
                                   May, Karl

                                  Am Jenseits

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                                    Karl May

                                  Am Jenseits

                                 Erstes Kapitel

                                        

                                  Eine Kijahma

Sihdi1, es war doch immer wunderschn, wenn wir beide, auf unsern
unvergleichlichen Pferden sitzend, so ganz allein, von keinem fremden Menschen
begleitet, immer hinein in Allahs schne Welt ritten, wohin es uns gefiel! Diese
Welt gehrte uns, denn da wir keine Seele bei uns hatten, konnte niemand sie uns
streitig machen. Wir thaten, was wir wollten, und unterlieen, was uns nicht
gefiel; wir waren unsere eigenen Herren, denn wenn es jemanden gab, dem wir zu
gehorchen hatten, so bestand dieser Jemand aus zwei Personen, nmlich aus mir
und aus dir. Ich bin mir da oft als der Gebieter des ganzen Erdkreises
vorgekommen und habe die unersteigbaren Hhen meines Ruhmes aus den Tiefen
meines Selbstbewutseins hervorgeholt, um in andachtsvoller Bewunderung an ihnen
emporzuklimmen und dann frhlich wieder herabzusteigen. Das konnte ich, weil wir
allein waren und es also keinen unwillkommenen Strenfried gab, dem es einfallen
konnte, ohne meine Erlaubnis und hinter meinem Rcken mit hinauf- und
hinunterzuklettern. Ja, das war eine sehr, sehr schne Zeit, in welcher wir
erlebten, was kein anderer Mensch erlebt, und zwar nur deshalb, weil wir eben so
allein waren und uns nur nach uns selbst zu richten brauchten. Ich sage dir,
Sihdi, alle diese Thaten und Begebenheiten sind rundum an den Wnden meiner
innern Seele aufgeschrieben und mit unvergnglichen Pflcken in den Boden meines
Gedchtnisses eingeschlagen, wie man Pferde, Kamele und lebhafte Ziegen an
Pflcke bindet, wenn man befrchtet, da sie ber Nacht den ihnen angewiesenen
Ort mit einem andern vertauschen wollen.
    Er machte eine Pause, um nach diesem langen Satze einmal ausgiebig Atem zu
holen.
    Wer dieser Er war? Wer ihn noch nicht an seiner eigenartigen
Ausdrucksweise erkannt hat, der mag weiter hren. Er fuhr nmlich sogleich fort:
    Also ich denke noch mit Wonne an die Zeiten zurck, in denen wir uns nur
nach uns selbst zu richten brauchten, denn da habe ich empfunden, da der Mann
der eigentliche und wirkliche Beherrscher seines Lebens und seines Daseins ist.
Aber ebenso schn und in mancher Beziehung noch schner ist es doch, wenn man
einen Tachtirwan2 bei sich hat, in welchem die holdselige Gebieterin des
Frauenzeltes sitzt. Meinst du, da ich da recht habe?
    Ob du da recht hast, kann doch ich nicht wissen, mein lieber Halef,
antwortete ich.
    Wie? Das knntest du nicht wissen? Warum denn nicht?
    Weil in diesem Tachtirwan sich die Gebieterin nicht meines sondern deines
Frauenzeltes befindet und es also nur dir, aber nicht mir mglich ist, einen
solchen Vergleich zwischen frher und heute anzustellen.
    Ja, richtig! Um meine Frage beantworten zu knnen, mtest du deine Emmeh
auch mitgenommen haben. Du kannst also gar nicht wissen, was fr ein groer
Unterschied darinnen liegt, ob man die liebliche Behterin seines Glckes daheim
gelassen oder ob man sie mitgenommen hat. Du hast mir einmal gesagt, wie das
heilige Buch der Christen das richtige Verhltnis zwischen Mann und Weib
erklrt. Kannst du dich darauf besinnen, Effendi?
    Ja.
    Du sagtest ungefhr: Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, und zwar ein
Mnnlein und ein Weiblein. Allah hat zweierlei Eigenschaften, nmlich die
Eigenschaften der Allmacht, wozu die Ewigkeit, Weisheit, Gerechtigkeit gehren,
und die Eigenschaften der Liebe, welche sich auch in seiner Gnade, Langmut, Gte
und Barmherzigkeit uert. Wenn der Mensch, welcher aus zwei Wesen besteht, ein
Bild Gottes zu sein hat, so soll also der Mann ein Bild der gttlichen Allmacht
und die Frau ein Bild der gttlichen Liebe sein. Habe ich mir das nicht sehr gut
gemerkt?
    Ziemlich richtig.
    Wenn auch nur ziemlich, fr mich gengt es doch. Seit du mir diese
Erklrung gegeben hast, bin ich stets bemht gewesen, ein Bild von Allahs
Allmacht zu sein. Du weit, wie tapfer und umsichtig ich im Kampfe und wie
weise, klug und gerecht ich in der Regierung meines Stammes bin. Diese eine
Seite meines menschlichen Wesens lt also wohl kaum etwas zu wnschen brig.
Und die andere Seite, welche dort in der Snfte sitzt und ihre freundlichen
Augen unaufhrlich auf mich richtet, ist auch genau so, wie Allah sie wnscht,
nmlich ein Bild der Liebe, die mir jeden Tag zur Wonne und jede Stunde zum
Vergngen macht. Und diese Spenderin des Glckes auch whrend der Reise bei sich
haben zu knnen, das ist eine Seligkeit, die mir auf unsern frheren Ritten
leider versagt bleiben mute. Ich habe gesagt, da es frher schn war, und
mchte aber behaupten da es jetzt fast noch schner ist! Verstehst du mich
nun?
    Ja.
    Hast du denn mit deiner Emmeh noch niemals eine Reise gemacht?
    Oh doch!
    Da hast du natrlich auf dem Pferde gesessen und sie im Tachtirwan?
    Nein. Tachtirwanat gibt's bei uns nicht.
    Nicht? So hat sie frei auf dem Kamele gesessen?
    Auch nicht. Im Abendlande reist man nicht per Kamel, sondern in der Karrusa
3 oder in dem Katr4.
    Allah! Wer darf im Katr fahren?
    Jeder, der seinen Tiskri5 bezahlt hat.
    Auch Frauen?
    Ja.
    Aber neben dem Weibe eines andern zu sitzen, das ist doch wohl sehr streng
verboten?
    Nein.
    Unmglich! Sihdi, sag aufrichtig, ob du, nmlich du auch schon einmal im
Katr neben einer Frau gesessen hast, welche in den Harem eines andern Mannes
gehrte!
    Schon oft! Ich bin nicht nur mit fremden Frauen, sondern sogar mit fremden
Tchtern gefahren.
    Und wie steht es mit deiner Emmeh, der jugendlich schnen Bewohnerin deines
Frauenzeltes, hat die auch schon neben andern Mnnern sitzen mssen?
    Ja.
    So verderbe Allah eure Eisenbahnen bis in den allertiefsten Abgrund der
Hlle hinab! Wenn nicht nur mein Weib, welches ich allein besitze, sondern auch
alle meine Tchter, die ich glcklicherweise noch nicht habe, es sich gefallen
lassen mssen, da jeder fremde Stadtbewohner und jeder unbekannte Beduine sich
im Katr an ihre Seite setzen darf, so mag ich von eurem Abendlande kein Wort
weiter hren! Sihdi, du weit, wie sehr ich dich liebe und wie hoch ich dich
achte; aber nun ich wei, da du neben fremden Frauen und Tchtern gesessen
hast, die nicht in deinem Zelte geboren worden sind, und da du sogar auch
deiner Emmeh erlaubst, mit Mnnern zu reisen, an welche sie kein Akd en Nikah6
bindet, nun wird es mir wohl nicht mehr leicht sein, dich als meinen besten
Freund, den ich im Herzen trage, mit Anerkennung zu beehren! Die Schienen eurer
Eisenbahn haben sich zwischen mich und dich gelegt, und unsere Herzen sind
einander so entfremdet worden, da sie durch keinen Wabur7 wieder verbunden
werden knnen. Ich lasse dich allein und gehe zu meiner Hanneh, um in meiner
groen Betrbnis Trost bei ihr zu finden!
    Wer meinen lieben, kleinen Halef kennt, dem kommt dieses Verhalten nicht
fremd vor; fr diejenigen, welche noch nichts ber ihn gelesen haben, seien
folgende kurze Bemerkungen bestimmt:
    Hadschi Halef Omar, jetzt der oberste Scheik der Haddedihn-Beduinen, vom
groen Stamme der Schammar, war frher ein blutarmes Kerlchen gewesen. Er
stammte aus der westlichen Sahara, hatte mich als mein Diener nach Osten
begleitet und war da so glcklich gewesen, die Tochter eines Scheikes der
Atebeh-Araber zur Frau zu bekommen. Dieser letztere wurde spter von den
Haddedihn zum Scheik gewhlt und bekam, da er keinen Sohn hatte, meinen Halef
als seinen Schwiegersohn zum Nachfolger.
    Dieser war von Person sehr klein und hager, dabei aber von ungewhnlicher
Tapferkeit und von einem Mute, der sehr gern verwegen wurde und darum von mir
oft in die Zgel genommen werden mute. Ein guter Schtze, auch sonst sehr
waffengewandt, ausdauernd, krperkrftig, auerordentlich mig, ein
vortrefflicher Reiter, pfiffig und mutterwitzig, besa er ein treues, goldenes
Herz, in welchem keine Spur von Falschheit entdeckt werden konnte. Frher war
ich seine einzige Liebe gewesen; spter mute ich diese Liebe mit seinem Weibe
und seinem Sohne teilen, wodurch mir aber kein Verlust geschah. Die
Zrtlichkeit, mit welcher er an Hanneh, seiner Frau, hing, war nicht nur rhrend
sondern fast beispiellos zu nennen. Sein erster Gedanke frh und sein letzter
abends gehrten ihr. Es war ihm beinahe unmglich, ihren Namen auszusprechen,
ohne ihm einige der vorzglichen Eigenschaften anzuhngen, welche sie in seinen
Augen besa. Kara Ben Halef, sein und ihr Sohn, ihr einziges Kind, zhlte jetzt
schon fast zwanzig Jahre, und die Frauen des Orientes altern bekanntlich sehr
schnell; aber dennoch war meine Hanneh, die herrlichste Rose unter allen Blten
des Blumenreiches, fr ihn genau so jung und schn geblieben, wie er sie vor
dieser langen Zeit bei ihrem ersten Zusammentreffen gesehen hatte; ja, seine
Liebe zu ihr schien gewachsen zu sein.
    Sie war aber auch - ich mchte mich so ausdrcken: eine Prachtfrau! Ich
glaube nicht, da eine andere den kleinen, voll bunter Raupen steckenden Hadschi
so richtig behandelt htte, wie sie es that. Sie beherrschte ihn vollstndig,
doch mit einer so liebevollen, stets freundlichen, scheinbar nachgebenden
Klugheit, da er ihr Pantffelchen gar nicht fhlte und auch nicht die geringste
Ahnung davon hatte, da nicht er, sondern eigentlich sie der Scheik des Stammes
war, wobei sich die Haddedihn allerdings sehr wohl befanden.
    Eine seiner Eigentmlichkeiten war, da er sich nicht nachhaltig in die
Verhltnisse des Abendlandes denken konnte. Ich hatte es ihm in unzhligen,
verschiedenen Bildern beschrieben, hatte ihm die zwischen dem europischen und
dem orientalischen Leben vorhandenen Unterschiede bei tausend Gelegenheiten
geschildert, sah aber nicht den geringsten Erfolg davon. Er sprach trotzdem
immer von meinen Zelten, von meinen Kamelen und von meinen Dattelpalmen. Eine
weitere Eigenheit von ihm war, da er gern sprach, besonders sehr gern erzhlte,
und zwar in jenen orientalischen Redeblumen, welche gern zu Uebertreibungen
werden. Wenn ich ihn in dieser Weise sprechen lasse, ohne seine Vergrerungen
auf das richtige Ma zurckzufhren, so geschieht dies, um ihn nach der Wahrheit
zu zeichnen, keineswegs aber um mich mit seiner Ausdrucksweise einverstanden zu
erklren. Besonders wenn er von unsern Erlebnissen erzhlte, nahm er den Mund in
einer Weise voll, da ich ihn hufig unterbrechen mute. Der Orientale freilich
ist das so gewhnt, da er gar nichts Aufflliges daran findet.
    Seit er wute, da ich verheiratet war, sprach er gelegentlich auch von
meinem Harem, von meinem Frauenzelte. Emma, den Namen meiner Frau, hatte er in
Emmeh umgemodelt, und es verstand sich bei ihm ganz von selbst, da die
Verhltnisse dieser meiner Emmeh ganz genau dieselben wie diejenigen seiner
Hanneh seien. Mein Harem durfte nicht den geringsten Vorzug vor dem seinigen
besitzen, und durch die leiseste Andeutung eines Vorteiles des meinigen vor dem
seinigen konnte ich ihn, wie man sich auszudrcken pflegt, fuchsteufelswild
machen.
    Zu erwhnen darf ich nicht vergessen, da er sich frher alle mgliche Mhe
gegeben hatte, mich zum Islam zu bekehren; aber die von ihm damals nicht geahnte
Folge davon war, da er jetzt Isa Ben Marryam8 hoch ber Muhammed stellte; er
war in seinem Innern Christ geworden und nicht nur seine Hanneh, sondern auch
die meisten Haddedihn mit ihm.
    Unsere frheren Reisen hatten wir meist allein oder doch mit nur geringer,
gelegentlicher Begleitung unternommen; dieses Mal aber befanden wir uns in
grerer Zahl beisammen, und das war folgendermaen gekommen:
    Der Araber ist der Ansicht, da die Ehre um so grer sei, je lnger der
Name ist; darum pflegt er seinem Namen diejenigen seiner nchsten Vorfahren
anzuhngen. So nannte sich Halef, als ich ihn kennen lernte, Hadschi Halef Omar
Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. Sein Vater hatte also
Abul Abbas und sein Grovater Dawuhd al Gossarah geheien. Ihnen beiden und auch
sich selbst gab er den Titel Hadschi, welcher einen Mohammedaner bezeichnet, der
in Mekka gewesen ist. Dabei aber war weder er selbst noch sein Vater oder sein
Grovater jemals dort gewesen. Spter kamen wir allerdings einmal nach dieser
heiligen Stadt des Islam, aber nur fr kurze Zeit; ich wurde als Christ erkannt,
mute fliehen9 und kam glcklicherweise mit dem Leben davon.
    Seit jener Zeit war es einer meiner grten Wnsche, noch einmal nach Mekka
zu gehen. Ich war erfahrner als damals, gebter in der Sprache und bewanderter
in den Umgangsformen. Ich kannte jetzt die religisen Gebruche und alle darauf
bezglichen Maregeln und Aeuerlichkeiten so genau, da ich gewi sein konnte,
fr einen Mohammedaner gehalten zu werden. Erst jetzt sah ich es ein, welche
Verwegenheit es damals von mir gewesen war, eine Stadt zu betreten, in welcher
jeden Christen der fast sichere Tod erwartet, und um so reger wurde das
Verlangen, es mit dieser Gefahr noch einmal, und zwar besser vorbereitet,
aufzunehmen. Ich hatte den Islam und den grten Teil der von seinen Bekennern
bewohnten Lnder kennen gelernt; ich war zweimal in Karwan gewesen, der den
Christen damals auch streng verbotenen heiligen tunesischen Stadt, und hatte das
Wagnis glcklich berstanden; warum sollte ich nicht wenigstens den Versuch
machen, diesen meinen Wanderstudien durch einen lngeren Aufenthalt in Mekka
einen befriedigenden Abschlu zu geben? Freilich wute ich gar wohl, da dieses
Unternehmen grad fr mich gefhrlicher als fr jeden andern war. Die
mohammedanischen Gegenden und Orte, wo man mich als Christen kennen gelernt
hatte, waren gar nicht herzuzhlen. Ich hatte mir da viele, viele Freunde
erworben, aber auch manchen Schurken zum unvershnlichen Feind gemacht. Dazu
kam, da meine Gesichtszge leider so charakteristisch sind, da sie sich selbst
einem gewhnlichen Gedchtnisse fr lange Zeit, wenn nicht fr immer, einprgen.
Durfte ich erwarten, da whrend meiner Anwesenheit in Mekka keiner von den
vielen Menschen, die mich kennen gelernt hatten, dort sein werde? Also, ich
wute sehr wohl, was ich wagte; aber die Gefahr lockte fast noch mehr als der
Wunsch selbst, und so nahm der Vorsatz, diesen letzteren auszufhren,
schlielich eine solche Festigkeit an, da es weiter nichts als nur der
Gelegenheit dazu bedurfte.
    Sie lie nicht auf sich warten; sie stellte sich durch meinen diesmaligen
Besuch bei den Haddedihn ein. Halef war gewhnt, da ich stets, wenn ich zu ihm
kam, einen lngeren Ausflug mit ihm unternahm. Als er mich fragte, welche Gegend
ich jetzt besuchen wolle, und ich ihm nur das eine aber bedeutungsvolle Wort
Mekka sagte, erschrak er zunchst, fhlte sich dann aber, grad so wie ich, von
der Gefahr doppelt angezogen. Fr ihn war natrlich die Hauptfrage, was seine
Hanneh, die wohlthtige Pflegerin seines Erdenglckes, dazu sagen werde. Wir
besprachen darum erst alles unter vier Augen und begannen dann, hie und da eine
vorsichtige Bemerkung fallen zu lassen, welche auf unsere eigentliche Attacke
vorbereiten sollte. Aber die kluge Sonne unter allen Sternen des
Frauenfirmamentes durchschaute uns schon nach den ersten, leisen Andeutungen
und forderte uns auf, nicht mit ihr Versteckens zu spielen, sondern mit der
Wahrheit offen hervorzutreten. Dem Hadschi erschien das doch zu gewagt; er
verschwand schleunigst aus dem Zelte, in welchem wir mit ihr saen. Ich blieb
und teilte ihr nun aufrichtig meine Absicht mit und den darauf bezglichen
Wunsch, da Halef mich begleiten mge. Jetzt war ich voll gespannter Neugierde,
was sie antworten werde. Sie sah eine Weile schweigend und berlegend vor sich
nieder und sagte dann:
    Er soll dich nicht allein begleiten, Effendi; ich reite mit!
    Man mag sich mein frohes Erstaunen denken! Sie sah es mir an und fuhr
lchelnd fort:
    Das hast du nicht erwartet? Und doch ist der Grund so leicht erklrlich!
Ich wei, da du ein verstndiger Mann bist und will dir darum eine Frage
anvertrauen: Hast du in deinem Herzen einmal gefhlt, was Ischtijak el Watan10
ist?
    Ja, antwortete ich.
    In deinem eigenen Herzen?
    Ja.
    So darf ich dir gestehen, da ich diese Sehnsucht schon oft empfunden habe
und auch noch jetzt in mir trage. Du weit, da ich eine Tochter der Atebeh
bin, und hast mich und meinen Stamm in der Nhe Mekkas kennen gelernt. Dort sind
die lichten Tage meiner Kindheit verflossen; ich wei nicht, ob du es glaubst,
ich aber halte es fr wahr, nmlich da das Herz des Menschen, je lter er wird,
um so mehr nach den Orten verlangt, welche seine Jugend gesehen haben. Ich liebe
meinen Halef und auch Kara Ben Halef, meinen Sohn; ich bin glcklich in dieser
meiner und in ihrer Liebe; aber neben diesem Glcke wohnt das Verlangen, die
Matarih el Watan11 einmal wiedersehen zu drfen. Ich bitte dich, Halef nichts
davon zu sagen, denn es wrde ihn betrben, zu erfahren, da ich Sehnsucht
leide! Fr diese Verschwiegenheit sollst du Erfllung deines Wunsches haben. Er
darf dich begleiten, und ich reite mit.
    Und Kara Ben Halef, euer Sohn? fragte ich.
    Ihn hier zu lassen, wrde mir unmglich sein; er geht auch mit. Ja, ich
glaube, da du noch grere Begleitung bekommst. Du weit zwar, da unsere
Haddedihn den Propheten lngst nicht mehr so verehren wie zu der Zeit, als sie
dich noch nicht kannten, aber Mekka selbst ist vielen von ihnen doch noch eine
wichtige Stadt, und wenn sie erfahren, da wir hinwollen, wird mancher von ihnen
sich bereit erklren, mitzureiten. Wirst du etwas dagegen haben?
    Nein. Ich kann als Christ im Gegenteile nur wnschen, mglichst viele
Freunde bei mir zu haben, die im Augenblicke der Gefahr an meiner Seite stehen.
    So sind wir also einig, und ich werde jetzt gleich Halef suchen, um ihm zu
sagen, da er seine Vorbereitungen beginnen knne.
    Das war ihre mir wohlbekannte Energie. Wenn sie einmal einen Entschlu
gefat hatte, so pflegte sie mit der Ausfhrung desselben nicht auf sich warten
zu lassen. Wie glcklich sie den Hadschi mit ihrer so unerwartet schnellen
Einwilligung machte, das wute ich nicht nur, sondern ich bekam es auch schon
nach kurzer Zeit zu hren, als er freudestrahlend mich aufsuchte und mir sagte:
    Effendi, sie hat ja gesagt, sie, die liebenswrdigste unter allen irdischen
Liebenswrdigkeiten! Wir gehen nach Mekka, ja wir gehen wirklich hin. Ich habe
es soeben ffentlich verkndigen mssen. Da werden wir wieder einmal groe
Thaten der Tapferkeit verrichten und Werke der Khnheit vollbringen, die unsern
Ruhm in alle Lnder tragen. Unsere Kindeskinder werden uns ehren und unsern
Enkels- und Urenkelsnachkommen unser Lob verknden vom Aufgang bis zum
Niedergang der Sonne! Habe ich nicht ein herrliches Weib, Sihdi?
    Ja, nickte ich; deine Hanneh ist ganz gewi die herrlichste aller
Frauen!
    Ganz gewi! Richtig! Aber deine Emmeh auch! Und damit es zu keinem Streite
und Zusammenstoe zwischen ihnen komme, wollen wir vorsichtig sein und
folgendermaen beschlieen: Meine Hanneh ist die herrlichste Frau des Morgen-,
und deine Emmeh ist die herrlichste Frau des Abendlandes. Bist du damit
zufrieden?
    Ja.
    Du kannst da aber auch wirklich ganz zufrieden sein, denn wenn du dadurch
von mir ohne alle Widerrede die herrlichste Frau des Abendlandes bekommen hast,
darf keine andre dort von nun an wagen, sich mit ihr zu vergleichen. Sage ihr
das, wenn du in dein Duar12 heimkehrst, damit sie erkenne, was fr ein Freund
ich von dir bin und also auch von ihr! Allah erhalte sie jung; er gebe ihr
schwarzgefrbte Augenwimpern, seidene Bnder in die Zpfe und die schnsten,
roten Fingerngel!
    Es meldeten sich auch wirklich so viele Haddedihn, da sie gar nicht alle
mitgenommen werden konnten, sondern eine Auswahl getroffen werden mute. Der
Ritt durch die groen arabischen Wsten wre des Wassers wegen um so schwieriger
gewesen, je mehr Personen sich an demselben beteiligten. Und bei einer so groen
Schar, wie sich gemeldet hatte, htten wir an einen lngeren Aufenthalt in Mekka
gar nicht denken knnen. Darum wurde bestimmt, da fr jetzt nur fnfzig Krieger
teilnehmen durften; den andern wurde es freigestellt, dann wieder eine Auswahl
unter sich zu treffen und die durch sie bestimmten dann nachfolgen zu lassen. Es
war nmlich jetzt noch nicht die Zeit der eigentlichen Hadsch, des groen
Pilgerzuges. Da bei diesem die Scharen der Mohammedaner zu vielen, vielen
Tausenden aus allen Himmelsrichtungen in Mekka zusammenstrmen, so war zu dieser
Zeit die Gefahr des Erkanntwerdens am grten. Darum wollten wir jetzt schon
hin, wo der Andrang nicht so gro war und ich meine Studien mit mehr Mue machen
konnte. Waren wir dann bei der Ankunft der groen Hadsch noch dort und ich fand
Grund, mich schnell in Sicherheit zu bringen, so konnte ich das in dem
befriedigenden Bewutsein thun, meinen Zweck trotzdem und schon vorher erreicht
zu haben. Es zwang uns ja nichts, zur eigentlichen Pilgerzeit in der Stadt der
Kaaba einzutreffen, weil der Moslem auch auerhalb derselben, whrend des ganzen
Jahres, seinen religisen Obliegenheiten dort nachkommen und die ihm nach seiner
Ansicht dafr gebotenen geistlichen Vorteile sich aneignen kann. Ueber die von
der mohammedanischen Priesterschaft verbreitete Annahme, da eine Minute
Aufenthalt in Mekka whrend der Hadsch wertvoller sei und mehr Segen bringe als
ein ganzer Tag zu gewhnlicher Zeit, waren, von mir gar nicht zu sprechen, Halef
und seine Haddedihn schon lngst hinaus. Sie schenkten dieser Versicherung
keinen Glauben.
    Einige der Mnner, welche uns begleiteten, wollten ihre Frauen mitnehmen,
wozu wir aber unsere Einwilligung nicht gaben, weil uns schon die Rcksicht auf
Hanneh allein genug hinderte, so zu reisen, wie wir es ohne sie htten thun
knnen. Bemerken will ich, da auch Omar Ben Sadek, den die meisten meiner Leser
schon kennen gelernt haben, mit bei den Auserwhlten war.
    Als Maregel zu meiner Sicherheit wurde beschlossen, da ich whrend dieser
Reise nicht Kara Ben Nemsi genannt werden sollte. Dieser Name war so bekannt,
da er mir jetzt nur Verlegenheiten, wenn nicht noch mehr, bereiten konnte.
Halef machte da in seiner eigenartigen Weise die Bemerkung:
    Da siehst du, Sihdi, wie sehr wir beide den groen, berhmten Beherrschern
der Erde gleichen: Wir mssen den Abglanz unserer Herrlichkeit hinter einen
fremden Namen verstecken. Zwar ist das dieses Mal nicht auch bei mir, sondern
nur bei dir der Fall, aber wie du dich in meinen Strahlen sonnen darfst, so mu
auch mich der wohlthtige Schatten deines Madschhul13 treffen. Wie aber sollen
wir dich nennen? Hast du vielleicht schon ber einen andern Namen nachgedacht?
    Nein. Es handelt sich auch nicht nur um den Namen.
    Ja, richtig. Wir mssen auch wissen, wie wir zu antworten haben, wenn wir
gefragt werden, was du bist.
    Am einfachsten wre es, mich fr einen Haddedihn auszugeben.
    Nein, das geht nicht, Sihdi, denn da wrde deine Herrlichkeit so
vollstndig verschwinden, da sie spter vielleicht gar nicht wiederzufinden
wre. Auch will ich stolz darauf sein knnen, da du bei uns bist; darum mssen
wir dir einen Namen und eine Wrde erteilen, welche unbedingt zur Achtung
fordern. Am besten ist es, wir geben dich fr einen groen Gelehrten aus. Ist
dir das recht?
    Ja.
    Woher bist du?
    Aus irgend einem mohammedanischen Lande, aber ja nicht aus einer groen
Stadt, weil jeder, der von dort nach Mekka kommt, diesen Gelehrten kennen
mte.
    Erlaubst du, im fernen Moghreb14, welcher meine Heimat ist, geboren worden
zu sein?
    Ja.
    Du hast dort im Wadi Draha das erste Licht der Welt erblickt?
    Sehr gern!
    Und von welcher Art ist deine Gelehrsamkeit?
    Das berlasse ich dir, lieber Halef.
    Gut! Weil du so bescheiden bist, werde ich dich sehr hoch erheben. Du
beschftigst dich nmlich gar nicht mit einer einzigen Art der Wissenschaft,
sondern deine unendliche Weisheit ist in die Hhen und in die Tiefen aller Ulum
15 eingedrungen. Oder ist dir das noch zu wenig?
    Es gengt einstweilen.
    Schn. Ein solcher Mann mu sehr berhmte Ahnen und also einen langen Namen
haben. Ich werde dir ihn jetzt diktieren. Schreib ihn sogleich auf, damit wir
ihn festhaben und ihn auswendig lernen knnen!
    Ich folgte mit stillem Vergngen dieser seiner Aufforderung. Er ging sinnend
hin und her und brachte nach und nach, Glied fr Glied, folgende Schlange zum
Vorscheine:
    Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn
Hadschi Dajim Maschhur el Azami. Ich hoffe, da dieser schne Name deinen
Beifall hat!
    In deutscher Sprache wrde die Riesenschlange heien: Hadschi Vernnftig
Klug, der Erfahrene, Sohn des Hadschi Weise, Tapfer, der Reiche, Sohn des
Hadschi Unsterblich, Berhmt, der Herrliche. Das war doch wohl mehr als genug?
Dennoch hatte er noch ein Uebriges gethan und mir und meinen mir bisher vllig
unbekannten Vorfahren den Ehrentitel Hadschi verliehen. Mehr konnte ich doch
unmglich verlangen! Trotzdem antwortete ich, natrlich nur in der Absicht, ihn
zu necken:
    Du scheinst zu glauben, mich mit ihm sehr zufriedengestellt zu haben, irrst
dich aber; er knnte lnger und besser sein!
    Lnger - - - besser - - -?!
    Sein Mund blieb vor Verwunderung offen. Er sah mich eine Weile mit groen
Augen an und brach dann zornig los:
    Wie - - wie knnte er sein? Lnger knnte er sein, und besser knnte er
sein? Soll ich ihn etwa von hier bis hinauf zum Monde und dann wieder herunter
dehnen? Soll ich alle sieben Himmel Muhammeds plndern, um noch mehr Worte der
Pracht und der Erhabenheit fr dich zusammenzustehlen? Wie kommst du zu dieser
mich beleidigenden Unzufriedenheit. Hast du den Namen bei mir bestellt, oder
habe ich ihn dir freiwillig, also aus eigenem Antriebe, gegeben?
    Freiwillig.
    Hast du ihn mir bezahlt, oder wirst du ihn bezahlen?
    Nein.
    Du mut also zugeben, da er ein Geschenk von mir ist?
    Ja.
    Gut, so hast du deine Undankbarkeit in ihrer ganzen kolossalen Gre
eingestanden! Ich mache dir aus eigenem Antriebe, aus der Tiefe meines
freigebigen, mildthtigen Herzens heraus einen neuen Namen, den du brauchst, zum
Geschenk! Ich suche in allen Winkeln und Ecken der menschlichen Sprachfertigkeit
herum, um das Beste, was dort hingelegt und an den Wnden aufgehngt worden ist,
herauszufinden! Ich whle die glnzendsten Worte, die prchtigsten Ausdrcke und
fge sie fr dich mit einem so tiefen Verstndnisse, mit einer so
bewundernswerten Sachkenntnis zusammen, wie der Dschauhardschi16 die seltensten
Edelsteine und die kstlichsten Perlen zu einer Halskette zusammensetzt! Ich
berreiche dir dieses unbertreffliche Geschenk, indem ich es dir mit meinem
eigenen Munde mhsam diktiere! Und nun du es empfangen hast, was thust du? Du
drehst es in deinen Gedanken und in deinen Hnden unzufrieden hin und her; du
wirfst die Nichtwohlgewogenheit deiner unfreundlichen Blicke darauf und
beleidigst den Hintergrund meiner Seele und den Vordergrund meines Herzens durch
die schreiende Ungerechtigkeit des unsachgemen Vorwurfes, da diese
Juwelenkette, dieses ganz unzahlbare Geschmeide, diese geradezu diamantene
Freundschafts- und Ehrengabe lnger und auch besser sein knne! Wenn das nicht
eine Undankbarkeit ist, die dich um meine ganze Achtung und Gegenliebe bringen
mu, so habe ich noch nie gewut, was berhaupt Undank ist! Du hast mit der
Hacke deiner Unerkenntlichkeit und mit der Schaufel deiner habschtigen
Unzufriedenheit zwischen mir und dir einen tiefen Abgrund gegraben, dessen
Breite ich nicht berspringen knnte, wenn ich hinberwollte. Das Schicksal hat
unsere Trennung beschlossen; das Fatum reit uns fr ewig auseinander, und wir
werden, ich hben und du drben, von jetzt an einsam durch das Leben gehen und
beide fr alle Zeit auf dich verzichten! Lebewohl, Sihdi, lebewohl!
    Er verlie das Zelt, und ich prgte mir in grter Seelenruhe den Namen ein;
ich wute ja, wie es kommen wrde! Und es kam wirklich so! Nach vielleicht einer
Viertelstunde zog er den Vorhang, welcher den Eingang bildete, auseinander und
steckte den Kopf herein.
    Sihdi! sagte er.
    Was? fragte ich.
    Ich war bei Hanneh, der trauten Krone aller Weiber!
    So!
    Ich habe es ihr erzhlt!
    So!
    Weit du, was sie machte?
    Ja.
    Was?
    Sie lachte dich aus!
    Nein, nicht ausgelacht, sondern sie lchelte nur. Dann gab sie mir einen
Rat.
    Welchen?
    Den allerbesten, den es geben kann, denn du mut wissen, da Hanneh, mein
Stern im Wachen und im Trumen, stets nur den besten Rat zu finden wei. Sie
fand den Namen nmlich auch fr dich zu kurz.
    Das war klug von ihr!
    Und sagte, ich solle noch den Grovater deiner Urgromutter hinten
anhngen.
    Schn! Hast du den gekannt?
    Nein; aber nimm das Papier, und schreib ihn noch hin! Sein Name war Ben
Hadschi Taki Abu Fadl el Mukarram.
    Ich schrieb die Worte, welche in deutscher Uebersetzung Sohn des Hadschi
Fromm, Vater der Gte, der Ehrwrdige heien.
    Hast du nun den ganzen Namen? fragte Halef jetzt.
    Ja.
    Lies ihn einmal vor!
    Hadschi Akil Schakir el Magarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Hadschi
Dajim Maschhur el Azami Ben Hadschi Taki Abu Fadl el Mukarram.
    Schn! Was sagst du nun dazu?
    Er gefllt mir auerordentlich.
    Du bist also nun zufrieden?
    Sehr.
    Du bist also einverstanden, da wir dich so heien?
    Ja.
    Da hellte sich sein Gesicht schnell und vollstndig wieder auf, und er sagte
im frohen Tone:
    Hamdulillah! Allah sei Lob und Dank gesagt, da es mir gelungen ist, diesen
deinen Abgrund wieder zuzuschaufeln! Nun sind wir die alten Freunde und knnen
wieder, wie vorher, in Wonne miteinander verkehren. Ich sage dir, da ich es
hben auf meiner Seite nicht ausgehalten htte, wenn du immer httest drben
bleiben mssen! Ich werde es mir aber zur Warnung dienen lassen und nie in
meinem Leben wieder so unvorsichtig sein, die Namen von verstorbenen Personen zu
entdecken, die gar nicht gelebt haben! Jetzt bitte ich dich, mit herauszukommen!
Die Dschemmah17 tritt zusammen, um darber zu beraten, wer und in welcher Weise
er whrend meiner Abwesenheit den Stamm regieren soll. Da mut du auch dabei
sein, denn so oft und so lange du bei uns bist, giltst du genau so, wie wir alle
als mitten zwischen unsern Herden geborenes Mitglied der Haddedihn vom groen,
berhmten Stamme der Schammar.
    Das war richtig. Ich mute, wenn ich mich bei diesen guten Leuten befand, an
allen ihren Beratungen teilnehmen und wute die Ehre, welche mir dadurch
erwiesen wurde, gar wohl zu schtzen. Die Schammar haben ihren Namen von dem in
Arabien sdlich von der Wste Nefuhd liegenden Dschebel18 Schammar, den sie als
Mittelpunkt ihres ausgedehnten Gebietes betrachten. Als Angehrige dieses
Stammes htten wir eigentlich jetzt dorthin reiten sollen, zumal der nchste und
auch beste Weg nach Mekka ber den Dschebel Schammar fhrte; aber ich war mit
Halef und seinem Sohne dort gewesen; man kannte mich als Christ, und es wre gar
nicht zu verheimlichen gewesen, da ich auch mit nach Mekka wollte. Das htte
sehr wahrscheinlich nicht nur zu Verdrielichkeiten, sondern sogar zu ernsten
Auftritten Veranlassung gegeben, welche zu vermeiden, wir lieber einen Umweg
machen und den Dschebel Schammar gar nicht berhren wollten. Leicht war das
freilich nicht, besonders der uns unbekannten Wasserverhltnisse wegen. Fnfzig
Mann mit Pferden und Kamelen wollen trinken, und in der arabischen Wste, die
nicht weniger schrecklich als die Sahara ist, kann der Wassermangel leicht
verderblich werden. Glcklicherweise hatte ein Krieger vom Beduinenstamme der
Beni Harb sich eines Haddedihnmdchens wegen, welches er liebte aber nicht dazu
bewegen konnte, ihm zu seinem Stamme zu folgen, in den ihrigen aufnehmen lassen.
Er war ein ernster, gewandter, sehr erfahrener und zuverlssiger junger Mann,
der die Gegend, durch welche wir reiten muten, sehr genau kannte. Dieser
behauptete, genug Bijar19 und Ujun20 zu kennen, wo wir Wasser finden wrden; er
werde unser Fhrer sein, und wir knnten ihm getrost unser Vertrauen schenken.
Wir beschlossen, uns an diese seine Versicherung zu halten, worauf er nicht
wenig stolz war, und haben es auch dann nicht zu bereuen gehabt.
    Fr Hanneh wurde ein groer Tachtirwan bestimmt, den zwei Kamele zu tragen
hatten. Er war sehr gerumig und bequem; sie konnte sitzen oder liegen, wie sie
wollte, und sogar auf den Kissen sich ganz ausstrecken. Ein Dach aus bunten,
reichgestickten Stoffen bot ihr gengenden Schutz vor den Sonnenstrahlen. Da
unser Weg durch die Wste fhrte und wir fnfzig Krieger zhlten, muten wir
darauf verzichten, diese Leute mit Pferden beritten zu machen, welche tglich
trinken mssen. Die Haddedihn sind berhmt wegen ihrer Zucht vortrefflicher
Reitkamele; sie besitzen groe Herden dieser Tiere, und so konnten wir also eine
gute Auswahl treffen. Das Reitkamel wird Hedschihn genannt, whrend das
Lastkamel Dschemal heit. Die besten Reitkamele sah man frher beim Stamme der
Bischari, weshalb sie Bischarihnhedschihns genannt wurden. Der Plural lautet
Hudschuhn. Die Schammar und also auch die Haddedihn sind so klug gewesen, sich
dieses vorzgliche Material zu erwerben, und zchten nun Reitkamele, welche
denen der Bischari wenigstens gleichkommen, aber meiner Ansicht nach sie sogar
bertreffen.
    Also solche Hudschuhn wollten wir reiten. Die mausgrau gefrbten hlt man
fr die besten und ausdauerndsten Renner. Halef suchte deren mehrere fr sich
und mich und auch als Reserve aus. Auerdem war es uns beiden, aber auch nur
uns, keinem andern Haddedihn, gestattet, unsere Pferde mitzunehmen. Der Hadschi
behauptete, da dies zu Reprsentationszwecken notwendig sei. Da er der berhmte
Scheik der Haddedihn sei und ich der ebenso berhmte Gelehrte Hadschi Akil
Schatir el Megarrib aus dem fernen Wadi Draha, so gehe es gar nicht anders, als
da wir in der heiligen Stadt und deren Umgebung und auch sonst bei wichtigen
oder festlichen Gelegenheiten vorzgliche Pferde von reinstem Blute reiten
mten. Sein Rappe hie Barkh21 und war ein ganz vorzglicher Nedjedihengst.
Mein Pferd, auch ein Rapphengst, war Assil22 Ben Rih, ein gleichwertiger Sohn
meines herrlichen Rih, welcher unter mir erschossen wurde. Die Kugel, welche ihn
traf, hatte eigentlich meinem Herzen gegolten. Zahllose Briefe meiner Leserinnen
und Leser sprechen von den Thrnen, welche beim Lesen seines Todes vergossen
worden sind23. Man braucht sich ihrer nicht zu schmen. Mir selbst werden noch
heut die Augen na, wenn ich an diese traurige, ergreifende Scene denke. Jetzt
ritt ich, wie bereits gesagt, Assil, seinen ebenbrtigen Sohn, der mich schon
mit hohen Ehren durch ganz Persien getragen hatte und ein hochedles Pferd war,
auf welches ich mich in jeder Beziehung verlassen konnte. Er war mir lieber als
Halefs Barkh.
    Noch kurz vor unserm Aufbruche konnte Halef den dringenden Bitten seines
Sohnes, doch auch fr ihn ein Pferd mitzunehmen, nicht mehr widerstehen. Es
wurde fr ihn die herrliche Schimmelstute Kawamah 24 bestimmt, eine Tochter von
jener weien, berhmten Stute, welche das Pferd Muhammed Emins, des frheren
Scheikes der Haddedihn, gewesen war.
    Als wir dann unterwegs waren, bildeten wir mit den Kamelen, welche die
Wasserschluche und andere notwendige Sachen zu tragen hatten, eine ganz hbsche
und, wie Halef sich stolz ausdrckte, wie das Eigentum eines Knigs aussehende
Kavalkade. Selbst bei Kamelen sehen Rassetiere eben ganz anders aus als
gewhnliche, vielleicht gar abgenutzte Exemplare! Hierbei will ich die
vielleicht nicht ganz unntige Bemerkung machen, da man die Unwahrheit sagt,
wenn man behauptet, das Kamel knne ber eine Woche lang drsten, und es komme
vor, da die Wstenreisenden dadurch vor dem Tode des Verschmachtens gerettet
werden, da sie ein Kamel erstechen und das in dem Magen desselben befindliche
Wasser trinken. Die Wahrheit ist, da das Kamel in Beziehung auf das Futter
gengsam ist und mit dornigen und stacheligen Gewchsen frlieb nimmt, welche
kein Pferd fressen wrde; es zeigt sich auch in dieser Hinsicht als brauchbares
Wstentier. Sodann kann es infolge seines weiten Magens eine ungewhnliche Menge
Wasser zu sich nehmen, welche lnger reicht als bei dem Pferde; aber schon am
zweiten Tage hat es wieder Durst; am dritten wird es schwach und am vierten
hinfllig, wenn es Lasten zu tragen hat. Es kommt ja auch auf die Leistungen an,
welche man von ihm verlangt. Ich bin mit einem vorher tchtig getrnkten
Bischarihnhedschihn, welches nach deutschem Gelde wohl 8000 Mark wert war, in
drei Tagen und drei Nchten 450 Kilometer geritten; dann aber konnte es vor
Durst nicht weiter. Und da das Magenwasser geniebar sei, ist auch eine alte,
ganz unbegrndete Fabel. Ich habe viele Kamele kurz und auch spter nach dem
Trnken schlachten sehen, denn das Fleisch wird ja ganz gern gegessen; aber
schon zwei Stunden nach der Annahme des Wassers hatte es das Aussehen von Urin
und einen geradezu widerstrebenden Magengeruch. Dann wird es schnell dicker und
dunkler, bis es nach kurzer Zeit das Aussehen und auch den Gestank von Jauche
hat. Ich wrde selbst im hchsten Grade des Durstes keinen Schluck von diesem
Mistwasser trinken knnen, wenn ich auch wollte, und ich wrde auch gar nicht
wollen, weil ich berzeugt wre, da ich an dieser Jauche noch eher als infolge
des Durstes sterben mte. Leider wird die alte, wie es scheint, unausrottbare
Fabel noch heut in Schul- und anderen Bchern weiter verbreitet!
    Unser eigentlicher Weg wre bei Hit ber den Euphrat und dann in gerader
Linie durch die Wste nach Djof und von da nach Hal, dem Hauptorte des Dschebel
Schammar, gegangen. Eine sdlichere Linie geht von Hilleh aus um den
Nedschef-See herum und spter ber den Dschebel Daharah direkt nach Hal. Wir
hielten die Mitte zwischen beiden ein, gingen an dem Daharah weit vorber und
suchten das berhmte Wadi Rumem zu gewinnen. Wadi heit Flubette und kann nach
den dortigen Verhltnissen ein flieendes Wasser, aber auch eine ganz
ausgetrocknete Mulde bedeuten.
    Hier, also sdlich vom Dschebel Daharah war es, wo ich mit Halef voranritt
und das am Anfange dieses Kapitels erwhnte Gesprch ber die abendlndischen
Eisenbahnen mit ihm hatte. Ich hatte ihm, wie von so vielen unserer
Einrichtungen, auch schon wiederholt von unseren Eisenbahnen erzhlt; ich hatte
sie ihm beschrieben und ihm ausfhrlich erklrt, welchen Segen sie bringen und
da sie gar nicht zu entbehren seien. Ich hatte, um ihm das an einem Beispiele
zu verdeutlichen, ihn auf die Pferdebahn hingewiesen, welche der so viel und so
unschuldig verkannte Midhat-Pascha in Bagdad gebaut hatte, doch das alles
vergeblich! Er, der sonst so kluge und einsichtsvolle kleine Mann, konnte sich
aus seinem orientalischen Gesichtskreise nicht herausfinden und hielt alles fr
unpraktisch oder gar fr verwerflich, was nicht mit seinen Gewohnheiten und
Erfahrungen bereinstimmte. So war es heut seinem orientalischen Gewissen
gradezu als Snde erschienen, da es bei uns im Bahnwagen den beiden
Geschlechtern erlaubt ist, bei einander zu sitzen. Das war doch ein Verbrechen
gegen die allererste und oberste Haremsregel! Die Sache an sich verurteilte er
blo; sie brachte ihn nicht in Aufregung; aber da ich sie guthie und mich
selbst an dieser Snde beteiligt hatte, das erregte seinen Zorn und trieb ihn
fort von mir!
    Ich lie ihn ohne Sorge zu seiner Hanneh gehen, der er, wie ich wute, nun
sein Herz ausschttete. Sie pflegte ihm den Turban wieder auf die richtige
Stelle zu rcken. Als ich mich einmal umdrehte, sah ich, da er, neben dem
Tachtirwan reitend, sehr angelegentlich mit ihr sprach. Seine Gesten waren dabei
uerst lebhaft; er schien seinen Standpunkt verteidigen zu mssen, also war
anzunehmen, da sie zu meinen Gunsten sprach. Nach einiger Zeit lenkte er sein
Hedschihn wieder an die Seite des meinigen, doch sagte er noch nicht gleich
etwas, denn die Strafpredigt, welche er mir vorhin gehalten hatte, war so
energisch gewesen, da es ihm jetzt nicht leicht wurde, in Freundlichkeit wieder
einzulenken. Er hustete; er rusperte sich wiederholt; endlich begann er:
    Sihdi, denkst du noch an eure Eisenbahnen?
    Nein, antwortete ich.
    Aber du scheinst doch so tief in Gedanken zu stecken. Darf ich erfahren,
was fr welche es sind?
    Ich denke an die Unzuverlssigkeit der Freundschaft.
    
    Das geht natrlich auf mich?
    Ja.
    Meine Freundschaft ist gar nicht unzuverlssig; aber sie kann sich nicht
gut an die Wagen bei euch gewhnen, in denen Frauen, Mdchen und fremde Mnner
beisammensitzen. Das Allerschlimmste ist, da du selbst auch mit dabeigesessen
hast!
    Glaubst du, da mir das geschadet hat?
    Dir? O nein, gewi nicht!
    Oder den Frauen und Mdchen?
    Denen? Gewi auch nicht, denn du bist ein feiner, ein vornehmer Effendi,
der sehr gut wei, wie er sich zu benehmen hat.
    Nun, wenn es weder ihnen noch mir etwas geschadet hat, warum bist du da so
erzrnt darber?
    Weil - - hm! - - weil - - weil es sich nicht schickt!
    Wer behauptet das?
    Ich!
    Du? Das gengt mir nicht. Wer noch?
    Jeder vernnftige Mann!
    So? Ich behaupte aber das Gegenteil, bin also ein unvernnftiger Mensch.
Ich danke dir, Halef!
    Sihdi, so - - so habe ich es nicht gemeint; so darfst du es nicht nehmen!
Ich kenne dich ja und ich wei also, da grad du so viel Vernunft besitzest, da
sie fr zehn andere Personen mehr als ausreichen wrde. Dich habe ich am
wenigsten beleidigen wollen!
    Nun, wenn ich eine so bedeutende Portion von Vernunft besitze, so bin ich
wohl auch befhigt, ber unsere Eisenbahnen zu urteilen. Ich nehme an, da du
mit Hanneh darber gesprochen hast?
    Ja.
    Was sagte sie?
    Ich erzhlte ihr, was ich ber eure Eisenbahnen von dir gehrt hatte, und
fragte sie nach ihrer Meinung.
    Nun? Wie lautete diese?
    Sihdi, ich kann dir fast nicht wiedersagen, was ich aus dem Munde meiner
Hanneh hrte, welche doch der Inbegriff der Zusammenfassung aller weiblichen
Klugheit ist. Sie gab dir nmlich recht!
    Das dachte ich!
    Wirklich? Du dachtest es? Warum? Ich dachte es nicht!
    So scheine ich deine Hanneh besser zu kennen als du. Sie will nicht, wie
andere Frauen des Orientes, nur die willenlose Spielpuppe ihres Mannes sein, die
er vor andern Leuten nicht sehen lt!
    Spielpuppe! Sonderbar! Ganz genau dasselbe sagte sie auch! Sie fragte mich,
ob sie nur mein Dschidschi25 oder meine Kukla26 sei, die kein Mensch sehen drfe
als ich allein. Ja, denke dir, sie drohte mir, nach unserer Rckkehr ein
Mnnerzelt, ein mnnliches Harem zu bauen und mich da einzusperren, damit mich
keine andere Frau betrachten drfe. Dann sprach sie sogar von einer ganz
armseligen Haremswirtschaft, welche eine groe und ganz unverzeihliche
Beleidigung aller Frauen sei!
    Da hat sie recht!
    Recht? Sihdi, willst du haben, da Hanneh eine Revolution gegen mich
unternimmt?
    Nein; ich gebe ihr nur recht; was sie macht, das ist ihre Sache.
    Ich wollte das, was sie eine Beleidigung aller Frauen nannte, nicht
einsehen; da erklrte sie es mir.
    Und dann begriffst du es?
    Du scheinst wieder einmal alles vorherzuwissen, ehe ich es dir sage! Und es
ist ja auch wahr: Hanneh, die schnste Blume im Garten meiner Glckseligkeit,
hat eine ganz eigene, eine ganz besondere Weise des Erklrens; sie bringt
nmlich keine anderen Grnde, als solche, denen man nicht widerstehen kann. So
brachte sie mir auch jetzt zwei Beispiele, mit denen sie mich so berwltigte,
da ich wirklich nicht wute, was ich weiter sagen sollte.
    Darf ich erfahren, was fr Beispiele das waren?
    Es war die Rose und die Retschina fena27; denke dir!
    Ich mute ber diesen krftigen Vergleich der guten Hanneh unwillkrlich
lachen; da fiel er schnell ein:
    Warum lachst du da? Etwa ber mich? Ich kann doch nicht dafr, da Hanneh,
die Wonne meiner Augen, grad auf diese stinkende Retschina fena gekommen ist!
Sie fragte mich, ob man jemandem eine Rose zeigen drfe, und ich mute dies
natrlich bejahen. Hierauf wollte sie wissen, ob es die Hflichkeit gestatte,
jemandem ein Stck Retschina fena vor die Nase zu halten, und ich verneinte es.
Kaum hatte ich das gethan, so warf sie mir vor, da sie von mir nicht wie eine
duftende Rose sondern wie stinkende Retschina fena behandelt werde. Sie
behauptete, die Frauen des Orientes wrden von ihren Mnnern genau so
eingewickelt, wie man die Retschina fena einwickelt, damit keine Nase von ihr
beleidigt werde; das sei die grte Krnkung, die es geben knne; das msse
anders werden, denn so eine Entwrdigung des weiblichen Geschlechtes knne
unmglich lnger geduldet werden! Ich sage dir, sie verlangte in ihrem Zorne
auch Eisenbahnen und auch Lokomotiven hierher zu uns; sie wolle sich nicht
lnger als Retschina fena behandeln lassen sondern auch im Wagen sitzen wie die
Frauen des Abendlandes, die keine Puppen sondern Herrinnen seien und ganz
dieselben Rechte wie ihre Mnner htten! Denke dir, Rechte! Meine Hanneh, die
schnste, die ruhigste, die sanfteste, die geduldigste, die liebenswrdigste
aller Liebenswrdigkeiten, sprach von Rechten, von denselben Rechten, wie die
Mnner haben! Ist das nicht unerhrt?
    Nein.
    Nicht? Wie denn?
    Ich halte es fr selbstverstndlich, nicht fr unerhrt.
    Aber was soll daraus werden, wenn die Frauen nicht mehr so zurckgehalten
werden, wie es jetzt geschieht?
    Zurckhalten? Meinst du vielleicht, da sie dann wie wilde Tiere ber uns
herfallen, um uns zu verschlingen?
    Nein; du mut nicht gleich das Allerschlimmste sagen. Ich war aber der
Ansicht, da man ihnen sehr enge Grenzen ziehen mu.
    Welche Grenzen zum Beispiel?
    Es mu ihnen verboten sein, auszugehen, sobald es dunkel ist!
    Gut; weiter!
    Sie mssen es vermeiden, mit einem Manne, der nicht ihr Mann ist, allein zu
sein.
    Das verlangst du im vollen Ernste?
    Jawohl! In dieser Beziehung verstehe ich keinen Spa. Gegen eine Frau,
welche diese Gesetze bertritt, mu man sich genau so wie der Padischah gegen
seinen Harem verhalten!
    Wie?
    Er lt solche Frauen in einen Sack binden und in das tiefste Wasser
werfen.
    Wirklich?
    Ja, das thut er, und ich sage, da dies ganz richtig von ihm ist!
    Lieber Halef, hast du vielleicht einen Sack mit?
    Ja, mehrere, fr die Pferdedatteln.
    Sind sie gro genug, eine Frau hineinzustecken?
    Nein.
    Schade, jammerschade!
    Warum?
    Wir htten deine Hanneh in einen solchen Sack gesteckt und in das erste
Wasser geworfen, welches wir antreffen.
    Meine Hanneh? Die allernotwendigste Notwendigkeit zum Glcke meines
Erdenlebens? fragte er erstaunt.
    Leider! nickte ich sehr ernst.
    Sie in einen Sack stecken?
    Ja.
    Und in das Wasser werfen?
    In die tiefste Stelle sogar!
    Warum? Sag schnell, warum?
    Weil sie gegen die beiden Gesetze gehandelt hat, welche du vorhin
aufstelltest.
    Du scherzest, Effendi, du scherzest!
    Nein. Ich bin Zeuge, da sie es gethan hat!
    Sihdi, mach mich nicht unglcklich! Meine Hanneh wre mit einem Manne, der
ich nicht war, allein gewesen?
    Ja; sogar in tiefer Dunkelheit, beim Neumonde, ganz hinter den Zelten eures
Lagers.
    Ich sterbe! Ja, ich sterbe vor Trauer, obgleich ich es fr vollstndig
unmglich halte, da sie dieses grte aller Verbrechen begangen haben kann!
Aber du sagst es, Effendi, du, der mein erster und bester Freund ist und mir so
etwas nicht mitteilen wird, ohne es beweisen zu knnen!
    Ich habe dir schon gesagt, da ich Zeuge bin, und ich teile dir jetzt mit,
da es noch einen zweiten Zeugen giebt.
    Noch einen? Der es gesehen hat?
    Ja.
    Wer ist das? Sage es! Heraus damit! Diesen Halunken bringe ich
augenblicklich um, weil er es mir verschwiegen hat!
    Lieber Halef, das wrde Selbstmord sein!
    Selbst - - - -?
    Ja, denn du selbst bist dieser zweite Zeuge.
    Ich - - - ich - - - ich selber?!
    Ja.
    Effendi, du wirst mir immer unbegreiflicher!
    Du scheinst es vergessen zu haben; darum will ich deinem Gedchtnisse zu
Hilfe kommen. Erinnerst du dich jener Neumondsnacht vor unserem Aufbrauche nach
dem Tigris, als wir unsere Reise nach Persien antraten?
    Ja.
    Da hat, nach Mitternacht sogar, deine Hanneh mit einem Manne, der nicht
Hadschi Halef war, eine ziemlich lange Zeit hinter euern Zelten gesteckt28.
    Da warf er beide Arme freudig empor und rief, indem er tief und wie von
einer groen Last befreit Atem holte, in frohem Tone aus:
    Hamdulillah! Da wird mir ja das Herz gleich wieder leicht! O Sihdi, was fr
eine auerordentliche Bangigkeit hast du in meine Seele gelegt! Es war, als ob
mir das ganze Glck meines Lebens zerrissen und zertrmmert werden solle. Htte
ein anderer so zu mir gesprochen wie du, gleich wre ihm mein Messer in den Leib
gefahren, zur Strafe dafr, da er es wagte, Hanneh, das kstliche Ebenbild der
reinen Sonne, mit seinen Verdchtigungen zu beschmutzen. Da du es aber warst,
der also sprach, so konnten die Worte, welche mir so tiefen Schmerz bereiteten,
doch keine Lge sein; sie muten Wahrheit enthalten. Darum fhlte ich mich
niedergeschmettert wie ein kleiner Kfer, auf welchen ein groer Berg
herabgefallen ist. Nun ich aber hre, da du jene Nacht vor unserem Aufbruche
meinst, ist dieser Berg wieder verschwunden, und der Kfer zappelt lustig
weiter, denn ich wei, da du selbst der fremde Mann gewesen bist, der damals
mit ihr gesprochen hat!
    Und das macht dich nicht unglcklich?
    Unglcklich? Fllt mir gar nicht ein! Und wenn ich tausend Hannehs htte,
die alle so schn und so unvergleichlich wren, wie diese eine, einzige, dir
knnte ich sie alle, alle anvertrauen!
    Ich glaube es dir. Aber weit du, was du mit dieser fr mich so ehrenvollen
Versicherung gethan hast?
    Ja.
    Nun, was?
    Ich habe dir ein ungeheures Lob gespendet, ein geradezu beispielloses
Vertrauen erwiesen!
    Allerdings; aber zugleich hast du noch etwas anderes gethan.
    Von diesem etwas anderem habe ich keine Ahnung. Was ist es?
    Du hast deine Anklage gegen das Abendland zurckgezogen und dich mit
unseren Eisenbahnen einverstanden erklrt.
    Ist mir gar nicht in den Sinn gekommen, Sihdi! Eure Eisenbahnen haben es
mit mir verdorben, vollstndig verdorben. Es fllt mir gar nicht ein, nicht
einmal im Traume, mich mit ihnen auszushnen!
    Du hast es aber doch gethan, und zwar nicht im Traume, sondern soeben
jetzt, im vollstndig wachen Zustande!
    Wieso?
    Pa auf! Ich frage dich: Du hltst es fr verboten, da Frauen mit anderen
Mnnern im Wagen der Eisenbahn beisammensitzen?
    Ja, streng verboten! Davon gehe ich nicht ab!
    Du hltst es ferner fr verboten, da Frauen mit anderen Mnnern, zumal in
der Nacht und hinter den Zelten, beisammenstehen?
    Eigentlich ja; aber wenn du es bist, so ist es erlaubt.
    Warum da?
    Weil ich wei, da ich sie dir anvertrauen kann.
    Gut! Im Wagen der Eisenbahn sitzen unsere Frauen auch nur in der Nhe von
Mnnern, denen wir sie anvertrauen knnen! Andere Mnner wrden von den Beamten
sofort hinausgeworfen oder gar arretiert und bestraft werden!
    Wirklich? Das finde ich allerdings sehr lobenswert!
    Wenn aber zum Beispiel du dich in einem solchen Wagen befndest, dann wrde
jeder Mann seiner Frau oder seiner Tochter erlauben, sich in deine Nhe zu
setzen.
    Meinst du? fragte er geschmeichelt.
    Ja.
    Wirklich?
    Ja, denn man sieht dir die Ehrlichkeit und Zuverlssigkeit ja gleich beim
ersten Blicke an!
    Hm! Wrde ich auch mit ihr sprechen drfen?
    Sie wrde es dir ganz gern erlauben.
    Ihr guten Rat geben, wenn sie welchen braucht?
    Natrlich!
    Ihr sogar helfen, wenn sie meiner Hilfe bedarf?
    Gewi! Das ist grad der groe Vorteil, den unsere Frauen und Tchter
whrend der Reise genieen, da sie von jedem Mitreisenden untersttzt und
beschtzt werden!
    Du, Sihdi, das finde ich reizend, sehr reizend! Du weit, wie gern ich
meine Nebenmenschen beschtze. Es ist das schon bei Mnnern schn; wie schn mu
es da erst bei Frauen sein! Denke dir, wenn ich als Dank ein freundliches
Lcheln dafr bekme!
    Das wre dir gewi!
    Wirklich? Sie wrde lcheln?
    Aber ja! Wenn du ihr einen freundlichen Dienst erweisest, lchelt sie dich
auch freundlich an.
    Sihdi, ich bitte dich, von diesem freundlichen Lcheln des Dankes mut du
gegen Hanneh schweigen, sonst bekommt sie einen ganz falschen Begriff von eurer
Eisenbahn, und das sollte mir leid thun!
    Leid? Dir? Ich denke, du magst nichts von der Eisenbahn wissen?
    Ganz richtig! Eigentlich mag ich sie nicht leiden, ja; aber wenn die Frauen
nur bei braven, dienstbereiten Mnnern sitzen, welche mit einem Lcheln der
freundlichen Anerkennung belohnt werden, so sehe ich keinen vernnftigen Grund,
warum es grad mir verboten sein soll, auf der Eisenbahn zu fahren. Ich sage dir,
wenn so eine Eisenbahn von hier nach Mekka ginge, ich wrde wahrscheinlich nicht
auf dem Kamele sitzen bleiben.
    Sondern fahren?
    Ja. Was kann mir das Lcheln eines Kameles ntzen, selbst wenn es nmlich
lcheln knnte! Drfte ich denn einer solchen Frau auch von unseren Reisen, von
unseren weiten und gefhrlichen Ritten und von den Thaten des Mutes und der
Tapferkeit erzhlen, welche wir vollbracht haben?
    Ja. Sie wrde dir sogar dankbar dafr sein, denn durch diese Erzhlungen
wrdest du die Langeweile von ihr fernhalten.
    Nicht nur das, sondern ich wrde sogar ganz bedeutend zu ihrer Bereicherung
in den Kenntnissen der Dschigrafia und Tarih29 beitragen, wofr ich
wahrscheinlich auch ein freundliches Lcheln zu sehen bekme! Du, Effendi, das
mit euern Eisenbahnen ist ganz anders, ganz anders, als ich dachte! Warum hast
du mir das von dem Lcheln nicht sogleich gesagt? Du pflegst aber immer grad die
Hauptsache zu vergessen; das ist es, was ich an dir auszusetzen habe. Und wenn
ich dadurch zu einer irrigen Ansicht verleitet werde, so wirfst du die Schuld
nicht auf dich, sondern auf mich, der ich doch gar nichts dafr kann! Jetzt sehe
ich ein, da eure Einrichtungen doch nicht so verwerflich sind, wie ich bisher
gedacht habe, und - - - Da, schau empor, Sihdi! Siehst du die beiden Nusura30?
    Ja, antwortete ich. Ich habe sie schon eine ganze Weile beobachtet.
    Sie schweben jetzt grad ber uns; sie scheinen uns also zu beobachten.
    Ja, das thun sie. Sie wollen sehen, ob sie von uns irgend eine Beute
erwarten drfen. Wenn sie ber uns bleiben und uns begleiten, knnen wir
berzeugt sein, da wir uns ganz allein in dieser Gegend befinden. Uebrigens
hast du dich in diesen Vgeln geirrt; es sind keine Nusura. Unter Nisr versteht
man den weikpfigen Geier; aber der mit seinem Weibchen da ber uns schwebt,
ist ein Bartgeier, el Bdsch genannt. Man sieht ihn hufiger in Aegypten und den
Moghreblndern; hier aber ist er sehr selten. Ich sah diese beiden vorhin aus
Sdwesten kommen. Sieh, da entfernen sie sich wieder, und zwar in dieser
Richtung. Das ist mir interessant, hchst interessant!
    Warum, Effendi?
    Weil sie glauben, dort leichter Fra zu finden als hier bei uns.
    Woher weit du das?
    Ich schliee es aus ihrem Verhalten. Diese Vgel sehen auerordentlich
weit. Sie haben uns aus groer Entfernung gesehen und sind gekommen, uns zu
betrachten. Da sie sich jetzt wieder entfernen, drfen wir annehmen, da es
dort, woher sie kamen und wohin sie nun wieder fliegen, mehr Beute zu erwarten
giebt als bei uns. Unsere Tiere sind gesund und krftig; darum bewegen wir uns
rasch und energisch; das wissen diese Vgel wohl zu beurteilen. Ich wrde jede
Wette darauf eingehen, da es dort im Sdwesten von uns leidende Wesen giebt,
Menschen oder Tiere, wohl auch beides zugleich, deren Haltung und Bewegungen den
Geiern Ursache zur Hoffnung auf baldigen, reichlichen Fra geben.
    Wir verfolgten die Vgel mit unseren Augen. Als Halef sie nicht mehr
erkennen konnte, sah ich sie noch als kleine Punkte, welche sich nicht mehr
weiter entfernten, sondern ber einer bestimmten Stelle schwebten, die sicher
sehr weit von uns entfernt war, obgleich die Geier nicht mehr als zwei Minuten
gebraucht hatten, dorthin zu kommen.
    Siehst du sie noch? fragte Halef.
    Ja, antwortete ich. Sie stehen ber einer bestimmten Stelle und gehen
nicht von ihr fort. Es mu dort irgend ein gebrechliches Geschpf oder auch
mehrere geben.
    Vielleicht gar Leichen!
    Mglich; dann befinden sich aber lebende Personen dabei, vor denen die
Geier sich frchten, denn sonst wrden sie schon lngst niedergestoen sein.
    Du sprichst von einem gebrechlichen Geschpfe. Wre es da nicht unsere
Pflicht, Hilfe zu bringen?
    Allerdings.
    Vielleicht aber handelt es sich blo um Tiere!
    Das ist mglich; dann aber mten es groe Raubtiere, Lwen oder Panther
sein, die ja in den Felsen Innerarabiens auch vorkommen; aber die laufen doch
nicht jetzt am hellen Tage auf der Ebene herum! Wren es nicht Raubtiere, so
htten sich die Geier niedergelassen und sen, ruhig wartend, in der Nhe ihrer
Beute. Ich bin daher der Ansicht, da es Menschen sind, mde, hinfllige
Menschen, die aus irgend einem Grunde nicht mehr fort knnen. Wir sind
verpflichtet, ihnen Hilfe zu bringen, werden das aber nicht in unvorsichtiger
Weise thun. Erkundigen wir uns also bei dem Ben Harb, ob es hier in dieser
Gegend vielleicht einen Weideplatz irgend eines Beduinenstammes giebt!
    Als wir den schon erwhnten Fhrer fragten, teilte er uns mit, da wir uns
mitten in der Sandwste befnden, in welcher es keinen einzigen Brunnen, also
auch keine Weide gebe; das nchste Wasser liege so weit von hier, da sich sein
Einflu bis hierher gar nicht geltend machen knne.
    Da es nicht geraten war, unsere ganze Karawane ihre Richtung verndern zu
lassen, ritten wir langsam weiter und beauftragten Omar Ben Sadek und einen
Haddedihn, nach der Stelle zu reiten, ber welcher die Geier standen. Um, wenn
ntig, gleich Hilfe bringen zu knnen, nahmen sie einen vollen Wasserschlauch
mit. Die Wstenebene war nur scheinbar glatt, in Wirklichkeit aber so gewellt,
da wir die beiden Reiter schon nach kurzer Zeit nicht mehr sehen konnten. Es
dauerte weit ber eine Stunde, bis sie zurckkehrten. Es mute sich um etwas
doch nicht Gewhnliches handeln, denn Omar Ben Sadek wartete mit seinem Berichte
nicht, bis er uns erreicht hatte, sondern rief uns schon von weitem zu:
    Effendi, ihr mt abschwenken und mit uns kommen! Es gilt, fnf Menschen zu
retten.
    Wer sind sie? fragte ich.
    Wahrscheinlich Leute aus Mekka.
    Wahrscheinlich? Haben sie nichts Bestimmtes gesagt?
    Nein. Du weit ja auch, da hier in der Wste jedermann vorsichtig ist. Wir
knnten ja zu einem ihnen feindlichen Stamm gehren.
    Hast du ihnen nicht gesagt, da wir Haddedihn sind, die so weit von hier
wohnen, da sie hier unmglich eine Thar31 haben knnen?
    Das habe ich wohl gesagt; aber sie glaubten es nicht. Du wrdest ja auch
nicht sofort alles glauben, sondern vorher die Personen und das, was sie sagen,
einer Prfung unterwerfen.
    Es sind also fnf Personen?
    Fnf Lebende und ein Toter.
    Erzhle doch lieber zusammenhngend!
    Ich thue es. Wir ritten nach Sdost und sahen bald die Geier wieder, die
ganz unbeweglich in der Luft zu stehen schienen; aber je nher wir kamen, desto
deutlicher bemerkten wir, da sie nicht standen, sondern langsame Kreise zogen.
Spter sahen wir dann den Gegenstand oder vielmehr die Gegenstnde ihrer
Aufmerksamkeit. Es waren sechs Hudschun, welche an dem Boden lagen, neben ihnen
ihre Reiter, Tiere und Menschen still und unbeweglich wie Leichen. Als wir ganz
nahe herankamen, hoben die Kamele die Kpfe, lieen sie aber gleich wieder
sinken. Sie sahen abgetrieben aus, wie nach einem langen, angestrengten
Eilritte, und waren halb verdrstet. Drei von den Mnnern standen in den
mittleren Jahren; einer war jung und einer war alt. Der Alte schien am wenigsten
erschpft zu sein; er bat sogleich um Wasser, das wir ihnen auch sofort gaben.
Sie tranken die Dschirbe32 fast ganz leer.
    Und die Leiche?
    Wir konnten nicht sehen, was fr eine Person es war, denn sie war mit dem
Hak zugedeckt.
    Was gab es fr Fragen und Antworten?
    Der Alte erkundigte sich, wer wir seien, und wir sagten es ihm; er aber
lie die zweifelnden Worte Allah wei es! dazu hren. Als ich ihn nach seinem
Namen fragte, sagte er, sie alle seien aus Mekka, wozu ich ihm nun auch ein
Allah wei es! zu hren gab. Er bat um Wasser fr Menschen und Tiere, auch um
etwas Futter fr die Kamele; Mehl und Datteln fr sich htten sie noch.
    Woher kommen sie?
    Das sagte er nicht. Er meinte, er habe uns auch keine Frage vorgelegt; der
Glubige msse seinem Bruder helfen, ohne nach seinem Namen und nach seinem
Ausgange und Eingange zu fragen.
    Entweder hat dieser Mann kein gutes Gewissen, oder er ist ein stolzer,
eingebildeter Moslem in hoher Stellung in Mekka. Vielleicht ist auch beides zu
gleicher Zeit der Fall; aber recht hat er doch gehabt: Er bedarf unserer Hilfe,
und wir mssen sie ihm bringen, ohne ihn vorher nach allem ausgefragt zu haben.
Glcklicherweise sind wir mit Wasser so reichlich versehen, da diese
Wohlthtigkeit uns nicht selbst in Gefahr bringen wird. Reiten wir also hin!
    Wir bogen daher von unserem Wege ab und lieen uns von Omar Ben Sadek nach
der betreffenden Stelle fhren, die wir nach vielleicht drei Viertelstunden
erreichten. Da lagen die Kamele noch so, wie sie sich vor Erschpfung
niedergeworfen hatten; die Hcker waren abgezehrt; man sah nicht die geringste
Lippenbewegung des Wiederkauens. Die fnf Mnner hockten in einem engen Kreise,
in dessen Mitte man den noch immer verhllten Toten in sitzende Stellung
aufgerichtet hatte, in welcher er durch die tief in den Sand gesteckten,
langlufigen Gewehre untersttzt und gehalten wurde. Sie beteten laut. Als wir
bis ganz nahe herangekommen waren, unterbrachen sie sich, und der Vorbeter, dem
die andern Satz um Satz nachsprachen, sagte in mehr befehlendem als bittendem
Tone:
    Ich sehe, da ihr Wasser und trockenes Maisstroh habt. Gebt den Kamelen zu
saufen und zu fressen, und lat uns einige volle Schluche hier. Dann aber strt
uns nicht weiter im Gebete fr den, den Allah abgerufen hat!
    Das war ja auerordentlich bescheiden von diesem Manne! Hier, wo das Futter
und noch viel mehr das Wasser so kostbar war, sollten wir zunchst seine Tiere
trnken und sttigen und dann gleich mehrere volle Schluche hergeben, und zwar
ohne ein Wort des Dankes abzuwarten, da er uns ja die Weisung gab, sie dann
nicht zu stren, also wieder fortzureiten! Halefs Hand zuckte nach der Peitsche
aus Nilpferdhaut, die er stets im Grtel hngen hatte und gern fter in Bewegung
setzte, als ich ihm erlauben durfte. Ich winkte ihm aber ab.
    Ich soll ihm nicht die Peitsche geben? fragte er leise aber zornig. Ist
es nicht die grte aller Unverschmtheiten von diesem Menschen, das von uns zu
verlangen, was er soeben gefordert hat?
    Allerdings; aber das ist noch kein Grund, um gleich zuzuschlagen. Du
befindest dich hier unter stolzen, rachschtigen Arabern und nicht bei
geknechteten Fellachen, bei denen man die Peitsche schwingen kann, ohne dies
spter blutig bezahlen zu mssen!
    So sag, was wirst du thun?
    Wir geben den Pferden Wasser und Stroh; diese armen Tiere sollen nicht
unter der Unverschmtheit ihrer Besitzer leiden.
    Und diese?
    Bekommen weiter kein Wasser, auer sie bitten uns sehr hflich darum. Wir
bleiben hier lagern.
    Hier? Bei diesen Kerls? Hamdulillah! Preis sei Allah, der dir diesen
kostbaren Gedanken eingegeben hat! Denn wenn wir hier bei ihnen bleiben, werden
wir wahrscheinlich etwas erleben, sie aber auch!
    Wir htten berhaupt nicht viel weiter reiten knnen, denn dann wird es
Nacht, und da wir hier doch einmal einige Zeit versumen, halte ich es fr das
beste, wir bleiben gleich da. Gieb also deinen Leuten die ntigen Befehle!
    Da wir dieses Mal die Haddedihn bei uns hatten, brauchte ich mich um nichts
zu bekmmern; es wurde mir jede Handreichung sehr gern und mit Liebe geleistet.
Ich stieg also vom Hedschihn, gab die Stelle an, wohin ich meinen Teppich gelegt
wnschte, und ging dann zu meinem Hengste, um ihn zu liebkosen und dabei einige
Datteln knuspern zu lassen. Er war diese Aufmerksamkeit von mir gewohnt und
dankbar dafr. Hierauf machte ich es mir auf meinem Teppiche bequem.
    Ich sa, wie ich gewollt hatte, ganz in der Nhe der Fremden, dem Vorbeter
gegenber, den Omar Ben Sadek den Alten genannt hatte. Er hatte ein echtes,
listiges, rcksichtsloses, gewaltthtiges Mekkanergesicht und trotz seines
Alters noch keine grauen Haare; vielmehr besaen diese diejenige Frbung, welche
man Salz und Kmmel zu nennen pflegt, also Grau und Dunkel gemischt. Der
Junge sa an seiner Seite und war ihm so hnlich, da ich ihn gleich fr
seinen Sohn halten mute. Er hatte etwas Unsttes, Ruheloses, Unzuverlssiges in
seinen sich stets in Bewegung befindenden Augen. Die andern drei hatten nichts
an sich, wodurch sie eine besondere Erwhnung verdienten. Gemein war ihnen allen
die groe Hinflligkeit; wahrscheinlich waren wir grad zur rechten Zeit
gekommen, sie vor dem Tode des Verschmachtens zu erretten. Ich glaubte, ihnen
anzuhren, da ihnen das laute, lange Beten schwer wurde. Warum schwiegen sie da
nicht, zumal sie diese Litanei doch ganz und gar nicht ntig hatten? Die Stimme
des Alten klang dumpf und mit mdem Zittern:
    O du, den unter smtlichen Geschpfen der Schpfer am meisten ehrt33. Bei
dem Eintritte des Ereignisses, welches alle trifft34, habe ich keinen, zu dem
ich meine Zuflucht nehmen kann, als zu dir allein!
    Die andern beteten es ihm nach; dann fuhr er fort:
    Und wenn der Gndige sich als strafender Vergelter offenbaren wird, wird es
deiner Macht, du Gesandter Gottes, nicht unmglich sein, mir zu helfen.
    Denn zu der Flle, welche du gespendet hast, gehrt diese Welt und jene
Welt, und du weit alles, was auf der Tafel des Jenseits geschrieben steht und
was die Feder geschrieben hat.
    O meine Seele, keines schweren Fehltrittes wegen verzweifle an Allahs Gnade;
denn wo es sich um die Vergebung handelt, da sind die schweren den leichten
Snden gleich!
    Das Erbarmen meines Herrn, so hoffe ich, wird zu der Zeit, wo er es
verteilen wird, in den einzelnen Spenden sich nach dem Mae der Snde gestalten.
    O, mein Herr, gieb, da meine Hoffnung bei dir bestehe und meine Rechnung
sich als richtig erweise!
    Und verfahre in dieser und in jener Welt gelinde und gndig mit deinem
Knechte, denn ihm ist eine Festigkeit verliehen, welche fliehend davoneilt, wenn
die grausigen Schrecknisse ihn herausfordern!
    Und la die Wolken deiner Erbarmung fr und fr Gsse jeder Art auf den
Propheten herabsenden - - -!
    Als er so weit gekommen war, hatten unsere Haddedihn seinen Kamelen Wasser
und Maisstroh gegeben und begannen nun, sich mit der Vorbereitung des Lagers zu
beschftigen. Da unterbrach er sich, indem er die hastigen Worte an mich, den er
fr den Anfhrer halten zu mssen glaubte, richtete:
    Was sehe ich? Ihr sattelt eure Kamele ab! Das sieht ja so aus, als ob ihr
hier bleiben wolltet!
    Es sieht nicht blo so aus, sondern es ist wirklich so: Wir bleiben da,
antwortete ich ruhig.
    Dazu habt ihr kein Recht.
    Warum? Die Wste ist nur Allahs Eigentum; hier diese Stelle auch. Wir haben
niemanden zu fragen!
    Auch uns nicht?
    Nein.
    Wir waren eher da als ihr!
    So bleiben wir um grad so viel lnger hier; dann sind die beiden Zeiten
gleich!
    Wir wnschen aber, allein zu sein!
    Wir werden so thun, als ob ihr gar nicht vorhanden wret, und kein Wort mit
euch sprechen!
    Aber, ihr seht, da wir einen Toten hier haben. Leichen aber
verunreinigen!
    Uns nicht, denn wir werden ihn nicht berhren!
    Allah gebe mir die Beherrschung meines Zornes! Du siehst und hrst doch,
da wir euch nicht bei uns haben wollen, sondern eure Entfernung wnschen!
    Und du siehst, da unsere Wnsche das Gegenteil erstreben; darum kann Allah
nur die Erfllung der Wnsche fr die eine Partei im Buche des Lebens
verzeichnet haben, und diese Partei sind wir. In das aber, was in dem Buche des
Lebens verzeichnet worden ist, habt ihr euch zu fgen!
    Ich hatte immerfort in meinem freundlichsten, er aber zuletzt in einem sehr
zornigen Tone gesprochen. Ich war neugierig, was sich aus diesem sehr
unerquicklichen Verhltnisse entwickeln werde. Halef ging es ebenso wie mir; er
hatte die Herunternahme des Tachtirwahn und die bequeme Unterbringung seiner
Hanneh unter ihr kleines, schnell aufgeschlagenes Frauenzelt beaufsichtigt und
kam nun, anstatt sich zu ihr zu setzen, was er bisher unterwegs stets gethan
hatte, zu mir, lie einen Teppich neben dem meinigen ausbreiten und setzte sich
auf demselben nieder. Dann sagte er leise:
    Warst du auf einen solchen Empfang vorbereitet, Sihdi?
    Nein, antwortete ich.
    Ich auch nicht. Eine solche Undankbarkeit ist geradezu beispiellos. Was
wirst du thun?
    Zunchst ruhig abwarten. Ihr Verhalten zu uns interessiert mich
auerordentlich, und ihre Leichenceremonien auch. Sei jetzt still! Ich mchte
hren, was sie beten.
    Der Vorbeter begann nmlich jetzt wieder:
    Das ist Muhammed, der Herr dieser und jener Welt, der Herr der Menschen und
der Dschinnen35, der Herr der beiden groen, von einander gesonderten Scharen
der Menschenkinder: der Araber und der Barbaren.
    Unser Prophet, den, wenn er gebietet oder wenn er verbietet, im Neinsagen
wie im Jasagen niemand an Wahrhaftigkeit bertrifft.
    Er ist der Geliebte, auf dessen Frsprache wir hoffen bei jedwedem grauen
Schrecknisse, dessen Gewalt wir anheimgefallen sind.
    Wer sich an ihn anklammert, klammert sich an ein Seil, welches nimmer reit.
    Er bertraf die Propheten sowohl an Krpergestalt wie auch an Seelenadel,
und sie kamen ihm weder an Wissen noch auch an Tugend oder Edelsinn nahe.
    Sie, die alle von dem Gesandten Allahs bittend die Erlaubnis begehrten, aus
dem Meere mit der Hand zu schpfen oder das Wasser der anhaltenden Regengsse
schlrfen zu drfen.
    Und neben ihm den unterscheidenden Punkt seines Wissens oder die
tonangebende Bezeichnung seiner Weisheit zur uersten Grenze hatten, an welcher
sie dastanden, ohne sie berschreiten zu knnen.
    Ihn erkor der Schpfer der Menschen sich zum Geliebten, nachdem Inneres und
Aeueres bei ihm zur vollendeten Vollkommenheit gediehen war.
    Er hat keinen neben sich, der an seinen Vorzgen teilhat, und das Wesen
seiner Schnheit ist ein ungeteiltes.
    Was die Christen von ihrem Propheten behaupten, das behaupte du ja nicht,
sondern erkenne getrost an Lob ihm zu, was ihm anzuerkennen dir nur immer
beliebt.
    Und leg seiner Person jeden Adel bei, den ihr beizulegen dir in den Sinn
kommt, und lege seiner Wrde jede Gre bei, die ihr beizulegen du das Verlangen
hast.
    Denn die Vortrefflichkeit des Gesandten Gottes hat keine Grenze, so da
irgend ein mit dem Munde Redender sie nicht in ihrer ganzen Grenze aussprechen
knnte.
    Wenn seine Wunderzeichen der Gre seiner Wrde entsprechen, so wird sein
Name, wenn man ihn nennt, die hingeschwundenen Totengebeine beleben.
    Mit Dingen, welche der Verstand nicht begreifen kann, hat er, getrieben vom
Eifer fr unsere Wohlfahrt, uns verschont, und so sind wir weder dem Zweifel
noch dem Wahne anheimgefallen.
    Sein inneres Wesen aufzufassen, ist eine Aufgabe, welche das Vergngen der
Sterblichen bersteigt, und weder in der Nhe noch in der Ferne siehst du einen,
der nicht ratlos dasteht, wenn es gilt, diese Aufgabe zu lsen.
    Sein inneres Wesen gleicht der Sonne, die in der Ferne sich dem Auge in
verschiedener Kleinheit zeigt und in der Nhe aber das Auge blendet.
    Jede Reihe von Wunderzeichen, welche die hohen Gesandten Allahs zu Tage
treten lieen, ist nur von seinem Lichte her zu ihnen gelangt.
    Denn er ist eine groe Vortrefflichkeitssonne; sie aber sind die Sterne
dieser Sonne und strahlen nur als seine Sterne ihr Licht den Menschen in die
Finsternissen - - - - - - - -.
    Obgleich ich befrchten mute, den Leser zu langweilen, habe ich dieses
Gebet doch hierhergesetzt, weil es aus Stellen der Burda, eines der berhmtesten
muhammedanischen Gedichte, besteht, welches zum Lobe Muhammeds verfat ist und
bei Begrbnissen recitiert wird. Es ist vielleicht fr manchen interessant, ein
berhmtes islamitisches Gedicht, wenn auch nur einen Teil desselben, kennen zu
lernen, mit dessen Schnheiten sich, wie die Muhammedaner behaupten, kein
Erzeugnis irgend eines andersglubigen Dichters jemals vergleichen lassen drfe!
    Der Alte schien die Burda auswendig zu knnen, denn er recitierte diese
Stellen ohne Hilfe eines Buches; er war also kein gewhnlicher Araber; er machte
whrend des Betens berhaupt den Eindruck eines fanatischen Moslem, welcher mit
den Obliegenheiten eines Geistlichen wohlvertraut ist. Dabei schweiften seine
Blicke sehr oft zu uns herber, und zwar mit einem Ausdrucke, welcher nichts
weniger als freundlich genannt werden konnte. In den Augen seines Sohnes aber
wohnte gar der offenbare, vor uns nicht im geringsten verheimlichte Ha.
    Auch jetzt wieder hatte das Gebet auf mich den Eindruck gemacht, als ob es
nicht aus innerem Bedrfnisse, aus der Seele heraus, sondern aus einem andern
Grunde gesprochen werde. Es klang so md, so abgespannt; die Leute sprachen
langsam, als ob es ihnen schwer werde; sie lieen Stellen aus, welche der
Vorbeter nicht ausgelassen hatte, und nun, da er eine Pause machte, legten sie
sich nieder, was er als Veranlassung nahm, nicht wieder anzufangen.
    Ich dachte mir, da sie nur beteten, um uns keine Zeit zu lassen, mit ihnen
zu sprechen. Sie waren wahrscheinlich gesonnen, uns keine Auskunft ber sich zu
geben, und da dies doch einen Grund haben mute, glaubte ich annehmen zu drfen,
da es kein fr ihre Beurteilung vorteilhafter sei.
    Whrend sie nun, bewegungslos wie Tote, dalagen, brach die Dunkelheit
herein, und von unsern Haddedihn wurde das Moghreb gebetet, welches fr kurze
Zeit nach dem Untergange der Sonne vorgeschrieben ist. Als es dann vollstndig
Nacht geworden war, wurde das Aschiah oder Nachtgebet gesprochen. Bei beiden
Fllen richteten sich die Fremden in die Kniee auf und beteten mit, was sie als
Muhammedaner trotz ihres sonstigen Verhaltens zu uns unbedingt thun muten, doch
thaten sie es leise, ohne uns ihre Stimmen hren zu lassen, ein Zeichen von
Miachtung, welches wir aber so ruhig hinnahmen, als ob wir es gar nicht
bemerkten. Dann ging ich mit Halef zum Zelte seiner Hanneh, um ein Feuer zu
machen, zu welchem wir heut unterwegs gelegentlich drres Gezweig geschnitten
hatten. Die lieblichste und wohlschmeckendste unter allen Kchinnen des
Erdkreises, wie Halef sein Weibchen nannte, wenn von ihrer Kochkunst die Rede
war, wollte uns Kaffee kochen und dann in der heien Asche Kur tari backen, das
ist frisches Brot in kleiner Kuchenform. Wir hatten zum edlen Werke des
Kaffeekochens einen Kessel mitgenommen, und die Haddedihn hielten alle ihre auch
fr heie Flssigkeiten haltbaren Lederbecher bereit, um sich ihre Portion des
duftigen Getrnkes geben zu lassen.
    Als der Wohlgeruch desselben sich vom Feuer aus nach allen Richtungen
verbreitete, wurden die Fremden wieder lebendig. Sie hielten eine kurze, leise
Beratung, nach welcher der Junge aufstand und zu uns kam.
    Wir wollen auch Kaffee! sagte er, indem er uns ein ja nicht zu kleines
Krbisgef hinhielt.
    Er hatte das nicht etwa bittend gesagt, sondern in einem Tone, als ob er nur
zu fordern brauche. Halef machte sofort Miene, aufzuspringen und ihn zornig
zurechtzuweisen; ich hielt ihn aber am Arm nieder und bernahm die Beantwortung
selbst, die sehr kurz und bestimmt klang:
    Der ist nur fr uns.
    Fr uns auch! behauptete der Mensch.
    Ich zuckte die Achsel und sagte nichts weiter; auch Halef schwieg.
    Bekomme ich welchen? fuhr der Unverschmte mich an.
    Nein, nein, nein, und zum vierten, fnften, zehnten und hundertsten,
tausendsten Male nein! krachte jetzt der kleine Hadschi los, der seinen Zorn
nun nicht lnger beherrschen konnte.
    Da drehte sich der Mann scharf auf der Ferse um und ging fort. Seine Leute
hatten jedes Wort gehrt; sie steckten die Kpfe zusammen. Was sie da sagten,
konnte uns sehr gleichgltig sein.
    Sihdi, meinst du, da wir uns vor diesen Leuten in acht nehmen mssen?
fragte Halef.
    Nein, antwortete ich; gar nicht!
    Ich auch nicht. Wir sind zweiundfnfzig wohlbewaffnete Mnner und sie nur
fnf verschmachtete Personen. Trotzdem aber denke ich, da wir whrend der Nacht
nicht alle schlafen drfen.
    Das ist natrlich auch meine Meinung. Bestimme also von deinen Leuten
einige, welche einander bis frh ablsen, um munter zu bleiben!
    Spter, als der Duft des Brotes sich bemerkbar machte, wurde der Junge
wieder her zu uns geschickt.
    Gebt uns auch Brot! forderte er in demselben Tone, in welchem er vorhin
Kaffee verlangt hatte.
    Das ist auch nur fr uns, antwortete ich wieder.
    Wir wollen auch essen!
    So et das, was ihr habt!
    Er mute ohne Respektierung seines Befehles wieder fortgehen, kehrte aber
bald mit einem neuen Verlangen zurck:
    So gebt uns Wasser, einen vollen Schlauch!
    Es ist alle geworden.
    Ich sehe doch da die Dschirab36 liegen!
    Die sind nur noch fr uns. Was wir brig hatten, habt ihr schon bekommen.
    Kennt ihr die Gesetze und Gebote der Wste und der Gastfreundschaft so
wenig, da ihr uns sogar das Wasser vorenthaltet, welches wir zu verlangen
haben?
    Wir kennen alle Gesetze und Gebote, sogar die Vorschriften der Hflichkeit,
welche aber euch vollstndig unbekannt zu sein scheinen. Und nun mach dich fort
von uns, sonst - - -
    Sonst fahre ich dir in die Beine, da du nicht nur gehen, sondern in alle
Winde fliegen lernst! schrie ihn Halef, mir in die Rede fallend, zornig an.
Wasser, Brot, Kaffee! Vielleicht verlangt dieser Kerl auch noch Kawuara37 und
eine Istridiar38, die so gro wie eine Tosbadschy afrita39 ist!
    Der kleine Hadschi hatte nmlich Schildkrten, Austern und Caviar als
Delikatessen kennen gelernt, als er mit mir in Constantinopel war. Der Mekkaner,
wenn er wirklich einer war, drehte sich mit einer stolzen, wegwerfenden
Handbewegung um und kehrte zu seinen Angehrigen zurck, welche lngere Zeit mit
einander berieten. Als sie zu einem Entschlusse gekommen waren, stand der Alte
auf und kam langsam und trotz seiner sichtlichen Schwche in einer Haltung
herbei, als ob sein hocherhobenes Haupt gewohnt sei, eine Krone zu tragen.
    Ihr habt meinen Sohn nun dreimal von euch gewiesen, sagte er, indem er auf
jedes Wort einen schweren Nachdruck legte wie einer, der das Treffen mit
Kanonenschssen einleitet, um den Hauptvorsto dann spter folgen zu lassen.
Ich frage euch, warum?
    Eigentlich war er gar keiner Antwort wert; da man aber wohlthut, wenn man
mit solchen Leuten so deutlich wie mglich ist, so zog ich es vor, ihn nicht
warten zu lassen, und erwiderte also:
    Glaubst du denn wirklich, eine Antwort zu erhalten?
    Natrlich!
    Du bist nicht imstande, sie dir selbst zu geben?
    Nein.
    Mit diesem Worte gestehest du ein, da du an Einsicht ein kleines Kind, an
Unverstand und Unwissenheit aber ein Riese bist!
    Beleidige mich nicht! Ich bin gewhnt, da man sich nur der grten
Hflichkeit gegen mich befleiigt!
    Bist aber doch selbst ein Ausbund der Unhflichkeit! Wir sind berechtigt,
wenigstens, hrst du, ich sage wenigstens, dieselbe Achtung und Ehrerbietung zu
verlangen, welche du, vielleicht mit weniger Recht, fr dich in Anspruch
nimmst!
    Ihr - - -?! dehnte er so hochmtig, da ich ihm am allerliebsten gleich
eine Ohrfeige gegeben htte. Doch ja, ihr wit nicht, wer ich bin! So hrt es
denn, und beugt dann in Demut eure Hupter! Mein Ahne ist Qatadah; ich bin ein
Nachkomme des berhmten Muhammed Abu Numehjj, der hellsten Leuchte unter allen
Groscherifen der heiligen Stadt Mekka. Wenn wir, seine Abkmmlinge, sterben,
werden unsere Leichen in einem hochfeierlichen Umgang siebenmal um die Kaaba
getragen. Welcher andere Mensch auf Allahs weiter Welt kann sich einer solchen
Auszeichnung rhmen!
    Bist du schon gestorben?
    Nein, antwortete er verwundert.
    Also auch noch nicht um die Kaaba getragen worden?
    Nein.
    So warte mit der dir sehr anzuempfehlenden Geduld, bis das geschehen ist;
dann sind wir vielleicht bereit, deiner Leiche mit Achtung zu gedenken.
    Mensch, wage nicht - - -! Doch, du kennst ja auch meinen Namen nicht; ich
will also meinen Zorn bemeistern. Es ist auch gar nicht ntig, diesen Namen mit
dem verstopften Eingang deines Ohres zu belstigen; es gengt vielmehr
vollstndig, dir zu sagen, da man mich El Ghani40 nennt und da ich der
Liebling 'Aun er Rafiqs, des jetzigen Groscherifs von Mekka, bin. Nun weit du,
wie du dich gegen mich und uns alle zu verhalten hast!
    Anspruchsvoller und eingebildeter zu sein als dieser Mann, war gar nicht
mglich! Um zu erfahren, wer der Tote war, hielt ich mich noch zurck und
fragte:
    Auch gegen die andern? Wer sind sie?
    Der eine ist Ben Abadilah, mein Sohn; die brigen drei sind Mnner aus der
heiligen Stadt, wo ihre Namen zu den angesehensten gerechnet werden.
    Und der Verstorbene?
    Der war ein Lieblingskind Allahs und des Propheten. Er wurde El Mnedschi41
genannt, woraus du die unvergleichliche Hhe seiner Vorzge erkennen kannst.
Seiner Seele war die Gabe verliehen, den Krper zu verlassen und nach entfernten
Orten und in entfernte, lngst verschwundene und auch zuknftige Zeiten zu
gehen, um zu sehen und zu hren, was kein anderer Sterblicher erfhrt. War sie
dann in den Krper zurckgekehrt, so konnte El Mnedschi alle Geheimnisse dieser
Zeiten und Orte mitteilen. Er sprach mit den Dschinn und Mlajiki42 wie mit
seinesgleichen und hatte darum Macht ber den Willen und die Thaten aller, mit
denen er verkehrte. Nun ist er hingegangen in den Himmel Allahs, zu denen, mit
denen er schon whrend seines irdischen Lebens verkehrte. Ich war sein bester
Freund. Er wohnte in meinem Hause, wo ich ihm eine Freistatt gab, weil er blind
geworden war. Ich be die Barmherzigkeit, welche Allah seinen Bevorzugten
geboten hat, und er vergilt sie wieder. Nun weit du, wer wir alle sind, und
wirst mich und meinen Sohn um Verzeihung bitten!
    Um Verzeihung bitten? Wenn du glaubst, da -
    Ich konnte nicht weitersprechen, denn Halef drckte mir die Hand auf den
Mund und sagte, nein, sondern rief:
    Schweig, Sihdi, ich bitte dich, schweig! Ich koche nmlich so, wie vorhin
der Kaffee gekocht hat, und wenn du mir nicht erlaubst, an deiner Stelle zu
sprechen, so zerplatzt der Kessel augenblicklich! Darf ich? Ja?
    Gut, ja! Zerplatzen lassen darf ich dich doch nicht!
    Ich danke dir, Effendi, ich danke dir! Durch diese deine Erlaubnis
errettest du mich vielleicht vom Tode, denn in dem jetzigen Augenblicke des
grlichsten Zornes wrde das lngere Schweigen wahrscheinlich fr mich ein Gift
sein, an welchem ich binnen einigen Minuten sterben mte!
    Er war aufgesprungen; jetzt wendete er sich von mir zu El Ghani und fragte
ihn in jenem scheinbar ruhigen aber explosiven Tone, in welchem er nur im
Zustande der zornigsten Aufregung zu sprechen pflegte:
    Du denkst also, da wir euch um Verzeihung bitten werden?
    Ja, lautete die Antwort.
    Und vorhin hast du verlangt, wir sollen in Demut unsere Hupter beugen?
    Ja.
    Hund! Was bildest du dir ein! Wir beugen unsere Hupter nur vor Allah, aber
vor keinem Menschen, und wenn es der Padischah selbst oder auch der Groscherif
von Mekka wre. Vor dir aber - - -? Ich sage dir, da ich lieber vor der
hlichsten Krte anbetend niederfallen wrde, als da ich meinem ehrlichen
Haupte die aller-, allergeringste Neigung vor dir erlaubte! Wenn du wirklich der
Liebling des gegenwrtigen Groscherifs bist, so werde ich ihn schleunigst
aufsuchen, um ihm zu sagen, da er sich schnell einen anderen Liebling
anschaffen mge, wenn er nicht den Glubigen allen das unwrdige Schauspiel
bereiten wolle, sich in Zeit von fnf Minuten vollstndig totschmen zu mssen!
Ihr Hunde und Shne von Hunden und Urenkelskinder von Hundeahnen und
Hundenachkommen waret fast verschmachtet, als wir kamen. Eure schmutzigen Seelen
hingen nur noch am allerletzten und alleruersten Barthaare mit euren
verdrsteten Gliedern zusammen. Da gaben wir euch Wasser, das Kostbarste, was
man in der Wste besitzt; ihr trankt es aus, einen ganzen, groen Schlauch voll,
ohne ein Wort des Dankes zu sagen. Dann verlangtet ihr Kaffee, ohne zu bitten;
spter warft ihr uns den Befehl, euch Brot zu geben, ins Gesicht, und endlich
schicktest du uns die strenge Verordnung, euch abermals mit Wasser unter die
Arme zu greifen, wieder mit einem ganzen, vollen Schlauche, obgleich wir auch
eure Kamele getrnkt hatten! Wo soll dieses Wasser und immer wieder Wasser
herkommen? Glaubst du denn, wir knnen regnen lassen oder Quellen aus dem Boden
der Wste stampfen? Und das alles verlangst du in einer Weise, als ob wir, nicht
deine Sklaven, sondern deine Hunde seien! Du bist selber Hund und Hundeenkel, ja
sogar Enkelshund! In der Albernheit deines Hochmutes meintest du, wir wrden vor
Erstaunen ber deinen Namen augenblicklich smtliche Muler aufsperren und vor
Bewunderung smtliche Finger so ausspreizen, da sie vor freudigem Schreck wie
Pfeile von den Hnden flgen und gar nicht wieder zurckzukommen wagten! Wie
nennt man dich denn? El Ghani, den Reichen! Kannst du uns beweisen, da du
deinen Reichtum auf ehrliche Weise erworben hast, da er nicht mit Diebes- und
Betrgerhnden zusammengeraubt und zusammengestohlen worden ist? Und wenn es ein
rechtmiger Besitz wre, so solltest du doch wissen, da man sich auf den
Reichtum gar nichts einzubilden hat, weil man ihn von Allah nur fr einstweilen
geliehen bekommt, um denen wohlzuthun, die nichts besitzen. Wir sind auch reich,
sehr reich, jedenfalls zehnmal, hundertmal reicher als du, aber wir brsten uns
nicht damit und lassen uns noch viel weniger einen Namen daraus machen, der doch
weiter nichts sein wrde, als, wie bei dir, ein untrgliches, sicheres Zeichen
unserer dreifach aufgeblasenen Dnkelhaftigkeit! Eigentlich sollte ich dir nicht
mit dem Munde, sondern hier mit dieser Nilhautpeitsche antworten; aber deine
Jammergestalt ist so mitleiderweckend und erbrmlich, da mir die Barmherzigkeit
aus allen Fingerspitzen niedertropft; darum sollst du jetzt noch ohne Hiebe
davonkommen. Aber solltest du nur noch ein einzigesmal und nur von weitem wagen,
dir noch einmal den Anschein zu geben, als ob wir nicht neunmal himmelhoch ber
dir stnden, so zerhaue ich dir das Hundefell, da im ganzen Erdkreise nicht
genug Platz fr die davonfliegenden Fetzen und Haare zu schaffen ist! Nun packe
dich fort, und komme uns nicht wieder! Und damit du weit, wer jetzt in so
liebreicher, geduldiger Freundlichkeit mit dir gesprochen hat, so mgen dich
unsere Namen nach deinem Sitze begleiten. Ich bin nmlich Hadschi Halef Omar Ben
Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, der oberste Scheik der
Haddedihn von dem groen Stamme der Schammar!
    Er machte das Wort von der Begleitung wahr, denn, die Peitsche drohend in
der Hand, trat er bei jedem Einzelnamen den Mekkaner so auf die Zehen, da
dieser zurckwich. In dieser, fr uns kstlich anzusehenden Weise folgte er ihm
Schritt um Schritt, oder vielmehr Futritt um Futritt, indem er, immer die
Peitsche schwingend, fortfuhr:
    Und da sitzt der erleuchtete und in aller Welt hochberhmte Hadschi Akil
Schatir el Megarribnis Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim
Maschhur el Azami Ben Hadschi Taki Abu Fadl el Mukarram!
    Man sieht, da er meinen neuen Namen sehr gut auswendig gelernt hatte. Jedes
Glied desselben ergab einen Tritt auf die Zehen El Ghanis, welcher, weil diese
Schritte zu schnell aufeinander folgten, sich ihnen nicht entziehen konnte und,
an seinem Platze angekommen, ganz erschpft dort niedersank, ohne whrend des
ganzen Leidensweges Gelegenheit gefunden zu haben, auch nur ein Wort
hervorzubringen.
    So, da sitzest du nun in deiner ganzen, unbegreiflichen Herrlichkeit!
meinte Halef jetzt im Tone der Befriedigung. Wenn dir der Hochmut wieder in den
Fen juckt, so brauchst du es mir blo zu sagen; ich trete ihn dir gern aus
allen Zehen!
    Er kehrte zurck und setzte sich wieder neben mich nieder.
    Sihdi, fragte er leise, habe ich das gut gemacht oder nicht?
    Ich bin mit dir zufrieden, antwortete ich.
    Und du, Hanneh?
    Sie, die an seiner anderen Seite sa, erwiderte:
    Mein Halef ist gleich tapfer in Worten wie in Thaten; ihm kann nicht einmal
der Liebling des Groscherifs widerstehen!
    Nein, der am allerwenigsten! Und du, wendete er sich an seinen Sohn, der
seinen Platz neben der Mutter hatte, folge fr dein ganzes Leben dem Beispiele
deines Vaters, der keine Beleidigung seiner Ehre duldet, sondern der vielmehr
selbst Muhammed, dem Propheten aller Moslemin, auf smtliche Zehen treten wrde,
wenn diesem der Gedanke beikommen sollte, dem obersten Scheik der Haddedihn die
schuldige Achtung zu verweigern.
    Das energische und fr uns andere so still belustigende Verhalten des
Hadschi hatte die Mekkaner so eingeschchtert, da sie, wenigstens fr jetzt,
nicht laut mit einander zu sprechen wagten. Sie saen oder lagen still
beisammen, und wenn einer etwas sagte, so geschah es so leise, da wir es nicht
hren konnten.
    Das Viertel des Mondes war aufgegangen und bergo die beiden Gruppen, die
kleinere der Mekkaner und die grere der Haddedihn, mit genugsam Licht, um uns
alles, was die ersteren thaten, deutlich sehen zu lassen. Die verhllte, nach
Mekka gerichtete Leiche machte einen ganz eigenen Eindruck auf uns, wenigstens
auf mich. Seit wann war der blinde Mnedschi schon tot? Wir wuten es nicht. In
der Wste pflegt man, wie in muhammedanischen Lndern berhaupt, Verstorbene
sehr schnell zu begraben. Wir muten darauf verzichten, etwas darber zu
erfahren, denn nach dem Vorgefallenen konnte es uns nicht einfallen, ferner ein
Wort mit diesen Leuten zu sprechen. Ebenso wrden, so glaubten wir, sie sich
vollstndig schweigend gegen uns verhalten. Darum waren wir nicht wenig
erstaunt, als nach einiger Zeit El Ghani aufstand, bis zur Hlfte zu uns
herberkam und mir die Worte zuwarf:
    Dein Name ist Hadschi Akil Schatir, wie ich gehrt habe. Darf ich mit dir
sprechen?
    Ja, antwortete ich, verwundert darber, da der Anfang meines Namens trotz
der Futritte in seinem Gedchtnisse sitzen geblieben war.
    Da fiel, ohne das weitere erst abzuwarten, Halef ein:
    Aber befleiige dich ja der Ausdrcke ganz ergebenster Hochachtung, denn
dieser Effendi stammt aus dem Wadi Draha im fernen Moghreb und ist der grste
und berhmteste Gelehrte des Morgen-, des Mittag- und des Abendlandes!
    Ich mchte gern wissen, ob ihr uns richtig gesagt habt, wer und was ihr
seid.
    Wir haben die Wahrheit gesprochen, antwortete ich.
    Darf ich prfen, ob du wirklich ein so groer Gelehrter bist, Effendi?
    Ich habe nichts dagegen, obgleich du jedenfalls nicht der Mann bist, der es
sonst unternehmen drfte, mich zu prfen.
    Was haben wir vorhin gebetet?
    Einen Teil der Burda.
    Von wem ist dieses Gedicht?
    Von El Buschiri.
    Sage mir seinen vollstndigen Namen!
    Scharaf ed Din Abu Abdallah Muhammad Ben Sad Ben Hammad Ben Muchsin Ben
Abdallah Ben Schamhagh Ben Hilal Aschamhagi. Das ist der Name, den du
wahrscheinlich selbst nicht auswendig gewut hast.
    Ich wute ihn, denn jeder Gelehrte kennt ihn genau; darum wei ich jetzt,
da du wirklich ein Gelehrter bist. Aber wie beweisest du mir, da diese Leute
auch wirklich zum Stamme der Haddedihn gehren?
    Ich habe dir gar nichts zu beweisen; es ist uns hchst gleichgltig, ob du
es glaubst oder nicht.
    Dieses dein Verhalten beweist, da es wahr ist. Nun will ich fragen, ob es
euch strt, wenn wir die vorgeschriebenen Gebete ber den Toten weitersprechen?
    Die Vorschriften der Religion soll man erfllen.
    Werdet ihr uns noch Wasser geben?
    Nein. Hchstens dann, wenn ihr uns darum bittet.
    Geht euer Ritt nach Mekka, der heiligen Stadt?
    Ja.
    Der unserige auch. Wir werden jetzt den Toten begraben und dazu beten. Dann
brechen wir auf. Da ihr unsere Kamele getrnkt habt, halten sie es nun bis zum
Bir Hilu aus; wir aber wrden verdursten, wenn wir nicht noch hier und unterwegs
trinken knnten. Darum bitten wir euch noch um einen Schlauch.
    Gut, weil du bittest, werdet ihr ihn bekommen. Ihr habt Schluche bei euch,
von denen einer gefllt werden mag.
    Ich - - danke - - dir!
    Er dehnte die Silben weit auseinander und legte einen ungewhnlichen
Nachdruck darauf, was mich aber nicht veranlassen konnte, mein Wort nicht zu
halten. Als er an seinen Platz zurckgekehrt war und sich dort niedergesetzt
hatte, begannen sie, die Haschrijeh, ein Begrbnislied, zu singen, in welchem
der jngste Tag beschrieben wird. Es beginnt:
    Ich preise die Vollkommenheiten dessen, der alles geschaffen hat, was
Gestalt besitzt. Er unterwarf seine Diener dem Tode, welcher alle Geschpfe samt
den Menschen zur Vernichtung bringt.
    Als dieser in widerlich klingenden Fisteltnen vorgetragene Gesang beendet
war, whlten sie, etwas entfernt von ihrem jetzigen Platze, mit ihren Hnden in
dem lockeren Sande eine Grube auf holten den Toten und legten ihn hinein. Dann
knieten sie den Vorbeter ausgenommen, dort nieder. Dieser blieb stehen und rief:
    Kommt herbei, ihr Glubigen denn ich habe das Leichengebet ber den
verstorbenen Muslim, welcher hier anwesend ist, zu sprechen!
    Diese Aufforderung ist Vorschrift. Wir gingen zwar nicht hin, standen aber
auf, weil es nach den Regeln des Islam eine unverzeihliche Snde gewesen wre,
sitzen zu bleiben. Jetzt erhob er die Hnde bis zum Kopfe, berhrte mit den
Daumen die Ohren und rief:
    Gott ist gro; Gott ist sehr gro.
    Die Mekkaner wiederholten diese Worte laut. Er recitierte hierauf die
Fathha, das erste Kapitel des Kuran, rief nochmals Gott ist sehr gro߫, was
wiederholt wurde, und fgte hinzu:
    O Gott, sei gnstig unserm Herrn Muhammed, dem der Schrift unkundigen
Propheten, auch seiner Familie und seinen Gefhrten, und behte sie! - - - -
Gott ist sehr gro!
    Nachdem auch dieser Ruf wiederholt worden war, betete der Ghani:
    O Gott, wahrlich, das ist dein Diener und der Sohn deines Dieners. Er ist
weggegangen aus dem Schlafe der Welt und ihrer Geschftigkeit und von allem, was
er liebte, und von denen, die ihn hier liebten, in die Finsternis des Grabes und
zu dem, was er erfhrt. Er bekannte, da es keinen Gott giebt, als dich allein,
da du keinen Genossen hast, und da Muhammed dein Diener, dein Gesandter sei,
und da du hinsichtlich seiner allwissend seiest. O Gott, er ist hingegangen, zu
wohnen bei dir, denn du bist der beste, bei dem man wohnen kann. Er bedarf
deines Erbarmens, und du bedarfst seiner Strafe. Wir sind zu dir gekommen,
flehend, da wir fr ihn eintreten mchten. O Gott, wenn es einer war, der Gutes
that, so rechne ihm seine guten Thaten an; wenn er aber einer war, der bel
that, so rechne ihm seine bsen Thaten nicht an! Gewhre in deinem Erbarmen, da
er deinen Beifall finde, und spare ihm die Prfung des Grabes und dessen Qual;
mache ihm sein Grab weit, und halte ab die Erde von seinen Seiten, und gewhre
in deinem Erbarmen, da er Sicherheit finde vor deiner Qual, bis du ihn
wohlbehalten sendest zu deinem Paradiese! O du Erbarmendster unter denen, die
sich erbarmen! - - - Gott ist sehr gro! - - - O Gott, verweigere uns nicht
unsern Lohn fr den Dienst, den wir ihm erwiesen, und fhre uns nicht zur
Prfung nach ihm! Vergieb uns und ihm und allen Moslemin, o Herr aller
Geschpfe!
    Nach diesem Schlusse des eigentlichen Gebetes verneigte er sich nach rechts
und nach links und sagte dabei zweimal:
    Friede sei ber euch und das Erbarmen Gottes!
    Dieser Gru gilt den Engeln, welche nach muhammedanischem Glauben unsichtbar
zu beiden Seiten stehen. Dann forderte er seine Leute nach der Vorschrift auf:
    Gebt euer Zeugnis ber diesen Toten!
    Er war einer von den Tugendhaften, antworteten sie.
    Als nun der Tote mit Sand bedeckt worden war, folgte die Fathha wieder und
hierauf das Schlugebet, welches aus den drei letzten Versen der Sure Bagarah
besteht:
    Alles, was im Himmel und auf Erden ist, gehrt Gott. Er wird euch ber das,
was sich in eurem Herzen befindet, mgt ihr es verffentlichen oder
verheimlichen, zur Rechenschaft ziehen. Er verzeiht, wenn er will, und er
bestraft, wenn er will, er, Gott, der ber alle Dinge mchtig ist. Der Prophet
glaubt an das, was ihm von Gott offenbart worden ist, und alle Glubigen glauben
an Gott, an seine Engel, an seine Schrift und an seine Propheten. Wir machen
keinen Unterschied zwischen seinen Propheten. Sie sagen: Wir hren und
gehorchen. Dich aber, o Herr, bitten wir um Gnade, denn zu dir kommen wir einst.
Gott zwingt niemanden, ber seine Krfte zu thun, aber den Lohn dessen, was man
Gutes oder Bses gethan hat, wird man erhalten. O Herr, bestrafe uns nicht, wenn
wir ohne oder mit Absicht gesndigt haben! Lege uns nicht auf das Joch, welches
du denen auferlegtest, die vor uns lebten. Lege uns nicht mehr auf, als wir
tragen knnen. Verzeihe uns; vergieb uns; erbarme dich unser; du bist unser
Beschtzer! Hilf uns gegen die Unglubigen!
    Hiermit war die Ceremonie beendet, die bei Begrbnissen in bewohnten Orten
natrlich eine ganz andere ist.
    Nun schickte El Ghani einen seiner Leute mit einem leeren Wasserschlauch zu
uns, den wir fllen lieen; dann rsteten sie sich zum Aufbruche. Als sie die
Kamele bestiegen hatten, ritten die andern fort, ohne uns zu beachten; El Ghani
aber lenkte das seinige nahe zu uns heran und rief uns zu:
    Ihr habt nicht laut mitgebetet, obwohl das eure Pflicht gewesen wre. Darum
haben wir das Angesicht des Toten unbedeckt gelassen, damit er euch im Jenseits
verfluche, wenn ihr nicht dadurch Teil an seiner Bestattung nehmt, da ihr ihm
die noch fehlende Erde gebt. Eure Beleidigungen habe ich behalten, ich nehme sie
mit mir, aber sobald ihr nach Mekka kommt, rechne ich dort mit euch ab. Es
bleibt euch keines eurer Worte geschenkt. Allah verfluche euch!
    Da sprang Halef auf, ri die Peitsche empor, sprang dem Mekkaner nach und
langte ihm zwei oder drei so krftige Hiebe zu, da der Getroffene vor Schmerz
brllte. Er hatte bei der auerordentlichen Behendigkeit des Hadschi keine Zeit
gefunden, sich schnell genug davonzumachen. Dieser rief ihm noch nach:
    Hund, Hundsgrovater und Urhundsenkel! Da hast du einen Teil der Abrechnung
schon heute mit! Den Rest werde ich dir in Mekka ehrlich zahlen! Mach dich
gefat! Was ich verspreche, halte ich gewi!
    Es klangen noch einige Flche zu uns her; dann war der Liebling des
Groscherif mit seinen Leuten verschwunden.
    Die Haddedihn tauschten sehr lebhaft ihre Meinung ber unsere Begegnung mit
den Mekkanern aus. Halef beteiligte sich natrlich sehr daran; ich war still.
Als ihm das nach lngerer Zeit auffiel, fragte er mich nach dem Grunde meines
Schweigens. Ich mute die Antwort fr spter aufheben; mein Schweigen sollte
eine Strafe fr ihn sein; ich wute, wie empfindlich er dafr war. In Gegenwart
seiner Frau und seines Sohnes konnte ich ihm doch nicht sagen, da er zwei
unverzeihliche Fehler begangen hatte. Er htte den Mekkanern unsere Namen nicht
sagen und dann zuletzt El Ghani nicht schlagen drfen, denn wenn dieser wirklich
ein angesehener Brger der heiligen Stadt war und gar in persnlicher Beziehung
zu dem Groscherif stand, so konnte er uns nicht nur bedeutende Ungelegenheiten,
sondern noch viel mehr bereiten, zumal ich ja nicht Muhammedaner und darum auf
die grte Vorsicht angewiesen war.
    In Beziehung auf den wiederholt genannten Scherif von Mekka bemerke ich, da
das Wort Scherif so viel wie edel, adelig, erhaben bedeutet. Unter einem
Scherife versteht man einen direkten Abkmmling Muhammeds durch dessen Tochter
Fatima, welche die Frau Alis war. Den Scherifs steht es allein zu, einen grnen
Turban und ein grnes Oberkleid zu tragen. Die kleinste Beleidigung eines
solchen Edlen wird sehr streng geahndet. Die Sherifwrde bertrgt sich sowohl
durch mnnliche wie auch weibliche Personen. Man hat, besonders in Persien,
mehrere Zweige der Eschraf43, so die Aliiden, Fatimiden, Dschafariden, doch
giebt es auch Familien, welche sich als scherif bezeichnen, es aber nicht sind.
Dies ist der Fall, obwohl in fast jeder mohammedanischen Stadt von besonderen
Beamten, welche Nakyb el Eschraf heien, Listen ber die zu diesem Titel
berechtigten Familien und Personen gefhrt werden, welche alljhrlich mit der
groen Pilgerkarawane nach Mekka gebracht und dem dortigen Groscherif zur
Ansicht und Besttigung vorgelegt werden. Er ist der Stammfrst smtlicher
Nachkommen des Propheten, der Statthalter von Mekka und oberster Hter der Kaaba
und smtlicher Heiligtmer und bekommt jhrlich vom Sultan reiche Geschenke
geschickt. Das Scherifat ist eigentlich nur eine geistliche Auszeichnung oder
Wrde, und ein Scherif soll durch seine direkte Abstammung von Muhammed nicht
weltliche Vorteile genieen, aber in der muhammedanischen Welt dominieren in
jeder Beziehung die geistlichen Verhltnisse, und so glauben auch die Eschraf
das Recht zu haben, in Beziehung auf die materiellen Gter ebenso wie in
geistlicher Hinsicht den Nichtabkmmlingen des Propheten weit voranzustehen.
Diesen Standpunkt nimmt besonders der Groscherif, der Scherif el Eschraf44 ein.
Er dnkt sich, nicht niedriger zu stehen als der Sultan, der doch der Kalif,
also der Oberhirt und Beherrscher aller Glubigen ist, und die Geschichte hat
schon wiederholt Beispiele davon gebracht, da der Herr der Kaaba gar wohl im
stande ist, dem Padischah die Faust zu zeigen, zumal der Weg von Stambul nach
Mekka ein weiter ist und es also seine Schwierigkeiten hat, die Zgel zwischen
dort und hier so straff zu halten, wie es eigentlich geschehen sollte. Den
Millionen muhammedanischer Pilger, welche nach Mekka und Medina kommen,
erscheint der Groscherif nher als der von den Heiligtmern so ferne Sultan,
und so ist es nicht zu verwundern, da sie glauben, mehr unter der Macht und dem
Einflusse des ersteren als des letzteren zu stehen.
    Dies also ist ber den Groscherif zu sagen, dessen Liebling sich el Ghani
genannt hatte. Obwohl ich nun annahm, da diese Bezeichnung auch in der
bekannten orientalischen Uebertreibung gebraucht worden war, so mute etwas
Wahres doch daran sein. Er stand in irgend einer Beziehung zu dem Beherrscher
derjenigen Orte, welche ich besuchen wollte, obgleich mir dies als Christen bei
Todesstrafe verboten war, und konnte mir bei jeder ihm beliebigen Gelegenheit
Fallstricke legen, denen trotz aller Vorsicht, aller Klugheit und auch allen
Mutes nicht zu entgehen war. Und das hatte ich dann der Unberlegtheit Halefs zu
verdanken, dessen heigeliebte Peitsche in Bewegung gesetzt worden war, obgleich
der grne Turban, den El Ghani trug, bewiesen hatte, da er auch zu den
Abkmmlingen Muhammeds gehrte, deren Beleidigung zehnfach gefhrlicher als jede
andere ist. Mit der sehr krftigen, aber doch blo wrtlichen Zurckweisung der
Arroganz des Mekkaners durch den Hadschi war ich vollstndig einverstanden
gewesen, weil dies kein unberechtigter, zur Rache herausfordernder Angriff,
sondern eine sehr berechtigte Abwehr gewesen war; aber Prgel, mit der Peitsche,
einem Araber, welcher die Wrde eines Scherif bekleidete, das war eine
Uebereilung, mit welcher ich unmglich einverstanden sein konnte. Ich nahm daher
die Gelegenheit wahr, dem Hadschi zu folgen als er vor dem Schlafengehen noch
einmal nach seinem Pferde sah. Da waren wir allein. Mein ununterbrochenes
Schweigen hatte die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt. Er empfing mich mit
den Worten:
    Du bist zornig auf mich, Sihdi, weil ich diesem hochmtigen Menschen meine
Kurbadsch45 zu schmecken gegeben habe?
    Natrlich! Wunderst du dich vielleicht darber? antwortete ich.
    Nein; aber er hatte es verdient.
    Die Klugheit verbietet sehr hufig, den Menschen nach dieser Art von
Verdienst zu behandeln! Du httest schon unsere Namen nicht sagen drfen; es war
auf alle Flle besser, wenn er ber uns im unklaren blieb. Aber du mut jedem
unbekannten Menschen gleich sagen, was fr ein berhmter Kerl du bist!
    Bin ich das etwa nicht?
    Nein!
    Aber du?
    Auch nicht. Wir sind in gewissen Gegenden bekannt; das ist alles. Wir beide
brauchen uns gar nichts einzubilden; es giebt berall Hunderte und Tausende von
Menschen, die noch ganz andere Kerls sind, als du und ich! Du aber denkst, ein
Scheik der Haddedihn und ein hier im Oriente herumkrabbelnder abendlndischer
Dudi el Kutub46 seien die hervorragendsten und gewaltigsten aller Erdenbewohner,
weil sie einmal einen Lwen geschossen haben oder vor einigen Kurden nicht
gleich ausgerissen sind. Fr so hochwichtige Leute darfst du uns denn doch nicht
halten. Ich sage dir, wenn eine ganze Million Menschen unserer Sorte jetzt
pltzlich strbe, die Weltgeschichte wrde ihren Gang sehr ruhig weitergehen!
    Das glaube ich nicht, Sihdi!
    Es ist aber so!
    Nein, denn meine Haddedihn gehren doch auch zur Weltgeschichte, und wenn
ich jetzt pltzlich strbe, so wrde die Haddedihnsche Abteilung der Geographie
und Geschichte in die bittersten Thrnen ausbrechen und eine sehr traurige
werden. Und was soll aus dem Stamm der deutschen Beduinen werden, wenn du hier
stirbst und nicht zu ihnen wiederkehrst? Zunchst wrde in deinem Harem sich ein
groes Weinen und Klagen erheben, und von diesem deinem Frauenzelte aus wrde
sich dann eine niemals versiegende Flut der Thrnen ergieen ber alle Berge,
Thler und Ebenen deines Vaterlandes. Die Palmen eurer Oasen wrden eingehen vor
Schmerz und die Herden der Kamele hinsinken durch die Seuche unheilbarer
Traurigkeit. Es wrde ein groer, unendlicher Jammer ausbrechen - - - -
    Sei still! unterbrach ich ihn. Meine Emmeh wrde trauern und mir sehr
bald nachfolgen; davon bin ich berzeugt; sonst aber drfte deine niemals
versiegende Thrnenflut nur deine Phantasie berschwemmen. Wir sind nichts
Besseres als andere Menschen und haben keine Ursache zu solchen Posaunentnen,
wie du immer erschallen lssest, wenn von dir und mir die Rede ist. Hrst du
wohl, ich sage dir und mir. Weit du, was ich meine?
    Nein.
    So oft ich von uns beiden spreche, bin ich so hflich, dich zuerst zu
nennen; das habe ich stets gethan. Du aber sagst stets mir und dir oder mich und
dich, stellst also immer dich voran! Das habe ich jahrelang beobachtet und
niemals eine Ausnahme bemerkt. Kannst du dir wohl denken, als welchen Beweis ich
mir diesen an und fr sich geringfgigen Umstand wohl habe gelten lassen?
    Sihdi, von diesem Umstande wei ich ja gar nichts!
    Das ist es ja eben! Wenn ich mit dir von uns beiden spreche, so denke ich
nicht nur an die dir schuldige Hflichkeit, sondern auch an meine Freundschaft
und Liebe zu dir, welche mich bestimmen, dich stets voranzusetzen. Du aber weit
nichts davon; du denkst gar nicht daran, und weil du dich fr einen ungeheuer
bedeutenden Menschen hltst, bringst du dein liebes Ich ohne alle Ausnahme stets
zuerst.
    Ist das wahr, Effendi?
    Ja.
    Das mchte ich aber doch kaum glauben!
    Ich knnte es dir beweisen, wenn auch nur indirekt.
    Wodurch?
    Du weit, da ich in meinen Bchern auch unsere Reisen und Erlebnisse
beschreibe. Du hast mich gebeten, dich ganz genau so zu schildern, wie du bist,
um Allahs willen ja nicht anders. Das habe ich gethan, und nun kann jeder, der
ein solches Buch in die Hand bekommt, nachschlagen und sich berzeugen, da du
mich immer hinter dich stellst, mich stets erst nach dir nennst.
    Da fate er mich schnell und krftig am Arm, zog mich einige Schritte fort,
als ob jemand dastehe, der seine Worte nicht hren solle, und fragte mich in
erschrockenem, hastigem Tone:
    Du, Sihdi, steht das wirklich in den Bchern?
    Ja.
    Und jeder kann es lesen?
    Meine Bcher befinden sich in mehr Hnden, als du denkst. Hunderttausende
haben es schon gelesen.
    Sei barmherzig und sag, da es nicht so ist!
    Das kann ich nicht, denn es ist wirklich so.
    Alla kerihm! So sei Allah mir gndig! Was mssen diese Leute alle von mir
denken! Fr was mssen sie mich halten, den Scheik der Haddedihn vom groen
Stamme der Schammar! Wenn mein Mich stets vor deinem Dich zu finden ist, ohne
da ich deinem Dir vor meinem Mir den Vortritt lasse, so ist zu befrchten, da
unser Uns auch stets an der unrechten Stelle steht! Mein ganzer Ruhm ist hin!
Man wird mein Ich fr ungeheuer rcksichtslos halten und mich mit Recht der
unhflichen und also unverzeihlichen Zurckstellung deines dir mit vollstem
Rechte gehrenden Du beschuldigen! Die Ehre meiner bescheidenen Unterwrfigkeit
ist hingeschwunden und der Glanz meiner schnen Umgangsform in Finsternis
verwandelt! O Sihdi, warum, warum hast du das mir, deinem treuen Halef,
angethan!
    Du hast es so gewollt. Ich sollte dich ja nicht anders beschreiben, als du
bist!
    Das ist wohl wahr; aber als ich diesen Wunsch aussprach, war mir das Mich
und Dich ganz unbekannt. Nun ist dein Hadschi Halef im ganzen Abendlande ein
anrchiger Mensch geworden, und all mein einstiger guter Ruf hat sich in Schimpf
und Schmach verkehrt. Ich bin eine verdorbene Wassermelone, ein fauler Apfel,
ein wurmstichiger Buchecker geworden, den kein Sindschab47 verzehren mag! Sei
gtig gegen mich, Effendi, und sag, ob das nicht noch zu ndern ist!
    Was einmal im Buche steht, kann leider nicht daraus entfernt werden!
    Aber wie da, wenn du ein neues schreibst?
    Da will ich dir ganz gern deinen Wunsch erfllen und zeigen, da du dich
gendert hast. Nur mu diese Aenderung auch Wahrheit sein!
    Sie wird es sein; das verspreche ich dir! Da du mein Freund bist, mu es
doch wohl mich und dich betrben, wenn - - -
    Halt! unterbrach ich ihn. Da eben hast du wieder mich und dich gesagt und
dich vorangestellt!
    Sihdi, glaube mir, ich wollte hinterherkommen, bin mir aber in der Eile so
verkehrt aus dem Munde gefahren, da du keinen Platz gefunden hast, vor mir zu
erscheinen. Ich bitte dich, mich stets und sofort zu erinnern, wenn du den
Vorrang nicht bekommst, der dir gebhrt! Also diese Zurcksetzung des Dich hat
mich bei dir um meinen Ruhm gebracht?
    Nicht um den Ruhm gebracht; ich habe nur sagen wollen, wie bezeichnend sie
fr dich und deine Art und Weise ist. Das war die Bestrafung deiner
Unberlegtheit im Verhalten zu el Ghani. Deine Peitsche heut kann uns sehr viel,
sogar das Leben kosten. Er ist Araber, also rachschtig, und sodann gar Scherif!
Hast du denn die grne Farbe seines Turbans nicht beachtet?
    Sihdi, es wurde mir vor Zorn so grn vor den Augen, da die Farbe des
Turbans sich gar nicht extra unterscheiden lie. Ich hoffe doch, da du, wenn du
unser Zusammentreffen mit den Mekkanern beschreibst, mich und die Kurbadsch
nicht mit erwhnst?
    Hm! Diesen Gefallen mchte ich dir wohl gern thun, glaube aber, da es mir
nicht mglich sein wird.
    Warum nicht?
    Weil sich wahrscheinlich die Folgen deiner schnellen Handlungsweise
einstellen werden, und wenn ich von diesen erzhle, mu ich auch die Ursache,
deine Peitsche, erwhnen.
    Das thut mir leid, sehr leid! Du kannst dir doch denken, da ich nicht gern
als ein Mensch beschrieben sein will, der nichts als Dummheiten macht!
    So hte dich, welche zu begehen!
    Das mir zu sagen, ist wohl leicht; aber wenn es mir in der Zunge oder in
den Gliedern zuckt, so springt die Katze heraus, ehe ich sie festhalten kann. Es
ist mir aber ein gutes, ein sehr gutes Mittel der Bedachtsamkeit eingefallen,
vorhin, als du die Bcher erwhntest. Ich habe mir vorgenommen, in diesen
Bchern von jetzt an als leuchtendes Vorbild reiflicher Ueberlegung und ernster
Behutsamkeit zu glnzen; ich werde keinen Finger mehr eher bewegen, als bis ich
mir ganz genau berechnet habe, welcher von den zehn, die ich besitze, es sein
mu. Dabei aber mut du mich als Freund untersttzen, indem du mich sofort an
die Bcher, welche du noch schreiben willst, erinnerst, falls ich mich in Gefahr
befinde, etwas zu sagen oder zu thun, was ich verschweigen oder unterlassen
soll.
    Da bin ich einverstanden; ich werde es gern thun.
    Aber das braucht keiner, der dabei steht, zu bemerken. Darum mut du
vermeiden, mir eine lange Rede zu halten, Sihdi!
    Hast du mich als einen Freund von langen Reden kennen gelernt, Halef?
    Nein. Aber auch mir wird ein einziges Wort gengen.
    Welches?
    Kultub48. Sag einfach Kultub, so wei ich, was du meinst, ohne da ein
anderer es erfhrt! Sobald du dieses Wort aussprichst, werde ich sofort daran
denken, da ich den vielen, vielen Lesern deiner Bcher als erhabenes Vorbild
und unerreichtes Muster aller irdischen und mnnlichen Tugenden zu gelten habe.
Dieses Wort wird mich im grten Zorne beruhigen, indem es meinen Grimm mit
Sanftmut bergiet; es wird mich in jeder Aufregung, berhaupt in jeder Lage,
zur Besinnung und Ueberlegung dessen bringen, da derjenige Teil der
Weltgeschichte, welcher von mir, von meinen Worten und Werken handeln wird,
nichts enthalten darf, wodurch der Glanz meines Ruhmes verdunkelt werden knnte.
Also nur dieses eine Wort Kultub brauchst du zu sagen, wenn du den wtenden
Lwen, der ich zuweilen bin, schnell in ein stilles, geduldiges Lamm verwandeln
willst. Dafr bin ich aber auch berzeugt, zur Besnftigung deines Zornes nun
alles gethan zu haben, was du von mir verlangen kannst, und bitte dich, den
berflssigen Schwung, den ich meiner Peitsche gegeben habe, nicht wieder zu
erwhnen!
    Mit diesen Worten war fr ihn die Sache abgemacht, fr mich aber freilich
noch nicht, denn ich war berzeugt, da die Folgen gewi nicht auf sich warten
lassen wrden.
    Jetzt war es Zeit, uns schlafen zu legen; ich sah also noch einmal nach dem
Hedschihn, welches ich whrend dieser Reise ritt, und rief dann meinen Hengst
Assil zu mir, denn er war jetzt ganz genau so mein Schlafkamerad, wie sein Vater
Rih es frher gewesen war. Sein Hals diente mir als Kopfkissen, und vor dem
Einschlafen sagte ich ihm die fr ihn bestimmte Sure in das Ohr. Dann wurde es
rundum still, denn auer dem einen Haddedihn, auf welchen die Wache gefallen
war, hatten sie alle sich zur Ruhe gelegt. Spter wurden wir durch einen Schu
aus dem Schlaf geschreckt; die Geier hatten sich zu nahe an den Toten gewagt und
waren von dem Wchter vertrieben worden. Als ich spter wieder aufwachte, war es
um die Zeit des Fagr, des Gebetes um die Zeit der Morgenrte. Die meisten der
Haddedihn waren schon munter. Hanneh hatte das Feuer wieder angezndet, um den
Morgenkaffee zu kochen, zu welchem die gestern brig gebliebenen Brotkuchen
verzehrt werden sollten.
    Hierbei will ich bemerken, da der Beduine auerordentlich mig lebt und
nur bei festlichen Schmausereien von dieser Regel eine Ausnahme macht. Der
Fremde, welcher sich denselben Anstrengungen wie der Einheimische unterwerfen
will, mu sich auch ganz derselben Migkeit befleiigen, wenn er nicht von
Krankheiten schnell dahingerafft sein will. Ich denke da noch heut mit groem
Vergngen eines Zusammentreffens zwischen mir und einem Wstenreisenden, dessen
Werke nicht unbekannt sind. Er erzhlte mir mit groer, sichtlicher
Befriedigung, da er in der Wste stndlich mehrere Glas Wasser getrunken
habe. Er reiste mit vierzehn Zelten. Sobald diese aufgeschlagen waren, nahm er
ein Frhstck zu sich, welches aus einer Flasche Wein, Sardinen, kalter Zunge
und Biskuit bestand, hierauf a er zu Mittag eine Suppe ersten Ranges; so
nannte er sie nmlich. Sie bestand, notabene fr ihn ganz allein, aus drei
Hhnern und einer ganzen Ochsenschwanz- oder Schildkrten-Konserve. Hierauf
folgten Schafs- oder Lammbraten, eine Eier- oder Reisspeise, Biskuit nebst Wein
und Kaffee. Dieser Herr versicherte mir im Tone stolzer Genugthuung, da er in
der Wste niemals einen Beduinen besucht habe, ohne Handschuhe anzuziehen! Und
das, was er mir erzhlte, hat er auch geschrieben und durch den Druck
verffentlicht! Wenn es Europer giebt, welche in sdlichen Lndern in dieser
ausgiebigen Weise fr das Wohlbefinden ihres Krpers sorgen, so ist es gar kein
Wunder, wenn die durch diese Vllerei erzeugten berschssigen Sfte sich auf
dem auch schon nicht mehr ungewhnlichen Wege des Tropenkollers Luft zu machen
suchen! Ich habe stets genau in derselben Weise wie die Eingeborenen gelebt und
bin nie der Ansicht gewesen, da ich mich durch den Genu von Extraspeisen und
Delikatessen vor ihnen auszeichnen msse. Was sie hatten und aen, das hatte und
a auch ich, und da ich diesen Grundsatz auch in jeder andern Beziehung
verfolgte, so bin ich mit ihnen stets, auch ohne Tropenkoller, sehr gut
ausgekommen.
    Als wir den Morgenkaffee zu uns genommen hatten, durften wir an unsern
Aufbruch denken; vorher aber hatten wir das zu thun, was zu thun wir uns durch
die Malice el Ghanis gezwungen sahen: Wir muten die Leiche des Mnedschi
vollends mit Sand bedecken, wenn wir uns nicht einer ganz unverzeihlichen
religisen Unterlassungssnde schuldig machen wollten. Es wurden einige
Haddedihn damit beauftragt, denen Halef befahl, es nicht blo bei dem einfachen
Zudecken zu lassen, sondern einen hohen und mglichst festen Grabhgel
aufzubauen, damit die Geier dann nicht zu der Leiche knnten. Meiner alten
Gewohnheit folgend, mich womglich um alles selbst mit zu bekmmern, ging ich
mit diesen Leuten nach der Stelle, wo die Mekkaner ihren Toten liegen gelassen
hatten; Halef war auch dabei.
    Der Krper der Leiche war im Sande eingegraben, der Kopf noch nicht; das
Gesicht hatte man mit einem Zipfel des Gewandes bedeckt. Ich schlug diesen
Zipfel zurck.
    Allah w' Allah! sagte Halef. Welcher Ausdruck der Ehrwrdigkeit! So wie
diesen Mann habe ich mir die Propheten vergangener Jahrhunderte vorgestellt!
    Er hatte recht; es ging mir grad so wie ihm. Ich hatte wohl noch selten ein
so schnes, Ehrfurcht gebietendes Greisenangesicht gesehen, noch jetzt, im Tode,
schn!
    Er hat nicht das Aussehen eines Toten, sondern eines Schlafenden, fuhr
Halef fort, eines Schlafenden, der von Allahs Himmel trumt. Sieh, wie er selig
lchelt!
    Es ist nach meinen Erfahrungen mit diesem sogenannten seligen Lcheln der
Verstorbenen eine ganz eigene Sache, denn ich habe es am ausgeprgtesten, am
ergreifendsten bei Personen gefunden, deren Ende ein gewaltsames gewesen war.
Ich habe in den Zgen im Kampfe Gefallener kurz nach ihrem Tode den
sprechendsten Ausdruck des Hasses, des Grimmes, der Angst, des physischen
Schmerzes gesehen, und dann wahrgenommen, da dieser Ausdruck sich sehr bald in
denjenigen der Milde, der Ruhe, des Friedens verwandelte. Und wiederum sah ich
Leute so sanft und kampflos hinberschlafen, da ich mir wnschte so mchte
einst auch dein Tod sein!, und dann nahmen ihre Gesichter nach und nach das
Geprge seelischer Angst oder krperlicher Pein, des Leidens an. Sollten die
Affekte oder Stimmungen, welche im Augenblicke des fr uns sichtbaren Sterbens
vorherrschend sind, nur deshalb keine nachhaltige Wirkung hinterlassen, weil die
eigentliche Trennung der Seele von dem Krper erst spter, von uns unbemerkbar,
erfolgt und der Geist erst dann das, was ihn bei diesem endgltigen Scheiden
bewegt, zum Troste oder zur Warnung fr die Hinterbliebenen auf das Angesicht
schreibt? Diese Frage gehrt auch zu denen, welche wir Lebenden wohl
aussprechen, aber nicht beantworten knnen.
    Indem ich die Zge des Mnedschi betrachtete, fiel mir die Frbung des
Gesichtes auf; sie war bla und totenhnlich, dabei aber von einem so
eigentmlichen Ton, da ich aufmerksam wurde. Ich legte die Hand an seine Wange
und fhlte, da sie kalt war. Ich entfernte den Sand von den Armen und den
Hnden; diese letzteren hatten auch die Klte des Todes. Nach der Trbung der
Augen sah ich nicht, da ich ja gehrt hatte, da der Mnedschi blind gewesen
war. Leichengeruch gab es nicht, doch war die Todesstarre eingetreten, die aber
ebenso wie die Klte und die Vernderung der Hornhaut des Auges kein
unzweifelhafter Beweis des wirklich eingetretenen Todes ist. Ich forderte einige
Haddedihn, welche bei uns standen, auf, den Mekkaner ganz vom Sande
freizumachen.
    Warum das? fragte Halef im Tone der Ueberraschung. Denkst du etwa, da er
noch lebt, Sihdi?
    Das wohl nicht, antwortete ich; aber ich habe das Gefhl, als lge auf
dem Gesichte noch ein leiser, leiser Lebenshauch, der nicht auf wirklichen Tod,
sondern nur auf Ohnmacht schlieen lt.
    Nur ohnmchtig? Also scheintot? Effendi, wir haben schon viel, sehr viel
erfahren und gar manches erlebt, was kein anderer Mensch erleben wird, aber
einen Scheintoten wieder lebendig zu machen, dazu haben wir doch noch keine
Gelegenheit gehabt! Was fr ein groer Ruhm wrde es fr uns sein, wenn wir
sagen knnten, da sogar die Macht des Todes nicht vor uns standhalten knne!
Hier ist die beste, die allerbeste Gelegenheit dazu, dies zu beweisen!
    Nur langsam, nicht wieder so vorschnell, lieber Halef! Ich habe ja noch gar
nicht behauptet, da es sich hier nur um Scheintod handle! Ich tusche mich
jedenfalls, halte es aber doch fr meine Pflicht, diesen Mann nicht eher
vollends zu begraben, als bis ich mich berzeugt habe, da der Tod wirklich
eingetreten ist.
    Wie kannst du zu dieser Ueberzeugung gelangen?
    Indem ich seine Atmung und den Puls untersuche.
    Die Atmung? Er holt keinen Atem mehr; das mu ja jeder sehen!
    Das Atmen eines Scheintoten geht so leise vor sich, da es nur bei der
grten Aufmerksamkeit zu bemerken ist. Wollen sehen!
    Die Haddedihn hatten den Sand entfernt und den Krper neben die Grube
gelegt. Ich kniete bei ihm nieder, schlug die Kleidung weit von der Brust zurck
und hielt die Augen auf den Brustkorb gerichtet. Halef lie sich zu gleichem
Zwecke neben mich nieder. Es versteht sich ganz von selbst, da alle andern
Haddedihn nun auch herbeigekommen waren und in hchster Spannung im Kreise um
uns standen. Noch war kaum eine Minute vergangen, so rief Halef:
    Jetzt, jetzt hat er Atem geholt! Hast du es gesehen, Effendi?
    Auch mir war es so gewesen, als ob eine ganz leise und sehr flache Bewegung
des Thorax stattgefunden htte; aber selbst als sich das nach einiger Zeit
wiederholte, glaubte ich, an der Wahrheit dieser Beobachtung zweifeln zu mssen.
Ich lie mir ein Stck Leder geben, rollte es zum Rohr zusammen und setzte es,
die Haddedihn zum tiefsten Schweigen auffordernd, dem Mekkaner auf das Herz. Es
verging wohl ber eine Minute; da glaubte ich, ein Gerusch gehrt zu haben,
sagte aber nichts; dann hrte ich es wieder, auch zum dritten, vierten und
fnften Male; es waren die Diastolgerusche, die zweiten krzeren und helleren
Herztne, welche ich bemerkt hatte; die ersten Herztne sind zwar strker und
lnger, aber dumpfer und an Scheintoten nie zu hren. Jetzt war ich meiner Sache
sicher und sagte, indem ich schnell aufsprang:
    Halef, dein Wunsch ist erfllt, denn dieser Mann lebt; er ist nur
scheintot, und mit Gottes Hilfe wird es uns gelingen, seine Seele
zurckzurufen!
    Hamdulillah! Wir werden den Tod berwinden und dem Leben befehlen, wieder
dahin zurckzukehren, wohin es rechtmigerweise gehrt! Wir werden es an seine
Pflicht erinnern und nicht eher ruhen, als bis es uns Gehorsam geleistet hat!
Aber da ich nicht wei, wie das zu machen ist, so fordere ich dich auf, Effendi,
uns zu sagen, wie es geschehen soll!
    Das wird durch den Itnaffas manu49 geschehen.
    
