
                                Spitteler, Carl

                              Conrad der Leutnant

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                                 Carl Spitteler

                              Conrad der Leutnant

                          Vorbemerkung des Verfassers

Unter Darstellung verstehe ich eine besondere Kunstform der Prosa-Erzhlung mit
eigentmlichem Ziel und mit besondern Stilgesetzen, welche diesem Ziel als
Mittel dienen. Das Ziel heit: denkbar innigstes Miterleben der Handlung. Die
Mittel dazu lauten: Einheit der Person, Einheit der Perspektive, Stetigkeit des
zeitlichen Fortschrittes. Also diejenigen Gesetze, unter welchen wir in der
Wirklichkeit leben.
    Mit erluternden Worten: Die Hauptperson wird gleich mit dem ersten Satz
eingefhrt und hinfort nie mehr verlassen. Es wird ferner nur mitgeteilt, was
jene wahrnimmt, und das so mitgeteilt, wie es sich in ihrer Wahrnehmung
spiegelt. Endlich wird die Handlung lebensgetreu Stunde fr Stunde begleitet, so
da der Erzhler sich nicht gestattet, irgendeinen Zeitabschnitt als angeblich
unwichtig zu berspringen. Aus dem letzten Gesetz ergibt sich wiederum die
Notwendigkeit, die Handlung binnen wenigen Stunden verlaufen zu lassen.
    Selbstverstndlich eignet sich nicht jeder Stoff zur Darstellung, im
Gegenteil, von Fragmenten abgesehen und Irrtum vorbehalten, blo eine einzige
Gattung von Stoffen, nmlich die gedrngten und geschlossenen (dramatischen). Ja
sogar unter ihnen nur solche, die es erlauben, auf ungezwungene Weise smtliche
wichtigen Motive unmittelbar vor der Entscheidung vorzufhren. Der Faden wird
dann kurz vor der Entscheidung angefat und nach dem Willen der Wahrheit
gesponnen. Erweist sich bei dunklen (tragischen) Stoffen mit groer Personenzahl
nach dem Tode der Hauptperson noch ein abschlieender Anhang als notwendig, um
die Handlung von allen Seiten ausklingen zu lassen, so wird der abschlieende
Anhang aus der Perspektive einer berlebenden zweiten Hauptperson nach den
nmlichen Gesetzen gearbeitet.

Der junge Conrad Reber aus dem Pfauen in Herrlisdorf, der Leutnant, strich durch
den Stall, hinter den Gulen vorbei, welche bei seiner Ankunft den Hals
emporschleuderten und sich polternd zurechtstellten. Aber die rote Lissi,
zuhinterst in der Ecke, schaute sich zutraulich um, hob den Schweif und spreizte
die Schenkel.
    Was ist, Lissi? machte der Leutnant. Sags, was mchtest mir klagen? Gelt,
mchtest auch lieber auf dem Frauenfelder Exerzierplatz galoppieren, morgens
frh um fnf, wenn die Trompeten schmettern, und Fensterparade am Sonntag
vormittag und am Abend schne Frulein, die dir die Mhne streicheln, dir ein
Zckerchen und mir ein Kchen, als daheim Mist auf den Acker fahren und Zank
und Schelten und saure Gesichter den langen Tag! Kehr dich links, kehr dich
rechts, bck dich, streck dich, geschimpft wird auf jeden Fall. Hrt das
Schimpfen auf, so fngt das Seufzen an. Allein was meinst, Lissi? meinst nicht
auch selber: wenns zuviel ist, so ists zuviel, und wenns zu lange whrt, so mu
es ein Ende nehmen. So oder so, hinter sich oder fr sich, in Gte oder in
Krieg. Hiermit klatschte er dem Rlein mit der Flachhand aufs Kreuz, da es
vor Mut strampelte.
    Und da eben der Scheck und der Bl einander futterneidisch anfletschten,
jauchzend vor Ha, raffte er die Geiel vom Fenster und zog ihnen ein paar
sausende Streiche unter dem Bauch durch, da sie aufjuckten wie die Forellen
beim Gewitter.
    Friede in des heiligen Dreiteufels Namen! herrschte er. Mu denn in
diesem znkischen Hause sogar das vierfige Vieh hadern?
    Und nachdem er ihnen nachtrglich noch ein paar feine Zwicker um die Knie
verabreicht, zum Vorrat fr spter, verblieb er mit ausholendem Arm, bis die
Aufregung sich gelegt hatte und ein gleichmiges Mampfen aus smtlichen Krippen
knusperte. Hierauf schob er sich mit unhrbaren Schritten nach der Fensternische
und hngte die Geiel an den Nagel, behielt jedoch den Griff in der Hand, die er
erst nach geraumer Zeit verstohlen an sich zog. Hernach verharrte er regungslos,
an den Sims gelehnt.
    Ein weier Lichtstab zuckte in gebrochenen Winkeln durch die Stalltr, zwei
Schwalben aufscheuchend, welche blitzschnell ber die Trspalte flchteten; und
eine Hand nestelte schwchlich am Verschlukettchen. Conrad, bist dus?
heischte vertraulich eine Frauenstimme von drauen. Dann bat sie dringender:
Mach auf, Conrad, ich bins, Anna, die Schwester.
    Die Stalltr bleibt zu, versetzte er bestimmt. Hingegen das
Scheunenpfrtchen ist offen. Einige Sekunden spter tastete, vom Stalldunkel
geblendet, die Schwester behutsam zwischen Mauer und Gosse herbei, die Kleider
zusammenfassend.
    Guten Tag, Anna, grte er ihr entgegen, um ihr den Weg zu weisen.
    Was versteckst du dich den lieben langen Vormittag, da dich kein Mensch
findet? schmlte sie mit freundschaftlichem Ton.
    Bin ja doch berall im Wege.
    Gleichviel. An einem Maisonntag, wo jeder Bahnzug ein halbes Hundert Gste
bringen kann, gehrt der Meister ins Haus und nicht in den Stall.
    Wer? Der Meister? Ich der Meister? Als ob es vom Keller bis zum Estrich
eine Seele gbe, die weniger zu sagen htte als ich! Der Sndenbock, das bin
ich; die Zielscheibe fr jedermanns ble Laune! Meister! Ich der Meister!
    Sie lehnte sich besnftigend an ihn. Du solltest mit dem Vater ein bichen
mehr Geduld haben, Conrad, schmeichelte sie.
    Da brauste er auf: Wenn ich nicht Geduld htte, viel Geduld, sehr, sehr
viel Geduld, meinst, ich wre nicht lngst schon dreingefahren? Und wie!
brigens handelt es sich keineswegs blo um Geduld oder nicht Geduld. Ich bin
vierundzwanzigjhrig, stimmfhig, Militr und sogar Offizier, auerdem
Kommandant der Feuerwehr. Meine Kameraden haben ihre Freiheit, ihren Willen,
ihre selbstndige Ttigkeit, einige sogar Amt und Familie. Ich dagegen werde von
meinem Alten wie ein Bube geschurigelt. Wer aber im eigenen Hause nichts gilt,
der ist auch in der Gemeinde nichts wert. Das ists, was mich wurmt, das ists,
was ich nicht verwinde.
    Sie schwieg ein Weilchen, die Augen niederschlagend, whrend sie zerstreut
mit den Schellen eines Pferdekumts tndelte. Endlich, nach langem Zgern, warf
sie halblaut hin:
    Wer wei denn, wie lange er berhaupt noch lebt.
    Conrad schaute betroffen auf, wie damals, als er in der Rekrutenschule zum
ersten Male den teuflischen Pfiff einer Pikrinrakete vernommen hatte. Dann
runzelte er die Stirn: Du, Anna, hr einmal, ob ich mich schon nicht aufs
Vermitteln verstehe wie du, einen solchen ruchlosen Gedanken, weit du, htte
ich mir doch nie erlaubt, nicht einmal im Traum.
    Sie senkte den Kopf und starrte durch das Fenstergitter ber die ziegelroten
Dorfdcher, dorthin, von wo aus unsichtbarer Waldeshhe der Kuckuck sang, so
laut und innig, als ob er den Himmel noch blauer singen wollte; dann pltzlich
warf sie sich mit elendiglichem Schluchzen ber den staubigen Sims, den Kopf
zwischen den Armen verbergend, auf welche die Trnen niederstrmten,
berjhrige, reife Geburtstagstrnen, in stillen Nchten gesammelt und im
verschwiegenen Herzen gezeitigt.
    Und abermals erstaunte er, zwischen Mitleid und Andacht, als ob er, ber ein
gedecktes Brunnenloch schreitend, durch die Bretterfugen tief unten im finstern
Wasser etwas Lebendiges sich regen she. Teilnehmend bckte er sich und
liebkoste trstend ihren Scheitel. Anna, beschwichtigte er.
    Meinst du denn, einzig nur du allein habest Schweres zu tragen? stie sie
hervor.
    Was ist? Wollen sie dir deinen Doktor nicht geben?
    Der Vater schon, hingegen die Mutter nicht.
    Ich habe den Vater, und du hast die Mutter, urteilte er finster.
    Sie aber, da drauen Stimmen laut wurden, sprang hurtig auf und schttelte
den Jammer vom Herzen. Sieht man mirs an? fragte sie frisch, die Augen
wischend und das Kleid glttend. Dann mahnte sie berlegen: Komm also jetzt, es
ist Essenszeit; wir speisen nmlich heute eine Stunde frher. Und vertraulich
raunte sie ihm zu: Der Vater it besonders, ich habe ihm in der Wohnstube
gedeckt. Auch die Mutter kommt wahrscheinlich nicht zu Tisch herunter.
    Warum? fragte er besorgt, sie ist doch hoffentlich nicht krank?
    Nein, blo Migrne. Vor Aufregung und Angst.
    Angst?
    Nun ja. Vor allem, was es heute knnte zu tun geben. Du weit ja.
    Erleichtert atmete er auf. So kann man doch wenigstens einmal ausnahmsweise
im Frieden zu Mittag essen.
    Gewi. - Das heit, die Base ist zwar zur Aushilfe da.
    Was fr eine? forschte er mitrauisch.
    Sie brachte die Antwort kaum zum Vorschein. Beide, gestand sie endlich
kleinlaut, die Rosinenbase und die Hexenbase.
    Warum nicht gleich ein ganzer Hhnerhof voll? hhnte er.
    Nur auf einen halben Tag, entschuldigte sie. Vor einer Stunde angekommen
und am Abend wieder fort. Das wird, denk' ich, auszuhalten sein! Und
klugerweise, damit er den Bissen besser verdaue, go sie drei Trpfchen Humor
nach: Ich wollte, du httest sie sehen knnen, wie sie miteinander anrckten,
Arm in Arm, unter einem urweltlichen Regenschirm, wackelig wie die liebe alte
Zeit und ausgelassen wie jhrige Osterhslein. Den Vater haben sie vor lauter
bermut an der Nase gezupft, stell dir das einmal vor! Gegenwrtig zanken sie
sich weidlich in der Kche herum. In aller Wohlmeinenheit natrlich.
    Wirklich brachte sie ihn zum Lcheln. Nicht ber den Humor des Bildes, da er
als Willensmensch wenig Empfnglichkeit fr Humor besa, sondern ber dessen
Freundlichkeit. Denn sieben Kinderjahre grten ihn aus ihren Runzeln. Wenn nur
die Hexenbase nicht eine so scheuliche Zunge htte, wandte er nachgiebig ein,
halbwegs umgestimmt. Wenn ich sie reden hre, ist mir immer, als htte sie
allen Sprachunrat des Kantons von der Landstrae aufgelesen.
    Sie meints ja seelengottengut. - Und kocht Nummer eins.
    Ich sage nicht nein. Aber ein Maulkorb gehrte ihr von Rechts wegen, auf
Beschlu des Regierungsrates, in feierlicher auerordentlicher Sitzung.
    Die Schwester erachtete Weiterungen fr berflssig, verzichtete auf
Widerspruch, fate die Rcke zusammen und trippelte auf den Zehen umsichtig
davon. Also du kommst jetzt zum Essen, schlo sie bestimmt, ohne sich nur nach
ihm umzusehen, und lie das Scheunenpfrtchen offen.
    Sollte er wirklich? Mute ers durchaus? Fort aus dem sichern Verlies in den
Ha und Hader? Doch das offene Pfrtchen mahnte ihn fortwhrend, mit der Stimme
der Schwester, und Appetit sprte er, ehrlich gestanden, auch. Zgernd,
widerwillig folgte er. Einmal Herr und Meister sein! sthnte er grimmig vor
sich hin, gebieten knnen, strafen und belohnen drfen, Achtung erfahren,
Frieden haben, keine ungerechten Vorwrfe einstecken mssen - und wre es auch
nur auf eine einzige Stunde - oder eine halbe!

Drauen auf dem weiten Dorfplatze im grellen Vormittagssonnenschein unterhielten
sich Gruppen steifgekleideter Sonntagsbauern, das Kirchengesangbuch in der Hand.
Ohne sich zu rhren, glotzten sie ihn an. Prchtiges Kirschenwetter heute,
rief Conrad im Vorbergehen leutselig. Antwort erhielt er keine. Da runzelte er
die Stirn. Mach dich gemein, la dich herab, sei freundlich und zuvorkommend,
sofort lassen sie dichs ben.
    An der Hausecke des Pfauen, gegen die Terrasse, balgten sich unter
wieherndem Gelchter der Portier und Benedikt, der Kutscher. Der Portier, die
Mtze schief auf dem Hinterkopf, schlenkerte das Bein gegen Benedikt, das dieser
zu packen trachtete. Beim Anblick des jungen Meisters trat der Kutscher grend
zur Seite, der Portier dagegen, nachdem er erst unwillkrlich nach seiner Mtze
gegriffen, besann sich anders, behielt sie auf dem Kopf und setzte das rohe
Spiel fort.
    Der Leutnant bedachte ihn mit einem scharfen Blick, dann schwenkte er nach
dem Seitenpfrtchen neben der Kche ins Haus.
    Vor der Schwelle stockte er mit einem Ausruf der Entrstung. Nmlich
Taubenfedern lagen herum, und einige rote sternfrmige Tropfen Blutes bedeckten
die oberste Stufe.
    Hat da wieder einmal so ein armes unschuldiges Tubchen sein junges Leben
lassen mssen, damit irgendein verwhnter Lecker seinen schalen Gaumen mit dem
magern Bissen kitzle!
    Ehe er eintrat, schpfte er, rund um sich blickend, einen groen Atemzug
freie Luft. Mut! murmelte er, whrend ihn Ekel durchschauderte.
    Hernach schritt er leise ber die Schwelle in den Hausgang, wo er
argwhnisch lauschte wie auf Feindesboden. Nichts Verdchtiges in der Nhe;
Leere ringsum und Stille in den Rumen. Das Unheil schlief also irgendwo in
einem entlegenen Versteck, unter einem Strohwisch. Nur von der Kche, aus
verwinkelter Ferne drang der Zank der Basen an sein Ohr.
    Aber wenn das einen wohlmeinenden Zank bedeutete, wie lautete dann ein
belmeinender? Ein Duett, als ob zwei tropfnasse Katzen mit verknoteten
Schwnzen durch einen Affenkfig gepeitscht wrden.
    Belustigt, mit der Wonne des Gemaregelten, wenn seine Zuchtmeister
aneinander geraten, weidete er sich an dem Konzert. Jetzt lat sehen, wer wird
Meister? die Hexenbase oder die Rosinenbase?, und er lie mit erhobenen Hnden
die Zeigefinger gegeneinander fechten, wie das Krokodil und der Teufel im
Kasperletheater.
    
    Darber flog die Kchentr auf, und Flucht und Verfolgung tanzten in den
Korridor. Den erluternden Text gewhrte die grlende Stimme der Hexenbase:
Pack dich! drck dich! hpp! alehoppla, marsch!
    Wart nur, drohte es zurck, im greinenden Ton eines gesteinigten
Propheten, wart nur ganz ruhig, bis der Conrad einmal Meister wird. So jagt er
dich aus dem Hause, wie du mich heute aus dem Hause jagst.
    Amen, es geschehe! betete Conrad und begab sich ins Speisezimmer.
    Es war noch menschenleer. Ein Gemisch von khlem Frhling und warmem
Sonnenstrahlenbad - frappierter Sommer, dachte er - zog durch das saubere,
wohnliche Gela aus und ein. Freundliche Reinheit um und um. Auf den gedeckten
Tischen funkelten die Glser und Wasserflaschen wie Nebensonnen. Ein kleiner
Tisch fr die Familie, ein langer, etwas getrennt davon, fr das Gesinde der
Aufwrterinnen. Beide mit Fliederstruen geschmckt und das Besteck so
regelrecht geordnet wie mit dem Zollstab abgemessen.
    Da berkam ihn eine Pulswelle Lebenslust, da er anfing, eine muntere
Marschweise vor sich hin zu pfeifen. Wie er indessen an der Wohnstube
vorbergeriet, zuckte er zusammen, verstummte und schlich sich verstohlen ans
nchste Fenster hinber. Er hatte durch die klaffende Lcke der nur zu
Dreivierteln geschlossenen Tr die Gestalt des Vaters wahrgenommen, der drinnen
in der Wohnstube im Lehnstuhl sa. Nur einen Augenblick, allein es hatte ihn wie
ein Faustschlag getroffen. Und nun schwebte ihm das verhate Bild, von der
Phantasie vergrert, in ungeheuerlichen Umrissen nach, riesenhaft und schwarz.
Dabei drehte sich etwas in ihm um, feindselige Gefhle an die Oberflche
frdernd; und mit klopfenden Pulsen, die Stirn an eine Fensterscheibe gedrckt,
starrte er auf die Terrasse hinab.
    Da, whrend er also ziellos hinbrtete, tauchte unversehens der frevelhafte
Spruch seiner Schwester in seinem Gedchtnis auf. Wer wei denn, wie lange er
berhaupt noch lebt! Ob er das Wort noch so heftig verbannte, es kam wieder und
hpfte unablssig in seinem Ohr. Gewi nicht als Wunsch und Hoffnung - pfui! -
sondern einfach als eine Frage. Und schlielich, im Grunde, warum sollte er sie
nicht beantworten? Eine unbezwingbare Neugierde wuchs in ihm heran, so da er
sich eine Schrittlnge seitwrts am Fenster zurckstahl, bis sein Blick durch
die Trspalte den Vater streifend erreichte, die rechte Seite des Krpers und,
je nachdem jener sich bewegte, auch den Kopf. Und nun begann er ihn verhaltenen
Atems zu beobachten, wie er ihn noch nie beobachtet hatte, mit dem lauernden
Blicke des Spions, welcher nach des Feindes Schwchen spht. Im einzelnen prfte
er ihn, von oben bis unten, um es schlielich zusammenzurechnen: das
schreckliche Antlitz, glatt und bartlos, mit braunen Flecken schauerlich
getigert, die frchterlichen, rot unterlaufenen Doggenaugen, den gedunsenen
Leib, der unter keuchenden Atemzgen seitwrts wogte, wie der Busen eines
Weibes, die unfrmlichen Klumpenbeine, welche trotz der sommerlichen Wrme in
Pelzstulpen steckten. Und heimlich zhlend, berflog er sein Alter:
vierundsechzig im Herbst. Jedesmal, wenn zufllig sein Blick den des Vaters
kreuzte, schnellte er den seinigen erblassend zurck, whrend der Vater
geruschvoll schnurfelnd ausspuckte.
    Mnnlein, was sinnst? rannte ihm die Schwester ins Ohr.
    Da fuhr er wie ein bleichschtiges Mdchen schreckhaft zusammen, da ihm das
Herz stille stand.
    Sie aber beschrieb mit ihren seelenvollen Hnden eine wischende Bewegung vor
seiner Stirn, wie der Zauberknstler, wenn er etwas verschwinden lt.
Infernalibus, flsterte sie. Dann erhob sie drohend den Zeigefinger:
Mnnlein, sei lieb, mahnte sie. Wenn du lieb bist, aber sehr, sehr lieb, will
ich dir etwas Schnes zeigen. Das sagte sie in einem Ton, als ob sie ein
Geschenk hinter dem Rcken verborgen hielte.
    Was? fragte er zerstreut, noch vom Schreck verstrt.
    Sie wies neckisch nach der Landschaft, da ihr Finger seine Nase streifte.
Zum Beispiel der rosarot gesprenkelte Apfelblust dort unten in der Matte, ist
der etwa nicht schn?
    Hiernach huschte sie frhlich nach dem Etisch hinber, unterwegs die
Wohnstubentr unauffllig schlieend, und machte sich mit dem Besteck zu
schaffen, indem sie nachtrglich Kuchenmesser auflegte, sowohl fr das Gesinde
wie fr die Herrschaft. Und whrend er nach wie vor in finsterer Verbohrtheit
zum Fenster hinausstierte, sang sie hinter seinem Rcken ber der Arbeit ein
Liedchen, bald leise summend, bald mit nachdrcklicher Betonung, je nachdem der
Wortlaut oder ihre Willkr es begehrte:

Weit, was der Kucker im Frhling singt?
Kein Mensch wei, was ihm der Sommer bringt.
Der Sommer, der schlft hinterm Gitzlisberg.
Gar vieles kommt anders und berzwerch,
Doch manches wieder kommt pltzlich gut,
Wenns niemand erwartet und hoffen tut.

Januar und Februar:
Gotts Segen ins Jahr.
Im Mrz und April
Gibts Wetter, wies will.
Im Maien der Schnee
Tut der Apfelkammer weh.
Brachmonat, August -
Trag willig, was mut.
Im Herbst wchst die Nacht,
Bis es Winter macht.
Der Ofen tut not,
Die Blmlein sind tot.

Die Blmlein, die sind halt den Frost nicht gewohnt.
Wenns nur meinen Liebsten, meinen Einzigen verschont.

Statt Einzigen aber setzte sie Conrad, indem sie jedesmal bei diesem Namen einen
herzinnigen Blick dem Bruder zuschickte, glckzufrieden, unbekmmert, ob er es
bemerke.

    Jetzt bimmelte die Eglocke, und nach einer kleinen Schicklichkeitspause
rauschten die Kellnerinnen ins Zimmer, einzeln und gruppenweise. Beim Eintritt
wnschte eine jede dem jungen Meister ein treuherziges Gutentag, nicht
ehrfrchtig, vielmehr kameradschaftlich und vertraulich, wofr er jedesmal mit
lauter Stimme dankte, brigens ohne sich umzuwenden.
    Ein anmutiges Summen flsternder, schwatzender, trllernder Mdchenstimmen
bewegte sich hinter ihm hin und her. Mit der Zeit schob sich in seine Hnde, die
er hinter dem Rcken verschrnkt hielt, ein Blumenstengel. Weil aber ein
Fensterflgel spiegelte, erkannte er die Tterinnen. Josephine, urteilte er,
das errt man an der Narretei.
    Dann kreiste ihm eine Hand bers Gesicht. Solch eine vorsintflutliche
Patsche hat einzig in der Welt Brigitte, erklrte er.
    Betrug! verkndete ein emprter Ausruf. Er sieht uns im Fenster. Und
sofort zerstreute sich der Schwarm. Dagegen erschien jetzt seine Schwester neben
ihm.
    Nun denn, was sagst du jetzt dazu? forschte sie.
    Wozu?
    So sperr doch endlich deine Guckaugen auf, Tolpatsch!
    Er drehte sich nachlssig um, und wie sein Blick ber den Mdchenhaufen
glitt, bunt und frhlich wie ein Junimorgen im Garten, entdeckte er unter den
Kellnerinnen eine neue: hochgewachsen, stattlich und bolzgerade aufrecht, in
reichster Bernertracht, ltig Silber und Samt und Seide, steifgewlbtes Vorhemd,
panzerhartes Mieder, gestickte Halbhandschuhe, alles genau bis ins einzelste,
wie in einem Trachtenbilde fr die Fremden hinter einem Schaufenster von
Interlaken.
    
    Aus was fr einer Spielschachtel hast du die bezogen? bemerkte er
beifllig, doch gleichgltig.
    Gelt? lachte sie. Oder habe ich dir denn nicht versprochen, etwas Schnes
zu zeigen? - Aber nichts da von Spielschachtel, loses Menschenkind! Potztausend,
damit wird nicht gespielt, hrst du? Nur zum Ansehen. Und sorgfltig mit
umgehen, wohlgemerkt, denn das ist eine kostbare Prsidententochter, sprd und
stolz. brigens fr sie ist mir nicht bange, denn sie hat drei Reihen Nadeln auf
der Zunge wie ein Hecht - um so mehr fr dich - wehe deinem Herzen! armer
Conrad! Hiermit hpfte sie triumphierend von ihm weg, singend in jauchzenden
Oktaven.
    Er aber behielt die Bernerin im Auge, und jhlings von bermtigem
Selbstgefhl gepackt, manvrierte er sich angriffslustig zu ihr hinber.
    Also wahrscheinlich Bbeli oder Marianneli, machte er pltzlich, indem er
unvermutet vor sie hintrat, so nahe, da seine Stirn beinahe die ihrige
berhrte, damit sie ihm weiche.
    Sie hielt ihm jedoch trotzig Stand, mit zusammengezogenen Brauen. Weder
Bbeli noch Marianneli, sondern Cathri, erwiderte sie barsch und wich ihm nicht
um Zolles Breite.
    Von Langnau oder von Signau? stocherte er weiter.
    Ich an Eurer Stelle, rief sie hitzig, wenn ich mich aufs Raten nicht
besser verstnde, liee es bleiben. Von Melchdorf bin ich.
    Melchdorf? Von Melchdorf? Wo ist doch Melchdorf? brigens wo von Melchdorf?
Aus der Sge oder aus der Mhle? Nmlich Melchdorf, mt Ihr wissen, Melchdorf
ist gro.
    Jetzt sagt Ihr eine Dummheit; denn Melchdorf ist klein. Besitzt auch
berhaupt weder eine Sge noch eine Mhle. brigens, wenn Ihr denn so
wundergierig seid, es ist kein Geheimnis, man darfs wissen: im Taubenhof bin ich
daheim.
    Im Taubenhof? Ach so, im Taubenhof. Im Taubenhof also. Keine fehlgeratenen
Tubchen, frwahr, in jenem Taubenhof. Und indem er sie vom Kopf bis zu den
Fen musterte, auf und ab: Hat er noch mehr dergleichen saubere, milchweie
Riesenvgelein, Euer Vater, der Prsident, in seinem Taubenschlag, von dieser
Hhe?
    Freudiger Stolz erhellte ihr Antlitz: Unser sechs Geschwister sind wir,
immer eins bumiger als das andere. Mag leicht sein, unser ltester, der Hans,
ist noch einen halben Kopf grer als Ihr.
    Conrad kniff zweifelnd ein Auge zu.
    Es steht jedem frei zu blinzeln, der blde Augen hat, bemerkte sie zornig.
Ich aber behaupte, was ich wei und was Tatsache ist. Unser Hans schaut mir
bequem ber den Scheitel. Hiernach knnt Ihrs selber ausrechnen, wenn Ihr
rechnen gelernt habt.
    Oder abmessen? meinte er.
    Meinetwegen.
    Und beide streckten sich herausfordernd auf den Zehen, halb im Spa, halb im
Ernst.
    Nicht so, schalt Josephine, sondern rechtschaffen, Rcken an Rcken, wie
es Brauch ist. Hiermit drehte sie keckerhand die beiden um, drngte sie an die
Wand und stie sie rcklings zusammen. Einen Schemel, ein Lineal und einen
Bleistift her! befahl sie. Schnell!
    Allein Anna unterbrach das Spiel. Zur Suppe, mahnte sie, mit einladender,
singender Stimme, einen Blick mtterlicher Huld auf das Paar hinbersendend.
Zur Suppe, wiederholten lustig die Mdchen, indem sie den ziehenden Ton in der
Nachahmung berboten. Und hurtig schwrmte das junge Vlklein nach dem
Gesindetisch. Mit ihnen Cathri, worber sich Conrad ba verwunderte, wie ber
etwas Ungebhrliches.
    Er berlegte. Sollte ers wagen, sie eigenmchtig an den Familientisch zu
befrdern?
    Allein sie hatte schon gravittisch die Serviette ber den Scho gebreitet
und lachte ihm von weitem zu, belustigt ber sein Erstaunen. Ich sitze hier
vortrefflich, versicherte sie.
    Whrend er zgernd seinem Platz zusteuerte, traf ihn ein Rippensto, und
zwar ein recht knochiger. Und mich, belferte eine kurzatmige Stimme, mich,
gelt, mich grt man, versteht sich, nicht? unsereinen, natrlich, bersieht
man? Freilich, kann dir leider nicht mit einem glatten Frtzchen aufwarten, bin
halt nur die alte Ursula oder die Hexenbase, wie du mich getauft hast, vor
Zeiten, weit du noch? als du meintest, wenn ich dagewesen sei, gebe es nachher
immer ein Unglck. Weil du per se jedesmal etwas Dummes angerichtet hattest und
dafr die Rute bekamst; das eine Mal aufs Dach geklettert und die Ziegel
verschimpfiert, das andere Mal dir das Gesicht verplvert, das dritte Mal die
Pferde in Heinis Garten gelassen und so weiter, was wei ich. Aber so sind die
Menschen. Wenn einer einen Unsinn gemacht hat und nachher lffeln mu, was er
eingebrockt hat - -
    Guten Tag, Base, hemmte er den Ergu. brigens hatte ich heute bereits
das Vergngen, wenn auch nur aus der Ferne. Alle Achtung, das mu man dir
lassen: du bist eine tapfere Base, ein wahrer St. Georg. Nur so mir nichts, dir
nichts aus dem Hause gejagt? eins, zwei, drei? die arme Rosinenbase? was?
    Sie schickte einen bsen Blick in die Luft, an die Adresse der Rosinenbase,
und klappte die Kiefer zusammen, wie der Dachshund, wenn er eine Ratte
verschluckt hat: Es kann nur einer im Hause regieren, nicht zwei, posaunte
sie.
    Er verbeugte sich frmlich. Meinen untertnigsten Gehorsam der
Alleinherrscherin im Hause. Dann bot er ihr nachtrglich die Hand zum Gru.
    Doch sie zog geziert beide Hnde weg und hpfte rckwrts. Du mut
keineswegs, wenn du nicht magst. Zwingen will ich dich nicht.
    Und ich dich ebenfalls nicht, erwiderte er, lie sie hpfen und setzte
sich. Anna, kommt eigentlich die Mutter zum Essen?
    Ich glaube ja; aber spter. Sie zieht sich eben an.
    Und du? issest du denn nicht mit?
    Nein, ich bediene den Vater.
    O weh! sthnte er.

