
Geschlecht und Name










[11] Das Geschlecht Kußmaul ist schwäbisch. Der Stifter des badischen Zweigs war ein Tischler dieses Namens, der 1701 aus Württemberg nach dem Pfarrdorf Soellingen bei Durlach zog und hier eine Soellingerin zur Frau nahm.
So wunderliche Familiennamen wie der meinige sind empfindsamen Gemütern anstößig, erregen die Teilnahme biederer Leute und die Heiterkeit gewöhnlicher Maier und Müller. Mein seltener, durch Alter und edle, freilich verborgene Bedeutung ausgezeichneter Name hat mir in jungen Jahren zuweilen Verlegenheit bereitet, jedoch manchmal auch recht vergnügte Augenblicke verschafft.
Es kam vor, daß man mir nicht glauben wollte, wenn ich mich nannte, wie ich urkundlich hieß. Als Student ersteigerte ich in öffentlicher Auktion die Lieder von Béranger und rief dem Versteigerer meinen Namen für das Protokoll zu; er verbat sich den Spaß und das Publikum lachte.
In Süddeutschland gibt es eine Reihe von Geschlechtern, die mit den Kußmaul namensverwandt sind, die Kuß, Küß, Küßwieder und die Maul, die sich ohne Kuß behelfen. Die Küß sind Elsässer. Am bekanntesten ist aus dem Geschlecht der Küß der Professor der Faculté de médecine in Straßburg, Emile Küß, geworden, der letzte Maire der Stadt.
Wie verbreitet die Kußnamen im Großherzogtum Baden sind, erfuhr ich im Winter 1849/50 auf einem Ball in Karlsruhe. Während der Tanz im besten Gang war, flog ein gedruckter Zettel durch den Saal mit der erfreulichen Anzeige, daß die Herren[11]  Kuß und Kußmaul und die Fräulein Küßwieder den Ball mit ihrer Gegenwart beehrten.
In Süddeutschland erregte mein Name weniger Befremden als in Norddeutschland. In den Jahren 1848 und 1849 marschierte ich als Militärarzt mit badischen Truppen mehrmals durch das Königreich Hannover und verweilte zweimal längere Zeit in den Herzogtümern Schleswig-Holstein. Wenn ich bei diesen Märschen nach der Ankunft in einem neuen Quartier der Dame des Hauses meine Aufwartung machte, durfte ich, sobald ich meinen Namen nannte, eines vergnügten Empfangs und der neugierigen Musterung des Trägers eines so bedenklichen Namens sicher sein. Am muntersten empfing mich die hübsche Frau eines hannoverschen Kollegen, der sich den Militärarzt des angemeldeten badischen Bataillons ins Quartier ausgebeten hatte. Als ich in seinem Hause abstieg, befand sich der Kollege auf der Praxis und ich meldete mich bei seiner Gattin. Sie glaubte meinen Namen nicht richtig verstanden zu haben, sah mich zweifelnd an und bat, ihn zu wiederholen. Ich buchstabierte ihn vor und sie lachte mir fassungslos ins Gesicht.
Mein alter Lehrer und Gönner Naegele, bei dem ich als Student Assistent war, hatte mir derlei Szenen wiederholt vorhergesagt und mich dringend ermahnt, den Namen zu ändern. Ich ließ mir aber nicht bange machen und erklärte ihm eines Tages trocken, daß ich einen vornehmen, altbewährten Namen trüge und ihn nun und nimmer ablegen würde. Meine Familie sei vom ältesten medizinischen Adel. Wir stammten von dem großen Oribasius, dem berühmten Leibarzte Julians, des Abtrünnigen. Nach dem Tode des Kaisers sei bekanntlich der verdiente Mann vom Hofe verbannt worden und zu den Goten an die Donau gezogen, die seinen Namen in Kußmaul übersetzt hätten. Os der Mund und Basium der Kuß, machten zusammen Oribasius. – Diese Etymologie war Wasser auf die Mühle meines verehrten, zu Scherzen aufgelegten Meisters. Einige Tage nachher feierte die Fakultät ein Fest in engstem Kreise. Die Herren unterhielten sich vortrefflich, und Naegele brachte die Rede auf mich. Er habe in mir von allen Assistenten der[12]  Fakultät den vornehmsten, denn ich stamme von dem großen Oribasius und sei erbötig, meine Abkunft von diesem Stammvater mit Pergament und Siegel nachzuweisen. Man lachte, aber der grundgelehrte Pathologe Puchelt, durch einen verstohlenen Wink Naegeles verständigt, verteidigte meine Ansprüche auf den stolzen Stammbaum. Am nächsten Morgen jedoch ließ Puchelt sein philologisches Gewissen keine Ruhe und zwang ihn, seinem Kollegen ein Briefchen zu schreiben, worin er ihm darlegte: Oribasius sei kein lateinisches, sondern ein latinisiertes griechisches Wort. Es habe mit Mund und Küssen nichts zu tun, eher mit ὄρος, Berg, und βαίνω, ich gehe. Wolle man Oribasius verdeutschen, so wäre Berggänger oder allenfalls Bergmann richtiger.

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Seitdem ließ ich meine Ansprüche auf klassische Abstammung fahren, und wenn es eines Trostes bedurft hätte, würde ich ihn 25 Jahre später in der ehrenvollen Ableitung meines Namens gefunden haben, die der wackere deutsche Sprachkenner Ludwig Steub in seinem Buche: »Die oberdeutschen Familiennamen, München 1870«, aufgestellt hat. Danach ist Kußmaul ein zusammengesetzter Kosename, der auf germanische Ahnen reinen Blutes, gute und mutige Männer, bestimmt hinweist. Mit minniglichem Kusse hat die erste Silbe so wenig zu tun, als die zweite mit Mund oder Maul. Wie Friedrich aus Fritz, so entstand Kuß aus Kusso, was der Gute bedeutet, wie Gozzo und Gutilo, und Maul kommt von Mulo oder Mutilo, dem Mutigen.



Mein Vater










[13] Ein »selfmade man«, hat sich mein Vater vom armen Bauernjungen zum tüchtigen Arzte heraufgearbeitet. Je älter und einsichtiger ich geworden bin, desto besser lernte ich die Schwierigkeiten ermessen, die er dabei überwinden mußte, wobei ich freilich zugebe, daß es ihm mit den Mitteln, womit es damals gelang, heute nicht mehr gelingen könnte. – Was ich am meisten bewunderte, war, daß er sich, obwohl er unter der Dorfjugend aufgewachsen war und kein Gymnasium besucht[13]  hatte, doch eine gute allgemeine Bildung verschaffte, eine gewählte Sprache und gewinnende Umgangsformen. Ein kenntnisreicher Mann von heiterem Gemüt, von Geist und Witz, war er ein angenehmer Gesellschafter, wenn sein schwerer Beruf ihm Zeit dazu ließ. Sein klarer Verstand hielt ihn frei von Aber- und Wunderglauben, ebenso von dem Unglauben, der in den vierziger Jahren bei den deutschen Ärzten einriß; er blieb fest im Glauben an die hippokratische Heilkunst.
Auch an Sonn- und Feiertagen war dem unermüdlichen Manne wenig Muße vergönnt. Neben seinem Amt als Physikus – so hießen damals die Bezirksärzte – besorgte er eine große Privatpraxis, meist zu Fuße. Er stand in der Regel schon vor der Sonne auf und marschierte oft sechs bis acht Stunden am Tage. In 29jährigem Staatsdienst nahm er nur einmal einen Urlaub von mehreren Wochen.
Seine ruhige und teilnehmende Art, mit den Kranken zu verkehren, gewann ihm überall, wo er sich niederließ, bald das Vertrauen der Leute. Niemals stieg er, um die Gunst der Menge buhlend, von der Höhe seiner Bildungsstufe herab, gegen Vornehm und Nieder bewahrte er die gleiche achtungsvolle Höflichkeit. Diese hält dem Arzte die Gemeinheit ferne und gewinnt ihm besser als rohe Manieren auch die Wertschätzung der Niedergestellten, die sich durch höfliches Benehmen der höher Gebildeten geehrt und gehoben fühlen.
So rastlos tätige Ärzte erreichen selten ein hohes Alter, am wenigsten in der Landpraxis. Sie sind, wie Soldaten im Feld, stets in Gefahr, alarmiert zu werden, oder im Gefecht. Das unregelmäßige Leben voller Verantwortung und ohne ausreichenden Schlaf und längere Erholung zehrt die Kraft des Körpers und namentlich die des Herzens vor der Zeit auf. Das wunderbare Pumpwerk, das den Leib Tag und Nacht ununterbrochen mit Blut versorgen muß, wenn nicht die ganze Maschine fast augenblicklich stillestehen soll, schlägt beim Erwachsenen im Jahre mehr als sechsunddreißigundeinhalb Millionen mal, beim Kinde noch öfter. Diese riesige Arbeit vermag es bei guter Leibesbeschaffenheit 70 Jahre und länger auszuführen, wenn nicht übermäßige Ansprüche die Leistungsfähigkeit des feinen Werkes[14]  früher abnützen. Mein Vater brachte sein Leben nur auf 60 Jahre, obwohl er nüchtern und einfach lebte, nur wenig gewürzte Kost nahm und leichten Landwein mäßig trank. Dem Kaffee allein war er fast leidenschaftlich ergeben, er trank ihn viel und stark; ich bin überzeugt, er wirkte nachteilig auf sein Herz und half sein Leben verkürzen. Er kannte seine Schädlichkeit und beschwor mich, den Kaffee zu meiden, konnte selbst aber nicht davon lassen.

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Weil ich meinen Vater der ärztlichen Praxis mit Liebe und Eifer nachgehen sah, bin auch ich seinem Vorbilde gefolgt und Arzt geworden. Er nahm mich schon als Kind oft mit zu den Kranken auswärts. Mir schien der Beruf des Landarztes der beste. War es doch wunderschön, unter freiem Himmel durch Flur und Feld, Wald und Wiese zu streifen! Bäuerin und Edelfrau empfingen meinen Vater mit herzlicher Verehrung, und ein Teil ihrer Wertschätzung fiel sogar auf sein Söhnchen ab. Ein Zoll ihrer Dankbarkeit in Gestalt von Obst und Backwerk füllte beim Abschied meine Taschen. Als Physikus war mein Vater überdies eine Respektsperson, nur vor dem Herrn Oberamtmann zogen Bürger und Bauer den Hut tiefer herab. Ich wollte Landarzt werden und schließlich Physikus, dies stand fest bei mir. Nur eine Zeitlang schwankte ich, ob ich nicht den Beruf eines Landgeistlichen vorziehen sollte, nachdem ich den köstlichen Frieden eines Landpfarrhauses gekostet, wo ich, wie das einzige Kind gehalten, zwei Jahre lang verweilt hatte, doch kehrte ich zu meinem ersten Vorsatz zurück, sobald ich wieder meinen Vater ärztlich wirken und walten sah.
Der Geburtsort meines Vaters, die Wiege unseres Geschlechts, war Soellingen, ein Dorf der alten Markgrafschaft Baden-Durlach in dem lieblichen Pfinztal an der Straße von Durlach nach Pforzheim. Er kam hier am 23. Dezember 1790 zur Welt. Mein Großvater, Johann Georg Kußmaul, wird in einer amtlichen Zuschrift, die ich bewahre, Chirurgus genannt. Mit diesem wohlklingenden Titel beehrte man die Feldscherer, doch besorgte er zweifelsohne die ganze ärztliche Praxis im Dorfe. Es war auf dem Lande noch nicht Brauch, studierte Ärzte aus den Städten zu Hilfe zu holen. Der Arzt aus der Amtsstadt[15]  Durlach wurde, wie mir mein Vater erzählte, kaum zwei- bis dreimal im Jahr ins Dorf gerufen, und wenn er hereinfuhr, so liefen die Leute zusammen und fragten, wer denn sterben müsse. Denn nur, wenn es ans Sterben ging, ließ man den Doktor holen. – Mein Großvater starb schon mit 40 Jahren und ließ seine Witwe mit vier Kindern und wenig Mitteln zurück, doch meine Großmutter, obwohl nur auf den Betrieb einer kleinen Landwirtschaft angewiesen, schlug sich mit ihrer Familie tapfer durchs Leben und hatte noch die Freude, bei ihrem zum Arzte aufgestiegenen Sohne meine Taufe mitzufeiern.
Soellingen war lutherisch. Mein Vater besuchte bis zum 14. Jahre die Volksschule und half der Mutter in Haus und Feld. Im Herbst hütete er mit den andern Dorfkindern, wie es Brauch auf dem Land, das Vieh auf den Wiesen. Eines Tages ging der Pfarrer des Orts, ein gutmütiger Herr namens Jäger, spazieren und sah den Knaben, ein Buch in der Hand, bei den Kühen. Verwundert trat er zu ihm und besah das Buch, es war das lutherische Gesangbuch der baden-durlachschen Markgrafschaft. Sein Erstaunen wuchs, als er sich überzeugte, daß der junge Mensch, der eben aus der Schule entlassen war, sämtliche Lieder des Gesangbuchs auswendig hersagen konnte. Dieser ungewöhnliche Trieb zu lernen und das gute Gedächtnis des Knaben machten einen solchen Eindruck auf ihn, daß er sich seiner annahm, ihm lateinischen Unterricht erteilte und Lehrbücher schenkte. Nach einiger Zeit tat er noch mehr. Weil der Knabe Wundarzt zu werden wünschte, benahm er sich mit dem befreundeten Amtschirurgen in Durlach und interessierte ihn für seinen Günstling.


Der Amtschirurg hieß Kaercher und war der Vater des um das badische Schulwesen verdienten Philologen und Direktors des Karlsruher Lyzeums Ernst Friedrich Kaercher. Er war ebenso gutmütig wie der Soellinger Pfarrer, jovial und ein guter Wundarzt. Obwohl er viel beschäftigt war, versprach er, den jungen Menschen gleichfalls zu unterrichten. Mein Vater mußte an mehreren Wochentagen nach Durlach gehen, wo ihn Kaercher in der Knochenlehre und den Anfangsgründen der Anatomie überhaupt, auch in der Verbandlehre und Wundbehandlung,[16]  unterwies und mitunter auf die Praxis mitnahm. Mit tiefer Rührung erzählte mir mein Vater: Bisweilen sei Kaercher morgens über Land gewesen und müde und hungrig heimgekommen; er hatte eben gespeist, sein Schöppchen Wein getrunken und zu einem Schläfchen sich ausgestreckt, wenn der Schüler in das Zimmer trat; sogleich raffte er sich auf und begann den Unterricht.
Seine weitere chirurgische Schulung erhielt mein Vater in Bruchsal, ehemals, bis 1803, die Residenz der Fürstbischöfe von Speier. Aus der bischöflichen Zeit befand sich noch in Bruchsal eine Schule für Hebammen und Chirurgen, die der berühmte Johann Peter Frank, der von 1772 bis 1784 als Leibarzt des Fürstbischofs dort verweilte, eingerichtet hatte. – Nachdem mein Vater 1814 das Staatsexamen für Wundärzte in Karlsruhe abgelegt, wurde er Militärwundarzt bei den badischen Truppen, machte die Belagerung von Kehl und Straßburg mit und kam bis Lothringen. Hier befiel ihn der Typhus, vermutlich der Flecktyphus, den die Franzosen aus Rußland mitgebracht hatten. Auch unter den Alliierten und schließlich in der bürgerlichen Bevölkerung wütete die Seuche. Mein Vater machte, und wie er meinte zu seinem Glück, den Typhus großenteils auf Stroh im offenen Wagen durch. Man hatte, wie ich zuerst von ihm erfuhr, nach der Völkerschlacht bei Leipzig die typhösen Soldaten, die in offenen Schuppen lagen, besser davonkommen sehen als die in den Hospitälern untergebrachten. Er lehrte mich die reine Luft bei der Behandlung der typhösen Krankheiten in ihrem großen Werte schätzen. Es ist unglaublich, welche verkehrten Anschauungen bei Laien und Ärzten bis tief in unser Jahrhundert herein auf diesem Gebiete der Heilkunst herrschten. Als ich in Kandern praktizierte, erzählte mir ein alter Bauer in Sitzenkirch, einem nahegelegenen Dörfchen, von der schlimmen Seuche, die während des Krieges von 1814 bis 1815 dort in den Höfen und Hütten herrschte. Man sperrte die Kranken von der äußeren Luft ab, hielt die Fenster geschlossen und verwehrte den Durstigen Wasser zu trinken. Glücklicherweise sei ein Militärarzt durch Sitzenkirch gekommen und habe sich der Unglücklichen erbarmt, die Leute belehrt, Luft in[17]  die Stuben gelassen und die Kranken mit Wasser erquickt. Danach nahm die Sterblichkeit ab. Der alte Physikus B. in Kandern aber habe von dieser »neuen Methode, das Nervenfieber zu behandeln«, nichts wissen wollen, er scheute das Wasser noch mehr als die Luft. »Es hat ihm arg gruset vor dem Wasser«, so versicherte mir der Alte, »aber vom Wi hat er sölli viel ghalte.«

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Nach beendigtem Kriege verschaffte sich mein Vater durch die chirurgische Praxis die nötigen Mittel, um sich zunächst in Privatstunden die Kenntnisse für die gymnasiale Reifeprüfung zu verschaffen. Er bestand sie glücklich. – Welche Anforderungen in Latein und Griechisch an den Kandidaten gestellt wurden, weiß ich nicht, nur so viel, daß er in beiden Sprachen geprüft wurde, im Lateinischen noch als Physikus etwas, im Griechischen nicht mehr bewandert war. Jedenfalls aber wog er als Lateiner bedeutend mehr als sein Physikatsvorgänger in Wiesloch, ein alter, in einer Klosterschule erzogener Herr, dessen Rezepte den Apotheker mitunter in große Verlegenheit brachten. Er verordnete eines Tages einem viel geblähten Amtsschreiber eine Unze »carponis animalis«, zu deutsch: Karpfen aus dem Tierreich. Der Apotheker lief zu meinem Vater und klagte: Er könne sich unmöglich zu seinem Blutegelteich auch noch einen Karpfenteich anlegen. – Mein Vater beruhigte ihn: Der alte Kollege meine sicherlich Knochenasche, »carbo animalis«, Karpfen beziehe man ja besser und billiger als aus der Apotheke aus dem Gasthof zu den drei Königen.
Sehr gut war mein Vater in der Botanik beschlagen. Ihm verdanke ich meine ersten Kenntnisse in dieser »scientia amabilis«, er lehrte mich Pflanzen suchen, bestimmen, sammeln und im Kräuterbuch geordnet einlegen. Die alten Ärzte schätzten die beschreibende Botanik in der Art, wie sie mein Vater mich betreiben lehrte, sehr hoch. In der Tat übt sie schon das Auge des Knaben für die künftigen ärztlichen Diagnosen.
Nach überstandener Maturitätsprüfung erhielt mein Vater die damals nötige Staatserlaubnis, an der Universität Medizin zu studieren. Er wandte sich zuerst nach Heidelberg und von da im Frühjahr 1819 nach Würzburg, wo gerade das leuchtende Gestirn Schoenleins aufgegangen war. Außer der Klinik Schoenleins[18]  besuchte er noch die anatomischen Vorlesungen Hesselbachs und die physiologischen Doellingers. Er verweilte in Würzburg bis in den August 1820 und machte dann im Herbst das Karlsruher Staatsexamen in der inneren Medizin. Nunmehr besaß er die Lizenz in den drei Fächern der Heilkunde als »Arzt, Wundarzt und Hebarzt«, wie das Diplom lautete. Seine Ausdauer, sein Talent feierten den verdienten Triumph.
Gleich nach dem Staatsexamen erhielt mein Vater die Stelle eines Assistenzarztes bei dem Landamt Karlsruhe in dem Marktflecken Graben und den Titel eines großherzoglichen Stabsarztes. Er hatte in Durlach meine Mutter kennengelernt, Luise Böhringer, die jüngste Tochter des bereits verstorbenen, mit Kindern reich gesegneten Besitzers der Glasfabrik Buhlbach bei Freudenstadt in Württemberg, und führte sie 1821 heim. Ein Jahr nachher kam ich zur Welt. Die glücklichen Eltern begrüßten den Erstgeborenen zärtlichst, und mein Vater erwies mir die erdenklichsten medizinischen Aufmerksamkeiten, untersuchte mich überall sorglich und legte mich auf die Waage. Ich wog sechseinhalb Pfund, ward somit leicht befunden, doch schien meine übrige Beschaffenheit zu guten Erwartungen zu berechtigen. Im weiteren Verlauf der Ehe kamen noch sechs Geschwister.

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Von Graben wurde mein Vater 1823 mit dem Titel eines Amtschirurgen nach Emmendingen im Breisgau versetzt, von da 1828 als Physikus nach Boxberg im Taubergrund, zuletzt, fünf Jahre später, nach Wiesloch bei Heidelberg.
Im Sommer 1850 raffte den teuern Mann ein Herzschlag mitten aus der Tätigkeit hinweg. Seit 30 Jahren litt er an aussetzendem Puls ohne objektive Symptome eines organischen Herzleidens. In den letzten Jahren war das Aussetzen häufiger geworden und hielt länger an. Er mußte unterwegs öfter stehenbleiben und wurde von Schwindel befallen mit Verdunkelung des Gesichts. Er hielt mir in solchen Fällen den Arm hin zum Befühlen des Pulses und prophezeite, er werde plötzlich auf der Straße sterben. Scherzend trug er mir auf, ihn zu sezieren. »Du glaubst nicht«, fügte er bei, »wie sehr dein Befund mich interessiert.« Es traf ein, wie er vorausgesagt hatte. Auf dem[19]  Heimweg von der Praxis sank er beim Überschreiten eines Brückenstegs lautlos zusammen.
Ein meinem Vater befreundeter Kollege führte seinen Wunsch aus. Das Herzfleisch des mageren Mannes hatte sich in der rastlosen Arbeit aufgezehrt, es war wie blaßgelbes Wachs geworden. Andere Fehler zeigte das Organ nicht.



Früheste Erinnerungen










[20] Aus dem Nebelmeer meiner frühesten Erinnerungen tauchen mir als erste lichte Punkte zwei Bilder auf, die sich an ein schmerzhaftes Ereignis in Emmendingen knüpfen.
Lebhafte Kinder zieht es unwiderstehlich zum flackernden Herdfeuer der Küche wie die Fliegen zum Kerzenlicht. Es ist weniger die Naschsucht wie bei Hund und Katze, die den kleinen Menschen in den verbotenen Raum lockt, als die Neugier und Lust an dem unterhaltenden Schauspiel, womit die Küche alle Sinne befriedigt. Es lodert die Flamme, es siedet der Topf und brodelt der Kessel, es dampft und duftet; die Köchin schürt die glühenden Kohlen, sie schneidet und schält, backt und brät und ist immer tätig; es geschehen die merkwürdigsten Verwandlungen: Aus Mehl und Eiern wird Teig und ein gelblicher Kuchen, der in der Pfanne sich bräunt. Mit dem Angenehmen verbindet sich das Nützliche. Ist die Köchin dem Kinde hold, so gibt sie ihm Gutes zu kosten, und ist das Kind ein Leckermäulchen, so verlangt es noch mehr.
Mein erstes Erinnerungsbild versetzt mich in die Küche. Im Röckchen laufe ich der Köchin in die Beine, sie hat gerade einen Topf mit siedendem Wasser vom Herde gehoben, schwankt, schüttet ihn aus und verbrüht mir den behaarten Kopf. Ich schrie unbändig, meine zum Tod erschrockene Mutter fliegt herbei und schließt mich in die Arme.
Im zweiten Bild lieg' ich im Bette. Mein Vater ist von der Praxis heimgekommen, neigt sich über mein Haupt und besieht den Schaden.
Alles andere, was sich an die Verbrühung angeschlossen haben muß, ist in der Erinnerung nicht haften geblieben, nur[20]  diese beiden Augenblicke bleiben unauslöschbar beleuchtet. Als objektives Zeichen behielt ich eine narbige Vertiefung am Scheitel, die das Haupthaar von den Rändern her überdeckt.
Als mein Vater 1828 von Emmendingen nach Boxberg versetzt wurde, legten wir den weiten Weg dahin in einer großen Mietkutsche zurück. Wir waren damals vier Kinder, und der Umzug machte uns großes Vergnügen. Mit uns fuhr ein lieber rothaariger Spielgefährte, ein junges Eichhorn oder Eichkätzchen. Es war an ein langes Kettchen gebunden und trieb sein possierliches Spiel mit Männchenmachen und Nüsseknacken bald auf dem Kutschendach, bald im Innern. Wurde es abends kühl, so schlüpfte es zu uns Kindern herein in die Wärme. Nachdem wir glücklich an den Neckar bei Hasmersheim gekommen waren, fuhren wir im Dunkel der Nacht die schlechte Straße ins Dorf hinab, der Kutscher warf um, und wir quetschten unseren armen Spielkameraden, der bereits bei uns untergeschlüpft war, unseligerweise zu Tode. Wir waren untröstlich, bis uns der holde Freund der Kinder, der Engel mit der Mohnblume, die verweinten Augen zudrückte.



In der Volksschule zu Boxberg










[21] Schon in Emmendingen hatte ich einigen Unterricht zu Hause erhalten, sogar mensa deklinieren lernen, in Boxberg sollte ich die Volksschule besuchen. Das armselige Städtchen, die Beamten nannten es den Bloxberg, hatte nur einen Lehrer, einen Schulmeister, wie sie nicht mehr vorkommen, auch damals war er wohl einzig in seiner Art.
Der Schulmeister war ein baumstarker Mann in den Fünfzigern, ein gedienter Soldat, hatte die Kriege als Reitersmann mitgemacht, vermutlich bei den badischen Husaren, die später in Dragoner umgewandelt wurden, und konnte lesen, schreiben und die vier Spezies rechnen. Deshalb wurde er wahrscheinlich zum Schullehrer für gut befunden. Wir waren nur wenige Kinder in der Schule, und es ist mir nichts anderes daraus geblieben als ein wenig biblische Geschichte vom König David und seinen Heldentaten wider den Riesen Goliath, die Philister[21]  und Amalekiter. Dazu erzählte der Alte uns begeistert, daß er auch beim Kriegshandwerk gewesen und wie er es in Feindesland gehalten habe. »Ich sag' euch, ihr Buben«, rief er uns grimmig zu, »es geht halt nichts in der Welt über einen rechtschaffenen Reitersmann im Krieg. Der steigt, wenn kommandiert wird, aufs Roß, reißt den Pallasch aus der Scheide, setzt die Sporen ein, und die ganze Schwadron reitet dem Bauern in den Klee oder die Frucht, wie es gerade kommt. Da schreit der Bauer, und die Bäuerin jammert, aber da hilft nichts und muß alles ruiniert werden. Und wenn sich der Bauer widersetzt, so fliegt ihm der rote Hahn aufs Dach, daß die Flammen an allen Ecken aus der elenden Strohhütte 'rausschlagen. So ist's recht, und so muß es im Kriege zugehen!«
Als ich meinem Vater erzählte, wie uns der Schulmeister biblische Geschichte lehrte, schüttelte er den Kopf und nahm mich aus der Schule. Ein Lehrer aus einem Nachbarsdorf sollte in der Woche mehrmals nach Boxberg kommen und mir Stunden geben. Da er aber nicht regelmäßig erscheinen konnte, so kam dabei nicht viel heraus.
Nach vielen Jahren – wir waren inzwischen weggezogen – hörte ich wieder von dem Boxberger Schullehrer und was sich seither mit ihm begeben hatte. Ein junger Bauer hatte seine Tochter geheiratet, der alte Bauernfeind konnte sich aber mit dem Schwiegersohn nicht vertragen. Sein Haß wurde so groß, daß er ihm unter der Stalltür auflauerte und ihn mit der Mistgabel totschlug. Im Zuchthaus beschloß er seine Tage.



Im Pfarrhaus zu Buch am Ahorn










[22] Das Dörfchen dieses Namens lag, abgeschieden von der Welt, mit seiner Gemarkung größtenteils eingeschlossen in einem an Buchen- und Ahornbäumen reichen Walde.
In den zwei Jahren, die ich dort zubrachte, sah ich kaum andere Fremde als Wallfahrer, die »vom heiligen Blut« in Walldüren kamen, und Zigeuner, die ebenso plötzlich erschienen als verschwanden. – Die Wallfahrer zogen betend und singend, mit Kruzifix und Fahnen, durch den ganzen evangelischen Ort,[22]  ohne sich aufzuhalten. Wenn die Prozession nahe genug ans Dorf kam, eilten die Kinder herbei, stellten sich zu beiden Seiten der Dorfstraße auf, streckten die Hände gegen die Wallfahrer aus und erhielten von ihnen kleine Stücke eines gelblichen, faden Gebäcks. – Die Zigeuner verweilten einige Tage draußen vor dem Dorfe und schlugen am Waldsaum ein Lager auf; die Weiber und Kinder liefen in die Häuser zu den Bauern, wahrsagten und holten Brot, Speck und Eier, Milch und Butter. Ich ging mit den anderen Kindern hinaus an den Wald. Sie lagerten ums Feuer und brieten gerade ihr Lieblingsgericht am Spieße – fette Igel.
Der große Forst, der das Dorf umgab, hatte abgelegene Stellen, wo, nach Versicherung des Försters, der in dem nahen Ahornhofe einsam wohnte, echte Wildkatzen im Dickicht hausten. Ich selbst sah eines Tages tief im Wald eine riesige Katze sich in einer mächtigen Ahornkrone von Zweig zu Zweige schwingen.
Pfarrer Ganz und seine Frau standen beide im Beginn der Dreißiger und waren herzgute Leute. Sie hatten keine Kinder und behandelten mich wie ihr eigenes. So kam ich leicht über das Heimweh weg und fühlte mich bald zu Hause.
Einen besseren Erzieher hätte ich nicht haben können als diesen kleinen, klugen und nie verdrossenen Landpfarrer. Er war ein vergnügter Student gewesen und im Predigerrock kein Kopfhänger geworden; er liebte Kinder und verstand es ausgezeichnet, mich den ganzen Tag zu beschäftigen. Ein großer Kanzelredner war er sicherlich nicht, doch besaßen seine Predigten eine Eigenschaft, die der badische Prälat und Dichter Hebel als die beste bezeichnet, sie waren – kurz. Auch seine Gelahrtheit reichte nicht weit, für mich jedoch weit genug.
Wie bei dem Pfarrer war ich auch bei der Pfarrerin gut aufgehoben. Sie sorgte für mein leibliches Gedeihen, und ihre Mehlspeisen waren köstlich. Fleisch kam nicht täglich auf den Tisch, und ich vermißte es nicht; Mehlspeisen und Obst zog ich dem besten Braten vor.
Mein größtes Leibessen waren ihre zarten Kartoffelklößchen, sie sah mir liebevoll zu, wenn ich sie vom Teller verschwinden[23]  machte, doch konnte sie zuletzt dem Gatten zurufen: »Lieber Ganz, wird es nicht doch des Guten zuviel?« Er aber lachte, weil er besser wußte, was der gesunde Magen eines Knaben zu leisten vermag und wie man ihn bei außergewöhnlichen Zumutungen leicht vor Schaden behütet: Er dehnte den Spaziergang nach Tische ein Stündchen länger aus.

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Der Unterricht meines Mentors erstreckte sich auf Latein und Französisch, im zweiten Jahr auch auf Griechisch, er lehrte mich Rechnen und Geometrie, Naturlehre, Geschichte und Erdkunde, diese gefiel mir am besten. In den freien Stunden wurde regelmäßig spazierengegangen, ich spielte in Hof und Garten, las und zeichnete; mit besonderer Vorliebe kolorierte und zeichnete ich auch Landkarten nach Anweisung meines Lehrers. Spielend erwarb ich mir dadurch geographische Kenntnisse; ich fertigte sogar geschichtliche Karten der Weltreiche Alexanders des Großen, der Römer und Karls des Großen. Er gab mir aus seiner wohlbestellten Bibliothek Zimmermanns mehrbändige Länder- und Völkerkunde in die Hand, an der ich mich nicht satt lesen konnte.
In der letzten Zeit meines Aufenthaltes ergriff mich eine gefährliche Lesewut. Der Pfarrer bewarb sich um die Pfarrstelle in Unterschüpf, mußte mehrmals verreisen, und ich wurde deshalb weniger überwacht. Ich hatte bisher nur die Fabeln Äsops, Hagedorns munteren Seifensieder und die unverfänglichen Gedichte eines Lichtwer und Gellert kennengelernt. Die lebhafte Schilderung der greulichen Katzenmusik in Lichtwers lehrsamer Erzählung mit der Nutzanwendung: »Blinder Eifer schadet nur« versetzte mich in ein krampfhaftes Lachen, aus dem ich den ganzen Abend nicht herauskam. Während des Pfarrers Abwesenheit machte ich mich nunmehr hinter Zschokkes Abällino und seine Novellen, die meine Phantasie mehr als gut erregten, zuletzt ritt ich sogar auf Wielands Hippogryphen ins alte romantische Land, wozu es noch mindestens sechs Jahre Zeit gehabt hätte.
Unsere Spaziergänge richtete der Pfarrer ebenso unterhaltend als nützlich ein. Er lehrte mich alle Sträucher und Bäume des Waldes kennen; wir gruben Pflanzen aus und versetzten sie in[24]  den Garten am Pfarrhaus, schrieben ihre botanischen Namen auf kleine Schilder und befestigten sie an Stäben, die wir daneben steckten.
Die Leute in den großen Städten halten das Leben auf dem Lande für einförmig und langweilig, es bietet jedoch für Kinder bessere und gesundere Unterhaltung als die Stadt. Zugleich lernen sie eine Menge nützlicher Dinge kennen, die dem Stadtkinde häufig zeitlebens bis zur Lächerlichkeit fremd bleiben. In das hastige, aufregende Treiben der Städte können sie später noch frühe genug eingeführt werden. Ich betrachte es noch heute als ein Glück, daß ich den größten Teil meiner Kindheit auf dem Lande verlebt habe. In jeder Jahreszeit gab es Neues zu schauen: im Frühling pflügen und säen, Stecklinge setzen, pfropfen und Bäume schneiden, im Sommer Heu und Getreide ernten, im Herbste zahlreiche Früchte von Feld und Garten einheimsen, im Winter Arbeit genug in Scheune und Stall. In den Weingegenden kommen noch die Freuden des Rebenherbstes dazu; in Buch am Ahorn gab es keine Rebgärten, man kelterte, wenn ich mich recht erinnere, nur Äpfel und Birnen.


Wie stolz war ich, wenn ich im Sommer hochthronend auf dem Erntewagen mit den vorgespannten Kühen in den Pfarrhof einziehen durfte, und welch ein Vergnügen, in der Scheune von hoch oben herabzuspringen in das duftende Heu! – Herrlich war es auch in der Erntezeit nach der Heimkehr vom Felde, wenn ich müde und hungrig mit dem Gesinde das köstliche Roggenbrot und Wurst oder Käse teilen durfte und den säuerlichen Wein dazu kosten. Was ist gegen solchen Genuß das Zuckerbrot des städtischen Konditors? – Das Feinste aber brachte das Schlachtfest im Winter, wenn es würzige Metzelsuppe gab mit zartem Wellfleisch und die Dorfjugend in den Pfarrhof kam, um die Brühe und die leckeren Bissen mitzukosten.
Jedoch nicht immer ruht idyllisches Glück auf den ländlichen Hütten. – An einem Herbstabend war der Pfarrer mit mir nach dem nahen Dorfe Brehmen spazierengegangen. Die Sonne begann eben unterzusinken, als wir aus dem Walde tretend das Örtchen vor unseren Füßen liegen sahen. Plötzlich schlugen[25]  Flammen aus dem Dachgiebel eines der Häuser, und in wenigen Minuten flog das Feuer, vom Winde getrieben, von Haus zu Haus, von Scheune zu Scheune. Heu und Frucht lagen aufgespeichert darin, das gierige Element verzehrte die mühsame Arbeit eines ganzen Jahres; die rote Lohe sprühte hoch gen Himmel. Mit Furcht und Grauen sah ich das traurige Schauspiel. Die armen Leute eilten hilflos auf der Brandstätte umher. Gelassener, als es eine städtische Bevölkerung zu tun vermocht hätte, nahmen die Bauern ohne Geschrei und Lärm ihr Unglück hin.
Eilend waren zwei Jahre bei dem Pfarrer dahingegangen, er riet meinem Vater, mich nunmehr auf ein Gymnasium zu bringen. Ungern schied ich von ihm und seiner Gattin. Was mir beide gewesen, habe ich erst als Mann völlig würdigen gelernt. Aus dem Pfarrhaus wurde mir durch Gewöhnung an geregelte Arbeit ein Segen für das ganze Leben mitgegeben. – Ich sollte leider die guten Leute niemals wiedersehen. Der Pfarrer wurde nach Schüpf versetzt, einer weit angenehmeren Pfarrei als die von Buch am Ahorn, aber er durfte das Glück nicht lange genießen. Die Ruhr, die 1834 im Herbste die Gegend heimsuchte, raffte beide in einer Woche hinweg.
Das Einkommen der Pfarrei Buch am Ahorn bestand größtenteils, wenn nicht ganz, aus dem Ertrage des Zehnten und der Gülten. Zwar ist der Zehnte schon in den fünf Büchern Mosis angeordnet, und die Römer hießen das eroberte Land rechts am Oberrhein die agri decumates, das Zehntland, aber trotz Mosis und der Cäsaren Gebot wollte den Bauern diese Einrichtung wenig einleuchten. Es war der Zehnte eine unerschöpfliche Quelle von Ärger und Verdruß für Geistlichkeit und Bauernschaft. Beide empfanden fast allenthalben seine Ablösung, die auf Antrag der Zweiten Kammer in den dreißiger Jahren ins Werk gesetzt wurde, als eine Wohltat. – Das Gedächtnis des Zehnten ist nahezu erloschen, darum sei ihm ein Wort der Erinnerung geweiht; er hat mir als Knaben frohe Stunden bereitet.

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War die Ernte- oder Herbstzeit gekommen, so meldete sich der Zehnter, dem das Eintreiben des Zehnten oblag, beim Pfarrherrn.[26]  Er kam mit einem mehr als mannshohen spitzen Stabe, dem Zehntstabe, und zeigte dem Geistlichen an, daß er aufs Feld gehe, um seines Amtes zu warten. Ich durfte ihn mitunter auf seinen Gängen begleiten. Die Bauern waren gehalten, die Getreidegarben in Reihen, Flachs und Hanf in Büscheln, Heu und Öhmd, Kartoffeln, Rüben, Bohnen u. dgl. in Haufen und Häufchen bereitzulegen und liegenzulassen, bis der Zehnter mit seinem Stab erschien, nachsah und jede zehnte Garbe, jedes zehnte Büschel oder Haufen wegnahm, auf den Wagen lud und wegführte.
Der Zehnter, ein ehemaliger Soldat, ein Vierziger, war ein stattlicher, heiterer Mann und mir freundlich zugetan. Er wahrte getreu des Pfarrers Vorteil und kannte die Bauernschliche von Grund aus. War er doch selbst aus dem Bauernstande hervorgegangen und führte das Sprichwort im Munde: »Der Bauer ist ein Lauer.« Nach Grimms Wörterbuch bedeutet Lauer einen Schelm und ist im 18. Jahrhundert ausgestorben. Im Munde des Zehnters war es aber noch im 19. lebendig. Er ließ sich nicht hinters Licht führen, und ich half ihm eifrig nachzählen und aufladen und freute mich seines Lobs. Heimgekehrt, teilte er im Pfarrhof das Mahl mit dem Gesinde und würzte es mit Scherzen und lustigen Geschichten.



Zeitbegebenheiten










[27] Auf dem großen Septembermarkt in Königshofen an der Tauber durfte ich mir kolorierte Bilderbogen kaufen und erfuhr daraus als Knabe zuerst von den Welthändeln der zwanziger Jahre, von den türkischen Greueln und den Heldentaten der Griechen und Russen in den Freiheitskämpfen der Griechen und dem Russisch-Türkischen Kriege von 1828/29. Natürlich schlug mein Herz für die christlichen Brüder.
Das Jahr 1830 brachte große Aufregung unter die Honoratioren des Amtsbezirks Boxberg, denn die Luft war gewitterschwanger, und in Europa folgte eine Revolution der andern. Nach der Julirevolution der Franzosen kam der Abfall der Belgier von Holland und der Aufstand der Polen.[27]
Die Eingeborenen in Boxberg und der ganzen Umgegend nahmen an den politischen Ereignissen kaum teil, sie verhielten sich stumpf dagegen. Während der größte Teil des Großherzogtums in lebhafte Bewegung geraten war, blieb das Land zwischen Neckar und Main fast unberührt von den welterschütternden Vorgängen. Der ehemalige badische Main- und Tauberkreis, der 1834 aufgehoben und mit dem Neckarkreis zu dem heutigen Unterrheinkreis verschmolzen wurde, stand, wenn wir etwa Wertheim ausnehmen, an Wohlstand und Bildung hinter den übrigen Teilen des Großherzogtums zurück. Obwohl es ihm nicht an fruchtbarem Gelände und lieblichen Tälern und Höhen fehlt und die Hügel an Main und Tauber einen guten Wein erzeugen, so betrachteten doch viele Beamte diesen Landesteil als das badische Sibirien und sehnten sich wie Verbannte daraus weg. Seine Bewohner, ostfränkischen Stammes, standen an geistiger Begabung nicht tiefer als die Rheinfranken und Alemannen in den andern Teilen des badischen Landes, aber sie lebten abseits vom großen Verkehr, und ihre politische Vergangenheit war eine schlimmere.
Kaum irgendwo im ganzen Heiligen Römischen Reich lagen so wie zwischen Main und Neckar geistliche und weltliche, große und kleine Herrschaften bunt durcheinander, und fast nirgends vielleicht war der Bauer so schutzlos der Willkür der Bischöfe, des hohen und niederen Adels preisgegeben. Die mächtigsten Herren waren die Bischöfe von Mainz und Würzburg und der Pfalzgraf vom Rhein, von den kleinen die schlimmsten die Ritter von Rosenberg auf der Feste Boxberg. Die malerischen Ruinen dieser Burg, worin ich mich als Knabe mit den gleichaltrigen Gespielen so oft und gerne tummelte, sind von der Höhe über dem Städtchen verschwunden; ihre Steine dienten zum Bau des Stationsgebäudes, das in dem nahen Wölchingen an der Bahn von Heidelberg nach Würzburg liegt.
In ewigen Fehden machten die gebietenden Herren einander und alle zusammen den Bauern das Leben sauer.
Solche Zustände machen es begreiflich, warum gerade im Taubergrund schon 1476 der Pfeifer von Niklashausen den Kommunismus predigte, bis ihn der Bischof von Würzburg[28]  verbrennen ließ. – Fünfzig Jahre nachher erhob zu Ballenberg bei Krautheim der wilde Metzler das Banner des Bundschuhs. Bei Königshofen kam es am 2. Juli 1525 zwischen dem wohlgeführten Adel und dem zuchtlosen Bauernheere zur entscheidenden Schlacht. Der Truchseß von Waldburg vernichtete die Macht des Bundschuhs und hielt auf dem Schlachtfeld ein furchtbares Blutgericht. Wie Wolfgang Menzel in seiner Geschichte der Deutschen (Bd. 3, S. 53) nach dem Berichte von Hormayr erzählt, ließ der Bauernjörg, so hieß er beim Volk, die Gefangenen in der Reihe niederknien, und sein »lustiger Knecht Hans« ging hinter ihnen mit dem Richtschwert auf und ab. Der Truchseß fragte, wer von ihnen beim Aufruhr gewesen sei. Keiner gestand es. Wer von ihnen die Bibel gelesen habe? Mehrere sagten ja, und jedem, der es bejahte, schlug der lustige Hans den Kopf ab, unter lautem Gelächter der Junker. Ebenso jedem, der lesen und schreiben konnte.

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Nach diesem blutigen Tag war das Volk in die alte Knechtschaft gesunken. Es begann erst unter der badischen Herrschaft aus seiner Erstarrung langsam aufzutauen, doch zogen die Bauern noch in den dreißiger Jahren, wenn ihr Geschäft sie an dem Amtshaus in Boxberg vorbeiführte, demütig die Mütze, auch wenn der Herr Amtmann nicht am Fenster stand. Noch immer regierte der Stock. Zuweilen sahen wir Kinder vor dem Amtshaus die Pritsche herrichten. Dann eilten wir herbei, neugierig und besorgt, wir könnten das Schauspiel verfehlen. Ein armer Sünder wurde vom Büttel vorgeführt, aufgebunden und mit der ordnungsmäßig verfügten Zahl von Hieben bedacht. Sie trafen denjenigen Teil des Leibs, den die Natur – nach dem alten Glauben der Pädagogen – mit den innigsten Beziehungen zu den Organen der Sittenlehre ausgestattet hat.
Äußerlich erstarb der Bauer in Demut, aber es hieß von dem Taubergründer und Odenwälder im Bauland: »Er red't nit aus.« Der Haß glimmte versteckt im Innern fort, wider den Junker, dem er Zehnten und Gülten entrichtete, und wider den Juden, der dem Bauern in Handel und Wandel, Listen und Schlichen weit überlegen war.[29]
Während der Julirevolution hielt sich das Land zwischen Main und Neckar ruhig, aber 18 Jahre nachher, als der Thron Louis Philipps im Februar 1848 in Trümmer ging, da durchbrach der verhaltene Groll die festen Schranken, die ihm die Staatsgewalt bisher gesetzt hatte. Was nirgendwo sonst im Großherzogtum geschah, ereignete sich dort. Haufen Vermummter zogen von Ort zu Ort, von Schloß zu Schloß, erbrachen die Archive, verbrannten die Gültenbriefe und Urkunden und plünderten die Juden.
Wunderlicherweise begab sich auch wieder ein Götz von Berlichingen, ein Nachkomme des alten Götz, ein Mannheimer Schulkamerad und Heidelberger Studiengenosse von mir, ein ritterlicher junger Herr, zu den aufrührerischen Bauern. Was er ausrichtete, habe ich nicht erfahren.
Besser weiß ich Bescheid, wie es einem Studiosus Schloeffel erging, der gleichfalls von Heidelberg zu den Bauern gereist war, aber nicht um Ordnung zu stiften, wie der Sprosse des alten Rittergeschlechts, sondern um den Aufruhr zu schüren. Er war der Sohn des wütenden schlesischen Demagogen Schloeffel, hatte anderthalb Jahre zuvor, während ich Assistent an Pfeufers medizinischer Klinik war, am Typhus darin gelegen und war dem Tode mit Mühe entronnen. Von daher kannte ich ihn persönlich und wußte, daß er wie sein Vater ein fanatischer Republikaner war. Zufällig traf ich ihn nach meiner Heimkehr von Prag und Wien im März unterwegs im Eilwagen auf der Strecke von Heidelberg nach Wiesenbach, wo wir uns trennten; ich fuhr nach Sinsheim, er nach Mosbach. Ich erriet den Zweck seiner Reise und warnte ihn, obwohl er mir sein Vorhaben nicht eingestand. Er lächelte überlegen, als ich ihm prophezeite, die Bauern würden ihn packen und den Gendarmen überliefern, denn sie stünden treu zur badischen Regierung. Es kam, wie ich voraussah. Die Bauern ergriffen ihn und übergaben ihn den Gendarmen, die ihn zurück nach Heidelberg ins Gefängnis brachten. Er blieb nicht lange in Haft, wurde amnestiert und freigelassen. – Am 21. Juni 1849 fand er als Adjutant Mieroslawskis den Tod auf dem Schlachtfeld bei Waghäusel.



Wertheim










[31] Im Frühjahr 1833 kam ich auf das Gymnasium in Wertheim, das meinen Eltern am bequemsten lag. Ich blieb nur ein Jahr in der kleinen, an der Mündung der Tauber in den Main anmutig gelegenen Stadt. An Ostern 1834 vertauschte ich das Wertheimer Gymnasium mit dem Mannheimer Lyzeum, weil mein Vater in diesem Jahre von Boxberg nach Wiesloch in die Rheinebene versetzt wurde.
Auch in Wertheim wurde ich bei einem Geistlichen untergebracht, aber nicht, wie in Buch am Ahorn, als einziges Kind des Hauses, die Familie war mit Kindern reich gesegnet; ich mußte mich mit den Brosamen von Liebe begnügen, die für den kleinen Fremdling übrigblieben. Zwar war die Frau des Geistlichen nicht ohne Güte, er selbst aber kümmerte sich kaum um mich; den größten Teil des Tags hielt er sich abgeschlossen in seiner Studierstube und schrieb seine Predigten oder arbeitete zu seinem besonderen Vergnügen in Pappe.
Über meinen Aufenthalt in Wertheim habe ich nichts Mitteilenswertes zu berichten, wenn ich ein einziges Ereignis ausnehme, woran ich gerne zurückdenke.
Die Tauber teilt, von Süden kommend, die Stadt in zwei Hälften, eine kleinere linke und eine größere rechte, die durch eine Brücke verbunden sind. Die Wohnung des Pfarrers lag auf der Kleinseite nahe der Brücke. Die Tauber hatte hier ein starkes Gefäll, und in der Flut schwammen viele kleine Fische, die uns Kinder zum Angeln verlockten. Der Staden am Ufer der Kleinseite unterhalb der Brücke eignete sich gut zum Auswerfen[31]  der Angeln, und es hielten sich deshalb hier gerne Knaben und Mädchen auf, teils um selbst zu fischen, teils um zuzuschauen. – Eines Nachmittags stahl ich mich aus der Wohnung, bog mir eine Stecknadel zu einer Angel zurecht, band sie mit Schnur, Kork und Federkiel an eine Rute und eilte damit zum Staden, wo ich bereits große Gesellschaft fand. Ich stellte mich zuunterst ans Ufer, befestigte eine Fliege an die Nadel und warf die improvisierte Angel in den Fluß. Unter den Kindern befand sich ein kleiner pausbackiger Junge im langen Röckchen. Er kam dem Flusse zu nahe und fiel hinein, die Flut trieb ihn rasch fort, am Staden hin abwärts. Die Kinder erhoben ein großes Geschrei: »Die Polizei kommt!« und liefen davon. Ich blieb allein zurück und sah, wie die Strömung den Kleinen in seinem gebauschten Röckchen gegen mich herantrieb. Alsbald warf ich die Angelrute zur Seite, kniete am Ufer nieder, beugte mich vornüber, erwischte den Rock, zog den Knaben ans Land und stellte ihn auf die Beine. Dies alles geschah in einem Augenblick. Jetzt begann das Kind, das von Wasser triefte, furchtbar zu schreien. Die entflohenen Kinder liefen wieder herbei und faßten Mut, mich aber überkam jetzt erst die Angst vor der Polizei, die damals jedem Deutschen schon in der Wiege als grausiger Popanz vorgehalten wurde. Ich überließ den Geretteten seinen älteren Spielkameraden, die ihn zu seinen Eltern heimführten, Glasersleuten, die in der Nähe der Brücke wohnten, und lief, so rasch ich konnte, die Angel im Stiche lassend, nach Hause zu meiner Schulaufgabe.

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Der Vorgang hatte ein Nachspiel. Wenige Tage darauf begann der große Wertheimer Jahrmarkt, der »Wörthmarkt«, auf den Wiesen vor der Stadt. Er dauerte 14 Tage, und meine Schulkameraden hatten sich schon seit Wochen darauf gefreut, namentlich auf die Wurstbuden und Karusselle, und von ihren Eltern das Meßgeld dafür erhalten. Ich wagte nicht, den Pfarrer darum anzusprechen, seine kalte Art hielt mich ab, und so hatte ich, als das Fest gekommen war, das leere Zusehen. Tiefbetrübt stand ich vor den Holzpferdchen, die so flink im Kreise liefen; beim Klange der Musik ritten meine Kameraden, kleine Degen in der Hand, an mir vorüber und stachen Ringe. Da[32]  berührte plötzlich jemand meine Schultern. Ich sah mich um und gewahrte einen freundlichen, noch jungen Bauersmann, der mich anredete: »Bist du der Knabe, der mir meinen Kleinen aus der Tauber gezogen hat? Ich bin der Glasermeister, der an der Brücke wohnt, und möchte dir eine Freude machen. Nimm hier, mein Lieber, einen Gulden Meßgeld!« – Warum ich mich schleunigst davonmachte, statt zuzugreifen und auf ein Pferd zu steigen, was ich noch eben so sehnlich gewünscht hatte, kann ich nicht sagen. Ich fühlte mich beglückt und hätte um keinen Preis der Welt für meine Tat Geld angenommen. Nachdem ich eine kleine Strecke gelaufen war, sah ich mich nach dem Glaser um, er stand noch an dem Karussell und schaute mir lächelnd nach.



Mannheim










[33] Als mein Vater im Frühjahr 1834 seine Ernennung zum Physikus des Amtsbezirks Wiesloch erhielt, war die Familie auf sieben Kinder angewachsen. Zuerst waren drei Söhne gekommen, dann drei Töchter, zuletzt noch ein Sohn; unsere Erziehung machte ihm große Sorgen. Um sie zu ermöglichen, entschloß er sich zu einem Opfer, dessen Größe nur richtig ermißt, wer den mühseligen Beruf eines Landarztes kennt: Er verzichtete auf die Bequemlichkeiten der eigenen Familie und schickte unsere Mutter mit den Kindern nach Mannheim, wo wir gute Schulen besuchen konnten; er wohnte allein in Wiesloch und behalf sich mit mangelhafter Bedienung. Oft vergingen mehrere Wochen, bis er von seinen Geschäften abkommen konnte, um nach uns zu sehen. Er kam fast ausnahmslos zu Fuße; als ein ausgezeichneter Fußgänger benützte er abkürzende Wege durch die ausgedehnten Waldungen der Rheinebene. Die Ferien verbrachten wir bei ihm in Wiesloch.
Das Bild von Mannheim und seiner Umgebung, wie es mir aus meiner Knabenzeit in der Erinnerung steht, ist von dem heutigen sehr verschieden.
Durch den Frieden von Lunéville war Mannheim, bisher die Haupt- und Residenzstadt von Kurpfalz, 1803 an Baden gekommen[33]  und aus einer starken Festung eine offene Stadt geworden, doch war sie noch immer nicht über die Grenze ihrer ehemaligen Wälle hinausgewachsen. – Ihr Handel bedeutete wenig, ihre Industrie noch weniger, ihre breiten schnurgeraden Straßen zwischen den ermüdenden Häuserquadraten waren nur schwach belebt. Noch immer war Mannheim mehr Residenz- und Garnisonsstadt als Handelsstadt. Das große ehemalige Residenzschloß der Kurfürsten diente der Großherzogin Stephanie von Baden als Witwensitz, und zahlreicher begüterter Adel, hauptsächlich der badischen Pfalz, war in Mannheim ansässig und bildete den Hof der sehr beliebten Fürstin. In fünf Kasernen lag die ansehnliche Garnison der Stadt.
Das Jahr 1834, in welchem wir nach Mannheim kamen, legte den Grund zu der mächtigen Entwicklung von Handel und Industrie der so glücklich an dem Zusammenfluß von Rhein und Neckar gelegenen Stadt; ein neuer Abschnitt ihrer Geschichte begann. Am 9. Juli fielen die Zollschranken zwischen dem badischen und bayerischen Rheinufer; am 10. September legte Großherzog Leopold den Grundstein zu den Bauten, die allmählich den Mannheimer Hafen zu dem größten Binnenhafen des europäischen Festlandes machten. Die Ein- und Ausfuhr von Gütern – ohne Floßholz – des Mannheimer Hafenverkehrs betrug 1835 nur 26000 Tonnen, 1895 dagegen 3280000. – Die Mühlauinsel, die heute von Hafenkanälen durchzogen und mit Bahnschienen, Lagerhäusern und Werkstätten bedeckt ist, war damals noch ein Lustort mit Gärten und Spazierwegen und dem vielbesuchten Mühlauschlößchen, einer guten Gartenwirtschaft, wohin sogar Großherzogin Stephanie Gäste einlud.

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Als Festung hatte Mannheim auf dem linken Rheinufer einen Brückenkopf gehabt, die Rheinschanze. Sie war mit allen übrigen Festungswerken geschleift worden, der Ort aber, wo sie gestanden hatte, hieß noch immer die Rheinschanze. Es befanden sich hier keine andern Gebäude, als ein bayerisches Zollhaus mit seinem Schuppen und eine kleine Strecke weiter unten am Rhein die Hemshöfe, einige Bauernhöfe, wo billiger Wein geschenkt wurde. Eine Schiffbrücke, die beim Eisgang[34]  abgeführt werden mußte, führte von der Rheinschanze nach der Stadt herüber. – So sah es Mannheim gegenüber da aus, wo sich heute Ludwigshafen hinstreckt, die bevölkertste Stadt der bayerischen Rheinpfalz, in Handel und Industrie die Rivalin Mannheims.
Die Festungswälle rings um Mannheim waren abgetragen, die Gräben waren noch nicht völlig trocken gelegt und zugeworfen. Das Sumpffieber, das die Festung oft schwer heimgesucht hatte, war nicht gänzlich ausgerottet. – In weitem Bogen zog der alte Wallgraben vom Rhein her ostwärts um die Stadt bis zum Neckar; dicht mit Schilf bewachsen lief er durch das Wiesengelände, das die Gegend des heutigen großen östlichen Villenviertels mit der Ringstraße einnimmt. In dem Rohrdickicht nisteten und lärmten unzählige geschwätzige Rohrspatzen, sie reizten unsere Jagdlust, es glückte mitunter, sie mit den Händen zu fangen. Nicht minder lockte es uns, die Uferschwalben zu überlisten, die am hohen Rheingestade gegen Sandhofen hin ihre langen unterirdischen Gänge gruben.
Angenehme Spielplätze bot der Schloßgarten mit seinen reizenden Wegen, grünen Wiesen, dichten Büschen und hohen Bäumen. Nur die Lieder der gefiederten Sänger unterbrachen die friedliche Stille des Parks. Heute ertönt hier der schrille Pfiff der Lokomotiven und rasseln lange Bahnzüge, beladen mit Gütern und Menschen, über die mächtige Brücke, die jedem Anprall von Flut und Eis widersteht, nach Ludwigshafen.
Die Mannheimer waren noch keineswegs versöhnt mit der neuen Ordnung der Dinge, die ihre Stadt vom ersten Rang der Haupt- und Residenzstadt der Kurpfalz zum Range der zweiten des Großherzogtums Baden herabgesetzt hatte. Sie klagten um die entschwundenen herrlichen Zeiten des prachtliebenden Kurfürsten Karl Theodor. Die Geschichte hat ein strenges Gericht über den üppigen Fürsten gehalten, der mehr als ein halb Jahrhundert, bis 1799, die Pfalz regierte; aber die Mannheimer schwärmten für ihren Karl Theodor, wie die Franzosen für ihren Sonnenkönig Louis XIV. Der Regentenglanz des Pfälzers verhielt sich freilich zu dem des Franzosenkönigs wie[35]  das Schwetzinger Lustschlößchen und die Spielereien seines Schwetzinger Lustgartens zu dem Prunkpalaste und dem Riesenpark Versailles.


Ein Schimmer jedoch von dem verstorbenen kurpfälzischen Glanze leuchtete noch in die dreißiger Jahre hinein und ist noch heute nicht erloschen. Auf Mannheims »deutscher Nationalbühne« ist die Sonne unsres größten Dramendichters aufgegangen. Die Mannheimer schwärmten für ihr Theater wie die Bewohner keiner anderen deutschen Stadt. – In meine Schulzeit fiel die erste Aufführung von Meyerbeers »Robert der Teufel«. Die Oper rief in allen Schichten der Bevölkerung bis zum Gassenkehrer herab eine Aufregung hervor, die bei der ersten Aufführung von Schillers Räubern am 13. Januar 1772 nicht größer gewesen sein konnte.
Die französischen Kriege und am meisten die Belagerung von 1795 durch die Österreicher hatten Mannheim furchtbar heruntergebracht. Seine Einwohnerzahl hatte 1777 die Höhe von 25300 erreicht, sie war 1802 auf 13000 gesunken und betrug 1834 erst 20000, somit war die Ziffer von 1777 noch nicht wieder erlangt worden. Doch schon 1897 zählte sie 100000; ihre Nachbardörfer, Neckarau und Käfertal, die 1833 1450 und 1240 Einwohner hatten, erreichten den Umfang kleiner Städte mit nahezu 8000 und 7000 Seelen; Ludwigshafen, die ehemalige öde Rheinschanze, zählte 40000; großartige Fabriken erstrecken sich von Mannheim meilenweit rheinab und rheinauf am Strom.
Zur Charakteristik Mannheims in meiner Schulzeit dient die Tatsache, daß ich am 24. Juni 1834 mit andern Knaben auf der Straße vor unserer Wohnung über das Johannisfeuer gehüpft bin. Das heidnische Fest der Sonnenwende durfte noch ungehindert mitten in der Stadt begangen werden. Die Schuljugend zündete Holzscheiter an und setzte über das Feuer. – Schöner hat sich das uralte Fest im badischen Oberland erhalten. Die jungen Burschen zünden bei Einbruch der Dunkelheit auf den Höhen Holzstöße an, machen durchbohrte Holzscheiben glühend und schleudern sie mit Hilfe langer Stäbe als feurige Raketen in weitem Bogen durch die Nacht.[36]
Bei der Einweihung des Hafens zogen wir Lyzeisten in dem langen Festzuge mit den Volksschülern, Bürgern und Beamten an den Rhein, wo Großherzog Leopold den Grundstein legte. Wie bei allen Festlichkeiten durfte hierbei das Bürgermilitär nicht fehlen. Im vollen Waffenschmuck rückten die Tapferen aus und boten den bewundernden Knaben ein schönes Bild der großen Armee des napoleonischen Kaiserreichs, dem Baden einst Heeresfolge geleistet hat.



Das Mannheimer Lyzeum










[37] Man unterschied im Großherzogtum Baden bis in die fünfziger Jahre Gymnasium und Lyzeum; der Studiengang der fünf unteren Klassen war in beiden der gleiche, dem Gymnasium aber fehlte die sechste Klasse des Lyzeums mit den neu hinzutretenden Lehrfächern der Philosophie und Physik. Man zählte die Klassen nicht von oben nach unten wie heute, sondern aufsteigend von der Prima zur Sexta, wie es in Bayern noch jetzt geschieht.
Ich wurde in Mannheim für die Tertia reif befunden, hatte aber einige Schwierigkeit mitzukommen, namentlich in der Mathematik, weil meine Aufnahme in die Mitte des Schuljahrs fiel. Mit Hilfe eines gefälligen Mitschülers holte ich das Versäumte leidlich nach und wurde im Herbst in die Quarta befördert.
Während ich in dieser Klasse war, ließ mir mein Vater durch einen Schulmeister Unterricht im Schönschreiben erteilen, woran er sehr wohl tat. Eine alte Klage lautet: Docti male pingunt, zu deutsch: Gelehrte haben eine schlechte Handschrift. Auf den Mittelschulen geschieht zu wenig für Schönschreiben. Schon aus Höflichkeitsgründen sollte man die Jugend wenigstens leserlich schreiben lehren, denn es ist unhöflich, dem Leser zuzumuten, seine kostbare Zeit mit der Enträtselung abscheulicher Hieroglyphen zu verderben. – Im ersten Jahre meines Aufenthalts in Mannheim benützten wir noch Federkiele, und die erste Schönschreibstunde verwendete der Schulmeister zum Unterricht im Schneiden, Spalten und Spitzen der[37]  Kiele. Bald nachher kamen die Stahlfedern in Gebrauch; sie waren anfangs steif und zerkratzten das Papier, glitten aber bald leicht und biegsam darüber hinweg.
Viele Schüler besuchten das Lyzeum nur deshalb, weil es noch an höheren Realschulen fehlte, und verließen es schon in Tertia und Quarta.
In der Tertia erhob sich in der Pause vor der letzten Stunde des Sommerhalbjahrs 1834 ein schon älterer, 15jähriger Schüler von kräftigem Gesichtsausdruck und nahm von uns Abschied mit den Worten: »Lebt wohl und bleibt bei eurem dummen Latein! Ich weiß Besseres und werde Schlosser!« Er strahlte von Zuversicht. Der junge Mensch hieß Karl Metz, ging wirklich zunächst in eine Mannheimer Schlosserwerkstätte und später nach Mülhausen im Elsaß, wo er ein geschickter Mechaniker wurde. Dann ließ er sich in Heidelberg nieder, gründete eine berühmte Fabrik für Feuerspritzen und organisierte das freiwillige deutsche Feuerwehrwesen. – Am Aufgang des Fahrwegs zum Schlosse steht ein Denkmal zu seinem Andenken, das ihm die deutschen Feuerwehren errichteten. Die Fremden, die vorbeigehen, halten den ausdrucksvollen Kopf der bronzenen Büste für den Kopf Bismarcks. – Ein anderer solcher Mitschüler, der erst später austrat, galt für ganz talentlos; mitleidig wurde ihm prophezeit, aus ihm könne nichts werden. Er hat es in Mannheim vom unbemittelten Manne zum Großindustriellen und vielfachen Millionär gebracht. – Wie manches arme Kerlchen, das es in der Werkstätte oder im Kontor weiter brächte, wird unbarmherzig gezwungen, sich an Homer und Cicero abzuquälen.

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Als Quartaner schloß ich Freundschaft mit drei Kameraden, die eifrigst botanisierten: Dettmar Alt, Franz Goerig und Fritz Sauerbeck. Sie begnügten sich nicht mit Ausflügen in die Pfalz links und rechts vom Rhein, sie dehnten zuletzt ihre Fahrten ins Elsaß und den Schwarzwald aus und knüpften Verbindungen an mit den ersten Botanikern des Oberrheins.
Von diesen drei Jünglingen wurde Alt, nachdem er lange Assistent bei Chelius gewesen, ein sehr beschäftigter Arzt in Mannheim, wo er leider in den besten Mannesjahren starb. –[38]  Auch Goerig studierte Medizin, praktizierte lange in Schriesheim an der Bergstraße und beschloß als Siebziger sein Leben in Mannheim. – Merkwürdigerweise blieb Sauerbeck allein zeitlebens der Botanik treu, obwohl er Jurist wurde. Er bereicherte die Algenkunde und vollendete nach dem Tode von August Jäger in Freiburg dessen großes Werk: »Adumbratio Florae muscorum totius orbis terrarum, St. Gallis, 1870–1879.« Der gutherzige, von seinen juristischen Kollegen hochgeschätzte und von seinen Freunden warm geliebte Sauerbeck starb als Oberlandesgerichtsrat 1882.
Der talentvollste und fleißigste Schüler dieser Klasse ist später von allen der berühmteste Mann geworden, der nachmalige badische Staatsminister Julius Jolly. Er war der Sohn des Bürgermeisters von Mannheim, Ludwig Jolly, und der jüngere Bruder des in München verstorbenen Professors der Physik, Philipp Jolly. Obwohl der jüngste in der Klasse, war er stets der erste, einen Tag wie den andern in allen Fächern gleich sorgfältig vorbereitet, dabei auffallend selbständig im Urteil.
Jolly war ungewöhnlich nüchtern und ernst für sein Alter, obgleich ihm der Sinn für Humor nicht abging. Eine lustige kleine Geschichte, die mit unserer Schulzeit zusammenhing, erzählte er mir in den siebziger Jahren, als ich ihn eines Tages amtlich in Angelegenheiten der Freiburger medizinischen Fakultät in Karlsruhe aufsuchte; er war damals Staatsminister und Exzellenz. – »Du wirst dich«, begann er lächelnd, »an unsern Schulkameraden B. aus W. erinnern. Er ist Theologe geworden und jetzt Landpfarrer im Unterland. Ich habe ihn seit den Universitätsjahren nicht mehr gesehen, bis er gestern in Sachen seiner Gemeinde bei mir war. Er kam in mein Büro, verbeugte sich beinahe bis auf den Boden und begann: ›Exzellenz geruhten ...‹ Ich unterbrach ihn mit den Worten: ›Lieber B., laß die Exzellenz, wir sind alte Schulkameraden, teile mir dein Anliegen ohne weitere Umstände mit!‹ – Er verbeugte sich noch tiefer und fing wieder an: ›Exzellenz haben geruht ...‹ – Da mußte ich lachen und sagte: ›Nun gut, wie du willst, nenne mich Exzellenz und Sie, ich bleibe bei dem alten Du.‹«



 Heidelberg










[39] Weil Heidelberg Wiesloch näher lag als Mannheim, ließ mein Vater die Familie an Ostern 1838 dorthin übersiedeln, ungern vertauschte ich das liebgewordene Mannheimer Lyzeum mit dem Heidelberger.
Der Frühling begann gerade die Landschaft mit Blüten zu schmücken. Von den Hügeln jenseits des Neckars leuchteten aus den Rebgärten die weißen großen Blumensterne der Mandelbäume herab ins Tal, und die Blütenknospen der Aprikosen-, Pfirsich- und Kirschbäume waren am Aufbrechen. Damals zierten mehr Mandelbäume als heute die Gärten, viele mußten im Laufe der Jahre andern, einträglicheren Arten von Obstbäumen weichen. Schade darum, denn zeitiger als diese, öffnen die Mandelbäume die Blumenkelche, und wo ihre Blüten die Hügel zieren, breitet der Lenz seinen Zauber früher über das Land.
Die Vegetation bestimmt großenteils den landschaftlichen Charakter einer Gegend. Neben der frühen und üppigen Obstblüte sind es die Kastanienwälder der Höhen um Heidelberg, die der Landschaft ihren südlichen Charakter verleihen. Auf den trockenen Abhängen der roten Sandsteinhügel gedeiht der zahme Kastanienbaum des Südens besser als die heimische Buche und Eiche. Zwar seine Frucht, die Keste, wie sie der Pfälzer nennt, ist kleiner als die Marone, die der Sommer Italiens zeitigt, aber schmackhaft ist auch sie, und der Baum wird groß, stark und schön. Reizend ist die wechselnde Färbung des Kastanienwalds im Laufe der Jahreszeiten. Im Frühjahr prangt die Bergwand in frischem Grün, im Juni mischt es sich mit dem blassen Gelb der Kastanienblüte, auf der grünen Wand treten die gelben Kuppen der Baumkronen in schärferen Umrissen hervor. Nach der Blüte kehrt ein satteres Grün zurück, bis der Herbst das Laub mehr und mehr in ein bräunliches Gelb und Rot taucht.
Mein erster Spaziergang galt der Schloßruine und dem Schloßgarten, einem Park von mäßigem Umfang; aber kein Park der Welt gewährt auf so beschränktem Raum eine gleiche Fülle der mannigfaltigsten, herrlichsten Bilder.[40]
Von da stieg ich auf die Höhe, die das alte Schloß hieß, weil hier oben die letzten Mauertrümmer der ältesten Bergfeste Heidelbergs standen; sie haben in den fünfziger Jahren einer Wirtschaft, wo Molken geschenkt wurden, Platz gemacht und seitdem wird der Ort die Molkenkur genannt. Er bietet eine Aussicht auf die Schloßruine unter ihm, auf die Stadt, auf die Mündung des Neckartals, und ein prächtiges Panorama des Rheintals. Durch die fruchtbare Ebene windet sich anmutig in silbernen Schlangenlinien der Neckar dem Rhein entgegen, der aus der Mitte des Tals in leuchtenden Streifen aufblitzt. Der Blick reicht südwärts hinauf zu den Bergen des Schwarzwalds und über den Rheinstrom westwärts zu der rebengesegneten Hügelkette des Hardtgebirgs und dem Donnersberg, der sie mit ernstem Haupte geheimnisvoll überragt. – Am lohnendsten ist die Aussicht, wenn der glühende Sonnenball hinter den Bergen versinkt.
Ein zweiter Spaziergang führte mich über den Neckar auf den Philosophenweg, von dessen Höhe die Lage Heidelbergs am schönsten hervortritt. Hier mag die berühmte Ode an Heidelberg in Hölderlins Seele aufgegangen sein. Wie ein Sohn begrüßt er innig und warm die geliebte Stadt:

»Lange lieb' ich dich schon, möchte dich mir zur Lust
Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied,
Du, der Vaterlandsstädte
Ländlich schönste, so viel ich sah.«


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Zu des begeisterten Dichters Füßen glänzt der Neckar, an der Stadt vorbei zieht der Fluß hinaus in die reizende Ebene, um hier liebend unterzugehen; in den Wellen beben die Bilder seiner Gestade, und über ihn schwingt sich leicht und stark die Brücke, wie der Vogel des Waldes über die Gipfel fliegt. Von den Hügeln rauschen die Wälder herab auf die gigantische, schicksalskundige, von den Stürmen niedergerissene Burg, die Sonne gießt verjüngendes Licht auf das alternde, efeuumgrünte Riesenbild.[41]
»Sträuche blühen herab, bis wo im heitern Tal
An den Hügeln gelehnt oder dem Ufer hold
Deine fröhlichen Gassen
Unter duftenden Gärten ruhn.«

Klassische Verse und ein wunderbares Gemälde der idealen Landschaft, aber kein kunstloses Lied, wie es das Volk zum Gesang hinreißt, und wie fröhliche Gesellen es hinausschmettern im grünen Wald, auf schaukelndem Kahn, oder beim perlenden Wein. Der Meister, der diese Weise fand, mußte erst noch kommen. Als wir Gymnasiasten die Ode Hölderlins rezitierten, saß auch er noch auf der Schulbank und schmiedete in Karlsruhe deutsche Verse nach griechischem Takt. Bald aber lehrten ihn Fink und Lerche in Wald und Flur aus freier Kehle frisch und fröhlich singen. Der Frühling kam und sein Lied, ein Brautlied, zart und jubilierend, wie es nur der gottbegnadete Sänger singt, pries Altheidelberg, die Feine und Ehrenwerte:

»Und kommt aus lindem Süden
Der Frühling übers Land,
So webt er dir aus Blüten
Ein schimmernd Brautgewand.
Auch mir stehst du geschrieben
Ins Herz gleich einer Braut,
Es klingt wie junges Lieben
Dein Name mir so traut.«

Und ins Herz blieb ihm die Schöne geschrieben bis zum letzten Hauche seines Lebens. Ein gebrochener Mann, todmüde, verlangte es ihn nach der Geliebten. In ihrem Anblick seine Qualen vergessend, rüstete er sich zur letzten Wanderung in das unbekannte Land, von wo niemand wiederkehrt. Scheffel wohnte Heidelberg gegenüber, in dem Hause Nr. 2 an der Neuenheimer Landstraße, damals Neckarhotel, in dem Erdgeschoß linker Hand vom Oktober 1885 bis zum 2. April 1886. An diesem Tage kehrte er nach Karlsruhe zurück und verschied eine Woche später, am 9. April, in dem Hause, wo seine Wiege gestanden hatte.[42]
In den dreißiger Jahren trug die Stadt noch immer ein ländlich schönes Gewand, wie es Hölderlin entzückt hatte, und noch immer lagen ihre fröhlichen Gassen, namentlich die der westlichen, »Vorstadt« genannten Hälfte, inmitten duftender Gärten. Solange Heidelberg befestigt gewesen war, hatte ein Wall mit Graben die östliche Altstadt von der westlichen Vorstadt geschieden; der Graben lief in der Richtung der heutigen Grabengasse vom Klingentor zum Neckar herab; was heute von den vielen Ziergärten der Vorstadt übrig ist, gibt keinen Begriff mehr von deren früherer Ausdehnung; sie mußten im Laufe der Zeit Straßen und Gebäuden weichen; wo Gärten blühten, stehen heute Wohnhäuser, Werkstätten, Fabriken, Schulen und Universitäts-Anstalten.
Freilich nicht überall in der Vorstadt roch es nach Rosen und Veilchen, in dem westlichen Teile wehten die kräftigeren Düfte der Landwirtschaft und hausten Bauern, vielleicht die Nachkommen der Bewohner des Dorfes Bergheim, die Kurfürst Ruprecht II. gezwungen hatte, 1392 nach Heidelberg überzusiedeln. Eine alte Dame, die in der Vorstadt geboren und aufgewachsen war, wir nannten sie die Frau Doktorin, ich werde später genauer auf sie zurückkommen, erzählte uns Jünglingen gerne von den idyllischen Zeiten, die sie noch zu Beginn des Jahrhunderts in der geliebten Vaterstadt erlebt hatte. In aller Frühe lief der Hirt mit Stab und Horn durch die Gassen der Vorstadt, tutete das Vieh aus den Ställen auf die Weide und trieb es abends wieder heim. Mit Vergnügen lauschte ich ihren Schilderungen und längst vergangenen Geschichten. Von diesen gefiel mir am besten die von dem höflichen Nachtwächter Eiselein. Er hielt gute Freundschaft mit den Studenten, damals in Stadt und Umgegend Juristen geheißen; sie ihrerseits betätigten ihre Wertschätzung des biederen Mannes mit Vorliebe um Mitternacht, wenn er in Hut und Mantel mit Spieß und Horn seines Amtes waltete, die zwölfte Stunde abblies und die schlummernde Bürgerschaft singend mit dem Sprüchlein mahnte: »Lobet den Herrn und laßt euch sagen, die Glocke hat zwölf geschlagen, bewahrt das Feuer und das Licht, damit niemand kein Schaden geschiecht!« Dann kamen sie an jeder Ecke[43]  herbeigelaufen, bald einzeln, bald truppweise, und grüßten ihn freundlich: »Guten Abend, guten Abend, Herr Eiselein, auch wieder fleißig beim Tuten!« Der höfliche Mann nahm bedächtig das Horn aus dem Mund und erwiderte den Gruß mit geziemendem Danke: »Man tut seine Schuldigkeit, meine Herren, wie es die hohe Obrigkeit gebietet.« Sie lobten seinen treuen Sinn, seinen schönen Gesang, schüttelten ihm die Hand und gingen weiter; aber es kamen immer wieder neue, wenn er gerade das Horn ansetzte, und grüßten ihn, worauf er doch danken mußte, bis er zuletzt die jungen Freunde höflichst ermahnte, ihres Weges zu gehen und sich lieber zu Hause aufs Ohr zu legen. Wenn endlich die letzten lachend weitergezogen waren, so schüttelte er das graue Haupt und seufzte: »Juristen, böse Christen!«


Nur langsam erholte sich die vielgeprüfte Stadt von den furchtbaren Drangsalen und Verwüstungen, die sie im 17. und 18. Jahrhundert erduldet hatte. Noch 1830 war sie kaum über die Grenzen ihres ehemaligen Festungsgebiets aus dem engen Neckartal in die Rheinebene hinausgewachsen. Jenseits der Sophienstraße standen nur wenige Gebäude. Vor dem Mannheimer Tor nahm die Stelle des heutigen schönen Bismarckgartens der stille Neckarhafen ein, ein Hafen ohne Schiffe. Ihm gegenüber südwärts lag der Botanische Garten zwischen Sophien- und Rohrbacher Straße bis zur Leopoldsstraße, die den Landwirtschaftlichen Garten – er ist heute zu dem schattigen Neptungarten umgewandelt – von dem Botanischen schied. In beiden Gärten befanden sich Teiche für Wasserpflanzen zu Lehrzwecken, vermutlich die letzten Reste versumpfter Festungsgräben, woraus an dieser Stelle mein Vater noch 1818 die Leiche eines verunglückten Juden herausholen sah.
Nur eine Brücke, die alte auf den steinernen Bögen, die von der Altstadt über den Fluß führt, mit den Standbildern Karl Theodors, »palatinorum patris«1, und der etwas leichtgemuten Pallas Athene mit Speer und Medusenschild, verband die beiden Ufer. Die neue Brücke auf eisernen Pfeilen, die heute im[44]  Westen Heidelberg mit Neuenheim verbindet, wurde erst 1877 dem Verkehr übergeben. Wollten wir an dieser Stelle über den Neckar, so mußten wir Kähne benützen; die Reisenden, die von Frankfurt herfuhren, mußten, am Neckar angelangt, ostwärts umbiegen und zur alten Brücke hinauffahren, um in die Stadt zu gelangen. Neuenheim war noch 1835 ein kleines Dorf mit 750 Einwohnern und ist erst 1891 ein Teil der Stadt geworden, die in meiner Schulzeit nur 13400 Einwohner hatte, die Studenten und die Bewohner des Vorortes Schlierbach und des Kohlhofs mitgerechnet.
Der Schloßgarten hatte bereits seine jetzige Gestalt als Park. Zu Beginn des Jahrhunderts war er eine Wildnis, und die Schloßruine schien der gänzlichen Zerstörung, teils durch Naturgewalt, teils durch Menschenhand, verfallen. Wer in der Stadt Steine brauchte zum Bauen, brach sie aus den Mauern des Schlosses. Das »Wunder der Welt«, der hortus palatinus des Kurfürsten Friedrich V., des Winterkönigs, lag mit seinen Pomeranzen- und Lorbeerbäumen, Springbrunnen und Marmorbildern begraben in Schutt und Gestrüpp, an gerodeten Stellen pflanzte ein Pächter Zichorie! Da sicherte, nach dem Übergang der rechtsrheinischen Pfalz an das Haus Baden 1803, der neue Herrscher Karl Friedrich das Schloß vor weiterer Verwüstung und ließ die Anlagen, wie sie heute kaum verändert bestehen, als Lustgarten und zu forstbotanischen Zwecken herstellen. Viele der Bäume und Sträucher des Gartens sind mir vertraute Jugendfreunde, Fink und Drossel singen auf ihren Zweigen die alten Lieder, nur das Lied der Königin des Gesanges, der Nachtigall, dem wir so oft in den linden Nächten lauschten, vermisse ich. Sie nistete noch in den fünfziger Jahren in dem reizenden Tälchen zu Füßen des gesprengten Turmes, wir nannten es das Matthissonstälchen, dem elegischen, damals so gefeierten Dichter zu Ehren. Die Sängerin ist entflohen, verscheucht von dem jährlich wachsenden Lärm der Fremdenschwärme; sie nahm ihre Zuflucht zu der friedlichsten Stätte in Heidelbergs Umgebung, dem städtischen Friedhof an der Rohrbacher Straße, dem wenige in Deutschland an Schönheit gleichkommen.[45]
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Wie der Schloßgarten, ist auch die schönste Straße der Stadt, die Leopoldsstraße mit Allee und Anlagen, eine Schöpfung der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Sie war 1830 fertig geworden, mit ihr die Sophienstraße, die an der Stelle der ehemaligen westlichen Umwallung zum Neckar und der neuen Brücke führt. Bis dahin war die Leopoldsstraße nur ein Fußpfad gewesen, den man am Ende des 18. Jahrhunderts nach der Abtragung der Festungswerke angelegt hatte. Es geschah zur Zeit der französischen Revolutionskriege, und der Spazierweg erhielt den Namen »der Pariser«, weil auf ihm nach seiner Herstellung sofort die Franzosen, die alten schlimmen Bekannten, eingezogen waren, um ihren gewohnten Besuch abzustatten.
Nachdem der Weg zur Fahrstraße geworden war, hieß er noch immer »Pariser«, auch »Anlage«, sein amtlicher Name Leopoldsstraße, zu Ehren des Großherzogs Leopold, kam nur allmählich in Gebrauch.
Als ich das Lyzeum besuchte, standen erst wenige von den heutigen Bauten an der Leopoldsstraße, es waren nur Gärten und Anlagen da und die beiden alten Friedhöfe, der heutige an der Rohrbacher Straße wurde erst 1844 eingeweiht. Einer der alten Friedhöfe umgab die damals noch ganz schmucklose St. Peterskirche mit ihrem unfertigen Turm, der andere lag in dem Winkel zwischen Leopolds- und Sophienstraße bei der St.-Anna-Kapelle. Auf diesem wohnte ich noch Beerdigungen bei.
Die Leopoldsstraße war ihrer schattigen Allee und der hübschen Ausblicke nach dem Schloß und den Bergen wegen, auch um ihrer geschützten Lage und friedlichen Stille willen, ein beliebter Spazierweg, namentlich für ältere Gelehrte, denen der Weg auf das Schloß zu steil war. Die bequem ansteigende Straße, die Stiftung eines Heidelberger Arztes, des Dr. Kleinschmidt, führt erst seit 1875 hinauf. Man war sicher, auf dem »Pariser« zu bestimmten Stunden gewissen Berühmtheiten der Universität zu begegnen. Ich sehe noch heute den alten Kirchenrat Paulus seine großen Augen, wie glühende Kohlen, auf die Begegnenden richten, den knorrigen Historiker Schlosser[46]  seinen Kopf mit dem einen durchdringenden Auge wie ein Vogel seitlich drehen, um zu grüßen, die vornehme Erscheinung des Pandektisten Thibaut an mir vorübergehen, auch den frommen Theologen Rothe und den berühmten Staatsrechtslehrer Zachariae, der stets einsam, steif und gerade in schäbigem Gewand daherschritt. Uns Studenten fiel am meisten sein abgegriffener hoher Filzhut auf, wir erzählten einander, er habe ihn testamentarisch der Bibliothek als eine der größten Sehenswürdigkeiten für künftige Zeiten zugewiesen.
Als die Universität ihr 500jähriges Jubiläum feierte, habe auch ich, als ihr dankbarer Schüler, ehemaliger Lehrer und als Abgeordneter der Straßburger Kaiser-Wilhelms-Universität vom 2. bis 7. August 1886 daran teilgenommen. Altheidelberg hat das Gewand der ländlichen Schönen, das einst Hölderlin und uns in der Jugend so wohl gefiel, abgelegt und mit der anspruchsvolleren Tracht der modernen Touristen- und Industriestadt vertauscht. Seit der Dampf Herrscher der Welt geworden, muß die Stadt sich an den Lärm und Ruß der Bahnzüge, der rasselnden Omnibusse, rauchenden Schlote und Fabrikessen gewöhnen. Spekulation und Industrie ließ sie frei gewähren und vergaß, daß die beiden kein ästhetisches Gewissen drückt. Es konnte nicht ausbleiben, daß dem wertvollsten Besitze der Stadt, ihren landschaftlichen Reizen da und dort empfindlicher Abbruch geschah. So zu Häupten des Schlosses, wo eine Fremdenherberge von ausgesuchter Häßlichkeit auf die edlen Trümmer der Paläste eines kunstsinnigen Fürstengeschlechtes herabschaut. Ja, man hat es sogar zugelassen, daß die wunderbar schöne Aussicht, die das Schloß von der Gartenterrasse darbot, viele Jahre lang durch einen Schleier grauer Staubwolken verdeckt wurde, die von den turmhohen Kaminen eines riesigen Zementwerks über den westlichen Teil der Stadt und deren Umgebung ausgeschüttet wurden. Wie beklagte ich den armen Scheffel! Man hat sein bronzenes, vorzüglich gelungenes Standbild am 11. Juli 1891 auf der Terrasse aufgestellt. Vom hohen Granitsockel herab richtet er den Blick nach den sonnigen Hügeln der Hardt. Vier Jahre lang spähte der Arme vergebens und sah nur Ruß[47]  und Rauch. Da erbarmten sich die Elemente des Dichters. Feuer verzehrte das Werk der pietätlosen Spekulation in einer Nacht, am 4. Februar 1895, und heute lacht ihm die gesegnete Pfalz wieder in alter Schönheit entgegen.
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 Des Vaters der Plätze.