    Itnaffas manu? Davon habe ich noch nie etwas gehrt. Es ist doch keine
Kunst, zu atmen! Wenn man den Mund ffnet, geht die Luft ganz von selbst
hinein.
    Dir das zu erklren, habe ich jetzt keine Zeit. Wir drfen keinen
Augenblick verlieren, wenn wir mit unserer Hilfe nicht zu spt kommen wollen.
    Aber ich darf mithelfen?
    Ja. Ich werde dir zeigen, was du zu thun hast.
    Der Oberkrper des Mekkaners wurde ganz entkleidet und, etwas erhht, auf
den Rcken gelegt. Ich zog seine Arme in regelmigen Intervallen vom Brustkorbe
ab, langsam nach oben ber den Kopf und drckte sie ihm dann wieder an den
Krper. Halef mute in den gleichen Intervallen ihm den Unterleib nach oben
drcken, wodurch eine regelmige Erweiterung und Verengerung des Brustkorbes
entstand, durch welche die Lunge gezwungen wurde, abwechselnd Luft aufzunehmen
und wieder abzugeben. Natrlich hatte ich ihm vorher die Zunge so weit
vorgezogen, da ein Haddedihn sie fassen und festhalten konnte, weil durch sie
sonst der Atmungsweg verschlossen worden wre. Whrend wir in dieser Weise
beschftigt waren, wurde der Krper des Mnedschi, auch an den Beinen, von noch
zwei Haddedihn unausgesetzt sehr stark frottiert.
    Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, da der kleine, gesprchige Hadschi
sich whrend dieser Arbeit fortwhrend in Bemerkungen erging, die nicht zur
Sache gehrten, von mir aber nicht zurckgewiesen wurden, weil dies auf seinen
Eifer abkhlend gewirkt htte. Dieser mute im Gegenteile erhalten werden, denn
unsere Bemhungen schienen lange Zeit ohne allen Erfolg zu sein.
    Es war wohl schon eine Stunde vergangen, und ich wurde von der einfrmigen
Bewegung mde. Eben wollte ich mich fr einige Zeit ablsen lassen, als ich
bemerkte, da der Scheintote Farbe bekam; da war nun freilich von Ermdung keine
Rede mehr. Schon nach kurzem holte er selbstndig Atem und ffnete die Augen.
Was fr prachtvolle Augensterne das waren!
    Ich habe viele, viele Reimereien gelesen und gehrt, in denen von herrlichen
blauen oder gar himmelblauen Augen die Rede ist, aber noch nie ein himmelblaues
Augenpaar gesehen. Ich behaupte darum, da es gar kein rein blaues Auge giebt.
Hat es aber jemals wirkliche, herrliche, himmelblaue Augen gegeben, so sind es
die des Mnedschi gewesen, welche sich jetzt so weit ffneten und mit einem
unbeschreiblichen Ausdrucke gro und voll auf den Hadschi richteten. Das war ein
mir vllig unbekannter Glanz, ein Blick, der nicht dieser Welt anzugehren,
sondern aus dem Jenseits zu kommen schien.
    Sihdi, er ist wach! Er atmet und schaut mich an! rief Halef berglcklich.
    Durst! hauchte der Kranke.
    Es wurde Wasser gebracht; wir setzten ihn aufrecht und flten es ihm
langsam und vorsichtig ein, fast nur tropfenweise. Durch diese langsamen und
regelmigen Schlingbewegungen wurde sein noch schwaches Atmen untersttzt. Es
besserte sich.
    Danke! sagte er, als der rgste Durst gelscht zu sein schien. Dann sank
er um, schlo die Augen wieder und schlief ein, wodurch aber das Atemholen nicht
gestrt wurde. Die Zge wurden im Gegenteile immer krftiger und tiefer.
    Hast du seine Augen gesehen, Sihdi? fragte mich Halef.
    Ja, nickte ich.
    Und dich ber sie gewundert?
    Nein. Diese Augenfarbe hat nicht blo der Norden. Ich habe sie sogar im
Sden der Sahara an ganz dunkel gefrbten Leuten bemerkt.
    Das ist es nicht, was ich meine. El Ghani hat doch behauptet, da El
Mnedschi blind sei; das halte ich aber, seit ich diese Augen gesehen habe, fr
eine groe Lge!
    Auch ich neige mich dieser Ansicht zu, doch ist es nicht unmglich, da wir
uns tuschen. Warten wir es ab!
    Aber was thun wir nun? Wir mssen doch aufbrechen, und er schlft!
    Wir drfen ihn jetzt nicht stren, werden also bleiben, bis er erwacht.
    Und dann?
    Dann werden wir ja mit ihm sprechen und also erfahren, was er zu thun
beschlieen wird.
    Gut, warten wir also! Es zwingt uns ja nichts zur Eile, und so knnen wir,
whrend er im Schlafe neue Krfte sammelt, uns ber die Kijahma50 freuen, durch
welche wir seine schon abgeschiedene Seele aus dem Lande des Todes zurckgerufen
haben. Hast du schon einmal von einer solchen Kijahma gehrt, Sihdi?
    Ja. Ich habe sogar eine Auferstandene sehr gut gekannt und auerordentlich
lieb gehabt; ich liebe sie noch heut, obwohl sie nun nicht mehr zu den Irdischen
gehrt.
    Wer ist das gewesen?
    Meine Gromutter, die Mutter meines Vaters, welche der irdische Engel
meiner Kindheit gewesen ist und jetzt nun sicher bei den Engeln weilt. Sie war,
grad wie auch meine Mutter, so reich an Liebe, da ich noch heute von und in
diesem Reichtume lebe; es ist das der grte Reichtum, den es giebt, mein lieber
Halef. Die Verletzung eines Nerven war schuld, da sie in Starrkrampf fiel und
fr tot gehalten wurde. Man bettete sie in den Sarg, und erst ganz kurz vor dem
Begrbnisse, als die Leidtragenden den letzten Abschied von ihr genommen hatten,
wurde entdeckt, da sie noch lebte.
    Durch einen Zufall?
    Halef, du weit, da es fr mich keinen Zufall giebt. Wenn die allmchtige
Weisheit Gottes Ursachen und Wirkungen miteinander verknpft, deren Verbindung
das schwache Auge des Menschen nicht zu erkennen vermag, so wird zur Erklrung
das mir so unsympathische Wort Zufall hervorgesucht. Es ist das eine Kantara el
humar51, ber welche sogar sonst ganz kluge Leute reiten.
    Lebtest du damals schon, als deine Gromutter scheintot war?
    Nein. Sie ist zu jener Zeit noch jung gewesen, hat aber bis in ihr sehr
hohes Alter oft von der entsetzlichen Angst gesprochen, welche ihr durch den
Gedanken, lebendig begraben zu werden, verursacht worden war.
    Hat sie denn diese Angst empfunden? Ich habe nmlich gehrt, da der
Scheintote gar nichts von sich wei, weil seine Seele den Krper verlassen hat
und auerhalb desselben wandelt.
    Die Gelehrten behaupten allerdings, da beim wirklichen Scheintode das
Bewutsein und die Empfnglichkeit der Sinne vollstndig erloschen seien. Das
ist bei meiner Gromutter zwei Tage lang der Fall gewesen; als dann am dritten
Tage ihr die Besinnung zurckkehrte, hat sie sich im Sarge liegend gefunden.
Doch hat sie das nur aus den Reden der um sie Stehenden schlieen, nicht aber
sehen oder fhlen knnen, weil es ihr unmglich gewesen ist, die Augen zu ffnen
oder berhaupt mit irgend einem Gliede die geringste Bewegung zu machen. Sie
fand spter keine Worte, die entsetzliche Angst, die Verzweiflung zu
beschreiben, mit welcher sie sich angestrengt hatte, ein Lebenszeichen zu geben;
aber ihr Wille, die ganze Summe ihrer geistigen Energie war ohne Einflu auf den
Krper gewesen. Da hatte sie eingesehen, da ihre einzige Rettung nur noch im
Gebete liege. Sie war eine gottesglubige, sehr fromme Frau, und du kannst dir
denken, da sie nie so inbrnstig gebetet hat wie damals vor der dunklen Pforte
des Grabes, in welches sie bei vollem Bewutsein gebettet werden sollte. Unsere
heilige Schrift sagt: Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich
ist. An diesem Ernste hat es bei Gromutter wohl nicht gefehlt, und so sind
diese Bibelworte auch an ihr zur Wahrheit geworden. Als ein Kind zum Abschiede
ihre Hand fate, hat sie endlich, endlich die Finger bewegen und den Druck
erwidern knnen. Das Kind hat vor Schreck laut aufgeschrieen und zitternd und
stammelnd die Mitteilung gemacht, da die Tote noch nicht ganz gestorben,
sondern in der Hand noch lebendig sei, worauf man sich von der Wahrheit dieser
Behauptung berzeugte und nach dem Arzte schickte, unter dessen Behandlung die
Kranke dann langsam wiederhergestellt wurde.
    Hanneh hatte vorhin ihr Zelt verlassen und sich uns auch zugesellt. Sie
verfolgte das, was ich erzhlte, mit groer Aufmerksamkeit und fiel jetzt mit
der Frage ein:
    Du bist der Ansicht, Sihdi, da die Seele der Mutter deines Vaters damals
ihren Krper verlassen habe?
    Ja, antwortete ich.
    Das ist mir von groer Wichtigkeit! Aus dem, was du erzhltest, folgt, da
deine Gromutter eine Seele gehabt hat?
    Allerdings.
    Glaubst du, da sie die einzige Frau auf Erden war, welcher Allah eine
Seele gab?
    Nein, denn jedes Weib erhielt dies Gottesgeschenk.
    Und der Islam lehrt, das Weib besitze keine Seele und knne also auch nicht
teilnehmen an den ewigen Freuden des Paradieses. Der Islam sagt, das Weib sei
nur zu dem Zwecke geschaffen, mit ihrem Krper Dienerin des Mannes zu sein, und
darum habe mit dem Tode dieses Krpers fr sie alles Leben aufgehrt. Ich habe
mit dir, Effendi, in jener Nacht hinter den Zelten ber diesen uns beleidigenden
Miglauben gesprochen, und du erflltest mein Herz mit Trost und Beruhigung,
indem du mir die Ueberzeugung gabst, da wir Frauen auch eine Seele besitzen und
also ebenso wie ihr zur Seligkeit berufen sind. Du hast meine damalige heie
Bitte erhrt, und auch Halef, den Begrnder meines irdischen Glckes, zum
Glauben an diese meine unsterbliche Seele gebracht, und nun du heut von der
Seele deiner von dir so sehr geliebten Gromutter erzhlst, mu auch bei all den
Mnnern, welche hier stehen und deine Worte gehrt haben, der letzte Zweifel an
unsere Unsterblichkeit schwinden. Ich danke dir! Ich mchte nun noch eins gern
wissen. Wenn die Seele deiner Gromutter damals ihren Krper verlassen hat, so
mu sie whrend der Zeit bis zu ihrer Wiederkehr an einem andern Ort gewesen
sein. Weit du, wo?
    Nein.
    Hast du sie nicht gefragt?
    Als Kind nie, weil mir die dazu ntige Einsicht fehlte; aber spter, als
ich nach den Geheimnissen des Glaubens zu forschen begann, die es fr den,
welcher wirklich glaubt, doch gar nicht giebt, weil die Erleuchtung die
erstgeborene Tochter des wahren Glaubens ist, da erkundigte ich mich allerdings
sehr oft und angelegentlich bei ihr, ob die zwischen dem Schwinden und der
Wiederkehr ihres Bewutseins liegende Lcke nicht vielleicht durch irgend eine
wenigstens spter erwachte Erinnerung auszufllen sei. Sie wute aber nichts.
    Das kann ich nicht begreifen. Nach dem, was ich von dir ber die
Menschenseele gehrt habe, kann in ihrem Leben und in ihrem Bewutsein niemals
eine Pause eintreten.
    Pause? Das ist das richtige Wort! Du giebst mir da das Gleichnis in die
Hand, welches dir, obgleich es nicht ganz treffend ist, doch wenigstens
einigermaen die Erklrung bringt. Du wirst mich verstehen, weil du die Uhteh52
zu spielen verstehst. Es waren whrend der Abwesenheit der Seele in dem Gehirn
der Scheintoten Pausen entstanden, leere, unempfindlich gewordene Stellen,
welche sich auch spter unempfnglich fr die Tne der Erinnerung zeigten. Aber
wenn sie sich auch nicht klar entsinnen konnte, ein nach rckwrts gerichtetes
heiliges Ahnen, das fromme Gefhl eines gehabten, seligen Schauens war
geblieben, und infolgedessen sah ich die grte Hoffnung ihres Erdenlebens,
welches ein Leben in Armut und in Sorge war, auf das einstige Wiedererwachen der
Herrlichkeit gerichtet, welche ihr schwaches, irdisches Gedchtnis nicht hatte
festhalten knnen. Sie lebte bis zu ihrem Tode ein doppeltes Leben, indem sie in
aufopfernder Treue und Selbstentsagung fr die Ihren arbeitete und jeden von
dieser Arbeit freien Augenblick dem Trachten nach der himmlischen Klarheit
widmete. Diese ist ihr, wie ich berzeugt bin, nun schon lngst geworden.
    Wie fest, wie fest du glaubst, Sihdi! meinte Hanneh, indem sie in tiefer
Rhrung die Hnde faltend ineinander legte. Es giebt wohl nichts, gar nichts,
was dich in diesem unerschtterlichen Glauben irremachen knnte?
    Nichts! Ich habe mit allen mglichen Unholden des ueren und des
Seelenlebens um ihn gerungen und bin auch jetzt noch in jedem Augenblicke
bereit, fr ihn zu kmpfen und mein Leben einzusetzen. Glaube mir, die in
Menschengestalt sichtbaren Feinde sind nicht die strksten und die schlimmsten
Gegner dieser meiner seligmachenden Glaubenszuversicht; die heiesten Kmpfe
werden vielmehr im verborgenen Innern ausgerungen, wo der Einflu dunkler Mchte
grer ist als im sichtbaren Leben, welches nur die Wirkungen dieses Einflusses
zeigen kann. Wohl dir, meine liebe Hanneh, wenn deine Engel die Hnde ber dich
breiten, um solche Mchte und solche Kmpfe von dir fernzuhalten! Nicht jeder
besitzt die Ueberzeugungskraft, welche erforderlich ist, siegreich aus ihnen
hervorzugehen.
    Da lchelte sie mich herzig an und sagte:
    Sihdi, warum sollte ich kmpfen, also etwas so Schweres thun, was ich ja
gar nicht ntig habe? Du hast mir deinen herrlichen Glauben gebracht und mir ihn
in mein Herz gelegt. Was du mir giebst, ist gut. Da liegt er nun wie eine Sonne,
die mich und mein ganzes Leben hell erleuchtet und erwrmt, und wo es eine
solche Sonne giebt, da knnen finstere Mchte doch nicht sein. Wir haben jetzt
hier eine irdische Kijahma erlebt, die Auferstehung eines Leibes von den Toten;
du aber hast mir durch deinen Glauben schon lngst eine schnere, eine
herrlichere Kijahma gebracht, eine Auferstehung der Seele von dem Tode, ein
Hervorsteigen aus dem Grabe des Irrtums, in welchem es fr mich kein
Wiedererwachen, sondern nur Verwesung gab. Diese Kijahma ist fr dich im Buche
des Lebens aufgezeichnet und wird fr dich zeugen, wenn einst deine Thaten,
Worte und Gedanken abgemessen werden!
    Sie hat in Gottes Willen gelegen und ist das Geschenk seiner Liebe, die
alle Menschen selig machen will; ich besitze kein Recht, mir einen Dank dafr
anzumaen. Es ist ja so leicht, den Glauben in ein Herz zu legen, welches ihm so
sehnend, so willig und voll Vertrauen offen steht. Zwar ist dieses Sehnen in
jede Menschenbrust gelegt, aber zugleich wohnen da auch die Geister des
Hochmutes, der Selbstgeflligkeit, der Genusucht, des Ungehorsams, der sich
nicht strafen lassen will, und noch viele andere, die es nicht zu Worte kommen
lassen.
    Da nahm Omar Ben Sadek das Wort, indem er sagte:
    Effendi, du sagst die Wahrheit wenn du von diesen Geistern redest. Was war
ich fr ein Mann, als du mich kennen lerntest? Ein nach Rache, nach blutiger
Vergeltung schnaubender Mensch, ein Anhnger des Islam, der nur sich selbst
liebte, seine Feinde hate und gegen alle andern Personen nichts als stolze
Gleichgltigkeit empfand. Du warst der erste unter allen Leuten, der mich zur
Achtung zwang. Darum wnschte ich, ebenso wie Hadschi Halef, unser jetziger
Scheik, da du Muhammedaner werden mchtest, denn wir hatten dir so viel zu
verdanken und wollten dir den Himmel gnnen, den wir nur fr die Anhnger des
Propheten offen glaubten. Wir arbeiteten an dir ohne Unterla, zu jeder Zeit; du
sagtest nichts dazu; ein Lcheln war alles, was dir unsere Bemhungen entlocken
konnten. Ein anderer an deiner Stelle htte uns mit den Lehren des Christentums
bekmpft, und es wre ein unerquicklicher Wortstreit entstanden, der uns
verfeindet und unsere schlieliche Trennung herbeigefhrt htte. Du aber warst
zu klug, in das Verhalten der Prediger zu verfallen, welche, ohne unsere Lehren
zu kennen, uns zumuten, die ihrigen als richtiger und besser anzunehmen. Du
brachtest keine Lehren; du sagtest keine Worte, aber du sprachst in Thaten. Du
lebtest ein Leben, welches eine hinreiende, eine berzeugende Predigt deines
Glaubens war. Wir waren deine Begleiter und lebten also dieses dein Leben mit.
Der Inhalt des deinigen war Liebe, nichts als Liebe. Wir lernten diese Liebe
kennen und liebten zunchst auch dich. Wir konnten nicht von dir lassen und also
auch nicht von ihr. Sie wurde grer und immer mchtiger in uns; sie umfate
nicht blo dich, sondern nach und nach auch alle, mit denen wir in Berhrung
kamen. Jetzt umfngt diese unsere Liebe die ganze Erde und alle Menschen, die
auf ihr wohnen. Wir haben den Kuran vergessen; wir sind gleichgltig geworden
fr die Gesetze des Propheten, durch welche die Geister, von denen du sprachst,
ihre Macht ber uns gewannen. Unser Stamm ist gro und berhmt geworden durch
das Beispiel, welches wir befolgten, weil es uns von dir, den wir liebten,
gegeben wurde. Wir sind unabhngig geworden durch dich; wir kennen keinen Scheik
und keinen Stamm der Dschesireh53, von dessen Willen wir uns bestimmen lassen.
So haben wir uns auch von der Oberhand des Islam freigemacht. Wir wollten dich
zu ihm bekehren, sind aber, ohne da wir es nur merkten, durch die Predigt
deiner Thaten, welche nichts als Liebe lehrten, von Muhammed fort- und auf das
hohe Minareh54 dieser Liebe hinaufgeleitet worden, von welchem aus es nur ein
Gebot und eine Stimme giebt, nmlich die heiligen Worte, welche wir von dir
lernten: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und
Gott in ihm! So hast du in uns den Geist der Selbstsucht, des Hasses, der Rache
besiegt; so hast du aus uns Menschen gemacht, welche die Friedenspfade Allahs
wandeln, und so bin auch ich durch dich aus einem nach Vergeltung schreienden,
unerbittlichen Blutrcher ein glubiger und folgsamer Anhnger des Gottessohnes
geworden, der seine Lehre von der ewigen Macht der Liebe durch sein ganzes
Leben, durch sein Leiden und dann durch seinen Tod besiegelt und besttigt hat.
Hanneh, die Beglckerin unseres Scheikes, ist es nicht allein, welche von einer
Kijahma sprechen kann, sondern wir alle haben eine Kijahma gehabt, eine
Auferstehung, eine Befreiung, eine Rettung aus dem Reiche des Hasses in das
Reich der Liebe und des Friedens. Das, Effendi, wollte und mute ich dir sagen,
weil mein Herz mich dazu treibt, jetzt, wo wir auch eine Kijahma vor uns haben,
welche der Schrfe deines Auges zu verdanken ist.
    Und noch eine Frage, fiel Hanneh wieder ein. Besitzt Emmeh, die
freundliche Spenderin deiner Behaglichkeit, auch einen so festen Glauben, grad
wie du?
    Ja, antwortete ich.
    Hat sie ihn stets gehabt?
    Sie hatte diesen Glauben schon, als ich sie kennen lernte; er lag in der
Tiefe ihres Gemtes aufbewahrt.
    Und da brachtest du den Sonnenschein, der ihn hervorrief an das Tageslicht?
Du hast ihn gepflegt mit liebevoller Hand und nun deine Freude daran, wie an
einem Baume, an dessen Frchten man sich doppelt erquickt, weil man ihn mit
eigener Hand emporgezogen hat. Sihdi, wie gern, wie so gern mchte ich deine
Emmeh kennen lernen! Ich wrde ihr zu liebe alles thun; ich wre sogar bereit,
mich mit ihr, wenn sie es wollte, in einen Wagen eurer Eisenbahn zu setzen, um
mit ihr so weit zu fahren, wie es ihr beliebt!
    Ich aber mit! bemerkte Halef schnell. Frauen bedrfen stets der
Untersttzung und des Schutzes, und das freundliche Lcheln, welches sie dann
dafr geben, ist dem eigenen mehr als einem fremden Manne zu gnnen!
    Lcheln? fragte sie. Ein freundliches Lcheln? Was meinst du damit,
lieber Halef? Wer lchelt da?
    Ihr!
    Wir? Also auch ich?
    Ja.
    Warum?
    Weil der - - - der Schutz - - - der Schutz, den sie bedrfen, stotterte er
verlegen. Dann wendete er sich rasch und in resolutem Tone an mich: Sag du es
ihr, Effendi! Ich habe mich verritten, und du verstehst dich auf eure
Eisenbahnen doch besser als ich, der ich ja noch gar keine gesehen habe!
    Das Gesicht der lieblichsten unter allen Lieblichkeiten hatte einen
ernsten, ja strengen Ausdruck angenommen. Nun sah sie mich erwartungsvoll an.
Darum erklrte ich ihr, die von dem Lcheln ja gar nichts hatte erfahren sollen,
an seiner Stelle:
    Ich habe mit Halef von unsern Eisenbahnen gesprochen, auf denen auch unsere
Frauen und Tchter fahren drfen. Ihnen gefllt es in diesen Wagen so sehr, da
sie vor Vergngen freundlich zu lcheln pflegen.
    Und das gefllt ihm wohl nicht? fragte sie. Warum soll eine Frau nicht
lcheln drfen, wenn ihr etwas Vergngen macht? Ich wrde auch lcheln,
unbedingt lcheln! Hast du vielleicht etwas dagegen, Halef?
    Nein, gar nichts! antwortete er, sehr erfreut darber, da es mir gelungen
war, dieser lchelnden Angelegenheit eine unverfngliche Wendung zu geben.
Ich wrde im Gegenteile sehr glcklich sein, die Strahlen deines Lchelns auf
meinem Angesicht zu fhlen; das weit du doch! Doch seht, ob ich mich irre! Der
vom Tode Errettete scheint sich zu bewegen!
    Er hatte recht, und das Erwachen des Mekkaners kam seinem Wunsche, den
jetzigen Gesprchsgegenstand fallen zu lassen, sehr gelegen.
    Wasser! klang es wieder wie vorhin leise von den Lippen El Mnedschi's,
welcher sich mit dem Oberkrper aufzurichten versuchte, wobei ihn zwei Haddedihn
schnell untersttzten.
    Es wurde ihm gegeben, und er trank diesesmal mit vollen Zgen. Dann sa er
da, lie seine herrlichen Augen im Kreise gehen, holte tief, tief Atem und sagte
dann langsam und wie geistesabwesend, indem er die Hnde faltete: Die Menschen
schlafen; wenn sie aber sterben, dann wachen sie auf!
    Dann schlo er die Augen und legte sich wieder nieder, wozu er keiner
Untersttzung bedurfte. Seine Stimme hatte tief, aber doch sonor geklungen, wie
von einer innern Resonanz verstrkt. Die von ihm gesprochenen Worte mgen einem
Nichtkenner des Arabischen banal erscheinen; auf mich aber machten sie einen
ungewhnlichen Eindruck, und da dieselbe Wirkung auch auf die Haddedihn
stattfand, belehrte mich ein leises, andchtiges Amin!55, welches die meisten
von ihnen, darunter auch Halef, dazu sagten. Diese Worte waren einer der
berhmten Hundert Sprche Alis, des Kalifen. Warum der soeben vom Tode
Erstandene sie ausgesprochen hatte, ob aus Ueberlegung oder infolge eines
momentanen, innern Antriebes, das wute ich nicht; aber sie paten so genau zu
der gegenwrtigen Situation und den durch sie hervorgerufenen Gefhlen, da ich
von ihnen nicht nur oberflchlich ergriffen wurde, zumal die Art und Weise, in
der sie erklangen, eine so ungewhnliche war.
    Wir standen stumm im Kreise um den Mnedschi und warteten, was er nun thun
werde. Er lag einige Zeit bewegungslos, langsam und regelmig Atem holend. Dann
richtete er sich wieder, ohne der Hilfe zu bedrfen, in sitzende Stellung auf,
behielt aber die Augen noch geschlossen und sagte, mit der Hand neben sich
deutend:
    Setz dich zu mir!
    Wir wuten nicht, wen er meinte, aber es schien nicht nur mir, sondern auch
allen andern ganz selbstverstndlich zu sein, da ich es war, der dieser
Aufforderung folgte.
    Hast du genau gehrt, was ich vorhin sagte? fragte er jetzt.
    Ja, antwortete ich.
    Kennst du die Worte?
    Es war der zweite von den hundert Sprchen des Kalifen Ali Ben Abi Taleb.
    Er neigte den Kopf leicht nach meiner Seite, als ob er, nachdem ich schon
gesprochen hatte, noch auf den Ton meiner Stimme lausche. Dann sagte er, die
Augen immer noch geschlossen:
    Der zweite? Das sagst du? Es stimmt! Ich wei, da du mehrere dieser
Sprche kennst, aber nicht ihre Reihenfolge. Wie kommt es, da du jetzt so genau
die Nummer Zwei angiebst? Das wundert mich. Auch klingt deine Stimme anders als
bisher. Die Erklrungen dieses Spruches aber kennst du nicht?
    Ich kenne sie.
    Er neigte den Kopf noch weiter her zu mir, und sein Gesicht nahm whrend der
folgenden Fragen und Antworten den Ausdruck immer grer werdenden Erstaunens
an.
    Alle beide?
    Die arabische und die persische.
    Wer hat sie gegeben?
    Der persische Dichter Reschid ed Din Abd el Dschelil, welcher den Beinamen
Watwat bekommen hat.
    Wie? Du kennst ihn so ausfhrlich!
    Er lebte an den Hfen dreier Herrscher und starb im Jahre 57856 der
Hedschra57.
    Maschallah! Wie lautet die arabische Erklrung dieses zweiten Spruches des
vierten der Kalifen?
    So lange die Menschen in dieser Welt leben, sind sie ohne Sorge. Sie
scheinen in einem so tiefen Schlummer zu liegen, da sie darber die Wonnen des
Paradieses und die Flammenpein der Hlle vergessen. Aber wenn sie sterben, dann
wachen sie auf von diesem Schlummer der Sorglosigkeit und bereuen ihre
Saumseligkeit im Dienste dessen, der sie geschaffen hat, und machen sich selbst
Vorwrfe ber ihre Nachlssigkeit im Danke gegen den, der ihnen alles gespendet
hat, aber erst dann, wenn die Reue zu spt kommt und die Selbstvorwrfe nutzlos
sind!
    Und die persische Erklrung?
    Die Menschen sind whrend ihres Aufenthaltes auf dieser Erde unbekmmert um
die Angelegenheiten der andern Welt. Erst wenn sie sterben, erwachen sie aus dem
Schlafe der Gleichgltigkeit; dann erkennen sie, da sie den Wert des Lebens
nicht beachtet haben und nicht den rechten Weg gegangen sind, und bereuen ihre
schlimmen Reden und verwerflichen Thaten; aber dann hilft und ntzt ihnen dies
nichts mehr!
    Jetzt war seine ganze Krperhaltung und jeder Zug seines Gesichtes zum
sprechendsten Ausdrucke aufmerksamen Lauschens geworden. Er wartete eine Weile
und fragte dann:
    Bist du El Ghani, mein Wohlthter, von dem ich dachte, da er jetzt bei mir
se?
    Nein.
    So sag, o sag, ob du mit diesen beiden Erklrungen einverstanden bist!
    Sie haben meinen Beifall nicht, denn sie sind zu oberflchlich. Den tiefen
Sinn des Spruches lassen sie unberhrt liegen.
    Und welches ist dieser Sinn?
    Die Menschen schlafen; wenn sie aber sterben, dann wachen sie auf. Das
heit: Die Menschen leben wie Schlafende, mit geschlossenen Augen; sie sehen
nicht die Beweise eines ewigen Lebens, und wenn sie die Stimmen Allahs und
seiner Boten hren, so glauben sie, zu trumen, und folgen ihnen nicht. Aber
dann, wenn der Tod sie aus diesem Schlafe rttelt und sie die Augen ffnen
mssen, dann sehen sie sich unvorbereitet jenseits der groen Grenze, ber
welche sie nicht zurckknnen, um das Versumte nachzuholen. Dann wird ihr
Erwachen ein Beben und ihr Sehen ein Erschrecken sein.
    Allah, Allah! rief er da aus. Ich glaubte, auf die Erde zurckgekehrt zu
sein, und befinde mich doch noch bei dir, der du mich geleitet hast! Nein, du
bist nicht El Ghani, der niemals solche Worte hat. Nimm mich wieder bei der
Hand, und sage mir, ob ich auch zu denen gehre, die mit geschlossenen Augen
leben und deren Erwachen so schrecklich sein wird!
    Hast du die Liebe?
    Warum that ich grad diese Frage? Wohl weil ich kurz vorher mit den Haddedihn
von der Liebe gesprochen hatte. Das Verhalten und die Worte des Arabers waren
mir nicht klar. Ich wute nicht eigentlich, wen er mit ihnen meinte. Die Scene
war berhaupt eine ganz eigenartige. Rings um uns die verbrannte, unbegrenzte
Wste, ber welcher auch noch jetzt die Geier hungrig schwebten, die whrend der
Nacht wohl in unserer Nhe gesessen hatten, die grotesken Formen der
hochbeinigen, hckerigen Kamele, der andchtige Kreis der phantastisch
gekleideten Beduinen, der rtselhafte, fremde Mann hier neben dem offenen Grabe
mit seinen mir unerklrlichen Reden, unser vorhergehendes, religises Gesprch
und die Stimmung, in welcher ich mich infolgedessen befand, dazu die Bedeutung
des wie mit aus dem Grabe auferstandenen Ali-Spruches, das alles zusammen mochte
als Ursache wirken, da ich nichts anderes als nur diese Frage brachte.
    Die Liebe? antwortete er. Wird grad sie so wichtig fr den Augenblick des
Erwachens aus dem Schlafe sein?
    Nur sie allein ist wichtig. Sie ist das Oel der Lampe, ohne welche du den
rechten Weg nicht finden kannst.
    Das Oel? Der Lampe? fuhr er aus seiner noch immer wie lauschenden Haltung
empor. Das klingt ja wie der Gang der Jungfrauen zur Nikiah58!
    Ja, fiel ich unter dem Eindrucke dieses Wortes, ohne zu bedenken, da ich
einen Moslem vor mir hatte, der nicht wissen durfte, da ich Christ war, schnell
ein. Das Himmelreich wird gleich sein zehn Jungfrauen, welche ihre Lampen
nahmen, um auszugehen, dem Hochzeitszuge entgegen. Fnf von ihnen waren thricht
und fnf aber klug; die fnf Thrichten nahmen zwar ihre Lampen, aber sie nahmen
kein Oel mit sich; die Klugen hingegen aber nahmen samt den Lampen auch Oel in
ihren Gefen mit. Als nun der Brutigam verzog, wurden alle mde und
entschliefen. Um Mitternacht aber erhob sich ein Geschrei: Siehe, der Brutigam
kommt; gehet heraus, ihm entgegen! Da standen alle diese Jungfrauen auf und
richteten ihre Lampen zu. Die Thrichten aber sprachen zu den Klugen: Gebt uns
von eurem Oele, denn unsere Lampen verlschen! Da antworteten die Klugen und - -
- - -
    Bis hierher war ich gekommen, doch weiter kam ich nicht. Whrend ich
erzhlte, ging mit dem Mnedschi eine ungewhnliche Vernderung vor,
ungewhnlich wenigstens in Beziehung auf seinen Schwchezustand. Es war, als ob
seine Adern sich mit neuem Blute fllten und seine Nerven neuen Lebensreiz
bekmen. Er richtete seinen Oberkrper auf, hher und immer hher. Seine Augen
ffneten sich und richteten ihren strahlenden, unbeschreiblichen Blick auf mich;
die Falten seines Gesichtes schienen sich zu fllen, und das Spiel der Mienen
wurde von Satz zu Satz, den ich sprach, immer lebhafter, bis er, beide Hnde
gegen mich ausstreckend, mich mit dem ngstlich abwehrenden Rufe unterbrach:
    Halt ein; halt ein! Ich mag nichts weiter hren! Ich habe mich in dir
geirrt. Du bist nicht der, der vorhin noch bei mir war und fr den ich dich bis
jetzt gehalten habe!
    So sag, wer du dachtest, da ich sei!
    Ben Nur59, der Bote des Propheten.
    Der bin ich nicht und kenne ihn auch nicht. Sein Name steht in keinem Buche
verzeichnet, welches von dem Propheten handelt.
    In keinem irdischen Buche, aber im Kitab et Tubanijin60 ist er zu finden.
Nun wei ich nicht, wo ich jetzt bin, denn du bist nicht Ben Nur und bist auch
nicht El Ghani. Bin ich noch im Lande der Verstorbenen, oder kehrte ich schon
wieder auf die Erde zurck?
    Sonderbar, hchst sonderbar! Hatten wir es etwa mit einem Irren, einem
Wahnsinnigen zu thun? Er schaute mit weit geffneten, glnzenden Augen um sich,
die unmglich blind sein konnten, mute uns also doch sehen. Und im Lande der
Verstorbenen wollte er gewesen sein? Er wurde el Mnedschi genannt, der
Wahrsager. Dieses trkische Wort bedeutet auch Sterndeuter. Wahrsager, Stern-
und Zeichendeuter, diese Worte haben selbst fr jemanden, der sonst nicht nach
biblischen Verboten fragt, einen warnenden Beigeschmack. Ich mute an den
Hokuspokus der sdafrikanischen Regenmacher, die indianischen Medizinmnner und
hnliche zweideutige Existenzen denken. Einen so tiefen, Ehrfurcht erweckenden
Eindruck dieser Mann erst auf mich gemacht hatte, jetzt fhlte ich nur noch die
Notwendigkeit, vorsichtig gegen ihn zu sein. Hanneh war weit zurckgetreten;
Halef sah ihn mitrauisch von der Seite an, und die Haddedihn schienen nicht im
Klaren darber zu sein, ob sie sich wundern oder ber ihn lachen sollten.
    Du bist natrlich auf der Erde, beantwortete ich seine letzte Frage.
    Wo da?
    Wo du vorher warst.
    Ich war bei El Ghani. Wo ist er? Ich hre ihn nicht.
    Aber du siehst doch uns!
    Euch? Sehen? Allah w'Allah! Deine Worte sagen mir, da ich mich bei Leuten
befinde, die mich gar nicht kennen. Seht ihr denn nicht, da ich blind bin?
    Nein, das sehen wir nicht. Du scheinst vielmehr ganz vortreffliche Augen zu
besitzen.
    Du irrst. Ich wei, da meine Augen glnzen, aber dieser Glanz ist
Tuschung. Ich hre deiner Stimme an, wie weit du dich von mir befindest, aber
ich kann dich nicht erkennen. Nur wenn du ganz nahe zu mir herankommst, kann ich
dich wie die dunkle, verschwimmende Schattengestalt eines bsen Geistes
erkennen.
    Du scheinst solche bse Geister gesehen zu haben?
    O, sehr oft! Aber wo ist El Ghani? Ich bin besorgt um ihn und also auch um
mich. Er ist der Einzige, der mich verstehen und behandeln kann, er mein
Wohlthter, ohne den ich lngst gestorben und verdorben wre. Sagt es mir! Ich
bitte euch!
    Das schien der Ton wirklicher, ungeheuchelter Angst zu sein. Ich wollte und
mute ihn prfen. Darum legte ich die Hand um den Griff meines Messers, welches
ich im Grtel stecken hatte, zog es pltzlich heraus und stie damit nach seinem
Gesicht, als ob ich ihn ins Auge stechen wolle. Er zuckte, obgleich dieses
letztere fast von der Spitze der Klinge berhrt wurde, doch mit keiner Wimper
und vernderte auch den Ausdruck des Gesichtes nicht im Geringsten. Ein Sehender
htte sich bei dieser meiner pltzlichen Bewegung doch wohl anders verhalten; er
schien also doch wirklich blind zu sein. Darum antwortete ich in freundlicherem
Tone als zuletzt:
    Du wirst die gewnschte Auskunft erhalten, wenn du vorher uns welche ber
dich gegeben hast. Vor allen Dingen will ich dir sagen, da du dich um dich
nicht zu ngstigen brauchst. Du befindest dich bei guten Menschen, welche dich
als Freund und Hilfsbedrftigen behandeln werden. El Ghani ist ein Mekkaner?
    Ja; wir alle sind aus Mekka. Aber ich bin blind und sehe euch nicht; ich
wei also nicht, ob und wie ich euch antworten soll und darf. Ich bitte euch
also, nachsichtig gegen meine Unbehilflichkeit zu sein und mir zuerst zu sagen,
wer ihr seid!
    Komm erst zu unserem Lagerplatz! Du hast nur hchstens fnfzig Schritte
weit zu gehen.
    So fhre mich!
    Ehe ich ihn bei der Hand nahm, wiederholte Halef mein voriges Experiment mit
seinem Messer. Der Blinde bemerkte es wirklich nicht. Dann, als wir gingen, nahm
ich ihn so, da das Grab grad vor ihm lag. Drei Schritte, und dann wre er
unbedingt hineingelaufen, wenn ich ihn nicht auf die Seite gezogen htte. Der
Ortswechsel wre gar nicht notwendig gewesen, wenn ich ihn nicht vorgeschlagen
htte, um den Gang dieses Mannes zu prfen. Er bewegte sich mit einer
Unsicherheit, welche gewi nicht blo eine Folge der ausgestandenen
Anstrengungen und Entbehrungen war. Obgleich er von mir gefhrt wurde, waren
seine Schritte so vorsichtig suchend, wie man es nur bei Blinden beobachtet und
ein Sehender es nicht nachmachen kann. Wir hatten es also nicht mit einem
Simulanten zu thun.
    Die guten Folgen dieser bestandenen Prfung gaben sich sofort im Verhalten
der Haddedihn zu erkennen, die nun nicht mehr Mitrauen gegen, sondern
herzliches Mitleid fr ihn fhlten. Sie bereiteten ihm einen weichen Sitz und
fragten ihn nach Wnschen, die sie vielleicht erfllen knnten. Er bat wieder um
Wasser. Als er nun zum drittenmale seinen immer wiederkehrenden Durst gelscht
hatte und wir ihn fragten, ob er nicht auch Hunger habe, antwortete er:
    Ich wei nicht, wie lange ich nicht gegessen habe, denn ich war nicht in
meinem Krper und habe keine Augen fr den Unterschied zwischen Tag und Nacht.
Der Morgen ist fr mich grad wie der Abend, und nur wenn von einem mir ganz
nahen Gegenstande der Sonnenstrahl in das Auge zurckgebrochen wird, kann ich
ihn als Schatten mit verschwommenen Umrissen erkennen. Als ich zum letztenmale
a, wird es am Jom el Guma61 frh gewesen sein.
    Und heute ist Jom el Itnehn62, rief Halef. Du hast also drei volle Tage
nichts genossen!
    Ich habe doch noch keinen Hunger. Aber Tabak, Tabak, den gebt mir, wenn ich
euch darum bitten darf!
    Da hatte er auch schon eine alte Pfeife mit kurzem Rohre und ungewhnlich
groem Kopfe aus der Tasche seiner weiten Hosen gezogen und steckte sie in den
Mund. Seine Bitte wurde in, ich mchte sagen, inbrnstigem Tone ausgesprochen,
und in seinem Gesichte drckte sich dabei eine Sehnsucht, ja fast eine Gier aus,
welche die Erfllung des Wunsches kaum erwarten konnte. Und als dies geschehen
war, rauchte, nein, qualmte er mit einem Eifer, als ob sein Leben daran hnge,
die Pfeife so bald wie mglich wieder stopfen zu knnen. Eine solche
Leidenschaftlichkeit htte ich einem Blinden niemals zugemutet. Sie wrde mich
wahrscheinlich auf den Gedanken gebracht haben, da die Blindheit doch und doch
erdichtet sei, aber ich hatte nun trotz der Krze der Zeit die Beobachtung
gemacht, da der Blick dieser schnen Augen leer und seelenlos war und die
Wimpern fast unbeweglich blieben.
    Der arme, blinde Mann! raunte Hanneh mir mitleidig zu. Soeben erst vom
Tode erstanden, von seinen Freunden verlassen, mitten in der Wste! Sihdi, was
hast du ber ihn beschlossen?
    Ich winkte ihr beruhigend zu und ffnete schon den Mund zum Sprechen, als
Halef, welcher meine Absicht erriet, mir schnell die leise Frage vorlegte:
    Effendi, du willst ihm sagen, wer wir sind?
    Ja, antwortete ich ebenso leise.
    Erlaube, da ich dies thue! Ich kenne uns ja ebenso gut, wie du uns
kennst!
    Er setzte sich an die andere Seite des Blinden, zu dessen Linken ich sa,
nieder und erklrte ihm:
    Du wirst jetzt zwei sehr berhmte Mnner kennen lernen; hre also mit
Aufmerksamkeit, was ich dir sagen werde! Ich bin nmlich Hadschi Halef Omar Ben
Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, der oberste Scheik der
Haddedihn vom groen Stamme der Schammar. Und der Mann an deiner andern Seite
ist der grte Gelehrte des Morgen- und des Abendlandes. Er ist eigentlich der
'Alim el 'Ulema63, denn in seinem Kopfe befinden sich tausend Fcher, und in
jedem Fache stecken ber hundert vollstndige Wissenschaften, die er auf
zweihundertsechzig Medahris64 studiert und berwunden hat. Er stammt aus dem
Lande des uersten Moghreb, denn er ist im Wadi Draha geboren, woher
bekanntlich die klgsten Leute kommen, und sein Name - - -
    Kutub! unterbrach ich ihn.
    Was? Was meinst du? fragte er mich, in seinem Eifer nicht an die zwischen
uns vereinbarte Bedeutung dieses Wortes denkend.
    Kutub, Kutub! wiederholte ich.
    Wahajahti! rief er aus, sich jetzt besinnend. Bei meinem Leben, jetzt
habe ich mich versprochen gehabt! Ich htte mich hinterher und dann dich
voransetzen sollen!
    Das hast du ja schon gethan!
    Was? Nein!
    Doch! Du hast dann mich vorangesetzt, nmlich dann!
    Wallahi fasl - das ist eine sonderbare Geschichte, bei Allah! Verzeihe mir,
Effendi! Ich werde es sofort besser machen und wieder von vorn anfangen, indem
ich zunchst deinen Namen und dann erst den meinigen nenne!
    Das ist nun nicht ntig. Nenne zuerst meinen, und dann lssest du deinen
weg, weil du ihn schon genannt hast!
    Aber er mu doch unbedingt hinterherkommen, sonst beleidigt es dich!
    Aber wenn du ihn noch einmal sagst, so hast du den meinigen nur einmal und
den deinigen aber zweimal genannt, was doch noch viel beleidigender ist!
    Gut, du sollst deinen Willen haben, weil du aus dem uersten Moghreb
stammst und im Wahdi Draha das erste Licht der Welt erblickt hast! Also dein
hochberhmter Name lautet Hadschi Akir Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim
Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim Maschhur el Azami Ben Hadschi Taki Abu Fadl
el Mukarram.
    Es war wirklich lustig anzuhren, wie schnell und fehlerlos er diese lange
Schlange herunterleierte. Und ebensoviel Spa machte mir dabei der Anblick der
fnfzig Haddedihn, welche die zwei Dutzend Worte leise mitsagten und dabei die
Lippen wie kauende Kaninchen bewegten. Da der Mnedschi ein Beduine war, hatte
ich nicht zu befrchten, da der Name und die vorhergehende Zurechtweisung ihm
lcherlich vorkommen wrden. Er hatte mit ungewhnlicher Aufmerksamkeit zugehrt
und fragte nun:
    Bist du vielleicht derselbe Scheik Halef Omar der Haddedihn, welcher vor
einigen Jahren den Schatz der Schmuggler in den Ruinen des Birs Nimrud im alten
Babylon entdeckt hat?
    Ja, der bin ich allerdings! antwortete der kleine Hadschi mit groem
Selbstbewutsein. Du weit also von dieser meiner Ruhmesthat? Wo hast du denn
davon gehrt?
    In Meschhed Ali, der heiligen Sttte der Schiiten.
    Wann?
    Jetzt, als wir dort waren.
    Du und El Ghani?
    Ja!
    Aber ihr seid doch nicht Schiiten!
    Nein. El Ghani ging als Gesandter des Groscherifs hin und nahm mich mit.
    Darf ich fragen, was er dort sollte?
    Das wei ich nicht; er hat es mir nicht gesagt. Es scheint eine religise
Angelegenheit gewesen zu sein, von welcher nur der Groscherif und sein Bote
wissen durften.
    Und dort habt ihr von mir gehrt?
    Ja. Es waren Perser da, welche euer damaliges Erlebnis ganz genau kannten65
. Die Schmuggler, welche von euch ergriffen wurden, sind, anstatt Strafe zu
bekommen, mit der Anstellung als Zollbeamte begnadigt worden. Darum verknden
sie euern Ruhm, so oft und so weit sie nur knnen. So haben auch wir davon
erfahren.
    Du sagst euer, sprichst also nicht von mir allein?
    Weil noch jemand bei dir gewesen ist, ein Effendi aus dem Abendlande. Er
war ein Christ und hat Emir Kara Ben Nemsi geheien. Ist das richtig?
    Ja.
    In welchem Reiche des Abendlandes ist er geboren?
    In Dschermanistan.
    Das dachte ich mir allerdings, denn Ben Nemsi ist ja dasselbe wie Sohn von
Dschermanistan. War er auch wirklich ein Christ?
    Der beste, den es geben kann!
    Es wird von ihm erzhlt, da er, obgleich er ein Christ ist, den ganzen
Kuran auswendig knne. Ist das wahr?
    Ja.
    Auch sollen ihm alle Auslegungen desselben besser und vollstndiger bekannt
sein als muhammedanischen Gelehrten.
    Auch das ist richtig.
    Ich bin ein armer Mann und habe keinen Besitz; aber wenn ich reich wre,
ich wrde gern die Hlfte meines Vermgens dafr geben, wenn ich ihn einmal
einige Tage bei mir haben und mit ihm sprechen knnte!
    Warum?
    Weil ich die heilige Schrift der Christen so kenne, wie er den Kuran kennt.
Es wrde mir eine Wonne sein, mit so einem Manne, wie er zu sein scheint, die
wirkliche Wahrheit zu ergrnden und ihn zu den Lehren des Islam zu bekehren.
    Als er dies sagte, holte er tief, sehr tief Atem wie einer, dem die Sache,
von welcher er spricht, auerordentlich am Herzen liegt und schon viele Sorgen
bereitet hat. Schon das war fr seinen Kuranglauben kein gnstiges Zeichen. Dazu
kam, da er erst mit mir die wirkliche Wahrheit zu erforschen wnschte, sich
also noch nicht im Besitze derselben wute. Wenn er trotzdem davon sprach, mich
zum Islam bekehren zu wollen, so war das wohl nur eine Redensart und dazu
bestimmt, seine eigene Unsicherheit zu verhllen. Dieser Mann schien zu den
vielen Drstenden zu gehren, welche die Quelle niemals finden, weil sie blind
an ihr vorbergehen. Er kannte ja nach seiner eigenen Behauptung die heilige
Schrift und also auch das Wort Ich bin die Wahrheit und das Leben, und doch
war er bei diesem Brunnen der wahren Weisheit nicht geblieben! Diese meine
Folgerungen und Schlsse zog Halef jedenfalls nicht; er handelte und sprach ja
meist nach seinem Gefhle; dies that er auch jetzt, und zwar in einer Weise, die
auerordentlich charakteristisch fr ihn war.
    Wnsche das nicht, ja nicht! warnte er.
    Warum nicht? erkundigte sich der Mnedschi.
    Du wrdest von dem, was du hoffest, grad das Gegenteil erreichen.
    Wieso?
    Ich bitte dich, es dir durch ein Beispiel erklren zu drfen. Wir waren in
Erbil, einer in der Dschesireh liegenden Stadt, die du vielleicht nicht kennst,
und gingen in die Moschee, um zu beten. Kara Ben Nemsi Effendi hlt es nmlich
fr keine Snde, auch in einem muhammedanischen Gotteshause ein christliches
Gebet zu sprechen; er meint sogar, da die Moschee dadurch nicht geschndet,
sondern geheiligt werde. Niemand kannte ihn, auch der Mufti66 nicht, welcher
neben uns kniete. Spter erfuhr dieser aber, da der Effendi ein Christ sei, und
zeigte ihn wegen Entweihung des Heiligtums an. Wir wurden vor das Gericht
beordert, wo der Kadi sich bemhte, das Verbrechen so streng wie mglich zu
nehmen. Aber Kara Ben Nemsi gab solche Antworten, da der Richter immer mehr in
Zorn geriet und ihn endlich grimmig andonnerte: Du hast dich wohl vor keinem
Kadi zu frchten? Der Effendi antwortete ruhig: Nein, sondern der Kadi hat sich
vor mir zu frchten! Hierauf berief er sich auf eine vor kurzem erlassene Fetwa
67 des Scheik ul Islam68, nach welcher studierte Christen die Moscheen betreten
drfen, wenn es in frommer, andachtsvoller Weise geschieht, um die
nachzueifernden Gebruche unserer Anbetung kennen zu lernen. Als man uns
infolgedessen sagte, da wir gehen knnten, erklrte er, da er noch bleiben
msse, um den Kadi wegen Schndung des Heiligtums anzuzeigen, weil er ihn jetzt
als die Person erkannt habe, die mit uns zu gleicher Zeit in der Moschee gewesen
sei, ohne die Pantoffel auszuziehen, wie es vorgeschrieben ist. Der Kadi war
erschrocken und entrstet, mute aber die Wahrheit der Anzeige zugeben und
entschuldigte sich damit, da er die Dah ilmafasil69 in den Fen habe und darum
den kalten Steinboden nicht ohne Pantoffel betreten drfe. Der Effendi riet ihm
lachend, das nchste Mal sogar die Stiefel anzuziehen, und dann entfernten wir
uns. Du ersiehst aus diesem Beispiele, da es nicht geraten ist, mit ihm etwas
vorzunehmen, was ihm nicht behagt; er pflegt es in das Gegenteil zu wenden. Ich
kenne Moslemin, welche ihn zum Islam bekehren wollten, aber damit nur erreicht
haben, da sie selbst ihren Glauben gendert haben und Christen geworden sind.
    Ist das wirklich mglich?!
    Nicht nur mglich, sondern wahr! Wnsche also ja nicht, in dieselbe Gefahr
zu kommen!
    Diese Gefahr wrde es fr mich nicht geben, selbst wenn seine Gelehrsamkeit
noch grer wre, als sie ist.
    Du wrdest sie gar nicht bemerken, er sagt, Gott wohlgefllig zu leben, das
sei seine Wissenschaft, und er hre ein frohes Lachen viel lieber als die
trockenen Chitabat70 aller Ulama71 des ganzen Morgenlandes.
    Dann ist es ja sehr gut, da er sich nicht hier befindet!
    Warum?
    Weil du mir gesagt hast, da dein hier neben mir sitzender Gefhrte Hadschi
Akil Schatir der grte Gelehrte des Morgen- und sogar auch des Abendlandes
ist.
    O, sie wrden sich sehr gut zusammen vertragen, denn trotz der unzhligen
Wissenschaften, welche im Kopfe dieses meines Freundes Unterkunft gefunden
haben, ist ihm niemals etwas davon anzumerken.
    Ich habe es aber vorhin bemerkt, als er die Erklrungen zu dem Spruche
Alis, des Kalifen, gab.
    Ja, so eine Erklrung entschlpft ihm wohl zuweilen, gewhnlich aber behlt
er sie fr sich, und das ist sehr lobenswert von ihm, weil es so viele
Erklrungen giebt, die man, um sie zu begreifen, sich wieder erklren lassen
mu. Jetzt weit du nun wohl, wer und was wir beide sind. Allah ist dir
wohlgeneigt gewesen, indem er dich mit uns zusammenfhrte. Wir haben fnfzig
tapfere Krieger der Haddedihn bei uns, und auerdem wirst du zuweilen auch eine
weibliche Stimme vernehmen. Die, welche du da sprechen hrst, ist Hanneh, die
wohlerzogene Gebieterin meines Frauenzeltes, deren Schnheit und Leutseligkeit
zu den grten Vorzgen der Trkei und aller persischen Provinzen gehrt. Allah
gebe ihr ewige Jugend und hierauf dann ein mir und ihr geflliges Alter! Was du
sonst noch wissen willst, knnen wir dir spter sagen. Jetzt nun sprich auch du!
Oder soll ich lieber fragen?
    Der Mnedschi zgerte eine ganze Weile mit der Antwort. Dann, als er an
einem wiederholten Husten des Hadschi hrte, da dieser ungeduldig zu werden
begann, sagte er:
    Meine Rede ber mich kann sehr kurz sein. Man zhlt mich auch zu den
gelehrten Leuten. Ich war ein gesunder und wohlhabender Mann, als ich vor
mehreren Jahren nach Mekka kam. Mein Vermgen wurde mir von fremden Pilgern
gestohlen. Ich wohnte bei El Ghani. Er nahm sich meiner an und behielt mich
selbst dann bei sich, als ich erblindete. Jetzt lebe ich nur allein von seiner
Gte. Als er vor zwei Monaten nach Meschhed Ali mute, nahm er mich mit, weil
dort meist Perser sind, deren Sprache er weder spricht noch versteht. Jetzt
befanden wir uns auf dem Rckwege. Das Wasser ging uns aus, und fast
verschmachtet muten wir mitten in der Wste halten bleiben. Wir waren
berzeugt, da Allah unsern Tod beschlossen habe. Mehr wei ich nicht zu sagen;
das andere wit nur ihr.
    Das war die ganze Auskunft, welche er uns erteilte. Ich sah Halef an, da er
wieder fragen wollte, winkte ihm aber ab. Es gab einige Punkte, ber welche ich
trotz der Schweigsamkeit und Zurckhaltung des Mekkaners gern Auskunft haben
wollte. Er war unser Gast und dabei ein unglcklicher, blinder Mann,
wahrscheinlich auch noch sonst beklagenswert, und gegen solche Leute ist man
nicht gern zudringlich; aber wenn man bei Wohlthaten auch nicht grad zu wissen
braucht, wem man sie erweist, so gab es hier doch andere, sehr triftige Grnde,
es nicht bei dem bisherigen, ganz unzureichenden Aufschlusse bewenden zu lassen.
Ich erkundigte mich also, jedoch in rcksichtsvollem Tone:
    Mchtest du uns wohl sagen, welchem Berufe El Ghani angehrt?
    Er ist Schech el Harah72, antwortete er.
    Und wie ist sein eigentlicher Name?
    Habt ihr ihn gesehen?
    Ja.
    Auch mit ihm gesprochen?
    Ja.
    Hat er euch seinen Namen nicht gesagt?
    Nein.
    So erlaube, da ich ihn auch zurckbehalte! Er ist mein Wohlthter, dem ich
zur Dankbarkeit verpflichtet bin; ich habe also kein Recht, das zu sagen,
worber zu schweigen er seine Grnde gehabt haben wird.
    Ich achte diese deine Dankbarkeit, obwohl ich der Ansicht bin, da ein
ehrlicher Mann seinen Namen nicht zu verschweigen braucht. Du hast den deinen
auch noch nicht genannt!
    Effendi, willst du mich der Unehrlichkeit zeihen?
    Nein. Es gengt mir, von El Ghani erfahren zu haben, da man dich El
Mnedschi nennt. Aber wann ihr hier mitten in der Wste Halt gemacht habt, das
darf ich wohl erfahren?
    Es war am Jom es Sabt73 frh.
    Also vorgestern. Wann bist du da eingeschlafen?
    Sofort, als ich vom Kamele gefallen war; zum Absteigen fehlte mir die
Kraft.
    Whrend dieses Schlafes hat dir von einem andern Leben, von einer andern
Welt getrumt?
    Effendi, darber la mich schweigen! Ich trume nicht. Was du fr Traum
hltst, ist etwas ganz anderes. Du bist ein berhmter Gelehrter; aber alle deine
Gelehrsamkeit reicht nicht aus, das zu begreifen, was ich dir darum lieber
verschweige.
    Ich meine im Gegenteile, da ich als Gelehrter es leichter begreifen wrde
als ein Ungelehrter.
    Nein. Du wrdest es fr eine Krankheit halten, whrend es doch grad ein
Beweis der hchsten geistigen Gesundheit ist. Ich bitte dich, nicht in mich zu
dringen, und mich jetzt wieder mit El Ghani zu vereinigen!
    Die Erfllung dieses Wunsches ist leider jetzt nicht mglich. El Ghani ist
fort.
    Fort? Wohin?
    Nach Mekka.
    Ohne mich?!
    Ja. Er hielt dich fr tot und hatte dich schon eingescharrt. Als er mit
seinen Leuten fortgeritten war, nahm ich dich aus dem Grabe und fand, da du
noch lebtest.
    Tot? Begraben schon? fragte er entsetzt. Allah sei mir gndig! El Ghani
wei doch, da ich stets sehr bald wieder zu mir zurckkehre!
    Mit diesen Worten hatte er mir sein Geheimnis schon halb verraten, ohne es
in seiner Aufregung zu bemerken; die andere Hlfte dachte ich mir hinzu. Darum
fragte, wie man sich auszudrcken pflegt, ich ihn grad auf den Kopf:
    Wie lange pflegtest du in solchen Fllen gewhnlich nicht bei dir zu sein?
    Nur einige Stunden, antwortete er prompt.
    Du wutest dann, wo du gewesen warst?
    Ja, ganz genau.
    Und dieses Mal hat es lnger als zwei volle Tage gedauert. Es handelte sich
auch nicht blo um den bei dir blichen Zustand, sondern du warst scheintot. Die
Anstrengungen des langen Rittes und die Entbehrung des Wassers, der Einflu
deiner Nervenkrankheit, die ich allerdings nicht wie du als den Beweis der
hchsten geistigen Gesundheit bezeichne, und dazu der Umstand, da du ein
auerordentlich starker, mit Tabak durch und durch vergifteter Raucher zu sein
und darum sehr wenig zu essen scheinst, kurz, diese und vielleicht auch noch
andere Grnde, welche ich nicht kenne, haben zusammengewirkt, den Zustand
herbeizufhren, den wir als scheintot bezeichnen.
    Scheintot! sagte er. Zwei volle Tage habe ich gelegen! Solltest du recht
haben. Es wre entsetzlich gewesen, wenn ich begraben worden wre, ohne wirklich
tot zu sein! Scheintot! Es giebt ja berhaupt keinen wirklichen Tod, denn das,
was ihr so nennt, das ist eben nichts anderes als scheinbarer Tod. Es ist das
Ablegen des irdischen Kleides, welches wir unter dem Namen Krper hier getragen
haben, aber niemals wieder tragen werden. Dieser Krper bleibt zurck, um sich
in seine Grundbestandteile wieder aufzulsen, die Seele aber, die in ihn
gekleidet war, wird auf ewig frei von ihm, der sie beengte.
    Diese Weise, sich auszudrcken, machte mich stutzig. Er sprach da nicht wie
ein frommer, glubiger Muhammedaner; darum konnte ich es nicht unterlassen,
einzufallen:
    Damit befindest du dich mit den Lehren Muhamhameds und allen Auslegungen
des Kuran in direktem Widerspruch.
    Nein, antwortete er. Bedenke, da der Prophet und seine Nachfolger nicht
nchterne Abendlnder, sondern Orientalen waren und als solche die Gewohnheit
hatten, sich nicht streng treffend, sondern bildlich auszudrcken! Wenn Hadschi
Halef dich den grten Gelehrten des Morgen- und des Abendlandes nennt so habe
ich das nicht wrtlich, sondern nur in dem Sinne zu nehmen, da du mehr gelernt
hast und mehr weit als viele andere gewhnliche Gelehrten. Sogar die
christliche Bibel hat man von diesem Gesichtspunkte aus zu lesen und zu
beurteilen, weil die Verfasser der in ihr enthaltenen Bcher auch Orientalen
waren.
    Damit leugnest du also, da diese Bcher von dem Geiste Gottes eingegeben
worden sind?
    Nein; aber er hat durch orientalische Zungen gesprochen, falls die Annahme
dieser Eingebung nmlich nicht eine irrtmliche ist. Gottes Geist kann natrlich
nicht ein spezifisch morgenlndischer sein.
    So nennst du es also bildlich gemeint, da die Elemente die aufgelsten und
zerstreuten Krperteile bei der Auferstehung nicht zurckgeben werden? Da der
Auferstehende seine Gebeine von der Erde, sein Blut von dem Wasser, sein Fleisch
und sein Haar von der Pflanze und sein Leben von dem Feuer zurckerhalte?
    Das ist eine altpersische Lehre; du kennst also den Parsismus? fragte er
erstaunt. Warum nimmst du dein Beispiel nicht aus der Bibel, von welcher wir
doch sprechen? Doch - fuhr er schnell fort - ich vergesse, da du ja gar
nichts aus ihr beweisen kannst, weil sie dir unbekannt ist!
    Da fuhr ich fort:
    Ich wei, da sie von der Auferstehung des Fleisches spricht.
    Stellen anzugeben, glaubte ich, unterlassen zu mssen, weil es verheimlicht
werden sollte, da ich Christ war. Zu meiner Verwunderung antwortete er mir:
    Der Apostel Paulus sagt: Es wird geset ein irdischer Leib, und auferstehen
wird ein geistiger Leib; giebt es einen irdischen Leib, so giebt es auch einen
geistigen Leib.
    Jetzt war die Reihe, zu erstaunen, an mir. Dieser Muhammedaner kannte die
Briefe an die Korinther! Er fuhr gleich fort:
    Durch das Zusammenwirken der Seele und des Leibes in diesem Leben bildet
sich ein zweiter, fr uns unsichtbarer Leib, welcher, fr uns unbemerkbar, die
Poren des irdischen durchdringt und die Verbindung zwischen ihm und der Seele
herstellt; er entsteht aus den unwgbaren Stoffen des sterblichen Leibes und
geht nicht mit diesem verloren, sondern begleitet die Seele in die Ewigkeit.
Dieser fr unser Auge nicht erkennbare Leib ist es, welchen der Apostel, also
auch die Bibel meint, wenn von der Kijahma des Leibes die Rede ist.
    Das war so ungefhr die Ansicht des Abu en Nasranija74 Origenes.
    Jetzt wunderte wieder er sich ber mich.
    Du kennst Origenes? rief er aus. So bist du ja noch unterrichteter, als
ich dachte! So wirst du mich also vielleicht verstehen, wenn ich sage, da ich
den Tod nicht frchte, weil er nichts weiter ist als die Ablegung des groben
Kleides, welches hier die Seele und den geistigen Leib zu schtzen hatte. Beide
bedrfen nach dem Tode dieses Schutzes nicht mehr. Freilich ist das Ablegen
dieses groben Leibes, also der Tod, nicht so leicht und so schmerzlos wie das
Entfernen eines gewhnlichen Gewandes, und darum erschrak ich vorhin, als du
sagtest, da ich scheintot gewesen sei. Ich kann nicht glauben, da dies richtig
ist, sondern nehme vielmehr an, da du dich geirrt hast. Mein Krper ist es
gewhnt, von der Seele zeitweilig verlassen zu werden, und wenn sie in diesem
Falle zwei Tage abwesend gewesen ist, also viel lnger als es sonst der Fall zu
sein pflegte, so darf man dies doch noch nicht als Scheintod bezeichnen, von
welchem es nur ein kleiner Schritt ins Grab hinunter ist.
    Bei dieser Aeuerung, die geeignet war, unser um die Errettung des Mnedschi
wohlerworbenes Verdienst zu schmlern, nahm Halef das Wort. Der letzte Teil des
Gesprches hatte ihm schon nicht gefallen, und nun er glaubte, um den Dank,
welchen er beanspruchte, gebracht werden zu sollen, fuhr er in beinahe zornigem
Tone auf:
    Noch ein Schritt? Also denkst du, dich noch auerhalb desselben befunden zu
haben? Du lagst ja schon drin, vollstndig drin im Grabe, und es war auch schon
fast ganz zugeworfen; nur dein Gesicht war noch frei! Wenn deine Seele die ble
Angewohnheit hat, den Krper fters zu verlassen, um neugierig in der Welt herum
spazieren zu gehen, so kann ich nichts dagegen haben, denn sie ist nicht meine
Seele, welcher ich solche Unbedachtsamkeiten freilich nicht gestatten wrde,
denn wenn sie einmal den Rckweg verlieren oder gar vielleicht vergessen sollte,
wem sie angehrt, so irrt sie dann als unernhrte, gattenlose Witwe im Weltall
herum, und ich liege da, ohne zu wissen, wo ich sie zu suchen habe und wen ich
nach ihr schicken soll! Da mir das, und warum es mir im hchsten Grade
unangenehm sein wrde, das brauche ich dir wohl nicht erst lange zu erklren! Es
will doch jeder vernnftige Mensch im faktischen Besitze seiner rechtmigen
Seele sein, ohne ihr gestatten zu mssen, mit freundlichem Lcheln wie die
Frauen und Tchter des Abendlandes auf den Eisenbahnen herumzufahren. Beliebt es
dir, von dieser vorsichtigen Behandlung der Bewohnerin deines Krpers eine
Ausnahme zu machen, so habe ich, wie bereits gesagt, nichts dagegen einzuwenden,
zumal du uns mitgeteilt hast, da sie bisher stets schon nach kurzer Zeit und
pnktlich wieder zurckgekehrt ist, obwohl fr eine leichtsinnige Seele auch das
schon vollstndig gengt, verschiedene Allotria und sonstige Dinge zu treiben,
die ihr eigentlich verboten sind. Aber bedenklich, hchst bedenklich wird die
Sache, wenn sie auf einmal anfngt, gleich zwei volle Tage wegzubleiben! Das ist
doch unbedingt gegen den inzwischen leblosen Krper eine Rcksichtslosigkeit,
die er sich unmglich gefallen lassen kann, zumal es ihm in seiner Pflichttreue
und Ordnungsliebe niemals eingefallen ist, auch einmal ohne sie spazieren zu
gehen und sie einsam und ohne Subsistenzmittel zu Hause sitzen zu lassen! Da du
dir auch das gefallen lassen willst, nun, ich kann es ja nicht ndern, sondern
nur sagen, da ich an deiner Stelle sehr energische Maregeln ergreifen und ihr
den Standpunkt so klar machen wrde, wie es einer solchen, gern aufsichtslos
herumstreifenden Seele gegenber nur immer mglich ist. Das Schlimmste aber, ja
das Allerschlimmste, was dabei zum Vorschein kommt, ist die Tuschung, in
welcher du dich in Beziehung auf deinen von ihr so leichtfertig verlassenen Leib
befindest! Du scheinst nmlich zu glauben, da ihm diese ihre Flatterhaftigkeit
nichts schaden knne; ja, du stellst sogar die Behauptung auf, da du gar nicht
scheintot gewesen seiest. O, Mnedschi, auf deine Seele ist selbst dann kein
Verla, wenn sie sich daheim in deinem Krper befindet, denn sonst wrdest du
ganz gewi anders sprechen! Ich sehe ein, da ich dir zu Hilfe kommen mu, indem
ich dir der Wahrheit nach berichte, wann, wo und wie wir dich gefunden und dann
ausgegraben haben. Hre mich also an!
    Es folgte nun ein sehr lebendiger und stellenweise sehr drastischer Bericht
ber die Begebenheit, von dem Augenblicke, an welchem wir die Geier bemerkt
hatten, bis zum gegenwrtigen. Nun erst erfuhr der Blinde in ausfhrlicher
Weise, da und warum seine Gefhrten ihn wirklich verlassen hatten; er sah ein,
da er wirklich begraben gewesen war, und nun stellte sich die Angst
nachtrglich bei ihm ein. Er holte den bis jetzt versumten Ausdruck des Dankes
in einer Weise nach, welche selbst den in dieser Beziehung sehr anspruchsvollen
Halef befriedigte. Zu der Angst und dem Gefhle der Dankespflicht gesellte sich
dann die schwere Sorge wegen seiner Hilflosigkeit. Was sollte nun aus ihm
werden? Seine Bekannten hatten ihn begraben, und er befand sich blind und ohne
alle Mittel zum Weiterkommen unter fremden Leuten! Da verstand es sich dann ganz
von selbst, da wir ihn unsers gern verliehenen Beistandes versicherten. Wir
wollten ja auch nach Mekka, hatten also gleichen Weg mit ihm und brachten gar
kein Opfer, wenn wir eines unserer Kamele fr ihn bestimmten. Er war, als er
dieses hrte, natrlich hoch erfreut und erklrte sich fr krftig genug, gleich
mit uns aufzubrechen.
    Ich glaubte, Grund zu haben, dieser seiner vermeintlichen Kraft kein allzu
groes Vertrauen schenken zu drfen. Er hatte, seit wir von dem Grabe
weggegangen waren und hier auf dem Teppiche saen, gequalmt wie - um mich eines
landlufigen Ausdruckes zu bedienen - wie ein Stadtsoldat und den Tschibuk
achtmal ausgeraucht; ich mute ihn zu den strksten Rauchern zhlen, die ich
kennen gelernt hatte. Wahrscheinlich war sein ganzer Krper vom Gifte des
Tabakes durchzogen und sein Magen vollstndig verdorben worden. Daher die
Behauptung, da er selbst jetzt, nach so langem Fasten, keinen Hunger habe. Ich
erklrte, da wir den Weiterritt nicht eher antreten wrden, als bis er tchtig
gegessen habe, und hielt auch Wort, obwohl es fast des Zwanges bedurfte, die
reichliche Portion zu verzehren, welche Hanneh ihm aus unsern Vorratstaschen
brachte. Ohne ein Augenarzt zu sein, konnte ich mich der Meinung nicht erwehren,
da auch seine Blindheit in enger Beziehung zu diesem starken Rauchen stehe, und
da ich da recht hatte, bewies mir dann die sptere Zeit.
    Uebrigens war es mir gar nicht unlieb, diesen Mann hier unterwegs getroffen
zu haben. Obgleich blind, kannte er Mekka doch jedenfalls besser als wir und
konnte uns also, wenn nicht durch die That, so doch durch seinen Rat wohl
ntzlich werden. Ferner war er an sich eine interessante Persnlichkeit. Und
drittens besa er fr mich den Reiz des Geheimnisvollen. Ich hegte die
Vermutung, da er das nicht sei, als was er gelten wollte, und hatte meine
Grnde dazu.
    Da er ein Gelehrter, und zwar kein gewhnlicher, war, hatte er bewiesen. Er
kannte sogar die Bibel, ein hchst seltener Fall. Auch in der Theologie der
alten Perser war er bewandert! Das mute mehr als blo meine Aufmerksamkeit
erregen. Sodann hatte er erzhlt, da er als reicher Mann nach Mekka gekommen
sei. Das wollte nicht mit den geringen Einnahmen eines morgenlndischen
Gelehrten stimmen. Auch seine Ausdrucksweise war mir aufgefallen. Sie war nicht
die umschreibende, bilderreiche eines geborenen Orientalen, sondern eher
diejenige eines Europers, der sich allerdings schon seit langer Zeit im
Morgenlande befunden hat. Er drckte sich bestimmt und ohne Anwendung von Tropen
aus. Auch auf seine Aussprache einiger arabischer Laute war ich aufmerksam
geworden. Die beiden Ha, das Ain, den Unterschied zwischen dem Sin und Sad, des
Rain, Ren oder Ghen, das erste Kaf, das alles brachte er nicht so heraus, wie
ein Eingeborener es bringt. Auch hatte er sich einiger Worte bedient, welche dem
Araber zwar auch, aber nicht in dem gebrauchten Zusammenhange gelufig sind. Es
ist da wohl kein Wunder, wenn ich sage, da er mir ein Rtsel war.
    Wenn ich weitergehen will, so war mir auch sein Verhltnis zu El Ghani
unklar geblieben, nicht etwa, weil er so wenig darber gesagt hatte, denn diese
Zurckhaltung war Fremden gegenber wohl begreiflich; aber er schien auer der
Dankbarkeit fr empfangene Wohlthaten noch etwas fr oder gegen diesen Mann zu
empfinden, was er sich bemhte, zu verheimlichen. Warum hatte der vornehme
Mekkaner den Blinden mit nach Meschhed Ali genommen, dem alten, gebrechlichen
Manne also einen so weiten, beschwerlichen Weg zugemutet? Um sich seiner als
Dolmetscher zu bedienen? Gewi nicht! Es giebt in Mekka junge, krftige Leute
mehr als genug, welche des Persischen mchtig sind und unter denen er nur zu
whlen brauchte. Hatte er das etwa aus Geiz nicht gethan, weil er einen
Dolmetscher htte bezahlen mssen? Vielleicht war dies ein Nebengrund, aber der
Hauptgrund sicher nicht, denn jeder halbwegs gebildete Perser spricht auch
arabisch, und so wre El Ghani in Meschhed Ali mit seinem Arabisch ganz gut
ausgekommen. Es lag da jedenfalls etwas vor, was niemand, am allerwenigsten ein
Fremder, erfahren sollte!
    Am meisten interessierte mich natrlich sein krankhafter Zustand, welchen er
mit den Worten bezeichnet hatte: Mein Krper ist es gewhnt, von der Seele
zeitweilig verlassen zu werden. Tiefe und lngere Ohnmachten kommen bei
verschiedenen, auch habituellen, Krankheiten vor. War er epileptisch,
hysterisch, gar somnambul, oder was sonst? Jedenfalls nervenkrank! Er
behauptete, whrend dieser Ohnmachten in einer andern Welt zu sein und sich
dessen ganz genau erinnern zu knnen. Um meine grte Teilnahme zu gewinnen,
htte er gar nicht mehr zu sagen gebraucht! Ich bin ein sehr nchterner Mann und
jeder Phantasterei abgeneigt; ich nehme nur das als wahr und richtig hin, was
ich mit kalten Sinnen geprft und als echt erkannt habe; aber trotzdem oder
vielleicht grad darum

schau ich gern in solche Ecken,
wo geheime Sachen stecken,

selbst wenn es geistige Ecken oder Winkel sind, und hinter diesen Ohnmachten des
Mnedschi war etwas verborgen, was meine Neu- oder vielmehr Wibegierde reizte.
Ich gestehe es aufrichtig.
    Aus all diesen verschiedenen Grnden war mir das Zusammentreffen mit ihm
ganz recht, und wenn ich auch gar nichts anderes zu erwarten gehabt htte, er
war eine Person, mit welcher ich mich unterhalten konnte. Trotz der scheinbaren
Ueberzeugung, mit welcher er von den Lehren und Satzungen des Islam gesprochen
hatte, glaubte ich bemerkt zu haben, da der Boden, auf welchem er in Beziehung
auf den Glauben stand, unter ihm ins Wanken geraten, vielleicht niemals fest und
sicher gewesen war. Mit solchen nach der Wahrheit Strebenden verkehre ich gern,
denn wer sein hchstes Glck bei Gott gesucht und auch gefunden hat, der mchte
auch gern andere glcklich machen!
    Was El Ghani betrifft, welcher uns mit Drohungen verlassen hatte, so dachte
ich jetzt mit weniger Sorge an ihn als vorher, falls der Ausdruck Sorge da der
richtige gewesen wre. Es war kein klares, bestimmtes, definierbares Gefhl,
welches in mir lag, aber es machte sich doch bemerkbar und wurde auch
verstanden, nmlich da unsere Bekanntschaft mit El Mnedschi uns in dieser
Beziehung von Nutzen sein werde. Derartige Vorgefhle, und wenn sie sich noch so
leise bemerkbar machten, haben mich fast nie getuscht.
    Es wurde dem Alten der bequemste Sattel, den wir hatten, mit Decken und
weichen Tchern so vorgerichtet, da er da behaglich wie in einem Lehnstuhle
sitzen konnte. Ehe er aufstieg, bat er uns, ihn an das Grab zu fhren; wenn er
es auch nicht sehen knne, so wolle er doch wenigstens mit den Hnden einmal
nach dem Orte schauen, welcher beinahe sein Grab geworden wre. Nicht einer von
uns, sondern Hanneh nahm ihn bei der Hand, um ihn hinzuleiten, indem sie sagte:
    Diese deine jetzige Kijahma ist eine irdische, bei welcher dir deine Augen
nicht den Ort der Auferstehung zeigen; wenn aber einst deine wirkliche, deine
himmlische Kijahma kommt, so werden sie geffnet sein, und du wirst mit ihnen
das Land der Herrlichkeit sehen, welches Allah allen denen bereitet hat, die
reinen Herzens sind und ihn und seine Menschenkinder lieben. Allah jekuhn ma' ak
- Gott sei mit dir!- - -

                                Zweites Kapitel

                                        

                                El kanz el A'da


Unser heutiger Ritt hatte den Bir Hilu75 zum Ziele, welcher nicht auf dem
nordsdlichen Karawanenwege, sondern weit seitwrts von demselben liegt. Da er
auch von El Ghani genannt worden und ihm also bekannt war, lieferte mir den
Beweis, da dieser Mekkaner sich nicht immer nur in der Stadt des Propheten
aufgehalten, sondern auch die Wste ziemlich genau kennen gelernt haben mute.
    Die Wste!
    Ich habe sie und ihre verschiedenen Arten schon so oft beschrieben, da ich
mich nicht wiederholen darf. Ihre Physiographie ist bekannter als die bisher
noch kaum gewrdigte Bedeutung, welche sie als Erzieherin des sie betretenden
oder ihre Wahat76 bewohnenden Menschen besitzt. Wie die Prairie ein nur ihr
eigenartiges Leben und die nur auf ihr mglichen Gestalten entwickelt, so hat
auch die Wste ihre besonderen Pflanzen-, Tier-, Menschen- und berhaupt
Lebensformen, welche man in andern Gegenden vergeblich suchen wrde. Damit wrde
Freiligrath, wenn er es mit seinem

                           Wstenknig ist der Lwe

ernst gemeint htte, allerdings nicht einverstanden sein, denn der Lwe kommt
auch in anderen Gegenden als nur in der Wste vor, wrde er sagen; aber ich
habe trotzdem recht, denn wenn der Lwe wirklich einmal in der Wste vorkommt,
so ist es doch nur am Rande derselben, und er hat sich verlaufen. Er braucht als
Fleischfresser viel Wasser und ist also nichts weniger als ein Wstentier, wie
ja auch die Giraffe, auf welcher er seinen berhmten Lwenritt ausfhrt, es in
der Wste nicht viel lnger als einen Tag aushalten wrde.
    Der Mensch hat die Gabe, sich den Naturverhltnissen des von ihm zum
Aufenthalte gewhlten Landes anzubequemen; er wird je lnger desto mehr ein Sohn
desselben, indem er die Eigenart des Bodens annimmt, der seine Wohnung trgt,
mag diese nun eine festgegrndete oder ambulante sein. So auch der
Wstenbewohner. Ich gestatte mir nmlich dieses eigentlich grundfalsche Wort,
weil es sich nun einmal eingebrgert hat. Die Wste ist ja unbewohnt, und, wenn
sie von Karawanenpfaden durchzogen wird, kann doch nur von Wanderern, nicht aber
von Bewohnern gesprochen werden.
    Die Wste liegt weit und flehend ausgebreitet wie ein endloses Gebet zu Gott
um Gnade und Barmherzigkeit. Sie ist ein tief ergreifendes Bild irdischer Armut
und Hilflosigkeit. Sonnendurchglht, kahl und nackt ragen ihre Felsen empor, oft
grotesk, phantastisch geformt, oft khn vereinzelt, oft zu gemeinschaftlichen,
wilden Zgen vereint, bald in seltsamen Gliederungen aufgebaut, so da man
zerfallene Stdte, verdete Schlsser und Burgen oder prchtige Sulenhallen in
der Ferne zu erblicken meint, bald wieder wie von der Faust eines unerbittlichen
Schicksales niedergeschmettert, breitgedrckt, zerrissen und zerklftet, von
ghnenden Abgrnden durchzogen, in deren Tiefe selbst die Glut der quatorialen
Sonne nicht zu dringen vermag. Gleicht dieses Bild nicht ganz genau der
Geschichte dieses scheinbar, aber eben auch nur scheinbar von Gott verlassenen
Landes?
    Diesen oft gen Himmel ragenden Reliefs folgt das Warr, jene von
zerstampften, wild durcheinander geworfenen Felsenmassen bedeckte Wste, welche
das Aussehen hat, als ob der Teufel im Zorne ber seine Verstoung hier eine
ganze Welt zerschmettert und dann die Trmmerbrocken umhergewirbelt habe. In
allen Gren liegen sie da, diese Steinblcke, hier nur einer, nur zwei oder
drei, dort hoch aufeinander getrmt, als ob der Bse dann Markenumgang in
seinem Innern gehalten und jede einzelne Snde, jedes einzelne Laster desselben
mit einem aus zermalmten Bergen bestehenden Schandmale bezeichnet habe. Rundum
bis an den Horizont, so weit das Auge reicht, sind diese Zeichen zu sehen, und
je weiter er sich dehnt, desto grer wird ihre Menge. Zwischen ihnen liegen die
Felsenbrocken geset wie unzhlbare Krner von tausend Hllenfrchten, die in
der Wstensonne nachreifen und sich schwrzen sollen. Den einsamen Wanderer
durchschauert es trotz der glhenden Hitze; er treibt sein Kamel an, um schnell
weiter zu kommen, und ruft: Allah beschtze und behte mich!
    Dann kommt die Wste, in welcher der Sand sich mit dem Warr vermhlt. Dort
im Westen, Tagereisen weit von hier, liegt die glatte Ebene des Sandes. Der
stets vorherrschende Westwind streicht ber sie und nimmt die feinsten,
leichtesten Krnchen mit, um sie an jedem festeren Punkte, an jeder noch so
kleinen Erhhung abzusetzen. Die Erhhung wird grer; sie wchst von Tag zu
Tag. Der West baut hher auf, und die mit der Sonne gehenden Nebenwinde helfen
ihm. Der von ihm getriebene Sand wird bis zur Spitze gehoben, und was nicht da
liegen bleibt, fllt jenseits herab. Das giebt ein leises, ses, metallisches
Klingen und Tnen. Die Engel flstern, sagt der Beduine, wenn er, halb
schlafend und halb wachend, es whrend der Nacht hrt. Das ist die Wste der
Sandhgel. Die feinen, klingenden Krner wandern weiter und immer weiter; sie
erreichen das Warr; sie fllen seine Lcher und Vertiefungen, seine
Zwischenrume aus; sie steigen an seinen Trmmern empor und hllen sie, die
harten, mit weichem Mantel ein, geben seinen scharfen Linien Milderung und
verwandeln die rohen Trmmerhaufen nach und nach in sanfte Hgelwellen: Die
flsternden Engel decken das Teufelswerk in liebevoller, nie ruhender Arbeit zu.
    Und weit, weit drauen endlich dehnt sich die von keiner Erhhung
unterbrochene, ewig gleiche Sahar, die Wste des toten Sandes. Die Tageshitze
liegt in sichtbarer Verdichtung manneshoch auf ihr; der Himmel zieht sich wie
flssiges Blei darber hin und scheint sich am Horizonte mit einem Meere von
glhendem Erze zu vereinigen; eine Grenzlinie zwischen beiden giebt es tagelang
nicht. Das Auge brennt, der Sehnerv versagt ermdet seine Thtigkeit, denn der
sehnschtige Blick findet keinen Punkt, an dem er ruhen knnte. Der Sinn fr die
Entfernung geht verloren; man glaubt, inmitten einer halt- und gestaltlosen
Ewigkeit zu reiten, und verliert in ihr den eigenen Halt. Die Thatkraft
schwindet; der Wille wird verzehrt; die Schrfe der Sinne nimmt ab, und an die
Stelle fehlender Wahrnehmungen treten Hallucinationen, welche das, was man
wnscht, vortuschen und vorgaukeln. Darum ist diese Wste das eigentliche
Gebiet der Fata morgana, wie sie auch den Hauptbereich der verderblichen
Sandstrme bildet, denen schon mancher einzelne Wanderer und manche vollzhlige
Karawane zum Opfer gefallen ist. Welches Entzcken dann der Anblick einer
wirklichen, nicht vorgespiegelten Oase hervorbringt, das zu beschreiben, fehlen
die Worte!
    Und genau so, wie die Wste ist, ist auch ihr Bewohner. In seinem Innern
wohnt dieselbe Glut, unter welcher die Gebilde seiner Seele zu seltsamen, oft
ungeheuerlichen, oft zauberischen, zuweilen auch wohl anmutigen Formen
erstarren. Hilflos, hungrig und drstend wie das steile Warr und der brennende
Sand breitet sich sein Leben vom ersten bis zum letzten Tage dem Himmel
entgegen, stets der Barmherzigkeit Allahs gewrtig. Daher seine tiefe
Religiositt, deren uerer Eindruck aber an tote, ermdende Formeln gebunden
ist. Die unerbittliche Strenge der Wste macht ihn uerlich ernst und innerlich
hart; wie sie grausam ist gegen ihn, so ist auch er rcksichtslos gegen andere,
ihm nicht nahestehende Wesen. Genau so unbeugsam, wie ihre Gesetze sind, besteht
auch er auf der Unfehlbarkeit seiner Meinungen und auf der Ueberlegenheit seines
Willens. Ihre Temperaturunterschiede sprechen sich in seinen Regungen aus; was
ihn am Tage begeisterte, kann er am Abende schon kalt und verchtlich von sich
werfen. Das Weib, welches er jetzt glhend liebt, kann er schon nach einigen
Stunden durch die gesetzlich giltige Formel Du bist geschieden von sich jagen.
Liebe, besonders Nchstenliebe, die zweite groe Forderung der Christuslehre,
kennt er berhaupt nicht, wie ja auch die Wste nichts weniger als liebreich
gegen ihn ist. Wie sie nichts giebt, sondern nur Opfer fordert, so ist auch er
nur Egoist und will sogar den Himmel fr sich allein haben. Hat sie den ganzen
Tag gedrstet, so saugt sie den Tau der Nacht bis auf den letzten Tropfen auf;
in derselben Weise unterwirft auch er sich geduldig allen Entbehrungen, um sich
dann dem Genusse ohne Ma und Selbstbeherrschung zu ergeben. Da sein ganzes
inneres Leben ein, nur von einigen Brunnen unterbrochenes, Wandern durch die
Oede ist, schmckt er sich das Jenseits in den glhendsten Farben als
paradiesische Oase aus, wo er ununterbrochen in Freuden schwelgt, von denen ihm
das irdische Leben nur zuweilen einen leisen, kurzen Vorgeschmack bietet. Wie
seine Leiden und Entbehrungen materielle sind, so sind auch die Ziele seiner
Wnsche und Bestrebungen meist materieller Art; der Wstensohn hat kein Gemt;
darum kann er sich weder ein irdisches Glck noch seine einstige Seligkeit rein
herzlich denken. Der Boden seiner Seele gleicht der Felsen-, der Trmmer-undd
der Tiefsandwste. Seltsam, verworren, abenteuerlich steigt es, oft mit
elementarer Gewalt, von da unten auf; der heie Smum77 fegt darber hin und
wirbelt tdliche, wie von hllischem Feuer gefrbte Sandwolken vor sich her.
Aber wie die Wste ist auch diese Seele nicht ohne Tau, und wie sich unter der
Wstendecke genug befruchtendes Wasser befindet, nach welchem man nur zu bohren
braucht, um es klar und hell hervorsprudeln zu sehen, so sind auch ihr die
geistigen Vorbedingungen der wirtschaftlichen, ethischen und religisen
Gesittung nicht versagt. Wo aber sind die rechten Pioniere, welche den
wirklichen, echten, selbstlosen Beruf in sich tragen, nach diesem Wasser zu
bohren? Wer hier durch artesische Brunnen helfen will, der darf dies nicht von
der Berechnung abhngig machen, zu welchem Prozentsatze sich das dabei angelegte
Kapital verzinsen wird, auch mu er zunchst auf diejenige religise
Aggressivitt verzichten, welche dort den sofortigen, fanatischesten Widerstand
hervorrufen und alles verderben, wenigstens das Gelingen auf unabsehbare Zeit
hinausschieben wrde. Es giebt Kapitalanlagen, welche der Herrgott in sein Buch
eintrgt, um erst am groen Tage der Abrechnung Soll und Haben zu vergleichen,
und derjenige Mann oder dasjenige Volk ist der beste Missionar, welcher den
Andersglubigen mehr durch sein Leben als durch seine Lehren zu berzeugen
sucht. Ein Gott wohlgeflliges und den Mitmenschen ntzliches Leben ist die
einzig richtige Vorbereitung des Bodens zu der Saat, die dann allerdings durch
die Predigt in Worten zu geschehen hat.
    Komm mit mir im Geiste in die Wste, lieber Leser! Du hast gelernt, die
Bedrfnisse deines Krpers auf das allergeringste Ma herabzumindern. Der Hunger
ficht dich nicht mehr an, und auch den Durst hast du bis zum gebotenen Grade zu
beherrschen gelernt. Du bist auf Fasten gestellt und wirst nun die Erfahrung
machen, da jetzt die Thtigkeit des Geistes diejenige des Krpers berragt. Das
ist der Grund, weshalb selbst bei halb oder gar nicht civilisierten Vlkern vor
wichtigen Wendepunkten im Leben des Einzelnen oder auch der Gesamtheit ein
Fasten vorgeschrieben ist. Sogar der Indianer fastet lngere Zeit vor der
Ceremonie des Namengebens oder vor der Wahl der Medizin. Es ist, als ob die
Seele freier geworden und in ihren Funktionen weniger gehemmt sei als vorher.
Deine geistigen Sinne scheinen doppelte Schrfe und deine Gedanken Flgel
bekommen zu haben. Du lebst mehr innerlich als uerlich. Du hast dich an den
schaukelnden Gang des Kameles gewhnt; er strt dich nicht mehr. Im hohen Sattel
des Hedschihn sitzend, achtest du nicht auf die Bewegungen des Tieres, dessen
weiche, elastische Schritte nicht bis zu dir heraufwirken. Reitest du durch die
Hochfelsenwste oder durch das Warr, so fhlst du dich als krperliches
Individuum so klein, so nichtig, so verlassen in diesem berwltigenden Stein-
und Trmmermeere; reitest du ber den glatten Sandozean, so siehst du ihn nicht
hinter dir verschwinden, whrend er sich aber vor dir immer weiter und weiter
ausbreitet. Es giebt keinen Anfang und kein Ende, keine Grenze hier, denn der
Horizont ist zur Vermhlung des Himmels mit der Erde geworden, die zwischen
beiden keine Linie mehr kennt. Du weit nicht, wo das Unten aufhrt und das Oben
beginnt, und hast das Gefhl, als ob die ber dir glhende Sonne die Erde und
dich mit ihr immer auf- und auf- und stetig aufwrts ziehe. Und wie du Himmel
und Erde nicht mehr zu trennen vermagst, so schaust du zu gleicher Zeit nach
auen und nach innen. Die Endlosigkeit vor deinem krperlichen Auge ist gleich
der unmebaren Weite, welche vor deinem geistigen liegt. Dein Leib wird
fortgetragen, ohne da du es fhlst, und deine Seele fliegt. Dein Leib? Du hast
keinen Leib mehr; du bist nur Seele, nichts als Seele. Der Leib ist in dieser
Grenzenlosigkeit immer leichter und leichter, immer nichtiger und nichtiger
geworden, bis er als ein Nichts in der Unendlichkeit dir aus den Gedanken
schwand. Aber da deine Seele besteht, bestehen mu und auch fortbestehen wird,
das ist dir zu einer Klarheit geworden, gegen die kein Hauch des Zweifels
mglich ist. Du selbst bist ja diese Seele und kannst kein Ende nehmen, wie es
hier berhaupt kein Ende giebt! Der Zweifel kann nur auf der Erde wohnen, und du
befindest dich ja nicht mehr auf ihr. Du bist jetzt berirdisch und atmest im
seligen Reiche der Zuversicht zu dem, der da ist das ewige Leben und dessen
Eigentum du bist. Du fhlst es, und du weit es, da es von jetzt an keine Macht
mehr giebt, der es gelingen kann, dich in der Ueberzeugung deiner
Unsterblichkeit irre zu machen.
    Da hrst du Worte; sie klingen wie aus weiter, weiter Ferne zu dir, aber sie
rufen dich doch zur Erde zurck. Du bist nicht mehr jenseits, sondern diesseits
unserer Grenzen und siehst, da der Schech el Dschemali78 es ist, der gesprochen
hat. Er deutet vorwrts, und indem du diesem Fingerzeige mit dem Auge folgst,
bemerkst du eine Karawane, welche weit drauen in der Wste vorberzieht. Ihr
Fhrer trennt sich von ihr und der eurige von euch. Beide reiten einander
entgegen, um Frage und Antwort auszutauschen, whrend beide Karawanen ihres
Weges weiterziehen. Du staunst ber den Anblick dieser fremden Wanderer; du
fragst dich, ob das die Wirklichkeit oder eine Phantasmagorie sei. Die Gestalten
sind von zwei horizontalen Linien durchschnitten, zwischen denen sich nichts
befindet; unter ihnen siehst du die langen, weiterschreitenden Beine und die
halben Leiber der Kamele, whrend ber ihnen die oberen Leibeshlften mit den
Reitern in der Luft zu schweben scheinen; der eine Teil des Bildes ist
senkrecht; der andere schrg. Die Ursache davon hast du in den von der Erde
zurckgeworfenen Sonnenstrahlen zu suchen; das sagt dir das eigentmliche
Zittern der zerschnittenen Gestalten. Wer sind sie? Wo kommen sie her, wo gehen
sie hin? Der Schech el Dschemali wird es erfahren und euch sagen. Aber wer sie
auch sein mgen, sie befinden sich in derselben Wste und haben ganz dasselbe
empfunden und gedacht wie du. Es giebt unter ihnen keinen, der an dem Dasein
Gottes und an dem ewigen Leben Zweifel hegt, denn die Seele jedes von ihnen ist
da oben gewesen, wo jetzt auch die deine war.
    Der Tag vergeht, und um die Zeit des Moghreb wird Halt gemacht. Das Lager
wird gebildet und dann das Wasser ausgeteilt. Wie erhebend klingt dann der Ruf:
    Hai 'alas Salah, hai 'alal Felah; Allah akbar; la Ilaha il Allah - - - auf
zum Gebete, auf zum Heil; Gott ist sehr gro; es giebt keinen Gott auer Gott!
    Nach dem raschen Hereinbruche der Dunkelheit wird noch das Abendgebet
gesprochen; dann hllt ihr euch in eure Decken; die Beduinen schlafen; du aber
hast die Augen offen, denn die Sterne Gottes sind aufgegangen, hier in grerer
Pracht und Herrlichkeit als anderswo. Sie ziehen mit magischer Gewalt deinen
Blick zu sich hinauf und mit ihm deine Seele mit allen ihren Gedanken.
    Du denkst zunchst des heimatlichen Himmels, der andere Bilder hat als
dieser sdlichere. Das liebe Vaterhaus mit allen, die in ihm wohnen, kommt dir
in den Sinn. Dein Herz eilt hin zu ihnen, denen deine Liebe gehrt. Du hltst
Heimkehr aus der Wste, aus der fernen Fremde in die Heimat, die dich geboren
hat. Aber der Glanz der Sterne zieht dich wieder her, ohne da du das Gefhl,
daheim zu sein, verlierst. Bist du nicht auch hier daheim, an der Seite des
himmlischen Vaters, von welchem Jesaias79 sagt: Kann denn ein Weib ihres Kindes
vergessen, da sie sich nicht erbarmte des Sohnes ihres Leibes? Und wenn sie es
verge, so wollte doch ich dich nicht vergessen! So wird dir selbst die Wste
zum Heim, und auch die Sterne gren dich nicht fremd. Es ist, als ob sie liebe,
verheiungsvolle Worte herniederflimmerten von den Wohnungen im Hause des
Vaters, welche Christus uns bereitet hat. Ist es nicht wunderbar, da diese
Sonnen und Welten, millionenmal grer als unsere winzige Erde, dich nicht
erschrecken, sondern vielmehr deinen Glauben und dein Vertrauen strken? Es
drckt dich nicht nieder, da sie schon Milliarden von Jahren bestanden haben
und noch Billionen von Jahren bestehen werden, whrend dein Leben hchstens
siebzig Jahre whrt, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre. Und du
thust wohl daran, so zuversichtlich zu sein, denn Christus sagt: Himmel und
Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen! Und diese Worte,
welche ewig bleiben, sind die Worte von der Liebe, von der Liebe des Vaters,
dessen Kinder wir sind fr Zeit und Ewigkeit. Bist du ein guter Mensch, so schau
hinauf zum Himmel und sag: Hast du nicht jeden einzelnen dieser lichten Sterne
lieb? Sag Nein, wenn du es vermagst! Hre die Worte, welche einst nach meinem
Tode mit meinen andern Gedichten verffentlicht werden:

Ich fragte zu den Sternen
Wohl auf in stiller Nacht,
Ob dort in jenen Fernen
Die Liebe mein gedacht.
Da kam ein Strahl hernieder,
Hellleuchtend, in mein Herz
Und nahm alle meine Lieder
Zu dir, Gott, himmelwrts.

Ich fragte zu den Sternen
Wohl auf in stiller Nacht,
Warum in jene Fernen
Er sie emporgebracht.
Da kam die Antwort nieder:
Denk nicht an irdschen Ruhm;
Ich lieh dir diese Lieder;
Sie sind mein Eigentum!

Ich fragte zu den Sternen
Wohl auf in stiller Nacht:
Gilt denn in jenen Fernen
Auch mir die Himmelspracht?
Da klang es heilig wieder:
Du gingst von mir einst aus
Und kehrst wie deine Lieder
Zurck ins Vaterhaus!

    Schau, so fest und sicher ist mein Glaube, so unerschtterlich und freudig
mein Vertrauen, da diese Sterne wohl leichter ihr Licht verlieren, obgleich ihr
Dasein nach Jahrmillionen zhlt, als da ich, das noch nicht sechzig kurze Jahre
alte Menschenkind, von meiner Zuversicht zum Vater lassen wrde, in dessen Haus
auch mir ein Platz bereitet ist, wenn ich mich seiner nicht unwrdig mache!
    Sieh die Wste im Glanze dieser Sterne liegen! Geht er nicht vom Vater aus?
Oder denkst du, da er einen andern Urquell habe, den du mit Hilfe deiner
sogenannten Wissenschaft erreichen und chemisch begutchteln kannst, um ihn dann
in Flaschen mit patentiertem Gummiverschlu per Reklame zum Verkaufe en gros und
en dtail auszubieten? Ich sage dir, die einzige, untrgliche, also wahre
Wissenschaft ist Gottes Allweisheit, und der Glanz, welcher von dieser Weisheit
aus ber alle Welten strahlt, kann von keines Menschen Sohn auf dem Wege der
Wissenschaft bis an seinen Quell zurckverfolgt werden. Wenn Camille Flammarion,
der bekannte franzsische Astronom, mit Hilfe des elektrischen Lichtes mit den
Bewohnern des Mars sprechen will, so sind erst Vorfragen zu erledigen, die
vielleicht in Jahrtausenden noch nicht beantwortet sind, und selbst wenn ihm
dies gelnge, so htte die Wissenschaft eine Linie nur bis zum nchsten uern
Planeten gezogen, was den unzhlbaren Fixsternen und ihren unmebaren
Entfernungen gegenber nicht einmal als Anfang bezeichnet werden knnte. Es
wrde das ungefhr dasselbe sein, wie wenn der kleine, bewegliche Goldfisch in
meinem Aquarium auf den Gedanken kme, den fernen Titicacasee einer
ichthyographischen Untersuchung zu unterwerfen. Mein Halef nennt die Sterne am
liebsten Ujun es Sema, Himmelsaugen, und als ich ihn einmal nach dem Grunde
fragte, antwortete er: Wenn ich in stiller Nacht unter dem glnzenden
Firmamente liege, ist es mir, als schaue Allah mit tausend hellen, lieben,
gtigen Sternenaugen aus dem Himmel auf mich hernieder, um mir zu sagen, da ich
in seinem Schutze ruhig und sicher schlafen knne. O Sihdi, ich habe diese
freundlichen Ujun es Sema so herzlich lieb!
    Wenn dann der Mond erscheint und seinen lichten Schein mit ihren Strahlen
vermhlt, so liegt es wie ein durchsichtiges Meer von flssigem Silber, dessen
Kruselungen im herrlichsten Perlmutterglanze flimmern, ber die Wste
ausgebreitet. Ein so magisches, zauberisches Licht besitzt der Mond nirgend
anderswo. In der bewegten Luft schweben seine Strahlen hin und her. Es geht die
Fee der Wste durch die helle Nacht. Der Saum ihres Gewandes streift leise ber
den Sand; ein Heer von Elfen fliegt umher, die Mondesstrahlen einzufangen, um
die Gebieterin mit ihnen zu schmcken. Da werden spinnenfeine Lamettafden zu
glitzernden Shawls verwoben und mit sternleuchtenden Flimmern besetzt;
smaragdene Kette und diamantener Einschlag bilden den Schleier, lang nachwehend
wie ein schimmernder Duft. Aus brillantenen Scintillen entsteht das Diadem,
funkelnd in mrchenhafter Pracht. So schwebt sie dahin ber lunarisch mild
funkelnden Filigran, schner noch als Scheheresades herrlichster Traum. Die am
Tage so de, todesstarre Wste ist jetzt ein herrliches, geheimnisvolles
Gedicht, von dessen Versen du nur den immer wiederkehrenden Refrain verstehst:
Lobe den Herrn, meine Seele, und alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen!
Lobet den Herrn, ihr seine Engel, all seine Heerscharen, die ihr gewaltig seid
an Kraft; vollziehet seinen Willen, die ihr seine Stimme hrt! Vernimmst du die
Lobgesnge dieser Engel? Schliee die Augen, und lausche in dein Herz hinab!
Auch dort sind leuchtende Sterne aufgegangen, und das Licht der Gottesnhe
breitet sich ber die erkenntnishungrige Einsamkeit. Es werden Stimmen laut in
dir; beachte sie nur! Sie rufen dich von deinem bisherigen Pfade ab zum
Karawanenwege der Glubigen, der nach dem Lande der Verheiung fhrt. Deine
Seele bricht auf, ihnen zu gehorchen; deinen mden Krper aber nimmt der Schlaf
in sein Arme. Allah jebarik fik; Allah jatik nuro; leletak sa'ide - Allah segne
dich; er spende dir sein Licht; gute Nacht!
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    Die Wste, durch welche wir heut kamen, war ein sdstlicher Auslufer der
arabischen Nefud, welche selbst von den Eingeborenen sehr gefrchtet ist. Wir
hatten Mhe, die Richtung beizubehalten. Sie besteht nmlich aus langgestreckten
Sandhgeln, welche oft parallel, oft divergierend voneinander liegen und durch
unregelmige Querreihen miteinander verbunden sind. Dadurch entstehen zwischen
ihnen tiefer liegende Vierecke, und das Ganze wrde, aus der Vogelschau gesehen,
jener Art von Back- und Webwaren gleichen, welche man Waffeln nennt. Es lt
sich denken, da es da fr uns ein sehr schwieriges Fortkommen gab, weil keine
zusammenhngende, ebene Strecke vorhanden war und wir, um von einem Vierecke
nach dem andern zu kommen, die zwischen ihnen liegende Hhe berwinden, also aus
der einen Waffel heraus und hinauf und dann jenseits wieder in die andere
hinunterreiten muten. Das ermdete die Kamele, zumal sie keine guten Kletterer
sind, auerordentlich, denn die Abhnge waren oft sehr steil, so da die
Waffeltiefen wahre Abgrnde bildeten, welche um so schwerer gangbar waren, als
die Wnde aus lockerem Sande bestanden, welcher keinen festen Halt bot und bei
jedem Schritte unter den Fen der Hudschuhn wich.
    Es war da sehr leicht, auf unntze oder gar verderbliche Umwege zu
verfallen, aber erstens besaen wir ja Erfahrung genug, zweitens war der Ben
Harb ein wirklich guter Fhrer, und drittens folgten wir den Spuren der
Mekkaner, welche durch die Wahl ihres Weges bewiesen, da sie diese Gegend
ausgezeichnet kannten und ganz gewi schon fters durch sie geritten waren.
Wenigstens galt dies von demjenigen von ihnen, welcher die Richtung zu bestimmen
hatte. Wie wir spter erfuhren, war das El Ghani selbst.
    Diese Wste war nicht ganz unbelebt. Es gab zuweilen einen einsamen,
manneshohen Strauch, eine Eidechse und Spuren von kleinen Fchsen. Auch die
Fhrte eines Panthers entdeckten wir, doch gehrte er zur kleinen, weniger
seltenen Art.
    El Mnedschi verhielt sich vollstndig still; er bewegte sich kaum einmal
und schien in einem immerwhrenden Halbschlummer zu liegen. Wir hatten keine
Ursache, ihn zu stren.
    Es war noch nicht Mittag, als wir, indem wir uns auf einem der beschriebenen
Hgelrcken befanden, im Zurckblicken bemerkten, da es auer uns auch noch
andere Menschen in dieser Gegend gab. Wir sahen auf einem der links seitwrts
hinter uns liegenden Hgel eine Schar von Kamelreitern erscheinen, welche sehr
gut beritten sein muten und groe Eile verrieten. Ich zhlte zweiundzwanzig
Mann. Wir ritten unsern Schritt weiter. Sie kamen uns nher, und da sahen wir,
da zwanzig Mann von ihnen Uniformen trugen; sie waren also Soldaten. Trkische
Soldaten hier in der arabischen Wste! Das mute einen ganz auerordentlichen
Grund haben.
    Der arabische Beduine weist die Botmigkeit des groherrlichen Militrs mit
aller Energie von sich ab. Auch uns ging die Sache jedenfalls nichts an, und so
setzten wir also unsern Ritt ruhig fort.
    Nach einiger Zeit holten sie uns ein. Die zwei Nichtmilitrs ritten voran;
der eine von ihnen sprach uns an. Er war ein Perser; das sah ich ihm mit dem
ersten Blicke an. Seine Kleidung bestand ganz aus Seide, und seine Waffen waren
ausgesucht schn und von hohem Werte. Gradezu einzig aber war das Hedschihn,
welches ihn trug. Ein so fehlerlos gebautes, wunderbar gezeichnetes Reitkamel
hatte ich noch nicht gesehen. Es war hellgrau gefrbt und fein
fliegenschimmelartig dunkelblulich getpfelt, eine nicht lter als fnfjhrige
Stute mit leucotisch hellroten Augen. Und sonderbar, diese Augen schienen von
dem hellen Tageslichte nicht im geringsten angegriffen zu werden, und ihr Blick
war so treu, so intelligent, wie ich es noch bei keinem einzigen Kamele gesehen
hatte. Die Fe waren auerordentlich klein und die Formen, ich mchte fast
sagen, weiblich voll und rund. Bei einem Kamele kann natrlich von Schnheit
nicht die Rede sein; hier aber mchte ich doch eine Ausnahme machen und
behaupten, da dieses schn gewesen sei. Ich gestehe, da ich ganz entzckt ber
dieses Tier war.
    Einen ebenso guten Eindruck machte der Reiter auf mich, doch nicht etwa
seiner reichen Kleidung und Bewaffnung wegen, denn solche Aeuerlichkeiten
knnen mir niemals imponieren. Aber er sa im hohen Sattel aufrecht und stolz
wie ein Knig, welcher gewohnt ist, zu gebieten und sofortigen Gehorsam zu
finden. Und dieser Stolz war kein gemachter, sondern ein natrlicher; er kam von
innen heraus. Auch war es kein dummer, hohler, kein mit Verachtung gepaarter
Stolz, denn sein von einem dunkeln, wohlgepflegten Barte umrahmtes Gesicht trug
die Kennzeichen geistiger Thtigkeit, und seine Augen hatten einen
mildfreundlichen Blick, der aber erraten lie, da ihm das Feuer der Energie
oder des Zornes auch nicht fremd sei. Alles in allem machte dieser Mann den
Eindruck wirklicher Vornehmheit. Die Soldaten hatten respektvoll einen
Zwischenraum zwischen ihm gelassen, und der andere Civilist, wenn ich dieses
Wort hier gebrauchen darf, welcher wohl der Khabir, der Fhrer der Truppe war,
hielt sich jetzt auch seitwrts hinter ihm, ein unwillkrlich gegebenes
Zugestndnis, da dieser Mann der Herr sei und jetzt allein zu sprechen habe.
    Aesslam 'aleikum! grte er mit persischem Anklange in hflichem Tone,
indem er seinen Blick forschend ber uns gleiten und dann in bewunderndem
Ausdrucke auf unsern Pferden haften lie.
    V 'aleikum sslam! antwortete ich ebenso hflich und in demselben
persischen Dialekte.
    Halef hatte schon den Mund geffnet, um zu sprechen; ich war ihm aber
zuvorgekommen, denn seine vorschnelle Art und Weise war einem solchen Manne
gegenber nicht gut angebracht. Ueber die Zge des letzteren ging bei meiner
Antwort ein freundliches Lcheln, und er fragte:
    Du verstehst und sprichst persisch?
    Ja, nickte ich.
    Bist du Perser?
    Nein; aber ich war wiederholt und lngere Zeit in diesem Lande, habe es
liebgewonnen und besitze treue Freunde dort.
    Muhbbt-i-tu km n schwd - deine Freundschaft mge nicht abnehmen! Ich
bin Khutab Agha, der Basch Nazyr80 des Heiligtums von Meschhed Ali. Allah segne
und schtze diese Sttte!
    Auch wenn er mich nun nicht so fragend angesehen htte, wie er es jetzt
that, htte die Hflichkeit es mir geboten, ihm meinen Namen auch zu nennen. Ich
that dies also:
    Ich heie Hadschi Akil Schatir Effendi und bin aus dem fernen Lande des
Moghreb gekommen, um die Reiche des Ostens zu sehen und ihre Bewohner kennen zu
lernen.
    Das war aber meinem kleinen Halef viel, viel zu bescheiden ausgedrckt. Ich
hatte das letzte Wort noch nicht ganz ausgesprochen, so fiel er schnell und
auerordentlich eifrig ein:
    Das ist aber nur der Anfang seines Namens; den glorreichen Fortgang und das
herrliche Ende desselben pflegt er leider aus falscher Demut zu verschweigen. Er
heit mit seinem vollstndigen Namen, der aber trotzdem noch viel, viel lnger
gemacht werden knnte, Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim
Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim Maschhur el Azami Ben Hadschi Taki Abu Fadl
el Mukarram Effendi. Seine Geburtssttte ist das groe Wadi Draha, aus welchem
nur berhmte Mnner kommen, und in seinem Kopfe sind die Seiten, Zeilen und
Paragraphen smtlicher Wissenschaften aufgestapelt. Allah erhalte ihm diese
Vorzge seines Geistes!
    Khutab Agha wartete geduldig und lchelnd, bis dieser lange Riemen
abgewickelt worden war, und erkundigte sich dann:
    Und du? Wer bist du, und wer sind die andern?
    Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al
Gossarah, der oberste Scheik der Haddedihn vom groen Stamme der Schammar. Diese
Mnner sind einige meiner Krieger, welche mit uns nach Mekka pilgern, wo wir die
heiligen Sttten sehen und verehren wollen.
    Das bei der Nennung meines Namens etwas ironisch gewordene Lcheln des
Persers verlor jetzt diesen Ausdruck.
    Ich habe von den Haddedihn gehrt, sagte er. Sie sind sehr brave und
ruhige Leute, welche die Ehrlichkeit und den Frieden lieben. Sie besitzen einen
Freund aus dem Abendlande, welcher Kara Ben Nemsi Effendi heit und ihr Lehrer
in allen ntzlichen Knsten des Krieges und des Friedens gewesen ist.
    Das ist richtig; das ist wahr! Woher weit du das? Von wem hast du es
erfahren?
    Von einem Manne, der mir mitgeteilt hat, da auch du ihn kennst, wenn du
wirklich Hadschi Halef bist.
    Ich bin es. Wie heit dieser Mann?
    Mirza Dschafar, mein bester Freund.
    Mirza Dschafar! Der bei meiner letzten Reise mit Halef durch Persien81 eine
fr uns so bedeutende Rolle gespielt hatte! Der Perser nannte ihn Mirza
Dschafar, nicht Dschafar Mirza, gab ihm also nicht den prinzlichen, sondern den
gewhnlichen Titel. Diese vorsichtige Art, diesen Namen zu nennen, gab mir den
Beweis, da er von Dschafar mehr wute, als er hier sagen konnte. Ich war
berrascht. Khutub Agha bezeichnete Dschafar als seinen besten Freund, aber die
eigentmlichen Verhltnisse des letzteren geboten uns doch, vorsichtig zu sein.
Das beste war, gar nicht weiter auf diese Bekanntschaft einzugehen; leider aber
war es dem sanguinischen Hadschi Halef gradezu unmglich, in solchen Fllen, wie
der gegenwrtige einer war, die von mir gewnschte Zurckhaltung zu ben. Ich
wollte die Fortsetzung des Gesprches selbst bernehmen und ihm winken, zu
schweigen; er sah mich aber in seinem Eifer gar nicht an und rief unmittelbar
nach der Nennung des Namens, so da ich gar keine Zeit fand, das Wort zu
ergreifen, in froherstauntem Tone aus:
    Mirza Dschafar! Unser persischer Freund! Den kennst du auch? Ja, du nennst
ihn ebenso Freund, wie wir ihn nennen? Schau hin, und sieh den Chandschar82,
welcher dort im Grtel meines Effendi steckt! Diese Waffe ist ein Geschenk von
Mirza Dschafar, welches fr ihn und uns einen groen Wert besitzt!
    O wehe! Welch eine Unvorsichtigkeit! Mit diesen Worten verriet Halef, ohne
es zu wissen, da ich gar nicht der Mann war, fr den wir mich soeben ausgegeben
hatten. Hanneh hustete warnend von ihrem Tachtirwahn herab; er sah zu ihr
hinauf, ohne sie zu verstehen. Khutub Agha lie sein Auge langsam ber mich
gleiten. Kein Zug seines Gesichtes sagte mir, ob er hinter unser Geheimnis
gekommen sei oder nicht; aber er sprach von jetzt an nicht mehr zu Halef,
sondern ausschlielich nur zu mir:
    Erlaube, da ich dich nach dem Wege frage, den ihr bis hierher geritten
seid! Den Grund, welcher mich diese Bitte aussprechen lt, werde ich dir
nachher gleich mitteilen.
    Wir kommen aus der oberen Dschesireh, antwortete ich, und sind sdwrts
von Hit ber den Euphrat gegangen.
    Habt ihr den Nedschef-See berhrt?
    Nein.
    Also auch nicht den Karawanenweg, welcher von Hilleh und Meschhed Ali nach
Mekka fhrt?
    Nein. Der hat stets weit links von unserem Pfade gelegen.
    Wie schade!
    Warum schade?
    Wret ihr diesen Weg geritten, so knntet ihr mir wahrscheinlich Auskunft
ber eine kleine Karawane geben, nach welcher wir suchen.
    Suchen? Ihr sucht? Sonderbar!
    Sonderbar? Warum nennst du unser Suchen so?
    Weil du nach ihr suchst und mir doch sagst, wo sie zu finden ist, nmlich
auf dem Wege von Meschhed Ali nach Mekka.
    So will ich dir mitteilen, da diese Karawane allen Grund hat, sich vor uns
zu verstecken.
    Wenn sie sich vor euch verbergen mu, hat sie auch alle Ursache, sich von
andern, die sie an euch verraten knnten, nicht sehen zu lassen.
    Er nickte leise vor sich hin, lie ein befriedigtes Lcheln um seine Lippen
spielen, als ob bei ihm ein heimlicher Gedanke Besttigung gefunden habe, und
fuhr dann weiter fort:
    Ich sehe jetzt, da du wirklich ein auerordentlich kluger Effendi aus dem
Moghreb bist, denn du hast in einigen Augenblicken und in ganz wenigen Worten
mehr durchdacht und mehr gesagt, als ein anderer Mann nach tagelangem Nachdenken
erforschen wrde und in einer stundenlangen Rede ausdrcken knnte. Ich errate
darum deine Gedanken und wei also, da du dich wunderst, uns hier an dieser
Stelle zu sehen.
    Du irrst. Ein anderer wrde sich wundern, da ihr hier seid, whrend du
doch selbst sagst, da die von euch Gesuchten den weit von hier liegenden
Karawanenweg eingeschlagen haben. Ich aber schliee aus eurem Hiersein darauf,
da diese Leute von dem Karawanenwege abgewichen sind. Ihr werdet, denke ich,
die Spuren dieses Abweichens gefunden haben.
    Effendi, du bist noch scharfsinniger, als ich dachte! Ja, du hast recht.
Wir haben entdeckt, da sie von dem Meschhed Aliwege nach Westen abgewichen
sind.
    Wuten sie sich verfolgt?
    Nein. Aber sie muten sich allerdings sagen, da man ihnen sofort nachjagen
werde, falls ihre That zur Entdeckung kme.
    Darf ich fragen, was fr eine That es ist?
    Dir sage ich es. Man hat das Heiligtum von Meschhed Ali bestohlen. Kannst
du das glauben?
    Warum nicht? Ich kenne Menschen, welche noch viel Schlimmeres gethan
haben.
    Etwas Schlimmeres giebt es nicht? Wer das Heiligtum bestiehlt, der
bestiehlt Allah!
    Ein Faulenzer, ein Tagedieb bestiehlt Allah auch, denn die Tage des Lebens
gehren nicht ihm, sondern Gott, und ein Lebenstag ist wenigstens ebenso wichtig
wie irgend ein Gegenstand in den heiligen Mauern von Meschhed Ali oder
Kerbelah.
    Ich kann darber nicht mit dir reiten, denn als ein Mann aus Fran - - - er
hielt einen Augenblick inne und verbesserte sich dann, indem er fortfuhr, als
ein Mann aus dem fernen Moghreb mut du anderer Meinung sein als ich. Wir
entdeckten vier Tage, nachdem die Diebe fort waren, den Raub, und ich als Hter
und Bewahrer der Schtze des Heiligtumes bin ihnen ohne Verweilen nach, um sie
zu ergreifen und zu bestrafen.
    Fran - - - hatte er gesagt; sollte das Frankistan, das Land der Franken,
der Christen heien? Wenn dies der Fall war, so hatte Halefs Unvorsichtigkeit es
allerdings verraten, da ich Kara Ben Nemsi, nicht aber ein Mann aus dem Wadi
Draha war. Nun kam es darauf an, klug zu sein und die Folgen dieser Entdeckung
zu verhten.
    Wutest du gleich, welchen Weg die Diebe eingeschlagen hatten? fragte ich.
    Ja. Sie waren Mekkaner, also konnte ich ber ihren Weg nicht im Zweifel
sein.
    Es war aber auch mglich, da sie zunchst eine andere Richtung
einschlugen, um euch irre zu fhren, warf ich ein.
    Ich war so vorsichtig, mir dies auch zu sagen, und traf demnach meine
Vorkehrungen. Ich sandte Abteilungen auf die Wege, welche nach Kerbelah und Hit,
nach Hilleh und Bagdad, nach Semawat und nach Djof fhren. Da alle diese Leute
die Diebe nicht finden wrden, entdeckte ich in Akabet esch Scheitan, wo ich
erfuhr, da die Mekkaner vor vier Tagen durchgekommen seien. Die Route nach
Mekka, welche ich eingeschlagen hatte, war also die richtige.
    Nun seid ihr dieser Route so lange gefolgt, ohne euern Zweck erreicht zu
haben.
    Du sagst leider die Wahrheit. Der Scheitan83 scheint die Schurken zu
beschtzen, indem er sie fr uns unsichtbar macht.
    So scheint der Scheitan ber eure Augen mehr Macht zu besitzen als ber die
meinigen.
    Er sah mich erst gro an und fragte dann aber desto schneller:
    Die deinigen? Httest du sie gesehen?
    Ja.
    Wirklich?
    Ja.
    Wo?
    Den dritten Teil einer Tagereise von hier.
    Also hinter euch?
    Ja.
    Allah sei Dank! Ich glaube deinen Worten; du kannst dich nicht tuschen,
denn ich wei, da du der - - wieder hielt er inne und gab dann seinen Worten
eine andere Wendung: da du ein sehr kluger Effendi aus dem Wadi Draha bist.
Wir mssen sofort umkehren, sofort, denn ich darf keinen Augenblick - - -
    Halt! Uebereile dich nicht! unterbrach ich ihn. Sie sind nicht mehr
hinter uns, sondern vor uns.
    Wie? Wirklich?
    Ja. Sieh da die Spuren, denen wir folgen! Das ist die Fhrte der Diebe, die
du suchst.
    Kaum hatte ich das gesagt, so rief Halef aus:
    Effendi, sag das nicht! Du wirst diesen bestohlenen Beschtzer der
Heiligtmer irrefhren. Das sind ja die Spuren der - - -
    Bitte, schweig du! unterbrach ich ihn trotz der Anwesenheit Hannehs,
seines Sohnes und der Haddedihn in sehr bestimmtem Tone. Du hast erfahren, da
ich stets ganz genau wei, was ich sage!
    Ja, antwortete er, noch immer oppositionslustig, ich habe ja immer
zugegeben, da dein Verstand lnger ist als der meinige; dafr ist aber meiner
breiter als der deinige, und so fragt es sich also, ob hier der Irrtum in der
Lnge oder in der Breite liegt.
    Lieber Halef, sei ja nicht stolz auf diese Breite deines Verstandes! Du
hast trotz derselben vorhin einen Fehler begangen, der fast nicht zu verzeihen
ist!
    Ich - - - -? fragte er erstaunt.
    Ja, du.
    Wann?
    Vor zwei Minuten.
    Also hier?
    Ja.
    Wodurch? Womit?
    Das werde ich dir spter sagen.
    Nein, Sihdi! Ich will es jetzt wissen, jetzt gleich!
    Da wendete sich der Perser an mich:
    Erlaubst du, da ich es ihm sage?
    Ja, sage es, antwortete ich ihm, da es dadurch auch mir klar werden mute,
wie weit die Wirkung der Unvorsichtigkeit Halefs reichte.
    Khutub Agha lie sein ironisches Lcheln wieder erscheinen und forderte den
kleinen Hadschi auf:
    Sag mir noch einmal der Wahrheit gem, wer dieser dein Effendi ist!
    Halef richtete sich im Sattel in Positur und antwortete mit grter
Bereitwilligkeit:
    Dieser mein Effendi heit Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim
Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim - - -
    Sei still, still, still! fiel da der Basch Nazyr lachend ein. So heit er
nicht. Ich wei es besser, viel besser als du!
    Besser - - -? Als ich - - -? fragte Halef verwundert.
    Ja, besser!
    So! Wenn du klger bist, so sag doch seinen Namen!
    Er ist Hadschi Kara Ben Nemsi aus Dschermanistan!
    Jetzt mute man das Gesicht Halefs sehen! Es wurde vor Erstaunen fast noch
einmal so lang, als es vorher gewesen war.
    Du weit - - - weit - - - weit - - -, stotterte er.
    Ja, ich wei! nickte der Perser.
    Hast du ihn schon gekannt?
    Nein.
    Gesehen?
    Nein, auch nicht gesehen. Aber gehrt habe ich von ihm und auch von dir.
    Wie kannst du da aber wissen, da dieser Effendi hier es ist?!
    Es ist mir ja vorhin gesagt worden!
    Von wem?
    Von dir!
    Von - - - -?!
    Das Mir blieb dem Hadschi im Munde stecken. Er sah Khutab Agha aus vor
Erstaunen weit aufgerissenen Augen an und fuhr dann aber zornig fort:
    Hre, ich verbiete dir, deinen Scherz mit mir zu treiben! Du bist zwar als
der Bewohner der Heiligtmer von Meschhed Ali ein Mann, den man mit Hflichkeit
und Achtung zu behandeln hat, aber wenn du meinst, mit mir, dem obersten Scheik
der Haddedihn vom groen Stamme der Schammar, ein loses Possenspiel treiben zu
knnen, so wirst du sofort erfahren, was die Zunge der Unhflichkeit zu leisten
vermag. Ich werfe dir alle Grobheiten der Erde und des Weltalls an den Kopf, und
auch noch einige hundert mehr! Sobald du dich mit mir streiten willst, knnen
mir alle deine Heiligtmer ganz und gar nicht imponieren, weil die Wahrheit
heiliger als dein ganzes Meschhed Ali ist, und du hast mir soeben die Unwahrheit
gesagt. Gestehe es ein!
    Ich kann nur eingestehen, da ich die Wahrheit gesprochen habe.
    Beweise es!
    Hast du vorhin von dem Chandschar gesprochen, den der Effendi im Grtel
hat?
    Ja, das habe ich.
    Hast du gesagt, da er ein Geschenk von Mirza Dschafar sei?
    Ja.
    Nun, damit hast du verraten, da der Effendi nicht Akil Schatir, sondern
Kara Ben Nemsi heit.
    Wieso?
    Weil ich von Dschafar wei, da er diesen Chandschar seinem Freunde Kara
Ben Nemsi geschenkt habe.
    Wann?
    Vor einer Reihe von Jahren.
    Wo?
    In einem Lande, welches jenseits des groen, westlichen Meeres liegt und
Yeni dnja84 genannt wird.
    Jetzt machte Halef wieder sein langes Gesicht.
    Das stimmt; das stimmt ganz und gar! Allah, was giebt es doch fr
unvorsichtige, leichtfertige Menschen! Wir wollen mit dem Effendi nach Mekka,
und weil er als Christ die heilige Stadt nicht betreten darf, habe ich aus ihm
einen berhmten, mohammedanischen Gelehrten gemacht und ihm einen Namen gegeben,
dessen Lnge von Bagdad bis nach Stambul reicht. Und nun ich mir alle diese Mhe
gegeben habe, mu ich erfahren, da diese Anstrengung der ganzen Breite meines
Verstandes umsonst gewesen ist, weil Mirza Dschafar, unser Freund, so
unvorsichtig war, dir die Geschichte von dem Chandschar mitzuteilen!
    Da konnte sich selbst Hanneh nicht lnger halten. Sie bog sich ber den Rand
des Tachtirwahn herab und rief ihm zornig zu:
    Hadschi Halef, du bist der Unvorsichtige gewesen, du selbst, du, du!
    Ich - - -? fragte er, zweifelnd zu ihr aufschauend.
    Ja, du!
    Inwiefern?
    Mirza Dschafar hat es gut gemeint, auch konnte er nicht wissen, da uns
dieser Basch Nazyr einmal zu einer Zeit begegnen werde, in welcher der Effendi
Veranlassung hat, einen andern Namen zu tragen. Giebst du das wohl zu?
    Ja, ja! Du weit ja, wenn du sprichst, welche die klgste unter den
weisesten aller Frauen ist, so hast du stets nur das gesagt, was auch ich in
diesem Falle sagen wrde!
    Gut! Du aber wutest, da der eigentliche Name des Effendi verschwiegen
bleiben soll; du hrtest auch, da der Basch Nazyr den Mirza kennt, und sprachst
dennoch von dem Chandschar! Du konntest dir doch denken, da beide von dieser
Waffe, von diesem Geschenke mit einander gesprochen hatten!
    So? Konnte ich mir das denken? fragte er kleinlaut.
    Du konntest nicht nur, sondern du mutest es! Warum sprichst du immer, wenn
der Effendi reden will? Der berhmte Scheik eines so groen Stammes mu nicht
immer reden, sondern schweigsam sein!
    Da legte er den Krper zurck, die Hnde zusammen und sagte:
    Du hast recht, o Hanneh, du verstndigste unter allen
Selbstverstndigkeiten der Frauenzelte; ich bin berhmt und werde schweigen! Du
hast mir auch dieses Mal aus der Seele gesprochen!
    Und nun nahm er mit der grten Seelenruhe den Trost entgegen, den ihm der
Perser gab:
    Sorge dich nicht um die Sicherheit deines Effendi, o Scheik der Haddedihn!
Keiner von uns wird seinen wahren Namen verraten; das verspreche ich dir bei
Allah, dem Propheten und bei den Shnen Alis, des Kalifen! Es macht mich so
glcklich, Kara Ben Nemsi so unerwartet kennen zu lernen, und nur weil er es
ist, habe ich seinen Worten ein solches Vertrauen geschenkt. Wenn er sagt, er
habe die Diebe gesehen, welche ich suche, so bin ich berzeugt, da es wirklich
so und nicht anders ist!
    Es ist so! bekrftigte ich.
    Du hast Leute gesehen, fuhr er fort. Woher aber weit du, da es die
sind, von denen ich spreche?
    Du machtest wiederholt die Angabe von vier Tagen, und dies war mir im
Zusammenhange mit einigen andern Umstnden genug, die Personen, welche ich
meine, fr die Gesuchten zu halten.
    Hierbei mu ich bemerken, da El Mnedschi sich auch jetzt noch in seinem
schlafhnlichen Zustande befand und von dem Stillhalten der Kamele und unsrem
Gesprche gar nichts merkte. Wir hatten ihm das Schleiertuch ber das Gesicht
gezogen, damit die Sonne ihn nicht stren mge. Er war also nicht zu erkennen.
    Du hltst also einen Irrtum fr nicht mglich? fragte der Perser.
    Warum nicht mglich? Keine menschliche Meinung ist untrglich; aber ich
denke, da ich mich in diesem Falle nicht irre. La mich fragen: Es handelt sich
um sechs Personen?
    Ja.
    Darunter war ein Greis von sonderbarem Benehmen?
    Ja. Er war von Djinns85 besessen. Von ihm glaube ich, da er von dem
Diebstahle gar nichts wei.
    Sodann ein lterer Mann mit graugemischtem Haare, dessen Sohn bei ihm war?
    Ja.
    Und drei Mnner im mittleren Lebensalter?
    Auch das stimmt.
    Ich beschrieb die Anzge, was auch alles zutraf.
    Sagten diese Leute, da sie aus Mekka seien? fragte ich weiter.
    Ja. Der Vater des Sohnes kam sogar als Abgesandter des Groscherif zu uns.
    Ist es nicht eine sehr khne Idee, den Gesandten des Beherrschers der
heiligsten Orte des Islam des Diebstahles zu beschuldigen?
    Ja, man kann es kaum fassen! Nur darum hat es volle vier Tage gedauert, ehe
wir den Beweisen glaubten; dann aber hatten sie sich auch so gehuft und waren
so unwiderstehlich geworden, da wir nicht mehr zweifeln konnten, was wir bis
dahin trotz der Sicherheit aller Zeichen doch noch gethan hatten.
    Ist es nicht mglich, da ihr euch doch noch im Irrtum befindet? Ich
spreche diese Frage nmlich auch meinetwegen aus, denn ich gestehe dir, da die
Beschuldigten auch fr mich sehr wichtige Personen sind und vielleicht noch
wichtiger werden als jetzt. Ich habe also meine Grnde zu dieser Erkundigung.
    Effendi, ich wei, da Kara Ben Nemsi niemals etwas thut oder etwas
spricht, ohne von guten Ursachen dazu veranlat zu werden. Ich ahne, da euer
Zusammentreffen mit diesen Leuten kein gewhnliches gewesen ist, und versichere
dir, da ihr da wirklich mit Schurken in Berhrung gekommen seid, welche unsere
Heiligtmer beraubt haben. Um dir die Ueberzeugung zu geben, welche ich besitze,
mte ich dir unsere Beweise bringen, und dazu wrde die Mitteilung von Dingen
und die Beschreibung von Orten ntig sein, von denen wir mit keinem Schiiten und
noch viel weniger mit einem Andersglubigen sprechen drfen. Ich gebe dir aber
mein Wort, da ich mich nicht irre. Wahrscheinlich ist es dir mglich, mir zur
Ausfhrung meines Vorhabens behilflich zu sein, und so versichere ich dir, da
du das getrost thun kannst, ohne befrchten zu mssen, diesen Leuten wehe zu
thun, ohne da sie es verdient haben. Ich wei von Mirza Dschafar, da die
Erfahrungen, welche du mit den Schiiten gemacht hast, nicht geeignet sind, in
dir Liebe zu uns zu erwecken; aber ich bitte dich, mich nicht in gleicher Weise
zu beurteilen wie diejenigen, welche dir Abscheu und Verachtung einflten. Du
wendest deine Untersttzung hier einem Manne zu, welcher ihrer nicht unwrdig
ist und auch nicht zu den Undankbaren gehrt, deren du so viele kennen gelernt
hast!
    Das glaubte ich ihm sehr gern. Der Eindruck, den er nicht nur auf mich,
sondern auf uns alle machte, lt sich am besten mit dem Ausdrucke bezeichnen:
ein Schiit, ja, ein sehr hoher Beamter der Stelle, an welcher die Schia sich
ihres nichtsnutzigsten Bodensatzes zu entledigen pflegt, aber doch ein
Gentleman. Ich war also sehr gern bereit, ihm die gewnschte Auskunft zu
erteilen, und hatte dazu noch zwei weitere Grnde. Erstens sah ich nun ein, da
er sich nicht nur den Freund Dschafars nannte, sondern es wirklich war, und
infolge dieser Freundschaft mir als Christen nichts in den Weg legen, sondern
darber schweigen werde. Und zweitens kam mir die so berraschende Entdeckung,
da der so anmaende Ghani, der Liebling des Groscherifs, ein verfolgter
Verbrecher sei, auerordentlich gelegen. Ich bin nie rachschtig gewesen und war
es auch hier nicht im geringsten, denn ich habe mich stets bemht, grad in der
verzeihenden Liebe derjenigen Christenpflicht gerecht zu werden, welche eine der
ersten, ja wohl die allererste ist; ich habe mich sogar so weit berwunden, da
ich, und zwar sehr gern, meine Feinde, die ja jeder Mensch hat, tglich in mein
Gebet einschliee, denn fr sich selbst, fr Verwandte und Freunde zu beten, ist
keine Kunst und bringt kein Verdienst; hier aber durfte ich es ohne alle
Rachsucht oder Schadenfreude als eine fr uns willkommene Entdeckung hinnehmen,
da der stolze, gegen uns von Verachtung strotzende Moslem, der uns noch beim
Abschiede so schwer bedroht hatte, jetzt hier als ein ganz gemeiner Verbrecher
bezeichnet wurde. Das machte uns ihm in der Weise berlegen, da jede Besorgnis,
die wir seinetwegen vielleicht noch gehabt htten, schwinden mute.
    Wir knnen und werden dir behilflich sein, versicherte ich ihm aus den
angegebenen Grnden. Darum wollen wir keine Zeit verlieren und hier nicht
lnger im Gesprche halten bleiben. Ich habe dir schon gesagt, da die Gesuchten
sich nicht hinter, sondern vor uns befinden. Wir knnen im Weiterreiten das
besprechen, was zu besprechen ist.
    Ich setzte mich, mit dem Basch Nazyr neben mir, an die Spitze des Zuges und
winkte Halef, sich uns beizugesellen. Das liebe Kerlchen war infolge der
Zurechtweisung, die er von dem Perser, von mir und auch von Hanneh bekommen
hatte, kleinlaut geworden und machte Miene, bei dem Tachtirwahn zu bleiben. Ich
wute, da ihm diese Zurckhaltung auerordentlich schwer wurde, und
rehabilitierte ihn also dadurch, da ich ihm durch den Wink die Stelle anwies,
an welche er als Scheik und als mein Freund gehrte. Seine Unvorsichtigkeit war
nicht gutzuheien; aber sie blieb ja ohne die befrchteten Folgen, und er hatte
seine unbedachten Aeuerungen nur aus Liebe zu mir gethan. Hinter uns ritten die
Haddedihn, denen die Soldaten mit ihrem Khabir folgten. Selbstverstndlich
trieben wir die Kamele dabei zur Eile an. Wahrscheinlich wartete Khutab Agha, um
sofort bestimmte Mitteilungen von uns zu hren; aber da ein Zusammenhandeln
zwischen ihm und uns zu erwarten war, so kam es mir vor allen Dingen darauf an,
zu erfahren, welche darauf bezglichen Eigenschaften und Ansichten er besa;
darum sprach ich zunchst die Erkundigung aus:
    Hast du bei deinem Aufbruche von Meschhed Ali an die Gefahren gedacht,
welche von einem solchen Ritte unzertrennlich sind?
    Ja, aber ich frchte sie nicht, antwortete er. Ich bin, bevor ich Basch
Nazyr wurde, Offizier des Schah-in-Schah gewesen und befinde mich nicht zum
erstenmal in der Wste. Auch ist unser Khabir ein ausgezeichneter Fhrer, auf
den ich mich verlassen kann.
    Da du dich nicht vor der Wste frchtest, habe ich als selbstverstndlich
angenommen, denn scheutest du dich vor ihr, so httest du diesen Weg nicht
selbst gemacht, sondern einen Anderen damit beauftragt. Und da euer Khabir ein
tchtiger Mann ist, unterliegt auch keinem Zweifel, denn wenn er das nicht wre,
htte er es nicht gewagt, von der Karawanenstrae abzuweichen.
    Er kennt die Brunnen, welche auerhalb dieses Weges liegen und von den
Beduinen heimlich gehalten werden. So wei er zum Beispiel ganz genau, da wir
heut an den Bir Hilu kommen werden, wo es gutes, nicht salziges oder bitteres
Wasser giebt.
    Dahin wollen wir auch, und dort werden wir hchst wahrscheinlich die Diebe
treffen.
    Wirklich? fragte er rasch und in frohem Tone.
    Ja.
    Welche Freude fr mich! Ich will dir gestehen, da ich es schon fast
aufgegeben hatte, ihre Spur wiederzufinden und sie noch in der Wste einzuholen,
was doch unbedingt ntig ist, wie ich wohl nicht erst zu sagen brauche.
    Ja, unterwegs haben sie die gestohlenen Sachen noch bei sich und knnen
also berfhrt werden; auch zhlen sie da nicht mehr, als gleichviele andere
Leute zhlen wrden. Spter aber, in Mekka, werden sie ihren Raub schleunigst
verstecken, und auerdem wrde eine Anklage gegen sie auch deshalb fast
unmglich sein, weil ihr Anfhrer ein Schtzling des Groscherifs zu sein
scheint, was dort von groer Wichtigkeit ist, whrend es hier unterwegs nicht in
die Wagschale fllt. Das bringt mich aber wieder auf meine Frage zurck, mit
welcher ich nicht die Gefahren der Wste an sich gemeint habe.
    Welche sonst?
    Es giebt fr euch noch andere, viel grere, deren Ursache in dem Hasse
zwischen Schiiten und Sunniten liegt. Sobald du das an der Grenze befindliche
Meschhed Ali verlassen hast, befindest du dich nicht mehr auf schiitischem
Gebiete, und je weiter du dem Wege nach Mekka folgst, desto mehr nherst du dich
dem Mittelpunkte der Feindschaft, welche gegen euch gerichtet ist. Die Bewohner
Arabiens sind fanatische Sunniten, und dazu kommt, da besonders die Nomaden
unter ihnen jeden Zwang und jede Beeintrchtigung ihrer Freiheit mit
rcksichtsloser Energie von sich weisen. Ihr Widerwille richtet sich darum ganz
besonders gegen das Militr. Nun kommst du, der Schiit, mit zwanzig Soldaten in
die arabische Wste, in welcher jeder dir begegnende Beduine dich doppelt hat.
Ich bin berzeugt, da jede Nomadenschar, welche nicht weniger Mnner zhlt als
ihr und darum sich an euch wagen darf, sofort ber euch herfallen wird. Hast du
das bedacht, als du den jetzigen Ritt begannst?
    Ja, aber doch so, wie du meinst, eigentlich nicht. Ich glaubte, die Diebe
sehr bald zu erreichen.
    Bei einem Vorsprung von vier Tagen, den sie hatten?
    Den glaubte ich schnell verringern zu knnen, denn wir haben die besten
Kamele, welche zu haben waren. Sieh mein Hedschihn an, welches Maschurah86
heit! Dieser Name sagt zwar viel, aber doch noch nicht genug. Es stammt aus der
berhmten Zchterei von Tscharbagh, deren Leiter der Bruder meines Vaters ist;
er hat es mir geschenkt; verkuflich wre es nie. Du bist ein Kenner. Was sagst
du dazu? Es ist doppelt so schnell als eine Bischaristute und hat die
ausdauernde Lunge des Adlers. Sein Ahne stammt aus der afrikanischen
Bajudawste, und sein Grovater war der blaugraue Kamelhengst, welchen Mozaffar
ed Din, der Emir von Bokhara, in der Schlacht bei Irdschar am Syrdarja ritt. Die
beispiellose Schnelligkeit, mit welcher dieser Hengst seinen Herrn bei der
Verfolgung rettete, ist dann von Ben Scha'at, dem Dichter, mit Begeisterung
besungen worden.
    Ich habe noch nie so ein Hedschihn gesehen und es schon im Stillen
bewundert. Allah bewahre es! Aber was ntzt dir die Vortrefflichkeit der Stute,
wenn die Hudschuhn der Soldaten nicht ebenso schnell sind? Wenn du berechnet
httest, welche Zeit selbst bei der grten Eile und Ausdauer dazu gehrt, einen
Vorsprung von vier Tagen auszugleichen, so wre das Ergebnis gewesen, da die
Verfolgten Mekka doch noch eher erreicht htten als du. Glcklicherweise aber
ist ihnen das Wasser ausgegangen; sie blieben, halb verschmachtet, mehrere Tage
liegen und wren zu Grunde gegangen, wenn wir sie nicht angetroffen htten.
    Yah 'Ali! Ihr habt sie nicht blo gesehen, sondern sogar mit ihnen
gesprochen?
    Noch mehr als das: Wir haben eine Nacht bei ihnen gelagert.
    Sogar gelagert? Effendi, das mut du mir erzhlen, gleich, sofort!
    Erst noch eine Frage! Wer ist dieser Abgesandte des Groscherifs
eigentlich?
    Hat er es dir nicht gesagt?
    Ich will es aus deinem Munde hren.
    Er soll reich, sehr reich sein und wird darum El Ghani genannt. Auch ist er
als Scheich el Harah der Gebieter eines Stadtteiles von Mekka. Er gehrt der
berhmten Familie Qatadah an, ist ein Nachkomme Muhammed Abu Numehjj's und heit
Abadilah el Waraka, hrt aber diesen Beinamen El Waraka87 nicht gern.
    Warum nicht?
    Weil ihm der Name leicht einmal gefhrlich werden kann.
    Ah! Also darum schwieg er davon! Er nannte sich nur El Ghani.
    Und den eigentlichen Namen verschwieg er?
    Ja. Worin liegt die Gefhrlichkeit des Beinamens El Waraka?
    Um das zu verstehen mtest du das Leben des jetzigen Groscherifs und
seinen langen, erbitterten Streit mit Othman Pascha, dem Abgesandten des
Sultans, kennen.
    Ich kenne beides. Der Pascha sollte und wollte Ordnung in die Verwaltung
bringen, den Krankheiten, besonders der Pest und der Cholera steuern und vor
allen Dingen Sicherheit der Karawanenwege schaffen. Der Groscherif glaubte sich
dadurch in seinen Rechten verletzt und weigerte sich, den Pascha anzuerkennen.
Es begann zwischen beiden ein erbitterter Kampf, der von seiten des Groscherifs
mit allen mglichen, selbst den verwerflichsten Mitteln gefhrt wurde. So war
zum Beispiel einmal an der Moschee zu lesen, da der Pascha von Allah verflucht
sei, und da jeder, der ihn durch Mord aus der Welt schaffe, ohne Abrechnung,
also ohne da ihm seine Snden angerechnet wrden, Eintritt in die Seligkeit des
Paradieses finden werde.
    Das, das ist es, was ich meine, fiel der Perser schnell ein. Diesen
Zettel soll El Ghani im Auftrage des Scherifs geschrieben und angeklebt haben;
alle Welt wei das und sagt das und nennt ihn darum Abadilah el Waraka, den
Abadilah mit dem Zettel. Er will das nicht dulden, denn wenn ein Beamter des
Sultans auf den Gedanken kommt, den Ursprung dieses Namens zu verfolgen, so kann
es dem Trger desselben die Freiheit, das Vermgen und auch noch mehr kosten.
Und nun bitte ich dich, mir zu erzhlen, wie sich euer Zusammentreffen mit ihm
zugetragen hat!
    Bei dieser Aufforderung lenkte Halef durch ein sehr demonstratives Hsteln
meine Augen auf sich und sah mich bittend, ja fast flehend an. Erzhlt sollte
werden, erzhlt! Das wurde von mir verlangt und nicht von ihm! Wer da wei, da
das Erzhlen beinahe eine Leidenschaft von ihm war, der kann sich denken, was
mir sein Blick sagen sollte. Er war vollstndig berzeugt, da nur er allein das
Geschick besitze, eine Begebenheit in der richtigen Weise zu schildern. Selbst
mich, dem er doch in jeder andern Weise mehr zutraute als allen andern Menschen,
hielt er nicht fr befhigt genug, irgend etwas so zu erzhlen, wie es sich
seiner Ansicht nach gehrte. Und nun gar ein Ereignis, wie dasjenige war, um
welches es sich jetzt handelte! Eine Auferstehung von den Toten! Eine Beraubung
des schiitischen Heiligtums durch einen sunnitischen Abgesandten des
Groscherifs, der dessen Liebling war! Und wer sollte die Erzhlung hren? Ein
Mann, der eines der hchsten schiitischen Aemter bekleidete und sogar der Freund
unsers Freundes Mirza Dschafar war! Waren das nicht mehr als genug Grnde, da
diesen Bericht ein dazu vollstndig befhigter Mann zu bernehmen hatte? Und wer
war so ein Mann? Nur Hadschi Halef Omar allein, der oberste Scheik der Haddedihn
vom groen Stamme der Schammar! Von jedem andern, auch von mir, war es gewi,
da er die kostbare Erzhlung vollstndig verderben werde! Zudem war er vorhin
ausgescholten worden und durfte von mir erwarten, da ich sein Ansehen
wiederherstellen werde, was am leichtesten und besten dadurch geschehen konnte,
da ich ihm Gelegenheit gab, das Licht seiner Beredsamkeit leuchten zu lassen.
Dieser letztere Grund bewog mich, ihm einen gewhrenden Wink zu geben. Er begann
denn auch sofort und in frohem Tone seine Rede:
    In welcher Weise sich unsere Begegnung mit ihnen zugetragen hat, willst du
wissen? Ich werde dir es genau so berichten, wie es sich ereignet hat, und bin
berzeugt, da du meiner Rede mit andchtiger Bewunderung folgen wirst. Allah
schenkte jedem Menschen einen Mund und eine Zunge; nicht allen aber ist die
kstliche Gabe verliehen, aus diesem Munde mit Hilfe dieser Zunge die
vergangenen, gegenwrtigen und zuknftigen Ereignisse der Welt-und aller anderen
Geschichten in so schner und so vollstndiger, ungestrter Ordnung hervorlaufen
zu lassen, wie die Gesetze der Kunst und die Regeln der wohlklingenden
Sprachfertigkeit es verlangen. Ich fordere dich also auf, ergebenst zuzuhren
und mich nicht zu unterbrechen!
    Ich mu gestehen, da wir jetzt allerdings ein Meisterstck zu hren
bekamen, freilich ein Meisterstck nach Halefs Art. Er verstand es, das
Unbewegliche beweglich und das Tote lebendig zu machen; alles bekam durch ihn
Gestalt, Farbe und Inhalt; er wute selbst das Einfachste, und wenn es nur das
Sandkorn der Wste war, in einer Weise zu beschreiben, die ihm Interesse
verlieh. Natrlich wurde der Sperling zum Albatro und der Tropfen zur
Ueberschwemmung umgewandelt. Aus Hanneh machte er eine Gttin, aus mir
wenigstens einen Halbgott, aber aus sich eines jener unbegreiflichen,
paradiesischen Wesen, wie sie, alle Mchte, Krfte und Gesetze beherrschend, in
der Poesie des Morgenlandes leben und Wunder ber Wunder thun. Es wurde mir
himmelangst, wie der Perser diese Schilderung aufnehmen werde. Glcklicherweise
war er Orientale, verstand es also, das wirklich Wahre herauszufhlen, und hrte
dem, was der Phantasie entsprang, mit jener stillen, in den Augen strahlenden
Begeisterung zu, welche im Abendlande nur dem glubigen Kinde beim
Mrchenerzhlen eigen ist.
    Als Halef geendet hatte, sah er ihn mit einem zur Aeuerung fordernden
Blicke an, und als der Agha trotzdem schwieg, weil er sich nicht so schnell wie
der Erzhler in die Wirklichkeit zurckfinden konnte, fragte dieser:
    Nun, was sagst du dazu? Hast du schon jemals solche Thaten vernommen und
schon jemals in der wohlgesetzten Rede eines Hakawati88 so herrliche Poesie
gehrt? Begreifst du diese Kijahma, diese Auferstehung eines Toten, der noch gar
nicht gestorben war, und wieder zur Erde zurckgekehrt ist, obgleich er sie noch
gar nicht ganz verlassen hatte?
    Ja, du bist ein sehr guter, ein ausgezeichneter Erzhler, wie ich noch
selten einen gehrt habe, antwortete der Gefragte allen Ernstes. Man knnte
dir den ganzen Tag zuhren, ohne nur einen Augenblick zu ermden.
    Das war ein Lob, welches ihm noch hher, viel hher stand, als wenn man sich
ber seine Klugheit, seinen Mut und seine Tapferkeit gewundert htte. Er wendete
sich im Sattel um und rief Hanneh, welche uns, von ihrem Sohne begleitet, in
einiger Entfernung, vor den Haddedihn, folgte, zu:
    Jetzt httest du hren sollen, was der Khutab Agha sagte, o Hanneh, du
schnste Blume auf allen Beeten der beseligenden Weiblichkeit! Er meint, ich sei
ein unvergleichlicher Erzhler, dem man von heut an bis zum jngsten Tage
zuhren knne, ohne sich nur ein einziges Mal nach den Freuden des Paradieses zu
sehnen! So wird also der Getadelte gelobt, der Erniedrigte erhht und das Genie
endlich in seiner ganzen Erhabenheit und Gre anerkannt! O Hanneh, mein
geliebtes Weib, o Kara Ben Halef, mein gehorsamer Sohn, eifert eurem Gatten und
Vater immer nach, dann werdet ihr vielleicht denselben Ruhm erwerben und einst
nur scheinbar sterben, sonst aber ganz wohlbehalten auf die Nachwelt kommen.
Allah, der Behter und Bewahrer, gebe es!
    Du fragtest mich, fuhr zu ihm der Perser in seinem Gedankengange fort, ob
ich diese Kijahma begreifen knne. Diese Mekkaner sind fast zwei Monate lang bei
uns in Meschhed Ali gewesen, und wenn es da auch nicht vorgekommen ist, da El
Mnedschi in das Grab gelegt wurde, so haben wir ihn doch oft stundenlang starr,
wie eine Leiche gesehen, bis seine Seele wieder zu ihm kam. Auch ist er oft im
Schlafe gewandelt, ohne zu wissen, was er that und wo er sich befand.
    Durfte man da auf ihn einsprechen? erkundigte ich mich.
    Wir haben es gethan.
    Wachte er davon auf?
    Nein. Er gab Antworten, die wir oft gar nicht, oft nur halb und selten ganz
verstanden, und wenn dann seine Seele zurckkehrte, kam er zum Bewutsein, doch
nur fr einen Augenblick, denn er legte sich dann um und schlief ein, als ob die
Abwesenheit seiner Seele ihn angestrengt habe und er sich davon erholen msse.
    Geschah das ohne Aufsicht?
    Nein, denn El Ghani war stets dabei und bewachte ihn. Er zeigte ihn den
Leuten und erlaubte, da sie Fragen an ihn richteten, die der Mnedschi
beantwortete. Die Antworten klangen oft so wunderbar, als ob sie aus einer
andern Welt, nicht von der Erde kmen, und dann wieder waren sie so
leichtverstndlich, da jedes Kind gleich wute, was er meinte. Er wurde
besonders nach Mitteln gegen Krankheiten gefragt und nach allerlei heimlichen
Dingen, die man durch ihn entdecken wollte. El Ghani lie sich dafr mit Silber
und sogar mit Gold bezahlen und hat von den vielen Pilgern, welche die heiligen
Sttten der Schiiten ja zu Tausenden besuchen und seine Wohnung ohne Aufhren
belagerten, so viel Geld eingenommen, da er es nicht nach Mekka schaffen
konnte, sondern es bei einem Sarraf89 gegen einen Schein umtauschte.
    Ah, er lie den Blinden also fr Geld sehen?
    Ja.
    So ntzt er ihn also als immerwhrend flieende und reiche Einnahmequelle
aus! Nun ist mir seine sogenannte Mildthtigkeit gegen den Mnedschi ja ganz
klar. Ich traute ihr gleich anfangs nicht! Er wird das in Mekka ebenso und mit
noch grerem Erfolge machen, ohne da der Kranke es ahnt. Er behlt ihn bei
sich wie einen Gefangenen und ntzt ihn aus, so viel er kann. Nun wei ich auch,
warum er den alten, gebrechlichen Mann mit nach Meschhed Ali genommen hat; als
Dolmetscher, hat er ihm weisgemacht. Der eigentliche Grund war aber, da er auch
dort Geld mit ihm verdienen wollte, und weil er ihn doch nicht in Mekka lassen
konnte. Er htte ihn einstweilen andern Leuten anvertrauen mssen, durch welche
dem Blinden der eigentliche, wahre Grund der Wohlthtigkeit seines
vermeintlichen Beschtzers verraten worden wre. Um das zu verhten, mute er
ihn bei sich behalten und ihn also mitnehmen. Also du meinst, da dieser
bedauernswerte alte Mann von dem in Meschhed Ali verbten Diebstahle nichts
wei?
    Er ist hchst wahrscheinlich unschuldig. Vielleicht erzhle ich dir noch,
wie alles zugegangen ist, denn vor Kara Ben Nemsi brauche ich, obgleich er
Christ ist, die Geheimnisse des Heiligtumes nicht so streng verschlossen zu
halten wie vor andern Laien, und dann wirst du auch dieser meiner Meinung sein.
Ich glaube sogar, der Alte wrde uns gewarnt haben, wenn er gewut htte, da
wir bestohlen werden sollen. Ich wei nicht, wie du als Christ seinen Zustand
erklrst, wahrscheinlich als Krankheit, denn du hast ihn den Kranken genannt;
ich als Moslem aber bin berzeugt, da er von Geistern besessen ist, und zwar
von guten, nicht von bsen, denn alles, was er sagt und was er thut, ist fromm
und gut. Es freut mich, da er sich nicht mehr bei El Ghani, sondern bei euch
befindet; da ist er in sicherer Hut, und wenn ich den Liebling des Groscherifs
einholen werde, kann ich mit ihm so streng verfahren, wie es mir beliebt, ohne
auf den alten, unschuldigen Mnedschi Rcksicht nehmen zu mssen!
    Was wirst du mit ihnen thun, wenn es dir gelingt, sie festzunehmen?
    Ich werde sie nach Meschhed Ali schaffen.
    Und wenn sie sich wehren?
    So schiee ich sie nieder. Das ist dir wohl zu streng?
    Ich bin hier weder Anklger noch Richter noch sonst irgendwie beteiligt und
kann also keine Meinung haben. Giebt es vielleicht noch eine Frage, welche wir
dir beantworten knnten?
    Nein. Wenn ich noch einen Wunsch finde, so werde ich ihn spter
aussprechen.
    Wann?
    Heut abend.
    Wo?
    Am Bir Hilu, wo wir doch wieder zusammentreffen.
    So willst du dich vorher von uns trennen?
    Natrlich, und zwar sogleich, denn ihr reitet mir zu langsam. Oder willst
du deiner Karawane vorausreiten und mich begleiten? Ich brauche dir wohl nicht
erst zu versichern, Effendi, da mir das auerordentlich lieb sein wrde.
    Erlaube, da ich bei den Haddedihn bleibe! Ich gehre jetzt zu ihnen; auch
ist es stets mein Grundsatz gewesen, mich nicht in Dinge zu mischen, die mir
fern liegen. Da das Heiligtum von Meschhed Ali bestohlen worden ist, geht mich
nichts an, und mit dem Ghani habe ich einstweilen auch nichts mehr zu thun; es
ist also gar kein Grund vorhanden, mich an der Jagd nach den Dieben zu
beteiligen.
    Auch nicht aus Rcksicht fr mich?
    Auch nicht. Diese Rcksicht verbietet mir im Gegenteile, dich zu
begleiten.
    Wieso?
    Durch meine Beteiligung wrde ich, zwar nicht in Worten, aber durch die
That, der Ansicht Ausdruck geben, als ob du nur mit meiner Hilfe im stande
seist, die Aufgabe, welche du dir gestellt hast, zu erfllen, whrend ich doch
der festen Ueberzeugung bin, da du ganz der Mann bist, das auszufhren, was du
dir vorgenommen hast. Habe ich recht?
    Ich sah ihm an, da er zufrieden mit dieser meiner Aeuerung war und sich
geschmeichelt fhlte. Er antwortete:
    