Die dampfende Suppe wirkte Behagen und weckte die Gesprchslust.
    Woher kommen nur alle die herrlichen Lilastrue? fragte Conrad zu der
Base gewandt, indem er eine Blume herausholte und an die Nase fhrte.
    Keine Antwort.
    Eine Staatssuppe, urteilte er nach einer Weile. Alle Achtung vor dem, der
sie gekocht hat.
    Die Base betrachtete ihn hmisch von der Seite und meckerte vor sich hin.
Endlich versetzte sie: Aber, gelt, nicht wahr, wenn du gewut httest, ich habe
sie gekocht, so httest du sie schlecht befunden?
    Nach einigem Abwarten versuchte ers zum drittenmal.
    Ein Prachtwetter heute, kein Wlklein am Himmel.
    Ja, das Wetter wre schon recht, keifte die Base, wenn nur auch die
Menschen recht wren.
    Jetzt hatte er genug, tat sich Gewalt an und verdrckte die Redelust, indem
er zugleich geflissentlich den Blick von der sauertpfischen Base abzog. Hierbei
bekam er zufllig die Kellnerinnen zu Gesicht.
    Und siehe da, es war ein ergtzlicher Anblick. Nein, wirklich, im Ernst, sie
sahen verdammt nett aus, in ihren neuen, leichten Sommerrckchen, deren Farben
die unmglichsten Sprnge verbten, ohne einander auf die Zehen zu treten. Man
wute wirklich nicht, welcher den Vorzug geben, ob der Bertha mit ihrem
seidenweichen wenigen Kastanienhaar, angetan mit einem wei und meergrn
gestreiften Gewndchen - hatte er nun etwa nicht recht mit seiner Vorliebe fr
meergrn? - oder der durchsichtigen, gerstenblonden Helene, das weie Kleid mit
den rosafarbenen Schleifen aufgeputzt, wie ein Albumschfchen, das ein Engel am
Bande fhrt - oder der rotkrausen Josephine - ja aber trgt man denn Schwarz im
Sommer? Nun, das mu Josephine besser wissen als er, item, es stand ihr
abgefeimt gut. Blo Brigitte, natrlich, versteht sich, das faule Mammut, mute
in einem plumpen, braunen Werktagsrock kommen. Dazwischen thronte Cathri steif
und starr in ihrer majesttischen Vollkommenheit, in ihrer harten wei und
schwarzen Wappentracht, fast htte er gesagt Uniform. Man brauchte ihr blo
statt Messer und Gabel einen Schild und Lanze zu reichen, so war sie die
vollendetste Helvetia auf einem silbernen Fnffrankentaler oder eine geflgelte
Allegorienfigur auf dem Reklamezettel einer Landesausstellung. Ackerbau und
Volksflei, so etwas. Schaute man sich nicht unwillkrlich nach dem Alpenglhen
um, wenn man sie sah?
    So unterhielt er seine Blicke. Die Mdchen ihrerseits guckten zu ihm
herber, und so entwickelte sich ein munteres Augenspiel hin und her mit
Blinkern und Zwinkern. Darber juckte ihn die Zunge und kitzelte ihn der
bermut.
    Aufs Wohl, Brigitte, begann er, das Glas erst hebend, habt Ihr auch schon
einmal nikotinfreien Wein versucht?
    Brigitte verwahrte sich entrstet. h, Wh, Ch, schnurrte sie verchtlich
und wischte sich angeekelt die Lippen, nikotinfreier Wein, das wre ja wie
zuckerfreier Honig. Dabei schaute sie sich triumphierend um, ob man auch
allseits das Salz ihres Witzes schmecke.
    Und da jetzt ein Spottgelchter um sie herfiel, mit mhseligen Belehrungen -
denn sie wollte schlechterdings nichts begreifen -, machte er sich an Josephine,
welche auf Brigitte so eifrig einredete, als ob sie sie zum Islam bekehren
wollte.
    Ihr, Josephine, da Ihr Euch doch gar so ber die Maen gescheit dnkt,
knnt Ihr folgendes Rtsel lsen? Wer nimmt was womit?
    Josephine dachte aus Leibeskrften ... Wer nimmt was womit? wiederholte
sie murmelnd, indem sie mit den Augen die Zimmerdecke absuchte. Pltzlich
erklrte sie zuversichtlich: Der Herr Reber nimmt nur eine mit viel Geld.
    Sehr gut, belobte Conrad, schade, da es nicht wahr ist. Sondern:
Achtung. Es nimmt ein Ende mit Schrecken.
    Es erfolgte eine groe Chor-Pantomime des Mitleids, welche mit
ausdrucksvollem Gebrdenspiel den Hinscheid seines Geistes beklagte.
    Aber Cathri hatte die Zunge gelufiger als die Gebrde: Das ist einer vom
Exerzierplatz, urteilte sie wegwerfend.
    Wohl, dann will ich Euch mit Eurem Kanton Bern aufwarten. Ich frchte nur
eines: es knnte Euch ein wenig zu hoch sein, denn jetzt geht es die obersten
Stufen der Bildungstreppe steil bergan. Also: Welche Rose gedeiht im Kanton Bern
am besten?
    Die Rose der Liebe, fltete geschwind Helene.
    Der unumwundenen Offenheit und Lauterkeit, verbesserte Cathri
selbstgefllig, indem sie sich vor Rassebewutsein ordentlich brstete und
blhte.
    Conrad aber, von ihrem kantonalen Dnkel gereizt, bergo sie mit einem
Blick rckhaltlosen Hohnes. Rose der unumwundenen Offenheit, spottete er:
Unumwunden, also jedenfalls keine Schlingrose. Offenheit, mithin keine Knospe.
- Nein, nicht Rose der oder Rose des, sondern einfach Rose: die
Phosphornekrose.
    Ein Beifallssturm billigte die kleine Bosheit, whrend die gedemtigte
Cathri, puterrot vor Scham und Zorn, ihm einen wtenden Blick zujagte.
    Allein Josephine erklrte sich mit dem Gesprch berhaupt nicht
einverstanden. Was ist denn nur heute mit unserm gestrengen Herrn und Meister,
schalt sie, da er uns hartnckig Kirchhofrtsel auftischt. Ein Ende mit
Schrecken, Nekrose, Nekrolog. Puh, man knnte wahrhaftig glauben, Ihr wolltet
Euer Testament machen. - Sondern jetzt will ich Euch ein Rtsel spendieren -
Achtung, stille, aufgepat! spitzt die Ohren: Was geht auf zwei Beinen und ist
doch kein Huhn? und warum?
    Benedikt, der Kutscher, meinte Bertha aufgerumt.
    Josephine zog eine weise Schullehrermiene: Bertha, du bist unlogisch. Denn
erstens geht Benedikt nicht, sondern er stolpert; zweitens, wenn es kein Huhn
ist, so kann es doch kein Mann sein, denn sonst wre es ja kein Hahn; drittens
knnte man bei Benedikt unmglich fragen: Warum? Man braucht ihn ja blo
anzusehen, um zu wissen, warum. Sondern Brigitte, weil sie eine Gans ist.
    Brigitte, um den Empfang zu bescheinigen, verbte eine Grimasse, zischte
Josephine an, gab die Zunge aus dem Munde und blkte.
    Jetzt aber ertrug die Base nicht mehr lnger diese nichtsnutzigen Spe.
Schon fters hatte sie geruschvolle Zeichen des Mifallens kundgegeben,
geknurrt, gebrummt, gehustet, mit den Fen gescharrt, den Stuhl geschoben, die
Lffel und Teller geschmissen; jetzt ri ihr die Geduld:
    Seit wann sitzt denn der Portier nicht mehr bei Tisch? fuhr sie den
gegenbersitzenden Conrad grob an, mit drhnender Stimme wie aus einem
zersprungenen Kochhafen. Doch ich verstehe, der ist wohl dem Herrn Leutnant
nicht mehr vornehm genug.
    Es handelt sich nicht um vornehm oder nicht vornehm, entgegnete Conrad
ruhig, sondern darum, da der Portier ein frecher Flegel ist, mit welchem ich
nchstens ein Wrtchen reden werde.
    Ich wei nicht, fuhr sie seufzend fort, die Augen wie eine Mrtyrerin
verdrehend, aber seit dem verwnschten Militrdienst bist du wie ein
umgekehrter Handschuh.
    Das wre ja lauter Gewinn, erwiderte er, geno doch der Handschuh niemals
das Glck deines Beifalls.
    berhaupt, knurrte sie, wozu das dumme unntze Soldteln? Wenn die Vlker
Frieden halten wollten, wenn die Frsten Europas in ihrem nimmersatten,
lndergierigen Ehrgeiz -
    Conrad fiel ihr in die Phrase: Jetzunder, ihr Vlker und Frsten Europas,
beit die Zhne zusammen, allerhchst die Base Ursula von Hutzlisbhl liest euch
den Text.
    Gelchter vom Kellnerinnentisch her untersttzte die Abfertigung, und nun
hatte die Base ihrerseits den Verleider.
    Stumm und verdrossen schlich nunmehr die Mahlzeit voran, mit heftigem
Schlingen und endlosen, unausstehlichen Pausen. Drauen aber in der Wiese pfiff
ein Vogel unaufhrlich einen nmlichen sgenden Doppelton des Jubels, tit, als
knnte er des Maienglcks nicht genug erzhlen.
    Die Kchin, die alte treue Lisabeth, nachdem sie das Gemse aufgetragen,
blieb bei der Base hangen, zischelnd, mit gehssigen Blicken nach der Bernerin.
    Die Base wulstete die Lippen. Jedes Tierchen hat sein Plsierchen, grlte
sie berlaut, indem sie nach Cathri schielte: Es scheint, es gibt Gste, die
lieben das.
    Was? fragte Conrad drohend.
    Nun, lautete die Antwort, wenn eine Kellnerin sich herausdonnert wie ein
Schaf zum Auskegeln und die bloen Arme feilhlt, da einem davon bel wird, und
die Augen unverschmt aussperrt wie eine Ich-wei-nicht-was.
    Conrad suchte nach einer gepfefferten Zurechtweisung. Allein schon war
Cathri leidenschaftlich aufgefahren und warf mit schneidender Stimme herber:
    Die Tracht, die ich trage, ist eine ehrbare Landestracht. Und an bloen
Armen kann hchstens ein ausgeschmter, abgelebter Wstling Ansto nehmen oder
aber eine neidische alte Vogelscheuche. Und wenn ich die Augen aufsperre, so
geschieht das, weil ich nicht wte, weswegen und vor wem ich sie
niederzuschlagen brauchte. brigens, falls ich etwa hier jemandem im Wege bin,
so hat er sich blo zu melden. Ich habe mich nicht aufgedrngt, sondern bin
einzig deswegen hier, weil mich die Jungfer Anna Reber persnlich im Kurbad
aufgesucht und mit Bitten und Beten zur Aushilfe gedungen hat.
    Cathri, sprach Conrad nachdrcklich, wenn ihr von meiner Schwester
gedungen seid, so gilt das genau so viel, als wret Ihr von Vater und Mutter
gedungen. Ich ersuche Euch daher in ihrem Namen hflich, zu bleiben und Euch
durch keine Schndigkeiten Unberufener irre machen zu lassen.
    Da setzte sie sich gelassen nieder. Steht es so, sagte sie, dann steht es
gut. Ihr seid der Meister, an Euer Wort halte ich mich. Was andere dagegen
reden, das schtze ich weniger als das Klappern einer Mhle.
    Die Base jedoch vermochte ihre Niederlage nicht zu verwinden. Nach fteren
unartikulierten Anlufen platzte sie gegen Conrad los: Du gehrst scheints auch
zu den vielen, es braucht blo ein paar ziegelrote Bcklein, so verdrehen sie
schon verliebt die Augen, wie das Huhn vor einem Mistkfer. Nach dem innern Wert
natrlich, nach der Tugend, darnach frgt keiner.
    Jetzt brauste Conrad auf. Und du, erwiderte er, du gehrst auch zu den
vielen, die da meinen, die Tugend einer Frau beweise sich durch einen Kropf.
    Die unbndige Lachsalve, die diesem Ausspruch folgte, und die feuchten Augen
der Base belehrten ihn, da er genauer getroffen, als er gezielt hatte, und
gerne htte er das grausame Wort zurckgeholt. Wirklich, er hatte es nicht
bedacht, da die Base selber einen dicken Hals hatte, und jetzt tat ihm sein
Ausfall bitter leid. Eifrig suchte er nach einem Mittel, ihn wieder gutzumachen.
Inzwischen hatte sie das Schnupftuch hervorgekrabbelt, und whrend sie sich die
Augen wischte, stammelte sie: Schweig nur, schweig, Conrad. Es gab eine Zeit,
da war ich dir nicht zu hlich, mitsamt meinem Kropf.
    Die Zeit ist noch lange nicht vorber, beteuerte er herzlich, du bist mir
auch jetzt durchaus nicht zu hlich.
    Doch ohne auf diese Brcke einzulenken, klagte sie opferleidig weiter:
Waren das schne Zeiten, damals, als du noch ein kleines Bblein warst.
    Liebste, beste Base, was kann denn ich dafr, da ich kein kleines Bblein
mehr bin? brigens in dieser Beziehung hltst du es genau wie meine Mutter.
Bestndig spielt man mirs wie einen Verrat ins Gesicht, da ich nachgerade ein
Mann geworden bin. Zum Teufel, ich kann doch nicht euch zu Gefallen zeitlebens
mit einer Saugflasche umherwandeln; oder was verlangt ihr denn eigentlich von
mir?
    Als htte er nichts gesagt, spann sie ihren grauen Faden fort, mit
beschuldigendem Seufzen: Du lieber Gott, wie manches Mal bist du mir auf dem
Scho gesessen.
    Dieser unaufhaltsame Quark von Dummheit und Ungerechtigkeit reizte ihn
wieder.
    Wenns nur daran fehlt, erwiderte er rgerlich, dem wre ja abzuhelfen,
das heit, wofern es wirklich im Ernst dein Wunsch ist, da ich mich auf deinen
Scho setze.
    Diesmal blieb jedoch das Lachen der Mdchen aus, welche vielmehr ernst und
verlegen vor sich niederschauten, und als er sich verwundert nach der Ursache
umsah, erblickte er neben sich die Mutter am Tisch sitzend, krankenbleich und
schwach, den Kopf in Tcher gehllt.
    Er erblate, darauf ermannte er sich. Guten Tag, Mutter, wie geht es dir?
fragte er teilnehmend, mit kleinlauter Stimme.
    Ein schmerzliches Zucken um ihre blutleeren Lippen und ein anklagender Blick
waren die Antwort.
    Wie es dir gehe, habe ich dich gefragt, wiederholte er empfindlich.
    Kaum hrbar hauchte sie, das Gesicht wegwendend: Es geht, wie es gehen
kann.
    Es kann verschiedentlich gehen, entgegnete er. Aber wie es gegenwrtig
dir gehe, htte ich gerne erfahren mgen. Seine Stimme bebte, denn es emprte
sich etwas in ihm, das er mhsam niederkmpfte.
    Und abermals drckte Schweigen ber der Mahlzeit, doch diesmal nicht mehr
das Schweigen des Verdrusses, sondern der Bangigkeit. Blo die Mutter und die
Base tauschten ab und zu kurze Bemerkungen, mit Ausschlu der brigen, als
speisten sie allein.
    Wie die Grillen lrmen, lispelte die Mutter, schmerzhaft die Stirnmuskeln
runzelnd und die Tcher ngstlich bers Ohr ziehend mit ihren dnnen, bleichen
Leidensfingern.
    Die Base ergnzte zustimmend: Die Amseln in Hutzlisbhl haben auch bereits
schon um vier Uhr morgens wst getan.
    Conrad bi sich auf die Lippen und starrte mit groen Augen nach der
Zimmerdecke. Die Amseln wst getan, wiederholte er mechanisch, Amseln, die
wst getan haben. Amsel - und wst tun. Pltzlich bermannte ihn ein unbndiges
Gelchter, das seinen ganzen Krper schttelte.
    Da griff die Base wieder zum Schnupftuch, die Mutter aber ma ihren Sohn mit
einem langen Blick des Kummers und der Verzweiflung.
    Dieser Blick schlug sein Lachen nieder, statt dessen meldete sich in seinem
Herzen ein finsterer Grimm.
    Eine betrchtliche Weile hielt er noch an sich, endlich aber, wie sich immer
und ewig kein Laut mehr hervorwagte, weder an diesem noch an jenem Tisch,
berschumte er.
    Man sollte meinen, man befnde sich an einem Leichenschmaus, knirschte er,
Messer und Gabel wegwerfend.
    Nicht jedermann ist bestndig zum Lachen und Gaukeln aufgelegt wie du,
bemerkte die Mutter strafend.
    Ob diesem Vorwurf verlor er vollends die Selbstbeherrschung.
    Mit schallender Stimme rief er durchs Zimmer, wie der Pfarrer durch die
Kirche:
    Und ich meinesteils behaupte, es ist nicht recht, es ist nicht erlaubt, es
ist eine unverzeihliche Frivolitt, wenn das Unglck ein Haus verschont, wenn
man nichts Wichtiges zu klagen hat, wenn einem nichts Ernstliches fehlt, wenn
alle am Leben und soweit gesund sind, und keine Sorgen, und zu essen genug - und
man gebrdet sich, als ob der Tod eingeschlagen htte. Das ist nicht recht, das
ist ein Undank, das heit die Schonung, die einem das Schicksal gewhrt, nicht
verdienen!
    Da war Anna hinter ihm, er wute nicht wie, und rttelte ihm heftig den Arm.
Conrad, schalt sie gedmpft, bist du von Sinnen?
    Nein, ich bin nicht von Sinnen, rief er noch lauter, sondern ich sage
eine vernnftige ernste Wahrheit und sage sie noch einmal. Das Glck besitzen
und die Maske des Unglcks vorlegen, aus eitler Jammersucht und Wehwichtigkeit,
das ist nicht recht, das ist ein Frevel, das ist eine Vermessenheit, das heit
geradezu das Unglck herausfordern.
    Jetzt erhob sich die Mutter, die Hnde auf den Tisch sttzend, und wankte
zur Tr hinaus.
    Die Base aber meinte die Erbschaft ihres Kummers antreten zu sollen und
bersetzte das in ihre griesgrmige Art, indem sie mit scheelen Blicken jede
frohe Regung totscho. Und da die Mdchen, allmhlich entschchtert, leise zu
plaudern begannen: Maul halten! bellte sie. Und spter, als Lisabeth einen
gewaltigen Braten an den Gesindetisch hinbertrug, fuchtelte sie entsetzt mit
den Hnden: Beht uns Gott im Himmel, begegnete sie sich, was fr ein
unmenschlicher Kalbsbraten! Zu meiner Zeit, da war das Gesindevolk
pudelnarrenfroh, wenn es ein mageres Stckchen Suppenfleisch gab.
    Als htte eine Bombe eingeschlagen, schnellten die Aufwrterinnen von ihren
Sitzen, die Teller: wegstoend, krebsrot vor Zorn, pustend, pfupfend,
aufbegehrend. Wenns Euch reut, plrrte Brigitte, wenn Ihrs uns mignnt, so
frets selber, wir rhren nichts an.
    Bei diesem Anblick berlief der Base die Galle. Abhocken, grlte sie. Und
dem Befehl gab sie durch das Beispiel Nachdruck, indem sie den Rumpf vom Stuhl
erhob und hart niederfallen lie. Gleichzeitig klopfte sie mit dem Messerheft
wie mit einem Hammer auf den Tisch.
    Unwillkrlich gehorchten die Mdchen, obschon zgernd und murrend. Den
Braten jedoch berhrten sie gleichwohl nicht, sondern steckten die Hnde
meuterisch unter die Schrze.
    Da humpelte ihnen die Base entgegen, packte die Bratenschssel und gab ihr
einen schleudernden Ruck. Fressen! schnob sie, nachdems doch einmal da ist!
bevors kalt wird.
    Bse Blicke aus glhenden Gesichtern flammten ihr zurck. Josephine zischte
Verwnschungen; Brigitte fletschte die Zhne; Helene und Bertha weinten vor
rger. Keine rhrte einen Finger. Auer Cathri, die berhaupt gemchlich sitzen
geblieben war. Was mich betrifft, erklrte sie trocken, ich esse ruhig.
    Der Base versagte der Witz. Schlagen, das sah sie immerhin ein, schlagen
konnte sie die krftig ausgewachsenen Jngferchen nicht wohl, war es ja auch
nicht gewohnt, ein lebendiges Geschpf zu schlagen. Und doch schien ihr das der
einzige richtige Trumpf. Einen anderen fand sie nicht. Ohnmchtig, ratlos stand
sie da, und ihre boshaft schillernden Blicke trbte der Jammer; gleich einer
ausgelebten Viper, die zum ersten Male ihr Gift wirkungslos sieht. Wie hatte sie
vormalen Zucht im Pfauen gebt! Wenn eine Magd gedrillt werden sollte, wenn eine
Kchin nicht parieren wollte, wenn man unbndige Gste voraussah, flugs holte
man die Base Ursula von Hutzlisbhl. - Und jetzt mute sie sich von diesen
Rotznasen offene Auflehnung bieten lassen! Die Bresten des Alters kannte sie
lngst und berwand sie heldenmtig, jetzt aber sprte sie zum ersten Male des
Alters Elend.
    Als sie schlielich wieder ihrem Platz entgegenhinkte, war es der Rckzug
nach einer verlorenen Entscheidungsschlacht. Sie sprte: ihr Regiment war aus.
Und da sie sich mit dieser Tatsache nicht vertragen konnte, strebte sie fort,
fort nach Hause, je eher, desto lieber, zu ihren drei Katzen, zu ihrem
Zichorienkaffee, zu ihrem gefgigen Waisenmdchen.
    Conrad empfing sie mit einer wohlvorbereiteten Rge, nicht zu scharf und
nicht zu stumpf, khl und gemessen:
    Du, Base, sagte er, unsere Verwandtschaft in Ehren und allen schuldigen
Dank fr deine uneigenntzige Hilfe - aber da du uns die bewhrtesten, wgsten
Kellnerinnen mir nichts, dir nichts vergelsterst, ohne den mindesten Grund und
Anla, das ist wohl schwerlich die Meinung meiner Eltern!
    So geh doch! geh nur! kollerte sie, geh, geh, nimm sie um den Hals und
schmatze sie ab, deine lieben, lieben Kellnerinnen. Geh! worauf wartest du? Ich
will dich nicht hindern. Ich rume das Feld. Bin doch ohnehin lngst schon
berflssig, seit der gndige Herr Leutnant, wie es scheint, jetzt hier im Hause
kommandiert.
    Ich verlange keineswegs, da du das Feld rumest, erklrte er, im
Gegenteil, wir sind dir dankbar, da du uns mit deiner Erfahrung zur Hand gehst,
und wissen deine wertvolle Untersttzung zu schtzen. Nur sehe ich die
Notwendigkeit nicht ein, warum du uns deswegen die Kellnerinnen verunglimpfen
mtest.
    Doch sie steifte sich strrisch auf ihren Einfall. Ich gehe ja, ich gehe.
Brauchst dich nicht zu ereifern. Ich gehe ja bereits. Meine kleine Reisetasche
ist bald gepackt.
    Wirklich, wahrhaftig, sie wackelte nach der Tr. Da ward ihm jhlings angst,
ihm, dem erwachsenen, starken Manne, dem selbstbewuten stimmfhigen Brger und
Soldaten, angst vor der kleinen, krummen, bauflligen Base, schrecklich,
frchterlich angst, wie einem armen Schulbuben, wenn sich der Lehrer aufmacht,
um ihn bei den Eltern zu verzeigen.
    Er stand auf und ging ihr verschchtert nach: Base, bettelte er demtig.
    Ach was, klffte sie, Entenhrner und Schneckenflgel! Der Ulihansjakob
hat zum Sonntag gesagt: wo ist der Samstag? Und unaufhaltsam zottelte sie aus
dem Zimmer, mit berstrzter Hast, als ob sie verfolgt wrde.
    Die Mdchen aber erteilten ihr einen blen Abschied: Glck zur Abreise!
komm niemals wieder! - Boshafte Hexe. - Erlse uns von allem Bsen und
dergleichen mehr.
    Doch Conrad verwies ihnen das mit einer kurzen Handbewegung. Er hatte sie
halt trotz allem doch lieb, die Hexenbase, denn sie war vor Zeiten sehr, sehr
gut gegen ihn gewesen.

Noch zitterte die Trklinke, und aller Augen hafteten an der Wand, hinter
welcher die Base verschwunden war, da brach mit wuchtigem Elefantentritt die
schreckliche Riesengestalt des alten Pfauenwirts herein, doch nicht aus der
Wohnstube, sondern gegenber, von der Terrasse. Mit einem frchterlichen Blick
die Kellnerinnen musternd, brllte er sie an: Fressen, saufen, zanken, liebeln,
das verstehen sie. Hingegen die Gste bedienen, daran denkt keine.
    Wie ein Hhnervolk, vom Hunde aufgescheucht, stoben die Mdchen in wilder
Flucht vom Tisch, der nchsten Tr zu.
    Aber der Alte vertrat ihnen den Weg. Dazu wollte er gewohnheitshalber mit
der Ferse stampfen, zur nachdrcklichen Betonung seines Willens, indessen fhrte
er das nur halbwegs aus, da ihn das Bein beim festen Auftritt schmerzte.
Diesmal bediene ich schon selber, wehrte er, seinen Schmerz verbeiend,
nachdem ich einmal die Bestellung angenommen. Schaut zu, da ihr knftig auf
dem Posten seid.
    Da verzogen sie sich kleinlaut und mimutig, indessen hinter ihrem Rcken
ein leckerer Kuchen auf den verlassenen Tisch marschierte.
    Cathri, nachdem sie sich erst mit den brigen aufgemacht, besann sich
anders, kehrte zurck und spazierte mit Storchenschritten im Zimmer auf und ab.
    Der Alte drang auf sie ein: Und Ihr, knurrte er, Ihr dnkt Euch offenbar
zu vornehm, mit Euren hoffrtigen Kettelein und verwhnten Fingerchen.
    Sie wies durchs Fenster. Neun Kellnerinnen auf ein einziges schmchtiges,
schbiges Buerlein, das ist schon mehr als genug. Und da er ihr einen
entsetzlichen Blick zuschleuderte, schttelte sie lachend die Hnde vor seinen
Augen.
    Herr Reber, ob Ihr schon ein Unflat seid, mir macht Ihr keineswegs bange.
Nmlich ich habe zu Hause einen Vater, gegen den seid Ihr ein harmloses Kind.
    Er betrachtete sie eine geraume Weile, mehr und mehr besnftigt, brummte
allerlei unverstndliche Worte vor sich hin, grunzte schlielich beifllig und
entfernte sich, eine Flasche Wein und ein Glas zwischen den Fingern,
schwerfllig nach der Terrasse.
    Conrad sa noch, wo er gesessen hatte. Abseits in einiger Entfernung lie
sich Cathri an einem Fenster nieder und trommelte mit den Fingern auf dem Sims.
    Zu ihnen gesellte sich Anna. Leise, mit traurigem Ton, schmlte sie den
Bruder.
    Conrad, klagte sie wehmtig, du bser, bser, bser Mensch, was hast du
wieder angerichtet! Und zu allem sitzt noch die Base bei der Mutter und hetzt
sie und will mit Gewalt heim. Du httest sie fortgejagt, behauptet sie.
    Behauptet sie flschlich, versetzte Conrad.
    Lgt sie, bekrftigte Cathri.
    Und das arme Tubchen, bedauerte Anna, das die Mutter eigens fr dich hat
herrichten lassen.
    Was fr ein Tubchen? Fr mich? Von der Mutter? Wo?
    Sie zeigte auf eine Platte vor ihm. Ja, jetzt ist es zu spt, jetzt ist es
kalt.
    Ich hatte halt anderes zu tun bei der Mahlzeit, als aufs Essen acht zu
geben, versetzte er trbe. Darauf zog er das Tubchen an sich und begann es
gewissenhaft zu verzehren, der Mutter zu Gefallen, ohne zu schmecken, was er
schluckte.
    Unterdessen wandelte Anna mit Cathri kameradschaftlich im Zimmer auf und ab,
Hand in Hand und einen Arm um die Hfte der andern geschlungen, wie die Kinder,
wenn sie Offizierschritt spielen. So oft sie an Conrad vorbeikamen, tauschten
sie verstohlene Blicke, flsterten und kicherten ausgelassen. Endlich hielten
sie an und kten einander.
    Gelt, mchtest gerne mithalten? neckte Anna, indem sie sich schelmisch die
Lippen leckte. Dann machte sie sich an ihn heran, lehnte sich ber seine
Schulter und rannte ihm zu: Sprst dus? Tuts weh? Schadet nichts, geschieht dir
recht. Tust oft genug auch andern weh. - Aber wohlverstanden, nicht etwa zum
Heiraten!
    Daran denkt kein Mensch im Traum, antwortete er laut. brigens, gesetzt
den Fall, weshalb nicht?
    Sie hielt ihm den Mund zu, beugte sich ber seine andere Schulter und
zischelte ihm ins Ohr: Sie hat kein Herz. Hiermit eilte sie davon.
    Unter der Tr drehte sie sich um und rief. Jetzt sollte ich in der Kche
sein, im Keller sein, den Vater gaumen, die Base besnftigen, die Mutter
vershnen und habe doch nur zwei Beine, zwei Augen und einen Mund. Wenn nur
jemand wenigstens der Mutter ein gutes Wort gnnte!
    Somit blieben Conrad und Cathri abermals allein, dieses Mal stumm und
verlegen, ohne zu wissen, was mit sich und dem andern anzufangen. Doch nur einen
kurzen Augenblick. Denn schon kehrte der Alte mit der leeren Weinflasche zurck,
die er auf den Schaft stellte. Nachher drehte er sich um und betrachtete den
Sohn. Du bist, wie mir scheint, heute an den Tisch angewachsen. Es wrde dir
wohl auch nicht schaden, den Tanzsaal ausrumen zu helfen, statt in alle
Ewigkeit wie angenagelt beim Essen zu sitzen.
    Den Tanzsaal ausrumen? Wie kann ich denn wissen, da heute getanzt wird,
wenn niemand sich die Mhe nimmt, mirs mitzuteilen?
    Sollte man etwa zuvor den gndigen Herrn Leutnant untertnig um Erlaubnis
angehen? Selbstverstndlich wird heute getanzt, wie jedes Jahr. Oder hast du
vielleicht etwas dagegen einzuwenden?
    Das wrde ich mir niemals getrauen.
    Der Vater rckte ihm nher. Niemals getrauen? Getrau dich, es frit dich
niemand auf.
    Cathri verlie unauffllig das Zimmer.
    Sags doch, heischte der Alte dringender, sags nur, wenn du etwas
Vernnftiges zu sagen hast.
    Man mu wissen, was man will. Entweder man will eine Bauernwirtschaft oder
man will einen Gasthof.
    Jetzt nahm der Vater den Ton hher und krftiger: Es ist bisher immer so
gehalten worden, und ich bin nicht gesonnen, es deinetwegen anders zu halten.
Spter, wenn ich einmal unter dem Boden liege und dir dann meine
Bauernwirtschaft nicht mehr vornehm genug ist, magst dus halten, wie es dir
beliebt. Einstweilen aber bin ich noch Herr und Meister.
    Hiermit dachte er ihn abgefertigt zu haben. Allein Conrad, nach einem
flchtigen Blick nach dem Himmel, bemerkte: Wer wird denn berhaupt bei dem
schnen Wetter tanzen!?
    Dafr ist bereits gesorgt. Wenn wir uns schon nicht so viel einbilden wie
die jungen Naseweise, verstehen wir immerhin noch unser Geschft. Die Wagginger
haben bereits zugesagt, und zwar schriftlich, nur damit dus weit. Und noch dazu
beide Wagginger, die oberen und die unteren.
    Da erhob Conrad groen Auges den Kopf. Die Oberwagginger und die
Niederwagginger zusammen? Am selben Tag? Im nmlichen Tanzsaal? Acht Tage nach
den Wahlen? fragte er bedenklich und lie das Messer spielend auf dem Tisch
tanzen.
    Es ist durchaus kein Anla, solch eine berlegene Miene aufzusetzen,
drohte der Pfauenwirt. So gescheit sind wir natrlich auch noch, um zu wissen,
da Oberwagginger und Niederwagginger nicht zusammen passen, da die einen
konservativ sind und die andern liberal. Und da es niemand eingefallen ist, sie
gleichzeitig einzuladen, soviel Hirnschmalz knntest du mir immerhin auch noch
zutrauen, ob ich schon nicht Leutnant bin, sondern blo Wachtmeister. Zuerst hat
man natrlich bei den Oberwaggingern angefragt, die haben abgesagt, dann haben
die Niederwagginger zugesagt und gestern die Oberwagginger nachtrglich
ebenfalls. So ists gegangen.
    Conrad erwiderte nichts, sondern spielte, nach der Zimmerdecke starrend, mit
dem Messer.
    Es scheint, das zu begreifen ist eine schwierige Aufgabe fr deinen
Verstand, da du kein Wort darauf zu sagen weit.
    O nein, erwiderte Conrad, ich begreife nur zu gut: das gibt eine
mordsmige Keilerei.
    Sie werden einander nicht den Kopf abbeien!
    Schlacht ist Schlacht, ob nun mit Sbeln und Bajonetten oder mit Kntteln
und Fusten. Womit aber eine Schlacht endet, kann niemand voraussagen. Denn der
Ha hat kein Bedenken und die Waffe kein Gewissen. - brigens, ganz abgesehen
hiervon, ob eine Bauernprgelei im Tanzsaal nach dem Geschmacke deiner Gste
sein mchte, zumal der Gste aus der Stadt, darunter Frauen und Kinder, das
mchte ich sehr bezweifeln.
    Ich bin auch noch da, rief der Alte ungeduldig. Habe ich bisher
verstanden, Ordnung zu schaffen, so werde ichs wohl heute auch noch verstehen.
Oder hltst du mich schon fr vollends invalid? Einstweilen besitze ich gottlob
noch meine ganzen Glieder, um meine Autoritt zu wahren, und zwar sowohl nach
innen wie nach auen.
    Bis du einen Hieb abbekommst.
    Ich bin schon mit strkeren Leuten fertig geworden als mit den Waggingern.
    Zugegeben. Allein die Wagginger sind schlimmer als stark, nmlich feige,
das heit tckisch. Grnzer Falschlenzer.
    Jetzt verlor aber der Pfauenwirt die Geduld.
    Stehe ich denn eigentlich vor dem Staatsanwalt, schumte er, da ich mich
von dir verhren lassen mu wie ein Angeklagter? Kurz, ich habe beschlossen, da
getanzt wird, und darum wird getanzt, mit oder ohne deine Erlaubnis. Das scheint
mir klar und einfach. Oder hast dus etwa noch nicht begriffen?
    Ich habe es vollkommen begriffen.
    Gut, so schweig und halts Maul!
    Du brauchst mir das nicht so brutal zu sagen, nachdem du mich doch selber
zum Reden aufgefordert hast.
    Ich werde hoffentlich noch kein Komplimentierbuch ntig haben, um mit dem
Herrn Leutnant zu sprechen. Bist du jetzt endlich einmal fertig, oder hast du
vielleicht noch etwas zu bemerken?
    Nun rhrte sich auch bei ihm der rger. Wohl, versetzte er, da wir doch
einmal daran sind, ja. Ja, allerdings habe ich noch etwas zu bemerken. Ich habe
nmlich zu bemerken, da es mir lieber wre, du wrdest in Gegenwart anderer
manierlicher mit mir sprechen. Das habe ich zu bemerken.
    In Gegenwart anderer? Ist es etwa mein Fehler, wenn man dein benedeites
Antlitz jeweilen nur da zu erblicken das Glck hat, wo irgendeine Schrze in der
Nhe ist?
    Vater, brauste er auf, mit wilder Stimme. Vater! sich dich vor!
Beschimpfen, beschimpfen lasse ich mich nicht!
    Beschimpfen? Ist es etwa nicht die buchstbliche Wahrheit? Habe ich dich
denn nicht soeben mit der Bernerin getroffen, allein in einem Zimmer?
    Was der Bock wei, traut er der Gei߫, entschlpfte es Conrad halblaut.
    Was war das? Was meinst du? Sags laut, wenn dus wagst! Gelt, du wagst es
nicht?
    Doch, ich wags. Ich meine: allein in einem Zimmer, es kommt alles darauf
an, wie und wann, und wo mit wem. Dabei schaute er dem Vater bedeutsam ins
Auge.
    Wie meinst du das? keuchte dieser mit erstickter Stimme, indem sein
Gesicht sich schwarzrot verfrbte.
    Ich meine, entgegnete der Junge, mit mir darf jedes Mdchen ohne Furcht
allein in einem Zimmer weilen.
    Jetzt wankte der Pfauenwirt mit schwerem Tritt, da der Boden bebte, an den
Tisch, der die beiden trennte.
    Aber mit wem etwa nicht? heischte er. Drcke dich deutlicher aus.
    Deutlicher ausgedrckt: dem Anschein nach zu urteilen wrest du vielleicht
lieber selber mit Cathri allein in einem Zimmer geblieben.
    Der Vater holte einen tiefen Atemzug, dann brach er los, mit donnernder
Stimme und rollenden Augpfeln: Es gibt in Thun ein Gchen - verstehst du? mit
den Fenstern nach der Aare - verstehst du? und in jenem Gchen steht ein
Huschen - verstehst du? und zu dem Huschen steigen drei Stapfeln. - Battet
das? oder mu ich dirs noch genauer bezeichnen?
    Conrad schnellte vom Stuhl: Und in Bern gibt es ein Brcklein, verstehst
du? und hinter dem Brcklein ein Inselein, verstehst du? Und in dem Inselein an
einem Fenster ist mit dem Messer ein Datum eingekratzt und neben dem Datum der
Name eines Dragonerwachtmeisters, verstehst du? Und der Name fngt mit einem R
an und hrt mit einem r auf. Gengt das? oder begehrst du Einllicheres?
    Sie schleuderten das einander ins Gesicht, ber den Tisch gebeugt, bebend
vor Wut. Und die feindliche Rede ergnzten haerfllte Blicke. Aber als nun von
drauen aus dem Gange lebhaftes Hndeklatschen laut ward und unterdrcktes
Beifallrufen weiblicher Stimmen Conrads Sieg markierte, schwenkte der Alte
unversehens in die Wohnstube, ohne ein abschlieendes Drohwort, mit unheimlichem
Schweigen.
    Conrad aber, augenblicklich ernchtert, blieb tief erschrocken stehen. Was
hatte er nur getan! Er, der, soweit seine Erinnerung reichte, niemals gewagt
hatte, seinem Vater zu widersprechen, geschweige denn sich gegen seinen Willen
aufzulehnen, hatte ihm jetzt getrotzt, Mann gegen Mann und Feind gegen Feind,
und ihm dabei seinen angesammelten Abscheu verraten, mit Blicken und Tnen, die
man einem nie mehr verzeiht. Beabsichtigt hatte er es nicht, es war ihm nur so
entwischt, in der Hitze der Emprung. Allein geschehen war es nun doch. Und mit
zagendem Geiste sah er eine furchtbare Woge Unheil sich heranwlzen, wogegen der
bisherige Zustand, der ihm unleidlich geschienen, sich nun wie die schne alte
Zeit ausnahm, so da er sich gar nicht mit der Vorstellung daranwagte. Da, in
der Not, tat er einen verzweifelten Gedankensprung in die Zukunft. Er sah den
Alten, vom Schlage gerhrt, auf dem Todbette rcheln und sich daneben stehen,
erschttert, trauernd und vergebend. Und dieses Bild erweckte nun nicht mehr
seinen Abscheu, sondern er sehnte es andchtig herbei, nicht aus Ha, sondern
aus hoffnungsloser Bedrngnis des Herzens, als den einzigen Weg der Vershnung,
als einen trstlichen Schutzgeist, zur Verhtung von Schlimmerem.

Kommt Ihr nicht auch lieber ein bichen ins Freie, Herr Reber? statt im dumpfen
Zimmer zu bleiben? mahnte Cathri, auf der Schwelle erscheinend.
    Warum nicht? antwortete er zerstreut und schickte sich an, ihr zu folgen.
Doch unterwegs nderte er den Sinn. Geht nur voran, rief er, ich komme
spter, kehrte um und machte sich in der entgegengesetzten Richtung auf, den
oberen Stock hinan, nach der Schlafstube der Mutter. Er gedachte ihr ein gutes
Wort zu bieten, eingedenk der Mahnung seiner Schwester.
    Im Treppenhaus trat eben der Vater zufllig aus der Wohnstube. Sie prallten
vor einander weg, wie zwei Bren, die sich unvermutet im Zwinger begegnen. Der
Vater scho in die Stube zurck, der Sohn zog still frba, die Treppe hinan.
    Die Schlafstube der Mutter war stockfinster, weil dicht mit Vorhngen
verhllt.
    Seht, da ist es ihn ja selber, empfing ihn eine grlende Stimme aus dem
Dunkel, die Stimme der Base. Und den Satz begleitete ein hliches Lachen, das
ihm hhnisch klang. Wie er mit tastenden Armen dem Bett entgegentappte, fiel er
strauchelnd ber einen Sessel, der im Wege stand. Und im Fall schlug er sich
empfindlich an die Bettlade, whrend irgend etwas Tnernes mit vielfltigem,
nicht endenwollendem Lrm auf dem Boden zerschellte.
    Kann er denn immer blo Schaden und Unheil stiften, der Ungeratene,
sthnte die Stimme der Mutter.
    Da drehte er sich heftig um, verlie die Stube und stieg wieder die Treppe
hinab. Das habe ich nicht verdient! knirschte er. Ungeraten; man ist nicht
ungeraten, wenn man ehrlich und fleiig und unbescholten ist! Obschon man auch
seine Fehler haben mag wie jeder andere. Und immer wieder klaubte er an dem
Wrtchen ungeraten wie an einem Widerhaken im Fleische. Wer eine
Rettungsmedaille in der Schublade liegen hat, wer von seinem Obersten vor
versammelter Front als das Muster eines Offiziers zum Vorbild hingestellt worden
ist, der ist kein Ungeratener. Die Ungeratenen, die sitzen in der Kneipe oder je
nach Umstnden im Zuchthaus.
    Unterhalb der Treppe hinter dem Granatbusch hielt er an und blickte durchs
Fenster. Auf der Terrasse rumte das Gesinde den Tanzsaal; daneben sa Cathri
giltstmirgleich auf einem Tisch im Schatten eines Oleanders und pendelte mit den
Fen. Doch er war nicht bei seinen Augen; er war bei seinem Zorn, so da er hin
und wieder die Faust ballte. Artillerieleutnant, das kann man noch nicht
ungeraten nennen, murrte er finster. Und nach einer Weile: Wer wei, es wre
wohl manch eine Mutter froh, ihr Sohn wre, was ich bin und wie ich bin.
Hierber blieb er am Fenster kleben, nicht weil er hier bleiben wollte, sondern
weil er doch irgendwo sein mute und anderswohin nicht eher gehrte als hierhin.
    Whrend dessen stapfte die Base die Treppe herunter, in Hut und Schal, eine
Ledertasche in der Hand.
    So, jetzt gehe ich denn, krhte sie, als sie ihn gewahrte. Bist du nun
zufrieden?
    Er berwand sich. Nein, ich bin nicht zufrieden. Im Gegenteil, es wrde
mich freuen, wenn du bliebest. Ich hatte es nicht bse gemeint.
    Ei was, Schneegnse im Sommer, belferte sie. Verstell dich nur nicht, es
ist heute nicht Fastnacht. Hast ja doch einzig nur noch Augen fr deinen Zaupf.
    Zaupf? Was heit das auf deutsch?
    Oder meinetwegen Gof oder wie dus am liebsten nennen magst. Ich verstehe
mich halt leider nicht so gebildet auszudrcken wie der Herr Leutnant. brigens,
fr die hergelaufene Truschel wird die Bezeichnung wohl noch ehrerbietig genug
sein.
    Wen nennst du eine hergelaufene Truschel?
    Nun, wen sonst? Diejenige, die einzig noch fr dich auf der Welt zu sein
scheint, diejenige, nach der du dir die Augen ausguckst, die hochmtige,
pompatzige Bernerin, mit einem Wort. Siehst du, wie du strahlst, wie du
schmunzelst, wenn man blo ihren Namen ausspricht. Mach doch nicht Augen, als ob
du mich verschlucken wolltest wie der Wolf das Rotkppchen. Nur ruhig, ich gehe
ja, ich laufe, ich springe, ich frchte mich. Nichts fr ungut, da ich gewagt
habe, ihren erlauchten Namen in meinen alten zahnlosen Mund zu nehmen. Leb wohl!
Kannst ja viel ungestrter um sie herumschwnzeln, nachdem ich fort bin. Sei
doch nicht so grausam, la sie doch nicht so lange auf dich warten. Sie
verzappelt ja vor Ungeduld. Also leb wohl denn, leb wohl! nichts fr ungut. Und
hoffentlich gibts dasmal kein Unglck, weil die Hexenbase da war. Verdient
httest dus zwar. Also leb wohl denn, du siehst mich wahrscheinlich im Leben zum
letztenmal.
    Da lie er sie ziehen.
    Aber nach einigen Schritten drehte sie sich um: Ich hatte dir eigentlich
auch ein Krmlein mitgebracht; es liegt bei der Mutter, sie soll dirs morgen
geben, wenn du wieder artiger bist. - brigens, du magst mir zuleid tun, soviel
du willst, ich bleibe doch immer deine alte hliche Hexenbase, die dich
vorzeiten auf dem Scho geschaukelt hat, weit du noch? Leb wohl, Conrad. Leb
dennoch wohl!
    Hiermit trollte sie sich.
    Er aber begab sich zu Cathri auf die Terrasse.

Ihr habt also gleichfalls einen bsen Vater? begann er trbselig.
    Euer Vater ist von Holz, meiner von Stein.
    Ich begreife nur nicht, bemerkte er, wie jemand das Bedrfnis verspren
kann, seinem Nchsten das Leben zu versauern.
    Sie zuckte die Schultern. Wer wei, wie wir uns dereinst auffhren werden,
wenn wir einmal alt sind. Ihr zum Beispiel scheint mir ebenfalls nicht einer von
den Gelindesten.
    Wieso? Glaubt Ihr denn, das hange mit dem Alter zusammen?
    Eine einfltige Frage. Mit dem Alter oder mit der Bresthaftigkeit, es kommt
auf eins heraus. Oder meint Ihr etwa, Euer Vater wre zeitlebens so gewesen? Er
htte niemals Maien auf den Hut gesteckt und Jauchzer losgelassen? Ich kann mirs
nicht anders zurechtlegen, als es sitzt den Alten ein Skorpion in der Leber, der
sie bestndig zwackt, so da sie gallig werden und keinem Menschen mehr ein
gutes Wort geben knnen, ob sies noch so gerne mchten.
    Conrad verfiel ins Nachsinnen. Sonderbar, das ist mir nie eingefallen.
berhaupt, mir ist, wenn Ihr immer bei mir wret, ich wrde manches leichter
ertragen. Und da sie ob diesem Wort ein wenig rot wurde, berichtigte er
angelegentlich: Verzeiht, ich hatte es nicht so gemeint. Nachtrglich indessen
errtete er mehr als sie.
    Und ich habe es auch durchaus nicht so aufgefat, beruhigte sie.
    Darauf stockte die Unterhaltung.
    Anna nahte. Die Schlssel zum Stall verlangt der Benedikt, sagte sie
gleichgltig, die Hand ausstreckend. Nachdem sie die Schlssel behndigt hatte,
warf sie wie beilufig die Bemerkung hin: Ihr solltet doch besser vermeiden, so
lange beisammenzustehen. Es knnte auffallen.
    Und wenn? entgegnete Conrad. Das heit, vorausgesetzt, da es Cathri
nicht verdriet.
    Mich? lachte diese verchtlich. Ich, wofern ich nichts Bses tue, so
ficht mich nicht soviel an, aber auch nicht soviel, was die Leute schwatzen
mgen.
    Ach so? erwiderte Anna spitzig, seid Ihr schon so weit miteinander
gediehen? In diesem Falle mae ich mir freilich nicht an, mich einzumischen.
Und sie verlie mit empfindlicher Miene das Paar, als wre ihr ein Unrecht
widerfahren.
    Conrad aber suchte dem Gesprch wieder auf die Beine zu helfen. Ihr habt
Euchs doch nicht etwa zu Herzen genommen, hoffentlich? begann er auf
Geratewohl, die Schndigkeiten der Base?
    Cathri lachte. Warum nicht gar? Dergleichen dringt mir nicht einmal durch
die Haut, geschweige denn ins Herz. Du lieber Himmel, da habe ich schon andere
Dinge geschluckt, daheim, vom Vater. berhaupt, wehe tun einem ja nur die
Eigenen. Ein ganzer Suppenlffel voll Gift von fremden Leuten brennt weniger als
ein Tropfen daheim. Darum bin ich draus, aus und davon, aus dem Feuer. Und seit
ich fort bin, ist mir wohl, ob es schon nicht lauter Rosen sind, was mir die
Menschen streuen, wenn man das Geld selber verdienen mu, Frnklein um
Frnklein, whrend man daheim im Dorf die reiche Cathri hie und die Erste war
und des Prsidenten Tochter.
    Sie hatte das mehr fr sich gesprochen, in sich hineinschauend; doch Conrad
fhlte es mit, so da er andchtig schwieg, nachdem sie geendigt hatte. Dafr
gnnte sie ihm nun ihrerseits etwas Teilnahme, und zum ersten Male klang ihre
Stimme nicht vllig frostig, sondern beinahe freundlich, als sie jetzt das Wort
an ihn richtete:
    Ihr solltet auch ein wenig fort, Herr Reber, riet sie gndig. Und wre es
meinetwegen nur auf einen Tag oder einen halben. Das bestndige Daheimkleben ist
fr einen jungen Mann nicht natrlich, das macht Euch bses Blut, darum seid Ihr
so gereizt und unwirsch. Den Hut auf den Kopf, den Stock in die Hand und hinaus
in die reine Frhlingsluft.
    Conrad schaute gierig in die Weite. Zum Beispiel mit dem Offiziersverein
auf die Hochburg? mit dem Zweiuhrzwanzig-Zug? entfuhr es ihm mit einem tiefen
Seufzer. Hiermit zog er die Uhr aus der Tasche und schaute eine lange Weile,
sich vergessend, auf das Zifferblatt.
    Ja, oder einfach ein Stndchen ins nchste beste Dorf. Nur damit Ihr neue
Gesichter seht und frische Eindrcke empfangt.
    Wieder blickte er sehnschtig in die Runde, dann lie er den Kopf hangen und
steckte die Uhr in die Tasche. Ich kann nicht, ich darf nicht, murmelte er
niedergeschlagen, heute am allerwenigsten.
    Warum nicht?
    Er wurde rgerlich: Warum nicht? Ihr seid doch sonst nicht so schwerfllig
von Begriffen. Warum nicht? Darum nicht, weil heute Sonntag ist, weil wir am
Nachmittag das Haus voll Gste haben werden, weil am Abend getanzt wird, kurz,
weil ich nicht kann. Oder meint Ihr, wir htten umsonst ein halbes Dutzend
Kellnerinnen mehr aufgeboten?
    Ja, ist es denn besser, Ihr zankt Euch mit dem Vater und der Mutter und der
Base und womit wei ich noch herum? Es tut heute nicht geheuer im Pfauen von
Herrlisdorf. Es sitzt ein Teufel auf dem Dach. Glaubt mirs, Herr Reber, ich
verstehe mich auf derlei Zeichen, ich habe das von klein auf studiert.
    Seid Ihr etwa aberglubisch? spttelte er.
    Sie lie sichs nicht anfechten. Das wei ich nicht, antwortete sie fest.
brigens ist wohl jeder mehr oder minder aberglubisch, der einmal die rote
Hahnenfeder des Todes in der Nhe gesehen hat oder die schwarze Schnauze des
Unglcks. Oder, was meint Ihr, wenn man den eigenen Bruder am Morgen gesund und
frisch hat in den Wald ziehen sehen, und zum Mittagessen bringen sie ihn auf der
Bahre, und er einem beim Weggehen zugejauchzt: Cathri, so glcklich wie heute
war ich meiner Lebtag nicht, ich meine, ich sei im Himmel, und der Vater ihm
nachgerufen: Da du mir vor elf nach Hause kommst, du Aas, oder nie mehr, was
meint Ihr, knnte man da aberglubisch werden oder nicht? Er kam freilich vor
elf nach Hause, der arme Baschi, genau vier Minuten vor elf, aber tot; nicht als
Aas, aber als Leichnam. Doch um darauf zurckzukommen, aberglubisch oder nicht
aberglubisch, Ihr mgts nun auslegen, wie Ihr wollt, es tut heute nicht geheuer
im Pfauen, es droht ein Wetter, es ist Krieg in der Luft.
    O, was das betrifft, versetzte er bitter, Krieg ist bei uns immer in der
Luft.
    Schon recht, entgegnete sie, aber es ist nicht blo das. Es ist wie
verschworen, wie mit einer Salbe angestrichen. Jeder von euch sagt etwas
anderes, als er mchte; keines von allen meint es mit dem andern bs, und jedes
treibt dem andern spitzige Ngel ins Herz. Das beweist doch, da der Teufel oder
etwas hnliches auf dem Dach sitzt? oder nicht?
    Erst spielte noch ein Lcheln um seine Lippen, dann ward ihm allmhlich
ernst und schwer. Lange Zeit blickte er sinnend auf seine Fe, whrend er mit
der Schuhspitze im Kies whlte. Was denn tun? fragte er gedmpft, ohne den
Kopf zu erheben.
    Fort! antwortete sie. Dem Teufel aus dem Kreis.
    Pltzlich schaute er sie an: Kmt Ihr mit? fragte er einladend.
    Herr Reber, jetzt schwatzt Ihr Unsinn, rief sie rgerlich und protzte von
dannen.

