
                                  Frapan, Ilse

                        Wir Frauen haben kein Vaterland

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                                  Ilse Frapan

                        Wir Frauen haben kein Vaterland

                           Monologe einer Fledermaus

An dem studentischen Mittagstisch, wo ich speiste, nachdem ich die Hlfte der
vorhandenen Pensionen durchprobiert, war ich flchtig mit ihr bekannt geworden.
    Sie hatte einen sehr schlechten Platz an der Ecke der langen schmalen Tafel.
Wollte jemand zu den am Fenster aufgereihten Sthlen, so mute sie aufstehen und
sich an die Wand drcken, nachdem sie ihren Stuhl rasch unter den Tisch gestoen
hatte. Die aufwartenden Mdchen rannten gegen sie, wie gegen eine Klippe,
machten dann beleidigte Gesichter und bedienten sie zu allerletzt. Ich sa drei
Sthle weiter und a schon Fleisch, whrend sie noch keine Suppe hatte. Sie
knabberte mit zerstreuter Miene ihr trockenes Brtchen auf, machte zuweilen
einen langen Hals, wenn alle Teller an ihr vorbeigingen, sagte aber nichts. Sie
sah kindlich-schchtern aus. Eines Mittags go ihr das Mdchen die Bratensauce
ber die dunkelblaue Bluse, in der sie tglich erschien. Sie stie einen hellen
Schrei aus und wurde dann sehr rot, als alle sie anblickten. Ihr rundes weiches
Gesicht nahm einen Ausdruck tiefer Bestrzung an, whrend sie an sich
hinuntersah, - dann hrte ich auch ihre Stimme. Sie sagte zu dem Mdchen, das
sie beflissen abwischte: Oh danke! danke vielmal! Weiter nichts. Sie sprach
mit niemand, und niemand redete sie an.
    Ganz fremd und einsam sa sie zwischen den brigen, die sich meistens
lebhaft, aber mit gedmpften Stimmen unterhielten.
    Sie sah so jung aus, als ob sie berhaupt noch nicht hierher gehrte, ein
richtiges naives Kindergesicht. Gewhnlich sa sie ernst und trumerisch auf
ihrem unbequemen Eckplatz. Zuweilen aber zuckten schelmische Geister um die
vollen roten Lippen, und sie schien mit Mhe ein Lachen zurckzudrngen.
    Ein paarmal begegneten sich unsere Augen, und der lebhafte, funkelnde Blick
der ihrigen, der wenig zu dem naiven Gesichtsschnitt pate, fiel mir wieder und
wieder auf. Es war etwas Sternengleiches, still Feuriges in diesen nicht groen,
dunklen, stark gewlbten Augen. Das reiche braune Haar war kurz geschnitten,
aber nicht nach Mnnerart, sondern es legte sich, in der Mitte gescheitelt, in
groen natrlichen Locken um die Stirn, die Schlfen und die vollen Wangen, die
fast lndlich gesund in ihrer warmen Rte von den bleichen berwachten
Gesichtern der andern weiblichen Tischgste abstachen.
    Sie gefiel mir, und ich begriff nicht recht, warum sie so allein blieb. Sie
hatte doch ein so einladendes Gesicht, wenn sie auch nicht hbsch war.
Allmhlich begann sich zwischen ihr und mir eine freundliche, obschon wortlose
Beziehung zu entwickeln. Wenn ich an den Tisch kam, sah ich nach ihrem Platz,
und wir tauschten ein kurzes erkennendes Lcheln. Dasselbe geschah beim
Aufstehn, und ich hatte bald das Gefhl, als kennte ich sie lngst und wte
ihre Gedanken.
    Als ob wir in einer uns selbst noch verborgenen Verwandtschaft zu einander
stnden.
    In dem engen Flur, der als Garderobe diente, traf ich sie einmal, da schon
alle weggegangen, wie sie stand und sich den Ellbogen rieb. Mir fiel ein, da
sie den Mittag wieder arg gestoen worden.
    Sie haben einen abscheulichen Platz, Frulein, sagte ich, whrend wir
unsere Jacken anzogen.
    Fragend und errtend blickte sie mich an.
    Da an der Tischecke meine ich; nchstens werden Sie noch umgeworfen.
    Das kommt wohl nicht von dem Platz her, sagte sie lchelnd.
    Freilich! Sie werden dort jeden Tag gestoen.
    Ja, ich werde immer gestoen, - es ist etwas gnant.
    Beklagen Sie sich bei der Wirtin, Frulein.
    Ja, aber gerade die Wirtin hat mir diesen Sitz angewiesen. Sie sah mich
schchtern an.
    Warum lassen Sie sich's gefallen? Der Platz sollte wechseln, dann wrden
doch mal wir alle der Reihe nach gestoen.
    Oh, das mchte ich niemals verlangen; es ist ja auch nichts weiter dabei.
    Soll ich morgen mit der Wirtin reden?
    Bitte, nein, es ist wirklich nicht wichtig, und - die Frau mht sich so,
neulich hat sie mir's geklagt.
    So, also mit der sprechen Sie, sagte ich.
    Hie und da schon, - sie qult sich redlich.
    Essen Sie schon lang bei ihr?
    Im zweiten Semester.
    Sie sind aber geduldig.
    Da ri sie die Augen gro auf.
    Ich? Geduldig ich? rief sie erstaunt. Dann schttelte sie heftig den Kopf
und seufzte. Ein Bekannter trat auf mich zu, und sie blieb scheu zurck, ohne
da wir uns von einander verabschiedeten.
    Einige Wochen vergingen, bis wir uns wieder sprachen. Ich hatte
Laboratoriumsarbeit unmittelbar nach Tisch, und auch sie schien stets in Eile.
    Eines Mittags aber hatte sie mein Grulcheln so frhlich erwiedert, hatte
mich whrend des Essens so mit halboffenen Lippen angesehen, als ob sie mir
etwas zurufen mchte, da ich in der Garderobe einen Augenblick wartete.
    Sie sehn so vergngt aus heute, ordentlich ansteckend froh! sagte ich, als
wir zusammen hinabgingen.
    Sie lachte und nickte. Ja, ich habe heut so etwas Merkwrdiges gehrt, und
immer ber Mittag mut' ich daran denken.
    Ist es ein Geheimnis? fragte ich, mich an ihrer Frhlichkeit erheiternd.
    Behte, nein! es ist etwas Anatomisches, Morphologisches! Ein Kolleg fiel
aus, und da bin ich in die vergleichende Anatomie gegangen und habe das gehrt.
Denken Sie sich, wir hatten in einem gewissen Entwicklungsstadium noch ein
drittes Auge, ein Scheiteloder Parietalauge, - ist das nicht reizend?
    Sie lachte lebhaft, und ich fiel ein.
    Und wie schade, da es uns verloren gegangen ist! fuhr sie mit klagender
Betonung fort, wenn wir es doch noch htten! Denken Sie, man knnte sich dann
auf der Erde beschftigen, seinen Arbeiten nachgehen, und mit dem dritten Auge
she man die ganze Zeit den Himmel und Sonne und Sterne! Ein Auge wre immer da
oben - was es wohl alles she!
    Ich frchte, es wrde meistens in den Hut gucken, scherzte ich.
    Aber lebhaft wehrte sie ab. Oh nein! das wre dann alles ganz anders! das
ganze Leben wrde ja anders sein.
    Man htte dann keine Hte, meinen Sie?
    Oh, nicht das allein, solche Kleinigkeit - aber auch keine Dcher
vielleicht. -
    Oder glserne, sagte ich.
    Das gefiel ihr. Sie nickte, immer mit demselben entzckten Gesicht. Dann
wre es so gut wie keine! Und die Menschen immer unter dem Einflu des groen
Anblicks - oh wie schade! wie schade!
    Wann hatten wir denn dieses wundervolle dritte Auge? sagte ich belustigt.
    Sie seufzte: Als wir Eidechsen waren, sagte der Professor.
    Ja, das ist natrlich schon ziemlich lange her.
    Sie sah mich an und errtete langsam.
    Ich bin so unwissend in dieser Richtung, und da war es mir nun heut in
diesem Kolleg, als wrde vor mir eine Thr aufgerissen - weit - weit! Alles was
so fest, so selbstverstndlich, so natrlich scheint - ist also gar nicht fest
und selbstverstndlich und natrlich. Ist das nicht merkwrdig wundervoll? Wir
htten drei ausgebildete Augen haben knnen, und dieses dritte htte vielleicht
eine Sphre umfat, die uns nun ewig zugeschlossen ist, und sehn Sie, grade an
der Erkenntnis dieser Sphre htte vielleicht das Glck der Menschheit
gehangen.
    Das wir nun nicht haben, fiel ich noch immer halb scherzend ein.
    Das wir nun nicht haben, wiederholte sie leise in ernstem Ton. Auch ihr
Gesicht war ganz ernst umschattet.
    Glauben Sie brigens, das Glck der Menschheit hnge an einer Erkenntnis?
fragte ich zweifelnd.
    Sie sah mich schnell an.
    Ja, ich glaube, da wir vernunftbegabte Geschpfe sind und nicht als Tiere
glcklich sein knnen, und sie lchelte zuversichtlich, stolz.
    Ich beobachtete ihren stetig wechselnden Gesichtsausdruck, der auf groe
Erregbarkeit schlieen lie, und ich dachte nach ber das sonderbare Gesprch,
das sie angeschlagen.
    Ihre Phantasie ist sehr beweglich, sagte ich, fast unwillkrlich, strt
Sie das nicht im Studium?
    Sie nickte verwirrt, lie den Kopf hngen.
    Also - Naturwissenschaften studieren Sie, wie Sie sagen?
    Nein, Jus.
    Ach, Sie und -! Es war wieder ein unwillkrlicher Ausruf, den ich gern
zurckgenommen htte, als ich ihr erschrockenes Gesicht sah.
    Warum nicht Jus? fragte sie leise.
    Weil's so trocken ist, dachte ich.
    Oh - trocken - das knnt' ich nicht sagen - aber ich bin leider noch sehr
weit zurck; ich habe noch nicht einmal die Matura.
    Nun sah sie schon zum Weinen traurig aus. Wieder mute ich lcheln.
    Aber, Frulein, Sie sind ja auch noch solch ein - Baby, wollte ich sagen,
unterdrckte aber das Wort und sagte Backfisch.
    Ich? rief sie, wieder in hchster Verwunderung, ich bin alt, ich bin
sechsundzwanzig!
    Ich staunte: Wie ist das mglich? Sie sehn aus, als wren Sie siebzehn, und
Ihr ganzes Wesen - -
    Ach Gott, mach' ich auch auf Sie diesen grnen Eindruck? sagte sie
klglich, was soll ich nur thun?
    Ich entschuldigte mich und beruhigte sie. Es war sehr ntig. Die Altersfrage
schien der wunde Punkt zu sein, den ich unabsichtlich gestreift.
    Ich habe schon viel durchgemacht, und niemand sieht es mir an, niemand
nimmt mich ernst, klagte sie ratlos, ist das nicht traurig?
    Ich sagte ihr, da es im Gegenteil schn sei und von ihrer Gesundheit und
Jugendkraft Zeugnis ablege, aber sie schttelte doch den Kopf.
    Sehen Sie, jetzt hab' ich Eile, immer ist etwas hinter mir, - und ich
mchte so gern auch noch Naturwissenschaften studieren, - ich glaube, das sollte
jeder Mensch, das ist doch die Grundlage von allem.
    Ich konnte nicht wiedersprechen, und meine Zustimmung regte sie wieder auf.
    Heut war es das Scheitelauge, und morgen knnt' ich etwas andres
Wundervolles erfahren, das tausend Vorstellungen und Gedanken weckt. Ich glaube,
das ist alles so eingerostet in den Geisteswissenschaften, weil sie sich nicht
um die Natur bekmmern. Wir wren gewi viel weiter! Und ich sitze hier an der
Quelle, drste und drste! rief sie voll Eifer und Trauer.
    Knnen Sie nicht umsatteln?
    Nein, das geht nicht. Das ist meine heilige Sache, das Recht; das ist meine
Fahne, die will ich tragen lernen oder sterben! Sie sprach jetzt so laut und
unbekmmert, da die Vorbergehenden sie ansahen. Ihr Wesen htte etwas
Exaltiertes gehabt ohne diese gesunden roten Wangen und das stets bereite
Lcheln. Bei ihr erschien die Erregung als der natrliche Zustand eines
lebensvollen Geschpfes.
    Ich bat sie, mich zu besuchen, aber sie lehnte zgernd ab.
    Ich darf mich nicht zerstreuen, und mit Ihnen knnte ich tagelang sprechen.
Ich hab' Ihnen schon gesagt, wie weit zurck ich bin! Da ist diese Mathematik,
die mich ganz unglcklich macht, weil ich immer etwas hinter ihr suche, was gar
nicht da ist! Sie scheint mir noch heute wie eine Geheimschrift, lauter Symbole
und so prachtvolle, aber mein Lehrer sagt immer wieder, das sei die Sache
selbst! Ich mu so fleiig sein!
    Ja, dann komm auch ich zu Ihnen nicht, sagte ich bedauernd. Adieu, also,
trumen Sie von dem dritten Auge.
    Ach, nein, rief sie kopfschttelnd, wnschen Sie mir Besseres! Ich darf
nicht trumen. Jeder Augenblick ist kostbar. Lernen! Lernen!
    Damit lief sie wie gejagt den Weg zurck, den wir schlendernd im Gesprch
gegangen.
    Ich blickte ihr in Gedanken nach, nicht ohne Bedauern. Wie lange wrde diese
kindliche Frische noch vorhalten, die sie auszeichnete. Schon hatte sie die
Sprache der Studentinnen, die mir wohl bekannt war, diesen Ton der immer
Unruhigen, immer Gehetzten, Nimmerfertigen, Zweifelnden und Verzweifelnden.
    Der Trupp lustiger blutjunger Studenten mit dem rotweien Band und Cerevis
der Zofinger, der in lssigem Schritt und mit lautem Lachen mir entgegenkam,
vertiefte die gedrckte Stimmung.
    Die Glcklichen, sagte ich mir, die sich bei aller Arbeit so munter ihrer
Jugend freuen drfen! Sie haben keine Eile, sie haben keine Anspannung aller
Krfte von Tag zu Tage, sie gehen behaglich im Schritt. Ihre Promotion, ihre
Aemter und zuknftigen Wrden - all das ist ihnen sicher wie der Tod, denn reif
sein ist alles! Wann kommt der Tag, wo auch die Studentinnen jung und
unbekmmert wie die dahin leben drfen, getragen von der Billigung, ja
Bewunderung der Ihrigen daheim! Wo man auch in ihnen die Blte, die weibliche
Blte der Intelligenz, den Stolz der Nation sieht. Wo man nicht wie heut in den
Linien eurer Gesichter verfolgen kann, was alles ihr schon gelitten und
durchgekmpft habt! Wo ihr keine Narben des Lebens mehr tragt, und keine
Stacheln, die schnde Notwehr auf eurer glatten Haut hat wachsen lassen! Wo man
euch rechtzeitig vorbereitet, rechtzeitig euch hinausziehen lt an die
Hochsttten der Wissenschaft und nicht der Herbstwind eurer unwillig vergeudeten
Jahre hinter euch drein blst: Eilt! eilt! schneller! schneller! schneller!

Nach wie vor sa die kleine rotwangige Studentin mittags auf ihrem schlechten
Platz, wo man sie stie und vernachlssigte, und wenn wir uns sahen, so grten
wir uns mit dem erkennenden Lcheln.
    Aber obwohl das tglich geschah, so schien es mir doch unverkennbar, da die
Wangenrte verblate, da die weiche Rundung des Gesichts abnahm. Oft schien mir
selbst das stille Sternenfunkeln der Augen getrbt.
    Einst, in der Garderobe, berhrte ich leicht ihre Schulter.
    Frulein, was haben Sie mit sich gemacht? Sie sind bla.
    Sie zuckte mit ihrem gewohnten liebenswrdigen Lcheln die Achseln.
    Sie arbeiten zu viel! Kommen Sie mit auf den Zrichberg.
    Gehn Sie spazieren? ein sehnschtiger Ausdruck trat in ihre Augen.
    Kommen Sie mit! wiederholte ich dringender, sehn Sie, die Sonne!
    Sie blickte auf die Uhr: Ich kann nicht! Wirklich nicht. Ich habe
unmenschlich viel zu thun.
    Aber wenn Sie Ihre Gesundheit ruinieren?
    Sie senkte den Kopf. Das ist es nicht, sagte sie leise, ich bin stark.
Wir waren nun doch zusammen bis auf die Strae gekommen, wo die Sonne vom
wolkenlosen Himmel auf eine ganz leichte Schneedecke schien. Die Luft hatte
etwas Balsamisches, Veilchenduftiges, obgleich wir in den letzten Novembertagen
waren. Die schwarzblauen Berge mit den wei bepuderten Bumen und Struchern
schienen ganz nahe gerckt, die Meisen zwitscherten frhlich.
    Was fr ein schner Tag! rief ich meiner Gefhrtin ermunternd zu. Aber sie
sah hier drauen noch bleicher und matter aus, als im Zimmer.
    Kann ich Ihnen irgendwie helfen, so sagen Sie es mir, bat ich.
    Ihre Lippen zogen sich zusammen, sie drckte stumm meine Hand.
    Haben Sie Kummer? Wollen Sie nicht darber reden?
    Sie bewegte verneinend den Kopf.
    Sie sind sehr gtig. Es geht nicht - wieder drckte sie meine Hand.
    Sie leben so einsam, begann ich noch einmal, das ist nicht gut.
    Ja, - ich bin einsam.
    Und pltzlich senkte sie den Kopf ganz und flsterte:
    Sie wissen nicht, wie einsam.
    Ein tiefes inniges Mitgefhl erfate mich, so, als htte ich die Arme
ausbreiten und die Einsame an meine Brust ziehen mssen.
    Da hob sie die klugen Augen wieder empor und lchelte ernsthaft:
    Aber ich fhle mich wohl dabei, ich hab es so gewollt. Und nun scho ihr
das Blut in die Backen. Vielleicht - wenn ich einmal ganz drunten bin - wenn
ich keinen Weg mehr sehe - -
    Dann kommen Sie zu mir! rief ich bittend, und wir drckten uns noch einmal
fest die Hnde.
    Seit diesem Gesprch beobachtete ich sie noch aufmerksamer bei Tische, sah
sie von Tag zu Tage mit immer dem gleichen, unachtsamen und doch gespannten
Blick auf ihrem Eckplatz sitzen und sich weniger denn je nach den Mdchen
umsehn, die an sie anstieen. -
    - Und dann, eines Tages, blieb sie aus. - -
    Der leere Stuhl beunruhigte mich, ich wei nicht wieso, ich mute immer
dorthin sehn.
    Am folgenden Tage ward er weggenommen.
    Kommt Frulein Halmschlag nicht mehr? fragte ich das Mdchen. Sie wute es
nicht, und auch die Wirtin sagte, sie habe keinen Bericht erhalten. Es scheine
ja fast, da sie nimmer kommen wolle.
    Haben Sie ihre Adresse? fragte ich.
    Die Frau verneinte; damit war die Sache beendet.
    Aber der Platz, der jetzt unbesetzt blieb, erinnerte mich immer von neuem an
die kleine einsame Studentin, an die roten, verbleichenden Wangen.
    Auf der Kanzlei der Universitt erfragte ich ihre Adresse und beschlo, sie
demnchst aufzusuchen. Einmal dann stand ich vor jener Hausthr. Aber die
Furcht, zu stren, mich belstigend einzudrngen, trieb mich zurck. Vielleicht
war sie gar aus der Pension weggeblieben, um gerade meinen Annherungsversuchen
zu entgehn, sagte ich mir.
    Es giebt so scheue Vgelchen, die sogar das Nest verlassen, nur weil ein
fremder Blick hineingeschaut hat.
    Auerdem - wie vielgestaltig ist der Kummer, der die Gesichter bleich macht,
und wie wenig vermag der Dritte ber diese verschiedenen Feinde des Lebens.
    Ich trstete mich! Ein bichen Liebesweh, vielleicht. Ein krankhafter
Ehrgeiz, der schon zurecht kommen wird mit der Zeit. Examensorgen, zu denen man
lchelt, wenn sie vorber sind. Oder gar nur irgend ein phantastisches Weh, wie
das, nicht drei Augen zu haben! -
    Da traf ich sie eines Abends auf der Strae.
    Sie trat aus einem Metzgerladen und trug ein schmales Pckchen in der Hand.
    Sie schrak zusammen, als ich sie anrief, kam aber dann mit dem alten
freundlichen Lcheln auf mich zu. Wir begrten uns herzlich.
    Wo speisen Sie denn jetzt? fragte ich, haben Sie's besser getroffen?
    Sie erwiderte kurz, da sie sich selber etwas koche und ging nicht weiter
ein auf meine Frage, ob das nicht sehr zeitraubend sei.
    Ich fand sie ziemlich verndert, stiller und magerer; dabei ganz
unzugnglich fr alle Erkundigungen nach ihrem Ergehen.
    Aber Ihr Studium gefllt. Ihnen noch immer? fragte ich.
    Da lebte sie auf.
    Wie sollte es mir nicht gefallen? Es giebt nichts Greres! Ich lebe nur
dafr, und es entschdigt fr alles! das war ganz der alte Ton.
    So sind Sie doch glcklich, sagte ich beruhigt.
    Ja, wenn - sie seufzte pltzlich tief, schttelte meine Hand und war
verschwunden. -
    Ich kannte auch diese Art.
    Es ist die Furcht einer ursprnglich zarten, weichen Seele, die sich mhsam,
unter tausend Kmpfen und Thrnen ein Schutzgewand gewebt hat, in die alte
Hlflosigkeit und Verletzbarkeit zurckzufallen beim ersten guten offenen Wort.
Diese Furcht macht abweisend.
    Ich zankte mit mir selbst. Kein lstigeres Gefhl, als das, sich aufgedrngt
zu haben! Du mut sie gehn lassen, sagte ich mir, du siehst, da sie stark ist,
da sie ihr Schicksal auf alle Flle auf sich genommen hat. La sie nicht immer
fhlen, da du sie fr schwcher hltst, als sie sich giebt. Sei kein Esel.
    Und ich beschlo, ihr ganz allein das Wort zu berlassen, falls wir uns
wieder begegnen sollten. - -
    Wenige Tage vor Weihnachten fhrte ein bermtiger Fhn, der durch die
nassen Straen blies, uns einander fast in die Arme.
    Diesmal hielt ich mir Wort, wir sprachen nichts Persnliches, obgleich ihr
Aeueres mir schmerzlich auffiel. Sie hatte sich immer hchst einfach und dunkel
getragen, wie die brigen Studentinnen auch, aber heute sah sie fast rmlich
aus, auch trug sie ber der dnnen grauen Bluse keinen Mantel. Wie ich mit den
Blicken ihre zitternden Arme streifte, errtete sie, zog die Brauen abweisend
zusammen und gab verwirrte Antworten.
    Ich fragte abschiednehmend, ob sie ber die Ferien in Zrich bleibe.
    Natrlich! nickte sie, es sind ja ohnehin nur drei Wochen.
    Pltzlich bckte sie sich, um einem vorbergehenden Kinde den Kopf zu
streicheln.
    Und so, in der geneigten Haltung, sagte sie mit heiserer Stimme:
    Vielleicht - ich habe schon gedacht - da ich - in diesen Ferien - doch
einmal zu Ihnen komme - -
    Schwer schienen sich diese Worte von ihr loszuringen, und ich war nicht
einmal in der Lage, ihren Besuch anzunehmen.
    Das trifft sich leider sehr ungnstig! rief ich bedauernd, ich reise
morgen frh nach Hamburg.
    Sie starrte mich wortlos an.
    Ach so, flsterte sie dann, ach so, - auf wie lange?
    Auf vier Wochen.
    Nach Hamburg, wiederholte sie; - - aus Hamburg bin ich auch, setzte sie
nach einer Weile hinzu.
    Wir sind also Landsleute? Schade, da Sie nicht mitreisen! Vielleicht kann
ich dort Gre von Ihnen ausrichten?
    Nein! sagte sie kurz, mit gekruselten Lippen, - ich danke Ihnen! Also
dann - adieu!
    Und pltzlich legte sie ihren Arm um meinen Hals und kte mich heftig auf
den Mund. Ihre Augen standen voll Thrnen.
    Adieu! adieu! wiederholte sie schluchzend.
    Gehn Sie nicht so! bitte, kommen Sie mit mir hinauf! bat ich tief
beunruhigt, aber sie schttelte meine Hand ab und lief davon.