    Ja, du hast recht, Effendi, ich bitte dich also, zurckzubleiben. Aber
heute abend werden wir euch ganz bestimmt am Brunnen Hilu wiedersehen?
    Ja. Ich bin, wie gesagt, berzeugt, da wir die Diebe als deine Gefangenen
finden werden.
    Ganz gewi, falls wir sie berhaupt noch dort treffen.
    Sie werden nirgends anders sein, denn sie mssen wegen des Wassers hin. Und
sie werden auch dort bleiben, weil sie zu schwach und angegriffen sind, um von
dort aus noch weiter zu reiten. Es ist viel eher mglich, da ihr sie noch vor
dem Bir Hilu einholt, als da ihr gezwungen seid, ihnen von dort aus noch weiter
nachzureiten. Das Eine nur gestatte ich mir, dir zu sagen: Sei ja dafr besorgt,
da sie nicht fliehen, wenn sie euch von weitem kommen sehen und dich etwa
erkennen!
    Das denke ja nicht! Wir werden wie ein Wetter ber ihnen sein. Nun Allah
mich durch euch den richtigen Weg hat finden lassen, werde ich nicht so sorglos
sein, ihnen Gelegenheit zum Entkommen zu geben. Jetzt erlaube, da ich fr
einstweilen Abschied von euch nehme. Den Dank, den ich euch schuldig bin, werde
ich euch spter sagen!
    Er rief seinen Fhrer und die Soldaten herbei und eilte mit ihnen fort. Wir
sahen sie noch einige Zeit vor uns auf den Hgelhhen und in den Tiefen auf- und
niedertauchen, bis sie sich so weit entfernt hatten, da wir sie nicht mehr
erkennen konnten. Da sagte Hadschi Halef zu mir:
    Sihdi, wre es nicht besser gewesen, du httest seinen Wunsch, mit ihm zu
reiten, erfllt?
    Warum?
    Du wrest gewi nicht allein mit ihm gegangen, sondern httest mich
mitgenommen. Und dann wre es fr uns doch eine wahre Wonne gewesen, mit
dabeisein zu knnen, wenn diesen ebenso stolzen wie dummen, ruberischen
Mekkanern der Hochmut ausgetrieben wird!
    Httest du deine Hanneh wirklich verlassen, Halef?
    Warum nicht? Es htte sich doch nur um wenige Stunden gehandelt, und sie
steht unter dem Schutze meines Sohnes und von fnfzig tapfern Kriegern.
    Wenn du diese wenigen Stunden noch wartest, ist es dann noch immer Zeit
genug, dich an dem Anblicke der mekkanischen Demut zu laben. Und wenn ich meine
Emmeh hier in der arabischen Wste bei mir htte, wrde die Gegenwart von
hundert Kriegern mir nicht den Vorwand geben knnen, sie nur auf eine Stunde zu
verlassen. Unsere gemeinschaftlichen Erlebnisse mssen dich ja genugsam belehrt
haben, da die Gefahr meist pltzlich und ganz unerwartet kommt und oft grer
ist, als man es fr mglich gehalten hat. Nein, wir bleiben bei deiner Hanneh.
Mit El Ghani kommen wir noch zeitig genug zu sprechen!
    Damit war sein Wunsch beiseite gebracht. Selbstverstndlich lieferte uns nun
das Zusammentreffen mit dem Perser ein hochinteressantes Gesprchsthema, welches
Halef mit Hanneh und seinem Sohne auf das Eingehendste behandelte, wobei er sehr
bestrebt war, zu verhten, da der von ihm gemachte Fehler berhrt wurde. Dieses
Vorhaben gelang ihm auch vollstndig.
    Die Mittagszeit war vorber, und die Sonne hatte den Scheitelpunkt ihres
Tagesbogens hinter sich. Die Hitze hatte ihren hchsten Grad erreicht, und so
machten wir Halt, um die Kamele nicht zu sehr anzustrengen, sondern ihnen eine
kurze Rast zu gnnen.
    Der Mnedschi erwachte, als wir ihn aus dem Sattel hoben, nicht aus seinem
schlafhnlichen Zustande, fiel aber sonderbarerweise nicht um, als wir ihn auf
die dazu ausgebreitete Decke setzten. Es schien also trotz seiner
Geistesabwesenheit eine Art seelisches Prinzip vorhanden zu sein, durch welches
die Bewegung seines Krpers beeinflut wurde. Whrend er im brigen vollstndig
regungslos wie eine aus Holz geschnitzte Figur da sa, ahmten seine Lippen von
Zeit zu Zeit, als habe er einen Tschibuk im Munde, das Tabakrauchen nach. Das
sah trotz seiner Erwrdigkeit fast lcherlich aus, doch war die Teilnahme fr
ihn eine so ernstliche, da sich auf keinem Gesichte ein Lcheln zeigte.
    Da breitete er pltzlich die Arme nach beiden Seiten aus, als ob er sich
rechts und links festhalten wolle. Ich griff schnell zu und sttzte ihn, sonst
wre er umgefallen. Er that einen tiefen, tiefen Atemzug, bewegte den Kopf, als
ob er sich im Kreise umsehen wolle, und fragte dann:
    Wo sind wir jetzt?
    Vier Reitstunden im Norden des Bir Hilu, antwortete ich.
    Wer seid ihr? Meine Gefhrten seid ihr nicht.
    Wir sind die Haddedihn, welche dich heut frh aus dem Grabe genommen
haben.
    Da richtete er, dem Klange meiner Stimme folgend, die weit geffneten,
strahlenden Augen auf mich und sagte:
    Ja, ich besinne mich. Ich bin nicht mehr bei El Ghani, sondern bei euch,
und du bist der Gelehrte aus dem Wadi Draha; ich erkenne dich am Klange deiner
Rede. Ich war nicht hier bei euch, sondern an einem hohen, lichtherrlichen Orte
und habe deinen Schutzengel gesehen. Er heit Marrya90 und befahl mir, dich zu
gren. Seine Wohnung schmiegt sich an die Stufen von Allahs Thron; seine
Gestalt ist Schnheit, sein Gewand Weisheit, seine Stimme Sanftmut und sein
Blick Liebe, Liebe, nichts als Liebe. Ich sah seine Hnde ausgebreitet ber dir,
und Glaube, Zuversicht und Gottestreue flo von ihnen auf dich hernieder. Ich
sah dich selbst in zwei verschiedenen Gestalten, welche gegen einander kmpften;
die eine war dunkel, wie der Schatten der Nacht, welcher sich gegen die
Morgenrte emprt, die andere hell und rein, wie das sanfte Licht, welches um
christliche Altre leuchtet. Die dunkle bestand aus deinen Fehlern, die du noch
nicht berwunden hast, die lichte aus den Gedanken und Gefhlen, welche du der
Vervollkommnung und dem Himmel weihst. Die finstere war stark, gewandt und
listig, die helle aber mchtiger als sie, gewappnet mit dem Schilde der
gttlichen Gnade und mit dem Schwerte der Willensfestigkeit. Und indem ich sie
miteinander ringen sah, hrte ich die Stimme deines Engels: Bange nicht fr ihn,
denn er wird siegen und immer reiner werden, bis das Dunkel sich ganz in Licht
verwandelt hat. Er kann nicht unterliegen, denn er wei, ich schtze ihn! Um dir
diese Worte des Herrlichen zu sagen, kehrte ich zu dir zurck; ich besinne
mich!
    Er hatte in einem Tone gesprochen, als ob derartige befremdende Mitteilungen
fr ihn gar nichts Besonderes seien. Es hatte zwar nicht handwerksmig wie zum
Beispiel bei einer Kartenlegerin geklungen, aber doch gewohnheitsartig und dabei
unbefangen und berzeugt. Ich schwieg, denn ich wute wirklich nicht, was ich
darauf sagen sollte. Er schien aber auch gar keine Antwort zu erwarten, denn
seine soeben an einem hohen, lichtherrlichen Orte gewesenen Gedanken
beschftigten sich sofort mit etwas sehr Materiellem:
    Gebt mir Tabak! bat er, indem er seine Pfeife aus der Tasche nahm.
    Wir erfllten ihm diesen Wunsch, und er begann, mit demselben fast gierigen
Eifer zu rauchen, den ich schon an ihm beobachtet hatte. Infolge unsers
Gesprches mit dem Perser drngten sich mir einige Fragen auf, welche ich dem
Blinden vorzulegen hatte. Ich wartete, bis sein starkes Qualmen und der dabei
hochbefriedigte Ausdruck seines Gesichtes mir bewiesen, da seine Seele jetzt
ganz bei ihm sei, und erkundigte mich dann:
    Sagtest du mir nicht, da El Ghani dich des Persischen wegen als
Dolmetscher mit nach Meschhed Ali genommen habe?
    Ja, das sagte ich, und es ist auch so, antwortete er.
    So hast du ihn dort auf allen seinen Wegen und Ausgngen begleiten mssen?
    Nein, denn ich bin ja blind. Wenn er ausging, fand er ja berall Leute, mit
denen er sprechen konnte, weil sie arabisch oder trkisch verstanden.
    So wre es fr ihn eigentlich gar nicht ntig gewesen, dich mitzunehmen!
    O doch! Denn wenn er daheim war, bekam er oft Besucher, welche persisch
sprachen; dann brauchte er mich.
    Du bekamst aber auch wohl Besuche, wenn er ausgegangen war?
    Nein, denn er schlo mich ein, und er that sehr recht daran, denn ein
blinder Mann ist an einem fremden Orte, gar wie Meschhed Ali, wo ganze Scharen
von Pilgern verkehren, unter denen sich auch bse Menschen befinden, vielen
Gefahren ausgesetzt.
    In Mekka verkehren noch mehr Pilger als in der Stadt der Schiiten; also
wirst du wohl dort auch eingeschlossen?
    Ja, stets.
    Ist dir das nicht langweilig?
    Nein, denn es besuchen mich viele, viele Leute, und ich gehe auch zuweilen
mit El Ghani, meinem Wohlthter, aus.
    Diese vielen Leute besuchen dich jedenfalls wegen deiner Gelehrsamkeit?
    Sie kommen meist, um wichtige religise Fragen auszusprechen, welche ich
ihnen beantworten soll. Ich wei aber dann spter nur ganz selten, was ich
gesagt habe, denn ich verliere das Bewutsein und komme gewhnlich erst wieder
zu mir, wenn sie fortgegangen sind.
    Was whrend deiner Bewutlosigkeit geschieht, das weit du nicht?
    Ich sehe in alle Zeiten, die vergangene, gegenwrtige und zuknftige. Ich
sehe Orte, welche der Erde angehren, und Orte, welche nicht auf ihr liegen. Nur
alles, was mich selbst betrifft, was sich auf meine Person bezieht, das sehe ich
nicht.
    Hchst sonderbar, da dir grad das verborgen bleibt, was dich am meisten
interessieren mu!
    Ich bin zufrieden, denn Ben Nur, der mir diese Zeiten und diese Orte zeigt,
will es nicht anders.
    Erfhrt El Ghani alles, was du da zu sehen und zu hren bekommst?
    Ich sage ihm vieles davon, aber er glaubt es nicht. Er lchelt nur immer,
wenn ich ihm sage, da ich im Lande der Abgeschiedenen gewesen sei; du aber
wrdest es mir glauben!
    Irre dich nicht! Auch der Muhammedaner hlt die Bibel fr ein heiliges
Buch, denn Muhammed hat aus demselben geschpft und erklrt die Propheten der
Bibel fr wirkliche Propheten. Und dieses heilige Buch verbietet, da man die
Toten frage!
    Wenn ich nicht auf der Erde bin, so sind es nicht die Toten, sondern die
Lebenden, bei denen ich mich befinde, und wenn ich rede, so spreche ich nur mit
Ben Nur, der kein Verstorbener ist. Niemand braucht sich zu scheuen, das zu
hren, was meine Seele hrt. Wenn ich dir sage, was ich sehe, so brauchst du
auch dein Weib, dein Kind nicht fortzuweisen, denn es sind gute, reine lautere
Himmelstimmen, die sich meiner Lippen bedienen. Ich bin nicht Stern-, Traum-
oder Zeichendeuter, sondern seit ich hilflos geworden bin durch die Blindheit
meiner Augen, gehre ich zu den Armen und Unmndigen, denen offenbar wird, was
den Reichen und Klugen verborgen ist. Ich bin weder ein Geisterseher noch ein
Prophet, kein Lgner und auch kein Phantast; ich bin weiter nichts als ein in
der Wste verlorenes Schaf, welches seinen Hirten sucht. Wenn mich da die
Aufmerksamkeit meiner Sehnsucht die Stimmen der Wste hren lt, die sonst
niemand hrt, und wenn mein Durst aus weiter Ferne die Feuchtigkeit des Wassers
sprt, welche die Glcklichen nicht empfinden, die bei dem Hirten an der Quelle
liegen, so mgen wohl sie von Selbstbetrug und Tuschung sprechen, ich aber
lasse mir diese Stimmen und diesen feuchten Hauch als Fhrer aus der
Verlassenheit zum Brunnen dienen. Ich wollte gegen dich schweigen, denn du warst
mir fremd; aber nun ich dich im Kampfe, den ich dir beschrieb, gesehen habe, ist
es mir, als mtest grad du, der mich aus dem Grabe geholt hat, alles wissen,
was ich jenseits desselben liegen sehe. Frchte dich nicht! Es entspringt daraus
kein Schaden fr deine Seele und fr deinen Glauben, sondern es wird dir dadurch
die herrliche Erkenntnis gegeben, da die Liebe der Ursprung alles Bestehenden
ist und da nur sie allein den Weg zum irdischen Glcke und zum Paradiese
zeigt!
    Hast auch du die Liebe? fragte ich ihn, als er jetzt schwieg, fast genau
so, wie ich ihn heut frh nach der Erklrung des Alispruches gefragt hatte.
    Ich habe sie und finde sie doch nicht, antwortete er. Kannst du das
begreifen?
    Ja.
    Indem du dieses Ja aussprichst, denkst du an die Gegenliebe; sie ist es
aber nicht, die ich meine, und doch meine ich auch sie. Du wirst mich freilich
nicht verstehen!
    Ich verstehe dich. Es giebt nicht Liebe und Gegenliebe, also Liebe hin und
Liebe her. Die Liebe ist eins, ist unteilbar.
    Das ist richtig, o wie so richtig! Die Liebe ist eine Gotteskraft, ist die
Gotteskraft; sie kann nicht wie mit dem Messer zerschnitten werden, so da jeder
einzelne Mensch einen fr ihn bestimmten Teil bekommt, der nun keine andere als
nur seine Liebe ist. Zu sagen, ich liebe meine Mutter, ich liebe mein Kind, ist
falsch, denn die Liebe, die wahre Liebe lt sich nicht begrenzen, nicht auf
Personen beschrnken; Liebe ist Leben, und Leben ist Liebe. Wie du sagst, ich
lebe, so mut du auch sagen, ich liebe. Und wie es unrichtig sein wrde, zu
sagen, ich lebe meinem Freund, so ist es auch nicht richtig, zu sagen, ich liebe
meinen Freund. Die wahre Liebe kennt nicht ihr Gegenteil, kennt nicht den Ha;
sie umfngt alle Wesen; sie kann kein einziges ausschlieen, und wer diese
wirkliche, diese Gottesliebe besitzt, von dem kann also nicht gesagt werden, da
er seinen Bruder, seine Schwester, da er einen einzelnen Menschen liebe. Du
lebst. Kannst du dieses dein Leben zerteilen? Du liebst. Kannst du diese deine
Liebe zerlegen? Wenn du einen Menschen liebst, weil er dir nahe steht, und den
andern, fernen nicht, so denke ja nicht, da dies Liebe sei. Die Liebe kennt
kein Weil und kein Warum, kennt berhaupt keinen Grund als nur sich selbst. Nun
wundere dich nicht, wenn ich dir deine Frage zurckgebe: Hast du die Liebe? Hast
du diese wirkliche, diese richtige Liebe?
    Er richtete die toten und doch so hellen Augen auf mich. Es sollte der
Ausdruck der Frage in ihnen liegen, aber der Blick war leer und inhaltslos wie
die Herzen der Millionen, welche so viel von Liebe sprechen, ohne sie zu
besitzen. Seine Frage, obwohl es genau dieselbe war, mute mich, den Christen,
ganz anders treffen, als die meinige ihn, den Muhammedaner, hatte treffen
knnen. Da er mich fr einen Anhnger des Islam halten sollte, durfte ich nicht
von der Liebe sprechen, welche Christus lehrt; da ich aber doch etwas sagen
mute, weil aller Augen jetzt auf mich gerichtet waren, so antwortete ich:
    Ich befleiige mich, keine Ausnahme darin zu machen, da ich alle Menschen
mit meinem Herzen umfange. Ich thue das Gute und verabscheue das Schlechte, aber
ich hasse nicht die Person dessen, welcher schlecht handelt. Es ist mein
eifrigstes Bestreben, ein Kind Allahs zu sein, und ich hege den aufrichtigen
Wunsch, in diesem Sinne alle Menschen als meine Brder und Schwestern behandeln
zu drfen. Hoffentlich ist das die Liebe, welche du meinst!
    Nein, sie ist es nicht. Du sprichst vom Bestreben, vom Befleiigen, vom
Wnschen, hast also das noch nicht, was du erstrebst und wnschest. Die wahre
Liebe hofft nicht und wnscht nicht, denn sie ist ja an sich schon die
Erfllung, die ausgefhrte, volle That. Sie ist die einzige Macht, die einzige
Kraft im Himmel und auf Erden. Nenne mir die Namen aller scheinbar andern
Krfte, sie sind doch nichts als nur verschiedene Erscheinungs- oder
Wirkungsformen von ihr. Die Liebe hrt nie auf. Sie hat keinen Anfang und kein
Ende, sowohl in rumlicher als auch in zeitlicher Beziehung; also kann es auer
ihr nichts anderes geben. Sie erfllt das Sonnenstubchen und den Weltenraum,
die kurze Sekunde des irdischen Zeitmaes und auch die ganze Ewigkeit. Sie lt
sich nicht einteilen in Eltern-, Kindes-, Gatten-, Freundes- und allgemeine
Menschenliebe. Wer sie so zerstckeln zu knnen meint, dem ist sie unbekannt.
Unser Erkennen und unser Weissagen ist solches Stckwerk, vor der Liebe aber,
die das Vollkommene ist, hrt jedes Stckwerk auf.
    Das war ja eine fast wrtliche Anfhrung aus dem herrlichen dreizehnten
Kapitel des ersten Korintherbriefes! Da er, der Moslem, die heilige Schrift
citierte, durfte ich nicht ohne Bemerkung vorbergehen lassen, sondern ich mute
ihn zwingen, sich zu ihr zu bekennen. Darum fragte ich schnell:
    Ist das deine eigene Ansicht oder steht es im Kuran geschrieben? Ich habe
es nicht da gefunden.
    Es ist eine Stelle aus dem heiligen Buche der Christen, antwortete er.
    So ziehst du also die hchste und schnste aller Lehren nicht aus dem Werke
Muhammeds, sondern aus dem Kitab el mukaddas?91
    Ja. Doch darf das fr dich kein Grund sein, an meiner Rechtglubigkeit zu
zweifeln, denn Muhammed hat selbst oft auch aus diesem Kitab geschpft, und wenn
ich das auch thue, so folge ich nur seinem Beispiele, welches er uns fr die
Erkenntnis der Vollkommenheit gegeben hat. Fr uns, die wir nicht so erleuchtet
sind, wie er es war, besitzt sein Kuran zahlreiche Lcken, welche nur mit den
Wahrheiten der Bibel auszufllen sind.
    So ist also die Vollkommenheit, von welcher du sprichst, nicht aus dem
Kuran, sondern aus der Bibel zu schpfen? Der Wert der letzteren ist folglich
grer?
    Das habe ich nicht gemeint und nicht behaupten wollen. Aus meinen Worten
geht nur hervor, da sie oft deutlicher, also leichter zu verstehen ist als die
Suren des Propheten. Ihm war ein anderer Weg vorgeschrieben als dem Stifter der
christlichen Religion, nmlich der Kampf, whrend Jesus der Prediger der Liebe
und des Friedens sein durfte. Da Jesus nicht gehrt wurde, mute ihm ein
Muhammed folgen. Christus fate den ganzen Inhalt seiner Lehre in das Gebot
zusammen du sollst Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen lieben und deinen
Nchsten wie dich selbst. Htte er Gehorsam gefunden, so wre das Reich des
Friedens angebrochen, dessen Verkndigung in den Worten lag den Frieden
hinterlasse ich euch; meinen Frieden gebe ich euch! Er, der Friedensfrst, wurde
an das Kreuz geschlagen, und wie dabei der Vorhang im Tempel mitten auseinander
ri, so war der Friedensbund zwischen Allah und der Menschheit zerrissen, und es
mute der Prophet kommen, dessen Religion bestimmt war, auf den Spitzen der
Schwerter getragen und verbreitet zu werden. Wer den Frieden nicht haben will,
der will den Kampf. Da die Menschheit die Lehren Christi verwarf und heut noch
verwirft, wird sie sich von der Streitbarkeit des Islam bekehren lassen mssen.
    Ist die Lehre Christi wirklich in der Weise abgewiesen worden, wie du
sagst? Ich denke, es giebt weit mehr Christen als Muhammedaner, so da auf
fnfzehn Moslemin wenigstens vierzig Christen zu rechnen sind.
    Wenn du die Kpfe zhlst, so hast du recht; Allah aber siehet das Herz an;
zhle also die Herzen, nicht die Kpfe! Dann wirst du erkennen, wie wenig wahre
Christen und wie viel, viel mehr glubige Anhnger des Islam es giebt. Ich kenne
dieses Namenchristentum leider nur zu gut. Ich habe es studiert und darunter
gelitten seit meiner Jugendzeit und - - -
    Er hielt pltzlich in seiner mit groem Eifer vorgetragenen Rede inne und
fuhr dann, sich verbessernd, langsam und mit mehr Ueberlegung fort:
    Ich wollte sagen: Ich habe es aus vielen, vielen Bchern studiert und bin
mit manchem sogenannten Christen zusammengetroffen, der grad und genau das
Gegenteil von dem war, was ein Anhnger der Messiaslehre sein soll. Ich habe da
so viel Trauriges erfahren und erlebt, da ich nur hchst ungern davon spreche.
Schweigen wir also ber diesen Gegenstand! Gebt mir lieber Tabak; die Pfeife ist
mir wieder ausgegangen!
    Als ihm dieser Wunsch erfllt worden war, gab er sich seinem
Lieblingsgenusse in einer Weise hin, welche, wenn ich die Absicht dazu gehabt
htte, es vollstndig ausschlo, das Gesprch mit ihm fortzusetzen. Er sah ein,
da er mehr gesagt hatte, als eigentlich seine Absicht gewesen war; hierin lag
der eigentliche Grund des pltzlichen Abbruches seiner Mitteilungen. Was mich
betraf, so war ich vollstndig zufrieden mit dem, was ich gehrt hatte. Ich
wute nun, warum er die heilige Schrift so gut kannte: Er war frher Christ
gewesen und dann Muhammedaner geworden. Weshalb? Diese Frage beschftigte mich
freilich, doch brauchte ich mir nicht den Kopf darber zu zerbrechen. Er hatte
von Namenchristen und von schlimmen Erfahrungen gesprochen, doch war es mir
unbegreiflich, da ein gebildeter Mann aus solchen Grnden zum Renegaten werden
kann. Zu der gebildeten Klasse zhlte er, denn einige seiner Aeuerungen lieen
darauf schlieen, da er studiert hatte.
    Als die Zeit unserer kurzen Rast vorber war, halfen wir ihm wieder in den
Sattel und ritten dann weiter. Halef gesellte sich mir, wie gewhnlich, zu und
teilte mir seine Ansichten ber den Blinden mit. Auch ihm war es aufgefallen,
da dieser von seinen traurigen Erfahrungen gesprochen und dabei doch erklrt
hatte, er habe das Namenchristentum aus vielen, vielen Bchern studiert.
    Weit du, Sihdi, sagte der Hadschi, das mit den vielen Bchern mag wohl
wahr sein, denn er ist wirklich ein Gelehrter; aber die Ansichten, welche er uns
mitteilte, schienen weniger aus diesen Schriften, als vielmehr aus seinem Leben
zu stammen. Ich mchte behaupten, da er sehr oft mit Christen zusammengetroffen
ist, welche sich nicht mit dem Herzen, sondern nur uerlich zu diesem Glauben
bekannten. Was meinst du dazu?
    Er ist ein Rtsel, dessen Lsung groes Interesse fr mich besitzt,
antwortete ich ausweichend. Eine Meinung kann ich erst dann haben, wenn ich mir
ber ihn klar geworden bin. Zunchst mssen wir uns mit der Thatsache begngen,
da er ein verlassener, unglcklicher Mann ist, dem wir unsern Beistand zu
widmen haben.
    Der soll ihm werden, Sihdi, und zwar von Herzen gern. Dieser vom Tode
Erstandene hat mein Mitleid, meine ganze Teilnahme in der Weise erweckt, da ich
bereit bin, fr ihn alles zu thun, was mir mglich ist. Als diejenigen, die ihm
das bereits verschwundene Leben wiedergegeben haben, sind wir verpflichtet, in
der Weise und so lange fr ihn sorgen, wie es in unseren Krften steht, und das
werden wir thun!- -
    Im Verlauf der nchsten Stunde wurde die Beschaffenheit der Wste eine
andere, als sie bisher gewesen war. Der unsere Tiere so ermdende Wechsel
zwischen Hhen und Tiefen wiederholte sich weniger hufig; die Hgelwellen
wurden nach und nach flacher, und die Thler hoben sich, bis sich beide in der
Weise ausgeglichen hatten, da das entstanden war, was man im gewhnlichen Sinne
unter Wste versteht, nmlich eine vollstndig ebene Sandflche, deren Horizont
einen ununterbrochenen Kreis bildet.
    Der Sand war zunchst tief und fein. Die Fe der Kamele und Pferde,
mahlten frmlich im Mehle. Spter wurde er seichter und grber; der Untergrund
war hart. Es traten von Zeit zu Zeit und dann immer mehr steinige Stellen
hervor, welche an Gre zunahmen und in ihrer schlielichen Vereinigung den Sand
verschwinden lieen. Wir befanden uns im Serir, der Wste des glatten Steines.
Der Boden war von den Winden kahlgefegt worden und zuweilen so glatt, da die
Kamele ausrutschten. Hier mute man sehr gut aufpassen, wenn die Spuren, denen
wir folgten, nicht verloren werden sollten. In dieser Art von Wste pflegen die
Temperaturunterschiede am grten zu sein, weil der am Tage in der Sonne fast
glhende Stein seine Wrme des Abends schneller ausstrahlt als der Sand und dann
erkaltet. Der Europer hat sich vor solchen Gegenden sehr zu hten, weil Fieber
und Erkltungskrankheiten die unausbleiblichen Folgen sind.
    Nach einiger Zeit nderte sich die Scene abermals. Der Steinboden wurde
uneben. Er schlug zunchst flache und dann hhere Wellen, deren Zwischenrume,
je weiter wir kamen und je tiefer sie waren, sich um so mehr mit Sand gefllt
zeigten, den der Wind hineingeweht hatte. Die wie glatt polierten Erhhungen
verwandelten sich in scharfgeschnittene Hgel, welche in dem weiten, ebenen
Serir als einzelne, inselartige Gruppen aufragten und sich dem Blicke in die
Ferne hindernd entgegenstellten. Ein solches Terrain ist fr Leute, welche eine
Begegnung zu scheuen haben, natrlich gefhrlicher als die offene Wste, welche
Umschau nach allen Richtungen gewhrt. Da mu auch derjenige, der keinen Feind
zu haben glaubt, vorsichtig sein, weil grad die arabische Wste eine Sttte nie
aufhrender, blutiger Befehdungen ist.
    Uebrigens teilte uns der Ben Harb, unser Fhrer, mit, da der Bir Hilu an
den grten und zerklftetsten der hier umhergestreuten Felseninseln liege, und
zwar in der Entfernung von vielleicht einer halben Reitstunde von uns.
    Da mssen wir sofort unsere Richtung ndern! sagte Halef.
    Warum? fragte ich, obwohl ich wute, was er meinte. Welchen Grund knnte
es wohl geben, von der geraden und darum auch krzesten Linie abzuweichen?
    Da machte er eins seiner allerliebsten, pfiffigen Gesichter und antwortete:
    Du betest tglich das christliche Vaterunser und handelst jetzt doch selbst
gegen den Teil desselben, welcher Fhre uns nicht in Versuchung! lautet. Du
weit gar wohl, was ich will, denn ich habe es ja erst von dir gelernt. Man
glaubt am Brunnen, da wir von Norden kommen werden, und darum machen wir einen
Umweg, um ihn aus einer andern Richtung zu erreichen.
    Hltst du diese Vorsichtsmaregel heut fr notwendig, Halef?
    Vorsicht ist stets notwendig; das mut du dir merken, Effendi. Selbst dann,
wenn gar keine Veranlassung dazu vorzuliegen scheint, ist Vorsicht immer besser
als Unvorsichtigkeit. Besonders auf einer Reise, wie die unserige ist, kann man
nie wissen, was die nchste Minute bringen wird.
    Wir hatten einen Augenblick angehalten; unser Trupp war beisammen, und so
konnten alle diese seine Worte hren. Es machte ihn nicht wenig stolz, jetzt
einmal Prediger der Bedachtsamkeit sein zu knnen, und so fuhr er in belehrendem
und sehr nachdrcklichem Tone fort:
    Die Tapferkeit ist die erste und vorzglichste Eigenschaft, welche ein
Krieger besitzen mu; gleich nach ihr aber ist die Vorsicht ntig. Ein nur
tapferer Mann kann sehr leicht tollkhn werden, und ein nur vorsichtiger kommt
leicht in die Gefahr, da man ihn der Feigheit zeiht. Ist aber die Tapferkeit
mit der Vorsicht gepaart, so knnen Unbesonnenheiten ebenso wenig wie
Bezweifelungen des Mutes vorkommen. Die Tapferkeit ist nur im Kampfe, die
Vorsicht aber zu jeder Zeit und an allen Orten ntig, zum Beispiel jetzt und
hier. Wir wissen, da die wenigen Mekkaner nach dem Bir Hilu geritten sind und
da der ihnen vierfach berlegene Basch Nazyr ihnen nachgeritten ist; wir sind
berzeugt, da sie vollstndig ohnmchtig gegen ihn sind und noch weniger uns zu
schaden vermgen; darum knnten wir den geraden Weg nach dem Brunnen getrost
beibehalten. Ich schlage aber trotzdem vor, dies nicht zu thun, denn ich habe
bereits gesagt, da man auf einem solchen Ritte niemals wei, was der nchste
Augenblick bringen wird. Es knnen ja schon andere Leute am Brunnen gewesen
sein, in welchem Falle sich das Zusammentreffen des Persers mit dem Liebling des
Groscherifs gewi ganz anders abgespielt htte, als wir bisher angenommen
haben. Wir mssen also vorsichtig sein und, ehe wir uns am Brunnen zeigen,
zunchst zu erfahren suchen, wie es dort steht. Darum werden wir nicht direkt
hinreiten, sondern uns ihm von einer andern Seite vorsichtig nhern. Sehen wir
dann ein, da dies nicht ntig gewesen wre, so ist das um so besser; wir haben
fr den Verlust einer Viertelstunde das Bewutsein eingetauscht, vorsichtig und
also klug und weise gewesen zu sein. Nach welcher Seite reiten wir ab, rechts
oder links, Sihdi?
    Der Fhrer kennt die Gegend; also mag er entscheiden, antwortete ich.
    Der Ben Harb hielt es fr geraten, den Umweg nach Osten zu machen, weil es
dort die grere Anzahl hoher Felsen gab und wir also mehr Deckung hatten, als
auf dem westlichen Bogen. Es zeigte sich dann, da diese Wahl die richtige
gewesen war, und da wir allerdings sehr wohlgethan hatten, vorsichtig zu sein.
    Wir ritten sdstlich, teils ber offene Flchen, teils an wie senkrecht aus
dem Boden emporgetriebenen Felsengruppen vorbei, bis der Fhrer annahm, da der
Brunnen nun fast westlich von uns liege. Eben wollten wir in diese Richtung
einbiegen, nachdem wir eine wirre Steinaufhufung passiert hatten, als der uns
jetzt voranreitende Ben Harb sein Pferd wendete und uns aufforderte:
    Zurck, schnell hinter die Felsen! Es kommen Reiter!
    Wie viele? fragte Halef, als wir diesem Rufe Folge geleistet hatten und
nun von den Nahenden nicht gesehen werden konnten.
    Es sind nur drei, lautete die Antwort.
    So brauchen wir uns doch nicht zu frchten. Warum hltst du uns also
zurck?
    Weil du von der Vorsicht gesprochen hast.
    Drei Personen, und wir sind ber fnfzig, da brauchen wir doch nicht
vorsichtig zu sein!
    Es handelt sich nicht um die Zahl der Personen, warf ich ein. Woher
kommen sie?
    Aus Westen, belehrte mich der Fhrer.
    Also vom Brunnen. Gehren sie zu den Leuten des Persers?
    Nein, Soldaten sind sie nicht.
    So haben wir allerdings Grund, zurckhaltend zu sein. Wie nahe sind sie
uns?
    Nur zwei Minuten, dann sind sie da.
    Wir drei reiten ihnen entgegen, du, Hadschi Halef und ich. Die andern
bleiben hier und folgen uns nur dann, wenn sie schieen hren. Ihre Fragen
beantwortest du. Sag, was du willst, nur nicht, was wir sind, woher wir kommen
und wohin wir wollen. Vorwrts!
    Wir bogen um die Steine und sahen die Reiter in einer Entfernung von
vielleicht zweihundert Metern vor uns. Sie stutzten; wir ahmten das nach; dann
ritten wir gegenseitig in sehr langsamem Schritte aufeinander zu. Da sagte der
Fhrer im Tone der Ueberraschung:
    Maschallah! Den langen Bedawi92 in der Mitte kenne ich. Es ist Tawil, der
Scheik der Beni Khalid.
    Kennt er dich? fragte ich.
    Nein. Ich habe ihn nur einmal gesehen, er mich aber nicht.
    Wie ist sein Charakter?
    Roh, grausam, rachschtig, aber ohne Falsch; er ist stolz darauf, nie eine
Lge zu sagen.
    So werden wir bald mit ihm fertig sein!
    Denke das nicht, sondern nimm dich in acht, Sihdi! Er ist jedenfalls nicht
allein in dieser Gegend. Furcht kennt er nicht. Er ist ehrlich wie der Lwe,
welcher durch sein Brllen anzeigt, da er kommt; aber gleich nach dem Donner
seiner Stimme folgt der tdliche Sprung!
    Zu weiteren Worten war keine Zeit, denn wir waren dem Beni Khalid jetzt so
nahe gekommen, da die Begrung vor sich gehen mute, nur fragte es sich, wer
damit beginnen sollte, sie oder wir. Ich fand nur noch Zeit, dem Fhrer zu
sagen, da nicht er das erste Sallam sagen mge, da hielten die drei Reiter auch
schon ihre Pferde vor uns an.
    Der mittlere von ihnen, also Scheik Tawil, war, ganz seinem Namen gem,
welcher gro von Gestalt bedeutet, ein auerordentlich lang gewachsener Mann
mit einem sonnverbrannten Gesichte, dessen Zge allerdings nichts weniger als
Liebenswrdigkeit verrieten. Er erwartete sichtlich, da wir zuerst gren
wrden, und als wir das nicht thaten, lie er seinen Blick zornig lodernd ber
uns gleiten und fuhr uns streng an:
    Nun? Habt ihr keine Muler? Oder wit ihr, trotzdem ihr erwachsene Mnner
seid, noch nicht, da man ein Sallam zu sagen hat, wenn man sich begegnet?
    Ich sah meinem kleinen Halef an, da es ihm Anstrengung verursachte, auf
diese Anrede still zu sein. Doch machte unser Ben Harb seine Sache auch nicht
ganz bel, indem er antwortete:
    Zu jeder Begegnung gehren zwei. Sag deine Worte also nicht blo zu uns,
sondern auch zu dir, zu euch!
    Allah lasse dich an deiner Rede ersticken! Nur Narren sprechen mit sich
selbst. Ich verlange den Gru von euch. Wollt ihr es wagen, uns durch die
Verweigerung zu beleidigen, so bedenkt die Folgen!
    Auch dazu gehren zwei! Warten wir also ab, wen die Folgen treffen werden,
uns oder euch!
    Tawil fuhr mit seiner Hand drohend nach dem Grtel, aus welchem der Griff
eines Messers und der sonderbar gestaltete Knauf einer alten Pistole
hervorragten, besann sich aber eines andern und wendete sich in verchtlichem
Tone an seine Begleiter:
    Diese Menschen scheinen von Allah ganz verlassen zu sein oder aus einer
Gegend zu kommen, wo die Grobheit fr Hflichkeit gehalten wird; ihre
Unwissenheit kann uns also nicht beleidigen, sondern nur erbarmen. Haben wir
also Mitleid mit ihnen!
    Hierauf richtete er seine Worte wieder an den Ben Harb:
    Ich bin Tawil Ben Schahid, der berhmte Scheik der Beni Khalid, deren Zahl
ohne Ende ist. Meine Macht reicht ber die ganze Wste und alle ihre Grenzen,
und kein Feind kann sagen, da er den Sieg ber mich gewonnen habe. Nun ich in
meiner Gte euch dieses mitgeteilt habe, wirst du mir wohl sagen, wer ihr seid.
So viel wenigstens hast du doch gelernt, da sich dies schickt und gehrt?
    Ich habe gelernt, hflich gegen Hfliche zu sein und mich berhaupt gegen
andere genau so zu verhalten, wie sie sich gegen mich benehmen. Also werde ich,
nachdem du uns gesagt hast, wer du bist, deine Wibegierde auch befriedigen. Wir
gehren zum Stamme der Beni Arab Solaib und kommen also aus der Dschesireh.
    Es mu bemerkt werden, da die Solaib-Beduinen infolge abgeschlossener
Vertrge niemals von andern Stmmen angegriffen werden, dafr aber natrlich
verpflichtet sind, sich stets friedlich zu verhalten. Sie stehen deshalb nicht
im Rufe der Tapferkeit, und so brauchte ich mich jetzt nicht darber zu wundern,
da Tawil die Brauen hochzog und mit geringschtzigem Lcheln erwiderte:
    Solaib, ah, Solaib! Damit ist eure Dummheit allerdings vollstndig erklrt!
Ich kenne euch. Hundert Mnner eures Stammes ergeben, obgleich ihr ganz gut
bewaffnet zu sein scheint, noch nicht einmal den tausendsten Teil eines
Kriegers. Ihr geniet auf Grund eurer Feigheit die Nachsicht aller Stmme und
sollt also auch die unserige haben. Wo wollt ihr hin?
    Wir sind nach Schakra abgeschickt, um einige Zuchtkamele zu kaufen.
    So habt ihr Geld bei euch?
    Ja, natrlich!
    Es ging ein freudiges Aufleuchten, welches sich auf dieses Geld bezog, ber
sein Gesicht, und da er sich nicht scheute, dies und den bezeichnenden Blick,
den er dabei seinen Gefhrten zuwarf, sehen zu lassen, war ein Beweis, da er
uns wirklich fr ganz harmlose, ungefhrliche Menschen hielt, gegen die es nicht
einmal ntig war, seine Absichten zu verbergen. Sein Plan, zu unserm Gelde zu
kommen, schien auch sofort fertig zu sein, denn er sprach:
    Wenn ihr von hier nach Schakra wollt, so mt ihr durch das Gebiet der Beni
Lam, mit denen wir in Fehde liegen. Sie drfen es nicht erfahren, wo ich mich
jetzt befinde, und da alle Solaib-Araber alte, schwatzhafte Weiber sind, so
werden wir euch bei uns zurckhalten, bis unser Streit mit den Beni Lam
ausgeglichen ist.
    Unser Fhrer war so klug, diese Ankndigung der Gewaltttigkeit vollstndig
zu bergehen und anstatt einer Weigerung die unbefangene Frage auszusprechen:
    Wir wollen nach dem Bir Hilu. Befinden wir uns auf dem richtigen Weg
dorthin?
    Ja; aber ihr werdet einstweilen auf ihn verzichten und jetzt mit uns
reiten.
    Wohin?
    Auf Kundschaft.
    Warum? Gegen wen? Kundschafterritte pflegen gefhrlich zu sein!
    Da ist ja schon die Angst! lachte er. Man erkennt sofort den Solaib an
deiner Furcht. Aber grad weil ihr zu diesem Stamme gehrt, kann ich euch ohne
Befrchtung sagen, was ihr in einiger Zeit doch erfahren wrdet. Ich lag mit
einer groen Schar von Kriegern am Bir Hilu, um uns mit Wasser fr den Zug gegen
die Beni Lam zu versehen; da kamen Bekannte von uns, Mnner aus Mekka, welche
wir gastlich ausnahmen. Ihnen folgten Soldaten des Sultans. Die bezahlten
Kriegssklaven des Groherrn werden nie bei uns geduldet, und diese machten sich
auerdem des Verbrechens schuldig, unsere mekkanischen Freunde dadurch tdlich
zu beleidigen, da sie sie des Diebstahles beschuldigten. Sie wurden also
festgenommen und entwaffnet. Nun kommen aber noch andere Leute, eine Schar von
fnfzig Mnnern. Sie sind Haddedihn vom Stamme der Schammar, mit dem wir auch im
Kampfe liegen, obgleich wir eigentlich mit ihm verwandt sind. Schon aus diesem
Grunde mten wir uns dieser Haddedihn bemchtigen; aber es kommt als weitere
Veranlassung noch dazu, da auch sie sich gegen die Mekkaner in einer Weise
benommen haben, welche streng bestraft werden mu. Da sie sich uns nicht ohne
Gegenwehr ergeben wrden, habe ich einen listigen Plan ersonnen. Sie sollen
glauben, ganz allein am Brunnen zu sein und darum von den gebotenen
Vorsichtsmaregeln absehen; dann fallen wir ber sie her. Wir haben uns also so
weit vom Brunnen zurckgezogen, da sie uns nicht bemerken knnen; wenn sie dann
sorglos lagern, kehren wir zurck.
    Werden sie nicht eure Spuren sehen?
    Die haben wir ausgelscht.
    Aber wenn ihr eine so groe Schar seid, werdet ihr das Wasser des Bir so
weit verbraucht haben, da dieser Umstand ihnen auffallen mu!
    Auffallen? Diesen Haddedihn, denen Allah wohl Kpfe, aber kein Gehirn
hinein gab? Diesen Menschen wrde selbst im Traume nicht der Gedanke kommen, da
ein ausgeschpfter Brunnen auf Leute deutet, von denen er geleert worden ist!
Sie wohnen zwischen den Flssen und verstehen von dem Leben der Wste grad so
viel, wie der Wasserfrosch von den Eigenschaften eines Vollblutpferdes versteht!
Wir drei sind jetzt auf einem Umwege von dem Bir fortgeritten, ihnen entgegen,
um von weitem zu beobachten, was sie thun und wie sie sich verhalten werden. Ihr
kommt mit! Es ist keine Gefahr dabei, denn wir haben uns von ihnen fernzuhalten,
weil sie uns nicht sehen drfen. Ihr habt also keine Veranlassung, euch zu
ngstigen.
    Aber auch keine, mitzureiten. Wir wollen nach dem Bir Hilu; an andern Orten
haben wir nichts zu suchen.
    Aber wir! Und da ich euch ohne uns nicht nach dem Brunnen lassen darf, so
reitet ihr mit uns. Ich wiederhole, da eure Furcht, uns zu begleiten, ganz
unbegrndet ist; es wird euch nichts, gar nichts geschehen. Die Haddedihn sind
ja als Feiglinge bekannt, und von ihrem Anfhrer, welcher Hadschi Halef Omar
heit und mit bei diesen fnfzig ist, wei man allberall, da er, wenn es einen
Kampf giebt, gleich beim ersten Schusse auszureien pflegt. Er ist eine Memme
sondergleichen, von der ihr nicht die geringste Gefahr fr euch erwarten drft.
    Da fuhr Halef mit der rechten Hand nach dem Griffe seiner Peitsche und
ffnete schon den Mund, um zornig loszuplatzen; ich warf ihm schnell das Wort
Kutub! zweimal zu, und er war zum Glcke so klug, infolge der Bedeutung
desselben seinen Grimm zu bemeistern und zu schweigen. Fr mich aber war die
Zeit gekommen, an dem Gesprche teilzunehmen. Die Aufrichtigkeit des Scheikes
der Beni Khalid war zwar ein Zeichen seiner Geringschtzung, ein Beweis, da er
uns fr vollstndig geistig arme Menschen hielt, sie konnte uns aber nicht
beleidigen, sondern mute von uns ausgenutzt werden, und dazu besa unser Fhrer
nicht die ntige Einsicht und Selbstndigkeit, da er nicht wissen konnte, was
Halef und ich erfahren wollten und wie dann unsere Entschlsse ausfallen wrden.
Darum richtete ich an Tawil die Frage:
    Du bist also wirklich berzeugt, da es uns nichts schaden wird, wenn wir
jetzt mit euch reiten?
    Er lie seinen Blick langsam und mit dem Ausdrucke unendlicher Verachtung an
mir niedergleiten und antwortete:
    Ich kann dir versichern, da eure teuren Krper nicht verletzt und eure
schnen, reinlichen Anzge nicht beschmutzt werden. Ihr werdet genau so heil und
sauber bleiben, wie ihr jetzt seid!
    Spter aber wirst du uns zum Brunnen lassen?
    Ja, sofort, nachdem wir mit den Haddedihn fertig geworden sind; jetzt aber
darf niemand hin.
    Sind denn eure Mekkaner nicht dort geblieben?
    Nein, die sind auch bei uns.
    Und die Soldaten?
    Die haben wir natrlich auch mit fortgenommen. Sie sind, um uns die
Bewachung zu erleichtern, in eine Seitenschlucht gesperrt worden, deren
Steinwnde so hoch sind, da man sie nicht erklettern kann; vorn knnen sie auch
nicht heraus, weil da ein Posten von uns steht. Ich sage das zu deiner
Beruhigung, um euch zu berzeugen, da auch diese Leute euch nichts thun
knnen!
    Hatten diese Soldaten denn keinen Offizier bei sich, der sie kommandierte?
Ich denke nmlich, da es euch bei der gebten Umsicht eines solchen
Vorgesetzten wohl nicht so leicht geworden wre, sie an euch zu locken und dann
zwischen Felsen einzusperren.
    Offizier! Gebte Umsicht! lachte er, und seine beiden Begleiter stimmten
in das Gelchter ein. Du bist ein Solaib, und darum hat man dir diese Dummheit
zu verzeihen! Du scheinst noch nicht dabei gewesen zu sein, wenn Soldaten
exerzieren. Sie drehen sich nach rechts; sie drehen sich nach links; sie drehen
sich ganz um; sie laufen bald vorwrts, bald schief, bald rckwrts; sie thun
das Gewehr ganz herunter; sie nehmen es bis zur Brust empor; sie werfen es auf
die Achsel; sie heben das rechte Bein und bleiben auf dem linken stehen; sie
heben das linke Bein und bleiben auf dem rechten stehen; sie bcken sich nieder;
sie springen wieder auf; sie rennen auseinander und laufen dann wieder zusammen;
sie legen die Finger an die Stirn; sie drcken die Waden aneinander; sie pressen
die Brust heraus, und das alles thun sie, weil der dabeistehende Offizier diese
lcherlichen Verrcktheiten von ihnen verlangt! Und da meinst du, da so ein
Karagz93 uns htte hindern knnen, das zu thun, was wir gethan haben? Das kann
eben nur ein Solaib denken, der von kriegerischen Angelegenheiten kein Wort,
keinen Laut, keinen Hauch versteht! Aber es war kein Offizier bei ihnen, sondern
ein verdammter Schiit, den Allah verurteilt hat, im tiefsten Pfuhle der Hlle zu
wohnen. Dieser Schurke war so frech gewesen, unsern Mekkaner Freunden zu folgen,
um sie zu beschimpfen und als Diebe, als Ruber zu bezeichnen. Er wagte es
sogar, dies in unserer Gegenwart zu thun und uns zuzumuten, sie ihm
auszuliefern. Als wir uns weigerten, einen solchen Befehl von ihm anzunehmen,
und gar auch auszufhren, besudelte er uns mit Vorwrfen und Beleidigungen, auf
welche wir nur mit dem Tode dieses Miglubigen antworten konnten.
    Er lebt also nicht mehr? fragte ich, indem ich mir Mhe gab, den Eindruck
zu verbergen, den diese Mitteilung auf mich machte.
    Jetzt ist er noch nicht tot, wird es aber morgen frh, wenn wir den Brunnen
verlassen, gewilich sein. Als wir mit unsern Mekkaner Freunden ber ihn zu
Gerichte saen, wurde er zur Faada94 verurteilt. Wre er ein Christ, ein Jude
oder sonst ein Heide gewesen, so htten wir ihn ohne Gnade erschossen, aber da
er zwar ein miglubiger Schiit, aber doch ein Moslem ist, haben wir ihm nur
einige kleine Adern geffnet, welche bis morgen zum Tagesanbruche auslaufen
werden. So bleibt ihm also Zeit, seine Rechnung mit Allah und dem Engel des
Todes in Ordnung zu bringen. Habt ihr schon einmal von der Strafe der Faada
gehrt?
    Ja. Es giebt Stmme, bei denen sie aus demselben Grunde angewendet wird,
den du soeben bezeichnet hast: Der Tod ist bei ihr unvermeidlich, doch bietet
die Langsamkeit des Sterbens dem Verurteilten die notwendige Zeit, sich auf den
Schritt in das Jenseits vorzubereiten. Welche Ader habt ihr ihm geffnet?
    Zunchst nur zwei Fingerschlagadern; das ist fr jetzt genug.
    Die Soldaten, bei denen er liegt, werden aber die Verblutung dadurch zu
verhindern suchen, da sie ihn verbinden.
    Das kann wieder nur ein Solaib sagen! Der Schiit ist ja gar nicht bei
ihnen, sondern er liegt bei meinen Kriegern, welche streng darber wachen, da
der Ausflu des Blutes ein stetiger bleibt. Er ist so gebunden, da er sich, und
besonders den betreffenden Arm, gar nicht bewegen kann. Wenn ihr euch etwa
darber wundert, da ich euch das alles so unbedenklich sage, so wiederhole ich,
da ihr es doch in kurzer Zeit erfahren und sogar sehen wrdet, weil wir euch
jetzt mit uns nehmen und dann nach unserm Lager bringen.
    Werdet ihr das wirklich thun? Mein Gefhrte hat euch ja gesagt, da wir
nach dem Brunnen wollen und diesen Vorsatz auch ausfhren werden.
    Was ihr beabsichtigt, das ist uns gleichgltig, denn hier geschieht nur
das, was wir wollen!
    Aber wenn wir uns weigern?
    So zwingen wir euch!
    Und wenn wir uns wehren?
    Wehren? Lcherlich! Drei Solaib-Feiglinge gegen uns!
    Er lachte dabei wieder hell auf.
    Ihr seid ja auch nur drei! warf ich ein.
    Das wrde gegen zehn, ja gegen hundert von eurer Sorte gengen! Versucht ja
keinen Widerstand, denn ich schwre euch bei Allah und all sei - - -
    Er hielt mitten in der Rede inne und blickte mit dem Ausdrucke des grten
Erstaunens an uns vorber nach der Felsenecke, hinter welcher wir hervorgekommen
waren. Als ich mich umdrehte, um zu erfahren, was seine Aufmerksamkeit in dieser
Weise und so pltzlich in Anspruch nahm, sah ich die beiden Kamele, welche den
groen Tachtirwan95 trugen, auf dessen Kissen Hanneh thronte. Sie waren, wie das
bei diesen widerspenstigen Tieren sehr oft vorkommt, aus irgend einem Grunde
unruhig geworden und kamen uns nun nach. In fr uns erfreulicher Weise war
keiner der Haddedihn so unklug, der Snfte zu folgen. Sie hegten keine Sorge,
weder um uns noch um Hanneh, weil sie wuten, da wir es nur mit drei Personen
zu thun hatten, und blieben also hinter ihrer Ecke stecken. Es war fr uns
kstlich, die erstaunten Gesichter der Beni Khalid zu sehen.
    Ein Tachtirwan mit einem Weibe! rief Tawil aus. Zu wem gehrt diese
Frau?
    Zu uns, antwortete ich.
    Warum ist sie nicht gleich mitgekommen, sondern zurckgeblieben?
    Frage sie selbst! Oder, wenn du das fr besser hltst, frag ihre Kamele,
die es wahrscheinlich grad so und nicht anders gewollt haben!
    Erlaube dir keinen solchen Scherz! wies er meine Aufforderung zurck.
Fragen, ein Weib fragen! Er deutete mit der Hand auf Hanneh, die inzwischen so
weit herangekommen war, da ihre Tiere in ganz geringer Entfernung von uns
stehen blieben, und fuhr fort: Seht diese alte, hliche Bjdschih!96 So ein
Gesicht kann nur die Urahne eines Solaib besitzen; bei uns drfte sie sich gar
nicht sehen lassen! Dreht euch auf die Seite, sonst macht sie euch mit ihren
triefenden Augen zauberkrank!
    Hanneh hrte diese hhnischen Worte, verhielt sich aber still. Halef war
zunchst ebenso still. Wer da wei, mit welcher fast beispiellosen Liebe er an
seiner herrlichsten Blume der Frauenzelte hing, und da er sie fr die
Schnste aller Schnen hielt, der kann sich, aber auch nur annhernd, denken,
welchen Eindruck diese Beschimpfung seiner Liebe und seiner Ehre auf ihn machte.
So etwas war ihm noch nie vorgekommen. Wenn ich gesagt habe: er war still, so
ist das nicht das richtige Wort gewesen, denn er war nicht nur still, sondern
starr, geradezu starr. Aber wie ihm eine solche Beleidigung noch nicht
vorgekommen war, so hatte der Scheik der Beni Khalid das, was ihm jetzt geschah,
jedenfalls auch noch nicht erlebt. Ich glaubte, Halef werde nun mit einer Flut
von Schimpfworten gegen ihn losbrechen, sah aber bald, da dies ein Irrtum von
mir war. Der kleine Hadschi sprang, als habe er seine Starrheit mit einem
einzigen Rucke berwunden, aus seinem hohen Sattel auf die Erde herab, schnellte
zum Kamele Tawils hin, ergriff mit beiden Hnden das eine Bein des Reiters und
ri ihn mit einer Kraft herunter, ber welche sogar ich erstaunte. Im nchsten
Augenblicke hatte er seine Peitsche aus dem Grtel gerissen und schlug nun in
einer Weise auf den am Boden Liegenden ein, da dieser weder aufspringen noch
etwas anderes thun als nur durch die vorgehaltenen Vorderarme sein Gesicht gegen
die hageldicht fallenden Hiebe schtzen konnte. Dabei lie Halef kein einziges
Wort hren; seine Wut war so gro, da er sie nicht durch die Zunge
auszudrcken, sondern nur mit der Peitsche zu bethtigen vermochte. Desto mehr
brllte der Gezchtigte. Er rief, nein, er schrie seinen Gefhrten zu, ihm zu
helfen. Sie wollten das auch thun; da zog ich den Revolver und gab einen Schu
ab, das verabredete Zeichen fr unsere Haddedihn, welche sofort herbeigeeilt
kamen und durch ihr unerwartetes Erscheinen die Aufmerksamkeit der zwei darber
bestrzten Beni Khalid so in Anspruch nahmen, da diese gar nicht daran denken
konnten, sich um ihren Scheik zu bekmmern. Sie wurden umringt und von den
Kamelen gerissen, wobei man dem Hadschi Platz lie, seine Zchtigung
fortzusetzen, was er auch so lange that, bis er den Arm nicht mehr bewegen
konnte. Da warf er die Peitsche von sich, trat zu mir heran und rief, vor
Anstrengung atemlos, aber blitzenden Auges und mit noch vor Wut bebender Stimme:
    Sihdi, ich bitte dich um Allahs willen, sprich mir jetzt ja nicht darein,
sonst platze ich! Dieses Mal darfst nicht du bestimmen, was geschehen soll,
sondern ich bin es, dem man zu gehorchen hat. Dieser Hund hat mein Weib
begeifert, meine Hanneh, das schnste, reinste und beste aller Wesen, die auf
der Erde wandeln; er hat ihr nicht nur einen verachteten Namen, sondern auch
triefende Augen gegeben, und wenn du mich hinderst, ihm diese Lsterung
heimzuzahlen, so schwre ich dir zu, da ich die Freundschaft zu dir sofort aus
meinem Herzen reie! Ich verspreche dir, als Mensch mit ihm zu verfahren; mehr
aber kannst du nicht von mir verlangen! Bist du einverstanden?
    Ja, antwortete ich, denn ich wei, da du nichts thun wirst, was mich
zwingen wrde, dann meinerseits die Freundschaft zu dir aus dem Herzen zu
reien! Also abgestiegen, wer noch im Sattel sitzt! Wir bleiben einstweilen
hier!
    Dieser Weisung wurde Folge geleistet. Man half Hanneh und dem Mnedschi
herab. Dieser letztere war wach und munter; er wollte wissen, was geschehen sei
und noch geschehen werde, mute sich aber mit einer ganz kurzen Auskunft
begngen. Die Beni Khalid waren gebunden worden. Das Gesicht und die Hnde ihres
Scheikes zeigte Spur an Spur der ihm gewordenen Zchtigung. Er brllte in einem
fort und rief Allah, den Himmel, Muhammed und alle Kalifen zu Zeugen an, da er
sich frchterlich und blutig rchen werde, an den Solaib-Hunden, wie er sich
ausdrckte. Er war also, obgleich Halef ihn doch eines ganz andern belehrt
hatte, selbst jetzt noch der Meinung, da wir feige Angehrige des genannten
Stammes seien. Da nahm Halef seine Kurbadsch wieder in die Hand, trat zu ihm hin
und drohte:
    Schweig, du Sohn aller Hundevter und Ahne aller Hundeshne, sonst beginne
ich von neuem! Du sagtest, Allah habe die Haddedihn ohne Hirn geschaffen, wo
aber hast du das deinige? Du weit, da Hadschi Halef Omar mit fnfzig Haddedihn
kommen werde, und nennst uns noch immer Solaib. Hast du keine Augen? Zhle uns
doch! Hast du nicht gehrt, da auch die Gebieterin seines Harems sich bei dem
Scheik der Haddedihn befindet? Wo ist dir der Verstand verloren gegangen, der
dir doch sagen mte, da wir nicht Solaib, sondern diejenigen sind, welche du
erkundschaften und dann am Bir Hilu angreifen willst? Nun zwinge uns doch, mit
dir zu reiten, du Wurm der Ohnmacht und des Unvermgens! Hast du dich wirklich
vor hundert Leuten unserer Sorte nicht zu frchten? Sind die Haddedihn wirklich
die Wasserfrsche, als welche du sie bezeichnet hast? Da liegst du nun, bedeckt
von den Hieben meiner Peitsche! Deine Gestalt ist fast doppelt so lang wie die
meinige; aber wenn Allah sie noch hunderttausendmal lnger gezogen htte, wre
sie doch ein Zwerg gegen die endlose Riesenhaftigkeit der Dummheit, welche das
einzige, dir hinterlassene Erbe aller deiner ohne Verstand geborenen und ohne
Vernunft gestorbenen Ahnen ist. Wer nur einen einzigen Blick auf dich wirft, der
mu sich sofort abwenden, sonst lst er sich so in Thrnen der Trostlosigkeit
auf, da nichts, aber auch gar nichts von ihm brig bleibt!
    Um diese seine Worte zu verdeutlichen, wendete er sich ab und zufllig
seinem Sohne zu, der hinter ihm stand. Er nahm ihn bei der Hand, zog ihn vor,
deutete auf Tawil und fuhr fort:
    Da siehst du ihn liegen, der deine Mutter, in welcher alle weiblichen und
mtterlichen Vorzglichkeiten in grter Vollkommenheit vereinigt sind, eine
triefugige Bjdscheh genannt hat! Nun sag du mir, was ihm dafr geschehen
soll!
    Kara Ben Halef, welcher seinen Namen Kara bekanntlich von mir bekommen
hatte, machte eine abwehrende Handbewegung und sagte nur das eine Wort:
    Nichts!
    Nichts? fragte sein Vater ebenso erstaunt wie unbefriedigt. Nichts soll
ihm geschehen?
    Nichts! Auf eine solche Frechheit kann nur die Peitsche antworten; das ist
geschehen. Jede weitere Beachtung wrde nur eine Ehre fr ihn sein, und die darf
ihm nicht werden!
    Der brave Jngling wendete sich ab und ging zu seiner Mutter. Halef sah ihm
nach, blickte einige Zeit sinnend vor sich nieder, hob dann sein Gesicht und
rief mir in entzcktem Tone und strahlenden Auges zu:
    Sihdi, hast du gehrt, was Kara Ben Halef, der Sohn meines Herzens, soeben
sagte? Was sagst du dazu?
    Er hat recht, antwortete ich.
    Ja, er hat recht. Der Beleidigung der besten aller Frauen ist Genge
geschehen, und so soll in Beziehung auf sie dieses Hundes nicht wieder gedacht
werden. Aber ich habe wegen anderer Dinge weiter mit ihm zu sprechen und hoffe,
da ich auch da das Richtige treffen werde. Bindet ihm seine Flinte lang an die
Seite und den Arm so fest daran, da er ihn und die Hand nicht bewegen kann!
    Whrend Omar Ben Sadek mit zwei Haddedihn diesem Befehle nachkam, trat Halef
zu mir, hielt mir seine Hand hin und bat:
    Effendi, zeige mir, wo die Fingerschlagadern liegen; ich mu das wissen!
    Ich ahnte, was er wollte, und stimmte ihm vollstndig bei, ohne ihm dies
aber zu sagen. Ich htte das, was er jetzt vorhatte, wahrscheinlich auch gethan,
weil es das beste, einfachste und fr uns ungefhrlichste Mittel war, den Perser
zu retten. Darum zeigte und erklrte ich ihm in kurzen Worten die Lage und die
Thtigkeit der betreffenden Adern. Als dies geschehen war, ging er nach dem
Tachtirwan, um sich Hannehs kleines, scharfes Nh- oder vielmehr Trennmesser zu
holen. Dann kehrte er zu dem Scheik der Beni Khalid zurck, welchen, obgleich er
gebunden war, drei oder vier Haddedihn halten wuten. Ich stand entfernt davon
und sah nur, da Halef sich ber ihn niederbeugte. Dann erscholl ein Schrei, und
ich hrte Tawil brllen:
    Was thatest du mit meiner Hand? Du hast mich gestochen. Da spritzt das Blut
empor!
    Ja, ich habe dich gestochen, antwortete Halef. Es geschieht dir nach dem
Gesetze der Wste: Blut um Blut, Leben um Leben. Du lssest den Perser am
Aderlasse sterben und teilst nun mit ihm dasselbe Geschick. Morgen frh wirst du
mit ihm aus dem Lande der Lebenden gehen und mit ihm zu gleicher Zeit es Ssiret,
die Brcke des Todes, erreichen. Allah wei, wer glcklich hinberkommt, er oder
du!
    So hast du mir die Faada gegeben?
    Ich habe dir nur zwei Fingerschlagadern geffnet, ganz genau das, was du
mit ihm gethan hast.
    Allah verdamme dich! Wie kannst du es wagen, mein Blut zu vergieen?!
    So, wie du es gewagt hast, das seinige zu vergieen.
    Das war der Beschlu des Gerichtes!
    Hier auch, denn ich bin der oberste Richter des Stammes der Haddedihn.
    Dieser Schiit soll an der Faada sterben, weil er die Mekkaner, unsere
Gastfreunde, beleidigt hat!
    Und du sollst ebenso an der Faada sterben, weil du ihn, der unser
Gastfreund ist, beleidigt und sein Blut vergossen hast und auch noch weiter
vergieen und ihn dadurch tten willst. Du siehst, ich thue ganz genau dieselbe
That aus ganz genau demselben Grund, wie du.
    Es ist doch nicht dasselbe, denn dieser Schiit hat nicht blo die Mekkaner,
sondern auch mich und meinen ganzen Stamm beleidigt!
    Und du hast dich nicht nur an ihm vergriffen, sondern auch mich und den
ganzen Stamm der Haddedihn mit dem Schmutze deines Mundes besudelt. Du darfst
dir also nicht einbilden, etwas vor ihm voraus zu haben!
    Aber woher nimmst du das Recht, Richter ber mich zu sein?
    Daher, woher du dir die Befugnis genommen hast, ber ihn abzuurteilen. Du
siehst, es giebt fr dich keine Thr, durch welche du mir entschlpfen kannst.
Stirbt er, so stirbst auch du; willst du leben bleiben, so mu auch er gerettet
werden. Deine Lage ist genau dieselbe, wie die seinige, und ich sorge dafr, da
sie sich in jeder Beziehung auch weiter nach ihr richtet.
    So ist es dein Ernst, da ich mich hier verbluten soll?
    Ja, natrlich! Wenn du geglaubt hast, da ich scherze, so befindet sich in
deinem Kopfe noch weniger Denkkraft, als ich dachte. Menschenblut ist eine sehr
teure und ernste Sache, mit welcher man keinen Scherz treiben darf, zumal hier
in der Wste, wo strenger als sonstwo Blut mit Blut zu bezahlen ist. Ueberlege
dir das. Du hast Zeit dazu. Jetzt bin ich einstweilen mit dir fertig.
    Er wendete sich von ihm ab und kam zu mir.
    Sihdi, habe ich einen Fehler gemacht? fragte er mich.
    Nein, antwortete ich.
    So bist du also mit mir zufrieden?
    Ja, sogar sehr.
    Wie mich das freut, lieber Effendi! Du weit, wie ich dich liebe und da
dein Wohlgefallen das Endziel meines ganzen Strebens ist. Du bist so schwer zu
befriedigen; um so grer ist mein Entzcken darber, da es mir hier gelungen
ist, mich der ganzen Flle deines Beifalles zu erfreuen. Nun wollte ich dich
fragen, ob ich diesem Menschen jetzt die Bedingungen mitteilen soll, unter
welchen er sich sein Leben erhalten kann.
    Jetzt noch nicht.
    Warum nicht?
    Weil er noch nicht berzeugt ist, da du es mit dem Aderlasse ernst meinst.
Er mu erst Angst, wirkliche Angst bekommen. Sorge also dafr, da die Blutung
nicht aufhrt!
    Kann das der Fall sein?
    Ja, weil es sich nur um schwache Nebenadern handelt. Welche Bedingungen
willst du stellen?
    Ich gebe ihn nur gegen den Perser und die Soldaten frei. Bist du damit
einverstanden?
    Ja.
    Ich dachte auch an die Mekkaner und wollte verlangen, da er sie dem Perser
ausliefere. Aber er hat sie als seine Gastfreunde bezeichnet, und da verlangt
die Wstenregel von ihm, da er lieber stirbt, anstatt auf diese meine Forderung
einzugehen.
    Das ist richtig, und bei seinem Charakter bin ich berzeugt, da er auch
gar nicht anders handeln wrde. La ihm also diese Leute; wir bekommen sie
doch!
    Wann?
    Heute am Abend oder in der Nacht.
    Wieso?
    Denke an das, was nun kommen wird, nachdem er in unsere Hnde gefallen ist!
Du willst doch seine Beni Khalid benachrichtigen lassen, wo er sich befindet?
    Natrlich!
    Und da er sterben mu, wenn sie den Perser sich verbluten lassen?
    Ja. Ich schicke einen seiner Begleiter fort, der ihnen zu sagen hat, da
ihr Huptling so lange bluten wird, bis der Perser sich bei uns einfindet. Wie
meinst du, werden sie ihn schicken?
    Jedenfalls.
    Auch die Soldaten?
    Auch diese. Es wird ihnen zwar schwer ankommen, aber um ihren Huptling,
ihren Scheik zu retten, bleibt ihnen ja nichts anderes brig. Nun frage dich
einmal, was die Mekkaner thun werden, sobald sie sehen, da ihre Verfolger
wieder freigelassen werden!
    Sie werden sich schleunigst aus dem Staube machen.
    In welcher Richtung?
    Nach Mekka zu; das ist doch selbstverstndlich.
    Ja; aber ebenso selbstverstndlich ist es, da wir sie dort erwarten und
abfangen, um sie dem Perser auszuliefern. Freilich mssen wir auch die
Mglichkeit in Betracht ziehen, da sie sich bei den Beni Khalid sicherer fhlen
als anderswo und also bei ihnen bleiben wollen, bis wir und der Perser fort
sind. Dies mssen wir zu verhten suchen, denn diese mekkanischen Diebe haben
sich so zu uns verhalten, da es uns gar nicht einfallen kann, ihnen das
Entkommen zu erleichtern. Es liegt vielmehr so eine Ahnung in mir, da wir auch
fr uns ein kluges Werk vollbringen, wenn wir dafr sorgen, da sie den
Diebstahl eingestehen mssen. Wir haben dann eine Waffe gegen El Ghani in der
Hand, falls es ihm einfallen sollte, sich in der heiligen Stadt feindlich gegen
uns zu verhalten.
    Das begreife ich gar wohl, Sihdi; aber du befindest dich da mit dir selbst
im Widerspruch!
    Wieso?
    Erst sagst du, da wir ihre Auslieferung von Tawil nicht verlangen drfen,
weil sie seine Gste sind und er also lieber sterben als auf unsere Forderung
eingehen wird, und nun bestimmst du, da wir sie dennoch haben mssen, selbst
wenn sie nicht fortgehen, sondern bei ihm bleiben, um unsere Entfernung
abzuwarten. Wie sind diese verschiedenen Dinge zu vereinigen?
    Durch ein allerdings sehr kriegerisches Mittel, bei welchem man das Leben
auf das Spiel zu setzen hat.
    Allah w' Allah! Du meinst den Zweikampf?
    Ja. Den Perser und die Soldaten giebt er gegen seine eigene Freiheit
heraus; das schndet ihn nicht; die Auslieferung der Gste aber knnen wir nach
dem Gesetze der Wste nur durch die Entscheidung der Waffen, durch einen
Zweikampf erzwingen. Es kann ihm dann niemand einen Vorwurf machen. Sage ihm
also, da ich bereit bin, mit jedem Gegner, den er mir stellt, und in jeder
Waffe und Weise, die ihm beliebt, die Entscheidung herbeizufhren!
    Du also, Sihdi, du?
    Ja.
    Du selbst? wiederholte er.
    Ich selbst!
    Maschallah! Nach der strengen Regel mte da El Ghani mit dir kmpfen, weil
es sich ja um ihn handelt. Der wird sich aber wohl hten, sein teures Leben auf
das Spiel zu setzen. Man wird also gezwungen sein, ihm aus der Schar der Beni
Khalid einen Stellvertreter zu whlen.
    Das setze ich voraus!
    Aber, Sihdi, bedenke, da man da nicht etwa einen Schwchling auslesen
wird!
    Eine solche Schande wrde ich zurckweisen! Zur Besprechung dieser
Angelegenheit ist noch Zeit. Es gilt mir zunchst, zu wissen, wo die Beni Khalid
lagern, und da ihr Scheik uns das nicht sagen wird, so werde ich jetzt
fortreiten, um es zu erkunden.
    Ich reite mit!
    Nein! Die Lage hier ist eine kritische; es kann sich von Augenblick zu
Augenblick etwas Wichtiges ereignen, und da darfst du als Scheik und Anfhrer
dich nicht entfernen; aber ich werde Kara Ben Halef mitnehmen.
    Meinen Sohn? Ich danke dir, Effendi! Ich htte mich nicht zurckweisen
lassen; aber da es Kara Ben Halef und kein anderer ist, den du whlst, so stimme
ich freudig bei und bleibe sehr gern hier, denn er findet da Gelegenheit, dir zu
beweisen, da er von mir gelernt hat, sich sogar am Tage unbemerkt
anzuschleichen. Was reitet ihr? Kamele oder Pferde?
    Unsere Pferde natrlich. Wer setzt sich, wenn er die Wahl hat, bei einem
unter Umstnden gefhrlichen Spherritte auf unzuverlssige Kamele!
    Gut! Ich werde sofort satteln lassen.
    Ist nicht notwendig; wir reiten nur mit Zgel. Es dauert ja nicht lange. In
einer kleinen Stunde ist es Nacht; da mssen wir wieder hier sein.
    Wenige Minuten spter bestieg ich meinen Assil Ben Rih und Kara Ben Halef
den Rappen seines Vaters, den er an Stelle seiner Schimmelstute nahm, weil die
weie Farbe derselben uns verraten htte. Aus eben demselben Grunde hatten wir
unsere hellen Haiks abgelegt und trugen also nur die Anzge, deren Farbe nicht
von der Umgebung abstach. Eine kurze, unauffllige Erkundigung bei dem Fhrer
klrte mich ber die genaue Lage des Brunnens und ber seine Umgebung auf, so
da wir uns nicht irren konnten; dann ritten wir fort, erst langsam, dann aber
schnell, um die uns gegebene Zeit recht auszuntzen.
    Wir hielten uns natrlich nicht auf der geraden Linie nach dem Brunnen,
sondern etwas sdlicher und kamen an mehreren der erwhnten Felseninseln
vorber. Wir ritten hinter keiner derselben hervor, ohne uns vorher berzeugt zu
haben, da die offene Strecke bis zur nchsten unbeobachtet sei. So ging es
weiter und weiter, bis wir von weitem auf einem jener freien Zwischenrume helle
Punkte bemerkten, welche sich bewegten. Das waren Beni Khalid-Beduinen, die
ihren Pferden Bewegung machten. Sie ritten eine sogenannte Phantasia, ein
wohlgeordnetes Figurenstck, woraus wir schlieen konnten, da sie es nicht fr
ntig hielten, da, wo sie sich befanden, vorsichtig zu sein und sich nicht sehen
zu lassen. Sie waren ja weit genug vom Bir Hilu entfernt, um von dort aus nicht
bemerkt zu werden, und verlieen sich berhaupt ganz auf ihren Scheik, von
welchem sie wuten, da er auf Kundschaft geritten sei und sie von der
Annherung der Haddedihn rechtzeitig benachrichtigen werde. Sie waren ihrer
Sache so sicher, da sie die Mglichkeit, ihm knne etwas zustoen, fr ganz
ausgeschlossen hielten.
    Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, sobald wir sie erblicken wrden, von
den Pferden zu steigen, um uns mglichst nahe an sie zu schleichen; das war nun
aber, da sie nicht lagerten, sondern sich in solcher Bewegung befanden,
unmglich auszufhren. Wir muten also wohl oder bel darauf verzichten, ber
die Soldaten und die Mekkaner vielleicht etwas fr uns Ntzliches zu erfahren.
Das Einzige, was wir thun konnten, war, den Brunnen aufzusuchen, wo sie alle bis
vor kurzem gewesen waren. Gnstigen Falles gab es dort eine Entdeckung, welche
geeignet war, uns die spteren Verhandlungen mit diesen Leuten zu erleichtern.
Wir bogen also im rechten Winkel nach Norden ab und erreichten, da wir
galoppierten, schon nach zehn Minuten die Gegend, in welcher der Beschreibung
des Fhrers nach der Brunnen liegen mute.
    Vier ziemlich hohe und steil aufsteigende Felsenmassen bildeten die
Winkelpunkte eines unregelmigen Viereckes, dessen lngste Seite vielleicht
achthundert, die krzeste fnfhundert Meter messen mochte. Da, wo diese beiden
Seiten zusammenstieen, befanden wir uns, und in der uns gegenber liegenden
Ecke trat aus dem Felsen ein schutzdachhnliches Gemuer hervor, welches
jedenfalls den Bir bezeichnete. Der Boden des Vierecks bestand aus Sand, und
wenn Tawil auch gesagt hatte, da die Spuren alle ausgelscht worden seien, so
kam mir jetzt die Ueberzeugung, mit welcher uns diese Mitteilung von ihm gemacht
worden war, im hchsten Grade lcherlich vor. Der Boden war nmlich so
zerstampft, da man htte gradezu blind sein mssen, um nicht zu sehen, da eine
ungewhnlich groe Reiterschar sich hier befunden habe. Freilich, die einzelnen
Fhrten auseinander zu halten, das war selbst fr meine gebten Augen eine
absolute Unmglichkeit.
    Der Fhrtenleser sucht beim Vorhandensein so massenhafter Fu- und
Hufeindrcke ganz unwillkrlich nach einer Einzelspur, oft ohne eine andere
Absicht dabei zu haben, als die, den eigenen Blick zu prfen. So that ich auch
hier. Es war aber keine einzige herauszubringen - - - und doch, grad da beim
Vorderfue meines Pferdes lag ein hchstens zwei Hnde groes Steinstck,
welches, sobald ich es erblickte, meine Aufmerksamkeit auf sich zog, weil die
eine, glatte Seite desselben ein ganz sauberes, neues Aussehen hatte, whrend
die andern Seiten schmutzig und verwittert waren. Ganz gewi war dieses Stck
erst vor kurzer Zeit von dem neben uns aufsteigenden Felsen abgebrochen worden
und heruntergefallen. Hchst wahrscheinlich war das ein fr uns ganz
gleichgltiger Vorgang gewesen; ich sah aber doch nach oben und gewahrte da auch
die Stelle, an welche die Bruchflche des Steines ganz genau pate. Damit htte
ich mich wohl zufrieden gegeben, aber ich sah noch mehr. Nicht weit von der
erwhnten Stelle gab es nmlich eine mit Sand gefllte Ritze und in diesem Sande
vier senkrechte, halb wieder zugekrnelte Striche. Da hatte jemand sich
festhalten wollen, war aber ab- und mit den vier Handfingern durch den Sand
geglitten. Was hatte der Betreffende da oben gewollt?
    Das war eigentlich eine ganz nichtige Frage; aber gewohnt, selbst auf
Kleinigkeiten und scheinbar bedeutungslose Dinge stets auch zu achten, forderte
ich Kara Ben Halef auf, einmal vom Pferde zu steigen und da hinaufzuklettern.
Ich htte das wohl selbst gethan, wollte aber meinem Schtzlinge Gelegenheit
geben, seinen Scharfsinn zu zeigen. Der Beduine klettert nicht gern; wenn er es
doch einmal thut, so mu immerhin eine nicht ganz gewhnliche Ursache dazu
vorhanden sein. Und grad hier an dieser Stelle war es gar nicht bequem gewesen,
hinaufzukommen. Hatte etwa einer der Beni Khalid da oben etwas versteckt? Ah, es
waren sogar zwei gewesen, denn jetzt, da ich nun genauer hinschaute, sah ich
ganz unten und hart am Felsen die tiefen Eindrcke zweier Fuspitzen, aus denen
ich schlo, da der eine hier gestanden und sich angestrengt hatte, den andern
emporzuschieben. Dieser andere mute entweder unbehilflich oder alt gewesen
sein, sonst htte er dieser Hilfe nicht bedurft. Ich wei nicht, warum und wie
es kam, aber ich mute dabei an El Ghani denken, hielt dies jedoch fr sehr
erklrlich, weil ich mich in der letzten Zeit mit diesem Manne so viel in
Gedanken und Worten beschftigt hatte.
    Der gewandte und sehr krftige Kara schwang sich, ohne einer Hilfe zu
bedrfen, schnell hinauf, bis dahin, wo ich ihn nicht mehr sehen konnte, und es
verging einige Zeit, ehe er wieder erschien und, den Kopf vorbeugend, mir
zurief:
    Sihdi, ich habe es gefunden.
    Was ist's?
    Ein Paket, in einen Gebetsteppich gewickelt und mit einer Burnusschnur
umwunden.
    Ist es gro?
    Nein, aber schwer. Willst du es haben, Sihdi?
    Nein, wenigstens jetzt noch nicht. Ich komme hinauf, um es selbst zu
sehen.
    Ich sprang vom Pferde und kletterte an dem hier vielleicht acht Meter hohen
Gestein empor. Oben angekommen, stand ich nicht etwa schon auf der Hhe der
Felseninsel, sondern erst auf einem beinahe rund herumlaufenden Absatze
derselben, welcher den Furand mehrerer kahl und nackt aufstarrenden Spitzen
bildete. Ich sah, da es zwar keine einzige Stelle gab, an welcher man bequem
hier heraufkommen konnte, aber diejenige, welche wir erklettert hatten, war grad
die schwierigste von allen.
    Daraus war zu schlieen, da diejenigen, welche das Paket nach oben
brachten, sehr groe Eile und darum keine Zeit gehabt hatten, sich ein
zugnglichere Stelle zu whlen. Die erwhnten Spitzen waren mehrfach von Spalten
zerrissen, und in einem dieser Einschnitte steckte das Paket, welches, damit man
es nicht sehen solle, mit Steinen zugedeckt gewesen war, welche Kara jetzt
weggenommen hatte.
    War der Pack gut versteckt? fragte ich ihn.
    Nein, antwortete er. Der, welcher es hier verbarg, hatte sich fast gar
keine Mhe gegeben, dies so zu thun, da es nicht zu finden war. Die Stelle ist
ja ganz gut ausgewhlt, denn unter tausend Beduinen wird es wohl kaum einem
einfallen, ohne besonderen Grund hier heraufzuklettern; aber das Zudecken mit
den Steinen hat man mit sehr wenig Sorgfalt ausgefhrt.
    Weil die Zeit dazu gefehlt hat, lieber Kara. Nicht der Leichtsinn, sondern
die Eile ist schuld daran. Ah, kennst du diesen Sidschdschadi97?
    Nein.
    So hast du nicht auf ihn geachtet. Mir fiel er wegen seines eigentmlichen
Musters auf, welches aus einem Fe und einem verkehrt darberliegenden Khaf
besteht. Dieser Teppich ist El Ghanis Eigentum.
    So wre es dieser Alte, der da heraufgeklettert ist?
    Wahrscheinlich.
    Was mag in dem Pakete stecken?
    Ich vermute, da es die in Meschhed Ali gestohlenen Gegenstnde sind. Wir
werden nachsehen, mssen aber dafr sorgen, da es ganz genau wieder so
zugebunden wird und zu liegen kommt wie vorher.
    Die Umschlingung des Teppichs bestand, wie Kara gesagt hatte, in einer
Burnusschnur, weil nichts anderes, dazu passendes augenblicklich dagewesen war.
Wir entfernten sie und ffneten das Paket. Es enthielt ber zwanzig Beutel, aus
Leder gefertigt und von verschiedener Gre, welche mit goldenen Quasten
verziert und mit farbigen, seidenen Schnren zugebunden waren. An jedem hing ein
knstlerisch geschnittenes Elfenbeinblttchen, welches eine Buchstabennummer und
die persische Bezeichnung des Inhaltes trug. Das machte den Eindruck des Wertes,
des Reichtums. Ich las einige der Aufschriften; sie lauteten:
    Sih ngust = drei Finger, pnj tschasm = fnf Augen, du bini = zwei Nasen,
tschhar dil = vier Herzen, nuh pah = neun Fe, sih zbahn = drei Zungen, du
kahm = zwei Gaumen.
    Diese Inhaltserklrungen kamen mir keineswegs verwunderlich vor, denn ich
kannte den Brauch, der ihm zu Grunde lag. Es kommt nmlich unter den Schiiten
besonders bei langwierigen Krankheiten und schwer heilenden Verletzungen sehr
hufig vor, da der Patient an den heiligen Sttten die Hilfe sucht, die er bei
den Aerzten nicht gefunden hat. Dies geschieht, wenn es ermglicht werden kann,
durch die persnliche Wanderung nach Meschhed Ali oder Kerbelah; im andern Falle
sendet man eine Ab- oder Nachbildung des betreffenden Gliedes oder Krperteiles
nach einem dieser Orte und dazu ein Geldgeschenk, welches die Heiligen der
Sttte veranlassen soll, sich des Absenders im Gebete anzunehmen. Dies ist das
letzte und, wie man meint, zugleich sicherste Heilmittel, zu welchem man greift.
Der Arme kann es nur zu einer Nachbildung aus Holz, aus Thon, aus Blei, Zinn
oder sonst einem billigen Stoffe bringen und hat also nur wenig Hoffnung, von
Allah geheilt zu werden. Der Reiche ist viel besser daran, weil er die Mittel
besitzt, ein wertvolleres Material zu bezahlen. Er whlt Silber, Gold und sogar
edle Steine. Auf diese Weise gelangen Kostbarkeiten nach den Pilgersttten, mit
denen man selbst den berhmtesten Arzt nicht honorieren wrde. Es kommt vor, da
Frsten oder sonstige Geldleute wahre Schtze schicken, die in den
unterirdischen Kammern von Kerbelah und Meschhed Ali aufgehuft werden und einen
immer wachsenden Wert von vielen Millionen besitzen. Da da Allah nicht der
einzige Empfnger ist, versteht sich ganz von selbst. Auch ist es dagewesen, da
Eroberer sich dieser Schtze bemchtigt haben, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen.
Aber sie wachsen immer wieder und immer weiter an, so da man eben jetzt, in
gegenwrtiger Zeit, behauptet, da man mit den an den beiden genannten Orten
aufgehuften Vermgen ganz Persien aufkaufen und bezahlen knne.
    Unser neuer Bekannter Khutab Agha war in Meschhed Ali als Basch Nazyr, als
Oberaufseher der dortigen Schatzkammer angestellt, also einer der
hervorragendsten Beamten dieser Stadt. Wenn so ein Mann die Verfolgung eines
Diebes persnlich unternahm und sich dabei den Gefahren eines weiten Rittes
durch die fr ihn als Schiit doppelt gefhrliche arabische Wste aussetzte, so
konnte es sich nicht um unbedeutende Objekte handeln. Ich ffnete den kleinen
Beutel, welcher mit Sih ngust = drei Finger bezeichnet war. Er enthielt drei
Finger, wie zu erwarten war, aus purem Golde und mit den erkrankten Stellen
nachgebildet; an jedem steckte ein Ring mit Edelsteinen. Wenn der Inhalt der
andern Beutel ein gleich oder auch nur hnlich kostbarer war, so verlohnte es
sich fr einen Dieb gar wohl des allerdings groen Wagnisses, nach Meschhed Ali
zu gehen und dort in den Kanz el A'da einzudringen. Kanz el A'da, Schatz der
Glieder, heit nmlich dort diejenige Abteilung der tief unter der Erde
liegenden Rume, in welcher die aus edlen Metallen und Steinen bestehenden
Nachbildungen menschlicher Krperteile aufbewahrt werden.
    Wir banden den Beutel wieder zu und verzichteten darauf, noch andere zu
ffnen, denn erstens fehlte uns die Zeit dazu, zweitens war eine Ueberraschung
durch die Beni Khalid mglich, und drittens durften wir annehmen, da wir den
Inhalt der brigen auch noch sehen wrden. Wir wickelten den Teppich wieder
zusammen und banden die Schnur genau wieder so um ihn, wie sie vorher um ihn
geschlungen gewesen war.
    Nehmen wir das Paket mit, Sihdi? fragte Kara, dem das, was er gesehen
hatte, gewaltig imponierte, was bei seiner Jugend ja auch sehr begreiflich war.
    Nein, erwiderte ich.
    Nicht? Warum nicht, Effendi? Dieses Gold und diese Diamanten sollen hier
liegen bleiben?!
    Ja, und zwar weil sie uns berhaupt nicht gehren und wir sie doch nicht
stehlen werden, und weil wir El Ghani nur dann des Raubes berfhren knnen,
wenn er glaubt, da niemand das Paket gesehen hat.
    Ich sah ihm an, da er mich nicht begriff; da er es aber nicht wagte, mich
mit einer darauf bezglichen Frage zu belstigen, so forderte ich ihn auf:
    Komm jetzt wieder mit herab! Ich werde es dir nachher erklren. Leg die
Steine mglichst so darauf, wie sie erst gelegen haben! Jetzt mchte ich vor
allen Dingen erfahren, warum El Ghani beim Ersteigen des Felsens so groe Eile
gehabt hat. Es ist mir bis jetzt nicht mglich, dieses heimliche Heraufklettern
und Verstecken der Sachen hier mit der Anwesenheit so vieler Beni Khalid in
Einklang zu bringen. Sie mssen doch unbedingt gesehen haben, was er that!
    Als die Stelle ihre frhere Beschaffenheit wieder erhalten hatte, stiegen
wir wieder hinab und auf die Pferde, welche, weil gut erzogen, ruhig stehen
geblieben waren. Wir ritten hinber nach dem Gemuer, wo wir den Brunnen
vermuteten. Er war es allerdings. Ein oben festgebundenes Seil aus Dattelfasern
fhrte hinab; ein Ledereimer, mit einem Steine beschwert, hing daran. So und
nicht anders war wohl auch der Brunnen beschaffen, aus welchem einst Rebekka dem
Oberhirten Abrahams und seinen Kamelen Wasser schpfte. An gewissen
Einrichtungen und Gebruchen des Orientes knnen Jahrtausende vorbergehen, ohne
das geringste zu ndern.
    In der Nhe des Brunnens war, Ekel erregend gegen den Felsen geworfen, das
Gescheide98 von zwei Gazellen zu sehen, und dort, von Westen her, kam eine sehr
breite, noch junge Reiterspur aus der Wste herbei. Es war ein wahres Wunder,
da sich in der ganzen Umgegend kein einziger Geier zeigte, sonst wren die
Ueberreste dieser beiden Tiere lngst verschwunden gewesen. Mir aber kam, sobald
ich sie sah, sofort die Klarheit, die mir bis jetzt gefehlt hatte.
    Schau dies Gescheide und sieh diese Spuren! sagte ich zu Kara. Sie teilen
mir das mit, was ich vorhin so gern wissen wollte. Die Beni Khalid haben,
whrend sie hier lagerten, die Gazellen gesehen und sind, von der Jagdlust
gepackt, alle fortgeritten, ohne da ein einziger von ihnen hier blieb.
Inzwischen kamen die Mekkaner an, welche schwach und mde waren und also nicht
weiterkonnten, sondern hier bleiben muten, obgleich sie sahen, da der Platz
schon von Beduinen besetzt sei. Da lag nichts nher, als da sie versuchten, vor
allen Dingen ihren kostbaren Raub in Sicherheit zu bringen, denn mochten diese
Beduinen ihnen befreundet oder nicht befreundet sein, Gegenstnde von solchem
Werte wirken, wenn sie zufllig entdeckt werden, berall verfhrerisch, diese
hier wahrscheinlich sogar verrterisch. Whrend El Ghani darum hier unten herum
nach einem bequemen und zugleich zuverlssigen Verstecke vergeblich suchte, sah
er die Beni Khalid zurckkehren. Nun galt es die hchste Eile. Da unten kein Ort
zu finden war, richtete sich sein hilfesuchender Blick nach der Hhe des
Felsens, welcher dem Brunnen am fernsten lag und darum wahrscheinlich am
wenigsten beachtet wurde. Er packte die Sachen schnell in den Sidschdschadi,
eilte hin und stieg mit Hilfe seines Sohnes, dessen Fuspitzeneindrcke wir noch
sahen, hinauf, um sie dort zu verbergen. Er konnte die Stelle nur flchtig mit
Steinen zudecken, denn er mute eher wieder herunter, als die Beduinen so nahe
herankamen, da sie sehen konnten, wo er sich befand und was er da zu thun
hatte. Zu seiner Freude erkannte er in ihnen befreundete Leute, htete sich aber
doch, ihnen von dem Pakete etwas zu sagen, denn von gestohlenen Sachen spricht
man, auer wenn sie Mitschuldige sind, selbst zu den besten Bekannten oder den
nchsten Verwandten nicht. Spter sah er den Perser mit den Soldaten kommen und
war nun doppelt froh darber, da er die gestohlenen Gegenstnde versteht hatte,
denn er konnte nun sich und seine Begleiter getrost aussuchen lassen und
dadurch, da man nichts fand, beweisen, da er und sie unschuldig seien. Ja, er
konnte noch mehr, nmlich seinen Verfolger dadurch verderben, da er ihn, den
von den Beduinen grimmig gehaten und verachteten Schiiten, beschuldigte, ihm
nur aus Glaubensfeindschaft nachgeritten zu sein, um ihn, den Liebling des
Oberhauptes der Sunniten, zu berfallen und zu tten. Wenn es ihm gelang, die
Beni Khalid hiervon zu berzeugen, so war der Perser unbedingt verloren. Da es
ihm gelungen ist, haben wir gehrt, denn dem Oberaufseher des Kanz el A'da sind
die Adern geffnet worden, damit er sich verbluten mge.
    So ist es, Effendi, ja, so, ganz genau so ist es! Ich freilich wre nicht
auf diese sich wie von selbst ergebenden Gedanken gekommen, deren Zusammenhang
gar nicht zu zerreien ist. Die Mekkaner haben natrlich die Absicht, die Sachen
heimlich zu holen, ehe sie den Brunnen verlassen.
    Ja. Eben darum nahm ich sie nicht mit, sondern lie sie liegen, um beweisen
zu knnen, da der Liebling des Groscherifs den Schatz der Glieder wirklich
bestohlen hat. Wenn ich bemerke, da die Zeit dazu gekommen ist, steige ich,
natrlich ohne da er es ahnt, mit Scheik Tawil Ben Schahid heimlich hinauf, um
ihn zu erwarten. Sobald er die Gegenstnde aus dem Verstecke genommen hat, ist
der Beweis erbracht. Es ist zwar immerhin mglich, da diese Begebenheit einen
andern Verlauf nimmt, als ich jetzt denke, aber dann werden wir uns in Beziehung
auf unser Verhalten dieser Aenderung anbequemen und auf keinen Fall den Vorteil,
welchen wir hier errungen haben, aus der Hand geben. Jetzt aber wollen wir
zurckreiten, denn die Sonne ist dem Horizonte nahe, und wir mssen, ehe es
dunkel wird, bei unsern Leuten sein.
    Wir ritten zurck, eine ziemliche Strecke nrdlich von dem Wege, den wir
herzu eingeschlagen hatten. Als wir ankamen, lagen die drei Beni Khalid noch
immer gebunden an der Erde; es schien also, wie ich auch bestimmt erwartete,
alles beim alten zu sein, doch Halef meldete mir, sobald er uns sah, mit lauter
Stimme und in mit sich selbst zufriedenem Tone:
    Gut, da ihr kommt, Sihdi! Wir haben nur noch auf euch gewartet.
    Womit?
    Den Vertrag mit dem Scheik der Beni Khalid abzuschlieen.
    So hast du mit ihm verhandelt?
    Ja.
    Ohne mich zu fragen?!
    Ich habe dich doch gebeten, hier mich allein bestimmen zu lassen!
    Das bezog sich nur auf die Bestrafung der Beleidigung deiner Hanneh, aber
nicht auch auf das weitere.
    Verzeih, Effendi! Das habe ich nicht gewut. Ich bin aber berzeugt, da du
dem, was wir ausgemacht haben, deine Genehmigung nicht versagen wirst.
    Ich bin nicht berzeugt, hoffe es aber. Welches Uebereinkommen habt ihr
getroffen?
    Der Scheik der Beni Khalid ist einverstanden, sich gegen den Perser
austauschen zu lassen; die Soldaten giebt er aber noch nicht frei.
    Warum?
    Er sagt, Person gegen Person; er mit seinen beiden Leuten hier seien drei,
der Perser mit seinen Soldaten und dem Khabir aber zweiundzwanzig Personen, also
ein sehr ungleiches Verhltnis. Darum sollen einstweilen nur er und der Perser
freigegeben werden.
    Wieso einstweilen?
    Weil um die Mekkaner gekmpft werden soll. Siegen wir, so werden die
Soldaten freigegeben, und wir bekommen die Mekkaner, doch nur gegen das
Versprechen, ihnen nichts gegen Leib und Leben zuzufgen.
    Und siegen die Beni Khalid, was dann?
    In diesem Falle bekommen wir weder die Mekkaner, noch die Soldaten und
haben auch den Perser wieder auszuliefern.
    Auch diesen? Das ist zuviel verlangt! Warum bist du auf diesen Punkt
eingegangen?
    Da ging ein unendlich selbstbewutes Lcheln ber sein liebes, kleines
Gesicht, und er antwortete:
    Ich wre auch auf noch mehr eingegangen, Effendi, denn da wir besiegt
werden, das liegt ja nicht im Bereiche selbst der allerentferntesten
Mglichkeit. Davon bist du doch grad ebenso wie ich berzeugt!
    Ich warne dich, allzu sicher zu sein. Hochmut kommt sehr leicht vor den
Fall!
    Es ist kein Hochmut, Sihdi, sondern nur die demtigste, die allerdemtigste
Ueberzeugung. Gieb dem groen, schwarzen Panther auf, mit einer Zeltkatze um
Leben und Tod zu kmpfen! Ist es Hochmut, wenn er darber lacht? Sie ist ja
nicht seinesgleichen; sein Schwanz ist dreimal lnger als sie; wenn er sie mit
seiner Pranke nur berhrt, mu ihre arme Seele aus dem Fell heraus. Das wei er;
aber das ist kein Hochmut von ihm, sondern nur bescheidene Selbsterkenntnis. Nun
denke, da wir Haddedihn die Panther, die Beni Khalid aber die Katzen sind. Wir
besitzen infolgedessen die Demut und Bescheidenheit des Panthers, und es ist
also eine vollstndige Verkennung der Umstnde und eine vollstndig umgedrehte
und ganz verkehrte Anwendung des Fernrohres deiner Urteilskraft, wenn du anstatt
das kleine, das groe Glas vor die Augen hltst und meine Demut als Hochmut
bezeichnest.
    Wenn mir diese sonderbare Art seiner Beweisfhrung nicht bekannt gewesen
wre, so htte ich jetzt lachen mssen; so aber fragte ich:
    Du sprichst von Leben und Tod. Soll der Kampf so scharf genommen werden?
    Ja.
    Sind die Personen schon bestimmt, zwischen denen er stattzufinden hat?
    Nur erst zwei.
    Was? Wie? Nur erst zwei? Das ist ja genug!
    Nein, Sihdi, das gengt noch nicht. Tawil Ben Schahid bestand darauf, da
es sechs sein sollen, von jeder Seite drei.
    Warum?
    Das wei ich nicht. Ich habe ihn nicht darnach gefragt. Es ist uns ja ganz
gleich, oder vielmehr, meinen Haddedihn wre es am liebsten, wenn bei dieser
vortrefflichen Gelegenheit jedem von ihnen erlaubt wrde, sich mit einem Ben
Khalid zu messen.
    Dennoch httest du auf einen dreifachen Zweikampf nicht eingehen sollen,
ohne mich vorher zu fragen! Welche zwei sollen wir auer mir noch whlen? Es
werden sich alle dazu drngen, und das macht die Sache schwer.
    Auer dir, sagst du?
    Natrlich!
    Fr so natrlich halte ich das nicht.
    Habe ich dir nicht gesagt, da du mich dem Scheik als denjenigen bezeichnen
sollst, den der betreffende Ben Khalid als Gegner haben wird?
    Ja, das hast du freilich gesagt.
    Und du hast es gethan?
    Nein. Hast du denn wirklich geglaubt, da ich so wenig Ehrgefhl besitze,
einen andern an meine Stelle treten zu lassen? Ich habe selbstverstndlich nicht
dich, sondern mich genannt.
    Hm! Was sagte Hanneh dazu?
    Sie hatte gar nichts anderes erwartet und freute sich darber.
    So hat sie keine Sorge?
    Sorge? Angst? Um mich? O, Sihdi, Sihdi, Sihdi! Meine Hanneh soll Angst um
ihren tapfern, unberwindlichen Hadschi Halef Omar haben! Nimm es mir nicht
bel, aber ich mu dich wirklich fragen, ob du vielleicht zuflligerweise von
Sinnen, ganz von Sinnen bist! Ich bin ja schon berhaupt gar nicht zu besiegen;
aber wenn ich whrend des Kampfes ihre schnen, lieben Augen auf mich gerichtet
wei, so wrde ich hundert Riesen erwrgen, wenn sie es wagten, mich nur falsch
anzusehen. Das kannst du dir doch denken? Erweckt der Anblick deiner Emmeh nicht
auch solche Kampfeslust in dir?
    Nein.
    So kann ich wirklich nicht umhin, dir mitzuteilen, da meine Hanneh deiner
Emmeh vorzuziehen ist. Bei einem Weibe, die ihren Mann so friedlich stimmt, mu
er ja seine ganze Tapferkeit verlieren! Wie kann sie denn stolz auf ihn sein und
auf sein Heldentum, welches ihm von der Lieblichkeit ihres Angesichtes und von
der Anmut ihres freundlichen Benehmens abgestohlen worden ist! Nein, meine
Hanneh hat mich als Helden kennen gelernt, hat mich trotz aller ihrer
fnftausend bezaubernden Eigenschaften einen Helden bleiben sehen und wird es
nie erleben, da in diesem meinem Ruhme jemals auch nur die allergeringste Lcke
entsteht. Also, nicht dich habe ich dem Scheik genannt, sondern mich.
    So fehlt also nur noch der dritte.
    Du meinst, der zweite und der dritte?
    Nein, denn der zweite bin ich.
    Du? Effendi, ich bitte dich, sieh hier doch einmal ab von deiner
Gewohnheit, die grten Gefahren immer auf dich zu nehmen! Erstens bist du doch
eigentlich kein Haddedihn, obgleich du ganz zu uns gehrst, sondern ein
Europer, den stets fr uns kmpfen zu lassen, uns unsere Ehre rauben wrde. Und
zweitens ben sich meine Krieger tglich, ohne Gelegenheit zu finden, ihre
Tapferkeit im Ernste beweisen zu knnen, weil wir auf deinen Rat nach Allahs
Willen mit allen Stmmen, die uns umgeben, in Frieden leben. Und nun sich hier
einmal die Mglichkeit zeigt, sich mit andern Kriegern zu messen, willst du sie
um diese groe Freude bringen, indem du den Ruhm, gesiegt zu haben, fr dich in
Anspruch nimmst! Was sagst du jetzt?
    Deine Grnde sind gut, doch weit du ja, da ich mich stets lieber auf mich
selbst als auf andere verlasse.
    So will ich dir noch einen bringen, und der wird deinen Widerstand ganz
gewi besiegen.
    Er trat ganz nahe an mich heran, machte ein hchst bedenkliches Gesicht, hob
den Zeigefinger warnend empor und sagte leise:
    Wenn du mitkmpfest, und wir werden alle drei besiegt, so sind wir tot, und
es ist alles, alles verloren. Bist du aber nicht mit dabei, so bist du eben dann
noch da, und es ist noch nichts verloren! Das mut du doch einsehen! Nicht,
Sihdi?
    Jetzt mute ich nun freilich lachen. Ich legte ihm die Hand auf die Achsel
und antwortete:
    Du spielst den schlauen Fuchs, und zwar nicht ganz umsonst. Ich werde mir
die Sache berlegen; wir haben ja noch Zeit! Komm mit hin zu den Beni Khalid!
    Indem wir zu ihnen gingen, kam ich an Kara Ben Halef vorber, dem zu sagen
ich vergessen hatte, da er gegen jedermann, auch gegen seinen Vater und seine
Mutter, von dem, was wir auf dem Felsen entdeckt hatten, schweigen solle. Ich
holte das jetzt heimlich nach, weil unter Umstnden eine unbedachte Aeuerung
gengte, meinen Plan zu nichte zu machen.
    Ich sagte schon, da die drei Beni Khalid noch so dalagen, wie wir sie
verlassen hatten. Dem Scheik spritzte noch das Blut aus den geffneten, dnnen
Adern, doch hatte ihn der Verlust desselben noch nicht geschwcht. Als ich zu
ihm trat, richtete er seine dunkeln, finster blickenden Augen fest auf mich, sah
mich forschend an und sagte:
    Ich habe mit dem Scheik Hadschi Halef Omar vom Stamme der Schammar ein
Uebereinkommen getroffen, von welchem er behauptete, da es erst dann Gltigkeit
habe, wenn es von seinem Effendi besttigt worden sei. Der bist du?
    Ja, antwortete ich.
    Also Effendi wirst du genannt! Das gengt mir nicht. Wie heit du, und wer
bist du?
    Da fiel natrlich Halef, ehe ich ein Wort sagen konnte, rasch ein:
    Dieser in allen Erdteilen des In- und Auslandes hochberhmte Mann heit
Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn Hadschi
Dajim Maschhur el Azani Ben Hadschi Taki Abu Fadl el Mukarram; er stammt aus dem
Wadi Draha im fernsten Moghreb und hat, wie alle Leute, welche dort geboren
sind, nicht nur die Bcher aller Wissenschaften in seinem Kopfe, sondern ist
auch ein Krieger von solcher Tapferkeit, Klugheit und Strke, da ihn kein Feind
jemals zu besiegen vermochte!
    Tawil Ben Schahid bedachte die lange Schlange meines Namens und Ruhmes mit
keinem Worte, sondern fragte mich kurz:
    Bist du einverstanden?
    Ja, erklrte ich noch krzer.
    Die Soldaten bleiben meine Gefangenen?
    Ja.
    Und hier meine beiden Begleiter die eurigen?
    Darauf werde ich dir nachher antworten. Wann soll der vereinbarte Kampf
stattfinden?
    Wann es euch beliebt, doch mglichst bald.
    Und wo?
    An einem Orte, an welchem ihr euch sicher fhlt, denn ihr werdet euch
natrlich frchten, euch uns zuzugesellen, weil die Schar meiner Krieger der
Zahl der eurigen so vielmal berlegen ist.
    Ich bewegte die Hand geringschtzend durch die Luft und erkundigte mich
weiter:
    Habt ihr Holz, um Feuer zu machen?
    Getrockneten Kamelmist und Holz genug! Da du einverstanden bist, so gieb
mir die Hnde frei, denn ich habe versprochen, auf mein Hamal zu schwren, da
wir unser Uebereinkommen ehrlich halten werden und jeder Hinterlist entsagen.
Das werde ich jetzt thun, und Allah wei, da ich gewohnt bin, schon ein
einfaches Versprechen als Schwur gelten zu lassen.
    Wer soll deine Krieger benachrichtigen?
    Es reitet einer von euch mit einem von meinen Begleitern hin zu ihnen;
beide kommen zurck und bringen den Perser mit. Dann gebt ihr mich frei.
    Ich sah ihm ebenso fest in die Augen wie er vorhin mir, zog meine kleine
Verbandtasche hervor und lie mich zu ihm nieder, um zunchst die Blutung zu
stillen. Als dies geschehen war, lste ich die Knoten seiner Fesseln. Er sprang
sofort auf und fragte erstaunt:
    Du bindest mich los?
    Wie du siehst!
    Das soll ja erst dann geschehen, wenn der Perser hier ankommt und ihr euch
also berzeugt habt, da er von uns freigegeben worden ist!
    Ich antwortete nicht sofort, sondern band auch seine Leute los und sagte
erst dann, als dies geschehen war:
    Sie sind auch frei. Das ist meine Antwort auf deine vorhin ausgesprochene
Frage. Du meintest ferner, da wir uns wahrscheinlich vor euch frchten werden.
Hadschi Halef Omar und seine Haddedihn, die frchten sich vor keiner
Feindesschar, auch wenn sie zehnmal grer wre, als die eurige ist; das eben
will ich dir beweisen.
    Tajjib, tajjib - - Bravo, bravo! rief da Halef begeistert aus, und die
Haddedihn stimmten ein.
    Ich aber fuhr fort:
    Den Schwur auf dein Hamal erlasse ich dir. Ich sehe zwar diesen aus Mekka
stammenden Kuran an der Schnur an deinem Halse hngen; aber du hast gesagt, dein
Versprechen gelte gleich einem Schwure, und ich glaube und vertraue dir. Wer
sein Versprechen nicht hlt, der achtet auch nicht die Heiligkeit des Schwures.
Ihr kehrt jetzt zu euren Leuten zurck, und wir reiten mit.
    Sogleich? fragte er, indem sein Gesicht ein einziges, groes Staunen war.
    Ja.
    Ihr alle? Mit diesem Weibe? Ohne weitere Sicherheit?
    Jawohl!
    So glaubst du meinem Worte, wirklich nur meinem Worte?
    Du siehst und hrst es ja!
    Da hellte sich sein finstres Gesicht auf, und der Ausdruck des Erstaunens
ging in den der Freude ber.
    Effendi, rief er aus, so etwas ist mir noch nicht vorgekommen! Entweder
bist du ein hchst leichtsinniger oder ein sehr braver Mann!
    Leichtsinnig bin ich nicht, sondern ich pflege jedem Menschen die Ehre zu
geben, die ihm gebhrt. Du bist ein rauher, ja ein harter, vielleicht gar ein
grausamer und blutgieriger Krieger, aber das Wort, welches du gegeben hast, das
wirst du niemals brechen! Habe ich recht?
    Da streckte er mir die Hand entgegen:
    Da, fa an! Ihr seid jetzt unsere Feinde, und wir sind die eurigen; der
Kampf wird zwischen uns entscheiden; aber wenn ihr wirklich mit uns reitet, so
knnt ihr nirgends sichrer sein, als bei uns! Ich habe, als ich euch fr
Solaib-Araber hielt, von den Haddedihn verchtlich gesprochen; jetzt wei ich,
da sie keine Knaben, sondern furchtlose Mnner sind, denen ich meine Achtung
nicht versagen kann. Kommt also mit uns, wenn ihr wollt! Lieber aber ist es mir,
wenn ihr mich voranreiten lat, damit ich Zeit finde, meine Leute zu
unterrichten, wie sie sich zu euch zu verhalten haben.
    Gut, reitet fort, alle drei! Wir werden euch nicht folgen, sondern den Weg
nach dem Brunnen einschlagen, welcher doch wohl euer eigentlicher Aufenthalt
ist.
    Kennt ihr den Weg? - Es wird gleich dunkel sein!
    Wir finden ihn; wir brauchen keinen Fhrer.
    Sie bestiegen ihre Kamele und ritten fort. Als wir sie nicht mehr sahen, kam
Hanneh, welche schon lngst ihre Snfte verlassen hatte, zu mir her und sagte:
    Effendi, lieber Effendi, weit du, da du einen groen Sieg errungen hast?
    Ja.
    Das war wieder einmal die Liebe, welche du nicht nur in Worten predigst,
sondern auch durch dein Verhalten lehrst. Drftest du diesem Scheik doch sagen,
da du Christ bist! Dann wrde er wissen, wem er diese seltene Behandlung und
das Vertrauen, welches du ihm zeigtest, zu verdanken hat. Der Zweikampf wird
ganz gewi fr uns entscheiden; aber selbst wenn dies nicht der Fall wre, wrde
dieser Scheik der Beni Khalid nicht taub gegen unsere Wnsche sein.
    Aber wenn er sich nur verstellt htte? warf Halef ein. Ich glaube es
nicht, sondern gebe diesen Fall nur zu bedenken. Dann htte dein Vertrauen uns
wahrscheinlich in eine schlimme Lage gebracht!
    Auch dann nicht, Vater, antwortete ihm sein Sohn. Unser Effendi wei, was
er thut. Wir knnen uns auf ihn verlassen.
    In so bestimmter Weise in unser Gesprch einzugreifen, das hatte Kara bisher
stets unterlassen; aber da ich ihn heut mitgenommen hatte und er dadurch
Mitwisser eines Geheimnisses geworden war, das gab ihm den Mut, seine Meinung
auch einmal in solcher Art zu erkennen zu geben. Sein Vater sah ihn ganz
verwundert an, nickte ihm aber dann befriedigt zu und sagte:
    Ja, wenn so groe und bedeutende Leute sich des Effendi annehmen, dann mu
freilich ich mit meinen Bedenken weichen. Hast du etwa noch etwas auf deinem
mutigen Herzen?
    Ja.
    Was?
    Da flog ein energischer, leuchtender Blick vom Sohne zum Vater herber, und
die Antwort erklang:
    Ich will einer von den dreien sein, welche mit den Beni Khalid kmpfen!
    Wa - - wa - - was? Du - - u - - u - - u?!
    Halef fuhr einen ganzen, groen Schritt zurck und sah den Jngling aus weit
geffneten Augen an.
    Ja, ich will; ich will! wiederholte dieser in sehr bestimmtem Tone, indem
sein ganzes Gesicht erglhte.
    Ich ahnte, da Halef ihn am liebsten vor Freude ber diesen mutigen
Entschlu an sein Herz gedrckt htte; aber Kara war nicht nur sein sondern auch
Hannehs Sohn; darum hielt er noch an sich, richtete einen unsichern Blick auf
sie und fragte:
    Hanneh, du beste Mutter aller tapfern Shne, hast du gehrt, was Kara,
unser Liebling, soeben fr einen Wunsch ausgesprochen hat?
    Ich habe es gehrt, nickte sie lchelnd.
    Was sagst du dazu?
    Ich lasse dich zuerst sprechen.
    Nein! Zwar wei ich, da ich der Gebieter meines Stammes und auch der
Gebieter meines Zeltes, meines Weibes und meines Sohnes bin, aber hier hat nicht
der Vater, der Krieger, zu bestimmen, sondern nur das Herz der Mutter zu
entscheiden.
    Und diese Mutter kennt den Vater und wei, womit sie ihn erfreuen und
glcklich machen kann. Es glht in dir doch das heie Verlangen, da ich meinem
und deinem Kinde nicht hinderlich sein mge, zu zeigen, da er in der Fhrung
der Waffen der Schler seines Vaters gewesen ist.
    Ja, das, das wnsche ich allerdings von ganzem Herzen! gab Halef zu.
    So mag er kmpfen; ich gestatte es!
    Da stie der Hadschi einen Jubelruf aus und ffnete die Arme, um sie in
seinem Entzcken um Hanneh zu schlingen; da fiel ihm aber noch rechtzeitig ein,
da ihm dies so ffentlich nicht gestattet sei, und so suchte er sich denn ein
anderes Objekt fr diesen zrtlichen Ausdruck seines Entzckens: Er umarmte erst
Kara ein, zwei, drei Mal und warf dann auch die Arme um mich, wobei er, vor
Freude dem Weinen nahe, rief:
    Hast du es gehrt, Sihdi? Hast du es gehrt, da Hanneh, die Blume meines
Herzens, ihre Einwilligung zur That des Ruhmes gegeben hat? Alle Vlker, welche
zwischen dem Euphrat und dem Tigris wohnen, werden mich den glcklichsten Vater
nennen, denn die Tapferkeit meines Sohnes wird der meinigen vollstndig
gleichen, und so wird man unser Lob verknden in allen Zelten und allen Husern,
in denen man von unsern Thaten spricht. Das habe ich auch dir mit zu verdanken,
weil du die Gte gehabt hast, zurckzutreten und nicht mit am Kampfe
teilzunehmen!
    Das habe ich nun freilich nicht versprochen. Ich habe nur gesagt, da ich
es mir berlegen wolle.
    Zum Ueberlegen ist es nun zu spt, da Kara eingetreten ist.
    Ich kann ja doch der Dritte sein!
    Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, so schob sich Omar Ben Sadek
schnell herbei und sprach:
    Das wirst du nicht, Sihdi; ich bitte dich! Es wre ja eine Schande fr den
ganzen Stamm, wenn keiner der gewhnlichen Krieger sich beteiligen drfte. Ich
bin kein Held und kein berhmter Mann; aber ich war dein und Halefs treuer
Gefhrte durch die Sahara, durch Aegypten, Arabien und das ganze Kurdistan. Ich
habe mit euch gehungert, gedrstet und gekmpft, und niemand kann sagen, ich
htte jemals meine Pflicht versumt. Soll es jetzt heien, da mein Arm schwach
geworden und meine Waffe eingerostet sei? Soll mein Platz in dem Winkel sein, in
welchen man das alte, unbrauchbare, verrostete Eisen wirft? Das kannst du mir,
deinem treuen Omar, doch unmglich zu leide thun! Ich will dich nicht mit langen
Bitten qulen. Hier stehen fnfzig Krieger. Sollen sie alle zusehen, da ihr
drei ihnen alles nehmt und ihnen gar nichts gnnt? Soll nicht wenigstens einer
von ihnen zeigen drfen, da auch ein einfacher Krieger fr die Ehre seines
Stammes kmpfen kann? Ich bin fertig mit meinen Worten. Nun entscheide du!
    Da gab ich ihm meine Hand und sagte:
    Du hast vollstndig recht, Omar. Es handelt sich um Haddedihn und Beni
Khalid, also um die Ehre unsers Stammes; da darf ich mich euch nicht in den Weg
stellen. Es sei dir also dein Wunsch erfllt. Wir wissen, da du die Haddedihn
in einer Weise vertreten wirst, die uns erlaubt, stolz auf dich zu sein. - Du
wirst zu deinen frhern Siegen heute einen neuen fgen.
    Damit war diese Angelegenheit erledigt. Hanneh bestieg ihren Tachtirwan
wieder, und dann ritten wir dem Brunnen zu, von welchem uns, als wir uns ihm
nherten, die letzten Gebetsklnge des Moghreb entgegentnten. Die Beni Khalid
waren also schon da.
    Es war dunkel geworden, und nach dem Schlusse des Gebetes beschftigten sich
die Beduinen damit, ein Feuer anzuznden. Darum wurde unser Kommen nicht sofort
bemerkt. Wir hatten den Platz an der nordstlichen, ganz unbeobachteten Ecke
erreicht und hielten dort an. Wir wollten den Blinden zunchst den Mekkanern
nicht sehen lassen; darum mute er hier absteigen und Hanneh mit ihm, in deren
Obhut wir ihn gaben. Es konnte nicht auffallen, da sie sich hier absonderte,
indem diese entlegene Stelle so zu sagen ihren Harem bildete, wodurch zugleich
die Mekkaner gezwungen waren, ihn zu meiden. Als wir beide gut und bequem
untergebracht hatten, ritten wir weiter, der Brunnenecke zu, an welcher jetzt
das Feuer aufloderte.
    Der Scheik sah uns und kam uns hflich entgegen. Zwar begrte er uns nicht
mit einem Marhaba99, denn wir waren ja seine Feinde; er machte berhaupt keine
Worte, aber diese stille Art und Weise drckte ebenso viel Achtung aus, als er
uns htte durch die Rede erweisen knnen. Um so lauter aber war einer, der vom
Feuer, wo er sa, aufsprang und gar nicht wartete, bis ich abgestiegen war,
sondern mir beide Hnde entgegenstreckte und dabei in frohem Tone rief:
    Endlich, endlich sehe ich dich, Effendi! Ich wute, da du unbedingt kommen
und mir helfen wrdest; aber die Zeit wurde mir doch recht lang, zumal mit ihr
mein Blut hinflo!
    Es war der Perser.
    Du hattest also deine Hoffnung auf uns gesetzt? fragte ich.
    Ja, nur auf dich, denn eine andere gab es nicht. Ich erfuhr vorhin, da der
Scheik dir mitgeteilt hat, was man mit mir beschlossen hatte, und habe also
nicht ntig, es dir zu erzhlen. Nur eins mu ich dir sagen, damit du weit,
woran du bist: Die Mekkaner sprachen davon, da ihr kommen wrdet; ich htete
mich aber, zu verraten, da ich euch getroffen und mit euch gesprochen hatte. Du
hast mir das Leben gerettet. Von meinem Danke wirst du nicht jetzt, sondern
spter hren!
    Du hast mir nichts, gar nichts zu verdanken. Es war Allahs Schickung, da
dein Weg mit dem unseren zusammenstie, und wenn dir dadurch das Leben erhalten
wurde, so wende dich nicht an mich, sondern an ihn! Wo sind deine Asaker?100
    Gefangen, an einem Orte, den ich nicht kenne.
    Du aber bist frei?
    Ja. Als der Scheik vor kurzem von seinem Ritte zurckkehrte, wurden mir die
Fesseln abgenommen und die geffneten Adern verbunden. Ich htte mich unbedingt
whrend der Nacht verblutet.
    Hat dich der Blutverlust bis jetzt angegriffen?
    Doch! Ich bin ziemlich schwach, werde aber sehr bald nichts mehr davon
merken. Komm mit mir an das Feuer, und sag mir, wie sich alles zugetragen hat,
und was geschehen wird! Ich hrte, da es einen dreifachen Zweikampf geben soll.
Ist das wahr?
    Scheik Tawil Ben Schahid hatte sich wieder bei dem Feuer niedergesetzt; wir
nahmen, als ob sich das ganz von selbst verstehe, neben ihm Platz, Halef und
Kara auch. Unsere Haddedihn lagerten sich in geringer Entfernung von uns. Die
Beni Khalid bildeten zerstreut rundum liegende Gruppen. Sie unterhielten sich
sehr eifrig, doch nicht so laut, da wir etwas verstehen konnten. Die Mekkaner
endlich saen abgesondert an der Brunnenmauer beisammen, ganz nahe bei uns. Sie
hrten jedes Wort, welches wir sprachen. Hierauf gar keine Rcksicht nehmend,
beantwortete ich die Frage des Persers:
    Ja, es ist wahr. Wir haben die drei Betreffenden schon bestimmt.
    Wer sind sie? erkundigte er sich weiter.
    Scheik Hadschi Halef Omar, Kara, sein Sohn hier, und Omar Ben Sadek, einer
unserer Krieger.
    Wie und mit welchen Waffen soll der Kampf stattfinden?
    Das ist wohl erst noch zu bestimmen.
    Auf Tod und Leben?
    Ja.
    Allah! So bin ich schuld, da diese drei ihr Leben fr mich wagen mssen,
und kann doch nichts dafr! Denke dir, diese diebischen Hunde haben ihren Raub
unterwegs in der Wste versteckt! Selbst wenn ihr siegt und meine Asaker wieder
frei werden, haben wir den weiten Ritt umsonst gemacht und bekommen die
gestohlenen Gegenstnde nicht wieder!
    Darber hast du zu schweigen! gebot ihm der Scheik der Beni Khalid. Die,
welche du beschuldigst, hren deine beleidigenden Worte; das darf ich nicht
dulden, denn sie sind meine Freunde und Gste. Wenn du in dieser Weise
weitersprichst, nehme ich mein Wort zurck und lasse dir die Adern wieder
ffnen!
    Vielleicht war es zu khn von mir, aber ich durfte um unsertwillen ihn nicht
in dem Glauben lassen, da er hier der alleinige Gebieter sei, und erwiderte ihm
darum in zwar ruhigem aber doch sehr bestimmten Tone:
    Gestatte mir, o Scheik, da ich da anderer Meinung bin! Habe ich auf eines
der Rechte, welche ich besitze, hier zu verzichten?
    Nein, antwortete er.
    Gut! Wenn die Mekkaner deine Freunde sind, so ist er der meinige. Er wurde
gegen dich ausgetauscht und ist also ein ebenso freier Mann wie du. Ein freier
Mann aber darf auch frei sprechen, und wenn er damit jemanden beleidigt, so mag
dieser jemand sich dagegen wehren; einem andern aber geben wir die Erlaubnis
nicht dazu!
    Ob ihr es mir erlaubt oder nicht, das ist mir gleich, entgegnete er stolz.
Hier an diesem Brunnen bin ich der Herr, und wenn meine Gste beleidigt werden,
so bin auch ich beleidigt und werde das bestrafen. Ich wiederhole, da ich
diesen Schiiten wieder fesseln lasse, wenn er nochmals hnliche Worte sagt!
    So thue ich mit dir dasselbe!
    Was?
    Ich nehme auch dich wieder fest.
    Maschallah! Wie wolltest du das anfangen?
    Das la getrost meine Sache sein! Ich wei ganz genau, wie man sich in
einer solchen Angelegenheit zu verhalten hat. - Kennst du vielleicht diese Art
von Waffen?
    Ich zog meine beiden Revolver aus dem Grtel und zeigte sie ihm.
    Allah! rief er aus. Das sind Pistolen mit vielen, schnellen Schssen, wie
die Franken haben! Wie bist du zu solchen Waffen gekommen?
    Du hast gehrt, da ich aus dem Moghreb bin. Dort besitzen nicht nur die
Christen, sondern auch die Moslemin dergleichen Pistolen und verstehen, sehr gut
mit ihnen umzugehen. Sobald du die Bestimmung trfest, hier meinen persischen
Freund wieder festzunehmen, wrde ich meinen Haddedihn befehlen, dich wieder zu
ergreifen, und wenn du dich dagegen wehrtest, fhre dir sofort die erste Kugel
aus einem dieser vielschssigen Lufe durch den Kopf!
    Du scherzest! versuchte er zu lcheln.
    Es ist mein Ernst; darauf gebe ich dir mein Wort, und ich halte mein Wort
ganz ebenso wie du das deinige!
    Er sah mir lange und starr in das Gesicht. Als ich diesen Blick aushielt und
erwiderte, zrnte er:
    Fast bereue ich es, dir mein Wort gegeben zu haben!
    Sorge lieber dafr, da ich es nicht bereue, diesem Worte mein Vertrauen
geschenkt zu haben!
    Du drckst dich sehr gebieterisch aus, Effendi!
    Dazu bin ich auch berechtigt! Du meintest vorhin zwar, da du Herr hier am
Brunnen seist; mag sein, aber du bist es nicht allein; es sind noch andere
Herren da.
    Wer?
    Zum Beispiel ich! Der Bir Hilu gehrt weder dir noch mir; wir haben also
beide gleiche Rechte.
    Ich war eher hier als du!
    So warst du eher Herr, und ich bin es spter geworden; das ndert aber an
der Gleichheit unserer Rechte nichts. Ich gebe dir brigens den Rat, nicht so
oft und nachdrcklich zu erwhnen, da diese Mekkaner deine Freunde seien! Wenn
ich hier den Basch Nazyr als meinen Freund bezeichne, so wage ich nichts, denn
er ist ein ehrlicher Mann; aber Leute, welche des Diebstahls wegen durch die
halbe Wste gejagt worden sind, als meine Freunde darzustellen, das wrde ich
mir wohl erst reiflich berlegen!
    Sie sind keine Diebe; sie sind unschuldig!
    Wer sagt das?
    Ich!
    Beweise es!
    Wir haben sie ausgesucht und nichts, gar nichts bei ihnen gefunden!
    Khutab Agha behauptet dagegen, da sie ihren Raub versteckt haben. Es steht
also Behauptung gegen Behauptung.
    So reitet zurck, und durchsucht die Wste! Wenn ihr die gestohlenen
Gegenstnde findet und mir bringt, dann werde ich euch glauben, eher aber
nicht!
    Gut! Wir werden suchen und nicht blo finden, sondern dich auch berzeugen.
Ja, ich sage noch mehr: du selbst sollst diese Sachen finden!
    Willst du, da ich ber dich lache?
    Thue, was dir beliebt; wir werden ebenso thun, was uns beliebt. Am
allerwenigsten aber lassen wir uns vorschreiben, was wir sprechen drfen und was
nicht!
    Er ffnete schon den Mund zu einer scharfen Erwiderung, hielt sie aber
zurck, denn grad in diesem Augenblicke erscholl da, wo die Mekkaner saen, ein
mehrstimmiger Schrei, und als ich mich nach der Ursache ihres Schreckes
umschaute, sah ich die hoch aufgerichtete Gestalt des Blinden, welcher langsamen
Schrittes in den Lichtkreis des Feuers trat und da stehen blieb. Er hielt die
Linke so, als ob ihn jemand an dieser Hand fhre; die Rechte hatte er zu einer
sehr eigentmlichen, Aufmerksamkeit heischenden Geste erhoben. Hanneh sagte uns
spter, da er erst wie im Schlafe gelegen und dann pltzlich aufgesprungen und
fortgegangen sei, ohne da sie Zeit gefunden habe, ihn zurckzuhalten.
    El Mnedschi, el Mnedschi - - -! Sein Geist - - - sein Geist - - - sein
Geist! schrie El Ghani vor Entsetzen laut auf, und seine Gefhrten schmiegten
sich vor Angst eng aneinander und blickten starren Auges auf die allerdings
geisterhafte Erscheinung.
    Auch die Beni Khalid waren im hchsten Grade betroffen. Sie sahen die vom
flackernden Feuer ungewi und gespensterisch beleuchtete starre Figur; sie
hrten das Wort Geist! und als aberglubische Leute fhlten auch sie sich von
der Furcht ergriffen. So waren alle Augen erschrocken auf den Mnedschi
gerichtet, die unserigen voller Erwartung, was er jetzt thun werde.
    Da trat er zwei schnelle Schritte vor und rief mit lauter, vernehmlicher
Stimme, hoch erhobenen Hauptes, die Augen aber geschlossen haltend:
    Ich schwre bei dem Tage der Auferstehung, und ich schwre bei der Seele,
die ihre Snden bekennt. Will der Mensch wohl glauben, da wir seine Gebeine
nicht einst zusammenbringen knnen? Wahrlich, wir vermgen es, selbst die
kleinsten Gebeine seiner Finger zusammenzufgen, doch der Mensch will selbst
das, was vor ihm liegt, gern leugnen! Er fragt: Wann kommt der Tag der
Auferstehung? Wenn das Auge sich verdunkelt und der Mond sich verfinstert und
Sonne und Mond sich verbinden, dann wird der Mensch an diesem Tage fragen: Wo
findet man wohl einen Zufluchtsort? Aber vergebens, denn es giebt dann keinen
Ort des Versteckes. Dein Standort an diesem Tage wird vor dem Herrn sein, und an
demselben wird man dem Menschen verknden, was er zuerst und was er zuletzt
gethan hat, und der Mensch wird Zeuge gegen sich selbst sein, und wenn er seine
Entschuldigungen vorbringt, so werden sie nicht angenommen werden!
    Das war der Anfang der fnfundsiebzigsten Sure des Kuran. Er hielt inne. Er
hatte mit tiefem, hohlem Klange gesprochen; sein langer, silberweier Bart
zitterte, und sein Gewand bewegte sich leise; das Feuer warf wechselnde Lichter
und Schatten ber seine Gestalt. Das gab ihm etwas Jenseitiges, etwas
Ueberirdisches, zumal die gesprochenen Worte sich auf die Auferstehung bezogen.
Ich gestehe aufrichtig, da selbst ich, der ich doch wute, woran ich war, nicht
unergriffen blieb. Eine ganz eigene Art von Grauen ging mir nicht blo durch die
Seele, sondern, ich mchte sagen, auch fhlbar durch die Glieder. Wer kennt alle
die vielen, verschiedenen Regungen des Menscheninnern und die geheimnisvollen
Antriebe, von denen sie emporgeweckt werden!
    Da begann der Blinde in demselben eindringlichen Tone von neuem:
    Ja, du bist da; du sprichst mit mir; du leitest mich, und ich folge dir!
Ich bin fern von der Erde. Ich kann die Krper der Menschen nicht erkennen, aber
ich sehe die Fluten ihrer Gebrechen und Snden wogen wie einen Ocean von Pol zu
Pol. Hoch ber mir leuchtet ohne Anfang und Ende die Liebe des Himmels. Hoch
ber mir beten die Scharen der Seligen zum Lichte der Welt. Tief unten zieht
Finsternis ber die Lnder, der Ha und die Zwietracht ber Berg und ber Thal.
Wo sind die, welche Gottes Stimme hren und aufwrts steigen zum ewigen Glck?
Es sind ihrer so wenige, da ich sie nicht zu sehen vermag. Das Geschlecht der
Menschen hat keine Augen, um zu sehen, und keine Ohren, um zu hren; es geht der
Nacht entgegen anstatt dem Tage. Einer lockt und winkt dem andern; einer schiebt
und drngt den andern; so fhren und stoen sie sich weiter und weiter, vom
Lichte ab und der Finsternis entgegen. Die Menschen wollen sich von Allah nicht
mehr strafen, nicht mehr leiten und fhren lassen. Sie halten ihren eigenen
Geist fr klger als den Geist der Liebe und der Wahrheit, der alle Himmel
regiert und alle Welten lenkt. Sie sitzen darber zu Gericht, ob es einen Gott
giebt oder nicht. Entweder verleugnen sie ihn, oder, wenn sie das nicht thun, so
lassen sie sich von ihrer armen, blinden Wissenschaft einen Tempel bauen, in
welchen sie ein Abbild ihrer hochmtigen Schwche setzen, um es Gott zu nennen.
Ich sage euch, diese Anbetung ihrer eigenen Ohnmacht ist eine Abgtterei, welche
Allah strenger bestrafen wird als den unverschuldeten Irrtum der Heiden, welche
nur deshalb Gtzen verehrten, weil sie keine Offenbarung hatten! Das sagt Ben
Nur, der Sohn des wahren Lichtes, dem ihr verwehrt, in eure Herzen einzudringen
und eure Seelen zu erleuchten!
    Nach diesen Worten blieb er noch einige Zeit mit hoch erhobenem Arme stehen,
lie ihn dann sinken und drehte sich um, den Lichtkreis wieder zu verlassen und
im dunkeln Hintergrunde zu verschwinden. Niemand wagte es, ihm dorthin zu
folgen. Keiner der Beni Khalid rhrte sich von der Stelle. El Ghani, der erst
starr vor Schreck gewesen war, sprang jetzt auf und rief:
    Er war es; er war es ganz gewi! Es ist eine Kijahma! Er ist von den Toten
auferstanden und uns erschienen, um uns von dem Leben nach dem Tode zu
berzeugen, wie er es mir einst, als ich nicht daran glaubte, versprochen hat!
    Eine Kijahma? Vom Tode erstanden? fragte Scheik Tawil Ben Schahid. Also
ein Geist! Welchem Manne hat diese zurckgekehrte Seele angehrt?
    Dem Mnedschi, von dem ich dir heut nach unserm Zusammentreffen mit euch
erzhlt habe, da er gestorben und von uns begraben worden ist.
    Allah beschtze und bewahre uns! Es gehe ja keiner von euch da hinber, wo
der Geist verschwunden ist, denn er wrde ihm ins Reich der Toten folgen mssen!
Wir wollen uns vielmehr beeilen, so schnell wie mglich von diesem Orte der
Gespenster fortzukommen.
    Aber der Zweikampf? Was wird aus ihm? fragte ich.
    Er wird morgen, wenn es Tag ist, ausgefochten werden. Wir reiten jetzt
hinaus in die Wste, bis dahin, wo wir vorhin gewesen sind. Ihr reitet natrlich
mit?
    Nein.
    Warum nicht?
    Weil wir uns nicht vor Gespenstern frchten und weil unsere Kamele durstig
sind. Wir mssen sie trnken.
    Der Brunnen ist leer; wir haben ihn ausgeschpft, und das Wasser mu sich
erst wieder ansammeln. Ihr knnt also vor dem Morgen eure Tiere doch nicht
trinken lassen.
    Ohne meine Antwort darauf abzuwarten, wendete er sich an El Ghani:
    Steht auf, und macht euch fertig! Ihr bleibt natrlich auch nicht hier an
diesem Orte der spukenden Geister.
    Der Mekkaner antwortete, anstatt sogleich ja zu sagen:
    Erst mu ich wissen, ob die Haddedihn mitgehen.
    Warum?
    Da uns der Geist unseres Freundes erschienen ist, so mssen wir noch kurze
Zeit hier bleiben, um fr ihn zu beten. Dabei mssen wir aber ungestrt von
ihnen sein. Wenn sie sich mit euch entfernen, knnen wir das thun, sonst nicht.
Dann kommen wir sogleich nach.
    Es konnte gar nichts Dmmeres als diese Bedingung und dieses Versprechen
geben. Es handelte sich natrlich um das Versteck. El Ghani wollte die Sachen
dort holen und dann mit seinen Leuten die Flucht ergreifen. Gelang ihm dies, so
bekam er whrend der langen Nacht, die vor uns lag, einen Vorsprung, der ihn in
Sicherheit brachte, zumal der Perser gar nicht wagen durfte, ihn noch weiter zu
verfolgen. Da vorhin das Entsetzen des Mekkaners vor dem vermeintlichen Geiste
ein so groes gewesen war, so mute sich der Scheik der Beni Khalid eigentlich
sagen, da ihn wohl ein anderer Grund als derjenige des Gebetes hier
zurckhalte; es kam ihm aber kein derartiger Gedanke. Er sah mich fragend an,
und ich erklrte ihm:
    Gut, wir wollen diese Mnner nicht in der Ausbung ihrer frommen Pflicht
stren; wir reiten also mit euch. Du hast aber dafr zu sorgen, da sie uns auch
wirklich folgen, da um sie gekmpft werden soll. Brechen wir also auf!
    An Hanneh, welche sich da drben befand, wohin der Mnedschi verschwunden
war, schien keiner von allen diesen Leuten zu denken; darum brachte ich sie gar
nicht in Erwhnung. Wir konnten sie ruhig lassen, wo sie war, da es gar nicht in
meiner Absicht lag, den Platz zu verlassen. Ich gab vielmehr Halef die heimliche
und schnelle Weisung:
    Pa auf, was ich dir sage, und fhre es genau aus! Ich habe jetzt keine
Zeit, dir die Grnde zu sagen. Wir reiten hinter den Beni Khalid her. Sobald die
Mekkaner euch nicht mehr sehen, bleibt ihr zurck, um den Platz des Brunnens
heimlich zu umzingeln. Ihr bildet einen Kreis, innerhalb dessen die vier Felsen
liegen, und lat keinen Mekkaner durch.
    Aber warum soll - - -
    Still, wir mssen fort! unterbrach ich ihn.
    Und was soll mit Hanneh - - - -
    Keine Angst um sie! Die bleibt, wo sie ist. Ich werde mit dem Perser nicht
bei euch bleiben. Kara, dein Sohn, wird dir Aufklrung geben. Sage ihm, da ich
das erlaube!
    Von einer Stelle, wohin der Schein des Feuers nicht reichte, klang jetzt die
laute, kommandierende Stimme des Scheikes. Es handelte sich um die Soldaten,
welche dort vor uns versteckt gewesen waren und mit fortgeschafft werden
sollten. Dann setzte sich der Zug in Bewegung, dessen Schlu die Haddedihn
bildeten.
    Als wir uns weit genug entfernt hatten, blieb Halef mit ihnen zurck. Den
Perser behielt ich bei mir.
    Effendi, ich merke, da ihr etwas vorhabt, sagte er. Darf ich erfahren,
was es ist?
    Jetzt noch nicht, jedoch schon in kurzer Zeit. Jetzt mu ich den Scheik
Tawil rufen.
    Dies zeigte sich als gar nicht ntig, denn der Beni Khalid war halten
geblieben, um die Reiter an sich vorber zu lassen, bis wir kommen wrden. Er
sah trotz der Dunkelheit, da wir zwei allein waren, und erkundigte sich darum:
    Wo sind die Haddedihn? Warum bleiben sie so weit zurck?
    Um mir zu ermglichen, mein dir gegebenes Wort zu halten.
    Welches Wort?
    Da sogar du selbst die gestohlenen Gegenstnde finden wirst, ohne sie
gesucht zu haben. Vor allen Dingen, sag: Hltst du mich fr einen ehrlichen
Mann?
    Ja.
    So hast du Vertrauen zu mir?
    Ja. Du bist stolz und gewaltthtig, aber kein Betrger.
    So la deine Leute weiterreiten, und komm mit uns!
    Wohin?
    Nach dem Orte, an welchem El Ghani seinen Raub versteckt hat.
    So ist das von dem Diebstahle also wahr?
    Ja. Als er euch von der Jagd zurckkehren sah, verbarg er die Gegenstnde.
    Und du kennst den Ort?
    Ja.
    Wer hat ihn dir verraten?
    Ich habe jetzt keine Zeit, es dir zu erzhlen. Komm!
    Er zauderte doch, mir zu folgen.
    Fhrst du mich etwa in eine Falle, um mich wieder gefangen zu nehmen?
fragte er.
    Ich denke, du hast Vertrauen zu mir! Wre es auf dich abgesehen, so knnte
ich es mir bequemer machen.
    Das ist wahr. Sind die Gegenstnde, um welche es sich handelt, wertvoll?
    Sehr!
    Er berlegte noch einen Augenblick und sagte dann:
    Wohlan, ich werde thun, was du willst. Dauert es vielleicht lange?
    Nein. Wir haben nur eine kurze Strecke zurckzukehren.
    Wenn es Tag gewesen wre, so htte ich in seinem Gesichte wahrscheinlich
folgende Gedanken lesen knnen: Dieser Effendi aus dem fernen Moghreb, welcher
trotz seiner groen Gelehrsamkeit ein sehr dummer Mensch ist, weil er mir das
Versteck zeigen will, soll erfahren, da ich gescheiter bin als er. Wenn die
Sachen so kostbar sind, wie er sagt, so bekommt sie weder er noch der Perser
noch ein anderer Mann, sondern ich behalte sie!
    Wir kehrten um und ritten rechts ab nach dem betreffenden Felsen hinber. Da
wurden wir angerufen. Es war einer unserer Haddedihn, dem ich mich zu erkennen
gab. Wir lieen unsere Kamele niederknieen, stiegen ab und wiesen ihn an, auf
sie zu achten. Dann fhrte ich die beiden zu Fue weiter, bis wir den Felsen
erreichten, und zwar nicht da, wo ich mit Kara hinaufgestiegen war, sondern auf
der entgegengesetzten Seite, wo das Erklettern weniger Schwierigkeiten bot. Ich
bat, so leise und vorsichtig wie mglich zu verfahren, und da wir uns
untersttzten, kamen wir verhltnismig schnell und leicht hinauf. Der Platz
war mir bekannt, und so konnte ich trotz der Dunkelheit die fr unsern Zweck
geeignetste Stelle bestimmen; da setzten wir uns nieder, um auf El Ghani zu
warten, von dessen Kommen ich so vollstndig berzeugt war, als ob er selbst es
mir versprochen htte. Der Scheik verhielt sich still; der Perser aber war zu
erregt, als da er htte schweigen knnen. Die Mekkaner waren ausgesucht worden,
ohne da man etwas bei ihnen gefunden hatte; es war fr ihn ein groes Glck
gewesen, vom Tode errettet und wieder freigeworden zu sein; auf die Erreichung
des Zweckes seines weiten und gefhrlichen Rittes hatte er verzichtet. Da hrte
er so ganz unerwartet von mir, da die gestohlenen Gegenstnde zwar versteckt,
aber doch vorhanden seien. Natrlich versetzte ihn das in eine Aufregung, die er
nicht beherrschen konnte. Wir hatten kaum nebeneinander Platz genommen, so
flsterte er mir zu:
    Ich kann kaum glauben, was ich von dir hre! El Ghani hat also die Sachen
wirklich bei sich gehabt?
    Ja.
    Und hier oben versteckt?
    Ja.
    Weit du das genau?
    Ich habe sie gesehen, alle die Beutel mit den persischen Aufschriften auf
den Elfenbeinplttchen.
    Allah! Beutel - Aufschriften - Elfenbeinplttchen! Nun ich diese Worte
hre, mu ich es glauben! Der Kanz El A'da wird in solchen Beuteln aufbewahrt!
Du denkst, da der Dieb hier heraufkommen wird?
    Er kommt ganz gewi.
    Wo stecken die Sachen?
    Hier nebenan in einer Ritze. Sobald El Ghani sie herausgenommen hat, halten
wir ihn fest. Er ist dann so berfhrt, da er unmglich leugnen kann.
    Also darum wollte er am Feuer bleiben, darum! Trotz der Angst, welche ihm
das Gespenst einflte!
    Ja, darum! Seine Habsucht war doch noch grer als seine Furcht.
    Wie aber hast du diese Stelle entdeckt?
    Ich war mit Kara Ben Halef hier und sah an den Spuren, da jemand hier oben
gewesen war. Das fiel mir auf. Wir stiegen also herauf und fanden den Schatz.
    Warum nahmt ihr ihn nicht sogleich mit?
    Htten wir da den Mekkanern beweisen knnen, da sie die Diebe sind?
    Nein; das ist wahr. Du hast sehr klug gehandelt. Nun knnen wir sie
berfhren, und ich werde mit ihnen so streng verfahren, da sie - - -
    Pst! Still! Ich hrte ein Gerusch.
    Wir lauschten. Ja, es kam jemand, und zwar da herauf, wo auch wir
heraufgestiegen waren. Der Betreffende hatte also bemerkt, da es auf dieser
Seite bequemer war. Erwhnen will ich, da das Feuer noch brannte. Wir konnten
es aber nicht sehen, weil die Spitze unseres Felsens dazwischen lag.
    Seid ganz still! flsterte ich den beiden zu. Ueberlat ihn nur meinen
Hnden, und sagt nicht eher etwas zu ihm, als bis ich euch dazu auffordere. Je
ruhiger es hier oben abluft, desto weniger kommen seine Gefhrten da unten auf
den Gedanken, die Flucht zu ergreifen.
    Das Gerusch wurde, je weiter er heraufkam, um so lauter. Nun hatte er oben
Fu gefat und ging gerade auf die Spalte zu. Wir saen so, da wir, als er
vorber war, nur ein wenig vorzurcken brauchten, um ihm den Weg zu verlegen. Er
bckte sich. Wir hrten und sahen auch, da er die auf dem Pakete liegenden
Steine entfernte. Dann zog er dieses vor und schickte sich an, den Rckweg
anzutreten.
    Ich richtete mich hinter ihm auf. Er drehte sich um und sah mich stehen,
denn jetzt befand sich die Felsenspitze nicht mehr zwischen mir und dem Feuer.
    Allah kehrim - Gott sei mir gndig! rief er aus, doch mit unterdrckter
Stimme, vielleicht unwillkrlich, vielleicht auch vor Schreck.
    Ich zog mein Messer, lie die Klinge vor seinen Augen funkeln und herrschte
ihn an, doch auch nicht laut:
    Hier stehen noch zwei Mnner. Siehst du sie? Wenn du ein lautes Wort
sprichst, stoe ich dir das Messer in das Herz! Setz dich nieder!
    Er gehorchte augenblicklich und war ganz still. Er gehrte zu derjenigen Art
von Dieben, welche unternehmend und pfiffig, aber dabei feig sind. Ich nahm ihm
die Waffen aus dem Grtel und sagte zu dem Scheik und dem Perser:
    Haltet ihn hier fest! Ich komme bald wieder.
    Ich entfernte mich, um hinabzusteigen, denn er war jedenfalls nicht allein
hier am Felsen, und ich wollte seinen Begleiter auch noch ohne groen Lrm
bekommen. Ich hatte den Abstieg kaum begonnen, so fragte eine Stimme von unten:
    Kommst du?
    Ja.
    Es war doch noch alles da?
    Jawohl.
    So komm! Ich sttze dich. Dann aber machen wir uns augenblicklich fort!
    Wo sind die andern?
    Bei den Kamelen am Feuer. Wir brauchen nur aufzusteigen. Spring!
    Er hatte an meiner gedmpften Stimme nicht erkennen knnen, da er nicht mit
demjenigen sprach, dem seine Worte galten. Ich that den letzten Sprung, und zwar
mit Absicht so, da ich ihn niederri.
    Pa doch auf - - - -!
    Mehr konnte er nicht sagen, denn ich hatte ihn schon mit den beiden Hnden
an der Gurgel. Der Schreck darber machte ihn stumm. Es war der Sohn des Alten,
ebenso feig wie sein Vater. Er lie sich, ohne Widerstand zu versuchen, die
fnfzehn oder zwanzig Schritte bis zu dem Haddedihn schleppen, dem wir unsere
Kamele gelassen hatten.
    Hole schnell aber still die fnf nchsten Krieger herbei! befahl ich
diesem.
    In kaum zwei Minuten waren sie da. Ich bergab ihm und einem von ihnen den
Sohn des Ghani und ging mit den andern vier rasch hinber zu dem Brunnen, wo das
Feuer noch nicht ausgegangen war und ich die Gefhrten des Lieblings des
Groscherifs erwartungsvoll bei den Kamelen stehen sah, welche schon bepackt
und zum Besteigen bereit an der Erde lagen. Diese Mnner ahnten nicht, was mit
ihrem Anfhrer und seinem Sohn geschehen war; sie hatten geglaubt, wir seien
fort, und waren daher ber unser unerwartetes Erscheinen nicht nur erstaunt,
sondern sogar betroffen, weil wir ja das Paket nicht sehen durften, mit welchem
El Ghani ihrer Ueberzeugung nach jetzt erscheinen mute.
    Ihr seid wieder hier? fragte mich einer von ihnen. Warum seid ihr
zurckgekehrt?
    Um euch zu fragen, wo euer Anfhrer ist, antwortete ich.
    Er ist einmal fortgegangen.
    Wohin?
    Das wissen wir nicht. Wir haben ihn nicht gefragt.
    Ihr wolltet doch beten. Seid ihr damit schon fertig?
    Was geht das dich an? Wer hat dir erlaubt, dich in dieser Weise um uns zu
bekmmern?
    Es wurde mir erspart, ihm hierauf die richtige Erwiderung zu geben, denn in
diesem Augenblicke kam Halef eiligst herbei und sagte:
    Sihdi, ich habe deinen Auftrag ausgefhrt und bin dann zu Hanneh, der Krone
aller Frauentugenden, gegangen, um ihre etwaige Bangigkeit zu zerstreuen. Da sah
ich euch hier und bin herbergekommen, um dich zu fragen, ob du mich jetzt
vielleicht brauchst.
    Du kommst zur richtigen Zeit; auch deine Leute knnen kommen.
    Er legte, um den Schall zu verstrken, die Hnde an den Mund und rief nach
den Haddedihn, welche sich rasch einstellten und der Mekkaner versicherten. Der
Sohn des Ghani wurde von den betreffenden zwei Kriegern gebracht; dann ging ich
mit Halef und Kara nach dem Felsen, um auch den Alten zu holen. Der Scheik der
Beni Khalid und der Perser standen noch oben bei ihm und zwangen ihn jetzt,
herabzusteigen. Dann wurde er mit seinem Pakete nach dem Feuer geschafft, in
welches wir, um es jetzt anzufachen, eine Anzahl von Dschilal warfen, von
welchen die Beni Khalid einen Vorrat danebengelegt und nicht mitgenommen hatten,
weil sie frh doch wiederkommen wollten. Es sind das Fladen aus getrocknetem
Kamelmist, die in der Wste als Brennmaterial dienen.
    Wir hatten die Mekkaner nicht gefesselt, denn diese Leute waren viel zu
feig, als da sie zum Zwecke der Flucht einen gewaltthtigen Widerstand htten
wagen mgen. Sie saen beisammen, und wir bildeten einen Kreis um sie. Tawil Ben
Schahid hatte zwischen Halef und mir Platz genommen. Ihn interessierte die
Entdeckung der gestohlenen Gegenstnde so sehr, da er gar nicht mehr an den
Geist dachte, vor welchem er doch vorhin mit allen seinen Leuten geflohen war.
Er hatte sich des Pakets bemchtigt, was Halef auerordentlich rgerte, mir aber
heimlichen Spa machte, denn es verstand sich doch von selbst, da er es nicht
behalten durfte, obgleich es wahrscheinlich seine Absicht war, nichts, aber auch
gar nichts davon herzugeben. Er nestelte an der Burnuschnur herum, um es zu
ffnen. Halef war zornig darber; ich winkte ihm aber, ebenso zu schweigen, wie
ich still war.
    Der liebe Scheik der Beni Khalid befand sich in sichtbarer Verlegenheit. Er
hatte die Mekkaner als seine Freunde und Gste bezeichnet und mute sich also
dem gem verhalten. Durfte er da nehmen, was sie mitgebracht hatten? Als Diebe
konnte er sie bezeichnen, und war ganz ohne Besorgnis, sie dadurch zu
beleidigen, denn der Raub ist, zumal wenn er an einem Andersglubigen begangen
wird, in den Augen dieser Beduinen kein entehrendes Verbrechen. Aber wenn er
ihnen damit das Recht des jetzigen Besitzes zugestand, so war es ihm nicht
erlaubt, ihnen die Sachen vorzuenthalten. Dazu kamen die noch viel
berechtigteren Ansprche des Persers, die wir jedenfalls sehr krftig
untersttzen wrden. Der Schiit war feindlich behandelt worden und hatte sogar
sterben sollen, weil er die Mekkaner flschlich angeklagt haben sollte, und nun
stellte es sich heraus, da er recht gehabt hatte. Wie war aus diesen
Widersprchen herauszukommen!
    Endlich hatte er einen Entschlu gefat. Das Paket war geffnet. Er wog
einen der Beutel nach dem andern wie spielend in der Hand und sagte:
    Ich habe diese Sachen hier gefunden, und es ist nun zu entscheiden, wem sie
gehren sollen.
    Der Perser wollte schnell und mit Nachdruck antworten; ich winkte aber auch
ihm zu, dies nicht zu thun. Der Scheik konnte also fortfahren:
    Wahrscheinlich erheben zwei Parteien Anspruch darauf. Ich werde ihre Rechte
genau abwgen und dann die Entscheidung treffen.
    Da wurde er gestrt. Es kamen zwei Beni Khalid zurckgeritten. Einer allein
htte sich vor dem Gespenst gefrchtet; darum waren es zwei. Man hatte
bemerkt, da der Scheik fehle, und sie beauftragt, nach ihm zu sehen. Es war ihm
anzusehen, da ihm diese Unterbrechung nicht gelegen kam. Er gab in unwilligem
Tone den Bescheid:
    Bin ich ein Kind, welches beaufsichtigt werden mu? Ich habe hier zu thun.
Reitet sofort wieder hin, und sagt den Kriegern, da sie sich nicht um mich
kmmern sollen! Ich komme, wenn es mir beliebt, und wenn es erst morgen frh
sein sollte. Vorwrts, fort!
    Er hatte dabei den Teppich wieder zusammengeschlagen, so da die Beutel
nicht zu sehen waren. Er schien die Angelegenheit also so handhaben zu wollen,
da seine Leute, falls es ihm gelang, sich in den Besitz der Sachen zu bringen,
nichts oder wenigstens nichts genaues darber erfuhren. Mir aber htte nichts so
erwnscht kommen knnen, wie der Bescheid, den er diesen beiden Boten gab, denn
er hatte dadurch fr jetzt und fr die ganze Nacht auf den Beistand seiner
Krieger verzichtet. Als sie fortgeritten waren, ffnete er den Teppich wieder
und sagte, zu El Ghani gewendet:
    Hattest du diese Sachen da oben im Felsen versteckt, oder ist's ein anderer
gewesen?
    Ich selbst habe es gethan, antwortete der Gefragte, dessen finstere,
entschlossene Miene die Absicht verriet, auf den Besitz der Gegenstnde nicht
Verzicht zu leisten.
    Warum verbargst du sie?
    Aus Vorsicht.
    Vor mir, vor uns, euren Freunden!
    Nicht vor euch, denn wir wuten ja gar nicht, wer die Krieger waren, die
wir von weitem kommen sahen.
    Das mag dich entschuldigen. Vor Freunden versteckt man nichts. Wo hast du
diese Beutel her?
    Ich besitze sie schon seit langen Jahren, nmlich seit dem Tode meines
Vaters, von dem ich sie geerbt habe.
    Warum trgst du sie mit dir in der Wste herum? Solche Dinge lt man doch
daheim!
    Nein, denn bei mir sind sie sicherer als daheim, wenn ich mich nicht dort
befinde. Ich verlange ihre augenblickliche Auslieferung!
    Warte noch eine kleine Weile! Ich befrchte nmlich, da sich noch andere
Eigentmer melden werden.
    Allerdings! fiel da der Perser ein. El Ghani hat die Unwahrheit gesagt.
Ich brauche das wohl gar nicht zu beweisen, denn seine Lge ist eine so alberne
und ungeschickte, da derjenige, bei dem sie Glauben fnde, geradezu ohne Kopf
sein mte!
    Willst du etwa behaupten, da du der rechtmige Herr dieser Beutel seist?
    Nein, das sage ich nicht; aber ich behaupte, da der ganze Inhalt dieses
Teppichs aus dem Kanz el A'da der heiligen Sttte Meschhed Ali gestohlen wurde.
    Was du behauptest, mut du auch beweisen knnen!
    Ich kann es!
    So thue es!
    Der Perser nahm aus seinem Grtel ein Notiztschchen, ffnete es und
erklrte:
    Ich habe sofort, als ich den Verlust bemerkte, ein genaues Verzeichnis der
gestohlenen Gegenstnde angefertigt. Hier ist es. Ich werde es vorlesen, und du
kannst da hren, da es genau mit den hier an den Beuteln hngenden Inschriften
stimmt!
    Er las, und der Scheik verglich das, was er hrte, mit den auf den
Elfenbeintfelchen stehenden Worten. Das eine klang ganz so wie das andere; es
war keine Silbe zu wenig oder zu viel.
    Nun? Habe ich recht? fragte der Perser.
    Es ist allerdings beides gleich, gab der Scheik notgedrungen zu; aber
wenn du meinst, damit den Beweis geliefert zu haben, so irrst du dich. Dein
Verzeichnis scheint sich freilich hier auf diese Gegenstnde zu beziehen; aber
ob diese gestohlen worden sind, und zwar aus dem Schatz der Glieder in Meschhed
Ali, davon mut du uns erst berzeugen!
    Der Perser war von dieser so ganz unerwarteten, ja fr unmglich gehaltenen
Einwendung so betroffen, da er nicht gleich eine Entgegnung fand. Dafr aber
machte sich El Ghani diesen Kniff mit grter Geistesgegenwart zunutze, indem er
schnell ausrief:
    Halt! Ich kann jetzt nachweisen, da ich nicht der Dieb, sondern der
Bestohlene bin! Dieses Verzeichnis gehrt nmlich mir! Ich habe es angefertigt
ber mein Eigentum, welches ich bei mir hatte, und es ist mir in Meschhed Ali,
als ich in der Wohnung dieses schiitischen Basch Nazyr war, aus der Tasche
gestohlen worden. Nun ist er so frech, dieses Verzeichnis dazu zu benutzen, mich
um meine Habe zu bringen. Dieser Halunke hat also nicht nur die Strafe, von
welcher er leider vorhin errettet wurde, sondern eine noch viel schrfere und
strengere verdient!
    Halef sah mich an und ich ihn. Jetzt waren wir beide ebenso erstaunt wie
soeben der Perser. Diese Halunkenhaftigkeit des alten Mekkaners war zugleich
emprend und imponierend! Dem Scheik der Beni Khalid kam sie sehr gelegen. Er
lchelte mit dem ganzen Gesichte, als er dem Perser nun die Frage vorlegte:
    Was sagst du dazu? Du bist aus dem Anklger der Angeklagte geworden.
Verteidige dich!
    Diese Aufforderung steigerte den in dem Oberaufseher kochenden Grimm in der
Weise, da er nicht im Stande war, zusammenhngend zu antworten, sondern nur
mhsam und in Pausen hervorstie:
    Verteidigen - - -? Ich - - mich - - -? Ya Ali - - - - -! Welch eine - - -
eine Frechheit - - -! Kein Wort - - - kein Wort sage ich!
    Das war zu erwarten! Da du von Frechheit sprichst, darber werde ich noch
mit dir abrechnen! Der Diebstahl liegt jetzt folgendermaen: Du behauptest, die
Sachen seien in Meschhed Ali gestohlen worden, und mein Gast und Freund
behauptet, du habest ihm das Verzeichnis gestohlen, um in den Besitz dieser
Sachen zu kommen. Ihr beide befindet euch hier aber im Bereiche des Stammes der
Beni Khalid, welcher also ber diesen Fall zu entscheiden hat. Sobald der ganze
Stamm, von dem wir hier nur eine kleine Abteilung sind, versammelt ist, werde
ich die Dschemmah101 zusammenrufen, welche dann das gerechte Urteil fllt. Bis
dahin lege ich Beschlag auf alles, was sich hier in dem Teppich befindet, und
nehme es in meine Verwahrung.
    Er wickelte das Paket wieder zu und band die Schnur darum. Der Perser wollte
die Arme ausstrecken, um ihn daran zu hindern; ich gab ihm aber wieder einen
Wink, dies nicht zu thun. Als der Scheik mit dem letzten Knoten fertig war,
wollte er aufstehen; ich hielt ihn aber am Arme zurck und fragte:
    Du willst fort?
    Ja, antwortete er.
    Wohin?
    Zu meinen Leuten.
    Mit diesem Pakete?
    Natrlich! Es wurde ja so darber bestimmt!
    Von dir, ja! Aber willst du nicht vorher abwarten, was ich darber
bestimme?
    Du - - -?
    Ja, ich! Ich erlaube mir nmlich, etwas anderer Meinung zu sein als du.
    In welcher Beziehung?
    In mehrfacher Hinsicht. Zunchst sagtest du vorhin wrtlich: Ich habe diese
Sachen hier gefunden. Bist wirklich du es gewesen, der sie gefunden hat?
    Das hat gar keine Bedeutung. Es ist ganz gleich, wer der eigentliche Finder
ist.
    Nein, denn dem Finder haben diese Gegenstnde zu gehren, bis ber sie
entschieden worden ist.
    Das ist ja soeben geschehen!
    Nein, denn derjenige, welcher sich einbildet, entschieden zu haben, besitzt
nicht das geringste Recht dazu, eine gltige Entscheidung zu treffen.
    Meinst du damit mich?
    Ja. Ich sagte dir heut schon einmal, da nicht ihr hier die Herren seiet.
Als ich dies sagte, waren deine Beni Khalid zugegen; jetzt aber sind sie fort,
und der Bir Hilu befindet sich im Besitze der Haddedihn, welche also jetzt hier
zu befehlen haben. Aus diesem Grunde liegt der Fall, den wir verhandeln, nicht
so, wie du gesagt hast, sondern so, wie ich dir jetzt sagen werde: Nmlich der
Basch Nazyr behauptet, die Sachen seien in Meschhed Ali gestohlen worden, und El
Ghani behauptet, dieser habe ihm das Verzeichnis entwendet, um dadurch in den
Besitz der Gegenstnde zu kommen. Beide befinden sich hier im Bereiche der
Haddedihn, welche also ber diesen Fall zu entscheiden haben. Hadschi Halef
Omar, der Scheik dieses Stammes, hat folglich die Pflicht, auf alles, was sich
in dem Teppich befindet, Beschlag zu legen, bis das Urteil gesprochen worden
ist. Das ist die richtige Ansicht ber diese Angelegenheit, und sie gilt; die
deinige aber ist falsch und gilt also nicht.
    Er hatte wohl einen Widerspruch erwartet, aber einen so klaren und
bestimmten nicht. Er mute sich sagen, da er gegen diese meine Worte unmglich
etwas Kluges und Ueberzeugendes vorbringen knne, und darum an die wenigstens
jetzt einzige Art und Weise denken, uns das Objekt des Streites zu entziehen.
Da er dies that, sah ich ihm an: Er warf einen langen, lauernden Blick in mein
Gesicht und zog den Fu zum schnellen Sprunge an den Leib. Zugleich bemerkte
ich, da ich nicht der einzige war, der dies beobachtete. Kara, der Sohn unsers
Halef, stand von seinem Platze auf und that so, als ob er bei einem
naheliegenden Kamele etwas zu thun habe. Dabei ging ein bezeichnendes, listiges
Lcheln ber sein hbsches, jugendliches Gesicht. Grad dieser seiner Jugend
wegen wurde er von dem Scheik der Beni Khalid fr ungefhrlich gehalten. Dieser
that einen raschen Griff nach dem Pakete und sprang auf, um fortzueilen und im
Dunkel der Nacht zu verschwinden. Da aber holte Kara aus, machte einen weiten
Satz durch die Luft und sprang ihn von hinten in der Weise an, da der Fliehende
nach vorn in den Sand strzte. Er wollte sofort wieder auf, konnte aber nicht,
denn Kara lag auf ihm und hielt mit beiden Hnden seinen Hals fest umklammert.
Ganz selbstverstndlich warfen sich nun mehrere Haddedihn auf Tawil und sorgten
dafr, da er an Hnden und Fen so gebunden wurde, da er sie nicht bewegen
konnte.
    Halef war auch aufgesprungen, um den blitzschnellen Vorgang zu beobachten.
Sein Gesicht strahlte vor Freude als er mir nun die Worte zuwarf:
    Sihdi, hast du es gesehen, alles ganz genau gesehen?
    Jawohl, antwortete ich.
    Hat er es gut gemacht?
    Ausgezeichnet!
    Ja, ausgezeichnet! Schade, wirklich jammerschade, da Hanneh, die
vortrefflichste und berhmteste aller Mtter und Frauen, so weit von hier
entfernt ist, da sie es nicht auch sehen konnte! Was soll nun mit diesem Scheik
der Beni Khalid werden?
    Thue mit ihm, was du willst!
    Du bergiebst ihn also mir?
    Ja.
    Gut! Sei berzeugt, da ich ganz in deinem Sinne handeln werde.
    Wenn du das thust, so bergebe ich dir noch mehr.
    Was?
    Das Paket und hier die Mekkaner dazu.
    Wirklich?
    Ja.
    Ich danke dir! Vor allem danke ich dir dafr, da du mich dadurch in den
Stand setzest, als Scheik der Haddedihn handeln zu knnen, ohne jemanden um
Erlaubnis fragen zu mssen. Du wirst sofort hren, was fr weise und praktische
Bestimmungen ich treffen werde!
    Er trat in wrdevoller Haltung zu Tawil Ben Schahid hin und sagte:
    Jetzt haben wir dir bewiesen, wer nun hier zu bestimmen hat, ich oder du,
mein Stamm oder der deinige. Ich habe dich schon einmal mit der Peitsche darber
belehrt, da die Haddedihn vom groen Stamme der Schammar gar wohl wissen, wer
sie sind und was sie leisten; du aber hast es dir nicht gemerkt und darum diese
Wiederholung meines Unterrichtes erhalten. Wir sind berall, wohin wir kommen,
die Gebieter, also auch hier. Wir werden thun, was uns gefllt, selbst wenn du
zehntausend oder noch mehr Krieger bei dir httest. Du hast zwar einen Vertrag
mit uns abgeschlossen, den wir bisher gehalten haben und auch ferner halten
wollten; aber glaubst du denn, da ich dir getraut habe? Von dem Augenblicke an,
da meine Peitsche dich berzeugte, da Hanneh der huldreichste Inbegriff aller
Lieblichkeit, Anmut und irdischen Schnheit ist, mute in deinem Herzen die
Rache gegen uns gren, und wenn du das auch zu verbergen suchtest, so konntest
du doch mich nicht tuschen.
    