Wiederholte Male whrend dieser Unterredung hatte Conrad beiseite treten mssen,
um nicht von den Tischen gestoen zu werden, welche das Gesinde aus dem Tanzsaal
befrderte, ausgelassen schkernd, unachtsam und rcksichtslos. Platz fr
sieben Mann, es kommt ein halber, pflegten sie lachend zu befehlen, und
jedermann ohne Unterschied mute weichen. Daran hatte er zwar zunchst kein
rgernis genommen, da das Gesprch seine Aufmerksamkeit abzog, aber jetzt stie
es ihm nachtrglich auf. Und als er vollends den Portier gewahr wurde, wie er
Brigitte mit Kies bewarf, nahm er den aufs Korn.
    Portier, befahl er schroff, tragt diesen Stuhl da ins Ezimmer. Und da
ihm weder Gehorsam noch Antwort zuteil wurde, verstrkte er den Ton: Habt Ihr
mich verstanden oder nicht?
    Es wird wohl nicht so gewaltig pressieren, maulte der Portier, indem er
neuerdings eine Handvoll vom Boden raffte.
    Da wetterte ihm Conrad wie der Sturmwind entgegen: Wenn ich etwas befehle,
so pressiert es immer, erklrte er. Damit packte er ihn mit grausamen Fingern
am Ohrlppchen wie mit einer Zange und zerrte ihn schonungslos an den Stuhl, da
ihm die prahlerische Mtze vom Kopfe taumelte. Meinst, ich werde dich
pressieren lehren? meinst, ich bringe es zustande?
    Jetzt gehorchte der Portier greinend. Doch unter der Haustre angelangt,
warf er den Stuhl von sich, fing an zu plrren und drehte sich mit einer
rachedrohenden Grimasse nach dem Meister um, ehe er verschwand.
    Recht so, rief Cathri, vergngt mit den Hnden klatschend, genau wie
unser Hans. Die Kellnerinnen indessen starrten Conrad scheu an, als shen sie
ihn zum ersten Male. Eine Weile standen sie wie festgebannt, dann flchteten sie
jhlings auseinander, bis sie allmhlich neugierig zurckkehrten, um sich
heuchlerisch etwas zu schaffen zu machen, wobei sie bald ngstlich nach dem
Hause lauerten, bald verstohlen den Blick zu Conrad erhoben. So oft eine bei ihm
vorbei mute, wich sie ihm in einem groen Bogen aus.
    Jetzt aber beit die Zhne zusammen, Herr Reber, warnte Cathri aufgerumt,
Ihr knnt Euch auf ein Donnerwetter gefat machen.
    Zuerst hatte es nicht den Anschein, als ob sich die Weissagung erfllen
sollte, so da die Kellnerinnen nach und nach Mut schpften und, ihre Furcht
abstreitend, das Erlebnis ins Komische kehrten.
    Es hat ihm gehrt, dem pressierts ein andermal schneller.
    Josephine hob die Portiermtze vom Boden, schlug sie vom Staub rein, stlpte
sie sich als Siegeszeichen auf den Kopf und parodierte damit herum.
    Da klappte das Wohnstubenfenster auf, und der Kopf des Vaters erschien
darin, nach Conrad gerichtet. Es scheint, du verlangst, da man dir noch die
Rute verabfolge wie einem kleinen Kinde, schrie er.
    Conrad schnellte auf den Abstzen herum. Es soll das ein einziger Mensch
auf der ganzen Welt versuchen, schrie er zurck, mit einer Stimme, die ber die
Dcher schallte.
    Siehe, da bewegten sich in der Schlafstube der Mutter die Vorhnge. Das
wirkte auf ihn wie ein Mirakel, so da er sich augenblicklich bezwang. Der Vater
seinerseits, nachdem er umsonst auf eine Herausforderung gewartet hatte, zog
endlich langsam den Kopf wieder einwrts. Das Klappfenster schlo sich
geruschvoll, dann ward alles wieder stumm.
    Cathri aber machte sich an Conrad heran. Im Ernst, Herr Reber, redete sie
ihm zu, ich wiederhole es zum drittenmal: flieht!
    Jetzt nicht mehr, knirschte er. Jetzt erst recht nicht. Fliehen? Nein,
fliehen, das ist nicht meine Art.
    Helene warf ihm im Vorbergehen heimlich das Wort zu: Herr Reber, der
Kutscher lt Euch melden, ob Ihr auch wtet, da er die Lissi fr den Herrn
Regierungsrat Lauterbach anspannen msse? Aber Ihr mchtet ihn doch ja um Gottes
willen nicht verraten, da ers Euch verraten hat.
    Was? Die Lissi? brauste er auf. Ich glaube, Ihr redet im Fieber. Es hat
bisher noch niemand gewagt, ber die Lissi ohne meine ausdrckliche Einwilligung
zu verfgen.
    So schaut selber nach, erwiderte sie gedmpft. Sie steht vor dem Haus,
schttelt den Kopf und scharrt mit den Fen.
    Das mchte ich denn doch erst mit meinen eigenen Augen bewahrheiten, ehe
ich es glaube, rief er mit rollenden Augen und machte sich eilends auf, trotzig
und entschlossen.

Richtig, da stand sein Rlein leibhaftig zwischen den Landern, vor dem
Einspnner, munter und wohlgemut, mit den Fen scharrend und die Gebistange
kauend, da der Schaum spritzte, und glotzte ihn unverschmt an, die treulose,
als wre alles richtig und in Ordnung.
    Benedikt, forschte er strenge, wer hat Euch geheien, die Lissi
anspannen?
    Euer Vater, der Pfauenwirt selber.
    Gut. So spannt das Rlein wieder aus und sattelt es. Ich will ausreiten.
    Euer Vater ist mein Meister, und Ihr seid ebenfalls mein Meister. Ich habe
nichts als einfach zu gehorchen. Befiehlt man mir anzuspannen, so spanne ich an,
befiehlt man mir wieder auszuspannen, so spanne ich wieder aus. Aber
wohlverstanden: die Verantwortung bernehme ich nicht, ich berufe mich auf
Euch.
    Selbstverstndlich. Also ich gehe jetzt die Sporen und Reithosen anziehen.
Ihr sorgt dafr, da gesattelt ist, wenn ich zurckkomme.
    Das wird bald richtig sein - vorausgesetzt, da kein Hindernis
dazwischentritt.
    Conrad fate ihn scharf ins Auge: Wenn ich etwas befohlen habe, bedeutete
er nachdrcklich, so tritt kein Hindernis dazwischen. Die Lissi ist mein. Ich
habe sie gekauft, aus meinen langjhrigen Ersparnissen; deshalb habe ich ber
sie zu verfgen und niemand anders. Dann liebkoste er einen Augenblick seinen
Gaul, gewohnheitshalber, ihm die Nase klemmend. Hierauf begab er sich ins Haus.
    Im Hausgang versperrte ihm der Vater den Weg mit seinem massigen Krper, der
zu beiden Seiten beinahe die Wand berhrte.
    Verzeih, Vater, heischte Conrad hflich, doch bestimmt, sei so gut und
la mich durch. Damit drckte er sich behutsam an ihm vorber.
    Wohin? schnob ihn der Alte an, als er vorbei war.
    Ausreiten!
    Du reitest nicht aus! brllte er ihm nach.
    Ich reite aus. Und eilte die Treppe hinauf nach dem zweiten Stock in seine
Mansardenkammer, verriegelte die Tr und zog sich gemchlich um, ohne sich im
mindesten zu sputen. Knappe Lederhosen, gespornte Wadenstiefel, Samtwams und
eine dunkelblaue Halsbinde, die er kunstgerecht zu einer losen Schleife
schrzte. Hierauf prfte er sich oberflchlich im Spiegel, ob er bestehe, ob
nichts mangle und nichts gebreche, ringelte sein kleines Schnuzchen, damit es
keck in die Welt schaue, und stolzierte dann mit schallendem Gesang ber die
Schwelle. Denn der flotte, saubere Reiterstaat hatte ihm Leibesmut und
Lebenslust aufgefrischt.
    Vor der Mansardentr empfing ihn seine Schwester mit Schmeicheln und Bitten.
Conrad, flehte sie, treibs nicht zum uersten. Tus mir zuliebe. Was
verschlgt es dir, ob du heute ausreitest oder ein anderes Mal?
    Mich wunderts im Gegenteil, entgegnete er hitzig, da ichs von jemand
anderen als von dir erfahren mu, wenn man mir heimtckisch die Lissi entzieht.
Oder hltst dus vielleicht jetzt auch schon mit dem Vater? Und whrend er
sprach, schob er sie mit schonender Hand hurtig beiseite.
    Und der Herr Regierungsrat, der auf die Lissi wartet und dem man sie
versprochen hat! wandte sie vorwurfsvoll ein.
    Versprochen? Es kommt darauf an, wer. Ich nicht. brigens tut der Bl oder
der Scheck oder der Kohli genau denselben Dienst. Man braucht nicht aus lauter
Bosheit, eigens mir zuleide, gerade die Lissi zu whlen.
    Gelt! versetzte sie beleidigt, wenn dich Cathri darum gebeten htte, du
httest gleich nachgegeben!
    Und die Handschuhe! rief sie ihm nach, die Handschuhe! Du wirst doch
nicht ohne Handschuhe ausreiten wollen!
    Im mittleren Stock zitterte die Mutter unter der Schlafstubentr: Willst du
mich vollends unter die Erde bringen? hauchte sie.
    O nein, erwiderte er kalt, indem er vorberschritt, blo selber ein
bichen leben, nachdem ich doch einmal auf der Welt bin, und nicht durch meine
Schuld. Das heit, vorausgesetzt, da man das berhaupt noch ein Leben nennen
kann, wenn man einem jede Lebenslust verleidet, jede Freude verdirbt, jedes
Lachen, jede freie Bewegung, jedes harmlose Wort zum Verbrechen stempelt.
    Auf dem Weg nach dem Telephonstbchen, wo er die Reitpeitsche hangen hatte,
hrte er den Vater in der Wohnstube toben. Ich bring' ihn um. Ich schlage ihn
tot wie einen tollen Hund.
    Das gbe eine Beschftigung fr den Staatsanwalt, rief Conrad.
    Ob er schon wute, da der Vater das Wort nicht vernehmen konnte, gewhrte
es ihm doch Genugtuung, es laut zu rufen.
    Wie er nach Behndigung der Reitpeitsche sporenklirrend auf den Platz trat,
der Lissi entgegen, welche, vom Kutscher gehalten, gesattelt und gezumt
bereitstand, folgten ihm unbeholfene, schlurfende Schritte, ein Schatten
berholte ihn, er hrte einen mhseligen Atem rcheln, und mit einem schnellen
Seitenblick erkannte er den Vater, mit einer Geiel bewaffnet, aber verkehrt,
den Griff nach oben, die Faust um die Mitte des Stockes geklammert.
    Da musterte er mit absichtlicher Umstndlichkeit Zgel und Bgel,
untersuchte das Gebi und prfte mit untergeschobener Flachhand den Sattelgurt,
beobachtete jedoch bei alledem jede Bewegung des Vaters. Den Sattelriemen eine
Nummer fester schnallen, Benedikt; er schlottert.
    Und whrend der Kutscher dem Gebot nachkam, sprach er der Lissi
freundschaftlich zu, welche aufmerksam die Ohren spitzte und sie hierauf eines
nach dem andern zurcklegte.
    Einiges Volk hatte sich auf dem Platz gesammelt, um das zierliche, schmuck
aufgezumte Tierchen zu begaffen. Vom Hause her aber drang unterdrcktes Flehen
jammernder Frauenstimmen.
    Vater, versndige dich nicht! Denk an Gott und den Heiland!
    Conrad, wie kannst du das vor uns und deinem Gewissen verantworten!
    Ratlose Gestalten, in sinnloser Angst die Hnde verwerfend, huschten
unentschlossen vorwrts und rckwrts, mit dem schchternen Bestreben, sich
zwischen Vater und Sohn einzuschieben. Darob wurde jedoch die Lissi unruhig,
begann zu tanzen und machte Miene, zu steigen und auszuschlagen.
    Weg von dem Rlein, in des Teufels Namen, mit dem verfluchten Weibervolk,
schnauzte der Kutscher in seiner Not, da er das Tierchen kaum mehr bemeisterte.
    In dem Augenblick, als Conrad sich anschickte, dem Kutscher die Zgel
abzunehmen, stellte sich der Alte mit gespreizten Beinen fester, holte mit
weitem Arm aus und hob den Geielstock. Halb erstickte Schreckensschreie
ertnten, das Pferdchen entsetzte sich mit jhem Sprung im Halbbogen um seine
Achse; der Kutscher, die Fe stemmend, fluchte den ganzen Kalender herunter,
Conrad aber bohrte dem Vater einen feindseligen Blick in die wutentzndeten
Augen.
    Da trat Cathri ruhig mit langen Schritten vor und legte die Hand auf den Arm
des Pfauenwirts. Herr Reber, sprach sie gelassen, mit lautem, nachdrcklichem
Ton, der Gaul vertrgt die Peitsche nicht. Der ist ohnehin feurig genug. Gebt
die Geiel lieber mir. Und nahm ihm den Geielstock sanft aus der Hand, einfach
und zuversichtlich, als verstnde sich das von selber.
    Der Alte aber war so verblfft, da es geschehen war, ehe er mit sich eins
geworden, ob er es dulde oder wehre.
    Unterdessen hatte sich Conrad behend und leicht in den Sattel geschwungen,
trotz seiner Gre, und ritt nun, Cathri einen militrischen Gru mit
verbindlichem Lcheln bietend, in frderndem Schritt von dannen.
    Hinter sich aber vernahm er den emprten Ruf seiner Schwester: Es sieht
nachgerade schon vllig danach aus, als ob Cathri im Pfauen regierte.

Er lenkte zum Dorf hinaus, planlos dem Weg folgend, den Rain hinab durch die
Kirschenallee nach der Eisenbahn, wo er den Schienenbergang gesperrt fand. Ihr
mgt noch bequem hinber, Herr Reber, knurrte freundlich der Bahnwrter und hob
die Schranken. Jenseits des Geleises aber kam ihm Conrad zuvor, indem er mit dem
Pferde schlank ber den Balken setzte, in zwiefltigem Ruck, jh in die Hhe,
zurckhaltend hinab.
    Dann strebte er weiter, zwischen Station und Stations-Pintenwirtschaft
hindurch. Von rechts her warf ihm der Stationsvorsteher einen launigen Gru
nach, den er im selben Stil erwiderte: Glckliche Reise, Herr
Batteriekommandant. Viel Vergngen, Herr Betriebsdirektor.
    Gegenber, zur Linken, vor der Pinte, stand die Neuberin, die Schankwirtin,
ein Bblein auf dem Arm, das ihn mit bermigen Augen bewundernd anstarrte.
    Hast dus gesehen? lachte sie dem Kinde in die Augen, das sie wie ein
Spreuerkissen schttelte, um seinen Geist aufzurtteln: Hast dus gesehen, das
Rlein, wie er mit ihm ber den Balken sprang, der Herr Pfauenwirt?
    H! h! lallte das Bblein, aufjuckend, dann lie es ein widerspenstiges
Geschrei los, denn die Neuberin fra ihm vor Wonne das Gesicht. Hinter dem
Gartenhag aber, unter dem blhenden Kastanienbaum, lungerte die Jucunde, die
sogenannte Nichte der Neuberin, mit ihrem unsinnigen Strubel, endlos, weglos und
verirrlich wie ein Urwald. Sie machte Augen wie Pflugrdlein, rhrte sich jedoch
nicht, auer da sie an den Fingerngeln kaute. Einen brandzndigroten Rock trug
sie heute zur Schau, aber natrlich wie immer ohne Gestalt noch Grtel, sondern
bauschig wie ein Schlafrock. Es fehlten zur Hauderin nur die bloen Fe.
    Er vermied geflissentlich, die eine oder die andere zu gren, sondern trieb
abgewandten Blickes vorber. Endlich vorn auf der Landstrae angekommen, in
welche sein Weg mndete, schlug er einen Trab an, in der Richtung nach dem
Kurbad. Bald indessen verkrzte er die Zgel. Denn seine Gedanken waren daheim
geblieben, und die holten ihn nun wie mit langen Hacken ein. Wozu auch vorwrts
trotten? Irgendwohin begehrte er nicht; und nachdem er bewiesen, da ber die
Lissi er allein zu verfgen habe, war sein Zweck erfllt. Die Hauptsache aber
war: die Gefahr, die seiner zu Hause wartete, zog ihn an. Er sprte: was ein
rechter Mann ist, schiebt die Schwierigkeiten nicht in die Zukunft und weicht
dem Kampf nicht aus, sondern stellt ihn. Er kehrte also um, den zurckgelegten
Weg eilends wieder auflesend, so da er in wenigen Minuten abermals den
Bahnbergang erreichte. Diesmal war soeben ein Zug eingefahren, ein zweiter von
unbersehbarer Lnge hielt auf der Talseite vor der Signalstange, auf das
Zeichen zur Einfahrt harrend. Da schpfte er einen ansehnlichen Vorrat Geduld,
verlngerte die Zgel und wartete vor dem Schlagbaum, wobei die Lissi mit
schmunzelnden Nstern neugierig nach dem Wagenfenster schnupperte, als wollte
sie sagen: Kann mir vielleicht einer von euch ein Schnupftuch leihen? Es war ein
Wagen zweiter Klasse. Gelangweilte Gesichter stierten ihm daraus entgegen, stumm
und mrrisch, als ob sie nchstens bellen wollten. Nein, ganz unparteiisch, die
Lissi hatte entschieden ein menschlicheres Gesicht. Nebenan aus der dritten
Klasse lrmte Fustampfen, Gejohl und Blechmusik. Kpfe bockten durch die
Fenster aus und ein, mit heftigen, berschssigen, unzweckmigen Bewegungen;
verdutzte Rudel schossen die Treppe auf und nieder, wobei sich Zusammenste
ergaben. Allmhlich aber hefteten sich alle Blicke auf ihn, den einsam ragenden
Reiter, um die zehntausendjhrige Neuigkeit zu bestaunen, da ein Zweibein auf
einem Vierbein sitzt. Da er jedoch nicht aufgelegt war, sich von dem migen
Reisevolk wie ein Jahrmarktswunder anglotzen zu lassen, drehte er sein Pferd um,
das Hinterteil dem Wagen zugekehrt.
    Conrad, rief ihn eine bekannte Stimme aus einem der hintersten Wagen an:
Bist du heute abend gegen sechs Uhr daheim?
    Es war Leutolf, der Leutnant der Waldishofer Feuerwehr. Sein silberner Helm
mit dem purpurroten Haarbusch glitzerte weithin; neben ihm kamen messingene
Helme in groer Zahl zum Vorschein.
    Warum? fragte Conrad zurck.
    Wir machen nmlich einen Ausflug nach Rubisthal, zu Ehren der
Spritzenmusterung, und denken auf dem Rckweg im Pfauen einzukehren.
    Ja, beschied er nach einigem Zgern, da er keinen vernnftigen Grund
hatte, nein zu sagen. Auch mochte er die Waldishofer als wackere, pflichttreue
Leute besonders wohl leiden.
    Aus der vorderen Hlfte des Zuges, nahe der Lokomotive, winkte unablssig
ein Taschentuch, bis ihm endlich die Ahnung aufdmmerte, das flatternde Fhnchen
knnte mglicherweise ihm gelten. Wie er dann Front danach machte, erkannte er
die Base.
    Leb wohl, Conrad! schrie sie ihm zu, mit berschnappender Stimme. Mach
dich lustig! Und bessere dich! - Du nimmst dich gut aus auf deinem Rlein. -
Ja, reiten und soldteln und dergleichen brotlose Knste, das mu man dir
lassen, die verstehst du aus dem ff. Hingegen mit dem Pflug zu Acker fahren,
gelt, das ist dir zu gemein, zu schmutzig?
    So von weitem erschien ihm jetzt die Base lieblich und traut, so da ihm
ganz heimatlich ums Herz ward. Und da sich eben der Zug mhsam in Bewegung
setzte, rief er zurck, mit der Hand winkend:
    Komm bald wieder. Ich zhle darauf
    Zhlen macht Kopfweh! grlte sie.
    Der Zug geriet inzwischen ins Laufen. Also du kommst? schlo er ab: Du
hast mirs versprochen?
    Wir wollen dann sehen, wenns finster ist, gackerte sie aus Leibeskrften.
Und mit uerster Anstrengung, den Oberkrper aus dem Fenster biegend, schrie
sie:
    Pa jetzt nur auf, da es diesmal nicht wieder ein Unglck gibt.
    Dann reichten ihre Stimmen nicht mehr. Nun winkten sie sich zu, solange sie
einander zu unterscheiden vermochten, sogar noch ein Weilchen lnger, ledig der
Richtung nach. Allmhlich verschwand die Base mit dem enteilenden Zug in den
verschwimmenden Wagen, einen freundlichen Schimmer zurcklassend, wie ein
Sternchen, dessen Namen man kennt.
    Allein nun auch den andern Zug geduldig abzuwarten, der jetzt umstndlich
herbeischlich, mit einer Miene, als wollte er sich auf ewig vor der Station
niederlassen, nein, soweit reichte seine Langmut nicht. Er begab sich daher
einige Pferdelngen von dem Bahngeleise weg, um die Zeit durch Bewegung zu
betrgen.
    Pltzlich, wie er neben dem Pintengrtchen anlangte, beim Anblick der roten
Kastanienstrue ber der brunlichen Thujahecke, beizte ihm die grougige
Jucunde, die er hier geschaut hatte, wie gewrzter Speisebrodem in die
Vorstellung. Zwar, man mied sonst die Stationswirtschaft, der Jucunde wegen; und
er nicht minder als jeder andere, ebenfalls der Jucunde wegen. Doch heute
beherrschte ihn einmal der Trotz, so da er, was sich ihm als verboten
aufspielte, um so nachdrcklicher tun mute.
    Er schwenkte also vor die Schenke mit dem bestimmten Vorsatz, jeden, der ihm
das spter aufmutzen wollte, derb abzufertigen, sprang ab und bergab das Pferd
dem beflissen herbeistoffelnden Knecht: Fhrt das Tierchen in den Stall, gebot
er; und da Ihrs keinem andern Menschen ausliefert, wer es auch sei.
Verstanden?

Schmunzelnd trippelte die Neuberin herbei, mit berschwenglichen
Freudenbezeugungen ihn bewillkommnend, ein breitspuriges Gerede von unverhoffter
Ehre anhebend.
    Und so weiter, trallala! unterbrach er sie.
    Jucunde! belferte sie freudig in den Hausgang, Jucunde, rate einmal, wer
uns die Ehre schenkt! - Die wird die Augen aufsperren! Wenn Ihr nur wtet, wie
sie Euch nachschaut im geheimen, jedesmal, wenn Ihr vorbereitet! Das einfltige
Affending, als ob das jemals zusammenpate, der stolze Herrensohn aus dem Pfauen
und die verachtete Jucunde von der Station! Jucunde! Jucunde! Wo hast du nur
deine Ohren?! Einstweilen nahm sie das Bblein vom Boden auf, das ihr an der
Schrze hing. Siehst du, das ist jetzt der schne Herr, der mit dem Rlein
ber den Balken sprang. Betrachte ihn genau, denn wer wei, wie lange es whrt,
bis du wieder einmal das Glck hast, ihn von so nahem zu sehen. - Er heit auch
Conrad, wie Ihr, fgte sie zu seiner Empfehlung hinzu.
    Ein hbsches Bblein, geruhte er leutselig. Und was fr prchtige
Samtaugen es hat! Wem gehrt es? Es gleicht fast ein wenig der Jucunde.
    Die Wirtin verzog ein Schalksgesicht, verlegen, pfiffig und belustigt. Es
gleicht ihr leider nur allzusehr, platzte sie endlich lachend heraus.
    Inzwischen bequemte sich Jucunde selber heran, weich und schwer, mit
berufsmiger Wohldienermiene. Sobald sie aber den Pfauenwirtssohn erkannte,
blieb sie mit sperroffenem Munde stehen, und zwei groe Trnen rollten ihr ber
die Backen.
    So sei doch manierlich, du alberne Wachtel, schalt die Neuberin. So gr
doch den Herrn Reber, so fhr ihn ins Grtchen und zeig ihm den Weg.
    Jetzt strahlte Jucunde mit der ganzen Breite ihres gutmtigen Gesichts und
schritt voraus ins Grtchen, bestndig sich umschauend, ob er auch wirklich
leibhaft folge. Und da ihr immer neue Trnen nachrieselten, wischte sie lachend
den Arm ber Mund und Nase.
    Ihr mt nichts fr ungut nehmen, Herr Reber, entschuldigte sie sich, ich
bin halt ein gar unglaublich einfltiges Geschpf. Wollt Ihr im Httchen Platz
nehmen? oder in der Laube? oder vielleicht dort in der Ecke unter dem
Kastanienbaum? Dabei scheuchte sie hndeklatschend ein Huhn weg, das auf einem
der Tische lustwandelte.
    Er whlte die freie Mitte, wo der Kastanienbaum noch knapp mit seinem
Schatten reichte und wo er zugleich den Pfauen im Auge hatte, der vom Hgel
herunterschaute wie eine Burg von einer Schanze.
    Roten oder Weien? fragte Jucunde glckselig. Roten wahrscheinlich.
    Und da er gleichgltig nickte, eilte sie dienstfertig von hinnen.
    Er aber dehnte die Glieder und fhrte die Augen spazieren:
    Etliche Gste, Stck sieben oder acht ungefhr, kauerten gelangweilt im
Grtchen. Neue sickerten herbei, teils vom Gartenpfrtchen, teils vom Hausgang.
Das Bahngeleise war gerumt. Demnach mute der zweite Zug mittlerweile
gleichfalls ausgefahren sein. Von der Station wallte in dichten Scharen
Stadtvolk und Landvolk ameisengleich den Rain hinauf, dem Pfauen entgegen,
offenbar den beiden Zgen entstiegen. Die Mehrzahl steuerte zur Linken die
Kirschenallee hinan, andere quer durch die Wiese, auf dem Fupfad, vereinzelte
wenige auch rechts auf dem Karrenweg lngs dem Rebberg. Eine Musikbande war
darunter, die Instrumente, sorgsam in grne Zeugfutterale gehllt, unter dem
Arm.
    Wirklich, eine vorteilhaftere Aussicht auf den Pfauen lie sich nicht
denken. Wie auf einem Teller lag er vor ihm, majesttisch auf vorragender Hhe,
stattlich in seiner weitlufigen Breite: links der Gasthof, in der Mitte die
gemauerte Terrasse mit den kugelrunden Akazienbumchen in Reih und Glied, die
freilich um diese Jahreszeit noch gar drftig belaubt waren, hinter der Terrasse
der Tanzsaal, endlich zur Rechten, wo die Terrassenmauer auslief, der
Holzschuppen und die Kegelbahn. Den luftigen Zwischenraum kreuzten Schwalben,
steigend und fallend wie Steinwrfe, hoch oben in der Himmelskrone schwammen
leichte Flockenwlklein.
    Allein das alles sah er nur so beilufig, weil er es schlechterdings nicht
bersehen konnte. Etwas anderes suchte sein Blick dort oben, jemand, nach
welchem sein Ha begehrte, und da der Blick nicht reichte - denn der Abstand war
zu weit -, erreichten ihn seine Gedanken.
    Also wirklich schlagen, mit dem Peitschenstock ber den Kopf schlagen hatte
er ihn wollen, der Unhold!
    Bei dieser Erinnerung stie seine Faust den Tisch heftig von sich, da er
torkelte. Beschmt rckte er ihn wieder zur Stelle. Nein, verbesserte er sich,
vergriffen, an dem Vater vergriffen htte er sich doch nicht; trotz allem;
soweit kannte er sich immerhin noch selber. - Freilich, zur Notwehr, im Jhzorn,
wenn der Schimpf brannte und die Wunde bi! - Und wofr? Bitte wofr? Was hatte
er denn verbrochen? Es sollte doch ein einziger Mensch kommen und ihm sagen, was
er Unrechtes getan hatte!
    Seine Augen rollten, und seine Finger krampften sich, whrend er einen
Falkenblick nach dem Gasthof schickte. Mit gekniffenen Brauen brtete er dann
eine Weile geistesabwesend vor sich hin. Mrder! knirschte er unversehens. Und
wie berauscht von dem blutigen Klang wiederholte er das Wort immer von neuem,
zuerst in lngern, dann in krzeren Pausen. Endlich, beim sechsten Male,
sprangen alle Fesseln der Gedanken. Unbedenklich stie er jetzt mit glhendem
Wunsche den Vater in die Grube wie mit einem Dolche. - Darauf seufzte er
erleichtert. Welche Erlsung! Kein Zank, kein Verdru mehr. Herr in Haus und Hof
und Feld, geachtet und geehrt, geschtzt und gefrchtet. Niemand, der sich
fortan unterstehen wird, ihm einen Verweis zu erteilen. Was ihm belieben wird,
wird er befehlen, und was er befehlen wird, wird geschehen!
    Und gierig ergriffen nun seine Blicke Besitz von dem vterlichen Eigentum,
Stck um Stck, Acker fr Acker, Baum fr Baum, jubelnd und grimmig, wie der
Habicht, der die Faust um die Lerche krallt.
    Aber von dem Anschauen des farbenstrotzenden Hgels geriet er allmhlich ins
Sinnen und vom Sinnen ins Trumen. Ein Bild stieg vor ihm auf. Eine Festhtte
unten am Hgel in der Au, worin er die gesamte Mannschaft seiner Batterie
freihielt, Offiziere und Gemeine, und zwar groartig, mit einem ausgesuchten
Essen, wie man noch keines im Lande erlebte, mit der Konstanzer Musik dazu und
berraschungen fr die Offiziere beim Nachtisch und Geschenken fr die Soldaten,
da es fr jeden einzelnen zeitlebens eine Erinnerung bleiben sollte.
    Das Bild bestand lngere Zeit, deutlich und klar. Dann begann es zu
schwanken, und ein anderes trat hervor:
    An der Stelle, wo gegenwrtig der alte hliche Tanzsaal sich breitmachte,
baute er ein Huschen, nur ganz bescheiden in Riegelfachwerk, kein Stil und
Balkone und Badezimmer und Zentralheizung, aber freundlich und wohnlich, mit
frohmtigen Zimmern, mindestens drei Meter hoch, und einer gerumigen taghellen
Kche, und Wandschrnken, soviel nur angingen, und einer breiten, bequemen
Laube, damit man im Freien essen kann. Maurer standen auf den Gersten,
anstellige Welsche aus dem untern Tessin, singend wie die Lerchen, vom Morgen
bis zum Abend. Unten hantierten die Maler an den grnen Fensterlden,
Wasserdeutsche aus dem Norden in Jgersamt und Schlapphten, - er meinte, er
rche die Farbe. Anna guckte ihm ber die linke Schulter, der Doktor ber die
rechte. Was in aller Welt baust du denn eigentlich da? knurrte der Doktor in
seiner berlegenen Besserwisserei. Denn, seine Wissenschaft in Ehren, und
durchaus nicht das mindeste gegen den zuknftigen Schwager, aber sonderlich
begabt war er nun einmal nicht, der Doktor, das htte er selber zugestehen
mssen, wenn er nicht ein bichen zu beschrnkt dazu gewesen wre. Und die
Schwester antwortete aus ihren schnen klugen Augen: Jedenfalls etwas
Unpraktisches. Man ist ja immer unpraktisch, im Urteil der Weiber. Er aber zog
gelassen eine Urkunde aus der Tasche und reichte sie den beiden hin. Da
rieselten der Schwester die Freudentrnen in den offenen Mund, so da sie ihm
nicht einmal gleich zu danken vermochte. Und der Doktor drckte ihm unaufhrlich
die Hand: Aber Conrad, Conrad, was denkst du auch? Das knnen wir ja unmglich
annehmen.
    Ein Maikfer purzelte kopfber auf den Tisch, zappelnd, um sich
aufzurichten. Nachdem er ihn gewissenshalber, wiewohl widerstrebend, vernichtet,
knpften seine Gedanken wieder vorne an. Eigentlich, grbelte er, in gewisser
Hinsicht war es beinahe schade, da Cathri einsprang. Er htte doch erfahren
mgen, ob der Alte den Hieb bers Gewissen brachte. Zwar, an sich betrachtet,
eine Staatsleistung war es, so ruhig und einfach, mit dieser berlegenen
Sicherheit, dem wahnsinnigen Wterich gegenber, der zu allem fhig war, whrend
Schwester und Mutter mit ohnmchtigem Flennen tatenlos zuschauten. Und der Ton,
mit dem sie das gesagt hatte! berhaupt ihre Stimme! Zwar nicht eigentlich, was
man eine sympathische Stimme nennt, obschon ja der Ton dem Ohr uerst
wohlgefllig klang: hart und kalt, als ob man einen Degen aus einer Samtscheide
zckte. Indessen, eine Stimme, die einem Rettung in der Not gebracht, die hat
halt einen besondern Kern! Ihm ward zumute, als htte er in jenem Augenblick mit
Cathri eine Verwandtschaft eingegangen, und zwar eine innige. Oder nein, nicht
Verwandtschaft, denn was sind Verwandte? Menschen, die einem das Leben
verbittern, mit dem Anspruch, das als einen Beweis der Liebe zu verdanken.
Freundschaft vielmehr. Beim Kuckuck, warum auch sollte man nicht mit jemand, der
einem zusagt und der einem Gutes getan, pltzlich Freundschaft schlieen?
Freundschaft ist doch kein Mostapfel, da sie nur allmhlich reifte! Pltzlich
lchelte er vor sich hin, als ob er in etwas Leckeres gebissen htte. Es war ihm
nmlich eingefallen, da Cathri eine ledige Jungfrau war und er ein
heiratsfhiger Bursch, woraus sich verlockende Mglichkeitsbilder entwickelten,
denen er trumerisch nachhing.
    Jucunde erschien mit dem Wein, in einem Atem sich lsterlich anklagend und
angelegentlich entschuldigend wegen der strflichen Vernachlssigung, whrend
sie ihm bereifrig einschenkte. Ehe sie wieder davoneilte, wand sie ihm hastig
den Arm ums Gesicht, wie ein Naschwerk, um ihn zu vertrsten.
    Er aber stie angeekelt das fremde Fleisch beiseite und fuhr unbehindert in
seinen lieblichen Trumereien fort, denn er hatte sich durch die Strung nur
oberflchlich wecken lassen. Freilich, gesetzt den Fall, zum Beispiel, er mchte
und sie willigte ein, so wrde er natrlich Feuer und Flamme dagegen speien, der
alte Drache, daran war nicht der mindeste Zweifel. Nun, um so besser, dann
gerade erst recht! Hiermit war er wieder da angelangt, wohin er stets im Kreis
zurckkehrte: bei ihm, dem Unvermeidlichen, dem Unausstehlichen, dem Feind
seiner Beschaffenheit und Eigentmlichkeit, Feind seiner Wnsche, Plne und
Hoffnungen, Feind in allem und jedem, berall und immer.
    Neuerdings packte ihn der Groll und krampfte sich seine Hand, aber diesmal
um das Weinglas, das er mit einem einzigen Zuge leerte, trotz dem sauren
gepanschten Krtzer. Darob wandelte sich der Groll in Zorn, und der Zorn
stiftete ihn wieder zum Trinken an. Bald verwirrte sich sein Geist. Ein Taumel
betubte ihn, durch welchen er blo noch das Hmmern des Blutes gegen die
Schlfen sprte, verbunden mit dem leidenschaftlichen Gelsten, irgend etwas
Gewaltsames zu vollfhren, und zwar lieber frher als spter, am liebsten auf
der Stelle.