Aus den vier Wochen wurden drei Monate.
    Die alte Heimat hielt mich fest mit vielen Liebes-und Freundesbanden. -
    Sie war auch so gewachsen, die groe Stadt, die immer schon gro gewesen.
    Und riesenhaft in ihr gewachsen schien mir das Elend.
    Es schaute mich beweglich an aus unzhligen kellerblassen, hohlugigen
Gesichtern von Kindern, die der Hunger daheim in frhen Morgen- und spten
Nachtstunden hinausgetrieben, um dem Erwerb nachzugehn. Kleine Schulkinder, die
vor und nach dem Unterricht in strengen Mgdedienst gespannt waren, ohne
Frische, ohne Lebenslust, altkluge kleine Pfennigjgerinnen, denen die Schule
nur unntige Zeitvergeudung schien, weil man nichts verdienen konnte, whrend
man dort sa. Kleine Austrger, die mit Manneslasten auf den Kinderschultern auf
drren Beinchen ber die schmutzigen Straen wankten, die kein Spiel, keine
Tollheit mehr trieben, wenn sie einen Augenblick frei hatten, sondern matt und
schlfrig an den Hausmauern hockten und teilnahmlos auf den Schnee starrten.
    Bis ein Mann kam und sie anwarb und jedem von ihnen eine Schaufel in die
Hand drckte und sie wieder etwas zu schaffen hatten; - hier die Schaufel und
dort die Bezahlung, und nun vorwrts in Reih' und Glied, wie die Zwangsarbeiter!
Wie die Galeerenstrflinge. Das war die Jugend, die Hoffnung der Zukunft, das
Volk von morgen.
    Und ringsum, auf Schritt und Tritt, der rasende Konkurrenzkampf der
Erwachsenen, der Lden mit den Lockmitteln: Farben und Licht, der Bilder und
Schilder und Bildchen und Schildchen, die alle nichts waren als Reklamen ganz
ebenso wie die Riesenschriften auf Schritt und Tritt, die wie Theaterfeerien nun
in Rot, dann in Grn, jetzt in Wei strahlten. Da wimmelten die Frachtwagen, die
immer neue Gter heranschleppten, auf den schmalen, krummen, hochhuserigen
Straen, wie dort, im Hafen, die Schiffe, schnaufend und schwarzen Dampf
ausstoend gleich Unterweltgeistern, ungeheure Lasten von Ntigem und Unntigem,
ber die Stadt ausgossen. Da brllte die Fondsbrse, deutlicher als sie alle,
ihren wilden Schrei: Brot! Brot! Brot! aus heisergeschrienen Kehlen.
    Angezogen und abgestoen, zerrissen von Furcht und Mitleid wie vor einer
Welttragdie, die sich da auffhrte, blieb ich drei Monate.
    Und durch die Straen Zrichs ging lauer Aprilhauch, als ich zurckkam, und
die Sonne, die ich in drei Monaten drei Tage kaum gesehn, begrte mich mit
einem warmen siegerischen Lcheln: es sollte einmal wieder Frhling werden in
der Welt.
    Nach einigen Tagen war ich wieder im alten Gleis, freute mich, da die Berge
noch standen, und da der blaugraue See nur Vergngungsdampfer und
Sonntagsruderer trug: ein Gefhl wohligen Ausruhens, nah einer groen
feierlichen Natur, war ber mich gekommen.
    Die Kollegien begannen erst in einigen Wochen, auf den Straen sah man keine
Studenten, auch keine Fremden, keine Reisenden, die Schweiz schien ganz den
Schweizern zu gehren, und das erhhte die Stille und Behaglichkeit.
    Ich wute zwar, auch hinter diesen weien saubern Mauern ist nicht alles
Frieden; Kampf und Spannung, Ghrung und Hetzjagd spielt auch hier hinter den
hellgrnen Fensterlden, aber es vergit sich leichter unter einem milderen
Himmel, und noch hat der Daseinskampf nicht die brutalen Grostadtformen
angenommen.
    Hier schien noch Freude mglich.
    Und mit Musik und Blumenkrnzen, mit buntem Maskenscherz und Feuerwerk zog
eines schnen Tages im April der echte Zrcher Frhling ein, und alte Mnnlein
in buntscheckiger, nrrischer Verkleidung, und vierjhrige Bblein und Armkinder
in schimmernden Schalksrckchen und Engelsflgeln durchwanderten die sonnigen
Straen, und Zigeuner mit geschwrzten Gesichtern und Nubier auf Kamelen schrien
auf Zridtsch ihren Lenzgru hinaus, und am Abend, um sechs Uhr, unter dem
festlichen Gelute aller Glocken ward der Winter verbrannt, der alte Frostriese,
der die Welt fr Monate in Eisesbanden gehalten.
    Ich stand mitten unter der frhlichen, schaulustigen Menge auf der
prchtigen Quaibrcke, wo der rote Schimmer des Sonnenuntergangs den
aufsteigenden Qualm vergoldete und sah, wie die weie Riesenpuppe auf dem
haushohen Pfahl von den ersten Flammen umzingelt ward, und wie dann zischend
eine Menge glhender Schwrmer, Frsche und Raketen ihrem Kopfe entflogen,
lustig in der blauen Luft zerstiebten und beim Zerkrachen ein lachendes Echo aus
Kindermund weckten.
    Der Bgg erbebte. Nun flog ein Arm davon, nun stand die ganze Figur im
Feuer. Zahllose frhlich emporgewandte Gesichter standen rotbestrahlt, auch die
Erwachsenen in kindlicher Freude.
    Pltzlich aber fiel mein Auge auf ein Antlitz von ganz andrem Ausdruck.
Angst, ja Entsetzen spiegelte sich in diesen weitaufgerissenen Augen, die
Mundwinkel waren hinabgezogen, die Unterlippe fest eingebissen; so starrte sie
wie gebannt auf die brennende Gestalt. Und merkwrdig! - blitzschnell verstand
ich die Vision, die dies Entsetzen hervorgerufen, und ich sah sie auch! Es war
ja ein Scheiterhaufen, auf dem sich die qualvoll gekrmmte Gestalt einer Hexe am
Marterpfahl wand, umjubelt von einer fanatisierten, irregeleiteten Menge. Rote,
schwindelerregende Nebel glitten ber meine Augen, ich mute sie schlieen, ich
mute mich festhalten. - -
    Als ich mich wiederfand, war ein Name auf meinen Lippen. Lilie Halmschlag?
Ja, sie war es gewesen, deren erschrockene Augen ich da vor mir gesehn, die mir
die seltsame Suggestion gegeben hatte. Dann besann ich mich. Nein, - - ich hatte
mich geirrt. Das Gesicht, das mich an Lilie gemahnt, war zwar schon hinter
andern verschwunden, aber soviel hatte ich doch noch von ihm erhascht, da ich
nun einsah: dieser bloe Kopf, dies schlichte Wollentuch um die Schultern konnte
keiner Studentin gehrt haben.
    Eine Aehnlichkeit hatte mich getuscht, zugleich aber traurig und dringend
an die so lange nicht Gesehene gemahnt. Das fast zrtliche Interesse fr das
eigentmliche Mdchen, das ganz in den Hintergrund gedrngt worden durch soviel
laute, grelle, heftige Eindrcke, wachte wieder auf, und schon am Tage nach dem
Sechseluten machte ich mich auf den Weg in ihre Wohnung.
    Eine Mansarde im dritten Stock der Universittsstrae - - dort sollte sie
wohnen, laut jener alten Adresse.
    Ich klopfte an viele Thren, - es gab eine ganze Reihe Mansarden in dem
bezeichneten Hause, aber man kannte sie nirgend.
    Von den Hausleuten des zweiten Stocks erfuhr ich endlich, da einmal ein
Frulein droben gewohnt habe, schon vor Weihnachten aber ausgezogen sei. Ob der
Name stimme? Sie wuten es nicht. Die Familie, die jenes Dachzimmer vermietet,
hatte auch schon die Wohnung gewechselt.
    Etwas bekmmert kam ich nach Hause und erzhlte meiner Wirtin, wie schnell
auch in Zrich ber einen Menschen Gras wachsen knne, da sagte sie auf einmal:
ja nun falle es ihr bei, vierzehn Tage nach meiner Abreise sei an einem Abend
spt ein Frauenzimmer hereingekommen und habe mir nachgefragt. Der Name mchte
wohl der gleiche sein. Aus ihrer Beschreibung der Fremden war nichts Sicheres zu
entnehmen; rote Augen habe sie gehabt, wie vom Weinen, und ber eine halbe
Stunde habe sie, ohne ein Wort zu reden, auf einem Stuhl im Flur gesessen und
ganz bld und dumm vor sich hingestarrt.
    Warum haben Sie mir nicht geschrieben? sagte ich, tief erschrocken ber
den Bericht.
    Die Wirtin meinte achselzuckend, sie habe anderes zu thun, habe auch
gedacht, das Frauenzimmer werde selbst schreiben, wenn es etwas von mir wolle.
Sie hab's ihr auch geraten, soweit sie sich entsinne, aber wer keine Antwort
gegeben, das sei das Frauenzimmer gewesen, und so habe sie denn endlich die
Lampe wieder in die Kche genommen und es im Dunkeln sitzen lassen, bis es
schlielich weggegangen sei. Sie habe dann nur noch geschwind mit der Lampe
hinter ihr drein gezndet, um zu sehen, da sie nichts mitgenommen! - -
    Ich ging auf die Universittskanzlei.
    Frulein Lilie Halmschlag aus Hamburg? sagte der Pedell, im Verzeichnis
bltternd, ja, die ist abgereist; bereits Ende Februar hat sie ihre Schriften
abgeholt.
    Ist sie zeitweilig fort oder fr immer?
    Es scheint, da sie ganz fort ist, da sie ihre Ausweisschriften
zurckverlangt hat.
    Ich fragte, ob sie Exmatrikel genommen, der Pedell verneinte.
    So hat sie nicht gesagt, da sie an eine andre Universitt gehn wolle? Der
Mann wiederholte, da er keine Auskunft geben knne.
    Aber vielleicht hat Frulein Halmschlag sich persnlich beim Rektor
abgemeldet?
    Der Beamte schttelte den Kopf.
    Eben nicht. Sie hat hier gefragt, ob's notwendig sei, und da's nicht
notwendig war, hat sie's halt unterlassen.
    
    So erbat ich mir nur noch ihre letzte Adresse.
    Vogelsangweg siebenzehn, hie es, aber es nutzt Ihnen nicht, sie ist
nimmer da, sie ist fort von Zrich! Heimgereist, so scheint's, fgte er hinzu
und wandte sich zu einem neuen Frager.
    Ich dankte; niedergeschlagen ging ich.
    Eine Welt von Traurigkeit lag, so schien mir, in der Nachricht, da Lilie
Halmschlag fort von Zrich, wohl gar heimgereist sei. Mein Studium, das ist
mein Leben, klang mir die zarte warme Stimme im Ohr. Und dann wieder, die
letzte Spur, zeigte sie mir verweint und ratlos vor meiner eigenen
verschlossenen Thr sitzend. Das konnte nichts Gutes sein, das konnte nichts
Kleines bedeuten!
    Ich ging nach dem Vogelsangweg Nummer 17.
    Eine einfache, derbe Frau, die mich auf dem Flur abfertigen wollte, da sie
gerade beim Zimmerputzen war, trat mir entgegen.
    Ich komme wegen der Frulein Halmschlag, die hier gewohnt hat, sagte ich.
    Ach, rief die Frau, mich gespannt ansehend, vom Frulein Halmschlag! Hnd
Sie B'richt von ihr?
    Und eilig die Hnde abtrocknend, lud sie mich in die Stube, wo zwei kleine
Kinder auf dem Boden spielten. 's ischt zum Bedure mit der Frulein
Halmschlag! sagte die Frau, sobald ich sie ber mein Anliegen verstndigt
hatte, sie ischt gar bel dra gsi.
    Ja, wieso denn? war sie krank?
    Seb auch! seb' schon auf d'letschte Ziet vor lauter Kummer und Sorg'.
Manche Nacht, wann i erwachet bin, han i's g'hrt, wie 's geschraue hat!
    Das Frulein Halmschlag? Ja, aber um Gotteswillen, warum denn?
    Die Frau begann sich die Augen zu wischen.
    's ischt gewilich wahr, e liebs Frulein isch es g'si, aber daheim ihre
Eltere hnt nd von ihr wisse wlle. Ganz grusam hat sie sich 'chrnkt.
    Worber denn? rief ich entsetzt. Die Frau starrte mich in aufrichtigem
Erstaunen an.
    Ja, wisset Sie's nd? sind Sie nd bikannt mit'm Frulein Halmschlag? Wenn
eins so schli arm ischt u dabei schtudire Tag und Nacht - 's ischt ja fascht 's
halbi Jahr kei Rappen mehr cho von daheim -
    Mir wurde eisig kalt und weh ums Herz, kaum konnte ich weiter hren.
    Wovon hat sie denn gelebt? flsterte ich.
    Die Frau zuckte die Achseln.
    Sie hat so e Charakter g'ha, sie hat nd chlagt, gar nie und nie. Aber i
han 's g'seh, wie ihre Lippe zitteret hat, wann s' mi g'fraget hat, jede Tag
drmal: kein Brief fr mi, Frau Laubi? kein Brief aus Hamburg?
    Die Frau ri die Thr auf und zeigte in ein enges Kmmerchen mit
weigetnchten Wnden.
    Da hat sie g'wohnt, drei Monat, und hat g'litte, was nur e Mensch leide
cha' von Sorg und Aengschten.
    Hat Not gelitten? - Das Sprechen war mir fast unmglich.
    Wieder zuckte Frau Laubi die Achseln. I han ihr gebe, wo sie kei Centime
mehr g'ha hat, Brot und Milch alli Tag, und 's Chaffi und auch Eier, wann i's
g'ha han. Aber Sie begriefet schon, i bin halt selber arm, - i han e Mann, aber
er schaffet halt nd; 's Wirtshus, wisset Sie, 's Wirtshus ischt ihm nher, als
seine Familie; - manche Tag hat 's fascht nd angerhrt, 's Frulein Halmschlag.
Frau Laubi, hat sie g'sait, ich habe keinen Hunger, nehmen Sie es nur wieder
hinaus. I han 's bittet: Esset Sie nur, Frulein, i wei, da Sie mir's zahlet,
wann Sie emal Geld berkmmet.
    Ich drckte die hartgearbeitete gute Hand der Frau. Was wre die Welt ohne
das Mitgefhl der Armen! Frau Laubi nickte ernsthaft.
    I han's ja g'wit; Frulein Halmschlag wird mir's zahle, und wenn sie
Schtrmpf und Schuh verkaufe mue, han i zu mi'm Mann g'sait. Und selb isch wahr
gsi, sie ischt mir nd schuldig blibe; jede Rappe htt sie bizahlt.
    Auf meinen fragenden Blick erklrte sie weiter: I han's nd wolle verliede,
aber sie hat ebe alles und alles verchauft: ihre gute Chleider und Het, und auf
d'letscht' Tag ihre Bcher - no hnt mir aber alli zwei briegget, sie drinne und
i dusse in der Kuchi.
    Es dauerte eine Weile, bis wir uns wieder gefat hatten; ich sah's, die Frau
litt noch heut bei der Erinnerung an die traurigen Tage, und ich - von mir will
ich lieber nicht reden.
    Und niemals kam ein Brief von Hamburg! sagte ich.
    Wohl! unterbrach Frau Laubi, endlich ischt er cho', der Unglcksbrief, wo
d'letscht' Hoffnung zertrmmeret hat! Er ischt von der Schtadt gsi, Frulein
Halmschlag hat scheint's an d' Schtadtbihrde g'schriebe. Do ischt d' Antwort
cho': fr Frauezimmer chnnt mer nd mache, 's gb Schtipendie g'nueg, aber nd
fr Frauezimmer zum Schtudiere. Do hat sie ihre Bcher verchauft... Und ischt
furtgange. - - - -
    - Wohin?
    I wei es jo nd. I han denkt, Sie bringet mir B'richt von dem Frulein
Halmschlag. De ganz Tag, wo der Unglcksbrief cho' ischt, ht's murmelet:
Brechen! brechen, mit allem brechen, nd mehr. Sie hat kei Bissen gessen und
ischt fascht nd bei sich gsi, wisset Sie. Und in der Nacht hat's g'schraue, i
han nd chnne schlafe, przis nd.
    Und am Morge schiebt sie mir de Choffi z'rck und packt mi am Arm, - do! und
sait:
    Frau Laubi, wir Frauen haben kein Vaterland!
    So hat sie g'sait.
    Z'erscht han i's nd verschtande, no hat sie mir's erklrt, und i han's gut
verschtande.
    Wir Frauen haben kein Vaterland!
    's ischt trurig gsi, przis trurig von so eme Frulein. - - -
    - Und dann?
    Und dann ischt sie furt, hat nd wlle sage.... Und i han d' Angscht
bercho', und min Mann und i und der ltescht' Bub mir hnt's g'suchet - dr
Tag, am See - wisset Sie - sie ischt halt schli drunte gsi, das gueti liebi
Frulein.
    Ich raffte mich mhsam zu der Frage auf, ob sie denn je die Absicht
ausgesprochen, sich -
    Wieder kam das vielsagende Achselzucken.
    G'sait ht sie 's nd, aber 's wr nd zum Verwundere. Sie hat so e
Charakter g'ha, sie ht nd und Niemert chnne sge. Und manchesmal ischt sie
noch frhlich gsi und ht mi trschtet, wenn min Mann - Ja, Herr Gott und Vater!
    Hingege wo ihre Bcher emol furt gsi sind, do ischt sie ganz schtill worde
und bleich und hat kei's Wrtli g'redet. Und so ischt sie furt. - Dr Tg hnt
mir g'suchet, aber nd g'funde. Do isch mir's in d'Sinn cho', da sie emol
g'sait ht: Frau Laubi, ich habe zwei Hnde! an dem han i mi dann 's bitzli
beruhiget, wisset Sie! - - I ht's nimme denkt, da es emol de Weg ging mit 'm
Frulein Halmschlag!

    - - - - - - - - - - - -

Grausames, grausames Leben!
    Am Tage ging es noch, da trat soviel Gegenwrtiges zwischen mich und die
qulenden Bilder, die der Bericht der Frau heraufbeschworen.
    Aber Nachts glaubte ich immer, wenn ich erwachte, nebenan ein Schluchzen zu
vernehmen, und zuweilen fuhr ich auf, - ich hatte einen grellen Hilfeschrei
gehrt.
    Das schreckliche Wort geschraue verfolgte mich. - - - -
    Grausames, grausames Leben! - So geht man bld und hilflos an einander
vorber.

Und nun liegen vor mir ihre Gedanken! - -
    Gestern ist das Packet gekommen, aber nicht mit der Post. Ein junger Mensch
hat es mir gebracht.
    Sie lebt also. Sie lebt!
    Und hier! Aber er konnte mir nichts von ihr sagen, er kannte die Absenderin
nicht, wute nicht ihre Adresse. Er solle dies da mir bergeben, in meine Hnde,
weiter sprach er nichts
    Vielleicht wollte er nicht. Sein kluges ernstes Gesicht widersprach seiner
Behauptung, da er nur einen Botengang gemacht. Es glhte frmlich auf, als
ich den Namen Frulein Halmschlag nannte.
    Aber er sagte nein, er kenne sie leider nicht. Leider, sagte er.
    Ich hatte nmlich das Packet vor seinen Augen geffnet und meiner Freude,
meiner berraschten Freude lauten Ausdruck gegeben, als ich sah, von wem es kam.
    Ich drckte dem jungen Manne fest die Hand, ich war ihm so dankbar! Und
herzhaft erwiederte er den Druck, obgleich er anfangs, seiner beschmutzten
Stiefel und seiner Arbeiterkleidung wegen, nicht ins Zimmer gewollt. An der
Hausthr schon hatte er kehrt gemacht. Nun sa er hier drinnen ganz unbefangen,
als kennten wir uns lngst.
    Ich kann Ihnen also keine Antwort mitgeben? fragte ich.
    Er verneinte, aber diesmal errtete er tief. Seine Lippen bewegten sich, als
ob er etwas sagen msse. Aber dann, mit einem unwillkrlichen feinen Lcheln
stand er auf und ging.
    Ich begleitete ihn bis an die Treppe; er flte so viel Vertrauen ein, da
ich ihm noch einmal sagen mute, wie sehr das unerhoffte Lebenszeichen mich
erfreut hatte.
    Und gleich mit einem Sprung an meinen Schreibtisch zurck, zurck an das
Heft, das er mir gebracht. Oben an der rechten Ecke hatte ich's gesehn: Lilie
Halmschlag, Zrich, Oktober 1887.
    Heute schrieben wir den 20. September 1892; im Winter 1889 war Lilie
Halmschlag verschollen. Ein altes Heft von ihr also!
    Was wollte das alte Heft mir sagen?
    Ich wog es ngstlich in der Hand. Dann, als ich es aufschlagen wollte, fiel
mir ein Briefchen entgegen, ohne Couvert, ohne Datum, aber an meinen Namen. Ich
las:
    Sie sind mir neulich begegnet und haben mich nicht erkannt. Es ist sehr
natrlich, und doch qult es mich. Nicht wahr, Sie htten mich gegrt, wenn Sie
mich erkannt htten? Unter allen Umstnden? Obgleich ich untergetaucht bin,
untergetaucht in die groe namenlose Menge?
    Ja, ich bin untergetaucht, aber untergegangen bin ich nicht. Mehr kann ich
Ihnen heut nicht sagen. Vielleicht - vielleicht begegnen wir uns noch einmal -
vielleicht trage ich eine Fahne - - Wollen Sie mich gren, welche Fahne ich
auch trage?
    Wollen Sie meine Gedanken lesen? Es sind die Gedanken einer Einsamen: als
ich zehn Jahr alt war, verlor ich meine Mutter, aber ich konnte es niemals
fassen, da sie tot sei, und ich schrieb ihr Briefe, sagte ihr alles, was mich
qulte und freute. Die Gewohnheit ist mit mir gewachsen. Ich hatte sie, sie,
mein geduldiges Ohr, das liebevolle Ohr der Einsamkeit, was brauchte ich die
Menschen! Sie hrte alles an, was ich ihr sagte, und durch die Jahre alle ist
sie treulich mit mir gewandert und hat sich gewandelt wie ich selbst. Nun werden
Sie verstehn, wer die ist, die ich Mutter nenne.
    Auerdem hab' ich noch eine Mama; sie ist meine Stiefmutter und kam zu uns
zwei Jahre - spter, ich war damals zwlf.
    Dann ist Papa da. - - - -
    Nein, nein, Niemand ist da! Niemand! schon lange, lange nicht mehr. Niemand
ist da, als die Menschheit, und die schwarzen Gewitterwolken, die dicht ber ihr
hngen. Ich hre sie donnern.
    Wollen Sie mich gren, gleichviel welche Fahne ich trage?