    Schweig! herrschte ihn der Gefangene an. Ich htte unsern Vertrag
gehalten!
    Du hast ihn doch schon dadurch gebrochen, da du uns um das Paket betrgen
wolltest!
    Das ist in unserem Uebereinkommen nicht mit genannt worden!
    Gut, so will ich annehmen, da du unsere Bedingungen erfllt httest! Von
dem Momente an aber, an welchem wir uns von euch getrennt htten, wrest du uns
gefolgt, um dich zu rchen.
    Ja, das htte ich gethan! Ich bin zu stolz, um dies zu leugnen, und sage
dir auch jetzt, da ich auf diese meine Rache nicht verzichte. Ihr seid gleich
von allem Anbeginn betrgerisch gegen uns aufgetreten, indem ihr euch fr Beni
Solaib ausgabt, whrend ihr doch Haddedihn seid.
    Ja, lachte Halef vergngt, Beni Solaib, welche Einkufe machen wollten
und also Geld bei sich hatten, dem du deine ganz besondere Aufmerksamkeit
schenken wolltest! Da thut es deinem menschenfreundlichen Herzen nun unendlich
wehe, zu erfahren, da es dieses Geld entweder gar nicht giebt oder da es,
falls es doch vorhanden sein sollte, uns nicht genommen werden kann. Wer so ein
gutes, liebevolles Gemt besitzt wie du, den mu das bitter krnken!
    Hhne nicht! Ich verlange, losgelassen zu werden. Nach unseren Abmachungen
habt ihr kein Recht, mich wieder zu binden. Ich habe den Perser freigegeben und
mu darum verlangen, auch frei zu sein! Sogar sein kostbares Hedschihn hat er
wieder bekommen!
    Das verstand sich ganz von selbst! Nicht so selbstverstndlich aber ist es,
da wir deine Fesseln jetzt zum zweitenmal zu entfernen haben. Einmal thaten wir
es, um dich gegen ihn auszulsen; da waren wir mit dir quitt. Das zweite Mal
wurdest du aber nicht seinetwegen festgenommen, sondern weil du uns mit dem
gestohlenen Teile des Kanz el A'da ausreien wolltest, und nun steht es nicht in
deinem Willen, sondern in unserem Belieben, ob und wann wir dir fr diesen
Schatz der Glieder den Gebrauch der Glieder wiedergeben werden.
    So mache ich euch darauf aufmerksam, da meine Krieger zurckkehren und
mich nicht nur befreien, sondern blutig rchen werden!
    Allah w' Allah! Vor morgen kommen sie nicht; dafr hast du vorhin ja selbst
gesorgt. Und wenn sie kmen oder wenn sie frh kommen, so denke ja nicht, da
wir uns vor ihnen frchten! Ein Haddedihn nimmt es mit zwanzig Beni Khalid auf,
und auerdem bist du fr uns der beste Schutz gegen sie. Wenn sie erfahren, da
du im Falle eines Angriffes sofort eine Kugel in den Kopf bekommst, werden sie
sich wohl sehr hten, dein teures Leben in Gefahr zu bringen!
    Allah verbrenne euch!
    Denke ja nicht, da er das thut! Wir brennen nicht so gut wie ihr, die ihr
in euren Snden drr wie altes Holz geworden seid. Du bist also einstweilen
abgethan und hast ruhig zu warten, was ich ber dich bestimmen werde. Jetzt
kommen die hohen Mekkaner Herrschaften daran!
    Der Scheik mochte einsehen, da Worte jetzt unntz seien; er schwieg. Halef
wendete sich an El Ghani:
    Mit euch brauche ich mir keine Mhe zu geben; ich werde es also so kurz wie
mglich machen.
    Der Angeredete glich einem mit Wut gefllten Feuerwerkskrper, den die
verchtlichen Worte des Hadschi in Brand setzten. Er prasselte los. Die
arabische Sprache ist, wie wohl kaum eine andere, reich an Schimpfwrtern. El
Ghani schien sie alle zu kennen und jetzt die Absicht zu haben, sich ihrer so
schnell wie mglich zu entledigen. Es brach ein solcher Redeschwall ber Halef
herein, da er, den doch nicht so leicht etwas verblffte, zunchst ganz still
war vor Erstaunen; dann aber lachte er, erst in seiner gewhnlichen, herzlichen
Weise, hernach lauter und immer lauter. Ein Haddedihn fiel ein, noch einer, noch
einer, immer mehrere und mehrere, bis sie alle, alle im Chore und zwar derart
lachten, da ich mit einstimmen mute, ich mochte wollen oder nicht. Das brachte
den Mekkaner doch zum Schweigen. Als dann die lustige Explosion vorber war und
Halef sein beinahe krampfhaft verzerrtes Gesicht wieder in Ordnung gebracht
hatte, rief er El Ghani zu:
    Du siehst, da du uns beinahe gettet hast. Du bist ein noch viel
gefhrlicherer Mensch, als ich dachte, denn wer keine gute Lunge hat, der mu
vor Lachen ber dich ersticken. Darum will ich lieber gleich gar nichts mit dir
zu thun haben und es mit dir noch krzer machen, als ich vorhin beabsichtigte.
Ich bergebe dich dem Basch Nazyr. Er hat dich verfolgt, um dich zu fangen; er
hat euch hier eingeholt und nun gehrt ihr ihm. Keine Snde bleibt unbestraft,
also auch die eurige nicht!
    Da fragte der Perser schnell:
    Hadschi Halef Omar, sag, ist das dein Ernst?
    Ja, natrlich, antwortete Halef.
    Aber bedenke: Indem du diese Leute mir bergiebst, erklrst du, da sie
schuldig sind!
    Das wei und will ich ja!
    Ich kann also mit ihnen machen, was ich will, sie bestrafen, wie es mir
beliebt?
    Nein.
    So widersprichst du doch dir selbst! Du giebst sie in meine Hnde und
erlaubst mir doch nicht, mit ihnen nach meinem Gefallen zu verfahren.
    Ich bitte dich, mich richtig zu verstehen! Indem ich, der hier zu bestimmen
hat, sie dir bergebe, entscheide ich die Schuldfrage zu deinen Gunsten. Du
warst gefangen und bist frei; sie waren frei und sind nun gefangen. Daran wrden
tausend oder selbst zehntausend Beni Khalid nichts ndern knnen. Sie sind dir
zugesprochen worden; aber ber ihre Bestrafung hast nicht du allein, sondern
haben auch wir mit zu bestimmen, weil du dich mit ihnen im Bereiche der
Haddedihn befindest und weil wir in Beziehung auf sie mit dem Scheik der Beni
Khalid Verpflichtungen eingegangen sind, die wir erfllen mssen, weil man ein
einmal gegebenes Wort selbst seinem rgsten Feinde zu halten hat. Du sagtest
heut am Tage, da du die Absicht habest, die Mekkaner, falls du sie ereiltest,
nach Meschhed Ali zu schaffen, wo man sie, wie mit Gewiheit vorauszusehen ist,
am Leben strafen wrde. Wir aber haben mit Tawil Ben Schahid das Uebereinkommen
getroffen, da um sie gekmpft werden solle, und dabei versprochen, da ihnen,
falls wir siegen, an Leib und Leben nichts geschehen soll. Um dieses unser
Versprechen mit deinen Absichten in Einklang zu bringen, werden wir eine
Beratung abhalten, an welcher drei Personen teilzunehmen haben.
    Wer sind diese drei?
    Das bin zunchst ich, denn ich habe ja - - -
    Kutub, kutub! fiel ich ihm da in die Rede.
    Er mute sich doch einen Augenblick besinnen, was ich mit diesem Zurufe
meine; dann verbesserte er sich, indem er mir lachend antwortete:
    Verzeih, Sihdi; du hast recht, weil ich wieder mich zuerst genannt habe!
Also die drei sind folgende Personen: Zuerst unser Effendi, dem ich durch diese
Ernennung zum Schiedsrichter meinen Dank dafr abstatte, da er meine Herrschaft
vorhin anerkannte. Sodann du, o Khutab Agha, als Oberaufseher des Schatzes,
welcher bestohlen worden ist. Und zuletzt - - hrst du, Sihdi, zuletzt; ich
komme zuletzt! - - zu allerletzt ich, als Scheik der Haddedihn, in deren
Machtbereich ihr alle euch befindet. Also wir drei werden beraten, was geschehen
soll, und was wir beschlieen, das wird dann ausgefhrt; kein Mensch soll uns
daran hindern!
    Da widersprach El Ghani zornig:
    Ihr habt nichts, gar nichts zu beraten und zu bestimmen! Die Sachen gehren
mir, wie das mir gestohlene Verzeichnis beweist. Bedenkt, welche Macht ich in
Mekka besitze, und - - -
    Sei still! unterbrach ihn der Scheik der Beni Khalid. Wer und was du in
Mekka bist, das ist diesen Haddedihn hier doch sehr gleichgltig, und deine
Drohungen sind also ganz unntz. Ich aber kann ganz anders sprechen, weil das,
was ich sage, Grund und Nachdruck hat. Ich bin zwar unvorsichtig gewesen, als
ich vorhin die zwei Boten fortwies, denn meine Krieger werden nun bis frh
warten; dann aber kommen sie gewi, und dann wird es sich ja zeigen, ob ein
Haddedihn es mit zwanzig von ihnen aufnimmt. Auerdem haben wir die Soldaten
fest, welche uns als Geiseln dienen. Wird nur einem einzigen von uns ein Haar
gekrmmt, so werden sie alle erschossen. Das werden die drei mchtigen und
berhmten Mnner, welche es wagen wollen, ber uns zu Gericht zu sitzen, wohl
bedenken mssen. Der Beschlu, den sie treffen werden, kann uns also gar nicht
bange machen! Auerdem ist abgemacht worden, da nicht nur um diese Soldaten,
sondern auch um euch gekmpft werden soll. Es kann euch also vor Austrag dieses
Zweikampfes nichts geschehen, und da es gar keinem Zweifel unterliegt, da wir
Beni Khalid siegen werden, so ist es fr mich schon jetzt gewi, da ihr ebenso
wie ich dann freigelassen werden mt!
    Da fiel Halef spttisch ein:
    Dein Scharfsinn ist unendlich gro. Er reicht von hier bis zum Himmel
hinauf; aber weil er seinen Kopf so hoch da oben hat, kann er nicht sehen, da
diese Angelegenheit sich hier unten inzwischen ganz anders gestaltet hat!
Zunchst hat kein Mensch gesagt, da auch um dich gekmpft werden soll; du
bleibst also unser Gefangener, wie immer das Ergebnis ausfallen wird. Sodann
wurde unsere Vereinbarung getroffen, als die Mekkaner sich noch in deinem
Schutze befanden; sie sind jetzt in unserer Gewalt, und so hat also unser
Abkommen, soweit es sich auf sie bezieht, keine Geltung mehr. Oder hltst du uns
wirklich fr so dumm, um den Besitz von Sachen oder Personen zu kmpfen, den wir
indessen schon auf andere Weise ergriffen haben?
    Das wre feig! brauste der Scheik auf. Wir wrden es aller Welt
verknden, da ihr euch vor uns frchtet!
    Darber lache ich. Verknde es doch, indem du unser Gefangener bist, der
wahrscheinlich eine Kugel bekommt! Auch irrst du dich gewaltig, wenn du meinst,
der Mann zu sein, dessen Urteil ber den Mut der Haddedihn magebend sei. Wir
sind fnfzig, ihr aber zhlt mehrere hundert Krieger; dennoch liegt ihr
gefesselt hier bei uns. Eure tapfern Beni Khalid sind vor dem Geiste
ausgerissen; wir aber sind geblieben. Wer hat da Mut und wer nicht? Und was die
Soldaten betrifft, so wird der Zweikampf natrlich nur dann ber sie
entscheiden, wenn sie sich zu der Zeit, in welcher er beginnen soll, noch in den
Hnden der Beni Khalid befinden. Merke dir genau, was ich dir jetzt gesagt habe,
denn um Leute, welche ihr nicht mehr habt, kann es keine Entscheidung geben!
Damit bin ich einstweilen mit euch fertig. Ich wnsche, von jetzt an nicht mehr
von euch mit Worten belstigt zu werden. Seht hier meine Peitsche! Wer von euch
noch ein Wort sagt, ohne da ich ihn dazu auffordere, dem wird sie den Mund
sofort schlieen. Dies ist ein Versprechen, welches ich gewilich halten werde.
Wir haben mehr zu thun, als uns so ganz unntzer Weise hier mit euch
herumzustreiten!
    Der Ton, in welchem er dies sagte, war so berzeugend, da sie von nun an
schwiegen. Sein Verhalten hatte meine volle Billigung. Ich freute mich ber ihn.
Seit ich die Entscheidung in seine Hand gelegt hatte, war es, als ob er ein ganz
anderer Mann geworden sei. Er fhlte sich unabhngig von mir und das gab ihm
eine Sicherheit, eine Ruhe, welche von seiner sonstigen Leichterregbarkeit
wohlthtig abstach. So stellte er auch jetzt, ohne mich vorher zu fragen, einige
Haddedihn als Posten aus, welche den Zweck hatten, uns von einer etwaigen
Annherung der Beni Khalid rechtzeitig zu unterrichten. Der Brunnen wurde
untersucht, der hinabgelassene Eimer schpfte Wasser, und so konnten, wenigstens
so weit es jetzt reichte, unsere Pferde und Kamele getrnkt werden. Whrend dies
geschah, ging er zu Hanneh hinber, um ihr Bericht zu erstatten. Wir htten sie
gern herber zu uns geholt, aber da sich der Mnedschi, den wir noch
verheimlichen wollten, unter ihrer Aufsicht befand, so konnte dies fr jetzt
noch nicht geschehen.
    Kara Ben Halef berwachte die Arbeiten am Brunnen, damit jedes Tier sein
Teil bekomme, und ich machte einen Spaziergang, um nachzusehen, ob die Posten
sich so, wie es ihrer Aufgabe entsprach, aufgestellt hatten. Unser
Zusammentreffen mit den Beni Khalid hatte sich jetzt verwickelter gestaltet, als
es anfangs zu vermuten gewesen war, doch zweifelte ich nicht daran, da die
Lsung eine fr uns befriedigende sein werde. Wir hatten ja immer Glck gehabt,
und es gab keinen Grund, anzunehmen, da es uns grad dieses Mal verlassen werde.
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                                Drittes Kapitel

                                        

                                    El Mizan


Grad als ich von meinem Gange zurckkehrte, kam auch Halef wieder. Als er mich
sah, kam er auf mich zu und verhinderte mich dadurch, ganz bis zum Feuer zu
gehen. Er schien mir also etwas mitteilen zu wollen, was fr mich allein
bestimmt war.
    Sihdi, sagte er in geheimnisvollem Tone, du hast mir zwar erlaubt, ganz
allein und selbstndig zu bestimmen, aber es liegt jetzt etwas vor, was ich doch
nicht thun mchte, ohne dich vorher gefragt zu haben.
    Was ist's? erkundigte ich mich.
    Du kennst doch meine Hanneh, welche nicht nur die herrlichste unter allen
Erdenblumen ist, sondern auch das klgste Kpfchen unter smtlichen Kpfen aller
Menschen hat. Das weit du doch?
    Allerdings.
    Schn! Wenn du das noch nicht wtest, so wrdest du es jetzt erfahren,
erkennen, einsehen, zugeben und besttigen mssen. In diesem ihrem gescheiten
Kpfchen ist nmlich ein Plan entstanden, welcher der vortrefflichste Plan aller
Plne ist und mich geradezu begeistert hat. Du stehst so still da. Bist du nicht
begierig, zu erfahren, was ich meine?
    Ich bin still, weil ich es umso eher erfahre, je weniger ich selbst rede,
sondern dich sprechen lasse.
    Dieser Plan betrifft nmlich die gefangenen Soldaten. Wir haben uns von dem
Versprechen, welches wir dem Scheik der Beni Khalid gaben, in jeder Beziehung
unabhngig gemacht, nur aber nicht in Betreff dieser Soldaten, um deren
Befreiung noch erst gekmpft werden mu. Dies wre nicht ntig, wenn es uns
gelnge, sie jetzt whrend der Nacht den Beni Khalid durch List zu entfhren.
Bist du nicht auch dieser Meinung?
    Ich gebe dir recht. Ja, ich gestehe sogar, da ich auch schon daran gedacht
habe. Es giebt zwar eine sehr leichte Art und Weise, sie loszumachen, nmlich
indem wir sie gegen den Huptling umtauschen, worauf die Beni Khalid ja
gezwungen wren, einzugehen; aber da er schon einmal umgetauscht worden ist, so
kommt mir diese Manipulation keineswegs sehr geistreich vor, und ich - - -
    Da fiel er mir rasch in die Rede:
    Geistreich, geistreich! Ja, das ist das richtige Wort, Sihdi. Wir wollen
und wir mssen geistreich sein, und ich sage dir, da wir es gar nicht zu sein
brauchen, weil Hanneh, die pfiffigste aller irdischen Pfiffigkeiten, schon
geistreich fr uns gewesen ist. Wir haben es gar nicht ntig, unsere hehren
Seelenkrfte anzustrengen, weil diese doch immerhin belstigende Arbeit uns von
dem herrlichsten Gegenstande meiner Liebe und Verehrung, welcher Hanneh heit,
abgenommen worden ist. Ich ging vorhin zu ihr, um ihr den Bericht zu erstatten,
den ich als der Mann ihres Herzens ihr schuldig bin. So erfuhr sie, da wir die
Soldaten noch nicht frei gemacht haben und also um sie kmpfen mssen. Sie ist
mutig, tapfer, khn und verwegen, sowohl im Frieden wie auch im Streite; sie
wei, da wir uns nicht besiegen lassen wrden, und hat also nicht eine Spur von
Sorge oder gar Angst um uns; aber als kluge Frau ist sie doch der ganz richtigen
Ansicht, da man, wenn man die Wahl besitzt, ganz denselben Erfolg durch List
oder durch Gewalt zu erreichen, der List den Vorzug geben soll. Und kaum hatte
sie diesen Gedanken ausgesprochen, so war auch schon der Plan zur Ausfhrung in
ihrem lieben Kpfchen fertig. Du wirst staunen, staunen, wenn du ihn erfhrst!
    Hoffentlich teilst du ihn mir noch im Verlaufe dieses Jahrhunderts mit?
    Spotte nicht! Bist du nicht gespannt darauf?
    Sehr!
    Ich war es auch, auerordentlich sogar! Und ich sage dir: Als sie ihn mir
klargelegt hatte, wute ich, da ein solcher Entwurf nur aus einem weiblichen
Kopfe kommen knne, und zwar aus dem weiblichen Kopfe meiner Hanneh, deren
Scharfsinn ber alle andern Scharfsinnigkeiten hoch erhaben ist!
    So bitte ich dich, mich an deinem Entzcken doch baldigst teilnehmen zu
lassen!
    Das sollst du auch, Effendi. Gestatte mir nur erst die Frage: Vor wem sind
die Beni Khalid vorhin ausgerissen?
    Vor dem Mnedschi, weil sie ihn fr ein Gespenst hielten.
    Wie nun, wenn ihnen dieser Geist jetzt wieder erschiene, ganz pltzlich
erschiene?
    Hm!
    Du hmst dazu? Ich dachte, du wrdest ganz entzckt davon sein!
    Ist dies der Gedanke deiner Hanneh?
    Ja. Wie findest du ihn?
    Hm!
    Hmse nicht, sondern sage es offen!
    Er ist echt weiblich.
    Nicht wahr? Echt weiblich! Groartig ausgedacht und ungemein praktisch. Der
Erfolg kann gar nicht ausbleiben; sie reien alle, alle aus!
    Meinst du das wirklich?
    Blo meinen? Ich bin berzeugt, vollstndig berzeugt davon. Also du
stimmst bei. Es wird gemacht!
    Langsam, langsam, lieber Halef! Wer hat gesagt, da ich beistimme? Ich
nicht!
    Du hast das Gegenteil nicht gethan und also beigestimmt. Wir werden darum
den kstlichen Gedanken meiner Hanneh sofort zur Ausfhrung bringen!
    Schon hob er den Fu, um fortzugehen; da hielt ich ihn fest und sagte:
    Nicht so schnell, Halef! Erlaube, da ich deine Begeisterung ein wenig
abkhle! Wie nun, wenn die Beni Khalid nicht ausreien?
    Sie reien aus! behauptete er. Hanneh hat es gesagt, und folglich thun
sie es! Ich wei zwar, da du ein vollstndig nchterner Mensch bist, aber so
viel Phantasie besitzest du doch wohl, dir ausmalen zu knnen, welcher Schreck
sie erfat, wenn der Geist pltzlich abermals bei ihnen erscheint, und zwar
mitten unter ihnen und mit brennenden Fackeln in den Hnden!
    Mit Fackeln?
    Ja, mit Fackeln, aus Lef und Katran102 gefertigt. Du weit doch, da wir
welche mitgenommen haben, um unterwegs, wenn es ntig werden sollte, das Lager
hell zu erleuchten!
    Das wei ich wohl! Also mit Fackeln soll er erscheinen, und ausreien
werden sie? Wenn sie nun da die Soldaten mitnehmen?
    Mitnehmen? Fllt ihnen gar nicht ein! Ihr Schreck wird so gro sein, da
sie augenblicklich fortrennen, ohne sich um sie zu bekmmern.
    Und dann?
    Dann machen wir die Soldaten schnell frei und gehen mit ihnen fort, ehe die
Beni Khalid zurckkehren.
    Dazu brauchen wir sehr lange Zeit!
    Nein; das geht sehr rasch!
    Bedenke, da wir doch auch die Waffen, die Kamele und alles, was den
Soldaten gehrt, haben mssen!
    Das dauert trotzdem nicht lange, denn wir nehmen soviel Haddedihn mit, wie
wir brauchen; die bleiben natrlich im Dunkel der Nacht, hinter dem Mnedschi,
bis der geeignete Augenblick gekommen ist.
    Aber der Mnedschi ist blind! Er kann nicht gefhrt werden, da sie zunchst
nur ihn sehen drfen!
    Wir stellen ihn so, da er nur geradeaus zu gehen hat. Das ist doch nicht
schwer.
    Wird er sich zu diesem Coup brauchen lassen?
    Warum nicht? Wir sagen ihm, um was es sich handelt.
    Das drfen wir nicht.
    Warum nicht?
    Weil wir noch nicht wissen, wie er sich von jetzt an zu den Mekkanern,
seinen bisherigen Freunden, stellen wird. Hat er etwa alles gehrt, was du
Hanneh erzhlt hast?
    Nein, gar nichts, denn er befand sich wieder in seinem schlafhnlichen
Zustande, aus welchem er infolge seiner Schwche und Ermdung nur zuweilen und
fr kurze Minuten kommt. In diesem Halbschlafe ist er, als er zu uns, beinahe an
das Feuer kam, pltzlich aufgesprungen und so schnell fortgelaufen, da ihn
Hanneh gar nicht hat halten knnen, aber ebenso rasch wiedergekommen, um sich
niederzusetzen und weiterzuschlafen. Er wei also gar nicht, wo wir sind und was
hier geschehen ist.
    Wir wollen es ihm auch nicht sagen, um zu vermeiden, da er im Gefhle
seiner Zugehrigkeit zu den Mekkanern vielleicht etwas sagt und thut, was uns
hinderlich ist. In seinem jetzigen Zustande ist er zur Ausfhrung von Hannehs
Plan unmglich zu verwenden.
    So warten wir, bis er erwacht!
    Womit willst du ihn dann dazu bringen, den fackeltragenden Geist zu
spielen?
    Sihdi, das la nur Hannehs Sorge sein! Sie wei jeder Sache einen Grund zu
geben, und wenn dieser nicht ausreicht, sogar mehrere und viele Grnde, und wird
also auch hier zur rechten Zeit den richtigen Gedanken finden; darauf kannst du
dich verlassen! Und nun sag: Stimmst du endlich bei?
    Noch nicht.
    Aber warum nicht?
    Weil mir die Sache vorkommt, als ob Kinder spielten; sie ist kindlich,
sogar kindisch und nicht so tapferen Kriegern angemessen, wie unsere Haddedihn
doch jedenfalls sind. Wir knnen unseren Zweck ja doch auf ganz andere, uns
wrdigere Weise erreichen.
    Das gebe ich zu, Sihdi; aber diese andere Weise wrde mir nicht gefallen,
weil sie nicht der Klugheitstiefe meiner Hanneh entsprungen ist. Ich bitte dich,
doch einmal in den Brunnen ihrer Gedanken hinabzusteigen! Sie hat einen so
kstlichen Plan ersonnen, und nun soll er nicht ausgefhrt werden! Da du diesen
Plan kindisch genannt hast, das darf sie nie im Leben erfahren, weil dies eine
Krnkung fr sie wre, welche ihr Herz wohl gar nicht berstehen knnte. Du mut
also schon um ihretwillen deine Genehmigung erteilen, ohne da ich dich darauf
aufmerksam zu machen brauche, da nach deinem eigenen Willen jetzt ich allein zu
bestimmen habe, was geschehen soll. Ja, das hast du gesagt! Und nun willst du
dich meiner Anordnung doch nicht fgen! Ist das recht? Ist das gut und schn von
dir?
    Da seine Appellation sich auf diese, seiner Meinung nach gewichtigen Grnde
sttzte, beeilte ich mich, zu antworten:
    Lieber Halef, ich bleibe zwar bei meiner Ansicht, will dich aber nicht
hindern, den Versuch zu machen, ob der groartige Plan deiner guten Hanneh
ausgefhrt werden kann.
    Ich danke dir, Sihdi! Wie wird sie sich freuen, wenn sie erfhrt, da du
eingewilligt hast! Ich werde alles Ntige sogleich mit ihr besprechen und mich
dann beeilen, es auszufhren.
    Alles Ntige? Was verstehst du darunter?
    Was? Das will ich eben mit ihr beraten.
    Lieber Hadschi, der Plan ist ihrem Kpfchen entsprungen, die Ausfhrung
desselben aber la Mnnersache sein! Ueber das dabei Ntige ist unser Urteil
wohl nicht weniger gengend als das ihrige. Ich werde natrlich auch mit dabei
sein. Wir mssen zunchst vor allen Dingen wissen, wo die Beni Khalid sind und
in welcher Weise sie sich gelagert haben. Ich gehe sofort, dies zu erforschen,
und du wirst mich begleiten. Komm!
    Jetzt gleich? fragte er enttuscht.
    Ja.
    Du willst mit helfen?
    Natrlich!
    Aber, Effendi, es war uns ja eben darum zu thun, diese Sache ohne deinen
Beistand auszufhren!
    Das kann ich nicht zugeben. Du sollst zwar bestimmen, was zu geschehen hat,
aber da ich von der Erfllung deiner Befehle ausgeschlossen sein soll, davon
habe ich nichts gesagt. Der Streich, den du den Beni Khalid spielen willst, hat
groe Aehnlichkeit mit einem Knabenscherze, kann aber sehr ernste und
beklagenswerte Folgen fr uns haben. Wenn ich trotzdem darauf eingehe, so thue
ich das nur unter der Voraussetzung, da die Ausfhrung unter meinen Augen
geschieht. Wenn du es nicht willst, so verzichten wir ganz darauf und tauschen
die Soldaten gegen den Scheik aus. Jetzt entscheide!
    Sihdi, du nimmst da meiner Hanneh die Butter von der Milch herunter, aber
da ich einsehe, da ich dich nicht anders zu stimmen vermag, so sollst du deinen
Willen haben. Komm also jetzt; ich gehe mit!
    Er war jetzt unzufrieden mit mir, doch durfte mich das nicht beirren.
Glcklich zwar ist der Mensch, dem es gelungen ist, seinen kindlichen Sinn mit
herber in die ernsten Jahre zu retten, aber der Ernst soll sich ihm nicht
unterzuordnen haben.
    Wir gingen miteinander nach der Richtung, in welcher wir die Beni Khalid
wuten. Ich nahm an, da sie die Gegend gewhlt hatten, wo ich sie gegen Abend
ihre Fantasia hatte reiten sehen, und es stellte sich heraus, da diese
Vermutung richtig war. Sie hatten dort wohl noch Brennmaterial liegen gehabt,
denn es brannten zwei Feuer, zwar nur klein und nicht hell leuchtend, aber sie
gengten fr uns doch, uns leichter zu orientieren, als wir es ohne sie gekonnt
htten.
    Der Platz war von einigen Felsen flankiert, welche unsere unbemerkte
Annherung ermglichten. Indem wir einen von ihnen als Deckung benutzten und von
ihm aus unsere Beobachtungen machten, gewannen wir folgendes Resultat: Es war
zwar nicht hell genug, die Beduinen einzeln unterscheiden und also zhlen zu
knnen, aber die Figuren ihrer Gruppen konnten wir erkennen. Gleich vor unserem
Felsen lagerten die Kamele, deren Sttel und Gepckstcke unweit davon mehrere
wohlgeordnete Reihen bildeten. Eine besondere, kleine Abteilung von Kamelen war
nicht zu sehen, woraus wir schlossen, da die Tiere der Soldaten bei den anderen
untergebracht worden waren. Das mute es uns leider fast unmglich machen, sie
so schnell, wie dies ntig war, herauszufinden. Links davon bildeten die an der
Erde liegenden Beduinen zwei halbmondfrmige Gruppen, deren Sichelspitzen gegen
einander gerichtet waren. Dadurch hatte sich zwischen ihnen ein freier, lnglich
schmaler Platz ergeben, an dessen Enden die Feuer brannten, whrend in der Mitte
die Soldaten lagen, welche gefesselt zu sein schienen. Sehen konnten wir das
nicht genau. Da die Beduinen ihre Waffen bei sich hatten, verstand sich von
selbst; aber wo sich diejenigen der bezahlten Krieger des Sultans befanden,
das konnten wir nicht entdecken. Es stand mit ihnen also gerade so wie mit den
betreffenden Kamelen: Bei der Schnelligkeit, mit welcher unser Streich
auszufhren war, fehlte es uns wahrscheinlich an der ntigen Zeit, nach ihnen zu
suchen und sie mitzunehmen. Als ich Halef diesen meinen Gedanken mitteilte,
antwortete er:
    Ich finde keinen Grund, unseren Vorsatz nicht dennoch auszufhren. Die
Hauptsache ist die Befreiung der Soldaten. Der Scheik der Beni Khalid pocht
darauf, da sie gefangen sind, und ich freue mich schon jetzt auf sein
enttuschtes Gesicht, welches er uns zeigen wird, wenn er sieht, da sie im
besten Wohlbefinden zu ihm kommen, um ihm den hflichen Besuch der
hochachtungsvollen Zuneigung zu machen! Ihre Waffen und Kamele und was ihnen
sonst noch alles gehrt, das mu man ihnen spter doch herausgeben, weil wir
sonst den Scheik nicht freilassen wrden. Ich bin vollstndig berzeugt, da du
das einsiehst!
    Und ich bin dir auerordentlich dankbar, da du mir den ntigen Scharfsinn
zutraust, der zu dieser Einsicht erforderlich ist!
    Oh bitte, bitte! Du machst mich stolz mit dieser deiner Dankbarkeit!
Bleiben wir vielleicht noch lnger hier?
    Nein; wir sind fertig. Komm!
    Wir kehrten nach unserem Lagerplatz zurck und gingen da sogleich zu Hanneh
hinber, welche mit Spannung auf das Ergebnis ihres Vorschlags gewartet hatte.
    Der Effendi ist einverstanden, berichtete ihr Halef, vollstndig
einverstanden! Er war ganz entzckt, als ich ihm den kstlichen Gedanken
mitteilte, welcher der fruchtbaren Tiefe deines geistigen Vermgens entsprossen
ist. Wir sind sofort gegangen, um das Lager der Beni Khalid zu ersphen, und
kehren, nachdem uns dies gelungen ist, zu dir zurck, um dich um weitere
Erleuchtung zu ersuchen.
    Whrend er in dieser Weise meine widerstrebende Ansicht in eine begeistert
zustimmende verwandelte, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den Mnedschi,
von dessen Verhalten das Gelingen unseres Planes abhing. Ich konnte hier in
dieser Dunkelheit sein Gesicht nicht deutlich erkennen, aber seine im Sitzen
gerade Haltung und die Art und Weise, wie er den Worten Halefs zuhrte, sagten
mir, da er wach und geistig munter sei. Dieses besttigte sich durch die Worte,
welche er, als Halef gesprochen hatte, an diesen richtete:
    Ich hre an deiner Stimme, da du Hadschi Halef bist, der Scheik der
Haddedihn, und ich habe erfahren, da ich mich hier bei Hanneh, deinem Weibe,
befinde. Mein Ohr sagt mir, da jemand mit dir gekommen ist. Wer ist das?
    Es ist Hadschi Akil Schatir, der Effendi aus dem Wadi Draha, antwortete
Halef.
    So nimm meinen Gru, Hadschi Akil Schatir Effendi! Du hast Worte der
Freundschaft, der Liebe und Barmherzigkeit mit mir gesprochen, bevor und nachdem
ich Marrya, deinen Schutzengel, sah. Ihr seid gut und hilfreich zu mir gewesen,
dem armen, verlassenen Blinden in der Wste, und so werde ich thun, was ihr
verlangt, und nicht nach dem Grunde dieses eures Wunsches fragen.
    Welchen Wunsch meinst du? erkundigte ich mich.
    Hanneh bat mich, in jede Hand eine brennende Fackel zu nehmen und langsamen
Schrittes, ohne ein Wort zu sagen, vorwrts zu gehen. Sie versprach mir, da ich
die Ursache dieses Verlangens dann spter erfahren werde; jetzt drfe man es mir
nicht mitteilen, weil sonst die dabei gehegte Absicht sehr leicht zu verfehlen
sei. Ich thue nie etwas, ohne zu wissen, warum ich es thue; in diesem Falle aber
will ich gegen diesen Grundsatz handeln, weil ich wei, wie sehr ich euch zur
Dankbarkeit verpflichtet bin.
    In diesen seinen Worten lag die indirekte Mitteilung, da Hanneh in ihrem
weiblichen Scharfsinne so vorsichtig gewesen war, ihm ber die Vorgnge der
letzten Stunden nichts mitzuteilen. Das war gut. Ebenso htte es mich
befriedigt, wenn sie das Verlangen, von welchem er sprach, noch nicht an ihn
gestellt, sondern gewartet htte, bis sie unseres Einverstndnisses sicher
gewesen wre. Sie war um eine Erklrung ihres Wunsches verlegen gewesen, hatte
keine gefunden und sich so allein auf seinen guten Willen verlassen mssen. Das
war mir nicht lieb, konnte aber nun nicht gendert werden. Jetzt sagte sie zu
mir:
    Du hrst, Effendi, da ich alles wohl vorbereitet und eingeleitet habe, und
da mir Halef sagt, da auch ihr fertig seid, so brauchen wir mit dem Beginne
wohl nicht lnger zu warten.
    Indem ich mich nicht fragte, ob diese liebe Ungeduld des Ewig-Weiblichen
etwa eine spezielle Eigenschaft nur der Orientalinnen sei, antwortete ich:
    Ja, wir knnen sofort die Probe machen, ob der Erfolg, den du erwartest,
sich einstellen wird.
    Ich zweifle nicht daran, Sihdi. Wir knnen also gehen?
    Wir? Du meinst damit auch dich?
    Ja. Der Plan ist von mir, und so mchte ich auch gern dabei sein, wenn
meine Gedanken zur Wirklichkeit werden. Hast du etwas dagegen?
    Eigentlich ja. Was wir vorhaben, ist nicht Frauensache. Aber ich will dich
nicht um das Vergngen bringen, auf welches du dich freust, erwarte aber, da du
stets an meiner Seite bleibst!
    Ich verspreche dir, dies zu thun!
    So besorg die Fackeln, Halef! Zehn Haddedihn bleiben mit Kara Ben Halef
hier, zur Bewachung derer, welche dort am Feuer liegen. Die anderen gehen mit
uns; sie nehmen die Gewehre nicht mit, weil diese hinderlich sein wrden, doch
die Messer. Ich habe meinen Stutzen, welcher wohl gengen wird, etwaigen Andrang
von uns fernzuhalten. Ich mit dem Mnedschi und du mit Hanneh, wir gehen voraus;
die andern folgen hinter uns und thun nichts weiter als das, was wir ihnen
sagen!
    Diese Weisungen gab ich deshalb, ohne die Mekkaner zu nennen, weil der
Blinde noch nicht wissen durfte, da sie sich und gar als Gefangene, bei uns
befanden. Kurze Zeit darauf waren wir unterwegs.
    Halef fhrte seine Hanneh, ich den Mnedschi am Arme; die Haddedihn folgten
uns mit leisen Schritten. Es war ein eigentmliches Unternehmen; ich fhlte
etwas wie Scham in mir. Die Anregung dazu hatte allerdings nur von einer Person
kommen knnen, welche mit der Natur noch so direkt in Berhrung stand, wie eben
unsere Hanneh, und dabei doch so schlau berechnend war wie sie. Ihre Hoffnung
stand auf dem Aberglauben der Beni Khalid, und da ich wute, wie gro er bei den
Beduinen im allgemeinen ist, so hatte ich keinen Grund, anzunehmen, da er grad
bei diesem Stamme kleiner sei.
    Wir kamen, ohne von irgend etwas auf- oder abgehalten zu werden, bei der
Stelle an, von welcher aus ich vorhin mit Halef die Beduinen beobachtet hatte,
und sahen, da keine Vernderung inzwischen eingetreten war. Es bekam jeder
seine Weisung in Betreff dessen, was von ihm gefordert wurde, und ich mu sagen,
da es unter den Haddedihn keinen gab, der die Sache als ernsthaft oder gar als
gefhrlich aufgenommen htte; sie machte vielmehr ihnen allen Spa. Sie stellten
sich hinter uns im Dunkeln auf, den Augenblick erwartend, an welchem sie den
Befehl zum Zuspringen erhalten wrden. Vor ihnen stand der Mnedschi, mit dem
Gesichte nicht etwa ganz genau dahin, wohin er gehen sollte, sondern ein wenig
nach rechts gerichtet. Warum das? Darum: Wer sich in einem wegelosen Wald
verluft und immer wieder an die Stelle kommt, von welcher er ausgegangen ist,
der wei wohl kaum, weshalb sein Weg einen Kreis bildete. Ganz dasselbe kann
einem in der Wste, in der Prrie, auf jeder pfadlosen Strecke begegnen, wenn
die Sonne nicht scheint oder es keine Sterne giebt und man die Zeichen nicht
kennt, aus denen die Himmelsrichtung zu ersehen ist. Die Kreislinie, welche man
luft, wird stets nach links gerichtet sein, und zwar deshalb, weil bei den
meisten Menschen der Schritt des rechten Fues oder Beines ein wenig lnger als
derjenige des linken ist. Dadurch wird der Krper mehr und mehr nach links
gedreht, whrend man doch berzeugt ist, in schnurgerader Richtung zu gehen.
Jeder Westmann, jeder Beduine, jeder mit der Wildnis vertraute Mensch wei ganz
gut, wie sehr schwer es ist, auch nur eine halbe Stunde lang einen genau
linealen Weg zurckzulegen, wenn die natrlichen Richtungszeichen fehlen.
    Der Mnedschi sollte nach dem ersten Feuer der Beni Khalid gehen. Er war
blind, und konnte es also nicht sehen. Folglich stellte ich ihn nicht front zum
Feuer, sondern ein ganz wenig nach rechts gedreht. Die Folge zeigte dann, da
das ganz richtig gewesen war. Er behielt diese Stellung die kurze Zeit bei,
whrend welcher ich mit Halef hinter den Felsen ging, um die beiden Fackeln
anzuznden, was sehr leicht und schnell geschah, weil sie oben ausgefasert
waren. Sobald sie brannten, sprangen wir zu dem Mnedschi zurck und gaben sie
ihm mit der Weisung in die Hnde, nun grad vorwrts zu gehen und sie schrg nach
oben, damit kein Funke auf ihn fliege, weit von sich abzuhalten. Er that das und
setzte sich langsamen Schrittes in Bewegung.
    Diese Uebergabe der Fackeln war natrlich so rasch geschehen, da der
Vorgang vom Lager der Beni Khalid aus nicht anders als ein pltzliches
Erscheinen zweier Lichter bemerkt werden konnte. Obgleich der Schein dieser
beiden flackernden Flammen ein so beweglicher und darum ungewisser war, da
unsere Gestalten nicht von ihm fixiert werden konnten, waren wir doch so
vorsichtig, uns niederzuducken, um die Mglichkeit, dennoch gesehen zu werden,
gnzlich auszuschlieen.
    Zunchst hatte es den Anschein, als ob der Blinde viel zu weit nach rechts
gehen werde, was Halef zu der besorgten Bemerkung veranlate:
    Sihdi, er wird zwischen den Leuten und den Kamelen hindurchgehen, und dies
bringt uns um die Hlfte des Erfolges! Wenn alles so gelingen soll, wie wir
wnschen, mssen die Beni Khalid ihn genau auf sich zu kommen sehen, und dies
ist leider nicht der Fall!
    Diese Sorge ist unntig, antwortete ich. Er wird sich allmhlich nach
links wenden. Pa nur auf!
    Und wie ich gesagt hatte, so geschah es: Die Linie, welche er ging, neigte
sich, als ob unser Wunsch ihm Fhrer sei, nach und nach dem uns am nchsten
liegenden Feuer der Beduinen zu. Ich hatte also ganz richtig gerechnet.
    Was die Beni Khalid betrifft, so schienen ihnen die Flammen whrend der
ersten Augenblicke des Brennens entgangen zu sein; aber noch hatte der Mnedschi
nicht zwanzig Schritte gethan, so zeigte sich der Beginn der von uns erwarteten
Wirkung. Wir hrten zunchst einige laute, aufmerksam machende Rufe und sahen
dann, da die Beduinen aufsprangen. Zwei so pltzlich in der Finsternis
auftauchende Flammen! Was war das? Was hatte das zu bedeuten?! Sie mochten dabei
wohl an uns, an die Mekkaner und ihren Scheik denken; aber aus welchem Grunde
konnte es einem von den genannten Leuten einfallen, in dieser befremdenden Weise
vom Brunnen hierher zu kommen! Sie standen still, erwartungsvoll und stumm. Je
mehr der Blinde sich ihnen nherte, desto deutlicher wurde ihnen seine Gestalt.
Seine hoch aufgerichtete Figur, seine langsamen, feierlichen Schritte verfehlten
ihren Eindruck nicht. Sie wurden bestrzt. Sein ehrwrdiges Gesicht, sein
langer, silberwei glnzender Bart trat immer mehr hervor. Dazu seine wallende
Kleidung, welche weit mehr als ein europischer Anzug geeignet war, ihm ein
geisterhaftes Aussehen zu verleihen, das bewegliche Flackern der Fackeln, deren
dsterrot glhende Lichter mit hin und her huschenden Schatten wechselten, als
ob er von tanzenden, springenden und schleichenden Dschinnen103 umgeben und
begleitet werde - - ihre Bestrzung wuchs und verwandelte sich in Furcht. Jetzt,
jetzt erkannten sie sein Gesicht, und die Entscheidung, ob wir unsere Absicht
erreichen wrden oder nicht, war gekommen. Wenn sie ihre Angst bemeisterten und
ihn festnahmen, hatten wir uns im hchsten Grade lcherlich gemacht und unsere
Angelegenheit verschlimmert anstatt verbessert!
    Aufrichtig gestanden, war ich beinahe berzeugt, da wir einen Mierfolg
haben wrden; nicht so aber die Haddedihn, welche vor Spannung kaum zu atmen
wagten und bereit zum schnellen Vorwrtsspringen waren.
    Es gelingt, es gelingt vortrefflich! raunte Halef seiner Hanneh und mir
zu. Sie haben solche Angst, da es mir ist, als ob ich sie zittern she!
    Ja, es gelingt! stimmte sie bei. Wie schn, da ihr mich mitgenommen
habt! Pat auf! Nur noch einen Augenblick, so werden sie die Flucht ergreifen!
    Ich zweifelte noch immer; aber die beste aller Frauen sollte Recht
bekommen; denn gerade jetzt ertnten von den Feuern her die Rufe:
    El Chajal, el Chajal - - das Gespenst, das Gespenst! Allah beschtze uns!
Reit aus, reit aus!
    Hierauf wurden alle vorhandenen Beine, die nicht gefesselt waren, so
energisch in Bewegung gesetzt, da wir nach nur einigen Sekunden keinen einzigen
Ben Khalid mehr sehen konnten. Nun schnellten die Haddedihn vorwrts, Halef an
ihrer Spitze; ich folgte ihnen, allerdings etwas langsam. Hanneh sollte
eigentlich stehen bleiben, war aber ber das Gelingen ihres Planes so
enthusiasmiert, da sie, die gebotene weibliche Zurckhaltung ganz vergessend,
sich auch in eilige Bewegung setzte, mir zurufend:
    Mach schnell, Effendi, mach schnell! Haltet den Mnedschi auf, sonst luft
er grad in das Feuer hinein!
    