Das Heidelberger Lyzeum










[48] Bei dem Tausch des Mannheimer Lyzeums mit dem Heidelberger bin ich nicht gut gefahren, aus einer Schule mit idealem Streben kam ich in eine mit handwerksmäßigem Betriebe. Lehrer ersten Rangs hatte Heidelberg nicht. Leider mußte ich hier noch ein halbes Jahr in Quinta und zwei Jahre in Sexta zubringen, ehe ich zur Universität abgehen konnte.
In Quinta herrschte ein böser Geist. Obwohl die Schüler im Alter von 16 bis 18 Jahren standen, gefielen sich die meisten noch in Knabenstreichen, wie sie in Mannheim kaum in Quarta vorkamen. Am schlimmsten trieben es die ältesten; es waren rohe Burschen darunter, die man schon aus den unteren Klassen hätte entfernen sollen. Vergeblich regnete es Mahnungen, Verweise und tagelange Karzerstrafen. – Mit den Schulstrafen geht es, wie mit manchen Arzneien, ihr allzu häufiger Gebrauch stumpft dagegen ab.
Hauptlehrer der Quinta und alternierender zweiter Direktor des Lyzeums war ein alter pedantischer Herr in weißer Halsbinde, über das unbewegliche Gesicht mit immer gleicher, würdiger Miene kam nie ein flüchtiger Strahl heiteren Lächelns. Und doch war auch dieses ausgetrocknete Männchen einmal jung gewesen, hatte Romane geschrieben, sogar erlebt, freilich war es schon lange her. Wie die meisten unserer älteren Professoren hatte er Theologie und Philologie studiert; er lehrte Latein und Griechisch und erteilte den evangelischen Schülern den Religionsunterricht. Wir lasen mit ihm kursorisch das Neue Testament im griechischen Urtext und übersetzten es ins Deutsche. Da er nie ein erläuterndes Wort dazu sprach, so war diese sogenannte Religionsstunde nichts als eine weitere griechische Stunde, wir hätten ebensogut den Hesiod mit ihm lesen können. Sie unterschied sich von den andern lediglich[48]  durch das Gebet, was ihr vorherging. Er hatte zwei Gebete verfaßt, die er abwechselnd auf dem Katheder vorlas, das eine schloß mit den Worten: »hegen mögen«, das andere mit »Glauben rauben«. Nach dem Amen erhob er das gesenkte Haupt und schaute andächtig zur Stubendecke.
Als er nun eines Morgens gerade das »Hegen-mögen-Gebet«, wie wir es nannten, geendet hatte und in gewohnter Weise zur Decke aufsah, blieb er starr vor Entsetzen. Über dem Katheder tanzte eine lustige Figur aus steifem Papier in der Luft. Ohne ein Wort zu verlieren, eilte er fort und holte den ersten alternierenden Direktor, der alsbald kam und mit gelassenem Ernste den Frevel beschaute. Eine Untersuchung folgte. Der Täter, der älteste und roheste Schüler der Klasse, wurde rasch zum Geständnis gebracht. Mit Hilfe eines feuchten Ballens gekauten Papiers am Ende eines Fadens, woran er die Figur befestigt, hatte er sie kurz vor Beginn der Stunde geschickt über das Katheder an die Decke geschleudert. – Die Direktoren beriefen eine Konferenz sämtlicher Lehrer, und der Missetäter wurde ausgestoßen.

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Pedanten sind lebhafte Zielscheiben mutwilliger Jungen. Der alte Herr verstand es wenigstens, sein Ansehen bei der Jugend durch seine ernste Würde so zu wahren, daß nur die frechsten Burschen sich an ihn wagten. Schlimmer erging es einem andern unserer Lehrer. Der Unglückliche, im übrigen ein wohlmeinender Mann, hatte ein reizbares Temperament und explodierte wie trockenes Pulver auf die albernste Neckerei hin, obwohl er bereits in den Fünfzigen stand. Die Jungen benützten deshalb jede Gelegenheit, ihn »grün und blau« zu ärgern. Ließ er sich zuletzt dazu hinreißen, sie mit Kosenamen, wie »Troßbuben, Stallknechte, Pferdejungen« und dergleichen zu belegen, so war ihr sehnlichster Wunsch erfüllt, und sie nickten einander befriedigt zu.
Direktor Brummer leitete die oberste Klasse. Er stand im Rufe eines guten Philologen und wurde von den Schülern sehr respektiert; aber auch bei ihm blieben uns die idealen Grundsätze der Alten Welt verschlossen, über die rein grammatische Schulung kamen wir nicht hinaus. Nur durch eigenen Trieb[49]  und privates Studium habe ich mich mit den Meisterwerken der griechischen und römischen Literatur und dem Geiste, der sie durchweht, bekannt gemacht.
Gar übel stand es um unsern mathematischen Unterricht. Die Schulbehörde hatte damit einen Dozenten der Universität betraut, dessen wissenschaftliche Arbeiten bei seinen Fachgenossen recht geschätzt waren, seine Lehrmethode aber taugte nichts. Von meinen sämtlichen Mitschülern konnte ihm nur einer folgen, der bei einem Privatlehrer besondere Stunden nahm. Ebensowenig taugte sein Unterricht in der Physik; wir bekamen keine Versuche, keine Apparate zu sehen, nur mathematische Formeln auf der Schultafel. Die Unzufriedenheit der Schüler war groß. Sie führte bald nach meinem Abgang vom Lyzeum zu einer Verschwörung. Die Jungen wollten seine Entfernung aus dem Lyzeum durchsetzen und blieben deshalb bei der öffentlichen Schulprüfung auf alle seine Fragen die Antwort schuldig. Die Verabredung lag offen zutage. Man wies die Rädelsführer aus dem Lyzeum, den Zweck ihres Komplotts haben sie nicht erreicht.
In der Sexta war Philosophie vorgeschrieben. Die Schulbehörde hatte einen Fachgelehrten dafür gewonnen und eben angestellt, einen Schüler Krauses. Er muß sich eines gewissen Ansehens erfreut haben, denn bald nachher wurde er als Lehrer der Philosophie an eine Universität berufen. Wir waren voll Erwartung; er sollte uns in Logik, Psychologie und Metaphysik unterrichten, und er ließ es an Eifer und Mühe nicht fehlen, aber doch lag die Schuld nicht an uns, wenn wir von der höchsten aller Wissenschaften nur wenig begriffen. Unser Lehrer war schwerfällig und ungelenk, leiblich und geistig. Er diktierte uns stundenlang in die Feder, war aber nicht imstande, seine Lehrsätze mündlich klar zu entwickeln. Am besten gefiel mir seine Metaphysik; er versuchte es, dem Übersinnlichen mit dem Kreidestift durch bildliche Darstellung beizukommen. Er malte Gott und die Welt mit sämtlichen Kräften, die das All bewegen und zusammenhalten, in Form von ineinandergeschachtelten Kreisen an die Schultafel. Diese Zeichnung leuchtete mir ein, und vor Freude dichtete ich ein[50]  metaphysisches Trinklied nach Baggesens Beispiel, und wir sangen es nach der Melodie: »Die Welt ist rund und muß sich dreh'n«, Samstagabends im Bremeneck; man hatte uns erlaubt, in dieser, durch die Rodenstein-Lieder jetzt so berühmt gewordenen Bierwirtschaft einmal in der Woche heitere Gesellschaft zu pflegen.


Endlich, im Herbst 1840, schlug die Stunde meiner Erlösung aus dem verhaßten Froschteiche. Als erster mußte ich die lateinische Abgangsrede halten. Außer dem Prüfungskommissar achtete von den vielen Teilnehmern und Gästen niemand auf mein schönes Latein, und es kam mir vor, als ob dieser einzige nicht sonderlich davon erbaut wäre.
Nach meiner, wie ich glaube, berechtigten Überzeugung habe ich das letzte Jahr auf dem Lyzeum nutzlos verloren; ich hätte es besser für neue Sprachen, Zeichnen, Mathematik und Naturwissenschaften verwendet.



Die Duldsamkeit der Väter










[51] Mit Wehmut gedenk' ich der schönen Tage, wo noch die milde Luft kirchlicher Duldsamkeit in der badischen Heimat wehte und die Gebote der Bergpredigt höher standen als die Dogmen der Konfessionen. In meiner Erinnerung hebt sich der Glaubensfriede der Väter wohltuend ab von dem wilden Gezänk und Fanatismus der Gegenwart. Eine Union der evangelischen Bekenntnisse, wie sie damals in Baden und in Preußen durchgeführt wurde, wäre heute nicht ausführbar, Zentrum und Antisemiten waren noch unbekannte politische Parteien, an den beiden Hochschulen wurde noch kein Jude grundsätzlich von den Studentenverbindungen ausgeschlossen, schon der Gedanke konfessioneller evangelischer oder katholischer Verbindungen wäre dem Hohne der Gesamtheit verfallen gewesen. Noch immer wirkten Priester aus der Schule der Sailer, Wessenberg und Hirscher in der katholischen Kirche, und das flammende Zeichen des Syllabus hing noch nicht am Himmel.
Aus dieser guten alten Zeit wird in Karlsruhe erzählt, daß man nichts Arges darin fand, wenn in den Räumen der dortigen[51]  Museumsgesellschaft Hebel, der Prälat der evangelischen Landeskirche, der katholische Dekan und der Stadtrabbiner eine Whistpartie zusammen spielten. Nur damals konnte man die wundersame Geschichte von den zwei Pfarrern im badischen Oberland für glaublich halten, die sich innig befreundeten, obwohl der eine den evangelischen Glauben bekannte und der andere den katholischen. In Liebe und Sanftmut belehrten sie einander mit so gutem Erfolge, daß der evangelische katholisch und der katholische evangelisch wurde.
Mein Vater, ein evangelischer Rationalist, schloß, während er in Graben praktizierte, warme Freundschaft mit zwei Geistlichen der Umgegend, einem evangelischen von der Richtung des frommen Spener und einem frommen katholischen. Sie bestand dauernd fort, auch nachdem er Graben verlassen hatte. Als er später nach Wiesloch versetzt wurde, kam er wieder in die Nähe seiner beiden theologischen Freunde. – Der katholische Pfarrer wohnte in dem Dorfe Rheinsheim am Rhein, vier Wegstunden von Wiesloch; er schrieb meinem Vater sofort, er wünsche seine ältesten Knaben zu sehen – wir waren 12, 10 und 8 Jahre alt – und erwarte uns zu Besuch. Unsere Mutter hing mir ein Täschchen über die Schultern, wir brachen auf, wanderten nach Rheinsheim, es war Herbst, wir waren gut bei ihm aufgehoben. Zwei Tage lang blieben wir im Pfarrhaus, speisten mit dem ehrwürdigen Herrn im Garten, zum Nachtisch brach er uns herrliche Pfirsiche vom Baum. Mit herzlichen Grüßen, die Taschen beladen mit süßem Kuchen, kehrten wir nach Wiesloch zurück. – Der evangelische Geistliche hieß Rutz, er war Pfarrer in Mauer, einem Dorf an der Elsenz, zwei Stunden von Wiesloch. Er war ein Mann von tiefem Gemüt und reicher Phantasie. Unter dem Namen Rudolphi gab er reizende Kindermärchen, Schneeglöckchen betitelt, heraus, die uns Kindern außerordentlich gefielen.
Die Aufklärer des vorigen Jahrhunderts prophezeiten, es komme bald die Zeit, wo die Kirche in der Schule aufgehen werde, aber ungeachtet unserer besseren Einsicht in den Bau und das mechanische Getriebe des Weltalls, hat sich die Kluft zwischen Wissen und Glauben mehr wie je erweitert. Die Hoffnung,[52]  daß die menschliche Einsicht sie mit der Zeit überbrücken werde, scheint aussichtslos, und der Abgrund zwischen Vernunft und Gottesglaube auf der einen Seite, Aber- und Unglaube auf der andern, ist von bodenloser Tiefe.
Wenn die Scheiterhaufen nicht mehr lodern, so ist dies nicht das Verdienst der Kirche, und sollte der Atheismus die Herrschaft erringen, so würden die Jakobiner der Mutter Marianne von neuem Arbeit verschaffen; dennoch bestände der alte Gegensatz von Geist und Herz ungelöst fort. Die metaphysischen Bedürfnisse der Menschheit sind nicht minder groß als die physischen. Die Philosophie hat nie den religiösen Hunger der Völker zu stillen vermocht, und in diesem Unvermögen der Wissenschaft wurzelt die Kraft und die Macht der Kirche.

Komfort und Lebensgenuß

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»Mußten als Knaben uns täglich plagen
Mit Stein und Zunder und Feuerschlagen,
Was ein Zündholz der Welt bedeute,
Wissen nur wir, die alten Leute.

Mußten verlieren der Stunden viele
Mit Richten und Schneiden der Federkiele,
Wie man geschickt die Spitze muß spalten,
Lernten am Schreibtisch wir nur, die Alten.

Mußten an schlecht gedruckten Dichtern
Quälen die Augen bei Unschlittlichtern,
Putzten, damit es hell genug wäre,
Fleißig den Docht mit der Lichtputzschere.«

Man hat es uns in der Jugend lange nicht so bequem gemacht wie unsern Kindern und Enkeln.



Die Eröffnung der ersten badischen Eisenbahn










[53] Die erste in Baden erbaute Eisenbahn und eine der ersten in Deutschland war die von Mannheim nach Heidelberg. Nur[53]  wenige Leute hatten eine richtige Vorstellung von dem neuen Verkehrsmittel, dessen Betrieb und Bedeutung sich nur langsam dem allgemeinen Verständnis erschloß.
Bekanntlich schoben die Bauern die Schuld an der Kartoffelkrankheit, die gleichzeitig mit der Einführung der Eisenbahnen Deutschland heimsuchte, auf den Ruß in den Dampfwolken, der von den Lokomotiven auf die Felder ausgeschüttet wurde; es dauerte viele Jahre, bis der ungerechte Verdacht aus ihren Köpfen wich.
Am 12. September 1850 wurde die Bahn feierlich eröffnet und die erste Fahrt von Heidelberg nach Mannheim ausgeführt. Dieses Ereignis veranlaßte nach der Erzählung, die bei den Schülern des Lyzeums umlief, ein bedauerliches Abenteuer, das einem ihrer Professoren eine recht verdrießliche Stunde bereitete. Es hing aufs innigste mit der erwähnten mangelhaften Einsicht in das neue Verkehrswesen zusammen und wird hier nur deshalb berichtet, um zu zeigen, wie dunkel es in Eisenbahndingen auch in solchen gelehrten Köpfen aussah, die sich mit der physikalischen Wissenschaft von Berufs wegen bekannt machten.
Die Behörden hatten die Honoratioren Heidelbergs zu der Festfahrt eingeladen und unter diesen auch den Herrn Professor am Lyzeum, einen wohlmeinenden, aber reizbaren Schulmann. Er beschloß sofort, zu eigener und seiner Familie, auch zweier Pensionäre Belehrung – es waren im ganzen acht Personen – sich an dieser hochinteressanten Fahrt zu beteiligen.
Als der Tag der Einweihung gekommen war, machte sich die Gesellschaft etwas verspätet mit raschen Schritten auf den Weg zum Bahnhof. Während sie gingen, hielt der Herr Professor mit den Seinigen Rat, in welchem Teile des Zugs sie am sichersten führen.
Einer der Söhne, der jüngste, riet, in den vordersten Wagen einzusteigen, weil man die Lokomotive von dort am besten überwachen könne. Der Vater aber erinnerte sich, gelesen zu haben, man solle den hintersten Wagen wählen, denn weit vom Schuß sei weit von der Gefahr und entschied für den hintersten.[54]
Auf dem Bahnhof stand der Zug gerade zur Abfahrt bereit, die Gesellschaft mußte sich eilen und stürzte in den letzten, glücklicherweise leeren Wagen. Sie saßen bequem und sicher. Ein schriller Pfiff, der Zug flog rasselnd davon. »Vater!« schrien die Söhne, »der Zug fährt fort, und wir bleiben sitzen!« – »Dumme Jungen!« erwiderte der Vater, »was fällt euch ein? Der Wagen ist in vollem Flug, man merkt es nur nicht, das ist ja eben die große Geschwindigkeit!« – Er dachte an die Erde, die mit rasender Geschwindigkeit um die Sonne fährt, und wir merken es nicht. – Diesmal betrog ihn die Astronomie, der Wagen war abgehängt und blieb stehen, der Zug war längst aus dem Bahnhof, als sie ausstiegen und in die Stadt zurückkehrten.

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Bald nachher fuhr auch ich zum erstenmal auf der Bahn nach Mannheim. In Friedrichsfeld machte der Zug einen kurzen Halt, dann fuhr er weiter. Kaum war er wieder in Gang gekommen, so sah ich aus einem der offenen Stehwagen, die es in den ersten Jahren gab, eine Mütze herausfliegen, und hinterdrein sprang der Bauer heraus, dem der Wind sie entführt hatte. Das Publikum schrie, der Zug hatte noch keine große Geschwindigkeit, die Lokomotive blieb stehen, der Bauer war in den Sand gefallen, erhob sich, raffte seine Mütze auf und stieg mit ruhigem Gemüte wieder in den Wagen.
Der große Eindruck, den die dampfspeienden Ungeheuer mit ihren riesigen Wagenzügen anfangs auf die Beschauer machten, läßt sich nur mit dem vergleichen, den sie noch heute auf die Kinder ausüben; keine andere Erscheinung wirkt so mächtig wie ein eilender Bahnzug auf ihre Sinne.
Sooft mein Vater in den ersten Monaten nach der Eröffnung der Bahn nach Heidelberg kam, mußte ich ihn vor die Stadt an eine günstige Stelle im Felde begleiten, wo er den Zug bequem vorübereilen sah. Noch immer höre ich seine Worte: »Nichts ergreift mich mehr als diese Erfindung. Eine neue Welt ersteht, und ich sinne vergeblich, wie sie sich gestalten mag.«



Der Maulesel










[56] Als glücklicher Maulesel verbrachte ich sechs rosige Wochen bei meinem Vater in Wiesloch. Die bilderreiche Sprache des Studenten nennt die Jünglinge, die nicht mehr Schüler und noch nicht akademische Bürger sind, Maulesel. Sie hängen nicht mehr als Grautiere ihre Köpfe im Pferch des Gymnasiums und sind jetzt freigelassen und aufgestiegen zur höheren Stufe des mulus. Nach den seligen Tagen der Kindheit, wo noch keine Schulwolke am Himmel steht, ist die goldene Mauleselzeit im Leben die schönste.
Ich vertrieb mir die sechs Wochen mit naturwissenschaftlichen Studien und Ausflügen, auch unter Beistand meines Vaters mit Knochenlehre, und harrte mit Ungeduld des Augenblicks, wo die Vorlesungen in Heidelberg beginnen würden. Es war mir zumute, wie acht Jahre zuvor auf der Reise mit meinem Vater in Karlsruhe, wo ich im Hoftheater neben ihm saß und es kaum erwarten konnte, bis der Vorhang endlich aufging. Bisher hatten mich nur Marionetten entzückt, jetzt aber saß ich vor einer wirklichen Schaubühne und sollte Mozarts Don Juan sehen und hören.
Der Abend war herrlich, und er wäre noch schöner gewesen, wenn nicht zu meiner Rechten ein alter Kanzleirat gesessen hätte, der unnötigerweise Furcht hatte, ich könne das Spiel ernst nehmen und Schaden an meiner Gesundheit leiden. Ich begriff ja den Sinn der Handlung nicht und schwelgte glückselig in der Betrachtung der wechselnden Bilder und den süßen[56]  Melodien der Musik; darum war es überflüssig, daß der Kanzleirat in steter Sorge mich jedesmal tröstete, so oft eine Szene bedenklich wurde, und mir zusprach: ich solle nicht bange sein, denn alles, was auf der Bühne vorgehe, sei kein wirkliches Ereignis, sondern eitel Blendwerk.
Gleich zu Beginn des ersten Aktes, wo der gottlose Kavalier den Gouverneur mit dem Degen niedersticht und dieser singend das Leben aushaucht, flüsterte mir der Kanzleirat zu: »Ängstige dich nicht, mein Kind, der Stich hat dem alten Manne nichts getan, er stellt sich nur tot.« – So ging es durch die ganze Oper fort, und bei den schönsten Szenen, wo es gehörige Hiebe absetzte, quälte mich der lästige Nachbar mit seinem Zuspruch. – Ja, zuletzt noch beim Aufbruch, nachdem der Bösewicht in den Flammen der Hölle versunken war, mahnte er mich: »Gräme dich nicht, mein Söhnchen, um den Don Juan, ich kenn' ihn persönlich, er ist ein braver Mann und geht jetzt ganz solide nach Hause. Seine Frau wartet auf ihn mit dem Essen, und es ist kein Scheinessen, wie das Geflügel aus Pappe, das ihm sein Bedienter, der Leporello, vorgesetzt hat.«
Wie damals in Karlsruhe, stand ich jetzt als Mulus mit heißem Erwarten vor dem Vorhang einer Bühne, doch sollte sich darauf wirkliches Leben abspielen, das fröhliche Burschenleben, und ich selbst mitspielen auf der akademischen Bühne. Sicherlich setzte es dabei Hiebe ab und richtige, wirkliche Hiebe, die mir kein Kanzleirat als Blendwerk ausreden konnte, doch war meine Haut nicht sehr empfindlich, und ich hatte kräftige Arme, mich zu wehren. Auch ist es von der Natur gut eingerichtet, daß die Jugend Schmerzen leichter vergißt als gute Bissen, die ihr ein gütiges Geschick zwischenhinein auftischt.



Der Fuchs










[57] Die Vorlesungen begannen in der zweiten Hälfte des Oktobers. Am 19. November wurde ich von dem Prorektor der Universität, dem Professor der Theologie Karl Ullmann, mit[57]  feierlichem Handschlag in die Matrikel der Ruperto-Carola aufgenommen.
Als ein unschuldiges Füchslein lebte ich zunächst nur meinem Studium. Punkt 8 Uhr morgens war ich regelmäßig auf dem Weg zur Anatomie. Ich trug einen braunen Flausrock, auf dem Haupt eine leichte Mütze, um den Hals eine lange seidene Binde, breit und hoch geschlungen, und in der Rechten den Stolz des Füchsleins, eine lange, fast auf den Boden reichende, dampfende Tabakspfeife.
Das Rauchen bekam mir nicht gut, aber ich rauchte doch, nicht um des Tabaksdampfes und seines Duftes willen, sondern einzig der Tabakspfeife selbst wegen, sie war das Abzeichen des freien Musensohns:

»Knaster, den gelben,
Hat uns Apollo präpariert,
Und uns denselben
Rekommandiert.«

Der Studiosus trug die Tabakspfeife bald kurz bald lang, das Füchslein möglichst lang, der Korpsstudent mit Quasten in den Farben seiner Verbindung. Je »krasser« der Fuchs, d.h. je kürzer zuvor er von der Schule abgegangen war, desto größer die Lust, wie die olympischen Götter auf dem Wolkensteg, mitten im Qualm und Dampf der Tabakspfeife auf der Straße einherzusteigen.
Die Wände der Studentenzimmer – Buden genannt – waren häufig mit Tabakspfeifen jeder Größe und von mancherlei Stoff und Gestalt behangen, außerdem mit Hiebwaffen, namentlich Schlägern, und mit Bändern in den Farben der Verbindung, sowie zahlreichen Silhouetten, auch einzelnen Steindruckbildern von Freunden und Bekannten.
Der Verbrauch von Zigarren stand hinter dem von Varinas und Kanaster, in Rollen zum Rauchen aus der Pfeife, weit zurück. Die Vorliebe der akademischen Jugend für die Tabakspfeife hatte in Heidelberg einem Zweige der Porzellanmalerei zu hoher Entwicklung geholfen und ihn lohnend gemacht; es gab Künstler auf diesem Gebiete, die auf den Pfeifenköpfen[58]  vortreffliche Kopien berühmter Gemälde lieferten, namentlich aber mit dem Einzeichnen von Wappen und Zirkeln der Verbindungen und den Namen der Mitglieder viel Geld verdienten. Man beschenkte sich gegenseitig zum Andenken mit solchen Pfeifenköpfen. – Das Wirtshaus zur Molkenkur ist die Schöpfung eines Pfeifenmalers namens Wagner.
Das Pfeifenrauchen erzeugte in Heidelberg auch einen besonderen Handelszweig, den Binsenhandel. Das durchaus notwendige, häufige Reinigen der Pfeifenrohre ließ sich am besten mittels sogenannter Binsen ausführen. Man besorgte das garstige Geschäft ungern selbst und überließ es, wie auch das Anrauchen der Pfeifenköpfe, das den Magen stark angreift, am liebsten den Herrendienern, von den Studenten Stiefelfüchse genannt, denen das Wichsen der Stiefel und das Putzen der Kleider oblag. – Unter Binsen verstand man die langen und steifen Halme einer hohen Grasart, der Molinia coerulea, die auf den Berghalden um Heidelberg in Menge wächst. Mit eigentlichen Binsen haben diese Grashalme wenig gemein. – Den Handel damit betrieb ein Mensch von kretinischem Aussehen, aber spekulierendem Sinn, der auf dem Schloßberg Haus und Familie besaß. Er schnitt und sammelte die reifen Halme, trocknete sie vollends, band sie zu Büscheln, brachte und verkaufte sie den Pfeifenrauchern in den Wirts- und Privathäusern. Er reiste sogar mit seiner Ware und war an vielen deutschen Universitäten als Heidelberger Binsenbub bekannt. Da er sich beschränkter stellte, als er war, so galt er bei den Musensöhnen für das Urbild geistiger Beschränktheit, und man nannte »Binsenwahrheiten« solche, die sogar der Binsenbub verstand. Der Ausdruck ist aus der Studentensprache in die Schriftsprache übergegangen, seine Herkunft dürfte vergessen sein.

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Nach dem Tode Binsenbubs I übernahm sein jüngerer Bruder Binsenbub II das Geschäft. Er war das Zerrbild des Gründers dieser Dynastie und überbot ihn weit an groteskem Benehmen. Als die Tabakspfeife in den fünfziger Jahren mehr und mehr der Zigarre wich und der Binsenhandel nicht mehr rentierte, versuchte er es mit Blumensträußchen und überreichte[59]  sie in Gasthöfen, öffentlichen Gärten und an den Bahnhöfen namentlich reisenden Damen unter lächerlichen Grimassen und Verbeugungen.
Nachdem auch diese Heidelberger Berühmtheit das Zeitliche gesegnet hatte, besorgte noch durch eine Reihe von Jahren den Vertrieb von Blumensträußchen eine zwerghafte weibliche Person, der es jedoch nicht gelang, sich die Gunst der Reisenden wie ihr männlicher Vorgänger zu erringen.
Die lithographische Kunst hat den Binsenbuben und einige andere sonderbare Figuren des alten Heidelbergs im Bilde aufgenommen, und die Altertümersammlung im Schlosse bewahrt es der Nachwelt auf. Diese darf doppelt dankbar sein, da die Gegenwart, wie es scheint, darauf verzichtet hat, an Stelle der alten Originale neue zu liefern.
Auf dem Schloßberg, wo die Binsenbuben hausten, wohnte die Bergkapelle, drei alte Musikanten, gebückte Gestalten mit Baßgeige, Fiedel und Klarinette, die in den Bierhäusern aufspielten. Als ich von der geliebten Musenstadt und meinen Freunden scheiden mußte, ließen wir sie zu uns kommen, sie spielten mir zum letztenmal die fröhlichen Studentenweisen.
Von den vielen kuriosen Gestalten war die wunderlichste der Hofrat Diehl, ein alter, angeblich durch das Lesen unverdauter philosophischer Schriften übergeschnappter Knopfmachergeselle, die Studenten tauften ihn Hofrat, und von da an hieß er stets der Hofrat Diehl, auch einfach der Hofrat. Er stand mit der studierenden Jugend auf dem Fuße des Kommilitonen und diskutierte mit ihr am Biertisch im gewähltesten Hochdeutsch über wurstliche und bierliche Prinzipien. Die Unterhaltung wurde sehr lebhaft, aber ernst geführt. – Die Studenten hatten ihm ein großherzoglich hessen-darmstädtisches Hofratsdiplom ausgefertigt und ihn veranlaßt, nach Darmstadt zu reisen, um sich bei Hofe untertänigst zu bedanken. Der Beamte, an den man ihn zunächst in Darmstadt wies, erkannte den Geisteszustand des verdrehten Philosophen, man versah den armen Hofrat mit dem nötigen Reisegeld und schickte ihn wieder nach Heidelberg zurück.[60]
Endlich sei noch des roten Fischers gedacht, der gleichfalls häufig abgebildet wurde, ein großer, starker, ehemaliger Fischer mit rötlichem Haar und rotbraunem Gesicht, ein Bramarbas, der auch im Winter mit aufgeschlagenen Hemdärmeln ging. Er hatte sich den Korps fast unentbehrlich gemacht, stellte bei den Mensuren die Wachen gegen Überfälle durch die Pedelle aus und sorgte für die nötige Vorbereitung bei Kommersen und Ausfahrten. Auch war ihm bei Kommersen ein stereotyper Trinkspruch vorbehalten: »Auf die Herren Füchse und das weibliche Geschlecht!« –


Die Tabakspfeifen sind heute von der Straße verschwunden, das Tabakrauchen ist geblieben. Neben dem Bier ist das Schmauchkraut der mächtigste Götze der Deutschen, ihm huldigt der Millionär und der Proletarier, vor ihm hat im Kampf um das Monopol Bismarck sogar die Waffen gestreckt.



Die Burschenwelt










[61] Der Handschlag des Prorektors hatte mich zum akademischen Bürger, zum freien Burschen gemacht; nicht länger mehr durch Schulzwang, sondern freier Herr meiner Kraft sollte ich von nun an selbst meine Zukunft schmieden.
Ich trat in eine neue Welt. Inmitten der Alltagswelt der Philister hatte sich der deutsche Student eine eigene geschaffen, die Burschenwelt mit eigentümlichen Sitten und Gebräuchen, Festen und Waffen, Liedern und Melodien, ja mit eigener Sprache. Man hatte ihm zwar das Recht genommen, farbige Bänder um Brust und Mütze zu tragen, aber auch die einfarbige Mütze wußte er so zu richten, daß man aus ihr und dem leichten Gruß, womit er dem Kommilitonen über die Straße zunickte, den Musensohn sofort erriet.
Wie diese Welt entstand, war in Dunkel gehüllt. Auch heute weiß, soviel mir bekannt, niemand zu sagen, wie und wann der Fuchsenritt und das Fuchsrennen aufgekommen sind, das Kommersieren beim Schlägerklang, die prächtige Melodie des Landesvaters, und der feierliche Schwur beim Durchbohren der Mütze:[61]
»Ich durchbohr' den Hut und schwöre,
Halten will ich stets auf Ehre
Und ein braver Bursche sein.«

Und immer noch ist der Student erfinderisch in neuen wunderbaren Bräuchen. Um die Mitte des Jahrhunderts ersann er zum Trinkspruch bei dem Bierkrug, dem der helle, fröhliche Klang des Weinglases beim Anstoßen abgeht, das donnernde Exerzitium des Salamanders, aber wer es ersann, und wo und wann der erste Salamander gerieben worden, die Gelehrten haben es nicht ergründet.
Trotz unaufhörlichen Wechsels der Burschengeschlechter hat diese Welt einen festen Bestand. Alte Sitten und Sprüche, Melodien und Lieder vergehen und neue kommen, das gaudeamus aber wird niemals untergehen. Und damit die Burschenwelt auf festem Grunde durch alle Zeiten treibe, hat sie sich den Komment geschaffen, eine Verfassungsakte und ein Gesetzbuch zugleich, nach dessen Richtschnur sie Freiheit und Ehre wahrt, die Waffen wählt und führt, und den Humpen hebt und leert. Als Hieb-, Verrufs- und Trinkkomment scheiden sich die sorglich bestellten Teile dieses, mit den ehrwürdigen leges barbarorum germanischer Urzeit wetteifernden Gesetzbuchs.
Die Seele des Burschenlebens, ohne die es unterginge, sind die Verbindungen. Man hat sie auf Tod und Kerker verfolgt, immer sind sie, kaum vernichtet, wieder erstanden. Der Trieb unserer Jugend, an den Hochschulen sich in Brüderschaften zusammenzuschließen und füreinander fest und treu einzustehen, muß im deutschen Blute liegen. Die Jünglinge lieben farbige Abzeichen, und das Band, das ihre Brust umschlingt, ist das Symbol der innigen Vereinigung, die dem einzelnen die gesammelte Kraft der Brüder zur Verfügung stellt. Wie der Bund dem einzelnen Stärke verleiht, so sichert die vereinte Macht der Verbindungen dem Burschentum kräftigen und dauernden Bestand. Und solange der Student Ehre und Vaterland auf seine Fahne schreibt, wird die deutsche Nation unter den Völkern in Ehren bestehen.[62]
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Ein verlockender Zauber schimmert auf dieser romantischen Welt. Unzählige Jünglinge voll Lebensmut und Tatenlust hat er gefesselt, und wer den wirbelnden Reigen auf sicheren Beinen mittanzt, wird weder Reue noch dauernden Schaden davontragen. Ein goldner Schatz heitrer Erinnerungen begleitet ihn durch die wechselnden Schicksale des Lebens.



Die Studentenschaft der Ruperto-Carola bis 1840










[63] Als Karl Friedrich von Baden 1803 – damals Kurfürst, seit 1806 Großherzog – die Universität in Heidelberg als Regent übernahm, war die altehrwürdige Stiftung des Wittelsbachers Ruprecht I. von der Pfalz (1386) dem Untergange nahe. Unter der langen Regierung des ganz in die Schlingen der Jesuiten gefallenen Kurfürsten Karl Theodor (1742–1799) war sie mehr und mehr in Verfall geraten, und 1801 hatte sie der Friede von Lunéville ihrer Gefälle und Besitzungen links vom Rhein, und damit ihrer Einkünfte, fast ganz beraubt. Karl Friedrich gab ihr aufs neue die finanziellen Mittel zum gedeihlichen Bestehen, berief ausgezeichnete Professoren an Stelle der alten unbrauchbaren und drang nachdrücklich auf die Verbesserung von Geist und Sitten ihrer Schüler. Er wurde der Neubegründer der Hochschule. Sie blühte prächtig empor, und die Zahl ihrer Studierenden nahm rasch und beträchtlich zu. – Mit Recht verbindet die dankbare Universität den Namen ihres Stifters mit dem ihres Wiederherstellers und nennt sich seitdem Ruperto-Carola.
Ein schlimmer Geist herrschte unter den Studierenden, als der neue Regent die Reform der Hochschule ins Werk setzte. In geheime Orden und Landsmannschaften geteilt, überboten sie einander in rohen Ausschreitungen, Duellen und Prügeleien, die akademische Freiheit verwechselnd mit Zügellosigkeit. Karl Friedrich trat dem wüsten Treiben mit scharfen Erlassen entgegen, doch hätten diese allein wenig ausgerichtet, wenn nicht die besseren Lehrer und Einrichtungen der Universität auch bessere Schüler nach Heidelberg gebracht hätten. Sie kamen aus ganz Deutschland und besaßen oder gewannen[63]  eine richtigere Einsicht in Wesen und Zweck des akademischen Studiums, in die sittlichen und nationalen Aufgaben der Universitäten. Ein kräftiger Drang zur Reform brach damit auch in dem Verbindungswesen durch.
Dieses bessere Streben fand seinen ersten Ausdruck in der Gründung der Korps, die sich an Stelle der Orden und Landsmannschaften bildeten. Sie bedeuteten einen wirklichen Fortschritt im Verkehr der Studenten unter sich und mit der Außenwelt, indem sie nicht bloß das Holzen, wie man die Prügeleien nannte, sondern jede tätliche Beleidigung der Kommilitonen unter sich strenge verdammten und die kommentmäßigen Grenzen der wörtlichen Beleidigung scharf feststellten. Im Fall die Beleidigung eine »Satisfaktion« durch die Waffen erheischte, so regelte der Komment genau die Wahl der Waffen und die Art ihrer Führung. – Die Regierung verkannte das Löbliche dieser Bewegung, sie sah in den Korps nichts als die alten, gänzlich verrohten Landsmannschaften unter neuem Namen und schritt auf das schärfste gegen sie ein. Um sie gleich im Beginn ihrer Gründung sicher zu vernichten, ließ die Behörde 44 Studierende auf einmal relegieren, ohne jedoch ihr Ziel zu erreichen. – Es läßt sich freilich nicht in Abrede stellen, daß die Korps noch in vielen Stücken die Nachfolger der alten Landsmannschaften waren, wie sie denn anfangs auch die Aufnahme ihrer Mitglieder von deren Heimat abhängig machten.

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Die Befreiungskriege brachten neue Gedanken und Ziele in das deutsche Verbindungswesen. Viele Jünglinge hatten den Krieg mitgemacht. Sie kamen als feurige Patrioten an die Universitäten zurück, das Treiben der Korps befriedigte sie nicht, ihre Blicke gingen über die landsmannschaftlichen Grenzen hinaus in das weite, gemeinsame Vaterland. Sie wollten nicht mehr Schwaben und Westfalen oder gar Zimbern, Heruler und Vandalen sein, sondern deutsche Burschen, und darum gründeten sie die deutsche Burschenschaft mit dem Wahlspruch: Ehre, Freiheit und Vaterland.
Es bleibt das unsterbliche Verdienst dieser alten Burschenschaft, den Einheitsgedanken, den die französische Zwingherrschaft[64]  bei den Besten der Nation geweckt hatte, treu gepflegt und in alle Gaue getragen zu haben. Haben auch tolle Fanatiker sich bis zum Verbrechen hinreißen lassen, ihre Verirrungen mindern den verdienten Ruhm der deutschen Burschenschaft nicht.
Auch in Heidelberg erstand eine Burschenschaft, die bald mehr Mitglieder umfaßte als alle Korps zusammen. Da geschah 1819 Sands unsinnige und unselige Tat. Er gehörte der Burschenschaft in Jena an und war von da über Heidelberg nach Mannheim gegangen, um einen frivolen Lustspieldichter als gefährlichen Feind des Vaterlandes mit dem Dolche niederzustoßen. Es mag unglaublich erscheinen, der Mörder erregte weit mehr Teilnahme als sein Opfer, namentlich bei den Frauen und Jungfrauen der Pfalz. Sie schmückten das Bild des blondgelockten, schlanken Jünglings in der kleidsamen Burschentracht, der sein junges Leben dem Scharfrichter hingeben mußte, mit Immortellen und hingen es auf im verschwiegenen Schlafgemach. Auch Splitter des Schafotts, worauf der beschränkte Schwärmer geendet, wurden als kostbare Reliquien aufbewahrt. Das Schafott wurde Eigentum des Heidelberger Scharfrichters, der ihn enthauptet hatte und es beim Bau eines Gartenhäuschens verwendete, das noch heute in den Weinbergen links am Weg, der vor der Rohrbacher Straße nach Speierers Hof führt, zur Tiefe herabschaut.
Das Verbrechen Sands zog als unmittelbare Folge die Karlsbader Beschlüsse nach sich; sämtliche Verbindungen, Burschenschaft und Korps, wurden aufgehoben, aber trotz Bundes- und Landesverbots bestanden sie mit zeitweiligen Unterbrechungen fort. Kamen landesherrliche Kommissäre nach Heidelberg, um nachzusehen, so lösten sich die Verbindungen auf, reisten die Kommissäre nach Karlsruhe zurück, so taten sich die Verbindungen sofort wieder zusammen. – Burschenschaft und Korps bewahrten ungeachtet häufiger Zwistigkeiten ein kommentmäßiges Benehmen gegeneinander, faßten auch wohl in allgemeinen studentischen Angelegenheiten gemeinsame Beschlüsse.[65]


So blieb es bis zur Julirevolution 1830. Die große Aufregung, die sie in Deutschland hervorrief, wurde gefährlich für die Burschenschaften. Die Heidelberger beteiligten sich als Körperschaft im Mai 1832 an dem Hambacher Feste, dessen Teilnehmer als Aufwiegler und Hochverräter in Untersuchung gezogen wurden. Einige ihrer Mitglieder halfen sogar im April 1833 bei dem Frankfurter Attentat die Hauptwache stürmen. Danach brachen schwere Zeiten herein. Die bloße Teilnahme an der Burschenschaft war Hochverrat. Viele ihrer Mitglieder flüchteten über die Grenzen, selbst über das Weltmeer, andere büßten den Rausch der Jugend mit langer Kerkerhaft. Die preußische Regierung verhängte sogar Todesstrafe, teils auf dem Rade, teils durch Enthauptung, aber vollzog sie nicht. In Baden ließ man es bei leichter Haft in der so genannten Festung Kißlau bei Bruchsal bewenden.
Seitdem blieb die Burschenschaft in Heidelberg unterdrückt; jeder Versuch, sie neu aufzutun, zog unfehlbar die Relegation nach sich. Auch die Korps waren anfangs streng verboten und fristeten ein kümmerliches Dasein, wurden jedoch nach wenigen Jahren stillschweigend geduldet, nur durften sie öffentlich keine Farben tragen.
Die ganze Universität mußte für die Sünden der Burschenschaft büßen, mit ihr die badische Schwesteruniversität in Freiburg. Die preußische Regierung verbot 1833 den Besuch beider als Hochschulen der Demagogie. Die Zahl der Studierenden sank bedeutend. In Heidelberg waren drei Korps aus Mangel an Leuten sofort gezwungen sich aufzulösen. Erst 1839 nahm Preußen sein Verbot zurück.
Am 1. April 1840 zeigten die Korps bei der feierlichen Bestattung des Professors Thibaut, daß sie von neuem bedeutend erstarkt waren. Sie veranstalteten dem hochverehrten Lehrer einen großartigen Leichenzug, wie ihn Heidelberg nie gesehen, und die gesamte Studentenschaft fügte sich willig ihrer Leitung. Mit dem ganzen Pompe studentischer Aufzüge bewegte er sich durch die Straßen. Ich war im letzten Jahre Lyzeist, tief ergriffen sah und bewunderte ich den Glanz und die Herrlichkeit des Burschentums.



 Das Schwabenkorps










[66] In den ersten Wochen des Semesters lebte ich ausschließlich meinem Studium, saß untertags in den Hörsälen oder dem anatomischen Präpariersaal und abends auf meiner Bude hinter den Büchern – kurz gesagt, ich war, was der flotte Bursch ein richtiges Kamel nannte. Auf die Dauer jedoch war ich zum Einsiedler nicht geschaffen.
Einer meiner früheren Schulkameraden redete mir eines Abends zu, ihn auf die Schwabenkneipe zu begleiten; er war Mitkneipant des Korps geworden. Die Korps gewährten unbescholtenen Studenten die Gunst, gegen einen mäßigen Beitrag ihre Kneipe und ihren Fechtboden zu besuchen, sich auf diesem im Schlagen zu üben, sicherten ihnen außerdem Schutz und bei etwaigen Ehrenhändeln Waffen und Sekundanten zu. Besondere Verpflichtungen übernahm der Mitkneipant nicht. Ich folgte der Einladung, um mir die Gesellschaft anzusehen; wenn sie mir nicht gefiel, so brauchte ich nicht wiederzukommen.
Die Suevia war das älteste Korps in Heidelberg, das seit 1810 bestand. Auch hatte es seit einer langen Reihe von Jahren dieselbe Kneipe in Miete, ein großes Lokal in bester Lage der Stadt an der Hauptstraße, gegenüber der Winterschen Buchhandlung, in der nunmehr eingegangenen Brauerei zur alten Pfalz, zwischen Hauptstraße und Ludwigsplatz. Die Kneipe war, wie alle Korpskneipen jener Zeit, sehr einfach eingerichtet, sie hatte nur Tische, die in Hufeisenform aneinandergereiht standen, und ungefähr 40 Holzstühle. Die Wände waren mit Bildern behangen, teils mit, teils ohne Rahmen, meist Lithographien: Porträts alter Schwaben oder Aufnahmen des ganzen Korps, auch Darstellungen des Burschenlebens und mancherlei Scherze anderer Art. Eigene Klubhäuser, wie sie die Verbindungen heute besitzen, gab es nicht.
Die Kneipe war an diesem Abend stark besucht, die Gesellschaft sehr aufgeräumt, und ich unterhielt mich gut. Namentlich gefiel mir mein Nachbar, der stud. jur. Karl Wieland aus Karlsruhe. Er stand schon im vorletzten Semester und war nur[67]  noch »passives« Mitglied der Verbindung; er sprudelte geradezu von neckischen und witzigen, mitunter bizarren Einfällen, seine Augen blitzten von munterem Feuer, auf der linken Wange trug er eine kurze, aber tiefe Hiebnarbe. Wir wurden gute Freunde. Ein Jahr nachher machte er sein Staatsexamen und brachte es im Laufe der Jahre bis zum Senatspräsidenten am Oberlandesgericht in Karlsruhe, wo der liebenswürdige und geistreiche Mann 1884 starb.
Da es mir bei diesem Besuche in der Suevia wohlgefallen hatte, ließ ich mich als Mitkneipant ein schreiben und kam an den drei oder vier vorgeschriebenen Kneipabenden in der Woche regelmäßig als Gast. Die Mitglieder der Verbindung waren fast lauter badische Landsleute, die meisten hatten das Karlsruher Lyzeum absolviert. Auch gehörten ihr einige Westfalen und preußische Rheinländer an, weil die Suevia mit dem Korps der Westfalen in Bonn ein Kartell eingegangen hatte.

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Die neuen Freunde, die ich in der alten Pfalz gewann, rieten mir, in die Verbindung einzutreten. Mein Bedenken, es reiche mein Taschengeld nicht dazu aus, wußten sie zu zerstreuen. In der Tat war das Korpsleben noch billig, auch bei geringen Mitteln konnte man seine Freuden genießen. Bier und Tabak kosteten wenig. Die besseren bayerischen Biere waren freilich teuer, aber sie wurden nur ausnahmsweise getrunken, man fing überhaupt erst an, sie in einzelnen Restaurationen auszuschenken; der Transport aus den Bezugsorten München, Erlangen und Kulmbach war bei den wenigen fertigen Eisenbahnen noch allzu schwierig und kostspielig. Wein wurde nur bei Ausflügen und beim Stiftungsfest getrunken. Stutzerhafte Kleidung wurde verhöhnt. Der Haarkräusler verdiente bei den Musensöhnen noch wenig, nur ausnahmsweise, an Ballabenden, machte er bessere Geschäfte; der Student ordnete sein Haar mit eigener Hand, und viele trugen es lang. Man hatte noch keine besonderen Kneipröcke und saß am liebsten, wenn es die Wärme im Sommer oder der Ofen im Winter zuließ, zwanglos in Hemdsärmeln, viele mit dem bunten Zerevismützchen auf dem Haupt, die Korpsburschen mit dem Band um die Brust. Die Mitkneipanten mußten sich mit der einfachen schwarzen Mütze begnügen,[68]  die Renoncen oder Korpsfüchse hatten das Anrecht auf die Farben Schwarz und Gelb an Mütze und Pfeifenquasten, nur der Korpsbursch war berechtigt, in stolzer Würde das Band mit den drei Farben Schwarz-Gelb-Weiß zu tragen. Die später bevorzugte gelbe Mütze kam erst in den letzten Jahren meiner Studienzeit auf. – Um elf Uhr trat der Pedell, Pudel genannt, in die Kneipe und gebot Feierabend. Er nahm keine Notiz von den farbigen Abzeichen, denn die Korps waren, obwohl verboten, von den Behörden geduldet; auch bei öffentlichen Aufzügen prangten die Korps in ihren Farben.
So wagte ich es denn, noch vor Abschluß des Jahres 1840 um Aufnahme in die Verbindung einzukommen. Senior war der nachmalige badische Minister Rudolf von Freydorf; er nahm mich unter die Renoncen des Korps auf, und man erwartete, daß ich als braves Schwabenfüchsle möglichst bald die Mensurprobe ablegen werde. Ich übte mich fleißig auf dem Fechtboden, dessen Besuch Füchsen und Burschen zur heiligen Pflicht gemacht war. In kurzer Zeit war ich mit der Führung des Schlägers hinreichend vertraut, lernte auch etwas Säbel schlagen. Nachdem ich meine Tapferkeit an den Tag gelegt, wurde ich im Sommer 1841 unter die Burschen aufgenommen. Jetzt gehörte ich zu der studentischen Ritterschaft, worin Prinzen und Barone, Beamten- und Bauernsöhne einander als freie und gleiche Burschen ehrten; auf die »obskuren Kamele«, die sich kein farbiges Band im Turnier erstritten, sahen wir mitleidig, viele mit Verachtung herab.
Das Schlägerschlagen kräftigt den Arm, der die Waffe führt, aber die Muskeln des übrigen Leibes haben wenig Nutzen davon. An den drei Universitäten Jena, Erlangen und Würzburg hatte noch vor kurzem der Stoßkomment gegolten, die Mensuren wurden mit dem Stoßdegen, Pariser genannt, ausgefochten, man hatte sich deshalb dort auf dem Fechtboden mit Stoßrapieren eingeübt. Diese Übungen im Florett- und Stoßfechten nehmen weit mehr die gesamte Muskulatur in Anspruch als die mit dem Schlägerrapier und machen den Leib gewandter, aber die Mensur auf Pariser ist weit gefährlicher als die auf Schläger. Die spitze Klinge des Parisers drang leicht in die Lungen,[69]  der Verletzte warf Blut aus und wurde nur zu oft siech und schwindsüchtig, wenn er nicht gar tot auf dem Platze blieb. Die Regierungen hatten lange vergeblich versucht, diese gefährlichen Paukereien aus der Welt zu schaffen; sie waren glücklich, als die Studenten endlich selbst den Stoßkomment mit dem minder bedenklichen Hiebkomment vertauschten.


Auf dem Fechtboden wurden die Füchse streng ermahnt, nicht bloß hauen, sondern auch parieren zu lernen. Geholzt sei nicht gefochten. Die Aufgabe eines guten Schlägers sei die, den Gegner zu zeichnen, aber man solle sich nicht zeichnen lassen. Es sei eine Schmach, wenn das Paukbuch, worin das Korps die sämtlichen von ihm ausgeteilten und empfangenen »Schmisse«, d.i. Wunden, eintrug, am Ende des Semesters eine Unterbilanz zeige und die Suevia vielleicht sogar eine Reihe von »Abfuhren« erlitten habe. »Abgeführt« war der Paukant dann, wenn er infolge der Verwundung den Kampf aufgeben mußte. – In dem besseren Parieren, vielleicht auch in der damals üblichen verhängten Auslage, die das Parieren leichter machte, mag die Ursache zu suchen sein, daß die greulichen Verunzierungen des Gesichtes, wie sie später so häufig waren, damals seltener vorkamen.
Neben dem Pauken spielte das Kommersieren eine wichtige Rolle im Leben der Korpsstudenten. Die Verbindung kommersierte unter sich oder bei dem Antritts- und Abschiedskommers der Korps mit allen andern zusammen, lud auch wohl befreundete ein oder wurde von diesen eingeladen. Das höchste Fest der Verbindung war der jährliche Stiftungskommers, der auswärts abgehalten wurde. Ein »solenner« Schmaus leitete ihn ein, und das edle Getränk des Bacchus floß in Strömen. Ehe die Feier begann, sorgten erfahrene Männer für die unentbehrliche Totenkammer, ein abgelegenes, mit gutem Stroh belegtes Asyl für die Abgefallenen. Es galt für ungehörig, sich vor dem Landesvater seiner vollen Burschenwürde zu begeben, aber nachher weder für schimpflich noch für unerläßlich. Den Preis errangen die starken Zecher, die bis zum Morgengrauen fortpokulierten und das nächtliche Werk mit tollem Unfug krönten.



 Das Pauken










[70] Die Korps nannten sich zum Unterschied von den rein gesellschaftlichen Studentenvereinen mit Recht Waffenverbindungen, denn sie pflegten das blutige Waffenspiel fast noch mehr als die brüderliche Geselligkeit und übten es nach den festen Satzungen des Paukkomments. Sie nannten die Waffengänge Paukereien oder Mensuren und führten sie in Heidelberg und an den meisten Hochschulen mit dem Korbschläger aus, in Leipzig und Halle mit dem Glockenschläger, ausnahmsweise griffen sie zu Säbel und Pistole, der Schläger blieb jedoch die eigentliche und eigentümliche Waffe des deutschen Studenten. – Die Bezeichnung Duell für den kommentmäßigen Zweikampf auf Hiebwaffen war ungebräuchlich, sie wurde selbst dann, wenn die Schußwaffe gewählt wurde, nur ausnahmsweise angewendet.
Bei den gewöhnlichen leichten Paukereien war durch geeignete Schutzvorrichtungen, die in ihrer Gesamtheit der Paukwichs genannt wurden, dafür gesorgt, daß nur das Gesicht und die Brust völlig ungeschützt blieben. Der Komment ließ jedoch auch schwere Paukereien zu, die den Namen Duelle wohl verdienten, auf Schläger und Säbel, wobei die Schutzvorrichtungen eingeschränkt wurden oder ganz weg fielen.
Zu Anfang der vierziger Jahre stand das Paukwesen in vorher nie gesehener Blüte. Es war zum gröbsten Paukunwesen geworden, unter vier Augen bezeichneten wir selbst es ganz aufrichtig als Pauksimpelei und Paukeselei. Die meisten älteren Burschen der Suevia hatten zehn bis zwölf, auch zwanzig, einige sogar vierzig bis sechzig Mensuren hinter sich; das Korpsband, worauf man sie einschrieb, reichte bei diesen kaum aus, sie alle aufzuzeichnen.
Dies war nicht immer so gewesen. Die alten Herren der Suevia im Philistertum versicherten, daß noch in den dreißiger Jahren manche Schwabenburschen nur ein- bis zweimal oder sogar niemals auf Mensur gestanden hätten.
Als die Korps bei ihrer Gründung 1810 den Paukkomment ausdrücklich zur Hebung des Burschentones einführten, verboten[71]  sie jede tätliche Beleidigung von Kommilitonen mit Androhung der Strafe des Verrufs – nicht einmal an den Kleidern durfte der Gegner bei Streithändeln angefaßt werden – und formulierten genau den »Tusch«, das beleidigende Wort, das sofort dem Wortwechsel ein Ende machte und die Forderung auf die Mensur nach sich zog. Außer dem »dummen Jungen« und dem weit schärferen »Hundsfott« wurde kein anderes beschimpfendes Wort für kommentmäßig erachtet. Mit der vollzogenen Mensur aber war die Beleidigung ganz ausgelöscht, die Satisfaktion gegeben, wie es das Lied besagt:

»Hat der Schmiß gesessen,
ist der Tusch vergessen.«

Hieraus geht hervor, daß die Mensur ehemals als Mittel zu dem löblichen Zweck gewählt worden war, die Streithändel und damit die Duelle unter Burschen zu vermindern, jetzt aber war die Mensur Selbstzweck geworden, und man tuschierte, um sich auf der Mensur zu messen, um durch Pauken Ansehen zu gewinnen. Je mehr Tusche, desto mehr Mensuren, je mehr Mensuren, desto mehr Ehre. Der Stolz des Korps waren seine Waffengänge. Man schlug sich nicht mehr für die Ehre der eigenen Person, sondern zu Ruhm und Ehre seines Korps, »in gloriam patriae«. Solche Paukereien nannte man »Skandäler pro patria«, wobei die sonderbare Verwechslung von Korps und Vaterland unterlief.

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Unter den Korpsbrüdern selbst mußten alle Ehrenhändel friedlich ausgetragen werden. Es ist mir nie ein Duell unter den Schwaben zu Ohren gekommen, während sie mit den andern Korps, abwechselnd bald mit diesen, bald mit jenen, ewig in Fehde standen, wie der alte Götz von Berlichingen und seine ritterlichen Vettern sich ehemals einander ununterbrochen ihre Eisenwämse ausklopften. – Die Suevia hatte sogar einen Erbfeind in der Rhenania, weil ihr diese die Mannheimer Füchse wegkaperte, während sie doch als anerkannte Vertreterin der badischen Studentenschaft auf die Mannheimer Anspruch zu haben meinte. Die beiden Verbindungen haßten sich gegenseitig,[72]  und an Ostern 1842 hatte die Erbitterung einen hohen Grad erreicht.
Auf dem allgemeinen Abschiedskommers pflegte jeder Hader zu schweigen, diesmal aber kam es zu einem kaum erhörten Skandal. Der Senior der Rhenanen hatte es gewagt, unsern Korpsbruder Bernhard Beck, diesen Ausbund von Tapferkeit, zu hänseln und seinen Mut anzuzweifeln, worauf ihm dieser, ohne ein Wort zu erwidern, eine kommentwidrige Ohrfeige versetzte. Eine solche Verletzung des Komments unter Korpsburschen war in Heidelberg noch nie vorgekommen. Der Seniorenkonvent erteilte der Rhenania die Erlaubnis, Beck beim Amte zu verklagen, das solche Vergehen mit Konsilium oder Relegation bestrafte, aber Beck hatte sein Abgangszeugnis von der Hochschule bereits in der Tasche und verließ Heidelberg sofort. Für ihn sollte nunmehr die ganze Suevia büßen. Im nächsten Semester verbündeten sich vier der bestehenden sechs Korps, um die Schwaben zu züchtigen, die nur in den Nassauern, die heute nicht mehr bestehen, treue Alliierte fanden. Die Suevia war gerade in diesem Semester auf einen Bestand von wenigen Leuten zurückgegangen, doch kämpften sie fast in allen Waffengängen siegreich.
Ungeachtet ihres guten Willens hatte es den Korps zu Anfang des Jahrhunderts nicht recht gelingen wollen, den rohen Burschenton zu verfeinern. Sie rückten einander häufig abends auf die Kneipe, randalierten und kontrahierten, wobei es oft garstig zuging. Da beschloß der Seniorenkonvent, immer bedacht auf die Hebung der Sitten, diesen Brauch abzuschaffen und für das Paukbedürfnis in anderer Weise zu sorgen. Er dekretierte ewigen Frieden zwischen den Korpskneipen, verbot die gegenseitigen Einbrüche pro gloria patriae und richtete besondere Kontrahierabende ein in zu diesem Zweck gemieteten Sälen, am liebsten im faulen Pelz.
Abends zur festgesetzten Stunde zogen sämtliche Korps in hellen Haufen von ihren Kneipen in die Arena zu fröhlichem Tuschieren, jedes besetzte den Tisch, den seine Füchse im voraus belegt hatten. Waren sie alle eingetroffen, so war die Neugierde groß, welche Losung die verschiedenen Korpskonvente[73]  ausgegeben hatten, doch die unheimliche Stille währte nicht lange. Ein Bursche erhob sich und schleuderte einem ebenbürtigen Kämpen an einem der feindlichen Tische höhnenden Schlachtruf zu. Besaß der Gegner Witz, so erwiderte er mit Gegenhohn, wenn nicht, was die Regel war, sofort mit dem Tusch. Nach dieser ersten »Kontrahage« ging das Kampfgeschrei an allen Tischen los. Die Luft schwirrte von dummen Jungen, dazwischen sausten einzelne schwere Hundsfotte nieder. Die Helden der Ilias hätten ihre helle Freude an dem Treiben gehabt.


Die schweren Forderungen, die an diesen Abenden gestellt wurden, kamen nicht alle zum Austrag. In und außer dem Saale waren Lauscher auf der Lauer, auch die Kellner paßten auf und berichteten den Pedellen, diese dem Universitäts-Amtmann. Manches schlimme Duell wurde dadurch verhindert. Der Amtmann zitierte die Kontrahenten und verlangte das Versprechen auf Ehrenwort, sich nicht zu schlagen, verweigerten sie es, so drohte er mit Karzer bis zu besserem Besinnen.
Um die Forderungen zum Austrag zu bringen, schickte das herausgeforderte Korps seinen Kartellträger mit dem Bestimmzettel dem feindlichen auf die Kneipe. Die Person dieses Heroldes, eines Korpsburschen, war durch seine Mission geheiligt. Er wurde mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen und Tag und Stunde der Mensuren artigst mit ihm vereinbart. Solche Bestimmungsmensuren wurden von den persönlichen, auf private Streithändel hin, unterschieden.
Wie schlimm das Paukwesen war, wußte der Paukarzt Hofacker am besten. Er hatte in 24 Jahren mehr als 20000 Mensuren auf Hiebwaffen, denen er beiwohnte, aufgezeichnet. Seine reiche Erfahrung auf diesem Gebiete der Wundarzneikunde verwertete er zu zwei Abhandlungen, die 1828 und 1836 in den Heidelberger klinischen Annalen erschienen; er brachte darin wertvolle Mitteilungen über die Wiederanheilung abgehauener Nasen- und Lippenstücke. Das Verbot, Hunde auf die Mensur mitzunehmen, wurde zum Teil darauf zurückgeführt, daß eine Dogge die abgehauene Nasenspitze ihres Herrn bei solcher Gelegenheit eiligst aufgeschnappt und mit besonderem Appetit[74]  verzehrt habe. – Tödliche Verwundungen durch Hiebwaffen waren äußerst selten, nur die damals bei der mangelhaften Einsicht in die Natur der Wundgifte häufig nachfolgenden Infektionskrankheiten, namentlich die Kopfrose, brachte das Leben zuweilen in Gefahr.
Über die Häufigkeit der Pistolenduelle läßt sich nichts Gewisses sagen, weil man sie sehr geheim hielt. Während ich in der Suevia war, sind mir fünf Pistolenduelle bekanntgeworden, die von Schwaben ausgeführt wurden. Es ist merkwürdig, daß sie unblutig verliefen, vielleicht nur, weil die Pistolen wenig taugten. Doch wurde in einem dieser Duelle einem Schwaben, der eben aus Berlin zurückgekehrt war, der runde Hut, den er sich von da mitgebracht hatte, auf dem Kopfe, ohne daß die Kugel die Haut berührte, durchschossen, in dem andern, wo ich sekundierte, streifte die Kugel des Schwaben dem Gegner die Haut an der rechten Schulter. Die Anlässe zu diesen fünf Duellen waren der nichtigsten Art.
Nur ein Pistolenduell verlief, während ich in Heidelberg studierte, tödlich.
Ein Studiosus juris W., Korpsbursche der Rhenania und Sohn eines verstorbenen Heidelberger Stadtdirektors, geriet aus geringer Ursache beim Verlassen des Hörsaals mit einem andern Rechtsbeflissenen, der keiner Verbindung angehörte, in einen Wortwechsel und ließ sich zu einer rohen kommentwidrigen Beschimpfung des verachteten Kamels hinreißen. Vergeblich ließ ihn der schwer Beleidigte auffordern, abzubitten; ungeübt in der Führung der Hiebwaffen, mußte er Pistolen wählen. Das Duell fand oberhalb der Hirschgasse statt, der Beleidigte hatte den ersten Schuß, die Kugel drang dem Rhenanen in den Unterleib. Man trug ihn zu seiner Mutter in die Stadt, er war ihr einziges Kind, in ihren Armen hauchte er am 29. Januar 1841 sein Leben aus.

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Die Korps bestatteten den Gefallenen feierlich. Auf dem Kirchhof kam es zu einem ärgerlichen Auftritt zwischen dem strenggläubigen evangelischen Stadtpfarrer und dem Senior der Rheinländer. Jener schleuderte sein Anathema auf die Unsitte des Duells und bezeichnete den Rächer seiner Ehre als[75]  einen Mörder, worauf ihm der Senior am Grabe widersprach. Die Regierung schickte einen Beamten, um diese Vorgänge zu untersuchen und der Duellwut zu steuern. Es führte zu nichts, man hieb und schoß sich nach wie vor.
Dieses Duell hatte wichtige Folgen im Schoße der Studentenschaft selbst. Es rief wegen des äußerst verächtlichen Schimpfwortes, das der Korpsbursche dem Kamel erteilt hatte, unter den Wilden eine große und nachhaltige Erbitterung hervor und trug wesentlich dazu bei, eine mächtige Opposition wider die Korps und ihre Paukwut zu wecken.
Fast zu gleicher Zeit kostete jugendlicher Unverstand und Korpsübermut auch einem Rhenanen in Freiburg das Leben. Der junge Korpsbursche, ein allgemein beliebter, hübscher und liebenswürdiger Adeliger, ließ sich, aufgeregt vom Weine, hinreißen, grundlos einen Philologen zu beleidigen, der lediglich seinen Studien lebte und seinen schon von Geburt an verstümmelten rechten Arm nur unvollkommen gebrauchen konnte. Auch der Freiburger Korpsbursche konnte es nicht über sich gewinnen, Abbitte zu leisten, und büßte dies mit dem Leben. Der Verstümmelte, unfähig Hiebwaffen zu führen, wählte die Pistole und schoß den Beleidiger nieder. Die Furien des Gewissens verfolgten den unglücklichen Schützen durchs ganze Leben.



Die Opposition










[76] In den wenigen Jahren vom Herbst 1840 bis Herbst 1844 war die politische Unzufriedenheit zu einer erstaunlichen Höhe in ganz Deutschland angewachsen. Die Politik beschäftigte alle Kreise und bemächtigte sich auch der deutschen Poesie wie nie zuvor, selbst nicht in den Befreiungskriegen. Überall las, sang und rezitierte man die Verse der Heine, Hoffmann von Fallersleben, Freiligrath, Herwegh und zahlloser anderer Poeten und Poetaster. Am meisten zündeten die Gedichte eines Lebenden.
Als ich eines Morgens durch die Friedrichstraße ging, lag ein vor kurzem zum Amtmann ernannter alter Herr der Suevia am Fenster seiner Wohnung und rief mich zu sich hinein. Er[76]  war von äußerst loyaler, streng monarchistischer Gesinnung, aber die Kraft und mehr noch der Bombast der Herweghschen Muse hatten den Amtmann, der sich ums Leben gern deklamieren hörte, mächtig ergriffen. Er machte die Tür fest hinter mir zu, schloß das Fenster, warf sich in die Brust und donnerte:

»Reißt die Kreuze aus der Erden,
Kreuze sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird's verzeihn!«

Wenn ein großherzoglich badischer Amtmann sich in der Poesie der Freiheitssänger so stark berauschte, wer mochte es den Studenten verdenken, wenn sie erst recht den feurigen Trank in vollen Zügen schlürften?
In der Tat, die allgemeine Erregung trieb an allen Universitäten und nicht zum mindesten in Heidelberg hohe Wogen; die überwiegende Mehrzahl der Studierenden verlangte mit wachsender Heftigkeit eine gründliche Reform des Studentenlebens. War doch, wie ich eben erzählte, ein Hauch des neuen Geistes sogar in den Komment der Korps gedrungen; aber gerade gegen diese richteten sich hauptsächlich die Angriffe der reformlustigen Kommilitonen und die liberale Presse sekundierte ihnen. Man bezeichnete die Korps als die gefügigen Werkzeuge Metternichs, als eines der Glieder an der großen, um den edeln Leib der Mutter Germania gelegten Kette, die sie in schmählicher Knechtschaft halte, und beschuldigte die Regierungen, daß sie systematisch die Anmaßung der Korps auf Suprematie in der Studentenschaft und ihr Treiben begünstigten. Wider das Gesetz würden sie geduldet und sogar über kecke Herausforderungen der Behörden mit Nachsicht weggesehen. Die autokratischen Machthaber benützten die Korps einzig zu dem Zwecke, die akademische Jugend von der Teilnahme an öffentlichen Dingen abzulenken, ihren idealen Sinn und das deutsch-patriotische Gefühl zu ertöten.
Der Schwabenkneipe gegenüber wohnte der Buchhändler Christian Friedrich Winter, der langjährige freisinnige Bürgermeister und Landtagsabgeordnete der Stadt Heidelberg. Man schrieb ihm den Ausspruch zu, das Schwabenkorps sei eine[77]  konzessionierte Brütanstalt zur Züchtung von Karlsruher Bürokraten. Daran war nur so viel richtig, daß die meisten Schwaben Söhne von Staatsdienern waren und ebenfalls Staatsdiener werden wollten. Wie die meisten Alten sahen auch die meisten Jungen in der Beschränkung des Landesfürsten und mehr noch seiner Beamten durch die Verfassung eine schädliche Einrichtung. Einer oder der andere glaubte fest an das Dogma von der bürokratischen Erbweisheit. Es wagte sogar ein Ehrenmitglied der Suevia, das ihr freilich späterhin keine Ehre machte und im Leichtsinn unterging, in der Kneipe die Behauptung: das Schwabenkorps sei der Grundpfeiler des badischen Staats, – von da an erhielt er den Beinamen »der Staat«. Auch ließ sich nicht leugnen, daß einige der reaktionärsten Beamten aus der Suevia hervorgegangen waren, beispielsweise der schlimmste von allen Zensoren der Presse, der Freiherr Uria von Sarachaga. Er wurde nach 1849 Stadtdirektor in Freiburg und ließ hier bei Nacht und Nebel ein Denkmal beseitigen, das die dankbare Stadt dem Geschichtsschreiber Karl v. Rotteck gesetzt hatte.
Da die Korps samt und sonders die gleichen Grundsätze bekannten, so traf der Vorwurf des »Vaters Winter« die Suevia nicht allein, sondern die Korps alle ohne Ausnahme, aber er war ungerecht. Sie hatten keinen politischen Charakter und nahmen Fort- und Rückschrittler gleich bereitwillig auf, vorausgesetzt, daß sie sich dem Komment unterwürfen, nach Vorschrift kneipten und paukten. Ein fertiges politisches Glaubensbekenntnis besaßen die jungen Leute nicht, sie konnten ebensogut zu schwarzen Reaktionären wie zu roten Revolutionären ausreifen.
Friedrich Hecker,


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»eine Feder auf dem Hut,
lechzend nach Tyrannenblut«

war ein wilder Bursche des ehemaligen Korps der Hassia in Heidelberg gewesen. Er hieß der rote Hecker zum Unterschied von seinem zahmeren Bruder Karl, dem schwarzen Hecker, der bei den Rheinländern eingetreten war. Die beiden Korps gerieten[78]  aneinander und schickten sich Mensurforderungen pro patria zu, auch Friedrich Hecker forderte seinen Bruder Karl; seitdem hieß er der krasse Hecker. Es mag unglaublich erscheinen, aber Karl Hecker, später Professor der Chirurgie und mein Kollege in Freiburg i.Br., bestätigte mir diese Geschichte, die ich als Student gehört hatte, mit dem Beifügen, daß er die Paukerei abgelehnt habe.
Heckers politischer Gegner, Karl Mathy, der liberale badische Staatsminister, war aus der Heidelberger Burschenschaft hervorgegangen, ebenso das Haupt der preußischen Kreuzzeitungsmänner, Friedrich Julius Stahl, der in Heidelberg Sprecher der Burschenschaft gewesen war.
Den patriotischen Grundgedanken der Burschenschaft hat keiner aus ihren Reihen verwirklicht, diese Mission war einem Korpsburschen aus Göttingen beschieden, dem Studiosus Otto von Bismarck.
Im Winter 1842/43 erzählte mir ein Schulkamerad, der mit mir Medizin studierte, daß er sich einer angenehmen Gesellschaft angeschlossen habe, die sich unter dem Namen Lumpia in der Brauerei zum Schiff zusammenfinde. Ihr geistiges Haupt sei ein stud. jur. Hermann Becker aus Elberfeld, dessen Witz und geselliges Talent er nicht genug rühmen konnte. Daß Becker wirklich schlagenden Witz besaß, erfuhren die Korps bald aus verschiedenen Zeitungsartikeln, worin er ihre Suprematie entschieden zurückwies und sich mit großem Humor über ihr Treiben lustig machte. Anfangs las ich die Artikel mit einigem Ärger, aber bei ruhiger Überlegung mußte ich gestehen, daß ich selbst schon ähnliche Gedanken gehegt, und zugeben, daß der rote Becker, wie man ihn nannte, recht habe. Er wurde später Sprecher der Bonner Burschenschaft, beteiligte sich an der Bewegung von 1848/49 und hat sich nachher als Bürgermeister der Stadt Köln und Mitglied des Preußischen Herrenhauses weithin bekanntgemacht. – Aus der Lumpia ist nach einiger Zeit eine burschenschaftliche Verbindung Ruperta geworden.
Ungefähr gleichzeitig mit der Ruperta bildete sich eine zwanglose Gesellschaft aus Wilden und früheren Burschenschaftern,[79]  die meist von Jena gekommen waren, unter dem Namen Walhalla. Sie war zahlreich, und es gehörten ihr viele tüchtige junge Männer an, einige zeichneten sich später im Deutschen Reichstag aus. Ich nenne Ludwig Bamberger, Wilhelm Genast, Meyer von Thorn, Versmann, den Bürgermeister von Hamburg, Professor Aegidi in Berlin und Karl Esmarch, den verstorbenen Prager Rechtslehrer. Auch einige badische Landsleute waren ihr beigetreten, die man nicht ungleichartiger hätte aussuchen können. Neben dem strenggläubigen, von tiefster Frömmigkeit beseelten und strengmonarchischen Theologen Specht, der 1888 als evangelischer Pfarrer in Ispringen bei Pforzheim starb, gehörten ihr drei junge Republikaner an: Karl Daenzer, der in Amerika als geachteter Publizist eine neue Heimat fand, Florian Moerdes, ein dünkelhafter junger Mensch, der 1849 im Handumdrehen vom Rechtspraktikanten zum Minister des Innern aufstieg, endlich der zerfahrene Karl Steinmetz aus Durlach. Steinmetz wurde 1849 von dem Durlacher Wahlbezirk in die konstituierende Versammlung nach Karlsruhe geschickt. Als die preußischen Truppen nach der Schlacht bei Waghäusel heranmarschierten, geriet einer von den Abgeordneten in ihre Hände. Empört stellte Steinmetz in der Versammlung die zornige Frage an den Diktator Brentano, was die Regierung in dieser Sache für Maßregeln zu ergreifen gedenke? Brentano antwortete: »Sie wird den Bürger Steinmetz den Preußen entgegenschicken, um die Freilassung der Gefangenen zu verlangen.« Trotz ihrer unheimlichen Lage mußte die ganze Versammlung lachen1.


Die Walhallesen wollten auf streng gesetzlichem Wege vorgehen und eine geschlossene Gesellschaft bilden, die weder Korps noch Burschenschaft sein und sich von gewöhnlichen bürgerlichen Gesellschaften kaum unterscheiden sollte. Sie legten den Behörden Statuten vor, wonach sie auf alle äußeren Abzeichen verzichten, an Stelle des Duells ein Ehrengericht einsetzen und sich ausschließlich sittlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aufgaben widmen wollten. Der Senat lobte ihr Streben, aber das Ministerium wies sie ab mit[80]  dem Bemerken: Studentenverbindungen gerieten auch bei löblichsten Absichten auf Abwege. Darauf hielten sich die Walhallesen ohne Statuten zusammen.
Nach dem Vorgang der freisinnigen Gegner der Regierung in der badischen Kammer nannten sich die Gegner der Korps in der Heidelberger Studentenschaft gleichfalls Opposition. Sie gründeten eine akademische Reformzeitung, die in Mannheim erschien, die »Zeitschrift für Deutschlands Hochschulen«. Als Redakteur wurde ein ehemaliger Burschenschafter gewonnen, der Oberhofgerichtsadvokat Gustav von Struve, ein Idealist und Sonderling. Er lebte als Vegetarianer, befaßte sich eifrig mit Phrenologie und redigierte das Mannheimer Journal, ein Blatt von gemäßigter liberaler Richtung; erst später wurde er zu dem wütenden Revolutionär der Jahre 1848/49. Zweifelsohne trug zu dieser Wandlung der ununterbrochene, erbitterte Kampf gegen die Zensur bei, die in Mannheim dem rücksichtslosesten aller badischen Zensoren, dem Freiherrn Uria von Sarachaga überlassen war.
So sah es in der Heidelberger Studentenschaft aus, als mein letztes Semester herankam, das interessanteste von allen, das Wintersemester 1844/45.
1 Vgl. Häußer, Denkwürdigkeiten zur badischen Revolution, S. 609.




Die allgemeine Studentenschaft










[81] Ein Semester nach dem andern war eilend dahingegangen, aus dem Füchslein ein Jungbursch, aus dem Jungburschen ein Altbursch geworden. Nachdem ich zuletzt als Senior das Korps geleitet, war ich aus der Reihe der aktiven Mitglieder getreten, und die Verbindung hatte mich unter ihre Ehrenmitglieder aufgenommen. Fast in dem gleichen Schritt war ich als Mediziner aus dem anatomischen Präpariersaal in die klinischen Säle zum Auskultanten und Praktikanten und schließlich zum Assistenten vorgerückt, und der romantische Schimmer des Korpslebens begann vor dem Ernste der Wirklichkeit und angesichts der Aufgaben des ärztlichen Berufes zu erblassen. Ich konnte es mir nicht länger verhehlen: das Tun und Treiben der Suevia und der Korps überhaupt drehte sich immer und ewig um Kneipen und Pauken.[81]
Dazu kam die leidige Politik. Die öffentliche Meinung hatte sich mehr und mehr erhitzt und ich mich mit ihr. Mit lebhafter Teilnahme verfolgte ich den Gang der Ereignisse in Deutschland und Frankreich, meine Sympathien begleiteten die liberale Partei diesseits wie jenseits des Rheins. Stand ich aber auf der Seite der politischen Opposition, so konnte ich folgerichtig die studentische nicht verdammen, da sie die Grundsätze des Liberalismus mit jener teilte. Auf neutralem Boden, wie ihn botanische Ausflüge, die klinische Gemeinschaft und das Zusammentreffen in Professorenfamilien gewährten, kam ich angenehmen Kommilitonen näher, die der Reformpartei angehörten, ich lernte sie schätzen und ihre Bestrebungen würdigen. Mocht' ich es äußerlich auch ungern bekennen, ich entfremdete mich allmählich dem Korpswesen. Es entbehrte der idealen Ziele, die mein frei und patriotisch gesinntes Herz erstrebte; die Burschenehre, der die Waffenverbindungen ihre blutigen Opfer pro patria brachten, wurde mir unverständlich, und die Gunst, deren sie sich bei den Regierungen erfreuten, verdächtig.
So war der Herbst 1844 herangekommen, die Vorlesungen hatten bereits begonnen. Als ich eines Morgens hinter den Büchern saß, überraschte mich in früher Stunde mit seinem Besuche einer meiner liebsten Freunde, den ich seit den Osterferien nicht mehr gesehen hatte. Es war stud. med. Eduard Bronner, gebürtig aus Wiesloch, somit mein nächster Landsmann, der Sohn des badischen Ökonomierats Bronner, des Besitzers der dortigen Apotheke, eines ungemein rührigen Mannes, der seinen Titel den Verdiensten verdankte, die er sich um den Weinbau in Baden erworben hatte.
Mein Freund hatte das Heidelberger Lyzeum besucht und seine ersten medizinischen Studienjahre gleichfalls in Heidelberg zugebracht, war auch Schwabenbursche geworden. Der Ruf des Chirurgen Stromeyer hatte ihn nach Freiburg gezogen, wo er zwei Semester verweilte, sein letztes wollte er jetzt wieder in Heidelberg verbringen. Kaum angekommen suchte er mich auf, um sein Herz auszuschütten. Er wollte eine patriotische Pflicht erfüllen, ich sollte dabei mithelfen.[82]
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Eduard Bronner war von Gestalt klein, aber gewandt und von aufgewecktem, edlem Geiste, freigesinnt und ein schwärmerischer Patriot. Er hatte im Laufe des letzten Jahrs die Überzeugung der liberalen Presse gewonnen, daß die Korps die unbewußten Werkzeuge des Metternichschen Systems seien; die Pflicht gegen das Vaterland erheische, die Opposition in ihren Bestrebungen zu unterstützen. Der Krebsschaden des Studentenlebens sei das Mensurwesen, wie es die Korps ausgebildet und zu ihrer wesentlichen Aufgabe gemacht hätten. Es beschäftige sie völlig und mache sie blind und taub für die höchsten Ideale des Lebens, zur größten Freude der Blittersdorf, Hassenpflug, Abel und wie die Kreaturen Metternichs sonst noch hießen. Das Übel sei schwer zu heilen, aber es müsse gelingen, wenn man richtig vorgehe. Um das Mensurwesen zu erhalten, benützten die Korps mit vielem Geschick die Scheu der deutschen Jugend, feig zu erscheinen. Sie würfen der Opposition vor, daß sie die Korps nur aus Mensurscheu bekämpfe. Darum suchten sie die Duellgegner durch beleidigende Herausforderungen zum Pauken zu zwingen, und wenn dies gelinge, sei ihr Zweck erreicht: das Mensurwesen dauere fort. Man habe es ja erlebt, daß Reformverbindungen mit der Gewöhnung an das Pauken zu Waffenverbindungen und schließlich zu Korps ausgewachsen seien. Durch Ehrengerichte ließen sich solche, rein aus Paukwut gestellten Forderungen einfach abweisen, aber es müßten sich wenigstens anfangs Burschen an die Spitze der Bewegung stellen, die durch ihre Vergangenheit über jeden Verdacht der Feigheit erhaben seien, somit vor allem solche, die das Waffenspiel mitgemacht hätten. Er schlage mir vor, mit ihm und andern gleichgesinnten Burschen der Suevia das Banner der Reform aufzustecken.
Ich zauderte, obwohl die Idee mir einleuchtete, aber ich lief Gefahr, bei dem Unternehmen einen großen Teil meines letzten Semesters zu verlieren und den Termin der Staatsprüfung hinausschieben zu müssen. Dennoch ließ ich mich überreden, den Vorschlag mit einigen unserer Korpsbrüder zu besprechen, von denen wir wußten, daß sie unsere Ansichten[83]  teilten. Sie begrüßten das Vorhaben mit Freude, und wir setzten es ungesäumt ins Werk, denn rasch reift zur Tat der Entschluß der Jugend.
Wie war es möglich, daß wir glauben konnten, mit der studentischen Reform und namentlich mit der Bekämpfung des Paukwesens ein großes patriotisches Werk zu tun? Heute ist es schwer, sich in jene traurigen Zeiten zurückzuversetzen, wo der Bundestag farbige Bänder und Mützen fürchtete, der Gedanke der Reichseinheit mit Zuchthaus, Rad und Richtschwert bedroht war, und selbst ein Fritz Reuter mit jahrelangem Kerker das Verbrechen büßte, das schwarz-rot-goldne Band um die Brust getragen zu haben. Der allgemeine Haß gegen die deutschen Staatslenker war zu einer starken Macht geworden, niemand vermag heute die Größe unsrer Sehnsucht nach einem großen, freien und in der Welt geachteten Vaterlande zu begreifen.


