
                               Wassermann, Jakob

                             Die Juden von Zirndorf

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                                Jakob Wassermann

                             Die Juden von Zirndorf

                           Dem Andenken meines Vaters

                                    Vorspiel


Gemchlich schwebt die Zeit hin ber die Lnder und ber die Geschlechter, und
wenn sie auch Stdte zertritt und Wlder zerstampft und neue Stdte und neue
Wlder hinwirft mit gleichgltiger Gebrde, so vermag sie doch dem heimatlichen
Boden niemals seine Lieblichkeit zu rauben oder seine Rauheit, kurz jene Gestalt
und jenes Antlitz, womit die Heimat ihren Sohn erfllt, indem sie ihn gleichsam
als ihr Eigentum in Anspruch nimmt und ihm auf den Weg seines Lebens die Worte
ins Herz st: aus meinem Ton bist du gemacht.
    Die se und einschmeichelnde Linie des Horizonts, die von den Mauern
Nrnbergs ber Altenberg nach der Kadolzburg zieht, hat sicherlich im Lauf der
Jahrhunderte keinerlei Vernderung erlitten; es sei denn, da ein
gewitterreicher Sommer eine einsame Pappel gefllt, oder da eine ungestme
berschwemmung einen stillen Fichtenhain mit fortgerissen htte. Dort, wo
Rednitz und Pegnitz zusammenflieen, haben freilich die letzten zweihundert
Jahre den Flor der Wlder vernichtet, aber weiter hinber, jenseits der alten
Veste mit ihren Steinbrchen und ihren dunklen Tannen, dehnt sich der frnkische
Gau seit Urandenken als eine weite, breite, friedliche, fruchtbare Ebene, wo das
Korn gedeiht und die Kartoffel gedeiht und der Mohn blht und die weie Rbe
reist.
    Aber in jenem Winkel zwischen den beiden Strmen haben die Kriege des
siebzehnten Skulums dem natrlichen Schmuck des Bodens gar sehr Abbruch getan.
In den dreiiger Jahren befand sich hier das groe Lager der Schweden, und der
gengstigte Bauer fand seine cker mit Blut gedngt. Schnellfig hastete der
Kriegsschrecken durch Franken, und die kurfrstlich Onolzbachischen und die
Nrnbergischen sahen sich gleicherweise gedrngt, Mut und Gottvertrauen nicht
fahren zu lassen. Lange Jahre gingen hin, bis die zertretenen Felder wieder zu
ihrer natrlichen Fruchtbarkeit erstarkten, und selbst nach dem Friedensschlu
lag noch manches Stck Land verdet. berall zeigten sich Spuren frecher
Feindeshnde. Unweit der Kapelle Karls des Groen, die am Schieanger in Frth
steht, ragt ein mchtiger Steinhaufen in die Hhe, und man sagt, die Schweden
htten ihn aufgerichtet als ein Wahrzeichen ihrer Siege: nmlich jeder Stein
bedeutet ein geplndertes Haus. Langsam entfaltete sich der Frieden wieder;
schchtern wuchs er heran und sah mit unglubigen Augen ins ebene Land der
Regnitz hinauf. Das Volk begann zu vergessen, und es kam die Zeit, wo schon die
Vter und die alten Veteranen von den Schrecken der Schlacht erzhlten, und sie
lieen sich die Mhe nicht verdrieen, die erlittenen Fhrlichkeiten
phantasievoll auszuschmcken, und was sie an Heldentaten von andern vernommen,
sich selbst zuzuschreiben. So war es Kriegerbrauch seit Kriege bestehen, und
auch die von Franken waren mit ihrer Zunge mehr Helden als mit ihrem Arm. Der
Krieg gewinnt an Buntheit und an Froheit, wenn ihn die Jahre fortgetragen haben,
und gar mancher erzhlt schmunzelnd von denselben Grueln, die ihn einst
erzittern lieen bis in seine tiefste Seele.
    Auf jenem Schwedenstein bei der Kapelle befand sich unter vielem andern
Gemuer ein gut zubehauener Granitblock, welcher mit seltsamen und
fremdlndischen Lettern bemalt war. Es war eine jdische Inschrift auf einem
Grabmonument; die Schweden hatten ihn vom Gottesacker der Juden gestohlen und
ihn mitten unter die Steine rechtglubiger Christen geworfen. Kein Christ wagte
es aber, den Stein zu entfernen, denn ein groes Befremden ging von seinen
verschnrkelten Lettern aus und sie hatten Furcht, da sie dem Bann eines
Zauberspruchs verfallen mchten, wenn ihre Hand den verruchten Judenblock
berhrte. Mehr als drei Jahrzehnte lag der Grabstein so; wollte man seine
Inschrift in die Sprache jener Zeit bersetzen, so lautete sie: Der schne
Joseph, den man nur gern angesehen, unsere Augen-Lust ist nicht mehr vorhanden.
Jetzt sind ihm Gabriel und Michael als Hter zu seiner rechten und linken Hand
zugegeben worden. Die Jahre seines Lebens waren wenig und boe. Er brachte sie
nicht hher als auf siebzig. Er war ein solcher Regent, der wie Barak und
Deborah das Volk mit groem Ruhm regieret. Er suchte seine Lust in dem
Studieren, sein Sterben war wie seine Geburt, nemlich ohne Snde. Als seine
Seele am fnften Tag in der Woche von ihm geschieden, hrte man Heulen und
Weinen. In Bamberg ist er freudig gestorben, den achtundzwanzigsten Tag des
Sivans. Jetzt ist dies die Zeit, da wir vor Jammer und Herzeleid unsere Kleider
zerreien und unserer Augen Trnen flieen lassen. Nach seinem Abscheiden hat
man ihn zu Frth zur Grabesruhe gebracht. Seine Seele soll gebunden sein in das
Bndelein der Lebendigen mit der Seele Abrahams, Isaaks und Jakobs und der
Sara.
    Lange Zeit hindurch war es der Kummer der Juden, einen Stein aus ihrem
Heiligtum solcher Entweihung preisgegeben zu wissen. Sie glaubten, die Seele des
schnen Joseph, des Naphtali Sohn, htte keine Ruhe und wandle allnchtlich
klagend zum Schwedenstein. Denn auch sie wagten nicht, den Stein zu entfernen,
weil der Schwedenstein als eine Art von Friedens-Symbol galt, und jede
Beschdigung einer Vorbedeutung neuen Krieges gleichgeachtet wurde. Schwer trug
der Brger und der Bauer noch an Kriegeslasten, und viele lieen vom Pfaffen ein
Bittgebet um langen Frieden sprechen.
    So stand also das Grabmal der Juden unter ungleichartigen Genossen wie ein
Fremdling aus weiter Ferne. Es sprach eine unbekannte Sprache und seine edlere
Form lie es zu besserem Dienst berechtigt erscheinen. Es blickte nicht hinaus
auf die Ebene, sondern sah herein gegen die niederen Huser und in die krummen,
winkeligen Gassen von Frth. Unfern rauschte der Flu hinunter ins Bistum
Bamberg, und wenn er im Herbst die gelben Fluten zum Uferrand und noch weit
darber hinauswlzte, so muten bisweilen einige Linden am Schieanger ihr Leben
lassen. Das Wasser brach sie wie drre Zweiglein und trieb sie ins Mainland
hinab, innig gesellt mit Balken und Astwerk und Hausgerten und allerlei
spahaften Dingen, die der wildgewordene Strom aus der Stadt Nrnberg mit sich
fhrte.
    Wenn der Stein des schnen Joseph an Gottesfrieden verlor, so gewann er
hingegen an Weltweisheit und Kenntnis der Dinge und Menschen. Ernst besah er
sich das Treiben der Leute, die um ihn herumwandelten wie Sperlinge um einen
gedeckten Tisch; Gewitter und Schneegestber, Regen und Sonnenhitze, er hielt
sie mit gleicher Geduldigkeit aus, und wenn die sanfte Nacht seine graue Stirn
beschattete, so schien darauf noch ein ser Abglanz der letzten purpurnen
Sonnenrte zu haften oder ein Vorglanz des kommenden Morgenrots. Denn die Sonne
strahlt diesem Erdstrich beim Aufgang und beim Niedergang mit einer unerhrten
Glut, was die Gelehrten dem Dnstereichtum des Landes zuschreiben.
    Fest, Tanz und Kirmesspiel waren von jeher blich bei den Frnkischen, die
einen leichten Sinn haben und ihre Pfennige gern zum Schenkwirt tragen. An einem
Kirchweihtag im Oktober, siebzehn Jahre nach dem groen Friedenspakt, - das Volk
jubelte auf dem Schieanger, zum Tanze schwangen sich die Mdchen und lustige
Weisen spielten die Zigeuner und Spielleute - ging ein alter Mann, nachdem er
lange Zeit nachdenklich vor der jdischen Inschrift am Schwedenstein gestanden,
gegen den Anger zu. Der Abend sank schon herab und der Himmel war von einem
matten Rot getrnkt. Blaue Schatten fielen auf den rauschenden Flu,
Schmiedehmmer tnten von fernen Gassen her, und der schrille Laut verklang erst
weit drauen in den Wiesen. Dann setzte wieder die Musik ein: Orgel und
Fiedelbgen, die Maultrommel und die Wasserpfeife. Die Buben lachten und
sprangen wild um die alten Bume, und die Mdchen hatten glnzendere Augen an
diesem festlichen Tag. Die Nrnberger Kaufleute boten niegesehene Waren aus, und
Seiltnzer, Taschenspieler und Zigeuner versprachen Wunder ihrer Kunst zu
bieten. Als die Dmmerung herabsank, wurden Pechfackeln an die Stmme und die
fahrenden Huser der Komdianten befestigt, und der schwere braune Rauch erhob
sich in weiten Wellungen, zog hinber gegen den Strom, zog ber die Wiesen hin,
und einzelne Funken sprangen knisternd in die Lindenste. Die dumpfe Glut gab
den Gesichtern der Menschen ein abenteuerliches Farbenspiel und die Sterne am
Himmel verblaten fr jeden, der sich in dem trben Lichtkreis befand. Der alte
Jude hielt die rechte Hand wie einen Schirm ber die Augen und blickte finster
und forschend in das heitere Getmmel. Sein Gesicht war von grnlich-weier
Frbung und ein roter Bart flo mager um Wangen und Kinn, so da er nur
eigentlich eine Art von Rahmen bildete und dem Gesicht etwas Fremdes, etwas
erschreckend Deutliches verlieh. Die braunen Sterne seiner Augen irrten unruhig
in dem gerteten Wei umher, und bisweilen erweiterten sich die Pupillen rasch
wie die eines Raubtieres. Es waren Judenaugen: voll Hast, voll Unfrieden, voll
von unbestimmtem Flehen, von einer gedrckten Innigkeit, bald in Leidenschaft
flackernd, bald in Schwermut alle Glut verlierend, die Augen des gehetzten
Tieres, das angstvoll und kraftlos die Blicke dem Verfolger zuwendet, oder in
bebender Sehnsucht hinausstarrt in das ferne Land der Freiheit. Das Volk ist
wild, murmelte er, da tanzen sie und blasen Schalmeien und morgen schon wird
Gott ein Gericht halten. Er blieb stehen, verbeugte sich tief nach Osten und
lispelte ein kurzes Gebet durch die schmalen Lippen.
    Unter den Linden des Angers tanzte ein Zigeunermdchen einen wunderlichen
Tanz und zwei Burschen spielten die Geige dazu. Eine Menge von Zuschauern hatte
sich im weiten Kreis versammelt und alle waren atemlos vor Schaubegierde. So war
es immer in den Tagen Remigius, Leodegar und Lukretia in Frth; die Menschen
erwachten aus dem drckenden Traum ihrer Sorgen und dnkten sich freigeboren und
glckbestimmt einmal im Jahr.
    Nach der Zigeunerin kam ein junges Mdchen von groer Schnheit langsam in
die Mitte des Kreises. Sonderbar irrten schmale Schatten auf ihren bleichen
Wangen und auf ihrer Stirn, und sie war schlank wie jene Frauen, die man zu
Florenz malte. Ein langes Gewand flo an ihrem Leib herab, und sie begann, ohne
die Arme zu bewegen, ohne die Augen vom Boden zu erheben, mit klagender Stimme
ein Rezitativ:

Ich wei nicht, wo's Vgelein ist,
ich wei nicht, wo's pfeift.
Hinterm kleinen Ldelein,
Schtzlein, wo leist?

Es sitzt ja das Vgelein
nicht alleweil im Nest,
schwingt seine Flgelein,
hpft auf die st'.

Wo ich gelegen bin,
darf ich wohl sagen.
Hinterm grn Ngeleinstock
zwischen zwei Knaben.

    Doch sang sie diese Worte leise und melancholisch. Ihre Lippen zitterten und
sie senkte den Kopf tief gegen die Brust. Der Harlekin kam und ffte sie, aber
sie blieb starr wie eine Bildsule; er begann an ihr herumzuschnuppern und
erklrte endlich grinsend, das sei ein feines Aschenputtel fr sein Ehegespons.
Er wollte sie umfassen und davontragen, da kam ein Ritter in glnzender Rstung,
um sie zu befreien. Der Hanswurst verwandelte sich und stand nun in seiner
wahren Gestalt da: als der Teufel. Er kmpfte mit dem Ritter und als er nahe
daran war, zu siegen, zog jener ein elfenbeinernes Kruzifix heraus und hielt es
dem Bsen hin. Der Satan stie ein schreckliches Geheul aus und sprang in groen
Stzen davon.
    Da trat aus einer Lcke in dem Kreis der Zuschauer der alte Jude, stieg ber
die niedrige Planke hinweg und sein langer Kaftan flatterte im Abendwind, als er
auf das blasse Mdchen zuschritt. Sie schlug ihre Augen zu ihm auf und
schttelte sich pltzlich wie im Fieberfrost; seine Blicke bohrten sich gleich
Nadeln in sie ein und sie las etwas in dem flackernden Feuer dieser Augen, das
lange schon ihre Seele mit grblerischer Furcht erfllt hatte. Es war, als ob
ihre Seele auf einmal von frhen Erinnerungen der Kindheit ergriffen wrde und
darber erschttert wre. Der rotbrtige Jude hatte seine Finger um ihren Arm
gelegt, da sie wie Spangen sich schlossen, und er blickte sie unverwandt an,
als ob er einen Wunsch, einen unwiderstehlichen Befehl tief in ihr Herz zu
senken wisse, so da kein Wesen daran zu rhren vermochte. Die Musik schwieg,
der Lrm in der nahen Runde dmpfte sich zum Gemurmel, viele empfanden ein
zielloses Grauen, viele nur Neugier und Erwartung. Den Flu hrte man rauschen,
der Wind strich durch die Bume; er warf gelbe Bltter herab und eine leichte
Khlnis ging herbstahnend ber den Anger. Der Jude beugte sich nieder und
murmelte in des Mdchens Ohr: Gedenkst du noch an den Feuerbrand in deiner
Heimat, Zirle? An den Vater, an die Mutter, an die Brder und an alle andern,
die tot sind? Zirle, denkst dus noch? Trnen flossen ber des Mdchens Wangen
und es schaute vllig verloren in eine vergangene Nacht. Und der Alte fuhr fort:
Um die Mitternacht des nchsten Vollmondes mut du zu mir kommen; du wirst
Zacharias Naar zufinden wissen, wo es auch sei. Den Messias verkndige ich, dem
die geheimnisvollen Tiefen der Wesenheiten offenbar geworden sind.
    Ein unwilliges Murren erhob sich ber die Strung des Festes und der
Frhlichkeit. Zacharias Naar wandte sich ab von dem Mdchen und schritt bald
darauf langsam dem Ausgang des Angers zu. Niemand kannte ihn, alle wichen ihm
aus und schnell lief ein Wort von Mund zu Mund: Ahasverus. Ja ja, er laufft
umher wie der tolle Judt, sagte ein verschrumpftes Weiblein und schnffelte mit
der dnnen Nase in der Luft umher. Sie wisse einen Spruch, erzhlte sie mit
klirrender Stimme den jungen Leuten, die sie umstanden:

Der Jud' Ahasverus weit und breit
vor alters und vor dieser Zeit
bekannt, geht nun durch alle Welt,
red't alle Sprachen, veracht' das Geld
Was er von Christo reden tut,
kannst hren hie, doch mit Unmut.
Veracht' ihn nicht, lat wandern ihn,
weil Gott ihm geben solchen Sinn:
da er von Christo, seinem Sohn,
red't alles Guts und ohne Hohn
Ihn zehret ungemessne Pein,
es ngstet ihn der Sonnenschein,
dein Urtel, wie es auch mag sein,
la Gott, der kennt das Herz allein.

    Zacharias Naar schritt durch die dunklen Straen des Orts zum Tempel der
Juden. Dort war noch Gottesdienst, denn es war der Vorabend des
Vershnungsfestes. Bald stand er unbeachtet unter der Menge der Gebete
Murmelnden, den Tallis um die Schultern, und starrte mit glhenden Augen gegen
den Altar. Keine friedliche Feststimmung herrschte in diesem Raum. Jeder schien
seinem Gott fr sich zu dienen, und bisweilen entstand ein unbestimmter Lrm, in
dem sich eine schreiende oder keifende Stimme abhob. Ein dumpfer Hhlengeruch
erfllte das Gotteshaus; es roch nach altem Leder, nach alten Gewndern, nach
Rauch und faulem Holz. Kinder standen umher und glotzten mit stumpfsinniger
Andacht in Bcher mit gebrunten Blttern. Der Raum glich einem unterirdischen
Gemach fr Verschwrer, einer Berklause fr Asketen; nichts von Lebensfreude
und nichts von Gottesfreude war hier zu finden. Die Lichter qualmten und wer aus
freier Luft hereinkam, glaubte alsbald in eine schwl-qualmende Schlucht zu
versinken.
    Das letzte Kaddisch war beendet; alle rsteten sich zum Aufbruch. Da schritt
Zacharias Naar dem Altar zu und erhob die Hand: ein Zeichen, da er zu reden
wnsche. Es wurde still und aller Augen wandten sich dem Fremdling zu. Der
begann, - nicht laut und scheinbar mehr fr sich selbst. Er sprach zuerst in
hastig hingeworfenen Worten von der Niedrigkeit und Erbrmlichkeit des jdischen
Volkes; von der Unterdrckung, die es erlitten, und von der Zerstreuung in alle
Teile der Welt. Dann, als er gewi war, da alle aufmerksam lauschten, wurde
seine Stimme lauter, sie verlor den belanglosen Ton und seine Augen begannen zu
blitzen. Er rief den alten Gott der Juden an, der Verheiung auf Verheiung
gehuft und die Armut ber sein erwhltes Volk geschttet habe und die Qualen
der Heimsuchung, rger als zur Zeit der gyptischen Plagen. Es wurde totenstill.
Selbst die Mauern schienen zu lauschen und die Worte mit Begierde einzusaugen.
Der Redner fuhr fort: Der Zorn des Herrn ist entbrannt wider sein Volk, und er
streckt seine Hand aus und er schlgt es, so da die Berge erzittern und ihre
Leichen wie Kehricht auf den Straen liegen. Haben sie uns nicht beschuldigt:
ihr vergiftet unsere Brunnen? haben sie nicht unsere Brder hingeschlachtet zu
Tausenden? Haben sie nicht geschrien: ihr nehmt das Blut unserer Kinder zum
Opfer beim Passahfeste? Ihr nehmt das Blut und braucht es fr euere schwangeren
Weiber? haben sie uns nicht ausgewiesen aus ihren Stdten und unsere Huser
verbrannt? und unsere Gter geraubt? Mssen wir nicht vogelfrei dahinwandern und
viele finden keine Htte, wie Kain, der seinen Bruder erschlug? Haben sie uns
nicht aufs Rad geflochten und den Henkern im Land preisgegeben wie krankes Vieh?
nicht unsere Kinder verbrannt, nicht unsere Weiber geschndet und als die Pest
kam, nicht schlimmer unter uns gewtet, denn die Pest? Bei alledem hat sich der
Zorn des Herrn nicht gewandt. Doch jetzt, jetzt wird er ein Panier aufrichten
dem Heidenvolk aus der Ferne und wird ihm pfeifen vom Ende der Erde und siehe,
eilends, flugs kommt es. Keilt Matter und kein Strauchelnder ist darunter; nicht
gibt es sich dem Schlummer noch dem Schlafe hin; auch springt nicht der Gurt
seiner Lenden, noch zerreit der Riemen seiner Schuhe. Die Hufe seiner Rosse
sind wie Kiesel zu achten und seine Rder wie der Sturmwind. Gebrll hats wie
die Lwin und brllt wie die jungen Lwen und knurrt und packt den Raub und
trgt ihn davon und niemand vermag zu retten. Und es wird ber Juda drhnen wie
Meeresdrhnen und blickt er auf das Land hin, siehe da ist angsterregende
Finsternis und das Licht ward dunkel in dem Gewlbe darber. Nahet euch, ihr
Heiden, um zu hren, und ihr Vlker, merket auf! Es hret die Erde, was sie
erfllet, der Weltkreis, und alles, was ihm entsprot. Denn einen Groll hat der
Herr auf alle Heiden, er hat sie bestimmt fr die Schlachtung und ihre
Erschlagenen werden hingeworfen, und ihre Leichen, - aufsteigen soll ihr
Gestank, und es sollen die Berge zerflieen von ihrem Blut. Die Sterne sollen
zerbrckeln und wie ein Pergamentum soll der Himmel zusammengerollt werden. Aber
unsere Trift soll lustig sein, frohlocken soll unsere Steppe und blhen wie die
Narzisse. Sie soll blhen, ja blhen und frohlocken, frohlocken und jubeln! Die
Herrlichkeit des Libanon wird ihr geschenkt und die Pracht des Karmel. Strkt
die erschlafften Glieder und die wankenden Knie macht fest! Sagt zu denen, die
bekmmerten Herzens sind: seid stark! Aufgetan werden die Augen der Blinden und
die Ohren der Tauben geffnet! Dann wird wie ein Hirsch der Lahme springen und
jubeln die Zunge des Stummen. Denn seht: ein Mann ist aufgestanden in der
kleinasiatischen Stadt Smyrna, das ist der wahre Messias und das Himmelreich ist
nah! Ja, ich sehe eure Blicke leuchten und eure Hnde beben! Habt ihr ihn nicht
rufen hren von den Gestaden des Mittelmeers? Ein neues Erlsungswerk geht ihm
voran und Olam ha Tikkun wird erstehn. Das gttliche Wesen hat er allein
erkannt, er, Sabbatai Zewi! Sammelt euch, Brder, richtet euch empor, richtet
eure Weiber empor, lehrt eure Kinder seinen Namen aussprechen und eure Waisen
trstet mit seinem Wort! Im Jahre fnftausendvierhundertundacht der Welt begann
die Erlsungszeit zu tagen, und in diesem Jahre hat sich Sabbatai Zewi uns
offenbart. Wunder ber Wunder hat er verrichtet und die Juden des Morgenlandes
jauchzen ihm zu.
    Ein furchtbarer Tumult unterbrach den Redner. Lange schon war die Kunde von
dem Ereignis nach Franken gedrungen, aber stets waren es nur dunkle Laute
gewesen, geheimnisvolle Andeutungen: von wandernden Mnchen, von wandernden
Juden oder von Zigeunern hergetragen. Es war nur das dumpfe Gerusch eines sehr
fernen Wetters gewesen, das die Gemter wohl in nchtlicher Stille und Trumerei
zu ergreifen vermag, aber das Licht des Tages machte zweifeln und unglubig. Zum
ersten Male nun war es wie ein Trompetensto in die Ohren der Juden gefahren,
wie ein heller, schmetternder Schlachtruf, wie ein Klirren von tausend Schildern
und Schwertern, ein Auferstehungsschrei. Es wurde leuchtend um ihre Augen, rings
herum ward es Tag, das bange Los der Unterdrckung schien dem Ende nahe: Sonne,
Freiheit, gttliches Auserwhltsein zu groen Dingen, Glanz und Freudigkeit und
verzckte Sehnsucht, - eine wundervolle Erfllung tausendjhriger
Glaubensdienste. In ihre bedrckten Seelen fuhr es wie der Aufruf zu einer neuen
Weltordnung; Knaben sahen sich zu Mnnern geworden, Mnner ballten ihre Fuste
und es rieselte ihnen kalt und hei ber den Rcken. Und als der erste Taumel
sich gelegt, drngten sie sich um den Fremden, bestrmten ihn um Einzelheiten
und lauschten, lauschten. Vergessen war die Stunde der Heimkehr, vergessen die
Gebote des Fasttags; die Weiber drngten sich aus ihren Verschlgen und hrten
mit erhitzten Wangen zu. Sie sahen ihn in ihrer Phantasie lebendig werden, den
geheimnisvollen Propheten von Smyrna, der am hellen Tag der Geschichte wie ein
glhendes Meteor hinwandelte und, ergriffen von lurjanischer Mystik, das Ende
der Zeitalter herbeizufhren glaubte. Zacharias Naar erzhlte, versunken und
hingegeben gleich einem Trumenden: wie Sabbatai seinen Leib kasteite und Sommer
und Winter, bei Tag oder bei Nacht im Meer badete. Wie sein Leib vom Wasser des
Ozeans einen Wohlgeruch erhielt und sein Auge klar davon wurde. Niemals hatte er
ein Weib berhrt und obwohl er zwei Frauen vermhlt worden war, mied er sie und
verstie sie bald. Ernst und einsam war sein Wesen, und er hatte eine schne
Stimme, mit der er die kabbalistischen Verse oder seine eigenen Poesien sang.
Das Jahr sechszehnhundertsechsundsechzig bezeichnete er als das messianische
Jahr; den Juden sollte es eine neue Herrlichkeit bringen und sie sollten nach
Jerusalem zurckkehren. Seine Seele ergab sich jauchzend dem sen Rausch des
Gottesbewutseins. Man hatte ihn von Smyrna verjagt, aber da brach das glimmende
Feuer zur verheerenden Flamme aus: seine Demtigung war seine Gre geworden und
seine Verklrung. Er lie zu Salonichi ein Fest bereiten und vermhlte sich in
Gegenwart seiner Freunde feierlich mit der heiligen Schrift: Thora, die
Himmelstochter, ward mit dem Sohn des Himmels in unzertrennlichem Bund
vereinigt. Fnfzig Talmudisten speisten an seiner Tafel und kein Armer ging
hungrig von seiner Tre. Er vergo Strme von Trnen beim Gebet, und nchtelang
sang er bei hellem Kerzenlicht die Psalmen. Er sang auch Liebeslieder. Er sang
das Lied von der schnen Kaisertochter Melliselde:

Aufsteigend auf einen Berg
und niederschreitend in ein Tal,
kam ich zur schnen Melliselde
in des Kaisers Krnungssaal.
Mild kam sie einher
mit flutendem Haar
und ihr Antlitz milde,
s ihre Stimme war;
ihr Antlitz glnzte wie ein Degen,
ihr Augenlid wie ein Bogen von Stahl,
ihre Lippen waren Korallen,
ihr Fleisch wie Milch so fahl.

    Die Kinder folgten ihm auf den Straen, indes die Mtter seinen Namen
lobpriesen. Er lie verknden, da er vom Flusse Sabbation aus die zehn Stmme
nach dem heiligen Lande fhren werde: auf einem Lwen reitend, der einen
siebenkpfigen Drachen werde im Maule haben ...
    Wie von einem ergreifenden Zauber umschlungen, wanderten die Juden nach
Hause. Das Fieber der Erwartung hatte sie gepackt, das von Land zu Land flo wie
ein berauschender Strom. In dieser Nacht konnte keiner schlafen.
    Man sagte damals, der Herr der Welten ffne seine Tore, den Propheten zu
empfangen, oder er pflcke die Sterne vom Himmel, als wren es Trauben am
Rebstock, das Volk she ein edles Licht, und die Todesschatten verschwnden
neben ihm; hinabgestrzt sei die Pracht der Knige und das Rauschen ihrer
Harfen; der Prophet steige zum Himmel empor und oberhalb der Gestirne errichte
er seinen Thron; viele Stimmen schrien zu ihm empor: Wchter, wie weit ists in
der Nacht? Da verkndete er schon das Morgenrot. In seiner Nhe gab es nichts
alltgliches mehr, der Frst schien dem Bauer gleich, der Bettler dem Richter,
keine liebende Hand streckte sich dem Kranken hin, und es war erhaben, alle Pein
der Kasteiung zu erdulden und der aufgehenden Gnadensonne zerknirscht
entgegenzuwinseln. Die Schule der Kabbalisten glaubte die Verkndigung klarer zu
verstehen. Aus dem gttlichen Scho hatte sich die neue gttliche Person
entfaltet, der wahre Knig, der Messias, der Erlser und Befreier der Welt und
die Herrschaft des Metatron ist zu Ende. Es steht aber im Buche Sohar, sagten
sie: Metatron ist das erste der Geschpfe, der Abglanz Gottes; er ist die
mittelste Sule, die das Himmlische vollkommen macht; er ist das Vereinigende in
der Mitte. Denn der wahre Messias ist der verkrperte Urmensch, der Adam Kadmon
der Schrift, ein Teil der Gottheit.
    Der Tag brach an, ein trber und dunstiger Herbstmorgen. Khler trockner
Wind ging durch die Gassen. Die christlichen Einwohner waren verwundert ber das
aufgeregte Wesen der Juden. Der Rabbi Brmann rannte bleich von einem Haus ins
andere. Der Rabbi Salman Klef stand, ein vergilbtes Pergament lesend,
stundenlang vor seinem Haus. Salman Ulman Ksbauer rief mit lebhafter Stimme
nach dem Fremdling von gestern. Hutzel Davidla hinkte nachdenklich umher und
Boruchs Kl wurde nicht mde, an den heiligen Fasttag zu erinnern und da man
zur Schul gehen msse. Gegen neun Uhr kam ein staubbedeckter Bote aus der
Richtung der Stadt Nrnberg. Er brachte ein Sendschreiben. Michel Chased, der
Chassan, nahm es entgegen und die Juden, Mnner, Weiber und Kinder in stets
wachsender Anzahl, sammelten sich um ihn, als er mit lauter Stimme vorlas. Das
Schreiben kam von dem berhmten Samuel Primo, einem Jnger des Sabbatai, und
lautete: Der einzige und erstgeborene Sohn Gottes, Sabbatai Zewi, Messias und
Erlser des jdischen Volkes, bietet allen Shnen Israels Frieden. Nachdem ihr
gewrdigt worden seid, den groen Tag und die Erfllung des Gotteswortes durch
den Propheten zu sehen, so mssen eure Klagen und Seufzer in Freude und eure
Fasten in frohe Tage umgewandelt werden. Denn ihr werdet nicht mehr weinen.
Freut euch mit Gesang und Lied und verwandelt den Tag der Betrbnis und der
Trauer in einen Tag des Jubels, weil ich erschienen bin.
    Ein Todesschweigen folgte diesen Worten. Die Zumutung des Propheten war fr
dies Volk, das mit unerschtterlichem Fanatismus am Hergebrachten, am
berlieferten Gesetz hing, etwas Furchtbares und Unerhrtes. Wolf Ksbauer wurde
wei wie Schnee und stotterte ein hebrisches Gebet. Viele andere, besonders
Frauen, beteten ihm nach. Aber es waren doch auch solche da, die von Mut erfllt
waren fr die neue und groe Sache. Sie riefen Hallelujah und ihre Augen
leuchteten dem Kommenden froh entgegen. Der Messias, weil er so fern war, wuchs
ins Unermeliche vor ihren Augen, sein Haupt stand golden in den Morgenwolken,
ihre Seele war ausgefllt von ihm, weil der Druck niederer Dienstbarkeit auf
ihnen lastete, die Verachtung eines ganzen Volkes, einer ganzen Welt. Tagelang
wohnte eine dumpfe Angst ber den Juden in Frth; sie wagten nicht aus ihren
Husern zu gehen, sie ergaben sich ganz den Gefhlen der Zerknirschung oder der
Erbitterung oder der Reue oder der Hoffnung.
    Da kam am zweiten Tage nach dem Fest die Kunde aus Norden, der berhmte
Hamburger Jude Manoel Texeira, der Vertraute der Knigin Christine von Schweden,
habe sich ffentlich in der Synagoge fr den Messias erklrt. Aus Amsterdam, aus
London, aus Prag, aus Mainz, aus Frankfurt und aus Wien gingen Huldigungen an
den Propheten ab, und seltsame Zeichen am Himmel machten auch den Christen das
Herz schwer. Der Jude Wassertrdinger in Frth, genannt Weiber-Lambden, der bei
schwangeren Weibern herumging und mit lauter Stimme Gebete las, sah nmlich am
Samstag Abend, dem ersten des Monats Tibeth, einen groen anwachsenden
Feuerschein am nrdlichen Himmel. Seine Augen wurden na vor Grauen und mit
seinem Hinkbein lief er, so schnell es ging, in die Huser der Juden und schrie
mit halberstickter Stimme, da Gott ein Zeichen gegeben habe. Viel Volk sammelte
sich schweigend an den Ufern der Regnitz und Pegnitz, und Christen und Juden
standen in gleicher Furcht, in gleicher mystischer Andacht Schulter an Schulter.
Zacharias Naar tauchte auf, fiel am Schilf des Flusses nieder und wandte sein
gelbes Gesicht mit den weiten Augen dem himmlischen Feuer zu. Er begann ein
flehendes Gebet zu singen, eine klagenvolle Anrufung des Gottessohnes zu Smyrna
und die Gemeinde fiel im Chorus beim letzten Vers mit ein. Einsilbig rauschte
der Flu durchs Land und die erblassende Rte des Firmaments beleuchtete
unsicher die dunklen Talare der in ser Verzckung heimkehrenden Juden.
    In derselben Nacht erhob sich ein gewaltiger Sturm, ri das heilige Kreuz
von der katholischen Kirche herab, und als die Juden in der Morgenfrhe zum
Gebet gingen, sahen sie ber dem niederen Portal der Synagoge die
Anfangsbuchstaben vom Namen des Sabbatai Zewi in goldenen Lettern stehen.
    Nun lebte ein Mann in Frth, den man Maier Kncker nannte; er hie auch
Maier Nathan und bei den Christen Maier Satan. Er hatte einen offenen Mund und
eine hliche Nase und war wegen seines Schacherns verhat. Knckern heit bei
den Juden stammeln und ein Stammler war Maier Kncker, der Nathan. Er sah mit
scheelen Augen in das erregte Treiben seiner Glaubensbrder, und inmitten des
allgemeinen Rausches blieb er nchtern und kalt. Er war nur besorgt, da er von
seinem Geld nichts verliere und beriet sich oft mit seiner Frau, wie man die
Kasse am besten verwahren solle. Er wohnte in einem alten Haus mit vielen
Lchern und Winkeln und jeden Tag in der Woche brachte er sein Geld in ein
anderes Versteck. Sobald eine Nachricht von auswrts kam ber irgend einen
bedeutsamen Vorfall, irgend ein unerklrliches Ereignis, begann Maier Kncker zu
zittern und lief in sein Haus, um seine Schtze nachzusehen. Und als die Flut
der Ereignisse schwoll und sich ausbreitete und die Lnder bedeckte, wuchs auch
in der Seele des Knckers die Furcht vor dem Verluste seines Vermgens, und er
konnte keinen ruhigen Schlaf mehr finden und mute seine Bissen bei den
Mahlzeiten in Unfrieden hinunterwrgen. Er betete sogar weniger, um seinem Hab
und Gut ein besserer Wchter sein zu knnen. Er verdammte diese unruhigen Zeiten
und es gab Tage, wo er sich nicht mehr ber die Gasse wagte und die Tren
versperrte, um einen geheimnisvollen Feind abzuhalten.
    Aber es war noch eine andere Furcht in diesem schiefen und winkelreichen
Haus, das in jeder Stunde einzufallen schien und das beim hellen Mondschein der
Herbstnchte einer Ruine glich. Der Maier Kncker hatte eine Tochter. Sie war
nicht gerade schn, aber sie hatte die ppigen Formen und die uerliche
Leidenschaft der jdischen Weiber, und in ihren Augen war etwas dumpf
Sinnliches, das die Mnner zu ihr trieb. Rahel hatte nun vor langem ein
Liebesverhltnis mit einem christlichen Studiosus aus Erlangen angeknpft und
war in dessen Armen gefallen. Seit Monaten fhlte sie ein junges Leben in ihrem
Leib, und so oft sie daran dachte, was Vater und Mutter sagen wrden, wenn sie
es entdeckten, wurde ihr das Herz wund. Ratlosigkeit und Traurigkeit
verdunkelten ihr Dasein und machten ihre Jugend finster und bereuenswert. Aber
als die Woge der Messiasbegeisterung in den stillen Hofmarkt strzte, sah das
gequlte Mdchen darin eine Art Erlsung. Sie fand es leichter als sonst, ihren
leiblichen und seelischen Zustand geheim zu halten, denn die Erregung der
Gemter wandte sich nichts Einzelnem mehr zu. Trotzdem rckte die Zeit immer
nher, wo nichts mehr zu verbergen war, wo sie, ohne zu reden, ihr Geheimnis
offenbar werden lassen mute. Sie sann und sann in schlaflosen Nchten und
endlich fand sie durch angeborene Schlauheit einen verwegenen Ausweg aus ihrer
Bedrngnis, und sie beschlo, ihren Geliebten um Hilfe zu bitten.
    Maier Kncker war von der Abendschul nach Hause gekommen und erzhlte
finster, da er mit vier andern unverrichteter Sache wieder gegangen sei. Die
Juden vergen, sich zum Gebet zu versammeln; er sah darin ein schreckliches
Zeichen. Beklommenen Herzens lugte er hinaus auf die Strae, als erwarte er
Stunde fr Stunde den unerbittlichen Gegner des huslichen Friedens von
Angesicht zu Angesicht zu schauen. Da lutete die Hausglocke und Itzig
Gnhenker kam und berichtete atemlos, da sich ein wahrhaftes Gotteswunder
begeben habe. An der Kste von Nordschottland habe sich nmlich ein Schiff
gezeigt mit seidenen Segeln und seidenen Tauen und die Schiffsleute, die es
fhrten, htten hebrisch gesprochen und die Flagge habe die Inschrift getragen:
die zwlf Stmme oder die Geschlechter Israels. Dies Schiff sei fr die Braut
des Messias bestimmt.
    Sie sprachen nun von vielen Dingen, auch Thelsela, das Weib des Knckers,
mischte sich in die Unterhaltung, bis Boruchs Kl kam und man im Talmud lesen
wollte. Auch Kl wute von dem geheimnisvollen Schiff und alle, alle drauen
wuten es schon. Es kam nicht zum Studium des Talmuds, da Boruchs Kl manche
neue Seltsamkeiten zu berichten wute: wie ein jdischer Schneider zu Mailand in
einen Zustand der Raserei gefallen sei und sich seitdem in prophetischen
Verzckungen winde; stundenlang liege er am Boden und spreche bald lachend, bald
weinend von der nahen Erlsung und von Sabbatais Macht im Himmel und auf Erden.
Ferner erzhlte er, da sein Oheim aus der Trkei nach Hause zurckgekehrt sei
und gnzlich betubt sei von dem Groen und Wundervollen, das er dort gesehen.
Das Volk von Smyrna sei wie im Wahnsinn und jauchze dem Befreier zu, der in
Prozessionen von nie gesehener Pracht durch die Straen ziehe. Die Unglubigen,
die Chofrim, seien ihres Lebens nicht sicher; Chajim Pea sei vom Volk fast
zerfleischt worden, als er gegen Sabbatai aufgetreten war; des Pea eigne
Tochter habe mit verzckten Sinnen das Heil des Erlsers ausgerufen, habe
geweissagt und sei wie berauscht gewesen. Da gaben sie Chajim Pea frei, und er
wurde spter zum Jnger. So wurde erzhlt und Boruchs Kl wute immer noch
erstaunlichere Dinge als Itzig Gnhenker. Maier Kncker aber schwieg mit
schwerem Herzen. Ringsum sah er den wilden Tanz sich gestalten; seine Klugheit
warnte ihn davor, zu widerstehen, um so mehr, als noch in derselben Nacht das
Gercht laut wurde, Zacharias Naar stehe in Verbindung mit dem Propheten selbst.
Er erhielt dadurch eine frmliche Weihe; er ging in die Huser der Juden,
berzeugte die Zweifler und entstammte die Hoffenden. berall schritt er umher,
berall fand man ihn, oft hob er sich gegen den dunklen Himmel der Felder ab,
einsam im Abend.
    Die Glocke verkndete die Mitternacht. Ein junger Mensch schlich ber den
Lilienplatz in die Wasserga zum Haus des Knckers. Er hatte ein langes Rohr
unter seinem Mantel verborgen, und sein Kopf war sorglich in eine Kapuze
gehllt. Der rote Mond senkte sich gegen Westen und schien ein zauberhaftes
Blhen auf die Dcher zu breiten. Gelbe Blten, zarte Nebelschleier, er hauchte
sie hin, da es keiner sah, und die Steine waren nicht mehr Steine, sondern
Knospen von Mondblten und jeder Zaunpfahl erwachte aus einem traumlosen Schlaf
und guckte schwermtig in die Welt. Die windschiefen Huser sahen unbekleidet,
hilflos und gottverlassen aus; manche erschienen rhrend in ihrer trostlosen
Verfallenheit, whrend ihre Fenster traurigen Augen glichen, die in die dunstige
Glasglocke des Himmels hineinstarrten, als ob sie geblendet wren von dem
sanften natrlichen Licht.
    Der junge Mensch berkletterte einen niederen Zaun und erstieg eine schmale
morsche Treppe, von wo er auf ein Dach kam, und dort schritt er auf den Zehen
weiter. Vor einem grnen Fensterladen stand er still und steckte sein Rohr durch
einen schmalen Spalt. Nun rief er mit dumpfer und verstellter Stimme in das
Sprachrohr: Boruch ado adonai elohim! O ihr gerechten und gottliebenden
Eheleute Maier Nathan und Thelsela! freuet euch, denn eure Tochter, die eine
Jungfrau ist, hat eine Tochter in ihrem Leib empfangen, die wird die Braut sein
dem Erlser des Volkes Israel, dem Messias zu Smyrna.
    Der Kncker, der vergebens seine Kissen um Schlaf zerwhlt hatte, und dessen
Phantasie in wilder Bewegung war, weckte sein Weib. O meine Liebste, flsterte
er beklommen, hast du die himmlische Stimme gehrt? Es ist ein Engel dagewesen;
stehe auf, wir wollen beten, da du die himmlische Stimme auch zu hren
gewrdigt werdest. Zitterndes Leibes erhob sich die Frau; sie lauschte in die
Nacht hinaus, legte die vermagerte Hand auf die klopfende Brust und kniete
nieder. Da ertnte die Stimme von neuem: Ihr sollt eure Tochter in hohen Ehren
halten und groen Flei anwenden, da sie wohl versorgt werde. Denn aus ihrem
jungfrulichen Leib wird die Messiasbraut geboren werden.
    Da packte Thelsela ihren Mann und zog ihn hinber in das Zimmer, wo die
Tochter schlief. Sie schien ruhig zu schlummern, sah abgehrmt aus und ihre
Lider zuckten ein wenig. Als die Mutter ihr die Decke vom Krper ziehen wollte,
stie sie einen heiseren Schrei aus und krampfte die Hnde von tdlicher Angst
erfat, in den Stoff. Doch der Kncker streichelte ihr die Wangen und stotterte
unverstndliche Zrtlichkeiten, whrend Thelsela den Leib des Mdchens befhlte,
ernst nickte und von Andachtsschauern durchrieselt wurde. Eine groe Freude
hatte den Maier Nathan befallen: sein Haus war zu solch vorzglichen Dingen
auserwhlt worden, da er in diesen Stunden sogar der Sorge um sein Geld verga
und mit seinem Weib am Lager der Tochter sitzen blieb, um ungeduldig den Anbruch
des Tages zu erwarten. ber Nahels Wangen flossen bittere Trnen. Mit
weitgeffneten Augen sah sie bestndig auf einen Punkt. Bse Gesichte schienen
sie zu foltern; das Licht tat ihr weh, jede Trstung schmerzte sie.
    Der Maier Nathan indessen, dem eine ganz neue Welt aufgegangen war, sah sich
schon als den Patriarchen der Gemeinde, gepriesen als den Vater eines unerhrten
Glckes. Er nahm sein Weib bei der Hand, fhrte sie in das Schlafgemach zurck,
stammelte trunken, fuhr sich in die Haare, lachte, tnzelte und ging endlich
fort, um zuerst seinen Freund Boruchs Kl und dann den Chassan aufzusuchen.
    Der Morgen war nahe. Eine drckende de lag auf den Gassen. Fern in der
Ebene rauschte der Flu, und bisweilen klang es herein wie das Klappern eines
Mhlenrades oder das Gelute von Kuhglocken. Den Zenit belagerten groe Wolken.
Wie Raubtiere lagen sie und schienen bereit, sich auf das Land zu strzen.
    Fast in allen Judenhusern war Licht. Wo auch Maier Kncker das neugierige
Ohr an einen Trverschlu oder an eine dnne Mauerwand legte, hrte er Gebete
murmeln, Klagen, Anrufungen und Lobpreisungen.
    Als der helle Tag angebrochen war, kam wunderbare Kunde. Es hie nmlich,
die Juden in dem Stdtchen Avricourt rsteten sich, nach Jerusalem zu ziehen.
Dann hie es auch, Jakob Sasportas, der wtende Feind des Zewi, sei pltzlich
zum glhenden Anhnger geworden, und mit der heiligen Schrift im Arm tanze er
verzckt durch die Straen von Worms. Ferner kam die Nachricht, Manoel Texeira
sei mit zehn ltesten nach Smyrna gepilgert und habe sich dem Messias zu Fen
geworfen. Ein gewisser Nathan Ghazati war von Sabbatai zum Knig von
Griechenland und Elisa Levi, ein Bettler, zum Kaiser von Afrika bestimmt worden.
Die Palstiner, die durch Jakob Zemach eine Huldigung an den neuen Knig der
Juden abgeschickt hatten, schmckten ihren Tempel und zogen psalmensingend und
blumenstreuend durch die Stdte, als ob Davids Zeiten sich erneuert htten. Der
berhmte Sabbatai Raphael in Polen und Mathatia Bloch seien vom heiligen Geist
erfat, so da sie wahrsagten auf offenem Markt in Warschau und in Thorn.
    So kommt der Fhn im Frhjahr ber das deutsche Hochland wie all diese
Botschaften nach Frth. Selbst die Christen wurden miterregt von der Wucht der
fremdartigen Ereignisse. Ein Taumel ging durch Europa; die alte Welt schien
aufzuwachen aus einem Schlaf. Der Bedrcker frchtete den Bedrckten, der Knecht
trumte von Freiheit. Kein Tag verging, an dem nicht Kunde von Auerordentlichem
eintraf, wre es nur auch ein geheimnisvolles, deutungsreiches Wort des Messias
gewesen. Er steht auf einer Terrasse am Meer, streckt seine Hand aus und
spricht: Seht, ich gebe euch heute das Leben und den Tod. So wurde von
wandernden Juden berichtet. Sendschreiben liefen durch die Stdte; wunderliche
Dinge lagen in der Luft.
    Maier Kncker, der Nathan, der das unerwartete Glck, dessen er teilhaftig
geworden, voll Entzcken weitergetragen hatte, traf zuerst auf Mitrauen, dann
auf Verwunderung, dann auf blinden Glauben. Er fand einen begeisterten Apostel
in Boruchs Kl und dieser beredsame Mann erwies sich in der Tat als der beste
Anwalt einer so begnadeten Sache. Die ltesten der Gemeinde kamen zu Rahel, um
sie durch Gebete heilig zu sprechen. Am gleichen Abend wurde ein groes Festmahl
unter dem Vorsitz des Ober-Rabbis abgehalten, und das Haus des Stammlers wurde
als eine fromme Zuflucht erklrt. Aber Rahel selbst blieb finster und
verschlossen. Sie wich jedermann aus und hatte es verlernt, Vater und Mutter
gerade ins Gesicht zu sehen. Wenn einer lnger mit ihr redete, begann sie zu
zittern. Ihre Hnde waren feucht, ihre Lippen trocken und aufgesprungen, ihre
Augen gertet. Sie konnte in keiner Nacht mehr schlafen; die Finsternis nahm
eine purpurne Frbung an, so da es wie ein Vorhang vor ihren Blicken lag,
undurchdringlich und bengstigend. Oft bevor noch der Tag anbrach, erhob sie
sich vom Lager und schleppte sich hinauf in die Bodenkammer, um an irgend einer
Luke zu kauern und starren Blickes stundenlang zu brten. Sie freute sich, wenn
sie fror; sie wnschte zu frieren, wnschte zu leiden, ein uerer Schmerz
verlieh dem inneren Milderung. Am Sabbat nach der Schul kamen die Weiber zu ihr;
aber sie war so bedrckt, da sie vor den Besucherinnen in lautes Weinen
ausbrach. Sie rang die Hnde, sthnte, warf sich zu Boden, fletschte die Zhne,
und murmelte Worte ohne Sinn und Klang. Das war ein sehenswertes Schauspiel,
eine Besttigung des Wunders, das mit dieser Jungfrau vorgegangen. Sie brachten
Geschenke, doch das Mdchen warf sie ihnen vor die Fe und schalt und drohte
fassungslos. Auch viele Mnner kamen: Thurathara, Wolf Batsch Seligman Schrenz,
Seligman Rumpel, Hirsch und Herz, die Rumpeln, Wolf Bieresel, Joel und David,
die Bieresel, Maier Anschel und Itzig Gnhenker, ja sogar Moses Bock aus
Wrzburg und Michael bar Abraham aus Markt Erlbach. So schnell hatte sich die
Kunde im Lande verbreitet Alle brachten sie Geschenke: Gldene Schleier oder
Sternlein oder durchgezogene Sternlein oder Umhnge von Drapd'or oder gestickte
von Gold, von goldenen oder silbernen Blumen, Kleider von Samt mit einer
Blumenbordre, einen Mantel von Damast, Schuhe oder Pantoffeln mit gutem oder
schlechtem Gold verbrmt, Bnder von schwarzem oder gefrbtem Leder,
Kartelsteine oder andere Gehnge, auch Hand- und Leibschnallen, gldene Grtel
und einen Grtel von Gold, der mit Diamanten besetzt war, Ringe und Ohrgehnge,
Handschuhe von Pelz und Halstcher bis auf zwei Glden Wert.
    Das waren festliche Tage fr Maier Kncker, den Nathan. Mit zitternden
Hnden tastete er ber den Reichtum; nahm die Tcher, faltete sie wieder
zusammen, liebkoste die Schuhe und Ringe, legte die Gehnge um seinen Hals und
stolzierte im Zimmer damit auf und ab; auch stellte er sich damit vor einen
Spiegel, machte Bcklinge, schnitt lcherliche Grimassen und ging dem finsteren
Schicksal mit kindischer Heiterkeit entgegen.
    Am Tag Dionysius war die Luft so klar, da man die Kirchenglocken von
Nrnberg vernahm. Ein gelber Schimmer lag auf den Wiesen und der Himmel war mit
weien, feinen, runden Wlkchen marmoriert. Ein Zug jdischer Spielleute, die
von der Domprobster Bamberg verwiesen worden waren, brachte die Nachricht der
Messias sei von Smyrna aufgebrochen und kme nach Deutschland, die Glubigen um
sich zu versammeln und an ihrer Spitze ins heilige Land zu ziehen.
    Als Rahel dies vernahm, erwachte sie aus ihrer langen Apathie. In ihr war
nur ein Gedanke: da sie fort sollte aus dem Land, wo der Geliebte wohnte; denn
in ihrer heien und erregten Phantasie war ein Gercht schon einem Geschehnis
gleich. Mit glhenden Augen eilte sie auf die Gassen; niemand beachtete sie
heute. Viele schienen in einer Tollheit befangen, wie eine Schar
Verschmachtender, denen man feurigen Wein gegeben hat. Kein Ritus wurde mehr
beachtet, weder das Abend- noch das Morgenminjan, weder der Socher, noch der
Bund der Beschneidung. ber den Lilienplatz lief ein junger Mensch mit nacktem
Oberkrper; er hatte sich auf die Brust die Worte gemalt: wir empfahen was
unsere Taten wert sind, wir leiden Pein in heien Flammen. Der Schmuel, der
Richter der Gemeinde, ein Mann von siebzig Jahren, der sonst Tag und Nacht den
Talmud studiert, hatte sich im Schulhof bis an den Hals in Erde eingegraben, und
sein Leib war beinahe erstarrt. In hebrischen Worten schrie er leidenschaftlich
das Lob des Messias und viele Menschen standen bleich und andchtig um ihn her.
Rahel eilte hinaus zum Schieanger, wo noch von der Kirchweih die Wagen der
Zigeuner standen, und dann lief sie hinber zum Schwedenstein, wo sie kraftlos
ins Gras sank. Sie hrte die Zigeuner schreien in ihrem Rotwlsch und sah sie
gestikulieren, trotz des Nebels, der ber der Landschaft lag. Der Schulklopfer
und der Totengrber liefen an der Kapelle vorbei, aber sie nahm es nicht wahr.
Ihr war zu Mut, als lge sie schon tagelang hier, ohne Sinn fr die Flucht der
Zeit, und als msse sie noch tagelang und wochenlang hier kauern, unfhig zu
begreifen, was in ihr vorging. Der Himmel bedeckte sich mit Wolken und ein
feiner Perlenregen fiel. Eine dieser Wolken, die heraufzogen vom Vestner-Wald,
hatte die Gestalt und die Zge des jungen Studenten, den sie liebte. Sie sah es
genau: die Wolke trug einen schwarzen Bart, der zierlich um Kinn und Wangen
stand und kokett zugespitzt war. Sie sah auch den kleinen Mund und die kleine
Nase und die unsteten Augen. Und dann stand er pltzlich bei ihr, Thomas Peter
Hummel, und ihr war, als knne sie seine Hand fassen. Er sprach ihr zu, fein und
schnell und geschickt und wenn er berzeugte, war es nicht in dem, was er sagte,
sondern in seiner Stimme, in seiner gewandten, schlangenhaften Art, in seiner
heiteren Geschwtzigkeit. Er whlte seine Worte wie ein scharfer Politiker und
spielte taschenspielerhaft mit den Gefhlen. Aber wie es in der Welt geht, sie
liebte ihn.
    Ein Mann und ein Weib kamen vom Anger her. Ihr gemchlicher Schritt zeigte,
da sie den Regen nicht achteten. Rahel erkannte Zacharias Naar und jenes
schlanke Mdchen, das sie bei den Schaustellungen am Schieanger gesehen hatte.
Sie war schn. Man mu die Augen zumachen, wenn man sie sieht, dachte Rahel. Sie
war bla und krank, wie verzehrt von einer geheimen Sehnsucht. Jede Linie an
ihrem Krper hatte etwas Leidendes und die Form ihres Mundes verriet Geduld und
Lieblichkeit. Dennoch war etwas an ihr, das all dies Lgen strafte, vielleicht
in der Heftigkeit und dem Trotz ihrer Augen. Bald verschwanden sie an der
Biegung des Wiesenwegs. Rahel blickte starr in die leise dmmernde Landschaft
hinein und war froh, da sie nicht gesehen worden war. Sie fhlte nicht Kraft
genug, wieder nach Hause zu gehen und frchtete, die einbrechende Nacht knne
sie noch immer hier finden. Sie erschien sich ausgestoen und verfolgt;
verurteilt, fr sich allein Schmach, Bedrckung, Ruhelosigkeit und
Heimatlosigkeit zu ertragen; sie wollte nicht mehr heimkehren. Sie hate Vater
und Mutter, hate die bleichen, gebetseifrigen, jdischen Mnner, ihre
gefrigen, schwatzhaften Weiber, die altklugen Knaben, die frhreifen Mdchen,
die kindischen, fanatischen Greise: alle schienen ihr verchtlich und unrein.
Doch wohin sollte sie gehen, wenn nicht nach Hause; sie dachte: endlos ist die
Welt und fr ein Judenmdchen gibt es kein Erbarmen, keine Unterkunft, selbst
ein Ruber darf sie stoen mit seinen Fen. Schlielich stechen sie einem die
Augen aus, wenn sie es fr gut finden, und dann mut du verhungern. Sie glaubte
nicht an diesen Messias, sie glaubte nicht an seine Prophezeiungen, vielleicht
nur deshalb, weil es ihr gelungen war, durch einen plumpen Betrug alle, die um
sie herum waren, im Namen desselben Messias zu tuschen.
    Whrend sie so sann und dabei in den westlichen Himmel sah, teilten sich
dort die Wolken, und auf einmal warf die untergehende Sonne eine Flut
schwefelgelben Lichtes ber das Firmament. Bume, Steine, Wiesen, das Wasser,
der Wald, die Huser in der Ferne, die Kirchtrme, ja die Luft selbst schien
lebendiger Krper zu werden. Da lchelte Rahel und die Spannung ihrer Seele
lste sich. Tiefer Frieden erfllte sie, und sie schlo trumend die Augen.
    Ein Bauer kam von Ronhof her ber das Feld geschritten, der seinen Kopf mit
einem Sack verhllt hatte. Er sah das Judenmdchen am Boden kauern und war so
erschrocken ber den Anblick, den sie bot, da er sich bekreuzigte und
spornstreichs gegen die Huser des Orts rannte. Eine Schar von Juden kam ihm
entgegen, die zum Schwedenstein wollte, um das Grabmal des schnen Joseph mit
Gewalt fortzunehmen, nachdem die Familie beim Schulthei und beim
Friedensrichter mit ihren Bitten abgewiesen worden war. Der Bauer, dessen eines
Auge erblindet war, machte den Juden die Mitteilung, da er eine Hexe am
Schwedenstein gesehen habe. Aber jene erkannten schon von weitem die Tochter des
Knckers, und einer lief zurck, um Maier Nathan zu holen. Der Ronhofer Bauer
hatte schnell erhorcht, da die Juden den Schwedenstein berauben wollten; er
schwang drohend den Arm, lief fort und alarmierte einen Hornmacher, einen
Schneider, einen Goldpltter und zwei Metzger- oder Schlchterburschen, die in
der Nhe des Schieangers ihre Verrichtung hatten. Als Maier Kncker bleich und
atemlos aus der Fischergasse kam, strzten sich Hornschuch, der Kammacher und
Federlein, der Schneider, voll Wut auf ihn, whrend ein paar alte Weiber aus dem
Erdgescho eines grnen Hauses herauskeiften und ihren Ha gegen das
Judengesindel nicht zu zgeln vermochten. Die andern Helden rannten mit dem
Ronhofer Bauern zum Schwedenstein und freuten sich ba auf die bevorstehende
Prgelei; im Laufen verteilten sie die Opfer unter sich und rechneten aus, da
jeder etwa drei Juden zum Prgeln bekommen wrde.
    Es war dunkel geworden: ein milder Abend. Die Sterne blinkten unter den
Wolkentchern hervor; auch der volle Mond stieg im Osten herauf, gerade ber den
Trmen Nrnbergs. Ein olivenfarbenes Licht ging von ihm aus, whrend im Westen
das finstere Not und das bronzene Gold allmhlich verblaten. Wer sich
niederlie auf die Knie oder sich platt auf den Leib legte und aufmerksam
hineinsah in das ebene Land, konnte glauben, da die Erde Atem schpfe wie ein
Mensch, da das melancholische Frankenland gleichsam die Brust der Erde sei, die
sich auf und nieder bewegte in ruhigem Traumschlaf.
    Kaum waren die hndelschtigen Burschen am Schwedenstein angekommen, als sie
erstaunt und bestrzt stillstanden. Der Schelomo Schneiors, der Brgermeister
der Juden, hatte sich seiner Kleider entledigt, und mit einer kurzen Geiel
schlug er wtend auf seinen Krper los. Sein Gesicht war so verzerrt, da es
einen widerlichen Anblick bot, und seine dicken, blutroten Lippen schoben sich,
Gebete murmelnd, hin und her. Sein Krper zuckte vor Schmerz, und die Rippen
quollen heraus unter der magern, verwundeten Haut. Die andern Juden standen
totenbleich um ihn her wie Scharwchter und beugten taktmig das Knie. Behrman
der Levit rief mit einer Stimme, die schrill und unheimlich hinausscholl in den
friedlichen Abend der Felder, eine kabbalistische Anrufung: Der Knig Messias
wird erscheinen, und ein auf der Morgenseite befindlicher Stern wird sieben
Sterne von der Mitternachtsseite verschlingen, und eine schwarze Feuersule wird
vom Himmel herabhangen sechzig Tage lang. Alsdann werden alle Vlker
zusammentreten gegen die Sprlinge Jakobs, und eine groe Finsternis wird in
der Welt sein, fnfzehn Tage lang.
    Mit einem irren Schrei strzte Maier Nathan, den seine Feinde endlich
losgelassen hatten, in den Kreis, ergriff Rahels Kopf mit beiden Hnden,
streichelte sie und fragte mit Todesangst in der Stimme, warum sie fort sei und
ob sie krank sei. Rahel schttelte den Kopf.
    Der Schneider Federlein und der Hornmacher hatten ihren Mut eingebt und
unverrichteter Sache zogen sie mit den andern davon; sie schickten den Ronhofer
Bauern zu Herrn Pfarrer Wagenseil, damit er Bericht gebe und sie wegen des
Schwedensteins keinerlei Verschulden treffe. Die beiden Schlchterburschen und
der Goldpltter, die alle drei sehr gedrckt schienen, wnschten alsbald eine
geruhsame Nacht und der Schneider und Herr Hornschuch gingen allein weiter. Am
Gnsgraben kam ihnen ein Leiterwagen entgegen, dessen Fuhrmann dem Hornmacher
bekannt war, und nun teilte jeder dem andern seine Gedanken mit. Der Fuhrmann
wute befremdliche Dinge zu sagen von Himmelszeichen und vom nahen Ende der
Welt. Es sei gut, meinte er, da es in Nrnberg keine Juden gbe, denn dort
seien die Brgersleute noch halbwegs zu vernnftigen Dingen zu gebrauchen. Er
erzhlte beilufig, da er am Juden-Bhel in Nrnberg einen groen Stein gesehen
habe mit der Inschrift:

Der Stein ist nach den Juden blieben
Als sie von Nrnberg wurden vertrieben
in Wolfgang Eysen Haus, das ist wahr
im vierzehnhundertneunundneunzigsten Jahr.