Welche Fahne? murmelte ich unwillkrlich, inde ich das Briefblatt mit den
schnen schwungvollen Schriftzgen aus der Hand legte, um mit Spannung und
Herzklopfen nach dem Heft zu greifen. Etwas Heies, Bewegtes quoll mir aus den
knisternden Blttern entgegen, die Tinte schimmerte wie eingetrocknetes Blut.
    Und dann las ich:
    18. Oktober 1887. In Zrich! wahrlich und wahrhaftig in Zrich! Mir sagt es
dieser warme Sonnenschein, die Berge, der See. Mit vollen Zgen trink' ich diese
Luft; ist es nicht die Luft der Freiheit? Alles so heiter, so freundlich, so
verheiungsvoll! Endlich, endlich hab' ich sie, fass' ich sie, die hei ersehnte
Zukunft! O da es Wahrheit geworden! Da solch ein glcklicher Tag noch fr mich
aufgehoben war. Ich mchte ihn auftrinken, diesen Sonnenschein, mchte all das
Grau vergessen, all den trben Nebel, der hinter mir liegt! Ach, sollt es mir
denn nicht glcken? Aber dies ist ja schon Glck!
    19. Oktober. Nein, gestern wute ich noch nicht, was Glck ist, aber heut'
wei ich's! Ich war in der Universitt. In der Universitt! ich! -
    Sie liegt so schn.
    Ueber der Stadt, ber dem Rauch der Herde, ber dem Dunst der Straen, ber
dem Wagengerassel und dem Arbeitslrm liegt sie ruhig und gro auf einem Berge,
die Burg der Wissenschaft, das denkende Hirn von Zrich! In freudiger Aufregung
bin ich rundum gelaufen, ein paarmal - und dann, dann hab' ich mich schchternen
Fues hineingetraut. Es sind noch Ferien, ich durfte ruhig hineingehen ber die
breiten Sandsteinstufen. Die Thr war offen, - alles frei und offen auch fr
mich! Sogar die offne Thr war mir ein Symbol, das mich entzckte. Hier war ich
einmal kein Frauenzimmer, vor dem man den Schlssel umdreht, hier war ich ganz
einfach ein Mensch! Ich atmete tief auf vor Freude; ach wie gehoben, wie
gewachsen komm' ich mir vor, seit ich in Zrich bin!
    Und dann ging ich glckselig durch all die langen hallenden Corridore und
Treppen auf und ab. Die Ehrfurcht nahm mir fast den Atem. Hier wohnt die
Wissenschaft, die lebendige, grne! dachte ich die ganze Zeit. Ein paar Thren
standen offen, niemand war in den Hrslen. Ich ging leise hinein. Es war ganz
schmucklos drinnen und wie ein Schulzimmer, aber ber der Thr stand:
Juristisches Seminar. Neugierig blickte ich mich um und errtete hei, als ich
daran dachte, da ich hier sitzen wrde, auf einer dieser Bnke, ein Mensch wie
ein anderer, wie ein Student.
    Mir traten Thrnen in die Augen. Aber da standest du neben mir, meine Mutter
und sahst mich gro und freudig an. Ich sah's, du glhtest mit mir vor
Entzcken, du hattest keine Furcht. Da wurde mir auf einmal ganz mutig. Ich ging
auf das Katheder und sah hinunter, und pltzlich war es mir, als htte ich etwas
zu sagen, viel zu sagen! Und die Bnke fllten sich, und Kpfe blickten mit
emporgewandten Augen nach der Stelle, wo ich stand. Es war wie eine Vision, die
mein Herz fast stillstehn und dann schlagen machte, rasend, zum Zerspringen. - -
-
    Dann bin ich an das groe Fenster gegangen und hab' hinuntergeblickt auf den
Sonnennebel, in dem die Stadt lag und Berge und See. All das hat mir solch einen
unauslschlichen Eindruck gemacht. Ich dachte: Dort unten rennt und treibt das
Leben, und wenn sie von dort emporsehn, so steht hier, thronend ber allem, die
geistige Arbeit. Und wiederum die Wissenschaft - wohin blickt sie? sie blickt
hinab in das Leben und sucht seine Wege zu ergrnden, die sich verschlingen, wie
dort die Straen vor meinen Augen. Und wie schn war alles von dieser Hhe! Die
Hast, der Kampf, der wilde Drang ausgelscht durch die Entfernung. Und -
Ausruhpunkte fr das Auge - so viele, viele grne Bume.
    19. Oktober. Ein Zimmer hab' ich auch gefunden, ein ganz kleines Zimmerchen,
fr zwanzig Franken. Eigentlich zu teuer fr mich, - vielleicht kann ich spter
wechseln. Es ist nur Bett, Waschkommode, Bcherbort, Tisch und Stuhl darin; die
Wirtin sagte mir, mehr als einen Stuhl knne sie mir nicht geben, denn Besuch
drfe ich nicht annehmen. Ich habe sie mit Lachen beruhigt! Glaubt sie, da ich
hierhergekommen bin, um meine Zeit mit Besuchen zu vergeuden? Als ich ihr das
sagte, wurde sie freundlicher und erzhlte, die Studentinnen seien alle sehr
fleiig. Das glaub ich, sagte ich, wir danken Gott, da wir endlich arbeiten
drfen, wozu es uns treibt. Ja, es gefllt allen hier, meinte sie und wurde
immer zutraulicher. Sie wird mir auch die Kost geben. Fr siebzig Franken. Es
ist fast zuviel fr mich, - ich habe ja so ntig zu sparen. Ich habe gerechnet
und gerechnet. Ich werd' es schwer haben; hundert Franken will Mama mir
monatlich zu schicken suchen, - davon mssen auch die Kollegiengelder und die
Bcher bezahlt werden, - neunzig Franken fr Zimmer und Kost ist also jedenfalls
zuviel. Warum bin ich nur darauf eingegangen? Ach du grauer Nebel, der du hinter
mir liegst - kommst du mir gleich wieder nachgekrochen, legst dich trb und
drohend um meinen Horizont? Ich wut' es ja! ich wut' es ja gut, da es schwer
gehn wrde. Im besten Fall, also wenn Mama regelmig schickt, und - darf ich
das hoffen? Und ich hoffe doch!
    Nein, morgen mu ich das rckgngig machen mit der Wirtin; neunzig Franken
sind viel zu viel.
    20. Oktober. Die Wirtin will nicht zurck. Sie besteht darauf, da ich
wenigstens einen Monat bleibe unter den abgemachten Bedingungen. Ich bin also
gleich wieder kopflos in eine Klemme gerannt. Ich htte vorher berlegen sollen,
aber das ist so schwer zu lernen! Hast du es gekonnt, Mutter? Ach, warum dann
hast du mir nichts vererbt von deiner Einsicht, deiner Vernunft? Siehst du denn
nicht, da ich unverbesserlich bin?
    Lieber Gott! ich sollte jetzt reuig ber meinen Leichtsinn nachgrbeln, und
statt dessen fhl' ich mich wie auf Flgeln, denn -!
    Ich bin ja heut beim Rektor gewesen!
    Mutter, hast du es gehrt?
    Hast du es gehrt? Ach, was frag' ich viel, ich sah dich ja bei mir stehn,
als ich bei ihm im Zimmer war. Und er so gtig! So einzig freundlich und
ermunternd.
    Er nimmt mich unbesehn!
    Er nimmt mich unbesehn!
    Das heit vorlufig, auf mein Examenzeugnis als Lehrerin. Im Laufe der
ersten Semester mu ich dann die Matura machen. Und wie gern!
    Als er hrte, da ich Jus studieren wolle, ward er ein wenig ernsthaft. So,
so! ja, das ist ja vortrefflich! Aber wie steht es denn mit Ihrem Latein? Als
ich nicht ganz schlecht sagte, atmete er auf und wiederholte dasselbe
wohlwollende: Das ist ja vortrefflich.
    In zwei Tagen ist die Immatrikulation. Mir ist so feierlich zu Mute, wie
einer armen Seele, die in den Kreis der Unsterblichen gefhrt werden soll. Der
Rektor hat mir solch einen kleinen Vorschmack von allem gegeben; Tag und Nacht
denke ich nichts andres. Sogar im Spiegel hab' ich mich schon drauf angesehen:
Du, eine Studentin! eine wirkliche Studentin! Ich trete gar nicht mehr auf den
Boden, ich bin eigentlich immer da oben, wo es blau ist, zwischen den weien
Wolken! Da treib' ich mich herum und bin ein kleiner, kleiner Vogel mit
weitausgespannten Flgeln und schwimme, schwimme, stumm vor Freude!
    21. Oktober. Ein Traum. Zu mir in die Stube kommt ein kleines grau und
unscheinbar gekleidetes Mdchen und bittet mich, ob es sich nicht ein bichen
bei mir ausruhen drfe. Darauf kauert es am Feuer. Wer bist du eigentlich?
frag ich sie, denn sie kommt mir so bekannt vor. Da sagt sie: Ich bin eine
Lerche. Eine Lerche? da kannst du wohl schn singen? Da wurde sie traurig und
sagte: Ach nein, das ist es ja gerade! Und dann flsterte sie: Ich bin
gefangen gewesen, hab' lange Jahre im Kfig gesessen. Die Leute hatten mich
gekauft, als sie von der Hochzeitsreise kamen, und ich habe viel Geld gekostet,
aber nachher konnt' ich doch nicht singen. Dabei liefen ihr immer die Thrnen
herunter. Und zuletzt? fragte ich. Da sagte sie noch leiser: Zuletzt haben
sie mich absichtlich fliegen lassen, damit ich umkommen soll. Und ich fhlte,
wie sie sich schmte, da sie so nichtsnutzig war, und in diesem Augenblicke
erkannte ich mich selbst, mein Gesicht und meine eignen Thrnen, - ich wachte
auf, und mein Kissen war nageweint. -
    Ich mute mich erst lange besinnen, eh' ich wute, da ich in Zrich bin.
    23. Oktober. Die Immatrikulation ist vorber, ich bin also jetzt akademische
Brgerin! Sehr feierlich und schn war des Rektors kurze Rede bei der Aufnahme.
Wir muten versprechen, unsern Studien fleiig obzuliegen, die Satzungen zu
halten, nichts zum Schaden oder zur Unehre der Universitt zu unternehmen. Ich
habe mit Begeisterung mein Handgelbde abgelegt. Der Rektor sah mich lchelnd
an, ich glaube, ich habe ihm zu fest die Hand gedrckt. Solche
Ungeschicklichkeiten mach' ich immer. Ich mte viel, viel ruhiger werden! Die
andern waren es freilich auch nicht: die Studentinnen, die mit mir aufgenommen
wurden, sieben Mdchen, schienen alle aufgeregt. Die Mnner sahen ganz
unbefangen und vergngt aus, - fr sie ist es aber auch nicht die groe Sache,
wie fr uns!
    Oh, ich will eine treue Jngerin der Wissenschaft, eine unerschrockene
Kmpferin fr das Recht werden! Ich habe ja dich, meinen unsichtbaren
Schutzgeist, neben mir, dich mit den weien Rosen im blonden Haar. Immer seh'
ich dich so, nickend, lchelnd, ermutigend, trstend! Oh, meine geliebte Mutter,
du wirst meine Mitstreiterin sein!
    24. Oktober. Heut bin ich in aller Frhe auf den Zrichberg hinauf. Wie
wonnig es dort war! Ein voller Sommertag. Der Himmel lacht durch die zitternden
Zweige der Birken und in tieferem Blau durch die Lcken der schwrzlichen
Fichten. Der frische Morgenwind schnellt den Thau von den bebenden Halmen, im
Grase leuchten noch Blumen, blalila Skabiosen, dunkle Prunellen, und dicht die
Brust an den Boden gedrckt, sah ich eine groe weie Strahlblume, silberwei,
eine kleine Sonne auf Erden! So mchte ich an die warme mtterliche Erde
gedrckt daliegen und mein Herz der Sonne ffnen, wie einen goldenen Kelch
........
    Zuweilen fiel ein gelbes Blatt, und wie leises Rieseln stubten die drren,
braunen Ktzchenschuppen der Birken. Zwei weie Schmetterlinge fliegen herbei,
nhern sich einander, suchen sich, haschen sich, nun sind sie ganz nah - - da
fhrt ein strkerer Lufthauch von Norden daher und drngt sie auseinander. Ich
sa dort oben und sah so vieles. Das ist nicht mehr die beglckte, stille
Sommerwrme, das tiefe Ruhen und Blhen: ein schrferer Zug geht durch die Welt,
eine Unruhe, eine Bewegung, als sei noch viel zu thun. Kein braunes Grasbltchen
steht still, kein Sonnenfleck, kein Blattschatten bleibt auf der Stelle. Weile!
weile! ruft der se Sommer, rege dich! treibe dich! ruft der heutige Tag!
Und mein Herz klopft und meine Hand zittert, und ich springe auf, als sei auch
fr mich gleich viel, viel zu thun! Gedanken - Plne sausen mir durch den Kopf -
Nein nein! ich bin keine Sonnenblume mehr, die am Boden liegt und trumt - - das
ist vorber, vorber.
    28. Oktober. Heut ist also der groe Tag, heut geh' ich zum erstenmal ins
Kolleg! So frh hat's mich aus dem Bett getrieben - es ist noch dunkel, meine
Lampe brennt, ich bin ganz fertig schon, aber es sind noch fast zwei Stunden.
Schon lange hab' ich am offnen Fenster gesessen, die Luft kam weich und
regenschwer, wie Frhlingshauch herein; der Mond scheint trbe - jetzt hat er
mir eine Fratze geschnitten, es hat mir fast gegraut! - -
    Oh, so andchtig erwartungsvoll war mir noch nie. Immer tnt mir eine Stimme
im Ohr: Was wir nicht errungen, doch erstrebt, - was uns nicht zu teil geworden
ist - - Nein, es ist nicht deine Stimme allein, meine Mutter, viele
Frauenstimmen sind es, klagende und triumphierende!
    Was wir nicht errungen, doch erstrebt - was uns nicht zu teil geworden ist
- - Aber den Schlu hr' ich nicht, - wie angestrengt ich auch horche. Weiter!
wie geht es weiter? Redet weiter, ihr lieben Schwesterstimmen! Nicht wahr, ihr
wnscht mir Gutes, ihr Abgeschiedenen? Was euch nicht zu teil geworden ist, -
ich soll es - soll es erreichen? Oh, heut ist mein erstes Kolleg! Triumphiert
mit mir, ihr Lebenden, klagen will ich mit euch, ihr Gestorbenen, denen nichts
zu teil geworden ist - von dem was ihr erringen und erstreben gewollt - -
nein, ich kann nicht klagen, heute nicht! Es wird hell! es wird Morgen! Heute
ist mein erstes Kolleg! -
    30. Oktober. Nach den ersten Kollegien.
    Was ich gelernt, gelesen, gedacht, - all' das zerfliegt wie leere Spreu! Ich
bin so unwissend! ich bin so weit zurck! ich bin so schlecht vorbereitet! Ich
bin so dumm! so kindisch dumm!
    Ich soll mit bloen Fen auf scharfen Dornen gehn! Harte Thatsachen starren
mir entgegen, wo ich von himmelhohen Gedanken trumte! Ist die Wissenschaft so
etwas Plastisches? Konkretes? Aber das hab' ich ja gar nicht gewut!
    Im Rechtsleben, hab' ich gedacht, kommen ethische Ideen zum Ausdruck, aber
es scheint gar nicht wahr zu sein! Es scheint sich mehr um Gebruche, als um
Gedanken zu handeln? Ich glaube, die Menschheit als Ganzes denkt, fhlt viel
humaner, als die Gesetze es verlangen. Sie scheinen mir berholt, ausgewachsen,
ihr Wortlaut mittelalterlich roh. Und wenn ich sie mit den Jesusworten
vergleiche, mit dieser unendlichen Zartheit der Empfindung, des Gewissens, die
in jenen Lehren liegt, die vor 1900 Jahren ausgesprochen worden, so finde ich -
-
    Ach, ich bin ein dummes Kind! wen kmmert's, was ich finde!
    Und doch, - es scheint mir, da auch ich sagen mu - - helfen mu - - -
    20. November. Lange nichts hier eingeschrieben. Ich bin ja zu verwirrt von
all dem Neuen. Dumme Sorgen kommen auch dazu, die dmmsten, elendesten Sorgen,
die der Mensch sich machen kann, die um das nackte Leben! Das heit, ich mache
sie mir nicht, sie zwingen sich mir auf, leider. Mama schreibt sehr kurz; -
neulich hat sie mit Papa meinetwegen eine heftige Szene gehabt. Er hat sie
gefragt, ob sie wisse, wo ich mich aufhalte. Mit drohender Miene. Sie hat nein
gesagt. Sie thut mir so furchtbar leid! Ich bin es, die sie zu lgen zwingt,
ich, die ich so leidenschaftlich gern ehrlich und wahr durch die Welt gehen
mchte. Es wird ihr sehr schwer, schreibt sie, das Geld fr mich unbemerkt
fortzuschicken. Ach, wenn ich es doch nicht brauchte! Manchmal, beim Essen, habe
ich solch ein erstickendes Gefhl im Halse, - das abscheuliche, dumme Essen
kostet am meisten! Wenigstens hab ich ein billigeres Zimmer jetzt, nur sechzehn
Franken! Es liegt sogar freier als das vorige. Zum Mittagessen geh ich fort,
abends gengt ja Brot und Milch vollkommen. Ach, es ist doch viel, was ein
Mensch zum Leben braucht, unglaublich viel. Man ist immer von neuem hungrig, und
doch htte man das Geld fr soviel wichtigere Dinge ntig. Ich mte mir so
viele Bcher kanfen, ich habe ja so unbersehbar viel zu lernen, nachzuholen!
    Ach, und wenn man doch Zeit kaufen knnte, das wre noch schner! Nur ein
paar Jahre nicht vom Flecke gehn, nicht lter werden, bis man ein bichen klger
geworden ist. An welcher Stelle wird die zeit vergeben? Wo soll ich darum
bitten?
    Manchmal berluft's mich ganz hei, wenn ich denke, wie ich ewig im
Provisorium stecke, und ich sehe mich um, ob es den andern auch so geht. Und
dann scheint mir: ja! Unser Aller Leben ist ein Provisorium.
    Aber soll es so sein? Soll das Leben vergehen, wie etwas Vorlufiges? Immer
bereiten wir uns vor! Wozu? Den Glauben an die Unsterblichkeit haben wir
aufgegeben, aber nun betragen wir uns, als lebten wir ewig auf der Erde! Ich
nicht. Mir ist so angst oft. Aus allen Ecken ruft es: schaffe so lange es Tag
ist, es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Der Ruf raubt mir den Schlaf.
Und ich fahre auf, und - vertiefe mich in meine Bcher! Was hilft es, da ich's
fast lcherlich finde, ich kann ja sonst nichts thun. Ich mu ja aufnehmen, nur
immer aufnehmen, ich bin ja nur eine Elementarschlerin, von der hintersten
Schulbank.
    2. Dezember. Tage und Tage schon steht ein milchweier Nebel ber der Stadt
und dem See, - eine reiche Schneesammtdecke berkleidet Wiesen und Weinberge.
Dazu ein milchweier Himmel, lautlose Stille, balsamduftende Frische. Kein
Sonnenstrahl, kein Wind. Alles ganz wie in meinem Kopfe jetzt. Da ist's auch
nebelig und still. Ein gedmpftes Zuwarten. Aber wenn nicht die Sonne irgendwo
dahinter steckte, so wre ja der Nebel grau und schwarz wie bei uns in Hamburg!
    Nein, nein! Wohl kommen Stunden, wo ich mich erschrocken umsehe und frage:
wo ist meine groe Freude geblieben? Aber dann, auf einmal, ein interessantes
Wort im Kolleg, ein weiter Gedanke, der mir ein groes dunkles Feld mit
flchtigem Blitzlicht erhellt, und ich erkenne alles, wie es ist. Meine schne
Freude ist nicht vergangen, sie hat sich nur in viele viele Perlen zerteilt, wie
das Quecksilber, wenn man's ausgiet. Und die Perlchen verschlpfen, verkriechen
sich wohl in das einfrmige weie Gewebe des Tags......
    20. Dezember. Jetzt kommen Weihnachtsferien, morgen ist zum letztenmal
Vorlesung, Viele sind schon verreist. Es ist eigentmlich - ich stehe ganz so
isoliert hier, wie ich immer in der Schule stand: Niemand spricht mit mir, und
ich spreche mit niemand. Ich bin scheu, ich geniere mich, ich wei ja nicht, ob
es jemand gern she, wenn ich ihn anredete. Aber die Einsamkeit drckt mich
zuweilen, und wenn ich es wagte, bte ich wohl einmal jemand um Rat bei meinen
Studien. Wenn ich es wagte! Nein, sie sehn alle so sicher und sorglos aus - es
geht nicht. Und die einzige Studentin, die mit mir hrt, ist so eilig immer und
grt nie, nicht einmal dazu nimmt sie sich Zeit. Das wre doch Snde, die noch
zu stren.
    - Weihnachtabend. Ist es wirklich Weihnachtabend? Kein Zeichen sagt es mir,
auer dem dunklen Tannenkranz, den ich eben um dein geliebtes Bild gewunden
habe, meine Mutter! -
    Es ist im Hause wie alle Tage. In der Kche rasselt meine Wirtin mit Kesseln
und Deckeln; heute Morgen hat sie mir ihr Herz ausgeschttet. Ihr Mann hat sich
vor zwei Jahren das Leben genommen und zwar, wie sie sagt, um sie zu rgern,
denn die Versicherungsgesellschaft hat ihr nichts ausbezahlt, da der Mann durch
Selbstmord geendet. Nun hat sie einen Proze und mchte von mir Rat wissen. Es
war ein sonderbares Weihnachtsgesprch; so entsetzlich abstoend erschien mir
diese Frau, die kinderlos und nicht ganz arm, mit funkelnden Augen, die
lebendiggewordene Habsucht, von dem schnen Gelde und dem schlechten Manne
sprach, der sich erhngt hatte, damit sie nichts bekomme. Sie sagen noch, ich
htt ihn dazu getrieben, ich htt ihn nicht gut behandelt, krchzte sie, und
ihr eigentlich hbsches Gesicht wurde zur Grimasse. Ich wollte, sie htte mir
das nicht erzhlt; sie ist mir ganz zuwider geworden, ich mchte so bald wie
mglich ausziehn. - -
    Und nun sitze ich und lese im rmischen Recht und lese vom Erbrecht! Man
kann es ja wohl bewundern, diese Subtilitten alle, diese feinsten
Ausgestaltungen des Eigentumsbegriffes, aber sich dafr begeistern, es schn und
wnschenswert finden als die Grundlage der menschlichen Beziehungen
untereinander - nein, das scheint mir unmglich! Ueberall zwischen den Blttern
sehe ich habschtig, eigenschtig funkelnde Augen, und Finger, zum Behalten, zum
Greifen gekrmmt, strecken sich daraus hervor. Jeder Buchstabe krmmt sich zur
Kralle. Ich mag nicht mehr! Heut abend nicht. Ich mu das Buch zuklappen und
meine Gedanken wandern lassen - es sind ja Ferien jetzt! Das Fest der Liebe!
    Ach, wo ist die Liebe?
    Jeder fr sich! Jeder fr sich! Jeder fr sich! so hmmert's mir im Kopf.
Jeder fr sich! Oh die traurige Welt! Das ist sie ja, die Welt von heute, die
Welt des Egoismus, die Welt der achselzuckenden verbrecherischen
Gleichgiltigkeit, die Welt der ghnenden Langeweile einerseits, die Welt der
Hirn und Blut verspritzenden Frohn auf der andern Seite! Die Welt, wie jene sie
gemacht haben, die bis jetzt regierten durch Benutzung der rohesten tierischen
Triebe.
    Jeder fr den andern! das wre die Welt, wie ich sie wnschte! das schne,
heitere, enthusiastische Dasein, wie ich es fr eine zuknftige glcklichere
Menschheit trume!
    Es ist so hlich, fr sich selbst zu sorgen, sein Recht verlangen, fr sich
selber kmpfen, alle verliehenen und ausgebildeten Krfte fr sich selbst
verwenden, - so abstoend und so langweilig! Es ist so schn, alles das fr
andre einzusetzen, es ist so begeisternd, es leiht Riesenkrfte. Und gewi, ich
fhle es tief hier innen: es ist der einzige Weg zum Glck. -
    25. Dezember. Ein Brief von Mama, aber vom Fest steht wenig darin. Sie
schreibt, ich wrde hoffentlich das Glck finden auf meinem selbstgewhlten
rauhen Wege. Es giebt Menschen, sagt sie, die dort grade ein Vergngen
finden, wo die gesunden und nicht verschrobenen Leute, wie zum Beispiel ich, nur
unntze Erschwerungen und Unannehmlichkeiten sehn. Dann wnscht sie mir ein
frohes Fest und schickt mir ein schwarzes Spitzentuch. Dein Papa ist in einer
Brenlaune, und wir haben auf nicht gerade angenehme Feiertage zu hoffen. Arme
Mama! Ich wei ja nur zu gut, wie es sein wird. Ein Weihnachtsbaum bis zur Decke
und darunter gelangweilte oder gleichgiltige oder bellaunige Gesichter, - eine
Menge Kuchen, Vormittagsvisite mit Portwein, - Gste zu Mittag -
Mockturtelsuppe, Gans und Karpfen - viel Rotwein - Toaste auf alle
Familienglieder, - auf die holden Damen, - sattes Herumsitzen in den
Schaukelsthlen und Sofaecken und nie ein Wort, ein gutes, frohes Wort, ein
warmes, inniges Wort, das man inwendig weiter sprte!
    Ist es nicht traurig, da es so wenig warme Pltze giebt in der Welt, und
da es die meisten von uns bestndig in der Seele friert oder doch frstelt? Die
Familie sollte solch eine warme Stelle sein, aber das ist nicht mehr. Es ist nur
noch ein Ort, wo die Menschen zusammenkommen, um zu essen und zu schlafen. Ihre
Gedanken sind meilenfern von einander; sie leben sich nicht zur Freude, nur zur
Last. Der Herd ist zerschlagen, ist entweiht. Ich bin gegangen, und ich bin
dessen froh, alle Tage. Die Konvention, die Schablone, die Heuchelei htte mich
dort erstickt.
    Aber so schn glnzt das alles auf den alten Bildern, da er uns noch
ergtzt, wenn auch nicht mehr erwrmt, der ferne fremde Feuerschein! -
    27. Dezember. Nun hab' ich meinen Weihnachtstag doch noch gehabt. Ich war
dben im Walde im tiefen Schnee. Ach, wie das herrlich war! Geheimnisvoll und
dmmerig am helllichten Tage. An den hohen Fichten, die wie eisgraue feierliche
Wchter am Rande stehn, waren die Reifverbrmungen von Ast zu Ast
zusammengeschmolzen und hingen nun so in groen, schweren, unbewegten Massen,
ernst, schweigend, nicht das kleinste Lftchen rhrte daran. Scharf abgezirkelt,
wie ein bleicher Vollmond stand eine weiliche Sonne am weien Himmel, eine
groe blanke, strahlenlose Scheibe, in die man furchtlos die Augen versenken
konnte. Ich stand am Waldrand und sah das schne Limmatthal im weien Nebel
verdmmern, Melancholie und Trumerei beherrschten die versteinte Welt.
Unsichtbare Vgel, unsichtbar in den dichtverschneiten Zweigen gaben schwache,
trumerische, verhaltene Laute von sich. Wie starre Korallen standen die
niederen Gestruche am Bergeshang, und pltzlich war mir, ich gehe auf dem
Grunde des Meeres und sehe sie dort wachsen, abenteuerlich und vielgestaltig,
die Korallen.
    Ich ging und ging und dachte: ja, wie auf dem Grunde des Meeres; so
abgetrennt und verschollen, allein, kaum noch lebend! Wie lange hab' ich mit
niemand gesprochen. Meine eigne Stimme ist mir fremd geworden.
    Der Nebel um mich stieg langsam hher und hher, schon verhllte er den Weg,
den ich eben gegangen. Aber nun ward das Gefhl der Einsamkeit kstlich, trotz
eines leichten Grauens. Ich sprte heftiges Herzschlagen, und es zog mich wie
mit Armen immer tiefer in den Wald, ber den der Nebel ganz heraufrckte, als
gelte es, das Geheimnis zu verhllen, das zwischen den lautlosen Bumen lagerte.
    Eine Offenbarung wollte mir werden, ich fhlte es.
    Ich blickte zur Sonne hin, ich suchte sie zwischen dem weiverwirrten
Astwerk, da - pltzlich glhte sie auf wie eine Rose, der weie Nebeldunst
frbte sich warm, aus der Rose sprhten zuckende Funken, Flammen schlugen ber
den Himmel hin, lohten und stiegen empor, verklrt und verklrend, - - eine
unbeschreibliche Glckseligkeit durchdrang mich - - Worte umklangen mich, - -
khne, unbegreifliche, und so wie aus weiter Ferne, aber mit hellem,
hinreienden Ton, - - Worte, die ich nun wieder suchen mu, mein ganzes ferneres
Leben lang!
    Ein neuer Morgen fr die Menschheit - ein neuer Morgen fr die
Menschheit - - oh, wer drfte diese Worte vollenden, ohne zu zittern, - oh,
wessen Lippen sind rein genug, sie ohne Zagen auszusprechen!
    1. Januar 1888. Zum erstenmale schreib' ich die neue Zahl. Sie sieht
gutmtig aus, scheint mir. Ach, ich kann es brauchen, ich bin so bekmmert und
so unsicher, was ich thun mu! Diese Begegnung mit Frulein Bernburg und ihre
Zurechtweisungen alle - ich bin also auf ganz verkehrtem Weg und habe dies
Semester vollstndig verloren! Schrecklich! Schrecklich!
    In den Ferien gedenken Sie sich auf die Matura vorzubereiten? Sie scheinen
also nicht zu wissen, was alles dazu gehrt? Knnen Sie zum Beispiel ber das
Nervensystem der Ameisen etwas Zusammenhngendes sagen und die Geschichte auch
an die Tafel zeichnen? Na, und Trigonometrie? Die haben Sie noch nie gehabt? Ja,
was denken Sie denn aber, da Sie da nur so eins, zwei, drei in den Ferien
hineinspringen knnen? Sind Sie denn sonst in mathematisches Genie? Ich kann
Ihnen nur raten: geben Sie die Vorlesungen auf, die helfen Ihnen noch gar
nichts, nehmen Sie Privatstunden, setzen Sie sich energisch dahinter, und seien
Sie froh, wenn Sie in einem Jahr Ihr Maturittsexamen machen knnen, das kommt
Ihnen sonst nur alles durcheinander. Ich wei, wie's mir geht! Sie sind
immatrikuliert, aber wozu?
    Sie hat's also auch noch nicht, und trotzdem studiert sie schon. Wenn ich
nur nicht so schchtern - dumm wre, htte ich sie gefragt, warum sie mir so rt
und sich selber anders; aber es ist doch gleichgiltig; mir scheint, ihr Rat ist
vernnftig. Wre er nur frher gekommen! Zeit und - Geld verloren, und ich habe
so wenig von Beidem! Nein, die Kollegien besuch' ich nach wie vor, es ist keine
Gefahr, da ich alles wieder vergesse, - ich glaube nicht. Privatstunden kann
ich erst spter nehmen, die sind zu teuer! Nein, ich mu mich allein
vorbereiten. Aber ich habe die Sache wirklich zurckgeschoben, vernachlssigt,
und ich hatte doch extra dem Rektor versprochen, die Matura bald zu machen. Wie
ist nur das gekommen? Ich schme mich so! Nein! vom Nervensystem der Ameisen
wei ich so gut wie nichts - oh Gott! Aber das kann man ja lesen, das kann man
ja lernen. Es ist ja auch sehr interessant! Aber man wird doch nicht nach den
Ameisen allein gefragt - es giebt ja entsetzlich viele Tiere! Und dann -
Pflanzenphysiologie, sagt sie? Ich habe keine Ahnung! Und alles ginge noch gut,
alles, wenn nur die Mathematik nicht wre. Latein erschreckt mich kein bichen,
Geschichte geht auch, aber Trigonometrie! Wo soll ich anfangen? Himmel, all die
verlorene Zeit! Und die Nervensysteme aller Tiere? Aller? Es giebt doch so
viele! Nein, wie entsetzlich! Zum Lehrerinnenexamen hat man so wenig
Naturgeschichte gefordert. In unsern dummen Mdchenschulen lernt man ja nichts.
    Ein Jahr! ein ganzes Jahr fr diese Vorbereitung! Macht anderthalb mit
diesem verlornen Semester! Es ist zum Verzweifeln. Und die gequlte Mama, die
kaum vor Papa verbergen kann, da sie mir Geld schickt. Einmal wird er es
erfahren, und dann ist's aus! Was ich dann thun soll -? - Nein, noch will ich
nicht daran denken, sonst verliere ich die Energie. Das ist ein trauriger Anfang
fr das neue Jahr.
    Ja, warum haben wir eigentlich keine Schulen, wie die Knaben? Warum fertigt
man uns unglcklichen Mdchen ab mit einer Vorbildung, bei der wir weder leben
noch sterben knnen? All die groen Gymnasien mit den unzhligen Zimmern, und
kein Pltzchen darin fr ein Mdchen, das etwas lernen mchte! All die mchtigen
wissenschaftlichen Anstalten, all die uralten berhmten Universitten, und
nirgend ein Raum fr uns Armen!
    Nur hier! nur hier! Oh wie ich dich liebe, du einziges, teures, gerechtes,
liebes Schweizerland! Ich mchte deinen gastlichen Boden kssen, der auch fr
uns arme Mdchen Gastlichkeit kennt! Hier lebe ich! hier darf ich ein wirklicher
Mensch sein! Alle Erfolge der Wissenschaft, alle neuen genialen Entdeckungen und
Erfindungen, die daheim nicht fr uns Frauen in Betracht kommen - hier hab' ich
Teil daran, obgleich ich nur ein Mdchen bin. Hier sind mir mitgerechnet. Oh wie
ich dankbar bin!
    Ich hab' es schon als Kind gefhlt, wie ungerecht man uns behandelt. Mit
wieviel Hohn. Unser Aufsatzlehrer hatte diese Phrase: Frauen sind Kinder, die
lernen doch nichts! Als ich es zum erstenmale hrte, wurde mir sehr hei, ich
bekam vor Zorn und Scham Herzklopfen, ich mute tief auf mein Buch sehn, - und
so grenzenlos wunderte ich mich: Warum sagt er das? Kinder? Ewig Kinder? Wieso
denn? Alle Frauen? Wir hatten grade Iphigenie gelesen; wo ich ging und stand
sah ich eine herrliche weie Priesterin vor mir, ganz in Licht, so gro und so
gut. War Iphigenie auch nur so ein Kind, das nichts lernen kann? Und die
Prinzessin im Tasso? Und Dorothea? Beim Mittagessen - ich wei es wie heute, -
ward Papa bse, weil ich ganz verkehrte Antworten gab. Schlfst du? rief er
dicht an meinem Ohr. Nein, sagte ich, ganz erschrocken. Was steckt dir denn
im Kopf? Gleich sag, woran denkst du so vertieft? An Iphigenie, sagte ich
noch erschrockener. Da kopfschttelte er, warf die Gabel hin und seufzte
schrecklich. Es war ein trauriges Mittagessen. Mama war auch sehr ungehalten,
ich wei nicht weshalb. Aber ich konnte eigentlich nicht dafr, ich dachte noch
lange vor dem Einschlafen an Doktor Reinsdorf und an Iphigenie. -
    Er sagte den Satz bald wieder. Ich sah sein Gesicht an dabei! Es war ganz
verkniffen, und in seinen Augen spielte eine bse Flamme. Er sagt es, um uns zu
rgern, dachte ich, er glaubt es selber nicht. Wir waren vierzehn Jahr alt und
konnten uns nicht wehren. Wir sprachen nicht darber in der Klasse, aber wir
fhlten es wohl alle, wie er uns behandelte.
    Ich trumte davon, da ich ihm das nchstemal sagen wollte: Wenn wir nichts
lernen knnen, warum qulen Sie sich mit uns ab? Aber ich wre wohl eher
gestorben, als da ich es gesagt htte.
    Dann bekam ich unvermutet von Onkel Wilhelm Geld zu Weihnacht und kaufte mir
heimlich Shakespeare dafr. Papa und Mama durften nichts wissen, nur dir, meine
se Mutter, erzhlte ich alles, und du schaltest mich nicht. Weit du, wie ich
dir von Cordelia und Desdemona, von Imogen und Beatrice geschrieben hab? Wie ich
dir gesagt hab, glckselig, frohlockend: Doktor Reinsdorf wei gar nichts von
Mdchen, - Goethe und Shakespeare, die wissen es! - Spter dann hab' ich
gesehn, da sehr viele Mnner denken und sprechen wie unser Aufsatzlehrer, und
da ihre Handlungsweise ihren Reden entspricht. Sie wollen alles fr sich
behalten und sagen deshalb: Frauen sind Kinder, lernen doch nichts! Keine
Schulen fr sie! keine Universitten fr sie! Und dabei sind ihre Gesichter
verkniffen, und Bosheit und Hohn blitzt in ihren Augen.
    Ich aber habe nicht aufgehrt und will nicht aufhren, mich an denen zu
trsten, die es besser, die es einzig gut wissen: an den grten Dichtern aller
Zeiten! - -
    Was ntzt mir nur mein Lehrerinnenexamen? Ich habe hundertfnfzig
Gesangbuchlieder auswendig gelernt. Ich habe sehr viel Kirchengeschichte gehabt.
Auch sehr viel preuische Geschichte! Vielleicht erlaubt man mir bei der
Maturittsprfung statt Differentialrechnung die hundertundfnfzig Gesnge
aufzusagen und statt ber das Nervensystem der Ameisen ber irgend eine Synode
zu sprechen? Einen Wert mssen die Sachen doch haben, da man sie uns so eifrig
beigebracht hat!
    Was man nicht hat, das eben brauchte man, Und was man hat, kann man nicht
brauchen!