Ein roher Lrm tobte durch den Hausgang, untermischt mit festlichen Jauchzern,
und gleich einem Feuerlufer kam der Knecht aufgeregt um die Ecke gesprungen:
Die Niederwagginger sind da, meldete er mit wichtiger Miene.
    Jucunde, schnell! Flaschen und Glser, soviel da sind! gellte die
Neuberin, hpfend vor Freuden.
    Zu spt. Schon ward das Grtchen von einer Rotte ungeschlachten Volkes
erobert, das sich strmisch auf die Sthle warf, im Nu jedes Pltzchen
besetzend. Der Rest wirbelte hin und her, nach Bedienung lrmend und Wein
begehrend. Sessel wurden als Beute aus den Zimmern herbeigeschleppt, hoch ber
die Kpfe erhoben, Weinflaschen reihenweise nach Dachdeckerart von Hand zu Hand
vermittelt, alles so tumultuarisch wie mglich, aber in Frieden und Eintracht.
Heute gehts den Oberwaggingern an den Kragen! triumphierte eine Stimme. Der
Tanz im Pfauen wird wohl heute schwerlich bis Mitternacht whren, hhnte ein
anderer. Beifallsgelchter erscholl, Fuste wurden prahlerisch geballt,
gespannte Muskeln vorgewiesen, Stcke geschwungen. Hinter den Burschen aber
erschien nachtrglich ein verschmter Weibertrupp, das Getmmel vermehrend,
festlich geputzte Jngferchen, Feldblumenstrue vor dem flachen Busen.
Schchtern schoben sie sich in die Lcken des aufgeregten Mannsvolkes,
glckselig inmitten der Pffe und Tritte. Keine Bedienung vermochte das
menschliche Dickicht zu durchdringen. Wo immer die Neuberin oder Jucunde sich
hervorwagten, ward ihnen mit handgreiflicher Zrtlichkeit dermaen zugesetzt,
da sie schleunigst die Flucht ergriffen. Dabei hieben sie weidlich mit den
Fusten drein, die eine wie die andere, unter entrstetem Quietschen und
Belfern, brigens mit dem vergngtesten Gesichte der Welt. Sie genasen
augenscheinlich in dem Hllenbreugel.
    Conrad hatte keine Zeit gefunden, sich vor dem ungestmen Menschenschwall
zurckzuziehen; infolgedessen sah er sich auf seinem Platz festgepret, so da
ihm nichts brig blieb, als sich so schmal wie mglich zu zwngen. Das ertrug er
zwar ergeben, wie man ein Naturereignis ertrgt, allein in der belsten Laune.
Pltzlich juckte er auf und strute die Ohren. Nmlich die Worte Pfauen,
Kellnerinnen, karessieren hatten ihn getroffen. Und wie er den Kopf danach
wandte, gewahrte er einen langen Lmmel mit einem schiefen Karpfenmaul und
abstehenden Ohren, schlpfrig wie ein Regenwurm, dem ers etwa zutraute. In der
Tat, der verdrehte zischelnd die lsternen Augen. Schon wollte er sich
angewidert abwenden, da glaubte er zu hren: die schne Anna vom Pfauen. Nein
wahrhaftig, da sagte ers noch einmal, ganz deutlich, der Wicht: die schne Anna
vom Pfauen.
    Ihr dort! Nehmt den Namen meiner Schwester nicht in Euer schmutziges Maul,
herrschte Conrad hochfahrend, so rauh und beleidigend, da er selbst davor
erstaunte; ein Ton wie eine Ohrfeige.
    Der Regenwurm kehrte sich zgernd herum, nicht einmal sonderlich verwundert,
betrachtete den Gegner geraume Weile mit lauerndem Blick, dann erwiderte er mit
flauer Stimme: Man sagt ja durchaus nichts Schlimmes von Euerer Schwester,
nicht im mindesten, im Gegenteil.
    Hiermit whnte Conrad den Fall erledigt. Indessen der andere lie ihn mit
seinem tckischen Blicke nicht mehr los:
    Es darf ja einer sogar den Namen Gottes aussprechen, munkelte er, da wird
der Name der Jungfer Reber wohl auch noch erlaubt sein. Schlielich ist sie ja
doch nur ein Mensch wie wir. Oder was denn sonst?
    Und immer von neuem setzte er verbissen an, whrend Conrad sich verchtlich
abkehrte, aber doch heimlich hinhorchte, wie ein Tiger, der gereizt wird und
sich einstweilen noch beherrscht.
    Ein Maul braucht deshalb noch lange nicht schmutzig zu sein, weil es
Schwarzbrot it statt Weibrot. Es gibt Muler, die Hhnchen fressen und sind
doch schmutzig. Und ferner: Wenn einer schon reich ist und ein Rlein im
Stall hat und eine Uniform im Schrank, so hat er deswegen nicht ntig, solch
einen hochmtigen Ton mit dem Volke anzuschlagen wie mit einem unsinnigen Stck
Vieh. Dann wieder nach einer Weile: Er kommandiert auch nicht immer so laut,
der Herr Leutnant. Daheim im Pfauen, dem Vater gegenber, redet er einen
sanfteren Violinschlssel, vorausgesetzt, da er berhaupt zu reden wagt.
    Ein hllischer Pfiff durch die Finger schrillte Alarm. die Oberwagginger!
scholl es wie Kriegsruf.
    Wo? brllten Dutzende von weinheisern Kehlen.
    Haraus! krchzten andere, und wie ein Rudel Hirsche brach die vollzhlige
Dorfmacht durch den Hag, um des Feindes ansichtig zu werden. Was im Wege stand,
wurde rcksichtslos zu Boden gerannt, Tische mitsamt dem Gerte, Sthle zugleich
mit den daraufsitzenden Zechern, einerlei wer oder was.
    Solange Conrad nur zufllig Ste mit abbekam, hielt er an sich. Hchstens,
wenn sie ihm ber die Fe stampften, warf er die nchsten kurzerhand ber den
Haufen, verteidigungshalber, was diese auch keineswegs wichtig krumm nahmen,
sondern sich gleichmtig wieder auflasen, als wren sie ber einen Schemel
gestrauchelt. Hchstens da ihm einer oder der andere flchtig die Faust wies.
Einer entschuldigte sich sogar:
    Ja so! Uha! Nichts fr ungut, Herr, stammelte er vertrglich, mit
linkischem Gru.
    Ein Hieb jedoch traf ihn so spitzig, so ausdrucksvoll, so beredt in den
Rcken, da er Absichtlichkeit witterte, und wie er sich blitzschnell herumwarf,
berraschte er hinter sich den Regenwurm, der keine Frist mehr hatte, eine
harmlose Miene zurechtzulegen, sondern, sich ertappt fhlend, die Flucht
ergriff, im Gewhl untertauchend, die Arme zum Schutz ber den Kopf gekreuzt wie
ein Schulbube. Er flugs ihm nach, mitten durch den Haufen, den er gewaltsam
teilte. Am Gartenpfrtchen hatte er ihn, packte ihn am Kragen und schmi ihn mit
einem Futritt auf die Strae. Es war sonst nicht seine Gewohnheit, der
Futritt. Allein diesmal berkam es ihn wie eine Offenbarung; diesem mute er
einen Futritt verabfolgen, seiner Schwester zu Ehren und dem schiefen Maul
zuliebe. Nachher sprte er sofort eine wohltuende Zufriedenheit, so da er ruhig
den Aufmarsch der feindlichen Bauernheere besichtigen mochte, als Zuschauer.
    Die Niederwagginger waren bereits smtlich drauen auf der Strae, gefolgt
von dem Weibertrupp, der teils abmahnend, teils mit neugieriger Abenteuerlust
sich anhngte, alle ohne Ausnahme mit erhhtem Respekt vor den gewaltttigen
Knaben. Erst hielten diese Kriegsrat. Punkt sechs schlagen wir los, nicht
frher und nicht spter, lief es durch die Reihen. Dann nahmen sie die Jungfern
in die Mitte und schlossen die Glieder; hierauf drckten sie die Hte tief ber
die Stirn und schritten mit geducktem Kopf scheinheilig frba, dem Dorfe
entgegen. Vor ihnen her in geraumer Entfernung, seitwrts im Kornfeld zur Linken
der Kirschenallee, zog die Oberwagginger Dorfschaft mit ihren Weibern, ebenfalls
in scheinfrommer Verfassung. Beide Haufen beobachteten einander, sorgsam darber
wachend, da der Abstand zwischen ihnen sich weder erweitere noch verkrze. Von
Zeit zu Zeit schnellte ein Kopf aus der Nachhut empor, wie ein Hahn, der krhen
will, schickte rasch dem Feind ein fistelndes Haraus entgegen und versteckte
sich hurtig wieder im Knuel. So rckten die beiden Truppen allgemach vor, den
Rain hinan, dem Pfauen entgegen.
    Conrad triumphierte; nmlich die Nu enthielt fr ihn einen sen Kern.
Hatte er denn nicht dem Vater wohlmeinend vom Tanz abgeraten? Und was fr einen
Lohn hatte er fr seinen guten Rat geerntet? Wohl denn, so mge ers haben. Und
ein dmonischer Wunsch nistete sich in sein Herz, der Wunsch, da Blut flieen
mge, der Wunsch des mihandelten Propheten.

Wie er durch das verwstete und vereinsamte Grtchen, wo Bruch und Brocken
umherlagen, nach seinem Platze zurcksteuerte, seufzte ihm Jucunde entgegen und
warf sich erschpft neben ihn auf einen Stuhl. Wie sie aussah! Zerzaust und
zerrissen, mit Wein bergossen, die Lippen hngend, das Auge glanzlos, und der
Schwei troff ihr von der Stirne.
    Das war nun also die verfhrerische Jucunde, welche das Gercht wie die
leibhaftige Todsnde ausmalte! Eine klgliche Todsnde! Das wenigste, was man
von einer Todsnde verlangen kann - nicht wahr? - ist doch, da sie zum
mindesten appetitlich sei. Pfui, wie sie sich von jedes Waggingers knotigen
Armen hatte herumzerren lassen! Freilich, man wute ja ohnehin, da sie keine
Mutter Gottes war, allein wissen und mit eigenen Augen wahrnehmen ist mitunter
zweierlei. Entschieden, hier war kein Aufenthalt fr ihn. Was fr ein Bock hatte
ihn nur gestoen, sich freiwillig in diese Spelunke zu begeben?
    Er sah nach seinem Hut. Siehe, der war zerdrckt, zerknittert, berstubt.
Eine Brste, befahl er hochfahrend.
    
    Bestrzt schaute ihn Jucunde an, schlich kleinmtig ins Haus und brachte die
Brste.
    Er suberte Hut und Kleid, ohne da sie wagte, ihm das Geschft abzunehmen,
so strenge gebrdete er sich. Endlich stammelte sie mit demtiger Stimme:
    Oh, seid doch nicht ungehalten, Herr Reber! oh, seid mir nicht bse! Ich
bitte Euch tausendmal um Verzeihung. Aber warum mutet Ihr auch gerade einen
Sonntag whlen? Gibt es doch Tage in der Woche genug, ach Gott, wo wir
stundenlang htten zusammensitzen knnen, ohne gestrt zu werden. - Was mu ich
nur tun, damit Ihr mir nicht mehr gram seid?
    Was bin ich schuldig? heischte er kalt und wollte sich erheben.
    Da fiel sie laut aufjammernd ber ihn her und drckte ihn nieder: Nein,
nein, nein, wehklagte sie erbrmlich, indem sie ihn verzweifelt umklammerte,
nein, jetzt geht Ihr nicht schon wieder fort. Jetzt, wo wir endlich allein
sind, jetzt, wo ich Euch zum ersten Mal in meinem Leben habe.
    Es schrie so viel wahrhaftige Herzensnot aus ihrer Stimme, aus ihren Augen,
aus ihren Mienen, da es ihn erweichte. Schlielich, nach Hause kam er immer
noch reichlich frh genug fr das, was ihn Liebliches dort erwartete.
    Er lehnte sich also wieder zur Ruhe.
    Da leuchteten zwei Sternchen der Dankbarkeit aus ihren guten Augen; sie
setzte sich neben ihn, schlug jedoch mitrauisch die Hand ber seinen Arm, als
ob sie besorgte, er knnte ihr unversehens entschlpfen, wie ein frisch
zugelaufener Jagdhund, der noch nicht vertraut ist. Und um ihm die
Abschiedsgedanken zu vertren, berschwemmte sie ihn mit Geschwtz. Zunchst mit
vorrtigen Redensarten, dann allmhlich, als sie inne ward, da keine Hinterlist
in ihm sei, mit echtem Geplauder aus dem eigenen Seelengrunde.
    Es macht schnes Wetter heute, warf sie ihm als ersten Brocken hin. Und
wchsiges. Das Gras steht so hoch und saftig wie selten im Maien. Und den
Kirschen hat die letzte Woche ebenfalls gutgetan; wenn nur nicht wieder der
Regen alles verdirbt. - Wie es grumselt von allen Seiten, schwarz von Volk, dem
Pfauen zu! Ja, Ihr seid reich, Ihr seid glcklich, Euch winkt das Leben. Wie
kommt es brigens, da Ihr an einem solchen Tage nicht daheim seid? Habt Ihr
vielleicht wieder einen kleinen Verdru gehabt mit dem Vater? Es heit, er sei
bse gegen Euch. Ich kann nicht begreifen, wie es jemand bers Herz bringen
kann, bse gegen Euch zu sein. Nun, es kommt mir zugute; ich htte nie zu hoffen
gewagt, da Ihr jemals zu uns kmet, so ein stolzer Herr zu so geringem Volk.
Mit einem Male jedoch trbte sich ihr Auge, und sie sah ihn vorwurfsvoll an, als
ob er ihr etwas gestohlen htte. Das ist wohl eine Freundin Eurer Schwester,
die Bernerin, die heute zur Aushilfe gekommen ist? Schn ist sie, das ist wahr,
sehr schn sogar; so Schne gibt es hierzulande keine auer hchstens Eure
Schwester. Und einen prchtigen Staat hat sie ebenfalls. Ist sie denn reich?
Aber wenn sie reich ist, warum dient sie denn? Man sagt, sie sei sonst fr den
Sommer im Kurbad, als Bfettdame. Ich kann es begreifen. So ein Paradiesvogel
zieht natrlich alle Mnner an. Es heit, sie lasse sich vom Badewirt selber den
Hof machen. Freilich, er ist ja seit zwei Jahren Witwer. Aber den wird sie doch
hoffentlich nicht nehmen! So viele Krbe, wie der schon erhalten hat, trotz all
seinem Vermgen. Puh, der Greuel. brigens, so schn sie ist, wenn ich ein Mann
wre und die Wahl htte: ich fnde Euere Schwester doch noch schner. Es kommt
ja nicht einzig alles auf die Regelmigkeit an, sondern auch ein wenig auf den
Ausdruck, wie man bei uns daheim sagt. Sie hat so etwas Liebliches um die Augen
und den Mund; ich mu immer an Euch denken, wenn ich sie sehe. Nun, dafr ist
sie ja auch Euere Schwester.
    Sie hielt an und schwieg. Nach einer Weile fuhr sie fort, mit einem kleinen
Seufzer:
    Ich kanns begreifen, da Ihr nur ein rechtschaffnes Mdchen nehmen wollt.
Und da Euch keine absagt, davor seid Ihr sicher. - Es wrde noch manche andere
gerne in den Pfauen hineinsitzen, in das frstliche Heimwesen!
    Empfindlich kehrte sie sich von ihm ab und blickte mit verschrnkten Armen
dster zu Boden. Einsmals aber schaute sie ihn wieder freundlich an: brigens
will ich dankbar sein, da Ihr berhaupt gekommen seid. Wenn Ihr wtet, wie
wohl mir das tut, wie wohl; ich kann Euch gar nicht sagen, wie wohl. - Aber
schmt Ihr Euch denn nicht, am hellen Tage neben der Jucunde zu sitzen, so offen
vor aller Welt?
    Er errtete. In der Tat, sie saen wie in einem Schaufenster. Allein Furcht
vor den Leuten war nicht seine Schwche. Nach kurzem Bedenken rckte er vielmehr
noch etwas nher an sie heran. Da strahlte sie wie ein Sommermorgen.
    Wie mich das freut, hauchte sie, in die innerste Seele hinein freut, da
Ihr Euch meiner nicht schmt. Und jeder Vorbergehende frischte ihren Blick
auf.
    Hierauf sagte sie nichts mehr, sondern stemmte beide Ellenbogen auf den
Tisch, legte den Kopf in die Hnde und schaute ihm mit ihren bergroen Rehaugen
unverwandt ins Gesicht, um seine Gegenwart grndlich auszukosten.
    Auch er begann sich an seinem Pltzchen anzuheimeln. Seine Glieder, noch
etwas vom Wein beschwert, gerieten in hckrige Stimmung, sein Wille
entschlummerte, und das einfltige Geschpf an seiner Seite, aus dessen treuem
Herzen ihn Liebe in warmen Strmen wie Mrzensonnenschein berflutete, tat ihm
trotz allem auch wohl, sehr wohl sogar, offen gestanden. Mein Gott, sie sahen
ihn anders an, zu Hause, der Vater und die Mutter. Und um seine ursprngliche
Hrte wettzumachen, reichte er ihr gtig die Hand hin.
    Gierig ergriff sie dieselbe und liebkoste sie unaufhrlich mit
schmeichelnden Wangen, glckselig, ihn berhren zu drfen, wie ein Hund sich an
seinem Herrn zu reiben liebt.
    Also beharrten sie hinfort voreinander, schweigsam und zufrieden, vergessend
und genesend. Sie in seinem Anblick schwelgend, er vor dem Bilde Cathris
feiernd, das unbehindert von Jucundens Gegenwart ruhig und deutlich in seinem
Gedchtnis leuchtete.
    Die Natur tat das Ihrige, um Unruhe zu stillen und Unrast zu bannen. Die
Kunst des Lenzes, zu prangen, ohne zu blenden, entfaltete sich nach der langen
Regenzeit mit besonderer Kraft. Allberall strotzte verhaltene Flle, aus
welcher Glut und Schatten gleicherweise Dfte lockten, nur andere. Man roch es
wachsen. Eine hochschwebende, schneeweie Schnwetterwolke schwamm herbei, um
gleich einer Insel die Sonne wegzutragen, die Scheibe verhllend, blo an den
Rndern einen blitzenden Strahlenkranz erlaubend. Darunter saen sie nun wie
unter einem Baldachin oder einem mit farbigen Gazen gedmpften Kronleuchter,
kurz, unter etwas Groem, Hohem und Holdem, das sie vereinte und segnete. Sie
urteilte offenbar nicht so strenge ber die Jucunde wie die Menschen, die Sonne.
    Ein paar Dutzend groe silberne Tropfen sprhten aus der Wolke herab in
weiten Zwischenstnden wie durch ein Sieb. Obgleich sie augenblicklich
verdunsteten, so da sie kaum die Erde erreichten, wurden sie doch von
smtlichen Amseln des Tales mit einer verzckten Symphonie empfangen. Mit
Wohlgefallen schaute sich Jucunde um: Jetzt kann man bald mhen.
    Herr Reber, Ihr verliert ja Euere Sporen! belehrte der Knecht, der in
Gemeinschaft mit der Neuberin aufrumte.
    Das erwies sich als richtig. Der rechte Sporn war weg, vermutlich von den
Bauern abgetreten; der linke, schiefgedrckt und ber die Hlfte eingerissen,
hing schlaff ber den Absatz. Conrad bckte sich, um ihn vollends abzuknappen.
Doch Jucunde kam ihm zuvor, indem sie wie ein Wiesel glittlings unter den Tisch
schlpfte. Oder vielmehr wie ein Murmeltier, denn fr ein Wiesel war sie zu
fett.
    Halt, das ist meine Sache, wehrte sie unter dem Tisch hervor, dazu bin
ich auf der Welt, Euch zu bedienen.
    
    Mit einem einzigen Ruck hatte sie den Sporn los, aber in ihrem Handballen
klaffte eine hliche Riwunde, aus welcher Blut quoll. Erschrocken fuhr er auf
und griff nach ihrem Arm. Sie aber entwand sich ihm lachend:
    Oh, das ist gar nichts, das heilt in zwei Tagen, scherzte sie, wenn man
nur gesundes Blut hat! Und da er immer noch bedenklich auf die Wunde starrte,
deutete sie auf seinen Stuhl, da er sich niedersetze. Er gehorchte, wenn auch
zgernd. Hernach war alles wieder beim alten, auer da sie von Zeit zu Zeit mit
innigem Entzcken die verletzte Hand betrachtete, als wollte sie rufen: Das
hab' ich von Euch, als Geschenk, zum Andenken, wenn Ihr nicht mehr da seid, und
da er mitunter einen bedauernden Blick zu ihr hinbersandte, wobei sie jedesmal
von erneutem Glck aufleuchtete, heiter und lustig.

Benedikt, der Kutscher von daheim aus dem Pfauen, guckte ber den Hag, sich
ruspernd.
    Was gibts schon wieder? fragte Conrad unwillig.
    Benedikt hstelte: Ich soll Euch ersuchen, munkelte er, ob Ihr nicht
vielleicht so gut wret, die Lissi dem Herrn Regierungsrat abzulassen,
ausnahmsweise fr heute, aus Geflligkeit. Er htte schon dreimal am Telephon
danach gefragt. Man habe es ihm halt doch eigentlich sozusagen versprochen, wenn
auch vielleicht mit Unrecht.
    Wenn man in anstndigem Ton mit mir redet, wenn man mich anfrgt, wenn man
mich manierlich darum ersucht, so ist das anderlei, erklrte Conrad. Wer hat
Euch geschickt?
    Euere Schwester, die Jungfer Reber.
    So nimm das Rlein, es steht im Stall. Aber er soll gemach fahren, der
Regierungsrat, damit er die Lissi nicht in Schwei jagt.
    Ich fahre selber.
    Dann ists gut.
    Doch Benedikt rhrte sich nicht. Und noch eins lt Euch Eure Schwester
sagen, meldete er, mit dem Lachen kmpfend. Ob es nmlich durchaus ntig wre,
da Ihr mit der Jucunde auf dem Sperrsitz set, damit Euch ja die ganze Welt
bewundere, oder ob Ihr Euch nicht lieber in eine Galerie zurckziehen mchtet.
    Durchaus ntig ists nicht, erwiderte er trocken, aber angenehm. brigens
hat der Platz den Vorteil, da er jeden Vorwand nimmt, auszustreuen, wir tten
etwas Heimliches im Verborgenen. Sagt das meiner Schwester und einen
freundlichen Gru dazu. - Wie stehts im Pfauen? Viele Gste auf der Terrasse,
wie es scheint?
    Es wimmelt! Man vermit Euch schmerzlich an allen Ecken. Ja, und da ich es
nicht vergesse, Euer Vater hat darum herumgeredet, es wrde Euch wahrscheinlich
auch nicht das Leben kosten, wenn Ihr heimkmet und ein bichen bei der Aufsicht
behilflich wret. Er habe bis dato keinen Menschen aufgefressen und htte es
auch heute nicht im Sinne. Es wre ja Platz genug vorhanden fr zwei.
    Das hat er gesagt? Der Vater? Zu Euch? Das klingt ja beinahe glimpflich,
das heit, ich meine verhltnismig, an ihm selber gemessen.
    Zu mir, so wie ich dastehe. Die Neue, die Bernerin, die Cathri oder wie sie
heit, hat ihn herumgebracht. Eine Viertelstunde lang hat sie ihm zugesetzt und
ihm alle Schimpf und Schande ins Gesicht gesagt, da unsereiner vor Angst sich
htte verkriechen mgen. Aber er hat alles geduldig ber sich ergehen lassen wie
ein Schulkind, das der Lehrer abkanzelt. Nur so vor sich hin gemkt dann und
wann, wenn es allzu grob hagelte. Bis er sich zuletzt zu dem Versprechen
herbeilie, Euch ein gutes Wort zu geben.
    Und das soll nun vermutlich das gute Wort vorstellen, die Versicherung,
mich nicht auffressen zu wollen?
    Benedikt lachte mit breitem Maul. Ja, er spendiert sie nicht mit dem
Scheffelma, Euer Vater, die guten Worte! Er ringts mhsamer zum Vorschein, ein
gutes Wort, als der Armenverein einen Dublonen. Man sollte fast meinen, es
erstickt ihn.
    Conrad schwieg nachdenklich. Ihm war, als wre er die lngste Zeit von Hause
fort und es mte inzwischen in seiner Abwesenheit eine Unmenge der wichtigsten
Dinge vorgefallen sein, von denen er Nachricht wnschte. Wit Ihr zufllig
etwas von der Mutter, wie es ihr geht? Ist sie immer noch oben, in der
Schlafstube?
    Man hat sie ins Dorf zur Gromutter getan, damit sie aus dem Geschft
herauskomme, wo sie sich doch nur unntz selber aufregt und andern Leuten
hinderlich ist. Die Bernerin, die Cathri, hat darauf gedrungen.
    Ein gescheiter Einfall das, der von der Cathri. Wenn etwas Vernnftiges
geschieht, so hat doch gewi sie es angeraten.
    Der Kutscher lachte beifllig. Ja, das ist eine Resolute. An der ist ein
Mannsbild verlorengegangen. Soll ich auch sagen, was sie mir aufgetragen hat?
Ich bernehme keine Verantwortlichkeit dafr, ich melde einfach, was ein jeder
mir auftrgt. Der eine sagt blau, der andere grn. Ihr sollt Euch lustig machen,
lt sie Euch sagen, und nicht zu frh heimkehren. Es gehe geradesogut ohne Euch
und sogar noch viel besser. Jetzt mt Ihr selber wissen, was Ihr zu tun habt.
Mich geht das nichts an, ich mische mich nicht hinein. Also wie steht es jetzt
eigentlich? was mu ich daheim ausrichten? kommt Ihr oder kommt Ihr nicht?
    Ich komme, wenns Zeit ist, erklrte Conrad ausweichend.
    Und ich gehe denn jetzt also und nehme das Rlein. Ist es recht so?
    Es ist recht. - Nicht zu frh heimkommen, wiederholte er verstimmt bei
sich, nachdem der Kutscher abgetreten war. Ja, ist ihr persnlich denn gar
nichts daran gelegen, ob und wann ich heimkehre? Und verletzt bi er sich auf
die Lippen.
    Als er wieder ausschaute, begegnete er den mutlosen Blicken der Jucunde.
Und jetzt geht Ihr also wieder heim? murmelte sie niedergeschlagen.
    Er erstaunte. Wer hatte denn von Heimgehen gesprochen? Sie tat ihm leid.
Nein, ich bleibe noch ein wenig, trstete er.
    Sie aber schttelte traurig den Kopf. Ihr geht jetzt heim, wiederholte sie
trbsinnig. Ich spre es. Und kommt dann nie, nie mehr zu mir. Das ist das
erste und letztemal gewesen.
    Niemand kann voraus wissen, ob etwas das letztemal gewesen ist.
    Doch, das kann man voraus wissen. Ich wei, es ist das erste und letztemal
gewesen. Sonst wret Ihr nicht aus bloem Versehen zu mir gekommen, aus eitel
Trotz und Widerspruchsgeist, weil es zufllig daheim Verdru gegeben hatte. Das
wei ich jetzt, denn ich habe es gehrt.
    Dann pltzlich wurde sie wieder weich. Nehmt mirs nicht bel, bat sie
flehentlich, da es mir weh tut, wenn Ihr mich verlat! Ich danke Euch
gleichwohl. - Also, Ihr bleibt noch ein klein, klein wenig?
    Conrad blieb, aber nur noch mit dem Krper. Sie hatte recht. Es wollte ihn
etwas heim. Irgend etwas Mannigfaches lie ihm keine Ruhe mehr. Die Neugierde,
was daheim geschehe, das bewegte Leben auf der Terrasse vor seinen Augen, das
Bedrfnis mitzutun und mitzuhelfen, das Gelsten, wieder mit Cathri zu
verkehren. Das und noch manches Derartige, was ihm nicht vllig ins Bewutsein
trat, regte sich in ihm, whrend Jucunde ngstlich jede seiner Mienen bewachte.
    Horch, jetzt ging oben im Pfauen am hellen Nachmittag der erste Tanz los,
eine aufgeregte Polka, aber noch ohne berzeugung, schwchlich und freudlos im
leeren Saale hallend. Sofort begann Jucunde mit nselnder Stimme mitzutrllern,
automatisch, aus Schlappheit, nach Art hirnloser Dirnen, so da er ihre
Dummheit, von welcher er bisher blo reden gehrt, selber ermessen konnte.
    Im Grtchen hatte sich mittlerweilen wieder eine Anzahl Leute eingefunden,
deren Blicke beim ersten Geigenbogenstrich sich smtlich nach den Fenstern
richteten, von woher der Schall kam. Dadurch stockten die Gesprche, und nur
abgebrochene Stze wurden laut, gedmpften Tones, als frchteten sie, die Musik
zu beeintrchtigen. Bis allmhlich, bei lngerer Weile und Wiederholung des
Rhythmus, die Unterhaltung wieder aufwachte. Aber die Gedanken blieben an den
musikalischen Tanzboden gebunden, so da sich jede Rede an langer Leine um den
Pfauen drehte wie ein Pferd in der Reitschule.
    Eine bedchtige Bauernstimme sagte in lehrhaftem Ton: Wenn man berdenkt,
wenn man vergleicht, was der Pfauen vor zwanzig, dreiig Jahren war, ehe ihn der
alte Reber bernahm, und was er jetzt ist! Und alles ganz aus sich selber, ohne
Untersttzung, ohne Geld, nichts als zwei fleiige Hnde, ein aufgeweckter Kopf
und eine ehrliche Leber. Acker fr Acker einzeln erworben, heuer ein Feld und
bers Jahr eine Wiese, aus den Ersparnissen, je nachdem das Geschft gnstig
war, und die Wirtschaft allmhlich vergrert.
    Gehrt die Matte unterhalb der Terrasse auch dazu?
    Alles von oben bis unten, von der Terrasse bis an die Bahnlinie, der Rain
und der Anger und noch ein Stck vom Rebberg dazu.
    Was ist denn eigentlich mit der Pfauenwirtin? War sie immer so?
    Die Pfauenwirtin? Die Frau Reber? Die Pfauenwirtin von Herrlisdorf? Ich
sag' Euch, das war zu meiner Zeit die jovialste, lebenslustigste Frau im ganzen
Kanton. Immer freundlich, munter und wohlauf. Und fleiig und ttig! Ja, der hat
der Alte viel zu verdanken.
    Lebenslustig? Wer? Die Pfauenwirtin Reber? Lebenslustig? Was ist denn da
gegangen?
    Ach, sie ist schwermtig geworden, seit dem Kindbett ihres Sohnes, Conrad,
glaube ich, heit er. Zuerst hat man sie in einer Anstalt versorgt, hernach, wie
es etwas besser ging, hat man sie ein paar Jahr lang in den Bdern
herumgeschleppt. Jetzt lebt sie, soviel ich wei, seit Jahr und Tag daheim im
Hause. Aber mit der Schwermut ist es immer noch beim alten, seufzt den ganzen
Tag, schafft sich Sorgen ber jede Kleinigkeit, macht sich und der Umgebung das
Leben zur Qual und redet bestndig von nichts als vom Sterben. Gtiger Himmel,
wenn man einem das vorausgesagt htte, vor dreiig Jahren! So kann sich der
Mensch ndern! Ein Glck, da der Alte so geduldig mit ihr ist, so ein Wterich,
als er sonst sein mag. Es ist geradezu rhrend, wie sanft er mit ihr umgeht, alt
und krank, wie er selber ist.
    Conrad erbleichte, in ernste Gedanken versunken, indem er sich vornber
lehnte, um kein Wort zu verlieren. Das weckte Jucundens Eifersucht. Wollen wir
nicht lieber einen andern Platz aufsuchen, wo man ungestrt ist? schlug sie
bellaunig vor.
    Er gebot ihr rgerlich mit der Hand Stillschweigen. Die zweite Stimme setzte
wieder an: Und der Junge? der Sohn? Was hrt man von dem? Ist etwas hinter
ihm?
    Man wei noch nicht recht, wo es mit dem hinaus will. Zwar von seinem
Militrdienst verlautet nur Gutes, es hat ihn alles gerne, seine Vorgesetzten
wie seine Untergebenen. Dagegen daheim -
    Jetzt verlor Jucunde die Fassung: Schweigt doch, ihr albernen Menschen,
platzte sie mit ungezgeltem rger heraus. Seht ihr denn nicht, da er selber
dasitzt?
    Da ward eine gewaltsame Stille der Verlegenheit im Grtchen.
    So, jetzt kann man doch wenigstens wieder sein eigenes Wort verstehen,
murrte Jucunde.
    Allein Conrad hrte sie nicht mehr; eine peinliche Ungeduld, heimzukehren
und vor allem loszukommen, hatte sich seiner bemeistert.
    Ich werde nun auch aufbrechen mssen, sagte er schonend, indem er
gleichzeitig aufstand. Also denn, Jucunde, was ist meine Schuldigkeit?
    Sie verzog den Mund und warf feindselige Blicke auf die Geldbrse, die er
hervorkramte.
    Ich habe Euch noch etwas Wichtiges mitzuteilen, entgegnete sie ernst, mit
rtselhaftem Ton, aber Ihr mt Euch erst setzen.
    Hierauf, nachdem er sich widerstrebend niedergelassen, wandte sie ihm
pltzlich ihr Gesicht zu, mit riesengroen Augen, die ihn drohend anstarrten,
wie die Mndung eines gewaltigen Doppelgeschtzes, in dessen Innerem Feuer und
Schwefel wohnt. Und whrend er betroffen herumriet, was das bedeute, schob sich
hinterlistig ein Bein ber das seinige. Bleibt diesen Abend bei mir, flsterte
sie.
    Sein Blut geriet in Aufruhr. Doch tat er sich Gewalt an, blickte weg und
nickte ein verneinendes Zeichen.
    Ich will aber, da Ihr bleibt. Ich will es einfach, zischelte sie
dringender und schmiegte sich ihm noch enger an. Nun begann er zu kmpfen. Und
seine eigenen Sinne wollten ihn in dem Kampfe verraten. Da gedachte er des
Jawortes, das er der Feuerwehrmannschaft gegeben, und blitzschnell warf er sie
mit beiden Armen brutal von sich, denn er wute sich ihrer nicht anders zu
erwehren.
    Jetzt nderte sie handkehrum ihre Haltung, erhob sich ruhig, setzte eine
harmlose Miene auf, als wre nichts gewesen, und geschftsmig, mit einem
verblffenden Sprung ber all die Verwirrung weg, die sie angestiftet,
verkndete sie khl:
    Ein Frnklein und vierzig Rappen.
    Er beglich das und tat ein angemessenes Trinkgeld hinzu, fr welches sie
bescheiden dankte. Dann schritten sie miteinander davon, ziemlich eilig, denn
ihm war schwl, und er lechzte nach Erlsung. Entschieden, htte er ahnen
knnen, wessen er sich von Jucunde zu versehen hatte, er wre nie in der Station
eingekehrt. Beim Hause angelangt, berfiel sie ihn nochmals, unbekmmert um die
Anwesenden. Kommt einmal des Abends, wenns dunkel ist, zwischen zehn und elf
Uhr, nach dem letzten Zug. Zum Beispiel morgen.
    Aber wieder schttelte er verneinend den Kopf.
    Nun gab sie alle Hoffnung endgltig auf und fgte sich: So ntzt denn
alles, alles nichts? schmollte sie verzweifelt. So mu ich Euch denn wirklich
ziehen lassen? Immerhin, es hat mich innig, innig gefreut. Daran werde ich nun
noch lange, lange zehren, wochenlang, monatelang, vielleicht noch lnger.
Hiermit ergriff sie mit beiden Hnden seine Rechte und drckte sie zrtlich,
aber fest an ihr Herz, lie sie auch nicht mehr los.
    So zogen sie durch den Hausgang, unbequem, weil eines des andern Schritte
hemmte, bis vor die Haustr.
    Leb wohl, Jucunde, grte er. Sie erteilte ihm keine Antwort, gab ihn auch
nicht frei.
    Leb wohl, wiederholte er bittend und etwas gereizt.
    La mich los, sonst mu ich dir weh tun, denk an deine Wunde.
    Allein es war, als htte er gegen ein unvernnftiges Tier hingeredet, so da
sich schlielich ein frmlicher Kampf entwickelte, zwischen ihm, der seine Hand
schonend aus ihrer Umklammerung zu befreien trachtete, und ihr, die ihn mit
verzweifelter Anstrengung halten wollte. Als er sich endlich durch einen
unvorhergesehenen Ruck befreit hatte, schwenkte sie beleidigt ab und verschwand
im Hausgang; kam auch nicht wieder zum Vorschein, ob er schon ihr zu Gefallen
noch ein wenig vor der Schenke verharrte.
    So entfernte er sich denn, aufgeregt und betroffen. Es lag ihm etwas nicht
recht. Einesteils war er ja froh, diesen wollust-peinlichen Anfechtungen
glcklich entronnen zu sein, aber andrerseits tat es ihm doch auch leid, von dem
wunderlichen Geschpf mit dem treuen Herzen unter den abgefeimten Buhlknsten so
ohne Gru und Abschied davongezogen zu sein, flchtlings, beinahe im Streit. Sie
mochte sein, was sie wollte, sie hatte ihn halt doch lieb, auf ihre Art. Und der
weite, reine Frhling um ihn her kam ihm jetzt, wie soll ich sagen, nchtern,
gewissermaen herzlos vor, so da ihn beinahe sein Sieg gereuen wollte.
    In der Tat zauderte er, vor der Eisenbahnlinie angekommen, indem er nach
hinten schielte, ob sie nicht vielleicht nachtrglich unter der Haustr stnde.
    Sie stand nicht dort. Und wie gesagt, er hatte ja den Waldishofern sein Wort
verpfndet.
    Da raffte er sich auf und schlich niedergeschlagen ber das Geleise, als ob
er einen wertvollen Gegenstand verloren htte.
    Jenseits der Schienen tauchte Jucunde in die Vergangenheit, und der Pfauen
rckte aus der Zukunft in die Gegenwart.
    Einen Gewinn aber trug er doch aus der Pinte mit heim: den Entschlu, nun
seinerseits dem Vater ein freundliches Wort zu gnnen, dafr, was er an der
Mutter Gutes getan hatte und etwa noch tun wrde.