    Allmhlich wurden die Gassen mondhell. Herber von den Wldern der Veste
wogten herbstliche Dnste. Die Bltter der Bume, ein wenig regenfeucht,
schimmerten silbern und zitterten im Abendwind.
    Fast alle Fenster in den Husern waren erleuchtet. Die Juden schienen
dreifaches Licht zu brennen, und die Christen hatten den unbestimmten Trieb,
wachsam zu sein. Uralte Prophezeiungen waren auf dem Wege der Erfllung, und die
Schwlnis, die vom Morgenland herberkam, war so drckend wie einst vor
sechzehnhundert Jahren, als man Jesus Christus gekreuzigt hatte.
    Junge jdische Mdchen liefen in den Gassen umher mit aufgelsten Haaren;
manche hatten die Brust entblt und ihre Augen glnzten wie von bermigem
Weingenu. Knaben saen in Gruppen vor den Tren und sangen Psalmen und Hymnen
an den Messias. In den Zimmern hatten sich die Greise versammelt und gaben sich
mit tiefer Inbrunst dem Studium der Kabbala hin. Es erhob sich in einem Haus am
Kohlenmarkt der neunzigjhrige Chajim Chaim Rappaport und sprach: Wre er es
nicht, der die Schmerzen von Israel ber sich nhme, wahrlich kein Mensch wre
es zu erdulden imstande. Unsere Krankheiten wird er tragen und alle bel und
Schmerzen nimmt er ab von der Welt. Dann verkndete er, Zabbatai Zewi habe den
vierbuchstabigen Gottesnamen auszusprechen gewagt und der Trke Murad Effendi
sei dadurch bekehrt worden.
    Im Hause des Ober-Rabbi waren fnfzig Mnner und Frauen zu einem Mahl
vereinigt. Je weiter der Abend vorschritt, je ungezgelter wurde der
Freudenrausch, je heier wurden die Kpfe vom Wein, vom Spiel, von Erregungen
seltsamer Art. Viele warfen die silbernen Becher in die Luft und viele knieten
hin und schrien mit heiserer Stimme Gebete. Der Rabbi selbst war es, der zuerst
die Kleider von sich warf und dann der schnen Esther Frnkel das Gewand vom
Leibe zerrte. Ihre Lippen kten sich, wie zwei Ertrinkende hielten sie sich
umschlungen und nahezu nackt schwangen sie sich in einem orgiastischen Tanz
umher. Andere folgten bald dem Beispiel; berall erhoben sich bleiche Gesichter
von der Tafel, glhende Augen starrten fassungslos in die kommende Welt der
Erlsungen: wie wenn ein scheuer Sklave pltzlich die Freiheit empfngt und in
wilder Zgellosigkeit sich selbst zerfleischt und seine eigene Habe zerstrt.
Mnner, die schon an der Schwelle des Greisentums standen, gebrdeten sich wie
Faune. Weiber mit grauen Haaren gaben sich beklagenswerter Verirrung hin. Die
Thelsela Kncker trank fast ohne auszusetzen schweren Burgunderwein, lallte mit
kindischer Stimme hebrische Worte von der Messiasbraut, bis sie besinnungslos
zu Boden sank. Es waren junge Mdchen da, die sich einer rasenden Liebesgier
berlieen, als wollten sie damit die Jahre der Entbehrungen in ihrem Gedchtnis
verwischen. Manche sahen aus wie Furien, die lechzend von Lust zu Lust wankten
und sich schamlos in finstern Lastern begruben. Geschrei, chzen und schrilles
Johlen herrschte und eine scheuliche Musik wurde ausgebt von fnf betrunkenen
Spielleuten. Dazwischen erhob sich ein dsterer Gebetskanon, den drei oder vier
Mnner in einer dunklen Ecke hersagten, oder ein fanatischer Schrei um Erlsung,
der von einem Haus in einer fernen Gasse erwidert wurde. Michel Chased, der
Chassan, hatte die Gesetzrolle von der Schul geholt und tanzte damit umher wie
mit einer Geliebten; er trieb eine lcherliche und furchtbare Unzucht, und als
er keuchend, die andern gleichsam um Atem bettelnd, hinstrzte, bohrte er eine
sthlerne Nadel tief in den Oberarm, da dunkelrotes Blut auf die Gesetzrolle
und auf den Boden rann. Boruchs Kl, Wolf Batsch und die Rumpeln knieten hin
und leckten und schlrften winselnd das halbgeronnene Blut, indes der Chassan
stumm und steif in die Arme seines Sohnes sank. Zwei junge Leute sahen den
bleichen Zacharias Naar durch den Raum gehen, beschwrend die Hnde heben und
wieder verschwinden. Auch der alte Thurathara, dessen gertete Augen stets wie
aus einem dnnen Spalt hervorblinzten, hatte die Erscheinung wahrgenommen und
behauptete, jener habe ein wunderschnes blasses Kind auf den Armen getragen und
lchelnd und heiter habe das goldlockige Geschpf in das schreckliche Treiben
geschaut. Der alte Seligman Schrenz wollte die Ble seiner Tochter bedecken,
wollte sie mit seinem Mantel umhllen; aber jauchzend, mit halbgeffneten Lippen
lief die schwarze Noemi davon, warf sich in die Arme ihrer Freundin, der
Schwester des Schulklopfers, und die beiden Mdchen kten sich, warfen sich zu
Boden und drckten ihre fieberheien Krper aneinander.
    Ein Haus weiter lag der Maier Lambden mit seiner Familie auf den Dielen;
denn sie schliefen nicht mehr in Betten. Bei Tage hllten sie sich in Tcher von
grobem Stoff und hrten nicht auf, zu beten. Es gab Mnner, die sich des
Schlafes gnzlich enthielten und sich Tag und Nacht mit dem Studium des Gesetzes
befaten, denn durch die Tikkunim in der Mitternachtsstunde wurden die Snden
verwischt. Maier Wolf, genannt der Fnkler, und sein Bruder Samuel Fnkler
gingen des Morgens bei dem khlen Herbstwetter hinaus und badeten im Flu, um
ihren Leib zu reinigen. So stieg und stieg die Erregung der Gemter, und es war
bald ein gewhnlicher Anblick, wenn einer nackend durch die Gassen taumelte und
sich geielte, bis sein Krper ber und ber mit Blut bedeckt war.
    Als am Freitag Serapion die Glocke die zehnte Abendstunde schlug, kam die
Familie des schnen Joseph auf dem Lilienplatz zusammen und vier junge Mnner
trugen den Grabstein vom Schwedendenkmal hinweg. Es war eine Menge Menschen
dabei: Frauen und Kinder, die sich mit farbigen Tchern geschmckt hatten und
Freudengebete sangen. Auch viele Mnner hatten sich eingefunden. Im langsamen,
schmalen Zug schritten sie dem Gottesacker zu, an der Spitze die vier mit dem
Stein, der mit goldbestickter Samtschrpe umwunden war. Der Mond lugte ber das
Dach der Michaeliskirche und es war, als msse man berall erst die feinen Nebel
zerreien, bevor man hineingehen konnte in die blaue Nacht. ber dem Flu, weit
hinunter bis an ferne Waldgrenzen lag der Dunst gleich einem weien Gewlbe oder
wie die lange Sulenhalle eines Schlosses. Rote, dumpfe Flecken, wachte dort und
da ein rtselhaftes Licht. Das Wasser rauschte und nichts Bewegtes war zu sehen,
auer den lichten, fast blendenden Wolken am Himmel und dem jdischen Zug an der
Strae.
    Da sie sich den Mauern des Bes Chajim nherten, kam aus dem weitgeffneten
Tor ein Weib mit aufgelsten Haaren gelaufen und stammelte, oft unterbrochen
durch staunende, erschreckte Ausrufe der Zuhrer, ein Geist schwebe ber die
Grber und singe wunderbare Weisen und rufe: Messias, o Messias, o Sabbatai,
Stern der Hhe! Alle blickten angestrengt hinber. Der Grberort lag
ausgebreitet an einer Hgelsenkung und die zahllosen Grabsteine gaben ihm ein
phantastisch zerklftetes Aussehen. Darber hinaus die nebelschimmernde Ebene,
baumlos, huserlos, einem Meer hnlich, darin einsame Drfer wie Toteninseln
lagen.
    Die Juden bemerkten nichts von dem gemeldeten Geist, berwanden ihre
natrliche Furchtsamkeit und schritten ngstlich und zaudernd durch das Tor.
Vorsichtig zogen sie den breiten Hauptweg entlang, immer sphend, zum Grab des
schnen Joseph. Am mutigsten waren die Knaben; sie sangen ein Lied vom Stolze
Zions, und ihre kstlichen frischen Stimmen erfllten weithin die Nacht.
    Das Grab lag an der westlichen Mauer, die hart an den Schindanger der
Christen stie, und wo auch die verurteilten Verbrecher hingerichtet wurden.
Deutlich war die alte Veste mit ihrem dsteren Wald sichtbar und ein fltender
Hornruf klang herein. Der Totengrber kam und Obadia nsel Steinblaser trat als
Vorbeter heraus, um die im Schulchan Aruch vorgeschriebenen Gebete zu sagen.
Aber er fing nicht an; Minuten vergingen und weil die hinten Stehenden sein
Gesicht nicht sehen konnten, drngten sie sich gierig vor. Einige verwnschten
schon die Furcht vor den Christen, die sie veranlat hatte, die Zeremonie zur
Nachtzeit vorzunehmen, und viele Weiber schlossen die Augen, um nichts sehen zu
mssen. Als aber Obadia nsel noch immer keinen Laut von sich gab, nherten sie
sich ihm so dicht sie konnten, und nun sahen sie, da er mit aufgerissenen Augen
und leichenfahlem Gesicht bestndig nach einem Punkt starrte. Sie folgten seinem
Blick und sahen eine weibliche Gestalt bei einem Weidenbusch mitten unter den
Steinen stehen. Die Stille tdlichen Schreckens entstand, als ob alle auf einmal
zu atmen aufgehrt htten; leise und eindringlich erscholl eine Mdchenstimme
von dorther, eine Melodie in einem fremden Rhythmus und einer fremden Sprache.
Der Totengrber und der Rabbi Seligman in der Clau waren die mutigsten, und da
es doch eine menschliche Stimme war, die sie vernahmen, so folgten schlielich
auch die andern Mnner, dann die Kinder und zuletzt die Frauen.
    Niemand erkannte Zirle in dem jungen Mdchen. Nur mit einem Hemd bekleidet
stand sie da und schien doch nicht zu frieren. Wer sie so gewahrte, mute im
Innern jedes Leiden mitfhlen, das sie bedrckte. Aber es war etwas Listiges in
ihrem Schmerz und etwas Begehrliches in ihren klagenden Augen.
    Was willst du hier? liegt wer von den Deinigen hier begraben? fragte nsel
Steinblaser flsternd.
    Ein junges Weib bot ihr ein wollenes Tuch an, aber Zirle wies es schweigend
zurck.
    Hrt, was ich euch erzhlen will, sagte das Mdchen und flchtige Schauer
berliefen sie, whrend sich alle dicht herandrngten.
    Ich bin im Kloster gewesen und Nonnen haben mich gelehrt, an Jesus Christus
zu glauben. Aber als Kind war ich Jdin und meine Heimat war im Polenland. Eines
Tages sind die Christen ber uns hergefallen und unsere Betten schwammen in
Blut. Vater, Mutter, Brder und Schwestern sind aufs grausamste erschlagen
worden. Die Huser brannten, Frauen und Mdchen wurden in den Tempel gesperrt
und kamen in den Flammen um. Ich hrte ihr Rcheln und Wimmern, als ich in einem
Stalle versteckt lag. Die Zeit verging. Und wenn ich gleich Christengebete unter
Christen sagte, ich verga nichts, ein Jude vergit nichts! Wieder eines Tags
entlief ich und Zigeuner nahmen mich auf. Ich lebte bei ihnen wie in einem bsen
Traum und von Stimmen umgeben, die mich riefen in der Nacht. Der Brutigam
wartet, riefen sie, er breitet seine Arme aus und wartet; er ist mehr als Jesus
Christus, er ist selber Gott.
    Und gestern war es, gen Morgengrauen, da kam mein Vater zu mir im Schlaf.
Der Herr der Heerscharen hat dich zur Braut des Sabbatai bestimmt, sagte er. Du
sollst ihm entgegengehen, denn er ist der Stern, der aufgegangen ist aus Jakob,
wie es in der Bibel steht. Den ganzen Tag war ich voll Angst und konnte nicht
Ruhe finden. Und heute lag ich, da kam wieder der Geist meines Vaters und fate
mich mit seinen Hnden an und trug mich hierher.
    Sie streifte das Hemd zurck und zeigte Ngelspuren an ihrem Leib, wo die
Hand des Vaters sie gepackt hatte. Oberhalb der rechten Brust und an der linken
Hfte waren blutige Schrammen.
    Ein langes Schweigen entstand. Sonderbare Scheu hielt jeden ab, das junge
Mdchen anzureden. Stille Schwrmerei, fanatische Glubigkeit, geheimnisvolle
Extase und die Taumel der Bacchanterei, das alles hatten sie gesehen oder
gefhlt. Aber das offenbare Wunder, so dicht vor ihren Augen, machte sie
verdutzt und erfllte sie mit Angst.
    Eine schwarze Menge tauchte in der Richtung des Tores auf und kam mit
dumpf-unruhigem Gemurmel nher. Am Leichenhaus zndeten sie Fackeln an, die
einen blutigen Glanz ber die Gesichter warfen, und deren Rauch die Mondscheibe
verdsterte. Von der Senkung des Hgels kam Zacharias Naar herauf, nahm Zirle
bei der Hand und sagte laut und vernehmlich: Fhre sie, Tochter Zions! Alle,
die da kommen, werden sich dir beugen.
    In den Gassen des Hofmarkts war die Nacht zum Tag geworden. berall standen
aufgeregte Leute. Von Ottensoos, Schnaittach, Unterfarrnbach und Httenbach
waren die Juden hereingekommen. Niemand wute, wie sich das Gercht so schnell
verbreitet hatte, zu Frth habe sich Auerordentliches auf dem Gottesacker
begeben, jede Stunde sei unerschpflich an neuen Geschehnissen. Zwei Juden,
Samuel Ermreuther und Nachman Sandel Mahler, markgrfischer Schulklopfer, hatten
groe kostbare Teppiche auf der Strae ausgebreitet und sie mit Blumen bestreut:
Rosen, Nelken und Orchideen aus dem Treibhaus einer vornehmen Grtnerei.
Girlanden hingen an den Fenstern, und goldene und silberne Leuchter standen auf
den Simsen. Hher und hher, sturmflutgleich, stieg der Aufruhr der Gemter. Da
war ein kluger und vielgereister Jude, namens David Tischbeck, ein Bruderssohn
des Wolf Bieresel; er erzhlte, da berall in deutschen, sterreichischen,
italienischen und spanischen Landen ein so wster Taumel, eine so entsetzliche
Verwirrung herrsche, da niemand wisse, ob nicht sein Nachbar, sein Weib oder
sein Kind in Wahnsinn verfallen sei. Es war, als sei die Luft selbst zu
betubendem Wein geworden, und wer da atmete, wurde auch trunken. Knige
begannen fr ihren Thron zu zittern.
    Im ersten Schein des Frhrots ging Zacharias Naar am Haus des Ober-Rabbi
vorbei, wo noch die Lichter brannten. Erstickte, gequlte Rufe, wilde Schreie,
leidenschaftliche Gebete, schmerzliches Sthnen drangen heraus. Naar ging
versonnen seinen Weg weiter, hinaus gegen Westen, wo die Huser bald im
Morgendunst verschwanden. Der hagere Mann mit seinem spitzen, dtenfrmigen Hut,
der nach der Vorschrift jener Zeit orangegelb mit weiem Rand war, schritt unter
den tiefhngenden sten der Bume dahin und die braungewordenen Bltter gerieten
in leise Bewegung, wenn der Judenhut sie streifte. Zacharias Naar lie sich
unter einem Apfelbaum nieder und starrte ins Morgenrot. Die Ebene schien sich zu
recken und zu dehnen, und der Schlaf flog auf von ihr in Gestalt der Raben und
Krhen. Der Wanderer zog eine schwarze Tafel und einen Stift aus dem Gewand und
mit trumerisch zaudernden Fingern formte er Buchstaben und Worte immer
bestimmter und rascher. Mein Mund ist schwer wie der Mund eines Mrders. Mein
Geist schreit nach dir. Der blasse Morgen drckt deine zitternden Lider zu, da
du kommst. Du liegst schon schlafen, und ich ksse im grnlichen Schein der
Nachtwende dein Gewand. Kraft, Khnheit, Stolz und Genugtuung sind nichts mehr
vor dir. Soll ich lchelnd an den kommenden Morgen denken, wenn du enteilst? Die
Liebe schreitet jauchzend der Finsternis zu und verachtet den Regentag. Was ist
im Himmel und auf Erden, auer der Liebe, Leib der Leiber und Scho aller
Schoe! Die heimliche Glut der Erdbrust wohnt in dir. Ich gehe durch die
Dmmerung, wo die Wetter schlummern, in die jahrlose Einsamkeit der groen
Ewigkeiten hinab. Ich gehe, Gott zu suchen. Hastig fuhr der Stift wieder ber
das Geschriebene und machte es unleserlich. Dann wischte Naar alles mit feuchten
Grsern wieder weg und schaute bitteren Mundes hinaus ins Land, ber dem die
Sonne kam. Zum zweitenmal nahm er den Stift und schrieb bedchtig, bei jedem Zug
den Stift gleichsam in die Tafel eingrabend: Ist ein Gott in diesem leeren All?
Ich will ihm schreien, ich will ihm die Glut meiner Seele opfern. Ist ein Gott,
da er die Unbill rche, die Krnkung des Stolzes, da er den Hfling demtige?
Ist ein barmherziger Vater, der das Feuer stillt, wenn es des Armen Dach
beleckt? Der den Schlfer auf nackter Erde bewahrt, dem frierenden Hund eine
Htte gibt? Ich rufe dich, Ewiger und deine Welten verneinen dich, deine Sonnen
verleugnen dich. Ich suchte dich und nirgends fand ich dich. Die Himmel sind
echolos, wenn ich dich rufe, schweigend starren die Wlder. Allein bin ich
gegangen im Angesicht der Nacht und die Dunkelheit war mein Mantel und meines
Kummers Kleid; breit ist das Meer und tief, und malos dehnen sich die Himmel,
aber du bist nicht. Jahrtausende verschwinden wie ein Lcheln und wer gut ist
verdirbt und die Falschen und Treulosen werden zu Propheten. Aber la es laufen,
das Volk, la es springen zu den Kammern des Todes. Wo bist du Gott? Bist du, wo
das Jahr zeitlos ist, und die Unendlichkeiten zusammenschrumpfen wie Leichname?
Bist du, wo die Sonne aus dem Westen steigt und der Mond aus Brunnen strahlt?
Bist du beim Gastmahl der Toten und hast du den neuen Morgen der Welten
verschlafen? Ach wo lauf ich hin? Der Himmel ist nur in mir. Wo ist Raum fr
meine Seele?
    Als er fertig war, zerschmetterte Zacharias Naar die Tafel am Baumstamm und
streute die Trmmer in alle Winde. Dann erhob er sich und ging den Husern zu.
    Im Schindelhof begegnete ihm ein Zug jdischer Mnner und Frauen mit Kerzen
in den Hnden. Vier Jungfrauen trugen einen Purpurbaldachin, unter dem ein Knabe
und ein Mdchen trippelten, beide noch Kinder. Sie sollten einander vermhlt
werden, denn es war der Glaube jener Zeit, dadurch den Rest der noch ungeborenen
Seelen in die Leiblichkeit eingehen zu lassen und so das letzte Hindernis zum
Eintreffen des Gottesreiches zu beseitigen. Die Kinder, deren Namen Benjamin und
Eva waren, hielten sich fest an den Hnden, und ihre Augen standen voll Trnen;
wenn sie sich einander anschauten, so geschah es gleichzeitig, und sie lchelten
dabei schwermtig wie Menschen, denen eine Strafe bevorsteht, der sie nicht
entrinnen knnen und die sie auch nicht verdient haben. Pltzlich bedeckte sich
Evas Gesicht mit einer glhenden Rte. Die schwarze Noemi kam mit ihrer Freundin
nackt die Gasse heruntergelaufen und trotz der frischen Herbstmorgenluft
schienen ihre Krper hei zu sein von Tanz und Ausschweifungen. Schier
besinnungslos, doch grazis wie Gazellen liefen sie dahin und in jedem Laut
ihres Mundes war etwas Bacchantisches. Die kleine Eva wute sich nicht zu helfen
vor Scham; in heller Verzweiflung schlang sie einen Arm um den Hals des Knaben,
und mit der freien Hand bedeckte sie seine Augen.
    Der sonderbare Brautzug kam in ein buntes Gewhle. ber den Grtnerplatz
ging eine Kinderprozession und jedes Kind trug einen Teller sdlndischer
Frchte, oder Schalen mit Wein oder Backwerk. In diesen Tagen des Wahnsinns ging
auch kein Christ im weiten Umkreis seinen Geschften nach, und keiner, wie
mchtig er auch sein mochte, versuchte den leidenschaftlichen Brand, der unter
dem verachteten und verhaen Judenvolk ausgebrochen war, zu dmpfen, oder gar zu
verspotten. Fremde Musikanten kamen des Wegs, (es wute niemand woher), und
spielten auf Instrumenten, die man vorher niemals gehrt. Alles war zauberisch,
berirdisch, aufregend und bestrzend.
    Unerhrtes begab sich auf dem Platz vor dem Pfarrhof. Dort nahm ein junges
und schnes Mdchen die symbolische Handlung vor, deren Deutung war, da auch
die Tiere eingehen sollten in das messianische Reich. Die Zeremonie geschah mit
einem mchtigen Hunde und das junge Mdchen sang dabei wilde Lieder und schrie
verzckt. Die Zuschauer waren wohl entsetzt oder erschttert oder verwundert,
aber sie empfanden es gleichwohl als einen religisen Vorgang von tiefer Feier.
Mit bleichen Wangen standen sie umher und zitterten vor Grauen. In der Synagoge
blies man das Schofar, und es klang wie ein einsamer Weckruf in alle Gassen,
hinweg ber alle Huser, - wie ein Ruf aus den dunklen Tiefen der Kabbala. Eine
Krone auf dem Haar, kam Zirle einher, mit einem Gefolge wie eine Frstin. Wer
sie sah, glaubte an sie wie an den Erlser selbst. Ein junger Christ namens
Wagenseil, der Sohn des Pfarrers, folgte ihr wie behext auf Tritt und Schritt.
Schlielich sang er das Lob des Sabbatai fast in dichterischen Worten und Zirle
erhrte ihn, noch ehe der Tag zur Neige ging. Ihr Wesen war ohne Schchternheit;
sie hatte etwas Glnzendes in jeder Gebrde. Die Mnner verloren alle Vernunft,
wenn sie vor ihnen stand, und die Glorie der Messiasbraut gab ihrem Wort ein
unwiderstehliches Geprge. Sie kam zu den Fastenden und Betenden und richtete
sie auf. Denn manche wlzten sich tagelang wie Wrmer auf der Erde, enthielten
sich jeglicher Nahrung, oder sie hockten regungslos in den feuchten Winkeln
unterirdischer Gewlbe, hatten Visionen, strahlende Nchte, wie sie sagten,
fromme Gesichte, widerstanden so den Verlockungen des Satans und erfllten zur
Nachtzeit die Luft mit ihren Klageliedern. Ohne zu erlahmen studierten sie alle
Bcher der Kabbala, alle Seiten des Talmud nach neuen und wunderbaren Deutungen;
ihre Weiber, wenn sie nicht zu den Orgien gingen, ergaben sich einem
grenzenlosen Fanatismus, stellten sich auf den Markt unter viele Leute,
stachelten zu nutzlosen Grausamkeiten und nutzlosen Versndigungen auf und
fluchten den Christen bitter. Die Kinder waren sich selbst berlassen, Suglinge
schrien umsonst nach der Mutterbrust und starben bald. Hunger und berflu,
Prunk und Erbrmlichkeit reichten einander die Hnde. Es fand kein regelmiger
Gottesdienst mehr statt, und wenn man gemeinsam vor dem Altar betete, schrie,
forderte, triumphierte, war es einer Schndung des alten Gottes gleich. Zigeuner
zogen umher und vermehrten das Unheimliche und die Verwirrung. Der Papst und der
Kaiser schickten wie in alle Stdte auch hierher Beamte und Abgesandte, die
unverrichteter Sache wieder ziehen muten. Die freie Stadt Nrnberg entbot einen
Hauptmann und fnfzig Reiter, aber den Hauptmann samt seinen Reitern sah man
noch am selben Abend wst johlend durch die Gassen taumeln. Am Flu oben, gegen
Buch zu, wohnte ein ehrwrdiger christlicher Mann von bedeutender Gelehrsamkeit.
Er kannte grndlich die klassischen Sprachen und befate sich auch mit
Astrologie und Alchymie. Die Leute behaupteten, er habe den Stein der Weisen
gefunden und ihn fr einen unermelichen Schatz an den Grotrken abgegeben. Er
wurde befragt, was er von all dem Sturm und Aufruhr halte, und da sagte er: Der
Jd ist ein tolles Tier. So ihr ihn aus dem Kfig lat, frit er euch auf mit
Stumpf und Stiel. So er aber im Kfig bleibt, ist er zahm wie ein Hund. Viel
Verstand hat der Jd und er ist wie ein Blindschleich. So du ihn entzwei hackst,
kriechen zweie hinweg.
    Niemals stand die Anarchie drohender ber den Vlkern, als zu dieser Zeit
der Dmonie und der Ekstase. Da die Nachricht eintraf, die Juden von Frankfurt,
Worms und Mainz rsteten sich zum Aufbruch nach Zion, entstand eine Erregung,
die mit einer langen, inbrnstigen Andacht zu vergleichen war. Alle Sehnsucht
hatte nun ein Ziel bekommen, und jeder einzelne beschlo, dem Rufe des Propheten
zu folgen.
    An demselben Tage, es war Allerseelen, lag Rahel auf ihrem Bette und starrte
stumpf-gleichgltig durch das Fenster in den Abendhimmel. Das Haus war leer; die
Schritte mochten darin nachhallen, denn die Dielen knisterten oft von selbst.
Rahel hatte die Mutter schon seit zwei Tagen nicht gesehen, der Vater war seit
dem Morgen fort. Niemand hatte sich in der letzten Zeit um sie gekmmert, und
keine der jdischen Frauen kam mehr, um stundenlang bei ihr zu sitzen. Aber
darber dachte sie nicht nach. Sie war froh, da wieder die Nacht kam.
    Als es dunkel war, trat Maier Nathan ins Zimmer. Sein Wesen war verstrt,
und bisweilen brach er in kurzes meckerndes Lachen aus. Beim Schein eines
llichts zhlte er sein Geld nach und vergrub spter einen Kasten mit Perlen und
Schmucksachen im Hofe neben dem Brunnen. Erhitzt von der Arbeit, schnaufend und
pustend kam er zurck und setzte sich neben seine Tochter, das Kinn auf den
Griff des Spatens gesttzt. Er seufzte, fuhr mit den Fingern in die Haare,
schnitt Grimassen, sprang endlich auf, warf den Spaten heftig von sich, focht
mit den Armen in der Luft umher und brach in ein glucksendes Weinen aus. Rahel
rhrte sich nicht. Sie war daran gewhnt, seit Zirle erschienen war. Schadai,
Schadai voller Gnade! rief der Kncker aus. Ich habe die himmlische Stimme
gehrt, ich hab sie doch sicherlich gehrt mit meinen Ohren. Gott soll mich
strafen, aber mein Rahelchen ist doch keine Hur! Er kniete vor Rahel hin,
streichelte mit der Hand ihre Haare und stammelte: Mein Rahelchen, mein gutes
Jeleth, mein Engelchen. Mise meschinne ber die Narren, da sie an die falsche
Braut glauben. Sterben sollen sie den Tod durch Aussatz. Und er erhob sich und
rannte wie gepeitscht davon.
    Die Nacht war strmisch. Die Winde kamen von Sden, und drauen in der Ebene
gurgelte es wie in einem Strudel. Der Mond grinste fahl durch geborstene Wolken,
und es war, als ob er selbst sie zerrissen htte und sie aufgelst vor sich her
triebe. Gegen Mitternacht kam ein Herbstgewitter. Flatternde, schwere,
lichtsaugende Nebel fielen nieder, und die Blitze fuhren hinein mit einem
sgelben Leuchten. Rahel sah zu, und ihr wurde bitter in der Kehle vor Grauen;
in der Ferne heulten die Hunde.
    Rahel war mde. Was da drauen vorging in der Welt, sie kmmerte sich nicht
darum. An nichts glaubte sie, mitten in einem Haufen von Wahnsinnigen blieb sie
ruhig und nachdenklich. Doch hatte sie Furcht vor der Zukunft. Was soll aus dem
Kind werden? dachte sie, und was aus mir, wenn sie alles erfahren? Gegen zwei
Uhr, das Gewitter hatte sich verzogen, rief das Schofar die Juden in den
Tempelhof. Zacharias Naar verlas einen Brief des Sabbatai an seine Braut Zirle,
die er Zilla nannte. Es war ein feuriges und sinnlich berschwengliches
Liebesgedicht, und es hie zum Schlu, da er sie samt ihrem Volk, den Lebenden
und denen, welche von den Toten auferstehen wrden, am siebzehnten Tag des
Monats Tamuz zu Salonichi empfangen wrde. Darauf stellte Zacharias Naar drei
Fragen an die schweigende Gemeinde: Ob sie mit Gut und Blut sich dem Messias
ergeben wollten? ob sie die Mhen und Beschwerden der langen Wanderung nicht
scheuen wollten? ob sie ohne Murren und Weigern die Gttlichkeit der
Messiasbraut anerkennen und ihren Befehlen folgen wollten? Ein bebendes Ja aus
vielen hundert Kehlen antwortete. Nun trat Zirle in die Mitte des Kreises, hob
ihre Arme verzckt zum Himmel, und ihr leidenschaftliches Gebet lie die Zuhrer
erglhen vor Sehnsucht und Begierde nach dem Neuen, Groen, Wundervollen, das
fr sie bereit war. Noch wuten sie nichts, was ihnen Sicherheit gab, aber mehr
war es, zu glauben und dem Kommenden begeistert entgegen zu leben. Jauchzend
wollten sie ein Land verlassen, das nur Verachtung und unmenschliche Grausamkeit
fr sie gehabt hatte. Es schien leicht, alles hinter sich zu werfen, wenn im
Osten die Triften der ererbten Wohnsitze lockten, wenn ein kniglicher Prophet
sie zum unverbrchlichen Bunde rief. Hier war kein Vaterland fr sie und konnte
es niemals werden, wie sich auch die Zeiten wandeln mochten.
    Die ltesten der Gemeinde erklrten sich zum Aufbruch bereit; bei Anbruch
des Tages sollte mit den Vorbereitungen begonnen werden. Pltzlich sprang Maier
Kncker, der Nathan, schreiend auf Zirle zu, packte sie bei den Haaren und ri
sie zu Boden. Die andern Juden htten ihn sicherlich in Stcke zerrissen, wenn
nicht sein Weib, die Thelsela und die tugendsame Treinla, des Rabbi Man
Ehewirtin, sich ber ihn geworfen und flehentlich um sein Leben gebeten htten.
    Gleich fernem Brandschein zeigte sich der erste Streifen des Morgenrots und
hoch in der Luft zogen Vgel mit zirpenden Schreien dahin.
    Als Maier Kncker nach Haus kam, fand er seine Tochter schlafend. Aber es
bedurfte nur einer leisen Berhrung und sie erwachte. Ihr Blick war scheu,
verstrt und furchtsam. Gebenscht, ich hab se zugericht, sagte der Nathan mit
stumpfsinnigem Frohlocken. Unbeschrien ich hab'r die Haare ausgerissen, der
falschen Braut. Er sah seine Tochter durchdringend an, schttelte bekmmert den
Kopf und fragte die Thelsela, wie lang es noch dauern knne bis zu Rahels
Niederkunft. Geistesabwesend erwiderte das arme Weib, sie wisse das nicht;
jedenfalls aber noch vier bis sechs Wochen. Gegen Mittag kam der Ober-Rabbi mit
finsterem Gesicht und fnf lteste begleiteten ihn. In harten Worten stellte er
den Kncker zur Rede und gab schlielich Zweifel darber zu erkennen, da Maier
Nathan die himmlische Stimme gehrt habe. Der Kncker begann zu weinen. Sein
leidenschaftlicher Protest und die schwermtige Besttigung der Tatsache durch
die Thelsela stimmten den Rabbi milder und Chajim Chaim Rappaport meinte in
seiner wohlwollenden Art, man knne ja doch das Ende der Schwangerschaft
abwarten; auch sei es nicht ausgeschlossen, da dem Messias zwei Brute bestimmt
seien, obwohl Zacharias Naar ein Gegner solchen Glaubens sei.
    Wenn Maier Kncker sich auf den Gassen blicken lie, sah er sich mit
Mitrauen beobachtet, und seine ehemaligen Freunde gingen ihm aus dem Weg. Nur
die ameisenhafte Geschftigkeit, die berall herrschte, schtzte ihn vor
Schlimmerem. Doch hatte er nirgends Rast. Ein whlender Schmerz ber die
ungeordneten Zustnde bedrckte ihn. Er suchte nach der Reihe seine Schuldner
auf und keifte berall und drohte mit dem Landrichter. Dann eilte er wieder
schnellen Laufs nach Hause, in die Kammern, zu seinen Kostbarkeiten und
Pfandpapieren. Da er sich von allen verachtet fand, nahm die Liebe zu den
Schtzen zu, wie auch ein gewisses trotziges Vertrauen in die Mission seiner
Tochter, und mit zorniger Ungeduld erwartete er die Ankunft der gottgeweihten
Enkelin, berzeugt, da es dabei an himmlischen und weit erkennbaren Zeichen
nicht fehlen werde.
    nsel Obadja und Hutzel Davidla standen am Abend des vierten November
tuschelnd unter einem Haustor und gaben ihren Sorgen Ausdruck ber die
Vernachlssigung jeglichen Gottesdienstes. Wenn es sich zutrgt, da viele
trinken werden, sagte Hutzel Davidla zitternd und seine Mausaugen schauten
glitzernd gegen Himmel, dann hat unser Herrgott uns strafen gewollt. Davidla
gebrauchte das Wort trinken und meinte damit den Tod, denn die Juden reden
ungern vom Sterben, und schon im Talmud Ketuboth steht die Redensart vom
Trinken. Ein gelehrter Chronist, der zu Frth lebte, schreibt: Man frage nicht,
warum sich dieses Volk allezeit so sehr fr dem Tod entsetzet? Dies macht es:
sie wissen nicht, wie sie dem knftigen Zorn entfliehen sollen. Das Sterben der
Juden ist daher allezeit mit Furcht und Schrecken umgeben. Alle, alle mssen mit
Entsetzen fr den Dingen, die da kommen, aus der Welt scheiden.
    Das Laubhttenfest war unbeachtet herangekommen und sah nun in den Taumel
und Wirrwarr der kommenden groen Wanderung. Breite Lastwagen, die von Bauern
drauen oder von Christen im Markt erkauft worden waren, rumpelten
ununterbrochen vor die Huser der Juden. Die streitenden Stimmen der Fuhrleute
mengten sich mit dem Gekeife der Weiber; Pferde, Esel und Rinder wurden mit
vielem Lrm erhandelt; die Gassen lagen voll von zerbrochenem Hausrat, leeren
Kisten, Kleider- und Leinwandfetzen, Stroh, Pergamenten und Spnen. Wenn
Christen vorbeikamen, hatten sie ein finsteres und drohendes Gesicht und sahen
aus, als ob sie die Mittel berlegten, um diese Anstalten zu nichte zu machen.
    Auf einer Kiste sa sinnend der kleine Benjamin und pendelte mit den
Beinchen hin und her. Ihm war unwohnlich. Durch die hohlen Fensterlcher schaute
er in das Haus des Maier Lambden; er sah Kasten auf Kasten getrmt, sah die
Weiber mit weien Tchern um den Kopf hin- und hereilen, wie sie die Schrnke
leerten und das Geschirr verpackten, und er hrte das Silberzeug klirren und den
Lrm von Hammer und Meiel. Daneben stand das Haus von Samuel Ermreuther, der
von seinen Shnen das Dach abtragen lie, denn nichts sollte den Gojim
verbleiben von seinem Gut und Eigentum. Bei Itzig Genhenker hatten sich viele
junge Mdchen zusammengefunden und nhten emsig Wagendecken und Reisegewnder
und sangen alte Gesnge. Stunde fr Stunde zogen arme Juden aus fremden
Ortschaften durch die Hauptstrae, und in der frischen Glut ihrer Begeisterung
vermochten sie nicht lnger Rast zu machen, als es ntig ist, um ein Gebet zu
sagen. Dann eilten sie weiter in ihren Lumpen und mit ihrer jmmerlichen Habe.
    Betrbt ging Benjamin an den Husern entlang. Er blickte in die Grten, in
denen alle Blten verwelkt waren und drre Bltter den Boden bedeckten. Einmal
sah er Eva, seine Verlobte, ber die Gasse eilen, und er ging zu ihr hin. Aber
das Kind, mit aufgestreiften rmeln und gerteten Wangen, schttelte den Kopf
und sagte, sie habe zu viel zu tun, um plaudern zu knnen. Benjamin hatte
Hunger, und weil man ihm daheim nicht zu essen gab, ging er hinaus an den Flu,
wo er Haselstauden wute und wo er sich sttigen wollte. Die Ereignisse, von
seiner melancholischen Stimmung in farbige Dmmerung gehllt, gaben ihm viel zu
denken und er trumte sich mit klopfendem Herzen das Land der Verheiung, wo es
keine Christen gab und keinen Stadtvogt und keine Daumenschrauben und kein
Spierutenlaufen. Wie klar und furchtbar erinnerte er sich des Tages, wo sein
Vater wegen einer angeblich gestohlenen Sanduhr gefoltert worden war. Seinen
Oheim hatten sie aus Nrnberg hinausgepeitscht, weil er dort bernachtet hatte.
Oft hatte die Mutter erzhlt, da ihre Muhme als Hexe verbrannt worden war,
obwohl sie eine fromme und sanfte Frau gewesen war. Dies alles machte ihn
ungeduldig nach Macht und Gre.
    Ein Jubelgesang scholl von den Husern herber. Er hrte eine Weile zu und
fragte sich, warum eigentlich die Juden so verachtet seien. Er kam zu keinem
Schlu. Im Grunde schmerzte es ihn, von diesen Feldern fort zu mssen, wer wei
wie weit. Es war so schn hier! Wie breit und ruhig lag das Land da! Ein
glanzloser Nebel kroch ber die cker und drben lag Nrnberg mit seiner
kaiserlichen Burg, mit seinen starken Mauern, mit seinen schmalen, stolzen
Trmen. Die Huser waren vielleicht aus Marmor gebaut, und die Stoffe und das
viele Gold und die herrlichen Rosse, die Kampfspiele, der Jahrmarkt auf der
Schttinsel, der Metzgersprung, - wie bunt und wechselvoll, wie freudig und
schimmernd alles!
    Die Welt versank allmhlich in der Dmmerung. Er ging heimwrts. Die dumpfe,
drohende Geschftigkeit, die berall herrschte und die immer mehr anschwoll,
erweckte eine unbestimmte Angst in ihm. Bei einer Gartentr lag ein Stein und er
lie sich ermdet nieder. Samson Weinschenk und die Seinen hatten schon zwei
Wagen vollbepackt und saen nun zwischen leeren Wnden. Auch David Tischbeck und
Samuel Schrenz und Hutzel Davidla und Lw Wassertrdinger und Moses Ksbauer und
Maier Wolf: alle waren sie schon fertig und bereit, das fremde Land fr immer zu
verlassen. Der Knabe fhlte gleichsam schwere Schicksale voraus, darum war er
traurig, und es war, als ob von irgendwoher eine schmerzlich schne Musik
erschalle und durch die kmmerlichen Gassen des Judenviertels fliee.
    Er blickte empor und sah Rahel Nathan mit plumpen, aber hastigen Schritten
daherkommen. Sie wollte vorbei, aber Benjamin rief sie an. Da fuhr sie zusammen,
winkte mit beiden Armen ab und wollte schnell weitergehen, - gegen die Huser
der Christen hinber. Doch besann sie sich eines andern und setzte sich neben
den Knaben auf den Stein. Morgen soll es fortgehen, weit du das, Junge?
fragte sie. Er bejahte, aber sie redete nicht mehr, es war, als ob sie sich ganz
in sich selbst verkrche. Der Knabe sah, da sie mit ihren Hnden das Gesicht
bedeckt hatte, und die Ellbogen waren durch das niedere Sitzen tief in den Scho
vergraben. Es fiel ihm ein, da es im Gesetz verboten sei, so niedrig zu sitzen;
nur die Leidtragenden drfen es um ihre Verstorbenen. Da stand er rasch auf.
Aber ehe er sich dessen versah, hatte ihn das Mdchen heftig bei den Armen
gepackt, zog ihn an sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre beiden Hnde und
drckte die glhendheien trockenen Lippen leidenschaftlich auf seinen Mund.
Benjamin glaubte zu versinken, auf seiner Stirn perlte feiner Schwei, der ihn
gleich Nadeln verwundete. Er hrte Rahels Herz wie einen dumpfen Hammer pochen,
die Wrme ihres Krpers strmte auf ihn ber, ihre aufgelsten Haare umhllten
seinen Kopf. Und nun fielen nasse Tropfen auf seine Wangen nieder, und erst
durch das laute Schluchzen des jungen Mdchens ward er schaudernd inne, da es
Trnen waren. Auf einmal stand sie auf, stie den Knaben rauh von sich und eilte
davon.
    In der Rosenga stand ein kleines grnangestrichenes Haus, darin wohnte der
Studiosus Thomas Peter Hummel. Rahel tastete sich mhsam durch die Finsternis
des Flurs. Pltzlich fiel ihr, sie wute nicht warum, ein Vers aus dem Talmud
Taanit ein: Und ich mache allen ihren Jubel still, ihre Feste, Monden und
Sabbate. Heiserer Gesang scholl aus einem Raum im Hintergrund, dann kam ein
wstes Lrmen und Durcheinanderreden, Glserklirren und Zurufe und auf einmal
war es wieder ganz still. Eine weiche, schmiegsame Mittelstimme begann ein Lied
zu singen; Rahel kannte die Stimme, die so verfhrerisch war und von der sie
meinte, da niemand ihr widerstehen knne. Es ist ein' Ros' entsprungen aus
einer groen Zahl, - ein altes Lied voll Trauer und Sehnsucht. Wer es sang,
mute gewi um der Liebe willen leiden. Es war, wie wenn ein Vogel gefangen
sitzt, von dem man wei, da er nur durch Freiheit leben kann, und er sitzt in
einem finstern Kfig und flattert sich die Flgel wund. Das Lied war schon lange
zu Ende, aber Rahel stand immer noch regungslos da, und ein schmaler
Lichtstreifen aus der Trspalte fiel auf ihre Stirn. Pltzlich wurde die Tr
aufgerissen und lachend, in der einen Hand den Weinkrug, mit der andern der
Schar von Studenten am Tisch in der bertriebenen Lustigkeit, die ihm eigen war,
zuwinkend, trat Thomas Peter Hummel heraus. Das Zimmer war von Rauch erfllt,
denn die jungen Leute saen alle mit Pfeifen im Mund und pafften fleiig drauf
los. Hummel schlo die Tr und setzte mit einem Feuerstein ein llicht in Brand,
um in den Keller zu gehen. Als er sich mit dem Lmpchen in der Hand umdrehte,
gewahrte er Rahel. Er erbleichte. Sein kleiner Mund kniff sich zusammen, die
Pupillen erweiterten sich wie bei einer Katze, und endlich stie er einen
dumpfen, fragenden Laut hervor. Wir gehn fort von hier, murmelte Rahel, und
ihr Kinn sank gegen die Brust. Der Student lchelte schnell unter seinem
schwarzen, koketten Bart hervor und sagte, in eine Stube knne er sie nicht
fhren, sie sollte mit ihm in den Keller kommen, und Rahel folgte ihm in den
feuchten Keller hinab. Hummel lie sie auf ein leeres Fchen setzen, nahm ihre
Hand und begann zu sprechen. Das war seine Kunst, zu sprechen. Da verga er sich
selbst und den andern, wute hundert Grnde oder Dinge, an die kein Mensch
dachte oder denken konnte, geriet vom zehnten ins zwanzigste und von da noch
weiter, unterbrach niemals den freien Flu der Rede, setzte, wo es anging, ein
gelehrtes Zitat statt eigener Meinung oder brachte fglich eine bedeutsame
Geschichte von spannender Erfindung an, kurz, er wute das Wort so vollkommen zu
gebrauchen, da er es in knapper Zeit vermochte, ein groes Unglck hchst
winzig erscheinen zu lassen und war im ganzen ein glnzendes Beispiel fr den
Ausspruch des alten Cicero ber die Beredsamkeit. Dabei war seine Stimme leise
und berckend, eindringlich und gleichsam erziehend. Seine Gesten waren rund und
gefllig, gemessen und wohlwollend, besonders wenn er Daumen und Zeigefinger mit
den Spitzen zusammendrckte und den Arm pendelartig auf- und abbewegte. Er
schien nichts als Liebe und Uneigenntzigkeit zu empfinden und alles, was er
sagte, hatte Klang und Vernunft, sozusagen Hut und Schuh, und er vermochte einen
Menschen zu trsten, da er all seine Schmerzen verga und sich so vollgeredet
fand, als habe er am Tisch des Gromoguls die kstlichsten Speisen gespeist.
    Nach geraumer Weile und als von oben das ungeduldige Fugetrampel der andern
Studenten hrbar wurde, erhob sich Rahel und ging wieder. Drauen in der Nacht
erinnerte sie sich dunkel, da Thomas Peter ihr empfohlen hatte, die Juden zu
warnen, es sei etwas im Werk; aber es lie sie khl. Sie fhlte sich wie das
tote Werkzeug in einer fremden Hand. Sie dachte an den Geliebten, von dem sie
eben auf so seltsame Weise ewigen Abschied genommen, und ein Schauer zog ihr die
Brust zusammen und ihr Herz lag wie Blei im Krper. Jenes Haus, das so Teures
fr sie beherbergt hatte, konnte nicht mehr das Bild ihrer Trume verschnen.
Stand doch schon ber seinem Eingang ein roher Landsknechtspruch, neu hingemalt:

Wer so fhrt wie ich, fhrt boe.
Meines Vaters Guett hab' ich versoffen,
Bis auff einen alten Filzhuett.
Der leit da.
Den ofen wer ich aach ball versaufen.