12. Januar. In der strahlenden schneeblauen Beleuchtung gehen die Menschen umher
wie kranke, gelbe Schatten, wie Gespenster, so, als ob sie gar nicht
hineingehrten. Es schneit immer noch, aber dabei schleicht langsam die Sonne
ber den Schnee. Mir ist so sonderbar schlfrig und gleichgltig, ich mchte
mich unter die weibehangene Hecke ducken, das Kleid berm Kopf, wie ich es als
Kind so gern that und schlafen - schlafen - bis wieder die Schneeglckchen
luten.
    Wenn wir uns bequemten, zu thun wie die Bren und Fledermuse, so einen
langen, dauerhaften, ununterbrochenen Winterschlaf hielten - wieviel Spannkraft
knnten wir aufspeichern! Schlafen, schlafen und dann - im ersten Frhlingssturm
wach' ich auf, schttle mir die drren Bltter aus dem Haar und den Schlaf aus
den Augen, springe auf die Fe und - hui - wie der Wirbelwind den Hgel hinab!
Die Beine sind noch etwas starr, die Gelenke eingerostet, die Stimme will nicht
jauchzen, wie sie soll. Denn jauchzen soll sie, laut und gell! und alle grnen
Grasspitzen, die sich aufrichten, k' ich im Vorberrennen, und der Sonne werf'
ich Kuhnde zu und bin ganz geblendet und nrrisch vor Freude!
    Und nun erst die Menschen! Alle alle hab' ich lieb! Alle kenn' ich sie! In
allen schlgt mein eignes Herz! Und alle sind sie wie ich, verwundert, frhlich
ber die Maen, geblendet, nrrisch und liebevoll.
    Guten Morgen, guten Morgen, ihr aufgewachten Seelen! Wie fhlt ihr euch?
Gelt, die Welt ist schn? Alles neu, alles wieder geschenkt, und wir alle so
jung! Die Aeltesten von uns gleich jungen Kindern! Da fliegt ein Zitronenfalter,
habt ihr gesehn? Ha, wie die schwarzen Wolken rasen und der Regensturm ber das
grne, sprieende Gras schmettert! Heissa! wie schn! Sengende Sonne und
tiefblauer Himmel, schrger, schimmernder Regenfall, flatterndes, drohendes
Gewlk - alles untereinander, das bin ich! Welt, ich bete dich an! Frhling, du
bist mein Geliebter! Oben tanzen leuchtend die Sterne vor Lust, und drunten
schlingt sich ber die Ebenen, ber die Hgel der frohe Menschenreihn, der
Frhlingsreihn, das Fest der Auferstehung, das Fest der auferstandenen Kraft und
Liebe!
    Oh so knnte es sein, wenn wir den Winterschlaf hielten, statt in dem
strahlenden Schneeblau herumzuwandern, vermummt und verschnupft, wie kranke,
gelbe Gespenster, und wenn das Fest der Erneuerung kommt, mde und
stubenverhockt und verstndnislos das langersehnte Wunder an uns vorberziehn zu
sehn, das nur die Unmndigen noch bejauchzen und die Narren!
    Ende Januar. Heut Morgen war ich, unbefugter Weise, im botanischen
Laboratorium. Ganz zufllig, aus Neugier bin ich hineingeraten, da die Thr des
Vorzimmers weit und einladend offen stand, und niemand drinnen zu hren war. Es
hat mir so unmenschlich gut gefallen, da drinnen. Ich kam um acht Uhr in die
Universitt, kaum recht aufgewacht. Es war so stillkaltes Wetter, Nebel um alle
Berge, nicht einmal der Uetli zu sehn. Die vielen Nadelbume standen da wie
schwarze Sulen, die dnnen schaudernden Birken sahn aus wie die Schatten ihrer
selbst, eisgrauer, pulvertrockener Schnee lag auf den Rasenpltzen, der
Springbrunnen vor der Universitt war eine Fontne aus Eiszapfen, und die rote,
zierliche, pfeildnne Kirchturmspitze - es ist die Predigerkirche - schwamm
undeutlich im kalten grauen Dunst.
    Ganz verlassen sah die groe Eingangstreppe aus, denn der Nachtwind hatte
den alten, grauen Schnee auf ihren Stufen hoch aufgehuft.
    Ich kam in unser Auditorium und fand an der Thr den Zettel vom Professor,
da er heiser sei. Frstelnd, unbehaglich und verlassen strich ich auf dem
kalten Korridor umher, wo noch die Hngelampen brannten und die Studierenden
lautlos und ghnend ihre Ueberrcke und Mntel ablegten. -
    Da sah ich die offene Thre zum Laboratorium, und es schien mir verlockend,
hinein zu gehn. Im Vorraum hing zwar ein dicker Mantel und eine Pelzkappe, aber
im Saal, dessen Glasthren eben so gastlich offen waren, sah ich doch niemand,
zum Glck. Ich ging auf den Zehen hinein. Eben wurde es hier ordentlich hell, es
gab auch groe Fenster genug, an zwei Seiten. Vor den langen Arbeitstischen an
den Fenstern standen einladend die kleinen, gelben Hocker, - oh wie gern htte
ich mich dort mit hingesetzt! In der Mitte des Raumes neben einem eisernen
Pfeiler stand ein Arbeitstisch, ber dem eine Gasflamme brannte, und auf der
Gasflamme kochte etwas, es brodelte traulich in einem Glasgef, das in einem
Topf mit Wasser hin und her wackelte. Ein Hauch von Morgenfrische und Regsamkeit
fllte den ganzen Raum. Auf den Tischen, unter Glasglocken und in Glasksten vor
den Fenstern wuchs allerlei Grnes, auch Aquarien sah ich von verschiedenen
Gren, und alles ward grner im heller werdenden Licht.
    Pltzlich bemerkte ich, da jemand hereingekommen war, er an einem Schrank
herumschlo und nun mit einer Ladung Mikroskope im Arm von einem Platz zum
andern ging und die Mikroskope verteilte. Er putzte und wischte daran und grte
mich stumm, ohne sich zu wundern. Ich wollte mich flchten, aber da kamen
mehrere Studenten und Studentinnen herein, und auch sie schienen sich nicht zu
wundern, da ich da war. Ich sah zu, wie der Herr, jedenfalls der Assistent, nun
vor jeden Platz zwei Wasserglser stellte und sie vorsichtig fllte, voll
Selbstvorwurf den Kopf schttelnd, wenn ein Tropfen nebenbei auf den Tisch fiel:
er wischte ihn auch sofort mit einem Tuche fort. Inzwischen waren schon soviele
Praktikanten da, da es summte, wie in einem Bienenschwarm; sie liefen umher mit
ihren Schlsseln, um die Schiebladen zu ffnen und Objekttrger und
Prparirnadeln herauszunehmen. Der Professor war auch schon da, nach rechts und
links nickte er, und das buschige Haar bewegte sich dabei um das dunkle,
eigentmliche Gesicht mit den lebensprhenden Augen. Er rauchte noch schnell
eine Zigarre fertig, whrend er neben der groen Tafel stand und tchtig daran
wischte. Eben wollte ich ihn um Erlaubnis bitten, ob ich bleiben drfe, als auch
die junge Frau Professorin erschien, von der ich schon wute, da sie seine
Assistentin sei. Sie sah sehr lieb aus, eine rundliche, kleine, blonde Dame,
rotbackig von der Klte, mit so freundlich bereitwilligen Augen, da ich mein
Anliegen gern bei ihr vorbrachte. Sie sagte sogleich ja und wies mir einen Platz
an. Ich hrte und sah sehr viel Interessantes diese Stunde, aber das Ganze war
als Ganzes schn, und einzig gefiel mir die Professorin-Assistentin, die berall
am schnellsten entdeckte, wenn ein Student oder eine Studentin nicht weiter
konnte oder eine besondere Auskunft wnschte. Dann, sofort war sie da, und ihre
immer streng wissenschaftlichen Erklrungen wurden wahrscheinlich mit nicht
geringerem Interesse angehrt, weil sie von einem so frischen, jugendlichen,
roten Munde kamen!
    Und so viele, viele Menschen haben keine Ahnung davon, da dieses Schne
existiert, und so viele, viele Frauen glauben, es sei etwas Unnatrliches,
Unpassendes, wohl gar Ungehriges, die Frau im wissenschaftlichen Beruf! Wie
schade fr sie selbst! Knnte ich sie doch alle herrufen in das botanische
Laboratorium! -
    Die Frau gedeiht ausschlielich in der Familie, sagen diese. Aber, - ist
sie denn so herrlich gediehen? Ist sie nicht grade in der Familie verkmmert?
zwergwchsig geworden? Der Mann entzieht sich dem Druck und Zwang der endlosen
Kleinigkeiten, - er mu ja auch drauen auf die Geldjagd gehn, das begreift
selbst die Beschrnktheit! - die Frau aber erstarrt darin, nimmt alles
Nebenschliche fr die Hauptsache und schtzt das Wesentliche gering. Das Urteil
wird gefangen, der Horizont durch lauter Nichtigkeiten verhngt. Hinaus! Hinaus!
Wir haben so lange im Familienkreise gehockt, da wir kurzsichtig wie die
Schnecken geworden sind, und furchtsam berall unser Dach mitschleppen mchten.
-
    17. Februar. Es giebt hier ein Sprichwort: Es kann Einer seinem Heu Stroh
sagen, da heit, mit seinem Eigenen nach Gutdnken verfahren.
    Ja, so haben sie mir gethan daheim. Sie haben mir nur Stroh gesagt, sie
haben mich wertlos gemacht vor sich selbst, vor mir selbst, vor allen, die mich
kannten.
    Warum?
    Weil ich anders bin als sie!
    Aber heit denn anders sein immer schlecht, wertlos sein?
    Sie fahren noch jetzt damit fort. Mama schreibt mir heute: Papa spricht von
dir in Ausdrcken! Und ich selber mu dir sagen, da ich deine Schrullen niemals
billigen kann. Ich sage absichtlich Schrullen, um dich nicht zu krnken. Aber
geh sie in Gedanken durch, die Mdchen unseres Kreises, deine Schulfreundinnen -
sie alle sind lngst gut versorgt, haben schon zum Teil Familie, machen ihren
alten Eltern Freude! -
    Ja, ja, Mama, du hast recht! Ich bin unversorgt, noch immer auf der
Schulbank, lebe von eurem Gelde statt von dem eines Mannes, bin ohne Familie,
mache euch keine Freude, oh nein, nur Kummer, nur Sorge, nur Aerger - -
    Verzeihe mir! Es thut mir ja so leid, aber ich kann doch nun nicht anders!
ich konnte nicht auf diese Weise glcklich sein. Ich mute einen andern, einen
neuen Weg suchen. Httet Ihr Zutrauen zu mir, du und Papa -
    Oh, nein, Ihr habt nie Zutrauen zu mir gehabt. Ihr habt mir immer Stroh
gesagt... Und mir ahnt, da du mich verlassen wirst, Mama, ganz verlassen, da
es dir zu schwer werden wird, diese Heimlichkeit und diese Verantwortung vor
Papa. Ich erwarte schon so etwas. Ich bin zu glcklich hier gewesen, das kann
nicht dauern. Eines Tages werde ich ohne Geld sein, ganz ohne Hlfe. Ja, ich
fhle, das kommt noch einmal. Ich trume davon und fahre erschrocken auf. Wenn
ich nicht so leichtsinnig wre, dchte ich noch fter daran und ngstigte mich
auch wohl. So ngstige ich mich nur zeitweilig, denn ich mu immer an so viel
anderes denken.
    Meistens denke ich daran, was ich thun kann, wenn ich ausstudiert habe, wie
ich dann den Frauen helfen kann. Denn ich glaube, man wird unbeschreiblich viel
zu thun haben, ich meine zu helfen. Die Frau ist berall als Null behandelt. Und
wenn nicht als Null, dann als bses Prinzip gradezu. Da steht in der Zeitung
eine Notiz, ganz kurz: Ein Vater ist der Verderber seiner eigenen
sechzehnjhrigen Tochter geworden. Das Gericht verurteilte den Vater zu zwei
Jahren Zuchthaus, die sechzehnjhrige Tochter zu acht Monaten Gefngnis! Ich
wrde diese Geschichte niemals glauben, wenn ich sie nicht selbst gesehen htte.
Ich kann sie nicht los werden. Sie folgt mir auf Schritt und Tritt. Starre,
thrnenvolle, verzweifelte, sechzehnjhrige Augen sehn mir nach, wo ich stehe
und gehe. Sie sind nicht nur verzweifelt, auch so fragend, so verstndnislos
starren sie. Und auch ich verstehe nichts; ich sehe eine frchterliche
juristische Grausamkeit, die Bestrafung eines Opfers unausdenkbar schrecklicher
Familienverhltnisse, und ich zergrble mir den Kopf, wie ein Gesetz dieser Art,
das aus einem Opfer einen Mitschuldigen macht, je entstehen konnte, und der
Ausflu welches Geistes solch ein Gesetz wohl sein mag?
    20. Februar. Einen Traum hab' ich getrumt, geh' noch jetzt herum wie im
Traume.
    Ich sehe einen Gerichtssaal. Vor den Schranken, tief verhllt, tief gebeugt,
ein blutjunges Weib. Ihre Kleider sind zerissen und beschmutzt, wie durch die
Gosse geschleift, alle haben sich von ihr zurckgezogen, als ginge Ansteckung
von ihr aus, alle, Mnner und Frauen.
    Aber oben, vor den Richtern steht noch eine Frau, eine schne,
schwarzlockige Portia. Ja, sie heit Portia und ist eine junge Advokatin. Sie
trgt aber kein Mnnergewand, wie die Portia im Kaufmann von Venedig; nein, ein
schlichtes schwarzsammtenes Frauenkleid. Ihre Augen scheinen ruhig die Welt zu
mustern, die sie umgiebt, und doch zugleich in Vergangenheit und Zukunft zu
blicken. Sie beginnt zu reden; ein feines, schalkhaftes Lcheln auf den Lippen,
spricht sie zu den Mnnern:
    Einmal hat Portia die Freude und die Ehre gehabt, den geliebten Mann zu
verteidigen und ihn durch ihre Beredsamkeit zu retten. Es war ein schner Tag
fr Portia, und ewig wird sie sein in Freude gedenken.
    Heut ist ein andrer Tag.
    Heut ist ein andrer Schrei an Portias Ohr gedrungen, ein dumpfer,
halberstickter Verzweiflungsschrei aus zu lang von ihr selbst bersehenen, nicht
gekannten Tiefen.
    Ihr Gesicht verwandelt sich pltzlich. Das feine Lcheln verschwindet, ein
frommer, begeisterter Glanz verbreitet sich ber ihre Zge, sie erstrahlen in
berirdischer Verzckung. Auch ihre Stimme ist verwandelt, warm und bebend; so
beginnt sie:
    Divide et impera! Teile und herrsche! So hat bis jetzt das Losungswort der
Mnner gelautet, gegenber uns Frauen. Der einen Hlfte ffentliche Achtung, der
andern ffentliche Verachtung, und beiden gemeinsam Liebe und -
Geringschtzung!
    Wohlan, ahmen wir nach, nur mit besserem Grund, nur mit logischer
Konsequenz!
    Divide et impera! Da fliegt mein Handschuh! Den guten Mnnern
unerschtterliche, dankbare Freundschaft, - den Feinden unseres Geschlechtes
Herausforderung, Kampf und Vernichtung!
    Wer aber sind die Feinde unseres Geschlechts? Nun, alle Diejenigen, die im
Weibe nur ein Genumittel fr den Mann erblicken, und die uns in Folge davon
unser Menschenrecht, das Recht der freien Entwicklung unserer Individualitt
noch heute verkmmern oder gar abschneiden wollen.
    Wohl verstehen wir, was historisch geworden, was sich als unabsichtliche
Folge darstellt, aber wer den Namen eines Lebendigen tragen will, der komme uns
nicht mehr mit verschimmelter Mumienweisheit, sondern strke und klre seine
Augen am Licht des heutigen, des gegenwrtigen Tags! Wir, wir leben! Unser sind
die Stunden. Und der Lebende hat recht.
    Ihr aber, unsere Freunde, ihr wissenden Mnner, die ihr so tief eingedrungen
seid in die Krfte und Schwchen der Menschennatur, ihr weisen Mnner, die ihr
dieser schwachen, kaum aus der Tierheit erwachten Natur alle guten und groen
Einrichtungen abgerungen habt, die das Zusammenleben erst mglich machen, ihr
starken Mnner, die ihr mit mchtigem Willen, euch selber zu bekmpfen, das, was
einem andern Wesen schdlich, in euch zu bekmpfen vermgt, die ihr das Raubtier
in euch unterjocht und gebndigt habt, seht einmal her auf die unzhlbaren
Scharen meiner verachteten, gefallenen, mit Schmach und Hohn bedeckten
Schwestern, von denen eine hier vor euch steht!
    Wer hat sie, die einmal rein waren, wie eure eigenen Schwestern, in den
Staub gezogen? Wer hat sie einen Augenblick ans wankelmtige Herz gepret und
sie im nchsten mitleidlos zerfleischt? Hrt es, das leise Aechzen, das
jammervolle Sthnen der Verachteten, der mit Schande Bedeckten, hrt es und
verkndet es laut und deutlich:
    Das alte Dogma des Sndenfalles mit der klglichen Entschuldigung Adams:
das Weib hat mich verfhrt, erscheint unserm reiferen Verstande als unwrdig und
feig.
    Ja, feig! feig! feig!
    Unsglich schwach und verchtlich ist uns der Mensch, der seine Schuld auf
einen andern abwlzen mchte, noch dazu auf einen, dessen Schwachheit und
Machtlosigkeit er in jedem andern Augenblick als zweites Dogma verkndet!
    Unsglich feig ist uns der starke Mann, der das schwache Weib beschuldigt.
Wir brechen mit diesem Dogma. Wir wollen von heute an ehrlich und offen mit euch
Frauen verfahren.
    Hat es euch, meine Freunde, nicht schon lange geekelt vor dieser Feigheit?
Seht, da ist ein starker, groer Junge, bermtig und der Herr der Welt, aber,
wenn er unartig gewesen ist und die Strafe auf sich nehmen soll, dann fngt er
an zu heulen und zu klagen: das kleine Mdchen hat mich verfhrt, das dumme,
schwache Ding, das ich fr eine Null ansehe, hat mich verfhrt! sie mu die
Schuld, sie mu die Strafe tragen!
    Und er geht straflos aus, sie aber trgt die Strafe.
    Seht hin, wie sie sie trgt! Seht, wie sie mit zerrissenen Kleidern im
Staube sich schleppt! Unglckliche Eva, warum warst du so lieblich? Warum
blhten deine Lippen wie reife Frchte? Sie schmen sich ihrer selbst, und darum
nennen sie dich die Snde. Eva ist die Snde. Eva ist das bse Prinzip! Ihr,
meine Freunde, ihr starken und weisen Mnner, zu denen wir ewig aufsehen werden,
brecht offen mit diesem feigen Dogma, und eine andere, bessere, gerechtere Zeit
wird kommen! Dies Dogma steht im Wege. Nach diesem Dogma wird die Gefallene
mit Hohn und Schande bedeckt!
    Es ist Zeit, sich zu erinnern, da wir Menschen sind, alle miteinander, da
Natur mchtig ist in uns allen, und da dieses Recht des Strkeren, zu
verachten, was er vernichtet, berlebt, da es fr uns heute kein Recht, sondern
ein Unrecht ist!
    Es ist Zeit, offen zu bekennen, da es unschuldige Leiden giebt, und da
dort, wo Eva die Rolle der lockenden Frucht gespielt hat, unschuldiges Leiden
ist. Wir haben aufgehrt, Krankheit und Armut als Himmelsstrafen anzusehen, hrt
auch auf, Unglck als eine Strafe begangener Snden zu betrachten.
    Mt ihr aber doch verachten, mt ihr Unglck strafen und verachten, gut -
so verachtet auch mich! Denn jene Gefallene und ich, wir sind Schwestern, und
es ist nur mein Glck, da ich nicht an ihrer Stelle stehe!
    So will ich von diesem bevorzugten Platze heruntersteigen und die Wohlthat
eurer Achtung dankend ablehnen!
    Verachtet mich auch!
    Lat mich mit ihr gehen, mit der Gefallenen, der Geschlagenen, denn sie ist
meine Schwester, und in ihrer Brust klopft mein eigenes Herz. Sie verstehe ich!
Euch versteh' ich nicht!
    Nur mein Glck ist es, nur mein Glck, nicht mein Verdienst, da ich nicht
an ihrer Stelle bin! - - -
    Schweigebadet, mit wildem Herzklopfen bin ich aufgewacht! Lange konnte ich
mich nicht besinnen, - immer horchte ich auf Tne, auf Rufe aus jener pltzlich
meinen Sinnen entzogenen Welt. Freigesprochen? In liebevolle Arme
geschlossen? Wer hat das gesagt? Ging die eine hinab? Oder durfte die andre
hinaufsteigen? Den ganzen Tag summt mir diese Frage im Ohr, ich hre garnichts
andres. Die schne Portia glich dir, meine geliebte Mutter! dir, ganz allein
dir! Sie war so kraftvoll und so voll Liebe.
    Mir glich sie gar nicht. Ich bin schchtern wie eine Fledermaus und rede nur
in Monologen. Aber der Traum hat mich so beglckt. Ich fhle - er ist Wahrheit.
Einmal wird er Wahrheit werden! Einmal wird sie kommen, die schne Portia, die
lauter Kraft und Liebe ist, und ob sie dann hinabsteigt zu der verachteten
Schwester, oder ob sie sie emporhebt - das wird das Gleiche sein. Die Hauptsache
ist, da sie sie anerkennt, da sie, die schne Portia, die lauter Kraft und
Liebe ist, die Verachtete, Gefallene als ihre Schwester anerkennt. Sofort wird
der Makel der Verachtung von ihr abfallen. Im selben Augenblick wird jeder
sonnenklar erkennen, da jene nur deshalb verachtet wurden, weil wir, die
Glcklichen, das Geschenk der unverdienten, grundlosen Achtung nicht dankend
ablehnten!
    Ja, das ist ein Traum! der wird mir noch viele frohe Tage machen!
Unbeschreiblich glcklich ist mir heute, ich mchte laut jubeln: Gefunden!
Gefunden!
    22. Februar. Ein merkwrdig schnes Ding, das Leben! Was fr ein Reichtum in
mir und um mich. Man hat kaum Zeit zu schlafen, es ist fast schade darum. Die
Nchte sind auch so herrlich jetzt! Groe leuchtende Sterne, treibende Wolken,
dann wieder ganz klarer Mondschein, der ber den stillen See seine Lichtbrcke
wirft. Spiegelglatt scheint er von hier oben, der stille See, wie ein Bild in
meinem Fensterrahmen, - die Wolke berm Mond wie ein finsteres Augenlid.
    Leben! ich liebe dich! ich fhle dich so heftig und bewegt in mir. Ich
mchte jemand etwas Liebes thun, jetzt, auf der Stelle! Ich mchte streiten,
kmpfen fr jemand Bedrngtes, so, mit beiden Armen! Ich mchte die ganze Welt,
die ganze Menschheit kssen mit Dank und Innigkeit! Freude! - - -
    2. Mrz. Also jetzt giebt's Ferien. Das Wort stachelt mich auf. Ich fhle
mich wie gejagt, Tag und Nacht. Was hab' ich gelernt in diesem Semester? Was? Um
Gotteswillen, was?
    Sollte dies Ehrgeiz sein? dies mich stachelnde, hetzende Gefhl? Ich hoffe
nein! Nein, es ist etwas andres, deutlich fhle ich, was es ist: ehrgeizig bin
ich nicht, aber ich trume von einem Leben mit groem Inhalt! Ist das verboten?
Ist das schlecht?
    Mit groem! mit groem Inhalt!
    Ach Trume und immer nur Trume! Die Monologe einer Fledermaus! Was geht
dort fr ein Zwerglein in einer Knigstracht? So ist es! so ist es! ein
kmmerliches, ein lcherliches Zwerglein! Es ist zum Lachen. Und mehr noch zum
Weinen! Ja ja ja zum Weinen!
    7. Mrz. Die Sache ist - ich ngstige mich! Ich bange mich um das Geld. Um
das Geld von Mama. Pfui, ist das erniedrigend, sich nach schmutzigem Geld zu
sehnen. Und doch sehne ich mich danach. Ich frchte mich so sehr, zum
Mittagessen zu gehen, weil ich noch nicht bezahlt habe. Und heut ist schon der
siebente! Mir kommt es vor, als wrde ich sehr erstaunt und erwartungsvoll
angeguckt. Heute ist es ganz bestimmt so gewesen. Ich werde dann so rot, so
verwirrt, so hei - es ist entsetzlich. Ach, ich bin ja in der Fremde.
    Und daheim? Wo bin ich daheim?
    Nirgend. - - -
    Wenn das Geld auch morgen nicht kommt, geh ich vorlufig nicht zu Tisch. Ich
getraue mich nicht. Man mu sich ja frchterlich schmen! Fr aufgegessenes
Essen!
    11. Mrz. Es ist gekommen! Wie gut! Immer schwerer wird es mir, schreibt
Mama, aber sie schickt doch. Und so wird sie fortfahren zu schicken, gewi! Sie
lt mich nicht im Stich. Drei Tage bin ich nicht zum Essen gegangen. Ich hatte
auch wirklich keinen Appetit. Gestern ging ich auf die Gemsebrcke. Es sah
seltsam aus. Eisig kalt fuhr der Wind herum, und in der hochgestiegenen Limmat
besahen sich die Huser mit weien Dchern! Es hatte ordentlich geschneit. Und
dann hrte ich das schrille, wilde Kreischen der Mwen, die zahm wie Tauben und
dicht wie Schneeflocken um die Leute herumwirbelten. Man streute ihnen Brot aus
den Fenstern an der Schipfe, und sie fingen es im Fluge, inde eine es der
andern wegschnappte.
    So schreit der Hunger!
    Ich sah und sah, bis mir schwindelig wurde, dies Quirlen und Schreien und
Flgelschlagen und Schnappen, all die gierig aufgerissenen gelben Schnbel und
die kleinen blitzenden, hungrigen Augen - es war fast bengstigend. Ja, nun
verstehe ich den Hungerschrei, mute ich denken, ich habe also doch etwas
gelernt in diesem Semester. Und es ist wohl auch was wert, da ich ihn jetzt
verstehe! Jede Kenntnis ist gut und notwendig, dachte ich, und ich konnte ganz
ruhig dabei sein und lachen. Als ich nach Hause kam, war der Geldbrieftrger
dagewesen. Nun, so ernsthaft war die Hungersnot noch nicht! - Nun habe ich also
wieder mein Stckchen Brot aufgeschnappt. Grade wie so eine Mwe. Gekreischt
habe ich jedoch nicht. Weder vor Hunger noch vor Freude ber die Erlsung. Ich
hasse das Geld. Ich halte es fr die Quelle alles Uebels. Und es ist gradezu
abscheulich, da man sich ber die Ankunft von etwas so Schmierigem, Schmutzigem
freuen mu. Nein, ich freue mich nicht. Die Begleitbriefe machen es auch immer
schwerer, sich zu freuen. Immerhin - fr zwei Monate bin ich wieder gerettet.
Dann fngt von neuem die Sorge an.
    18. Mrz. Oh, der tiefe Friede des strahlenden Frhlingstages! Auf einmal
Frhling! Die steile Strae hinab rinnen in glnzenden Adern viele neue Bchlein
- das ist der geschmolzene Schnee! Die Welt erneut sich. Wenn ich in Einklang
kommen knnte mit der hoffnungsvollen Heiterkeit ringsum! Einzelne schne
Frhlingstage der Vergangenheit tauchen auf, und die Erinnerung beleuchtet sie,
da sie schimmern, wie die neuen Bchlein auf der steilen Strae. - -
    Aber so schn es ist - mein Ohr ist zu scharf geworden fr die widerwrtigen
Gerusche der Welt, und das Peitschenknallen und Steineabladen und der zornige
Zuruf an die gequlten Zugpferde verdeckt mir, verscheucht mir den lieblichen
Amselgesang!
    Gequlte Quler, wohin ich sehe!
    20. Mrz. Nein, wozu haben wir denn unsere Krfte? Haben wir sie zum
Grbeln, zum Winseln, zum Jammern? Das ist doch ganz dumm und elend! Das mu
nicht sein. Damit kommt man nicht einen Schritt weiter. Jetzt wird studiert! auf
die Matura los! geochst, gepflgt, und nicht umgeguckt! Ich habe jetzt einen
Mathematiklehrer, ich fange von vorn an. Es ist ein deutscher Flchtling, hat
eine groe Familie, glaube ich; er ist ziemlich wohlbeleibt und sehr ruhig. Als
Lehrer soll er vortrefflich sein. Besonders freut mich seine Ruhe; die hat er
ntig, meiner Dummheit gegenber!
    3. April. Ja, unzweifelhaft wird es sehr, sehr viel zu thun fr uns geben.
Grade innerhalb unseres eigenen Geschlechts. Es giebt so und so viele Frauen
mehr als Mnner in fast allen Kulturstaaten, und ich bin weit davon entfernt,
das traurig zu finden.
    Im Gegenteil!
    Eben davon hoffe ich viel!
    Wir brauchen ein Plus der Lebensleistung, und von wem soll dieses Plus
geleistet werden?
    Die Familienleute haben keine Zeit. Ein geplagter Familienvater, eine
geplagte Familienmutter und Hausfrau - nein, von denen darf man keine
Extraleistungen erwarten. Fortwhrend appellieren sie an das allgemeine Mitleid,
entschuldigen sich mit Geschften, Frau und Kindern, mit Haushalt, Mann und
Kindern.
    Aber da sind ja wir alle! die unverheirateten Frauen! Freie Menschen sind
wir! Wenn wir fr unsere eigenen Bedrfnisse gesorgt haben, dann haben wir Kopf
und Herz frei fr die Andern. So drfen wir die Hnde regen fr die Andern! Oh,
auf uns mu man rechnen, auf die knftigen Heere von Amazonen des Geistes und
der Begeisterung, der Kunst, der Menschenliebe! Wir haben Zeit. Nicht ewig die
Kette am Fu, die sich Familie nennt, nicht ewig die Augen gerichtet auf das
Heim und seine Tyrannei! Oh, von diesen ist viel zu hoffen, vielleicht alles!
Wie gute, starke, heitre, freie Geister werden sie zwischen den eingekapselten
Familienleuten dahin schreiten, berall ratend, helfend, rettend, das Ideal
hochhaltend, hochhaltend die Liebe!
    Denn wenn sie auch nicht heiraten, lieben werden sie ja doch! Aber nicht wie
jene, berechnend, vorsichtig, zwei, drei, vier ihrer Allerallernchsten, sondern
mit glhender Hingabe, mit schrankenloser Seele, freie Spenderinnen und
Empfngerinnen gegenber allen, allen Menschen!
    In den Familien wird nach wie vor Zwang, Druck, Heuchelei,
Autorittsglauben, Bequemlichkeit und Plattheit zu finden sein - die Rute und
der Schlafrock! Unter ihnen wird freies Wort und freie Liebe, frohe Kraft,
Wahrheit und Mut eine Sttte finden. Vor allem aber werden sie voll Liebe fr
alle sein. Nichts werden sie fr sich begehren, nichts als Raum fr ihre Arme,
und Licht fr ihre Augen. Alle Vorwnde, die Menschen veranlassen knnen, ihre
Seele dem Gelde zu verschreiben, alle diese Vorwnde werden den Verheirateten
verbleiben, und in bedrfnisloser Einfachheit werden diese Frauen lchelnd
blicken auf die Zusammenscharrer und Schacherer, auf die Banquiers in allen
Professionen.
    Dann wird sich zum Segen fr das Weib und fr die Gesamtheit wenden, was so
lange der Fluch unseres Geschlechts gewesen ist: das heie, leidenschaftliche
Gefhl! Dieser freie Ueberschu, der nicht einem Einzelnen, sondern der
Menschheit gilt, er wird die ganze Erde umfassen, ein warmer, sanfter Golfstrom,
wird er die kalte Erde heizen von Pol zu Pol, und behaglich wird den Menschen
werden und wohl zu leben unter dem trstenden Hauch reich ergossener Liebe. Das
ist Eure Mission, Ihr Unvermhlten, das ist unsere Mission, Ihr meine
Schwestern! Mit der Liebe, die Ihr nicht auf Lebenszeit dem Manne und leiblichen
Kindern zuwendet, mit dieser Liebe sollt Ihr dienend retten!
    Uns bindet kein Vaterland, denn sie wollen uns nirgends, - wider ihren
Willen werdet Ihr sie retten! Wir sind keines Landes Brgerinnen, wir haben
keine Brgerrechte, die Gesetze beschftigen sich mit uns nur, um uns zu
verurteilen. Die Gesetze kennen uns sonst nicht, sie bergehn uns, sie bersehn
uns, wohlan, so haben wir nur auf die Gesetze unserer eigenen Brust zu horchen.
Und dieses uns von der Natur gegebene Gesetz heit Liebe! Die Geschlechtsliebe
ist eine Erfindung des Mannes. Erst mit der Mutterliebe kam die hhere Liebe in
die Welt: die duldende, nichts fordernde, still selige, unerschpfliche
Seelenliebe. Die Liebe, von der Christus redet, die Liebe, die nimmer aufhrt.
Sie will nicht Genu, sie will Opfer. Ihr ist sich opfern Genu. Diese Liebe hat
die Natur der Frau in's Herz geschrieben, der Mann bemht sich, sie zu lernen,
denn ihm gab die Natur diese Liebe nicht. Nur wenige Mnner besitzen sie, diese
aber strahlen wie Sterne. Wir wollen nicht strahlen, nur sanft und warm die
kalte Erde heizen, das wollen wir, jede ein stilles, unverlschliches, stetiges
Flmmchen der Liebe.
    11. April. Uebrigens werden wir nur unsere Pflicht und Schuldigkeit thun,
