hoffnung gestanden hatte, wre es brutal
gewesen, mit einem einzigen Schlage ihr die Zukunft zu zertrmmern.
    So stand er auf und fuhr ihr liebkosend ber das Haar.
    Sei Du nur ruhig, mein Kleines, und rege Dich nicht auf. Ich werde schon
Mittel und Wege finden, alles nach Deinen Wnschen einzurichten. Und jetzt komm!
Wir wollen auf die Hhe steigen. Er zog sie empor. Mit stiller Glckseligkeit
hing sie sich an seinen Arm. Seine nichtssagenden Worte hatten sie vllig
beruhigt. -
    In den nchsten Tagen kam Lotte naturgemss bei jeder Gelegenheit auf den
Heiratsplan zurck, um so dringender, je schlechter sie sich jetzt zu befinden
begann. Gerhart war mehrmals daran, seine zusammengeknstelte Fassung zu
verlieren und ihr die Wahrheit ins Gesicht zu sagen.
    Im Grunde war ihm selbst bei der ganzen Angelegenheit bel genug zu Sinn.
Trotzdem er die freie Liebe sich zum Lebensprinzip gemacht hatte, ging es ihm
doch nahe, dass gerade Lotte ihr zum Opfer fallen sollte. Gerade weil er wusste,
dass sie niemals ernstlich auf einer Erfllung seiner Pflichten gegen sie
bestehen wrde, dass sie nicht zu jener Kategorie von Mdchen gehrte, die mit
dem Revolver in der Hand sich ihr Recht zu wahren wissen, gerade darum that es
ihm doppelt weh. Und doch kam er nicht auf den Gedanken, sie zu heiraten, des
Lebens volle Brde auf sich zu nehmen, Pflichten zu ben, wo er sich bisher nur
Rechte angemasst hatte. Zum ersten Mal aber dmmerte ihm in stillen Stunden die
Erkenntnis auf, dass es am Ende doch, ins Praktische bertragen, ein eigen Ding
um die freie Liebe sei, und dass der Traum von ihr bedenklich in Gefahr schwebe,
an der Wirklichkeit zu zerschellen.
    Immer wieder stand diese aufkeimende Erkenntnis vor Gerhart auf, und immer
wies er sie zurck. Mit Ungeduld erst, mit Wut und Zorn am Ende. Sollte er und
die ganze Schule der Modernen im Unrecht sein gegen einen alten Zopf? Sollten am
Ende aller Enden wirklich die Philister recht behalten mit ihrer Behauptung,
dass die vielverspottete Ehe eine unentbehrliche Institution sei, sie, die
Feinde der Ehe aber keine modernen Wirklichkeitsmenschen, wie sie selbst so
stolz sich nannten, sondern vertrumte Romantiker, deren erbitterter Krieg gegen
die Familie mit einem klglichen Fiasko enden musste?
    Nein, tausend und abertausend Mal nein. Er wollte nichts hren, nichts
wissen von solcher Philisterweisheit. Nochmals und abermals ein Pereat der Ehe,
der Familie, ein donnerndes Vivat aber der Jugend, dem Glck, der freien Liebe!
- - -

Mein Wort darauf, Lotte, ich habe jetzt keine Zeit. Ich werde in Dahlow
erwartet, komm doch ein ander Mal wieder, wenn Du mich durchaus sprechen musst.
Morgen, bermorgen, wann Du willst. Bloss jetzt halte mich nicht auf. Na, aber
wie stehst Du denn da? Wie 'n Klumpen Unglck. So komm doch mit, aber schnell.
Frulein, Sie knnen zu Hause bleiben. Meine Schwester fhrt mit nach Dahlow.
Rufen Sie nur einen Taxameter herber, aber 'n bischen pltzlich.

    Na, Gott sei Dank -
    Und Lena warf sich ganz erschpft in das Polster des Wagens, Lotte neben
sich niederziehend.
    Anhalter Bahn, Kutscher, was die Pferde laufen knnen. Es giebt ein
Trinkgeld.
    Lotte war ganz betubt von diesen sich berhastenden Vorgngen. Sie war zu
Lena herausgekommen, um ihr zu sagen, dass sie in der allernchsten Zeit die
Wohnung in der Zimmerstrasse verlassen msse. Sie wollte sie um Rat fragen, wie
sie das anfangen solle.
    Da Lena in letzter Zeit ausschliesslich mit dem Wirt verhandelt hatte, wrde
sie ihr vielleicht den Gefallen thun, zu versuchen, statt ihrer mit ihm
handelseinig zu werden.
    Lotte brannte der Boden in der Zimmerstrasse unter den Fssen. Sie zitterte
davor, dass irgend jemand ihr ansehen knne, was mit ihr vorgegangen war. Sobald
sie die Wohnung los war, wollte sie mglichst weit davon, irgendwo draussen ein
Zimmerchen mieten, wo niemand sie kannte. Am liebsten wre sie ganz fortgegangen
von Berlin bis zu ihrer Heirat. Aber davon wollte Gerhart nichts wissen. Tausend
Grnde sprachen dagegen. Sie musste doch auch dabei sein, wenn sein Stck
aufgefhrt wurde, sie seine Muse, sein Modell, sein Weib. War es erst so weit,
dann wrde auch alles andere gut werden.
    Damit vertrstete er sie, sobald sie anfing von der Zukunft zu sprechen.
    - Jetzt hielt der Wagen an dem Anhalter Bahnhof. Unterwegs hatte Lena ihrer
Schwester keine Zeit gelassen zu sprechen.
    Im Coup, Lotte. Wir werden wahrscheinlich allein fahren. Strehsen wird
wohl schon gleich nach dem Dienst nach Dahlow 'rausgegondelt sein.
    Lena brauchte in der letzten Zeit mit Vorliebe dergleichen burschikose
Ausdrcke, die sie von Kurt und andern mnnlichen Stammgsten ihres Geschfts
aufgeschnappt hatte.
    Bornstein war wenig erbaut von dieser saloppen Art. Ueberhaupt fand er jetzt
recht hufig an Lena zu tadeln. Seit das Geschft ihr Gelegenheit gab,
fortwhrend mit Herren zu verkehren, war Lena entschieden kokett geworden. Sie
leugnete es auch gar nicht und lachte ihn aus, wenn er darber brummte.
Klappern gehrt zum Handwerk, behauptete sie. Er sprach nicht oft darber,
aber er rgerte sich im Stillen, dass sie nicht mehr den Eindruck der Dame
machte wie frher. Heut wrde ihm der Gedanke, sie zu heiraten, jedenfalls weit
problematischer vorgekommen sein, wie damals in Potsdam, wo er nahe daran
gewesen war, sie um ihre Hand zu bitten. Ein wahres Glck, dass er's damals
aufgeschoben hatte!
    Auch Lotte bemerkte, dass Lena verndert war. Aber da sie sich gegen sie gut
und herzlich zeigte, weit herzlicher als in der Uebergangszeit, in der sie
einander so fremd geworden waren, fand sie keinen Grund, ihr nicht alles das zu
sagen, was sie ihr hatte sagen wollen.
    Lena war auch gleich bereit, mit dem Wirt zu sprechen. Sie zweifelte nicht
daran, dass er Lotte aus dem Kontrakt lassen wrde. Die Wohnung war ja auch
wirklich viel zu gross fr Lotte. Graue Haare sollte sie sich aber um die Sache
ja nicht wachsen lassen. Wollte er nicht, nun dann liess er's eben bleiben. Das
mit der Miete wrde sie schon weiter in Ordnung bringen.
    Ob denn das Geschft so glnzend gehe?
    Lena lachte.
    Glnzend nicht, aber es macht sich. Ich thue was ich kann, und habe eine
Masse Kundschaft. Pass' mal auf, was der alte Mehlmann, das ist nmlich
Bornsteins Obergrtner, fr'n Respekt vor mir hat. Er schmt sich ordentlich ein
bischen vor mir. Der hat nmlich geglaubt, ich wrde in acht Tagen pleite sein.
Nee, so dumm sind wir nicht.
    Aber, Lena, was Du fr Ausdrcke brauchst!
    Fngst Du auch an zu predigen! Ich rede wie mir der Schnabel gewachsen ist,
und das gefllt den Leuten gerade. Nur nicht zimperlich, Lotte, damit kommt man
in Berlin nicht weit.
    Lotte stutzte und antwortete nicht. Vielleicht, ja wahrscheinlich hatte Lena
recht.
    Trotzdem Bornsteins und Lenas Beziehungen entschieden etwas gelockert waren,
war es fr Bornstein doch ein grosser Tag, als Lena nun endlich nach Dahlow kam.
    Er hatte sich ihren ersten Besuch, den er so lange und anfangs so heiss
ersehnt hatte, allerdings frher weit anders ausgemalt. Aber wer weiss was noch
kam, wenn Dahlow heute ihr Herz, oder besser ihren Sinn fr Luxus, Schnheit und
Behagen gewann. Mit Lenas Herz hatte Bornstein zu rechnen aufgehrt.
    Der heutige Besuch war eigentlich ein rein geschftlicher. Mehlmann, der
wirklich einen gewissen Respekt vor dem jungen Mdchen hatte, wollte ihr neue
Kulturen zeigen. Ausserdem wollte Lena Zwiebeln und Setzlinge aussuchen und sich
ber verschiedene Erdmischungen belehren lassen. Trotz dieses geschftlichen
Hintergrundes hatte Bornstein ein frmliches kleines Fest fr Lena vorbereitet.
Wenn sie nur nicht darauf bestanden htte, ihr albernes Ladenfrulein als
Anstandsdame mitzubringen! Kurt, der schon seit ein Uhr bei ihm herumlag, wrde
sich schwerlich als Partner fr den ganzen brigen Tag an der Verkuferin
gengen lassen. Dann waren sie wieder zu Dreien, wie so oft, und er hatte so gut
wie nichts von Lena.
    Schon eine Viertelstunde vor Ankunft des Zuges schritt er ungeduldig mit
Kurt auf dem Bahnsteig auf und ab. Endlich fuhren die Wagen ein. Kurt hatte die
Schwestern zuerst erspht.
    Donnerwetter, rief er, das ist schneidig.
    Und den jungen Mdchen entgegeneilend, rief er Lena schon von weitem zu:
    Das haben Sie famos gemacht, Frulein Lena, allen Respekt. Mein Kompliment,
Frulein Lottchen.
    Lena lachte und begrsste beide Herren mit gleicher Herzlichkeit.
    Es freut mich, dass Sie es mir nicht bel nehmen, dass ich die Lotte
mitgebracht habe. Der Wurm wollte mich durchaus sprechen. Da habe ich sie der
Einfachheit halber gleich mit aufgepackt.
    Sehr gescheidt, Lena, sagte Bornstein, ihr freundschaftlich die Schulter
klopfend. Du httest gar nichts besseres thun knnen.
    In der That atmete Bornstein auf. Kurt hatte ihm neulich so viel von Lottes
Mondscheinschnheit vorgeschwrmt, dass der leichtsinnige Kourmacher zweifellos
fr den Rest des Tages besorgt und aufgehoben war.
    In der besten Laune fuhren sie durch eine Allee alter Kastanien dem Schlosse
zu.
    Selbst Lotte wurde durch den Uebermut der andern ein klein wenig aus ihren
trbsinnigen Gedanken gerissen. Wer doch auch ein so leichtes Herz haben knnte
wie diese drei!
    Der Tag verlief vllig programmmssig.
    Erst das Geschft, dann das Vergngen, wie Lena von vornherein angeordnet
hatte.
    Das Herrenhaus, der weitlufige Park, vor allem aber die wundervollen, im
wahrhaft grossen Stil angelegten Grtnereien - alles viel schner und vornehmer
als ihre Kinderschwrmerei Klockow - entzckten Lena bis zur Begeisterung. Aber
sie war viel zu klug, sich ihre staunende Bewunderung anmerken zu lassen. Ihr
Freund durfte niemals auf den Gedanken kommen, dass sein prchtiges Besitztum
ihr zum Fallstrick werden knnte. Gerade, dass er etwas khler gegen sie
geworden war, ohne sie im geringsten zu vernachlssigen, war Lena
ausserordentlich bequem. So konnte sie, da er ihr mehr freie Zeit liess als
frher, unbehelligt ihren Geschftsinteressen nachgehen und im brigen als
unumschrnkte Gebieterin in ihrem Hause sich den Luxus gnnen, zu empfangen wen
sie wollte, ohne einer fortdauernden Kontrolle zu unterstehen.
    Wahrhaftig, es war alles so gekommen, wie sie es nur in ihren khnsten
Trumen zu hoffen gewagt. Sie verlangte vorerst nach gar nichts anderem, als
dies Leben eine Weile ruhig fortsetzen zu knnen, am liebsten so lange, bis sie
gnzlich unabhngige Besitzerin des Geschfts war. Dann konnte man ja auch am
Ende ans Heiraten denken. Fr etwas anderes als fr diesen soliden Abschluss
ihrer goldenen Freiheit war Lena nach wie vor absolut nicht eingenommen.
    Nachdem mit Mehlmann alles besprochen war und Lena erreicht hatte, was ihr
notwendig dnkte, fhrte Bornstein seine Gste auf die luftige Gartenterrasse.
An einer reizend arrangierten Tafel wurde ein sptes Diner mit einer exquisiten
Speisenfolge und beinah noch exquisiteren Weinen eingenommen. Dann fuhr ein
eleganter Jagdwagen vor, den man in sehr erhhter Stimmung bestieg. Nur Lotte
war ber Tisch wieder stiller und sehr blass geworden. Bornstein fuhr selbst. Er
wollte Lena gern seine gesamten Lndereien zeigen. Es war doch unmglich, dass
ihr der reiche Besitzstand nicht imponieren sollte. Und wirklich erreichte
Bornstein es, dass sie sich jetzt nicht mehr ganz so im Zaume hatte wie vor dem
Diner, und fters in begeisterte Rufe ausbrach. Als sie durch das weitlufige
Waldrevier fuhren, that sie ihren Gefhlen sogar nicht den geringsten Zwang mehr
an und schien in ihrer lebhaften Bewunderung Bornstein wieder einmal reizender
und begehrenswerter denn je zu sein. Als er aber auch nur die leiseste Miene
machte, die Situation auszunutzen, wurde sie sofort wieder nchtern, so dass er
verstimmt frher ans Umkehren dachte, als es ursprnglich in seinem Plan gelegen
hatte.
    Auch Kurt, mit Lotte hinter den beiden sitzend, war, wie er Bornstein spter
anvertraute, nicht auf seine Kosten gekommen. Verwnscht vornehm war die
blasse Putzmacherin gewesen. Der Deibel mochte wissen, was in diesen kleinen
Mdchen steckte.
    Bei anbrechender Dunkelheit fuhren sie wieder in den Gutshof ein. Bornstein
beurlaubte sich auf ein paar Augenblicke und lud dann seine Gste noch einmal
auf die Gartenterrasse hinaus.
    Ein vielstimmiger Ausruf des Entzckens lohnte seine hbsch ausgedachte
Ueberraschung.
    Der weite Rasenplatz unterhalb der Terrasse mit seinen vielfarbigen
Blumenrabatten, der Halbkreis alter, schner Bume, der ihn im Hintergrund
umstand, war whrend ihrer Abwesenheit feenhaft erleuchtet worden. Es war
wirklich ein wundervoller Anblick, der sich den dreien bot. Nun stieg auch von
der Mitte des Rasens noch ein buntes Kugelspiel leuchtender Raketen zu dem
sternenhellen Junihimmel auf und zerplatzte knatternd und prasselnd zu
unzhligen, weit hinstiebenden Feuerfunken. Dieser letzte grossartige Effekt
hatte bei Kurt das Mass der Begeisterung zum Ueberlaufen gebracht.
    Mit lauter, berschnappender Stimme brachte er ein Hoch auf den Gutsherrn
von Dahlow aus, in das Lena und Lotte aus herzlichster Ueberzeugung einfielen. -
    Als Lotte sehr spt und stark bermdet von dem Bahnhof nach Hause kam, fand
sie auf dem Esstisch einen Brief fr sie liegen. Die Aufwrterin, die zwei Mal
in der Woche die grbste Arbeit verrichtete, musste ihn wohl mit heraufgebracht
haben. Sie glaubte, der Brief sei von Gerhart, den sie heute den ganzen Tag
nicht gesehen hatte. Atemlos vor Freude strzte sie darauf zu. Dann, nachdem sie
die Aufschrift berflogen, liess sie das Schreiben enttuscht wieder auf die
Platte gleiten. Nicht Gerhart, sondern Franz Krieger hatte geschrieben. Da Lotte
trotz der Mdigkeit zu erregt war, um gleich schlafen zu gehen, nahm sie nach
wenigen Augenblicken den Brief wieder auf, erbrach ihn und fing an zu lesen.
    Es war ein langes Schreiben und enthielt manches, was sie bewegte und
beunruhigte. Franz Krieger zeigte ihr den Tod seiner Mutter an. Sie war nach
kurzer Krankheit heimgegangen und hatte ihm ein unerwartet grosses Vermgen
hinterlassen, so dass er halb und halb die Absicht hegte, sein nun
schuldenfreies Geschft daheim zu verkaufen und sich wo anders, etwa in Berlin,
anzusiedeln. Lotte mge ihm doch Nachricht geben, wie sie darber denke. Da sie
und Lena nicht zurckgekommen wren, sich also vermutlich in der neuen Heimat
wohl befnden, she er nicht ein, weshalb er nicht auch versuchen sollte, sein
Glck in Berlin zu machen.
    Ein eisiger Schrecken war ihr bei dieser Botschaft durch die Glieder
gefahren. Franz Krieger in Berlin! Nur das nicht, nein! Nicht eher, als bis sie
Gerharts Frau geworden war. Wenn er ahnen, wissen wrde, wie es um sie stand,
die Schande glaubte sie nicht berleben zu knnen. Und er wrde es wissen, wenn
er sie wieder sah, hatte er ihr doch stets jedes kleinste unausgesprochene Leid
von der Stirn und aus den Augen gelesen.
    Er durfte nicht kommen, nein, und wenn es unerlsslich war, wenn er sich
nicht abreden liess, dann musste sie gehen ehe er kam, oder aber sie musste
Gerhart zu einem raschen Entschluss zu drngen suchen.
    Frstelnd und schauernd sass sie trotz der warmen Juninacht da und grbelte
ber diese neue beklemmende Frage, der sie wiederum so gar nicht gewachsen war.
Erst als der Morgen zu grauen begann, tastete sie sich unsicheren Schrittes zu
ihrer schmalen Bettstatt.
    Lena hielt Wort. Sie kam schon nach einigen Tagen, um mit dem Wirt zu
sprechen.
    Da sie ihn stets um den kleinen Finger gewickelt hatte, ging die Sache zu
Lottes grosser Befriedigung glatt ab. Der Hausbesitzer wollte Lotte schon am
ersten Juli, also in zehn Tagen aus dem Kontrakt entlassen.
    Sie war natrlich sofort bereit, von dieser Vergnstigung Gebrauch zu
machen. Gerhart freilich wrde dieser schnelle Entschluss verstimmen. Aber das
half nun einmal nichts. In diesem Punkte fhlte Lotte, wrde sie fest bleiben.
Vielleicht wenn er sie dann, schon wegen der grossen Entfernung, die sie
zwischen sie zu legen gedachte, mehr entbehren musste, wrde er schneller ber
seine immer neuentstehenden Bedenken gegen eine Ehe fortkommen. Es musste,
musste ja doch sein! Immer weniger begriff sie sein Zgern und Zagen.
    Auch Lena war befriedigt, dass ihre Mission sich so rasch und glcklich
erledigt hatte. Sie htte zwar Lotte ihr Wort gehalten und sie bei der Zahlung
der Miete noch fr eine Weile untersttzt, oder dieselbe ganz bernommen, aber
es war doch besser so, fr Lotte nicht nur, sondern auch fr ihre eigene Kasse.
    Lena setzte jetzt ihren ganzen Ehrgeiz dafr ein, sich sobald als mglich
von Bornstein unabhngig zu machen. Gute Freunde konnten sie ja deswegen doch
bleiben, dann erst recht. Nur danken mochte sie auf die Dauer niemandem etwas,
am wenigsten einem, der immer wieder den Versuch machte, Ansprche fr sich aus
solcher Dankespflicht abzuleiten.
    Wie in alten Zeiten sassen die beiden Schwestern oben in Lottes Atelier
beisammen, nachdem Lena vom Wirt wieder herbergekommen war. Lena plauderte von
ihrem Geschft und Lotte hrte ihr zu, whrend sie einen billigen Sonntagshut
fr das Ladenfrulein nebenan aufsteckte. Es kam ihr jetzt so selten Arbeit ins
Haus, dass sie schon zufrieden war, wenn sie berhaupt zu thun hatte.
    Whrend Lena sprach, konnte Lotte den Gedanken nicht los werden, dass sie
der Schwester noch ganz etwas Besonderes habe sagen wollen. Ihr armer Kopf war
ihr von allem Grbeln jetzt oft so schwer, dass sie zuweilen nicht auf das
nchstliegende verfiel. Doch richtig, ja, jetzt wusste sie es wieder, sie hatte
ihr von Franz Kriegers Brief erzhlen wollen. Das einfachste war schon, sie gab
ihn Lena zum Lesen. Viel Sprechen war Lottes Sache jetzt weniger denn je.
    Nachdem Lena das lange Schriftstck entziffert hatte, sprang sie wie eine
kleine Wilde im Zimmer umher.
    Das war ja famos! Himmlisch! Natrlich sollte er nach Berlin, der Franz,
lieber heute wie morgen! Sie wollte ihm schon zeigen, dass man nicht bloss zum
Vergngen nach der Kaiserstadt gekommen sei, sie wollte ihm schon beweisen, dass
man denn doch eine Rolle hier spiele, und die schlechteste nicht. Wenn sie ihn
erst durch ihr Geschft oder ihre Wohnung gefhrt haben wrde, sollte er
beschmt eingestehen, dass er sich denn doch gewaltig in Lena geirrt habe und
fr all seine kleinglubigen Zweifel hbsch demtig Abbitte thun.
    Lotte sah ihre Schwester ganz entgeistert an. Daran hatte sie wahrlich
zuletzt gedacht, dass Lena etwas fr Franz' Plne brig haben wrde, nachdem sie
sich so emprt ber ihn geussert hatte.
    Aber bei Lena freilich kam eben immer alles anders als man es voraussah. Das
hatte sie nun von ihrer Mitteilsamkeit.
    Nun wrde Lena ihm am Ende noch zureden, nach Berlin zu kommen. Htte sie
ihr doch lieber gar nichts von dem Brief gesagt! Franz hatte ja nur an ihr
eigenes Urteil appelliert!
    Aber Lena, ich begreife Dich nicht, Du warst doch so wtend auf ihn!
    Lena lachte:
    Aber nun bin ich's nicht mehr. Franz ist doch jetzt was, und wenn man erst
was ist, dann wird man auch gleich ein anderer Kerl mit anderer Einsicht und
anderen Anschauungen. Sieh mich doch 'mal an! Bin ich nicht wie ausgewechselt,
seitdem ich Ladenbesitzerin bin? Und denk' 'mal, wie fein Lotte, wenn Franz hier
ein grosses Geschft aufmacht - in der Leipzigerstrasse oder vielleicht gar
Unter den Linden! So was wie Borchardt in der Franzsischen Strasse! Famos, was?
Dann brauchst Du auch nicht mehr Hungerpfoten zu saugen, Lotte! Dann bestellen
wir uns Diners bei ihm, und Sekt, und alle mglichen guten Sachen!
    Aber Lena -!
    Lena liess sich nicht stren.
    Und weisst Du, das kann einem wahrhaftig kein Mensch belnehmen, dass es
einen kitzelt, jemandem, der eine so schlechte Meinung von einem hat, eine
andere beizubringen. Ich knnte vor Vergngen bis an die Decke springen, wenn
ich nur denke, was Franz fr Augen machen wird, wenn er mein trkisches Boudoir
und mein Speisezimmer zu sehen kriegt.
    Sie umarmte Lotte strmisch.
    Das Leben ist doch zu hbsch, Lotte! Na, nun muss ich aber nach Hause! Wenn
wir uns bis zu Deinem Umzug nicht sehen sollten, schreibst Du mir wohl gleich
Deine neue Adresse. Zieh' nur nach dem Westen 'raus. Wenn es auch noch so weit
von der Stadt entfernt ist, das ist jetzt chic.
    Und damit war Lena herausgewirbelt wie ein bunter Schmetterling, den man
noch eben zu halten glaubt und der, ehe man sich's versieht, schon wieder durch
die blaue Luft taumelt. -
    Gerhart hatte Lottes Ankndigung, dass sie ihre Wohnung in der Zimmerstrasse
aufgegeben habe, ruhiger aufgenommen, als sie es nach frheren
Auseinandersetzungen ber diesen Punkt hatte erwarten drfen. Auch Gerhart riet,
nach dem Westen herauszuziehen, wo sie mehr freie Luft und Gelegenheit zu
gesunder Bewegung habe. Was wollte sie zwischen den Huserkolossen der inneren
Stadt! Sie war wahrhaftig schon blass und elend genug, als dass sie noch
notwendig gehabt htte, verdorbene Luft und betubenden Strassenlrm eigens
aufzusuchen.
    Damit war die Angelegenheit vorerst fr ihn erledigt gewesen, wenigstens
hatte er nicht mehr mit Lotte darber gesprochen. Dagegen schilderte er ihr
immer aufs neue den grossen Eindruck, den auch die zweite Hlfte seines
Frhlingsdramas dem Direktor der Freien Bhne gemacht habe. Schon jetzt wollten
sie gemeinsam daran gehen, die geeigneten Darsteller zu suchen. Besonders fr
den Erik und die Helga mussten ungewhnliche Individualitten herbeigeschafft
werden. Es sei nicht ausgeschlossen, dass er im Laufe des Sommers ab und zu -
auf Kosten des Direktors natrlich - in die Provinz gehen msse, um nach
darstellerischen Krften auszuschauen.
    Schade, dass Du mich nicht begleiten kannst, mein Kleines, hatte er dann
mit zrtlichem Bedauern hinzugefgt. Und sie hatte schmerzlich betroffen still
fr sich gedacht: Ich knnte es ja doch am Ende, wenn Du nur wolltest! -
    Nach mancherlei mhseligem Suchen hatte Lotte endlich ein Stbchen und eine
Kche weit draussen in Schneberg gefunden. Die kleine Wohnung lag zwar im
vierten Stock, aber sie war sehr billig und hatte den Vorzug, dass man aus den
niedern Dachfenstern weit ber freie Felder sah und eine gute gesunde Luft atmen
konnte.
    Von ihren Mbeln konnte Lotte nur den kleinsten Teil in den beiden engen
Rumen unterbringen. Ob Gerhart nicht einiges davon fr ihre knftige gemeinsame
Wohnung aufheben wollte? Es kam bei dem Verkauf von Mbeln immer so schrecklich
wenig heraus, das hatte sie zu Haus nach Mutters Tode bei Auflsung des
Hausstandes gesehen.
    Aber Gerhart wollte nicht. Was sollten sie mit dem alten Kram? Wenn sie sich
ein Nest bauten, sollte es weicher und farbenfroher ausgefttert sein. So liess
Lotte schweren Herzens all die netten Sachen, die sie mit Lena vor kaum einem
Jahr angeschafft hatte, zum Trdler bringen. Am schwersten wurde es ihr, sich
von der Einrichtung ihres Arbeitszimmers zu trennen. Wie viel schne Hoffnungen
hatten sich an den grossen Glasschrank geknpft, der fr ihre Hut-Auslagen
bestimmt gewesen war! Wie oft hatte sie ihn im Geiste schon in einem hbschen
Geschftslokal in der Friedrichsstrasse stehen sehen! Und wie freudig hatte sie
zuerst an dem grossen Arbeitstisch geschafft! Sie sah ihn noch vor sich, den
ersten Hut fr Marie Weber, den sie an der schnen gerumigen Platte aufgesteckt
hatte. Und doch, mit dieser ersten Arbeit, die den Anforderungen und dem
Geschmack der Grossstadt so gar nicht entsprach, hatte sich ihr Schicksal
eigentlich schon besiegelt.
    Stck fr Stck musste sie so dahin geben. Nur das notwendigste behielt sie
zurck, und das war bald herausgeschafft in ihr neues rmliches Heim.
    Als Lotte selbst zum letzten Mal ber den Hof in der Zimmerstrasse schritt,
der ihr mit seinem schattenden Nussbaum, den vielen Fenstern, die hell und
freundlich auf ihn hinaussahen, dem grossen Stck Himmelsblau, das sich darber
spannte, im vorigen Herbst so anmutend erschienen war, krampfte sich ihr das
Herz zusammen. Hier hatte sie geglaubt, tchtig und glcklich werden zu knnen!
Weder das eine noch das andere hatte sich erfllt! Was wrde ihr Los in der
neuen, drftigen Heimat sein, die sie so jeder Hoffnung bar betrat? Wrde es
immer weiter bergab gehen mit ihr, oder wrde ein gutes Geschick sie wieder
aufwrts tragen? Den Blick starr vor sich hingerichtet, nicht mehr im stande,
rechts oder links zu schauen, schritt sie auf die Strasse hinaus. Nie war sie
sich so bettelarm vorgekommen, wie in dieser Stunde. Als sie schwer atmend in
ihrem Stbchen in Schneberg angekommen war, sank sie schluchzend vor ihrem
notdrftig zusammengeschlagenen Bette in die Knie, und den Kopf in den Hnden
verbergend, sthnte sie unter heissen Thrnen:
    Mutter, liebste Mutter, wrst Du bei mir! -
    Langsam, sehr langsam gewhnte Lotte sich in dies vllig neue Leben ein. Sie
war oft Tage lang allein, ohne die geringste Ansprache. Die vielen kleinen
Leute, welche die Hofseite des grossen Mietskastens bewohnten, hatten anfangs
hier und da auf der Treppe ein Gesprch mit ihr gesucht. Das schne, zarte
Mdchen, das zu was besserem geboren schien, als vier Treppen hoch unter dem
Dach ein, allem Anschein nach sehr krgliches Brot mit ihrer Hnde Arbeit zu
verdienen, hatte ihre Neugier gereizt. Aber da sie niemals sich in ein Gesprch
einliess, zwar niemals unfreundlich aber auch niemals recht zugnglich war,
liess man sie bald in Ruh. Es war am Ende auch wohl nicht ganz richtig mit ihr
und dem jungen brnetten Menschen, der alle Woche einmal die Treppen zu ihr
hinaufstrmte. Komdiantenvolk meinte die alte Fetter, die als lteste
Mieterin eine massgebende Stimme im Hinterhause hatte.
    Meine Tochter Aujuste oben, was ihre Nachbarin ist, kann davon was
erzhlen. Janze Stcke ben sie zusammen ein, wenn der Schwarzkopf kommt. Er
redt und sie heult. Es soll manchmal ordentlich rhrend sein, meint meine
Tochter, wenn sie so'n bittenden Ton anschlgt. Die reine Sorma, sagt die
Aujuste. Die war nmlich 'mal ins Deutsche, als sie noch bei Veilchenfelds
diente. Ja, nee, was die Zeiten sich ndern! Die Aujuste htte auch was besseres
thun knnen, als sich mit dem langen Karl einlassen. Bei Veilchenfelds hat sie's
so jut jehabt. Und was hat sie nun? Alle Jahr 'n Kind und nicht satt zu essen.