    Die Nacht war kalt. Die Wolken am Himmel hatten in ihrem gelben Leuchten und
ihren kargen Umrissen etwas Wesenhaftes und Persnliches. Vor manchen Haustren
der Christen standen Mnner im Schein dsterer Lichter und berieten ber die
Vorgnge im Judenviertel. Sie schienen besorgt, denn wie auch dies Volk verhat
bei ihnen war, so beleidigten doch all diese Dinge ihr Herrischkeitsgefhl, und
sie glaubten, es nicht zugeben zu drfen, da sich der Knecht so leichterdings
frei mache und davonziehe. Nur die zu Wucherzins Verpflichteten rieben sich
insgeheim die Hnde und beglckwnschten sich zu den so mhelos errungenen
Kapitalien.
    Rahel wagte sich nicht heim. Sie wute nicht, was sie davon abhielt, aber
ihre Seele verging in Furcht. Sie wanderte dahin, ohne ber ein Ziel
nachzudenken. Sie lebte vllig in einer dunklen Innenwelt und die Blicke, die
sie in die erleuchteten Fenster der Wohnungen warf, hatten etwas Irres. Wie so
oft, ging sie in das Haus des frommen Elieser Rappaport, der ihr Verwandter war.
Die ganze Familie sa um den groen Tisch herum; die Wnde waren kahl, die
Schrnke fortgeschafft, Geschirr, Betten, Wsche und Gewnder auf den Wagen
verpackt. Es war unheimlich zu sehen, wie die Menschen um das trbe, rauchende
Licht herumhockten, mit blaen, erwartungsvollen Gesichtern oder mit milden
Gesichtern, in denen gleichsam nur noch eine entfernte, eine fliehende
Sehnsucht, ein schchternes Hoffen leuchtete, und wie sie dem Vorlesen des
Elieser lauschten. Drauen fauchte der Wind und berall klimperte und klirrte es
und oft blkten ngstliche Rinder oder wieherten die Pferde.
    Rahel setzte sich in eine Ecke des Raumes, wo ein Balken aus der Wand
hervortrat. Niemand achtete ihrer. Elieser las aus dem Buch Simchas Chamefesch,
der Seelenfreude, welches zu Frankfurt und zu Sulzbach deutsch gedruckt worden
war. Mit bebender Stimme las der alte Mann die Parabel, die von der Strke des
Glaubens handelt. Einer hat drei gute Freund; einer is sein Leibfreund, der
ander is aach ein guter Freund, un der dritter, den hat er vor gar nix geacht.
Urbizling schickt der Melech, der Knig, einen Boten nach den Mensch, er soll
geschwind zum Melech kommen. Der Mensch derschreckt sehr, denkt, was mu das
bedeuten, als der Melech nach mer schickt und fercht sich sehr un geht zu sein
Leibfreund, der soll mit ihm gehn zum Melech, der will aber nit mit ihn gehn. Da
geht er zu den andern Freund, er soll mit ihn gehn zum Melech, da spricht er,
ich will dich begleiten bis an das Schlo, aber weiter will ich nit gehn. Da
geht er zu den dritten Freund, den er vor gar nix geacht hat. Da spricht er, ich
will mit dir gehn zum Melech un will dich beschermen. Un is mit ihm gangen zum
Melech un hat ihm beschermt. Aso aach die drei Freund; einer das is Geld, der
ander, das is sein Weib un Kind, der dritt Freund, den er vor nix hat gehalten,
das is die Thora, die Gebote, die guten Taten, das acht der Mensch vor nix. Der
Melech das is Got, der Bote das is der Tod, den schickt Got urbizling, soll dem
Menschen seine Seel nehmen. Der beste Freund das is das Geld, das bleibt
derheim, wenn er gleich noch aso viel hat, kann er doch nix mitnehmen. Der ander
Freund, das is sein Weib un Kinder, gehn mit ihn bis ans Grab, schreien un
weinen, kennen ihm nit helfen. Der dritt Freund den acht der Mensch vor nix, der
geht mit zum Melech.
    Die Stimme verklang wie in einer Hhle. Es befand sich aber noch ein Rabe im
Zimmer, der vom alten Elieser aufgezogen worden war und der, lauernd auf einer
Stange hockend, sein dstres Krchzen in die gelehrtesten Disputationen zu
werfen pflegte. Rahel sah den Vogel bestndig an, denn ihr war, als sei ein
menschliches Wesen in ihm verborgen, ja sie dachte: so ist mein Volk wie dieser
Rabe. Doppelt schwarz und doppelt unruhig sah er aus im Gegensatz zu den
glutgerteten Mauern; mitten im Dunkel sa er wie auf einer Insel in einem Ozean
von Finsternis.
    Gebete und Fasten fllten allenthalben die Nacht aus. Es gab freilich
manche, die wieder zaghaft geworden waren und die am liebsten zurckgeblieben
wren, aber zu ihnen kam Zacharias Naar. Es war, als ob er die Schwchlinge und
Feiglinge am Blick zu erkennen vermchte. Es war erstaunlich, wenn er zu ihnen
sprach und sie folgsam wurden wie Hunde, wenn er seine Augen auf sie heftete und
in geheimnisvoller Weise ihre Entschlsse formte wie Ton.
    Der Zug der wandernden Juden nahm nicht ab. Im Osten huften sich Ereignisse
verwirrender Art. Es kam die Kunde, Sabbatai sei zum Sultan der Trkei zu Gast
geladen worden und reise nun in Begleitung seiner zwlf Jnger und einer groen
Schar von gelehrten Talmudisten zu Schiffe nach Salonichi. Eine ganze Flottille
von Smyrnaer Schiffen sei in seinem Gefolge, Ehefrauen htten ihre Mnner
verlassen um seinetwillen, Mtter ihre Kinder, Jungfrauen und Knaben das
elterliche Heim. Gold und Geschmeide flsse ihm zu aus unerschpflichen Bornen,
und die Khalifen der Bucharei, die Frsten Afghanistans und die Rajahs von
Indien schickten Perlen und Geschmeide, Gesandte, Speisen fr seine Festmahle,
Gewnder von Purpur und Seide und Samt. Dergleichen war wie ein Rausch fr das
ganze Judenvolk der Erde. Ihre Erwartung hielt kaum Schritt mit ihrer Freude,
eine sinnlose Vergtterung fr den Menschengott erfllte sie und der Jude, der
so leicht der Raserei in jeglicher Gestalt zugnglich ist, verga sein irdisches
Gut und die irdischen Dinge. Engel bliesen auf Sturmschalmeien und der finstere
Gott der Juden, der Moses erhoben und Pharao gezchtigt hatte, kam selbst, um
dem Messias entgegenzuschreiten. Darum war es kein Wunder, wenn Zirle sich
alsbald zu ungeahnter Hhe emporgerissen fand. Ihre Seele, im Beginn dieser
Mission ein wenig fremd, entstammte sich im Angesicht des Mysteriums. Ihr Wesen
war nicht keusch, wer ihr gefiel, dem ergab sie sich, oft mehr aus Mitleid als
aus Begierde, denn sie sah die Mnner vor sich zerschmelzen wie Wachs. Dennoch
blickte sie mit Schauern hinber in jenes heilige Land, wo der Sohn des Himmels
ihrer harrte, der so schn sein sollte, da niemand ihn anzuschauen vermochte
ohne geblendet zu werden. Sie empfing auf rtselhafte Art Briefe von ihm, deren
Inhalt ihrem Trumen und Wachen eine Flle von Glckseligkeit verlieh.
    Einst ging sie am Haus des Knckers vorbei und sah Rahel unter der Tre
sitzen. Etwas in dem Gesicht des Mdchens zog sie an, vielleicht die hilflosen
Augen oder der bleiche Mund. Sie trat nher, stellte sich vor Rahel hin, nahm
ihre Hand und drckte sie sanft. Rahel schttelte befremdet den Kopf und
lchelte strrisch. Aber pltzlich konnte sie sich nicht mehr zurckhalten: es
war, wie wenn etwas in ihr zerbrochen wre: sie fiel auf die Knie und drckte
ihr Gesicht schluchzend in den Scho Zirles, die sich schmerzlich unzufrieden
fand. Auf der Gasse stand Wagen an Wagen, vollbepackt zur langen, schweren
Reise. Darin, und in den Mienen der alten Mnner, die so besorgt waren, und doch
eine freudige Zuversicht glauben lieen, lag etwas Erschtterndes fr Zirle.
    Der Maier Nathan wurde mit jedem Tag unruhiger, fragte seine Tochter, wann
sie denn glaube, da das Groe sich ereignen wrde, und holte den Rat der Frau
Pesla ein, einer erfahrenen Wehmutter, von der noch in alten Chroniken zu lesen
ist: da sie mit frhem Morgen jedesmal nach dem Tempel geeylet sei, da sie
viele Jahre weder Fleisch noch Wein genossen und ohne Betten auf der Erde lag.
Wenn der Nathan sein Weib betrachtete, die sich einer stillen Schwermut so
ergeben hatte, da sie oft stundenlang mit geschlossenen Augen kauerte, so wurde
ihm bang in seiner Seele und seine letzte Zuflucht waren seine Kostbarkeiten.
Auch tat er alles, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und dies um so mehr,
je strker er die Verachtung empfand, mit der man ihm begegnete. So errichtete
er in einer Nacht einen groen Scheiterhaufen hinter seinem Haus, setzte ihn in
Brand, stand davor wie vor einem Altar und betete, als das Feuer lohend gegen
Himmel stieg. Entsetzt kamen Mnner herbeigelaufen, ihn zu fragen, was dies zu
bedeuten habe. Ich hab' Flachs hineingeworfen, sagte der Nathan, doch kein
Mensch konnte es begreifen. Ich faste, fuhr er fort, wegen eines bsen
Traums, und Rabbi bar Mechasja sagt: Fasten ist dem Traum, wie Feuer dem
Flachs. Alle schttelten spttisch die Kpfe und gingen. Die Gerchte, die ber
Rahel umliefen, wurden hlich und abenteuerlich und bald galt sie fr unrein;
und doch wandelte sie umher wie im Schlaf, dachte der Wochen, wo noch die Liebe
ihren Gang verschnt hatte, wo keine Nacht saumselig genug war fr den frischen
Trunk des Glcks - das aber war vorbei.
    Am Samstag Kreszenz, den achtundzwanzigsten November, sollte der Aufbruch
stattfinden. Frhe des Morgens, lang ehe der Osten sich rtete, versammelte sich
die Gemeinde in der Synagoge. Die heilige Schrift wurde aus der Lade genommen
und der lteste trug sie mit gesenktem Kopf demtig und bleich hinaus, whrend
die Gemeinde Mann hinter Mann betend folgte und der Schammes oder Schuldiener
die Lichter verlschte, die Tre fest versperrte und den groen, hohlen
Schlssel an einem sicheren Ort neben der Klau vergrub. Dann hrte man weinen
hinter vielen Wnden: es galt den Abschied vom Ort der Fron und der Verachtung.
    Unsern der Mauer des Gottesackers kamen die Wagen zusammen. Regen wlzte
sich her im grauenden Tag und der Sturmwind pfiff durch die Wagenzelte. Doppelt
de lagen die weiten Felder in der Dmmerung und die verlassenen Huser schienen
zu rufen, ihre leeren Fenster hatten etwas Ziehendes und Warnendes. Frauen
kreischten auf dem feuchten Plan, Hunde bellten, Kinder wimmerten, die Mnner
riefen nach ihren Angehrigen und die Rinder brllten. Zigeuner gesellten sich
dem Zug bei und sie wurden geduldet, weil sie als Wegweiser dienen konnten; ihre
Weiber riefen sich ihr gellendes Rotwelsch durch den brausenden Wind zu und aus
einem verschlossenen Zigeunerwagen tnte in seltsamer Unbekmmertheit eine Geige
in langen Mollakkorden. Es kam ein Bote und meldete, die freie Reichsstadt gebe
den Durchzug durch ihr Gebiet nicht frei. Das nchste Ziel der Wanderung war
daher die Schwedenveste im Sden. Die Besorgnis wurde laut, die Nrnberger
mchten Soldaten aufbieten, um die Juden zum Bleiben zu zwingen. Manchen schien
es, als ob Geschehnisse sich wiederholten von vieltausendjhrigem Alter. Der
Himmel gab ihnen recht; vor allen Plagen schien die Plage der Finsternis sich
vorzudrngen. Der Tag war angebrochen und doch war es noch Nacht. Die Wege waren
durchweicht und die Wagenrder standen tief im Kot. Zirle, der man eine Art
vornehmer Karosse gegeben hatte, lehnte bleich im Rcksitz. Im strmenden Regen
stand der junge Wagenseil vor dem Gefhrt. Unter groer Feierlichkeit hatte er
gestern den christlichen Glauben abgeschworen und war zum Jnger des Messias
geworden; nun wollte er mit fortziehen, wollte alle Bande der Heimat
zerschneiden, nur um unverwandt in Zirles Antlitz schauen zu knnen. Nicht
beachtenswert erschien es ihm, da sie die Braut des Sabbatai war; darin war so
viel berirdisches und Unsinnliches, da ihn nichts bei diesem Gedanken
beunruhigte. Er wute nicht, da er der Urheber des Verderbens fr die
Auswanderer war. Die stille Grung unter den Christen des Hofmarkts war vom
alten Pfarrer Wagenseil zur offenen Flamme geschrt worden, und noch im Lauf des
Tages entstand ein Einverstndnis mit den Nrnbergischen zur raschen Tat. Nur
die Furcht vor dem Gloriosen und Erhabenen, die in der Stimmung dieser Tage lag,
hatte bisher den feindseligen Arm gelhmt.
    Um den Gottesacker vor frevlerischen Hnden zu sichern, wurde das Tor mit
fnffachem heiligem Siegel verschlossen. Gegen acht Uhr wurde endlich, mitten in
der grten Verwirrung durch ein dreimaliges Hornsignal das Zeichen zum Aufbruch
gegeben. Die Zigeuner hatten sich bereits an die mit Lebensmitteln gefllten
Wagen gemacht und rauften um Fleisch und Brot wie die Wlfe. Keiner verstand den
anderen im Tumult; Ermahnungen und Ermunterungen verhallten fruchtlos. In
manchen Augen tauchte jene geheimnisvolle Verzweiflung auf, die durch einen
unsicheren und brennenden Glanz den Schein von Mut erhlt und sich durch
rastlose Geschftigkeit unkenntlich macht. Der Lrm und das Geschrei erscholl
weit hinaus, scheuchte die Krhen aus den kahlen Feldern empor und die Peitschen
der Krrner schallten durchdringend bis an den Wald hinber und klangen zurck
als ein schchternes Echo. Die Wolken sahen aus wie zerzauste Leinwand und der
ganze Himmel glich einer grauen Wste. Am Kreuzweg nach Unterfarrnbach stie die
kleine Judengemeinde dieses Dorfes zum groen Hauptzug. Bald flatterten schlecht
befestigte Zelttcher im Wind und allerlei leichte Gegenstnde flogen in der
Luft herum. Was half das Beten der Frommen und das fromme Deuten der
Talmudisten? Was half der Glaube und die Begeisterung? Der finstere Judengott
lie nicht mit sich spaen und streckte seine grausame Hand herab, da sie wie
eine Mauer vor jenen sen und verlockenden Zielen stand, die eine
morgenlndische Phantasie herausgezaubert hatte. Oft sa ein Gefhrt fest im
dicken Kot und fnfzig und mehr Mnner muten es unter Anspannung aller Krfte
herausschieben. Ein Wagen diente als Betzelt, und in ihm war auch die heilige
Lade in kostbarem Putz aufbewahrt. Der Ober-Rabbi, der Chassan, die Rumpeln und
Wolf Batsch saen herum und sangen Lieder des Sabbatai. Boruchs Kl in seinem
Wagen hielt sein Weib umschlungen; das Mittagessen, eine fettige Mehlspeise,
stand in einer zinnernen Schssel vor ihnen, aber sie aen nicht, sondern sahen
beide stumpfsinnig in die erkaltende Speise. Dumpfe Schreie schallten in ihre
erbrmliche Behausung; manche hatten ihre Hauskatzen mitgenommen, und die Tiere
miauten unaufhrlich aus unauffindbaren Verstecken. Dann wurde wieder das chzen
des Windes laut; an den sprlichen Baumalleen der Strae flogen die braunen,
nassen Bltter in geisterhaftem Tanz umher, und die ste bogen sich knarrend.
Der Regen prasselte und trommelte auf die dnnen Dcher, die Achsen wimmerten,
an vielen Gespannen standen die Tiere strrisch still und waren nicht
fortzubringen, man mochte sie qulen oder ihnen gtlich zureden. Im Gefhrt des
Maier Kncker war es ruhig, denn die Thelsela kauerte teilnahmslos in einem
Winkel und in einem anderen Winkel kauerte Rahel. Nur der Nathan selbst schien
froh bewegt. Aus irgend einem Grunde schien er glcklich zu sein; er zwinkerte
oft freundlich mit den Augen und fragte: Rahelchen, wann kommt das gldene
Mdchen? das himmlische Tchterchen?
    Nach drei Stunden erreichte die Karawane den Wald, der eine Viertelmeile
entfernt lag. In sanfter Steigung sollte es nun bergan gehen, aber vorher wurde
eine Stunde Rast gehalten. Der Wald war finster, die Zweige trieften vom Regen,
der Boden war schwarz und schlammig. Ein eigentmlich klirrendes Gerusch lief
wie eine Welle durch die Baumkronen. Zwischen den Stmmen in der Tiefe lagerte
aufdringlich die Nacht und bisweilen war der ferne Schrei eines Wildes
vernehmbar oder ein Laut wie das Schlagen einer Axt. Der Himmel war
verschwunden, die Ebene war nicht mehr zu sehen, und Regenschleier und
Nebelschleier machten den Pfad zu einem unsicheren Bilde. Ein Vogel flog auf und
huschte scheu und hastig ins tiefere Gehlz. ber dem sumpfigen Grund lag der
Tod. Fern fhlten sich alle schon der Heimat, ihren Grten, ihren Husern, dem
Bereich ihrer Kinderspiele, dem Schauplatz ihrer Sorgen. Rahel lehnte, mit einem
dicken Wolltuch geschtzt, stumpf in ihrer Ecke. Dennoch fhlte sie etwas in
sich, das sie von allen unterschied; sie fhlte sich edler und besser durch die
vergangene Leidenschaft. Auch empfand sie schaudernd das junge Leben in sich,
tglich mehr, tglich erschreckender, gleichwohl war es so mrchenhaft und
unglaubwrdig, dies zu tragen, da die Seele stark wurde und sich aufrichtete,
als sei sie selbst etwas Krperliches.
    Es ging zur Hhe, wo die Veste stand. Mnner und Weiber waren ausgestiegen
und schleppten sich zu Fu. Die Krrner, die fr schweres Geld gemietet worden
waren, weil die meisten jdischen jungen Leute nicht mit Pferden zu hantieren
verstanden, und die an der nchsten Grenze durch andere abgelst werden muten,
machten bissige und feindselige Bemerkungen. Viele Frauen trugen ihre Kinder auf
dem Rcken, in Tcher eingehllt. Langsam und mhevoll ging es hinan. Das
Geschrei der Fuhrleute erfllte die Luft, die Zigeuner heulten durcheinander,
da es rings widerhallte wie in einem Kessel, und als einmal eine Wildsau ber
den Weg rannte, kreischten die furchtsamen Weiber durchdringend auf, auch Mnner
wurden bla und starrten fassungslos vor sich hin. In halber Hhe begannen die
Steinbrche, die nach dem groen Frieden von Nrnberger Brgern gekauft und
ausgebeutet worden waren. Jetzt galt es, Gestrpp und berhangende ste aus dem
Wege zu rumen, und man mute vorsichtig sein, damit kein Rad dem Abgrund eines
Bruches zu nahe kam. Drunten lagerte schwarzes Wasser und schien brunnentief zu
sein. Der Regen bildete enge Ringe und der Himmel spiegelte sich darin mit
dsterer Stirn. Schutt, Gerll und unbehauene Steine lagen umher; allenthalben
gab es Lcher und tckische Schluchten, Heidekraut und Brennnessel wuchsen an
den Hngen. Die Brche glichen zerstrten Husern von Riesen und hatten etwas so
frisch Verlassenes, da man oft aus einem Abgrund den ungeheuern Leib des
Bewohners auftauchen zu sehen glaubte.
    Es ward Abend. Dicke Pftzen von Regenwasser standen in den Hhlungen des
Weges, die Rder fuhren hinein und das Wasser spritzte hoch auf. Erstaunlich war
es, da noch keiner an eine Rckkehr dachte, da doch nur Peinigungen und Mhsale
zu erwarten standen. Sie blickten unerschttert in die mysterisen Weiten, und
es war eine dumpfe Ergebung, die sie hinauswandeln hie, verstummt vor dem
unhrbaren Gebot eines Hters in der Ferne. Whlten Zweifel in ihrer Seele?
Waren sie zu mde, mit ihren Zweifeln sich abzufinden? Zu stoisch oder zu
sklavisch, den Willen der Idee zu brechen? Zu feige, um sich blozustellen durch
Ahnungen? Ein geduldiger Fatalismus war ber sie gekommen. Als es finster wurde,
erhob sich ein ungestmer Sturm. Die Stmme erzitterten, die Pechfackeln
verlschten.
    Auf einmal, es mochte um die sechste Nachmittagsstunde sein, erschallten von
vier Seiten im Dickicht des Waldes gleichzeitig Trompetensignale. Der ganze
Wagenzug hielt fast mit einem Ruck still. Ein furchtbares Schweigen, eine wahre
Totenstille entstand im Nu. Alle wuten, was nun kommen wrde. Da oder dort, in
einer Lcke des Gehlzes erschien ein Reiter in der Tracht der Nrnbergischen
Brgersoldaten, beleuchtet von den Fackeln, die sie am Bug des Pferdes befestigt
hatten. Mit hhnischem Lcheln betrachteten sie den erstarrten Zug der
Auswanderer; sie verachteten die kriegerische Aufgabe, die ihnen zu teil
geworden war. Die Stimme des jungen Wagenseil erschallte: zu den Waffen, zu den
Waffen! Ein heiserer Schrei, erstickt durch die Erkenntnis der
Hoffnungslosigkeit und des Fehltritts. Da krachte donnernd eine Flinte; der
greise Rabbi Elieser sank, ohne einen Laut von sich zu geben, ins schwammige
Erdreich, und sein altes Blut flo ungehemmt dahin und mischte sich mit dem
Regen. Jetzt wurden die Gemter aufgerttelt. Viele waren pltzlich wie
betrunken. Sie strzten zu den Wagen, packten, was sie gerade fanden: ein
Kchengert, einen Strick, eine Latte, einen Eisenstab, einen Besen, eine
Flasche, ein altes Trschlo, Lenkriemen fr die Pferde, Steine, Stcke und
Baumste, das alles sollte Schutz geben gegen die Waffen gebter Landsknechte.
Nur zehn oder zwlf hatten Flinten aufzufinden vermocht, aber da sie nicht mit
der Hantierung vertraut waren, ergriffen sie sie vorn am Lauf und schwangen die
Kolben drohend in der Luft. Doch schon knallten die Nrnberger von allen Seiten
ihre Gewehre los und ein Knabe und zwei Frauen folgten dem Elieser in den Tod.
Die Weiber begannen ein herzzerreiendes Weinen; ihr Wehklagen mu tief in den
Scho der Erde gedrungen sein, denn noch heute hrt man es zur Nachtzeit dort in
den Wldern. Die Zigeuner allein verstanden zu schieen, aber sie hatten kein
Ziel, denn die Pferde der Angreifer waren beraus unruhig und sprangen geqult
von Baum zu Baum, whrend sie im Fackelfeuer ihre eigenen Schatten vor sich
tanzen sahen. Viele alte Mnner hockten mit fanatisch glnzenden Augen im Wagen,
wo sich die Bundeslade befand, kten die Schrift mit bebenden Lippen, beteten
und sangen Psalmen. Die Kinder verkrochen sich unter die Rder, betubt vor
Schreck. Einer der Angreifer schrie auf seinem hockenden Gaul etwas von Ergeben
und Umkehren, aber seine Worte verhallten, worauf er Befehl zu neuem Feuern gab.
Nun muten Boruchs Kl und Wolf Bieresel an den Tod glauben und fielen hin und
streckten sich aus. Mit ihren lcherlichen Waffen liefen die Juden auf ihre
grausamen Feinde zu und frchteten weder Sterben noch Wunden. Sie sahen nicht
mehr, hrten nicht mehr, sie schrien hebrische Worte und ihre wunderliche
Kleidung gab ihnen etwas Gespensterhaftes. Ein Teil strzte zu Boden ber
Knorren und Wurzeln, denn das Erdreich war glatt und schlpfrig, die nassen
Zweige schlugen ihnen ins Gesicht, und dann lagen sie da und wlzten sich in
konvulsivischen Zuckungen. Nichts mehr schien zu helfen, eine blutige Nacht
schien im Nahen zu sein, da gellte pltzlich eine wie toll kreischende Stimme:
Feuer! der Wald brennt! Und: der Wald brennt! der Wald brennt! lief es weiter in
der Kette. Die Tannenstmme am zweiten Steinbruch waren wie von innen
erleuchtet, in der Tiefe des Forstes stieg ein breiter Lichtkegel empor, ruhig
und blendend. Die Luft war durchdrungen vom Purpur der Flammen, die nassen
Bltter glnzten, das nasse Moos flimmerte. Schlngelnde Flammen spiegelten sich
jh im nachtschwarzen Moorwasser. Aufsteigend und aufsteigend wie aus einem
unerschpflichen Schlund vermehrte sich die Kraft der Feuersbrunst. Das feuchte
Holz prasselte und knatterte, die Flammen leckten gierig von Baum zu Baum,
angetrieben durch den sausenden Sturm, der von den Feldern herauffegte. Es wurde
drckend hei; als ob sie aus den Wolken hervorgetreten wren, erschienen die
Ruinen der Schwedenveste zwischen den Feuern. Schrei auf Schrei erschallte,
Schreie grlicher Angst, wie sie der Wald niemals vorher und niemals nachher
vernommen hat. Die Gule der Landsknechte heulten mit Tnen, die stundenweit ins
Land dringen und rannten unaufhaltsam den Abhang hinunter durch Gestrpp und
ber Felsen. Ein junger Reiter, der Sohn des Nrnberger Stadtschreibers, blieb
mit seinen langen Haaren an einem Ast hngen, whrend das tolle Ro weitersauste
zur Tiefe. Hilflos, mit stets schwcher werdenden Rufen hing er wie einst
Absalom und mute die Flammen heranschleichen sehen, die ihn beleckten bei
lebendigem Leib. Unter den Juden war die Verwirrung so gro geworden, da viele
geradewegs in das Feuer hineinflchten wollten; die mit Pferden bespannten Wagen
rollten hinter den entsetzt fliehenden Tieren davon und wurden halb
zerschmettert; schmerzliches Sthnen drang aus allen Ecken und die Zigeuner
machten sich den Wirrwarr zu nutze und stahlen, was ihnen unter die Faust kam.
In der grten Ratlosigkeit erschien Zacharias Naar. Er stellte sich vor die
Fliehenden, erhob die Arme und vermochte ihren Lauf zu hemmen. Er fhrte sie so
sicher durch die Flammen, als ob ihm diese aus Ehrfurcht den Weg frei gben und
alle folgten ihm wie Lmmer dem Hirten, und ruhig zogen die Fuhrleute die Wagen
nach.
    Im Wagen des Maier Kncker lag ein neugeborenes Wesen auf der bloen Diele.
Rahel, durch die Hufung von Schrecknissen erschttert, war mit einer Frhgeburt
niedergekommen. Sie lag regungslos auf nacktem Stroh, whrend drauen der groe
Tumult wie Laute aus einer fernen Welt zu ihr kam. Sie hrte, wie die beiden
Ochsen vor dem Gefhrt angstvoll blkten; ein feiner Lichtschein, der strker
und strker wurde, fiel in den Raum, aber auch das vermehrte ihr Wohlbehagen. Es
war ihr, als stnde der Geliebte neben ihrem Lager und streichle sie, und sie
sah einen alten, gepreten Lederdeckel vor sich schweben, den sie oft in seiner
Wohnung gesehen hatte, und der etwas Fremdes und Liebliches, etwas Mrchenhaftes
an sich hatte. Thomas Peter hatte sie oft zum Heiland bekehren wollen, aber was
war ihr der Heiland und was war ihr selbst der Gott ihrer Vter neben der Liebe,
die sie empfunden! In ihr sang und klang es stolz von alten Liedern mit einem
sen, hallenden Kehrreim, da der Abend im Mai kommt und die Blten zart
umhaucht und die stille Nacht von Erwartung schwer ist.
    Holpernd rollte der Wagen gleich den andern unter der Leitung von Zacharias
Naar ins Tal. Wortlos kniete Maier Kncker vor dem Neugeborenen und achtete
nicht das durchdringende Quietschen des Wurms. Er war vllig zusammengebogen,
der Nathan, und schien nur noch ein Haufen von Kleidern. Er hatte die Fuste
geballt wie zum Schlag und bisweilen zitterte er am ganzen Krper. Das Wesen,
das vor ihm sich wand, war ein Knabe. Sonst vermochte er nichts zu denken. In
seinem Innern war ein Loch und um ihn herum war es kalt und finster. Ihm
gegenber sa sein Weib. Sie hatte Hilfe geleistet bei der Geburt. Sie war durch
nichts bewegt worden. Es schien, als knne sie durch nichts mehr in der Welt
berrascht werden, nicht durch Reichtum und Kleinodien, nicht durch Schmerzen
und die Wandlungen des blinden Schicksals.
    Die Bauern standen auf den Feldern und sahen hinauf in die brennende Hhe
und in den glhenden Himmel. Scheu wichen sie zurck vor den Juden, die sich
langsam zu sammeln begannen. Aus allen Richtungen kamen die Verstreuten und
fanden sich mit Freudenrufen ein. Fr die Nacht wurde ein Lager bereitet; die
Zigeuner, deren Hilfe jetzt ntig gewesen wre, waren spurlos verschwunden.
Zacharias Naar stand sinnend an einem Ginsterstrauch und lchelte trb seinem
Werk zu, dem brennenden Wald.
    Noch in der Nacht kam eine groe Menge von Bauern, mit Sensen, Beilen und
Knppeln bewaffnet und sie konnten nur mit Mhe und unter groen Opfern an Gold
und Silber auf friedlichem Weg zum Abzug bestimmt werden. Am Mittag des nchsten
Tages wollte man aufbrechen und den Marsch beschleunigen, um den
Feindseligkeiten der Nrnberger zu entgehen und sich zum Weiterzug in den Schutz
der Markgrafen von Onolzbach zu begeben. Der Morgen sollte der Bestattung der
Toten gewidmet werden. Das Kind des Wolf Batsch und die Frau des Samuel
Ermreuther waren in der Eile im Wald liegen geblieben und ihre Leichen waren
verbrannt. Die Familie des Elieser war die ganze Nacht an der Leiche des Greises
gesessen, whrend die Frauen an den Sterbekleidern nheten. Auch in den andern
Wagen, in denen es Verstorbene gab, blieb das Licht brennen zu den aufrichtigen
Trnen der Trauernden. Oft klang der Schrei des Wildes aus der Hhe des Waldes
herab, wo sich das Feuer beruhigt hatte; ber der Ruine lag eine Rauchkrone, und
die noch glimmenden Stamme leuchteten herrlich in die weite Ebene hinein.
    Der Morgen kam. Die Grber waren rasch gegraben, denn das geschieht bei den
Juden mit Hingebung, weil sie alles fr ein gutes Werk ansehen, was fr einen
Verstorbenen geschieht. Die Weiber muten in der Behausung bleiben, sie durften
nicht mitgehen bei Begrbnissen, auer den nchsten Blutsverwandtinnen, und
denen durfte sich whrend dieser Zeit kein Mann nhern, weil es hie, der Engel
des Todes tanze mit dem bloen Schwert vor den Weibern her. Bevor der Krper in
den Sarg gebettet wurde, bego man ihn dreimal mit Wasser, und ein alter
Chronist sagt schon, da dies etwas anderes bedeute, als eine uerliche
Reinigung. Feierlich erklingen dazu die Worte des Propheten: ich will rein
Wasser ber euch sprengen, da ihr rein werdet von eurer Unreinigkeit, und von
all euren Gtzen will ich euch reinigen. Und als die Begieung geschehen, fate
der Chassan den Krper bei der groen Zehe an und kndigte ihn der Gesellschaft
der Menschen vllig auf. Dann wurde der Leichnam mit weien Kleidern angetan,
sein Haupt wurde mit dem Gebetstuch bedeckt und so wurde er in den Sarg gelegt.
Und weil die Juden alle Erde auer der Erde Kanaans fr unrein achten, so
bedeckten sie die Augen des Toten mit einer weien Erde, die aus dem heiligen
Land sein soll, und auf die Erde legten sie zerbrochene Scherben von Tpfen.
Dann wurde der Sarg zum Grab getragen, und es war blich, ihn auf diesem Weg
dreimal niederzusetzen. Und jeder Freund warf drei Schaufeln Erde in das Grab,
und der nchste Blutsverwandte zerri seine Kleider. Der Totengrber nahm dabei
sein Messer und schnitt oben einen Ri in das Kleid dieses Leidtragenden, der
dann den Ri mit der Hand vollendete.
    Die Sonne brach hervor aus den Nebeln, und leuchtend lag das Land. Langsam
schritten die Leidtragenden zurck, wuschen dreimal ihre Hnde, weil sie sich
mit dem Tod verunreinigt haben und rissen dreimal Gras aus, um es rckwrts
hinter sich zu werfen.
    Die Zurckkehrenden wurden mit der Nachricht empfangen, da Maier Kncker,
der Nathan, in Wahnsinn verfallen sei. Der Eindruck dieser Kunde war nicht tief,
um so weniger, als Zacharias Naar vor dem Aufbruch in Worten von eindringlicher
Kraft den Mut und die Zuversicht schwellte wie der Sturm das schlaffe Segel. Sie
vergaen Not und Mhen wieder und weihten sich von neuem dem Glauben an die
groe Zukunft, an die Macht und Unumstlichkeit des Langgehofften,
Langentbehrten. In solchen Stunden des Vertrauens wirkte jede Herbstzeitlose,
die kmmerlich aus den Feldern grte, als ein Freudezeichen, jeder Sonnenstrahl
hatte etwas Liebenswrdiges und Ergreifendes. Der eine Mensch macht den andern
gut und froh; es ist ein stummes Zureden unter ihnen, ein wortloses
Sichbestrken. Es ist, als ob das Unglck sie nun geweiht htte zum Dienst des
Glcks.
    Mit gutem Mut zogen also die Juden im Schein der Herbstsonne ins Tal der
Rednitz hinunter. Drei Wagen, - die des Obadja nsel, des Hutzel Davidla, des
Simon Frnkel, - waren schon frher aufgebrochen und bildeten die Vorhut. Sie
fuhren nicht mehr so langsam wie am vorhergehenden Tag. Die weien Wagendecken
leuchteten freundlich in der Landschaft, der Wald stand in seinem matten Grn
wie eine niedere Wand am Horizont, der Himmel war klar und lichtbegossen, und
die Helligkeit strmte verschwenderisch ber die Gefilde. Weit drben lag die
alte Kadozburg und auf der andern Seite, kaum noch als zarter Umri erkennbar,
das Kaiserschlo von Nrnberg.
    Da sah der Hauptzug, wie die Vorhut im Gelnde stille hielt. Maier Lambden
hielt die Hand ber die Augen und sagte, er sehe eine Anzahl fremder Wagen, die
aus einem Gehlz herausgefahren kmen. Jetzt stiegen mehrere auf die Kutschbcke
und sahen aufmerksam hinaus. Den meisten schlug das Herz in der Brust; sie
frchteten einen neuen berfall. Der junge Wagenseil, der vortreffliche Augen
hatte, sagte, es seien Leute in fremdlndischer Kleidung, aber er hielte sie fr
Juden. Dann sagte er, Obadja nsel ginge den Vordersten der unbekannten Karawane
entgegen. Dann sahen alle, wie sie sich trafen, und wie sie kurze Zeit
miteinander redeten. Und dann sahen sie, wie der Obadja nsel die Arme
ausbreitete wie ein Ertrinkender und hinfiel wie ein Stock. Und dann liefen zwei
nach und redeten ebenfalls und schienen in Weinen auszubrechen und gebrdeten
sich wie Verrckte. Zirle stand und schaute unablssig in die Ferne, wo diese
Bilder spielten und pltzlich stie sie einen markerschtternden Schrei aus, als
ob sie alles durch die Lfte vernommen htte und sank vom Wagen herab. Die
vordersten Wagen kehrten um, kehrten zurck und in kurzer Zeit hatte sich ein
ttender Bann von wildem Schmerz um die vorher so wanderungslustigen Menschen
gelegt.
    Sabbatai Zewi war zum Islam bergetreten.
    Der Prophet, der seine Zeit beunruhigt hatte wie eine seltene
Himmelserscheinung, hat bei Zeitgenossen und Nachwelt nur den Schatten des
Geheimnisvollen hinterlassen. Wenn nicht seine auerordentliche Schnheit die
Welt trunken gemacht, so war es doch der Zauber seines Geistes, die Gre seiner
Seele oder das Hinreiende seiner Worte. Oder wre es nichts dergleichen
gewesen? Es gibt Stimmen aus jener Zeit, die ihn dem Teufel gleich erachten oder
einem schlechten Schauspieler oder einem Wrfelspieler oder einem Lsternen oder
einem Charlatan. Aber wer kann den Beweggrund seiner Handlungen kennen? Die
Geschichte, wie ein leichtglubiges Frauenzimmer, lt sich betren von der
Fabel und von der Fama und das ist gut, denn wie sollte der Nachgeborene die
Flle erdrckender Wahrheit ertragen, die sie ihm sonst nicht vorenthalten
knnte?
    Der fremde Zug, der den Weg der Frther Juden so jh gehemmt hatte, war ein
kleiner Teil der Wiener Juden, die um diese Zeit von Kaiser Leopold des Landes
verwiesen worden waren. Die Verzweiflung der Juden war gro. Es war, wie wenn
ein hoffnungsvoller Sohn pltzlich hinstirbt, auf den man alles gesetzt, von dem
man alles erwartet, und der nun geht. Doch es war schlimmer. Es war mehr als der
Tod, schrecklicher als der Tod, etwas, das die ganze Haltlosigkeit des Lebens in
einem grellen Blitz zeigte. Die Juden sind ein starkes und strrisches Volk;
doch sind sie nur gro, wenn ein wenig Gelingen bei ihnen wohnt, und sie sind
nicht lange gro, denn sie brechen leicht in dem Erstaunen ber ihre eigne
Gre. Auch Sabbatai Zewi war ein Jude, vielleicht das klarste Bild des Juden,
ein Stck Judenschicksal.
    Viele zogen wieder nach Frth zurck. Einige Familien der sterreichischen
Vertriebenen, die groe Not litten und furchtbare Entbehrungen hinter sich
hatten, siedelten sich nebst einigen jungen Leuten aus Frth in dem stillen Tale
an. Bei ihnen blieb Thelsela, das Weib des bldsinnigen Maier Nathan, mit ihrer
Tochter und ihrem Enkel, der der Stammvater jenes denkwrdigen Menschen wurde,
von dem in den folgenden Blttern die Rede ist. Die Thelsela war zu mde
geworden, nach der stiefmtterlichen Heimat zurckzukehren, an der Seite der
Christen zu leben und stets durch den Ort, wo sie gelitten, an die Reihe ihrer
Leiden erinnert zu werden. Sie verkaufte ihr Haus und baute dort drben ein
neues. Sie wollte nichts mehr vom Leben; sie trug ihre Tage knechtisch und trug
still.
    Jener Ort, der mit Erlaubnis des freundlichen Herrn von Onolzbach gegrndet
wurde, hie zuerst Zionsdorf, welcher Name dann durch die einwandernden Christen
in Zirndorf umgewandelt wurde. Er gedieh, die Felder um ihn herum waren
fruchtbar und gern bereit, die anvertraute Saat zehnfach zurckzugeben.
    Zacharias Naar und Zirle blieben fr immer verschwunden. Ihr Leben verlor
sich in eine Folge von Sagen und schlielich wurden auch ihre Taten sagenhaft.
Geschlecht auf Geschlecht erstand und verblhte, und eine neue Zeit kam. Und das
Kommende war immer grer, freier und vollendeter, als das Vergangene, und der
Jude, anfnglich nur Knecht, wert genug, den Futritt des belgelaunten Herrn zu
empfangen, tat seine Augen auf und ersphte die Schwchen und erriet die
Geheimnisse dieses Herrn. Da griff er alsbald mit seinen Hnden hinein in die
Maschinerie der Vlker und ihrer Gerichte und ihrer Kriege und oft verrichtete
er ungesehen kaiserliche Dinge, wenn die Monarchen schliefen und die Minister
schwach waren. Sabbatai wurde ein Moslem, und manche sagen zum Schein. Der Jude
wurde ein Kulturmensch und manche sagen zum Schein. Manche sagen, der Verderber
und der Verfhrer sitze in ihm und er verstnde die Bhne dieser Welt besser als
ihre Erbauer. Dies ist sicher: ein Schauspieler oder ein wahrer Mensch; der
Schnheit fhig und doch hlich; lstern und asketisch, ein Charlatan oder ein
Wrfelspieler, ein Fanatiker oder ein feiger Sklave, alles das ist der Jude. Hat
ihn die Zeit dazu gemacht, die Geschichte, der Schmerz oder der Erfolg? Gott
allein wei es. Vor den Blicken tut sich ein unermeliches Bild auf, denn das
Wesen eines Volkes ist wie das Wesen einer einzelnen Person: sein Charakter ist
sein Schicksal.

                                 Erstes Kapitel


Im Jahre achtzehnhundertfnfundachtzig fing es in den Ebenen der Rednitz und
Pegnitz einige Tage nach Maria Himmelfahrt an zu regnen, und es regnete fast
unaufhrlich bis Mitte August. Die Saaten gingen zugrunde und alles Land war ein
einziger See. Bis ins Tal der Zenn hinein erstreckte sich die berflutung und
nach Norden in die Erlanger und Bayersdorfer Gegend. Graugelb und gurgelnd
schlug das Wasser gegen die Eisenbahndmme; die Fustege waren weggerissen, die
Htten am Ufer zerstrt; tagelang sah man Bretter und Balken und Fetzen von
Schindeldchern mit der Strmung hinuntertreiben. In der Fischergasse und am
Schieanger in Frth beleckte das Wasser die Huser, fllte die Keller und
schlug drohend an die Schwelle kleiner Krmereien oder an die Wohnungen der
Goldschlger, deren Gehmmer sonst mit anziehender Taktmigkeit das ganze
Viertel erfllte.
    Wie eine geheimnisvolle Berginsel sah der Vestnerwald mit seinem viereckigen
Turm in das berschwemmte Land. Wenn man von dort aus gegen Zirndorf
hinunterblickte, ragten nur ein paar Pappeln oder die Bume einer
Obstanpflanzung oder quer durcheinander geschichtete Hopfenstangen oder der
Pfahl, worauf bei Schtzenfesten der bemalte Adler befestigt wird, aus dem
Wasser hervor, das gelbschimmernd dalag, ohne sonderliche Bewegung wie ein
matter Spiegel. Das Dorf selbst war zum grten Teil verschont geblieben, weil
es etwas hher lag. Kein Rauch stieg aus den Schloten der Ziegelei am Eingang
der Hauptstrae. Die roten Dcher sahen ergeben in das helle Grau des Himmels,
und die Krhen, die mit unruhigerem Flgelschlag als sonst auf-und abflogen,
stieen schmerzlich-gellende Schreie aus.
    Den Wirten im Dorf ging es schlecht bei diesen feuchten Zeiten, besonders
Srich Sperling, dem Sebalderwirt und Herrn Ambrunn, der die glserne Burg
besa. Das Turnerfest war auf den nchsten Sommer verschoben worden und die
Frther Kirchweih stand vor der Tr, wo ohnehin wieder alles Geld in die Stadt
wandern wrde. Als der Burgwirt keinen andern Ausweg sah, schickte er bei den
Juden herum und lie sagen, da er koscheres Fleisch zum Aushacken bringen
werde. Der Bauer litt gleichfalls schwer unter der Wassersflut und mancher, dem
bislang eine selige Talerflle im Beutel geklappert, schlich nunmehr gebckt und
finster ins Wirtshaus, um seinen Groll zu vergessen.
    Zwischen Altenberg und Zirndorf wurde der Verkehr durch Boote vermittelt,
und an einem Donnerstag fuhren zwei Khne ungefhr gleichzeitig, der eine von
Zirndorf, der andere von Altenberg ab und befanden sich einander in Sehweite,
noch ehe jeder hundert Meter zurckgelegt hatte. Der Wind strich bers Wasser
und warf lautlose Wellen auf. In kleinen Entfernungen erhoben sich die
Chausseebume aus der Flut, und das dnne Zweigwerk hing trauernd nieder und
wurde vom Wasser besplt. Die Bume zeichneten den Weg vor und die Boote
nherten sich einander rasch; das von Zirndorf kommende, in dem Srich Sperling,
seine zwei Knechte, der Milchmeier von Altenberg, der Metzger Frhwald von Frth
und ein fremd aussehender junger Mann saen, glitt schneller dahin als das
andere. Sie waren sich auf zehn Schritte nahe gekommen, und Srich Sperling
schrie eine Warnung hinber; doch es lag etwas Gehssiges in seiner Stimme, und
es hatte den Anschein, als suchte er das kleinere Boot zu kentern. Die Bedrohten
wichen furchtsam aus, aber Srich Sperling, der das aus einer alten
Kohlenschaufel verfertigte Steuer handhabte, richtete die Spitze des Kahns gegen
die Breitseite des andern Fahrzeugs, und dieses stie daher ziemlich heftig an
einen Baumstamm. Gleichzeitig ertnte ein entsetzlicher Schrei aus fnf oder
sechs Kehlen, und ein junger Mensch von etwa siebzehn Jahren strzte kopfber
ins Wasser. Lat das Judenpack ersaufen, sagte Srich Sperling, und die zwei
Knechte und Herr Frhwald begannen zu lachen, whrend sie hastig davonruderten.
Selbst der schwarzbrtige junge Mann lchelte, offenbar nur um seinen
Reisegefhrten gefllig zu sein. Dann warf er stirnrunzelnd den Rest einer
Zigarre ins Wasser und sah mit angestrengten Blicken nach der Stelle des Unfalls
zurck. Etwas Dsteres und Drohendes glomm in seinen Augen, als er die Anstalten
beobachtete, unter welchen die jdischen Mnner den Verunglckten aus dem Wasser
zu ziehen suchten.
    Dort herrschte groe Ratlosigkeit, der Kahn wurde vom anschwellenden Wind
und von einer leichten Strmung fortgetragen, und die Kpfe waren so verwirrt,
da der eine Ruderer das Fahrzeug dahin und der andere dorthin lenkte. Keiner
konnte schwimmen. Wasser war ihnen das unfehlbar totbringende Element; und als
Elkan Geyer in heller Angst um seinen Sohn den Rock von sich warf, um in die
Flut zu springen, hielten ihn sechs Arme zurck, wobei das Boot fast zum Kippen
gekommen wre. Pltzlich stie Brman Schrot einen Freudenschrei aus. Agathon
tauchte empor, erfate den weit berhngenden Ast eines Birnbaumes, dann
schnellte er aus dem Wasser und kletterte mit erstaunlicher Behendigkeit ins
Gezweig des Baumes. Als er oben sa, streckte er seinen Kopf wie aus einem
Korbgeflecht heraus und sah spttisch ins Boot. Komm, Agathon! rief Elkan
Geyer mit der schchternen Zrtlichkeit eines Schuldbewuten.
    Mag nicht! schallte es kurz zurck.
    Aber komm doch! bat Elkan erschrocken. Er kannte den wunderlichen
Starrsinn seines Sohnes.
    Ich will nicht. Ich will nicht mehr in euer Boot.
    Aber Agathon, deine Kleider sind na, du wirst totkrank werden.
    Gut, so will ich totkrank werden.
    Hopp, mein Junge, hopp! rief Isidor Rosenau entschlossen und befehlend.
    Ich will euch etwas sagen, rief Agathon ernst. Ich werde warten, bis
Srich Sperling zurckkommt und wenn es Nacht wird, und wenn es morgen wird. Ich
will ihm sagen, da er ein Hund ist, ich will ihm sagen, da er es ben mu.
Ihr lat euch ja alles gefallen. Wenn sie euch die Ohren abreien, kt ihr
ihnen noch die Hand. Zu Hause knnt ihr dann schimpfen.
    Aber Agathon, komm doch, flehte Elkan Geyer. Du kannst doch nicht droben
sitzen bleiben bis in die Nacht, Gott behte.
    Ich bleibe sitzen, beharrte Agathon und seine Augen funkelten.
    So eine Verrcktheit! rief Isidor Rosenau entrstet. Er packte sein Ruder
und stie den Kahn vom Baum. Elkan Geyer schlug jammernd die Hnde zusammen und
bat die Ruderer umzukehren, aber diese lachten ihn aus.
    Der Kahn flog rasch gegen das Dorf und Elkan Geyer wartete ungeduldig auf
die Landung, um allein wieder zurckfahren zu knnen. Den Kopf in die Hand
gesttzt, sah er vertrumt hinaus gegen den Horizont, wo ein trbes Rot die
Wolken zu sumen begann und sich auch im Wasser spiegelte mit einem seltsam
schwanken Schein. Es war berhaupt etwas Vertrumtes in Elkans Wesen; in seinem
Blick lag flehende Hilflosigkeit; sein frhergrautes Haar war Zeuge davon, da
er alles zu Herzen nahm, woran andere nicht lange tragen. Ja, wenn es andere
fortwarfen, hob es Elkan Geyer erst auf, und er wute seine Angelegenheit immer
von einer Seite anzugreifen, von wo sie milingen mute.
    Agathon fror auf seinem Baum erbrmlich. Aber er verzog keine Miene, wenn
ihn auch schauderte in den nassen Kleidern; er machte ein Gesicht, als gelte es,
sich vor den eigenen Leiden zu verstecken. Friedlich gluckste das Wasser; bei
langem Hinlauschen war es, als plauderte es immer in demselben mden Tonfall mit
hellen, wiederkommenden Lauten.
    In diesem Augenblick hatte er eine wunderliche Erscheinung. Aus dem Wasser
hob sich ein Krper, die Arme breit in die Luft gestreckt, das Gesicht
sehnschtig nach oben gerichtet. Lautlos wuchs die Gestalt herauf und ihre
Muskeln schwollen wie unter einer gewaltigen Anstrengung. Daneben zeigte sich
ein kleines Mnnchen, spitz, winzig, mit einem geflligen Grinsen auf den Zgen,
in bestndigen Verbeugungen begriffen, und es reichte der groen Gestalt die
Hand. Aber als diese die Hand nahm, sank sie tief und tiefer ins Wasser, wich
angstvoll zurck, strauchelte und verflchtigte sich im Dunst, der in der Ferne
ber dem Wasserspiegel lag. Mit vorgestrecktem Hals starrte Agathon hin und
atmete tief auf, da er nichts weiter sah als die glatte Flche und kein Gerusch
vernahm als das klagende Glucksen des Wassers.
    Als es zu dmmern anfing, wurde ein Ruderschlag hrbar. Elkan Geyer kam.
Agathon zgerte nicht mehr und lie sich ins Boot hinab. Sie fuhren heim auf der
stillen Flche, ber die es langsam hindunkelte, und sprachen kein Wort
miteinander. Die Krhen flogen ums Boot, lautlos und gengstigt, und bisweilen
war das Wasser von einer Schicht gelber Bltter bedeckt. Die Rte am westlichen
Himmel glich einer schmalen Schleife und wurde zusehends trber und einige
Wolken lagerten dort, die sensenschwingenden Mnnern glichen. Am Kirchhof
landeten die beiden, schritten die kotige Strae des Dorfes hinauf und traten in
ein kleines, grngestrichenes Haus, das dem Verfall keinen Widerstand mehr bot
und in jeder Stunde zusammenzubrechen schien. Das Dach drckte schwer auf Giebel
und Mauern, und die unregelmigen Fenster glichen schielenden Augen. Elkan
Geyer schritt durch einen finstern Gang mit brchigen Ziegelsteinflieen, an
vielen Tren vorbei in die Kammer, wo Obstvorrte und Spezereien fr den
Kramladen aufgestapelt lagen. Eine sonderbare Mischung von Gerchen herrschte:
es roch nach frischen pfeln und alten Stoffen, nach schlechter Schokolade, nach
eingemachten Frchten, nach Essig und Konserven, nach geruchertem Fleisch und
Kaffee. Dazu lag feiner Mehlstaub in der Luft, und dunkelgrnes Tuch war ber
groe Kasten gebreitet.
    Agathon war seinem Vater gefolgt, der den Kerzenstumpf anzndete und
bekmmert in das drftige Flmmchen schaute. Mit seiner mden Stimme begann er
zu reden: da ihm wohl sein ltester das Leben leichter machen knne, als er es
tte, und wie er, Agathon, sich eigentlich die Zukunft vorstelle? Daran lge
jetzt alles, mehr als alles; es sei bitter ernst und er, Elkan, werde jetzt alt
und es werde ihm schon schwer, das viele Schulgeld aufzubringen. Auch drfe er
sich nicht schlecht benehmen gegen Srich Sperling, denn er, Elkan, sei tief
verschuldet bei diesem Mann, so da er sich keinen Rat mehr wisse. Niemand wolle
helfen, auch nicht Enoch Pohl, der es doch wahrscheinlich vermchte. Elkan Geyer
sagte mehr, als er beabsichtigte; er sah endlich, wie Agathons Glieder
zitterten, vielleicht nicht nur der nassen Kleider wegen. Schnell gebot er ihm,
sich umzukleiden, aber er solle es so anstellen, da die Mutter nichts merke.
    Gedankenvoll ging Elkan hinaus in den kleinen Hof, der zwischen Haus und
Gemsegarten lag, und trotzdem es schon ziemlich dunkel war, traf er seinen
Schwiegervater noch bei der Arbeit. Enoch Pohl war zweiundachtzig Jahre alt,
aber er bte noch immer sein Handwerk als Seiler aus. Er wanderte noch tglich
den langen Weg nach Frth, doch zu keiner Zeit hatte er eine Nacht unter fremdem
Dach geschlafen, niemals hatte er fr lnger als zehn Stunden das Dorf
verlassen. Er kannte keine Sehnsucht als die nach dem Gold, und Gefhlen anderer
Art war er verschlossen. Die Welt, in der er lebte, veraltete ihm nicht, und er
dachte auch nicht an den Tod. Er war fromm, d.h. er ging allmorgendlich und
allabendlich zum Gottesdienst, um das Gebetstuch, das er seit neunundsechzig
Jahren um die Schultern legte, von neuem zu kssen und das halbzerfetzte Buch
mit den braungewordenen Blttern von neuem aufzuschlagen.
    Einige Sterne zuckten unter schnellen Wolken auf. Die Luft war satt von
Feuchtigkeit und hatte etwas Durchdringendes. Das Laub des wilden Weins war
blutrot und leuchtete durch die Dunkelheit. Von der glsernen Burg herber
schallte das Geschrei der Zecher, und einer sang mit simpler Geduld und in
flennenden Tnen immerfort dieselbe Melodie: spinn' spinne Tchterlein. Die
Abendglocken begannen zu luten; bald klang es fern, bald klang es nah.
    Enoch Pohl hatte eine kleine, verrostete und verbogene Laterne angezndet,
holte eine Wanne herbei, die mit Schafsdrmen angefllt war und bedeckte sie mit
einem tellerartigen Holzsturz, den er zur Beendigung seines Tagewerks mit Fugen
fr die Henkel des Bottichs versehen hatte.
    Nun, Vater, flsterte Elkan Geyer und sah ngstlich auf die Hnde des
Alten, die mit braunen Flecken und langen Haaren bedeckt waren.
    Enoch schwieg.
    Und wenns Jette erfhrt? murmelte Elkan. Schlielich ist sie doch dein
Kind.
    Sie waa ja nix, erwiderte Enoch mrrisch.
    Sie wirds bald wissen. Srich Sperling ist ein Halsabschneider.
    Wrst nit leichtsinnig gewesen. Mer htten keine Scheuer zu bauen
gebraucht. Ich kann der nit helfen. Ich ha ka Geld.
    Elkan rang stumm die Hnde. Dann sagte er: Du hast so vielen das Messer an
die Gurgel gesetzt, Vater. Und jetzt bist du erbarmungslos gegen die eigenen
Kinder.
    Enoch richtete sich langsam auf und machte eine abwehrende Armbewegung.
Gleich darauf ging er ins Haus. Die Laterne zitterte in seiner Hand und sein
Schatten schwankte hinter ihm auf dem schwarzen Erdreich.
    Im Wohnzimmer rauchten die Kartoffeln auf dem Tisch, und zwei Heringe lagen
in gelber Brhe auf einer Schssel.
    Die Kinder hatten blecherne Teller vor sich, die alt waren und unappetitlich
aussahen. In der Ofennische brodelte der Kaffee und sein Geruch vermischte sich
mit dem bergelaufener und verbrannter Milch. Der Raum war niedrig und schwl,
und eine von Tagen aufgehufte Unordnung herrschte. Die Mbel standen krumm und
schief, die Dielen waren rissig, und durch die gardinenlosen Fenster schaute
unbehindert die schwarze Nacht und wer sonst noch wollte herein. Dennoch zeugte
alles von der Hand einer bemhten Hausfrau, die nur zu schwach war, ihren
Bereich zu regieren. Sie beherrschte auch ihre Kinder nicht, das sah man schon
an den Gesichtern der Kinder, die so unbekmmert dasaen, als ob sie niemals zu
gehorchen brauchten. Sie griffen gierig in die Schsseln und wenn eines ein
greres Stck Hering erwischte, erhob das andere ein neidisches Zetergeschrei.
Eine Katze schlich unter dem Tisch herum, rieb sich an den Stuhlbeinen und stie
bisweilen ein begehrliches Miauen aus, woraus die dicke Bauernmagd schadenfroh
kicherte. Wo ist denn Agathon? fragte der Knabe, ein lockiger Pausback von
fnf Jahren. Frau Jettes Mund verzog sich rgerlich. Red nicht, wenn dus Mund
voll hast! schrie sie. Wie alle Frauen, die von ihren Kindern tyrannisiert
werden, suchte sie durch grundlose Heftigkeit ihre Schwche zu bemnteln. Enoch
Pohl kam mit md-tappenden Schritten herein, pustete sein Laternchen aus und
stellte es in den Eckschrank, der zugleich als Waschbehlter diente, wusch sich
die Hnde und sprach das bliche Gebet. Niemand beachtete ihn. Da er den Tisch
besetzt fand, lie er sich in die Ecke des Ledersofas fallen, seufzte und sah
mit glanzlosen Augen in das Ofenloch, aus dem der purpurne Feuerschein zitterte.
Warum singt denn der Mann immer, Gropapa? fragte der Pausbckige. Enoch
murrte und schttelte den Kopf. Was singt er denn, Gropapa? - Sei still!
schrie Frau Jette wieder und klopfte mit der Faust auf den Tisch, da alles
klapperte. Spinn', spinne Tchterlein, singt er, flsterte dem Pausbckigen
schchtern die ltere Schwester Mirjam zu, ein Kind von groer Schnheit.
Pltzlich sprang Enoch auf, ergriff mit einem Satz das Ktzchen bei seinem
aufgerichteten Schwanz, ffnete die Tr und warf das quietschende Geschpf an
die gegenberliegende Flurwand. Da trat Elkan Geyer auf die Schwelle und warf
dem Alten einen schmerzlichen Blick zu.
    Eine Fensterscheibe klirrte leise. Aller Blicke wandten sich hin. Mirjam
stie einen Schrei aus, Frau Jette blieb der Bissen im Mund stecken. Srich
Sperling, murmelte Enoch. In der Tat war es das rote Gesicht des Wirts, das zu
einer breiten Fratze verzerrt, augenlos und mit plattgedrckter Nase
hereinstierte. Elkan Geyer wurde totenbleich und machte einen Schritt gegen das
Fenster, doch da war Srich Sperling schon wieder verschwunden. Mirjam lief dem
Vater in die Arme, der das Kind aufhob und es kte. Enoch rckte sich in seinem
Sofawinkel zurecht, um geduldig zu warten, bis am Tisch ein Platz fr ihn frei
wrde.
    Wo ist Agathon? fragte jetzt auch Frau Jette und blickte ihren Mann
forschend an. Elkan Geyer sah sich erstaunt um, stellte das Kind auf die Erde,
und ein Schatten von Besorgnis ging ber seine Stirn. Er ffnete die Tr und
rief Agathons Namen in den Flur; keine Antwort. Frau Jette wollte hinausgehen,
aber Elkan hielt sie zurck, schlug die Tr zu und setzte sich an den Tisch, um
zu essen.
    Er machte ein verdrieliches Gesicht, als vor dem Haus Lrm ertnte und
gleich darauf die Rosenaus Mdchen hereinstrmten, die sich stets aus irgend
einem Grunde atemlos und erhitzt gebrdeten. Ihnen folgte ihr Bruder Isidor:
wrdig, ernst, gemessen. Er trug einen steifen englischen Hut, Krawatten nach
der neuesten Mode, umgestlpte Hosen und hellgelbe kotbedeckte Schuhe. Seine
Finger waren mit Ringen bedeckt und seine Uhrkette war schwer von goldenem
Behngsel. Er hatte etwas Impertinentes in seinem Wesen wie ein Mensch, dem
nichts in der Welt mehr neu ist; er ging in der Stadt am liebsten dorthin, wo
man ihn nicht kannte, und nichts beglckte ihn mehr, als wenn man ihn fr einen
Christen hielt. Klara Rosenau berichtete hastig die neueste Neuigkeit: ein
junger Mann wohne seit gestern im Dorf mit der Absicht, ber den Kauf der
Ziegelei zu verhandeln. Er sei sehr schn und heie Stefan Gudstikker, doch
niemand wisse, was es sonst fr eine Bewandtnis mit ihm habe. Bei der Nennung
des Namens begann Frau Jette zu zittern, lehnte sich kraftlos zurck und schlo
die Augen.
    Elkan Geyer und Isidor standen beim Ofen und flsterten miteinander. Der
schwchliche und furchtsame Elkan schien von wilder Beredsamkeit ergriffen, aber
Isidor zuckte fortwhrend die Achseln, und sein Gesicht wurde grausam und kalt.
    Und wenn er mir das Haus wegnimmt und das letzte Stck Brot, was soll ich
tun? jammerte Elkan, wer wird helfen?
    Isidor nickte mit schaler Teilnahme und klimperte mit den Talern in seiner
Tasche. Und Elkan Geyer fuhr fort: Der Srich ist nicht wie Glubiger sonst,
das mu man nicht glauben. Es ist ein eigner Geist in ihm. Er kommt herein und
in seinen Augen funkelts vor Ha. Er kommt herein, streckt seinen Hals, lacht,
knipst mit den Fingern, er ist unheimlich, jawohl, aber er hat etwas Edles an
sich wie ein Lwe. Man mte einmal von Herzen mit ihm sprechen, vielleicht will
er gar nicht das Bse.
    Die Frauen und die Kinder unterhielten sich abseits. Nur Enoch blickte starr
auf die beiden Mnner und sein gelbes Gesicht mit dem struppigen Bartrand schien
versteinert. Er grmte sich, da man ihm nichts zu essen gab und weil alle
seiner vergaen wie eines abgebrauchten Hausrats. Sie lauern auf meinen Tod,
dachte er, aber ich werde noch lange nicht sterben. Das Ktzchen miaute vor
der Tr. Er hrte es nicht; in dunklen Bildern stieg Vergangenes herauf und
mischte sich mit Bildern der Gegenwart.
    Ach ja, euern Agathon hab ich gesehen! rief pltzlich Helene Rosenau. Und
sie schilderte nun einen sonderbaren Auftritt, dessen Zeugin sie gewesen und der
die Zuhrer mit stummer Erregung erfllte. Da sie merkte, da das Vorgefallene
am Ende wichtiger war als sie geahnt, suchte sie durch theatralisches Gebaren
ihr langes Schweigen vergessen zu machen.
    Srich Sperling war vor seinem Haus am Kirchenplatz gestanden und sein
Gesicht war gertet vom Feuer der Schmiede gegenber. Da ging Lmelchen Erdmann,
ein kleines altes Jdchen vorber und sein Kpfchen wackelte betrbt hin und
her. Srich Sperling rief, es solle zu ihm kommen. Und als Lmelchen sich
furchtsam aus dem Staube machen wollte, ging Srich hin und zog es bei den Ohren
zu seiner Treppe. Er stierte dem Kleinen lange in die Augen, und sein Mund
begann zu lcheln. Hin ist hin, sagte er und machte mit dem Arm eine
unbestimmte weite Gebrde. Ich bin ein Mann, mit dem's die Welt verdorben hat.
Wenn ich einen Juden seh', kocht mein Blut. Ich kann die Juden riechen, wie der
Hund das Wild. Schmied komm mal rber, leg' den Kerl da unter deinen Ambo. Der
Schmied trat ins Freie und nickte Srich freundlich zu, der den Kopf des
Lmelchen niederzog, da das Mnnchen zu schreien anfing. Pltzlich trat Agathon
Geyer aus dem Schatten des Brunnens, strzte auf den Wirt zu und spie ihm ins
Gesicht. Srich Sperling lie sein Opfer los, packte Agathon, nahm ihn wie ein
Paket und verschwand mit ihm im Haus. Der Schmied lachte, die Mgde am Brunnen
lachten; alle fanden den Sebalderwirt hchst spahaft.
    Und war er denn nicht ein prchtiges Menschen-Exemplar? Er ist ein Germane,
das Urbild des Germanen, sagte Professor Brnotte in Frth, der Philologe.
Srich Sperling hate die Juden unbeschreiblich; jede Gebrde, jede Stimme, jede
Handlung eines Juden regte ihn auf wie Wein. Es war unerhrt und wunderlich;
keines Menschen Erfahrung wies einen hnlichen Fall auf. Er war ein Tier: wild,
stolz, unbezhmbar, keinem Vernunftgrund der Welt zugnglich. Niemals hatte er
vor einem Herrn den Nacken gebeugt; nie war er wie andere junge Leute seiner
Abkunft Knecht gewesen. Es gab Leute, die sich frchteten, wenn jemand von der
Regierung ins Dorf kam; sie frchteten ein Unglck fr den Regierungsmann und
fr den Wirt. Denn Srich Sperling verachtete den Adel, verachtete das Gesetz,
verachtete den Pfaffen und verachtete die Obrigkeit. Er war ein Sohn der groen
Natur rings umher, der groen Ebene, die sich riesenleibig dehnt. Doch war sein
Gemt kindlich, und er war leicht zu lenken. Oft war er rtselhaft in seinem
Wesen, schrie und tobte und war innerlich traurig. Sein Vater soll ein Riese
gewesen sein, und von seiner Mutter erzhlte man sich seltsame Dinge wie von
einer Messalina. Srich Sperling pate nicht in das enge Dorf. Das Urbild des
Germanen fand hier kein Bett, worin es bequem ruhen konnte.

                                Zweites Kapitel


Kaum hatte Helene Rosenau berichtet, was sie gesehen, als Elkan Geyer seinen Hut
vom Nagel ri und hinausrannte. Die Kinder begriffen nicht, worum es sich
handelte und blickten scheu und fragend umher. Isidor stand leise und verlegen
trllernd am heien Ofen und tippte mit den Fingern an die Kacheln. Der alte
Enoch war still; sein Blick hatte sich umschleiert; es war, als ob die
bengstigende Stimmung von ihm ausflsse.
    Elkan eilte die Gasse hinunter. Am Brunnen standen noch immer schwatzende
Jungfern. Das Wasser lief pltschernd in den Trog, und der dnne Strahl war
blutrot im Widerschein des Schmiedefeuers. Srich Sperling hockte vor seinem
Haus auf den Steinflieen, hatte das Gesicht zwischen die Hnde geklemmt und
starrte unverwandt hinber in die Esse, vor deren Glut die Gesellen schwarz hin-
und hereilten. Elkan Geyer ging hin zu ihm und fragte: Was haben Sie mit meinem
Sohn gemacht? Reden Sie! Srich Sperling schwieg, er erhob nicht einmal die
Augen. Elkan wiederholte seine Frage, aber der andere ffnete den Mund nicht,
machte keine Bewegung, blieb starr wie im Schlaf. Sein Gesicht hatte den
Ausdruck eines Menschen, der in tiefem Nachdenken begriffen ist oder eines
Kranken, dem man den Tag seines Todes vorhergesagt hat. Was ist mit ihm
vorgegangen? dachte Elkan und er wagte es, diesen Feind an der Schulter zu
rtteln. Er htte nicht den Mut dazu gehabt, wenn ihn nicht Furcht und
Verzweiflung getrieben htten. Da richtete sich Srich Sperling auf und ging
schweigend ins Haus. Elkan, der sich nicht getraute, ihm zu folgen, zitterte vor
Besorgnis. Er ging hinber zu den Mgden. Sie sagten, da Agathon kurz zuvor
Srich Sperlings Haus verlassen htte. Erleichterten Herzens aufseufzend, kehrte
Elkan den finstern und schmutzigen Weg zurck.
    Frau Jette kam ihm im Flur entgegen; ihre Augen fragten angstvoll, ihr Mund
nicht. Die Rosenaus hatten sich mit Trostsprchen entfernt; wenn es nicht mehr
munter und witzig herging, wurde es ihnen unbehaglich. Ist er nicht da? stie
Elkan heftig hervor, indem er in die Stube trat und sich unruhig umsah. Niemand
antwortete. Aber kaum hatte Frau Jette die Tre hinter sich geschlossen, als sie
leise wieder aufging und Agathon hereintrat. Sofort gewahrten alle, da in
seinem Gesicht etwas war, das sie vorher nicht darin gesehen hatten. Er schlich
mehr, als da er ging, sagte weder guten Abend, noch sonst eine Silbe, setzte
sich neben seine Schwester Mirjam, der er flchtig schmeichelnd bers Haar
strich, nahm einen der erkalteten Erdpfel von der Platte, schlte ihn und
begann zu essen. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, aber er schien nichts
davon zu bemerken. Mit bleiernem und glanzlosem Blick guckte er auf seinen
Teller und a anscheinend mit Ekel und berwindung. An seinem Hals war eine
blutige Schramme.
    Wo warst du? fragte Elkan Geyer mit richterlicher Wrde und trat an den
Tisch. Seine Stimme bebte. Agathon sah seinen Vater ausdruckslos an und fuhr
fort zu kauen. Frau Jette hatte sich, den Kopf auf den Arm gesttzt, weit ber
den Tisch gelegt und sah ihren Sohn durchdringend an.
    Woher hast du die Schramme? fragte Elkan Geyer weiter und sttzte beide
Fuste auf den Tisch. Seine weichen, guten Augen begannen zu funkeln. Auch Enoch
trat jetzt herzu, schob den Kopf Agathons mit der Hand so weit zurck, da ihm
das Gesicht aufwrts zugewandt war und blickte ihn finster an. Agathon schlug
die Augen nieder. Woher hast die Schramme? brach Frau Jette mit ihrer
kreischenden Stimme aus. - Vom Baum, murmelte Agathon. Elkan Geyer verfrbte
sich und sprach pltzlich zum Erstaunen der andern von den Erfolgen seiner Fahrt
nach Altenberg.
    Agathon erhob sich und verlie das Zimmer. Sag' mir um Gotteswillen, was
der Junge hat! klagte Frau Jette. Elkan stand am Fenster. Ihm war, als she er
den Wasserspiegel in der Ferne oder spre den feuchten Hauch der Flut. Sein Herz
wurde eng.
    Er folgte Agathon, denn der Gedanke an ihn bedrckte seine Sinne. Er ffnete
eine Tr des finstern Flurs und kam in eine kalte, kahle Kammer, wo auf einem
hochbeinigen Holztisch eine Kerze stand. Agathon war ber ein dickes Buch
gekrmmt, die Finger in den Haaren verwhlt. Es war das Neue Testament. Kaum
hatte Elkan das Buch angesehen, als er es mit einer wtenden Bewegung packte, es
unter den Armen Agathons hervorzerrte, die einzelnen Bltter zerfetzte und den
Band in eine Ecke warf. Das tust du! Das tust du mir! flsterte er atemlos.
Agathon schwieg, wandte die Augen nicht von denen seines Vaters und vernderte
nicht seine kauernde Stellung. Elkan empfand pltzlich eine unerklrliche Furcht
vor ihm, setzte sich auf den Bettrand und fragte schchtern: Was hat er mit dir
gemacht der Srich?
    Agathons Augen funkelten. Er schttelte den Kopf und sah begierig in den
schmalen Spiegel an der Wand, als ob er jede Vernderung seines Gesichts
studieren wolle.
    Kannst du's nicht sagen? Deinem Vater?
    Nein.
    Ja, aber -!
    Nein. Warum hast du denn das Buch zerrissen?
    Weil es Snde ist, es zu lesen, Snde gegen den Gott Israels. Woher hast
dus?
    Snde? Was Millionen glubig wissen, kann doch nicht fr irgend einen Snde
sein. Du sagst, Israel ist Gottes Lieblingsvolk? Er beschtzt es vor allen
andern?
    Ja.
    Das ist Unsinn und Lge.
    Agathon!
    Ja! Alle Vlker hassen uns und ich glaube, Gott hat uns ebenfalls.
    Was fr Reden!
    Wir haben Jesus gekreuzigt und -
    Wir -! nicht wir Agathon.
    - aber wenn wir es nicht getan htten, wre er nicht Jesus Christus. Sie
haben uns also Jesus Christus zu verdanken.
    Natrlich.
    Trotzdem fluchen sie uns, fuhr Agathon fort, und wir haben kein
Vaterland.
    Warum nicht? Hier ist unser Vaterland! Deutschland! Uns beschtzt der
Kaiser und das Gesetz.
    Kaiser und Gesetz sind nicht Deutschland, Vater. Und wo man beschtzt
werden mu, ist man nicht daheim.
    Du bist ein Klgler. Das Leben ist einfacher, als die Klugheit eines
Knaben.
    Ich bin kein Knabe mehr, Vater. Wenn uns das Volk lieb htte, wren wir
nicht so wie wir sind. Wir sind Unebenbrtige in diesem Land und wir sind doch
mehr als sie, strker als sie! Wieder funkelten seine Augen und es lief ein
Zittern durch seinen Krper; er stand da, sein schmales Gesicht war verzerrt,
seine Hnde waren ineinander gekrampft, und er stie einen Laut des Grauens aus.
Elkan blickte verstrt umher, aber er gewahrte nichts. Er packte Agathon bei den
Armen, schttelte ihn und begegnete seinem ausdruckslosen, starrenden Blick.
    Die Tre knarrte, und Frau Jette kam herein. Sie sagte, ein armer Gast sei
gekommen und wolle fr die Nacht Unterkunft. Fast willenlos verlie Elkan das
Zimmer. Als er wieder den Flur entlang schritt, berfiel ihn beklemmend das
Gefhl seiner Not. Morgen wrde ihn Srich Sperling pfnden lassen, und selbst
die kleine Krmerei, die den Bedarf fr den Tag deckte, wrde verloren gehen.
Htte er nur seiner Kinder Geld bei Lwengard bekommen knnen! Er berlegte, wie
er dies anstellen knne.
    Der Fremde stand im Zimmer und murmelte Gebete; seine Augen flogen gierig
ber die schmutzigen Bltter des Buches und sein Gesicht hatte einen
bertriebeninbrnstigen Ausdruck. Als er fertig war, wurden seine Mienen finster
und feindselig; er beantwortete alle Fragen so kurz als mglich, schaute keinem
ins Gesicht und als die Magd mit den aufgewrmten Kartoffeln kam, wandte er sich
ab und bedeckte das Gesicht mit den Hnden, um nicht durch den Anblick einer
Christin verunreinigt zu werden. Sein Hut, den er whrend des Essens aufbehielt,
war alt und zerlchert.
    Alle gingen zur Ruhe, auch der Fremde, der in der oberen Kammer am Giebel
eine Bettsttte bekam. Immer klang es wie Wasserrauschen und Wellengepltscher
herein ins Dorf; Regen strmte herab, dann war es wieder still, dann kam ein
summender Wind, dann trat wieder der Mond aus den Wolken, und seine Strahlen
legten sich scheu auf die Dcher. Frau Jette sagte am Morgen, sie habe zweimal
die Haustre gehrt, aber alle lachten sie aus. Frisches, warmes Brot stand auf
dem Tisch und Kaffeedampf erfllte die Stube. Die Mnner kamen mit ihren
Gebetsriemen, um das Morgengebet zu verrichten, denn sie konnten nicht zur
Synagoge gehen, weil der alte Vorbeter durch Zwistigkeiten, wie sie stets unter
den Juden des Dorfes herrschten, daran verhindert wurde, sein Amt auszuben.
    Agathon rstete sich zum Aufbruch; er mute um acht Uhr zum Schulbeginn in
Frth sein, und es war eine Stunde Wegs, die er tglich zweimal zurcklegen
mute. Mittags hatte er Freitische bei reichen Juden in der Stadt. Er steckte
die Bcher in seinen Trger und schien dabei weniger entschlossen und berlegt
als sonst. Oft besann er sich lange, drckte die Augen zusammen, schaute fremd
auf die Geschwister und die Mutter. Elkan Geyer war schon aufgebrochen; er ging
ber Land, wie er sagte wegen der Geschfte, in Wahrheit aus Angst vor Srich
Sperling.
    Whrend Frau Jette einen Scherz erzhlte und Enoch mit groem Gerusch
Kaffee schlrfte, erschallte auf der Strae ein gellender, durchdringender
Schrei, wie wenn einer, die Finger zwischen den Zhnen, in der Art des
Metzgerpfiffs aus aller Kraft pfiffe. Dann lief der Bauer Jochen Wsserlein
vorbei und berstrzte sich fast vor Eile. Dann kam Pavlowsky, der Gendarm; er
lief zwar nicht, aber er ging so schnell, wie noch niemand im Dorf ihn hatte
gehen sehen. Sein Krper wurde bei jedem Schritt frmlich durchschttelt.
Agathon stand mitten im Zimmer, wei wie ein Hemd, und ein irrsinniges oder
triumphierendes Lcheln spielte um seine Lippen. Frau Jette hatte das Fenster
aufgerissen und sich weit hinausgebeugt; sie sah am Kirchenplatz viele Menschen
stehen; auch vor Martin Ambrunns Wirtschaft standen Leute.
    Die Magd Kathrin strzte herein. Der Ausdruck ihres Gesichts war nicht mehr
Schrecken zu nennen; es war ein Krampf. Sie lie die Unterkiefer herabhngen,
da der Mund weit offen stand und machte blo Versuche, den Arm zu heben. Was
ist geschehen? fragte Frau Jette mit starrendem Herzen. Kathrin brachte kein
Wort hervor. Alle umstanden sie und endlich flsterte das Mdchen: Der
Sebalderwirt ist tot; sie hab'n ihn umgebracht, heit's. Alle schwiegen.
Joelsohn und Enoch Pohl murmelten ein Gebet. Die Kinder eilten auf die Strae
und standen vor der Tr furchtsam still.
    Auf Agathons Antlitz malte sich von neuem jenes irre und frohlockende
Lcheln und auch er legte wie die beiden Alten betend die Hnde aneinander, doch
was ihn erfllte, war nicht Andacht, sondern unendliche Lust und
grenzenlosglckselige Genugtuung.
    Dank, Dank, Dank, flsterten seine Lippen, als er den Weg nach der Stadt
antrat und er schritt dahin wie beflgelt.
    Er verfolgte zuerst den aufsteigenden Weg nach der Veste, und von dort aus
ging er den Kamm der Hgel entlang ber Dambach und die uere
Schlachthausbrcke. Er wanderte im Halbkreis um das berflutete Gelnde; berall
rauschte und brandete das Wasser, und wenn sich die Morgennebel hoben,
entstanden phantastische Stdtebilder. Am Schlachthaus war der Anprall des
Wassers gewaltig; das Gerassel der Wagen auf der Brcke wurde verschlungen vom
Drhnen der Brandung.
    Hier traf Agathon seit den acht Tagen, da er diesen Weg gehen mute,
jedesmal um dieselbe Zeit und an derselben Stelle eine Frau, die leise murmelnd
daherkam, eigentlich mehr kroch, als ging. Erst hatte sie Agathon wenig
beachtet, dann war sie ihm aufgefallen durch den hartnckigen, bsen und
trotzigen Ausdruck, mit dem sie ihren Korb schleppte. Dann begann er sie aus
einem geheimnisvollen Grund zu hassen; wenn sie seinen Weg kreuzte, funkelten
seine Augen; als er ihr einmal ausweichen wollte, begann sein Herz zu klopfen
und trieb ihn ihr entgegen und dann war ihm, als msse alles, was er an diesem
Tag unternahm, zerbrechen und fehlschlagen.
    Heute kam sie nicht. Er blieb am Brckenpfeiler stehen und sah sich um. Sie
kam nicht. Er selbst, der den ganzen Weg wie im Traum zurckgelegt, begann
dadurch gleichsam aufzuwachen und er fuhr mit der Hand ber die Augen. Sein
Blick ging forschend durch die aufsteigenden Gassen des Uferviertels.
    Sonst wenig geneigt zu Gesprchen redete er am Obstmarkt einen
Schulkameraden an, einen kleinen, unbeholfenen Jungen, der sehr jdisch aussah.
Die beiden gingen eine zeitlang wortlos, endlich sagte der Kleine, gedrckt von
dem schweigenden Wesen Agathons: Wie sonderbar es hier riecht?
    Nach Kohl, entgegnete Agathon sarkastisch.
    Au! schrie der Kleine enthusiastisch. Er war wie erlst durch diesen
anscheinenden Witz. Hast du die salischen Kaiser gelernt? fragte er dann.
    Ich lerne nicht. Ich kann nicht lernen, murmelte Agathon. Ich kann nicht
Zahlen einpauken und Namen und Regeln, was wei ich. Das qult mich. Wenn
Bojesen nicht wre, ich knnte nichts arbeiten, nichts denken in all den
Stunden. Das ist alles tot.
    Der Kleine schien sehr erstaunt und betreten. Agathon wurde immer bleicher,
je nher sie dem Schulhaus kamen. In allen Gassen wurden die Lden geffnet und
die Kaufleute und Gehilfen, meist Juden, standen frisiert und frisch gewaschen
vor den Tren und Auslagefenstern, die Hnde tief in die Hosentaschen vergraben.
    Schon von weitem sah man die Schar der Schler vor dem Schulgebude. Viele
standen um eine Litfasule, wo eine Gttin der Vernunft auf einem grnen Plakat
ein gelbes Stck Seife emporhielt als wre es eine Brandfackel. Die Schler
machten ihre unangenehmen Zoten ber die Nacktheit der Seifengttin. Kaum waren
Agathon und sein Begleiter, der jetzt seinerseits in Schweigen versunken war und
nur bisweilen einen schelen Seitenblick auf den Mitschler warf, hinzugekommen,
als eine Anzahl von Agathons Klassenkameraden auf ihn zustrzte, ihn an
Schultern und Armen packte und in ihn hineinschrien: es sei doch einer ermordet
worden in Zirndorf, ob er ihn gesehen habe, er solle erzhlen, wie es zugegangen
sei und so weiter. Die Schler der unteren Klassen machten respektvoll Platz und
begngten sich damit, am Rande des Kreises ihre Ohren zu spitzen, um etwas zu
erlauschen. Agathon sah sich dicht umstellt, und der Kleine schaute in naiver
Furcht zu ihm auf und sagte: Warum hast du das mir nicht gesagt?
    Herr Pedell Dunkelschott erschien pustend auf der Schwelle des Schulhauses,
und die Schar strmte laut lrmend in die hallenden Korridore. Agathon sa bald
auf dem kleinen Klappstuhl, steif und still - und hrte nichts von dem Toben um
sich. Ein ses Wohlbehagen kam ber ihn; der Ofen summte an seiner Seite, und
drauen lag durchsichtig der lichte Herbstnebel. Er sah die Landkarten und es
ffneten sich die fernen Lnder, den Globus und er fhlte sich weit ber der
Erde. Er fhlte sich edler und lter, wie ein Mensch, der seine schlummernden
Leidenschaften kennen gelernt hat.
    Der Unterricht begann. Professor Schachno spazierte mit seinen kurzen
Veinchen geziert umher und schien bisweilen im Gehen zu schlummern oder er
summte behbig eine stille Weise vor sich, gleichsam einen Hymnus an jene sanfte
Milde, mit der er die Welt betrachtete. Seine Hauptttigkeit bestand im
Zudiktieren von Strafarbeiten, welche ihm das Ideal der Pdagogik zu sein
schienen. Ein vergessenes Heft, ein schlecht gelernter Vers, ein Tintenfleck,
ein unzeitgemes Lachen, ein unanstndiges Rlpsen, das alles waren Fehler,
einzig und allein ausrottbar durch das Universal Strafarbeit. Er dozierte
deutsche Literatur und sprach ber Goethe so, als ob Goethe froh sein mte,
einen Schachno als Nachgeborenen gefunden zu haben. Er summte gerade wieder und
schlummerte zugleich ein wenig, als sich Agathon Geyer schwankend erhob und mit
erloschenem Blick vor sich hindeutete. In seinem Gesicht lag ein tierisches
Entsetzen. Die Schler erhoben sich bang und flsternd. Agathon strzte zum
Podium, fiel in die Knie, machte eine Armbewegung, als ob er die Fe eines
Menschen umklammerte und sah mit brechenden Augen hinauf in das Gesicht dieser
unsichtbaren Gestalt, Srich Sperlings.