wenn wir unsere Liebe der Menschheit weihen. Und nicht ein bichen mehr wird es
sein, als was die Verheirateten thun. Auch sie geben ja Liebe, auch sie opfern
sich ja fr einander, nur sind die Formen und die Grenzen andre. Nein, wir
wrden sogar tief, tief unter den Verheirateten stehn, wenn wir nicht an die
Menschheit hinzugeben versuchten, was jene dem Manne, den Kindern geben. In
solchem Falle wren sie sogar berechtigt, uns zu verachten. Jedenfalls zu
verachten. Das wre dann entschiedene Verkmmerung. Unmglich, aber ganz, ganz
unmglich kann doch der Zweck, das Ziel von allem sein, da wir Unverheirateten
wirtschaftlich selbstndig werden! Nein, damit wre ja noch gar nichts geschehn!
Wenn wir nur das erreichten, da wir fr unser eigenes Futter sorgen und unser
eigenes Stllchen haben knnten, dann sagte ich auch: Taugenichtse! alle
miteinander! Dann wren wir wirklich taube Blten. Nein, dies Bestreben ist nur
der Anfang. Der Zweck ist, die Hnde frei zu bekommen, um der Menschheit dienen
zu knnen, mit allen Krften, mit allen wohlausgebildeten Krften und mit
unbegrenzter Liebe!
    Das sagt man nur nicht. Leider sagt es niemand! Aber ich glaube, alle, die
es angeht, wissen es, oder sie fhlen es tief innerlich im Herzen. Es ist eine
Art Freimaurerei unter allen, die es angeht, und der Grund davon kann ja
unmglich das eigene Futter und das eigene Stllchen sein. Darin kann das
verbindende Geheimnis nicht beschlossen sein, das ist undenkbar.
    Ich, wenn ich reden knnte, wie die beredte Portia - -! Ach, das war es ja,
was ich sagen wollte zu den emporgewandten Hrern damals am ersten Tage im
leeren Auditorium in der Universitt. Zu den unsichtbaren Hrerinnen. Der
Mensch lebt nicht vom Brot allein! Und er lebt auch nicht, um des
Brotverdienens halber. Nun, es ist gut, da mich kein Mensch gehrt hat! Es sind
so selbstverstndliche Dinge, da man sich schmen mu!
    Aber vielleicht wre es doch gut, wenn es zuweilen eine von uns offen
aussprche, wozu wir auf der Welt sind. Unsere Gegner wrden uns zwar noch
heftiger auslachen, aber - - Ja, mit unsern schlimmsten Gegnern, - das ist nun
berhaupt merkwrdig!
    Nietzsche - wahnsinnig.
    Guy de Maupassant - wahnsinnig.
    Strindberg - wahnsinnig.
    Ich will nicht sagen, da es ein Symptom ist - aber - vielleicht ist es doch
ein Symptom! Wenigstens insofern, als es kaum lohnen drfte, sich gegen uns auf
Jene zu berufen, scheint mir.
    16. April. Gestern sah ich zum erstenmale eine Gaskraftmaschine arbeiten,
die zum Betriebe einer Druckerei dient. Die Explosionen werden zum Treiben
benutzt. Das ist ein so groer Triumph ber des Feuers furchtbare
Himmelskraft, da ich fast Bedauern mit ihm bekam. Der gefesselte Riese, der
ins Joch gespannt, niedere Knechtsdienste thun mu. So hat man auch unsere
Krfte, unsere gottverliehenen Krfte in den niedersten Dienst gespannt. Indem
man uns alle freie Bewegung versagte, hat man uns klein gemacht und uns dann
hhnend vorgehalten: des Hauses enge Grenzen, das sei unsere ganze Welt. Und die
Schuld der Unterdrcker ist die Mitschuld der Unterdrckten geworden. Indem
wir's uns so lang haben gefallen lassen, sind wir schlaff, trg, kleinlich,
kurzsichtig, oberflchlich und listig geworden. Wir haben unsere Ketten sogar
lieb gewonnen, wir finden uns anmutig in unserer Unselbstndigkeit. Wir sind
eitel auf Dinge, die man im Laden kauft. Nein, nein, so wie wir da sind, taugen
wir gewi nicht viel. Aber wir werden uns aufraffen! Wir werden uns auf uns
selber besinnen. Unserer gottverliehenen Krfte werden wir gedenken, und die
Ketten werden wir abstreifen. Dann wird der Himmelsfunke hell hervorlodern. So
und so viele Intelligenzen mehr, so und so viele Menschen mit gutem Willen mehr
- das ist doch wertvoll! Das mu doch etwas ausmachen. Das mu man doch
ernstlich in Betracht ziehn! Ist denn bis jetzt solch ein Ueberschu an gutem
Willen in der Gesellschaft vorhanden, da man uns alle nicht mehr ntig hat?
Nein, es giebt unendlich viel zu helfen, und die Helferinnen werden wir sein!
    Ach, verschmht doch unsere Mitarbeit nicht! verschmht unsern guten Willen
nicht!
    20. April. Ich bin ganz zufrieden jetzt und vergngt. Wir thun Kulturarbeit,
gradezu in ausgeprgtem Mae Kulturarbeit, indem wir uns selbst zu kultivieren
suchen. Und wir Frauen mssen diese unsere eigenste Sache in unsere eigenen
Hnde nehmen, denn unsere Mnner haben zuviel mit der Kultivierung der Schwarzen
und Braunen zu thun. Schulen fr deutsche Mdchen sind ihnen weniger wichtig,
als Schulen fr deutsche Neger. Wie innig gerhrt wrde man hheren Orts sein,
wenn die Kameruner sich ein Gymnasium ausbten! Gewi kme man diesem
fortschrittlichen Streben mit Huld und Bereitwilligkeit entgegen. Unseren
schwarzen Brdern wrde man auf's Wort glauben, da ein Bedrfnis nach hherer
Bildung bei ihnen entstanden ist, unsere weien Schwestern fertigt man mit
schlechten Witzen ab!
    Oh, ich bin sehr froh und vergngt jetzt, ich bin jetzt vollkommen
berzeugt, da die hhere Kulturstufe auch fr uns noch errungen werden kann.
Wir sind ja in Bezug auf die Gleichberechtigung der Frau doch schon ziemlich
viel weiter als zum Beispiel die Samojeden. Bei den Samojeden gilt die Frau fr
ein unreines Wesen und darf in Gegenwart des Mannes nicht essen. Bei allen rohen
Vlkern, deren hchstes Gut Krperkraft ist, sehn wir das Gleiche oder doch
Aehnliches. Wir sind nicht mehr auf der Samojedenstufe, aber so schrecklich weit
ber sie hinaus sind wir auch noch nicht. In einem Soldatenlande kann die Frau
nicht als gleichberechtigt angesehen werden, einfach deshalb, weil sie nicht
einmal Gemeine wird! Wir haben sehr viele Soldatenlnder jetzt, darum ist zum
Beispiel bei uns so wenig Verstndnis fr die Frauenbewegung. Die
Militrherrschaft ist ein Zurcksinken auf die Samojedenstufe, und sie hat
Samojedengefhle verbreitet.
    Nein, immer wird es nicht so fortgehn. Oh nein!
    1. Mai. Ein wunderschner Morgen!
    Es hat ber Nacht geregnet nach langer staubiger Drre, und nun ist alles so
erfrischt! Das nasse Gras blinkt, es blinkt das weiche, saftige, milchige Grn
an den Bumen. Noch sind Millionen von Knospen unerschlossen, aber sie harren -
sie warten - -
    Nur die kleinsten Obstbume und die Spaliere blhn; die Apfelspaliere ziehen
blhende, rosige Guirlanden, Vorlufer der Rosen. Auf den Wiesen leuchtet's von
Sonnentupfen, vom goldgelben Lwenzahn. Leichter, blulicher Nebel, lauter se
Verheiung umflort die Ferne, den Horizontrand nehmen zarte, weie Wolken ein.
Sanft blau ist der Himmel, holdes Gezwitscher auf allen Zweigen. Und der feuchte
Duft, der vom Boden aufsteigt!
    Ein solcher Morgen mte es sein - solch ein lchelnd heraufgezogener
Morgen! Oh, ich sehe sie kommen, in blonden Flechten und braunen Locken maigrne
Krnze, rosige Wangen, brennend, voll Eifer, voll Lebensglut, Augen, aus denen
es strahlt von gutem, heiterem Willen! In weien Kleidern die Jungen und die
Alten, Rosengewinde tragen sie und Geigen und Flten, und mit frohen Lauten
singen sie das Lied: Wir sind erwacht! erwacht! Wir sind eins, alle
miteinander, selige Schwestern. Gebt uns freie Bahn! Wir wollen unsern
Menschenanteil an Eurer Pflicht und an Eurem Recht! -
    Was wollt Ihr? ruft es uns entgegen, wir verstehn Euch nicht! -
    Was wir wollen? wir schreiten an die Wahl, zur ersten Wahl, zur ersten Wahl
schreiten wir, - Ihr begreift, da dieser Tag ein Fest fr uns ist! -
    Das ist Unordnung! das ist Aufruhr! ruft die Polizei.
    Nein, das ist Frhling! das ist ein Fest! rufen wir, und wir schreiten
vorwrts.
    Auch Soldaten kommen, auch Soldaten! Wir werden auf Euch schieen, sagen
sie, geht heim, oder wir schieen!
    Wir schwenken die Rosengewinde und werfen nach ihnen mit grnen Zweigen,
unablssig tnen die Flten und Geigen, unerschrocken strahlen die Augen, die
rosigen Wangen. Der gute Wille strahlt!
    Ihr werdet nicht schieen, wir sind ja Eure Schwestern! Und hier sind Eure
Frauen, Eure Tchter, Eure Mtter sogar sind mit uns herausgezogen! Dies ist
kein Aufruhr, dies ist ein Fest!
    Sie blicken einander an, - sie zaudern, - sie staunen - sie sehn, da sind
ihre Schwestern, ihre Tchter, ihre Frauen, ihre Brute - sie fangen an zu
lcheln. Was ist das? was ist das?
    Und langsam lassen sie die Waffen sinken und zielen nicht auf die Wehrlosen,
die mit den grnen Zweigen winken! - Nein, sie schieen nicht. Ich wei es, ich
sehe alles so gro und klar und deutlich vor mir.
    Schon erhebt da und dort einer die Stimme, um mitzusingen. Aus dem Gliede
ist er herausgetreten, um der Braut die Hand zu drcken. So schn hat er sie nie
vorher gesehn!
    Meine se Rebellin! ruft er, und ergreift das Rosengewinde, das lssig
nachschleift.
    Hand in Hand gehn sie schon, immer mehr treten aus dem Gliede, folgen dem
Beispiel des Ersten. Mutter? auch du? ruft ein liebevoller Sohn, zgernd,
zweifelnd. - -
    Liebevoll trifft ihn der Blick aus Mutteraugen: Geleite mich! - Nun in
Gottes Namen! wenn du dabei bist, kann es nichts Schlechtes, nchts Thrichtes
sein, ich geleite dich, Mutter! - -
    Oh, schner, oh wunderschner Zukunftsmorgen! Ich jubele und weine und falte
die Hnde und bete, da es geschehe und da ich's noch sehe! Achtzigjhrig und
auf Krcken, mit wackelndem Kopf - meinetwegen! Ich wrde dennoch jauchzen,
jauchzend meine Krcken schwingen und vor dem ewigen Einschlafen mitsingen das
Lied: Wir sind erwacht! erwacht! Wir sind eins, alle miteinander, selige
Schwestern!
    4. Juni. So lang nichts aufgeschrieben hier! Es geht ja nicht, man mu seine
Gedanken straff und stt auf die Arbeit richten. Es geht vorwrts, mir gehn
immer mehr Lichter auf. Das eilige Frulein fragte mich neulich in scharfem Ton,
wie mir schien, weshalb ich ihren Rat nicht befolge und mich ausschlielich an
die Vorbereitung zur Matura halte. Ich konnte ihr die Versicherung geben, da
ich trotzdem noch Zeit habe, einige Kollegien zu besuchen. Sie haben also
jedenfalls viel Arbeitskraft, sagte sie achselzuckend. Sie schien mir
beleidigt, weil ich ihren Rat nicht genau befolgt. Hoffentlich wird sie mir
wieder gut, wenn ich bald ein ordentliches Examen mache. Sie sagte mir, sie
halte keine Studentin fr voll, bevor sie nicht die Matura gemacht, ja sie halte
diese, ohne Matura, sogar fr gefhrlich, fr schdlich, gemeinschdlich. Die
Professoren scheren uns dann alle ber einen Kamm, halten uns alle fr gleich
schlecht vorbereitet, meinte sie. Das schien mir nun berngstlich. Ich mchte
sie gern fragen, ob man denn fr die abgelegte Prfung eine Kokarde bekommt, die
man sichtbar an sich trgt, aber ich wei gewi, ich werde diese Frage nicht
thun, sie knnte beleidigend wirken. Doch glaube ich, sie verfllt in denselben
Fehler, wie die Mnner.
    Niemand sollte zum Studium zugelassen werden, der nicht das Reifezeugnis
besitzt, sagen diese Mnner. -
    Gut, so gebt uns Schulen, gebt uns Gymnasien, wo wir dies Zeugnis erwerben
knnen, sagen wir. -
    Nein, dafr ist kein Bedrfnis vorhanden, erwidern sie behaglich, das
weibliche Geschlecht besitzt keine Anlage zur Logik, folglich wird es uns
niemals gleich werden.
    Ist diese Antwort logisch? fragen wir bestrzt.
    Nach mnnlichen Begriffen ist sie es, erwidert man wrdevoll.
    Nun, ich habe trotzdem, trotz aller Schwierigkeiten die ntigen Kenntnisse
erlangt, sagen jene Studentinnen mit der Kokarde, jetzt wird man mich
hoffentlich zulassen?
    Eine so erlangte Kokarde bedeutet nichts, ist nur Dressur, heit die
Antwort, wer nicht in Sexta mit Latein begonnen hat, dessen Latein ist nicht
das echte, eingewurzelte, allein zum Studium befhigende und berechtigende; die
Mdchen aber waren niemals Sextaner und werden niemals Sextaner sein - wie wre
es also fr sie mglich, jemals die echte und unverflschte Kokarde zu
erringen?
    Gut, so gebt uns Schulen, gebt uns Gymnasien, wiederholen wir, damit wir
echte Sextanerinnen bekommen.
    Nein, dafr ist kein Bedrfnis vorhanden, schmunzelt es wieder, es wre
sehr gefhrlich, Mdchen so frh schon zum Studium zu bestimmen. Ihr Beruf ist,
Gattin und Mutter zu werden.
    Ist es denn nicht gefhrlich, Mdchen so frh schon zum Gattinnen- und
Mutterberuf zu bestimmen? Wo bleibt da Ihre Logik?
    Logik, meine Damen, ist Mnnersache, bitte, mibrauchen Sie dieses Wort
nicht.
    Nein, nein, wir werden uns an diesem mnnlichen Privilegium nicht
vergreifen, aber wie - ich bitte, bekommen wir doch diese verwnschte Kokarde?
    Streben Sie! streben Sie!
    Aber Sie selber haben doch eben gesagt, da Streben unntz sei!
    So streben Sie nicht! besser ist es jedenfalls, ja besser ist es ohne
Frage, Sie geben diese, wie Sie selber sagen, unerreichbare, verwnschte Kokarde
auf! Besser ist es, Sie verheiraten sich, viel besser!
    Vielleicht aber mchte ich beides? Sehr viele studierte Frauen sind
verheiratet.
    Bei diesem Punkt angekommen, verzerrt sich angstvoll das mnnliche Antlitz.
Zwei zitternde Hnde falten sich, und eine klglich bebende Stimme fragt: Um
Gotteswillen! und wer stopft die Strmpfe?
    5. Juni. Ja, manchmal thut ein Wort doch viel! Das Wort Kokarde hat mich zum
Beispiel gnzlich von der Matura-Angst befreit! Es wre doch auch gar zu
lcherlich, sich vor der Erwerbung einer Kokarde zu ngstigen. Man erwirbt sie
eben und genug. Freilich - tragen werde ich sie niemals, die Kokarde, weder auf
der Brust noch im Gesicht, wo sie so manche tragen.
    20. Juni. Nein, diese abscheulichen Chinesen! Was die auch ausgedacht haben!
Und nicht etwa jetzt, sondern vor Gott wei wievielen tausend Jahren, als sie
ihre abscheuliche Schrift erfanden! Fr jedes Wort ein Zeichen, das sieht diesen
fetten, glatten, gelben Schlitzaugen hnlich! Ein Zeichen, oder vielmehr ein
Bild, und das Bild fr Zank, Zwist, wie stellten sie es dar? Durch zwei
einandergegenberstehende Frauen!
    Ist das nicht eine heillose Unverschmtheit? Ja, ja, so ist Mnnerwitz mit
den Frauen umgesprungen, seit die Erde Menschen trgt!
    Ist Zank und Zwist denn nur Frauensache? Wer hat den Zweikampf bis heut mit
einer falschen Gloriole umkleidet? Wer erfand und pries die
Massenschlchtereien, die Kriege? Etwa die Frauen? Ha, wenn sie uns nur
beschimpfen knnen! Wieviele Bnde knnte man fllen mit falschen Anklagen gegen
die Frauen aus den Litteraturen aller Vlker! Da war kein Kirchenvater zu fromm,
kein Philosoph zu weise, er mute ein Witzchen oder ein Ztchen reien, wenn er
auf die Frauen zu sprechen kam! Die bsen Frauen! ihre Verbrechen, ihre Laster,
ihre Unvollkommenheiten schreien zum Himmel! Und was thaten sie auf alle
Beschimpfungen, auf alle Bedrckungen?
    Sie fuhren fort, den Mann zu lieben und fr ihn und durch ihn zu leiden!
    Auseinandergefallen wre alles, aufgefressen htten sie sich wie wilde
Tiere, wren die Frauen den Mnnern gleich gewesen, - so sehe ich die Sache an!
    Oh, Ihr gelben und weien Chinesen, schmen solltet Ihr Euch!
    21. Juni. Nein, es ist nicht wahr, da die Frauen einander feindlich sind!
Nie werd' ich es glauben. Zu oft hab' ich das Gegenteil gesehn, erlebt. Das kann
nur der oberflchlichste Beobachter annehmen in irgend einem Ausnahmefall, wo
zum Beispiel Eifersucht eintritt.
    Die franzsischen Erzhler, die alle andern Vlker in der Kunst bertreffen,
ihre Frauen schlecht zu machen, whlen mit Vorliebe Situationen dieser Art. Die
Frauen unter sich wissen von solcher Feindschaft nichts. Sie helfen sich, sie
stehn einander bei, sie verstehn sich, sie mchten, da all ihre Schwestern gut
und glcklich wren! Viele von ihnen verstehn heut das Glcklichsein nur noch
innerhalb der engsten Grenzen, aber wir werden sie belehren, wir werden ihre
Blicke erweitern. Sie sind dankbar fr jede gut und ehrlich gemeinte Aufklrung.
Sie strken sich an einander, sie freuen sich an einander! Wenn einer von uns
etwas gelingt, so sind alle stolz darauf. Es giebt Kleinliche, es giebt
Aengstliche in beiden Geschlechtern, aber ich habe ein unbegrenztes Zutrauen zu
dem Schwester gefhl einer Frau fr die andere, das sich strken wird in dem
Mae, wie wir alle freier und selbstndiger werden!
    28. Juni. Wie das dumm ist und fade und kleinlich und weibisch, sich einen
Tag, einen ganzen, schnen, freien Sonntag, an dem sogar die Sonne scheint, und
die Schneeberge vom Fue bis zum Gipfel leuchten, zu verderben durch eine Laune,
nicht meine eigene, sondern die schlechte Laune eines anderen, und wre es
selbst die Papa's! Und so schwach ist es! Ich kann also nicht gegen dieses
flchtige Ding, das sich schlechte Laune nennt, ankmpfen, ich lasse sie ber
mich Herr werden und mir den Tag, der ein Tag der Arbeit, der Heiterkeit, des
Lebensgenusses sein sollte, einfach stehlen. Es ist zu toll! Aber man ist so
widerstandslos, wenn so etwas einen im Bett schon berfllt. Es kommt
wahrscheinlich, weil man nichts an hat, oder doch beinahe nichts. Die Kleider
geben doch immer eine Art Schutz ab, so etwas wie eine abstumpfende Watteschicht
ber das gar zu empfindliche Fell der Seele. Und noch dazu geht es mir sonst so
gut, ich arbeite leicht und komme vorwrts. Es ist nicht, da Mama schreibt,
das Geld kommt erst spter, das gehrt schon so zu meiner Existenz. Ich kann
dann, nach dem Ersten, nicht zum Mittagessen gehen, aber ich habe noch zehn
Franken; es geht schon ohne Mittagessen, jetzt, wo die Eier so billig sind.
Nein, das ist es nicht. Aber Papa hat wieder zu wissen verlangt, wo ich mich
herumtreibe und auf wessen Kosten, schreibt Mama. Er hat mir gedroht,
schreibt sie, und das hat er noch nie gethan. Diese Worte hab' ich den ganzen
Tag nicht loswerden knnen. Und dabei glaube ich, da es im Grunde Worte ohne
Bedeutung sind, heut ausgesprochen und morgen vergessen. -
    Vielleicht ist es das Gewitter, das mir in den Gliedern liegt. Schn sieht's
aus, der schwarzgraue Himmel mit der grellen, weien Sonne, die Bume wie lohend
in grnlichem Feuer, mit wehenden Zweigen, das Gras vergoldet - - ich wollte, es
km' eine Entladung, es grollt zu lange schon. - - -
    10. Juli. Wenn es wochenlang geregnet hat und dabei kalt geworden ist, dann
ist so ein Tag, wo wieder die warme Sonne scheint, wie ein allgemeiner Festtag!
Meine Wirtin sagt: Das thut Einem ganz das Leben erquicken! und sie hat
wirklich recht. Alles glnzt und strahlt. Man sieht: die Bume sind im vollsten
Grn, die Blumen blhen pltzlich berall wieder auf, das Gras steht ppig und
dicht, und es sind Freuden da in Menge zu genieen, wo wochenlang die Hlfte
aller menschlichen Arbeiten wie unntz erschien. Wie jetzt die Grtner wieder
aufleben, und die armen, braunen Runzelweiber hinter ihren Blumenstndern auf
der Gemsebrcke! Dort steh' ich gern und denke an mein altes, fernes Hamburg! -
- -
    24. Juli. Beschlossene Sache jetzt - im Herbst mach' ich die Matura. Mein
Mathematiklehrer sagt, da es geht. Ich machte einen Luftsprung in seiner Stube,
so da all die Zeitungen, mit denen sein Tisch statt der Serviette bedeckt ist,
hoch aufflatterten. Er lachte mich mit offenem Munde an und sagte: Sie sind
noch sehr jung. Nun war ich es, die lachte!
    Ach, wenn nur das Geld nicht wre, wie glcklich knnte man sein! Man, zum
Beispiel ich!
    Aber kaum freu' ich mich auf die Kokarde, gleich fllt mir wieder das Geld
ein, das sie kostet. Ich mu es Mama bei Zeiten schreiben, wieviel ich dafr
brauche, und ich zittere vor ihrer Antwort. Nun - ich mu hoffen, man kann ja
nicht mehr, als arbeiten! Mein Einsiedlerleben hat also doch gute Frchte
getragen. Zuweilen kommt mir meine eigene Stimme so unbekannt vor, da ich davor
erschrecke wie vor einer fremden. So, in dieser Weise werd' ich leben, bis ich
auch mein juristisches Examen abgelegt habe.
    Und dann in die Welt, um zu helfen! Das wird schn sein! Mir gefllt das
Wort Frsprech so gut. Es klingt so viel traulicher, gutwilliger,
hilfbereiter, als das durch tausend schlimme ironische Witze und Schnurren
entstellte, verzerrte Wort Advokat. Hier sagt man Frsprech. Ja, ein
Frsprech mcht' ich werden fr meine Schwestern!
    Aber du - kannst du denn sprechen, schchterne Fledermaus? Oft, nachts,
wach' ich auf, zitternd, eiskalt, mit rasendem Herzklopfen; dann - langsam -
entsinn' ich mich des schweren, immer wiederkehrenden Traumes: ich soll reden,
ich will reden, und das Wort, das Wort ist nicht da! Ich sehe Augen, die
erwartungsvoll auf mich blicken, Lippen, die sich ffnen, wie um mir zu helfen,
der Boden schwankt, - ich drcke die Hand an die Stirn - gleich, gleich! im
Augenblick wird es mir einfallen! Wartet! Wartet! bitte, bitte, wartet! Aber sie
warten nicht sie schtteln die Kpfe, sie - -
    Oh, das ist ein entsetzlicher Traum, und er kommt so oft! Und immer,
hinterdrein, den ganzen Tag, sagt mir eine Stimme ins Ohr: Es wartet etwas
Schreckliches auf dich, gieb nur acht!
    Aber heute, heute bin ich keine Fledermaus! Heute bin ich ganz lerchenleicht
und fliege mit den weien Wolken, den schnellen, schmalen, weien Windsegeln
durch einen gttlich blauen Sommerhimmel.
    Schne Welt, - geliebtes Land, - Gefhl der Kraft, - bervolles Herz - wer
kann glcklicher sein, als ich heute!
    Die Groen sehn mich verwundert, spttisch an, aber alle Kinder gren mich,
reichen die Hndchen, und ich halte sie so gern, diese kleine Hnde, die einmal
die Zgel fhren werden, die Zgel der Zukunft! Liebe Kinderchen, auch euch will
ich helfen, auch euer Frsprech will ich sein! Bitten, flehen, raten, mahnen,
da eure Herzen warm und rein bleiben, da eure lieben Augen keine Thrnen der
Krnkung, des Jhzorns, der Selbstsucht, des Elends trb machen sollen!
    Oh, nur Kraft! Kraft! endlose, unermdliche Kraft! damit ich euch helfen
kann - das ist's, um was ich mit gefalteten Hnden bitte!
    26. Juli. Wie Schuppen fllt es mir von den Augen, - buchstblich so, als ob
ein Vorhang weggezogen wrde: es ist nie, aber auch nie der geringste Versuch
gemacht worden, unser Rechtsleben auf das Christentum aufzubauen! - Das
rechtliche Verhltnis von Mensch zu Mensch ist einfach rein heidnisch geblieben.
    Ist das nicht eine ungeheure Thatsache? Erklrt sie nicht sehr vieles,
vielleicht alles?
    Was bedeutet das in drren, groben Worten?
    Es bedeutet, da wir das Christentum berhaupt niemals wirklich, sondern nur
nominell angenommen haben, da es niemals in das Bewutsein eingedrungen ist,
als eine Richtschnur unseres Handelns hier auf Erden, da wir vom Christentum
berhaupt nichts anderes in unser Vorstellungsgebiet hereingezogen haben, als
was wir ohne Beeintrchtigung unseres Egoismus hereinziehen durften: das heit,
die Hoffnung auf das Jenseits, und namentlich die Vertrstung der Armen und
Gedrckten auf diese Hoffnung. Das ist alles, was von dieser herrlichsten und
erhabensten Lehre bercksichtigt worden ist, als ein staats- und
ordnungerhaltendes Mittel, das in den Hnden von Gewaltherrschern dazu dient,
dem Schrei der Hungrigen zu steuern, und den Gedrckten willig und geduldig zu
erhalten: Fr euch den Himmel, fr uns die Erde.
    So konnte der zweite ungeheure Irrtum entstehen, verhngnisvoller fast als
der erste, da man nmlich das so verstmmelte und seiner positiven Wirkung auf
das Diesseits ganz entledigte Christentum eben dieses vermeintlichen Mangels
wegen, als bedeutungslos fr die Wirklichkeit, ja wohl gar als schdlich und
entwicklungshemmend darstellte, und dieses Zerrbild mit dem vergessenen Original
verwechselnd, die Religion der Liebe als Feindin bekmpfte!
    Trauriger hat sich wohl nie ein Mensch verirrt, als diese sich verirrten!
    Man brauchte nur die Evangelien aufzuschlagen, um zu finden, aber man schlug
nicht auf, man suchte nicht, sondern man verachtete und bekmpfte.
    Ein Rechtsleben, gesttzt auf das Christentum und seine Lehre von der
Bruderliebe, von der schrankenlosen Vergebung, von der gegenseitigen
Verantwortlichkeit - oh, es ist gar nicht abzusehen, nicht auszudenken, wo wir
heute stnden, wenn wir wirklich Christen geworden wren, statt, auf heidnisches
Recht pochend, nach wie vor in heidnischem Egoismus dem Eigentum als dem
alleinigen Gott dieser Welt zu dienen und es anzubeten, und ihm, dem goldenen
Kalbe, blutige Menschenopfer zu bringen und das Opfer alles dessen, was uns ber
das Tier und seine Begierden hinaushebt! - - -
    Ganz frhlich macht mich der Gedanke, da ich nun wei, warum alles so
verrenkt und verbogen, so ungerecht und traurig ist, so roh und blutig und
gemein! Wir haben heute noch kein Christentum, aber es steht da vor uns, das
unantastbare Ideal, und alle, alle mssen inne werden, da wir darnach zu
streben haben, als nach dem einzigen Mittel der Erlsung.
    10. August. Kein Brief von Mama, kein Geld. Seit zehn Tagen kein warmes
Mittagessen. Aber das schadet jetzt wenig, denn es ist hei, man hat keinen
Hunger, am wenigsten auf Fleisch. Meine Wirtin ist so gut, - ich gehe regelmig
fort zur Mittagszeit, auch wenn ich nur ein paar Brtchen und Eier kaufe, sonst
merkt sie etwas und fragt. Sie wollte mir schon gestern Suppe bringen.
    16. August. Kein Brief, kein Geld! Was jetzt? Heute habe ich fast nichts
arbeiten knnen. Wer wei, was dort geschehen ist. Ich sorge mich auch so sehr
um Mama. Was jetzt?
    20. August. Ich habe meine Uhr versetzt. Es fiel mir noch zu rechter Zeit
ein. Jetzt, in den Ferien kann ich sie recht gut entbehren. Fr Uhr und Kette
hab' ich achtundvierzig Franken bekommen, das ist etwas; achtunddreiig frs
Mittagessen, vorigen Monat, hab' ich wenigstens bezahlen knnen; diesen Monat
geh' ich keinenfalls mehr hin; Brot, Eier, Milch, etwas Obst - man wird sehr gut
satt davon. Wenn ich nur wte, was zu Hause passiert ist! Zweimal hab' ich
geschrieben, jetzt wag' ich's nicht mehr......
    1. September. Mama hat endlich geschrieben! Ich habe geweint, als der Brief
da war, ich hatte mich sehr um sie gengstigt. Sie war wirklich krank gewesen,
hatte das Geld nicht abschicken knnen. Jetzt hab' ich fr zwei Monate bekommen!
Ausgezeichnet, da ich im August so wenig verbraucht habe. Ich brauche dringend
Bcher jetzt. In Bezug auf das Examengeld fr die Matura schreibt Mama nichts.
Vielleicht hat sie die Stelle in meinem Brief bersehen? Es sind berhaupt nur
wenige Worte, ihr Brief. Ach, htt' ich einmal ausstudiert! - -
    Ich sollte doch eigentlich schon abgehrtet sein, aber ich bin noch etwas
schwach von der erlittenen Angst. Nachtrglich scheint es mir geradezu
erbrmlich und unwrdig, da ich fast nichts gearbeitet habe diese ganzen
Wochen. Woran hab' ich denn nur bestndig gedacht? denken mssen? da ich kein
Geld habe? da die Leute auf der Strae es mir ansehn? da meine Wirtin mich
bemitleidet?
    Nein, nein, nicht den ganzen Tag hab' ich mich mit diesen kleinlichen Nten
beschftigt, es ist nicht wahr. Ich habe getrumt und gedacht, nur leider nicht
an meine Arbeit! -
    So reizende Witze hat uns die Natur vorgemacht, so geistvolle Vorbilder
schafft uns das Tierreich - - warum machen wir nicht die Nutzanwendung auf die
Menschheit? Wie verstehen es diese klugen Ameisen, zum Beispiel die Talente der
Einzelnen fr die Gesamtheit zu verwerten! Da giebt es eine Art in Kolumbia,
glaub' ich, aber vielleicht ist es auch nicht in Kolumbia, die fttern einige
besonders fregierige Mitbrder, bis sich ihr kleiner Vormagen rundet und
rundet, zu Traubengre anschwillt, und das honiggefllte Tierchen selbst, eine
lebendige Speisekammer, wird fr Volkshungersnte sorgsam aufgehoben und
bewacht. Tritt die schlimme Zeit ein, dann entlockt man dem stumpfsinnig
Hockenden sanft streichelnd den ganzen Vorrat; das Volk wird satt, das Unglck
ist abgewendet. Der gefrige Mitbruder, wieder regsam und schlank, ist der
einzig Betrbte, aber nicht lang, denn alsbald erhlt er Auftrag, eine neue
Million zu sammeln! Ja, an die Millionre unter uns Menschen dacht' ich sofort.
Auch sie sind einseitig begabt, und diese Begabung sollte aus einem Schaden fr
die brige Menschheit in Segen verwandelt werden, ganz wie bei den Ameisen. Der
habschtige, skrupellose Millionenjger wird von der Gesellschaft in Dienst
genommen. Er saugt und pumpt seinen Vormagen oder seinen Geldschrank voll;
sofort danach nimmt man ihm, ebenfalls sanft streichelnd, das gesammelte
Millinchen weg und verwendet es fr alle. Ihn aber berlt man getrost seinem
Instinkt, eine neue zu sammeln und braucht nur die Vorsicht, seine Zelle unter
guter Bewachung zu halten; kann man sich etwas Einfacheres und Netteres denken?
Er ist zufrieden, denn er darf zusammenscharren, die Gesellschaft ist zufrieden,
denn sie hat stets gefllte Speisekammern! Gehet hin zur Ameise, ihr
Volksfhrer, und lernet!
    