    Jotte doch, Fettern, des Menschen Wille ist sein Himmelreich - er hat sie
doch wenigstens jeheiratet, und das kann man nicht von jedem sagen. - Also
Komdiantenvolk, meint die Aujuste - na jut, dass man's weiss!
    Damit war Lottes Schicksal im Hause und in der Nachbarschaft besiegelt.
Komdiantenvolk! Kein Mensch gnnte ihr mehr ein gutes Wort oder einen
freundlichen Blick. Nur ihre nchste Nachbarin, die unfreiwillige Anstifterin
ihres bsen Rufes, Frau Auguste Korn, geborene Fetter, liess sich nicht gegen
sie aufhetzen. Sie hatte immer einen Sinn frs Hhere gehabt, und bei
Veilchenfelds war man sehr frs Theatralische gewesen. Und dann - Auguste war
eine gescheidte Frau, die nur einmal in ihrem Leben eine Dummheit gemacht, als
sie sich mit dem langen Schlosser-Karl eingelassen hatte - wer weiss, was aus
der stillen Blassen noch wurde, dachte sie bei sich. Vielleicht eine berhmte
Knstlerin mit 'ner horrenden Gage! Dann wrde sich das bischen Freundlichkeit
schon rentieren, was man jetzt an den armen Wurm verschwendete.
    Gerhart kam - genau so wie die Fettern im ganzen Hause herumgesprochen hatte
- alle Woche einmal zu Lotte, wenigstens im Anfang. Dann wurden seine Besuche
noch seltener, da er wirklich ein paar Mal fortfuhr, um sich im Auftrage des
Direktors nach schauspielerischen Krften umzuschauen.
    Er war schon in Brandenburg, Kottbus und Zeitz gewesen, hatte aber noch
immer nicht das richtige gefunden. Nun wollte er morgen, man schrieb jetzt
Anfang August, nach Freienwalde fahren. Am dortigen Sommertheater wollten
Kunstkenner ein besonders begabtes junges Mdchen fr seine Helga entdeckt
haben. Gerade so was, was man fr eine moderne Zustandskomdie brauchte.
    Als Gerhart durch den schwlen Sommerabend zu Lotte hinaus schritt, um ihr
fr ein paar Tage Lebewohl zu sagen, fiel es ihm eigentlich zum erstenmal auf,
wie gut er jetzt ohne sie fertig wurde. Wer ihm das vor ein paar Wochen noch
gesagt htte, den wrde er vermutlich einen Wahnsinnigen gescholten, oder
verchtlich die Achseln ber ihn gezuckt haben. Und doch war es so, er musste
sich's eingestehen, Lotte war ihm auf einmal entbehrlich geworden. Je mehr er
darber nachdachte, je mehr erschien es ihm, als sei das schon eine ganze Weile
so gewesen. Seit wann doch gleich? Seit er sein Frhlingsdrama beendigt hatte,
oder seit ihrem Gestndnis im Wald am Mggelsee? Aber da die Daten dieser beiden
Ereignisse eng zusammenfielen, nur durch eine einzige Nacht und wenige
Tagesstunden getrennt, war es mssig darber nachzusinnen, seit wann er im
stande war ohne Lotte zu leben. Blieb noch, weshalb er es war? Trug der Umstand
die Schuld, dass die Arbeit vollendet war, zu der ihre Ksse ihm unentbehrlich
waren? War es das Bekenntnis ihrer Mutterschaft, das ihm Lotte durch das
Gespenst der im Hintergrunde lauernden Pflichten entfremdet hatte? War es
beides? War es eines von beiden nur? War es keines, sondern der natrliche Lauf
der Dinge, der ewig neu sich wiederholende Prozess des Blhens, Reifens und
Vergehens?
    Er zuckte ungeduldig mit den Schultern. Was sollte diese Qulerei? Er hatte
jetzt wichtigeres zu thun, als seine Nerven mit dergleichen Selbstanbohrungen
auf den Hund zu bringen. Seine ganze Kraft brauchte er, seine volle Energie fr
die grossen Geschehnisse, die vor ihm lagen. Es war nicht genug, ein Bhnenwerk
zu schreiben, man musste auch die Kunst verstehen, es wirkungsvoll auf die
Bretter zu bringen. Das war jetzt seine Aufgabe, bei der er Lotte ebenso wenig
brauchen konnte, wie er sie bei dem ersten Teil seiner Arbeit hatte entbehren
knnen. Jetzt musste er frei sein, wie er damals gebunden sein musste, ganz frei
in Kopf und Herzen, um handeln zu knnen nach seinem Gutdnken. Das Gelingen
wrde ihr ja dann doch wieder zu gute kommen. Sobald er erst seinen grossen
Erfolg hatte, wollte er sich ihr ja gern wieder widmen, gern fr sie sorgen. Wer
weiss, ob nicht wieder eine Schaffensperiode fr ihn kam, in der er sie ebenso
ntig hatte, wie whrend der Werdezeit des Frhlingsdramas! Nur jetzt durfte
nichts, kein Band, keine Pflicht ihn von dem nchsten abziehen und beengen.
Nichts durfte fressen an der werdenden That, sie zum Krppel machen, noch ehe
sie geboren ward. Er hasste Missgeburten, krperliche sowie geistige. Er
verachtete alles Halbe. Ganz und blhend wie seine Liebeszeit gewesen war,
sollte jetzt die Zeit seines Erfolges heranreifen; die abfallenden Blten des
halbverwelkten Liebesbaumes durften die reifende Frucht des Ruhmes nicht in
ihrem Wachstum hemmen.
    So gegen den rgsten Feind, den er jetzt zu besitzen glaubte, gegen Lottes
Liebesansprche gerstet und gesthlt, trat er vor die niedere Thr zu Lottes
kleiner Wohnung. Sie war nicht verriegelt, nur eingeklinkt, so dass er ungehrt
eintreten konnte. Lotte sass an dem schmalen, weitgeffneten Fenster.
    Schwl drang die Sommerabendluft, vermischt mit dem schweren Duft von
Levkojen, Heliotrop und Reseda, die auf einem kleinen Blumenbrett vor dem
Fenster blhten, in das enge Gemach.
    Lotte sass still, fast regungslos da. Die Arbeit lag ihr unberhrt im
Schoss, schlaff hingen die Arme ihr am Leibe herab, und thrnenverdunkelt war
der starre, ins Leere gerichtete Blick.
    Trotz all seiner eisernen Vorstze gab es Gerhart doch einen Stich ins Herz,
als er sie so sitzen sah, ein Bild stummer, zerbrochener Verzweiflung. Einen
Augenblick blieb er auf der Schwelle stehen, zgernd wie ein Unberufener. Dann
trat er ein paar Schritte auf sie zu und rief zrtlich ihren Namen.
    Mde, ohne sich zu rhren, sah sie zu ihm auf.
    Du bist's, Gerhart? Kommst Du endlich einmal!
    Ein schwacher Schimmer der Freude zog ber ihr abgehrmtes Gesicht. Er zog
ihren Kopf an seine Brust und streichelte ihr wirres goldbraunes Haar.
    Kleines, was machst Du mir fr Geschichten? Du siehst ja erbrmlich aus!
    Sie antwortete nicht, sondern sah ihn nur immer tieftraurig an. Dann nach
einer kleinen Weile sagte sie tonlos:
    Wann wird Dein Stck aufgefhrt, Gerhart? Es ist hchste Zeit. Ich - sei
mir nicht bse - ich fhle mich totkrank und ich ertrge es nicht, wenn jemand -
O Du weisst ja was ich meine. Gerhart, schweige doch nicht so unbarmherzig - ich
will ja nichts, nichts von Dir - ich will mich selbst durchs Leben schlagen. Du
sollst frei sein von mir - nur heirate mich, heirate mich!
    Ehe er es hatte hindern knnen, war sie zu seinen Fssen niedergestrzt, und
seine Knie umklammernd, sthnte sie auf wie ein waidwundes Tier.
    Er hob sie auf und legte sie auf ihr kleines weisses Bett. Sie war blass wie
eine Tote und auch aus seinem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen. Das hatte
er nicht erwartet! Was musste sie leiden, gelitten haben, dass ihre sanfte
zrtliche Natur bis zu einem solchen Ausbruch sich verirren konnte!
    Und doch sie musste es tragen, musste es erdulden wie so viele tausende von
armen Mdchen es vor ihr getragen hatten, es nach ihr tragen und erdulden
wrden. Er beugte sich zu ihr nieder, um sie zu kssen. Sie rhrte sich nicht.
Reglos mit geschlossenen Augen lag sie da. Wie schn sie waren, diese
Mrtyrerinnen der freien Liebe, wie rhrend schn!
    Wenn er es recht bedachte, lag doch eigentlich kein Grund zu dergleichen
Verzweiflungsscenen vor, die sie alle frher oder spter auffhrten.
    War es nicht zu tausend Malen poetischer, von der Hhe des Liebesglcks ins
Nichts, ins Dunkel zurckzusinken, als die hohe Flut der Leidenschaft im flachen
Eheleben verebben, langsam und stetig vergehen zu sehen, wie ein Gewandstck,
das man philisterhaft bis zu Ende trgt, nur weil man es einmal besitzt, so
lange trgt, bis die Nhte von selbst zerfallen und der Stoff morsch und brchig
wird!
    Thrichte Mdchen, die ihr jammert um das allzu jhe Ende! Klebt ihr so fest
an der eklen Erdenscholle? Habt ihr so gar keinen Schwung, euch fr ein
Ikarusschicksal zu begeistern? Auf zur Sonne, und dann mit jhem Sturz herab in
die Tiefe, ins ewige Vergessen!
    Und er ksste sie leidenschaftlich. Und so ganz durchdrungen war er von
seinen unsinnigen eiteln Phantastereien, dass er dies zerbrochene Geschpf um
seine eigenen Ksse beneidete. -
    Am nchsten Morgen traf Lotte Frau Korn auf der Treppe. Die gutmtige Person
hatte sich eine ganze Weile hinter ihr hergeschlichen, ehe sie sich das Herz
gefasst hatte, Lotte anzureden. Dann aber hatte sie nicht lnger an sich
gehalten. Das Frulein sah auch heute gar zu miserabel aus. Kein Wunder freilich
nach der Scene mit dem Schwarzkopf gestern Abend. Dass dies keine Theaterscene,
sondern ein Wirklichkeitsdrama gewesen war, hatte die brave Schlossersfrau
allerdings bemerkt; dieser Umstand aber hatte ihre Sympathie fr das arme blasse
Wurm nicht im geringsten herabgemindert. Im Gegenteil, Auguste hatte sich fest
vorgenommen, was an ihr lag, dem armen Dinge beizustehen, auch wenn sie keine
berhmte Schauspielerin zu werden versprach. Erst der Mensch, und dann 's
Metier. Das war ihre Maxime. Dass sie noch vor kurzem weniger human gedacht
hatte, daran waren die Nachklnge aus dem Hause Veilchenfeld schuld gewesen, die
noch immer ab und zu bei ihr herumspukten.
    Auf der steilen hohen Treppe hatten die beiden nur ein paar flchtige Worte
gewechselt. Erst oben vor Lottes Thr fand Auguste den Mut, ihr volles Herz
auszuschtten.
    Entschuldigen Sie nur, Frulein - es sieht vielleicht unbescheiden aus - -
aber wenn ich einen Augenblick bei Ihnen eintreten drfte, ich htte Ihnen was
zu sagen, Frulein!
    Lotte war ein wenig verwundert, aber sie dachte nicht weiter ber das
seltsame Ansinnen der Schlossersfrau nach. Sie hatte es sich allgemach
abgewhnt, zu denken. Ihr Kopf war zu mde und schwer dazu, und seit gestern
Abend gar lag es wie dichter Nebel ber ihrer Denkkraft.
    Sie ffnete die Thr und schritt der robusten Frau voran, ihr einen Stuhl
anzubieten.
    Bitte, setzen Sie sich doch, Frau Korn, wenn Sie mir etwas zu sagen haben
-
    Auguste schttelte den Kopf und sah sich in dem kleinen Zimmer um. Wie nett
es hier aussah! Ganz anders wie sonst bei Leuten, die fr drftigen Tageslohn
arbeiten. Man sah doch gleich, dass das Frulein aus gutem Hause war. Das arme
junge Ding! Frau Korn brannte darauf, ihr mit ihrer reiferen Erfahrung gegen den
wsten Schwarzkopf zu Hilfe zu kommen.
    Sie setzte sich nun doch, denn so schnell wrde sie mit dem was sie
vorhatte, nicht zu stande kommen. Ihre Zunge war nicht so flink wie die ihrer
Mutter. Der Fettern that es nicht leicht eine gleich.
    Also, Frulein, wenn Sie 's mir nicht belnehmen mchten, das kann so mit
Ihnen nicht weiter gehen, Frulein. Nee, genieren mssen Sie sich nicht vor mir
- ich bin 'ne alte Frau gegen Sie, Frulein, und so was wie Sie hab' ich auch
durchgemacht, ehe ich meinen Karl geheiratet habe. - Aber wenn Sie 's beruhigt -
im Haus, da weiss niemand davon als ich - und ich halte reinen Mund. Sehen Sie
'mal, Fruleinchen, so aufregen wie gestern Abend, das sollten Sie nicht thun,
und auch nicht den ganzen Tag hier oben in dem engen Loch hocken, und immer
alleine, da wird der Mensch ja ganz dmlich bei, und fr Ihren Zustand ist es
das reine Gift. Ordentlich an die frische Luft gehen sollten Sie und mit
Gesellschaft! Meine, na, die kann ich Ihnen ja freilich nicht anbieten, habe
auch nicht viel Zeit brig fr ins Freie bei die Menge Gren, aber da hat Sie
doch neulich so 'ne hbsche, junge, schwarze Dame besucht, die Ihnen all die
schnen Blumenstcke da 'rauf gebracht hat, wie wr's denn mit der?
    Lotte sass mit abgewandtem Antlitz da. Die Scham drohte sie zu ersticken.
Und doch hatte sie nicht das Herz, die Freundlichkeit der braven Frau
zurckzuweisen, aus deren Worten sichtbarlich keine mssige Neugier sondern
echte Anteilnahme sprach.
    Jetzt fhlte sie die breite Hand Augustes auf ihrer Schulter. Ihr warmer
gesunder Atem streifte sie.
    Ach, liebes Frulein, nee, das mssen Sie nicht! So dasitzen wie tot und
verstorben! Sehen Sie so, weinen Sie man und erleichtern Sie sich. Thrnen sind
immer was Gutesl
    Langsam wandte sich Lotte vollends zu der Sprechenden um und reichte ihr die
Hand.
    Ich fhl' es, ja, Sie meinen es gut mit mir, und wenn ich erst verheiratet
bin -
    Ach, darum machen Sie sich keine Sorge, Fruleinchen - aber gut, dass Sie
mich darauf bringen. Sehen Sie, mit dem Heiraten, das ist so 'ne Sache. Thuts
der Mann nicht in unserer Lage, dann denkt man, die Welt soll untergehen, und
thut er's, na, dann is es in den meisten Fllen auch man so. Und wenn dann ein
Kind nach dem andern kommt und Schmalhans Kchenmeister bleibt, dann verwnscht
man die ganze Heiraterei oft genug und sagt sich: wrst Du man lieber mit dem
Ersten allein geblieben! Eins fttert sich, auch ohne Mann, leichter durch, als
'n halbes Dutzend in der Ehe. Nee, liebes Frulein, glauben Sie mir, die Welt
geht noch lange nicht darber zu Grunde, wenn so 'n Mann nicht mit uns aufs
Standesamt geht, da bin ich schon lngst dahinter gekommen. Heut sind Sie
vielleicht noch anderer Ansicht, aber die Zeit wird auch kommen, wo Sie sagen:
die dumme unjebildete Schlossersfrau, die Korn, die hat doch so Unrecht nicht
gehabt und Du httest Dir nicht die Augen drum blind heulen sollen und ihn
womglich auf den Knien ums Heiraten anflehen! Aber der gute Ruf, werden Sie
sagen! - Na ja - das ist ja eine ganz schne Sache, wenn auch noch nie einer
satt davon geworden ist. Und das Kind! An das denken wir ja immer zuerst, wir
Frauen. Aber ich sage Ihnen was: ob so 'n armer Wurm 'nen Vater hat, der's nicht
ernhren kann, oder gar keinen, das bleibt sich auch am Ende gleich. Na, nichts
fr ungut, Frulein, das wars, was ich Ihnen hatte sagen wollen, weil ich Ihren
Jammer nicht lnger mitansehen kann. Und nun, wenn Sie mich brauchen knnen oder
eins von den Kleinen zum Zeitvertreib, oder meinen langen Karl, den ich ja nun
doch 'mal fr Lebenszeit auf dem Halse habe, wenn Sie vielleicht irgend was zu
basteln haben, dann klopfen Sie man ruhig bei Korns an. Und besuchen Sie auch
die hbsche schwarze Dame mit den schnen Blumen bald 'mal - ja? Die hat so
lustige Augen, die werden Ihnen gut thun - Na, und was er ist - wenn ich mir
einen Rat erlauben drfte - stellen Sie ihn 'n bischen kalt oder thun Sie, als
ob Sie sich nischt draus machten, das ist noch das Einzige womit man die Mnner
'rumkriegt.
    An der Thr kehrte Frau Korn noch einmal um.
    Liebes Frulein, ich htte noch eine Bitte. Nchste Woche ist Mutters
Geburtstag. Sie braucht 'ne neue Haube, die hab ich ihr schon lange versprochen.
Htten Sie wohl Zeit, mir eine anzufertigen? Einfach aber nett. Zwei bis drei
Mrker kann sie schon kosten.
    Und fort war sie, und ehe Lotte noch Zeit gefunden hatte, eine Antwort zu
geben, hrte sie nebenan die Thr schon zugeschlagen und das Geschrei der
kleinen wilden Schar, die die Mutter begrsste. -
    Die gutgemeinten Vorstellungen der Schlossersfrau waren auf Lotte nicht ohne
Wirkung geblieben. In ihrer grenzenlosen inneren Verlassenheit klammerte sie
sich an manches Wort der schlichten Frau, wie an einen letzten rettenden
Strohhalm an. Frau Korns Hauptargument freilich, dass es vielleicht besser sei,
wenn Gerhart sie nicht heiratete und sie mit dem Kinde allein bliebe, wies sie
mit leidenschaftlichem Widerstand zurck. Alles in ihr bumte sich schon gegen
den blossen Gedanken auf. Mutter und Mdchen zu sein, dnkte ihr ein
unauslschliches Brandmal der Schande, das hchstens der Tod zu tilgen im stande
war. Und da sie den freiwilligen Tod nicht suchen durfte, um ihres Kindes
willen, musste Gerhart ihr seinen Namen geben.
    Im Uebrigen that Lotte wirklich nach Augustes Worten. Ihrer anschmiegenden
unselbstndigen Natur wurde das nicht einmal schwer. Sie war so sehr daran
gewhnt, sich leiten und bestimmen zu lassen - von des Vaters Eigenwillen
frher, von Lenas Launen und Gerharts Wnschen, seit sie in Berlin war - dass es
ihr beinahe zur zweiten Natur geworden, nach dem Willen eines anderen zu
handeln.
    Sie ging jetzt regelmssig an die Luft, fters begleitet von einigen der
Kornschen Kinder, die in der Umgegend gut Bescheid wussten. Die muntere kleine
Gesellschaft fhrte Lotte so weit ihre mden Fsse sie tragen konnten,
feldeinwrts nach Friedenau hinaus oder auf die Schneberger Kirchhfe, die
Lotte in diesen schwlen Sommertagen am liebsten aufsuchte. Die tiefe Stille um
sie her, der sanfte Duft, der dem reichen Blumenschmuck der Grber entstrmte,
der Anblick der wenigen langsam dahinschreitenden ernsten Gestalten thaten ihrem
wunden Gemt unendlich wohl. Sie schickte dann die Kinder fort und verlor sich,
auf einem still verborgenen Pltzchen sitzend, tief in Gedanken, die sich am
Ende jedesmal in dem einen sehnschtigen auflsten: Wer doch auch hier liegen
knnte und schlafen, schlafen mit Blumen bedeckt, von rauschenden Zweigen sanft
umsungen!
    Etwa vierzehn Tage nach dem Gesprch mit Frau Korn entschloss Lotte sich
auch endlich einmal wieder Lena aufzusuchen. Sie traf nur das Ladenfrulein mit
der gebrannten Lockenfrisur, der geschnrten Taille und dem dreisten Mundwerk
an. In ihrer schnoddrigen Art teilte das Mdchen Lotte mit, dass das Frulein
gestern abgereist wre, an die See mit einer adeligen Dame, der Schwester von
dem Herrn Leutnant, der so oft hier sei. Da wre auch ein Brief, den sie heut
Abend mit ein paar frischen Blumentpfen habe zu ihr hinausbringen sollen. Um so
besser, dass sie den Weg und die vier Treppen sich nun sparen knnte! -
    Lotte nahm dem Mdchen den Brief wortlos aus der Hand. Am liebsten wre sie
gleich wieder gegangen und htte erst zu Haus gelesen was Lena schrieb, aber sie
fhlte sich zu matt dazu. So bat sie das blonde Mdchen schchtern um die
Erlaubnis, sich ein Viertelstndchen in dem trkischen Boudoir ihrer Schwester
verweilen zu drfen.
    Lena schrieb:
                    Liebes Lottchen, wenn Du diesen Brief bekommst, bin ich
schon weit von Dir entfernt - das heisst eigentlich nicht weit, sondern nur vier
Stunden von Berlin, in dem schnen Heringsdorf. Du wirst Dich wundern, dass ich
so pltzlich verreist bin, aber das kam so. Die Hitze hier war und ist, wie Du
weisst, kaum noch zum Aushalten. (Du armer Wurm da oben unter Deinem Dach!) Das
Geschft ging schlecht. Wie sollte es auch nicht, jetzt in der Saurengurkenzeit.
Da machte mir Herr Bornstein den Vorschlag, mit ihm an die See zu gehen. Du
weisst ja, die See war immer mein grsster Wunsch, aber mit Bornstein - - so
dumm! Da brachte Herr von Strehsen mich auf die gute Idee, seine Schwester
Elisabeth nach Heringsdorf mitzunehmen. Elisabeth sei immer verstndiger als die
Mutter und Clementine gewesen und habe nicht so alberne Vorurteile. Na, Du
weisst ja weswegen, und ich weiss, dass Du sie auch hast, aber Dir verdenk' ich
das auch gar nicht, Lotte. Alles kam wirklich, wie Strehsen gesagt hatte. Ich
brauche nur zu winken, dann kme sie, Elisabeth nmlich, und zwar mit Wonne,
denn sie htte im Grunde immer zu mir und gegen die andern gehalten, behauptete
sie. - Wir wollen eine nette, kleine, bescheidene Wohnung nehmen, wie es deren
dort geben soll. Jetzt besonders in der zweiten Saison soll man ganz billig
leben knnen. In acht Tagen kommen Bornstein und Kurt nach. Die werden dann
natrlich als Grossprotzen im Kurhaus wohnen. Ich freue mich unbndig und
wnschte, Du knntest mit. Schreibe mir doch bald eine Zeile, wie es Dir geht.
                         Deine Dich liebende Schwester
                                                                          Lena.

Lotte legte den Brief vor sich auf die eingelegte Tischplatte und sttzte den
schweren mden Kopf in die Hand. Es war recht gut, dass sie Lena nicht gefunden
hatte. Lena war so glcklich, weshalb sollte sie ihr durch ihr eigenes Leid das
Leben verbittern? Wirklich helfen konnte sie ihr ja doch nicht. Bis Lena zurck
war - das blonde Mdchen hatte von vier Wochen gesprochen - wrde sich
vielleicht schon so manches geklrt und verndert haben. Vielleicht war sie bis
dahin verheiratet oder fort von Berlin. Frau Korn, mit der sie jetzt alles
besprach, wollte von dem letzten Plan freilich absolut nichts wissen.
    Das fehlte blos, unter fremde Menschen gehen, allein und verlassen sein in
der schweren Stunde, und dafr noch sauer verdientes Geld bezahlen - daraus wird
nichts. Hier bleiben Sie. Ich werde Sie schon pflegen ich versteh' mich d'rauf.
Wenn man sieben gehabt hat, lernt sich das.
    Widersprochen hatte Lotte nicht, aber zugestimmt noch weniger. Sie hatte
ber alles dies ihre eigenen Gedanken. -
    Jetzt steckte sie Lenas Brief in die Tasche und machte sich zum Gehen
bereit.
    Als sie in den Laden zurcktrat, fragte das Ladenfrulein in seiner kurzen
schnippischen Art, ob sie die Blumen etwa doch noch 'rausbringen solle, oder ob
es nun nicht mehr ntig sei.
    Lotte dankte und nahm sich vor, in Lenas Abwesenheit den Laden nicht mehr zu
betreten.
    Die dreiste Art dieses Mdchens war ihr usserst unbehaglich. Sie begriff
nicht, wie Lena es mit solch einem Geschpf aushalten konnte. Aber Lena hielt es
nicht nur mit ihr aus, sondern war sogar sehr zufrieden mit ihrer Angestellten,
von der sie behauptete, dass sie ihr Geschft ausgezeichnet verstehe. Mglich,
dass Lena recht hatte und sie selbst im Unrecht war, wie zumeist in solchen
Dingen. Der Schiffbruch, den sie selbst erlitten, bewies ja zur Genge, dass sie
nicht im geringsten das Zeug dazu hatte, sich in Berlin ber Wasser zu halten.
Lena und dieses Mdchen verstanden es jedenfalls schon heut viel besser, als sie
es jemals lernen wrde.
    Viel mder und trbsinniger als sonst von ihren Spaziergngen, kam Lotte
heut zu Hause an. Natur und Stille thaten ihr wohl, Menschen konnte sie nicht
mehr ertragen. Das beste war schon, sie vermied sie ganz.
    In dem kleinen Kasten an ihrer Thr steckten eine Postkarte und ein Brief.
    Nachdem sie die Lampe angezndet hatte, nahm sie zuerst die Postkarte zur
Hand. Sie war von Gerhart aus Freienwalde. Er hatte erst einmal kurz
geschrieben, dass er sehr befriedigt von dem Talent der ihm empfohlenen
Schauspielerin sei, und dass er hoffe, es wrde eine ausgezeichnete Helga aus
ihr werden. Heute teilte er ihr wieder nur in aller Krze mit, dass er frs
erste noch in Freienwalde bleiben msse. Frulein Bert bedrfe bei dem Studium
der Helga, trotz allen Talentes, doch sehr seiner leitenden Hand, und da sie
nicht aus dem Engagement knne, msse er eben dort zur Stelle sein. Es knne
noch gut und gern ein paar Wochen dauern. In den nchsten Tagen wrde er
ausfhrlich ber alles schreiben. Heut nur noch, dass er von Tante Wohlgebrecht,
die vor Neujahr schwerlich wieder nach Berlin kommen werde, Nachricht habe, und
dass der junge Mensch, ein stellenloser Buchhandlungsgehlfe, den er statt
seiner ins Geschft gesetzt, seine Sache ganz ordentlich zu machen scheine. Er
sei froh, dass er den unwrdigen Krempel 'mal auf eine Weile los sei.
    Lotte schob die Karte, die ihr so wenig Trstliches sagte, bei Seite und
erbrach den Brief.
    Er kam von Franz Krieger und war scheinbar in einer sehr trben Stimmung
geschrieben. Es schien dem Jugendfreund nahe gegangen zu sein, dass Lotte seinen
letzten Brief nicht selbst beantwortet hatte. Lena habe die Frage: ob sie ihm
rate nach Berlin zu bersiedeln, ja am Ende fr sie beide bejaht, aber das sei
doch schliesslich nicht dasselbe, wenigstens nicht fr ihn. Lena habe auch
geschrieben, dass sie, Lottchen, nicht ganz auf dem Posten sei, sie mge ihm
doch mitteilen, wie es ihr gehe. Mit dem Wiedersehen wrde es leider vorerst
nichts werden, denn nach genauer Ueberlegung knne er ohne Verlust seine Zelte
vor Ende Mrz nchsten Jahres nicht abbrechen. Dem Vater ginge es gut. Er liesse
grssen. Er pflege sich bei Karsten ordentlich heraus. Er liesse auch anfragen,
ob seine Mdchen ihn denn nicht 'mal besuchen wollten, oder ob es dazu noch
nicht langte? Zum Schluss wnschte Franz Lotte noch alles Gute fr ihren
Gesundheitszustand und bat noch einmal, ihm recht bald ein Wort zukommen zu
lassen.
    Der gute Mensch! Was htte sie darum gegeben, ihn hier zu haben, wenn alles
anders gewesen wre! So wie die Dinge lagen, war es ihr ein Stein von der Seele,
dass Franz erst in mehr als einem halben Jahr an seine Uebersiedelung denken
konnte. Manchmal schien es fast so, als ob der liebe Gott es doch noch gut mit
ihr meine.
    Nach alle dem, was sie eben erfahren hatte, schien er ihr die Schmach
ersparen zu wollen, Franz und Frau Wohlgebrecht wieder zu sehen, ehe sie
Gerharts Frau geworden war. -
    Ueber Berlin brtete noch immer die gleiche Sommerhitze, obgleich man sich
schon dem Ende des September nahte und die meisten der Reisenden lngst aus
ihren Sommerquartieren heimgekehrt waren. Man merkte es berall auf den Strassen
und in den Geschften, dass Berlin wieder so ziemlich vollzhlig beisammen war
und seiner gewohnten Lebensweise nachging. - Lena hatte noch nichts davon hren
lassen, dass sie an eine Rckkehr dachte. Sie schien sich in Heringsdorf
usserst wohl zu befinden und ihren geschftlichen Ehrgeiz auf eine Weile an den
Nagel gehngt zu haben. Bornstein und Herr von Strehsen dagegen hatte das
Badeleben auf eine so lange Dauer nicht behagt. Wie Lena schrieb, hatten die
Herren schon vor vierzehn Tagen einen Abstecher nach Schweden gemacht, von dem
sie noch immer nicht zurckgekehrt waren, ein Umstand, der Lenas Begeisterung
fr Heringsdorf und die brige Badegesellschaft indes nicht im geringsten zu
beeintrchtigen schien. Auf ihren flchtig hingeworfenen Karten schwirrte es von
vornehmen und reichen Familiennamen, deren Bekanntschaft sie gemacht hatte, und
von denen sie sich in Berlin ausserordentliche geschftliche und gesellige
Vorteile versprach. Es war staunenerregend fr die einfache Lotte, welche
Weltsicherheit Lena sich in der kurzen Zeit ihres Berliner Lebens, angeeignet
hatte. Wohl ihr, wenn sie dauernd ihr Glck darin fand.
    Gerhart hatte Lottes letzte dringliche Briefe nicht beantwortet, aber Lotte
hatte nicht, wie sonst wohl bei dergleichen Gelegenheiten, diesen Umstand schwer
und trbe genommen. Ihr noch immer zrtlich vertrauendes Herz sah nichts Anderes
darin, als ein Anzeichen seiner nahen Rckkehr. Weshalb sollte er noch
schreiben, wenn er ihr so bald wrde alles erzhlen knnen? Vermutlich hatte er
auch sonst mehr als genug mit Schreiben zu thun, jetzt, wo er so nahe vor dem
letzten Ziel stand, ein berhmter Mann zu werden!