                                Drittes Kapitel


Niemals sinkt der Abend so still herab, als wenn die Kirchenglocken luten;
Nebel fllt wie ein Gespinst ber die Dcher, gleitet an den Huserwnden herab,
umhllt flatternd die Laternen, liegt unbeweglich still in den Grten und gibt
ihnen das Ansehen eines Sees. Die Schritte scheinen leiser zu werden wie auf
Teppichen.
    Agathon stand auf dem nassen Pflaster und schaute in eine glnzend
erleuchtete Etage hinauf. Er dachte etwas verwundert nach ber die Pracht und
den Reichtum dieses Judenhauses, ging dann weiter und begegnete den Juden, die,
aus dem Abendgottesdienst kommend, laut feilschten und handelten. Als er sie
sah, fhlte Agathon, da die Judenreligion etwas Totes sei, etwas nicht mehr zu
Erweckendes, Steinernes, Gespensterhaftes. Er wandte seine Augen ab von den
hlichen Gesichtern voll Schachereifers und Glaubensheuchelei.
    Die Kirchweihbuden fllten die Knigstrae bis zur protestantischen Kirche
hinauf. Die Ausrufer der Schaubuden schrien sich heiser und verdrehten den
Krper, als ob sie Leibschmerzen htten; mit gestrubten Haaren schrien sie die
Vorzge ihrer Sehenswrdigkeiten aus. Wirr und schrill klangen die Orgeln,
Pfeifen und Trompeten und das Gebrll der Tiere drang aus der Menagerie.
Trompeten, Pfeifen und Ratschen erschallten, ein wstes Summen, Surren und
Johlen. Kinder mit vor Neugier bleichen Gesichtern machten sich keuchend Bahn.
In den Wirtschaften grhlten die Zecher. Aus den engen Gchen zog der
belriechende Rauch der Heringsbratereien. An der Glckshalle stand Kopf an Kopf
eine bewegungslose Menge. Daneben lief ein groes Karussel auf Schienen; es
wurde durch einen sinnreichen Mechanismus in rasende Schnelligkeit versetzt. Man
sah dann nur schattenhafte Gestalten, verzerrte Gesichter und bacchantische
Schreie. Unter den Leinwanddecken des Zeltes brannten Pechfackeln; es sah aus
wie ein ungeheures, von schwarzem, schwlendem Rauch durchzogenes Feuerloch.
    Agathon schob sich durch die Massen, whrend seine Seele warm und gerhrt
wurde. Ein beglcktes Heimatsgefhl erfate ihn; er hatte freudige Augen fr
das, was rings geschah und sah die vielen Gegenstnde, die allenthalben zur
Schau geboten wurden, mit zrtlichen Blicken an. Er blieb vor dem Kasperltheater
stehen und schaute zu; ein alter Arbeiter mit grauem Lockenhaar stand neben ihm
und wollte schier sterben vor Lachen. Die Kirchenglocke begann wieder zu luten.
Bestrzt blickte Agathon am Turm empor.
    Der Ausrufer des Wachsfigurenkabinetts strengte sich mehr an, als seine
Kameraden. Hier kann man sehen die Passion Christi, unseres Heilands, in
siebzehn Stationen, - groartig, meine Damen und Herren, groartig! schrie er,
heiser vor Begeisterung.
    Wie von einer Faust gestoen, bestieg Agathon das Podium, zahlte zwanzig
Pfennige, das einzige Geldstck, das er besa, und verschwand hastig hinter dem
braunen Vorhang.
    Tiefaufatmend stand er in der dumpfen Luft des Innenraumes. Nur eine
Bauernfamilie ging mit scheuen Schritten umher. Gegen eine scharlachrote Wand
hoben sich die Gruppen der Leidensstationen ab. Das gleichmige und beruhigende
Licht milderte das Starre der Wachsgebilde. Es war etwas Erhabenes und Heiliges
ber den Gestalten, ferne Zeiten stiegen langsam herauf, und es war, als ob die
Schicksalsgttin selbst trumend die Augen aufschlge. Das ist also der Heiland,
dachte Agathon befremdet, als er vor dem Bild der Kreuzabnahme stand. Er prete
die Hnde zusammen und dachte nach. Freunde und Eltern kamen wie eine Reihe
vorbereiteter Wandelfiguren an ihm vorbei und die toten Gebilde vor ihm wurden
mitlebendig. Er lchelte traurig und begriff, da er um etwas betrogen worden
war, ohne da er es hatte hindern knnen.
    Drauen war der Nebel dichter geworden. Agathon lie sich stoen und
schieben, bis er in dunkle, unbelebte Gassen kam. Er ging eiliger und seine
Gedanken wurden qulender. Unversehens stand er vor der Clauschule, wo sich nur
die frmmsten der Juden zum Abendgebet versammelten. Ein Lcheln, dessen
Bedeutung er selbst nicht begriff, glitt ber seine Zge, und er trat in das
dstere und niedrige Gemach. Der Vorbeter an seinem kleinen Pult lallte mit
zitterigem Stimmchen das Schlugebet. Nachdenklich blickte Agathon in die
verbissenen, steinernen Gesichter, die voll waren von einer jahrhundertalten
Grausamkeit, voll Ha, Erbitterung und zelotischem Glaubenseifer. Zum erstenmal
in seinem Leben wurde ihm klar, da Jude sein eine Ausnahme sein heie; zum
erstenmal hrte er die hebrischen Formeln mit Unsicherheit und Groll und er
glaubte sich in einer verderblichen Abgeschiedenheit, wo Verschwrungen
gestiftet werden.
    Als er auf die Strae trat, prallte er erschrocken zurck. Jener stdtisch
gekleidete Mensch, der in Srich Sperlings Boot gesessen war, stand dicht vor
ihm und schaute angestrengt gegen ein erleuchtetes Fenster hinauf. Die Gasse war
sehr eng, daher mute er den Kopf weit zurckbiegen. Indem er noch seitwrts
gegen die Mauer schritt, stie er pltzlich an den regungslos dastehenden
Agathon, bat um Verzeihung und griff geschmeidig an den Hutrand.
    Ach, Sie sind der junge Mann von gestern, sagte er berrascht. Sind Sie
nicht gestern bei der Kahnpartie - Er schmunzelte und die schwarzen Augen
hinter den Glsern leuchteten flchtig, fast drohend auf. Haben Sie vielleicht
ein Streichholz bei sich?
    In diesem Augenblick kam ein Arbeiter mit brennender Zigarre aus dem Tor.
Der Schwarzbrtige bat ihn mit etwas bertriebener Hflichkeit um Feuer, dann
ging er an Agathons Seite weiter. Was meinen Sie denn zu der geheimnisvollen
Geschichte da mit dem Mord? sagte er, den Rauch mit geblhten Nasenflgeln in
die nebelerfllte Luft blasend.
    Ich wei nicht.
    Es interessiert Sie wohl gar nicht? Im brigen, es ist ganz und gar
Legende. Es ist durch nichts erwiesen, da ein Mord vorliegt. Die
Gerichtskommission hat alle Tren, alle Fenster versperrt und keinerlei
Verdachtsmerkmale gefunden. Das einzige, was zu denken gab, war ein
unerklrlicher roter Fleck auf der Brust des Leichnams und dann der jhe Tod
selbst.
    Ein roter Fleck? hauchte Agathon; sein Hals schnrte sich wie unter einer
Faust zusammen.
    Ja, aber lassen wir das. Ich liebe nicht derlei krasse Furchtbarkeiten.
Wohin gehen Sie?
    Zu Lwengards.
    Baron Lwengard? Was wollen Sie denn dort?
    Ich esse dort zu abend, erwiderte Agathon. Dienstag und Freitag
bernacht' ich auch dort, weil Mittwoch und Samstag die Schule schon um sieben
beginnt.
    Die Genauigkeit Ihrer Auskunft lt nichts zu wnschen brig. Das alles
drfen Sie? Sogar bernachten? Sagen Sie mal, - Ihre Eltern sind wohl sehr arm?
    Ja.
    Wie alt sind Sie denn? Achtzehn?
    Siebzehn.
    Na, um so besser. So kennen wir uns also. Ich heie Gudstikker. Rufname:
Stefan. Geboren zwlften Mai achtzehnhundertsechzig. Verrichtung unbekannt. Aber
nun erzhlen Sie einmal, was hat eigentlich Srich Sperling gestern mit Ihnen
angestellt? Er nahm Sie unter den Arm und ging mit Ihnen ins Haus. Sie rhrten
sich nicht. Andere htten gezappelt wie ein Fisch, aber Sie waren blo stumm wie
ein Fisch. Ich habe alles gesehen vom oberen Stock. Ich wohnte ja im
Sebalderhaus.
    Agathon blieb stehen und lehnte sich schweigend an einen Laternenpfahl.
    Reden Sie doch, fuhr Gudstikker fort und stellte den Kragen seines Mantels
in die Hhe. Ich kenne den Srich Sperling schon lange. Er war kein
gewhnliches Exemplar der Spezies Mensch. Er konnte lumpen durch sieben Nchte,
ohne Schlaf zu suchen. Wenn er mde wurde, setzte er sich in einen Stuhl, schlo
fr zwanzig Minuten die Augen und wute von sich und der Welt nichts mehr. Erhob
er sich wieder, so war er frisch wie vor den sieben Tagen. Einmal, als er
melancholisch war, ging er auf den Speicher und zertrmmerte mit der nackten
Faust Kisten und Kasten und Bretter. Seinen Hund schlug er halbtot, wenn er
unfolgsam war, und danach konnte er sich hinsetzen und heulen wie ein kleines
Mdchen. Bis vor sechs Jahren hatte er berhaupt keine Frau berhrt und als er
die erste nahm, wre das arme Weib ihm fast in den Armen gestorben. Das war ein
Mensch!
    Es entstand ein langes Schweigen. Agathon wurde durch das ganze Wesen
Gudstikkers verwundet. Seine Geschwtzigkeit beunruhigte und jede Geste
erschreckte ihn.
    Wie heien Sie denn eigentlich? fragte Gudstikker.
    Agathon. Agathon Geyer.
    A - ga - thon -?
    Ja.
    Seltsam. Wie kommen Sie zu dem Namen. Agathon ... So hie mein Vater.
Wieder eine Pause. Dann wurde Gudstikkers Stimme gtig. Sie gefallen mir,
sagte er. Ich wei kaum warum, aber vielleicht steckt etwas in Ihnen, was mir
imponiert. Bei euch Juden gibt es manchmal Individuen von wunderlicher Kraft.
Besonders in Ihrem Alter. Daran mag es liegen. Wenn sie so jung sind, ist ihre
Seele von unbeschmutztem Feuer erfllt. Sie sind starke Trumer, mchten die
Welt aus den Angeln heben und wissen doch nichts von der Welt. Wenn sie es nur
wten! Gehen Sie hin, Agathon, wecken Sie Ihr Volk auf. Sagen Sie, wach auf
mein Volk, wie der Prophet in der Wste. Na gleichviel, was scheren mich denn
die Propheten. Glauben Sie, da es heut Nacht regnen wird?
    Ich wei nicht. Vielleicht. Vielleicht schneit es. Vielleicht auch nicht.
    Ah, Sie sind boshaft. Na gleichviel. Ich mu Ihnen sagen, es ist nicht
Neugierde, wenn ich Sie vorhin fragte, was Srich Sperling mit Ihnen gemacht
hat. Auch nicht Teilnahme. Nun, werden Sie nur nicht wieder ungeduldig. Stellen
Sie sich die ganze Situation vor. Spter kommt Srich in mein Zimmer, bleich,
erregt, und redet von gleichgltigen Sachen. Er spricht von der Ziegelei, die
der Vater meiner Braut jetzt gekauft, und pltzlich legt er sich auf mein Bett
und verstummt.
    Verstummt? fragte Agathon mechanisch.
    Verstummt. Nach fnf Minuten stand er auf, ging vors Haus und dort sa er
dann wieder zwei geschlagene Stunden, ohne sich zu rhren. Um neun Uhr ging der
Schmied heim und rief ihn an. Wer aber nicht antwortete, war Srich. Und wer um
zehn Uhr in sein Zimmer stolperte, ohne sich um die Wirtschaft zu kmmern, war
Srich. Nun, am Morgen war er tot. Es wre immerhin interessant, die Ursache zu
erfahren. Vielleicht hat er selbst - nun, nun, was gibt's?
    Agathon hatte mit den Hnden Gudstikkers Arm umklammert und schwankte, als
ob er zu Boden sinken wolle. Gudstikker schttelte den Kopf und warf den
Zigarettenstumpf weit ber die Gasse. Agathon blickte ihn gespannt an beim
matten Schein des Straenlichts, als ob er sein Gesicht nie wieder vergessen
wollte und ging dann weg, ohne ein Wort zu sagen, dem Lwengardschen Palast an
der nchsten Ecke zu. Scheu betrat er das breite, lichtgebadete, mit Teppichen
belegte Vestibl. Der Plafond und die Wnde waren von Knstlerhand mit
Darstellungen aus der antiken Mythologie geschmckt. Vor ihm stand wie eine
lebende Gestalt Kassandra, den Arm gegen das brennende Troja erhoben. Sie war
fast nackt, die Brste waren geschwellt von Ha. Stets mute Agathon die Augen
vor dem Bild niederschlagen. Die dem Juden angeborene Scham vor dem Nackten ging
bei ihm bis zu physischem Schmerz. Auch wurden seine Sinne erregt, wenn er in
der Nacht sich des Bildes erinnerte.
    Stefan Gudstikker wandte sich gegen den Lilienplatz, lauschte mit gesenktem
Kopf auf das Stimmengewirr aus den Gasthusern, das mit dem Wimmern der Geigen
und dem Fistelgesang der Harfendamen vermischt war. Schweigend zogen Musikanten
an ihm vorbei und der lteste zhlte die Tageseinnahme. Gudstikker sah das alles
mit den Augen des Beobachters, der sich freut, da ihm nichts von den kleinsten
Dingen des Lebens entgeht und den die Gewohnheit des Scharfsehens dazu verfhrt
hat, den vielgestaltigen Bau der Welt mit Sprchen der Weisheit zu beleuchten.
    Der kalte Glanz des Mondes brach hervor. Gudstikker ging am Rand der Anlage
auf und ab und sphte gegen die Straenflchte. Die Turmuhren schlugen acht,
kreischend fielen die Rollden herab, die kleinen Ladnerinnen eilten von dannen,
und die Kontoristen drehten die gesunkenen Schnurrbartspitzen wieder empor.
    Endlich kam Kthe Estrich. Mit schwachem Lcheln hing sie sich an den Arm
ihres Verlobten. Ich mute mich fortstehlen, sagte sie, der Vater hat
geschimpft ber dich. Er nannte dich Miggnger. Sie plagen mich mit dir und
qulen mich. Bist du bs? Nicht bs sein! Ich hab' ja nur dich, nur dich
allein.
    Ich bin nicht bs, aber du darfst nicht so dumm reden. Wie geht's dir?
    Schlecht.
    Warst du beim Arzt?
    Nein.
    Nein! - Wenn dein Herr Vater sich besser um dich gekmmert htte, das wre
eine grere Heldentat, als meine Lebensfhrung zu kritisieren.
    Ach, Stefan, ich mchte sterben, - mit dir.
    Sterben! ja, wenn sonst nichts wre, als sterben. Das bleibt einem jeden.
Es ist das Sicherste und soll das letzte sein.
    Du bist so kalt! flsterte Kthe und schauerte zusammen, als ob diese
Klte sie frsteln mache. Ich mu wieder heim, fuhr sie mit derselben leisen
Stimme fort; ich wollte dich nur sehen. Gudstikker mute sie fast tragen. Als
sie am Ziel waren, kte er sie flchtig auf die Wange und ging.
    Unter dem Portal des jdischen Waisenhauses, wo er vorbeikam, stand ein
Knabe und blickte mit ngstlichen Augen in das erleuchtete Treppenhaus. Wie
heit du? fragte Gudstikker und beugte sich herab zu dem Kind, das seine Finger
in den Mund steckte und verlegen zu Boden sah. Wie heit du? wiederholte er
streng.
    Wei nicht.
    Wem gehrst du denn?
    Wei nicht.
    Wo ist denn deine Mutter?
    Tot.
    Und dein Vater?
    Auch tot, sagte der Knabe, drckte sich scheu an ihn und fragte bang:
Bist du der Herr Jesus?
    Da erschallte ein herzzerreiendes Schreien im Innern des Waisenhauses.
Hrst? Hrst? machte der Knabe und, begann leise zu schluchzen.
    Gudstikker nahm das Kind bei der Hand und stieg mit ihm die Treppen hinan.

                                Viertes Kapitel


Agathon ging in die Kche und a, was man ihm an berbleibseln und fr die Tafel
Unbrauchbarem gab. Dann stieg er in die Bodenkammer, wo er die Nacht verbringen
durfte. Von unten klang Musik herauf, Glserklingen, dumpfe Rufe der
Frhlichkeit, das Schlrfen des Tanzschrittes und das wogende Murmeln der
Gesprche.
    Er wlzte sich lange Zeit schlaflos und ein bitteres Gefhl erfllte sein
Herz, da er im Haus des reichen Verwandten auf Stroh unter dem Dach schlafen
mute; denn da der Baron ein Vetter seiner Mutter war, hatte er Stefan
Gudstikker stolz verschwiegen. Sem geschrftes Ohr vernahm durchdringender den
Lrm des Festes und es war, als ob ihn eine Stimme riefe. Dunkle Sehnsucht lie
ihn zittern vor Ungeduld; er sprang aus dem Bett, warf sich wieder in die
Kleider und, die Augen noch umschleiert von der Finsternis, stieg er die Treppe
hinab mit dem Bewutsein einer Schuld. Es war ihm gleich, wohin er kam; er
ffnete im zweiten Stock eine Tr (deutlicher hrte er Musik und Tanz von unten)
und befand sich in einem groen Salon, der noch warm war von erloschenem
Kaminfeuer. Er lchelte, die Musik unter ihm lie die Dunkelheit rings gleichsam
erbeben.
    Da hrte er vom Nebenzimmer ein Gerusch, wie wenn jemand weint und will es
nicht hren lassen. Agathon ging hin, ffnete die Tr und stand nun verlegen und
bestrzt vor seiner Base, zu deren Verlobung das prunkvolle Fest im Hause
gefeiert wurde. Sie sa vor einer Kerze und schluchzte in ihr Taschentuch.
    Jeanette blickte auf, und vor Erstaunen brachte sie kein Wort hervor.
Endlich fragte sie heiser, was er hier zu suchen habe.
    Agathon zuckte die Achseln. Nichts, antwortete er. Ich habe dich weinen
hren.
    Von oben? Von deiner Kammer?
    Agathon wurde bleich und lie den Blick verchtlich durch den geschmckten
Raum schweifen. Nein, sagte er, nicht von meiner Kammer.
    Nun?
    Agathon schwieg. Die groen, von Trnen nassen Augen des Mdchens erweckten
ein Gefhl von Niedrigkeit in ihm. Jeanette nahm ihn bei der Hand. Nun gestehe.
Weshalb bist du gekommen? Hast du Hunger? Dann soll man dir geben, was du
willst. Auch Wein sollst du haben. Ich will es dem Diener sagen. Oder willst du
Geld? Hier ist meine Brse. Sie lchelte bitter und wollte aufstehen. Doch
Agathon nahm ihre Hand und drckte sie mit groer Kraft so fest zusammen, da
das Mdchen ihn mit einem berraschten Ausdruck des Schmerzes ansah. Ich bin
nicht, was du meinst, sagte Agathon.
    So? Ein unsicherer Spott trat auf Jeanettens Gesicht.
    Ich bin nicht hungrig, sagte Agathon leise. Ich brauche auch kein Geld.
Also nimm dein Geld hier weg, sonst mu ich es zum Fenster hinauswerfen.
    Jeanette sah lange in Agathons erregtes Gesicht, dann fate sie ihn
pltzlich an beiden Hnden, zog ihn zu sich und sagte herzlich: Nun sprich!
    Agathon schttelte den Kopf. Ich glaubte, du hast etwas zu sagen. Ich habe
ja nicht geweint. Freilich, woher sollst du Vertrauen zu einem so schlecht
gekleideten Menschen haben. Er lchelte wieder, wandte das Gesicht ab und
starrte ins Dunkle. Die Wnde schienen sich aufzutun vor seinen Blicken, und aus
zahllosen Augen schauten ihn die Sorgen an, unter denen die Menschen Schtze
zusammentragen, um sie wieder von Sorgen bewachen zu lassen.
    Agathon! flsterte Jeanette. Sie lie seine Hand nicht mehr los, und er
fhlte, wie hei ihre Hand war. Ich habe dich stets bersehen wie einen
Schatten. Du hast dich auch so schmal gemacht wie ein Schatten, du wunderlicher
Agathon.
    Agathon antwortete nicht.
    Sprich, Agathon, hast du schon viel Bses getan? Warum zitterst du? was ist
dir?
    Bses, fragst du? Was ich getan, war nicht bse. Es war auch nicht gut. Es
wre schlechter gewesen, wenn ich einem Vogel die Flgel genommen htte. Oder
kann es bse sein, wenn es dich erhebt, glcklich macht? Oder gut, wenn es das
ganze finstere Leben erkennen lt und was man versumt hat und was andere
versumt haben -?
    Jeanette, tief erregt durch das Wesen des jungen Menschen, flsterte
stockend: Setz dich zu mir. So. Und nun hr mich an. Sieh, ich soll einen
Menschen heiraten, den ich noch nicht zweimal im Leben gesehen habe. Er ist
nicht jung, er ist nicht alt, er ist nicht edel, er ist nicht gemein, ich kenne
ihn nicht, ich wei nichts von ihm, aber ich soll ihn heiraten, der
Geschftsverbindung wegen. Ich werde verkauft und soll mich ruhig verkaufen
lassen in das Bett eines Schweins. Errte nicht, Agathon, jetzt ist nicht die
Stunde zum Errten; bei uns werden alle Mdchen verschachert wie Huser und
Grundstcke, aber du wirst doch zugeben, da man bisweilen auch aus andern
Grnden heiraten kann. Wie? Aus Liebe zum Beispiel, wie?
    Aus Liebe, ja, wiederholte Agathon und zuckte zusammen.
    Sieh her, sieh her, sagte das Mdchen und ihre roten Haare fielen wild in
die Stirn, und sie zog Agathon dichter neben sich. Hab ich nicht die feinste
Haut, die du dir denken kannst? Rhr mich nur an! hab ich nicht einen weichen
Mund? siehst du, ich ksse dich damit, und liebe ich nicht alles, was schn ist,
zum Beispiel deine Augen? Und wenn du mich liebst, siehst du, dann ist es dir
gleich, ab ich in Gold und Ehren lebe oder ob ich verstoen und verachtet bin,
ein Frauenzimmer der Gasse, es ist dir gleich, du nimmst mich, wenn du mich
liebst, verstehst du? Ja, du freust dich sogar, wenn du zeigen kannst, wie hoch
der Preis ist, den du fr mich zahlst. Und doch gibt es einen Mann, an den ich
geglaubt hatte, und der anders gehandelt hat, einzig und allein deswegen, weil
er leiden wollte um mich, weil er mich mehr zu lieben whnt, wenn er mich
entbehren mu. Ist das nicht nrrisch? Ich sitze da mit meinem Herzen voll
Leben, da es nur so brennt und soll das Schwein heiraten, und ich habe Ja
gesagt aus Rache gegen den Leidensschtigen, der mich liebt und verschmht, den
ich lieben und verachten mu.
    Agathon starrte fassungslos in diese zigeunerhaften, leidenschaftlichen
Zge. Jeanette sprang auf und rief: Du mut mit mir kommen! Du mut sie sehen,
die da drunten. Kannst du tanzen? Gut, wir wollen ihnen Schrecken einjagen,
indem wir tanzen. Sie nahm Agathon bei der Hand und zog den Erstaunten und
Willenlosen, der nicht begriff, was mit ihm vorging, durch das dunkle Zimmer zur
Treppe, ber die Stufen hinab, bis sie mit ihm unter der Saaltr stand, die der
Diener mit einem Gemisch von Respekt und Verdutztheit eifrig aufstie. Mit
blitzenden Augen sah Jeanette in das bunte Treiben der Gste. Nicht einmal die
Haare hatte sie geordnet.
    Der Baron kam rasch und fragte mit einem finstern Blick auf Agathon, wo sie
so lange bleibe und was der Unfug bedeute. Herren und Damen standen alsbald
lauernd im Halbkreis um das junge Mdchen. Es war eine ziemlich ungemischte
Gesellschaft: jdische Kaufleute, Journalisten, rzte und Advokaten. Alle
Gesichter verrieten Intelligenz, aber nur jene Intelligenz des Augenblicks, die
von den verborgenen Werten der Dinge nichts wei, die an der Stunde klebt, mit
der Stunde rechnet und die Augen schliet, wenn die Nacht kommt. Alle Gesichter
hatten etwas berlebtes, etwas von dem Abgeglhtsein, wie es das gemeine Leben
mit sich bringt; das Edlere war verwischt von der Freude an flchtigen Genssen,
von der Verachtung des wahren Ernstes und der Sucht, den Tag leicht zu nehmen.
Ihre Macht war der greifbare Besitz und sie waren wie Sklaven, die heuchlerisch
ihre in der Dunkelheit gesammelten Krfte verstecken und sich auf die Stunde
freuen, wo sie die Fuste zeigen drfen. Agathon blickte in den Lichterglanz an
der Decke und pltzlich mute er an die arme, niedere Stube zu Haus denken, und
das gelbe Gesicht seiner Mutter stieg wie aus einem Schattengewhle auf. Und er
verlor sich selbst: aus diesen Schatten erhoben sich Generationen: Greise und
Greisinnen, die mit mdem Kopfschtteln vorbeigingen.
    Herr Salomon Hecht! rief nun Jeanette und ihre Augen leuchteten grn.
    Ein elegant gekleideter, ziemlich fetter Mann trat vor und verbeugte sich
ironisch. Er hatte ein sliches Lcheln auf den Lippen, aber in seinen Augen
war die stumpfsinnige Traurigkeit eines Tieres.
    Was hast du vor? knirschte Baron Lwengard und trat, schneebleich vor Wut,
an die Seite seiner Tochter. Was soll dieses Benehmen? Was soll der Junge hier?
Wenn du nicht Vernunft annimmst, werde ich dich aus dem Haus peitschen lassen.
    Ja, la mich nur peitschen, erwiderte Jeanette zum Entsetzen ihres Vaters
beinahe schreiend. Was ich vorhabe? Ich will einen Mann haben und keinen
Getreidesack und keinen Geldschrank und keine zehnprozentigen Aktien. Verstehst
du das nicht? Was soll ich denn anfangen mit Herrn Hecht in der Nacht, wenn ich
von Mnnern trume, die nicht ein paar Nachtlichter im Kopf haben, sondern
Augen, Augen, Augen -? Wenn ihr nur das wollt, was ihr wollt, dann schachert!
Verschachert euern letzten Flederwisch im Kehrichtfa, und fr das andere geb
ich mich nicht her wie eure hochmtigen Weiber, die mich jetzt anglotzen wie
eine Hexe. Da! da habt ihr und mich lat zufrieden! da! da! da! Und sie ging
hin, wei wie Kalk, warf die kostbare Broche ins Kaminfeuer, die Armreife, die
Ringe an den Fingern, ri die Spitzen ber der Brust entzwei und ffnete mit
einem Ruck die Knpfe der Taille. Da strzte Lwengard mit unartikuliertem
Schreien auf seine Tochter, nahm sie in die Arme und wollte sie hinaustragen.
Sie wehrte sich wie von Sinnen, die Damen eilten jammernd herbei, Salomon Hecht
suchte aus dem Kaminfeuer erst mit entbltem Arm, dann mit der Schaufel die
Kostbarkeiten herauszuholen, viele wandten sich feig und finster nach der Tr,
der Diener sah mit eigentmlichem Lcheln in den von schwler Luft erfllten
Raum, und auf einmal blieben alle regungslos stehen.
    Der jetzt hereintrat, ohne da der Trsteher versucht htte, ihn abzuhalten,
war ein Greis von mehr als neunzig Jahren. Er hatte etwas wie eine seltsame
Ruine; etwas gleichsam Unvergngliches war in seinem Gesicht, ein Schimmer von
wandelloser Milde und Gte. An Gliedern riesenhaft, in den Augen jenes Funkeln,
das man zuweilen bei alten Mnnern sieht, die die Jugend mde hinwanken sehen
und selber niemals mde zu werden scheinen, so kam er herein und Agathon
lchelte wie ein Kind, das an den Wendepunkt eines Mrchens gelangt ist, wo die
wohlbekannte gute Fee kommt, um die Verwicklung zu lsen. Jedermann auf den
Drfern kannte den Gedalja Lwengard aus Roth.
    Der Alte ging ohne weiteres auf seinen Sohn zu, stutzte aber, als er dessen
Gesicht sah, lie die halbausgestreckte Hand wieder sinken, nahm ruhig Platz und
schaute grblerisch lchelnd vor sich hin. Der Baron, der sich der armseligen
Erscheinung seines Vaters schmte, trat mit verlegener Miene zu seinen Gsten,
die sich wie eine Phalanx vor ihm aufgepflanzt hatten. Jeanette lie sich vor
dem Greis auf die Knie nieder, streichelte seine Hnde und fragte: Grovater,
was ist geschehen? Warum kommst du so spt noch zu uns? Mit einer scheuen und
entsetzten Geste wandte sie sich nun zu den andern und sagte: Er weint.
    Der alte Gedalja packte schnell ihre Hand und lispelte ihr zu: Sag's ihnen
nicht. Sie wollen nicht sein gestrt. Mein Sohn hat vergessen, da ich nicht
habe zu kaufen einen Frack. Hat vergessen, da ich bin arm. Heut abend ist
abgebrannt ganz Roth. Der Herr hat mich wollen gedenken lassen, da es mir
gegangen is zu gut im Leben. Mei Haus, mei Hof, mei bisla Vieh, alles is hin.
    Die Gesellschaft schickte sich zum Aufbruch an. Baron Lwengard verfluchte
sich und seine Tochter und vermochte kaum einen oberflchlichen Anteil an dem
Unglck seines Vaters zu nehmen, dem er ein Zimmer zum Schlafen anweisen lie.
Dann forderte er Jeanette auf, ihm zu folgen. Agathon hrte ihn mit heiserer
Stimme schreien ... Der Diener suchte ein vertrauliches Gesprch mit Agathon
anzuknpfen; seine Worte klangen widerlich zurck von den Wnden des verdeten
Saales. Agathon schlich beschmt in seine Kammer, warf sich angekleidet aufs
Lager und fiel sofort in schweren Schlaf.
    Am Morgen hrte er vom Hausgesinde, da Jeanette verschwunden sei. Er fhlte
sich darber glcklich, ohne zu wissen warum. Die Luft war khl und gleichsam
gereinigt, als er zur Schule ging. Die Welt schien neu. Am Morgen hat alles nur
ein Auge nach dem Licht hin; alles hat Zweck, Bedeutung, Form und Rundung, alles
ist mit Frieden gesttigt, die Dcher glnzen, die Sonne taucht langsam auf mit
kupferigem Glanz, der Rauch erhebt sich kerzengerade, jeder Schornstein ist ein
Bild des Emporstrebens. Die Mgde haben weie Schrzen, die Bckerbuben pfeifen,
ber die groe Brcke rollt der Schnellzug, aus dem rtselhafte, bernchtige
Gesichter in die berschwemmte Ebene schauen; die Schranke am Dambacher Weg ist
geschlossen, ganze Reihen von Ochsen stehen da und warten gutmtig. Und zwischen
den Husern verschwindet der Zug, rasselnd, polternd, pustend, und Agathon hrt,
wie er mit schrillem Pfiff am Bahnhof hlt, und seine Sehnsucht eilt hin und
steigt ein, um in ihr geheimnisvolles Vaterland zu fahren. Er geht gerade am
Haus des Abraham Porkes vorbei, der Millionen besitzt und als edler
Menschenfreund bekannt ist; ber eine halbe Million hat er fr das Waisenhaus
vermacht. Es gibt viele Dinge, die Agathon bewundert, und er liebt die Menschen.
Die Wandlung, die er seit kurzem durchgemacht, kommt ihm merkwrdig vor. Er
wei, da es neu ist, was er fhlt, aber er will sich nicht durchforschen. Es
ist, als ob man in seinem Herzen etwas baue, und er will warten bis es fertig
ist. Er denkt an jenes Bild der Stationen, wo der nackte Jngling mit einer
Zange dem Heiland die Dornen von der Dornenkrone nimmt. Und whrend er daran
denkt, erschrickt er, bleibt stehen und lauscht. Aber es pfeifen nur die
Bckerjungen in ihrem monotonen Diskant.
    In der Schule hrte er nichts von dem, was gelehrt wurde, hatte nicht
memoriert, eine wichtige Lektion nicht geschrieben und kam in den Strafbogen. Er
begriff nicht, warum er all das Tote in sich aufnehmen solle, da es doch auf
jedem Schritt des Lebens genug gab. Er begriff die Verachtung, in der die
meisten Lehrer bei den Schlern stehen; sie galt nicht der Person, sondern dem
Amt. Es galt der Handwerkerart, die feierlichen Dinge der Geschichte mit dem
Gedchtnis feilschend herabzuwrdigen, erlauchte Namen so zu nennen, als ob es
glte, ein Adrebuch durchzulesen. Alt diesem Morgen begann Agathon zu sehen,
wie wenn ein Brett von den Augen seiner Seele genommen wre und dies erregte ihn
so, da seine Wangen ab und zu erbleichten. Nur ein Lehrer war es, an dem er mit
abgttischer Verehrung hing, an den er mit keinem Hauch von Kritik zu rhren
wagte. Dieser Lehrer, Erich Bojesen, hatte sich von Anfang an durch die Art
empfohlen, wie er die Wissenschaft der Chemie vor den Schlern zerlegte, so da
auch der Blde und der Boshafte aufmerksam wurden. Er griff gleichsam mit
lebendiger Hand in die Nacht der Natur oder in die Feuer der Natur und holte
ihre Rtsel hervor, die er trotz aller Erluterungen Rtsel und Wunder bleiben
lie. Er tat nicht wichtig mit der Wissenschaft und spielte nie mit ihr, machte
auch nichts Interessantes daraus, sondern er stand hinter seinen Retorten und
Rhren wie einer, der im Tempel steht und im Begriff ist, einen Gott zu
predigen, dessen ganze Schnheit und Gre nur er selbst kennt. Er glich einem
jungen Priester, der die gedruckten Gebetbcher verachtet und sein eigenes Gebet
haben will und hat.

                                Fnftes Kapitel


Als Stefan Gudstikker mit dem kleinen Knaben das Innere des hallenden Gebudes
betreten hatte, hrte das Schreien wieder auf. Dennoch beschlo er, der Sache
auf den Grund zu gehen. Er stieg die Treppe hinan, wurde nachdenklich gestimmt
durch die dstere Stille des Hauses, schttelte den Kopf ber die mangelhafte
Beleuchtung und betrachtete ein bemaltes Glasfenster, das den Propheten Jephta
mit seiner Tochter zeigte. Er ffnete eine Tre, wobei sich das Brschchen
ungeduldig zwischen seine Beine drngte, und hatte einen weigetnchten, fast
finsteren Saal vor sich, in welchem Bett an Bett stand, dreiig oder vierzig wie
in einer Kaserne, und ber jedem der weien Tcher schaute ein kaum weniger
weies Knabengesicht hervor, mit geschlossenen Augen, geschlossenen Lippen,
angestrengten Lippen, die sich zu bemhen schienen, Seufzer zurckzuhalten. Eine
dumpfe Luft schlug heraus und Gudstikker schlo schnell wieder zu, stand ratlos
da und sah die Augen des zerlumpten Knaben verehrungsvoll und flehend auf sich
ruhen. Da ertnte wieder das Schreien: lauter und eindringlicher. Der Kleine
rang stumm die Hnde und das Verzweifelte in der Gebrde trieb Gudstikker mehr
an als Worte.
    In einem schmalen Raum sa der Schuldiener mit einer blauen Brille,
riesenhaften Filzschuhen und einer Art Kaftan und nickte schlfrig; wenn ihn
sein Gegenber, der Vorsteher, anredete, fuhr er auf, machte ein devotes Gesicht
und schlug mit einem spanischen Rohr klatschend auf den Rcken eines etwa
dreizehnjhrigen Knaben, der mit Riemen auf ein Brett festgeschnallt war. Der
Knabe ffnete dann den Mund zu einem Schrei, der lang hinhallte und langsam
erstarb, worauf er in eine schmerzliche Starrheit verfiel. Dies alles hatte
etwas Gespensterhaftes und Stefan Gudstikker htte lachen mssen, wenn er nicht
das Gesicht des Knaben gesehen htte, ein altjunges Gesicht mit der Erfahrenheit
frher Schmerzen und bohrend-unruhigen Augen, Knabenaugen, die manchem Mann zu
denken geben konnten. Kaum sah der Bursche an Stefans Seite das Unglck seines
Freundes, als er auf ihn zustrzte und bitterlich zu weinen anfing.
    Ruhig! was ist hier los? rief der Vorsteher erstaunt.
    Was ist hier los? wiederholte getreulich der mit den Filzschuhen und
zeigte einen wahren Schwertfischzahn, der wie eine Schaufel aus der Unterlippe
hervorragte.
    Wo kommt ihr her? fragte der Vorsteher und schaute seine dicken Finger an,
als wren sie durch die Erscheinung der Fremden beschmutzt.
    Wo kommt ihr her? fragte auch der Blaubebrillte und versteckte seinen
Zahn, so gut es ging.
    Stefan Gudstikker erwiderte nichts, nahm sein Messer, durchschnitt die
Riemen und hob den Knaben herab.
    Was soll das bedeuten? Was erlauben Sie sich, junger Mann? donnerte der
Vorsteher und suchte die Angst seines schlechten Gewissens vergeblich zu
bemnteln.
    Was berechtigt Sie zu einer so grausamen Folter? fragte Gudstikker
finster.
    Er huldigt der Unzucht, verstehen Sie, und das mu bestraft werden. Da alle
andern Mittel vergebens sind, mu er bestraft werden. Seine Mutter selbst hat
ihn hergebracht, mir allein steht es zu, ber seine Bestrafung zu entscheiden.
Was haben Sie hier zu suchen und dieser nichtsnutzige Bengel, wessen erfrecht er
sich?
    Wollen Sie mir den Knaben fr einige Tage berlassen? fragte Gudstikker
nach einigem Nachdenken. Ich werde ihn heilen. Ich habe mich wissenschaftlich
mit solchen Dingen beschftigt.
    Sind Sie Jude?
    Nein.
    Dann bedaure ich. Bedaure lebhaft.
    Aber Herr Direktor, erwiderte Gudstikker sanft. Bei Ihrer Vernunft und
Bildung mssen Sie doch einsehen, da hier die Frage der Konfession von geringer
Wichtigkeit ist. Ich bin wohlbekannt in der Stadt. Ich bringe den Knaben zu
meiner Mutter, Frau Elise Gudstikker, und sobald Sie ihn zurckverlangen, knnen
Sie ihn haben.
    Ja, wenn Sie glauben, meinte der Vorsteher unentschieden. Gut, sagte er
dann, auf acht Tage; vorausgesetzt, da nichts geschieht, was die Religion
beleidigt. Du kannst mit diesem braven Mann gehen, Sema Hellmut. Marsch! Troll
dich', Ungeratener.
    Gudstikker ging mit den zwei Knaben. Er lachte in sich hinein. Er wute, da
der Vorsteher froh war, den Knaben los zu sein.
    Zu Hause fand er die Mutter unplich. Sie lag auf dem Sofa, sah etwas
bekmmert aus, forderte ihn aber gar nicht auf, zu erklren, wie er zu den
Kindern komme. Sie kannte sein jh und abenteuerlich handelndes Wesen gut genug.
Sie kannte auch seine redselige und mitteilschtige Natur zu sehr, um sich
neugierig zu zeigen. Sie hatte eine eigentmliche Strenge im Gesicht, einen
Blick, von dem man glaubte, da er den Krper wie Glas durchdringe. Den
jdischen Knaben sah sie an, lachte leise und hart, betrachtete seine langen,
dnnen Finger, das abgesetzte Handgelenk, nickte Stefan zu, legte sich ruhig
wieder hin und sah mit spttischem Lcheln in die Lampe.
    Knnen sie hier schlafen, Mutter? fragte Gudstikker.
    Der Judenknabe schien alles tief in sich aufzunehmen, was er sah und hrte,
dem Spiel seiner Augen nach zu schlieen. Die einfache und gemtliche Stube mit
dem weien Kachelofen, der leise in sich hineinbrummte, die Nacht drauen mit
dem einfrmigen Flugerausche, die stille Lampe, die alten Bilder an den Wnden,
er besah es mit scheinbar verchtlicher Gelassenheit, doch mit einer gewissen
inneren Unruhe. Er schien wenig empfnglich fr die unaufhrlichen Liebkosungen
seines Freundes, doch tauchte bisweilen sein Blick angstvoll in den des kleinen
Zerlumpten.
    Nun, das ist doch jdische Degeneration, wie sie im Buch steht, sagte
Gudstikker zu seiner Mutter.
    Ich wei nicht, was im Buch steht, entgegnete sie lakonisch. Eigentlich
sind die Juden viel bessere Menschen als wir, edlere Menschen. Sie trinken
nicht, sie betrinken sich nicht, sie stehen besser da in der Welt als wir. Wenn
bei uns nicht alles aus dem Leim geht, haben wirs den Juden zu danken.
    Im Gegenteil. Sie sind ein Geschlecht von Zerstrern. Ich bin der Ansicht,
da unsere ganze Kulturkrankheit Judentum heit.
    Wer wei, vielleicht heit sie auch anders, entgegnete Frau Gudstikker mit
feinem Lcheln. Das sind so Worte, mein Lieber. Ich bin zu dumm dazu!
    Gudstikker schwieg und verfolgte ein wunderliches Schauspiel zu seinen
Fen. Der groe Bernhardinerhund erhob sich aus der Ofenecke, tappte zu den
zwei Knaben, beschnffelte den kleinen Zerlumpten, brummte, (er war kein Freund
der Kinder), beschnffelte Sema, und statt wieder zu brummen, leckte er die Hand
des Knaben, lie sich neben ihm nieder und blickte gespannt in dessen Gesicht,
als ob er einen Befehl erwarte.
    Am andern Tag gegen Mittag, kurz nachdem er aufgestanden war, bat Gudstikker
seine Mutter um Geld. Sie erwiderte, da sie schwer etwas entbehren knne, er
mge einstweilen seine Uhr versetzen.
    Mutter, erwiderte er ernst, du weit, da das gegen meine Natur geht.
Willst du aushelfen oder willst du nicht?
    Sie gab, was sie konnte. Wie lange wird es noch dauern, bis deine groen
Ideen verwirklicht sind, sagte sie sarkastisch seufzend. Dein Wahn ist nicht
billig.
    Gudstikker lachte verchtlich und ging. Nach dem Essen begab er sich ins
Cafehaus, vergrub sich in Zeitungen, saugte alle belletristischen, politischen
und vermischten Neuigkeiten in sich auf wie ein trockener Schwamm das Wasser,
zahlte erst als es dmmerte, dann ging er zu einem Trdler, versetzte sein Uhr
und machte sich auf den Weg nach Zirndorf, um die Nacht in der Ziegelei zu
verbringen.
    Die Flut war nun so weit zurckgetreten, da die gewhnlichen Wege gangbar
waren. Bei Dambach war ein Notsteg errichtet und schwankte hin und her wie eine
Schaukel. Abenddunst huschte schattenhaft ber das Wasser, das rauschend
dahinscho. Dann trat der Mond heraus, kalt, klar, eine halbe Scheibe. Aus der
den Ebene wurde ein Nebelreich, die ferne Stadt schien eine alte Festung, aus
Rauch und Staub erbaut, der Wald schien zu hpfen, oder sich zu verschieben wie
eine Kulisse. Der Mond war tausendmal in tausend Wellen zu sehen, auch in dem
ruhigen breiten Wasser, womit die Wiesen berschwemmt waren. Lichter schauten
aus einem Weiler, flimmerlos, matte Punkte wie Leuchtkfer; ein Bauer schrie,
ein Hund bellte, dann fingen pltzlich die Glocken von der Stadt
herberzuluten, eine unendliche Melodie, die langsam strmte wie dunkler Wein
aus grnem Glas.
    Gudstikker sah eine Gestalt vor sich. Sie wanderte mig dahin, griff nach
Stauden am Weg, nach Halmen, warf Steine ins Wasser. Es war Agathon. Gudstikker
griff aus und wnschte guten Abend. Agathon erschrak.
    Was denken Sie so den langen Weg ins Dorf? fragte Gudstikker.
    An vieles. Oder an nichts.
    Mir scheint, mir scheint, Sie sind ein Trumer, ein heimtckischer Trumer,
ein versteckt kochendes Wasser. Niemand ahnt, da es kocht, auf einmal fliegt
der Deckel herunter -!
    Agathon lchelte berlegen. Warum glauben Sie das? fragte er sanft. Sie
kennen mich doch kaum. Sie wollen mir nur imponieren.
    Gudstikker schttelte melancholisch den Kopf. Dann schnupperte er die Luft
durch die Nase und rief: Was fr ein Abend! Zum Sterben schn. Aber dafr haben
Sie ja keinen Sinn. Juden haben keinen Natursinn. brigens mu ich Ihnen etwas
erzhlen. Ich hatte gestern ein merkwrdiges Abenteuer. Als ich am jdischen
Waisenhaus vorbeiging, hrte ich furchtbares Schreien. Die Strae menschenleer,
ein kleiner Junge strzt auf mich zu, nennt mich Herr Jesus, zerrt mich die
Stiege hinauf, durch drei, vier Schlafsle, durch ein des Schulzimmer, durch
eine Art Betsal und ich hre wieder schreien.
    Im Haus?
    Im Haus. Ich ffne eine Tr, zwei groe Kerle, in schwarzem Talar stehen
da, der eine betet und der andre schlgt mit einer Hundspeitsche auf den Knaben
los. Ich, wie toll, schlage den einen zu Boden, drcke den anderen an die Wand,
nehme den Knaben ab und gehe mit ihm fort. Die beiden Zuchtmeister mir nach, auf
der Gasse entsteht ein Auflauf und schlielich hab' ich noch Mhe, die Elenden
vor der Wut des Volkes zu retten. Gudstikker ward bleich bei dem Bericht; es
war, als she er alles mit doppelter Deutlichkeit vor sich.
    Agathon sah seinen Begleiter mit leisem Mitrauen von der Seite an. Weshalb
hatten sie ihn denn so gegezchtigt? fragte er.
    Gudstikker sagte etwas, wobei Agathon die Hnde zusammenschlug.
    Ja, es ist eine schmutzige Welt, in der wir leben, seufzte der andere.
Wir waten durch den Kot, in dem sich die Sterne spiegeln. Wir sind zu gebildet,
um noch brauchbare Menschen zu sein. Wir wissen zu viel, wir schnffeln zu viel
in uns selber herum. Die Psychologie hat lauter Hamlets aus uns gemacht. Srich
Sperling, der war kein Hamlet, der war ein Fortinbras.
    Warum reden Sie immer wieder von Srich Sperling! sagte Agathon geqult.
    Gudstikker blieb stehen, heftete seine Blicke durchdringend auf den
Gefhrten und seine Augen sahen gro und feurig aus im Licht des Mondes. Sie
waren auf dem Hgelkamm angelangt. Die Waldnacht starrte sie an, in der Tiefe
schimmerten die Lichter von Zirndorf. Agathon lehnte sich an einen Baumstamm;
sein Gesicht hatte einen visionren Ausdruck. Ich sehe ihn, sagte er.
    Gudstikker wich scheu zurck.
    Hren Sie, fuhr Agathon fort, mir ist, als knnte ich auch die Zukunft
sehen. Einer hat mich so weit hinaufgehoben, da ich sie sehen kann: Srich
Sperling. Nicht weil er gelebt hat, sondern weil er tot ist. Aber fragen Sie
nicht.
    Sie gingen weiter. Gudstikker kaute an einer erloschenen Zigarette. ber den
Mond zogen flaumige Wolken, ohne da sie seinen Glanz zu mindern vermochten.
    Was ist eigentlich Ihr Beruf? fragte Agathon.
    Gudstikker errtete. Ich schreibe, sagte er, bemht, sich selbst zu
verspotten. Ich mache in Kunst. Vielleicht wird man bald von mir hren.
    Aber nicht lange, fgte Agathon versunken hinzu. Sie haben blo Funken,
keine Flamme. Er brach erschrocken ab, als er bemerkte, wie Gudstikkers Gesicht
sich verzerrte.
    An der Ziegelei trennten sie sich. Agathon ging heim. Es war Vorabendfeier
des Laubhttenfestes. Zum erstenmal hatte Elkan Geyer keine Htte gebaut. Doch
fromme Liebe bergoldete die rmlichkeit. Aus nichtigen Dingen war unter den
Hnden Frau Jettes Poesie entstanden; pfel, Nsse, Trauben lagerten auf
blendend weien Decken, Dielen und Fenster waren gescheuert, eine kupferne Ampel
brannte ber dem Tisch.
    Enoch Pohl starrte im Sofawinkel. Der fremde Gast war wieder da und las
Gebete. Elkan Geyers Gesicht war wie durchpflgt von Unglck. So ging er seit
dem Mord herum, keine Silbe war aus ihm herauszubringen. Die verschuldete Summe
hatte er im letzten Augenblick noch aufgetrieben und dem Bruder des Toten
eingehndigt. Frau Jette siechte hin. Es war oft, als ringe sie mit einer
unsichtbaren Macht und sei nicht stark genug, die Arme frei zu bekommen. Daher
leuchtete es bisweilen dmonisch auf in ihren Augen, wie von der Gewiheit der
Niederlage erfllt und doch voll trotziger Widerstandslust. Die Sorge um die
Kinder beschftigte sie am meisten, und sie glaubte Ruhe zu haben, wenn nur
Elkan endlich die streitige Vorbeterstelle erhielte.
    Um neun Uhr wurden die Kleinen ins Bett geschickt. Alles war still. Der Gast
las die Zeitung fr das Judentum und sah pltzlich empor.
    Es steht schlimm mit Jisroel, sagte er. Habt ihr gelesen von Ruland? Is
der Jd ein Verbrecher, da er sich soll steinigen lassen von die Gojim? Es wird
ein bses End nehmen, ein End mit Schrecken.
    Sie sprachen dann vom Brand in Roth und vom Bankrott einiger Nrnberger
Bankfirmen. Frau Jette sagte, da Isidor Rosenau entschlossen sei, sein Geld
beim Baron Lwengard zu erheben. Das sei lcherlich, warf Enoch hin; Lwengard
sei sicher wie Rothschild. Der Gast hrte es nicht; er redete sich in eine
flammende Hitze gegen die Christen und wurde schlielich phantastisch in seinen
Anklagen. Er ist um ein paar Jahrhunderte versptet, dachte Agathon. Er kannte
viele solcher Juden; das Gebet ging ihnen ber alles, ber Gott selbst und wer
nicht betete, war der Feind, der Christ; etwas Unreines, belriechendes lag ber
diesen Eiferern wie ber abgestandener Speise.
    Ja, sagte Elkan Geyer mde, das ist ja ganz recht, aber schlielich sind
wir doch nur Geduldete. Wir speisen an einer fremden Tafel und bei einem fremden
Volk. Was knnen wir fordern? Nichts. Erobert haben wir ja genug, die einen
viel, die andern wenig.
    Und wenn der Messias kommt, wird alles unser sein, murmelte der Gast und
drckte die Augen zusammen.
    Elkan bog den Kopf leicht vor und seine beiden Mundwinkel zuckten. Darin lag
schmerzlicher Zweifel. Agathon liebte in diesem Augenblick den Vater sehr.
    Bald sagte er gute Nacht. Ihm war wunderlich zu Mut. Er hatte ein Gefhl von
Macht und Freiheit; ihm war, als knne er die bunten Verwicklungen des Lebens
lsen, wenn er nur die Hand erhob. Er wollte noch nicht schlafen, darum ging er
in den Hof und schlrfte die Nacht in sich ein, die so still war, sptsommerlich
lau, trotzdem der Oktober schon weit vorgerckt war. Der zerbrochene Zaun, der
verwilderte Gemsegarten, in der Ferne die Felder, die niederen Huser, alles
zitterte in der sanften Bronzierung des sinkenden Mondes. Er hrte etwas
murmeln, ging ohne Furcht den Lauten nach, ffnete das Scheunentor und wurde
bleich vor Bestrzung, als er auf einem Strohlager den alten Gedalja gewahrte,
der in einen Kerzenstumpf blickte und Agathon eifrig zu sich herwinkte, als er
ihn gewahrte.
    Psch! nix reden! rief er mit unterdrckter Stimme. Mausstill sein, sonst
schneid' ich d'r ab die Ohren. Setz' dich her zu mir, und ich will d'r sagen was
Guts fr dein Leben. Hr zu, Jung. Ob de bist reich, ob de bist arm, 's is ganz
egal; ob de bist gottesfrchtig, ob de bist nit gottesfrchtig, 's is aach egal.
Mt ich sonst sitzen auf Stroh in der Scheune wie Hiob, und unterm Gras wie
Nebukodnezor? Ich will dir geben en guten Rat un sollst'n nit vergessen in
deinem Leben. Sag' niemals, un wenn de wirst siebzig Jahr, sag' niemals, da de
hast einen Menschen, wozu de haben kannst Vertrauen. Gott im Himmel, bin ich
geworden neunzig Jahr, un meine Kinder schmen sich meiner. Hab' ich gehabt e
Gut, e Haus un e Viech un e Frau, un es Unglck is gekommen un hat aufgesperrt
seinen Rachen, da ich jetzt sein mu heimlich in der Scheune meines Vetters,
bis er wird sein willig, mir zu geben e Kammer fr die Nacht. Glauben is kaaner
mehr in der Welt, ich sprs am eignen Fleisch, Gott hat die Zeit verloren, sie
is ihm gefallen aus der Hand, nebbich. Du hrst se schreien von Juden un
Christen, aber was se meinen is das Geld un was se nicht meinen, is die
Frommheit. Was is Gott? Is das Gott, wenn ich mach e Kreuz, wenn ich bet in der
Thora? Is das Papier Gott? Is das Holz Gott? Is Gott der Himmel, is Gott der
Mond? Nix is Gott; Gott is meine Gutwilligkeit un mein Armsein. Ich bin Gott, du
bist Gott, e Gespenst is Gott, e Stck Armut und Elend.
    Er hatte die Hnde erhoben und seine Augen standen voll Trnen. Zerrissen
mit sich und der Welt lag er da. Agathon war versteinert. Dann begann der Alte
wieder, leiser und ruhiger: Jetzt gehste wieder hin, wo de bist hergekommen,
legst dich schlafen un bist still. Du bist e gescheiter Mensch un wirst
schweigen. Ich mu sein allein. Ich kann nit sehn vor mir e menschliches
Gesicht.
    Agathon wandte sich, verschlo die Tr, ging ins Haus, in sein Zimmer,
kleidete sich aus, - alles wie bewutlos. Dann legte er sich ins Bett und dachte
nach, weit ber Mitternacht hinaus.