Er whlte den Pfad durch die Matte, um abzukrzen, dann auf halbem Wege
verlangsamte er den Schritt, um spter einzutreffen. Denn man sollte nicht etwa
meinen, er htte Eile, sich auf Befehl einzustellen.
    Hier mu mir eine Hecke hin, murmelte er stirnrunzelnd, als er das Gras
neben dem Weg zertreten sah.
    Schlielich langte er trotz allem Zgern doch an, beinahe gegen seinen
Willen.
    Ein paar abenteuerlich geschniegelte Radler, von Cathri bedient, hatten sich
unterhalb der Mauerbrstung in die Wiese vorgeschoben, von wo sie eine
schallende Frhlichkeit von sich gaben, um die Aufmerksamkeit an sich zu ziehen.
    Sonderbar, fast ungehrig mutete es ihn an, da er von allen Menschen gerade
Cathri zuerst wieder sah. Er hatte, einfltigerweise, angenommen, sie wrde
zuletzt erscheinen wie die Hauptspielerin im Theaterstck. Mit leichtem
Kopfnicken schritt er, an der Gruppe vorber, seines Weges weiter nach dem Ende
der Mauer hinan. Dabei widerfuhr ihm aber, da er dem Vater ins Gesicht blickte,
der, kaum zehn Meter in der Luftlinie entfernt, zufllig von der Mauerbrstung
herunterschaute. Der Alte schlo mit bsem Seitenblicke die Augen wie eine Eule
am Mittag. Da versprte er wieder den gewohnten feindseligen Schlag, eine Art
Rcksto, wie von einem schweren Geschtz. Weg war mit einem Mal sein lblicher
Vorsatz. Es ging nicht; es ging einfach nicht.
    Also kehrte er um und schlug sich in die Nhe der Radler, stndlings und
ohne sich anzulehnen, unter einen mchtigen Birnbaum. Dort winkte er der
Bernerin ein Zeichen mit dem Kinn.
    Diensteifrig eilte sie herbei:
    Ihr habt Euch keine langen Ferien gegnnt, Herr Reber, grte sie ihm
entgegen.
    Er ging auf diese Bemerkung nicht ein. Cathri, wir sind Euch alle zu groem
Dank verpflichtet, begann er feierlich und ein wenig befangen.
    Wofr?
    Nun, heute morgen. Ihr wit ja. - Zwischen mir und dem Vater. - Tut doch
nicht, als ob Ihr nichts wtet! - Mit dem Peitschenstock. - Ihr habt uns
mglicherweise vor einem schweren Unglck bewahrt.
    Ach so? Das? lachte sie gleichgltig. Ein Idyll aus der Schweizerfamilie
war es freilich nicht.
    Wirklich, ich habe Euren Mut bewundert.
    Sie lachte wieder. Man mu es halt mit den Mnnern halten wie mit den
bissigen Hunden: nur ja keine Furcht vor ihnen zeigen.
    Er aber blieb ernst. Ihr mgt Euere Tat verkleinern, versetzte er, ich
aber betrachte Euch von jenem Augenblick an als meinen guten Geist.
    Geist hat mir bisher noch niemand nachgesagt, scherzte sie ausweichend.
Aber sein Spruch schien sie doch zu freuen.
    Helene schwebte heran. Cathri, die Jungfer Reber lt Euch sagen, Ihr
mtet in den Tanzsaal; Josephine bediene von nun an in der Wiese.
    Die beiden sahen befremdet auf
    Warum? fragten sie fast gleichzeitig, wie zwei Kutschenpferdchen, wo eins
hchstens um Zollbreite dem andern voraus ist.
    Helene zuckte die Achseln. So ist mir halt befohlen worden; mehr wei ich
nicht. Aber ihre schwrmerischen Augen schillerten schadenfroh.
    Da schauten Cathri und Conrad einander verstndnisvoll an, mit einem
ausdrucksvollen Doppelblick, welcher sagte: Ich begreife, und du? - Ich
ebenfalls. - Es soll ihr aber doch nicht gelingen, uns zu entzweien, gelt? - Im
Gegenteil, jetzt halten wir um so fester zusammen. So vereinigte sie der
Trennungsbefehl enger, als wenn sie einen langen Winter smtliche Hochzeiten des
Kantons miteinander durchgetanzt htten. Hierauf begab sich Cathri vergngt nach
dem Tanzsaal.
    Helene jedoch zauderte, als ob ihr nachtrglich etwas einfiele: War das
vielleicht Euere Braut, Herr Reber? heuchelte sie, die Jungfrau, mit welcher
Ihr im Stationsgrtchen zusammensaet?
    Allein er war vorbereitet. Was jene ist, geht Euch nichts an. Hingegen, was
Ihr seid, das will ich Euch sagen! Eine recht mittelmige Kellnerin seid Ihr.
Ja, guckt mich nur an, das seid Ihr. Eine gute Kellnerin erkennt man daran, da
sie sechs Augen und vier Ohren hat. Dort ruft man nach Senf, und keine zwei
Schritte von uns winkt Euch einer verzweifelte Zeichen, wie ein Ertrinkender,
und Ihr merkt von alledem nichts.
    Das geht mich nichts an, erwiderte sie ungehalten, ich bediene oben,
nicht hier.
    Ihr knnt von Glck sagen, da nicht ich im Pfauen regiere, sondern
einstweilen noch der Vater. Denn wenn ich einmal Meister bin und eine Kellnerin
entschuldigt sich damit, da sie an einem andern Platz bediene, so gebe ich ihr
den Lohn.
    Verblfft schlich sie von dannen.
    Das war Nummer eins, zhlte er.
    Nun trippelte Josephine herbei, schnippisch und frwitzig. Die uglein
glnzend vor schelmischer Spitzbberei. Allein, wie sie die abgetakelte Miene
Helenens gewahrte, erachtete sie den Boden nicht fr geheuer, rstete
schleunigst ab und drckte sich neben Conrad vorbei an ihren Arbeitsposten, ohne
ihre kleine Weiberbosheit abzuschieen.
    Wo bleibt Nummer zwei? dachte er und wartete. Allein er wartete
vergeblich; wenigstens einstweilen.

ber ihm, jenseits der Mauerkrone der Terrasse, ging es zu wie in einer
Volksszene auf dem Theater. Eine grne Bhne voll Menschen und kein Leben. Eine
Menge von Kpfen, behutete und barhuptige, brtige und glatte, mnnliche und
weibliche, lugten ber die Rampe, wie abgeschnitten und zum Verkauf ausgestellt.
Und alle, ohne Unterschied, Stadtvolk wie Landvolk, schnitten wichtige
Gesichter, um fr bedeutend zu gelten. Es fehlte zur vollendeten Stumpfheit blo
noch ein Jgerchor. Obgleich sie smtlich zu schweigen schienen, erhob sich doch
aus ihrer Mitte ein Getse wie von hundert schwatzenden Stimmen. Dazwischen
schossen die Kellnerinnen unwirsch kreuz und quer, verfolgt von den grimmigen
Blicken des Alten, der ihnen, wenn er ihnen nahekam, was freilich bei seiner
Schwerflligkeit nur durch Wegelagerei gelang, verstohlen einen schimpflichen
Ausputzer zuraunte, zwischen zwei slichen Lcheln an die Gste. Die einen von
ihnen wischten sich hastig die Augen, ehe sie ihre Ballettnzerfreundlichkeit
wieder gewannen, andere maulten wtend vor sich hin. Helene drckte jedesmal
beim Vorbeigehen einen neidischen Blick wegen der Radler gegen Josephine ab.
Anna, welche im Gewhl besonnen der Ordnung wartete, sah oft zu ihm herunter,
tat aber, als ob sie ihn nicht erkennte. Neben ihr auf einer Bank kauerte ihr
Doktor in blauer Militruniform, der sie unverwandt anstarrte. - Sooft die
Tanzmusik anhob, mit quiekenden Klarinetten, kreischend und hustend, hefteten
sich sofort alle Blicke an die Fenster des Tanzsaales, ausdruckslos und trge.
Beim Schmettern der Trompete verhielten sich die Stadtfrauen die Ohren.
    Ob sie nicht ebenfalls lieber in die Matte herunterkommen wollten, riefen
die Radler ihren Bekannten zu, mit bermigen Gebrden. Es sitze sich hier im
saftigen Grase angenehmer und man werde weniger von dem Tanz-Gedudel belstigt.
    Jene gehorchten geruschvoll der Einladung, und als ob das ein magebendes
Beispiel gewesen wre, brach allsofort ein weiteres Hufchen von der Terrasse
auf, um sich unten niederzulassen. Andere folgten wieder ihrem Vorbild, so da
der Umzug allmhlich in eine frmliche Auswanderung ausartete. Ein Tisch nach
dem anderen mit Dutzenden von Sthlen mute in die Matte geschleppt, eine
zweite, hierauf eine dritte Kellnerin Josephine zur Aushilfe beigeordnet werden.
    Die Durchbrechung der hergebrachten Platzregel aber, mit ihrer Unordnung,
mit ihren Zwischenfllen, wie sie Unvorhergesehenheit und Ratlosigkeit im
Gefolge zu haben pflegen, bewirkte eine knabenhafte Ferienstimmung, so da die
Gesellschaft ihre lstige Leichenfeierlichkeit verabschiedete und sich freier
Frhlichkeit hingab. Whrend das Landvolk diese hauptschlich durch steiferen
Trunk bettigte, hielten sich die stubenmden Stdter mehr an die Geschenke der
Natur. Vor allem die unscheinbare Quelle, die aus der Matte rieselte,
beschftigte die kleinen und groen Stadtkinder. Als ob das ein Jungbrunnen
wre, umstanden sie sehnschtig das flssige Wunder, sinnend und trumend. Von
den vielen Luftgebilden, die da von Herz und Hoffnung in den Frhling gebaut
wurden, entstand eine ganze Phantasiestadt.
    So geriet Conrad ohne sein Zutun an die Spitze einer Geschftsherrschaft. Es
bildeten sich zwei Lager, ein oberes, wo der Vater schaltete, und ein niederes,
dem Sohn untertan. Dort lie sich vorwiegend das behbigere Alter nieder, hier
die laute Jugend. Da aber die frischen Ankmmlinge mit Vorliebe nach der Wiese
abschwenkten, teils der Abwechslung und Ausnahme wegen, teils weil dort
bewegteres Leben winkte, schwoll das untere Lager stetig an, whrend das obere
schwand. Wie ein Vorzeichen, dachte Conrad.
    Mignstig beobachtete der Alte den Zuwachs des gegnerischen Regiments, und
bei jedem neuen Platztausch rollten seine Augen: Man sollte fast meinen, es
verzapfe einer unten bessern Wein als oben, brllte er, und stammt doch aus
dem nmlichen Fa. Es angelt ja niemand nach ihnen, rief Conrad zurck, und
mit Gewalt kann ich sie doch nicht zurcktreiben.
    Bei alledem machte jedoch keiner dem andern sein Volk abspenstig; dazu waren
sie beide zu geschult und zu klug. Im Gegenteil, sie halfen sich aus und
spielten sich in die Hnde. Mit der Zeit, als der Raum unten allmhlich anfing
knapp zu werden, fllte sichs auch oben wieder, so da schlielich ein
ebenmiger Ausgleich stattfand.
    Wie sie nun so gemeinschaftlich einheitlicher Arbeit pflogen, jeder auf
seinem Posten, rckte der innere Herzensgegensatz bis auf weiteres in den
Hintergrund. Eine Art Achtung voreinander gewann die Oberhand. Mitunter, nachdem
der Alte einen prfenden Blick in die Matte geschickt hatte, grunzte er
unverstndliche Worte vor sich hin, was bei ihm Zufriedenheit besagen wollte.
Conrad seinerseits mute zugeben, da des Vaters frchterliche Blicke
musterhafte Ordnung hielten.
    Hierber regte sich sein Gewissen. Josephine, befahl er, Josephine, seid
so gut und geht zum Vater. Ich liee ihm sagen, es setze heut abend Streit im
Tanzsaal, ich wisse es ganz bestimmt.
    Josephine ging und kam zurck.
    Was hat er geantwortet?
    Nichts, nur so geschnarcht.
    So geht noch einmal; ich lasse ihn eindringlich ersuchen, meine Warnung
nicht auf die leichte Achsel zu nehmen. Es sei eine abgekartete Sache; ich htte
es von den Waggingern selber gehrt.
    Abermals ging und kam Josephine.
    Es sei gut, berichtete sie, er habe es bereits das erstemal begriffen.
Man brauche ihm etwas nicht zweimal zu sagen, da er gottlob weder taub noch
tricht wre.
    Dann basta! Fertig! Zum drittenmal sage ich ihms nicht.
    Doch nach einer Weile beunruhigte ihn seine Verantwortlichkeit gleichwohl
wieder: Josephine, bat er, sagt dem Vater, es tue mir aufrichtig leid, zum
drittenmal darauf zurckzukommen; allein es lasse mir in Gottes Namen keine
Ruhe. Um sechs Uhr gehe es los. Nach meiner Meinung mte man fr ein paar
Dutzend handfester Burschen sorgen.
    Diesmal kehrte Josephine laut schluchzend zurck. Euer Vater ist ein
Ungeheuer. So lasse ich mich nicht behandeln!
    Was hat er gesagt?
    Ein ausgeschmtes, niedertrchtiges Mensch hat er mich genannt!
    Das habt Ihr allerdings nicht verdient, Ihr am allerwenigsten. Nehmt meine
Entschuldigung statt der seinigen. Es tut mir also leid. Aber ich meine, was er
Euch fr einen Bescheid fr mich mitgegeben hat?
    Heftig platzte sie heraus:
    Ihr brauchtet Euch nicht um umgelegte Eier zu kmmern. Er wisse schon
selber, was ihm zu tun obliege, und brauche keinen Lehrmeister. brigens, wenn
Ihr denn so ein Hasenfu wret, so knntet Ihr Euch ja unter Jucundens Unterrock
verstecken.
    Oho! knirschte Conrad, vom Boden aufjuckend und die Fuste ballend. Darauf
stampfte er zornig auf und ab. Tod und Teufel sollen mich holen, schwur er,
wenn ich heute abend einen Finger rhre. Dieser Schwur schaffte ihm zunchst
wieder Frieden, aber einen finstern Hllenfrieden.

Derweilen schnurrte oben Cathri zu Anna heran, rot wie eine Klatschrose. Im
Tanzsaal bediene ich lnger nicht, rief sie, die Arme schmeiend.
    Warum? schien Anna zu fragen, denn hren konnte man ihre leise Frage von
unten nicht.
    Darum! wetterte Cathri. Hernach entfuhr es ihr: Weil es Schweine sind!
    Der Pfauenwirt, der dabeistand, lpfte verchtlich die Schultern, Helene, in
der Nhe wirtschaftend, rmpfte spttisch den Mund, und Anna ma die Bernerin
mitrauisch von oben bis unten. Es wird wohl noch ein anderer Grund dabei
sein, entgegnete sie anzglich, mit erhobener, langsamer Stimme, damit es der
Bruder hre: Ihr bedientet wohl lieber an einem andern Ort. Damit blinzelte
sie zu ihm herunter.
    Zwingen kannst du sie nicht, vermittelte Conrad, an die Mauer tretend.
    Wie soll ich dann einer andern zumuten, was sie verweigert, rief sie
gereizt zurck. So bernimm doch du das Servieren im Tanzsaal!
    Nun ward er unwillig.
    Im Tanzsaal serviere ich hchstens mit dem Stock oder mit der
Reitpeitsche, rief er.
    Bei diesem unbedachten Spruch rckte der Alte herbei, hart an die Mauer,
zornbeladen, mit blutunterlaufenen Augen.
    Die Kellnerinnen ihrerseits hatten sich in die Nhe gezogen, um die
Verhandlung aufzufangen, die sie alle anging. Darber wurden die Gste
aufmerksam, von denen die nchsten sich gierig erhoben, damit sie keine kostbare
Silbe des Wortwechsels verlren. Es drohte ein Auflauf, ja, falls der Alte den
Mund erschlo, Schimpf und Schande. Denn an seinen Augen konnte man ablesen, was
ihm ungefhr unter der Zunge kochte. Gleichzeitig lrmte vom Tanzsaal ein
Aufruhr wegen der mangelnden Bedienung. Kurz, es entzndete sich.
    Wozu ist denn die Brigitte auf der Welt, da keiner an sie denkt? schmlte
Josephine ablehnend. Die nimmt es doch, wenns sein mu, mit dem heiligen
Antonius in Person auf, mitsamt seinem Schwein.
    Kaum vernahm Brigitte die trauten Tne ihres Namens, so begriff sie sofort,
da sie damit gemeint sei, denn sie verstand ihren Namen und ihre Person
geschickt aufeinander zu beziehen.
    Was! plrrte sie aufgebracht. Es dauerte eine Weile, bis man ihr
beigestoen, worum es sich handle. Dann zuckte sie berlegen die Schultern:
    Die Wagginger sind so gut Menschen wie andere Leute, erklrte sie
entrstet, mit einem anzglichen Blick auf Cathri. Deswegen sind sie noch lange
keine Schweine, weil sie zufllig zwei Beine haben, statt vier, wie mancher
andere. Und ohne weiteres strmte sie mit unternehmender Gebrde die vier
Stufen des Treppchens hinan in den Tanzsaal.
    So lste sich die Verwicklung und verteilte sich die Entzndung, indem jedes
friedlich auf seinen Platz zurckkehrte, ein bichen ungern, denn wenn man
einmal den Hahn gespannt hat, ist es mhsamer, ihn wieder abzuspannen als ihn
loszuschnappen.
    Cathri aber stattete Conrad von ferne eine scherzhafte Verbeugung ab zum
Dank fr seine Untersttzung. Und sooft ihre Arbeit sie lngs der Mauer
vorbeifhrte, erteilte sie ihm ein unaufflliges Zeichen des Einverstndnisses
mit Blick oder Gebrde, oder auch einfach durch Ruspern, das sie mittels der
vorschtzenden Hand in ein kleines, schchternes, verstohlenes Kuhndchen
auszumnden wute.

Anna! begehrte Conrad, wir bedrfen noch einer vierten.
    Da rief Anna mit scharfer Stimme nach hinten: Cathri, mein Bruder verlangt
sehnschtig nach Euch.
    Cathri erschien mit einem leuchtenden Gesicht des Wiedersehns. Ihr auf dem
Fu, doch mit verschiedenem Takt und Schritt, folgte die Schwester.
    Verdrossen machte sich diese zu ihrem Bruder heran, mit abgewandtem Blick:
    Man geht nicht in die Pinte, verwies sie strenge, man sitzt nicht neben
der Jucunde.
    Conrad fuhr auf. Du, erwiderte er, du ttest auch besser, auf dich selber
zu achten, als meinen Pestalozzi zu spielen. Der blaue Doktor verschlingt dich
ja mit den Augen, da sogar ein Blinder es bemerken mu. Solange ihr noch nicht
ffentlich verlobt seid, solltet ihr soviel Takt besitzen, euch weniger
auffllig zu benehmen. Nimm mirs nicht bel.
    Anna schluckte und verstummte.
    Bah, warf Cathri nachlssig hin, einem jungen, unverheirateten Burschen
ist alles erlaubt.
    Anna drehte sich nach ihr um wie von einer Wespe gestochen:
    Nette Grundstze das, frwahr, bei Euch zu Hause, hhnte sie.
    Cathri warf den Kopf in den Nacken, flink und schlagfertig:
    Wir werden wohl bei uns zu Hause genau soviel taugen wie ihr hierzulande,
nicht mehr und nicht weniger.
    Anna wrgte nach einem niederschmetternden Gegenhieb, fand aber keinen. Da
rmpfte sie die Nase, wie wenn sie etwas Ekelhaftes rche, und rumte
leidenschaftlich das Feld, eine Wolke von Erbitterung in jeder Bewegung
verbreitend.
    Wohl, murmelte Conrad, jetzt fngt das Weibervolk ebenfalls an!
    Sich einzumischen fiel ihm nicht von ferne ein, denn vom Weiberstreit hlt
ein kluger Mann den Finger, das hatte er von Jugend auf als oberste Weisheit
gelernt, worin alles Volk ohne Unterschied des Standes und der Partei
bereinstimmte.
    Aber als nun Cathri im Siegestriumph sich ihm traulich nhern wollte, trat
er zurck und erteilte ihr einen Verweis.
    Ihr solltet immerhin meiner Schwester in hflicherem Tone begegnen, rgte
er.
    Da scho sie zornschnaubend von dannen wie ein angeschweiter Eber. Er aber
rief sie gebieterisch zurck, zu dreien Malen, und jedesmal drohender, bis sie
sich endlich herbeifgte.
    Ihr habt Euch fr heute bei uns in Dienst verpflichtet, erklrte er,
folglich seid Ihr uns nicht blo Gehorsam, sondern auch Untergebenheit und
Bescheidenheit schuldig, mir und meiner Schwester. Morgen knnt Ihr dann wieder
grob sein, wenn Ihr wollt.
    Und da sie vor Zorn ungeduldig zappelte, als ob der Boden unter ihr brennte,
stellte er sie geflissentlich noch lnger:
    Beilufig, hub er an, was ich Euch fragen wollte: Ihr habt also oben im
Tanzsaal aufgewartet. Was erhieltet Ihr dort fr einen Eindruck?
    Da es Schweine sind.
    Unbestritten, antwortete er, und konnte das Lachen kaum verbeien. Doch
das haben wir bereits vernommen. Ich meine, ob Ihr nicht etwas wie - wie soll
ich sagen? - wie feindselige Veranstaltungen bemerkt habt?
    Gott gebe, da sie sich gegenseitig auffressen!
    Ein Menschenfressergebet!
    Sie sah ihn patzig an und blickte scharf und gescheit: Ihr werdet wohl auch
manchmal eine Bitte zum Himmel gesandt haben, die nicht im Vaterunser steht.
    Da errtete er hei und ward ernst und nachdenklich.
    Ihr knnt jetzt gehen, erlaubte er zerstreut. Sie ging, er aber war nicht
mit dem Erfolg zufrieden. Er hatte sie mit den Trmen mattsetzen wollen, und
jetzt war er rams. Seine geheime Rechnung war: beuge sie, bertrumpfe sie, so
wird sie dich lieb haben. Statt dessen war nun sie ungebeugt, er aber, da er ihr
jetzt trotz ihrer Strrigkeit mit Wohlgefallen nachsah, sprte, da er sie lieb
hatte. Gewi, ein bichen weniger gesalzen - das war sicher - drfte sie ohne
Schaden sein, bedeutend weniger gesalzen sogar. Und die harten blablauen
Glslein, die ihr als Augen dienten, htte er ebenfalls anders gewnscht, wenns
einmal ans Wnschen ginge. Zwei Augen, so kalt und nchtern, als ob man durch
lauteres Quellwasser den hlzernen Brunnentrog she.
    Aber sie war nun einmal wie ein Stck von ihm, seit heute morgen. Und wenn
sie frostig war, ein Grund nicht, ihr ein Bschel Strahlen aus seinem Herzen
hinberzusenden, um sie zu wrmen. brigens: Mngel, Fehler, was schadet das?
Seine eigenen Fehler darf man doch lieb haben, nicht wahr? Warum also nicht auch
die Fehler derer, die zu einem gehren?
    brigens hatte er Gesellschaft bei seinem Wohlgefallen. Wohin Cathri trat,
erregte sie Aufsehen. Die Unterhaltung verstummte, der Bissen zum Munde blieb
unterwegs, man starrte ihr sprachlos nach. Die Formvollkommenheit ihrer Gestalt
und ihres Antlitzes war ihm nicht so auerordentlich aufgefallen heute
vormittags zu Hause unter den Frauenzimmern, sie hatte ihn einfach befriedigt,
jetzt aber lieh ihm die Hhe und Allgemeinheit der Bewunderung das Ma.
    Selbstbewute, gewichtige Mnner, wie der Gasdirektor Wyniger, errteten,
wenn ihr Arm im Vorbeieilen sie streifte, eingebildete Manschettengecken, wie
der junge Vonderheiden, der Grasaff, welcher mit hhnischem Grinsen die
Menschheit andete, die Beine unter dem Stuhl des Nachbars, schlugen vor ihrem
Blick befangen die Augen nieder und setzten sich hastig zurecht. Entglitt ihren
Hnden ein Gegenstand, so bckte man sich rundum im Wettstreit wie vor einer
vornehmen Dame.
    Herrschaft! Wrde das eine Pfauenwirtin abgeben! Und was fr ein gesegnetes
Nest rotbackiger Sprlinge! Rauflustige Kletterbuben, welche ein halbes Dutzend
zu Boden schlgen, oder dralle Dirnchen, bolzgerade aufrecht, mit Zpfen bis in
die Kniekehle, jedes zwei Grbchen im Gesicht, eins im Kinn und eins in der
rechten Wange, oder noch besser, beiderlei Nachkommenschaft zusammen.
    Und tchtig, wei Gott, war sie auch. Wie sie bediente! In dieser Beziehung
htte ihr selbst die grmliche Hexenbase die Anerkennung nicht versagen knnen.
Ruhig und selbstbewut in der heftigsten Bedrngnis wie ein geschulter Soldat im
Feuer. Nichts von dem kopflosen Umherstrmen der andern, jammernd und scheltend,
als ob man ihnen die Jungen geraubt htte. Und was er ganz besonders schtzte:
sie bediente vollkommen unparteiisch. Nicht wie die empfindsame Josephine,
welche bei jedem fleischprotzigen Turner hangen blieb, oder wie die ideale
Helene, welche Hren und Sehen verga, wenn ein Mnnerchor anstimmte, mit
suselnden Bssen und himmelnden Tenren, oder wie die lppische Brigitte,
welche auf den Tod die Alten nicht ausstehen konnte, so da sie den
ehrwrdigsten Nationalrat verdrielich aufsuchte, als besorgte sie einen
Heiratsantrag von ihm. Cathri bediente jedermann gleich, sei er alt oder jung,
hbsch oder hlich, vornehm oder gering, verzog auch nicht schnippisch den
Mund, wenn einer blo Zuckerwasser bestellte; Auftrag und Ausfhrung galten ihr
alles, die Menschen waren ihr gleichgltig. Zu gleichgltig sogar. Denn sie
benahm sich gegen die Gste stolz, hochfahrend, um nicht zu sagen beleidigend.
Nein, eigentlich beleidigend war es nicht; denn wenn nun einer sich ber sie
beklagte und Rede stehen sollte, so wute er nichts Bestimmtes anzufhren. Aber,
wie soll ich sagen? abweisend, feindselig. Ja, feindselig.
    Die Bestellung empfing sie mit einem Gesicht wie ein Erzengel, der von einem
sndenbeschmutzten niedern Menschenkind eine Bitte anhrt; Trank und Speise
setzte sie herablassend wie eine unverdiente Gnade vor. Und wehe dem, der sich
die mindeste Hofmacherei erdreistete, sei es nun in Worten oder Mienen! Den
behandelte sie fortan mit unverhohlenem Abscheu, wie einen belriechenden Kfer,
war auch schlechterdings nicht mehr zu vershnen, weder durch se Reden noch
durch Trinkgelder. Nur das beschimpfende Wort, das ihr auf der Zunge schwebte,
verbi sie, solange sie bediente, mit unfehlbarer Selbstberwindung.
    Offen gestanden, ihre malose Sprdigkeit mifiel ihm nicht durchaus. Es
kehrte ein Geist ehrerbietigster Zurckhaltung ein, der ihre jeweilige Umgebung
vornehm stempelte.
    Whrend er so seinen Betrachtungen nachhing, stupfte ein fremder Ellenbogen
den seinigen. Herr Reber, schlaft Ihr? oder studiert Ihr ber einen
Feldzugsplan? Und wie er nachschaute, war es Cathri selber gewesen, die lachend
enteilte.
    Die verflixten Weiber! murmelte er belustigt, ist es nicht, als ob sie
einem alle Gedanken an der Stirne ablsen?
    Der Portier torkelte im Zickzack heran, wie ein erratischer Block, unterwegs
die Gste anrempelnd, ohne sich zu entschuldigen, nicht absichtlich, sondern aus
naturwchsiger Ruppigkeit. Herr Reber, Euer Vater lt Euch sagen, der Oberst
Allegri von Mendrisio habe schon dreimal nach Euch gefragt. Ihr mchtet endlich
Euer benedeites Antlitz blicken lassen, meint der Vater, oder ob Ihr Euch etwa
einbildet, der Herr Oberst msse Euch nachlaufen, mit heraushngender Zunge wie
ein Jagdhund.
    Er zauderte und zweifelte; der unglimpflichen Aufforderung des Alten htte
er selbstverstndlich zuwidergehandelt, dem Obersten Allegri jedoch, der ihm
stets vterliche Gewogenheit bewiesen, mochte er unbedingt seine Ehrerbietung
abstatten.
    Ist der Vater dabei? fragte er.
    Ja, lautete die Antwort.
    Ich komme, brummte er finster und machte sich auf.
    Haltet Euch gut, rief ihm Cathri nach, spottend, aber doch in ernsthafter
Meinung. Nehmt Euch zusammen, da Ihr nicht wieder die Erbsen verschttet, denn
ich komme nicht zum zweiten Mal am hellen Tage das gute Gespenst spielen.
    Haltet mir den Daumen, spate er mit verzweifeltem Humor.
    Auf der Terrasse angelangt, sah er unter dem Volk einen Tisch voll Uniformen
glnzen. Bei diesem Anblick ward ihm wohl ums Herz, innig und dankbar wohl, als
ob ihn jemand aus einem tiefen Nebelsumpf, in dem er bis zum Halse steckte, in
trockenen Sonnenschein gehoben htte. Ehre, Ansehen und Freundschaft grten ihn
aus den goldenen Knpfen, aus den blinkenden Sbeln, und darber wlbte sich wie
ein verklrter Himmel ein groer, schwungvoller Gedankenbogen, der von Genf bis
Schaffhausen und von Basel bis Chiasso reichte.
    Whrend er so mit leuchtenden Augen frei und stramm auf den Offizierstisch
zusteuerte, stiefelte ihm der Oberst lebhaft entgegen, ein mchtiges
Freudenhallo anstimmend, umarmte ihn und tappte ihm auf die Schultern. Da er die
brigen Offiziere nicht kannte, erfolgte eine frmliche Vorstellung. Man
tauschte militrische Gre, hierauf einen biedern Handschlag, und auf das
ausdrckliche Gehei des Obersten nahm Conrad an seiner Seite Platz.
    Der Pfauenwirt hatte sich inzwischen beiseite gedrckt, doch der Oberst
forderte ihn mit kordialem Spektakel zur Stelle. Heda, alter Brummbr, lachte
er, was soll denn das bedeuten, da Ihr auskneift wie ein pulverscheuer
Rekrutengaul? Seid Ihr vielleicht zu stolz, um mit unserer Gesellschaft vorlieb
zu nehmen? Freilich, wenn einer solch einen Prachtkerl zum Sohn hat, darf er
schon stolz sein! Geht doch mir selber das Herz auf, wenn ich ihn sehe. Hiermit
patschte er Conrad auf die Knie wie ein verliebter Onkel.
    Der Alte, beschmt durch die begeisterte Belobung des verworfenen Sohnes,
schnupfte und knurrte, schlielich schleppte er sich gleichwohl zgernd herbei.
    Was glotzt ihr denn einander an wie zwei Dchse um einen Knochen? Auf!
befahl der Oberst. Vorwrts! stellt euch beide nebeneinander.
    Da half nichts. Sie muten friedlich nebeneinander stehen, den Abscheu
niederzwngend und die Stirn glttend. Kaum, da sie vermieden, sich zu
berhren. Aber den Blick richteten sie nach verschiedenen Seiten.
    Der Oberst verglich die beiden, vergngt und beifllig. Nun, was meint ihr,
Kinder? wandte er sich zu den Kameraden, wenn wir lauter Mannschaften von
diesem Schlage htten? Donnerwetter, das gbe eine Truppe! Hm? Was meint ihr? Da
lernt mans glauben, da sie die Pferde mitsamt den Reitern kopfber schmissen,
die alten Eidgenossen!
    Hierauf nahm er den Alten besonders vor. Ja, ja, mein Teuerster, die Shne,
die Shne, die Shne! Das ist unsere Zukunft, das sind unsere Totengrber.
    Bei diesen Worten nahm er die goldbernderte Mtze vom Kopf und strich
frhlich mit der Hand ber seinen weien Schdel.
    Der Pfauenwirt, ob dieser Todesmahnung, wechselte die Farbe, vom Blau bis
zum Violett, Conrad aber, er konnte nicht anders, sprte Mitleid mit dem Vater.
    Mit dem Begraben, Herr Oberst, wandte er ein, hat es noch gute Weile,
sowohl mit Ihnen wie mit meinem Vater.
    Ta, ta, ta! machte der Oberst. Patati, patata! In unserm Alter, mein
Lieber, mu jeder stndlich darauf gefat sein, das Gewehr abzugeben! Nicht
wahr, Herr Pfauenwirt? - Nun, die Hauptsache ist, da man wenigstens jemand auf
der Welt hat, der einem die Augen zudrckt, der einem ein wohlwollendes Andenken
bewahrt, der einem die Altersbresten mit dankbarer Liebe und Anhnglichkeit
verwinden hilft.
    Nun war die Reihe, sich zu schmen, an dem Sohne. Er errtete, senkte den
Kopf und schwieg.
    Jetzt aber sprang ihm der Vater bei:
    Es gibt ja freilich mitunter kleine Miverstndnisse, brummte er
ausweichend.
    So suchten sie beide nach auen den Schein des Friedens zu retten, der Ehre
und dem Ansehen der Familie zuliebe. Allein auf die Lnge war die Stellung nicht
haltbar. Auf der einen Seite der Oberst, der sie in seiner Einfalt
zusammenschweite, auf der andern ihre krampfhaften Bemhungen, sich weder zu
berhren noch anzublicken, und herum die beobachtenden Offiziere. Deshalb
sphten sie bnglich nach einem erlsenden Zwischenfall.
    Conrad entdeckte ihn: Verzeihen Sie, Herr Oberst, ersuchte er hflich,
ich sehe die Feuerwehr von Waldishofen anrcken, zwanzig Mann hoch, und ich als
der Herrlisdrfer Feuerhauptmann -
    Versteht sich, versteht sich, mein Lieber, erlaubte der Oberst. Ohnehin
mssen wir ja unsererseits ebenfalls auf den Heimweg bedacht sein. Die Pferde
sind lngst gesattelt, wir haben einzig Ihretwegen noch ein wenig verzogen. -
Und diese Messe stammt auch nicht von Cherubini, fgte er lachend hinzu, nach
dem Tanzsaal deutend, wo eben ein infernales Gejohl anging.
    Es folgte ein kurzer Abschied, mit Sporenklirren und Absatzzusammenklappen;
die Offiziere brachen auf, der Vater verzog sich, und Conrad schickte sich an,
seine Feuermnner zu empfangen, welche schon, vom Anblick der stattlichen Cathri
angelockt, nach der Matte abbogen.
    Unterwegs jedoch holte ihn Anna eifrig ein, mit geschftiger Eile und
geheimnisvoller Miene. Redselig meldete sie:
    Ein wunderhbsches Frulein steht im Hausgang mit ihrer Mama und frgt nach
dir. Sie haben deine Bekanntschaft in Frauenfeld gemacht, an einem Ball. Sie
htten sich leider auf ihrem Ausflug versptet und mten auf den Zug, sonst
wrden sie dich nicht so unhflich in den Hausgang bestellen; aber so, ohne
wenigstens einen flchtigen Gru am Pfauen vorbeizugehen, htten sie doch nicht
bers Herz gebracht, und sie hofften, du werdest sie entschuldigen.
    ber Conrads Gesicht flog ein Strahl der Freude. Ah, ich wei! rief er
lebhaft und wollte mit der Schwester aufbrechen, die Damen zu begren.
    Da gewahrte er Cathri jenseits des Muerleins, kaum drei Meter entfernt,
steif wie eine Sule und die funkelnden Augen drohend auf ihn gerichtet. Ohne
Zweifel hatte sie den Bericht der Schwester mitangehrt und erriet, was auf dem
Spiele stand.
    Ich glaube fast, sie zhlen ein wenig darauf, da du sie an den Bahnhof
begleitest, fuhr Anna fort, im Begriff, ihn mitzunehmen.
    Allein er war stehen geblieben. Eigentlich wre er zwar gerne zu den Damen
gegangen und mit ihnen an den Bahnhof - denn liebliche Erinnerungen wachten mit
klaren, schnen Morgenaugen auf -, allein Cathris strenge Miene sprach zu ihm:
Jetzt wird sichs erweisen; jetzt hast dus in der Hand. Je nachdem du
entschlieest, werde ich beschlieen.
    Whrend er noch zweifelte, zwischen Furcht und Gelsten, teufelte drinnen im
Tanzsaal ein Charivari wie am Jahrmarkt, wenn eine Menagerie brennt.
    Da gesellte sich zur Furcht die Scham. Wie stand er nun da, vor dem
whlerischen Geschmack seiner feinfhligen Tnzerin, die ihn als schmucken
Offizier kennengelernt hatte! Einfach als Bauernwirt, ja klipp und klar
Bauernwirt, sonst nichts. Das andere, der ritterliche Soldatenrock, nahm sich
dagegen wie eine zeitweilige Verkleidung aus. Eine heie, peinliche Rte
berlief ihn.
    Nein, in den Pfauen von Herrlisdorf fhrt man kein zartsinniges,
wohlerzogenes Stadtfrulein heim, dazu war sie ihm zu gut, zu wert. Und da eben
jetzt auch die Offiziere sich entfernten, deutete seine Entmutigung das wie eine
Besttigung seiner Erniedrigung. Ein Bauer war er, ein Bauer blieb er, dieser
Wahrheit galt es sich zu fgen. Und rasch entschlossen wie immer traf er die
Wahl: Es tut mir leid, entschied er, allein ich mu durchaus meine
Waldishofer in Empfang nehmen.
    Jedenfalls wirst du ihnen wenigstens schnell einen guten Abend wnschen,
selbstverstndlich, warf die Schwester hitzig ein, mit erhobener Stimme.
    Er schttelte verneinend den Kopf und entfernte sich mit beschleunigtem
Schritt, als besorge er, es mchte ihn gereuen. Und unwillkrlich nahm er dabei
einen nachlssigeren Gang an als gewhnlich.
    Aber das ist ja geradezu eine Unhflichkeit, eine Beleidigung, rief sie
ihm emprt nach. Doch er verschlo die Ohren.
    Cathri erwartete ihn an der Mauerecke. Ihr Auge schillerte falsch und noch
etwas feindselig, im Nachklang der ausgestandenen Eifersucht. Warum seid Ihr
denn nicht gegangen, das feine Stadtfrulein zu begren? tadelte sie verdreht,
mit heuchlerischem Vorwurf.
    Des Menschen Seele ist doch ein verwickeltes Ding, dachte er. Nmlich auf
der Oberflche fand er Unbefangenheit genug, um sich ber diese kleine weibliche
Verlogenheit in Cathris Mund zu wundern, denn er hatte gemeint, Grobheit wre
eine Brgschaft fr Wahrhaftigkeit; whrend er gleichzeitig inwendig die Brust
voll Wrme sprte, ohne Vorbehalt noch Abzug. Weil ich vorziehe, mich mit
meinem guten Geiste zu unterhalten, antwortete er, mit bebendem Tone, denn die
Notwendigkeit der Wahl hatte ihn ergriffen.
    Da schenkte sie ihm einen sonnigen Freundschaftsblick: Ich danke, bemerkte
sie schlicht. Sie blieb noch ein Weilchen nachdenklich vor ihm stehen, hin und
wieder zu ihm emporschauend, halb prfend, halb liebend. Und als sie ihn
verlie, berhrte sie verstohlen seine Hand.
    Kaum war sie fort, so schlenderte eben das Frulein mit ihrer Mama dicht
hinter ihm vorber, dem Rebberg zu, begleitet von Anna. Obschon er ihr zufllig
den Rcken kehrte, hatte ihn doch der unbestimmte Schein ihrer geschmeidigen
Gestalt und ihres leichten Schrittes flchtig getroffen, zugleich mit dem
farbigen Eindruck ihrer Kleidung, hell und frhlich, aber weich und gedmpft wie
ein Mollakkord.
    Das brige ergnzte seine aufgeregte Erinnerung. Gewaltsam beharrte er auf
dem Fleck und htete sich, da er sich nicht rhrte, damit er sie nicht sehe.
Erst nachdem er vollkommen sicher war, da sie sich weit entfernt hatte, atmete
er auf, mit dem erhebenden Gefhl, auf etwas verzichtet zu haben, worauf er sich
keinen Anspruch erlauben sollte und durfte.
    Endlich, als er Anna einsam zurckkommen sah, nahte er erleichtert seinen
Waldishofern.

Sie empfingen ihn mit ehrerbietiger Vertraulichkeit, zwar sich erhebend, aber
zugleich die Hand vorstreckend und das Glas zum Willkomm darbietend. Er tat
manchem Bescheid und drckte jedem die Hand, sorgsam darauf bedacht, da er auch
nicht einen einzigen bergehe. Als aber die Reihe an den Wachtmeister gelangte,
war es mit seiner Freiheit vorbei. Denn der nahm ihn mit seiner gewaltttigen
Herzlichkeit fr sich allein in Beschlag und gab ihn nicht mehr los, umarmte
ihn, prete ihn an die Brust, paukte ihn auf den Rcken und fiel ihn
unersttlich von neuem an, whrend er ihm seinen pechschwarzen Zimmermannsbart,
der ihm von den Wangen bis ans Zwerchfell reichte, um das Gesicht rieb.
Conrad, gurgelte er unaufhrlich, indem er die wilden Augpfel verdrehte wie
ein schmachtender Grislybr.
    Leutolf, der Feuerleutnant, erlste ihn endlich, nicht ohne Mhe, von dem
Freundschaftswterich. Was fr ein geheimes Liebchen hattest du denn eigentlich
heute nachmittag im Zuge sitzen, da du Hren und Sehen vergaest? Wir riefen
uns im Vorbeifahren beinahe die Lunge nach dir aus, allein du hattest Augen und
Aufmerksamkeit offenbar an einen wichtigeren Gegenstand zu vergeben.
    Das geheime Liebchen hat weie Haare und ist zweiundsiebzigjhrig,
belehrte Conrad, und ein gutes Lcheln schlich ihm ber Herz und Mund, als er
der Hexenbase gedachte.
    Leutolf hatte sich inzwischen in seinen Arm gehngt und drehte ihn jetzt mit
sich in halber Wendung um:
    Was fr eine unmenschliche Masse Volkes wieder einmal bei euch im Pfauen
ist! rief er bewundernd, mit Augenzwinkern.
    Und was fr ein wundervoller Abend, ergnzte Conrad ablenkend.
    Glckspilz! fuhr Leutolf fort, Conrads Arm schttelnd, wenns bei dir
einmal ans Erben geht! Dabei pfiff er mit den Lippen.
    Pfui! wehrte Conrad, aufrichtig beleidigt.
    Erben ist keine Snde, versetzte der Feuerleutnant unbeirrt. Und dem
Anschein nach spinnt er keinen langen Faden mehr, dein Alter. - Hast du denn
aber auch fr ein appetitliches Frauchen gesorgt? Und da eben Cathri
vorbereilte, mit Flaschen und Glsern beladen, stupfte er den Freund mit der
Schulter:
    Ist das etwa diejenige, welche? munkelte er.
    Conrad berlegte; die Frage schien ihm ungehrig, die Antwort schwierig.
Ich bin selber noch unschlssig, erklrte er endlich mimutig.
    Verdammt schn ist sie, unverantwortlich schn, unmglich schn sogar,
meinte der Waldishofer. Aber hat sie denn auch Bildung?
    Ich habe ja ebenfalls keine.
    Du und keine Bildung? Artillerieoffizier und ehemaliger Industrieschler
und immer mit den ersten Preisen! Faxen! - Also ist es diejenige, welche, da du
dich bereits ber solch einen Hauptmangel hinwegsetzest. - Ich hatte erst einen
Augenblick eine andere im Verdacht, eine, die besser zu dir pate und die sich
auffallend nach dir umsah. Aber, da du ihr so beharrlich den Rcken kehrtest,
fllt meine Vermutung dahin. Dann nach dem wsten Gejohl im Tanzsaal horchend:
Was hast du denn da fr einen absonderlichen Harmonieverein aufgelesen? Soll
das etwa den Furienchor aus dem Orpheus vorstellen? Die singen ja wie kastrierte
Lmmergeier.
    Oder wie mondschtige Seehunde, meinte der Wachtmeister. Und indem jeder,
des Beifalls zum voraus sicher, einen neuen Vergleich aus dem zoologischen
Garten zum besten gab, lauschten sie belustigt dem schauerlichen Geheul.
    Den heisern Fistelstimmen nach zu urteilen, sollte man fast glauben, es
wren die Wagginger, riet eine Stimme.
    Und da Conrad nickte, erhob sich die Frage: Die Oberwagginger oder die
Niederwagginger?
    Beide, gestand Conrad verstimmt. Der Feuerleutnant schaute ihn bedenklich
an:
    Die Ober- und Niederwagginger zusammen? Acht Tage nach den Wahlen? Das
knnte schief ablaufen.
    Wohl mglich, besttigte Conrad.
    Der Wachtmeister aber klemmte ihm den Arm: Nun, wenns etwa dazu kommen
sollte, gesetzt den Fall, erluterte er, so weit du, da du auf uns zhlen
kannst. Und um dem Versprechen Nachdruck zu erteilen, lie er einige Pffe in
die Nieren folgen.
    Selbstverstndlich! bekrftigte die Schar.
    In diesem Augenblick klapperte feines Hufgetrampel, und als er sich nach dem
Gerusch umsah, gewahrte er seine Offiziere, den Obersten Allegri an der Spitze,
wie sie zuhauf das Kirschenstrchen hinabzogen, zu drei und drei hintereinander
im tnzelnden Trabschritt, leicht und lebhaft. Mit Kennerblicken schaute er
ihnen wohlgefllig nach. Die Pferde bogen, meisterhaft hinter den Zgeln
versammelt, den Hals und das Kreuz in anmutigen Wellenlinien, die Reiter saen
knapp und stramm. Ein Baumpaar nach dem andern legten sie zurck im pochenden
Takt der Hufe, welche die trockene Bahn mit melodischem Holzton hmmerten,
whrend ab und zu ein Sbel, vom flachen Abendsonnenstrahl getroffen, jh
aufleuchtend wie ein Blendspiegel Flammenbndel entsandte.
    Eine treue Seele, Papa Allegri, dachte Conrad. Harmlos wie ein Kind. War das
ein gehrnter Einfall, ihn und den Vater zusammenzuflechten, ohne die
entfernteste Ahnung, wie schlimm es zwischen ihnen stand! Welch eine unmgliche
Lage! Er bemhte sich, dieselbe nachtrglich possierlich zu finden, doch tief
innen bewegte ihn Rhrung. Eine geraume Weile friedlich neben dem Vater
gestanden zu haben, ohne etwas Bses von ihm zu erleiden, sich gegenseitig
untersttzt, einander entschuldigt, vor den Fremden gedeckt zu haben, - ein
unerhrtes Vorkommnis. Gewi, es war ja blo im Zwange der Not geschehen, nach
auen hin, der Leute wegen. Gleichviel, es ergriff ihn dennoch. Beinahe htte er
seinen Vater darum liebhaben knnen. Und wie wenig, wie wenig brauchte es doch,
damit er es wirklich vermochte! Ein halbwegs freundliches Benehmen, ein Ton, der
ihn nicht durch seine Roheit reizte, eine Anrede, die ihn nicht beleidigte. Mehr
nicht. Und sollte denn das so unendlich schwierig sein?
    Er seufzte tief, und sein Gesicht verfinsterte sich. Immerhin sah er nun
wieder einen blassen, winzigen Hoffnungsschimmer. Es dnkte ihn hinfort nicht
mehr so gnzlich unmglich, da sich alles noch leidlich fgen knnte, auch ohne
die entsetzliche Mithilfe des Todes, einfach durch die Macht der Vernunft, mit
Zusatz von einem magern, mikroskopischen Rest von Gte.
    Was ist Euch nur ber die Leber gekrochen, Herr Reber? erkundigte sich
Cathri, von seinem rtselhaften Ernst beunruhigt. Ihr seid ja auf einmal ganz
traurig.
    Conrad schttelte den Kopf. Ich bin nicht traurig, entgegnete er
schwermtig, nur glcklich.
    He, was ist mit dir, Conrad, ich glaube fast gar, du dichtest? spottete
der Feuerleutnant. Da schmte er sich und gesellte sich zu seinen Kameraden.
    Bei der Wendung aber sah er unten im Tal die Offiziere ehrerbietig vor
jemand aufgestellt in respektvoller Entfernung, die Hand an der Mtze, wie zur
Manverkritik. Und in dem jemand erkannte er sein Frulein, seine Tnzerin, mit
ihrer Mama.
    Der Anschein traf ihn wie ein Wespenstachel in die Augen, so da er sich
geschwind abkehrte, den Schmerz verbeiend.