    Da diese Warnung nicht ganz unntig war, folgte ich ihr und erreichte den
Blinden so, da er kaum noch zehn oder zwlf Schritte zu thun brauchte, um sein
bis zur Erde herabreichendes Gewand in Flammen zu setzen. Als ich ihn angehalten
hatte, war Hanneh auch schon da. Ich nahm ihm die Fackeln aus den Hnden,
bergab ihn ihr und bat sie:
    Fhre ihn fort, dahin zurck, wo wir gestanden haben! Ihr drft uns hier
nicht im Wege sein!
    Aber, Effendi, ich will doch zusehen! entgegnete sie.
    Das ist unmglich; das geht nicht so, wie du denkst! Schau, wie alle sich
beeilen! Wir mssen schnell sein, denn wenn die Beni Khalid sehen, was hier
geschieht, so kehren sie zurck, und ihr beide knnt euch nicht so rasch
entfernen, wie es notwendig ist. Fort also, fort! Oder willst du uns zwingen,
deinetwegen Blut zu vergieen?
    Das nicht; nein; ich gehe schon!
    Sie nahm den Blinden bei der Hand und entfernte sich mit ihm. Ich hatte,
whrend ich mit ihr sprach, die Fackeln, natrlich mit den Griffen nach unten,
so da sie weiterbrannten, in den Sand gesteckt und nahm den bergehngten
vielschssigen Stutzen vor, um die etwa zurckeilenden Beduinen durch ein ihnen
unbegreifliches Schnellfeuer abzuschrecken; aber sie schienen so weit gelaufen
zu sein, da sie das, was jetzt hier vorging, wohl nicht genau sehen konnten.
    Das erste, was unsere Haddedihn thaten, war natrlich, die Soldaten zu
befreien; diese sprangen, sobald sie nicht mehr gebunden waren, auf.
    Nun mchten wir eure Kamele haben, sagte Halef zu ihnen; die sind aber in
der Dunkelheit nicht schnell genug herauszufinden!
    Es war ein Unteroffizier bei ihnen; dieser antwortete:
    Wir wissen, wo sie sind. Es ist die erste Reihe dort am Felsen. Die andern
Reihen gehren den Beni Khalid.
    Und eure Waffen?
    Sie stecken mit allem, was man uns sonst noch abgenommen hat, in dem
Felseneinschnitte am Brunnen, wohin wir gleich nach unserer Gefangennahme
geschafft worden sind.
    Da erkundigte ich mich an Halefs Stelle:
    Seid ihr trotz der Dunkelheit imstande, diesen Ort zu finden?
    Ja.
    So nehmt jetzt schnell eure Kamele, und dann holt ihr auch diese Sachen!
Hier sehe ich zwei Scke mit Kameldnger zum Feuern liegen. Nehmt sie mit! Wir
brauchen sie!
    Sie thaten das und suchten dann ihre Kamele auf. Ich blieb mit Halef noch
eine kleine Weile stehen, ohne da sich ein zurckkehrender Ben Khalid sehen
lie; dann traten wir ihre Feuer aus, nahmen jeder eine der noch brennenden
Fackeln und gingen zu Hanneh, welche mit dem Mnedschi wieder bei dem Felsen
stand. Wir hatten nur ganz kurze Zeit zu warten, bis die Soldaten mit ihren
Tieren bei uns waren. Der Unteroffizier mute mir die Lage des
Felseneinschnittes beschreiben, und da ich daraus entnahm, da man vom Brunnen
aus nicht dahin sehen konnte und uns also von dort aus niemand bemerken knne,
brauchten wir die Fackeln nicht auszulschen und zogen bei ihrem Scheine mit den
Kamelen diesem Ziele zu.
    Die Stelle lag auf der dem Brunnen entgegengesetzten Seite, nmlich nach
Westen, er aber nach Osten. Ich sah, als wir dort ankamen, das Gestein
auseinander treten und eine ziemlich tiefe, aber nicht breite Kluft bilden, in
welcher die Asaker104 mit den Fackeln verschwanden. Sie kamen bald mit ihren
Sachen wieder, und ich wies sie an, sich an der Nordseite des Felsens zu lagern
und zu warten, bis wir sie holen lassen wrden, aber nach Sd und West je einen
Posten auszustellen, um, falls die Beni Khalid ja noch whrend der Nacht
nachforschen sollten, vor einer Ueberraschung durch sie sicher zu sein. Ich
wollte Tawil Ben Schahids wegen die Soldaten nicht gleich mit nach dem Brunnen
nehmen, weil ich es fr besser hielt, ihm ihre Befreiung jetzt noch zu
verschweigen. Nach dieser Anordnung kehrten wir zu unserm Lager zurck, trennten
uns aber vor demselben von Hanneh und dem Mnedschi, welche im Dunkeln, und also
von unseren Gefangenen ungesehen, nach ihrem Ruheplatz hinbergingen.
    Der Perser war nicht mit uns gewesen. Er sa mit Kara Ben Halef beisammen
und teilte uns mit, da El Ghani und Scheik Tawil sich whrend unserer
Abwesenheit auerordentlich widerspenstig benommen htten und er es fr das
Beste halte, ihre an Frechheit grenzende Zuversicht dadurch herunterzustimmen,
da wir uns jetzt gleich anschickten, in Beratung ber die zu treffenden Strafen
zu treten.
    Ja, das soll sofort geschehen, sagte der kleine, gernfertige Hadschi. Je
eher die Strafe kommt, desto lnger wirkt sie, und je lnger sie wirkt, desto
inniger wird man mit ihr bekannt und desto mehr liebt man sie.
    Da fiel der Scheik der Beni Khalid schnell ein:
    Von einer Strafe kann bei mir nur in dem Sinne die Rede sein, da ich euch
bestrafe, aber nicht ihr mich!
    Hast du schon vergessen, da du jetzt nicht sprechen sollst? wies Halef
ihn zurecht. Wenn du so herzlich wnschest, nicht bestraft zu werden, gut, so
werden wir dir zu deinem Glcke nicht hinderlich sein, sondern dir diesen Wunsch
sehr gern erfllen. Du wirst also nicht bestraft, sondern belohnt werden, und
zwar mit einer solchen Tracht von Prgeln, da sie gar nicht auf einmal auf
deine Haut zu bringen sind, sondern wir sie in mehrere Portionen teilen mssen!
Und wenn du noch einmal redest, ohne um Erlaubnis zu fragen, so sorge ich dafr,
da dir diese Belohnung verdoppelt wird!
    Er schlug dabei in sehr energischer und bezeichnender Weise auf den Griff
seiner Peitsche, und da hielt der Scheik es denn doch fr geraten, still zu
sein. Wir drei aber setzten uns zusammen, um die zwar sehr einfach scheinende,
aber doch hchst schwierig zu erledigende Angelegenheit mit einander zu
besprechen. Dies geschah selbstverstndlich in der Weise, da weder El Ghani
noch der Scheik etwas davon hrten.
    Darber, da der letztere straffrei ausgehen werde, waren wir gleich anfangs
einig. Um so mehr Bedenken verursachte uns der erstere mit seinen Begleitern.
Khutab Agha hatte sie nach Meschhed Ali bringen wollen, wo ihnen der Tod, und
zwar kein gewhnlicher, gewi gewesen wre. Das durften aber wir nicht zugeben,
weil wir an unser dem Scheik gegebenes Versprechen gebunden waren. Er erklrte,
da er darauf verzichte, sie mitzunehmen, aber diesen Ort hier nicht eher
verlassen werde, als bis die Beraubung des Heiligtums in der strengsten Weise an
ihnen gercht worden sei.
    Das ist ja eben das, was wir leider nicht zusammenbringen knnen, klagte
Halef. Du verlangst die strengste Strafe, also eine Bestrafung am Leib oder gar
am Leben, und das ist gegen dieses unser Versprechen. Htte ich es doch nicht
gegeben!
    Beruhige dich, lieber Halef! warf ich ein. Dieser Fehler darf sich nicht
ber Einsamkeit beklagen; er befindet sich in guter Gesellschaft.
    Soll das heien, da ich auch noch andere gemacht habe?
    Ja.
    Welchen zum Beispiel?
    Als der Scheik der Beni Khalid zum erstenmal unser Gefangener war, hast du
als Auslsung gegen ihn nur hier unsern Freund Khutab Agha verlangt; mir aber
htte er auch die Soldaten geben mssen.
    Die haben wir nun auch!
    Ja, nun! Das ist aber keine Entschuldigung! Doch lassen wir die Vorwrfe
weg! Es handelt sich um eine strenge Bestrafung, aber am Leibe nicht und am
Leben nicht. Etwa an Hab und Gut? Er hat ja nichts mit! An der Ehre? Er besitzt
keine! Andere Strafarten, die ich vorschlagen knnte, erfordern Zeit, lange
Zeit, und die steht uns nicht zu Gebote. Ich mu zu meiner Beschmung gestehen,
da ich keinen Rat wei.
    Ist das wahr, Sihdi? fragte Halef schnell.
    Ja.
    Du weit keinen Rat, wirklich keinen?
    Wirklich!
    Allah 'l Allah! Mein Sihdi und Effendi wei einmal keinen Rat! Jetzt knnen
wir uns in die Teppiche des letzten Gebetes einnhen lassen, denn der letzte Tag
bricht an!
    Scherze nicht; mir ist die Sache ernst! verwies ihn der Perser. Wenn ich
heimkehre, ohne die Diebe mitzubringen, so mu ich wenigstens sagen knnen, da
sie nach der Gre ihrer Missethat bestraft worden sind. Euer Versprechen macht
mir dies aber unmglich!
    Zrne nicht! bat Halef. Es giebt bei jeder Verlegenheit einen Weg, ihr zu
entgehen, also auch bei dieser. Es gehrt zwar Klugheit dazu, aber
glcklicherweise kenne ich den Ort, wo ich sie zu suchen habe. Was man im
Selamlk105 nicht findet, das mu man im Harem106 suchen, und da mein Effendi
keinen Rat wei, werde ich zu Hanneh gehen!
    Er sprang so schnell auf, da ich ihn nicht halten konnte, und eilte fort.
Er war vollstndig berzeugt, da Hanneh helfen knne und auch helfen werde, und
diese seine Ueberzeugung steckte mich an. Richtig! Als er schon nach kurzer Zeit
zurckkehrte, nahm er seinen Sitz mit einem wonnevollen Lcheln wieder ein und
sagte:
    Ich habe mich nicht geirrt, denn Hanneh, der schlaue Inbegriff smtlicher
Klugheiten, war augenblicklich mit einer Auskunft da.
    Er sah uns erwartungsvoll an, ob wir in Worte der Bewunderung ausbrechen
wrden, und als wir aber gar nichts sagten, fragte er mich:
    Willst du denn nicht wissen, was sie gesagt hat, Sihdi?
    Jawohl will ich es wissen!
    Du fragst mich aber doch nicht!
    Gut, so frage ich dich jetzt. Welches Mittel hat sie geraten?
    Ihr Mittel heit Bastonnade. Ist das nicht groartig?
    Findest du es so?
    Natrlich! Und du?
    Nicht! Du kannst doch sicher sein, da wir beide, nmlich Khutab Agha und
ich, auch schon an die Bastonnade gedacht haben!
    Aber nicht in der richtigen Weise!
    Wieso?
    Ihr habt folgendermaen gedacht: Die Mekkaner drfen nicht an Leib und
Leben gestraft werden; die Bastonnade aber trifft den Leib und kann sogar, wenn
der Hiebe zu viele fallen, tdlich wirken; folglich drfen wir sie nicht in
Anwendung bringen. Nicht wahr, so waren eure Gedanken?
    Wenigstens die meinigen, ja.
    Das ist aber falsch, vollstndig falsch! Hanneh, die scharfsinnigste aller
Frauen, macht das viel besser. Beantworte mir die Fragen, die ich an ihrer
Stelle an dich richte! Wenn die Bastonnade nicht ttet, ist sie da eine Strafe
am Leben?
    Nein.
    Du ziehst die Pantoffel an die Fe; sind sie da eine Bekleidung fr den
Leib?
    Eigentlich nicht.
    Was eigentlich! Du kannst die Pantoffel nicht an den Leib ziehen und wirst
sie auch nicht als Leibbinde anlegen. Sie gehren nur an die Fe. Weiter: Wohin
bekommt man die Bastonnade?
    Auf die Fusohlen.
    Wird da der Leib bestraft?
    Ja, denn die Fe sind ein Teil des Leibes.
    Nein! Sie sind ein Teil des menschlichen Krpers, aber nicht des Leibes.
Lautet aber unser Versprechen etwa so, da die Mekkaner nicht an Krper und
Leben bestraft werden sollen?
    Nicht an Leib und Leben, antwortete ich sehr ernsthaft, obgleich seine Art
und Weise mich innerlich belustigte.
    Nun gut! Hanneh hat also vollstndig recht, wenn sie sagt: Wenn ihr ihm die
Bastonnade in der Weise gebt, da er nicht daran stirbt, so handelt ihr nicht
gegen euer Versprechen, denn er bekommt sie nicht auf den Leib, sondern auf die
Sohlen seiner Fe, welche zwar Teile des Krpers, aber nicht des Leibes sind.
Nun, Effendi, was denkst du nun? Bewunderst du nicht die Folgerichtigkeit der
unbertrefflichen weiblichen Gedanken, welche ich euch jetzt aus meinem
Tachtirwan herbergeholt habe?
    Ja, ich zolle ihnen meine Bewunderung.
    Schn! Da aber Bewunderung zugleich Anerkennung bedeutet, so liegt in
diesen Worten die Zustimmung, welche wohl auch du, Khutab Agha, mir nicht
verweigern wirst!
    Der Perser erteilte seine Einwilligung nur zu gern:
    Ich danke dir, Hadschi Halef, ich danke dir von ganzem Herzen! Erst schien
es, als ob diese verruchten Diebe sich hohnlchelnd hinter eurem Versprechen
verbergen knnten, und ich hatte schon den stillen Entschlu gefat, sie auf
meine eigene Faust zu bestrafen, was mir niemand verbieten kann, weil ich mich
durch kein Versprechen verpflichtet habe, ihnen nichts zu thun. Um so mehr freut
es mich, da die Blume deines Herzens uns diese schne und hochwillkommene
Erleuchtung gespendet hat, und es kann mir gar nicht in den Sinn kommen, mit
meiner Einwilligung auch nur einen Augenblick zu zgern. Diese diebischen
Schnder des Heiligtums sind um so strafbarer, als sie ihr Verbrechen als unsere
Gste und Abgesandte des Groscherifs begangen haben, und es versteht sich darum
ganz von selbst, da wir uns nicht etwa fr einen milden Grad der Bastonnade
entscheiden!
    Das fllt uns nicht ein! stimmte Halef sehr gern bei. So viel wie
mglich; das ist der Grundsatz, welcher uns zu leiten hat, wenn wir die Zahl der
Hiebe bestimmen.
    Ganz recht; so viel wie mglich! Die meisten aber hat der Ghani zu
bekommen, weil er der Urheber des Verbrechens und zugleich der boshafteste von
ihnen allen ist. Da wir ber diesen Punkt unter uns wohl sehr einig sind, bitte
ich dich, Hadschi Halef, mir zu sagen, welches Quantum du fr jeden einzelnen
bestimmst.
    Einzeln? Hm! Am liebsten wre es mir, wenn jeder einzelne die ganze Summe
bekme, weil da jeder das, was er zu viel erhalten hat, den andern zurckgeben
knnte, was eine unaufhrliche Bastonnade zur Folge htte. Die Bestimmung,
welche du von mir verlangst, ist schwer zu treffen. Mglichst viel; aber Keiner
darf daran sterben! Ich schlage also zunchst eine Probebastonnade vor, durch
welche wir erfahren, wieviel Hiebe jeder von ihnen aushalten kann. Wenn wir das
dann wissen, ist die Zahl der Schlge leichter zu bestimmen.
    Das ist wohl wahr, lchelte der Perser. Leider aber wrde dieser Versuch
uns um die eigentliche Vollstreckung bringen, weil wir zu lange auf die Heilung
der Sohle warten mten, und dazu haben wir ja keine Zeit!
    So nehmen wir die Probe gleich als Vollziehung und beschftigen uns mit
jedem Paar der Sohlen so lange mit hingebender Aufmerksamkeit, bis wir sehen,
da seine Zufriedenheit den hchsten Grad erreicht hat.
    Das ist das einzig Richtige; ich stimme bei!
    Ich natrlich auch, da es doch mein eigener Vorschlag ist! Und du, Sihdi?
Was sagst du dazu?
    Ich gebe auch meine Einwilligung, antwortete ich, da dieses Urteil mir ein
Einschreiten immer offen lie.
    Ich danke dir! nickte mir der Hadschi freundlich zu. Schon dachte ich, du
wrdest in deiner bekannten, nur allzu oft gebten Milde deine Stimme gegen
diesen unsern ebenso gerechten wie weisen Beschlu erheben. Wir sind also einig,
und nun fragt es sich nur noch, wann die Bestrafung vorgenommen werden soll. Ich
stimme fr jetzt gleich.
    Ich auch, erklrte der Basch Nazyr.
    Ich nicht, sagte ich.
    Warum nicht? fragte Halef.
    Weil jetzt der ntige Effekt fehlen wrde. Ein Exempel mu am hellen Tage
und vor den Augen smtlicher Krieger der Beni Khalid statuiert werden.
    Das ist richtig, ganz richtig, auerordentlich richtig! belobte mich der
Hadschi, ohne sich zu sagen, da mich ein heimlicher Grund zu diesem Vorschlage
veranlat haben knne. Jetzt bist du so, genau so, wie ich mir meinen Effendi
immer wnsche! Du bist zu meinem grten Leidwesen so oft der Meinung gewesen,
da man das Ebenbild Gottes nicht durch Prgel schnden und beleidigen drfe;
ich aber sage dir, da fr einen Menschen, der sich dieses Ebenbildes entuert
hat, grad nur die Prgel die allein richtige Bestrafung bilden. Der Verbrecher
ist und bleibt im allgemeinen ein Mensch, und so soll die Strafe menschlich
sein; aber wenn zu seiner That sich noch besondere Unmenschlichkeiten gesellen,
so ist der Stock die allein richtige Antwort darauf. Es kommt auch auf die Art
und Weise an, in welcher gegen das Gesetz gehandelt wird, und ich bin berzeugt,
da viele, viele Rohheiten, Frechheiten und Schamlosigkeiten unterbleiben
wrden, wenn die Betreffenden berzeugt wren, da darauf die Prgel die
unbedingte und unvermeidliche Folge seien. Ja, wir warten bis frh, weil da das
den Mekkanern gereichte Gericht durch die vielen auf sie gerichteten Augen die
verschnernde und verfeinernde Wrze bekommt. Aber dagegen wirst du doch nichts
haben, da ich ihnen schon jetzt mitteile, wie freundlich wir fr ihre
Morgenunterhaltung sorgen werden? Ich setze sie durch diese zarte Rcksicht in
den Stand, die lieblichen Wohlgeschmcke der Bastonnade schon jetzt in Gedanken
mit Wonne vorauszugenieen!
    Das magst du thun; ich will dich gar nicht hindern.
    Da erhob er sich von seinem Sitze, was mir die Ueberzeugung gab, da er
beabsichtigte, seine Mitteilung in eine schne, rhetorisch tadellose Form zu
kleiden. Das war ja seine geliebte Spezialitt. Sich an die Mekkaner wendend,
sprach er mit lauter Stimme, um auch von Hanneh drben gehrt und verstanden zu
werden:
    Ihr habt den aus drei erlauchten Richtern bestehenden Ars odassi es Sahra
107 jetzt hier vor euch versammelt gesehen. Diese edlen und erhabenen
Rechtsgelehrten, vor denen es kein Ansehen der Personen und keinen
nachtrglichen Justizmord giebt, sind mit den Augen ihres Geistes und den
Blicken ihres Scharfsinnes in die moralischen Tiefen des von euch begangenen
Diebstahles eingedrungen. Sie haben die Verworfenheit eurer Herzen, die
Verwahrlosung eurer Seelen, die Unzulssigkeit eurer Absichten und die groe
Strafbarkeit der Ausfhrung so vollstndig durchschaut und so vollkommen
erkannt, da eure Schuld in ihrem ganzen, zur Rache fordernden Umfange vor ihnen
liegt. Da jede Schuld, also auch die eurige, geshnt werden mu und dieser
Gerichtshof dazu berufen ist, nicht nur die Art und Weise sondern auch die Hhe
der durch euer Verbrechen herausgeforderten Strafe erst zu bestimmen und dann an
euch vollziehen zu lassen, so neige ich mich in Freundlichkeit zu euch nieder,
um euch den von uns gefllten Urteilsspruch zunchst vor die Fe und dann euch
in die Herzen zu legen. Wir haben nmlich beschlossen, euch das Andenken an die
Beraubung des Kanz el A'da so tief und unauslschlich auf die Fusohlen zu
zeichnen, da ihr euch nie darber beklagen knnt, fr euer spteres Dasein
keine liebe Erinnerung daran von uns mitbekommen zu haben. Da diese Eingrabung
der Denkzeichen bei Beginn des Morgens und im Beisein smtlicher Krieger der
Beni Khalid von unserer Seite gewi mit dem grten Nachdrucke vorgenommen wird,
so sind wir berzeugt, da ihr sie dann von eurer Seite mit derjenigen Tiefe des
Verstndnisses und des Gefhles entgegennehmen werdet, welche unbedingt ntig
ist, wenn unser dabei gehegter Wunsch in Erfllung gehen soll, auch spter in
der Ferne mit euch und euern Gedanken in steter und ununterbrochen schner
geistiger Beziehung zu bleiben!
    Hierauf machte er ihnen eine liebenswrdige Verbeugung und setzte sich dann
wieder nieder, vollstndig berzeugt, da er seine Sache gar nicht besser htte
machen knnen.
    Die Mekkaner waren zunchst still; sie hatten den Eindruck des Gehrten erst
zu berwinden. Nicht so aber der Scheik der Beni Khalid, welcher, ohne zu
bercksichtigen, da er in unsern Hnden war, zornig aufbrauste:
    Was fllt euch ein! Ist etwa der Diebstahl, der euch nur als Vorwand zur
Bereicherung dient, schon erwiesen? Und wre dies der Fall, so seid ihr doch am
allerwenigsten die Leute, welche das Recht besitzen, darber abzuurteilen! Auch
habt ihr euer Wort gegeben, da meinen Gastfreunden, welche unter meinem Schutze
stehen, nichts an Leib und Leben geschehen soll, und wer sein Versprechen nicht
hlt, der ist ein Schurke. Die Bastonnade ist auf alle Flle unmglich!
    Da antwortete Halef:
    Ich habe euch zwar verboten, unaufgefordert zu sprechen, will aber in
gndiger Nachsicht meine Peitsche jetzt noch stecken lassen. Wenn du von
Schurken redest, so findest du sie nicht bei uns. Wir halten unser Wort, und
zwar ganz genau so, wie es gelautet hat. Mehr kannst und darfst du nicht
verlangen. Die Bastonnade kommt auf die Fusohle und wird nicht tdlich sein,
hat also mit Leib und Leben nichts zu thun.
    Das ist Lge! Der Fu gehrt zum Leibe!
    Wenn dein Leib Sohlen hat, so ist das eine Ausnahme, welche ich ganz gern
achte; du wirst also die Bastonnade nicht bekommen. Die Mekkaner aber werden wir
sehr genau untersuchen. Finden wir, da sie so wie gewhnliche Menschen gebaut
sind und die Sohlen also nicht am Leibe, sondern an den Fen haben, so sind sie
der ihnen bestimmten Strafe unbedingt verfallen!
    Das sind Spitzfindigkeiten, die ich mir verbitten mu! Ich mache dich
darauf aufmerksam, da ich die Macht besitze, meine Gste in Schutz zu nehmen!
    Wieso?
    Denke an meine Krieger!
    Sehr gern! Grad jetzt denke ich an sie, nmlich da sie gegen uns machtlos
sind, weil wir dich als Geisel haben!
    Und an die Soldaten! Ich lasse sie alle erschieen, sobald nur ein einziger
meiner Gastfreunde Hiebe bekommt!
    Da bog sich Halef zu einem der in der Nhe sitzenden Haddedihn und gab ihm
einen leisen Befehl. Da Halef mein Nachbar war, so hrte ich die Worte; der Mann
sollte die Soldaten holen, welche dann hier bei uns zu bleiben hatten. Zu
gleicher Zeit sah ich einen der ausgestellten Posten kommen. Er meldete, da ein
Ben Khalid gekommen sei, um seinem Scheike eine wichtige Nachricht zu bringen.
Er sprach vorsichtigerweise mit so unterdrckter Stimme, da kein dazu
Unberufener seine Worte hrte. Der Hadschi erteilte ihm die ebenso heimliche
Weisung:
    Sag dem Ben Khalid, sein Scheik sei zornig darber gewesen, da er gestrt
werden solle; er wnsche, bis morgen frh in Ruhe gelassen zu werden; es sei
hier alles in Ordnung, und der Bote mge also wieder gehen.
    Der Haddedihn entfernte sich. Inzwischen war den Mekkanern nun auch die
Sprache gekommen. Sie wagten es, Halefs Peitsche wegen, zwar nicht, ihre
Interjektionen direkt gegen uns zu richten, sondern warfen sie Scheik Tawil zu,
aber bestimmt waren diese Worte doch, von uns gehrt zu werden. Da pltzlich
wurden sie still; sie richteten ihre Blicke nach der westlichen Felsenecke, um
welche jetzt der fortgeschickte Haddedihn mit den Soldaten kam. Jeder von diesen
hatte das Gewehr geschultert und fhrte sein Kamel an der Leine.
    Jetzt war es kstlich, das Gesicht unseres kleinen Hadschi zu sehen, welcher
mit kaum verhaltener Wonne den Eindruck beobachtete, den das Erscheinen der
Asaker auf den Ben Khalid und die Mekkaner machte. Diese waren still, ganz still
und folgten mit vor Ueberraschung weit geffneten Augen den Soldaten, welche
nach der Stelle gingen, die ihnen als die ihrige zum Lagern angedeutet wurde.
    Nun? fragte Halef endlich den Scheik. Du wolltest sie doch erschieen. Da
sind sie. Thue es!
    Da schrie ihn dieser im hchsten Grimme an:
    Jil'an daknak - verflucht sei dein Bart! Du bist ein Betrger von innen und
von auen. Ich mag mit dir nichts mehr zu schaffen haben!
    Wer die Vorliebe Halefs fr seinen an Haaren allerdings sehr armen Bart
kennt, der kann sich denken, wie sehr er sich durch diesen Zuruf beleidigt
fhlte. Er ri seine Peitsche heraus, strich mit ihr pfeifend durch die Luft und
antwortete zornig:
    Das glaube ich, da du nichts mehr mit mir zu schaffen haben willst, denn
du mut nun trotz deiner bergeshohen Dummheit doch einsehen, da du das Spiel
jetzt ganz verloren hast. Was aber meinen Bart betrifft, so hat ihn mir noch
niemand schnden drfen; den deinigen jedoch werde ich bei deinem nchsten
schmutzigen Worte dir mit der Kurbadsch so aus dem Gesichte holen, da auch kein
einziges Haar dort sitzen bleibt! Wir sind mit euch vollstndig fertig bis zum
Morgen. Ihr lat kein Wort mehr vernehmen, sonst rede ich in der Sprache zu
euch, die man nicht nur klatschen hrt, sondern auch mit dem Verstande und mit
der Haut zu gleicher Zeit versteht! Versucht jetzt zu schlafen! Nach dem
Erwachen wird euch der Morgengru der Bastonnade!
    Diese an die Gefangenen gerichteten Worte konnten wir auch auf uns beziehen,
da es nun wirklich Zeit zum Schlafen war. Da galt es freilich, uns gegen die
Beni Khalid sicher zu stellen, und darum gab Halef in Beziehung auf den
Wachtdienst, an welchem sich auch die Soldaten zu beteiligen hatten, so
umfassende Befehle, da wir eine Ueberrumpelung nicht zu befrchten hatten.
Feuermaterial war, wenn sparsam damit umgegangen wurde, zur Genge vorhanden, um
wenigstens einigermaen Licht zu haben beim Trnken der Kamele, welches,
allerdings in Pausen fr das Ansammeln des Wassers, whrend der ganzen Nacht
fortgesetzt werden mute.
    Wir drei, Halef, Kara und ich, wollten nicht am Feuer bleiben, sondern wir
holten unsere Pferde und fhrten sie zum Tachtirwan hinber, um zum Schutze fr
Hanneh und den Mnedschi uns dort niederzulegen. Der Perser kam uns nach, und
wir hatten natrlich nichts dagegen, da er bei uns blieb.
    Selbstverstndlich wurde das heutige Erlebnis erst noch grndlich
durchgesprochen. Der Befriedigtste von uns allen war Khutab Agha. Noch vor
kurzer Zeit ein Gefangener und mit geffneten Adern dem Tode geweiht, war er
jetzt frei, befand sich im Besitze der geraubten Gegenstnde und hatte dazu die
Gewiheit, die Diebe streng bestraft zu sehen. Das Paket lag natrlich bei ihm,
denn es wre ihm nicht eingefallen, sich nur einen Augenblick davon zu trennen.
    Zu erwhnen brauche ich wohl nicht, da Hanneh teils ihres Planes, teils
auch ihrer Bastonnadenentscheidung wegen von Halef mit den wohlklingensten
Censuren bedacht wurde. Sie nahm sie als ganz selbstverstndlich, weil
wohlverdient, entgegen und zog sich dann befriedigt hinter die Vorhnge ihrer
Snfte zurck. Der Mnedschi sa mit dem Rcken an den Felsen gelehnt und
schlief. Fr die Befriedigung seiner leiblichen Bedrfnisse hatte Hanneh whrend
des Abends gern gesorgt. Speise war von ihm nur wenig, Wasser aber fters
genommen worden. Dann hatte er, den Fackelgang zu den Beni Khalid abgerechnet,
die ganze Zeit in seinem eigentmlichen traumwachen Zustande und dabei fast
immer rauchend, zugebracht. Wie uns Hanneh am nchsten Tage berichtete, war es
fr sie nicht bequem gewesen, ihm so oft Feuer zu geben. Tabak und Kibritat108
hatte sie allerdings fr ihn genug gehabt; aber da das Aufleuchten der Hlzer
nicht zu uns hinberscheinen durfte, war sie gezwungen gewesen, das Anbrennen
hinter der Snfte vorzunehmen und da die ersten Zge immer selbst zu thun. Auf
die Gefahr hin, indiskret zu erscheinen, will ich die hochverrterische
Bemerkung machen, da die Beduininnen im Anznden eines Tschibuk nicht ganz
unbewandert sind und man von Hanneh in keiner Beziehung sagen konnte, sie stehe
ihren Stammesgenossinnen nach. Alt, sehr alt und ganz durchsogen freilich war
die Pfeife des Blinden, doch wei ein von Mitleid erflltes Frauenherz selbst
solche, sagen wir einmal, Malpropretten zu berwinden.
    Wie gewhnlich vor dem Schlafengehen liebkoste ich meinen lieben Rappen,
sagte ihm die gewohnte Sure ins Ohr und hllte mich dann in den Hak, um
einzuschlafen. Es sollte dieser Absicht jetzt noch nicht gelingen, von Erfolg zu
sein, denn als der wohlbekannte und vielbesungene Effendi Morpheus eben um den
Tachtirwan geschlichen kam, um mir die Augen zuzudrcken, begann der Mnedschi
sich zu regen, wobei er in eigentmlicher Weise vor sich hin sprach, ungefhr so
- es giebt keinen besseren Vergleich - wie man die Stimme eines trumenden
Vogels hrt. Diesen leisen, abgerissenen Lauten folgten die lauteren, besser
zusammenhngenden Worte:
    Er ist da - - -? Ja, ich gehorche dir - - - ich sage es ihm - - - ich gehe
mit ihm - - - fhre mich nur - - -!
    Er rckte von dem Felsen ab, bewegte den Kopf wie suchend nach beiden Seiten
und fragte:
    Ist Akil Schatir Effendi da?
    Ja, hier liege ich, antwortete ich.
    Du liegst? Willst du jetzt schlafen?
    Ja.
    La deine Seele jetzt nicht schlafen, sondern wach sein! Steigt ein Strahl
des Himmels nieder, mu er dich gerstet finden, ihm dein Inneres zu ffnen und
ihn dankbar aufzunehmen!
    Wie klang das? Das war gebundene Rede! Es war seine Stimme und schien doch
nicht die seinige zu sein!
    Steh auf, fuhr er fort, und hilf auch mir empor! Ich soll dich fhren.
    Wohin? fragte ich, indem ich den Hak von mir warf und mich erhob.
    Das wei ich nicht; frage nicht; du wirst es sehen!
    Ich gab ihm die Hand und richtete ihn auf.
    Komm, folge mir!
    Indem er diese Aufforderung aussprach, lie er meine Hand wieder los und
verlie den Platz, und zwar nicht mit seinen gewhnlichen suchenden, sondern mit
zwar leisen aber dabei festen, sicheren Schritten. Die andern waren auch wieder
munter; sie standen auf.
    Sihdi, darf ich mit? fragte Halef leise.
    Ja.
    Kara auch?
    Nein.
    Aber ich? fragte der Perser.
    Ich wei es nicht; es ist so sonderbar; aber kommt ihr beide mit! Kara mu
bei der Mutter bleiben.
    Der Mnedschi ging uns voran, ohne da ihn jemand fhrte, stracks von dem
Platze fort und in die Wste hinaus. Seine Haltung war aufrecht, jeder seiner
Schritte gewi und bestimmt, als ob es einen gebahnten, von Schranken
eingefaten Pfad gelte. Es war ganz so, als ob es nicht dunkle Nacht, sondern
heller Tag und als ob er nicht blind, sondern sehend sei. Wir folgten ihm mit
Staunen.
    So ging es weiter und weiter in ungefhr nrdlicher Richtung, grad auf die
nchste Felseninsel zu, welche im leisen Scheine der Sterne tiefdunkel vor uns
lag. Er wich ihr nicht aus und blieb auch nicht halten, sondern stieg die
Steilung langsam aber so sicher empor, wie ich, der Sehende, es wohl am hellen
Tage auch nicht sicherer htte thun knnen. Dabei brauchte er zum Balancieren
nur die eine Hand; die andere hielt er unausgesetzt so, als ob jemand, den wir
nicht sahen, neben ihm hergehe, und ihn an dieser Hand gefat halte, um ihn zu
fhren. Bei hohen Schritten schien es sogar so, als ob er gezogen werde. Das
konnte ich deutlich sehen, weil ich mich gleich hinter ihm befand. Halef und der
Perser folgten mir. Das Ueberraschendste war, da wir drei in der Dunkelheit
fters strauchelten, der Blinde aber nicht. Es fhrte nicht etwa ein Weg, auch
nichts dem Aehnliches, hinauf, denn wohl noch nie hatte der Fu eines Menschen
diese hohe Felsengruppe berhrt. Es gab Stellen, an denen ich die Hnde zu Hilfe
nehmen und mich festhalten mute, ebenso meine beiden Begleiter; der Mnedschi
that es nicht. Es war mir unbegreiflich!
    Oben angekommen, blieben wir zunchst stehen, um den vom Steigen schneller
gehenden Atem sich beruhigen zu lassen; er nicht. Er kniete nieder und betete
leise; dies geschah nicht in der den Muhammedanern bei jedem Gebete
vorgeschriebenen Richtung nach Mekka, sondern mit nach Sden gewendetem Gesicht,
von ihm als Moslem eigentlich eine schwere Unterlassungssnde. Als er sich
wieder aufgerichtet hatte, deutete er auf eine kleine, vor uns liegende
Felsenerhhung und sagte:
    Setze dich auf diesen Stein! Ich werde stehen bleiben, denn nur der Leib
ermdet, der Geist aber kennt keine Verringerung seiner Kraft, und nicht mein
Krper, sondern meine Seele ist's, die du jetzt zu dir sprechen hren wirst.
    Ich folgte dieser Aufforderung, und Halef und der Basch Nazyr lieen sich
auch, und zwar eng neben mir, nieder. Hierauf stand er eine ganze Weile hoch
aufgerichtet und unbeweglich da, den Kopf ein wenig zur Seite, als ob er in die
Ferne lausche. Wir befanden uns in einer ganz ungewhnlichen Spannung, der wir
aber keine Worte gaben, denn in der ganzen Situation und wohl auch in uns selbst
lag Etwas, was uns das Sprechen verbot. Da begann er:
    Seid mir gegrt, ihr Pilger dieser Erde, gegrt in der Sprache dieser
eurer Welt! Wenn ich zu euch in unserer Weise sprche, ihr wrdet nichts
vernehmen, denn euer Ohr hat nur Empfngnis fr den Schall, durch Schwingungen
der Luft zu euch getragen; wir aber sprechen nicht durch dieses Mittel, und
unser Wort ist kein Gerusch, ist That!
    Wir horchten hchst verwundert auf, denn das war nicht die Stimme des
Mnedschi, sondern eine ganz andere. Ich habe Verwandlungsknstler und
Stimmenimitatoren gesehen und gehrt, deren Leistungen gewi vortrefflich waren,
aber wohl keiner von ihnen htte es fertig gebracht, nicht nur seine Stimme,
sondern auch den Ausdruck derselben so vollstndig zu verndern, wie es hier von
dem Mnedschi geschah. Htte ich ihn nicht da vor mir stehen sehen, ich wre
berzeugt gewesen, da wir von einer ganz andern Person angesprochen wrden. Er
fuhr fort:
    Richtet eure Blicke empor zum Himmelszelt! Ueber und hinter euch stehen die
Sterne des Herkules, rechts der Adler und Delphin, links die Schlange und vor
euch der Schlangentrger mit dem Ras Alhagua und hunderten von Welten, von denen
ihr nur wenige als kleine Punkte erkennt. Darber hin zieht sich die Saman
oghrisi109, bestehend aus noch nie gezhlten Himmeln, deren jeder wieder in
andre neue Himmel fhrt. So schaut ihr von euch aus nach allen Seiten hinaus und
hinein in Millionen und Milliarden Ewigkeiten und haltet eure kleine, ach wie
beschrnkte irdische Weisheit doch fr klug genug, den Herrn und Schpfer dieser
Welten und Aeonen im letzten, hchsten, herrlichsten der Himmel zu entdecken.
Ich sage euch: es giebt keinen Himmel, welcher der hchste, der letzte ist. Wie
diese Himmel alle doch nur einen einzigen bilden, so ist der Herr auch nur in
diesem einen, nicht in einem besonderen zu suchen, und wenn ihr ihn nicht im
Mittelpunkte eures irdischen Firmamentes findet, also hier bei euch selbst, so
werdet ihr ihn dort in jenen Himmeln auch vergeblich suchen. Ihr findet ihn
weder hier noch dort, weil ihr die falschen Augen ffnet, die richtigen aber
fest geschlossen haltet. Ihr sucht ihn so, wie ihr nach der Erkenntnis irdischer
Dinge trachtet, nmlich mit den Augen eurer Wissenschaft, die doch schon, um nur
Irdisches zu sehen, der Brille bedarf. Die Augen des Glaubens aber, welche nie
eines Glases bedrfen und bedrfen werden, haltet ihr geschlossen.
    Er machte eine kurze Pause. Bisher hatte er laut, mit voller Stimme
gesprochen; nun fuhr er, wie wenn man so recht eindringlich und vertraulich
reden will, in unterdrcktem Tone fort:
    Ich habe euch etwas Himmlisch-Wichtiges zu sagen; schenkt mir die
Aufmerksamkeit nicht nur eures Geistes, sondern auch eures Herzens! Ihr
unterscheidet am Menschen Leib, Seele und Geist; ihr sprecht von Kopf und Herz,
vom Verstehen, Fhlen, Erkennen und Wollen, von Vernunft, Verstand und Gefhl.
Knntet ihr euch sehen, wie ich euch sehe, indem mein Auge jede innerste Faser
eures Krpers und die verborgenste Regung eures Geistes, eurer Seele
durchschaut, so wrde euch klar werden, wie falsch alle diese Unterscheidungen
sind. Der geistige Mensch kann nicht zergliedert werden wie der Krper; er ist
nicht mit verschiedenen Krften und Vermgen thtig, wie der Krper es bald mit
den Armen, den Beinen, bald mit den Augen oder den Ohren ist. Selbst wenn ihr
diese Thtigkeit nach ihren verschiedenen Weisen und Richtungen bezeichnet,
bedient ihr euch falscher Namen. Wie es keine Grenze zwischen Gottes Allmacht,
Allweisheit und Allliebe giebt, denn Gott ist Eins, so sind auch bei seinem
Ebenbilde, dem Menschen, das Denken, das Fhlen, das Wollen nicht voneinander zu
trennen, denn der geistige Mensch ist auch Eins. Doch mu ich mich eurer Weise
anbequemen, weil ihr mich sonst nicht verstehen wrdet. Hrt und merkt euch
genau, was ich euch jetzt sage! - - -: Der Mensch ward ein Pilger auf Erden, um
ein Brger des Himmels zu werden. Er hat hier zu sen, um dort ernten zu knnen.
Er hat hier die Augen zu ffnen, um dort sehend zu sein. Er hat hier zu lernen,
um dort zu bestehen. Nach seiner Arbeit hier richtet sich dort sein Lohn, denn
seine Werke folgen ihm ins Jenseits nach, die guten sowohl wie auch die bsen,
und wer hier seiner Trgheit frhnt und nicht rastlos und unausgesetzt fr den
Himmel wirkt, der tritt in jenes Leben mit leeren Hnden ein und wird
zurckgewiesen werden. Sprecht ja nicht in eurer Bequemlichkeit: Ich hte mich
ja, Bses zu thun und mu also selig werden! Wer so sich nur htet, von der
Arbeit nicht beschmutzt zu werden, wer so hier nur von Gottes Gnade lebt wie ein
fauler Sohn vom Reichtume seines Vaters, der erwirbt nichts fr die Ewigkeit und
tritt dereinst als Bettler vor Gottes Thron. Am Jenseits aber wird der Bettler
abgewiesen, denn wer das Mitleid Gottes hier verbrauchte, dem bleibt nichts
davon fr den Himmel brig! So ist also das Erdenleben eine Vorbereitung auf das
groe, einstige Examen. Das Zelt, welches du als Pilger hier aufschlgst, es sei
dir ein Kalyb110 des Hauses, welches dich in jenem Leben erwartet! Du darfst
nicht nur, nein, du sollst sogar dir dieses Zelt so fest und sicher wie mglich
bauen; du sollst es schmcken und verschnern mit den Gaben, welche dir
verliehen sind. Du sollst die Erde mit allem, was sie trgt und bietet, kennen
lernen; du sollst die Krfte, mit denen, und die Gesetze, nach denen Gott hier
waltet, wohl mit Flei studieren; du sollst die Erscheinungen der irdischen
Natur und die Entwickelung des Menschengeschlechtes mit steter Aufmerksamkeit
verfolgen und ja nicht versumen, auch deinen Teil fr den auf das Glck dieses
Geschlechtes gerichteten Fortschritt beizutragen, aber du darfst dabei nie
vergessen, da du hier eben nur in einem Zelte wohnst, welches Gott, der Herr,
von Augenblick zu Augenblick abbrechen kann, um dich hinauf ins ewig feste Haus,
ins Vaterhaus zu rufen!
    Er machte hier wieder eine Pause, whrend welcher er leise vor sich
hinflsterte, als ob er mit jemand spreche, den wir nicht sehen und nicht hren
konnten. Dann sagte er wieder laut:
    So ist also deine Thtigkeit geteilt zwischen hier und dort, du hast nach
irdischer Erkenntnis und nach himmlischer zu trachten; die irdische brauchst du
fr nur kurze Zeit, die himmlische aber fr die Ewigkeit; diese letztere ist
also unendlich wichtiger als die erstere. Ihr aber handelt in trauriger
Verblendung grad umgekehrt! Ihr arbeitet, als ob die Erde und euer hiesiges
Leben mit ihr von ewiger Dauer, das Jenseits aber nur der vergngliche,
trgerische Traum eines kurzen Schlummers sei. Und wer oder was ist schuld
daran? Nur diese eure Verblendung, welche euch verhindert, einzusehen, da es
zweierlei Erkenntnis giebt. Zur Erkenntnis des Irdischen fhrt euch die
Wissenschaft; die Erkenntnis des Jenseits bietet euch nur der Glaube. Jeder
einzelne Gelehrte ist stolz auf seine kleine, irdische Wissenschaft, und der
Stolz aller Gelehrten, die es gab und giebt, zusammengenommen, lieferte das
Material zu einer Mauer der Einbildung und Ueberhebung, mit welcher ihr euch
umgeben und eingeschlossen habt. Hinter dieser Mauer sitzt ihr als Gefangene
eurer Wissenschaft und knnt nun nicht mehr ber sie, die immer hher steigt,
hinweg und hinaus ins Weite blicken. Das kleine, runde Stck Himmel, welches ihr
ber euch noch sehen knnt, imponiert euch nicht, weil es eurer Gelehrsamkeit ja
so leicht wird, die Luft da oben in Stick- und Sauerstoff, und das darin
flutende Licht mit einem Stckchen Glas in Farben zu zerlegen. Seht doch ein,
da dies auch noch zur irdischen Erkenntnis gehrt und mit der himmlischen nicht
im geringsten in Beziehung steht! Und wenn es euch gelnge, die Sonne und alle
Planeten, welche sie umkreisen, bis auf ihre Mittelpunkte zu erforschen, so
wrde das noch kein einziger Schritt zur Erkenntnis des Jenseits sein. Steigt
mit eurer Wissenschaft noch ber die Bahn der Sonne hinaus, um noch fernere
Sonnen, fernere Welten zu berechnen; es wird euch wohl auch das gelingen; aber
ihr habt es doch nur immer mit Stoff und Kraft zu thun; die Seele bleibt euch
unerforscht. Vor dem Jenseits sinkt eure Wissenschaft, eure Gelehrsamkeit in
sich zusammen, denn hier handelt es sich nicht um die irdische, sondern um die
himmlische Erkenntnis, zu welcher nur der Glaube fhrt. Wit ihr, was Glaube
ist?
    Er sprach diese Frage in verstrktem, aufforderndem Tone aus und richtete
das Gesicht zu uns nieder, als ob er eine Antwort erwarte. Ich sagte darum,
obgleich ich nicht wute, ob ich ihn unterbrechen drfe oder nicht:
    Der Glaube ist das geistliche Sehen dessen, was das krperliche Auge nicht
sieht.
    Er gab weder eine Zustimmung noch einen Widerspruch, sondern sprach, als ob
er meine Worte nicht gehrt habe, weiter:
    Dieses Wort hat bei euch nicht die volle Bedeutung des Begriffes, den es
ausdrcken soll. Fr das, was der Glaube ist, hat keine Erdensprache das
richtige, den ganzen Sinn umfassende Wort. Das Wort Glaube bezeichnet bei euch
eine Zuversicht ohne den thatschlichen Beweis; aber bei denen, die nicht in
irdischen Leibern wohnen, bedeutet der Glaube eine jeden Irrtum ausschlieende
Ueberzeugung, welche auf der innigsten Vereinigung des Glaubenden mit dem
Gegenstande des Glaubens beruht und darum nicht das Ergebnis eines auch nur eine
Erdensekunde langen oder gar Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Forschens ist.
Darum steht der Glaube so unendlich hoch ber der Wissenschaft. Knnte ich euch
ein Beispiel geben, euch dies zu erklren! Hier sitzest du, Hadschi Halef Omar,
vor mir. Die Geliebte deines Herzens, Hanneh, ist dein Weib. Glaubst du das?
    Der kleine Hadschi war so ganz Ohr, da er sich zusammenraffen mute, um zu
antworten:
    Natrlich ist sie es!
    Sie wohnt bei dir; sie it und trinkt mit dir; sie sorgt fr dich; sie
reitet jetzt mit dir durch die Wste. Ist sie wirklich dein Weib?
    Alla l'Allah! Wehe dem, der mir das nicht glauben wollte, wenn ich es ihm
sagte!
    Du glaubst es; das heit, du weit es. Keine Wirklichkeit steht fr dich so
sicher, so untrglich bewiesen da wie diese. Da aber kommt der Kadi111 und
fordert von dir Beweise. Du mut ihm nachweisen, wann und wo ihr geboren seid,
wer eure Eltern waren, welchem Glauben ihr angehrt, wessen Unterthanen ihr euch
nennt und an welchem Orte, zu welcher Zeit und vor welchen Zeugen ihr euch zu
diesem Bunde vereinigt habt.
    Er soll nur wagen, zu kommen! Er mu glauben, da - - -
    Sprich nicht vom Glauben bei ihm! unterbrach ihn der Mnedschi. Das
Ueberzeugtsein nach solchen Beweisen ist nicht Glaube zu nennen und hat vor dir
keinen Wert. Deine Hanneh war das Beispiel, welches ich euch zeigen wollte. Du
bist der Glaube; der Kadi ist die Wissenschaft. Der Glubige ist in inniger
Liebe mit Gott verbunden; er kennt ihn; er lebt in ihm; er wirkt durch ihn und
mit ihm. Die Wissenschaft verlangt von Gott einen ausfhrlichen Urkundenbeweis;
sie sieht ihn nicht; sie hrt ihn nicht, sie fhlt ihn nicht, weil sie ber das
Irdische nicht hinber kann, und dringt ber die Mauer ja einmal ein Hauch des
Himmels herein, dessen Ursprung der Gelehrte nicht zu erkennen vermag, so
spricht er in seiner Verlegenheit von einer Wissenschaft des Verborgenen112.
Aber was ihm verborgen ist, das ist dem Glubigen offenbar, denn mag die
Wissenschaft behaupten, sie allein knne sehen, es giebt noch ganz andere Augen
als die ihrigen, klare, helle, scharfe Augen, die nie und nimmer altern, die
ohne Brille im kleinen Sonnenstubchen und ohne Fernrohr in den unmebaren
Welten das beglckende Wort der Offenbarung Gottes lesen. Wie viel solche Augen
aber giebt es unter den Millionen Menschen, welche auf Erden wandeln? Es sind
seit dem Dasein eures Geschlechtes tausend Generationen gekommen und wieder
gegangen; der Glaube war fr sie das Wort, welches er noch heut bei euch ist.
Verschwindend nur ist die Zahl derer, fr die er das ist, was er sein soll. Er
wurde nicht gebt. Das Organ aber, welches man nicht bt, wird schwcher und
immer schwcher; in dieser Schwachheit vererbt und dann noch weniger beachtet,
verschwindet es mehr und mehr, und endlich kommt ein Geschlecht, dem es gnzlich
mangelt und fehlt. Die Wissenschaft, die Erkenntnis des Irdischen, wurde
bevorzugt seit uralten Zeiten. Darum entwickelte sie sich mehr und mehr.
Unzhlig sind die, welche ihr dienten, welche sie nhrten und pflegten in
unausgesetzter Arbeit bei Tag und bei Nacht. So wuchs sie empor zur Riesin,
welche hinaufgreift sogar nach den Sternen. Nun wird sie, die trotz dieser Gre
von Mauern Umgebene, von ihren Jngern noch hher gehalten als Gott! Die
Erkenntnis des Himmlischen fand nicht dieselbe Pflege, denn zu ben, was sie
verlangte, das hielt man fr zu schwer. Ja, Kinder Gottes gab es in Scharen;
aber die sich so nannten, die waren es nicht. Zuweilen wohl tauchte, hier oder
dort, der lebendige Glaube auf; dann ging auch sogleich eine Kraft von ihm aus,
welche Strme von Segen spendete. Doch kaum war er mchtig geworden, so machte
man ihn wieder zum Worte, zum Wahlspruch fr irdische Zwecke, zur blutigen
Fahnendevise, die man von Schlacht zu Schlacht schleppte, bis er zusammenbrach.
Der Wissenschaft gnnte man Frieden, obwohl sie dem Menschen die Werkzeuge des
Kampfes verfertigte; den Glauben aber, den friedlichen Sohn des Himmels, der die
Liebe, die Vershnung predigte, verwandelte man in das Zerrbild seiner selbst,
kleidete ihn in das Gewand des Hasses und nahm ihn zum Vorwand des Kampfes bis
auf den heutigen Tag. So hat man aus dem Worte Glaube, allerdings nicht aus ihm
selbst, das Gegenteil gemacht von dem, was er ist und fr die Menschheit sein
soll, und schttelt hhnisch lchelnd den Kopf, wenn jemand sich unterfngt, zu
behaupten, er fhre zur hchsten Erkenntnis und sei der einzige Weg zur
Wahrheit. Aber der Allweise gab ewige Gesetze, die stetig bestehen und wirken,
die nimmer aufhren, auch eure verehrten Krfte und Stoffe zu lenken und zu
beherrschen, und diese Gesetze verbrgen dem Glauben den einstigen Sieg. Nehmt
euch nur seiner an, wie ihr euch der Wissenschaft angenommen habt! Widmet ihm
denselben Flei, dieselbe Arbeit und Thatkraft, die von jeher auf sie verwendet
wurden, und ihr werdet sehr bald erkennen, da er strker und mchtiger ist als
sie. Denn die Wissenschaft ist das Ergebnis nur menschlichen Strebens, der
Glaube aber ist gttlichen Geschlechtes; sie belehrt euch ber das Wesen und die
Wechselwirkungen der Stoffe; er aber lt euch Gott schauen und fhrt euch zur
Gemeinschaft mit ihm. Denkt ja nicht, sie beherrsche mehr Gebiete als er! Im
unendlichen Reiche des Glaubens giebt es mehr Provinzen als in ihrem
vergnglichen Bezirke; nur liegen die ihrigen dem irdischen Sinne nher als die
seinigen; die ihrigen stehen in euern Bchern schon verzeichnet; die seinigen
sind noch zu entdecken. Wenn ihr an der Erforschung dieser himmlischen Gebiete
in treuer Begeisterung arbeitet, so schrft ihr die seelischen Augen, welche
bisher geschlossen waren; es wchst ihre Uebung im Erkennen, und bald werden sie
dann schauen, was jetzt fr sie noch im Verborgenen liegt. Die Menschheit ist
wohlgebt in irdischen Dingen, aber in himmlischen nicht. Bindet einen eurer
Fe herauf, fest an den Krper, und bewegt euch hinfort auf dem andern; der
gefesselte wird nach und nach steif, wird verdorren und euch schlielich seinen
Dienst, wenn ihr ihn braucht, versagen. So humpelt und springt der Mensch jetzt
einbeinig durchs Leben; nur fr den irdischen Wandel gerstet, fehlt ihm fr den
Pfad zum Jenseits der Fu. Darum bt euch im Gehen auf diesem himmlischen Wege;
er ist nicht so schwierig und eintnig, wie ihr meint! Fhrt er auch anfangs
ber rauhe, steinige Strecken, so kommt ihr doch bald durch Gefilde, wie sie
euch so herrlich der andere niemals kann bieten, und aufgehen wird euch dann
weiter und mehr die erhabene, strahlende Pracht, die jenseits des Zweifels dem
glubigen Blick sich erschliet. Ihr sollt euch ja freuen ber das auf der Erde
fr die Erde Errungene, denn der Kampf mit dem Leben und der Erfolg geistigen
Forschens sthlen auch die seelische Kraft. Doch bietet der Weg nach dem
Jenseits euch noch hhere Freuden, die sich dann am Ziele vergrern zur
seligen, ewigen Wonne. Zwei Pflichten also sind es, zu deren Erfllung euch der
Herr berufen hat: Ihr sollt mit allen euch gegebenen Krften fr das Diesseits
und fr das Jenseits wirken. Doch sind diese Pflichten eigentlich nicht zwei,
sondern nur eine: Ihr sollt im Diesseits fr das Jenseits wirken. Und wie wenig
ist das doch bisher geschehen! Das Diesseits nahm die Thtigkeit des Menschen so
fr sich gefangen, da er jetzt, nach einer Reihe von Jahrtausenden, noch am
Beginne des Himmelspfades steht und nicht einmal Es Setschme, den Ort der
Sichtung, kennt, der zwischen dem Augenblicke des Sterbens und dem Thore der
Himmel sich befindet. Ich schaue in eure Herzen und sehe in ihnen das Verlangen
nach dem Lichte jener Welt. Zwar darf ich euch nicht jene Sphren zeigen, in
denen Gott mit seinen Seligen wohnt, denn vor dem Glanz der Herrlichkeit dort
oben wrde euer Auge gleich bei dem ersten Blick erblinden; aber nach diesem Ort
der Sichtung, nach diesem Vorhof kann ich eure Seelen fhren. Ihr sollt euch
meiner Fhrung anvertrauen und eine kleine Erdenstunde lang am offenen Jenseits
stehen. Was ihr dort seht, merkt's euch frs ganze Leben! Ich thue es, um euch
eine Ahnung dessen zu geben, was der Glaube, den ich meine und fr den ihr nicht
das rechte Wort besitzt, zu sehen und zu erreichen vermag, whrend selbst eurer
hchsten Gelehrsamkeit dort der Zutritt streng und fr ewig verboten ist. Denn,
sage ich euch, am Tage des Gerichtes, welcher fr die Verstorbenen eher beginnt
und lnger whrt, als ihr hier unten denkt, wird niemand ber den Reichtum
seines Geistes, sondern ein jeder nur ber die Schtze seines Herzens
Rechenschaft abzulegen haben. Es wird nicht zwischen gebildet oder ungebildet,
sondern nur zwischen gut oder bs, zwischen Liebe und Lieblosigkeit
unterschieden. Ich werde jetzt meinem Freund, durch den ich zu euch spreche,
zeigen, was ihr wissen sollt; er sagt es euch, und wenn ihr etwas nicht
versteht, so drft ihr fragen; doch Erkundigungen irdischer Neugierde werden
unbeantwortet bleiben.
    Es ist unmglich, die Stimmung zu beschreiben, in welcher ich mich jetzt
befand. Ueber uns der mit einem nicht eigentlich sicht- aber doch wahrnehmbaren
Schleier bedeckte Himmel, an welchem nur die Sterne bis mit vierter Gre zu
sehen waren, um uns die im unzureichenden Scheine dieser Sterne liegende Wste
mit ihrer geheimnisvollen Verschwiegenheit, vor uns der rtselhafte Mann, der
fr das Diesseits blind war, aber fr das Jenseits sehend zu sein behauptete,
und in uns die Ahnung der Enthllung und Beleuchtung einer bisher unerforschten
Dunkelheit! Aber wo lag dieser Ort de Sichtung, von welchem wir gehrt hatten?
Wirklich und wahrhaftig im Jenseits, oder in der Einbildung eines
phantastischen, vielleicht gar geisteskranken Menschen? Worauf wrden wir die
versprochene Aufklrung zu beziehen haben? Auf einen der hchsten und
wichtigsten unserer Glaubensstze oder auf die Trumereien und Truggebilde eines
hirn- und nervenleidenden Muhammedaners? Ich war im hchsten Grade gespannt, und
Halef und der Perser waren dies nicht weniger als ich, denn ihnen als Orientalen
war fr solche Situationen wohl mehr Empfnglichkeit gegeben als mir, dem
weniger glhend fhlenden und klter denkenden Europer.
    So komm! Ich fhre dich! hrten wir jetzt den Mnedschi mit der
bisherigen, fremdartigen Stimme sagen und mit seiner eigenen, ganz anders
klingenden, antwortete er hierauf: Ich folge dir, Ben Nur, der du ein Engel
Allahs und der Lehrer meiner Seele bist!
    Es sei mir, um das nun Folgende leichter verstndlich zu machen, erlaubt,
diesen von mir nur in der Einbildung existierend gehaltenen Ben Nur von dem
Mnedschi zu unterscheiden. Zwar war es natrlich nur der Blinde, welcher
sprach, aber das, was wir hrten, war ein Gesprch zwischen zwei Personen, deren
Stimmen so verschieden klangen, da wir bei geschlossenen Augen auf die
Anwesenheit zweier Menschen auer uns geschworen htten, wenn die Gewiheit
nicht dagewesen wre, da es nur allein der Mnedschi sei.
    Es verging eine Zeit, whrend welcher wir, um das sich vor uns Entwickelnde
ja durch keinen Hauch zu stren, nur leise zu atmen wagten. Einmal hrten wir
den Blinden mit seiner eigenen, ngstlich klingenden Stimme Halte mich, oh
halte mich! sagen; dann war es wieder still. Er stand, wie von Anfang an, hoch
aufgerichtet da, die eine Hand nach der Seite erhoben, als ob er an ihr geleitet
werde. Da lie er sie sinken, als ob niemand mehr sie halte, strich sich mit der
andern ber das Gesicht und bewegte den Kopf, wie jemand, der staunend um sich
blickt.
    Wir sind angekommen. Nun bleib an meiner Seite stehen, und sag, was du
erblickst! Frchte dich vor nichts, denn ich bin bei dir, und niemand darf sich
uns nahen!
    Das sagte der Blinde mit Ben Nurs Stimme, worauf er mit seiner eigenen
erwiderte:
    Ich frchte mich nicht, denn du hast mir schon oft Furchtbares gezeigt,
ohne da es mir schadete. Ich wei also, da ich bei dir sicher bin.
    Er schaute wieder mit zwar geschlossenen Augen aber sehr lebhaften
Kopfbewegungen um sich und sagte dann:
    Welch ein Wunder! Wohin hast du mich gefhrt! Ich sehe Gegenstnde und
Menschen, die doch keine Gegenstnde und Menschen sind. Es ist alles so
gestaltet, und es bewegt sich alles so, wie auf der Erde, und doch bin ich der
vollen Ueberzeugung, da nichts hier irdisch ist!
    Sag nur, was du siehst, dann werde ich es dir erklren! gebot die andere
Stimme, also der sogenannte Ben Nur.
    Hierauf erhob der Mnedschi die Arme, um alles was wir nun hrten, mit
verdeutlichenden Bewegungen derselben zu begleiten, und fuhr fort:
    Ich stehe auf einem hohen, breiten Steine, ganz allein mit dir, sagte er.
Hinter uns dehnt sich eine Mauer, deren Hhe und deren Enden ich nicht erkennen
kann. Sie hat viele, viele enge, niedrige Oeffnungen, durch welche immerfort
Menschen erscheinen und auf uns zukommen, um sich vor uns zu einem breiten
Heereszuge zu vereinen.
    Das ist El Widah113, die Mauer, an deren andern Seite das Erdenleben endet,
indem es zu einer dieser Thren fhrt, vor denen kein Sterblicher stehen bleiben
oder gar umkehren kann, auer Gott erlaubt es ihm. Sprich weiter!
    Es liegt ein weites, ebenes, des Land vor mir, folgte der Blinde dieser
Aufforderung, von einem tief und schwarz ghnenden Abgrund begrenzt, ber den
eine Brcke hinberfhrt, deren Breite kaum die Schrfe eines Rasiermessers
betrgt.
    Das ist Es Ssiret, die Brcke des Todes, erklrte Ben Nur. Sie geht ber
El Halahk, den Abgrund des Unterganges, des Verderbens. Erkennst du, wo sie
endet?
    Ja, ich sehe es, doch nicht so deutlich, wie ich mchte. Es ist ein Thor,
welches ich wohl bestimmter sehen wrde, wenn nicht darber die Flammeninschrift
leuchtete Zur Seligkeit! Auch die Fortsetzungen seiner Seiten, welche sich aus
dem Abgrunde erheben, sind mir dunkel; darber aber leuchtet eine Klarheit,
welche von keinem irdischen und von keinem Sonnenlichte stammen kann. Indem ich
sie erblicke, steigt eine unbeschreibliche Wonne und Sehnsucht in mir auf, die
mich emporheben und hinbertragen will; aber mein Fu klebt fest an diesem
Steine; ich kann nicht fort; ich bin zu schwer!
    Du bist so schwer, weil du noch zur Erde gehrst, auf der das Gesetz der
Schwere gilt, welches ich fr dich fr diese kurze Stunde berwand. Ich sage
Stunde, denn hier, wo wir uns befinden, giebt es noch Zeit. Die Ewigkeit beginnt
dort an der Brcke. Du stehst hier am Jenseits, nicht in demselben; das ist der
uerste Punkt, wohin ich deine unsterbliche Seele fhren durfte, weil sie noch
das irdische Gewand zu tragen hat. Du siehst dich hier also zwischen Zeit und
Ewigkeit, nicht vor dem Tode und nicht nach dem Tode, sondern mitten in
demselben, und alles, was du hier erblickst, geschieht mit der Seele whrend der
Zeit des Sterbens. Was siehst du noch?
    Ich sehe die Scharen der Seelen, welche durch die stille, unheimlich
lautlose Oede des Todes nach der Brcke wallen. Allah, Allah, beschtze und
bewahre mich!
    Diesen letzten Satz schrie er laut auf, als ob eine pltzliche, groe Gefahr
ber ihn hereingebrochen sei. Dabei breitete er, wie nach einem Halte suchend,
ngstlich beide Arme aus. Hierauf lie er sie beruhigt wieder sinken und
antwortete dann sich selbst mit der Stimme Ben Nurs:
    Sei getrost; ich halte dich! Du nanntest die Zeit des Sterbens, in welcher
du dich befindest, still und lautlos. Jetzt erfhrst du, da es auch ein anderes
als still ergebenes Scheiden giebt. Sprich!
    Es erhob sich ein Sturm, in welchem mein Felsen zitterte; finstere
Wolkenschwaden wurden ber mich hingepeitscht; Donner rollte; Blitze zuckten.
Ich hrte Schlachtengeschrei und das Krachen der Schsse. Jetzt ist das vorber;
aber ein Nebel breitet sich um mich her. Ich sehe nichts mehr; aber ich hre die
Stimmen der Sterbenden. Mtter jammern um ihre Kinder; Frauen winseln nach ihren
Mnnern; Geizige schreien nach den Reichtmern, die sie verlassen mssen,
Herrscher nach ihren Thronen, Ehrschtige nach ihrem Ruhme. Es ist ein Brllen,
Zetern, Klagen und Weinen um mich her, welches mich selbst zum Sterben bringen
wird, wenn ich es noch lnger hren mu! ... Allah sei Dank! Vater, in deine
Hnde befehle ich meinen Geist! rief die Stimme eines glubig sich Ergebenden,
und sofort ward alles still. Die Nebel weichen, und ich sehe die Scharen wieder
ohne Laut und ruhig wallen. Auf der Mitte des Weges sehe ich einen Steg, zu
dessen Seiten lichte Engel stehen. Er ist beweglich und so schmal, da man ihn
nur einzeln betreten kann; aber keiner darf ihm ausweichen; alle mssen
darber!
    Das ist El Mizan, die entscheidende Wage der Gerechtigkeit. Sie mit jede
That, jedes Wort und jeden einzelnen Gedanken. Lege das leiseste, krzeste
deiner Gefhle darauf, so wird sie dir sagen, wie schwer es vor dem allwissenden
Erforscher deines Innern wiegt! Siehst du, was die Engel an diesem Stege, an
dieser Wage, thun?
    Soeben tritt einer aus ihren Reihen hervor und nimmt die ber die Wage
gegangene Seele an der Hand, um sie nach der Brcke zu leiten.
    Nicht nur nach der Brcke, sondern ber sie hinber. Diese Seele ist
gewogen und der Gnade Gottes wert befunden worden. Darum wird sie an der Hand
ihres lichten Fhrers glcklich ber Es Ssiret gelangen. Aber die zu leicht
Gefundenen, welche hier auf Erden stolz auf ihre Vorzge pochten oder, ihrer
Trgheit frhnend, sich nur auf ihre vermeintliche Sndlosigkeit verlieen und
darum versumten, wirkliche Arbeit zu vollbringen, anstatt in bequemer
Sorglosigkeit kommen zu lassen, was da kommen werde, diese finden hier keinen
Beschtzer, sondern bleiben auch hier ihrem gewohnten Selbstvertrauen
berlassen. El Halahk, der Abgrund des Verderbens, steht fr sie offen; denn
schon hier, in der Stunde des Todes, nicht erst im, sondern bereits am Jenseits,
tritt das groe Gesetz der ewigen Gerechtigkeit in Kraft, da der Mensch genau
mit dem bestraft wird, womit er auf Erden sndigte. Trau ja den friedlichen,
still lchelnden Zgen einer Leiche nicht! Sie ist ein abgelegtes Gewand, dem du
nicht anzusehen vermagst, unter welchen Qualen die Besitzerin, die Seele, von
ihm schied. Der Tod tritt nicht mit dem letzten Worte ein, welches der Sterbende
spricht, auch nicht mit der letzten Bewegung, die man an ihm bemerkt, und kein
Irdischer vermag zu ergrnden, was zwischen diesem Worte oder dieser Bewegung
und dem wirklichen Schritte hinber fr eine Folterpein zu berstehen ist! Nun
richte deine Augen auf die vorbergehenden Scharen selbst! Du siehst, wie sie
sich zusammenfinden und sich ordnen, um, zu einander passend, in Gruppen den
Entscheidungsweg zurckzulegen. Sag mir, was du erblickst! Was du nicht weit,
das werde ich dir erklren.
    Der Mnedschi berichtete:
    Es versammelt sich soeben eine groe, groe Menge von Leuten, welche fromm
die Hnde falten und still ergeben ihre Kpfe senken. Ihre Lippen bewegen sich
im Gebete. Ihnen vorangetragen wird eine Standarte, auf welcher das Wort Dijanet
114 zu lesen ist. Das sind gute Menschen, welche gewi glcklich ber die Brcke
hinberkommen!
    Du irrst. Du lssest dich von ihrer zur Schau getragenen Frmmigkeit ebenso
tuschen, wie die Genossen ihres Erdenlebens von ihnen betrogen worden sind. Das
sind die Gewohnheitsbesucher der Kirchen und Moscheen. Sie versumten keinen
Gottesdienst und saen da auf ihren mit Geld bezahlten, wohlnummerierten
Pltzen, auf welche sich ja kein anderer setzen durfte, wenn er nicht zu seiner
ffentlichen Beschmung von ihnen hinweggestoen werden wollte. Sie gingen zur
bestimmten Zeit und in dem dazu bestimmten Rocke nach dem Gotteshause, gesenkten
Blickes, wie auch jetzt, und die Fatha oder das Gesangbuch von den Hnden innig
umschlungen. Dabei aber blickten sie verstohlen nach rechts und links, ob man
sie denn auch gehen sehe. Sie sprachen ihre Gebete oder sangen die
vorgeschriebenen Lieder; sie hrten die Worte des Predigers, und wurde ihnen das
zu langweilig, so lieen sie sich andachtsvoll in das se Schlfchen des
Bewutseins fallen, da sie das alles wohl schon tausendmal gehrt htten und es
also ebenso gut wten wie der Mann dort auf der Kanzel. Dann gingen sie
erhobenen Hauptes heim, denn sie hatten jetzt fr diese Woche ihre Pflicht
gethan und dadurch Gott gezwungen, ihnen nun auch eine Woche lang dafr dankbar
zu sein. Sie forderten von diesem Gotte, da die Nummer des Platzes, den sie fr
sich gelst und nur hchst selten leer gelassen hatten, in das Buch des Lebens
eingetragen werde, weil nur ihnen, und ja keinem andern, das wohlerworbene Recht
zustehe, auf ganz derselben Nummer der Seligkeit auch im Himmel zu sitzen.
Dieser Himmel aber ist unnummeriert und hat also nicht den auf der Erde
bezahlten Platz fr sie; sie werden alle, alle von der Brcke in den Abgrund
strzen. Weiter!
    Ich sehe freundliche Menschen sich um ein Banner scharen, welches das Wort
Kerem115 trgt. Auf ihren Gesichtern glnzt das Lcheln der Sanftmut, der Milde,
der Gte, der Weichherzigkeit. Sie sind in Liebe vereint; sie drcken sich die
Hnde und scheinen so froh darber zu sein, da sie sich hier zusammengefunden
haben. Die leitet ein Engel hinber, ganz gewi!
    Nein! Das sind die sogenannten guten Menschen, die Sanften, die Angenehmen,
die stets Friedlichen, die Wohlthter, die Barmherzigen, die wegen ihrer
Menschenfreundlichkeit so oft und viel Gepriesenen. Du nennst ihr Lcheln sanft
und mild; aber die Wage dort wird es als Selbstgeflligkeit bezeichnen. Diese
edlen Menschen waren nur freundlich, um gerhmt zu werden. Ihre Nchstenliebe,
ihre Sanftmut besa einen verborgenen Skorpionenstachel. Es war ihnen eine Lust,
bei dem freundlichsten Gesichte und whrend der gtigsten Rede ein tief und
schwer verletzendes Wort in die Seele ihres Nchsten zu bohren und dadurch sein
Leben zu vergiften. Sie wuten, da der Glanz ihrer Wohlthaten auf sie selbst
zurckfallen werde; sie erwiesen sie also nicht andern, sondern sich selbst.
Ihre stete, rcksichtsvolle Hflichkeit war nur Schein, war berechnet, denn sie
wuten, da man einer solchen Liebenswrdigkeit nicht leicht einen Wunsch
abschlagen knne. Diese stets nach auen strahlende Huld und Leutseligkeit war
innerlich ein Vampyr, welcher die von dieser Huld Getuschten mglichst
auszusaugen wute. Siehst du, wie ihre Schar sich mehr und mehr vergrert?
Wundere dich ja nicht darber, denn zu ihnen gehren alle jene guten Freunde und
Freundinnen, deren gleiende Anhnglichkeit nichts als Selbstsucht war. Sie
benutzten dich selbst und deinen Einflu, deine Gter; sie forschten mit
Begierde nach allen deinen Schwchen und Fehlern, um sie sich dienstbar zu
machen oder sie mit ihresgleichen zu belachen. Sie nisten sich bei dir ein wie
Flhe der Wste116, deren Stich erst ein wohlthuendes Jucken, dann aber
schmerzende und gefhrliche Geschwre erzeugt. Sie freuten sich lauter als du,
wenn du dich freutest, barsten dabei aber heimlich fast vor Neid; sie nahmen
scheinbar tief betrbt an deiner Trauer teil, fhlten sich aber im Herzen
glcklich darber. Sie gaben dir in inniger Teilnahme und scheinbar gut meinend,
einen schlechten Rat, und kamst du durch die Befolgung desselben zu Schaden, so
wuten sie die Schuld auf dich zu schieben und hhnten dich innerlich aus. Schau
jetzt hinunter zu ihnen! Ja, sie drcken sich innig die Hnde, und ihre
Gesichter glnzen in Freundschaftswonne; aber dabei denkt ein jeder in seinem
Innern, da er hinberkomme, die andern aber nicht. Denen, welche unter dem
Zeichen Kerem stehen, ist der Himmel verschlossen! Sprich weiter!
    Es naht eine unabsehbare Menge, welcher ein Panier mit dem Worte Hakk117
vorangetragen wird. In ihr scheinen alle Stnde vertreten zu sein, denn ich sehe
unter ihnen Hoch und Niedrig, Reich und Arm, Gelehrt und Ungelehrt, Frsten,
Beamte, Krieger, Kaufleute, Bauern, Handwerker und sogar auch Bettler. Sie
kommen getrost und wohlgemut heran, mit festen, sicheren Schritten und
unbeirrten Blicken. Die Gewiheit, da sie die Brcke in krftigem Marsche
berschreiten werden, ist ihnen allen anzusehen.
    Warte, bis sie an die Wage kommen, wie sie da so ganz anders blicken und
angstvoll weiterschleichen werden, sagte die Stimme Ben Nurs. Sie folgen dem
Banner ihrer vermeintlichen Rechte; aber sie meinen damit nicht die
Menschenrechte, die ihnen von Gott fr die Erde verliehen waren, sondern die von
ihnen selbst erfundenen. Sie sind nicht das, wofr sie sich ausgeben, sondern
das genaue Gegenteil davon, nmlich Aufrhrer und Emprer. Mit diesem Worte
Aufruhr meine ich nicht die Verschwrung gegen irdische Herrscherthrone, sondern
die Auflehnung gegen gttliche und von Gott geheiligte menschliche Gesetze. Es
geht ber die Erde eine ununterbrochene Revolution gegen diese Gebote, hier in
still whlender Verborgenheit, da in sichtbarer, immer weiter greifender Grung
und dort in offener, gewaltthtiger Angriffsweise. Die Menschen haben verlernt,
zu gehorchen; sie wollen alle befehlen. Der Reiche verlangt von Goldes Gnaden
und der Bettler auf Befehl der Mildthtigkeit Gehorsam. Der Arbeitgeber sttzt
sich auf das Recht seines Unternehmungsgeistes, seines kaufmnnischen Talentes
und der Arbeiter auf den Wert seiner Geschicktheit und seiner Fuste. Die Groen
der Erde betonen die Vorrechte der Geburt, und die andern heben dagegen ihre
persnlichen Errungenschaften hoch empor. Hier dieser fordert in seinem eigenen
Interesse Gehorsam fr im Laufe von Jahrhunderten bewhrte Einrichtungen und
dort jener verlangt aus demselben Grunde, da man den Anforderungen der Neuzeit
folgsam sei. Es werden neue Rechte und neue Pflichten angefertigt, denen man
wohlklingende Namen giebt. Da wird von einem Rechte auf Gleichheit in den
verschiedensten Beziehungen gesprochen, von einem Rechte des freien Denkens, der
Arbeit, des Lohnes, der Verbindung und Verbrderung. Jeder stellt sich
kampfbereit, um grad das Recht, welches er fr das seinige hlt, zu verteidigen,
und erkennt dabei nicht, da in dieser Verteidigung schon der Angriff gegen
andere Rechte liegt. So wirkt einer gegen den andern, und die eigentliche,
wirkliche Wahrheit ist doch, da sie alle unrecht haben. Denn nach Gottes
Ratschlu besitzt der Mensch nur ein einziges Recht und nur eine einzige
Pflicht, nmlich das Recht und die Pflicht der Liebe. Wie aber steht es bei euch
damit im Erdenleben? Giebt es einen einzigen Menschen, welcher auf dieses Recht
der Liebe verzichtet? Und wie viele aber sind es, welche, wie Gott es doch
gebietet, ihr ganzes Leben der Pflicht der Liebe weihen? Schau sie an, die da
vorberziehen. Sie alle haben nach Gerechtigkeit geschrieen, aber keine
Gerechtigkeit gegeben, weil sie keine Liebe besaen. Sie haben gesprochen und
geschrieben, gestritten und gebrllt fr ihre einander widerstreitenden,
einander aufhebenden Rechte; sie haben gehadert gegen die Menschen und gegen
Gott, von welchem sie mit erhhter Stimme Gerechtigkeit verlangten, wobei sie
ihm aber sein Recht, den Glauben an ihn und die Liebe zu ihm, verweigerten. Und
nun kommen sie sogar hier mit derselben Forderung herangeschritten: Sie
verlangen die Seligkeit als ihr Recht; sie bringen das groe Ausrufungszeichen
nach Gottes Gerechtigkeit getragen und ahnen nicht, da sie dort an der Wage
nach der ihrigen gewogen werden. Sie haben sich gegen sein groes Gesetz der
Liebe emprt, ihm den Gehorsam verweigert, ihm den Glauben versagt, ihn
verleugnet und aus ihrem Leben gestrichen, und nun bt er dasselbe Recht wie
bisher sie, nmlich sie ebenso nicht zu kennen, wie sie ihn nicht gekannt haben.
Sie sind vorber. Wer kommt jetzt?
    Ich sehe die schne Inschrift Muhabba118. Die, welche hinter ihr schreiten,
sind sicher fr die Seligkeit bestimmt; denn du hast ja soeben Liebe gefordert.
Ich unterscheide - - -
    Schweig! Schweig von ihnen! unterbrach ihn Ben Nur streng. Die, welche
jetzt an dir vorberziehen, sind entweder Abgtter oder Gtzendiener gewesen,
eins von beiden, weiter nichts! Das sind die Vter, die Mtter, welche nur einen
einzigen Gegenstand fr ihre Liebe, ihren Sohn oder ihre Tochter kannten. Das
sind die Mnner, welche ihre Frauen vergtterten, und die Frauen, welche ihre
Mnner anbeteten. Die Liebe, welche nur auf eine einzige Person gerichtet ist,
ist keine Liebe, sondern das hliche, abstoende Narrbild derselben. Schau die
Mtter, welche als Sklavinnen vor den Fen ihrer Tchter knieen, und die
Gatten, welche sich von den heigeliebten, angebeteten Fen in den Staub treten
lassen! Der nichtigste Wunsch der vergtterten Lippen setzt sie in Galopp,
whrend sie zur Erfllung gttlicher Gebote oder fr das Wohl ihres Nchsten
kaum einen langsamen Schritt brig haben. Wie sie auf jedes Wrtchen lauschen
und sich bei der geringsten Trennung sehnen! Wie sie arbeiten und sich sorgen,
sich ganz hingeben, sich aufopfern, bis sie am Charakter vollstndig zum
Schatten geworden sind! Fr den aber, dem sie alles, alles verdanken, was ihnen
gegeben worden ist, und dem sie dafr gehren fr Zeit und Ewigkeit, fr den
haben sie keine Handreichung! Und wenn er dann in seinem heiligen Zorne, um
diesem Gtzendienste ein Ende zu machen, den Gegenstand dieser Narretei aus dem
Leben nimmt, welch ein Sthnen und Jammern ist da zu hren und welche
Verzweiflung, die sich selbst Vernichtung wnscht, zu sehen! Wer in dieser Weise
einen Menschen hher setzt als Gott, der wird sich dort an der Wage und dann an
der Brcke auch nur auf diesen Menschen, nicht aber auf Gott zu verlassen haben;
das ist die unerschtterliche Gerechtigkeit, welche den Gegenstand der Snde zum
Mittel der Bestrafung macht! Nun schau hinab auch zu den so hei angebeteten
Idolen. Sie wurden so lange verehrt und bedient, bis ihnen das als ganz
selbstverstndlich vorkam, und so lieen sie sich in dem Bewutsein, ganz
erstaunliche Vorzge zu besitzen, weiter bedienen und weiter bewundern. So
wurden sie zum Hochmute und zur Selbstberhebung gefhrt. Da sie nichts zu thun
hatten, als sich lieben und anbeten zu lassen, wurden sie krperlich und geistig
trge, und waren je lnger desto weniger imstande, ihre irdischen Pflichten zu
erfllen und sich gar noch mit Gedanken ber das Jenseits zu befassen. Sie
wurden geistig totgeliebt und geistig totgepflegt; ihre Krfte schwanden immer
mehr und mehr, bis von ihnen nichts brig blieb als nur auch ein Schatten ihrer
selbst, der aber immer noch angebetet sein wollte und jetzt in der stolzen
Ueberzeugung hier vorberschreitet, da ihm ein Sitz ersten Ranges im Himmel
sicher sei. Sie haben aber ihr Gutes schon auf Erden genossen, und Gtzenbilder
kennt das Jenseits nicht! Weiter!
    Der Blinde fuhr fort:
    Es kommt ein stolzer Zug daher, dem die Inschrift Hanahhn!119 hoch und
weithin sichtbar vorangetragen wird. Diese Leute gehen stolz, mit majesttischen
Schritten und sieghaften Mienen. Ueber ihre Gesichter breitet sich das
Bewutsein der Wrde und Erhabenheit. Auch sie scheinen verschiedenen Stnden
anzugehren, und obwohl sie langsam schreiten, sehe ich doch, da jeder von
ihnen bemht ist, den andern voranzukommen. Das mssen hohe Herren sein, die
sicher nicht erwarten, zu leicht befunden zu werden.
    Ja, sie waren Herrscher auf Erden, Herrscher auf verschiedenen Gebieten,
haben sich aber auf dem Wege zur Wage der Gerechtigkeit zusammenfinden mssen.
Da sind Frsten, welche ber Lnder und Vlker regierten, aber nicht einmal sich
selbst beherrschen konnten. Da sind allerlei Wrdentrger, welche der ihnen von
Gott anvertrauten Wrde nicht wrdig waren. Da sind hohe Gelehrte, Koryphen der
Wissenschaft, welche sich fr Erb- und Gerichtsherren der Weisheit hielten und
sich gegen die Einsicht strubten, da alles irdische Wissen und Erkennen
Stckwerk ist und nur der Glaube zur Wahrheit und Vollkommenheit fhrt. Da sind
die Paschas und Sultane des Mammons, welche von ihren protzenden Thronen aus die
Unbemittelten knechteten und in Fesseln schlugen, ohne zu ahnen, da sie selbst
die Fesseln der niedrigsten Knechtschaft trugen, die es auf Erden giebt: die aus
Goldbarren geschmiedeten Handschellen, die erwrgenden Zugstricke des
Geldsackes. Da sind die Genies, welche ihre herrlichen Geistesgaben nur
brauchten, um gegen den zu kmpfen, der sie ihnen lieh, auch die Knstler, denen
die Mahnung, da die wahre, echte Kunst himmelan zu streben hat, nur lcherlich
war. Da sind die Herren der Feder, der Litteratur, die Zeitungsmonarchen, welche
unter ihrer sechsten Weltmacht die Macht ihres eigenen Einflusses, die
Wirkungskraft nur ihrer Zwecke verstanden. Da sind die Helden der Phrase, die
Redner des Volkes, die Sprecher der Parlamente, die ihre Schlagworte wie
platzende Bomben, das Gttliche verneinend, zerstrend in die Versammlungen
warfen, unbekmmert darum, da sie dafr dereinst das zermalmende Richterwort
treffen werde, von welchem geschrieben steht: denn das Wort Gottes ist wie ein
Hammer, der Felsen zerschmettert! Sie alle, alle, die ich dir jetzt bezeichnete,
haben ihre eigene, zufllige oder angemate Macht an die Stelle der Macht der
Liebe gesetzt und werden nun dort an der Wage zu ihrem Schrecken erfahren, da
alle diese von ihnen mibrauchte Gewalt nicht imstande ist, die ewige
Gerechtigkeit auch nur um das Tausendstel eines Haares breit zu ihren Gunsten zu
neigen. Fahre fort in deinem Berichte!
    Die jetzt kommen, folgen einem Banner, auf welchem Schatahra120 zu lesen
ist.
    Sprich nicht weiter von ihnen; ich sehe sie! Das sind die irdisch Klugen,
welche sich hteten, mit ihrem Glauben offen hervorzutreten; ihr Vorteil verbot
ihnen dies. Auch sind die Schamvollen dabei, welche befrchteten, sich
lcherlich zu machen. Ich sage dir, es giebt sogar Menschen, welche wohl beten
mchten, aber dies nicht fertig bringen, weil sie sich dabei nicht nur vor sich
selbst, sondern sogar vor Gott genieren. Sie sahen den Semann der gttlichen
Liebe ber die Felder schreiten, und sie sahen, da die Krhen des Unglaubens
hinter ihm den Samen wegfraen; sie sind unthtig nebenhergegangen; sie lieen
ihn ungestrt sen, und sie hinderten die Vgel nicht, diese Arbeit der Liebe um
den Erfolg zu bringen. Die einen haben sich vor Gott versteckt; die andern sind
weder fr noch gegen ihn gewesen; nur werden die ersteren ihn jetzt auch nicht
sehen, und die letzteren erwartet ganz dieselbe Gleichgltigkeit. Sie mgen
sehen, wie sie hinberkommen. Weiter!
    Es kommen jetzt weigekleidete, fleckenlose Gestalten, an deren Spitze ich
den Wahlspruch Nadahfa!121 lese. Ihr Gang ist sehr vorsichtig, damit ihr Fu
nichts Unsauberes berhre, und ihre Hnde sind unausgesetzt bemht, die
Stubchen zu entfernen, welche ihren Gewndern angeflogen sind.
    Ja, das sind die Reinen, die Unbefleckten, deren einziges Bestreben war,
auch nicht die allergeringste Unsauberkeit an sich sehen zu lassen. Sie gingen
in Beziehung auf ihren uerlich moralischen Lebenswandel auf den Zehenspitzen,
um ihre Fe ja nicht zu beschmutzen; sie thaten die lcherlichsten Schritte und
Sprnge, um sich die sittlich trockenen Stellen auszusuchen; sie hielten sich
stets allein, und setzte sich ja einmal ein anderer neben sie, so rckten sie
erschrocken von ihm ab. Sie kamen niemals mit der Polizei, niemals mit einem
Paragraphen des Strafgesetzes in Berhrung; sie hteten sich auch vor jeder
andern Snde, die nicht von diesem Gesetz getroffen wird. Schon der Gedanke, da
etwas von ihnen falsch gedeutet werden knne, versetzte sie in Schreck, denn der
gute Leumund war ihr allerhchstes Gut im Leben und im Sterben. So war ihr
ganzes Bestreben nur auf ein gutes Aussehen nach auen, auf ihren Ruf bei den
Mitmenschen gerichtet; an ihrer innern Reinheit aber arbeiteten sie nicht. So
ein Fleckenloser war gewi keines Diebstahls fhig, aber dem Herrgott hat er den
grten Teil seines Lebens abgestohlen! Eines strafbaren Betruges machte er sich
niemals schuldig, aber sein Weib hat er um das Lebensglck und seine Kinder um
den frohen, schnen Glanz ihrer Jugend gebracht! Ein Mrder, ein Totschlger,
ein Unmensch war er nie, aber fr seine Wissenschaft konnte er Tausenden von
Pferden, Hunden, Katzen und andern armen, tief beklagenswerten Tieren die
entsetzlichsten Martern und den qualvollsten Tod bereiten! Ein Hochverrat, eine
Majesttsbeleidigung wre ihm unmglich gewesen, aber die himmlische Majestt
Gottes hat er in seinem Innern unzhligemal geschndet! Meineid und Fahnenflucht
verachtete er, aber vom Militr hat er sich lossimuliert! Raub und Erpressung
hielt er fr die schndlichsten der Thaten, aber Bcher hat er unter anderm
Titel und unter vorsichtiger Vernderung der Namen nachgedruckt und seine
Arbeiter gezwungen, sich fr ihn fr geringeren Lohn zu schinden, weil sie nur
von ihm abhngig waren! Falschmnzerei oder falsches Gewicht war bei ihm nicht
zu finden, aber die Geschftsgeheimnisse seines Mitbewerbers hat er ausgesprt,
und seinen Kunden verkaufte er Wasser in der Milch und das Fleisch verendeter
oder krank gewesener Tiere! Bestechung gab es nicht in seinem Amte, doch die
Stelle, welche er zu vergeben hatte, bekam der Schtzling seines Freundes, aber
nicht der ihrer Wrdige! So waren diese alle uerlich rein, aber innerlich voll
Schmutz. Nun mit die Wage dort nicht den uern, sondern den innern Menschen.
Denkst du auch jetzt noch, da diese Reinen glcklich ber die Brcke kommen
werden?
    Der Mnedschi antwortete:
    Mir ist das Herz zum Brechen schwer! So viele, viele, viele ich bisher
gesehen habe, es war kein einziger unter ihnen, den du der Gnade Allahs fr wert
gehalten hast. Soll denn der Abgrund alle, alle verschlingen? Soll ich mich denn
nicht wenigstens ber einen, nur einen einzigen freuen, der drben an das Thor
der Seligkeit gelangt?
    Sie waren der Gnade Gottes nicht wrdig, weil sie nicht nach ihr gestrebt
haben. Wer auf seine vermeintlichen Verdienste pocht und dafr den verdienten
Lohn, aber keine Gnade fordert, der wird auch keine finden. Aber ich bemerke,
da dein Wunsch in Erfllung geht. Sag mir, was du jetzt siehst!
    Es kommen zwei Frauen, ganz allein, nebeneinander; die eine ist sehr schn,
die andere sehr einfach gekleidet. Dann eine Strecke hinter ihnen folgt eine
unabsehbare Schar von Mnnern und Frauen, denen aber kein Panier vorangetragen
wird. Es sind auch viele, viele Kinder dabei. Und nun flammt es pltzlich dort
drben ber dem Thore der Seligkeit hell leuchtend auf, so da hier bei uns die
bisherige Dsterkeit wie ein heller, schner Tag erscheint. Ich sehe, da die
Engel diesem Zuge in freudiger Erwartung entgegenblicken. Sollte er aus
Glcklichen bestehen, denen es beschieden ist, den Himmel zu erreichen?
    Ja; ihnen ist er bestimmt! Du hast gehrt, da du dich hier mitten in der
Zeit des Sterbens befindest. Das helle Licht des Jenseits dringt pltzlich zu
uns herber; die Todesstunde derer, die jetzt kommen, ist eine glckverheiende;
sie wird von der Morgenrte des ewigen Himmelstages berflutet. Die, welche sich
Standarten vorantragen lieen, stellten Forderungen an Gott; sie verlangten hier
den himmlischen Lohn fr ihre eingebildeten irdischen Vorzge und Tugenden. Die
aber jetzt erscheinen, sind solcher Selbsttuschung und Ueberhebung fern. In der
Erkenntnis ihrer Mangelhaftigkeit, nhern sie sich in zagender Demut der Wage
der Gerechtigkeit, und den Demtigen giebt Gott Gnade. Fr sie ist die ihnen
entgegenleuchtende Freude der Engel schon im Sterben der Beginn der Seligkeit.
    Wer sind die beiden Frauen? fragte der Blinde.
    Es sind Heldinnen des Herzeleides, des Duldens. Eine Frstin und eine
Arbeiterin, standen sie, die eine auf der hchsten und die andere auf der
niedrigsten Stufe des Erdenlebens, einander so fern, da keine die andere
kannte; aber so verschieden die Arten und die Wege des Lebens sind, sie fhren
alle vor der groen Entscheidung der Todesstunde zusammen. Die Frstin war ein
liebes, heiteres Kind, welches mit frohen Augen in die verheiungsvolle Zukunft
blickte; es waren ja alle Vorbedingungen irdischen Glckes vorhanden. Da aber
griff die Staatskunst mit eiserner Faust in ihr bisher holdes Geschick. Man
entri sie den liebenden Eltern und Geschwistern und brachte sie, die sich
vergeblich Strubende, in ein fernes Land, zu einem fremden Volke, an die Seite
eines Herrschers, dem nie ihr Herz gehren konnte. Ihr goldener Jugendtag war
dahin; die Sonne des irdischen Glckes verschwand. Kalte Pflichten begannen, mit
furchtbarer Last auf ihr warmes Herz, ihr weiches Gemt zu drcken; nur schwer
fand sie Atem fr ihre nach Verstndnis und Liebe verlangende Seele. In diesem
Gefhl des Erstickens schrie sie zu Gott, und er sandte ihr den Engel des
Glaubens als rettenden Boten. Aus den Hhen des Himmels flo ihr die Kraft, den
Pflichten der Erde zu leben; darum strebte dieses Leben auch wieder zu ihm
empor. Sie legte ihr einstiges Sehnen nach Glck in die Hnde der ewigen Liebe
und erhielt es als Erhrung fr das ihr anvertraute, fremde Volk zurck. Sie
teilte, obgleich selbst ungeliebt, diese Liebe aus vom Gletschereise ihrer Hhe
herab nach allen Seiten. Fr sich auf alles gleiende Erdengut verzichtend, ward
sie in schlichter Anspruchslosigkeit eine Spenderin der Gte, die im Verborgenen
wirkt. Als Frstin angefeindet und in frostige Einsamkeit geschoben, war
heimlich sie die Barmherzigkeit und Segen spendende Mutter der Bedrftigen. Ein
jeder ohne stille Wohlthat vollbrachter Tag erschien ihr als verloren. So gingen
ihre Jahre hin, und nun sie von der Erde scheidet, umstrahlt kein frstlicher
Pomp ihr einsames, gemiedenes Sterbelager. Nur eine einzige, treue Dienerin
kniet unter herzbrechendem Schluchzen dort und betet, betet laut und
erschtternd, obgleich ihr bei jedem Worte die Stimme versagen will. Sie allein
hat die sterbende Frstin verstanden und geliebt; sie war die vertraute Zeugin
ihrer Leiden, die verschwiegene Botin ihrer Wohlthtigkeit. Nur sie wei es, was
die geliebte Herrin ihrem Volke war, nur sie! Doch nein, nicht nur sie! Es giebt
auer ihr noch Einen, der alles sieht und kennt, den allwissenden Erforscher der
Herzen und Gedanken. In seinem Buche stehen all die zahllosen Bitterkeiten, die
sie auf dem schweren Pfade der Entsagung hinabzukmpfen hatte, alle Angriffe,
die sie in gottergebenem Verzicht auf Gegenwehr erduldete, aber auch die ganze
Flle der Liebe, welche sie ber die Armen und Bedrngten ausgegossen hat, fr
alle Ewigkeit verzeichnet. Jetzt, im Augenblicke des Abschiedes, klingt das
Schluchzen der neben ihr Betenden aus immer weiterer Ferne in ihr Ohr, und so
verschwindet vor ihr auch die Zeit des Duldens und des unverschuldeten Leidens.
Zu ihren Seiten tauchen die schnen, goldenen Jugendtage wieder auf und vor ihr
die in himmlischer Liebe lchelnden Engel, welche ihr dort an der Wage der
Gerechtigkeit entgegenwinken. Ich sage dir, der irdische Thron war ihr ein
Marterstuhl, wie er es so vielen um ihn Beneideten ist, aber was sind alle diese
Qualen gegen die Herrlichkeit jenseits des Thores da drben, wo aus jedem
Augenblicke des einstigen Herzeleides und aus einer jeden einzelnen ihrer
Liebesthaten ihr ein unerschpflicher Bronn der Seligkeit entgegenflieen wird!
Vom allwissenden Vater im Himmel wird keine Sekunde des Leides und keine noch so
heimlich geweinte Thrne seiner Kinder vergessen!
    Da rief der Mnedschi freudig aus:
    Ich sehe, du hast recht! Jetzt sieht sie die Engel winken; sie breitet die
Arme nach ihnen aus und beflgelt ihre Schritte. Die andere auch, die mit ihr
geht!
    Diese war eine Tochter der rmsten Drftigkeit, erklrte Ben Nur. Ihre
Kindheit war Hunger, Verachtung und Arbeit. Sie hat nie das Auge einer liebenden
Mutter gesehen und vom harten Vater nur die unbarmherzig schlagende Hand
gefhlt. Unter fremde Leute geworfen, diente sie treu und ehrlich, doch stets
nur bei herzlosen Menschen, und als sie glaubte, ein Herz gefunden zu haben, dem
sie sich anvertrauen drfe, und sich ihm zu eigen gab, da war es ein roher, ein
gefhlloser Mann. Er frhnte dem Spiel, dem Trunk und andern Lastern; er hate
die Ordnung, die Arbeit und jede ihn bindende Pflicht. Sie mute schaffen und
sorgen fr ihn und die zahlreichen Kinder, und that es still und ergeben, als
sei's ihr nicht anders beschieden. Doch, was sie mit eigener Entbehrung durch
rastlose Arbeit errang, das flo bei ihm durch die Gurgel, fiel im Spiele andern
zu. Sie sah keine Frucht ihres Fleies und hielt doch nicht auf, sich zu mhen,
denn sie glaubte, es seien die Kinder ein Segen des Himmels, dem sie durch
treue, mtterliche Pflege sich wrdig zu erweisen habe. Da starb der Mann. Sie
begrub ihn; sie weinte an seinem Grabe; sie trauerte um ihn, ohne ihm einen
Vorwurf in die Grube nachzusenden. Dann aber schienen sich ihre Krfte fr die
Kinder zu verdoppeln. Sie nhrte sie besser als vorher; sie schickte sie in die
Schule; sie gab sie in die Lehre; sie sorgte fr ihr Fortkommen und hatte kein
Wort der Klage ber die Nchte, in denen sie bei der stillen Lampe sa, um viel,
viel mehr zu thun als ihre Pflicht. Die Shne nahmen sich Frauen, die Tchter
Mnner; die Mutter arbeitete weiter. Es stellten sich Enkel ein; da gab es noch
viel mehr zu sorgen. Was sie da alle that, that sie nicht fr sich selbst, doch
niemand dankte ihr. Man nahm es nicht nur als selbstverstndlich hin, sondern es
wurde fr noch viel zu wenig gehalten. Kein Kind hatte einen Platz, die Mutter
zu sich zu nehmen; ein drftiger Raum unter dem Dache, ein Tischchen, ein Stuhl
und eine rmliche Lagersttte, das war das Schaffensfeld unendlicher
Muttertreue, die keine Ruhepause kannte und sich selbst vollstndig verga. Sie
wurde auch vergessen in der Stadt. Niemand kam zu ihr, auch nicht ihre Kinder
und Enkel; diese verlangten, da sie komme, und zrnten, anstatt zu danken, wenn
die zitternden Hnde der Greisin nicht mehr soviel brachten wie frher. Nun
liegt sie endlich im Sterben; kein Mensch, kein Kind ist bei ihr, um ihr die
guten, stets so wachen Augen zur endlichen Ruhe liebend zuzudrcken. Sie lebte
jenes Heldentum des Duldens, dem niemand anmerkt, da es Dulden ist, und wie sie
es lebte, so stirbt sie es jetzt. Das Erdenleben versagte ihr jedes Glck, jede
Freude, jeden Sonnenstrahl. Erst jetzt, in ihrer Todesstunde, lernt sie den
Glanz des Lichtes kennen. Zwar kommt er spt, nun da ihr Auge bricht, aber er
ist kein irdischer und wird darum nie wieder von ihr scheiden. Das Diesseits hat
sie um den Lohn ihrer Arbeit betrogen; das Jenseits wird ihr diesen Verlust
tausendfach ersetzen!
    Und ihr Mann? Wird sie den dort sehen? fragte der Blinde.
    Frag nicht nach ihm! Er gehrte zu den Hetzern, zu den Schreiern, welche in
Versammlungen mit glhender Begeisterung fr ihre Menschenrechte Streiter
sammeln, daheim aber ihre Gatten-, ihre Vaterpflichten verleugnen. Er ist nicht
ber Es Ssiret, die Brcke des Todes, hinbergekommen! Schau lieber auf die
dichten Scharen, welche jetzt vorberwallen!
    Ja das sind liebe, stille, gottergebene Menschen, denen anzusehen ist, da
sie keine irdischen Ansprche bei sich tragen, obwohl ich sehr vornehme Personen
unter ihnen bemerke. Und der Glanz aus dem Jenseits herber wird immer heller!
Ist er es, den ich wie Glorienschein um ihre Hupter liegen und aufwrts-und
hinberstreben sehe?
    Nein. Was du im Jenseits leuchten siehst, das ist die ewige Liebe, von
welcher jedem Menschen ein Strahl mit auf die Erde gegeben wird. Pflegt er
dieses himmlische Feuer, so bleibt es bei ihm, leuchtet ihm durch das Leben und
strebt mit ihm in der Todesstunde nach dem Jenseits hinber, nach seinem Urquell
hin. Whrend der Erdentage brannte es auf den Altren der Herzen als das
unverlschliche heilige Licht des Glaubens; jetzt, wo der Glaube in das Schauen
berfliet, fliet auch dieser Strahl dahin zurck, woher er kam, und legt sich
als Erkennungszeichen um die Stirnen derer, denen er die Ueberwindung der Brcke
und des Abgrundes verbrgt. Wie gerne wrde ich dir hier von jedem Einzelnen
sagen, warum gerade er diese Aureole trgt! Aber es sind ihrer zu viele, und es
ist dir hier an diesem Orte nur eine ganz bestimmte kurze Zeit gegeben, welche
fast vorber ist. Du gehrst ja noch dem Diesseits an; hier aber geht dieses in
das Jenseits ber; bleibst du zu lange hier, so wrde die Auflsung auch dich
ergreifen, und das mu ich verhindern. Ich als dein Schutzengel bin
verpflichtet, dafr zu sorgen, da dein Erdenlauf nicht um einen Augenblick
gekrzt werde, denn er ist die Vorbereitung fr El Mizan, die Wage der
Gerechtigkeit, welche auch du zu berschreiten hast, und jede Sekunde des
Diesseits ist von unersetzbarer Kostbarkeit, weil eine einzige gengen kann,
eine verlorene Seele dem Himmel zurckzugewinnen! Doch einige darf ich dir noch
kurz zeigen. - Ich sehe unter ihnen viele, die gegen die staatlichen Gesetze
gesndigt haben und dafr bestraft worden sind. Es ist im Himmel ja mehr Freude
ber einen Snder, der Bue thut, als ber Neunundneunzig, welche glauben, der
Bue nicht zu bedrfen, weil sie sich fr gerecht halten! Es sind unter ihnen
Gefallene aller Art, denen die erbarmende Liebe Kraft verlieh, wieder
aufzustehen. Es sind Regenten und Feldherren dabei, die man des Massenmordes der
Schlachten anklagte, an dem sie aber unschuldig waren, weil er ihnen
aufgezwungen wurde. Ich sehe da berhmte Trger der Wissenschaft, die aber ber
ihrer Gelehrsamkeit nicht den Glauben und die Liebe vergaen. Ihr Ruhm wird im
Himmel doppelt leuchten! Ich sehe Reiche, welche die Hungrigen speisten, die
Durstigen trnkten und die Nackenden kleideten. Sie haben ihren Reichtum auf
Erden lassen mssen, sich aber himmlische Schtze gesammelt, welche dort an der
Wage bis auf das Gewicht einer Tauperle fr sie eingetragen werden! Ich sehe
Priester, welche nicht blo Lehrer des Wortes, sondern Verkndiger und Thter
des Geistes im Worte, wirkliche Prediger der Liebe waren. Ihnen ist es gegeben,
das Lob des Herrn erklingen zu lassen in alle Ewigkeit! Ich sehe Gewaltige der
Erde, welche gtige Vter, weise Erzieher und freundliche Beglcker ihrer Vlker
waren. Wahrlich, ich sage dir, im Jenseits werden sie ber mehr gesetzt werden,
als sie diesseits beherrschten! Ich sehe den Millionr, welcher der
Barmherzigkeit sein Vermgen widmete, und den Bettler, der mit dem Straenhunde
sein letztes Stck Brot teilte. Ich sehe die Grnder groer Armen- und
Waisenhuser und den kleinen Knaben, welcher dem drstenden Vglein Wasser gab.
Ich sehe Frstinnen und Prinzessinnen, welche, von der Glorie irdischer
Erhabenheit umgeben, aus ihrem hohen Kreise heraustraten, um herniederzusteigen
und als Huldspenderinnen der Liebe zu walten. Glaube mir, der Herr aller Himmel
wird ebenso herabsteigen wie sie und ihnen diese Gte tausendfltig lohnen! Ich
sehe edlen Frauen, welche sich nicht schmten, die Htten der Armen, der
Kranken, der Witwen und Waisen zu besuchen und den Verachteten zu zeigen, da
auch sie Brder und Schwestern in der groen, die ganz Menschheit umfassenden
Familie des Allvaters seien. Du darfst berzeugt sein, da sie nun dort an der
Wage fr wrdig befunden werden, zur Familie der Seligen zu gehren! Ich sehe
Seelen, deren bloe Anwesenheit die Wirkung hatte, als ob ein warmer, trstender
und beruhigender Sonnenstrahl mit ihnen hereingekommen sei. Es ist ein
Himmelsglck, da es solche Menschen giebt; sie werden im Jenseits noch viel
heller strahlen als whrend ihrer diesseitigen Pilgerzeit! Ich sehe Richter,
welche selbst in dem rgsten Verbrecher noch den Menschen suchten, um so mild
wie mglich sein zu drfen, Betrogene, Bestohlene, Beleidigte, welche nicht nur
vergeben, sondern sogar vergessen konnten. Gott wird auch ihnen ein milder
Richter sein und ganz so vergeben und vergessen, wie sie es thaten! Ich sehe
unter dieser Schar auch Knstler, deren Streben es war, in ihren Werken die
wahre Natur, die Uebermacht des Guten und Schnen ber das Bse und Hliche,
als die Offenbarung Gottes im Menschen, des Himmlischen im Irdischen
nachzuweisen. Sie whlten nicht wie andere mit Wollust im Schmutze; sie machten
nicht unter dem irrigen Vorgeben, wahr sein zu mssen die Roheit und das Laster
zur Staffel ihres Ruhmes, denn sie wuten, da die Snde nicht die Wahrheit,
sondern ihre abstoende Verneinung ist. Die Kunst ist nur dann wirkliche Kunst,
wenn sie nach dem Edlen auch auf edlem Wege strebt. Wer da glaubt, er knne dem
Hohen durch die Darstellung des Niedrigen dienen, der versteht die Aufgabe
nicht, die ihm von Gott, dem Urquell des hchsten Knnens und also auch aller
Kunst, geworden ist! Ich sehe ferner Freunde, welche wahre, ehrliche Freunde
waren. Sie hielten, wenn es ntig war, nicht mit der bitteren, heilsamen
Wahrheit zurck, standen aber auch mit ihrem ganzen Haben und Knnen fr die
Freundschaft ein! Ich sehe Vter, welche die Schwche nicht mit der Liebe
verwechselten, sondern ihrer Pflicht mit wohlabgewogener Gerechtigkeit walteten,
obwohl dies ihrem Herzen oft nicht leicht geworden ist. So ein Vater hat seinen
Sohn nicht moralisch totgelobt oder durch nachsichtige Schwachheit selbst zum
Schwchling gemacht und seine Tochter nicht zu einem Weibe erzogen, welches fr
seinen Beruf verloren ist! Und ich sehe Mtter, denen die Kinder nicht als
herausgeputzte Gegenstnde eitlen Stolzes und berhebender Prahlsucht dienten,
sondern denen sie das waren, was sie jeder Mutter sein sollen: Seelenblumen, von
Gott dem Elternhause anvertraut, um, von des Vaters Hand begossen und von dem
Mutterauge bestrahlt, zum Himmel emporzuwachsen. Sei versichert, da solche
Eltern an solchen Kindern nicht nur im Diesseits Freude erleben, denn bei
solcher aufwrts strebender Pflege steigen Vater und Mutter selbst mit
himmelan!
    Nach diesen Worten trat wieder, wie schon einmal, eine Pause ein, whrend
welcher der Mnedschi leise, fr uns unverstndliche Worte vor sich hinmurmelte.
Dann hrten wir die Stimme Ben Nurs wieder laut sagen:
    Nein, du darfst nicht lnger hier verweilen; die Zeit ist abgelaufen.
Komm!
    Ich behielt den Blinden aufmerksam im Auge. Er griff mit der Rechten zu, als
ob er eine Hand erfasse, und ahmte mit der Linken leise die Bewegung des
Schwebens nach. Dann hob er erst den einen und hierauf den andern Fu, trat fest
auf und sprach:
    Das ist die Erde wieder; ich fhle es. Nun fhre mich zu dem Orte zurck,
von welchem du mich holtest!
    Er begann jetzt, ohne sich um uns zu bekmmern, den Felsen wieder
hinabzusteigen. Dies geschah ganz in der fr uns so unerklrlichen Weise, wie er
heraufgefhrt worden war. Er hielt sich nicht an und kam doch, ohne zu
straucheln, hinunter, whrend wir uns Mhe geben muten, nicht auszugleiten und
zu fallen. Es war wirklich wunderbar! Es drngte sich mir wieder der Gedanke
auf, da er trotz allem doch wohl sehend sei; aber ich mute ihn von mir
abweisen, weil ein solcher Betrug einfach unmglich war.
    Unten angekommen, gingen wir wieder still hinter ihm her. Er schritt ganz
genau auf dem Wege zurck, den wir gekommen waren, ohne nur ein einziges Mal zu
zgern. Auch setzte er sich, als wir unsern Platz erreicht hatten, ebenso genau
auf derselben Stelle nieder, auf welcher er vorher gesessen hatte.
    Ich danke dir, Ben Nur, du treuer, lichter Begleiter meiner Seele! sagte
er mit halblauter Stimme; dann lehnte er den Oberkrper an den Felsen zurck,
und nach kurzer Zeit hrten wir an seinen leisen, regelmigen Atemzgen, da er
schlief.
    Kara Ben Halef war munter; er wagte aber nicht, zu fragen, wo wir gewesen
seien. Wir verhielten uns zunchst ebenso still wie er, weil das, was wir
gesehen und gehrt hatten, das Denken und Fhlen jedes von uns fr sich selbst
in Anspruch nahm. Ich ging mein ganzes bisheriges Leben durch, um in demselben
vielleicht einen Wink fr die Erklrung dieser eigentmlichen nchtlichen Scene
zu finden; doch vergebens!
    Ich wei ja wohl ebenso gut wie mancher andere, da den sogenannten
Naturvlkern eine - ich will sagen, Hinneigung zum Geheimnisvollen innewohnt,
fr welche das Wort Aberglaube doch nicht ganz treffend ist. Die reizlose, oft
rmliche Kost, die der gestaltenden Phantasie so gnstige Wste oder Savanne,
das magische Halblicht des lautlosen, unergrndlichen Urwaldes jenseits des
Missisippi, das sind Faktoren, welche in Verbindung mit ererbter psychischer
Disposition gewi im stande sind, den Menschen fr das empfnglich zu machen,
was der bekannte Ausspruch als zwischen Himmel und Erde liegend bezeichnet.
Daher der reiche Mrchenschatz des Orients und die Stimmung der Steppen- und
Wstenvlker fr das Uebersinnliche. Man glaubt gar nicht, was fr eine
ausgiebige Gestaltungskraft dem Beduinen in diesem Sinne innewohnt! Je weniger
Lebewesen die ungeheuren Strecken seiner Heimat bevlkern, desto schpferischer
wird seine Einbildungskraft. Er ersetzt ihnen berreich an imaginren Bewohnern,
was ihnen an wirklichen fehlt, und wei zuletzt selbst nicht mehr, wo die
Thatsache aufhrt und die Erfindung beginnt. Ebenso und doch auch wieder anders
ist es bei den Indianern. Auch sie sind phantastisch thtig, doch fehlt ihnen
die Sonne des Sdens, und die Unerbittlichkeit ihres traurigen Geschickes
vertieft die Schatten, in denen ihre Bilder sich bewegen. Es ist ein ernstes,
sehr ernstes Reich, welches man betritt, wenn am verglimmenden Lagerfeuer ein
alter, auch am Verlschen des Lebens stehender Indsman beginnt, zu erzhlen, was
lngst verstorbene, berhmte Krieger auf der schlafenden Prairie, in den
Schluchten des Gebirges, in den Tiefen der Caons und zwischen den Riesenstmmen
des Urwaldes gesehen haben. Das sind keine Mrchen wie jene des Orients, sondern
Berichte ber nchtlich auferstandene Tote, welche an dem blutigen Geschicke
ihrer Rasse sterben muten und doch nicht ruhen konnten, weil der Mord noch
ferner rcksichtslos auf ihren Grbern tanzt. Das sind Menschen, die wirklich
gelebt haben, die man einst kannte und einst sah. Und wenn es nicht wahr ist,
was man von ihnen erzhlt, da man sie nach ihrem Tode noch oft gesehen habe, so
sind sie dennoch wieder lebend geworden, aus der Erde gekratzt von den
Klagegeistern einer dem Untergange, dem gewaltsamen Untergange geweihten Nation.
Winnetou, der nchternste, der hell- und scharfdenkendste aller roten Mnner,
war gewi kein Phantast, aber zuweilen, wenn wir miteinander im nchtlichen
Dunkel lagen, rings von Gefahr umgeben, da geschah es, da er die Hand hob, um
grend rundum zu winken, und als ich ihn einst fragte, warum er das thue,
antwortete er:
    Mein weier Bruder frage nicht. Wir sind beschtzt, das mag dir gengen!
    Und ehe ihn die tdliche Kugel traf, war er von einer ganz bestimmten
Todesahnung ergriffen, die leider auch in Erfllung ging122. Ahnung sage ich,
denn er sprach sich nicht deutlich aus; aber spter fiel mir ein Abend ein, an
welchem wir ganz allein hoch oben in der Einsamkeit des Flintpasses saen,
ernste Gedanken austauschend, und dabei auch das Uebersinnliche berhrend. Ich
hatte das Gebet erwhnt; da sagte er:
    Ja, der groe, gute Manitou123 verlangt, da man mit ihm rede, denn jedes
Kind soll doch mit seinem Vater sprechen. Wenn man in Gefahr ist und ihn um
Hilfe bittet, so sendet er seine Krieger herab, die fr uns kmpfen. Mein weier
Bruder nennt diese Freunde Engel; ich sage Krieger, denn das Leben ist ja stets
nur Kampf. Du hast auch zuweilen nicht Engel, sondern Schutzengel gesagt und nur
von einem gesprochen; ich aber wei, da mehrere bei mir sind, so oft ihr
Beistand ntig ist.
    Woher weit du das? fragte ich.
    Wenn ich sie sehe, gre ich sie; also wei ich es, denn was man sieht, das
ist gewi! Ich werde auch wissen, wenn ich sterbe; sie sagen es mir.
    Winnetou! fuhr ich betroffen auf, denn ich wute, da er im Ernste sprach.
Er scherzte nur selten und in solchen Sachen nie.
    Ja, sie werden es mir sagen! behauptete er. Du wirst dich wohl schon oft
gewundert haben, da ich in Gefahren etwas ganz Unerwartetes that, was keinen
Grund zu haben schien und uns doch errettete. Du schriebst es meiner Klugheit
zu, aber ich handelte nur nach dem Willen derer, die du Schutzengel nennst.
Vielleicht kommt die Zeit, da ich dir mehr ber sie sage. Jetzt mu ich selbst
noch lernen und erfahren, denn es ist nicht leicht, sie zu verstehen, und sehr
oft irre ich mich noch. Es knnte jeder Mensch empfinden, was der groe Manitou
ihm durch die Engel sagt, wenn er mehr auf sich und ihre Stimme achtete und sich
befleiigte, sie nicht dadurch zu betrben und von sich fortzustoen, da er
Bses thut.
    An dieses Gesprch mute ich jetzt hier am Bir Hilu denken. Hatte Winnetou
sich getuscht? Waren diese Krieger des groen, guten Manitou
Phantasiegestalten, Gebilde seiner eigenen Anima? Das konnte ich bei seiner
beispiellos scharfen Beobachtungsgabe doch wohl kaum annehmen! Und selbst wenn
ich seinen Worten vollen Glauben schenkte, so war damit noch nichts fr die
Erklrung des heutigen Vorganges, des Schlafsprechens und gar der Wesenszweiheit
des Mnedschi gethan.
    Auch whrend der tiefsinnigen Reden meiner alten, hochehrwrdigen Marah
Durimeh124 war manches Wort gefallen, welches ber das Diesseits hinberzeigte,
doch aber keines, an welches ich mich jetzt htte halten knnen. Ganz
selbstverstndlich lag mir vor allen Dingen die Frage nahe, welche Stellung ich
als glubiger Christ zu dem, was ich gesehen und gehrt hatte, einnehmen sollte.
Da konnte ich denn in allem, was der angebliche Ben Nur gesagt hatte oder,
anders ausgedrckt, in allen Reden, welche ihm zugeschrieben werden sollten,
nichts entdecken, was ich als glaubensfeindlich zu bezeichnen htte. Es bezog
sich alles nur auf die Sterbestunde, nicht auf den Himmel selbst, denn wir
hatten uns ja vorzustellen gehabt, da der Blinde nicht im, sondern am Jenseits
stehe. Bedenklich waren mir nicht seine Worte, sondern war mir nur er selbst,
und wenn wir es da mit einem Nervenkranken, einem Somnambulen oder Noctambulus
zu thun hatten, so war das eine rein rztliche, aber keine theologische
Angelegenheit. Uebrigens hatte er so manche, wenn auch nicht landlufige Idee
ausgesprochen, die schon lngst die meinige auch war.
    Freilich war der Eindruck, den die Stunde dort auf dem Felsen auf mich
gemacht hatte, kein gewhnlicher. Das Vorhergeschehene, die Oertlichkeit, die
Person des Blinden, seine tief ergreifende Ausdrucksweise, das hatte sich zur
Hervorbringung einer Wirkung vereinigt, welche ebenso tief wie nachhaltig war.
Was htte ich nicht fr die Berechtigung gegeben, annehmen zu drfen, da dieser
Ben Nur, dieser Sohn des Lichtes kein Phantom sei!
    Ich war so in Sinnen und Grbeln versunken, da ich, um darauf eingehen zu
knnen, mich zusammennehmen mute, als Halef nach lngerer Zeit endlich fragte:
    Sihdi, geht es dir auch so wie mir? Ich will einschlafen und kann doch
nicht. Was ich gehrt habe, wird zur That; die Worte verwandeln sich in
Gestalten. Ich stehe an der Pforte des Jenseits, inmitten der Todesstunde, und
sehe die Schren der Unseligen und Seligen nach El Mizan, der Wage der
Gerechtigkeit, an mir vorberziehen. Wie werde ich von jetzt an flehend beten,
dereinst nicht zu denen zu gehren, welche in den Abgrund des Verderbens
strzen! Und welche Mhe werde ich mir geben, so zu leben, da einer der Engel,
welche an der Wage flehen, meine Hand fasse und mich glcklich ber Es Ssiret,
die Brcke des Todes, nach dem Thore der Seligkeit bringe! Wahrlich, ich sage
dir, dieser Ben Nur, von dessen Dasein ich bis heut gar nichts wute, hat einen
ganz, ganz andern Menschen aus mir gemacht! Ich sage nichts, und ich verspreche
nichts, aber du wirst es sehen und beobachten!
    Es war eine heilige Begeisterung, welche aus ihm sprach, und mit ganz
demselben Enthusiasmus lie auch der Basch Nazyr seine Worte folgen:
    Ja, Effendi, ich stimme Hadschi Halef vollstndig bei. Was bin ich doch
bisher fr ein armer, sndhafter, unntzer Mensch gewesen! Wie viele, viele
Worte Ben Nurs klangen so, als ob sie nur fr mich gesprochen worden seien!
Hre, was ich dir sagen werde! Oder errtst du es vielleicht schon?
    Nein, antwortete ich.
    Die Liebe, die Liebe, die hat es mir angethan, die hat mich so tief
ergriffen. Die Milde, die Barmherzigkeit, die Vershnlichkeit und das Vergeben!
Wer hier nicht vergiebt, dem wird dort auch nicht vergeben werden! Mir ist
himmelangst geworden. Es bangt mir vor El Mizan, der frchterlichen Wage der
Gerechtigkeit! Wir haben die Mekkaner zur Bastonnade verurteilt; aber wenn es
auf mich ankommt, so werden sie keinen Schlag erhalten, keinen einzigen Schlag.
Allah behte! Mir soll diese Bastonnade nicht im Jenseits angerechnet werden! Du
wirst einverstanden sein; aber was sagt Hadschi Halef Omar dazu?
    Jetzt war ich gespannt auf die Antwort meines kleinen Halef. Er, der an
seiner Kurbadsch mit so groer Liebe hing und nicht gern eine Gelegenheit, sie
in Bewegung zu setzen, vorbergehen lie, sagte:
    Ich stimme bei. Ich haue sie nicht und lasse sie auch nicht hauen. Sie
mgen unbestraft weiterziehen, bis nach Mekka und dann hinauf zur Brcke der
Gerechtigkeit. Dort oben wird ihnen dann gewilich werden, was sie verdienen;
ich rhre keine Hand. Ihr habt gehrt, was Ben Nur von den Richtern sagte: Sie
werden im Jenseits so gerichtet, wie sie hier im Diesseits gerichtet haben. Ich
richte nicht! Habe ich recht, Sihdi?
    Ja und auch nein. Der Unberufene soll nicht richten. Der Richter aber hat
das Gesetz zu vertreten und mu nach den Vorschriften desselben sein Urteil
fllen. Jene strenge Wage der Gerechtigkeit verlangt nicht, da der Missethter
unbestraft bleibe; aber da wir das Gestohlene wiedererlangt haben und Khutab
Agha sowohl Richter als auch Vertreter des Kanz el A'da ist, so bin auch ich der
Meinung, da wir den Dieben die allerdings verdiente Strafe erlassen, die sie
wohl auch ohnedem nicht erhalten htten, wenigstens nicht in der Weise oder in
dem Mae, wie ihr es euch vorgenommen hattet.
    Was ich da hre! Du hattest also schon wieder deine Humanitt im Nacken?
    Dieses Mal war es weniger sie, als vielmehr die Klugheit. Wir werden sie
hchst wahrscheinlich in Mekka wieder treffen, und so meinte ich, da wir ihre
Rache nicht bis auf den hchsten Grad steigern drften. Darum freut es mich, da
ihr beide auf ihre Bestrafung ganz verzichtet habt. Wenn noch eine gute Ader in
ihnen ist, wird diese Gte auf ihre Besserung wirken; wenn aber nicht, so habt
ihr nach dem Willen der ewigen Liebe gehandelt, von welcher Ben Nur gesprochen
hat, und die Genugthuung darber wird euch willig machen, ihr auch fernerhin
gehorsam zu sein.
    Das ist wahr! Ich fhle es, da diese Kraft schon in mir rege wird. Darum
habe ich eine Bitte, von welcher ich hoffe, da du sie mir erfllen wirst,
Sihdi.
    Welche?
    Du weit doch, da das Wort Kutub zwischen dir und mir verabredet worden
ist?
    Natrlich wei ich das.
    Ich wnsche, da noch ein Wort hinzukomme.
    Welches?
    El Mizan, die Wage.
    Warum?
    Kutub bezieht sich nur auf das Sprechen; ich will aber auch in Hinsicht auf
das, was ich thue, gewarnt sein. Ich meine, die That wiegt schwerer als das
Wort, und da ist die zweite Warnung ntiger als die erste. Du weit, da ich die
Angst nicht kenne; ich gehe jedem Feinde, selbst dem Lwen, ja sogar dem
schwarzen Panther, ohne Furcht entgegen; heut aber habe ich noch viel mehr als
die Furcht, nmlich das Entsetzen, kennen gelernt. Als eine Schar der Sterbenden
nach der andern kam, wohlgemut und mit vorangetragenem Panier, und Ben Nur immer
und immer wieder sagte, da ihnen allen der Abgrund beschieden sei, da packte
mich ein Grauen, fr welches es keine Worte giebt. Sihdi, mir soll dereinst
keine stolze Standarte vorangetragen werden, sondern ich will in Demut nach der
Wage wandern; denn ich habe mir das Wort gemerkt, da Allah den Demtigen Gnade
giebt. Darum bitte ich dich: Wenn mich der Hochmut und der Stolz wieder einmal,
was sie doch so oft thun, bei meinem Zorne packen, und wenn ich berhaupt im
Begriffe stehe, etwas zu thun, was gegen die uns heute verkndigte Liebe ist, so
rufe mir ja schnell El Mizan, die Wage! zu; dann wirst du sehen, da ich sofort
in mich gehe, um meinem Zorne die Bastonnade zu geben, welche die Mekkaner nun
nicht bekommen werden! Willst du das thun?
    Sehr gern!
    Ich wollte, ich knnte so einen Warner auch stets bei mir haben! sagte der
Perser. Ich habe bisher nur mich geliebt, keinen andern Menschen; von heute an
aber soll es anders werden! Sag', Effendi, spricht euer Christentum auch von der
Liebe?
    Nur von ihr! antwortete ich.
    Nur? Wirklich? Ich habe aber bei den Christen, welche ich bisher traf,
keine gefunden!
    So will ich dir jetzt eine Sure unseres heiligen Buches sagen. Hre!
    Ich citierte das dreizehnte Kapitel des ersten Briefes Pauli an die
Korinther. Er hrte andchtig zu und rief, als ich zu Ende war, aus:
    Das ist ja ganz so, als ob Ben Nur diese Sure auch so auswendig knnte wie
du! Welch ein Wunder! Er hat immer ganz nach diesen herrlichen Worten
gesprochen, und doch hat unser Kuran eine solche Sure nicht! Darum also, darum
dieser Ha, dieser Kampf und Streit bei uns! Darum der gegenseitige Abscheu
zwischen den Schiiten und Sunniten, und bei diesen wieder die ununterbrochene
Feindschaft zwischen den Schafe'iten, den Hanefiten, den Hanbaliten und den
Malekiten! Es fehlt die Liebe, nur allein die Liebe; Allah bessere es! Wie
herrlich wre es auf Erden, wenn die Liebe wirklich und allein die Regierung
htte! Aber, Effendi - - -
    Er stockte, berlegend, ob er weitersprechen solle; dann fuhr er fort:
    Habt ihr eine groe einige, eine ganze Christenheit?
    Leider nicht!
    Ja, ich wei es; ich wollte nur hren, ob du es aufrichtig eingestehen
werdest. Es giebt bei euch Katulikijihn, Rum, rum Katulikijihn, Ingilijihn,
Mawarne, Protestanijihn125 und noch viele andere Spaltungen, deren Namen ich
nicht kenne. Ich will dich nicht betrben; aber beim Islam ist die Zwietracht
kein Wunder, weil der Kuran keine solche Sure der Liebe kennt; ihr jedoch habt
sie in eurem heiligen Buche stehen und kmpft trotzdem in noch mehr Heerlagern
gegeneinander als wir! Ist da diese Sure in eure Herzen oder nur in euer Buch
geschrieben? Seid ihr da nicht noch schrfer anzuklagen und nicht noch viel mehr
zu bedauern als wir?
    Ich htte mich wirklich in grter Verlegenheit befunden, was ich auf diese
nur zu wohlbegrndeten Vorwrfe antworten sollte, wenn mir nicht, dies ahnend,
der wackere Hadschi schnell beigesprungen wre:
    Was fllt dir ein, meinen Effendi so schwer zu beleidigen! Kann er dafr
und trgt etwa er die Schuld daran, da diese Sure bei so vielen Christen nicht
da wohnt, wo sie wohnen soll? Ich sage dir, er schreibt Bcher, welche gedruckt
und dann von vielen Tausenden gelesen werden. Er braucht nur ein einziges Mal
die Bitte hineinzubringen, da sie einig sein und sich einander lieben sollen,
so thun sie es sofort und auch von ganzem Herzen gern! Ich wei das so gewi,
wie ich berzeugt bin, da diese Liebe ihn und mich verbindet!
    Er hielt inne, um den Eindruck seiner Verteidigung zu beobachten. Was aber
dachte ich? Ich war still, sehr still!
    Lieber Halef! Und wenn ich auch mit Engelszungen redete und meine Bcher mit
einer Engelsfeder schriebe, meine Worte wrden doch erfolglos verklingen, bis
die Zeit kommt, welche kommen wird und kommen mu, weil sie die Zeit der
Verheiung ist. Es wird dann nur ein Hirte und eine Herde sein! Aber wann?
Sollen wir die Hnde wartend in den Scho legen und Gott allein walten lassen?
Knnen wir denn nichts, gar nichts thun, diese Einigung herbeizufhren?! -
    Der Perser antwortete nichts. Er sah wohl ein, da sein Vorwurf mich
persnlich hatte treffen mssen, obwohl das nicht von ihm beabsichtigt gewesen
war, darum fuhr der Hadschi in zwar milderem aber doch nachdrcklichem Tone
fort:
    Was verstehst du berhaupt vom Christentum? Kennst du das Kitab el mukaddas
126 der Christen?
    Nein, gestand der Oberaufseher.
    Hast du es gelesen und studiert?
    Wenn ich das htte, wrde ich es doch kennen!
    So kannst du also auch nicht ber die Christen sprechen. Den Kuran kennst
du; also ist es dir erlaubt, von der gegenseitigen Feindschaft seiner Bekenner
zu reden, und die ist so gro, da du dich gar nicht um die Christen zu
bekmmern brauchst!
    Da klang es hinter den Vorhngen des Tachtirwan hervor:
    El Mizan, el Mizan, die Wage der Gerechtigkeit!
    Hanneh schlief also auch noch nicht. Sie hatte alles gehrt und rief ihrem
Gebieter jetzt das Mahnwort zu.
    Was ist's mit El Mizan? fragte er.
    Hast du den Effendi nicht gebeten, dich mit diesem Worte zu warnen, wenn du
zornig wirst?
    Ja, das habe ich allerdings.
    Darum habe ich es dir zugerufen, denn du bist jetzt gegen Khutab Agha, den
Basch Nazyr von Meschhed Ali, unwillig gewesen!
    Da antwortete er in seinem freundlichsten Tone:
    O, Hanneh, du anmutigste der schnsten Lieblichkeiten, nimm meinen Dank fr
die Aufmerksamkeit, welche du deinem Halef erweisest! Doch bitte ich dich um die
Erlaubnis, dir mitzuteilen, da du nicht der Effendi bist. Er allein ist's, der
mich warnen soll; das ist ein Recht fr ihn, welches du ihm nicht nehmen darfst.
Wenn zwei Personen an meinem Zorne rtteln, so wird er grer anstatt kleiner.
Und auerdem war es gar kein Zorn, sondern die Liebe und Freundschaft, welche
mir gebieten, mich dessen anzunehmen, dem in Gemeinschaft mit dir und unserm
Sohne mein ganzes Herz gehrt. Und nun versuch', zu schlafen, du Liebling meiner
Seele! Das ist fr dich und mich ja stets das Beste, was du thun kannst, wenn du
mich fr zornig hltst, Leletak mubaraka - es sei deine Nacht gesegnet. Amin -
amen!
    Sie entgegnete nichts, sondern antwortete nur mit einem kurzen, lustigen
Lachen, welches er so gerne von ihr hrte. Dann sagte er leise zu uns:
    Horcht! Sie lacht! Wie hbsch und gut das klingt, wenn eine brave, liebende
Frau frhlich ist! Es giebt Weiber, welche stets die Gesichter des sauern Essigs
machen. Genau so wie ihr Aeueres ist bei ihnen auch ihr Inneres, das einem
verfinsterten Zelte gleicht, in welchem man nicht findet, was man sucht; sie
verwandeln den Tag ihres Lebens fr sich und andere in Nacht. Das Gemt einer
heitern Frau aber ist der Quell des lichten, warmen Sonnenscheins fr ihren
Mann, fr ihre Kinder und auch fr alle, mit denen sie in Berhrung kommt. So
einen Quell des Frohsinns und des Glckes habe ich in meinem Frauenzelte. Allah
segne Hanneh, deren Herz der Ursprung ist, aus welchem er fliet! Sie wird nun
schlafen. Wollen wir das nicht auch thun, Sihdi? Die Nacht ist kurz, und wer
wei, welche Anstrengungen uns der morgende Tag bringt!
    Er hatte recht, obgleich er ebenso wenig wie wir ahnte, da dieser Tag ein
viel, viel bewegterer fr uns werden sollte, als wir jetzt dachten. Wir
versuchten, die durch Ben Nur in uns erweckten, lebhaften Vorstellungen zur Ruhe
zu bringen, was uns schlielich auch gelang; wir schliefen ein. Aber die Sorge
weckte mich schon wieder auf, als der Morgen sich im Osten durch seinen immer
heller werdenden Schein verkndete. Halef, Hanneh, Kara, der Mnedschi und der
Perser schliefen noch. Ich weckte sie nicht, stand auf und entfernte mich mit
leisen Schritten, um zunchst die Kette unserer Posten abzugehen. Da erfuhr ich,
da die Nacht ohne jedwede Strung vergangen war; es hatte sich kein Ben Khalid
sehen oder hren lassen. Hierauf ging ich nach dem Brunnenplatze und erfuhr zu
meiner Genugthuung, da unsere Kamele und Pferde alle getrnkt worden waren. Das
Wasser war nicht schlecht, wie ja schon der Name des Brunnens sagte - Bir Hilu
bedeutet ser Brunnen - und so konnten wir ihnen heut einen ausgiebigen Ritt
zumuten. Der Scheik der Beni Khalid und die Mekkaner hatten nicht geschlafen,
was allerdings auch ganz erklrlich war. Die letzteren verhielten sich still,
doch war ihnen der Grimm ber ihre Lage sehr deutlich anzusehen, und aus den
Augen El Ghanis blickte mir ein Ha entgegen, welcher mich sofort gettet htte,
wenn es wirkliche und nicht blo seelische Blitze gewesen wren. Tawil Ben
Schahid aber war dieser Schweigsamkeit nicht fhig. Kaum sah er mich
herantreten, so herrschte er mich an:
    Binde mich augenblicklich los! Ich hoffe, du hast whrend der Nacht
eingesehen, da euer gewaltthtiges Verhalten die schlimmsten Folgen fr euch
nach sich ziehen mu!
    Nein, das habe ich nicht eingesehen, antwortete ich.
    So hat Allah, um euch zu verderben, dich so geblendet, da du die Folgen
nicht zu erkennen vermagst! Sagst du dir denn nicht, da meine Krieger nun
kommen werden?
    Das werden sie allerdings, lchelte ich.
    Sie werden sehen, da ich gefangen bin!
    Ja, vielleicht!
    Sie werden, sie mssen es ja sehen!
    Wenn wir ihnen erlauben, hierherzukommen, ja.
    Wenn ihr es ihnen nicht erlaubt, werden sie es erzwingen. Dann befreien sie
mich und fallen ber euch her!
    So? Wirklich? Mir scheint, nicht mich, sondern dich hat Allah geblendet.
Wenn nur ein einziger deiner Krieger es wagen sollte, sich feindlich gegen uns
zu verhalten, so wird er an dir zum Mrder, denn ich jage dir in diesem Falle
eine Kugel in den Kopf!
    Das wagst du nicht, ganz gewi nicht, denn mein Tod knnte euch nicht
retten, sondern er wrde das ber euch hereinbrechende Verderben nur
beschleunigen!
    Das wollen wir ruhig abwarten. Zunchst scheinen sie noch zu schlafen, was
leider kein Beweis dafr ist, da sie mit so groer Treue an dir hangen, wie du
mich glauben machen willst. Wenn sie dich wirklich liebten und nur eine Spur des
gewhnlichsten Scharfsinnes besen, htten sie sich schon lngst sagen mssen,
da es hier nicht ganz sicher um dich steht. Sie mgen also kommen; wir frchten
uns nicht vor ihnen!
    Er hatte in seinem Zorne so berlaut gesprochen, da seine Stimme ber den
Platz hinbertnte und Halef aufweckte. Er sah mich hier bei den Gefangenen
stehen, stand auf und kam herber. Dadurch wurden die Blicke der Gefangenen auf
ihn und nach der Stelle gezogen, wo wir gelegen hatten, und da es inzwischen
hell genug dazu geworden war, so sahen sie den Blinden, welcher in seiner
sitzenden Stellung mit dem Oberkrper noch schlafend an dem Felsen lehnte. Ich
bemerkte dies und war gespannt darauf, wie sie sich nun verhalten wrden.
    Der Liebling des Groscherifs ri seine Augen so weit wie mglich auf und
rief mit dem Ausdrucke der grten Ueberraschung:
    Wer - - wer - - - wer ist das?! Wer liegt dort an der Felsenwand?
    Sein Sohn war ebenso betroffen. Frmlich aufschreiend, antwortete er:
    Maschallah! Welch ein Wunder ist geschehen! Das ist ja der Mnedschi, der
gestorben ist!
    Nicht nur gestorben ist er, sondern sogar auch begraben worden! fgte der
Vater hinzu. Diese - - diese Hunde der Haddedihn haben sein Grab geschndet und
ihn herausgenommen!
    Halef hatte mich inzwischen erreicht. Als er das Wort Hunde hrte, wendete
er sich schnell um; er wollte wieder fort.
    Wohin, Halef? fragte ich.
    Wieder hinber, antwortete er. Ich habe meine Kurbadsch da drben liegen
lassen. Dieser Kerl hat uns Hunde genannt!
    El Mizan, el Mizan, Halef! Denke an die Wage der Gerechtigkeit!
    Da drehte er sich mir wieder zu und sprach in gelassenem Tone:
    Ganz richtig, Sihdi! Ich dachte nicht daran. Der Schlaf hat mich um den
Zusammenhang mit der gestrigen Stunde des Todes gebracht; du aber weckst in mir
die Erinnerung an meine Vorstze.
    Hierauf wendete er sich an El Ghani und sagte in ironischer Weise:
    Ja, wir haben ihn ausgegraben und seine Leiche mit uns geschleppt! Diese
ist dann gestern abend von dort drben zu euch herbergelaufen und hat nicht nur
die Arme und die Beine bewegt, sondern sogar zu euch und uns gesprochen! Ihr
seid ja auerordentlich kluge Menschen!
    Da sah der Mekkaner seine Gedankenlosigkeit ein und rief, mit allerdings
nicht weniger Erstaunen:
    So ist er gar nicht gestorben, gar nicht tot gewesen! Allah, Allah, Allah!
    Ja! Aber ihr seid so dumm, so hirnverbrannt gewesen, ihn lebendig zu
begraben. Ihr habt ber einen Lebenden die heiligen Gebete des Todes
gesprochen!
    Dafr konnten wir nicht! Er war starr; wir muten ihn fr tot halten!
    Warum haben aber wir diesen Fehler nicht gemacht? Wir bemerkten sofort, da
er noch lebte!
    Weil er wahrscheinlich grad an dem Augenblicke, als ihr zu ihm kamt, wieder
erwachte; du hast mit deinen Vorwrfen zu schweigen!
    Du willst mir verbieten, zu sagen, was mir beliebt? Mache dich doch nicht
lcherlich! Ihr wutet, da seine Seele ihn zuweilen verlt, und httet also
auf ihre Rckkehr warten sollen. Wir wuten das nicht und haben ihn dennoch aus
dem Grabe genommen. Ihr habt euch als seine Mrder zu betrachten, obgleich wir
ihm das Leben gerettet haben!
    Da richtete El Ghani einen besorgt forschenden Blick auf Halef und fragte:
    Hat er mit euch gesprochen?
    Ja.
    Gleich am Grabe?
    Ja.
    Dann spter auch?
    Auch.
    War er dabei wach oder abwesend?
    Beides.
    Hat er von mir gesprochen?
    Sehr viel.
    Was hat er gesagt?
    Das hat er zu uns gesagt und nicht zu dir. Wir behalten es also fr uns.
    Ich will und mu es aber wissen!
    Und wir mssen, wollen und werden aber darber schweigen!
    Ich werde euch zwingen, zu reden, wenn die Beni Khalid gekommen sind!
    Versuche das; ich habe nichts dagegen. Da ich aber grad guter Laune bin,
will ich dir folgendes sagen: Viel Gutes kann kein Mensch von dir berichten, er
also auch nicht!
    So hat er euch angelogen. Er gehrt zu uns. Bringt ihn zu uns herber!
    Das wollen wir uns doch erst berlegen. So viel wir wissen, ist er nicht
dein Sklave, sondern sein eigener Herr, der thun kann, was er will.
    So weckt ihn auf, und sagt ihm, da ich ihn hier bei mir haben will!
    Mensch, denke ja nicht, da du nur zu befehlen brauchest, so msse es
geschehen! Er verdankt uns das Leben und gehrt nun also zu uns, aber nicht zu
euch!
    Die Besorgnis des Mekkaners schien zu wachsen. Es klang, als stehe er im
Begriffe, ganz auer sich zu geraten, so aufgeregt rief er aus:
    Zu mir, zu mir gehrt er! Ich habe ihm tausendfltige Wohlthaten erwiesen,
fr die er mir die grte Dankbarkeit und Anhnglichkeit schuldet. Ich kann
nicht dulden, da er bei fremden Leuten ist. Er mu unbedingt herber!
    Wirklich unbedingt?
    Ja, unbedingt und augenblicklich! Er darf keine Minute mehr bei euch sein!
    Keine Minute? So! Du hast wahrscheinlich sehr groe Angst vor uns?
    Angst? Warum? Wieso?
    Weil das, was wir von ihm hren knnen, vielleicht gefhrlich fr dich
ist.
    Gefhrlich? lachte er hhnisch auf, doch klang dieses Lachen sehr
gezwungen.
    Jawohl, gefhrlich! nickte Halef. Dein Gewissen ist jedenfalls nicht
rein!
    Bekmmere dich um die Reinheit des deinigen! Schickst du ihn herber?
    Nein.
    So wirst du gleich sehen, was ich thue. Ich wecke ihn. Da kommt er
jedenfalls!
    Er schrie mit aller Strke seiner Stimme den Namen des Blinden ber den
Platz hinber. Der Gerufene wachte auf und richtete sich horchend empor.
    Schweig augenblicklich! Kein Wort weiter! befahl da Halef, indem er sein
Messer zog und es gegen den Ghani zckte. Rufst du noch ein einziges Mal, so
schweigt dein Mund fr immer!
    Diese Drohung klang so energisch und berzeugend, da sie ihren Zweck
erreichte; der Mekkaner sank in sich zurck und war nun still. Halef gab so, da
dieser es hrte, den strengen Befehl, ihn augenblicklich zu erstechen, wenn er
wieder rufe. Dann wendete er sich zu mir:
    Hanneh ist wach geworden. Sie wird uns den Kaffee bereiten. Komm!
    Auch ich sah, da die schnste Besitzerin der Frauenzelte ihre Snfte
verlassen hatte und sich mit dem Kochgeschirr beschftigte. Einige
kaffeedrstende Haddedihn waren schnell bereit, ihr Brennmaterial zu bringen und
ein Feuer anzuznden. Indem wir langsam zu ihr hinbergingen und uns also
niemand hrte, fragte der kleine Hadschi:
    Habe ich das jetzt recht gemacht, Sihdi?
    Hm! machte ich.
    Brumme nicht, sondern sprich deutlich! Bist du etwa im Zweifel?
    Ja.
    Warum?
    Du hltst es wohl gar nicht fr mglich, da der Mnedschi wieder zu seinen
Gefhrten will? Ich schliee das nmlich aus deinem Verhalten.
    Aus meinem Verhalten? Das verstehe ich nicht. Wie meinst du das?
    Du hast den Ghani glauben lassen, da der Mnedschi uns von ihm
Mitteilungen gemacht habe, die er nicht htte machen sollen.
    Was schadet das? Ich wollte ihn rgern, und das ist mir gelungen.
    Das ist ein Erfolg, dessen du dich gar nicht rhmen solltest, Halef!
    Nicht? Aus welchem Grunde?
    Erstens ist es nicht edel, Menschen zu rgern. Und zweitens hast du damit
unserm Schtzlinge, dem Mnedschi, keinen guten Dienst erwiesen. Das Mitrauen,
welches du zwischen ihm und dem Ghani gestreut hast, kann diesem armen Blinden
schlimme Frchte bringen, wenn er darauf besteht, sich seinen frheren Gefhrten
wieder zuzugesellen. Ich meine, da du das nicht httest thun sollen!
    Hm - - hm - -! Du hrst, da jetzt ich es bin, der brummt, und zwar brumme
ich nicht ber dich, sondern ber mich, denn ich sehe ein, da ich dir diesen
deinen Vorwurf nicht widerlegen kann. Ich bin nicht nur unedel, sondern auch
unvorsichtig gewesen. Warum hast du mich nicht mit dem vereinbarten Wort
gewarnt?
    Weil ich das gleich einen Augenblick vorher schon gethan hatte.
    Ja, das war aber nur wegen der Peitsche, nicht des Sprechens wegen!
    So, so! Es wrde dir also nicht lstig sein, von mir in einer Minute
nochmal gewarnt zu werden?
    O doch, sogar sehr! Ich sehe ein, da ich mich noch viel, viel mehr
zusammenzunehmen habe, als ich dachte. Weit du, Sihdi, der Mensch ist doch ein
auerordentlich schwaches Geschpf, und ich, dein alter, unvorsichtiger Halef,
gehre wohl zur allerschwchsten Sorte. Nicht?
    Diese Frage ist unntz, denn da du es selbst einsiehst, brauchst du ja
meine Antwort nicht. Komm zu Hanneh! Sie hat dir gewinkt.
    Er eilte mir voraus, um diesem Winke zu folgen. Sie hatte mit ihm zu
sprechen, da sie natrlich wissen wollte, wo wir gestern noch so spt gewesen
waren und was wir gethan hatten. Kara gesellte sich ihnen zu; ich aber ging zu
dem Perser, der auch vom Schlafe erwacht war und in der Nhe des Mnedschi sa.
    Als ich mich bei ihnen niedergelassen hatte und mit dem Basch Nazyr sprach,
erkannte mich der Blinde an der Stimme und fragte:
    Irre ich mich, wenn ich denke, da der Effendi aus dem Wadi Draha bei mir
ist?
    Nein, du irrst dich nicht, antwortete ich ihm. Ich bin es.
    Wer ist noch da?
    Ein Freund von dir und mir, welcher zu unserer Schar gehrt.
    Besitzt er dein Vertrauen?
    Ja.
    So darf er vernehmen, was ich dir zu sagen habe?
    Ich wei zwar noch nicht, was du mir sagen willst, habe aber ganz und gar
keinen Grund, ihm mein Vertrauen zu verweigern.
    Welche Tageszeit haben wir jetzt? Es scheint hell zu sein.
    Ja; es ist frh morgens. Die Sonne wird in kurzer Zeit erscheinen.
    Wann war es, als ihr mich fandet?
    Gestern.
    Nicht lnger? So betrifft also das, was ich dir sagen will, unser gestriges
Gesprch. Ich sollte vielleicht lieber schweigen, aber es liegt ein mir
wohlbekannter Trieb in mir, zu dir zu reden. Dieser Drang ist mir stets der
Beweis, da Ben Nur, der Sohn des Lichtes, es will. Dieser Name ist dir doch
bekannt?
    Ja.
    Und du weit, da er meine Seele oft nach Orten fhrt, welche nicht hier
auf der Erde liegen?
    Ich wei es.
    So will ich dir mitteilen, da er in der vergangenen Nacht auch wieder bei
mir gewesen ist, und da ich die Erde mit ihm verlassen habe.
    Wo warest du mit ihm?
    In der Todesstunde.
    Das ist doch eine Zeit, aber kein Ort.
    Das habe ich bisher auch gedacht; nun aber wei ich es besser. In dieser
Nacht war sie fr mich ein Ort, an welchem ich mit Ben Nur auf einem hohen
Steine stand, um die Seelen der Sterbenden an mir vorberziehen zu sehen. Ich
sehe ihn noch jetzt so deutlich vor mir, da ich ihn dir ganz genau beschreiben
kann.
    Er that dies, und seine Schilderung stimmte ganz genau mit dem berein, was
wir gestern auf dem Felsen gehrt hatten. Uns, seine Begleiter, erwhnte er gar
nicht. Darum fragte ich:
    Warst du ganz allein an dieser sonderbaren Stelle?
    Ich und Ben Nur.
    Niemand weiter?
    Nein.
    Von wo hat er dich abgeholt?
    Natrlich von hier, wo ich jetzt sitze.
    Hast du die Erde direkt von hier aus verlassen, oder bist du erst an einem
andern Orte gewesen?
    Direkt von hier aus. Willst du vielleicht hren, was und wen ich alles
durch die Thren der Mauer habe kommen sehen?
    Ja; ich bitte dich darum, es uns zu erzhlen.
    Er wute also nicht, wer bei ihm gewesen war, und da wir ihn hinaus nach
dem Felsen begleitet hatten, der von ihm und uns erstiegen worden war.
    Und nun begann er seinen Bericht. Er beschrieb uns die einzelnen Scharen der
Seelen ganz in derselben Reihenfolge und in derselben Weise, wie Ben Nur sie ihm
gestern gezeigt hatte. Nur war alles viel krzer, nicht so ausfhrlich; er wute
zwar den Sinn, aber die Worte nicht, welche von dem Sohn des Lichtes
gesprochen worden waren. Als er zu Ende gekommen war, fragte ich ihn:
    Bist du berzeugt, da dies ein wirkliches Gesicht gewesen ist?
    Ja, vollstndig berzeugt, antwortete er.
    Kein Traum?
    Kein Traum! Ich trume zwar manchmal auch, wei aber meine Trume so genau
von meinen Gesichtern zu unterscheiden, da ein Irrtum gar nicht mglich ist.
    Ist die Grenze oder der Unterschied zwischen Traum und Gesicht so scharf,
so bemerkbar, da du beide wirklich nicht verwechseln kannst?
    Ja. Ich kann sogar zwischen Traum und Traum unterscheiden. Es giebt Trume,
welche einfach nur die Fortsetzung der letzten Gedanken sind, mit denen man sich
vor dem wirklichen Einschlafen beschftigt; diese haben nichts zu bedeuten. Und
es giebt noch andere, welche eingegeben worden sind. Wenn Ben Nur mir etwas
sagen will, was er mir in keiner andern Weise mitteilen kann, so sagt er es mir
im Traume. Nach dem Erwachen wei ich dann, da ich nicht mit ihm fortgewesen
bin, sondern nur getrumt habe, da aber dieser Traum sein beabsichtigtes Werk
und keine Folge meiner Gedanken war. Und ebenso tusche ich mich nie, wenn ich
wei, da meine Seele den Krper verlassen hat und wo sie dann gewesen ist. Ja,
in der ersten Zeit, als ich es noch nicht gewhnt war und keine Uebung in der
Unterscheidung hatte, da kam zuweilen ein Irrtum vor, jetzt aber nie mehr.
    Du glaubst also an alles, was du bei solchen Fhrungen siehst?
    Ja.
    Auch an alles, was du da hrst?
    Ja, obgleich mir dieser Glaube oft schwer wird.
    Glaubst du, was Ben Nur dir heute in der Nacht gesagt hat?
    Auch das! Und doch ist es mir wohl noch niemals so schwer wie grad dieses
Mal geworden, ihm Glauben zu schenken.
    Warum?
    Weil es so viele, viele waren, von denen er sagte, da sie ber den Abgrund
des Verderbens gelangen wrden.
    Wie kann dich die Frage, ob es viele oder wenige waren, stren?
    Weil ich selbst in meinem ganzen, langen Leben nur einen einzigen Menschen
gefunden habe, von dem ich unbedingt berzeugt bin, da die Pforte der Seligkeit
ihm geffnet sein wird. Was fr eine groe, reiche Flle von Liebe, Gte und
Barmherzigkeit mu von allen denen hier im Leben ausgeflossen sein, welche Ben
Nur mir als fr den Himmel Bestimmte bezeichnete! Und ich habe nie, nie Liebe
gefunden, dieses eine, einzige Mal nur ausgenommen!
    Aber du hattest doch Eltern?!
    Sie liebten mich nicht!
    Geschwister?
    Sie haten mich!
    Freunde?
    Sie nannten sich so, waren es aber nicht!
    Ein Weib?
    Sie war eine Heuchlerin!
    Kinder?
    Die hatte ich nicht; Allah sei tausend-, tausendmal Dank dafr! Denn wenn
ich auch Kinder gehabt htte und von ihnen ebenso betrogen worden wre wie von
den andern, die mich haten und hintergingen, so lebte ich schon lngst nicht
mehr und wre infolge der Rache, die ich genommen htte, von der Brcke des
Todes in den Abgrund des Verderbens gestrzt! Glaubst du, da ich nach allem,
was ich erlebt und erduldet habe, noch der Liebe fhig sein kann?
    Ja.
    Allah segne deinen guten Glauben, denn whrend du nur an mich zu glauben
meinst, glaubst du an die Menschheit! Ja, ich halte die Liebe noch im Herzen
fest, dieses Einen, Einen wegen, bei dem ich Liebe gefunden habe. Er nahm sich
in seiner selbstlosen Barmherzigkeit meiner an und hat mich dadurch von der
Verzweiflung, von dem diesseitigen und dem jenseitigen Verderben gerettet! Seine
Liebe ist es, die mir das bereits verlorene Vertrauen zur Menschheit und den
Glauben an sie wiedergegeben hat. Frage mich nicht, warum ich grad gegen dich so
aufrichtig bin! Es liegt in mir; es treibt mich, dir das zu sagen, obwohl ich
wei, da auch du die Welt und mein Geschick nicht anders machen kannst. Ich
habe nach Liebe vergeblich gesucht, so lange ich denken kann. Ich habe sie
gesucht bei Gott, bei den Menschen, im Leben, in der Kirche - - -
    In der Kirche? fragte ich.
    Ja, in der Kirche. Ich will es dir nicht verschweigen, da ich Christ
gewesen bin. Dir als Moslem ist es ja ganz gleich, ob ich dem Islam seit meiner
Kindheit oder erst seit kurzem angehre.
    Was hat dich veranlat, aus der christlichen Kirche zu treten?
    Eben mein vergebliches Suchen nach Liebe. Lerne sie nur kennen, diese
Christen! Wie sie sich getrennt haben in Sekten, Konfessionen und viele anders
genannte Abteilungen, von denen jede behauptet, da ihre Angehrigen allein
selig werden! Wie sie sich hassen, sich anfeinden, sich verleumden und
verfolgen! Wie sie sich gegenseitig nach den Fehlern spren, um einander so viel
wie mglich herabsetzen und in Schaden bringen zu knnen! Welche Freude, welchen
Hohn, welche Selbstherrlichkeit giebt es da, wenn wieder einmal ein Fehler
entdeckt worden ist! Dazu kam die Traurigkeit meiner persnlichen Erfahrungen,
meines eigenen Schicksales. Ich mochte nichts mehr wissen von einem Glauben,
welcher Liebe lehrt, whrend seine Bekenner die lieblosesten Menschen des ganzen
Erdballes sind. Die Bibel der Christen sagt, da man den Menschen an seinen
Werken erkenne, und aber ich sagte, da auch der Glaube an seinen Frchten, an
seinen Werken zu erkennen sei, und da diese Frchte nichts als Ha, Streit, Neid
und Egoismus waren, so war es kein groer, kein schwerer Entschlu von mir, in
der Moschee zu suchen, was ich in der Kirche nicht fand.
    Und hast du es da gefunden? fragte ich.
    Wie gern, wie so sehr gern htte ich ihn noch ganz anders gefragt und ihn
einmal so recht fest zwischen meine Hnde genommen! Aber ich mute mich auf
diese eine kurze Frage beschrnken, denn zu weiten Auseinandersetzungen war
jetzt keine Zeit, und da ich zu verschweigen hatte, da ich ein Christ war, so
mute ich darauf bedacht sein, mein Herz nicht mit dem Verstande durchgehen zu
lassen. Er war ein Ueberlufer und man wei ja, da der Fanatismus bei den
Renegaten am grten und gefhrlichsten ist. - Er antwortete nicht gleich,
sondern erst nach einer Weile:
    Ich habe dieses Gesprch mit dir nicht begonnen, um das Christentum mit dem
Islam zu vergleichen. Du hast ja bereits gehrt, da ich nur einen einzigen
Menschen gefunden habe, der mir das entgegenbrachte, was ich suchte - - Liebe.
Diesem Manne habe ich es zu verdanken, da ich berhaupt noch existiere; er hat
mich materiell, geistig und seelisch neu geschaffen, und so habe ich mich ihm
ergeben, mit allem was ich bin und was ich habe, mit meinem Krper, meinem
Herzen, meiner Seele, meinem ganzen Leben!
    Und wer ist dieser Mann?
    Abadilah.
    Der Schech el Harah von Mekka, den man El Ghani nennt?
    Ja. Ich will dich etwas fragen. Darf ich?
    Ja.
    Wirst du mir die Wahrheit sagen?
    Ich lge nicht.
    Versprich es mir!
    Ich gebe dir hiermit mein Wort!
    Ich gab ihm dieses Versprechen, obwohl ich vermutete, da er beabsichtige,
nach dem Ghani zu fragen. Wie unendlich leid that mir dieser arme, alte, blinde
Mann! Da er vom Christentum zum Islam bergetreten war, hielt ich natrlich fr
die grte Snde seines ganzen Lebens, aber ich war es nicht, der darber zu
rechten und zu richten hatte. Vor mir sa er hier und jetzt nicht als Renegat,
sondern als unglcklicher Mensch, und da mute ich ein unbeschreibliches Mitleid
mit ihm fhlen. Der, dem er sich, wie er selbst sagte, mit seinem Krper, seinem
Herzen, seiner Seele, seinem ganzen Leben ergeben hatte, war ein Schurke, ein
Halunke, von dem er in einer Weise ausgebeutet wurde, fr welche das Wort
abscheulich noch viel zu mild, zu rcksichtsvoll klang! Durfte ich ihm sagen,
was geschehen war und was wir von dem, den er so liebte und verehrte, wuten?
Mute ich ihn nicht schonen? Konnte ihn diese letzte, grte aller Tuschungen
nicht sofort in den Abgrund werfen, den Ben Nur ihm gestern gezeigt hatte?
    Ich habe vorhin die Stimme meines Beschtzers, meines Wohlthters, meines
einzigen Freundes gehrt, fuhr er fort. Sag, ist er hier?
    Ja, antwortete ich.
    Hier am Bir Hilu?
    Ja.
    Hat er mich gesehen?
    Erst vorhin, als er dich rief.
    Warum kommt er nicht her zu mir?
    Er und seine Begleiter hielten dich fr tot; sie haben dich begraben und
sind hierhergeritten. Sie erschraken, als sie dich so pltzlich sahen; sie
hielten dich fr einen Geist.
    Whrend ich mit diesen Worten hin und her lavierte, suchte ich nach einer
Weise, ihm die Wahrheit so schonend wie mglich, und zwar allmhlich,
mitzuteilen. Der Perser rckte auf seinem Platze ungeduldig hin und her. Er
dachte jetzt nicht an die Pflicht gegen den Blinden, sondern nur an den
Diebstahl und an die Behandlung, die ihm geworden war. Ich bat ihn durch einen
Blick, sich zu beherrschen, fand aber leider keine Erhrung.
    Ich bin kein Geist, kein Gespenst, sagte der Alte. Ich will ihn bei mir
haben, ihn, seinen Sohn und auch die andern. Ruft sie her!
    Da brach der Basch Nazyr los:
    Her zu uns? Das fllt uns gar nicht ein!
    Ich sah ihm die Entschlossenheit, ohne Beschnigung zu reden, an und hielt
es fr das Beste, jetzt still zu sein.
    Nicht? Warum nicht? fragte der Mnedschi.
    Ehrliche Leute sitzen nicht mit Schurken zusammen!
    Schurken? Wen meinst du mit diesem Worte?
    Den Ghani und seine ganze Diebsbande.
    Die - - bes - - - ban - - - - de? Habe ich richtig gehrt?
    Du hast ganz richtig gehrt.
    Ein Schurke soll er sein? Ein Dieb?! Entweder treibst du einen grausamen
Scherz mit mir, oder du befindest dich in einem Irrtum, wie es grer gar keinen
geben kann!
    Ich treibe weder Scherz, noch irre ich mich. Ich spreche im Ernste, und was
ich sage, das ist die volle Wahrheit!
    Nein, die Wahrheit kann es nicht sein!
    Sie ist es, denn wir haben die Beweise in den Hnden!
    Welche Beweise?
    Die Sachen, welche er gestohlen hat und ihm von uns wieder abgenommen
worden sind.
    Wo - - und was - - was soll er gestohlen haben?
    Er hat den Kanz el A'da in Meschhed Ali beraubt. Ich, der Basch Nazir
dieses Schatzes, bin euch mit meinen Soldaten bis hierher nachgeritten und habe
die Diebe und die Gegenstnde alle hier erwischt!
    Da war der Blinde still. Seine Finger bewegten sich krampfhaft, als ob sich
zwischen ihnen etwas befinde, was bis auf die kleinste Faser zerrissen und
zerzaust werden msse. Erst nach lngerer Zeit wendete er mir das Gesicht zu,
ffnete die strahlend scheinenden Augen und sagte:
    Effendi, bist du noch da?
    Ja.
    Ich will mit dir reden, nur mit dir, mit diesem andern nicht, kein Wort
mehr! Ich beschwre dich bei Allah, bei dem Khalifen, bei dem Kuran, bei allem
berhaupt, was dir heilig ist! Wirst du mir die Wahrheit sagen?
    Ja.
    So sprich! Befinden sich meine Begleiter wirklich als ertappte Diebe bei
euch?
    Leider, ja.
    Erzhle mir, wie das gekommen ist! Aber fge ja nichts hinzu, und la auch
nichts weg!
    Ich folgte dieser Aufforderung in der Weise, wie es die Rcksicht auf ihn
mit sich brachte. Er hrte mir zu, ohne mich mit einem Worte zu unterbrechen,
und sa dann, nachdem ich geendet hatte, wieder eine ganze Weile still da. Ich
sah, da nicht nur seine Hnde, sondern alle seine Glieder leise zitterten. Er
war innerlich furchtbar aufgeregt. Ich wartete mit mehr als bloer Spannung
darauf, was fr einen Entschlu er fassen werde. Da endlich sagte er:
    Effendi, wirst du thun, um was ich dich jetzt bitte?
    Das kann ich doch nicht wissen!
    Ich werde um nichts bitten, was du mir nicht erfllen kannst. Es ist sogar
sehr leicht fr euch.
    Sage es!
    Der Ghani ist euer Gefangener?
    Ja.
    Erlaube, da ich zu ihm gehe und auch gefangen bin!
    Ich hatte dies und nichts anderes erwartet. Durfte ich ihm diesen Wunsch
erfllen? Durfte ich es ihm verweigern? Als ich mit meinem Bescheide zgerte,
fuhr er fort:
    Ich gebe dir mein Wort, ja meinen Schwur, da ich thun werde, was ich will,
obgleich ich blind bin und den Ghani nicht sehen kann. Ihr knnt mich nur
dadurch hindern, da ihr mir Fesseln anlegt. Thut ihr das aber nicht, so gehe
ich zu ihm. Ihr braucht ihn mir nicht zu zeigen. Ich rufe, und wenn er
antwortet, wird mich seine Stimme zu ihm fhren. Nun sag also, was du
beschlossen hast!
    Da trat Halef herbei, welcher whrend des letzten Teiles des Gesprches von
Hanneh zu uns gekommen war und den Wunsch des Alten gehrt hatte. Er antwortete
an meiner Stelle:
    Ich, Hadschi Halef, werde dir sagen, was geschehen soll. Sie sind gefangen,
weil sie gestohlen haben; du aber bist ein ehrlicher Mann und also frei. Wir
drfen dich nicht hindern, zu thun, was dir beliebt. Willst du wirklich und auch
jetzt noch hinber zum Ghani?
    Ja, ich will; unbedingt will ich!
    So steh auf, und gieb mir deine Hand! Mgest du nicht bereuen, was du jetzt
thust! Ich werde dich hinberfhren.
    Ich sah ihnen nicht nach, sondern stand auf und ging zu Hanneh, welche den
Teppich zum Kaffeetrinken ausgebreitet hatte. Der Perser wurde natrlich
eingeladen, mitzutrinken. Als Halef wiederkam, setzte er sich an meine Seite und
fragte mich, wie gewhnlich, wenn er irgend etwas aus eigenem Entschlusse
ausgefhrt hatte:
    Habe ich es recht gemacht, Sihdi?
    Ja, antwortete ich.
    Es freut mich, da ich deine Zustimmung erhalte; ber die Sache selbst
freue ich mich nicht. Wir konnten nicht anders, denn der Blinde ist sein eigener
Herr, und wir haben kein Recht, gegen seinen Willen ber ihn zu verfgen. Was
htten wir mit ihm machen knnen, wenn er gezwungen gewesen wre, bei uns zu
bleiben?
    Ihn mit nach Mekka nehmen.
    Und dort?
    Ich zweifelte gar nicht daran, da es uns dort gelingen wrde, ihn besser
unterzubringen, als er jetzt untergebracht ist.
    Das denke ich auch. Und htten wir keinen geeigneten guten Platz fr ihn
gefunden, nun, so giebt es unter den Zelten der Haddedihn genug Raum fr einen
blinden Mann, dessen Anwesenheit gar keine Opfer fordert. Dieser Mnedschi wird
nicht lange mehr leben; er steht dem Jenseits nher als der Erde. Seine Seele
war ja bereits fast an der Brcke. Und was alles htten wir von ihm noch
erfahren knnen!
    Bist du neugierig geworden?
    Nicht neu-, sondern wibegierig.
    Und glaubst du, da dieses Wissen dir und deinem Stamme Nutzen bringen
wrde?
    Ja. Wenn das Erdenleben eine Vorbereitung fr den Himmel ist, so ist es ja
Pflicht, jede Gelegenheit zu ergreifen, etwas ber das Jenseits zu erfahren.
    Du meinst, etwas Wahres!
    Hltst du das, was wir gestern gehrt haben, fr Tuschung?
    Ich kann mir darber heute noch kein Urteil erlauben. Wenn der Blinde zu
uns anstatt zu seinem vermeintlichen Wohlthter gehalten htte, wre uns
wahrscheinlich mehr Stoff zu einem Urteile geboten worden, als wir jetzt
besitzen. Wir wollen also den Gedanken an das Jenseits jetzt nicht weiter
verfolgen und uns lieber mit dem Diesseits befassen.
    Ja, das ist fr den Augenblick wohl ebenso ntig. Was denkst du, da
zunchst geschehen soll?
    Wir sind gewillt, die Diebe nicht zu bestrafen, werden sie also freigeben,
selbstverstndlich den Scheik der Beni Khalid auch. Doch darf das nicht so ohne
weiteres geschehen. Wir haben uns sicher zu stellen, da, wenigstens so lange
wir uns hier befinden, nichts gegen uns unternommen wird. Spter dann knnen wir
anderweit fr uns sorgen.
    So schlage ich vor, da wir den Scheik erst dann loslassen, wenn er
geschworen hat, hier nichts gegen uns zu unternehmen.
    Das werden wir allerdings thun.
    Sag, Sihdi, giebt es fr uns keine andere, keine bessere Gewhr als nur
seinen Schwur?
    Nein; wenigstens ich wei keine. Du etwa?
    Nein.
    Oder Khutab Agha?
    Auch ich wei nichts anderes, antwortete dieser. Ihr habt mich zu eurem
Freund gemacht, und meine Dankbarkeit gehrt euch, so lange ich lebe. Darum kann
es mir nicht gleichgltig sein, ob euch noch fernere Gefahren von seiten der
Beni Khalid drohen. Sonst aber wre ich mit meiner Angelegenheit hier zu Ende.
Die gestohlenen Glieder habe ich hier zurckbekommen, und meine Asaker sind auch
wieder frei. Wir brauchen also nur aufzusitzen und heimzukehren.
    Wann wirst du das thun?
    Wenn auch ihr fortreitet; eher natrlich nicht.
    Nun, und wir, Sihdi? Wann reiten wir?
    Wenn die Beni Khalid fort sind, antwortete ich.
    Frher nicht?
    Nein.
    Warum nicht?
    Du scheinst mich nicht mehr zu kennen, Halef!
    Was? Wie? Ich dich nicht mehr kennen? Oh, Effendi, was treibst du da fr
Allotria! Du weit doch ganz genau, da ich dich besser kenne als mich selbst!
    Nach deiner letzten Frage mu ich das aber bezweifeln, denn du hast einen
Brauch vergessen, der so zu mir gehrt, wie der Griff zum Sbel.
    Welchen Brauch?
    Mich stets und so viel wie mglich rckenfrei zu machen. Dieser Gewohnheit
haben wir so viele Erfolge zu verdanken, lieber Halef, da es mir gar nicht
einfallen kann, grad hier, in dieser gefhrlichen Wste, von ihm abzuweichen.
    Rckenfrei? In Beziehung auf die Beni Khalid?
    Ja. Wenn wir eher fortreiten als sie, haben wir sie im Rcken und wissen
nicht, was sie hinter uns vornehmen. Sind sie aber vor uns, so knnen wir sie,
so lange dies ntig ist, derart im Auge behalten, da es ihnen unmglich wird,
uns ernsthaft zu belstigen. Das siehst du wohl ein?
    Welche Frage! Wenn ich das nicht einshe, so wre ich ein Flu ohne Wasser,
ein Pferd ohne Beine oder eine Feder ohne Tinte und meinetwegen auch eine Hanneh
ohne Halef! Nur wei ich nicht, ob die Beni Khalid darauf eingehen werden.
    Sie mssen!
    Wie willst du sie zwingen?
    Dadurch, da wir sie nicht an den Brunnen lassen. Wenn sie berzeugt sind,
fr ihre Kamele kein Wasser zu bekommen, so mssen sie sich beeilen, nach einem
anderen Brunnen zu kommen.
    Wo sie uns aber das Wasser wegnehmen, so da wir dann, wenn wir hinkommen,
keines finden!
    Das ist meine geringste Sorge. Erstens ist es doch noch gar nicht bestimmt,
wohin sie sich und wir uns wenden werden. Die Gegend vor uns ist wasserreicher
als die nun hinter uns liegende; wir haben es also sehr wahrscheinlich nicht
ntig, grad denjenigen Weg einzuschlagen, den die Beni Khalid reiten. Und
zweitens verweise ich dich auf den Bir Hilu hier. Die Beni Khalid waren ja auch
vor uns da, und wir haben nicht nur trotzdem Wasser bekommen, sondern wir sind
sogar jetzt in der Wste Herren des Brunnens, da unsere Gegner ohne unsere
Erlaubnis gar nicht herankommen drfen. Bist du nun zufriedengestellt?
    Ja, vollstndig, Sihdi! Doch, schau hin zu den Mekkanern, wie der Ghani so
eifrig in den Blinden hineinspricht! Er wird ihm alles ganz anders erzhlen, als
es sich zugetragen hat. Wir werden da dem Mnedschi in einem Lichte erscheinen,
auf welches wir, wenn es die Wahrheit wre, nichts weniger als stolz sein
knnten. Doch sieh, da kommt ein Posten mit einem Ben Khalid. Der Anfang des
Endes wird also beginnen!
    Der Haddedihn, welcher den Boten zu uns brachte, sagte, da die ganze Schar
der Beni Khalid im Anrcken sei, um nach dem Brunnen zu gehen. Es habe
Ueberredung gekostet, sie anzuhalten und zu bewegen, auf die Antwort ihres
Scheiks zu warten.
    Was habt ihr als Grund angegeben, da sie nicht her drfen? erkundigte
sich Halef.
    Den Willen ihres Scheiks, lautete die Antwort. Sie haben also diesen
Boten geschickt, der mit ihm sprechen soll.
    Das war richtig. Wir werden diese Angelegenheit sofort in Ordnung bringen.
Gehen wir hinber zum Scheik?
    Diese Frage war an mich gerichtet; ich antwortete, indem ich aufstand. Der
Perser that dasselbe, und dann schritten wir, gefolgt von dem Ben Khalid, nach
dem Brunnen, wo er seinen Scheik gefesselt liegen sah. Dieser rief ihm, noch ehe
wir ihn erreicht hatten, zornig entgegen:
    Da kommt nun endlich einmal einer! Konntet ihr euch nicht eher um mich
bekmmern?
    Der Mann war sichtlich erstaunt, den Fhrer seines Stammes als Gefangenen zu
finden, sah sich mit unsicheren Blicken um und antwortete:
    Du hast es so gewollt!
    Das war kein Befehl, sondern nur eine Mitteilung von mir. Diesen
Unterschied mt ihr beherzigen. Wo habt ihr diese Nacht gelagert?
    Auf dem Platze der Fantasia.
    Wir hatten keinen Grund, den Scheik in seinen Erkundigungen zu stren, und
hrten mit Vergngen zu.
    Mit den Soldaten? fragte er weiter.
    Ja.
    Wo habt ihr sie?
    Seine Augen funkelten bei dieser Erkundigung. Der Bote schlug die Augen
nieder und erwiderte hchst verlegen:
    Sie sind fort.
    Wohin?
    Das wuten wir nicht; jetzt aber sehe ich, da sie hier sind.
    Natrlich sind sie hier, wenn ihr sie entwischen lat! Ich hielt sie, als
ich sie in der Nacht kommen sah, fr Geister verstorbener Asaker, denn da es
die unserigen seien, mit ihren Waffen und Kamelen noch dazu, das mute ich doch
fr ganz unmglich halten! Der Scheitan127 scheint euch blind und taub gemacht
zu haben, denn auf eine andere Weise konnte es gar nicht geschehen, da zwanzig
Gefangene einer ihnen so vielfach berlegenen Wchterschar entrinnen. Ihr hattet
sie doch gefesselt?
    Ja.
    Aber nicht gut bewacht!
    Sogar sehr scharf! Sie lagen in unserer Mitte. Wir haben keine Vorsicht
oder Pflicht versumt!
    Das ist nicht wahr! Ohne groe Fehler von euch htten sie nicht entkommen
knnen. Ich werde diesen Fall genau untersuchen und die Schuldigen heim zu den
alten Weibern schicken, mit denen sie Pantoffeln machen knnen, denn zu weiter
sind sie ja nichts ntze!
    Da begann der Ben Khalid, nun auch einen andern Ton anzuschlagen:
    Wir sind weder alte Weiber, noch gehren wir zu ihnen. Ich bin ein Ben
Khalid, ein freier Beduine, und nur dem unterthan, dem ich gehorchen will! An
dem Entkommen der Asaker ist kein einziger von uns schuld, sondern nur die
Dschinn128, welche in groen Massen kamen.
    In Massen? Was fr Dschinn waren es?
    Dunkle Gestalten, welche wie Schatten aussahen, aber, wie wir dann wohl
bemerkten, keine Schatten waren; ihnen voran kam das gestrige Gespenst.
    Welches?
    Der Geist, der hierher kam und sprach.
    Allah! rief der Scheik, indem er seine Aufmerksamkeit verdoppelte.
Dieser, derselbe Geist war es?
    Ja.
    Und ihr seid natrlich sofort ausgerissen!
    Nein. Aber er hielt zwei flammende Irrlichter in Hnden, aus denen lauter
Kpfe lebendiger Teufel hervorsprhten. Wir sind Glubige des Kuran und fromme
Bekenner des Propheten; aber mit Geistern und Teufeln zu kmpfen, das darf uns
niemand zumuten!
    Ich werde bald erfahren, was fr flammende Irrlichter das gewesen sind.
Hattet ihr denn ein Feuer brennen?
    Sogar zwei. Erst als der Geist sich dem ersten so weit genhert hatte, da
wir sahen, es sei wirklich dieser Geist, entfernten wir uns, eher nicht.
    Und lieet die Asaker liegen?!
    Allerdings. Was htten wir sonst machen sollen? Dann sahen wir aus der
Ferne viele, viele dunkle, schattenhafte Gestalten ber den Platz huschen, und
als sie fort waren und wir zurckkehrten, fanden wir die Asaker nicht mehr vor;
auch ihre Kamele waren weg. Sie sind uns von den Geistern entfhrt worden!
    Ich will dir den grten dieser Geister zeigen. Schau dorthin! Wer sitzt da
bei Abadilah, unserm Gaste?
    Der Bote hatte den Mnedschi noch nicht bemerkt. Als er ihn nun erblickte,
rief er aus:
    Allah behte mich vor dem neunmal gesteinigten Teufel! Da sitzt er ja! Das
ist er! das ist er!
    Schau ihn an! Ist das ein Teufel, ein Gespenst oder ein Mensch?
    Sollte - - sollte - - ist - - - sollte - - ist - - -?
    Der Mann war ganz perplex. Der Scheik schrie ihn an:
    Wenn du jetzt, am hellen Tage, noch nicht weit, woran du bist, so brauch'
ich mich allerdings nicht darber zu wundern, da ihr in der dunkeln Nacht vor
Angst fast den Verstand verloren habt! Er war es gewi; er mu es unbedingt
gewesen sein. Wer wei, was fr Flammen er in den Hnden gehabt hat. Abadilah,
mein Freund, ich bitte dich, ihn doch einmal zu fragen!
    Der Ghani kam diesem Wunsche nach, indem er sich bei dem neben ihm sitzenden
Blinden erkundigte:
    Hast du gehrt, was jetzt gesprochen wurde?
    Ja, jedes Wort, antwortete der Gefragte, welcher vollstndig wach und
munter war.
    Weit du, da du gestern am Abende hier hben bei uns am Brunnen gewesen
bist?
    Nein.
    Da du da gesprochen hast?
    Nein.
    Aber da du an einem andern Orte warst, das weit du wohl?
    Ja.
    Wo?
    Den Ort kenne ich nicht. Ich wurde gefhrt und bekam dann zwei brennende
Fackeln in die Hnde.
    Von wem?
    Von dem Scheik der Haddedihn und dem Effendi aus dem Wadi Draha. Ich bin
darauf eingegangen, weil das Weib sagte, es geschehe nur zu meinem Wohle.
    Hast du gewut, um was es sich handelt?
    Nein. Es wurde mir nicht mitgeteilt. Dieser Dieb deines Verzeichnisses und
seine Hehler haben mich betrogen und mich schmachvoll hintergangen. Wenn sie
aufrichtig gewesen wren, htte ich es um keinen Preis gethan. Allah wird sie
strafen!
    Kannst du dir vielleicht denken, was fr Schatten das gewesen sind, welche
bei dir gewesen sein sollen?
    Wahrscheinlich waren es die Verbndeten der Betrger, die Krieger der
Haddedihn, denn auf dem Wege, den ich gehen mute, hrte ich neben und hinter
mir die Schritte vieler Menschen, welche mich begleiteten. Und auf dem Rckwege
sagte mir mein Ohr, da sich Kamele hinter mir befanden. Ich bin zur Ausfhrung
einer Schlechtigkeit bentzt worden, von der ich keine Ahnung hatte; aber Allah
ist gerecht; er lt keine That ohne Lohn oder ohne Strafe, und ich wei, da
diese Diebe und Betrger einst nicht ber Es Ssiret, die Brcke des Todes,
hinberkommen, sondern in den Abgrund des Verderbens strzen werden!
    So ist also jetzt alles erklrt! zrnte der Scheik. Das Licht der Fackeln
hat eure Phantasie erhitzt und euch Teufelskpfe vorgeflackert, wo gar keine
waren. Die Haddedihn habt ihr fr Geister gehalten und seid vor ihnen
ausgerissen, anstatt sie einfach niederzuschieen. Dadurch wurde die Befreiung
der Gefangenen mglich, mit denen ich mir hier den Sieg erzwingen wollte und
auch erzwungen htte. Ich werde mit euch abrechnen. Diesen alten, blinden,
kindischen und unvorsichtigen Menschen werden wir unschdlich machen mssen,
damit wir nicht noch Aergeres erleben, als schon bisher geschehen ist! Der
unerfahrenste Knabe mu meinen Grimm begreifen, da ich mich dieser Fehler wegen
ganz unfhig zum Widerstande in den Hnden derer befinde, ber die wir htten
lachen knnen, wenn meine Absichten ausgefhrt worden wren. Aber ich schwre zu
Allah und den Propheten, da ich ganz gewi alles nachholen werde, was versumt
worden ist!
    Diese seine Drohung war nicht nur unschdlich fr uns, sondern ein
abermaliger Fehler, den er beging, denn wenn wir nicht schon entschlossen
gewesen wren, uns mglichst sicher zu stellen, so htte nun sie uns zur
Vorsicht mahnen mssen. Viel mehr als sie beschftigte mich die Bemerkung, da
es El Ghani gelungen war, den Blinden von seiner Unschuld und infolgedessen von
unserer Bosheit, von unsern schlechten Absichten zu berzeugen. Der Mnedschi
befand sich schon nach so kurzer Zeit wieder ganz unter dem Einflusse dieses
Schurken, den er nicht nur fr seinen Wohlthter, sondern berhaupt fr den
besten Menschen hielt.
    Halef hatte der letzten Ausfhrung des Scheikes mit wohlgeflligem Lcheln
zugehrt. Jetzt ergriff er das Wort und sagte zu ihm:
    Es freut mich, da du zur Einsicht gekommen bist und so aufrichtig deine
Ohnmacht eingestehst. Wir knnten sie in einer Weise ausntzen, welche dich fr
alle Zeit an uns denken lassen wrde; aber in unserer weithin bekannten und
berhmten Gte haben wir den Beschlu gefat, mit euch so glimpflich zu
verfahren, wie uns die Liebe gebietet, die wir zu allen Menschen und sogar zu
unsern Feinden haben.
    Ich mag eure Liebe nicht! brauste Tawil Ben Schahid auf.
    Du wirst sie nehmen mssen und ihr nicht widerstehen knnen, ganz
gleichgltig, ob du willst oder nicht!
    Und da ich meine Ohnmacht eingestanden habe, davon wei ich nichts. Noch
habe ich meine Krieger, die euch vielfach berlegen sind!
    Die frchten wir nicht! Zunchst sind wir in der Ueberlegenheit und werden
dafr sorgen, da wir sie auch behalten.
    Ich verlange, augenblicklich freigelassen zu werden. Wenn ihr euch weigert,
dies zu thun, so schicke ich diesen meinen Ben Khalid, den sie jetzt zu mir
gesandt haben, mit dem Befehle zu ihnen zurck, sofort gegen euch zu den Waffen
zu greifen!
    Versuche es doch, ihn fortzuschicken! Wenn er es wagen wollte, diesen Platz
ohne unsere Erlaubnis zu verlassen, wrden wir ihn durch eine Kugel fr immer
hier festhalten!
    Allah zerschmettere dich! zischte der Scheik, der ja doch wute, wie recht
der kleine Hadschi hatte.
    Dieser nahm keine Notiz von dieser Verwnschung und fuhr fort:
    Ich werde dir jetzt sagen, was unsere Nachsicht und Milde ber euch
beschlossen hat. Khutab Agha, unser Freund, hat die Einbrecher in den Kanz el
A'da von Meschhed Ali verfolgt, um sie zu ergreifen und nach der heiligen Stadt
der Schiiten zu bringen, wo sie keine andere Strafe als nur diejenige des Todes
erwarten wrde. Nun aber hat er sich entschlossen, davon abzusehen. Er wird sie
also nicht mitnehmen, sondern laufen lassen, wie man hliches Gewrm laufen
lt, mit dem man sich nicht besudeln mag. Wir hatten ber sie die Bastonnade
beschlossen, sehen aber auch hiervon ab, eben weil wir gar nicht weiter mit dem
Schmutze, in welchem sie starren, in Berhrung kommen wollen. Hast du alles
gehrt, was ich jetzt sagte?
    Sprich nur immer weiter! forderte ihn der Scheik auf. Ich werde dir dann,
wenn du fertig bist, sagen, was ich dir zu sagen habe.
    Schn! Ich gehorche dir, du mchtiger Gebieter dieses Lagers! Die Diebe
sind also abgethan fr uns; nun kommt die Reihe an dich. Auch dich werden wir
freilassen. Bist du damit einverstanden?
    Weiter!
    Ist dir das noch nicht genug?
    Es ist nicht nur genug, sondern mehr als genug, nmlich der Arglist und
Verschlagenheit, die euch ja schon von Anbeginn dieser ganzen Angelegenheit
gekennzeichnet hat! Wie schn und wie ergreifend du von eurer Gte und eurer
Milde doch zu sprechen weit! Aber ich kenne den Abgrund der Verworfenheit,
welcher hinter dieser angeblichen Nachsicht ghnt! Ihr seht von der Bestrafung
der Diebe ab, weil ihr nur zu gut wit, da sie nicht gestohlen haben, sondern
vollstndig unschuldig sind. Erst wurde ihnen das Verzeichnis entwendet, und nun
es euch gelungen ist, auch die Gegenstnde selbst an euch zu raffen, wollt ihr
mit ihnen verschwinden und euch mit der vorgegebenen Milde den Rckzug decken.
So ist's, ihr Schurken; anders nicht!
    Ein hhnisches Lachen folgte diesen Worten, die so viel Unverschmtheiten
enthielten, da Halef rasch zu mir sich wendete und mit zornblitzenden Augen
fragte:
    Sihdi, jetzt kann es doch keine Snde sein, ihm mit der berzeugenden
Entgegnung meiner Peitsche zu antworten!
    Wir schlagen nicht, Halef! erwiderte ich.
    Gut! So will ich meinen Grimm beherrschen!
    Sprich nicht von Grimm! lachte der Ben Khalid wieder. Du weit ganz
genau, da ihr die Diebe seid, und kannst also unmglich zornig sein. Was du
Grimm nennst, ist nur der Aerger darber, da ich euch durchschaue, und die
versteckte Scham, der du nicht erlaubst, deine Wangen vor meinen Augen rot zu
machen. Dazu kommt die Feigheit, die verchtliche Angst vor unserer bekannten,
wohlbewhrten Tapferkeit!
    Feigheit? Angst? fragte Halef in grtem Erstaunen.
    Ja, Furcht habt ihr, Furcht, vom Herzen herab bis in die Spitzen eurer
Fe!
    Vor wem?
    Vor uns. Das sagte ich soeben!
    Furcht? Angst? Feigheit? Allah w' Allah! Mensch, ich fordere dich auf, mir
diese freche Behauptung zu beweisen!
    Der Beweis liegt darin, da ihr unsere Freunde, die Mekkaner, freigeben
wollt.
    Das thun wir doch aus Gte, nicht aus Angst!
    Leugne nicht! Du weit doch nur zu gut, was ausgemacht worden war: Es
sollte um sie gekmpft werden! Jetzt gebt ihr sie ohne Kampf frei. Ist das nicht
Feigheit?!
    Der Hadschi konnte seinen Zorn kaum bemeistern. Er mute sich die grte
Mhe geben, mglichst ruhig zu antworten:
    Das ist eine Verdrehung der Thatsachen, welche du dir ausgesonnen hast, um
prahlen zu knnen!
    Ich habe nicht geprahlt, sondern die Wahrheit gesagt!
    Nein, sondern die Lge! Es ist nicht beschlossen worden, um die Freigebung
der Diebe zu kmpfen, sondern der Kampfpreis war der Besitz ihrer Personen. Sie
befanden sich bei euch, und wir wollten sie haben. Darum wurde festgestellt, da
sie dem Sieger gehren sollten. Jetzt aber handelt es sich nicht um ihre
Personen, denn die haben wir ja, sondern um ihre Freilassung. Eigentlich knnten
nun wir, nmlich wir, wir, auch verlangen, da um ihre Freiheit gekmpft werde,
aber sie sind unsere Gastfreunde nicht, und so haben wir nicht wie du die
Pflicht, sie zu beschtzen. Wenn wir sie unbestraft entkommen lassen, thun wir
das also aus Barmherzigkeit, nicht aus Angst. Das ist doch so klar, da man
darber kein Wort zu verlieren braucht.
    Du ereiferst dich ohne Erfolg! Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe: Es
sollte um sie gekmpft werden, und weil ihr Angst vor unserer Tapferkeit hattet,
so versuchtet ihr, sie durch feige Hinterlist in eure Gewalt zu bringen, was
euch leider auch gelungen ist. Und nun ihr euch wohl sagen mt, da ich sie,
und sei es mit Hilfe der Gewalt, von euch zurckfordern werde, gebt ihr sie uns
freiwillig wieder, aber das Eigentum des Ghani wollt ihr behalten!
    Wie ich meinen kleinen, mutigen Hadschi kannte, dem Feigheit das
Allererbrmlichste auf Erden war, stand jetzt eine Uebereilung von ihm zu
befrchten; darum wollte ich schnell das Wort ergreifen; aber er sah das und
forderte mich auf:
    Du bist jetzt still, Effendi; ich bitte dich! Einen solchen Vorwurf lt
kein Krieger der Haddedihn auf sich sitzen!
    Da klang es hinter uns:
    Auch keine Frau der Haddedihn!
    Ich drehte mich um. Da stand Hanneh mit blitzenden Augen und dunkel
gerteten Wangen. Die erregte Verhandlung war so laut gefhrt worden, da sie
drben an der andern Seite des Brunnenplatzes alles gehrt hatte. Nun war sie
eilends herbergekommen, um auch ihrerseits die beschimpfende Anschuldigung
energisch zurckzuweisen, ein Vorgang, dessen Ungewhnlichkeit eine
augenblickliche Stille hervorbrachte. Tawil Ben Schahid war der erste, der sie
unterbrach.
    Ein Weib, ein Weib! hhnte er. Das beweist die Wahrheit dessen, was ich
gesagt habe, denn wir hren nun ja, da bei den Haddedihn die Frauen mutiger als
die Mnner sind!
    Da ergriff Hanneh des Hadschi Arm, zog ihn mit einem krftigen Ruck zu sich
heran und sagte:
    Halef, weit du, was ich jetzt von dir verlange?
    Ja, antwortete er.
    Wirst du es thun?
    Man soll mich fortan den feigsten Hund der Erde nennen, wenn ich es nicht
thue!
    Und weit du, welche drei ich meine?
    Natrlich uns, die wir zum Kampf bestimmt gewesen sind!
    Ja, ich bin Hanneh, die Tochter der Athebeh, die Frau des obersten Scheiks
der Haddedihn vom Stamme der Schammar. Man hat uns den Vorwurf der Furchtsamkeit
in das Gesicht geschleudert, obgleich dieser grosprecherische Scheik der Beni
Khalid von meinem Knaben zur Erde geworfen und berwltigt worden ist wie ein
kraftloser Greis, dessen Schwachheit die einzige Eigenschaft ist, die ihm das
Leben gelassen hat. Wir werden diese Niedertrchtigkeit zurckweisen und
bestrafen, und ich will haben, da auer Omar Ben Sadek mein Gatte und mein Sohn
es sind, in deren Hnde man diese Aufgabe legt! Wir wollen nichts, gar nichts
von diesen Menschen. Wir leisten Verzicht auf alles, was wir bisher errungen
haben, sogar auf die gestohlenen und wiedererlangten Glieder. Wir kmpfen um
sie; aber wer uns nach unserm Siege noch als Diebe bezeichnet, den geben wir den
Hynen und Schakals zu fressen. Ich, das Weib, habe gesprochen; nun mgen die
Mnner handeln!
    Sie trat zurck, um nun nur noch zuzuhren. Die Wirkung ihres unerwarteten
Auftretens und ihrer, ich mchte sagen, flammenden Worte war eine tiefe, eine
durchschlagende. Es war fr einige Zeit rundum so still wie in einer Moschee,
welche soeben erst geffnet wird. Auch ich konnte mich diesem Einflusse nicht
entziehen. Im Grunde war ich allerdings ganz und gar nicht damit einverstanden,
da alles, was wir bis jetzt erreicht hatten, wieder auf das Spiel, oder
richtiger gesagt, auf die Entscheidung der Waffe gesetzt werden sollte; aber es
war fr uns, die Mnner, gradezu unmglich, uns zu dieser mutigen, ehrliebenden
und entschlossenen Frau in Widerspruch zu stellen, die nicht an ihre Gatten- und
nicht an ihre Mutterliebe dachte, und sodann kannte ich ja die drei Personen, um
welche es sich auf unserer Seite handelte, so genau, da es mir nicht einfiel,
Angst zu haben. Halef stellte seinen Mann wie selten einer, das wute ich; Omar
Ben Sadek hatte sich so oft bewhrt, warum sollte dies nicht auch jetzt wieder
geschehen? Seine krperliche und geistige Spannkraft war noch ganz dieselbe. Und
Kara Ben Halef? Nun, er war zwar noch jung und konnte also keine so reiche
Erfahrung hinter sich haben wie wir; aber er hatte in seinem Vater den besten
Lehrmeister gehabt, den es fr ihn geben konnte, und so oft ich bei den
Haddedihn gewesen war, hatte auch ich ihn tglich und mit Flei vorgenommen und
mich ber seine Gelehrigkeit, Geschicklichkeit, Kraft und Ausdauer nicht nur
stets zu freuen, sondern oft sogar zu wundern gehabt. Er hatte viele jener
Griffe, Kniffe und Schlauheiten von mir gelernt, welche auch im ehrlichsten
Kampfe erlaubt sind und die eigentliche Uebermacht ber einen sonst ganz
ebenbrtigen Gegner verleihen. Sein Vater war schon zu alt, als da ich ihm
diese Vorteile htte beibringen knnen; ein desto geeigneterer Erbe war der Sohn
geworden, und so hatte ich also auch keine Veranlassung, um Kara bange zu sein.
    Niemandem konnte der Vorschlag Hannehs so willkommen sein wie dem Scheik der
Beni Khalid, dem er die Hoffnung wiedergab, in den Besitz der kostbaren
Gliedernachbildungen zu gelangen. Er wartete auch nicht, bis Halef, dem dies
doch nun eigentlich zukam, das Wort wieder ergriff, sondern kam ihm zuvor:
    Also doch noch Kampf! Die Frau giebt den Mnnern den Mut! Und nicht nur um
die Mekkaner soll es gehen, sondern auch um den Schatz der Glieder!
Wahrscheinlich aber fehlt euch der Mut, ihn gegen uns einzusetzen!
    Es war, als ob Halef jetzt pltzlich ein ganz anderer geworden sei. Seine
zornige Aufregung hatte, nun da es einen festen Entschlu und eine sichere
Entscheidung fr ihn gab, jener kalten Ruhe Platz gemacht, welche gegen den
nicht so kalten Widersacher den Sieg verleiht. Es war ein selbstbewutes,
berlegenes Lcheln, welches um seine Lippen spielte, als er in beinahe
gleichgltigem Tone antwortete:
    Ja, wir kmpfen auch um den Schatz der Glieder, und du sollst die
Bedingungen vernehmen, von denen wir auf keinen Fall abgehen werden. Bist du mit
ihnen einverstanden, so liegt es in euern Hnden und an eurer Tapferkeit, uns
wieder abzunehmen, was wir jetzt besitzen. Nimmst du sie aber nicht an, so
bleibt es, wie es jetzt ist!
    Dann heraus mit ihnen! Ich will sie hren!
    Zuerst verlange ich, da, die Entscheidung mag fallen wie sie will, alle
Schimpf- und andere beleidigende Reden vermieden werden. Wir sind, nmlich ihr
sowohl wie wir, Mnner, aber keine Knaben, welche im Bewutsein ihrer Ohnmacht
Worte an die Stelle der Thaten setzen.
    Ich stimme bei!
    Sodann findet der Kampf auf der da drauen liegenden Sandebene statt, wo
kein Felsen deine Beni Khalid und meine Haddedihn hindert, zuzuschauen. Beide
Stmme stehen einander gegenber; die Zweikmpfe gehen in der Mitte vor sich.
Diese finden einzeln statt, zwischen drei Beni Khalid und drei Haddedihn.
Gewonnen hat der Stamm, auf dessen Seite die Mehrzahl der Sieger ist. Ihm gehrt
der Schatz der Glieder, welcher bis dahin in unserer Verwahrung bleibt. Die
Besiegten haben den Brunnen sofort zu verlassen und also ihre Reise
fortzusetzen. Als Zeit stellen wir euch die nchsten drei Stunden zur Verfgung;
wenn sie vorber sind, mu auch die Sache ausgetragen sein. Ist dir das recht?
    Ja; da setze ich aber voraus, da ich jetzt freigelassen werde!
    Habe keine Sorge um deinen geliebten Krper! Wir knnen ihn nicht brauchen
und geben ihn dir zurck. Doch mut du vorher die zwischen euch und uns
getroffene Vereinbarung auf dein Hamal129 beschwren.
    Ich bin bereit dazu!
    In diesem Schwur ist vor allen Dingen eingeschlossen, da beide Parteien
fr den ganzen heutigen Tag auf Hintergedanken verzichten!
    Fr spter aber nicht? fragte der Scheik schnell.
    Nein. Wir frchten uns ja nicht.
    So bin ich auch hiermit einverstanden. Aber ich hoffe, da dieser Kampf
keine Spielerei sein, sondern um das Leben gehen soll!
    Natrlich! Macht nur ihr Ernst; dann ist es ja sehr gleichgltig, ob wir
nur zu spielen brauchen oder nicht!
    Mit welchen Waffen soll er gefhrt werden?
    Da antwortete mein kleiner, in solchen Dingen geradezu einziger Halef in
unendlich gleichgltigem, nachsichtigem Tone:
    Das ist uns einerlei, wirklich ganz und gar einerlei! Wir berlassen also
diese Bestimmung euch. Suche die drei tchtigsten Beni Khalid heraus, und jeder
von ihnen mag diejenige Kampfesart bestimmen, in welcher er am geschicktesten
ist. Wir sind es nicht gewhnt, uns ber solche Nebensachen die Kpfe zu
zerbrechen!
    Stelle dich nicht so stolz und siegesgewi! Der Schakal, welcher am rgsten
bellt, wird am ehesten von dem Geier zerrissen! Ich bin bereit, zu schwren!
    Halef zeigte sich in seiner Noblesse sofort bereit, doch ergriff nun auch
ich einmal das Wort, um in Hinsicht auf die Ehrlichkeit des Kampfes und unsere
Sicherheit noch einige Bedingungen zu stellen, auf welche Tawil Ben Schahid
einging, um seiner Fesseln so schnell wie mglich entledigt zu sein. Als dann
alles so lckenlos verabredet worden war, da fr uns auch die geringste
Uebervorteilung seitens der Beni Khalid ausgeschlossen erschien, banden wir ihn
los. Halef setzte sich ihm gegenber. Der Kuran wurde zwischen sie gelegt, und
dann schworen sie, die Hnde darauf haltend, jeder fr sich und die Seinen, die
eingegangenen Bedingungen ehrlich und treu zu halten. Dann hing sich der Scheik
sein Hamal wieder um den Hals und stand auf, um sich zu entfernen. Ehe er das
aber that, wendete er sich noch einmal nach uns um und sagte:
    Ich habe noch nie mein Wort gebrochen und werde es auch heut halten; aber
wehe euch, wenn ihr dem eurigen nicht treu bleibt! Ich werde schon in kurzer
Zeit einen Boten senden, um euch mitteilen zu lassen, welche Waffen gewhlt
worden sind. Aber da ihr es mit den drei Siegessichersten meiner Krieger zu
thun haben werdet, das kann ich euch schon jetzt sagen. Ich gebe euch den Rat,
immer schon jetzt drei Gruben zu machen, in die unsere Gegner zu liegen kommen,
ohne eine Kijahma, eine Auferstehung von den Toten, zu erleben wie der Mnedschi
gestern!
    Nun ging er und nahm den Boten seiner Leute mit.
    Es versteht sich ganz von selbst, da sich aller Haddedihn eine sehr
gespannte, erwartungsvolle Stimmung bemchtigt hatte. Ein Zweikampf auf Tod oder
Leben, und zwar ein dreifacher, welch ein Ereignis fr jeden Beduinen! Am
wenigsten einverstanden mit dieser Wendung der Sache war der Perser, und das
konnte man ihm auch gar nicht belnehmen. Er hatte sich schon vollstndig am
Ziele befunden und sah sich nun gezwungen, die bereits erlangten Vorteile wieder
aufzugeben und von dem Erfolge der Waffen abhngig zu machen. Ich nahm mich
seiner Sorge mglichst an, und es gelang mir auch, ihn soweit zu beruhigen, da
er darauf verzichtete, gegen den Kampf um den Inhalt des Gebetsteppichs zu
protestieren. - - -