                                Sechstes Kapitel


Er stand auf, sprte die Nacht um sich her mit den Fingern, kleidete sich an,
ging hinab, und obwohl er sich nicht bemhte, leise zu gehen, schwebte er nur so
hin ber die Treppe und den Flur. Aus der Strae war es zauberhaft still:
Huser, Grten, Brunnen gefroren in Ruhe. Er schlich um das Sebalderwirtshaus
herum, erkletterte das Weinlaubgerst, stand oben vor einem vergitterten
Fenster, prete sich mit seltsamer Geschicklichkeit durch und hpfte durch die
geffneten Fenster in Srich Sperlings Schlafgemach. Es war vollkommen finster,
doch sah er jeden Gegenstand, auch den verstecktesten, mit brennender
Deutlichkeit. Srich Sperling lag nicht im Bett, sondern sa auf einem Stuhl,
starrte in den leeren Ofen und sagte: Mich friert. - Soll ich einschren?
fragte Agathon sanft. Er kniete hin und heizte. Das Material, das er dazu
gebrauchte, fhlte sich an wie Wolle, und schlielich wurde es na und er sah,
da er mit Blut geheizt hatte. Dann ffnete sich die Tr und von den flackernden
Flammen beleuchtet, kam Stefan Gudstikker herein. Er fhrte an einer Leine zwei
Hunde, zwei Katzen und zwei weie Muse, die alle gehorsam hinter ihm
herschritten. Er ging auf Agathon zu und reichte ihm einen Brief, ber den
Agathon in groe Bestrzung geriet und dann sah er pltzlich seine Mutter, die
mit rollenden Augen etwas Unverstndliches sagte. Jetzt stand Srich Sperling
auf und sagte: Es lebe das Kapital. Es lebe die Schnaps- und Fuselbrennerei. Es
lebe die Brgerschaft, die berm Pulverfa schnarcht. Es lebe die Revolution.
Ich bin Robespierre. Ich bin der ewige Jude. Es lebe der Tod. Pltzlich wurde
es hell im Zimmer, Agathon wute nicht, ob durch die Flammen im Ofen oder durch
ein Feuer von drauen. Da begann das Kruzifix an der Wand lebendig zu werden,
Agathon sah ein Mnnergesicht von erhabener Schnheit und kniete nieder. Doch
als er wieder emporblickte, sah er statt dessen eine nackte Frau. Es war
Jeanette. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Sie nahm ihn bei der Hand und
fhrte ihn fort, durch das leere Dorf, durch die Stadt, durch Wiesen und Wlder
und Felder, dann kam eine de Strecke, dann eine Brcke, die ber einen
grauenhaften Schlund hinwegfhrte, und endlich kam ein Garten auf einem Hgel,
und in der Tiefe erwachte der Morgen, die Sonne: rot, schwer und langsam. Alles
war zerstoben, glnzend kam der Tag.
    Frau Jette blieb, als die Mnner zur Synagoge gingen, im Bett. Die
Morgenzeitung brachte die Nachricht von dem Bankrott einer groen Nrnberger
Firma. Darber war alles erregt im Dorf. Aber der Putz, in dem die Weiber zum
Gottesdienst eilten, war darum nicht weniger prchtig. In Samt und Seide, mit
kostbaren Hten und gelben Schuhen tnzelten sie an den Dngerhaufen vorber
durch das schmutzige Dorf. Ernster und stiller betrugen sich die jungen Mdchen.
Es waren Mdchen mit schnen zarten Gesichtern dabei, voll jener grundlosen
Schwermut, die nur den Juden eigen ist, mit jenen schwarzen Augen, die keine
Tiefe haben, mit den zartleuchtenden Stirnen alter Geschlechter.
    Die Mnner schalten und disputierten lauter als je. Sie gingen in Haufen und
kamen kaum vorwrts. Alle redeten mit den Hnden und fochten mit den Armen; man
danke fr die Ehre, einen halben Goij zum Vorbeter zu haben; man mge berlegen,
da Elkan Geyer nicht einmal geborener Zirndorfer sei. Das sei gleichgltig?
wenn er nur ein guter Jd sei? Er sei aber kein guter Jd. Schicke er nicht
seinen Sohn in die Christenschule nach Frth? Das tten andere auch? dann seien
andere auch Schweine, Goijem, Schabbesgoijem. Kmme er sich nicht am heiligen
Schabbes mit einem Kamm?
    Die schwarzen Zylinder fuhren ruh- und ratlos hin und her.
    Weit hinter ihnen schritt Agathon, unschlssig, ob er dem Gottesdienst
beiwohnen solle. Da gesellte sich ein junges Mdchen von etwa sechzehn Jahren zu
ihm. Es war Monika Olifat, die Tochter einer jngst aus Polen eingewanderten
Frau. Sie kam aus freien Stcken zu ihm, und er errtete vor ihrer Schnheit und
vor ihrer Unbefangenheit.
    Sie sind Agathon Geyer? redete sie ihn in reinem Deutsch an, mit einer
glockenhellen, melodischen Stimme.
    Er nickte langsam.
    Ich habe von Ihnen gehrt. Ihr Vater will Vorbeter werden?
    Er nickte wieder.
    Aber warum wollen es die Leute nicht?
    Ich wei nicht. Sie sind neidische, erbrmliche Menschen.
    Braucht ihr es denn so ntig?
    Ja, meine Eltern sind sehr arm. Wenn sie nicht die Zinsen von dem Geld
htten, das fr uns Kinder beim Bankier Lwengard deponiert ist, htten wir kaum
Brot genug. Er sprach etwas stockend und war schlielich gergert ber seine
ungewohnte Mitteilfreude.
    Wissen Sie was, sagte Monika Olifat, wir wollen Freunde werden.
Vorausgesetzt, da es Ihnen nicht langweilig ist. Agathon sah sie an und jetzt
errtete sie. Ich suche einen Freund, fuhr sie verwirrt und wie entschuldigend
fort. Also wollen Sie? Sie hielt ihm schchtern die Hand entgegen und
schchtern legte er die seine hinein.
    Freunde sind Verbndete, sagte Monika Olifat. Sie drfen einander nicht
verraten und nichts voreinander verschweigen. Und jetzt sagen wir uns Du. Sie
nickte ihm vertraulich zu und verschwand in dem fr die Frauen bestimmten
Aufgang der Synagoge.
    Der Tempel war ein kahler Raum mit hohen, farblosen Fenstern, alten
Gebetspulten und voll moderiger Luft. Whrend des ganzen Gottesdienstes
herrschte derselbe Lrm wie vorher auf der Strae. Erst als ein Rabbiner aus
Frth die Kanzel betrat, um zu predigen, wurde es ruhig. Diese Predigt war
anfangs mit gelehrten und biblischen Zitaten geschmckt, erging sich dann in
pathetischen Verwnschungen der Heiden, befate sich des weiteren mit der
Untersuchung eines spitzfindigen Satzes aus der Mischna, empfahl die Fahne des
Glaubens hochzuhalten und schlo mit einem Preis des Vaterlandes und des
Kaisers. Da erschallte ein erschreckendes Gelchter im Hintergrund. Alles wandte
sich mit aufgerissenen Augen um, und man sah einen alten Mann sich krmmen und
verbeugen wie eine Katze und einem unsichtbaren Etwas in der Luft zugrinsen. Es
war Gedalja; Enoch Pohl ging hin, um ihn hinauszufhren. Tuschelnd verlie die
Gemeinde das Haus.
    Als Agathon nach Haus kam, sa Gedalja frstelnd am Ofen, und neben ihm
stand Enoch in finsterem Schweigen. Elkan Geyer hockte auf der Bank am Tisch und
hatte das Gesicht mit den Hnden bedeckt. Der pausbckige Knabe trippelte auf
dem Polster eines Stuhls herum und leckte behaglich summend an der
Zinneinfassung der Fensterscheibe. Der Himmel war grau und regnerisch.
    Es ntzt nix, Enoch, sagte Gedalja. Ich waa, da de hast vergraben dein
Geld im Garten oder im Hof, viel Geld. Aber mir brauchste ja nix zu geben
dervon.
    Schweig still, du versndigst dich, erwiderte Enoch durch die Zhne.
    Der andere Greis schien es nicht zu hren. Es ntzt nix, sagte er eintnig
und bekmmert. Wucher treibste aach und ich seh dich noch kommen ins Zuchthaus
mit aller deiner Frommheit. Ich seh dich noch kommen ins Zuchthaus, so wahr ich
leb un so wahr ich da sitz.
    Du versndigst dich, murmelte Elkan Geyer geqult.
    Was soll ich tun? Kann ich mer helfen? Er kann helfen. Wenn er ausleiht
Geld zu fufzig Prozent, soll ich halten mei Maul? Ich hab's gehrt von en
redlichen Mann, von en bedauernswerten Mann, Enoch, den de hast gericht zu
grund. Soll kommen sein Wohlstand ber dich. Soll kommen sein Ansehn ber dich.
Aber haste zu grund gericht den Bcker, wirste aach zu grund richten den
Schuster. Un endlich wird kommen der Zugrundrichter ber dich un werd haben kein
Erbarmen, wie du hast gehabt kein Erbarmen, Enoch. Dann is geschndet dein Name
un deine Familie un is geschndet der Jud. Haste nicht mir geliehen dreiig
Taler, Enoch, voriges Jahr Ostern zu gutem un ich hab d'r zurckgegeben fufzig
Taler um Pfingsten? Die Welt is gro un dreht sich, ich waa un mancher
verschlupft in en Winkel vor der Vergeltung, aber manchen packt's auch un er mu
lassen Ruh un Frieden for sein Alter. Ich hab gesprochen und bin stumm.
    Isidor Rosenau kam und wurde sehr lau begrt. Er, der bisweilen
atheistische Anwandlungen versprte, begann einen etwas umstndlichen Vortrag
ber Widersprche in der Bibel zu halten. Er hatte irgend etwas irgendwo
aufgeschnappt und glaubte damit die ganze Schpfungsgeschichte um ihre Vernunft
gebracht zu haben. Wenn Adam und Eva und Kain und Abel allein in der Welt waren
und Abel ging hin und nahm sich ein Weib aus der Fremde, so waren sie doch nicht
allein gewesen! So rief er triumphierend.
    Erst antwortete ihm niemand, dann sagte Gedalja mit einer Geste, deren Stolz
und Vornehmheit Agathon unvergleichlich schienen: Junger Mann, die Schrift is
nit geschrieben, da se wird gelesen mit die leiblichen Augen, sondern mit die
geistigen. Sie soll nicht werden studiert, sondern sie soll werden getrunken wie
Wein. Sie hat Symbole, da wir knnen messen daran unseres eigenes Leben. Un wir
sollen nicht messen daran mit der Schneiderelle, sondern mit unserm Gewissen.
    Agathon fhlte seine Augen feucht werden. Er erhob sich, ging zu dem Greis
und kte ihm rasch und errtend die Hand.
    Doktor Schreigemut kam, um nach Frau Jette zu sehen. Er brachte eine
Gemtlichkeit zum Krankenlager, als sei der Tod eine eitle Schrulle, und sein
weinrotes Gesicht glnzte, als ob Kranksein den erstrebenswertesten Zustand
bedeute. Er schrieb ein Rezeptchen, wie er sich ausdrckte, verbreitete sich
eingehend ber die politische Lage, kniff Mirjam in die Wange und entfernte sich
befriedigt. Die Ladenglocke lutete und ein Bauer verlangte Tabak zu kaufen.
Elkan Geyer rief hinaus, heute sei Feiertag und der Laden geschlossen. Er schlug
die Tr zu, gleich darauf verlie er aber das Zimmer. Agathon wute, da er in
die Kche ging, um die Magd zu bitten, da sie den Tabak verkaufe.
    Der Tag ging hin. Aber diese Herbsttage sind gar nicht; sie sterben langsam,
sind blo ein Vergehen. Sie fallen kraftlos in die Arme der heraufsteigenden
Nacht, und die Nacht nimmt sie auf den Arm wie die Mutter ein Kind nimmt und es
einlullt mit gesummten Liedern. Am Nachmittag half Agathon ein Zimmer fr
Gedalja instand setzen; fr die nchsten Wochen war dem Alten eine elende Kammer
zwischen Hof und Hhnerstall berlassen worden. Dann ging er spazieren. ber
sein Tun und Denken war eine leidenschaftliche Unruhe gebreitet. Der Weg fhrte
ihn vor das Haus, wo Monika Olifat wohnte. Sie sah aus dem Fenster und winkte
ihn freudig hinauf. Sie war allein; die Mutter und die kleinere Schwester
machten Besuche.
    Ich freue mich, da du gekommen bist, sagte Monika sanft, als er in das
hbsche Zimmer trat. Sie redeten eine Weile verlegen hin und her, dann brachte
Monika ein Buch, woraus sie ihm polnische Gedichte vorlas. Er hatte sie darum
gebeten, obwohl er die Sprache nicht verstand. Es war ihm genug, ihre Stimme zu
hren, die rein und hell dahinflo, ein ungetrbter Strom. Die Stimme machte
alles heiter um ihn, und er hatte ein unbezwingliches Verlangen nach Heiterkeit
und Freude in sich, ein Verlangen, das tglich wuchs und ungestmer wurde. So
kam es ihm vor, da in diesen mysteris klingenden Versen das Herrlichste und
Sonnigste enthalten sei, das je ein menschliches Ohr vernommen, und da man sie
nur zu verstehen brauchte, um von allen Sorgen erlst zu sein.
    Sie klappte das Buch zu und sagte entschieden: So, jetzt wollen wir uns
unterhalten.
    Das war nun wohl gesagt, aber dabei blieb es. Denn Agathon war still und
Monika auch. Denn wer konnte reden, wenn es drauen dmmerte! Der mde Himmel
schien herunterzusinken, die Bume bogen sich, verschwammen, schienen in die
Erde zu fallen. Das Wasser auf den Wiesen spiegelte den Himmel wider, stets
matter und matter, wie Glas, das berhaucht wird. Agathon sah nur noch die
zarten Linien eines Profils, eine leicht gebogene Nase, eine schmale Stirnlinie,
zuckende Lider, hinter denen dunkle Augen gleich lebenden Kugeln strahlten und
ein Kinn, das ihn an eine Puppe erinnerte.
    Du sprichst ja nichts, flsterte Monika befangen.
    La uns nicht sprechen, erwiderte Agathon mit bebender Stimme.
    Was soll man auch sagen, gab Monika zu. Sie ergriff seine Hand und
streichelte sie vorsichtig. Warum zitterst du denn, Agathon?
    Agathon sprang auf, nahm seinen Hut und rannte fort, - hinaus, und ging erst
wieder langsam, als er in der Hauptstrae des Dorfes war. Er lchelte voll Scham
und Neue.
    Den Kopf voll marternder Gedanken, ging er zu Hause vom Flur in den Hof, vom
Hof in den Flur. Dann stieg er die Treppe hinauf, wie unwillkrlich aus dem
Bedrfnis nach der Hhe. An ihrer Kammertr stand die Magd, nur mit einem
Unterrock und einem Hemd bekleidet. Ihr Haar war lose, ihre festen Schultern und
die Hlfte der Brust waren nackt. So stand sie vor der halboffenen Tr,
schwankend beleuchtet von dem Kerzenlicht in der Kammer, und lchelte halb
blde, halb begehrlich Agathon zu. Seine Zhne schlugen aneinander, er wollte
nach einem Halt greifen, er wollte etwas sagen, doch sogleich legte es sich wie
eine Kette um seinen Hals und es wurde ihm so unertrglich hei, da er den
ganzen Krper feucht werden fhlte. Mit einem dumpfen Schrei floh er.
    Noch besinnungslos strzte er in die Kammer des alten Gedalja, kniete vor
ihm nieder, nahm dessen Hand und flsterte wirr, bleichen Gesichts. Der Greis
fragte und konnte nichts herausbringen, doch bald bekam er auf Umwegen Klarheit.
Er nickte ein paarmal wissend vor sich hin. Setz dich her, mein Jung, und ich
will dir sagen was for dein Herz un wie de sollst sein gegen die Weiber. Bin ich
worn gestraft un hab gehabt zwaa Weiber nebbich un war kein Glck und kein Segen
dabei. Das Weib is gut fr die Stund, wenn se hat keine Sanftheit for den Mann.
Sie mag sein aufgeklrt, sie mag haben Geld, sie mag sein sparsam, sie mag sein
gottesfrchtig; wenn se nicht is weich wie lehmige Erd, da de kannst formen das
Bild wo de willst, taugt se nix for dich. Und wenn de hast eine groe Begehr,
dann gehste hin, sonst wird verstopft dein Geist un dein Gemt un du siehst
Gespenster beim helllichten Tag. La d'r nit einjagen Angst durch die falschen
Lehren: es is kein Unglck un kein Verbrechen, es is menschlich un du sollst
blo schweigen davon. Un wenn de eines Tages fhlst mehr und dein Herz werd sein
voll Liebe, dann gehste hin und siehst, ob se gefllt deinen Sinnen. Un wenn se
gefllt deinen Sinnen, gefllt se aach deinem Haus un deine Kinder. Das wirste
nit verstehn heut, aber de wirst es verstehn bald un wirst gedenken an meine
Worte.
    Agathon war nicht beruhigt. Im Gegenteil, er war noch erregter als vorher.
Es wurde Abend und er fhlte sich gefangen in einem verworrenen Knuel von
Rtseln. Er stand in dem schmalen Vorplatz, der zur Kirche fhrte und wo es
stockfinster war. Er drckte sich krampfhaft an die Holzplatten der Rckwand und
sah in das winzige Lmpchen, das auf dem Anricht in der Kche stand. Er hrte
nahende Schritte und erschrak wie ein Verbrecher. Es waren trippelnde, tastende,
gleichsam spionierende Schritte und endlich kam die geduckte, sphende Gestalt
Enoch Pohls zum Vorschein. Er lispelte unhrbar, seine Augen stierten in die
matt erhellte Kche, es war, als ob sie ihm vorauseilten, um die Kche
abzusuchen, dann tappte er hastig auf den Blechkorb am Vorhang zu, wo das
Hausbrot aufbewahrt wurde, nahm das Brot, ri die Anrichteschublade auf, packte
mit schlotternden Hnden ein Messer und schnitt ein groes Stck Brot herab,
immer angstvoll lauernd in die Richtung des Flurs blickend. Dann klappte er den
Blechkorb vorsichtig zu, legte das Messer wieder an seinen Platz, bi hungrig in
das erbeutete Stck Brot hinein und schluckte den Bissen gierig hinunter. Das
andere verbarg er in seinem Wams. Schleichend wie er gekommen, entfernte er sich
wieder.
    Agathon hatte alles gesehen. Er wankte und mit einem Aufschrei brach er
zusammen. Lange kauerte er so, und niemals war in seiner Seele das inbrnstige
Verlangen so stark gewesen, dieser dunklen Welt um sich her Freude zu bringen.
Als er aufsah und sich entfernen wollte, erblickte er seinen Vater, der
unbeweglich vor ihm stand und die Hand schwer auf seine Schulter legte.

                               Siebentes Kapitel


Als Frau Gudstikker am Morgen das Frhstck bereitete, mute sie zum Brunnen,
und als sie zurckkam, waren die beiden Knaben Sema und Wendelin verschwunden.
Sie hatte nun wieder Grund zu jenen stoischen und schwarzsichtigen
Betrachtungen, die ihr ein hartes Leben und ihre stolze Natur nahe legten. Ihre
Gedanken nahmen stets einen erbarmungslosen Gang und dabei schonte sie nicht,
was ihr teuer war. Als Stefan spt nachmittags nach Hause kam, fragte sie ihn,
wo er herumgestreunt sei.
    Du weit, ich streune nicht, Mutter, entgegnete er mit blitzenden Augen,
den Kopf hoch aufrichtend.
    Ja, ich wei es, entgegnete sie wie nachdenklich und blickte ironisch auf
seine staubbedeckten Stiefel.
    Wo sind die Knaben?
    Fort.
    Wie?
    Ich habe sie heimgeschickt.
    Was heit das? Du weit doch, da ich den Burschen brauchte! Es war ein
interessanter Fall. Wie konntest du sie fortschicken?
    Es ist nicht ntig, da du mit Menschen spielst. Spiele mit deinen Ideen.
Darber bist du Herr.
    Gudstikker atmete schwer. Mutter, ich betrete dein Haus nicht mehr, prete
er endlich hervor und strzte fort. Sie lchelte gutmtig hinter ihm her,
ffnete das Fenster und schaute ihm lange Zeit nach.
    Stefan Gudstikker ging zum Friseur, wo er ber eine halbe Stunde sa, um
sich Haar und Bart verschnen zu lassen, und bei Anbruch der Dmmerung erwartete
er vor den Anlagen seine Verlobte.
    Sie haben mich fast geschlagen, waren Kthes erste Worte. Ich sei
heimlich mit dir zusammengetroffen. Du sollst zu uns ins Haus kommen.
    So. Er nahm hastig ihren Arm und schritt weiter.
    Nein, nein, wehrte sie angstvoll. Nicht jetzt. Du darfst sie nicht
herausfordern.
    Ich schlag alles kurz und klein. Er machte eine verzweifelte Gebrde der
Auflehnung.
    Ach Stefan, warum ist das alles so! Warum hast du nicht viel Geld! Bei
deinem Genie! Warum ist alles so traurig um uns!
    Es wird anders, Liebchen, es wird anders! Ich werde Geld haben, Macht
haben, alles was du willst. Ich werde die Welt aus den Angeln heben! Ich habe
ein groes Werk vor! Du wirst sehen.
    Ich glaube ja gern daran. Nur ist die Zeit so lang. Jeder Tag ein Jahr.
    Nur Geduld. Du wirst sehen. Kann ich bei euch essen?
    Willst du kommen? Wirklich? Und ohne Zorn? Wie herrlich!
    Mach um Gotteswillen nicht so viel Ausrufezeichen in deine Rede! Das macht
mich nervs! Ich hasse alle Ausrufezeichen!
    Was hast du denn? Du bist so verbissen seit einigen Tagen.
    Verbissen? Nein. Nachdenklich, ja. Ich verkehre da mit einem jungen
Menschen, Agathon Geyer, einem Juden. Ich bin nicht sentimental, aber, - na, du
mtest ihn sehen. Er sieht aus wie, es klingt lappisch, aber ich mu immer an
Aladdin mit der Wunderlampe denken. Und was am sonderbarsten ist, unter den
Papieren meines Vaters, der ja auch Agathon hie, hab ich Briefe von seiner
Mutter gefunden. Sie sind mit Jette Pohl unterzeichnet. Sie war noch Mdchen
damals. Schn, gescheit, liebenswrdig vielleicht. Etwas Merkwrdiges liegt in
den Briefen, dasselbe was in Agathons Augen liegt. Aber du schlfst ja?
    Nein, ich bin nur mde.
    Familie Estrich war sehr liebenswrdig gegen Gudstikker und Gudstikker war
ebenfalls liebenswrdig gegen die Familie Estrich. Er kte seine knftige
Schwiegermutter auf die Wange, fragte Herrn Estrich nach dem Gang der
Ziegelei-Angelegenheit, sang nach dem Abendessen zur Guitarre, Volkslieder, die
von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um seinen Herd. Um elf Uhr
ging er. Auf der Strae wurde sein Gesicht finster, herb und verzerrt. Er schlug
sich an die Stirn und sprach zu sich selbst.
    Er suchte ein Cafe auf, und in dem Augenblick, wo er den Raum betrat,
erhielt sein Gesicht wieder den aufmerksamen und bertrieben stolzen Ausdruck.
Er begrte den Lehrer Bojesen, setzte sich zu ihm an den Tisch, rieb sich
frhlich die Hnde und erzhlte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und
einem Fuhrmann, die er erfunden hatte, aber so darstellte, als ob er sie eben
erlebt htte. Also wie geht es Ihnen, lieber Bojesen? fragte er darauf und
rieb sich wieder die Hnde. Gut?
    Wenns nicht geht, so zwingt mans eben!
    Sie sind immer allein. Ich habe Sie noch nicht anders als allein gesehen.
Wie kommt das?
    Nun, das ist so Gelehrtenart, erwiderte Bojesen mit einer sanften
Selbstironie. Ich mu Ihnen sagen, diese Stadt, diese Menschen hier, sie liegen
nicht innerhalb der Welt. Es ist etwas Verlorenes und Verkommenes, ein Sumpf.
    Kein Wunder, sagte Gudstikker, wie leben wir denn! Sternenlos! Und unsre
jdischen Mitbrger sorgen dafr, da uns der Himmel holder Ideale noch weiter
fortrckt. Eigentlich wundre ich mich immer, wenn ich einen anstndig
gekleideten Menschen treffe, der kein Jude ist.
    Freilich, das ist ein Kardinalthema, gab Bojesen leicht errtend zu. Und
das ganze Land ist in dieser Beziehung, was unsre Stadt im kleinen ist. Die
Juden bringen ja das geistige Leben der Nation in Bewegung, es ist wahr; schon
deswegen weil die Presse in ihren Hnden ist. Vielleicht ist das ein Unglck,
vielleicht auch nicht. Vielleicht sind da diese scharfen Reagentien, diese
Gewandtheit und Schlpfrigkeit am Platz. Vielleicht hat ihre wirtschaftliche
Unternehmungslust mehr Aufschwung im Gefolge, als unsrer Bedchtigkeit
erreichbar wre. Aber fr das Hauptunglck halte ich, da sie sich nun und von
allen Seiten her auch in die Kunst eindrngen.
    Ich verstehe; Sie haben recht, murmelte Gudstikker, den die Beredsamkeit
eines andern ungeduldig machte. Aber schlielich, Kunst ist Kunst. Man kann ja
Gold legieren, aber reines Gold kommt dabei nicht um den Wert.
    Gewi. Trotzdem ist eine Gefahr. Sehen Sie mal, frher hatten die Juden
genug zu tun, sich die Gebiete zu erobern, die ihnen nahe standen. Pltzlich
nahmen sie teil an der reichen Kultur, die sie selbst mitschaffen halfen und
wuchsen in die Kunst hinein. Es war eine unausbleibliche Verbindung. Jetzt sehen
Sie berall jdische Knstler, erschreckend viele, erschreckend gute. Ich
spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten, das ist keine Frage mehr;
sie haben meist mit der Kunst, wie ich sie meine, nichts zu tun. Von den
heutigen will ich reden. Sie sind Knstler, echte Knstler, daran ist nicht zu
zweifeln. Aber sie richten uns zugrunde. Alles, was wir erworben haben, lang und
mhselig, damit knnen sie hantieren; alles, wonach wir ringen, das haben sie
und wenn wir unser Blut hingeben fr eine Sache, stecken sie dieselbe Sache
schon lachend in ihre Tasche. Es fliet ihnen so zu, sie haben keinerlei Kampf
damit zu bestehen. Und ich will Ihnen sagen, woran es liegt: sie haben keine
Tiefe. Nur in die Breite gehen sie und wenn sie tief scheinen, ist es eine Lge.
Sie kommen ja aus dem Scho eines wunderbaren Volkes. Welche Verfolgungen!
welche Unterdrckungen! Aber wie ein Wurm krmmt sich dieser Volkskrper durch
die Zeiten, unerschpflich an Lebenskraft. Aber jetzt naht die Krisis. Sie
nehmen uns die Wahrheit und die Aufrichtigkeit in der Kunst, das ist wichtiger
als alles andere. Sie ersetzen es unbewut mit dem Schein von Wahrheit, dem
Schein von Aufrichtigkeit; sie bringen uns eine neue Art von Sentimentalitt,
die sich als Naivett gibt und mit grblerischer Wehmut nach den Grnden der
Dinge schreit. Ich schwre Ihnen, mein Lieber, das ist eines von den Dingen, die
das Schicksal und das Leben ganzer Jahrhunderte verdstern. Darin liegt die
Judenfrage, wie man das Ding lppisch nennt. Darum mten die Juden fort und
tausendmal fort. Was ist alles andere, eine lokale Sache. Religion! Was ist uns
Religion! wir haben keine Religion mehr im kirchlichen Sinn. Sie sollen sich ein
Land suchen, wo es auch immer sei, sie sollen einen Knig ber sich setzen wie
in den alten Zeiten, sollen ihren Weizen bauen und ihr Gras mhen und ihre
Huser aufrichten, sagen wir, in Australien, nur nicht bei uns. Sonst geht der
Verfall weiter und wir werden sitzen, wie der Frosch an der Mergelgrube. Das
Christentum htte schon lngst ausgeatmet, wenn das Judentum nicht wre,
abgesehen davon, da es garnicht gekommen wre und die germanischen Vlker sich
einen Gott nach ihrem Blut geschaffen htten.
    Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehrt, und er war so voll von
Zweifeln und Einwnden, da er zuletzt kein Wort herausbrachte und ein
mimutiges Gesicht schnitt. Bojesen lchelte schwermtig. Ich bin abgeschweift
von meinem Thema, bemerkte er mit einer Miene, die um Verzeihung bat fr das
Feuer und die Leidenschaft seiner Worte. Ich meinte, wie man hier lebt, darin
sei etwas Unwrdiges, etwas Zeitloses und Teilnahmloses fr die Zeit. Hier wird
man entweder zum Fanatiker oder zum Dummkopf. Man kann nicht einmal Einflu
haben auf die Jugend, selbst das ist unmglich. Es ist erstaunlich, aber es ist
so, Sie drfen mir glauben. Mein Gott, was ist das fr eine Jugend! Sie hat
nichts, als was man ihr schenkt. Sie ist so arm und man macht sie noch rmer
dadurch, wie man den Unterricht betreibt. Doch davon darf ich gar nicht reden.
    Sie haben wohl Schlimmes hinter sich? fragte Gudstikker, der sich vllig
bewut war, eine Allerweltsfrage zu tun. Aber er empfand deutlich, da ihm
dieser Mann heute nichts geheimhalten wrde, da er sich betubte durch
Mitteilung, und da er sich jedem Fremden ebenso erffnet htte.
    Schlimmes? Nein. Es ist so gewhnlich, zu gewhnlich, um Aufhebens davon zu
machen. Mein Vater war reich und hat mich enterbt, weil ich zur Wissenschaft
ging. Ich sollte Soldat werden. Dann hat mich auch die Wissenschaft verstoen,
und da bin ich Lehrer geworden. Ich htte schon ausgeharrt, aber es traf mich
das Unglck, da ich mich verliebte.
    Bojesen schwieg und sah sich mit trumenden Augen rings um. Der Raum leerte
sich; die Kellner suberten die Tische, viele Lichter wurden verlscht, die
weien Marmorplatten starrten grell aus den dunklen Teilen des Saales. Die Uhr
schien stillzustehn; die Zeit schien stillzustehn.
    Und nun wundern Sie sich jedenfalls, da ich hier sitze, begann Lehrer
Bojesen wieder mit gedmpfter Stimme, und nicht daheim bei dieser Frau, in die
ich mich verliebt habe? Jeden Abend bin ich hier zu treffen im Kreis meiner
sublimen Gedanken, denen ich Audienz gebe. Ich wei nicht, welcher Geist uns
immer noch mit der Ehe foltert, uns, die wir mit frischgewaschenen Manschetten
ins zwanzigste Jahrhundert treten sollen. An die Harmonie der Flitterwochen bin
ich ja bereit zu glauben, vielleicht noch ein Jahr lnger, aber dann? Sagen Sie
mir, lieber Freund, was soll man tun mit einer Frau, die so schn ist, wie sie
jung ist, wie sie anmutig ist, und die nicht hungrig wird an ihrem Krper?
Verstehen Sie mich? Sie hat kein Verlangen, liebt seelisch und wie die schnen
Dinge alle heien, nennt es Schmutz, wenn sich die Leiber vereinigen, wie es die
Natur sanktioniert hat. Vielleicht ist das auch eine Zeitkrankheit, eine
Frauenkrankheit, aber was soll man tun mit einem solchen Weib? Man kann ihr
nichts mehr geben, nichts. Sie wird einem zum Stein!
    Gudstikker nickte und spielte peinlich berhrt mit einem Streichholz.
    Ja, fuhr Bojesen mit einer offenbaren und immer steigenden Lust, sich
selbst zu zerfleischen und preiszugeben, fort, wenn sonst etwas wre. Ich
wnsche Ihnen niemals, Lehrer zu sein. Was sind das fr Herren, auf deren guten
Willen man angewiesen ist! Doch lassen Sie mich aufhren zu reden, erzhlen Sie
mir etwas.
    Gudstikker fragte Bojesen, ob er Agathon Geyer kenne, und Bojesen bejahte.
Er scheine ihm ein ziemlich talentloser Schler zu sein, wie alle. Er meine,
Talent im hheren Sinn, wobei das Bewutsein eines Zieles sei, ein um der Sache
willen Schaffen. Das knne er bei keinem dieser Schler finden, die die ganze
Schule als eine Art Strafarbeit oder Hindernisrennen betrachten. Das kommt von
oben und geht durch bis zum Pedell. Arbeitergeist. In wessen Augen ein
Evangelium glnzt, der ist gebrandmarkt. Das Beste wird von Strebern geleistet.
Nun malen Sie sich das aus.
    Die beiden Mnner zahlten ihre Zeche. Wie Wellen schwankten die Nebel auf
der Strae. Am Bahnhof verabschiedete sich Gudstikker.
    Bojesen empfand jenes Grauen vor den eigenen vier Wnden, das den
energielosen Naturen oft eigen ist, und er frchtete die stumme Sprache seiner
Bcher, seiner Spiegel, seiner Kerze. Ein warmer Wind erhob sich, der allmhlich
zum Sturm anwuchs, und seinen Hut mit beiden Hnden festhaltend, schritt er
langsam dahin, froh des Kampfes mit dem Element. Er achtete nicht des Weges, den
er schritt, er war froh, allein zu sein, ihm war, als ob es vllig einsam wre
auf dem Erdball. In dem bergigen Viertel am Flu kam er an ein Haus, dessen
erleuchtete Fenster mit den Worten geschmckt waren: Zum siebenten Himmel.
    Bojesen ging hinein. Vor dichtem Rauch sah er zuerst berhaupt nichts. Ein
suerlicher Geruch von abgestandenem Bier drang auf ihn ein. Dann sah er im
Hintergrund neben dem Bffet das Podium mit einem verwahrlosten Vorhang. Die
Tische starrten von verschtteten Getrnken und Speiseresten. Die Sthle lagen
teils auf der Erde, teils standen sie auf einem Haufen; einer stand auf dem
Tisch. In einer Nische befand sich die Ruine eines Billards und die Ruine eines
Klaviers. Eine verblhte Dame stellte eine Flasche Wein vor den Ankmmling hin
und erklrte, da die heutige Galavorstellung unterblieben sei, weil das
Publikum sich geprgelt habe. Bojesen starrte in die Hhe, in irgend eine
sonnige Ferne und murmelte: Geliebt und verloren. So sa er eine Stunde lang,
ohne sich zu rhren. Pltzlich schob sich der Vorhang ber dem Podium zur Seite,
und der Kopf eines jungen Weibes mit nackten Schultern guckte heraus. Das
Gesicht war leuchtend bleich, mit einer niederen Stirn, mit Augen von einem
ruhigen, leidenschaftlichen Feuer, mit einem trotzigen Mund. Holla Luisina! Es
lebe das Proletariat! rief eine heisere, aber jugendliche Stimme. Bojesen
schaute hin, sah jedoch niemand. Das junge Mdchen nickte lchelnd zurck,
prfte Bojesen mit flchtigem Blick und verschwand. Bojesen verga niemals den
bsen Ausdruck des Gesichts in jener Sekunde, da sie ihn angeschaut. Wieder sa
er lange, ohne zu wissen, was er tun oder denken sollte. Dann stand er auf, ging
zum Podium, schlug den Vorhang zurck, und sah eine armselige Bhne vor sich,
mit zerrissenen Kulissen an der Seite. In einer Ecke sa Luisina und lchelte
ihn spttisch an, als er auf sie zukam. Wollen Sie spionieren? fragte sie
schroff. Es steht Ihnen nichts im Weg. Mein Name ist Luisina Stellamare. Sie
halten es fr unwahrscheinlich? Sie glauben, da ich Barbara Mller heie?
Mglich. Aber sobald es Ihr Amt erlaubt, bitte ich, mich des verdrielichen
Anblickes Ihrer Person zu entheben.
    Es lebe die Anarchie! rief die exaltierte Stimme wieder. Morgenrte!
Fackeltanz! Meine Seele ist wie ein Lamm am Ostertag. Es lebe der Messias!
    Das ist der Glhende, sagte Luisina, Bojesen zunickend. Er ist meine
Fanfare. Sie lachte, und dies Lachen klang, wie wenn Glasscheiben klirren. Dann
wurde sie wieder ernst, drohend und verchtlich ernst. Ja, sagte sie mit einem
Wesen, als erachte sie ihre Worte als zu wertvoll, um gesprochen zu werden, ich
bin aus der Art geschlagen, ungeraten, landflchtig. Ich lebe nun das Leben, wie
ich es will, auf eigene Faust, auf eigene Taler, mit der Erlaubnis zu jauchzen,
wenn ich will und zu lieben, wenn ich will. Wollen Sie noch mehr wissen? Meine
Biographie ist erst nach meinem Tod zu haben.
    Ich bin der tanzende Stern des Chaos! erschallte die Stimme des Glhenden;
eine fette Stimme brummte befriedigt bravo.
    Bojesen hatte sich an eine Kulisse gelehnt und sah Luisina mit
halbgeschlossenen Lidern unverwandt an. Glauben Sie an Zuflle? fragte er
endlich. Ich bin hier hereingekommen mit dem Bewutsein, da ich Ihnen begegnen
wrde. Meine Seele wute davon. Ich kenne Sie nicht, wer Sie auch sein mgen,
ich will Sie nicht kennen. Nur wnschte ich einen anderen Nahmen fr dies Bild.
    Ach! Luisina sprang berrascht und stirnrunzelnd auf. In ihrem Wesen war
etwas so Fischhaftes, beunruhigend Lebendiges, da Bojesen auf jedes ihrer
Worte, jede ihrer Gebrden harrte. Sie kam auf ihn zu, lauernd wie ein Tiger,
bohrte den Blick ihrer blauen Augen fest in den seinen und sagte: Kommen Sie
hierher, um den mden Mann zu spielen? Sprechen von Seele? Hier gibts keine
Seele! Hier wird gelacht, getanzt, gesungen und getrunken, und wer hier
eintritt, lasse seine Seele fahren. Ihre Dienerin, Monsieur. Damit ging sie
grazis und schnell.
    Und Bojesen ging auch, legte sein Geld auf den Tisch und ging. Er verlor
sich selbst in der Nacht. Er zhlte die Laternen in den Straen. Dann stand er
auf der Brcke und starrte in den Flu und dachte nach, woher all das Wasser
kam, wohin es ging; warum fliet es in weiten Streifen und Falten dahin, nicht
glatt wie ein Glas? dachte er. Was rauscht es leise, was schlgt es an die
steinernen Pfeiler?

Es fliet der Flu und stehet nicht
Und Gott ist und vergehet nicht

murmelte er vor sich hin. Er suchte ein kleines Gasthaus auf, wo er in einem
harten Bett, in feuchter Kammer den Rest der Nacht schlaflos zubrachte, von
einem Bild gepeinigt, das die wachen Glieder zittern lie, bis der Leib unwillig
zurckkehrte in die Finsternis der Kammer mit dem Lichtfleck von Fenster.
    Als er am Morgen dem Schulhaus zuschritt, dachte er an seine Frau daheim.
Aber sie rckte ihm noch ferner in diesen Gedanken, als da er ihrer vergessen
hatte; sie verschwand in dem Nebel, der die Gassen nte und emporstieg zum
Himmel, um selber whrend des Tages Himmel zu sein.
    Im Laboratorium lrmten schon die Schler. Bei seinem Eintritt wurde es
still, und alle erhoben sich. Die Bnke waren amphitheatralisch aufgebaut,
Schrnke mit Mineralien klebten an den Wnden. Auf dem langen Tisch standen und
lagen Retorten, Brennapparate, Rhren, Schmelztiegel, Drahtnetze, Flaschen und
Schachteln. Bald nach Beginn des Unterrichts kam der Rektor; er bergab Bojesen
ein kleines Schreibheft und sagte ernst: Sie sind Ordinarius von Agathon Geyer.
Lesen Sie dies und kommen Sie in einer Stunde aufs Rektorat. Gndig nickend
verschwand er.
    Bojesen suchte sein Privatzimmer auf, wo ein starker Chlorgeruch herrschte.
Auf dem Heft stand: Deutsche Aufstze von Agathon Geyer. Bojesen bltterte bis
zu dem letzten, vom Rektor signierten Thema: Was soll uns die Schule sein? und
las zuerst ziemlich gleichgltig. Die Schrift war schlecht, schattenhaft,
fieberhaft; die Buchstaben schienen aufeinander loszustrzen, besinnungslos
hinzutaumeln, dann schien irgend einer pltzlich steif zu stehen, Halt zu
gebieten, aber nichts konnte die allgemeine Verwirrung hemmen. Bojesen las mit
wachsendem Erstaunen, erst kopfschttelnd, dann errtend, dann erblassend, und
als er am Schlu angelangt war, sttzte er den Kopf in die Hand, nickte trostlos
vor sich hin und begann das Stck des Schlers noch einmal zu lesen, bedchtiger
und immer mehr verwundert, welch klare und fast dichterische Form die glhende
Seele des Unmndigen gefunden hatte.
    Die Schule, so lautete der Aufsatz, sollte uns das Tor zum Leben aufmachen.
Sie sollte uns erwachsen machen, mutig und gefahrenkundig. Sie sollte uns zu
tchtigen, edlen Menschen machen. Sie sollte uns die Lehrer lieben lehren und
die Lehrer sollten uns lehren, das Leben zu lieben, den knftigen Beruf, die
Menschen, die groen Mnner der Vergangenheit, die groen Ideen, die Freude an
der Freundschaft, an der Natur. Sie sollten uns berlegen sein. Sie sollten uns
liebevoll entgegenkommen, damit wir froh wrden. Aber ist das alles wahr?
Bereitet uns die Schule fr den Beruf vor? Wenn wir sie verlassen, wissen wir
vielleicht, was wir werden sollen, aber nicht, was wir sind. Die Schule
speichert Kenntnisse in uns auf, die tot bleiben. Wir werden in unserer Seele
nicht harmonisch. Die Natur bleibt uns tot wie das Leben. Niemals werden wir
ihre Sprache verstehen. Daran seid ihr schuld und ich mu euch anklagen. Warum
kmmern sich die Lehrer nicht um die Seele der Schler, sondern blo um das, was
sie gelernt haben? Warum bleiben wir die Stopfgnse, die ihr ausschimpft, wenn
sie nicht bestndig fressen wollen? Warum frchtet man den Lehrer oder verachtet
ihn, statt ihn zu lieben? Ihr seid die Feinde der Schler, darum spionieren sie
nach euren Schwchen; ihr sitzt auf dem Pult und seid wie ein Buch, statt wie
ein Mensch. Was ihr sagt, ist euch leblos geworden, wes es euch langweilt. Warum
seid ihr so hochmtig? seht auf uns herunter von einem Turm, so da wir ganz
klein sind? zu hochmtig sogar, um uns ber das Wichtigste des Lebens
aufzuklren? Warum erffnet ihr uns nicht da Geheimnis der Geburt? Warum tut
das die Schule nicht, trotzdem sich so oft Gelegenheit bietet? Wie viel reiner
bliebe dann die Phantasie der Knaben. Jetzt machen sie ellen Schmutz daraus und
kichern, blinzeln, errten bei jedem Gedicht eines Dichters, durchsuchen sogar
die Bibel nach jenen Stellen, haben immerfort schmierige Heimlichkeiten. Ist das
nicht schrecklich? Sie haben deshalb keine Ehrfurcht; vor keinem Menschen und
keinem Ding und die ganze Welt ist ihnen etwas Klebrig-Unanstndiges. Sie
treiben Dinge, an die man nicht denken darf, ohne verrckt zu werden. Warum
bemerken das die Lehrer nicht? Warum verhindern es die Lehrer nicht? Warum?
Warum sitzt ihr auf eurem Pult und seid durch eine Mauer von uns getrennt?
Niemals knnen eure Schler glckliche Menschen werden, und daran seid ihr
schuld mit eurem kalten, eisigen Herzen. Jeder, der ins Leben tritt, mu erst
euch und eure Schule und eure Lieblosigkeit vergessen; vielleicht kann er dann
Festigkeit erlangen. Aber glcklich wird er nie. Was ich geschrieben habe, mute
ich schreiben und jetzt ist um leicht. Eine unwiderstehliche Stimme im Innern
hat mir befohlen.
    Bojesens Lippen zitterten und seine Arme; sein Leib zitterte. Es war etwas
aufgewhlt in ihm, dessen er sich schmte: der Neid um diesen groen und
ahnungslosen Wahrheitsmut. Er war so tief erschttert, da er den Raum, in dem
er sich befand, nur wie durch Schleier sehen konnte. Im Treppenhaus lutete die
Zehnuhrglocke, und er ging, seine Schler zu entlassen. Dann schritt er selbst
hinaus, durch die Korridore, trat an das hohe Fenster und sah in den Hof hinab,
der auf allen Seiten von Mauern und Husern eingeschlossen war. Er sah ins
Gewhl der Knaben, die mit wildem Geschrei umhertollten, aber darin war nichts
von Freiheitsgefhl und frischer Jugendlichkeit. Ja, er sah es mit seinen
eigenen Augen: dies war das Jauchzen des Strflings, dem die Kette gelockert
wird, das krampfhafte, unwahrscheinliche Jauchzen des Rekruten am Sonntag, wenn
er Heimat und Heimweh und Kaserne vergit. Das war keine Jugend fr den Gebrauch
der kommenden Zeit, diese Jugend mit den umrnderten Augen und hervorstehenden
Backenknochen, dem zynischen brutalen schreihnlichen freudlosen Lachen, den
hlichen Bewegungen und dem lichtlosen Blick. Das war eine vergngliche Sorte
von Menschen, er sah es selbst.
    Und als er weiterging, erblickte er Agathon, an einen Pfeiler gelehnt,
allein. Als er den Lehrer gewahrte, wandte sich Agathon langsam und schritt in
das Klassenzimmer. Bojesen folgte ihm (der Saal war leer) und machte die Tr zu.
Agathon wurde leichenbla und schlo wie im Schmerz die Augen. Bojesen nahm
seine Hand, legte seine rechte Hand auf Agathons Schulter und sah ihn
durchdringend an. Dann strich er mit der Hand ber Agathons Haar, schmeichelnd
und liebkosend, und niemals zuvor oder nachher hatte dieser ein solches
Glcksgefhl gehabt, so unirdisch, grenzenlos und heiter. Der Kampf des Lebens
lag vor ihm wie ein leicht lsbares Rtsel, dies Haus, diese Schulbnke schienen
mit Glck verbrmt. Er verstand seinen Lehrer; er wute, was die Berhrung
seiner Hand zu bedeuten hatte.
    Eine Viertelstunde spter wurde er zum Rektor gerufen.

                                 Achtes Kapitel


Die Lehrer der Anstalt waren in dem groen, fnfeckigen Raum versammelt. Alle
hatten ein feierliches Gesicht, und ihr Wesen war das von Leuten, die sich ihres
Amtes und ihrer Verantwortung bewut sind. Sie starrten Agathon an mit
hhnischen oder vorwurfsvollen oder hochmtigen oder verwunderten Augen. Der
jdische Kantor zeigte eine so finstere und emprte Miene, da man ihn nicht
ansehen konnte, ohne sich als Verbrecher zu fhlen.
    Der Rektor wandte sich auf seinem Drehsessel langsam um und bohrte den
kalten Blick seiner tiefliegenden Augen in die Agathons. Wie sind Sie dazu
gekommen, Geyer, diesen - sagen wir impertinenten Artikel zu schreiben, dieses
Pamphlet, wenn ich mich so ausdrcken darf?
    Der Kantor wollte reden, doch der Rektor winkte vornehm ab und fuhr mit
erhhter Stimme fort: Ich frage, wie Sie dazu gekommen sind, die schuldige
Ehrfurcht gegen Ihre Lehrer in so ungeheurer Weise zu verletzen? Ich glaube,
meine Herren, wir haben hier einen Fall von geradezu typischer Bosheit vor uns.
Dieser junge Mensch befindet sich auf der abschssigen Bahn des Lasters. Er ist
das bedauerliche Beispiel fr das sittliche Niveau, auf dem unsere Jugend steht,
und in einem solchen Falle mu mit aller verfgbaren Strenge vorgegangen werden;
ein solcher Fall mu geradezu exemplarisch bestraft werden.
    Der Rektor hatte sich erhoben; seine schmetternde Stimme lie den Raum
erbeben; Agathon war es, als dringe sie durch Mauern, in alle Huser der Stadt.
    Wieder wollte der Kantor reden und abermals winkte ihm der Rektor zu, zu
schweigen und fuhr fort: Ich gestehe, da mir ein hnlicher Fall von
Verworfenheit berhaupt noch nicht vorgekommen ist, und, hoffen wir zur Ehre
unserer Anstalt, auch nicht mehr vorkommen wird. Geyer, wann haben Sie Ihr
niedriges Skriptum verfat?
    Gestern, Herr Rektor.
    Lauter!
    Agathon schwieg.
    Lauter!
    Gestern. Ich habe es laut gesagt, Herr Rektor.
    In welcher Absicht? fragte der Rektor, fast berstend vor Wut.
    In der Absicht, die Schler glcklicher und besser zu machen.
    Das ist eine infame Lge! schrie der Rektor wie auer sich.
    Es ist wahr, erwiderte Agathon ruhig.
    Kreatur! knirschte der Rektor, in dessen Mund das Wort eine zermalmende
Bedeutung hatte.
    Nun konnte sich der Kantor nicht lnger bezhmen. Er trat vor, kreuzte die
Arme ber der Brust, beugte sich zurck und den Oberkrper bestndig schaukelnd,
sagte er mit scharfer, salbungsvoller Stimme: Wer bist du? Hast du den Namen
Gottes vergessen? Hast du die Ehre deines frommen Vaters vergessen? Bist du dir
nicht selbst zur Last? Bist du Jude oder bist du's nicht? Ich verwerfe dich,
stoe dich aus der Gemeinschaft der Guten hinaus, breche den Stab ber dir.
    Nein, ich bin kein Jude mehr, sagte Agathon mit seltsamem Lcheln, ohne
die klare Ruhe zu verlieren, die ihn bis jetzt erfllt hatte. Die Lehrer sahen
auf: bestrzt und kopfschttelnd. Bojesens Gesicht war tief niedergebeugt. Er
hatte sich gesetzt; die blassen Hnde lagen regungslos auf den Knien.
    Nun haben Sie den vollgltigen Beweis seiner Bsartigkeit und
Gefhrlichkeit, meine Herren, sagte der Rektor verchtlich. Eine verstockte,
gottlose, piettlose Natur. Sie knnen gehen, Geyer.
    Agathon ging. Drauen berfiel ihn pltzlich groe Schwche und er sank auf
die Treppe. Er hrte eine leise, aber feste Stimme in dem Raum, wo man Gericht
ber ihn hielt, - Bojesens Stimme. Lange redete diese Stimme, bis auf einmal der
Rektor zu schreien anfing, wilder als ihn Agathon je gehrt. Gleich darauf
ffnete sich die Tre and Bojesen kam allein heraus. Er sah Agathon und
bedeutete ihm, da er ihm folgen mge.
    Als sie im Privatzimmer des Chemikers angelangt waren, verschlo Bojesen die
Tre. Ich verstehe Ihren Antrieb, sagte er etwas geqult, ich kann ihn
menschlich wrdigen, mag er so nutzlos sein als er eben ist. Aber wie sind Sie
dazu gekommen? Es gehrt doch ein Entschlu dazu, die eigene Zukunft so mit
Fen zu zertreten.
    Agathon sa auf dem Rand eines Stuhls und fror. Er blickte ins Kohlenfeuer,
wo sich wunderliche Ruinen trmten aus der scharlachroten Glut. Dann fing er
fast willenlos an zu sprechen, nicht ohne Furcht vor den eigenen Worten: Ich
wei eigentlich nicht. Es ist schon lange her, da ich daran dachte. Ich meinte,
viele Menschen knnten leicht zu dem gelangen, was ihnen zum Glck fehlt. Ich
habe nie die jdische Religion geliebt. Ost war mir, als msse ich allen Juden
ein Wort sagen, das sie befreien knnte. Aber das war mehr wie ein Traum, bis
die Geschichte mit Srich Sperling kam.
    Und was war das?
    Srich Sperling hie der Sebalderwirt bei uns im Dorf. Mein Vater frchtete
ihn so, da er schon zitterte, wenn er seinen Namen hrte. Er hatte einen
Schuldschein meines Vaters an sich gebracht und damit qulte er ihn. Als wir
einmal bei der berschwemmung nach Altenberg fuhren, kam er in einem anderen
Boot, stie mit Absicht an unseres und ich strzte ins Wasser. Da dachte ich
mir, es knne keine Snde sein, ihn zu tten. Am selben Abend sah ich zu, wie er
ein altes Mnnchen mihandelte, da ging ich hin und spie ihm ins Gesicht. Er
schleppte mich in sein Zimmer, nahm einen Strick und band mich an ein schwarzes,
Kreuz an der Wand und schlug mich. Alles das sag ich nur Ihnen, weil ich wei,
da Sie verschwiegen sind.
    Agathon schlug die Hnde vors Gesicht und Erich Bojesen hrte mit
aufgerissenen Augen zu. Agathon fuhr fort, ohne die Hnde vom Gesicht zu nehmen.
Da sagte ich zu ihm: Srich Sperling, das ist Ihr Tod. Da lachte er und sagte:
sprich, du Aas, habt ihr nicht den Heiland gekreuzigt?
    Da war mir, als ob die Tr aufginge und Lmelchen Erdmann hereinkme, eben
jener Alte, den Srich Sperling beschimpft hatte; und es war mir, als ob er sich
niedersetzte und nickte und lchelte, und es war sein Gesicht, das ich kannte
und wars auch wieder nicht. O, Srich Sperling, sagt er, das ist eine Handlung
voll Bedeutung, denn von jetzt an sind die Juden frei. Nimmer die Milde wird
regieren, sondern die Kraft. Wir werden hassen unsere Feinde, hassen, hassen!
Der ewige Jud ist erlst und du, Srich Sperling, wirst werden der ewige Christ.
Denn die Welt wird neu, sie wird sich huten gleich einer Schlange, dann wirst
du sein der ewige Christ und du wirst verurteilt sein all das Blut zu shnen,
das der Christ unschuldig hat flieen lassen. Pltzlich verschwand die
Erscheinung, Srich Sperling band mich los, er war totenbleich, zitternd hie er
mich gehen, und seine Augen blickten auf mich voll Angst und Entsetzen.
    Bojesen blickte durch die Fenster auf die Strae, wo die Menschen wanderten,
einzeln oder zu zweien und mit Schirmen, denn es begann zu regnen. Ihm kam alles
unwirklich vor; als ob das ganze Leben nur ein flchtiges Bild sei, der Traum
eines Traumes in uns selbst, wobei man nah ist, zu erwachen, es wnscht oder
frchtet. Er ging hin, nahm Agathons Kopf zwischen beide Hnde, richtete ihn mit
einem Ruck empor, schaute ihm in die Augen und machte die Wahrnehmung, da es
die seltsamsten Augen waren, die er je gesehen: schwarz und tief, von einem
mhlos lodernden, und doch verhaltenen Feuer, voll von der Gabe der Vision. Wenn
sie ihn anblickten, war es, als ob der Blick aus weiter Ferne besinnend
zurckkehrte und erst lange zaudernd Klarheit und Festigkeit gewnne. Dann stand
Agathon auf (er war etwas grer als Bojesen), und sein Gesicht hatte sich mit
schrecklicher Blsse bedeckt. Er deutete vor sich hin, sank auf die Knie und
blieb so einige Sekunden.
    Was ist? was haben Sie? fragte Bojesen bestrzt.
    Agathon schttelte den Kopf, und sein Gesicht verzog sich wie zum Weinen.
    Und was geschah dann weiter? fragte Bojesen flsternd, gegen seinen Willen
und seine Vernunft ergriffen von der Sonderbarkeit des jungen Menschen.
    Das kann ich jetzt nicht sagen, erwiderte Agathon. Srich Sperling starb
in derselben Nacht.
    In derselben Nacht?
    Ja. Ich lag - und lag - und wnschte den Tod in sein Herz.
    Unglubig und staunend schaute Bojesen in das erschtterte Gesicht des
Jnglings. Er schlo die Augen; ihm schwindelte. Als Agathon mit leisem Gru das
Zimmer verlassen hatte, schritt er tief erregt auf und ab.
    Agathon irrte planlos durch die Gassen und als er am Lwengardschen Haus
vorbeikam, sah er Flur und Vestibl voll von Menschen, die sich aufgeregt
gebrdeten; auch vor dem Haus standen Leute, darunter viele Arbeiter mit
drohender Miene.
    Er machte sich auf den Heimweg, ohne da er all diese Dinge eines besonderen
Nachdenkens gewrdigt htte. Sie bereicherten nur seine Seele um das wunderliche
Gefhl, da etwas Entscheidendes in der Welt vorging und da er selbst die
Ursache und berufen sei, die Umwandlung herbeizufhren. Wahrend des ganzen Weges
hatte er die bestimmte Vorempfindung von etwas Schnem und Angenehmem, und wie
wenn er einen lange vermiten Freund aufsuchte, schritt er gegen das Dorf hinab.
Wirklich stand Monika Olifat am Weg und begrte ihn, indem sie ihm beide Hnde
entgegenstreckte. Wie geht es dir, Agathon? Warum bist du denn fortgerannt
neulich? Du bist so eigen, Agathon. Wie das lautet: Agathon! sagte sie
nachdenklich, lchelte froh und sah ihm in die Augen.
    Es ist ein griechischer Name und bedeutet: der Gute, entgegnete Agathon
mit demselben innerlich frohen Lcheln.
    Bist du denn auch gut?
    Ich wei es nicht. Niemand kann es von sich wissen und wer es wei, ist es
nicht mehr.
    Ich mu dir erzhlen, plauderte das Mdchen, erstens, da ich eine neue
Freundin habe, Kthe Estrich. Sie ist hbsch und lieb; ihre Eltern ziehen
hierher, sie haben die Ziegelei gekauft.
    Zweitens?
    Zweitens ist sie verlobt und ich kenne auch ihren Verlobten. Ein
interessanter Mann
    Stefan Gudstikker?
    Du kennst ihn? Er hat mir ein Gedicht gezeigt, das er gemacht hat. Eine
Stelle wei ich auswendig:

Es ist so still, da alle Wandrer staunen.
Wenn solche wundervolle Nacht aufziehet,
Hrt man die Wolken und die Blumen raunen.
Dir Wnsche schlafen und kein Feuer glhet,
Du sprst nicht Duft von Myrten und Cypressen;
Die Welle ruht im Strom kein Vogel fliehet.

    Das ist schn! rief Agathon aus, blieb stehen und erblate.
    Ach Agathon, ich mag dich so gern leiden, sagte nach einer Pause Monika
erglhend. Du bist so still und sein und was du sagst, ist so warm! Ich glaube,
dich knnt ich nicht weinen sehen.
    Ich hab auch noch nie geweint, erwiderte Agathon, den Kopf senkend.
    Monika nahm seine bebende Hand und kte sie. Dann gingen sie weiter wie
zwei Schlafwandler.
    Auch im Dorf sah Agathon viele erregte, finstere, zornige Gesichter. Er
wurde unruhig. Als er die Schwelle des Hauses berschritt, berfiel ihn ein
stechender Schrecken; er sah jene Frau im Flur stehen, die ihm einige Zeit
allmorgendlich begegnet war. Da er sie fassungslos anstarrte, klrte sie ihn
auf: Ich bin die Frau Hellmut und bin zur Pflege Ihrer Mutter da, junger Herr.
Sie ist sehr krank. Sei ruhig, Sema! herrschte sie den Knaben an, der zu ihr
reden wollte und schlug mit dem Knchel eines Fingers roy gegen die Schlfe des
Knaben, so da dieser zu heulen anfing
    Als Agathon ins Zimmer kam, fiel ihm auf, da seine beiden Geschwister wie
Wachspuppen auf der Bank saen und sich nicht rhrten. Elkan Geyer starrte mit
roten Augen vor sich hin. Bisweilen erwachte er wie aus einer Betubung und rang
stumm die Hnde. Enoch sa schweigend am Ofen. Agathon wollte nicht fragen. Voll
Besorgnis schritt er die Stufen hinauf, die vom Wohn- ins Schlafzimmer fhrten
und fand seine Mutter allein. Ihr Gesicht war von einem grauenhaften Gelb. Sie
lchelte so matt und gezwungen, da Agathon nach einer geflsterten Frage, die
Frau Jette nur mit einem Zudrcken ihrer Augenlider beantwortete, wieder
hinausging.
    Pltzlich kam Brman Schrot mit der blauen Schrze, mit schmutzigen Hnden -
geradewegs von seinem Acker. Er deutete mit ngstlichen Bewegungen hinter sich:
der Schuster Garneelen, sowie der Schmied folgten ihm auf dem Fu. Sie kamen
herein, der Schmied mit einem Hammer, der Schuster mit aufgestreiften rmeln,
beide mit Gesichtern, die wie von Trunkenheit gertet waren, und der Schmied
schlug mit dem Hammer auf die Lehne eines Stuhls, da sie krachend zerbrach. Mit
schrillen Schreien flchteten die zwei Kinder in das Zimmer der Mutter, und
gleich darauf erschien Frau Jette im Bettgewand auf der Schwelle, einer Leiche
gleich und mute sich am Pfosten aufrecht halten. Der Schuster schrie, da ihm
seine Ersparnisse gestohlen seien, und er werde dafr sorgen, da in drei Tagen
kein Jud mehr lebe im Dorf, dafr werde er sorgen, man knne sich darauf
verlassen. Der Schmied heulte mehr, als er redete, schlug mit dem Hammer blind
um sich, wollte seine zweitausend Mark haben, oder er haue alles zusammen vom
Dach bis zum Keller. Auf ein paar Jahre Zuchthaus kme es ihm nicht an, ihm
nicht. So schrien sie beide. Auf der Gasse sammelten sich die Menschen, drckten
die Gesichter an die Fensterscheiben, drngten sich in den Flur, standen unter
der Tre, und endlich entschlossen sich ein paar ltere Mnner, den zwei
Wtenden zuzureden und sie langsam und durch bermacht hinauszuschieben. Sie
taten es jedoch sichtlich mit Widerwillen, nur aus Mitleid mit dem entsetzlichen
Bild der Frau, die steif und regungslos an der Schwelle ihres Krankenzimmers
stand, hinter sich zwei zitternde Kinder.
    Als der Raum wieder leer von Menschen war, versperrte Agathon die Tr und
sah seinen Vater prfend an, der in sich zusammengesunken, mit blauen Lippen
hockte und ein Gebet murmelte. Enoch Pohl sagte nichts; seine Zge waren
unbewegt. Er brachte seine Tochter ins Bett zurck, puffte die Kinder die Stufen
hinunter und stellte sich dann mit dem Rcken gegen den Ofen.
    Es klopfte an die Tre, erst leiser, dann strker. Agathon fragte, wer da
sei; Gedalja war es. Agathon ging hinaus, schlo den Laden ab und rief der Magd
zu, sie solle den Arzt zur Mutter holen. Aber die Stimme der Frau Hellmut, die
sich mit der Magd eingeschlossen hatte, antwortete, sie mache nicht auf, sie
knne nicht ihr Leben riskieren bei diesen Zustnden.
    Ich hab's vorausgesehen, sagte Gedalja, bestndig nickend, whrend er
redete. Werd ihn Gott beglcken dafor, den Herrn Baron Lwengard. Sin user
fufzig Leit im Dorf, die um alles Geld kommen. Werd wachsen die Feindschaft, da
mer nit habn e friedliche Stund. Mich dauert nor sein Kind, nebbich. Is as wie e
Rose zwischen die Dorner, die sticht sich stets un bleibt dennoch in ihrer Farb.
Elkan, du dauerst mich aach. Hast dich abgeschunden 's ganze Leben, hast
gesammelt en brigen Heller fr die Kinder un jetz is es weg. Du bist der beste
Mensch, den ich kenn, aber Mark haste kaans in die Knochen. Da sitzte jetz un
starrst. Zu was? Bin ich worn gestraft un hab verloren alles, was der Mensch
ntig hat for sein Alter. Sitz ich da un starr? Mt ich nit starren und
erstarren, wenn mein eigen Fleisch und Blut is geworn zum Bsewicht? Ball is es
aus, das Tpsche Leben, ausgeleert un ausgeschtt, nachher gitts nix mehr zum
Starren.
    Am Nachmittag kam Pavlovsky der Gendarm und ein Gerichtsschreiber. Alle
erschraken. Enoch Pohl! rief der dicke Pavlovsky und erhob die Augen nicht von
dem Papier in seiner Hand. Ein Todesschweigen folgte, worauf der Gendarm einen
Verhaftsbefehl wegen betrgerischen Wuchers verlas. Pavlovsky war noch nicht zu
Ende, als Elkan Geyer von seinem Sitz auf die Erde sank und, wie ein Wurm sich
windend, hilflos zu schluchzen begann. Agathon konnte es nicht sehen und wandte
sich ab. Seine Geschwister strzten sich ber den Vater und begannen jmmerlich
zu heulen; Frau Hellmut kam herein und schrie laut auf, Sema faltete stumm die
Hnde und seine Augen waren fr einige Sekunden frmlich gebrochen. Mutter,
murmelte Agathon verstrt, als er vom Krankenzimmer her ein bengstigendes
Sthnen vernahm. Er sah hinaus auf die Gasse, wie ein gefangenes Tier in den
Wald sieht; er sah den grauen, wolkenvollen Himmel und die Huser, die
unbeweglich standen und wunderte sich, da die Welt noch dasselbe Bild der Ruhe
und Herbstlichkeit bot. Pavlovsky hatte die Blicke noch nicht von seinem
Dokument erhoben; der Gerichtsschreiber nahm seine groe Brille ab und musterte
Raum und Menschen mit groen, verwunderten, wsserigen Augen.
    Gedalja, der sich so zusammengekrmmt hatte, da sein Kinn die Knie
berhrte, richtete sich pltzlich straff empor und rief: Hab ich's nicht
gesehen kommen? Elkan, hab ich's nicht gesagt zum voraus? Hab ich nicht gesagt,
der Zugrundrichter werd kommen ber ihn? Nu is geschndet Gemeinde un Haus un
Hof; un die Kinder wern habn zu tragen an deiner Guttat, Enoch. Was is Vernunft,
da se knnt bestehn vorm schlechten Gemt? Haste abgestreift die Ehrfurcht wo
d'r habn deine grauen Haare gegeben un mut hinwandeln in Snd und Schand. O
Enoch, Enoch, httste gehabt Erbarmen mit andere, htteste aach gehabt Erbarmen
mit dir selber.
    Der Gendarm fhrte Enoch ab. Agathon sah, da er keine Miene verzog. Etwas
Starkes lag im Wesen dieses Alten, das die Furcht nicht kannte.
    Die Dmmerung brach herein. Agathon ging auf die Strae und wollte gegen den
Wald hinauf, als er Gudstikker begegnete. Dieser zog ihn in den Schein einer
Hauslaterne und gab ihm einen Brief mit der stummen Aufforderung, ihn zu lesen.
Agathon erbleichte und legte die Hand vor die Augen: das hatte er schon irgend
einmal erlebt, da ihm dieser Mann einen Brief gab, vielleicht in einem
vergangenen Leben, vielleicht in einem Traum.
    Langsam entfaltete er das vergilbte Papier und las beim Scheine des
armseligen Lichtes: Mein Liebster, das kann ich nicht, was du von mir forderst.
Ich bin keine freie Frau, kein freies Mdchen. Ich bin nicht geboren, da ich so
hoch fliegen kann, bis zu dir. Aber meine Liebe ist in mir und will nicht
vergessen, dich nie vergessen. Doch mu ich dich lassen, denn ich kann nicht
tun, was du willst. Ich wei nicht, welches Leben noch vor mir liegt, aber kann
es nicht sein, da das Kind, dessen Seele noch in meinem Leib schlft, mich
deshalb anklagen wrde? Darum leb wohl und werde glcklich. Deine Jette Pohl.
    Agathon wute zuerst nichts anzufangen mit diesen Worten. Dann zuckte er
zusammen wie unter einem Schlag und flsterte: Meine Mutter?
    Gudstikker nickte und erwiderte: An meinen Vater.
    Und warum zeigen Sie mir das! rief Agathon voll Kummer.
    Warum? Das wei ich selbst nicht. Vielleicht nur, um Ihnen zu zeigen, wie
das Leben ist. Wie im Schauspiel geht alles. Ein Kobold hlt uns an einem Faden
und lt uns genau so weit tanzen, wie er will.
    Agathon sah verloren in die breite Mauer der aufgeschichteten Ziegelsteine,
die sich fr seine Blicke ffnete wie ein Sesam und ihn Jahre und Jahrzehnte
zurckschauen lie. Das war seine Mutter! Und wozu hatte sie das Leben gemacht!
Hatte seine Mutter das empfinden knnen? Und wo war es nun hingeschwunden, das
alles, wohin? Er begriff es nicht.
    Ich wei, was Sie denken, sagte Gudstikker und fuhr mit seiner Lust an
Weisheiten fort: Es gibt nur zwei Wege fr einen Menschen, - aus den Berg oder
ins Tal. Droben ist er allein und vergeht, wenn ihn seine Seele im Stich lt,
unten wird er gemein. Doch reden wir von etwas anderem. Wissen Sie, da das
Gericht noch immer Nachforschungen hlt wegen des pltzlichen Todes von Srich
Sperling? Eine Zeitlang glaubte man an Vergiftung. Sogar Ihr Vater kam in
vorbergehenden Verdacht. Ein gewisser Rosenau hat den Untersuchungsrichter
darauf gefhrt.
    Was -? schrie Agathon und schlug die Hnde zusammen.
    Ihr Vater ist sogar einvernommen worden. Wissen Sie das nicht? Natrlich
konnte er sich glnzend rechtfertigen, aber irgendwer sagte mir gestern, da er
seitdem von Furcht gepeinigt wrde. Er ngstigt sich vor allen Gedanken, die er
frher einmal gegen Srich Sperling hatte.
    Mein Vater? Das sagen Sie wirklich? Und das ist wahr?
    Ob es wahr ist, wei ich nicht. Ich glaube, derselbe Rosenau erzhlte es
spttisch im Wirtshaus.
    Nein, nein, es ist nicht mglich.
    Weshalb regen Sie sich auf? Ich habe einen ziemlich sonderbaren Fall
erlebt. In einer Familie kam ein Ring abhanden. Ich kenne die Familie, es sind
Juden. Ein Verwandter, den ich auch kenne, Eduard Nieberding, war zu Gast. Als
nun alle den Ring suchten, wurde Niederding wie gelhmt. Denn er war vorher
allein in dem Zimmer gewesen, wo der Ring aufbewahrt war. Beachten Sie wohl, es
konnte nicht der Schatten eines Verdachtes auf ihn fallen, er ist selbst ein
reicher Mann, aber er beteiligte sich nicht am Suchen, damit man nicht glaube,
er suche nur deshalb, um zu zeigen, da er den Ring nicht habe. Er whnte sich
beargwohnt, und er bildete sich schlielich so fest ein, jeder vermute ihn als
den Dieb, da er frchtete, man knne den Ring in seiner Tasche finden, wenn man
nur hineingreife. Schlielich ergab es sich, da die Katze den Ring
fortgeschleppt hatte. Aber Sie sehen daraus, wie verwickelt alles ist. Unsere
Seele, sie glaubt oft nicht, was die Hand tut.
    Als Agathon sich von Gudstikker verabschiedet hatte und dem Haus zuschritt,
sah er auf einmal Sema Hellmut neben sich gehen. Er sah des Knaben fragende
Augen mit einem Blick voll Ergebenheit und Hingabe auf sich gerichtet.
    Agathon wunderte sich ber das bedrftige Anschmiegen des Knaben. Aber er
dachte daran nur halb. Der andere Teil seines Nachdenkens war der Ringgeschichte
gewidmet, seinem Vater, seiner Mutter, dem Schicksal, das ber ihm hing wie die
Wolken und alles dunkel machte, gleichwie die sich mehrende Finsternis des
Abends von den Wolken auszuflieen schien.
    Daheim fand Agathon eine friedlichere Stimmung. Mig wandelte er in den
Garten. Ein kalter, feuchter Wind ging. Er hrte es rascheln wie vom Graben
eines Spatens. Pltzlich sah er seinen Vater schaufeln. Elkan keuchte und grub
ruhelos, bald hier, bald dort, - ein Schatzgrber. Es war unheimlich anzusehen.
Was tust du, Vater? fragte Agathon.
    Elkan lie den Spaten sinken, sttzte sich darauf und Agathon sah trotz der
Dunkelheit sein fahles Gesicht leuchten. Agathon, Gott hat seine Hand abgezogen
von uns und sein Antlitz verhllt. Aber wir drfen nicht murren. Gepriesen seist
du, Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst. Elkan betete ein Lobgebet.
    Vater, sagte Agathon, ich darf nicht mehr in die Schule. Ich bin
davongejagt worden, obwohl ich nichts Schlechtes getan habe.
    Elkan Geyer warf den Spaten weg und lehnte sich an den Zaun. Nach einem
langen Schweigen tappte er ins Haus. Agathon blieb, nahm die Mtze ab und gab
das Haar den Winden preis. Die Nacht ffnete ihm ihre dunklen Wunder,
unvorhanden fr andachtlose Augen. Er glaubte in einem Tempel zu sein, doch
erkannte er den Gott nicht.
    Gegen acht Uhr kam Doktor Schreigemut und sein Gesicht war sorgenvoller als
sonst. Agathon sah die Augen Semas bestndig auf sich gerichtet; sie folgten
jeder seiner Bewegungen.
    Gepriesen seist du Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst, murmelte
Elkan.
    Die Welt ist gar gro und hat viele Sterne und viele Erden, Elkan, sagte
Gedalja. Worum soll er nit vergessen an den Gedalja, nit vergessen an den
Elkan? Elkan is brav, aber worum soll er nit vergessen an die Braven, wenn er
hat so viel zu bessern an die Snder? Wenn de tot bist, waat de nix dervon und
in deiner Sterbestund kannst de dir ausdenken, du httst gelebt e groes Leben,
e reiches Leben un nit e Elkanleben. Gehngt is gehngt, mit'n Strick oder mit'n
Goldfaden hat mei seliger Onkel g'sagt. E weiser Mann.
    Agathon schlief nicht in der Nacht. Seine Seele war heiter, und erregt sah
er in die Finsternis. Er hatte ein Gefhl, wie oft, wenn er ein Geschenk
erwarten durfte und ungeduldig war, es zu sehen. Die Nacht war unbewegt, nur
selten gestrt durch das Heulen eines Hundes. Als es drei Uhr schlug, kam der
Mond und warf ruhige Lichtflecke in den Raum. Mit diesen Strahlen wurden die
Figuren in Agathons Sinnen lebendiger und verklrter. Sie brachten ihm
Reichtmer, von denen er nicht begriff, da er sie je hatte entbehren knnen, er
fhlte sich wachsen und es war, als hrte er einen Ruf ber die Felder
hinschallen, der ihm galt: lang und eindringlich.
    Am folgenden Vormittag brachte der Pedell Dunkelschott ein Schreiben des
Rektorats und des Kantors der Schule fr Elkan Geyer. Er verlangte den Weglohn
und trollte ins nchste Wirtshaus. Elkan setzte sich an den Tisch und las. Kaum
war er damit zu Ende, als er aufschrie wie ein Gefolterter. Gedalja ging zu ihm,
aber Elkan lie sich nicht halten, sein Gesicht wurde blaurot, er fiel ber
Agathon her, prete die Hnde um seinen Hals und htte ihn erdrosselt, wenn
nicht ein furchtbarer Angstruf aus dem Krankenzimmer ihn zur Besinnung gebracht
htte. Aus meinem Haus, du Christ! rchelte er und stieg schwankend die Stufen
zum Schlafgemach hinauf.
    Gedalja strich langsam und nachdenklich ber Agathons Haar. Was haste
getan? murmelte er. Der sanfte Mann, der sanfte Elkan is geworden e wildes
Tier. Die Welt is nimmer ganz. Es is was los in der Welt un mer stehn da wie die
hilflosen Kinder. Er nickte; Agathon lehnte die Stirn an seine Schulter.
    Zum Doktor! Zum Doktor! kreischte pltzlich die Pflegerin und rannte fort.
Elkan stand gebrochen auf der Schwelle und sagte: Sie stirbt. Schemaa Jisroel
adonai elohim adonai echot.
    Agathon richtete sich auf. Sein bleiches Gesicht war pltzlich von einem
berirdischen Feuer erfllt, das alle mit Bestrzung und Scheu gewahrten. Die
heulenden Kinder sahen ihn an und waren auf einmal ruhig. Er ging ins Zimmer der
Mutter, an Elkan vorbei, der sich zusammenduckte wie vor einem Pestkranken, und
trat an das Lager der Mutter. Sie rchelte. Ihre Augen blickten matt, leblos,
stumpf, suchten gleichsam den Tod. Agathon sah nicht dies Bild. Er sah die
jngere Mutter, die entsagt hatte, geliebt, verloren hatte und nun unter der
schweren Brde der Tage erlegen war. Er nahm ihre Hand und begegnete ihren
Augen. Er legte seine Hand auf ihre verfallene Brust, gegen die das Herz
verlschend klopfte. Er wnschte, das Fenster mge offen sein und da ffnete es
jemand, als ob es eine unsichtbare Hand wre. Seine Brust war zum Springen voll,
er wute nicht ob vor Schmerz oder vor verhaltenem Jauchzen. Werde gesund,
Mutter, wache, Mutter, du bist nicht krank, du darfst nicht sterben. Er kannte
seine Stimme nicht mehr, sie war ihm etwas Neues; die Kraft, die seinen Krper
aufatmen und sich aufrichten lie, als wre eine unerhrte Last von ihm
genommen, erhellte seine Augen mit einem himmlischen Glanz. Und das Feuer schien
in den Krper der Kranken berzustrmen; sie lchelte pltzlich unter seiner
bebenden Hand, sie seufzte erleichtert auf, sie drckte mit den schwachen,
fleischlosen Fingern seine Hand und rief seinen Namen. Und je lnger er die
erloschenen Zge ansah, je mehr belebten sie sich in einer geheimnisvollen
Weise, - bis sie frei, mild und hoffnungsvoll schienen. Und als der Arzt kam,
hereingeleitet von der Pflegerin, richtete sich Frau Jette zu dessen Erstaunen
empor, legte den Kopf auf den aufgesttzten Arm und lchelte dem Doktor und
ihren Kindern mit dem inbrnstig strahlenden Lcheln einer Genesenden zu.