    Das Herz klopfte ihr hher, wenn sie daran dachte. Wie stolz sie dann auf
ihn sein wrde, wie berselig bei jedem neuen Erfolg! Gewiss, sie wrde ihn
niemals stren, niemals seine Zeit beanspruchen, sie und das Kleine nicht. Er
sollte ganz fr sich leben, ganz nach seiner Weise, seinem Behagen, ganz so wie
es ihm fr seine Arbeit notwendig erschien. O, sie wollte ihn schon heilen von
seinen grausamen Vorurteilen gegen die Ehe, die er einen Kerker, eine
Sklavenkette zu nennen pflegte, er sollte es bei ihr schon lernen, der Ehe vor
der freien Liebe den Vorzug zu geben. Die mochte ja ganz schn fr die moderne
Dichtung sein, fr das wirkliche Leben aber war die Ehe doch ein anderes Ding.
    Whrend bis vor kurzem noch jeder Gedanke an die Zukunft Lottes Gemt
umdstert hatte, war seit wenigen Tagen ein vlliger Stimmungswechsel bei ihr
eingetreten. Je mehr sie sich in die Zukunft versetzte, um so heiterer wurde
sie. So auffllig war dieser Stimmungswechsel, dass sie selbst davon betroffen
wurde. Es hatte sich doch nichts, gar nichts zum Guten verndert! Vielleicht war
es auch vorher nicht so dster um sie gewesen als sie es zu sehen vermeinte,
vielleicht war nur ihr krperlicher Zustand daran Schuld gewesen, dass sie
whrend der letzten Monate die ganze Welt fr ein Jammerthal angesehen hatte und
sich selbst fr die bedauernswerteste der Pilgerinnen, die es zu durchwandern
haben.
    Frau Korn hatte ganz recht, die Welt war gerade so wie man sie ansah. Zeigte
man ihr ein ewig trbes Gesicht, so konnte man auch nicht von ihr verlangen,
dass sie einem ein heiteres wies. Lotte wollte sich diese spte Erkenntnis zur
Lehre dienen lassen und der Welt und Gerhart fortab ein heiteres Antlitz zeigen.
Eine Art freudiger Anspornung, eine Erhhung aller Krfte war ganz pltzlich
ber sie gekommen. Fhlte sie sich aus diesem Grunde krperlich um so vieles
wohler, oder hatte ihre Gemtsstimmung sich gestrkt und erhoben, weil es ihr um
so viel besser ging? Sie wusste es nicht, was Ursache, was Wirkung war, sie
fragte auch nicht danach, aber sie fhlte sich wie eine pltzlich Erlste.
    Frau Korn schmunzelte. Von dem Schwarzkopf konnte diese Wirkung nicht
kommen, der hatte nichts von sich sehen, und wie sie wusste, auch nichts von
sich hren lassen. Also musste es wohl ihre Kur sein, die krftig angeschlagen
hatte.
    In diese gehobene Stimmung Lottes strmte Gerhart an einem der ersten
Oktobertage hinein. Unangemeldet, unerwartet kam er. Lotte war so berwltigt
von der Freude ihn wiederzusehen, dass sie sich zuerst von ihrem Sitz kaum zu
erheben vermochte.
    Dann sprang sie auf wie emporgeschnellt, und strzte ihm mit einem
Freudenschrei in die Arme. Er liess ihre unsinnigen Zrtlichkeitsausbrche mehr
ber sich ergehen, als dass er sie wie sonst hervorgerufen htte. Nach einer
Weile drckte er sie mit gelassener Freundlichkeit auf ihren Sitz am offenen
Fenster nieder.
    Ruhig, Lottchen, ruhig! Du darfst Dich nicht so aufregen. Ganz vernnftig
sein - so.
    Und er zog sich einen Stuhl auf die entgegengesetzte Seite des
Arbeitstischchens, an dem Fenster ihr gegenber. Sie sah ihn ein klein wenig
verwundert an, aber sie sagte nichts. Sie wollte ihm ja ein freudiges, heiteres
Gesicht zeigen. Und weit zu ihm hinbergebeugt, fragte sie atemlos:
    Nun erzhle, wie war's?
    Eine heisse Blutwelle stieg in seinem blassen Gesicht auf, und wie ein Blitz
zuckte es darber hin, einen Augenblick nur, dann sagte er mit gemachter
Gleichgltigkeit:
    O, alles in Ordnung, Kind. Die Bert hat ihre Helga endlich intus, und der
Erik wird auch werden. Wir haben gestern die erste Probe gehabt.
    Gestern warst Du schon hier, Gerhart? fragte Lotte enttuscht.
    Wieder zuckte es ber sein Gesicht, diesmal von verhaltener Ungeduld.
    Ich hatte zu thun, sagte er kurz.
    Sie nahm sich zusammen, um ihrem Vorsatz treu zu bleiben.
    Wann wird die erste Auffhrung sein?
    Am fnfzehnten.
    So bald schon, o, das ist herrlich. Da kann ich noch dabei sein.
    Gerhart streifte sie flchtig mit den Blicken und zuckte die Achseln.
    Wie Du meinst, ich wrde es fr richtiger halten, Du gingest der Auffhrung
aus dem Wege. Es kann Dir nur schaden.
    Das ist doch gar nicht so aufregend, sagte sie gutmtig, in dem Wunsch,
ihn ber sich zu beruhigen.
    Er sprang auf und stiess den Stuhl heftig hinter sich fort.
    Red' doch nicht solchen Unsinn, Lotte. Da sieht man wieder, dass Du im
Grunde keine Ahnung hast, was eine Erstauffhrung in Berlin bedeutet, noch dazu
bei einer freien Bhne. Von diesem Abend hngt Tod oder Leben fr mich ab, und
das nennst Du nicht aufregend! Alles, alles kommt darauf an, wie das
Frhlingsdrama aufgenommen wird. Ich will nicht mehr leben, wenn es versagt; ich
kann es nicht! Wieder zurck in die Dunkelheit, ich ertrag's nicht, ich will's
nicht! Lange genug hab' ich daringesteckt, whrend andere sich am goldenen Licht
des Ruhmes sonnen durften. Endlich, endlich will ich zu ihnen gehren.
    Hre, Lotte, und er packte das Mdchen beim Arm, dass sie die Zhne
zusammenbeissen musste, um nicht laut aufzuschreien.
    Du sollst nicht dabei sein, hrst Du, Du sollst nicht. Ich will nicht
abgezogen werden an diesem Tage durch andere Dinge. Ich will nur Gedanken haben
fr mein Werk, fr die Knstler, die es vor das Publikum bringen, fr das
Publikum selbst, dem ich mich endlich offenbaren will. Hrst Du, Lotte? Ich will
nichts Anderes, nichts! Ich bitt' Dich, sprich nicht mehr davon, und auch - von
dem andern nicht. Ich brauche fr den Tag meine ganze Kraft. Alles Uebrige
ausser dem Frhlingsdrama muss bis dahin tot fr mich sein. Sage, hast Du mich
verstanden?
    Lotte sass da mit grossen, entgeisterten Augen, bleich bis in die Lippen,
aber sie verzog das Gesicht zu einem krampfhaften Lcheln, und mit dem Kopfe
nickend, wie eine Pagode, sagte sie mit heiserer Stimme Ja, ja!
    Er war es zufrieden und wurde wieder ruhiger.
    Ich denke, ich kann mich auf Dich verlassen, sagte er.
    Sieh 'mal, mein Kind, Du musst da schon meiner besseren Einsicht ganz
vertrauen. Nicht nur mein Werk allein, das Werk eines Einzelnen steht auf dem
Spiel, sondern eine ganze Richtung, so zu sagen die gesamte Moderne. Das
Frhlingsdrama ist der zusammengefasste Ausdruck fr diese Richtung. Versagt es,
erleidet unsere ganze moderne Schule. Meister und Jnger, eine empfindliche
Schlappe. Du verstehst das nicht, und das ist auch nicht von Dir zu verlangen.
Es mag Dir gengen, wenn ich Dir sage: es steht Ungeheures auf dem Spiel. Denn
unsere Niederlage, die Niederlage der Moderne wrde einen Triumph der lcherlich
antiquierten Philisterpartei bedeuten, die wir zu vernichten ausgezogen sind mit
Stumpf und Stiel. Nicht auszudenken ist es, wenn die Moser, Schnthan und
Konsorten noch einmal den Sieg gewinnen sollten gegen die Hauptmann und
Schnitzler. Ich glaube, ich wrde verrckt darber.
    Htte Gerhart Schmittlein Lottes Herzen nicht so nahe gestanden, sie wrde
ihn jetzt schon dafr gehalten haben, so rasend geberdete er sich. Aber da sie
ihn noch immer zrtlich liebte, flsste ihr sein Wesen weit mehr Besorgnis als
Schrecken ein.
    Er war nach seinen letzten Worten erschpft und gebrochen auf den Stuhl ihr
gegenber zusammengesunken.
    Langsam erhob sie sich und trat zu ihm. Sanft strich sie ihm mit der Hand
ber die erhitzte Stirn und zog seinen dunklen Kopf an ihre Brust.
    Lass nur gut sein, Gerhart, Ihr werdet schon siegen gegen die andern - und
ich - ich werde Dir gewiss nicht im Wege sein.
    Sie beugte sich zu ihm nieder und ksste ihn zrtlich auf Stirn und Mund und
Wange. Er liess den Kopf an ihrer Brust ruhen ohne sich zu regen. Es war, als ob
er ihre Ksse gar nicht gefhlt habe.
    Heisse Thrnen stiegen in ihren Augen auf, aber sie kmpfte sie tapfer
hinunter. Sie wollte ihm ja ein heiteres Gesicht zeigen! -
    Eine Stunde spter sass Gerhart in dem Stammlokal der jngsten Modernen. Ein
paar kaum den Schuljahren entwachsene Theaterkritiker und einige Kollegen
Gerharts hatten sich schon vor ihm eingefunden. Er wurde mit lauten Zurufen
begrsst und das bevorstehende Ereignis in allen Tonarten gefeiert.
    Nach dem dritten Schoppen gab Gerhart auf allgemeinen Anruf der Tafelrunde
wie das so unter ihnen blich, das Erlebnis zum besten, das den Stoff zu seinem
Frhlingsdrama hergegeben hatte. Er enthllte sein und Lottes intimstes
Liebesleben.
    Im Vergleich zu den meisten andern Anwesenden hatte sich Gerhart noch ein
gut Teil Schamhaftigkeit und Zartsinn bewahrt. Er nannte weder Namen noch Stand
der Geliebten, die ihm Modell gesessen hatte. Sonst pflegte solche Diskretion
bei der Clique, der er angehrte, nicht blich zu sein. Die jungen Leute machten
einen frmlichen Sport daraus, bei einer Erstauffhrung oder einer Vorlesung
einander ganz ungeniert die jeweilige Mrtyrerin der freien Liebe zu zeigen,
mit der sie ihren Stoff erlebt, nach der sie ihn gebildet hatten. Es fiel
Niemandem von ihnen ein, dass dies Gebahren eine schamlose Preisgabe ihres
Liebeslebens sei. Im Gegenteil, es verlieh dem Werke einen erhhten Wert, dass
einer vom andern wusste: die und die hat mir dazu Modell gestanden. Wofr waren
sie denn Naturalisten, Wirklichkeitsdichter und keine idealen Schnfrber wie
die alte Schule? Sie mussten einander doch beweisen, wie genau sie den Schmutz
des Lebens kannten, und auf den Centimeter angeben knnen, wie tief sie in
diesem Schmutz herum gewatet waren. Htten sie sonst das Recht gehabt, sich
Naturalisten zu nennen?
    Wie es oft bei Gerhart Schmittlein zu geschehen pflegte, so auch heute. Er
that dasselbe, was die andern thaten, aber wie er es that, wich so gewaltig von
der Art der andern ab, dass auch die Wirkung eine ganz andere war.
    Als er geendet hatte, trat eine tiefe Stille ein. Was und vor allem wie er
gesprochen, hatte eine gewaltige Wirkung gebt.
    Erst nach einer langen stummen Pause ergriff Gerharts Nachbar zur Linken das
Wort. Er war ein blasser, blonder Mensch, ein Lehrerssohn aus der Mark, den
ehrliche Begeisterung und echtes Streben an die neue literarische Richtung
knpfte, die hier verkndet wurde. Gerhart Schmittlein schien ihm der Messias
dieser neuen Lehre zu sein.
    Darf ich mir eine Frage gestatten, Schmittlein?
    Zehn fr eine.
    Ich will nicht indiskret sein, ich hoffe, Sie wissen auch, dass ich nicht
neugierig bin. Es interessiert mich nur vom rein psychologischen Standpunkte
aus. - Als das Frhlingsdrama vollendet war - als Sie das Modell nicht mehr
brauchten, haben Sie da fr das Weib noch viel brig gehabt?
    Gerhart schttelte sehr energisch den schwarzen Kopf.
    Nichts als ein wenig Mitleid. Meine Leidenschaft gehrt - hier unterbrach
er sich.
    Dass Lotte durch dies Gestndnis nicht kompromittiert werden konnte, wusste
er. Niemand kannte sie, niemand in diesem Kreise wrde sie jemals kennen, und so
wrde niemals jemand erfahren, wer ihm zu der Helga Modell gesessen habe. Wenn
er aber jetzt eingestand, dass seit dem Zeitpunkt der Vollendung des Werkes
seine Leidenschaft nur noch der gehrte, die es ihm verkrpern sollte, wrde ein
jeder wissen mssen, dass niemand anders als die Bert damit gemeint sein
konnte. Er hatte das Gefhl, schon mit seinem abgebrochenen Wort zu viel gesagt
zu haben. Sehr unbehaglich war ihm dies Gefhl. So lange er mitten in einem
Verhltnis stand, liebte er es, im Gegensatz zu allen andern nicht, es glossiert
zu wissen. Er zog die Uhr aus der Tasche. Gleich elf. Es war die hchste Zeit zu
gehen. Erna Bert wrde ihn schon seit einer Stunde erwarten. Ihn selbst
peinigte eine glhende Sehnsucht nach dem schnen, temperamentvollen Geschpf.
So empfahl er sich kurz, ohne sich von irgend einem der Anwesenden im einzelnen
zu verabschieden. Immer originell, klang es ihm nach.
    Ein Genie, behauptete eine zweite Gruppe.
    Ein arroganter Phantast, die dritte, die bei weitem in der Mehrzahl war. -
    Der vorherbestimmte Zeitpunkt fr die Auffhrung des Frhlingsdramas war
festgehalten worden.
    Mit grossen Lettern auf gelbem Grunde stand es am Morgen des feuchtkalten
fnfzehnten Oktober an den Anschlagsulen zu lesen:


                                  Freie Bhne.

                                 Zum ersten Mal
                              Ein Frhlingsdrama.
                          Geschehnis in vier Aufzgen
                            von Gerhart Schmittlein.

Lotte, der es in den letzten Tagen wieder recht schlecht gegangen war, hatte
sich ganz frh schon auf die Strasse geschleppt, um wenigstens die Anzeige zu
lesen.
    Ja, da stand es: Frhlingsdrama von Gerhart Schmittlein! Was sie seit jenem
Weihnachtsabend in der Versunkenen Glocke fr Gerhart ertrumt hatte, heute
sollte es sich erfllen. Sie aber, die ihn, wie er ihr tausendfach unter
glhenden Kssen zugeschworen hatte, einzig zu dem Werke begeistert, sie, ohne
die er es niemals htte schaffen knnen, sie, die sich ihm hingegeben dafr mit
Leib und Seele, die ihr Mdchentum, ihre Ehre dafr hingeopfert hatte, sie stand
heute abseits, allein und verlassen.
    Heisse Thrnen strzten ihr aus den Augen. Heut, wo er sie nicht sah,
mochten die bitteren Tropfen ungehindert fliessen. Was that es ihr, dass fremde
Menschen sie anstarrten mit Mitleid oder mit Schadenfreude? Was ihr vor Monaten
noch unertrglich erschienen wre, andere ihr Leid schauen zu lassen, heut war
es ihr gleichgltig geworden, wie so vieles, wie das meiste um sie her. Was
konnte ihr das alles anhaben, seit sie sich eingestehen musste, dass Gerhart ihr
verloren war. Seit jenem Tage des Wiedersehens wusste sie es: er war ihr
verloren, unwiderruflich! Er wrde vielleicht noch seine Pflicht an ihr
erfllen, mehr aber nicht, nicht heut, nicht morgen, denn er liebte sie nicht
mehr.
    Eiskalt durchschauerte es sie bei dem Bewusstsein, dass der Gerhart, dessen
Name dort in weithin leuchtenden Lettern auf dem grossen grellfarbigen Plakat
gedruckt stand, der Gerhart nicht mehr war, in dessen Armen sie sich selbst und
ihre Ehre vergessen hatte, und doch dabei so grenzenlos, so unsinnig glcklich
gewesen war. Nein, er war es nicht mehr, er war ein anderer geworden und ob sie
auch seine Frau wrde, sein Herz wrde sie niemals wieder besitzen.
    Fester zog sie den leichten Schulterkragen um die Brust. Die Klte drang ihr
durch Mark und Bein. Kam diese eisige Klte von innen heraus, oder war es der
scharfe Herbstwind, der sie erschauern machte wie im Fieber, sie wusste es
nicht. Dazu stellten sich pltzlich unertrgliche Schmerzen in allen Gliedern
ein, vor den Augen tanzten ihr rote, grne und gelbe Punkte, kaum war sie noch
im Stande, sich die vier steilen Treppen hinaufzuschleppen. Sthnend warf sie
sich auf ihr Bett. Stundenlang lag sie so allein, ohne zu wissen was mit ihr
vorging. Sie htte fortwhrend schreien mgen und doch unterdrckte sie
instinktiv jeden Ausbruch des Schmerzes, indem sie sich leise chzend in das
Bettzeug einbiss. Endlich glaubte sie es nicht lnger ertragen zu knnen und
schleppte sich zu Frau Korn hinber.
    Auguste war zu Haus und bei der Arbeit. Die brave Frau machte nicht viel
Worte. Auf den ersten Blick sah sie was los war. Sie lchelte nur und dachte:
Wir scheinen uns also verrechnet zu haben.
    Dann fhrte sie Lotte wieder in ihre Wohnung hinber, liess durch ihre
Aelteste alles Notwendige besorgen und blieb auch, nachdem eine geschftige,
rundliche Frau aus der Nachbarschaft zur Hilfeleistung herbeigeholt worden war,
an Lottes Seite, bis sie um die achte Stunde, gerade als in der Freien Bhne
der Vorhang zu Gerharts Frhlingsdrama aufrollte, einem zarten, zierlichen
Mdchen das Leben gab.
    Die rundliche Frau konstatierte, dass das Kind zwei Monate zu frh auf die
Welt gekommen sei, sich aber trotzdem sehen lassen knne.
    Lotte empfand, als das Kind glcklich auf der Welt war und mit einem
gesunden Aufschrei die vier engen Wnde seiner Geburtssttte begrsste, nicht
das geringste von jener hohen, heiligen Mutterfreude, die die ausgestandenen
Schmerzen mit einem Schlage vergessen macht.
    Als Frau Korn ihr die Kleine reichte, ksste sie sie flchtig auf die
braunrote Stirn.
    Das Kind, Gerhart, die Schande, die ihr nun doch nicht erspart geblieben
war, alles war ihr gleichgltig. Nur das Gefhl einer grenzenlosen Schwche
lebte in ihr, ein alles bezwingendes Bedrfnis nach Ruhe.
    Frau Korn that ihr mglichstes dazu, Lotte diese Ruhe zu verschaffen,
obgleich sie selbst, trotz ihrer sieben nie ein hnliches Bedrfnis empfunden
hatte. Sie benachrichtigte nicht einmal den Schwarzkopf von dem berraschend
eingetretenen Ereignis, denn sie sagte sich mit Recht, dass er der letzte
gewesen wre, Lotte Ruhe zu bringen. Lotte fragte im brigen auch gar nicht nach
ihm, und Auguste war der Ansicht, dass er schon von selber kommen wrde, wenn
auch nur, um seinen Triumph auszuposaunen und sich von dem armen schwachen Wurm
da seinen Extralorbeer zu holen. Frau Korn, die aus dem Hause Veilchenfeld einen
so starken Theaterenthusiasmus mitgebracht hatte, dass er in ihrer jetzt
siebenjhrigen Ehe noch immer nicht ganz erstorben war, hatte unter den
Theaternachrichten, die sie tagtglich im Vorwrts nachschlug, gelesen, dass das
Frhlingsdrama des Schwarzkopfs einen rauschenden Erfolg gehabt habe.
    Da Lotte nicht danach fragte, erzhlte sie ihr nichts davon; zu ihrem Manne
aber hatte sie gesagt: Nun wird der Schwarzkopf wohl gnzlich berschnappen.
    Eine andere Aufregung - wenn es eine fr Lotte war - konnte Frau Korn ihr
indes nicht ersparen. Die hilfreiche Frau drang darauf, dass der kleine
Schreihals am dritten Tage beim Standesamt angemeldet werden msse. Es sei so
Polizeivorschrift und nichts dabei zu wollen. Lotte musste sich also fr einen
Namen entscheiden.
    Wie im Traum war es ihr, dass irgendwo und irgendwann - die Sonne hatte
geschienen, das Wasser gerauscht, und wrzige Waldluft sie umstrmt - Gerhart
fr das Kind den Namen Helga gewnscht hatte, wenn es ein Mdchen wrde. Sie
aber hatte nicht gewollt.
    In dem Halbschlaf, in dem sie fast dauernd lag, war es ihr so, als ob sie
schon damals Gerhart gebeten habe, es nach der Mutter Luise nennen zu drfen.
Ja, Luise sollte es heissen. Auch Frau Korn war durchaus dafr. Mutters Name
bringt allemal Segen, behauptete sie. Und Helga, nee, das roch ja frmlich nach
Roman und Komdie. Das war ganz schn in Bchern und auf dem Theater, aber frs
gewhnliche - nee. - Und so auffallend wie das klang!
    In Lottchens Lage - Frau Korn nannte ihren Schtzling jetzt schlankweg
Lottchen - musste man alles auffallende vermeiden.
    So wurde das Kleine auf den Namen Luise Weiss angemeldet.
    Armes Mdchen, armes Mdchen, murmelte Lotte vor sich hin. Wieder eins
mehr auf der Welt.
    Papperlapapp, unterbrach sie Frau Korn. Wer weiss denn, was aus dem Mdel
'mal wird, nette kleine Krabbe die es ist. Luise Weiss ist ein ganz guter Name,
und wenn es so grosses Verlangen nach dem Namen des Schwarzkopfs haben sollte -
na, am Ende ist ja auch noch nicht aller Tage Abend. Wie ist es denn, Lottchen?
Am Ende ist es doch unsere Pflicht, es ihm anzuzeigen? -
    Lotte faltete die blassen schmalen Hnde und sah angstvoll zu Auguste auf,
die neben ihrem Bett stand.
    Bitte nein, liebe Frau Korn, warten Sie noch ein paar Tage. Ich knnte es
jetzt noch nicht ertragen.
    Frau Korn war es sehr recht so.
    Wie Sie wollen. Aber ngstigen Sie sich nur nicht so. Sie thun ja gerade,
als ob er das Recht htte, Ihnen was zu thun? Gar kein Recht hat er. Berappen
soll er und sich was schmen.
    Ehe Frau Korn Gerhart eine Nachricht zukommen liess, wollte sie jedenfalls
auf Lottes Wunsch zu Lena gehen, die Anfang Oktober aus Heringsdorf
zurckgekommen war.
    Lotte wusste zwar nicht, wie Lena das Geschehene aufnehmen wurde, aber
lieber wollte sie ihren Unwillen und schlimmeres vielleicht ertragen, als das
Ereignis vor ihr verschweigen.
    Dazu stand ihr die Schwester trotz alledem doch zu nahe, als dass sie sich
htte vorstellen knnen, dass sie ein Kindchen htte haben sollen, ohne dass
Lena darum wusste.
    Frau Korn und Lena wrden sich auch ganz gut verstehen, davon war Lotte
berzeugt. Sie hatte zwar recht wenig Menschenkenntnis, aber dass beide auf
einem gesunden, realistischen Boden standen, leuchtete ihr doch ein.
    Immer mehr drngte auch ihre ganze ussere Lage dazu, Lena ins Vertrauen zu
ziehen. Lottes Mittel waren nicht nur erschpft, sondern Frau Korn hatte schon
von dem Ihren zuschiessen mssen. Es war hchste Zeit, dass sie selbst wieder an
die Arbeit kam. Was sollte sonst aus dem Wrmchen werden?
    Frau Auguste wollte von alledem nichts hren. Erst gesund werden und wieder
zu Krften kommen. Das andere findet sich nachher, predigte sie tagaus, tagein,
und schnitt, wo immer sie konnte, der Kranken die Rede ab.
    Sie hatte einen Hllenrespekt davor, dass das arme Ding nun, da sie anfing,
sich ein bischen zu erholen und aus ihrer stumpfen Gleichgltigkeit zu erwachen,
aufs neue in einen ihrer wilden Verzweiflungsausbrche darber verfallen wrde,
dass das gefrchtete nun doch eingetreten war, ehe sie die Frau des Schwarzkopfs
geworden. Zu Frau Korns grosser Erleichterung blieb Lotte, soviel sie sich auch
um ihre und des Kindes nchste Zukunft sorgte, auf diesem Kardinalpunkt ganz
ruhig. Das heisst, sie brachte nicht ein einziges Mal die Rede darauf. Frau Korn
zerbrach sich den schwerflligen Kopf darber, was diese unnatrliche
Gefasstheit zu bedeuten haben knne. Hatte Lotte verzichtet und sich darein
gefunden? Die brave Frau htte Gott dafr gedankt, denn es wre in ihren Augen
das einzig Verstndige gewesen. Aber sie konnte nicht recht daran glauben. Es
sah ihrem Schtzling so wenig hnlich.
    In Wahrheit stand es so, dass Lotte nun, da das Kind einmal vor der Ehe zur
Welt gekommen war, Selbsterhaltungstrieb genug besass, sich ungefhr zu sagen:
Es ist nun doch einmal geschehen. Du kannst Dir Zeit lassen, ehe Du von neuem
einen Kampf beginnst, dem Du jetzt noch nicht gewachsen bist. Es war vielleicht
mehr Mutterinstinkt als Ueberzeugung, dass Lotte so empfand. Sie fhlte, dass
sie sich fr das Kind erhalten musste, das vorerst nichts wie sie auf der Welt
besass. Das gab den Ausschlag. Damit waren auch die Todesgedanken verbannt, mit
denen sie sich in letzter Zeit getragen hatte. Die Schande war nun einmal ber
sie gekommen. Wrde die Snde, die sie begangen, dadurch gut gemacht werden,
dass sie den Platz freiwillig verliess, an den sie gestellt worden war? Der
liebe Gott hatte es sichtbarlich gut mit ihr gemeint und war ihrer Schwachheit
zu Hilfe gekommen. Wre das Kindchen nicht so unerwartet frh zur Welt gekommen,
htte sie vorher gewusst, dass ihre schwere Stunde so nahe bevorstehe, sie htte
schwerlich die Kraft gehabt, einer Verzweiflungsthat aus dem Wege zu gehen.
    Zehn Tage nach der Geburt der kleinen Luise machte Frau Korn sich zu Lena
auf den Weg.
    Vor der resoluten Art der Schlossersfrau hatte das lockengebrannte
Ladenmdchen jedenfalls bedeutend mehr Respekt als vor Lottes vornehm
zurckhaltendem Wesen. Ohne die geringsten Umstnde und Nebenbemerkungen meldete
sie Frau Korn der Prinzipalin, trotzdem diese gerade Besuch hatte. Bornstein und
Kurt waren anwesend. Sie hatten, wie jetzt fter, bei Lena gespeist. Rauchend
und plaudernd sass man noch im Esszimmer zusammen, als Lena hrte, dass jemand
da sei, der sie im Auftrag ihrer Schwester zu sprechen wnsche. Sie schickte
ohne Umstnde die Herren in das trkische Boudoir und liess Frau Korn zu sich
bitten.
    Ueber die Freude, die hbsche Person mit den lustigen Augen wiederzusehen,
die sie oben auf der Treppe zu Lottes Wohnung so sehr bewundert hatte, vergass
Frau Korn fr ein paar Augenblicke, dass sie hierhergekommen sei, um einen zum
mindesten sehr delikaten Auftrag auszurichten. Als sie sich aber wieder darauf
besonnen hatte, machte die entschlossene Frau keine lange Vorrede mehr, sondern
fiel so zu sagen mit der Thr ins Haus.
    Lena war bei der pltzlichen Erffnung glutrot und so verlegen geworden, wie
sie es selbst nicht fr mglich gehalten hatte.
    Um Gotteswillen, liebe Frau, stotterte sie, was Sie da sagen, das ist ja
doch ganz unmglich - Lotte - die ruhige prde Lotte -? Unmglich!
    Frau Korn schttelte gutmtig den grossen Kopf mit der altmodischen Frisur
und dem noch altmodischeren Hut darber.
    Unmglich, Frulein, ist nichts auf der Welt - und in der Liebe nun schon
gar nicht.
    Aber dies - nein - ganz schrecklich finde ich das - gar nicht zu sagen, wie
ich das von meiner Schwester finde.
    Warum haben sie denn nicht geheiratet? Gott im Himmel, wie kann man nur eine
solche Dummheit machen!
    Frau Korn sah sich mit einem humoristisch-ironischen Ausdruck in ihren
klugen kleinen Augen in dem geschmackvoll eingerichteten Raum, auf der Tafel,
auf der noch ein Teil des eleganten Geschirrs und des kostbaren Krystalls mit
schwerflssigen Weinresten stand, um.
    Es trifft's nicht jedes alleinstehende Mdchen so gut wie Sie, Frulein. Es
hat nicht jede das Talent wie Sie, sich in diesem gotteslsterlichen Berlin ber
Wasser zu halten, und mehr als das! Mdchen wie Ihre Schwester, die immer an
andere und nie an sich selber denken, fallen am ehesten 'rein. Ich hab's meiner
Zeit auch nicht besser gemacht, bloss dass mein Karl mich geheiratet hat, was
ich, ehrlich gestanden, von dem Schwarz - von dem Herrn Gerhart nicht glaube.
    Lena machte ein entsetztes Gesicht; Auguste aber schttelte sehr energisch
ihren runden, dicken Kopf.
    Das ist noch lange das schlimmste nicht, Frulein. Ihre Schwester muss sich
natrlich von dem Kinde trennen - brigens ein reizender Balg, wir haben es
Luise genannt, nach der verstorbenen Frau Mutter - da beisst keine Maus den
Faden ab. Ich hab' mir das schon alles zurechtgelegt. Wir geben die Kleine bei
meiner Freundin in Schmargendorf in Kost. Das ist eine ordentliche Person, die
ihre Schuldigkeit an dem Kinde schon thun wird. Sie hat selber nur eins; der
Mann, der Tischler ist, hat sein anstndiges Auskommen. Kommt nun noch das
Kostgeld fr das Kleine hinzu, wird's ihnen an nichts fehlen. Die Hauptsache,
Frulein, ist nun die: Was wollen Sie Ihrer Schwester monatlich geben? Denn
untersttzt muss das arme Ding werden, das steht fest. Mit dem bischen
Putzmachen - unter uns gesagt, ist nicht viel damit los, die Haube fr Muttern
sah aus wie 'ne Fledermaus - kann sie sich und das kleine Ding nicht
durchbringen. Na, und auf den Vater, Frulein, ist doch in solchen Fllen am
wenigsten zu rechnen. Entweder er heiratet die Mutter seines Kindes, na, dann
sind wir beide ja berflssig, oder aber er drckt sich und dann nicht zu knapp.
Lieber Gott, das kennen wir doch alles. Das ist uns doch nichts neues!