Der Deutsche Bund ist untergegangen, das ersehnte Deutsche Reich erstanden, der Traum unserer Jugend erfüllt. Auch mag der Musensohn heute nach Lust Mütze und Brust mit farbigen Bändern schmücken, in Korps, Burschenschaft und Verbindungen mannigfachster Art eintreten, ohne daß Kaiser und Kanzler erschrecken. Vieles ist anders geworden, das Pauken aber ist geblieben, mir scheint sogar, als ob es üppiger noch in die Halme geschossen sei denn früher. Auch die Burschenschaften und die farblosen Verbindungen zerfetzten sich Wange und Stirne um die Wette. Mit dem braven Sohn Nubiens wetteifert der studierende Deutsche, narbige Abzeichen auf dem entstellten Gesichte zu tragen.
Wir zeigten unsern Austritt schriftlich an und verzichteten auf jede mündliche Erörterung, weil sie nur zu nutzloser Erbitterung geführt hätte und wir in Frieden aus der Suevia scheiden wollten.
Das Reformprogramm der neuen Verbindung, die wir stifteten und Alemannia nannten, wurde vorerst nur mündlich unter uns fünfen vereinbart. Die ersten drei Studierenden, die[84]  sich uns anschlossen, waren ein älterer Mitkneipant der Suevia und zwei jüngere studiosi juris; diese beiden hatten die Schwabenkneipe einen Tag, bevor wir das Korps verließen, aufgesucht und waren uns fünfen sofort gefolgt. In kurzer Zeit wuchs die Alemannia auf nahe an 50 Mitgliedern heran, darunter sechs Burschenschafter aus Jena, Tübingen und Bonn.
Kaum hatte sich die Alemannia gebildet, so folgte das Korps der Pfälzer, eine starke und durch gefährliche Schläger ausgezeichnete Verbindung, unserem Beispiel. Sie traten mit Ausnahme von zwei oder drei aus dem S.C. und stellten sich als Reformverbindung mit uns in die Reihen der Opposition. Wir traten in Unterhandlungen mit ihnen, den Rupertern und Walhallesen wegen Organisation einer »allgemeinen Studentenschaft«, die, wie der Name anzeigt, auf der Grundlage des allgemeinen Stimmrechts eingerichtet werden sollte. Um unsern Grundsätzen nicht zu widersprechen, luden wir auch die Korps schriftlich ein, an unseren Beratungen durch Abgeordnete teilzunehmen, obwohl wir richtig voraussahen, daß sie darauf nicht eingehen würden; sie sahen ja in dem S.C. die einzig berechtigte, die Studentenschaft vertretende Behörde.
Merkwürdigerweise führte unsere Aufforderung an die Walhallesen, mit uns zu Beratungen zusammenzutreten, zu einer Spaltung dieser Gesellschaft. Die Mehrheit witterte überklug hinter unserem Vorgehen eine Falle des S.C. und lehnte sie anfangs ab. Sie fürchteten, wir wollten die Opposition durch List in das Lager der Korps überführen. Es kam zu heftigen Erörterungen, die Minderheit sagte sich von der Walhalla los und trat als Albingia mit uns in freundschaftliche Verbindung.
Wir waren nunmehr fünf Reformverbindungen: die Alemannia, Palatia, Albingia, Ruperta und Walhalla, und zählten mehr als doppelt so viele Mitglieder wie die Korps. Um ihnen sofort zu zeigen, daß ihre Suprematie zu Ende sei, benützten wir eine Gelegenheit, die sich gerade darbot. Es mußten die Wahlen für die Krankenkommission der Universität und in der Museumsgesellschaft für die Ballkommission seitens der Studenten vorgenommen werden. Bisher hatte der S.C. die[85]  Kommission dort und hier ernannt, wir bestanden auf unserem Recht und ballotierten sie mit großer Stimmenmehrheit aus diesen Stellen.

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Nachdem sich die Reformverbindungen geeint hatten, machten sie sich an die Ausarbeitung einer Verfassung der Allgemeinen Studentenschaft, wie wir sie von nun an dem Sonderbunde des S.C. gegenüber als organisierte Körperschaft bezeichneten.



Scheffel, die Alemannia und ihr Ende










[86] Schwieriger als die meisten gedacht, war die Einrichtung eines Ehrengerichts, und das, was man schließlich fertigbrachte, taugte nicht viel. Die Ansichten über das Duell gingen zu weit auseinander, nur in einem Punkte stimmten sie alle überein: man verdammte die Bestimmungsmensuren. Obwohl unter den 300 jungen Leuten, die sich an der Reform beteiligten, ein reger Verkehr bestand und viel und lebhaft diskutiert wurde, kam es doch nie zu Injurien und Forderungen, man war in der Tat besser erzogen, als man bis dahin wußte. Man lernte sich zügeln, auch wenn es laut und heiter zuging. Machte die Opposition doch oft gemeinsame Spaziergänge auf das Schloß oder die Hirschgasse zu Hunderten, und jeder Student war willkommener Gast.
Unser Vorgehen wirkte auf die Korps zurück. Die Mensuren nahmen bei ihnen mehrere Jahre lang an Häufigkeit ab.
Mag auch mancherlei Torheit bei unsrer Reformbewegung unterlaufen sein, sie machte uns Ehre und füllte eines der schönsten Geschichtsblätter der Heidelberger Studentenschaft.
Die Aufgabe der Alemannia, wie sie uns Stiftern vorschwebte, war gewiß löblich: die Pflege einer heiteren Geselligkeit, guter Sitten, vaterländischer Gesinnung, eines wissenschaftlichen Geistes und die Sorge für Kräftigung des Leibes durch Turnen und Fechten. Eine politische Verbindung sollte die Alemannia nicht sein, die Verirrungen und das Schicksal der Burschenschaft schreckten davon ab. Wir verlangten kein fertiges politisches oder religiöses Glaubensbekenntnis, nur ein redliches Streben nach Bildung des Geistes und Charakters. Als künftige[86]  Staatsbürger glaubten wir jedoch die Pflicht zu erfüllen, wenn wir uns schon auf der Hochschule die nötige politische Einsicht verschafften.
In einer unsrer ersten Sitzungen besprachen wir diese Frage, und ich erbot mich, Professor Gervinus um die Gefälligkeit zu bitten, uns ein Lehrbuch zum Studium der Politik zu empfehlen, so wie man Kompendien empfiehlt zum Studium der Weltgeschichte oder Erdkunde. Ich kannte Gervinus persönlich; als einer der eidgetreuen sieben Göttinger Professoren erfreute er sich bei den Studenten einer allgemeinen Verehrung; die Korps hatten ihm einen Fackelzug gebracht, und ich war unter den Abgeordneten gewesen; wie es in solchen Fällen Brauch, hatte er mich danach zu Tisch geladen. Mein Vorschlag wurde gutgeheißen, ein Karlsruher Füchslein, Karl Blind, begleitete mich; Gervinus nahm uns freundlich auf und riet uns, das Buch von Macchiavelli über den Fürsten zu lesen. Ich kaufte es mir in einer billigen Übersetzung, las es mit großer Andacht und war nachher so klug wie zuvor. Es ist mit der Politik ungefähr wie mit der Heilkunst, man lernt sie nicht aus Büchern. Gute praktische Kurse hat uns Deutschen erst Bismarck erteilt.
Wir ließen es bei diesem Versuche, von Verbindungswegen politische Belehrung zu holen, ein für allemal bewenden und stellten es jedem anheim, sie sich zu verschaffen, wie und wo es ihm gutdünkte, aus Geschichtswerken, Flug- und Zeitschriften. Bei der allgemeinen Gärung in Deutschland gärte es natürlich auch in den Köpfen der Alemannia, in den einen mehr, in den andern weniger. Allgemach gruppierten sich die Mitglieder der Verbindung in zwei Hälften, eine größere rechte und eine kleinere linke. Der rechte Flügel hielt fest an dem ursprünglichen Programm: die Alemannia sollte lediglich studentische Reformverbindung sein und das Burschenleben in seiner Eigenart, jedoch von den üblen Bräuchen gereinigt und geläutert, aufrechterhalten; der linke dagegen verlangte radikale Grundsätze in Philosophie, Religion und Politik, mit Betätigung der politischen Überzeugung schon auf der Hochschule. Noch ehe das Semester zu Ende ging, kam es zur Trennung,[87]  die viel versprechende Verbindung zerfiel. Einstweilen aber dachte noch niemand an eine solche Möglichkeit, und man kneipte einträchtig zusammen in der Wirtschaft zum Horn am Neckar, den heutigen »Vier Jahreszeiten«, am unteren Ende der Haspelgasse.
Die Alemannia wählte sich Gold-Blau-Gold zu ihren Farben. Dadurch wird in Scheffels Gaudeamus ein Gedicht verständlich, das er am 29. Juni 1856 unter den Palmen Bordigheras abgefaßt und mir unmittelbar nachher zugeschickt hat. Krank und fiebernd war er aus den überschwemmten Niederungen des Rhonetales nach der Riviera gekommen. Zum Sterben elend lag er am Strande, den Blick gerichtet auf die tiefblaue Flut des Meeres, da zauberte ihm der Goldglanz, der über sie hinschimmerte, die Tage der Alemannia zurück:


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»Hier umglänzt mich die alte blaugoldne Pracht,
Die der Jugend Leid mir versüßte.«

Verwundert las ich diese fast Heineschen Zeilen. Im Horn am Neckar hatten die Freunde niemals der Jugend Leid an Scheffel bemerkt. Er muß es recht geheim getragen haben.
Wir feierten unsern ersten Kommers im Gasthaus zum Weinberg am Marktplatz. An dieser Stelle soll einst der berühmte Gasthof zum Hirschen gestanden haben, wo der Ritter Götz mit der eisernen Hand Einkehr hielt, auch, wie Scheffel erzählt, der wilde Jäger vom Odenwald, der Rodensteiner.
Es war tiefer Winter geworden, und die Erde lag in Eis und Schnee, als bei Musik und Schlägerklang die heiteren und ernsten Burschenweisen erklangen. In langen Reihen saßen wir zu Tische. Die Lieder hatten sich die Alemannen zum Teile selbst gedichtet.
Mit den Liedern wechselten die feurigen »Pauken« begeisterter Redner. Den meisten Beifall erntete der Trinkspruch des langen Braun, eines treuen Freundes von Scheffel, mit dem er ein Jahr zuvor aus dem Karlsruher Lyzeum abgegangen war. Julius Braun war ein Sonderling, aber ein braver Student und seinen Freunden wert. Der Kommers war im vollen Gang, da wischte er seine Brille, bat ums Wort, richtete sich in seiner[88]  ganzen Länge auf und beschwor mit lauter Stimme die Alemannia inständig, treu zusammenzustehen. Er deutete hinauf zum Schloß und rief: »Ihr Brüder, haltet fest zusammen, fest, wie dort oben auf der Burg der gesprengte Turm!« – Unser langer Freund, von der festlichen Stimmung hingerissen, hatte nur an das starke Mauerwerk des Turmes gedacht und nicht an die Sprengkraft des Pulvers. Wir lachten, aber wir hätten nicht lachen sollen. Braun war ein Unglücksrabe und sprach wider Willen prophetische Worte. Ehe der Schnee im Frühling auf den Dächern schmolz, lag der stolze Bau der Alemannia, von der Politik gesprengt, in Stücken.
Julius Braun hatte sich von der Theologie zur Kulturgeschichte gewandt. Er war ein gläubiger Schüler des Professors der Philosophie Eduard Roeth und wurde ein überzeugter Anhänger von dessen Irrlehre, wonach die Kultur Westasiens und Griechenlands aus dem Mutterschoße Ägyptens hervorgegangen sei. Braun bereiste Ägypten und Griechenland und bezeichnete mit richtigem Blick den Ort, wo später Schliemann seine berühmten Ausgrabungen Trojas vornahm, als die Stätte, wo die Stadt des Priamos gestanden habe. Privatdozent in Heidelberg geworden, gewann er eine edle, geistvolle Gattin aus dem kunstsinnigen Geschlechte der Artaria, wurde als Professor der Kunstgeschichte nach Tübingen berufen, von wo er nach kurzem Verweilen nach München übersiedelte und hier in den besten Mannesjahren 1869 starb.
Es waren wissenschaftliche Kränzchen in Aussicht genommen, aber die vielen Sitzungen zur Einrichtung der allgemeinen Studentenschaft und der Verbindung ließen keine Zeit dazu übrig. Dagegen erfreute uns einmal in der Woche eine Kneipzeitung. Ihre Herausgeber waren Scheffel und drei Karlsruher Füchse, Karl Blind, Ludwig Eichrodt, der sich nachher durch zahlreiche scherzhafte Dichtungen in weiten Kreisen bekanntgemacht hat, und Moritz Ellstädter, der nachmalige verdiente badische Finanzminister. Diese drei bildeten mit drei andern aus Karlsruhe im Herbst abgegangenen Jünglingen, dem Mediziner Wilhelm Wagner, den Juristen Aaron Frank und Fritz Sommerschuh, den Kreis der sechs Karlsruher Füchse, die fest[89]  zusammenhingen und Karl Blind als ihren geborenen Führer betrachteten. Sie hatten schon auf dem Lyzeum einen schöngeistigen Bund geschlossen und waren zusammen in die Alemannia eingetreten. Wagner, den sie den Wendelin nannten, lieferte für die Kneipzeitung viele lustige Bilder.


Kein Mensch konnte ahnen, daß in Gestalt des blonden, bescheidenen und heitern, fast mädchenhaft dreinschauenden stud. jur. Joseph Victor Scheffel ein Prinz aus Genieland bei der Alemannia eingekehrt war. Die Gedichte, womit er die Kneipzeitung bedachte, verrieten den künftigen Dichter des Trompeters von Säckingen, des Gaudeamus und Ekkehard noch nicht, sie dufteten noch alle stark nach der Karlsruher Schullampe. Ludwig Eichrodt übertraf ihn an leichtem Versbau und neckischer Laune. Ellstädter und Blind lieferten ihre Beiträge in ungebundener Form. Größer noch als sein Dichtertalent war sein Selbstgefühl. Wie ich den Mitteilungen des Biographen Scheffels, Johannes Proelß, entnehme, hat Blind selbst noch vierzig Jahre nachher mit großer Befriedigung in der Wiener Neuen Freien Presse 1886 erzählt, wie tief er auf den unbedeutenden Scheffel herabgesehen habe; er und seine Freunde hätten den trockenen Philister einer engeren freundschaftlichen Verbindung für unwert gehalten.
Die Mitarbeiter an der Kneipzeitung unterzeichneten mit angenommenen Namen oder mit Bilderzeichen. Blind unterschrieb sich Teuterich, Scheffel Tasso, lieber noch zeichnete er den Umriß einer Tasse unter seine Beiträge. Den Namen Tasso verschuldete ein schrecklicher Kalauer. Die Freunde hatten ihn eines Tages im Horn vor dem Beginn des Kneipabends bei einer Tasse Tee überrascht, deshalb mit Hohn überhäuft und Tasso getauft. Aber nur in der Bierzeitung hieß er so, im persönlichen Umgang schon von der Schule her »der Josef«. Als »Meister Josefus vom dürren Ast« korrespondierte er als Rechtspraktikant in Säckingen mit dem Heidelberger Engeren. Erst lange nachher, nachdem er sich mit dem bösen Schicksal viel herumgeschlagen, zuletzt aber gemeint hatte, Sieger geworden zu sein, nannte er sich mit seinem zweiten Vornamen Victor.[90]
Dem Josef gefiel es besser in der fröhlichen Burschenwelt am grünen Neckar, als vorher in München unter den klerikalen Professoren, die den warm empfohlenen Studenten in ihre Familien eingeführt hatten. Er war ein wohlgelittener Kamerad, und einer der liebenswürdigsten. Schon damals besaß er eine köstliche Gabe, Erlebtes mit fesselndem Humor in der breiten, jedoch gemilderten Karlsruher Mundart zu erzählen. Auch hatte er schon die Eigenart, in der Unterhaltung ab und zu die Augen zu schließen, als wolle er die Vorhänge der Augenlider niederziehen, um dahinter ungestört die zuströmenden Einfälle und Bilder zu ordnen.
Man erzählt allerlei Studentenstreiche von unsrem Freunde; Johannes Proelß hat einige der Nachwelt überliefert. Aus dem Wintersemester, das ich mit ihm verlebte, weiß ich keine zu berichten. Mit Unrecht stellt man sich übrigens den Studiosus Scheffel als ein großes Kneipgenie vor. Er betrieb seine Studien ernst und gewissenhaft, bestand ein gutes Examen und hätte nach dem Zeugnis eines meiner Bekannten am Bruchsaler Hofgericht, bei dem er praktizierte, vollkommen das Zeug zu einem Oberlandesgerichtsrat gehabt, wenn er nicht vorgezogen hätte, unter die Poeten zu gehen. Wie bewandert er im corpus juris war, lehrte ein herrlicher Trinkspruch in den Räumen der Heidelberger Museumsgesellschaft auf seinen alten Lehrer Vangerow 1855. Seine Freunde hatten Scheffel zu Ehren ein Abendessen veranstaltet, dem auch ich anwohnte. Vangerow präsidierte und begrüßte seinen ehemaligen Schüler mit herzlichen Worten. Scheffel, der nicht wissen konnte, daß ihm gerade Vangerow diese Ehre erweisen würde, dankte ihm ohne langes Besinnen und wand ihm aus lauter Pandektensprüchen einen prächtigen Kranz dankbarer Verehrung um das Haupt. Wir waren alle von Bewunderung hingerissen, und Ludwig Knapp rief ihm zu, nachdem die Gläser verklungen hatten: »Meister Josefus, nie wieder wird Euch ein Trinkspruch so gelingen wie dieser!«

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Am 29. Januar 1845 machte mir Adolf Hexamer, ein älterer Mediziner, die Mitteilung, daß er und zehn andre Alemannen sich entschlossen hätten, auszutreten, weil das Programm der[91]  Verbindung ihnen nicht mehr genüge. Sie wollten nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern die Grundsätze des entschiedenen Fortschritts in Wissen, Glauben und Politik pflegen. Einige Gleichgesinnte aus den andern Verbindungen würden sich ihnen zugesellen.
Diese Nachricht überraschte und erschreckte mich. Ich beschwor ihn, seine Freunde möchten ihr Vorhaben nochmals mit einigen von uns Älteren besprechen, ihr Schritt sei verhängnisvoll, ihre Verbindung werde ein politischer Klub sein und die ganze studentische Reform gefährden; es war vergebens. Er rückte nun mit der vollen Wahrheit heraus: ihre Verbindung war bereits Tatsache, sie nannten sich den Neckarbund, außer den zehn Alemannen hatten sich ihnen noch drei Mitglieder andrer Verbindungen angeschlossen. Sie verzichteten auf farbige Bänder als kindische Abzeichen, legten ihre blauen Mützen ab und stolzierten zunächst in grünen Samtmützen einher, vertauschten diese aber bald mit den dunkeln Filzhüten, die man 1848 nach dem roten Hecker Heckerhüte, auch Freischärlerhüte nannte.
Am 4. März 1845 feierte die allgemeine Studentenschaft ihren Abschiedskommers. Der große Saal der Hirschgasse war dicht gefüllt, Aegidi, der Vorstand des Verwaltungsausschusses, zählte die Gäste, es waren gegen 280.
Die Studentenschaft sah mit Befriedigung auf das Wintersemester zurück. Sie hatte sich eine freie Verfassung gegeben, den Zwang alter Vorurteile gebrochen; nie noch waren die einzelnen so leicht und angenehm einander nahegekommen. Als Söhne eines Vaterlandes, unbekümmert um den Volksstamm, das Land oder die Kirche, der sie angehörten, hatten sie einander schätzen und lieben gelernt. In gehobener Stimmung beging die Jugend das Fest nach alter Burschenweise, bei Musik, Gesang und Schlägerklang.
Mitternacht war herangekommen und Arndts mächtiges Vaterlandslied eben verklungen. Plötzlich stimmte die Musik die Marseillaise an, und der Neckarbund, der vollzählig erschienen war, fiel, den französischen Text singend, in die Melodie ein. Er hatte die Überraschung ins Werk gesetzt und[92]  freute sich der Empörung, die der häßliche Streich an allen anderen Tischen im Saale hervorrief. Ein furchtbarer Lärm erstickte die welsche Hymne. Dem wohlbegonnenen Feste drohte ein beschämender Ausgang, da gelang es Aegidi, die Rednerbühne zu besteigen und die hochgehenden Wogen durch patriotische und begütigende Worte zu glätten. Er schloß mit dem feurigen Zuruf: »Brüder, auf Wiedersehen zu Frankfurt im deutschen Parlament!«
Jubelnder Beifall brauste durch den Saal, und die Präsides kommandierten: »Silentium! Initium fidelitatis!«



Romantik und Rationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Heidelberg










[94] Mitten in dem Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reichs trieb die Romantik in Deutschland zu Beginn des Jahrhunderts üppige Blüten. Ihre Poeten schwärmten für die mittelalterliche, mondbeglänzte Zaubernacht, für girrende Troubadours und psalmodierende Waldbrüder; ihre Gelehrten spähten nach wunderbaren Schätzen in der verborgenen Tiefe der Geheimlehren, Mythologien und Völkersagen. Die Einbildungskraft entrang sich den Zügeln der nüchternen Kritik und wagte die kecksten Einbrüche in die Natur- und Heilkunde. Übersättigte Sinne und unbefriedigte Gemüter lechzten nach Seligkeit und Erlösung und suchten sie im Schoß der römischen Kirche.
Für solche Stimmungen und Richtungen war Heidelberg der gelegenste Ort. Unter den melancholischen Trümmern seiner Burg, an den Ufern seines rauschenden Stroms, in der Waldeinsamkeit seiner Berge ließ es sich köstlich träumen und dichten.
Heidelberg, meinte Goerres, der 1806 und 1807 hier weilte und wirkte, sei selbst prächtige Romantik und ein Wundermärchen der Vorzeit. – Achim von Arnim und Clemens Brentano hausten am Fuße des Schloßbergs im »faulen Pelz« und ließen des Knaben Wunderhorn 1806 in die Weite klingen. – Der volkstümlichste Sänger der romantischen Dichterschule, Josef von Eichendorff, studierte 1807 und 1808 in Heidelberg. – Unwillig sah Tieck bei einem seiner Besuche der Schloßruine die unwegsame Wildnis, die ihn bis dahin entzückt hatte, in einen Park mit sauberen Wegen umgeschaffen. – Die altdeutschen Gemälde der Gebrüder Boisserée, heute ein kostbarer[94]  Besitz der Münchner Alten Pinakothek, leuchteten damals in ihren herrlichen Farben auf Goldgrund in dem heutigen Amtshaus am Karlsplatz. – Creuzers symbolische Lehren erregten Goethes Interesse, der sich auf dem Schloß oben, wie die Steintafel im Stückgarten meldet, 1814 und 1815 »sinnend und dichtend« erging. Viele Gedichte des Westöstlichen Diwan sind hier entstanden, und das merkwürdige Laub eines Baumes, der in den Schloßgarten gepflanzt war, reizte ihn zu symbolischer Deutung. Es war eine Gingko, ein taxusartiger Baum, dessen Blätter aus Nadeln zusammengesetzt und aus zwei innig verschmolzenen Hälften gebildet zu sein scheinen. Er schrieb in das Buch »Suleika« die Verse mit der Aufschrift:

Gingko biloba
»Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie's den Wissenden erbaut.«

Der Sinn, den der Dichter der Frankfurter Freundin gedenkend in das Blatt legte, war das Geheimnis eines Bundes, der aus zwei liebenden Wesen eines macht:

»Fühlst du nicht aus meinen Liedern,

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Daß ich eins und doppelt bin?«

Am Ufer des Neckars vor dem Karlstor wurde sogar die Politik zur Romantik und tauchte die weltgeschichtliche dunstige Gestalt der heiligen Allianz der christlichen Fürsten und Völker vor des Zaren Seele empor.
Aus der Vergangenheit jener ersten Jahrzehnte ragten in meine Studienzeit nur noch wenige, fast verwitterte Säulen herein. Wenn wir jungen Leute den hochbetagten, einst soviel gefeierten Creuzer sich abends zur Museumsgesellschaft schleppen sahen, fragten wir uns verwundert: »War es möglich? Konnte dieser Alte mit der roten Perücke einst das Herz einer edlen, schönen und geistreichen Jungfrau so in Liebe entzünden, daß sie dem durch die Bande der Kirche und der Dankbarkeit[95]  bereits gefesselten Freunde nicht zu entsagen vermochte und verzweifelnd den Dolch in den Busen stieß?«
Mit dem Schimmer der Romantik war es zu Anfang der vierziger Jahre in Heidelberg vorbei. Heftige Gegner waren ihr schon bei der Wiedergeburt der Universität erstanden, trotzige, auch hagebuchene Verfechter des Rationalismus, der in der medizinischen Fakultät von Beginn an ausschließlich herrschte.
Damit die Heidelberger Universität im Glanze berühmter Namen gleich bei der Neubegründung weithin strahle, berief Karl Friedrich 1805 den sprachgewaltigen Johann Heinrich Voß, der den Deutschen den Homer geschenkt hat, wie einst Luther die Bibel. Der Löwe von Eutin hatte sich in Jena zur Ruhe gesetzt, als ihn Karl Friedrich einlud, nach Heidelberg überzusiedeln, um an der Hochschule mitzuwirken, nicht als tätiger Professor auf der Lehrkanzel, sondern einzig durch seine anregende Gegenwart, und er folgte dem Rufe. Der streitfertige, knorrige Niedersachse wirkte mit elektrischer Kraft durch Reibung und Induktion und brachte mit Wettern und Blitzen dem fruchtbaren Erdreich Segen. Mit Schwert und Schild wahrte er grimmig die reine Wissenschaft vor der Verführung durch die leichtfertigen Romantiker, Symboliker und Mystiker. In seinen Augen waren die Goerres und Creuzer gefährliche Phantasten, ihre Lehren eitles Geflunker; des Knaben Wunderhorn schalt der Grobian einen »zusammengeschaufelten Wust« und »heillosen Mischmasch von allerhand bugigen, schmutzigen, trutzigen und nichtsnutzigen Gassenhauern, samt einigen abgestandenen Kirchenhauern«. Ebenso wie die Wissenschaft war der Glaube dem ehrlichen Manne Verstandes- und Herzenssache zugleich. Er haßte die katholisierende Richtung der Zeit und schrieb sogar dem alten Jugendfreunde und Göttinger Hainbundgenossen den Absagebrief mit der Aufschrift: »Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier?«
Voß zur Seite stand bis zu dessen Tode 1826 der nicht minder streitbare Schwabe, der Großherzoglich Badische Geheime Kirchenrat, Professor der Exegese und »Erzvater des Rationalismus«, Gottlob Paulus, in den Augen der Orthodoxen der leibhaftige Antichrist. Auf meiner erwähnten Ferienreise in den[96]  Schwarzwald 1842 begrüßte mich mein strenggläubiger Oheim in Buhlbach mit den Worten: »Hat der Teufel euern Paulus in Heidelberg noch immer nicht geholt?« – Der Teufel fürchtete die scharfen Waffen des unerschrockenen Theologen, der ihm keine Macht und nicht einmal die Existenz zugestand, und Paulus hat es, trotz ewiger Fehden auf allen Gebieten des Wissens, Glaubens und des öffentlichen Lebens, auf 90 Jahre gebracht.


Glücklicher, als Voltaire einst für die Sache des schändlich verurteilten Calas stritt, rettete Paulus dem Kölner Fonck das nach dem Urteil des Schwurgerichts verwirkte Leben. Er wagte noch Kühneres, fast Unglaubliches, denn er trat furchtlos für das junge Deutschland ein und für Gutzkows gottlose »Wally, die Zweiflerin«, obwohl der hohe Bundestag jenes in Acht getan und Gutzkow, auf Menzels Betreiben, vor die Gerichte gestellt hatte.
Der unermüdliche Kämpe hat sich auch die Medizin verpflichtet. Fast früher als die Ärzte erkannte der Theologe die Gefahr, womit Schellings Naturphilosophie die Heilkunde bedrohte. Den Einfluß solcher Phantasmen auf das ärztliche Studium nannte er »tragisch«, man könne solcher »Taschenspielerei« nicht frühe genug ein Ende machen. Es sei ein gefährliches Spiel, die Medizin am Studiertisch aus dem Kopfe, statt aus der Beobachtung und dem Versuche, aufzubauen. Der Rationalist besah sich ohne Brille die Welt. Wenn die deutsche Medizin fast in allen Stücken hinter der französischen und englischen zurückblieb, so war nur die schlechte Methode der deutschen Forschung daran schuld, die sich durch blendende Phrasen auf die Abwege oft geistreicher, aber hohler Spekulation hatte verlocken lassen.
Neben Paulus und anderen Gelehrten, z.B. dem Geschichtsschreiber Schlosser, pflegte innige Freundschaft mit dem alten Voß der berühmte Anatom Friedrich Tiedemann. Er war von dem trefflichen Berater und Minister Karl Friedrichs, dem Freiherrn von Reitzenstein, 1816 von Landshut berufen worden. Die Wahl war ausgezeichnet, denn was damals die deutschen medizinischen Fakultäten am nötigsten brauchten, waren nüchterne[97]  Forscher, und nüchterner als Tiedemann konnte niemand sein. Während die Vorlesungen Schellings alle anderen Zuhörer hinrissen, wurde er, der sie in Würzburg besucht hatte, gerade durch sie von allen naturphilosophischen Anwandlungen für immer geheilt. Seitdem blieb er, wie er seinem Schwiegersohn Bischoff erzählte, ein unentwegter Anhänger Franz Bacons. – Eine Anekdote, die in Heidelberg umlief, kennzeichnet vorzüglich das hausbackene Urteil des Anatomen. Ein befreundeter Professor, der Orientalist Hanno, überreichte ihm ein Bändchen überschwenglicher Gedichte, die er eben dem Druck übergeben hatte. Tiedemann las darin den gewagten Ausdruck: »Auch mein Herz ist voll bis über'n Rand!« – »Aber was fällt Ihnen ein, mein Lieber?« so verwies er dem bestürzten Dichter seinen unglücklichen Vergleich, »meinen Sie, das Herz sei eine Waschschüssel?«
Der induktiven Methode huldigte wie Tiedemann die ganze medizinische Fakultät. Diese bestand im Beginn meines Studiums neben ihm aus den Ordinariis Franz Carl Naegele, Maximilian Josef Chelius, Benjamin Puchelt und Leopold Gmelin, aus dem Extraordinarius Theodor Bischoff und dem Prosektor Ludwig Kobelt. Daß die induktive Methode nicht notwendig den Forscher und Lehrer trocken und ledern machen müsse, bewies in diesem Kreise der alte Geburtshelfer Naegele, einer der unterhaltendsten Professoren, die je einen Lehrstuhl einnahmen.

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Kaum eine der deutschen medizinischen Fakultäten stand so fest auf dem einzig sichern naturwissenschaftlichen Boden wie die Heidelberger, und nur eine war ihr an Bedeutung ihrer Lehrer überlegen, die Berliner. Den Triumvirn Johannes Müller, Dieffenbach und Schoenlein waren die Tiedemann, Chelius und Puchelt nicht ebenbürtig, Naegele allein, um den sich Berlin vergeblich bemüht hatte, durfte sich ihnen als gleicher zur Seite stellen.
Freilich hatte die Fakultät bereits zu altern begonnen. Sie fühlte es selbst, daß sie der Zufuhr frischen Blutes bedürfe, und auf ihren Antrag berief die Regierung 1844 den Anatomen Henle und den Pathologen Pfeufer. Ich hatte das Glück, ein[98]  Jahr noch den Unterricht auch dieser bedeutenden Männer genießen zu können.
Indem ich jetzt die medizinische Lehrweise und die Lehrer der Heidelberger Schule meiner Studienjahre schildere, habe ich keine andere Absicht, als anspruchslose Bilder zu liefern, wie sie mein Kopf und mein dankbares Herz im Gedächtnis bewahren.



Friedrich Tiedemann










[99] In dem westlichen Stadtteil, zwischen der Hauptstraße und der Brunnengasse, stand bis zum Beginn des Jahrhunderts ein Dominikanerkloster im Garten; Kurfürst Friedrich der Siegreiche hatte es 1476 gestiftet, Kurfürst Max Josef, später König von Bayern, 1799 aufgehoben, Karl Friedrich von Baden um 11000 fl. angekauft und der Universität übergeben. Sämtliche medizinischen und naturwissenschaftlichen Anstalten wurden in den Räumen des Klosters untergebracht und sein Garten zum botanischen umgeschaffen. – Die Zeit war noch billig für die Hochschulen.
Als ich 1840 die Universität bezog, befand sich in dem ehemaligen Kloster von den medizinischen Anstalten nur noch die gemeinsame für Anatomie und Physiologie; die Kliniken mit der Entbindungsanstalt waren schon lange ausgezogen und hatten im Marstallgebäude ein besseres Unterkommen gefunden. Auch der Botanische Garten war vor die Stadt gelegt; die naturwissenschaftlichen Institute für Physik, Chemie und Zoologie waren in dem Kloster geblieben.
Dem anatomischen Unterricht diente die Klosterkirche; man konnte ihre frühere Bestimmung und ihre einzelnen Teile noch leicht erkennen. Das Chor war zu einem hellen Amphitheater und Hörsaal geworden, von drei Seiten strömte das Tageslicht frei herein; das Schiff war Präpariersaal, die Sakristei Leichenkammer.
Diese Einrichtung der Kirche für anatomische Zwecke hatte der Vorgänger Tiedemanns getroffen: Jakob Fidelis Ackermann, vorher Professor an der Mainzer Hochschule und 1805[99]  von da nach Heidelberg berufen, ein tüchtiger Mann. Er führte die anatomischen Präparierübungen in Heidelberg ein und erteilte zugleich den ersten praktischen, zunächst nur poliklinischen Unterricht in Medizin und Chirurgie. Die Stadt schätzte ihn als geschickten Arzt, er stand noch in den vierziger Jahren bei der Bevölkerung in gutem Andenken.
Wie man sieht, vertrat Ackermann vier Hauptfächer der Heilkunde: Anatomie, Physiologie, Innere Medizin und Chirurgie mit Einschluß der Augenheilkunde. Der damalige Umfang dieser Wissenschaften gestattete der Kraft eines einzigen auszuführen, was heute nur der vereinten Tätigkeit von fast einem Dutzend Professoren gelingt.
Am meisten kann man erstaunen und erschrecken über die Verbindung der Anatomie und Chirurgie in einer Professur. Wenn dieselbe Hand morgens Leichen präparierte, kurz bevor sie Abszesse eröffnete, Glieder abnahm oder Wunden verband, so lief der Kranke Gefahr, daß ihm tödliches Gift vom Leichentisch in die Wunde übertragen wurde. Der Chirurg beraubte sich so selbst durch seinen weiteren Beruf als Anatom der Frucht seiner Arbeit. Man steckte eben noch in der tiefsten Unwissenheit über die Natur und die Quellen der Wund- und Blutvergiftungen, der Infektionen durch faulige Stoffe und Eiter. Glücklicherweise bestand diese Vereinigung von Anatomie und Chirurgie in Heidelberg nur bis zu Ackermanns Tod 1815. Schon 1816 wurden die beiden Professuren getrennt, die Anatomie nebst der Physiologie Tiedemann, die Chirurgie nebst der Augenheilkunde Chelius zugewiesen. So geschickt auch Chelius war, den Ruf einer glücklichen Hand verdankte er doch zum guten Teil dem Umstand, daß er nur in dem kurzen Sommersemester, wenn er den Operationskurs erteilte, mit Leichen zu tun hatte. – Anders war es z.B. in Göttingen, wo Martin Langenbeck Professor der Anatomie und Chirurgie bis zum Ende der vierziger Jahre in einer Person war. Er empfand es als eine schwere Kränkung, als man ihn endlich in seinem 72. Lebensjahr nötigte, das chirurgische Lehramt aufzugeben, denn er fühlte sich noch kräftig genug zur Besorgung der beiden Professuren.[100]
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Unter Tiedemanns Leitung verschaffte sich die Heidelberger Anatomische Anstalt bald einen großen Ruf im In- und Ausland. Beim großen Publikum verliehen der anatomischen Sammlung hauptsächlich die Gerippe des Schinderhannes und schwarzen Peters ein besonderes Ansehen, bei den Anatomen von Fach die Präparate Tiedemanns und seiner Prosektoren Fohmann und Arnold. Am berühmtesten waren die Saugader-Präparate Fohmanns, die als einzig in ihrer Art gepriesen wurden. Auch der größte anatomische Kenner Deutschlands, Johannes Müller, nannte sie »herrlich und unübertrefflich«, obwohl er mit dem Bedenken nicht zurückhielt, es möchten nicht alle diese von Fohmann eingespritzten feinen Wege wirklich Saugadern sein.
Heute würde die Anstalt den bescheidensten Ansprüchen eines öffentlichen Lehrers der normalen Anatomie des Menschen nicht mehr genügen, in meiner Studienzeit dienten ihre Räume noch außerdem zum Unterricht in der Physiologie, der vergleichenden und pathologischen Anatomie und zur Aufnahme sämtlicher anatomischen Sammlungen. Die Physiologie machte freilich kaum andere Ansprüche, als den der Mitbenützung des Hör- und Präpariersaals, ein Instrumentarium besaß sie noch nicht. – Im Anfang seiner Heidelberger Tätigkeit hatte Tiedemann neben den drei anatomischen Lehrzweigen und der Physiologie noch die Zoologie gelehrt, 1822 aber diese letzte abgetreten, 1835 auch die Physiologie, die vergleichende und pathologische Anatomie. Bronn dozierte seit 1821 Zoologie und Theodor Bischoff seit 1835 die drei letztgenannten Fächer. – Wie haben sich doch diese Verhältnisse seitdem anders gestaltet! Die fünf Fächer, die einst Tiedemann an der neugegründeten Universität ganz allein, unterstützt von einem Prosektor und einem Diener, bewältigte, sind heute selbständig; jedes besitzt seine besondere Lehrkanzel und verfügt über eigene Gebäude, eigene Sammlungen, Dotationen, Professoren, zahlreiche Assistenten und Diener.
Wir Studenten hielten unser anatomisches Institut für sehr großartig, schon deshalb, weil wir seine Bedeutung nach der unseres berühmten Lehrers maßen, er aber kannte dessen Unzulänglichkeit[101]  und plante einen besseren und größeren Neubau. Auch dieser sollte für Anatomie und Physiologie zugleich eingerichtet werden. In der Tat wurde er 1846 bis 1848 aufgeführt. Tiedemann hätte jedoch besser getan, seinen jüngeren, gleichfalls für Anatomie und Physiologie berufenen Kollegen Henle die Einrichtungen zu überlassen, da dieser mit den neuen Bedürfnissen der beiden Lehrfächer besser vertraut war als er. Das Gebäude, das den Anforderungen Henles nicht entsprach, wurde hinter der alten Anstalt aufgestellt und hat im Laufe der Zeit noch manche Änderungen bis zu seiner jetzigen, lediglich anatomischen Zwecken dienenden, Einrichtung erfahren. An der Stelle, wo das alte, aus der Dominikanerkirche eingerichtete Anatomiegebäude gestanden hat, steht jetzt der Friedrichsbau für Physik und Mineralogie.


In Landshut hatte sich Tiedemann bereits durch zoologische, vergleichend anatomische und durch bildungsgeschichtliche Arbeiten über das Gehirn großes Ansehen verschafft, seinen Weltruf aber verdankte er hauptsächlich drei in Heidelberg ausgeführten wissenschaftlichen Werken. Es waren: seine prächtigen, bei den Ärzten sehr beliebten, Kupfertafeln über die Schlagadern des Menschen (1822), ferner die mit Leopold Gmelin herausgegebenen zwei Bände: »Die Verdauung nach Versuchen« (1826), endlich seine Schrift: »Über das Hirn des Negers, verglichen mit dem des Europäers.« – Das große Werk über die Verdauung hatten Tiedemann und Gmelin der Pariser Akademie eingereicht, die 1823 eine Preisaufgabe über diesen Gegenstand ausgeschrieben hatte. Als die Akademie aber den beiden Gelehrten 1500 fr »à titre d'encouragement«, also zur Aufmunterung, wie studierenden Anfängern, zuschickte, wiesen sie diese ihrer unwürdige Anerkennung zurück. – Der Schrift über das Negerhirn waren wichtige vergleichende Untersuchungen über den Hirnbau der Säugetiere, namentlich der Affen und besonders des Orang-Utan, vorausgegangen. Sie erschien 1838 zuerst in englischer Sprache und fiel in die Zeit der unermüdlichen Tätigkeit von Wilberforce und anderen Negerfreunden, die 1838 zur Freilassung sämtlicher Sklaven in den britischen Kolonien geführt hat.[102]
Ungeachtet seiner 59 Jahre war Tiedemann noch immer ein schöner Mann, hoch und schlank gewachsen, von regelmäßiger Gesichtsbildung und vornehmer Haltung.
Er machte auf mich, das Füchslein, in der ersten Vorlesung einen großen Eindruck. In schwarzem Talar und Barett trat er wie ein Hohepriester der Wissenschaft in das Amphitheater, nahm uns Hörern gegenüber an einem kleinen Tisch Platz, breitete ein Heft vor sich aus, las und gab zunächst eine Auseinandersetzung des Wesens der Anatomie und ihres Nutzens. Eindringlich ermahnte er uns, das Kollegium nicht zu schwänzen und uns in jeder freien Stunde im Präpariersaal fleißig zu üben. Noch heute klingen mir seine Worte am Schlusse der Vorlesung in den Ohren: »Ärzte ohne Anatomie gleichen den Maulwürfen. Sie arbeiten im Dunkeln, und ihrer Hände Tagewerk sind – Erdhügel.«
Seine Vorlesungen waren Vorlesungen im wahren Sinne des Worts, sorglich ausgearbeitet und das Pensum für jede Stunde niedergeschrieben. Blatt für Blatt, Wort für Wort las er es ab, bedächtig und deutlich, mit etwas näselnder lauter Stimme. Gewissenhaft kam jeder Muskel, auch der kleinste an der Wirbelsäule, zu seinem Rechte, wurde genau beschrieben nach Lage und Gestalt, Anheftung und mutmaßlicher Bestimmung, nicht das winzigste Körnlein des trockenen Futters durfte verlorengehen. Es war oft zum Sterben langweilig. – Erläuternde Tafelzeichnungen, wie sie schon Henle übte, unterbrachen die Vorlesung nicht, wohl aber zahlreiche Demonstrationen meist frisch verfertigter Präparate. Der Beschreibung des Muskels, des Gefäßes oder des Nervs folgte dessen Vorweis. – Tiedemann winkte dem Diener Jakob, der mit dem Präparat bereit stand, erhob sich und wandelte, von ihm gefolgt, im Halbkreis durch das Amphitheater, mehrmals machte er halt und erläuterte genau mit den Worten des Heftes den beschriebenen Teil. – Waren solche Demonstrationen in Aussicht, so rüstete man sich im voraus mit Lesestoff; ich wählte mir einen medizinischen: Dr. Katzenbergers Badereise von Jean Paul.

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Eine große Überraschung, ein Meisterstück anatomischen Anschauungsunterrichts, erwartete uns, als die Anatomie des[103]  Darms an die Reihe kam. Die große Länge dieses häutigen Schlauches wurde uns in unvergeßlicher Weise vor Augen geführt. Beim Eintritt in den Hörsaal sahen wir das Amphitheater bekränzt mit einer Riesengirlande, gebildet aus diesem wichtigen Organ, dessen unzählige Schleimhautzöttchen als die Wurzeln unseres Leibs in die verdaute Nahrung eintauchen und diese als Milchsaft (chylus) dem Blute zuführen. – In der Erinnerung an jenes Bild begriff man in der späteren Praxis leicht, daß es unendlich schwer hält, den vielgewundenen Schlauch mit den zahllosen Falten, Zotten und Nischen von eingedrungenem giftigem Staube oder gar von Myriaden mikroskopischer Lebewesen zu säubern.
Obgleich Tiedemann die Physiologie an Bischoff abgegeben hatte, liebte er es doch, einen und den andern lehrreichen physiologischen Versuch in die anatomische Vorlesung einzuflechten. – Ebenso berühmt als drollig war der Versuch zum Nachweis des Übergangs flüchtiger, eingeriebener Öle von der Haut in die Nieren. Dazu diente Terpentinöl, das sich rasch durch Veilchenduft des Nierensekrets verrät. Beim Beginn der Vorlesung stand Jakob mit dem Ölfläschchen gerüstet bereits im Hintergrund. Tiedemann las uns zuerst an seinem Tische den Gang des kommenden Versuches vor, besah seine Uhr und winkte. Sofort rieb sich Jakob die Hände mit dem Öl ein und ging dann zur Seite. Von zehn zu zehn Minuten kam er und brachte in offenem Gefäße beweisende Substanz, die zur Prüfung in den Bänken von Hand zu Hand ging, während die Vorlesung über die Anatomie der Nieren ihren Gang nahm.
Mit unbegrenztem Wohlwollen kam Tiedemann fleißigen Schülern entgegen. Der fleißigste von allen war ein origineller Frankfurter, der es später zum berühmten Physiologen gebracht hat: Moritz Schiff. Schon das Äußere des kleinen Mannes war auffallend. Er trug abweichend von den Kommilitonen den Hals ganz frei und über dem Rock einen breit herausgelegten Hemdkragen. Sein Wissensdurst war unstillbar. Hatte Tiedemann ein Präparat zuerst vorlesend beschrieben und dann noch mehrmals in denselben Worten vor den Bänken demonstriert, so ließ es ihm keine Ruhe, bis er den unermüdlichen Lehrer nach der[104]  Vorlesung dazu gebracht hatte, das Präparat zum fünften oder sechsten Male zu beschreiben. Tiedemann war bei den Luftwegen angelangt und hatte einen freigelegten Kehlkopf nebst der Luftröhre mit den Worten vorgewiesen: »Sie sehen hier, meine Herren, den menschlichen Kehlkopf mit der Luftröhre; er enthält das Stimmorgan in Gestalt der unteren oder echten Stimmbänder; sie geraten in tönende Schwingungen, wenn sie gespannt und angeblasen werden. In der Tat, würde ich sie bis zur Bildung einer feinen Ritze spannen und durch die Luftröhre kräftig anblasen, so entstünde ein – Ton!« Die Vorlesung war zu Ende, die Hörer verließen den Saal, nur Schiff blieb zurück, lief zu dem Präparat und schaute flehend auf Tiedemann. Freundlich lächelte der ehrwürdige Herr: »Herr Schiff, es scheint Ihnen die Sache noch nicht hinreichend klar zu sein. Nun wohlan! Sie sehen hier den menschlichen Kehlkopf mit der Luftröhre usw.« Schiff hing mit feurigen Augen an seinen Lippen, bis er zu den Worten gekommen war: »und würde ich durch die Luftröhre kräftig blasen« – da hielt er nicht länger mehr an sich und brach heraus: »Ach! Herr Geheimer Rat, blasen Sie!« – Tiedemann wurde nicht böse und lächelte dem wißbegierigen Schüler freundlich zu: »Herr Schiff, das geht nicht an, ich würde mich beschmutzen.«

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Leider trafen den verdienten Meister an seinem Lebensabend schwere Schicksalsschläge. Sein ältester Sohn beteiligte sich 1849 an der badischen Revolution und wurde standrechtlich erschossen, die beiden andern wanderten nach Amerika aus. Er verließ Heidelberg, ging zuerst nach Frankfurt, dann nach München, wo seine mit dem Anatomen Bischoff verheiratete Tochter lebte. Ich besuchte dort meinen alten verehrten Lehrer kurz vor seinem Tode im Oktober 1860, was ihm, wie mir Bischoff mitteilte, große Freude machte. – Er starb am 22. Januar 1861.



Die Anatomen Kobelt und Bischoff










[105] Es traf sich unglücklich, daß die Anatomen, die sich Tiedemann zugesellt hatten, der Prosektor und Professor Ludwig Kobelt und der Professor Theodor Bischoff, einander nicht ausstehen[105]  konnten. Einen größeren Gegensatz, als ihn die beiden schon im Äußeren darboten, konnte es nicht leicht geben: der Prosektor war ein dünnes, schwächliches Männchen, äußerst reizbar, ein kleiner Topf, der rasch überschäumte, der Professor Bischoff dagegen ein starker, massiver Mann, der lieber verschlossene Türen aufstieß, als sachte aufschloß. Im Alter waren sie fast gleich; Kobelt war 1804 in Kork bei Kehl geboren, Dozent seit 1832, a.o. Professor seit 1835; Bischoff, 1807 in Hannover geboren, war 1835 von Bonn als Dozent gekommen und 1837 a.o. Professor geworden.
Kobelt präparierte ausgezeichnet, hielt Kollegium über Knochen- und Bänderlehre und demonstrierte diesen toten Stoff recht lebendig. Seine Entdeckung des Nebeneierstocks hat ihm einen Ehrenplatz in der anatomischen Wissenschaft gesichert.
Bischoff trug frei vor über Physiologie und pathologische Anatomie; die beiden Kollegia bedeuteten wenig, der physiologischen Vorlesung fehlten die Versuche, der anatomischen die Präparate, einige in Weingeist aufbewahrte Schaustücke, namentlich Mißgeburten, mußten hier aushelfen. Dagegen hielt er uns ganz ausgezeichnete, stark besuchte, obwohl in der Studienordnung nicht vorgesehene, Vorträge über Entwicklungsgeschichte mit Demonstrationen. Die Brutmaschine war stets im Gang, die Vorlesung kostete vielen weiblichen Kaninchen das Leben, mit einem Eifer ohnegleichen erklärte er uns die Vorgänge am bebrüteten Ei des Huhns und dem befruchteten des Säugetiers.
Kobelt und Bischoff konnten sich so wenig vertragen, daß es schließlich zu einem öffentlichen Ärgernis kam, was dem Ansehen der beiden Gelehrten in Heidelberg schadete.
Wir waren eines Morgens in fleißigem Präparieren begriffen, als einer der Präparanten an den Muskeln, die er eben bloßgelegt hatte, etwas Merkwürdiges entdeckte. Er rief uns an seinen Tisch, wir sahen das Fleisch weiß punktiert, und die unzähligen Punkte entsprachen winzigen, steinharten Knötchen, die darin fest eingebettet steckten. Kobelt wurde herbeigeholt. Er schnitt ein Stückchen aus dem Muskel und eilte[106]  damit auf sein Arbeitszimmer, um es mikroskopisch zu untersuchen. Bald darauf kam Bischoff in den Saal, man erzählte ihm von dem seltsamen Befund, worauf er sich gleichfalls etwas von dem punktierten Fleische zur Untersuchung mitnahm. Beide fanden, daß es sich um verkalkte Trichinen handle. Owen in London hatte 1805 diesen Wurm entdeckt und Trichina spiralis getauft. Die große pathologische Bedeutung des Parasiten hat aber erst mein späterer Erlanger Kollege, der Professor der pathologischen Anatomie, Friedrich Albert Zenker, 1860 als Prosektor im Dresdener Krankenhaus, erkannt, bis dahin ist Owens Trichine nur ein Kuriosum gewesen. Ihre Beschreibung durch Kobelt und Bischoff brachte nichts Neues, aber die beiden Anatomen gerieten über die Berechtigung, den Fund zu veröffentlichen, einander in die Haare und trugen ihren Streit zum allgemeinen Ärgernis sogar in die öffentlichen Blätter.

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Die Regierung mußte eingreifen, sie versetzte Kobelt 1841 als Prosektor nach Freiburg, und der dortige Prosektor Alexander Ecker mußte seine Stelle mit der in Heidelberg vertauschen. Bischoff erhielt 1843 einen Ruf als ordentlicher Professor nach Gießen, die badische Regierung hielt ihn nicht zurück und berief, um seine Stelle auszufüllen, Henle von Zürich als zweiten Ordinarius für Anatomie und Physiologie neben Tiedemann.



Naturforscher










[107] Die badische Studien- und Prüfungsordnung für Mediziner bestimmte genau eine große Zahl naturwissenschaftlicher Fächer, die wir belegen mußten. Fehlte dem Kandidaten bei der schriftlichen Meldung zum Staatsexamen auch nur eines der vorgeschriebenen Besuchszeugnisse, so wurde er zurückgewiesen und nicht eher zugelassen, bis er das Versäumte nachgeholt hatte. – Wir nannten solche Vorlesungen, die wir nach Vorschrift und nicht aus eigener Wahl belegten Zwangskollegia.
Diesem Zwang lag die richtige Idee zugrunde, daß der Arzt in den Naturwissenschaften bewandert sein solle. Natur- und[107]  Heilkunde sind Geschwister. Physikus und Medikus waren ehemals gleichbedeutend. In Baden und in anderen deutschen Staaten hießen die Bezirksärzte noch immer Physikus und noch heute tragen in England die bestgebildeten inneren Ärzte den Namen »Physician«. Der praktische Erfolg des Kollegienzwangs blieb freilich hinter dem erstrebten Ziel beträchtlich zurück.
Vorgeschrieben waren Vorlesungen über Physik, Chemie, Zoologie, Botanik und Mineralogie, außerdem die naturwissenschaftlich-medizinischen über medizinische Botanik und pharmazeutische Chemie. Im Staatsexamen wurde der Kandidat in allen diesen Fächern bis auf eines der wichtigsten, die Physik, geprüft.
Physik und Chemie hörte ich im ersten Semester, die beschreibenden Naturwissenschaften unklugerweise erst in späteren Semestern, nachdem die Kliniken das Interesse dafür bereits abgeschwächt hatten.
Ordentlicher Professor der Physik war G.W. Muncke, weit besuchter aber als die Vorlesungen des Ordinarius, waren die des Extraordinarius Philipp Jolly. Er war der ältere Bruder meines Mannheimer Schulkameraden Julius Jolly, hatte sich aus eigenen Mitteln ein schönes Kabinett eingerichtet, trug glänzend vor, experimentierte elegant und sicher, und wurde nach Munckes Tod 1846 dessen Nachfolger.
Leopold Gmelin, einer der verdientesten Veteranen der Ruperto Carola, trug in einem Semester und einer Vorlesung anorganische und organische Chemie vor. – Unser verehrter Lehrer war in Göttingen 1788 geboren, stammte aber aus der schwäbischen Familie Gmelin, die seit Beginn des achtzehnten Jahrhunderts auffallend viele und ausgezeichnete Naturforscher hervorgebracht hat. Er dozierte in Heidelberg seit 1813, wurde 1817 ordentlicher Professor und starb 1853. In der Medizin hat er sich durch seine bereits erwähnten, mit Tiedemann herausgegebenen Versuche über Verdauung berühmt gemacht, die Gmelinsche Probe auf Gallenfarbstoff ist jedem Arzt geläufig. Sein Äußeres war ungemein einnehmend, der prächtige Kopf mit dem geistvollen, freundlichen Gesichte von üppig[108]  gelocktem, schneeweißem Haar umwallt; seine Freunde verglichen ihn treffend mit einem blühenden Kirschbaum. Merkwürdigerweise schien Gmelin im Vortrag befangen, wie ein Anfänger, er brachte die Worte stockend und hastend hervor, die zahlreichen Versuche aber, womit er das Gesagte begleitete, mißlangen ihm nie. – Praktische Übungen der Mediziner im chemischen Laboratorium waren noch nicht eingeführt, sie kamen erst durch Liebig in Gießen allmählich zur Aufnahme.

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Im Jahre 1840 ließ sich Hermann Delffs aus Kiel, ein Schüler Pfaffs, als Dozent für Chemie in Heidelberg nieder. Zwei Hamburger Mediziner, Buck und Sonntag, hatten seine Vorlesungen belegt und rühmten seinen klaren und bündigen Vortrag, was mich veranlaßte, organische Chemie bei ihm zu belegen. Er machte die Hörer mit Liebigs epochemachenden Entdeckungen und grundlegenden Anschauungen bekannt. Obwohl er sie mit manchen bedenklichen Wenn und Aber begleitete, regten mich seine Mitteilungen dermaßen an, daß ich mir die beiden berühmten Werke des genialen Reformators: »Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie«, 1840, und »Die Tierchemie oder organische Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Pathologie«, 1842, sofort anschaffte, in den Ferien auszog und die Hauptsachen auswendig lernte. Am liebsten wäre ich zu Liebig selbst nach Gießen gegangen, aber die Verhältnisse ließen dies leider nicht zu. Außerdem hörte ich bei Delffs pharmazeutische Chemie.
Nur kurz bemerke ich noch, daß ich die Zoologie bei Bronn belegte, die systematische Botanik bei Wilhelm Bischoff – der kleine Bischoff genannt zum Unterschied von dem großen, dem Anatomen Theodor Ludwig –, die pharmazeutische Botanik bei dem Dozenten Markus Aurelius Höfle, die Oryktognosie (Mineralogie) endlich bei Blum. Außer diesen »Zwangskollegien« nahm ich noch einen Kurs über Pflanzenbestimmen bei dem Botaniker Bischoff und hörte die ebenso belehrende als unterhaltende Vorlesung von Leonhard über Geologie.



 Die klinischen Anstalten










[109] Der medizinische Unterricht an den Universitäten bestand Jahrhunderte lang nur in der Auslegung der Werke des Hippokrates und Galen, mitunter auch ihres gelehrten arabischen Nachtreters Avicenna. In der Mitte des 16. Jahrhunderts reformierte Vesal die menschliche Anatomie und befreite sie von den groben Irrtümern Galens; 1628 entdeckte Harvey den Blutkreislauf. An Stelle des blinden Autoritätsglaubens trat seitdem allmählich die freie, auf Beobachtung und Versuch gestützte Forschung. Ein systematischer Unterricht an den Krankenbetten, die praktische, »klinische« Unterweisung der Schüler kam erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch Boerhaave in Holland und seine Schüler in Gang; es währte jedoch noch lange, bis in das 19. Jahrhundert hinein, ehe der klinische Unterricht an den Universitäten allgemein eingeführt war.
Otto Heinrich, der »Pfalzgraf am Rheine«, vielleicht der geistreichste der alten Pfälzer Kurfürsten, erteilte schon 1585 den Professoren der medizinischen Fakultät den weisen Rat, »ehrbare« Studenten zu den Krankenbesuchen in der Stadt mitzunehmen, »nach eingeholter Erlaubnis der Familien«. Ob und wie lange, bei der kurzen Regierung des Fürsten, seine Weisung befolgt wurde, ist unbekannt.
In dem überkommenen medizinischen Lehrkörper fand Karl Friedrich glücklicherweise einen Mann von Kopf und Herz, der ihm mit gutem Rat an die Hand ging, einen Heidelberger von Geburt, Franz Anton Mai. Auf Drängen der menschenfreundlichen, an dem eigenen Leibe schwergeprüften Gemahlin des Kurfürsten Karl Theodor war 1766 in Mannheim eine Entbindungsanstalt errichtet worden; Mai, erst 24 Jahre alt, wurde als Hebammenlehrer mit der Leitung dieser Anstalt betraut. Sieben Jahre später zum Professor in Heidelberg ernannt, hatte er sich durch geburtshilfliche Schriften Ansehen verschafft, auch war sein witziger »Stolpertus, ein junger Arzt am Krankenbette«, ein viel gelesenes Buch. Dieser tatkräftige Mann riet Karl Friedrich den Ankauf des Dominikanerklosters für die Zwecke der Universität, bewirkte die Verlegung der[110]  Mannheimer Entbindungsanstalt und Hebammenschule nach Heidelberg und ihren Anschluß an die Hochschule, ihm endlich verdankte man außer der Berufung Ackermanns auch die von Franz Karl Naegele als a.o. Professor der Geburtshilfe und Direktor der Entbindungsanstalt.
Schon ein Jahr vor Ackermanns, 1815 erfolgtem Tode war Professor Conradi von Marburg als Pathologe nach Heidelberg berufen worden, er richtete in dem Dominikanerkloster die erste stationäre Klinik ein und verband sie mit der Poliklinik, die Ackermann geschaffen hatte. Ein Jahr nach dem Tode Ackermanns kam, wie schon erwähnt, Tiedemann für Anatomie und Physiologie, und noch ein Jahr später, 1817, wurde Maximilian Josef Chelius mit dem Lehrstuhl für Chirurgie und Augenheilkunde betraut. Er war badischer Regimentsarzt gewesen und zählte erst 23 Jahre, erwies sich aber als der richtige Mann, denn er war ein geschickter Chirurg und tüchtiger Organisator in einer Person.

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Demnach besaß die medizinische Fakultät in Heidelberg schon 1817 drei voneinander getrennte Kliniken: eine medizinische, chirurgisch-ophthalmologische und geburtshilfliche. Auch wurde den drei Kliniken schon ein Jahr nachher ein besseres Unterkommen verschafft. Die Stadt besaß die ehemaligen Kasernengebäude des Marstallhofs und trat sie bereitwillig für die Zwecke des klinischen Unterrichts ab. Die geburtshilfliche Klinik mit der Entbindungsanstalt richtete sich in dem kleineren westlichen Bau ein, die medizinische und chirurgische Klinik bezogen den größeren südlichen. Conradi folgte 1824 einem Rufe nach Göttingen und wurde durch Puchelt aus Leipzig ersetzt. – In den drei Kliniken am Marstallhof unter Puchelt, Chelius und Naegele empfing ich meinen ersten klinischen Unterricht.
Als die badische Regierung 1842 die Heil- und Pflegeanstalt für irre Kranke, die bisher in dem ehemaligen Jesuitenseminar, der heutigen Kaserne, untergebracht war, nach Illenau verlegte, siedelten die medizinische und die chirurgische Klinik in die dadurch frei gewordenen, bedeutend größeren Räume jenes Gebäude über, und die Entbindungsanstalt bezog den[111]  südlichen Bau am Marstallhof, den die beiden anderen Kliniken bisher innegehabt hatten.
Nur wenige medizinische Fakultäten Deutschlands erfreuten sich damals so großer klinischer Anstalten, die ausschließlich den Unterrichtszwecken dienten und unabhängig von Gemeinden und geistlichen Stiftungen nur der Aufsicht des Staates unterworfen waren.



Friedrich August Benjamin Puchelt










[112] Die Wiege des Lehrers, der mir den ersten klinischen Unterricht in der inneren Medizin erteilte, hatte in einem ländlichen Pfarrhause der sächsischen Lausitz gestanden. Geboren 1783, hatte Puchelt in Leipzig studiert, hier sich habilitiert und die 1812 gegründete Poliklinik vortrefflich geleitet. Er war seit 1820 Ordinarius für Pathologie und Therapie, als ihn die badische Regierung für diese Fächer nach Heidelberg berief und mit der Direktion der inneren Klinik und Poliklinik betraute.
Die klinischen Hörer und Praktikanten nannten Puchelt, der recht gemütlich mit ihnen verkehrte, den alten Benno. Eine bereits ergraute, mächtige Mähne wallte um das Haupt des untersetzten, etwas beleibten Meisters, aus seinen kurzsichtigen, schmal geschlitzten Augen blickte er freundlich auf Schüler und Kranke. Man sah ihm das viele Sitzen und Studieren an, er litt an venösen Stauungen, die er auf »erhöhte Venosität« zurückführte, einen Krankheitsbegriff, den er selbst geschaffen und noch 1833 in einer besonderen Schrift, die diesen Titel führte, »revidiert und verteidigt« hatte.
Es war kein Wunder, daß der grundgelehrte Kliniker an Störungen des venösen Kreislaufs litt; die Lebensweise, die so viele Professoren mit ihm teilten, mußte sie herbeiführen. Nachdem er in der verbrauchten Luft des Studierzimmers, Hörsaals und der Krankenstuben den Tag zugebracht hatte, ging er abends zur Erholung statt in die freie Luft an den Whisttisch des Museums – das Klubhaus der Honoratioren – bis er zum Abendessen heimging und danach am Schreibtisch saß[112]  bis tief in die Nacht. Es blieb ihm für seine große literarische Tätigkeit keine andere Zeit, denn er besorgte gewissenhaft nicht nur sein Lehramt und die klinischen Kranken, er war auch Hausarzt vieler Familien und fuhr nicht selten zu Konsultationen mit den Ärzten der Umgegend.
Nur wenige Kliniker mochten sich mit Puchelt an umfassendem Wissen und literarischer Fruchtbarkeit messen. Mit gutem Bedacht hat der große Bibliograph Ersch gerade ihn zum medizinischen Mitarbeiter an seinem Handbuch der deutschen Literatur auserwählt und Josef Frank gleichfalls seine Mithilfe bei der von ihm herausgegebenen elfbändigen medizinischen Enzyklopädie erbeten, ihren letzten Band bearbeitete Puchelt 1843 nach Franks Tode. Die Schrift, die ihm zuerst Ansehen und die Professuren in Heidelberg und Leipzig verschaffte, war seine Monographie der Venenkrankheiten 1818. Sein Hauptwerk, das »System der Medizin in Umrissen dargestellt«, erschien in erster Auflage von 1825–32, in zweiter 1835, es hat vier Bände, dem ein fünfter beigegeben ist, der nur ein umfassendes Literaturverzeichnis und Register enthält. Da er dieses Werk ausdrücklich seinen Zuhörern gewidmet hatte, drang ich in meinen Vater, es mir anzuschaffen; er ging darauf ein, und ich war stolz auf den reichen Besitz, habe es aber nicht fertiggebracht, die 3000 Paragraphen durchzulesen. Außer diesen Arbeiten hat Puchelt noch viele Schriften, Abhandlungen, Berichte, Programme und Tabellen veröffentlicht, ein Buch von Capuron über Kinderkrankheiten übersetzt, die damals vielgelesenen Heidelberger klinischen Annalen redigiert und mit seiner Fakultät auch die medizinischen Annalen, die Fortsetzung der klinischen, herausgegeben. – Ein erstaunlicher Aufwand nächtlichen Fleißes!
Es wäre unrecht, in dem Kliniker Puchelt nur einen Bücherwurm zu sehen. Er war ein guter Beobachter und hat zuerst die Perityphlitis als besondere Form von Entzündungen in der rechten Darmbeingrube unter diesem noch heute gebräuchlichen Namen unterschieden; in der Klinik hat er sie uns wiederholt vorgezeigt und diagnostizieren gelehrt. – Seine innere Behandlung freilich war die damals übliche mit Kalomel und[113]  Blutentziehung, die nur allmählich einer besseren mit Anwendung von Opiaten wich. Ich muß hier erwähnen, daß mich schon mein Vater in seiner Praxis diese Methode benützen lehrte und vor der Kalomelbehandlung warnte. Er berief sich dabei auf die Empfehlung des Rostocker Professors Samuel Gottlieb Vogel, eines der gewiegtesten Praktiker jener Zeit. – Bald nachher erschien die kleine, epochemachende Schrift des Karlsruher Arztes Dr. Adolf Volz: »Die durch Kotsteine bedingte Durchbohrung des Wurmfortsatzes«, 1846, die in der Lehre von der Perityphlitis, ihrem Ursprung und ihrer Behandlung einen wesentlichen Fortschritt bedeutete. – Mit der genaueren Kenntnis der Entzündung des Wurmfortsatzes und mit der Einführung der antiseptischen Wundbehandlung ist der letzte große Schritt auf diesem so wichtigen Gebiete der Pathologie geschehen: der chirurgische Eingriff hat vielen Tausenden, die früher an der Entzündung und Durchbohrung des Wurmfortsatzes zugrunde gingen oder langem Siechtum dadurch verfielen, das Leben gerettet oder doch rasche Genesung verschafft; bis dahin hatte man nur zum Messer gegriffen, wenn schwappende Abszesse mit Durchbruch drohten.

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Als feiner Beobachter erwies sich Puchelt noch 1845 in einer Abhandlung »Über partielle Empfindungslähmungen«, die er in den medizinischen Annalen veröffentlichte.
Mit den Lehren Laënnecs und der Technik der Perkussion und Auskultation hatte sich Puchelt vertraut gemacht. Er war imstande, die Gegenwart von Luft und Eiter im Brustfellraum auch in Fällen zu konstatieren, wo die Zeichen fehlten, die schon vor Laënnec die Diagnose ermöglicht hatten. Dies war damals viel, wo erst einige seiner klinischen Kollegen in Deutschland und wenige deutsche Ärzte überhaupt perkutieren und auskultieren gelernt hatten. – Bezeichnend für den Stand der Krankenuntersuchung bei den Ärzten jener Zeit ist eine lustige Geschichte, die viel erzählt wurde und heute vergessen sein dürfte. Ein deutscher, in Paris geschulter und im Beklopfen und Behorchen der Brust wohlgeübter junger Arzt kehrte in seine Vaterstadt zurück und verschaffte sich rasch eine große Praxis. Sein Ruf drang aufs Land, und ein brustkranker[114]  reicher Bauer ließ ihn zu sich rufen. Er fuhr zu ihm, mit dem Perkussionshammer bewaffnet, und bearbeitete damit die Brust des Bauern gründlich. Nachdem er diese Untersuchung beendet, nickte ihm der Patient befriedigt zu: »Herr Doktor, Euer Klopfen hat mir gut getan – wann kommt und klopft Ihr mich wieder?«
Auch Chemie und Mikroskopie hatten eben ihren Einzug in die Klinik gehalten, der Assistenzarzt Dr. Markus Aurelius Höfle hatte sie eingeführt. Er stammte vom badischen Bodensee, hatte sich viel mit Botanik beschäftigt und eine Flora der Bodenseegegend geschrieben. Er wurde 1844 Privatdozent der Medizin und gab 1848 eine kleine verdienstliche Schrift heraus, die schon 1850 eine zweite Auflage erlebte: »Über Chemie und Mikroskopie am Krankenbette.« Der fleißige Mann erlag 1855 einem Darmtyphus, der Heidelberg nie ausging, häufig mörderisch wütete und erst seit geregelter Abfuhr der Fäkalien selten geworden ist.
Verliefen die klinischen Fälle tödlich, so ließ Puchelt durch den Assistenzarzt in seiner und der Schüler Gegenwart die Sektion machen. Der Zweck war: nachzusehen, wo und wie die Krankheit den tödlichen Schaden angerichtet hätte. Es geschah nach dem Vorbild Morgagnis, Professor in Padua, des Vaters der pathologischen Anatomie; er ist zuerst methodisch an die Aufgabe gegangen, Sitz und Ursachen der Krankheiten durch die Anatomie zu erforschen, wie es der Titel des großen Werkes besagt, das er 1761 herausgegeben hat. Namentlich in Frankreich und England, weniger in Deutschland, waren die Ärzte in seinem Sinne bemüht, die Pathologie mit Hilfe der Anatomie aufzuklären. In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts hatten sich durch Forschungen in dieser Richtung hauptsächlich die bereits erwähnten großen Ärzte Corvisart und Laënnec, auch Antoine Bayle in Frankreich, Mathew Baillie und Carswell in England, Alois Vetter in Deutschland hervorgetan; viele andere tüchtige, jüngere Arbeiter folgten ihrem Beispiele.
Zur Kontrolle der ärztlichen, am Krankenbette gestellten Diagnosen dienten die Sektionen noch wenig, weil die Diagnosen[115]  bis dahin nur symptomatisch gewesen waren. Man entnahm sie nur dem Symptomenbild am Lebenden und sprach von Wassersucht, Gelbsucht, Blausucht, hitzigem Fieber, Schlagfluß, Brechdurchfall usw., wie von wesentlichen Krankheiten, während diese Zustände und Vorgänge nichts als die äußeren Erscheinungen innerer physiologischer Geschehnisse und anatomischer Veränderungen sind. Deckte nun nach dem Tode das Messer den Sitz des Leidens und die Natur der krankhaften Veränderungen auf, so lief der Arzt keine Gefahr, durch den Leichenbefund bloßgestellt zu werden. Hatte er z.B. Wassersucht diagnostiziert, so brauchte diese Diagnose keine Bestätigung, sie war unter allen Umständen richtig, die Sektion zeigte nur noch weiter, von wo die Wassersucht ihren Ausgang genommen hatte. Es gereichte sogar dem Arzt jetzt zur Rechtfertigung und den Angehörigen des Verstorbenen zur Beruhigung, wenn, wie so oft, bald das Herz, bald die Leber, bald die beiden Nieren so übel zugerichtet befunden wurden, daß auch der Laie einsehen mußte, unter solchen Umständen sei eine längere Erhaltung des Kranken am Leben oder gar seine Rettung ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.
Übrigens begann man bereits anatomische Diagnosen zu stellen. Um ein Beispiel zu geben: Man hatte bisher unter Pneumonie (Lungenentzündung) ein Krankheitsbild verstanden mit den Kennzeichen: Beginn mit Frost, worauf Hitze folgt, Stechen auf der Brust, Atemnot, roter Auswurf, akuter kritischer Verlauf usw. Laënnec hatte die anatomischen Veränderungen, die im Verlaufe dieser Krankheit an den Lungen vor sich gehen, genau beschrieben und danach verschiedene Stadien unterschieden: die entzündliche Anschoppung (Engouement), die gänzliche Verdichtung (Hepatisation) usw. Mit Hilfe des Beklopfens und Behorchens der Brust war es ihm weiter gelungen, diese Stadien schon zu Lebzeiten zu erkennen und genau zu bestimmen, wo die Pneumonie in den Lungen begann, wie sie sich weiter darüber verbreitete oder ihren Rückzug nahm. Damit hatte die Pathologie und Diagnostik einen gewaltigen Schritt vorwärts getan. – In ähnlicher Weise[116]  verfeinerten sich die Diagnosen von der heute verpönten Art: Wassersucht, Gelbsucht, Blausucht usw. Man hatte z.B. bei den Sektionen der Wassersüchtigen bald dieses, bald jenes Organ entartet gefunden und erkannt, daß die Wassersucht je nach der Natur dieser Leichenbefunde besondere Eigentümlichkeiten des Krankheitsbildes im Leben darbot. Somit nahm sie ihren Ausgang von verschiedenen Störungen in den Verrichtungen der Organe, und danach verlangte man genauere Diagnosen: anatomische – man wollte wissen, ob die Wassersucht vom Herzen, von der Leber, den Nieren oder von anderen Organen ausgehe. Offenbar mußte sich danach die Prognose und die Behandlung verschieden gestalten.


Die Klinik Puchelts fiel demnach in die Zeit, wo die Pathologie aus ihrer ersten symptomatologischen Periode in ihre zweite, die anatomische, überging. Es dauerte nicht lange mehr, und diese erreichte ihren Höhepunkt; in der Mitte des Jahrhunderts wurde sogar die Anatomie aus der dienstbaren Magd die gebietende Herrin der Pathologie, nachdem sie durch zahlreiche wichtige Entdeckungen unentbehrlich und Rokitanskys epochemachendes »Handbuch der speziellen pathologischen Anatomie« 1844 Gemeingut der Ärzte geworden war. Hand in Hand damit ging die Vervollkommnung der klinischen Untersuchungsmethoden mit physikalischen und chemischen Hilfsmitteln, und in genialer Weise stellte Skoda die Perkussion und Auskultation mit Hilfe des Experiments auf den Boden der physikalischen Wissenschaft, verwertete sie zugleich richtiger und sicherer als bisher für die Diagnose.
Unser Puchelt steckte, wenn ich ein grobes Bild gebrauchen darf, mit einem Bein noch tief in der rein symptomatologischen Entwicklungsperiode der Pathologie, mit dem andern schickte er sich an, in die anatomische einzutreten. Es glückte ihm aber nicht mehr, in diese ganz zu gelangen. Das Schicksal der zweiten Auflage seiner Monographie der Krankheiten des Venensystems, die einst so großen Beifall fand, hing damit zusammen, sie erschien 1843 und wurde mit Achselzucken aufgenommen.[117]
Puchelts Auffassung des Wesens der Krankheit war die damals allgemein geltende ontologische, die nur ganz allmählich der heutigen physiologischen wich. Die ontologische Pathologie sah in den Krankheiten selbständige Wesen, heute betrachtet sie die Medizin als physiologische Vorgänge, die unter dem störenden Einfluß schädlicher Ursachen, demnach unter anderen Lebensbedingungen, in abgeänderter, uns unzuträglicher und das Leben häufig bedrohender Weise verlaufen. Nach der glücklich beseitigten Anschauung unserer Väter hauste die Krankheit wie ein feindliches Wesen im Körper, wählte sich bald dieses, bald jenes feste Organ oder die Säfte: Blut, Lymphe, Galle usw., zu ihrem Sitze und störte von da aus die Leibesverrichtungen. Abnorme Erscheinungen, wie z.B. Stechen, Atemnot, schneller Puls, waren die Merkzeichen ihrer gefährlichen Gegenwart, die veränderte Beschaffenheit der Organe, wie der Leichenbefund sie feststellte, die schlimme Frucht ihrer Tätigkeit. Wollte man den Kranken kurieren, so mußte man ihm den bösen Feind durch Erbrechen, Purgieren, Schwitzen, Blutlassen und dergleichen Eingriffe aus dem Leibe schaffen oder ihm mit Drogen zusetzen, wie man schmarotzende Würmer mit gewissen Getränken aus dem Darm abtreibt. Selbstverständlich verlangten daneben mechanische Beschädigungen mechanische Hilfe, gefährliche Produkte der Krankheit, Neubildungen z.B., wenn es mit inneren Mitteln nicht gelang, sie zu beseitigen, chirurgische Eingriffe, eingedrungene Gifte Gegengifte, seelische Störungen auch seelische Gegenmittel.
Wie fest noch die Ontologie in Puchelt wurzelte, mag dem Leser die Lehre zeigen, die er uns bis zuletzt in der Klinik vortrug, wonach der Typhus aus dem gastrischen Fieber und dieses aus dem Gastrizismus hervorgehe. Sie erinnerte an die Genesis, wonach Japhet von Noah und Noah von Lamech erzeugt wurde. Wäre Lamech nicht gewesen, so hätte es nie einen Noah oder Japhet gegeben. Ging man dem Gastrizismus oder dem gastrischen Fieber mit Brechmitteln, Purganzen, besonders dem Kalomel, gehörig zu Leibe, so konnte es nicht zum Typhus kommen. – Man darf mit Puchelt deshalb nicht rechten,[118]  bei seinem berühmtesten klinischen deutschen Zeitgenossen, Schoenlein, trat die ontologische Auffassung der Krankheiten nicht weniger scharf zutage, sein naturhistorisches System ordnete sie in Familien und Arten, wie die beschreibenden Naturforscher es mit Pflanzen und Tieren machen.
Die physiologische Auffassung der Krankheiten brach sich nur allmählich Bahn. Dies hing zusammen einesteils mit der langsam reifenden physiologischen Einsicht, andernteils mit den großen Schwierigkeiten, die es hatte, in die Natur der Krankheitsursachen, der unzähligen uns bedrohenden Schädlichkeiten, einzudringen, mit anderen Worten, mit dem langsamen Reifen der ätiologischen Wissenschaft.
Dieselben Methoden der Forschung, die wir benützen müssen, um die Natur der normalen physiologischen Vorgänge aufzudecken, führen uns auch zum Ziele, wenn wir die pathologischen aufklären wollen, denn die Medizin ist eine Naturwissenschaft, ein Teil der Biologie, der Lehre vom Leben. Derjenige Teil der Medizin, der sich mit der Erforschung der allgemeinsten krankhaften Vorgänge: Fieber, Entzündung, Ansteckung usw. beschäftigt, ist die allgemeine Pathologie oder pathologische Physiologie. Soweit sie auf experimentellem Boden fußt, wird John Hunter, Morgagnis Zeitgenosse, als ihr Begründer angesehen. Pathologische Anatomie und Physiologie werden bereits seit beinahe anderthalb Jahrhunderten wissenschaftlich gepflegt, mit der Kenntnis der Schädlichkeiten aber, die den Organismus krank machen, d.i. mit der Ätiologie, die einen der wichtigsten Teile der allgemeinen Pathologie bildet, sah es zu der Zeit, als Puchelt lehrte, noch mißlich aus. Man kannte noch nicht einmal die Lebensgeschichte und Lebensbedingungen der parasitischen Insekten und Eingeweidewürmer, die dem unbewaffneten Auge sichtbar sind, geschweige die der noch kaum erschlossenen Welt der mikroskopischen Geschöpfe. – Den Generationswechsel und die Ammenzeugung beschrieb der Däne Steenstrup erst 1842. – Der Ursprung der noch damals in heute unbegreiflicher Weise äußerst gefürchteten Krätzekrankheit aus eigenartigen parasitischen Milben war zwar schon lange behauptet,[119]  aber erst in den dreißiger Jahren festgestellt worden. Die Mehrzahl der Ärzte, selbst gefeierte klinische Lehrer, hingen noch fest an dem Glauben, es liege der Krankheit nicht die Milbe, sondern eine Schärfe der Säfte zugrunde. Hahnemann und der Tübinger Kliniker Autenrieth fabelten von einer im Leibe versteckten, unsichtbaren Psora, die auf der Haut den Ausschlag und in den inneren Organen Entartungen, Schwindsucht und Wassersucht verursache. Wir Praktikanten lachten über die mystische Psora und fingen sie in Gestalt einer Milbe, des Acarus scabiei, mit spitzigen Nadeln; wir führten diese durch die Haut in die Gänge, die sich die Milbe darin bis zu der leicht erkennbaren Stelle frißt, wo sie in der Kälte ruhig sitzt, in der Wärme aber zu geschäftiger, ihrem Wirte äußerst lästiger Tätigkeit erwacht. Wir kurierten nicht selten die Krankheit, die seit Monaten und Jahren homöopathischen und allopathischen inneren Mitteln getrotzt hatte, in wenigen Tagen ohne allen Schaden mit Schmierseife und Bädern. Keine Krankheit ist heute in jeder Hinsicht besser aufgeklärt als diese, die Naturgeschichte der Milbe hat sie aufgeschlossen.

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Beherzigt man den Stand der medizinischen Wissenschaft zu Anfang der vierziger Jahre, so darf die Pucheltsche Klinik ungeachtet aller ihrer Schwächen und Mängel doch als eine der besten jener Zeit in Deutschland gerühmt werden. Es fehlte ihr auch nicht an Kranken wie so vielen Kliniken an den kleinen Universitäten, denn es standen ihr täglich 40 bis 50 »Fälle« zu Gebote. Unser Lehrer gab sich die redlichste Mühe mit uns, fehlte in den beiden Jahren, die ich bei ihm auskultierte und praktizierte, nicht eine Stunde, er lehrte uns bei der Visite die Kranken ausfragen und untersuchen, Diagnosen und Prognosen stellen, ordinieren und Krankengeschichten verfertigen, erläuterte auch, wo es nottat, die Fälle durch lebendige kleinere und größere Vorträge. In Wien und Prag war seine Diagnostik freilich weit überholt, an den andern deutschen Universitäten kaum irgendwo. Eins nur war an Puchelt auszusetzen und wurde ihm gefährlich, sobald ein klinischer Rivale ihm darin überlegen war: seine übermäßige diagnostische und therapeutische Vorsicht, die zuweilen über das gebotene Maß[120]  hinausging, bis zur Zaghaftigkeit und zur ängstlichen Unschlüssigkeit.
Puchelt hatte sich bis zum Frühjahr 1844 der Gunst seiner klinischen Schüler erfreut. Sie hatten ihm noch im Winter 1842/43 ein Fackelständchen gebracht, wobei ich mitwirkte. Er dankte herzlich und rief uns zu: es sei ein schöner und wahrer Spruch Goethes, was man in der Jugend wünsche, habe man im Alter in Fülle, aber der Spruch betrog ihn. Sein Alter war voll von bitteren Enttäuschungen.
Nachdem Pfeufer von Zürich eingetroffen war und als zweiter klinischer Lehrer zu wirken begonnen hatte, wandten sich die jungen Mediziner fast ausnahmslos ihm zu, und Puchelts Klinik verödete. Obwohl die zweite Klinik nur wenig mehr als ein Drittel von der Bettenzahl der ersten faßte, fand die zuströmende Menge der Hörer doch kaum Platz in ihren Räumen. – Dieser unerwartete Abfall der Schüler muß den alten Herrn schwer getroffen haben. Bald suchten ihn daneben böse Gebrechen heim. Der Arme verlor das Augenlicht. Fast erblindet hielt er noch Vorträge über Geschichte der Medizin; aber 1852 sah er sich gezwungen, das Lehramt ganz niederzulegen, und 1856 raffte ihn ein barmherziger Schlagfluß weg.
Was mochte den Abfall verschuldet haben? Puchelt übertraf Pfeufer an pathologischem Wissen und stand an diagnostischer Fertigkeit nicht allzu weit hinter ihm zurück; was Pfeufer ihm überlegen machte, war dessen mächtige, die Jugend fesselnde, entschlossene Persönlichkeit. Nahm der Schüler Pfeufer zum Vorbild, so winkte ihm Erfolg und Glück in der künftigen Praxis, während Puchelts Zaghaftigkeit ihn entmutigte. Im Kollegsaal gar ließen die tödlich langweiligen, aus dem Buche abgelesenen Vorlesungen des alten Professors keinen Vergleich zu mit den freien, frischen Vorträgen des jungen.
Eine denkwürdige Erinnerung an eine der Vorlesungen Puchelts über allgemeine Pathologie mag dem Leser ein Bild von seiner Vortragsweise im Kollegium geben und dieses Kapitel schließen.
Puchelts Vorlesungen über spezielle und allgemeine Pathologie fanden abends statt. Nachdem ich sie einigemal gehört,[121]  besuchte ich sie nur noch an den seltenen Tagen, wo mich die Freunde vor der Zeit zum Biere verleitet hatten und ich befürchten mußte, meinen ganzen Abend zu verlieren. Um dieser Gefahr zu entgehen, rettete ich mich an einem Winterabend aus dem Freundeskreise zu Puchelt. Auf den Straßen lag Schnee und Eis, im Hörsaal strömte behagliche Wärme aus dem glühenden Ofen. Einige Talgkerzen verbreiteten ein Dämmerlicht in dem stillen Raum, worin sich nur spärliche Hörer, eine Auswahl von fleißigen Jünglingen, zusammengefunden hatten. Wie immer trat fast unbemerkt mit leisem Schritte der Meister unter uns, bestieg den Lehrstuhl, legte den er sten Band seines Handbuches auf das Pult, beugte das Haupt nahe darüber und ließ nun das System in sanftem Regen auf uns niederrieseln. Mit wechselndem Glück, im ganzen siegreich, erwehrte ich mich des Schlummers, der mich zudringlich beschlich; mein Nachbar zur Rechten dagegen erlag in dem Kampfe, er nickte tiefer und tiefer, kreuzte zuletzt die Arme und legte das schwere Haupt zu sanftem Schlafe darüber. – Die Vorlesung ging zu Ende, der Meister schloß das Buch und verließ geräuschlos, wie er gekommen, Lehrstuhl und Saal. Der Nachbar schlummerte weiter. Wir mochten ihn nicht wecken, er schlief so gut, wir verständigten uns durch leise Winke, löschten die Lichter und schlichen davon. – Er wollte uns nie gestehen, wie lang er süßes Vergessen der Sorgen und Mühen eines braven Musensohnes in dem trauten, der Wissenschaft geweihten Räume gefunden hatte.