                                Neuntes Kapitel


Novemberstrme!
    Bojesen schritt durch die leeren Gassen und der Umhang seines Mantels wehte
hoch empor. Sein Hut flog vom Kopf, rollte hin ber die Steine und blieb vor dem
Eingang zum siebenten Himmel ruhig liegen, wie ein Pferd, das seine Station
kennt. Bojesen hob ihn gemchlich auf und trat in das Lokal, das voll Menschen
war. Er nahm Platz, bestellte Bier und wandte bald keinen Blick mehr von der
Bhne. ber eine nchtige Landschaft schien ein kunstloser Mond; ein Ritter
wandelte an einem primitiven Wasser und streckte bisweilen den Arm aus. Da
ffneten sich die unglaubwrdigen Wolken und eine Erscheinung stand zwischen
ihnen: Luisina. Der Ritter verzweifelte, diesem geliebten Bilde jemals nahe zu
kommen, warf sich auf die Erde und gab vor, zu weinen. Da erhob sich ein
Zauberer aus einer mangelhaften Versenkung, oder es war Satan selbst, wies ein
Pergamentum vor und befahl dem Ritter, ihm seine Seele zu verschreiben. Das tat
der Ritter, darauf schwebte die schne Luisiana aus den Wolken herab, die Nacht
war beendet, Wasser und Mond verschwunden, Mdchen mit wilden Haaren strzten
auf die Szene und zerrten junge Mnner hinter sich nach. Nun begann das Publikum
mitzuspielen. Ein langhaariger Mensch sa am Klavier und entlockte dem
unwilligen Instrumente eine Folge von schrillen Harpeggien im Walzertempo. Der
Glhende erschien mit emporgehobenen Armen und ekstatischen
Begeisterungsausbrchen, die Kchin kam und schrie, sie knne das Wasser zum
Punsch nicht kochen, denn der Wind fahre stets in den Schlot und lsche das
Feuer aus. Nimm das Feuer meiner Brust, Aglaia! heulte der Glhende. Ein Mann
mit langem Haupthaar war da, den man Barbin nannte und der sich ngstlich
gebrdete, obwohl er zugleich den bermtigen zu spielen versuchte. Sein ueres
wie sein Wesen deuteten auf eine jener zwecklosen Existenzen, wie sie die Stdte
hervorbringen, eines jener unglcklichen Geschpfe, fr die die Zeit eine
kufliche Dirne ist, da sie ihnen ohne Mnze nichts gibt, womit sie ihr Leben
verkrzen knnen. Dieser Barbin wandte sich bisweilen an den Glhenden, als
flehe er ihn um Schutz an, und suchte dies durch ironische Worte zu bemnteln,
die aber von dem tollen Jauchzen auf der Bhne verschlungen wurden.
    Pltzlich sah Bojesen sich gegenber Luisina sitzen. Nun, da sind Sie ja
wieder, redete sie ihn spttisch an. Was wissen Sie Neues? Warum sind Sie so
finster, nachdenklich, schwermtig? Wer sind Sie? Was wollen Sie?
    Verzeihen Sie, da ich Frage mit Frage beantworte: warum wrdigen Sie mich
Ihrer Beachtung, Madame?
    Das will ich Ihnen erklren. Mir ist, als sprche ich in Ihrer Person zur
ganzen sogenannten guten Gesellschaft. Ich habe auch dazu gehrt und kenne
Blicke und Gesichter. Aber so war es um mich bestellt, da ich gezwungen war,
hier, wo sonst das Niedrigste und Schmutzigste zu treffen ist, mich selbst zu
suchen und zu finden. Was soll ein armes Weib tun in eurem Kreis von schalen
Vergngungen, von ekeln und zehnmal wiedergekuten Genssen? Was soll sie tun,
da sie erst anfngt, unter Menschen zu zhlen, wenn sie heiratet? Was kann sie
dafr, wenn sie in einer Welt lebt, wo jeder darauf stolz ist, wenn er ein wenig
unglcklich ist? wo die Lebensfreude beim Verlust der brgerlichen Ehre anfngt?
Sagen Sie selbst! reden Sie doch! Ach, Sie haben ein Gesicht, dem ich eigentlich
vertrauen knnte. Glauben Sie mir, nicht die Not allein ist schuld an dem Fall
so vieler Frauen, sondern die Sehnsucht, ja, die Sehnsucht.
    Sie schwieg. Sie sttzte den Kopf in die Hand und sah lchelnd hinein in den
Qualm. Der Glhende sprach nur noch in Versen, Barbin hieb wie besessen auf das
Instrument ein und gab seinem Krper einen erschreckenden Ruck, wenn er vom
Fortissimo in ein effektvolles Piano heruntersprang. Einige Paare tanzten,
pltzlich wurden die Gaslichter zu halber Hhe herabgedreht, Barbin hrte auf zu
spielen, die Tanzenden blieben stehen und flsterten: Die Dmonen.
    Auf der Bhne erschienen in einem matten, grnen Licht vier Mnner mit
grnen Gesichtern und dstergrnen Gewndern, so enganschlieend, da sie wie
nackt aussahen, und begannen ein phantastisches, unheimliches Spiel. Wie Fische
im Wasser, so bewegten sie sich in der Luft; ihre Fe schienen des festen
Grundes nicht zu bedrfen, ihre Glieder schienen an kein anatomisches Gesetz
gebunden. Bald schienen sie alle ein einziger Leib zu sein, der sich in
entsetzlichen Krmmungen wand, bald war der eine einem leblosen Klumpen gleich,
wurde von unsichtbaren Hnden in die Luft geschleudert und fiel krachend auf die
Bretter zurck. Bald waren sie wie eine Meute von Hunden, denen der Jger aus
der Ferne pfeift, bald glichen sie Wrmern und krochen auf unbegreifliche Art an
den Kulissen empor. Als Bojesen den Blick abwandte, sah er in geringer
Entfernung, im Dmmerlicht, Luisina stehen. Sie schien ihn lange beobachtet zu
haben. Nun winkte sie ihm zu und wandte sich dann nach der Tre, als sie sah,
da er ihr folgen wrde. Sie hatte einen Pelzmantel umgeworfen und ein
blauseidenes Tuch um den Kopf geschlungen und ihre groen Augen sahen mit einem
ungewissen Glanz, doch voll Entschlossenheit in eine weite Ferne.
    Man hat mir verraten, da Sie der Lehrer Bojesen sind, sagte sie, als sie
auf der Strae waren; ich habe oft von Ihnen gehrt, ich kenne Ihre
pdagogischen Schriften und bin froh, da meine Sympathie nicht grundlos war.
Wundern Sie sich nicht ber das, was ich jetzt vorhabe. Ich brauche einen
Zeugen, ein Urteil, eine Stimme, einen Blick, der mich billigt, ein Ohr, das
sich nicht bswillig verschliet; denn noch Einmal heute will ich tun, was mein
Herz fordert, und sehen, ob ich das Tor zu eurer Welt fr ewig hinter mir
zuschlagen mu.
    Welch eine Nacht! dachte Bojesen. Es herrschte nicht eigentlich Dunkelheit
und auch nicht Helligkeit, es war eine jener seltsamen Herbstnchte, in denen
sich alles Leben der Natur verinnerlicht zu haben scheint. Es fehlten auch jene
Stimmen, jenes unbestimmte Gerusch, das wie ein aufbewahrtes fernes Echo des
Tages ist. Der Wind hatte sich gelegt. Der Mond, eine unvollendete Scheibe, lag
in einem graugelb schimmernden Flaum von Wolken und sah verquollen aus, wie
Farbe auf seinem Fliespapier. Das Leben war von den Straen wie fortgeblasen.
Die Huser mit den dunklen Fenstern und den weien Gardinen sahen aus, als ob
sie schliefen; Bojesen konnte die Strae entlang blicken bis an die Grenzen des
Horizonts, und diese unbewegte Linie hatte etwas Beruhigendes.
    Luisina schritt rasch dahin, hastig atmend, offenbar noch mit ihren
Entschlssen ringend. An einem vornehmen Haus jenseits des Bahndammes machte sie
endlich Halt, drckte dreimal wie in verabredeten Pausen auf den elektrischen
Knopf und eilte dann die teppichbelegte Steintreppe empor. Aus einer Tre kam
ein junges Mdchen, dessen Gesicht alsbald das grte Erstaunen ausdrckte.
Jeanette! rief sie aus. Ist Nieberding zu Hause? fragte Jeanette-Luisina
bebend. - Nein, Eduard ist noch nicht da, entgegnete das Mdchen bestrzt und
schchtern und blickte furchtsam auf Bojesen, der nichts zu sagen, ja nicht
einmal sich zu bewegen wute.
    Ach Cornely! rief Jeanette und fate mit beiden Hnden nach der
dargebotenen Hand des Mdchens.
    Komm doch herein, Jeanette. Willst du auf Eduard warten? Es ist alles so
sonderbar, was du tust, sagte Cornely mit einer leisen, kindlichen Stimme. Sie
hatte stets ein schwaches und undeutbares Lcheln auf den Lippen; aber htte man
ein Tuch ber den Mund gebreitet, so wre ein Ausdruck von Schwermut, mehr als
Schwermut geblieben. Sie machte den Eindruck eines Geschpfs, das durch einen
Zustand vollstndig betubt ist und sich nur bestrebt, die Gedanken geheim zu
halten.
    Bald saen sie im Salon, bei mattem Licht, das durch gelbrote Seidenschirme
schimmerte und in den Ecken zu verflieen oder zu der allgemeinen Nacht drauen
zu streben schien.
    Bojesen befand sich in einem Zustand fast zorniger Erwartung. Er konnte sich
dem vibrierenden Wesen Jeanettes nicht entziehen. Er dachte wieder an sein
eignes Weib, das, er wute es, zu Hause in kurzen Zwischenrumen zur Treppe
lief, mit der kleinen Lampe hinunterleuchtete, von jedem Schritt auf der Gasse
aufgescheucht wurde wie ein Vgelchen und auf ihn wartete, wartete.
    Als Jeanette den Mantel abwarf, weil es ihr zu hei wurde, stand sie da im
Theaterkostm, sah ins Kaminfeuer und ihre Nasenflgel blhten sich gierig.
Cornely stie einen dumpfen Schrei aus und faltete die Hnde.
    Wie lange willst du noch so bleiben, meine arme, kleine Cornely? sagte
Jeanette. Soll ich recht behalten von damals her, als ich dich beim
Pfnderspiel zur alten Jungfer machte? Etwas Triumphierendes lag in ihrem
Gesicht.
    Selbstberwindung ist die grte Freiheit, erwiderte die Bleiche mit ihrem
sanften Lcheln.
    Die Haustre wurde zugeworfen, schlrfende Schritte wurden laut, und Bojesen
glaubte eine wallende Erregung in Jeanette mitzufhlen. Ein junger Mann trat ins
Zimmer und blieb versteinert stehen, wei wie Leinwand. Er war schlank, gro und
bartlos, hatte dicke Lippen und eine dicke Nase, tiefliegende, etwas gertete
Augen und einen eigenen Zug von Adel und Feinheit im Gesicht. Das feinste waren
seine Hnde, sie waren lang- und zartlinig wie gotische Bgen. Cornely schlich
geruschlos davon.
    Du bist erstaunt, wie ich sehe, flsterte Jeanette. Dieser Herr, Herr
Bojesen, du kennst ihn vielleicht, ein Freund von mir, hatte die Gte, mich zu
begleiten. Er ist von allem unterrichtet. Ich will, da er bleibt, und ich will,
da du so bist, als ob er nicht da wre.
    Eduard Nieberding senkte den Kopf. Rede! Was willst du? Ich begreife nichts
von alledem.
    Wie solltest du auch begreifen! erwiderte Jeanette leidenschaftlich. Du,
der eher begreift, was auf dem Mond vorgeht, als in der Seele einer Frau! Du!
Bist du es nicht, der das erfunden hat von der keuschen Liebe? Der diese eisigen
Dinge von Resignation und khler Anbetung und von der unsinnlichen Macht des
Schnen oder wie du es nennst im Munde fhrt! Rede du! Rede! Hast du mich nicht
irre gemacht an allem, was strahlt in der Welt und was warm ist?
    Verschone mich, Jeanette! Wie tricht von dir! Warum in der Gegenwart eines
Fremden? Was tust du!
    Ich will es dir sagen. Hier ist ein Mann. Ich glaube, Bojesen, Sie sind ein
Mann. Ich frage Sie nun, - und dazu sind Sie hier, da Sie mir auf Ihr Gewissen
antworten, ich frage Sie: kann ein Mann ein Weib lieben, wenn er sie bittet,
gehe fort von mir, damit meine Liebe grer und mein Gefhl reiner wird? Der sie
bittet, ksse mich nicht, denn sonst begehre ich dich und das wrde meine Liebe
verringern -? Ich will von dir trumen, so spricht er, ich will von dir trumen,
aber ich will dich nicht besitzen, denn der Besitz macht arm ... Liebt ein
solcher Mann?
    Jeanette!
    Was sagen Sie dazu, wenn ein Mann der Frau, die er zu lieben beteuert, den
Rat gibt, einen andern Mann zu heiraten, nur damit sie ihm begehrenswerter
erscheine? Reden Sie, Bojesen, reden Sie! Vielleicht finden Sie ein Wort der
Erklrung oder der Entschuldigung, damit ich Ihnen danken kann.
    Eine lange Pause entstand.
    Wenn ich nun reden mu, und wenn dies alles vorgefallen ist, sagte Bojesen
langsam und betrachtete mit Trauer die schwammigen, nervsen Zge des jungen
Mannes, dann ist es gewi erstaunlich, aber es liegt in der Zeit. Ja, es liegt
in der Zeit. Mit welchem Wort Sie es nennen wollen, ist gleichgltig. Es ist all
dies Mystische und Schwchliche, das ber uns gekommen ist wie eine Krankheit,
da wir nicht mehr wissen, was Kraft oder Roheit oder wahrhafte Scham oder
Unnatur ist. Sie sind Jude, Herr Niederding, wie? Nun, Ihr Volk ist es, das uns
dies Geschenk gemacht hat, Ihr arbeitsames, intelligentes, stets an Extremen
bauendes Volk. Sie lieben nicht das Weib, sondern Sie lieben die Liebe, nicht
die Selbstbetrachtung und Selbstvervollkommnung, sondern das Qulerische,
Zerstrende, Erniedrigende, alles, was Sie zum Mrtyrer macht. Es gibt viele von
Ihrer Art. Flagellanten, unsere Flagellanten, und der Gott, vor dem sie sich
geieln, ist das wohlbekannte Ich, diese Phrase von der Individualitt, vor der
jetzt alles auf den Knien rutscht. Und wenn ich sage, die Juden sind schuld, so
ist es keine gedankenlose Anschuldigung. Nicht jene alten Juden, die noch fromm
sind, sie sind entweder ehrwrdig oder komisch; nein, die sogenannten modernen
Juden, die vollgesogen sind mit dem ganzen Geist und der berkultur des
Jahrhunderts, sie sind es, die mit ihrer menschlichen Dsterkeit und geistigen
Schrfe ein Pseudochristentum aufrichten mit Gefhlskasteiungen, fleckenloser
Liebe und dergleichen. Ich wei es nur zu gut, es ist ein altes Erbe Ihres
Volks.
    Nieberding erhob sich zitternd, trat auf Bojesen zu und flsterte: Herr -!
    Bojesen hielt seinen Blick ruhig aus und schwieg.
    Ich habe ihn geliebt, sagte Jeanette leise und sah gedankenvoll vor sich
hin. Weit du, wozu ich nun geworden bin? fragte sie laut und fest.
    Nieberding, der jetzt am Fenster stand und unbeweglich hinaussah, wandte
sich um und sagte: Jeanette, du hast niemals eine Schtzung gehabt fr das edle
Gestein und fr seltene Menschen. Aber da du zu solchen Mitteln greifen mut!
Wie berflssig und theatralisch! Seine einleuchtenden Erluterungen mag sich
dieser Herr fr den Horsaal sparen. Mag ich sein, was ich will, ein Flagellant
oder ein Bacchus, damit die Ausdrucksweise des Herrn zu Ehren kommt, du hattest
gegen meine Gefhle gewisse Pflichten, mehr will ich nicht sagen. Ich trinke das
Leben aus den Tiefen, wo andere Leute nur Finsternis gewahren, ich finde
Gensse, wo andere nur Narrheiten sehen, - gut, la mich so sein. Geh' jetzt
fort und la mich allein.
    Jeanette hatte kein Auge von ihm gewandt. Nun ging sie hin, legte ihren Mund
auf den seinen, und so blieben sie minutenlang. Und nun leb wohl, sagte
Jeanette, wer wei, wo wir uns wieder finden.
    Im Kot oder bei den Sternen, entgegnete Nieberding trbe lchelnd.
    An der Treppe stand Cornely. Was war es? fragte sie hastig mit einem
scheuen Seitenblick auf Bojesen.
    Jeanette schttelte den Kopf; ihre Augen standen voll Trnen, zugleich
lchelte sie in einem wunderlichen, frauenhaften Trotz. Du weit alles, was
geschehen ist, gute Cornely. Du ahnst es. Du weit, was mein Vater getan hat,
da er zahllose Familien um ihr Brot gebracht hat. Nun sollte ich eigentlich
ehrlos sein. Aber ich habe mich losgerissen von meinem Namen und von meiner
Familie, und was ihr Niedrigkeit nennt, nenne ich vielleicht Ehre, und was dir
Selbstberwindung ist, ist mir Feigheit und Furcht. Gute Nacht, Liebe.
    Bojesen folgte ihr und ihm war, wie wenn er durch die Luft hinschwebte, wie
wenn nichts mehr an der Erde wre, was ihn festhalten knnte.
    Es schneite. Groe Flocken fielen hernieder. Ein friedliches Fallen, ein
lautloses Herabgleiten schimmernder Kristalle. Pltzlich sagte Jeanette, indem
sie ihre Schritte hemmte: Wissen Sie, woran ich denke? An die grnen Dmonen
vom siebenten Himmel. So ist die Welt, so sind die Menschen; ein zielloses
Hin-und Hergleiten, man frchtet, jeder knne den Hals brechen und jeder wird
doch wieder durch den andern getragen und beschtzt. Und dann, was ich nicht so
recht ausdrcken kann: dies Spielen auf die Wirkung oder so ...
    Ja, eigentlich ist das ganze Leben blo ein Symbol, und wir knnen nichts
anderes tun, als alles, was uns zustt, symbolisch zu betrachten. Darum sind
auch die Dichter am grten, die das Leben mglichst vereinfachen.
    Wieder entstand ein Schweigen. Ach, die Dichter, sagte Jeanette dann
nachdenklich und traurig. Sehn Sie, ich habe so viele kennen gelernt von den
berhmten, denn ich war mit meinem Vater in Berlin und mein Vater war versessen
auf die berhmten Leute. Da Hab ich Dichter kennen gelernt und manchen, bei dem
mir vorher das Herz geklopft hat. Aber wie schrecklich bin ich immer enttuscht
worden! Ich habe mich immer gefragt: du lieber Gott, wie konnten die Leute das
oder das schreiben! In den Bchern so groe Gefhle, ein so kompliziertes Leben,
und als Menschen genau wie andere Menschen und so leicht durchschaubar, so
eitel, so abgemessen, so sparsam mit ihrem Herzen, so vorsichtig mit ihren
Worten. Ehrfurcht will ich haben vor einem Dichter, ob er nun jung oder alt ist,
Ehrfurcht will ich haben.
    Bojesen ging still dahin und lauschte mit glnzenden Augen.
    Sie wundern sich vielleicht ber mich, fuhr sie fort und schlug den Mantel
frstelnd zusammen. Ich auch. Ich habe stets geglaubt, wahnsinnig zu werden bei
dem Gedanken an das Gewhnliche. Nur nicht gewhnlich werden! nur nicht irgendwo
unten stecken bleiben! Nur nicht immer Anlufe nehmen und dann beschmt
zugestehen, da man zu viel gewollt hat. Nur fort, fort, von Ziel zu Ziel,
selbst um den Preis der Ruhe, der Ehre, der Gesundheit, des Lebens! Auch ich
will ein Symbol sein. Bojesen sah sie lcheln. Er fragte, ob sie nicht seinen
Arm nehmen wolle und wo er sie hinfhren solle.
    Sie nahm den Arm. Wohin? Ach, irgend wohin. Sagen Sie, Bojesen, sind Sie
nicht ein wenig Dichter?
    Ich? Nein, ganz und gar nicht. Ich bin ein Mann der Wissenschaft.
    Wie pedantisch! Kann man dabei nicht auch Dichter sein? Ist nicht jeder ein
Dichter, der eine Empfindung in sich zur Gestalt machen kann?
    Sie waren an einer Allee, beschneite Bume und beschneite Wege blickten
ihnen entgegen. An einem zerstrten Staket lagen Steine, Mrtelbehlter,
Schaufeln, aufgeschichtete Ziegel und dahinter stand ein unfertiger Bau mit
schwarzen Fensterhhlen. Nur im Erdgescho brannte ein Trockenofen und dstere
Rte strahlte durch die Fensterscheiben, fiel auf die bltterlosen Strucher und
Baume bis ber die Strae. Die beiden gingen an den Fenstern vorbei, schauten
zufllig hinein und sahen vier Knaben um den Glhofen kauern und mit den
gerteten Gesichtern emporschauen zu einem jungen Menschen, der mit dem Rcken
gegen das Fenster stand und zu ihnen redete. Agathon Geyer! flsterte Bojesen
erschrocken und auch Jeanette war aufs hchste erstaunt. Bojesen hatte ihn
sofort erkannt an Gestalt und Bewegung. Als Agathon ein wenig seitwrts trat,
konnten sie beide sein Profil sehen; gedankenvoll und entschlossen sah er ins
Feuer. Die Knaben schienen Agathons Worte zu trinken, und es lag etwas Glubiges
und Ergebenes in ihren Gesichtern; der lteste, der etwa sechzehn Jahr alt war,
trug die Kappe der Waisenhauszglinge.
    Wir wollen gehen, sagte Bojesen leise, es ist kalt. Jeanette ri sich
los und sagte im Weitergehen langsam: Es ist etwas Auerordentliches in ihm.
    Sie kennen ihn? fragte Bojesen betroffen.
    Jeanette nickte. Eine Viertelstunde darauf standen sie wieder vor dem
siebenten Himmel. Jeanette schaute hilflos umher und schien nachzusinnen.
    In diesem Augenblick ging eine in einen dicken Pelz vermummte Gestalt
vorber. Nur die Augen waren sichtbar, die boshaft funkelnd denen Bojesens
begegneten. Bojesen kannte diese Augen und wute, was er von der Begegnung zu
halten habe. Er lchelte ergeben. Sie traten ein. Barbin schlief auf dem
Villard; die jungen Mnner in Trikot schliefen auf dem Podium, Liebespaare saen
flsternd oder stumfsinnig in finstern Ecken, der Glhende allem war noch wach.
Er hockte an der Rampe mit weit von sich gestreckten Beinen, die Stirn
nachlssig in die gerundete Hand gesttzt, den Blick mit stillem Triumph in die
Ferne sendend. Eine Schnapsflasche stand vor ihm auf dem Boden.
    Was sinnst du, Liebling der Gtter? fragte Jeanette, seine Schulter leicht
mit den Fingern berhrend, und jener deklamierte:

Wenn ich doch auf einem Felsen stnde,
weit im Meer,
und erlst von meinen Trumen wr'!

    Dann zog er eine Mundharmonika aus der Tasche und begann ein Menuett zu
spielen. Jeanette erhob sich, fate den Rock mit den Fingerspitzen beider Hnde
und tanzte: lchelnd, berckend. Bojesen stand auf, ging hinab vom Podium in die
Dmmerung des brigen Raumes und stellte sich unter die Schlfer. In ihm
erwachte eine heie Leidenschaft und das Menuett, wie er es jetzt vernahm, fast
wie hinter Mauern, htte ihn beinahe aufschluchzen lassen. Er glaubte kaum, da
ihn mit solchen Gefhlen der Erdboden wrde tragen knnen, so schwer war seine
Seele von ihnen.
    Er wandte zufllig den Kopf nach rckwrts und sah Jeanette hinter sich
stehen. Sie blickte ihn vertrumt und selbstvergessen an; ihre Augen waren jetzt
von einem dunklen, undurchdringlichen Grn, und die roten Lippen gaben dem
beraus bleichen Gesicht etwas von dem Wesen einer Fabelwelt. Langsam nahm sie
ihn bei der Hand und zog ihn fort, hinaus in den finstern Gang und weiter.

                                Zehntes Kapitel


Die strahlende Mittagssonne leuchtete, als Agathon von der Hhe herabstieg ins
Dorf. Zu beiden Seiten des Wegs standen die Bume im Schnee, sprlich behangen
mit braunroten Blttern. Weithin leuchtete die Schneedecke und bisweilen lag ein
dunkles, mrbes Blatt gleich einem groen Blutstropfen darauf. Als Agathon
durchs Dorf ging, grten ihn viele Leute mit scheuem Gru. Rasch hatte sich die
Kunde verbreitet, da Frau Jette durch seine wunderbare Berhrung gesundet war,
und alle suchten in seinem Gesicht, an seinem Wesen nach einem ueren Zeichen
der inneren Kraft. Er fhlte sich Herr ber diese Kraft, gehoben und
emporgetragen; alles was rein in ihm war, hatte sich mit diesen Gefhlen
vereinigt, und alles Dstere und Kleinliche seiner Seele war abgestreift wie
verbrauchtes Gewand. Er hatte ein altes Buch aufgefunden und darin die
Geschichte des Sabbatai Zewi entdeckt. Mit durstigen Augen las er sie. Wie wute
er gut zu scheiden unter dem Wahren und Erlogenen, dem Phantastischen und
Tiefsinnigen! Wie sah er durch die Person des falschen Propheten in die Seele
der Menschen, die nicht dem beharrlichen Ernst sich beugen, nicht der
beweglichen Stimme des mitleidenden Beraters, sondern dem prunk- und
goldstrotzenden Worthelden, dem Halboffenbarer, dem, der mit ihrer Begeisterung
spielt und dann achtlos ber ihre Leichen schreitet. Aber noch fehlte all diesen
Dingen der tiefere Bezug auf sein eigenes Tun, und er fand sich in der Welt mit
einer Binde vor den Augen, des gtigen Lsers harrend. Es war nichts von
Prophetentum oder Prophetenwollen in ihm. Das reiche innere Leben verlieh seinen
Zgen etwas Leuchtendes, doch er fand sich klein neben einem getrumten Bilde
von sich selbst. Mehr als sonst waren seine Nchte belebt von schwlen Bildern:
nackte Frauen, die ihn neckten, die ihn zu sich zogen, ihn umarmten, ihn
verlachten. Wie oft sprang er auf vom Bett und trat aus Fenster, um durch die
Klte sein Blut zur Ruhe zu bringen. Wie oft schaute er bittend in den schwarzen
Nachthimmel mit den klaren Wintersternen und erwartete, da das Gewlbe sich zu
einer freundlichen Vision ffne. Dann suchte er seine Gedanken abzulenken,
dachte an die groe Welt und an die Buntheit der Ereignisse in ihr, die nur wie
ferner Marktlrm hereinklangen in das kleine Leben, das er lebte.
    Es gab zwei Wesen im Hause, die ihn oft und viel beschftigten. Das eine war
Frau Hellmut, das andere Sema. Jene hatte das Schreckhafte, das sie anfangs fr
ihn gehabt, verloren. Doch ihre ganze Art hatte etwas von einem Irrlicht.
Ruhelos, bestndig redend, bestndig geschftig ging sie umher, obwohl schon
lange nichts mehr fr sie zu tun war, obwohl sie nicht bezahlt wurde und auch
kein Geld dazu dagewesen wre. Bevor sie nicht zu anderen Leuten gerufen wurde,
lebte sie hier billig und ein Maul mehr macht den Tisch nicht leer, sagte
Gedalja. Ost sa sie dann wieder und sprach kein Wort; ihre Augen quollen unter
den entzndeten Lidern hervor, sie lchelte in wahnsinniger Weise vor sich hin,
nickte und atmete wie beglckt tief auf. Agathon pflegte sie bei solchen
Gelegenheiten genau anzublicken, und es wollte ihm scheinen, als ob diese Frau
einmal sehr schn gewesen wre: vielleicht nur einen Tag lang schn, in der
Seele und am Krper, um sich dann wegzuwerfen fr eine vorberrauschende Stunde.
So dachte er oft ber die Menschen, indem er sie in der Vergangenheit wirken,
oder in einer bestimmten, von ihm selbst erfundenen Situation handeln sah.
    Mit Sema wute er nichts anzufangen. Voll ngstlicher Frsorge achtete der
Knabe auf alles, was Agathon tat, suchte ihm jeden Wunsch von den Augen
abzulesen, schleppte einen Stuhl herbei, wenn Agathon stand, brachte ihm den
Lffel, der bei der Suppe fehlte, schlich in eine Ecke, um zu weinen, wenn ihm
jener etwas abschlug, und als Gedalja und Frau Jette einmal in Agathons
Abwesenheit ernstlich ber seinen Lebensberuf Rat hielten, hrte Sema zu und
fing auf einmal an zu schluchzen. Es war mehr als eiferschtige Verliebtheit in
ihm, es war Anbetung, ein Sichverlieren und Sichauflsen, der Wunsch, nichts zu
sein vor dem vergtterten Freund.
    Einmal wanderten beide von der Stadt nach Hause, als sie einem der
Waisenhauszglinge begegneten, einem etwas verwachsenen Knaben mit uerst
abgehrmtem Gesicht. Er blieb eine Weile bei Sema und Agathon stehen, betrug
sich aber sehr einsilbig und schrak ein paarmal grundlos zusammen. Spter
erzhlte Sema, da dieser Knabe oft gezchtigt werde, weil er die Gebete nicht
auswendig behalten knne; dabei erfuhr Agathon erst, da Sema einige Wochen im
Waisenhaus zugebracht habe und da es ihm dort schlimm ergangen sei.
    Sind viele Knaben dort? fragte Agathon.
    Vielleicht dreiig.
    Und sehen alle so unglcklich aus wie der, den du eben gesprochen hast?
    Fast alle.
    Werden sie denn hart bestraft?
    Das nicht, aber sie mssen bestndig beten und beten. Im Winter sind die
Zimmer kalt. Zu essen gibt es nicht viel, die Lehrer sind lieblos und das
Schrecklichste ist, da man schon um sechs Uhr frh aufstehen mu.
    Agathon schwieg lange. Dann sagte er mit vertieftem Ausdruck des Gesichts:
Man mte mit den Knaben sprechen. Man mte ihnen gute Bcher geben. Man mte
sie mit Hoffnung fllen. Worte sind mchtig. Man mte ihnen beweisen, wie
herrlich das Leben ist. Kennst du den ltesten der Knaben?
    Ja.
    Knntest du es mglich machen, da er und vielleicht ein zweiter in der
Nacht mit uns kommen, wenn alle schlafen?
    Ist das nicht gefhrlich, Agathon?
    Gefhrlich? Gewi. Alles ist gefhrlich, wobei man sich ein bichen opfern
mu. Bei Tag werden doch wahrscheinlich die Knaben berwacht?
    Ja, sie mssen ber jede Stunde Rechenschaft ablegen.
    Willst du mir also helfen?
    Ja, Agathon.
    Ich wei ein leeres Haus am Engelhardtspark, wo seit einiger Zeit ein
Trockenofen gebrannt wird. Dort wollen wir uns treffen. Du mtest die Knaben
verstndigen und sie hinfhren.
    Ich tue, was du willst, sagte Sema, beugte sich herab, suchte Agathons
Hand und drckte sie an seine Wange. Agathon erschrak.
    Als sie durch das Dorf gingen, sah er seinen Vater im Wirtshaus sitzen und
mit Schmerz dachte er des blen Geredes, das ber den Vater an sein Ohr
gedrungen war. Ja, man sprach Schlimmes ber Elkan Geyer, nicht nur wegen des
verhafteten Enoch, nicht nur wegen des heidnischen Agathon; Elkan mute eine
unheimliche Schuld in der Brust tragen, da er halbe Tage lang in der Kneipe
hockte, sein Geschft vernachlssigte, der Frau alle Sorgen aufbrdete und
dunkle Worte und Klagen verlauten lie.
    Zu Hause fand Agathon seine Mutter in gewaltiger Erregung. Keines Wortes
mchtig, zeigte sie nach dem Garten und er ging hinaus. Auf dem Nebengrundstck
befand sich die Estrichsche Ziegelei, die der neue Besitzer vergrern lie. Es
sollten Trockenschuppen gebaut werden, die Erde wurde ausgegraben und die
Arbeiter nahmen keine Rcksicht auf den Geyerschen Garten, beschdigten den Zaun
und warfen Steine herber. Frau Jette war schimpfend unter sie gefahren, wurde
aber verhhnt und nun geschah, was anfangs Achtlosigkeit gewesen, in bswilligem
Trotz. Als Agathon hinaustrat, schleuderte gerade ein junger Bursche lachend
einen Ziegelstein herber. Ohne sich zu besinnen, trat er durch eine Bresche des
zerbrochenen Zaunes zu dem jungen Menschen, und fragte: Hast du eine Mutter
daheim? Das Du und Agathons fester Blick verwirrte den andern, der unter den
Lrmendsten gewesen war. Er schlug die Augen nieder und sagte nichts. Rede
nur, drngte ihn Agathon, gib Antwort! Der Bursche lachte und wute nicht,
wohin er den Blick wenden solle. Endlich schttelte er in unbestimmter Weise den
Kopf. Aber wenn du eine httest, wrdest du sie beschimpfen lassen? fragte
Agathon eindringlich; nimm mal an, du hast daheim einen Garten, und der Garten
ist fast alles, was ihr habt, und es kommen Leute, die sich ein Vergngen daraus
machen, den Garten zu ruinieren, den Zaun umzureien, die Beete mit Steinen zu
bewerfen, auf denen ihr im Sommer euer Gems' wachsen lat, ich glaube, du
nhmst die erste beste Flinte und schssest die Kerle zu Boden. Oder nicht?
Shst du vielleicht zu und bedanktest dich? Und wenn es Juden wren, dchtest
du: es sind rechtglubige Juden, man mu kuschen -? Der Bursche zeigte betreten
die Zhne und spielte mit einigen Zweigen des verdorrten Buschwerks. Die andern
hatten alles gehrt und waren nach und nach still geworden. Eine Stunde spter
waren die Steine aus dem Garten verschwunden.
    Frau Jette lehnte im Flur, als Agathon zurckkam und blickte ihn starr an.
Sie standen in einer dunklen Ecke und ehe sich Agathon dessen versah, war die
Mutter auf einen Holzblock gesunken und schluchzte herzbrechend. Er schwieg und
blickte trb herunter auf ihre kmmerliche Gestalt; er fhlte wohl, was sie
beweinte, und da es sich nicht auf diesen Tag und nicht allein auf die
letztvergangenen Tage bezog.
    Gegen Abend, bei klarem Himmel und hindmmerndem Untergangsrot der Sonne
ging Agathon fort. Als er in die Nhe von Frau Olifats Haus kam, sah er Stefan
Gudstikker aus der Gartentre kommen, hastig ber die Strae eilen und mit
schnellen Schritten in der Richtung der Ziegelei verschwinden. Agathon stutzte,
und obwohl er sonst nicht unaufgefordert zu Monika kam, entschlo er sich heute
doch dazu. Er klopfte an und auf ein leises Herein ffnete er die Tr und sah
sie allein im Zimmer, am Fenster sitzen. Ihre Mutter und Schwester waren wie
gewhnlich um diese Zeit in der Stadt. Monika erwiderte freundlich Agathons Gru
und drckte seine Hand.
    Ist dir's nicht recht, da ich gekommen bin? fragte Agathon beklommen.
    Ich? nein, ich freue mich. Ich bin froh, dich zu sehen, Agathon.
    Wirklich?
    Monika nickte ernst, dann sah sie wieder in verlorener Trumerei auf die
Felder. Ich mu dir etwas vorlesen, sagte sie nach einer Weile. Sie zog ein
Papier aus der Tasche, entfaltete es und las:

Wir kssen uns bei Kerzenlicht,
sonst sehn wir uns vor Trnen nicht.
Sonst ist uns gar zu still die Stund',
zu schweigsam der beklommene Mund.

Wir kssen uns in finsterer Nacht,
weil sie die Zukunft schner macht.
Wir sehn das goldne Haus am Meer
von Schtzen voll, von Sorgen leer.

Was spricht der Vogel Zeitvorbei?
Da alles dies vergnglich sei?
Was spricht die Mutter Zweifelschwer?
Ein Schattenbild das Haus am Meer?

Der Vogel hat die Nackt vertrieben,
die Mutter ist bei uns geblieben.
Den blassen Traum an dunkler Wand
hat sie verblasen und verbrannt.

    Es entstand eine lange Pause.
    Wie konntest du denn lesen, fragte Agathon endlich bedrckt, da es doch
schon dunkel ist?
    Ich kenne es auswendig, flsterte Monika, in sich versunken. Es ist
schn, es ist schner als schn.
    Aber weshalb nimmst du denn das Papier, wenn du es auswendig weit? O wie
rot wirst du, Monika! Du bist glhend rot. Agathons Stimme zitterte. Monika!
rief er dann.
    Was?
    Es ist ein unwahres Gedicht. Es ist schn, aber unwahr. Alles was darin
steht ist schn, und nur, weil es schn ist, stehts da, aber es ist erlogen. Ich
wei, wer es gemacht hat. Aber er ist kein wahrhaftiger Mensch. Nur ein
wahrhafter Mensch kann ein Kunstwerk machen. Ich meine nicht, da er im Leben
nicht lgen darf, aber mit seiner Seele darf er nicht spielen. Er aber spielt,
Monika.
    Monika hatte den Freund noch nie so erregt gesehen, und es war auch, als ob
ein anderer, ein offenbarender Mund ihr das zugerufen hatte. Als er fort war,
sa sie im Finstern bis ihre Mutter kam.
    Agathon traf Stefan Gudstikker, wie schon einmal, unter einem Laternchen am
Ziegeleigebude stehend. Nach einigem Hin- und Herreden lud er Agathon ein, mit
ihm ins Haus zu kommen. Agathon folgte ihm. Der alte Estrich, brummig und
knurrig, wenn er liebenswrdig war, beinahe komisch, erfllte das Zimmer mit dem
Rauch seiner Pfeife und ging bald fort. Kthe erschien still, scheu und
gedrckt. Sie hatte bisweilen ein ergebenes Lcheln fr ihren Verlobten, jedes
Stirnrunzeln von ihm beeinflute sie, jedem halben Wort sann sie nach.
Gudstikker strich ihr oft ber die Haare; er schien sich der grenzenlosen Macht
ber das einfache Kind zu freuen; ja, er schien damit zu prahlen. Oft wenn sie
etwas sagte, lachte Gudstikker und Agathon dachte wie in einer Erleuchtung: er
hat ihr den Glauben geraubt; was hat er ihr dafr gegeben? nicht mehr als ein
Stck seiner eigenen Person. Jeder Tag lehrte Agathon mit unabweisbarer Stimme
das Leben wie es wirklich war, wie es nicht aus einem gttlichen Wesen flo,
sondern aus dunklen, unterirdischen Quellen, vielgestaltig, mit Trbsand
vermischt, nur selten Gold im Grunde fhrend, selten im geraden Strom, klar und
kraftvoll rauschend.
    Pltzlich schallte von drauen das ngstliche und fortgesetzte Miauen einer
Katze herein. Alle lauschten. Gudstikker und Agathon gingen hinaus.
    Der Mond stand hoch und rein am Himmel. Der Schnee blitzte und funkelte weit
umher. Auf den Feldern lag der Rauhreif, schimmernd wie Silberstaub. Vor dem Tor
lag ein Ktzchen in seinem Blut. Gudstikker kniete hin, streichelte das Tier
zrtlich und redete ihm zu wie einem Kind. Dann gebrdete er sich wie rasend,
drohte den Kerl zu erdrosseln, der diese Schandtat vollbracht und konnte sich
kaum beruhigen. Agathon wollte ihn trsten, obwohl er etwas Geknsteltes in
diesem Zorn fhlte, als er einen Schatten gewahrte und Kthe neben sich sah. Sie
hatte ein Tuch um den Kopf, ihre Lippen, deren Rot durch eine scharfe und runde
Linie von der blassen Haut abgegrenzt war, waren ein wenig geffnet. Ist das
Ktzchen tot? fragte sie.
    Gudstikker nickte.
    Wer hat es getan? Vielleicht der Vater, er stellt immer den Katzen nach.
    Dein Vater, sagst du! fuhr Gudstikker auf. Weit du, da es mir jetzt zu
bunt wird? Weit dus nicht? Ja, es wird mir zu bunt. Ich Hab euch auch satt,
dich und deine ganze Familie.
    Wieder fhlte Agathon das Knstliche des Wutausbruches und fragte sich
vergeblich nach Grnden.
    Stefan, flsterte Kthe und legte zitternd ihre beiden Hnde um seinen
Arm, Stefan!
    Es entstand eine peinliche Pause. Es ist kalt, Herzchen, erwiderte
Gudstikker endlich und streichelte trstend ihre Hand. Geh nur und leg dich
schlafen. Du wirst ja krank!
    Als er heimging, hatte Agathon eine seltsame Sinnestuschung. Aus einem
dunklen Torweg trat Kthe Estrich auf ihn zu und hob flehend die Hnde. Als er
weiterging und sich die Erscheinung vor seinen Blicken in den Winternebel
auflste, dachte er mit hilfsbereitem Herzen an sie. Wie gro war sein Erstaunen
und sein Schrecken, als er sie auf einmal wirklich sah! Raschen Schrittes kam
sie und lchelte matt, als sie vor ihm stehen blieb. Sie wolle zu Stefan, sagte
sie.
    Was wollen Sie denn bei ihm?
    Ich wei nicht. Ich will ihn nur sehen. Wenn ich noch einmal in sein
Gesicht sehe, wei ich alles.
    Was? Was denn? Agathon erbebte vor Mitgefhl.
    Ach, - nichts.
    In diesem Augenblick ging viel vor in Agathons Seele. Er sah dieses zarte
Geschpf vor sich, wie sie in jeder Stunde mehr hinwelkte. Er sah die kleinen,
mondlichtbergossenen Huser, die dunkle Unendlichkeit des Nachthimmels, zage
Sterne, glnzende Fensterscheiben, - dies alles im Gegensatz zu der wunderlichen
Unruhe der Menschen, ihrer Lust an der Lge, ihrer Furcht vor dem Kmpf, und zum
erstenmal sprach heute die Natur ein unberhrbares Wort zu ihm, und er konnte
die grende Inbrunst seiner Seele nicht mehr miverstehen. Da stand nun dies
stille, wortkarge Geschpf vor ihm mit dem treuherzigen Blick, dem hilflosen
Zucken um die Lippen und sie sah ihn ratlos an, als Agathon wie erleuchtet
lchelte.
    Sie sind immer so traurig, Frulein Kthe, sagte er.
    Sie nickte
    Sie mssen sich einmal recht von Herzen freuen.
    Aber wie kann ich das, erwiderte sie seufzend.
    Nur einmal, eine Stunde lang, sollen Sie froh werden! Vertrauen Sie mir!
    Sie sind so merkwrdig, Agathon. Man mu Ihnen vertrauen, auch wenn man
nicht will.
    Und Sie wollen tun, was ich verlange?
    Was verlangen Sie denn?
    In unserem Hof steht ein Schlitten. Da sollen Sie sich hineinsetzen. Ich
fahre Sie.
    Jetzt? Um Gotteswillen, jetzt! Ich kann nicht. Meine Mutter lt mich nicht
fort.
    Ihrer Mutter drfen Sie alles gestehen, wenn wir zurckkommen. Ich ziehe
meine Schlittschuhe an und wir fahren bis zum See bei Weinzierlein.
    Bis zum See? Nein Agathon, das ist zu weit.
    Jetzt drfen Sie nicht kleinlich und furchtsam sein. Ich hab' auch noch ein
dickeres Tuch fr Sie und einen Mantel meiner Mutter.
    Kthe zgerte noch immer, aber Agathons Blick und Wesen, in dem etwas
Triumphierendes und Flammendes lag, berredeten sie unwiderstehlich.
    Eine Viertelstunde spter flog der Schlitten auf der Landstrae dahin und
Agathon auf Stahlschuhen hinterher. Rechts lag der Wald, dann lag er links; das
Mondlicht wohnte in ihm, die braunen Blatter glnzten silbern, die Birkenrinde
strahlte wie Gold, der Schnee lag wie ein faltenloses Gewand und der Himmel
wlbte sich in mattem, kalten Licht.
    Sehen Sie die Nebelelfen? fragte Agathon.
    Ja. Und Irrlichter zeigen den Weg.
    Ist Ihnen warm?
    Ja.
    Das ist gut. Das nchste Mal nehmen wir Mirjam mit.
    Wer ist Mirjam?
    Meine Schwester.
    Sonderbarer Name.
    Er ist hebrisch und heit: die Widerspenstige.
    Ist sie widerspenstig?
    Ganz und gar nicht.
    Dies wurde in vollstem Lauf, auf klirrender Schneebahn hin- und hergerufen.
Endlich kam der See. Zauberhaft! Glattgefroren die weite Flache; Schimmer auf
Schimmer, golden, silbern; Millionen blitzender Funken; und Agathon flog hin wie
ein Pfeil!
    Vom Ufer erhob sich eine Gnomenschar, lachend, echoend und tanzte mit weiten
Sprngen um das Gefhrt. Kthe schlug voll Entzcken die Hnde zusammen, denn
die Landschaft war zum Zauberreich geworden. Man sah Lichter wie in einem Saal;
bisweilen tnte es aus der Ferne wie Gesang von Mdchenstimmen, bisweilen wie
Glockenklang; Ritter und Knappen und edle Damen stiegen aus der Tiefe zum Tanz
gekleidet: hier war einst eine mchtige Burg versunken. Kthes Blut flo rasch
und strmisch. Sie erinnerte sich nicht, je so glcklich gewesen zu sein, sie
war wie berauscht und Agathon lchelte sie an, seltsam, trumerisch. Wie ein
Sturm fuhr die Sehnsucht -in seine Brust, ein ganzes Land, ein ganzes Volk so
zum Glcke zu verwandeln, selber hinzufliegen in freudig-schauernder Bewegung,
in der Hand die stammende Fackel einer neuen Zeit ...
    Aber Kthe erinnerte daran, da es zehn Uhr sein msse, und der Schlitten
mute umkehren.

                                 Elftes Kapitel


In heiterer Stimmung verlie Bojesen seine Wohnung und der neblige
Dezembermorgen trbte nicht die Klarheit seines Innern. Da begegnete ihm der
Postbote und hndigte ihm ein Schreiben ein. Er ri den Brief auf und las:
    Kommen Sie nicht wieder. Lassen Sie mir die Freiheit ganz, die ich einmal
erwhlt habe. Ich knnte ja fordern, aber ich bitte nur. Fragen Sie nicht,
warum. Haben Sie nie bemerkt, da, wenn zwei Schicksale sich verketten, der Weg
doppelt so schmal wird? Das Leben ist zu klein und kann nicht durch einen groen
Sinn regiert werden. Knnen Sie sich denken, da man nicht mehr an all die
schnen Worte glaubt, von Freiheit, Liebe, Seele und so weiter, sondern nur an
das taube, blinde Ungefhr -? Der eine sucht sein Schicksal, den andern findet
es. Kommen Sie nicht wieder!
    Bojesen war nicht genug Frauenkenner, um die matte Energie des gequlten
Schreibens zu durchschauen. Er nahm sich den Brief zu Herzen, kehrte hastig in
seine Wohnung zurck, setzte sich an den Schreibtisch, kaute einige Zeit
beklommen am Federhalter und begann:
    Ich dachte eine starke Frau zu finden und fand eine schwache. Oder wie ist
es? Was soll ich davon denken? Bedeutet das die Schrankenlosigkeit der
Leidenschaft, von der du getrumt hast? Ist es die gewhnliche, banale
Romanreue? Sind die Flgel schon zerbrochen, ehe man sich ber das Dach des
nchsten Philisterhauses erhoben hat? Das Schicksal ist ungewhnlich mit uns
verfahren, und wir mssen uns ungewhnlich an ihm revanchieren. Ich sehe dich
noch in deiner Glut, in deinem Lcheln, in deiner Hinreiendheit. Und nun?
    So weit war er gekommen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.
Zurckschauend gewahrte er seine Gattin und zuckte zusammen. Erich, du
schreibst an eine Frau, sagte sie langsam und betont.
    Sie war leichenbla und hatte mit der Hand krampfhaft die Stuhllehne gefat.
    In einem solchen Fall erfindet ein Mann entweder eine zrtliche Lge oder er
wird brutal. Bojesen lachte, schlug das angefangene Schreiben zusammen und
zerfetzte es. Dann setzte er seinen Hut auf, um zu gehen.
    Erich, ich kenne sie nicht, diese Frau, aber sie wird dich zu Grund
richten. Ich will mich nicht vor dich hinstellen mit Verzweiflungsausbrchen.
Ich bin dir nicht gut genug zur Offenheit, obwohl ich zu vielen Dingen nicht zu
gut war, wie das schon so geht.
    Aber du phantasierst ja, du trumst, rief Bojesen, erschrocken und
gespannt.
    Wir liegen immer noch Bett an Bett und auch du trumst.
    Was soll das heien?
    Ich kann oft nachts nicht schlafen, und ich hre und sehe deine Trume. Die
Ampel bescheint dein Gesicht und mit diesem Gesicht bist du dann bei ihr,
verstehst du?
    Bojesen nagte an seinen Lippen. Er ging und war beschmt. Er kaufte Zigarren
und begann zu rauchen, was er sonst des Vormittags nie zu tun pflegte. In den
dsteren Korridoren des Schulgebudes traf er die Herren, die, das akademische
Viertel benutzend, gravittisch oder tiefsinnig umherstolzierten, die Hand aus
dem Rcken oder zwischen dem zweiten und dritten Knopf der Rockbrust.
    Bojesen sah die finsteren Mienen seiner Kollegen nicht, oder gab vor, sie
nicht zu sehen. Doch fhlte er wohl, da etwas in der Luft lag. Nach Ablauf der
Stunde kam der Pedell und bat ihn zum Rektor. Bojesen lchelte, entlie seine
Schler, schritt bedchtig die Stufen hinan und stand alsbald vor dem Herrscher
des Schulreiches und fnf der ltesten Herren, die seine Garde bildeten.
    Herr Bojesen, begann der Rektor feierlich mit einer fast unmerklichen
Mischung von Sarkasmus und Schadenfreude, Sie sind uns als Kollege lieb gewesen
und als Lehrer wertvoll. Wir konnten uns tglich von der strengen Tatkraft
berzeugen, mit der Sie Ihr Pensum durchfhrten. Wir glaubten, in Ihnen dereinst
eine stolze Sule unserer Anstalt zu besitzen, einen verehrten und geachteten
Mitbrger, einen tadellosen Erzieher. Vaterlandsliebe, einwandsfreier,
sittlicher Wandel, Religiositt, das sind Tugenden, die die Brust eines Beraters
der Jugend mehr schmcken als knigliche Orden. Wir mssen bekennen, da wir uns
in Ihnen getuscht haben.
    Ein undefinierbares Murmeln der Garde folgte dieser Ansprache.
    Was wollen Sie damit sagen, Herr Rektor? entgegnete Bojesen ruhig.
    Damit soll gesagt sein, da Sie, wie unsere gewissenhaften Nachforschungen
zweifellos ergeben haben, in bezug auf Ihre moralische Fhrung nicht geeignet
sind, einen gnstigen Einflu auf die Schler zu ben, Herr Bojesen, - kurz, da
Sie sich auf Abwegen befinden. Als Mensch kommt es mir lediglich zu, Sie zu
warnen, Sie kraft meines Alters aus tiefstem Herzen zu warnen. Als Vorstand
dieses Instituts dagegen ist es meine Pflicht, Sie zu bitten, von Ihrer
Lehrttigkeit Abstand nehmen zu wollen, bis wir die Sachlage an das Ministerium
berichtet und weiteren Bescheid empfangen haben.
    Bojesens Wangen und Stirn rteten sich und seine Hand zitterte. Doch der
Rektor richtete sich straff empor und fuhr fort:
    Verteidigen Sie sich nicht. Suchen Sie uns nicht zu berzeugen, wovon es
auch sei. Wir waren vorsichtig in bezug auf unsere Schritte. Sie verkehren in
einer verrufenen Spelunke mit verrufenen Subjekten und verrufenen Frauenzimmern.
Es ist schndlich und fr mich als Haupt einer Anstalt, an deren Ruf kein
Flecken haftet, deren pdagogischer Ruhm weit ber die Grenzen unseres engeren
Vaterlandes gedrungen ist, ich sage, es ist beschmend fr mich, einen solchen
Vorfall konstatieren zu mssen. Ihr unverzeihlicher Fehltritt fllt um so
schwerer ins Gewicht, als Sie verehelicht sind lind trotzdem nicht Ehrgefhl
genug besaen, Ihren Hang zu zgeln. Aber nicht einmal das allein war magebend
fr mich. Nur aus wenigen Andeutungen, die sich scharf in den Geist jugendlicher
Zuhrer graben knnen, das werden Sie selbst gut genug wissen, ist erwiesen, da
Sie es im Unterricht nicht verschmhten, skeptische Worte fallen zu lassen, die
die Religiositt der Schler gefhrden konnten, und da Sie so auf dem
verbrecherischen Wege sind, die scheuliche Zeitkrankheit des Atheismus und der
Piettlosigkeit mitverbreiten zu helfen. Wir wissen, da Sie sich mit dem
dimittierten Schler Agathon Geyer auch nach seinem Vergehen noch liebevoll
befat haben, und jetzt wird mir auch vieles von der unerhrten Tat dieses
irregeleiteten Jnglings klar. Ich hoffe, Sie bereuen und werden ein besserer
Mensch. Fr die unschuldigen Blten, die man Ihnen anvertraut hat, ist ein
anderer Grtner von nten. Und jetzt bitte ich Sie, uns zu verlassen. Oder haben
Sie noch etwas einzuwenden? Ich mache Sie aufmerksam, da unsere Zeit kurz
bemessen ist.
    Bojesen rhrte sich nicht. Seine Augen schauten unverwandt ins Weite, als
suchten sie sich mit den kommenden Stunden der Entbehrung und der Brotlosigkeit
schon jetzt vertraut zu machen. Um seine Lippen spielte ein halb mitleidiges,
halb trauriges Lcheln. Der Rektor blickte ratlos die fnf Gardeherren der Reihe
nach an, die dann in derselben Reihenfolge schweigend die Kpfe schttelten.
Endlich sagte Bojesen: Meine Verbrechen sind Verbrechen. Fr Sie mssen es
solche sein, natrlich. Ich kann also nichts dagegen einwenden. Aber was die
unschuldigen Blten betrifft, darber mchte ich noch ein paar Worte sagen. Das
was ich anstrebte, war, die Schler von selbst zum Denken zu bringen, aus
Andeutungen und aus Anschauungen ein Gesetz zu konstruieren. Ich habe ihnen aus
der Wissenschaft immer ein schmackhaftes Stck Brot gemacht, nicht ein Pensum
fr das Gedchtnis. Aber was Sie, meine Herren, unternehmen, ist aussichtslos.
Sie machen aus der Schule eine Verdummungsanstalt, und kein munter flieendes
Wasser wird aus diesem Sumpf herauskommen. Alle bleiben unglckselige
Marionetten, oder wie Sie es nennen, faule Schler. Aber faul sind nur Ihre
Einrichtungen. Wer dem Geist der Jugend etwas nahe bringen will, mu es mit dem
Herzen tun, nicht mit dem Vocabularium. Ich mchte sagen, er mu ein wenig
spielen dabei, Sie mten beinahe ein wenig Knstler sein. Hat mein verehrter
Kollege, - verzeihen Sie: Exkollege, Lehrer der Geschichte, jemals daran
gedacht, den Schler mit den groen, menschlichen Dingen der Geschichte vertraut
zu machen? jemals den Geist des grandiosen Zusammenhangs zu erklren versucht?
jemals ein farbenreiches Bild daraus gemacht, und das wre von hherem,
sittlichem Wert als hunderttausend Jahreszahlen und Dynastiennamen. Und was
Religiositt betrifft, Herr Rektor, so haben Sie keine Angst um mich. Beide
zeigen sich nicht im Gtzendienst. Was Sie mit diesen schnen Worten meinen, ist
Duckmuserei und Frmmelei. Vielleicht kommt die Zeit selbst fr Sie noch, der
Sie graue Haare haben, wo Sie mit Kummer an das denken werden, was ich Ihnen
eben gesagt habe. Ich empfehle mich den Herren.
    Er eilte hinaus und lie die sechs wrdigen Schulmnner in unbeschreiblicher
Verblffung zurck. Gehen Sie hinunter, Schachno, und verhindern Sie, da er
mit den Schlern spricht, sagte der Rektor erregt.
    