    Lena war von alledem peinlich berhrt. Lotte allmonatlich eine kleine
Untersttzung zu geben, darauf kam es ihr nicht an. Wenn nur die Sache nicht
ruchbar wurde! Sie war gerade im Begriff, sich in ihrer gesellschaftlichen
Stellung mchtig zu lancieren, Heringsdorf hatte das seine dazu gethan, mit
Strehsens war sie wieder vllig ausgeshnt, und nun kam so etwas! Das war denn
doch etwas anderes als die dummen Vorurteile, die sie selbst so gern
verspottete. So etwas durfte einem anstndigen Mdchen nicht passieren!
    Auch Lena gehrte, bis zu einem gewissen Grade, ohne dass sie sich darber
auch nur im geringsten klar gewesen wre, zu jener in den Grossstdten weit
verbreiteten Kategorie von Frauen und Mdchen, die ohne Skrupel bis an eine sehr
weit gezogene moralische Grenze gehen. Darber aber keinen Schritt. Weniger aus
sittlichen Bedenken als aus kluger Berechnung. Dass dieser Moralkodex bei weitem
verwerflicher ist, als die sogenannte Unsittlichkeit eines Mdchens, das aus
Liebe fllt, wrden diese Mdchen und Frauen niemals zugeben. Niemals kann ihnen
etwas Positives nachsagen. Ihr Vorleben wird dem Eingehen einer soliden Ehe, ihr
nach aussen hin korrektes Eheleben der Aufrechterhaltung einer einmal
geschlossenen Verbindung niemals hinderlich werden knnen und damit ist fr sie
alles gesagt. -
    Frau Korn hatte eine geraume Weile auf Lena Antwort warten mssen. Nach
einer langen, nachdenklichen Pause erst sagte sie: Ich will meine Schwester
gern untersttzen. Wrden zehn Mark im Monat gengen?
    Frau Korn bejahte.
    Gut, ich erklre mich dazu bereit. Ich bitte aber meine Schwester sehr
nachdrcklich - wollen Sie ihr das sagen, bis ich es ihr selbst sagen kann - die
ganze Angelegenheit so geheim als irgend mglich zu halten. Sorgen Sie, bitte,
dafr, dass das Kind lieber heut als morgen fortkommt! In Ihrem Hause weiss man
natrlich alles?
    Frau Korn schttelte wieder einmal sehr energisch den Kopf.
    Man munkelt, aber man weiss nichts gewisses. Wir beide wohnen da oben ja
gnzlich solo unterm Dach, und mein Karl, der hlt reinen Mund. Ist das Kind aus
dem Hause und Ihre Schwester wieder auf den Beinen, fragt kein Mensch mehr
danach. Bei unser einem ist das nicht so was rares und lange hlt sich keiner
bei so was auf, selbst wenn er 'nen blauen Dunst davon hat, dazu haben wir alle
zu viel Arbeit und Sorgen auf dem Buckel!
    Frau Korn stand auf.
    Na, dann wre ja wohl soweit alles in Ordnung, und ich kann nun gehen.
Wenn's Ihnen recht ist, kassiere ich allemal am Letzten das Geld bei Ihnen ein.
Na, und heute? Wir haben freilich erst den fnfundzwanzigsten, aber es war
schwere Zeit! Auguste streckte bittend die Hand gegen Lena aus.
    Die Kleine ist zu nett. Sie werden sie schon lieb gewinnen, wenn Sie sie
erst gesehen haben! Tante muss doch was fr das erste Nichtchen thun!
    Lena hatte lngst ihr Portemonnaie aus der Tasche gezogen. Jetzt legte sie
ein Zwanzigmarkstck in Frau Korns ausgestreckte Hand.
    Die Hlfte fr Lotte, die andere Hlfte fr Luischen, sagte sie mit einem
halben Lcheln.
    Frau Korn strich das Geld lchelnd ein.
    Das ist brav von Ihnen, Frulein. Der liebe Gott wird's Ihnen lohnen. Sie
werden ihn auch schon noch 'mal ntig haben im Leben. Na, und einen Gruss an die
Schwester krieg' ich doch auch noch mit? Wenn eine, so ist sie unschuldig zu dem
Malheur gekommen.
    Lena lchelte jetzt ber das ganze Gesicht, ohne dass sie es wollte. Die
Frau gefiel ihr.
    Sie sind ein Qulgeist, sagte sie und klopfte Auguste auf den breiten
Rcken.
    Meinetwegen nehmen Sie meiner Schwester einen herzlichen Gruss mit und hier
die Veilchen fr das Krankenzimmer.
    Sie hatte die Veilchen von dem Tisch genommen, dessen Mitte sie geschmckt
hatten. Frau Korn steckte ihre krftig gebaute Nase hinein.
    Hm, wie das duftet! Schnen Dank, Frulein, das knnen wir brauchen nach
all' dem Karbol- und Krankenzimmergeruch. Na, adieu, Frulein, und wenn Sie uns
nicht vorher 'mal beehren, auf Wiedersehen am dreissigsten November.
    Lena fuhr sich ein paarmal ber das heisse Gesicht, ehe sie zu den Herren
hinberging. Die da drben durften um nichts in der Welt ahnen, um was es sich
gehandelt hatte.
    Donnerwetter, rief Bornstein, das war ja eine endlose Sitzung. Was gab es
denn?
    Lena zog eine mglichst gleichgltige Miene auf.
    Sie haben ja gehrt, dass die Frau im Auftrage meiner Schwester kam. Lotte
ist nicht ganz wohl -
    Kurt machte ein teilnehmendes Gesicht. Er hatte das stille blasse Mdchen
trotz ihrer abweisenden Haltung in Dahlow wirklich ein bischen in sein
gerumiges Herz geschlossen.
    Doch nichts ernstes? fragte er.
    Gar nicht. Ein bischen Bleichsucht. Das ist bei Lotte schon hundertmal
vorgekommen.
    Sie sah schlecht aus in der letzten Zeit, bemerkte Bornstein.
    Sollte er etwas anzgliches damit gemeint haben? Bornstein sah nicht danach
aus. Es schien in der That eine ganz harmlose Bemerkung gewesen zu sein.
    Da ist es denn naturlich mit dem Geschft nicht besonders gegangen, und wie
das so kommt - -
    Lotte hat Dich anpumpen lassen, Lena - nicht wahr?
    Stimmt auffallend, mein Herr, sagte sie lachend, und sich umwendend, gab
sie Bornstein, der in einer Anwandlung von Zartlichkeit hinter sie getreten war,
einen Nasenstber. Dann sprang sie lebhaft auf.
    Und nun erklre ich auch diese Sitzung fr aufgehoben, meine Herren. Ich
habe zu thun.
    Aber Bornstein wollte davon nichts wissen.
    Er bestrmte Lena, die Arbeit fr heute zu lassen und wie in frheren Zeiten
einmal wieder ein Theater mit ihm zu besuchen und nachher soupieren zu gehen.
Sie aber schttelte energisch den Kopf.
    Ich hab' es wirklich besser gehabt, als Du noch Telephonistin warst,
brummte Bornstein verstimmt.
    Lena war heute wieder so verfhrerisch pikant, dass er innerlich wtend ber
ihre Ablehnung war, aber er hatte es lngst aufgegeben, ihr eine Scene zu
machen. Sobald er sie ernsthaft ber ihre Launenhaftigkeit zur Rede stellte,
oder gar, heftig werdend, seine Ansprche an sie betonte, war gar nichts mehr
mit ihr aufzustellen. Sie war im stande, ihn dann wochenlang antichambrieren zu
lassen und inzwischen ungeniert andere Besucher zu empfangen. Bornstein aber
frchtete nichts so sehr als eine solche Blamage.
    Na also, Kurt, kommen Sie, die Klgeren geben nach.
    Sie erhoben sich beide, steckten sich jeder noch eine Cigarette an und
kssten ihr die Hand zum Abschied. Bornstein machte Anstalten, ihr noch etwas zu
sagen, aber sie sah so unnahbar aus, dass er es lieber unterliess.
    Lena atmete auf, als sie allein war. Es wollte heute mit dem Komdiespielen
nicht recht gehen. Lottes Schicksal war ihr denn doch zu nahe gegangen. So wenig
Lena auf Familienbande gab, gegen das Mitempfinden konnte sie sich in diesem
Falle nicht wehren, so gern sie es gethan htte. -
    Auguste sorgte, wie sie es Lena versprochen hatte, dafr, dass die Kleine
noch vor Ablauf des Monats nach Schmargendorf zu ihrer Freundin kam. Die Tage
waren wieder milder geworden, die kurze Fahrt mit der Dampfbahn konnte dem Kinde
nichts schaden. Auch Lotte sah am Ende ein, dass es so am besten war. Das Kind
war ihr noch nicht so innig ans Herz gewachsen, dass es ihr allzu viel gekostet
htte es fortzugeben. Sie wusste ja, es wrde gut aufgehoben sein, sie wrde,
wenn sie danach verlangte, es tglich, stndlich sehen knnen. Ehe nicht das
letzte Wort zwischen ihr und Gerhart gesprochen war, betrachtete sie die Kleine
berhaupt nur als ein geliehenes Gut, ber dessen endgltige Besitznahme die
Entscheidung noch ausstand.
    Trotzdem ksste sie das Kind zrtlich, und die Thrnen traten ihr in die
Augen, als sie Auguste mit dem kleinen Bndel davongehen sah. Wenn es vielleicht
auch ihr ganzes Leben vernichtet hatte, es blieb doch immer ein Stck von ihm
und ihr.
    Lotte war erst wenige Tage ausser Bett und fhlte sich noch recht schwach,
aber es ging doch rascher vorwrts als sie bei ihrer zarten Natur hatte erwarten
drfen. Auch Frau Korn war zufrieden mit den Fortschritten der Genesung, daran
hielt Lotte sich. Was Auguste sagte, war jetzt ihr Evangelium. Sie konnte gar
nicht daran denken, was aus ihr geworden wre, was noch aus ihr werden wrde,
wenn sie die treffliche Frau Korn nicht gehabt htte.
    Sie wollte die Gute damit berraschen, dass sie sich heut zum erstenmal
wieder ein wenig hbsch machte. Schon ein paarmal hatte Auguste davon
gesprochen, wie froh sie sein wrde, wenn Lotte erst wieder nett und adrett
einherginge. Sie hatte noch von Haus her ihr Sonntagskleid, ein hbsches
dunkelblaues Wollkleid, das der Trauer wegen liegen geblieben war. Das suchte
sie heraus, band den weissen Kragen und die Klappstulpen darber, die Lena sich
voriges Jahr fr den Weihnachtsabend bei Strehsens gekauft und ihr hinterlassen
hatte und freute sich auf die Ueberraschung, die sie Auguste damit bereiten
wrde. Blass und schmalwangig genug sah sie noch aus, aber das wrde sich bald
geben. Sie hoffte nun im Umsehen wieder auf den Beinen zu sein.
    Als sie eben die letzte Hand an ihre bescheidene Toilette gelegt hatte,
wurde die Klingel an ihrer Stubenthr gezogen.
    Frau Korn konnte doch nicht schon wieder von Schmargendorf zurck sein? Auch
pflegte sie nicht zu klingeln, ebensowenig der Briefbote. Blieb noch Lena brig,
deren Besuch Lotte kaum schon erwarten durfte.
    An Gerhart wagte Lotte gar nicht zu denken, und vor einem Fremden scheute
sie sich beinahe noch mehr als vor ihm. Mit zgernden Schritten ging sie zur
Thr, die sie zaghaft nur zu einem Spalt ffnete. Sie war so ngstlich nervs
geworden in dieser letzten Zeit.
    Ein merkwrdiger Laut rang sich von ihren Lippen, als sie Gerhart draussen
auf dem dunklen Treppenflur vor sich stehen sah. Ein Laut halb der Freude, des
Vorwurfs halb, halb der Angst. Dies fhlte sie, wrde die Stunde der
Entscheidung sein, zugleich aber auch empfand sie mit unbeirrbarer Sicherheit,
dass sie der Wucht derselben nicht gewachsen war.
    Gerhart, der sich sonst ziemlich nachlssig zu tragen pflegte, war heut
beinahe stutzerhaft gekleidet. Etwas seltsam Fremdes schien ihr von ihm
auszugehen, noch ehe sie ein einziges Wort mit einander gewechselt hatten.
    Whrend sie so befangen war, als ob sie eine schwere Schuld vor ihm zu
verbergen htte, trat er sehr selbstbewusst bei ihr ein und warf sich, ohne
zuvor recht nach ihr hingesehen zu haben, nachlassig auf den nchstbesten Stuhl.
    Du wirst es mir hoffentlich hoch anrechnen, dass ich zu Dir komme, Lotte,
nachdem Du es nicht einmal der Mhe wert gehalten hast, mir zu dem grossen
Erfolg des Frhlingsdramas zu gratulieren.
    Jetzt erst, wie um seinem Vorwurf besonderen Nachdruck zu verleihen, sah er
ihr, die in gedrckter Haltung vor ihm stand, voll ins Gesicht. Dann sprang er
auf und fasste sie bei den Schultern.
    Ja, um Gotteswillen, was ist denn mit Dir geschehen? Hast Du Unglck
gehabt? Sie schttelte sanft den Kopf und etwas wie ein Lcheln huschte ber
ihr blasses Gesicht.
    Ich weiss nicht, ob Du es ein Unglck nennst.
    Und whrend eine schwache Rte ihr in die Wangen und ber die Stirn bis an
das goldbraune Kraushaar aufstieg, fgte sie halblaut hinzu:
    Am fnfzehnten Oktober ist uns ein kleines Mdchen geboren worden.
    Er taumelte zurck als ob er einen Schlag bekommen htte. Dann fasste er
sich schnell. So roh durfte er nicht sein, ihr in diesem Augenblick weh zu thun.
    Wortlos beugte er sich zu ihr nieder und ksste sie auf die Stirn.
    Alles in ihr drngte dazu, ihn mit ihren Armen zu umfangen, sich an seine
Brust zu schmiegen, aber sie hielt sich zurck. Sie empfand es nur zu deutlich,
dass der Kuss, den er ihr gegeben, nur ein Kuss der Dankbarkeit, vielleicht des
Mitleids gewesen war.
    Langsam liess sie sich auf den Stuhl niedersinken, den er ihr hingeschoben
hatte, als er fhlte, dass sie zu wanken begann. Langsam liess er sich ihr
gegenber nieder. Was wrde nun kommen? Kleines, Enges, Niedriges, Erbrmliches,
das ihn aus all seinen Himmeln, in denen er seit dem Erfolg seines Dramas
geschwelgt hatte, wieder zur Erde riss!
    Keines von ihnen sprach ein Wort. Jeder wartete auf das, was der andere
sagen wrde. So still war es zwischen ihnen, dass jedes den Atem zu hren
meinte, der sich aus des andern Brust rang.
    Gerhart dnkte die Stille endlich unertrglich zu sein.
    Hast Du schwer gelitten? fragte er stockend.
    Ich glaube nein. Frau Korn meinte, es sei alles in Ordnung gewesen.
    Lebt das Kind?
    Frau Korn hat es eben nach Schmargendorf in Kost gebracht. Sie sagte das
alles ganz mechanisch, whrend ihr das Herz gegen die Brust hmmerte, als ob es
den ganzen zarten Krper zertrmmern wollte.
    Das ist gut, sagte er. Dann kramte er in seinen Taschen. Brauchst Du -
hast Du - Das heisst fr den Augenblick - weiss der Himmel, wo das ganze Geld
wieder geblieben ist!
    Dann sah er befriedigt an sich herab.
    Ich konnte in meinem alten Zeug unmglich lnger umherlaufen bei all den
festlichen Gelegenheiten, die es jetzt gab. Du glaubst nicht, Lotte, wie man
mich gefeiert hat. Ich konnte gar nicht zu mir selbst kommen, sonst wre ich
schon frher bei Dir gewesen, obgleich ich eigentlich ein wenig verletzt war -
jetzt freilich -
    Als er stockte, erwartete sie atemlos, was nun kommen wrde. Endlich musste
er doch von ihrer Zusammengehrigkeit durch dies neue enge Band, von ihrer
gemeinsamen Zukunft sprechen. Aber er sprach nicht weiter, sondern nahm seinen
vorigen Gedankengang wieder auf.
    Es war aber auch wirklich ein Bombenerfolg, ich darf das selbst ruhig
behaupten, da alle Welt es thut. Ein Triumph nicht nur fr mich allein sondern
fr die ganze Moderne. Unsere Partei ist berglcklich ber diesen Sieg. Die
alten Schnfrber, die greisen Romantiker schumen.
    Nur um auch einmal etwas zu sagen, fragte Lotte, kaum vernehmlich, ob die
Auffhrung ihn befriedigt habe.
    Ein Leuchten ging ber sein Gesicht. Aber als er ihre Augen so forschend auf
sich gerichtet sah, suchte Gerhart schnell sich in seinen vorherigen Ausdruck
zurckzufinden.
    Im Ganzen war alles recht gelungen, meinte er gleichmtig.
    Und die Helga? Whrend Lotte es sagte, dachte sie nur daran, dass er noch
nicht einmal danach gefragt hatte, ob sie die Kleine Helga genannt habe. So
entging es ihr, dass in seinem Gesicht wieder dies wundersame Leuchten aufstieg,
und er sich jetzt weniger Mhe gab, es zu unterdrcken.
    O, Helga! Sie war eben Helga, das sagt alles. Ganz Liebe, ganz Hingebung,
ein Frhlingsgedicht ohne gleichen.
    Er sprach nicht weiter, wenigstens nicht mit den Lippen, nur seine Augen
sprachen fort, dieselbe Sprache, die sie einst gesprochen, als er um ihre Liebe
geworben, als er sie dann besessen hatte.
    Gerade so, mit diesem halbtrumerischen, halb begehrlichen Ausdruck hatten
sie geblickt, als ihre Liebe ihm das Frhlingsdrama schaffen half.
    Ihre Aufgabe war beendet. Was sie begonnen, eine andere setzte es fort, bis
eine dritte und vierte kommen wrde, und so weiter ohne Ende. Einer jeden wrde
er den Laufpass geben, sobald sie seinen Zwecken nicht mehr diente, gewissenlos,
erbarmungslos wie ihr. Und niemals, niemals wrde er zu dem Bewusstsein dessen
kommen, was er eigentlich that. Niemals wrde es ihm klar werden, dass er Opfer
um Opfer niedermachte, dass er ber Leichen schritt, um selbst in die Hhe zu
steigen. Er wrde stets die Rechtfertigung sich und andern gegenber haben, dass
er gerade diese Leidenschaft zur Erreichung dieser Staffel ntig gehabt habe. Er
und sie alle, die sich an dem Blutgeruch ihrer Opfer zu neuen Thaten
berauschten, weil sie ohne diesen Rausch armselige Stmper sein und bleiben
mussten.
    Wie ein grauer, schwerer, vom Sturmwind gejagter Nebel zog diese Erkenntnis
durch Lottes Seele. Nicht klar gegliedert und bewusst, mehr empfunden als
gedacht, aber dennoch unabweisbar, nie wieder zu bezweifeln. Er war ihr
verloren, ganz und fr immer, auch fr seine Pflicht an ihr und dem Kinde. Dies
war das letzte. Sie wusste es, und sie ertrug es, so lange er bei ihr war.
    Mit eiskalten, verschrnkten Hnden, bleich bis in die Lippen, sass sie da.
Nur wie durch einen Nebel sah und hrte sie ihn. Alles kam ihr weit, weit
entrckt vor, und sie selbst sich wie eine Gestorbene, die aus irgend einer
grauen Ferne verdammt ist, Irdisches zu hren und zu sehen.
    Gerhart sprach fortwhrend mit einem fieberhaft glcklichen Ausdruck. Er
sprach von seinem Erfolge und von Helga, immer nur von ihr. Auch fr ihn schien
Lotte schon entrckt zu sein in eine andere entferntere Welt, er wandte sich gar
nicht mehr an sie, sondern immer dem leeren Raum zu, immer mit demselben
leuchtenden, verzckten Blick. Keins von beiden wusste, wie lange die
Zusammenkunft gewhrt hatte. Endlich, Lotte dnkte es eine unermessliche Spanne
Zeit, dass er hier gesessen, stand Gerhart auf.
    In dem Zwielicht, das in dem engen Raum schon herrschte, konnte er nicht
sehen, wie weiss ihr Gesicht war und einen wie seltsamen Ausdruck ihre Augen
hatten. Nur dass ihre Hnde eisig waren, fhlte er, als er sie jetzt mit kaum
merklichem Druck berhrte.
    Wie Du kalt bist, Du musst besser heizen lassen. Das ist keine Temperatur
fr eine Rekonvalescentin. Na, leb' wohl und erhole Dich weiter so gut, und
sobald ich etwas habe -
    Sie unterbrach ihn mit einer seltsam harten Stimme.
    Ich brauche nichts. Lena sorgt schon fr mich.
    Wie Du willst. Wenn ich Zeit habe, komme ich wieder herauf.
    Sie wollte auch jetzt etwas ablehnendes erwidern, aber sie brachte es nicht
mehr ber die Lippen.
    Auf der Schwelle wandte sich Gerhart noch einmal um. Es fiel ihm ein, dass
es am Ende richtig sei, ein Wort fr das Kind zu hinterlassen.
    Wenn Du das Kleine besuchst, gib ihm einen Kuss von mir, Lotte.
    Sie antwortete nicht, und er wartete auch eine Antwort gar nicht ab, sondern
zog hastig die Thr hinter sich zu.
    Auf dem zweiten Treppenabsatz blieb er hoch aufatmend stehen. Gott sei
Dank, sie war verstndiger, als ich gedacht. Sie hat kein Wort von Heiraten
gesprochen. Da hat man sich wieder 'mal umsonst gesorgt.
    Und leichtfssig sprang er den letzten Teil der steilen Treppe hinunter.
    - - - - - - - - - - - - -
    In den ersten Tagen des neuen Jahres kehrte Frau Wohlgebrecht nach fast
einjhriger Abwesenheit nach Berlin zurck.
    Wer der guten Frau vorhergesagt htte, dass ihre freiwillig bernommene
Liebessorge sie so lange von ihrem Berliner Pflichtenkreis fernhalten wrde,
wre schlecht bei ihr angekommen. Niemals wrde sie es fr mglich gehalten
haben, dass sie ihr Geschft so lange im Stich lassen knne, insbesondere da der
Schlingel von Gerhart gleichfalls fahnenflchtig geworden war. Den freilich
entschuldigte der grosse Erfolg seines Frhlingsdramas, auf den Frau
Wohlgebrecht, trotz all ihrer unverndert bestehenden Antipathie gegen die
moderne Richtung in der Literatur, doch unbndig stolz war. Fr einen so
berhmten Dichter schickte es sich freilich nicht mehr, hinter dem Ladentisch zu
stehen und Bcher auszuleihen. In den Gedanken hatte Frau Wohlgebrecht sich in
ihrer westpreussischen Verbannung schon gefunden. Aber dass er nicht einmal in
Berlin war, als sie jetzt endlich zurckkam, das ging ihr doch gegen den Strich.
    Umstndlich berichtete der neue Gehilfe, der seine Sache brigens ganz
ordentlich gemacht hatte und in seiner Geschftspraxis genau so altmodisch war,
wie Frau Wohlgebrecht es nur wnschen konnte, dass Herr Schmittlein schon seit
Ende November fort sei. Zuerst in Leipzig, wo sein Frhlingsdrama auch ein
grosser Erfolg gewesen sei.
    Jetzt sei er in Mnchen, um dort die Auffhrung vorzubereiten. Das Frulein,
das hier die Hauptrolle gespielt habe, sei auch mit, weil sie in Mnchen
ebenfalls auftreten sollte. Von Mnchen aus, so htte Herr Schmittlein ihm
aufgetragen zu sagen, wrde er an die Frau Tante ausfhrlich schreiben. Er wrde
wohl bis zum Frhjahr dort bleiben. Herr Schmittlein solle, so viel er wisse, da
ein neues Theater grnden helfen. Das Theater der Intimen oder so etwas
hnliches. Er wisse es nicht genau. Nur so viel wisse er, dass es noch freier
sein sollte als die freie Bhne hier.
    Nun also, wenn es einmal so war, musste sie sich auch darein finden. Frau
Wohlgebrecht war nicht die Frau dazu, sich ber einmal feststehende Dinge noch
den Kopf zu zerbrechen. Behaglich war es ja freilich nicht, jetzt, nachdem sie
fast ein Jahr lang in der Familie ihrer Nichte gelebt hatte und an stete
Gesellschaft gewhnt war, hier mit Minna allein zu sitzen. Ordentlich ngstlich
sah sie sich in ihrem kleinen Zimmerchen um. Das alte schwarze Rosshaarsofa kam
ihr unheimlich gross vor, seit Gerhart nicht mehr in der anderen Ecke sass und
mit blassem Gesicht und grossen brennenden Augen moderne Dichtungen verschlang.
Lange wrde sie es so nicht aushalten. Das fhlte sie schon am ersten Abend. Am
besten wre es schon, gleich ein Ende zu machen und sich Lotte herum holen zu
lassen, nach der sie fast ebenso grosse Sehnsucht empfand wie nach dem treulosen
Schlingel, dem Gerhart.
    Als Frau Wohlgebrecht Minna den Auftrag gab, zu Frulein Weiss zu gehen, war
sie usserst betroffen, von dem Mdchen zu hren, dass die Schwestern, die eine
seit dreiviertel, die andere seit einem halben Jahre, nicht mehr in der
Zimmerstrasse wohnten. Weshalb hatte weder Gerhart noch Lotte ein Wort von
diesen Vernderungen geschrieben?
    Minna zuckte die Achseln. Sie wisse nichts genaues, aber man rede so
allerhand in der Nachbarschaft. Dem Frulein Lottchen solle es nicht zum besten
gehen. Sie habe fast nichts mehr verdient, habe all ihre Sachen verkaufen mssen
und sei in eine Dachwohnung weit raus nach Schneberg gezogen. Jetzt htte sie
schon seit Monaten nichts mehr von ihr gehrt. Dem anderen Frulein ginge es
aber dafr desto besser. Die htte einen Blumenladen in der Potsdamerstrasse und
solle ein feines Geschft machen. Wie das so gekommen sei, knne sie auch nicht
sagen. Die Kchin von den Wirtsleuten, bei denen die Fruleins nebenan gewohnt
htten, wrde die Adresse von dem Frulein wohl kennen - Frau Wohlgebrecht wisse
schon, die immer die Bcher austauschen kme - die Jette mit den dicken roten
Armen.
    Minnas ziemlich teilnahmloser Bericht traf die gutmtige Frau bis ins Herz.
So schlecht erging es dem armen Kinde und sie hatte nichts davon erfahren, hatte
nicht raten, nicht helfen knnen! Wie rasch mochte es da bergab gegangen sein!
Als sie vor nun einem Jahr, kurz vor ihrer unerwartet schnellen Abreise nach
Westpreussen, mit Lottchen ber den Stand ihrer Angelegenheiten gesprochen,
hatte es zwar nicht zum besten gestanden, aber von wirklicher Not, von bitterem
Elend war doch noch nicht die Rede gewesen. Armes, armes, kleines, verlassenes
Ding! Das wrde sie dem Gerhart nie verzeihen, dass er sie darber im unklaren
gelassen hatte. Gleich morgen mit dem frhesten wollte sie hinaus und nach Lotte
sehen, und wenn's notthat, sie gleich mit sich nehmen. Gerharts Zimmer und Bett
war ja frei, und sie brauchte jemand, fr den sie sorgen, den sie hegen und
pflegen konnte.
    Sie schickte Minna sofort zu der Kchin mit den dicken roten Armen herum und
liess Lottes Adresse holen.
    Das Frulein soll Monate lang schwer krank gewesen sein, brachte das Mdchen
mit dem Bescheid zurck.
    Auch das noch, Armut und schwere Krankheit!
    Ganz frh machte Frau Wohlgebrecht sich auf, um die weite Reise nach dem
Westen anzutreten. Erst aber kaufte sie noch allerhand gute Sachen ein, wie sie
sich fr eine Rekonvalescentin schicken. Sie wollte ihr Lottchen schon wieder
gesund pppeln. Gott weiss, ob der Wurm nicht vor purem Hunger krank geworden
war!
    Nicht ohne Anstrengung keuchte Frau Wohlgebrecht die vier steilen Treppen,
die eigentlich fnf waren, bis unter das Dach zu Lottes kleiner Wohnung hinauf.
Auf den engen, dunklen Treppenflur mndeten zwei Thren. Die linker Hand trug
auf einem aufgeklebten Zettel die Aufschrift: Korn, Schlosser, die andere
Lottchens wohlbekanntes weisses Thrschild mit den grossen schwarzen Buchstaben:
Charlotte Weiss, Putzmacherin.
    Als Frau Wohlgebrecht die Klingel zog, trat ihr eine grosse robuste Person
entgegen. Fast schchtern brachte die kleine Frau ihr Anliegen, Frulein Weiss
zu sprechen, vor.
    Die grosse Starkknochige schien trotz ihres gutmtigen Gesichts anfangs
davon nicht viel wissen zu wollen. Erst als Frau Wohlgebrecht ihren Namen
nannte, zog sie eine willfhrigere Miene auf.
    Sie sind die Frau Wohlgebrecht aus der Zimmerstrasse - das ist was anderes.
Na, dann treten Sie man nher. Und leise fgte sie hinzu:
    Aber wundern Sie sich ber nichts, und machen Sie keine Bemerkung ber
Lottchens Aussehen. Das arme Ding ist sehr krank gewesen, von Ende Oktober bis
Weihnachten. Sie hat Nervenfieber gehabt, wir haben alle geglaubt, es sei aus
mit ihr. Na, nun ist sie ja aber wieder gesund geworden, nur noch ein bischen
schwach, das kommt wohl, weil sie noch gar nicht an der Luft gewesen ist.
    Frau Wohlgebrecht stellte ihren Kober bei Seite, wischte sich die Augen und
trat dann durch das erste rmliche, aber sauber aufgerumte Zimmer in die Kche,
in der Lotte in einem alten Lehnstuhl sass. Die Kche war der am leichtesten zu
erwrmende Raum.
    Es war gut, dass die Schlossersfrau es Frau Wohlgebrecht zur Pflicht gemacht
hatte, sich ber nichts zu wundern und keine Bemerkung zu machen, sie htte
sonst schwerlich ihre Erregung ber die Vernderung zurckgehalten, die mit
Lotte vorgegangen war.
    Sie ksste die schwach Errtende nur, streichelte ihr die Wangen und fragte
mit heiserer Stimme, weil ihr die dicken Thrnen, die sie nicht weinen durfte,
in der Kehle sassen:
    Na, mein Schfchen, wie geht es denn? Ich hre, Sie sind so krank gewesen?
Wie ist das denn so gekommen, mein armes Kind?
    Lotte liefen die Thrnen ber die eingefallenen Backen und whrend sie Frau
Wohlgebrechts Hand fest umschlossen hielt, bat sie:
    Ach, fragen Sie gar nicht danach, liebe Frau Wohlgebrecht. Ich kann es
Ihnen nicht sagen.
    Das sollen Sie ja auch nicht, Kindchen, wenn Sie nicht wollen. Wie so was
kommt, ist ja auch Nebensache. Das war eine ganz dumme Frage von mir. Die
Hauptsache ist, dass Sie rasch gesund werden. Passen Sie 'mal auf, ich habe
Ihnen was mitgebracht, das Ihnen gut thun wird.