Maximilian Joseph von Chelius










[122] Die Autokraten des 18. Jahrhunderts legten den Söhnen ihrer Günstlinge das Offizierspatent schon in die Wiege, Karl Theodor von der Pfalz auch das Professorspatent. Der Heidelberger Professor galt deshalb nur wenig in der gelehrten Welt. Bei der medizinischen Fakultät kam dazu, daß sie weder die nötigen Lehranstalten besaß noch Kranke zur Verfügung hatte; so war es kein Wunder, daß die von ihr promovierten Doktoren[122]  bei der eignen Regierung in Mannheim in schlechtem Ansehen standen.
Dies änderte sich im 19. Jahrhundert von Grund aus, nachdem Karl Friedrich von Baden die Universität neu gestaltet und die medizinische Fakultät mit Lehranstalten und ausgezeichneten Professoren ausgestattet hatte. Heidelberg wurde in wenigen Jahrzehnten ein medizinisches Salerno, eine stark besuchte ärztliche Schule, eine Zufluchtsstätte, zu der die Kranken aus allen Ländern pilgerten. Von den Klinikern war es hauptsächlich Chelius, dessen Ruf als Chirurg und Augenarzt unzählige Fremde herbeizog.
Chelius war 1794 in Mannheim geboren. Er siedelte als neunjähriger Knabe mit den Eltern nach Heidelberg über, bezog schon mit 15 Jahren die Universität und wurde mit 18 promoviert, was heute nicht mehr gelingen dürfte. Seine weitere Ausbildung erhielt er zunächst in Landshut bei Philipp Walther, dem ausgezeichneten Chirurgen und gedankenreichen Arzte, und in Wien bei den Chirurgen Kern, Zang, Rust und dem vortrefflichen Augenarzte Beer. Walthers und Beers gedachte er im Kreise seiner Schüler oft und gern. Mit 19 Jahren zog er als badischer Regimentsarzt 1813 und 1815 mit der Armee nach Frankreich und besuchte nach beendigtem Kriege zunächst die großen Hospitäler und dann auch mehrere in Deutschland. Mit 23 Jahren wurde er 1817 zum a.o. Professor für Chirurgie und Augenheilkunde ernannt, im Jahr nachher zum ordentlichen. Er hatte dieses Lehramt 47 Jahre inne bis 1864 und starb 1876 im 82. Lebensjahre. Zehn Jahre vorher war er in den erblichen Adelstand erhoben worden.
Drei Dinge verschafften Chelius das ungewöhnliche Ansehen und Vertrauen, dessen er sich bei den Ärzten und bei dem Publikum erfreute: sein chirurgisches Lehrbuch, seine glückliche Hand, endlich seine vornehme, mit Menschenfreundlichkeit gepaarte, würdige und wohltuende Art des Benehmens. Als ich in seine Klinik eintrat, stand er noch im Zenit seines Ruhms, während ich sie besuchte, begann sein Glanz als Lehrer zu erbleichen, das Publikum aber bewahrte ihm als Arzt sein Vertrauen bis ans Ende.[123]
Das Handbuch der Chirurgie war eine schriftstellerische Leistung ersten Ranges, vermöge seiner zweckmäßigen Anlage, Ausführung und praktischen Brauchbarkeit. Es erlebte acht starke Auflagen in 35 Jahren, von 1822–1857, und wurde in elf Sprachen übersetzt. Die Söhne benutzten es noch wie die Väter, es stand auf den Bücherschäften der Chirurgen aller Weltteile.

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Chelius verfaßte auch ein Handbuch der Augenheilkunde, der erste Band erschien 1839, der zweite 1844, als der erste bereits zu veralten begann.
Neue Gedanken, Erfindungen, Operationen verdankt die Chirurgie Chelius nicht, darin überragten ihn von deutschen Kollegen der ältere Gräfe, Michel Jäger, Dieffenbach und Stromeyer, aber sein Handbuch sicherte ihm das Verdienst, die besten Grundsätze und Heilverfahren der Chirurgie seiner Zeit über die ganze Erde verbreitet zu haben.
Chelius operierte schön und sicher. Er war in seiner Kunst wie in seinen politischen Anschauungen streng konservativ. Mein Schulfreund Dettmar Alt war lange Jahre sein Assistent und gewann ein sicheres Urteil über die Heilerfolge seines Meisters in und außer der Klinik. Er kam zur Überzeugung, daß Chelius sich das allgemeine Vertrauen weit mehr noch durch glücklich erhaltene, als glücklich entfernte Gliedmaßen erworben habe. Er bewahrte beim Operieren eine bewundernswerte Ruhe, was vor der Einführung der Äther- und Chloroformnarkose eine schwierigere Sache war als heute. Ich sah ihn niemals aufbrausen und heftig werden, nie seine edle Haltung verlieren; auch die gemeinsten Naturen hielt er durch seine feinen Formen und klug bemessenen Worte in den gebührenden Schranken.
Im Sommer gab Chelius den Operationskurs früh 5 Uhr. Wir Studenten waren oft schlaftrunken, er einen Morgen wie den andern frisch und munter. Die Vorlesungen über Chirurgie und Augenheilkunde hielt er morgens von 8–9 im Winter, von 7–8 im Sommer. Obwohl er sehr gut aus dem Stegreife sprach, las er doch seine Handbücher ab, nur nicht in der Weise Puchelts wie ein murmelnder Quell, sondern pathetisch, fast feierlich.[124]  Die Klinik begann um 11 Uhr und dauerte 1–2 Stunden, je nachdem operiert wurde oder nicht. In der ambulatorischen Klinik, die nur bei größeren Operationen vorher vom Assistenten allein erledigt wurde, gab es viel zu sehen und zu verordnen, beim Untersuchen aber ging es oft flüchtig zu, und gaben die »Schnelldiagnosen« zu manchen Scherzen Anlaß.



Franz Karl Naegele










[125] Der alte Naegele, wie wir ihn zum Unterschied von seinem Sohn und Nachfolger Hermann nannten, war der Senior der Fakultät und 1778 in Düsseldorf geboren. Sein Vater August Naegele war Direktor der dortigen kurpfälzischen medizinischchirurgischen Schule und verwendete ihn schon in früher Jugend als Prosektor und Repetitor. Nachdem er in Straßburg, Freiburg und Bamberg studiert und in Bamberg promoviert hatte, ließ er sich in Barmen nieder, wurde hier Physikus, erteilte Hebammenunterricht und beschäftigte sich vorzugsweise mit Geburtshilfe und Frauenkrankheiten. Die badische Regierung berief ihn 1807 als a.o. Professor für diese Fächer nach Heidelberg, betraute ihn mit der Leitung der Entbindungsanstalt und ernannte ihn 1810 zum Ordinarius. Er gehörte der Heidelberger Hochschule 44 Jahre an, schlug mehrere Berufungen nach andern Universitäten aus, 1829 eine nach Berlin, und starb am 21. Januar 1851.
Unter den Begründern der wissenschaftlichen Geburtshilfe nimmt Franz Karl Naegele den ersten Rang ein. Er hat wie kein anderer durch genaue Untersuchungen ihre anatomischen und physiologischen Grundlagen befestigt, ihre Pathologie anatomisch bereichert und ihre Methodik geschärft. – Seine Schriften über den Mechanismus der Geburt (1822), das normale weibliche Becken (1825), das schrägverengte und andere fehlerhafte Becken des Weibes (1839), sind Meisterwerke von unvergänglichem Werte.
Als praktischer Geburtshelfer galt zwar Naegele als ein ängstlicher Operateur, doch hat er sich auch um die ausübende Geburtshilfe nicht wenig verdient gemacht. Er versah die Geburtszange[125]  mit einem ebenso einfachen als geschickten Schlosse; die »Naegelsche Zange« übertraf an Handlichkeit und Leichtigkeit alle andern. Mit Eifer verfocht er die Grundsätze des Wieners Boer, dessen schonendes, humanes Vorgehen er uns nicht genug rühmen konnte, und bekämpfte den sträflichen Mißbrauch, den manche Geburtshelfer seiner Zeit, namentlich der ältere Osiander in Göttingen, mit gewaltsamen Eingriffen in den normalen Geburtsgang trieben. Endlich bescherte er den Hebammen ein ausgezeichnetes Lehrbuch, das elf Auflagen erlebte; der Geschichtsschreiber der Geburtshilfe, Professor J.v. Siebold, rühmte es als ein treffliches Handbuch, das auch von Geburtshelfern mit Nutzen gelesen werde.
Naegeles Klinik diente nur zum Unterricht in der Geburtshilfe. Obwohl seine erste größere Schrift »Erfahrungen und Abhandlungen aus dem Gebiete der Krankheiten des weiblichen Geschlechts« (1812) mitteilte, nahm er in seiner Anstalt, vermutlich aus Mangel an Raum, keine andern Frauen als Schwangere und Gebärende auf. Das wenige, was wir Studenten von Frauenkrankheiten lernten, wurde uns in den beiden andern Kliniken gelehrt. Die großen, mit dem Bauchschnitt verbundenen Operationen – insbesondere die Ovariotomie (das Herausschneiden des Eierstocks), die einige heutige Frauenärzte hundert- und selbst tausendmal vornahmen – galten damals, vor der Einführung der Antisepsis, für verbrecherische, zuchthauswürdige Wagestücke, weil sie fast sicher zum Tode führten, während sie heute in der Regel Heilung bringen.
Die Vorlesung unsres Meisters hielt auch die Schläfrigsten munter, er sprach frei, geistreich und witzig; jeden Gegenstand, auch den trockensten, wußte er unterhaltend darzustellen. Man hörte ihm mit demselben Vergnügen zu, wenn er die willkürlich aufgestellten Schemata der Geburtslagen des »symmetrischen« Baudelocque unter die überlebten Glaubensartikel der alten Geburtshilfe verwies, als wenn er die Geschichte der Geburtszange oder des Kaiserschnitts vortrug. Weil seine Rede so leicht und frisch dahinfloß, konnte man meinen, er spräche heiter aufgelegt aus dem Stegreif, aber er hatte sich stets sorgfältig auf das Kollegium vorbereitet. Gerne flocht er[126]  belehrende Erlebnisse in seinen Vortrag ein und erläuterte ihn durch Demonstrationen, wobei ihm zahlreiche Präparate aus seiner Sammlung zu Gebote standen. Ich erfreue vielleicht manche Leser, wenn ich aus meinem Kollegheft über Dystokien1 vom Sommer 1842 eine Probe zum besten gebe. Ich entnehme sie einem seiner Vorträge über die Mißstaltungen des Beckens, die den Geburtsakt behindern. Er handelte von dem Becken, das durch Knochenerweichung im späteren Leben verengt wird, »die Berliner nennen es das osteomalacische«, fügte er mit leisem Spott hinzu. Ein solches Becken legte er uns vor, es war das erste dieser Art, in dessen Besitz er als Physikus in Barmen 1803 gekommen war, als die Stadt noch dem Herzogtum Berg unter kurpfälzischer Hoheit angehörte. An ihm beobachtete er zuerst die Verengung des Beckenausganges, bisher war ihm nur dessen Erweiterung bekannt gewesen, wie sie bei dem durch Rachitis in der Kindheit verunstalteten Becken vorkommt. Die dramatischen Umstände, unter denen er sich das Präparat verschafft hatte, schilderte er mit folgenden Worten:

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»Es stand 1803 in einem öffentlichen Blatte: ein Chirurgus, namens Peter Walker, habe mit einem Rasiermesser den Kaiserschnitt gemacht, Mutter und Kind tot geschnitten. Ob man in dem Herzogtum Berg Schindersknechte als Chirurgen hätte? Ich wurde von der Regierung beauftragt, die Sache zu untersuchen. Den Mann kannte ich als braven Chirurgen. Er war mein Schüler gewesen, und nun sollte ich ihn mit Gerichtsdienern und Soldaten heimsuchen.«
»Bei der Untersuchung mußte ich hauptsächlich darauf sehen, ob der Kaiserschnitt angezeigt war oder nicht. Da gab der redliche Mann an: er hätte ihn gemacht wegen äußerster Beckenenge, denn er hätte seinen Finger nicht durch den Beckenausgang bringen können. Ich erklärte eine Ausgrabung für notwendig. – Ich konnte und durfte der Aussage nicht glauben. – Der Totengräber wollte das Grab nicht finden, weil tiefer Schnee lag, bis ich es mit ihm machte, wie Jupiter mit der Danae.«[127]
»Meine Herren, betrachten Sie jetzt das Becken – Peter Walker hatte recht!«
In meinen letzten vier Semestern nahm mich Naegele als Assistenten. Ich trat ihm jetzt nahe und wurde mit der Eigenart meines Lehrers genau bekannt. Meine Aufgabe war: die Bücher zu führen, die Geburten zu leiten, die Praktikanten einzuüben und für Geburts- und Krankengeschichten zu sorgen. – Ungeachtet seiner Jahre kam der alte Herr fast zu allen Geburten und verweilte halbe und ganze Nächte in der Anstalt. So verkehrte ich denn viel mit ihm und hatte die beste Gelegenheit, seinen jugendlich frischen Geist, seinen sprudelnden Witz zu bewundern. Aber man mußte sehr auf der Hut bei ihm sein und jedes Wort auf die Goldwaage legen. Logische Verstöße ließ er nicht ungerügt durchgehen, alberne Fragen bestrafte er mit Spott, banale Redensarten reizten ihn zum Zorn.
Einer der Praktikanten hatte eine Krankengeschichte vorzulesen und spendete zuletzt der »gütigen Mutter Natur«, die der Wöchnerin so liebreich geholfen hätte, das gebräuchliche warme Lob. Naegele machte ein böses Gesicht und rief: »Bleiben Sie mir mit Ihrer gütigen Mutter drei Schritte vom Leib! Wäre sie so gutmütig, wie die gedankenlosen Leute sie rühmen, so gäbe sie nun und nimmer zu, daß die Katze ihr abscheuliches Spiel treibt mit der Maus und der Dorndreher so entsetzlich grausam die Insekten spießt. Wer anders hat denn diese schrecklichen Triebe den Tieren eingepflanzt als Ihre gepriesene Mutter Natur? Es ist freilich wahr, sie verfügt über wunderbare Werkzeuge und Einrichtungen, womit sie uns heute nützt und morgen vernichtet. Suchen Sie keine Barmherzigkeit bei der Natur! Bei den Menschen mögen Sie Mitleid finden. Wir müssen die Natur zwingen, uns ihre Werkzeuge zu unserem Vorteile abzutreten.«
Übler noch spielte Naegele einem Ausländer mit, einem jungen portugiesischen Arzte, einem kleinen runden Lebemann, der gut Deutsch sprach und nach Heidelberg gekommen war, um sich bei ihm weiter auszubilden. Er ging aber lieber zur Frau Sternwirtin in der Haspelgasse, die das beste bayerische[128]  Bier ausschenkte und eine gute Küche führte. Nachdem er eine Zeitlang aus der Klinik weggeblieben war, erschien er eines Morgens wieder, sichtlich aufgeregt, und ruhte nicht, bis er an Naegele die Frage richten konnte, unbekümmert um die vielen Studenten, die umherstanden: »Herr Geheimer Rat, kennen Sie die Frau Sternwirtin in der Haspelgasse?« – Naegele schüttelte abweisend das Haupt, und man merkte wohl, daß ihn die einfältige Frage verdroß. Der Portugiese ließ sich nicht warnen und fuhr fort: »Herr Geheimer Rat, diese merkwürdige Frau ist schon zehn Monate guter Hoffnung und kann noch immer nicht niederkommen. Was ist Ihre Meinung?« – »Behüte uns der Himmel, die Frau kriegt den Antichrist!« rief der Alte und drehte dem verblüfften Herrn den Rücken.


Welch frisches Leben in unserem Meister noch pulsierte, verriet schon sein Gang. Er ging nicht den bedächtigen Schritt des Greises, sondern eilend, das Haupt mit den kurzsichtigen Augen und der langgestreckten Nase vornübergebeugt. Betrat er die Anstalt, so begrüßte er uns gerne mit irgendeiner launigen Bemerkung, beklagte sich z.B. über das schlechte Straßenpflaster mit dem Seufzer: die heillosen Steine riefen ihm täglich seine Sünden ins Gedächtnis. War er in der Stimmung, sich mit uns zu unterhalten, so merkten wir es gleich, wenn ihm ein launiger Gedanke durch den Kopf ging. Er schloß dann die Augen und fuhr mit den fünf Fingern etliche Male über die Nase herab, öffnete dann plötzlich die Lider und brachte den Einfall zutage. Machte ihm sein Scherz besondere Freude, so trat er auf den nächsten zu und schaute ihm prüfend ins Gesicht, ob seine Worte gezündet hätten.
Nicht immer jedoch war unser Lehrer heiter gestimmt. Er hatte seine trüben Tage, wo er in sich gekehrt die Einsamkeit aufsuchte und traurigen Erinnerungen nachhing. Eine blühende Tochter, sprühend wie er von Geist und heiterer Laune, hatte unerwartet der Tod aus glücklicher Ehe weggerafft. – Ein Jahr lang, erzählte man mir, erkannte man ihn nicht wieder, kein Scherz kam über seine Lippen, man fürchtete für sein Leben. In der Erfüllung seiner Pflicht und im Umgang mit der[129]  Jugend erholte er sich allmählich von dem schrecklichen Schlage.
Eines Tages mußte ich Naegele in seinem Hause aufsuchen. Als ich eintrat, verließ ihn gerade ein Herr, der im Rufe eines großen Aufschneiders stand. Naegele war sehr aufgeräumt und erklärte mir den Grund seiner Heiterkeit: »Dieser Mensch lügt, daß sich die Balken biegen. Er versteht aufzuschneiden wie der selige Münchhausen. Es ist etwas Schönes um die Kunst, zu lügen, doch ist sie nicht so leicht, wie die Leute meinen. Mein lieber Freund, bedenken Sie wohl, wie öde wäre das Leben ohne die Poeten.«
Obwohl er auch an derben Späßen Gefallen fand, wenn Humor darin steckte, so erlebten wir doch eines Tags in der Klinik eine überaus lächerliche Geschichte, die ihm ärgerlich war, weil sie dem Rufe seiner Anstalt im Auslande schaden konnte.
Wenn Personen in der Anstalt aufgenommen wurden, so mußten sie im Hörsaal in das Aufnahmebuch eingeschrieben werden. Dies geschah stets zu Beginn der Klinik. Die Aufzunehmende wurde Naegele gegenübergesetzt, und er richtete unabänderlich zwei Fragen an sie, die eine: wann sie geboren sei, und die zweite: wann sie zum letztenmal die Regel gehabt habe.
Eines Morgens brachte unser Meister zwei vornehme Ärzte in die Klinik und lud sie ein, sich neben ihn an den Tisch zu setzen, auf dem ich das Buch führte, ringsherum saßen die Studenten. Eine Bauernmagd aus dem Odenwald wurde hereingeführt, die erschrecklich stumpf in die Welt blickte. Sie nahm den üblichen Platz ein, und Naegele stellte die erste Frage: »Meine Gnädige, wann sind Sie geboren?« – Die Arme verstand die Frage nicht, und ich mußte ihr zu Hilfe kommen und erklären: »Sie sollen angeben, in welchem Jahre und an welchem Tage Sie geboren sind.« – Sie begriff jetzt und gab die Antwort in der heimischen Mundart: »Uf de Daach, wu der Hölzerlips keppt worren is2.« – Der Hölzerlips war ein Odenwälder Landsmann, ein Räuber und Mörder, der 1812 auf dem[130]  Marktplatz in Heidelberg hingerichtet worden war. – Die Studenten lachten, aber Naegele wurde unwillig und rief mir zu: die Herren möchten sich um der Reputation der Klinik willen zusammennehmen. Die Fremden seien englische Ärzte und verstünden kein deutsches Wort.

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Sofort trat Ruhe ein, und Naegele richtete die zweite Frage an die Odenwälderin, die ihn so blöde wie vorher anstarrte. »Nun, Sie Gans«, redete er sie diesmal an, »Sie wird hoffentlich wissen, wann Sie die letzte Reinigung gehabt hat?« – Ihr Gesicht leuchtete, sie hatte verstanden und rief: »Uf selbigen Daach, wu die Beckebach keppt worren is.« – Die Beckenbach war auch eine Landsmännin aus dem Odenwald; sie hatte ihren Mann mit Gift umgebracht und war vor sieben Monaten auf dem Feld am Rohrbacher Weg enthauptet worden. – Nach dieser zweiten Antwort waren die jungen Leute nicht mehr zu halten, sie platzten hilflos heraus. Die Zeitrechnung nach Hinrichtungsterminen war zu überraschend. Die Engländer blickten auf den Professor, eine so vergnügte Klinik war ihnen neu, er bemerkte kurz, die Person spreche einen lächerlichen Jargon. Die Studenten beruhigten sich mit Mühe, und die Klinik ging dann ihren gewohnten würdigen Gang.
Nach meinem medizinischen Examen brachte ich noch ein Jahr in Heidelberg zu und verkehrte auch in dieser Zeit mit meinem Lehrer. Da ließ mich eines Tags seine Gemahlin zu sich rufen und bat mich, ihren Mann zu einer Konsultation nach Heilbronn zu begleiten; sie fürchte, es könne ihrem achtundsechzigjährigen, kurzsichtigen Gatten etwas zustoßen, wenn er allein reise, der Ausflug nahm zwei Tage in Anspruch. Gerne sagte ich zu.
Früh am Morgen fuhren wir mit dem Eilwagen nach Heilbronn, das Wetter war herrlich, der Alte in rosiger Stimmung. – Nachmittags gleich nach der Ankunft verfügten wir uns mit den beiden behandelnden Ärzten in die Wohnung der Kranken. Sie litt an einer Bauchgeschwulst zweifelhafter Natur. Es stand damals noch schlecht mit der Diagnose dieser Geschwülste. Naegele hielt den Herren Kollegen einen prächtigen Vortrag, worin er seine schönsten Raketen steigen ließ,[131]  und erzählte ihnen die lehrreichsten und unterhaltendsten Geschichten von kleinen und großen Böcken, die man auf diesem Reviere schießen könne. Mit gleichem Geschicke verstand er die tief gesunkene Hoffnung der Kranken aufzurichten.
Nach der Konsultation folgten wir der freundlichen Einladung, die berühmte Papierfabrik des Verwandten eines der Ärzte zu besichtigen. Naegele wurde mit großen Ehren empfangen. Die Damen des Hauses waren begierig, den vielgenannten Frauenarzt kennenzulernen, und er zog das ganze Register seiner Liebenswürdigkeit auf. Eine der beiden Damen nahm mich entzückt zur Seite und meinte: von allen Geheimräten dieser Welt sei dieser der scharmanteste. Kaum war ich mit ihm allein, so richtete er die Frage an mich: »Jetzt sagen Sie mir, habe ich meine Sache gut gemacht? Ich habe mein Bestes getan, um den Damen zu gefallen, jedoch nur Ihnen zuliebe. Sie sollten sehen, wie Sie es anfangen müssen, um vorwärtszukommen. Glauben Sie mir, ohne Frauengunst bringt es der Arzt zu nichts!«
Am nächsten Morgen kehrten wir auf dem kleinen Dampfschiff, das damals zwischen Heidelberg und Heilbronn den geringen Verkehr vermittelte, nach Hause zurück. Naegele bewunderte eine Weile die liebliche Landschaft, bald aber weihte er seine Aufmerksamkeit der hübschen jungen Frau eines Landpfarrers, die unterwegs mit ihrem Manne eingestiegen war. Er vertrieb dem Weibchen mit Plaudern und Scherzen die Zeit, und sie fand großes Gefallen an seiner Unterhaltung. Der Pfarrer empfand zuletzt eine Anwandlung von Eifersucht, er fragte mich, wer der Herr sei, der mit solcher Galanterie seine Frau unterhalte. Ich beruhigte ihn, es sei der Geheimrat Naegele und ich sein Schüler, er mache nur mir zuliebe seiner Frau die Cour, er habe mich auf eine Konsultation mitgenommen, um mich das Kurieren und das Courmachen zu lehren.
Frau Naegele, eine liebenswürdige Matrone, die Tochter des früher erwähnten Geburtshelfers Mai, dankte mir herzlich: ihr Mann sei sehr befriedigt heimgekommen; ich meinesteils versicherte, daß ich kaum je so viel für die künftige Praxis von meinem Lehrer gelernt hätte wie auf dieser Reise.[132]
Naegele blieb mir stets gewogen. Er riet mir, die akademische Laufbahn einzuschlagen, doch durfte ich daran nicht denken.
Sooft ich nach Heidelberg kam, suchte ich ihn auf, zuletzt im Herbst 1849. Ich fand ihn tief gedrückt. Die Revolution hatte dem alten Manne arg mitgespielt, obwohl ihm kein persönliches Leid widerfahren war. Ein abgesagter Feind der Politik, hatte er mir einst erklärt, eine Wöchnerinnensuppe interessiere ihn mehr als alle Politik, im Jahre 1848 rächte sie sich. Täglich wurde vor seinem Haus am Ludwigsplatz exerziert, kommandiert und getrommelt, das Heckerlied gesungen und »Schleswig-Holstein meerumschlungen«. Freischärler und Soldaten aller Waffengattungen marschierten auf, Freund und Feind nahm Quartier bei ihm, die bewaffnete Macht vertrieb sogar 1849 die weibliche Besatzung seiner Anstalt und nahm die Räume selbst ein. Die Aufregung darüber brach die letzte Kraft des alten Herrn, er überlebte das schreckliche Jahr nicht lange.
Die Anregungen, die mir mein Lehrer erteilte, waren nicht verloren. Zwar habe ich die Geburtshilfe nur 5–6 Jahre ausgeübt, aber meine 1859 erschienene Schrift über eine Klasse wichtiger Bildungsfehler der Gebärmutter hat gezeigt, daß der Same, den er ausgestreut, auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen ist.
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 Schwere Geburten.
2 Auf den Tag, wo der Hölzerlips geköpft worden ist.




Jakob Henle










[133] Der bedeutendste Mann der Fakultät, als Forscher und Lehrer zugleich, war neben Naegele unstreitig sein junger Kollege Henle. Man konnte ihn noch über Naegele insofern stellen, als der Geburtshelfer nur sein beschränktes Fach lehrte, während Henle außer Anatomie und Physiologie, für die er berufen war, auch allgemeine Pathologie las. Für diese Vorlesung war der ideenreiche Mann wie geschaffen, denn in der Schule des großen Johannes Müller aufgewachsen, hatte er sich die dazu erforderlichen reichen biologischen Kenntnisse in umfassender Weise angeeignet und besaß die Gabe, klar und anregend vorzutragen, in seltenem Maße. Er wagte sich[133]  ohne Scheu an die höchsten Probleme der medizinischen Wissenschaft; wo reife Früchte noch nicht zu pflücken waren, griff er zu unreifen und präsentierte sie verführerisch auf silbernen Schalen. Sein mächtiger Lehrdrang trieb ihn, über den Kreis der Mediziner hinaus zu wirken, er las ein stark besuchtes Kollegium über Anthropologie für Hörer aus allen Fakultäten.
Geboren 1809 in Fürth bei Nürnberg, war Henle mit seinen Eltern 1815 nach Mainz und später von da nach Koblenz übergesiedelt. Hier machte er die persönliche Bekanntschaft seines aus dieser Stadt gebürtigen späteren Lehrers Müller, der seine ganze Zukunft bestimmte. Müller war damals Professor in Bonn und kam in den Ferien häufig nach Koblenz. – Henle studierte zuerst in Heidelberg und hörte Anatomie bei Tiedemann, ging dann nach Bonn und erfreute sich hier der Gunst und Führung Müllers. Nachdem er 1832 in Bonn promoviert und 1833 das medizinische Staatsexamen absolviert hatte, fügte es sich, daß in diesem Jahre Müller als Ordinarius für Anatomie und Physiologie nach Berlin berufen wurde und ihn zu seinem Prosektor machte. Er entfaltete jetzt eine außerordentlich fruchtbare Tätigkeit auf den drei Gebieten der Anatomie, Zoologie und pathologischen Physiologie, seiner Zulassung zum Lehramte aber stellten sich politische Schwierigkeiten in den Weg. Er wurde in Untersuchung gezogen und in die Hausvogtei gesperrt, weil er in Bonn der Burschenschaft angehört hatte. Es bedurfte der Fürsprache Alexander von Humboldts, damit er endlich 1837 das Recht, an der Universität zu dozieren, erlangte. Drei Jahre nachher berief ihn die Züricher Regierung als Ordinarius für Anatomie und Physiologie an ihre Hochschule. Schon wenige Jahre später, im Frühjahr 1844, folgte er einem Rufe als ordentlicher Professor für dieselben Fächer neben Tiedemann nach Heidelberg. Er lehrte hier mit großem Erfolge bis 1852, wo er nach Göttingen an Langenbecks Stelle für Anatomie übersiedelte und am 13. Mai 1885 sein in rastloser Tätigkeit verbrachtes Leben beschloß.
In die Zeit von Henles Berliner Aufenthalt fiel der Beginn einer neuen Epoche der biologischen Wissenschaften, die auf die Medizin mächtig zurückwirkte. Sie wurde durch die berühmte[134]  Schrift Schwanns, gleichfalls eines Schülers von Müller, herbeigeführt, die 1839 unter dem Titel erschien: »Mikroskopische Untersuchungen über die Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum der Tiere und Pflanzen.« – Schwann war fast vom gleichen Alter wie Henle, geboren 1810 in Neuß bei Köln, und Kustos am Berliner Anatomischen Museum. Er wurde 1839 als Anatom nach Löwen berufen und starb als Professor der Universität Lüttich 1882.

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Anknüpfend an die Lehre des Botanikers Schleiden von der Pflanzenzelle, begründete Schwann die Lehre von der tierischen Zelle. Dasselbe mikroskopische Formelement dient zum Aufbau des Pflanzen- und Tierleibs, die Zelle ist gewissermaßen der Baustein des belebten Naturreichs gegenüber dem Kristall des unbelebten. Aus der Zelle und ihren vielgestalteten Abkömmlingen wachsen hervor die Pflanzen- und Tiergewebe, aus den Geweben die Organe, aus den Organen die zusammengesetzten Organismen.
Aufgerichtet auf der sicheren Grundlage mikroskopischer und entwicklungsgeschichtlicher Untersuchungen, beschenkte die Schwannsche Zellenlehre die biologischen Wissenschaften mit einer fruchtbaren leitenden Idee, die ihnen allen neue Ziele der Forschung, neuen Inhalt und neue Gestalt verschaffte.
Zunächst war es die Anatomie, die aus der Zellenlehre den größten Gewinn zog. Die Gewebelehre, zu der im Beginn des Jahrhunderts Bichat in Paris den Grund gelegt, gewann durch sie ihre heutige Gestalt. Eine neue anatomische Welt tat sich uns jungen Medizinern auf in dem Werke Henles: »Allgemeine Anatomie«, 1841. Es fesselte die Leser fast noch mehr durch die weiten Aussichten, die es eröffnete, als durch das, was es bereits fertig darbot. Sobald die Berufung Henles bekanntgeworden war, trieb mich die Neugier, sein Buch zu lesen. Den Eindruck auf mich kann ich nur mit dem der Liebigschen Schriften vergleichen, ich verfuhr damit wie mit diesen, ich zog es aus und lernte seinen wesentlichen Inhalt auswendig.
Der Genuß, den mir die »Allgemeine Anatomie« bereitete, reizte mich, die »Pathologischen Untersuchungen«, die Henle schon 1840 herausgegeben hatte, gleichfalls zu lesen. Von den[135]  Abhandlungen, die er darin zusammengestellt hat, ist die: »Über Miasmen und Kontagien« weitaus die berühmteste geworden. Gestützt auf die damals noch so dürftigen Kenntnisse der Parasitenlehre, versuchte Henle mit erstaunlichem Scharfsinn der Ursache der Seuchen auf die Spur zu kommen. Mit prophetischem Blick versuchte er ihre parasitische Natur zu beweisen, und seine Hypothese ist – wenigstens für die Mehrzahl der Seuchen – zur feststehenden Tatsache geworden.
Mit großer Spannung sahen wir der Ankunft Henles entgegen, mit kaum geringerer der seines Freundes Pfeufer. Fast gleichzeitig hatte die badische Regierung auch diesen für Heidelberg gewonnen, und auch ihm war der Ruf eines ausgezeichneten Lehrers vorausgegangen; er sollte als zweiter Ordinarius für Innere Klinik und Pathologie neben Puchelt wirken. Die beiden waren im gleichen Jahre, 1840, nach Zürich gekommen und zogen an Ostern 1844 zusammen nach Heidelberg. Sie hatten in Zürich einen Freundschaftsbund für das Leben geschlossen, standen im Alter sich nahe und harmonierten in ihren politischen und Weltanschauungen. Im letzten Jahre ihres Züricher Aufenthaltes verbanden sie sich zur Herausgabe einer medizinischen Zeitschrift und schickten das erste Heft mit einem Programm aus Henles Feder in die Welt, einem kriegerischen Manifeste: »Über medizinische Wissenschaft und Empirie.«


Schon der Titel: »Zeitschrift für rationelle Medizin«, den die Freunde gewählt hatten, konnte für eine Herausforderung gelten. Was heißt »rationell« anders als vernünftig oder einsichtig? War denn die Medizin bisher unvernünftig gewesen und ohne Einsicht betrieben worden? Mußten Henle und Pfeufer erst eine vernünftige Medizin schaffen? Offenbar bedeutete das Schlagwort »rationell« einen Kampfruf zum Angriff auf die herrschenden Schulen, und mit spöttischem Lächeln nannten die alten Herren, auf die es gemünzt war, die beiden Herausgeber der Zeitschrift »die Dioskuren der rationellen Medizin«.
Die Berechtigung der rationellen Forderungen des Manifestes erscheint heute so selbstverständlich, daß man sich wundern könnte, warum Henle sie aufstellte und mit so großem Aufwande von Dialektik und scharfem Witze verfocht. Kein[136]  vernünftiger Mediziner wird heute leugnen, was das Programm verlangte, daß die Medizin nur aus einer durch Einsicht geläuterten Erfahrung hervorgehen soll. Sie kann unmöglich diese nötige Einsicht erlangen ohne genaue Beobachtung der Kranken, ohne die Hilfsmittel des Mikroskops, der physikalischen Untersuchung und Werkzeuge überhaupt, ohne Chemie, anatomisches Skalpell und physiologischen Versuch. Endlich bedarf die Medizin der Kenntnis aller Naturwissenschaften, die imstande sind, die Natur der Schädlichkeiten aufzudecken, die uns krank machen, und die der Mittel, die uns heilen. – Sollte ein Mann von Henles Scharfblick gegen Windmühlen gefochten haben? Sicherlich hätten wir jungen Mediziner in diesem Fall sein Manifest nicht mit so großem Interesse gelesen. Die Medizin jener Zeit begann sich eben damals erst vollbewußt aus den Banden der Naturphilosophie und des Aber- und Köhlerglaubens zu lösen. Es waren noch immer viele gelehrte Ärzte der Meinung, die Medizin lasse sich aus einem allgemeinen Prinzip systematisch ableiten. In Bayern mußten sich Wissenschaft und Kunst des Heilens sogar unter die Theosophie beugen; der allmächtige Obermedizinalrat Ringseis, der auf die Besetzung der ärztlichen Stellen und Professuren im Königreich einen oft entscheidenden Einfluß übte, leitete die Krankheiten aus dem Sündenfall ab und kurierte sie mit den Gnadenmitteln der Kirche. – Man begreift, daß die medizinische Jugend der vormärzlichen Zeit, die ein fortschrittlicher, kampflustiger Geist beseelte, mit Jubel das Schwirren der Geißel begrüßte, die der witzige Anatom über den Häuptern der Dunkelmänner schwang.
Da ich nur noch zwei Semester vor mir hatte, so konnte ich nicht mehr Anatomie bei Henle hören, sondern belegte nur sein Kollegium über Physiologie und erhielt von ihm die Erlaubnis, das über allgemeine Pathologie gratis zu besuchen. Außerdem verschaffte ich mir später noch das Heft eines guten Freundes, das er in der Vorlesung über Anthropologie nachgeschrieben hatte, und schrieb es ab. Ich habe somit Physiologie und allgemeine Pathologie zweimal als Student belegt, jedoch nur bei Henle regelmäßig besucht, bei Bischoff einige Male,[137]  bei Puchelt fast regelmäßig geschwänzt, was ich zur weiteren Illustration meiner früheren Ausführungen über Zwangskollegien hier bemerke.

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In der allgemeinen Pathologie teilte uns Henle außer den Hauptergebnissen seiner »Pathologischen Untersuchungen« die Quintessenz seines großen »Handbuchs der rationellen Pathologie« mit, woran er bereits arbeitete, das jedoch erst 1845 bis 1853 im Druck erschien. Es war ein großartiges, aber verfrühtes, auch mißlungenes Unternehmen, sämtliche Erscheinungen und Vorgänge am kranken Organismus auf ihre nahen und entfernten Ursachen zurückzuführen. Die Hypothesen überwucherten das tatsächlich Gegebene und Erweisbare, wie in dem Handbuch so auch in der Vorlesung, aber wir hatten keinen Schaden davon, denn die Vorlesung regte uns kräftig zum Denken an und verdarb uns nicht zu grauen Theoretikern für die künftige Praxis.
Henles Vortrag war wie ein klarer munterer Quell, auf dessen leichtbewegter Fläche heitere Lichter spielen. Obwohl er seine Sätze sehr einfach fügte und eine wohltuende Ruhe bewahrte, blieb er doch stets unterhaltend, feine Bemerkungen, witzige Vergleiche, überraschende Gedankenblitze ließen keine Ermüdung zu. Kam ein Scherz über seine Lippen, so zuckte ein Lächeln um seinen Mund, er tippte auch wohl mit einem Finger an die Nasenspitze und warf das Haupt ein wenig zur Seite, als wolle er den unbewacht entschlüpften Einfall von sich abschütteln.
In kurzer Zeit erwarb sich der junge Professor die Gunst seiner Hörer. Schon im Winter 1844/45 brachten sie ihm ein Fackelständchen und feierten ihn als Gelehrten wie als Lehrer und als unerschrockenen, freisinnigen Forscher. Seine studentische und politische Vergangenheit trug mit dazu bei, ihn der akademischen Jugend lieb und wert zu machen. Eine kleine Hiebnarbe auf der linken Wange erinnerte sie daran, daß er der Burschenschaft angehört und deshalb in der Hausvogtei gesessen hatte. Auch umwob sein Haupt der goldene Schimmer einer romantischen Liebe, die bald nachher zu seiner ersten Ehe führte. Sein Schwiegersohn und Biograph, Professor Merkel[138]  in Göttingen, hat das Idyll sehr anziehend erzählt. Auerbach, mit Henle befreundet, benützte es zu seiner bekannten Erzählung: »Die Frau Professorin«, und Frau Birch-Peiffer brachte es in »Dorf und Stadt« sogar auf die Bühne, beide freilich in einer Gestalt, die Henle verletzte.
Die Heirat Henles mit einem liebenswürdigen Mädchen aus niederem Stande – er hatte es bei seiner Schwester zuvor ausbilden lassen – entsprach der sozialen Stimmung der vormärzlichen Zeit. Es waren namentlich die Mediziner, die aus der anatomischen Gleichheit der Töchter Evas ihre soziale Gleichberechtigung herleiteten. Mehrere meiner Bekannten und zwei angesehene Professoren der Faculté de médecine in Straßburg stiegen von ihrer akademischen Höhe zu den ungelehrten Töchtern des Volks herab, um sie zu sich heraufzuholen. Doch wurde mir auch im Frühjahr 1847 ein Korb bekannt, den sich ein Heidelberger Dozent, ein Anatom und Schüler Henles, bei einem schlichten Kinde der fröhlichen Pfalz geholt hatte. Er meinte, seinem angebeteten Meister wie in seinem Studium so auch in der Wahl seiner Gattin nacheifern zu müssen. Seine junge, frische Aufwärterin gefiel ihm, und er machte ihr einen Heiratsantrag mit dem Vorschlag, sie aus seinen Mitteln in einer Damenpension zur standesgemäßen Erziehung unterzubringen. Er kam damit übel an. Was dem Herrn Doktor einfalle, fragte sie entrüstet. Sie habe bereits ihren Liebsten, dem sie fein genug erzogen sei. Ihr Schatz sei ein schmucker Fleischer, der zwei solcher schmächtiger Doktoren aufwiege.

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Zwischen den jungen, von Zürich berufenen Professoren und den alten wollte sich je länger desto weniger ein freundliches Verhältnis gestalten. Sie waren zu verschieden in Jahren, politischen Anschauungen, gesellschaftlichen Gewohnheiten, zweifelsohne auch in ihren Ansichten über das medizinische Lehren und Lernen.
Infolge des reaktionären Umschlages in Baden nach den Revolutionsjahren verlor Heidelberg 1852 Henle und Pfeufer, zwei Jahre nachher Jolly. Die Regierung warf die gemäßigt Liberalen in einen Topf mit den Radikalen und Revolutionären.[139]  Henle ließ man nach Göttingen ziehen, Pfeufer und Jolly nach München, sie waren alle mißliebig geworden. – Als Hauptwerk und letztes großes Vermächtnis hinterließ Henle den Ärzten seine »Systematische Anatomie«, 1871–1879.



Karl von Pfeufer










[140] Mein zweiter klinischer Lehrer, Karl Pfeufer, stammte aus der alten Bischofsstadt Bamberg, die Deutschland zwei seiner berühmtesten Mediziner gegeben hat: Ignaz Döllinger, den Anatomen und Physiologen, und Lukas Schoenlein. Bamberg besaß seit 1647 eine Universität, freilich ohne medizinische Fakultät, die sie erst 1769 erhielt. Eine Bedeutung erlangte die Fakultät unter der Regierung des vorletzten Fürstbischofs, Franz Ludwig von Erthal (1779–1795), nachdem dieser menschenfreundliche Regent eine Hebammenschule und nach ihr ein großes Krankenhaus zu Lehrzwecken hatte herstellen lassen. Marcus der Ältere, der Leibarzt des Bischofs, führte einen geordneten klinischen Unterricht ein, was viele Schüler herbeizog, ihre Zahl stieg auf 100. Wie ich früher erwähnte, hat auch Naegele sen. in Bamberg studiert. Nachdem infolge des Luneviller Friedens das Bistum an Bayern gefallen war, wurde die Universität aufgehoben, doch blieb an Stelle der medizinischen Fakultät eine medizinisch-chirurgische Schule bis 1836 erhalten.
Karl Pfeufer war geboren 1806, studierte Medizin in Erlangen und Würzburg. In Erlangen schloß er Freundschaft mit dem Dichter Platen, dessen Tagebuch (1796–1825) er fast 40 Jahre später (1860) herausgab. Er selbst geriet hier in das poetische Fahrwasser, in Würzburg aber erfüllte ihn die zunehmende Bewunderung von Schoenleins Tätigkeit mit Liebe zur Medizin, und aus dem unsicheren Strom der Dichtkunst fand er den Weg zurück auf den festen Boden des ärztlichen Berufs. Schoenlein, dessen geniales Wesen er mir bis zu seinem Tode begeistert pries, machte ihn zu seinem Assistenten. Als solcher erteilte er, wie Kerschensteiner erzählt, in Schoenleins Klinik die ersten Kurse über Perkussion und Auskultation 1828. – Die[140]  bayerische Regierung schickte ihn 1831 zum Studium der asiatischen Cholera, die von Rußland her gerade ihren ersten Einbruch nach Deutschland über Preußen geführt hatte, in die heimgesuchten Provinzen. – Im folgenden Jahre besuchte er Wien und ließ sich im Juli 1832 in München nieder, um sich hier an der Hochschule zu habilitieren. Walther, Döllinger u.a. schenkten ihm ihre Gunst, er wurde ein beschäftigter Praktiker, aber Ringseis, der freigesinnte und charakterfeste Leute nicht um sich duldete, verhinderte seine Zulassung. Wiederholte spätere Versuche, Dozent zu werden, scheiterten. – Nachdem die Cholera im August 1846 zum erstenmal die bayerischen Grenzen überschritten, in Mittenwald ihren Einzug gehalten und die Einwohner in die wildeste Aufregung versetzt hatte, eilte Pfeufer im Auftrag der Regierung in das Städtchen und brachte Beruhigung und geordnete Hilfe. Fürst Wallerstein, der damalige Minister, erkannte mit warmen Worten sein großes Verdienst an und schickte ihm zur Belohnung die königliche Ernennung als Landesgerichtsphysikus der Vorstadt Au, die ihm keineswegs erwünscht war; die heißersehnte Zulassung aber zur Fakultät blieb ihm nach wie vor verweigert! – So sah es in dem medizinischen Bayern unter dem pfäffischen Regiment von Ringseis aus.

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Unvermutet befreite ihn aus dieser unerquicklichen Lage ein Ruf an die Klinik in Zürich als Nachfolger Schoenleins. Sein ehemaliger Lehrer war 1833 aus Würzburg, dessen medizinische Fakultät durch ihn so großen Aufschwung genommen hatte, geflüchtet, um einer in nichts begründeten Anklage auf Hochverrat zu entgehen, und war in Zürich mit offenen Armen aufgenommen worden. Im Jahre 1840 berief Friedrich Wilhelm IV. den bayerischen Hochverräter als Leibarzt und Leiter der Inneren Klinik nach Berlin. Es wechseln Zeiten und Menschen! – Ehe Pfeufer den Ruf nach Zürich annahm, machte er einen letzten Versuch, ein Lehramt in München zu erhalten. Er fragte bei dem gebietenden ultramontanen Staatsminister Abel an, ob er auf eine Professur in München hoffen dürfe, aber dieser gab ihm, wie Kerschensteiner erzählt, »aus angeborener Grobheit eine ungeschlachte Antwort«.[141]
Obwohl es nicht leicht war, als Nachfolger eines Schoenlein, der auf der Höhe seines Ruhmes stand, Anerkennung zu erringen, gewann Pfeufer doch ungemein rasch die Zuneigung seiner Schüler und das Vertrauen der Einwohner und Behörden Zürichs. Im gleichen Jahre wie er war Henle von Berlin nach Zürich gekommen. In ihm fand er einen mitstrebenden Kollegen und Freund für das ganze Leben. Henle wurde ihm Führer in der neu aufgegangenen biologischen Welt. Sie gründeten, wie ich bereits erwähnte, die Zeitschrift für rationelle Medizin und folgten an Ostern 1844 zusammen dem fast gleichzeitig an sie ergangenen Rufe nach Heidelberg. Hier lehrte Pfeufer neben Puchelt als zweiter innerer Kliniker und ordentlicher Professor der Pathologie bis zum Herbste 1852.
Inzwischen hatten sich die Verhältnisse in Bayern unter dem edelgesinnten König Maximilian II. anders gestaltet. – Ringseis hatte seine Macht eingebüßt. Pfeufer wurde an seiner Stelle als Leiter der Zweiten Inneren Klinik berufen und zugleich der technische Berater des Ministeriums in den Sanitätsangelegenheiten des Königreichs, als solcher erwarb er sich um Bayern unvergängliche Verdienste.
Karl Thiersch, der berühmte, in Leipzig 1895 verstorbene Chirurg, damals Dozent in München, später mein Fakultätskollege in Erlangen, hat mir einst erzählt, welch ein seliges Gefühl der Erlösung über ihn und alle jungen strebsamen Ärzte in München gekommen sei, als mit Pfeufer die rationelle Medizin in den Räumen einzog, wo bisher Ringseis die schlimmen Früchte des Sündenfalls außer mit Brechmitteln, Purganzen und Aderlässen eifrig mit den heiligen Sakramenten, Sakramentalien und Gebeten aus dem Leibe der Menschen geschafft hatte. Er wurde, wie die Jugend gehofft, ihr väterlicher Freund und Förderer ihrer wissenschaftlichen Arbeiten. So nahm er an Pettenkofers und Thierschs bekannten Untersuchungen über Verbreitung und Ursache der Cholera lebhaften Anteil. Fast wichtiger noch war die Befreiung von der bürokratischen Vormundschaft, die der ärztliche Stand in Bayern seinen elfjährigen Bemühungen verdankte. Bis dahin hatten die Kreismedizinalräte den Ärzten den Ort angewiesen,[142]  wo sie die Praxis ausüben, nach Umständen versauern und verkommen mußten, er setzte trotz großer Hindernisse ihre Freizügigkeit durch und machte sie zu Herrn ihres Geschickes. – Der prächtige Mann schied am 13. September 1869 auf einem Ausflug nach Pertisau am Achensee, inmitten der Seinigen, plötzlich aus dem Leben, das Herz versagte unerwartet seinen Dienst.


Pfeufer gehörte zu den Klinikern, die weniger durch ihre Schriften als durch mündliche Unterweisung auf ihre Zeit einwirkten, wie Schoenlein, Krukenberg und Oppolzer. Seine literarischen Erzeugnisse beschränkten sich auf einige Aufsätze in der Zeitschrift für rationelle Medizin, einen Bericht über die Cholera in Mittenwald, eine musterhaft volkstümliche Anweisung, wie man sich bei der Cholera zu verhalten habe; – das ist so ziemlich alles, was er veröffentlicht hat. In keinem Gebiet der Pathologie wirkte er bestimmend auf deren Gang. Seine Bedeutung lag in dem Unterricht, den er in der Klinik und in seinen guten Vorlesungen zahlreichen Schülern erteilte. In Heidelberg dürfte er als Lehrer seine Höhe erreicht haben. – Über Schoenleins naturhistorisches System war er längst hinausgekommen, das Manifest der »Zeitschrift für rationelle Medizin« sagte ihm entschieden ab, wenn auch unter tiefen persönlichen Verbeugungen vor dem »großen Arzte«, der es aufgestellt hatte; die klinische Methode aber und die Behandlungsweise seines Lehrers behielt er bei. Im großen und ganzen stand er auf dem physiologischen Boden, auf den vorzugsweise die Engländer John Hunter, Marshall Hall, Charles Bell, Graves, Stockes u.a. die Pathologie gestellt hatten; er empfahl uns diese Koryphäen der englischen Medizin neben den Franzosen Andral und Louis angelegentlich zum Studium.
Die Persönlichkeit Pfeufers war wie zum Arzte geschaffen. Er war groß und breit gebaut; schwarzes, dicht aufragendes, buschiges Haar krönte das mächtige Haupt und ließ nur unten einen schmalen Saum der hohen Stirne unbedeckt; feste Kraft, verbunden mit Güte, sprach aus seinen Zügen. – Kaulbach hat ihn in ganzer Gestalt, am Arbeitstische sitzend und sinnend in die Weite blickend, getreu dargestellt. – Seine ruhige,[143]  ernste und doch freundliche Art am Krankenbette, sein angenehmes Sprachorgan, das Geschick und die Geduld, womit er das Examen vornahm, mußte die Hilfesuchenden mit Zuversicht erfüllen. Unsicheres ängstliches Zaudern kannte er nicht.
Es ist erstaunlich, daß Pfeufer ungeachtet der Kleinheit seiner Klinik, die sich anfangs auf zwei kleine Säle mit je acht Kranken nebst zwei Dachkammern für Hautkranke beschränkte, die Schüler dauernd anzog und festhielt. Er war bei der geringen Auswahl genötigt, sehr ausführlich auf die einzelnen Fälle einzugehen, da er aber gut sprach und die wichtige Kunst verstand, auch gewöhnliche Fälle, die übrigens für den Anfänger die wertvollsten sind, interessant zu machen, so ermüdete er die Zuhörer nicht. Ganz besondere Sorgfalt verwendete er auf die Behandlung, wovon wir uns für die künftige Praxis den größten Nutzen versprachen.
Nicht minder beliebt als die Klinik waren die beiden Vorlesungen Pfeufers: über spezielle Pathologie und Therapie die eine, über Heilmittellehre die andre; diese lief damals noch ganz und gar auf Arzneimittellehre hinaus.

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Mochte unser Lehrer auch in ernster und würdigster Haltung mit uns verkehren, unter seinen Freunden war er ein heiterer, beliebter Gesellschafter. Bei öffentlichen Gelegenheiten tat er sich wiederholt als guter und geistreicher Redner hervor und verschaffte sich bald Ansehen in den liberalen Kreisen der Stadt. Man rühmte seine Zunge, sie fand wie beim Trinkspruch, so bei der Auswahl der Weine das Beste und Feinste. Uns Medizinern schärfte er als ärztliche Pflicht ein, alle unsere Sinne im Interesse unserer Klienten möglichst auszubilden und insbesondere dem Geschmackssinn sein gutes Recht nicht vorzuenthalten, selbst auf die Gefahr des Zipperleins hin. Kehre es bei uns ein, so möchten wir uns mit Sydenham, dem englischen Hippokrates, trösten: Die Gicht bevorzuge die geistreichen Leute. Diese schmeichelhafte Aussicht gefiel uns; wir hofften, einer solchen Auszeichnung mit der Zeit würdig befunden zu werden; einstweilen beneideten wir unsern Meister, wenn er zeitweise mit schmerzhaftem Großzehenballen[144]  über die spitzen Steine des Spitalhofs zur Klinik hinkte.



Die gelöste Preisfrage










[145] Die Heidelberger Universität feiert ihr Stiftungsfest jährlich am 22. November, dem Geburtstage Karl Friedrichs, ihres Wiederherstellers. Mit der Feier verbunden ist die Verkündung wissenschaftlicher, von sämtlichen Fakultäten gestellter Preisfragen für die akademische Jugend und die Verleihung der nach Karl Friedrichs Bestimmung gestifteten goldenen Medaillen an die glücklichen Preisträger des abgelaufenen Studienjahres. Unter Zuströmen zahlreicher Gäste versammelt sich die akademische Körperschaft in der Aula, der Prorektor hält die Festrede und gibt die Geschichte der Hochschule vom letzten Jahre. Die Feier schließt mit der lauten Verkündung der Namen der preisgekrönten Jünglinge und der neuen Preisfragen für das laufende Jahr.
Diese Einrichtung ist für Studenten und Dozenten gleich nützlich. Jene lockt sie über das Brotstudium hinaus zu höher gesteckten Zielen, diesen ist sie ein Gradmesser der geistigen Regsamkeit der Studentenschaft und der eigenen Kraft und Befähigung, die Jugend zur Arbeit anzuspornen. – Obwohl die Wogen des Studentenlebens hoch gingen, war das Jahr 1843/44 ein fruchtbares gewesen. Wie es gute und schlechte Getreide- oder Weinjahre gibt, so auch gute und schlechte Studienjahre. Das vergangene gehörte zu den besten der Ruperto-Carola; sämtliche Preisaufgaben der Fakultäten waren gelöst worden, die theologische sogar doppelt.
Die medizinische Fakultät hatte ihre Aufgabe der Augenheilkunde entnommen. Es war verlangt worden, »eine anatomisch-physiologische und pathologische Untersuchung der verschiedenen Farben, die unabhängig von den durchsichtigen Medien im Grunde des Auges erscheinen«.
Chelius hatte dieses Thema ausgewählt, sein Sohn Franz, der die Kliniken mit mir besuchte, fragte mich, ob ich wohl Lust trüge, es zu bearbeiten, sein Vater stelle mir seine Bibliothek zur Verfügung.[145]
Vor der Einführung des Augenspiegels glich die Diagnostik der Augenkrankheiten dem Bestimmen der Pflanzen durch einfaches Betrachten beim Botanisieren in Wald und Feld, wie ich es viel geübt hatte. In den großen Ferien hatte ich das Handbuch der Augenheilkunde von Chelius gut einstudiert und die darin beschriebenen Bilder so genau im Kopfe behalten, daß es mir in der Klinik mehrmals gelang, auch solche Fehler am Auge, die bisher noch nicht zur Beobachtung gekommen waren, zu diagnostizieren. Da mein Lehrer hieraus ersehen hatte, daß mich die Augenheilkunde besonders anzog, ließ er mich durch seinen Sohn einladen, die Preisfrage in Angriff zu nehmen. Ohne langes Besinnen war ich dazu bereit. Mein Vater hatte mir einst gesagt, ich könne ihm keine größere Freude bereiten, als wenn ich die goldene Karl-Friedrich-Medaille heimbrächte; es gelang mir vielleicht, ihn damit zu überraschen.

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Zunächst erkundigte ich mich genauer, worauf es die Preisfrage eigentlich absah. In der Hauptsache wünschte Chelius, wie ich von ihm selbst erfuhr, eine kritische Zusammenstellung der zahlreichen bestehenden Theorien über das Wesen des Glaukoms, derselben Krankheit, die Rudolf v. Freydorf um ein Auge gebracht hat. Sie erhielt ihren Namen von der blaugrünen Farbe, die der Augenstern, auch Pupille genannt, statt des normalen Schwarz bei ihr annimmt. Glaukos bedeutet im Griechischen blaugrün; diese auffallende Farbenänderung galt für das wesentliche Kennzeichen der Krankheit, heute erachtet man andere Symptome für noch wichtiger und beständiger als die grünliche Färbung.
Eifrig machte ich mich an die Literatur meines Themas. Sie war groß, und ich mußte sie aus den Bibliotheken der Universität und meiner Lehrer Chelius und Tiedemann zusammentragen. Es war mir ein großer Genuß, die Wissenschaft vom gesunden und kranken Auge durch ihr weites Quellengebiet zu verfolgen. Dabei merkte ich bald, daß die Frage nach der abnormen grünen Farbe des Augensterns von der Vorfrage abhängt, warum der normale Augenstern schwarz erscheint? Diese Vorfrage läuft darauf hinaus: Warum sieht man hinter den durchsichtigen Gebilden des Auges, hinter[146]  der Hornhaut, dem Augenwasser, der Kristallinse und dem Glaskörper, nicht die völlig undurchsichtigen Gefäße der Sehhaut und die Eintrittsstelle des Sehnervs? Man kann sie sofort sichtbar machen, wenn man, wie im vorigen Jahrhundert Mery beobachtet hat, ein ausgeschnittenes Auge, etwa ein Kalbsauge, unter Wasser betrachtet. Dieser Versuch beweist, daß dioptrische Einrichtungen der Erscheinung zugrunde liegen. Soviel wurde mir klar, mehr leider nicht.
Die Frage: warum ist die Pupille schwarz, erscheint so nahe zu liegen, daß man meinen sollte, sie müsse sich der Forschung früh schon aufgedrängt haben. Zu meiner Überraschung fand ich sie nirgends aufgestellt. Die schwarze Farbe der Pupille erschien so selbstverständlich, daß sogar der Versuch von Mery unbeachtet geblieben war. – Es wiederholte sich eine allgemeine Erfahrung. Der Mensch fragt eher nach dem Grunde der fernsten und der letzten Dinge als nach der Ursache der nächsten. Die Erschaffung und der Untergang der Welt beschäftigten die Menschheit jahrtausendelang, und Kosmogonien wurden ersonnen und der Jüngste Tag beschrieben, ehe sie die Fragen aufwarf, warum der Apfel zur Erde fällt und der Pendel schwingt.
Erst wenn solche, anscheinend einfache Fragen über den Grund »selbstverständlicher« Dinge aufgestellt werden, erkennt man bei ernstlicher Prüfung ihre schwierige und verwickelte Natur. Es gilt, sie in ihre Teile zu zerlegen und zu ermitteln, wie das Ganze aus ihnen entsteht. Dabei kann es geschehen, daß alle Punkte bis auf einen einzigen klargelegt werden, und dieser einzige ist gerade der Angelpunkt. Bleibt er dunkel, so ist alle auf die Forschung verwandte Arbeit vergeblich. – So ist es mir ergangen.


Donders, der berühmte Physiologe in Utrecht, dem die gesamte Wissenschaft vom Auge soviel verdankt, veranlaßte seinen Schüler van Tright, die Geschichte des Augenspiegels bis zum Jahre 1854 zu schreiben; Dr. Schauenburg hat die Schrift ins Deutsche übersetzt. Sie erkennt mir ein doppeltes Verdienst zu. Ich hätte, erzählt sie, als der erste die Frage aufgeworfen und richtig formuliert, warum das innere Auge[147]  dunkel erscheine, und ich hätte gleichfalls zuerst mich bemüht, aus Merys Versuchen Nutzen für die Praxis zu ziehen. In der Tat machte ich den ersten Versuch, einen Augenspiegel zu konstruieren. Es gereicht mir noch heute zur größten Freude, als Student zuerst die Bedeutung eines Problems erkannt zu haben, das freilich nur das Genie eines Helmholtz zu lösen vermochte. Ich gab meine Abhandlung vor meinem Abgang von der Universität an Ostern 1845 heraus. Sie führt den Titel: »Die Farbenerscheinung im Grunde des menschlichen Auges. Heidelberg, Karl Groos«, 1845. Ich beschrieb darin den Augenspiegel, den ich konstruiert hatte, und sagte den Nutzen vorher, den es haben müsse, wenn es gelänge, den Augengrund sichtbar zu machen.
Mit meinem Augenspiegel erging es mir, wie dem bekannten spanischen Edelmann mit seiner Stute. Es war die beste in dem Reiche Karls V., worin die Sonne niemals unterging. Das herrliche Tier hatte nur einen Fehler, man konnte auf ihm nicht reiten, es war tot. Mein Augenspiegel war der beste der Welt, denn es gab nur einen, den meinigen, aber er hatte den Fehler, man konnte damit nicht sehen.
Die Fakultät erteilte mir den Preis. Nach damaligem Brauche wurden die Preisträger zum Festmahl der Universität geladen und von ihren Fakultätsdekanen bewirtet. Ich saß zur Rechten Tiedemanns; er war liebreich gegen mich, wie ein Vater, mein eigener konnte kaum zärtlicher sein.
Das Urteil der Fakultät war lateinisch abgefaßt. Auch meine Abhandlung hatte ich in lateinischer Sprache vorlegen müssen, doch legte ich der lateinischen Übersetzung die deutsche Urschrift in einem besondern Hefte bei. Der Fürwitz trieb mich, an dem lateinischen Hefte – es hatte Schreibbogenformat, wie auch das deutsche – einige Blätter an den Ecken, je zwei zusammen, einzubiegen; ich wollte sehen, ob das lateinische gelesen würde, wie ohne Zweifel das deutsche. Als ich beide zurückerhielt, waren die lateinischen Blätter noch immer fest an den Ecken verbunden, die deutschen gelöst.
Die Fakultät überschüttete meine Abhandlung mit Lob. Nach ihrem einstimmigen Urteil sollte ich die Frage mit solchem[148]  Aufwand von Gelehrsamkeit, Scharfsinn und Versuchen bearbeitet haben, daß fast jeder Punkt erschöpfend behandelt worden sei; ich wußte es besser als die Fakultät: gerade an dem Angelpunkte war ich gescheitert. Der Schlüssel des Geheimnisses steckte in der Optik, meine Kenntnisse reichten nicht aus; ich ging zu Professor Jolly, dem Physiker, ob er mir nicht helfen könne. Er fragte mich, ob denn die Sache so wichtig wäre. So wichtig, erwiderte ich, daß die Erfindung des Instrumentes, das mich beschäftigt, eine neue Augenheilkunde schaffen würde. Ich verstand nicht, ihm die Sache deutlich zu machen. Er riet mir, polarisiertes Licht zu versuchen. Was sollte mir das helfen? Ich ließ die Versuche liegen, denn das Examen stand vor der Tür.

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Einst klagte ich Helmholtz, wie es mir ergangen sei. Er tröstete mich. Brücke, der berühmte Physiologe, dem seine Versuche über das Augenleuchten die praktische Bedeutung dieser Frage so nahegelegt hatten, wäre daran vorbeigegangen, und der geniale Gräfe hätte sich mit dem Problem des Augenspiegels vergebens beschäftigt. – Eins hatte ich doch erreicht, meinem Vater hatte ich einige glückliche Stunden bereitet.



Poliklinische Lehrzeit










[149] Nachdem ich ein Jahr lang klinischer Praktikant gewesen, rückte ich zum poliklinischen vor und erhielt als solcher das Stadtviertel am Schloßberg zugeteilt. – Wie schon erwähnt, stand die Poliklinik unter Puchelts Leitung, aber die poliklinischen Praktikanten durften innerhalb weiter Grenzen selbständig handeln; in schwierigen Fällen berief man einen der älteren Praktikanten oder den Assistenzarzt Dr. Höfle. Unerschrocken kurierten wir darauflos, bange Zweifel und Sorgen störten unsere Nachtruhe nicht; je unerfahrener der Anfänger, desto weniger fürchtet er die Schlingen und Fallen, die dem Arzte allenthalben gelegt sind. – »Als ich jung war«, seufzte Peter Frank, einer der erfahrensten Ärzte aller Zeiten, »fürchteten die Kranken mich, jetzt, da ich grau geworden bin, fürchte ich die Kranken.«[149]
An einem schönen Dezembertag 1843 war mein Vater nach Heidelberg gekommen und wollte die Aussicht vom Schlosse genießen. Wir stiegen den alten Fahrweg hinauf – der neue wurde erst 30 Jahre später angelegt –, und mit Selbstgefühl wies ich auf die Hütten und Häuser rechts und links. »Seit kurzem«, erzählte ich ihm, »besorge ich die Kranken dieses Stadtviertels als wohlbestallter Poliklinikus. Frei nach Schiller darf ich singen:

›Dies alles ist mir untertänig,
Ich ordiniere hier nicht wenig,
Gestehe, daß ich glücklich bin!‹«

»Du ordinierst hoffentlich nicht allein.« – »Ganz allein«, erwiderte ich stolz. – »Und du fürchtest dich nicht?« – »Vor wem sollte ich mich fürchten? Kein Mensch tut mir etwas.« – »Aber du den Menschen. O Gott, deine armen Kranken!« – Ärgerlich rief ich aus: »Drei Wochen schon bin ich der Bergarzt, und es ist mir noch niemand gestorben.« – »Das wird schon kommen«, warnte er.
Mein Ruf verbreitete sich rasch. Nach einigen Wochen drang er schon über die Neckarbrücke. Ein Bote kam von Neuenheim; »Der Herr Doktor möchten recht bald den alten Jakob besuchen.« – Wie mir dies wohltat. Der höfliche Pfälzer würdigte mich des Doktortitels und des Pluralis majestatis. Ich versprach zu kommen. Zwar hatten die Neuenheimer keinen Anspruch auf meine poliklinische Behandlung, aber mit dem alten Jakob mußte ich eine Ausnahme machen. War er doch einst in besseren Zeiten der Kneipwirt der Curonia gewesen, des Korps der Kurländer, als er noch die Schenke zum Steinbruch an der Neuenheimer Landstraße besessen hatte. Das Korps und die Schenke waren eingegangen, der Alte bewohnte jetzt ein Häuschen an der Ziegelhäuser Landstraße.
Ich fand den Jakob im Bette und stellte die Diagnose »Pneumonia notha«, zu deutsch, »unechte Lungenentzündung«. – Die Bezeichnung ist nicht mehr gebräuchlich, weil sie lächerlich ist; mit demselben Rechte könnte man eine Stecknadel eine unechte Nähnadel nennen; wir bezeichnen die Krankheit[150]  heute als »Bronchitis capillaris acuta« und verstehen darunter eine Entzündung der feinsten Bronchien oder Luftröhrenäste; sie ist ein gefährliches Ding, besonders für alte Leute mit abgenützten Lungen. Es stand schlimm um den Alten, aber ich vertraute auf Hufelands »Enchiridion medicum, das Vermächtnis 50jähriger Erfahrung« eines großen Meisters, das benützteste Handbuch der Heilkunde jener Zeit. Zur Vorbereitung auf die poliklinische Praxis hatte ich es in den Ferien durchstudiert. Darin standen in Reih und Glied die Krankheiten mit ihrem Signalement und dahinter gute Rezepte, sie zu kurieren. Ich verordnete dem Alten Senega und Goldschwefel, verhieß ihm Genesung und tat noch ein übriges zu Hause, indem ich den »kleinen Sobernheim« zu Rate zog, das beliebteste Handbuch der Arzneimittellehre bei uns Klinizisten.

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Bei einem zweiten Besuche tags darauf lobte Jakob meine Mittel, doch weniger sein Befinden. Er bat um kräftigere Arzneien zur Stärkung seiner Lebensgeister. Ich gab ihm China, Kampfer und Benzoe und riet zu altem Wein, der besten Arznei für alte Schenkwirte. Diesmal konnte es nicht fehlen, hatte ich ihm doch die besten Tonica, Excitantia und Expectorantia ausgesucht.
Leider befiel mich in der Nacht eine heftige Mandelentzündung, die mich einige Tage an Bett und Haus fesselte. Da ich keine Nachrichten mehr aus Neuenheim erhalten hatte, mußte mein Kranker genesen sein. Mein erster Gang galt ihm. Ich betrat das Häuschen und das Zimmer, worin er gelegen hatte. Sein Bett war leer. Eine Frau in tiefer Trauer begrüßte mich: »Herr Doktor, Sie suchen den Jakob. Er ist bald nach Ihrem letzten Besuche, mitten in der Nacht, aus diesem irdischen Leben geschieden. Gestern haben wir ihn beerdigt. Ihre Arzneien haben ihm bis zur letzten Stunde gutgetan.«
Was hatte mein Vater gesagt? »Es wird schon kommen!« – Mein erster Patient hatte das Zeitliche gesegnet.
Betrübt wandelte ich über die Brücke nach Hause. Zum Glück tröstet die Jugend sich rasch. Mir fiel eine Geschichte ein, die sich nach meines Freundes Karl Wieland Erzählung in der Schlierbacher Poliklinik zugetragen hatte, sie war weit[151]  ärgerlicher für den Praktikanten als die meinige. Der Praktikant in Schlierbach, ein medizinischer Bramarbas, eilte eines Tages mit wichtiger Miene durch das Karlstor zu seinen Kranken, da wurde er durch einen Leichenzug aufgehalten; zwei Särge kamen hintereinander mit Geistlichen und Leidtragenden. Er stellte an den Letzten im Zuge die Frage, was das bedeute? – »Ei, Herr Doktor, das sind ja die beiden Patienten, die Sie behandelt haben.« – Wütend entgegnete er: »Ei was? Ich habe ja drei behandelt!«



Die Vorbereitung zur Prüfung










[153] Trüb gestimmt hielt ich an Ostern 1845 mein Abgangszeugnis von der Universität in der Hand, die schönen Tage in Heidelberg waren zu Ende, ich war Philister und mußte nach Wiesloch ziehen. Mein Vater wollte nicht länger einsam seine alten Tage an den Ufern der Leimbach vertrauern und ließ die Familie zu ihm zurückkehren.
Mein erster Gang in dem Städtchen galt meinem Freunde Bronner, auch er war als Prüfungskandidat zu den heimatlichen Penaten heimgekehrt. Wir besprachen unsere Lage ernstlich und gestanden uns aufrichtig, daß wir viele kostbare Zeit mit Kommersieren und Reformieren vergeudet hatten, unser Wissen war eitel Stückwerk und voller Löcher zum Durchfallen. Leider half uns die Reue zu nichts; statt Buße zu tun in Sack und Asche, war es klüger, uns ruhig unter den Büchern einzuspinnen und das Versäumte nachzuholen. Wir nahmen den Kalender und berechneten genau, wieviele Tage oder Wochen wir für jedes einzelne Prüfungsfach und für alle zusammen zum Einstudieren nötig hätten; es ergab sich das unerwartete Fazit eines ganzen Jahres, falls wir mit vollen Ehren bestehen wollten, denn die Zahl der vorgeschriebenen Fächer aus den Naturwissenschaften und der eigentlichen Medizin war Legion. Wir ließen uns jedoch nicht entmutigen und führten unser Vorhaben mit festem Beharren durch.
Da unsere elterlichen Wohnungen äußerst unruhig waren, bezogen wir stille Zimmer in einem Hause am Südende der Stadt mit dem Blick ins Freie. Hier studierten wir jeder für[153]  sich das Pensum nach dem festgesetzten Plane, machten uns bündige Auszüge zum Memorieren und hörten uns das Gelernte täglich ab; auch repetierten wir in größeren Zwischenräumen das Wichtigste. – Diese Methode der Vorbereitung auf strenge Examina darf aufs beste empfohlen werden; nach Ablauf des Jahres konnten wir mit größter Gemütsruhe es wagen, in Karlsruhe vor dem Teufel selbst zu paradieren – sein voller Name und Titel war Sigmund Teuffel, Großherzoglich Badischer Geheimer Rat, Direktor der Sanitätskommission, die dem Ministerium des Innern als oberste Sanitätsbehörde des Großherzogtums beigegeben war, und Vorstand der medizinischen Prüfungskommission.
Das Examensschifflein, das uns in den sicheren Hafen der ärztlichen Praxis tragen sollte, war mit vielem, nach der glücklichen Landung alsbald unnützem Ballaste beladen. Es ist noch heute so, und ganz wird es sich niemals vermeiden lassen. Ist man in eigener Person einst mit all dem vorgeschriebenen Wissen glücklich durch die Klippen der alten Staatsprüfung gesegelt, so begreift man, warum Genies wie Skoda und Dieffenbach nach zuverlässigen Versicherungen an den Felsen gescheitert sind. Sie hatten den toten und an sich wertlosen Ballast verachtet und litten, zu leicht beladen, deshalb Schiffbruch. – Kleineren Geistern, die das gleiche Los traf, war das Mißgeschick der Genies Balsam für ihre Wunde, ja fast mit Stolz wiesen sie auf ihre berühmten Schicksalsgenossen.



Der ärztliche Lizenzschein und das Doktordiplom










[154] Die oberste Sanitätsbehörde des Großherzogtums Baden war zugleich die ärztliche Prüfungsbehörde und hielt in Karlsruhe die Staatsprüfung ab, von deren Ausfall die »Lizenz« oder, wie heute die amtliche Bezeichnung lautet, die »Approbation« zur Ausübung der Heilkunst im badischen Lande abhing.
Nur der staatliche Lizenzschein berechtigte zur Praxis, das Doktordiplom der Universitäten, auch der Fakultäten des eigenen Landes, gewährte das Recht nicht dazu. Die Promotion[154]  verlieh dem Mediziner nur den Schmuck des Doktortitels, mit dem das Publikum freigebigst auch die Heilgehilfen, bis zum Barbier herab, bedachte. Nur diejenigen, die sich an den Universitäten dem Lehrfach widmen wollten, waren genötigt, zu promovieren. Obwohl der Lizenzschein schwieriger zu erwerben war als das Doktordiplom, so beschränkte sich seine Bedeutung doch einzig auf die engen Grenzen des badischen Landes, im Auslande war er wertlos. Dort galt nur das Doktordiplom, namentlich gereichte das Heidelberger auch in fernen Weltteilen seinen Besitzern zu besonderer Empfehlung. – Die alten Herren der Fakultät waren auf das Karlsruher Staatsexamen nicht gut zu sprechen, und ich selbst hörte Tiedemann sagen: »Das Heidelberger Doktordiplom wird allenthalben respektiert, nur nicht in der Türkei und im Großherzogtum Baden!«
Die Mehrzahl der badischen Ärzte begnügte sich mit dem staatlichen Lizenzschein, sie verzichteten auf das Diplom der Fakultät, nicht weil sie es gering schätzten, sondern der Kosten halber. Das medizinische Studium war von allen das kostspieligste, das Staatsexamen verursachte einen weiteren Aufwand durch den mehrwöchigen Aufenthalt in Karlsruhe und die Erlegung der Prüfungstaxe; sie betrug 114 fl. 30 Kr. Auch mußte nach der Prüfung der junge Arzt sich zahlreiche teure Instrumente anschaffen, und viele gingen zu ihrer weiteren Ausbildung noch an größere Hospitäler.
Auch ich unterließ es, zu promovieren, obwohl mein väterlicher Freund Naegele mir dringend dazu geraten hatte. Das Heidelberger Diplom sei in den fernsten Ländern angesehen, wo nicht einmal der Name des Großherzogtums Baden bekannt sei; ich könnte nicht voraussehen, welches Los mir die Zukunft bringe. Leider mußte ich ihm erklären, daß ich meinem Vater nach den großen Opfern, die er mir bereits gebracht hätte, keine weiteren zumuten dürfe. Er kam von da an nicht mehr auf die Sache zu sprechen. Nachdem ich aber die Preisfrage mit Auszeichnung gelöst hatte, stellte er, ohne mir vorher ein Wort davon zu sagen, in einer Sitzung der Fakultät den An trag, sie möge mich auf Grund meiner Abhandlung[155]  gratis zum Examen pro gradu zulassen. Gegen Erwarten drang er nicht durch. Eine Minderheit war dagegen; darunter befand sich Henle, der seine radikale Seite herauskehrte und das Doktordiplom für einen alten Zopf erklärte, den man den jungen Leuten nicht ohne Not anheften solle.

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Diese, nahe an Verachtung streifende Geringschätzung der Promotion hatte Naegele arg verdrossen. Er sah in dem Heidelberger Doktortitel eine besondere Auszeichnung. Die Fakultät hatte bei den Promotionen auf gute Dissertationen strenge geachtet, denn darin beruhte zum großen Teil das Ansehen, worin die Graduierten der Heidelberger Fakultät standen. Namentlich hielt Naegele seine Schüler zu guten Dissertationen an, und viele dieser Abhandlungen werden noch heute zitiert und geschätzt. Tief gekränkt verriet mir mein Gönner den Vorgang, den er hätte verschweigen sollen. – Henle mag für seine Ablehnung gute Gründe gehabt haben, mit dem Grund aber, den er vorbrachte, kann es ihm nicht ernst gewesen sein, denn er hat noch 40 Jahre lang in Heidelberg und Göttingen Doktorzöpfe angeheftet.



Die badische Staatsprüfung










[156] Die alte badische Prüfungsordnung, wonach wir uns 1846 richten mußten, kannte noch keine besondere Vorprüfung in Anatomie, Physiologie und Naturwissenschaften, wie sie heute im Deutschen Reiche besteht, seit die norddeutsche Prüfungsordnung 1873 für das ganze Reich eingeführt worden ist. Jedoch muß ich bemerken, daß die badische Sanitätskommission schon im Juni 1858 die alte Ordnung revidiert und eine besondere Vorprüfung für die genannten Fächer eingerichtet hatte. Für diese zog sie die Professoren der badischen Hochschulen bei, nur in den eigentlich medizinischen behielt sie sich auch ferner die Prüfung vor.
Nach der alten Einrichtung zerfiel die Staatsprüfung in drei aufeinanderfolgende Abschnitte: einen ersten für die innere Medizin mit Einschluß der Anatomie, Physiologie und Naturwissenschaften, einen zweiten für die Chirurgie und Augenheilkunde,[156]  einen dritten für die Geburtshilfe. Es war den Kandidaten gestattet, jeden dieser Abschnitte für sich zu erledigen, und demgemäß erteilte ihnen der staatliche »Lizenzschein« das Recht, in jedem der drei Fächer gesondert im badischen Lande die Heilkunst auszuüben, als innerer Arzt, Wund- und Hebarzt. Es gab Ärzte, die nur als innere oder nur als Chirurgen, ja sogar nur als Geburtshelfer praktizieren durften. In Freiburg lebte z.B. ein geschätzter Hebarzt, der mit mir die geburtshilfliche Staatsprüfung absolviert hatte und nie eine andere machte, er war sozusagen eine männliche Hebamme. – Spezialisten im heutigen Sinne, Augen-und Ohrenärzte, Nasen- und Kehlkopfärzte, gab es nicht.
Es wurden jährlich zwei Prüfungstermine ausgeschrieben, der eine im Frühjahr, der andere im Herbst. Die Prüfung war ganz überwiegend schriftlich, nur am Ende jedes Abschnittes kam eine kurze mündliche in einigen Abendstunden hinzu. Da sie im ganzen mit den An- und Abmeldungen bei den Herren Examinatoren gegen vier Wochen in Anspruch nahm, war sie des vielen und langen Sitzens wegen sehr angreifend, wir folgten deshalb dem Beispiel der Mehrzahl und absolvierten im Frühjahr die Medizin, die anstrengendste von den dreien, im gleichen Termine die Geburtshilfe und erst im Herbste die Chirurgie. – Den Mai und den Sommer verbrachten wir in Heidelberg, wo Bronner bei Naegele als Assistent eintrat und ich im Laufe des Semesters an Pfeufers Klinik Assistent wurde. – Ich trieb hauptsächlich chirurgische Studien und besuchte regelmäßig die Klinik von Chelius, wo sein Sohn Franz, heimgekehrt von längeren Reisen im Ausland, viel und glänzend operierte.
An Ostern 1846 hatte die badische Prüfungsbehörde eine wichtige Änderung des bisherigen Verfahrens ins Werk gesetzt; zum erstenmal wurden die Kandidaten zu einer, allerdings sehr unvollkommenen, klinischen Prüfung in Medizin und Chirurgie an das Krankenbett geführt. Sie geschah im städtischen Hospital durch den sehr geschätzten Doktor Molitor, der uns gnädig behandelte; sie nahm für den einzelnen Kandidaten kaum eine halbe Stunde in Anspruch. Dazu wurde die[157]  Morgenstunde von 8–9 verwendet, vor dem Beginn der schriftlichen Prüfung, die im medizinischen Abschnitt fast den ganzen übrigen Tag, mit Ausnahme der Mittagsstunden von 12–2, bis abends 8 Uhr währte. In diesem nahezu 2 Wochen dauernden Abschnitt allein wurden nicht weniger als 35 Aufgaben zur schriftlichen Bearbeitung gestellt, für die meisten wurde zwei Stunden Arbeitszeit gewährt. – In der chirurgischen Prüfung und mehr noch in der geburtshilflichen, die nur 5 Tage erforderte, minderten sich die Ansprüche der Kommission an das Sitzfleisch der Kandidaten beträchtlich. – Die schriftlichen Prüfungen wurden in einem Saale des Lyzeums unter der wechselnden Aufsicht der Kommissäre vorgenommen, wir saßen jeder an einem besonderen Schreibtisch, behandelten alle stets dasselbe Pensum und schrieben darauflos, daß uns die Nägel brannten. Mein Freund Bronner wurde eines Abends von dem vielen Schreiben so nervös, daß er plötzlich aufbrach, die angefangene leichte anatomische Aufgabe – Beschreibung des Magens – liegenließ und davonging mit der Versicherung, er werde in diese Torturschreibanstalt nicht mehr zurückkehren. Ein Gang in freier Luft brachte ihn wieder in Ordnung.