Das weinselige Geheul im Saal hatte sich mittlerweile von den Pausen in die
Tnze hinbergeschleppt, die Musik lhmend und bald auch stillestellend, nicht
durch die Macht der Stimmen, sondern durch die Zhigkeit des Miklangs, die
allmhlich jeden Rhythmus entmutigte. Statt der wackelnden Paare taumelten jetzt
krakeelende Huflein ber die Bildflche, welche, um ihre trge flackernde
Khnheit anzumachen, die Fuste durch die Fenster wiesen oder das Publikum
hnselten oder mit heiserem Haraus die Welt in die Schranken forderten. Nachdem
der Umzug sich eine Weile vergngt hatte, beliebte eine Abwechslung: die
lebenden Bilder verschwanden, dafr kamen aus dem unsichtbaren Innern
Speisebrocken geflogen: Kserinden, Schinkenfett, Wurstzipfel, zuerst sprlich,
gleichsam zur Andeutung, spter aber als ppiger Mannaregen, endlich mitsamt den
Tellern, welche unten klirrend zerschellten.
    Mibilligende Rufe, klgliche wie entrstete, protestierten gegen solchen
schmutzigen Proviant, man flchtete insgemein aus dem Bereich der klebrigen
Geschosse; worauf der Alte, zornig die Hnde verwerfend, nach dem Saal
emporeiferte, jedoch ohne Frucht und Nutzen.
    Unvermutet stockte das Gejohle. ber einem babylonischen Wirrwarr
schnatternder Stimmen ward ein Redegefecht laut, gemischt mit bellenden Flchen,
dann folgte ein Getse stampfender Tritte. Durch eines der Fenster gewahrte man
einen schwankenden Klumpen von Krpern, in einer Dunstwolke von Atem und
Schwei. Faustbewehrte Arme fuchtelten in der Luft, wurden vom Ziel abgedrngt,
strebten hartnckig zurck, bis sie endlich den begehrten Feindeskopf
erreichten, welchen sie dann berzeugt droschen, brigens, dem Anscheine nach,
ohne sonderliche Wirkung. Schier verwunderlich aber dnkte es Conrad, an welchem
Merkmal der einzelne in dem Gewimmel einen liberalen Schdel von einem
konservativen auseinanderzulesen vermochte. - Der Klumpen kam und ging und
kehrte wieder, verweilte, hufte und trmte sich. Gleichzeitig klaffte die Tr,
den schwarzen Schlund ffnend, aus welchem kreischende Jungfern flchteten, mit
den Hnden in der Luft kletternd und Helfio zeternd. Doch kaum drauen, zwngten
sie sich wieder hinein, mit ihrem Gellen den Lrm vermehrend.
    Da hast du die Bescherung! hhnte Conrad dem Vater zu.
    Bemhe nur du dich keineswegs, fauchte dieser, auer sich vor rger, da
die Wahrheit sich unterfing, ihm unrecht zu geben. La du dich nicht im
mindesten bei deiner Jucunde stren.
    Da steckte Conrad wohlgemut die Hnde in die Hosen, zum Zeichen seiner
Teilnahmlosigkeit.
    Hier tte eine Feuerspritze gut, spate der Wachtmeister. Mit dem vollen
Strahl mitten hinein, und lachte schallend ob dem ergtzlichen Gedankenbild.
    Ich danke fr die berschwemmung, entgegnete Conrad. Feuerwehr auf dem
Damm, im Balken der Schwamm.
    Dein Alter ist der Lage nicht gewachsen, bemerkte Leutolf, er verliert ja
vollstndig den Kopf. Mag er noch so hirnwtig von einem Fenster zum andern
tanzen, das kmmert die keinen Flohstich.
    Conrad nickte. Mir kanns nur recht sein, wenn sein maloser Allmachtsdnkel
einmal ein tchtiges Loch bekommt.
    Da wird halt nichts anderes brigbleiben, als du mut auf den Posten.
    Erst mu er mich darum bitten: diese Genugtuung ist er mir schuldig.
    Wie du meinst. Nur da dus weit, wir sind bei der Hand. Also wenns Zeit
ist, so gib uns einen Merks. - Den Helm ab! den Rock aus! und die Hemdrmel
herauf! befahl er vertraulich seiner Mannschaft. Bei diesem Anblick eilten von
da und dort kampfesmutige Burschen herbei, die Feuerwehr zu verstrken, junge
Bauern aus dem Dorf, auch von den Gsten dieser und jener, so da sich Conrad an
der Spitze eines erlesenen Gewalthaufens sah, der sich zwar einstweilen
enthielt, aber die Ungeduld einzugreifen nur mhsam zgelte.
    Links und rechts hatten die Neugierigsten sich auf die Tische gepflanzt, um
ber das Muerlein hinweg besser zu sehen. Sie genossen das Schauspiel
schweigend, auer Cathri, welche gleich einem Kampfrichter ihr Urteil ffentlich
kundgab. Gott du meine Gte, klagte sie verchtlich, was fr eine gefehlte
Bauersame! Weder Stimme noch Mark noch Muskel! Und auch nicht ein einziger
rundum im Dorf, der sich erbarmt und herzhaft dazwischenfhrt. Gott du meine
Liebe! wenn unser Hans da wre! Wie der den Saal ausfegte! Dabei lachte sie
hellauf vor Vergngen.
    Maul zu! schnauzte Conrad. Und nach einer Pause fgte er stirnrunzelnd,
mit Nachdruck, bei:
    Es gibt hierzulande Leute, die taugen so viel wie Euer Hans und vielleicht
mehr!
    Auch auf der Terrasse verfolgte das Volk gespannt den Verlauf des Streites,
indessen wegen der bedrohlicheren Nhe vorsichtig nach beiden Seiten sich
zurckziehend, so da die Mitte leer blieb. Was sie hauptschlich auf den
gefhrlichen Platz bannte, war die geheime Hoffnung auf eine kleine Dosis
Schadenfreude, nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel. Allein wie nun der wste
Lrm ohne sichtbare Entscheidung gleichmig fortlief, meldete sich bald der
berdru und mit dem berdru die Entrstung: Zahlen! heischte ein
Familienvater, umringt von nasenrmpfenden Frauenzimmern. Und wie ein Lauffeuer
ertnte es nun von allen Seiten: Zahlen, zahlen!
    Sitzen bleiben! Wozu habt ihr sonst das Ges? donnerte der Alte, auer
sich ber den drohenden Verlust, und whrend die Kellnerinnen wie von Sinnen
umherrannten, um die Ausreienden zum Bleiben zu beschwren, machte er Miene,
das Treppchen zum Tanzsaal zu erklimmen, woran er jedoch von Anna und dem Doktor
gehindert wurde, teils durch Zureden, teils mit sanfter Gewalt.
    In der Tat hatte die Mehrzahl der Gste sich erweichen lassen; sie standen
zwar, den Hut auf dem Kopf, zum endgltigen Abzug bereit, beglichen auch
vorlufig die Zeche, rumten jedoch nicht die Terrasse. Nur wenn der Tanzboden
unheimlicher knackte, wenn die wankenden Wnde sich gar zu unnatrlich bogen,
krebsten sie hurtig ein paar Ellen weiter.

Pltzlich entleerte sich der Tanzsaal des gesamten Weibervolkes, welches atemlos
vor Angst von dannen hastete, als folgte ihnen der Wolf auf den Fersen.
Unmittelbar hinter ihnen brach eine ungeheuere Sturzwelle von Kmpfern mit
krachendem Gepolter das Treppchen hinunter, sich berwlzend und augenblicklich
in strmischem Schwalle die weite Terrasse berflutend. Hiervon zerstob alles
Volk in jher Flucht, die Nchsten stumm vor Schreck, die Entfernteren mit
kurzen Ausrufen der Bedrngnis; die meisten in der Richtung nach dem Dorfe, der
Rest ber das Muerlein. Die Vgel aber allzumal in den Bumen, Finken und
Meisen, den Lrm mideutend, sangen einen jauchzenden Wettstreit, da ihnen fast
die Kehle sprang.
    Eins, zwei, drei war alles weithin zersprengt wie eine Schachtel Nhnadeln,
so da, als die Besinnung wiederkehrte, jeder sich an einer andern Stelle
befand, als er vermutete. Man las sich zusammen, orientierte sich, man entdeckte
sich neue Nachbarn. Hierauf erfolgte eine Sichtung: der zimperliche Teil der
Gste, darunter die Mehrzahl des Stadtvolkes und fast smtliche Frauenzimmer,
zogen ab, friedlicheren Wohnsttten zu, die brigen, die standhielten, nahmen
hinfort gemtlichen Anteil, als ob sie zur Sippe des Pfauen gehrten.
    Blo die unten in der Wiese hatten nicht gewankt. Doch jetzt schnellte
Conrad mit weit geffneten Armen vor. Nmlich Anna, vom Trieb der
Selbstbewahrung berrascht, hatte ihren Vater kopflos preisgegeben und kam nun
von der Mauer herab auf einen Tisch gesprungen, auf welchem sie flink wie ein
Eichhrnchen bis zum Ende huschte, mit zusammengerafften Kleidern, brigens ohne
ein Gert umzustoen, dank ihren kleinen Fen und feinen Augen. An der
jenseitigen Kante des Tisches von des Bruders Armen aufgefangen, sah sie sich um
und lachte nervs. Von oben schaute ihr der Doktor besorgt nach, ob sie nicht
Schaden genommen.
    Der Alte, nunmehr der Hindernisse ledig, gedachte seine Freiheit zu ntzen,
um mit seiner oft bewhrten Leibeskraft sein Ansehen und seine Herrschaft
herzustellen. Doch kaum hatte er sich in das Getmmel gestrzt, so rollte er
schon, vom zuflligen Widerprall geworfen, schwerfllig auf den Boden, richtete
sich unbeholfen wieder auf, verschwand abermals im Gewhl und kollerte zum
zweiten Mal dahin.
    Jesus, der Vater! Helft dem Vater! kreischte Anna, und schon hatte sie die
Mauer bersetzt mit Schwung und Sprung, man sah nicht, wie.
    Meine Flinte! hrte man den Alten in ohnmchtiger Wut keuchen. Portier,
die Jagdflinte, da ich sie zusammenknalle wie Kramsvgel.
    Jetzt musterte Conrad seine Gesellen:
    Gilts? fragte er, und seine Augen flammten.
    Los! brauste die Antwort, und mutig strmte die junge Schar um die Mauer,
in Reih und Rotte wie beim Turnlauf. Conrad, den Seinigen voraus, warf ihnen im
Lauf Ermahnungen und Verhaltungsmaregeln zu:
    Immer mehrere zugleich einen einzelnen besonders aufs Korn nehmen,
abtrennen und aus dem Haufen frdern, nicht wildlings jeder auf eigene Faust.
Wir kommen ja nicht als Feinde, sondern als berlegene Friedensstifter, und dazu
brauchen wir Ordnung und Besonnenheit. Was am Boden liegt, nicht anrhren! und
vor allem keinen Streich, der nicht unbedingt ntig ist.
    Wie sie am Holzschopfe vorbeikamen, griff der Wachtmeister heimlich nach
einem Sparren. Doch Cathri berholte ihn in fieberhafter Hast:
    Nichts da, wehrte sie, sich an seinen Arm hngend, mit der Autoritt der
Vernunft: Holz im Stolz, der Teufel wollts.
    Conrad wandte sich um:
    Keine Knttel, verbot er strafend, bist du verrckt?
    Keine Knttel, scholl die Losung.
    Dann, am Ziel angelangt: Erst heim mit dem Vater, mahnte Conrad. Fort,
aus dem Krieg mit ihm, ins Haus, die Tre verrammelt!
    Und whrend die Hauptmacht ungesumt in den Streit schwenkte, jagte er mit
der Vorhut dem Alten entgegen.
    Ihm warf sich Anna in den Weg, mit schtzenden Armen, wie Schulthei Wengi,
denn sie mideutete den hitzigen Ansturm.
    Ei, ei! machte Conrad, solche Satansabsichten leihst du mir?
    Da gab sie demtig Raum, beschmt und zerknirscht.
    Conrad bemchtigte sich indessen des Alten, schonend, aber fest: Komm heim,
Vater, mahnte er begtigend, solcherlei Hantierung taugt nichts mehr fr
dich, und suchte ihn wegzuschieben. Allein der Alte, wie er die gewaltsame Hand
sprte, strubte sich und widerstemmte, als ob er zur Hinrichtung geschleppt
wrde. Also geht man mit mir um! sthnte er. Knnt ihr denn nicht warten, bis
ich vollends auf dem Schragen liege? Wollt ihr mich bei lebendigem Leibe
begraben?
    Auf die Schultern! verfgte Conrad. Da hoben sie ihn auf und trugen ihn
geschwind in den Hausgang. Anna, ht ihn, da er keinen Unfug stiftet, rief
er, schaff die Flinte weg; la ihn nicht durchs Fenster. Hiermit schupfte er
die Schwester nach, schmetterte die Tre zu und schickte sich an, sie zu
verriegeln. Allein die Tre schlo von innen. Da pflanzte er zwei Mann als
Wachen davor, zu denen der Doktor eilte. Ich knnte ntig werden, murmelte er
kopfschttelnd. Auen oder innen; niemand wei, wo und wem.
    Als Conrad sich nach seinen Kameraden umblickte, hatte sich die Szene
verwandelt. Wo eben noch eine hitzige Faustschlacht gewtet hatte, herrschte
jetzt ein ungefhrliches Zungengefecht; statt einer grenden Gesamtmasse
brodelten viele vereinzelte Grppchen, von denen jedes mit keifenden oder
abwehrenden Jngferchen umringt war, die sich um den Frieden abmhten wie die
Engel um eine arme Seele. Reservemannschaft, die sich wei Gott wie und woher
eingefunden, stand ihnen werkttig bei, die Unbndigen berwltigend, die
Zurckstrebenden abhaltend, die Zweifelnden aus dem Feld stoend. Die Feuerleute
waren verschwunden. Wohin? Ohne Zweifel in den Saal, denn dort tobte der Kampf
wie der Teufel im Weihwasser.
    Richtig, da kamen schon die Wagginger, von unsichtbaren Hnden geschleudert,
das Treppchen herabgeflogen, einer um den andern, in rascher Folge wie Pckchen
auf der Frachtpostniederlage. Die drei ersten purzelten und standen wieder auf,
der vierte kugelte kopfber, ohne Schaden zu nehmen, der fnfte aber blieb
chzend liegen, so da der Doktor mit langen Sprngen zur Stelle eilte.
    Da bermannte Conrad der Zorn, der gerechte Zorn der Entrstung ber die
unntige Roheit, und nachdem er blitzschnell den Platz gekreuzt, stemmte er mit
grimmiger Kraft seinen Leib als Mauer entgegen, die berwltigten im Sturz
aufhaltend und als Sturmbcke gegen die Sieger zurckrammend. Dadurch stockte
zunchst die Bewegung, indem die Bauern, von drinnen geworfen und drauen an
Conrad brandend, zwischen zwei Krften litten, so da sie von dem Hin-und
Widerprall wie von einem Hebel gehoben wurden; aber sobald es Conrad gelungen
war, den rechten Trpfosten zu fassen, gewann sein Widerstand stetig die
Obermacht, und wie er den linken Pfosten ebenfalls hatte, wlzte er mit
pltzlichem Ruck und Druck die Menschenlawine vor sich hin, einwrts in den Saal
zurck.
    Der Wachtmeister war der erste, den er erhaschte. Den packte er an der
Gurgel und schttelte ihn, um ihn Gesittung zu lehren. Jener lie das lammsfromm
geschehen, die Augen in verliebter Freundschaft rollend und das brtige Gesicht
in stummer Dulderklage gegen den Hauptmann kehrend.
    Darauf jedoch, als Conrad eben die Hand ausstreckte, um einen zweiten
Wterich zu fassen, traf ihn der Anblick der fremden Horde, die in dem schmucken
Tanzsaal randalierte, wie Hornvieh im Stall, achtlos die Mbel umstrzend,
Scheiben und Spiegel zerschmeiend. Jhlings machte der Unwille ber den
bergriff des Freundes der Erbitterung gegen den Eindringling Platz, der
Erbitterung des Eigentmers ber den frechen Hausfriedensbruch. Denn hier
zwischen den heimatlichen Wnden fhlte er sich als Stellvertreter seines
Vaters, mit edler Hintansetzung ihres sonstigen Zerwrfnisses.
    Ruhe! befahl er mit angestrengter Lungenkraft in den Lrm hinein. Der
Pfauen von Herrlisdorf ist keine Kneipe; hier wird nicht gerauft! Und da die
Schlacht unentwegt weiter wirbelte, als htte irgendein verschchtertes
Gemeindenachtwchterlein gemkt und nicht er, der Pfauenwirtssohn selber, Ruhe
befohlen, ergriff ihn eine wilde Wut, wobei ihm ein unartikulierter Schrei
entfuhr, welcher in dem Lrm ungehrt unterging. Der Lrm aber war so
bestialisch, dermaen ohr- und vernunftbeleidigend, da seine Wut in Raserei
ausartete. Wie ein wildes Tier brllte er zunchst den wsten Schlachthaufen an,
teils um ihn zu berschreien, teils um nicht zu ersticken.
    In diesem Augenblick klingelte der Kronleuchter, getroffen, zersplittert von
klobigen Holzwaffen, der neue, kostbare Kronleuchter, den der Vater im Dezember
um schweres Geld angeschafft, zu Ehren des Offiziersvereinsballes, - der klare
Glaston durchzuckte seine Nerven wie die Zndnadel die Granate, und der
entfesselte Ha schnellte seine Gelenke zum federnden Angriff; sprang dem
Kronleuchter zu, rcksichtslos mitten durch das Gemengsel, Freund und Feind
gleicherweise berrennend. Den ersten, den er ein Stuhlbein schwingen sah,
unterlief er mit geducktem Nacken, und indem er ihm beim berfall gleichzeitig
die gespreizte Hand bers Gesicht schlug, den Daumen in den Mund und die Finger
in die Augenhhlen, wie er das vorzeiten seinem Vater abgesehen hatte,
schmetterte er ihn durch die Wucht des jhen Anpralls nieder, da jener im Sturz
wie eine gefllte Tanne seine Hintermnner mit zu Boden ri. Hierauf, ohne sich
weiter um diesen zu kmmern, scho er sofort gegen einen andern, welcher mit
einem zerbrochenen Musikpult fuchtelnd eben wieder einen Regen von Glassplittern
vom Leuchter hieb. Diesem umschnrte er den Leib, hob ihn vom Boden, drckte
ihn, mit der einen Hand die Brust und mit der andern den Hosenbund packend,
gestreckten Arms in die Luft, wo er ihn mit radfrmiger Bewegung windschief ber
dem Kopf schwenkte. Hierbei berraschte das blaue Himmelslicht, das aus dem
offenen Fenster hereinflutete, sein Auge, und mit pltzlicher Eingebung
befrderte er seinen Gegner kopfber ins Freie samt dem Rahmen, an welchen jener
sich gekrampft hatte.
    Rcke, Decken und Kissen herbei! gellte drauen eine Stimme, die Stimme
Cathris.
    Einmal im Zuge, schickte Conrad einen zweiten durch die nmliche ffnung,
und spter, von Leutolf und dem Wachtmeister untersttzt, einen dritten, vierten
und fnften. Hernach aber geriet der Sieg ins Stocken, und es entbrannte ein
erbitterter Strau. Denn die Wagginger, von der berraschung sich erholend, vom
Anblick der Waldishofer ernchtert und von der Gefahr der verwegenen Wrfe
geschreckt, sperrten sich verzweifelt, Front gegen den gemeinsamen Gegner. Keine
unntzen Verwnschungen mehr; nichts als das Keuchen der Lungen, das Strampeln
der Fe, das Klopfen der Fuste.
    Pltzlich juckte Leutolf, whrend er eben Conrad gegen einen Seitenhieb
deckte, heftig rckwrts und befhlte seine Wange. Unmittelbar darauf krachten
zwei Revolverschsse, donnerten einzeln durch den Saal und rollten gemeinsam
lngs den brllenden Wnden dahin, bis sie endlich in den Winkeln verhallten.
    Da war es wie eine abgestellte Mhle, und bleiches Entsetzen vereinte Freund
und Feind.
    Wer schiet da? kam es endlich zaghaft aus dem Bauernheer.
    Ich, bekannte wutgrinsend der Wachtmeister, worauf ihm Leutolf
gebieterisch den Revolver entrang.
    Man schiet nicht auf das Volk wie auf Rebhhner, protestierten die
Wagginger.
    Man sticht nicht mit dem Messer, schumte der Wachtmeister.
    Wir haben nicht gestochen.
    Freilich habt ihr gestochen, versicherte der Wachtmeister und deutete auf
Leutolfs Wange, die von einer haarscharfen roten Linie vom Auge bis zum Kinn
gezeichnet war und reichlich blutete.
    Es ist nichts, beruhigte Leutolf lachend, als Conrad erschrocken nach dem
Blute sah; blo die Haut geritzt. Aber am bsen Willen hats nicht gefehlt! Und
zwar auf dich wars gemnzt.
    Von drauen aber schrillte anhaltendes Angstgeschrei in den hchsten Tnen:
    Wer ist getroffen? Ist jemand tot?
    Wer ist getroffen? wiederholten mehrere gleichzeitig im Saale.
    Aller Blicke wanderten fragend im Kreise und begegneten allerorten andern
fragenden Blicken.
    Niemand, versuchte schlielich ein schchterner Ruf. Niemand, besttigte
man von allen Seiten.
    Niemand, lautete die bestimmte Antwort nach auen. Da verstummte das
Angstgeschrei, und ein frohlockendes Echo vertrieb die trstliche Botschaft in
die Ferne. Aber mancherlei Kpfe tauchten jetzt an den Fenstern auf, um den
weitern Verlauf den Untenstehenden zu berichten.
    Eine Weile verharrte noch die Menge im Saale betubt. Endlich rckte der
Oberwagginger Frsprech in die Mitte, rundlich und s, mit populrem
Schmunzeln. Nachdem er sich verlegen die Hnde gerieben, begann er salbungsvoll:
    Da uns hiermit Gottes barmherziger Finger ersichtlich vor einem
unabsehbaren Unglck bewahrt hat, sollte das nicht ein Wink sein, Frieden zu
schlieen? Ohnehin haben wir ja nicht den mindesten Span mit dem ehrenwerten
Herrn Reber. Alles, was wir begehren, ist, da man uns ruhig abziehen lt, wie
wir gekommen sind.
    Und das Messer? knirschte der Wachtmeister.
    Die Gesamtheit fr die beklagenswerte Tat eines einzelnen haftbar machen zu
wollen, wre doch entschieden ein unbilliges Ansinnen.
    So liefert uns den Messerstecher aus, nachher lassen wir euch laufen.
    Da knnten wir mit ebensoviel Recht den Revolverschtzen von euch
verlangen.
    Die Waldishofer lachten spttisch.
    Versuchts! rief einer. Ein anderer: Das ist anderlei, der Schu war blo
die Antwort auf den Stich.
    Doch Conrad gebot Stille. Es soll ihm kein Leid geschehen, beteuerte er,
vorausgesetzt, da er sich freiwillig meldet.
    Der Frsprech sah sich fragend um, doch keiner muckte.
    Die Taschen untersuchen, meinte ein Feuerwehrmann. Kaum hatte er das
ausgesprochen, so glitten zahlreiche Stellmesser auf den Boden.
    Hohnlachend schnellte Conrad empor.
    Da seht sie, die scheinheiligen Heuchler, schumte er, auf die glitzernden
Klingen deutend. Auf denn! Waffen gegen Waffen! Behndige jeder, was er findet.
Und dann drauf, diesmal ohne Erbarmen.
    Ein tumultuarisches Scharren unzhliger Tritte erfolgte, indem die beiden
Heere sich hastig zur Sammlung zurckzogen, die Bauern, um den Angriff
geschlossen zu erwarten, denn sie fhlten sich als die Schwchern, ob auch an
Zahl ungefhr gleich, die Waldishofer, um sich zu bewehren und um einen
berrennenden Ansturm zu gewinnen.
    Da tnte von drauen die weiche, seelenvolle Stimme Annas.
    Conrad, denke an unsere Mutter! Vergiee kein Blut und schone das deinige.
    Der Ton drang in den Aufruhr wie Orgelklang in eine zerrissene Seele.
    Conrad, sei gut, mahnte wiederum die Schwester.
    Conrad war erschttert. Leutolf, entscheide du, sagte er dumpf, du bist
der Verwundete.
    Doch Leutolf schob ihm die Entscheidung zurck.
    Dir galt der Stich, dir gebhrt das Urteil.
    Conrad berlegte.
    Wohlan, verkndete er, ich entbiete Frieden, unter der Bedingung, da
jeder einzelne klar und vernehmbar den Spruch hersagt: Wer mit dem Messer
sticht, ist ein feiger Schurke. Jetzt knnt ihrs nehmen oder lassen.
    Die Wagginger murrten, wuten jedoch keine triftige Einrede. Und da die
Furcht ihnen berzeugend zusprach, nahmen sie endlich stillschweigend den
schimpflichen Vertrag an.
    Es darf sich ja jeder, der sich unschuldig wei, herzhaft zu dem Spruch
bekennen, ermutigte der Frsprech.
    Die Waldishofer bildeten nun eine Gasse nach der Tre wie zum
Spierutenlaufen, durch welche die Wagginger einzeln dem Ausgang zuzogen, den
verlangten Spruch stammelnd, mit erhobenen Hnden auf ausdrckliches Gehei. Wer
sich bereilte, ward angehalten, wer unverstndlich munkelte, mute die
unliebsamen Worte wiederholen. Sie maulten, als gingen sie unter dem Joch,
whrend die Waldishofer sich mehr und mehr zu bermtigem Spott hinreien
lieen.
    Pltzlich erscholl ein frhliches Gelchter. Brigitte, von Amor betrt,
erschien hinter einem jungen burischen Schnbold, den sie am Rockscho
festhielt, um ihn ja nicht zu verlieren.
    Ei, seht die Verrterin! drohte Conrad belustigt. Sie aber streckte
fuchswtend die Zunge heraus, so ziemlich die einzige Art, sich ihrer zu
bedienen, die ihr zu Gebote stand.
    Als der Regenwurm sich vorbeidrckte, der letzten einer, las Conrad in
seinen auskneifenden Blicken die Schuld.
    Sieh mir ins Auge, du Wicht, wenn dus wagst, befahl er verchtlich. Als
jedoch der andere, ohne auszuschauen, den schleichenden Schritt beschleunigte,
lie er ihn gleichwohl ziehen. Jetzt aber fuhr der Wachtmeister dem Regenwurm an
die Gurgel:
    Soll mich der Teufel holen, schrie er, oder der Messerhalunke, den ich
aufs Korn nahm, bist du!
    Allein Conrad wehrte energisch ab. Habe ich allen Frieden entboten, so habe
ich auch jedem einzelnen die Sicherheit verbrgt. Und vereint mit Leutolf ri
er den Wachtmeister zurck. Da war der Regenwurm gerettet, ob auch ein Igel von
Fusten ihn umstarrte, so da er nur langsam tappend vorwrts gelangte und bei
jeder Bewegung an einen harten Knchel stie; den Spruch der Selbstverdammung
mute er freilich zur Bue immer von neuem bekennen und sich daneben unrhmliche
Titel, Personalschilderungen sowie Anleihen aus seinem Lebenslauf gefallen
lassen.
    Es ist der Matthiesen-Michel von Niederwaggingen, mehr braucht man nicht zu
sagen, damit jedermann sofort wei, es ist von allen schlechten Hunden der
schlechteste Hund.
    Er hat bereits ein Menschenleben auf dem Gewissen; wre er damals nicht zu
jung gewesen, er se jetzt auf Lebenszeit im Zuchthaus.
    Das ist noch nicht einmal das Schlimmste! Das Geld, das er seiner Mutter
mit dem Messer abzwang!
    Das Erbteilchen, um das er seine hilflose, bldsinnige Schwester betrogen
hat!
    Genug! schlo Conrad und geleitete den Matthiesen-Michel an die Tre,
indem er den Schlotternden unter dem Arm fate und mit seinem Krper deckte.
    Hernach wurde den wenigen brigen der Spruch erlassen.
    Hlt sich etwa noch einer verborgen? meinte Conrad, im Saal umhersphend.
    Da krabbelte der kleine Oberwagginger Schullehrer unter der Bhne hervor und
setzte, ein klgliches Notgeschrei anstimmend, recta ber den Fenstersims.
    Und wir? fragten die Musikanten mit suerlichem Humor. Mssen wir
ebenfalls beichten? Conrad lchelte, worauf sie mit ihren Instrumenten hurtig
abzottelten, wumselnd wie die Heinzelmnnchen.
    Nach! mahnte Leutolf. Sprengt sie ins Tal! Und frohlockend scho das
Rudel der Sieger ins Freie.

Conrad aber blieb zurck, um die Verwstung zu prfen, wie er sich weismachte,
in Wahrheit deshalb, weil er das eroberte Schlachtfeld noch nicht verlassen
mochte. Hier hatte er endlich geherrscht, hier zum ersten Male seines Lebens die
husliche Gewalt ausgebt. Nun war leider sein Reich zu Ende. Schade! so frh!
ehe es nur recht begonnen.
    berhaupt, er war noch nicht satt, der Hauptschlag fehlte, der Kampf war in
den Frieden gekrochen wie der Rhein in den Sand. Freilich, sie hatte es ja
herzlich gut gemeint, seine Schwester, und vernnftiger war es jedenfalls; nein,
ganz gewi. Und richtiger auch. Wo nicht, so befleckte ihn vielleicht
gegenwrtig die Schuld und zerfleischte ihn die Reue. - Immerhin, es htte ihm
gut getan, nochmals grndlicher drauf. Das tapfere Handwerk lste ihm den Zorn,
wusch ihm die Galle.
    Himmel, wie sah es um ihn aus! Die Bhne zertrmmert, die Bnke geborsten,
der Kronleuchter in Stcken, sogar den Ofen hatten sie geschndet! Wie die
Wildschweine hatten sie gehaust! Gut, hatte er das nicht frher gesehen! Wer
wei, ob er ihnen so leicht Gnade gewhrte!
    Sehnsucht und Hoffnung lockten ihn ans Fenster, ob vielleicht noch ein
Nachsatz anzubringen wre. Doch Flucht und Verfolgung wlzten sich bereits tief
den Rain hinab, unten in einen harmlosen Wettlauf ausartend. Nebenher im Gefilde
ein dnner Schwarm Abgesprengter und tricht Umherrennender; oben am Rain unter
einem Birnbaum ein verstecktes Nest, nach geriebener Hasenschlauheit die
Verfolgung von hinten genieend - jenseits bei den Reben der Wagginger
Frsprech, harmlos dahinschreitend und leutselig grend, als ginge ihn die
Geschichte nichts an, dann pltzlich mit riesigen Sekundanten-Sprngen im
Weinberg verschwindend - im Grase den steilsten Hang hinab das Lehrerlein, flink
wie ein Gummiball, die Ellbogen gleich Schwingen rhrend und mrderlich
trompetend vor Freuden ber sein neugewonnenes, junges, grnes Leben. Da war
nichts mehr zu holen.
    Whrend er also im Saal verzog, aufgewhlt und unbefriedigt, gleich der
Dogge, der man die Schssel vorzeitig weggenommen, traf das lamentierende
Spektakeln des Vaters sein Ohr, fern, doch unverkennbar. Als ob eine Mine unter
ihm geplatzt wre, fuhr er in die Hhe. Und bei jedem neuen Laut der vterlichen
Stimme, der zu ihm drang, juckte er empor.
    Jetzt entweder oder, knirschte er, jetzt mu sichs entscheiden, und
leidenschaftlich die Arme verwerfend, jagte er mit Gewaltstzen ins Freie.
    Ein rotgoldener Lichtjubel blendete sein Auge, jauchzendes Beifallrufen sein
Ohr. Aber haarscharf, wie in Metall gebosselt, ragte aus dem Glanze Cathris
Bste, als stnde sie unmittelbar vor ihm. Er tat einen Seitensprung und
schttelte die Arme:
    Heran nun mit Eurem Hans, wenn er es wagt!
    Diesmal entfloh sie, die Augen voll Schrecken, obgleich eine mehrfache
Menschenwand sie vor ihm schtzte. Doch das war nur so nebenbei. Auf das Haus
jagte er nun zu, die Lippen geffnet und die Sprache entfesselt, denn keine
berlegung drckte mehr auf den Kehldeckel.
    Und nun, Vater, habe ich mit dir ein Wrtchen zu reden. Lange genug habe
ich geschwiegen, jetzt aber mu es heraus, und zwar so, da es alle Welt
vernimmt. Das Leben, sag' ich dir, das Leben, wie ich es bisher ausgestanden,
hat von heute an ein Ende. Ich will nicht lnger den unmndigen Buben
vorstellen, den man schilt, zankt, abkanzelt, den mihandelten Knecht, an dem
man seine blen Launen auslt; ich begehre eine Stellung im Hause, wie sie dem
Sohne gebhrt, einen Winkel im Heimwesen, wo ich frei nach eigenem Ermessen
schalte, wo mir niemand dazwischenredet, wo ich keinem Menschen Rechenschaft
schuldig bin, kurz, wo ich befehle.
    Befiehl, befiehl, eiferte der Alte, du bist ja jetzt der Herr, wie es
scheint, ich bin lngst abgesetzt.
    Entweder du behltst das Geschft und ich baure, oder ich bernehme die
Wirtschaft und du das Land.
    Nimms doch, nimms, flennte der Alte, wenn du doch meinen Tod nicht
abwarten kannst. Nimms alles.
    Ich verlange keineswegs alles, ich will blo meinen billigen Teil, damit
man mir mit Achtung begegne, damit ich Frieden habe, damit ich meines Lebens
froh sein und lachen kann, damit ich nicht meine Mahlzeit mit rger
hinunterwrgen mu. Entweder du ziehst mit der Mutter in den oberen Stock und
ich wohne unten, oder umgekehrt, du unten und ich oben.
    Ich kann ja meinetwegen mit der Mutter im Stall bei den Pferden wohnen, das
kommt dich billiger zu stehen. Ohnehin brauchen wir ja nichts weiter mehr als
ein Bndel Stroh zum Sterben.
    Mit solchen schndlichen, lsterlichen Redensarten ist mir nicht gedient.
Ich heische einen vernnftigen, verpflichtenden Bescheid. Und zwar einen
sofortigen. Willst du, oder willst du nicht?
    Ein beistimmendes Gemurmel der Menge untersttzte seine Forderung, so da
der Alte sich einer einhelligen ffentlichen Meinung gegenber sah. Er jagte
einen giftigen Blick unter das Volk, fletschte knurrend die violetten Lippen,
spuckte mehrmals aus und verzog sich dann ohne Antwort ins Innere der Stube.
    Da verrckte dem Jungen wahnsinnige Leidenschaft den Verstand. Gut denn,
schleuderte er dem Vater nach, so geh' ich fort von heim, und niemand erblickt
mich wieder. Und zwar augenblicklich, nur da ich keine Stunde lnger in diesem
ungerechten, lieblosen Hause verbleiben mu.
    Ein emprter Aufruhr mibilligte den Bescheid. Einige suchten ihn zu
begtigen, andere traten ins Haus, um dem Vater zuzureden. Anna, welche der
bedrohliche Auftritt herbeigezogen hatte, fiel dem Bruder weinend an die Brust.
Conrad! flehte sie.
    Er ri sich los. Leb wohl, Vater, rief er drhnend, du siehst mich nie
mehr. Gr mir die Mutter.
    