    Geschftig lief die kleine rundliche Frau in das Zimmer nebenan und holte
ihren Kober.
    Sehen Sie 'mal hier, Lottchen, das ist was fr Sie! Und sie entkorkte eine
Flasche Tokayer. Und da guter roher Schinken, fein gewiegt, den drfen Sie doch
gewiss essen? Und ein paar frische Eier und ein bischen Eingemachtes. Und morgen
mach' ich Ihnen ein kleines Wein- oder Hhnergele, was Sie lieber wollen.
Lassen Sie die Wohlgebrecht man machen, die hat schon ganz andere Kranke auf den
Damm gebracht. So, sehen Sie, wie Ihnen der Schluck schon gut gethan hat. Meine
Nichte htten Sie sehen sollen. Keinen Dreier htte man fr ihr Leben gegeben,
nachdem ihr das Malheur passiert war. Und jetzt? Wie der Deibel wirtschaftet die
kleine Frau wieder im Hause herum. Wre nicht Weihnachten dazwischen gekommen,
sie htte mich lngst nach Hause geschickt. Seit vier Wochen schon besorgt sie
ihre Wirtschaft und ihren Mann wieder allein. Nur zum Luxus haben sie mich ber
Weihnachten noch dabehalten. Aber Sie arbeiten doch nicht etwa schon wieder,
Lottchen? unterbrach sie sich, nach einem Nhkrbchen neben Lottes Armstuhl
greifend.
    Ein Kinderhemdchen! Sieh, sieh, lieber Gott, das htte meine kleine Nichte
nicht sehen drfen. Das htte gleich Thrnen gegeben. Haben Sie sich jetzt auch
aufs Kinderzeugnhen geworfen? Ganz vernnftig, das bringt oft mehr ein, als die
Putzmacherei. Aber was haben Sie denn Lottchen? Das ist doch kein Grund zum
Weinen. Na, na, na, wie kann man so nervs sein! Da, trinken Sie noch 'nen
ordentlichen Schluck. Sehen Sie, so, so, es wird schon besser. Und nun will ich
gehen. Ich sehe, Besuch greift Sie noch an. Morgen komme ich wieder und bis
dahin mssen Sie sich schon ein bischen 'rausgefttert haben. Dann bringe ich
Ihnen das Gele, und sobald es der Doktor erlaubt und ein schner Tag ist,
fahren wir zusammen spazieren. Nach dem Grunewald oder so. Sie wohnen ja hier
schon beinahe auf dem Lande, da haben wir's nicht allzuweit. Und noch ein paar
Tage weiter, nehme ich Sie zu mir herein und pflege Sie grndlich aus. Nein,
nein, da giebts keinen Widerspruch. Ich habe ja Platz dazu und Zeit mehr als
genug.
    Sie ksste Lottchen, ergriff ihren Kober und trippelte eilends davon.
    Frau Korn hatte sie fortgehen hren. Sobald sie Lotte allein wusste, ging
sie wieder hinber. Gott weiss, wie ntig sie da wieder war! Wenn's das Unglck
wollte, hatte die Frau in ihrer Arglosigkeit von dem Schwarzkopf gesprochen.
    Richtig fand sie Lotte in Thrnen aufgelst.
    Na, na, Lottchen. Sie haben's ihr wohl gesagt? Hm?
    Lotte schttelte den Kopf und weinte weiter.
    Das htten Sie ruhig thun sollen. Die htte Ihnen den Kopf deswegen nicht
abgerissen. Die sieht ja aus, wie die Gte selbst. Ei und was fr feine Sachen!
Die knnen wir gerade brauchen, um schneller gesund zu werden und endlich zu
unserem Luischen herauszukommen. 'n ssser Balg ist das Gr. Ich kann's gar
nicht mehr erwarten, bis Sie's zu sehen kriegen. Wenn Sie mir blos sagen
wollten, was es eigentlich zu weinen gibt, Lottchen?
    Lotte trocknete ihre Thrnen.
    Ach, liebe Frau Korn, es ist nur - ich weiss nicht, ob Sie mich verstehen
werden - sehen Sie, wenn jemand so gut zu einem ist, wie Frau Wohlgebrecht - und
man muss ihn dann belgen fr all' seine Gte, - das ist zu schrecklich, Frau
Korn.
    Warum soll ich das nicht verstehen? Ich wrde die Frau auch nicht belgen.
Der sagte ich die Wahrheit gerade heraus. Lieber heute wie morgen.
    Sie wrde es mir nie vergeben, nie wieder freundlich mit mir sein -
    Das wollen wir abwarten.
    Und dann - ich - ich kann ihn doch nicht beschuldigen, gerade ihr gegenber
nicht. Sie liebt ihn so und ist so stolz auf ihn.
    Auch was rares, um drauf stolz zu sein, brummelte Frau Korn vor sich hin.
Aber sie kam vorerst nicht wieder darauf zurck. So grosse Eile hatte das
Gestndnis ja am Ende nicht. Viel wichtiger war es, dass Lotte nun endlich ganz
gesund wurde.
    An Frau Wohlgebrecht lag es jedenfalls nicht, wenn Lottes Genesung
einstweilen noch nicht die gewnschten Fortschritte machte. Sie hegte und
pflegte Lotte, wie man ein eigenes Kind nicht besser htte hegen und pflegen
knnen. Ganz wunderbar war es, wie die grenzenlose Gte dieser kinderlosen Frau
die feinsten Mutterinstinkte in ihr ersetzte. Sie las in Lottes Herzen wie nur
eine Mutter im Herzen eines geliebten Kindes liest. So hatte sie auch bald mit
unbeirrbarer Sicherheit herausgefunden, dass Lottes Krankheit sowohl, wie ihre
gesamten herabgekommenen Verhltnisse, weit mehr im Seelischen als im
Krperlichen ihren Ursprung hatten, weit mehr durch innere, denn durch ussere
Grnde veranlasst waren, und lange brauchte sie nicht zu suchen, um sich
vollstndig klar darber zu sein, dass ihr Neffe zum mindesten nicht schuldlos
an diesem Schiffbruch des lieben Madchens war. Wenn dies berhaupt noch mglich
gewesen wre, htte sie ihre Gte verdoppeln mgen, um wieder gut an ihr zu
machen, was Gerhart schlecht gemacht. Wie das alles zusammenhing, wie und woraus
sich die augen-blicklichen Verhaltnisse entwickelt hatten, wie weit es mit den
beiden gekommen war, danach forschte sie nicht. Es gengte ihr, dass Lotte krank
und unglcklich war, um sich ganz auf die Seite des Mdchens zu stellen. Wenn
sie das liebe Geschpf nur erst heraus gehabt htte aus diesen vier armseligen
Wnden! Aber davon wollte das eigensinnige kleine Ding ja nichts wissen, nicht
um die Welt. Nun, wenn sie erst gesund sein wurde und einen kleinen Puff
vertragen konnte, wurde man ein Wort deutsch mit ihr reden. Hier durfte sie in
keinem Falle bleiben.
    Von Gerhart sprachen die Beiden whrend ihrer hufigen Zusammenknfte
niemals ein Wort. Ein einziges Mal hatte Frau Wohlgebrecht von ihm angefangen.
Vielleicht dass Lottchen sich danach sehnte, dass es ihr gut that. Aber als sie
sich erbleichend abgewandt und sich mit einer ganz gleichgltigen Sache zu thun
gemacht hatte, hatte Frau Wohlgebrecht sich's zugeschworen, das Gesprch nie
wieder auf ihren Neffen zu bringen. Dass er der allein Schuldige sei, stand seit
dieser Stunde bei ihr fest. Niemand htte es vermocht, sie davon abzubringen.
    Um Ende Januar - Lotte hatte, wie Frau Wohlgebrecht nachtrglich erfuhr, am
Vormittag ihre erste Ausfahrt mit Frau Korn gemacht - traf Frau Wohlgebrecht bei
einem ihrer hufigen Besuche Lena oben bei Lotte an. Sie freute sich, dass die
Schwestern trotz der vernderten Lebensverhltnisse beider noch so herzlich zu
einander hielten, ja es kam Frau Wohlgebrecht so vor, als ob das heut eigentlich
mehr denn sonst der Fall sei.
    Sie berraschte sie nmlich in einer scheinbar sehr intimen Unterhaltung,
die die Schwestern stockend und errtend unterbrachen, als sie ins Zimmer trat.
Gehrt hatte sie von dem, was gesprochen worden war, nichts weiter als den
warmen Ausdruck Lottes: Du glaubst es nicht, Lena, wie lieb es ist!
    Frau Wohlgebrechts gutmtiger Takt half den beiden ziemlich schnell, ihre
Fassung zu gewinnen. Um das Gesprch rasch in Fluss zu bringen, that denn auch
Lena das ihre, und erzhlte Frau Wohlgebrecht, die sie seit jenem Dezemberabend
nicht wieder gesehen, als sie Lotte zum Weihnachtsfest einzuladen kam, dass
ihnen beiden eine grosse Freude bevorstehe. Sie wrden endlich einmal jemand aus
der Heimat wiedersehen!
    Ob der Vater auf Besuch kme? erkundigte sich teilnehmend Frau Wohlgebrecht.
    Lena lachte hell auf bei dem Gedanken.
    Vater und eine Reise machen. Da kennen Sie unseren Alten schlecht. Der wird
aus Karstens warmer Stube gehen und seine Pfeife und seinen Korn auch nur auf
ein paar Stunden entbehren! Nein, Vater geht nicht aus seiner Ofenecke 'raus,
der macht keine Reise. Wir erwarten einen Jugendfreund, der sein Geschft zu
Hause verkauft hat und, da er zu Vermgen gekommen ist, sich hier etablieren
will. Er kommt in vierzehn Tagen bis drei Wochen, um ein Geschftslokal zu
suchen. Sorgen Sie nur, Frau Wohlgebrecht, fgte Lena neckend hinzu, dass
Lotte bis dahin ganz mobil ist. Er ist ein grosser Verehrer von ihr.
    Lotte wurde rot.
    Ach, lass doch, Lena, wie kannst Du so etwas sagen.
    Frau Wohlgebrecht aber klopfte die Unwillige wohlgefllig auf die Schulter.
    Warum soll Ihre Schwester so was nicht sagen? Sie hat ganz recht. Ganz
mobil wollen wir werden bis dahin, und dann, wer weiss?
    Frau Wohlgebrecht sah Lena schmunzelnd an. Dabei fiel es ihr auf, dass Lena,
die sonst den Vergleich mit Lottes sanfter, poetischer Schnheit nicht
ausgehalten hatte, jetzt die bei weitem Hbschere von ihnen war.
    Zum Fressen nett sieht die Krte aus, dachte Frau Wohlgebrecht. Die
weiss, was sie will. Kein Wunder, dass die ihren Weg gemacht hat.
    Das Mdchen, das sie frher nicht hatte leiden knnen, flsste Frau
Wohlgebrecht jetzt pltzlich Interesse ein. Es war doch alles mgliche, was
diese Lena erreicht hatte, und eine gute Portion Fleiss und Tchtigkeit gehrte
bei allem Glck dazu, es so weit zu bringen.
    Frau Wohlgebrecht fragte nach diesem und jenem, und Lena machte es ein
ungeheures Vergngen, von den wirklich hbschen materiellen Erfolgen, die sie in
dieser Saison schon erzielt hatte, zu erzhlen.
    Lena berichtete ber ihre schne Kundschaft aus den besten
Gesellschaftskreisen, rechnete Frau Wohlgebrecht in grossen Zgen ihre Aktiva
und Passiva vor und versicherte sie, dass es der glcklichste Tag ihres Lebens
sein wrde, wenn sie das Kapital, das Herr Bornstein - sie nannte ihn ganz
ungeniert als ihren Geldgeber - ihr fr die Geschftsbegrndung vorgestreckt
habe, einstmals wrde herauszahlen knnen. Es dem Vertrag gemss zu verzinsen,
dazu habe es ja gottlob bisher immer ausgereicht, fgte sie am Ende hinzu.
    Frau Wohlgebrecht empfahl sich heut unter dem Vorwande, noch Geschftswege
machen zu mssen, frher als sonst. Sie hatte das Gefhl, dass die beiden
Mdchen sich noch manches zu sagen htten, was keinen Dritten etwas anginge.
Vielleicht handelte es sich um Lotte und den Jugendfreund. Was wrde sie darum
geben, wenn das Kind in diesem Manne Glck und Frieden finden knnte! -
    Sobald die Thr sich hinter Frau Wohlgebrecht geschlossen hatte, fing Lotte
genau da wieder an, wo sie bei ihrem Eintritt aufgehrt hatte. Mit demselben
Eifer, mit derselben warmen Freudigkeit.
    Du glaubst nicht, Lena, wie lieb es ist. So rund und niedlich, und so
reizende blaue Augen wie es hat, und wenn es erst lacht gar! Lange lass' ich's
der Frau da draussen nicht, wenn sie es auch noch so gut pflegt.
    Um Gotteswillen, Lotte, mach nur keinen Unsinn wieder. Bis jetzt ist alles
so hbsch glatt gegangen. Du wirst doch Luischen nicht etwa zu Dir nehmen
wollen? Dann wre der Skandal fertig.
    Lotte schttelte den Kopf.
    Nein, aber ich will zu Luischen gehen, irgend wohin, wo es hbsch still und
einsam ist und niemand uns kennt und niemand nach uns fragt. Dabei erinnerte
sie sich pltzlich des Huschens und des Blumengartens, von dem Gerhart am Tage
ihres Gestndnisses im Wald am Mggelsee zu ihr gesprochen hatte. Etwas heisses
stieg ihr in den Augen auf. Aber sie unterdrckte es schnell. Nur keine
Erinnerungen, keine neue Schwche! Ihre ganze Kraft brauchte sie jetzt fr das
liebe kleine Geschpf da draussen, das niemanden hatte als sie auf der Welt. Ihm
wollte und musste sie fortan gehren, niemandem sonst.
    Lena hatte sich inzwischen heftig ereifert. Was das fr phantastische
Gedanken sind, Lotte! Du solltest doch nun endlich klug geworden sein! Sich mit
dem Kinde irgendwo vergraben, das wre das rechte! Verhungern kannst Du dabei
und das Wurm dazu. Hier bleibst Du, wo Du Dein bischen Arbeit endlich gefunden
hast, und Frau Korn ist und Frau Wohlgebrecht und ich und spter der Franz. Wir
werden Dich schon durchbringen, und das Kind mit Dir. Bleib' mir blos mit den
sentimentalen Geschichten vom Leibe. Du hast ja doch gesehen, was dabei
herauskommt.
    Lotte erwiderte nichts, aber in ihrer stillen Art dachte sie sich ihr Teil.
Allzumchtig hatte sich heute die Mutterliebe in ihr geregt, als sie das kleine
Geschpf zum erstenmal wieder im Arm gehalten, zum erstenmal wieder gewartet
hatte. Die Mutterliebe und die Eifersucht, die Niemandem ihr Kleinod gnnt als
sich selbst. -
    Der Winter liess sich im ganzen so milde an, dass Lotte trotz ihrer noch
immer sehr zarten Gesundheit es wagen durfte, ihrem Herzen zu folgen und jede
Woche ein paarmal nach Schmargendorf hinauszufahren. Sie hatte sogar durch
Vermittlung von Luischens Pflegemama draussen etwas Kundschaft bekommen, so dass
sie sich nicht allzuviel Skrupel ber den Zeitaufwand zu machen brauchte, den
die Besuche bei Luischen ihr kosteten.
    Heute, an einem fast frhlingswarmen Tage zu Ende Februar hatte sie die
kurze Stunde draussen doppelt genossen. Wohlverwahrt hatte sie die Kleine in das
sonnige Grtchen der Tischlersleute hinausgetragen. Unter den kahlen
Fliederbschen, die nun bald Knospen ansetzen wrden, um die bescheidenen Beete,
auf denen noch die verfaulten Stauden der Herbstblumen standen, die nun bald den
ersten Schneeglckchen und Veilchen wrden Platz machen mssen, war sie mit ihr
umhergegangen. Das war eine Lust gewesen! Ganz allein mit ihrem Herzensschatz,
unter Gottes reinem, blauen Himmel! Niemand, der, wie in dem engen Zimmer der
Tischlersleute, ihre Liebkosungen beobachtete, niemand, dem die Hlfte von
Luischens Lcheln gehrte, niemand, der mit ihr des Kindes Thrnen trocknete. In
leidenschaftlicher Lust hatte sie das Kind an die Brust gepresst und zum Dank
hatte Luischen sie angelchelt mit ihren blauen, sonnigen Augen, und ihre
kleinen rosigen Lippen hatten ssse, unverstndliche Laute gelallt. Lotte aber
hatte das Lcheln und das Lallen zu verstehen geglaubt. Es hiess ihr: was
brauchen wir andere, Du und ich, wenn wir nur uns haben!
    Mit einer stillen Sicherheit, mit einem ruhigen Glcksgefhl, wie sie es
seit Jahren nicht gekannt, nie mehr, seit sich das Mutterauge ihr geschlossen
hatte, war sie heute von ihrem Kinde fortgegangen. Was sie in Liebe und Zorn fr
Gerhart empfunden, war ausgelscht in ihr. Sie hatte nur noch ein Gefhl fr
ihn, das der Dankbarkeit, dass er ihr dies Kleinod geschenkt, und dass er kein
Verlangen danach trug, es mit ihr zu teilen. Unbewusst gab sie in ihrem tiefsten
Herzen Frau Korn zum erstenmale recht, dass es unter Umstnden besser sei, solch
ein Kindchen vaterlos fr sich zu besitzen, als eine Ehe zu erzwingen, deren
Schicksale vielleicht schwerer zu ertragen waren, als ein zweifelhaftes Ansehen
vor der Welt.
    Als Lotte so, noch im vollen Mittagssonnenschein, in gehobener Stimmung nach
Haus zurckkam, froh und frei wie seit langen Monaten nicht, fand sie einen Gast
auf ihrem Zimmer. Franz Krieger war angekommen.
    Zuerst befiel sie wieder ein zager Schrecken, als sie den Freund so
unerwartet vor sich sah. Aber die Stunde mit ihrem Kinde hatte ihr eine
wundersam nachwirkende Kraft verliehen.
    Niemals htte Lotte es fr mglich gehalten, dass sie dem Freunde so ruhig
und gefasst wrde entgegentreten knnen, als sie es nach einer kurz
aufwallenden, Franz kaum bemerkbaren Bewegung ber sich gewann. Wie hatte sie
gezittert vor diesem Augenblick des Wiedersehens und mit wieviel
selbstverstndlicher Natrlichkeit vollzog er sich nun!
    Franz hatte sich sehr verndert. Das Tastende, Unsichere, das ihn Lotte
gegenber stets befallen, das ihn oft fast knabenhaft hatte erscheinen lassen,
war einer selbstsicheren Mnnlichkeit gewichen, und so sehr sich ihm bei Lottes
Anblick, bei der Betrachtung ihrer drftigen Umgebung das Herz zusammenkrampfte,
er verriet sich nicht und bewahrte seine Haltung.
    Er war mit dem festen Vorsatz nach Berlin gekommen, dies Mdchen, das er
seit seinen Knabenjahren mit unvernderter Treue liebte, sich zu gewinnen. Nicht
nur seine grosse Neigung zu Lotte, auch alle usseren Verhltnisse sprachen fr
eine baldige Ehe. Er war unverhofft schnell zu einem ansehnlichen Besitztum
gelangt. Sein Haus verlangte nach einer Hausfrau, ihn selbst, bei der starken
Inanspruchnahme, die eine ausgedehnte Geschftsfhrung mit sich bringt, nach
einem traulichen Herd, an dem sich's ausruhen liess von des Tages Mhen. Wenn er
dies Ziel erreichen wollte, musste er Schritt fr Schritt vorgehen. Lotte war
keine Natur, die sich im Sturm erobern liess. Er durfte sich nicht verraten,
sich keine Blsse geben, wie frher so oft, wenn seine Hoffnung sich erfllen
sollte. Sie durfte in ihm nur den Freund, nicht den Bewerber sehen, wollte er
sie nicht vorzeitig einschchtern.
    Schwerer als er es vermutet hatte, wurde ihm diese selbst auferlegte
Zurckhaltung. Htte er Lotte wiedergefunden, wie er sie wiederzufinden
geglaubt, in einer kleinen aber gesicherten Stellung, gesund und zufrieden in
der selbstgewhlten Lebenslage, es wrde ihm nicht so sauer angekommen sein,
seine tiefe Zrtlichkeit fr sie zurckzuhalten. So aber, wie er sie fand, zart
und schwach nach langer Krankheit, die Heiterkeit, die sie zur Schau trug, auf
den ersten Blick ein Ergebnis der Resignation, oder schlimmer noch, eine gut
gespielte Komdie, dazu die ussere Not, die ihn aus allen Ecken und Enden
angrinste, musste er an sich halten, um sie nicht in seine Arme zu schliessen
und ihr mit aller Innigkeit, die er fr sie im Herzen barg, zu sagen: Komm mit
mir. Ich will Dich gesund machen und stark. Ich will Dir Ruhe und Behagen geben.
Du sollst bei mir wohl geborgen sein, armes, verflogenes Vgelchen Du.
    Trotzdem bewahrte er seine Ruhe; er erzhlte ihr von den Absichten, die er
fr seine Geschftsbegrndung in Berlin habe, von der Heimat, vom Vater, von den
Grbern ihrer und seiner Mutter. Sie hrte ihm zu mit ihrem sanften, stillen
Blick, der zuweilen etwas fremdes annahm, das ihn beunruhigte, weil er es nicht
entrtseln konnte.
    Von sich selbst sprach Lotte so gut wie gar nicht. Nur von Lena erzhlte
sie, wie weit sie's gebracht in Berlin, und wie stolz sie sein wrde, ihm alles
zu zeigen, was sie erreicht, gerade weil er an ihrem Fortkommen so starke
Zweifel gehegt hatte. Sie hatte dabei ihr liebes Lcheln um den feinen Mund, das
er htte festkssen mgen fr alle Zeiten.
    Von Lena sprach sie so viel, dass es am Ende etwas krankhaft Gewolltes
bekam. Sie lobte die Schwester unausgesetzt ber Gebhr und setzte sich selbst
wie mit absichtlichem Nachdruck immer mehr hintenan.
    Aber Franz wollte sie nicht verstehen. Sein Herz rebellierte dagegen. Je
mehr sie Lenas Geschft und ihre Huslichkeit herausstrich, desto mehr lobte er
alles, was sie selbst umgab: die hbsche freie Aussicht, das ruhige Zimmerchen,
das man so still nur unter dem Dach haben knne, die gute Luft hier draussen,
die Blumen vor den schmalen Fensterchen. Am Ende gelang ihm, was er gewollt, ihr
den Eindruck zu geben, dass nichts bei ihr ihn enttuscht und gewundert habe.
Dass er so, wie er sie gefunden, gehofft habe, sie wiederzufinden.
    Eine Last fiel ihr von der Seele. Gottlob, sein Mitleid blieb ihr erspart,
das Mitleid fr ihre selbstverschuldete armselige Lage, das ihr am wehesten
gethan htte von ihm, gegen dessen schweigende Bewunderung sie sich jahrelang
kindisch trotzig aufgelehnt hatte.
    Der sonnige Tag hielt sich auf seiner Hhe.
    Franz schlug Lotte vor, eine Spazierfahrt mit ihm zu machen; heute msse sie
aus alter Freundschaft schon einmal Feiertag ansetzen und die Kunden warten
lassen. Dann wollten sie zusammen essen und am spten Nachmittag, es war
inzwischen schon zwei Uhr geworden, zusammen zu Lena gehen.
    Nach kurzem Besinnen willigte Lotte ein. Nach der sonnigen Stunde im Garten
zu Schmargendorf war ihr selbst heute so festtglich zu Mute, dass sie nicht das
Herz hatte, die Dinge mit dem ihr gewohnten engen Massstab zu messen. Und dann,
was sie von dem Wiedersehen mit Franz am meisten gefrchtet, war augenscheinlich
nicht mehr der Fall. Franz liebte sie nicht mehr; er hatte den Gedanken sie zu
besitzen, aufgegeben. Sie that kein Unrecht, wenn sie freundschaftlich annahm,
was freundschaftlich geboten schien. Jetzt, da sie selbst die Liebe mit all
ihren Wonnen und Qualen, all ihren Hhen und grauenvollen Abgrnden kannte,
htte sie es weniger denn je bers Herz gebracht, Hoffnungen zu erwecken, nur um
sie dann wieder vernichten zu mssen.
    Ein paar herzliche Stunden verbrachten sie mit einander. Dann trennten sie
sich. Lotte war nicht zu bewegen, mit Franz zu Lena zu gehen. Sie schtzte
notwendige Arbeit vor. Im Grunde war es ein anderes, was sie trieb, etwas, das,
nachdem sie Franz wiedergesehen, ihr weit schwerer wurde, als sie es irgend
vorausgesehen hatte.
    Franz und Lena sollten allein sein bei diesem ersten Wiedersehen. Lena hatte
Franz immer besonders gern gehabt. Sie war es ja auch gewesen, die auf seine
Uebersiedelung nach Berlin gedrungen hatte. Welch' ein Glck fr Lena, wenn
Franz, da er sie ja nicht mehr liebte, Lena sein braves, ehrliches Herz
zuwendete. Die Schwester wrde nicht immer allein bleiben wollen. Gste, selbst
Hausfreunde ersetzen die Familie auf die Dauer nicht. Und diese Hausfreunde!
Lotte wollte ganz und gar nichts mehr von ihnen wissen seit jenem Abend in
Dahlow, wo Leutnant Kurt ihr so dreist zu nahe getreten war. Sollte Bornstein
aus so ganz anderem Holz geschnitten sein? Schwerlich! Arme Lena! Nein, sie
sollte nicht auch geopfert werden. Eines braven Mannes glckliche Frau sollte
sie werden, und was Lotte dazu thun konnte, sollte gewiss geschehen.
    So ging Franz allein nach der Potsdamerstrasse. Ungern genug. Nachdem er
Abschied von Lotte genommen und ein Wiedersehen fr den kommenden Tag verabredet
hatte, sah er ihr mit brennenden Augen nach. Wie sie so durch den leichten,
lichtdurchschimmerten Nebel von ihm fortschritt, war es ihm, als ob sein Glck
von ihm ginge, weiter, immer weiter, in eine nebelhafte ungewisse Ferne hinaus.
    Er musste sich einen ordentlichen Ruck geben, um Lena wirklich aufzusuchen.
Wenn er es Lotte nicht versprochen gehabt htte, wrde er den Weg nach dem
Blumengeschft sicherlich nicht gefunden haben. Er htte viel darum gegeben, da
er mit Lotte nicht sein durfte, wenigstens allein zu bleiben.
    Am Ende aber erwies sich der Besuch bei Lena als eine angenehme
Enttuschung. Franz htte nicht selbst ein so vortrefflicher Geschftsmann sein
mssen, um an dem Aufblhen von Lenas Unternehmen nicht seine helle Freude haben
zu sollen. Ueberdies imponierte ihm, wie Lena es ja nicht anders erwartet hatte,
der ussere Apparat gewaltig. Das war in der That grossstdtischer Zuschnitt.
Laden, Wohnraum und nicht zuletzt Lena selbst in ihrem dunkelroten, mit
schwarzem Pelzwerk besetzten, eng anschliessenden Kostm. Alle Wetter, hier
konnte man lernen, wie es gemacht wurde, um in Berlin in die Hhe zu kommen.
    Ganz klein geworden, bat er Lena sein Misstrauen gegen ihre Fhigkeiten ab.
Sie lachte und vergab ihm grossmtig. Es machte ihr ein ungeheures Vergngen,
dass auch dies wieder ganz so gekommen war, wie sie es gewnscht und
vorausgesehen hatte. Ihre Laune war prchtig, und sie wnschte nur, dass weder
Bornstein noch Kurt noch irgend einer ihrer andern Stammgste kommen mchten, um
ihr tte--tte mit Franz zu stren! Nachdem er alles eingehend besichtigt
hatte, bat Lena den Jugendfreund in ihr trkisches Boudoir zu einer Tasse Thee
und einer Cigarette. Sie selbst htete sich, eine anzuznden. Sie war viel zu
klug, um den ausgezeichneten Eindruck zu zerstren, den sie ersichtlich auf
Franz gemacht hatte. Trotz seiner Liebe zu Lotte, fgte sie triumphierend
hinzu. Franz Krieger war immer ein Faktor gewesen, mit dem Lena gerechnet hatte.
Sie hatte stets eine kleine Schwche fr ihn gehabt. Vielleicht nur aus dem
Grunde, weil er im Gegensatz zu allen brigen Menschen sich nur um Lotte und
nicht im geringsten um sie gekmmert hatte. Wre Franz nicht zu Selbstndigkeit
und Vermgen gekommen, sie wrde diese Schwche zweifellos unterdrckt haben.
Jetzt sah sie keinen Grund mehr dafr ein. Die letzte Nummer in ihrem Programm
war eine Ehe als gute Versorgung, mit vollstndiger Wahrung ihrer persnlichen
Rechte und Freiheiten. Schon am ersten Abend des Wiedersehens zweifelte sie
nicht mehr daran, dass Franz Krieger der Mann dazu geworden sei, den man fr
diese letzte Programmnummer in Betracht ziehen knne.
    Seine Liebe zu Lotte wrde ihr dabei nicht dauernd im Wege sein. Wie die
Dinge bei Lotte lagen, wrde sie nie daran denken. Franz Krieger zu heiraten.
Fr sie selbst freilich wre die Affaire Gerhart Schmittlein, falls sie
berhaupt im stande gewesen wre, jemals eine solche Dummheit zu begehen, kein
Hinderungsgrund gewesen; Lotte dagegen wrde nach allem Vorhergegangenen sich
niemals zu diesem Schritt entschliessen knnen. Fortgesetzt ohne Aussicht auf
Erfolg zu werben, ist nicht Mannessache. Franz wrde von dieser Regel schwerlich
eine Ausnahme machen.
    Dem starken russischen Thee waren appetitlich hergerichtete Brtchen. Bier
und Cognac gefolgt. Der Laden war lngst geschlossen. Zehn Uhr war vorber, als
Franz sich endlich zum Fortgehen rstete. Wie im Fluge waren ihm die Stunden
vergangen. Wie war es nur mglich gewesen, dass die kleine Zauberin ihn so lange
festgehalten hatte! Trumte er, oder war die junge weltsichere Dame, der er
jetzt in einer Anwandlung von Zrtlichkeit, wrmer als notwendig gewesen wre,
zum Abschied die Hand ksste, wirklich Lena, das kleine, schninnische,
selbstschtige, launenhafte Geschpf, das er nie hatte leiden mgen, weil es ihm
bei Lotte stets im Wege gewesen war?
    Draussen in der kalten Nachtluft erst wurde er wieder Herr seiner
aufgeregten Sinne. Die schwle Luft in dem kleinen blumendurchdufteten Gemach,
der starke Thee und der alte Cognac, die schweren trkischen Cigaretten mussten
ihn vllig umnebelt haben, dass er in Lena ein so begehrenswertes Geschpf
gesehen hatte. Er machte eine heftige Bewegung, als wenn er etwas abschtteln
wollte, was nicht zu ihm gehrte. Es gelang ihm nur zum Teil. Der feine Duft,
der Lenas Kleidern entstrmte, der eigentmlich lockende Blick ihrer schwarzen
Augen, der Druck ihrer feinen weissen Hand, die er lnger in der seinen gehalten
hatte, als es sich mit einer blossen Jugendfreundschaft vertrug, liess etwas
durch seine Sinne nachzittern, das ihn bis in seine Trume verfolgte.