    Nein aber, so geht das nicht! Mu wieder studieren, und die Allotria bei
Seite lassen.
    23. September. Heut noch einmal an Mama geschrieben wegen des
Examenhonorars. Es ist Zeit, ich mu mich bald zur Maturittsprfung anmelden.
    26. September. Was jetzt? was jetzt? Ich bin zerschmettert, zerdrckt! Oh,
was kann ich thun? Es ist also alles aus? Alles, alles aus? Papa hat entdeckt,
da Mama mir Geld schickt, er leidet's von jetzt an nicht mehr - keinen
Pfennig! Was ist denn? was soll ich thun? Da steht es und starrt mich an: der
entlaufenen ungeratenen Tochter keinen Pfennig.
    Nein, nein, ich bin ganz ruhig, ich habe das ja fast einmal erwartet! Aber
noch nicht jetzt! noch nicht jetzt! Es ist hart, hart, hart.
    Pfui - weinen? Nein, warum denn weinen? Weinen nimmt das Mark aus den
Knochen, weinen macht schwchlich. Ich mu nun erst gar nicht schwchlich sein,
ich mu stark sein! - -
    Ach, so allein! So furchtbar allein! Niemand hab' ich als dich, meine tote
Mutter, und du bist ja tot! Du bist so fern - ich kann dich nicht finden, ich
kann dich heut nicht mit den Augen finden! Gerade heut nicht. Pfui, die dummen
Thrnen! Wie ein hlfloses Kind. Schm' dich vor dir selber und sei stark! Mache
Plne, gleich! vernnftige Plne. Du bist ja ein erwachsener Mensch.
    Wenn sie nach Hause kommt und sich weiblich und bescheiden verhlt, soll
alles vergessen sein; im Elternhause soll sie stets eine Sttze und eine
Zuflucht finden, sag ihr das! Soll alles vergessen sein! ja vergessen, ja
vergessen! Vergessen meine Wnsche, vergessen meine Sehnsucht, vergessen meinen
schmerzlich heien Lebens-Freiheits-Hlfedrang! Wie gut du bist, Papa,
wahrhaftig vterlich!
    Nein, nein, nein, nein, nein! Ehe ich das thue, ehe ich das vergesse,
verlasse, verlugne, was mir mehr ist, als das Leben, - eher sterbe ich! Wenn
ich ein Boot nehme, jetzt gleich, wo die volle, liebe Sommersonne auf dem blauen
See liegt und alles in Blumen steht, - und ich fahre hinaus, rudre hinein in die
Mitte, weit fort, - und dann steh' ich auf, - seh' noch einmal auf zu den
leuchtenden, weien Firnen und - ein rascher Sprung - - -
    Ja, das kann ich thun, das steht mir frei, - aber heimkehren, unterkriechen
- - nein.
    Die mich als Vater lcherlich macht, die meinen Namen vor aller Welt
blamiert - - Ach, knnt' ich ihn nicht ablegen, den Namen, dem ich Unehre
mache? So etwas mu doch mglich sein, so etwas mu man doch gestatten, einem
beleidigten Vater zur Genugthuung!
    Nein, ich will nicht sterben, ich kann so nicht sterben! Nicht einmal die
Matura gemacht und soll schon sterben? Noch keinem Menschen auf dem Erdenrund
geholfen, und soll schon sterben? Nein, es geht nicht, ich darf nicht. Ich bin
auch berufen! Geh und hilf deinen Schwestern, so klang der Ruf. Ich liebe alle
Menschen, ich kann so nicht von ihnen gehen! Die kleinen Kinder auf der Strae,
die mir die Hndchen hingestreckt, - sollen sie vergebens die Hndchen nach mir
strecken?
    Mein Gott, mein Gott, ist es mglich, da ich so verzweifelt bin um Geld? um
schmutziges, verabscheutes Geld? Oh, wie ich es verachte! oh, wie ich es hasse!
mit Ekel, mit Ekel halt' ich es in meiner Hand! Alles Bse, alles Teuflische,
alles Verderben ist fr mich verkrpert in diesen schmutzigen, schmierigen
Plttchen und Lappen, fr die die Welt feil ist. Schafft es ab, um Gotteswillen,
schafft es ab! es klebt von Schwei und Blut und Kot! Es labt keinen Sinn, es
stillt keinen Hunger, keinen Durst, es vergiftet die Liebe und ttet die Seele!
    Und ich weine um Geld? Ach, Vater, alles will ich dir verzeihen, nur das
nicht, nur die tiefe Erniedrigung nicht, in die ich vor mir selber verfallen
bin!
    Ja, weinen, das ist alles, was du kannst! Erbrmliche Kreatur, flgellahme
Fledermaus! und du willst andern helfen? haha! so etwas Lcherliches, so etwas
Absurdes und Verrcktes, wie diese abgestrzte Fledermaus! Du hast ja keine
Flgel! Du hast ja keine Flgel! Hast du denn das nicht gewut? Mut es so derb
erst fhlen? - Bei doch die Zhne zusammen, du dummes Geschpf und blick in die
Zukunft mit deinen zugekniffenen Nachtaugen. Man mu es versuchen - man mu
Plne machen. Nein, das hab ich doch nicht geglaubt, und das ist mein Unrecht,
denn mute ich nicht auf alles gefat sein? Ich habe auf mein Glck vertraut,
auf gnstige Zuflligkeiten - all das war verkehrt. - - -
    Aber doch wieder und wieder frag' ich mich: was soll man denn thun? Nackt
und hlflos werden wir geboren, strben ja sogleich, wenn man uns nicht wrmte
und trnkte. Und wie es weiter geht - immer mssen da die Helfer um uns sein;
ohne sie kein Lernen, kein Emporwachsen aus der Unwissenheit.
    Uebermittelung, das ist alles Leben.
    Sie schleudern dir die Lebensfackel zu, damit du sie weiter giebst; hinter
dir bleibt der Tod und das Dunkel, vor dir die unabsehbaren Reihen der Fackel
schwinger, und ber dir das Lichtmeer, der zusammengeflossene Glanz, die
Gegenwart.
    Aber mit der Fackel giebt mir der hinter mir Stehende doch nicht allein das
nackte Leben, - giebt er mir nur das, so giebt er mir zu wenig! Mach' mich
fhig, mein Leben voll auszuntzen, das mu ich von dir fordern, von dir, der du
hinter mir stehst! Nur dann kann ich eine helle, glnzende Fackel
weiterschleudern, nur dann. Wohl, ich habe Anspruch auf die Hilfe der andern!
Jeder Mensch mu auf diesem Recht bestehen. Gegenseitige Hlfeleistung, darauf
ist alles aufgebaut. - Ach, sie sind nicht gut mit mir verfahren!
    Stundenlang bin ich so drunten, so drunten - - Auch ganz verstrt. Ich
mchte alle Leute fragen! hab' ich das Recht auf Hlfe, oder bild' ich mir dies
Recht nur ein? Es ist manchmal wie ein wster Traum. Ich kann es nicht glauben.
Ich nehme den Brief wieder vor, auf den es keine Antwort giebt. Ich lese die
Worte, die Zeilen und verstehe sie nicht. Ich wei sie alle auswendig und
verstehe sie nicht. Es scheint, da sie mich verhungern lassen wollen? Es
scheint so. Es scheint, da Papa diesen Ausgang fr etwas Natrliches und Gutes
hlt? Er hat mich also. Er mchte meinen Untergang. Oh, Papa, der Wunsch kann
dir erfllt werden, bald! Wenn ich das Boot nehme - -
    Den ganzen Tag seh' ich das Boot vor mir. Schwarz wie die Gondeln in Venedig
schwimmt es auf dem wogenden graugrnen Wasser, und die blauschwarzen
Gewitterwolken hangen tief darber ......
    Aber dann wieder - wenn sie nach Hause kommt - - Asyl im Elternhaus - -
Was heit das? Sein Ha ist also nur relativ? Wenn ich mich feig und
charakterlos zeige, dann hat er mich nicht? Wenn ich mein Bestes vergesse und
leugne, um ein Asyl, eine Sttze zu haben, dann hat er mich nicht? Aber,
Papa, begreifst du denn nicht, da ich ein freier Mensch bin, und da ich selbst
ber mein Leben bestimmen mu? Es ist ja mein Leben, nicht das deine! Das Gesetz
meines Daseins ruht ja in mir, kann in keinem anderm ruhen! Was hlfe es dir,
wenn dir ein Leichnam ins Haus kme, - wenn ein Automat dir gehorchte? - -
    30. September. Gut, das ist fertig, ab und aus. Die Familie lt mich
fallen. Innerlich hatten sie mich lngst ausgestoen, nun stoen sie mich auch
ffentlich von sich. So lebt denn wohl! Ach, dieser Brief, der mich verfolgt!
Fr dergleichen hirnverbrannte, kostspielige Experimente ist mir mein Geld zu
schade, schreibt Papa. Aber, wenn ich nun geheiratet htte, nach seinem Willen
und Geschmack natrlich, da htt' er mir doch eine Mitgift gegeben! Ist denn
eine Heirat nicht auch ein unsicheres Experiment? hundertmal unsichrer, als die
Hingabe an einen selbstgewhlten Beruf? das alles wei er nicht, das alles kommt
ihm nicht nah! das heit, wenn ich ein Sohn wre, statt ein Mdchen zu sein,
dann wte er das alles, dann verstnde er mein Streben. Es giebt freilich auch
Shne, die man verlt und verleugnet, aber doch nicht aus solchen Grnden, wie
bei mir! - -
    Lebt wohl! lebt wohl!
    Es thut mir weh, doch ihr verlat mich, nicht ich hab' euch verlassen! -
    5. Oktober. Aber ich bin ja nicht nur das Kind meines Vaters. Ich gehre ja
noch einer greren Gemeinschaft an, ich habe ja einen Heimatschein, der besagt,
da ich in Hamburg Heimatsrecht habe. Dmmert mir nicht da eine Hoffnung? ein
Licht?
    Wenn man so lange schlaflos liegt, alle Abend, da wirbeln und quirlen die
Gedanken, die Plne. Und alles scheint mglich, alles greifbar nah, auch das
Abenteuerlichste. Jeden Abend, wenn ich endlich Schlaf finde, sind alle Fragen
gelst, die Sorgen verschwunden, etwas Ausgezeichnetes ist mir eingefallen, ich
atme tief auf, wie befreit fr immer.
    Und am Morgen, noch eh' ich wach bin, liegt es mir wie ein Felsstck auf der
Brust, drohend schwer, mit unerbittlicher Wucht drckt es meine Glieder. Wozu
erwachst du? flstert es um mich, weit du nicht? weit du nicht? ein
schreckliches Flstern und Zischeln erhebt sich, - eine Starrheit kommt ber
mich, - glaubst du, sie wird untergehen? glaubst du's? warum nicht? wer kmmert
sich darum? wieviel gehen unter jeden Tag? Jemand zuckt die Achseln, pfeift und
lacht hhnisch. Jemand, ein Fremder, ich kenn' ihn nicht, aber er ist mein
Feind, sein kalter Atem ist's, der mich in der starren, qulenden
Unbeweglichkeit erhlt. Hundert verzerrte Fratzengesichter umdrngen mich, eins
wchst hervor aus dem andern, alle pfeifen und lachen und grinsen und recken die
Zungen gegen mich. Atemlos, keuchend, in Schwei gebadet, mit ungeheurer Mhe
gelingt es mir zuletzt, mich zu bewegen, - wie zerbrochen richt' ich mich auf,
mit zugeschnrter Kehle, eiskalt und zitternd. So beginnt fr mich der Tag. Ich
kann nicht essen. Jeder Bissen pret mich, wrgt mich, - meine Wirtin sagt: Sie
sind krank. Nein, das ertrag ich nicht lnger, das ist dumm, einfach dumm. Man
mu einen Versuch machen, man mu einen der Nachtplne zu verwirklichen suchen.
- -
    Ich habe schon versucht, aber es scheint, da all meine Federn nicht
schreiben. Sie gleiten ab, schreiben unbrauchbares Gekritzel, - - Bestimmte
Worte wollen sie nicht schreiben, ich merk' es ganz deutlich, woher ihr Sperren
kommt! Ich glaube, sie sind zu hochmtig zur Bitte. Man mu sich schmen, so
hochmtige Federn zu haben. Das deutet auf - - Ach nein, es ist ja nicht wahr,
ich bin nicht hochmtig! Ich bin nur ungeschickt. Ich sollte eine Bitte an die
Behrde schreiben, an irgend einen Senator bei uns und ihn fragen, ob es nicht
irgend eine Staatshlfe fr mich giebt. Dazu werde ich doch nicht zu dumm sein?
Es ist ja das Einfachste von der Welt! Man nimmt einen Bogen Papier und
schreibt. Schreibt was? ......
    Ja, mir bleibt kein andrer Weg. Bin ich nicht ein Hamburger Kind? Giebt es
nicht Stipendien fr arme Studierende? Bin ich nicht arm genug? Ich werde ihnen
alles schildern und alles beilegen: meine Studienausweise, mein Aufnahmezeugnis
an der Zrcher Universitt, die Zeugnisse ber meine Befhigung zur Matura. Und
ich werde herzlich bitten: Verhelfen Sie mir zur Matura, zur Vollendung meiner
Studien, zur Promotion. Ich werde alles zurckzahlen, wenn es mir mglich ist.
Ich habe den dringenden Wunsch, etwas Ntzliches zu leisten, ich werde meiner
Vaterstadt keine Unehre machen, ich fhle die Krfte in mir, etwas fr andere zu
sein.
    Ist das zu stolz gesprochen? darf ich mir das nicht getrauen? Ist die Bitte
unbescheiden? Die Stadt ist ja reich, voller Wohlthtigkeitsanstalten, voller
Stiftungen. Leben und leben lassen, das ist der Hamburger Wahlspruch. Eine
groe hlfbereite Gutmtigkeit geht durch alle Klassen. Humor blht berall, auf
den Straen sogar, im dichten Menschengewhl. Wir sind ja auch eine Republik,
der einzelne Brger steht nicht so weit vom Zentrum wie in den monarchischen
Staaten.
    Freilich, ich, - bin ich eine Brgerin? Gehre ich irgend wohin? Dumme
Frage! Laut Heimatschein ist meine engere Heimat Hamburg, meine weitere das
deutsche Reich.
    Das mchtige deutsche Reich ist mein Vaterland.
    Wenn meine Familie mir die Mittel versagt, meinem erwhlten Beruf zu folgen,
dann kann ich mich an meine Heimat wenden, an mein engeres Vaterland, und wenn
nicht gleichzeitig zu viele Petenten da sind, so wird man mir ein Stipendium
gewhren - das ist doch klar wie der Tag! Nicht wahr?
    Wann werd' ich schreiben?
    10. Oktober. Der Brief ist fort! Mir ist so leicht und froh. So
hoffnungsvoll. Etwas erstaunt werden sie vielleicht sein, weil Papa fast fr
wohlhabend gilt, aber ich habe ihnen ja alles grndlich auseinander gesetzt. Ich
habe gesagt: Die Heimat, das ist meine einzige Hoffnung. Sie mssen es ja
einsehen. Ich kann wieder essen. Ich habe ohne schwere Trume geschlafen, heute
Nacht. Noch atme ich beklemmt, aber das wird vorbergehen. Es wird ja nun alles
gut werden! Von der Heimatsbehrde Geld zu bekommen, anzunehmen, das ist doch
nichts Ehrenrhriges. Im Gegenteil! Es wird mich erheben, mich beglcken, solch
ein Vertrauenszeichen zu empfangen! Und ich will mich dessen wrdig zeigen, ich
werde mein Leben dem Recht und der Gerechtigkeit weihen. Auch die Geringste kann
ja etwas thun. Ein schurkischer Advokat, der das Recht beugt, verunglimpft es in
so vielen Augen, warum sollte nicht das gute Wollen zehnmal mehr Kraft haben? Es
wird gut werden!
    Und eines Tages werde ich vor Papa und Mama hintreten und ihnen sagen:
Verzeiht mir! ich habe erreicht, was ich erstrebt, - seid mir nicht bse, da
es mit Hlfe anderer Mchte geschah. Und ich fhl's, sie werden mir verzeihen!
    Das ist doch schn im alten Bluntschli: Der Staatswille ist etwas Hheres
als der bloe Durchschnittswille aller zum Volke gehrenden Individuen. Ja,
gewi. Der ganze Fortschritt der Menschheit beruht auf dieser Hoffnung, da beim
Zusammengehen Vieler die frdernden aufsteigenden Krfte triumphieren ber die
hemmenden atavistischen oder dekadenten Erscheinungen in den Einzelnen. Htte
sonst je die Sklaverei, die Leibeigenschaft abgeschafft werden knnen? Gewi,
dieser hheren Einsicht darf man getrost vertrauen! Sie wird ja nicht durch
Kleinlichkeiten, durch Einzelerwgungen getrbt; sie mu ja sehen, da auer den
Mnnern auch Frauen den Staat ausmachen, da sie sogar die grere Zahl aller
Individuen bilden, da sie, zur Menschlichkeit erwacht, mchtig um ihre
Menschenrechte ringen, und aus der Tiefe, in der man sie jahrtausendelang
knstlich gehalten, nach hherer Kultur und hheren Pflichten schreien! Wir
Deutschen haben doch einen Kulturstaat; welche Kulturaufgabe kann ihm nher
liegen, als die Untersttzung der Frau in ihrem berechtigten Freiheitskampf?
    Ich bin ganz ruhig jetzt! Der Einzelne kann seine Zeit miverstehen, kann
die tiefen reienden Strmungen mikennen, kann sich ihnen entgegenzustemmen
versuchen in blinder Ueberschtzung seiner Macht. Aber der Gesamtwille, der
hher ist und weiter, er wird die Zeichen zu deuten wissen, und was ntzlich,
frdersam, menschlich, gerecht ist, das wird er nicht bekmpfen, sondern
untersttzen! Ich habe solch ein volles, glubiges Zutrauen! -
    18. Oktober. Und doch in Angst und Zagen auf und zu Bett. Fast versteh' ich
nicht warum, die Vernunft redet mir zu, vernnftig, wie sie's gewohnt ist, da
ich hoffen und vertrauen soll. Aber - -
    30. Oktober. Ich zwinge mich zum Arbeiten, es ist aber schwierig. Die
Gedanken schweifen ab, mehr denn je. Immer denk' ich an die Antwort. Wie wird
sie ausfallen? Und das ist unrecht! seit den letzten Tagen fang' ich schon an,
auf sie zu warten. Mit Spannung lauf' ich nach Hause, frage die Wirtin - - Sie
sieht mich so besonders an, sie hat viel Mitgefhl. Ich mu fortziehn, irgend
eine billigere Mansarde suchen. Mehr als zwlf, dreizehn Franken darf ich nicht
ausgeben. Es geht ja schon auf die Neige, und die Aussicht auf neues - -
    Es war gewi verrckt, da ich dies Semester doch wieder belegt habe. Wer
kann wissen, was mit mir geschieht? Ich that es in der frohen Zeit, kurz nach
Absendung des Briefes. Das kommt mir jetzt schon so lang her vor.
    Manchmal werd' ich ganz unruhig, sage mir: worauf wartest du denn
eigentlich? Aber es mu doch einmal eine Antwort kommen, und es mu eine gute
sein! Ich war immer unverbesserlich im Hoffen, ich wei schon. Malos, wie in
allen Dingen! ja!
    Vielleicht ist es unrecht, da ich immer noch zu dem Mittagstisch gehe. Nur
- es ist so frh kalt geworden dieses Jahr, und ich werde den ganzen Tag nicht
warm, ohne solch eine warme Mahlzeit. Und dann - dies Sklaventum der Gewohnheit!
Es hlt einen fest. Uebrigens glaube ich, da die lange Sorge auch trge macht.
Stumpfsinnig. Ich kann sitzen und vor mich hinstarren, stundenlang, und nichts
denken, als die ewige Frage: was werden sie antworten? Eigentlich emprend,
kostbare Lebensstunden so zu vergeuden!
    Nur in den Kollegien, da verge ich alles. Ich hre auch hier und da etwas
Physiologie; wenn es kalt ist, in einer Zwischenstunde, braucht man dann nicht
nach Haus. Es ist auch wundervoll interessant, ich verstehe freilich nicht
alles.
    12. November. Ich habe mit der Wirtin gesprochen, - - sie hat mir etwas
Schreckliches gesagt! Sie hat gesagt: Nein, das thten wir nicht, - die
Gemeinde in Anspruch nehmen! Da heit's hinterdrein, man sei almosengenssig.
    Sie meinte es nicht bse, sie sagte nur ihre Meinung. Ich habe ihr zu
erklren versucht, da ein Stipendium nur geliehenes Geld und kein Almosen sei,
aber sie verstand davon nichts. Sie sagte immer wieder: Und doch wird's dafr
angesehen, und wer almosengenssig ist, - oh weh, den achtet man nimmer! Als
ich ihr sagte, es sei aber ein Menschenrecht, Hlfe von andern in Anspruch zu
nehmen, um dann spter wieder zu helfen, schttelte sie den Kopf und sagte: Wir
Arbeiter kommen nicht auf solche Gedanken; - die Leut', wo Geld haben, oder
gehabt haben, die meinen immer, sie htten ein Recht in der Welt, - wir wissen's
gut: wer almosengenssig ist, den verachtet die ganze Gemeinde, vom ersten bis
zum letzten, - das wr' mir das Aergste, die Gemeinde in Anspruch zu nehmen.
    Noch seh' ich vor mir ihr erschrockenes Gesicht und hre sie ausrufen:
Htten Sie mich gefragt! Ich htt' Ihnen entschieden abgeraten.
    Hat sie Recht? Hab' ich Recht? Mir ist so schwer und mde, zum Sterben.
    Ganz wie im Traum, wo ich mich durch das Wattenmeer geschleppt habe, heut
Nacht. Der weiche, nachgiebige Boden, aus dem das Wasser springt, die zahllosen
Rinnsale, verwirrend wie Wege, die nirgend hinfhren, und so fern, so fern das
feste Land, wo der Leuchtturm steht! Und schneller, immer schneller wchst und
steigt um mich die Flut! Sie gurgelt und rauscht heran, sie hebt meine Fe vom
Boden auf, sie wird mich mitreien, - -
    Also, almosengenssig nennt man das?
    25. November. Zum vierten Mal umgezogen.
    Jetzt sitz' ich im Vogelsangweg.
    Aber kein Vogel singt.
    Es ist alles im Eisreif erstarrt.
    Auf meinem Tische flattern die Papiere, so undicht ist das Fenster.
    Die Frau sieht gutartig aus, die Kinder haben mir schon die Hndchen
gegeben.
    Ach, ein Gefhl der Verzweiflung hat sich meiner bemchtigt, seit ich in
diese kalte Kammer eingezogen bin! Mit ihren weien Wnden starrt sie mich an
wie eine Totenkammer. Ist dies die letzte Station meines Leidens, oder ist dies
meine letzte Leidensstation? Mir ist, als mt ich mich hinlegen,
langausgestreckt und still, die Hnde gekreuzt, die Augen geschlossen, und
einschlafen, einschlafen fr immer.
    Der Brief kommt nicht, sie haben mir nichts zu antworten. - - -
    10. Dezember. Ich habe meine Landsmnnin wieder getroffen, auf der Strae, -
sie hat mich oft so freundlich angesehen, als wir noch am gleichen Tische
speisten. Doch bin ich geschwind weggerannt; ich frchtete, schwach zu werden,
ihr von meiner Lage sprechen zu mssen. Wie von einem innern Zwange bin ich
geflohn. - -
    Aber einmal, wenn ich ganz am Ende mit allem bin, am allerletzten Ende, und
so schwach und mrb, da ich nach einer menschlichen Hand fassen mu, dann ist
sie die Einzige, zu der ich Vertrauen haben werde.
    Ach, bin ich nicht schon am Ende? Wozu die lange Qual?
    Soll ich nicht doch das Boot nehmen und hinausfahren in das unbekannte Land?
-
    22. Dezember. Sie reist fort! Ich bin fast umgefallen, als sie es mir sagte.
So ruhig sagte sie's, so ganz nur mit der eigenen Absicht, dem eigenen Plan
beschftigt. - - Wie sollte sie auch anders gegen mich sein? Stecken wir nicht
alle tief in der Konvention, die - -
    Oh, was soll ich anfangen? Was soll ich thun!? Hier die Hnde im Scho, die
Augen verbrannt von Thrnen, abgeschnitten, allein, so sitzen und auf mein
Schicksal warten? Unertrglich!
    Ich habe keine Gedanken mehr, nur Visionen kommen mir noch, um mich zu
verspotten! Einen schwarzen Himmel sah ich, darunter wehende Weiden; - pltzlich
zerri der Wolkenvorhang, und Sterne drngten hervor, zahllose, leuchtende
Sterne. Ein neuer Morgen fr die Menschheit, herausgeboren aus dem Herzen der
begeisterten Frau! so tnte Engelssang! Ach, ihr sen hohen Trume, kommt ihr
noch wieder? sucht ihr mich noch in meiner Erniedrigung? Seht, hier lieg' ich am
Boden, wund und einsam und schwach geworden, - - nichts werd' ich erreichen,
nichts kann ich thun, euch wahr zu machen, ihr meine stolzen, hohen Trume! Wund
und einsam und schwach geworden - aber nicht untreu. Das kann ich nicht, auch
wenn ich's wollte. Ich kann das Boot nehmen, - - aber ich kann nicht
zurckkehren und mich selbst verleugnen. Lieber noch langsam verhungern. - -
    2. Januar 89. Der Brief ist da.
    Fr studierende Frauen giebt es weder private noch staatliche Stipendien in
Hamburg.
    Wir Frauen haben kein Vaterland.