    Wieder brauste die Entrstung. Wohin er sich auch wandte, ward er
freundschaftlich gehemmt, umringt, zurckgedrngt.
    Da, unversehens, strzte der Vater wie ein wildes Tier ans Fenster. Ja, ja,
ja, ja denn! brllte er, mit Gebrden, als ob er etwas hinschmisse.
    Wie Erlsung seufzte es aufatmend durch die Reihen, denn die aufregenden
Ereignisse hatten alle Anwesenden der Familie angegliedert.
    Nun nherte sich Conrad festen Schrittes dem Vater: So ists also dein
wahrer, ernsthafter Wille?
    Ja, ja, ja, wiederholte der Alte gereizt, den Nacken schttelnd.
    Reicht euch die Hnde, rief es aus dem Volke.
    Es sei, genehmigte Conrad, gib mir die Hand darauf, und reichte die
seinige dar. Der Alte sperrte sich, als ob er in ein Schlangennest greifen
sollte. Endlich gewann er sichs doch ab, mit einem heftigen Ruck, der die
dargebotene Rechte wegstie, nachdem er sie kaum gepackt hatte.
    Die Landwirtschaft oder das Geschft?
    Der Alte keuchte; schlielich, mit einer letzten krampfhaften berwindung,
warf er die Hnde ber den Kopf.
    Alles! prete er polternd hervor und verschwand erschpft.
    Ihr habts vernommen, ihr seid Zeugen, sprach Conrad, nach dem Volke
gewandt. Hierauf lehnte er sich mit beiden Armen auf den Sims und sprach in das
Zimmer hinein: Vater, sagte er feierlich, Ihr sollt es nicht bereuen; das
gelobe ich Euch mit heiligem Schwur. Ihr sollt von nun an einen treuen,
dankbaren Sohn an mir haben, der es Euch und der Mutter an nichts wird fehlen
lassen. Und so Gott will, wird fortan Friede und Frohsinn im Pfauen walten.
    Jetzt sprte er sich von seiner Schwester innig umarmt, die er tiefbewegt
kte.
    Hernach blieb sein Geist gelhmt. Der nachtrgliche Schreck ber seine
Vermessenheit lie das Bewutsein seines Erfolges noch nicht aufkommen. Auch die
Umstehenden verharrten betubt. Verlegenheit herrschte um und um, die
Verlegenheit der Gedankenunzulnglichkeit angesichts einer pltzlichen
folgenreichen Schicksalswendung. Gewohnheitshalber rumte das Gesinde den
Erdboden vom berflssigen Zeug, Matratzen, Kissen, Kleiderfetzen, Hte und
Scherben und was sonst noch nicht da her Gehrendes umherlag, in zweckmiger,
doch unbewuter Arbeit. Unterwrfig, Dank und Glckwunsch im Auge, nherten sich
die Musikanten, lieen jedoch, was sie sagen wollten, unausgesprochen. Die
Waldishofer, die eben jetzt geruschvoll von der Verfolgung zurckmarschierten,
singend und prahlend, verstummten vor dem geheimnisvollen Schweigen.
    Conrad, was ist gegangen? flsterte Leutolf. Conrad gab keine Antwort, und
da er den Doktor mit der abgespannten Miene eines von der Arbeit Ausruhenden um
die Ecke biegen sah, eilte er diesem eifrig entgegen.
    Wie stehts? erkundigte er sich besorgt. Doch hoffentlich keine ernsten
Verletzungen?
    Der Doktor kniff ein Auge zu und blinzelte mit dem andern herber, ehe er
geruhte, sich zu uern. Du kannst Gott danken, da es so abgelaufen ist, oder
vielmehr der Bernerin, da sie Decken herbeibefahl. Es wre sonst mglicherweise
nicht so gndig abgelaufen. Denen, die zum Fenster herauszogen, hats keinem
etwas getan, es gibt zum Glck manchmal solche Wunder; dagegen von den ersten,
welche das Treppchen herabkamen, liegt einer in Behandlung.
    Dann verschluckte er die Stimme: Ein gutartiger Oberschenkelbruch,
munkelte er undeutlich mit geiziger Betonung.
    Conrad war nicht im reinen, ob er sich nun ber die Gutartigkeit Glck
wnschen oder ber den Oberschenkelbruch hrmen solle.
    Wo liegt er? fragte er einstweilen.
    Wir haben ihn vorlufig in der Scheune verbunden.
    Wer pflegt ihn?
    Die Lisabeth und die Brigitte. Hiermit entfernte sich der Doktor, der
Haustre zu.
    Danach ward es wieder stille, so stille, da der Stundenschlag der
Kirchturmsglocke, der jetzt zufllig tnte, wie ein wichtiges Ereignis wirkte.
Automatisch zhlte ein jeder nach: Eins - zwei - - sieben Uhr, lautete der
Schlu. Wie? schon sieben Uhr? lief es erstaunt durch die Menge, obschon
niemand wute, warum er erstaunte.
    Jedermann empfand, es msse noch etwas dazu geschehen, sei es nun, um das
Ergebnis zu ergnzen, sei es, um es wieder umzustoen.
    Da polterte des Pfauenwirts Stimme scheltend aus dem Innern der Stube: Was
steht ihr da und guckt die Backen hinab wie die Schafbcke! So la doch
wenigstens deinen Leuten einen Trunk aufwarten. Sie habens wahrlich verdient.
    Conrad atmete auf. Von welchem Wein? fragte er in gehorsamem Ton.
    Was fragst du mich, Dilldapp? Du hast ja jetzt zu verfgen. Und ein Bund
Schlssel flog Conrad vor die Fe.

Hiermit war der Bann gehoben und die Spannung gelst.
    Alles drngte sich zu Conrad heran, um ihm zu der erlangten Herrschaft Glck
zu wnschen.
    Also, von nun an Pfauenwirt! Ich wnsche Euch Gesundheit und langes Leben,
und da es Euch wohl ergehe. Und ich eine brave Frau ins Haus. Und ich
erlaube mir denn doch auch, Ihnen von Herzen zu gratulieren. Eine Unzahl Hnde
schob sich vor, Hnde von jeder Gre und Beschaffenheit, er wute gar nicht,
wohin zunchst greifen. Die eine schttelte, die andere drckte und quetschte
seine Rechte, einige zerrten ihm vor Freude beinahe die Schulter aus dem
Gelenke, manche wieder legten nur schchtern die Finger auf, die Gewhrung des
Grues von ihm erwartend. Der Wachtmeister aber prgelte ihn vor Begeisterung.
    Meister, lchelten die Kellnerinnen, halb furchtsam, halb vertraulich, und
ihr Auge bat um Verzeihung fr Vergangenes, um Nachsicht fr Zuknftiges.
    Was tat Conrad? Er umarmte eine jede. Wahrhaftig, er umarmte sie. Und
schmte sich nicht und es reute ihn nicht.
    Josephine aber, im Begriff, ihm die Hand zu reichen, strahlend und lchelnd,
warf sich pltzlich auf einen Stuhl und weinte wie ein Bchlein. Ich mags Euch
halt so von Herzen gnnen, klagte sie und war gar nicht zu trsten.
    Von allen Seiten jubelte in endloser Wiederholung, wie das Halleluja am
kantonalen Gesangfest, sein Name; jenes Eigenwort, das von allen Wrtern der
Sprache dem Menschen am sesten klingt, wenn es aus dem Munde der Freundschaft
tnt. Und sie waren ihm wirklich Freund, alle, ohne Unterschied, die ihn jetzt
umzingelten, Bekannte wie Unbekannte; das las er am guten Klang, am warmen
Blick. Woher kam ihm, dem gestern noch so Vereinsamten, nun pltzlich die viele
Gunst? Wie ein glitzernder Komet mit einem leuchtenden Schweife flimmerte ihm
die Ahnung auf, da der Erfolg Ansehen schafft und da der Ruhm Freunde hinter
jedem Haselbusch zeugt.
    Bewegt erwiderte er jede einzelne Huldigung, ohne Unterschied des Standes
oder der Person.
    Er war glcklich, was man so sagt, glcklich. Unwillkrlich strotzten seine
Muskeln krftiger. Ein Hochgefhl von berquellender Jugend und Gesundheit
beseligte ihn, nicht anders, als ob die gestrenge Natur in Person ihn liebkoste.
Wenn aber einer mit der Natur im Einklange steht, so steht es gut mit ihm. Er
htte in diesem Augenblick Tod und Teufel herausfordern mgen.
    Anna, raunte er der Schwester zu, ihr den Schlsselbund berreichend, la
vom allerbesten bringen, Chianti, du weit. Und zwar fr alle den nmlichen. Und
ja nicht damit geizen!
    Herr und Meister, murmelte er, um sich schauend, um sich der Wirklichkeit
zu versichern. Mehr vermochte er einstweilen nicht mit dem Geiste zu begreifen;
denn die Bewegung war zu stark; auen tanzte die Welt, und inwendig hpfte seine
Seele.
    Als Anna zurckkehrte, mit einem Gefolge von Kellnerinnen, welche Fchen
und Flaschen schleppten, zog er sie vertraulich beiseite. Ich lasse den Vater
aufs hflichste ersuchen, ob er uns die Ehre antun wolle, mit uns anzustoen.
    Anna willfahrte mit zweifelnder Miene. In der Tat lautete der Bescheid
abschlgig, wenn schon nicht unfreundlich. Der Vater lasse danken, meldete sie,
allein er sei fr heut zu mde und angegriffen. In diesem Zustande jedoch
darfst du dich nicht lnger blicken lassen, fgte sie eifrig bei. Schnell geh
und wasch dich und kleide dich um.
    Bah! machte er gleichgltig. Kriegszustand ist auch ein Zustand. Ich sehe
genau so aus wie meine Kameraden. Keiner hat Anla, sich vor den andern zu
schmen.
    Mit Verlaub, entgegnete sie, so sehen sie denn doch nicht aus, deine
Kameraden, und zeigte auf seinen rechten rmel, der nur noch an einem Fetzen
baumelte.
    Er lachte: So bring mir meinetwegen einen alten Waffenrock, der deckt alle
Mngel. - Was macht die Mutter? Ist sie noch nicht heim? Wei sie etwas? Was
wird sie wohl dazu sagen? Trachte, da du es bist, die es ihr zuerst mitteilt;
du verstehst ja, es so vorzubringen, da es nicht falsch aufgefat wird. Sag
ihr, sie brauche sich nicht zu betrben. Sie solle es bei mir gut haben, sowohl
sie wie der Vater, so gut wie der Knig und die Knigin am Schlu eines
Mrchens, inwendig und auswendig. Sag ihr das.

Bald klangen die Becher und rauschte das Bankett. Glser wurden angestoen,
Gesundheiten ausgerufen, Spe zum besten gegeben und, um den ruhmreichen Sieg
wieder zu kosten, einzelne Vorflle aus dem Tanzsaal geschildert, welche, durch
den Festjubel geschaut, smtlich komisch wirkten. Conrad schritt still von einem
zum andern, nippte aus manchem Glas, pochte auf manche Schulter, drckte jedem
seiner Waldishofer nochmals die Hand, diesmal von sich aus, auer Leutolf und
dem Wachtmeister, die ohnehin zu ihm gehrten wie sein eigener Leib. Heda, ihr
Musikanten, setzt euch zu uns! Wer heute nicht mit mir hlt, beleidigt mich.
    Sie sollen uns doch etwas aufspielen, meinte Josephine keck. Ihr Einfall
fand allgemeine Untersttzung, worauf die Musikanten umstndlich ihre
Kratzwaffen hervorkramten, bei deren bloem Anblick schon die Feststimmung um
eine Oktave hher stieg, im Vorgefhl des zu erwartenden Taktlrms.

Nun, Cathri, wo ist denn der Teufel hingekommen, der auf dem Dache sa? hatte
Conrad auf der Zunge und wandte sich nach ihr um. Sie war nirgends in seiner
Umgebung. Da erst fiel ihm auf, da sie ihm schon seit geraumer Stunde abhanden
gekommen war, ja sogar beim Glckwunsch gefehlt hatte. Verwundert suchte sie
sein Blick, in bestndig weiteren Kreisen. Endlich entdeckte er sie unter der
Halle der Kegelbahn, regungslos mit angelehntem Rcken auf einer Bank sitzend,
wie zum Photographieren, die Hnde im Scho und die Augen fest auf ihn
gerichtet, wie ein Schu aufs Ziel. Als er sie ansah, flchtete sie schnell den
Blick zur Seite, aber wie er wieder hinsah, hatte sie ihn von neuem angestarrt.
Etwas Mildes, das ihrer bisherigen steinernen Hrte widersprach, durchgeistigte
ihre Gestalt, und er begriff, da das Milde ihm gelte, ihm besonders, ihm ganz
allein. Wie eine Rakete scho es ihm da vom Herzen in den Kopf. Erst jagte er
ein Glas Wein durch die Kehle, dann steuerte er stracks zu ihr hinber.
    Mancherlei Anreden luden ihn unterwegs ein; er lie sich nicht aufhalten.
    Doch der Portier hngte sich zudringlich an seine Fersen, katzbucklig, die
Mtze zwischen den Fingern: Herr Pfauenwirt, zischelte er, sie sammeln sich
wieder, unten im Rebberg.
    Wer?
    Die Wagginger.
    Conrad zuckte wegwerfend die Achseln und schritt frba. Aber der Portier
klebte: Herr Leutnant, sie haben Frieden geschlossen und sich vereinigt, die
Oberwagginger mit den Niederwaggingern. Sie wollen Euch berrumpeln.
    Es ist noch Tag, und unsichtbar sind sie schwerlich.
    Nichts fr ungut, Herr Meister; sie lesen Steine im Rebberg zusammen, sie
haben Euch Rache geschworen, Euch ganz besonders. Ich darf gar nicht
wiederholen, was sie Euch angedroht haben -
    Ja, wenns auf den bsen Willen allein ankme, so htten sie mich lngst aus
der Welt geschafft. Aber wenns mir gilt, so bin ich auch dabei. Genug davon.
    Also mu ich denn jetzt wahrscheinlich meinen Platz im Pfauen verlieren,
nachdem Ihr der Herr seid? Oder wolltet Ihrs vielleicht noch ein Wchlein mit
mir versuchen? Ich wrde mir alle erdenkliche Mhe geben.
    Davon ist morgen noch Zeit zu reden, antwortete Conrad und winkte ihm ab.
    Cathri verharrte wie eine Bildsule, whrend er ihr unternehmend
entgegeneilte. Nun also, Cathri, scherzte er, wo ist der Teufel hingekommen,
der heute morgen auf dem Dache sa? Der ist wahrscheinlich durch den
Blitzableiter in die Hlle gefahren, wohin er auch gehrt. Mut und Mann, seht
Ihr, das ist immer die beste Arzenei gegen den Teufel. Um ihm jedoch auf ewig
die Wiederkehr zu verleiden, will ich jetzt einen guten Geist ins Haus fhren,
einen guten Geist; wit Ihr, wen ich damit meine? Und da ihr Atem flatterte wie
eine Mwe ber dem strmischen See, streckte er ihr bieder die Rechte dar.
    Topp, Cathri, heute ist aller guten Dinge Hochzeit! Wollen wirs gleich
binden und siegeln?
    Errtend wand und krmmte sie sich. Was wrde Eure Schwester und Eure
Mutter von mir denken? stammelte sie ausweichend, indem sie sich erhob und
mhsam abwendete.
    Was sie mgen! entgegnete er lachend. Bin ich doch jetzt selbstndig und
keinem Menschen mehr Rechenschaft schuldig. Und mit schnellem Sprung ihren Arm
ergreifend:
    Ein guter Gedanke: Kommt, was meint Ihr, Cathri, ich stelle Euch ohne
weiteres dem versammelten Volk als meine Braut vor?
    Ein Glcksschauer durchzuckte sie, da sie verwirrt den Kopf senkte, dann
widerstrebte sie unsicher: Nicht so, nicht jetzt, am ersten Tag, da wir uns
kennen. Was denkt Ihr auch? Spter vielleicht. Nur nicht heute. Ihr seid zu
aufgeregt. Ihr sprt den Wein. Ihr wit nicht, was Ihr tut. Es knnte Euch
morgen wieder gereuen.
    Gereuen? Mich? Morgen? Ich wte nicht, was ich tue? Wohlan, so will ich es
Euch morgen noch einmal frmlicher sagen. Morgen vormittag zwischen zehn und elf
Uhr im Kurbad. Stimmt die Zeit? Oder soll ich lieber spter kommen? Und da sie
wortlos seufzte, fuhr er fort:
    Also bleibts dabei. Morgen um halb elf Uhr sptestens komme ich mit der
Lissi ins Kurbad. Bis dahin auf Wiedersehen. Sprachs und warf ihr einen Blick
voll neckischer Freundschaft hin, drehte sich auf dem Absatz und entfernte sich,
flott und keck. Die Sache war im Blei.
    Da erschien sie an seiner Seite und stupfte seine Hand. Habt Ihr mich denn
ein wenig lieb? schmollte sie, die Augen voll Sonnenschein.
    Die Antwort will ich Euch morgen offenbaren, scherzte er, heute ist das
noch ein strenges Geheimnis, und zog sie an der Hand nher an sich, so da ihre
Krper sich beim Gehen behinderten.
    Die Strecke von der Kegelbahn bis zur Terrasse ma hchstens dreiig
Schritt, doch kam sie ihm jetzt so unendlich berschwenglich und reich vor wie
damals der Raum vor der Front bis zum Brigadestab, als ihn der Oberst Allegri
mit Namen hervorrief, um ihn vor der versammelten Truppe zu beloben.
    Cathri, sagte er lchelnd, mit den Wimpern nach dem First des Gasthofes
blinzelnd, rate einmal, wer sitzt jetzt auf dem Dach? Es ist einer mit weien
Fittichen und einem goldenen Grtel und hlt einen Palmenzweig in der Hand. Mir
ist, ich sprs, wie er mit den Flgeln wedelt. Sprst du nichts? Ich sprs.
    Da schnappte sie einigemal ungestm nach seinem Schnurrbrtchen, was, wie er
mutmate, in ihrer heftigen Art einen Ku bedeuten mochte. Pltzlich aber hielt
sie ihn an und sah ihm drohend ins Auge.
    Hingegen, wohlverstanden, sprach sie nachdrucksvoll, Treue verlange ich
von nun an. Treue ohne Gnade und Ausnahme. Ich bin nmlich wie ein Hummer, wenn
ich einmal jemand in mein Herz eingelassen habe, so halte ich ihn wie mit Zangen
fest. Dafr mu er aber auch an mir festhalten. Siehst du, wenn ich die Wahl
htte, entweder erfahren zu mssen, da du jemals eine andere lieber httest,
und wre es auch nur deine Schwester oder Mutter, oder dich tot zu wissen,
tausendmal lieber wte ich dich tot. So bin ich. Ich sage dirs offen und
unverhohlen.
    Brr, machte er lachend und schauderte zum Scherz. Eigentlich befremdete es
ihn doch ein wenig, da sie so leichthin seinen Tod in die Waagschale warf. Er
hatte sich Frauenliebe umgekehrt gedacht, alles andere eher, sogar das Opfer
seiner selbst, als den Tod dessen, den man lieb hat. Doch das war nur so ein
flchtiger Gedankenschatten, welcher, kaum da er ihn gestreift hatte, auch
schon vorber war. Cathri aber, indem sie den unterbrochenen Wandel wieder
aufnahm, setzte zur Theorie das Exempel: Ich habe es sogar dem Hans auch nie
verziehen, da er seine Braut vor mir bevorzugte. Damit erachtete sie ihren
Standpunkt fr bewiesen und schlo die Verwarnung mit einem huldvollen Lcheln.

Wie sie auf der Terrasse anlangten, brach eben die Musik an, verstrkt von
hundertstimmigem, drhnendem Gesange. Sie kannten des Liedes Worte und Weise,
und da der Text zufllig ihr eigenes Gefhl nicht bel auslegte, fielen sie
frisch und frei mit Mund und Fu in den Takt: Wenn Kraft und Mut in tapfern
Seelen flammen. Zugleich schlenkerten sie die verschlungenen Hnde zum Schwung
wie die Sennen beim Tanz. Dabei schaute Conrad seiner Gefhrtin ins Antlitz,
Cathri dagegen blickte vor sich hin, gnzlich im Singen befangen.
    Da ihre Bahn sie mitten durchs Volk fhrte, kmmerte sie nicht, denn sie
wuten smtliche Gegenwrtigen durch gemeinsames Empfinden auf die hohe Note der
Gte gestimmt; auch steuerten sie der roten Sonnenscheibe entgegen, so da sie
vor Glut und Glanz keinen Krper unterschieden.
    Als sie aber unversehens auf Anna stieen, die mit dem Waffenrock auf den
Bruder harrte, prallten sie auseinander wie zwei auf einem Ehebruch Betroffene.
    Anna sah eins um das andere mit einem nmlichen Blick unsglichen Leidens
an, dann hielt sie stumm und ergeben dem Bruder den Waffenrock dar, whrend
dieser sich des zerfetzten Wamses entledigte. Da sie jedoch aus Unaufmerksamkeit
den linken rmel des Waffenrockes zur Erde hangen lie, ergriff den jetzt Cathri
hinterlistig, als ob sie der Jungfer Reber behilflich sein wollte.
    Ja, wer bedient jetzt eigentlich meinen Bruder? ich oder jemand anders?
fragte Anna tonlos und bi sich auf die Lippen.
    Herr Reber, whlt, wer soll Euch bedienen? nahm Cathri die Frage mit
frhlichem Lachen auf, als ob es sich um einen belanglosen Scherzstreit
handelte.
    Aber beider Frauen Blicke, die sich wie giftige Dolche kreuzten, verrieten
ihm ihren Ha, so da er sich wohlweislich in einem groen Bogen um die begehrte
Entscheidung drckte. Beide, antwortete er, sich zum Schmunzeln zwingend, und
dnkte sich wunder was fr einen Salomo. Doch wie er nun arglos den linken Arm
in den Rockrmel schob, lie Anna beleidigt den rechten rmel fahren und trat
zurck, der Gegnerin den Platz rumend.
    Sie hatte auch eine Halsbinde und einen Hut mitgebracht, die sie jetzt
mechanisch zur Hand nahm. Beides holte ihr nun Cathri mit unglaublicher
Dreistigkeit aus den Hnden, nicht anders, als ob Cathri die Herrin und Anna
ihre aufwartende Magd gewesen wre. Anna lie zwar alles widerstandslos
geschehen, schaute auch ergeben zu, wie die Fremde sich vielweserig um den
Bruder zu schaffen machte. Aber so erniedrigt, so trbselig sah sie drein, so
vllig des Mutes und der Hoffnung bar, als ob sie sich in die nchste Waldhhle
verkriechen mchte, um dort zu verenden. Endlich, als Cathri mit vernichtender
Siegermiene von dannen geschritten war, die Stirne sprhend von brutlichem
Stolz, die Schultern gehoben vom Vorgefhl der nahen huslichen Allmacht im
Pfauen, und gravittisch den Nacken hintenberwerfend, als ob sie einen
Herrschermantel nachschleppte, ffnete Anna die bleichen Lippen, die ein
krampfhaftes Zittern umzuckte, ehe sie das Wort zu gestalten vermochten:
    Und ich? sagte sie mit entfrbtem Klang, ich bin nun abgesetzt?
    Du hast ja deinen Doktor, trstete er zwischen Scherz und Ernst.
    Und da sie ihm traurig und vorwurfsvoll in die Augen schaute wie ein
frierender Bettler, dem ein Geiziger statt eines warmen Kittels einen kupfernen
Batzen gespendet hat, umschlang er sie zrtlich: Sei kein Kindskopf, schmlte
er. Er hatte ihr eigentlich etwas ganz besonders Liebreiches zugedacht, etwas,
das ihrem kranken Herzen Balsam wre, denn sie beelendete ihn wie damals die
sterbende Johanna vom Schulmeister, als sie ihm die magern Knchlein um den Hals
wand und flsterte: Weit du noch, Conrad, damals vor zehn Jahren? - Allein er
fand das gewnschte Wort nicht, und je lnger er suchte, desto weiter floh es
ihn. Zum Ersatz dafr prete er sie an seine Brust. Sie lie einige Augenblicke
schweigend den Trost seiner Umarmung auf sich wirken, wobei sie ein klein wenig
auflebte; hernach sagte sie etwas gefater: Ich habe denn also nach der Mutter
geschickt; sie werde gleich kommen.
    Hat sie schon etwas erfahren?
    Sie antwortete nicht, wich ihm auch mit den Augen aus. Da wurde er ernst,
schwieg und sann:
    Wutest du eigentlich, fragte er, da die Mutter vor Zeiten schwermtig
war?
    Ja; warum?
    Nichts, es scho mir nur so durch den Kopf.
    Das Gesprch stockte.
    Ich mu nun wieder hinauf in die Schlafstube, um nach dem Vater zu sehen,
ermahnte sie sich. Dabei seufzte sie, indem sie eine Meldung unterdrckte, die
ohne ihre Erlaubnis ber die Zunge gleiten wollte. Endlich nach mehrfachem
Wechsel zwischen Seufzen und Verstummen berquoll ihr die Stimme. Er macht mir
Sorge, klagte sie.
    Sorge? wieso? fragte er erstaunt.
    Sie zauderte mit der Antwort. Doch nachdem sie einmal einen Zipfel der
Wahrheit abgedeckt, mute sie sie auch hervorziehen.
    Es ist nicht recht mit ihm, gestand sie. Es reut ihn wieder zur Hlfte.
Er beschwert sich ber dich, er nimmt dirs nachtrglich bel, was er dir
versprochen hat. Du habest ihn an die Wand gedrckt und ihm das Messer an die
Gurgel gesetzt.
    Das ist nicht wahr, rief er hitzig, doch sofort sich migend: Nun, er
wird bald selber einsehen, da es fr alle und auch fr ihn das Beste gewesen
ist, sagte er zu seiner eigenen Beruhigung.
    Wir wollens hoffen, bemerkte Anna und wandte sich zum Gehen. Doch
pltzlich kehrte sie um und strzte ihm, bitterlich weinend, an die Brust:
Verzeih, da ich heute nichts tue als dir vorweinen; es ist ja sonst wahrhaftig
nicht meine Art, aber ich wei nicht mehr, wo aus und wo ein. Ich fange fast an
zu frchten, es knne nie mehr gut werden.
    Aber es ist ja gut, liebes Nrrchen.
    Sie schttelte den Kopf O nein, o nein, es ist nicht gut, es ist schlimm,
entsetzlich schlimm, schlimmer als je, und weinte noch bitterlicher.
    Whrend er umsonst herumriet, was sie wohl so betrben knnte, ward sein
Augenmerk von einem absonderlichen Getse angezogen, das aus der Schlafstube
herunterdrang, dem bermtigen Bankett zum Trotze. Von einer unsichtbaren Faust
eingestoen, klirrten die Fensterscheiben vom mittleren Stockwerk auf die Erde,
eine um die andere, einen Regen von scharfen Splittern durch die Luft sendend.
Aus dem Innern der Stube aber drangen tierische Tne, bald klglich, wie das
Blken eines Kalbes, bald zornig, wie das jauchzende Brllen des Stieres, wenn
er die Hrner senkt.
    Was ist das? fragte Conrad stirnrunzelnd, mit rollenden Augen, die aus den
Hhlen strebten.
    Er verflucht dich, jammerte Anna in wildem Schmerz, der berlegung
verlustig.
    Conrad erbleichte und bebte. Wenn er mich verflucht, prete er mit eisiger
Stimme hervor, so verfluche ich ihn auch. Ich will doch sehen, ob der gerechte
Fluch eines gemarterten Sohnes durch die Gewlbe der Hlle nicht lauter donnert
als der ungerechte Fluch eines grausamen Vaters.
    Nein, nein, flehte Anna, die Finger um seine Schulter krampfend, nein,
das wirst du nicht tun, du wirst bedenken, da er ein alter, kranker Mann ist,
der nicht wei, was er tut, du wirst nicht vergessen, da er trotz allem halt
dein Vater bleibt und meiner.
    Ein Kampf schttelte ihn. Du hast recht, schlo er mit dunkler Stimme,
ich will ihm doch nicht fluchen.
    Bau auf mich, versetzte sie dankbar, ich besnftige ihn; gewi, ich
besnftige ihn, und eilte, so geschwind sie vermochte, ins Haus.
    Er aber begab sich zu den Zechern, die, befangen in selbsteigener
Lustigkeit, betubt vom Lrm, den sie verbten, und betrt vom Wein, von dem
Kampf der guten und bsen Geister hinter ihrem Rcken nichts vernommen hatten.
Doch ob er sich auch in die dichteste Gruppe mischte, er kam sich nunmehr vor
wie eine einsame, finstere Stckkugel in einem Blumengrtchen. Er hrte nicht,
was man sprach, sah nicht, was seine Augen erblickten, nur eins schaute er,
dieses aber bestndig: einen unfrmlichen, schwarzen Fleck, der vor ihm in der
Luft schwebte, unten in der Nhe seiner Fe. Und wohin er sich auch wandte,
tanzte der Fleck ihm nach.
    Bald fiel sein Benehmen auf.
    Conrad, was ist denn mit dir, rief Leutolf, du bist ja wie
geistesabwesend?
    Er sprt den Wein, verlautete eine Stimme mit dem feinen Ton des
Verstndnisses. Der Chianti ist ein starker Mann.
    Oder denkt an seine schne Bernerin, meinte Bertha.
    Indessen, Beobachtung und Seelenkunde entsprachen nicht dem Bedrfnis der
Stunde. Man umjauchzte, umschrie ihn, zerrte ihn von einem Tisch zum andern,
berhufte ihn mit gewaltsamen Ehren- und Freundschaftsbeteuerungen.
    Du bist der Held, dir gehrt der Helm, sprach Leutolf, nahm ihm den Hut ab
und pflanzte ihm seinen Helm auf den Kopf; der Wachtmeister staffierte ihn mit
einer Schrpe aus, die Kellnerinnen spickten seinen Rock mit Schleifen und
Blumen als Ordenszeichen. Ritter des blauen Pfauen, nannte ihn Josephine,
indem sie ein Vergimeinnicht anbrachte; nein, des weien Sternes, verbesserte
Bertha, mit einem Struchen Waldmeister anrckend. In Krze sah er aus wie ein
geschmcktes Opferlamm.
    Geduldig lie er alles mit sich geschehen, denn er war zu traurig, um
irgendeinen Spa belzunehmen. Dagegen, als Cathri mit Blicken geheimen
Einverstndnisses ihn an den Fingern zupfte, wandte er sich unwillig ab, er
wute selber nicht, weshalb.

Unversehens prasselte ein Steinhagel in die Obstbume, Bltter und Blten
rasierend, Zweige knickend und das Holzgerippe schndend.
    Feiglinge! Heimtckische! schnob der Aufruhr, und flink wie die Alpenjger
stie ein kleines Hundert rachedurstiger Mnner ab, den berfall zu ahnden.
Ihnen kamen die Herrlisdorfer Bauern zuvor, welche abseits vom Bankett und nher
dem Talgrund auf der Strae als Zuschauer sich aufgepflanzt hatten und nun
begierig die Gelegenheit aufgriffen, nachzuholen, was sie im Tanzsaal versumt
hatten.
    Wie aus der Kanone geschossen, rasten sie die Halde hinab, den Feind zu
zchtigen, der jedoch in toller Flucht sich ber die Felder ergo. Kaum da sie
ein halbes Dutzend Nachzgler erhaschten, die sie mit wuchtigen Hieben zu Boden
streckten. Eins, zwei, drei war alles erledigt. Hierauf kehrten sie in ruhigem
Marsch zurck, nachdem sie erst, soldatisch geschult, wie sie waren, eine
Handvoll Wachtposten um die Wurzel des Hgels gestreut.
    Ein schallendes Bravo der Waldishofer belohnte die prompte Leistung. Glatte
Arbeit, rhmte Leutolf. Man lud die Herrlishofer herbei und empfing sie mit
erhobenem Glase unter kordialen Lobpreisungen. Musik! heischte der
Wachtmeister, aber etwas, das Feuer und Pulver hat, nicht solch eine
erbrmliche, lahme, kopfhngerische Jeremiade! Da setzte ein lustiger Galopp
ein, Leib und Seele elektrisierend, so da die Lebenslust aus allen Poren
prickelte.
    Conrad hatte sich versptet aus den fernen Abgrnden seiner dstern Gedanken
zurckgeholt. Als sein Geist wieder in der Wirklichkeit eintraf, fand er sich
unttig dastehend, die Sache erledigt. Dagegen gewahrte er jetzt die Verwstung
und berschlug ingrimmig den Schaden. Ein nicht eben betrchtlicher, aber
unverschmerzlicher Teil der Obsternte war dahin, einige Prachtbume zu Krppeln
verunstaltet, ein edler Pfirsichsprling unheilbar verwundet. Nicht der
rechnungsmige Sachverlust war es, was ihn am meisten wurmte, sondern die
Beeintrchtigung des wonnigen Anblicks, die Verletzung der vielen, zarten,
feinfhligen Pflanzengefge, die bswillige Vernichtung des Segens, den die
Natur einem zum Lohne fr geduldige, sorgsame Pflege zugedacht hatte.
    Whrend sein Zorn Stufe fr Stufe emporstieg, ohne noch vllig den
Hhengleichwert des verbten Frevels erreicht zu haben, kam nachtrglich noch
ein Stein geflogen, hierauf nach einer Pause ein zweiter und spter ein dritter.
Jeder zeichnete ungefhr die nmliche Flugbahn, so da augenscheinlich ein
einzelner Schtze irgendwoher aus einem entlegenen Versteck zielte, wo er sich
fr geborgen hielt.
    Und er selber, Conrad, schien das Ziel vorzustellen, der gesondert am Rande
der Mauer sich bewegte, denn wohin er auch treten mochte, so hatte er immer die
Fluglinie in derselben Verkrzung vor sich, obschon das Gescho bedeutend
unterhalb seines Standortes in den Rasen aufschlug: offenbar mangelte dem
Schtzen jegliche Kraft, aus dem unsicheren Pendeln der Kiesel zu schlieen.
    Geraume Zeit wollte ihm nicht gelingen, den Urheber zu erspren,
hauptschlich weil der glnzende Abendschein sein Auge blendete. berhaupt, man
meinte, es wre noch Tag, und es war doch nicht mehr das ganze Licht. Die
Niederung hatte sich schon getrbt; die Gruppen der Dinge vereinigten sich zur
Masse, welche einen gemeinschaftlichen scharfen Linienri zeichnete; um die
Dcher wisperte eine verfrhte Fledermaus.
    Endlich hatte er ihn doch, und zwar nicht unter sich, sondern seitwrts,
hinter der Kirschenallee, bei des Schreiners Hansjrgens Scheune, unter den
Nubumen. Wenn man ihn fassen wollte, so war die einzige Mglichkeit, ihn von
hinten zu nehmen, vom Ackerfeld her, um ihm die Fluchtlinie abzuschneiden.
Allein lohnte sichs berhaupt? Eigentlich ja schon; lohnt es sich doch immer,
einen beltter abzustrafen; aber seine Glieder waren, offen gestanden, ein
wenig tatenmde, und seine Seele zog ihn nach einer anderen Richtung, nach einem
Krieg, der ihm nherging und von wo ihm rgeres Unheil drohte als Sachschaden.
    Da wollte es der Zufall, da ein erneuter Wurf, noch schwchlicher als die
frheren, in die Quelle geriet. Der Stein im seichten Wasser klatschte
beleidigend wie eine Maulschelle. Oder war es die Verunreinigung des klaren,
trinkbaren Wassers oder die Verunehrung des segensprechenden Bergmundes, was ihn
aufbrachte? Kurz, der Petsch bestimmte seinen Willen. Jetzt mochte er ihn
zchtigen.
    Mglichst unauffllig, die Hnde hinter dem Rcken gefaltet, als ob er
spazierenshalber sich erginge, schlenderte er zum Hause hinber und drckte sich
hart an der Mauer entlang, wie der Jger, der ein Wild beschleicht.
    Die Steinwrfe folgten noch der ursprnglichen Richtung, sein Verschwinden
war demnach dem Feinde unbemerkt geblieben.
    Anna guckte aus dem Speisezimmer.
    Was schlgts? fragte er nachlssig, nur um etwas zu sagen, als eben die
Kirchenglocke schlug.
    Acht Uhr, erwiderte sie.
    Rste mir etwas zu essen. Hiermit war er bei ihr angelangt. Sie blickte
getroster.
    Er ist jetzt wieder vernnftiger, raunte sie ihm zu, indem sie zum ersten
Male seit langen Stunden wieder lchelte. ich habe ihn bei mir unten in der
Wohnstube zusammen mit dem Doktor.
    Da, eben, als er vorbeischreiten wollte, hrte er durch das Ezimmer
hindurch aus der Wohnstube den Vater greinen wie ein von Chirurgen gemartertes
Kind. Nun hielt er den Fu und den Atem an, und seine Seele verfinsterte sich.
Was sollte nun das wieder bedeuten? Galt das etwa ebenfalls ihm? Und wieso denn?
    Zunchst vermochte er keine Worte zu unterscheiden, denn der Doktor redete
gleichzeitig auf den Alten ein, so da die Silben beider, einander deckend, sich
in seinem Ohr verwirrten. Endlich lamentierte der Alte einen Augenblick allein.
Den Todessto versetzt, vernahm er. Nichts als diesen Brocken eines Satzes;
doch wie ein Blitzstrahl erleuchtete und vernichtete ihn dieses Bruchstck.
    Also, so war es von nun an gemeint? Mrtyrermienen und anklagende Seufzer,
Blicke, Gebrden, Anspielungen bis ans Ende der Tage? Hernach ein Grabstein, auf
dem mit ewiger, unauslschlicher Schrift geschrieben stand: Du, mein eigener
Sohn, du bist mein Mrder! Und wie sollte er dem begegnen? Mihandlungen kann
man dulden oder sich dagegen auflehnen, Reden widersprechen, aber vor stummen
Vorwrfen gibt es keine Rettung. Er schauderte, und schwarze Verzweiflung
umnachtete seinen Geist. Ich verfluche ihn doch, schrie es in ihm, und seine
Hnde griffen wild umher, erschlafften aber sofort und sanken mutlos lngs dem
Krper dahin. Er wute nicht mehr, was er tat und was er vorhatte. Aber der
Wille, der ihn dahergetrieben, stie ihn auf der vorbestimmten Bahn fort wie
eine Maschine auf dem Geleise.
    
    Conrad, la es gut sein, du hast fr heute genug getan, rief ihm die
Schwester nach, die aus seinem schleichenden Gehaben seine ursprngliche Absicht
erraten hatte, whrend ihr seine Umstimmung verhohlen blieb, weil ihr sein
Gesicht entging. Doch Cathri widerhielt ihr:
    Der Herr Reber wird schon selbst am besten wissen, was er zu tun hat,
entgegnete sie mit impertinentem Tone.
    Also zog er seines krummen Weges und verschwand um die Hausecke.