    Gegen morgen erst fand er seinen festen gesunden Schlaf wieder, und als er
Lotte Mittags aufsuchte, erinnerte er sich seines Rausches berhaupt nicht mehr.
Lotte selbst brachte ihn erst wieder darauf, als sie von Lena zu sprechen
begann. Aber er wollte nichts davon hren, die schwle Stunde sich nicht wieder
ins Gedchtnis zurckrufen lassen, die bei seiner tiefen Neigung zu Lotte
beschmend fr ihn war. So brachte er das Gesprch bald auf andere Dinge, zu
Lottes geringer Befriedigung. Sie hatte sich's nun einmal in den Kopf gesetzt,
diese beiden zusammenzubringen, koste es ihr was es wolle!
    An demselben Tage hatte Franz ein geeignetes Geschftslokal gefunden.
Freilich nicht wie Lena geplant hatte, in der Franzsischenstrasse, der
Friedrichstrasse oder Unter den Linden, sondern im Sdosten der Stadt, nahe dem
Moritzplatz.
    Am nchsten Morgen sollte der Mietskontrakt abgeschlossen werden. Mit dem
letzten Zuge wollte Franz dann zurck, um die Uebersiedelung zu Ende Mrz
vorzubereiten. Diesen letzten Tag wollte er noch ganz mit Lotte verleben. Lena
wieder zu begegnen mied er.
    Im Gegensatz zu dem sonnigen Tage ihres ersten Wiedersehens war der
Abschiedstag grau und regenschwer. Frmliche Aprillaune zeigte dieser Februar.
Sonnenschein und Regen wechselten fast bergangslos ab; der heutige Tag aber
schien sich vllig auf Regen eingeschworen zu haben.
    Lottes Stimmung war nicht besser als die Stimmung draussen in der Natur.
Frau Korn versuchte vergebens zu trsten. Grau und schwer wie der Himmel
draussen schien ihr heute das Leben zu sein. Nichts mehr von jener freudigen
Gehobenheit, die sie vor wenig Tagen noch beseelt hatte, war brig geblieben.
    Luischen war krank gewesen. Sie mochte sie doch wohl zu lange im freien
umhergetragen haben. Franz' hufiger Anwesenheit wegen hatte sie nicht
hinausgekonnt, hatte sie auch nicht hinausgewollt, in der Furcht, sich ihm unter
dem Eindruck unmittelbarer Erlebnisse zu verraten. Nun erfuhr sie erst heute,
dass ihr Liebling gelitten und sie ihn nicht hatte pflegen drfen. Nur rasch ein
Ende machen mit dieser unertrglichen Zwiespltigkeit des Daseins! Wenn es sein
musste, allen zum Trotz. Wer riet? Wer half? Nur einen einzigen andern Ratgeber
noch haben, als ihr eigenes, verlangendes Herz!
    Franz, Frau Wohlgebrecht! Das war's ja gerade, was an ihr frass, dass diese
beiden liebsten Menschen nichts von ihrem eigensten innersten Leben wissen
durften. Mochte die ganze Welt erfahren, dass sie Mutter sei, wenn nur diese
beiden nicht darum wussten, an deren Achtung ihr mehr gelegen war als an der der
ganzen brigen Welt.
    Frau Korn war gerade ber diesen Punkt nach wie vor ganz anderer Meinung.
Beinahe im Zorn hatte sie ihren Schtzling heute verlassen.
    Da sass die Lotte nun und qulte und hrmte sich, anstatt das natrlichste
und einfachste zu thun und sich den beiden Menschen anzuvertrauen, die es
sichtbarlich so gut mit ihr meinten! Der hbsche stattliche Mann aus der Heimat
gewiss nicht minder als die herzensgute Frau Wohlgebrecht! Es war ein rechtes
Kreuz mit dem Mdchen!
    Lotte sass am Fenster und starrte mit thrnenlosen Augen in den grauen
Himmel, auf die immer gleichmssig leise niederrinnenden Tropfen. Das Herz war
ihr bervoll. Sie sehnte sich so unendlich nach einem andern Herzen, das ganz
mit dem ihren fhlte, das all ihre Nte und Sorgen verstand. Gottlob, dass Franz
sie nicht mehr liebte! Wo htte sie in ihrer Verlassenheit die Kraft hernehmen
sollen, stark gegen diese Liebe zu sein!
    Wie sie so dasass, tief in Gedanken verloren, ber vergangenes,
gegenwrtiges und zuknftiges nachdenkend, wurde es ihr zum erstenmal ganz klar,
mit wie verschiedener Liebe Gerhart und Franz sie geliebt hatten. Der eine mit
selbstschtiger Leidenschaft, die vor der ersten sittlichen Forderung
aufgeflogen war wie Spreu vor dem Winde, der andere mit herzlich selbstloser
Neigung, die sterben musste, weil sie hoffnungslos war. Und whrend ihr die
Thrnen langsam ber die Wangen rannen, fhlte sie mit stechendem Schmerz, dass
sie heute Franz' Liebe htte erwidern knnen, wenn sie sie noch besessen htte
und ihrer wrdig gewesen wre.
    Wre sie rein geblieben, heute wrde diese Liebe ihr Glck und, was mehr
noch war, der Friede und die Kraft ihres Lebens gewesen sein.
    Da klopfte es leise an ihre Thr.
    Franz trat herein, in der Hand einen feuchten, sssduftenden
Veilchenstrauss. Das Wasser lief ihm vom Rock und von der Hutkrmpe herab, auf
seinem Gesicht aber stand der Sonnenschein heiterer Zuversicht. In allen Dingen
war ihm das Glck in Berlin so hold gewesen, warum sollte es ihm gerade bei
Lottchen untreu werden? Seit den letzten vierundzwanzig Stunden stand es bei ihm
fest, ohne ihr Jawort nicht abzureisen. Die letzten Tage hatten ihm Mut gemacht.
Seiner gesamten Zukunft gewiss, wollte er nach Haus zurckkehren.
    Er war sehr bestrzt, als er Lottes blasses, verweintes Gesicht sah. Aber
sie blickte ihn lieb und herzlich an, und je nher er zusah, je mehr fand er von
der alten Lotte in ihr, von dem zaghaften, hilflosen, lieblichen Geschpf, das
er so schweren Herzens nach Berlin hatte ziehen lassen. Das strkte seinen Mut.
Wenn nur das erste Wort erst gefunden war!
    Lotte war so tief in ihre eigenen Gedanken versunken, dass ihr der Wechsel
in dem Wesen des Freundes nicht besonders auffiel. Der Gedanke, dass er sie
nicht mehr liebte, hatte sich so vllig in ihr festgesetzt, dass sie nicht
einmal daran dachte, noch nach mglichen Symptomen einer Neigung zu suchen. Die
frsorgende Zrtlichkeit, die er heute fr sie an den Tag legte, dnkte ihr
nichts als selbstverstndliche Freundschaft zu sein. Htte sie diese
Freundschaft nur durch volles Vertrauen lohnen knnen!
    Je weniger sie ihn verstand, desto mehr wuchs seine Unruhe und Ungeduld. Er
riss die Uhr aus der Tasche. Gleich drei! Um sieben Uhr ging der Zug. Er wollte
doch auch noch etwas von seiner Braut haben, und aufschieben liess sich die
Abreise nicht. Es war eigentlich lcherlich, so feige zu sein und nicht gerade
heraus zu sprechen. Das schlimmste war doch, dass sie nein sagte, und darauf
war er frher ja stets gefasst gewesen. Warum jetzt nicht mehr? Warum trug er
sich pltzlich mit den unsinnigsten Hoffnungen? Und wenn sie dennoch
fehlschlugen? Etwas merkwrdig Ahnungsvolles stieg bei diesen Gedanken in ihm
auf und legte sich ihm schwer auf die Brust. Es wrde ein grosses Unglck fr
ihn sein. Nicht nur, dass Lotte nicht sein Weib wurde, noch ein anderes,
unheilschwangeres Schicksal schien sein Haupt mit dunklen Fittigen zu umkreisen.
Das Herz schnrte sich ihm zusammen. Die Last auf seiner Brust wuchs
zentnerschwer. Er fhlte, dass alles Blut ihm zum Herzen zurcktrat. Er musste
wohl auch merkwrdig und sehr entstellt aussehen, denn Lotte fragte pltzlich
schreckhaft durch die Stille hindurch:
    Ist Dir nicht wohl, Franz? Du siehst ja totenbleich aus!
    Da hielt es ihn nicht lnger. Er wollte, er musste Gewissheit haben. Die
Leidenschaft bermannte den sonst so ruhigen, besonnenen Mann, und mit einer
verzweifelten Glut, deren er sich selbst nicht fr fhig gehalten htte, flehte
er Lotte um ihre Liebe, um ihre Hand.
    So pltzlich war das gekommen, dass Lotte wie versteinert dastand. Sie hrte
ihm mit grossen, weitgeffneten Augen zu und sagte sich immer nur das eine und
wieder das eine: Nur nicht schwach werden, nicht schwach werden! Du darfst ihn
nicht erhren, Du hast das Recht verwirkt.
    Bis er zu Ende war, hatte sie sich wirklich gelasst.
    Ganz ruhig trat sie ein paar Schritte von ihm fort und leise, um die Thranen
nicht za verraten, die ihr in der Kehle sassen, sagte sie:
    Ich danke Dir fr Deine Liebe, Franz, aber ich kann, Deine Frau nicht
werden!
    Er riss den Stuhl an sich, auf dem er zuerst gesessen hatte, von dem er
dann, hingerissen von seiner Leidenschaft, aufgesprungen war, um ihr ganz nahe
zu sein, sie in seine Arme schliessen zu knnen. Die morsche Lehne zerbrach
unter dem wuchtigen Druck seiner Hand.
    Aber auch seine Stimme blieb ruhig, so heiss auch die frchterliche
Enttuschung in ihm tobte.
    Und kannst Du mir sagen, weshalb Du meine Frau nicht werden kannst?
    Aufs Geratewohl gab sie die Antwort:
    Weil ich Dich nicht liebe, wie man einen Mann lieben muss.
    Es war ja doch alles eine grosse Luge. Warum erst lange nach Worten suchen
und wgen?
    Liebst Du einen andern, Lottchen?
    Sie hatte es auf der Zunge zu sagen:
    Ein anderes ja, dem mein ganzes Leben gehrt, um dessentwillen ich Dir
entsagen muss -
    Aber sie schwieg und schttelte statt jeder Antwort langsam den feinen
blonden Kopf.
    Und dies ist Dein letztes Wort?
    Mein letztes, Franz.
    Und Du glaubst nicht, dass es jemals anders werden kann?
    Niemals - nie!
    Er nahm den regenschweren Rock ber den Arm, den Hut in die Hand und
verbeugte sich steif, ohne einen Schritt nher auf sie zuzugehen, ohne ihre Hand
zu berhren.
    Lebwohl, Lotte.
    Sie hatte ein paar Schritte auf ihn zu gemacht. Sie brachte es nicht bers
Herz, ihn so gehen zu lassen. Sie streckte ihm die Hand entgegen, die er zgernd
ergriff, und wie eine Liebkosung klang ihre Stimme, als sie jetzt sagte:
    Adieu, Franz, und auf Wiedersehen! Gebe Gott, dass Du verschmerzt hast, was
ich Dir anthun musste, bis wir wieder beisammen sind.
    Er sagte nichts mehr, sondern starrte sie nur aus trostlosen Augen an, dann
wandte er sich kurz und zog die Thr rasch hinter sich zu.
    Sie drckte den Veilchenstrauss an die Lippen und blickte ihm
schmerzverloren nach, aber sie brach nicht zusammen. Das Bewusstsein hielt sie
aufrecht, den schwersten Sieg errungen zu haben, den ein Mensch zu erringen
vermag, den Sieg ber sich selbst!
    Lena hatte Franz' Besuch tglich erwartet. Sie war sehr ungehalten darber,
dass er ausblieb. Vernachlssigung war sie nicht gewhnt. Aber gerade, dass sie
ihr einmal zu teil wurde, steigerte ihren Wunsch, Franz zu gewinnen bis ins
unermessliche.
    Sie stieg zu Lotte herauf, die sie jetzt selten genug besuchte. Wenn sie
sich getuscht haben sollte, wenn diese beiden dennoch einig mit einander
geworden wren!
    Lena berzeugte sich bald von dem Gegenteil.
    Franz war lngst abgereist, und Lotte schien nicht das geringste Interesse
weder an dieser Abreise, noch an Franz berhaupt zu nehmen.
    Sie hatte nur Sinn fr Luischen.
    Luischen war ihr drittes Wort. Ob Lena denn nicht endlich einmal mit ihr
nach Schmargendorf heraus wolle, das liebe kleine Geschpf kennen zu lernen?
    Im Frhjahr, ja. Hat Franz nicht gesagt, wann er zurckkommt?
    Ich glaube, um Ende Mrz.
    Das war alles, was sie aus Lotte herausgebracht hatte. Daran musste sie sich
bis auf weiteres gengen lassen, aber ihre Laune wurde durch dies negative
Ergebnis ihrer Nachfragen nicht gerade verbessert.
    Am schwersten hatte Bornstein unter Lenas Stimmung zu leiden, und da er sie
noch immer wirklich gern hatte, litt er in der That. Zuweilen schalt er sich
einen ausbndigen Narren, dass er noch immer um ein Mdchen sich bemhte, das
trotz allem was er fr sie gethan hatte, nicht gewillt schien, auch nur um
Haaresbreite seinen Wnschen entgegen zu kommen.
    Aber gerade das reizte ihn. Sollte er nun, da er so lange um sie geworben
hatte, unverrichteter Sache wieder abziehen? Er wollte sich wenigstens sagen
drfen, dass er einmal sein Herrenrecht geltend gemacht, dass er sie einmal
besessen hatte.
    Einstweilen schien er indess weniger Aussicht zu haben denn je, seine
Stellung Lena gegenber zu verbessern.
    Hatte sich die kleine Launenhafte den ganzen Winter ber nicht gerade
hingebend gezeigt, hatte sie den meisten seiner Wnsche einen unbeugsamen Trotz
entgegengestellt, war es ihr niemals eingefallen, Rcksicht darauf zu nehmen,
dass er doch wohl das Recht habe, ihre Gesellschaft zuweilen allein zu
geniessen, hatte sie, im ausgesprochensten Gegensatz zu diesen seinen Wnschen,
sich nur um so hufiger mit einer frmlichen Schar von Verehrern und Freunden
umgeben, so schien Lena jetzt nach dem Frhjahr zu dies alles noch zuspitzen zu
wollen.
    Bornstein war so gereizt, dass er schon daran gedacht hatte, sie vor die
bndige Entscheidung zu stellen: Entweder Du nderst Dich, oder wir sind
geschiedene Leute. Da er aber Lena dazu im stande hielt, dem letzteren
Vorschlag mit ihrem pikantesten und berlegensten Lcheln zuzustimmen, verschob
er den entscheidenden Schritt von Tag zu Tag.
    Um die zweite Hlfte Mrz musste Bornstein nach Dahlow hinaus. Es war nicht
unmglich, dass er vierzehn Tage dort festgehalten werden wrde. Neuanlagen,
Umbauten waren zu besprechen. Der Verwalter war nicht mehr so auf dem Posten wie
frher, die Leute nicht mehr ordentlich im Zuge. Es war hchste Zeit, dass er
selbst mal nach dem Rechten sah.
    Er ging schwereren Herzens denn je. Wenn er nur jemanden gehabt htte, der
ihm whrend seiner Abwesenheit zuverlssigen Bericht ber Lena htte zugehen
lassen! Er schwankte lange, schliesslich bat er Kurt um diesen
Freundschaftsdienst.
    Strehsen war selbstverstndlich, wie stets bereit, Bornstein zu willen zu
sein.
    Selbst wenn Kurt nicht gewollt htte, er htte nicht anders gekonnt, denn er
war mit der Zeit vllig abhngig von Bornstein geworden. Er htte einfach
quittieren oder sich eine Kugel durch den Kopf schiessen mssen, wenn der Freund
die Hand von ihm abgezogen htte. Ein Bedenken, ob er den delikaten Auftrag
bernehmen oder ablehnen solle, gab es also nicht. Es blieb Kurt keine Wahl, als
Bornstein auf Ehrenwort zu versichern, dass er ein aufmerksames Auge auf Lena
haben und ihm alles auffllige unverzglich melden wrde.
    Verhltnismssig beruhigt fuhr Bornstein ab. Er wusste, er durfte sich auf
Kurt verlassen.
    Er wollte ja auch nichts weiter, als, nachdem er weit ber ein Jahr um Lena
geworben hatte, nicht gerade einen andern die Frchte pflcken sehen, die fr
ihn stets zu hoch gehangen hatten.
    So war Kurt jetzt tglicher Gast bei Lena, Oberspion, wie er selbst sich
nannte. Seine Besuche waren ihr augenscheinlich ebenso gleichgltig, wie die
aller andern. Sie machte keinen Unterschied und behandelte jeden, der ber ihre
Schwelle kam, mit derselben khlen Nachlssigkeit. Kurt konnte die
beruhigendsten Berichte nach Dahlow schicken. Dass Lena auf einen wartete, der
noch immer nicht wiederkommen wollte, dass sie aus diesem Grunde fr niemand
sonst etwas brig hatte, das freilich ahnte der wachthabende Leutnant nicht.
    Zehn Tage etwa mochte Bornstein von Berlin abwesend sein, als an einem
Nachmittag zu Ende Mrz die Thr zu dem trkischen Boudoir fr jeden Besucher,
auch fr Kurt, verschlossen blieb. Vergeblich ersuchte der Leutnant das
blondgekrauste Ladenmdchen, ihn zu melden. Er bot seine ganze, noch immer recht
knabenhafte Autoritt auf, vergebens. Selbst gegen ein ansehnliches Trinkgeld
blieb der blonde Cerberus unerbittlich. So dreist das Mdchen gegen jeden war,
vor ihrer jungen Prinzipalin hatte sie einen heillosen Respekt; nicht um die
Welt htte sie einem Gebot von ihr getrotzt.
    Als Kurt sah, dass ihm der Eintritt verweigert blieb, fing er an, sie
auszufragen. Aber auch damit hatte er wenig Glck. Wer denn bei Frulein Lena
drin sei?
    Das Mdchen zuckte die Achseln.
    Herr Bornstein selbst etwa?
    Sie lachte frech auf.
    Ein Fremder?
    Ja! Mehr wisse sie nicht, er solle sie nun in Ruhe lassen.
    Kurt ging, weil ihm nichts anderes brig blieb. Am liebsten htte er gleich
an Bornstein telegraphiert, dass Gefahr im Verzuge sei. Aber er hatte ja nicht
den geringsten Beweis dafr, dass es wirklich so war. Der Fremde konnte ebenso
gut ein Geschftsmann sein, der mit Lena zu thun hatte, als ein neuer
unbekannter Verehrer. Warum sollte sie gerade diesen bei verschlossenen Thren
empfangen, da sie es mit einem von ihnen niemals gethan hatte, nicht einmal mit
Bornstein!
    Er wollte gegen Abend noch einmal hinausfahren und Lena gewissenhaft aufs
Korn nehmen. Zeigte sich dann irgend etwas Verdchtiges, war es immer noch Zeit,
Bornstein zu benachrichtigen.
    Als Kurt zwei Stunden spter wiederkam, war die Luft rein, und Lena gerade
so khl, ruhig und berlegen, wie sie es in letzter Zeit stets zu sein pflegte.
Ungefragt erzhlte sie ihm mit grsster Kaltbltigkeit von dem Besuch eines
Landmannes, den sie nachmittags gehabt habe. Er sei Geschftsmann und wolle sich
hier etablieren. Da er ihren Rat in verschiedenen geschftlichen Dingen erbeten,
habe sie whrend seiner Anwesenheit niemand sonst empfangen knnen. Es thue ihr
leid, dass er gerade um diese Zeit und vergebens bei ihr vorgesprochen habe.
    Kurt war sehr zufrieden, dass er in seiner Herzensangst nicht gleich zum
Telegraphenamt gestrzt war. Es wre eine schne Blamage gewesen.
    Weniger kaltbltig wie Lena, brachte Franz Krieger die Stunden nach dem
langen Beisammensein unter vier Augen mit ihr zu.
    Merkwrdig war es ihm mit diesem Mdchen ergangen. Whrend der drei Wochen,
die er nach Lottes Abweisung noch zu Haus hatte zubringen mssen, war Lena so
gut wie vergessen gewesen.
    Die Wunde, die Lotte ihm geschlagen hatte, sass zu tief, brannte zu
schmerzlich, als dass ein anderer Gedanke daneben htte aufkommen knnen. Er
litt unsglich, aber er litt ruhig und gefasst, in einer Art stumpfer Betubung.
Sie liebte ihn nicht, er musste lernen es zu tragen. Erst seit er in Berlin war,
hatte sein Schmerz einen durchaus andern Ausdruck angenommen. Vorbei war es mit
der Ruhe, der Fassung, der Resignation. Hier, wo er geglaubt hatte, mit ihr
glcklich zu sein, war eine peinigende Unruhe ber ihn gekommen, ein brennendes
Verlangen zu vergessen, was sie ihm angethan hatte. Was sollte er hier in dieser
heisspulsierenden mchtig sich regenden Stadt mit seinem totwunden Herzen?
Sollte er als ein bleicher, abgestorbener Schatten sein neues Leben beginnen, um
es willensunfhig gleich wieder mit einem Schiffbruch enden zu lassen? Mde und
gebrochen in eine Schaffensperiode treten, die den ganzen Mann forderte?
    Nein, was es auch kostete, er musste seines Schmerzes Herr werden, musste
sich herausreissen aus der dumpfen Betubung, aus der er noch immer nicht
erwacht war, seit er die vier steilen Treppen von Lottes Dachstbchen
heruntergestiegen war.
    Er suchte Vergngungen auf; so neu und ungewohnt sie ihm waren, sie ekelten
ihn an. Er trank mit fremden Kneipkumpanen - Bekannte und Freunde hatte er nicht
in Berlin - zu dem schweren Herzen gesellte sich ein schwerer Kopf und machte
ihn noch arbeitsunfhiger, als sein Kummer ihn ohnedies gemacht hatte. Endlich
fiel ihm Lena ein. Ja, Lena war das rechte! Wenn irgendwo, so war es mglich,
bei ihr das Vergessen zu lernen. Und vergessen wollte er.
    Lenas kaum verhehlte Freude ihn wiederzusehen, rhrte ihn beinah. Ja, sie
hatte ihn wirklich gern, sie hatte es nie vor ihm verborgen. Wie im Fluge waren
die Stunden mit ihr wiederum vergangen. Das erste Mal, seit Lotte jede Hoffnung,
jede Lebensfreude in ihm erttet hatte, dass er den langsamen, schleichenden
Gang der Zeit nicht empfunden hatte. An Lena wollte er sich halten. In ihrer
Nhe vergass er die nagende Pein um Lotte. Sie wirkte auf ihn wie starker Wein,
sss und berauschend.
    In diesem Rausch lief er stundenlang umher, bis er den Weg zu seiner
entfernten Wohnung im Sdosten der Stadt wiedergefunden hatte. Er dachte nichts
anderes und wollte nichts anderes denken, als an den lockenden, verheissenden
Blick ihrer schwarzen Augen, an die weichen Formen ihrer zur Ueppigkeit
neigenden Gestalt, an den Druck ihrer feinen, mit funkelnden Steinen
geschmckten Hand, der ihm noch in der Erinnerung, wie ein elektrischer Schlag
durch die Glieder ging.
    Am Sonntag hatte sie ihm erlaubt wiederzukommen. Heute war erst Donnerstag!
Eine lange Zeit fr einen, der sich vor seinen Gedanken frchtet.
    Als er am Sonntag den Laden betrat, tnten ihm aus dem trkischen Boudoir
Stimmen und Lachen entgegen. Er wollte sofort die Flucht ergreifen. Lena in
Gesellschaft anderer zu sehen, war ihm ein unertrglicher Gedanke. Er fhlte
instinktiv, dass sie nur unter vier Augen jene alles vergessende Wirkung wrde
auf ihn ausben knnen, deren er bedurfte, um zu leben, zu arbeiten. Aber das
blonde Mdchen liess ihn nicht fort.
    Das Frulein hat's mir extra eingeschrft, Sie hereinzufhren. Unangemeldet
sogar, fgte sie mit ihrem dreistesten Lcheln hinzu.
    Als Franz eintrat, verstummte die Unterhaltung Lena stand auf und begrsste
ihn mit stark betonter Liebenswrdigkeit. Dann stellte sie ihn als einen lieben
Jugendfreund, der sich soeben in Berlin etabliert habe, den brigen Anwesenden
vor und bat Kurt in ihrer kurzen Art, die keinen Widerspruch duldete, Herrn
Krieger den Platz an ihrer Seite abzutreten.
    Kurt erhob sich sofort, aber er zog seine schrfste Sphermiene auf.
    Jetzt galt es aufzupassen. Das also war der Geschftsfreund, der bei
verschlossenen Thren empfangen worden war. Dies war am Ende doch eine Sache,
die Bornstein etwas anging. Wer weiss, was nicht schon verfehlt war dadurch,
dass er neulich nicht gleich telegraphiert hatte! Er liess die beiden nicht mehr
aus den Augen, und genug gab es fr ihn zu hren und zu sehen. Lena gab sich
nicht die geringste Mhe, ihre Vorliebe fr diesen Jugendfreund zu verbergen,
und er war so vollstndig in ihrem Bann, dass er alles andere darber vergass.
Je lnger die Intimitt der beiden dauerte, um so unbehaglicher wurde es Kurt zu
Mut. Schliesslich sass er wie auf Kohlen. Die brigen Besucher hatten sich
lngst verabschiedet.
    Nur dieser tppisch verliebte Mensch und er sassen noch immer mit Lena an
dem kostbar eingelegten Tisch und rauchten eine Cigarette nach der andern. Was
sollte er thun? Es war hchste Zeit, an Bornstein zu telegraphieren, wenn der
Freund morgen mit dem ersten Zug abfahren sollte. Und das schien Strehsen nicht
nur geraten, nein, geradezu gebotene Notwendigkeit. Wie aber sollte er es
anfangen, ohne die beiden allein zu lassen?
    Endlich sah Lena auf die Uhr.
    Schon zehn? Mein Gott, darum bin ich auch so mde. Ich muss Sie jetzt
entlassen, meine Herren. Auf Wiedersehen, Herr von Strehsen. Sie reichte ihm
flchtig die Fingerspitzen zum Kuss.
    Dann stahl sie ihre Hand zu Kurts Entsetzen ganz ungeniert in die des
provinziellen Menschen und sagte mit ihrem verfhrerischsten Lcheln:
    Du kommst wohl morgen abend um acht, wie wir verabredet haben, lieber
Franz?
    Draussen nahm Kurt sich kaum Zeit, sich von dem Friedensstrer zu
verabschieden. Wie ein Verfolgter strzte er auf den nchsten Taxameter zu und
schrie ihn an, so schnell die Mhre laufen knne, nach dem Haupt-Telegraphenamt
zu fahren. -
    Mit einem der Vormittagszge traf Bornstein ein. Da er Kurt telegraphisch
davon benachrichtigt hatte, erwartete ihn der Leutnant auf dem Bahnhof.
    Bornstein kochte vor Grimm, nachdem er Kurt gehrt hatte. Dennoch nahm er
sich Zeit. Seinen letzten Trumpf durfte er nicht leichtsinnig ausspielen.
    Um acht Uhr hatte sie diesen Menschen zu sich bestellt. Er wrde warten bis
dahin. In flagranti wrde er sie ertappen. Und dann, dann sollte reiner Tisch
zwischen ihnen gemacht werden. Er hielt dieses Leben nicht mehr lnger aus.
Entweder oder. Biegen oder Brechen. Sie hatte ihn lange genug gefoppt. Seine
Geduld war zu Ende.
    Um ein viertel auf neun schritt er durch den Laden, ohne den Gruss des
blonden Mdchens zu erwidern, gerade auf das trkische Zimmer zu, in dem Lena
ausnahmslos ihre Besuche zu empfangen pflegte. Das Mdchen rief ihm etwas nach,
was er nicht verstand. Er hrte auch gar nicht auf sie. Er riss die Thr auf.
Das Zimmer war leer.
    Da erst wandte er sich zu der jetzt dicht an seiner Seite Stehenden um.
    Sie erschrak vor dem Ausdruck seines sonst so gutmtigen phlegmatischen
Gesichts. Wie Wetterleuchten zuckte es darber hin. Das sprliche rtliche Haar
unter dem weit aus der Stirn zurckgeschobenen Hut schien sich frmlich zu
struben.
    Mit eisernem Griff umfasste er die Hand des Mdchens.
    Wo ist Frulein Weiss? Lgen Sie nicht, ich rate es Ihnen. Weit stiess er
sie von sich und spuckte in einem grossen Bogen vor ihr aus.
    Pfui, Sie - Sie Gelegenheitsmacherin Sie!
    Das dreiste rohe Geschpf zitterte an allen Gliedern. Sie glaubte nicht
anders, als dass Bornstein pltzlich wahnsinnig geworden sei.
    Frulein ist schon in ihrem Schlafzimmer. Sie wollte frh schlafen gehen.
Sie sagte, sie wre sehr mde!
    Er lachte laut und hhnisch auf.
    Wie Du schlau bist, Krte! Aber es hilft Dir nichts. Glaubst Du, ich wsste
nicht, dass jemand bei ihr ist? Marsch, mach' Platz, ich will hinein!
    Er stiess sie zur Seite wie eine giftige Natter und strzte durch den
kleinen Gang, der von dem Laden zu Lenas Wohnung fhrte. Die Verbindungsthr war
schon verschlossen. Er riss an der Klingel, einmal, zweimal. Als nicht gleich
jemand kam, donnerte er mit den Fusten dagegen.
    Jetzt wurde der Riegel zurckgeschoben. Lenas Kchin stand vor ihm.
    Er schob sie bei Seite und schlug die Thr hinter sich zu.
    Wo ist das Frulein? Ganz heiser war er vor Wut. Die grossen runden Augen
quollen ihm frmlich aus dem Kopf.
    Das Mdchen, eine dumme, gutmtige Person, blieb ganz arglos.
    So viel ich weiss, ist das Frulein schon beim Auskleiden.
    Er strzte an ihr vorbei auf Lenas Schlafzimmer zu. Da erst sah ihm das
Mdchen mit grossen, angsterfllten Augen nach. Auch sie glaubte nichts anderes,
als dass der Herr pltzlich den Verstand verloren habe.
    Als Bornstein die Thr erreicht hatte, wurde sie auch schon von Innen
geffnet.
    Lena trat auf die Schwelle in einem scheinbar rasch bergeworfenen, losen
weissen Morgengewand, das prachtvolle schwarze Haar aufgelst im Nacken. Sie zog
die Thr rasch wieder hinter sich zu, lehnte sich mit dem Rcken dagegen und
sagte mehr erstaunt als gergert:
    Was soll denn der Lrm bedeuten? Wo kommen Sie pltzlich her, Bornstein?
    Ihre Ruhe emprte ihn noch mehr. Dabei war sie so verfhrerisch schn in
ihrem nachlssig bergeworfenen Anzug, der ihre ganze blhende Jugend ahnen
liess, dass er den letzten Rest von Fassung verlor. War er der Narr dazu, einem
anderen zu gnnen, was er selber nie besessen hatte!
    Er packte Lena beim Arm und versuchte sie von der Thr zurckzureissen.