    Daran dachte Bojesen nicht. Er hatte bereits das Schulhaus verlassen und
ging bis die Huser zu Ende waren, bis die Ebene vor ihm lag. Und wie er weiter
und immer weiter ging, verga er auch mehr und mehr seinen persnlichen Schmerz,
und das Drckende und Gedrcktsein, das in ihm war, lste sich auf in allgemeine
Wehmut um etwas unbestimmtes Verlorenes, in eine wie hingehauchte Trauer um
vergebliches Ringen. Er empfand jene Mdigkeit zu denken, die zu vagen, aber
trstlichen Bildern fhrt, bis an die Pforte der Melancholie, wo sie sich mit
liebevoller Innigkeit an alle Gegenstnde der Natur hngt und auch dem
zuflligen Flug eines Vogels eine tiefe, vorbedeutungsvolle Wichtigkeit
verleiht.
    Still und neblig, wie erfroren, lag da oder dort ein Dorf. Gleich einer Wand
von Schleiern erhob sich bisweilen ein Gehlz. Der Himmel war unbeweglich; keine
einzelne Wolke war zu sehen, nur eine schwerhingezogene Decke. Dornenhecken
standen am Weg und vermehrten das Grblerische, Insichgekehrte dieser
Landschaft. Raben flogen lautlos ber die cker, setzten sich majesttisch auf
schwarze Erdschollen, die aus dem Schnee ragten und guckten furchtlos mit
schlauen und boshaften Augen auf den Wanderer.
    Als es dunkelte, kam er zurck in die Stadt, und es war ihm, als ob er ein
Jahr lang fortgewesen wre. In langsamem Gleichmut als wre es die Folge eines
weit zurckliegenden Entschlusses, wanderte er nach der Richtung von Jeanettens
Wohnung und fand sie zu Hause.
    Sie war nicht erstaunt, ihn zu sehen und reichte ihm ruhig die Hand.
    Man wei natrlich schon in der ganzen Stadt, wo ich bin und was ich
treibe, sagte sie im Lauf des Gesprchs verchtlich. Die Herren der
Gesellschaft werden zum siebenten Himmel kommen, und ich werde die Sensation
sein, der Stadtklatsch. Das ist mir widerlich. Wenn ich mit meinen Vorbungen
fertig bin, geh ich nach Paris. Ich brauche anderes Leben. Es wird auch ein
anderer Tod sein, wenn es so kommt. Sie lachte.
    Fort gehst du? Und was fr Vorbereitungen meinst du?
    Tanz! Die menschlichen Leidenschaften im Tanz. Der Tanz soll wieder Kunst
werden. Ich denke zum Beispiel an einen Tanz der Liebe. Alles ist Feuer,
hinneigende und verborgene Glut. Jede Linie andchtig und verzckt und
schlielich die unterdrckte Erregtheit. Dann der Ha. Offene Glut, wildes
Gebrdenspiel, wildes Spiel aller Linien. Dann viele andere. Ich denk es mir
wundervoll. Eure andern Knste haben abgewirtschaftet. Sie beruhen auf der
Eitelkeit. Es gibt nur noch Wissenschaft und Tanz in der Zukunft.
    Bojesen sah hilflos vor sich hin. Redensarten, dachte er.
    Jeanette begann jetzt wieder zu tanzen: auf den Zehen, den Krper in
wellenhaften Bewegungen vor-und zurckbiegend und mit schwrmerischem Gesicht
und weitgeffneten Augen in den Spiegel schauend. Dann holte sie Wein, dessen
Purpur in den dunklen Glsern und in der beginnenden Dmmerung schwarz erschien.
    Whrenddem ffnete sich die Tr und Bojesen sah einen alten, sehr gebckten
Mann mit einem Hausierkasten sich mhselig hereinschleppen. Es war Gedalja, den
Jeanette vor einiger Zeit auf der Strae getroffen hatte und der nun fast
tglich zu ihr kam. Er setzte keuchend den Kasten am Ofen nieder und trocknete
sich die Stirn mit dem Rockrmel. Bojesen schaute Jeanette an, begriff und
wollte gehen. Aber sie befahl ihm durch einen Blick, zu bleiben und zndete die
Lampe an. Hast du was verkauft, Grovaterle? fragte sie, die Hand in die des
Alten legend.
    Gedalja verneinte. Se welln nix haben. Se sind alle versehen. Se welln blo
ihren Spa haben mit em alten Juden. Ich will nit klagen, Enkelin, nit klagen.
Aber was for Gesichter wer ich sehn, wenn ich sterb'? Wer wird reden zu mir in
die lange Nchte? Hast de schon gesehn en alten Mann ber neunzig, wo hat kein
Haus un kein Hof und kein Bett? Bin ich nit gewesen e Vieh, da ich nit gewesen
bin e Wucherer un e Betrger? Wo soll ich haben en neuen Rock, wenn der wird
sein zu Fetzen? Wo sin meine Kinder, da se sitzen zu meine Fe und lauschen
meine Worte? O Enkelin, es is gut, zu nehmen e Schwert und zu zerreien sein
eignes Herz.
    Bojesen blickte nicht vom Boden empor. Gedalja begann wieder: Ich waa nit,
was de hast getan un was de hast vor im Leben, Jeanette. Aber ich seh d'rs an an
deine Stirn und deine Augen, da de willst hoch naus, da de hast berspannte
Gedanken vom Leben un von die Menschen. Es gibt im Jdischen e Sprichwort un
haat: wenn Schabbes-Nachme afn Mittwoch fallt, kriegt die Schmue Vernunft. So
is es mit deine Plne. Schabbes-Nachme fallt alleweil afn Schabbes,
natrlicherweis. Sei vernnftig vorher! Sei immer bei dir un hab gut acht auf
deine Handlungen. Schlaf nit ein in der Nacht, wenn de nit hast ausgelscht 's
Licht; nor die Toren scheuen den Schlaf beim Finstern. Bleib' e gute Jdin, wenn
de aach nit glaubst, denn wir sin e groes Volk mit bedeutende Gelehrte. Merk
d'r was ich hab' gesagt. Haste vielleicht was z'essen? Hab Hunger. Bin in ganzen
Tag rumgeloffen, bis nach Burgfarrnbach nber.
    Bojesen, dem es schwer ums Herz war, schickte sich zum Aufbruch an. Jeanette
begleitete ihn liebenswrdig hinaus, sagte aber nichts. Er hate diese
Liebenswrdigkeit an ihr, die undurchdringlich war wie ein Panzer.
    Er irrte lange Zeit durch die Straen, a gegen sieben Uhr irgendwo zu
Nacht, setzte seine ruhelose Wanderung fort und kam endlich wieder vor
Jeanettens Wohnung an, wo immer noch die Fenster erleuchtet waren. Am
gegenberliegenden Haus sah er einen jungen Mann im Schnee stehen. Er glaubte,
diese blassen, unbestimmten Zge zu erkennen, ging hinber und stand vor
Nieberding, der den Blick nicht von Jeanettens Fenstern wandte. Bojesen lchelte
ironisch. Der andere gewahrte ihn, und eine Zeitlang standen sie Auge in Auge,
ohne eine Bewegung. Wie lange stehen Sie schon? fragte endlich Bojesen mit
schlecht verhehltem Spott. Aber Nieberding berraschte ihn, indem er ihm die
Hand bot und sagte: Weshalb wollen Sie mich verhhnen? Was wrden Sie sagen,
wenn ich bissige Reden fhrte, weil ich Sie etwa am Grab Ihres Vaters she? Ich
stehe am Grab meiner Liebe. Es ist mehr als eine Phrase. Er schob seinen Arm
unter den Bojesens und zog ihn mit sich fort.
    Aber sind Sie jetzt nicht glcklich? fragte Bojesen noch immer
sarkastisch.
    Glcklich? weil ich leide? Allerdings in gewissem Sinn.
    Sie sind Arzt?
    Verzeihen Sie, - ein Wort: kommen Sie eben von ihr?
    Nein.
    Ob ich Arzt bin? Nein. Ich war es.
    Ein schner Beruf.
    J - Ja!
    Aber er macht hart, grausam.
    Im Gegenteil. Aber Sie spotten immer noch.
    Im Gegenteil -?
    Er hebt uns. Macht weich, bereichert die Gefhle.
    Das sind Worte. Es gibt solche und solche rzte.
    Allerdings.
    Darauf schwiegen sie. Verzeihen Sie, sagte Nieberding, darf ich Sie zu
einem Abendessen einladen?
    Danke, ich habe schon gegessen.
    Aber dann kommen Sie auf ein Glas Wein zu mir.
    Wenn es Ihnen nicht unbequem ist -. Nieberdings offene Herzlichkeit und
seine kindlich-schchterne Art, zu fragen, beschmten Bojesen ein wenig. Bald
saen sie in Nieberdings kleinem Salon, wo ein behagliches Feuer brannte.
Bojesen sah hier Jeanettens Schatten weilen und empfand eine nagende Unruhe.
Cornely kam mit ihrem rtselhaften Lcheln und fr Bojesen war es seltsam zu
sehen, wie sie den Bruder verehrungsvoll kte und wieder ging.
    Nach einem schier endlosen Schweigen fragte Nieberding hastig: Was halten
Sie von Jeanette Lwengard?
    Bojesen schwieg und zuckte die Achseln. Sie ist ein feines Tier, sagte er
endlich leise mit einem lauernden Zucken der Mundwinkel.
    Nieberding blickte verletzt auf. Aber im Nu unterwarf er sich Bojesen
wieder.
    Und Sie, fuhr Bojesen fort, welche Art von Frauen lieben Sie eigentlich?
Sagen Sie nicht, da es Jeanette sei, das steht Ihnen fern. Sie lieben die
schlanken, berzarten Formen, Sie lieben Frauen, die grer sind als Sie, die
prraphaelitischen Gestalten, hab' ich nicht recht?
    Nieberding blickte furchtsam sein Gegenber an. Er wagte nicht zu
widersprechen. Bojesens weit aufgerissene Augen schienen etwas anderes zu sagen,
als was er jetzt sprach. Sein Mund war ein wenig geffnet, und seine Haltung
glich der einer Katze. Er war wie verwandelt.
    Nach einer Weile begann Eduard Nieberding: Sie haben neulich beliebt, mich
als den Typus des modernen Verfallsjuden hinzustellen. So war es doch, nicht?
Ich habe viel darber nachgedacht. Wenn etwas von Ihren Anschauungen begrndet
ist, ist es dies: wir wirklich modernen Juden haben ausgehrt, Juden zu sein.
Wir sind in unserer Seele Christen geworden. Nicht Christen nach der Form,
sondern nach dem Geist.
    Bojesen nickte halb verchtlich, halb bekmmert. Das ist es ja, sagte er.
Das ist es, was uns ins Unglck strzen wird. Ja, Sie werden das Christentum
aufbauen! Wir sollen wieder Mumien werden, da wir angefangen haben, die Fenster
zu ffnen und die Moderluft zu vertreiben. Sind wir nicht ein krankes Geschlecht
bis ins Mark? Sehen Sie mich an, was ich bin! Heute bin ich neunundzwanzig! Was
werde ich mit vierzig sein! Das geistige Christentum! Und wie belieben Sie das
andere zu nennen, das unsere sftereiche Nasse aufgelst und vernichtet hat
binnen sechzehnhundert oder weniger Jahren. Was ist schuld, wenn wir den
natrlichsten Vorgang des Lebens zu einem Akt der Lsternheit machen? Wenn wir
in den Schulen Maschinen zchten, statt Menschen? Wenn tausende von groen
Weibern auf der Gasse und in Spezialittentheatern lungern und eine anmische
Herde tummelt sich im Salon? Wenn wir nicht hinauskommen ber die niedrigen
Begriffe von Ehre und Nchstenliebe, wenn unsere Dichter Hysterie fr Tragik
nehmen? Sie, moderner Jude, sind daran schuld mit Ihrem Mystizismus und Ihrem
asketischen Verlangen, der Sie im Schnee stehen und Ihre Geliebte nur seelisch
begehren, der Sie das frevelhafte Wort von der Selbstberwindung neuprgen. Ja,
ja! richten Sie nur das Christentum wieder auf! Hauen Sie nur die Renaissance,
von der groe Menschen getrumt haben, in Stcke, bevor sie geboren ist! Nur
zu!
    Mit all dem sagen Sie eigentlich nichts Neues, erwiderte Nieberding
traurig und mit gesenkter Stimme. Aber das ist ja gleich, wenn Sie es fhlen.
Ist es denn so schlimm? Wieviel Poesie und Verklarung hat uns nur allein die
katholische Kirche gegeben.
    Lassen Sie uns hier nicht von Poesie reden. Lassen wir die Poesie beiseite,
samt der Verklrung, ich bitte Sie. Das sind triste Dinge, zu deren Verteidigung
die Poesie der katholischen Kirche ntig ist. Und reden Sie niemals per uns,
wenn Sie so etwas sagen, das ist ein wenig komisch. Sie sind ein Emigrant, und
es gibt kein Bindeglied zwischen Ihnen und uns. Beachten Sie die Zeichen der
Zeit. Rekrutieren Sie sich, seien Sie nicht blind.
    Warum denn? warum? rief Nieberding und sprang mit verzweifelter Gebrde
empor. Haben wir denn noch nicht genug bezahlt? mit Leib und Leben und Seele
und Freiheit bezahlt? Ist es denn unmglich, euch zu befriedigen? Seit
Jahrhunderten dienen wir euch, unsere Besten haben so viel Gutes gewirkt, da
ihr es heute noch nicht einmal ermessen knnt, wir lieben eure Sprache, wir
haben unser Blut fr euer Vaterland vergossen, keine Werbung war uns zu
demtigend, im stillen saen wir und harrten auf das Licht der Erlsung und als
ihr uns das schenktet, wofr ein eingesperrt gewesener Hund euch nicht einmal
die Finger lecken wrde, da dankten wir euch durch einen ungemessenen
berschwall von Krften und Talenten, - und trotz alledem, wenn heute ein
beschnittener Kerl bankrott macht, so wendet sich euer unverborgener Ha nicht
gegen ihn, sondern gegen uns und die verlogenste von allen verlogenen Phrasen
mu aufmarschieren, um euch einen Schein von Grund und Recht zu geben: ihr
sprecht von Rassenha und Nassenkluft, wo es besser wre, von dem Neid und dem
Geifer des Stumpfsinns zu reden, und als ob nickt ein Pommer und ein Franke von
verschiedenerem Blut und Geist wren als ein Jude und ein sogenannter Germane.
Rekrutieren sollen wir uns? Was heit das? Sollen wir ein Land kaufen und einen
Staat grnden? Das hiee uns vernichten. Wir sind stark als Einzelne, das ist
eben das Geniale an uns, wenn Sie das khne Wort verzeihen wollen; als Nation
wren wir das Gesptt der ganzen Welt. Wir sind stark als Helfer, als Diener des
Geistes, wir sind gro als Priester, aber wir sind nicht ein Volk, das zu
politischen Taten aufgelegt ist.
    Bojesen blickte berrascht in das Gesicht des jungen Mannes, das durch die
Erregung beinahe schn war. Sie haben Recht, erwiderte er ernst. Und doch
kann nicht geleugnet werden, da wir viel schneller dem Abgrund zurollen, seit
die Juden emanzipiert sind, wie das prchtige Wort nun einmal heit. Ich kenne
so viele gebildete Juden, wirkliche Menschen, Knstler oder Mnner der
Wissenschaft oder auch Kaufleute, aber ich mu sagen, so sympathisch und lieb
mir die meisten sind, sie haben alle einen seelischen Defekt, einen sittlichen
Krankheitsstoff, der ihre andersbltige Umgebung alsbald ansteckt. Worin das
besteht, ist mir ein Rtsel. Aber sie sind es, die mich immer am schmerzlichstes
empfinden lassen, da wir im Begriff sind, eine Nation vom Sufern, Strebern und
Phlegmatikern zu werden. Ihr seid eben Dmmerungskinder, Propheten der
Dmmerung, manchmal vielleicht der Morgendmmerung, diesmal aber sicher der
Abenddmmerung. Tragt ihr nicht einen groen Teil der Schuld, wenn unsre Reichen
und Vornehmen Geist und Ohren mit Musik verstopfen? Niemals war ein bldsinniger
Musikkultus zu solchen Ehren gelangt. Es mutet mich so kindisch an, wenn in
Paris die Grfin Rothschild ihre Hndin mit dem Hund eines Marquis oder Lords
ffentlich und feierlich verlobt und unter groem Geprnge Hochzeit halten lt.
In Rom war das alles seinerzeit viel groartiger. Wir knnen nicht einmal eine
anstndige Dekadenze inszenieren. Unsere gute Gesellschaft ist ausschlielich
auf das Vertreiben der Langeweile angewiesen und die Kunst hat keine
Lebensnotwendigkeit, sondern sie verrichtet Hofnarrendienste oder gefallt sich
in volksfremder Unnahbarkeit oder wird zum weltflchtigen Traum. Betrachten Sie
nur einmal eine Erscheinung wie Richard Wagner. Wie aufgedonnert, wie asketisch,
wie mnchisch, wie schmerztrunken, wie jdisch! Daher auch sein rasender Ha
gegen das Judentum.
    Eine Zeitlang war es still im Zimmer. Beide schauten finster sinnend in ihre
Glser. Dann begann Bojesen von neuem:
    Und doch! und doch! Ich wei nicht, welcher Dmon mir diesen Gedanken
eingegeben hat: es ist mir, als msse gerade aus den Juden noch einmal ein
groer Prophet aufstehen, der alles wieder zusammenleimt. Es ist selten, aber
bisweilen trifft man einen Juden, der das herrlichste Menschenexemplar ist, was
man finden kann. Alle reinen Glieder der Rasse scheinen sich vereinigt zu haben,
ihn hervorzubringen, ihn mit allen kstlichen Eigenschaften auszustatten, die
die Nation je besessen hat: Kraft und Tiefe, sittliche Gre und Freiheit, kurz,
alles und alles, ausgenommen vielleicht den Humor. In seinem Kopf sitzen ein
paar Augen voll Mildheit und Gte, man mchte sagen Frommheit in einem neuen
Sinn, feurig und doch wieder schchtern, phantasievoll und nach keiner Seite hin
borniert, - kurz, wundervoll.
    Nieberding spielte mit einer Aschenschale, die in Form einer Ampel an einem
Traggestell hing. Er drehte das mattbraune Gef um die eigene Achse, wobei die
Kettchen klapperten. Es ist sonderbar, sagte er, wie alles, auch das
Bedeutende und Wichtige, gering erscheint, wenn man es mit dem eigentlichen Sinn
des Lebens vergleicht.
    Ja aber was ist der eigentliche Sinn? Hoffentlich antworten Sie nicht wie
der gelehrte Mann, den ich einmal fragte, was er selbst fr einen Zweck habe, da
er die Welt schrecklich vernnftig fand. Ich bin eine Verdichtungsmaschine,
sagte er pathetisch.
    Ach, ich meine nur alles zusammengenommen gegen das Unendliche betrachtet.
Symbol, Symbol, alles nur Symbol. Kennen Sie dieses Experiment der Fakire: sie
bezeichnen einen Kreis im Zimmer, dessen Peripherie niemand berschreiten darf.
Dann schauen sie, es ist helllichter Tag, fest auf eine Kerze und pltzlich, der
Fakir selbst steht am andern Ende des Zimmers, pltzlich brennt die Kerze, ohne
da jemand daran gerhrt. Nun ist aber das Seltsame, sowie einer die
vorgeschriebene Kreislinie berschreitet, ist das Licht fr ihn verschwunden.
Das enthlt fr mich ein Stck Lsung des ganzen Lebensrtsels.
    Ich mu gehn, sagte Bojesen, es ist spt.
    Wieviel Uhr ist es?
    Zwlf.
    Schon! Darf ich Sie begleiten?
    Sie gingen. Kalt und klar war die Nacht, bis an die fernsten Grenzen
lichtlos und still. Nieberding murmelte:

Mhsam ist der Pfad und lang,
kein geschmckter Priester schreit
ein vershnliches Gebenedeit,
wenn dein Fu im Finstern vorwrts drang.

    Von wem ist das? fragte Bojesen.
    Von Gudstikker. Er hat ein Buch sehr schner Verse verffentlicht. Ich mu
ihn aufsuchen, mu mit ihm sprechen. Ein groes Talent.
    Kein Charakter, doch ein Genie, sagte Bojesen bitter
    Was meinen Sie damit?
    Nun, dieses groe Talent, - ich kenne es genau und schon lange. Eine
Intrigantenseele, ein verwickelter Lgenkomplex. Was soll man dazu sagen. Die
Kunst eines solchen Menschen ist vergnglich, selbst wenn sie fr den Augenblick
noch so sehr blendet.
    Sie gingen vorbei an Bojesens Wohnung und wanderten weiter in die Stadt
hinein. Ihr Schweigen war nicht das von vertrauten Menschen, sondern ein
beunruhigtes und mitrauisches. Selten waren noch Fenster erleuchtet. Der Turm
einer Kirche erhob sich pltzlich auf einem Platz und dies gab der ganzen
Umgebung einen solchen Ausdruck stummer Majestt, da Bojesen glaubte, mit
verschrften Ohren knne man die Orgel klingen hren. Auf der Knigsstrae
blieben sie vor einem kleinen Wirtshaus stehen. Durch die grnverhngten Fenster
drang die Fistelstimme einer Soubrette, die ein laszives Lied mit entschiedener
Betonung zum besten gab. Die Stimme war so, da man die Haltung des Krpers
darnach beurteilen konnte; ja, man glaubte, die falsch lchelnden Lippen und die
gezierten Gesten zu sehen. Wtendes Hndeklatschen belohnte die Leistung, und
der Klavierspieler gab einen Tusch. Da sah Bojesen, wie sich Nieberding an den
Kopf schlug, auflachte und wieder auflachte und dann davonstrzte. Bojesen sah
ihm kopfschttelnd nach und setzte seinen Weg allein fort.
    Auf einmal sah er eine Schar von zehn bis zwlf Knaben auf der Strae
stehen, sich lautlos um einen Mittelpunkt scharen, sich lautlos ordnen und dann
ebenso geheimnisvoll die Strae hinausmarschieren. Sie trugen die schwarze Mtze
der Waisenhauszglinge bis auf zwei, die an der Spitze gingen. In dem einen
erkannte Bojesen sofort Agathon Geyer.
    Bojesen, zu erstaunt, um nach Grnden zu raten, beschlo, dem Zug zu folgen.
Er empfand eine unerklrliche Scheu, die ihn hinderte, Agathon kurzweg
anzureden. Die Wanderung ging ber die schlechten und winkeligen Gassen des
Altstadtviertels und ber den Schieanger und Bojesen wurde so begierig, zu
erfahren, was all dies bedeute, da er seine Vorsicht verga und sich den Knaben
zu sehr nherte. Einige standen still und wandten sich ihm zu. Agathon kam,
stutzte, erkannte ihn, lie den Kopf sinken und schwieg. Der Himmel schien von
einem weit entfernten Licht innerlich erleuchtet und Bojesen konnte jeden Zug in
Agathons Gesicht erkennen.
    Tun Sie es nicht! Folgen Sie uns nicht! sagte Agathon endlich stehend.
    Was geschieht hier, Agathon? fragte Bojesen, und er war seltsam bewegt,
aus einem Grund, der ihm spter zu denken gab. Er war matt und feig geworden
diesem jungen Menschen gegenber.
    Nichts Unrechtes, Herr Bojesen, entgegnete Agathon, heftete den Blick fest
in den des Lehrers und lchelte so, da Bojesen ihm die Hand hinstreckte. Er
machte sich auf den Rckweg, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen. Wie
romantisch, murmelte er und suchte sich im Innern ber Agathon zu stellen; aber
sein Herz war beklommen.
    Am andern Tag, als er ber die Wiesen spazieren ging, sah er Agathon von
ferne. Er hatte nicht das Verlangen, ihn anzureden; er empfand ein Vertrauen zu
ihm, das ihm Neugierde als etwas Verchtliches erscheinen lie. Agathon ging
langsam, mit in sich gekehrtem Blick; seine Kleider waren etwas beschmutzt. Noch
nie hatte Bojesen den Ausdruck einer solch gespannten Erwartung, eines fast
atemlosen Lauschens in einem Gesicht erblickt. Am Eingang des Nadelwldchens
entschwand er seinen Blicken.
    Gegen drei Uhr kam Agathon ins Dorf zurck. Er begegnete Frau Olifat, die
aus ihrem Haus kam. Sie bemerkte seinen Gru nicht. Auf ihrem Gesicht lag etwas
so finster Drohendes neben einer bangen Ratlosigkeit, ja Verzweiflung, da
Agathon ihr erschreckt nachsah, dann eilends ins Haus ging und am Wohnzimmer
pochte. Das kleine Mdchen ffnete, legte den Zeigefinger auf die Lippen und
deutete dann wortlos auf das Sofa, wo Monika lag. Agathon schlich auf den
Fuspitzen hin. Sie schien zu schlafen. Ihre Wangen glhten. Durch die
geschlossenen Lider und die langen Wimpern schimmerte es wie von aufbewahrten
Trnen. Der Krper lag in einer gequlten Lage, der Kopf und die Beine nach
rckwrts gebogen. Die Finger waren in den Stoff des Polsters eingekrampft, die
Lippen waren in leiser Bewegung. Agathon ging es wie ein Stich von der Stirn bis
zum Knie. Nicht nur Angst und Schrecken waren es, sondern er hatte pltzlich die
unwiderstehliche Begierde, diese unhrbar flsternden Lippen zu kssen. Die
wogende Brust des Mdchens, die leidenschaftliche Glut, in der sie lag, hilflos
einer Wucht von Trumen berliefert, der schwach geffnete Mund mit den
begehrlich blitzenden Zahnen, - das lie Agathen schaudern, und er verdeckte die
Augen mit der Hand. Aber noch deutlicher sah er so das Bild, und er seufzte
schwer, streichelte flchtig, wie huschend, das glatte Haar der kleinen Esther
und verlie das Zimmer. Alles Klare, Gute, Getrstete seines Innern war wie
verblasen. Er ging heim, es dunkelte schon, und er war so erregt, da er wie
blind umhertappte. Das Haus war wie ausgestorben; doch als er in den Flur trat,
um in seine Kammer zu gehen, stand wieder wie damals die Magd unter ihrer Tre.
Wieder wie damals stand sie breit und gleichsam wartend vor dem dstern
Kerzenschein. Ein trotziges und sinnliches Lcheln umspielte ihre dicken Lippen
und Agathon starrte sie furchtsam an, wie ein Schicksal, dem er nicht entrinnen
konnte. Sie sprach ihn an, aber er hrte es nicht; sie ttschelte seine Hand,
und er fhlte es nicht. Sie nahm sein Gesicht mit grober Zrtlichkeit zwischen
Daumen und Zeigefinger ihrer Linken und lachte; er war wie versteinert.
Begierde, Trotz und Scham wollten fast seine Brust sprengen. Endlich machte er
sich keuchend los und strzte mit drei Stzen die morsche Treppe hinab.
    Die Finsternis des Hofes empfing ihn, - es wurde ihm zu eng. Er eilte
hinaus, bis in die Felder und ber den Kirchhof und wute nicht, wieviel Zeit
verronnen war, als er wieder vor Frau Olifats Haus stand und hinaufschaute. Da
ffnete sich die Gartentr; Monika war es. Sie blickte hinauf und hinunter, und
als sie Agathon gewahrte, erschrak sie, kam schnell auf ihn zu, stockte, machte
wieder ein paar Schritte, stockte wieder und fiel endlich nieder, umklammerte
fest Agathons Knie und begann klagend und kummervoll zu schluchzen.
    Agathon wurde bis in die Lippen bleich. Was ist denn nur! stammelte er.
Aber sie antwortete nicht, er sah ihre Schultern zucken, und ihr Weinen wurde
immer verstrter und fassungsloser. Es schien aus einer Tiefe zu kommen, wohin
sonst nicht leicht ein menschlicher Schmerz gelangt. Agathon wollte sie
emporziehen, doch sie wehrte ihm heftig, fast zornig. Endlich und ganz
unerwartet war sie still geworden, hielt die Schlfe mit beiden Hnden und sah
zu ihm auf mit einem gebrochenen Blick, in dem etwas Bses und Schuldiges war
und der von einer Andern zu kommen schien als jener Monika, die Agathon bisher
gekannt. Er wagte nichts zu sagen.
    Ach, Agathon, flsterte endlich Monika mit einer weitentfernten Stimme,
ich hab dich erwartet, so lange, so lange. Denke nicht schlecht von mir, tu's
nicht. Hre mich an, wenn du kannst und versto mich nicht. Es hat Gott gewollt,
da ich hier so werden sollte, wie ich bin. O Agathon! Agathon! Und sie blickte
mit dem Ausdruck tierischer Verzweiflung in sein Gesicht. Da stieg in Agathon
eine Angst vor ihr auf, wie sie in einer finstern Landschaft kommen mag, wenn
uns vor einem unsichtbaren Begleiter graut. Er machte sich los von ihr; aus
irgend einem Grunde erschien sie ihm niedrig, er drckte ihr unentschlossen die
Hand und sagte beklommen gute Nacht. Kaum war er fort, so bereute er tief, was
er getan, doch die Stimme des Lmelchen Erdmann schreckte ihn empor aus seinem
Brten. Lmelchen Erdmann stand vor dem Wirtshaus, focht mit den Armen durch die
Luft und schrie Agathon zu, den er im Schein des Laternenlichts erkannte:
    Hel Agathon! schnell! Dein Vater! Dein Vater!

                                Zwlftes Kapitel


In dem dumpferhellten Vorflur der Schenke standen mit aufgerissenen Augen ein
paar jdische Hndler, die um diese Zeit zu einem Glas Bier zu gehen pflegten,
auerdem zwei Bauern: Jochen Gensfleisch und Jochen Wsserlein, dann Lmelchen
Erdmann, der Gendarm Pavlovsky, wie immer schnaufend und wild um sich blickend,
als wnsche er einen Widersetzlichen zu zermalmen und der Wirt selbst mit dem
Gesicht eines alten Komdianten.
    Gegen neun Uhr war Lmelchen Erdmann in die Schenke gekommen und die beiden
Bauern hatten ihren Spa mit ihm zu treiben und ihn zu zwingen versucht, die
gelbe Katze des Wirts beim Schwanz zu fassen und emporzuheben.
    Lmelchen blickte, bebend am ganzen Krper, um sich. Alle wuten, da er
einen namenlosen Abscheu vor Katzen hatte. Er wich jeder Katze in weitem Bogen
aus und wenn die Katzen des Nachts vor seinem Hause schrien, verstopfte er sich
die Ohren und lag dennoch voll fiebernder Furcht in seinem Bett.
    Die jdischen Hndler, die schwatzend an einem Tisch beisammen saen, wagten
dem bedrngten Alten nicht beizustehen; sie runzelten die Stirn und sahen halb
furchtsam, halb entrstet hinber. Der Wirt suchte sich ins Mittel zu legen,
aber jetzt kamen der Doktor, der Schmied und der Apotheker herein und lachten,
als sie sahen, da Jochen Wsserlein die Katze nahm und sie wie einen Pelz
Lmelchen Erdmann um den Nacken legte und wie der Unglckliche dann dastand mit
einem Gesicht, das nicht mehr Angst, nicht mehr Schrecken ausdrckte, sondern
etwas, das jenseits aller menschlichen Empfindungen lag. Das Ktzchen, das nicht
scheu war, blieb faul sitzen, blinzelte, schlo die Augen und fuhr behaglich
fort zu schnurren.
    Pltzlich wurde die Tr aufgerissen und Elkan Geyer taumelte herein. Kopf,
Gesicht, Hnde und Kleider waren mit Kot besudelt, was um so sonderbarer war,
als drauen berall Schnee lag und alles im Umkreis gefroren war. Seine Haare
hingen steif, in drei oder vier Strhne verteilt, auf die Augenbrauen herab, den
Hut schien er verloren zu haben. Sein Gesicht war wei wie Kalk, eingefallen und
verzerrt, in seinen Augen flackerte ein unstetes und bengstigendes Feuer, sein
Mund war nicht geschlossen. Er machte eine weitausholende Gebrde wie ein
Betrunkener, sttzte sich mit beiden Hnden auf eine Stuhllehne und sein Kopf
sank tief zwischen seine Schultern.
    Allmchtiger Gott, was haste denn, Elkan? raunte ihm einer der Hndler zu.
Biste schikker?
    Ich wei gar nicht, was mit mir ist, sagte Elkan langsam, legte die Hand
ber die Augen und sah dann alle, die sich um ihn herumgestellt hatten, mit
leerem Ausdruck an. Ich war beim Srich Sperling in der Nacht, murmelte er,
dicht an den Apotheker herantretend. Und wie alles still war, rief er nach mir,
da ich an sein Bett kommen sollte, und er fing an, im Zimmer Gesichter zu
sehen, die von Hause kamen.
    Ruf mir meinen Sohn! schrie er auf einmal, streckte beide Hnde vor sich
aus und drehte sich ganz um sich selbst. Er fiel hin wie ein Stock, sein
Hinterkopf stie mit einem dumpfen Krach an das Tischeck und alle wandten sich
schaudernd ab. Der Wirt schrie nach Wasser. Pavlovsky kam, Lmelchen lief fort
und traf Agathon zufllig auf der Strae, der Doktor drngte die migen
Zuschauer in den Flur und ging dann selbst ratlos hinaus, da der Unglckliche
sich von niemand berhren lie.
    Als Agathon zu seinem Vater trat, nahm ihn der mit beiden Hnden beim Kopf,
zog ihn zu sich herunter und flsterte: Agathon, ich will dir was sagen, aber
sei still in die Ewigkeit. Ich habe Srich Sperling durch mein Wnschen in den
Tod gebracht. Ich bin herumgegangen wie ein Geschlagener vor dem Herrn und hab's
auf meinem Herzen lasten gefhlt, da ich sterben mu, weil mein schuldiges Herz
befleckt ist. Sag nichts, bin ich tot, so Hab ich gebt und der jdische Name
braucht nicht verunreinigt zu werden. Ich wollte mir das Leben nehmen und Hab
mich hinuntergestrzt in den Steinbruch, da es aussehen sollte wie ein Unglck.
Aber die Decke vom gefrorenen Wasser ist durchbrochen und da Hab ich mich ins
Dorf geschleppt. Was schaust du so? Ich atme schwer und rede schwer. Hol
jdische Mnner, da sie mich heimtragen.
    Whrend Agathon hinter dem Handwagen herschritt, womit der Vater nach Haus
gefahren wurde, whrend er angstvoll nach einer Aufklrung suchte, die ihm seine
Vernunft verweigerte, stieg seine innere Erregung mehr und mehr. Allmhlich kam
ein Nachdenken ber ihn, so wie es selten einem Menschen vergnnt ist, in sich
die Dinge der Welt zu sehen. Er war pltzlich nicht mehr jung; Einsicht und
Inspiration berflgelten seine Jahre. Er hatte etwas begangen, wofr ein
anderer shnte und litt. Er jedoch hatte sich gereinigt und erhoben gefhlt
dadurch; es war ihm danach geschehen, als htte man seine Hnde entfesselt zu
freiem Gebrauch. Er war sehend geworden und alles um ihn herum, Menschen und
Dinge und Fgungen, hatten einen Bund geschlossen, ihn zu schtzen. Er hatte
sich keiner irdischen Macht unterworfen gefhlt, doch auch keiner gttlichen.
Eine Stimme in ihm, die aber fremd war und ihn schaudern lie, so oft er sie
vernahm, rief ihn hinaus, rief ihn fort von den Seinen und er ahnte, zu welchem
Krieg sie ihn befehligte.
    Daheim sah er bestrzte und erschrockene Gesichter. Die Kartoffeln standen
unberhrt und erkaltet auf dem Tisch. Die Petroleumlampe war ausgelscht worden,
und die Talgkerze stand auf dem Kommode-Eck in einem mit Grnspan berzogenen
Leuchter. Mirjam sa auf der Bank und hielt den Kopf in den Hnden.
    Vor seines Vaters Bett in der Kammer stehend, rief Agathon den bleich, mit
geschlossenen Augen Daliegenden an. Elkan ffnete die Lider mit einem entsetzten
Starrblick. Tiefe Furchen liefen auf beiden Seiten seines Gesichts bis zu den
Mundwinkeln herab und erinnerten an die bertriebenen Falten eines grotesken
Schnitzwerks.
    Agathon stie mit einer ungeschickten Bewegung an das wackelige Tischchen
vor dem Bett, der Leuchter fiel um und es war finster. Unwillkrlich atmete er
auf, als ob er gewnscht htte, es mge finster sein. Doch erblickte er an der
Wand, die nur durch einen Bretterverschlag gebildet wurde und einen ursprnglich
greren Raum in zwei erbrmliche Lcher teilte, ein glhendes Schimmern, und
als er nher trat, sah er im andern Gemach seine Mutter sitzen, die den
Oberkrper ber den Tisch gelegt hatte. Das Gesicht war verdeckt durch die
verschrnkten Arme. Vor ihr sa der Gast von damals mit seinem Asketengesicht,
dm dnnen Lippen, den kaltfunkelnden Augen, den hageren Mnchsfingern. Finster
starrte er vor sich hin, als ob er in ein Grab schaute. Und er schaute in ein
Grab. Er selbst hatte es gegraben mit seinesgleichen um darin alles zu
verscharren, was frei und schn ist. Desungeachtet betete er die Worte der
Schrift: Sochrenu lachajim melech chofes bachajim; gedenke unser, o Herr, zum
Leben, der du Wohlgefallen hast am Leben.
    Vater! flsterte Agathon leidenschaftlich. Vater, hr mich an.
    Licht, Licht! erwiderte Elkan dumpf.
    Hr mich erst, Vater. Es ist nicht wahr, da du Srich Sperling gettet
hast. Ich hab's getan.
    Nein, Agathon, du willst eine Wohltat an mir verrichten, aber es ist
umsonst.
    Weit du denn noch, wie es war?
    Sobald er nur ins Haus kam, Hab ich ihm das Bseste gewnscht, was malt
einem Menschen zudenken kann. Ich bin auf den Knien vor ihm gelegen und Hab
geschluchzt wie ein Kind, aber er hat kein Erbarmen mit mir und meinen Kindern
gehabt. Wie ein Narr bin ich nach Geld gelaufen und ging ber Land und dachte
mir, wenn er doch tot wre. Und immer war der Gedanke in mir, bis der Tag kam,
wo er dich ins Wasser stie, und in der Nacht darauf lag ich da und mein
glhender Wunsch war wie ein Engel mit feurigem Schwert, wie auf einer
Feuerkugel schwebte er aus meiner Brust heraus und ging hin und ffnete das Tor
und mein Auge begleitete seine Rachegestalt und sah, wie er aus Bett des Elenden
trat und das finstere Herz durchbohrte und ich lag da und jubelte. Spter
freilich bumte sich meine Seele dagegen auf und das ganze Leben war mir ein
schwarzes Gewand.
    Atemlos staunend hatte Agathon gelauscht: all das war sein Erlebnis, sein
Gesicht, nur hatte ihn das Schicksal dann nicht verworfen, sondern erhht.
    Es war ein Traum, Vater, sagte er mit seltsamer Freudigkeit und jene
hinreiende Inspiration kam wieder ber ihn. Ich war es, ich hab es getan, mein
Engel schwebte hinber, meine Rache hat ihn gettet. Ich bin kein Jude mehr und
auch kein Christ mehr und meine Tat ist ber dich gekommen, weil du ein Jude
bist und ich von deinem Blut. Weil dein Haus, deine Wnde, deine Kleider, deine
Messer und dein Gebet es nicht dulden drfen, und sie muten alles das an dich
heften, wovon ich frei war und frei sein mute. Denn ich wei, was bevorsteht,
Vater, und meine Hnde sind schon ausgestreckt fr das Werk. Mir ist, als ob mit
Srich Sperling die ganze christliche Religion gestorben wre, oder vielleicht
nur der bse Geist in diesem Volk, durch den es hassen mute und Blut vergieen
und wute nicht warum und war selber geqult dadurch. Nimm dein Leben wieder,
trag es froher, pre es an die Brust, glaube mir, da du schuldlos bist!
    Elkan Geyer hatte sich erschrocken aufgerichtet und ihm war, als she er
seines Sohnes Gesicht in der Dunkelheit leuchten. Dann chzte er pltzlich
schwach auf und verlor das Bewutsein. Agathon rief nach Licht.
    In ruhigem Fall sank der Schnee, bisweilen glitzernd und gleiend im
Lichtstrom eines Fensters, als Agathon am spten Abend noch umherwanderte. Er
begegnete Stefan Gudstikker in der Nhe der Ziegelei und wich ihm aus. Er hatte
keine Sympathien mehr fr Gudstikker, der zu den Menschen gehrte, die bei ihren
Versicherungen stets die Hand auf das Herz legen. Auch hatte er die Gewohnheit,
wenn er mit einem Menschen in Streit gelegen, dem andern einen langen Brief zu
schreiben, voll von advokatischen Wendungen und rtselhaften Andeutungen auf
Ewiges, Zuknftiges und Unvernderliches, - Lgenworte, Verlegenheitsworte. Er
liebte die eigene Melancholie, prahlte gern vor Unkundigen, verriet die Plne zu
seinen Arbeiten jedermann in berschwenglichen Schilderungen und Prophezeiungen,
schimpfte ber alles Groe und Anerkannte, sofern es von Lebenden ausging,
erhorchte aber dabei stets des Zuhrers Meinung vorher, der er entweder, wenn es
sein Vorteil heischte, beipflichtete, oder sie in einem hinterlistigen Feldzug
besiegte. All das wute Agathon, wenn er auch neben diesem Neid, dieser
Verbitterung und Gromannssucht einen hohen Zug gewahrte, durch den Gudstikker
fhig war, das wirklich Groe zu verstehen und sich ihm hinzugeben.
    Als Agathon am Haus der Frau Olifat vorbeiging, sah er einen helleren
Lichtschimmer als sonst aus den Fenstern strahlen. Er stieg auf einen an der
Strae liegenden Quaderstein und erblickte ein Bild voll Frieden. Monika sa am
Klavier in einem alten, blauen Kleid, das die Arme entblt lie, und sie
spielte in einer schweren, langsamen, tragen Art, das Gesicht nach oben
gewendet, wie wenn sie einer oft gehrten und nun vergessenen Melodie nachhinge.
Ihre sonst so geschwtzige Mutter schien stumm und sah aus, als ob sie ihr
ganzes Leben an sich vorbeiziehen liee. Agathon wandte sich ab und blickte in
die finstere Landschaft. Er war bewegt. Ziellos ging er weiter, - zur Hhe. In
der Luft hing eine Flle feinen Schneestaubs. Bald kamen die Tannen und eine
furchtbare Finsternis brtete zwischen ihnen. Fern im Norden sah er den
Lichtschein ber Nrnberg. Als er dann wieder umkehrte, gewahrte er den
Kirchturm des Dorfes wie eine drohende Nachtgestalt.
    Wieder ging Agathon vor das Olifatsche Haus, wieder starrte er nachdenklich
zu den Fenstern empor und entschlo sich endlich, trotzdem es schon elf Uhr
geschlagen hatte, hinauszugehen.
    Frau Olifat, eine unansehnliche Dame, die bestndig etwas einfltig lchelte
und von ihrer groen Vergangenheit zu erzhlen liebte, lag auf dem Sofa und las.
Monika spielte mit ihrer kleinen Schwester Ball. Sie sa auf einem Schemel, fing
den Ball auf oder warf ihn fort, beides mit gleichgltiger Gebrde und ohne die
Richtung ihres in der Ferne weilenden Blickes zu ndern.
    Agathon setzte sich zu ihr auf einen zweiten Schemel, sttzte den Kopf in
die Hand und den Arm aufs Knie und betrachtete Monikas Hnde, die wei und sein
waren, mit schlanken Fingern und blassen Ngeln. An der Linken trug sie einen
spiralfrmig gewundenen Ring, der nur locker sa, und den sie bei jeder Bewegung
mechanisch zurckschob. Jede Bewegung selbst schien nur mechanisch, oft sanken
die Hnde matt in den Scho und blieben mig liegen, selbst wenn der Ball schon
durch die Luft flog; dann legte sie den Kopf zur Seite und lie ihn an sich
vorbeisausen. Esther mu jetzt zu Bett, il est tard, rief Frau Olifat, aber
die Mdchen achteten nicht darauf und begannen ein anderes Spiel. Monika setzte
sich auf die Erde und legte zwanzig Spielkarten rund um sich herum. Nun sollte
Esther mit verbundenen Augen die Herz-Dame suchen. Ein seltsames Spiel, um so
mehr, als Monika dabei fortwhrend lchelte und gespannt auf die Karten sah; ihr
Lcheln hatte etwas von dem einer Wahnsinnigen.
    Warum bist du so eifrig beim Spiel, Monika? fragte Agathon, eigentmlich
bewegt.
    Sie richtete ihre Augen trotzig und verwundert auf ihn. Dann sagte sie:
Wenn du die Dame erwischst, darfst du mich schlagen, Esther.
    Sie legte sich mit dem ganzen Krper auf die Dielen, streckte die Arme ber
sich hinaus und schlo die Augen.
    Als Agathon sich verabschiedete, folgte ihm Monika mit einem kleinen
Lmpchen in den Flur. Doch ein starker Zugwind schlug ihnen entgegen und lschte
das Licht aus. Eine kurze Zeitlang standen sie unschlssig im Dunkeln, noch
geblendet vom Licht des Zimmers, dann konnten sie einander sehen und fanden, da
es gar nicht finster sei. Indes Agathon an der Treppe gute Nacht sagen wollte,
lehnte sich Monika weit ber die Brstung und er sah ihre wilden Augen leuchten.
Er streckte beide Hnde nach ihr aus und wute nicht, wie er sie pltzlich ganz
in den Armen hielt und seine Lippen behutsam und voll Innigkeit auf ihre beiden
Augen drckte. Sie lag wie eine leblose Masse an seiner Brust, und obwohl sie
weder weinte noch sprach, zuckten ihre Lippen unaufhrlich.
    Dann stand Agathon vor dem Gartentor und trumte, sah ber das weite,
nachtdunkle, schneeblaue Land, und fhlte gleichsam in seinen Augen, wie sehr er
dies Land liebte, das ihm Heimat war.
    Als er am nchsten Morgen, es war der erste Weihnachtstag, an Estrichs Zaun
vorbeikam, hrte er grimmiges Schelten im Hause. Er lauschte. Es war die
wetternde, bse Stimme des Alten. Er traf dann Gudstikker, der ihm mit groer
Erzhlerfreude den Grund des Streites berichtete. Der Bruder des Alten sei ein
heruntergekommener Mensch, der nichts mehr besitze, als ein ererbtes
Patrizierhaus in Nrnberg, das er nicht verkaufen drfe. Er sei ein hchst
sonderbarer Kumpan, Alchymist, suche schon seit zwanzig Jahren den Stein der
Weisen und habe dabei ein groes Vermgen verschwendet. Nun sei er zum Bruder
betteln gekommen. Merkwrdig sei dabei nur, da Kthe an diesem verrckten Onkel
Goldmacher mit berschwenglicher Zrtlichkeit hnge. Onkel Baldewin komme bei
ihr gleich neben der Bibel. Wie glcklich sich doch manches trifft in der
Welt, schlo er in philosophischer Art seine Ausfhrungen, da solch ein
nrrischer Karpfen auch noch Baldewin heien mu. Zu dumm! Er schttelte sich
vor Lachen, schaute auf seine Uhr, die er dann aus Ohr legte und eilte davon.
    Daheim angelangt, sah Agathon einen Postboten, der fr den Feiertagsgang von
Frau Jette ein Trinkgeld erbat. Er hatte die Zeugenvorladung fr die Verhandlung
gegen Enoch Pohl gebracht. Frau Jette vermochte kaum ihren Namen unter den
Empfangszettel zu setzen. Elkan Geyer wrde Zeugnis ablegen - im Himmel. Er lag
in Krmpfen und Fiebertrumen und Frau Jette hatte niemand, der ihr beistehen
konnte. Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt, sie konnte das fremde
Maul nicht mehr fttern, sie, die jeden Pfennig bewachen mute.
    Gegen die Mittagszeit entstand ein Schreien und Durcheinanderreden vor den
Fenstern. Agathon blickte hinaus. Die Rosenaus Mdchen verkndeten mit roten
Gesichtern irgend einen aufregenden Vorfall. Agathon htte es kaum beachtet, da
die beiden zum Zeitvertreib alles zur Katastrophe aufbauschten, aber als Isidor
ihm winkte, hinauszukommen, folgte er und erfuhr, da sich eine von den
vertriebenen, russischen Judenfamilien auf der Altenberger Landstrae befinde
und vor Elend und Hunger nicht weiter knne.
    Die Unglckssttte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt, und als
Agathen dort war, bot sich ihm ein schrecklicher Anblick. Ein Mann, oder nur
noch der Schatten eines Mannes, lag auf der Erde, und seine erloschenen Blicke
irrten stier durch die Luft. Die Frau, ein Weib von etwa dreiig Jahren, das
vielleicht noch vor Wochen schn gewesen war, jetzt aber das Aussehen einer
Greisin hatte, kniete vor ihm und wimmerte wie ein geschlagener Hund. Ihre
Finger schienen erfroren. Sie trug in Tchern ein Kind auf dem Rcken, ein
zweites, noch Sugling, lag im Schnee, ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren
stand zusammengekrmmt, mit verweintem, schmierigen Gesicht neben ihr, klammerte
sich, schlotternd vor Frost, an ihren Rock und richtete zuweilen in
fremdlndischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine Mutter.
    Agathon, nicht geneigt zu trumen, unterbrach das Fragen und Gassen der
andern, schickte Mirjam, die mitgelaufen war, zurck um einen Wagen zu holen,
und da sich die Rosenaus zur Beherbergung der Unglcklichen erboten, waren seine
Dienste bald berflssig. Erst in der Nacht, die nun folgte, kamen die Gedanken.
Er empfand eine eherne Zusammengehrigkeit mit seinem Volk, und doch hate er
dies Volk, - jetzt mehr als je. Er hate die Frommen und hate die, die sich des
religisen Gewands entuert hatten und wie Trmmer eines groen Baues verloren
auf dem Ozean des Lebens trieben, verachtet oder mchtig, doch auf jeden Fall
Schmarotzer aus einem fremden Stamm. Inmitten fremden Lebens ein fremdes Volk,
voll gezwungener Frhlichkeit, in einem unsichtbaren Ghetto. Der alte
Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren zweitausendjhrigen
Elends am Leibe spielen sie die Herren und bedecken ihre Wunden, ihre
Unzulnglichkeit, die Schmach der Unterdrckung mit einem Mantel von Gold. Und
er hate auch die andern, diese ungromtigen Gastgeber mit ihrem Munde voll
Lgen und Phrasen und falschen Versicherungen, mit ihren trgerischen Gesetzen
und scheinheiligen Gttern. Und er hate die Zeit, die sinnlos hinrollende,
atemlose Zeit, die Hoffnung gibt, um sie nur mit dem Tode einzulsen und die
Glieder mit Krankheit schlgt, wenn der Geist den Krper berwinden will.
    Gleichwohl erfllte ihn die ungeheuerste Sehnsucht nach dem Leben irgendwo
da drauen und er beschlo, auszugehen wie einst David, der sich ein Knigreich
gewann. Halb im Traum gewann sein Vorsatz Kraft und Unumstlichkeit.
    Am andern Vormittag packte er ein schmales Bndel und reichte seiner Mutter
die Hand zum Abschied. Frau Jette war so erschrocken, da sie sich nicht fassen
konnte. Sie konnte den Entschlu des Sohnes nicht mibilligen, nur fragte sie,
weshalb er gerade jetzt fort wolle, da der Vater auf den Tod krank sei.
    Agathon schttelte den Kopf. Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein Band
mehr sein. Gewaltsam und unerbittlich drngte es ihn fort, und er lie sich
durch nichts bestimmen, zu sagen, wohin er sich wenden wrde. Er nahm auch die
paar Groschen, die ihm die Mutter bot, nicht an, sondern versicherte lchelnd,
da er kein Geld brauche. Er steckte ein Dutzend pfel in das Bndel, Kse und
Brot, kte die Mutter und die Geschwister und ging in den kalten Wintertag
hinein.

                              Dreizehntes Kapitel


An Bojesen konnte man jenen leise fortschreitenden Verfall gewahren, der sich in
einer mehr und mehr glnzenden Rocknaht offenbart; in jener Vernachlssigung des
ueren, die sich bis zum Trotz steigert; in der Verringerung des Trinkgeldes
fr Kellner und Oberkellner: in der beflisseneren Art, vornehme, wenn auch sonst
gehate Personen zu gren; in der erknstelten Ruhe, womit man in den Lden
nach dem Preis der Waren fragt, - kurz, in all jenen Dingen, die so tief gehen,
wie sie unbedeutend scheinen und mehr verwunden, als das offene Gestndnis der
Not. Die Behaglichkeit gesicherter Zustnde ist dann das einzig Wnschens- und
Ersehnenswerte, und wenn es zu Hause kalt ist, trumt man von einem offenen
Kaminfeuer mit fallenden Glutkohlen, so wie man sonst die Gedanken in alle
Tiefen der Metaphysik sandte.
    Er war verlassen, und er berredete sich, da er in seiner Verlassenheit
glcklich sei. Eine befremdliche Ruhelosigkeit war ber ihn gekommen, die ihn
von Rast zu Rast und von Arbeit zu Arbeit trieb; aber die Rast war ohne Frieden
und die Arbeit ohne Frucht. Die Huser, die eingefrorenen Parkanlagen vor seinem
Haus, die vorbeisausenden Zge der Eisenbahn, Menschen, Hunde und Steine, alles
hatte sich verndert, hatte in seinen Augen etwas Flssiges erhalten und schien
durch die unlsbare Kette der Teilnahmlosigkeit, die alles und alle umfangen
hielt, verchtlich. Ost wenn der Sturm bei Nacht um die Mauern fuhr, da es
schien, als koche die Atmosphre, kam sich Bojesen als ein unermelich einsames
Wesen vor im weiten Universum, das sich im Zustand des Wartens befand auf irgend
einen magischen Befehl jener Dame, die die Lebensfden so khn und unberechenbar
ineinanderstickt. Wie leer erfand sich schlielich die Wissenschaft vor seinem
Nachdenken. Selbst die Lampe auf seinem Tisch, die Sthle, die Bcher im Regal,
- sie hatten etwas Wesenloses fr ihn.
    Um Geld zu verdienen, suchte er Stunden zu geben. Es gelang ihm, die zwei
Shne des Witwers Samuel Binsheim zum Privatunterricht zu bekommen. Dieser Herr
Binsheim setzte einen eigenen Ehrgeiz darein, mit Bojesen gelehrte Gesprche zu
fhren. Er bersiel ihn also oft auf der Strae und versicherte ihm stets von
neuem, da er ein Materialist sei, ein Freidenker, Freigeist, ein Atheist und
machte ihn mit seinem Plan bekannt, einen Atheistenverein zu grnden. Er sah
darin die hchste Vollkommenheit des Geistes; jeder Atheist war im Voraus sein
Freund, er suchte Disziplin in die Atheisten zu bringen und wollte sie
organisieren.
    Herr Binsheim war es auch, der ihm erzhlte, Stefan Gudstikker habe ein Buch
verffentlicht, worin die Leiden eines tragisch endenden Schulknaben so
meisterhaft geschildert seien, da das Werk in kurzer Zeit das grte Aufsehen
erregt habe. Bojesen bat Herrn Binsheim um das Buch, doch als er es lesen
wollte, fand sich, da Herr Binsheim die Blattrnder dazu benutzt hatte, um
seine Feder in kritischen Anmerkungen schwelgen zu lassen. Daher konnte sich
Bojesen lange Zeit nicht zur Lektre entschlieen, denn ihm war, als solle er
sich in ein Bett legen, das noch warm war vom Schlaf eines Fremden. Schlielich
las er es doch und fand viel Gewandtheit der Darstellung in dem Buch, viele
blendende Einzelheiten; er fand viel Wollen, das nicht zur Kraft entwickelt war
und jenes wunderbare Spiel mit Natrlichkeit, jene leicht berspannte Romantik
der Gefhle, die sich um einfache Wirkungen herumlgt, weil sie des Einfachen
nicht fhig ist.
    Ost wenn Bojesen nach Hause gekommen war und sich in seinem Zimmer
eingeschlossen hatte, wurde vor der Tre ein schwaches Knistern hrbar. Dies
Knistern stammte von einem Kleide, und die dies Kleid trug, war Fanny Bojesen.
Fanny Bojesen schlich ber die sich krmmenden Dielen dahin, schreckte bei jedem
Laut zusammen und legte ihr Ohr an die Tre des Gemachs, hinter dem sich der
einsame Mann verschanzt hatte vor dem Leben und vor der Liebe. Sie wurde nicht
mde, zu lauern und zu lauschen, und nicht einmal ein Seufzen von drinnen
belohnte ihre Qual. Oft nach solch fruchtlosem Spionieren setzte sie sich in
ihrem Zimmer an den Tisch und schrieb, schrieb, schrieb ... die lange, klagende
Epistel des unglcklichen Weibes, und am folgenden Morgen verbrannte sie was sie
geschrieben. Wenn Bojesen ausging, versteckte sie sich; wenn er kam, versteckte
sie sich; aber nie war ihr Gehr seiner und wachsamer gewesen fr jedes
Berausch, das auf sein Kommen oder Gehen deutete; wenn sie sich zufllig
begegneten, wute sie ihr Gesicht von Gleichgltigkeit frmlich strotzen zu
lassen, und war sie dann allein, so weinte sie stundenlang. Als spter das
Dienstmdchen abgeschafft wurde, war es an ihr, ihm die nicht allzu reichlichen
Mahlzeiten zu servieren. Keine Regung ihres Innern war dann auf ihrem Antlitz zu
gewahren, kein Erblassen, kein Zittern ihrer Hand zu sehen. Trotzdem schluckte
Bojesen in dieser Zeit manche Trne ahnungslos mit hinunter, die ohne sein
Wissen die Speisen gewrzt hatte.
    Er ergab sich jetzt den stillen Studien, die an der Grenze der Wissenschaft
liegen und den Ausblick gestatten auf ein unermeliches Reich von Hypothesen,
auf die schrankenlose Nutznieung phantastischer Probleme. Es schien ihm oft,
als ob sein Verstand dabei in die Brche gehen msse, aber dies gefhrliche
Tappen im Reich unumstlicher Gesetze entzog ihn der Welt und seinen eigenen
Sorgen, und wenn er spt, spt in der Nacht in irgend einer ungeheuerlichen
Formel den Boden neuer Entdeckungen zu sehen glaubte, konnte er in eine erhitzte
Wonne geraten, wie ein Wirt ber das Bier, das er selbst gebraut und konnte
vergessen, wie nahe ihm die Forderung praktischer und lohnender Arbeit gerckt
sei.
    Eines Tages, der Schnee war im Schmelzen und laue Winde kamen, fhlte er
sich gnzlich abgespannt, fhlte er sich alt. Es war ein wunderlich wissender
Zustand, durch den er ber sich selbst hinaussphen konnte und zugleich das
Gefhl von Wichtigkeit verlor, das die Quelle ntzlicher Leistungen ist. Da
wurde ein Brief in sein Zimmer geworfelt, der den Poststempel Paris trug und so
lautete:
    Eines Wortes bist du noch wert. Ich erflle deine Bitte: hier hast du ein
Lebenszeichen. Ich kann es dir mit Recht senden, denn ich lebe hier. Hier hrt
man das Herz der Menschheit schlagen. Hier bin ich, die ich stets gewesen bin,
nur unentdeckt gewesen bin, hier trinkst du dich wahnsinnig am immergefllten
Becher. Tausende purzeln, Hunderte steigen, Tausende jubeln und sterben
zugleich. Aber es ist vielleicht nicht das Echte; nicht Nektar, sondern
Haschich. Nichts fr deinesgleichen! Nichts fr gute Charaktere, fr euch Perlen
am alternden Hals Europas. Ich komme vielleicht zurck, weil es mich reizt, euch
dort ein wenig toll zu machen. Ich habe erst hier von einem Knig gehrt, der
bei euch leben soll, - ein Heliogabal, jammervoll mikannt, ein Sohn der Sonne.
Und nun leb wohl, Erich, lse dich aus dem Niedrigen, das dich umfngt und denke
ohne Groll an deine Jeanette.
    Bojesen warf den Brief in eine Ecke, hob ihn jedoch wieder auf, legte ihn
mit feierlichen Gebrden zusammen und zerri ihn dann in lauter kleine
Stckchen. In diesem Augenblick kam ihm alles, was er trieb, so erbrmlich vor,
und alles, was er wute, so oberflchlich, da er in einer schmerzlichen Apathie
die Augen schlo. Dann nahm er eine Feder zur Hand und schrieb auf das nchste
Stck Papier: Wissenschaft.

Es war ein Mann, ich wei nicht, wie er hie,
Den das Geschick im tiefen Scho der Erde
Vor langer Zeit zum Leben kommen lie,
Und Finsternis war Mutter, die ihn nhrte.