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Ein heiterer Vorfall in jenem Examen belehrt über den Wert solcher fast ausschließlich schriftlichen Prüfungen.
Examinator in Botanik war der Professor dieses Fachs am Karlsruher Polytechnikum, der berühmte nachmalige Berliner Professor Alexander Braun, der einzige Nichtmediziner, den die Prüfungskommission aufgenommen hatte, nachdem der Arzt und Naturforscher Christian Gmelin, Brauns Lehrer und Verfasser einer großen Flora badensis-alsatica, 1837 aus der Sanitätskommission und dem Leben zugleich geschieden war. – Auf botanische Kenntnisse legte die alte Prüfungsordnung großen Wert. Es wurde nicht nur die Beantwortung von drei schriftlichen Fragen aus diesem Gebiete verlangt, der Examinator mußte auch in der mündlichen Schlußprüfung dem Kandidaten den Puls fühlen. Diese Prüfung wurde in dem Sitzungszimmer der Sanitätskommission im Ministerium des Innern vor der Gesamtheit der Examinatoren abgehalten. Es[158]  wurden hier lebende Pflanzen, Mineralien, Drogen, chemische Präparate, anatomische Bilder und wichtige Instrumente vorgelegt und Fragen daran geknüpft.
Eine der drei schriftlichen botanischen Aufgaben hatte eine Beschreibung der Pflanzenfamilie der Kreuzblütler oder Kruziferen verlangt mit Aufzählung der Arznei- und Küchengewächse, die ihr in großer Zahl angehören. Am Tage, bevor sie uns zur Bearbeitung übergeben wurde, war sie durch Zufall zu unserer Kenntnis gekommen. Es war nun ganz erstaunlich, wie die sämtlichen Kandidaten über Nacht die gewiegtesten Kruziferenkenner wurden und ausgezeichnete Abhandlungen über diese nützliche Pflanzenfamilie lieferten.
Einer der Kandidaten war badischer Untertan, sein Vater aber lebte in Leipzig, deshalb war der Sohn dort aufgewachsen und ein Schüler der Leipziger Universität geworden. Er wollte jedoch in Baden die Heilkunst ausüben und machte deshalb seine Prüfung in Karlsruhe; seine medizinischen Kenntnisse waren gut, er ist ein beschäftigter Arzt geworden, in der Botanik aber war er ein greulicher Stümper. – Wir gingen zusammen in die mündliche Schlußprüfung des medizinischen Abschnitts, und er verhehlte mir unterwegs seine Besorgnisse nicht. »Es tut mir leid um unsern Examinator, den Professor Braun«, sagte er mir vertraulich, »er soll ein liebenswürdiger Herr sein; ich habe ihm sicherlich durch meine gediegene Arbeit über die Kruziferen viele Freude bereitet, aber ich fürchte, ihn heute zu betrüben, denn aus dieser interessanten Familie kenne ich – aufrichtig sei es gestanden – nur zwei, von mir sehr geschätzte Kräuter: den Blumenkohl und das Sauerkraut.« – Er sah mich dabei wehmütig an, und vergeblich suchte ich ihn zu trösten.
Etwas gespannt harrte ich auf den Augenblick, wo Braun unsern Kollegen einlud, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Mit freundlicher Miene überreichte er ihm einen prächtigen Stock blühenden Löwenzahns mit Wurzeln und Blättern, Linnés Leontodon Taraxacum. Unter dem Namen »wilde Zichorie«, im Elsaß als »Pisse-en-lit«, kommen ihre gelben Schosse im Frühjahr auf den Markt und dienen zu einem gesunden Salat oder[159]  Gemüse. Unser Freund erkannte das Kraut sofort und rief auf die Frage, wie es heiße, vergnügt: »Es ist Salat!« – Braun lachte: »Ei, das ist nicht übel! Gewiß kennen Sie auch die Pflanze, die ich Ihnen jetzt einhändige.« – Es war eine fußhoch aufgeschossene blühende Staude der Fedia olitaria, die mit den ersten Strahlen der Frühlingssonne wie ein grünes Röschen auf den Ackerfeldern zutage kommt und von den Alemannen poetisch »Sonnenwirbele«, von den Köchinnen prosaisch Feldsalat genannt wird. – Der Kandidat gab sie nach kurzem Betrachten an Braun mit den Worten zurück: »Dieses Kraut ist mir unbekannt!« – »Aber Herr Kandidat«, meinte Braun, »als guter Salatkenner sollten Sie doch auch den Feldsalat kennen!« – »Herr Professor«, entgegnete jener gekränkt, »dieses Kraut essen wir in Leipzig nicht.«


Ich muß den Herren Examinatoren nachrühmen, daß sie alle, bis auf zwei, geschickt und mit guter Auswahl die Fragen prüften, weder zu scharf, noch zu oberflächlich. Dieses Lob verdiente auch der so gefürchtete Teuffel. Er prüfte in der Arzneimittellehre, die sich gerade auf den physiologischen Boden zu stellen begann. Ich hatte mir für das Staatsexamen das Handbuch der Heilmittellehre des skeptischen Oesterlen, das ein Jahr vorher in erster Auflage erschienen war, zum Studium erwählt und eingeprägt. Teuffel prüfte mich eingehend nach wohlerwogenem Plan über die schweißtreibenden Heilmittel; ich zählte sie sämtlich mit Einschluß des Aderlasses, der Brechmittel usw. vollzählig auf, so viele ihrer eben damals bekannt waren – es waren lange nicht so viele, als es heute gibt –, vergaß auch zum Schlusse die Linden – und Holderblüten nicht. Er nickte zufrieden und wollte nur noch wissen, welche von diesen Blüten am stärksten Schweiß treibe. Da juckte es mich unwiderstehlich, den Teufel zu necken, und ich meinte, sie wirkten im Aufguß mit gleicher Stärke, wenn sie gleich heiß getrunken würden. Mit väterlicher Miene wies er mich zurecht, meine Vermutung widerspreche seiner langen Erfahrung, die flores sambuci überträfen die flores tiliae bei weitem an diaphoretischer Kraft.[160]
Der Medizinalrat W.L. Kölreuter, in früheren Jahren als Balneologe angesehen, nunmehr aber veraltet und überdies fast taub, prüfte noch immer in Chemie und Pharmakognosie. Er legte einem Kandidaten im mündlichen Examen eine kristallinische kleine Stange von Cyanquecksilber zum Bestimmen vor und ließ den verlegenen jungen Mann so lange an dem heftigen Gifte mit der Zunge prüfen, daß die Kommission in Aufregung geriet und endlich einer der Herren dem gefährdeten Kandidaten zurief: »Hören Sie doch auf zu lecken, es ist ja Cyanquecksilber!« – Erfreut rief dieser nun Kölreuter ins Ohr: »Es ist Cyanquecksilber!« womit der Examinator sich befriedigt erklärte.



Die Verlobung










[161] Sobald ich im Besitze des ärztlichen Lizenzscheines war, hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als mich zu verloben. Ich will den sonnigsten Lenztag meines zur Neige gehenden Lebens beschreiben und süßen Trank aus dem bitteren Kelche der Erinnerung schlürfen.
Unverdrossen hatten mein Freund und ich durch den ganzen Sommer 1845 unser tägliches Pensum studiert, der Herbst war gekommen, die Rebhügel schmückten sich mit buntfarbigem Laub, und dazwischen leuchteten die goldenen und schwarzblauen Trauben hervor. Mit einemmal ließ der Fleiß des Freundes nach, er lief schon vormittags aus der Klause und kam erst abends zurück. Unwillig mahnte ich ihn an unser Gelöbnis beharrlicher Treue, die wir den Büchern geschworen, aber er lachte, unsere letzten Studien über die Skelette der Wirbeltiere hätten ihm eine kleine Erholung dringend nötig gemacht. Glücklicherweise habe seine Schwester – sie war ein hübsches Kind von 16 Jahren – Besuch von drei Pensionsfreundinnen, in deren munterer Gesellschaft er sich bereits besser fühle. Ich möge darum Nachsicht üben, schon in den nächsten Tagen flögen die reizenden Vögelchen davon, er verspreche dann durch verdoppelten Fleiß das Versäumte einzuholen.
Trotz meines Kopfschüttelns eilte er fort, kam jedoch gegen Abend früher als in den letzten Tagen zurück, um mich zu[161]  einem Spaziergang aufzufordern. Wir gingen ein halbes Stündchen und kamen auf dem Rückweg an einem Rebgarten seines Vaters vorbei. Hier machte er halt und lud mich ein, in dem Garten die Trauben zu kosten. Arglos folgte ich ihm und traf da seine Schwester im Kreise ihrer Freundinnen. Sie schnitten Trauben und unterhielten sich dabei, wie es im Rebherbst Brauch ist, mit Feuerwerk. Eine allerliebste Kleine ließ gerade ein Sprühteufelchen auffliegen. Das Feuer und der Knall ängstigten sie nicht, und die Tapferkeit stand ihr ungemein anmutig. Die Rakete zündete; kaum war sie aufgeflogen, stand ich in Flammen.
Wir gingen nach dem Städtchen zurück, und angelangt an der Apotheke, lud mich Eduards Schwester ein, das Abendbrot mit der Gesellschaft zu teilen. Ich folgte willig. Man speiste und scherzte, ich war stille. Ein seltsames Fieber hatte mich befallen, von dem ich weder bei Puchelt noch bei Pfeufer gehört, es nahm mir die Eßlust, ich brachte nur wenige Bissen über die Lippen. – Heiße Liebe kann nicht schmausen. Wer sich in Klagen ergeht, daß ihn das Sehnen und Grämen um die Dame seines Herzens verzehre, und die Teller dabei wie ein Drescher leert, belügt sich selbst oder will die andern täuschen.
Erst in später Stunde ging ich in meine Wohnung zurück. Der Schlaf, der mir sonst ein treuer Freund war, floh mich heute. Unruhig warf ich mich auf meinem Lager hin und her. Sprühteufelchen blitzten durch das dunkle Zimmer, und das liebliche Gesicht der Feuerwerkerin tauchte vor mir auf und nieder. Erst gegen Morgen schlief ich ein.

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Erwacht litt es mich nicht zu Hause, es zog mich unwiderstehlich zur Apotheke. Es war, als ob mir am Abend zuvor der Provisor einen Zaubertrank heimlich unter den Wein gemischt hätte. Mit Schrecken sah ich vor der Steintreppe des Hauses einen Omnibus halten, der den Bahndienst besorgte. Es war ein gefürchtetes Fuhrwerk, das die Reisenden wohlgerüttelt an den Bahnhof brachte, der eine halbe Stunde vor der Stadt liegt, und es ging die Sage, daß dieser Wagen am Jüngsten Tage die hartgesottensten Sünder Wieslochs weich und bußfertig vor den Weltrichter bringen müsse. – Mir ahnte Schlimmes. Sollte[162]  der Wagen im Begriff sein, die hübsche Kleine zu entführen? Leiter täuschte ich mich nicht. Soeben kam sie mit ihren Freundinnen Abschied nehmend aus dem Hause und stieg die Treppe herab. Der steife Postknecht Hannadel (Hans Adam), der steifste der ganzen Pfalz, trieb zur Eile. Sie stieg ein, und wollte auch ich einen Druck der zierlichen Hand haben, so mußte ich ohne Säumen mit einsteigen. Nun mochte es holpern und rumpeln, rütteln und schütteln, glückselig fuhr ich mit an den Bahnhof.
Das Ziel war rasch erreicht, aber auch hier tat Eile not und war es unmöglich, Abschied zu nehmen. Der Zug war im Begriffe abzufahren, die Billette konnten kaum hurtig genug gelöst werden. Die Fahrt ging bis zur nächsten Station, bis Langenbrücken. Hier mußte die Kleine aussteigen und im Postwagen die Fahrt fortsetzen nach dem Städtchen Sinsheim, von wo sie erst nach Hause, dem Dörfchen Treschklingen an der württembergischen Grenze bei Heilbronn, abgeholt werden sollte.
In Langenbrücken stand der Wagen, ein guter Omnibus mit einer vorderen Abteilung für zwei Personen, bereit. Mit raschem Blick übersah ich die Lage. Auch hier fehlte Zeit, um Abschied zu nehmen, ich mußte schleunigst den einen der Vorderplätze dem lieben Kinde sichern, den andern mir, und mit nach Sinsheim reisen. Gedacht, getan! Nun saßen wir allein beisammen, so meinten wir, aber unsichtbar war mit uns ein dritter Fahrgast eingestiegen, ein kleiner Hexenmeister mit Flügeln, Bogen und Köcher, er wob geschickt ein unsichtbares Band um uns, ein Band, so fest, daß es keine irdische Gewalt mehr zu lösen vermochte.
Unterwegs bei einem Halt redete der Schaffner meine Gefährtin als meine Frau an, er hielt uns für ein junges Ehepaar; sie errötete, mir wurde es wunderbar zumute im heißen Vorgefühle unsäglichen künftigen Glücks.
Ehe wir uns versahen, waren wir in Sinsheim angelangt, es mußte geschieden sein! Der Landauer stand bereit, der Luise Amande zu ihren Eltern heimholte – nie traf der Name »Amanda«, die Liebenswürdige, besser zu. Der Vater, Theodor Wolf aus Hof im Vogtland, verwaltete als grundherrlicher[163]  Rentamtmann die Güter des Freiherrn von Gemmingen-Treschklingen und die einiger seiner Vettern. Er war ein wackerer Mann und angesehener Beamter, seine Gattin Regina Baunach die Enkelin des letzten regierenden Bürgermeisters der freien Reichsstadt Wimpfen; ihre Ehe war mit sechs Kindern gesegnet.


Der Wagen fuhr von dannen, betrübt sah ich ihm nach, bis er den Augen entschwand. Ich gelobte mir still im Busen: »Diese tapfere und heitere Kleine muß dir zu eigen werden, dein guter Kamerad auf der Fahrt durchs Leben!« – Sie ist es mir geworden, heiter und mutig in guter und schlimmer Zeit, wie sie das wechselnde Schicksal und das eherne Gesetz der unerbittlichen Natur über die Sterblichen verhängt.
Ich mußte in Sinsheim über Nacht bleiben. Noch ehe die Sonne aufging, verließ ich mein Lager und wanderte durch das Elsenztal bis Hoffenheim und von da über die Hügel nach Wiesloch. Auf dem letzten Teile des Wegs durch die Wiesen sah ich meinen Vater mit seinen langen Praxisschritten gegen mich heraneilen. Er hatte sich wie immer früh auf den Weg gemacht und war verwundert, mir hier zu begegnen. Ich erklärte ihm, daß ich tags zuvor eine junge Freundin der Bronnerschen Familie nach Sinsheim begleitet hätte. Er verlor kein Wort und ging ruhig weiter.



Eine Lektion bei der alten Frau Doktorin










[164] Mein Freund Bronner hatte als Heidelberger Lyzeist und Student in der Sandgasse bei der Witwe eines Arztes gewohnt, die alte Frau Doktorin genannt. Ihr Mann, Dr. Ottendorf, war jung von dem Typhus weggerafft worden, der nach dem russischen Feldzug die Rheinlande verheerte. Da sie unbemittelt war und ihre beiden Kinder gut erziehen wollte, mietete sie ein Haus und gab Studenten Kost und Wohnung. Bronner war ihr in liebevoller Verehrung ergeben, mietete sich nach dem medizinischen Examen im Frühjahr 1846 aufs neue für das Sommerhalbjahr bei ihr ein und bestimmte mich, gleichfalls[164]  bei ihr zu wohnen, bis ich als Assistent der Pfeuferschen Klinik im akademischen Krankenhause einziehen konnte.
Mit uns speiste bei der alten Frau Doktorin ungefähr ein Dutzend junger Leute, die Mediziner Moleschott und Schaible, die Juristen Bonz, Volk u.a. In seinen Erinnerungen gedenkt auch Moleschott freundlich der Frau Doktorin und ihres Kosttisches. Sie führte an der Tafel den Vorsitz; ihre Küche war einfach und schmackhaft, das Getränk lauteres Wasser, wie damals an den meisten Studententischen, die Unterhaltung äußerst lebhaft. An Stoff dazu fehlte es nie, es gärte ja allenthalben in der Welt, und sonderbare Blasen stiegen aus der Tiefe.
Ein Gesundheitsapostel war nach Heidelberg gekommen. Er nannte sich Ernst Mahner und wandelte mit priesterlicher Würde in langem Gewande barhäuptig, mit wallenden Haaren und mächtigem Vollbart, durch die Straßen. Er hatte seine Heilslehre nach Mosis Vorbild in zehn Gebote gekleidet, schlug sie öffentlich an, wie Luther seine Thesen, und verteidigte sie öffentlich in Vorträgen gegen mäßiges Eintrittsgeld. Er eiferte wider die geistigen Getränke und das »stinkgiftige Schmauchkraut«, rühmte das Wasser und pries bombastisch die gütige Natur nach der Art der heutigen Naturärzte. Böse Zungen sagten ihm nach, sein Gesetz sei strenger als der Apostel gegen sich selbst, und behaupteten fest, sie hätten Mahner im weltlichen Gewande bei Trüffelpastete und Sherry im Hinterstübchen eines Mannheimer Restaurants überrascht.
Auf diesen wunderlichen Heiligen kam bei Tische häufig die Rede. Er hatte auch unter den Studenten einige Jünger gefunden. Einer von ihnen, ein Philologe und Sonderling, saß unter uns am Tische, ohne daß wir wußten, wie nahe er Mahner stand. Er blieb stumm bei unseren Gesprächen und Scherzen und schaute gemessen und ernst darein, wie der Gerechte unter den Sündern. Zuletzt merkten wir doch, daß sein Gesicht noch tiefere Falten zog, wenn wir auf Mahner zu sprechen kamen, nach einigen Wochen verschwand er und kam nicht wieder. Es wurde uns erzählt, er steige jetzt mit seinem Meister täglich auf den Königsstuhl, um dort oben im Walde auf den Wegen[165]  und Halden Sonnenbäder zu nehmen; sie liefen fast unbekleidet barfuß einher. Leider hatte die Polizei kein hygienisches Einsehen, sie verbot diese stärkenden Übungen, um den Damen der Stadt den verleideten Besuch des Königsstuhls wieder zu ermöglichen.

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Mahner war wirklich ein ungewöhnlich abgehärteter Mensch. Die Zeitungen berichteten von einem erstaunlichen Schauspiel, das er an einem sonnigen Wintertage den Bewohnern von Mainz bereitet hatte. Auf einer Eisscholle stehend, in Sandalen und nur an den Hüften bekleidet, soll er, einen Becher Rheinwasser schwingend, auf dem Strom an der Stadt vorbeigetrieben haben. – Der Abhärtung ungeachtet, hat er kein hohes Alter erreicht. Verkommen im Elend, starb er im städtischen Hospital zu Konstanz, wie mir mein Freund und Schüler, Medizinalrat Dr. Honsell, der ihn dort behandelt hat, erzählte.
In diesen Sommer fiel auch der berühmte Brand im Hutzelwald, der dem Pfälzer Poeten Nadler zu dem lustigsten seiner Gedichte Anlaß gab. An dem Tage dieses Ereignisses erhielt Bronner Besuch von seiner Schwester. Sie kam in Begleitung derselben heiteren Gesellschaft, die im verwichenen Herbst bei ihr in Wiesloch zu Gaste gewesen war. Die jungen Damen teilten mittags unser Mahl bei der Doktorin; kaum war es zu Ende, so erscholl Feuerlärm. Wir hörten, es brenne im Hutzelwald, und stiegen sofort auf den Speicher des Hauses, um nach der Gegend des Waldbrandes auszuschauen; in der Tat sahen wir den Rauch über den Gaisberg aufsteigen. Das gefährliche Element trieb nunmehr sein bedenkliches Spiel an zwei Orten zugleich, draußen im Wald und in der Stadt auf dem Speicher der Doktorin.
Eines Tages lieferte uns ein medizinisches Ereignis im Hause Stoff zur Unterhaltung. An der Köchin war ein Wunder geschehen. Sie hatte die schönsten Jahre, doch nicht die Gefühle der Jugend, hinter sich und litt an Hysterie. Von Zeit zu Zeit verlor sie plötzlich das Vermögen, laut zu sprechen, und konnte sich nur mit flüsternder Stimme verständlich machen. Weder die Ärzte der Stadt noch die der Kliniken hatten ihr zu helfen[166]  vermocht, aber ein altes Waschweib riet ihr ein wirksames Mittel. Wurde sie stimmlos, so gebrauchte sie seitdem Sympathie, und die Stimme kam wieder. Bronner und ich waren neugierig, hinter ihr Geheimnis zu kommen, gaben ihr schöne Worte und erreichten unser Ziel. – Eines Morgens kam sie zu uns aus der Küche gelaufen, hatte ihre Stimme verloren und deutete auf die Kehle, die ihr eine unsichtbare Hand gewaltsam zuschnürte. Kaum hörbar flüsterte sie uns zu, wir sollten jetzt Zeugen des Wunders sein. Hierauf ging sie drei Schritte geradeaus, hielt einen Augenblick inne, wisperte unverständliche Worte, ging dann drei Schritte, ohne sich umzuwenden, rückwärts, blieb wieder stehen, blickte hinter sich, wisperte aufs neue, spie dreimal aus und – begrüßte uns glückselig mit glockenheller Stimme: »Gelobt sei Jesus Christus! Ihr Herren, ich bin geheilt!« – Wir freuten uns mit ihr, fragten, was dies alles zu bedeuten hätte, und erhielten genaue Auskunft. Nach den ersten drei Schritten hatte sie die höchsten drei Namen angerufen, nach den drei letzten aber dem Teufel, der ihr die Kehle von hinten würgte, in das Gesicht gespien und geflüstert: »Dies ist für dich, o Satan! hebe dich hinweg von mir!« – Eine so schmähliche Behandlung mißfiel dem Teufel, er ließ die Gequälte los.


Diese Kur wurde mittags bei Tische besprochen, belacht und von den Medizinern den erstaunten Freunden aus den andern Fakultäten erläutert. Sie ergingen sich mit Vergnügen in der Schilderung hysterischer Leiden, der eigentümlichen Krämpfe, Lähmungen, Geschmacksverirrungen, die mit diesem Namen belegt werden, und der wunderlichen Vorliebe solcher nervösen Personen für allerlei auffallend riechende Arzneistoffe, wie z.B. Baldrian, Bibergeil und Teufelsdreck, die in den Büchsen der Apotheker unter den gelehrten Namen Valeriana, Castoreum und Asa foetida aufbewahrt werden. Anfangs, als wir die Wunderkur erzählten, lachte die Doktorin mit, als wir aber unsere medizinische Weisheit auskramten und uns über die armen Weiblein lustig machten, wurde sie ernst und stille. – Nach Tische lud sie Bronner und mich freundlich ein, bei dem schönen Wetter in ihrem Gärtchen vor dem Mannheimer Tor[167]  eine Tasse Kaffee mit ihr zu trinken. Wir mochten sie nicht kränken und sagten zu.
Bei duftendem Mokka in der Jasminlaube verriet uns die würdige Matrone den Grund ihrer Einladung. Sie sei uns, versicherte sie, aufrichtig gewogen und halte uns für gute Jungen, auch versprächen wir mit der Zeit tüchtige Ärzte zu werden und hätten uns ganz hübsche Kenntnisse erworben, von der Hysterie aber, einem der wichtigsten Kapitel der Pathologie, verständen wir, sie müsse es mit Bedauern sagen, recht wenig. Davon habe sie sich heute mittag bei unseren Tischgesprächen unlieb überzeugt. Es fehle uns an Erfahrungen, die wir erst im Verkehr mit der Frauenwelt gewinnen würden, bisher seien wir zu ausschließlich mit Männern umgegangen. Sie wolle sich deshalb erlauben, uns über Hysterie die Erfahrungen, die sie an sich selbst gemacht, mitzuteilen. Sie mache kein Hehl daraus, daß sie selbst der Hysterie unterworfen sei, schwer darunter gelitten habe und noch immer zeitweise von hysterischen Anwandlungen heimgesucht werde.
Bei dieser unerwarteten Eröffnung wurden wir nicht wenig verlegen, lächelten und entgegneten ihr: sie wolle uns nur necken, wie solle eine Dame von ihrer verständigen Einsicht und Willensstärke zu hysterischen Leiden kommen? Es möge sich ab und zu um überreizte Nerven handeln, aber nicht um Hysterie.
»Glaubt mir, meine jungen Freunde«, erwiderte sie, »ich war und bin nach dem Urteil erfahrener Ärzte hysterisch und habe schwer an Krämpfen und Lähmungen gelitten. Daß es zu der Krankheit bei mir kam, ist nicht zu verwundern. Als junge Frau verlor ich unerwartet meinen Gatten und stand mit zwei kleinen Kindern mittellos in der Welt, einzig auf meine schwachen Kräfte angewiesen, vielleicht auch etwas verwöhnt. Mit äußerster Anstrengung hielt ich mich über dem Wasser. Oft überwältigte mich die Sorge und die Last der Arbeit, meine Nerven, meine Stimme, meine Beine versagten, auch Krämpfe befielen mich, ich litt an Schmerzen und meinte unterliegen zu müssen. Mein alter gutmütiger Hausarzt, Dr. Nebel, verschrieb mir eine Arznei nach der andern mit wechselndem Erfolg. Einmal[168]  kam eine Zeit, wo seine Mittel samt und sonders nicht verfingen, der gute Doktor wußte sich nicht mehr zu helfen und riet, den Geheimen Rat Naegele beizuziehen.«

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»Ich ging«, fuhr unsere Freundin fort, »auf diesen Vorschlag ein. Die beiden Ärzte kamen kurz vor Tische zu mir und setzten sich, der eine links, der andere rechts, neben mich. Ich mußte meine Leiden schildern, und mein Hausarzt ergänzte meine Krankengeschichte. Naegele hörte aufmerksam zu und sah dann eine Weile stumm vor sich hin. Es wurde so still im Zimmer, daß man die Wanduhr ticken hörte. Ärgerlich dachte ich: Da sitze ich nun im tiefsten Elend zwischen diesen zwei Stockfischen, und keiner kann mir helfen! – Plötzlich fuhr Naegele mit den Fingern über die Nase herab, sah mir nahe in die Augen und sagte: ›Ich weiß, was Sie in diesem Augenblicke denken.‹ – ›Nun denn, was denke ich?‹ – ›Sie denken: ich komme mir vor, wie der Gekreuzigte zwischen den beiden Schächern.‹ – ›In der Tat‹, rief ich erbost, ›es ist so, ich leugne es nicht.‹ – Naegele lächelte, erhob sich, drückte mir die Hand und versprach, am Abend nochmals zu kommen, falls der Kollege einwillige. Er kam und flößte mir durch klugen Zuspruch Vertrauen und Mut ein; ich erstarkte in kurzer Zeit so, daß ich meine Arbeit wieder aufzunehmen vermochte.«
Sie schloß mit den Worten: »Der lächerliche Zauber eines alten Waschweibs hat meiner Köchin mehr genützt als die besten Rezepte der Ärzte. Der Hokuspokus tat bei der dummen Person Wunder, weil sie an Wunder glaubt. Die Rezepte hätten gewirkt, wenn die Ärzte es verstanden hätten, sie mit Zauberkräften auszustatten. Bei einer solchen Küchengans muß man schon mit dem Teufel kommen, um etwas auszurichten, bei wundergläubigen Standespersonen braucht es andere Mittel: magnetische Striche, hämöopathische Kügelchen u. dgl. Solche Dinge hätten bei mir, einer alten Rationalistin aus des Kirchenrats Paulus Schule, nicht verfangen, ich bedurfte des Zuspruchs eines erfahrenen Mannes von Geist und Herz. – Den Baldrian übrigens, über den ihr euch heute so lustig gemacht habt, lasse ich mir nicht schelten. Ein Täßchen Baldrianaufguß hat mich oft wunderbar belebt. Ich glaube an seine Kraft, auch wenn ich[169]  nicht gesehen hätte, daß unsere Hauskatze sich vor Freude auf den duftenden Wurzeln wälzt, wenn sie durch Zufall darüber gerät. Diese zarten Geschöpfe und wir armen Frauen haben Nerven von gleich empfindlicher Feinheit.«



Wunderkuren










[170] Unter dem Namen Wunderkuren begreift das Publikum auffallende Heilungen mannigfacher Art.
Bisweilen ist es der Zufall, der Heilungen fertigbringt, die den behandelnden Arzt selbst in Verwunderung setzen und ihm den weder erstrebten noch erwünschten Ruf eines Wunderdoktors einbringen. Eine ergötzliche Geschichte aus der eigenen Praxis hat mir mein Vater erzählt.
Eines Tages kam ein Bote aus einem entfernten Dorfe des Rheintals nach Graben, wo mein Vater damals praktizierte, und verlangte ihn zu einem Bauern, der sich seit einigen Wochen übel fühlte, wenig mehr aß, mager und schwach wurde und das Bett hütete. Die Sache eile nicht, ließ der Kranke sagen, könne mein Vater nicht selbst in den nächsten Tagen kommen, so möge er ihm einstweilen eine Arznei durch den Boten schicken. Mein Vater verschrieb ihm eine Eibischabkochung mit Sirup, die keinesfalls schaden konnte, und machte sich einige Tage nachher auf den Weg zu dem Kranken.
Inzwischen hatte der unschuldige Trank Wunder getan. Der Bauer war außer Bett und ließ sich, als mein Vater bei ihm eintrat, gerade eine gebratene Taube schmecken und trank ein Glas Wein dazu. Er begrüßte meinen Vater vergnügt: »Herr Doktor, das habt Ihr gut gemacht, aber es war eine Roßkur, sie hat mich gründlich ausgefegt und die Krankheit ausgetrieben. Zum zweitenmal brächt ich die Ameisen nicht hinunter, auch blieben noch einige übrig in dem Arzneifläschchen, es steht dort am Fenster.«
Erstaunt betrachtete mein Vater den Rest der Arznei. Sie enthielt große Ameisen. Ihre scharfe Säure oder der Ekel, mit dem sie der Bauer hinabgewürgt, hatte wie ein starkes Brechmittel dem Bauern die Gesundheit wiedergebracht – soviel[170]  stand fest. Wie aber waren die Insekten in die Arznei gekommen? Nicht ohne Schwierigkeit gelang es meinem Vater, das Rätsel zu lösen.
Der Bote, der die Arznei geholt hatte, war des Bauern Knecht, der Tag war heiß gewesen, der Knecht müde. Im Schatten eines Föhrenwaldes, den er passieren mußte, ließ er sich nieder, um zu ruhen, nahm die Arzneiflasche aus der Tasche und legte sie zur Seite. Der Schlaf überkam ihn, und als er aufwachte, fand er den Stöpsel ausgetrieben; wie das gekommen, wußte er nicht zu sagen, vielleicht hatte er selbst aus Neugierde ihn herausgenommen und den Trank versucht. Ein kleiner Teil der Arznei war ausgeflossen, aus einem nahen Ameisenhaufen wanderten die Tierchen in langer Prozession zu dem süßen Saft und in die Flasche. Eilig verschloß er die Flasche, steckte sie wieder zu sich und ließ, heimgekehrt, ruhig seinen Herrn, dessen Zorn er fürchtete, die Arznei samt den Ameisen nach Vorschrift stündlich einen Eßlöffel voll genießen.

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Auch eine Namensverwechslung kann zur Wunderkur führen, wovon uns Naegele eine lächerliche Geschichte zum besten gab.
An der Heidelberger Hochschule war von 1806 bis 1824 Hofrat Schelver Professor der Botanik. Er befaßte sich neben der Botanik mit magnetischen und Kräuterkuren und stand beim Landvolk im Rufe eines Wunderdoktors. Eines Tages bat ihn eine Bauersfrau um ein Mittel gegen Rheumatismus, ihr Mann habe den »Fluß« im rechten Arm und sei unfähig, ihn zu gebrauchen. Er riet, Hahnenfuß auf den Arm zu binden, und meinte damit den scharfen Wiesenranunkel, aber die gute Frau schlachtete ihren alten Haushahn, schnitt ihm die Beine ab und band sie auf den Arm. Der Fluß heilte, und der Professor erfuhr mit Verwunderung, welche Heilkraft in den Beinen des alten Haushahns gesteckt habe.
Derlei Kuren sind eher wunderliche Kuren als wirkliche Wunderkuren. Das Wunder beginnt erst dann, wenn der Glaube Berge versetzt und scheinbar Unmögliches fertigbringt.
Als Student erlebte ich eine solche Kur in meines Vaters Praxis. Ich ging mit ihm an der Wohnung eines kleinen Handwerkers[171]  in Wiesloch vorbei, dessen Frau er an einem unheilbaren Krebsleiden behandelte. Der Mann, ein guter Mensch und meinem Vater aufrichtig zugetan, hatte ihn kommen sehen, lief eilig heraus und lud ihn ein, ins Haus zu treten und sich von der unerwartet erfolgten Heilung seiner Frau zu überzeugen. Es sei ein großes Wunder geschehen. Die Frau habe hinter dem Rücken ihres Mannes einen Wunderdoktor kommen lassen, einen Bauern aus einem entfernten Dorfe, der im Rufe stehe, schon viele in den Augen der Ärzte unheilbare Kranke rasch kuriert zu haben. Der Doktor sei heute dagewesen, habe der Kranken den Leib mit Salbe bestrichen, die Krankheit mit geheimkräftigen Worten besprochen und ihr zuletzt befohlen, im Namen Gottes aufzustehen und zu wandeln. Darauf habe sie das Bett verlassen, was sie seit vielen Jahren nicht mehr gekonnt, und wandle jetzt ohne Stütze durch das Zimmer. Mein Vater ließ mich mit zu der Kranken gehen, das arme Weib, blaß und abgezehrt, stand wirklich frei im Zimmer, blickte verzückt zum Himmel und pries die Gnade Gottes und den Wundertäter, der ihr geholfen habe. – Die Kur half nicht lange. Die ungeheure Aufregung, worin sich die Kranke befand, beschleunigte den tödlichen Ausgang des Leidens, nach wenigen Tagen trug man sie auf den Kirchhof.
Die Psychologie beginnt erst seit kurzem, die Vorgänge im Nervensystem da, wo leibliches und seelisches Geschehen sich verflechten, mit den Strahlen der psychophysischen Untersuchungsmethoden zu beleuchten. Noch immer herrscht hier tiefe Dunkelheit, und es gibt kein Gebiet der Medizin, wo der Aber-und Wunderglaube größere Triumphe feierte als gerade auf diesem. Phantasten und Schwindler treiben hier ihr geschäftiges Wesen, und selbst der ernste Forscher fällt leicht in gefährliche Fallstricke.


Die Rolle, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts der tierische Magnetismus ausschließlich spielte, muß er heute mit dem Hypnotismus und der Suggestion teilen. Es gelten jedoch auch für diese modernen Kurmethoden die Warnungen, die der welterfahrene Stromeyer im ersten Bande seiner Erinnerungen an die Ärzte richtet. Jedenfalls verstößt die hypnotische Suggestionstherapie[172]  gegen einen der obersten Grundsätze in der Behandlung der Nervenkrankheiten: alles zu meiden, was das geschwächte Ich noch mehr schwächt, und nichts zu unterlassen, was es kräftigt und insbesondere den ohnmächtigen Willen aufrichtet. Nur zu leicht macht sie den Kranken zum energielosen Werkzeuge des Hypnotiseurs und zum traurigen moralischen Schwächling. Zu diesem bedenklichen Kurmittel sollte der Arzt nur im äußersten Notfall greifen.
Zu den echten Wunderkuren gehören die meisten Kuren, die als sympathetische bekannt sind. Sie finden noch heute, in dem Zeitalter der großen Entdeckungen auf allen Gebieten der Naturwissenschaft und der Enthüllung so vieler, den Alten unbegreiflichen Geheimnisse, auch unter den Gebildeten häufig Gläubige, ja es scheint, als ob die neu entdeckten und oft verblüffenden scheinbaren Naturwunder gerade unter den Gebildeten der Wundersucht Vorschub leisteten.
Dennoch mag ein und das andere sympathetische Mittel mit demselben Recht eine unbefangene Prüfung verdienen, wie sie die ekelhaften Arzneistoffe des Moschus, Bibergeils, der gepulverten Küchenschabe (Blatta orientalis) gefunden haben und wie sie die heutige, oft überaus kindische Organotherapie findet.
Als ein sympathetisches, der Prüfung nicht unwertes Volksmittel dürfte sich die sog. »Taubenkur« bei den eklamptischen Anfällen der Kinder empfehlen. Das Volk am Ober- und Mittelrhein nennt derlei Krämpfe Gichter, in Bayern Fraisen. Das Verfahren ist einfach. Man preßt den Börzel einer lebenden Taube an den After des gefallenen Kindes; nach kurzer Zeit sollen die Krämpfe aufhören. Ich habe das Mittel einmal in den fünfziger Jahren unter dringenden Umständen, wo mich die Verzweiflung der Eltern in große Verlegenheit brachte, weil verschiedene andere Verfahren völlig versagten, angewendet, und die Krämpfe verschwanden fast augenblicklich. Sie hatten schon einen halben Tag anhaltend fortgedauert, das Schauspiel war äußerst traurig, die Ursache eine tuberkulöse Entzündung der Rückenmarks- und Gehirnhäute, die sich zu einer Karies der Rückenwirbel gesellt hatte. Der Vater war Naturforscher[173]  und mir befreundet, ich schlug ihm vor, das unschädliche Mittel zu versuchen. Es waren Tauben zur Hand, man holte ein prächtiges, gut gefüttertes, warmes Tierchen aus dem Taubenschlag und legte es nach Vorschrift an. Nach wenigen Sekunden festen Anpressens, wobei die Taube heftig zitterte, streckte sich der Knabe wie bei Tetanus, und damit hatten die Zuckungen ein Ende, kamen auch bis zum Tode, der nach 24 Stunden eintrat, nicht wieder.

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Nicht lange nachher leistete mir eine modifizierte »Taubenkur« eigener Erfindung gute Dienste bei einem alten, von argen »Herzkrämpfen« schon lange heimgesuchten hysterischen Fräulein. Die Dame stammte aus vornehmem Hause und war schon mit 16 Jahren wegen nervöser Leiden nach Heidelberg in die magnetische Behandlung des erwähnten Professors Schelver gebracht worden, doch hatte er wenig ausgerichtet. Die Dame wurde allmählich an den Beinen gelähmt. Sie ließ sich eine kleine Villa in Neuenheim bauen. Als ich zu ihr gebeten wurde, hatte sie ihre Villa seit mehr als 30 Jahren nicht mehr verlassen und seit 16 Jahren nicht mehr das Bett. Nach dem Tode Schelvers war sie homöopathisch behandelt worden, seit einigen Jahren hatte sie keinen Arzt mehr beigezogen. Ein treuer Kreis von Freundinnen scharte sich täglich um die liebenswürdige Kranke, eine von ihnen widmete sich ihr ganz, wohnte bei ihr und besorgte Haus und Küche, nachmittags kamen die andern von Heidelberg herüber. Um drei wurde sie regelmäßig von »Herzkrämpfen« befallen, die Arme litt unsäglich, sie versicherte bestimmt, ihr Herz bleibe oft zehn Minuten lang stehen! Die Freundinnen litten mit ihr, sie umstanden das Bett, die einen jammernd, die andern tröstend, wieder andere hilfreich beispringend mit Kölnischem Wasser, Englischem Riechsalz, zarten Reibetüchern und dergleichen unentbehrlichen Dingen.
Zu dem Kreise dieser barmherzigen Gemeinde fand ein gutmütiger Sachse, ein stud. jur., Zutritt. Die Damen meinten, magnetische Kräfte an ihm zu verspüren, und baten ihn, einen Versuch damit an der kranken Freundin zu unternehmen. Er ließ sich dazu bewegen, es war kein Zweifel, seine Striche[174]  wirkten wohltätig auf das gequälte Herz, und von nun an fuhr er jeden Nachmittag mit der Fähre über den Neckar zu der Dulderin, die seinem Fluidum mit Sehnsucht entgegenharrte. Aber er hatte seine Kräfte überschätzt, am Ende des Semesters fühlte der Samariter sich er schöpft und elend, er mußte Heidelberg verlassen und suchte auf Rigi-Kaltbad Erholung.
Bald nachdem der gute Sachse abgereist war, wählte mich eine der Freundinnen zu ihrem Arzte. Sie entdeckte an mir, was ich nicht gewußt, nicht einmal geahnt, magnetische Kräfte und veranlaßte die Kranke, mich zu sich zu bitten. Hier erfuhr ich erst von meinen verborgenen Tugenden und weshalb man mich begehrte. Ich sollte die magnetische Kur, die der Kranken so wohltätig gewesen, aufs neue aufnehmen. Sie flehte mich um Linderung ihres Leidens an und erweckte meine aufrichtige Teilnahme. Ihre edeln und feinen Züge, ihr weiches Silberhaar unter dem weißen Spitzenhäubchen, ihre sanfte Stimme und Duldermiene rührten mich, aber die magnetische Behandlung mußte ich ablehnen. Indem ich erwog, wie ich ihr nützen könne, fiel mir die Taubenkur ein. Ich erzählte ihr von dem Volksglauben, wonach schon die Gegenwart dieser angeblich so sanften Geschöpfe im Krankenzimmer die Nerven beruhige, und was ich kürzlich in der Praxis erlebt hatte. Ich schilderte ihr das Verfahren bei Krämpfen der Kinder, schlug ihr vor, Tauben anzuschaffen und beim Nahen der Herzkrämpfe sie an das Herz, den leidenden Teil, zu pressen. Meine Worte machten sichtlich Eindruck, und ich empfahl mich.

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Nach vierzehn Tagen wurde ich wieder gerufen. Als ich die Tür des Krankenzimmers öffnete, gurrte mir ein zärtliches Pärchen Turteltauben entgegen. Die Freundinnen hatten Erkundigungen eingezogen und erfahren, daß von allen Tauben die Turteltauben die meiste beruhigende Kraft besäßen. Die Kranke dankte mir herzlich; mein Rat hatte sich bewährt. Sie hatte dabei eine merkwürdige Beobachtung gemacht. »Ich habe gefunden«, erklärte sie, »daß ein Unterschied zwischen den Tauben besteht, das Männchen übertrifft an wirksamer Kraft das Weibchen merklich.«[175]
Vor kurzem noch erfuhr ich von Verwandten der Dame, die hochbetagt aus dem Leben schied, daß ihr die Taubenkur noch viele Jahre lang Erleichterung gebracht habe.



Purgierkuren und Blutentziehungen










[176] Die Heilkunst teilt mit den andern edeln Künsten das Los, daß jedem Fortschritt eine Übertreibung auf dem Fuße folgt, die den entgegengesetzten Weg der bisher eingehaltenen Richtung einschlägt. Auf den Vampirismus kam die noch heute herrschende übertriebene Blutscheu, die jedoch ihrem Ende entgegenzugehen scheint. Man geizt mit dem kleinsten Tropfen Blut in lächerlichster Weise. Man hätte in meiner Jugend weit mehr Grund gehabt, schonend damit umzugehen, denn man nährte sich schlechter und sorgte im ganzen weit weniger für die hygienischen Bedingungen unseres leiblichen Wohlergehens. Am schlechtesten war für die weibliche Jugend gesorgt; man bannte sie in das Haus, ließ sie kaum ihre Muskeln durch Turnen, gymnastische Spiele, Schwimmen, Schlittschuh laufen und dergleichen üben, nur sehr allmählich wurde die Erziehung in dieser Hinsicht besser und das Vorurteil überwunden, dergleichen Übungen schickten sich nicht für das weibliche Geschlecht. Die Bleichsucht war deshalb viel häufiger. Nur die Ansprüche der Schule an die männliche und weibliche Jugend sind heute bedenklich hinaufgeschraubt, was zur größeren Vorsicht mit Blutentziehungen mahnen muß, denn die Nervosität auch der höheren Grade ist infolgedessen heute viel verbreiteter als früher; schon damals, wo die Blutentziehungen so wenig gefürchtet wurden, warnten davor die erfahrenen Irrenärzte bei gesteigerter Reizbarkeit des Gehirns.
Das Aderlaßmännlein war schon in meiner Jugendzeit aus den Kalendern verschwunden, worin es einst eine große Rolle gespielt hatte. Es stellte eine menschliche Figur dar, worauf sämtliche Blutadern, die sich zum Aderlassen eignen, eingezeichnet waren; dabei standen Vorschriften, in welchen Monaten das Blut am besten aus dieser oder jener Ader geholt werden solle. In den Köpfen des Landvolks vieler Gegenden aber[176]  lebte das Aderlaßmännlein fort, und der Brauch wurde eingehalten, das »abgenützte« Blut von Zeit zu Zeit wegzuschaffen. Man nahm es weg in der Absicht, mit ihm die »Unreinheiten« und »Schärfen« aus den Säften zu bringen und es durch reines und besseres zu ersetzen. Schröpfen und Aderlassen dienten zu Regenerationskuren, wie man sich gelehrt ausdrückt, und da die Welt sich dreht, so beginnt man heute wieder zu der alten Methode, die bei den Bauern am längsten anhielt, zurückzukehren. Was gestern unsinnig schien, gilt aufs neue für Weisheit. Wie vor 60 Jahren gibt es heute wieder unter den Ärzten Lobredner des Aderlasses, sogar bei der Bleichsucht.
Namentlich im badischen Oberlande hielt der Bauer fest an der altherkömmlichen Frühlingskur mit Schröpfen und Aderlassen. Dort haben sich von alters her viele kleine Badekurorte – »Bauernbäder« – erhalten, in die das Landvolk noch heute mit Beginn des Frühjahrs an Sonn- und Feiertagen strömt, der Hofbauer mit der Bäuerin zu Wagen, der kleine Bauer auf Schusters Rappen. In den sechziger Jahren war es noch häufig Brauch bei den Bauern, daß sie zuerst im heißen Bade das Blut nach außen trieben und es dann mit Schröpfen aus der Haut und mit dem Schnäpper aus der Ader holen ließen. Ein reichliches Mahl mit gutem Weine beschloß die Kur und brachte frisches Blut in die leeren Schläuche.

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In der Pfalz ging der Bauer, nachdem er den langen Winter hindurch mehr als gut hinter dem Ofen gesessen hatte, wenn die lauen Lüfte wehten und er sich jetzt matt und schwer in den Gliedern fühlte, zum Apotheker. Irgendeine Purganz, besonders das Wiener Tränklein aus Senne und Seignettesalz, verschaffte ihm leichteres Blut und Gemüt; reichte der Trank nicht aus, so mußte der Bader mit dem Schnäpper nachhelfen. – Sein Pfarrer machte es wenig anders. Es gab Pfarrhäuser, wo die Frau Pfarrerin in einem riesigen Topf den Senna-Aufguß bereitete, der die ganze Familie an einem Tag von den aufgehäuften Schlacken des Winters befreite. – Die Gebildeten in den Städten machten Frühlingskuren, gingen einige Wochen lang täglich am frühen Morgen spazieren, tranken dazu lösende Mineralwässer, auch frische Kräutersäfte oder Molken. Gegen[177]  Störungen im Blutlauf, Kopfschmerz, Schwindel, Herzklopfen und dergleichen wurden, nach eigenem Ermessen oder auf ärztlichen Rat, nicht selten mit gutem und raschem Erfolge, Blutegel oder Schröpfköpfe angesetzt, häufig auch Blut aus der Ader entnommen.
Die Häufigkeit der verordneten Blutentziehungen erscheint heute unglaublich. – Einer kräftigen Bürgersfrau aus Kandern, die ich persönlich kennenlernte, hatte ihr Hausarzt wegen einer angeblichen Hirnentzündung und daran sich anschließenden Unterleibsentzündung in sechs Wochen siebenmal zur Ader gelassen und 60 Blutegel gesetzt. Sie stand in den Fünfzigern und erreichte ein Alter von 83 Jahren. – Sogar schwächlichen Personen zapfte man oft Blut ab. Ich hörte eine magere Pfarrersfrau in den Vierzigen meinem Vater erzählen, daß man ihr wegen häufig wiederkehrenden Blutspeiens im Laufe der Zeit gegen dreißig Aderlässe gemacht habe. Sie starb an der Schwindsucht im Alter von 52 1/2 Jahren.
In den Heidelberger Kliniken waren Lanzetten und Schnäpper fast täglich in Arbeit. Als Assistenzarzt der Pfeuferschen Klinik mußte ich die Apothekerrechnungen revidieren, sie betrugen für Blutegel jährlich mehr als für die Arzneien, obwohl auch an diesen nicht gespart wurde. Wir Assistenten wurden bald Meister im Aderlassen, heute gibt es Professoren, die nie einen Aderlaß machten oder auch nur machen sahen. – Pfeufer erteilte genaue Vorschriften und lehrte uns mancherlei Kunstgriffe beim Aderlassen; er verwies uns namentlich auf die vorzügliche Schrift von Marshall Hall über Blutentziehungen. Sie enthält auch die Beschreibung der schweren, an hitzige Hirnwassersucht erinnernden Erscheinungen, die namentlich in England infolge unsinniger Blutentziehungen am häufigsten bei Kindern beobachtet wurden.
Der Mißbrauch eines wirksamen Mittels schließt seinen richtigen Gebrauch nicht aus. Man kann sogar mit Brot, Milch, Wasser und andern zum Leben nötigen Dingen, wenn sie zur Unzeit oder unrichtig benützt werden, Kranke umbringen. Vor allen Dingen müßte man die Kaltwasser- und Naturheilanstalten schließen, wenn man die Menschheit vor dem Mißbrauch[178]  an sich guter Kurmethoden schützen wollte. Sie schießen unter der Leitung unwissender Pfuscher, die sich hinter dem tönenden Titel von Direktoren verstecken, an allen Ecken und Enden wie Pilze empor und leben von der Leichtgläubigkeit und mangelnden Einsicht des Publikums in biologischen und medizinischen Dingen, gutenteils freilich auch von dem Mißbrauch, den die Ärzte mit dem Rezeptieren treiben. – Hier ist nicht der Ort, darauf einzugehen. Ich will nur zeigen, wie übertrieben die heutige Blutscheu vieler Ärzte und noch mehr der Nichtärzte ist, und deshalb noch einige Erfahrungen aus meinem Leben, zunächst eine aus den Studentenjahren, mitteilen.


Wenn sich bei den Hiebwunden, die es auf der Mensur absetzte, Geschwulst, Schmerz und Fieber einstellten, wie dies vor der antiseptischen Wundbehandlung die Regel war, so nahm Hoffacker, der berühmte Paukdoktor, Blut aus der Armvene. Die Erleichterung war häufig, wie ich an mir selbst erfuhr, auffallend groß und außer Verhältnis zu der vorübergehenden Anwandlung von Schwäche, die der Aderlaß bei einem oder dem andern Studiosus hervorrief. Eine längere Herabsetzung der Körperkraft nach derartigen Blutentziehungen bei Kommilitonen ist nie zu meiner Kenntnis gekommen.
Ich selbst war nicht vollblütig, auch nur von mittlerer Körperkraft und verlor durch einen Aderlaß ein Pfund Blut ohne die geringste unangenehme Wirkung. Eine tiefe Wunde in dem Kleinfingerballen der rechten Hand hatte eine starke Schwellung mit Schmerz und Fieber zur Folge gehabt. Die erste Nacht verlief fast schlaflos, es war mir morgens schlecht zumute, und ich wartete sehnsüchtig auf Hoffacker und seine Lanzette. Er nahm mir zuerst acht, dann auf meine Bitte noch vier, im ganzen zwölf Unzen (ein Pfund alten Medizinalgewichts) Blut aus der Ader. Es wurde mir so leicht im Arm und Kopf, daß ich ihn dringend bat, noch mehr laufen zu lassen, doch ging er nicht darauf ein. Ich verspürte nicht die geringste Schwäche und fuhr vier Tage nachher mit Freuden auf dem Rhein zu einem Kommers nach Bonn hinab.
Einige Jahre darauf, 1847, in Wien, ließ ich mir wegen eines akuten Trachoms mit starker, schmerzhafter Anschwellung der[179]  Augenlider wieder ein Pfund Blut nehmen, aber diesmal verspürte ich keine Erleichterung, hatte überhaupt keinen Nutzen davon.
Als die hitzigsten Vorkämpfer der jungen Wiener Schule den Aderlaß aus der Liste der Heilmittel löschten, haben sie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Er ist allerdings in der Praxis da, wo er früher unbedingt geboten schien, meist entbehrlich, aber unter besonderen Umständen kann seine Unterlassung den Tod eines Kranken verschulden, den kein anderes Mittel so sicher verhütet hätte. Verführt von den Lehren jener Schule, habe ich bei einer Kranken mit äußerst akut auftretender Brightscher Nierenentzündung und rasch anwachsendem Lungenödem meine Zeit mit ableitenden Mitteln auf Darm und Haut verloren, und sie erstickte durch das Wasser, das die Lungen überflutete. In einem ganz gleichartigen Falle bald nachher machte ich, dadurch gewarnt, bei der Sticknot einen kleinen Aderlaß, augenblicklich wurde die Atmung frei, wie durch Zauber, das Eiweiß schwand rasch aus dem Harn, und die Kranke genas in wenigen Tagen. – Ähnliche rasche Erlösung aus Todesgefahr durch drohende Überflutung der Lungen sah ich einige Male bei Personen mit enormer Verengung der rechten Vorhofsmündung und bei Lungenentzündung.
Es braucht meist keine großen Aderlässe, die bei organischen Herzfehlern oder bei geschwächten Personen bedenklich wären, schon kleine von 150–200 g können rettend wirken, es kommt hauptsächlich auf die Raschheit an, womit die Blutmenge gemindert wird. Man muß, wie man uns auf der Hochschule lehrte, die Kranken stets aufrecht setzen, den Schnitt schräg, nicht quer oder der Länge nach, und nicht zu kurz durch die Vene führen, nachdem man die Binde über ihr angelegt hat, auf daß, wenn irgend möglich, das Blut sich im Strahl entleere. Dann kommt es am sichersten zur plötzlichen Verminderung des Blutdrucks und den Erscheinungen, die wir als günstige Zeichen begrüßten: leichte Anwandlung von Ohnmacht, Schweiß und freieres Atmen. Man braucht die beginnende Ohnmacht nicht zu fürchten, sie verliert sich, sobald der Kranke in die Rückenlage gebracht wird.[180]



Vomierkuren










[181] Es ist ein heikles Thema, woran ich mich wage, aber ich darf es nicht umgehen, wenn ich schildern will, wie die ärztliche Praxis in meiner Jugend ausgeübt wurde. Wem davor graut, mag das Kapitel überschlagen.
Neben Purganzen und Aderlässen verordneten die Ärzte mit Vorliebe Vomitive, besonders häufig jungen Personen bis in das Säuglingsalter herab, selten nur älteren Leuten. Heute gilt das Verfahren für fast barbarisch, und es wird nur ausnahmsweise benützt, obwohl es ein echtes und vielbewährtes Naturheilverfahren ist.
Unser Magen ist mit einer Einrichtung ausgerüstet, durch die er sich automatisch von schädlichem Inhalt befreit. Der überfüllte Magen des Säuglings stößt ohne äußeres Zutun das Übermaß der genossenen Milch aus und erleichtert sich dadurch seine Aufgabe. »Speikinder, Gedeihkinder!« lautet ein alter Ammenspruch. Das Erbrechen ist ein reflektorischer Vorgang zwischen Nerven und Muskeln. Er schafft unverdauliche Speisen und Gifte aus dem Magen und sichert dadurch Gesundheit und Leben. Wie der Mensch sind auch zahlreiche Tiere mit dieser nützlichen Mechanik ausgestattet; sein treuer Begleiter, der Hund, besitzt sie in voller Vollkommenheit, ohne besondere Vorkehrungen gelingt es kaum, ihn mit vielen Giften, die dem Menschen äußerst gefährlich sind, durch Einbringen in den Magen zu töten, er weist sie sofort zurück.
Man verwendete zum Vomieren die Brechwurzel oder Radix Ipecacuanhae, die unter Ludwig XIV. aus Brasilien nach Paris kam, und den schon länger bekannten und heftiger wirkenden Brechweinstein oder Tartarus stibiatus. Die heutige Medizin verfügt noch über ein drittes Mittel zu diesem Zweck, das Apomorphin; schon in der winzigen Gabe von einem Zentigramm vermag es, unter die Haut eingespritzt, den Magen von Gift zu befreien.
Man gab die Vomitive nicht nur zur Entleerung des Magens, sie dienten auch zur Entfernung von Schleim und krupösen Häuten aus den Luftwegen. Außerdem erhoffte man Nutzen[181]  von ihrer mächtigen Einwirkung auf die absondernde Tätigkeit zahlreicher Drüsen; beim Vomieren ergießen sich daraus Ströme von Speichel und Schleim, Galle und Schweiß, damit beabsichtigte man, die in das Blut und die Gewebssäfte des Körpers bereits eingedrungenen Kontagien und Miasmen herauszuschwemmen. Endlich hoffte man, mittels der Erschütterungen, die mit dem Eingriff verbunden waren, verstimmte Saiten im Nervensystem wieder zum richtigen Schwingen umzustimmen.
Wie prompt und sicher in vielen Fällen dieses Heilverfahren sich erwies, kann von den lebenden Ärzten vielleicht niemand aus eigener Erfahrung besser berichten als ich. Mindestens acht- bis neunmal habe ich Vomitive eingenommen, nicht bloß in jungen Jahren, auch noch im Mannesalter, zuletzt 1864.

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Ziemlich seuchenfest, blieb ich in meiner Jugend von den Krankheiten, die namentlich das Kindesalter bedrohen, Scharlach, Masern, Keuchhusten u. dgl., ganz verschont. Auch der Darmtyphus, der die meisten meiner Geschwister befiel, ließ mich unberührt, obwohl ich sie pflegen half, und befiel mich erst im reifen Mannesalter, 1863, in der leichten Form des sog. Schleimfiebers. Nur zwei ungefährliche Krankheiten suchten mich bis in das Mannesalter häufig heim: eine oberflächliche (lakunäre) fieberhafte Mandelentzündung, die mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks jedesmal in drei Tagen ablief, und eine Störung der Magenverrichtungen in Gestalt eines fieberlosen Gastrizismus oder ausnahmsweise eines gastrischen Fiebers. Vermutlich verschuldete jedesmal irgendeine schädliche Speise den verdorbenen Magen, doch weiß ich darüber nichts Genaueres anzugeben. Die Erscheinungen verliefen in der Regel so, daß ich mich morgens beim Erwachen matt und unwohl fühlte, mein Kopf war eingenommen, nicht aufgelegt zur Arbeit, ich hatte keine Eßlust, einen üblen Geschmack und eine garstige Zunge. Nahm ich ein Brechmittel, so genas ich sofort, zögerte ich, so zog sich das Leiden in die Länge, bis ich mich endlich doch entschloß, die häßliche, aber sichere Kur zu gebrauchen. Eine Purganz leistete die gleichen prompten Dienste nicht.[182]
Als ich die Quinta in Heidelberg besuchte, erwachte ich eines Morgens mit Fieber und gastrischen Erscheinungen. Das Fieber erreichte mittags eine solche Höhe, daß meine besorgte Mutter meinen Vater durch einen Expressen von Wiesloch holen ließ. Er kam erst spät abends, das Fieber war noch gestiegen und Kopfweh hinzugetreten. Er verschrieb mir sofort eine Schüttelmixtur aus Ipeka und Brechweinstein. Die Wirkung war großartig. Ich sank danach in tiefen Schlaf, erwachte spät am Morgen fieberfrei und bis auf ziemliche Mattigkeit hergestellt. Ein anderes Mal, ich war bereits Mediziner, konnte ich mich bei einem fieberlosen, äußerst widerlichen Gastrizismus mehrere Tage lang nicht zum Einnehmen des Vomitivs entschließen und meinte, durch Fasten allein zum Ziele zu kommen. Nach einigen Tagen vergeblichen Abwartens griff ich zu dem erprobten Mittel in früher Morgenstunde, und es erfolgte die gewohnte vesuvische Eruption reichlicher Gallemengen. Hierauf sank ich in tiefen, erquickenden Schlaf und nahm, sobald ich erwachte, die gebräuchliche, mit etwas saurem Rahm bereitete Wassersuppe. Nachmittags ging ich aufs Schloß und speiste da oben mit prächtigem Appetit zwei köstliche Kalbsrippchen mit gerösteten Kartoffeln, eine Flasche Münchner Bier mundete dazu herrlich. Die Genesung war vollkommen.
Eine ganz energische Kur mit Tartarus stibiatus gebrauchte ich 1853 als praktischer Arzt in Kandern, wo mich mein strapazierender Beruf aufs Krankenlager warf und eine Myelitis spinalis mir die untere Körperhälfte lähmte. Ich ziehe jedoch vor, die Geschichte dieser schweren Krankheit, die in mein Leben wie kein anderes Ereignis bestimmend eingriff, erst im letzten Buch dieser Erinnerungen zu erzählen.
Das letzte Vomitiv nahm ich 1864 als Kliniker in Freiburg i.B.; auf diese Umstände, die mich zu seinem Gebrauche veranlaßten, gehe ich näher ein, weil sie, wie ich glaube, pathologisch und therapeutisch hinreichend merkwürdig sind.
Meine Haut war damals noch wenig abgehärtet, ich war unvorsichtig und fuhr bei windigem Wetter mit Kollegen vom Lande auf offenem Wagen zwei Tage hintereinander zu Konsultationen;[183]  von der zweiten kehrte ich abends spät, unwohl heim. Morgens erwachte ich etwas fiebernd und blieb zu Bette; auf der Brust fühlte ich links hinten unten ein leises Stechen und in der Kehle einen Reiz zum Räuspern, nicht zum Husten. Dabei warf ich einen kleinen Ballen glasigen Schleims aus und fing ihn unter Wasser in einem zufällig zur Hand stehenden Becken auf. Da entrollte sich zu meinem Erstaunen und Schrekken der Ballen als ein mehr als fingerlanges, stricknadeldickes, ziemlich derbes Bäumchen mit zahlreichen, immer feiner sich verzweigenden Ästchen, das sich nur in den Bronchien gebildet haben konnte. Ich befürchtete den Beginn jener schlimmen, äußerst quälenden chronischen Bronchitis mit baumförmig verzweigtem, fibrinösem Auswurf, ein oft unheilbares Leiden, das z.B. unsern Examinator, den Geh. Rat Dr. Teuffel, in den letzten Jahren seines Lebens böse mitgenommen hatte. Mein Assistent kam, mich zu besuchen, und hörte an der Stelle, wo ich das leise Stechen empfand, ein feines Knistern. Weil das Räuspern und Auswerfen der Dendriten sich fort und fort wiederholte, verschrieb ich mir ein kräftiges Vomitiv. Nachdem es stark gewirkt hatte, hörte der Dendritenauswuf auf, ich räusperte noch von Zeit zu Zeit etwas ungeformten Schleim aus, fühlte mich besser, hütete einige Tage das Zimmer und war vor Ablauf der Woche gänzlich hergestellt. Das Auffallendste bei dieser merkwürdigen Bronchitis acutissima mit nur halbtägigem Auswurf von Dendriten war der Umstand, daß die Bäumchen und der Auswurf überhaupt ohne Husten, lediglich durch Räuspern, aus den Luftwegen heraufbefördert wurden. – Einen ähnlichen Fall fand ich in der Literatur nicht beschrieben.



Der Leser, der mit der Geschichte der Medizin nicht vertraut ist, wird nun die Frage aufwerfen: Wie konnte es kommen, daß ein der Natur entlehntes, anscheinend so rationelles und durch tausendfältige Erfahrung erprobtes Heilverfahren heute nur noch ausnahmsweise benützt wird? Daß es Gefahren in sich schließt, konnte ja auch den alten Ärzten nicht verborgen geblieben sein, und in der Tat verboten sie seinen Gebrauch bei vielen Fehlern und Krankheiten auf das strengste, beispielsweise[184]  bei Herzfehlern, schwachem Herzen, brüchigen Schlagadern, Leibschäden, Entzündungen der Magenschleimhaut, der Därme und des Bauchfells, bei ausgebildeter Bleichsucht und vielen anderen solchen »Kontraindikationen«. Ungeachtet dieser Einschränkung blieb noch ein weites Feld übrig, wo die Vomierkur zulässig und nützlich erschien; erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ist ihr Gebrauch mehr und mehr eingeengt worden, und heute gibt man die Brechmittel fast nur noch, um in dringenden Fällen giftige Substanzen aus dem Magen zu entfernen, sucht sie sogar bei verdorbenem Magen, wo sie einst große Triumphe feierten, durch mildere Verfahrensweisen zu ersetzen.
Das Schicksal dieser Kurmethode ist eines der lehrreichsten Beispiele, um zu zeigen, welchen ungeheuren Einfluß die Entdeckungen der pathologischen Anatomie auf die Therapie gehabt haben und haben mußten. Die große Einschränkung des Gebrauchs der Vomitive war die Folge einer der wichtigsten Bereicherungen unserer anatomischen Kenntnisse, die wir zwei Forschern ersten Rangs auf diesem Gebiete verdanken: Cruveilhier in Paris und Rokitansky in Wien. Sie fällt in das Ende des vierten Jahrzehnts, kurz vor den Beginn meiner medizinischen Studien. Fast gleichzeitig haben die beiden berühmten Anatomen, Cruveilhier 1838, Rokitansky 1839, die ärztliche Welt mit dem runden Magengeschwür, seiner Häufigkeit und großen praktischen Bedeutung bekannt gemacht. Ich hebe als besonders wichtig aus der Lehre von diesem eigentümlichen Geschwür, das außer im Magen auch noch im angrenzenden Zwölffingerdarm angetroffen wird, nur einiges hervor, was hier Erwähnung verdient.
Vor dem Eintritt der Geschlechtsreife wird das Geschwür äußerst selten gefunden, von da an häufig, seltener bildet es sich im Greisenalter. Die Bleichsucht begünstigt seine Entstehung. Es ist die häufigste Ursache der Magenkrämpfe, die mit starker Säurebildung, heftigen Schmerzen und Blutbrechen verlaufen, es hat eine Neigung, die Magenwand zu durchbohren, und die stürmischen Bewegungen, die mit dem Brechakte verbunden sind, können durch die Zerrung der Magenwände[185]  eine Zerreißung an der verdünnten Geschwürstelle herbeiführen. Wäre man nun imstande, die Geschwüre durch sichere Zeichen in allen Fällen vom einfachen Gastrizismus zu unterscheiden, so würde man auch heute noch unbedenklich gegen diesen die Brechkur anwenden dürfen, es gibt aber vereinzelte, wenn auch seltene Fälle, wo sich das Geschwür hinter dem Bilde eines unverdächtigen Gastrizismus versteckt, und dies ist der Grund, weshalb man so vorsichtig geworden ist.

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Weit seltener jedoch, als man annehmen könnte, scheinen Brechmittel Zerreißungen der Magenwand herbeigeführt zu haben. Der Grund davon dürfte ein mehrfacher sein. Am häufigsten wurden sie bei Kindern verordnet, bei denen die Geschwüre kaum vorkommen, bei Bleichsucht waren sie verboten, ebenso bei schmerzhaften Zuständen des Magens. Mir persönlich ist nur einmal ein solches Ereignis zur Kenntnis gekommen; es brachte 1854 einen Wundarzt aus der Gegend von Würzburg auf die Anklagebank.



Prüfung auf dem Krankenbette
[186] Akuter Gelenkrheumatismus











Niemand hatte sich über meinen ärztlichen Lizenzschein mehr gefreut als meine Mutter. Leider waren ihre Tage bereits gezählt; aus Furcht vor dem Messer der Chirurgen verheimlichte sie ein böses Leiden so lange, bis es zum Operieren zu spät war. Erst 48 Jahre alt, schied sie nach unsäglichen Qualen von uns. Kurz zuvor, für meine arme Mutter ein Jahr zu spät, war in Boston die große Erfindung gemacht worden, chirurgische Operationen mittels eingeatmeter Ätherdünste schmerzlos auszuführen.
Als meine Mutter starb, war ich seit einigen Monaten Assistenzarzt an der Inneren Klinik Pfeufers. Ich wohnte im Krankenhause, ohne zu ahnen, daß ich meine genauesten pathologischen Beobachtungen darin am eigenen Leibe machen sollte. In der Weihnachtswoche streckte mich ein heftiger Gelenkrheumatismus auf das Schmerzenslager und wich erst gegen Ende Februar. Er züchtigte meinen verzärtelten Leib für die[186]  groben hygienischen Sünden, die ich, als Arzt doppelt strafbar, hätte vermeiden sollen. Seit anderthalb Jahren hatte ich die meiste Zeit am Studiertisch gesessen, war nur wenig in die frische Luft gegangen, hatte meine Muskeln kaum geübt und meine Haut nicht methodisch mit kaltem Wasser abgehärtet. Zwar hatte mir der Lizenzschein die beste Note erteilt, aber in Wirklichkeit war ich ein Stümper. Hätte ich nur das Abc der Gesundheitslehre gekannt und befolgt, so wäre ich sicher vor der Krankheit geschützt gewesen.
Allerlei Störungen in meinem Wohlbefinden hatten mich im Sommer 1846 nach und nach zum Hypochonder gemacht. Die lästigen Empfindungen deutete ich irrig und bezog sie auf ein schweres Leiden. Sie wären durch richtige Lebensweise leicht zu beseitigen gewesen, aber in meinen falschen Ideen befangen, gebrauchte ich verkehrte Mittel. Zwar beschränkte ich meine Nahrung auf leicht verdauliche, reizlose Kost und nahm fast keine erhitzenden Getränke, aber ich machte mir nur wenig Bewegung und gebrauchte, statt täglicher kalter Abwaschungen des ganzen Körpers und kalter Bäder, warme Bäder, die mir ein vorübergehendes Behagen verschafften, meine Haut jedoch noch mehr verweichlichten. Als ich zuletzt im Beginn des Winters auf eine richtigere Auffassung meines Leidens kam und mir fest vornahm, meinen krankhaften Empfindungen nicht mehr nachzugehen, verschwanden sie wie auf einen Schlag, ich machte mir mehr Bewegung und fühlte mich besser, aber zur Abhärtung meiner Haut tat ich zu wenig und büßte dafür bitter.
Über Weihnachten war ich im Urlaub bei meinem Vater zu Besuche. In der letzten Nacht holte man ihn auf offenem Wagen nach auswärts, nicht warm genug bekleidet fuhr ich mit ihm, es war eisig kalt, ich fror auf dem ganzen Wege. Am nächsten Morgen kehrte ich nach Heidelberg zurück, ich fühlte mich unbehaglich, und das Unwohlsein nahm in den nächsten Tagen zu. Wenn ich mich vom Sitze erhob, um zu gehen, war ich steif in den Gelenken und hatte Schmerzen darin, ich verlor den Appetit, fröstelte, schlief schlecht und hatte schlimme Träume, doch besorgte ich meinen Dienst. In der dritten Nacht aber[187]  weckte mich zu mitternächtiger Stunde ein wütender Schmerz im Ballen der linken großen Zehe, es war mir, als würde er in einen glühenden Schraubstock gepreßt, und ich fieberte. So hatte uns Pfeufer die mitternächtige Einkehr des Podagras geschildert, als ich zweiundeinhalb Jahre zuvor seine Vorlesungen über Gicht gehört. Ich erstaunte: so frühe sollte ich schon durch den Besuch des Podagras ausgezeichnet werden? Hätte es mich nicht so heillos am großen Zehen geschmerzt, so wäre ich fast stolz auf die große Auszeichnung gewesen. Ich wagte sogar Pfeufer bei seinem Morgenbesuche meine Vermutung auszusprechen, wurde aber mit der kurzen Bemerkung abgefertigt, nicht das vornehme Zipperlein sei bei mir eingekehrt, sondern ein ganz gemeiner Gelenkrheumatismus, und der schlimme Geselle werde sechs Wochen lang das Lager mit mir teilen.

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Meinem Bettgenossen gefiel es sogar noch länger bei mir, und er übte seine tückischen Künste an meinen Gelenken mit besonderem Mutwillen. Er sprang fast täglich auf neue, auch solche, die er meist verschont, z.B. die Kiefergelenke und die Verbindungen der Nackenwirbel, ergriff oft mehrere zugleich und einige wiederholt. Ich lag unbeweglich auf dem Rücken, wie ein Käfer, den böse Buben mit der Nadel lebend auf ein Brett spießten, und konnte kein Glied rühren vor Schmerzen. In Schweiß gebadet, wurde ich von Friesel krebsrot und lag auf an mehreren Stellen.
Nach einigen Tagen empfand ich morgens Stechen in der Herzgegend mit Beklemmung. Pfeufer stellte die Diagnose auf Entzündung des Herzbeutels; er gab meinem Vater sogleich Nachricht von meiner Erkrankung und seinem Befunde, ohne mich von dem Briefe in Kenntnis zu setzen. Abends wurde ich von dem Besuche meines Vaters überrascht und aufgeregt. Ich hatte stets seine Ruhe am Krankenbette bewundert, heute verließ ihn die Fassung. Schluchzend trat er zu mir, Pfeufer mußte ihm meinen Zustand als bedenklich geschildert haben; er tat mir unsäglich leid. Um ihn zu beruhigen, stellte ich mich ärgerlich über seine unnötige Erregtheit, mein Befinden sei bereits gebessert, er möge getrost heimkehren. Er nahm sich zusammen[188]  und verweilte nicht lange. – Ich überdachte, nachdem er weggegangen war, meinen Zustand mit der größten Gemütsruhe und bedauerte, falls ich stürbe, nur meinen Vater, der so große Opfer vergeblich gebracht haben sollte. – Sechs Jahre später sah ich dem Tode abermals ins Gesicht. Wie anders war es mir da zumute. Ich besaß Familie und sollte sie unversorgt zurücklassen.
Die Behandlung meiner Krankheit bietet nur wenig Interesse. Ich nahm keine andern Arzneien als ein Wiener Tränkchen am ersten Tag und wegen der gänzlichen Schlaflosigkeit und gesteigerten Schmerzen in der Nacht vom Ende der ersten Woche an jeden Abend eine kleine Gabe Morphium, einen Viertelgran. Pfeufer verordnete mir Colchicum, aber ich konnte mich nicht entschließen, es zu nehmen. Auf das Herz ließ er mir einige Tage lang einen Eisbeutel legen. Meine entzündeten Gelenke wurden in dicke Lagen von Werg eingeschlagen, ein damals allgemein gebräuchliches örtliches Verfahren, das mir die Schmerzen vermehrte, weshalb ich nach einigen Tagen dringend bat, mich damit zu verschonen. Dagegen empfand ich äußerst wohltuend alle Morgen Abwaschungen am ganzen Leibe mit warmem Wasser, dem Kalilauge zugesetzt war, einer Mischung von 30 Teilen des offiziellen Liquor Kali caustici auf 1000 Teile Brunnenwasser. Die Hälfte davon weiter verdünnt mit der 4–6fachen Menge badewarmen Wassers von ungefähr 28° R diente zur Abwaschung. Mittels eines Badeschwamms wurde ein Teil des Leibes nach dem andern vorgenommen und jeder für sich mit einem zarten Tuche abgetrocknet. – Die Stunde nach dieser Waschung war viele Wochen lang die einzige leidlich erträgliche. – Ich habe dieses Verfahren, das von Schoenlein stammt, in meiner Praxis zeitlebens beibehalten und darf es warm empfehlen.


Bei dieser einfachen Behandlung bin ich schließlich genesen, an meinem Herzen blieb lange Zeit eine vermehrte Erregbarkeit zurück, die mich namentlich gegen Kaffee und Tee empfindlich machte, weit weniger gegen Wein.
Wie überall, wo Entzündungen auftraten, meinten viele Ärzte damals, auch beim Gelenkrheumatismus die Blutentziehungen[189]  nicht entbehren zu können. Einer der meistbeschäftigten Ärzte in Heidelberg setzte einem meiner daran erkrankten Bekannten an jedes größere Gelenk, sobald es zu schmerzen anfing, 6–10 Blutegel, mindestens 60 im ganzen, ohne irgendeinen wohltätigen Einfluß auf den Gang der Krankheit. – Daß der Aderlaß nichts nütze, hatte ich als Assistent bei Naegele erfahren. Es war mir die kleine Schrift eines englischen Arztes – ich glaube, er hieß Macleod – in die Hände geraten, worin der Aderlaß als ein besonders wirksames Mittel gegen den akuten Gelenkrheumatismus empfohlen war. Hat man noch keine eigene Erfahrung, so ist man leichtgläubig. Es lagen gerade zwei kräftige Personen heftig von der Krankheit befallen in Naegeles Klinik, und mit seiner Genehmigung entzog ich jeder ein Pfund Blut. Der Erfolg war null. Der Rheumatismus nahm unbehindert seinen, schließlich günstigen, Verlauf. Ich hätte besser getan, der Lehre Puchelts Glauben zu schenken, wonach der akute Gelenkrheumatismus eine, wie er sich ausdrückte, »zyklische« Krankheit sei, die sich durch Blutentziehungen in ihrem Gange nicht irremachen lasse.
Mein Appetit war sechs Wochen lang gänzlich verschwunden, dagegen quälte mich ein unlöschbarer Durst infolge der riesigen Schweiße. Neben frischem Wasser trank ich anfangs große Mengen von Limonade und später von Buttermilch. – Die erste feste Speise, die ich zu mir nahm, waren geschabte säuerliche Äpfel.
Unter solchen Umständen war es kein Wunder, daß ich zum Skelett abmagerte. Der Vater meines Freundes Bronner besuchte mich acht Tage, nachdem ich das Bett verlassen hatte. Tief erschreckt schrieb er seinem Sohne Eduard nach Paris, ich sei dermaßen abgezehrt, daß ich unmöglich genesen könne.
Noch heute bin ich den Freunden und Bekannten dankbar, die mir in den Nächten hilfreich beistanden, darunter Prof. Karl Schaible, dessen ich schon früher gedachte, Geh. Hofrat Oskar Diruf sen. in Kissingen und Heinrich Medicus, evangelischer Pfarrer in Triest. Eine treffliche Pflegerin war mir eine der klinischen Wärterinnen, eine lange, schlanke Person, die meine Freunde die große Seeschlange nannten. Sie war[190]  mir dankbar zugetan, weil ich sie in den Herbstferien an einer Perityphlitis glücklich behandelt hatte; nach einem Aderlaß waren Geschwulst, Schmerz und Fieber rasch bei ihr verschwunden.

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Die arme Seeschlange! Ein langes Leben schien ihr beschieden, aber sie hatte ein zärtliches Herz und vermochte die Untreue ihres Geliebten, der ihr die Ehe versprochen, nicht zu überleben. Sie verschaffte sich im Hospital ein Fläschchen Opiumtinktur. Im Wahn, das Mittel, dem so viele Kranke Ruhe und süßen Schlaf verdanken, müsse ihr in großer Gabe einen leichten Tod verschaffen, leerte sie es auf einen Zug und büßte ihren Irrtum mit einem langen und schweren Todeskampf.
Meine schmerzhafte Krankheit ist mir ein guter Lehrmeister geworden. Wer selbst auf der Folterbank gelegen hat, fühlt am wärmsten mit den Gemarterten, er begreift ihr Jammergeschrei, aber auch ihre leisen Seufzer finden bei ihm volles Verständnis. Es gibt viele Dinge in der ärztlichen Praxis, die der wissenschaftlichen Medizin gleichgültig sind, aber für den Kranken Labsal und Balsam; wer auf dem Krankenbette und nicht bloß an ihm geprüft wurde, weiß den Wert eines mitfühlenden Blickes, eines guten Wortes zur rechten Zeit am besten zu schätzen; den Physiologen läßt es gleichgültig, wie die Kissen für den Kranken gelegt werden, für den praktischen Arzt ist es eine ernste, wichtige Sache.



Der Frühling 1847










[192] Als der Frühling in das Land kam, sah ich wieder frisch in die blühende Welt und behauptete, das Wonnegefühl der Wiedergenesung wiege die erduldeten Leiden auf. Was ich vor meiner Krankheit achtlos und ohne Dank hingenommen, den freien Gebrauch der Glieder und der Organe zum Atmen und Speisen, oder nachts die bequeme Lage und den ruhigen, tiefen Schlaf, all das war mir jetzt unsäglicher Genuß.
Mit Freude begrüßte ich die Freunde, die im Herbst nach Paris gegangen waren und heimgekehrt mich jetzt besuchten, darunter Eduard Bronner, alle elegant gekleidet, wie ich sie nie gesehen, nach der neuesten Pariser Mode. Neugierig lauschte ich ihren Schilderungen des modernen Babylon, seines Lebens und Treibens, seiner Paläste, prächtigen Straßen, Plätze und Lustgärten, seiner berühmten Ärzte, Gelehrten und Staatsmänner. Sie rühmten den freien patriotischen Sinn der Franzosen, ihr freundliches Entgegenkommen, ihre gefälligen Umgangsformen. Über die politische Stimmung Frankreichs gaben sie ernsten Bericht. Der Thron des Bürgerkönigs Louis Philippe stand nicht fest, Mißgriffe und Unwürdigkeiten in der inneren und äußeren Politik, vor allem aber die Habsucht des Königs, hatten die öffentliche Meinung erbittert und ihn um Achtung und Ansehen gebracht. Schlechte Ernten mit Verteuerung des Brotes drückten auf die Stimmung der Massen, die Käuflichkeit einzelner hoher Staatsbeamten und furchtbare Verbrechen in den obersten Schichten der Gesellschaft regten die niederen, der politischen Rechte beraubten Klassen gegen die höheren[192]  auf. Geheime Gesellschaften waren unermüdlich an der Arbeit, das Königstum zu stürzen. Presse und Bühne eiferten um die Wette gegen die Verworfenheit der Aristokratie und Bourgeoisie und priesen mit glänzenden Phrasen die tugendhafte Welt der Gamins de Paris und der Ouvriers seiner Vorstädte.
Die jungen Mediziner hatten in Paris fleißig eingekauft und sich für die Praxis mit chirurgischen Instrumenten und ganzen Bestecken bei Charrière und Luer, einzelne auch schon mit Mikroskopen bei Oberhäuser, ausgerüstet. Dies ist jetzt anders geworden; wie in so vielen Dingen, hat sich auch darin Deutschland unabhängig von Frankreich gemacht und fabriziert selbst vorzügliche Instrumente.
Das Neueste, was die Freunde mitbrachten, war die große Erfindung der Ätherbetäubung zu schmerzloser Ausführung chirurgischer Eingriffe. Am 13. November 1846 hatte Elie de Beaumont der Akademie der Wissenschaften einen Brief seines Freundes, des Mediziners und Naturforschers Charles Jackson aus Boston, mitgeteilt; eine neue Epoche der Chirurgie begann. Auf den Rat Jacksons hatte der Zahnarzt Morton am 1. September mit Hilfe eingeatmeten Ätherdunstes zum erstenmal eine Zahnoperation schmerzlos vollzogen und der Chirurg Warren am 16. Oktober eine Geschwulst am Halse entfernt. Seit Jenners Einführung der Kuhpockenimpfung hatte keine Erfindung im Gebiete der Heilkunst Ärzte und Publikum so mächtig bewegt wie diese amerikanische, die über Paris ihren Einzug in die Alte Welt halten sollte.

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Die Physiologen und Ärzte der französischen Hauptstadt hatten die einschläfernde und schmerzstillende Kraft des Äthers sofort bestätigt und näher studiert, auch Apparate zur wirksamen Einatmung der Dünste ersonnen, die Heimgekehrten brachten sie mit. Pfeufer wünschte Versuche über die Ätherwirkung zu machen, wozu sich ihm die jungen Ärzte zur Verfügung stellten. Auf meinem Studierzimmer wurden sie ausgeführt und von Pfeufer im 6. Bd. der Zeitschrift für rationelle Medizin veröffentlicht. Einer unsrer Freunde verriet in dem Stadium des Ätherrausches, das dem Schlafe vorausgeht, ein süßes Geheimnis, woran wir natürlich herzlichst teilnahmen.[193]  In zärtlichen welschen Worten beteuerte er der verlassenen Pariser Freundin seine deutsche Treue.
Bronner eröffnete mir seine nächsten Pläne. Er wollte nach Wien gehen, dessen alte medizinische Anziehungskraft durch das neu an seinem Himmel aufgegangene Doppelgestirn Rokitansky und Skoda erstarkt war. Ich wäre unendlich gern mit ihm gegangen, doch fehlte mir der Nervus rerum, das Geld.
Pfeufer erkundigte sich gütig um meine Zukunftspläne und drang darauf, daß ich mich um ein Staatsstipendium zu Reisezwecken bewerbe. Ich wußte, daß mein Gesuch aussichtslos wäre, aber ich durfte ihn nicht durch Widerspruch kränken; er schrieb mir einen warmen Empfehlungsbrief an den maßgebenden höheren Beamten in Karlsruhe, der mir persönlich bekannt und geneigt war. Damit reiste ich nach Karlsruhe, wurde vorgelassen und stehend bedeutet, daß die badische Regierung keine Ursache habe, Ärzte mit Reisemitteln zu unterstützen, es gebe deren übergenug im Lande, fast auf jedem Dorf sitze ein Doktor. Wenn an der Landesheilanstalt Illenau eine Hilfsarztstelle frei würde, wolle man mich, falls ich eine solche in Aussicht nähme, berücksichtigen. Glücklicherweise gelang es mir, von einem privaten Gönner auf Treu und Glauben tausend Gulden vorgestreckt zu erhalten, mit dieser Summe konnte ich ein Jahr auf Reisen zubringen.
An einem schönen Maientag – es war der Dienstag der Pfingstwoche – fuhren Bronner und ich von Wiesloch ab. Unser nächstes Ziel war München; die ärztliche Fakultät der bayerischen Hauptstadt lockte uns nicht, sie bedeutete wenig, einzig und allein der Kunstschätze halber wollten wir dort eine Woche verweilen. König Ludwig I. hatte München zu einer der sehenswertesten Städte Deutschlands gemacht.