    Mach' Platz, schrie er, weiss vor Wut. Als sie sich nicht rhrte, stiess
er sie bei Seite und streckte die Hand nach der Thrklinke aus.
    Aber sie war schneller als er. Mit einer raschen Bewegung drehte sie den
Schlssel im Schloss um, zog ihn ab und liess ihn in ihre Tasche gleiten.
    Wirst Du gleich ffnen, knirschte er.
    Sie sah ihn von oben bis unten mit einem grenzenlos verchtlichen Blick an.
    Hab' ich Ihnen je mein Schlafzimmer geffnet? Wie soll ich heute dazu
kommen?
    Mir nicht, aber einem andern, schrie er bebend vor eiferschtiger Wut.
Mach' auf, oder ich schlage Dich tot!
    Sie zog den Schlssel aus der Tasche und steckte ihn selbst ins Schloss.
    Bitte, sagte sie ruhig.
    Er sah sie verblfft an. Einen Augenblick schwankte er, ob er von seinem
Verlangen zurcktreten sollte, dann drehte er den Schlssel im Schloss und
ffnete die Thr. Pah! Diese geheuchelte Ruhe war nichts als eine Finte, ihn auf
andere Fhrte zu locken. Aber er war nicht so dumm, darauf hereinzufallen. Ohne
Zweifel hielt sie den Elenden in ihrem Schlafzimmer versteckt. Gnade ihm und
ihr!
    Er strzte hinein, besinnungslos mit vorgestrecktem Kopf wie ein Hund, der
einem Wild auf den Fersen ist. Mit untergeschlagenen Armen stand sie berlegen
lchelnd dabei. Innerlich frohlockte sie, dass es so gekommen war. Dies war
Freiheit, war Erlsung.
    Er durchstberte jede Ecke, jeden Winkel, der einen Versteck htte bieten
knnen. Nur an ihr unberhrtes Lager wagte er sich nicht heran.
    Nichts, nirgends auch nur eine Spur.
    Sie wartete ruhig, bis er fertig sein wrde. Sie regte sich nicht und sprach
kein Wort. Nur der Spott um ihren Mund sprach eine beredte Sprache.
    In demtiger, gebeugter Haltung kam er zu ihr zurck.
    Er kroch mehr, als er ging.
    Verzeih' mir, Lena, Kurt hat mich rasend gemacht - er sagte - er glaubte -
    Er hob den Blick zu ihr auf, aber ihre ihm begegnenden Augen sahen ihn so
verchtlich an, dass die Rede ihm stockte. Er verbeugte sich und schritt stumm
ber die Schwelle. Als er aus dem Zimmer war, rief sie ihn noch einmal an:
    Wir sind nach diesem wohl fertig mit einander, das werden Sie selbst
einsehen.
    Er wollte etwas sagen, aber sie unterbrach ihn rasch. Bedanken Sie sich bei
Ihrem Freunde dafr, nicht bei mir. Und nun, gute Nacht, ich bin mde.
    Sie zog die Thr nachlssig ins Schloss. Er hrte noch, wie sie den Riegel
vorschob. Wie ein geprgelter Hund schlich er davon.
    Erst draussen machte er seinen Gefhlen Luft. Ohne auf die Menschen zu
achten, die in dichten Scharen die Potsdamer Strasse belebten, hob er die Faust
auf und schrie laut:
    Warte Kurt, den Freundschaftsdienst sollst Du mir bssen!
    Lena entkleidete sich sehr langsam, nachdem sie die Ordnung in ihrem Zimmer
wieder hergestellt hatte. Ein befriedigtes Lcheln umspielte ihren vollen Mund.
    Als sie im Bett lag, nahm sie einen zusammengelegten, beschriebenen Zettel
von ihrem Nachttisch. Es war ein Gruss von Franz. Er hatte ihn als Antwort auf
den Brief geschickt, in dem sie ihre Verabredung von heut auf morgen verlegt
hatte.
    Diese Vernderung, von einer Laune diktiert, war ihr zum Schicksal geworden.
Der Wrfel war gefallen und, wie es schien, wieder einmal zu ihren Gunsten. Seit
sie Franz wiedergesehen, hatte sie nach einem Bruch mit Bornstein gelechzt.
    Behaglich streckte sie sich in ihren weichen Kissen aus. Ein langweilig
gewordenes Buch war bei Seite geworfen, ein neues aufgeschlagen worden. Wrde es
auf die Dauer fesselnder sein?

Bornsteins Versuche, Lena wiederzusehen, waren smtlich fehlgeschlagen.
Unerffnet kamen seine Briefe zurck. Er raste, aber es half ihm nichts. Sie
blieb unerbittlich.
    Eine Woche, nachdem er den Eintritt zu Lenas Schlafzimmer erzwungen hatte,
wurde ihm durch einen Bankboten das Lena vorgestreckte Kapital samt den noch
flligen Zinsen berbracht.
    Die Abrechnung stimmte auf den Pfennig.
    Er zerbrach sich den Kopf darber, wie das zusammenhngen knne. Er fand
keine Erklrung, keinen Zusammenhang. Aber bereits die nchste Post brachte dem
vllig Verblfften, wonach er vergeblich gesucht, die Aufklrung in Form einer
geschmackvoll ausgestatteten Anzeige:

                                   Lena Weiss
                                 Franz Krieger,
                                 Grosskaufmann,

empfehlen sich als Verlobte.
                                                          Berlin, im April 1899.

Er zerriss das Blatt in tausend kleine Fetzen und zertrat es unter den Fssen.
Seine Wut kannte keine Grenzen. Zum erstenmale in seinem Leben hatte er bei
einem Weibe verspielt.
    Als Lotte von der Verlobung erfuhr, ward ihr bitter weh ums Herz. Aber hatte
sie es nicht selbst so gewollt? War es nicht schliesslich am besten so, da der
Freund ihr ja doch lebenslang unwiederbringlich verloren war? Gebe Gott, dass
Lena ihn glcklich machte!
    Sie hatte sich gerade angekleidet, um zu Luischen hinauszufahren, als Lenas
flchtig hingekritzelter Brief mit der bedeutsamen Nachricht gekommen war. Einen
Augenblick dachte sie daran, ihren Besuch in Schmargendorf aufzuschieben, so
mde und schwer waren die Glieder ihr pltzlich geworden. Aber nach kurzem Kampf
raffte sie sich auf. Bei Luischen war ihr Platz. Sobald es ihr Kind anging,
musste sie jederzeit bereit sein. Diese Liebespflichten durften sie niemals mde
finden. Sie liebte das Kind nur um so inniger noch, seitdem sein Dasein ihr auch
den letzten Freund gekostet hatte.
    Am nchsten Nachmittag suchte Lotte Lena auf, um ihr ihre Glckwnsche zu
bringen. Sie fand sie allein. Franz war durch die Einrichtung des Geschfts noch
immer sehr stark in Anspruch genommen.
    Sie war nicht so heiter, als Lotte es wohl erwartet hatte. Khl und trocken
sprach sie sich aus, als ob es sich um den Abschluss eines wohlberlegten
Geschfts, nicht aber um Neigung und Liebe gehandelt habe. Mit Genugthuung
erzhlte sie, dass Franz sie von allen Verpflichtungen gegen Bornstein sofort
losgelst habe, wie es aber mit ihrem Geschft nun werden solle, ob es nach dem
Sdosten verlegt oder hier bleiben solle, das sei noch ein streitiger Punkt
zwischen ihnen.
    Lotte sah die Schwester mit grossen, verwunderten Augen an.
    Wie denn? Du willst Dein Geschft behalten, Lena, auch wenn ihr verheiratet
seid?
    Aber natrlich. Glaubst Du, ich wollte meine teuer erkaufte Selbstndigkeit
aufgeben? Bloss die Frau meines Mannes sein? Das hielte ich nicht acht Tage
aus.
    Und was sagt Franz dazu? fragte Lotte kleinlaut.
    Lena lachte.
    Zuerst machte er ein schrecklich dummes Gesicht, so wie frher, Lotte,
weisst Du noch, wenn ich etwas besonders Verrcktes ausgeheckt hatte und dann
davonlief und ihn stehen liess, weil er doch nicht htte mitthun knnen. Nach
und nach hat er's aber eingesehen, dass ich eine viel zu moderne Frau bin, um
mir an einer langweiligen Wirtschaft gengen zu lassen. Ganz ausgefochten aber
ist unser Streit noch immer nicht. Er will, ich soll mit dem Geschft nach
seiner elenden Gegend bersiedeln, ich will natrlich hier bleiben. Ist es nicht
schon schlimm genug, dass man in diesem ordinren Stadtteil wohnen muss? Nicht
um die Welt verleg' ich mein Geschft dahin. Abgesehen von allem Uebrigen, wrde
mir ja meine ganze Stammkundschaft flten gehen. Na, ich werde ihn schon noch
rumkriegen.
    Lotte war sehr nachdenklich geworden.
    Wenn Du Deinen Willen durchsetzst, Lena, werdet Ihr Euch ja den ganzen Tag
kaum sehen?
    Lena lachte wieder.
    Du bist gerade so spiessig wie Franz. Ich glaube wirklich, ihr beide httet
doch besser zu einander gepasst. Deswegen brauchst Du nicht rot zu werden,
Lotte. Jetzt habe ich ihn einmal und behalte ihn; trotz alledem bin ich nmlich
schrecklich verliebt in ihn. Also wovon sprachen wir gerade? Richtig, dass wir
uns auf diese Weise den ganzen Tag nicht sehen wrden. Der reine Unsinn. So was
knnt Ihr auch nur behaupten. Sehr praktisch habe ich mir schon alles
ausgedacht. Vor allen Dingen werden Rder angeschafft. Du weisst, Bornstein hat
es nie haben wollen, sonst htte ich lngst geradelt. Auf diese Weise brauche
ich nicht mehr als gute zehn Minuten vom Moritzplatz bis hierher. Morgens um
neun fahre ich ab und um fnf - wir machen natrlich englische Tischzeit - radle
ich wieder herein. Wenn dann was besonderes vorliegt, kann ich abends immer noch
'mal heraus. Hat Franz Lust und Zeit, kann er mich ja dann begleiten. Pass nur
auf, er gibt schon nach, und schliesslich gefllt es ihm selbst ganz gut, dass
wir nicht den ganzen Tag zusammenhocken. Fr eine Ehe, in der nicht jeder seine
Freiheit hat, danke ich bestens.
    Lotte wollte gerade eine Antwort geben, die im ausgesprochensten Gegensatz
zu Lenas Anschauung gelautet haben wrde, als Franz eintrat.
    Bei Lottes unerwartetem Anblick stutzte er einen Augenblick. Eine grosse,
peinliche Verlegenheit schien Herr ber ihn werden zu wollen. Aber dann warf er
sich trotzig in die Brust.
    Sie selbst hatte ihn ja in Lenas Arme getrieben. Und als ob er ihr htte
beweisen wollen, wie wohl ihm darin sei, herzte und ksste er seine Braut, dass
Lotte sich errtend abwandte. -
    Die Hochzeit war fr Anfang Juni festgesetzt worden, bis dahin konnte Lenas
Ausstattung fertig sein und Franz' Geschft einen einigermassen geregelten Gang
gehen.
    Auf etwas anderes brauchten sie nicht zu warten.
    Nur im kleinsten Kreise sollte die Hochzeit gefeiert werden. Der Vater,
Lotte, Frau Wohlgebrecht als Anstandsdame, Clementine und Elisabeth von Strehsen
und die entsprechende Anzahl Kavaliere fr die Damen waren geladen. Lena htte
Kurt gern dabei gehabt, aber der hatte sich seit jenem Abend vor der Katastrophe
mit Bornstein nicht wieder gezeigt. Sie hatte ihm durch Elisabeth sagen lassen,
sie hege nicht den geringsten Groll gegen ihn, dass er das schuldige Werkzeug zu
ihrer und Bornsteins Trennung geworden sei. Dennoch blieb er von der Bildflche
verschwunden. Eines Abends, kurz vor der Hochzeit, als Elisabeth draussen bei
Lena sass, berichtete sie unter Thrnen den Zusammenhang.
    Bornstein hatte seine Hand vllig von Kurt abgezogen. Er hatte es ihm nicht
vergeben knnen, dass er ihn zu dem heftigen Auftritt mit Lena gereizt hatte. Da
Kurts Verhltnisse damals gerade ziemlich glatt gewesen waren - Bornstein hatte
kurz zuvor ziemlich hufig bluten mssen - hatte er den Dienst auf der Stelle
quittiert. Die Mutter habe darauf gedrungen. Sie verlangte, dass ein Strehsen
wenigstens ohne Schulden abschnitte. Wochenlang sei er ohne Beschftigung, ohne
Verdienst umhergelaufen, jetzt habe Kurt endlich eine bescheidene Stellung auf
einem Bankbureau gefunden. Aber er sei ganz geknickt, der arme Junge, und liesse
sich nirgends sehen. Im Grunde sei es, Lena mge ihr das nicht belnehmen, eine
bodenlose Schufterei von Bornstein, denn was habe Kurt dann eigentlich anderes
verbrochen, als Bornsteins Auftrgen gemss gehandelt?
    Die Mutter ist ganz verzweifelt, fuhr Elisabeth fort, Kurts Freundschaft
mit Bornstein war ihr letzter Halt. An Papa hat sie gar keine Sttze mehr. Er
ist menschenscheuer und stumpfsinniger denn je. Die Kreuzzeitung und die
Rangliste kommen kaum noch aus seinen Hnden. Unser Kleiner soll nun auch zu
Michaelis aus dem Korps heraus und irgendwo in die Lehre gesteckt werden. Der
arme Junge! Das werden bse Zeiten werden! Aber Mama lsst nicht mit sich reden.
Sie ist wie umgewandelt. Frher schien ihr der Soldatenstand die einzig mgliche
Carriere fr einen Strehsen. Heute hat sie ein frmliches Grauen davor bekommen.
Fr unseren Graudenzer hoffen wir ja auf die Gnade seines hohen Paten, des
Prinzen Leopold. Mama will darum einkommen, dass ihm aus der Privatschatulle des
hohen Herrn ein Zuschuss bewilligt wird.
    Lena war es sehr peinlich, dass sie indirekt die Schuld an dem vlligen
Niedergang der Strehsens trug. Aber was konnte sie dagegen thun? Hchstens den
beiden alternden Mdchen ab und zu etwas zukommen lassen.
    Bornsteins Handlungsweise begriff sie ganz gut, ja sie gefiel ihr sogar. Es
lag etwas Temperamentvolles darin, was sie sonst an Bornstein vermisst hatte.
Jedenfalls war es die interessanteste Situation, die er zu Wege gebracht hatte.
Das shnte sie ein wenig mit ihm aus.
    Franz hatte sie in der ersten Zeit unausgesetzt ber ihre Beziehungen zu
Bornstein ausgefragt. Lena hatte es nicht anders erwartet und ihm gesagt, was
sie fr gut befunden hatte. Im Grunde hatte sie ihm ja nichts zu verheimlichen,
aber wozu ihn in alles einweihen? Das konnte fr spter, wenn es ihm einmal
einfallen sollte - und was fiel einem Manne nicht ein? - Schlsse von der
Vergangenheit auf die Gegenwart zu ziehen, am Ende unbequem werden, und Lena
wollte keine Unbequemlichkeiten mehr. Mehr als genug hatte sie davon gehabt. Als
Frau wollte sie unbeanstandeter noch denn als Mdchen, ihr Leben geniessen, nach
allen Richtungen hin. Von Mkeleien und Nrgeleien wollte sie nichts mehr
wissen.
    Und Franz mkelte und nrgelte nicht. Er that ihr jeden Willen und war es
zufrieden, wenn sie ihm ein heiteres Gesicht zeigte und er sich an ihren
Liebkosungen berauschen durfte. Sie waren das einzige, was ihm darber forthalf,
dass er gethan hatte, was er niemals htte thun drfen, dass er sich im Rausch
einer kurzen Stunde ernsthaft an Lena gebunden hatte. -
    Mit blhenden Flieder- und Schneeballbschen, mit den ersten knospenden
Rosen zog der Juni ins Land. Fr den sechsten war die Hochzeit bestimmt. Am
vorletzten Tage noch kam eine Absage vom Vater. Er konnte sich nicht
entschliessen, sein behagliches Dasein in Karstens Garten auch nur auf ein paar
Tage zu unterbrechen. Er sei ein alter Mann und passe mit seinem Stelzfuss und
seiner Pfeife - von seinem Korn sagte er nichts - nicht in eine feine
Hochzeits-Gesellschaft. Die Tchter mchten ihm nicht bse sein.
    Lena kam diese Absage sehr gelegen. Sie hatte den Vater berhaupt nur auf
Lottes und Franz' dringendes Zureden eingeladen.
    Lotte aber war sehr betrbt. Den alten Mann einmal wiederzusehen, war ihr
inniges Herzensbedrfnis geworden. Franz brummte und machte ein missmutiges
Gesicht. Er erklrte den Alten fr einen ausgemachten Egoisten.
    Die Hochzeit verlief still und sehr wenig nach Lenas Sinn. Sie hatte an
allem auszusetzen. Das Menu war nicht gut zusammengestellt. Franz und Lotte
waren in ganz berflssigem Masse gerhrt. Eine Hochzeit war doch am Ende kein
Leichenschmaus.
    Clementines und Elisabeths unerlaubt schlechte Toiletten brachten sie zur
Verzweiflung, ebenso Frau Wohlgebrechts breite, behbige Redseligkeit. Das
einzig ertrgliche waren die drei Kavaliere der unverheirateten Damen, die Lena
nach eigenem Geschmack gewhlt hatte.
    Das kurze Diner schien kein Ende nehmen zu wollen. Endlich war man bis zum
Eis gelangt. Gleich danach wollte das junge Paar aufbrechen. Franz machte
Anstalten, Lotte ein Wort des Abschieds zu sagen. Sein Groll gegen sie war
lngst geschwunden. Der Trotz, mit dem er sich gewappnet hatte, lngst gelst.
Was konnte diese feine Seele dafr, dass sie ihn nicht hatte lieben knnen?
Rhrend lieblich sah sie heute aus in ihrem schlichten weissen Kleidchen mit den
Rosenknospen im Grtel, die so blass waren wie ihr schmales Gesichtchen, aus dem
die grossen graublauen Augen wie zwei milde Sterne strahlten. Nur einen
flchtigen Hndedruck erhaschte er. Lena liess ihm zu einem Abschiedswort nicht
Zeit. Sie trieb, um endlich aus der ihr unertrglich langweiligen Gesellschaft
herauszukommen.
    Vielleicht ist es besser so, dachte Franz trbsinnig. Das beste
vielleicht, er sah sie berhaupt niemals wieder.
    Mit bangen, traurigen Augen blickte Lotte den Davoneilenden nach. Sie hatte
sich fr strker gehalten. Sie hatte nicht geahnt, dass dieser letzte
entscheidende Schritt, der sie auf immer von Franz trennen musste, ihr wie ein
schneidendes Schwert durch die Seele gehen wrde.
    Eine kurze Weile hielt sie sich mit bermssiger Anstrengung aufrecht. Dann,
mit einem gestammelten Vorwand gegen ihre Nachbarn, entfernte sie sich vom
Tisch. Sie wollte zu Luischen hinaus, die Thrnen, die ihr heiss und trocken in
den Augen brannten, ausweinen bei ihrem Kinde.
    Die Hochzeitsfeier hatte in Lenas Wohnung stattgefunden.
    Als Lotte jetzt durch den Laden schritt, um so schnell wie mglich ins Freie
zu gelangen, fhlte sie sich am Arm zurckgehalten.
    Wollen Sie nicht einen Augenblick auf mich warten, Herzchen? Ich komme
gleich mit!
    Lotte zwang sich zu einem zustimmenden Lcheln. Sie konnte die gute Frau
Wohlgebrecht nicht zurckweisen, so schwer es ihr auch in diesem Augenblick
wurde.
    Frau Wohlgebrecht war im Umsehen fertig und an ihrer Seite.
    Lassen Sie sich ja nicht stren, Kindchen, wenn Sie etwa einen bestimmten
Weg vorhaben. Ich bin fr den Tag ganz frei und begleite Sie mit Vergngen.
    Lotte wurde rot und verlegen. Es kam ihr so vor, als ob Frau Wohlgebrecht
mit dieser Bemerkung etwas anzgliches habe sagen wollen.
    Oder war es nur ihr schlechtes Gewissen, das sie so misstrauisch machte?
    Als Lotte nicht antwortete, blieb Frau Wohlgebrecht stehen und sah ihr
freundlich in die Augen. Ein pltzlicher Gedanke schien ihr gekommen zu sein.
    Wissen Sie auch, Herzchen, dass ich Ihnen noch was schuldig bin?
    Lotte schttelte den Kopf.
    Doch, die Spazierfahrt, die wir im Januar zur Feier Ihrer Rekonvaleszenz
machen wollten und die Sie dann hinter meinem Rcken mit Frau Korn gemacht
haben, die holen wir heute nach. Passen Sie auf, an diesem schnen Nachmittag
werden wir mehr Freude daran haben, als an dem ganzen langweiligen
Hochzeitsdiner.
    Sie winkte, ohne Lottes Antwort abzuwarten, einen Taxameter ber die Strasse
herber.
    Wo wollen wir hin? Ich denke nach Hundekehle. Der Kutscher kann uns ber
Schmargendorf fahren, das ist der nchste Weg von hier.
    Lotte stotterte einen schwachen und verlegenen Widerspruch, von dem Frau
Wohlgebrecht nichts zu verstehen schien, denn sie nahm ruhig in der Droschke
Platz und sagte dem Kutscher Bescheid. Dann lehnte sie sich bequem in die Kissen
zurck und nahm Lottes Hand zrtlich in die ihre.
    Ich habe nmlich so eine Idee, Kindchen, als ob Sie auch gern irgendwo
herausgewollt htten. Sehen Sie mir 'mal ehrlich in die Augen! Ist es nicht so?
    Lotte machte einen vergeblichen Versuch etwas zu erwidern, aber sie brachte
kein Wort heraus.
    Frau Wohlgebrecht fuhr ihr mit der Hand liebkosend ber das heiss gewordene
Gesicht.
    I lassen Sie man, Kindchen. Sie brauchen mir's ja nicht zu sagen, wenn Sie
nicht wollen. Hier wenigstens nicht bei dem Gerumpel, wo man doch kein Wort
versteht. Vielleicht geht's draussen besser, wo's still und friedlich ist. Wie
wr's denn, wenn wir in Schmargendorf Station machten? Ihre Freundin, Frau Korn,
brigens ein Prachtexemplar von Frau, schwrmt mir immer von dem netten Grtchen
mit den Fliederbschen vor, das ihre Bekannte, die Tischlersfrau, draussen hat.
Da knnten wir vielleicht 'mal reingucken, Lottchen? Der Flieder blht grade
jetzt so schn, und in der Fliederlaube plaudert's sich's gewiss nicht schlecht
von allerlei Dingen, ber die man sonst nicht gern spricht, und die man einer
alten Frau bisher recht berflssiger Weise verheimlicht hat. Was meinen Sie,
Herzenskind, wollen wir zu den Tischlersleuten fahren?
    Lotte hielt mit beiden Hnden Frau Wohlgebrechts Hand umschlossen. Sprechen
konnte sie nicht. Ganz still sass sie da wie vor einer Offenbarung. Trumte sie
denn oder war es Wahrheit? Diese Frau kannte ihre Schuld und sie verwarf sie
nicht? Sie hielt zu ihr und sagte ihr in der denkbar zartesten Weise: Fhre
mich zu Deinem Kinde!
    Hatte Gerhart das ngstlich gehtete Geheimnis preisgegeben? Hatte Frau Korn
es ihr anvertraut? Hatte sie sich selbst verraten? Gleichviel. Was that's, durch
wen ihre Schuld offenbar geworden, wenn die Seelengrsse dieser Frau sie nicht
verdammte? Wenn ihre grundlose Gte ihr die sttzende, schtzende Hand reichte?
    Wilmersdorf und Friedenau hatten sie hinter sich. Jetzt bogen sie in die
breite Chaussee ein, die geraden Weges durch Schmargendorf in den Grunewald
fhrt. Vor ihnen lag das blulich dunkle Waldland, zur Rechten und Linken
Felder, deren bereits dunkelgrn gefrbte Halme sich in dem sanft darber
hingehenden Hauch des Juniwindes neigten. Die Sonne stand noch ziemlich hoch am
Himmel und spiegelte sich mit goldenen Reflexen in den Fensterscheiben
vereinzelter Gehfte, in den kleinen stehenden Wassertmpeln zwischen den
Aeckern, hinter den sie durchbrechenden niederen Hecken.
    Lotte legte den Arm um Frau Wohlgebrechts Schulter und flsterte:
    Wir werden bald dort sein. Sie knnen es schon sehen. Dort drben, rechts
von der Strasse, das kleine graue Schieferdach zwischen den dichten dunkeln
Bschen.
    Frau Wohlgebrecht drckte Lottes Hand. Dann schwiegen sei beide wieder, bis
der Taxameter in der Nhe des Hauses hielt.
    Wir haben uns entschlossen hier zu bleiben, sagte Frau Wohlgebrecht zu dem
Kutscher und lohnte ihn ab.
    Dann legte sie ihren Arm in Lottes und liess sich zu der Wohnung der
Tischlersleute fhren.
    Die Frau, die Lotte wohl erwartet haben mochte, da sie oft um diese Zeit
herauskam, stand schon mit Luischen im Arm vor dem niederen grnen Staket, das
den kleinen Garten umgab.
    Jauchzend und lallend streckte das Kind die Arme nach Lotte aus. In tiefer
Bewegung drckte sie es einen Augenblick an die Brust, dann reichte sie es Frau
Wohlgebrecht, die es auf die Stirn und die blonden Lckchen ksste und dann
lange und prfend betrachtete.
    Gottlob, sagte sie, Lotte das Kind zurckgebend, es gleicht Dir auf ein
Haar und in keinem Zuge diesem - diesem - Sie sprach nicht weiter, sondern
reichte Lotte die Hand.
    Ich sage jetzt Du zu Dir, Lotte, Du bist von jetzt ab so gut wie meine
Tochter. Was er mir sein sollte, seid ihr mir nun, Du und dieses Kind.
    Dann gingen sie, Lotte mit dem jauchzenden Luischen voran, nach der
Fliederlaube.
    Als sie nach einer Stunde ins Haus zurckkehrten, um das Kind zu Bett zu
bringen, wusste Frau Wohlgebrecht alles, was ihr eigenes Herz und Frau Korns
Andeutungen ihr bisher noch verschwiegen hatten. Sie hatte Lotte erzhlen lassen
und sie nur selten unterbrochen. Zum Schluss nur hatte sie gesagt:
    Wenn der Vater Deines Kindes ein anderer wre, als Gerhart Schmittlein,
wrde ich auf eine Heirat dringen. So wie es ist - Du siehst, Kind, ich schneide
damit in mein eigenes Fleisch - ist es besser, vielleicht gut, dass es so
gekommen ist. Du und das Kind, Ihr kommt zu mir. Ihr seid und bleibt meine
Familie. Wie sich das alles am besten einrichten lsst, wollen wir in den
nchsten Tagen besprechen. Und nun gieb mir das kleine Ding noch 'mal in den
Arm, lange genug hast Du's mir vorenthalten. -
    Franz und Lena hatten trotz der dauernd schnen Frhsommertage ihre auf
einige Wochen berechnete Hochzeitsreise bedeutend abgekrzt. Ueber die Grnde
schwiegen sie. Vielleicht war es nur Geschftseifer gewesen, der sie so bald
zurckgetrieben hatte, wenigstens strzten sie sich beide mit fast krankhafter
Energie in ihre Berufsthtigkeiten.
    Lena hatte selbstverstndlich ihren Willen durchgesetzt und war mit ihrem
Geschft in der Potsdamerstrasse geblieben. Gegen die englische Tischzeit aber
hatte Franz energisch Einspruch erhoben. Da er doch um fnf oder sechs Uhr nicht
Geschftsschluss machen konnte, hatte diese Einrichtung keinen Sinn fr ihn und
lief berdies seiner ganzen Lebensweise zuwider.
    Da nun auch Lena ihre gewohnten Geschftsstunden von neun Uhr morgens bis
zwei Uhr mittags und von fnf Uhr nachmittags bis abends um neun, ja oft um zehn
Uhr innehielt, blieb der Verkehr der jungen Eheleute auf die Mahlzeiten und die
Sonntage beschrnkt.
    Franz fhlte sich sehr unbehaglich bei diesem Leben. Er war verheiratet und
hatte doch keine eigentliche Huslichkeit. Nichts von alledem, was er frher fr
eine Ehe ertrumt hatte, erfllte sich ihm. Es fehlte ihm die liebende
Gefhrtin, die Behagen um ihn her verbreitete, wenn er, von der Arbeit ermdet,
in seine Wohnung hinaufstieg. Es fehlte ihm die sorgende Hausfrau, die sich um
sein leibliches Wohl und Wehe kmmerte, die zrtliche Freundin, die teilnahm an
den Sorgen und Freuden des Geschfts. Was fragt ein Mann wie er nach einer
modernen Frau, die ihren Kopf d'rauf setzte, selbst ihren Mann zu stehen? Lena
hatte es nicht mehr ntig zu verdienen, und damit fiel fr Franz jeder Grund zur
Aufrechterhaltung ihres eigenen Geschftes fort.
    Anfangs hatte er nicht den Mut gehabt, auf diesen Punkt, der vor der Ehe so
viel und stets zu seinen Ungunsten errtert worden war, zurckzukommen. Noch
stand er zu sehr unter dem Banne von Lenas Persnlichkeit. Er frchtete sich
davor, durch ein Verlangen, das er stellte, den Zauber der wenigen Liebesstunden
zu zerstren. War er dahin, was blieb ihm noch? So verschob er es von Woche zu
Woche, ihr Vorstellungen zu machen, sie zu vermgen, wenigstens einen Teil des
Tages sich ihm und ihrem Hause zu widmen.
    Endlich, an einem Sonntag, als Lena selbst anfing, ber den Zeitaufwand und
die Anstrengung zu klagen, die der weite Weg trotz des Rades bereitete,
entschloss er sich zu einem offenen Wort. Lena sah ihn zuerst an, als ob er
pltzlich chaldisch gesprochen und verlangt htte, dass sie ihn verstehen
solle. Dann fuhr sie auf.
    Was denn, noch weniger soll ich im Geschft sein? Was ich so mhsam
begonnen habe, soll ich nun, da etwas erreicht ist, bei Seite werfen? Einen
netten Begriff hast Du von mir. Im brigen, mein Lieber, hast Du mich wirklich
nicht verstanden. Als ich eben ber den Zeitverlust infolge des weiten Weges
klagte, wollte ich nicht etwa damit sagen, dass ich weniger, sondern ganz im
Gegenteil, dass ich mehr in meinem Geschft sein wolle, und es zu diesem Zweck
fr sehr wnschenswert halte, dass wir die Wohnung hier aufgeben und
hinausziehen. Welcher anstndige Mensch wohnt heute berhaupt noch in der Nhe
des Moritzplatz!
    Whrend sie sprach, hatte sich sein Gesicht immer mehr verfinstert. Da sie
viel zu bequem war, um Streit zu suchen, machte sie, sobald sie die Vernderung
in seinen Zgen sah, eine scherzhafte Bemerkung und beugte sich zu ihm herber,
um ihn zu kssen. In ihrer sieggewohnten Weise glaubte sie die Sache damit
abgethan. Er aber wich ihrer Liebkosung aus und verliess das Zimmer, ohne ein
Wort zu erwidern.