                                Viertes Kapitel

                                        

                                   El Aschdar


Der fr den Kampf bestimmte Platz war die weite, sandige Strecke, ber welche
wir gestern abend mit dem Mnedschi von Ben Nur gefhrt worden waren. Wir gingen
hinaus und zeichneten unsere Stellung und diejenige unserer Gegner mit Strichen
in den feinkrnigen Boden; Halef wollte ihr die Richtung nach Norden und nach
Sden geben; ich schlug die beiden andern Himmelsgegenden vor und erklrte ihm,
da derjenige Duellant im Vorteile sei, welcher die Sonne im Rcken habe,
whrend sie den mit dem Gesicht ihr Zugekehrten blende. Wir beschlossen also,
den stlichen Teil des gezeichneten Kreises einzunehmen. Es war das einer der
erwhnten Kniffe, welche nicht als Unredlichkeiten gelten, obgleich man dabei
ein Ueberlisten des Gegners im Auge hat. Da wir uns darber kein Gewissen zu
machen brauchten, zeigte sich, als der Bote der Beni Khalid kam; denn aus dem,
was er uns zu sagen hatte, erfuhren wir, da sie sich einer wenigstens ebenso
groen Pfiffigkeit befleiigten wie wir. Halef, als unser Scheik und Anfhrer,
lie ihn zu sich kommen und fragte ihn nach seinem Auftrage. Er erhielt die
Antwort:
    Tawil Ben Schahid, der Scheik der tapfern Beni Khalid, lt dir sagen, da
geschossen, gerungen und mit dem Speer geworfen wird!
    Wird? Wird! Das klingt ja so abgerissen und befehlshaberisch, als ob wir es
nur so hinzunehmen htten, wie es ihm beliebt!
    So meint er es auch! betonte der Bote.
    Ah?!
    Ja. Er sagte, nur er allein habe die Waffen zu bestimmen, und ihr httet
nicht die Erlaubnis, Einwendungen dagegen zu machen!
    So! Die Wahrheit aber ist, da ich ihm erlaubt habe, diese Bestimmung zu
treffen, und so konnte er mir seinen Entschlu wohl in etwas hflicherer Weise
mitteilen lassen. Also geschossen soll werden?
    Ja; das ist der erste Gang.
    Womit?
    Mit Flinten natrlich! Das ist doch selbstverstndlich; warum fragst du
also?
    Mann, vergi nicht, da du vor Hadschi Halef stehst, dem obersten Scheik
der Haddedihn! Wenn du nicht weit, in welchem Tone du zu mir zu reden hast,
kannst du unverrichteter Sache wieder gehen, und wir behalten, was wir haben!
Ich habe mit Tawil Ben Schahid beschworen, da nicht beleidigend gesprochen
werden darf. Das bezieht sich nicht blo auf die Wahl der Worte, sondern auch
auf die Art und Weise, wie du mit mir redest. Merke dir das! Du hast dich mit
deiner bel angebrachten Frage nur selbst blamiert, denn du scheinst noch gar
nicht zu wissen, da es auer den Flinten noch andere Waffen giebt, mit denen
geschossen werden kann! Hat er die Entfernung bestimmt?
    Sechzig Schritte und Jeder drei Schsse.
    So sehr weit? Wer soll da sicher treffen knnen!
    Sein Gesicht zeigte Enttuschung und Besorgnis; im Innern aber war er hchst
befriedigt, denn sein und auch Karas Gewehr waren jeder Beduinenflinte weit
berlegen; ich hatte sie ihnen als Geschenke mitgebracht.
    Soll mit Hurduk130 oder mit Rusahs131 geschossen werden? fuhr er
vorsichtig fort.
    Natrlich nur mit Rusahs!
    Ich stimme bei. Doch sag deinem Scheik, da die Kugeln vor dem Laden
vorgezeigt werden mssen, damit nicht aus Versehen Hurduk genommen wird. Und
sodann soll auch gerungen werden?
    Ja, mit nacktem Oberkrper und einem Messer im Grtel.
    Wozu das Messer? Das braucht man doch zum Ringen nicht!
    Weil es ein Ringkampf auf Tod und Leben sein soll. Sobald einer den andern
platt auf den Boden gebracht hat, besitzt er das Recht, ihn mit dem Messer zu
erstechen.
    Also platt auf den Boden! Eher nicht?
    Nein.
    Ihr scheint einen bedeutenden Ringer unter euch zu haben?
    Ja, lchelte der Ben Khalid unbescheiden. Unser Abu el Khuba132 wird von
keinem Menschen besiegt! Das hrst du auch dem Namen an, den wir ihm deshalb
gegeben haben.
    Ist die Zeit bestimmt worden, wie lange das Ringen zu dauern hat?
    Natrlich bis der eine erstochen worden und der andere Sieger ist.
    Wieder natrlich! Bei dir scheint alles natrlich zu sein! Wahrscheinlich
hltst du es auch fr natrlich, da unsere drei Krieger von den eurigen in
krzester Zeit und mit der grten Leichtigkeit abgeschlachtet werden! Und auch
mit Speeren soll geworfen werden. Meinst du da die lange Lanze oder den kurzen
Dscherid133?
    Den Dscherid natrlich!
    Schon wieder natrlich! Du bist wirklich ein vollstndiger Abu el Malumat
134! Es sind doch jedenfalls auch Bedingungen dabei?
    Natr - - - er hielt dieses Mal mitten im Worte inne und verbesserte sich
dann: Ja, ich hab sie dir mitzuteilen. Die Entfernung ist fnfundzwanzig
Schritte. Jeder bekommt drei Speere.
    Wenn nun aber diese sechs geworfen sind, ohne da einer getroffen hat, was
dann? Da wird wohl von neuem begonnen?
    Oh nein! lchelte der Bote.
    Warum nicht?
    Weil es ganz unmglich ist, da keiner trifft.
    So! Ihr habt wohl auch einen sehr geschickten Speerwerfer unter euch?
    Er trifft stets! nickte der Gefragte.
    Du machst mich ja ganz neugierig auf ihn! Ist das alles, was du mir zu
sagen hast?
    Ich soll besonders betonen, da keine Schonung stattfinden wird. Es soll
auf den Tod gekmpft werden. Blut wenigstens mu flieen, sonst gilt der Gang
nichts. Wer so verwundet ist, da er sich nicht vom Boden erheben kann, der gilt
als besiegt, und der Sieger hat das Recht, ihn vollends zu tten. Jetzt bin ich
fertig!
    Ich aber nicht! Wann werdet ihr kommen?
    Eine halbe Stunde nach meiner Rckkehr.
    So schlagt den Weg westlich des Felsens ein! Wir bleiben hier auf dem
Punkte, wo wir jetzt stehen. Welche Waffe hat euer Scheik gewhlt?
    Welche - - -? Der Scheik - - -? fragte der Ben Khalid sehr erstaunt.
    Ja, euer Scheik!
    Du denkst, der kmpft mit?
    Allerdings!
    Oh nein, das thut er nicht!
    Nicht? Warum?
    Schon der Gedanke, da er sich mit beteilige, ist eine Beleidigung fr ihn!
Ein Scheik ist kein gewhnlicher Krieger; er kmpft natrlich nur mit Scheiks.
    Wie natrlich wieder! Wenn wir nicht ausgemacht htten, da nicht
beleidigend gesprochen werden darf, wrde ich ihm jetzt den Vorwurf der Feigheit
zurckgeben, den er uns gemacht hat. Ich bin auch Scheik; aber ich kmpfe auch
mit jedem Krieger, welcher meiner Tapferkeit wrdig ist. Ich werde mich auch
nachher beteiligen, denn ich setze meine Ehre und meinen Stolz darauf, da ich
nicht aus der sichern Ferne zusehe, wenn meine Krieger fr den Ruhm ihres
Stammes ihr Blut vergieen und ihr Leben wagen. Ich wei zwar noch nicht, ob ich
die Flinte, den Dscherid oder den Ringkampf whlen werde, denn ich mu mir da
erst die Gegner ansehen, aber wenn - - -
    Das darfst du gar nicht! fiel der Bote ein.
    Was?
    Whlen!
    Wie? Ich darf nicht whlen?
    Nein.
    Wer will und kann mir das verbieten?
    Unser Scheik.
    Ah! Warum?
    Er hat die Waffen zu bestimmen und also auch die Bedingungen zu stellen.
    Von den Bedingungen ist keine Rede gewesen; aber sprich nur weiter! Ich
werde ja hren, was du sagst.
    Unser Scheik verlangt, da eure drei Krieger zu losen haben.
    Sie drfen sich nicht selbst entscheiden?
    Nein. Jeder von ihnen hat an dem Kampfe teilzunehmen, fr den ihn das Los
bestimmt.
    Ihr aber habt den besten Ringer gewhlt?
    Natrlich!
    Den besten Speerwerfer?
    Natrlich!
    Und wahrscheinlich auch den besten Schtzen?
    Natrlich!
    Hre, Mann, wenn ich dieses Wort natrlich nur noch einmal aus deinem Munde
hre, so thue ich etwas, was dir zur Abwechslung einmal ganz unnatrlich
vorkommt! Eure Pfiffigkeit wre ja ganz lobenswert, wenn sie nicht ein so dummes
Aussehen htte. Ihr whlt fr jede Waffe den besten Mann, und wir sollen uns von
dem Zufall dahin werfen lassen, wohin es dem Lose beliebt! Das ist nicht etwa
klug von euch, sondern etwas ganz anderes, was ich der Hflichkeit wegen nicht
nher bezeichnen will!
    Er machte eine Pause, whrend welcher er seine Augen von Kara auf Omar Ben
Sadek und von diesem dann auf mich richtete. Ich wute, was er dachte. Sein Sohn
erriet es auch.
    Vater, thue es! sagte er in bittendem Tone.
    Was? fragte Halef lchelnd.
    Wir frchten uns doch nicht vor dem Lose, und wenn du nicht darauf
eingehst, so denken sie, es sei bei uns so wie bei ihnen!
    Wie denn, mein Sohn?
    Bei ihnen wei man wahrscheinlich wohl mit der einen Waffe umzugehen, aber
mit der andern nicht. Wir wollen ihnen aber zeigen, da die Krieger der
Haddedihn gelernt haben, in jedem Sattel fest zu sitzen!
    Da ging der Ausdruck stolzer Vaterfreude ber Halefs Gesicht; er wendete
sich wieder zu dem Boten und sagte:
    Du hast die Worte Kara Ben Halefs, meines Sohnes, gehrt und kennst also
nun den Grund, der mich veranlat, auf das Verlangen deines Scheikes einzugehen.
Er mag also ja nicht denken, da er uns berlistet habe oder da wir aus
gewaltigem Respekt vor ihm das thun, was ihm seine Klugheit eingegeben hat! Die
Ursache ist nur die, da es uns ganz gleich ist, welche Waffe wir in die Hand
bekommen. Bist du fertig?
    Ja.
    So kannst du gehen.
    Der letzte Teil des Gesprches war nicht im Stehenbleiben gesprochen worden,
denn Halef hatte sich whrend desselben nach unserm Lagerplatze gewendet, und
wir gingen nebenher, der Ben Khalid auch. Anstatt sich nun nach der
Verabschiedung, welche ihm von dem Hadschi geworden war, von uns zu trennen,
blieb er noch. Weshalb, das erfuhren wir, denn er erkundigte sich:
    Du sagtest, o Scheik, da du selbst mitkmpfen werdest. Ist das wahr?
    Ja, nickte Halef. Ich sage nie etwas, was nicht wahr ist.
    Wer sind die beiden andern?
    Warum fragst du?
    Weil ich sie gern sehen mchte.
    Ihr alle werdet sie ja zu sehen bekommen.
    Ich will sie jetzt sehen!
    Will? Du willst? Allah! Das ist ja sehr gtig von dir, da du willst!
Erlaubst du mir vielleicht einmal, auch zu wollen?
    Was?
    Sie dir nicht zeigen! Also, du kannst gehen!
    Wir waren jetzt bei dem Brunnen angekommen, auf dessen Rande der gefllte
Ledereimer stand. Der Ben Khalid folgte der Aufforderung nicht; er blieb
zudringlich stehen und sagte:
    Ich wollte sie gern sehen, weil ich selbst es mit einem von ihnen zu thun
bekommen werde.
    Du? fragte der Hadschi, indem er einen forschenden Blick ber die sehnige
Gestalt des Beduinen gleiten lie.
    Ja, ich! Ich bin einer der Kmpfenden!
    Auf seinem Gesichte war die deutliche Aufforderung zu lesen, da wir ihn
bewundern sollten.
    Bist du etwa der Ringer?
    Nein.
    Der Schtze?
    Nein.
    Also der Mann mit den drei Speeren, welche unbedingt treffen werden!
    Da warf der Mann den rechten Arm empor, da der weite Aermel von ihm
zurckfiel und wir die stark entwickelte Muskulatur sehen konnten, und rief in
selbstbewunderndem Tone aus:
    Ja, der bin ich! Seht diesen Arm und diese seine Muskeln! Kein Speer ist
mir zu schwer und keine Entfernung zu weit! Entferne dich vierzig Schritte von
mir; hebe die Hand empor und sage mir, welchen Fingernagel ich treffen soll - -
- ich treffe ihn!
    Das war eine Prahlerei, welche dem Hadschi das Blut in die Stirne trieb.
Seine Augen irrten nach dem Eimer hin, und er fragte:
    Du triffst ihn also wirklich?
    Gewi! Natrlich treffe ich ihn!
    Und bist also berzeugt, nachher zu siegen?
    Natrlich!
    Dem Haddedihn drei Speere in den Leib zu geben?
    Natrlich!
    So will ich dir zur Abkhlung deiner glhenden Einbildung auch etwas geben,
zwar nicht in, sondern auf den Leib; aber helfen wird es doch!
    Er griff schnell nach dem Eimer, schwang ihn hoch empor und go dem Ben
Khalid den ganzen Inhalt mit solcher Geschicklichkeit ber den Kopf, da ihm das
Wasser in regelrechten Kaskaden an allen Seiten herunterlief, worber die
Haddedihn in ein ungeheures, laut schallendes Gelchter ausbrachen. Der Stolz
des Beduinen kennt auer den tdlichen Beleidigungen nichts Schlimmeres, als der
Lcherlichkeit preisgegeben worden zu sein. Dieser Ben Khalid stand fr einige
Augenblicke bewegungslos; dann aber ri er mit einer blitzschnellen Bewegung das
Messer aus dem Grtel und stie zu, um es in Halefs Herz zu bohren. Der Hadschi
wre bei der Raschheit dieses Angriffes unbedingt getroffen worden; aber ich
hatte seinen nach dem Eimer gerichteten Blick gesehen und seine Absicht erraten;
ich wute, wie gefhrlich es ist, einen Beduinen in solcher Weise zum
Gegenstande der Belustigung zu machen, und hatte aufgepat. Ich griff sehr
schnell zu, aber doch beinahe zu spt; es gelang mir einstweilen nur, dem
bewaffneten Arme eine andere Richtung zu geben, so da das Messer nur die
Kleidung Halefs traf und da einen langen Schnitt verursachte. Dann aber nahm ich
den Mann an den beiden Oberarmen fest, drckte ihm diese so an den Leib, da er
sich nicht bewegen konnte, und herrschte ihn an:
    Mensch, du hast gestochen! Du hast als Abgesandter eures Stammes die Waffe
gegen einen von uns gebraucht! Weit du, was das heit? Weit du, welche Strafe
das Gesetz der Wste auf eine solche Schndung deiner Unverletzlichkeit
vorschreibt?
    Er war sofort von unsern Kriegern umringt worden. Sie zogen alle ihre Messer
und lieen drohende Worte hren. Er versuchte vergeblich, sich von mir
loszumachen, und stie dabei die abgerissene Entschuldigung hervor:
    Er hat - - hat - - hat - - mich beleidigt - - mir Wasser - - - Wasser ber
- - -
    Er hat nichts gethan, als sein Versprechen erfllt, welches er dir vorhin
gab, als er dich warnte, nicht so siegesbewut aufzutreten und unsere Niederlage
nicht fr so selbstverstndlich und natrlich zu halten. Das war eine
Beleidigung fr uns! Ein Abgesandter hat seinen Auftrag auszurichten und sich
dabei jedes Wortes zu enthalten, was nicht zur Sache gehrt. Du hast dich deiner
Arme und ihrer Muskulatur gerhmt; jetzt fhlst du, was du kannst! Wenn ich
will, drcke ich dir den Atem aus dem Leibe! Wir haben, da du zur Waffe
gegriffen hast, das Recht, dich sofort und ohne vorherige Beratung
niederzuschieen; aber da wir neugierig auf dein unvergleichliches Speerwerfen
sind, so wollen wir dich laufen lassen. Das Messer behalten wir zur
Beweisfhrung hier, falls dein Scheik auf den Gedanken kommen sollte, uns
darber zur Rechenschaft zu ziehen, da ich mich an dir, seinem Boten,
vergriffen habe. Mach dich schleunigst fort, ehe es die andern reut, da ich
dich entkommen lasse!
    Ich gab ihn frei. Er lie das Messer, welches ihm infolge meines ihn
schmerzenden Druckes aus der Hand gefallen war, liegen und entfernte sich rasch,
indem die Haddedihn auseinander traten, um ihn durchzulassen. In einiger
Entfernung blieb er stehen, hob drohend den Arm und rief uns zu:
    Das sollt ihr ben! Fr diese Nsse des Wassers fordere ich die Nsse
eures Blutes!
    Natrlich, natrlich! Vollstndig einverstanden! lachte Halef.
    Hhne nur jetzt! Nach unserm Siege wird dir der Hohn vergehen! Meine
sausenden Speere werden euch zum Geheul des Jammers zwingen!
    Natrlich, des Jammers, natrlich!
    Als hierauf das Gelchter der Haddedihn wieder erscholl, zog er es vor, zu
schweigen und zu verschwinden.
    Hanneh kam besorgt herbei und freute sich herzlich, als sie sah, da der
Messerstich kein Blut gekostet habe und mit Hilfe von Nadel und Zwirn zu heilen
sei.
    Wir wuten nun zwar, welche Art von Kampf uns erwartete, aber leider das
Ntigste nicht: welche Waffe auf jeden von den Dreien fallen werde. Es klang
eigentlich rhrend, als Halef, der doch so geschickt, gebt und vielerfahren
war, in bescheidener Weise zu mir sagte:
    Es wre freilich viel, viel besser, Effendi, wenn wir in dieser Beziehung
nicht im Unklaren wren. Wir knnten mit dir darber sprechen, und ich wei,
wenn die Rede auf solche Dinge kommt, so kann man immer noch von dir lernen.
    Schwerlich, lieber Halef! Denn was ich kann und wei, das ist dir alles
schon bekannt.
    Noch lange nicht! Weit du, Sihdi, bei dir ist es nmlich so: Whrend du
ber den Gebrauch dieser oder jener Waffe sprichst, fallen dir immer noch mehr
und noch weitere Erlebnisse ein, bei denen du dich dieser Waffen bedient hast.
Da ist jeder Fall anders, jede Anwendung und jeder Erfolg anders! Da werden
Messer, Flinte und Pistole lebendig; da fhlen sie; da denken und berechnen sie;
da sprechen sie frmlich mit!
    Wie deine Peitsche! warf ich scherzend ein.
    Lache nicht ber sie! Sie ist eine vornehme Haremsdame, die ihre guten
Seiten, aber auch ihre Mucken hat. Wir reden jetzt nicht von ihr. Fllt dir
nichts ein? Kein guter Rat? Keine ntzliche Verhaltungsmaregel, die wir
befolgen knnten?
    Ihr wit ja alles schon! Aber auf Eins will ich euch doch aufmerksam
machen: Richtet eure Augen ja nur auf den Gegner; alles andere schadet, weil es
zerstreut. Bei den Zuschauern kann geschehen, was nur immer will, es geht euch
nichts an! Oft ist ein fester, unbeirrter Blick schon der halbe Sieg; ich habe
das erlebt! Fr das Gewehr habe ich keine Bemerkung, fr die drei Dscheride aber
doch. Ich wrde es folgendermaen machen: Ich liee den Gegner seine Speere erst
verschieen, weil ich da nur auf ihn und nicht auch auf mich aufzupassen htte.
Bei dieser ungeteilten Aufmerksamkeit ist es kinderleicht, seinen Wrfen
auszuweichen. Hat er dann keinen mehr und hat mich auch nicht getroffen, so wei
er sich machtlos und mich als ihm ber. Das giebt ihm ein Gefhl der
Unsicherheit, welches mir Vorteil bringt.
    Aber er macht es dann auch wie du: Er braucht nur auf dich aufzupassen und
weicht also deinem Speerwurfe leicht aus!
    Diese Sicherheit nehme ich ihm, indem ich eine Zeit lang die Bewegung des
Werfens mache, aber doch nicht werfe. Das erscheint ihm lcherlich, und er pat
weniger auf. Wenn ich merke, da er bei diesen Finten ruhig stehen bleibt und
nicht einmal mehr zuckt, dann werfe ich wirklich, und zwar die drei Speere
schnell hintereinander.
    Maschallah! Alle drei? Warum das?
    Er wird glauben, da ich nur einen werfe und darum seine ganze
Aufmerksamkeit nur auf diesen und nicht mehr auf mich richten. Whrend er den
Bogenflug des Speeres verfolgt und aufwrts blickt, sieht er wahrscheinlich gar
nicht, da ich wieder werfe. Dieser zweite Speer wird ihn treffen, und wenn ja
nicht, so doch ganz gewi der dritte. Es ist dazu freilich notwendig, da man
erstens ein guter Dscheridwerfer ist und zweitens ein scharfes und gebtes Auge
dafr hat, nach welcher Seite der Gegner ausweichen will; denn nach dieser Seite
hat man den zweiten Wurf zu richten.
    Ich danke dir, Sihdi! Das ist eine Lehre, die ich in Uebung nehmen werde!
Ich wollte, das Los drckte mir die Speere in die Hnde; ich wrde es genau so
machen, wie du uns jetzt geraten hast! Und wie wrdest du dich bei dem
Ringkampfe verhalten?
    Das kme auf den Gegner und auf die Art und Weise an, in der er vorgenommen
werden soll, und da ich beides nicht kenne, ist es mir als unmglich, einen Plan
zu haben. Es giebt Ringkmpfe verschiedenster Art. Es handelt sich hier
jedenfalls um den bei den Beduinen der arabischen Wste ganz gewhnlichen, da
man den Gegner ohne Befolgung irgend einer Vorschrift so niederzubringen sucht,
da der Besiegte den Boden mit dem ganzen Krper, also nicht nur mit einem
Teile, nur Hnden und Knien, berhrt.
    Da wollte ich, da dies mir zufiele! wnschte Omar Ben Sadek. Mir sollte
der strkste Ben Khalid gar nicht lange aufrecht stehen bleiben!
    Omar war, wenn man ihn so wie jetzt stehen sah, scheinbar allerdings nicht
geeignet, einem Gegner groe Besorgnis einzuflen; er besa weder eine hohe,
noch eine ungewhnlich breite Gestalt; aber wer ihn unbekleidet gesehen hatte
und vielleicht gar wute, wie oft schon er seinen Mann gestellt hatte, der
traute ihm gewi mehr zu, als ihm anzusehen war. Grad im Ringen schienen seine
Muskeln von Eisen und seine Sehnen und Nerven von Stahl zu sein. Wenn er sich
mit auseinandergespreizten Beinen hinstellte, die Fuste ballte und die Ellbogen
fest an den Krper legte, hatten mehrere Mnner sich anzustrengen, wenn sie ihn
von der Stelle, auf welcher er stand, fortbringen wollten. Seine Beine glichen
dann Sulen, die nicht ins Wanken zu bringen sind. Und diese Zhigkeit besa,
ich mchte sagen, jedes einzelne Glied von ihm nicht nur im Zusammenwirken,
sondern auch fr sich besonders.
    Ja, um dich htte ich da keine Sorge, stimmte Halef bei. Dich bringt
keiner nieder. Und deinen Griff zum langsamen Hinlegen dessen, den du gepackt
hast, macht dir sogar keiner von unseren Haddedihn nach!
    Das ist nicht mein Griff, denn ich habe ihn ja von unserm Effendi gelernt.
Er ist sehr leicht; aber die Finger, die drfen freilich, wenn sie sich einmal
eingebohrt haben, keinen Augenblick nachgeben; das ist die ganze Kunst. Wenn
dieses Los mir zufiele, knntet ihr unbesorgt um unsere Ehre sein. Aber, Sihdi,
wie hltst du es damit, da der Kampf auf Tod oder Leben gehen soll? Die Beni
Khalid werden uns freilich nicht im geringsten schonen. Meinst du, da wir
ebenso streng mit ihnen verfahren?
    Eigentlich ist diese Frage berflssig, antwortete ich, denn meine
Ansichten in dieser Beziehung sind euch ja bekannt. Wenn ich einen Feind
unschdlich machen kann, ohne ihm das Leben zu nehmen, so lasse ich es ihm. Das
gebietet mir schon die einfachste Menschlichkeit, von meinem christlichen
Glauben gar nicht zu sprechen. Freilich drfen wir diese Rcksicht nicht so weit
treiben, da der Sieg in Frage gestellt wird. Es ist gesagt worden, da
wenigstens Blut flieen soll; das knnen wir nicht ndern; aber notwendig ist es
doch nicht, da die Verletzungen tdlich sind. Wenn die drei Beni Khalid nur
verwundet werden, sind sie fr uns ebenso unschdlich geworden, als ob sie nicht
mehr lebten; die Hauptsache ist, da sie sich nicht vom Boden erheben knnen.
    Es ist aber doch bestimmt, da der Besiegte glatt an der Erde liegen soll!
warf Halef ein.
    Das bietet keine besondere Schwierigkeit, denn wer zum Beispiel von einer
Kugel so getroffen wurde, da er in die Kniee zusammenbricht, bei dem erfordert
es ja nur noch einen Sto der Hand, um ihn vollends hinzulegen. Ich wrde also
nach seinem Knie, nicht nach dem Kopfe oder Herzen zielen. Treffe ich gut, so
ist er fr das ganze Leben untauglich gemacht, und das ist fr einen Beduinen
schlimmer als der Tod, weil er daheim bei den Schwachen, den Greisen, Frauen und
Kindern hocken mu.
    So wollte ich, der Kampf mit der Flinte wre fr mich bestimmt! sagte
Kara, welcher als Mitkmpfer das Recht fhlte, aus der stets von ihm gebten,
bescheidenen Zurckhaltung herauszutreten. Hadschi Halef, mein Vater, wird dir
besttigen, Effendi, da ein Fehlschu jetzt bei mir etwas hchst Seltenes ist.
Doch schaut! Was will der Blinde? Er kommt grad auf uns zu!
    Der Mnedschi hatte bei den Mekkanern gesessen. Jetzt war er mit einer
raschen Bewegung, als ob er unter einem pltzlichen Entschlusse handle,
aufgestanden und kam mit groen, sichern Schritten, als ob er ganz gut sehen
knne, auf die Stelle zu, an welcher wir standen. Er hielt die Linie so genau
und so gerade ein, da wir auseinander treten muten, um den Zusammensto mit
ihm zu verhten.
    Effendi, komm mit mir! Du allein! forderte er er mich auf, indem er, ohne
anzuhalten, zwischen uns hindurchging.
    Das war nicht nur sonderbar, sondern erstaunlich! Woher wute er, wo wir
standen, und da ich mit dabei war? Hatten die Mekkaner es ihm gesagt? Aber auch
in diesem Falle wre die von ihm gezeigte Sicherheit nicht zu erklren gewesen!
Und er hatte nicht mit seiner, sondern mit Ben Nurs Stimme gesprochen. Sein
Gesicht zeigte das Aussehen der Leblosigkeit, der Todesstarre, und als er
sprach, hatte er die Lippen kaum bewegt. Er schritt ganz in derselben Weise
weiter, grad auf den Felsen Ben Nurs zu, und ich folgte ihm. Wollte er wieder
hinauf? Es konnte gar kein Zweifel darber sein, da er geistes- oder, wenn dies
bezeichnender sein sollte, seelisch abwesend war, jetzt, am hellen, lichten
Tage! War das auch Somnambulismus?
    Noch ehe er den Felsen erreicht hatte, blieb er stehen, drehte sich nach mir
um und sagte, wieder nicht mit seiner eigenen Stimme:
    Effendi, ich liebe dich! Ich liebe alle Wesen Gottes und also auch alle
Menschen, doch, sehe ich ein dem Gesetze der Liebe so freiwillig geffnetes
Herz, so neigt es mich ihm mit besonderer Liebe zu. Die Worte der Gte, welche
du jetzt sprachst, ich habe sie gehrt. Du willst das Leben eurer Feinde schonen
und achtest also die ihnen gegebene Vorbereitungszeit; das wird dir fr das
Jenseits eingetragen und schon auch hier vergolten, denn ihr werdet Sieger sein.
Doch warne ich dich vor dir selbst und vor El Aschdar135, der das Verderben der
Menschen will und auch das deinige. Vor dir selbst, denn du bedrohst dich als
dein eigener Feind.
    Er nahm meine Hand in seine Linke, strich mit der Rechten leise, zrtlich
darber hin und fuhr fort:
    Sei ja nie stolz auf deine Liebe! Der Himmel hat sie dir geliehen; sie ist
also nicht dein sondern sein Eigentum, welches du ihm, nachdem du sie hier
wirken lieest, mit Zins und Zinseszins zurckzugeben hast. Sie ist das hchste,
grte Gut des Lebens, und darum hat der, welcher sie empfing, viel mehr
Verantwortung zu tragen und viel strengere Rechenschaft abzulegen als jene
Seelen, denen weniger anvertraut worden ist. Denk nicht, du seist ein besserer
Mensch als sie! Vom armen Steppenstrauch wird nur bescheidenes Grnen, vom Baume
an dem Wasser aber Frucht gefordert werden. Bilde dir also nichts auf die
Frchte deiner Liebe ein! Deine Pflicht ist's, sie zu bringen, und wenn du sie
bringst, so hast du nichts als eben nur deine Pflicht gethan und darfst nicht
meinen, Anspruch auf besonderen Lohn zu haben. Dies ist der Grund, da ich dich
vor dir selbst zu warnen habe. Gehorche mir! Dein Schutzgeist steht bei dir. Du
siehst ihn nicht; mich aber bat er, dir zu sagen, was du jetzt vernommen hast.
Er leitet dieses Blinden Hand, deren Berhrung eine Liebkosung von ihm ist fr
dich, dem er den rechten Weg zu zeigen hat.
    Hierauf lie er meine Hand los und sprach weiter:
    Und vor El Aschdar warne ich dich auch. Du hast mit ihm gekmpft, solange
du lebst; er hat dich oft zum Fall gebracht, doch standest du immer wieder auf,
gehoben von deinem eigenen Willen und gehalten von der unsichtbaren Hand, die
dich beschtzt. Diese Hand ist ohne diesen deinen Willen schwach; mit ihm
vereint aber wird sie riesenstark. Darum leiste auf dein Wollen nie Verzicht; es
wird im Schutz des Himmels zum Vollbringen! Dein Wille, der nach der Vereinigung
mit Gottes Willen strebt, gewinnt durch diese Vereinigung eine Macht, welcher
das Bse zwar widerstreben kann, doch endlich unterliegt. El Aschdar ist ein
unermdlicher und starker Feind, der immerwhrend auf der Lauer liegt. Auch dich
hat er nicht etwa freigegeben; er wartet nur, und kommt der Augenblick, an dem
du eine Schwche deiner Seele zeigst, so schlgt er seine Krallen pltzlich ein,
und dann beginnt der schwere Kampf mit seiner Macht von neuem. Ich seh' ihn
lauern hier an deinem Wege; schon speit er seinen Geifer dir entgegen; es kommt
mit ihm bald zum Zusammenprall; drum sei darauf bedacht, da du dich seiner
wehrst!
    Als er jetzt fr einen Augenblick innehielt, schwebte mir eine Erkundigung
auf der Zunge. Als ob er diesen meinen Gedanken lesen knne, sagte er:
    Wer dieser Drache ist, das mchtest du gern wissen?
    Ja, antwortete ich.
    Der Abfall ist's von Gott. Nicht nur der uere Uebertritt von einem
Glaubenspfad zum andern ist gemeint; El Aschdar ist das Renegatentum vom Reiche,
dessen Brger du jetzt bist, nach dem Gebiete der Lieblosigkeit. Hab acht, da
du den ersten Schritt nicht thust! Ihm folgt der andre nach, und ehe du es
merkst, da du den Pfad verlassen hast, bist du schon fern von ihm. Ich warne
dich nicht nur in diesem Augenblick. Zwar werde ich dich heut verlassen mssen,
doch fhrt mein Weg mich wieder zu dem deinen. Ich wurde jetzt gebeten, dir zu
sagen, da du dem Drachen grad entgegengehst. Es ist ein Kampf mit ihm nicht zu
vermeiden, und darum soll ich dir ein Zeichen geben, wenn er die Tatzen hebt, um
dich zu fassen. Du wirst mich im Momente der Gefahr das Wort El Aschdar dreimal
rufen hren. Sobald du es vernimmst, weich schnell zurck vor dem Entschlu, den
du vollbringen willst; er wrde dich ins unvermeidliche Verderben fhren!
    Er hatte die Hand erhoben und so dringend gesprochen, als ob es sich
wirklich um eine Gefahr fr mich handle. Nun lie er die Hand wieder sinken und
sprach mit weniger lauter Stimme:
    Der schwache Krper, welcher vor dir steht, ist durch Verfhrung dir zum
Feind geworden; ich bitte dich, entzieh ihm dennoch nicht die Liebe, deren er so
sehr bedarf, dahin zu kommen, wo er landen soll! Zusammen hab ich dich mit ihm
gefhrt, zum Heile ihm und dir zur schnen Uebung. Verzeih' ihm, was er nur im
Irrtum thut, und bleib ihm Freund trotz seines Widerstrebens! Ich wei im
heiligen Mekka ein Gemach, in dem drei Decken des Gebetes liegen; von roter
Farbe zwei, die sind es nicht; der Grund der mittleren ist blau gefrbt,
gestickt mit goldnen Sprchen des Kurans; das ist die richtige; dort findest du
das Ziel schon deiner jetzigen Gedanken und auch zugleich den Schlssel fr die
That, die ihm den Glauben bringt und euch die Rettung. - Nun hab ich dir das
Ntige gesagt. Geh' also hin, wo man dich schon erwartet! Halt' fest an dem, was
dir gegeben ist, und bleib ein guter Mensch! Leb wohl, doch nicht fr immer!
    Nach diesen Abschiedsworten verlie der Mnedschi die Stelle, an welcher er
stand. Er schritt an mir vorber und ging zurck, geraden Weges wieder auf den
Brunnen zu. Ich hatte mit dem Rcken nach dieser Gegend gestanden. Als ich mich
umdrehte, sah ich die Beni Khalid kommen, im Westen des Brunnenfelsens, also so,
wie es dem Boten gesagt worden war. Meine Anwesenheit war also dort geboten.
Hatte das der Blinde gemeint, als er sagte, ich solle dahin gehen, wo man mich
schon erwarte? Sonderbar! Ich ging also, ohne Zeit zu haben, ber das
nachzudenken, was mir gesagt worden war. Freilich wollte sich mir ganz besonders
das einprgen, was ich ber das Gemach in Mekka gehrt hatte. Das war ja wie
eine Prophezeiung gewesen! Drei Decken oder Teppiche des Gebetes, der mittlere
blau mit goldgestickten Kuransprchen! Dieser mittlere sollte es sein. Was denn?
Meine Gedanken seien schon jetzt auf dieses Ziel gerichtet! Ich hatte allerdings
schon wiederholt im stillen die Idee gehabt, da El Ghani, welcher den Blinden
so auszuntzen wute, auch schuld an den groen Verlusten sei, ber welche der
Mnedschi geklagt hatte. War etwa das gemeint? Und Rettung sollten wir durch
diesen Teppich finden? Rettung kann sich nur auf eine Gefahr, eine Not, eine
Bedrngnis, berhaupt auf etwas nicht Wnschenswertes beziehen. Erwartete uns
dort so etwas? Denkbar war dies allerdings, zumal nach dem Zusammentreffen mit
El Ghani und seinen Leuten! und El Aschdar, der Drache! Er laure schon auf mich,
und der Zusammensto mit ihm sei unvermeidlich!
    Ich mute dieses Sinnieren aufgeben, weil mich jetzt die Wirklichkeit mit
ihren Anforderungen mehr als zur Genge in Anspruch nahm.
    Die Beni Khalid kamen nicht gegangen, sondern geritten; sie brachten ihre
Kamele und die ganze Bagage mit. Daraus war zu schlieen, da sie sich des
Sieges bewut waren und dann gleich den Platz des Brunnens besetzen wollen.
Einstweilen lieen sie ihre Tiere drauen jenseits des Felsens lagern und kamen
dann herbei, um sich so aufzustellen, wie der Bote es ihnen sagte. Wenigstens
sah ich, da er sie nach der Westseite des von uns gezogenen Kreises fhrte und
sprechend und rufend dort hin und her ging. Es schien uns also gelingen zu
sollen, die Sonne hinter uns zu haben. Ihr Scheik war in stolzer Zurckhaltung
einstweilen noch bei den Kamelen geblieben. Unsere Haddedihn ordneten sich auch
bereits hben auf unserer Seite. Sie hatten eine Decke ausgebreitet, auf welcher
Hanneh sa, um dem Kampfe zuzuschauen. So befand sich also am Brunnen jetzt
niemand, denn auch die Mekkaner waren fort. Halef hatte ihnen whrend meiner
Abwesenheit gesagt, da sie thun knnten, was ihnen beliebe, und so sah ich sie
jetzt nach der Rckkehr des Mnedschi mit ihm hinber zu den Beni Khalid ziehen.
Sie hatten ihre Tiere mit. Der Schatz, um den es sich handelte, befand sich
selbstverstndlich in unserer Verwahrung.
    Ich holte vor allen Dingen meinen fnfundzwanzigschssigen Stutzen. Als
Halef mich mit diesem Gewehre kommen sah, dem wir schon manche Rettung aus
verwickelter Lage verdankten, sagte er:
    Recht so, Sihdi! Der Huptling ist zwar sehr eiferschtig auf seinen Ruf,
da er sein Wort nie breche, aber man kann diesen Beni Khalid doch nicht trauen.
Wenn sie nicht Sieger werden, kann die Aufregung sie leicht zu
Gewaltthtigkeiten fhren, welche er nicht zu verhindern vermag. Da ist dein
Stutzen das beste Mittel, sie in Schach zu halten. Dein Platz ist hier neben
Hanneh. Khutab Agha wird an ihrer andern Seite sitzen.
    Bei uns hier hben herrschte Ruhe, bei den Beni Khalid aber eine ungemeine
Beweglichkeit und Aufregung; es dauerte lange, ehe sie sich gelegt hatte.
Endlich hatten sie sich in einem groen Kreisbogen niedergesetzt, in dem es, der
fliegenden Kugeln und Speere wegen, eine Lcke gab, damit kein Nichtkmpfer
verletzt werden knne. Nur drei saen nicht. Sie gingen mit stolzen Schritten
und herausfordernden Gesten hin und her. Das waren unsere Gegner; der Wassermann
befand sich bei ihnen.
    Nun kam endlich auch Tawil Ben Schahid. Er betrat den Kreis und ging langsam
und wrdevoll nach der Mitte desselben. Seine drei Helden folgten ihm. Er
erwartete, da wir zu ihm kommen wrden, und wir thaten es. In seinem von den
gestrigen Hieben geschwollenen und gefrbten Gesichte war nichts als Ha zu
lesen, aber hinter uerlicher Ruhe versteckt.
    Es ist verboten, beleidigend zu sprechen, sagte er. Darum werden wir so
wenig wie mglich reden und euch lieber unsere Thaten zeigen!
    Es schien uns imponieren zu wollen und eine Antwort zu erwarten. Als wir
nichts sagten, fragte er:
    Ihr kennt die Bedingungen?
    Ja, antwortete Halef kurz.
    Es wird nicht geschont. Tot wollen wir euch sehen oder doch wenigstens so
schwer verwundet, da ihr euch nicht vom Boden erheben knnt und nachtrglich
elend zu Grunde gehen mtet, wenn wir euch nicht sogleich vollends tteten!
    Du sprichst nur davon, was ihr thun werdet. Ich sage nur, da wir euch
schonen werden. Wir trachten nicht nach Mord und Blut.
    Das kannst du wohl sagen, weil ihr gar nicht dazu kommen werdet, Schonung
an uns zu ben! Wir wollen losen. Wo sind eure Kmpfer?
    Hier wir drei.
    Dieser Knabe auch?
    Ja.
    Ihr seid verloren! Allah hat euch schon bei der Wahl den Verstand so
verfinstert, da eure drei schwchsten Personen ausgesucht worden sind! Die Lose
habe ich hier; es sind drei Hlzchen; das lngste ist die Flinte, das krzeste
das Ringen und das dritte der Dscherid. Zieht.
    Er hielt ihm die Hand hin, aus welcher die Enden der Lose hervorragten. Als
sie gezogen hatten, sah mich Halef frhlich lchelnd an, doch ohne ein Wort zu
sagen. Unsere Wnsche waren erfllt, denn auf ihn fiel der Speer, auf Kara das
Gewehr und auf Omar der Ringkampf.
    Der Scheik hatte das Lcheln doch bemerkt. Er sagte:
    La deine Frhlichkeit; du solltest lieber weinen, denn ihr habt die Lose
des unvermeidlichen Todes gezogen. Ich werde den Kampf selbst berwachen. Erst
wird geschossen, dann der Dscherid geworfen und zuletzt gerungen. Wir beginnen
gleich, denn wir haben keine Lust, zu warten; in einer Viertelstunde seid ihr
alle drei ber die Brcke des Todes gegangen! Dann aber erwarte ich, da ich den
Kanz el A'da bekomme! Was versprochen und gar noch mit einem Schwur bekrftigt
worden ist, das mu gehalten werden. Versprecht es mir nochmals!
    Wir halten unser Wort, erklrte Halef. Und du?
    Ich auch. Der Sieg ist uns zwar gewi, aber fr den Fall, da er uns nicht
wird, habe ich versprochen, diese Gegend mit meinen Kriegern sofort zu verlassen
und fr den heutigen Tag Frieden zu halten. Das wrde ich thun, denn Tawil Ben
Schahid, der berhmte Scheik der Beni Khalid, hat noch nie sein Wort gebrochen,
und so wre ihm auch der heutige Schwur heilig. Jetzt werde ich sechzig Schritte
abmessen.
    Und die Kugeln vorzeigen! erinnerte Halef.
    Das thue ich nicht. Ich gebe euch mein Wort, da nur mit Kugeln geschossen
wird, und das mu euch gengen. Wir wollen nicht verwunden, sondern tten; da
kann es uns gar nicht einfallen, Schrot zu nehmen.
    Das war uns auch recht, denn wie htten wir ihm beweisen wollen, da Karas
Patronen keinen Schrot enthielten?
    Die Entfernung wurde abgeschritten, und die beiden Schtzen stellten sich
auf. Wir hatten auf unserer Linie hinter Kara auch einen freien Raum gelassen,
um von den ihr Ziel verfehlenden Kugeln nicht getroffen zu werden. Der
betreffende Ben Khalid schwang sein Gewehr und warf, wie das bei den Beduinen so
gebruchlich ist, seinem Gegner eine Menge Ausrufe zu, welche sich auf seine
angebliche unbertreffliche Fertigkeit im Schieen bezogen. Beleidigend aber
wurde er nicht. Man schien also entschlossen zu sein, die gestellten Bedingungen
auch in dieser Beziehung einzuhalten. Kara sagte nichts.
    Nun setzte ich mich mit dem Perser zu Hanneh. Sie schaute unbesorgt und
munter drein und sagte:
    Sihdi, es giebt in mir, vielleicht auch in jedem andern Mutterherzen, eine
Stimme, welche mich zu warnen pflegt, wenn meinem Sohn Kara etwas Unerwnschtes
begegnen soll. Ich habe dann eine ungewisse Angst in mir, welche mir die Ruhe
raubt, bis das Ereignis vorber ist. Da ich diese Stimme jetzt nicht vernehme,
so bin ich berzeugt, da Kara sich auer aller Gefahr befindet. Darum bin ich
heiter und lasse Allah walten!
    Jetzt gab Tawil Ben Khalid das Zeichen, da das Schieen begonnen werden
knne. Wann und in welcher Reihenfolge dies zu geschehen habe, darber war
nichts gesagt worden. Es konnte sich jeder der beiden Duellanten verhalten, wie
ihm gutdnkte.
    Der Ben Khalid hielt seinen Krper in einer herausfordernden Stellung, als
ob er erwarte, da zunchst auf ihn geschossen werde. Dies geschah aber nicht.
Da wurde ihm die Zeit zu lang, er legte sein Gewehr an und zielte. Ich richtete
nun meine Augen auf Kara, ob ein Zucken seines Krpers uns sagen werde, da er
getroffen worden sei. Der Schu krachte. Kara stand still und machte erst nach
kurzer Zeit, sich zu uns umdrehend, eine Handbewegung der Geringschtzung fr
die Gegner und der Beruhigung fr uns. Die Kugel war vorbergegangen. Halef,
welcher mit Omar Ben Sadek neben uns stand, sagte, indem er in vterlichem
Stolze glcklich lchelte:
    Seht ihr ihn stehen? Wie eine Mauer! Er hat nicht mit einem Finger gezuckt,
als der Schu fiel! Wenn das der beste Schtze ist, den die Beni Khalid haben,
so drfen sie sich vor uns nicht sehen lassen.
    Ob unser Sohn ihm wohl den Schu zurckgeben wird? fragte Hanneh gespannt.
    Ich glaube es nicht, denn er hat das Gewehr an den Fu genommen und rhrt
sich nicht. Allah, Allah! Ich danke dir! Wie getrost und stolz er dasteht! Es
ist eine Wonne, ihn zu sehen! Du siehst hier, Effendi, die Erfolge deiner und
meiner Lehren. Wie freue ich mich ber ihn! Er zeigt, da er einem Stamm
angehre, dessen Kriegern eine pfeifende Kugel ist wie nichts. Er macht uns
Ehre, wirklich Ehre! Schaut doch dagegen den andern an!
    Ich konnte die Gefhle meines Halef und seiner Hanneh gar wohl begreifen;
war es doch jetzt das erste Mal, da ihr Liebling sich im offenen Zweikampfe zu
bewhren hatte! Wenn man das lebhafte Temperament des Beduinen in Rechnung
zieht, so war die kalte Ruhe, welche der Jngling zeigte, sehr anzuerkennen. Ein
anderer htte lebhaft gejubelt und seine Freude ber die Vergeblichkeit des
Schusses in lrmender Weise geuert.
    Diese Ruhe und Stille herrschte berhaupt auf unserer ganzen Seite. Nicht so
bei den Beni Khalid, welche in ein zorniges Geschrei der Enttuschung
ausgebrochen waren. Viele von ihnen waren aufgesprungen und zeigten durch ihre
lebhaften Gestikulationen, wie erregt sie waren. Das mute doch dem Schtzen die
fr ihn so notwendige Kaltbltigkeit und Fassung rauben. Der Scheik rief ihm
laut schallende Vorwrfe zu, die er mit rgerlichen Entgegnungen beantwortete,
indem er wieder lud.
    Als er das gethan hatte und also wieder schufertig war, trat drben wieder
Stille ein. Er forderte Kara auf, ihm nun auch eine Kugel zuzusenden; dieser
antwortete nicht und blieb so unbeweglich stehen, als ob er auf seiner Stelle
festgewachsen sei. So verging eine lngere Zeit. Da rief der Scheik dem
Vertreter der Ehre seines Stammes zu:
    Dieser Knabe der Haddedihn getraut sich gar nicht, zu schieen; er hat es
gar nicht gelernt! Wir haben keine Zeit! Schie du, schie wieder! Aber mach es
besser als vorhin, sonst wirst du heimgeschickt zu den kleinen Knaben, die noch
nichts gelernt haben!
    Er sagte sich nicht, da er durch solche Drohungen den Mann aufregen msse.
Dieser antwortete mit einem unwilligen Ausrufe und ri sein Gewehr wieder empor.
Er zielte dieses Mal lnger als vorher; dann knallte der Schu - - - Kara machte
ganz dieselbe Bewegung der Hand; er war wieder nicht getroffen worden. Nun erhob
sich drben ein greres Geschrei als vorher. Da drehte sich der unglckliche
Schtze nach seinen Leuten um und rief ihnen so laut zu, da wir es hren
konnten:
    Haltet die Muler! Wer soll da ruhig zielen und schieen knnen, wenn euer
Gebrll die Arme zittern macht! Ich schwre bei Allah, da die dritte Kugel
nicht vorbergehen wird! Jetzt gilt's, und darum mu und wird sie treffen!
    Er lud sehr sorgfltig und legte das Gewehr dann sogleich wieder an, ohne zu
warten, ob Kara nun vielleicht schieen werde. Er zielte diesmal viel, viel
lnger als vorher, so lange, da die Anlage unruhig werden mute.
    Er trifft wieder nicht! sagte Hanneh.
    Der Mensch ist kein Schtze! nickte Halef vergngt. Er mte wieder
absetzen, um den Arm ausruhen zu lassen! Doch nein, da - - - da - - -!
    Der Schu war gefallen, und auch diese dritte Kugel hatte ihr Ziel verfehlt.
    Hamdulillah! rief Halef aus. Hanneh, du lieblichster Abglanz meiner
Seele, siehst du ihn stehen, unsern Herzenssohn? Ungetroffen, unverletzt und
ruhig, als ob er nur Luft vor sich gehabt habe, nicht aber den besten Schtzen
des Stammes der Beni Khalid und nicht ein auf sich gerichtetes Gewehr, aus
dessen Lauf der Tod ihn treffen sollte! Ich bin stolz auf ihn, sehr stolz! Du
doch auch?
    Ja; er ist dein Ebenbild! antwortete sie.
    Ich danke dir! In Beziehung auf die Tapferkeit ist berhaupt jeder Krieger
der Haddedihn mein Ebenbild, und Kara ist ein Haddedihn; da braucht man sich gar
nicht zu wundern!
    Auf der uns gegenberliegenden Seite gab es andere Worte als hier bei uns;
da herrschte ein Tumult, der gar kein Ende nehmen wollte. Kara hatte uns auch
jetzt die schon zweimal erwhnte, verchtliche Handbewegung zugeworfen; nun
schob er den einen Fu von dem andern ab, und sttzte sich auf sein Gewehr, um
zu warten, bis bei den Beni Khalid wieder Ruhe eingetreten sei.
    Effendi, fragte mich Halef, siehst du ihm nicht auch ganz deutlich an,
da gleich seine erste Kugel grad da sitzen wird, wo er will?
    Er wird keinen Fehlschu thun, antwortete ich.
    Er hat sich das zu Herzen genommen, was du in Beziehung auf den Speerkampf
sagtest, nmlich, da du warten wrdest, bis der Gegner keine Lanze mehr habe.
So hat auch er seine Kugeln aufgehoben, und ich bin bereit, zu wetten, da er
nur die erste braucht. Wettest du mit?
    Nein.
    Aber so thue es doch!
    Nein. Du weit ja, da ich niemals wette.
    Allerdings; aber jetzt solltest du doch gegen mich setzen!
    Wie kann ich das, da ich doch ganz derselben Ansicht bin wie du?
    Ja, richtig! Also wetten wir nicht! Pat auf, ihr Leute! Er hat uns gesagt,
da er nun zeigen will, was er, den man einen Knaben nannte, gelernt hat.
    Kara hatte sich umgedreht und uns zugenickt. Drben war es endlich wieder
still geworden. Der Beni Khalid stand auf seinem Platze, und es war ihm
anzumerken, da er sich da doch nicht ganz behaglich fhle. Doch machte er mit
dem Arme eine auffordernde Geste durch die Luft und rief:
    So schie doch nur! Getraust du dich denn gar nicht, ein Gewehr in die Hhe
zu nehmen? Dir zittern wohl alle Glieder vor Angst, den Knall des Pulvers zu
hren? Frchte dich nicht, mein Knabe! Deine Kugel gilt ja nicht dir, sondern
mir, und die Luft da um mich her hat Platz genug fr sie!
    Da sagte Kara sein erstes Wort, und zwar in so gelassener Weise, da wir uns
alle darber freuen muten:
    Diese Luft hat keinen Raum fr sie, denn die Stelle, wo meine erste Kugel
sitzen wird, liegt nicht in der Luft, sondern in deinem Krper. Ihr trachtet
nach unserm Leben, wir aber nicht nach dem eurigen. Ich werde dir also das
deinige schenken!
    Ich brauche nicht geschenkt zu nehmen, was mir berhaupt gehrt und nicht
von dir genommen werden kann. Prahle also nicht, sondern schie!
    Ich werde dir beweisen, da ich es dir nehmen knnte, wenn ich wollte. Ich
sage dir vorher, da ich dich in das Knie schieen werde. Ebenso gut aber wrde
ich dich in den Kopf oder in das Herz treffen!
    Schie, schie, sage ich! Ich warte mit Ungeduld darauf, um dich dann
auszulachen!
    Das war natrlich nur Redensart, denn da er Angst hatte, getroffen zu
werden, zeigte er dadurch, da er jetzt eine Stellung einnahm, welche zur Folge
hatte, da er seinem Gegner so wenig wie mglich Krperflche zum Zielen bot. Er
kehrte ihm nmlich nicht den Vorderkrper, sondern die Seite zu.
    Als ich das sah, mute ich an meinen dann so vielbesprochenen Schu denken,
mit welchem ich Tangua, dem Huptling der Kiowa-Indianer, beide Kniee
zerschmetterte136 und infolgedessen Mitglied des Apatschenstammes wurde. Tangua
hatte damals dieselbe Stellung gewhlt, um nicht getroffen zu werden, und sie
trotz meiner Warnung beibehalten; die Strafe war fr diese Unredlichkeit
gewesen, da ihm meine Kugel nicht blo durch eines, sondern durch beide Kniee
gegangen war. Genau denselben Schu konnte Kara jetzt auch thun, und ich traute
ihm allerdings zu, denselben Erfolg zu haben.
    Warum stellst du dich anders, als ich gestanden habe? fragte er.
    Ich thue, was ich will!
    Du frchtest dich!
    La dich nicht auslachen, unerfahrener Junge! Ich werde sogar selbst
zhlen! Also: Eins - - - - zwei - - -!
    Da nahm Kara sein Gewehr nicht langsam und bedchtig auf, um nach Beduinen-
oder berhaupt gewhnlicher Weise zu schieen, sondern er bediente sich der
schnellen Tempi der amerikanischen Westmnner, die er nach meiner Anleitung
eingebt hatte. Das Schieen auf diese Art scheint schwerer zu sein, ist es aber
nicht; es erfordert allerdings eine nur durch lange Ausdauer zu erreichende
Fertigkeit, bietet dafr aber eine um so grere Treffsicherheit. Er warf, als
der Ben Khalid Eins! sagte, das Gewehr empor, hatte es bei Zwei! im
Anschlage, und bei Drei! krachte, ganz genau nach dem hhnischen Kommando, der
Schu, so da das Wort gar nicht zu hren war. Fast in demselben Augenblicke
warf der Ben Khalid beide Arme hoch in die Luft, taumelte einmal hin und einmal
her und strzte dann zur Erde, von welcher er sich nicht mehr erheben konnte.
Kara hatte ihn wirklich durch beide Kniee getroffen; es war ein Meisterschu
gewesen! Fr einige Augenblicke war alles still; darum hrte man die lauten,
stolzen Worte des Siegers:
    Der unerfahrene Junge hat sein Wort gehalten. Es fliet das Blut; folglich
ist dieser Kampf zu Ende. Der Besiegte gehrt nun mir; aber ich schenke ihm die
zweite und die dritte Kugel und mit ihnen das Leben. Kara Ben Halef ist ein
Krieger, aber kein Mrder!
    Hierauf drehte er sich um und kam mit ernstem und doch freudestrahlendem
Gesicht auf uns zugegangen. Drben waren alle Beni Khalid aufgesprungen; sie
rannten zu dem Verwundeten. Diese hinderte von Stimmen vollfhrten einen wahren
Hllenlrm, um den wir uns aber nicht kmmerten. Halef drckte seinen Sohn an
das Herz und kte ihn wohl zehnmal auf die Wangen. Als er sich vor der Mutter
niederbeugte, legte diese ihm die Hand wie segnend auf das junge Haupt und sagte
in berquellender Zrtlichkeit:
    Ich wute, da du siegen und auch nicht verwundet wrdest. Mein Sohn, du
hast alle, alle unsere Hoffnungen so schn erfllt. Deine Eltern und der ganze
Stamm der Haddedihn sind stolz auf dich! Allah behte und beschirme deine Wege!
    Ich drckte ihm nur still die Hand und nickte ihm anerkennend zu. Da sah er
mir so ernst in die Augen und sagte:
    Sihdi, weit du, was ich dachte, als ich dort stand und auf seine erste
Kugel wartete?
    Nun? fragte ich.
    Ich hatte keine Sorge um mich, nicht die geringste; aber ich wute, da
nicht ich es war, der dort stand, sondern der ganze Stamm meiner lieben, lieben
Haddedihn. Und als ich dreimal nicht getroffen worden war und ihn in meine Hand
gegeben wute, da hatte ich die feste Ueberzeugung, da von meinen drei Kugeln
zwei berflssig seien, weil gleich die erste ihre Schuldigkeit thun werde. Mein
Schu hat diesen Beni Khalid die Frage entgegengekracht: Wenn bei den Haddedihn
schon die Knaben so sicher treffen, wie erst mssen da wohl die Mnner
schieen!
    Du bist von dieser Stunde kein Knabe mehr, mein braver Kara Ben Halef. Ich
will es jetzt sein, der auf den unerfahrenen Jungen die richtige Antwort giebt:
Du hast von jetzt an das Recht, an allen unsern Beratungen teilzunehmen. Ich
gebe es dir als dein Lehrer und als der treuste Freund des Stammes, der stets
bereit ist, sein Leben fr euch einzusetzen!
    Er trat in freudigem Schrecke einen Schritt zurck und fragte fast
stammelnd:
    Ist das wahr, Effendi, wirklich wahr?
    Ja. Und ich hoffe, da die Dschemmah, die Versammlung der Aeltesten, es
besttigen wird!
    Da ergriff er meine beiden Hnde, drckte sie an sein Herz und kte sie
dann. Sein Vater nahm sie ihm und sagte dann, die Augen voll schneller Thrnen,
zu mir:
    Natrlich wird die Dschemmah jedes deiner Worte besttigen, Sihdi! Du bist
nicht nur unser Freund, sondern du gehrst unserm Stamm und er gehrt dir! Du
bist der Herr und Besitzer aller unserer Herzen. Ich bin der Scheik, und doch
bist auch du unser Scheik, wenn auch in anderer Weise. Fr den Rang, den du bei
uns einnimmst, ist das rechte Wort noch nicht erfunden worden; aber du darfst
auch ohne dieses Wort sicher sein, da die Ehrenstelle, die es bezeichnen wrde,
dir fr die ganze Zeit des Lebens Anspruch auf unsern Gehorsam und auf unsere
Liebe giebt. Du hast diese Stunde zu einer Stunde der Freude, des grten
Stolzes fr mich gemacht. Ich werde von ihr noch sprechen und erzhlen, wenn mir
die Zunge des Alters zu andern Erzhlungen zu schwer geworden ist!
    Hanneh dankte mir auch, und zwar in echter Frauenweise:
    Ich bitte dich, Effendi, sag' deiner Emmeh, der Bewohnerin deines Zeltes,
von mir, da sie dich stets recht herzlich, recht wahr und innig lieben soll! Du
bist ein unerschpflicher Spender der Liebe; ihr Quell, der in dir liegt, kann
zwar nie versiegen, aber trotz seiner Flle soll er doch auch nehmen drfen und
empfangen, was er giebt. Sage ihr also das, und fg' hinzu, da Hanneh auch dich
liebt!
    Ja, vergi das nicht, und teile ihr mit, da ich das gern erlaube!
bekrftigte der kleine Hadschi. Nun wird der Kampf mit den Speeren gleich
beginnen. Ich sage euch: Ich htte meinen Mann auch schon so gestellt, aber das
Bewutsein, der Nachfolger meines siegreichen Sohnes zu sein, dem von unserm
Effendi die hchste Kriegerehre zu teil geworden ist, wird mir
Unberwindlichkeit verleihen. Ich fhle, da ich nicht in den Kampf gehe,
sondern nur zum Spiele, und ich werde es gewinnen, wie Kara es gewonnen hat!
    Diese freudige Zuversichtlichkeit war von nicht geringem Werte. Sie machte
auch auf den Perser einen wohlthtigen Eindruck; das ersah ich aus den Worten,
mit denen er sich an mich wendete:
    Du kannst gar nicht glauben, wie besorgt ich war! Es geht ja um das
Eigentum der heiligen Sttte, welches schon in meinen Hnden lag und wieder auf
die Spitze des Wagnisses gelegt worden ist. Jetzt aber bin ich fast wieder ganz
ruhig geworden. Wir haben zwar erst nur einen Sieg errungen und mssen
wenigstens zwei haben, doch wenn ich Halef so sehe und so sprechen hre, ist es
mir, als htte er seinen Gegner schon in den Sand gestreckt. Wie denkst du
darber?
    Ich wnsche dir blo, so ruhig zu sein, wie ich es bin. Halef ist ein
ausgezeichneter Dscheridwerfer. Er hat mir so oft Gelegenheit gegeben, ihn zu
bewundern, da mich sein Gegner, zumal wir ihn gesehen haben, gar nicht bange
machen kann.
    Aber denke an die Muskeln seines Armes!
    Die hat der Hadschi auch, und sie sind es ja nicht allein, worauf es
ankommt. Horch! Es soll losgehen!
    Es war dem Scheik Tawil Ben Schahid gelungen, die Ruhe wieder herzustellen;
er hatte den Schwerverwundeten hinter die Linie schaffen lassen und schritt nun
die Entfernung ab, welche zwischen den Speerwerfern zu liegen hatte. Der Vater
der Selbstverstndlichkeit stand auch schon bereit.
    Einen Wurfspeer hat jeder Haddedihn, auch wenn er mit dem Gewehre bewaffnet
ist, stets bei sich, und zwar meist zu Jagdzwecken. Gasellen zum Beispiele
werden meist nur mit dem Dscherid und nur hchst selten durch die Kugel erlegt.
Die Spitze dieser Speere besteht in einem scharf und lang zugespitzten Eisen,
der Schaft aus Palmenholz; Halef hatte sich die drei ihm handlichsten und dem
jetzigen Zwecke entsprechendsten ausgesucht. Den Hak trug er gar nicht; nun
warf er auch die Jacke ab, und als hierauf die nackten Arme zu sehen waren und
ich den Perser durch einen Wink auf sie aufmerksam machte, sagte er mir leise:
    Das ist allerdings beruhigend fr mich. Solche Muskeln htte ich diesem
kleinen Manne freilich nicht zugetraut!
    Und ich wiederhole, da es auf sie nicht allein ankommt. Sieh, wie er ber
seinen Gegner lchelt!
    Dieser sprang nmlich, Probewrfe machend, hin und her. Halef schenkte ihm
nur kurze Aufmerksamkeit und fllte dann sein Urteil ber ihn:
    Er wei nichts von der Dschewirma137, Effendi! Und indem er thut, als habe
er nur die Absicht, mich bange zu machen, indem er mir seine Geschicklichkeit
zeigt, will er seinen Arm fr die Entscheidung vorbereiten. Das habe ich nicht
ntig. Ich werde deinen Rat befolgen und ebenso wie Kara warten, bis er keinen
Speer mehr hat.
    Und dann die deinigen rasch nacheinander?
    Ja.
    So pa auf seine Fe auf! Aus ihrer Stellung und der Neigung seines
Krpers kannst du schlieen, wohin er ausweichen will; dorthin wirfst du die
beiden andern!
    Jetzt erscholl die Stimme des Scheikes, und Halef schritt langsam seinem
Platze zu. Ich warf unwillkrlich einen Blick auf Hanneh. Sie lchelte, und als
sie bemerkte, da ich sie ansah, nickte sie mir zu und sagte:
    Es ist mein Hadschi Halef!
    Sie ahnte wahrscheinlich gar nicht, welches Lob sie in solcher Krze
ausgesprochen hatte und welche Summe von Vertrauen in diesem einfachen
Ausspruche lag!
    Tawil Ben Schahid empfing unsern Scheik mit den Worten:
    Der Schejtan138 hat gewollt, da der erste Gang zu euern Gunsten
ausgefallen ist; er hat unserm besten Schtzen die Ruhe des Armes und die
Festigkeit des Blickes genommen; aber bildet euch ja nicht ein, da ihr gewinnen
werdet! Ich sehe die drei Lanzen schon in deinem Leibe!
    Was hast denn du hier herumzureden? fragte ihn Halef. Du hast dich vom
Kampfe ausgeschlossen, obwohl du als Scheik die erste Person desselben sein
solltest. Was wirfst du also mit Worten um dich herum? Du gehrst gar nicht
hierher!
    Da stie der Zurechtgewiesene einen zornigen Fluch aus, zog sich aber
zurck, ohne noch etwas zu sagen.
    Nun standen sich die beiden Hauptpersonen in einer Entfernung von
fnfundzwanzig Schritten gegenber. Der Ben Khalid hatte zwei seiner Speere vor
sich in den Sand gesteckt; den dritten hielt er in der Hand, fuhr mit ihm
demonstrierend durch die Luft und rief:
    Schau her! Hier steht der berhmteste Mann des Speeres, vor dessen Kraft
und Geschicklichkeit du dich verkriechen mut!
    Natrlich! antwortete Halef lachend.
    Du wirst jetzt erfahren, was es zu bedeuten hat, wenn jemand das Wagnis
unternimmt, sich mit mir messen zu wollen!
    Natrlich!
    Mein Dscherid wird dir mitten durch den Leib fahren!
    Natrlich!
    Erst jetzt, beim drittenmal, erkannte der Prahler die ironische Bedeutung
dieses Wortes. Er wurde darber zornig und schrie den Hadschi an:
    Du willst mich hhnen? Meine Antwort darauf wird deinen augenblicklichen
Tod bedeuten!
    Natrlich! lachte Halef nun zum viertenmal.
    Das, das soll dein letztes, dein allerletztes Lachen sein! Pa auf, er
kommt - - - er kommt!
    Whrend er das sagte, holte er aus und lie den Speer bei dem letzten Worte
fliegen. Die Waffe ging sehr nahe an Halef vorbei und fuhr hinter ihm mit ihrer
Spitze in den Sand. Dieser Mann war ein sehr beachtenswerter Gegner!
    Es hatte genau so ausgesehen, als ob der Dscherid den Hadschi treffen msse.
Der Wurf war gut gezielt, und so lie keiner der Beni Khalid ein Wort des Tadels
hren, vielmehr erklangen die aufmunternden Rufe:
    Das war gut, recht gut! Schnell noch einmal - - noch einmal, ehe er selbst
wirft!
    Der Mann folgte dieser Aufforderung. Er zog den zweiten Dscherid aus dem
Sande und wog ihn vor dem Wurfe weit lnger als den ersten in der Hand. Er
sauste zwei Hnde hoch ber Halefs Kopf hinweg in den Sand.
    Das war nicht schlechter als das erste Mal; aber nun wurde doch gezrnt,
denn die Siegessicherheit war von drei Dritteln auf eines, und zwar auf das
letzte gefallen!
    Es wurden dem Ben Khalid eine solche Menge von Ratschlgen zugerufen und so
krftige, moralische Rippenste versetzt, da er sich zornig umdrehte und
seinen Leuten zurief:
    Ich brauch euer Besserwissen nicht! Wenn ihr mehr knnt als ich, warum habt
ihr euch nicht gemeldet. Kommt her, und macht es anders! Ich lasse mich von - -
-
    Er wurde in seiner Rede durch einen scharfen Pfiff Halefs unterbrochen, dem
er sich jetzt wieder zuwendete.
    Was fllt dir ein, dich umzudrehen! tadelte ihn der Hadschi. Wenn ich das
benutzt und geworfen htte, wrst du jetzt eine Leiche!
    Warum hast du es denn nicht gethan?! hohnlachte der andere.
    Weil der Scheik der Haddedihn keinen Feind heimlich angreift. Diese meine
Ehrlichkeit hat dich gerettet!
    Bilde dir das nicht ein! Wer wei, wohin dein Speer geflogen wre! So nahe
wie ich dir, kommst du mir nicht!
    Natrlich!
    La deinen Spott! Bis jetzt habe ich nur probiert; nun aber werde ich dich
so gewi durchbohren, wie ich den Dscherid schon hier in der Hand halte!
    Natrlich!
    Es war klar, da Halef durch die immerwhrende Wiederholung dieses
lcherlich gewordenen Wortes seinen Feind in Aufregung setzen und dadurch
veranlassen wollte, auch noch den dritten Wurf zu thun. Diese Absicht erreichte
ihren Zweck, denn der Ben Khalid schrie jetzt wtend:
    Ja, natrlich, natrlich und zum drittenmal natrlich, ganz natrlich! Ich
werde dir beweisen, da es so ist!
    Er that, um mehr Wucht geben zu knnen, einige Schritte zurck, holte aus
und schleuderte, wieder vorwrtsspringend, den Speer mit solcher Kraft, da wir
sein summendes Zischen hrten. Dann stand er bewegungslos, um mit weit
vorgelegenem Oberkrper und stieren Augen den Flug der Waffe zu verfolgen, denn
sie mute, mute und mute treffen, weil sie die letzte war!
    Halef hatte zwei Speere in der linken und den dritten in der rechten Hand.
Er sah, da der Speer richtig gezielt war und ganz genau auf ihn zugeflogen kam;
es schien, als knne er sich nur durch einen Seitensprung retten. Aber der
Hadschi war zu ehrliebend, als da er htte von sich sagen lassen mgen, da er
auch nur einen Finger breit von seinem Platze gewichen sei. Die rechte Faust
bereit haltend, sah er der feindlichen Lanze scharf entgegen; die beabsichtigte,
lebensgefhrliche Parade gelang: Wir hrten die Speere zusammenschlagen - - der
feindliche flog, seitwrts abgelenkt, vorber!
    Da erschollen nicht etwa hundert Schreie, sondern es war nur ein einziger
Schrei, der aus mehreren hundert Kehlen kam. Der Wurf war ausgezeichnet gewesen;
er hatte treffen sollen und htte auch absolut treffen mssen, unbedingt
getroffen, wenn diese gewagte und so auerordentliche Parade nicht gewesen wre!
Dazu kam, da dies die letzte Waffe des zweiten Ganges war. Man kann sich also
die Enttuschung, die Emprung der Beni Khalid ber dieses Milingen denken! So
viele Mnner sie zhlten, so viele Stimmen schallten durcheinander, bis
diejenige des Scheikes, sie alle bertnend, Ruhe gebot.
    Seid still! rief er. Der Gang ist ja noch nicht vorber! Wenn der
Haddedihn auch nichts trifft, so ist noch gar nichts verloren! Er mag nun auch
zeigen, was er kann, oder vielmehr, was er gar nicht kann!
    Dieser Scheik sagte sich nicht, da eine so meisterhafte Art der Abwehr auch
in Beziehung auf den Angriff auf ein ungewhnliches Knnen schlieen lie! Es
trat wieder Ruhe ein, und der frhere Besitzer von drei Speeren lie seine vor
Wut heiser klingende Stimme erschallen, um dem Hadschi allerhand zu sagen, was
alles aber nur nicht hflich war, doch auch nicht direkt beleidigend. Es war so,
wie der Scheik gesagt hatte: der jetzige Augenblick lag auf dem Mittelpunkte der
Wage. Wenn Halef dasselbe Unglck hatte und der dritte Gang von den Feinden
gewonnen wurde, so gab es keine Entscheidung, und es mute wahrscheinlich
beschlossen werden, noch einmal von vorn anzufangen. Darum war, wenigstens bei
den Beni Khalid, die Spannung jetzt auf das hchste gestiegen.
    Halef sah die Augen aller auf sich gerichtet. Ich nahm an, da er seinen
Gegner nun fr einige Zeit mit Finten beschftigen werde; er that dies aber
nicht. Spter erklrte er mir auf meine darauf bezgliche Frage, da er es als
der Wrde eines Scheikes der Haddedihn nicht fr angemessen gehalten habe, wie
ein Gaukler unausgefhrte Bewegungen vorzutuschen. Er hatte recht!
    Er stand lange still und unbeweglich, wie aus Marmor gemeielt, und lie
alle Zurufe von sich abprallen. Aber dann fuhr auch ganz pltzlich, gradezu
gedankenschnell, sein Arm mit dem Speer empor; der so lange erwartete Wurf
geschah, und der Dscherid flog in einem hohen Bogen so genau auf sein Ziel zu,
da der Ben Khalid verloren war, wenn er auf seinem Platze blieb. Aller Augen,
auer den unserigen, waren auf die fliegende Waffe gerichtet, und niemand
achtete in diesem Augenblicke auf Halef.
    Dieser sah, da sein Gegner den Fu hob, um sich durch einen Sprung nach
rechts zu retten, und lie darum schnell hintereinander auch die beiden brigen
Speere fliegen, sie um ein weniges nach dieser Richtung dirigierend. Die erste
Lanze kam; und der Ben Khalid machte die vorausgesehene Bewegung des
Ausweichens, doch kaum hatte er das gethan, so fuhr ihm die zweite, ihn mit sich
niederreiend, in den seitlich obern Teil der Brust, und die dritte nagelte ihm
den Arm fest in den Sand.
    Der Aufruhr, den dies bei den Beni Khalid hervorbrachte, ist nicht zu
beschreiben. Der Sieger kmmerte sich nicht um diesen mehr als hrbaren Erfolg
seiner Ueberlegenheit. Er kehrte so ruhig, wie er gegangen war, zu uns zurck
und sprach da nur die Frage aus:
    Htte ich es besser machen knnen, Sihdi?
    Nein, antwortete ich. Du hast alle Erwartungen so vollstndig erfllt,
da ich dir danken mu. Komm, gieb mir deine Hand!
    Whrend ich sie ihm schttelte, richtete er sein Auge auf Hanneh. Sie sah
lchelnd zu ihm auf und sagte nichts als:
    Ich wute es!
    Doch reichte sie ihm beide Hnde hin, die er, sich zu ihr neigend, an seine
Lippen zog. Dabei flsterte er ihr zu:
    Ich zeige auch sonst meinen Rcken keinem Feinde; aber wenn ich dich bei
mir wei, dann wird aus deinem alten, tapfern Lwen eine ganze Lwenschar!
    Auch der Basch Nazyr richtete das Wort an ihn:
    Hadschi Halef, du hast mir den Schatz gerettet, denn nach dieser ihrer
zweiten Niederlage haben die Beni Khalid keinen Anspruch darauf. Wahrscheinlich
werden sie nun auf den dritten Gang verzichten.
    Da entgegnete ihm Omar Ben Sadek, der sich schon bereit gemacht und seinen
Oberkrper entkleidet hatte:
    Das darfst du ja nicht denken. Du siehst, da ich schon kampffertig bin.
Dieser Gang wird ihnen zwar auf keinen Fall den Schatz der Glieder bringen, aber
sie meinen, sich rchen zu knnen, darum darfst du sicher sein, da sie nicht
auf ihn verzichten werden.
    Der Perser betrachtete den jetzt nicht mehr verhllten Bau des Oberkrpers
dessen, der dies sagte. Er schttelte den Kopf und sprach:
    Eure kriegerische Befhigung entdeckt man erst, wenn man euch ohne Hlle
sieht. Du bist ja fast zweimal so breit wie ich!
    Das hast du noch nicht bemerkt? lachte Omar vergngt.
    Nein!
    So pa nachher auf, wenn ich den Ben Khalid aus den Angeln hebe! Wir haben
von unserm Effendi einen wunderbaren Griff unter das Schlsselbein gelernt. Dazu
gebe ich einen Sto in die andere Achselhhle, fasse an der Seite herunter in
das Fleisch und lege, wenn dies sehr schnell und mit voller Krperkraft
geschieht, den strksten Mann dann nieder in den Sand.
    Also das ist auch vom Effendi?
    Nein, fiel ich da ein. Nur den Griff unter das Schlsselbein habe ich
gezeigt; das andere hat Omar Ben Sadek hinzuprobiert und mir erst kurz vor
unserer Reise gezeigt. Er ist also in Beziehung auf dieses Kunst- und Kraftstck
mein Lehrer, und ich bin neugierig, ob ich es ihm nachmachen kann. Heut werde
ich es zum erstenmale im Ernste ausgefhrt sehen.
    Da ertnte die donnernde Stimme des Scheiks Tawil:
    Der Ringer her!
    Ich stand sofort auf und ging hinber zu ihm. Diese Art und Weise, uns
anzuschreien, verdiente eine Lektion.
    Bist du es denn, der ringen wird? fragte er mich, indem er mich mit seinen
Augen durchbohren zu wollen schien.
    Nein, antwortete ich.
    So packe dich fort! Hier haben nur die Ringer Platz.
    Bist du einer?
    Welche Frage! Ich doch nicht!
    So packe auch du dich fort!
    Ich befehlige den Kampf!
    Ich auch!
    Wer hat dir das erlaubt?
    Wer dir?
    Ich!
    Ich sage ebenso Ich! Du hast dir dieses Recht angemat, und wir sind dazu
still gewesen, weil es dem Strkeren geziemt, da er nachgiebt; aber den Ton, in
welchem du jetzt zu uns zu sprechen wagst, den werden wir uns verbitten! Du
httest vielmehr alle Veranlassung hflich und bescheiden zu sein, denn wir sind
nicht nur bisher Sieger, sondern werden euch beweisen, da wir es auch bleiben!
Der Kanz el A'da gehrt uns schon; die Fortsetzung des Kampfes ist also
vollstndig berflssig.
    Ihr frchtet euch?!
    Diese Frage ist nach dem bisher Geschehenen so kindisch lcherlich, da ich
sie gar nicht beantworte. Ich will dir nur das Verstndnis dafr geben, da wir,
wenn wir auch den dritten Gang beenden, dies nur freiwillig thun.
    Freiwillig? Ich wrde euch zwingen!
    Alah mahlak!139
    Sieh dort meine Leute!
    Alah mahlak!
    Und sieh hier mich!
    Er warf sich in die Brust, als ob er ein Halbgott und ich ein reiner
Garnichts sei. Darum lie ich meine Augen vom Kopfe bis zu den Fen herab
langsam und hchst geringschtzig ber ihn gleiten und antwortete wieder nur:
    Alah mahlak!
    Dies brachte ihn so in Wut, da er mich beim Arme fate und mir grad in das
Gesicht brllte:
    Leiste sofort Abbitte, sonst zermalme ich dich mit meinen Fusten!
    Ich habe nichts abzubitten, antwortete ich sehr ruhig. Es ist ausgemacht,
da jede Beleidigung zu vermeiden sei; du aber hast uns angebrllt, als ob wir
rudige Hunde seien; du beleidigst jetzt auch mich; ja, du wagst es sogar, die
Hand an mich zu legen. Du brichst also den Frieden! Pa auf, was ich dir jetzt
sage! Achtest du nicht sofort auf meine Worte, so zeige ich dir, ob du es bist,
der mich zermalmen kann! Also: Weg mit deiner Hand von meinem Arm!
    Hund! antwortete er, indem er auch den andern fate. Ihr habt euch
darber aufgehalten, da ich mich nicht mit am Kampfe beteiligt habe. Jetzt will
ich dir zeigen, ob - - -
    Er sprach nicht weiter, denn was jetzt geschah, raubte ihm die Sprache. Er
hatte whrend seiner berlaut gebrllten Worte versucht, mich niederzuwerfen; da
aber bekam er den vorhin erwhnten Griff unter das Schlsselbein, was ihn zwang,
mit der entgegengesetzten Hand mich loszulassen und herberzulangen. Dadurch gab
er die Achselgrube frei, in welche sofort von unten herauf mein Hieb zu sitzen
kam, der ihn mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Seite warf, indem er ihm den
Fu aushob, und nun fuhr ich mit derselben Hand schnell herunter und fate ihn
so rcksichtslos fest in der Weiche, da er sogar das Schreien verga. So hob
ich ihn auf und warf ihn nieder auf die Erde.
    Das war in Zeit von kaum zehn Sekunden geschehen, so schnell, da seine
Leute ihn liegen sahen, ohne eigentlich zu wissen, wie das zugegangen war. Er
wollte zwar wieder aufspringen, um mich zu fassen, konnte aber nicht. Es gelang
ihm nur, sich unter schmerzlichem Aechzen und fast atemlos sehr langsam zu
erheben. Als er dann gebeugt vor mir stand, denn den Oberkrper grad zu halten,
das brachte er noch nicht gleich fertig, sprach ich in demselben ruhigen Tone
wie vorher:
    Nun, wie steht es mit dem Zermalmen? Da du mich einen Hund genannt hast,
das verzeihe ich dir; aber du hast dich an mir vergriffen, und das bringt
Schande ber dich und deinen ganzen Stamm! Von nun an wird es heien: Tawil Ben
Schahid, der Scheik der Beni Khalid, der so stolz auf die Unverbrchlichkeit und
Heiligkeit seines Wortes ist, hat nicht nur dieses sein Wort, sondern sogar
seinen Schwur, hre! seinen auf den Kuran geleisteten Schwur gebrochen! Wenn du
diese Schande tragen kannst, so trage sie; ich aber wrde mir eine Kugel durch
den Kopf jagen!
    Nach diesen Worten lie ich ihn stehen und ging an meinen Platz zurck. Von
da aus sah ich ihn langsam forthinken, zu seinen Leuten hin.
    Das hast du recht gemacht! sagte Halef. Nun ist auch er besiegt,
krperlich und moralisch! Wie wird er seinen Zorn verwnschen, der ihn zu diesem
Fehler verfhrt hat!
    Und ich habe da gleich Gelegenheit gefunden, den Kraftstreich auszufhren,
den ich von Omar gelernt habe. Er ist ausgezeichnet. Nur schonen darf man nicht
dabei; dann nimmt er dem Betreffenden den Atem und die ganze Kraft zum
Widerstande.
    Das scheint der Fall zu sein, bemerkte Halef; denn Tawil Ben Schahid geht
gebckt wie ein alter Greis, der den Stock zu Hilfe nehmen mu. Nun bin ich
wirklich neugierig, was geschehen wird. Vielleicht hetzt er seine Krieger zum
offenen und sofortigen Angriff gegen uns!
    Das befrchte ich nicht, war meine Meinung. Ich halte den Stolz, welchen
er auf die Unverletzlichkeit seines Wortes legt, fr echt. Er wird die jetzige
Niederlage schwer empfinden, so schwer, da er gegen seine Leute darber
schweigt. Wenn mich meine Vermutung nicht tuscht, so tritt etwas ganz
Unerwartetes ein.
    Was?
    Das kann Verschiedenerlei sein, wahrscheinlich ein Rckzug ohne Beendigung
des Kampfes.
    Das wrde mir sehr unlieb sein, bemerkte Omar Ben Sadek. Ich will doch
auch meinen Gegner haben!
    Sei nicht unwirsch darber! Du wirst spter mehr als nur diesen einen
finden. Unser Uebereinkommen bezieht sich ja nur auf den heutigen Tag; von
morgen an ist ihre Feindschaft doppelt unvershnlich. Ich bin vollstndig
berzeugt, da wir nach unserer Entfernung von hier nicht lange auf einen neuen
und zwar viel gefhrlicheren Angriff von ihnen zu warten haben. Sie werden
berhaupt nach Rache drsten, und der Scheik wird im Besonderen darnach
trachten, denjenigen den Mund sprachlos zu machen, welche erzhlen knnen, da
er seinen Schwur gebrochen hat.
    Die Vermutung, von welcher ich gesprochen hatte, ging wirklich in Erfllung.
Wir sahen, da der Scheik die ansehnlichsten seiner Krieger um sich versammelt
hatte und mit ihnen beriet. Das dauerte eine geraume Zeit; dann kam er allein
wieder ber den Platz herber und blieb, uns winkend, dort stehen. Er konnte
sich schon besser aufrichten als vorhin. Ich ging mit Halef hin. Als wir ihn
erreichten, versuchte er, seinem Gesichte nur einen Ausdruck des Ernstes zu
geben; aber er konnte doch nicht ganz verleugnen, da ein Vulkan des Hasses und
der Rache in ihm lag.
    Hadschi Halef Omar und Akil Schatir Effendi, begann er, ich will euch mit
dem Freimute eines berhmten Kriegers gestehen, da ich eine Uebereilung
begangen habe, die ich htte unterlassen sollen. Ich bitte euch, sie zu
vergessen und gegen niemanden davon zu sprechen! Fr die Erfllung dieses
Wunsches biete ich euch Entschdigung.
    Welche? fragte ich.
    Wir verzichten zunchst auf die Fortsetzung des Kampfes.
    Das heit, wir sollen auf den dritten Sieg verzichten; so ist es. Doch
weiter!
    Wir nehmen sofort unsern Aufbruch und ziehen fort!
    Das mtet ihr so wie so, denn der Besiegte ist dazu gezwungen. Weiter!
    Wir lassen euch den Kanz el A'da.
    Den knnt ihr uns nicht nehmen; er ist dem Sieger zuerkannt, und wir haben
ja gesiegt. Noch etwas?
    Ihr macht keine Ansprche auf die Mekkaner.
    Behaltet sie in Allahs Namen, denn wir sind herzlich froh, da wir uns
nicht mehr mit ihnen zu befassen brauchen!
    So seid ihr also einverstanden?
    Das habe ich nicht gesagt. Du verlangst von uns das Geschenk der
Verschwiegenheit und bietest uns dafr nur Dinge, die schon unser Eigentum sind.
Das ist fr dich freilich ein vorteilhafter Handel, bei dem du alles bekommst
und nichts zu geben hast. Da wir nun keine geistig blinden Menschen sind, so
wollen wir uns, ehe wir dir unser Wort geben, die Angelegenheit doch erst einmal
nher betrachten. Wohin reitet ihr von hier?
    Nach der Ain Bahrid140.
    Wirklich?
    Ja.
    Irre ich mich nicht, so liegt sie eine volle Tagesreise im Sdwesten von
hier?
    Ja.
    Und dorthin wollt ihr reiten? So, so! Ich habe bisher angenommen, da der
Pfad des Krieges, auf dem ihr euch befindet, euch nach Westen und Nordwesten
fhrt! Doch geht uns das nichts an, denn eure Wege sind nicht unsere Wege; aber
weil wir darum wnschen, da sie nicht wieder zusammenfhren, so hoffen wir, da
ihr auch wirklich und direkt nach der Ain Bahrid reitet. Es war ausgemacht, da
nach der Beendigung des Zweikampfes fr heute Friede zwischen uns sein solle.
Wie steht es damit?
    Es bleibt dabei.
    Fr heute nur?
    Ja.
    Und spter?
    Wieder Kampf.
    Und da sollen wir dir Verschwiegenheit versprechen, fr die du nichts
weiter als nur Fortsetzung der Feindschaft bieten kannst!
    Ich habe euch doch viel, viel mehr versprochen!
    Das haben wir ja alles schon! Dieser dein Vorschlag ist so kindisch, da
wir uns sogar schmen mssen, darber zu lachen! Wir sind keine Kinder, die man
mit nichtssagenden Worten oder mit leblosen Puppen beruhigen kann, sondern
Mnner, denen die Strme der Wste und des Lebens noch fter und drohender als
euch um die Nase gepfiffen sind, und als solche durchschauen wir dich nur zu
wohl. Du sollst also auf deine Anfrage nicht eine kindische Zusage, sondern eine
Mnnerantwort zu hren bekommen, und diese lautet folgendermaen: Ihr verlat
den Bir Hilu sofort und gebt uns fr heute den ausbedungenen Frieden. Wenn ihr
das thut, so versprechen wir dir die gewnschte Verschwiegenheit fr uns so
lange, als uns nichts Feindliches von euch widerfhrt. Das ist unser Entschlu,
zu welchem nichts gethan und von welchem auch nichts genommen wird.
    Hast du nichts hinzuzufgen?
    Nein; ich sage es ja; kein Wort!
    Also ihr werdet schweigen, so lange euch von uns nichts geschieht?
    Ja.
    Gut, ich bin zufrieden!
    Dieser jetzige Handel gilt?
    Ja.
    Du giebst dein Wort?
    Ich gebe es!
    Reiche Hadschi Halef Omar, dem Scheik der Haddedihn, deine Hand darauf,
dann sind wir fertig!
    Er that es, hielt die Hand Halefs fest, sah ihm und dann auch mir ebenso
fest in die Augen und wiederholte, jedes Wort einzeln und schwer betonend:
    Ihr schweigt, so lange euch von uns nichts geschieht! Abgemacht! Wir reiten
fort!
    Hierauf drehte er sich um und ging hinber zu seinen Leuten. Halef sah mich
fragend an schttelte den Kopf.
    Dir ist etwas nicht klar? fragte ich ihn.
    Allerdings!
    Was?
    Warum wiederholte er diesen Satz und betonte ihn in solcher Weise,
Effendi?
    Weil er ein hchst unvorsichtiger Mann ist, der gar nicht ahnt, da er uns
seine Absichten damit verraten hat.
    Wieso?
    Du glaubst doch, da die Beni Khalid darauf brennen, sich an uns zu
rchen?
    Das ist doch so sicher, da wir gar kein Wort darber zu verlieren
brauchen!
    So dauert also unsere Verschwiegenheit von heut an bis zum nchsten
Angriffe ihrerseits; da der Scheik aber unserer Schweigsamkeit nicht traut, wird
er diese Zeit mglichst abzukrzen, zu verringern suchen. Verstehst du mich?
    Sehr gut, sehr gut! Du meinst, da wir es baldigst wieder mit ihnen zu thun
haben werden.
    Ja. Heut zwar nicht, denn Wort wird er halten, aber sehr wahrscheinlich
morgen schon, und wenn das nicht, dann sicher bermorgen, damit wir nicht etwa
Gelegenheit bekommen, mit Leuten zusammenzutreffen, denen wir von seinen
Schwuresbruche erzhlen knnen. Wir haben uns also so in acht zu nehmen, wie
noch selten in unserm Leben. Das hat er uns verraten, ohne es zu wissen. Er
wollte uns unsere Verpflichtung so tief und fest wie mglich einprgen und
dachte dabei aber nicht, da grad in dieser Wiederholung fr einen vorsichtigen
und scharfsinnigen Mann die Aufforderung lag, zwischen seinen Worten die
verborgenen Gedanken herauszulesen.
    Omar Ben Sadek sah sich also zu seinem wirklichen Leidwesen gezwungen, auf
eine der Ehre seines Stammes geltende Heldenthat zu verzichten. Er versicherte,
sich darauf gefreut zu haben, und wir alle glaubten ihm das gern. Eigentlich
trug ich die Schuld an dieser Entsagung, denn wenn ich nicht auf den Gedanken
gekommen wre, dem Scheik der Beni Khalid die erteilte Lektion zu geben, so
htte der dritte Gang wohl noch ausgekmpft werden mssen; aber dann wre uns
nicht durch den Wortbruch Tawils eine Waffe in die Hand gegeben worden, die
nicht nur fr heut', sondern auch fr spter geeignet war, uns gute Dienste zu
leisten.
    Wir sahen zu unserer Genugthuung, da sich die Beni Khalid zum schnellen
Aufbruche rsteten. Da sie nicht direkt nach der Ain Bahrid reiten wrden,
stand fr mich auer allem Zweifel. Ich hatte diese Quelle und ihre Lage, als er
von ihr sprach, gekannt, weil sie auch unser nchstes Ziel war, nach welchem wir
uns zu wenden hatten, gleichviel, ob die Beni Khalid auch hingingen oder nicht.
Sie war die nchste Wasserstation auf unserer Route.
    Eigentlich konnten wir mit unserm Erfolge sehr zufrieden sein. Wir hatten
die gestohlenen Sachen bekommen und den Perser mit seinen Soldaten befreit, wir
Fnfzig gegen eine uns so vielfach berlegene Schar! Ja sogar den Kampfplatz
hatten wir behauptet, whrend die Ueberlisteten und Besiegten gezwungen waren,
abzuziehen!
    Als ihre Vorbereitungen ziemlich vollendet waren, sahen wir den Scheik noch
einmal herberkommen. Hinter ihm ging zu unserem Erstaunen der Ghani, welcher
den Mnedschi an der Hand fhrte. Da dem ersteren noch etwas eingefallen war,
was er uns nachtrglich zu sagen hatte, das war ja leicht denkbar; was aber
wollten die beiden andern noch hier bei uns?
    Sie kamen zunchst nicht ganz heran, sondern blieben in einiger Entfernung
von uns stehen. Der Scheik sagte:
    Ich komme nicht um meinetwillen, sondern nur um dieser beiden Mnner wegen.
Sie wollen von euch etwas holen und frchten, von euch feindlich behandelt zu
werden. Da sie als Gastfreunde unter meinem Schutze stehen, habe ich dafr zu
sorgen, da dies nicht geschehe, und sie also begleitet. Drfen sie hinkommen zu
euch?
    Ja, antwortete Halef.
    Ihr vergreift euch nicht an ihnen und haltet sie fest?
    Das kann uns gar nicht in den Sinn kommen!
    So habe ich meine Pflicht gethan und werde hier stehen bleiben, um auf sie
zu warten. Geht!
    Diese letztere Aufforderung war an den Ghani gerichtet, welcher ihr folgte,
indem er mit dem Blinden vollends zu uns kam. Er deutete auf das Paket, welches
neben dem Perser lag und sagte:
    Ihr habt mir dieses mein Eigentum gestohlen, welches ihr als Kanz el A'da
bezeichnet, um euern Diebstahl - - -
    Halt! unterbrach ich ihn da. Wir haben euch erlaubt, mit uns zu sprechen,
und unser Wort gegeben, da euch nichts geschehen soll. Wenn du es aber wagst,
uns solche schamlose, freche Beschuldigungen, deren Grundlosigkeit du am
allerbesten kennst, in das Gesicht zu werfen, so stehe ich fr nichts. Sag' also
kurz, was du willst, und nimm dich zusammen, kein unntzes Wort zu sprechen!
    Er schien sich gar nicht sehr eingeschchtert zu fhlen, fuhr aber nun ohne
weitere Beleidigungen fort:
    Die Sachen sind in meinen Gebetsteppich gewickelt. Ich mu sie euch lassen,
weil der Scheik der Beni Khalid sie euch zugesprochen hat; aber den Teppich
verlange ich zurck!
    Du irrst. Es hat uns niemand diese Gegenstnde zugesprochen, sondern das
Wstengericht der Haddedihn hat erkannt, da sie Eigentum des Kanz el A'da in
Meschhed Ali sind, wo sie gestohlen wurden. Da ein Teppich des Gebetes zur
Umhllung gestohlener Sachen benutzt wird, knnte man vielleicht einem
unglubigen Abd el Asnahm141, nie aber dem Liebling des Groscherifs von Mekka
zutrauen. Ihr habt da eben ganz Unglaubliches geleistet. Da ein so entweihter
Teppich wieder seine fromme Benutzung finden werde, halte zwar ich fr ganz
ausgeschlossen, euch aber ist das allerdings wohl zuzutrauen - - -
    Ibn Harahm! Cha'in!142 rief der Blinde laut dazwischen, indem er mit der
Gebrde tiefsten Abscheues seine Hnde emporwarf.
    Ich wute in diesem Augenblicke nicht, wem das gelten sollte, und fuhr also
fort:
    Es fllt uns gar nicht ein, uns an diesem Stcke zu bereichern; es wird dir
gleich zurckgegeben werden.
    Ja, sofort! stimmte der Basch Nazyr bei. Es kann mir blo lieb sein, wenn
ich nichts mehr zu berhren brauche, was Eigentum von Dieben ist.
    Er wickelte das Paket auf, legte die Beutel einstweilen neben sich und warf
dem Ghani den Teppich samt der Schnur zu. Dieser hob beides auf.
    Seid ihr nun fertig? fragte ich.
    Nein. Der Mnedschi ist auch da, antwortete der Liebling.
    Was will er?
    Da trat der Blinde, dem Klange meiner Stimme folgend, nahe zu mir heran und
sagte:
    Damit ich mich ja nicht irre, mu ich wissen, ob du der Effendi aus dem
Wadi Draha bist. Du hast seine Stimme, ich knnte mich trotzdem tuschen und
einen groen Fehler begehen. Was ich dir zu sagen habe, ist fr keinen andern.
Also du bist es?
    Ja.
    Neige dein Gesicht ganz nahe her zu mir! Du weit, da ich dich dann
erkennen kann, weil die Sonne scheint.
    Ich hatte keinen Grund, ihm diese Bitte abzuschlagen, und hielt ihm das
Gesicht hin. Er hob die Hnde, fate hben und drben meinen Kopf, hielt ihn
fest und - - - spie mir ein-, zwei-, dreimal in das Gesicht. Auf so einen
Angriff gar nicht gefat und von ihm mit allen seinen Krften festgehalten,
gelang mir die Befreiung meines Kopfes nicht schnell genug, der dreimaligen
Mihandlung zu entgehen. Ein fnfzigfacher Schrei der Haddedihn ertnte rundum,
und Halef packte mit beiden Fusten den Blinden an der Brust.
    Mensch! Wahnsinniger! schrie er ihn ganz auer sich, an. Was hast du
gethan! Du bist ein Greis und blind dazu, aber das soll mich nicht abhalten,
dich zu Brei zu malmen!
    Er hatte ihn schon fast nieder; ich griff also, ohne mich abwischen zu
knnen, schnell zu, ri ihn von dem Mnedschi weg und befahl mit lauter Stimme:
    Da keiner den Blinden anrhrt! Diese Beleidigung geht nur mich an, keinen
andern Menschen!
    Aber, Sihdi, er hat es gewollt; er hat es beabsichtigt! rief Halef, noch
immer hchst aufgeregt. Er befindet sich nicht in seinem Zustande des Traumes,
sondern er ist wach und vollstndig im Besitze seiner Sinne! Er hat also nicht
unbewut gehandelt, sondern mit klarer Ueberlegung, und da ist es eine so freche
und infame Besudelung deiner Person, da die Strafe gar nicht hart und schnell
genug erfolgen kann!
    Das ndert gar nichts daran, da nur ich allein darauf zu antworten habe!
Er will sprechen, seid still!
    Hanneh war auch erschrocken aufgesprungen. Sie kam heran zu mir, wischte mir
den Geifer aus dem Gesichte und liebkoste mir dann, ohne dabei zu sprechen, mit
ihrer Hand die nach Ansicht ihres Mannes so frchterlich gekrnkten Wangen.
Whrend sie das that, sprach der Mnedschi:
    Das, das wollte ich dir sagen, ja, sagen, denn das Anspeien ist ja die
deutlichste der Sprachen! Du bist der elendeste, der armseligste Mensch, der mir
jemals vorgekommen ist! Mit Worten der Liebe hast du dich in mein Herz
gestohlen, whrend in dem deinigen nur der Ha regiert! Du gabst dir den
Anschein der Seelenreinheit, der Gedankenhhe und wlzest dich doch in dem
tiefsten, niedrigsten Schmutze des Verbrechens! Du hast das Kleid der Gte, der
Barmherzigkeit um dich geschlagen und hetzest doch die Menschen wie Hunde, die
sich zerreien sollen, auf einander! Du heuchelst Wahrheit, Ehrlichkeit,
Gerechtigkeit und Treue und bist doch voller Falschheit, Lug und Trug! Ja, deine
Gelehrsamkeit ist gro, wohl grer als das Wissen, welches ich mir mhsam
erworben habe, aber du hast sie in den Pfuhl der sittlichen Verdorbenheit
geworfen, aus dem heraus sie nur verderbend anstatt Segen bringend wirken kann!
Du giebst vor, himmelan zu streben und stehst doch nicht nur auf dem Weg zur
Hlle, sondern bist schon jetzt und selbst ein Abgrund schlimmster Teufelei! Du
thust, als liege dir der Menschen Seligkeit am Herzen und bist doch ein
Verfhrer zum Verbrechen und trgst die Schuld an all der Schlechtigkeit, die
hier geschehen ist! Ihr sprecht von einem Kanz el A'da, der eine unverschmte
Lge ist, du aber hast einen Raub an mir begangen, hast meine Seele betrogen und
bestohlen und mir einen innern Verlust zugefgt, fr den es keinen Ersatz giebt!
Das mute ich dir sagen; nur darum lie ich mich jetzt zu dir fhren, um dich
des Seelenraubes, ja, des Seelenmordes anzuklagen und dir in das Gesicht zu
speien, damit du erfhrst, wie der von dir denkt, dem du das Herz nur ffnetest,
um es noch rmer und elender zu machen, als es vorher war! Das erblindete Auge
meines Krpers ist trocken, aber mein inneres Auge weint. Ich gebe dich der
Strafe Allahs heim und fordere von ihm, fr dich nicht Gnade, nicht
Barmherzigkeit zu haben, sondern nur den Untergang, das ewige Verderben!
    Die Wucht dieser gegen mich geschleuderten Anklagen wurden durch den
Eindruck seiner Persnlichkeit berhaupt und dann auch durch die Art und Weise
verstrkt, wie er sie vorbrachte. Das waren ja wahre Keulenschlge, die mich
aber nicht treffen konnten, und also in die Luft gefhrt. Die Haddedihn waren so
betroffen, da sie nur erstaunte Blicke hatten. Halef schaute mich
erwartungsvoll an, was ich nun sagen werde. Ich ffnete auch schon den Mund, um
zu antworten, da trat der Ghani auch zu mir heran und warf mir die Worte zu:
    Mein Schtzling, der von meiner Barmherzigkeit lebt und unsere Unschuld
kennt, hat mir aus dem Herzen gesprochen. Ich besttige alles, was er gesagt
hat, und zeige dir meine Verachtung in ganz derselben Weise wie er, indem ich
dich ansp - - - -!
    Wahrhaftig, dieser Mensch war so frechverwegen, auch speien und spucken zu
wollen! Vielleicht machte ihn meine Selbstbeherrschung, welche ich dem Mnedschi
gegenber zeigte, so vermessen! Aber er hatte das Wort noch nicht ganz
ausgesprochen, so bekam er von mir eine so gewaltige Maulschelle, nicht etwa
blo Ohrfeige, da er, wie von Pulverkraft getrieben, zur Seite und unter die
Haddedihn hineinflog. Fast htte er einige von ihnen mit in seinen Sturz
gerissen. Sie waren sofort ber ihn her, um das von meiner Hand begonnene Werk
so thatkrftig fortzusetzen, da seine heulende Stimme ber den ganzen Platz
schallte. Da sprang der Scheik herbei. Er schlug, um ihn zu befreien, auf sie
ein und schrie:
    Weg von ihm, weg! Er steht unter meinem Schutze! Indem ihr euch an ihm
vergreift, brecht ihr die fr heut getroffene, friedliche Vereinbarung!
    Da drngte ihn Halef von ihnen ab und antwortete drohend:
    Zurck mit dir, augenblicklich zurck! Wer hat sie zuerst gebrochen, wir
oder ihr? Das weiche Herz unsers Effendi hat den Mnedschi geschont, weil der
alte Mann blind und auch sonst unzurechnungsfhig ist, dem Ghani aber, diesem
Ausbund der malosesten Unverschmtheit, mu gezeigt werden, da wir ihn mit
demjenigen Eifer zu behandeln wissen, den wir seinem Verhalten schuldig sind.
Ich an deiner Stelle wrde mich schmen, hier noch von Schutz zu sprechen! Eure
Dreistigkeit ist geradezu emprend!
    Er nahm sich aber doch des Gezchtigten an, indem er ihn aus den Hnden der
Haddedihn befreite, was allerdings nicht allzuschnell von statten ging. Die
eifrige Behandlung hatte zur Folge, da er fast des Gebrauches seiner Glieder
beraubt war. Er hinkte zu dem Mnedschi hin und ergriff seine Hand, um ihn
fortzufhren; dies geschah aber nicht, ohne da er uns noch drohend zuzischte:
    Wartet bis Mekka, bis Mekka! Oder vielleicht noch viel, viel eher, ihr
Hunde!
    Der Scheik entfernte sich mit schnellen Schritten. Sein Schtzling krmmte
sich, so gut oder bel er konnte, mit dem Blinden hinter ihm her.
    Ich habe schon viel, sehr viel erlebt, meinte Halef, und so manchen von
Gott verlassenen Menschen kennen gelernt, aber so etwas htte ich doch nicht fr
mglich gehalten! Doch, er hat fr einstweilen seinen Lohn, und wahrscheinlich
wird er uns in dieser Beziehung noch besser kennen lernen! Aber, Effendi, du
warft ganz still! Warum hast du zu dem Mnedschi kein einziges Wort der
Verteidigung gesagt? Nun ist er berzeugt, da er recht habe!
    Erstens ging alles so schnell, da es fr mich keine Zeit zum Sprechen gab,
und zweitens war es wohl genug von mir, da ich berhaupt schwieg. Und wenn ich
ihm eine stundenlange Rede gehalten htte, so wre sie doch ohne Erfolg
geblieben. Ich habe ihm verziehen und denke, da fr jetzt nicht mehr
erforderlich war. Betrachten wir diesen so ganz unerwarteten Angriff als
ungeschehen!
    Gut! Es ist wohl auch am richtigsten so! Wir haben jetzt an Dinge zu
denken, welche fr uns wichtiger sind als diese grundlosen Beschuldigungen aus
dem Munde eines armen, migeleiteten, blinden Mannes. Ich htte ihn in der
ersten Hitze umbringen knnen; nun aber freue ich mich, da du mich davon
abgehalten hast, ihn zu zchtigen. - - Was thun wir jetzt? Wann setzen wir
unsere Reise fort?
    Morgen frh.
    Erst? Warum nicht schon heut?
    Weil wir erst an der Ain Bahrid Wasser finden und sie heut' nicht erreichen
wrden, denn die Beni Khalid sind zwischen uns und ihr. Ich vermute berhaupt,
da wir nicht so schnell, wie wir es wnschen, an diese Quelle kommen werden;
die Rache Ben Schahids hlt uns auf. Darum haben wir uns vor allen Dingen mit
Wasser zu versehen und werden den heutigen Tag zur Fllung unserer Schluche
benutzen, doch nicht eher, als bis Khutab Agha dies mit den seinigen gethan
hat.
    Warum ich? fragte der Perser.
    Weil du natrlich so bald wie mglich fortreitest.
    So bald wie mglich? Nein, Effendi! Ich habe gesagt, da wir diesen Ort
nicht eher als ihr verlassen werden, und von diesem Vorhaben bringt mich niemand
ab, auch du nicht. Soll Dschasar, unser gemeinschaftlicher Freund, wenn ich ihn
treffe, mir den erstaunten Vorwurf machen, da ich mit Kara Ben Nemsi zusammen
gewesen bin und dieses Glck, diesen Vorzug nicht bis zum letzten Augenblick
ausgentzt habe? Und wenn du mir alles zumuten darfst, alles andere, aber nur
das nicht!
    So ist es meine Pflicht, dich zu warnen! Der Scheik der Beni Khalid ist
ohne Zweifel gewillt, dir den Kanz el A'da wieder abzunehmen. Jetzt, wenn du
dich so bald wie mglich von hier entfernst, mu er darauf verzichten; bleibst
du aber bis morgen hier, so giebst du ihm Zeit, diese seine Absicht auf irgend
eine Weise auszufhren. Das mut du bedenken!
    Ich bedenke es und bleibe dennoch da. Auf mein gestriges Zusammentreffen
mit ihm war ich nicht vorbereitet; nun ich aber wei, woran ich bin, kann es ihm
unmglich gelingen, mich zum zweitenmal festzunehmen. Also, ich bitte dich, rede
mir nicht darein; ich bleibe!
    Er sagte das in einem so bestimmten Tone, da ich die Vergeblichkeit jedes
weiteren Einspruches einsehen mute und also schwieg, obgleich ich es viel, viel
lieber gesehen htte, wenn er von diesem seinem Vorhaben abgewichen wre,
welches gefhrlicher fr ihn war, als er in seiner Unerfahrenheit jetzt dachte.
    Bald hierauf sahen wir die Beni Khalid mit ihren Gastfreunden abziehen,
und einige Zeit spter schickten wir ihnen zwei Haddedihn zur Beobachtung nach.
Das war eine Vorsichtsmaregel, deren Ausfhrung wir nicht versumen durften.
    Nun waren wir allein und fr den heutigen Tag wahrscheinlich sicher. Da
machten unsere Leute es sich bequem. Der Platz und seine Umgebung wurden auf das
genaueste durchforscht und die hiesigen Verhltnisse ebenso genau und ausgiebig
im Gesprche durchgenommen. Der Vormittag verlief vollends, ohne da etwas
Erwhnenswertes geschah und ein groer Teil des Nachmittages auch. Dann aber
bekamen wir am Brunnen Besuch, nmlich zwei Beduinen, welche auf Eilkamelen aus
westlicher Richtung kamen und, als sie den Brunnen besetzt sahen, von weitem
halten blieben. Sie beobachteten uns eine Weile und kamen dann nher. Der
Umstand, da Soldaten bei uns waren, mochte ihr Mitrauen zerstreut haben. Als
sie uns erreicht hatten, stiegen sie aber nicht sogleich ab.
    Hadschahdsch! sagte der eine von ihnen, weiter nichts.
    Dieses Wort ist der Plural von Hadschi und sollte soviel heien wie: Wir
sind Mekkapilger! Es giebt nmlich eine Vorschrift, nach welcher man gegen
jeden Pilger Frieden zu halten hat, whrend er unterwegs ist selbst wenn er
einem feindlichen Stamme angehrt. Doch aber sind es grad die Pilgerzge, welche
sich vor den ruberischen Beduinen am meisten in acht zu nehmen haben. Da diese
beiden Mnner hier Hadschahdsch seien, das glaubten wir nicht; sie legten sich
diese Eigenschaft nur bei, um von uns nicht feindlich aufgenommen zu werden.
Halef antwortete:
    Seid uns willkommen, und steigt getrost ab! Wir haben Platz und auch Wasser
fr euch!
    Wer seid Ihr?
    Ich bin Hadschi Halef Omar, der oberste Scheik der Haddedihn vom Stamme der
Schammar.
    Und diese Asaker?
    Sie sind in der hiesigen Gegend gewesen, um einen Flchtling einzufangen,
und kehren nun nach Meschhed Ali zurck. Und welchem Stamme gehrt ihr an?
    Wir sind Scherarat von der Ferkah143 Fawwahl und haben nicht die Absicht,
lange hier zu bleiben. Erlaubt uns nur, unsere Kameele zu trnken; dann reiten
wir wieder fort.
    Das mute auffallen. Wenn sie friedliche Pilger waren, so blieben sie hier,
denn der nchste Brunnen war eine Tagereise entfernt, und als Wallfahrer treibt
man sich doch nicht des Nachts in einem unbekannten Teile der Wste herum. Ich
machte also Halef die leise Aufforderung, seinen Leuten und auch den Soldaten
den Befehl zu geben, sich ja nicht etwa ausfragen zu lassen. Er that dies so,
da die Fremden es nicht bemerkten.
    Diese letzteren hatten ganz besondere Blicke fr unsere Pferde und fr das
getpfelte Hedschihn des Persers. Die Art und Weise, wie sie diese Tiere nur
ganz verstohlen aber mit gieriger Bewunderung betrachteten und einander dann
ansahen, fiel nicht mir, sondern auch Hadschi Halef auf.
    Effendi, das sind Pferdediebe! flsterte er mir zu.
    Vom Stamme der Beni Lam, ergnzte ich seine Worte.
    Maschallah! Das ist mglich!
    Ich habe zwar keine Beweise dafr, mchte aber behaupten, da ich mich
nicht irre. Da sie zu den Fawwahl der Scherarat gehren, ist eine Lge, denn
wren sie das wirklich, so fhrte sie der Weg nach Mekka immer den Tebuk-,
Madschihn- und Medina-Karawanenpfad entlang, aber nicht so weit in die
sdstliche Nedschd-Wste herber. Der Scheik der Beni Khalid hat uns ja gesagt,
da sein Kriegszug den Beni Lam gelte, und so ist es klar, wenigstens fr mich,
da diese zwei Beduinen Kundschafter dieses Stammes sind, welche nach den Beni
Khalid suchen.
    Bald darauf wurde uns der Beweis geliefert, da ich mit dieser Vermutung
nicht fehlgegangen war, denn als ihre Kamele getrunken hatten, fragte uns der
eine:
    Wohin geht von hier aus euer Weg?
    Nach der Ain Bahrid, antwortete ich.
    Dahin reiten wir jetzt und ruhen uns dann dort aus. Ihr werdet uns also
morgen abend dort wiedersehen.
    Wie schlau! Er wollte nur wissen, wann wir von hier aufzubrechen
beabsichtigten. Darum fhrte ich ihn irre:
    Die Freude, euch dort zu treffen, ist uns versagt, denn wir sind so
ermdet, da wir diesen Brunnen hier erst bermorgen verlassen werden.
    Da fragte er unvorsichtig schnell: So seid ihr morgen den ganzen Tag noch
hier?
    Ja.
    Habt ihr vielleicht Begegnungen gehabt? Wir wurden vor den Beni Khalid
gewarnt, welche sich auf einem Kriegszuge gegen die Beni Lam in der Gegend des
Bir Hilu herumtreiben sollen.
    Jetzt htten wir die beste Gelegenheit gehabt, uns dadurch an den Beni
Khalid zu rchen, da wir die Beni Lam auf sie hetzten. Eine schnelle Bewegung
Halefs sagte mir, da er auch wirklich in diesem Sinne an meiner Stelle
antworten wolle; ich kam ihm aber zuvor:
    Wir sind Hadschahdsch, grad so wie ihr und bekmmern uns nicht um die
Streitigkeiten fremder Leute.
    Aber Auskunft knnt ihr uns doch geben, ob ihr eine Spur der Beni Khalid
oder gar sie selbst gesehen habt!
    Nein, denn ihr seid Beni Lam und keine Scherarat! Wir Haddedihn lassen uns
nicht tuschen, und es fllt uns nicht ein, die Schuld am Blute anderer auf uns
zu laden!
    Da wollte er heftig werden, besann sich aber eines anderen und war still.
Nach kurzer Zeit stiegen sie auf, grten ganz kurz und ritten fort, und zwar in
westlicher Richtung, whrend der Weg nach der Ain Bahrid sie doch nach Sden
gefhrt htte. Sie hielten es also fr berflssig, noch einen Versuch zu
machen, unsere Ansicht ber sie zu ndern.
    Warum sagtest du ihnen die Wahrheit ber die Beni Khalid nicht? fragte
mich der Hadschi, als sie fort waren.
    Habe ich ihnen die Unwahrheit gesagt?
    Nein. Du hast nichts als nur geschwiegen. Aber wie schn htten wir uns der
Rache Tawil Ben Schahids entziehen knnen, wenn wir ihnen die Beni Lam
nachgeschickt htten, von denen ich jetzt berzeugt bin, da sie da im Westen
von uns irgendwo stecken!
    Wir htten dadurch einen blutigen Zusammensto zwischen ihnen verursacht!
    Der aber doch auch ohne uns ganz sicher geschehen wird!
    Da sind wir ohne Schuld; meine Mitteilung aber wre eine so direkte Ursache
gewesen, da ich mir spter die bittersten Vorwrfe gemacht htte. Denke doch an
El Mizan, lieber Halef, an El Mizan!
    Ja, ja, an die Wage der Gerechtigkeit! Du hast recht, Effendi! Es wird
Liebe von uns verlangt, immer nur Liebe; httest du aber die Frage dieses
Kundschafters beantwortet, so wrde es uns dereinst als Ha, als Rache
angerechnet werden und diese schwere Last wollen wir ja nicht auf unsere Seelen
laden. Ich frchte mich in meinem Leben zum allererstenmal, und zwar vor dieser
frchterlichen Wage, welche nichts verschweigt, sondern alles Verborgene an das
helle Licht des Tages zieht! -
    Wollte doch jedermann die Augen stets immer zu der Beobachtung offen halten,
da das Gute die Belohnung und das Bse die Bestrafung ohne alles Zuthun des
Menschen schon in sich trgt! Leider ben die meisten Menschen diese
Aufmerksamkeit fast nie, und nur in ganz in die Augen springenden Fllen lt
man sich zu einer Art von Erstaunen herbei, denkt einen kurzen Moment darber
nach und hlt dann die Sache mit dem geistreichen Endurteile Sonderbarer Zufall!
fr abgethan! Und doch giebt es keinen Zufall! Wenigstens fr den glubigen
Christen ist durch dieses Wort ein starker, dicker Strich gemacht. Der Erfinder
desselben wute von Gottes Weisheit und Gerechtigkeit nichts, und alle, die es
nach ihm in den Mund nahmen, hatten, grad wie er, ihr Augenmerk zwar auf die
irdische, nicht aber auf die himmlische Erkenntnis gerichtet. Man spricht so
schn gelehrt vom Makrokosmos und vom Mikrokosmos; der erstere bedeutet die
ganze Welt, der letztere ist der Mensch. Nun ist man wohl bereit, jene
sogenannte groe Weltordnung zu bewundern, nach welcher alles zum Makrokosmos
Gehrige sich auf streng vorgeschriebener Gesetzesbahn bewegt und keine einzige
der Welterscheinungen absolut fr sich selbst bestehen kann, sondern sich in der
innigsten Beziehung zum Ganzen befindet, weil sich das eine aus dem andern mit
lckenloser Folgerichtigkeit entwickeln mu und bisher auch entwickelt hat. Das
hat man wohl erkannt, und das giebt auch der Gottesleugner zu. Er giebt sogar
auch zu, da Gesetze von hnlicher Unverbrchlichkeit ebenso im Mikrokosmos,
also im Menschen, walten, meint aber damit nur den fr die Erde existierenden
Menschen; der fr den Himmel bestimmte, den ich hier Seele nennen will,
existiert ja fr ihn nicht. Und doch giebt es eine - - bitte, ja nicht zu
lcheln! - - eine Seelenweltordnung, welche wenigstens ebenso groe Bewunderung
verdient wie jene angestaunte Ordnung der makrokosmischen Welt!
    Wie das Leben der Einzelseele eine gottgewollte Entwicklung eng
zusammenhngender Folgerichtigkeiten zeigt, so werden auch die Beziehungen der
Seelen zu einander von Gesetzen regiert, von welchen es keine Abwege und gegen
die es kein Widerstreben giebt. Schau nur hinein in deine Seele, lieber Leser!
Beobachte sie und ihre Regungen mit nachdenkender Aufmerksamkeit! Du wirst bald
wunderbare Entdeckungen machen und vor allen Dingen zu der Erkenntnis gelangen,
da dir diese deine eigene Seele bisher eine vollstndig unbekannte Welt gewesen
ist! Es ist mir ja ganz ebenso gegangen! Aber als ich erst einmal mit Ernst
angefangen hatte, da wuchs mein Interesse fr diese meine innere Welt von Tag zu
Tag, und es thaten sich mir Ausblicke auf, die mich zum Weiterforschen frmlich
begeisterten. Es begann zunchst eine groe, leider so unendlich schwierige
Reinigung, da ich gar wohl einsehe, mit ihr in diesem kurzen Erdenleben nicht
fertig werden zu knnen; aber es wurde doch wenigstens soviel Erdenschmutz
berwunden, da mir jetzt, wo ich fast sechzig Jahre zhle, das Weiterlernen und
Weiterben als die schnste Aufgabe der mir noch beschiedenen, abendroten Tage
erscheint. Wie herzlich, aber wie so von ganzem Herzen wnsche ich, da jeder
meiner Mitmenschen ein so beseligendes Abendrot haben mge!
    Knntest du, meine Freundin oder mein Freund, deine Seele in die Hand nehmen
und beobachten wie eine Uhr, welch ein wunderbares, wohlgeordnetes
Ineinandergreifen smtlicher Regungen wrdest du da bemerken! Du wrdest sehen,
wie reingehalten sie werden mu, wieviel hinderlicher Erdenstaub stets zu
entfernen ist. Du wrdest erkennen, da jedes einzelne Tick und Tack darauf
berechnet ist, den Zeiger nach der mitternchtlichen, letzten Zwlf zu leiten,
nach welcher dir die Eins des Jenseits schlgt. Das hngt alles, alles so innig
zusammen, das kommt wie ganz von selbst; da kannst du dir nicht eine einzige
Sekunde ohne die vorhergehenden denken; da kann nicht eine einzige Minute als
berflssig weggelassen und zur zeitleeren Lcke werden. Genau so steht die
leiseste Seelenvibration im Zusammenhange mit dem Ganzen, und ob dein Leben ein
Streben nach dem Himmel oder ein Struben gegen den Himmel sei, es ist nicht das
kleinste seelische Stubchen in dir zu finden, welches unbeteiligt an diesem
Streben oder Struben ist. Und wie in deinem Seelenmikrokosmos die treibenden
Krfte nur nach ganz bestimmten Regeln und Geboten thtig sind, so herrschen
auch im Seelenmakrokosmos, also auf dem Gebiete der Zusammen-, der
Aufeinanderwirkung menschlicher Seelen, Vorschriften und Gesetze, welche selbst
die geringste Ordnungslosigkeit, also auch den Zufall, vollstndig ausschlieen.
Es knnen zwei Seelen nicht, wenn auch noch so kurz, aneinander vorberstreifen,
ohne aufeinander zu wirken. Und wenn eine Seele die deinige nur einen Augenblick
berhrt, so wird diese Berhrung einen Punkt in deinem innern Leben schaffen,
der sich zur fr dich vielleicht nicht bemerkbaren Linie weiterbildet. So
entstehen Beziehungen, fr dich einstweilen geheimnisvolle Fden, welche dich
mit andern unsichtbar aber doch fr immer vereinen und als einen nicht zu
missenden, sondern notwendigen Teil des Ganzen mit der groen, unendlichen Welt
der Seelen verbinden. Du gehrst notwendig zu ihr, wie die einzelne Minute zur
Stunde, zum Tag, zum Jahr, zur Ewigkeit; sie wrde ohne dich nicht vollstndig
sein. Und wie sie auf dich und deinen Einflu, mag er auch noch so winzig und
unbedeutend sein, nicht verzichten kann, so stehst auch du und so steht auch
jede andere Seele in fortwhrender, unabweisbarer Beziehung zu ihr und ihren
Gesetzen, welche weit, weit entfernt liegende Ursachen an dir oder durch dich
zur Thtigkeit bringen, so da scheinbar pltzliche Handlungen entstehen oder
vermeintlich zusammenhanglose Ereignisse eintreten, welche man sich nicht
erklren kann. Dieses Herberwirken der Seelenwelt in die Welt der Seele, diese
Folgen, deren Grnde und diese Schlsse, deren Voraussetzungen im Verborgenen
liegen, sind nicht etwa Unbegreiflichkeiten, sondern ganz das gerade Gegenteil,
nmlich Beweise eines von der gttlichen Weisheit vorgeschriebenen und unendlich
logischen Zusammenhanges der unsichtbaren mit der sichtbaren Welt. Wer diese
unsichtbare freilich leugnet, weil er unter dem Pantoffel seines gelehrten und
geliebten Materialismus steht oder nicht gewohnt ist, nachzudenken, der wei
sich beim Eintritte solcher, fr ihn zusammenhangsloser Ereignisse nicht anders
zu helfen, als da er sie auf die Rechnung des groen Unbekannten und doch so
Wohlbekannten schreibt, den man so wie jenen berchtigten kriminellen
Unbekannten an den Haaren herbeizieht, wenn man sich nicht mehr zu helfen wei,
auf die Rechnung des Zufalles nmlich.
    Wenn ich mich des Wortes Materialismus bediene, so meine ich nicht nur die
unglubigen Materialisten. Es giebt auch glubige Christen, und zwar sind es
leider Millionen, welche ich so nenne. Sie halten sich fr das Material der
Erlsung, des Heiles, der Seligkeit. Unser Herrgott hat sie geschaffen; er wird
sie auch erhalten. Er hat sie fr den Himmel berufen und mu sie also nun auch
hinauffhren. Sie beten, sie singen, sie sind fleiige Kirchenbesucher und
fhlen sich unendlich behaglich dabei. Der himmlische Vater hat es nun einmal
grad auf sie abgesehen. Die Ueberzeugung, seine Lieblinge zu sein, verleiht
ihnen einen Komfort, der ihnen ber die irdischen Freuden geht, und das halten
sie fr ein Verdienst, welches er ihnen hoch anzurechnen hat. Sie sind geladene
Hochzeitsgste, und da sie damit einverstanden sind und ganz gern kommen wollen,
so wird man sie per Equipage abholen. Da sie das Material der Seligkeit sind, so
ist diese Seligkeit ohne sie gar nicht mglich; welche Freude mu also im Himmel
ber sie sein! Alle Mhen und Beschwerden des Himmelsweges legen sie in Gottes
Hand; er wird ihnen schon darber hinweghelfen, und seine Diener mssen Vorspann
leisten! Fr ihn und sie bestehen diese Leute nur aus dem uern Menschen, dem
die Auferstehung von den Toten und das ewige Leben verheien ist. Ihre Seele
aber? Giebt es denn eine Seele? Wenn ja, nun, so gehrt sie zum Krper und mu
doch mit ihm selig werden. Ueber diesen Punkt viel nachzudenken oder gar an
dieser Seele zu arbeiten, das wrde die ganze Behaglichkeit zu nichte machen.
Fr diese Materialisten, diese Liebhaber des religisen Komfortes giebt es
keinen Zufall, denn da sie so fromm sind und so selig werden, das ist doch
wahrlich kein Zufall, sondern die unbedingte Folge ihres hohen geistlichen und
auch sonstigen Wertes; das ist doch leicht erklrlich! Und was sie nicht
erklren knnen, das nennen sie nicht Zufall, denn dieses Wort pat fr einen
guten Christen nicht, sondern Gottes Schickung. Aber wie das Wort Schickung hier
gemeint ist, bedeutet es eben auch nur Zufall, und zwar nicht nur ein blindes,
sondern ein gewolltes Ungefhr, und das ist noch schlimmer. Das Wort Schickung
in diesem Sinne bringt das allgerechte und allweise Walten der gttlichen Liebe
um die ihr auf den Knieen zu zollenden Ehre. Geistliche Gter sind in gewissem
Sinne auch als materielle Gaben zu bezeichnen, und die Liebe Gottes teilt diese
Geschenke nicht nach Willkr aus, sondern nach Gesetzen, die ihre eigenen sind;
sie handelt nicht regellos. Ist doch grad sie es, die jene geheimen Fden in den
Hnden hlt, welche Seele mit Seele vereinen und Ursache mit Ursache verbinden,
so da die Wirkung dann als eine Schickung im wirklichen Sinne, nmlich als eine
Fgung des allgtigen Ratschlusses Gottes erscheint. Wer gelernt hat, zu sehen,
der kann in seinem Leben Beweis um Beweis finden, da das, was andere Zufall
nennen, ein von der belohnenden, warnenden oder wohl auch strafenden Liebe
herbergeleitetes Ergebnis seelischer Zusammenwirkung ist. Und wenn er eifrig
sucht, wird er dann gewi in seiner eigenen Seele den Berhrungspunkt entdecken,
der ihm erklrt, warum grad ihn und keinen andern diese Fgung traf, die dann
fr ihn nichts weniger als ein Zufall ist! -
    Warum aber hier diese Darlegung meiner Ansicht ber den Zufall? Zunchst,
weil es mir so sehr am Herzen liegt, soviel Menschen wie mglich an dem sonnigen
Glcke teilnehmen zu lassen, welches ich meinem Glauben verdanke. Und sodann bin
ich jetzt beim Bir Hilu berzeugt, da viele meiner Leser unser Zusammentreffen
mit den beiden Beni Lam und unser Gesprch mit ihnen fr Zufall halten werden,
aber es stand mit dem, was geschehen war und noch geschehen sollte, in so engem
Zusammenhange und grad der Umstand, da ich die Beni Khalid nicht verraten
hatte, obgleich sie unsere Feinde waren und ihre Ablenkung von uns auf die Beni
Lam vom grten Vorteile fr uns zu sein versprach, lieferte uns dann spter den
augenflligsten Beweis, da eine jede That ihre guten oder bsen Folgen schon in
sich trgt. Htte ich nicht den seelischen Einflssen in mir, sondern meiner
kalten Berechnung und Klugheit gefolgt, so wren wir schon am nchsten Tage alle
verloren gewesen!
    Am Abende dieses Tages saen wir beisammen, zum letztenmal mit dem Basch
Nazyr, wie wir alle meinten. Wir hatten einige Wachen ausgestellt und
unterhielten uns, wie das ja begreiflich ist, fast ausschlielich ber das, was
wir seit unserm Zusammentreffen mit ihm gemeinschaftlich erlebt hatten. Spter,
als die Zeit zum Schlafen gekommen war, richtete er die Frage an mich:
    Sihdi, ich habe eine Bitte an dich. Wirst du sie mir erfllen?
    Recht gern, wenn ich kann, antwortete ich.
    Ich mchte gern eines meiner Kamele mit einem von euch vertauschen.
    Warum?
    Um ein Andenken zu haben.
    So! Ich habe kein Kamel, bezweifle es aber nicht im geringsten, da Halef
auf deinen Wunsch eingeht.
    Das wird er gewi thun; nur mchte ich gern wissen, ob du gewillt bist, das
Kamel von mir anzunehmen.
    Ich?
    Ja; denn du bist es, der es reiten soll.
    Warum ich?
    Weil es ein Andenken von mir an dich sein soll. Ich gebe dir meine
Hedschihn-Stute, und weil ich dann ein Kamel zu wenig haben wrde, bitte ich mir
dafr ein anderes aus.
    Ich sah ihn an, ohne zunchst zu antworten. Diese herrliche, unbezahlbare
Stute wollte er mir schenken! Als Scherz konnte ich dieses Anerbieten unmglich
auffassen und behandeln, und da es also Ernst war, so handelte es sich um eine
gradezu frstliche Freigebigkeit, von der ich nicht wute, wie ich mich zu ihr
verhalten sollte. Ja zu sagen, widerstrebte meinem ganzen Wesen, und ein Nein
htte ihn nicht nur krnken, sondern sogar schwer beleidigen mssen. Da fuhr er
fort:
    Ich begreife, da dir mein Wunsch berraschend kommt, hoffe aber, da du
ihn nicht fr zudringlich halten wirst. Es wrde mir eine stolze Freude sein, zu
wissen, da Kara Ben Nemsi Effendi auf meinem Hedschihn sitzt. Den Wert des
Tieres darfst du nicht bercksichtigen, denn ich habe es ja nicht zu bezahlen
gehabt und kann mir von Tscharbagh zu jeder Zeit ein hnliches erbitten. Dazu
kommt, da du mir das Leben gerettet hast und - - -
    Ich nicht! warf ich ein.
    Ja, doch du! Dabei will ich aber die Verdienste Halefs um mich gar nicht
schmlern. Auch hast du den Kanz el A'da entdeckt; ohne dich wrde ich ihn nicht
wiederbekommen haben. Du wirst also einsehen, da das Geschenk dieses Kameles
gar nichts ist gegen das, was ich dir zu verdanken habe. Ich will jetzt nicht in
dich dringen; du hast ja eine ganze Nacht Zeit dazu, es dir zu berlegen. Aber
ich gebe mich der Hoffnung hin, da du mir morgen frh nicht den Schmerz
bereitest, mir diese Bitte abzuschlagen, die mir so aus dem Herzen kommt!
    Er wendete sich ab und schien also die Sache als fr einstweilen erledigt zu
betrachten; darum sagte auch ich nichts mehr; aber Halef, der dabeigesessen
hatte, raunte mir dringlichst zu:
    Effendi, du wirst es annehmen; ja, du mut sogar! Einen Freund darf man
doch nicht durch die Verweigerung der Annahme eines Geschenkes beleidigen!
    Aber eines solchen! antwortete ich.
    Es ist freilich wertvoll, hchst wertvoll, ja; aber du mut bedenken, da
du es zwar jetzt fr dich, dann aber auch fr uns bekommst!
    Ah! Du schaust aus diesem verborgenen Loch heraus?
    Ja. In deiner Heimat ist dir dieses Hedschihn nutzlos, und so wirst du es
mit ihm wohl ebenso machen, wie du es damals mit deinem herrlichen Rih gemacht
hast, nmlich du wirst es nicht mitnehmen, sondern bei uns lassen. Und nun denke
dir unsere Freude, wenn wir fr unsere Zucht eine fnfjhrige, tadellose Stute
von dieser Vortrefflichkeit erhalten! Wenn du es annimmst, erweisest du unserm
Stamme einen Dienst, der uns dir zur grten Dankbarkeit verpflichtet. Ich
hoffe, da du das einsiehst! Oder etwa nicht?
    Doch! Es wre eine vortreffliche Erwerbung fr euch!
    Schn, Effendi! Es freut mich, da du diese Einsicht besitzest. Sie ist
aber nur die Nebeneinsicht, und ich hoffe, da dir nun auch noch die
Haupteinsicht kommt!
    Welche?
    Da du es annehmen mut. Willst du?
    Hm!
    Da wendete er sich rasch zum Perser:
    Mein Freund Khutab Agha. Es liegt mir sehr am Herzen, da mein Sihdi deinen
Wunsch erfllt. Ich habe ihn jetzt in diesem Sinne bearbeitet und kann dir
mitteilen, da ich zufrieden bin, denn er hat soeben schon gehmt! Da ich ihn
sehr genau kenne, so wei ich, da man bei ihm von diesem unschlssigen Hm bis
zum schlielichen Ja nicht weit zu reiten hat. Es ist mir gelungen, ihn schon
halb und halb, ja schon vielleicht dreiviertel fr deinen Vorschlag einzunehmen,
und so darfst du der angenehmen Hoffnung sein, da das vierte Viertel sich bis
morgen frh auch noch einstellen wird. Du wirst also einsehen, da das Kismet
dir und deinem Kamele nicht ungnstig gestimmt ist. Ihr werdet von einander
befreit werden!
    Dieser liebe, kleine Pfiffikus! So schwer es ihm stets wurde, sich in die
Verhltnisse und Anschauungen meines Vaterlandes zu versetzen, in welches er den
Orient fast stets zu bertragen pflegte, jetzt, wo es sich um die Aneignung des
Hedschihn handelte, hatte er sich sofort daran erinnert, da mir ein Kamel in
der Heimat nichts ntzen knne! Und dann die rasche und sonderbare Ausbeutung
meines Hm. So etwas brachte eben nur mein Hadschi Halef fertig!
    Frh gestand er mir, da er wegen des Hedschihn fast die ganze Nacht nicht
habe schlafen knnen, und da ich es unbedingt annehmen msse, wenn ich ihn
nicht fr seine ganze Lebenszeit um den Schlaf bringen wolle, was doch unbedingt
seinen schlielichen Tod zur Folge haben msse. Dann zog er den Basch Nazyr
heran, und ich wurde von ihnen, nach Halefs gestrigem Ausdrucke, in der Weise
bearbeitet, da ich schlielich wohl oder bel meine Einwilligung erteilte.
Das gab einen Jubel bei den Haddedihn! Ebenso kann ich von dem Perser sagen, da
er sich wirklich und aufrichtig freute. Er hatte mir das Geschenk nicht in
chinesischer Weise, auf welche man mit der Nichtannahme zu antworten hat,
angeboten, und diese seine Freude war mir ebenso lieb wie der Gegenstand seiner
Freigebigkeit. Whrend die andern das Kamel umringten und alle seine Vorzge
aufzhlten, wobei es von ihnen als unser Hedschin bezeichnet wurde, nahm er
mich auf die Seite und sagte:
    Effendi, da du mich mit der Annahme meines Geschenkes beglckt hast, mu
ich dir etwas sagen, was jetzt noch niemand auer dir zu wissen braucht. Es ist
dir wohl bekannt, da man den Kamelen nicht, wie den Pferden reinsten Blutes,
ein Geheimnis geben kann, denn sie sind zu dumm dazu; bei diesem Hedschihn aber
ist es mir gelungen, und zwar vortrefflich. Es besitzt eine Intelligenz, welche
man bei seinesgleichen sonst vergeblich sucht, und ist so treu, anhnglich und
willig wie ein Pferd. Da es nun dein Eigentum ist, will ich dir sein Geheimnis
mitteilen, damit du es anwenden kannst. Das Tier heit Maschurah144. Um es
vorher aufmerksam zu machen, mut du diesen Namen zweimal nennen, worauf du
dreimal hintereinander das Wort Bubuna145 sagst. Hast du das gethan, so
entwickelt es eine Eile, welche dir die stille Luft als Wind erscheinen lt,
und hrt nicht eher auf, als bis du ihm das Wort Yawahsch!146 auch dreimal
sagst. Da das Kamel das Pferd an Ausdauer berhaupt bertrifft, so hlt meine
Maschurah, die nun die deinige ist, auch unter dem Geheimnisse viel lnger aus
als ein Pferd, was dich aus groer Gefahr erretten kann und jede Verfolgung
nutzlos machen wird. Hast du dir das alles gut gemerkt?
    Ja; ich danke dir! Aber sag, warum hast du grad dieses Wort Bubuna
gewhlt?
    Weil dieses Hedschihn eine groe und ganz sonderbare Vorliebe fr Kamillen
hat. Ich habe darum, so oft ich es reite, stets einige von diesen Pflanzen in
der Tasche. Ich reibe sie in der Hand, so da sie nach ihnen riecht und liebkose
dann das Maul und die Nase Maschurahs mit dieser Hand. Wenn du das thust, wirst
du seine Freundschaft und Liebe schnell erwerben. Nur darfst du es keinem andern
verraten, dem es dann durch Anwendung dieses Mittels gelnge, die Anhnglichkeit
des Tieres auf sich zu lenken. Ich habe auch jetzt Kamillen mit und werde sie
dir geben. Sie sind trocken geworden, duften aber noch stark genug.
    Ein Kamel mit einem Geheimnisse! Das hatte auch ich bisher fr unmglich
gehalten. Wenn es sich bewhrte, so war diese Stute allerdings unbezahlbar zu
nennen! Er gab mir die Pflanzen, welche ich einsteckte, und erteilte dann seinen
Asaker den Befehl, sich zum Aufbruche zu rsten.
    Als dies geschehen war, verabschiedete er sich von uns. Es geschah das in
der herzlichsten Weise. Man sah ihm an, da er uns liebgewonnen hatte; die
Thrnen standen ihm in den Augen, und er griff immer und immer wieder nach
unsern Hnden. Es war wirklich, als ob er sich gar nicht von uns trennen knne.
    Ich forderte ihn zur grten Vorsicht auf und bat ihn, wenigstens fr heut
ja den Weg zu meiden, den er, und wir nach ihm, hierhergeritten war. Er
versprach das auch, doch leider nicht in der bestimmten Weise, wie ich es
wnschte, und ich merkte gar wohl, da er die ihm von den Beni Khalid drohende
Gefahr nicht fr so bedeutend hielt wie ich. Er glaubte, seinen Kanz el A'da
sicher zu haben, denn sie waren ja nach Sden gezogen, whrend er nach Norden
ritt. Als er sich schon in Bewegung gesetzt hatte, rief ich ihm meine Warnung
noch einmal dringend nach. Er drehte sich nach uns um und nickte mir lchelnd
zu, doch grad dieses Lcheln wollte mir nicht gefallen!
    Es verstand sich ganz von selbst, da Halef ihm eines unserer besten
Hudschuhn gegeben hatte, welches zwar nicht den Wert von Maschurah besa, aber
doch verllich war. Als sich die Reiter so weit entfernt hatten, da wir sie
nicht mehr sehen konnten, beschftigte ich mich mit der Stute. Sie hatte ihrem
bisherigen Herrn sehr lange nachgesehen, eine Anhnglichkeit, die von uns allen
noch bei keinem Kamele beobachtet worden war. Als ich ihr mit meiner nach den
Kamillen duftenden Hand ber die Nase strich, sog sie den Geruch mit sichtbarer
Wonne ein, streckte die Lippen wie Fangschalen so auerordentlich weit, da ich
darber lachen mute, aus und lie die Hand vollstndig im Maule verschwinden,
wo sie, das Gebi nur ganz sanft auflegend, an ihr zu saugen begann wie ein Kind
an einem Zuckerstcke. Ich sah, da es mir nicht schwer fallen werde, ihre
Zuneigung zu gewinnen, und lie ihr meinen Sattel auflegen, denn es verstand
sich ganz von selbst, da ich sie nun ritt.
    Nun konnten auch wir den Bir Hilu verlassen, den wir wohl nicht wiedersehen
wrden; so dachten wir, weil wir uns fr die Heimkehr von Mekka einen andern Weg
vorgenommen hatten, doch es steht geschrieben: Denn meine Gedanken sind nicht
eure Gedanken, noch meine Wege eure Wege, spricht der Herr! Unsere Schluche
waren voll. In dieser Beziehung waren wir darauf vorbereitet, die Ain Bahrid
heute abend schon besetzt zu finden. Wir hatten Wasser fr mehrere Tage.
    Als wir den Brunnenplatz verlassen hatten, waren die Spuren der Beni Khalid
so deutlich zu sehen, da wir ihnen mhelos folgen konnten, denn es verstand
sich ganz von selbst, da wir dies thaten. Wir muten wissen, woran wir mit
ihnen waren. Nach vielleicht einer Stunde kamen wir aus der Wste der
zerstreuten Felsengruppen heraus auf den offenen, ebenen Sand. Die Fhrte fhrte
genau in der Richtung der kalten Quelle.
    Halef und Kara ritten neben mir. Unsere Unterhaltung hatte fast nur den
Perser zum Gegenstande, der in dem gestern abend gefhrten Gesprche wiederholt
den tiefen Eindruck verraten hatte, der ihm von der vorgestrigen Scene mit Ben
Nur hinterlassen worden war. Das Wort von der Liebe hatte sich seinem Herzen so
tief eingeprgt, da er wiederholt und mit groem Eifer darauf zurckgekommen
war. Darum hegten wir die Ueberzeugung, da sie von jetzt an wohlthtig auf sein
Thun und Leben einwirken werde.
    Nach einer zweiten Stunde bog die Spur nach Westen ab. Das war ein Umstand,
der uns auffallen mute. Es kam uns nicht bei, unsere bisherige Richtung
innezuhalten, sondern wir blieben der Fhrte der Beni Khalid treu. So ritten wir
vielleicht zwei Stunden lang nach Sonnenuntergang und sahen dann an dem
Horizonte vor uns eine dunkle Linie auftauchen, von welcher der Ben Harb, unser
Fhrer, vermutete, da sie ein lang gestreckter Hhenzug sei, von dem er wohl
gehrt hatte, dessen Namen er aber nicht kannte. Wenn er sich nicht irre, msse
die Wste nun wieder steinigt werden.
    Dies war auch wirklich der Fall. Je nher wir dieser Hhe kamen, desto
gerlliger wurde der Sand; dann trat der nackte, unbedeckte Felsen zu tage, auf
welchem wir nur noch mit Mhe die Spuren entdecken konnten.
    Warum mgen die Beni Khalid wohl von ihrem Wege abgewichen und
hierhergeritten sein? fragte Halef. Ob das mit uns zusammenhngt, Sihdi?
    Zunchst wohl mit dem Perser und dann auch mit uns, antwortete ich. Mir
wird jetzt angst um ihn, und ich wnsche von Herzen, da meine Vermutung sich
nicht besttigen mge! Die Beni Khalid haben diese ihre neue Richtung in so
aufflliger Weise eingeschlagen, da die Absicht, wir mchten ihnen folgen, fr
mich bewiesen ist. Wahrscheinlich stecken sie dort an einer verborgenen Stelle
dieser Hhe, um uns zu berfallen, wenn wir kommen. Aber es giebt auch wieder
einen Grund, grad dies nicht anzunehmen. Ich bin berzeugt, da es Tawil Ben
Schahid nicht eingefallen ist, auf den Kanz el A'da zu verzichten. Er wei, da
ihn der Perser hat, von dem er ihn nur dadurch erlangen kann, da er ihm
unterwegs auflauert. Wenn er diese Absicht verfolgt, kann er nicht hier stecken,
sondern ist in einem weiten Bogen um den Bir Hilu zurckgeritten, um sich
jenseits desselben dem Basch Nazyr in den Weg zu legen. Wir haben es also mit
zwei verschiedenen Annahmen zu thun: Entweder sind die Beni Khalid hier, um uns
aufzulauern, oder sie sind jetzt nrdlich vom Bir Hilu zu suchen.
    Aus welchem Grunde wren sie da aber hierhergeritten?
    Des felsigen Bodens wegen, auf welchem die Spuren schwer zu lesen sind. Sie
halten unsere Augen nicht fr besser als die ihrigen und sind darum berzeugt,
da wir ihre Fhrte hier verlieren werden. Zugleich haben sie wohl an den
Vorteil gedacht, den sie ber uns erringen, wenn sie sich zuerst den Perser
holen, denn dadurch kommen sie uns in den Rcken, whrend wir glauben, sie vor
uns zu haben. Es ist auch ein dritter Fall mglich, nmlich der, da der Scheik
seine Leute geteilt hat. Wenn dies geschehen sein sollte, so werden wir von der
einen, wahrscheinlich greren Abteilung hier erwartet, whrend er selbst mit
der andern nach Khutab Agha sucht. Ich werde mir sogleich darber Klarheit
verschaffen. Wir halten, um ihnen nicht zu nahe zu kommen, jetzt hier an, und
ich suche, ob es eine Spur giebt, welche zurck nach Norden fhrt.
    Das wird hier auf diesem harten Felsen lange dauern!
    Nein, denn ich gehe bis zur Grenze des Sandes hinber. Reite ich dieser
entlang, so mu ich die Eindrcke, wenn es berhaupt welche giebt, unbedingt
finden. Auch lange dauert das nicht, weil ich ja wei, nach welcher Seite sich
Tawil gewendet hat; ich habe also nicht die ganze Hhe zu umreiten.
    Darf ich mit?
    Ja. Wir nehmen aber unsere Pferde. Die Kamele sind mir zum Spurensuchen zu
hoch. Komm!
    Halef bestieg seinen Barkh, ich meinen Assil Ben Rih. Wir ritten seitwrts
ab, bis wir den Sand erreichten, und bogen dann links um, wodurch wir auf die
Spur einer etwa nach Norden gerittenen Ben Khalid-Schar treffen muten. Mich zur
Seite des Pferdes mglichst tief herunterneigend, um die Augen dem Boden nahe zu
bringen, lie ich meinen Rappen schlank vorwrts fliegen und hatte sehr bald die
Genugthuung, ihn anhalten zu mssen, denn wir trafen auf eine sehr deutliche
Fhrte, welche von der Hhe hierher- und dann in nrdlicher Richtung
weiterfhrte. Wir stiegen ab, um sie zu betrachten. Diese Beni Khalid waren so
eng zusammen geritten, da die Einzelspuren nicht auseinander gehalten werden
konnten; es gelang uns also nicht, sie zu zhlen, doch glaubte ich, der Wahrheit
nahe zu kommen, wenn ich ber dreiig und hchstens vierzig Reiter schtzte.
Diese Zahl war ja auch vollstndig ausreichend, den Perser mit seinen zwanzig
Soldaten zu berwltigen, zumal Scheik Tawil gewi annahm, da der Khutab Agha
auf so einen Ueberfall gar nicht vorbereitet sei.
    Jetzt wurde es auch dem Hadschi angst.
    Effendi, deine Befrchtung ist eingetroffen! sagte er. Ich wette, da
unser Freund jetzt, in diesem Augenblicke, schon tot ist! Was thun wir? Sage es
schnell, sehr schnell!
    Es kommt alles darauf an, ob er meine Warnung beachtet hat, den Herweg zu
meiden. In diesem Falle kann er den Beni Khalid entgangen sein.
    Ich befrchte, da er sie nicht befolgt hat, denn er nahm sie nicht so
ernst auf, wie du sie meintest. Denkst du, da er noch zu retten ist?
    Vielleicht. Wir drfen keinen Augenblick versumen. Steig schnell auf! Wir
mssen alle umkehren!
    Whrend wir zu unseren Leuten zurckjagten, teilte ich ihm meinen Entschlu
mit:
    Wir reiten so schnell wie mglich nach dem Bir Hilu zurck, nicht auf dem
Wege, den wir gekommen sind, denn er bildet einen rechten Winkel, sondern auf
der geraden Schnur von hier nach hin. Von dort aus halten wir uns auf der Spur
des Persers und werden dann wohl bald erfahren, wie es mit ihm steht. Da ich das
Schlimmste befrchte, so reite ich voraus, denn wenn es notwendig ist, halte ich
mit meinem Henrystutzen die ganze Beni Khalid-Schar in Schach, und ihr habt
hinter mir nur meiner Spur zu folgen.
    Warum wir hinterher und nicht gleich mit?
    Weil eure Kamele nicht schnell genug sind; sie mssen ja zurckbleiben!
    Aber unsere Pferde doch!
    Ich nehme Maschurah, die Hedschihnstute. Selbst wenn ihr den Pferden das
Geheimnis sagt, knnt ihr nicht mit mir fort, denn sie hlt lnger aus als jedes
Pferd. Das ist abgemacht. Sprich also nicht dagegen! Auch bitte ich dich sehr
ernstlich, ja keine Fehler zu begehen! Ihr kommt, so schnell ihr knnt, mir
immer nach und habt euch dabei stets vor einem pltzlichen Zusammentreffen mit
den Beni Khalid zu hten, denn sie nehmen ihren Rckweg auf alle Flle ber den
Bir Hilu, und so ist es mglich, da ihr schon auf sie stot, whrend ich dem
Perser nacheile. Dieses letztere kann allerdings nur dann der Fall sein, wenn
sie ihn nicht gefunden haben, weil er meine Warnung befolgt und einen andern Weg
gewhlt hat. Also, Halef, Schnelligkeit und Vorsicht! Weiter habe ich jetzt
nichts zu sagen!
    Wir hatten nun unsere Leute erreicht. Ich schwang mich vom Pferde und sofort
in den Sattel des Kameles. Ein kurzer Gru und ich ritt fort, dem Hadschi die
Erklrung dieser meiner Eile berlassend.
    Ich lie Maschurah einige hundert Schritte langsam gehen; dann trieb ich sie
an; sie gehorchte; es ging ja zum Brunnen zurck! Wir wren vom Bir Hilu aus
erst in gerader Linie zwei Stunden lang, und dann in einem rechten Winkel von
ihr aus ber zwei Stunden wieder geradeaus geritten. Das machte zusammen einen
Weg von ungefhr vier Stunden und eine halbe. Dieser Weg bildete die zwei
Katheten eines rechtwinkligen Dreiecks, auf dessen Hypotenuse ich nun
zurckkehrte. Sie war also nach der von uns bis jetzt innegehaltenen
Schnelligkeit ungefhr drei Stunden lang. Aber Maschurah griff so erstaunlich
aus, da ich den Bir Hilu schon nach drei Viertelstunden erreichte.
    Die Beni Khalid konnten freilich schon hier sein; ich hatte aber keine Zeit,
mich von diesem Gedanken aufhalten zu lassen, denn wenn sie sich am Brunnen
befanden, so lag grad in der Schnelligkeit fr mich der beste Schutz vor ihnen;
ich kam an ihnen vorber, ehe sie nur daran denken konnten, etwas gegen mich zu
unternehmen. Der Platz war aber leer, kein Mensch zu sehen!
    Maschurah hatte einen wunderbar leichten, elastischen Gang. Ich sa, obwohl
ich balancierte, wie in einem unbeweglichen Stuhle. Sie besa im hchsten Grade
die hochgeschtzte Eigenschaft, welche der Beduine mit dem Worte
raumverzehrend bezeichnet, und dabei lie sie auch nicht die Spur von
Anstrengung bemerken!