München










[194] Den Weg von Heidelberg nach München legt man heute mit dem Schnellzug bequem in acht Stunden zurück. Damals war von der ganzen Strecke, die wir von Wiesloch nach München durchfahren mußten, nur der kleine Teil von Wiesloch[194]  bis Bruchsal und der größere am Ende der Reise von Augsburg bis München mit Schienen belegt, durch ganz Württemberg und von Ulm bis Augsburg mußten wir den Eilwagen benützen. Wir kamen am ersten Tag abends nach Stuttgart, nachdem wir in Vaihingen an der Enz Mittag gemacht hatten, fuhren eng zusammengepfercht die Nacht hindurch bis Ulm, wo wir halb gerädert ankamen, wurden in Günzburg paßpolizeilich genau verhört und verbrachten die zweite Nacht zu Augsburg in den altberühmten »Drei Mohren«. Erst am dritten Tage erreichten wir München.
In den »Drei Mohren« zu Augsburg legte man uns das merkwürdige Fremdenbuch vor. Der berühmteste Gast, der in dem Hause Quartier genommen, war Napoleon nach den großen Tagen von Ulm. In dem Buch stand ausdrücklich, wie der siegreiche Korse den Magistrat der Freien Reichsstadt beim Einzug begrüßt hatte. Seine Worte lauteten, ich glaube mich ihrer zu erinnern, wie folgt: »Ihr habt ein heilloses Pflaster, es ist Zeit, daß ich euch einen Monarchen gebe, der für ein besseres sorge!« – Er hielt Wort, der Preßburger Friede vernichtete die alte Reichsfreiheit der schwäbischen Stadt und brachte sie an Bayern.
Nachdem wir Augsburg am Morgen des folgenden Tags besichtigt hatten, fuhren wir nachmittags nach München. Der Onkel rühmte den »Oberpollinger« als gut und billig. Wir stiegen dort ab. Über der Tür unsres Schlafzimmers glänzten in weißer Kreide die Buchstaben der Heiligen Drei Könige: † C.M.B. †. An dem Dreikönigstage kam alljährlich der Kapuziner mit Wedel und Weihwasser, besprengte das Haus und betete um himmlischen Schutz und Segen für Wirt und Gäste. In der Hut der drei Könige, der berühmtesten Reisenden der christlichen Welt, schliefen wir sicher und gut; außerhalb des Hauses, auf den Wanderungen durch die Straßen, vertrauten wir auf das Münchener Kindl und verweilten so, wohlbeschirmt, sieben schöne und lehrreiche Tage in der bayerischen Residenz.
Um nicht unvorbereitet Isarathen zu sehen, hatte ich in den letzten Wochen vor der Abreise versucht, Kuglers Kunstgeschichte[195]  zu studieren, aber ohne rechten Nutzen, es fehlten mir die nötigen Anschauungen.
Sehr erwünscht war meinem Freunde und mir ein Empfehlungsbrief, den uns ein Oheim der beiden Landschaftsmaler Rottmann, der in Wiesloch als pensionierter Amtmann lebte, an seine Neffen mitgegeben hatte. Die Rottmann stammten aus der badischen Pfalz, aus Handschuhsheim bei Heidelberg, auch ihr Vater war Maler gewesen.

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Wir machten gleich in den ersten Tagen Gebrauch von dem Briefe, aber leider war der ältere Bruder Karl, der berühmte Maler der italienischen Landschaften in den Arkaden und der griechischen in der Neuen Pinakothek, verreist, der jüngere, Leopold, empfing uns freundlich und erteilte uns einige nützliche Ratschläge.
Die vielen Profan- und Kirchenbauten, die König Ludwig errichten ließ, standen bereits zum großen Teile, wie die Alte Pinakothek und die Glyptothek, oder waren der Ausführung nahe, wie die Neue Pinakothek und die Basilika, die Propyläen waren in Aussicht genommen. Kunstschätze aller Art und aller Zeiten hatte der König mit wunderbarem Kennerblick und Geschick nach München gebracht und in herrlichen Palästen allgemein zugänglich aufgestellt. Die ersten Künstler Deutschlands schmückten die Räume seiner Residenz und die neuen Bauten mit zahllosen prächtigen Werken. Mochte man auch über die bayerische Feldherrnhalle mit dem einzigen Tilly spotten oder über den Obelisken zum Andenken an die 40000 Bayern, die »auch für des Vaterlandes Befreiung in Rußland starben«, jedenfalls waren die Denkmäler ein großer Schmuck der Stadt und halfen mit, sie zu einer der schönsten Deutschlands zu machen.
Die alte Mönchsstadt und Residenz der bayerischen Herzöge war 1806 Königssitz geworden. Das Münchner Kindl in der braunen Kutte konnte sich nicht aus vollem Herzen über die glänzende Wandlung der Stadt freuen. Graf Montgelas, des ersten bayerischen Königs Maximilian Josef gebietender Minister, war den Kutten nicht gewogen und ein rücksichtsloser Vertreter der Omnipotenz des Staates. Bessere[196]  Zeiten kehrten für das Kindlein wieder, als mit dem Tode Max Josephs, 1825, Ludwig I. den Thron bestieg. Anfangs zwar schüttelte es den Kopf bedenklich, als mit den Mönchen und Nonnen die leicht geschürzten Musen aus Hellas auch in die Stadt einzogen, aber vergnügt sah es bald die Kunst mit der Kirche bei Bock und Salvator sich gut vertragen.
Die große Bedeutung König Ludwigs I. für die deutsche Kunst wird erst heute ganz begriffen; wie der Ritter in dem Märchen von Dornröschen, hat er sie aus totenähnlichem Schlummer erweckt. Aber die Jugend der vierziger Jahre sah in dem König lediglich einen Tyrannen nach mediceischem Vorbilde, der die Staatsmittel des armen Bayerns in Bauten und in den Launen seiner künstlerischen Neigungen verschwende. Daß die Millionen, die er mit methodischer Berechnung aufwandte, einst der Hauptstadt Bayerns und dem ganzen Lande, ja der deutschen Kunst reichen Zins tragen würden, ahnte kaum jemand, und vollen Dank erntete er während seiner Regierung nur bei den Künstlern, denen er eine große Stätte schuf.
Obwohl der König gut deutsch gesinnt war, hat er die Zuneigung der patriotischen, aber zugleich frei gesinnten deutschen Jugend nicht besessen, denn aufgewachsen in dem Glauben an die unbeschränkte Macht der Fürsten von Gottes Gnaden, wollte er kein Titelchen seines göttlichen Rechtes preisgeben und haßte die von seinem Vater dem Königreiche 1818 verliehene Verfassung. Er meinte, seines fürstlichen Amtes gerecht zu walten, wenn aber die Gerichtshöfe das Gesetz nicht nach seinem Gefallen auslegten, ließ er die Richter seine Ungnade fühlen. Vor dem Landtage 1831 hatte er feierlich erklärt, er möchte kein unbeschränkter Herrscher sein, aber auch loyalen Männern von liberaler Gesinnung ließ er bei der großen Demagogenhetze der dreißiger Jahre bös mitspielen. Wir jungen Mediziner beklagten mit tiefem Mitleid das herbe Los des Dr. Eisenmann, einer der besten Schüler Schoenleins. Die Gerichte hatten ihn aus nichtigen Gründen wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, und der charakterfeste, zu Kerkerstrafe begnadigte Mann blieb 16 Jahre in der Fronfeste[197]  eingesperrt, weil er sich unerschütterlich weigerte, vor dem Bilde des Königs die verlangte Abbitte zu tun. Erst das Jahr 1848 verschaffte dem Dulder die Freiheit.


Auch die deutsche Muttersprache versuchte der König unter sein absolutes Regiment zu beugen, aber sie spottete seiner. Staunend skandierten wir seine Distichen unter den Arkaden und stolperten vergnügt über die ungelenken Versfüße.
Wir waren den ganzen Tag unterwegs, es gab so unendlich viel zu sehen, und keine der Schöpfungen des kunstsinnigen Königs sollte uns entgehen. Eine einzige Stunde nur verwendeten wir auf das medizinische München.
Die beiden bedeutendsten Männer, die seit der Verlegung der Landshuter Universität 1826 nach München an der medizinischen Fakultät gewirkt hatten, waren Ignaz Döllinger, der 1841 starb, und Philipp von Walther. Man hatte Walther, den geistvollen und berühmten Chirurgen, der sich früher schon in Landshut als Physiologe und Chirurg eines großen Rufes erfreut hatte und 1818 nach Bonn berufen worden war, wo er als Lehrer wie als Praktiker eine außerordentliche Verehrung genoß, 1830 nach München geholt; bald aber bereute er bitter, dem Rufe nach Bayern gefolgt zu sein. Die Ränke der mächtigen Gegner im Schoße der Fakultät zwangen ihn 1836, seine Klinik an den heute vergessenen Professor Wilhelm abzutreten und nur noch Vorlesungen abzuhalten. Chelius und Pfeufer hatten des ausgezeichneten Mannes so oft in tiefer Verehrung gedacht, daß wir begierig waren, ihn zu sehen, und ihn im Hörsaal aufsuchten, aber wir trafen es schlecht. Zwar seine imponierende Persönlichkeit erfüllte uns mit Ehrfurcht, aber das Thema aus der Augenheilkunde, worüber er vortrug, war das denkbar unglücklichste. Er las über die Ophthalmia trichomatosa, zu deutsch: die Augenentzündung beim Weichselzopf. Dieser Zopf ist heute mit vielen andern Zöpfen aus der Medizin beseitigt. Damals galt er noch für ein endemisches, an klimatische Schädlichkeiten der Weichselländer gebundenes Leiden des Kopfhaars, in Wirklichkeit aber ist er ein Erzeugnis der Unreinlichkeit ihrer Bewohner, die zur unlösbaren Verfilzung der Haare führt, und weicht der Schere und[198]  Seife. Walther beschrieb den Weichselzopf genau und sprach dreiviertel Stunden von dessen Erscheinungen und Folgen, möglichen Ursachen, Prognose und Behandlung; – wir verließen wenig erbaut den Hörsaal.
Auch Louis Stromeyer, der ausgezeichnete Chirurg, dessen Klinik mein Freund Bronner in Freiburg besucht hatte, war ein Jahr lang (1841/42) Mitglied der Münchner Fakultät gewesen, ehe er in Freiburg wirkte. Mein Kollege Prof. Josef Gerlach in Erlangen, der in München eine Zeitlang studiert hat, erzählte mir eine Geschichte, die mit dazu beitrug, Stromeyer den Aufenthalt in München zu verleiden und ihn bewog, einen Ruf nach Freiburg anzunehmen. Ringseis forderte eines Tages Stromeyer auf, einem Kranken der Inneren Klinik mittels Bauchstichs Wasser abzuzapfen. Stromeyer weigerte sich, nachdem er den Kranken untersucht hatte, die Operation vorzunehmen, weil kein Wasser im Bauche sei. Darauf machte Ringseis selbst den Stich, es kam nur Luft, der Kranke starb; die Schüler erzählten den Vorgang Stromeyer in der Klinik, und dieser bemerkte spitz: »Man nennt dies den trockenen Stich, so sticht man die Leute ab.« Ringseis wurde diese Äußerung hinterbracht, er verklagte Stromeyer bei der Fakultät, die den Widerruf der Beleidigung vor den Schülern verlangte. Stromeyer gehorchte mit den Worten: »Ich widerrufe, was ich gesagt: so sticht man die Leute nicht ab!«



Lola Montez










[199] Wie ich der Biographie aus der Feder von Sepp: »Ludwig Augustus, König von Bayern«, Schaffhausen 1859, entnehme, warnt der heilige Hieronymus, der gelehrteste lateinische Kirchenvater, vor überschwenglicher Liebe zur Schönheit, sie mache den Menschen einseitig und verdreht, möge er noch so hoch geadelt sein. Aristoteles und Seneca hätten sich im gleichen Sinne ausgesprochen. – Die Ereignisse der letzten Regierungsjahre des Königs Ludwig I. zeugen für das richtige Urteil des weisen Hieronymus.[199]
Seit 1837 hatte der König in seinem Günstling Abel, einem politischen Renegaten, einen Minister ganz nach seinem Sinne gefunden. Zehn Jahre lang, bis 1847, bekämpfte Abel, als der entschiedenste Feind der Verfassung, den Bayerischen Landtag und Reichsrat und erwies sich zugleich als ein willfähriges Werkzeug der Ultramontanen. Da geschah, kurz bevor wir die Fahrt nach München antraten, unerwartet Unglaubliches. Der König entließ am 16. Februar 1847 seinen Günstling und ernannte ein liberales Ministerium.
Die Welt vernahm das Ereignis mit Staunen. Wie war das Unmögliche möglich geworden? Was hatte den König plötzlich so gänzlich umgewandelt? Das alles hatte, es war die reine Wahrheit, eine Bajadere mit ihrem Tanzen getan, und der Name Lola Montez, bisher in weniger Leute Munde, erlangte mit einemmal historische Berühmtheit.
In der Tat, die junge Schöne hatte das Herz des alternden Königs in Flammen gesetzt und schwang mit tollem Übermut ihr Pantöffelchen über dem gesalbten Haupte. Wenn sie winkte, so flogen die Minister aus ihren Ämtern und die Professoren von ihren Lehrstühlen. Mit der Reitpeitsche wies sie der hohen Polizei die Tür; den Studenten, die ihr ein Pereat vor dem Hause brachten, trank sie lachend Champagner zu und bewarf die zugeströmte drohende Menge mit Bonbons. Vor den Augen Europas spielte sich eine Staatsaktion ersten Ranges ab, wie eine lustige Operette.
Lola Montez – unter diesem Namen hatte die Tänzerin sich eingeführt – war geboren zu Montrose in Schottland, die Tochter eines englischen Offiziers Gilbert und einer Kreolin Oliverras. Mit 15 Jahren war sie in Bath aus der Pension entlaufen, hatte sich mit einem jungen Kapitän James verheiratet und mit ihm nach Kalkutta eingeschifft. In den Offizierskreisen der ostindischen Kompanie herrschte ein ausgelassenes Leben, in dieser Schule wurde sie zur Kurtisane. Sie verließ ihren Mann, kehrte nach Europa zurück, vertauschte in Spanien, wo sie längere Zeit verweilte, ihren englischen Namen, wurde Tänzerin und ging aus einer Hand in die andere. In Paris erregte sie Aufsehen, und ein Journalist, Dujarrier, wurde ihrethalben[200]  im Duell erschossen. Von Paris aus besuchte sie die Bühnen der meisten Hauptstädte Europas, zuletzt, nach einer Kur bei Chelius in Heidelberg und einer Nachkur in Baden-Baden, reiste sie nach München, wo sie anfangs Oktober 1846 ihre erste Gastrolle gab und den König alsbald in Fesseln schlug. Wenn ich Sepp, der die meisten dieser Angaben gesammelt hat, richtig verstehe, so liebte der König das schöne Menschenbild nicht anders, als wie er die schönen Marmorbilder seiner Alten Pinakothek anbetend verehrte.

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Der dringlichen Einreden Abels ungeachtet, verlieh der starrsinnige König der Tänzerin den Titel einer Gräfin von Landsberg und das bayerische Heimatrecht. Der Minister mußte gehen, und Lola stieg von den Brettern, die nur die Welt bedeuten, auf die wirkliche Weltbühne. Ein Hexensabbat ging in der bayerischen Hauptstadt los. Bisher hatten sich die Münchner nur beim Bierwalzer gedreht, jetzt schwenkten sie sich rasch im Tempo des Bolero und Fandango. Wenn die Tänzerin mit den Kastagnetten klapperte, hüpfte jung und alt. Auch den Pöbel erfaßte der Taumel, und der Thron begann in den Fugen zu knarren. Nur die Geistlichkeit hielt sich fest auf den Beinen und wartete die rechte Zeit ab, um den Zauber zu bannen.
Wie man sich denken kann, war unsere Neugierde, die schöne Circe zu sehen, groß. Zweimal war die Gelegenheit mir günstig, ihr Bild, und zweimal, sie selbst zu betrachten.
Maler Sudler hatte uns in Kaulbachs Atelier geführt. Der berühmte Künstler hatte Lola auf des Königs Geheiß gemalt, ihr aber einen widrigen Ausdruck gegeben. Der König war darüber entrüstet und verschwieg sein Mißfallen nicht: »Kaulbach, Sie haben eine Giftmischerin gemalt und nicht die Gräfin Landsberg!« – Es ließ sich nicht leugnen, das Bild Kaulbachs schmeichelte ihr nicht.
Dagegen war das Porträt gelungen, das Stieler gemalt hatte; es hing unter den Frauenbildern der Schönheitsgalerie im Festsaalbau der Residenz, der Betrachtung des Publikums zugänglich. Hier nahm ich es mit Freund Bronner in Augenschein. Wir eilten hinter dem Lakaien, der mit der ganzen Würde[201]  eines königlichen Bedienten dem Schwarme der Besucher vorausging, in raschem Trabe durch die Säle. Plötzlich stockte der Zug in der Galerie und drängte sich auf einen Knäuel zusammen. Der Führer verweilte, bis sich alle um ihn gesammelt, deutete auf eins der Bilder und rief mit sonorer Stimme respektvoll: »Señora Dolores Montez, Gräfin zu Landsberg.« Niemand wollte sich von dem Bilde trennen, aber der Führer schritt weiter, der Zug setzte sich wieder in Bewegung, immerhin war es uns beiden gelungen, das Porträt genügend zu betrachten. Señora Montez erschien uns wirklich würdig, unter diesen ausgewählten Schönen als eine der reizendsten zu prangen.
In Person sahen wir den Gegenstand der allgemeinen Neugierde zuerst im Hoftheater. Der König, die Herzogin von Leuchtenberg, die Kaiserin-Witwe von Brasilien und ihre Tochter beehrten die Vorstellung mit ihrer Gegenwart, die Taglioni tanzte. Lola saß in einer Loge ersten Ranges, an die Brüstung gelehnt, gut sichtbar. Der König und sie klatschten den meisten Beifall. – Am folgenden Tage sah ich sie ganz in der Nähe von Angesicht zu Angesicht. Der Weg führte mich durch die Barer Straße an dem Hause vorüber, das ihr der König geschenkt hatte. Sie saß am Fenster zu ebener Erde, den Blick aufwärts gerichtet. Ich erkannte sie, blieb stehen und prüfte ihre Züge aufmerksam. Sie glich genau dem Bilde in der Schönheitsgalerie, war wirklich reizend, hatte schwarze Haare und tiefblaue Augen. Plötzlich bemerkte sie mich, lachte und verließ das Fenster.


Wer weiß heute noch viel von Dolores Montez? – »Wenn die Dolores vorbei sind, hören die Schmerzen auf«, witzelten die Münchner Fliegenden Blätter, nachdem ein allerhöchster Befehl die Gräfin Landsberg am 11. Februar 1848 gezwungen hatte, binnen einer Stunde abzureisen und das Land zu verlassen. Der Hexentanz war zu Ende; ein Aufruhr, geschürt und ausgenützt von den Ultramontanen, hatte den König genötigt, sie preiszugeben. »Hieße sie Loyola Montez«, grollte er, »so wäre alles stillgeblieben.« Am 20. Februar legte er im 61. Jahre seines tätigen Lebens, des Regierens müde, das Zepter nieder[202]  mit dem Geständnis: »eine neue, ihm fremde Zeitrechnung habe begonnen«. Sein edler Sohn, Maximilian II., ergriff es mit der Versicherung: »dieser Zeit Gebote zu verstehen und auch zu vollbringen«, und hielt Wort.
Die Ausgewiesene spielte sich auf als Befreierin Bayerns aus den Banden der Ultramontanen. Sie hielt Vorträge in der Alten und Neuen Welt, schriftstellerte über die Kunst, die Schönheit zu erhalten, verheiratete sich noch mehrmals, wurde schwindsüchtig, gelähmt, bußfertig und starb im Elend zu Greenwood bei Neuyork.



Tirol










[203] In früher Morgenstunde überschritten wir die bayerische Grenze und tranken am Achensee den ersten Tiroler Wein. Beim schönsten Sonnenschein trug uns ein Nachen über den träumerischen See, und wir gingen hinab ins Inntal, wo wir in Jenbach übernachteten.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Am Vormittag sahen wir in Schwaz einen malerischen Aufzug von Bergknappen, die ihren Schutzheiligen feierten; nachmittags erfreuten wir uns auf dem Berg Isel bei Innsbruck an dem Treiben der Kaiserjäger und des Tiroler Volks in seinem bunten Sonntagsschmuck.
Den ganzen Montag widmeten wir den Sehenswürdigkeiten der Tiroler Hauptstadt und wanderten am Dienstag, vom Wetter stets begünstigt, durch das Inntal zurück in das Zillertal. Wir waren nicht lange gegangen, so kamen wir an ein Gasthaus mit dem Schilde »Zum Erzherzog Johann« und sahen auf der Steintreppe des Hauses einige junge Tiroler festlich geschmückt mit Federn und wehenden Bändern an den Hüten. Was mochte da los sein? Wir fragten, was für ein Fest man begehe, und erhielten artige Auskunft. Der Wirt hatte zur Feier seiner Hochzeit die Bewohner des Tals geladen, auch wir waren willkommene Gäste, wenn wir an dem Feste teilnehmen wollten; gegen Erlegung eines Guldens konnten wir mitschmausen und mittanzen nach Herzenslust, für saubere Diandln versprachen uns die Burschen zu sorgen.[203]
Dieser verlockenden Aufforderung, eine Tiroler Hochzeit mitzumachen, widerstanden wir nicht; wir zahlten unsern Gulden, und die neuen Freunde hielten Wort. Zunächst knüpften sie an unsere Hüte als Zeichen, daß wir berechtigte Gäste seien, rote Korduanstreifen, die über unsern Nacken lang herabhingen und sich seltsam genug an den hohen Zylindern ausnahmen. Wir trugen auf der Reise, worüber man sich heute wundern dürfte, wie es aber damals häufig Brauch war, solche, von den Studenten Angströhren oder Schlöte genannte Hüte. Bronner hatte den seinigen, einen schwarzen Filzhut, von Paris mitgebracht, ich den meinigen, einen grauen Klapphut oder Chapeau claque, in Heidelberg als Pariser Neuigkeit angeschafft. Nachdem wir so von den Burschen herausstaffiert worden, führten sie jedem von uns eine holde Jungfrau aus den Hütten des Tales zu, sie sollten unsere untrennbaren Partnerinnen sein an den Tafel- und Tanzfreuden des Hochzeitsfestes bis zum nächsten Morgen.
Die Gäste waren bereits zahlreich versammelt, und noch immer strömten neue herbei. Es war bald Mittag, ein guter Bratenduft kam von der Küche, und im Tanzsaal stimmten die Musikanten bereits die Geigen. Man ging paarweise hintereinander zu Tische; auch wir gingen im Zuge, die Diandln am Arm, und nahmen mit ihnen Platz. Mächtige Schüsseln mit dampfender Suppe wurden aufgetragen und aus tiefen Tellern mit ruhigem Behagen geschlürft. Der erste Gang war damit beendet, wir brachen auf, und wieder in geschlossenem Zuge wanderten die Paare zum Tanzsaal. Wir drehten uns rüstig im Walzer, und genau eine Stunde, nachdem wir uns zum ersten Gange gesetzt hatten, saßen wir wieder im Speisesaal beim zweiten. In dieser Ordnung wechselten von Stunde zu Stunde Schmaus und Tanz bis in die tiefe Nacht.
Sicherlich wäre das Fest einförmig geworden, aber Sänger und Tänzerinnen zeigten ihre Künste, wodurch es zu angenehmer Abwechslung kam.
In besonderer Erinnerung ist mir ein Liebeslied, das ein flotter Bursche zum besten gab, ein Spottlied zugleich auf die Pinzgauer Sennen des Salzburger Grenzlandes. Der Zillertäler[204]  ahmte einen Pinzgauer nach, der, mit einem dicken Halse behaftet, dem Diandl in Vierzeilern seine heiße Liebe gesteht. Mit jeder Zeile drückt das harte Kröpferl schwerer auf seine Kehle und wird die Stimmritze enger, Liebes-und Atemnot streiten sich in seinen Mienen, bis die Stimme zuletzt in einem langgezogenen, heiseren Geräusch gänzlich erstickt. Erschöpft schaut er kläglich umher, das mitleidlose Publikum lacht, aber er beginnt aufs neue einen Vers des Liedes mit demselben jammervollen Schlusse.
Im Laufe des Nachmittags kam ein schmuckes Ehepaar angefahren, angesehene Wirtsleute aus dem Tal und Meister im Schuhplattler, dem Tanze der Älpler. Die Gesellschaft hieß sie freudig willkommen, bildete im Tanzsaal einen Kreis, in dessen Mitte das Paar die Zuschauer entzückte, er durch geschmeidige Kraft, sie durch gewinnende Anmut.
Nach einigen weiteren Gängen und Tänzen waren wir des Festes satt und müde. Die jungen Tiroler hatten uns natürlich nicht die feinste Blüte des Zillertales zugeführt, die behielten sie lieber für sich. Zwar unsere Diandln waren gute Seelen und flink auf den Beinen, aber ein Schnaderhüpferl paßte auf die lieben Kinder und kam mir nicht aus dem Sinn, es lautete, soviel ich mich noch erinnere:


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»Mein Diandl ist sauber,
Mein' Lust und mein' Freud,
Sie melket die Geißen
Und ist nit zu g'scheit.«

Ich verstand zu wenig von der Melkwirtschaft, und unsere Unterhaltung kam deshalb öfters ins Stocken. Meinem Freunde Bronner ging es nicht besser. Wir verständigten uns durch Winke, verabschiedeten uns unter einem glaubwürdigen Vorwand und gingen aus dem Hause, um durch einen Spaziergang das Selchfleisch und die Knödel des letzten Ganges besser zu verdauen.
Der Rest des Abends verstrich im Herrenstübchen in guter Unterhaltung mit den Notabeln des Tals. Darunter befanden sich weitgereiste Leute, die auch unsere Heimat kannten.[205]
Für die Nacht war uns ein ruhiges Zimmer abseits vom Festlärm angewiesen worden. Wir schliefen gut, bis uns vor Tagesanbruch eine greuliche Katzenmusik erweckte. Als sich die Neuvermählten endlich vom Feste auf ihr Zimmer geschlichen hatten, war ihre Abwesenheit bemerkt worden, und die ledige Jugend versuchte, nach altem Brauche des Tals, die zärtliche Unterhaltung des Paares zu stören. Der Lärm trieb uns aus Bett und Haus, wir brachen nüchtern auf, nahmen unser Frühstück erst in dem nahen Zell, dem Hauptort des Tals, und machten uns dann auf die Wanderung über die hohe Gerlos in den Pinzgau.



Das Salzburger Land










[206] Auf der hohen Gerlos schlug das Wetter um; wir gingen, es war am 9. Juni, eine Stunde lang in starkem Schneegestöber und kamen durchnäßt abends in Krimml an. Am andern Morgen besichtigten wir die großartigen Wasserfälle und gingen im Regen die Straße durch den Pinzgau herab. Dabei summten wir, um uns bei guter Stimmung zu erhalten, das schöne Lied vor uns hin, das wir so oft als Studenten gesungen, von der Pinzgauer Wallfahrt. Was uns früher unverständlich geblieben, begriffen wir jetzt beim Wandern, warum das Lied den Pinzgauern nachsagt:

»Sie taten gerne singen und kunnten's nit gar schön.«

Wir fanden wirklich bestätigt, was der Zillertäler Sänger bei der Hochzeit zwei Tage zuvor höhnend uns angedeutet hatte: die Bewohner des Gaus, Männer und Frauen, trugen sämtlich eine Last am Halse, die dem Wohllaut des Gesanges nicht förderlich ist.
Der Regen nahm so überhand, daß wir uns ein Fuhrwerk verschafften, um rascher vom Fleck zu kommen. Am Eingang der Rauris hellte sich der Himmel etwas auf. Wir besahen uns den Kitzlochfall und verglichen ihn sinnend mit dem Krimmlfall, als es eben wieder zu regnen begann; wir waren herzlich froh, unsere durchweichten Kleider in einer Mühle, wo wir ein[206]  gutes Unterkommen fanden, am Herdfeuer getrocknet zu bekommen.
Am 11. Juni stiegen wir durch den Klammpaß hinauf ins Gasteiner Tal. Bei Hofgastein überraschte uns ein Schneegestöber wie drei Tage zuvor auf der Gerlos. Wir kehrten beim »Moser« ein und speisten recht gut an der Mittagstafel für 20 Kreuzer Münz. Mit uns teilten am Tisch das Mahl der kaiserliche Badearzt und einige kaiserliche Offiziere, die zur Kur hier verweilten.
Nach Tische zeigte uns der freundliche Herr Kollege die Badeeinrichtungen und belehrte uns über die Tugenden der Gasteiner Thermen. »Die chemische Analyse«, so schloß er seinen Vortrag, »findet in unsern Thermen nichts als warmes Wasser, aber die Herren Chemiker haben das feine Prinzip, was darin wirkt, den Brunnengeist, noch nicht erwischt. Er hält sich versteckt, doch kann man ihn deutlich wahrnehmen, wenn man gute Riechnerven besitzt. Belieben die Herren nur zu prüfen!« – Wir prüften; ein leichter, wenn auch kein feiner Geruch war in dem Badezimmer nicht zu verkennen.
Von Hofgastein gingen wir nachmittags nach Badgastein. Der »Straubinger« nahm uns nicht auf; für diesen vornehmen Gasthof war vermutlich unser Reisegepäck zu leicht. Man wies uns von da zum »Oberen Krämer«, der uns Obdach gab. Nachdem wir uns in dem schönen Kurort genügend umgesehen und durch ein Bad erquickt hatten, nahm uns am nächsten Tage nach Tisch ein Kutscher aus Salzburg als Rückfracht mit. Vor der Abfahrt meldete sich noch ein dritter Fahrgast in Gestalt eines hochwürdigen Herrn, eines Kuraten, mit dem wir uns gut unterhielten. Er war ein belesener Mann und warmer Verehrer der Professoren der Theologie Staudenmaier und Hirscher in Freiburg. – In seiner Gesellschaft kamen wir abends nach Werfen.

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In diesem hübsch gelegenen Marktflecken stiegen wir am Gasthof zur Post ab. Wir bestellten ein Zimmer und setzten uns sogleich zu Tische. Auch der Kurat verlangte ein Zimmer, ging aber, ohne ins Haus zu treten, zunächst zu seinem Amtsbruder, dem Ortsgeistlichen, um wegen der Frühmesse am nächsten[207]  Morgen Rücksprache zu nehmen. Während wir unsern Appetit stillten, kam der Wirt, um zu fragen, ob es uns störe, wenn der hochwürdige Herr über Nacht das Zimmer, das er uns versprochen habe, mit uns teile, es sei das einzige, das in dem stark besetzten Hause zur Verfügung stehe, und es habe drei Betten. Wir blickten uns verlegen an, doch faßte ich mich rasch und erwiderte: Der Herr Kurat werde uns nicht stören, wir aber ihn, wie ich fürchte, denn uns binde ein Gelübde, wir müßten alle Abend vor dem Schlafengehen Fandango tanzen. Der Wirt verzog keine Miene und ging. Als wir bald darauf nach unserem Zimmer verlangten, führte uns der Hausknecht über die Straße in ein Privathaus und schloß uns darin eine gute Stube mit zwei Betten auf. Ohne ein Wort zu wechseln, machten wir uns an die Erfüllung unseres Gelübdes. In einem Zimmer neben uns hörten wir laute Stimmen in lebhafter Unterhaltung, die sofort verstummten, als der Tanz begann. An diesem Abend übertraf mein Freund, der ungemein gelenkig war, die Lola und selbst die Taglioni. Unfähig, es ihm gleichzutun, warf ich mich, vor Lachen fast erstickt, in die Kissen; bald bestieg auch er, sehr befriedigt von seinen Leistungen in dem höheren Gebiet der Tanzkunst, das Lager. In dem Nebenzimmer war es wieder laut geworden, wir aber wurden stille und schliefen vortrefflich.
Bei Anbruch des Tages und prächtigem Wetter fuhren wir weiter nach Salzburg, kamen gegen Abend in der wunderschönen Stadt an, die der Welt den göttlichen Mozart beschert hat, und stiegen im Mohren ab. Die Küche dieses Gasthofs stand in großem Rufe, und wir fanden, es war Sonntag, das Speisezimmer mit Salzburger Bürgern und ihren schöneren Hälften dicht besetzt. Beim Mustern des Speisezettels fiel uns ein Gericht auf, das wir nicht kannten: »gebackene Äutern.« Mein Freund wandte sich an eine hübsche Frau, die ihm zur Seite saß, und erkundigte sich, was die Äutern bedeuteten, ob es vielleicht Fische seien. Aber die Schöne errötete sittsam und schwieg. Er geriet in Verlegenheit und fürchtete, eine unschickliche Frage gestellt zu haben. Der Gatte der Nachbarin, gerührt von des Fremden Unschuld, klärte ihn auf: Äutern seien gebackene Kuheutern und in Salzburg ein beliebtes[208]  Essen. Bronner dankte und entschuldigte sich bei der Frau Nachbarin, sie schwieg noch immer, schien jedoch beruhigt, denn offenbar hatte der fremde Gast nicht daran gedacht, ihr zu nahe zu treten. Wir verzichteten übrigens auf die Äutern, und dieser Leckerbissen ist mir bis heute noch nicht zuteil geworden.


Nach Tisch gewährte uns der Mönchsberg das Schauspiel eines Sonnenuntergangs von unvergeßlicher Schönheit. Wir verweilten zwei Tage in Salzburg, besahen das Grabmal des großen medizinischen Kraftgenies, der sein Wanderleben hier beschlossen hat, des Theophrastus Bombastus Paracelsus ab Hohenheim, besuchten den Friedhof, wo Mozarts Constanze ruht, und machten einen Ausflug über Berchtesgaden nach dem Königssee.



Das Salzkammergut










[209] Vom Gaisberg gingen wir an den St. Wolfgangsee herab und nahmen nachmittags in St. Gilgen eine Erfrischung. Jenseits des Sees ragte der Schafberg empor, der Rigi des Salzkammerguts, den wir ersteigen wollten. Er ist 1750 m hoch und bietet eine der schönsten und weitesten Aussichten in den östlichen Alpen. Auf seinem Gipfel stand ein kleines Gasthaus, das später abbrannte und durch ein größeres ersetzt wurde. In St. Gilgen versicherte man uns, das Haus oben sei in diesen Tagen bereits für Gäste geöffnet worden, weshalb wir aufbrachen, obwohl es schon vier Uhr war, in der sicheren Erwartung, dort Unterkunft zu finden. Wir nahmen weder Führer noch Proviant mit.
Nachdem wir über die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatten, gingen wir fehl und mußten eine Zeitlang aufs Geratewohl emporsteigen, bis wir bei zwei leerstehenden Sennhütten den richtigen Pfad wiederfanden. Als wir den Gipfel erreichten, war die Sonne am Untergehen, die Aussicht entzückend, das Gasthaus aber verschlossen und noch nicht bezogen.
Unsere Lage war höchst verdrießlich. Nach kurzem Beraten beschlossen wir, sogleich umzukehren, um vor völliger Dunkelheit[209]  die Sennhütten, an denen wir beim Aufsteigen vorübergekommen waren, zu erreichen und hier die Nacht zuzubringen. In diesem Augenblick sahen wir einen Arbeiter hinter dem Felsen hervorkommen, einen Mann in den Vierzigern, der als Maurer hier oben zu tun gehabt hatte und sich uns jetzt als Helfer in der Not erwies. Er verfügte über Schwarzbrot, Schmalz und Salz, eine Pfanne, um Suppe darin zu bereiten, und einen Löffel, um sie zu speisen. Wasser war in der Nähe, Becher hatten wir selbst. Bald knisterte ein kleines Herdfeuer zwischen den Steinen, an denen es da oben nicht fehlte, und es währte nicht lange, so konnten wir unsere knurrenden Mägen stillen. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen. Unser Wohltäter legte eine Leiter ans Haus, und wir stiegen mit ihm in einen engen Raum unter dem Dach, wo wir in altem Stroh ein Lager fanden. Ein kalter Wind strich durch die Sparren, ich fror, namentlich an den Beinen, trotzdem sank ich in Schlaf.
Als wir uns frühe erhoben, waren meine Knie steif und schmerzhaft, wie im Winter in den ersten Tagen des Rheumatismus. Unter Schmerzen stieg ich mit meinem Freunde nach St. Wolfgang hinab, wo der Maurer wohnte, der uns den Führer machte. Hier mieteten wir ein Fuhrwerk nach Ischl. Ich kam besser davon, als ich erwartete. Nach einer gut durchschlafenen Nacht im warmen Bette fühlte ich mich wohler, nahm noch ein warmes Bad und konnte meinen Freund auf kleinen Spaziergängen begleiten. – Seit dieser Nacht auf dem Schafberg behielt ich viele Jahre eine große Empfindlichkeit in den Knien, sie knarrten und schwollen häufig schmerzhaft an.

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Ischl mit seinen berühmten Solbädern war damals der beliebteste Sommeraufenthalt der vornehmen Gesellschaft Wiens. Davon konnte man sich auf Schritt und Tritt leicht überzeugen. An jedem Aussichtspunkt, an jeder Ruhebank, in jedem Pavillon war angemerkt, welche hohe Herrschaften die Stätte ihrer Gegenwart gewürdigt hatten. Irgendeine kaiserliche Hoheit hatte sich über eine schöne Aussicht befriedigt geäußert, eine Durchlaucht auf einer Ruhebank sinnend oder im Lesen verloren gesessen, eine erlauchte Dame den Mokka eines Kaffeepavillons[210]  gerühmt, ein hochgeborener Graf in einer Weinschenke sogar zu einem Glase »Heurigen« sich herbeigelassen. Dieser byzantinischen Gesinnung der Ischler entsprang ein kleines Abenteuer, das mich verdroß, meinen Freund dagegen sehr belustigte.
Auf einem unserer kleinen Spaziergänge sahen wir an einer hübsch gelegenen Mühle, mit der ein Gartensaal verbunden war, angeschrieben, daß hier frisches Bier vom Fasse zu haben sei. Wir waren durstig, betraten den Saal und fanden ihn leer; an der Wand leuchtete uns eine Gedenktafel entgegen, worauf geschrieben stand, daß hier ein Erzherzog inkognito ein Glas Bier getrunken habe, aber noch rechtzeitig erkannt worden sei, worauf er geruht habe, die Güte des Bieres gnädigst zu rühmen. Nachdem wir von dieser Begebenheit gebührend Vermerk genommen, läuteten wir, setzten uns an einen bequemen Tisch und legten unsre Hüte auf Stühle neben uns. Mein Klapphut lag so, daß man innen das große Wappen des Pariser Hutmachers mit einer mächtigen goldfarbenen Krone darüber sehen konnte.
Bald erschien eine dienstfertige Alte, es war die Wirtin, und fragte nach unserem Begehren. Wir bestellten Bier. Beim Weggehen verweilte sie einige Augenblicke bei meinem Hute und schaute erstaunt hinein. Als sie mit dem Bier wiederkehrte, kam sie in Begleitung ihres Mannes, der uns mit unterwürfiger Freundlichkeit begrüßte und dann meinem Klapphut, vermutlich auf Mitteilungen seiner Frau hin, eine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Das alte Paar erinnerte an Philemon und Baucis; wir forderten die Leute auf, an unserem Tische Platz zu nehmen, und da der Alte seine Augen immer wieder auf meinen Hut richtete, nahm ich diesen in die Hand, erklärte ihm die Mechanik und ließ die Federn springen. Ich glaubte, daß ihn diese Einrichtung neugierig gemacht hätte, es stellte sich aber heraus, daß sie ihn ziemlich kalt ließ, es mußte etwas anderes an dem Hute sein, was ihn interessierte. Er brachte das Gespräch auf die kaiserliche Familie und den Hof, namentlich erkundigte er sich angelegentlich nach einem Erzherzog Este, der erwartet werde. Freund Eduard merkte eher als ich,[211]  worauf er abzielte, nahm eine sehr vornehme Haltung an und verneigte sich, so oft ich sprach, ehrfurchtsvoll vor mir. Als ich erklärte, daß mir der Erzherzog und seine Absichten unbekannt seien, gab sich Philemon nicht zufrieden und fragte geradezu, wie lange ich geruhen wolle, in Ischl zu verweilen. Nun begriff ich und wurde böse, weil mein Freund sich aufs neue tief vor mir verneigte, ich erklärte dem Wirt bestimmt, er scheine sich in meiner Person zu irren, ich sei ein Arzt aus dem Reich, komme vom Rhein und reise nach Wien. Auch dies half nicht, er lächelte ungläubig. Bronner zuckte die Achseln und machte Miene, als wollte er sagen: »Glaubt ihm nicht, der hohe Herr wahrt nur sein Inkognito.« Dies bestärkte den Alten in seinem Irrtum. Er fragte: »Wie kommen Sie denn zu dem Krönl im Hut, wenn Sie nicht zum Hofe gehören?« Das war mir zu viel. Ich stand auf, zahlte meine Zeche mit einigen Kreuzern, ließ Bronner die seinige bezahlen, setzte den Klapphut auf und empfahl mich. Jetzt endlich merkten die guten Leute, daß sie keine zweite Gedenktafel in die Wand einzulassen brauchten.


Dies war mein letztes Reiseabenteuer. Es lehrte mich, daß wie die Kleider auch die Hüte Leute machen.
Im späteren Leben habe ich viel weitere und interessantere Reisen gemacht, aber kaum eine so fröhliche wie diese.
Unsere Alpenfahrt ging zu Ende. Wir machten noch einen Ausflug nach dem wildromantischen Hallstadter See, fuhren über den Traunsee nach Gmunden und von da mit der Pferdebahn nach Linz. Im »Roten Krebsen« traf ich einen Bruder meiner Braut, einen Ingenieur. Wir reisten am andern Morgen zusammen auf der Donau nach Wien. Die Hügellande längs des Stroms machten nicht den Eindruck auf mich, den ich erwartet hatte, die Alpen hatten mich gegen ihre Reize abgestumpft. Abends 4 Uhr landete das Dampfschiff in Nußdorf, es war am 20. Juni, ein Omnibus brachte uns in die Kaiserstadt.



In der Alservorstadt










[213] Als Kinder sangen wir gerne das Lied:

»'s gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien,
Ah! da muß es prächti sein, da möcht i hin.«

Begierig lauschten wir den Schilderungen der fernen Kaiserstadt an der blauen Donau. In unserer kindlichen Phantasie war sie ein endloser Prater, am Stromufer hingestreckt, durchflutet von unzähligen geputzten Menschen, ein herrlicher Lustgarten mit Wurstel-und Tanzbuden, beim Klange des lieben Augustin drehten sich die lustigen Wiener, und überall winkten an gedeckten Tischen Gläser mit goldnem Wein und Schüsseln mit Backhändeln und süßen Krapfen, man durfte nur zugreifen, es war gerade wie im Schlaraffenland.
Bald wurden wir gelehrte Gymnasiasten und lasen Schiller, auch seine Xenien, und wußten genau, wen unser großer Dichter mit den Phäaken an der Donau meinte:

»Mich umwohnt mit glänzendem Aug' das Volk der Phäaken,
Immer ist's Sonntag, es dreht immer am Herd sich der Spieß.«

Es kamen die akademischen Jahre. Zu Kommers und Tanz erklangen die melodischen Weisen der Lanner und Strauß, auf der Bühne ergötzte uns die naive, heitere Muse der Raimund und Nestroy.
Jetzt waren wir als junge Ärzte in der Kaiserstadt eingezogen, begierig zu sehen, zu genießen, vor allem zu lernen und bei den großen Meistern medizinischen Wissens reiche Schätze[213]  zu sammeln. Wien aber war uns jungen Patrioten mehr als nur ein Prater oder ein großer klinischer Lehrsaal, es leuchtete uns über der prächtigen Stadt ein Schimmer der versunkenen Glorie deutscher Reichsherrlichkeit. Ja, die Schatzkammer der Hofburg bewahrte die ehrwürdigen Reliquien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Zepter und Krone. Seit einem halben Jahrtausend waren ja die Geschicke Deutschlands, freilich nicht immer zu seinem Heile, an das Haus Habsburg geknüpft gewesen, das hier in der Ostmark des Reiches residierte. Aus den Toren Wiens waren die kaiserlichen Heere die Donau hinabgezogen wider den Türken, den Erbfeind der Christenheit, und an den Rheinstrom wider den Franzosen, den Erbfeind des Reiches. Noch immer machte ihr keine andere Stadt in den weiten deutschen Landen den ersten Rang streitig, und der vornehmste unter den Fürsten des deutschen Bundes war der Kaiser von Österreich. An Glanz der Geschichte, Pracht der Paläste, Schönheit der Lage und Umgebung kam in Deutschland der kaiserlichen Residenz keine gleich.
Nicht geringer als der Ruhm der Stadt war das Lob der Gemütlichkeit ihrer Bewohner und der Liebenswürdigkeit des österreichischen Volksstammes überhaupt. In der Tat hatte uns auf der Wanderung durch die Alpen die treuherzige Art und das freundliche Entgegenkommen des Volkes ungemein angesprochen, nur stimmten die Mautplackereien und die Paßscherereien, denen der Reisende in dem Bereiche der schwarzgelben Grenzpfähle ausgesetzt war, nicht zu dem Lobe der österreichischen Gemütlichkeit. Kein Tag verging, wo nicht die Pässe einmal oder öfter visitiert wurden, die Grobheit der kleinen Beamten übertraf bei weitem die der unserigen, und wollte man nicht aufgehalten sein und nutzlos seine Zeit verlieren, so durfte man mit halben und ganzen Zwanzigern nicht kargen.

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Gleich am Tage nach unserer Ankunft eilten wir aus der Alservorstadt, wo wir zunächst Wohnung gefunden, nach dem weit entlegenen Mautgebäude, um unsere Koffer zu holen. Nach vielem Laufen und Bitten, unter Aufwand von großer Geduld und kleiner Münze, wurden sie endlich zur Stelle[214]  geschafft und visitiert. Beim Durchwühlen der Kleider und Wäsche stießen die Bediensteten auf Druckschriften, die anatomischen Werke Hyrtls und Rokitanskys. »Was?« wurden wir angeherrscht, »Sie haben Druckschriften? Damit müssen S' unverzüglich auf das Zensuramt!« – »Es sind nur Bücher zum Studieren«, meinten wir, »wir sind Ärzte, die hier studieren wollen.« – »Das geht die kaiserliche Maut nichts an!« war die Antwort, »über Druckschriften befindet das kaiserliche Zensuramt. Wenn die Bücher unschuldig sind, so dürfen S' darin studieren.« – So nahmen wir denn unsere Bücher unter den Arm, und ein kaiserlicher Mautsoldat führte uns auf das nahe Zensuramt, wo wir rasch und höflich abgefertigt wurden. Hyrtl und Rokitansky erwiesen sich als unschuldig.
Darüber war der erste Tag fast ganz hingegangen, am Abend vergaßen wir den ausgestandenen Verdruß im Volksgarten, dem Sammelplatz der eleganten Welt, wo der Walzerkönig Strauß den Fiedelbogen bald als Zepter schwang, bald damit heitere Weisen den Saiten entlockte und die schlanke Gestalt dabei im Takte wiegte.
Am andern Morgen gingen wir auf das Polizeiamt, um die Pässe vorzulegen und die Aufenthaltskarten zu holen. Der Beamte fand unsere Papiere in Ordnung, besah uns prüfend und stellte uns die Erlaubnisscheine aus. Beim Verlassen des Büros trafen wir einen Bekannten von Heidelberg, Dr. Prieger aus Meiningen, nachmaligen preußischen Generalarzt, der, wie wir, zu Studienzwecken nach Wien gekommen war. Wir begrüßten einander und kamen überein, daß wir ihn vor dem Hause erwarten wollten. Lachend kam er bald zu uns und erzählte seine Unterhaltung mit dem Polizisten. »Ah!« sagte ihm dieser, nachdem er Einsicht von seinem Passe genommen, »Sie sind aus Sachsen und nicht aus Baden wie die beiden Herren, die vor Ihnen hier gewesen sind. Bei diesen heißt es: aufpassen! Das badische Land liegt zu nah an der Schweiz, wo es gefährlich zugeht, Sachsen liegt gottlob weiter weg.«
Diese Mitteilung unseres Kollegen war uns nicht angenehm; wir befürchteten, die Polizei möchte uns den Aufenthalt in Wien erschweren, aber sie legte uns nie das geringste Hindernis[215]  in den Weg. Die Schreiberseele hatte sich auf ihrem Büro wohl nur recht wichtig gemacht.
Auf die Empfehlung eines Landsmannes nahmen wir zuerst Kost und Logis bei einem Junggesellen, einem gelernten Koch, in der Alserstraße, dem allgemeinen Krankenhause gegenüber. Das Essen war gut, mit uns speisten einige junge Ungarn, große Patrioten; den Vorsitz am Tische führte der Wirt, ein feister Mensch mit polnischem Namen; er verekelte uns gleich in den ersten Tagen durch sein unsauberes Gespräch dermaßen das Mahl, daß wir nach Umlauf einer Woche das Haus verließen, in der Nähe eine bessere Wohnung bezogen und im Gasthause speisten.


Wir hatten diese neue Wohnung zufällig in einem großen Eckhause der Alserstraße entdeckt, elegant eingerichtete Zimmer, die uns zu billigem Preise überlassen wurden. Unser Mietsherr verweilte gesundheitshalber auf dem Lande und wollte, wie man uns sagte, erst im Herbste in die Stadt zurückkehren, wo wir die Zimmer wieder räumen sollten.
Es war der pensionierte Professor der Pathologie und Inneren Klinik, Franz Xaver von Hildenbrand, genannt der jüngere, zum Unterschied von seinem berühmten Vater, dem Kliniker Johann Valentin von Hildenbrand, dem Verfasser einer geschätzten Monographie des Flecktyphus. Hildenbrand, der Vater, war 1818 am Gehirnschlag gestorben, den Sohn hatte gleichfalls ein Schlagfluß getroffen und unfähig zum Lehren gemacht. Wie uns die jungen Ärzte im Krankenhause mitteilten, hatte dieser als Examinator den Kandidaten Skoda, seinen späteren Nachfolger, in der Staatsprüfung durchfallen lassen. Als er im Herbste heimkehrte, überließ er uns noch für kurze Zeit eines der großen Zimmer, das wir in Benützung gehabt; wir waren ihm für diese Gefälligkeit dankbar und machten ihm deshalb unsere Aufwartung, die er mit einem Gegenbesuche artig erwiderte. Er war ein stark gebauter, breitschulteriger Herr nahe dem 60. Lebensjahre, weder sein Gesichtsausdruck noch seine Unterhaltung verrieten die schwere Verletzung, die sein Gehirn erlitten hatte. Nach dem Anfall lagen seine geistigen Fähigkeiten lange darnieder, man hatte ihn[216]  einem Magnetiseur in Behandlung gegeben und allmählich war seine Intelligenz zurückgekehrt, aber die linke Seite blieb gelähmt und wurde steif, er ging am Stock, unterstützt von einem Bedienten. Es interessierte ihn offenbar sehr, von uns zu vernehmen, wie uns Skoda gefiele. Wir verhehlten ihm unsere Bewunderung des genialen Mannes nicht, er aber meinte, Skoda möge wohl als Diagnostiker von Brustkrankheiten geschickt sein, zum Kliniker tauge er nicht.
Wir hatten schon im Herbst Wien verlassen wollen, jedoch ein akutes Trachom befiel mich und zwang mich zu bleiben; nach erfolgter Heilung der Augen verlängerten wir den Aufenthalt bis über Weihnachten. Die letzten zwei Monate wohnten wir bei einem kleinen Rentner, einem Bäcker, der sich zur Ruhe gesetzt hatte, in der Kirchengasse der Alservorstadt.



Umschau in Wien










[217] Die Wiener Altstadt hatte 1847 noch hohe Wälle, Basteien und Tore wie zur Zeit der Türkenbelagerung 1683, und ein breites Glacis. Eine weite, einförmige Rasenfläche trennte sie von den großen Vorstädten. Auf zahllosen Fahr- und Fußwegen, die das Glacis kreuz und quer durchschnitten, bewegten sich eilende Menschen wie wandernde Ameisen aus den Vorstädten in die innere Stadt und aus ihr in diese. Nur ein kleiner Teil, Brunnenglacis geheißen, war mit Anlagen als Park bepflanzt, der heutige Stadtgarten; er diente den Kindern zum Spielplatz, und im Frühjahr tranken die Wiener hier Brunnen zur Kur. Wälle und Glacis sind heute verschwunden, ich fand mich nach 30 Jahren nicht mehr zurecht. Die prächtige Ringstraße umschließt jetzt die innere Stadt; große, den mannigfachsten Zwecken dienende Gebäude, Meisterwerke der Baukunst, erheben sich da, wo einst Wind und Staub ihr lästiges Wesen trieben.
Wir benützten in den ersten Wochen unsres Aufenthalts an den Werktagen jede freie Stunde, um die Merkwürdigkeiten der Stadt zu besichtigen, ihre Beschreibung erläßt mir der[217]  Leser gerne. Eine der schönsten Sammlungen, die mich besonders entzückte, die Esterhazygalerie, ist 1865 von Wien nach Ungarns Hauptstadt gebracht worden. – An Sonn- und Feiertagen machten wir Ausflüge in die reizende nahe und weite Umgebung, fast immer von dem schönsten Himmel begünstigt. Eine eigentümliche und billige Gelegenheit zu solchem Vergnügen gewährten die »Linienschiffe«, die draußen an den »Linien«, vor den Toren der äußeren, die Vorstädte umgebenden Wälle, die Ausflügler erwarteten. Es waren Bauernwagen, sog. Leiterwagen, mit Bänken; sie standen schon in frühester Morgenstunde bereit und entführten uns zu irgendeinem der Dörfer der Umgebung. Von da aus wanderten wir dann weiter nach vorgesteckten Zielen von Ort zu Ort, durch Feld und Wald, und kehrten meist erst spät am Abend zurück. Überall lagerte in Höfen und Gärten, unter schattigen Bäumen und am frischen Wiesenquell, fröhliches Volk und erfreute sich bei Zitherspiel, Gesang und Tanz seines Daseins. Diese Ausflüge gehören zu den schönsten Erinnerungen meines Wiener Aufenthalts.
Wir nahmen unser Frühstück in den Kaffeehäusern, unsere Mahlzeiten in den Speisehäusern der Alservorstadt, ausnahmsweise, je nach den Umständen, in andern Stadtteilen. Die Wiener Küche stand unsrer heimischen nahe und mundete uns wohl, ebenso fanden wir die leichten Weine des Landes, mit Wasser gemischt, wie der Wiener sie trinkt, angenehm und zuträglich. Auch lernten wir bald die Küchensprache des Landes, bestellten uns zum Frühstück »Kapuziner« mit »Kipfeln« und zum Mittag- und Abendtische in der ersten Zeit mit Vorliebe Gerichte mit uns fremden Namen, was mitunter zu verdrießlichen Täuschungen führte. »Ungrisches Rebhuhn« erwies sich als gemeine Sülze, »Kaiserfleisch« als »geselchtes« Schweinefleisch, »Jungfernbraten« als »Schweinernes« mit Wacholder. Am schlimmsten fuhr ich an einem der ersten Abende mit »Paprika-Golasch«, zerstücktem Schmorbraten, stark gewürzt mit ungarischem Pfeffer. Wie höllisches Feuer brannte mich mein empfindlicher Gaumen die ganze Nacht, und ich litt unsäglichen Durst.[218]
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Die Preise für Wohnung und Kost verhielten sich zu denen in der Heimat wie der österreichische Münzgulden zum rheinischen Silbergulden, etwa wie 2 Mark zu 1 Mark 72 Pfennig. Einige Aufzeichnungen aus meinem Tagebuch teile ich mit, einem und dem andern Leser mögen sie Interesse bieten. Für unsern »Kapuziner«, das heißt den Kaffee mit »Obers« (Rahm, Sahne), am Morgen mit Kipfeln, zahlten wir 10 bis 12 Kreuzer Münz. Das Mittagessen bestand in der Regel aus Suppe, zwei Fleischspeisen mit Beilagen, einer Mehlspeise und einem Seidel weißen Wein. Die Speisen wurden auf der Karte ausgewählt. Essen und Wein zusammen kam für jeden höchstens auf 30 bis 40 Kreuzer Münz. Als Abendessen finde ich ein mal genau notiert Selchfleisch mit Knödeln nebst einer Maß Bier, bezahlt mit 23 Kreuzern Münz.
Eines Tages statteten wir dem berühmten »schwarzen Kamel« in der Altstadt einen Besuch ab, neugierig auf allerlei uns unbekannte Leckerbissen und Weine, die hier in besonderer Güte geboten wurden. Ein seltsames Servitut lastete auf der Wirtschaft. Die Speisen durften nicht auf einem Tischtuch, sondern nur auf einem Wachstuch vorgesetzt und keine Servietten gegeben werden, statt ihrer diente weiches, weißes Papier. Wir ließen uns Bologneser Mortadella und Gorgonzolakäse geben und tranken dazu alten Vöslauer, Tokaier und Cyperwein. Mein Anteil an der Zeche betrug 54 Kreuzer Münz.
Zweimal stiegen wir zu einem Abschiedstrunk mit Landsleuten in den Esterhazykeller hinab. Man nahm zu der Orkusfahrt Brot und Käse mit. Im Keller waren keine Stühle gestattet, man behalf sich zum Sitzen mit Holzklötzen zwischen den Faßgestellen. Als wir in das Licht des Tages zurückkehrten, tanzten die Straßen vor Freude, uns wiederzusehen.
Im Winter machten wir sogar eine Fahrt unter die Erde, die ins Elysium führte, eine lange Reihe zu vergnügtem Treiben aufgeputzter Kellerräume, aus dem letzten führte eine Eisenbahn ans Ende der Welt, nach Australien.
Wie die Welt im Elysium, hörte die Wiener Gemütlichkeit bei den Kellern auf, sie rupften, soviel sie nur konnten, die mit dem schlimmen Münzwesen Österreichs nicht vertrauten Fremden.[219]  Ihre Unredlichkeit wurde durch die doppelte Währung in »Schein und Münz« kräftig unterstützt. Der Kellner stellte die Rechnung in »Schein« aus, auch Wiener Währung genannt, der Gast zahlte in Konventionsmünze, »Münz« kurz genannt; jene verhielt sich zu dieser wie 5:2. Verlangte z.B. der Kellner 50 Kreuzer Schein, so zahlte man 20 in Kupfer oder Silber. Man mußte deshalb die Note stets im Kopfe rechnen. Es war erstaunlich, wie rasch die Kellner dies auszuführen verstanden und nie zu ihrem Nachteil. Hierin, wie beim Addieren der Zeche und beim Herausgeben von Münze, erwiesen sie sich als Meister im Prellen.


Wir trafen noch eben rechtzeitig in Wien ein, um vor dem Schlusse der italienischen Oper Rossinis Barbier von Sevilla zu hören. Im Winter bescherte die deutsche Oper zwei Neuheiten, Flotows Martha und Meyerbeers Hugenotten. Es charakterisiert die damaligen Zustände in Österreich, daß Titel und Text der Meyerbeerschen Oper bei Hof und Geistlichkeit Anstoß erregten und in »Welfen und Ghibellinen« umgewandelt werden mußten. Eine der bedeutendsten Sängerinnen an der deutschen Oper war die aus Baden-Baden gebürtige k.k. Kammersängerin Anna Zerr, begabt mit einer prächtigen, umfangreichen Stimme; die Martha war eigens für sie komponiert. Sie verscherzte 1851 Titel und Stelle, weil sie so unvorsichtig gewesen war, bei einer Gastreise in London, auf Bitten der Herzogin von Kent, der Mutter der Königin, im Salon des Lord Stuart zum Besten der ungarischen Flüchtlinge mitzuwirken.
Das Schauspiel im Burgtheater galt für das erste in Deutschland, nirgends wurden klassische Stücke besser aufgeführt. Auch dieses Theater zierten zwei Landsmänninnen aus Baden, die geistvolle Amalie Haizinger und ihre anmutige Tochter aus erster Ehe, Luise Neumann, später Gräfin von Schönfeld, ein »gar lieber Narr«, wie unsere Wiener Bekannten meinten.
Erst später gelang es uns, Nestroy zu sehen. Er trat in einem seiner Stücke im Karlstheater auf, mit ihm spielte Scholz, dessen komische Kraft kaum ihresgleichen hatte. Scholz erschien am Ende des ersten Aktes, er hatte nur über eine Mauer auf die Bühne hereinzuschauen und ein paar Worte zu rufen: »Ha![220]  da ist er!« Sobald sein drolliges Gesicht erblickt wurde, brach das Publikum, ehe er noch den Mund auftat, in ein riesiges Gelächter aus, das nach dem Fallen des Vorhanges noch lange anhielt.
Nach dem Theater machten wir eines Abends in ungewöhnlicher Weise die Bekanntschaft eines der Primarärzte am Allgemeinen Krankenhause. Wir waren begleitet von einem jungen befreundeten deutschen Kollegen, der die Sucht hatte, Zitate in die Unterhaltung einzuflechten, namentlich aus den Schriften Lichtenbergs, für den er schwärmte, aber auch aus medizinischen Werken. Das Theater hatte uns heiß und durstig gemacht, und wir kehrten deshalb am Schottentor in einer Wirtschaft ein, wo man gutes Bier schenkte. Das Lokal war stark gefüllt, mit Mühe fanden wir an einem kleinen Tische, woran ein Herr in reiferen Jahren bereits beim Bier saß, drei freie Plätze. Wir begrüßten ihn, er dankte uns ruhig und ernst, wir setzten uns nieder und unterhielten uns über die gehörte Oper. Unser Freund verteidigte eben eine gewagte Behauptung und zitierte zur Bekräftigung des Gesagten wieder einmal seinen Lieblingsschriftsteller. Da fiel plötzlich der Herr in die Unterhaltung mit den Worten ein: »Entschuldigen Sie, das Zitat ist nicht ganz richtig, den Ausspruch hat nicht Lichtenberg getan, sondern Jean Paul Richter.« Unser Freund machte ein saures Gesicht, wagte jedoch nicht zu widersprechen. Wir wandten uns jetzt zu medizinischen Dingen, und es währte nicht lange, so zitierte er in einer anatomischen Frage Rokitanskys Handbuch. Zu unsrem Erstaunen unterbrach ihn der Unbekannte, der immer mit gleichem Ernste unsrem Gespräche zuhörte, abermals: »Sie erlauben, Rokitansky hat das nicht gesagt, sondern sein Schüler, Professor Engel in Zürich.« Diesmal nahm unser Freund die Berichtigung nicht schweigend hin, erregt erwiderte er: »Mein Herr, Sie mögen in der schönen Literatur gut zu Hause sein, aber in medizinischen Dingen lasse ich mich nicht meistern, ich bin Doktor der Medizin.« »Ich auch«, sagte der andere gelassen, »ich bin Primararzt an dem Allgemeinen Krankenhause.« Wir stellten uns gegenseitig vor, sein Name war uns bereits bekannt, wir wußten, daß er einer[221]  großen Abteilung für innere Kranke vorstand. Unser Freund machte gute Miene zum bösen Spiel und drückte dem Herrn Primararzt seine Freude aus, eine so angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben. Wir erbaten uns alle drei die Erlaubnis, ihn am nächsten Morgen bei einer Visite begleiten zu dürfen, was er zusagte.

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Wir waren pünktlich auf die Minute in der Abteilung des Herrn Primararztes, die einige hundert Kranke verpflegte. Darunter waren Skorbutische in Menge, die uns ungemein interessierten. Der Skorbut war uns bis jetzt unbekannt geblieben, und in Wien herrschte er gerade epidemisch. Die Visite ließ uns keine Zeit, die Kranken genau zu betrachten; sie war ein Dauerlauf, ein medizinisches Wettrennen des Primararztes mit seinem Assistenten, wer am ersten durch die Säle komme; nur bei einigen besonders schweren Fällen wurde etwas ausgeschnauft. Nach der Visite, der Herr Primararzt hatte sich empfohlen, war einer der Sekundarärzte so gütig, uns mit einigen seiner Kranken noch etwas genauer bekannt zu machen.



Politische Streiflichter










[222] Seit wir die Grenze Österreichs überschritten hatten, schien die Weltgeschichte plötzlich stillzustehen. Es gab in Österreich keine politische Presse; was sich Zeitung nannte, waren lediglich Anzeigeblätter mit einigen dürftigen Nachrichten über politische Zeitbegebenheiten. Auf unserer Reise nach Wien hatten wir keine deutsche Zeitung »aus dem Reich«, worunter man die deutschen Bundesstaaten außerhalb Österreichs verstand, zu sehen bekommen, in den Vorstädten Wiens lag nur in wenigen Kaffeehäusern die Augsburger Allgemeine Zeitung auf, die unsere einzige politische Quelle bildete; in den großen Kaffeehäusern der inneren Stadt wurden auch französische Zeitungen und amtliche deutsche gehalten, aber es fehlte uns an Zeit, den weiten Weg nur um ihretwillen zu machen. Unsre Wiener Bekannten lasen die Grenzboten, die unter Kurandas Leitung in Leipzig erschienen und die österreichischen Zustände beleuchteten; sie waren verbotene Frucht und[222]  wurden deshalb mit um so größerer Begierde genossen. In einer kleinen Wirtschaft begegnete ich dem »Hansjörgel«, einer in Monatsheften, wenn ich mich recht erinnere, erscheinenden Zeitschrift, die in erkünsteltem Volkston für Thron und Altar sich heftig ereiferte.
Die Mediziner, deren nähere Bekanntschaft wir machten, verhehlten uns die Verachtung nicht, die sie für die Regierung empfanden. Ohne Rückhalt ergossen sie die Lauge ihres grimmigen Spottes über das herrschende System. Ferdinand der Gütige, wie die Offiziösen ihn nannten, war wegen Geistesschwäche unfähig zu regieren, statt seiner besorgte eine »Staatskonferenz« unter dem Vorsitze des Erzherzogs Ludwig die Staatsgeschäfte. Gehaßte Regierungen können lange bestehen, wenn sie stark sind, verachtete und schwache sind dem Untergange verfallen. Zwar die große Stille in Österreich stach auffallend ab von den drohenden Wetterzeichen in Frankreich, aber sie trügte, in der Tiefe arbeiteten furchtbare vulkanische Kräfte. In wenigen Monaten brachen sie hervor und setzten das Reich in Flammen, beim Klange des Fuchsenritts der Wiener Studenten brach das System und die Herrschaft Metternichs zusammen.
Was unsere Bekannten in den ärztlichen Kreisen besonders empörte, war das Günstlingswesen, das sich ohne Scheu bei der Besetzung offener Stellen an den Hospitälern, in der Fakultät und dem staatsärztlichen Dienste hervorwagte. Man nannte Professoren, Primar- und Sekundarärzte, auch Physici, die ihre Stellung dem Patronate vornehmer Schürzen und einflußreicher Kutten verdankten.
Trotz dieser Unzufriedenheit waren unsere Bekannten große österreichische Patrioten und dem Erzhaus treu ergeben. Deutschland war ihnen Ausland. Zwar unser süddeutsches Wesen, erklärten sie ehrlich, mute sie als ein verwandtes an, aber eine norddeutsche oder gar preußische Brüderschaft blieb ihnen unverständlich. Dennoch begann der deutschnationale Gedanke in Studentenkreisen Wurzel zu fassen. Wir lernten einen Mediziner aus Siebenbürgen kennen, der uns einlud, mit ihm und seinen Freunden einen Abend zuzubringen; sie hatten[223]  eine Burschenschaft Saxonia gegründet, trugen Farben und sangen Lieder von Arndt und Körner.

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Das systematische Niederhalten freien Bürgersinns und Männerstolzes schien uns auch das Ehrgefühl der akademisch Gebildeten herabgedrückt zu haben. Der deutsche Student fühlte sich im Ringkampf für Geistesfreiheit, Wahrheit und Recht als Kommilitone seiner Professoren, der österreichische war zu sehr nur der untergebene Schüler. Der Burschenkomment unsrer Hochschulen war voll Roheit, aber an dem Grundsatz hielt er fest: die Mannesehre steht höher als das Leben, und danach regelte er die Formen seines Umganges mit den Kameraden. Wir waren nicht wenig betroffen, als wir an dem Mittagstische, wo wir mit einigen Sekundar- und Assistenzärzten zusammen speisten, unsre Kollegen einander in aller Freundschaft Kosenamen erteilen hörten, die kein deutscher Student von einem andern hingenommen hätte.
Am peinlichsten berührte uns eine Szene in Hebras Kurs über Hautkrankheiten, sie zeigte, wie in Österreich sogar ein Mann in akademischer Stellung und von hervorragenden Verdiensten um die Heilkunst keine Ahnung hatte, welche Achtung er der gewöhnlichen Menschenwürde schulde.
Wir saßen gegen 20 Kursisten an einer langen Tafel, an deren oberem Ende Hebra dozierte. Er besprach die Blutunterlaufungen der Haut und ihre Ursachen und handelte gerade von den vibices, den blutigen Striemen infolge mechanischer Einwirkungen. »Die schönsten vibices«, erzählte er, »können Sie samstags drüben in der Alserkaserne sehen, wenn der Profoß die Mannschaften, die sich in der Woche vergangen haben, über die Bank spannt und aushaut.« Ein unwilliges Murren ging um den Tisch, und vom unteren Ende her, wo einige Ungarn saßen, rief eine zornige Stimme: »Schande für Österreich!« – »Ah was!« erwiderte Hebra mit größter Ruhe, »hören S', was die Offiziere sagen: mit den Polakeln und Slowakeln wird man halt nit anders fertig.« – »Noch einmal sag' ich«, hallte es von unten zurück, »Schande für Österreich, daß es seine Völker nur durch das Hinterteil erziehen will.« Allgemeiner Beifall. Hebra ließ sich nicht im mindesten aus seinem[224]  Gleichmut bringen und fuhr in seinem Vortrag weiter: »Es gibt noch andere Formen von Blutunterlaufung, eine hat den prächtigen Namen Purpura, zu ihr wollen wir nunmehr übergehen.«



Im allgemeinen Krankenhause










[225] Wie groß auch die medizinischen Erwartungen waren, mit denen ich nach Wien ging, sie wurden von der Fülle dessen, was ich für meine ärztliche Ausbildung vorfand, weit übertroffen. In der Alserstadt lagen ungeheure Heil- und Lehranstalten bequem beisammen. Zwei große Reformatoren der Heilkunst, Rokitansky und Skoda, wirkten darin, tüchtige Schüler lehrten in ihrem Sinne, und es sollte mir vergönnt sein, Zeuge einer der segensreichsten Entdeckungen im Gebiete der Heilkunst zu werden: ein bis dahin unbekannter junger Geburtshelfer, Semmelweis, war der Quelle einer der furchtbarsten Seuchen, des Kindbettfiebers, auf die Spur gekommen.
Wien verdankt seine Bedeutung für die Heilkunst der Kaiserin Maria Theresia und ihrem edlen Sohne Joseph II. Die große Regentin berief van Swieten, einen Schüler Boerhaaves, des ersten Arztes seiner Zeit und Hauptbegründers der heutigen klinischen Unterrichtsmethode, als Leibarzt und zugleich als Ordner des medizinischen Unterrichts in Österreich, von Leiden nach Wien. Dazu war van Swieten der rechte Mann. Er sorgte für die Ausstattung der Wiener Universität mit Kliniken, eingerichtet nach dem Muster Boerhaaves, und für die nötigen Lehrkanzeln. So ist er Stifter der älteren Wiener Schule geworden, deren Ruhm bis in den Beginn dieses Jahrhunderts hell erstrahlte und deren bedeutendste Vertreter de Haën, Stoll und Stoerck gewesen sind. Joseph II. errichtete 1784 nach den Plänen Quarins das Allgemeine Krankenhaus, das von keinem andern in Europa an Umfang erreicht wurde, daneben das Gebärhaus, das Irrenhaus, Narrenturm genannt, und das Findelhaus. Außerdem ließ er 1785 auf den Rat Brambillas zur Erziehung von Feldärzten die medizinisch-chirurgische Akademie – das Josephinum – errichten. – Was besagen die Pyramiden der Pharaonen, die Kaiserpaläste Roms[225]  oder das Prunkschloß des Sonnenkönigs in Versailles, gemessen an dem Maßstab des Verdienstes um das Menschengeschlecht, gegenüber diesen Bauten Kaiser Josephs II., des Schätzers der Menschheit!
Die Errichtung einer eigenen Lehranstalt für pathologische Anatomie 1817 führte einen erneuten Aufschwung der medizinischen Wissenschaft in Wien herbei. Rokitansky stellte die Pathologie auf ein festes anatomisches Fundament und fand in dem genialen Skoda, seinem Schüler und Freunde, den Pathologen, der mit ihm die »junge Wiener Schule« gründete, wie sie von Wunderlich 1841, zum Unterschiede von der alten van Swietens, in einer kleinen Schrift: »Wien und Paris«, genannt wurde. Die Lehren dieser Meister und ihrer Jünger hatten einen außerordentlichen Einfluß auf die ärztliche Praxis in Deutschland.
Im Allgemeinen Krankenhause waren die klinischen Anstalten der Fakultät für Innere Medizin und Chirurgie, für jede zwei, und die Augenklinik untergebracht. Außer diesen, zu Lehrzwecken dienenden Abteilungen bestanden noch große andre zur ärztlichen Behandlung innerer und äußerer Kranken unter der Leitung von Primarärzten, daneben noch besondere für Brustkranke, Frauenleiden, Hautkranke und Syphilitische. – Mit dem Krankenhause hing das Gebärhaus zusammen, das zwei Abteilungen hatte: die Geburtshilfliche Klinik für Ärzte und die Abteilung für den Unterricht der Hebammen. – Baulich getrennt von dem Krankenhause, jedoch nahe bei ihm, stand die Irrenanstalt. Seit 1844 durfte theoretischer und praktischer Unterricht darin erteilt werden. In der Hauptsache war sie noch immer der gefürchtete »Narrenturm«. – Das Findelhaus befand sich unweit von dem Allgemeinen Krankenhause in der Alserstraße.

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Um den Meinigen daheim die Größe dieser Anstalten begreiflich zu machen, schrieb ich ihnen, es verpflege das Allgemeine Krankenhaus ebenso viele Kranke, wie ganz Wiesloch Einwohner habe, über 2000.
In dem kleinen Leichenhause wurden außer den Sektionen aller im Kranken- und Gebärhaus, Narrenturm und Findelhaus[226]  Verstorbenen auch noch die gerichtlichen Sektionen der Stadt vorgenommen, diese in einer besonderen Kammer, im ganzen jährlich gegen 1600.
Die Zahl der jährlichen Geburten im Gebärhause betrug ungefähr 3000. – Das Findelhaus nahm nicht bloß die Findlinge aus der Stadt auf, sondern auch Tausende der Neugeborenen des Gebärhauses.
Wir kamen nach Wien, als eben die Ferien begannen, aber es wurden noch Kurse abgehalten und im Leichenhause täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen, vormittags eine Menge Sektionen ausgeführt, zu denen wir freien Zutritt hatten. Wir nützten unsere Zeit möglichst aus. Hebras Kurs über Hautkrankheiten, den wir sofort besuchten, begann schon um 7 Uhr im Sommer und dauerte bis 9 Uhr. Dann gingen wir ins Leichenhaus. Nachmittags besuchten wir mehrere Kurse. Als im Herbste die Kliniken wieder eröffnet wurden, gingen wir häufig zu Skoda und dem Chirurgen Schuh und erhielten die Erlaubnis, einige Wochen lang im Gebärhause zu praktizieren. Eine Zeitlang begleiteten wir im November und Dezember die Chirurgen Dumreicher und Sigmund bei ihrer Morgenvisite, sie begannen den Tag sehr frühe, Sigmund war schon um halb sieben, Dumreicher um 7 Uhr auf der Abteilung.
Der lehrreichste von den zahlreichen Kursen, die wir belegten, war der von Hebra. Er nahm drei Monate in Anspruch und wurde viermal in der Woche, jedesmal in zwei Stunden, abgehalten. In der ersten handelte Hebra die Hautkrankheiten systematisch ab, in der zweiten stellte er Kranke vor und machte mit uns die Visite in seiner Abteilung. Man sah Kranke in Menge, beispielsweise führte er uns zur Veranschaulichung seiner Vorträge 14 Fälle von Lupus vor, 7 von Prurigo usw., auch lernte man die verschiedensten Formen kennen. Sein Vortrag war klar und oft unterhaltend, nicht selten aber überschritten seine kritischen Ausfälle jedes erlaubte Maß.
Im Findelhause nahmen wir einen neuen Kurs über Krankheiten der Neugeborenen, die der Hilfsarzt der Anstalt, Dr. Bednar, erteilte. Man hatte da reiche Gelegenheit, die mannigfachsten und schlimmsten Formen septischer Erkrankungen im[227]  ersten Kindesalter kennenzulernen, die ich glücklicherweise in Privathäusern kaum wieder sah. Solange man die Mittel, der Sepsis zu begegnen, nur unzureichend kannte, waren diese in löblicher Absicht gegründeten Anstalten kaum besser als Mördergruben.


Noch ein dritter Kurs sei hervorgehoben, den uns der Sekundararzt Spatzenegger auf der Abteilung für Brustkranke über Perkussion und Auskultation erteilte. Diese Abteilung war 1840 für Skoda geschaffen worden, und Spatzenegger war Assistent bei ihm gewesen. Der gemütliche, in den Dreißigern stehende Herr erzählte uns viel Rühmliches von Skodas einfacher und bedürfnisloser Art zu leben. Er selbst kam später als Professor der Inneren Medizin nach Salzburg, seiner Vaterstadt, und starb dort 1877.
Äußerst anregend war Skodas Klinik. Er gemahnte mich in seiner schlichten Art, sogar in Bewegung und Gestalt, an den bescheidenen Landpfarrer Ganz, von dem ich im Kapitel I. erzählte. Skoda besaß die Kunst des klinischen Unterrichts in seltenem Maße. Erstaunlich war die Sicherheit seiner Diagnosen im Gebiete der Brustkrankheiten. Im Oktober war ich Zeuge eines großen Triumphes, den seine physikalische Untersuchungsmethode feierte, die ärztlichen Kreise Wiens waren voll des Ruhmes seiner Kunst. Er stellte in der Klinik einen jungen Mann vor mit angeborenem Verschluß der Brustaorta, sein Assistent Löbel hatte den Fehler erkannt, und Skoda bestätigte die Diagnose. Der Fall ist in Cannstatts Jahresbericht von 1848, Bd. III, S. 149, ausführlich beschrieben. Hat man Gelegenheit gehabt, ein solches seltenes Vorkommnis zu sehen oder die Beschreibung davon sich gut eingeprägt, so ist es leicht, den Fehler wiederzuerkennen. Ich bin zweimal in der Lage gewesen, diese Diagnose am Lebenden zu machen, das letztemal bei einem bekannten Lothringer Arzte, dem Dr. Raeiß in Pfalzburg. Ein leider frühe verstorbener Assistent von mir, Dr. Paul Maier, Dozent der Straßburger Fakultät, hat sie durch die Obduktion bestätigt.
Auf der Abteilung von Dumreicher wohnte ich im Dezember der ersten Chloroformnarkose bei. Im November hatte sie[228]  Simpson in Edinburg an Stelle der Äthernarkose eingeführt, sie kommt rascher zustande als diese, doch ist sie gefährlicher. Die Abteilung Dumreichers besaß keinen eigenen Operationssaal, er mußte inmitten der Kranken operieren oder diese vorher wegbringen lassen. Dumreicher war über diesen unbegreiflichen Mißstand äußerst ungehalten, wie man sich denken kann. Assistent bei ihm war Linhart, der als Professor der Chirurgie in Würzburg 1877 starb. – Bei Sigmund machte ich die flüchtige Bekanntschaft seines Assistenten Dr. Fischhof, der sich später in der Politik einen Namen gemacht hat. – Sehr gut gefiel mir die frische Art des Chirurgen Schuh. – Dagegen sprach mich Rosas, dessen Augenklinik ich einigemal besuchte, wenig an; besser als dessen Grandezza sagte mir die einfache Art seines Spezialkollegen Friedrich Jaeger am Josephinum zu.



Bei Rokitansky










[229] Im hintersten Winkel des Areals, auf dem die Bauten des Allgemeinen Krankenhauses errichtet sind, lag das Leichenhaus, eine armselige Baracke. Hier verweilte ich mehr wie irgendwo sonst in Wien, jede neue Sektion verfolgte ich mit neuer Spannung.
Außer der Kammer zur Aufbewahrung der Leichen verfügte das kleine Haus über zwei ineinandergehende Lokale, ein größeres für die Sektionen der in den Anstalten Verstorbenen und ein kleineres für die gerichtlichen Sektionen, woran es in der großen Stadt fast niemals fehlte. Ein Privatzimmer oder ein besonderer Arbeitsraum für Rokitansky war nicht vorgesehen. Die Sektionen nahmen den ganzen Vormittag in Anspruch. Rokitansky machte die eigentlich klinischen und die gerichtlichen, alle übrigen, weit zahlreicheren, machten die Assistenten. Erster Assistent war Dr. Lautner, der später an die medizinische Schule in Kairo berufen wurde.
Die Leichenbefunde wurden ausnahmslos zu Protokoll diktiert. Rokitanskys Protokolle waren ungemein lehrreich; sie gaben das Wesentliche des Befundes in so gedrungener Kürze und doch so erschöpfend in plastischer Darstellung, daß ich sie[229]  gleich in den ersten Tagen nachzuschreiben begann. Ich finde in meinen Heften 170 Protokolle und genaue Aufzeichnungen neben fast ebenso vielen kurzen Notizen, im ganzen habe ich nahezu 300 Sektionen im Laufe eines halben Jahres angewohnt. – Besonders nützlich erschienen mir Zeichnungen des Situs viscerum, d.h. der Lage der Eingeweide, namentlich in der Bauchhöhle; ich fertigte sie mir in großer Zahl an und kann dieses Verfahren angehenden Ärzten nicht genug empfehlen. Die Lage erleidet viele individuelle und durch Krankheit bedingte Abweichungen, deren Kenntnis für Diagnose und Behandlung gleich wichtig ist. Wer nur wenig Sektionen gesehen hat und diese Verschiedenheit nicht kennt, wird in der Behandlung der Unterleibskrankheiten nie Besonderes leisten.
Die Gesichtszüge Rokitanskys trugen den Stempel großer Herzensgüte und Zuverlässigkeit, jedermann verehrte ihn. Er war auffallend schweigsam. Im Leichenhause öffnete er den Mund nur, um Protokolle zu diktieren. Nachdem ich vier Monate lang Stammgast im Leichenhause gewesen war, geschah es an einem schönen Herbstmorgen, daß die Skalpelle kurze Zeit ruhten. Ich benützte die Pause, um vor die Tür zu treten und frische Luft zu schöpfen. Gleich nachher erschien auch Rokitansky und stellte sich nahe bei mir in die Sonne, die warme Luft des Hofes behagte ihm sichtlich. Mit einemmal wandte er sich gegen mich, nickte mir freundlich zu und bemerkte: »Heute ist schönes Wetter!« – Ich war überrascht. Wenn Jairi Töchterlein, plötzlich auferstanden, mit lautem Gruße aus dem Leichenhaus zu mir gewandelt wäre, hätte ich mich nicht mehr gewundert, doch nahm ich mich zusammen und erwiderte bestätigend: »Ja, es ist wirklich ein schöner Tag!« – Die Unterhaltung war damit zu Ende, es war die erste und einzige, die ich ihn führen hörte.