    Er stieg die Treppe zu seinem Geschftslokal hinunter und schloss sein
Privatbureau auf.
    Dann sank er sthnend, das Gesicht in beiden Hnden vergrabend, in einen
Sessel.
    Mein Gott, was hatte er gethan! Wie hatte er sich hinreissen lassen knnen,
dieses Mdchen zu heiraten, das ihn nicht einmal liebte, wie er es zu Anfang
geglaubt und damit seine eigenen Bedenken erttet hatte. Dieses Mdchen, das
nicht des kleinsten Opfers, nicht des kleinsten Zugestndnisses fhig war, das
seinen eigenen Weg ging, als ob er berhaupt nicht auf der Welt gewesen wre!
Lena liebte ihn nicht. Von der ersten Stunde ihrer Ehe ab hatte er es gewusst.
Warum aber hatte sie die Ksse, mit denen er sie im Sinnentaumel geksst, um
seine unselige Liebe zu Lotte darin zu ersticken, fr ernste Werbung genommen?
Warum diese Ksse durch Worte ergnzt, die er nie gesprochen, nie gedacht hatte?
    Wenn er es heute recht berlegte, hatte nicht er um Lena, nein, Lena hatte
um ihn geworben. Aber warum, warum? Sie liebte ihn ja nicht, hatte ihn ja
niemals geliebt. Tglich, stndlich bewies sie es ihm. Was er fr Liebe
gehalten, war auch bei ihr nichts als ein Taumel gewesen, in dem sie einander
fortgerissen hatten. Warum hatte sie ihn aber heiraten wollen? Sie war ja doch
nicht die Frau, die es fr moralisch geboten hlt, ein paar heisse Ksse gleich
durch die Ehe legitimieren zu lassen? Sie, die so gern das moderne, ber alle
Vorurteile erhabene Weib spielte?
    Da pltzlich traf den verzweifelt Grbelnden ein Gedanke, jh, grell, wie
ein Blitzstrahl. Wie, wenn Lena Grnde geleitet htten, die weit ab von einer
Neigung zu ihm lagen, wenn sie ihn nur gegen einen andern hatte ausspielen
wollen, dessen sie berdrssig geworden war, gegen diesen Bornstein, von dem er
sie hatte loskaufen mssen mit pekuniren Opfern, die ihn fr den Augenblick
fast erdrckt hatten?
    Oder war sie am Ende doch nicht die kluge, khle Frau gewesen, fr die er
sie immer gehalten hatte, die mit allen andern gespielt und nur mit ihm Ernst
gemacht hatte?
    Er sprang auf und stiess den Stuhl, in dem er gesessen hatte, weit hinter
sich zurck. Wenn das wahr wre, wenn dieses Mdchen ihn zum Narren gehalten
htte, ihn, den dummen Kleinstdter, der blind und blde auf ihre Reize
hereingefallen war, wenn sie ihn nur so rasch in die Ehe hineingetrieben htte,
weil - weil ein anderer vor ihm -! Er schlug sich vor den Kopf. Er raste. Er
reckte die Fuste drohend in die Luft. Er war wie von Sinnen. Dann pltzlich kam
eine grosse Ruhe ber ihn. Wohin hatte er sich denn verirrt? Hatte er etwa ein
Recht, gegen Lena zu toben, selbst wenn es so war? Was hatte er denn anders
gethan, als sie schmachvoll betrogen, da er sie mit der Liebe zu Lotte im Herzen
geheiratet hatte?
    Eisig kroch ihm diese Erkenntnis zu Herzen. Nicht einmal das Recht stand ihm
zu, nach ihrer Schuld zu forschen, oder aber, wenn er sie wirklich gefunden
htte, darber zu Gericht zu sitzen.
    Nichts blieb ihm, nichts, als das selbstverschuldete Elend zu tragen, den
Makel, wenn ein solcher auf der Ehre seines Hauses lag, sitzen zu lassen,
ungeshnt, ungercht. -
    Lena hatte die ganze Angelegenheit nur als eine Laune ihres Mannes
betrachtet. Er konnte ja am Ende nicht ernsthaft daran denken, dass sie zu Haus
sitzen sollte und auf ihn warten, bis er geruhte, vom Geschft heraufzukommen,
um dann als unterwrfige Sklavin Gott weiss was fr niedere Dienste fr ihn zu
verrichten.
    Mit der veralteten Anschauung, dass die Frau nur eine hhere Magd des Mannes
sei, hatte man ja, in Berlin wenigstens, grndlich aufgerumt. Wenn Franz noch
so kleinstdtische Anschauungen hatte, musste er eben versuchen, sie sich
abzugewhnen. Gelang es ihm nicht, blieb ihm nichts brig, als den Schaden zu
tragen.
    Als Lena aber am Ende einsah, dass Franz die Sache wirklich ernst und
unbequem schwer nahm, zuckte sie die Achseln und ging erst recht ihre eigenen
Wege. Es war ihr um so leichter gemacht, Franz zu trotzen, als sich jetzt, nach
dem Herbst zu, ihre alte Stammkundschaft wieder bei ihr einfand und damit die
Theestunden in ihrem trkischen Boudoir wieder ihren Anfang nehmen konnten. Da
war sie wenigstens vor Langerweile und Vorwrfen sicher. Dass ihre alten und
jungen Verehrer jetzt, seit sie Frau war, ihr nur um so ungenierter den Hof
machten, war das einzige, was ihr die Ehe ertrglich machte. Sie hatte ja auch
gar nichts anderes mit dieser Heirat bezweckt, als Frau zu heissen und sich
freier noch bewegen zu knnen denn als Mdchen. Dass Franz, den sie blind
verliebt und zu allem willig geglaubt hatte, Kritik bte und persnliche
Ansprche geltend machte, war ihr freilich vllig gegen den Strich. Nun, eine
Ehe war am Ende keine Zuchthausstrafe auf Lebenszeit. - Lotte und Frau
Wohlgebrecht waren in den Vorbereitungen fr ihr zuknftiges gemeinsames Leben,
das um Anfang Oktober beginnen sollte, schon sehr weit vorgeschritten. Bald nach
ihrem ersten gemeinsamen Besuch an Lenas Hochzeitstag bei Luischen hatte Frau
Wohlgebrecht Lotte ihren Plan entwickelt. Mein Mdelchen, hatte sie ihr
gesagt, die Sache wird folgendermassen gemacht, und wenn's nicht der liebe
Herrgott selber ist, wollen wir mal den sehen, der uns einen Strich durch die
Rechnung macht. Ich gebe das Geschft hier auf - red' Du mir nur da nichts
dagegen, fr mich ist es ein Glck, wenn ich von hier fortkomme. Ich bin viel zu
unmodern fr Berlin und komme hier ebenso wenig auf einen grnen Zweig wie Du.
Ausserdem verpussele ich hier mit den teuren Spesen und so weiter viel zu viel
Geld, denn wenn ich ja auch, Gott sei Dank, ein bischen was zuzusetzen habe, fr
unser Luischen soll doch auch mal was brig bleiben. Na, dank' mir nur heute
nicht schon, Lotte, einstweilen denk' ich noch nicht ans Abfahren, wo ich eben
erst Mutter und Grossmutter geworden bin. Ich suche hier in der Mark was fr
uns, ein nettes Stdtchen, hbsch und freundlich gelegen, nicht zu gross und
nicht zu klein, wo sich fr ein paar ordentliche Frauensleute, wie wir es sind,
noch Arbeit und Verdienst findet. Denn arbeiten und verdienen musst Du natrlich
auch, mein Schfchen, den ganzen Tag mit Luischen rumspielen, das giebt es
nicht. Wir mieten eine kleine Parterrewohnung mit einem netten Grtchen fr
unsere Puppe. Rechts machst Du Dein Putzgeschft auf - was Du fr Deine einstige
Heimat gekonnt, wirst Du ja fr Deine knftige auch wieder leisten knnen, dies
verdeixelte Berlin dazwischen, durch das wird ein dicker Strich gemacht - links
wird eine Leihbibliothek etabliert. Meinen Gehilfen - dafr, dass Gerhart ihn
besorgt hat, ist er wirklich ein merkwrdig anstndiger Kerl - nehme ich
einstweilen mit, bis alles im Gange ist. Ich habe schon mit ihm darber
gesprochen. Spter fhre ich das Geschft wieder allein wie frher, ehe der
Junge, der Gerhart, zu mir kam. Tagsber wird gearbeitet, das Luischen gewartet
und erzogen, abends sitzen wir dann gemtlich in unserem Wohnzimmerchen
zusammen, im Sommer in unserer Fliederlaube - eine Fliederlaube mssen wir
unbedingt haben, schon zur Erinnerung an Schmargendorf -, dann wird geplaudert
und gelesen, und ich wette, es soll in der ganzen Stadt keine glcklichere
Familie geben als die unsere.
    Was htte die beglckte Lotte auf diesen Plan anders sagen sollen, als
danken und wieder danken und sich geloben, dieser Frau ihre Gutthaten zu lohnen
bis an das Ende ihrer Tage. - Mit Luischen beisammen sein drfen den ganzen
lieben langen Tag, ihr Bettchen nachts neben dem ihren haben, wieder arbeiten
knnen mit der Aussicht auf einen bescheidenen Erfolg, die beste mtterliche
Freundin in einer geordneten Huslichkeit sich zur Seite wissen, den Leuten
wieder frei in die Augen sehen drfen, womit hatte sie ein so grosses,
friedlich-schnes Glck verdient?
    Schon die Vorfreude wirkte auf Lotte wie strkende Medizin. Sie bekam wieder
mehr Farbe, ihr Gang wurde freier und elastischer, auch ein wenig runder schien
sie wieder werden zu wollen.
    Frau Korn beobachtete das alles mit einem lachenden und einem weinenden
Auge. So sehr sie von ganzer Seele Lotte die gute Zeit gnnte, die ihr
bevorzustehen schien, die Trennung kam ihr doch gar zu sauer an. Da sie an
Lottes Wohlthterin ihren wehmtigen Zorn doch unmglich auslassen konnte, ging
alles auf Rechnung des infamigten Schwarzkopfs!
    Wenig genug bekam Frau Korn ihren frheren Schtzling jetzt noch zu sehen.
Lotte war immer geschftig und viel unterwegs. Bald in der Zimmerstrasse, um
Frau Wohlgebrecht zur Hand zu gehen, bald bei Luischen draussen, bald eifrig in
ihren engen vier Wnden an der Nhmaschine. So weit es reichte, wollte sie ihre
und Luischens Wsche und Garderobe noch vervollstndigen, damit Frau
Wohlgebrecht mit ihrer neuen Familie doch ein bischen Ehre einlegen konnte.
    Eines Abends um die Mitte September, Lotte nhte gerade an einem roten
Kittelchen fr das Kind, wurde an ihrer Klingel gezogen.
    Das kam jetzt so selten vor, dass sie ordentlich erschrak. Wer konnte noch
so spt zu ihr kommen? Als sie die Thr ffnete, stand Franz vor ihr.
    Zum erstenmal seit jenem Regentage im Februar, als sie seine Liebe hatte
zurckweisen mssen, trat er wieder ber ihre Schwelle.
    Sie begrssten einander herzlich, doch nicht ohne Verlegenheit. Nach den
ersten Worten schon stockte ihr Gesprch. Franz stand neben dem Tisch, an dem
Lotte gearbeitet hatte, und drehte den Hut unschlssig in der Hand. Lotte hatte
sich gesetzt und mechanisch das Kittelchen fr Luischen wieder zur Hand
genommen. Sie fhlte, dass sein Blick schwer und traurig auf ihr ruhte.
    Willst Du Dich nicht setzen, Franz? fragte sie endlich.
    Wenn Du erlaubst, auf einen Augenblick, Lotte.
    Er sah sich im Zimmer um, wo schon allerhand gepackte Kisten und Kasten
umherstanden.
    Ich hre - Du selbst hast Dich ja nie bei uns sehen lassen - Du gehst fort
von Berlin. Da wollt' ich Dir doch wenigstens Lebewohl sagen.
    Sie sah nicht von ihrer Arbeit auf. Seine Stimme klang so traurig, dass sie
sich frchtete ihn anzusehen.
    Hat Lena es Dir gesagt? Ich schrieb es ihr vor ein paar Wochen.
    Lena? Nein. Ja, Lotte, weisst Du denn nicht -? Was Franz? Sie sah ihn
nun doch an, erschreckt und ahnungsvoll.
    Lena und ich haben uns getrennt!
    Sie streckte die Hand nach der seinen aus.
    O mein Gott, Franz! Armer Franz!
    Er legte seine heisse Stirn einen Augenblick auf ihre schlanken khlen
Finger. Dann richtete er sich schnell wieder auf.
    Ja, wir haben uns getrennt. Es musste sein. Es ging nicht mehr.
    Lotte sah angstvoll zu ihm auf.
    Ist etwas besonderes vorgefallen?
    Ein furchtbarer Schreck war ihr durch die Glieder gefahren. Sie dachte an
Bornstein. Wenn Lena Franz betrogen htte!
    Franz schttelte den Kopf.
    Nein, nichts besonderes.
    Er sprach immer in derselben stillen, resignierten Art. Nur Lena wollte in
allen Dingen ihren eigenen Weg gehen. Sie wollte niemals fr mich und das Haus,
stets nur fr ihr Geschft da sein. Das wurde schlimmer von Tag zu Tag, und als
ich erst anfing, ihr Vorhaltungen zu machen, war es ganz vorbei. Eines Abends
kam sie nicht mehr nach Haus. Ihr Geschft erfordere, dass sie dort wohne,
schrieb sie mir - und da, da war es aus mit meiner Geduld, mit allem -
    Er unterbrach sich und brtete stumm vor sich hin.
    Um den Versuch zu machen, ihn zu trsten, sprach Lotte mit ihrer sanften
Stimme auf ihn ein.
    Wie das nur so kommen konnte! Du solltest es noch einmal mit ihr versuchen,
Franz. Lena hatte sich wirklich so sehr zu ihrem Vorteil verndert, sie war eine
ganz, ganz andere geworden, die besten Hoffnungen hatte ich fr Euer Glck!
    Zum Vorteil verndert! Er lachte bitter auf. So lange sie ein Leben
fhrte, so lange sie geniessen konnte nach ihrem eigenen trotzigen Sinn, so
lange war sie zum Vorteil verndert, ja. Sobald es aber galt, auch einmal an
einen andern zu denken, kehrte sie ihren alten Egoismus, der mich an dem Kinde
schon so abgestossen, ihre kalte, selbstschtige Natur wieder heraus.
    Ich habe lange nach anderem gesucht, ja selbst nach einer Schuld. Ich bin
davon zurckgekommen. Lena hat vor ihrer Ehe gewisse Grenzen niemals
berschritten, dazu ist sie zu berechnend, sie wird es auch aller Voraussicht
nach niemals thun. Aber sie wird auf die Dauer jeden unglcklich machen, sich
selbst am meisten, wenn sie ihrer so hochgeschtzten Unabhngigkeit, ihrer
begehrlichen Genusssucht erst berdrssig geworden sein wird. Du kennst mich,
Lottchen, ich bin ein einfacher Mensch und seit ich Dich verloren habe, mache
ich noch weniger Ansprche ans Leben als sonst, aber was Lena mir zugemutet,
darber kommt kein Mann fort, wenn er einer ist. Er hielt einen Augenblick
inne, dann brach es aus ihm hervor, wie ein glhender, lang zurckgedmmter
Strom.
    O, Lotte, Lotte, warum konntest Du mich nicht lieben!
    Er war zu ihren Fssen niedergesunken wie gefllt. Den Kopf hatte er in ihre
Hnde gelegt, und Thrnen, bittere, qualvoll heisse Thrnen tropften aus seinen
Augen auf ihre Hnde herab.
    Regungslos sass Lotte da, mit bleichem ber ihn gebeugtem Antlitz. Ihre
Seele kmpfte einen schweren Kampf.
    Durfte sie lnger schweigen? War sie diesem Mann, der da zerbrochen vor
ihren Fssen lag, zerbrochen durch ihre Schuld, nicht die volle Wahrheit
schuldig? Sie musste sprechen auf die Gefahr hin, seine Liebe, seine Achtung zu
verlieren.
    Franz, bat sie leise, kaum hrbar, lieber Franz, steh' auf. Ich bin nicht
wert, dass Du vor mir kniest.
    Er erhob sich langsam und sah ihr ins Gesicht. Ihre Stimme hatte so
wundersam zrtlich geklungen, wie er sie nur in seinen verschwiegensten Trumen
gehrt hatte, all die vielen Jahre lang, in denen er sich mit dem Gedanken
getragen hatte, sie einst zu der seinen zu machen.
    Langsam liess er sich wieder auf den Stuhl, dicht an ihrer Seite fallen,
ihre Hnde behielt er fest in den seinen.
    Damals, Franz, damals als Du zu mir kamst und ich Dir hier an dieser Stelle
sagte, warum ich nicht Dein Weib werden knne - da - da -
    Da Lottchen?
    Sie senkte das blonde Haupt.
    Da habe ich Dich belogen, Franz.
    Belogen?
    Es war nicht wahr, dass ich Dich nicht liebte. Ich liebte Dich aus
tiefster, tiefster Seele -
    Lotte! Er schrie es mehr als er es sprach, halb jubelnd, halb
verzweifelnd, und wollte sie an seine Brust ziehen.
    Sie aber stiess ihn heftig zurck.
    Lass, lass, rhr' mich nicht an, Du wirst mir's danken, dass ich's Dir
versagte. Ich liebte Dich, ja - aber ich durfte Dein Weib nicht werden, weil -
weil ich einem andern gehrt hatte!
    Er sthnte laut auf wie ein verwundetes Tier.
    Und, und dieser andere?
    Hat mich verlassen und vergessen - Sie hob das rote Kittelchen auf, an dem
sie genht hatte, und sagte mit einer wilden Energie:
    Und dies, dies ist fr mein Kind!
    Franz erhob sich schwerfllig, mde und stumm, wie ein alter Mann.
    Sie war darauf gefasst, dass er sie ohne Lebewohl verlassen wrde. Aber er
machte keine Anstalten zu gehen. Langsam, mit schweren Tritten und gesenktem
Haupt, schritt er im Zimmer auf und ab. Nach einer Weile, die ihr endlos dnkte,
blieb er vor ihr stehen. Mit zusammengezogenen Brauen fragte er:
    Warum hast Du mir damals nicht die Wahrheit gesagt?
    Ich war krank, elend und ganz verlassen. Ich frchtete, Du wrdest mich
verachten, Franz, wenn Du es hrtest, und das, das htte ich damals nicht
ertragen.
    Und jetzt?
    Fast atemlos stiess er es heraus.
    Sie zgerte einen Augenblick, dann flsterte sie:
    Als ich Dich so unglcklich sah, glaubte ich Dir die Wahrheit schuldig zu
sein, selbst auf die Gefahr hin, dass Du - dass Du mich -
    Er unterbrach sie heftig.
    Sprich das Wort nicht noch einmal aus, es entwrdigt Dich und mich. Ich bin
ein kleiner, sehr einfacher und beschrnkter Mensch, Lotte, das habe ich, seit
ich in Berlin bin, erst so recht einsehen gelernt. So beschrnkt aber bin ich
denn doch nicht, dass ich nicht wsste, dass es die Grnde sind, die die That zu
einer schuldigen oder schuldlosen machen. Ich kenne Deine Geschichte nicht, aber
ohne sie zu kennen, weiss ich, dass Du ein Opfer und zwar ein schuldloses bist.
Unterbrich mich nicht. Mein Kopf ist schwer und wirr, ich verliere sonst wieder
den Faden, und das eine wenigstens mchte ich Dir noch sagen, dass meine Liebe
zu Dir unverndert die gleiche ist, und dass, wenn Du mir damals die Wahrheit
gesagt httest, es keinen Grund fr mich gegeben htte, Dich und das Kind nicht
an mein Herz zu nehmen.
    Er beugte sich ber die still Weinende und ksste sie sanft auf die Stirn.
    Gott schtze Dich, Lottchen, Dich und Dein Kind. Und wenn Du mich einmal
brauchen solltest, so rufe mich. Ich werde immer fr Dich da sein. Immer, hrst
Du, immer!
    Er nahm sie still in seine Arme und fuhr ihr mit der Hand sanft liebkosend
ber das krause blonde Haar. Dann schritt er durch die schmale, niedrige Thr
hinaus, wortlos, lautlos wie ein Schatten. -
    Die Uebersiedelung hatte stattgefunden. Alles war genau nach Frau
Wohlgebrechts Programm vor sich gegangen. In der netten Parterrewohnung mit dem
friedlichen Grtchen dahinter, in dem noch jetzt - um die Mitte Oktober - eine
Flle von spten Sommerblumen blhten, war es nicht schwer sich heimisch zu
machen.
    Lotte war denn auch sehr schnell mit den Einrichtungen fr sich und Luischen
fertig geworden. Ihr Arbeitsstbchen war zwar lange nicht so gerumig wie das in
der Zimmerstrasse, dafr hatte es aber einen hbschen Blick auf die das
Stdtchen umsumende bewaldete Hgelkette, und wenn die Thr offen stand, konnte
sie in dem kleinen Nebengemach des Kindes Bettchen stehen sehen, seinen
Schlummer bewachen, es aufnehmen, wenn es munter wurde und ihr zu Fssen auf
einem bunten Deckchen spielen wollte. Welch ein neues, nie gekanntes Glck war
das alles fr sie!
    Nicht so schnell wollte es mit der mhsameren Einrichtung der Leihbibliothek
vor sich gehen, trotz der Tchtigkeit des jungen Gehilfen.
    Lotte half, wo immer sie konnte, so auch heut an einem schnen klaren
Nachmittag, an dem die Sonne so warm ins Zimmer schien, dass Luischen wohl
verwahrt in ihrem Wgelchen, am offenen Fenster spielen durfte.
    Nachdem man ein paar Stunden gearbeitet hatte, meinte Frau Wohlgebrecht, es
sei nun genug fr heut. Bis Ende der Woche wrde man ja wohl durchkommen, und
wenn sie am Montag das Geschft erffnen knnte, sei es Zeit genug. Lotte mge
ihr den Gefallen thun und sich einen Packen Bcher herber bringen lassen, den
sie da auf dem Fensterbrett bei Seite gelegt habe. Sie habe so eine Ahnung, als
ob das wieder 'mal Makulatur sei, die gar nicht erst eingerumt zu werden
brauche. Es fnde sich ja leider unter ihren Bestnden ein Wust von Dingen, die
fr das hiesige Publikum gar nicht in Frage kmen. Zum Beispiel all der
bermoderne Kram, in den Gerhart so viel schnes Geld hineingesteckt habe. Hier
wrde hoffentlich kein Mensch nach solchem Krempel fragen. Lotte mge sich eine
Privat-Bibliothek davon anlegen, wenn sie wolle.
    Nachdem Luischen zu Bett gebracht war und Lotte sich eben an das Auspacken
der Bcher machen wollte, klopfte Frau Wohlgebrecht an die Thr, um Lotte
herber zu holen.
    Das Aussuchen kannst Du nach dem Abendbrod noch besorgen. Jetzt musst Du
erst einmal sehen, wie gemtlich es heut drben bei mir, das heisst bei uns ist,
denn Du weisst, das Wohnzimmer gehrt uns beiden. Das alte schwarze Rosshaarsofa
sieht hier gar nicht so schbig und altmodisch aus wie in Berlin, und auch die
anderen alten Scharteken machen sich hier viel besser. Vielleicht ist auch die
wundervolle Abendbeleuchtung daran schuld, dass mir das alles heut so besonders
gut gefllt. Sieh nur, wie wunderbar der Himmel gefrbt ist, da drben links,
hinter dem kleinen Buchenberg, so heisst er ja wohl, muss die Sonne gerade
untergegangen sein.
    Es war wirklich ein hbscher Anblick, dies altmodische, von dem letzten
warmen Licht des Tages erfllte Zimmer mit dem freien Blick in eine liebliche
Landschaft hinaus. Lotte aber hatte das Gefhl, als ob Frau Wohlgebrecht sie
nicht um dieses Anblicks willen gerufen, sondern dass sie irgend etwas auf dem
Herzen habe und ihre ganzen umstndlichen Schilderungen nichts als eine
gutmtige Verlegenheit gewesen seien.
    Sie legte den Arm zrtlich um die Schulter der kleinen Frau, und sich ein
wenig zu ihr niederbeugend, sagte sie: Du hast mir was zu sagen, nicht wahr,
Tantchen?
    Die Alte schttelte zuerst den Kopf, dann nickte sie und fasste in ihre
Tasche.
    Wenn Du mir versprichst, Dich nicht zu rgern oder gar zu betrben - es -
es handelt sich um Gerhart.
    Lotte lchelte.
    Das versprech' ich Dir gern. Du weisst ja, was Gerhart betrifft, giebt es
nichts mehr, das mich erregen knnte.
    Frau Wohlgebrecht sah Lottchen einen Augenblick prfend an, als ob sie ihren
Worten keinen rechten Glauben schenke.. Als sie bemerkte, dass das Mdchen
wirklich ganz ruhig blieb und nicht einmal die Farbe wechselte, zog sie ein
stark zerknittertes Zeitungsblatt aus der Tasche. Dann setzte sie sich ans
Fenster und strich den Bogen umstndlich auf den Knieen glatt.
    Dies ist mir von Berlin aus nachgeschickt worden. Es war ans Geschft
adressiert. Wahrscheinlich eine Bosheit von einem lieben Kollegen. Gerhart
selbst wrde schwerlich eine solche Kritik ber sich schicken. Frau
Wohlgebrecht ttschelte liebkosend Lottes Hand.
    Du wirst Dich schon drein finden mssen, mein Schfchen, der Ruhm, fr den
Du Dich geopfert hast, hat nicht lange vorgehalten. Ich dacht's mir wohl. Das
ist immer 'ne windige Sache, wenn der Mensch erst einen andern niedertreten
muss, um in die Hhe zu kommen. Na, nun hr' 'mal zu, was da geschrieben steht
in der Mnchener Allgemeinen nmlich. Es ist sehr gelehrt. Allzuviel versteh'
ich nicht davon und Du vielleicht auch nicht, aber immerhin ist es doch gut,
wenn man so ungefhr darber Bescheid weiss, was von dem Jungen zu erwarten
ist.
    Frau Wohlgebrecht rckte ihre Brille zurecht und las:
    Gestern Abend ging im Theater der Intimen, nachdem das Hoftheater, das
Schauspielhaus und das Grtnerplatztheater das Stck zurckgewiesen hatten,
Gerhart Schmittleins dreiaktige Lebenskomdie: Die Seelenfresser in Scene. Um
es von vornherein festzustellen: die Seelenfresser waren eine grosse
literarische Enttuschung, die nicht ohne tiefere Bedeutung ist. Schmittlein,
der erfolgreiche Dichter des Frhlingsdramas, scheint nach dem gnzlichen
literarischen Fiasko seiner Seelenfresser auch jener weitverbreiteten Species
der jungdeutschen Moderne zugezhlt werden zu mssen, die, wenn ihr sehr
bescheidenes Knnen sich mit dem Zufall eines stark individuellen Empfindens
paart, es zu einem glcklichen Wurf zu bringen pflegt, ohne diese massgebenden
Faktoren aber niemals wieder einen literarischen Hhepunkt erreicht. Wenn dabei
der Dichter nur fr seine eigene Person zu Schaden kme, wrde die Sache
belanglos sein. Dem ist aber leider nicht so. Wir haben es wiederholt erlebt,
dass diese modernen Jnglingsdichter mit dem rauschenden Erstlingserfolg
geradezu zum Krebsschaden fr die Entwicklung unserer dramatischen Literatur
werden, denn sie sind es zumeist, die sich fr ihre Retter - anfangs die
anerkannten, dann die verkannten - halten und gefhrliche Schule machen.
    Die Seelenfresser behandeln, man knnte sagen selbstverstndlich, wie das
Frhlingsdrama, das Hohelied der jungdeutschen Schule, die freie Liebe. Aber der
Stoff wollte gestern nicht znden. Trug einzig die mangelhafte Arbeit schuld?
Ist man des Themas schon berdrssig geworden, oder gewinnt selbst in den
Kreisen dieses mehr als angekrnkelten Publikums die gesunde Erkenntnis Raum,
dass der erbitterte Kampf der freien Liebe gegen die Ehe am Ende aller Enden ein
ebenso lcherlicher als vergeblicher ist? Gerade der weibliche Teil des
Publikums, der mit frenetischem Beifall das Stck zu halten suchte, sollte
sich's endlich gesagt sein lassen, wie sehr er sich mit dieser Identifizierung
der Theorie von der freien Liebe ins eigene Fleisch schneidet. Wenn die
Institution der Ehe nicht existierte, sie msste geradezu erfunden werden, und
zwar vor allem zum Schutz fr diese freien Liebespriesterinnen. Ich mchte wohl
wissen, wie viele dieser frenetischen Beifallsklatscherinnen nicht nach dem
Standesamt schreien wrden, sobald sie die Folgen dieser verlockenden freien
Liebe an sich selbst erfahren mssten. Und diese Verherrlichung des
Undurchfhrbaren, diese blasse, niemals in eine gesunde Praxis umzusetzende
Theorie, nennt sich das moderne Wirklichkeitsdrama!
    Frau Wohlgebrecht legte die Zeitung ebenso umstndlich zusammen, wie sie sie
auseinandergefaltet hatte.
    Dann stand sie auf und ksste Lottchen, die noch immer mit dem Rcken gegen
das Fenster gelehnt stand.
    Weisst Du Kind, so weit ich es verstehe, hat der Mann, der das geschrieben
hat, recht. Aber am Ende, es giebt auch Ausnahmen, Lottchen, die nicht nach dem
Standesamt schreien und gut daran thun.
    Sie drckte ihr noch einmal die Hand und ging dann geruschlos aus dem
Zimmer.
    Eine Weile blickte Lotte noch nachdenklich vor sich hin. Dann verliess auch
sie den inzwischen dmmerig gewordenen Raum und ging hinber an ihre Arbeit.
    Das erste, was ihr entgegenfiel, als sie das Buchpacket ffnete, war der
Gedichtband, den Gerhart ihr am ersten Abend ihrer Bekanntschaft aus der
Bibliothek mitgegeben hatte.
    Sie schlug die Verse auf, die sie damals so schwer bedrckt und gengstigt
hatten, die ihr dann noch einmal an einem schwlen Sommerabend vor Lenas
Blumenfenster so wirr durch den Kopf geflogen waren, und las die grausame
Prophezeihung still fr sich:

Die Not im lch'rigen Gewande,
Zertritt die Perle der Moral;
Das Los der Armut ist die Schande,
Das Los der Schande das Spital!
Ja, jede Grossstadt ist ein Zwinger,
Der rot von Blut und Thrnen dampft,
Drum htet Euch, ihr armen Dinger,
Denn diese Welt hat schmutz'ge Finger,
Weh', wem sie sie ins Herzfleisch krampft.

Dann stand sie auf und trat leise an das Bett ihres Kindes. Sie beugte sich ber
den kleinen blonden Lockenkopf und ksste ihn, und langsam, langsam sank sie
neben dem kleinen Bettchen in die Kniee.
    Ich bin gerettet worden, flsterte sie, ehe ich ganz verloren gegangen.
Dich aber will ich halten, dass Du keiner Rettung bedarfst. Das sei die Shne
fr meine Schuld.
    Und erhobenen Hauptes schritt sie von dem Kinde fort an ihre Arbeit zurck.