Im Februar.
    Frau Laubi hat mir geholfen, die Sachen sind verkauft.
    Brechen mit allem und mit allen: Hinunter in das Namenlose, zu den
Rechtlosen, zu den Enterbten.
    Dorthin gehr' ich ja, ich und alle Frauen, Heimatlose, Vaterlandslose. - -
-
    Warum hab' ich mich so spt darauf besonnen, da ich zwei Arme habe?
Anerzogner, angeerbter Hochmut.
    Man mu sehn, ob in dieser Kartonnagenfabrik, - - die Kleine sagt bestimmt,
da dort fortwhrend Arbeiterinnen gesucht werden......
    Bei den Rechtlosen, bei den Heimatlosen, bei den Vaterlandslosen - - sei es
drum. - - - -
    - Meine Bcher! meine geliebten Bcher! -
    Nein, nein, wir brauchen neue Bcher, Bcher, in denen auch wir Menschen
sind, nicht nur Frauen.
    Ich will die alten Bcher nicht mehr, sie lgen, sie verleumden uns! Sie
sind von Leuten geschrieben, die uns nicht kennen!
    Unsere Krfte nicht, unsern glhenden Lichthunger nicht, unsere Verzweiflung
nicht!
    Lebt wohl, ihr alten Bcher! - - - - - - - - - - -
 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