    Als ich den Brunnen hinter mir hatte, war ich auerordentlich gespannt
darauf, ob der Basch Nazyr einen andern Weg eingeschlagen hatte oder nicht. Im
ersteren Falle durfte ich hoffen, da er von den Beni Khalid verfehlt worden
sei; im letzteren aber war fast mit Sicherheit anzunehmen, da sie ihren Zweck
erreicht hatten.
    Bekanntlich waren wir bei unserm Wege nach dem Brunnen stlich ausgewichen.
Ich konnte also erst, nachdem ich diesen Bogen abgeschnitten hatte, auf unsere
alte Fhrte treffen. Dies geschah sehr bald, und da bemerkte ich denn, da der
Perser meine Warnung nicht befolgt hatte; seine Spur fhrte auf der frheren
zurck!
    Nun gab es nur noch eine, wenn auch sehr kleine Hoffnung: Wenn er langsam
geritten war und der Hinterhalt der Beni Khalid in bedeutender Entfernung von
dem Brunnen lag, so war es mglich, da er sie noch nicht erreicht hatte.
Freilich waren seit seinem Fortritte schon ber fnf Stunden vergangen, die ich
nun einzuholen hatte. Welch ein Glck also, da der Perser so aufrichtig gewesen
war, mir das Geheimnis der Stute mitzuteilen! Denn nur durch die Anwendung
desselben konnte ich es ermglichen, meine Absicht auszufhren.
    Ich beobachtete das Hedschihn also sehr aufmerksam, ob es eine Spur von
Ermdung oder Atemmangel zeige. Es ging aber so leicht und frisch, als ob es
soeben erst das Nachtlager und die Trnke verlassen habe. Darum gab ich ihm nun
das Zeichen. Ich rief zweimal seinen Namen und dann, als es aufhorchte, dreimal
das Wort Bubuna. Der Erfolg war, da es mit den Ohren spielte und in seinem
bisherigen Schritt verblieb. Ich wartete eine Weile und wiederholte es dann - -
- ganz mit demselben Mierfolge. Ich hatte ganz genau gethan, was mir von Khutab
Agha gesagt worden war! Hatte er vielleicht bei seiner Mitteilung etwas
vergessen?
    Es wurde mir heier und heier, nicht etwa blo von der ber mir brennenden
Sonne, sondern auch weil meine Angst um den Perser in stetem, schnellem Wachsen
war. Wie konnte ich ihn retten, wenn mir das Kamel nicht gehorchte! Ich
wiederholte den Versuch noch zweimal, doch vergeblich; ich bekam ganz dasselbe
Ohrenspiel zur Antwort, weiter nichts! Da dachte ich denn nun endlich an den
Umstand, da mich das Hedschihn ja noch gar nicht kannte. Vielleicht war das
schuld an seiner Weigerung! Ich hielt also an, stieg ab, rieb mir die Hand mit
den Kamillen ein und hielt sie ihm dann hin. Sie wurde mit Begierde in das Maul
genommen und dort festgehalten. Ich hatte nur acht oder zehn Pflanzen bekommen,
die schon ganz abgebraucht waren, beschlo aber dennoch, einige davon zu opfern.
Maschurah schnappte mit wahrer Wonne zu; ich bekam die Hand frei und stieg
wieder auf. Zunchst lie ich sie eine kleine Strecke langsam gehen; dann trieb
ich sie an, und als sie gehorcht hatte, wartete ich nicht lnger, den letzten
Versuch zu machen:
    Maschurah, Maschurah - - -! Bubuna, bubuna, bubuna - - -!
    Da bekam ich einen Ruck, der mich fast aus dem Sattel warf, und dann - - -
ja, dann ging es los, und aber wie! Ja, es war genau so, wie der Perser gesagt
hatte: die stehende Luft, die wir durchschnitten, wurde fr mich zum Winde. Ich
war frher einigemale gezwungen gewesen, bei meinem Rapphengste Rih auch das
Geheimnis anzuwenden, und mu der Wahrheit nach gestehen, da es mir jetzt war,
als ob Rih damals schneller gewesen sei als das Hedschihn jetzt; ich bin auch
jetzt noch berzeugt, da dies kein Irrtum war; aber es kam nun darauf an, auf
wessen Seite die grte Ausdauer war, ob auf der Seite des Pferdes oder des
Kameles! Der Basch Nazyr hatte, wie man wei, dem letzteren den Vorzug gegeben.
    Es war jetzt kein Ritt, kein Jagen mehr, sondern ein Fliegen zu nennen. Die
Felsengruppen, die es noch gab, schossen frmlich an uns vorber. Dann kamen wir
hinaus auf die steinige Serir, wo ich, um mich eines vaterlndischen Ausdruckes
zu bedienen, aufzupassen hatte wie ein Heftelmacher, um die Fhrte, welcher
ich folgte, nicht zu verlieren. Doch gehorchte Maschurah trotz der ungeheuern
Schnelligkeit jedem meiner Worte und auch der leisesten Berhrung mit dem dnnen
Metrek147. Auf dieser Ebene brauchte das Hedschihn zehn Minuten, um eine Strecke
zurckzulegen, fr welche auf dem Herwege im Schritte eine ganze Stunde
notwendig gewesen war. Und diese unbeschreibliche Hast wurde nicht geringer,
sondern blieb sich stetig gleich, auch als wir die Serir hinter uns hatten und
in den Sand kamen, bei dessen Beschreibung ich vom Mahlen der Hufe sprach.
Aber er strengte unbedingt mehr an als der Felsenboden. Maschurah begann zu
schwitzen.
    Dann wuchsen die schon beschriebenen Dnenreihen aus dem Sande empor. An der
ersten hatte, wie ich aus den Spuren sah, der Perser aus irgend einem Grunde
lngere Zeit gehalten. Es war mir der Gedanke gekommen, das Hedschihn hier
verschnaufen zu lassen; aber bei dem Anblicke dieses Halteplatzes unterlie ich
es, das Zeichen dazu zu geben, denn durch die hier entstandene Verzgerung war
das Zusammentreffen des Basch Nazyr mit den Beni Khalid verzgert worden, und
dadurch vergrerte sich fr mich die Mglichkeit, ihn doch noch vorher
einzuholen und von ihnen abzulenken.
    Es war eine bse Anstrengung, welche das brave Tier zu berwinden hatte! Auf
der einen Seite sich an den steilen Sandbergen in fast rasenden Stzen
emporschnellend, scho es an der andern mehr rutschend, gleitend und oft dem fr
uns beide gleich gefhrlichen Sturze nahe, wieder hinab, um die nchste Dne in
eben dieser Weise zu berwinden. Der Schwei zeigte sich strker; schon bildete
sich ein weier Schaumrand an den Lefzen, und - - ja, da hrte ich den ersten,
hastigen, lauten Atemsto. Es war Zeit, innezuhalten!
    Yawahsch, yawahsch, yawahsch! rief ich.
    Maschurah fiel sofort in ein langsameres Tempo, in welchem ich sie aus
Vorsicht noch eine ziemliche Strecke gehen lie, bis sich wieder ruhiger Atem
zeigte und der Schaum verschwunden war. Dann hielt ich an, stieg ab, liebkoste
sie mit wirklicher Dankbarkeit, denn sie hatte mehr, weit mehr als ihre Pflicht
gethan, und gab ihr die Datteln, welche ich fr Assil Ben Rih eingesteckt hatte.
Die Art, wie sie mich dabei ansah, war geradezu rhrend. Ein solches Kamelauge
hatte ich noch nicht gesehen! Das war nicht die rote Farbe desselben, sondern
der Inhalt des Blickes! Es schien, als ob sie mich fragen wolle, ob ich mit ihr
zufrieden sei. Wahrlich, der Mensch sollte doch stets beherzigen, da das Tier
auch eine denkende und fhlende Seele besitzt, welche Liebe und Hrte vielleicht
tiefer empfindet und besser zu unterscheiden wei, als wir alle denken! Ich habe
zum Beispiele Beobachtungen gemacht, welche mir bewiesen, da der Hund ein
schrferer Menschenkenner ist als der Mensch selbst, und wenn das Tier in dieser
Beziehung eine anerkennenswerte Thtigkeit der Seele zeigt, so widerstrebt es
mir auch in anderer Beziehung, es fr unfhig zu halten. Und doch, wie gefhllos
verfhrt der Mensch gegen seine Mitgeschpfe, die ebenso wie er ihr Dasein der
Gte des Allliebenden verdanken! Ich glaube nicht, da er sie dazu geschaffen
hat, versengt, verbrht, verhungernd und verdrstend, an das Marterbrett
geschnallt, qualgekrmmt und schmerzheulend auf dem Felde des Tierversuches, der
heiligen Vivisektion, zu verenden oder vielmehr, noch lebend schon als Aas
behandelt, zu verrecken! Man verzeihe mir diesen unsthetischen, doch wahren
Ausdruck! Ich bin ein Menschenfreund und darum auch ein Tierfreund, und beides
mu und mu und mu ich sein, weil ich als Christ nicht anders kann! Wer als
Tierquler ber diesem Christentum erhaben steht, der mag immerhin ber mein
schwaches, lcherlich gefhlvolles Herz aburteilen; ich aber bin ganz froh, da
ich grad dieses und kein anderes, auch nicht das seinige, habe! Halef wrde
sagen: El Mizan, el Mizan, die Brcke der Gerechtigkeit! Sie mit auch das
kleinste unserer Gefhle! Und ich gestehe aufrichtig, da ich, wenn ich ein
Jnger der so inbrnstig festgehaltenen, inevitabeln Vivisektion wre, mich vor
dieser Wage frchten wrde! Doch weg von dieser Abschweifung, welche vielleicht
Entschuldigung findet, weil sie aus dem Herzen kam!
    Ich gab dem Hedschihn noch einige der Bubuna-Pflanzen und stieg dann wieder
auf, denn nach dieser hchst notwendigen Schonung des braven Tieres durfte keine
weitere Minute versumt werden. Wir begannen wieder im Schritte, gingen dann in
schnelleres Tempo ber, worauf ich das Geheimnis wieder wirken lie. Maschurah
gehorchte dieses Mal sofort.
    Es that mir leid, sie zum zweitenmal in dieser Weise anstrengen zu mssen;
aber es handelte sich um viele Menschenleben, und so auerordentlich ihre
Leistung war, das, was man Schinden nennt, das war es denn doch nicht. Sie
ging freiwillig; sie trug keine Kandare, kein schmerzendes Gebi, und sie wurde
von keinem Peitschenschlage getrieben.
    So flogen wir wieder bergan und bergab wie vorher. Wie oft wich der Sand
unter ihren Fen; wie hufig war sie dem Sturze, dem Ueberschlagen nahe, ohne
da ich sie, wie bei einem Pferde, mit Hilfen untersttzen konnte! Und doch kam
sie wohl zum Straucheln, zum Stolpern, Gleiten, doch aber nicht zum Fall. Sie
hielt aus; sie war ein wirklich unbezahlbares Tier!
    Da kam ein Augenblick, an welchem eine ungewhnlich hohe, aber auf dieser
Seite nicht steile Dne zu nehmen war. Sie stieg langsam empor, allmhlich, und
Maschurah fegte im rasenden Laufe hinauf; htte ich auf dem Herwege gewut, da
und in welcher Weise ich wiederkommen wrde, so wre ich wohl aufmerksam
gewesen, mir die gefhrlichen Stellen gut zu merken. Es schwebte mir jetzt eine
vor, wo die nrdliche Kante einer Dne oben eingefallen war; es gab da einen
steilen Sandsturz, den wir, um auf die Hhe zu gelangen, hatten umreiten mssen.
Jenseits war es dann umso weniger schroff, fast bequem, hinabgegangen. Sollte
das die jetzt vor uns liegende Hhe gewesen sein?! Es ging ja hier auf der
sdlichen Seite leicht hinan! Herrgott! Dann stand uns ein schwerer Fall bevor!
    Yawahsch, yawahsch, yawahsch! schrie, nein, brllte ich.
    Aber das Hedschihn war schon hinauf; es wollte auch gehorchen, konnte es
aber nicht so schnell, wie es erforderlich war. Ja, ein Pferd, welches man an
den Zgeln hat, das reit man auf die Seite, was allerdings auch nicht
ungefhrlich ist! Aber hier sa ich im hohen Kamelsattel und besa weder im
Metrek noch in der Maulleine ein Mittel, das Tier so rasch von der gefhrlichen
Richtung abzubringen. Mein Ruf bewirkte zwar sofort eine Verringerung der
vorwrtstreibenden Energie, aber doch schon zu spt. Ich sah nicht hinber nach
der nchsten Hhe und auch nicht hinuter in das zwischen ihr und uns liegende
Dnenthal; ich hatte keine Zeit dazu, denn das, was jetzt geschah, vollzog sich
in einem einzigen Augenblicke. Ich bemerkte in dem Momente, als wir die Kante
oben erreichten, nur den vor uns ghnenden Sandsturz, weiter nichts, zog das
linke Bein auf die rechte Seite und warf mich vorwrts, vom Kamele herab und in
das Loch hinunter.
    Das war das einzige, was ich zu meiner Rettung thun konnte, whrend das im
Schusse befindliche Tier hinaus in die Luft sprang. Nur die Weichheit des
hinuntergerollten Sandes, auf den mein Sturz gerichtet war, konnte mich retten!
    Ich fiel - - ich fiel und fiel - - fiel tiefer und immer tiefer! Das war
kein Fallen mehr, sondern ein langsames, gemchliches Niedersinken, welches gar
kein Ende nahm! Ich hatte die Augen zu und fhlte keinen andern Schmerz als nur
einen scharfen Druck in den Hand- und Fugelenken. Es war ein ganz eigenartiger
Zustand. Hrte denn dieses Sinken gar nicht auf? Welche Tiefe war es denn
eigentlich, in welche ich mich hinunterbewegte? Ich ffnete die Augen, um es zu
sehen. Die Lider gehorchten dem seelischen Impulse ohne Widerstreben. Da sah ich
- - -
    Ja, was ich da sah, das brachte mich augenblicklich zu der Ueberzeugung, da
dieses Gefhl der unaufhrlichen Abwrtsbewegung nicht Wahrheit sondern
Tuschung, da ich betubt gewesen war! Nur eines hatte mich nicht betrogen,
nmlich der Schmerz an den Hnden und den Fen. Sie waren gebunden, und zwar so
fest, da man jedenfalls alle Gewalt angewendet hatte, um diese Arbeit so gut
wie mglich zu machen. Vor mir sa Scheik Tawil Ben Schahid, zu seiner Rechten
der Ghani und zu seiner Linken dessen Sohn. Neben dem Vater sah ich den
Mnedschi, der wach und munter war. Die drei andern Mekkaner saen mehr auf der
Seite.
    Indem ich weiter um mich blickte, sah ich oben den Sandrutsch, in den ich
mich hatte werfen wollen. Der Schwung aber, den ich mir gegeben hatte, war im
Vereine mit der Beharrungskraft des ungestmen Rittes zu gro gewesen, und so
war ich darber hinausgefallen und den steilen Abhang hinunter in das Thal
gerollt. Da lagen die Soldaten zerstreut umher, alle tot, fast jeder in einer
Lache von Blut. Der Ueberfall war den Beni Khalid geglckt, und ich hatte den
Ritt zur Rettung des Persers und seiner Leute nicht nur vergeblich, sondern zu
meinem eigenen Unheile unternommen. Die Kamele der Soldaten standen nicht weit
von uns, und etwas weiter davon lag - - mein Hedschihn, ganz gemchlich
wiederkuend und mit den roten Augen hell um sich blickend. Es hatte also den
Sturz ebenso berstanden wie ich, und zwar wohl nur infolge des tiefen, weichen
Sandes, welcher sich grad an und unter der betreffenden Stelle aufgehuft hatte.
Wo aber war der Basch Nazyr?
    Als ich den Kopf wendete, um mich nach ihm umzuschauen, sah ich ihn, oder
vielmehr nur seine Beine, welche hinter einer niedrigen Sandwehe hervorragten.
War auch er tot? Ich nahm an, da er noch lebte, denn seine Fe waren
zusammengebunden wie die meinigen, was bei einem Leblosen doch nicht notwendig
ist. Auch saen fnf Beni Khalid bei ihm, wahrscheinlich um ihn zu
beaufsichtigen. Auch das lie darauf schlieen, da er noch am Leben war. Hinter
ihnen lagen Kamele, vielleicht ein Dutzend, welche den Beni Khalid gehrten. Wo
aber waren die andern Menschen und Tiere? Die von uns untersuchte Fhrte hatte
doch auf wenigstens dreiig schlieen lassen! Spter wurde es mir klar, da der
Scheik sie fortgeschickt hatte, um mglichst wenig Zeugen fr das zu haben, was
hier an dieser Stelle geschehen sollte. Auch wollte er den Kanz el A'da nur fr
sich allein oder, falls dies nicht zu erreichen war, mit mglichst wenigen
Personen zu teilen haben. Warum aber hatte er da die Mekkaner, welche doch den
ersten Anspruch darauf erhoben, mit hierhergenommen?
    Jedenfalls war die ganze Abteilung der Beni Khalid hier beisammengewesen, um
dem Perser aufzulauern. Oben hatten wahrscheinlich Posten gestanden, um seine
Ankunft zu melden. Sie waren mit einer Salve von ber dreiig Schssen empfangen
worden, und wer dann noch lebte, war, den Basch Nazyr ausgenommen, durch
weitere, schnelle Schsse abgethan worden. Der seinen Soldaten voranreitende
Perser hatte ebensowenig wie ich an den Sandrutsch gedacht; er war, wenn auch in
weniger gefhrlicher Weise, herabgestrzt und den Beni Khalid in die Hnde
gefallen und sogleich von ihnen in Fesseln gelegt worden.
    Man kann sich meine Stimmung denken! Nicht etwa, da ich mich verloren gab;
o nein! Selbst wenn ich nicht meine Haddedihn hinter mir gewut htte, wre es
mir nicht eingefallen, der Hoffnung auf Rettung zu entsagen. Aber der Anblick
der zwanzig hingemordeten Asaker erfllte mich mit Grauen. An diesem Scheik der
Beni Khalid schien nur das eine Gute zu sein, da er sein Wort heilig hielt.
Weiter aber nichts!
    Als er bemerkte, da ich die Augen geffnet hatte und mich bewegte, ging ein
hhnisch grausames Lcheln ber sein von Halefs Peitsche gekennzeichnetes
Gesicht. Er deutete mit der Hand auf mich und sagte zu El Ghani:
    Schau! Er lebt; er hat also den Hals nicht gebrochen! Allah hat mir ihn fr
meine Kugel aufgehoben. Jetzt mu er sagen, warum er hierhergekommen ist. Wenn
er es nicht gesteht, werden wir ihn schon zu zwingen wissen, die Wahrheit zu
sagen! Du hast meine Worte gehrt. Nun sprich, Hund!
    Diese Aufforderung galt mir. Ich antwortete, ohne auf den Hund! zu achten:
    Ich habe keinen Grund, zu schweigen. Es fiel mir ein, da ihr auf den
Gedanken gekommen sein knntet, den Basch Nazyr zu berfallen und ihm den Kanz
el A'da wieder abzunehmen; da bin ich ihm auf seinem Hedschihn, welches er mir
geschenkt hat, nachgeritten, um ihn zu warnen.
    Allein?
    Ja.
    Wo sind die Haddedihn?
    Auf dem Wege, welcher von hier nach der Ain Bahrid fhrt.
    Sie werden dich nicht wiedersehen, aber uns, denn wir holen sie ein, um sie
zu vernichten. Also, das Hedschihn, das kostbare, hat er dir geschenkt? Wohl
weil du ihm das Leben und den Schatz gerettet haben willst?
    Ja.
    So ist es liebreich von dir, da du es mitgebracht hast. Ich werde es
behalten, und eure Pferde, von denen ich gestehe, da sie ihresgleichen suchen,
kommen auch in den Besitz meines Stammes; ihr aber lauft alle in die Krallen des
Teufels. Da dies geschieht, dafr werde ich jetzt sorgen!
    Whrend er sprach, waren seine Augen und auch die Blicke der Mekkaner in
einer Weise auf mich gerichtet, da ich einsehen mute, bei ihnen keine Spur von
Erbarmen zu finden. Der Mnedschi horchte aufmerksam auf jedes Wort. Jetzt, als
der Scheik schwieg, wendete er sich mit der Frage an ihn:
    Das ist der Effendi aus dem Wadi Draha, der hier gefangen vor uns liegt?
    Ja, antwortete Tawil.
    Was werdet ihr mit ihm thun?
    Er wird erschossen, und zwar gleich hier! Hast du etwas dagegen
einzuwenden?
    Nein, gar nichts. Ich stimme vollstndig bei. Ich htte ihm noch einige
Bemerkungen zu machen, unterlasse es aber, weil so ein Mensch nicht wert ist,
da ich mit ihm spreche. Ich habe ihm in das Gesicht gespuckt; das ist fr ihn
genug, um zu wissen, was ich von ihm denke und wie unendlich ich ihn verachte.
Whrend er vorgiebt, ein frommes, unschuldiges Lamm zu sein, ist er ein
Raubtier, und zwar ein so gefhrliches, da man sich mit seiner Ttung Allahs
Lohn verdient. Ihn zu schonen, wrde die grte Snde sein, die ihr auf euch
laden knnt. Er gehe also dahin, wohin er gehrt: in die Hlle!
    Da lie sich auch El Ghani hren:
    Das ist ganz so, als ob ich es gesagt htte! Ich gebe also auch meine
Zustimmung und fordere von dir, oh Scheik, da er erschossen wird!
    So? Ihr stimmt also bei! fragte der Scheik in einem so ironisch
wegwerfenden Tone, da ich vermutete, das Verhltnis zwischen ihm und seinen
Gastfreunden sei nicht mehr das frhere. Es ist prahlerisch und lcherlich, mir
eure Einwilligung anzubieten. Ich thue hier, was mir beliebt, und frage nicht,
ob es euch pat oder nicht. Ihr wit ja, wie wir jetzt zusammen stehen! Bildet
euch also nicht ein, da ich mich nach euren Wnschen richte!
    Ich wnsche nichts, sondern ich fordere mein Recht! Vor allem verlange ich
den Perser fr mich! Er hat mir, dem Liebling des Groscherifs, die Schande des
Diebstahls frech in das Gesicht geworfen; er ist mir mit Soldaten nachgeritten,
wie man einen ehrlosen Verbrecher verfolgt; er trgt die Schuld an der
Behandlung und an allen Beleidigungen, die wir am Bir Hilu erduldet haben, er,
der von Allah verdammte Schiit, der nicht wert ist, da ich ihn auch nur mit dem
Fue berhre, um ihn fortzustoen. Darum verlange ich, der Vollstrecker des
Urteiles zu sein. Es darf ihn keine andere Kugel treffen, als nur die meinige!
    Dagegen habe ich nichts, lachte der Scheik in einer jeden Gefhles baren
Weise. Wenn es dir Spa macht, ihn mit deiner eigenen Hand in die Hlle zu
schleudern, so werde ich dich nicht hindern, es zu thun. Hast du geladen? Du
kannst es sofort thun, denn unsre Zeit fr hier ist abgelaufen.
    Er stand auf, der Ghani auch. Sollte das im Ernst gemeint gewesen sein? Das
wre ja frchterlich! Ich erhob meine Stimme, um gegen diesen Mord zu
protestieren, erhielt als Antwort aber nur ein hhnisches Gelchter. Da hrte
ich, jetzt und hier zum erstenmal, die Stimme des Basch Nazyr:
    Ich bitte dich, gieb dir keine Mhe Effendi! Ich habe schon selbst
erfahren, da jedes Wort umsonst ist. Mein Tod ist beschlossen, und davon gehen
diese Leute um keinen Preis ab. Ich bin selbst schuld daran, denn ich habe deine
Worte in den Wind geschlagen und werde nun dafr bestraft. Aber ich will nicht
wie ein armseliges Paket, sondern wie ein Mann sterben. Bindet mir die Fe los!
Ich will die Kugel stehend empfangen. Thut mir wenigstens diesen Gefallen! Ich
fliehe nicht; ich gehe keinen Schritt von der Stelle, von welcher aus ich durch
die Pforte des Todes treten soll!
    Da lachte der Scheik wieder in der schon beschriebenen Weise auf und
antwortete:
    Diesen Wunsch werde ich dir gern erfllen, denn ich bin ein
menschenfreundlicher Mann, und es wird ja doch dein letzter sein in diesem
Leben!
    Er ging zu ihm hin und gab ihm die Fe frei. Der Perser stand auf, kam
langsam auf mich zu und sah mir in das Gesicht. Er mochte auf demselben lesen,
was in mir vorging, denn er schttelte den Kopf und sagte:
    Denk nicht darber nach, wie mir vielleicht zu helfen wre! Wir sind nicht
zu retten und knnen nichts thun, als mit Wrde sterben. Ich bin nicht nur
schuld an meinem, sondern auch an deinem Tode. Hier bitte ich dich nicht um
Verzeihung, denn alle Ohren, welche es hier giebt, sind es unwert, solche Worte
anzuhren. Aber du wirst nur wenige Minuten nach mir durch die groe Mauer,
welche Ben Nur uns zeigte, nach Es Setschme, den Ort der Sichtung, kommen, und
da erwarte ich dich, um dich auf meinen Knieen und mit der Hand zu bitten, mir
meine Unbedachtsamkeit zu verzeihen. Wie ich dich kenne, wei ich, da ich nicht
umsonst bitten werde. Ja?
    Ich verzeihe dir schon jetzt, antwortete ich. Das Leben der Menschen
steht in einer hheren Hand, die uns noch im letzten Augenblicke retten und
sogar die Kugeln lenken kann. Ihr wollen wir uns anvertrauen!
    Thut das, wenn es euch beliebt! lachte der Scheik abermals. Ich habe aber
auch eine Hand, und der entkommt ihr nicht, so wahr euer Es Setschme, der Ort
der Sichtung, nichts als Schwindel ist! Aber da ihr glaubt, dort drben so schn
vereinigt zu sein, will ich euch zu Liebe dafr sorgen, da ihr es schon hier
sein werdet. Wir graben jetzt ein Grab, in welches wir euch neben einander
legen. Die Leichen der Asaker mgen die Geier fressen, sie bleiben liegen; euch
aber sollen nur die Wrmer bekommen. Das ist der einzige Unterschied, den wir
zwischen zwei Arten von Halunken machen. In der Hlle trefft ihr doch mit ihnen
zusammen!
    Seine Beni Khalid machten sich auf seinen Befehl daran, ein Loch in den Sand
zu whlen, nicht weit von uns und grad vor unsern Augen, so da wir zusehen
konnten. Das gab doch einen Aufschub, wenn auch nur einen kurzen; aber jede
Minute war jetzt kostbar, denn es stand auer allem Zweifel, da Halef sich der
allergrten Eile befleiigen werde. Ich wute zwar nicht, wie lange Zeit ich
betubt gelegen hatte, aber da mein Hedschihn sich whrend derselben so ruhig
niedergelegt hatte und von den Beduinen trotz der Erregung, welche unser
Erscheinen hatte hervorbringen mssen, gar nicht mehr beachtet worden war, so
durfte ich annehmen, da dieser Zustand der Besinnungslosigkeit von lngerer
Dauer gewesen sei. Die Hoffnung, da die Haddedihn noch rechtzeitig zu unserer
Rettung eintreffen wrden, war also gar nicht ausgeschlossen.
    Das htte ich dem Perser gerne gesagt; aber der Scheik und auch der Ghani
hielten uns so scharf unter ihren Augen, da mir kein leises Wort ermglicht
war. Sie hinderten aber den Basch Nazyr nicht, laut zu sprechen:
    Effendi, da unser Geschick sich in dieser Weise gendert hat, will ich dir
eine Mitteilung machen, welche dich interessieren wird. Ich habe darber
geschwiegen, weil ich glaubte, da du Dschafar Mirza zrnen werdest.
    Warum?
    Er hat mir ein Geschenk gemacht, welches er erst von dir erhalten hat.
    Darber kann ich doch nicht zornig sein! Das Geschenk gehrte dann ihm, und
er konnte also darber verfgen, wie es ihm beliebte. Wir haben uns gegenseitig
wiederholt mit Gaben erfreut. Welches Geschenk meinst du?
    Das kleine Buch in persischer Sprache El Beschar el arba148. Ich habe mit
ihm in innigerer Beziehung gestanden, als ich dir bisher gesagt habe und jetzt
in der Todesstunde sagen kann. Du weit, sein Leben war geheimnisvoll, und darum
schwieg ich gegen dich. Er hat das Buch gelesen und jede Zeile desselben in sein
Herz gegraben. Dann schenkte er es mir, damit auch ich erleuchtet werde. Du hast
mir verziehen, was ich ber die Spaltung eures Glaubens sagte; nur die Bekenner
sind uneinig; die Lehre selbst aber kennt und will diese Teilung nicht. Sie ist
auch mir in das Herz gedrungen, obgleich ich zu dir kein Wort davon gesprochen
habe, denn du solltest ja nicht wissen, da ich das, was ich jetzt denke und
fhle, aus deinem Geschenk gezogen habe. Ich las tglich darin, auch heut frh
wieder, als ihr es nicht merktet. Da schlug ich die Stelle nach, welche lautet:
Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; thut Gutes denen, die euch hassen, und
betet fr die, welche euch verfolgen und verleumden, auf da ihr Kinder seid
eures Vaters, der im Himmel ist, der seine Sonne aufgehen lt ber die Guten
und die Bsen und lt regnen ber die Gerechten und die Ungerechten! Es lebte
jedes Wort in mir, welches wir von Ben Nur gehrt hatten, als der Quell und die
Summe seiner ganzen Rede nur das Eine, nur die Liebe war. Ich dachte an unser
Verhalten gegen diese unsere Feinde hier, denen wir fr den Ha die Liebe gaben.
Es schien mir der Gte allzu viel gewesen zu sein, und darum schlug ich diese
Stelle auf, um meiner Schwachheit Kraft zu geben. Nun scheint es aber doch, als
htten wir besser gehandelt, wenn wir schwach geblieben wren, denn wir werden,
du und ich, unsern Gehorsam gegen die Liebe mit dem Leben bezahlen!
    Nein, das glaube ich nicht! antwortete ich, tief ergriffen von diesem so
unerwarteten Glaubensbekenntnisse des dem Tode Geweihten. Das Leben hat
dieselbe Ewigkeit wie die Liebe. Wir sterben nicht, vielleicht nicht einmal
leiblich. Der, welcher, als du heut die Stelle lasest, von dir forderte, deine
Feinde zu lieben, hat wohl die Macht, dich grad durch diese Liebe zu erretten!
Sein Evangelium ist ein fester Schutz und Schirm im Leben und auch in der
grten Todesgefahr. Wenn du auf ihn vertraust, ist seine Hilfe vielleicht
nher, als du denkst!
    So wollen wir uns ja beeilen, dieser Hilfe schnell zuvorzukommen! lachte
der Scheik. Das Loch ist fertig.
    Ja, es ist fertig, und meine Kugel ist bereit! fgte El Ghani entschlossen
hinzu. Wir mssen fort. Nun wird nicht lnger gezaudert!
    Stelle dich hierher!
    Bei diesem an den Perser gerichteten Befehle deutete der Scheik neben das
Grab; Khutab Agha gehorchte. Als er dort stand, rief er mir zu:
    Effendi, ich sage kein Lebewohl zu dir, denn wir trennen uns doch nur fr
einige Augenblicke. Du kannst deine Hnde nicht falten, weil du auch gefesselt
bist; aber sprich in deiner Seele ein Gebet fr mich, da ich an El Mizan, der
Wage der Gerechtigkeit die Hand des Engels fassen darf, der mich hinberfhrt!
    Bei dieser Bitte kam ein Grimm ber mich, den ich, wenigstens fr mich und
mein ganzes Leben, wohl beispiellos nennen kann. Es erhob sich eine, fast mchte
ich sagen, bisher unbekannte, dmonische Kraft in mir, welche, keinen Widerstand
achtend, zum rcksichtslosen Ausbruch trieb. Da, vor mir stand der Freund,
mitten unter den Mrdern, in einer roten Lache des vergossenen Soldatenblutes!
Mute es geschehen? Durfte es geschehen? Konnte ich denn nicht helfen? War ich
armseliger Kerl denn wirklich zu schwach fr meine Fesseln?
    Du sollst noch nicht nach dieser Hand fassen! schrie ich auf. Ich befreie
mich; ich komme, ich komme! Steh nur nicht still, sondern wehre dich! Du hast ja
die Fe frei! Sto zu; tritt sie nieder, immer nieder!
    Ich zog und drehte an meinen Fesseln, obgleich ich fhlte, da sie mir in
das Fleisch schnitten; ich bumte und schnellte mich auf, strzte aber sofort
wieder hin, doch nicht, ohne da der um die Fugelenke geschlungene Strick
zerri. Er hatte der Kraft, mehr derjenigen des Falles als meiner eigenen, doch
nicht widerstehen knnen!
    Drauf! Drauf auf ihn! Der Hund macht sich wirklich frei! rief der Scheik.
    Er, die Beni Khalid und die drei Mekkaner warfen sich auf mich. Ich stie
mit den noch gefesselten Hnden und den frei gewordenen Fen nach ihnen,
schnellte mich hin und her - - - vergeblich! Es war ein zu ungleicher Kampf, und
da - - - da fiel der Pistolenschu des Ghani; ich sah aus der Umschlingung, in
der ich mich befand, heraus, da der Perser mit ausgebreiteten Armen
hintenberstrzte; da war mein Widerstand dahin; ich streckte mich aus und lie
mir auch ruhig die Fe wieder zusammenbinden und gestehe, da ich dabei laut
und bitterlich weinte. Ich wollte nicht; ich wute nur zu gut, welch eine
Schande mir dieser Weinkrampf machte; aber es war eben ein Krampf, der sich
nicht unterdrcken lie. Es war mir das noch nie passiert, doch da die
beispiellose Aufregung, welche sich meiner bemchtigt hatte, nicht auf anderem
Wege hatte explodieren knnen, that sie es eben in diesem Schluchzen, welches
bei denen, die es hrten, ein schallendes Gelchter hervorrief.
    Auf den Hohn, mit dem ich nun beworfen und berschttet wurde, achtete ich
gar nicht. Sie muten ja von selbst aufhren, und das thaten sie sehr bald, weil
der Ghani die Aufmerksamkeit der andern von mir auf sich ablenkte. Er kniete
nmlich bei dem Basch Nazyr nieder und begann, dessen Taschen zu durchsuchen.
    Halt! Was fllt dir ein! strte ihn der Scheik.
    Nichts fllt mir ein, als nur das, was ich darf! antwortete der andere.
Soll das, was er bei sich hat, etwa mit ihm begraben werden?
    Nein; aber dir gehrt es nicht!
    Dieser Schiit ist mein Eigentum! Mir ist er nachgeritten; mich hat er
beschuldigt und beleidigt; von meiner Kugel ist er gefallen. Sein Eigentum, sein
ganzes, ganzes Eigentum gehrt also nur mir!
    Ich sah da einen Streit kommen, der sich vielleicht in die Lnge ziehen und
mir dadurch Rettung bringen konnte. Dieser Gedanke wirkte wohlthtig auf mich;
ich wurde innerlich wieder ruhig.
    Sollen wir dich vielleicht ebenso auslachen, wie wir jetzt ber diesen
weinenden Hund gelacht haben? fragte Tawil Ben Schahid. Wer hat den Angriff
hier geleitet, wer die Soldaten besiegt, du oder ich? Wer ist also Besitzer
alles dessen, was sich hier befindet?
    Er stand hochaufgerichtet und drohend vor dem Ghani, und seine Beni Khalid
nherten sich, ihre Gewehre in den Hnden, den Mekkanern in einer Weise, welche
zwar diesen nicht, aber mir auffiel. Das sah ja ganz so aus, als ob jetzt etwas
geschehen solle, was der Scheik vorher mit seinen Leuten heimlich verabredet
hatte! In dieser Vermutung wurde ich durch die Beobachtung bestrkt, da sie
ihre Augen nur auf ihn gerichtet hielten, als ob sie auf ein mit ihm
vereinbartes Zeichen warteten.
    Etwa du? rief der Liebling des Groscherifs. Warum hast du den Kanz el
A'da dort neben dein Kamel gelegt? Willst du mich um ihn betrgen? Ich habe
schon gestern whrend des ganzen Tages gemerkt, da du etwas gegen uns im
Schilde fhrst. Ist's ein Betrug, eine Verrterei, so denke nicht, da ich sie
dulden werde! Meine Macht reicht weiter als die deinige!
    Seine Augen funkelten; der Scheik antwortete um so ruhiger und klter:
    Wie weit deine Macht und dagegen die meinige reicht, wirst du sofort
erfahren! - - - Jetzt!
    Dieses Wort, welches den erwarteten Befehl enthielt, galt seinen Leuten. Wie
von nur einer einzigen Hand gehoben, flogen die Kolben ihrer Gewehre empor und
krachten auf die Kpfe der Mekkaner nieder, die auf eine solche Ueberrumpelung
nicht vorbereitet waren und, vor Schreck sich gar nicht wehrend, durch weitere
Hiebe niedergeschlagen wurden. Da diese That vorher besprochen worden war,
besttigte sich nun gleich auch dadurch, da die zum Binden der Mekkaner ntigen
Stricke sofort bei der Hand waren. Es war fr mich ein unendlich hlicher,
widerlicher Vorgang, der mich empren mute, obwohl die so verrterisch
Behandelten meine Feinde waren. Nur fr wenige Augenblicke bestrzt oder betubt
gewesen, wandten und krmmten sie sich nun schreiend, fluchend und heulend hin
und her. Der Scheik stand eine ganze Weile stumm dabei, um ihre erste Wut
vorbergehen zu lassen; aber als ihm das zu lange dauerte, zog er seine Pistole
und gab sein Wort als Schwur, da er jeden, der nicht sofort ruhig sei,
erschieen werde. Das wirkte augenblicklich, denn sie wuten ja, wie stolz er
darauf war, da er sein Wort oder gar seinen Schwur niemals breche.
    Hatte ich mich vorhin in einer beinahe beispiellosen Aufregung befunden, so
fhlte ich mich jetzt von einer fast ebenso groen Spannung ergriffen. Indem die
Ereignisse der letzten Tage an mir vorberflogen, wurde es fr mich gewi, da
der Tod der Mekkaner fr den Scheik eine beschlossene Sache sei. Er wollte den
Kanz el A'da haben und mute sich auch aller Zeugen dessen, was geschehen war,
entledigen. Aber seine Leute! Wie stand es da mit diesen? Durften sie alles
wissen?
    Es zeigte sich, da dies eine Frage war, die er schon vorher im stillen
beantwortet hatte: Er gab ihnen den Befehl:
    Jetzt knnt auch ihr nun fort; ich komme nach! Ich habe diesen frheren
Freunden und jetzigen Feinden einige gute Lehren zu erteilen, ehe ich sie wieder
freigebe. Nach dem Bir Hilu drfen sie auf keinen Fall wieder. Der Effendi
bekommt von mir selbst eine Kugel.
    Sie gehorchten, wenn auch sichtlich widerstrebend. Sie schienen, wenigstens
in Beziehung auf den Kanz el A'da, auch ihre Absichten und Wnsche zu haben.
Wahrscheinlich durchschauten sie den Scheik und hielten es aber fr klug, ihm
einstweilen alles zu berlassen und erst spter dann mit ihren Forderungen
hervorzutreten. Sie gingen zu ihren Kamelen, stiegen auf und ritten fort, und
zwar nicht auf dem Wege, den ich gekommen war, sondern auf demjenigen, der sie
hierhergefhrt hatte, denn sie waren einen weiten Bogen um den Bir Hilu geritten
und so vorsichtig gewesen, erst hier auf die Linie zu treffen, auf welcher ihrer
Ansicht nach die Rckkehr des Persers erfolgen werde. Das war ein fr mich sehr
gnstiger Umstand, da ich nun nicht zu befrchten brauchte, da sie mit Halef
zusammentreffen oder gar ihn vorzeitig sehen und schnell zurckkehren wrden, um
den Scheik zu warnen.
    Dieser hatte fr mich einstweilen keine Beachtung mehr, womit ich allerdings
sehr gern einverstanden war. Jetzt, da seine Leute sich entfernt hatten, war
meine Lage so ganz unerwartet hoffnungsvoll geworden. Ich hatte es mit ihm
allein zu thun und hielt es fr gar nicht unmglich, mit ihm fertig zu werden,
ohne Halefs Hilfe abzuwarten. Die Hauptsache dabei war, ihn nahe an meine Hnde
zu bekommen.
    Auf seine Flinte gelehnt, hatte er dagestanden, bis seine Beni Khalid
verschwunden waren. Nun wendete er sich dem Ghani zu:
    Ich wiederhole es: Es spricht keiner von euch eher, als bis ich es erlaube,
sonst ist ihm eine Kugel sicher! Ich gebe noch einmal mein Wort darauf!
    Er sah sie einzeln, einen nach dem andern finster an und fuhr dann fort:
    Ihr seid ganz unbeschreiblich dumme und dabei ebenso unbeschreiblich freche
Menschen! Es ist eine Unverschmtheit sondergleichen, mir zuzumuten, euch fr
unschuldig zu halten! Allah wei es, und ich wei es auch, da der Schiit dort
in seinem Rechte war. Ich sage euch das in Gegenwart dieses Effendi, den ich dem
Perser nicht nachschicken will, ohne ihn vorher zu berzeugen, da ich euch gar
wohl durchschaut habe. Das thue ich, weil ich mich bisher vor ihm zu schmen
hatte, denn er mute ja annehmen, da ich verbrannte Dattelkrner anstatt des
Gehirnes im Kopfe habe!
    Wir sind - - -! wollte der Ghani beginnen.
    Schweig! wurde er unterbrochen. Ich werde dir sagen, wenn du zu sprechen
hast.
    Aber ich mu - - -!
    Er hielt sofort wieder inne, denn der Scheik richtete den Lauf der Pistole
auf ihn.
    Du scheinst gern reden zu wollen. Gut, du sollst es drfen, aber ja nicht
mehr, als ein einziges Wort!
    Er trat hart an ihn heran, nherte die Waffe seinem Herzen und fuhr fort:
    Wenn du eine Lge antwortest oder mehr als nur ein einziges Wort, auch wenn
du auf den Gedanken kommen solltest, nicht zu antworten, also in jedem von
diesen drei Fllen trifft dich meine Kugel augenblicklich und ebenso sicher, wie
die deinige dort den Unschuldigen getroffen hat! Also jetzt! Habt ihr den Kanz
el A'da gestohlen? Ja oder nein!
    Ja, wrgte der Ghani, als ob er am Ersticken sei, hervor.
    Daran habe ich natrlich keine Sekunde lang gezweifelt, und darum verdient
es die hrteste aller Strafen, da ihr mich fr einen Geisteskranken gehalten
und von mir gefordert habt, euch nicht nur als Unschuldige gegen die Haddedihn
und die Asaker zu verteidigen, sondern, was noch tausendmal schlimmer ist, euch
auch wirklich fr unschuldig zu halten. Ich kannte dich, Ghani, schon frher,
und ihr kamt zu uns an den Brunnen. Ihr waret also meine Gste, und wir haben
mehr als unsere Pflicht gegen euch gethan. Sogar das Leben wagten wir
wiederholt, zuletzt im Zweikampfe, den wir um euretwillen forderten. Dann aber
war euch genug von uns geschehen. Als wir vom Brunnen reiten muten, erklrte
ich euch, da wir uns von euch trennen mten. Ihr weigertet euch, zu gehen! Ich
sagte euch, da ich euch nicht mehr als Gste betrachten drfe. Ihr bliebt
dennoch bei uns! Als wir hierherritten, befahl ich euch, zurckzubleiben. Ihr
gehorchtet nicht, sondern kamt uns nachgeritten! Wir muten euch dulden, weil
ihr sonst zu den Feinden geritten wret, um zu verraten, da wir dem Perser
auflauern wollen. Ihr seid also nicht als meine Gste und Freunde mitgeritten,
sondern als zudringliches Ungeziefer, dessen man sich entledigt, wenn es zu
frech geworden ist. Und das thue ich jetzt. Was den Kanz el A'da betrifft, so
ist diese Angelegenheit durch den Zweikampf vollstndig fr euch erledigt
worden. Er gehrte euch nicht, denn ihr hattet ihn gestohlen, und er wurde dem
rechtmigen Besitzer zugesprochen. Wolltet ihr ihn wiederhaben, so konntet ihr
ihn ja zum zweitenmal stehlen; dagegen hatte ich nichts, und es war allein eure
Sache; ihr httet euch also von uns trennen sollen! Ebenso hatte ich das Recht,
ihn mir zu holen, denn euer Recht ist nicht grer als das meinige, nmlich gar
keins! Ich habe das unternommen, und der Fang ist mir gelungen; nun seid ihr an
der Reihe, nichts dagegen zu haben! Anstatt dessen der sehe und hre ich, da
ihr es wagt, mich um den wohlerworbenen Lohn zu bringen. Ihr seid trotz eurer
Schwche und Erbrmlichkeit so dreist, ihn mir streitig zu machen. Ihr bezahlt
meine Gte mit Feindschaft, meine Gastfreundlichkeit mit Undank, und es ist fr
mich also Pflicht der Selbsterhaltung, da ich mich gegen euch sicherstelle. Da
ich euch weder durch Gte noch durch ernste Vorstellungen loswerden konnte, mu
ich zu einem andern Mittel greifen, mich eurer zu entledigen. Bis vorhin war ich
gewillt, kein Blut zu vergieen. Ich wollte euch gefesselt hier liegen lassen,
bin aber anderer Meinung geworden. Ihr wrdet langsam verschmachtet sein, ohne
da ich mir die Schuld zu geben htte, weil ihr gegen meinen Willen mit
hierhergeritten seid. Doch seit ich vorhin gesehen habe, welche Freude es dir
macht, mit eigener Hand das Blut eines Unschuldigen zu vergieen, kann ich euch
denselben Dienst erweisen, ohne mir den geringsten Vorwurf machen zu mssen. Ja,
eine Kugel ist nur die wohlverdiente Strafe fr euch, und indem ich euch den Weg
von der Erde zeige, befreie ich die Menschheit von einer Anzahl von Schurken,
welche der allerrgsten Verbrechen fhig sind!
    Es war gewi eine sonderbare Logik, welche dieser langen Rede zugrunde lag!
Machte es die Pltzlichkeit, mit welcher der Scheik jetzt seine Feindseligkeit
enthllte, oder die Angst vor der angedrohten Kugel, kurz, es lie keiner ein
Wort der Entgegnung hren. Auch der Mnedschi war still. Ich kann die Art und
Weise, in der er dem Ben Khalid zugehrt hatte, wohl nicht besser bezeichnen,
als indem ich sage, da er ihm mit den Ohren die Worte von den Lippen las. Seine
blaustrahlenden Augen standen weit auf, und sein Mund war geffnet; sein Gesicht
schien pltzlich versteinert zu sein, denn kein Zug desselben, kein einziges
Haar seines Bartes wollte sich bewegen. Es war mir mehr, weit mehr als
interessant, ihn zu beobachten. Er hatte das Gestndnis des Ghani gehrt, ebenso
alles, was von dem Scheik gesagt worden war, und mute nun also wissen, was es
mit dem Kanz el A'da fr eine Bewandtnis hatte. Obgleich es wohl eigentlich
nicht ntig ist, will ich doch erwhnen, da er weder einen Kolbenschlag
empfangen hatte, noch gefesselt worden war. Dieser Gewaltmaregeln bedurfte es
bei ihm, dem Blinden, nicht.
    Whrend ich den Blick beobachtend auf ihn gerichtet hatte, sah ich, da die
Starrheit aus seinen Zgen wich. Er stand auf, langsam, sehr langsam, wie
jemand, der aus einem tiefen Schlaf mit sem Traume zur ganz entgegengesetzten,
harten Wirklichkeit erwacht.
    Darf ich reden? fragte er.
    Du? - Ja, antwortete der Scheik.
    Ich hrte alles, was du sprachst. Ich bitte dich bei Allah und allem, was
dir heilig ist, mir die Wahrheit zu sagen! Haben meine Gefhrten wirklich den
Kanz el A'da in Meschhed Ali bestohlen?
    Ja.
    Es ist ihnen wirklich nachgewiesen? Sie sind wirklich berfhrt worden?
    Ja. Der Ghani hat es doch jetzt sogar gestanden!
    Und sie haben die Gegenstnde des Raubes bei sich gehabt?
    Gewi! Du hast es ja gehrt! Im Zweikampfe handelte es sich doch nur um
sie!
    So hatte der erschossene Perser recht?
    Vollstndig recht!
    Bedenke, was du damit sagst! Du whlst damit in mir das grte Unglck auf,
welches es im Leben der Bewohner dieser Erde geben kann!
    Es ist so, wie ich sage. Der Basch Nazyr hat nichts als seine Pflicht
gethan und wurde dafr von der ruchlosen Hand des Hauptdiebes umgebracht.
    So ist der Ghani also nicht nur Dieb, sondern auch Mrder?
    Beides. Ueberhaupt, wenn du diesen deinen Beschtzer, welcher so oft und
sehr mit seinen dir erwiesenen Wohlthaten prahlt, fr einen guten Menschen
gehalten hast, so ist dieser dein Irrtum nur mit deiner Blindheit zu
entschuldigen. Auf ihn, nicht auf den Effendi pat das Wort, welches du diesem
in das Gesicht warfst, nmlich da er ein hchst gefhrliches Raubtier sei, von
welchem man die Menschheit zu erlsen habe.
    So hat also dieser Effendi aus dem Wadi Draha nicht gelogen und betrogen,
sondern es ist von ihm die Unschuld, das Gesetz verteidigt worden?
    Ja. Er ist mit euch ganz unbegreiflich gtig verfahren. Ein anderer an
seiner Stelle htte euch alle ohne Gnade und Rcksicht umgebracht!
    Oh Allah, Allah, Allah! Er hat mich vom Grabe errettet! Er hat mir solche
Liebe und Barmherzigkeit geschenkt! Und ich, ich - - - ich - - - ich habe ihm in
das Gesicht gespieen! Welch eine Snde, welche Undankbarkeit!
    Er schlug die Hnde zusammen und sah dabei grad so aus, als ob er vor Scham
und Reue in die Erde sinken wolle. Tahil Ben Schahid antwortete:
    Wre ich er gewesen, als du ihn anspucktest, so htte ich dich zerrissen!
    Welch eine Selbstbeherrschung, welch ein Edelmut von ihm! Und er ist hier?
    Ja. Da liegt er, nur fnf Schritte von dir.
    Er hat alles, was hier geschehen ist, gesehen? Er hrt auch, was ich jetzt
sage?
    Natrlich sieht und hrt er alles! Er hlt seinen Blick auf dich
gerichtet.
    So erbarme sich Allah meiner! Was habe ich gethan; was habe ich gethan!
    Nach diesem Ausrufe sank er wieder nieder, legte die Arme auf die
angezogenen Kniee und verbarg das Gesicht in die Hnde. Jetzt durfte ich mich
ber meine ihm gegenber gebte Schonung freuen. Er hatte die einzig richtige
Antwort auf seinen wrtlichen und thtlichen Angriff ohne mein Zuthun nun
erhalten. Es giebt eben eine Gerechtigkeit, welche hoch ber der menschlichen
steht und mit ebenso unerschtterlicher wie unnachsichtlicher Strenge darber
wacht, da sich nach dem groen, ethischen Weltgesetze des Allgerechten die
Strafe aus der Snde zu entwickeln hat. Nicht ein einziges menschliches Gesetz
ist fhig, eine solche Kongruenz zwischen Schuld und Shne, eine solche innere
Einerleiheit von That und Folge zu erreichen!
    Der Scheik hatte seine Antworten in der sehr bemerkbaren Absicht gegeben,
die Schlechtigkeit des Ghani zu beleuchten. Vielleicht war es ihm dabei
gleichgltig, oder dachte er gar nicht daran, da er damit auch ber sich selbst
ein nicht weniger treffendes Urteil sprach.
    Er setzte nun seine Rede an den Ghani fort, doch hrte ich nicht, was er
sagte, denn meine Aufmerksamkeit war jetzt von ihm ab und auf die Hhe der Dne
gelenkt worden. Ich sah nmlich zwei Reiter oben erscheinen, dann einen dritten
- - - Halef, Kara und Omar Ben Sadek. Sie rissen, als sie uns sahen, ihre Pferde
zurck, wodurch sie auch aus der gefhrlichen Nhe des Sandsturzes kamen. Ein
schneller Blick unterrichtete sie ber die Lage, in welcher ich mich befand;
dann verschwanden sie wieder. Hatte ich schon seit dem Fortritte der Beni Khalid
nichts mehr fr mich befrchtet, so war ich nun erst recht meiner Sache gewi.
Das Blatt sollte sich fr den Scheik gefhrlich wenden!
    Jedenfalls waren die drei unsern Haddedihn eine Strecke vorausgeritten; sie
saen auf unsern Pferden, welche schneller als die Kamele waren. Es war auch
gut, da sie den jhen Abfall auf dieser Seite der Hhe gesehen hatten, denn nun
konnten sie sich vor ihm hten. Jetzt berieten sie wohl, ob sie auf das
Herankommen unserer Krieger warten sollten oder nicht. Wie ich meinen
ungeduldigen, gern rasch handelnden Halef kannte, stimmte er gegen den Verzug.
Sie hatten es ja nur mit einem einzelnen Gegner, dem Scheik, zu thun! Und wie
ich gedacht hatte, so geschah es: Ich sah sie wieder erscheinen, seitwrts von
der gefhrlichen Stelle. Sie kamen, um dem Ben Khalid keine Zeit zum Besinnen zu
geben, trotz der Steilheit des Terrains in einer Weise heruntergejagt, da es
mir um sie und auch die Pferde htte angst und bange werden mgen.
    Allah, Allah! rief der Ghani, der sie zuerst erblickte.
    Seine Augen waren mit einem Ausdrucke auf die Hhe gerichtet, der den Scheik
aufmerksam machen mute. Er drehte sich rasch um und sah sie kommen.
    Die Haddedihn! schrie er auf. Die fhrt der Teufel her! Aber sie haben
sich getuscht!
    Er hatte seine Pistole noch in der Rechten und das Gewehr in der Linken. Die
erstere auf mich richtend, drckte er ab. Ich schnellte mich sofort zur Seite
und wurde nicht getroffen. Ohne dies in seinem Eifer zu bemerken, legte er das
Gewehr auf Halef, welcher der vorderste war, an und scho. Auch diese Kugel ging
fehl. Nun sprang er zu den Gewehren der Mekkaner, welche in meiner Nhe lagen.
Ich mute annehmen, da sie geladen seien, und es lag noch so viel Raum zwischen
ihm und meinen Helfern, da es fr ihn, ehe sie ihn erreichen konnten, genug
Zeit zu mehreren Schssen gab, denn das, was er that, geschah so schnell, da es
in dem winzigen Zeitraum einiger Sekunden lag.
    Jetzt war es an mir, ihm den Gebrauch dieser Waffen unmglich zu machen! Das
war nicht allzuschwer, denn indem er sich zu ihnen niederbckte, kehrte er mir
den Rcken zu. Ich stemmte die Hnde und die Fe ein und arbeitete mich mit
einigen krftigen Sten zu ihm hin. Als ich ihn erreichte, hatte er sich schon
wieder aufgerichtet und das ergriffene Gewehr im Anschlage. Ich konnte trotz der
Fesseln den Fu packen, auf welchen er den Schwerpunkt legte. Ein Ruck, und er
strzte nieder, wobei er das Gewehr fallen lie. Im Begriffe, sich
augenblicklich wieder emporzuraffen, sah er, wer ihn zum Falle gebracht hatte,
und machte den Fehler, den ihm noch zustehenden Augenblick mit mir zu versumen.
Er schleuderte sich herum, fate mich mit der Linken an der Brust und griff mit
der andern Hand nach dem Messer.
    Du lebst noch, Hund! schrie er. Also zuerst noch dich!
    Es kam mir darauf an, ihn beim Halse nehmen zu knnen; darum gab ich ihm in
die Ellbogenbeuge einen Sto, welcher seinen Arm zusammenklappte und seinen
Oberkrper zu mir nieder brachte. Sofort hatte ich ihn bei der Kehle und prete
sie ihm so zusammen, da es ihm alle Kraft benahm. Das Messer blieb stecken;
sein Krper fiel vollends nieder, und seine Arme und Beine bewegten sich
krampfhaft in der Todesangst.
    Halte ihn fest, Sihdi! Ich bin schon da! rief da der kleine Hadschi.
    Er hatte mich erreicht, parierte sein Pferd, sprang ab und griff auch mit
zu.
    Ich halte ihn schon fest. Bindet ihn! sagte ich.
    Mit Wonne und mit Stricken! lachte er. Den lassen wir ja nicht wieder
laufen; er wei nichts, als nur Unheil anzurichten!
    Nun standen auch Kara und Omar da. Sie banden mir die Fesseln los, welche zu
den Hnden und Fen des Scheikes hinberwanderten, auch eine unmittelbare
Gerechtigkeit! Erst jetzt, als ich mich aufgerichtet hatte und die Arme
streckte, fhlte ich den ganzen Schmerz meiner verletzten Handgelenke.
    Allah erbarme sich! klagte Halef nun, indem er rund umherblickte. Alle
Soldaten tot, alle!
    Und dort der Basch Nazyr auch! machte ich ihn aufmerksam, indem ich auf
die in der schon erwhnten Blutlache liegende Leiche zeigte.
    Sie lag mit dem Rcken nach oben. Der Hadschi ging hin, zog sie auf das
Trockene, drehte sie um und untersuchte sie.
    Mich schaudert, Sihdi! sagte er, fast sthnend. Warum hat er dir nicht
gefolgt! Der Aermste ist ganz vom Blute durchtrnkt! Hier sehe ich das Loch im
Gewand. Die Kugel ging ihm in die Brust, grad in das Herz! Und dieses Gesicht,
so todesstarr und bleich! Ich kann es nicht lnger ansehen!
    Er wendete sich ab.
    Und nicht etwa im Kampfe erschossen, sondern als gefesselter Gefangener von
dem Ghani mit Bedacht ermordet! erklrte ich.
    Da sah mich Halef stumm an; dann trat er zu dem Mekkaner hin und sprach:
    Ungeheuer! So also dankst du es ihm und uns, da wir euch eine Nachsicht
zeigten, die man fast fr unmglich halten sollte! Mit dieser deiner Kugel hast
du nicht nur ihn, sondern auch dich selbst erschossen! Du wirst in kurzer Zeit
eine Leiche sein wie er!
    Er kehrte sich mit der Gebrde des Abscheues wieder von ihm ab, betrachtete
die umherliegenden Leichen, schttelte traurig den Kopf und fuhr dann fort:
    Es ist mir, als ob ich gar nicht daran glauben knne! Wie ist das nur
gekommen. Zwanzig, zwanzig Asaker tot, und doch nur der Scheik mit den Mekkanern
hier, die noch dazu gefesselt sind. Das ist mir unerklrlich, vollstndig
unerklrlich! Und wie bist du in die Hand dieses Teufels gefallen, welcher im
Krper des Scheikes der Beni Khalid steckt? Erzhle es doch, Effendi!
    Wann kommen unsere Krieger? fragte ich.
    Sie werden gleich hier sein. Unser Vorsprung vor ihnen war nicht gro.
    So will ich mit meiner Erzhlung warten, bis sie da sind, sonst mte ich
sie dann wiederholen. Kara mag auf die Hhe steigen und sie auf die eingesunkene
Stelle aufmerksam machen, sonst geht es, wenigstens den Vorderen von ihnen, so
wie mir. Ich bin nmlich mit dem Hedschihn abgestrzt, von oben herunter bis
hierher.
    Oh! Und darum konnten sie dich erwischen, nur darum?
    Ja. Ich hatte dem Kamele das Geheimnis gegeben, und so entwickelte es eine
Schnelligkeit, welche es mir unmglich machte, mitten im Laufe vor dem Loche
anzuhalten.
    Und da muten diese Halunken auch grad hier unten sein!
    Wahrscheinlich hatten sie nur dieser Stelle wegen sich fr hier
entschieden. Freilich wei ich nicht, ob sie sie vorher kannten.
    Sie werden auch strzen, und zwar nicht von da oben herunter in den weichen
Sand, sondern von der Brcke des Todes hinab in El Halahk, den Abgrund des
Verderbens! Denn das versteht sich doch nun ganz von selbst, da wir von jetzt
an nur die grte Strenge walten lassen. Blut um Blut, Leben um Leben! So, wie
die Kerls hier liegen, werden sie erschossen, und dann suchen wir die Beni
Khalid auf. Wir sind zwar nur fnfzig Mann; aber auch wenn sie tausend zhlten,
wrde ich nicht eher ruhen, als bis fr jeden ermordeten Soldaten wenigstens
zwei oder drei von ihnen tot am Boden liegen!
    Jetzt kamen unsere Haddedihn, deren Kamelen man es ansah, da sie zur
grten Eile angetrieben worden waren. Am meisten schwitzten und auer Atem
waren die beiden, welche den Tachtirwan zu tragen hatten. Dieser Ritt, immer auf
und nieder, war eine groe Anstrengung fr Hanneh gewesen, die ihr aber nicht
hatte erspart werden knnen, weil auch schon nur der Gedanke, sie einstweilen
irgendwo zurckzulassen, sich unter den gegenwrtigen Verhltnissen ganz von
selbst verbot.
    Auf sie, die Frau, machte der Anblick der Leichen natrlich noch einen ganz
anderen Eindruck als auf die rauheren Mnner, und doch gab es auch unter diesen
wohl keinen, der jetzt das Verlangen nach Rache nicht empfunden htte!
    Als alle abgestiegen waren, lagerten sie sich, um meine Erzhlung zu hren,
in einem Kreise, der die Gefangenen umschlo. Diese wagten kaum, eine Bewegung
zu machen, und gar vom Sprechen war erst recht keine Rede. Auch der Mnedschi
war still. Er sa aufrecht und mit geschlossenen Augen da wie ein lebloses Bild;
er war nach der Aufregung von vorhin wieder in seinen Zustand der
Insichselbst-Versunkenheit gefallen.
    Ehe ich meinen Bericht begann, schickte ich einen Haddedihn auf die Hhe, um
dort Wache zu stehen. Da sie die andern Dnen berragte, hatte er einen weiten
Fernblick und mute also jede Annherung so rechtzeitig bemerken, da wir nicht
berrascht werden konnten. Es war zwar, wenigstens fr jetzt, kein Grund
vorhanden, unsere Sicherheit fr gefhrdet zu halten, aber wir hatten annehmen
mssen, da die Hauptabteilung der Beni Khalid sich an dem westlichen Bergeszug
befand, in dessen Nhe wir umgekehrt waren. Da war es denn leicht mglich, da
sie uns gesehen und beobachtet hatten. Ihr Scheik war mit einer kleinen Schar
wieder nordwrts geritten, und da auch wir in dieser Richtung zurckgingen,
konnten sie sich denken, da wir dies in der Absicht thaten, ihm zu folgen. Sie
wuten ihn also von uns bedroht, und so wre es eine unverzeihliche
Nachlssigkeit von ihnen gewesen, wenn sie unterlassen htten, uns nachzukommen
oder uns wenigstens eine hinreichend starke Rotte nachzuschicken. Hatten sie
aber dies gethan, so war die von mir getroffene Vorsichtsmaregel gar nicht
berflssig, zumal wir nicht wuten, wohin die Begleiter des Scheikes geritten
waren, deren grter Teil sich schon vor meinem Eintreffen von hier entfernt
hatte, whrend der Rest dann nach dem Angriffe auf die Mekkaner von ihm
fortgeschickt worden war.
    Meine Erzhlung fand einen Zuhrerkreis, der so bei der Sache war, da ich
sie sehr oft unterbrechen mute, um den vielfltigen Ausrufungen des Beifalles,
des Staunens, des Zornes und des Abscheues Raum zu lassen. Die Emprung gegen
die Mrder wuchs immer mehr, und als ich geendet hatte, waren die braven
Haddedihn kaum vor sofortigen Gewaltthtigkeiten zurckzuhalten.
    Whrend die Stimmen der aufgeregten Leute wirr durcheinander klangen und die
Interjektionen hin und her flogen, wobei niemand auf die Umgebung achtete,
geschah etwas, was so unerwartet und so auerordentlich war, da ich es noch
heut, nach Jahren, so deutlich vor mir sehe, als ob es erst vor einigen Minuten
geschehen wre. Das Stimmengewirr wurde nmlich von einem lauten, ja berlauten,
schrillen Schrei unterbrochen. Hanneh hatte ihn ausgestoen. Sie sa mit
blutleeren Wangen und weit aufgerissenen Augen da und deutete mit der Hand nach
der Gegend, nach welcher auch ihr vor Schreck starrer Blick gerichtet war. Wir
sahen hin. Es erklangen mehrere Schreie, nicht Hannehs sondern der Haddedihn;
dann aber trat die tiefste, allertiefste Stille ein.
    Das, was wir sahen, wre uns vorher so undenkbar gewesen, da unser jetziges
Erstaunen, welches nahe an Schreck grenzte, allerdings keiner Erklrung
bedurfte. Khutab Agha nmlich, der Totgeglaubte, lag nicht mehr an seiner
Stelle; er war aufgestanden und kam mit sehr langsamen, taumelnden Schritten auf
uns zu! Wir muten uns jawohl sagen, da dies auf ganz natrliche Weise zugehe,
da sein Tod eine Tuschung gewesen sei, und doch gab es wohl wenige unter uns,
die sich nicht einer Art von Grauen zu erwehren hatten! Wir dachten gar nicht
daran, aufzustehen; wir blieben alle, alle sitzen, so gro war der Einflu, den
das Wiederaufleben des Erschossenen auf unsere Bewegungsnerven ausbte.
    Mit blutleerem Gesichte, aber bluttriefendem Gewande kam er uns Schritt um
Schritt nher, zuweilen den Kopf hebend, den Mund ffnend und mit der Hand nach
dem Herzen greifend, als ob ihm das Atmen schwer werde. Dabei wankte er bei
jedem Schritte wie ein Kind, welches noch nicht die Fertigkeit des Gehens
besitzt. Da sprang ich denn doch auf, um ihn zu untersttzen. Er aber hob die
Hand, winkte mir ab und sagte:
    Bleib - - -! Ich - - - komme - - - hin - - - zu - - - dir - - -! Ich will -
- - neben - - - neben - - - dir sitzen!
    Das klang so dumpf, so hohl, und doch so mit Gewalt herausgepret! Ich blieb
stehen, bis er da war, bis er bei mir stand und sich bckte, um sich
niederzusetzen. Er verlor dabei das Gleichgewicht und wre vornber gestrzt,
wenn ich ihn nicht gehalten htte. Dann kam er mit meiner Hilfe zum Sitzen, und
ich setzte mich an seine Seite. Niemand hatte ein Wort gesagt, und auch jetzt
schwiegen alle. Ich hatte eine ganze Menge von Worten und Fragen auf der Zunge,
behielt sie aber zurck, denn ich sah ihm an, da er nicht wnschte, jetzt
angeredet zu werden. Woran ich das merkte, das wei ich nicht mehr oder htte es
vielleicht auch schon damals nicht sagen knnen. Er hatte, auch ganz abgesehen
von seiner blutigen Kleidung, etwas Fremdes, Geisterhaftes an sich, was keine
Neugierde aufkommen lie, sondern zum Schweigen mahnte. Wenn er sprach, bewegte
er blo die Lippen; das Mienenspiel schien erstarrt zu sein. Auch seine Augen
waren nicht dieselben wie vorher; sie hatten das Aussehen, als ob ihr Blick vor
Angst, vor Entsetzen gestorben sei.
    Ich suchte die Stelle, wo die Kugel eingedrungen war. Das Loch befand sich
genau in der Gegend des Herzens. Da mute er doch tot sein! Und doch war zwar
die Kleidung blutig, aber es schien kein Tropfen mehr zu flieen! Jetzt wendete
er mir das Gesicht zu und sagte mit tonloser Stimme:
    Effendi, ich war dort!
    Wo? fragte ich, indem ich eine Art von Grauen fhlte.
    Dort!
    Er senkte den Kopf, hob ihn nach einer Weile wieder und fgte hinzu:
    Wo der Mnedschi mit Ben Nur war!
    In der Phantasie?
    Nein, wirklich!
    Das kann doch nicht sein!
    Es ist so, Effendi! Ich bin soeben erst von dort zurckgekommen! Da wachte
ich auf und sah mich im Blute liegen. Es fiel mir ein, da ich erschossen worden
bin, und fragte mich, ob ich gestorben oder lebend sei. Ich dachte nach, und da
kam ich zu der Ueberzeugung, da ich nicht mehr tot sei, denn ich bin ja nur
wieder ich allein und nicht mehr ich und mein Leib.
    Ich verstehe dich nicht.
    Vielleicht lernst du mich erst dann verstehen, wenn du gestorben bist. Ich
wei nicht, wie ich es deutlich machen soll. Mein Sterben war folgendermaen -
    Er legte wieder beide Hnde auf das Herz, holte tief und schmerzlich
seufzend Atem und fuhr dann in der Weise fort, wie er auch bis zu Ende sprach,
nmlich als ob ein schwerer Druck auf ihm, auf seinem ganzen Innern und auch auf
seiner Stimme liege:
    Ich sah dich mit den Beni Khalid ringen; ich sah, da der Ghani seine
Pistole auf mich richtete und scho; ich hrte den Schu und fhlte die Kugel in
mein Herz dringen. Doch schnell war dieser Schmerz vorber, denn nur der Krper
fhlt diese Art von Schmerz; ich aber war nicht mehr in ihm, sondern ich stand
als Seele bei ihm. Ich sah ihn liegen; ich sah euch alle, dieses Thal, die
beiden Hhen, den Himmel darber, die Mekkaner, die Beni Khalid, ihre Kamele,
dein Kamel und auch dich selbst, der seine Fe befreit hatte und den sie nun
wieder banden.
    Das, das hast du gesehen? fragte ich betroffen.
    Ja.
    Was sollte ich da denken? Der Schu, der ihn niederwarf, war ja schon lngst
gefallen, als ich wieder gefesselt wurde. Wie also konnte er davon wissen?
Totgestellt hatte er sich doch jedenfalls nicht! Man denke, mit der Kugel im
Herzen! Und nur erraten konnte er es auch nicht, denn ich war ja nicht mehr
gebunden. Ueberhaupt war es mir, wenn ich ihn so neben mir sitzen sah und in
dieser Weise sprechen hrte, ganz und gar unmglich, anzunehmen, da er uns auch
nur mit dem geringsten Worte tuschen wolle.
    Ja, fuhr er fort, ich stand mitten unter euch und sah meinen Krper,
meine Leiche liegen. Ich war also Seele, als Mensch gestorben, als Seele aber
weiterlebend.
    Konntest du diese deine Seele, also dich selbst, sehen?
    Ja, denn ich besa alle meine Sinne noch und mein Seelenkrper glich ganz
genau dem irdischen, ganz genau, bis auf das einzelne Haar meines Bartes und den
Nagel meines kleinen Fingers. Vor dem Tode frchtete ich mich nicht vor ihm; ich
war voller Mut und bot der Waffe des Ghani ruhig meine Brust. Kaum aber war mein
Krper tot, so erfllte mich der Gedanke, gestorben zu sein, mit Entsetzen. Ich
dachte an die Mauer mit den vielen Todespforten - - - Allah w' Allah, kaum hatte
ich an sie gedacht, so war ich schon dort! Whrend der Mensch auf Erden nur
langsam zur Einsicht kommt, gelangte ich, da ich nun Seele war, nicht nach und
nach, sondern sofort zu der Erkenntnis, zu der Ueberzeugung, da Gedanke und
That, Wunsch und Wirklichkeit in jenem Leben nur eins, nicht zweierlei ist. Kaum
dachte ich an Es Setschme, den Ort der Sichtung hinter jener Mauer, so war ich
auch schon da. Und als mir El Mizan, die Wage der Gerechtigkeit, einfiel, stand
ich auch schon vor derselben. Was Ben Nur dem Mnedschi zeigte, mu ein Gesicht,
eine Uebertragung gewesen sein, denn in Wirklichkeit vollzieht sich alles viel,
viel schneller, ja mit Gedankenschnelligkeit! Nur die Zeit vor der Wage dnkte
mir eine Ewigkeit, eine ganze, ganze Ewigkeit zu sein. Mich schauert noch in
diesem Augenblick vor ihr!
    Er schttelte sich, und das war nicht blo ein Schtteln des Krpers,
sondern nach innen hinein, wobei die Blsse seines Gesichtes ganz erschrecklich
wurde. Was sollte ich von ihm und von dem, was er sagte, denken? War er nur
betubt gewesen, wie ich nach meinem Sturze von der Hhe? Ich hatte da das
Gefhl eines unaufhrlichen Fallens gehabt. Hatte da vielleicht ein hnliches
Gefhl in ihm ihm die jenseitigen Orte vorgegaukelt, deren Namen ihm seit
unserer Scene mit Ben Nur im Gedchtnisse standen? Aber nur betubt, das konnte
ich mir gar nicht denken. Es war kein Zweifel daran zu setzen, da ihn die Kugel
getroffen hatte, und zwar in das Herz. Ich selbst sah ja das Loch in seinem
Gewande! Um mir Klarheit zu verschaffen, sprach ich jetzt die Bitte aus:
    Du hast viel geblutet und blutest wohl jetzt noch. Erlaube mir, da ich vor
allen Dingen einmal nach deiner Wunde sehe!
    Warte jetzt noch! antwortete er. Das Bluten hat aufgehrt. Ich habe
keinen Schmerz. Was ich fhle, ist nichts als ein Druck, der mir das Atmen
erschwert. Wahrscheinlich verblute ich mich, sobald die Wunde wieder berhrt
wird; aber doch ist mir auch gesagt worden, da ich noch lnger leben mu! Mag
es nun das eine oder das andere sein, so will ich zunchst meine Seele von der
Last erleichtern, welche sich an der Wage der Gerechtigkeit mit zermalmender
Schwere auf sie gelegt hat!
    Er bat um Wasser, trank, als es ihm gegeben wurde, einen Schluck und sprach
dann weiter:
    Der Mnedschi scheint eine wirkliche Wage gesehen zu haben. Vielleicht
haben bei ihm an jenem Abende die seelisch gemeinten Gegenstnde eine
krperliche Gestalt angenommen. Ich habe keine wirkliche Wage, kein Werkzeug zum
Wiegen gesehen, aber dennoch und dennoch war diese Wage da. Hast du, Effendi,
schon einmal gehrt, da in der Todesstunde das ganze, ganze Leben des
Sterbenden, sogar mit allem, was er lngst vergessen hat, an ihm vorberziehe?
    Ja. Das hat man mir schon fters behauptet.
    Diese Behauptung ist wahr, ganz entsetzlich wahr! Als ich an die Wage der
Gerechtigkeit dachte, stand ich sofort vor ihr. Ich wute, da sie es war, sah
sie aber nicht. Ich wute auch, da viele, viele Seelen sich bei mir befanden,
konnte sie aber weder sehen noch hren, denn meine Seele hatte nur mit sich
selbst zu thun. Ihr Denken, Fhlen und Thun war mit ihr eins, war sie selbst.
Auer ihr gab es nichts, als sie selbst und ihr vergangenes Leben. Und dieses
Leben war doch auch wieder nur sie selbst. Es lag nicht auerhalb von ihr, nicht
in der Vergangenheit, sondern sie war das Produkt und zugleich der Inbegriff
alles dessen, was sie gethan, gedacht und empfunden hatte, so wie zum Beispiel
das Meer das Ergebnis und zugleich die Summe all der unzhligen Tropfen ist,
welche hineingeflossen sind. Ebenso war meine Seele. Die Quellen, Rinnsale,
Bche, Flchen, Flsse und Strme, das waren die Stunden, Tage, Wochen und
Jahre meines Lebens. Das Wasser in ihnen, das waren die der Prfung
entgegenflieenden, zahllosen Tropfen meiner Regungen, Entschlsse und
Ausfhrungen, und das groe Meer selbst war meine Seele, in welcher jeder
einzelne dieser Tropfen lebte und sich geltend machte. Es fehlte nichts, kein
einziger von ihnen allen. So war ich selbst dieses Meer, diese Seele; ich selbst
bestand aus allen diesen Tropfen, fr welche es kein Ma und keine Ziffer giebt,
und doch erkannte ich sie alle, alle, alle! Dieses Erkennen geschah nicht mit
dem Auge, dem Ohre, dem Gefhle, nicht mit irgend einem Sinne, denn ich stand ja
nicht auerhalb mir selbst, und doch wute ich alles, und doch begriff ich
alles, denn ich war ja dieses Alles selbst. Ich kann euch das nicht sagen, nicht
beschreiben; der Ausdruck mangelt mir, und indem ich vergeblich darnach suche,
stelle ich das jetzt Gesagte mit dem Frheren in Widerspruch. Diese Unklarheit
gab es vor der Wage nicht, sondern es herrschte da eine Deutlichkeit, fr welche
der Ausdruck zum Erschrecken viel, ja viel zu wenig sagt. Ich kannte jedes, aber
auch jedes Wort, welches ich in meinem Leben gesprochen habe, mochte es nun
ntzlich, schdlich oder gleichgltig sein. Aber diese Bezeichnung gleichgltig
ist eine irdische; vor der Wage der Gerechtigkeit giebt es nichts
Gleichgltiges, denn nichts, keine Silbe, kein Laut kann ohne Wirkung bleiben,
weil er in einem Zusammenhange steht, welcher unzerreibar ist. Ich kannte auch
jede, noch so leise Regung meines Innern, und das war frchterlich! Ich kannte
alles, was ich gethan hatte, denn nichts, gar nichts war vergessen, weil es
berhaupt kein Vergessen giebt. Das, was wir vergessen nennen, ist nur das
einstweilige Verschwinden des Einzelnen im Ganzen, in der Summe; aber dann, wenn
dieses Ganze im Augenblicke der Prfung durchsichtig, klar und offenbar wird,
mu das Verschwundene im Zusammenhange wieder erscheinen. Gbe es doch eine
Sprache, die wir aber alle auch sprechen und verstehen mten, in welcher ich
euch das alles begreiflich machen knnte, was zwischen dem Schusse und meinem
Erwachen in mir und mit mir vorgegangen ist! Es beginnt ja schon jetzt, sich in
mir selbst zu verwischen! Darum eben soll vorher gar nichts geschehen, und darum
sollst du, Effendi, nicht einmal nach meiner Wunde sehen, bis ich nicht, so gut
ich kann, davon gesprochen habe! Ich will es euch direkt und ohne Aufschub von
dem Orte der Sichtung herberbringen. Jeder Augenblick lscht mehr davon aus!
    Er hatte sehr langsam und in wiederholten Pausen gesprochen. Jetzt ruhte er
sich lnger aus. Wir waren still, denn jeder von uns hatte das Gefhl, da laute
Worte auf seinen Gedankengang strend wirken mten. Als er sich erholt und
gesammelt hatte, begann er wieder:
    Es ist mir unmglich, euch das nun Folgende in der gewnschten, richtigen
Weise zu sagen: Es gab keine sichtbare Wage, denn auch diese Wage war ich
selbst. Der Gewogene, die Wage und der Wgende, das war in mir vereint. Ich
stand vor Gericht und war zugleich der Anklger und der Richter. Es wurde jeder,
aber auch jeder meiner Gedanken in mir laut. Ueber einige wenige durfte ich mich
freuen; die unendliche Zahl der andern aber machte mich erzittern! Es zeigte
sich, da jeder Ton, der ber meine Zunge gegangen war, von ewiger Dauer sei.
Der irdische Klang ist nur die Wirkung der Luftbewegung; ist sie vorber, so ist
er nicht mehr vorhanden. Aber der seelische Teil des Menschen, der in diesen Ton
gekleidet wurde, um zu wirken, der ist unvergnglich und bleibt ihm angehrig
fr die Ewigkeit. Was alles hatte ich da gesprochen! Die entsetzliche
Erkenntnis, da auch nicht eine einzige Silbe vernichtet sei, htte mich zum
glhenden Wunsche der Selbstvernichtung bringen knnen, wenn es berhaupt
Vernichtung gbe! Gegen die brausende Sndflut all dieser wieder erklingenden
Worte giebt es keine andere Hilfe als den sie bertnenden Schrei nach Gnade,
Gnade, Gnade! Und so wachten auch all meine Thaten auf. Es war keine von ihnen
verschwunden, denn auch sie waren Teile meines Lebens, also Teile meiner selbst.
Ich bestand aus ihnen; sie bildeten mein seelisches Gerippe, meine Muskeln;
jeder Tropfen meines Blutes war eine That oder eine Folgerung meiner Thaten. Ich
konnte also jede von ihnen, selbst die geringste, in mir nach ihrem Wert oder
Unwert empfinden. Und da war ich denn so voller Aussatz und voller Schwren, da
ich, der ich doch berufen war, ein Ebenbild Gottes zu sein, in frchterlichster
Angst mir sagen mute, da es besser fr mich gewesen wre, gar nicht gelebt zu
haben. So sprach die Wage. Sie mute so sprechen, weil meine Seele, also ich
selbst, zwar ein Dasein aber kein Leben gelebt hatte. Das einzige Licht der
Seele ist die Liebe; die einzige Nahrung der Seele ist die Liebe; die einzige
Luft, welche sie zu atmen vermag, ist die Liebe. In Liebe soll sie sich kleiden,
sich mit Liebe schmcken, und wenn sie in Liebe thtig gewesen ist, soll sie
auch in Liebe ruhen. Mein Dasein aber hatte nur mir gegolten; ich war liebeleer
gewesen und hatte also nicht gelebt. Und was ich als Leben bezeichnet hatte, das
war eine Aufeinanderfolge von Gedanken, Worten und Thaten gewesen, die mich
jetzt hinab in den Abgrund des Verderbens ziehen muten. Ich brach zusammen und
sthnte in meiner Angst und Not: O, htte ich Liebe gehabt, mehr Liebe, mehr
Liebe! Knnte ich noch einmal zurck, wie wollte ich lieben und leben, wie
wollte ich leben und lieben! Und kaum hatte ich das gesagt, so wurde es licht um
mich her; eine helle Gestalt stand neben mir; sie fate mich an der Hand und gab
mir den himmlischen Trost: Dein Gebet sei erhrt, denn der letzte Tag deines
Erdenlebens ist Liebe gewesen, Liebe selbst fr den Feind! Lebe sie weiter,
diese Liebe, damit, wenn du hier wieder erscheinst, die Wage dann anders
spreche, als sie jetzt gesprochen hat! Beseligt von dieser Barmherzigkeit,
fragte ich ihn: Bist du vielleicht Ben Nur, der am letzten Tage meines Lebens
bei uns war? Er lchelte gtig und sprach: Hier giebt es nur Liebe, die namenlos
ist, und darum fr ihre Boten auch keine Namen. Wenn einer ihrer Strahlen sich
einen Namen gab, so that er das nur fr euch. Nenne mich immerhin auch Ben Nur,
denn ich bringe dir das Licht, um welches du hier flehtest! Whrend er so
sprach, wurden wir von einer mir unbekannten Kraft empor- und ber die Mauer der
Trennung hinbergetragen. Ich befand mich also an seiner Hand wieder diesseits
der Sterbestunde. -
    Da er eine Pause machte, fragte ich ihn:
    Das war wohl nun der Augenblick, an welchem du erwachtest?
    Nein. Ich kehrte noch nicht in meinen Krper zurck, sondern ich wurde mit
ihm durch eine Unermelichkeit getragen, in welcher es keine Schranken gab. Ich
sah die Welten, die Sonnen und die Sterne; aber ich sah sie anders, als ich sie
von der Erde aus gesehen hatte, denn mein Auge war ja dasjenige meiner Seele,
nicht das irdische, welchem die Herrlichkeit, durch die wir schwebten, verborgen
ist. Wir befanden uns in einem Oceane des Lichtes, welches so rein und so klar
war, da mein Blick die fernste aller Fernen schauen konnte. Ich sah, da alle
diese Welten bewohnt waren, so wie die Erde das Geschlecht der Menschen trgt.
Das kam mir so leichtbegreiflich, so ganz selbstverstndlich vor, da ich mich
wunderte, frher darnach gefragt und gar daran gezweifelt zu haben. Ich sah, da
alle diese Kinder des Lichtes herrlich gestaltet waren und aber doch auch wieder
keine Gestalt hatten, denn sie besaen keine sich durch den Stoffwechsel immer
erneuernde und dem Tode verfallende Form, sondern sie waren - - - sie selbst!
Der Mensch aber ist, so lange er seinen sich stetig verwandelnden Krper trgt,
in keinem Augenblicke er selbst; er ist niemals wahr; diese aber waren es; sie
wohnten in Wahrheit und Klarheit, ja, sie bestanden aus ihr! Warum und auf
welche Weise ich das sah und auch so mhelos begriff, das kann ich nun nicht
sagen, da ich wieder in den Leib zurckgekehrt bin; mein Unsterbliches ist
wieder eingehllt in ihn und darum der Klarheit beraubt, in welcher ich mich
befand. Die Augen meiner Seele sind trbe geworden und mit ihnen die Gedanken;
darum ist das Licht, welches ich euch mitbringen mchte, nun nichts als ein
Nebelschein, den auch ich selbst nicht mehr durchdringen kann. Dort aber gab es
eine wunderbare, ununterbrochene Helligkeit, die auch mich selbst durchdrang und
mir ein Gefhl des Glckes, der Seligkeit verlieh, welches ich nicht beschreiben
kann. Darum sprach die Engelsgestalt an meiner Seite: Ich halte dich an meiner
Hand, und darum dringt die Wonne, welche dich durchflutet, zu mir herber. Was
dich jetzt durchdringt, was dich umleuchtet, hlt und trgt, es ist nicht Licht,
es ist nicht Wrme, nicht Aether und nicht Luft, denn diese Bezeichnungen
gehren nur der Erde an; es ist die Liebe! Ihr kennt einstweilen fast nicht mehr
als nur das Wort, noch aber nicht sie selbst in ihrer ganzen Flle und
Unendlichkeit. Ihr sprecht von Liebe und sprecht auch vom Leben, doch beides ist
dasselbe; nur eure Worte sind verschieden. Und weil sie das Leben ist, wird jede
Lebensform und jede neu entstehende Welt aus ihr geboren. Hat diese Welt ihren
Zweck erfllt, die ihr anvertrauten Wesen zur Liebe zu erziehen, so bergiebt
sie sie der Seligkeit und lst sich auf, um fr dieselbe Aufgabe dann wieder zu
erstehen. Dies ist der Zweck auch eurer Erdenwelt. Das Dasein auf ihr soll zum
Leben, soll zur Liebe werden. Und dieses Ziel wird unbedingt erreicht, denn was
ist euer Struben gegen die Allmacht dessen, der es will! Ob ihr es leugnet oder
eingesteht, es ist doch wahr, da ihr in Liebe atmet und in Liebe lebt. Die
grte Selbstsucht ist mit allen Regungen, die ihr entspringen, doch nichts und
nichts als Liebe, wenn auch nur Liebe zu dem eigenen Ich. Da dieses Ich ohne
die andern Ichs unmglich wre, das ist der groe, unwiderstehlich zwingende
Grund, der im Verlaufe dessen, was ihr als Zeit bezeichnet, die Liebe zu sich
selbst zur Bruder- und zur Menschenliebe macht. Dieser Mangel an Erkenntnis,
dieses Struben des Ich gegen das Wir, umhllt die Erde mit dem Dunkel,
welches das auf ihr ruhende Auge der Seligen betrbt, obgleich wir wissen, da
es sich in Licht verwandeln wird und mu. Sobald wir diesem Dunkel nahen,
scheide ich von dir, doch hre vorher meine Bitte: La es wenigstens in dir und
auch um dich hell werden! Streu Liebe aus! Je mehr die Zahl der Menschen wchst,
die dieses thun, desto mchtiger wirkt das Licht auch auf die andern, und desto
eher erreicht das Geschlecht der Sterblichen das Ziel - - die Seligkeit! - - -
Nachdem er das gesprochen hatte, war es, als vermindere sich die Helle um mich
her; wir kamen durch ein immermehr sich dmpfendes Licht; die unermeliche
Ferne, in welche ich vorher zu schauen vermochte, trat mir immer nher und
nher, und in demselben Mae ging mir auch die Gabe verloren, die Worte des
Engels und alles, was ich gesehen hatte, ohne Mhe zu verstehn und zu begreifen.
Das ist die Erdennhe! lchelte er wehmtig. Du hast die Furchtbarkeit der
Wage empfunden; vergi sie nicht! La alle die wiedergeschenkten Tage so sein,
wie dein letzter war, dem du die Rckkehr zu verdanken hast, weil er der Liebe
zu dem Feind gewidmet war! Du wirst erfahren, da es die Liebe war, die dich
beschtzte; sei ihr dankbar dadurch, da du in ihr die einzige Regentin deines
weiteren Lebens anerkennst! - - Ich wei nicht, sah ich ihn schwinden, oder war
ich es, der sich von ihm entfernte. Es wurde dunkler, immer dunkler um mich her
und auch in mir selbst; ich sah nichts mehr; ich hrte nichts mehr und fhlte
einen drckenden Schmerz auf meinem Herzen. Dann, als ich angstvoll lauschte,
hrte ich eure Stimmen und ffnete die Augen. Ich lag neben einer Blutlache und
besann mich auf alles wieder, an was ich nicht mehr gedacht hatte. Ich versuchte
aufzustehen, und es gelang mir trotz des Druckes auf meiner Brust, der mich
nicht emporlassen wollte. Jetzt hat er sich vermindert; es ist mir wohler
geworden. Und nun ich euch erzhlt habe, was ich nicht aufschieben wollte, weil
ich es zu vergessen befrchtete, bitte ich dich, Effendi, nach meiner Wunde zu
sehen!
    Ich hatte ihm mit so gespannter Aufmerksamkeit zugehrt, da ich mich erst
besinnen mute, um seiner Aufforderung nachzukommen. Er mute sich legen; dann
knpfte ich ihm die Nimtaneh149 und das Qmihs150 auf und - - - konnte mich
eines lauten Ausrufes des Staunens nicht erwehren. Es gab keine Wunde; seine
Brust war unverletzt. Ich sah nur eine dunkelgefrbte, unregelmig verlaufende
Stelle, welche auf einen vorhanden gewesenen Druck schlieen lie. Welch ein
Wunder! Es war gar nicht anders mglich, als da sich auf der Brust ein
Gegenstand befunden hatte, von welchem die Kugel aufgehalten worden war! Ich
griff an die geffnete Nimtaneh und fhlte in der Tasche einen viereckigen
Gegenstand. Ich nahm ihn heraus.
    Was suchst du da? fragte er verwundert. Das ist mein Beschar el arba151,
welches stets in der Satteltasche steckte. Heute aber, als ich die Stelle von
der Liebe zu den Feinden gelesen hatte, that ich es in die Brusttasche der
Nimtaneh. Warum ich das that, das wei ich nicht; es fiel mir grad so ein.
    Aber ich wei es! Dein Schutzengel war es, der dir diesen Gedanken
eingegeben hat. Das Buch hat dir das Leben gerettet!
    Wie? - Das Leben gerettet?
    Ja; steh auf und betrachte es! Du brauchst nicht liegen zu bleiben, denn du
bist gar nicht verwundet. Der Schmerz, den du auf der Brust fhlst, ist alles,
was der Schu dir hinterlassen hat.
    Das gab nun eine allgemeine Verwunderung und eine noch viel, viel grere
Freude. Dschafar Mirza, dem das kleine Evangelienbuch von mir geschenkt worden
war, hatte es in Metall binden und ein silbernes Lesezeichen dazu fertigen
lassen. Es hatte verkehrt, ich meine, mit der Anfangsseite nach innen, nach dem
Krper zu, in der Tasche des Basch Nazyr gesteckt und war von dem Geschosse also
auf die hintere Platte des Einbandes getroffen worden. Da diese Platte dnn war,
hatte sie der Kugel nicht genug Widerstand geleistet; diese war
hindurchgeschlagen und auch so weit durch die Bltter gegangen, bis das
Lesezeichen sie aufgehalten hatte. Dort steckte sie noch jetzt, nicht
breitgeschlagen, sondern ein wenig abgeplattet. Der Schu hatte also keine groe
Kraft gehabt. Es war ja, wie sich dann herausstellte, eine Pistole alter
Konstruktion, und wahrscheinlich hatte auch das Pulver nicht viel getaugt. So
war der durch das Buch verminderte Prall nicht einmal stark genug gewesen, eine
Rippe zu verletzen. Schmerzhaft freilich war die Quetschung; der Perser
laborierte lngere Zeit daran.
    Das Buch ging natrlich aus einer Hand in die andere, denn jeder wollte es
nicht nur sehen, sondern auch genau betrachten. Als dies geschehen war, lie ich
es mir wieder geben und sah nach der Seite, in welcher das Zeichen gesteckt
hatte. Welch eine Fgung! Ja, eine Fgung war es, denn Zufall giebt es nicht fr
mich! Die Kugel war fast durch das ganze Buch gedrungen, denn das Lesezeichen
hatte fast ganz vorn, nmlich in der Bergpredigt, im fnften Kapitel des
Matthus, gesteckt, wo durch den verbogenen Rand des Zeichens ein kleiner
Einschnitt entstanden war, welcher die letzte, im Buche sichtbare Wirkung des
Schusses bildete. Und wo befand sich diese Stelle? Ich hielt sie dem Perser hin
und bat ihn:
    Lies!
    Warum? fragte er.
    Das nachher! Jetzt aber lies!
    Es ist dasselbe, was ich heute frh gelesen habe: Ich aber sage euch:
Liebet eure Feinde; thut Gutes denen, die euch hassen, und betet fr die, welche
euch verfolgen und verleumden, auf da ihr Kinder seid eures Vaters, der im
Himmel ist, der seine Sonne aufgehen lt ber die Guten und die Bsen und lt
regnen ber die Gerechten und die Ungerechten! Hierher habe ich das Zeichen
gelegt.
    Und was siehst du hier, grad neben diesen beiden Versen?
    Ein kleines Loch, wahrscheinlich von dem verbogenen Zeichen!
    Ja, aber fr mich ist es noch mehr, und auch fr dich soll und mu es noch
mehr sein!
    Was?
    Du hast mir gesagt, dir sei heut frh der Gedanke gekommen, da wir viel zu
gtig gegen unsere Feinde gewesen seien; um dieser deiner Schwachheit Kraft zu
verleihen, habest du hier diese Stelle aufgeschlagen und gelesen. Das ist doch
so?
    Ja, so ist es.
    Nun, hier steht der Befehl: Liebet eure Feinde! Vorhin erzhltest du, der
Engel wnsche, da dein ganzes, noch folgendes Leben so sei wie der letzte, hier
vergangene Tag. Und hat er nicht auch ausdrcklich gesagt, da es die Liebe sei,
welche dich beschtzt habe?
    Ja; das war eines seiner Abschiedsworte!
    Nun, der Drang nach dem Gebote der Feindesliebe gab dir dieses Buch in die
Hand. Aus Gehorsam fr dieses Gebot schlugst du diese Stelle auf und legtest das
Zeichen hinein. Grad bis hierher ist die Kugel gedrungen. Hier an dem Worte der
Liebe hat sie ihre Macht verloren. Ist das ein Zufall?
    Allah, Allah! Nein, gewi nicht!
    Ich denke das auch! Und jetzt fallen mir meine Worte ein, welche ich dir
ber das Evangelium sagte, kurz, ehe du erschossen werden solltest. Kannst du
dich besinnen?
    Nein.
    Ich versicherte dir, da Gott, welcher von dir die Liebe zu den Feinden
fordere, auch die Macht habe, dich grad durch diese Liebe zu retten. Ich sagte,
sein Evangelium sei ein starker Schutz und Schirm selbst in der grten
Todesgefahr, und vielleicht stehe dir die Hilfe nher, als du denkest!
    Ja, das ist sonderbar, Effendi!
    Nicht nur sonderbar! Ich sprach von dem Schutze des Evangeliums, ohne eine
Ahnung davon zu haben, da dieses Buch der vier Evangelien in deiner Brusttasche
steckte! Und dazu kommt noch mehr. Besinne dich nur! Als du davon sprachst, da
du mich im Jenseits um Verzeihung bitten werdest, sagte ich dir, da ich dir
schon verziehen habe, und fgte hinzu, da Gottes Hand dich noch im letzten
Augenblicke retten und sogar die Kugeln lenken knne!
    Ich besinne mich. Ja, so sagtest du wirklich!
    Und noch etwas! Der Scheik sagte: Meiner Hand entkommt ihr nicht, so wahr
euer Es Setschme, der Ort der Sichtung, nichts als Schwindel ist! Du behauptest,
auf Es Setschme und an der Wage der Gerechtigkeit gewesen zu sein; dieser Ort
ist also fr dich kein Schwindel. Und schau: Wir sind ihm entkommen, wir sind
frei, whrend aber nun er unser Gefangener ist und uns ohne unsern Willen sicher
und wahrlich nicht entkommen wird. Ist dieses wiederholte und erstaunliche
Zusammenstimmen der gesprochenen Worte mit den spteren Ereignissen Zufall?
    Nein, nein! sagte der Perser.
    Und Nein, nein! riefen auch Halef, Hanneh, Kara und alle, alle Haddedihn.
    Entweder mssen wir uns fr Propheten halten, fuhr ich fort, oder wir
sind der Ueberzeugung, da wir unter einer allliebenden und allweisen Fhrung
stehen, welche fr uns das Unheil in Heil, das Unglck in Glck verwandelt. Da
wir aber nicht den Wahnsinn haben, zu behaupten, da wir mit der Gabe der
Weissagung ausgerstet seien, so ist fr uns nur die zweite Annahme mglich. Ich
habe stets an Gottes Fhrung geglaubt; ich werde an sie glauben und mich ihr mit
herzlicher Zuversicht anvertrauen, so lange ich lebe, und ich bitte euch alle,
dies auch zu thun! Wir stehen hier an einem Orte, den wir wohl nie vergessen
werden, an der Stelle eines Ereignisses, welches nicht blo fr Khutab Agha,
unsern Freund, sondern auch fr uns alle von der grten Wichtigkeit ist. Wir
haben hier abermals eine Kijahma, eine Auferstehung von den Toten, erlebt. Sie
mag uns nicht nur auf unsere einstige Auferstehung von dem leiblichen Tode
hinweisen, sondern uns zu einer Auferstehung schon jetzt erwecken, zu einem
Erwachen alles dessen, was noch tot und fruchtlos in uns liegt, zu einem
Lebendigwerden besonders der Liebe, die uns gegeben ist, nicht, da wir sie in
uns vergraben, sondern da wir sie von uns hinausstrahlen lassen auf jedermann,
auf Freund und Feind, der mit uns in Berhrung kommt. Ihr habt durch den Mund
des Basch Nazyr die Worte seines Engels gehrt, welcher sagte, da dies der Weg
sei zum klaren Lichte, zum wirklichen Leben und zur Seligkeit. Und in diesem
Sinne wollen wir uns jetzt zusammensetzen, um Gericht zu halten, ber die,
welche sich so schwer gegen uns vergangen haben, da sie nach dem Gesetze der
Wste nur den Tod erwarten drfen!
    Es antwortete hierauf niemand. Selbst mein kleiner, sonst so sprechfertiger
Halef war still. Die allgemeine Stimmung zeigte berhaupt einen Ernst, ich
mchte sagen, eine Feierlichkeit, welche in diesem Grade und bei diesen Menschen
nur bei hchst seltenen Gelegenheiten zu bemerken war. Mochte die Quelle, aus
welcher die Reden und Darstellungen des Persers geflossen waren, sein, welche
sie wolle, der Eindruck war ein ebenso tiefer wie nachhaltiger. Der Orientale
ist fr ein solches Hereinragen des Uebersinnlichen in das Sinnliche ganz
besonders empfnglich, und ich bin berzeugt, da ein Abendlnder, der dem Basch
Nazyr zugehrt htte, wohl schwerlich so unverstndig gewesen wre, ber ihn und
seine Erzhlung zu lcheln. Ich bin ja auch kein Orientale, und das Leben hat
mich gelehrt, allem, was mir unbekannt erscheint, zunchst khl und forschend
gegenberzutreten; aber das, was wir erst von Ben Nur und nun von dem Perser
gehrt hatten, kam mir denn doch nicht wie das ausschlieliche Produkt eines
kranken Gehirns oder wie die innere Folge eines uerlichen Druckes auf die
Herzgegend vor. Der Gelehrte wird zwar da gleich von Krankheit sprechen. Ja,
krank war der Mnedschi; das ist nicht zu leugnen, und den Basch Nazyr hatte gar
eine Kugel hingestreckt: aber der letztere war nach seinem Erwachen aus der
Ohnmacht geistig vllig gesund und klar, und was den ersteren betrifft, so giebt
es mehr als genug Gelehrte, sogar echte, richtige Zunftgelehrte, welche
behaupten, es sei nicht durchgngig wahr, da eine krftige Seele nur in einem
krftigen Krper wohnen kann, sondern es habe sich umgekehrt sehr husig
erwiesen, da die Seele erst und grad dann ihre Krfte und Thtigkeiten
entfalten knne, wenn die krperlichen Banden, in denen sie gefesselt ist,
schwach und darum weniger hinderlich geworden sind.
    Was unsere Gefangenen betrifft, so hatten auch sie alles gesehen und alles
gehrt. Das Erwachen des Persers hatte bei ihnen gewi dasselbe Erstaunen
hervorgebracht wie bei uns. Hchst wahrscheinlich freuten sie sich nun
desselben, denn sie glaubten wohl, der Umstand, da die Kugel unschdlich
gewesen sei, msse uns zur Milde stimmen. Gesagt aber hatte keiner von ihnen
etwas, kein einziges Wort. Der Mnedschi sa mit geschlossenen Augen bei ihnen;
er rhrte sich nicht, und wenn er ja einmal eine Bewegung machte, so war es
diejenige des Rauchens, obgleich er seine Pfeife nicht in den Hnden hatte. Was
mit ihm geschehen werde, das hing ganz von dem Schicksale seiner Mekkanischen
Gefhrten ab.
    Dem Perser konnte ich in unserer gegenwrtigen Lage nur eine kalte Kompresse
raten, welche von Zeit zu Zeit erneuert wurde. Er war schon sonst ein ernst
angelegter Mann; jetzt nun schien sich dieser Ernst verdoppelt zu haben, und ich
will gleich bei dieser Gelegenheit bemerken, da whrend unsers ganzen, sptern
Beisammenseins nur sehr selten ein Lcheln auf seine Lippen kam. Die Wirkung der
Wage der Gerechtigkeit, welche er, so oft er von ihr sprach, eine entsetzliche
nannte, war keine vorbergehende bei ihm.
    An der Beratung ber die Strafe, welche die Schuldigen treffen sollte,
hatten folgende Personen teilzunehmen: Halef, Kara, der Perser, Omar Ben Sadek
und ich. Es galt vor allen Dingen, festzustellen, wer sich an dem Kampfe gegen
die Soldaten beteiligt hatte. Khutab Agha behauptete, gesehen zu haben, da
nicht blo die Beni Khalid, sondern auch die Mekkaner geschossen htten. Um sich
Gewiheit zu verschaffen, ging Halef hin zu ihnen und fragte den Ghani:
    Hast du auf die Soldaten geschossen?
    Nein, antwortete er.
    Dein Sohn?
    Nein.
    Einer deiner andern Gefhrten?
    Auch nicht. Warum htten wir uns an dem Kampfe beteiligen sollen? Es waren
ja genug Beni Khalid da!
    Glaubt ihm nicht! rief da der Scheik dazwischen. Er hat gar wohl
geschossen, und zwar mehrere Male!
    So! meinte Halef. Sein Sohn etwa auch?
    Ja.
    Und die andern?
    Diese ebenso! Sie haben alle geschossen, alle. Nun aber sind sie so feig,
es zu leugnen.
    Und du sagst diese dir vom Teufel eingegebene Lge, um nicht der einzige zu
sein, den die Strafe trifft. Du willst uns mit dir ins Verderben ziehen! rief
der Ghani.
    Der Scheik antwortete ihm wieder, und so entspann sich ein Hin und Her von
Schimpfworten, dem ich dadurch ein Ende machte, da ich ihnen befahl:
    Seid still! Ich werde gleich sehen, wer die Wahrheit sagt!
    Ich untersuchte ihre Flinten. Sie waren alle geladen, aber auch ebenso alle
vor kurzem abgeschossen worden. Um aber doch ganz sicher zu gehen, richtete ich
die Frage an den Ghani:
    Eure Flinten sind noch geladen; das spricht fr euch, denn der Kampf ist
sehr kurz gewesen, und wenn ihr euch an ihm beteiligt httet, so wren die Lufe
leer. Ist es so?
    Ja, ja, so ist es. Du hast das richtige getroffen, Effendi, antwortete er.
    Was httet ihr auch jetzt oder in den letzten Tagen zu schieen gehabt! Ich
wte nichts.
    Er lie sich wirklich durch den beistimmenden Ton, in welchem ich dies
sagte, irre machen und antwortete:
    Nichts, gar nichts, Effendi! Wir haben weder gejagt, noch sonst eine
Gelegenheit zum Schieen gehabt.
    Wirklich nicht?
    Nein.
    Auch nicht auf eurem gestrigen Wege, vom Brunnen weg nach Sdwest und dann
hierher?
    Nein! Du siehst also, da wir unschuldig sind!
    Ich sehe vielmehr, da ihr schuldig seid. Es sind alle eure Flinten erst
vor kurzem abgeschossen worden, und da du mir jetzt soeben bewiesen hast, da
dies nirgends anderswo geschehen ist, so ist es hier geschehen.
    Da lachte der Scheik hhnisch auf und rief ihm zu:
    Dummkopf! Hrtest du es denn diesem Effendi aus dem fernen Westen nicht an,
da er von vorn ganz ungefhrlich that, weil er dich von hinten packen wollte?
Das ist ein schlauer Teufel, an den du nicht reichtest, auch wenn du das Gehirn
von hundert solchen Kerlen, wie du bist, unter deinem Schdel httest! Nun hat
er dich gefangen, und ich habe recht behalten. Ich wiederhole, und ich mache
keine Lge: ihr habt vier oder fnf von den Soldaten erschossen! Ich gebe mein
Wort darauf, und da ist es wahr!
    Der Ghani war nun still, und das gengte! Wir setzten uns zusammen. Die
Haddedihn lauschten, damit ihnen kein Wort entgehen mge. Auch Hanneh hatte sich
aus demselben Grunde ganz in unserer Nhe niedergelassen. Ihr liebes, gtiges
und dabei doch so kluges Gesicht strahlte vor Stolz, ihren Sohn zum erstenmale
in der Dschemmah, der Versammlung der Aeltesten, nicht nur zu wissen, sondern
sogar zu sehen und sprechen zu hren. Sein Vater war nicht weniger von
Genugthuung erfllt. Er selbst gab sich sehr ernst und wrdevoll, was ihm, dem
Jngling, gar nicht bel stand.
    Halef ergriff zuerst das Wort. Die Anwesenheit seiner Frau und seines Sohnes
war fr ihn eine sehr zwingende Ursache, eine seiner berhmten Reden zu halten.
Ich kann sie hier bergehen und bringe nur den Schlu:
    Ihr wit, wie gerne ich meine Peitsche sprechen lasse; aber nach dem, was
wir von Ben Nur vernommen haben, bin ich gewillt, ihr von jetzt an weniger als
frher das Wort zu geben, und hier, wo es sich um den Tod von soviel Menschen
und auch auerdem um eine ganze Anzahl von Snden und Verbrechen handelt, hat
sie berhaupt zu schweigen. Eine Untersuchung ist nicht notwendig, denn die
Thaten liegen offen und deutlich vor unsern Augen. Es kann sich nur um den Tod
handeln. Den haben sie mehr als verdient. Stimmen wir schnell ab! Das ist zwar
nur eine Frmlichkeit, die aber doch erfllt werden mu. Dein Urteil, Sihdi?
    Ich will der Letzte sein, antwortete ich.
    So mag es nach der Reihe gehen. Khutab Agha, du sitzest neben mir. Also
sag'! Nicht wahr, den Tod?
    Der Perser sah in die Weite hinaus, als ob er von dorther einen Rat erwarte.
Dann antwortete er:
    Nein!
    Was - - wie - -? Nicht den Tod? rief Halef erstaunt.
    Nein!
    Was sonst?
    Ich begnadige sie. Sie mgen laufen! Ich wei, da sie der Strafe nicht
entgehen werden, nicht entgehen knnen; aber ich will nicht derjenige sein, der
das Tuch ber ihnen zerreit!
    Das soll ich fr Ernst nehmen?
    Es ist mein Ernst. Und nun bitte ich dich, mich nicht weiter zu drngen!
Ich habe die Wage kennen gelernt und will erst selbst besser werden, ehe ich
ber andere richte!
    Ich kann dich nicht zwingen und wnsche nur, da du es nicht bereuen magst.
Jetzt du, Omar Ben Sadek!
    Ich stimme fr den Tod!
    Das sagte er fest und streng und weiter kein einziges Wort.
    Jetzt du, Kara Ben Halef, mein Sohn! fuhr der Hadschi fort.
    Es war ein jugendlich helles, gutes, freundliches Auge, welches Kara jetzt
auf mich richtete. Da er grad mich ansah, das war mir erklrlich, denn ich
wute ja, da er schon als Knabe stets gesagt hatte, er werde sich alle Mhe
geben, so zu sein wie Kara Ben Nemsi Effendi. Ich war selbst auch neugierig auf
das Wort, welches wir aus seinem Munde hren wrden.
    Ich begnadige sie auch! klang es mild und doch so fest.
    Allah! Du auch, mein Sohn? fragte Halef. Wahrscheinlich hast du es dir
nicht recht berlegt?
    Ich habe es berlegt. Allah verlangt Liebe, und ich gebe sie; ich werde sie
geben, so lange ich lebe!
    Da konnte ich nicht anders. Ich langte zu ihm hinber und drckte ihm die
Hand. Und von dem Platze her, wo seine Mutter sa, erklang der anerkennende Ruf:
    Kara, mein Sohn, sest du jetzt nicht in der Versammlung der Aeltesten,
ich wrde jetzt kommen und dich kssen!
    Er errtete, denn gekt zu werden, wenn auch von der Mutter, ist etwas,
wovon in der wrdevollen Dschemmah nicht gesprochen werden darf.
    Nun habe ich mein Wort zu sagen, erklrte Hadschi Halef. Ich stimme
natrlich fr den Tod und fge hinzu, da das Urteil sofort zu vollstrecken ist,
denn wir haben keine Zeit zum langen, nutzlosen Verweilen hier. Jetzt bist noch
du als der letzte brig, Effendi. Es sind zwei Stimmen fr und zwei Stimmen
gegen den Tod. Bei dir liegt also die Entscheidung. Darf ich vorher noch ein
Wort sagen?
    Ja, doch kurz!
    Ich sehe nmlich ein, da wir uns in Gefahr befinden, Thaten, welche
gradezu zum Himmel schreien, unbestraft zu lassen. Das hat Ben Nur nicht gesagt
und auch nicht gewollt! Er hat von Richtern gesprochen, welche selbst in dem
rgsten Verbrecher noch den Menschen suchten, um ihrem Urteile Milde verleihen
zu drfen; aber da ein zwanzigfacher Mord keine Strafe finden soll, da wir
diese Menschen nach all den schweren Plnen und Anschlgen, die sie gegen uns
hegten und nur deshalb nicht zur Vollendung bringen konnten, weil wir klger,
erfahrener und vorsichtiger sind als sie, freizulassen haben, das will selbst El
Mizan nicht, die Wage der Gerechtigkeit. Was wird geschehen, wenn wir ihnen
nicht die verdienten Kugeln geben? Sie reiten fort und lauern uns wieder auf.
Und knnen sie uns nichts anhaben, so leben sie in ihrer Weise weiter, und alle
schlechten Thaten, welche sie dann begehen, haben wir zu verantworten und zu
tragen, wenn wir dereinst durch die Pforte des Todes gehen. Wenn ich mir Mhe
gebe, ein guter Mensch zu sein, so will ich mich ja hten, nicht etwa durch
meine eigenen, sondern durch die Thaten anderer doch noch hinabgerissen zu
werden in den Abgrund des Verderbens! Das habe ich geglaubt, noch sagen zu
mssen, und das gebe ich besonders dir zu bedenken, Effendi. Ueberlege es dir
wohl, ehe du das letzte, entscheidende Wort auf die Lippen nimmst!
    Der Hadschi hatte in seinem Leben wohl viel Ueberflssiges gesprochen; das
jetzt aber war, wie mir schien, ein Wort zur rechten Zeit! Ich gestehe, da auch
ich beabsichtigt hatte, Gnade walten zu lassen, nicht etwa aus falscher
Liebesduselei oder um meinen Standpunkt als Christ besonders hervortreten zu
lassen, sondern aus dem Grunde, welcher fr mich in dem Namen lag: Ben Nur. Ich
sage aufrichtig, da ich noch unter dem Eindrucke seiner Reden stand, und grad
hier, nicht fern dem Orte, an welchem er gesprochen hatte, widerstrebte es mir,
das Blut von sechs Menschen zu vergieen, welche, mochten sie auch noch so
schlecht gehandelt haben, doch die Entschuldigung fr sich hatten, Angehrige
einer Bevlkerung zu sein, welche den Raub als eine Art ritterliches Handwerk
betrachtet. Aber die ernste und sehr begrndete Vorstellung Halefs war zu
beherzigen. Ich berlegte. Leider sollte nur eine Strafe geltend sein, die
Todesstrafe. Wre diese Bedingung nicht gemacht worden, so htte sich wohl ein
Weg oder ein Mittel finden lassen, die Shne ohne Blutvergieen mit der Schuld
in das mglichste Gleichgewicht zu bringen. Die Hauptschuldigen waren unbedingt
der Scheik und der Ghani; wenn diese - - - ja, das war es! Auf diese Weise
konnte ich hier der Strenge und dort der Milde gerecht werden: diese beiden
sollten bestraft, die andern aber begnadigt werden! Als Halef, dem mein
Nachsinnen zu lange dauerte, mit einem: Nun, Effendi? drngte, beschlo ich,
demgem zu sprechen.
    Ich achtete dabei kaum darauf, da der alte Mnedschi aufgestanden war und
sein Gesicht, doch mit geschlossenen Augen, nach uns gerichtet hatte.
    Mein Entschlu ist folgender, sagte ich: der Scheik der Beni Khalid und
Abadilah el Waraka, den man El Ghani nennt, sollen miteinander - - - -
    El Aschdar - - -! El Aschdar - - -! El Aschdar - - -! schrie da, mich
unterbrechend, der Mnedschi mit aller Kraft seiner Stimme herber.
    Trotz der hohen Tageshitze berlief es mich eiskalt! Niemand sah auf mich;
aller Augen waren auf den Blinden gerichtet, welcher mit hocherhobenen Hnden
dastand, als ob er uns vor einer groen Gefahr zu warnen habe. Halef, Kara,
Hanneh und der Perser kannten die Bedeutung dieses Wortes, denn Halef war
neugierig gewesen und mit seinen Fragen so lange in mich gedrungen, bis ich ihm
gesagt und erzhlt hatte, warum ich kurz vor dem Zweikampfe von dem Mnedschi
fortgefhrt und was mir da gesagt worden war.
    El Aschdar! Der Drache! sagte Halef, indem er mich ganz betroffen
anschaute. Er hat es dreimal gesagt; hrst du, Effendi, dreimal! Weit du noch,
was das zu bedeuten hat?
    Ja wohl, wei ich es, antwortete ich.
    Wenn dir der Drache droht, will Ben Nur im Momente der Gefahr dreimal das
Wort El Aschdar rufen! Welche Gefahr aber soll das jetzt sein? Ich sehe keine!
    Aber ich!
    Wo?
    Hier, in unserer Dschemmah. Ich stand im Begriffe, eine Entscheidung zu
treffen, welche nicht in und nach dem Sinne der Liebe ist. Es scheint, wir
sollen uns vor Blutvergieen hten.
    Hre Effendi, werde nicht bedenklich! Was kann es uns persnlich schaden,
wenn wir der Gerechtigkeit Genge thun?
    Vielleicht ist eine persnliche Gefahr dabei, vielleicht auch nicht; das
ist jetzt Nebensache. Die Hauptsache besteht darin, da ich vor dem Drachen der
Lieblosigkeit gewarnt worden bin.
    Vielleicht bezieht sich diese Warnung gar nicht auf das Urteil, welches wir
hier zu fllen haben!
    Ich beziehe es darauf. Horch!
    Der Blinde begann wieder zu sprechen. Es war ganz unmglich, da ein Wort
von uns zu ihm gedrungen war, denn ich hatte, und Halef ebenso, in gedmpftem
Tone gesprochen. Dennoch rief der Mnedschi jetzt zu uns herber:
    Ja, es ist das Urteil gemeint; streitet euch also nicht! Es giebt ein
groes Gesetz der Gerechtigkeit, dessen Walten euch verborgen ist. Dasselbe
Gesetz stellt neben die Gerechtigkeit die Gnade. Wenn die Gnade spricht, ist die
Gerechtigkeit erfllt! Ihr habt euch zu Richtern gesetzt des vergossenen Blutes
wegen, dessen Lachen ich hier starren sehe. Wer unter euch besitzt das Recht
dazu? Nur einer, denn den andern haben diese Toten fern gestanden. Und dieser
eine hat sich fr das Wort der Gnade entschieden. Woraus schpft ihr andern nun
die Pflicht, die Ausfhrung seines dem Himmel wohlgeflligen Entschlusses
unmglich zu machen? Ruft das, was euch gethan wurde, eine blutige Rache heraus?
Es ist El Aschdar, dessen Stimme ich in eurem Urteile hre! Vermet euch nicht,
in den Gang der hheren Gerechtigkeit einzugreifen! Sie hat die Faust schon hoch
erhoben zum wohlverdienten Schlage. Wenn ihr sie strt, trifft dieser Schlag
euch; darum weicht zurck; jetzt ist noch Zeit dazu! Der Mund, der die
Berechtigung dazu besitzt, hat Gnade ausgesprochen; nun lat sie walten. Ich
fordere es von euch!
    Das war mit der Stimme Ben Nurs, nicht mit der gewhnlichen des Mnedschi
gesprochen worden. Nun setzte sich der Blinde wieder nieder und war ganz so
teilnahmlos wie vorher, ein Werkzeug, welches nicht wei, was es gethan hat.
    Halef holte tief Atem und sah mich bedenklich an.
    Effendi, du hast es gehrt? fragte er.
    Ich nickte.
    Und auch verstanden?
    Wahrscheinlich! Sag, Halef, wer war wohl mit dem gemeint, welcher allein
zum Urteile berechtigt ist?
    Hier Khutab Agha.
    Ja. Und es ist richtig! Gehen wohl uns die Soldaten etwas an? Sind wir ihre
Vorgesetzten, ihre Offiziere gewesen?
    Allerdings, nein!
    Sie gehrten zu Khutab Agha, nicht zu uns.
    Aber sie sind mit uns zusammengetroffen; sie waren unsere Gefhrten, und so
haben wir sie zu rchen. So lautet das Gesetz der Wste, nach welchem wir uns
hier richten mssen, Effendi.
    Ja, sie waren unsere Gefhrten! Khutab Agha aber war ihr Gebieter; darum
steht seine Bestimmung ber der unserigen. Ich wei jetzt genau, was ich zu thun
und was ich zu sagen habe.
    Nun, was?
    Ich stimme fr Gnade.
    Er senkte den Kopf; die andern waren alle still. Dann, als er ihn wieder
hob, war in seinem Gesichte keine Spur von Enttuschung zu sehen; er lchelte
vielmehr zustimmend, indem er sagte:
    Wahrscheinlich htte ich es auch grad so gemacht wie du. Ich war fr die
grte Strenge, denn ich glaubte, da ich verpflichtet dazu sei; da dies aber
nicht der Fall ist, so soll Khutab Agha seinen Willen haben. Jetzt sag mir, ob
du an den Hieb glaubst, Sihdi?
    An welchen Hieb?
    Er sprach doch von der Faust, die bereits zum Schlage erhoben sei. Wenn wir
sie stren, soll er uns treffen. Das scheint eine Prophezeiung zu sein. Ob sie
sich wohl in Erfllung setzt?
    Halef, bin ich allwissend? Wir haben mehr zu thun, als uns mit solchen
ungewissen Dingen zu beschftigen. Du weit nun, wofr ich meine Stimme
abgegeben habe. Ich denke, wir haben nichts weiter zu beraten.
    Ja. Ich erklre die Dschemmah fr beendet und geschlossen. Die Mrder sind
begnadigt, weil nicht wir es sind, welche den Tod der Soldaten zu rchen haben.
Und was die Halunken gegen uns gesndigt haben, das wollen wir aus dem Buche der
Vergeltung streichen; sie sind ja arme, machtlose Wrmer gegen uns!
    Die Haddedihn hrten das. Es war keiner unter ihnen, der durch ein Wort oder
auch nur durch irgend ein Zeichen zu verstehen gegeben htte, da er mit diesem
so unerwarteten Ausgange der Beratung nicht einverstanden sei. Erstens verbot
ihnen das die Achtung, die sie uns ja nie versagten, und zweitens standen sie
unter dem Einflusse der Rede, welche der Mnedschi gehalten hatte. Er galt bei
ihnen fr das, was auch sein Name bedeutete, fr einen Wahrsager, und die
Drohung mit der schon erhobenen Faust hatte einen ganz besonderen Eindruck auf
sie gemacht.
    Unsere Herren Verbrecher aber hatten von unserem Entschlusse nichts gehrt.
Als sie sahen, da wir aufstanden, ruhten ihre Blicke mit ngstlicher Erwartung
auf uns. Halef lie es sich natrlich nicht nehmen, ihnen die betreffende
Mitteilung selbst zu machen. Er trat zunchst vor den Ghani hin, nahm seine
allerfreundlichste Miene an und fragte ihn:
    Mein heigeliebter Milch- und Waffenbruder, was denkst du wohl, was ber
dich, den Liebling des Groscherifes, beschlossen worden ist?
    Der Gefragte sah ihn forschend an. Er wute nicht, was er aus dieser
pltzlichen und so strahlend freundlichen Brderschaft zu machen hatte.
Wahrscheinlich war sie Hohn, und darum zog er vor, keine Antwort zu geben. Halef
fuhr fort:
    Warum willst du mich denn nicht mit dem ersehnten Tone deiner Stimme
beglcken? Ich schmachte nach ihm. Also sei so gut und sprich!
    Spotte nicht! wrgte der Mekkaner doch hervor.
    Spotten? Ich deiner? Was denkst du von mir! Ich kenne jedes einzelne Gesetz
der Hflichkeit und trachte stets mit Eifer darnach, sie zu erfllen. Du bist
als Schech el Harah der berhmte Gebieter eines ganzen Stadtviertels von Mekka
und so wei ich, was ich dir schuldig bin. Dein Fu wandelt tglich in dem
grten Heiligtume Muhammeds, des Propheten, und die Blicke von tausend frommen
Pilgern sehen auf deine erhabene Gestalt, wenn sie ber den Suq el Lehl152 oder
durch den Schi'b el Maulid153 spaziert. Genau so bin auch ich erfllt von
Ehrfurcht und Bewunderung fr dich, das unerreichbare Vorbild aller derer,
welche das Glck haben, dich in den Strahlen deiner unzhlbaren Tugenden kennen
zu lernen. Und da meinst du, da ich deiner spotte? Ich bin im Gegenteile ganz
von Seligkeit erfllt, dir mitteilen zu knnen, da du dich ber das Ergebnis
unserer Beratung freuen darfst.
    Das Gesicht des Mekkaners wurde - es giebt keinen andern Ausdruck dafr, und
ich mu es also sagen - immer dmmer.
    Freuen? - Wieso? fragte er.
    Wir haben alles, was fr dich und was gegen dich sprach, sehr genau
miteinander verglichen und wohl erwogen, und sind zu dem Ergebnisse gelangt, da
du unschuldig bist.
    Ich?! rief der Mekkaner.
    Ja, du!
    Unschuldig?!
    Gewi! Vollstndig unschuldig!
    Hadschi Halef, das ist Schlechtigkeit von dir, die allergrte
Schlechtigkeit, denn was du sagst, das ist ja wirklich nichts als Spott!
    Mein Freund, wie wenig kennst du mich! Es thut meinem Herzen bitter wehe,
da ich grad von dir so falsch beurteilt werde!
    Aber un - - unschuldig?!
    So unschuldig, wie der Frosch daran unschuldig ist, da er im Wasser na
wird. Du bist rein, unendlich rein von allen deinen Fehlern!
    Der Ghani stie, ohne auf die Doppelzngigkeit dieser letzten Worte zu
achten, sondern nur an das, was er gethan hatte, denkend, den Einwand hervor:
    Ich habe aber doch auf den Perser geschossen!
    Ja, das hast du allerdings. Nun sag, in welcher Absicht du das thatest!
    Ich wollte ihn tten!
    Schn! Aber ist er tot?
    Nein; er lebt!
    Bist du daran schuld, da er lebt?
    Nein!
    So liegt die Sache doch so klar, wie sie klarer gar nicht liegen kann! Sei
so herablassend, mir noch zu sagen: Bist du schuld an seinem Tode?
    Nein! Er ist ja gar nicht tot!
    Nun so denke doch nach! Du bist nicht schuld an seinem Tode, und du bist
nicht schuld daran, da er noch lebt, also bist du nicht nur berhaupt
unschuldig, sondern sogar doppelt unschuldig!
    Die Verblfftheit des Ghani hatte jetzt ihren hchsten Grad erreicht. Er
wute nicht, was er sagen knne, ohne sich lcherlich zu machen, und zog es
darum vor, zu schweigen und zu warten.
    Halefs Gesicht strahlte vor Vergngen. Er fuhr freundlich fort:
    Da also erwiesen ist, da nicht die geringste Schuld auf dich fllt, so
haben wir kein Recht, dich lnger festzuhalten, und ich bitte dich um dein
gtiges Einverstndnis, da ich dich befreie!
    Allah, Allah!
    Ein weiteres Wort als diesen Ausruf fand er nicht. Halef bckte sich nieder
und band die Fesseln los. Da sprang der alte Snder freilich augenblicklich auf
und rief in frohestem Tone:
    Also frei, frei! Wirklich frei!
    Ja. Du siehst und fhlst es doch!
    Und keine Strafe?
    Nein, denn Unschuldige bestrafen wir nicht.
    Und mein Sohn?
    Wird auch frei.
    Wann?
    Sofort.
    Und meine andern Gefhrten?
    Ebenso! Wenn du mir eine Liebe erweisen willst, so befreie sie selbst von
ihren Banden! Du wirst dir dadurch ihre Dankbarkeit erwerben.
    Das lie sich der Ghani freilich nicht zweimal sagen. Er kniete sofort
nieder und machte sich mit vor freudiger Aufregung zitternden Hnden an die ihm
so willkommene Arbeit. Als sie beendet war und seine Leute den freien Gebrauch
ihrer Glieder wieder erhalten hatten, holte er tief, tief Atem und fragte:
    Drfen wir aber auch fort?
    Jawohl, nickte Halef.
    Wann?
    So bald wie mglich, am liebsten gleich jetzt.
    Mit allem, was uns gehrt?
    Ja. Wir sind keine Ruber.
    Und wie steht es mit dem Kanz el A'da?
    Da bekam das Gesicht Halefs pltzlich einen ganz andern Ausdruck. Er ri die
Peitsche aus dem Grtel und antwortete in drohendem Tone:
    Mensch! Kerl! Halunke! Sag dieses Wort nur noch ein einziges Mal, so
zerhaue ich dir das Gesicht, da die Fetzen bis nach Mekka fliegen! Eine solche
Frechheit ist noch nie auf Erden vorgekommen!
    Verzeih, verzeih! Ich glaubte, ich msse doch wenigstens eine Erwhnung
davon thun.
    Und ich glaube, oder ich bin vielmehr davon berzeugt, da unsere Nachsicht
nur bis hierher, aber keinen Schritt weiter geht. Schlgst du dir den Kanz el
A'da nicht vollstndig aus dem Kopfe, so wird er dir trotz aller unserer
Barmherzigkeit doch noch zum Verderben!
    Ich verzichte, ich verzichte! Wir drfen uns also unsere Waffen nehmen?
    Ja. Aber unsere Gewehre werden auf euch gerichtet sein, bis ihr aus unsern
Augen verschwindet. Und schlagt euch ja auch alle weiteren Plne gegen uns aus
den Kpfen! Von diesem Augenblicke an bringt euch die kleinste Bewegung eines
Fingers, die ihr gegen uns wagt, den Tod. Weiter habe ich euch nichts zu sagen.
    Wir hatten den Kanz el A'da natrlich schon lngst an uns genommen und uns
auch berzeugt, da nichts davon fehlte. Die Mekkaner nahmen den Blinden auf und
gingen mit ihm zu ihren Kameraden. Er war geistesabwesend und lie sich fhren,
ohne zu wissen, was geschah. Sie beeilten sich auerordentlich, in die Sttel zu
kommen, denn sie mochten dem Landfrieden doch nicht recht trauen. Ihrem Anfhrer
aber fiel, ehe er aufstieg, noch etwas ein. Er kam eilfertig zu Halef gelaufen
und richtete an ihn die Frage:
    Wie steht es aber nun mit dem Scheik der Beni Khalid?
    Warum fragst du? antwortete der Hadschi.
    Weil ich wissen mchte, was ihr ber ihn beschlossen habt.
    Geht dich das etwas an?
    Sehr viel sogar! Er hat den Tod verdient. Was er gegen euch unternommen
hat, das wit ihr ja ebenso genau wie ich. Schon das mu ihn um das Leben
bringen! Aber auerdem wollte er auch uns hier ermorden, um sich in den Besitz
des Schatzes zu setzen. Ich brauche das nicht zu beweisen, denn der Effendi aus
Wadi Draha hat alles mit angehrt. Darum mu ich unbedingt von euch verlangen,
da er ohne Gnade erschossen wird!
    Ah! Also unbedingt?
    Ja!
    Und ohne Gnade?
    Ja!
    Du bist also nicht bereit, dich zur Milde, zur Nachsicht bewegen zu
lassen?
    Nein, auf keinen Fall! Er ist der grte Halunke, den es giebt. Er hat uns,
seine Freunde, betrgen und umbringen wollen. Ihr habt ihn zu erschieen!
    So? Wir?
    Ja!
    Da brauste der Hadschi zornig auf:
    So wagst du also, uns zuzumuten, die Henker zu sein, welche deine Befehle
auszufhren haben? Kerl, nicht er ist es, sondern du, du selbst bist der grte
Halunke, den es giebt! Ja, du bist noch mehr als das, nmlich eine Bestie in
menschlicher Gestalt! Wir haben dich mit Gnade und Erbarmen frmlich
berschttet; ein anderer htte dafr Allah und uns auf seinen Knieen gedankt
und in seinem Herzen den Schwur gethan, von nun an ein besserer Mensch zu
werden. Du aber hast als Antwort auf all diese groe Liebe nur den Ha und
forderst das Blut dessen, der dein Helfer war und fr dich mehr, ja viel mehr
wagte, als er durfte! Eigentlich sollten wir nun unsern Gnadenspruch
zurcknehmen; aber es graut uns allen so vor dir, da wir nur den einen Wunsch
haben, dich nicht mehr zu sehen! Mach dich rasch fort!
    Der Ghani hatte ihm mit seinem gespannten Blicke jedes einzelne Wort
sozusagen aus dem Munde gezogen; nun, da er erfahren hatte, was er wissen
wollte, machte er seinem Grimme rcksichtslos Luft:
    Es scheint also, ihr wollt ihn auch begnadigen! Dieser rudige Hund, dieser
Verrter, dieser Mrder seiner Gastfreunde soll entkommen! Und warum? Ich wei
es wohl und will es euch sagen: Aus Liebe, Liebe, Liebe!
    Er lachte hhnisch auf, warf die Arme mit einer verchtlichen Bewegung hoch
empor, lie das Gelchter zum zweitenmal hren und fuhr dann fort:
    Ich mu sprechen, mu reden, und wenn es mir das Leben kosten sollte! Ich
sa bei euch und habe eure verrckten Reden ber diese Liebe anhren mssen! Ich
habe alles gesehen was ihr thatet; ich habe alles beobachtet und wei also nur
zu gut, da dieses Nebel- und Jammerbild, welches ihr Liebe nennt, von euch
erfunden wurde, um eure Albernheit und Schwche zu entschuldigen oder gar zu
beschnigen. In dieser eurer Liebe begeht ihr jetzt wieder die hirnlose
Einfltigkeit, eurem grten und unerbittlichsten Feinde das Leben zu schenken
und ihn wieder gegen euch loszulassen! In dieser eurer Liebe bildet ihr euch
ein, etwas Hheres und Besseres zu sein als andere Menschen! Wegen dieser eurer
Liebe sollen die Bewohner dieses Landes, sollen ihre Sitten und Gebruche,
sollen ihre Gedanken und Thaten, ja, soll sogar die Wste sich pltzlich
verndern! In dieser eurer Liebe dnkt ihr euch weie, reine, heilige Schwne zu
sein, welche sich den freien Adlern und Geiern dieses Gebietes zugesellen und
von ihnen verlangen drfen, ihren Gewohnheiten und Instinkten gnzlich zu
entsagen! In dieser Liebe glaubt ihr, Wunder zu thun, und wenn man diese Wunder
nher betrachtet, so sind sie erbrmliche Knabenstreiche, ber welche man nur
lachen kann! In dieser eurer Liebe scheint ihr sogar zu glauben, da wir euch
fr diese Streiche loben, preisen und danken sollen, denn eure Lippen flieen
von salbungsvollen Ermahnungen und Warnungen ber, die ihr uns am liebsten nach
hinten auf den Rcken heften mchtet! Es wird dem, der das anzusehen und
anzuhren hat, so schlimm, da es ihm scheint, sein Inneres wolle sich nach
auen wenden! Ich fordere euch um Allahs willen auf, ja dem Gedanken zu
entsagen, da ihr mich damit anders macht, als ich gewesen bin und auch fr
immer bleiben werde! Ihr habt in mir nur Ekel erregt, weiter nichts! Hier seht
mich an, ob ich nicht ein ganz anderer Mann bin, als ihr alle seid! Hier stehe
ich! Ich habe euch, ohne mich vor euch zu frchten, den ganzen Inhalt meines
Herzens ausgeschttet. Nun schiet mich augenblicklich nieder! Denn soviel
Gerippe wird euer Charakter und eure Ehre doch vielleicht noch haben, da ihr
nicht sogar auch noch jetzt euch hinter dieses schwache, vor Angst zitternde
Weib, die Liebe, steckt, um euer schnes, weies Gefieder ja nicht durch den
Vorwurf einer That der Rache zu beschmutzen! Ich wiederhole: Hier stehe ich; nun
schiet mich nieder!
    Der Grimm, mit dem er seine Rede begonnen hatte, war von Satz zu Satz
gewachsen. Sein Gesicht hatte sich verzerrt, und seine Lippen geiferten. Dieser
Mensch hatte uns alle Veranlassung gegeben, ihn fr einen Feigling zu halten,
und er war es auch. Die treibende Kraft seines jetzigen Auftretens war nicht
etwa das Selbstbewutsein, der Mannesmut, sondern die zgellose unbezhmbare Wut
darber, da wir ihn nicht an dem Scheik rchen wollten. Grad da er diese Wut
nicht beherrschen konnte, war ein Beweis seiner Schwachheit, denn wer fr das
Leben der Psyche ein aufmerksames Auge besitzt, wird die Erfahrung gemacht
haben, da Leute, welche eine so pltzliche Eruption, einen in dieser Weise
ausbrechenden Todesmut zeigen, eigentlich feig und zaghaft sind. Der wahre Mut
ist ruhig und wei sich in jeder Lage zu beherrschen!
    Darum konnte mich der Anblick dieses so ganz und gar aus dem Gleichgewicht
gebrachten Mannes nur mit Mitleid erfllen, mir aber ja nicht imponieren. Die
Haddedihn drngten sich drohend zu ihm hin. Der Perser blieb ruhig stehen; aber
er schaute auerordentlich finster drein. Halef war dunkler im Gesicht geworden;
ich sah, da er Mhe hatte, sich zu beherrschen. Darum bernahm ich die Antwort,
indem ich mich dem Wtenden nherte und zu ihm sagte:
    Du willst wirklich, da wir dich erschieen?
    Ja, ich will; ich will! donnerte er mir zu.
    Mach uns doch nichts wei! Wir kennen dich da besser! Du bist ein so
mutloser, feiger Kerl, wie ich fast noch niemals einen gefunden habe. Es ist dir
ja nicht einmal in den Sinn gekommen, dich an dem Zweikampfe um den Kanz el A'da
zu beteiligen, obwohl du ihn fr dich haben wolltest und also eigentlich der
erste unter den Kmpfern httest sein sollen! Das hast du nicht gethan; ja, du
hast es nicht einmal gewut, da du es thun solltest, und wer so wenig wei, was
ein mutiger Mann zu thun hat, der darf uns getrost schwach und furchtsam nennen,
denn er versteht ja nichts davon. Was du jetzt zeigst, ist nicht Mut, sondern
das Gef, in dem du Rache gegen den Scheik kochst, ist umgestrzt, und nun
zischt und brodelt und dampft und stinkt sie auf und macht einen Lrm, der gar
nichts weiter ist als eben blo nur Lrm! Was du von unserer Liebe denkst, das
kann uns ebenso gleichgltig sein, wie berhaupt alles, was du denkst. An dieser
Liebe kannst du so wenig rhren, da sie selbst zu deinem jetzigen Angriffe, so
viel Getse er auch verursacht hat, nur lchelt. Er war noch thrichter als ein
Knabenstreich; der unerfahrenste Junge htte ihn unterlassen. Wir erlauben dir,
zu gehen, und geben dir unser Mitleid mit. Entferne dich!
    Das Feuer seiner Wut war schon fast niedergebrannt; seine Haltung hatte
schon nicht mehr das Herausfordernde wie vorhin. Jedoch bei meinem Worte Mitleid
brauste er rasch wieder auf:
    Euer Mitleid brauche ich nicht; behaltet es fr euch! Ihr wollt euch also
alles, was ich gesagt habe, ruhig gefallen lassen?
    Ja!
    Und schmt euch nicht vor euch selbst?
    Nein, nicht einmal vor dir!
    So wiederhole ich: Behaltet ja euer Mitleid fr euch selbst! Und da ihr
davon so sehr viel braucht, so lasse ich euch noch dazu das meinige zurck. Eure
Liebe macht mir so unendlichen Spa, da ich, so oft ich an sie denke, die
Thrnen des Gelchters ber sie vergieen werde!
    Lach' immerhin! Doch will ich dir auch etwas Ernstes mitgeben: Sei ja
darauf bedacht, da aus diesen Lachthrnen nicht etwa Thrnen der Reue und des
Schmerzes werden! Die Liebe, welche dir jetzt so spahaft vorkommt, lchelt
nicht immerwhrend. Sie wohnt in jedem Menschen, auch in dir. Halte sie ja fest,
und lache nicht zu lange ber sie, sonst knnte sie sich von dir wenden, und
dann, das sage ich dir, ist es mit dem Gelchter aus!
    Er hielt mir seine Hand entgegen, mit der innern Flche nach oben, als ob
etwas darauf liege, und drehte sie schnell um, als ob er es fallen lasse, wie
man zu thun pflegt, wenn es etwas abstoend Hliches ist. Diese Gebrde
bedeutet in der Zeichensprache der Beduinen noch mehr als Nichtbeachtung oder
Gleichgltigkeit. Man will damit sagen, da einem das, was man gehrt hat, im
hchsten Grade widerwrtig ist. Dazu rief er lachend aus:
    Ich mag nichts von ihr wissen; sie mag sich von mir wenden; ich hasse sie!
Desto fester halte ich die Rache! Da mir die Beni Khalid nicht mehr helfen
werden, so bin ich jetzt zu schwach gegen euch; aber wehe euch, wenn ihr nach
Mekka kommt! Kehrt lieber jetzt noch um! Denn sobald ihr mit dem Fue das Gebiet
der heiligen Stadt betretet, habt ihr den ersten Schritt in euer Verderben
gethan. Ich schwre es bei Allah und dem Propheten!
    Er erhob die Hand zum Schwure, drehte sich um und ging. Niemand hinderte ihn
daran, obgleich es wohl den meisten Haddedihn in den Hnden zuckte, ihm eine
derbe Erinnerung mitzugeben.
    Wir sahen, da der Mnedschi im Sattel festgebunden wurde, eine
Vorsichtsmaregel, welche bei seinem eigenartigen Zustande sehr geboten war. Er
schien das gar nicht zu bemerken, doch als sein Kamel sich in Bewegung setzte,
wendete er uns sein Gesicht zu, in welchem die Augen geschlossen waren, und
rief:
    Lebt wohl fr kurze Zeit! El Aschdar hungerte vergeblich nach euch. Nun
wird er seine eigenen Kinder verzehren! Das Lcheln der Liebe ist verschwunden;
nun wird sie streng und - - -
    Mehr hrten wir nicht, denn der Ghani versetzte dem Blinden mit dem Metrek
einen Hieb, da er schwieg. Es war auch dieses Mal wieder nicht seine Stimme,
sondern diejenige Ben Nurs gewesen.
    Ich hatte vorhin gesagt, da unsere Gewehre auf die Abziehenden gerichtet
sein wrden, denn es war ja doch mglich, da einer von ihnen auf den Gedanken
kommen knne, uns aus der Entfernung einen Schu zuzusenden. Sie waren aber doch
so klug, keinen Versuch dazu, ja nicht einmal eine drohende Bewegung zu machen.
Wohin sie ritten, das war uns zunchst gleichgltig, doch wenn die Worte Ben
Nurs eintrafen, so wie sie bisher eingetroffen waren, so war uns ein Wiedersehen
mit ihnen gewi, und zwar voraussichtlich ein sehr baldiges.
    Nun wendete Halef sich dem Scheik Tawil Ben Schahid zu. Sein Gesicht wurde
wieder freundlich, und seine Stimme klang wie diejenige eines besorgten,
aufmerksamen Freundes, als er zu ihm sagte:
    Du hast vielleicht geglaubt, da ich dich ganz vergessen habe. Entschuldige
mich! Ich fhlte mich verpflichtet, zunchst meinen lieben, alten Ghani mit der
Wonne meiner Freundschaft zu beleuchten. Du hast wohl gehrt, was ich zu ihm
sagte? Bitte, sprich dich doch aus!
    Der Scheik gab sich Mhe, weder Hoffnung noch Befrchtung in seinem Gesichte
sehen zu lassen. Er antwortete mglichst gleichgltig:
    Ich habe alles gehrt.
    Auch da wir dich erschieen sollen?
    Ja.
    Was sich dieser Liebling des Groscherifs nicht alles einbildet. Wir
sollten fr ihn die Henker sein! Was sagst denn du dazu?
    Da es ganz recht war, da ihr euch nicht dazu hergegeben habt.
    Ja, richtig! Es ist zwar wahr, da du erschossen wirst, doch davon braucht
der Ghani nichts zu wissen. Wir thun das blo fr uns!
    Erschossen? - Ich?
    Ja, du. Wer anders?
    Ich dachte - - - dachte - - - dachte - -!
    Du dachtest - - -? Ich bitte dich, gewhne dir das unntige Denken ab! Es
fllt schon schwer genug, wenn es ntig ist. Warum soll man sich da auch noch in
berflssiger Weise damit beschftigen!
    Aber ich meinte - - -!
    Sei still! Das unntze Meinen ist ebenso zeitraubend wie das vergebliche
Denken; es kommt nichts dabei heraus! Da habe ich doch recht?
    Aber du willst doch mit mir sprechen?!
    Allerdings!
    So mu ich auch antworten?!
    Das wnsche ich sogar!
    Du lssest mich aber doch nicht dazukommen!
    Nicht? Trste dich! Weit du, wenn es auch nicht gleich auf der Stelle sein
mu, im Verlaufe des heutigen Tages oder sptestens morgen kommst du schon noch
dazu!
    So lange soll ich gefesselt sein?
    Oh, noch viel, viel lnger!
    Warum?
    Weil du uns sonst fortlaufen wrdest. Das siehest du doch wohl ein!
    So sag doch, was ihr eigentlich mit mir vorhabt!
    Wir nehmen dich mit nach Mekka.
    Allah! Warum?
    Um dich dort dem Pascha auszuliefern.
    Der Scheik erschrak, schwieg eine Weile und sagte dann:
    Das wre teuflisch von euch!
    Warum?
    Ich wrde elend aufgehenkt werden!
    Ja, das wrdest du, und das freut mich um deinetwillen, denn es ist ja viel
ehrenvoller, so hoch da oben, als blo ganz unten am Erdboden zu sterben. Als
Scheik kannst du dir das bieten, und wir werden dir dabei behilflich sein,
soviel wir nur knnen!
    Und sodann wrde er einen Rachezug gegen meinen Stamm unternehmen!
    Ja, das wrde er! Denke nur, wie gut das fr die Beni Khalid ist! Wie sie
da zeigen und beweisen knnen, da sie tapfer sind! Denn, unter uns gesagt,
bisher hat man davon noch fast gar nichts gesehen.
    Hadschi Halef, du treibst dein Spiel mit mir!
    Wie der Lwe mit der Maus, meinst du?
    Ja.
    So wissen wir ja gleich, wer du bist und wer ich bin! Aber da der Lwe
gromtig sein soll, will ich es auch sein, indem ich dir verrate, da wir dich
nicht mit nach Mekka nehmen wollen.
    Ja, so sprich doch endlich! Was wollt ihr mit mir thun?
    Dich erschieen.
    Wann?
    Sofort.
    Das ist ein Mord!
    Oh nein! Es ist nur eine gerechte Strafe. Das Morden berlassen wir euch.
    Ich bin nicht schuldiger, als die Mekkaner es waren, und die habt ihr
entkommen lassen. Met ihr mit zweierlei Ma?
    Nein; aber wenn wir gemessen haben, thun wir dann, was wir wollen. Sag mir
doch einmal aufrichtig: Hast du den Tod verdient?
    Nach den Gesetzen der Wste, ja.
    Schau, das ist schn von dir! Da gefllt mir auerordentlich!
    Aber denke auch an meine Beni Khalid, welche jetzt wieder am Bir Hilu
liegen!
    Du hast ja gehrt, da man nicht berflssig denken soll!
    Das ist nicht berflssig. Wenn ihr mich erschiet, so rchen sie mich!
    Damit hast du uns schon fters gedroht, ohne da es ein einziges Mal
eingetroffen ist. Woher weit du brigens, da sie dort sind? Sie sind doch,
diejenigen abgerechnet, mit denen du hierher geritten bist, vier Stunden hinter
dem Brunnen an der Hhe zurckgeblieben.
    Um euch dort zu erwarten. Da ihr, wie ich jetzt hre, dort gewesen und
wieder umgekehrt seid, so sind sie euch gefolgt. Ich meinte aber nicht einmal
diese groe Abteilung, sondern die kleine, welche ich von hier weg nach dem
Brunnen geschickt habe.
    Ja, du wolltest den Kanz el A'da nicht mit so Vielen teilen!
    Und da nun also mein Haupttrupp wieder zurckgekehrt ist, hat er den
kleineren am Brunnen getroffen. Es sind also alle beisammen. Ich mache dich auf
diese Gefahr fr euch aufmerksam!
    Das ist sehr freundlich von dir! Ich danke dir, mein Freund!
    Spotte nicht!
    Wenn du meinst, da ich spotte, so mut du annehmen, da wir uns nicht
frchten. Was sagst du zu dem Einfalle, den ich jetzt habe: Wir erschieen dich
und reiten dann gar nicht nach dem Brunnen, wo deine Leute sind! Es ist ja gar
nicht notwendig, da wir sie wieder mit unserer Gegenwart belstigen!
    Da konnte der Scheik seinen bisher niedergehaltenen Zorn doch nicht mehr
bemeistern. Er schrie Halef zornig an:
    Ihr seid Schurken!
    Oh! Warum?
    Weil ihr die Mekkaner, diese Hunde, freigegeben habt, mich aber erschieen
wollt! Ihr habt wahrscheinlich schon vergessen, was der alte Mnedschi von der
Gnade sagte!
    Hm! Gnade! Ja, denkst du denn, da wrest auch du gemeint!
    Natrlich!
    Das ist freilich etwas anderes, etwas ganz, ganz anderes! Du bittest also
auch um Gnade?
    Bitten? Nein! Ich verlange sie!
    Da zeigte Halef schnell wieder sein ernstes Gesicht und warnte:
    Scheik Tawil Ben Schahid, der Ton, in welchem du sprichst, gefllt mir
nicht! Hre, was ich dir jetzt sage! Und das gilt!
    Er winkte einen Haddedihn herbei und befahl ihm:
    Du zielst jetzt auf das Herz dieses Mrders, welcher glaubt, die Gnade
msse ihm gehorchen. Sobald ich die Hand hebe, giebst du ihm eine Kugel in den
Kopf, genau in die Stirn. Pa auf!
    Der Krieger hielt den Lauf auf den Scheik, zielte und legte den Finger an
den Drcker. Hierauf richtete der Hadschi sein Wort wieder an Tawil:
    Du siehst die Folgen deines Verhaltens. Ich gebe dir zwei Minuten Zeit.
Hast du bis dahin noch nicht gesprochen, so hebe ich die Hand.
    Es trat eine tiefe Stille der Erwartung ein. Die Hlfte der Frist verlief;
dann aber wirkte die Drohung.
    Nehmt die Flinte weg! bat der Scheik.
    Du willst Gnade? fragte Halef.
    Ja.
    Du willst?
    Ja.
    Das Wollen ist noch kein Bitten!
    Allah zerschmettere euch mitsamt dieser Flinte! So sei es denn: Ich bitte
um Gnade!
    Da senkte der Haddedihn das Gewehr, und der Hadschi lachte:
    So war es recht, oh Scheik der Beni Khalid! Aber ich will dir trotzdem
mitteilen, da ich das Zeichen auf keinen Fall gegeben htte. Es war ja
beschlossene Sache, auch dich laufen zu lassen. Ich wollte nur hren, wie es
klingt, wenn ein Scheik um Gnade bittet.
    Tawil antwortete hierauf kein Wort und schenkte von jetzt an keinem einzigen
von uns einen Blick. Als er losgebunden worden war, stand er auf, ging nach der
Stelle, wo sein Gewehr lag, hob es auf, schritt zu seinem Kamele hin, setzte
sich in den Sattel, gab ihm das Zeichen, sich zu erheben, und ritt fort. Wir
sahen ihm ebenso still nach.
    Fast war er so weit gekommen, da er um den Fu der Dne biegen und dann
verschwinden mute, da lenkte er um, kam im schnellen Laufe wieder hergeritten,
hielt vor uns an, ma uns mit stolzen, grausam kalt blickenden Augen und sagte,
indem er seine Hand zum Schwure hoch erhob:
    Auch ich habe ber eure Liebe gelacht und lache jetzt noch ber sie.
Zwischen mir und euch giebt es nichts als nur die Rache! Ich schwre bei Allah,
beim Propheten, bei den Khalifen und bei der heiligen Kaaba: Die Wste, welche
hier um uns liegt, richtet zwischen mir und euch. Entweder verlat ihr oder
verlasse ich sie nicht! Ihr seid fnfzig und ich bin nur einer; aber in den
Augen der Rache zhle ich ebenso viel wie ihr. Ich rufe die Wste auf, sich
entweder fr euch oder fr mich zu ffnen! Von diesem Augenblicke an ghnt
zwischen uns ein Grab. Wen es aufnehmen soll, ob mich oder euch, das mgen die
entscheiden, bei denen ich geschworen habe!
    Schon stand er im Begriff, sein Kamel zu wenden, da stie er noch ein
spttisches Lachen aus und fgte hinzu:
    Oder mag das auch die Liebe entscheiden, die eure angebetete Gtzin ist;
ich habe nichts dagegen!
    Hierauf ritt er fort, ohne sich noch einmal umzusehen.
    