Mittlerweile waren die Feuermnner, welche Conrad vermiten, von Cathri ber den
mutmalichen Grund seines Verschwindens verstndigt worden, so da sie die Kpfe
streckten, um sich an der Abstrafung zu weiden; leichtsinnig gespannt, wie wer
einem ergtzlichen Schauspiel entgegensieht. Da der Abend schon merklich
dsterte, benutzte Leutolf den Feldstecher, um besser zu beobachten. Um aber den
Vorteil seiner bevorzugten Gesichtsbedingungen nicht plumperweise allein zu
genieen, teilte er das Ergebnis seiner Beobachtungen mit: Dort, hinter dem
Nubaum bei der Scheune steckt er - er hat den Arm voll Kieslinge. Aber er ist
unsicher, er sucht das Ziel. - Ein langer, schlottriger Schlingel, hat eine
Schnauze wie eine Schnecke und Ohren wie ein Elefant. Ich mte mich sehr
tuschen, oder es ist der nmliche Halunke. - Der Messerstecher? Der
Matthiesen-Michel? fragten emprte Stimmen.
    Zeig, gib her, heischte der Wachtmeister und nahm ihm den Feldstecher weg.
Das ist ja genau der nmliche glatte, schlpfrige, bartlose Schuft! schumte
er, mit den Fen stampfend. Und zornig das Fernglas wegwerfend, fuhr er Leutolf
aufgebracht an: Da habt Ihrs jetzt mit Eurer diplomatischen Migung. Was habt
Ihr nun davon? Htte man mich machen lassen - er stnde jetzt nicht unter dem
Nubaum mit Kieselsteinen, er lge irgendwo, und es fehlte ihm etwas an den
Knochen, da ihn der Doktor wieder zusammenlten mte.
    Er verliert nichts mit dem Warten, entgegnete Leutolf gelassen, der Reber
Conrad wird ihm schon verabfolgen, was er ihm schuldig ist; er zahlt ihms jetzt
gleich alles miteinander.
    Der Wachtmeister verwarf rgerlich die Arme. Ach was! schalt er, der
Conrad ist nicht, was er sein knnte und wie ich ihn haben mchte. Muskeln wie
ein Leu, Nerven wie Sprengpulver und ein Herz wie ein Jngferchen. Im ersten
Augenblick meint man, er wolle die ganze Welt windelweich schlagen, und kaum da
er die Obmacht hat, lt er sie laufen. Solch eine heimtckische, boshafte Hyne
verdient keine Gnade; da ist Gromut nichts als Schwche.
    Damit wandte er sich mimutig um und verlie grollend die Kameraden, um
abseits einsam hin und her zu stiefeln, mit unwilligem Maulen.
    Inzwischen machte der Feldstecher die Runde; einzig Cathri lehnte ihn
hochmtig ab. Sie brauche keine Augenkrcken, behauptete sie geringschtzig, sie
she ohnehin in der Welt mehr, als ihr lieb wre. Pltzlich frohlockte sie wie
ber ein frhliches Wiedersehen:
    Dem hab ich im Tanzsaal zweimal die Hand ums Maul geschlagen, prahlte sie
mit Genugtuung. Es reut mich nur die Seife; htte ichs vorausgesehen, ich htte
Handschuhe dazu angezogen.
    Hurra! da kommt er, der Conrad,jubelte eine Stimme, seht ihn, im
Saatfeld, wie er um die Scheune schleicht.
    Er will ihn von hinten fassen. - Bravo, Conrad! - Jetzt kann er ihm
nicht mehr aus den Hnden. - Stille doch! ruhig! zum Teufel! Absitzen! Von den
Tischen herunter! Ihr verratet ja sonst den Braten! - Jetzt, jetzt, Conrad,
drauf, pack ihn an der Gurgel! - Worauf wartet er nur? Er hlt an - es ist
unbegreiflich. Er fuchtelt mit den Armen, als ob er mit jemandem disputierte,
und ist doch allein. Hat er denn pltzlich den Verstand verloren? Er war schon
hier so wunderlich. - Es mu ihm jemand Mignstiger etwas Dummes ins Ohr
geschwatzt haben, das an ihm frit, urteilte Cathri mit hartem Ton,
stirnrunzelnd und einen feindseligen Blick nach der Estube sendend.
    Ja, natrlich, jetzt ist es zu spt! Jetzt hat ihn der andere entdeckt. -
Er lt den Stein fahren. Es ist zum Rasendwerden. Warum steckt ihr aber auch
alle die Kpfe zusammen wie eine Schafherde? Gleichviel! Entrinnen kann er ihm
doch nicht. Endlich, endlich, Gott sei Dank! Hurra! Er hat ihn. Hau ihn!
streck ihn zu Boden! Halt, was ist das? Er verliert den Helm. Aber der
andere purzelt auf den Boden. Ja, aber er steht wieder auf Warum lt er ihn
denn wieder aufstehn? Wahrhaftig, nein, es ist nicht zum Ansehn! Wei Gott, er
lt ihn laufen! Punktum! Fertig! eine gefehlte Geschichte.
    Was hab' ich gesagt? polterte der Wachtmeister. Hab' ich jetzt recht
gehabt oder nicht?
    Und rgerlich, als ob sie bervorteilt worden wren, setzten sie sich wieder
zum Trunke, geruschvoll anstoend, um zu vergessen und zu verwinden.
    Cathri aber blieb aufmerksam beobachtend auf dem Flecke stehen. Nach einer
Weile bemerkte sie: Es gefllt mir etwas nicht.
    Warum? Wieso? Er kommt ja zurck! Er ist ja bereits auf der Strae.
    Ja, aber, er hlt sich so sonderbar.
    Ihr habt ja selbst gesagt, es plage ihn etwas inwendig?
    Es ist nicht das. Wenn er nur nicht am Ende einen bsen Hieb oder etwas
dergleichen abbekommen hat!
    Warum nicht gar! Dazu htte er im Tanzsaal bessere Gelegenheit gehabt! Der
starke Conrad Reber, und einen bsen Hieb! von einem einzigen! und noch dazu von
was fr einem! brigens, das wird er uns alles gleich selber am besten erklren,
seht, da ist er ja schon an der Hausecke.
    Jesus, Gott und Vater, schrie Cathri, wo habt ihr eure Augen? Er ist ja
bleich wie ein Leintuch! Und die Vorstehenden gewaltsam beiseite stoend,
hastete sie ihm mit Riesensprngen entgegen.
    In diesem Augenblick schaute Anna aus dem Ezimmer, warf einen Blick auf
Cathri, einen zweiten nach dem Bruder, erblate und schwang sich mit einem
einzigen Sprung auf die Erde:
    Conrad, was fehlt dir? jammerte sie, ihn angstvoll umklammernd. Sags,
sags mir, der Schwester. Zugleich stie sie die herbeieilende Bernerin
beiseite.
    Conrads Lippen zitterten: Ich bin gestochen, flsterte er. Da entfuhr ihr
ein markerschtternder Schrei, der alles Volk aufschreckte. Nur die Musik
dudelte weiter.
    Er fuhr fort: Ich habe den Helm verloren. Er liegt unter dem Nubaum. Er
gehrt dem Leutolf. Ich mag jetzt doch nicht essen, ich habe keinen Appetit
mehr. Wo bleibt denn nur die Mutter? Ich wute ja nicht, da sie gemtskrank
war. Sag ihr das. Der Vater ist ein Ungeheuer, ein herzloses, wildes Tier, ja,
das ist er. So holt doch den Helm, er ist ja nicht mein, er gehrt dem Leutolf.
Ich konnte ihn leider nicht selber aufheben.
    Herr Reber, grte Cathri weinerlich.
    Er wandte den Kopf nach ihr, aber sein verstrter Blick irrte ber ihr
Gesicht wie ber einen leblosen, fremden Gegenstand. Und abermals von Anna
weggestoen, trat sie beiseite, an die Mauer, beschmt, gekrnkt, beleidigt.
    Indessen war eine entsetzte Menschenmenge herbeigesprungen, unter ihnen,
auer Atem, der Doktor: Wo? fragte er, indem er mit tastenden Hnden ber
Conrads Krper reiste. Und sich zurckbiegend: Musik aufhren! zrnte er.
Musik aufhren! tnte ein vielstufiges Echo.
    Weshalb aufhren? beklagte sich Conrad leise. Warum sind berhaupt so
viele Menschen da? - Warum starren sie mir alle ins Gesicht? - Was will man denn
eigentlich von mir? Der Doktor soll doch weg, er tut mir weh. Anna, komm, wir
wollen zusammen ins Haus, ich mchte allein sein.
    Kaum hatte er das gesagt, so wurde er erdfahl und brach in sich zusammen,
unter des Doktors Hnden weg, wie ein Holzsto ber dem Feuer, erst in den
Gelenken, dann platt auf den Boden.
    Anna warf sich ber ihn, unaufhrlich seinen Namen rufend, in den sesten
Schmelzlauten, fltend, lallend, gurrend, auf und ab, durch alle Tonlagen der
Kehle und aus allen Kammern des Herzens.
    Andchtig verstummte das Volk vor dem schauerlichen Wohlgesang.
    Der Doktor aber fiel auf die Knie, ri sein Besteck aus der Tasche, das er
auf die Erde breitete, prfte dann aufmerksam den Puls, erst am Handgelenk,
hierauf, Anna wegschiebend, auch am Herzen. Allmhlich zog er eine bedenkliche
Miene. Endlich stand er, seine Instrumente einsteckend, langsam auf. Und whrend
alle Augen an seinem Munde hingen, murmelte er gedmpft, als ob er fr sich
allein sprche: Hier wird wohl wenig mehr zu operieren sein.
    Anna hatte das Wort vernommen und verstanden. Ihr Gesicht ward schlaff, und
lautlos sank sie hin. Doch ehe noch jemand sie zu sttzen vermochte, war sie
wieder aufgesprungen, die geisterhaften Augen nach dem Hause emporgerichtet.
    Habt Ihr jetzt, was Ihr wollt? Seid Ihr nun zufrieden? gellte sie, als
htte sies durch die Mauer schreien mgen. Jetzt bereitet er Euch keinen Kummer
mehr! jetzt gibt er niemand mehr den mindesten Anla zur Klage! jetzt ist er
nicht mehr zu vornehm! jetzt will er nicht mehr alles besser wissen, jetzt lacht
er nie mehr zur Unzeit, Euer vielgeschmhter Conrad, der arme, arme Conrad! Und
wieder fiel sie ber den Leichnam, diesmal mit wildem Rcheln, wie ein junger
Jaguar.
    Eine einzige Silbe wandelte feierlich durch das Volk: Tot. Flsternd in
den vorderen Reihen, gedmpft im Hintergrund, jenseits mit emprten Protestrufen
des Unglaubens.
    Was? Wo? Wer? Der Pfauenwirt? Nicht der Alte, sondern der Junge,
der Conrad, der Leutnant. Warum nicht gar! Das ist nicht mglich; das kann
ja nicht sein. Das hat ja keinen Sinn.
    Und von atemlos herbeirennenden Leuten fllte sich die Terrasse bis ins
Dorf. Die Kellnerinnen standen leise weinend im vordersten Kreise, die
gefalteten Hnde vor dem Gesicht, als ob sie die Augen schtzen wollten, damit
sie die schreckliche Wahrheit nicht shen. Was das nicht ist! Ists auch
mglich? Wenn ich nur das nie htte erleben mssen! Der arme Meister! Und so
gut! So herzensgut! Jesus, Jesus! Und wenn jetzt der Vater und die Mutter das
sehen!
    Cathri, abseits an der Mauer, starrte geistesabwesend ins Leere, mit
gertetem Gesicht und bebenden Lippen.
    Oh, der Elende, der Schurke! - Der beste, bravste, gutmtigste Tropf auf
Gottes Erdboden! - Und von solch einem elenden Wicht!
    Whrend sie sprach, stupfte sie unablssig mit dem Fu an die Mauer, immer
heftiger, in steigender Emprung. Und ihre Finger nestelten krampfhaft am
Schrzenband, bis es entzweiri.
    In ihrer Nhe, ebenfalls an der Mauer, und von dem brigen Volk gesondert,
standen die Waldishofer gruppiert, in deren Mitte der Wachtmeister gedmpften
Tones eifrig redete. Sooft Zuzgler sich herbei machten, wurde ihnen etwas
zugeflstert, dann tauschten sie finstere Blicke und einen krftigen Handschlag
wie zu einem Eide.
    Offenbar bildete sich hier eine Verschwrung.
    Eine Bewegung entstand, eine Gasse tat sich auf. Von bedauernden, mahnenden,
zusprechenden Menschen gehemmt, die sich ihm in den Weg stellten, ihn hinderten,
zurckhielten, wankte der alte Pfauenwirt ruckweise daher, wie eine von Ameisen
berfallene Raupe, welche die Last ihrer Peiniger mit sich schleppt.
    Lat mich, keuchte er, lat mich zu meinem Sohn! ich will zu meinem
Sohn.
    Dazwischen lrmte er gegen den Tod, wie gegen ein Obergerichtsurteil, seine
gerechte Sache bekrftigend, seine vershnliche Gemtsart beteuernd.
    Ich begehre ja nichts mehr fr mich! Er hat ja jetzt alles, was er will!
Als er aber durch die Menschengasse seiner Tochter ber dem Leichnam ansichtig
wurde, schttelte er den Kopf wie ein Stier. Mu er mir denn ewig und ewig
nichts als Kummer verursachen! brllte er.
    Da wandte ihm Anna langsam ihr Schmerzensantlitz zu, das welt- und
toddurchdringende Liebestreue mit berirdischer Schnheit verklrte:
    Sieh, Vater, das ist jetzt unser Conrad, sang sie mit sanftem Dulderton,
whrend ihr Mund frchterlich zuckte.
    Jetzt zerrte er sich gewaltsam los und humpelte dem Leichnam zu. Er wollte
sich niederwerfen; allein seine geschwollenen Gelenke versagten dem Willen. Nun
tanzte er auf seinen dicken Klumpenbeinen vor dem Leichnam auf und ab wie ein
angeschossener Elefant. Pltzlich stie er den Doktor wtend vor die Brust.
Lebendig machen! Wieder lebendig machen! grlte er.
    Der Doktor hielt ihm eine priesterliche Miene entgegen. Lebendig machen,
sprach er feierlich, das steht leider nicht in unserer Macht.
    Von der Mauer aber warf Cathri in schneidendem Ton herber: Ja, lebendig
machen, das ist jetzt zu spt! Httet Ihrs benutzt, als es Zeit war!
    Anna schnellte auf und zuckte gegen Cathri einen Blick, scharf wie eine
Lanze.
    Whrend man sich umsonst bemhte, den Alten von hinnen zu schaffen, wandelte
sich sein Toben jhlings zum wehklagenden Wimmern. Er hatte seine Frau, die
Pfauenwirtin, bemerkt, die von der Dorfseite um die Hausecke mit geknickten
Knien mehr rutschend als gehend sich an der Wand entlang tastete. Ists denn
wirklich wahr? flehte die Angst aus ihren erloschenen Augen.
    Hierauf, wie ihr das unzweideutige Bild: die Ansammlung des Volkes um eine
nmliche unsichtbare bse Stelle, der Schatten des Unheils, der von dorther
jedes Antlitz verdsterte, die entsetzliche Wahrheit besttigte, krampfte sie
die Finger in das Gestein, um nicht zu fallen.
    Anna flog ihr entgegen, ihr nach bewegte sich schwerfllig der Alte,
berholt von mitleidigem Gesinde und Nachbarvolk.
    Sie fiel, aber in befreundete Arme. Conrad, winselte sie, warum hast du
mir das angetan?
    Betroffen tauschten die Herumstehenden Blicke. Und Bertha wandte sich zu
Cathri um: Es ist, als ob sie glaubte, er habe sich selber ein Leid zugefgt,
flsterte sie.
    Das bse Gewissen, versetzte Cathri bitter.
    Und das sagte sie in ihrer rckhaltslosen Weise mit lauter Stimme. Abermals
drckte Anna einen Blick gegen sie ab, diesmal einen drohenden.
    Der Alte aber entschuldigte sich ehrfurchtsam vor dem mtterlichen Schmerze.
    Ich hatte ihm ja alles gewhrt, was er nur verlangte. Ich kann nicht
begreifen. Er hatte durchaus nicht die mindeste Ursache. Es mu ihn im
Streithandel ein Stich getroffen haben, wie man erzhlt.
    Der Doktor, der Feuerleutnant, nebst andern, welche Freundschaft oder Gemt
oder auch der Zufall der Nhe dazu berief, nahmen die Pfauenwirtin auf und
frderten sie halb schiebend, halb tragend an dem Leichnam des Sohnes vorbei,
den sie angelegentlich mit ihren Leibern verdeckten, der Haustre entgegen. Der
Vater hinkte greifend nach, Anna wachte zur Seite ber beide. Es war wie ein
Leichenzug.
    Ich mu doch Abschied von ihm nehmen; ich mu ihn doch um Verzeihung
bitten, jammerte die Pfauenwirtin.
    Ja, jetzt hat sie Grund zum Jammern und Seufzen, rief Cathri
unwillkrlich, im Drange der Wahrheit.
    Nun aber ri sich Anna los und strzte ihr entgegen:
    Mensch ohne Gemt, Weib ohne Herz! schrie sie ihr ins Gesicht. Egoistin!
hrter als Stein und Eisen! Ihr, Ihr, und niemand anders, habt ihn auf dem
Gewissen! Statt ihn zurckzuhalten, habt Ihr ihn noch angestachelt!
    Cathri ma die Gegnerin kaltbltig mit haerflltem Blick.
    Immer noch besser, entgegnete sie, ein Unglck im Hause als ein
Verbrechen.
    Wie meint Ihr das? kreischte Anna auer sich.
    Ich meine, erwiderte Cathri fest, wenn es doch einmal geschehen mute,
immer noch besser von fremder Hand als ... Hier stockte sie.
    Als? verlangte Anna. Als? Dann pltzlich, ohne die Ergnzung abzuwarten:
    Fort von hier! Heuchlerin! Intrigantin! Mannsschleicherin! Fort! Fort noch
in dieser Stunde! Ich, als Tochter des Hauses, befehle Euch, Euch, der Dienerin:
Fort aus dem Pfauen, und zwar augenblicklich!
    Cathri richtete sich hoch auf: Ich verwahre mich ausdrcklich dagegen,
sprach sie, da man mich Knall und Fall von hinnen jagt, wie eine ungetreue
Magd, mit Schimpf und Schande, als ob ich gestohlen htte. Es ist nicht wahr,
da ich irgendwelche eigenntzige Absicht hierher trug. Und vor dem letzten Zuge
mich zu entlassen, dazu hat niemand das Recht, nachdem man mich bis zum letzten
Zuge gedungen hat. brigens, meinetwegen, ich habe nichts dagegen, jawohl, ich
gehe. Aber nicht etwa, weil Ihr mirs befehlt, denn Ihr habt kein Recht dazu,
sondern freiwillig, weil mir vor diesem gottverlassenen Hause des Hasses und des
Haders ekelt, weil ich lieber bei bettelarmen Leuten in der geringsten
Strohhtte dienen mchte, wo der Friede wohnt, als hier unter dem protzigen
Ziegeldach im Unfrieden. Verzehrt Euch in Reue! Schiebt einander gegenseitig die
Verantwortlichkeit zu! Ich ziehe meiner Wege. Das aber sag' ich: Eure Schuld
ists, Eure Schuld und einzig Eure Schuld, nicht meine. Htte ihm nicht jemand
Gift eingegeben, da er inwendig zu tun hatte, niemand htte ihm das mindeste
anhaben knnen. brigens, es ist gekommen, wie es kommen mute. Geschah es heute
nicht, so wre es morgen oder bermorgen geschehen, wenn nicht auf diese Art,
auf jene und mglicherweise noch schlimmere.
    Damit warf sie trotzig den Kopf in den Nacken und stolzierte ins Haus nach
dem Portierstbchen, schleuderte dort das Geldtschchen weg, setzte den Strohhut
auf, rckte ihn vor dem Spiegel zurecht und wandte sich abzuziehen.
    Allein die Kchin, die alte treue Lisabeth, vertrat ihr den Weg.
    Euer Lohn, mahnte sie mit eisiger Stimme, indem sie ihr so beleidigend als
mglich ein Goldstck entgegenhielt.
    Cathri brauste in heller Emprung auf, bereit, die Hand wegzustoen. Doch
sofort besann sie sich: Ich habe den Lohn redlich mit fleiiger Arbeit
verdient, sprach sie, ich brauche mich seiner nicht zu schmen. Es ist kein
Geschenk, was ich annehme. Sie nahm also das Goldstck und steckte es ein.
Hernach schritt sie in aufrechter Haltung zur Tre hinaus auf die Terrasse.
    Vor dem Volke angelangt, verkndete sie mit lauter Stimme: Ich rufe Gott
und mein Gewissen zu Zeugen an, da man mir unrecht tut, da ich diese
schmhliche Behandlung nicht verdient habe.
    In diesem Augenblick trugen sie Conrads Leichnam ins Haus, an ihrer Seite
vorbei. Zwar den Rumpf verdeckten die Trger; auch wandte sie sich unwillkrlich
ab, von Schmerz und Schauder berwltigt; nichtsdestoweniger streifte ihr
widerwilliger Blick den Stiefel des linken Beins, dessen herabhngendes Ende auf
dem Boden schleifte, und jhlings trat ihr bei diesem Anblick das Bild ihres
Baschi vor Augen, wie sie ihn auf der Bahre heimbrachten. Also von doppeltem
Leid gleichzeitig berfallen, zersprang ihre starke Fassung, so da ihr das
bermige Elend in heulendem Tonschwall aus dem Herzen strzte. Und also
heulend schritt sie mitten durch die Menge, in der Richtung nach dem Rebberg, wo
der Verkehr am sprlichsten war, stolz und bolzaufrecht wie immer, und ohne
jemandem einen Blick oder Gru zu verabfolgen.
    Erschttert machte das Volk ihr Platz, mit gemischten Gefhlen, zugleich
bewundernd und grausend, teilnehmend und verdammend. Es war anzuschauen wie ein
Strafgericht und doch wieder wie jemand, der in berlegener Unschuld, unberhrt
von dem Urteil der Menschen, geraden Weges einherwandelt.
    Josephine und Bertha eilten ihr nach. Ihr mt das nicht so wrtlich
auffassen, trstete Josephine, es ist nicht so buchstblich gemeint.
    Ihr drft nicht einen so strengen Mastab anlegen, mahnte Bertha, Ihr
mt dem Schmerze der Schwester auch etwas zugute halten.
    Die brigen Kellnerinnen schauten khl und fremd.

Cathri strebte unaufhaltsam vorwrts. Beim Holzschuppen trat sie in die
Einsamkeit. Sie war kalt, die Einsamkeit, trostlos kalt; und weit, endlos weit;
und leer, zum Verzweifeln leer, als htte sie sich irgendwo in der Ewigkeit
verloren.
    Bei der Kegelbahn begegneten ihr zwei schwebende Gestalten, vereint zum
Paar, die Hnde verschlungen, die traumschnen Hupter strahlend vor Glck und
Hoffnung: sie und Conrad. Vor diesem Bilde schmolz ihre Seele, da sie meinte,
das berquellende, ungebrdige Weh wolle sie zu Boden werfen, auf das geweihte
Fleckchen Erde, wo sie vor einer kurzen Stunde zusammen einen Bundesbaum
gepflanzt, mit lustigen Wimpeln und Fhnchen. Wie mit hundert starken Armen der
Natur zog es sie nieder, damit sie dort auf der heiligen Stelle ihr Leid
ausweine, demtig, sehnschtig und inbrnstig. Aber der Stolz hielt sie
aufrecht, und der Trotz stie sie von hinnen. Sie verbarg das Gesicht in den Arm
und weinte in den Ellbogen.
    Und gerade in einem solchen Augenblick, schluchzte sie, wo man meint - wo
man glaubt, - wo man das Glck -
    Dann tauchte sie in die Dmmerung, lngs dem Rebberg hinab in gleichmigem
Geschwindschritte, den Abend mit dem tiefen, sonoren Wohlklang ihres
Trauergeheuls erfllend. Bald aber entstieg dem Schmerze der Zorn. Warum kommt
man denn, meuterte sie, und sucht mich auf und bittet und bettelt himmelhoch,
da ich die Geflligkeit haben mchte? Ich war ja im Kurbad vortrefflich
aufgehoben. Dort ehrt man mich und wei mich zu schtzen. Ja, wenn ich wollte,
wenn ich nur im mindesten ein Zeichen gbe! - Intrigantin! -
Mannsschleicherin! Wer? Ich? Ich bin nicht darauf angewiesen, Herrschaft zu
erschleichen; ich knnte sie auf dem Teller haben und noch dazu eine vornehmere
als den Pfauen - und habe auch nicht ntig, einen Mann zu erschnappen; sie
bieten sich mir ja alle an! Aber ist denn das meine Schuld? Ich bin wahrlich
nicht diejenige, die ihnen entgegenkommt. Ich begehre nur einen einzigen, den
ich gern habe und den ich achten kann; und dazu habe ich das heilige Recht, so
gut wie jede andere. - Es ist wahr, sie hat die Vollmacht, sie hat die
gesetzliche Befugnis und Berechtigung, sie kann mir das Haus verbieten, obschon,
obschon - es kostete mich ja blo ein Wrtchen, und er stellte mich ffentlich
als seine Braut vor, er hatte ja die Absicht! Ich htte dann sehen mgen, wer
mir meinen gebhrenden Platz an der Leiche meines Brutigams verwehrt htte! Ihn
nicht einmal mehr sehen und anrhren zu drfen! nicht einmal einen Ku auf seine
bleichen Lippen zu drcken! - den ersten und letzten! - Doch verlobt oder nicht
verlobt, gleichviel, es gibt eine Wahrheit und eine Treue. Ein Wort ist ein
Wort, ob nun ffentlich gesprochen oder unter vier Augen. Und wenn einmal zwei
Worte sich gekreuzt haben, unter rechtschaffenen Menschen, so gilt es, auch ohne
Ring und Zeugen oder Pfarrer und Zivilpfarrer. Mir hat er das Versprechen
gegeben, das heit, auf ehrlich, er gehrt mir, mir allein, in alle Ewigkeit,
tot oder lebendig, und keiner anderen, mag sie noch so sehr einen lcherlichen
Abgott aus ihm machen! Da er mich zuletzt nicht wiedererkannte, das beweist
nichts, gar nichts, nicht das mindeste, denn das begreift sich doch: wer mit dem
Tode zu kmpfen hat, der hat genug zu tun, er kann nicht den Geist auswrts
beschftigen.
    Dann kam ein neuer Schub von Jammer, so da sie laut aufsthnte; in das
Sthnen aber mischte der Zorn bellende Laute. Pltzlich hielt sie an und drehte
sich um, das Gesicht nach dem Pfauen emporgerichtet.
    brigens, ist sie denn verlobt? Sie schlo gewaltsam die Lippen und
zerdrckte ein bses Wort zweimal und dreimal. Endlich konnte sie sichs doch
nicht versagen:
    Wenn eine Gewisse wte, entfuhr es ihr, was ein gewisser Doktor mir fr
Augen gemacht hat. - Hernach reiste sie weiter. - Ich gehe einfach wieder ins
Kurbad, schlo sie ab.
    Unten im Rank, wo die Herrlisdrferreben sich nach den Rubisthaler Flhen
zurckziehen, folgte ihr ein kicherndes Hohngelchter aus dem Weinberg.
    Kein Zweifel, es waren die Wagginger, denn nur der Feind triumphiert ber
ein Weh. Flugs machte sie Front und wetterte mit mhenden Armen wie der Pfarrer
in der Kirche eine Bu- und Karfreitagspredigt in den Weinberg:
    Fluch und Schande ber euch gottvergessene Mordbuben! Mge jedem von euch
dereinst in der Sterbestunde das Gewissen in die Gurgel steigen, da euch die
Hlle, der ihr sicher nicht entrinnt, schon auf dieser Welt den Borst sengt und
brenselt. Ich bete nicht, der Donner des Himmels mge euch erschlagen, denn
unseres Herrgotts gesunder, reinlicher Blitz ist viel zu sauber fr schmutzige
Wiedehopfe eurer Gattung. Er wrde ja zeitlebens stinken, der Blitz, wenn er
euch anrhrte! - Mnner will das vorstellen? Mnner, dieses krumme, migeborene
Bastardgezcht, diese siechen Hmlinge ohne Mut, ohne Kraft, ohne Muskel, ohne
Stimme? Aber getrost. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie er ihn
gestochen hat und wer ihn gestochen hat, und mit mir hundert andere. Man kennt
ihn, und man kann ihn nennen. Der Matthiesen-Michel von Niederwaggingen ists und
niemand sonst. Ich habe ihm im Tanzsaal die Hand bers Maul geschlagen, ich
werde ihm im Gerichtssaal den Zeigefinger in die Augen stecken und sagen: Du
bists, und ich mache mich anheischig, es eidlich zu beschwren. Und wenn -
gesetzt der Fall - die eigene Familie nicht klagen will, so klage ich und gehe
zum Staatsanwalt und lasse nicht nach und verlange Recht und Shne. Und wenn er
nicht will, so zwinge ich ihn mit seiner Pflicht und seinem Beruf und mit dem
Regierungsrat und mit der Zeitung, bis er mu.
    Und als jetzt zur Warnung ein Kieselsteinchen an ihr vorbeitnzelte,
ersprang sie ber zwei Stapfeln das Muerlein, ri einen Stecken von den Reben
und wies ihn drohend vor, wie man einem Hunde droht. Eia, ich bin nur eine
schwache Jungfrau, rief sie, aber mit einem halben Dutzend eures Gelichters
wollt' ich mirs im Notfall noch getrauen aufzunehmen. Dann, nachdem sie eine
Weile in der herausfordernden Stellung verharrt, schleuderte sie mit
verchtlicher Gebrde den Stecken fort und zog ihres Weges, der
Eisenbahnbschung entlang, dem Bahnhof zu.
    Schlurpende Schritte hasteten ihr nach, und jemand tippte ihr auf die
Schulter. Trotz der Dunkelheit erkannte sie den Oberwagginger Frsprech.
    Ihr, Cathri, oder wie Ihr heit, seid Ihr Euch denn aber auch der
Verantwortlichkeit bewut, was das sagen will, sein Gewissen mit einem Eide
belasten? munkelte er.
    Jawohl, antwortete sie hhnisch, ohne den Schritt zu verkrzen. Der
Frsprech zupfte sie am Rock.
    Ihr habt ja doch auch ein fhlendes Herz; Ihr werdet gewi nicht
unntigerweise einen Menschen ins Unglck bringen wollen, der vielleicht mehr
aus jugendlichem bermut - zugleich lie er ein groes weies Fnffrankenstck
schimmern. Da versetzte sie ihm mit dem Ellenbogen einen Sto in den Magen, da
das Geldstck auf dem Weggestein klimperte, wonach der Frsprech schimpfend
zurckblieb, um seinen Fnfliber zu fischen.
    Beim Stationsbergang berstieg sie schlankweg die geschlossene Barriere.
Heda, he! halt, halt! wehrte aufgebracht der Wchter, es kommt ein Zug.
Meinetwegen, erwiderte sie kurz und war schon ber dem Geleise.
    Eine ziemliche Menge Volkes war vor der Station versammelt, in feierlicher
Haltung, wie zu einem Begrbnis, gedmpft sprechend, ereignisschaudernd und
neuigkeitslstern. Obschon der Pfauen von hier aus nur stckweise sichtbar war
und das sichtbare Stck berdies in der Dmmerung versank, schaute doch alle
Welt nach dem Gasthof empor, auf der uersten Kante der Wartehalle stehend,
Belehrungen ber die Ortsverhltnisse, wo sich das Ereignis begeben hatte,
austauschend. Cathris Ankunft weckte ein Flstern, und whrend aller Augen sich
nach ihr richteten, machte man ihr ehrerbietig Platz.
    Der Vorstand nahm hflich grend die Mtze ab. Ist es denn wirklich wahr?
wagte er schonend.
    Cathri erhob die Stimme:
    Wahr ist, rief sie, da auf dieser Welt die Besten unterliegen und die
Schlechtesten obenauf sind.
    Die Neuberin, die Pintenwirtin, ergriff sachte ihren Arm. Wolltet Ihr nicht
lieber ein bichen aus dem Gedrnge, bis Euer Zug kommt? Es dauert noch
reichlich eine Viertelstunde.
    Der Zug Nummer zwlf hat berdies zweiundzwanzig Minuten Versptung,
ergnzte der Vorstand verbindlich.
    Kommt, drngte die Neuberin. Sitzt ein wenig ab, Ihr habt Ruhe ntig.
    Da lie sie sich wegfhren, ber die Strae ins Grtchen, ins Lubchen.
Hier seid Ihr vollkommen ungestrt, trstete die Neuberin einladend; Ihr mt
freilich sehr, sehr vorlieb nehmen, entschuldigte sie, es ist halt alles gar
entsetzlich einfach bei uns, im Vergleich mit Euch im vornehmen Kurbad.
    Aber Cathri stutzte und rmpfte die Nase. Ein unordentliches Weibsbild in
schlampigem Rock mit ungekmmten Haaren lag drinnen auf den Knien, die Arme auf
die Bank gelegt, den Strubelkopf zwischen den Armen verborgen, und schluchzte,
als htte sie die ewige Seligkeit verwirkt. Die Neuberin puffte, rttelte,
schttelte die Daliegende hin und her, stupfte auch nachhelfend mit dem Fu.
Jucunde, so steh doch endlich auf, belferte sie rgerlich, du machst ihn ja
doch nicht wieder lebendig mit deinem unsinnigen Gebaren.
    Jucunde lie sich schtteln, da ihr Rumpf hin und her wackelte, gab jedoch
kein anderes Lebenszeichen, als da ihr Schluchzen in Wehgeschrei berging.
    Die Neuberin, ihre Ohnmacht einsehend, gab weitere Versuche auf.
    Ihr mt Euch nicht daran kehren, bat sie seufzend, es ist halt in Gottes
Namen die Jucunde. Ein unvernnftiges Tier hat mehr Verstand.
    Da lie sich Cathri auf das uerste Ende der Bank nieder, einen
mitrauischen Blick nach Jucunde werfend, als frchtete sie, ihre Augen mit dem
Anblick zu verunreinigen.
    Darf ich Euch vielleicht ein Glschen Wein aufwarten? schmeichelte die
Neuberin.
    Nein, ich danke.
    Oder etwa eine Kerze? Es nachtet zusehends.
    Cathri verneinte.
    Die Neuberin aber beharrte mit verschrnkten Armen auf dem Platze,
schweigend, nur ab und zu einen Seufzer entladend.
    Das ist ein bser Sonntag, chzte sie. Von dem wird man wohl noch
jahrelang reden, und nicht nur in Herrlisdorf, sondern im ganzen Bezirke.
    Dann hub sie an zu frscheln: Wie ist es denn eigentlich gekommen? wagte
sie gedmpft und vertraulich.
    Das wird sich vor Gericht erweisen! erwiderte Cathri barsch, den Fragemut
vorabschneidend.
    Die Neuberin kratzte sich, um Zeit zu gewinnen. Darauf setzte sie wieder an:
Was wohl der Vater, der alte Pfauenwirt, dazu gesagt haben mag? Und erst die
Pfauenwirtin! die ohnehin schon alles schwarz sieht?! Und die Schwester, die
schne Anna, die nicht hher geschworen hat als auf ihren Conrad! - Das wird
jetzt wohl auch im weiten Feld sein, das mit dem Doktor Inderwyler, die
Verlobung -
    Da indessen Cathri auf keine dieser Angeln anbi, wandte sie sich ein wenig
um, als ob sie sich entfernen wollte. Allein sie brachte es doch nicht bers
Herz, den Auskunftsposten zu verlassen. Und als der kleine Conrad, das Bblein,
auf unsichern Beinchen durch das Grtchen pendelte, lud sie ihn auf den Arm und
zeigte gegen den Pfauen: Denk, Bblein, bedauerte sie, der schne Reiter, der
heute mittag ber den Balken sprang - weit du noch? - der ist jetzt tot.
    Bei diesen Worten schrie Jucunde in den hchsten Tnen, wie ein Ferkel, das
von der Kchin abgestochen wird, whrend ihr Cathri einen feindseligen Blick in
den Nacken bohrte. Das Bblein aber juckte auf dem Arm: H, h, lallte es.
    Endlich verzog sich die Neuberin doch, obschon ungerne. Ich komme Euch dann
mahnen, wenn Euer Zug einfhrt.
    Kaum sprte sich Jucunde mit Cathri allein, so reckte sie, ohne den Kopf zu
erheben, ihre Hand mit gespreizten Fingern aus, Cathris Arm suchend, den sie
krampfhaft drckte. So wie Verwandte an der Leiche eines Angehrigen zu tun
pflegen, um die Gemeinsamkeit des Schmerzes zu bekunden, wenn die Worte
versagen. Allein Jucundens Finger waren na von Schleim und Trnen. Cathri ri
sich unwillig los, stand auf, und indem sie mit dem Taschentuch angelegentlich
die Stellen wischte, wo Jucundens Finger sie beschmutzt hatten: Ich verbitte
mir dergleichen! erklrte sie emprt.
    Hierauf setzte sie sich wiederum, indessen noch weiter am uersten Rand der
Bank, so da sie nur auf dem linken Schenkel ruhte. Um aber hnlichen
Vertraulichkeiten vorzubeugen, bemerkte sie strenge mit nachdrcklicher
Betonung: Ich liebe nicht Zudringlichkeiten von fremden Personen.
    Jucunde verbelte ihr die krnkende Abfertigung nicht, sondern demtig ihr
nasses Antlitz erhebend: Euch also hat er lieb gehabt, bewunderte sie mit dem
Ton ehrerbietigster Unterwrfigkeit.
    Das geht Euch nichts an! herrschte Cathri.
    Jucunde lie ihren Kopf wieder auf den Arm sinken.
    Dort an jenem Tisch, an jenem Tisch, dort ist er gesessen, erzhlte sie
zwischen herzbrechendem Weinen. Hernach wies sie ihre wunde Hand vor, war aber
vor Trnen nicht imstande, die Erklrung hinzuzufgen.
    Oh, htte ich ihn doch nicht ziehen lassen! schluchzte sie. Warum war ich
nur so kalt! So keusch! So zurckhaltend! Warum lief ich ihm nicht nach und
holte ihn ein und warf mich ihm in den Weg und hielt ihn an den Knien fest! Er
se jetzt hier im Garten, gesund und lebendig. - Und ohne Abschied, ohne Gru!
Oh! - Sie schlug den Kopf auf die Arme. Und er schaute sich noch nach mir um,
und ich zeigte mich nicht! Oh! Sie raufte sich die Haare und tat wie
wahnsinnig.
    Von nun an sprach sie nichts mehr, sondern weinte bestndig. Es schien
unmglich, da ein Geschpf erbrmlicher weinen knnte. Und doch, wenn sie von
Zeit zu Zeit den verstrten Blick nach dem Pfauen richtete, dessen weie Mauern
noch durch die Sptdmmerung schimmerten, so barsten immer wieder frische
Schleusen ihres Leides, da die Trnen und Schluchzer sich jhlings
verdoppelten. Und unwillkrlich strebten immer von neuem ihre breiten, plumpen
Finger nach Cathris Arm, wie ein verstmmeltes Tierchen, das den Stummel
vorstreckt, aber ngstlich wieder zurckzieht, weil es erfahren hat, da es dort
auen wehtut.
    Die Neuberin wuselte wichtig heran:
    Habt Ihrs gehrt? meldete sie auer Atem. Sie sind noch einmal aneinander
geraten, die Wagginger und die Waldishofer, hinter den Reben in den Rubisthaler
Flhen. Die Waldishofer seien durch den Wald und htten ihnen den Weg
abgeschnitten. Sie sollen ganz unvernnftig gehaust haben, die Waldishofer, wie
die wilden Tiere, nicht wie Menschen, besonders der Christian, der Wachtmeister.
Das ist doch wahrhaftig auch nicht recht. Es sind ja schlielich doch auch
Menschen, die Wagginger; wenn auch vielleicht ein bichen lustig und bermtig.
Sie sind halt jung. Wir wenigstens, so oft sie bei uns einkehrten, haben uns
niemals ber sie zu beklagen gehabt. - Es seien ein paar im Rebberg
liegengeblieben; den Frsprech von Oberwaggingen haben sie auf dem Fuhrwerk
heimgetan, und den Matthiesen-Michel hat man nach Herrlisdorf tragen mssen; er
werde schwerlich mehr aufkommen.
    Das ist recht, das freut mich, bemerkte Cathri.
    Da zitterte die Luft und bebte die Erde, elektrische Signale tingelten,
durch die Finsternis rollte unter Zischen und Brausen eine unfrmliche, schwarze
Masse mit roten Augen daher, jhlings ins Riesenhafte wachsend, wie aus dem
Boden steigend.
    So, das ist jetzt Euer Zug, mahnte die Neuberin. Cathri machte sich hastig
auf, einen kurzen Dank zurckwerfend.
    So wollt also Ihr mich auch verlassen! jammerte Jucunde, so habe ich denn
niemand auf der ganzen Welt mehr, der mich ein klein wenig versteht und mich ein
bichen trstet!

In dem Augenblick, da Cathri ber die Strae eilte, fuhr ein Chaisechen flink
auf leisen Rdern heran, mit klingenden Schellen und trippelndem Rlein.
    Ist der Conrad noch in der Pinte, oder ist er wieder daheim? rief ihr
Benedikt wohlgemut entgegen.
    Sie hielt sich indessen nicht mit einer Antwort auf, sondern gewann die
Station, wo eben der Zug bremste.
    Noch hatten die Rder sich nicht vollends beruhigt, so flogen bereits
aufgeregte Rufe hin und her.
    Wit ihrs schon? Was? Wo? Wann? Nicht mglich!
    Allein der Vorstand wetterte:
    Wir haben jetzt keine Zeit zu vermischten Nachrichten. Der Zug hat mehr als
eine halbe Stunde Versptung. Heraus, wer heraus will, und hinein, was hinein
gehrt! Dazu strapazierte er wie besessen die Stationsglocke.
    Es folgte eine kopflose Verwirrung von kreuz- und querstrmenden Menschen.
    Dritte Klasse, heischte Cathri.
    Dritte Klasse hinten einsteigen, verwies der Schaffner grob. Aber
schneller ein wenig!
    Dritte Klasse, wiederholte sie, als sie aufgeregten Atems hinten anlangte.
Der Schaffner fuhr sie wtend an:
    Dritte Klasse vorn einsteigen, brllte er.
    In einem Schweinestall herrscht mehr Ordnung und Manier, rief Cathri
aufgebracht.
    Darob entspann sich ein Schimpfgefecht zwischen den beiden Schaffnern,
whrend Cathri gebieterisch nach dem Zugfhrer verlangte.
    Auer sich ber die Verzgerung, eilte der Vorstand herbei. Sowie er Cathri
erkannte, grte er verbindlich und geleitete sie persnlich in eine Abteilung
erster Klasse.
    Fertig, fort! schnarrte er.
    Wijh! besttigte die Pfeife des Zugfhrers.
    Und mit mchtigem Stampfen setzte sich der schwere Zug in Bewegung,
begleitet von Grillengezirp und Sternengeflimmer, hart an der Lissi vorbei, die
ihre heimatgierigen Nstern ungeduldig ber den Hemmbalken vorschob, und an der
Pinte vorber, wo Jucundens trostloses Wehklagen weithin durch die schwarze
Nacht zitterte, - dem Kurbade entgegen.