24. Juli 1891.




                               An die Leidenden.


                              Gedicht von Nadson.
               Aus dem Russischen bersetzt von Lilie Halmschlag.

Freund, Bruder, mein Bruder in Mhsal und Leid,
Wer du seist, la nicht sinken den Mut!
Herrscht allmchtig auch Lge und Bosheit noch heut
Auf der Erde, gebadet in Blut,
Liegt zerschlagen der Menschheit geweiht Ideal,
Sind von Thrnen die Strme geschwellt,
Glaub: es kommt eine Zeit, da strzet der Baal,
Und die Liebe kehrt heim in die Welt.
Nicht im Dornenkranz, nicht im Bettlerkleid,
Nicht in Ketten, ans Kreuz gespannt,
In die Welt wird sie kommen voll Herrlichkeit,
Leuchtfackel des Glcks in der Hand!
Und kein Weinen wird frder, kein Hassen mehr sein,
Kein ungeweiht' Grab auf der Erd';
Nicht dumpf lichtloser Not herzbrechendes Schrein,
Und kein Sklave, nicht Schandpfahl, nicht Schwert!
Kein Traum, oh, mein Freund, ist das leuchtende Bild,
Keine Hoffnung nur, eitel und leer.
Blick um dich: zu hart pret das Bse, zu wild,
Die Nacht ist zu finster, zu schwer.
Blutsatt ist die Erde! Die Qual war zu hei,
In sinnlosen Kmpfen zu stehn; -
Und zur Liebe gewandt, die von Schranken nichts wei,
Sind die Augen in gramvollem Flehn! .....

Wir Frauen haben kein Vaterland, uns binden keine Lndergrenzen, uns bindet kein
Fahnen-, kein Brgereid.
    Aber heimatlos sind wir nicht. Unsere Heimat ist die Erde, unser Volk ist
die Menschheit.
    Nationale Arbeit hat man uns verwehrt; - leisten wir denn, was hher ist,
als sie, leisten wir Menschheitsarbeit!
    Beten wir, da bald die Zeit komme, wo die Grenzen aufhren, die Volk von
Volk scheiden, wo die Kriege aufhren, die den Mann auf die Stufe des
blutdrstigen Tieres degradieren; wo das schmutzige Geld nicht mehr ber die
verkaufte Erde rollt; wo es weder Kapitalisten noch Proletarier mehr giebt,
sondern nur Menschenbrder, und wo der Mann auch im Weibe die gleichstrebende
Schwester erkennt und achtet! Beten und - handeln wir! Handeln wir!