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Wie wenig mitteilsam auch und trocken Rokitansky für gewöhnlich erschien, so wurde er doch plötzlich umgewandelt, wenn während der Sektionen Ungewöhnliches zutage kam. Dann fing er Feuer, man sah es am Leuchten seiner Augen; sein Blick bohrte sich sofort in den merkwürdigen Fund, er griff zu Skalpell und Schere, setzte sich an einen kleinen Tisch, den[230]  einzigen, der zur Hand war, und vertiefte sich ganz, präparierend und sinnend zugleich, in das anatomische Rätsel, das vor ihm lag.
Mein Freund und ich hätten gern einen Kurs über pathologische Anatomie bei dem großen Meister genommen, er gab Privatissima, aber wir brachten die nötige Zahl von Teilnehmern nicht zusammen. Die Wiener trösteten uns: Wir verlören weniger, als wir meinten, Rokitansky sei ein großer Anatom, aber ein mittelmäßiger Lehrer. So ließen wir es denn bei einem Kurse von wenigen Stunden über Sektionstechnik bewenden, den uns ein früherer Assistent Rokitanskys, Dr. Gatscher, erteilte.
Zum Schlusse sei noch erwähnt, daß ich im Leichenhause mehrmals einem schlankgebauten jungen Manne begegnete, dessen feine Züge mir auffielen. Es war Ludwig Tuerck, später Leiter einer für ihn gegründeten Abteilung für Nervenkranke im Allgemeinen Krankenhause; er hat sich bekanntlich durch seine Verdienste um die Einführung des Kehlkopfspiegels und durch wichtige anatomische und klinische Untersuchungen in den schwierigen Gebieten des Nervensystems ein dauerndes Andenken gesichert.



Bei Semmelweis










[231] Wir machten die persönliche Bekanntschaft dieses trefflichen Mannes in dem geburtshilflichen, ganz vorzüglichen Operationskurse, den wir bei ihm genommen hatten. Als er hörte, daß Bronner und ich Assistenten des alten Naegele gewesen seien, den er tief verehrte, nahm er uns auf wie Freunde. Er förderte unsere Studien, soviel er nur konnte, und verschaffte uns im Winter die ersehnte, damals nicht leicht zu erlangende Erlaubnis, im Gebärhause sechs Wochen zu praktizieren. Mochte er die ganze Nacht durchwacht haben, wir kamen ihm niemals ungelegen. Von allen Bekanntschaften, die ich in Wien gemacht habe, ist mir die von Semmelweis in angenehmster und dankbarster Erinnerung geblieben. Als wir ihn kennenlernten, hatte er die große, segensreiche Entdeckung, die ihm die[231]  Menschheit verdankt, kurz zuvor gemacht, sie beschäftigte ihn fortwährend und war der Gegenstand unserer täglichen Gespräche mit dem vortrefflichen Manne.
Ignaz Philipp Semmelweis war ungarischer Staatsbürger und 1818 in Ofen geboren. Er war mehr als mittelgroß, breit und stark gebaut, sein Gesicht rund, mit etwas vortretenden Backenknochen, seine Stirn hoch und das Kopfhaar dünn; er hatte auffallend fleischige, geschickte Hände, ein lebhaftes Temperament, große Arbeitskraft und Arbeitslust, ein warmes und gewissenhaftes Herz.
Als Semmelweis seine Kraft der Geburtshilfe widmete, war der schlimmste Feind der Gebärhäuser, der die Wöchnerinnen in furchtbaren Seuchen dezimierte, das Kindbett- oder Puerperalfieber, aber auch in den Privathäusern raffte diese Krankheit die teure Gattin dem Gatten, die geliebte Mutter der Familie weg. Ratlos standen die Geburtshelfer dieser Geißel des Frauengeschlechts gegenüber. Semmelweis erzählte uns, daß er gleich in den ersten vier Monaten, nachdem er seine Hilfsarztstelle angetreten, 15% aller Entbundenen durch die Seuche verloren habe; niedergedrückt von dem Bewußtsein seiner Ohnmacht, habe er sich tief unglücklich gefühlt. Unerwartet sei ihm, gelegentlich der Sektion eines hochgeschätzten Kollegen, des Professors der Anatomie Kolletschka, ein Licht aufgegangen, das ihm die ersehnte Aufklärung über die Natur und Ursache der mörderischen Krankheit verheißen und schließlich wirklich verschafft habe.
Kolletschka hatte sich an einem verletzten Finger eine Leichenvergiftung zugezogen und war ihr am 13. März 1847 erlegen. Semmelweis wohnte der Leichenöffnung bei; ihr Befund überraschte ihn ungemein, er stimmte überein mit dem Befunde bei seinen am Kindbettfieber verstorbenen Entbundenen. Das konnte kein Zufall sein. Er schloß daraus, dasselbe faulige Gift, das den Anatomen getötet, töte auch die Wöchnerinnen. Bei Kolletschka war es durch den verletzten Finger in das Blut eingedrungen, bei den Wöchnerinnen drang es während der Geburt durch die bei diesem Vorgange verletzten Leibesteile. Der Anatom hatte sich das Gift selbst in den[232]  Körper gebracht, den Gebärenden führten es die Finger zu, die mit faulenden Stoffen in Berührung gekommen waren. Eine auffallende, bisher unerklärte Tatsache fand darin ihre einfache Erklärung. Die beiden Abteilungen des Wiener Gebärhauses, obwohl unter einem Dache gelegen, wurden von der Seuche ungleich häufig und heftig heimgesucht, sie wählte mit Vorliebe die Abteilung für den Unterricht der Ärzte und verschonte die für den Unterricht der Hebammen. Die Erklärung lag nunmehr nahe: Die Mediziner beschäftigten sich mit anatomischen Studien im Leichenhause, die Hebammen nicht. Auf diese Erwägung gestützt, wurde fortan niemand zu Untersuchungen auf der Klinik zugelassen, der sich nicht vorher die Hände sorgfältig mit Chlorkalklösung gereinigt hatte; sie galt damals für das beste desinfizierende Mittel, wir besitzen heute noch wirksamere. Die Sterblichkeit nahm darauf ab.

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Die Annahme lag nahe, daß nicht bloß das faulige Gift aus Leichen die Seuche verschulde, es konnte ebensogut den Gebärenden aus eiternden Wunden und Geschwüren von pflegenden Händen zugeführt werden. Gerade zu der Zeit, als ich mit meinem Freunde im Gebärhause praktizierte, lieferten zwei äußerst lehrreiche Beobachtungen den zwingenden Beweis für diese Annahme. In einem Briefe, datiert vom zweiten Weihnachtstage teilte ich sie meinem Vater mit. Es wurden zu zwei verschiedenen Zeitpunkten zwei Frauen in die Anstalt gebracht: eine Müllersmagd vom Lande mit einem schlecht gepflegten, eiternden Amputationsstumpfe am Oberarm und ein armes Weib mit einer verjauchten Neubildung am Halse der Gebärmutter, beide waren bereits von Wehen befallen. Sie wurden deshalb sofort in den Gebärsaal geschafft, wo stets einige Frauen der Niederkunft entgegenharrten. Beide Male kam es zu kleinen Seuchen des bösartigen Kindbettfiebers, sie beschränkten sich auf diejenigen Entbundenen, die mit den unglücklichen Personen im Gebärsaal gelegen und mit ihnen untersucht worden waren.
In der Geschichte der Medizin wird Semmelweis neben Lister als einer der größten Wohltäter des Menschengeschlechtes[233]  fortleben. Sein Scharfsinn verdient kein geringeres Lob als der des englischen Chirurgen. Dieser konnte sich auf Pasteurs epochemachende Untersuchungen stützen, Semmelweis schöpfte einzig und allein aus der klinischen Beobachtung und dem anatomischen Befunde. – Die antiseptische Behandlung ist heute, wie in der Chirurgie so am Gebärbette, gesetzlich eingeführt, und strafbar sind Arzt und Hebamme, die ihre Vorschriften nicht strenge befolgen. Semmelweis hat den Triumph seiner Lehre nicht erlebt, er stieß auf Mißachtung und Widerspruch vieler der angesehensten Geburtshelfer, doch ließ er sich dadurch nicht von dem richtigen Wege abbringen; erst nach seinem Tode fand er die verdiente Anerkennung, und seit einigen Jahren ziert sein Standbild die Hauptstadt Ungarns.
Der Name Semmelweis bleibt mit der Geschichte der jungen Wiener Schule innig verknüpft. 1855 erhielt er die Professur für Geburtshilfe an der Universität in Pest. Die langen Kämpfe, die der gemütvolle Mann im Interesse der Frauenwelt führen mußte, haben zweifelsohne zu einer Seelenstörung beigetragen, die seine letzten Lebensjahre verdüsterte. Er starb 1865.
Als ich vor unserer Abreise von Wien Abschied von Semmelweis nahm, gab ich ihm das Versprechen, dem alten Naegele seine Entdeckung mitzuteilen. Ich habe meine Zusage erfüllt, aber meine Worte verhallten in dem Brausen der Revolution, die dem alten Herrn, wie ich erzählte, so übel mitspielte.
Da ich mir die Aufgabe gestellt habe, die Menschen und Zustände meiner Jugendjahre getreu zu schildern, darf ich den Professor Klein, den Vorgesetzten von Semmelweis, nicht mit Stillschweigen übergehen. Ich bin ihm wiederholt im Gebärhause begegnet, der Professor war eine der typischen Figuren aus dem nachjosephinischen Österreich, wo die Protektion oft sicherer als das Verdienst zu amtlichen Stellen und Lehrkanzeln verhalf.


Joseph II. hatte Kleins Vorgänger, den hochbegabten Lukas Johann Boër, auf den ersten Schulen Europas zum Geburtshelfer erziehen lassen und ihm die Lehrkanzel für die Geburtshilfe in Wien verliehen. Boër galt als der erste Mann seines[234]  Fachs in Europa und stand bei dem Kaiser in großer Gunst. Gerade deshalb war er den Nachfolgern Josephs nach dessen frühem Tode und nicht minder dem Klerus verhaßt. Dazu kam das Unglück, daß die erste Gemahlin des Erzherzogs und späteren Kaisers Franz, die Erzherzogin Elisabeth, wenige Stunden, nachdem sie Boër entbunden hatte, von Eklampsie befallen wurde und starb. Nunmehr hatten seine Feinde gewonnenes Spiel am Hofe, und Boër legte schließlich, der Ränke müde, 1822 sein Lehramt nieder. Unter den Bewerbern für die erledigte Stelle galt Klein, Professor in Salzburg, als der unbedeutendste – Boër hatte ihn ausdrücklich als solchen bezeichnet –, aber deshalb eben berief man ihn an seine Stelle, um den verhaßten Josephiner recht zu kränken. – Ich erzähle diese Dinge, wie sie mir in Wien erzählt wurden.
Klein machte auf uns den Eindruck eines ganz gewöhnlichen Praktikers. Solange wir in seiner Abteilung beschäftigt waren, kam er ab und zu in den Gebärsaal, hielt sich jedoch immer nur kurze Zeit darin auf und ignorierte meinen Freund und mich völlig, vielleicht weil er, nach der Versicherung der österreichischen Praktikanten, die Ausländer nicht leiden konnte. Eines Abends aber ging er sogleich, nachdem er eingetreten war, an das Bett der Gebärenden, die ich zu besorgen hatte, und fragte mich nach dem Stand der Geburt, worauf ich genaue Auskunft gab. Soweit verfuhr er nach der Ordnung, dann aber verstieß er gegen Takt und Sitte. Wollte er meine Angabe kontrollieren, so mußte er selbst nachuntersuchen oder den Assistenten, Semmelweis, dazu auffordern, er rief aber die Hebamme ans Bett, um nachzuprüfen. Dies wäre schon einem Studenten gegenüber unpassend gewesen, mir, einem approbierten Arzte gegenüber, war es ganz ungehörig, doch mußte ich es hinnehmen und jedenfalls zunächst schweigend das Weitere abwarten. Vermutlich, um ihm zu gefallen, erklärte die Hebamme meine richtige Angabe für unrichtig. Klein warf mir darauf einen strafenden Bilck zu mit der Frage, was ich dazu sage? Ich erwiderte ruhig, die Hebamme irre sich, ihr Befund sei falsch, der meinige richtig. Nicht nur ich, alle anwesenden Praktikanten und Semmelweis, der hinter Klein[235]  stand und über seinen Vorgesetzten sichtlich aufgebracht war, waren gespannt, was er jetzt tun werde. Er schwieg, überlegte einen Augenblick und prüfte, wie es sich vorher geschickt hätte, selbst. Ich war meiner Sache so sicher, daß ich auch Klein, im Falle er der Hebamme zugestimmt, widersprochen hätte; Semmelweis kannte gleichfalls meine Fertigkeit in diesem Abc der Geburtshilfe, und war entschlossen, wie er mir nachher sagte, wenn nötig, gleichfalls nachzuprüfen und für mich einzutreten. Es war jedoch nicht nötig, Klein war ehrlich, nickte mir freundlich zu und sagte: »Sie haben recht!« – Es war ihm, wie die Österreicher meinten, nur darum zu tun gewesen, den Ausländer zu demütigen.

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Für die Bestrebungen seines Assistenten fühlte Klein keine Teilnahme. Die Koryphäen der jungen Wiener Schule, namentlich Skoda und Hebra, erkannten die Tragweite der Entdeckung von Semmelweis und unterstützten ihn möglichst, Klein aber stellte sich seinen Untersuchungen hindernd in den Weg, schwerlich aus Bosheit, sondern aus Unverstand.



Die Wiener Schule










[236] Die pathologische Anatomie war in Deutschland, bis Rokitansky erschien, nicht mit demselben Eifer und Erfolg bearbeitet worden wie in Frankreich und England, nur die Bildungsfehler hatten in Joh. Friedr. Meckel, dem Sohne, einen Forscher ersten Ranges gefunden. Darum war auch die Pathologie in Deutschland zurückgeblieben, sie hat aus den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts keine Leistungen aufzuweisen, die sich mit denen eines Laënnec, Bretonneau oder Bright messen dürfen. Mit Rokitansky erst gewann die pathologische Anatomie auch in Deutschland den durchgreifenden Einfluß auf die Pathologie, den sie bei den Franzosen und Engländern bereits errungen hatte. Rokitansky wurde, um mich des treffenden Vergleichs von Virchow zu bedienen, der Linné dieser Wissenschaft, und hat sie zum unentbehrlichen Bestand der praktischen Ärzte gemacht. Ganz aus eigener Beobachtung schöpfend, hat er die Anomalien der Organe unvergleichlich[236]  scharf und bündig gezeichnet und sie den Ärzten geordnet vor Augen gestellt wie Linné die Pflanzen. Sein Handbuch der speziellen pathologischen Anatomie (1842–1844) bedeutet einen Markstein in der Geschichte der deutschen Medizin und hat auf die ärztliche Praxis einen ungeheuren Ein fluß ausgeübt. Leider verließ er in seinem später (1846) erschienenen Handbuch der allgemeinen pathologischen Anatomie die sichere Straße der nüchternen Beobachtung, die er bisher gegangen war, und schlug gefährliche Irrwege ein. Viele seiner Jünger folgten dem bewunderten Meister in die nebligen Gebiete der grundlosen Spekulation. Es bedurfte der Warnrufe Virchows, um die anatomische Forschung in die ihr gesteckten Grenzen zurückzubringen.
Wie Rokitansky das anatomische Haupt der jungen Wiener Schule geworden ist, so wurde sein Schüler Skoda ihr klinisches. Er verdankt seinen Weltruf den großen Verdiensten, die er sich um die physikalische Diagnostik erwarb, er schuf den wissenschaftlichen Boden, auf dem die Perkussion und Auskultation beruhen, die bisher nur grob empirisch geübt wurden, und hat sie überdies mit wertvollen neuen Zeichen bereichert. Dadurch hat er die Pathologie der Atem- und Kreislauforgane ungemein gefördert. Studenten und Ärzte strömten nach Wien, um bei ihm die Kunst der physikalischen Diagnostik und ihre sichere Verwertung zu erlernen. Er dirigierte seit 1840 eine eigne Abteilung für Brustkranke, wurde 1846 zum Professor ernannt und mit dem klinischen Unterricht betraut. – Ich will es versuchen, die Reform, die wir Skoda auf dem Gebiet der physikalischen Diagnostik verdanken, dem nichtmedizinischen Leser verständlich zu machen.
Laënnec und seine Schüler waren bestrebt gewesen, mit Hilfe des Beklopfens und Behorchens der Wände des Körpers Zeichen aufzufinden, die ohne weiteres bestimmte Krankheiten so kenntlich machen sollten, wie etwa das Zirpen die Grille oder der Wachtelschlag die Wachtel anzeigt. Das Tuberkelknacken sollte die Tuberkeln der Lunge verraten, das Knisterrasseln den Beginn oder die Lösung der Lungenentzündung, das Reibegeräusch die Entzündung von Brust- oder Herzfell. –[237]  Skoda zeigte das Verkehrte dieses Vorgehens, das nicht selten zu Irrtümern führte. Wenn die Schallerscheinungen vom normalen Verhalten beim gesunden Menschen abweichen, so bedeutet dies an sich zunächst nichts als ein verändertes physikalisches Verhalten der Organe, von denen sie ausgehen. Streng genommen ist deshalb die nächste Aufgabe der diagnostischen Verwertung der akustischen Symptome die: festzustellen, was für physikalische Veränderungen an diesen Organen vor sich gingen. Die zweite Aufgabe besteht sodann darin, die anatomischen Organveränderungen zu bestimmen, die den physikalischen zugrunde liegen. Zuletzt erst kommt es zur Diagnose der Krankheit, die zu den anatomischen Veränderungen führte. Ein einfacher Schluß aus dem akustischen Symptom unmittelbar auf die Krankheit ist nicht erlaubt und die Diagnose unter allen Umständen eine zusammengesetzte geistige Operation, die ihren Stoff drei verschiedenen Orten entnimmt, der Klinik, dem Leichenhause und der physikalischen Werkstätte.

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Skodas Kritik beschränkte sich jedoch nicht auf die Diagnostik, wie sie bisher geübt wurde, sie erstreckte sich auf das ganze Gebiet der Pathologie und insbesondere auch der Therapie. Die Heilkunde in dem Zustande, worin sie sich damals befand, erschien ihm als ein Chaos, ein wüster Sumpf, aus dem nur zwei mit geordnetem, fruchtbarem Erdreich bedeckte Inseln hervorragten, die pathologische Anatomie und die physikalische Diagnostik. Im übrigen war sie ihm ein wirres Gemenge roher Beobachtung und Erfahrung, unerwiesener, widersprechender Lehrmeinungen, Vorschriften und Kurverfahren. Überall galt es, unbekümmert um die alten Schulsätze, die Medizin von Grund aus neu aufzubauen. Schonungslos legte er, im privaten Umgang mit seinen Schülern und in der Klinik selbst, die Lücken und Schäden der bisher geübten Heilkunst bloß.
Der Einfluß eines so scharfsinnigen Kopfes und unerschrockenen Denkers auf seine Schüler war ungeheuer; sie schrieben den Zweifel als obersten Wahrspruch auf ihr Banner, glaubwürdig war für sie einzig und allein, was Rokitansky und Skoda lehrten, und nur, was man in Wien mit eigenen Augen[238]  gesehen und geprüft hatte; was von außen kam, stieß auf Zweifel, selbst höhnischen Widerspruch, keine Überlieferung war ihnen heilig.
Auch die bedeutendsten Männer der jungen Schule trieben die Zweifelssucht ins Unglaubliche. In dem Hefte, das ich in Hebras Kurse niederschrieb, findet sich folgender Vortrag über die graue Färbung der Haut, die Argyria, die durch lange fortgesetzten innerlichen Gebrauch des Höllensteins (salpetersauren Silber) entsteht: »An die Argyria, meine Herren, glaube ich nicht. Das salpetersaure Silber wird im Magen sogleich zu Chlorsilber zerlegt und geht durch den Darm ab (wörtlich!). Man gab das Mittel in Wien Epileptischen jahrelang, ohne daß die Haut sich gefärbt hätte. In Paris und Berlin hat man alle Augenblicke die Argyria aufzuweisen, vielleicht scheint in Berlin die Sonne schöner. Argyria? Dazu bitt' ich ein Fragezeichen zu machen.« Drei Monate nachher sah ich in Prag bei Oppolzer einen Fallsüchtigen, der lange das Silbersalz genommen hatte und tiefgrau auf der Haut geworden war, später noch viele. – Ob wohl die Kranken in Wien das verordnete Mittel lange genug eingenommen hatten?
Wenn wir das bei einem Hebra erlebten, wessen mußte man nicht erst bei den Kleinen im Geiste gewärtig sein.
Wir hatten die beiden Kinderspitäler besucht, das von Mauthner gegründete, woraus später das St.-Anna-Spital erwuchs, und das Franzensspital in der Vorstadt Wien; es war uns aufgefallen, daß wir weder hier noch auf dem Leichentische des Allgemeinen Krankenhauses jemals einen Fall von Diphtherie zu sehen bekamen, während wir sie bei uns zu Hause in Form von Krupp, und Bronner in Praris in verschiedenen schlimmen Formen, oft zu sehen Gelegenheit gehabt hatten. Gegen Ende unseres Aufenthalts in Wien fragte ich einen Assistenten Rokitanskys, sein Name ist mir entfallen, ob die Diphtherie in Wien nicht vorkomme, worauf er die Gegenfrage an mich richtete, ob ich an diese französische Dichtung glaube!


Zwei hervorragende Vertreter der jungen Wiener Schule besorgten den ärztlichen Dienst in dem noch nicht lange eingerichteten[239]  Bezirkskrankenhause auf der Wieden: der feurige, in Galizien geborene Josef Dietl als Primararzt und Friedrich Wilhelm Lorinser als Primarchirurg. Wir suchten sie in dem Hospital auf und wurden sehr artig von beiden empfangen. Dietl machte uns mit seinen Erfolgen bei der Pneumonie bekannt, die er ohne Aderlaß behandelte. Ein Jahr nachher veröffentlichte er seine bekannte Schrift: »Der Aderlaß in der Lungenentzündung«, die wesentlich dazu beitrug, die Blutentziehungen bei der Pneumonie abzuschaffen. Er versicherte uns bestimmt, daß eine erste Lungenentzündung niemals töte, wenn man sie ruhig ihrem natürlichen Laufe überlasse, eine Behauptung, die ich leider in dieser apodiktischen Fassung später nicht bestätigt fand. – Lorinser hatte 1845 in den österreichischen Jahrbüchern seine Beobachtungen über die sog. Phosphornekrose der Kieferknochen mitgeteilt und zuerst die schädlichen Einwirkungen der Phosphordämpfe in den Zündholzfabriken auf die Kieferknochen kennengelernt; er zeigte uns zwei junge Mädchen mit diesem abscheulichen Leiden und zahlreiche Knochenpräparate. Lorinser, ein guter Chirurg und namentlich Orthopäd, war einer der größten Zweifler des jungen Wiens und bekämpfte auch gesicherte Glaubenssätze als Aberglauben, er sah bekanntlich in der allgemeinen Syphilis nichts als Merkurialismus, und bestritt die eigentümliche Art der Hundswut, über die wohl heute kein Streit mehr möglich ist.
Der Schritt von der grundsätzlichen Skepsis zum Nihilismus war nicht groß. Nur mechanische und äußere Eingriffe, wie sie die Chirurgen und Hebra bei seinen Hautkranken übten, galten für wirksam, die innere Heilkunst aber erschien vielen nur als Firlefanz, Wunder- und Aberglaube; die Ärzte, behaupteten sie, täuschten sich selbst oder andere, und die Erfolge, die sie ihrer Kunst zuschrieben, seien einzig das Werk der Naturheilkraft. Wie mächtig dabei der Glaube an Wunder und Autoritäten mitwirke, zeigten ja die Kuren der Homöopathen, der Wallfahrtsheiligen und Wundertäter aller Art. Derlei Behauptungen konnte man täglich hören, am beliebtesten war die Phrase: die innere Therapie ermangle der wissenschaftlichen Begründung, ohne Wissenschaft aber gebe es keine Kunst. Die[240]  gemeinste Erfahrung widerlegte diese hohle Redensart. Nicht nur die schönen Künste, auch die praktischen, wie die Kriegs- und Staatskunst, fanden eher ihre Meister als ihre Professoren.
Gerade die Anatomie, auf der die junge Schule ihr pathologisches Gebäude errichtete, schien den Nihilismus zu rechtfertigen. Mancher medizinische Schwächling sah mit Schrecken in der Leiche die Zerstörung der Organe durch die Krankheit. Die Heilkunst konnte einem Feinde nicht gewachsen sein, der die Kraft hatte, solche Verheerungen anzurichten. Kam es im Gegenteil ausnahmsweise vor, daß es der Sektion nicht gelang, die Todesursache aufzudecken, so gefiel man sich in der Klage, wie man glauben könne, ein unsichtbarer Feind lasse sich fassen und überwältigen?

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Einige Schuld von solchen verzweifelten Anschauungen trugen die verunglückten Versuche Skodas, im Bunde mit dem befreundeten Chirurgen Schuh die entzündlichen Ergüsse in den Brustfellraum auf operativem Wege zu heilen. Aus ihren schlechten Ergebnissen zogen die Pessimisten den Schluß, man solle die Heilung der Brustentzündung ruhig der Natur überlassen, es müßte denn sein, daß der Eiter durchbrechen wolle und die Natur bei ihren Heilbemühungen doch nicht ganz geschickt verfahre; nur in diesem Falle sei chirurgische Hilfe nötig. Wir wissen jetzt ganz gut, warum Skodas und Schuhs Kuren mißlangen, und erzielen heute bei Vermeidung ihrer Fehler mit besserem Verfahren bessere Erfolge.
Bei vielen Jüngern Skodas war es geradezu Axiom geworden: Nichtstun sei das beste in der inneren Medizin. Nun ist es zwar nach Sokrates der Anfang der Weisheit, zu wissen, daß man nichts wisse; aber nichts zu tun, ist nicht der Anfang der Kunst. Wenn die gelehrten Ärzte dies nicht begreifen, so kann man es den Kranken nicht verübeln, wenn sie die gewünschte Hilfe bei ungelehrten Laien suchen, die sie ihnen bestimmt versprechen. Mit der feinen Diagnose und ihrer Bestätigung hinterher an der Leiche ist dem Kranken nicht gedient. Der Vorwurf, den die heutige Medizin der Schule Skodas macht, daß sie dem Rufe der wissenschaftlich gebildeten Ärzte beim Publikum Schaden gebracht und der[241]  Pfuscherei Tor und Tür geöffnet habe, ist nicht unbegründet.
Lehrer und Schüler vergaßen die eigentliche Aufgabe der Medizin: das Heilen. Damit sank die beste aller menschlichen Künste von ihrer Höhe tief herab. Es kam so weit, daß manche junge Ärzte beinahe mit größerer Neugierde der Bestätigung ihrer anatomischen Diagnose als dem Erfolge ihres Kurverfahrens entgegensahen.



Die Prager Fakultät










[243] Ich war nicht wenig überrascht, Prag weit mehr als Wien von jungen Ärzten besucht zu finden, die aus allen Teilen Deutschlands, aus der deutschen Schweiz und Holland zu ihrer weiteren praktischen Ausbildung dahin gekommen waren. In großer Gesellschaft begrüßte ich in der Silvesternacht das Jahr 1848, das den Völkern soviel versprach und sowenig hielt.
Bald wurde mir klar, warum die Prager Fakultät, obwohl sie strenggenommen nur eine Filiale der Wiener Schule war, der Wiener Fakultät den Rang abgelaufen hatte und ihr zu Studierzwecken von den reisenden Ärzten vorgezogen wurde. Sie kam ihren Bedürfnissen in liebenswürdigster und sachverständigster Weise entgegen und hatte eine Menge guter praktischer Kurse für sie eingerichtet, nur Hebras vorzüglicher Kurs über Hautkrankheiten fand in Prag nicht seinesgleichen. Auf einem wichtigen Gebiete der Heilkunst war Prag Wien sogar weit voraus, es besaß eine neue, musterhaft gebaute und geleitete Irrenanstalt, worin psychiatrischer Unterricht erteilt wurde, während in Wien noch immer zum Skandal der fremden Besucher des Allgemeinen Krankenhauses, das Geschrei der Irren aus den kleinen vergitterten Fenstern des Narrenturms in den Hof vor dem Leichenhause hinabschallte. Auch verdiente die Fakultät den Dank der zugereisten Ärzte durch die Erlaubnis, die sie ihnen bei der Prager Gesellschaft der Ärzte erwirkt hatte, deren Lesezimmer unentgeltlich zu benützen. Es lagen darin viele medizinische Zeitschriften auf und eine kleine Bibliothek war damit verbunden. Ich habe hier viele Abendstunden zugebracht und die vorzüglichsten Abhandlungen der Wiener und Prager Koryphäen gelesen und ausgezogen.[243]
Der berühmteste und beliebteste Lehrer Prags war Oppolzer. Die herzliche Güte, womit er uns umfing, machte mich fast verlegen. Ich gab in einem Brief an meinen Vater den Empfindungen hierüber mit den Worten Ausdruck: »Als Kollegen und Freunde, ja als Ebenbürtige empfing uns der große Meister, nicht als medizinische Abc-Schützen und Ignoranten, wie wir es wirklich sind.«
Johannes Oppolzer, ein Deutschböhme aus dem Städtchen Gratzen, war gerade 40 Jahre alt und stand auch als Forscher und Lehrer auf der Höhe seines Wirkens. Er hielt morgens von 9 bis 101/2 innere Klinik, nachdem er in seiner großen Abteilung mit 150 Betten im Krankenhause die Visite gemacht hatte, bei der ich ihn einige Male begleitete. Seine Klinik verfügte über 40 mit ausgesuchten Kranken belegte Betten. Die Vorträge hielt er lateinisch; die Märzrevolution machte kurz nachher dem Latein in den deutschen Kliniken, wo es noch etwa im Gebrauch war, ein Ende. Ich habe mich als klinischer Lehrer der lateinischen Sprache nur einmal bedient, in Freiburg, um von dem Kranken, einem Gärtnerburschen, nicht verstanden zu werden, erreichte jedoch meinen Zweck nicht. Er gab auf alle Fragen mit stereotypem Lächeln einfältige Antworten, die den Unmut meiner Schüler erregten. Ich beschwichtigte sie mit den Worten, der Arzt dürfe am Krankenbette nie die Geduld verlieren, der kranke Jüngling sei zwar ein großer Esel, aber sie sollten bedenken, er habe nicht wie sie das Glück gehabt, in einem Gymnasium klassische Bildung zu empfangen. Darauf lachte der Bursche ganz unbändig. Ich wurde jetzt böse und fragte, warum er so einfältig lache? »Ei!« gab er zur Antwort, »ich muß lachen, weil ich auch Gymnasiast gewesen bin.«

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Die Vorträge Oppolzers waren einfach in Form und Inhalt und hoben das Wesentliche wohl geordnet und klar hervor. So, wie der ganze Mann schlicht, bescheiden und doch sicher, unbedingtes Vertrauen erweckend, vor uns stand, prunkte auch sein Unterricht nicht mit schönen Reden und geistreichen Hypothesen. Was er gab, war gutes, nahrhaftes Brot. Ebenso lehrreich wie seine Vorträge und Demonstrationen waren die[244]  klinischen Sektionen, die der Prosektor der Pathologisch-Anatomischen Anstalt, Dr. Dittrich, für ihn ausführte. Oppolzer leitete sie häufig mit einigen Worten ein, begleitete und schloß sie mit nützlichen Bemerkungen, forderte uns auch in gewissen Fällen vor der Sektion auf, eine und die andere Untersuchung an der Leiche auszuführen. Nach der Sektion lud er uns nicht selten ein, ihn auf sein Arbeitszimmer zu begleiten, wo ein Mikroskop und chemische Reagentien zur Benützung für diagnostische Zwecke aufgestellt waren. Man konnte hier Fragen an ihn richten und war einer freundlichen Beantwortung sicher.
Oppolzer hat in Prag mehrere wertvolle pathologische Abhandlungen in der Prager Vierteljahrsschrift veröffentlicht, später, nachdem er 1848 nach Leipzig und zwei Jahre darauf nach Wien berufen worden war, beschränkte er seine literarische Tätigkeit je länger, desto mehr auf klinische Mitteilungen in der Wiener mediz. Wochenschrift, meist durch die Feder seiner Assistenten; seine riesige Praxis ließ ihm keine Zeit zum Schreiben. Während meines Aufenthaltes in Prag hieß es, er beschäftige sich mit der Abfassung eines Handbuchs der Pathologie, man war sehr gespannt darauf, aber es ist nie erschienen; die Vorlesungen Oppolzers, die sein Schwiegersohn Stoffela herausgab und nicht zu Ende führte, enthalten nur bekannte Dinge.
Oppolzers Begabung reichte nicht entfernt an das Genie Skodas, aber als praktischer Lehrer stellten wir Ärzte ihn über den großen Kritiker und Reformator. Im Besitze einer reichen und sicheren Erfahrung, durchdrungen von der humanen Aufgabe der Heilkunde und fest im Glauben an die Heilkunst, war er ein getreuer Eckart in den Nöten und Gefahren der Praxis. Mit ruhiger Weisheit verzichtete er auf mathematische Gewißheit und erreichte das Mögliche und Beste durch einfache Mittel, ein Kennzeichen tüchtiger Ärzte.
Als im Januar meine Knie rheumatisch anschwollen und mich mit Schmerzen quälten, fragte ich Oppolzer um Rat, seine Verordnungen charakterisieren die hippokratische Art seiner Therapie. Er riet mir keine Arznei, nicht einmal Einreibungen, nur Flanell um beide Gelenke, Vermeidung erhitzender Speisen[245]  und Getränke, ich solle eine Zeitlang nur von Milch, Eiern weißem Fleisch, Gemüse und Obst leben. Ich befolgte seine Vorschriften, die Knie wurden besser, aber Heilung erzielte ich später durch Kaltwasserbehandlung, auf die er nicht hinwies.


Neben der Inneren Klinik von Oppolzer bestand noch die von Jaksch, die weniger besucht war, doch hielten einige meiner Bekannten große Stücke auf Jaksch als feinen Diagnostiker; sie behaupteten scherzhaft, er sei imstande, bei Klappenfehlern der Aorta genau anzugeben, welche von den drei Taschen erkrankt sei.
Ganz vorzüglich war die Chirurgische Klinik unter der Leitung von Franz von Pitha, einem edeln, feingebildeten, humanen und geschickten Manne.
Sehr beliebt war auch Arlt, der »Supplent« für Augenheilkunde. Da mir die ruhige Hand zu feinen Operationen versagt war, wollte ich keine Zeit mehr auf dieses Fach verwenden, und besuchte seine Klinik nicht. Zufällig hörte er meine Bekannten in der Klinik meinen Namen nennen, der ihm auffiel, und erfuhr auf Befragen, daß ich der Verfasser der Heidelberger Preisschrift über die Farbenerscheinungen im Augengrunde sei, die er gelesen und günstig rezensiert hatte, was ich nicht wußte. Er forderte mich danach auf, ihn zu besuchen und lehrreiche anatomische Präparate bei ihm anzusehen. Ich folgte dieser Einladung und freute mich der Lobsprüche, die er meiner Schrift spendete. Sie taten meinem jungen Autorherzen wohl; in Wien hatte man mein Büchlein keines Worts und vermutlich keines Blicks gewürdigt, denn was konnte aus dem Reiche Gutes kommen? Die Prager waren doch bessere Menschen!
Die interessanteste der Prager Lehranstalten war für uns das neue Irrenhaus, die Schöpfung des Primararztes Riedel, den man den Reformator des österreichischen Irrenwesens nennen darf. Er hat 1851 auch die neue Irrenanstalt in Wien vollendet, zu deren Bau die Regierung bereits 600000 fl. bewilligt hatte. – Riedel empfing uns sehr freundlich und erteilte einem Assistenten den Auftrag, uns durch die weite Anstalt zu führen;[246]  wir verweilten vier ganze Stunden darin. – Österreich verdankt Riedel die erste Einführung eines psychiatrischen klinischen Unterrichts der Mediziner. Die Größe dieses Verdienstes weiß der am besten zu schätzen, der mit den großen Vorurteilen zu kämpfen hatte, die selbst bei den Psychiatern dagegen bestanden. In Baden hat sich Chr. Roller um die Einführung einer geordneten Irrenpfllege unvergängliche Verdienste erworben, die Landesheil- und Pflegeanstalt Illenau erbaut und rühmlichst geleitet, die Einrichtung psychiatrischer Kliniken aber an den Universitäten Heidelberg und Freiburg hartnäckig bekämpft. Erst 1874, drei Jahre vor seinem 1877 erfolgten Tode, drangen die Fakultäten mit ihren Anträgen durch.
Einen vielbesuchten und gerühmten Kurs über Perkussion und Auskultation erteilte Professor Hamernik auf seiner Abteilung für Brustkranke; ich mußte auf diesen Kurs verzichten, er war mir zu teuer, kostete 16 fl., und mein Reisegeld ging zur Neige.

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Statt dessen nahm ich mit Bronner einen ganz vorzüglichen Kurs über chirurgische Anatomie bei Professor von Patruban im Karolinum, dem alten Universitätsgebäude, worin einst Hus gelehrt hatte und das Anatomische Institut sich befand.
Endlich gedenke ich noch des ausgezeichneten pathologischanatomischen Kurses, den uns im Allgemeinen Krankenhause der bereits erwähnte Prosektor Franz Dittrich erteilte. Geboren 1815 in Nixdorf in Böhmen, war er ein Schüler Hyrtls und Rokitanskys, wurde Assistenzarzt bei seinem Freunde Jaksch und dem Geburtshelfer und Frauenarzte Kiwisch von Rotterau; jetzt war er an die Stelle Dlauhys getreten, der als Professor der gerichtlichen Medizin nach Wien versetzt worden war. Sein Kurs wurde von mehr als dreißig Ärzten besucht. Die reichen klinischen Erfahrungen, die Dittrich gesammelt hatte, wußte er vorzüglich zu verwerten, sie machten seinen Kurs doppelt lehrreich, obwohl er seinem Lehrer Rokitansky mit großem Vertrauen auch auf die Irrwege der Krasen- und Blastemlehre folgte. Die glänzendste Entdeckung Dittrichs war die der syphilitischen Natur gewisser Lebergeschwülste, die[247]  der Anatom Bochdalek und Oppolzer 1845 fälschlich für in Heilung begriffene Krebse gehalten hatten. Sie fiel in das Jahr 1849. Ein Jahr nachher berief ihn die bayerische Regierung an die Innere Klinik nach Erlangen, wo er der Fakultät zu raschem Aufschwung verhalf und sich großer Verehrung erfreute. Nach seinem Tode, 1859, bin ich sein Nachfolger geworden.



Vereitelte Zukunftspläne










[248] In Wien hatte die pathologische Anatomie mich so angezogen, daß ich daran dachte, mich ihr ganz zu widmen und, dem Winke Naegeles folgend, die akademische Laufbahn einzuschlagen. Der fruchtbare Boden, auf dem das Skalpell so reiche Ernte gehalten hatte, versprach noch größere Ausbeute, wenn er mit der Linse des Mikroskops durchforscht würde. Hatte ich doch bei Bischoff und Henle gesehen, was die Entwicklungsgeschichte und die Gewebelehre diesem Werkzeug verdankten. Die mikroskopische Bearbeitung der pathologischen Anatomie schien mir eine der dringendsten und lohnendsten Aufgaben der medizinischen Wissenschaft. In Wien war dafür wenig geschehen, noch kaum ein Anfang gemacht. Florian Heller hatte hier 1844 ein Archiv für pathologische Chemie und Mikroskopie gegründet, aber die Zeitschrift ging schon 1847 ein. Sie diente dem diagnostischen Bedürfnis der Ärzte mehr als der strengen Wissenschaft, ähnlich wie des Heidelberger Dozenten Hoefle »Chemie und Mikroskopie am Krankenbette«. Anders stand es in Berlin, wo Schwann der mikroskopischen Forschung einen leitenden Gedanken gegeben und Johannes Müller in seiner Schrift über den feineren Bau der Geschwülste schon 1833 ein Vorbild auch auf diesem speziellen Gebiete medizinischer Untersuchung geschaffen hatte. Einer meiner alten Heidelberger Bekannten, der Zoologe von Frantzius, war im Herbst von Triest her, wo er mit Siebold und Ecker Seetiere untersucht hatte, nach Wien gekommen und hatte mir dringend geraten, nach Berlin zu gehen und den ihm befreundeten Prosektor der Charité, Rudolf Virchow, aufzusuchen; er bearbeite mit Geist und Erfolg die pathologische[248]  Anatomie im Sinne Müllers und Schwanns. Es schien mir aber, der äußeren Schwierigkeiten halber, zu unsicher, ob ich nach der Heimkehr es wirklich unternehmen könne, mich als Dozent in Heidelberg niederzulassen; ich mochte deshalb das mit meinem Freunde Bronner gefaßte Vorhaben, zunächst noch Prag zu besuchen, nicht aufgeben; gelang es mir, nach der Heimkunft jene Schwierigkeiten zu überwinden, so hoffte ich unter Henles Ägide dort mein Ziel zu erreichen.
In Prag trat mir der verführerische Gedanke, der mich schon in Wien so lebhaft beschäftigt hatte, wieder nahe. Im Lesezimmer der Ärzte las ich die zwei Dezembernummern der Berliner medizinischen Zeitung 1846, worin Virchow den allgemeinen Teil von Rokitanskys Handbuch der pathologischen Anatomie kritisierte. Die Kritik war wie eine Bombe in das Lager der Wiener Schule niedergefahren. Virchow nannte das Buch gefährlich, einen Überfall der Klinik durch die Anatomie, die mit unerwiesenen, willkürlichen chemischen und physiologischen Hypothesen über die ihr gesteckten Grenzen weit hinaus in das Gebiet der Pathologie greife. Rokitansky habe zu den vielen spekulativen, haltlosen Systemen der Pathologie ein neues geliefert, das seinem großen anatomischen Verdienst Eintrag tue. Gleich nachher fiel mir das 1. Heft seines 1847 mit Reinhard herausgegebenen Archivs für pathologische Anatomie und Physiologie in die Hände. Die zündenden Worte seines Programms: »Über die Standpunkte der wissenschaftlichen Medizin« ergriffen mich mächtig. Der junge Anatom ging dem faulen Skeptizismus und Nihilismus der Wiener scharf zu Leibe. Er zeichnete mit sicherer Hand die Ziele und Wege, die der Medizin ihr zwiefacher Charakter als Naturwissenschaft und tätige Kunst in der pathologischen Forschung vorschreibt. Die Heilkunst sei keine Wissenschaft, die man einzig um ihrer selbst willen pflegen dürfe, für sie gelte das Wort: scientia est potentia! Sie dürfe nicht auf den Wolken thronen, sondern müsse auf festen Beinen unter dem Volke wandeln und sorgen, ihm Leben und Gesundheit zu schirmen. Der Ausbau der pathologischen Anatomie geschehe nicht durch Aussinnen von luftigen Hypothesen und Systemen, sondern nur durch geduldige[249]  Arbeit am Sezier- und Mikroskopiertisch, in chemischen und physiologischen Werkstätten. Tüchtige, herrliche Worte, begleitet von der Morgengabe, die der junge anatomische Forscher der pathologischen Wissenschaft brachte, den glänzenden Entdeckungen der Leukämie und Embolie, die zu den größten der Medizin gehören!

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Unwiderstehlich zog es uns jetzt nach Berlin, aber der Tag unserer Heimreise war bereits auf den 1. März festgesetzt und meine verfügbaren Mittel reichten nur eben noch bequem bis nach Hause. Mein Freund war besser daran. Großmütig schlug er mir vor, mich nicht von ihm zu trennen und seinen elenden Mammon mit ihm zu teilen; sein Besitz reiche auf etliche Monate für uns beide, wir wollten nicht eher heimkehren, bis wir Virchows Bekanntschaft gemacht hätten.
Während ich noch schwankte, ob ich auf das Anerbieten eingehen solle oder nicht, entlud sich das politische Gewitter, das schon lange im Westen gedroht hatte. Am 23. Februar hatte Guizot seine Entlassung von Louis Philippe verlangt und erhalten. Abends fiel in Paris der verhängnisvolle Schuß aus der Menge, die sich vor dem Ministerium des Äußeren gestaut hatte, die bedrohte Wache erwiderte ihn mit einer Salve aus 50 Gewehren, Verwundete und Leichen bedeckten das Pflaster. Dieses Blutbad kostete dem König den Thron. Am 24. morgens legte er seine Krone nieder und entfloh nach England.
Am 25. oder 26. vormittags gingen wir unsern täglichen Weg in das Krankenhaus. Oppolzers erster Assistent kam uns frohlockend entgegen: »Gute Botschaft, meine Herrn! Louis Philippe ist gestürzt, die Republik proklamiert!« Wir gingen in unsere Wohnung zurück und rüsteten uns zur Abreise. Von Berlin war nicht mehr die Rede. Es trieb uns heim an den Rhein. Am letzten Februar reisten wir ab.



Die Heimreise von Prag im März 1848










[251] Der Postwagen brachte uns von Prag nach Aussig an der Elbe, das Dampfschiff von da nach Dresden. Wir verweilten hier zwei Tage und bewunderten die reichen Kunstschätze der sächsischen Königsstadt; sie war so ruhig, als säße Louis Philippe noch immer ganz sicher auf Frankreichs Throne.
Von Dresden fuhren wir mit der Eisenbahn nach Leipzig, wo wir gleich nach der Ankunft vormittags einen unserer Heidelberger Bekannten aufsuchten und zu Hause trafen, einen Rechtskandidaten namens Scharf aus dem sächsischen Vogtlande. Seine Freunde hielten große Stücke auf ihn, sein Charakter war fest und zuverlässig, an politischer Reife war er den meisten überlegen, er hatte ein bestimmtes Programm seines künftigen bürgerlichen Verhaltens und stand entschieden auf dem Boden des konstitutionell-monarchischen Systems. Von einem republikanischen Deutschland, wofür manche Brauseköpfe schwärmten, wollte er nichts wissen und versprach der eben zur Welt gekommenen französischen Republik keine Dauer. An der Wand seines Zimmers hingen zwei Glockenschläger und mehrere Büchsen, er war ein gewandter Fechter und guter Schütze.
Wir fragten unsern Freund nach dem Stande der Politik in Leipzig; halb ernst, halb scherzhaft gab er zur Antwort: »Es kann täglich losgehen, vielleicht heute schon!« Wir meinten: »Da kommen wir ja gerade recht und können gleich mitmachen!« »Gut!« erwiderte er, »ich kann euch mit zwei[251]  vorzüglichen Büchsen dienen.« – Wir sahen etwas verlegen drein, denn wir hatten uns nie auf dem Schießstand geübt. Er lachte: »Ich merke wohl, wie es um euch steht, ihr seid von den Freiheitshelden, die nicht schießen können. Nun, da nehmt ihr eben, wenn es losgeht, die Glockenschläger und verteidigt damit die Barrikaden! – Na, Kinder«, fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »seid mir nicht böse! Ich denke, unser König läßt es nicht zum Äußersten kommen und bewilligt die bescheidenen Wünsche seiner treuen Leipziger. Aber es ist Zeit zum Frühschoppen, ohne ihn geht es in diesen bewegten Zeiten nicht ab. Ich will euch mit unsrem sächsischen Mirabeau bekannt machen, Robert Blum, unsrem Volkstribunen; wir werden hören, was für neueste Nachrichten von Dresden eingelaufen sind, und was darauf weiter beschlossen wird.« – Er führte uns in ein Bierhaus, wo in einem Nebenzimmer ein Dutzend junger Bürger und Studenten Robert Blum erwarteten. Bald darauf kam dieser eilig herein, setzte sich zu uns und teilte die Parole aus. Sie lautete friedlich, die Glockenschläger durften ruhig hängenbleiben. Das ungewöhnlich häßliche, aber ausdrucksvolle Gesicht des großen Volksmanns und Patrioten ist mir unvergeßlich geblieben. – Wir verweilten zwei Tage in Leipzig, nahmen Abschied von Scharf und hörten nie wieder von ihm. Er litt an Gallensteinen, vielleicht ist er diesem Leiden früh erlegen.

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Unser Heimweg führte über Halle weiter nach Weimar, wo wir den Manen unsrer größten Dichter und ihres edlen fürstlichen Freundes den Tribut frommer Verehrung darbrachten. Von da eilten wir nach Eisenach und feierten am 8. März ein angenehmes Wiedersehen mit unsrem Freunde Schwanitz, der hier in seiner Vaterstadt als »Stadtgerichts-Akzessist« praktizierte, uns auf die Wartburg begleitete und abends in eine Bürgerversammlung mitnahm. Sie wurde in dem großen Saale der »Erholung« abgehalten, worin drei Monate später das von 1500–1800 Musensöhnen beschickte Studentenparlament tagte, das ebenso fruchtlos über eine Verfassung der deutschen Studentenschaft beriet wie das Frankfurter in der Paulskirche über die deutsche Reichsverfassung. Die Bürgerversammlung[252]  beschloß einstimmig, eine von den angesehensten Bürgern der Stadt bereits gutgeheißene und von Schwanitz verlesene Adresse an den Großherzog von Weimar zu schicken, worin ihm die Wünsche des Volkes vorgelegt wurden; es waren dieselben Forderungen, die damals die gebildeten Bürger allenthalben in Deutschland an ihre Regierungen stellten: Pressefreiheit, Schwurgerichte, öffentliches Gerichtsverfahren, deutsche Nationalvertretung und allgemeine Volksbewaffnung. Sie sind heute alle erfüllt, die letzte in Gestalt der allgemeinen Wehrpflicht. Daß es noch immer Leute gibt, die das Jahr 1848 in Bausch und Bogen verdammen, ist unbegreiflich, aber die Menschen, die mit Einsicht Geschichte lesen, sind dünn gesät. – An diese allgemeinen politischen Wünsche wurden noch besondere wirtschaftliche des sachsen-weimarischen Volkes geknüpft. Zuletzt verliefen die bisher ruhigen Verhandlungen durch die Taktlosigkeit eines Teilnehmers stürmisch. Die Nacht war längst eingebrochen, als wir im Eilwagen nach Frankfurt a.M. abfuhren.
Am folgenden Morgen, bei häßlichem, regnerischem Wetter, überholten wir eine Kompanie kurhessischen Fußvolks; die Leute sahen unlustig drein, sie marschierten nach Hanau. Was hatten die freisinnigen Hanauer dem Kurfürsten wieder für Ärger bereitet?
In Frankfurt musterten wir im Saale des Römers sinnend die lange Reihe der deutschen Kaiser von Karl dem Großen bis auf Franz II. Würden wir es erleben, daß eine starke Hand das Zepter des Deutschen Reichs aufs neue aufnähme, oder sollte Deutschland nach wie vor das Aschenbrödel der Nationen bleiben?
Die Main-Neckar-Bahn war bereits am 1. August 1846 von Heidelberg bis Sachsenhausen dem Verkehr übergeben worden und wurde 1848 bis Frankfurt geführt. Als wir der Bergstraße entlang gen Heidelberg fuhren, lag die geliebte Landschaft noch halb im Winterschlafe. Ohne uns aufzuhalten, fuhren wir weiter nach Wiesloch, ungeduldig, die Unsrigen zu sehen.



 Eintritt in das badische Heer










[253] Bei der unsicheren Weltlage traf das badische Kriegsministerium Vorkehrungen und forderte die Ärzte des Landes zum Eintritt ins Heer auf. Man erwartete allgemein große Kriege und befürchtete namentlich, daß Kaiser Nikolaus ein Deutschland mit freien Einrichtungen an den Grenzen des russischen Reichs nicht dulden werde; die Franzosen fürchtete man weniger und erblickte in ihnen eher künftige Verbündete gegen das drohende Kosakentum. Mein Vater riet mir dringend, mich zum Militärdienste zu melden, denn die erschütterte Ordnung hatte für Handel und Kredit schlimme Folgen; er sah richtig voraus, daß die Privatpraxis in den nächsten Jahren wenig abwerfen werde. Ich mußte den Gedanken, mich in Heidelberg niederzulassen, endgültig aufgeben und folgte dem Beispiel mehrerer meiner Studiengenossen, die sich bei dem Kriegsministerium bereits gemeldet hatten.
Da einige Wochen vergingen, bis ich eingerufen wurde, unterstützte ich solange meinen Vater in der Praxis. Sie gab mir Gelegenheit, einige Fälle von Wurstvergiftung zu beobachten und samt dem Leichenbefund in der Zeitschrift der badischen Ärzte für Staatsarzneikunde zu beschreiben. Justinus Kerner, der Weinsberger Arzt und Dichter, hat diese in Süddeutschland nicht seltene Vergiftung zuerst beschrieben (1817 bis 1821).
Die politische Bewegung war anhaltend im Steigen begriffen. Am 19. März besuchte ich die große Volksversammlung in Offenburg. Aus dem ganzen Großherzogtum, namentlich aus dem Oberlande, strömten Leute herbei, zwei- bis dreitausend, in der Mehrzahl Landleute in ihren malerischen Volkstrachten; die Versammlung glich einem schönen Volksfeste. Alles schwelgte in wonniger Erwartung des Mannasegens, den der plötzlich angebrochene Völkerfrühling über das Vaterland ausschütten werde. Die Reden atmeten Zuversicht und besonnene Mäßigung. Welcker, der bewährte Kämpfer für Volksfreiheit und Bundesreform, mahnte, nicht zu vergessen, daß die deutsche Verfassungsfrage nicht in dem südwestlichen[254]  Winkel am Rhein entschieden werden könne. Sogar Hecker, der ungestüme Führer der Roten, hielt seine Freunde von überstürzten Anträgen zurück. Bedenklich war nur am Schlusse der Versammlung die Ernennung eines Landesausschusses neben dem gesetzlichen Organe der Volksvertretung, der Zweiten Kammer, und die Zusammensetzung des Ausschusses aus 16 Mitgliedern der äußersten Linken unter Führung Heckers; der Ausschuß sollte die errungenen politischen Schätze hüten und mehren. Allenthalben im Lande begannen sich Volksvereine zu bilden und übten sich Freiwillige in den Waffen, die Vereine wurden dem Ausschusse unterstellt.
Schon acht Tage nach dieser ersten großen Volksversammlung, am 26. März, wurde eine zweite in dem Schloßhof zu Heidelberg abgehalten, die vorzugsweise von den Bewohnern der rechts- und linksrheinischen Pfalz besucht war und einen andern, entschieden revolutionären Charakter trug. Die Partei des Advokaten v. Struve, der zum fanatischen Jakobiner geworden war, schickte von Mannheim ihre tollsten Brandredner herüber. Zwischen den Reden knallte Schuß auf Schuß, um die Aufregung zu steigern. In den Pausen trat ein junger Mensch in schwarzem Samtrock und Heckerhut, eine rote, weithin leuchtende Binde um den Hals, auf die Tribüne, die vor dem Bandhaus aufgerichtet war, blickte ernst und wichtig auf das Volk hernieder, das den weiten Hofraum ganz erfüllte, und erregte die allgemeine Neugier, worauf er es abgesehen hatte. Es ist Blind, hieß es, einer der Getreuen des Bürgers Struve!

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Wie in allen Städten und Städtchen des Landes, übten sich auch in Wiesloch viele junge Leute freiwillig in den Waffen; Freund Bronner und ich traten in ihre Reihen, exerzierten abends mit der Muskete und suchten die Ordnung zu erhalten; in dem benachbarten Walldorf hatte man Ausschreitungen gegen die Juden begangen, in Wiesloch sie bedroht, aber es gelang uns, sie hier zu schützen. Unser Drillmeister war ein gedienter alter Soldat, der zwar als Handwerker in dem Städtchen sein kümmerliches Brot verdiente, jedoch noch[255]  immer mit ganzer Seele Soldat war. Stolz auf sein Amt und den Titel Leitmann – so lautete verdeutscht der welsche Name Lieutenant – hatte er keinerlei politisches Interesse oder Verständnis. Im Sommer 1849 zog er überglücklich an der Spitze seines Fähnleins ins Feld wider das Reichsheer, das an der Bergstraße in Baden einrückte, und ging blindlings auf den Feind los; eine hessische Kugel streckte ihn tot zur Erde.
Mit der politischen Erregung wuchs auch der persönliche Haß der Parteien gegeneinander, es fehlte nicht an unerquicklichen Vorgängen und schlimmen Zusammenstößen. Als ich in der zweiten Hälfte des April zum Heeresdienst einberufen wurde, folgte ich gerne der Weisung, mich ungesäumt bei dem Obersten des 1. Infanterieregiments in Rastatt zu melden.
Nach meiner Ankunft suchte ich zunächst einen Bekannten, einen Oberleutnant der Garnison, auf, um mich über die mir so gänzlich fremden Verhältnisse zu erkundigen, ich hatte ihn bei seinem Bruder, einem meiner Universitätsfreunde, kennengelernt. Er empfing mich freundlich, nur beunruhigte ihn ein zarter Flaum, der sich seit kurzem, ziemlich verspätet, auf meiner Oberlippe hervorgewagt hatte; es waren die ersten Sprossen eines Schnurrbarts. »Mein lieber Doktor«, warnte er mich, »ich sehe zu meinem Leidwesen auf Ihrer Lippe einen reglementwidrigen Schnurrbart und rate Ihnen wohlmeinend, lassen Sie das Ding noch heute entfernen. Sie ersparen dem Herrn Oberst morgen, wenn Sie sich melden, einen verdrießlichen Anblick und sich selbst den ersten Verweis. Ich zweifle nicht, Sie teilen meine Meinung. Schnurrbärte eignen sich schlecht für gebildete Zivilisten, am schlechtesten aber für Militärpersonen.« Was durfte ich dagegen einwenden? Das Reglement befahl, und der Flaum verschwand, doch konnte ich nicht unterlassen, dem Herrn Oberleutnant vorherzusagen, in wenigen Wochen würden die Schnurrbärte wie Pilze beim Regen in der ganzen Armee emporschießen.
Ich blieb nur kurze Zeit in der Bundesfestung und erhielt anfangs Mai Befehl, mich zu dem Bataillon Leiblein zu verfügen, das ich am 21. Juni mit dem Bataillon Holtz vertauschen mußte: beide waren zu einer Brigade abkommandiert, die in[256]  den Ämtern Offenburg, Lahr und weiter hinauf die Grenze zu überwachen hatte. Der Heckerputsch ging gerade zu Ende, und zuletzt, am 27. April, war die deutsch-französische Legion unter Bornstein und Herwegh bei Dossenheim im Schwarzwald auseinandergesprengt worden. Wir zogen kreuz und quer durch das Rheintal, kamen bis Staufen hinauf und stießen nirgends auf Bewaffnete, nur auf volle Schüsseln und Weinflaschen; die Wunden, die ich zu heilen fand, hatten einzig Bacchus und Venus geschlagen.


Bei einem vorübergehenden Aufenthalt in Offenburg begegnete ich in dem damals so berühmten Gasthofe zur Fortuna, wo der Besitzer, Herr Pfaehler, uns freigebig bewirtete, dem Oberleutnant, der mich bei meinem Eintritt in das Heer mit den reglementarischen Gepflogenheiten bekanntgemacht hatte. Mein Schnurrbart war seitdem in größter Schönheit aufgeblüht, auch ihn schmückte jetzt eine etwas struppige Pflanzung noch junger, borstiger Haare.



Der Winter 1848/49 in Lörrach










[257] Im Oktober 1848 wurde ich vom Feldarzt zum Oberarzt befördert. Als solcher blieb ich den ganzen Winter im Bataillon Holtz, dessen Stab in Lörrach lag, einige Wochen im Dezember ausgenommen, wo das Bataillon in die Ortschaften am Rhein zwischen Grenzach und Wehr verlegt wurde.
In Lörrach war ich gut aufgehoben. Ein dort ansässiger Schweizer Fabrikbesitzer, Rudolf Hofer, nahm den Adjutanten des Bataillons, Oberleutnant Specht, und mich in sein Haus, wir wurden wie Freunde der Familie gehalten und sind zeitlebens befreundet geblieben. Ich stand mit den Offizieren in angenehmem Verkehr und schloß mit einigen von gleichem Alter dauernde Freundschaft. Meine ärztliche Tätigkeit befriedigte mich, sie beschränkte sich nicht mehr auf das trostlose Einerlei des Bataillondienstes; der Kommandant der Brigade, Oberst v. Rottberg, überwies mir das in Lörrach neu eingerichtete Feldspital zur Besorgung.[257]
Zwar kam bald nachher ein Regimentsarzt zur Brigade, dem die Oberleitung des Feldspitals zustand, er ließ mich jedoch frei schalten und kam nur ab und zu, um nachzusehen. Er war ein guter, alter Herr, der in der langen Friedenszeit allmählich gebrechlich und schwachsinnig geworden war, an einem Auge sah er nicht viel und am andern wenig mehr. Nur solange ich abwesend war, machte er statt meiner die tägliche Visite. Dabei bereitete ihm sein schwaches Gesicht ein ärgerliches Mißgeschick, wie mir der Feldscher, der den Rundgang mitmachte, nach meiner Rückkehr erzählte, als ich den Spitaldienst wieder übernommen hatte. Die Geschichte wäre heute unmöglich, damals lag kein Grund vor, sie zu bezweifeln. Der Regimentsarzt hatte einen Soldaten entlassen, und das Bett, worin dieser gelegen, war dadurch frei geworden. Diese Entlassung war dem alten Herrn entfallen, obwohl er sie selbst verfügt hatte, er trat an das leere Bett und stellte die gewohnte Frage: »Maier, wie geht es Ihm?« Da keine Antwort erfolgte, wurde er unwillig und rief in das Bett hinein: »Maier, geb Er Antwort und streck Er die Zunge heraus!« Die Soldaten ringsum in den Betten freuten sich königlich. »Herr Regimentsarzt«, erlaubte sich der Feldscher zu erinnern, »der Mann ist entlassen!« »Das mußten Sie mir gleich sagen«, murrte der Regimentsarzt und ging weiter.
Ich machte in jenem Winter nützliche Erfahrungen über vorgeschützte Krankheiten. Infolge der gelockerten Mannszucht nahmen die Ausschreitungen der Soldaten zu; teils um den wohlverdienten Strafen zu entgehen, teils um dem Dienste sich zu entziehen, täuschten sie Krankheiten vor. Einen merkwürdigen Fall von simulierten Krämpfen will ich mitteilen.
Eines Abends holte mich eine Ordonnanz aus einer Gesellschaft von Offizieren auf die Hauptwache und berichtete, man habe einen Soldaten eingebracht, der betrunken in einem Weinhaus großen Lärm gemacht und Unfug verübt habe, er liege jetzt in furchtbaren Krämpfen auf der Wache, und dem Unteroffizier scheine der Zustand bedenklich. Einige der jüngeren Offiziere begleiteten mich, das Schauspiel, das sich uns darbot, war wirklich erstaunlich. Der große, starke Mensch[258]  lag anscheinend bewußtlos auf dem Boden in heftigen Krämpfen, mit verzerrtem Gesicht und blinzelnden Augen. Sein Leib flog, mit großer Kraft geschleudert, im Bogen auf und nieder, er schlug mit den Armen um sich, beugte und streckte auch die Beine stoßweise mit ungewöhnlicher Kraft. Daß es sich nicht um Epilepsie handle, ließ sich sofort feststellen, die Pupillen reagierten gegen das Licht, auch glichen die Krämpfe keiner der bekannten Formen. Es stand bei mir fest, der Mann simuliere, nur war mir die Kraft und Geschmeidigkeit seines Leibes in hohem Grade auffallend. Die Zuschauer, mit Einschluß der Offiziere, waren voll Mitleids und fürchteten das Schlimmste.

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Ich kannte den Soldaten, er hatte krank im Hospital gelegen, war mir zu Dank verpflichtet, hatte sich dort gut aufgeführt und schien mir kein böser, nur ein leichtfertiger Mensch. Zunächst beruhigte ich die Umstehenden, verhieß Heilung und befahl, mir eine Gießkanne kalten Wassers vom Brunnen zu holen. Damit, erklärte ich mit gehobener Stimme, würde ich das Haupt des Mannes übergießen, hoffentlich genüge dieses erprobte Verfahren, ihn herzustellen. Man brachte das Wasser, ich nahm die Kanne zur Hand und wiederholte die Drohung, doch verfing sie nicht, und ich hielt mich nicht für berechtigt, sie auszuführen und das eiskalte Wasser über den schweißtriefenden Menschen mit dem stark klopfenden Herzen auszugießen. Sein Rausch war offenbar nicht ganz vergangen, seine Zurechnungsfähigkeit gemindert, und meine ärztliche Pflicht verbot mir, seine Gesundheit zu gefährden. Was aber tun? Ich wollte meine Diagnose zweifellos sicherstellen und verfiel im festen Vertrauen, daß der Mann mir dankbar ergeben sei, auf ein Mittel, das mich bös gefährdete, wenn meine Voraussetzung mich betrog. Ich machte mir an seinen Füßen, er lag auf dem Boden, zu schaffen und stellte mich so, daß er mich bei den Bewegungen seiner Beine treffen mußte, er wich aber geschickt ein wenig aus und schonte mich. Jetzt meiner Sache völlig gewiß, befahl ich, ihn in das Arrestlokal zu bringen, auf Stroh zu legen, die Tür zu schließen und erst morgens zu öffnen, wenn ich wiederkäme. Es geschah.[259]  Am Morgen hatte der Soldat seinen Rausch ausgeschlafen. Er wollte mir weismachen, daß er an dem fallenden Weh leide. Ich sagte ihm, er habe mich gestern abend geschont, als ich mich an seine Füße stellte, dafür wollte ich ihn heute beim Rapport schonen und alles auf Konto des Weines schieben; wenn er aber die Krampfkomödie wiederhole, so würde ich mit der ganzen Wahrheit herausrücken.
Soweit war die Sache klargestellt, aber es fehlte noch das Tüpfelchen auf dem i, das mir der Feldscher verschaffte; die ungewöhnliche Muskelkraft und Gelenkigkeit verdankte der Simulant seinem Beruf, er war Seiltänzer.



In Schleswig-Holstein 1849










[260] Ende März wurde das Bataillon nach Kandern und den umliegenden Orten verlegt. Am 14. April abends empfing ich den Befehl, unverzüglich nach Schleswig aufzubrechen, um den Oberarzt des Bataillons v. Porbeck, Dr. Wallerstein, zu ersetzen und mich zunächst bei dem Kriegsministerium in Karlsruhe zu melden. Merkwürdigerweise hatte Wallerstein die Erlaubnis erhalten, nach Karlsruhe zurückzukehren, ehe Ersatz für ihn eingetroffen war, obwohl der Krieg nach Ablauf des Waffenstillstandes sicher in Aussicht stand. In der Tat empfing das Bataillon v. Porbeck schon am 16. April die Bluttaufe bei Ulderup im Sundewitt. Es hatte sich tapfer geschlagen und dreißig und etliche Mann an Toten gehabt.
Der Abschied von dem Bataillon Holtz zeigte mir, daß ich bei den Offizieren und der ganzen Mannschaft wohl gelitten war. Man brachte mir abends ein Ständchen, und mehrere Offiziere, mein alter Major selbst und sein Adjutant begleiteten mich am andern Morgen an den Bahnhof in Schliengen.
Auf dem Kriegsministerium in Karlsruhe erhielt ich Paß und Geld für die Reise, auch die Erlaubnis, in Wiesloch Abschied von meinem Vater zu nehmen. Ich brach mit Diener und Pferd nach Holstein auf. Von Altona brachte mich die Bahn, die nordwärts bis Rendsburg führte, in diese Festung, wo ich erfuhr, daß das Bataillon v. Porbeck in der Umgegend von Eckernförde[260]  stehe. Ich stieg zu Pferde und erreichte die kleine, durch das Seegefecht am 5. April plötzlich berühmt gewordene Stadt, am Abend. Ein guter Gasthof nahm mich für die Nacht auf.
In Eckernförde sah ich zum erstenmal das Meer und hörte sein klagendes Rauschen. Auf dem grünen Spiegel der langgestreckten Bucht lag nahe der Stadt am nördlichen Ufer die eroberte Fregatte Gefion, weiter draußen in der Bucht das Wrack des Linienschiffs Christian VIII. Diese Schiffe hatten zu den schönsten der dänischen Flotte gehört; begleitet von einem Dampfer, hatten sie Truppen in Eckernförde landen sollen, aber die Stadt wurde durch zwei Strandbatterien mit holsteinischer Artillerie tapfer verteidigt. Die Schiffe beschossen die Batterien und die Stadt vergebens, sie versuchten zur offenen See zurückzusegeln, jedoch ein widriger Wind hielt sie fest, nur der Dampfer entkam, die beiden Kriegsschiffe mußten sich übel zugerichtet ergeben. Ehe es gelungen war, ihre Besatzung ganz an das Land zu schaffen, brach auf Christian VIII. Feuer aus und drang in die Pulverkammer. Das riesige Schiff flog in die Luft und 200 Dänen mit ihm; der tapfere Unteroffizier Preußer von den Holsteiner Kanonieren, der die Geschütze der Südbatterie geschickt gerichtet hatte und auf das Schiff gekommen war, um die Dänen retten zu helfen, hatte das gleiche Schicksal. Von den beiden Schiffen kamen 1200 Mann in Gefangenschaft.
Mit einem holsteinischen Militärarzt bestieg ich die Gefion. Noch immer klebte Blut an den Wänden, und zahlreiche Löcher und zersplittertes Gebälk zeigten die Wege, welche die holsteinischen Kugeln durch den Schiffsleib, die Masten und Rahen genommen hatten. Von den 48 Kanonen der Fregatte sah ich noch ein Dutzend, die andern waren bereits nach Rendsburg gebracht. Wir tranken auf dem Verdecke dänischen Punsch und stießen an auf ferneres Glück der deutschen Waffen.

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Am Ufer lagen überall zerstreute Trümmer des Linienschiffs. Ich fand einen angeschwemmten, vom Salzwasser gebleichten, von der Sonne getrockneten Brief eines Matrosen[261]  Christians VIII.; mein der dänischen Sprache kundiger Kollege übersetzte mir ihn, der Brief war kurz vor dem Treffen geschrieben. Der arme Bursche berichtete seiner bekümmerten Mutter, daß es ihm gut ergehe. Jetzt schlummerte er vermutlich im Seetang oder die Leiche war bereits herausgefischt und ruhte auf dem Friedhofe. Die Leichen der in die Luft Gesprengten waren alle in den Seetang getrieben worden, an manchen Tagen wurden 6–8 herausgeholt. – Ich hob ein Stück Segelstange am Ufer auf, ließ mir davon in der Stadt einen Briefbeschwerer machen und drei Kartätschenkugeln darauf befestigen, die das Linienschiff in die Stadt geschleudert hatte. Ich besitze das Andenken noch, meine einzige Trophäe aus jenem Kriege.
Der Stab des badischen Bataillons lag auf dem Gute Wolfshagen. Ich meldete mich nachmittags bei dem kommandierenden Oberstleutnant v. Porbeck, einem Manne von vornehmer Haltung in den Vierzigern. Schon am folgenden Tage erteilte er mir den willkommenen Auftrag, die Feldspitäler in Rendsburg, Schleswig, Flensburg und auf dem Rückweg in Eckernförde zu besuchen. Ich sollte mich nach unsern badischen kranken und verwundeten Soldaten umsehen und einen Bericht für das Kriegsministerium in Karlsruhe über das Ergebnis meiner Reise erstatten. Ein Leutnant nahm an der Fahrt teil, er hatte die Aufgabe, das ärarische Eigentum, das die Verstorbenen in den Spitälern hinterlassen hatten, zu sammeln.
Am nächsten Morgen reisten wir ab und legten den ganzen Weg auf requirierten Fuhrwerken zurück. Mein Begleiter war einer von den Leutnants, die man im vergangenen Jahre auf das Drängen der Radikalen aus Unteroffizieren zu Offizieren befördert hatte. Es waren tüchtige Leute darunter, mein Begleiter aber war in der Leutnantsuniform Feldwebel geblieben, ein »Kommißleutnant«. Seine allgemeinen Kenntnisse gingen über die eines ehrsamen Schuhmachers jener Zeit nicht hinaus, eine Unterhaltung mit ihm war unmöglich, für die Aufgabe aber, nach den Montur- und Armaturstücken zu sehen, war er der rechte Mann. Alles andere ließ ihn gleichgültig,[262]  überall trieb er zur größten Eile, als ob uns der Feind auf den Hacken säße.
Unterhaltender als mein Begleiter war die breite, kriegerisch belebte Heerstraße von Rendsburg nach Schleswig und Flensburg. Gleich unter den Toren Rendsburgs sperrte ein langer Artilleriepark den Weg. An Munitions- und Proviantkolonnen mußten wir häufig langsam vorüberfahren. Soldaten fast aller Bundeskontingente und Waffengattungen zogen des Wegs, eine bunte Musterkarte von Uniformen, kein Offizier kannte sich darin aus. Viele der begegnenden Soldaten kamen aus den Hospitälern oder suchten sie auf. Es war ein Hin- und Herfluten von den Standorten der Truppen zu den Lazaretten und von diesen zurück zu jenen. Die meisten kamen aus der Schmierseife oder gingen hinein, der zehnte Teil unseres Bataillons erwies sich gewöhnlich bei den Wochenvisitationen reif für diese Kur. Jenseits von Schleswig stießen wir auf dänische Gefangene unter holsteinischer Bedeckung, sie kamen aus Jütland, wo die junge Armee der Holsteiner mehrfach siegreich war, namentlich bei Kolding am 23. April einen glänzenden Sieg erfocht. Darüber ging ein großer Jubel durchs Land, aber die Kehrseite der Medaille zeigte die vielen bekümmerten Gesichter der Väter, die in den Postwagen aus den Flensburger und jütischen Hospitälern von ihren verwundeten oder den Wunden erlegenen Söhnen heimfuhren.


Für Hospitäler und Pflege der Verwundeten und Kranken war ausgezeichnet gesorgt. Die großen Verdienste von Langenbeck und Stromeyer um den Sanitätsdienst in den Herzogtümern 1848 und 1849 und um die Kriegschirurgie überhaupt sind unvergessen. – Ich fand in Rendsburg für Kranke und Verwundete sieben Hospitäler mit 700 Betten und für Passanten eins mit 80 eingerichtet, in Schlewig faßten sechs Hospitäler 600 Betten, in Flensburg zehn Hospitäler 1000. Außerdem hatte man in Hadersleben, Apenrade und Christiansfeld welche eingerichtet. Die Sachsen und Bayern, die am 13. April bei der Erstürmung der Düppeler Schanzen große Verluste erlitten hatten, behandelten ihre Verwundeten in eigens von ihnen eingerichteten Häusern. Dazu kamen noch zwei kleine[263]  Hospitäler in Kiel mit 160 Betten und ein großes Lazarett in Altona mit 1000.
Die Verwundeten von Ulderup waren nach Flensburg gebracht worden; vier waren ihren Wunden erlegen, zwei noch in Gefahr, die anderen guter Dinge und voll Sehnsucht nach ihren Kameraden im Bataillon.
Ich ging in Flensburg auf den schön gelegenen Friedhof; man hatte den gefallenen Kriegern ein besonderes Viertel eingeräumt. Da lagen die Feinde versöhnt im Tode beisammen. Auf allen Grabhügeln wehten kleine Fahnen, deutsche: schwarzrotgold, holsteinische: blauweißrot, preußische: schwarzweiß, und Danebrogs mit weißem Kreuz auf rotem Grunde. Die Flensburger, zu zwei Fünfteln Deutsche, zu drei Fünfteln Dänen, waren unermüdlich im Schmücken der Gräber mit Blumen, Schleifen und Kränzen. Ununterbrochen strömten Leidtragende aus und ein, in vielen Augen standen Tränen.
Mit großem Interesse besuchte ich in Eckernförde das »Invalidenlazarett«, wo die dänischen Verwundeten der Gefion und Christians VIII. von dänischen Ärzten behandelt wurden. Es lagen noch gegen fünfzig darin. Die Wunden waren meist durch Holzsplitter verursacht, viele waren ganz schauerliche Rißwunden der Weichteile und Splitterbrüche der Knochen. Die dänischen Ärzte schienen mir tüchtige Leute. – Außer diesem Lazarett befanden sich in Eckernförde noch zwei Hospitäler für die deutschen Truppen, sie waren nur schwach belegt, und von dem Treffen am 5. April fanden sich nur noch drei Verwundete vor, zwei holsteinische Kanoniere und ein fürstlich reußischer Füsilier.
Nachdem ich diese Aufgabe gelöst, hatte ich keine Tätigkeit mehr, die mich befriedigte; ich beneidete meine Kollegen, die in den Hospitälern unter der Leitung ausgezeichneter Chirurgen reiche Erfahrungen sammeln konnten. Das Bataillon zog, ohne Aussicht, mit dem Feinde zusammenzustoßen, faulenzend auf den fetten Gütern an der Ostküste umher. Die einzige chirurgische Operation, die ich ausführte, war die Amputation des Oberarms eines unsrer Soldaten, der mit seinem Gewehr auf[264]  unerlaubter Jagd durch eine Hecke geschlüpft war, einen sog. Knick, wobei die Ladung losging und ihm den Knochen zerschmetterte. Wir waren einer Brigade unter dem Kommando des Herzogs Ernst von Koburg zugeteilt, die, aus thüringischen und süddeutschen Truppen buntscheckig zusammengesetzt, die Aufgabe hatte, die Küste zwischen der Schlei und dem Kieler Hafen zu sichern. Die Dänen aber hüteten sich, nach ihrer furchtbaren Niederlage bei Eckernförde, nochmals hier eine Landung zu versuchen, somit konnten uns keine Lorbeeren blühen. Die Dänen begnügten sich mit der Beobachtung der Küste und der Sperrung von Handel und Verkehr mit ihren wenigen Kriegsschiffen. Ingrimmig sahen wir ihr Linienschiff Skjold, die Fregatte Freia und den Dampfer Hekla vor dem Kieler Hafen und der Mündung der Schlei kreuzen, und knirschten vor Empörung über die schimpfliche Ohnmacht Deutschlands zur See.

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Zwar hatten die Holsteiner eine Flottille im Kieler Hafen gebaut und bemannt. Sie besaßen sechs Kanonenboote und einen kleinen Schraubendampfer, den Bonin. Sie faßten den Plan, mit diesen Schiffen die Freia, die gerade vor dem Hafen lag, zu überraschen und wegzunehmen, aber der Befehlshaber des Unternehmens war seiner Aufgabe aus Mangel an Mut oder Geschick nicht gewachsen. Wir waren gerade in Altbülk am Eingang des Kieler Hafens beim Frühstück, als ich deutlich schießen hörte; man lachte mich aus, als ich dies behauptete, aber ich behielt recht. Es folgte immer deutlicher Schuß auf Schuß, und die ganze Gesellschaft eilte durch das Gehölz, das den Hof Altbülk vom Meere trennt, ans Ufer. Ich hatte jetzt Gelegenheit, vom Lande aus einem Seegefechte anzuwohnen. Das Manövrieren der Kanonenboote nahm sich gar hübsch aus, führte aber zu keinem Ziele. Es wurde viel Pulver von den Holsteinern vergeudet, während die Dänen nur selten schossen, als ob sie den Feind verachteten, aber besser trafen. Sie schickten dem Bonin einen Schuß in die Schraube und zwangen ihn, nach Kiel heimzukehren. Der Dampfer Hekla holte jetzt noch den Skjold herbei. Es war ein schöner Anblick, als das majestätische Linienschiff mit vollen Segeln heranfuhr.[265]  Die Kanonenboote fuhren in den Kieler Hafen zurück, und betrübt ging ich nach Hause.
Die Quartiere, die wir bezogen, lagen alle im dänischen Wohld: der Edelhof Wolfshagen, Knoop, von wo ich mehrmals Kiel besuchte, Altbülk, Augustenhof, Hohenlied, Windeby und Eckernförde. Der Herzog von Koburg wohnte in Gettorf und lud uns eines Abends zum Maiwein. Nur einmal marschierten wir über den dänischen Wohld hinaus nach Schwansen und Angeln. Vom Kirchturm in Kappeln sah man die dänischen Kriegsschiffe; sie setzten nachts Boote aus und holten sich frische Milch vom Lande und die neuesten Nachrichten. Die anglischen Dörfer an der Küste waren dänisch gesinnt, die im Binnenlande deutsch. Mein Quartiergeber in Kappeln war ein reicher Käsehändler und deutscher Patriot. Er hatte eine große schwarzrotgoldene Fahne herausgehängt, worauf die Worte standen: »Vivat! Es lebe die Freiheit!« Er tischte mir eine gute Mahlzeit auf und zum Nachtisch sechserlei Käse in allen Farben. Den Rückweg nach Eckernförde nahmen wir über Missunde, wo eine Brücke über die Schlei führte.
In der Nacht vom 5. auf den 6. Juli gelang den Dänen der Überfall bei Fridericia, dort erlitt die holsteinische Armee jene furchtbare Niederlage, die das ganze Land in tiefe Trauer stürzte. Die Armee war der Stolz der Holsteiner gewesen. Sie hatten die Allgemeine Wehrpflicht eingeführt: Vor der Erhebung der Herzogtümer hatten dem Heere nur die Ärmsten angehört, jetzt umfaßte es die ganze waffenfähige Jugend; früher verachtet, von den Dänen kommandiert und geprügelt, stand es jetzt im Ansehen und hatte bei Kolding und Gudsoe die an Zahl überlegenen Feinde geschlagen. Darum fuhr die schreckliche Kunde von Fridericia in Hütten und Schlösser nieder wie ein vernichtender Wetterschlag, es gab in Holstein kaum eine Familie, die nicht in einem ihrer Angehörigen schmerzlich getroffen war.

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Schlimmer noch schallte eine Kunde bald nachher durch das Land: Preußen hatte am 12. Juli einen schmählichen Waffenstillstand mit Dänemark abgeschlossen und zunächst Schleswig preisgegeben. Ein Jahr später kam Holstein an die Reihe;[266]  die Schamröte steigt uns Alten heute noch ins Gesicht, wenn wir der Geschichte jener schmachvollen Jahre gedenken. Die schleswig-holsteinische Frage war der Angelpunkt der deutschen Politik, an ihm setzte Bismarck seinen Hebel mit Meisterschaft an und sprengte den jämmerlichen Bundestag aus den losen Fugen.



Widerwärtigkeiten und Heimkehr










[267] Am 11. Mai, einige Wochen, nachdem ich die Heimat verlassen, nahm die Meuterei des badischen Heeres in Rastatt ihren Anfang, verbreitete sich von da wie eine ansteckende Seuche über alle Standorte im Großherzogtum und verhalf der Umsturzpartei zum Siege. Sie ergriff fast sämtliche Truppenteile, der Großherzog und die meisten Offiziere verließen das Land. Der Triumph der Revolution währte nicht lange, die Niederlage der Aufständischen bei Waghäusel am 21. Juni bereitete ihr ein Ende mit Schrecken.
Wie konnte es kommen, daß die badische Armee, wie auf einen Schlag, Pflicht und Eid vergaß, alle Mannszucht abwarf und mit Sack und Pack ins Umsturzlager überlief, nachdem sie doch noch im Jahre zuvor bei den Aufständen von Hecker und Struve sich als völlig zuverlässig erwiesen hatte? Der Ursachen waren es mehrere, und es verlohnt sich, sie genau zu kennen.
In Baden bestand die Konskription, die Wohlhabenden konnten sich vom Militärdienst loskaufen, sog. Einsteher traten für sie ein. Die Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht machte dem Einstandswesen ein Ende; die badische Regierung schaffte es ab, nachdem sie die deutschen Grundrechte anerkannt hatte, die vom Parlament in Frankfurt aufgestellt und von der Reichsregierung verkündet worden waren. Bisher waren es fast nur gediente Soldaten gewesen, die Einstandsverträge abgeschlossen hatten, die meisten Unteroffiziere waren Einsteher, sie konnten, wenn sie aus dem Heer schieden, mit dem erworbenen Kapital bürgerliche Geschäfte gründen. Die Änderung schädigte die Unteroffiziere und erregte große Unzufriedenheit, die Regierung versprach Entschädigung durch Löhnungszulagen,[267]  säumte aber zu lange mit der Erfüllung des Versprechens.
Ein zweiter Grund lag gleichfalls in der Verfügung der Reichsregierung, der die badische nachkam: die Aushebungsziffer war von 1% auf 2% erhöht worden. Dadurch kamen auf einmal zu viele Rekruten ins Heer, Leute, der Mannszucht ungewohnt und der Verführung leicht zugänglich. In vielen Köpfen gärte es von unverdauten Freiheits- und Gleichheitsideen, manche eben eingestellte Rekruten hatten sich schon an den Aufständen von 1848 beteiligt.
Schlimmer noch als diese Verhältnisse mußte das ewige Umherziehen und Wechseln der Quartiere in dem aufgewühlten Lande den soldatischen Geist der Truppe schädigen. Da die Allgemeine Wehrpflicht noch nicht ausgleichend gewirkt hatte, war die soziale Kluft zwischen Befehlenden und Untergebenen ohnehin weit größer als heute, jetzt gewannen die Offiziere die Fühlung mit ihren Leuten noch schwieriger. Aufsicht und Unterweisung der Mannschaft litten Not. Überall winkten in dem Weinlande die Wirtsschilder und lauerten gefährliche Verführer, die schlimme Lehren vom bedingten Soldatengehorsam und der freien Wahl der Offiziere predigten und goldne Berge verhießen als Lohn für den Abfall.