    Wir blickten ebenso wortlos wie vorhin hinter ihm drein. So ein Schwur ist
eine eigene Sache! Es wre einem jeden von uns jetzt unmglich gewesen, die
eingetretene Stille durch ein alltgliches Wort zu unterbrechen. Man hatte da
eine so unbeschreibliche, andachtshnliche Empfindung, da ich, wenn ich
Muhammedaner gewesen wre, gesagt htte:
    Die angerufenen Geister von Muhammed und seinen Nachfolgern stehen
unsichtbar um uns her, um zwischen uns und ihm zu entscheiden!
    So war es nicht nur mir, sondern den andern auch. Einige der Haddedihn
nahmen sich der verwundeten Militrkamele an, und die andern thaten, was an den
Leichen der Soldaten zu thun war, und das alles geschah, ohne da man ein lautes
Wort hrte. Diese Heiligkeit der Situation, mchte ich es nennen, hatte ihren
obersten Grund natrlich in dem Umstande, da berall, wo der Tod einzieht, sich
mit ihm auch jene fromme Scheu, jenes andchtige Grauen einfindet, ber dessen
Ursache sich so wenige Menschen klar werden. Und doch ist es etwas so sehr
Einfaches! Der Mensch scheint, so lange er lebt, sein eigener Herr zu sein. Er
kann thun und lassen, was ihm beliebt; er kann glauben oder bezweifeln, was er
will; er kann gut oder bse handeln, ganz, wie er sich entschliet; er ist ja
berhaupt derjenige, auf den alles ankommt. Da pltzlich streckt sich die Hand
des Todes nach ihm aus, und der Tod ist das Gericht. Der Herr und Gebieter
liegt im Staube vor Gott, dem einzigen Herrn, auer dem es keinen andern giebt.
Er hat nun pltzlich Rechenschaft abzulegen ber sein ganzes Leben. Er besitzt
nicht die Spur eines Willens mehr; er mu sich fgen. Jede Sekunde seines Lebens
tritt als Zeugin fr oder gegen ihn auf, und er mu das ruhig geschehen lassen.
Der Herrgott hlt Gericht; zu seinen Seiten sitzen die Gerechtigkeit und die
Gnade. Tief vor ihm hingestreckt liegt auf seinem Gesichte der zu Richtende, am
ganzen Leibe zitternd im Gefhle seiner Ohnmchtigkeit. Er kann nichts, nichts
mehr fr sich thun. Wer wird nun das entscheidende Wort sprechen, die Gnade oder
die Gerechtigkeit? Gehe whrend der Verhandlung in einen Gerichtssaal! Du wirst
unwillkrlich leise auftreten und auch leise sprechen. Warum? Du kannst nicht
anders; die Ehrfurcht vor dem Gesetz, vor dem Gerichte dmpft deine Schritte und
deine Stimme. So trittst du auch in das Sterbezimmer. Ob du es ahnst oder nicht,
du hast den Ort des ewigen Gerichtes betreten, welches mit dem Augenblicke des
Todes seinen Anfang nimmt. Es ist der unsichtbare Richter, welcher hier waltet;
du siehst ihn nicht und trittst aber doch so unhrbar wie mglich auf. Es ist
die Ehrfurcht vor dem Gesetze des Ewigen, nach welchem hier ber dem
Dahingeschiedenen das Urteil gesprochen wird; es ist diese Ehrerbietung, welche
dich zwingt, dein Haupt zu entblen, das mehr oder weniger deutliche
Bewutsein, da auch du selbst ber kurz oder lang so ohnmchtig daliegen wirst,
um auf der Wage der Gerechtigkeit gewogen zu werden. Das, das ist die Ursache
des Grauens, welches jeder nicht ganz verdorbene Mensch in der Nhe einer Leiche
empfindet und nicht von sich abzuwehren vermag!
    Und wir hatten zwanzig Tote hier, und diese Toten waren ermordet worden, was
noch viel, viel mehr sagen will! Es wurde ihnen ein mglichst tiefes und groes,
gemeinsames Grab bereitet. Dahinein legten wir sie, einen neben den andern, in
ihren Uniformen und mit den Seitengewehren, die Flinten neben sich. Als wir die
Sterbegebete ber sie gesprochen hatten, gaben wir eine dreimalige Salve ab,
legten einem jeden seinen kleinen Gebetsteppich auf das Gesicht und warfen das
Grab zu. Whrend dieser ganzen Handlung weinte Khutab Agha, der Ernste,
immerfort still vor sich hin. Da tauchte wohl in manchem von uns die Frage auf,
ob wir nicht mit den Mrdern denn doch wohl zu mild verfahren seien, und es
gesellte sich der feste Vorsatz hinzu, nun aber streng zu sein, wenn wir wieder
in Konflikt mit ihnen kommen sollten. Und da dies geschehen werde, das hatte
uns der Scheik der Beni Khalid ja schon angedroht.
    Darber waren wieder mehrere Stunden vergangen, und als wir nun diesen fr
uns unvergelichen Ort verlassen konnten, war die grte Hlfte des Nachmittages
vorber. Aber wohin jetzt? Weit konnten wir fr heute nicht. Zum Glck waren wir
mit Wasser versehen, und so beschlossen wir, den Weg der Sanddnen, den wir nun
schon einmal hin und einmal her geritten waren, zum drittenmal zurckzulegen und
dann im Thale zwischen der letzten und vorletzten Dne zu bernachten. So ein
Thal war mit wenigen Posten am leichtesten zu bewachen und gewhrte uns den
besten Schutz. Morgen frh wollten wir uns dann nach den Umstnden richten.
    Dies wurde ausgefhrt. Der Weg wurde sehr langsam und vorsichtig, indem eine
Vorhut voranritt, zurckgelegt, und wir erreichten die betreffende Stelle, als
es eben dunkel werden wollte.
    Wenn ich von der letzten und vorletzten Dne sprach, so meinte ich die
letzten bedeutenden Hhen, nicht die kleineren, die dann, nach und nach immer
niedriger werdend, in die flache Sandwste bergingen, in welcher unsere Kamele
gemahlen hatten. Das Thal war auerordentlich passend zum Lagerplatz. Die
Hhen, zwischen denen es lag, vereinigten sich auf der einen Seite, whrend sie
auf der andern so nahe nebeneinander herliefen, da ein Einzelposten gengte,
diesen Zugang zu bewachen. Eine vortrefflichere Stelle konnten wir gar nicht
finden.
    Heut muten die Militrkamele von den Haddedihn mit bedient werden, welche
also mehr als bisher zu thun hatten. Was den Perser betraf, so konnte er
natrlich nicht daran denken, den Rckweg nach Meschhed Ali allein anzutreten.
Er mute bei uns bleiben und einstweilen mit uns weiterreiten, bis wir auf einem
der Hauptwege eine Karawane treffen wrden, der er sich heimwrts anschlieen
konnte. Er war auergewhnlich still und beteiligte sich nicht an unserm
Gesprche. Wenn ja einmal eine Frage an ihn gerichtet wurde, so beantwortete er
sie so kurz wie mglich, oft nur mit einem einzigen Worte. Das war so auffllig,
da ich ihn nach dem Grunde dieser Einsilbigkeit fragte.
    Meine Asaker! seufzte er. Ich mu nur immer an sie denken!
    Ich thue das auch; aber kannst du es vielleicht dadurch anders machen?
    Nein. Ja, du Effendi! Dich braucht das nicht zu bedrcken!
    Etwa dich mehr als mich?
    Ja, denn ich bin schuld an ihrem Tode. Zwanzig, zwanzig Seelen, die nun
durch meine Schuld ganz unvorbereitet an die Wage der Gerechtigkeit treten!
Dieser Gedanke ist unertrglich schwer!
    Wieso trgst du die Schuld?
    Weil ich deine heutige Warnung ebensowenig beachtet habe wie deinen
gestrigen Rat. Du sagtest, ich solle sofort heimkehren; ich blieb aber trotzdem.
Wenn wir gestern gleich nach dem Zweikampfe fortgeritten wren, so htten die
Beni Khalid keine Zeit gehabt, mir einen solchen Hinterhalt zu legen. Ich habe
also die Schuld zu tragen, ich ganz allein! Denn ich bin nicht nur einmal,
sondern wiederholt gewarnt worden und habe nicht darauf geachtet. Wie schwer,
wie unendlich schwer wird mich das dereinst belasten, wenn fr mich die Zeit da
ist, Rechenschaft abzulegen!
    Die Vorwrfe, welche er sich machte, waren leider nicht unbegrndet, doch
that und sagte ich alles, was ich thun und sagen konnte, ihm das Herz leichter
zu machen; es gelang mir aber nicht so, wie ich wollte.
    Wir hatten die Kamele nach dem Hintergrunde geschafft, dahin, wo die beiden
Hhen zusammenstieen. Dort war nicht ein besonderer Wchter fr sie ntig. Wir
lagerten so vor ihnen, da sie eingeschlossen waren. Zu unserer Sicherheit waren
drei Posten erforderlich, welche wir ausstellten, nmlich auf die vor uns und
auf die hinter uns liegende Hhe und den dritten rechts in die schon erwhnte
Enge unsers Thales. Es schien also eine Ueberrumpelung ganz unmglich zu sein,
und in diesem Gefhle legten wir uns sehr zeitig schlafen, um frh gut ausgeruht
zu haben, denn infolge der Drohung des Scheikes hatten wir anzunehmen, da der
morgende Tag ein anstrengender und gefhrlicher fr uns sein werde. Dieser Mann
that jedenfalls alles mgliche, seinen Schwur ganz und baldigst in Erfllung
gehen zu lassen!
    Whrend uns dies natrlich Sorgen machen mute, waren wir heut in Beziehung
auf die Sicherheit unseres Lagerplatzes vollstndig beruhigt. Wir hatten einen
wunderbaren Sternenhimmel; es war bedeutend heller als gestern und vorgestern
abend, und so htten unsere Wchter blind oder sehr nachlssig sein mssen, um
den Beni Khalid einen Ueberfall zu ermglichen. Ueberhaupt war diesen letzteren
die Stelle, an welcher wir lagen, hchst wahrscheinlich nicht bekannt.
    Ich schlief sehr tief und traumlos, bis ein Ruf erscholl, der mich weckte.
Noch aber hatte ich die Augen nicht geffnet, so vervielfltigte sich dieser Ruf
zu einem vielstimmigen Geschrei, welches von den Lippen smtlicher Haddedihn
kam. Ich wollte aufspringen, konnte aber nicht, denn es hatten sich zwei, drei,
vier Gestalten auf mich gestrzt, welche alle ihre Krfte anwendeten, mich
niederzuhalten.
    Der Schlaf war mir da so vollstndig aus den Augen vertrieben, da er sie
nicht mehr trbte. Ich schnellte mich empor, um um mich blicken zu knnen, wurde
zwar sofort wieder niedergerissen, hatte aber doch genug gesehen. Es wimmelte
von Beduinen rund um uns her; es waren ihrer so viele, da jetzt, da sie uns
einmal hatten, der Widerstand gradezu Wahnsinn gewesen wre und uns nur zum
Untergange htte fhren mssen. Darum schrie ich so laut wie mglich:
    Ergebt euch, ihr Haddedihn! Ich, Akil Schatir Effendi, sage es euch. Ich
ergebe mich auch!
    Ich auch! erschallte hierauf Halefs Stimme. - Wehrt euch nicht! Ich
befehle es euch!
    Hierauf streckte ich mich aus und lie mich binden. Es gab noch ein nur
kurzes Durcheinander rund umher, dann war es still. Diejenigen Haddedihn, welche
der Widerstand von ihren Pltzen getrieben hatte, wurden wiedergebracht. Wir
lagen alle, alle beisammen, und unsere Sieger setzten sich so, da sie uns in
ihrer Mitte hatten. Nun, da ich ungehindert Umschau halten konnte, sah ich, da
bei dem Tachtirwan, welcher sich natrlich an einer von uns abseits liegenden
Stelle befand, drei Beduinen standen, welche ihn in Schutz genommen hatten. Das
war eine Rcksicht, welche man den Beni Khalid, besonders aber ihrem Scheik, gar
nicht htte zutrauen sollen! Ich bemerkte ihn. Er bewegte sich die Reihe seiner
Leute entlang hin nach der Snfte, um sich dort nach irgend etwas zu erkundigen.
Dann kam er auch zu uns.
    Welcher von euch ist der Scheik der Haddedihn? fragte er.
    Ich bin es, antwortete Halef.
    Welcher ist der fremde Effendi?
    Ich, sagte ich.
    Seine Stimme klang ganz anders als die Stimme Tawil Ben Schahids! Er fuhr
fort:
    Welcher ist der Basch Nazyr aus Meschhed Ali?
    Hier liege ich, rief der Perser.
    Hrt, was ich euch sage: Wenn ihr drei mir euer Ehrenwort gebt, nichts ohne
meine Erlaubnis zu unternehmen so lasse ich euch wieder losbinden. Antwortet
mir!
    Das war ja wunderbar! Dieser Mann hatte nicht Tawils Stimme und - das
bemerkte ich erst jetzt - auch nicht ganz seine Gestalt. Wer war er? Ich dachte
bei dieser Frage an die Kundschafter, welche kurze Zeit bei uns am Brunnen
gewesen waren.
    Sprich du zuerst, Sihdi! forderte mich Halef auf.
    Ich antwortete:
    Ich gebe mein Ehrenwort, doch einstweilen nur fr so lange, wie wir uns an
diesem Orte befinden. Fr lnger knnen wir uns nicht verpflichten, weil wir
nicht wissen, wer diese Leute sind, warum sie uns berfallen haben und was sie
mit uns beabsichtigen. Verhalte dich also wie ich!
    Gut! Auch ich gebe mein Ehrenwort, aber auch nur fr die Zeit, welche der
Effendi jetzt angedeutet hat! erklrte Halef.
    Und der Perser folgte diesem Beispiele:
    Ich ebenso!
    Das gengt mir vollstndig, sprach der Anfhrer. Bindet also diese drei
Mnner wieder los!
    Er that es nicht selbst; sein Befehl wurde von dreien seiner Leute
ausgefhrt, whrend er unbeweglich vor uns stand. Als es geschehen war und wir
uns zum Sitzen aufgerichtet hatten, setzte er sich uns gegenber nieder und
machte uns die Mitteilung:
    Ich bin Abd el Idrak154, der Scheik der Beni Lam.
    Er machte das, was man eine Kunstpause nennt, um seinen Worten Zeit zu
lassen, die beabsichtigte Wirkung auf uns auszuben. Diese Wirkung blieb auch
gar nicht aus. Also mit den Beni Khalid hatten wir es nicht zu thun! Aber
konnten wir nicht dadurch aus dem Regen in die Traufe gekommen sein? Die Beni
Khalid hatten wir kennen gelernt, die Beni Lam aber noch nicht! Aber da grad
uns dreien, den Anfhrern, die Fesseln gleich wieder abgenommen worden waren,
das gab uns doch wohl die Berechtigung, unsere jetzige Lage fr keine allzu
schlimme zu halten. Diese Beni Lam befanden sich in einer so bedeutenden Anzahl
hier, da wir uns bei ihnen, den Feinden der Beni Khalid, gegen diese im
vortrefflichsten Schutz befanden, den wir uns nur wnschen konnten. Das war auch
sehr viel wert! Uebrigens hatte Abd el Idrak die Absicht, jetzt mit uns zu
sprechen, und da mute es sich ja zeigen, welchen Zweck er mit dem ihm so
wohlgelungenen Ueberfalle verfolgte.
    Ihr werdet keine Ahnung davon gehabt haben, da sich eine so groe Schar
der Beni Lam in der Nhe des Brunnens Hilu befand, begann er.
    Oh, doch, antwortete ich.
    Also ist es trotzdem so, wie ich dachte! Dieser Tawil Ben Schahid hat euch
gesagt, da er es auf uns abgesehen hatte?
    Ja.
    Ich sandte zwei Kundschafter nach dem Brunnen; sie haben mit euch
gesprochen. Fr wen oder was habt ihr sie gehalten?
    Fr das, was sie waren, fr deine Spher.
    Warum gabt ihr ihnen keine Auskunft ber die Beni Khalid, an denen ihr euch
dadurch nicht nur httet so schn rchen, sondern von denen ihr euch dadurch
auch httet befreien knnen?
    Wir sind ehrliche Krieger, also keine Verrter! Wir handeln schon berhaupt
nach dem Grundsatze, da Allah den Frieden, nicht aber den Krieg zwischen seinen
Kindern will, und jetzt befinden wir uns als Pilger auf dem Wege nach der
heiligen Stadt und sind als solche verpflichtet, uns bei keiner Gelegenheit von
der Hand der Unfriedfertigkeit leiten zu lassen.
    Ja, nickte er nachdenklich, du berhaupt bist ein Abd el Musalaha155!
    Wie kommst du dazu, mich so zu nennen? fragte ich verwundert.
    Du hast bewiesen, da du es bist!
    Weit du das?
    Ja. Ich wei mehr von euch, als ihr denkt. Es giebt mehrere Personen,
welche mir von euch erzhlt haben.
    Darf ich fragen, wer diese Personen sind?
    Zunchst meine beiden Kundschafter. Es hat mich sehr von euch gefreut, da
ihr eure Feind nicht verraten habt! Ich sage euch, wenn ihr das gethan httet,
wre euch dasselbe Los wie ihnen beschieden gewesen, denn der Verrter ist ein
stinkender Dib156, den man nicht schonen darf, sondern vernichten mu!
    Da stie mich Halef mit dem Ellbogen an. Ich wute, was er meinte. Er hatte
mir Vorwrfe darber gemacht, da ich gegen die beiden Spher so verschwiegen
gewesen war. Nun sah er ein, wie richtig dieses Verhalten von mir gewesen war.
Dieser Abd el Idrak war ein ganz, ganz anderer Mann als der Scheik der Beni
Khalid, ein bei aller Barschheit des hiesigen Lebens edel angelegter und edel
handelnder Charakter; das sollten wir spter noch deutlicher erkennen als jetzt.
Er trug seinen Namen Abd el Idrak, Diener der Einsicht, mit vollem Rechte! Er
fuhr fort:
    Der Scheik der Beni Khalid glaubte, uns ganz unvorbereitet zu finden; aber
Allah schtzt die Guten und verdunkelt die Augen der Bsen. Er fgte es, da ich
das Unternehmen unserer Feinde zur rechten Zeit erfuhr. Ich rstete meine
Krieger und zog den Beni Khalid entgegen, um die Entscheidung zwischen uns und
ihnen in die Wste zu legen, damit nicht die Wohnungen friedlicher Leute dabei
verwstet wrden. Meine Spher standen von ferne und lauschten. Ich hrte, da
sie nach Sden gezogen seien, und folgte ihnen. Sie waren von dort
zurckgekehrt, hatten aber einen Mann zur Beobachtung zurckgelassen, den wir
festnahmen. Er mute uns alles erzhlen, was am Brunnen geschehen war. So
erfuhren wir von euch, von dem Kanz el A'da, von seinen Dieben und von dem Kampf
um ihn. Der Schatz hat einen groen, groen Wert; ich beschlo, ihn in meine
Hnde zu bringen und euch zu berfallen. Darum lie ich euch genau beobachten,
ohne da ihr eine Ahnung davon hattet. Auch die Beni Khalid merkten nichts
davon.
    Bi Khatir-i-Khudah - um Gottes willen, rief da der Perser aus. Nun soll
ich den Kanz el A'da schon wieder hergeben!
    Das sollst du nicht, lachte der Scheik, doch es war ein freundlich
klingendes Lachen. Wir haben ihn doch schon!
    Ja, das Paket ist fort!
    Dort liegt es bei dem Tachtirwan und wird mit dem Harem des Scheikes der
Haddedihn sehr gut bewacht, wie du siehst!
    Ihr werdet es behalten?
    Der Scheik that, als ob er diese Frage gar nicht gehrt habe und sprach
weiter:
    Abadilah el Waraka, den man El Ghani nennt, trat vor einigen Monaten eine
Reise an, welche von Mekka nach Meschhed Ali gehen sollte. Auf dieser Reise kam
er auch nach Oneizeh, der groen Stadt. Er hatte seinen Sohn mit, drei andere
Begleiter und auch einen alten Mann, den man El Mnedschi nennt, weil er die
Gabe der Weissagung besitzt. Dieser Mnedschi verkehrt mit einem Engel des
Himmels, welcher Ben Nur heit und ihm alle Geheimnisse des Lebens entdeckt.
Darum ist alles, alles wahr, was der Mnedschi sagt, und wenn er etwas
verkndet, so geht es in Erfllung. Er mu sehr, sehr reich sein, denn es kommen
Tausende von Pilgern zu ihm, welche ihn sehen und hren wollen und dann nicht
gehen, ohne eine Gabe der Dankbarkeit zurckzulassen. Zu derselben Zeit war auch
ein junger Krieger unsers Stammes in Oneizeh, um Blei und Pulver fr uns
einzukaufen. Er hie Ibn Kurban157 und war der einzige Sohn von Abu Kurban158,
des reichsten Mannes unseres Stammes. Er hatte diamantene Ringe an den Fingern,
und seine Waffen waren mit edlen Steinen besetzt, deren Wert ein Vermgen
betrug. Als er mit seinen drei Begleitern die Stadt verlie, schlo er sich dem
Ghani an, weil er eine Zeitlang den gleichen Weg mit diesem hatte; aber er ist
nicht heimgekehrt, und auch seine Gefhrten hat man nicht wieder gesehen. Abu
Kurban reiste nach Oneizeh, um nachzuforschen. Er erfuhr, da die Verschwundenen
mit dem Ghani fortgeritten seien. Der Weg war gegen El Kasab gegangen. Er ritt
dorthin und erfuhr, da weder sein Sohn noch der Ghani hier gewesen sei; aber es
war ein junger Mann mit drei lteren Mnnern gekommen, welche folgendes verkauft
hatten: drei Reit- und vier Lastkamele, viel Pulver und auch Waffen, denen man
ansah, da sie mit Steinen verziert gewesen waren, die man aber ausgebrochen
hatte. Diese Waffen besa der Hndler noch; auch zwei von den Kamelen waren noch
vorhanden, und Abu Kurban berzeugte sich, da sie seinem Sohne gehrt hatten.
Wer die vier Fremden gewesen seien, das wute man nicht. Der jngere Mann hatte
zwar einen Namen nennen mssen, doch war anzunehmen, da er sich eines falschen
bedient habe. Der Hndler konnte sich nur noch erinnern, da dieser Mann eine
gewhnliche und eine strkere, buschige Hadschib159 gehabt habe. Weiter konnte
er nichts sagen. Es stand fest, da die vier Beni Lam ermordet worden seien;
aber wer die Mrder seien, das konnte man zwar vermuten, doch nicht eher
beweisen, als bis es mglich war, sie den Personen zu zeigen, von denen sie in
El Kasab gesehen worden waren.
    O nein, nein! rief da Halef aus. Ihr braucht nicht so lange zu warten.
Ich wei schon jetzt, wer sie waren!
    Nun, wer? fragte der Scheik.
    Der Sohn des Ghani hat zwei solche Brauen. Ihr Unterschied ist so gro, da
er mir sogleich aufgefallen ist. Diese Kerle haben den Kanz el A'da beraubt, und
so ist es ihnen auch zuzutrauen, da sie diesen Raubmord begangen haben! Sie
sind allein nach El Kasab gegangen; der Ghani hat mit dem Mnedschi einstweilen
gewartet, denn wenn diese beiden auch mitgegangen wren, htten sie dadurch die
Entdeckung sehr erleichtert. Diese Mekkaner sind gestern nach Mittag von uns
fort. Sie knnen sich noch nicht weit von hier entfernt haben, und wenn du dich
beeilst, so kannst du sie wahrscheinlich noch einholen!
    Da rief der Scheik einem seiner Leute einige Worte zu, worauf dieser sich
entfernte, und zwar nach rechts hin, wo in der Enge unser Posten gestanden
hatte. Als dieser Ben Lam fort war, sprach der Scheik:
    Ich werde euch etwas zeigen, doch mt ihr eine kleine Weile warten.
Inzwischen will ich euch eine Frage beantworten, welche euch wahrscheinlich auf
den Lippen liegt, nmlich die Frage, wie es uns mglich gewesen ist, euch zu
berraschen, obgleich ihr drei Wachen ausgestellt hattet.
    Ja, stimmte Halef bei, wir bitten dich, uns das zu sagen!
    Wir haben in unserem Stamme einige vorzgliche Lufer, welche ich dann,
wenn es der grten Vorsicht bedarf, als Spher verwende. Sie laufen ebenso
schnell wie die Kamele und sind aber nicht so leicht und so weit zu sehen wie
diese. Diese Lufer sind dem Scheik Tawil gefolgt, als er mit vierzig seiner
Leute wieder nach Norden ritt, um euch einen Hinterhalt zu legen. Sie haben die
nrdliche Grenzhhe des Thales erstiegen und sich dort so in den Sand
eingegraben, da sie nicht bemerkt werden aber selbst alles beobachten konnten.
Sie sind Zeugen alles dessen gewesen, was dort geschehen ist; auch haben sie das
meiste von dem verstanden, was gesprochen wurde. Zuerst waren die Beni Khalid
allein da; sie sprachen davon, da sie auf den Perser und seine Soldaten
warteten, um ihm den Kanz el A'da abzunehmen. Da ich aber diesen Schatz auch
haben wollte, so machte sich einer der Lufer sofort auf, um mich zu
benachrichtigen. Der Weg zu mir war sehr weit, und so bekam ich diese Kunde so
spt, da es mir unmglich war, zur rechten Zeit zu kommen. So sehr ich mich
auch beeilte, ich kam doch erst dann dort an, als ihr euch schon entfernt
hattet. Aber ein zweiter Lufer war euch gefolgt und, der dritte und letzte
hatte gewartet, bis ich eintraf. Er erzhlte mir alles und nannte mir auch die
Zeit und den Ort, wann und wo der zweite wieder zu uns stoen wollte, um mir zu
sagen, wo wir euch whrend der Nacht finden wrden. Dorthin ritten wir natrlich
und trafen dabei auf die Fhrte von sechs Kamelen, welche genau in unserer
Richtung lief.
    Maschallah! rief Halef aus. Gewi die Spur des Ghani!
    Ja, sie war es.
    Habt ihr diese Halunken eingeholt?
    Davon spter. Als es dunkel geworden war, stie der zweite Lufer zu uns
und beschrieb mir euern Lagerplatz, den also, auf welchem wir uns jetzt
befinden. Ihr seid sehr vorsichtig gewesen, er aber auch. Er ist stets hinter
euch her und hat sich so eingerichtet, da er stets erst dann eine Hhe
erklommen hat, wenn ihr euch im bernchsten Thale befandet. Darum wre er
unentdeckt geblieben, selbst wenn ihr euch noch so oft umgeschaut httet.
    Das war ungeheuer klug von ihm! lobte Halef. Dieser Krieger wre wirklich
wert, ein Haddedihn zu sein!
    Ich kann ihn auch brauchen! lachte der Scheik in gtiger Weise. Dieser
Lufer fhrte uns spter bis in die Nhe eures Lagers hier, und ich gab meinen
zwei gewandtesten Kundschaftern, nmlich denen, welche bei euch am Bir Hilu
waren, den Auftrag, sich das Lager anzusehen.
    Aber unsere Posten? fragte Halef.
    Es handelt sich blo um den von ihnen, bei welchem sie vorberkamen, und
der hat nichts gesehen.
    Welcher war es? Ich werde ihn so bestrafen, da - - -!
    Sei still! unterbrach ihn der Scheik. Grad weil du ihn bestrafen willst,
werde ich dir nicht sagen, welcher es gewesen ist. Du selbst wrdest auch nichts
bemerkt haben!
    Ich - - -? fragte der Hadschi, sich gekrnkt fhlend.
    Ja, du! - Wenn du des Abends oder Nachts kundschaften gehst, so kommt es
auf die Farbe des Sandes an. Leg also mglichst viele Haks ausgebreitet in den
Sand. Denjenigen, den du am schwersten vom Sande unterscheiden kannst, weil
seine Farbe am meisten mit derjenigen des Sandes stimmt, den nimmst du um, in
den hllft du dich ein. Wenn du dann recht leise, so da man dich nicht hrt, am
Boden hinkriechst und dabei den Hak so weit wie mglich ausbreitest, kann man
dich nur sehr schwer oder wohl auch gar nicht bemerken. Begreifst du das?
    Gewi begreife ich es, denn ich mu dir sagen, da mein Verstand kein Hak
ist, den man nicht entdecken kann!
    Auf diese Weise erfuhr ich, erklrte der Scheik weiter, da auf der
hinter dem Tachtirwan aufsteigenden Steilung, wo die beiden Thalwnde
zusammenstoen, keine Wache stehe, und entschlo mich also, auf dieser Stelle
herunterzukommen.
    Aber die fllt ja zu jh ab!
    Wo man nicht klettern kann, da rutscht man; der Sand eignet sich dazu ganz
vortrefflich, und das geht auch so schnell, da wir unten waren, ehe das
Gerusch des mit abstrzenden Sandes euch aufgeweckt hatte.
    Erlaube mir, dir in der aufrichtigsten Hflichkeit mitzuteilen, da es mir,
wenn nicht ihr es gewesen wret, unendlich lieb sein wrde, wenn ihr alle die
Hlse gebrochen httet!
    Da aber reichte ich dem Scheik die Hand hin und bat:
    Gieb mir deine Hand; ich mu sie drcken! Das ist eine Khnheit gewesen,
welche mich zur Hochachtung zwingt!
    Ich mute diesen Mann wirklich achten, da er den Kampf in die Wste verlegt
hatte, um die Bewohner der bebauten Gegend zu schonen, und da er den
nachlssigen Posten nicht verraten hatte, das waren zwei Zge von ihm, die ihm
meine Zuneigung gewannen, obwohl er nach dem Kanz el A'da trachtete.
    Ich danke dir, Effendi! antwortete er. Du wirst noch weiter hren, da
ich nicht so schlimm bin, wie ich euch erscheine. Doch still! Da kommen sie.
Schaut hin, denn das ist etwas fr euch!
    Es nahte nmlich von der Thalenge her ein kleiner Zug. Voran gingen zwei
Beni Lam, hinterher auch zwei. Zwischen ihnen sahen wir zwei Kamele. Auf dem
ersten sa ein einzelner Mann; das zweite aber schien zwei Personen zu tragen.
Man konnte das noch nicht deutlich erkennen, weil sie noch nicht nahe genug
waren. Der erste Reiter sa zusammengedrckt im Sattel. Da aber richtete er
seinen Oberkrper gerade auf, breitete die Arme aus und rief:
    Seid mir gegrt, ihr Folgsamen der Liebe! Hier bring ich euch den Mann,
den sie gerichtet hat, die hhnisch er verlachte! Ihr habt das gute Teil erwhlt
und er fr sich die Strafe!
    Welche Ueberraschung fr uns! Ja, er war es, der alte Mnedschi, der auch
jetzt wieder mit der Stimme Ben Nurs gesprochen hatte! Die Kamele knieten
nieder; er wurde abgebunden und auf eine ausgebreitete Decke gesetzt. Der
andere, oder die andern, denn es waren wirklich zwei, waren auch angebunden.
Auch sie wurden losgemacht, und da sahen wir, da nur einer von ihnen sich
bewegte; der andere hing unbeweglich auf seinem Rcken.
    Wer sind diese zwei? fragte Halef.
    Geh hin, und schau sie an! antwortete der Scheik.
    Der Hadschi that es. Kaum war er dort, so rief er aus:
    Der Ghani, der Ghani! Und der andere ist sein Sohn! Er trieft von Blut und
ist an ihm festgebunden! Oh, Sihdi, Sihdi, ich glaube, er ist tot!
    Es war mir, als ob jemand mir mit einer in kaltes Wasser getauchten Hand
ber den Rcken streiche! Das war ja entsetzlich, entsetzlich! Das war ihm
wahrsten und zugleich im berzeugendsten Sinne ein Gottesgericht. Wer da noch
von Zufall sprechen kann, an den ist jedes weitere Wort Verschwendung!
    Der Liebling des Groscherifs mute sich auch setzen, und zwar zwischen
zwei Beni Lam, welche seine Wchter waren. Und das that er mit der hinter ihm
festgebundenen Leiche seines Sohnes! Es war so grauenhaft anzusehen, da ich
mich abwendete. Er sagte kein Wort; keinen Laut lie er hren! Sein Gesicht
konnte ich der Dunkelheit wegen von meinem Platze aus nicht sehen oder doch
nicht erkennen. Halef kam wieder her und sagte in bewegtem Tone:
    Wie mich das gepackt hat, Effendi, das kann ich dir gar nicht sagen! Es ist
mir, als ob ich an der Wage der Gerechtigkeit stnde und selbst gewogen werden
sollte! Nichts Bses thun, nur nichts Bses thun! Ich wollte, tausend Menschen,
Millionen Menschen, alle Menschen, die ganze Menschheit stnden hier, um diesen
niederschmetternden Beweis zu sehen, da Allah sich nicht spotten lt! Horch!
Was war das? Hast du es gehrt?
    Ja.
    Es war vom Tachtirwan her ein Schluchzen geklungen, dem man anhrte, da es
zurckgehalten werden sollte aber doch nicht unterdrckt werden konnte.
    Das ist Hanneh, die weichherzigste aller gtigen Frauen! Sie fhlt sich
auch ergriffen, tief ergriffen. Oh, Effendi, und frher habe ich mich oft mit
ihr gestritten, weil ich als Moslem behauptete, da die Frauen keine Seelen
haben! Und jetzt geht mir nicht nur die meinige, sondern noch viel, viel mehr
die ihrige ber alle irdischen Vorzge und alle Reichtmer dieser Welt! Wenn ich
mir den Mann dort vorstelle, wie er geifernd vor uns stand, um unsere Liebe zu
schmhen und zu verlachen, wie er lsternd sie herausforderte, ihn zu strafen,
und ihn nun zusammengebrochen unter der frchterlichen Last der Leiche seines
Sohnes dort hocken sehe, so habe ich das Gefhl, als ob mir alle meine Nerven
einzeln aus dem Leibe gezogen werden sollen! Ich mchte es hinausschreien ber
die Wste, die Stdte und Drfer, ber die Flsse und Strme, ber alle Lnder
und alle Meere, da es auer dem Glauben fr die Seele keine andere Luft zum
Atmen giebt, und da die Liebe das einzige Licht, die einzige Wrme im Himmel
und auf Erden ist!
    Scheik Abd el Idrak sa noch neben uns. Er hrte Halefs Worte, machte eine
Bewegung der Hnde, um unsere Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen, und
sagte dann:
    Es hat auch fr mich stille und einsame Stunden gegeben, in denen ich
hinabgetaucht bin in die Fluten meines Innern, um zu sehen, was ich da unten
finden werde, ob Perlen oder hliches Getier. Meist war es das letztere. Und es
hat wieder Stunden gegeben, in denen ich hinausgeschaut habe auf die Fluten des
Lebens, auf die Segel, welche den heimatlichen Hafen verlassen, um nach der
fremden Sttte getrieben zu werden. Ich sah die Gter, die sie trugen, vor Allah
wertlose Lasten, und wunderte mich nicht, da sie im Sturme dann sanken oder an
Rissen zerschellten. Ich bin ein Bewohner der Wste, und diese scheinbar so de
Wste ist voller Gedanken. Ich erhielt meinen Teil davon, doch machten sie mich
nicht glcklich. Es wohnte ein Verlangen in mir, eine oft laut aufschreiende
Sehnsucht, die keine Erhrung fand, so weit die einsame Wste, so weit das
bewohnte Land und so weit mein Leben reicht. Ich wute nicht, was das war; es
machte mich elend und krank. Da, da hrte ich es heut, heut zum erstenmale, das
groe, das herrliche Wort von der Liebe! Nicht von der Liebe, wie ich sie bisher
gekannt habe, sondern von einer hheren, reineren, edleren Liebe, von der Liebe,
die Himmel und Erde verbindet und die Menschen zu Brdern, zu Kindern Gottes
macht. Das ist es, wonach ich suchte, ohne es zu kennen; das ist es, wonach sich
meine Seele sehnt; das ist es, dem sich mein leeres Innere schon lngst ffnen
wollte, um von ihm ganz, ja ganz erfllt zu werden! Ich will es haben; ich mu
es haben; darum bin ich hierhergekommen, denn ihr habt es; ihr habt diese Liebe;
ihr bt diese Liebe, und nur von euch, von euch kann ich sie bekommen. Darum,
nur darum habe ich euch berrumpelt und berfallen! Nicht den Kanz el A'da will
ich nun. Erst, ja erst wollte ich ihn, und ich htte ihn mir geholt, und wenn
ich alle Beni Khalid und alle Haddedihn htte erschieen mssen. Nun ich aber
von eurer Liebe gehrt habe, verzichte ich auf diesen armseligen Schatz der
Glieder und will nur sie, nur sie! Sagt, kann ich sie bekommen? Wollt ihr sie
mir geben?
    Er war aufgesprungen und hatte nach und nach immer lauter und lauter
gesprochen, als ob er seine Sehnsucht ber alle Hhen und ber alle Berge und
Thler, ber die ganze Wste hinausschreien wolle. Das war jener Schrei, von
welchem die heilige Schrift sagt: Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser,
so verlangt meine Seele, o Gott, nach dir! Diese Sehnsucht geht durch die ganze
Schpfung, durch die ganze Erdenwelt, durch die ganze Menschheit. Grad in der
heutigen Zeit ist es kein stilles, heimlich klagendes Verlangen, sondern ein
lautes Schreien nach Liebe; aber die, denen es gilt, die wollen es nicht hren!
Nicht nur aus menschlichem Munde, sondern auch von den Lippen des unter dem
unbarmherzigen Messer gemarterten Tieres ertnt dieser Jammerschrei. Nicht nur
der Mensch, sondern auch die flschlicher Weise leblos genannte Kreatur wartet
auf die Erlsung. Gebt sie ihr; o gebt sie ihr! Gebt ihr Liebe, Liebe, Liebe!
Lacht um Gotteswillen nicht, wie der Ghani, ber diese Liebe, denn was ihm
gesagt wurde, das sage ich auch hier: Die Liebe lchelt nicht immer! Sie bittet,
und was man ihr versagt, was man ihr von ihren Rechten vorenthlt, das holt und
nimmt sie sich mit unwiderstehlicher Gewalt, nachdem sich ihre linde, milde Hand
in die strafende Faust des Zorns verwandelt hat! Gebt also Liebe aus Liebe, und
wartet nicht, bis ihr aus Zwang geben mt, was mit eiserner Strenge von euch
gefordert wird!
    Die Worte des Scheikes Abd el Idrak hatten uns so ergriffen, da keiner von
uns sogleich die doch so leichte Antwort gab. Da wiederholte er mit derselben
lauten Stimme seine Frage:
    Sagt, kann ich sie bekommen? Wollt ihr sie mir geben?
    Ja, von Herzen gern! antwortete ich nun.
    Da drehte er sich um und warf seinen Leuten den Befehl zu:
    Macht sie frei! Bindet sie alle los, sofort, augenblicklich!
    Es war gewi nicht vorher besprochen worden, aber ganz so schnell und
einmtig, als ob es so verabredet worden sei, beeilten sich die Beni Lam, dieser
Weisung nachzukommen. Im Handumwenden, wie man zu sagen pflegt, waren alle
unsere Haddedihn ihrer Fesseln wieder los. Dann rief der Scheik:
    Diese tapferen und ehrlichen Krieger der Haddedihn sind von diesem
Augenblicke an die Brder und Gste unseres ganzen Stammes! Ihre Freunde gelten
als unsere Freunde, und ihre Feinde werden als die unsrigen behandelt. Ich habe
es gesagt, Abd el Idrak, der Scheik der Beni Lam!
    Er reichte uns seine Hand, die wir ihm recht herzlich, aber auch ganz und
gar herzlich schttelten! Wer solche Scenen nicht erlebt hat, der ahnt gar
nicht, welche Reichtmer ein Menschenherz in sich trgt! Und seine Leute thaten
mit. Das war ein Drcken und Schtteln der Hnde, welches kein Ende nehmen zu
wollen schien. Als sich die frhere Ruhe einigermaen, wenn auch nicht ganz,
wieder eingestellt hatte, ergriff unser Gastfreund, der Scheik, von neuem das
Wort:
    Ihr werdet die Ursachen meines Verhaltens jetzt nur halb verstehen; ich
will es euch nun aber ganz erklren! Ihr wit, da wir die Spur des Ghani fanden
und ihr folgten. Dort sitzt er und hrt alles, was ich sage; das mag eine
Verschrfung seiner Strafe sein, und Allah gebe, da die Hrte seines Herzens
unter ihr nun endlich einmal zu schmelzen beginne! Nach lngerer Zeit fhrte
diese Fhrte zwar von unserer Richtung ab, aber so wenig, da wir auf ihr
blieben. Schaut hinber zu dem Liebling des Groscherifs! Der alte Mann, der eng
an seiner Seite sitzt, ist Abu Kurban, der Vater des Ermordeten, und der fast
ebenso alte Krieger an der andern Seite ist der Oheim der drei Brder, welche
mit ermordet wurden. Es ist dunkel; darum knnt ihr nicht sehen, wie tief der
Gram um den Verlust des einzigen Kindes sich in das Gesicht Abu Kurbans
eingefressen hat, und wie sehr ihn der Gedanke qulte, da diese Missethat von
ihm im Buche der Rache noch zu durchstreichen sei. Als beide hrten, wen wir vor
uns hatten, thaten sie den Schwur, sich Blut fr Blut zu nehmen, falls es ihnen
gelingen sollte, sich von der Schuld zu berzeugen. Sie haben diesen Schwur
gehalten, denn sie muten es. Der Ghani hatte sich mit seinen Begleitern
zwischen zwei niedrigen Auslufern der Dnenwste gelagert. Sie erschraken, als
sie uns erblickten, denn wir waren ber sie gekommen, ehe sie die Anwesenheit
einer solchen groen Schar nur ahnen konnten. Wir umringten sie. Wir sahen den
Sohn des Ghani; er besa die Verschiedenheit der Brauen, und so stand es fest,
da er und die drei andern es gewesen sind. Ich zgerte nicht, ihnen das
Verbrechen sofort in die Gesichter zu werfen. Sie erbleichten vor Angst,
leugneten aber. Da sahen wir einen Ring am Finger des Sohnes. Abu Kurban
betrachtete ihn und that einen Eid, da er Ibn Kurbans Eigentum gewesen sei. Wir
durchsuchten die Mrder und fanden die andern Ringe und Steine. Da glaubte einer
der drei, er knne sich durch den Verrat der andern retten. Er erzhlte, wie die
That sich zugetragen hatte. Die vier Mrder hatten zunchst ohne das Wissen des
Ghani gehandelt, ihm aber nach dem Morde gleich alles mitgeteilt. Auf seinen Rat
waren sie dann nach El Kasab geritten, in dessen Nhe der Alte mit dem Mnedschi
auf sie wartete. Was hatten die Mrder verdient? Sag es mir, Scheik Hadschi
Halef!
    Den Tod, antwortete Halef.
    Httest du sie begnadigt?
    Nein.
    Trotz der Liebe, deren Kinder und Shne ihr seid?
    Nicht nur trotz, sondern sogar infolge dieser Liebe. Du darfst ja nicht
glauben, da sie eine Beschtzerin der Snde sei. Kann sie nicht durch Gte
wirken, so greift sie zur Rettung durch die Strenge. Sie ist nachsichtig und
barmherzig, so lange sie glauben darf, da dies zum Ziele fhrt; zwingst du sie
aber zum Gegenteile, so wird sie zur Mutter, welche ihr Kind straft, nicht
obgleich, sondern weil sie es liebt!
    Das hatte der Hadschi vortrefflich gesagt; aber weil er weggelassen hatte,
was hier fr diesen Fall die Hauptsache war, fgte ich hinzu:
    Und hat sie ein Kind, welches auch der Strenge nicht gehorcht, so trennt
sie es von den andern, damit diese nicht auch verderben. Das ist die Strafe des
Todes, die hart erscheint, aber als Folge einer gebieterischen Ursache
entspringt.
    Also auch du httest fr den Tod dieser Mrder gestimmt, fragte mich der
Scheik.
    Ja.
    Aber ihr habt doch heute Mrder begnadigt!
    Sie standen uns nicht so nahe, da die Rache unsere Pflicht gewesen wre.
Und, was wichtiger ist, es wurde uns der Befehl, Liebe walten zu lassen.
    Ja, ich wei es, denn meine Spher haben es gehrt und mir dann erzhlt.
Ben Nur sprach zu euch. Er hat dann auch zu mir, zu uns gesprochen.
    Vor dem Urteile?
    Nein, sondern nach der Vollstreckung desselben. Bis dahin war der Mnedschi
still, ganz so in sich versunken, wie er jetzt dort sitzt, als ob er schlafe.
Desto mehr aber sprach der Ghani. Er schwor alle Himmel auf die Erde herab; er
wollte Allah zwingen, die Lge zu beglaubigen; er zog alles, was heilig ist,
herbei auf seinen falschen Eid, und als er sah, da diese Lsterungen keinen
Erfolg hatten, wurde er zum Rasenden. Dieser verlorene Mensch hat nur sich
selbst und seinen Sohn geliebt, aber nie ein anderes Wesen. Wir hrten das aus
seinen verzweiflungsvollen Reden. Er hielt ihn fest; er umklammerte ihn, und als
wir beide auseinanderrissen, heulte er auf wie ein Tier, verfluchte sich,
verfluchte die Menschheit, verfluchte die Himmel und schwor, wenn sein Sohn
schuldig sei, so wolle er die Schuld desselben auf sich nehmen und tragen in
alle Ewigkeit. Das war so schrecklich, da ein heiliger Grimm ber mich, ber
uns alle kam. In diesem Zorne verurteilte ich ihn, den Sohn diese Nacht tragen
zu mssen, um nur eine Ahnung davon zu bekommen, was es heie, ihn und seine
Schuld durch endlose Nacht der Ewigkeit zu schleppen. Die Mrder sind erschossen
worden, kurz, schnell, ohne sie zu qulen. Drei von ihnen haben wir begraben;
den vierten seht ihr dort, wie ich euch sagte. Der Alte hat alle seine Snden
nur fr den Sohn begangen; nun liegen sie, und nun liegt auch der Sohn auf ihm.
So will es die Gerechtigkeit. Vielleicht htte ich ihm das nicht angethan, denn
Grausamkeit wohnt nicht in meinem Herzen; aber meine Kundschafter, welche
heimlich Zeugen seiner letzten That waren, haben ihn auf die Asaker schieen
sehen und dann gehrt, wie er gegen euch und gegen eure Liebe wtete. Das hat
mich gegen ihn unerbittlich gemacht. Es war heut berhaupt ein Tag der
Abrechnung, ein Tag, an welchem wir Gericht gehalten haben. Ihr sollt jetzt noch
nichts wissen, doch wenn es Tag geworden ist, so werdet ihr es sehen.
    Bist du etwa mit den Beni Khalid zusammengestoen? fragte Halef.
    Ja, antwortete der Scheik.
    Ihr habt mit ihnen gekmpft?
    Nur kurze Zeit. In wenigen Minuten war es aus! klang es in verchtlichem
Tone.
    Allah 'w Allah! Ihr habt gesiegt?
    Mein Freund, sen wir hier, wenn wir nicht Sieger wren. Es whrt nicht
lange mehr, so wird es Tag. Dann werdet ihr die Spuren des Kampfes an uns sehen.
Den Platz des Sieges zeige ich euch.
    Wo liegt er?
    Da, wo ihr gelegen habt, am Bir Hilu. Diese Beni Khalid haben seit dem
Tage, an welchem Tawil Ben Schahid ihr Gebieter wurde, niemals Ruhe gehalten.
Der Stamm der Beni Lam litt unter ihren Raubzgen so, da ihm die Armut drohte.
Da fate ich endlich den Entschlu, da es mit einemmale, mit einem groen
Schlage zwischen uns und ihnen zur Entscheidung kommen solle. Ich bereitete mich
vor und wartete nur auf den nchsten Angriff ihrerseits. Da wurde mir vor kurzer
Zeit die Kunde, da sie sich wieder zu einem Ueberfalle rsteten; sie wollten
ihren Weg ber den Bir Hilu nehmen, um, wenn wir ja etwas erfahren sollten, uns
glauben zu machen, da dieser Zug nicht uns gelte. Es wurde mir auch die Anzahl
ihrer Krieger gesagt. Um es kurz mit ihnen machen zu knnen, zog ich ihnen mit
einer bedeutend grern Schar entgegen, die ich des Wassers wegen teilen mute.
Drei Brunnen waren es, westlich vom Bir Hilu, die wir besetzten. Ich schickte
dem Feinde meine Lufer entgegen, die nicht leicht zu entdecken sind. Als diese
mir das Nahen der Beni Khalid meldeten, zog ich die drei Scharen zusammen. Dann
lagen die Lufer in der Nhe des Brunnens, tief im Sande eingewhlt und
beobachteten euch alle. Nach dem Zweikampfe schickte ich zwei Kundschafter zu
euch, nicht etwa, um zu erfahren, ob ihr euch noch am Brunnen befndet, sondern
ich wollte wissen, wie ich euch zu behandeln htte. Euer Kanz el A'da sollte
unser werden; ich fragte mich, ob ich euch dabei schonen solle oder nicht. Da
hrte ich, da ihr eure Feinde nicht verraten httet. Ich traute meinen Ohren
nicht, denn ein solcher Edelmut war mir noch nicht vorgekommen. Als ihr dann
nach Sden rittet, wurdet ihr von den Beni Khalid erwartet. Ich wollte dies
benutzen, um sie und euch zugleich zu fassen. Sie sollten geschlagen, ihr aber
mit Zurcklassung des Schatzes wieder freigelassen werden. Ich wute nicht, da
die Soldaten mit ihm nach Norden reiten sollten. Da kehrte Scheik Tawil mit
einer kleinen Schar zurck. Ich schickte ihm meine Lufer nach, und so entging
es mir, da sich der Perser von euch trennte. Dann rittet ihr auch nach Sden,
kehrtet aber ebenso wieder um; die Beni Khalid folgten euch. Was nun geschah,
wit ihr zum kleinen Teile; das andere sollt ihr erst dann erfahren, nachdem ihr
es gesehen habt. Der Osten scheint sich schon lichten zu wollen. Sobald es hell
wird, brechen wir auf von hier.
    Wohin? fragte Halef.
    Zum Bir Hilu.
    Nehmt ihr den Ghani mit?
    Ja.
    Und was geschieht dann mit ihm?
    Wir jagen ihn fort.
    Allah! Ihr werdet ihn nicht auch erschieen?
    Nein. Er ist an dem Morde, den wir zu rchen hatten, nicht beteiligt,
sondern nur spter der Verhehler gewesen, hat also nicht das Blut eines Ben Lam
vergossen; wir drfen ihm also auch nicht das seinige nehmen. Was er gegen euch
und die Asaker gethan hat, das ist nicht unsere, sondern eure Sache. Auch ist
ein einsames Alter ohne seinen Sohn fr ihn eine grere Strafe, als es ein
rascher Tod sein wrde.
    Das ist wahr. Er hat die Liebe von sich gestoen; sie ist von ihm gegangen;
nun mu er ohne Liebe dem Grabe entgegenwanken. Er hat es grad so und nicht
anders gewollt.
    Um so fester werden wir sie, und besonders werde ich sie halten, sagte Abd
el Idrak sehr ernst. Schon aus den Beobachtungen, welche ich am Bir Hilu an
euch machen lie, ergab sich ein Verhalten, welches mich zunchst befremdete.
Ihr wenigen Leute frchtetet euch nicht vor einer groen Uebermacht von Feinden,
die ihr sogar noch schontet! Dann hattet ihr fr die Mrder der Soldaten Gnade
anstatt Rache. Eure Reden wurden mir berichtet, auch wie ihr die Toten bestattet
und ber ihrem Grabe geschossen habt. Das thut kein Ibn Arab160 und ist so tief
ergreifend! Dazu kommt etwas, was ich euch doch sagen will, obgleich ich mir
vorgenommen hatte, darber zu schweigen. Als einer meiner Lufer beim Brunnen
tief im Sande steckte, um euch zu beobachten, entfernten sich von dort vier
Mnner, die nahe an ihm vorbergingen. Er schlich ihnen nach. Sie stiegen auf
einen Felsen. Der Mnedschi ist bei ihnen gewesen. Er sprach lange Zeit mit
lauter Stimme. Mein Spher hat zugehrt und mir alles berichtet, auch das, was
ihm zu schwer gewesen ist, es zu begreifen. Sein Bericht ist unvollstndig und
wohl auch in vielem falsch gewesen; aber ich habe doch so manches davon tief in
mein Herz geschlossen, wo es mir die Ahnung dessen brachte, was ich im Leben
besitzen mu, um den Tod in Leben zu verwandeln. Wit ihr, wer die andern drei
gewesen sind?
    Der Effendi, Khutab Agha und ich, antwortete Halef.
    Knnte ich diese Reden von euch ausfhrlicher erfahren?
    Ja. Wir sind sehr gern bereit dazu.
    Ich danke dir schon jetzt!
    Er gab dem Hadschi die Hand und sprach dann weiter:
    Ich habe euch schon gesagt, da der Mnedschi still war, bis das Urteil an
den vier Mrdern vollzogen worden war. Gleich nach dem letzten Schusse aber
stand er auf und sprach mit geschlossenen Augen lngere Zeit so ernste und
tiefsinnige Worte von dem Leben und dem Tode, von der Liebe und der
Gerechtigkeit, da wir alle so andchtig lauschten, wie ich in meinem ganzen
Leben noch keinem Chatib161 zugehrt habe. Es war, als ob der Engel, der durch
ihn sprach, die Absicht htte, alles aus meinem Herzen zu treiben, was sich
gegen euch noch darinnen befand. Ich beschlo, auf den Kanz el A'da zu
verzichten, auch auf eure Pferde und auf das Hedschihn, auf welche ich es noch
mehr als auf den Schatz der Glieder abgesehen hatte. Ich kann das, was in mir
vorging, nicht beschreiben; ich wei, da dies kein Mensch zuwege gebracht
htte, und bin berzeugt, da es der Einflu dieses unsichtbaren Ben Nur gewesen
ist. Es wuchs und wuchs, es wallte und wallte ein Gefhl, doch nein, kein Gefhl
blo, sondern eine Ueberzeugung in mir auf, da ich euch bitten msse, mich mit
meinen Armen an euch festhalten zu drfen, da ber mich und mein Leben von euch
eine Kraft ausgehen werde, die mir segensreicher sei als der Schatz und die
Tiere, welche ich euch hatte nehmen wollen. Und, ganz sonderbarerweise, gab es
eine Stimme in mir, welche mir riet, euch zu zeigen, da wir Krieger sind,
welche eure Achtung verdienen. Darum nahm ich mir vor, euch zum Scheine zu
berfallen, und zwar so, da ich euch berwltigte, ohne da einem von euch ein
Leid geschehen durfte. Das war freilich nur dadurch mglich, da wir den
gefhrlichen Abstieg dort von der Sandwand herunter wagten. Es ist niemand von
uns dabei verunglckt, und ihr werdet zugeben, da auch das brige gelungen ist.
Den Ghani und den Mnedschi lieen wir mit ihren Wchtern natrlich einstweilen
in der Nhe zurck, und dort stehen auch unsere Kamele, auf denen wir
hergeritten sind. Nun wird es hell. Wir werden aufbrechen knnen. Ihr reitet
doch mit?
    Das brauchst du gar nicht erst zu fragen, antwortete Halef. Du hast sehr
recht daran gethan, dir zunchst unsere Achtung zu erwerben. Sie ist euch
geworden, und die Liebe ist auch schon unterwegs!
    Das wnsche ich. Es giebt ein reiches Feld fr sie wohl berall, vor allen
Dingen aber hier in diesem vom Ha zerrissenen Lande. Allah will das Glck der
Menschen; er bietet es ihnen an, schon seit es Menschen giebt; sie greifen aber
nicht zu, es von ihm zu nehmen. Sie suchen es an Orten, die fern von seinen
Wegen liegen!
    Ich verwunderte mich im stillen immer mehr ber diesen seltenen Mann. Er war
ein Suchender, und wer sucht, der findet; so lautet die Verheiung. Ich sah, da
es nun heller wurde, sein Gesicht, nicht pltzlich, sondern nach und nach, um so
deutlicher, je heller der Morgen wurde. Das ist Petrus! sagte ich mir. Und es
war so! Je mehr es tagte, desto bestimmter trat seine Aehnlichkeit mit diesem
Jnger, wie er auf dem bekannten Abendmahlsbilde von Leonardo da Vinci zu sehen
ist, hervor. Ich htte es ihm am liebsten sagen mgen, aber ich durfte dieses
Bild ja gar nicht kennen!
    Welch ein anderes, geradezu frchterliches Gesicht war dagegen jetzt
dasjenige des Ghani! Der Liebling des Groscherif! Er sah nichts weniger als
wie ein Liebling aus. Seine aufgedunsene Physiognomie wirkte mehr als abstoend;
seine Augen waren mit Blut unterlaufen, seine Lippen blau. Er bot einen mehr
tierischen als menschlichen Anblick dar. Sein Gewand war mit Blut getrnkt. Und
die Leiche auf seinem Rcken - es war schrecklich!
    Halef betrachtete ihn auch. Er sah es, und da brach er nach so langem
Schweigen brllend los:
    Hund, schau nicht her! Euch, euch habe ich dieses Elend zu verdanken, nur
euch, euch allein! Ich verfluche euch, verfluche euch beim Himmel und der Hlle!
Seid alle, alle verflucht, und - - -
    Doch still! Denn was nun noch folgte, kann unmglich wiedergegeben werden.
Als Halef annahm, da er sich ausgetobt hatte, sagte er ihm:
    Schieb ja die Schuld nicht auf uns; du trgst sie ganz allein, wie du die
Leiche deines Sohnes trgst. Der Effendi hat dir vorher gesagt, da dein
Gelchter sehr bald enden und sich in das Gegenteil verkehren wird. Nun ist es
so eingetroffen. Die Last, welche auf dir liegt, hast du dir - - -
    Weiter konnte er nicht sprechen, denn er wurde von einem neuen Ausbruche des
Ghani unterbrochen. Ich bat ihn, doch lieber zu schweigen, und er gab mir recht.
Wir lieen diesen Auswurf den Beni Lam ber und nahmen uns des Mnedschi an,
welcher von dem immerwhrenden Hin- und Herreiten so geschwcht war, da er gar
nicht mehr recht zu sich kam. Wir richteten ihm den Sitz im Sattel so bequem wie
mglich her, banden ihn fest und lieen ihn dann, als wir aufgebrochen waren,
zwischen uns reiten.
    Es ging zu der schon fters erwhnten Enge hinaus und nach der Stelle, wo
sich die Kamele der Beni Lam befanden, hierauf setzte sich der Scheik derselben
an die Spitze und fhrte den Zug hinaus auf die offene Sandwste, wo wir nach
der von uns schon zweimal gerittenen Linie einlenkten. Spter ging es ber den
Serir, die Wste des glatten Steines, bis wir die Wste der Felseninseln
durchritten, in welcher der Bir Hilu lag.
    Noch ehe wir diesen ganz erreicht hatten, trafen wir auf einen ausgestellten
Beni Lam-Posten, welcher seinem Scheik meldete, da sich nichts Neues ereignet
habe und die Grube bereit zur Aufnahme der Leichen sei. Was fr eine Grube und
was fr Leichen gemeint seien, das sahen wir zu unserem Grausen, als wir den
Platz erreichten, auf welchem der Zweikampf zwischen uns und den Beni Khalid
stattgefunden hatte.
    Dieser Platz war von ber dreihundert Beni Lam belebt, von denen, wie wir
sahen, eine ziemliche Anzahl verwundet war. Sie empfingen uns still, was wohl
eine Folge der Thtigkeit war, welche sie hier zu verrichten gehabt hatten.
Nmlich der Felsen, welcher den Platz im Norden begrenzte, derselbe, den wir mit
dem Mnedschi erstiegen hatten, besa eine nicht sehr breite, aber tief
einschneidende Bucht, welche von dem Winde fast bis oben mit den leichtesten
Teilen des Sandes, also mit Flugsand, vollgeweht worden war. Das hatten wir
frher wohl gesehen, aber nicht zu beachten gehabt. Dieser Sand nun war
herausgeschafft und vor dem Felsen fr einstweilen aufgehuft worden. Man hatte
auch noch den Boden mglichst tief ausgeworfen, so da eine ganz bedeutende
Grube entstanden war, welche an drei Seiten von den aufragenden Felswnden
eingeschlossen wurde. Vor dieser Spalte, dieser Grube lagen die aus dem ganzen
Umkreise, soweit der Kampf gewtet hatte, zusammengetragenen Leichen der
Gefallenen. Die erschreckend groe Zahl dieser Toten bewies, da das Wort
gewtet keine Uebertreibung war. Nun erst erfuhren wir, wie es sich zugetragen
hatte.
    Als wir, vom Sden zurckkehrend, um dem Perser nachzureiten und ihn zu
retten, am Brunnen vorber gewesen waren, hatten die Beni Lam den Platz besetzt
und, hinter den Felsen Stellung nehmend, auf die Beni Khalid gewartet.
    Diese waren zwar ziemlich vorsichtig herangekommen, weil es doch in der
Mglichkeit gelegen hatte, da wir hier geblieben waren, doch da auch andere
Feinde, und zwar in solcher Zahl, hier stecken knnten, dieser Gedanke war ihnen
gar nicht in den Sinn gekommen. Sie hatten auf dem Brunnenplatze einen kurzen
Halt gemacht, und da war es gewesen, wo von allen Seiten her die Schsse ganz
unerwartet gekracht hatten und die Beni Lam auf sie eingedrungen waren. Scheik
Abd el Idrak hatte zu uns ganz richtig gesagt: Nur kurze Zeit; in wenigen
Minuten war es aus! Ja, es war aus gewesen, und wie mochte es dann auch
ausgesehen haben! Der Boden sah noch jetzt so rot vom Blut, da es fast keine
anders gefrbte Stelle gab. Jetzt lagen die erbeuteten Kamele da. Auch sahen wir
einen ganzen Hausen ebenso erbeuteter Waffen und allerlei Gegenstnde liegen,
welche den Toten aus den Taschen genommen worden waren. Die nicht oder nur
leicht verwundeten Beni Khalid waren schon nach kurzer, aber um so blutiger
Gegenwehr in wilder Flucht davongejagt; viele hatten sich nur zu Fu retten
knnen! Voraussichtlich hatten nun lange, lange Jahre zu vergehen, ehe sie daran
denken konnten, fr diese Niederlage Rache zu nehmen.
    Die Leichen zu zhlen, das unternahmen wir gar nicht, denn schon der bloe
Anblick that ja wehe! Sie lagen in einem groen, weiten Halbkreise um die
Felsengrube. Da, wo wir standen, sahen wir auch einen nur zu bekannten liegen,
nmlich den speerwerfenden Vater der Selbstverstndlichkeit. Er war
natrlich auch mit gefallen; seine Armmuskeln hatten ihn nicht retten knnen.
    Da zeigte Abd el Idrak nach der andern Seite.
    Kennt ihr den? fragte er.
    Da sahen wir, sitzend aufgerichtet und mit dem Rcken an den Felsen gelehnt,
den Scheik Tawil Ben Schahid! Er hatte mitten in sein schon von Halefs Peitsche
gezeichnetes Gesicht einen Kolbenhieb bekommen, der ihn fast unkenntlich machte;
den Tod aber hatte ihm eine Brustwunde gebracht. Er war whrend des Hauptkampfes
nicht zugegen gewesen, sondern dann spter ebenso abgefangen worden wie die
vierzig Mann, die er in zwei Abteilungen zurckgeschickt hatte, um den Kanz el
A'da fr sich allein zu haben. Ohne diese Selbstsucht htte er sich mit seinem
Truppe vielleicht retten knnen.
    Das Grab, das Grab zwischen uns und ihm! sagte Halef, indem er erst auf
ihn und dann auf die Grube deutete. Sind dir die Worte, welche er sagte, noch
gegenwrtig, Effendi?
    Ja, antwortete ich.
    Wie lauteten sie doch?
    Von diesem Augenblicke an ghnt zwischen uns ein Grab. Wen es aufzunehmen
hat, mich oder euch, das mgen die entscheiden, bei denen ich geschworen habe -
- oder mag es auch die Liebe entscheiden, die eure angebetete Gtzin ist. Ich
habe nichts dagegen!
    Ja, sie hat entschieden, und er kann nun freilich nichts dagegen haben! Ist
es nicht sonderbar, da uns jetzt solche Reden schon wiederholt ganz genau, fast
wrtlich, in Erfllung gegangen sind?!
    Es ist das mehr als sonderbar. Es ist mir das einigemale mit meinen eigenen
Worten passiert; es mchte mir fast vor mir selber grauen. Ich sage nichts mehr
derartiges! Komm, wir wollen gehen. Dieser Anblick thut mir sogar krperlich
wehe!
    Wir gingen nach dem Brunnen, wo man den Mnedschi hingesetzt hatte. Er war
nicht allein. Der Ghani befand sich bei ihm. Dieser war damit beschftigt, drei
Kamele zu trnken, nmlich das seinige, das des Blinden und auch dasjenige,
welches die Leiche seines Sohnes hierhergetragen hatte; er war nur fr die Nacht
mit ihr zusammengebunden und dann frh, kurz bevor wir aufbrachen, von ihr
befreit worden.
    Es scheint ganz so, als ob er den Toten mit sich nehmen will, sagte Halef
zu mir.
    Und den Mnedschi wohl auch!
    Dulden wir das?
    Hm! Eigentlich gehrt der Blinde nicht zu uns, sondern zu ihm.
    Jetzt nicht mehr, denn der Ghani hat sich als ein Mensch erwiesen, dem so
ein armer Mann unmglich anvertraut bleiben darf. Bist du einverstanden, da wir
uns seiner annehmen?
    Sehr gern sogar!
    Gut; ich werde sofort mit dem Blinden sprechen!
    Dieser war grad jetzt bei voller Besinnung. Wir traten zu ihm und Halef
fragte:
    Weit du, o Mnedschi, wo du bist?
    Ja; mein Beschtzer hat es mir gesagt.
    Dein Beschtzer? Hltst du ihn auch jetzt noch dafr?
    Er wird es bleiben, so lange ich lebe. Ich wei, da unsere Gefhrten
erschossen worden sind; aber ich bleibe bei ihm und reite mit ihm heim nach
Mekka.
    Das ist dein Ernst?
    Ja!
    Bist du vollstndig wach und munter?
    Ich bin im Besitze meiner vollsten Selbstndigkeit. Deiner Stimme nach bist
du der Scheik Hadschi Halef?
    Ja, der bin ich.
    Wo ist der Effendi aus dem Wadi Draha?
    Er steht hier neben mir.
    So mu ich ihm ein Wort sagen! Effendi, ich wei, da ich dich verkannt
habe, und bitte dich um Verzeihung. Wirst du sie einem alten, blinden Manne
versagen?
    Nein. Ich habe dir berhaupt nicht gezrnt, antwortete ich. Das kann ich
dir durch die Mitteilung beweisen, da wir uns entschlossen haben, dich mit uns
nach Mekka zu nehmen.
    Ich danke euch fr diese Gte, kann sie aber nicht annehmen.
    Warum?
    Weil ich bei dem Ghani, meinem Beschtzer, bleibe.
    Bei diesem - - -
    Sag nichts weiter! unterbrach er mich. Wenn du wtest, wie wehe du mir
damit thust, wrdest du ganz gewi gern schweigen. Mein Herz hngt an ihm. Sei
gut mit mir, und drnge nicht in mich, ihn zu verlassen!
    Du bist also berzeugt, dich ihm auch ferner anvertrauen zu drfen?
    Vollstndig! Wenn ihr mich mit Gewalt von ihm nehmen wolltet, mte ich
mich so nach ihm grmen, da ich mein Unglck mehr als doppelt fhlen wrde!
    Wenn du so sprichst, drfen wir nicht weiter in dich dringen. Wann will er
fort?
    Wenn die Kamele getrunken haben. Lat uns nicht hungern; gebt uns Essen
mit, und auch Tabak fr mich!
    Das sollst du haben. Wir reiten hinter euch drein, und ich denke, da wir
uns sehr bald wiedersehen. Wehe dann ihm, wenn wir erfahren, da er dich leiden
lt!
    Whrend dieses Gesprches hatte der Ghani gethan, als ob er sich gar nicht
um uns bekmmere. Jetzt drehte er sich nach uns um und rief uns mit einer
Stimme, welche vor innerm Ingrimm heiser klang, zu:
    Ich rufe auch ein Wehe ber euch, schon jetzt! Ja, du hast recht; wir sehen
uns wieder. Aber dann - - - dann - - - dann - - -!
    Er fletschte die Zhne und schttelte drohend die Fuste. Wir erwiderten
hierauf nichts und entfernten uns. Er rief uns noch nach:
    Drei Kamele kann ich blo mitnehmen. Bezahlt mir die andern drei, ihr
Hunde!
    Abd el Idrak stand in der Nhe. Er hrte das, zuckte die Achsel und meinte:
    Abu Kurban knnte ihm alle sechs nehmen, als Ersatz fr die geraubten, die
in El Kasab verkauft worden sind. Hrt nicht mehr auf diesen Menschen!
    Wir befolgten diesen Rat; doch als ich nach einiger Zeit sah, da der Blinde
von seinem Beschtzer auf das Kamel gesetzt und dort festgebunden wurde, ging
ich doch noch einmal zu ihm, um ihm fr voraussichtlich kurze Zeit Lebewohl zu
sagen. Tabak und Proviant hatte ich ihm vorher geschickt. Sie ritten miteinander
und mit der Leiche auf dem dritten Kamele fort, ohne da sich jemand um sie
kmmerte, ausgenommen Halef, Hanneh, Kara und der Perser. Diese sahen ihnen noch
nach, bis sie hinter dem nchsten Felsen verschwunden waren. Im stillen war mir
um den Mnedschi angst.
    Die Toten wurden in die Grube, und dann, als diese voll war, noch immer
weiter bereinander gelegt, bis sie alle waren und sich die Einbuchtung des
Felsens von ihnen fast gefllt hatte. Obenauf kamen die wenigen Gefallenen der
Beni Lam zu liegen. Dann wurde der ausgeworfene Sand auf sie geschttet, bis er
eine hinreichende Decke ber ihnen und an der offenen Seite herunter bildete.
Dadurch wurde der Ri im Gestein so vollstndig geschlossen, da niemand auer
dem Eingeweihten wissen konnte, was er enthielt. Der Scheik hatte vorher die
Gebete des Todes gesprochen, und jetzt befahl er, da fnfzig Krieger dreimal
schieen sollten, ganz so, wie wir es ber das Grab der Soldaten gethan hatten.
Dieser militrische Brauch hatte ihm imponiert.
    Diese Bestattung hatte lngere Zeit in Anspruch genommen, und dann gab es
noch soviel zu verrichten, da die Beni Lam gar nicht daran denken konnten, den
Bir Hilu heut schon alle zu verlassen. Die Mehrzahl von ihnen mute des Wassers
wegen allerdings fort. Aus demselben Grunde hatten sie den Heimweg in
verschiedenen Abteilungen ber verschiedene Brunnen zu nehmen, um nicht Mangel
leiden zu mssen. Der Scheik blieb bis zuletzt da, und da es bis zu unserm
nchsten Ziele, der Ain Bahrid, eine ganze Tagesreise war und wir, auch schon
der Spur des Ghani wegen, nicht des Nachts unterwegs sein wollten, so hatten wir
uns entschlossen, diesen Weg erst morgen frh anzutreten.
    Aber es kam anders, als wir uns vorgenommen hatten.
    
    Da Abd el Idrak die Beschftigungen seiner Leute nur berwachte und sich
nicht auch daran beteiligte, so hatte er Zeit, bei uns zu sein, und das ntzte
er so reichlich aus, da er sich fast keinen Augenblick von uns entfernte.
Gesprchsstoffe waren berreich vorhanden. Am meisten natrlich wurde ber sein
und unser Zusammentreffen mit den Beni Khalid gesprochen, und das brachte uns
wieder und immer wieder auf den Mnedschi, auf Ben Nur und auf die von ihm oder,
um ausfhrlicher zu sein, von ihnen erhaltenen Lehren zurck. Der Scheik gehrte
zu den nicht sehr zahlreichen Menschen, denen die Religion Herzenssache, ja die
wichtigste Sache ihres Lebens ist. Auch davon abgesehen, da er sich zum Islam
bekannte, war er noch nicht auf den eigentlichen Grund davon gekommen, warum es
grad so sein mu und nicht anders sein soll oder doch sein sollte, und nun hatte
er hier von Ben Nur einen so wichtigen Fingerzeig bekommen, der ihn auf diesen
Grund aller Grnde, die Liebe, aufmerksam machte. Er hatte sogleich und mit
Feuereifer zugegriffen und fhlte sich von der entdeckten Neuheit, die doch so
uralt ist, weil sie von Anfang war, so begeistert, da er hunderte von Fragen
hatte, deren Beantwortung selbst fr einen, der diesen Stoff beherrschte, eine
Kunst zu nennen war. Diese seine Entzckung ri auch uns mit sich fort, und so
fragten und antworteten wir uns immer mehr ineinander hinein, bis wir, als wir
am spten Abend endlich doch aufhren muten, bemerkten, da wir uns herzlich
liebgewonnen hatten. Nicht nur seine innern Vorzge, auch sein Aeueres, sein
Petrusgesicht, hatten es mir angethan. Er fhlte diesen Zug der Herzen ebenso
wie wir und sagte, indem er glcklich lchelte:
    Es scheint ganz so zu sein, wie Hadschi Halef heut frh verkndigt hat: Die
Achtung ist euch geworden, und die Liebe ist auch schon unterwegs! Ja, die
Liebe, sie hat sich wirklich eingefunden, wenigstens was mich betrifft! Ich
mchte so gern weiter fortschreiten in ihr und bin so unbeholfen. Ich mchte sie
gern so fest haben, da sie mich nimmer wieder verlassen kann; ich mchte sie
meinem ganzen Stamm verleihen und wei doch nicht, wie ich das anzufangen habe;
ich bin noch zu unerfahren und zu ungeschickt dazu. Ich brauche euch; ja, ja,
ich brauche euch; ich mu euch noch haben, wenn auch nur fr noch kurze Zeit!
Und darum spreche ich die Bitte aus: Kommt fr einige Tage mit uns! Seid unsere
lieben, hochwillkommenen Gste! Ich wei, da euch ein schnelles Nein auf den
Lippen liegt; aber ich flehe euch an, es ja nicht auszusprechen! Ihr bringt
Glck in unsere Zelte, und wer Glck spenden kann, der darf ja nicht
unterlassen, es zu thun. Sagt also ja statt nein; ich bitte euch von Herzen!
    Wir sahen einander an, und whrend wir uns so anschauten, lie jeder ein
vergngtes Lachen hren. Und in dieses Lachen hinein ertnte Hannehs Stimme:
    Wir nehmen die Einladung an; wir gehen mit; ich will die Frauenzelte der
Beni Lam kennen lernen!
    Da war das groe Wort ja schon gesprochen! Wir waren nicht abgeneigt, die
Bitte des Scheikes zu erfllen, und htten es wahrscheinlich nach einigen
Wiederholungen derselben gethan, aber da es eine solche Frsprache gab, lachte
Halef noch lauter als vorher, sprang auf und rief:
    Oh Hanneh, du Retterin aus der schwersten Not der Unentschlossenheit,
gesegnet sei dein Wort! Nie schlage ich dir eine Bitte ab, auch diese nicht. Du
sollst die Zelte kennen lernen, nach denen du dich sehnst!
    Da bat Abd el Idrak den Hadschi um die Erlaubnis, zu Hanneh gehen und ihre
Hand kssen zu drfen.
    Ja, ksse sie; sie hat's um dich verdient! antwortete Halef. Ksse ihr
auch die andere! Und wenn du dann noch weiterkssen willst, so habe auch ich
zwei Hnde, und auch die andern haben jeder deren zwei! Dann legen wir uns
schlafen, denn wenn wir mit dir ziehen, ist der Weg des morgenden Tages sehr
weit, und wir mssen sehr frh zum Aufbruche fertig sein!
    So wendet sich der Weg des Menschen oft anders, als er denkt! Wir sollten
spter erfahren, da dieser so rasch beschlossene Besuch bei den Beni Lam ein
fr uns nicht nur wichtiges, sondern, wie sich herausstellte, fast
unvermeidliches Ereignis war. Und es kam noch etwas ganz Ueberraschendes dazu.
    Nmlich, als wir am andern Morgen aufbrachen, schlugen wir natrlich nicht
den Weg nach der Ain Bahrid ein, sondern den krzesten, den es nach dem Gebiete
der Beni Lam gab. Das war eine uerst selten von einem Wanderer bentzte
Richtung, wie uns der Scheik sagte, und darum wunderten wir uns, als wir um die
Mittagszeit auf eine Spur trafen, welche quer ber die unsrige ging und nach
einer Gegend lief, wo es mehrere Tagereisen weit keinen Brunnen gab. Die Stapfen
deuteten auf drei Kamele und auf die Zeit von gestern. Als wir eine
Viertelstunde geritten waren, kehrte diese Spur zurck. Da blieb Abd el Idrak
halten und sagte:
    Das ist auffllig! Wer so in die trockene Wste reitet und so straks wieder
umkehrt, den kann nur ein ganz bestimmter Grund gefhrt haben. Und dieser Grund
ist, da es in der Einde da einen verborgenen Brunnen giebt, den der, welcher
ihn braucht, mit einem Fell und mit Sand bedeckt, damit ihn weiter niemand
finde. So ein Wasser ist von grter Wichtigkeit, und ich schlage vor, wir
reiten hin, um uns zu berzeugen. Weit fort von hier geht es ja nicht; das sieht
man an den Spuren.
    Halef zeigte ein bedenkliches Gesicht; nach der Ursache gefragt, antwortete
er:
    Mir will es nicht gefallen, da es grad drei Kamele sind. Ich mu an den
Ghani denken. Die Spur kommt aus der Gegend seines Weges. - Was sagst du dazu,
Effendi?
    Ich bin deiner Ansicht, stimmte ich bei. Wir folgen der Fhrte und zwar
schnell! Wer wei, was er vorgehabt hat, wenn er es gewesen ist. Etwas Gutes
jedenfalls nicht!
    Es ging nun also quer vom Wege ab, in die Wste hinein, und zwar in viel
schnellerem Tempo als bisher. Unsere Spannung wuchs, je weiter wir kamen. Es
vergingen zwei Viertelstunden und auch fast noch die dritte; da sahen wir
endlich einen Gegenstand, welcher mitten in der tiefsten Einsamkeit im Sande
lag. Nher kommend, sahen wir, da er sich bewegte, und als wir ihn erreichten,
erscholl ein Schrei der Emprung aus aller Munde; es war ein Mensch; es war - -
- der Blinde!
    Er lag abseits von dem Ende der Fhrte. Er war gebunden, und wir sahen, da
er sich in seiner Todesangst von ihr fortgewlzt und immer weitergewunden hatte
bis hierher, wo er nun lag. Er hatte die Augen geschlossen, ein Zeichen, da er
in diesem Augenblicke geistesabwesend war. Seine Bewegungen, welche wir gesehen
hatten, schienen unwillkrlich gewesen zu sein. Jetzt lag er still.
    Das war eine That von hchster Grausamkeit! Spter erfuhren wir von ihm das
Nhere. Der Ghani hatte ihn ausgefragt, wen er fr den Dieb des Kanz el A'da
halte.
    Dich, hatte er geantwortet. Auch die Soldaten hast du mit gemordet. Aber
ich bleibe trotzdem bei dir, denn du bist mein Wohlthter, den ich nicht
verlassen darf.
    Das war am Brunnen geschehen, ehe ich mit Halef hinkam. Der Ghani sah also
in dem Mnedschi einen Zeugen seiner Verbrechen, der ihn in Mekka verraten
konnte und den er darum unschdlich zu machen beschlo. Fr einen direkten Mord
zu feig, beschlo er, ihn in der Wste auszusetzen, und fhrte diesen grlichen
Vorsatz, wie wir nun sahen, aus.
    Wer hatte uns zu seiner Rettung hergefhrt? Der Zufall? O nein! Oder der
Weg, den wir ja doch zu reiten hatten? Auch nicht, denn der Scheik hatte ber
den Bir Nafad gewollt und erst gestern, als wir beschlossen, mit ihm zu gehen,
sich fr den heutigen, den krzeren, wenn auch wasserlosen, entschlossen. Ich
bin berzeugt, da wir gefhrt worden waren!
    Wir flten dem beklagenswerten Manne Wasser ein, welches ihn sichtlich
erquickte, doch wachte er nicht dabei auf. Als wir ihn auf irgend welche
Verletzung untersuchten, fanden wir keine; er hatte einfach verschmachten
sollen.
    In Mekka, in Mekka! knirschte Halef. Ghani, Ghani, fr dich wre es
besser, du selbst wrest hier verhungert und verdrstet, als da wir kommen, um
dich in der heiligen Stadt in deinem Ruhm zu stren!
    In ganz derselben Weise sprachen sich auch die andern aus. Ich aber sagte
nichts, gar nichts. Ich fhlte keinen solchen Zorn, keinen Grimm wie sie; ich
fhlte nichts als eine tiefe, tiefe Traurigkeit. Auswurf der Menschheit und
Gottes Ebenbild, welche Stufen giebt es zwischen dieser Tiefe und dieser Hhe!
Welche von ihnen ist's, auf der wir selber stehen?
    Der Blinde bekam das ruhigste Kamel und den besten Platz, den wir ihm
schaffen konnten. Dann ritten wir zurck. Er bewegte sich nicht. Sein tief
eingefallenes Gesicht war dasjenige eines Toten. Aber als wir die Stelle, an
welcher wir abgebogen waren, erreichten und uns unserer ursprnglichen Richtung
zukehrten, da hob er den Arm, deutete nach dort, wo wir ihn gefunden hatten und
sagte in dem tiefen Tone Ben Nurs:
    Schaut noch einmal zurck, und merkt euch diese Stelle, denn ihr kommt
wieder her, wenn abgerechnet wird! - - -

                                    Funoten


1 Anrede = Herr.

2 Kamelsnfte fr Frauen.

3 Kutsche.

4 Bahnzug.

5 Billet.

6 Ceremonie des Ehekontraktes.

7 Lokomotive.

8 Jesus, Mariens Sohn.

9 Siehe: Karl May, Durch die Wste Seite 299.

10 Heimweh.

11 Sttten der Heimat.

12 Zeltdorf.

13 Unbekannt, Incognito.

14 Westliche Sahara.

15 Wissenschaften.

16 Juwelier.

17 Versammlung der Aeltesten.

18 Berg, Gebirge.

19 Plural von Bir = Brunnen.

20 Plural von Ain = Quelle.

21 Blitz.

22 Der Edle.

23 Siehe: Karl May, Der Schut, Seite 635.

24 Die Schnelle.

25 Spielzeug.

26 Puppe.

27 Asa foetida, Teufelsdreck.

28 Siehe: Karl May, Im Reiche des silbernen Lwen, Bd. I, S. 370.

29 Geographie und Weltgeschichte.

30 Plural von Nisr = Geier.

31 Blutrache.

32 Schlauch.

33 Muhammed ist gemeint.

34 Der Tod.

35 Geister.

36 Plural von Dschirbe = Schlauch fr Wasser.

37 Caviar.

38 Auster.

39 Riesenschildkrte.

40 Der Reiche.

41 Der Wahrsager.

42 Geistern und Engeln.

43 Plural von Scherif.

44 Scherif der Scherife.

45 Peitsche.

46 Bcherwurm.

47 Eichhrnchen.

48 Bcher.

49 Knstliches Atmen.

50 Auferstehung.

51 Eselsbrcke.

52 Guitarrehnliches Saiteninstrument.

53 Insel, Land zwischen Euphrat und Tigris.

54 Gebetsturm.

55 Amen!

56 1182 n. Chr.

57 Juni 622 n. Chr.

58 Hochzeit.

59 Sohn des Lichtes.

60 Buch der Seligen.

61 Freitag.

62 Montag.

63 Gelehrte aller Gelehrten.

64 Universitten.

65 Siehe: Karl May, Im Reiche des silbernen Lwen, Band II.

66 Beamter fr religis-juristische Angelegenheiten.

67 Entscheidung.

68 Oberste geistliche Behrde.

69 Rheumatismus.

70 Vortrge.

71 Gelehrten.

72 Oberster eines Stadtviertels.

73 Samstag.

74 Kirchenvater.

75 Ser Brunnen.

76 Plural von Wah = Oase.

77 Samum = Wstenwind.

78 Karawanenfhrer.

79 Kap. 19, 15.

80 Oberwchter, Oberaufseher.

81 Siehe: Karl May Im Reiche des silbernen Lwen.

82 Dolch.

83 Teufel.

84 Amerika.

85 Geistern.

86 Der Berhmte.

87 Der Zettel.

88 Erzhler.

89 Wechsler, Bankier.

90 Marie.

91 Die Bibel.

92 Beduine.

93 Lustigmacher, Hanswurst.

94 Aderla.

95 Snfte.

96 Hexe.

97 Gebetsteppich.

98 Gedrme.

99 Willkommen.

100 Plural von Askari = Soldat.

101 Versammlung der Aeltesten.

102 Palmfaser und Teer.

103 Geister.

104 Soldaten.

105 Empfangs- oder Herrenzimmer.

106 Frauengemach.

107 Oberster Gerichtshof, oberstes Appellationsgericht der Wste.

108 Zndhlzer.

109 Milchstrae.

110 Modell.

111 Richter.

112 Occulten.

113 Der Abschied.

114 Frmmigkeit, Gottesfurcht.

115 Gte.

116 Sarcopsylla penetrans.

117 Das Recht.

118 Liebe.

119 Demonstrativ: Wir da! Wir sind es!

120 Klugheit.

121 Reinheit.

122 Siehe: Karl May, Winnetou, Band II.

123 Gott.

124 Siehe: Karl May, Durchs wilde Kurdistan, Kap. VII, und Im Reiche des
silbernen Lwen, Bd. II, Kap. VI.

125 Katholiken, griechisch Orthodoxe, griechische Schismatiker, Evangelische,
Maroniten, Protestanten.

126 Bibel.

127 Teufel.

128 Geister.

129 Aus Mekka stammender und darum besonders heilig gehaltener Kuran.

130 Schroot.

131 Coll. von Rusahsa = Flintenkugel.

132 Vater der Kraft.

133 Wurfspeer.

134 Vater der Selbstverstndlichkeit.

135 Drache.

136 Siehe: Karl May Winnetou, Bd. I Seite 376.

137 Das Drehen, Effektgeben.

138 Teufel.

139 Gemach! Pah!

140 Kalte Quelle.

141 Heide, Gtzendiener.

142 Schurke! Schuft!

143 Unterabteilung.

144 Die Berhmte.

145 Kamille.

146 Langsam, sachte.

147 Lenkstab.

148 Die vier Evangelien.

149 Jacke, Taille.

150 Hemde.

151 Die vier Evangelien.

152 Nachtmarkt in Mekka.

153 Strae mit dem Geburtshaus Muhammeds.

154 Diener der Einsicht, des Verstndnisses, der Intelligenz.

155 Diener der Vershnlichkeit.

156 Wolf.

157 Sohn des Opfers, Vater des Opfers.

158 Sohn des Opfers, Vater des Opfers.

159 Augenbraue.

160 Araber.

161 Muhammedanischer Prediger.