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Das Schlimmste endlich verschuldete die Regierung, als sie, auf die Grundrechte hin, den Soldaten das Recht bewilligte, Versammlungen unter sich abzuhalten und über ihre Angelegenheiten frei zu beraten. Damit brach der Boden der Disziplin ganz zusammen.
Dies waren die wirklichen Ursachen der badischen Soldatenmeuterei, nicht aber, wie die Aufwiegler behaupteten, die harte Behandlung der Untergebenen durch die Vorgesetzten. Das Offizierskorps war human, Ausnahmen waren selten. In den drei Bataillonen, denen ich angehörte, schien es nur ein einziger Offizier, ein Kompanieführer, darauf angelegt zu haben, das Ehrgefühl seiner Leute zu töten, allen anderen Offizieren konnte nicht der leiseste Vorwurf gemacht werden.
Man kann sich denken, daß die Vorgänge in der Heimat große Bestürzung bei dem Bataillon in Holstein hervorriefen[268]  und viel besprochen wurden. Das Los der Angehörigen und Freunde zu Hause gab Grund genug zur Sorge. Auch war es klar, daß die unsinnige Erhebung ein schlimmes Ende nehmen und die Aussicht auf die Erfüllung der patriotischen Hoffnungen des Frühjahrs 1848 immer trüber werden mußte.
Bald nachdem der Großherzog das badische Land verlassen hatte, begab sich eine wunderliche Geschichte im Bataillon Porbeck, die sogar in den Denkwürdigkeiten des Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg Aufnahme fand. Einer der Hauptleute, namens Schwartz, war durch die Vorgänge daheim außer Rand und Band gekommen, wozu es bei ihm freilich nicht viel brauchte. Er war ein braver Soldat und bei den Kameraden wohl gelitten, galt auch als ein guter Mathematiker und hatte in der Kriegsschule Unterricht erteilt, aber er war ein närrischer Kauz, ein konfuser und, wie mir schien, im Kopfe nicht ganz richtiger Mensch. Wie der Herzog erzählt, brachte ihm der Hauptmann die Gage, die ihm eben ausbezahlt worden war, mit der Erklärung, er nehme das Geld nicht an, weil es ihm nicht von der badischen provisorischen Regierung ausbezahlt worden sei. Einen Großherzog habe er nicht mehr, und von Preußen, das mit seinem Vaterlande Krieg führe, wolle er nicht einen Groschen haben, er sei daher genötigt, ohne Gage zu dienen. – Es ist merkwürdig, daß der Herzog nicht erkannte, wessen Geistes Kind der Hauptmann war, merkwürdiger noch, daß Oberstleutnant v. Porbeck darüber im dunkeln blieb, er kam eben, bei seinem kühlen, vornehmen Wesen, seinen Offizieren nicht nahe genug. Ein Demokrat, wie v. Porbeck meinte, war der arme Schwartz nicht. Erst wenige Tage vorher hatte er mich ins Vertrauen gezogen: er wolle seine Entlassung nehmen, nach Baden gehen und im Schwarzwald für den Großherzog einen Guerillakrieg entzünden!
Von dem Herzog ging Schwartz in Begleitung von zwei befreundeten Hauptleuten, die sich ihm anschlossen, um ihn zu beruhigen, zu dem Oberstleutnant und meldete ihm, was er dem Herzog vorgetragen hatte. Es kam zu einer lebhaften Verhandlung, und weil es darüber Mittag wurde, speisten die drei[269]  Herren mit dem Stabe. Außer ihnen nahmen der Adjutant des Bataillons, zwei bis drei andre Offiziere und ich an dem Mahle teil. Ich hatte keine Ahnung von dem Vorgefallenen und war erstaunt über die eigentümliche Tischunterhaltung, die unser Vorgesetzter mit Schwartz führte. Sie bewegte sich ganz auf politischem Gebiet, er nahm ihn, wie man zu sagen pflegt, ins Gebet, verwickelte ihn in lächerliche Widersprüche und brachte den aufgeregten Mann zu den unsinnigsten Behauptungen. Die Szene war peinlich, man mußte den Hauptmann bemitleiden.


Unerwartet richtete der Oberstleutnant das Wort an mich, ich hatte still unten an der Tafel gesessen, und rief: »Was ist Ihre Meinung, Herr Oberarzt? Sie sind wohl auch ein versteckter Demokrat!« Obgleich mich diese Anrede unangenehm berührte, erwiderte ich ganz ruhig: »Was ich bin, bin ich offen, aber ich rede bei Tische nicht gerne über Politik.« Er schwieg und hob gleich nachher die Tafel auf.
Es war mir unbegreiflich, was meinen Vorgesetzten dazu vermocht hatte, mich über meine politische Gesinnung so auffallend und verletzend zu inquirieren. Ich hatte in meinem ganzen Verhalten dazu keinen Grund gegeben, im Kreise der Offiziere zwar meine liberalen und patriotischen Gesinnungen nicht verleugnet, wenn es die Ehre gebot, sie freimütig zu bekennen, mit Untergebenen aber grundsätzlich nie politisiert. Mit dem Oberstleutnant selbst zu politisieren, hatte ich bisher weder für schicklich noch für notwendig erachtet: mißtraute er mir, so konnte er mich unter vier Augen vernehmen. Dies tat er nicht, wohl aber hielt er mich von diesem Tag an für einen entschiedenen Demokraten, dem man nicht über den Weg trauen dürfe, und erging sich, wenn ich, wie es so oft vorkam, mit ihm speiste, gerne in scharfen politischen Bemerkungen, die ihre Spitze mitunter sehr deutlich gegen mich kehrten. Meine Stellung wurde unangenehm, so daß ich beschloß, sobald wir nach Baden heimgekehrt wären, meinen Abschied einzureichen, um meine Freiheit wiederzugewinnen.
Ich hatte in der Regel bei seinen Äußerungen geschwiegen, aber einmal, es war in Windeby am Mittagstisch, ging er mir[270]  zu weit, ich konnte mein junges Blut nicht bemeistern. Er war an diesem Tage, vielleicht infolge unangenehmer Nachrichten von Hause, ungemein aufgeregt und verstieg sich zu dem Ausspruch: in seinen Augen sei jedermann, der sich in den Dienst einer Insurrektion begebe, ein Schurke. Ich sah in dem Schurken eine Herausforderung, und bemerkte trocken: wenn diese Ansicht richtig wäre, so stände es schlimm um uns alle, da wir für die holsteinische Insurrektion kämpften. Es folgte eine tiefe Stille. Ich erwartete, für meine Bemerkung in Arrest geschickt zu werden, und dies war auch die Meinung des Adjutanten, wie er mir nach Tische sagte, aber der Oberstleutnant verschob die Sache auf spätere Zeit, bis zur Rückfahrt des Bataillons nach der Heimat. Der Befehl dazu kam, nachdem der badische Aufstand mit der Übergabe der Festung Rastatt an die Preußen am 23. Juli seinen Abschluß gefunden hatte.
Wir zogen in kleinen Märschen, die von vielen Rasttagen unterbrochen wurden, durch Holstein zur Elbe, und in den ersten Tagen des August durch einen großen Teil von Hannover nach Preußisch-Minden. In Holstein konnte ich einen Ausflug nach Plön und seinem schönen, schwermütigen See machen, von Verden aus Bremen und seinen Ratskeller besuchen. Preußisch-Minden war damals noch Festung. Vor ihren Toren machte das Bataillon halt. Zu unserem Erstaunen kam uns hier der badische Hauptmann v. Davans entgegen. Er überbrachte dem Oberstleutnant Befehle des Kriegsministers aus Karlsruhe, einer dieser Befehle betraf den Hauptmann Schwartz und mich. Wir hatten uns unverzüglich nach Hause zu begeben und bei dem Kriegsminister zu melden.

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Es stand gerade ein Bahnzug nach Köln zur Abfahrt bereit, wir brauchten nur einzusteigen. Unterwegs auf der Bahn und auf dem Dampfschiff bei der Rheinfahrt von Köln nach Mannheim war, wie man sich denken kann, der unerwartete Befehl zur schleunigsten Heimreise wiederholt Gegenstand unserer Unterhaltung. Was mochte der Oberstleutnant nach Hause berichtet haben? Wir waren uns keiner Schuld bewußt, und der Hauptmann wurde nicht müde, mir zu versichern: »Sie können[271]  uns nichts anhaben und müssen uns für die Heimreise Extradiäten bezahlen!«
Gleich nach der Ankunft in Karlsruhe meldeten wir uns beim Kriegsminister, General v. Roggenbach. Der Hauptmann trat zuerst ein, kam bald vergnügt wieder heraus und eilte auf mich zu: »Ich hab' es Ihnen ja gleich gesagt, sie können uns nichts anhaben, ich hole mir jetzt meine Diäten!«
Hauptmann Schwartz ist derselbe Offizier, dessen Johannes Proelß in seinem »Dichten und Leben Scheffels« gedenkt, weil er dem Dichter unbegreifliche Widerwärtigkeiten bereitete, als dieser in der Stelle eines Rechtspraktikanten in Säckingen verweilte. Es war kurz nach der Revolution, und man versteht seine auffallenden Handlungen 1849 in Schleswig und 1850 in Säckingen nur, wenn man weiß, daß der Hauptmann in der Irrenanstalt Illenau endete. Im Herbst 1855 machte ich dort psychiatrische Studien, traf meinen alten Kriegskameraden Schwartz und habe manchen Spaziergang mit ihm ausgeführt. Er war unheilbar krank, doch fand ich ihn kaum konfuser als im Sommer 1849 in Schleswig-Holstein.
Nach dem Hauptmann trat ich bei dem Minister ein. Er war ein Herr, der in allgemeinem Ansehen stand und dessen würdige Art meine Sympathie gewann. Er empfing mich mit den Worten: »Sie sind mir als Erzdemokrat bezeichnet.« Ich fragte, ob man mir das leiseste Vergehen zur Last legen könne? Ich wolle meine politische Überzeugung nicht verheimlichen und betrachte die Ablehnung der Reichsverfassung von seiten Preußens für ein Unglück. Er hörte mich ruhig an und meinte, meine Überzeugung teilten ganz loyale Leute. Er wolle die Unterredung kurz machen. Er sei entschlossen gewesen, mir den Abschied zu geben, habe aber Erkundigungen eingezogen, die so zu meinen Gunsten lauteten, daß er seinen Entschluß ändere, ich könne somit weiterdienen. Ich dankte und bat um acht Tage Urlaub, den er mir ohne weiteres gewährte.
Die Freude des Wiedersehens mit meiner Familie und meiner Braut war groß. Das Gerücht hatte die auffallend beschleunigte Heimkehr zu der Erzählung aufgebauscht, Schwartz und ich[272]  seien wegen Aufruhrs in Schleswig verhaftet und in Ketten nach Rastatt in die Kasematten verbracht worden.

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Nach abgelaufenem Urlaub erhielt ich zuerst den Befehl, mich in Kehl, und acht Tage später den, mich in Rastatt zum Dienste zu melden. Hier in Rastatt wurde mir unvermutet klar, weshalb mir Oberstleutnant v. Porbeck nach dem Ausbruch der Revolution in Baden mit einem Male so mißtrauisch und verletzend entgegengetreten war. Den Aufschluß erteilte mir in überraschender Weise ein kriegsgefangener Kollege, Dr. Welcker, ein Sohn des berühmten Rechtslehrers, Volksmanns und Bundestagsgesandten von 1848. Wir kannten uns von den Heidelberger Kliniken her, doch waren wir uns nicht nähergetreten. Er war in der aufständischen Armee Generalstabsarzt geworden und hatte mir eine besondere Anerkennung zu erweisen gedacht, indem er mir ein Patent als Regimentsarzt ausfertigen ließ und dieses an das Kommando des Bataillons in Schleswig amtlich abschickte. Davon hatte ich keine Ahnung. Er hatte mir die schlimme Suppe eingebrockt und wunderte sich noch, daß ich ihm den Dank dafür schuldig blieb.



In Rastatt










[273] Die Bundesfestung Rastatt hatte eine gemischte Besatzung von badischen und österreichischen Truppen; beim Beginn der Meuterei zogen die Österreicher ab, und die aufrührerischen Badener blieben Herren der Festung und der drei sie umgebenden Forts, die mit A, B und C bezeichnet waren. Fast sämtliche Offiziere verließen Rastatt und das Land, einige waren von den zuchtlosen Soldaten schändlich mißhandelt worden; an ihre Stelle traten von den Truppen gewählte Unteroffiziere. Zum Gouverneur der Festung bestellte der Pole Mieroslawsky, den die provisorische Regierung zum Heerführer der badischen Armee ernannt hatte, Nikolaus Tiedemann, einen Sohn des Anatomen, einen tapferen Offizier, aber unsteten und wirren Mann, der früher zuerst in badischen, dann in griechischen Diensten gestanden hatte. Nachdem die Aufständischen die Festung am 23. Juli den belagernden Preußen übergeben hatten,[273]  wurde Tiedemann vor das Standgericht gestellt und am 10. August erschossen.
Die Aufständischen hatten sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Sie mußten die Waffen ablegen und wurden in die Kasematten abgeführt, gegen 6000 Mann, Linie, Volkswehr und Freischaren, Legionen genannt, Abenteurer, die aus aller Herren Ländern zusammengeströmt waren. Mit ihnen wurden viele bürgerliche, der Teilnahme an dem Aufstand mit Recht oder Unrecht beschuldigte Personen gleichfalls in die Kasematten gebracht. Rastatt kehrte unter die Herrschaft des Großherzogs zurück, blieb jedoch von den Preußen besetzt, zahlreiche Offiziere und Unteroffiziere der in Neugestaltung begriffenen badischen Armee versahen mit den preußischen gemeinsam den Festungsdienst.
Die Verpflegung der vielen Gefangenen machte in der ersten Zeit große Schwierigkeit, sie litten Hunger, Durst und Frost. Der schlimmste Aufenthalt war in den ungesunden Kasematten des Forts C, doch wurde dies geräumt, sobald die Entlassung vieler unschuldig befundener Gefangener Raum geschafft hatte, die Zurückbleibenden wurden sämtlich in dem minder ungesunden Fort A verwahrt. Den Bemühungen des preußischen Kommandanten der Festung, Majors v. Weltzien, der unter rauher Schale ein menschenfreundliches Herz trug, gelang es, die schwierige Aufgabe zu bewältigen. Auch die Gefangenen erkannten dankbar sein Verdienst an, besonders dann, als nach seinem Weggang ein Kürassieroberst seine Stelle einnahm und, ohne sich, wie sein Vorgänger, selbst in den Kasematten umzusehen, scharfe und nicht immer zu billigende Verfügungen traf. Freilich muß man zugeben, daß die Gefangenen selbst dazu beitrugen, ihr Los zu verschlimmern. Manche neckten und höhnten ihre verhaßten Wächter, wo sie glaubten, es sicher wagen zu dürfen, diese haßten nicht minder die Freischärler und antworteten, wenn es irgend geschehen konnte, mit wohlgezielten Schüssen.
Gleich nach der Übergabe begannen die Gerichte ihr trauriges Amt. Die meisten gravierten Gefangenen kamen vor das Standgericht. Sämtliche Richter wurden dem preußischen Heere[274]  entnommen, je einer aus den sieben Rangstufen vom Gemeinen aufwärts bis zum Major; badische Juristen führten die Untersuchung; Anwälte wurden als Verteidiger zugelassen. Die Sitzungen waren öffentlich und wurden in einem großen Saale des markgräflichen Schlosses, das der Türkenbesieger Ludwig von Baden erbaut hatte, abgehalten. Die Zutrittskarten erhielt man auf der Kommandantur. Das Standgericht erkannte nur auf Tod durch Pulver und Blei oder auf Zuchthaus. Am 6. August wurden die ersten Todesurteile gefällt, am 20. Oktober das letzte, im ganzen 19; auf Zuchthaus erkannte das Standgericht zuletzt am 26. Oktober; drei Monate war es somit in Tätigkeit. – Außer in Rastatt waren auch in Mannheim und Freiburg Standgerichte eingesetzt worden, und neben ihnen und noch lange nach ihnen waren allenthalben im Lande die ordentlichen Gerichte vollauf beschäftigt, das verletzte Gesetz zu sühnen. Tausende büßten den Rausch der Revolution mit dem Verluste von Freiheit, Hab und Gut oder wanderten in die Verbannung.

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In den ersten Tagen des September trat ich meinen Dienst in Rastatt an. Zuerst erhielt ich den Auftrag, täglich die Gefangenen im Fort C zu besuchen, drei Tage nachher wurde mir ein großes Notlazarett im Fort A zur Aufnahme kranker Gefangener übergeben. Es setzte sich aus zwei ansehnlichen, einstöckigen Gebäuden zusammen, die unter einem rechten Winkel nebeneinanderstanden; das Haus Nr. 2 lehnte an die Mauer des Forts, die der Stadt zugekehrt war; von dem Abort seines oberen Stocks aus konnte man bequem auf diese sehr breite Mauer gelangen. Vor dem Lazarett stand ein Wachthaus für die preußische Mannschaft, die es unter dem Befehle eines Unteroffiziers zu überwachen hatte. Um Entweichungen aus dem Bau Nr. 2 über die Mauer auf das Glacis herab und von da in die Stadt zu verhüten, stand ein besonderer Posten auf der Mauer selbst.
Wie der Name es schon besagt, war das Notlazarett nur notdürftig eingerichtet. Die beiden Häuser konnten gegen 200 Personen aufnehmen, ein Teil der Aufgenommenen mußte mit Strohsäcken und Wolldecken auf dem Stubenboden vorliebnehmen. Die Mehrzahl lag in Betten ohne Matratzen auf Strohsäcken,[275]  und es fehlte an Weißzeug. Die Kost war ausreichend, wenn auch nicht für Kranke zugerichtet. Ungeachtet dieser Mißstände waren die Gefangenen, die aus den unterirdischen Räumen in das helle Licht der Lazarettzimmer kamen, glückselig. Übrigens waren nur wenige ernstlich krank, aber alle heruntergekommen durch das unordentliche Leben, das sie schon vor der Gefangenschaft geführt hatten, durch das anfängliche Hungern und Dürsten nach der Übergabe, das Liegen auf dem bloßen Erdboden der Kasematten, bis er mit Stroh belegt wurde – in den Forts A und C fehlte noch die Holzbekleidung –, endlich durch die nagenden Gewissens- und Insektenbisse. Am häufigsten litten sie an Durchfall und leichter Ruhr.
Mein Dienst war schwer und kaum zu bewältigen. Nach 14 Tagen erhielt ich Aushilfe; der längste Arzt des Großherzogtums, ein Dr. Frei, später Amtsarzt in Engen, wurde mir als zweiter Arzt beigegeben. Ich wohnte und speiste in der Stadt, ging schon früh um 7 Uhr in das Fort, kam selten vor 2 Uhr zum Mittagessen, kehrte nach Tisch ins Lazarett zurück und hatte oft bis 8 oder 9 Uhr darin zu tun. Außer dem Hospitaldienst hatte ich häufig krank Gemeldete in den Kasematten zu besuchen. Ging ich endlich spät todmüde zu Bette, so raubten mir die Schwärme springender Insekten, die ich aus dem Fort heimbrachte, die ersehnte Nachtruhe.
Mutter Natur muß auf die Erhaltung der flinken kleinen Springer einen besonderen Wert legen, sonst hätte sie die unbarmherzigen Quäler nicht mit einer fast unglaublichen Fruchtbarkeit bedacht. Nur wer verlassene Kasematten besucht hat, worin Menschen auf Stroh gelegen haben, vermag sich davon eine richtige Vorstellung zu machen. Mein Vater besuchte mich im Oktober; befreundete Offiziere führten ihn auf seinen Wunsch, die Einrichtung einer modernen Festung kennenzulernen, in das Fort B, worin keine Gefangenen lagen; während der Belagerung aber hatten viele Familien aus der Stadt in den Kasematten dieses Forts Unterkunft gefunden. Nachdem ihm die Herren die Wälle und Basteien gezeigt, bat er, auch die Kasematten sehen zu dürfen, worauf sie einem Unteroffizier Befehl erteilten, ihn hineinzuführen; ich begleitete ihn, sie blieben[276]  wohlweislich im Hofe und rieten uns, recht rasch wieder herauszukommen. Wir verweilten nur einige Minuten in den noch teilweise mit Stroh belegten Räumen und kehrten dann sorglos zurück. Kaum erblickten uns die Offiziere, so riefen sie uns dringend zu, wir möchten sofort unsere Kleider mit kräftigen Schlägen bearbeiten, zwei dienstfertige Unteroffiziere sprangen herbei und schlugen mit den Händen auf unsere Röcke und Beinkleider, die mit zahllosen braunen Insekten besät waren; wie Wolken stäubten sie davon.


Trotz der schärfsten Bewachung und der größten Lebensgefahr wagten die Gefangenen häufig Fluchtversuche, und obwohl jede Beihilfe mit standrechtlicher Behandlung bedroht war, förderten die Bewohner Rastatts doch, soviel sie vermochten, die Entweichungen. Zwar hatte die Bürgerschaft während der Revolution viel durch die Aufständischen gelitten, aber die lange Dauer des Standrechts hatte Mitleid mit ihrem harten Lose geweckt. Die aus dem Fort in die Stadt Entkommenen wurden in den Häusern versteckt, auch wohl mit Kleidern und Passierscheinen versehen, um bei der ersten günstigen Gelegenheit unter fremdem Namen durch die Tore der Festung zu gelangen. Den Unglücklichen aber, die auf der Flucht ergriffen wurden, erging es schlimm.
Aus meinem Lazarett entwichen drei Gefangene mit Geschick und Glück: ein badischer Dragoner und zwei Studenten.
Der Dragoner war schwer graviert und sollte am nächsten Morgen vor das Standgericht kommen. Am Abend zuvor sah ich ihn im Hofe bei dem Untersuchungsrichter, einem Herrn von S., stehen. Dieser hatte ihn zu einer letzten Unterredung rufen lassen und gab ihm freundliche Worte; mich erinnerte die Unterhaltung an das Spiel der Katze mit der gefangenen Maus. Der Dragoner war ein hübscher Bursche von militärischer Haltung, er trug noch seinen Waffenrock, der ihm gut stand. Das Liebesmühen des Herrn Untersuchungsrichters schien ihn wenig zu rühren, er sah lächelnd vor sich nieder und schwieg. In der Nacht entkam er; wie er es machte, erfuhr ich nicht.
Nicht lange nachher gelang es den beiden Studenten, zu entfliehen. Der eine war der nachmalige Publizist und Historiker[277]  Karl Hillebrand, der 1884 in Florenz starb, der andere ein ihm befreundeter junger Franzose namens Roignon. Angeblich litten sie noch an einer mäßigen, in Heilung begriffenen Ruhr. Sie lagen in einem großen, stark mit Kranken belegten Saale des oberen Stocks im Hause Nr. 2 auf einem großen Strohsack nahe der Tür, von wo sie nur wenige Schritte zum Abort zu gehen hatten. Der Unteroffizier, der die Aufsicht in dem Bau 2 führte, ein Badener, sagte mir, daß die beiden Studenten nachts viel auf den Abort liefen und den Schlaf ihrer Zimmergenossen störten. Zur Rede gestellt, entschuldigten sie ihr unruhiges Treiben mit ihrem Leiden und versprachen, sich fernerhin möglichst leise zu verhalten. Der Unteroffizier traute ihnen nicht und behauptete, sie trügen sich mit der Absicht, über die Mauer zu entfliehen.
Nach einer stürmischen Nacht begab ich mich, wie jeden Morgen, zu früher Stunde in das Fort. Unter dem Tore traf ich zwei badische Offiziere; sie hatten nachts Dienst im Fort gehabt und verließen es eben. Es waren frühere Feldwebel, die 1848 zu Offizieren befördert worden waren. Sie hielten mich an und teilten mir als Neuestes mit, daß in der letzten Nacht zwei meiner Gefangenen – es waren die beiden Studenten – entwichen seien. Sie bezeugten mir ihre Teilnahme und meinten, die wiederholten Entweichungen aus meinem Hospital müßten mir äußerst unangenehm sein. Diese Bemerkung ärgerte mich, und ich war so unvorsichtig, ihnen zu erwidern, sie verwechselten ihre militärische Aufgabe mit meiner ärztlichen. Es sei ihre Sache, die Gefangenen zu bewachen, meine, sie zu kurieren. Es würde mich nicht betrüben, wenn meine Patienten samt und sonders in einer Nacht davonliefen; ich gäbe den Herren die Versicherung, von Stund an wären die armen Teufel alle kuriert. – Sie machten verblüffte Gesichter, empfahlen sich und erzählten die Äußerung weiter.

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Im Lazarett bestätigte mir der Unteroffizier die Flucht der Studenten. Er meinte, sie hätten in ihrem großen Strohsack ein Seil verborgen gehabt und sich damit über die Mauer herabgelassen. Die dunkle, stürmische Nacht habe ihr Entkommen begünstigt. Vermutlich habe die Schildwache auf der Mauer[278]  Schutz vor dem Wetter gesucht und sich in eine sichere Ecke zurückgezogen. Diesen Umstand hätten sie geschickt benützt, es sei ja gewiß schon längst alles Nötige für die Entweichung vorbereitet gewesen.
Des Rastatter Aufenthalts und des Militärdienstes überhaupt wurde ich von Woche zu Woche müder. Auch wurde infolge der wachsenden Strenge des Festungskommandanten der Lazarettdienst immer unangenehmer und zuletzt lebensgefährlich.
Manche Erleichterungen, die Major v. Weltzien gewissen Gefangenen zugestanden hatte, entzog ihnen sein Nachfolger. Dem Bürgermeister Sallinger z.B., der am Magen litt, wurde die Erlaubnis genommen, seine Kost von Hause zu beziehen.
Als ich eines Morgens zur Visite kam, klagten mir die Kranken, sie hätten die ganze Nacht ohne Wasser zubringen und Durst leiden müssen, die preußische Wache hätte am Abend niemand mehr aus dem Hause gelassen, um Wasser zu holen. Ich suchte den wachhabenden Unteroffizier auf, um Auskunft zu verlangen. Er saß in der Stube auf der Bank, rauchte, blieb sitzen und starrte mich unverschämt an. Für diesen Menschen war jeder Badener, ob er Epauletten trug oder nicht, ein Freischärler. Zuerst forderte ich ihn auf, sich augenblicklich vor mir zu erheben, widrigenfalls ich meinen Epauletten Achtung verschaffen würde. Jetzt erhob er sich und erteilte mir in geziemender Haltung den verlangten Bescheid. Um jede Entweichung zu verhüten, war strenger Befehl ergangen, daß mit einbrechender Dunkelheit niemand mehr aus dem Lazarett heraus dürfe. Der Kommandant hatte es nicht für nötig erachtet, den Ärzten Anzeige davon machen zu lassen. Man behalf sich von jetzt an damit, daß man vor Sonnenuntergang hinreichende Mengen Wasser ins Lazarett schaffte.
Ein unglaublicher Befehl erschien an dem Tage, wo ich meinen Dienst in Rastatt andern Händen übergab. Ich war Mitte Oktober um Entlassung aus dem Heere eingekommen und erhielt zu Ende des Monats zunächst einen Urlaub. Oberarzt Neck war mein Nachfolger in dem Notlazarett. Wir gingen abends, nachdem ich ihn darin umhergeführt, zusammen in ein Speisehaus, wo wir mit zwei badischen Offizieren zusammentrafen.[279]  Sie erzählten von einem eben erschienenen Befehl des Kommandanten, wonach sich von nun an in dem Lazarett niemand mehr an dem Fenster zeigen dürfe, widrigenfalls die Wache scharf hineinschießen werde. Es seien Verhöhnungen der Wachmannschaft vorgekommen, dem müsse ein Ende gemacht werden. Uns Ärzten war keine Mitteilung des Ukas zugegangen, der Kommandant hielt derlei Rücksichten für unnötig. Die Offiziere fragten, was wir darauf tun würden. Ich hatte mit der Sache nichts mehr zu schaffen und die Erlaubnis, schon am andern Morgen Rastatt zu verlassen. Neck, offenbar sehr überrascht und nicht gleich zu ruhiger Überlegung fähig, erklärte mit elegischem Heroismus: »Sterb' ich, so sterbe ich im Dienste!« Wir zuckten die Achseln und meinten, es wäre klüger, gegen den Befehl sofort Vorstellungen einzulegen. Neck schien am andern Morgen die Unterhaltung vergessen zu haben. Er mußte die Mandeln eines Kranken untersuchen, setzte ihn des bessern Lichtes halber ans Fenster und schickte sich eben an, ihm die Zunge mit dem Spatel niederzudrücken, als ihm eine Kugel am Ohr vorbeipfiff und in die Zimmerdecke einschlug. Jetzt eilte er zum Kommandanten und erwirkte die Rücknahme des Befehls.

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Als ich mich in Karlsruhe bei dem Generalstabsarzte Meier abmeldete, erzählte mir der alte Herr sehr erregt, er habe am letzten Sonntag in Rastatt bei der Parade einen unangenehmen Auftritt mit dem Herrn Festungskommandanten gehabt. Dieser habe die badischen Militärärzte beschuldigt, sie unterstützten das Entweichen der Gefangenen. Was ich darüber wisse? Meine Antwort lautet: Mir sei davon nichts bekannt, er möge aber den Herrn Kommandanten bitten, die badischen Militärärzte nicht geradezu für vogelfrei zu erklären.
Am 27. Dezember erhielt ich den erbetenen Abschied, nachdem ich vorher, am 16. Dezember, die Großherzoglich badische Felddienstmedaille für treuen Dienst im Krieg erhalten hatte.



Kandern










[281] Ein Jahr war gerade verflossen, seit ich mich in dem Städtchen Kandern von dem Bataillon Holtz, mit dem ich innig verbunden gewesen, verabschiedet hatte, um nach den nordischen Marken aufzubrechen. Inzwischen war einer der beiden Ärzte, die in Kandern praktiziert hatten, weggezogen, man gedachte meiner und forderte mich auf, die Stelle des Abgegangenen einzunehmen. In den ersten Tagen des März folgte ich dem willkommenen Rufe. Es gelang mir rasch, Vertrauen und Praxis zu erwerben. Mit rührender Geduld hatte meine Braut des Bräutigams, des fahrenden Doktors, geharrt, jetzt war der feste Boden gefunden, worauf ich den eigenen Herd errichten konnte. Im August wollte ich mein geliebtes Weib heimführen, da starb plötzlich mein Vater, wir mußten die Hochzeit verschieben, bis der Herbst ins Land zog.
Auf das brausende Epos der Revolution mit dem tragischen Abschluß hinter den Mauern Rastatts folgte ein friedliches Idyll häuslichen Glücks. Meine ärztliche Tätigkeit gewährte mir volle Befriedigung und ein mehr als ausreichendes Einkommen. Ein erstgeborenes Töchterchen, natürlich ein Wunderkind, lachte den glückseligen Eltern im zweiten Jahre des Kanderer Aufenthalts aus der Wiege entgegen. Kein Wunder ist größer, kein Schauspiel entzückender als die Entwicklung einer Menschenseele.[281]
Eine Sache war freilich schlimm bestellt in Kandern. Die gesellschaftlichen Verhältnisse waren greulich zerrüttet, die Bürgerschaft tief gespalten, selbst in dem Schoße der Familien hauste die Zwietracht. In den kleinen Gemeinden des Großherzogtums hatte die Revolution den bürgerlichen und häuslichen Frieden noch tiefer untergraben als in den großen. In den Landstädten wohnten die Leute zu nahe beisammen, die steten Berührungen wurden zur dauernden Reibung, die politische Gegnerschaft zur Todfeindschaft. Die nächsten Verwandten haßten sich oft am grimmigsten. Seit der Aufstand niedergeschlagen war, hatte sich die Stellung der Parteien von Grund aus verändert. Die oben gewesen, lagen jetzt unten, besiegt, schwer getroffen, unzählige Hochverratsprozesse gingen den unbarmherzigen Gang des Gesetzes.
Ein furchtbarer Abend ist mir unvergeßlich. Einer der angesehensten Männer, das Haupt der unterlegenen Partei, der Bürgermeister der Stadt, war, des Hochverrats angeklagt, in die Schweiz entflohen. Die mit den Kindern zurückgebliebene Gattin, eine treffliche Frau, hatte mich zum Arzte genommen. Der Entflohene, schwer leidend, kehrte zurück. Nach einigen Tagen kamen die Gendarmen, das Hofgericht hatte sein Urteil gesprochen, er sollte aus den Armen von Frau und Kindern in das Zuchthaus abgeholt werden. Ich wurde hinzugerufen und mußte die bittere Verzweiflung der Familie mit durchmachen: der Mann, der das höchste Ehrenamt der Gemeinde bekleidet hatte, wurde jetzt schimpflich in das Zuchthaus abgeführt!

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Die ersten Jahre nach der Revolution waren im ganzen Lande schrecklich. Allmählich glätteten sich die Wogen. Unter dem milden Zepter des Fürsten, dem später ganz Deutschland Liebe und Verehrung zollte, kamen wieder bessere Tage, es wurde vergeben und vergessen. Auch dem Hochverräter von 1849 ist noch ein schöner Lebensabend geworden, seinen Mitbürgern ward es vergönnt, ihn nochmals an die Spitze ihres Gemeinwesens zu stellen.
Ungefähr zu derselben Zeit wie ich, war ein junger Geistlicher, Hermann Strübe aus Schopfheim, als Vikar nach Kandern gekommen, ein kluger, klarer Kopf, ein warmes, heiteres[282]  Herz, ohne die Voreingenommenheit vieler seiner Amtsbrüder, ein ausgezeichneter Kanzelredner und trefflicher Prediger christlicher Liebe und Versöhnung. Seiner Jugend ungeachtet schenkten ihm bald beide Parteien Vertrauen. Die düstere Stimmung im Städtchen hellte sich auf, das gesellschaftliche Leben gestaltete sich freundlicher. Mir wurde der gleichalterige Mann ein treuer Freund und ist einer der wenigen aus der Jugend, die mir der Schnitter, der uns alle mäht, übriggelassen hat.



Land und Leute










[283] Hinter Kandern erhebt sich in üppigem Waldschmuck einer der schönsten Schwarzwaldberge, der Hochblauen. Aus dem quellenreichen Urgestein seiner südlichen Abhänge entspringt der Kanderbach und eilt in starkem Gefälle von Marzell und Vogelbach herab nach Kandern. Er tritt hier in das Hügelland, das dem Schwarzwalde vorgelagert an den Rhein sich erstreckt, und mündet bei Eimeldingen in dessen Flut. Unweit davon, eine Meile nordwärts, steigt an dem Rheinstrom steil empor der Isteiner Klotz, ein Korallenstock aus der Zeit der Jurabildung. Zu den Burgtrümmern seiner Höhe führt ein romantischer Fußpfad, teilweise eingehauen in die Felswand, oben reicht der Blick weithin über das Rheintal zu den Vogesen des Oberelsaß und der Jurakette der Schweiz.
Milder als auf den Schwarzwaldbergen wehen die Lüfte auf den Vorlandhügeln. Prächtige Nußbäume zieren die Wege zwischen den saubern Dörfern, Weizen und Wein trägt der fruchtbare Boden.
Meine Praxis umfaßte das Gebiet vom Hochblauen bis zum Isteiner Klotz. Zu Fuß, zu Pferd und im leichten Wagen besuchte ich die zahlreichen Ortschaften. Liebliche Landschaftsbilder entzückten mich in den Tälern, großartige Panoramen auf den Höhen. Zwei der schönsten Aussichtspunkte winken ganz in der Nähe des Städtchens: das vielgepriesene Bürgeln, weit vorspringend am Blauen mit der alten Propstei der gefürsteten Abtei St. Blasien, und der Turm der Ruine Sausenburg,[283]  der einsam hervorragt aus der dichtbewaldeten grünen Bergwand.
In besonderer Erinnerung blieb mir ein Ritt, den ich in meinem Berufe nach Endenburg ausführte, einem hochgelegenen Dörfchen im Amte Schopfheim. Ein Gewitter war niedergegangen, in köstlicher Luft nahm ich meinen Weg durch den Wald zur Scheideck hinauf, wo General von Gagern am 20. April 1848 den Tod gefunden hat. Dort biegt die Straße nach Endenburg ab. Wo sie aus dem Walde tritt, öffnet sich eine weite Aussicht südwärts gegen die Schweiz. Plötzlich, wie durch Zaubermacht, lag in kristallener Klarheit die ganze Kette der Schweizer Hochalpen vor mir; sie erschienen so nahe, als könnte man Steine auf die Schneefelder werfen. Überrascht hielt ich mein Pferd an und blickte bewundernd nach der nahe gerückten Ferne. Am Wegrain saß ein alter, in schwerer Arbeit ergrauter Bauer und betrachtete, in Andacht versunken, das herrliche Bild. Unerwartet wandte er sich an mich; das Herz war ihm aufgegangen, er mußte seine Gefühle aussprechen. »Oh! wie groß und schön«, redete er mich an, »sind die Werke der Schöpfung!« »Ja!« wiederholte ich seine Worte, »sie sind groß und schön«, grüßte und ritt nachdenkend weiter. – Es wird behauptet, der Sinn für landschaftliche Schönheit sei das Erzeugnis unserer modernen, hochfeinen Bildung, die Worte des armen Bäuerleins beweisen, daß die neuzeitliche Kultur ihn nicht erzeugt, sondern nur geschärft haben kann.

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Die Bewohner des Hochblauen hießen in Kandern die »Wälder« (Schwarzwälder), zum Unterschiede von denen des Hügellandes zwischen Kandern und dem Rheine. Obwohl sie eines Stammes und eines Bekenntnisses, des evangelischen, sind und die Weiber die gleichen Flügelhauben und »Fürtücher« (Brusttücher) tragen, waren sie doch damals ungleich in Gesittung. Der Wälder stand tief unter dem Markgräfler der Vorhügel. Wie dies seither geworden ist, vermag ich nicht zu sagen. Die auffallende Verschiedenheit mochte ihren Grund teils in der größeren Abgeschlossenheit der Gebirgsorte, teils und mehr noch in deren rauherem Klima haben. Der Wald und die Viehzucht brachten dem Wälder die Mittel zum Unterhalt des Lebens,[284]  die sonnigen Hänge der Vorhügel spendeten den Bewohnern des Tieflandes Weizen und Wein. Lebensweise und Genuß gestalteten sich für jene anders als für diese.
Schon die verschiedene Art, wie die Leute dort und hier wohnten und ihre Wohnräume beleuchteten, mußte bei der langen Dauer der Winternächte und des Winters überhaupt einen verschiedenen Einfluß auf die Gesittung üben. Die Dörfer des Hügellandes hatten nur ziegelgedeckte Häuser aus Stein oder Fachwerk mit lichten, getünchten Stuben, worin das Talglicht und die Öllampe Eingang gefunden hatten; das Petroleum diente damals noch nicht zur Beleuchtung. Das ruhige Licht gestattete den Familien an den Winterabenden höhere geistige Unterhaltung durch Lesen von Druckschriften. Anders in den Bergen. Hier herrschte noch das flackernde Licht der billigen, stark rußenden Lichtspäne, die der Wälder selbst aus dem Holze der Buchen an der Schnitzbank schnitzte. Vom Ruße geschwärzt, glänzten die Wände der Stuben in den geschindelten, strohbedeckten Hütten. Das unruhige Licht taugte nicht zum Lesen. Brach der frühe Abend herein, so sammelte sich die Familie in der dunkeln Stube, und bald flammte der entzündete Holzspan. Der Bauer streckte sich gähnend auf die warme Bank am riesigen Kachelofen, Frau und Tochter, beim Hofbauern auch die Magd, spannen den selbstgezogenen Hanf und Flachs, die Söhne unterhielten die Flamme der Späne, gingen ab und zu, besorgten den Stall und zogen aus zum Licht- oder Kiltgang.
Den Landmann trieb auch im Winter die Sorge um das Vieh frühe vom Lager, es heischt sein Futter, lange bevor die Sonne sich erhebt. Für den Doktor, den sein Beruf erst spät abends das Bett hatte aufsuchen lassen, kam namentlich der Wälder allzufrüh von den Bergen herab, um ein Rezept, vielleicht den Doktor selbst zu holen. Schon um 4 Uhr läutete er nicht selten an der Hausglocke. Mit diätetischem Rat und milder Arznei war ihm nicht gedient, er verlangte starke Getränke in großen »Gutteren« (Flaschen), oder Latwergen und Pulver, die tüchtig »obsi« und »nidsi« wirkten, d.h. nach oben und unten »trieben«, auch Aderlässe, Schröpfköpfe, Blutegel, die das dicke,[285]  schwarze Blut aus den Adern nähmen. »Guter Brenz« (Branntwein), besonders zur Stärkung der »Lebensgeister«, war ihm stets willkommen.


Bei dem Wälder stand die »heilsame Dreckapotheke« des gelehrten Paullini von 1696, oder richtiger der Unrat, den er empfahl, noch in großem Ansehen. Ein Dorfschmied im Gebirge verordnete einem Kranken mit Darmverschlingung und Miserere nach dem Grundsatze Hahnemanns: »similia similibus« (Ähnliches durch Ähnliches) eine Abkochung von Roßäpfeln (stercus equinum), aber nicht in homöopathischer, sondern in allopathischer Gabe, gläserweise zu nehmen! Und der schauderhafte Trank wurde getrunken.
Derlei Roheiten kamen im Tieflande nicht mehr vor. Das Volk besaß gutes Urteil und war verständiger Belehrung und diätetischen Verordnungen zugänglich. Aus dem ärztlichen Berater wurde leicht ein geschätzter Hausfreund. Man mußte sich aber in der gastfreien, rebengesegneten Markgrafschaft hüten, bei jedem Besuche das vorgesetzte Krüglein zu leeren. Kaum war man ins Haus getreten, so wurden in der Regel Kanderer Brezeln, ein gefüllter Weinkrug und Gläser aufgetischt. Die Brezelchen, kleine knusperige Laugenbrezelchen, sind heute in ganz Deutschland als »Freiburger« bekannt und beliebt; das Gebäck ist eine Kanderer Erfindung und war damals kaum über das Gebiet der oberen Markgrafschaft hinaus bekannt. Später kamen sie, durch einen spekulativen Freiburger Bäcker, allgemach bis nach Norddeutschland, sie werden jedoch weit stärker gesalzen als früher, und dienen in den Bierwirtschaften hauptsächlich dazu, den Gaumen der Gäste durstig zu stimmen und zum Trinken zu reizen. – Beim ersten Besuche eines Kranken durfte ich den Willkommtrunk nicht abschlagen, es wäre mir, namentlich bei minder wohlhabenden Leuten, die nur über saueren Wein geboten, als Beleidigung angesehen worden; hatte ich aber Bescheid getan, so bat ich, mir bei den folgenden Besuchen nur dann Wein vorzusetzen, wenn ich seiner zu meiner Erfrischung bedürfe. So vermied ich eine in der Markgrafschaft und den Weinländern überhaupt gefährliche Klippe für Ärzte.[286]
Von den Rebsorten, die dort gepflanzt werden, sind es hauptsächlich die verschiedenen Arten der »Gutedel«, deren Trauben den Wein liefern, der als »Markgräfler« geschätzt ist. Seine Blume ist mild und schwach, sein Gehalt an Alkohol gering, er erhitzt wenig, ist mäßig genossen ein angenehm erheiterndes, ungefährliches Getränk, auch sehr haltbar. Bei den reichen Bauern lagerte noch »Kometenwein« von 1811, als Merkwürdigkeit wurde sogar da und dort noch hundertjähriger Wein in Flaschen bewahrt. Die alten Markgräflerweine bekommen einen Firnisgeschmack, der ihren Wohlgeschmack beeinträchtigt.
Als ich in der Markgrafschaft praktizierte, mag dort in den Reborten mehr Wein als Wasser getrunken worden sein. Der Wein war der eigentliche Haustrank. In vielen Bauernhäusern erhielten schon die Kinder bei Tische Wein, sobald sie das Alter erreicht hatten, um mitzuspeisen, je nach dem Alter erhielten sie die gefüllten Weingläser in abgestufter Größe vorgesetzt. Der Wein galt für ein Stärkungsmittel, sogar die Hebammen huldigten diesem irrigen und gefährlichen Glauben. Sie ließen die Frauen, um die Geburt zu erleichtern, ein Glas um das andere trinken, ich sah nur Nachteil davon, es erschwerte und verzögerte den natürlichen Hergang. Es gab Leute, die täglich 4, 5 und mehr Flaschen tranken. In fast allgemeinem Gebrauche war das »Nünitrinken« (Neunuhrtrinken) beim zweiten Frühstück, wobei man aber nicht außer acht lassen darf, daß die Leute meist schon von 5 Uhr an gearbeitet und das erste Frühstück, die »Morgensuppe«, gleich nach dem Aufstehen genommen hatten; zu ihrem Wein speisten sie Brot, Käse, Speck, Fleisch. Unglaublich dürfte die Schoppenzahl klingen, die den Schnittern während der Ernte zugestanden wurde, 12, 16 und mehr für den Tag, aber der Erntewein war ein Getränk, weniger erregend als durstlöschend, sein Gehalt an Alkohol gering, an Säure groß, der Wasserverlust bei der heißen Arbeit vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne riesig. Da galt in Wahrheit der Spruch des Rodensteiners:


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»Man spricht vom vielen Trinken stets,
Doch nie vom vielen Durste.«[287]
Ungeachtet dieses reichlichen Weingenusses waren wirkliche Trunkenbolde und Säufer doch nicht häufig. Ein Räuschchen ab und zu galt für erlaubt. Gleich am ersten Tag nach meiner Ankunft in Kandern sah ich aus den Fenstern des Gasthofs zur Krone, wo ich abgestiegen war, ein altes Bäuerlein in rosigster Laune zickzackförmig seinen Weg aus dem Städtchen nehmen. Als ich über den seltsamen Gang des Alten den Kopf schüttelte, bedeutete mir der ernste und solide Kronenwirt, der auch schon in vorgerückten Jahren stand: ich solle dem Bäuerlein sein »Rüschli« zugute halten, wir seien eben im Markgräflerlande, wo ein solches Vorkommnis der Achtbarkeit auch des ältesten Mitmenschen keinen Eintrag tue.
Schweren Formen von Alkoholismus bin ich in der Markgrafschaft bei Personen, die nur Landwein und keine gebrannten Wasser tranken, nicht begegnet, öfter leichteren Formen des Delirium alcoholicum, wenn sie von fieberhaften und rasch die Kräfte herabsetzenden, akuten Krankheiten befallen wurden, Pneumonie z.B. und Ruhr. Opium leistete in solchen Fällen mitunter nichts, das Delirium schwand am ersten, wenn der ausgesetzte oder bedeutend eingeschränkte Weingenuß wieder gestattet wurde. Die stärkeren Weine aus den guten Jahren kamen nur bei den Reichen, und auch bei diesen nur bei besonderen Gelegenheiten auf den Tisch. Sie galten für gefährlich und wurden deshalb nicht als gewöhnlicher Haustrunk zugelassen. Der Bauer, der sich im Wirtshaus einen Schoppen Wein (4 Deziliter) zu 8 bis 10 Kreuzern bestellte, galt als ein Verschwender, sein leibliches und wirtschaftliches Verderben wurde sicher prophezeit, auch der reiche Bauer sollte den Schoppen zu 6 Kreuzern trinken, und der kleine Mann sich mit Batzenwein, d.h. dem Schoppen zu 4 Kreuzern, begnügen.
Eine nachahmenswerte Einrichtung für alle Weinlande war in der Markgrafschaft die des »Schimmeli reitens«. Unter dem Schimmeli verstand man kein Rößlein aus dem Stall, sondern einen weißen, bauchigen Tonkrug, der auf dem Anrichtetisch allezeit bereit stand, um in den Keller »geritten« zu werden. Kamen Gäste, so ging der Hausherr oder der Sohn hinab, um ihn am Fasse zu füllen und den Trank für den Gast frisch heraufzuholen.[288]  Dieses Schimmeli war ein Heiligtum der Familie und ihr Stolz, es wurde sorglich gehütet und stammte oft schon von den Großeltern und Urgroßeltern, meist von Vater und Mutter. Man sah den Namen der Stifter und ihren Hochzeitstag darauf eingetragen, umkränzt von einem Rosenzweig oder von Vergißmeinnicht. Ich sah noch Krüge aus dem vergangenen Jahrhundert. Sie waren gefüllt tausendmal aus dem Keller heraufgetragen und geleert worden und stets unversehrt geblieben, oder hatten doch nur am Schnabel etwas Schaden gelitten. Das Schimmeli sollte in ehrbarer Besonnenheit seinen Weg auf und nieder nehmen, dem Gaste Erfrischung und Erheiterung spenden, aber nicht der Trunksucht dienen, darin lag seine Bedeutung.



Landpraxis und Landärzte










[289] Die Landpraxis stellt größere Anforderungen an die Kraft und Kunst der Ärzte als die Stadtpraxis. Sie verlangt namentlich in den Bergen starke, abgehärtete Menschen, die großen Strapazen bei Tag und Nacht und jeglichem Wechsel der Witterung gewachsen sind. In allen Fächern der Medizin soll der Landarzt gut gesattelt sein, mit gleicher Geschicklichkeit die innere wie die äußere Medizin und die Geburtshilfe ausüben. In dringenden Fällen, auch der verwickeltsten Art, deckt ihn niemand mit schützendem Schilde, auf eigene Verantwortung muß er entschlossen handeln, wie der Soldat auf einsamem Posten in Feindesland. Es hat mir als Kliniker Nutzen gebracht, durch diese Schule gegangen zu sein, sie lehrte das Wesentliche und Notwendige von dem Unwesentlichen und Unnötigen unterscheiden, mit einfachen Dingen auszukommen und praktisch Erprobtes nicht für theoretisch Empfohlenes, Ungewisses hinzugeben.
Drei Seuchen, die Ruhr, der Darmtyphus und der Keuchhusten suchten in den Jahren 1850–1853 Kandern und die Umgebung heim. Meine Erfahrungen über die Verbreitungsweise der beiden ersten Seuchen von einem Ort zum andern habe ich damals in den »Mitteilungen des badischen ärztlichen[289]  Vereins«, her ausgegeben von Robert Volz, veröffentlicht. – Sehr bösartig verlief der Keuchhusten in den Schwarzwälder Hütten zur Winterszeit, weit schlimmer als in den Häusern der tiefer gelegenen Dörfer; Schuld daran trug wohl die größere Schwierigkeit, jene zu ventilieren.
Wo ich mich durch Sektionen belehren konnte, führte ich sie unbedingt aus. Bei der aufgeklärten Bevölkerung des Hügellandes stieß ich nie auf Widerstand, nicht selten wurden sie ausdrücklich von den Hinterbliebenen verlangt. Für mich dienten sie zur Kontrolle meiner Diagnose und Therapie, der Pfuscher in seiner selbstzufriedenen Unwissenheit bedarf ihrer nicht; den Angehörigen brachten sie häufig tröstliche Beruhigung, wohl auch die Mahnung, rechtzeitig geeignete Vorkehrungen gegen die Wiederkehr gleichen Leidens in der Familie zu treffen.
Da man wußte, welchen Wert ich auf Sektionen legte, forderte mich eines Tages der Gemeindediener eines kleinen, nahe am Rhein gelegenen Dorfes auf, ich möchte seine Tochter, die an einer chronischen, tuberkulösen Bauchfellentzündung litt und bei abgezehrtem Leibe einen riesig geschwollenen Bauch hatte, sezieren, sobald sie, wie ja vorauszusehen sei, ihren Leiden erlegen sein würde. Die ganze Gemeinde sei neugierig zu erfahren, was in diesem großen Bauche des Mädchens stecke. Obwohl auch ich die Kranke für verloren hielt, verwies ich ihm seine Rede: man dürfe nie von der Sektion sprechen, ehe der Kranke gestorben sei! Sie war ein Mädchen von 16 Jahren und genas, obwohl sie in einer elenden Hütte lag, schlecht verpflegt wurde und außer Lebertran kaum ein Arzneimittel nahm. Dieser Fall der in der Regel tödlich verlaufenden Krankheit war der erste, den ich spontan heilen sah; ich habe später ähnliche »Naturheilungen« beobachtet: die Krankheit heilte ohne jede Behandlung mit Medikamenten, Hydrotherapie oder chirurgischen Eingriffen; als unumgänglich notwendig erwies sich nur ruhiges Liegen und passende Ernährung. Wie wohl angebracht meine Vorsicht gegenüber dem Gemeindediener war, hat der unerwartet günstige Verlauf der Krankheit gelehrt. Welche Fülle von Spott hätte sich über den[290]  sektionslustigen jungen Doktor ergossen, wenn er begierig zugesagt hätte, den Wunsch der Gemeinde zu erfüllen?

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Im 4. Hefte des Archivs für physiologische Heilkunde von 1852 habe ich zwei interessante, in Kandern gemachte Beobachtungen jener akuten vielfachen Knochenentzündung veröffentlicht, die erst zwei Jahre später durch die epochemachende Abhandlung von Chassaignac als akute Osteomyelitis allgemein bekannt wurde: einen Fall mit Ausgang in Genesung, den andern mit tödlichem Verlaufe und Sektionsbefund.
In den Dörfern des Hochblauen ist es mir nur einmal gelungen, die Erlaubnis zur Vornahme einer Leichenöffnung zu erhalten. Sie geschah unter Umständen, die ich schildern will, da sie für Ort und Leute charakteristisch waren. Der Dorfschreiner von Vogelbach zeigte mir persönlich an, daß seine Frau gestorben sei. Ich hatte sie nur einmal besucht. Eine hitzige Krankheit hatte sie in wenigen Tagen weggerafft; es lag mir viel daran, die Richtigkeit meiner Diagnose: Darmtyphus, an der Leiche zu kontrollieren. Der Schreiner war in jungen Jahren in der Fremde gewesen und deshalb etwas weniger in Vorurteilen befangen als die anderen Vogelbacher, aber alles Zureden nützte nichts. Vergeblich setzte ich ihm guten Wein vor, rühmte seine Weltkenntnis und große Einsicht, er blieb meinen Vorstellungen unzugänglich, bis ich endlich seine schwache Seite entdeckte. Ich versprach, ihm das Honorar für meinen ärztlichen Besuch zu erlassen, worauf er einwilligte. Am folgenden Morgen ritt ich nach seinem Dorf hinauf. Als ich seinem Hause nahe kam, erhoben zwei erwachsene Töchter, die auf mich gelauert hatten, ein großes Geschrei, unklugerweise hatte er ihnen unsere Verabredung mitgeteilt. Er selbst war schwankend geworden, doch hielt er schließlich seine Zusage und führte mich ins Haus. In der Wohnstube saß ein alter Schwarzwälder, ein hausierender Zunderhändler, bei einem Gläschen Schnaps. Die Töchter hatten ihm erzählt, was mich herführe, und unwillig rief er dem Schreiner zu: »He Schriner, Ihr werdet doch bigott eure Frau nit uffschnide lo (aufschneiden lassen)? Das dürft Ihr der Seligen nit z'leid tun!« Der Schreiner aber blieb fest. Wir gingen[291]  ins Nebenzimmer, wo sich meine Diagnose richtig erwies. Als ich aber mit dem Schreiner wieder herauskam und das Haus verließ, rief uns der alte Zunderhändler giftig nach: »Schriner, euer Dokter is e junge (ein junger), er will an eurer Frau lehre (lernen), die alte Döktere bruche d'Lüt nit ufz'schnide (brauchen die Leute nicht aufzuschneiden)!« Mit diesem Pfeil im Busen ritt ich nach Hause.
In den drei Ämtern Lörrach, Schopfheim und Müllheim praktizierten genau ein Dutzend Ärzte. Der angesehenste und einer der besten des Landes war Physikus Dr. Zeller in Lörrach. Ich hatte seine Bekanntschaft schon als Militärarzt im Winter 1848 bis 1849 gemacht, er war mir gewogen, und ich mußte ihm, nachdem ich mich in Kandern niedergelassen hatte, noch einige Monate vor seinem am 18. Dezember 1851 erfolgten Tode die Brust untersuchen, über den Zustand seiner Lungen Aufschluß geben, auch versprechen, wenn die Zeit dazu gekommen, als treuer Kollege seinen Leib sorglich zu obduzieren, was ich redlich ausführte. Er litt schon seit langen Jahren an Tuberkulose der Lunge, kompliziert mit Erweiterung der Bronchien. Sein Nachfolger wurde Dr. Sauerbeck, vorher langjähriger Badearzt in Rippoldsau, ein angenehmer, strebsamer und ehrenwerter Kollege.


Zeller starb, kaum älter als 50jährig, unverehelicht; seine große Gewissenhaftigkeit hatte ihn abgehalten, an sein unsicheres Los das Schicksal eines Weibes zu binden. In seinem letzten Willen vermachte er fast sein ganzes, in seinem Berufe erworbenes Vermögen zu wohltätigen Zwecken, und hat sich dadurch im badischen Lande ein gesegnetes Andenken geschaffen. Ein Drittel, über 17000 fl., diente zur Stiftung einer Unterstützungskasse für bedürftige Witwen und Waisen badischer Ärzte, ein zweites vermachte er der Anstalt zur Rettung sittlich verwahrloster Kinder, das letzte dem Spital in Lörrach, seinem Geburtsort Heidelsheim und der Landesirrenanstalt Illenau.
Ein ausgezeichneter Arzt, ein Mann von Geist und Herz und angenehmen Formen, erfreute sich Zeller allgemeiner Beliebtheit. Von den witzigen Äußerungen Zellers verdient eine, die[292]  in Lörrach großes Vergnügen bereitete, aufbewahrt zu werden. Ein kleiner Postbeamter litt an einer unheilbaren Krankheit, die sich seiner Behörde zu sehr in die Länge zog. Ungeduldig verlangte sie von ihm, als Physikus, eine bestimmte Angabe über den endlichen Abschluß der Krankheit. Zeller bedauerte im höflichsten Kurialstil, daß die Medizin keine so präzisen Abfahrtsstunden habe wie die großherzoglich-badische Post.
Neben Zeller und dem geistreichen Dr. Kaiser praktizierte in Lörrach als dritter Kollege noch ein großes Original, Dr. Brodhag. Da die heutige, nivellierende Zeit so seltsame, scharf ausgeprägte Persönlichkeiten nicht mehr hervorbringt, will ich seiner kurz gedenken. Er glich einem alten Husarenmajor, trug einen martialischen Schnurrbart und war ein strammer Reiter. Das Publikum holte ihn vornehmlich in ganz verzweifelten Fällen. Wenn keiner seiner Kollegen mehr wagte mit Brechmitteln, mit Aderlässen einzugreifen, wagte es sicher noch der Doktor Brodhag. Ging dann der Tod an dem Kranken vorüber, wie dies vorkam, so war sein Ruf auf lange hin und wieder gesichert. In der Medizin, wie in der Politik, hielt er nichts von halben Mitteln. Bei einer Volksversammlung in den Revolutionsjahren schwang er auf der Rednertribüne eine Sense, die nach seiner Angabe zur Kriegswaffe geschmiedet worden war, und schwur, so wahr er Brodhag heiße, dem Menschen, dem sie durch den Leib fahre, helfe kein Doktor mehr. »Gott straf' mich«, schrie er, »wollt Ihr die Freiheit erringen, so greift zur Sense!« Nach dem Aufstand zur Rechenschaft gezogen, wurde er zu längerer Haft verurteilt. Wieder frei geworden, kehrte Brodhag zu seiner Gattin heim, mit der er in kinderloser Ehe lebte. Während seiner Gefangenschaft war Meister Schmalhans im Hause eingezogen, und das Publikum, das früher so häufig seinen Rat geholt, hatte sich verlaufen. Wochenlang kam niemand, finster brütete er vor sich hin. Endlich erscheint ein Bauer vom Lande, die Frau empfängt ihn, heißt ihn warten und bringt ihrem Gatten die frohe Botschaft. Dieser aber befiehlt kurz angebunden, der Bauer solle warten. Die Frau, an blinden Gehorsam gewöhnt, hält den Mann mit allerlei Ausflüchten[293]  im Wartezimmer hin. Zuletzt wird der Bauer ungeduldig; sie faßt sich ein Herz und meldet es dem strengen Gebieter mit flehenden Worten: »Lieber Brodhag, der Bauer drängt und der Metzger hat eben die Rechnung geschickt und verlangt Bezahlung!« – »Laß das Pferd satteln!« herrscht er sie an. Beruhigt verkündet sie dem Bauern: »Der Doktor läßt eben satteln, somit wird er gleich zur Hand sein.« – Das Pferd ist bald gesattelt, der Doktor geht die Treppe in den Hof hinab und steigt auf. Der Bauer eilt ihm nach und verlangt Bescheid. »Verfluchte Kanaillen!« ruft er ihm zu, »habt ihr Bauern den Brodhag so lange auf euch warten lassen, so sollt ihr jetzt auch auf den Brodhag warten.« Damit reitet er davon. – Es währte nicht lange, und der tolle Doktor erfreute sich wieder seiner alten Kundschaft.

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Wunderbare Kuren wurden von einem alten, klugen Arzte in Schliengen erzählt, der von beiden Ufern des Oberrheins, aus dem Elsaß und Baden, einen außerordentlichen Zulauf hatte. Er sollte einem Bauern in Haltingen einen kranken Magen herausgeschnitten und durch einen Kalbsmagen ersetzt haben. Seitdem verschmähte der Geheilte die »Schüfeli« (Vorderschinken), sein früheres Leibessen, und halte sich nur an grünes Gemüse.
Diese merkwürdige Geschichte, die mancher ehrliche Wälder glauben mochte, war vermutlich von dem Kanderner Brezelibeck ersonnen worden, der um scherzhafte Einfälle nie verlegen war. Einem Bauern aus dem nahen Hammerstein an der Straße nach Basel, einem albernen Menschen und großen Pfuscher in der Tierarzneikunde, spielte er eines Abends übel mit. Der Quacksalber saß im Weinhaus und prahlte vor den Gästen mit seinen glänzenden Kuren. Der Bäcker erhielt davon Kunde, eilt in die Weinstube und fragt den Quacksalber: »Wißt Ihr schon, was dem Apotheker für eine unselige Verwechslung mit Euern Rezepten passiert ist? Ihr habt heute zwei Rezepte verschrieben, eins für einen Kanarienvogel und eins für eine Kuh. Man hat die Arzneien verwechselt, dem Kanarienvogel hat es, Gott sei Dank, nicht geschadet, aber die Kuh ist krepiert.«[294]
Man sieht, der launige Geist Hebels lebte noch fort in der Markgrafschaft.



Gelähmt










[295] Nachdem ich mich drei Jahre, bis zum Februar 1853, in Kandern stets wohl befunden, hielt ich mich allen Anstrengungen der Praxis für gewachsen, doch wurde ich jetzt eines andern belehrt. Der Winter war bis dahin auffallend milde verlaufen, die Rosenstöcke in den Gärten trieben noch im Dezember und Januar Blüten, erst im Februar kam Schneefall und Eis. Den ganzen Winter hindurch war der Krankenstand groß gewesen, jetzt wuchs er zu einer solchen Höhe, daß ich die Praxis kaum bewältigen konnte. Es verfloß kaum eine Nacht, wo ich nicht durch die Hausglocke aus dem Bette getrieben wurde, um zu ordinieren oder Kranke, bald in der Stadt, bald auf den Dörfern, zu besuchen; ich konnte nur selten mehr zur rechten Zeit speisen, aß auch nicht genug, endlich kleidete ich mich, um nicht in meinen Bewegungen, namentlich beim Reiten in den Bergen, behindert zu sein, viel zu leicht. Wenn ich den Wagen benützte, mußte ich mir selbst den Kutscher machen. Mein Pferd, Reit- und Wagenpferd zugleich, reichte mir zuletzt nicht mehr aus, ich mußte noch ein zweites haben.
Albert Bitzius, der Berner Pfarrer, der unter dem Namen Jeremias Gotthelf die besten Bauernromane schrieb, die ich kenne, hat in der meisterhaft aus der Wirklichkeit gegriffenen Geschichte: »Wie Anna Jowaeger haushaltet und wie es ihr mit dem Doktern erging«, die Strapazen der Gebirgspraxis treu geschildert. Ich darf dies behaupten, denn ich habe sie aus eigener Erfahrung zur Genüge kennengelernt. Auch ein Körper von Stahl läuft da Gefahr, zu erliegen, und von Stahl war der meinige nicht. Zwei meiner späteren Freiburger Assistenzärzte, tüchtige, pflichttreue junge Männer, sind nach kurzer Praxis in den Bergen, der eine da, wo ich gewirkt, Opfer ihres Berufs geworden.
Um einen Begriff von den Anforderungen einer solchen Praxis zu geben, erzähle ich die Geschichte der schweren Erkrankung, die mich Ende Februar befiel.[295]
Auf den dringenden Brief eines Kollegen, des Physikus Schweikhard von Schopfheim, den ich besonders schätzte, begab ich mich zu einer Konsultation nach dem hochgelegenen, von Kandern nur auf schlechten und häufig steilen Wegen erreichbaren Dorfe Tegernau im Amte Schopfheim. Ich ritt vor Sonnenaufgang von Hause weg und kam erst spät abends in der Dunkelheit wieder. An vielen Stellen war Glatteis, ich mußte vom Pferd absteigen und es am Zügel vorsichtig führen, der Schnee drang mir durch die Stiefel. Auf dem Heimweg hatte ich die Empfindung an den Fußsohlen, als ob ich auf rauhem Filz ginge, es war ein Gefühl von Vertaubung der Haut, dessen ernste Bedeutung ich verkannte.
Kaum hatte ich mich müde zu Bette gelegt, so kam ein Bauer aus Egringen, einem Dorfe, dem Rheine zu gelegen, um mich zu seiner Frau zu holen, die an einem eingeklemmten Schenkelbruche litt. Er hatte mich schon die Nacht zuvor aus dem Bette geläutet, um mich mitzunehmen, aber ich konnte die Konsultation mit Dr. Schweikhard nicht rückgängig machen und hatte ihn deshalb an andre Ärzte verwiesen. Diesen war die Einrichtung nicht gelungen, er kam jetzt wieder, es blieb mir nichts anderes übrig, als mit ihm zu fahren und zu versuchen, was meine Kunst vermöchte. In der Tat, es gelang mir, die Arme von ihren Qualen zu befreien, aber erst, nachdem ich sie in ein warmes Bad hatte bringen lassen. Darüber war die Nacht vergangen; es hatte Zeit gekostet, bis eine Badewanne im Dorfe aufgetrieben und das Wasser im Waschkessel heiß gemacht worden war. Der helle Morgen war angebrochen, als ich heimkam. An Ruhe war nicht zu denken, ich hatte den ganzen Tag zu tun und hoffte, den versäumten Schlaf in der nächsten Nacht nachzuholen; leider sah ich mich getäuscht.

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Eben hatte ich mich unter die Decke gestreckt, als die unbarmherzige Nachtglocke wieder läutete. Ein Bote rief mich zu dem Kinde eines befreundeten Pfarrers in dem Dorfe Hertingen; es sollte an Krupp leiden, doch handelte es sich, wie ich bald feststellte, nur um einen einfachen, heftigen Katarrh der oberen Luftwege. Ich hatte für alle Fälle ein Brechmittel[296]  aus der Apotheke mitgenommen und blieb bei dem Kinde, bis es gewirkt hatte.
So war es wieder Tag geworden, als ich nach Hause kam, wo neue Arbeit auf mich wartete. Es schneite stark, und ich mußte gleich nach Tische im Schlitten nach dem abgelegenen Hofe Maugenhardt fahren. Der Weg war stellenweise verschneit und nicht genau einzuhalten, auf dem Heimwege fiel der Schlitten um, ich versank mit dem halben Leib im tiefen Schnee. Bis auf die Haut eisig durchnäßt kam ich nach Hause, konnte aber nicht sogleich das Bett aufsuchen. Endlich legte ich mich, wurde jedoch nicht warm und war erst gegen Mitternacht ein wenig eingeschlafen, als mich plötzlich Stiche in der Brust links unten und hinten weckten. Ich fürchtete eine Brustfellentzündung, atmete aber ohne Schwierigkeit. Schlaflos und fiebernd verbrachte ich die Nacht und wollte am Morgen gerade einschlummern, als der Bader des Städtchens erschien, mich zu erinnern, daß ich versprochen hatte, an diesem Morgen ein Mädchen, das bei ihm Wohnung genommen, an einer Hasenscharte zu operieren. Sie war schon als Kind einmal operiert worden, ohne Erfolg, und erwartete ihn von mir, weil ich einem Knaben ihres Dorfs den entstellenden Fehler beseitigt hatte. So stand ich denn auf, wie elend ich mich auch fühlte, und ging ans Werk. Die Operation gelang, das Mädchen erlangte ein hübsches Gesicht, fand bald einen Mann und wanderte mit ihm nach Nordamerika.
In meine Wohnung zurückgekehrt, mußte ich noch einige »Wälder« abfertigen, ehe ich endlich die ersehnte Bettruhe fand. Meine Krankheit war jetzt leicht zu diagnostizieren. Ich fühlte eine große Schwäche in beiden Beinen, konnte kaum darauf stehen, sie waren gelähmt, die Füße taub, es stellten sich Wadenkrämpfe ein und gänzliche Lähmung der Blase; offenbar litt ich an einer Entzündung des Rückenmarks oder seiner Häute im untersten Teile des Wirbelkanals. Eine schreckliche Aussicht eröffnete sich mir. Entweder stieg die Entzündung vom Lendenmark zum Halsmark aufwärts, lähmte mir die Arme und zuletzt die Atmungsorgane, so daß ich ersticken mußte, oder sie machte tiefer unten halt, hinterließ wahrscheinlich[297]  eine Lähmung der unteren Körperhälfte und machte mich zur Ausübung meines Berufs dauernd unfähig.
Meine Lage war sehr schlimm. Vor allen Dingen bedurfte ich chirurgischer Hilfe. Leider hatte der Kollege, der neben mir im Orte praktizierte, wie ich aus seinem eigenen Munde wußte, noch niemals den Katheter eingeführt und diese so häufige und wichtige, nicht selten auch schwierige Operation dem Bader überlassen, dessen Geschicklichkeit ich nicht recht traute. Da fiel mir zu meinem Glücke ein, daß einer meiner Basler Freunde, Dr. Theodor Schneider, der bis vor kurzem Assistent der Chirurgischen Klinik gewesen war, seine Stelle aufgegeben hatte, um in wenigen Wochen nach Amerika zu reisen. Er verweilte gerade zu Besuche bei seinem Oheim, dem Pfarrer Schneider in Feldberg bei Müllheim. Ich schickte ihm einen Boten, konnte aber die Ankunft meines Freundes nicht abwarten, meine Qual wurde unerträglich, gegen Mittag mußte ich mich doch dem Bader anvertrauen. Obwohl er zum Ziele kam, folgte dem Eingriff eine Entzündung. Abends kam mein Freund. Mit aufopfernder Hingebung verweilte er einige Wochen bei mir und besorgte mich und meine Kranken; niemand hat mich in meinem ganzen Leben so zu Danke verpflichtet wie er. Mein Freund und Samariter lebte später, von der ärztlichen Tätigkeit zurückgezogen, in Dornach bei Basel.


Unsere anatomische Kenntnis der Rückenmarkskrankheiten stand damals noch auf schwachen Füßen. Ich stellte mir vor, daß es sich um eine Meningitis lumbaris rheumatischen Ursprungs handle, um einen wäßrigen trüben Erguß in und zwischen die Häute des untersten Abschnitts des Rückenmarks und seiner Nervenstränge, von ähnlicher Beschaffenheit, wie die Flüssigkeit, die in den Gelenken beim akuten Rheumatismus gefunden wird. Meine Krankheit für rheumatisch anzusehen, berechtigten mich die vorausgegangenen Umstände und die Abwesenheit von andern bekannten Ursachen, namentlich von Infektionen. Daraus schöpfte ich einigen Trost, da ich schon einmal eine schwere rheumatische Krankheit glücklich überstanden hatte; noch mehr Hoffnung faßte ich, als die Entzündung in den nächsten Tagen nicht höher stieg.[298]
Gleich am ersten Tag nahm ich ein Wiener Tränkchen, um den Abfluß des venösen Blutes aus dem Wirbelkanal in die Bauchhöhle zu erleichtern, und versuchte dann an den folgenden Tagen, durch warme Bäder die gestörte Hauttätigkeit wiederherzustellen. Mein Zustand blieb unverändert, ich litt viel an Schmerzen und Krämpfen in den Beinen, mit Unterstützung konnte ich mühsam stehen, jedoch nicht gehen.
Gegen Ende der ersten Woche verleiteten mich Sorge und Ungeduld zu einer eingreifenden Kur, die ich bei einem andern Kranken nicht gewagt hätte; sie fußte hauptsächlich auf meinem Vertrauen zu den so oft an mir erprobten Heilwirkungen des Brechweinsteins. Dieses Mittel wirkte bei mir schon in der kleinen Gabe eines Grans (0,06 gm) sicher, rief ungemein reichliche Ausscheidungen hervor, riesige Ergüsse, die, wie ich hoffte, zur Aussaugung der ausgeschwitzten Flüssigkeit im Wirbelkanal führen würden. So nahm ich denn dreimal in einer Woche, je über den andern Tag, die Dosis von einem Gran nüchtern und lebte an diesen Tagen nur von Wassersuppen. Die Wirkung auf die Ausscheidungen war stets die gleich mächtige, und von der Stunde an, wo die dritte Dosis gewirkt hatte, war die Anwendung des Katheters nicht mehr nötig und schwanden die Krämpfe und Schmerzen, während die Lähmung der Beine sich weit langsamer verlor. Ich konnte erst Mitte April das Bett verlassen und zu Anfang Mai mich aus dem Hause wagen. Viele Jahre hatte es gedauert, bis ich mich von der Lähmung ganz erholte.
Während ich im April noch das Bett hütete – Freund Schneider war abgereist – trug sich ein Zwischenfall zu, der mir unvergeßlich bleibt. Ein Bauer, der nicht wußte, daß ich erkrankt war, wollte mich zu seinem Kinde holen. Er stand in den Vierzigern und bot ein prächtiges Bild männlicher Kraft. Ich wies ihn an meinen Kanderner Kollegen. Als er auf starken Beinen das Zimmer verließ, seufzte ich: »Oh, daß ich meinen lahmen Leichnam gegen den kerngesunden Leib dieses Bauern umtauschen dürfte!« – Acht Tage nachher besuchte mich mein Kollege, und ich erkundigte mich nach dem Kinde. »Das Kind«, erwiderte er, »ist rasch genesen, aber der Bauer tot.« Entsetzt[299]  rief ich: »Unmöglich!« Dennoch war es so, der scheinbar kerngesunde Mann war plötzlich gestorben. Seit diesem Erlebnis habe ich keinen Menschen mehr um sein blühendes Aussehen beneidet.


Schluß



[300] Sobald ich hoffen durfte, meine Gesundheit wieder zu erlangen, entschloß ich mich, die Landpraxis aufzugeben, weil ich ihr nicht mehr gewachsen war, und kam auf den alten Gedanken zurück, die akademische Laufbahn einzuschlagen. Ich hatte ihn aufgegeben, weil mir die Mittel dazu fehlten, jetzt hatte ich sie mir in der Praxis erworben, sie konnten für 2–3 Jahre hinreichen. Mein Plan war, mich im Sommer durch Seebäder völlig herzustellen und im Herbste nach Würzburg zu gehen, um dort nochmals zu studieren und zu promovieren. Dann erst wollte ich mich in Heidelberg niederlassen und habilitieren.
Zur Badekur wählte ich die Küste der Normandie. Auf dem Wege dahin besuchte ich in Paris Karl Schaible, der dort in Verbannung lebte, aber gerade im Begriffe war, Frankreich mit England zu vertauschen. Er entschloß sich, mit mir an die See zu gehen, wir verweilten mehrere Wochen zusammen in dem kleinen Dorfe Sanvic bei Havre, machten Ausflüge nach Trouville, das gerade bei der vornehmen Welt in Aufnahme kam, nach Etretat und Honfleur. Die Bäder kräftigten mich, ohne mich gänzlich herzustellen.
Nach Würzburg zog mich Virchow. Seit dem Herbste 1849 lebte er nicht mehr in Berlin. Die preußische Regierung hatte ihm seiner demokratischen Gesinnung wegen im Frühjahr 1849 die Prosektur weggenommen und das Dozieren nur aus besonderer Gnade bis auf weiteres gestattet. Dies hatte ihn bestimmt, einem Rufe der bayerischen Regierung nach Würzburg zu folgen, wo er die medizinische Jugend mächtig anzog und mit erstaunlicher Fruchtbarkeit fortfuhr, die Heilwissenschaft durch wichtige Entdeckungen und Ideen zu fördern. Preußen und Bayern hatten die Rollen vertauscht; einst hatte Preußen[300] Schoenlein, unbekümmert um die Anklage auf Hochverrat, die ihm in Würzburg gedroht, nach Berlin geholt, jetzt berief Bayern ebenso unbekümmert den erklärten Demokraten Virchow von Berlin nach Würzburg.
Ich blieb zwei Semester in Würzburg, hörte, nochmals immatrikuliert, Vorlesungen und Kurse bei Virchow, Koelliker und Scherer, arbeitete im Winter täglich mehrere Stunden im Präpariersaal und im Sommer im chemischen Laboratorium. Mit Heinrich Müller, dem frühe verstorbenen, um die Erforschung des mikroskopischen Baus der Sehhaut so verdienten Anatomen, erneuerte ich die schon in Heidelberg gemachte Bekanntschaft, und mit Nikolaus Friedreich, dem nachmaligen Heidelberger Kliniker, der gerade Dozent geworden war, schloß ich Freundschaft. Der Zufall machte mich gleich am ersten Tage zu seinem Tischnachbarn im Gasthofe zum Schwanen. Er war noch unverheiratet, und ich hatte meine Frau bei ihren Eltern zurückgelassen, erst an Ostern kam sie nach. Friedreich und ich richteten einen Mittagstisch um 5 Uhr für uns ein, um den Tag besser ausnützen zu können; George Harley, später Professor und Physician am London University Hospital, der Verfasser einer geschätzten Monographie der Leberkrankheiten, und mehrere ältere Studenten der Medizin schlossen sich uns an. Gegen Ende des Sommersemesters promovierte ich, wobei mir Friedreich opponierte.

Um eine in der Praxis schmerzlich empfundene Lücke meines ärztlichen Wissens auszufüllen, ging ich von Würzburg nach der badischen Landes-Irrenheilanstalt Illenau, wo ich den größten Teil des Herbstes mit psychiatrischen Studien verbrachte. Neben dem Direktor Roller und den Ärzten Hergt und Fischer waren hier als Hilfsärzte Gudden, traurigen Andenkens, und Kast angestellt. Gudden beschäftigte sich eifrig mit mikroskopischen Untersuchungen, zeigte mir seine lehrreichen Präparate, namentlich über Hautparasiten, und setzte mir seinen Plan auseinander, die physiologischen Verrichtungen der Gehirnteile durch ihre operative Ausschaltung bei neugeborenen, am Leben zu erhaltenden Tieren aufzuklären. Auch Kast war ein gescheiter Kopf von selbständigem Urteil. Aus dem steten[301] Verkehr mit diesen jungen Ärzten und aus den Krankenvisiten mit den erfahrenen älteren zog ich großen Gewinn.
Erst zu Beginn des Winters siedelte ich mit Frau und Kindern nach Heidelberg über; zu dem ersten Töchterchen war noch in Kandern, kurz nachdem ich das Krankenlager verlassen hatte, ein zweites gekommen. Im folgenden Jahre habilitierte ich mich. Von meinen alten Lehrern fand ich nur noch Chelius und Delffs; an Henles Stelle lehrte Fr. Arnold Anatomie und Physiologie, statt Pfeufer leitete Hasse die Innere Klinik, Geburtshelfer war Lange.
Ich vermochte erst später ganz zu ermessen, welch ein Wagnis ich unternommen hatte, als ich mitten aus der Landpraxis heraus mich entschloß, mit noch siechem Körper und beschränkten äußeren Mitteln die akademische Laufbahn einzuschlagen. Der Versuch ist über Erwarten gelungen, und die Krankheit hat mir statt Verderben Glück gebracht; wäre ich auch länger gesund und Landarzt geblieben, so wäre ich doch zweifelsohne frühe den Strapazen erlegen, aber die Ausführung meines Wagnisses ist mir nicht leicht geworden. Kaum war ich in Heidelberg eingezogen, so sah ich mich beinahe gezwungen, zur Praxis zurückzukehren. Aus unklugem Mitleid hatte ich in Kandern beim Weggehen meinem Hauswirte, einem gutmütigen, aber schwachen Menschen mit großer Familie, der in Gant geraten war, den Einzug meiner Ausstände, gegen einen Anteil an der Einnahme, übergeben; er hatte den Einzug zwar besorgt, aber das Geld für sich und seine Familie verbraucht. Schlimmer war es noch, daß meine Gesundheit jahrelang schwach und schwankend blieb; das Gespenst einer rückfälligen Lähmung schreckte mich von Zeit zu Zeit, vermutlich wäre ich den Sorgen und Mühen unterlegen, hätte mir nicht die treue Gefährtin, deren Tapferkeit ich einst richtig erkannt, stets unverzagten und heiteren Sinnes ermunternd zur Seite gestanden.
Hiermit bin ich zum Schlusse meiner Erinnerungen gekommen. Den wiederholten Anforderungen alter und junger Freunde, meine Lebensgeschichte zu schreiben, habe ich damit nur teilweise entsprochen, aber ich glaube sie nicht weiter als[302] bis zur Aufnahme meiner akademischen Tätigkeit führen zu sollen. Die spätere Periode meines Lebens ist den Fachgenossen bekannt und würde andern Lesern kaum Interesse bieten, wohl aber mag die Geschichte meiner Jugend Ärzten und Nichtärzten Lesenswertes bringen. Der Weg, den ich vom Landarzt zum klinischen Lehrer zurücklegte, hat vielfach Neugierde erregt, weil er nur selten, wenn je, begangen worden ist. Meine Erinnerungen geben darüber Aufschluß; sie liefern zugleich Beiträge zur Geschichte des medizinischen Unterrichts und der Medizin selbst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die den jüngeren Ärzten wenig bekannt ist, sowie zur Geschichte unsres deutschen Universitätswesens, unsrer Kultur und politischen Entwicklung. Möchten die Bilder aus meinen Jugendjahren dem Leser ebensoviel Vergnügen bereiten, als mir die Aufzeichnung gewährte.


Adolf Kussmaul
Jugenderinnerungen eines alten Arztes













1. Kindheit

Geschlecht und Name
Mein Vater
Früheste Erinnerungen
In der Volksschule zu Boxberg
Im Pfarrhaus zu Buch am Ahorn
Zeitbegebenheiten



2. Auf den Gymnasien

Wertheim
Mannheim
Das Mannheimer Lyzeum
Heidelberg
Das Heidelberger Lyzeum
Die Duldsamkeit der Väter
Die Eröffnung der ersten badischen Eisenbahn



3. Burschenleben

Der Maulesel
Der Fuchs
Die Burschenwelt
Die Studentenschaft der Ruperto-Carola bis 1840
Das Schwabenkorps
Das Pauken
Die Opposition
Die allgemeine Studentenschaft
Scheffel, die Alemannia und ihr Ende



4. Medizinisches Studium

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Romantik und Rationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts
Friedrich Tiedemann
Die Anatomen Kobelt und Bischoff
Naturforscher
Die klinischen Anstalten
Friedrich August Benjamin Puchelt
Maximilian Joseph von Chelius
Franz Karl Naegele
Jakob Henle
Karl von Pfeufer
Die gelöste Preisfrage
Poliklinische Lehrzeit



5. Vor und nach der medizinischen Staatsprüfung

Die Vorbereitung zur Prüfung
Der ärztliche Lizenzschein und das Doktordiplom
Die badische Staatsprüfung
Die Verlobung
Eine Lektion bei der alten Frau Doktorin
Wunderkuren
Purgierkuren und Blutentziehungen
Vomierkuren
Prüfung auf dem Krankenbette. Akuter Gelenkrheumatismus



6. Reisebilder



Der Frühling 1847
München
Lola Montez
Tirol
Das Salzburger Land
Das Salzkammergut



7. Wien

In der Alservorstadt
Umschau in Wien
Politische Streiflichter
Im allgemeinen Krankenhause
Bei Rokitansky
Bei Semmelweis
Die Wiener Schule



8. Prag

Die Prager Fakultät
Vereitelte Zukunftspläne



9. Im badischen Heere 1848-49

Die Heimreise von Prag im März 1848
Eintritt in das badische Heer
Der Winter 1848-49 in Lörrach
In Schleswig-Holstein 1849
Widerwärtigkeiten und Heimkehr
In Rastatt



10. In Kandern

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Kandern
Land und Leute
Landpraxis und Landärzte
Gelähmt
Schluß