    Doch er vermochte nicht zu reimen; auch fhlte er, da sein Gedanke dabei
die Klarheit verlor. Deshalb fuhr er in Prosa fort: Schweigen erfllte sein
Leben und nichts strte die Ruhe um ihn her, als ein bestndiges dumpfes Summen
und Drhnen ber ihm. Der Unterirdische setzte jedoch alle Geisteskrfte daran,
den Grund des ewigen, drohenden, geheimnisvollen Drhnens zu erforschen. Er
glaubte nicht an ein Wunder; er teilte auch den Glauben von dem gttlichen
Ursprung des Drhnens nicht, wie er in berlieferten Dokumenten las, sondern
forschte, erfand Meapparate und andere Instrumente, stellte Gesetze und Regeln
auf, berechnete die Strke des Drhnens und die Zeit, die verging, bis der
Schall an sein Ohr kam und viele andere Dinge mehr, die ihn zu gigantischen
Spekulationen fhrten. Und nach langer, langer Zeit begann er zu graben,
emporzugraben, und je mehr er grub, je vernehmlicher wurde das Drhnen, bis
endlich die letzte Schicht Erde fiel und der Sohn der Finsternis geblendet in
die Hhe starrte, - ins Licht! Da kehrte er zurck in seinen unterirdischen
Wohnsitz und war beglckt, als er sah, da das Licht die Ursache des Drhnens
war. Doch wie andere Dinge hatte er sehen knnen, wenn er noch hundert Meter
hher gekrochen wre! Wie hatte das Surren und Brausen von tausend irdischen
Dampfmaschinen sein einsamkeitgewhntes Ohr betubt! Wie wre er entsetzt
gewesen von dem endlosen Krieg, der ber ihm tobte, von den Schicksalen, die in
das Stampfen der Motore verwoben waren! Dabei hatte er vielleicht nicht einmal
das wirkliche Licht erblickt, sondern nur das knstliche einer Maschinenhalle.
    Enttuscht und gelangweilt legte Bojesen das beschriebene Blatt Papier in
eine Schublade. Jetzt erst empfand er den nagenden Schmerz, den ihm jener Brief
zugefgt hatte. Jeanettens Bild stieg heraus. Nun wute er auch sein ruheloses
Forschen zu deuten, und er blickte im Zimmer umher, als ob er sich vor den
Mbeln schme, da er sie je getuscht und hintergangen durch sein nchtliches
Wachen. Er sah Jeanette unbeweglich stehen, wohin er auch blicken mochte, er sah
sie in einem dunkelgrnen Kleid, das rote Haar gelst, in den Augen eine
schwermtige Ruhe, die er in Wirklichkeit nie bei ihr bemerkt. Er ging im Zimmer
umher und dachte an nichts anderes, als wie er sie wieder gewinnen knne, und
der trichteste Ausweg erschien ihm schlielich als der beste. Er schickte sich
an, zu Baron Lwengard zu gehen. Sein wahnsinniges Verlangen redete ihm ein, da
Jeanettes Vater vielleicht Macht ber sie besa, oder da es mit dessen Hilfe
gelingen knne, Jeanette durch eine List zur Rckkehr zu bewegen. Er wute kaum,
was er tat.
    Eine Viertelstunde spter trat er ins Lwengardsche Haus. Noch immer trugen
die Karyatiden geduldig die Last des Balkons, noch immer besann sich Merkur auf
dem Dache, ob er stiegen solle oder nicht. Auerdem tropfte das Schneewasser von
den Rinnen und Brstungen, so da die Riesen zu schwitzen schienen, und eine
ahnungsvolle Sonne vergoldete die Fassade. Auch im Innern des Hauses hatte sich
nichts verndert. Die alte Pracht bestand noch; nicht, als ob der Besitzer
dieser Reichtmer krzlich zu Fall gekommen wre und Hunderte in Not gerissen
htte, sondern als ob irgend ein hochgeborener Gast die Ursache der vornehmen
Stille sei.
    Bojesen wurde angemeldet und vorgelassen. Mit zusammengepreten Lippen stand
er vor dem Kaufmann, der ihn einige Zeit unbekmmert musterte, ehe er sich
entschlo, ihm einen Sitz anzubieten.
    Ich komme wegen Ihrer Tochter, sagte Bojesen mit stockender Stimme.
    Das Gesicht des Bankiers vernderte sich im Nu. Er richtete sich straff
empor, schob seine Hand in die Rockbrust und sein Gesicht wurde steinern, als er
antwortete: Meine Tochter hat mit der Firma Lwengard nichts zu tun. Wenn dies
also der Zweck Ihrer Anwesenheit ist, mu ich bedauern. Wenn meine Tochter in
Not ist, hat die Firma keinen Grund, diesem Umstand Aufmerksamkeit zu schenken.
    Ihre Tochter ist nicht in Not, entgegnete Bojesen stirnrunzelnd. Ich
wollte nur fragen, ob Sie nicht Auskunft ber ihren gegenwrtigen Aufenthalt
wnschen oder ob Sie sie vielleicht zurckrufen wollen. In diesem Fall wre ich
bereit -
    Verehrter Herr, ich sagte Ihnen schon, da meine Tochter mit den
Angelegenheiten der Firma nichts zu schaffen hat. Sie ist tot fr das Haus
Lwengard. Ich sehe deshalb keinen Anla, dies Gesprch fortzusetzen.
    Das war ein deutlicher Wink; aber Bojesen blieb ruhig sitzen und folgte mit
finsterem Blick dem Auf-und Abgehen des Bankiers, der die Hnde auf dem Rcken
hielt und mit den Fingern ein Gerusch machte, wie wenn man den Pfropfen aus
einer Flasche reit. Vatergefhle und dergleichen kennen Sie wohl nicht? sagte
er, empfand jedoch zugleich das Selbstschtige seiner Bitterkeit und errtete
flchtig.
    Vatergefhle setzen Tochtergefhle voraus, erwiderte der Bankier kalt.
    Und Sohnesgefhle! fgte Bojesen verchtlich hinzu, indem er an Gedaljas
Schicksal dachte.
    Herr! rief der Bankier, feig werdend. Seine tckischen Augen blickten
unsicher nach der Tre.
    Als Bojesen ging, war die Sonne im Sinken und ergo Strme purpurroten
Lichts auf die tauenden Schneeflchen. Der Himmel, einem Teppich gleich, war mit
seltsam regulren Wolkenmustern best, und in der Tiefe des westlichen Horizonts
stand ein Rest der Sonne als glhendes Segment und war bald verschwunden, eine
gleichmig-brennende Rte hinter sich lassend. Bojesen schritt vorbei an den
Schreibzimmern der Firma Lwengard, wo seit einigen Tagen wieder gearbeitet
wurde, und sah durch die mit grnen Gittern versehenen Fenster. Pult an Pult;
Kommis neben Kommis: bleiche, langnasige Menschen mit trben Augen, mit
Augenglsern, mit beschftigten, sorgenvollen Mienen, freudlose Rechenmaschinen.
Staub!
    Die Landschaft breitete sich flach und trostlos aus, nicht anziehender
geworden durch die blendenden Abendgluten. Eisenbahnremisen, ein abgebrochener
Zaun, durcheinanderlaufende Schienen, rtlich schimmernd im Widerschein des
westlichen Feuers, einzelne Gterwagen, eine Lokomotive, stumm und kalt, ein
Lastwagen, Bahnwrter- und Signalhuschen, Telegraphenstangen, Gterhallen und
weit drben ein schchternes Etwas von Wald, mit letztem Schnee behangen, und
das erste oder vielleicht vorjhrige blasse Grn einer Wiese. Und all das weckte
in Bojesen auf wunderbare Art Erinnerungen an die Kindheit, lie Bilder der
Heimat in ihm wachsen, und er hatte Heimweh.
    Gleichwohl sehnte er sich nach Gesellschaft, und da er nicht weit von
Nieberdings Villa entfernt war, wandte er sich dorthin. Er schritt an den
feuchten Hngen hin, zwischen Gestruchern; zur Rechten war die Mauer des
Kirchhofs, tief unten schimmerte das Wasser des Flusses und drben lag das ebene
Tal, das vom Horizont verschlungen wurde.
    Er fand das Tor der Villa offen, schritt die Treppe hinauf und pochte, da er
niemand sah, an die nchste Tr und als niemand antwortete, ging er hinein. Das
Zimmer war leer: er ging weiter, ffnete eine zweite Tr und stand betroffen
still.
    An einem Sessel kniete, ganz zusammengeschrumpft und gekauert, Cornely
Nieberding und richtete sich erst auf, als sich Bojesen verlegen rusperte. Sie
warf mit einem energischen Schtteln das Haar zurck und rief angstvoll: Was
ist? Ist er tot?
    Als Bojesen sie erschreckt anstarrte, trat sie auf ihn zu, bot ihm
schchtern die Hand und flehte: Helfen Sie mir! Seit zwei Tagen ist Eduard
nicht nach Hause gekommen, hat keine Nachricht hinterlassen, keine Zeile
geschrieben. Ich habe meine Leute auf die Polizei und zu allen Bekannten
geschickt, helfen Sie mir!
    Bojesen sah gespannt in ihr blasses Gesicht, das unaufhrlichen Zuckungen
unterworfen war und durch Schlaflosigkeit und Sorgen gealtert erschien. Als sie
sich so schweigend betrachtet sah, lie sie den Kopf sinken und ihre Ohren
wurden glhend rot, whrend Stirn und Wangen bleich blieben.
    Bojesen suchte nach Worten.
    Er ist ja mein Stiefbruder, sagte Cornely mit einer krankhaften
Versunkenheit und lchelte so schuldbewut, da es Bojesen wie ein Stich traf.
    Er wird zurckkehren, Frulein, trstete er mit gesellschaftlicher
Liebenswrdigkeit. Vielleicht beschftigt ihn ein kleines Abenteuer. Doch
sogleich empfand er das Ungehrige seiner Worte, denn Cornely schaute ihn
erschreckt und fremd an. Um den Fehler wieder gut zu machen und da ihr Schmerz
etwas so Whlendes und Gepretes hatte, da er fast ungeduldig wurde, ihr
beizustehen, fragte er, wodurch er ihr helfen knne.
    Sie dankte ihm durch einen Hndedruck und teilte ihm mit (zgernd, als ob
sie durch das Versprechen des Schweigens gebunden sei), da Nieberding seit
einigen Wochen mit einem gewissen Baldewin Estrich in Nrnberg viel verkehre; es
sei ihr nicht bekannt, wo der Mann wohne, aber sie trfen sich stets in dem
Kaffeehaus an der Frauenkirche. Wenn Bojesen sich ihr freundlich erweisen wolle,
mge er nach Nrnberg fahren und dort Erkundigungen einziehen.
    Ohne viel Worte zu machen, entfernte sich Bojesen, war eine halbe Stunde
darauf in Nrnberg und fragte in dem angegebenen Kaffeehaus nach Nieberding, -
umsonst. Darauf nannte er den Namen Baldewin Estrich, den er von Cornely
vernommen, und dieser Name war den Leuten bekannt; es wurde Umschau gehalten und
man schien erstaunt, den Herrn gerade heute zu vermissen, der seit Jahr und Tag
um diese Stunde hier zu finden war.
    Als Bojesen durch die winklig-schiefen Gassen wieder zum Bahnhof eilte, -
denn die Wohnung jenes Estrich hatte er nicht zu erfragen vermocht, - stutzte er
pltzlich beim Anblick einer rasch vorbereilenden Frau, blieb dann wie
angewurzelt stehen und lehnte sich an einen Laternenpfahl. Er hatte Jeanettes
Zge zu erkennen geglaubt. Er war sich der Tuschung bewut und doch zitterte er
an Armen und Beinen.
    Spt am Abend kam er wieder in Nieberdings Haus und erfuhr von Cornely, da
ihr Bruder gekommen sei. Sie dankte ihm mit scheuer Herzlichkeit, fhrte ihn
aber nicht ins Zimmer und sagte, Eduard sei krank und unbegreiflich erregt.
    Wieder schlo sich Bojesen tagelang mit seinen Bchern ein, brtete,
grbelte, trumte; drauen herrschten Frhjahrsstrme. Es pfiff und jauchzte und
heulte und whlte um die Mauern wie bei einem Wrack, das hilflos auf Felsenboden
sitzt. Es sang und brummte und brodelte in den Lften, und der ganze Himmel mit
Wolken glich einer hurtig fahrenden Maschinerie, indes der Mond in der Nacht
schreckhaft und fahl von Wolkenloch zu Wolkenloch strzte.
    An einem solchen Abend ging Bojesen aus. Er fhlte sich erschttert im Sturm
und sein Herz wurde weit. Er sah Blitze leuchten im Osten und hrte den
entfernten Donner eines Februargewitters. Als er in die Gegend des Marktes kam,
hrte er eine Stimme hinter sich, die den Wind laut bertnte. Er glaubte diese
Stimme zu kennen, verzgerte seinen Schritt und lauschte.
    No sag' selber, hab' ich geschlafen sitter ach Tg? Haste geschlossen
gesehn meine Augen? Bin ich gewesen in schlechter Gesellschaft, da se mer
gemacht hat e schlechtes Gewissen? Haste schon emol son Sturmwind derlebt? Hu -
uch! wirbel wirbel bl bll bll -!
    Bojesen war so entsetzt, da er keinen Schritt mehr machen konnte.
    Holla! aach e Mann, den ich kenn! rief Gedalja und lachte unbndig. Komm
mit, Mann, komm mitle! Ich, - ich kenn die Welt, ich kenn' se in- un auswendig
kenn' ich se, oben un unten kenn' ich se, hinten un vorn kenn' ich se.
    Bojesen wich zurck und packte die Frau, die den Greis begleitete, fest beim
Arm. Es war Frau Hellmut. Ist er betrunken? flsterte er ihr zu.
    Sie schttelte den Kopf. Mein Sema hat ihn gebracht, so wie er ist.
    Und warum fhren Sie ihn denn herum?
    Er ist uns fortgerannt. He, halt! halt! Und sie rannte dem alten Mann, in
die Hnde schlagend, nach, whrend er in der Mitte der Strae umhertanzte. Der
Mond beschien ihn kalt und unheimlich. Bojesen empfand einen khlen Schauder.
    Auf einmal wurde der Greis still und lie sich fhren wie ein Kind. Bojesen
ging an Frau Hellmuts Seite, die sich in seiner Gesellschaft unbehaglich fhlte
und ihm zweifelnde Seitenblicke zuwarf.
    Ich kenne ihn, sagte Bojesen. Es erschreckt mich sehr, das alles.
    Wer sind Sie denn?
    Bojesen.
    So? Der Lehrer?
    Gewesen, ja.
    Als sie vor Frau Hellmuts Wohnung angelangt waren, ging Bojesen mit hinauf.
Nach kurzer Weile kam auch Sema. Gedalja hockte auf einem Schemel, ffte den
Wind und lachte.
    Jeanetterl, kumm her! kumm her, Jeanetterl! Ich mu d'r was sagn!
flsterte er kaum hrbar. Ich hab' d'rs ja gleich g'sagt. Geld will ich kaans.
Ich pfeif d'r af dei Geld. Pltzlich fuhr er wie toll auf und stie Sema, der
ihn beruhigen wollte, mit voller Kraft weit von sich, da der Knabe gegen den
Ofen taumelte. Dei Geld? Na! Dei Geld? Da klebt Schwei draa un Blut, lieber
Sohn! Es rollt - tief! Komm herla, Eisenhrla! Chomezfresserla! Chuzpeponim!
Ach, was haste gemacht mit en alten Mann!
    Warum bringen Sie ihn nicht fort? fragte Bojesen erschttert.
    Morgen frh kommt er in die Anstalt, Herr Bojesen. Bei dem Namen blickte
Sema hastig empor und schaute Bojesen an. Dann stand er auf, trat zu Bojesen und
fragte stehend: Wo ist Agathon?
    Bojesen war erstaunt. Er schttelte den Kopf, nahm Semas Hand und
streichelte sie. Eine Zeitlang war es still. Bojesen war versunken in den
Anblick des langsam einschlummernden Greises, dessen Rcken steif an die Wand
gepret war. Sema sa vor Gedalja auf der Erde.
    Als Bojesen die finsteren Treppen hinabsteigen wollte, eilte ihm Sema nach.
Herr Bojesen, rief er leise, die Schler! In abgerissenen Worten, atemlos,
von dem Bestreben beseelt, ein Unglck abzuwenden, erzhlte er, da viele
Schler der obersten Klasse morgen Nacht den Rektor berfallen wollten, wenn er
vom Wirtshaus heimging; es sei eine Verschwrung, sie wollten sich auch
verkleiden; einer habe einen Aufruf geschrieben, worin die Rckkehr Bojesens
gefordert sei, auch htte eine Geldsammlung stattgefunden, um Bojesen ein
Ehrengeschenk berreichen zu knnen. Er, Sema, sei von all dem durch einen guten
Freund unterrichtet und er frchte, da es den Schlern schlecht ergehen werde.
    Bojesen sah nachdenklich ins Finstere. Er legte seine Hand beschwichtigend
auf Semas Haupt, drckte ihm dann schweigend die Hand und ging, whrend ihm der
Knabe hilflos nachschaute. Nebenan wohnte ein Firmenmaler, der in nchtlichen
Muestunden klassische Monologe einbte, und Sema hrte ihn brllen, whrend er
bang in die Nacht sah.
    Indes wurde Bojesen nicht mde, gegen den Sturm anzukmpfen. Er ging ber
die Felder; die Landschaft schien zu wogen wie aufgewhlte See, der Flu strzte
rauschend einher und war bis zum Rand angeschwollen. Bojesen empfand ein Grauen
davor, heimzukehren und sann darber nach, wo er den Rest der Nacht verbringen
solle. Er kehrte um und stand alsbald unschlssig vor dem Eingang zum siebenten
Himmel. Whrend er noch berlegte, kam der Glhende heraus, begrte ihn und
fragte, ob Bojesen nichts von den sonderbaren Ereignissen gehrt habe, die sich
heute Abend in Nrnberg abgespielt. Ein halbwahnsinniger Mensch, ein Goldmacher,
habe das Volk aufgewiegelt, ein junger Mensch habe die Lorenzerkirche in Brand
gesteckt und die ganze Stadt sei wie von Sinnen. Er gehe jetzt, um sich die
Geschichte anzuschauen.
    Bojesen vernahm das alles wie im Traum. Schlielich verging die Nacht und
verbrauste mit ihrem Sturm; eine Nacht fr alle und dann den Tod in den Wellen
sterben, dachte er. War es nicht auch ein Traum gewesen, da einst ein weier
Arm schmeichlerisch seinen Hals umschlungen hatte? oder war dies vor langen
Jahren geschehen, in einer entlegenen Zeit der Geschichte?
    Am Morgen verlie er frh das Haus. Die Straen waren vom Sturm reingeleckt.
Ob er geschlafen oder nicht geschlafen, wute er nicht. Einem Entschlu folgend,
den er schon gestern bis in die Einzelheiten gefat und erwogen und der ihn
jetzt von selber vorwrts trieb, ging er ins Schulhaus, um die Schler zur
Vernunft zu bringen und von trichten Streichen abzuhalten, die ihm und ihnen
schaden muten. Er tat es widerwillig, denn er hatte sich gesagt: la diese
Jugend einmal sich empren.
    Es schlug acht Uhr, als Bojesen die Klasse betrat. Sobald die Knaben ihn
gewahrten, entstand ein feierliches Schweigen. Pltzlich kam ein junger Mensch
mit offenem, liebenswrdigem Gesicht, das ein wenig an die Zge Agathons
erinnerte, auf Bojesen zu und reichte ihm die Hand. Dann erhoben sich auf einmal
alle in sorgloser Erregung, in mhsam verhaltenem Jubel, mit erstickten
Ausrufen, strmten auf den verstoenen Lehrer ein, drckten und schttelten
seine Hnde, sahen mit leuchtenden Augen zu ihm auf und die Boshaften, die
Dummen und Launischen verloren alles, was sie abstoend machte. Bojesen, in
seiner Ergriffenheit, vermochte anfangs nicht zu reden; doch bald bemerkten sie
seine Absicht und schwiegen bereitwillig still. Er sagte ihnen, was er sagen
wollte: ernst, verstndlich und verstndig, und sie schienen beschmt. In ihren
Blicken war das offene Versprechen des Gehorsams zu lesen.
    In diesem Augenblick wurde die Tre aufgerissen und der Rektor trat ein. Bei
dem Anblick, der sich ihm bot, ging eine frmliche Versteinerung mit ihm vor. Er
lallte, und seine Brille fiel von der Stirn auf die Nase. Er lie einen eisigen
Blick auf Bojesen fallen und einen finsterdrohenden auf die Schler, die trotzig
stehen blieben. Bojesen wollte nichts zu einer theatralischen Auseinandersetzung
beitragen. Er fhlte sich zu froh und zu bewegt. Er entfernte sich mit einer
sarkastischen Verbeugung gegen den Rektor.
    Stunden vergingen fr Bojesen in einer Reihe lustiger und beglckender
Visionen: von einer neuen Zeit; von dem Wachsen verborgener Keime, von denen die
Welt ein paradieshaftes Blhen erwarten konnte. Doch als der Abend kam, wurde es
wieder dunkel in ihm. Er ging ber den Kohlmarkt nach der Wohnung, die Jeanette
innegehabt und die noch leer stand. Die alte Dame, die hier wohnte, lie Bojesen
ungehindert eintreten. Durch ihr Lcheln leuchtete ein menschliches Verstehen,
als sie ihn allein lie in Jeanettens Zimmer.
    So blieb er, warf sich auf einen Sessel und lie den gefrchteten Schatten
kommen. Er dachte, da er sie kssen knne, doch sie ging hastig, ohne zu sehen
oder zu hren, an ihm vorbei. Dann kamen andere, - geschwtzige Gestalten. Alle
hatten etwas zu erzhlen, wobei sie auf den Zehen leicht dahinhuschten, sich ein
Tuch umnahmen, es wieder liegen lieen und sie sahen aus, als htten sie dreiig
Tage lang unter der Erde gelegen.
    Es war sehr spt, als er ging. Die Gassen waren leer und still. Er wute
nicht, wie er heim gelangte. In seiner Wohnung war alles finster. Lange stand er
auf dem Korridor in qulerischem Besinnen, dann begab er sich vorsichtig und
leise in das Zimmer, wo Fanny seit Wochen allein schlief, zndete eine Kerze an
und setzte sich auf den Rand ihres Bettes. Er sah sie friedlich schlummern und
nahm ihre rundliche Hand. Die Kerze warf tiefe Schatten auf eine Seite ihres
Gesichts. Pltzlich erwachte sie. Sie fuhr jh empor und schrie auf, streckte
die Hnde aus und schlug sie dann vor das Gesicht. Bojesen hielt den Blick auf
die Dielen geheftet und atmete tief auf.

                              Vierzehntes Kapitel


Im kleinen Schustergchen in Nrnberg, welches vom groen Schustergchen aus
zur Burg fhrt, stand ein altes, dsteres Haus. Selten wurde zur Tageszeit das
Tor von schwerem Eichenholz geffnet, selten waren die vor Staub und Bejahrtheit
blinden Fenster abends erleuchtet.
    Das Haus war von Baldewin Estrich bewohnt, und zwar nicht in allen seinen
Rumen, sondern Herr Estrich hauste vornehmlich in einer groen, mit Steinen
gepflasterten Kche, die ein Fenster nach dem einsamen Hof hatte mit seinen
Holzgalerien und wunderlichen Sulen und Schnitzwerken. Hier verbrachte Baldewin
Estrich seine Tage und einen groen Teil der Nchte, um zu experimentieren, zu
analysieren, in Retorten dickliche Flssigkeiten zu kochen, auf seltsamfarbenen
Flammen noch seltsamere Krper bis zur Weiglut zu erhitzen, und was er auf
diese Art suchte und erfinden wollte, war nichts mehr und nichts weniger als die
Kunst des Goldmachens.
    Doch nicht aus gemeiner Habsucht oder nur aus dem Drang, reich zu sein,
frnte Baldewin Estrich dieser Leidenschaft. Auch war er weit davon entfernt,
der Wissenschaft einen Dienst leisten zu wollen. Ja, er war sogar davon
berzeugt, da sein Weg von dem der Wissenschaft weitab lag, und da er selbst
ein Gesptt der Fachgelehrten bilden msse, als ein Mensch aus vergangenen
Jahrhunderten, wo Wunder und Trakttchen, Zauberei und Hexenkunst die Brcke
zwischen Sehnsucht und Besitz schlagen sollten. Auch war er nicht betrt durch
jene uralten Bcher der schwarzen Kunst, jene dunklen und verschwommenen
Nachrichten ber rtselhafte Magier und ber den verlorenen Schlssel zu dem
groen Geheimnis. Er war mit der Wissenschaft der Zeit gegangen, eifrig und
unermdet, hatte in ihre verstecktesten Winkel geschaut, ihre zahllosen
Dokumente durchstbert, war an ihr verzweifelt und in dieser Verzweiflung
zusammengebrochen wie ein Kind. Denn was sie ihm bot, war nicht das, was er
darin suchte: ein Mittel, die Menschheit glcklicher zu machen. Dann begann er
aus eigenem Antrieb hinauszubauen ber das Vorhandene, stellte ungeheuerliche
und gefhrliche Experimente an, um den chemischen Urstoff zu finden, jenes vage
Etwas, ther oder sonstwie genannt, an das er mit allen Sinnen glaubte, weil ihm
das Element, sei es nun Gold oder Eisen, Schwefel oder Chlor, nicht mehr ein
untrennbares Eins bedeutete. Freilich wollte er mit der Praktik nichts gemein
haben, und so baute er weiter, khn und mutig, wie ein Munn, der in der Wste
wohnt und dort Stdte grndet fr die spten Geschlechter, die da wohnen werden,
wenn das Meer von Sand fruchtbares Erdreich geworden sein wird. Durch nichts
glaubte er die Menschen sicherer glcklich zu machen, als durch Gold; er glaubte
ihnen den Frieden zu bringen, wenn er die heieste Begierde stillen konnte, die
sie erfllte, oder vielmehr, wenn er ihnen so viel des Begehrten gab, da sie
der berflu gleichgltig machte. Die berzeugung durchdrang mit Glut sein
ganzes Innere, gab seinen Augen einen prophetischen Glanz und seinem Wesen das
Geprge der Versunkenheit. Nur wenigen war er bekannt als der Auffinder aller
Hhlen des Elends in der Stadt; er wute Bescheid in jenen anrchigen Kneipen,
in denen der Verbrecher Unterschlupf findet, in jenen Herbergen, wo der reisende
Bettler sein Nachtquartier hat, in den Schlupfwinkeln unter Brckenbgen, in den
abgelegenen Gassen der Vorstadt, in den Remisen der Eisenbahn, an Kirchenmauern,
in Kellern und belberufenen Hfen, - kurz, an jenen Orten, wo sich das
menschliche Elend bestndig oder vorbergehend ein trauriges Asyl sichert, und
es war, als ob er sich durch den Anblick von Schmutz und Verkommenheit in seinem
Vorsatz und Eifer strken wolle.
    Er lebte ganz allein. Das weite dstere Haus, das ihm selbst nicht einmal in
allen Winkeln bekannt war, sah nur zwei Besucher von Zeit zu Zeit: seine Nichte
Kthe und Frau Gudstikker. Diese kam nur, um den Kopf zu schtteln, und alles,
was Estrich tat oder sagte, unbegreiflich zu finden; Kthe lauschte begeistert
den drftigen Reden des Oheims und gab ihm zu erkennen, da sie an ihn und sein
Werk glaube.
    Im Laufe von neunundzwanzig Jahren hatte er sein ganzes Vermgen an seine
Trume gesetzt. Nun war er arm und litt darunter tief. Er konnte einen, wie er
glaubte, letzten und entscheidenden Versuch nicht ausfhren, weil ihm das
Kapital zur Anschaffung eines seltenen und teuren Apparates fehlte. Alles, was
er an barem aufbringen konnte, betrug nicht mehr als zweitausend Mark. Er wandte
sich an seinen Bruder, im voraus berzeugt von der Fruchtlosigkeit dieses
Schrittes, denn dieser Mann, der ihn verachtete und verspottete, wrde eher eine
Hand hingegeben haben, als Geld zu solchen Zwecken. Da trug es sich zu, da
Baldewin Estrich mit Nieberding bekannt wurde.
    Es war in der Nacht ziemlich weit drauen in der Vorstadt. Schmerzlich
grbelnd, gleichgltig gegen Menschen und Dinge, schritt Estrich seines Weges,
als mehrere durchdringende Schreie hrbar wurden. Am hohen Bahndamm zog ein
offenbar betrunkener Kerl ein Frauenzimmer an den Haaren nach sich. Sie lag auf
der Erde und so schleifte er sie weiter wie ein Bndel Holz und erwiderte jeden
ihrer Schreie mit einem Schlag seines dicken Spazierstocks. Fast in demselben
Augenblick, als Estrich dies gewahrte, sprang ein Mann hinzu, stellte sich
erregt vor den Burschen und forderte ihn auf, das Frauenzimmer los zu lassen,
worauf ihm jener eine Flut von Beschimpfungen zubrllte. Nieberding (dies war
der junge Mann) wiederholte seine etwas pathetische Aufforderung. Der Bursche
schlug ihn mit dem Ende seines Prgels vor die Brust, da er zurcktaumelte.
Jetzt mischte sich Estrich darein. Sein grauer Bart, eine gewisse Feierlichkeit
seines Wesens und der Zorn, der seine Stimme vibrieren lie, mochten Eindruck
auf den Burschen machen, denn er befahl der Dirne, aufzustehen und sie gingen
weiter, er fluchend, sie heulend.
    Nieberding und Estrich blieben die ganze Nacht zusammen. Nieberding lauschte
gierig den Ideen des Greises. Seine an Idealen so armen und ihrer so bedrftigen
Sinne berauschten sich an der willkrlichen Umwertung der Materie, an dem alten
und nun wieder neu gewordenen Glauben vom Urstoff. Die
mittelalterlich-romantische Welt der Versuchskche, das berzeugte und
berzeugende Wesen des alten Mannes, der wie ein Magier sich inmitten seines
Reiches bewegte, um beim leisesten Wunsch die Geister der Luft zu bannen, da
sie den leblosen Stoff durchdrangen und beseelten, all dies machte Nieberding
zum Spielball einer aufregenden Vision. Und dann kam er Tag fr Tag, blieb oft
eine Nacht und einmal sogar zwei Nchte hindurch in dem dstern Bau, wo er in
einem riesengroen, halbvermoderten Patrizierzimmer bernachtete. Und nach zehn
Tagen kam er und brachte Baldewin Estrich fnftausend Mark zum Ankauf eines
elektrischen Apparats. Mit feierlichem Schweigen nahm der Greis das Geld, dann
bat er den jungen Mann, ihn allein zu lassen.
    Baldewin Estrich sa wie im Fieber vor seinem Versuchstisch, die fnf
braunen Banknoten neben der Hand. Er konnte die ersehnten Apparate anschaffen
und die Mischung, die jetzt im Tongef vor ihm stand, mute ihm zeigen, ob sein
Leben ein phantastisches Irrwandeln oder ein Schicksalspfad war. Sein Arm
zitterte, als er die Hand vor die Augen legte; gleich Feuerkugeln perlte es hin
vor den verfinsterten Blicken. Tiefes Schweigen herrschte in dem verdeten Haus.
Die Galerien des Hofes versanken in die Dmmerung und eine blitzende Scheibe sah
bisweilen aus dem Grund der Wandelgnge. Ein Kater, Estrichs einziger Gefhrte
whrend der langen, schweigenden Nchte, sa schnurrend an der heien Glut des
Kamins.
    Pltzlich schreckte der Alte auf, machte Licht, - eine hektische Rte war
auf seine Wangen getreten, - nahm das Tongef, betrachtete die wei-schillernde
Mischung, entzndete ein Drumondsches Kalklicht, hielt den Topf darber und
schttete eine Sure in die kochende Masse, bis belriechender Qualm den Raum
erfllte und den Chemiker in einer Wolke verhllte. Dann nahm er eine
pulverisierte Masse von violetter Frbung und schttete eine Messerspitze voll
in das Gef, das er hermetisch verschlo. Hierauf verlschte er die Flamme,
stellte den Topf ins Wasser, um ihn einem pltzlichen Erkaltungsproze
auszusetzen und schritt unruhig, mit zusammengepreten Lippen auf und ab. Als er
nach einer Viertelstunde das Gef zertrmmerte und den erstarrten Inhalt
prfte, fand er ihn unverndert, auer da die Farbe statt des reinen Wei in
brunliches Gelb spielte. Mutlos lie er die Arme sinken. Schlielich ist die
ungeheure Hitze, die ich durch den elektrischen Apparat erzeugen will, gar nicht
ntig, dachte er. Aber auch so sah er kein Ziel mehr. All die Suren und Vasen,
Metalle und Metalloide nahmen fr ihn das Wesen von persnlichen Feinden an, mit
einer ausdauernden Bsartigkeit begabt. Er zndete die Lampe an und sah in ihrem
Schein das Zimmer noch erfllt von dem unertrglichen Dunst. Er nahm ein
Flschchen vom Sims, das eine blauschwarze Flssigkeit enthielt, die beim Licht
herrliche Reflexe warf. Er ffnete das Glas, ging zum offenen Kohlenfeuer (immer
noch hielt er fast krampfhaft das erkaltete Metall in der Hand) und wollte
einige Tropfen auf die hochrot glhenden Kohlen gieen, um den schlechten Geruch
zu vertreiben, als die Masse samt dem Glas seiner bebenden Hand entsank; auf den
Kohlen zersprang das Glas und erschrocken bebte Estrich zurck, ging ans
Fenster, ffnete es, und die milde Luft des Februarabends flo herein und
streifte seine heie Stirn. In tiefen Gedanken sa er am Fenster, fast zwei
Stunden lang. Dann stand er schwerfllig und leise sthnend auf um die Lampe zu
fllen, die heruntergebrannt war. Seine Blick hefteten sich auf die
halbverglommenen Kohlen im Kamin und unter den schwarzgewordenen oder noch
dsterroten Stcken erblickte er einen groen, schwach glnzenden Gegenstand.
Und je mehr er hinschaute, je mehr nahm der Glanz dieses Gegenstands zu. Seiner
Wahrnehmung mitrauisch gesinnt, hrte er nicht auf, starr in den Kamin zu
blicken, bis ihn pltzliche Ungeduld und Erwartung nher treten lieen. Er
zndete eine Kerze an, holte das gleiende Stck mit dem Feuerhaken heraus, nahm
es in die Hand, schrie laut und durchdringend auf, so da es in allen Teilen des
Hauses widerhallte und sank vor Schwche auf die Knie ...
    Gold!
    Er hielt Gold in den Hnden.
    Es konnte ihn nicht tuschen in Form und Farbe. Er wog es in der Hand, und
es war schwer. Er hielt es zitternd, mit berquellenden Augen zum Licht und sein
Glanz schien den ganzen Raum zu fllen.
    Gold!
    Die Sehnsucht des Mittelalters war gestillt. Der Traum des modernen
Forschers in Erfllung gegangen durch die Hand eines Blinden, der nun auf dem
Thron der Welt sa und die Menschheit seinen Knecht nannte. Der jeglichen Hunger
enden, jeden Durst befriedigen konnte; fr den es nichts Unerreichbares mehr gab
im Reich der Trume. Welcher Zufall hatte es ihm geschenkt, das edle Geheimnis?
Ein langsam glhender Kohlenhaufen, eine harmlose Tinktur, - bedeuteten sie mehr
als ein Leben der Einsamkeit und des Nachdenkens?
    Baldewin Estrich sank zusammen und weinte. Dann hielt es ihn nicht lnger in
dem den Haus. Er nahm Hut und Mantel und strzte fort. Schon war er durch viele
Gassen geeilt, als er innehielt, die Hand an die Stirn legte, zurckkehrte, die
eiserne Truhe aufschlo und alles, was er noch an barem Geld besa, in Gold und
in Banknoten, zu sich steckte. Damit eilte er den Stadtteilen des Elends zu, den
Herbergen fr Handwerksburschen, den dachlosen Nachtquartieren im Norden. Und
keine Stunde war verstrichen, als er zurckkehrte, - nicht allein. Eine Armee
schreiender Mnner und Frauen waren um ihn und hinter ihm, verkommene Gestalten,
die den Tod auf den Wangen trugen oder das Verbrechen auf der Stirn, Gesellen in
Lumpen, barfu, mit bloer Brust, keifende Weiber aller Lebensalter und aller
Abstufungen des Lasters, Kinder mit den frhblassen Wangen der Not, - und diese
entfesselte Schar schwoll und schwoll. Wo Baldewin Estrich die ersten
aufgetrieben hatte, wute er nicht, denn er handelte in einer Trunkenheit, die
nach Taten verlangte. Er hatte Gold, Gold unter sie verteilt, immer mehr, und
die Kunde davon eilte wie ein Lauffeuer von Strae zu Strae, so da der Haufen
zuletzt die ganze Breitegasse ausfllte. In den Husern wurden die Fenster
aufgerissen, und lachende oder furchtsame Menschen schauten herab; die Polizei
erschien in den Nebengassen und schickte sich an, das Militr zu alarmieren,
aber das Ungestm des Pbels stieg ums hundertfache und war durch nichts mehr zu
ersticken.
    Am weien Turm tauchte eine Abteilung des Reiterregiments mit blankgezogenen
Sbeln auf, aber eher htte sie eine Felsenmauer durchbrechen knnen als die
dichtgestaute Volksmenge, die Kopf an Kopf stand, ber die es hinwogte von
Schreien und Zurufen und Hilferufen und Anfeuerungen und heiseren Lauten der
Begierde. Alle drngten nach oben, wo Baldewin Estrich totenbleich in einem
engen Kreis finsterer Burschen stand, die ihm nher und nher rckten,
tobschtig gemacht durch den Geruch des Goldes. Mit den wildesten Drohungen
drangen sie auf den Greis ein, der kein Glied zu rhren vermochte. Es war, als
knne er nicht glauben, was um ihn her vorging. Ihm war, als seien es
frchterliche Traumbilder, diese von den scheulichsten Trieben bewegte Masse,
die um ihn wogte, ihn haerfllt anstierte, den kleinen Kreis um ihn verengerte
und verengerte, als ob sie ihn erdrcken und ersticken wollte, die nach Geld
schrie und heulte, nach Geld und nach sonst nichts. Ein strmischer und
geheimnisvoller Schmerz erfllte seine Brust, und er erschien sich wie ins groe
Meer verschlagen, schiffbrchig, dem Tod geweiht. Da nahm er smtliche Banknoten
in seiner Tasche mit einer leidenschaftlich verchtlichen Bewegung und
schleuderte sie fort, hinein in das brodelnde Meer, den ausgestreckten Hnden,
den funkelnden Augen entgegen. Wahnsinnige Schreie erschallten, er fhlte sich
fortgerissen wie in einem Strudel, dahingeschleudert, dorthingeschleudert,
fhlte Sto auf Sto an seiner Brust, sah hundert Arme hoffnungslos
ausgestreckt, und wieder andre, die mehr Geld wollten, mehr, da schwanden ihm
die Sinne. Er erhielt einen schrecklichen Schlag an die Stirn, sank hin, wurde
mit Fen getreten, fhlte Blut an sich herabstrmen, und doch schlossen sich
seine Augen nicht, als wolle seine Seele gewaltsam wach bleiben und alles sehend
erdulden.
    Und der Strom, der nun einmal in Bewegung geraten war, wlzte sich weiter.
Diejenigen, die Gold erhalten hatten, waren noch unersttlicher, als die andern.
Ihr Geist befand sich in Raserei, und diese Raserei war ansteckend. Viele
zertrmmerten die Fensterscheiben der Brgerhuser, Steine flogen in die
Stockwerke hinauf; die Weiber benutzten ihre Schuhe als Wurfgeschosse. Die Rufe:
Blut! Rache! Tod! Nieder! donnerten oder kreischten durch die Luft. Die
Verkaufslden wurden eingeschlagen und mit dem Schrei: nieder die Juden!
erstrmten entfesselte Scharen die verschlossenen Rume, demolierten Tische,
Fenster, Verkaufsgegenstnde und manche reizten zu Brandlegung und Plnderung.
An vielen Punkten gelang es dem Militr durchzudringen; einzelne Schsse wurden
abgefeuert, denen hhnisches Gebrll folgte.
    Whrend dieser Vorgnge war ein eigentmlich schwler Wind durch die Gassen
gefahren; erschreckend schwarze Wolken waren herausgezogen und hatten sich im
Norden getrmt, indes ihnen gegenber ein Stck reinen Himmels lag, auf dem der
klare Mond schwamm. Dann zuckten Blitze aus dieser Wolkenwand, deren
bengstigendes Dunkel die Firste der Huser seltsam bleich erscheinen lie,
leiser Donner rollte ber die Dcher hin, allmhlich anschwellend; die Blitze
wurden fahler, zackiger, breiter, schneidender und tiefer, der Donner weniger
schwerfllig, und das Februargewitter hatte sich drohend angesammelt, ohne da
in dem Tumult irgend jemand darauf geachtet htte.
    Die Soldaten begannen erregte Massen von Mnnern und Weibern vor sich her zu
treiben. Ein vor Ha wtender Haufe von Mnnern stellte sich gegen eine ganze
Kompagnie; die Leute an den Fenstern stieen Angstrufe aus; Steine flogen unter
die Soldaten, aufgestellte Messer, Glasscherben von eingedrckten Fenstern, ja
ganze Holzkltze, bis endlich der Kommandant der Abteilung zum Angriff berging.
Alles wandte sich zur Flucht; ein panischer Schrecken verbreitete sich; nur noch
verzerrte Gesichter waren zu erblicken; die Weiber strzten hin und waren vor
Entsetzen gelhmt, die Mnner nahmen Kinder unter den Arm und eilten davon wie
gejagt. Aus den ferner liegenden Straen kamen Zuschauer herbei und,
mitergriffen von dem furchtbaren Schauspiel schrien sie so laut sie konnten,
ergriffen nach dieser oder jener Seite hin Partei, folgten entflammt den immer
noch ttlich vorgehenden Soldaten, wurden jedoch von der nachkommenden
Reiterkolonne in die Seitenstraen vertrieben. Whrenddem floh der gengstigte
Volkshaufen in immer grerer Verwirrung und gelangte auf den Lorenzerplatz, wo
die Tren der Kirche weit offen standen. Aus dem Innern, wie aus einer dunklen
Hhle schimmerte das glhrote ewige Licht, und die von den Soldaten wie Hhner
vorwrts getriebene Menge flchtete sich in die Kirche, drngte sich unter
heiseren Schreien hinein, zum Teil mit emporgehobenen Hnden, als ob sie beten
wollten, was jedoch nur deshalb geschah, weil das unbeschreibliche Gedrnge sie
dazu ntigte. Zornige Rufe erschallten aus dem seitab sich schiebenden Publikum;
Polizisten und Gendarmen versuchten umsonst sich Bahn zu machen. Die Soldaten
schienen wie trunken von bldsinniger Kampf- und Verfolgungsbegier und hrten
die Befehle ihrer Vorgesetzten nicht mehr. Die ersten Reihen wollten eben durch
das Tor des Domes eindringen, als eine Gestalt vor ihnen in Wahrheit frmlich
aufwuchs. Die Soldaten blieben stehen. Sie sahen finster staunend in das Gesicht
dieses Menschen.
    Es war Agathon.
    Wie eine Mauer stand er da.
    Auf einmal fuhr ein entsetzlicher Blitz herab, der den ganzen Himmel in
Stcke zu zerreien schien. Ein frchterlicher Schlag folgte. Und darauf
Totenstille. Pltzlich erschallte von drauen aus einer engen Nebengasse ein
langgezogener Schrei. Mehrere Schreie folgten. Die Leute an den Fenster deuteten
angstvoll in die Hhe und wandten die Blicke von dem Schauspiel auf der Gasse
ab. Zugleich mit dem Blitz waren die elektrischen Bogenlampen an der
Straenkreuzung erloschen, so da einen Augenblick lang eine drckende Dmmerung
den Platz fllte, die durch den Wind auf- und abbewegt zu werden schien. Dann
fiel eine schmale Feuergarbe aus der Hhe herab, hnlich dem Aufflackern eines
Strohfeuers, nur dunkler, purpurner, und zugleich wurde das Wchterhorn auf dem
Henkerturm hrbar; die Menschen fingen an zu heulen, mit den Hnden zu deuten,
liefen dahin, dorthin, die Offiziere schrien, die Pferde der ausgerckten
Eskadron begannen scheu zu werden. Eine grauenhafte Verwirrung entstand. Im
Innern der Kirche hatte sich ein Knuel von Menschen um den Altar gedrngt und
starrte empor. Der Blitz war durch die Kirche gefahren und mehrere leblose
Krper lagen auf den Steinflieen ausgestreckt. Das mystische Halbdunkel des
Raumes begann allmhlich einer satten Helligkeit zu weichen mit unruhigen,
gespenstisch flackernden Schatten. Dabei blieben die bemalten Glasfenster
dunkel, hinter ihnen lag graue Nacht, denn die Brandflut kam aus der Hhe. Viele
zwngten sich mit Schreien und Rufen herein, riefen nach der Feuerwehr; dazu
tnte schauerlich die Glocke vom brennenden Turm; es schien, da der Glckner,
der keinen Ausweg sah, dessen Weg nach unten in Flammen stand, es schien, da er
mit der Anstrengung der Todesangst am Glockenstrang ri, whrend rote und trbe
Flammen, Rauch und Funken um ihn emporschlugen.
    Agathon stand totenbleich. Er streckte die Hnde empor und von den mageren
Armen glitt der Rockrmel zurck. Die am Altar gestanden, scharten sich bang um
ihn, und jetzt kamen drohende oder warnende Stimmen, die Zurck und Hinaus
riefen, auch hrte man das Gerassel der auffahrenden Spritzen, whrend die
Glocke im Turm rasend wurde und lauter hell gellende Hilfeschreie von sich gab.
Agathon blickte in das versteinerte Gesicht eines der Leblosen unter ihm und der
Kampf der vergangenen Wochen wurde ihm in diesem Augenblick leuchtend
gegenwrtig. Wie er in Winkeln und Verstecken die Nchte hingebracht; wie er
einsam auf den Landstraen geirrt, trank- und speiselos; wie er die strmischen
Tage an sich hatte vorbeisausen lassen; wie trotzdem mit unbezhmbarer Kraft
seine Liebe zum Leben gewachsen war; wie seine Vergangenheit stimmenlos
versunken war, ein Nichts; wie sein Auge schrfer wurde fr die Zeit und fr die
Menschen; wie er berall Geducktheit und Unfrohheit gewahrte, Unoffenheit,
Duckmuserei, geheime Emprungslust. Und je einsamer er ward da drauen, je
feuriger wurden seine Phantasien von einer gewaltsamen Wandlung, und er dachte,
da nicht nur das Alte strzen msse, damit das Neue komme, sondern da es
gestrzt werden msse. Er dachte, da die Stdte zerstrt, niedergerissen
werden, verlassen werden mten, damit der Mensch wieder sich selbst finde. Er
schwelgte in glhenden Traumen, sein jugendlicher Geist saugte sich fest an den
Brsten des Lebens. Und wie er sich Herr ber die Krfte der Natur fhlte,
empfand er auch Macht ber die Menschen. Er dachte, als er jetzt eine bebende
Menge sich um ihn drngen sah, daran, wie die Kinder aus den Drfern ihm
gefolgt, als wren sie durch einen Zauberruf angelockt, wie ihm die Bauern Essen
und Trank gegeben, ohne da er darum gebeten. So, voll von sich selbst, berhrte
er mit der Hand den Krper eines der vom Blitz Hingestreckten, whrend die
Kommandorufe der Feuerwehrleute erschallten, das Militr dem Zudrang Neugieriger
Einhalt tat, das Dach eines benachbarten Hauses vom Feuer ergriffen wurde, die
Glocke des Turmes schwcher, gleichsam hinsterbend erschallte, die Dmmerung in
der Kirche einer hellen Brunst wich und ein junger Priester in die Flammen
strzte, die auf den Altar herabgefallen waren, um das Allerheiligste zu retten.
In diesem Moment bewegte der leblos Daliegende die Hand; Agathon, selbst
bestrzt, wich zurck, Rufe wurden laut, die Kirche msse gerumt werden.
Gebrause und Zischen der Spritzen erschallte; da stieg Agathon auf eine Bank und
gellte hinaus in den Raum mit einer Stimme, als ob es glte, ber den ganzen
Erdkreis hinzuschreien:
    Lat sie brennen, die Kirche!
    Er sah viele Gesichter unter sich verzerrt und lauernd zu ihm aufblicken,
elende, sorgenvolle Stirnen, Munde mit kriechendem, fast flehentlichem Ausdruck,
sogar Kinder, deren kranke Glieder er zu empfinden glaubte, und es war, als
knne er durch das ganze Elend der Welt hindurchblicken, den verknoteten Knuel
des Daseins entwirren und er schrie noch einmal: Lat sie brennen, die Kirche!
Er hatte das Gefhl, als schauten alle Menschen sterbend nach ihm, und er dnkte
sich wie der Vater eines neuen, freien, Gott-losen Geschlechts. Der fanatische
Priester strzte auf ihn zu und wollte ihn herunterreien; seine fahlen Wangen
zitterten vor Zier, aber die Menge schtzte Agathon. Die Gefahr nahm zu; Agathon
ri eine brennende Leiste vom Altar, hielt sie hoch wie eine Fackel und wandte
sich dem Tore zu, gefolgt und umringt von einem erregten Schwarm.
    Die Glocke hatte aufgehrt zu luten.

                              Fnfzehntes Kapitel


Agathon verschwand bald unter der Menge. Obwohl viele ihm nachstrzten, obwohl
ein Offizier mit dem Sbel nach ihm deutete und ein berittener Gendarm das Pferd
nach ihm lenkte, verlor er sich in fernere Gassen und war in Sicherheit. Sinnend
ging er weiter, den Blick ins Unbestimmte geheftet, wie von einem Rderwerk
fortbewegt, durch Gassen, die er nicht kannte, die leer waren, in denen die
Schritte hallten, an Husern vorbei, die zu zucken schienen, sich zu besinnen
schienen, ob sie ihm den Weg versperren sollten. Der Himmel war licht geworden;
flimmerlose Sterne waren angeheftet wie Perlen, die Milchstrae war wie der
Rauch aus einem Bckerschlot, die Bume der Alleen standen wie Lanzen am Weg,
erleuchtete Fenster im Weiten waren wie groe Blutstropfen, durch die ganze
Natur ging es wie ein Recken, Sichaufrichten. Dann lag die Stadt im Rcken, ein
vielverzacktes Schattenbild, ein Knuel Unglck, schwarz, ungeheuerlich starr,
still, greifbar deutlich, in der Mitte ein glhender Fleck, eine beginnende
Sule: der Brand, der im Verlschen war, da oder dort ein Loch, da oder dort ein
Fabrikschlot wie ein riesenhafter Finger. Dann nahm ihn der Wald auf; gro,
dicht, leer von allen Geruschen der Welt, eine drckende, zentnerschwere
Finsternis. Hier atmete Agathon auf. Er legte sich aufs Geradewohl hin; obwohl
es khl und feucht war, verfiel er sofort in einen bleiernen Schlaf, schlief
weiter, als der Tag graute, weiter als es Abend wurde und wiederum Nacht und tat
erst die Augen auf, als ein klares, kleines Stck Mond im Herabsinken begriffen
war. Er prete die Hnde gegen die Schlfen und meinte, vierzehn Jahre lang
geschlafen zu haben, fhlte sich freier, mutiger, reicher an Hilfskrften, an
Vertrauen, an berzeugung. Er starrte eine Weile hinein in den Wald, empfand
dann Hunger, erhob sich, erblickte bald das freie Feld, sah den Schmausenbuk
unweit im blulichen Nachtdunst und die Burg sich erheben ber der Stadt.
    Er hatte kein Geld, um in einer Schenke etwas zu sich nehmen zu knnen. Er
hatte auch bisher kein Geld gehabt. Die Leute hatten ihm gegeben, mehr als er
gebraucht, um satt zu werden. Sie wurden durch seine Person und sein Wesen in
hohem Grade fr ihn eingenommen. Er hatte eine auerordentliche Milde, zu
lcheln. Er war schn und gro. Auch der einfachste Mann konnte seine tiefen
Leidenschaften, sein mchtiges Herz, seinen berlegenen Mut, die Wildheit seiner
Wnsche ahnen. Nie grbelte er, sondern trumte nur. Sein Blick hatte etwas von
dem unbestimmten Blick eines Pferdes edler Rasse.
    Er kam in die Stadt zurck. Wieder leere Gassen, dunkle Fenster und eine
kaum wahrnehmbare Traurigkeit gleich feinem Reif ber allem. Sulen mit
Plakaten, verschlafene Schutzleute, hallende Stundenschlge, hallende Schritte.
Eine Stadt ohne Knig, ohne Wille, ohne Kraft, ohne Leben, dachte Agathon, und
er fhlte sich einsam. Er dachte an die Menschen hinter all den Fenstern, an die
Art ihres Schlafes, ihrer Trume, an die Strke ihrer Todesfurcht, an ihre
Krankheiten, ihre Sorgen. Er kam in eine breite Strae auerhalb des
Weichbildes, wo in einem Erdgescho drei Fenster erleuchtet waren. Gegenber
befand sich eine Allee, und am Wege war eine Bank. Agathon setzte sich, mde vom
Schlaf, hungrig, durstig und doch erwartungsvoll, als ob er jetzt in ein neues
Leben trte nach dem vierzehnjhrigen Schlaf. Der gelbe Vorhang des einen
erleuchteten Fensters frbte sich mit Bildern, schwankend und gleitend, die
dahinglitten wie Wolken am blauen Himmel. Nebenan hinter dem Busch rieselte das
Wasser eines Brunnens vertraulich und leise. Pltzlich erschien unter den
unwirklichen, hingetrumten Bildern des Vorhanges ein Schatten, dann wurde der
Vorhang aufgezogen, das Fenster geffnet, und eine weibliche Gestalt trat in
seinen Rahmen. Dann knirschte das Tor, die Gartentre kreischte und ein sehr
schlanker Herr, fest umhllt mit dem Mantel, schritt ber die Strae. Agathon
hatte sofort die Gestalt am Fenster erkannt.
    Die Luft war lau und unbewegt. Sie verkndete den Frhling. Sie schien
aufzusteigen aus dem Erdboden wie ein warmer Brodem, umwand Baum und Stein,
kroch an Husermauern empor bis zum Mond. Agathon ging hinber gegen das
Fenster, das bei seinem Nahen geschlossen wurde, - langsamer als es geffnet
worden war. In diesem Augenblick fhlte er sich verlassen. Das Schlieen des
Fensters glich fr ihn einer hhnischen Zurckweisung. Er blickte an seinen
Kleidern herab, sie waren in schlechtem Stand; seine Stiefel waren zerrissen.
    Er ging weiter und die Nacht erschien ihm tot, so da selbst das Bellen der
Hunde nicht mehr in ihr widerhallte. Nach einer Stunde kam er wieder an dasselbe
vornehme Haus, vor dasselbe Fenster, und wieder war das Fenster geffnet und
Jeanette lehnte weit heraus, den Kopf auf beide Hnde gesttzt, sphte hinein
ins Finstere, war unbeweglich, und ihr Gesicht erschien bleicher als die bleiche
Mauer des Hauses. Agathon blieb stehen und grte hinauf. Sie fuhr zusammen,
vernderte ihre sphinxhafte Haltung und stie einen Schrei aus. Dann schlug sie
die Hnde zusammen und rief Agathons Namen.
    Einige Minuten spter war er im Zimmer. Sie selbst hatte ihm geffnet und
sa nun vor ihm, whrend er stand, seine Blicke in einen Spiegel geheftet hielt
und ber sein eigenes Gesicht erstaunt war. Jeanette blickte ihn forschend,
berrascht, beinahe unterwrfig an.
    Wie geht es dir, Agathon! fragte sie. Was hast du getrieben? Groer Gott,
wie siehst du aus! Wo kommst du her? Was hast du erlebt? Erzhle doch!
    Und Agathon erzhlte. Er erzhlte von sich und seinem Zigeunerleben und von
dem Brand der Kirche so khl und so gleichmtig, als ob er ein paar Seiten aus
einer alten Chronik vorlse. Gerade dadurch vielleicht machte es auf Jeanette
einen erschtternden Eindruck. Sie sah ihn an, ihre Augen flammten, ihr Antlitz
wurde reiner und stiller. Als er fertig war, klagte er ber Hunger und sie
brachte ihm zu essen und zu trinken. Pltzlich erblate Agathon unter der Glut
ihrer Blicke und lie das Glas wieder sinken, das er an die Lippen fhren
wollte. Dies schien sie aufzurtteln. Sie lachte und erzhlte von ihrem Leben in
Paris; erzhlte, da sie in die Residenz gehen wrde, weil der Knig sie zu
sehen wnsche; da sie inzwischen zu Ruf und Ruhm gekommen sei; erzhlte
Episoden, schien begeistert von dem heiteren, bunten Leben, das sie fhrte, das
sich ihr tglich in neuen vergnglichen Bissen darbot. Es war zuletzt, als ob
sie phantasiere, so geriet sie in Hitze ber das freudig Schumende,
Wohlschmeckende dieses Daseins. Dann ging sie pltzlich zum Klavier und begann
zu spielen, leicht, duftig, aber auch leichtfertig, endigte mit Mitnen, die
klangen, als ob sich jemand auf die Tasten werfe, schlug krachend den Deckel zu
und lachte mit ihrem knirschenden Lachen, nachdem sie sich auf dem Sessel
umgedreht hatte. Pltzlich erschien sie wie eine abgehetzte Luferin. Ihr Kopf
war nach hinten gebeugt, ihre Lippen ein wenig geffnet, die Adern des Halses
klopften strmisch, so lehnte sie gegen das mattglnzende Ebenholz des Klaviers,
die Ellbogen nach rckwrts gestemmt und sah in die Hhe. Bist du md? wandte
sie sich zu Agathon. Wenn du md bist, kannst du in dein Zimmer gehen. Sie
schaute ihm fremd und befangen ins Gesicht. Agathon mute aufstehen. Sein Herz
wurde weit und weiter, hatte nicht Raum mehr.
    Ich liebe nmlich die Nacht, sagte Jeanette. So sitzt man da und denkt
aller seiner Snden. Liebst du nicht deine Snden, Agathon? Wieder traf ihn ein
Blick, der gleichsam aus ihrer geffneten und stammenden Seele zu kommen schien.
Weit du, ich mchte dumm sein, fuhr sie fort. So dumm, da ich nicht wte,
wie man lgt; so dumm, da ich Respekt vor den Mnnern hatte, so dumm, da ich
fromm wre. Dann wrde ich beten. Ich wrde beten ... na, das ist gleich. Nun
will ich tanzen. Setz' dich dort in die Ecke. So.
    Sie tanzte, indem sie leise dazu sang oder vielmehr summte. Sie tanzte mit
schwermtigen Bewegungen, die an das Hingleiten eines Krpers auf ruhigem
Wasserspiegel erinnerten. Aller Spott war aus ihrem Gesicht gewichen, die Augen
waren halbgeschlossen, beschattet durch die langen, roten Wimpern, die Arme
hatten das Kleid gefat. Agathon schaute hin und ihm war, als msse das Blut aus
ihrer Brust sickern bei dem schmerzlichen und dsteren Ringen ihres Krpers.
Pltzlich, der bergang war so grell wie der von der Dunkelheit zur Feuerhelle,
reckte sie sich auf; ihr Gesicht erhielt ein frivoles Leben und nun tanzte sie
den Goignade, einen altfranzsischen Tanz voll wollstiger Extase. Agathon bi
die Lippen zusammen, ihn schwindelte. Als sie fertig war, lchelte sie flchtig,
nickte und sagte khl, Agathon solle in das Zimmer nebenan, wo er schlafen
knne. Damit ging sie. Agathon wartete, aber sie kam nicht wieder. Er betrat das
Nebenzimmer, lie jedoch die Tre offen, damit er das Licht sehen konnte, legte
sich in den Kleidern aufs Bett, faltete die Hnde unter dem Hinterhaupt und
verblieb so mit offenen Augen, bis der Morgen anbrach.
    Dann erhob er sich und trat zum Fenster. Er war beunruhigt, und mit dem
Wachsen des Tages nahm seine Unruhe zu. Er gefiel sich nicht in den kostbar
ausgestatteten Rumen; es schien ihm, als sei seine Seele zusammengeschrumpft.
Als Jeanette spt am Vormittag erschien, erstaunte er ber die Vernderung an
ihr. Sie war mde; die Haut ihrer Wangen war schlaff, der Blick hart, ihre
Bewegung mhsam, ihre Worte kalt. Bisweilen brach die Erstarrung in einer
heftigen Geste, in einem circenhaften Blick. Hast du geschlafen? fragte sie.
    Wessen Blut steckt eigentlich in dir? fuhr sie unvermittelt fort. Ich
kenne keinen von den Leuten, bei denen du aufgewachsen bist, der mit dir zu
vergleichen wre. Und auch sonst -. Sie stand auf, stellte sich hinter seinen
Stuhl, legte beide Hnde auf seine Schultern, so da er den Kopf zurckbog, um
sie zu sehen, und sie fragte lchelnd, indem sie ihre Augen tief in die seinen
bohrte: Hast du die Kirche in Brand gesteckt, Agathon?
    Agathon machte sich los und entgegnete, ebenfalls lchelnd: Wolltest du,
da ich es getan htte?
    Sie schwieg finster. Es ist wahrscheinlich, da es der Blitz getan hat,
sagte sie dann mit einem seltsam boshaften Ausdruck. Sie standen sich eine Weile
stumm gegenber, endlich meinte sie spttisch lchelnd: Aber du mut andere
Kleider bekommen, trotz alledem. Bist du zornig? fgte sie erschrocken und
demtig hinzu, als sie die Rte auf seiner Stirn gewahrte. Oder krnkt dich der
Tag so wie mich? Dann werde ich die Tren zusperren, meine Dienstboten
fortschicken, die Rolllden schlieen und Nacht sein lassen. Alles dies sagte
sie fast khl, hinwerfend. Agathon konnte nicht klug aus ihr werden.
    Da wir beide Juden sein mssen! rief sie aus, als sie sich in einen
Winkel gesetzt hatte. Ich fhle das ganze Alter des Judentums auf meinen
Schultern und alle seine Verbrechen, alle seine Leiden. Ich habe alle seine
Fehler in mir; ich bin der pure Verstand und die pure Schwche. Ich bin
grblerisch und scheu, feig und frech, ich liebe die Nacht und das Orgelspiel
und bin gern geistreich, wie du siehst. Und du, was bist du eigentlich? Wie
kommst du zu uns mit deiner reinen Stirn?
    Pltzlich ging sie, nahm Agathons Kopf zwischen beide Hnde, zog ihn mit
einem gewaltsamen Ruck herab und kte ihn auf die Lippen. Fast zugleich aber
lie sie ihn wieder los und starrte ihn an, bleich, mit weiten Augen. Diese
Lippen! flsterte sie bewegt. Du hast noch nie ein Weib gekt? Langsam
ergriff sie seine Hand, beugte sich und kte auch sie. Agathon dachte an
Monika, die einst ein gleiches getan. Warum?
    Was bist du? Was willst du? fragte sie ihn nach einem langen Schweigen.
    Was ich will, das ist zu schwer fr Worte. Was ich will ... Den Menschen
den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben, Jeanette, das ist es, was ich will.
Freilich, viele haben schon die Erde, aber nur die Erde ohne den Himmel, sie
wissen, da der Himmel fehlt. Verstehst du? Sie mssen die reine Erde haben,
ohne Kreuz, ohne Abfall, ohne Verzicht, ohne Abrechnung mit einem Droben. Sie
haben blo Gensse und Schmerzen. Aber es ist wie mit dem Vogel im Kfig. Er hat
keine Freude, auch beim schnsten Futter nicht und wenn es der bequemste,
vergoldetste, mildeste Kfig von der Welt ist. So ist der Himmel ein Kfig fr
die Menschheit geworden. Und so lange schon, da sie gar nicht mehr das Gitter
gewahren und meinen, sie knnten fliegen. Aber solange ein einziges Gebet auf
der Welt ist, knnen sie nicht fliegen. Ich will die Stbe zerbrechen, Jeanette,
oder nur einen, ein anderer nach mir zerbricht vielleicht mehr. Und wenn auch
dann das Dach herunterstrzen und viele zermalmen wird, das schadet nichts. Nur
die Groen, die Unterdrcker werden dann zermalmt, Simson der Tter und die
Philister werden zermalmt, aber die Gefangenen werden frei und werden ein neues
Geschlecht grnden. Freude wird sein.
    Sein bleiches Gesicht spiegelte sich strahlend in den Bewegungen der Seele.
Jeanette sah ihn an und verga seine Jugend, wie alle, die mit ihm sprachen. Ein
reiner Strom umflo sie, der Strom reiner Gefhle. Und was willst du tun fr
diese Idee? fragte sie, mhsam lchelnd. Sterben natrlich, wie alle diese
Schwrmer.
    Sterben? Nein, leben.
    Ihre Augen trafen sich. Agathon wandte sich ab vor ihrem Blick.
    Schwrmer! Schwrmer! Gtiger Himmel, wohin trumst du? Aber ich liebe
dich, Agathon, ich liebe dich seltsam. Und was denkst du dir unter dieser Freude
da? Auch so ein Wort, wie viele Worte. Nicht?
    Es mte ein Glanz sein, der von einem zum andern strahlt. Man drfte
nichts mehr verehren, nicht mehr die Natur, weil man selbst die Natur, selbst
ein Stck Wald, ein Stck Meer ist, der Lehrer mte Freund sein und vieles
andere. Alles ohne Trunkenheit, verstehst du, Jeanette, ohne Gelehrsamkeit,
jedes Ding eine Welt und die Welt ein Ding. Alle Juden mten ausgerottet
werden, nicht der Krper, aber der Geist, denn aller Glaube ist Judentum. Immer
werden die Juden, auch die Christen sind Juden, immer werden sie neue Gtter
bringen. Immer werden sie eine neue Art von Heiland bringen. Warum lchelst du?
Jetzt knnte die Menschheit ihre Kinderschuhe verlassen und knnte Gott eine
andere Erde grosugen. Dann ist das Leben nicht mehr wie ein unverdientes
Geschenk oder wie eine unverdiente Strafe. Dann gibt es keine Todesfurcht mehr,
kein Verbrechen mehr, dann wird alles grer, unermelich grer. Aber ich kann
nicht das Eigentliche sagen, ich kann dir nicht das Bild schenken, Jeanette.
    Ein langes Schweigen entstand.
    Du meinst vielleicht, es ist Atheismus, begann Agathon wieder. Nein, das
wre borniert. Die Atheisten sind blo ungezogene Kinder und sie wollen selber
Papa spielen, wenn der Vater ausgegangen ist. Aber siehst du, Jeanette, fgte
Agathon etwas schchtern hinzu und leiser als bisher, etwas qult mich und ich
wei nicht was es ist. Es macht mich unruhig in der Nacht und qult mich bei Tag
und es ist mir, als stnde ich vor einer Mauer.
    Jeanette lag mit aufgesttztem Ellbogen auf dem Sofa, whrend ihre Fe den
Boden berhrten. Die Linien der Beine zeichneten sich durch den Stoff hindurch
ab, und Agathon blickte wie gebannt auf diese etwas gewaltsam geschwungene
Kurve, whrend ihn Jeanette mit einem heien, trumerischen Blick gleichsam
suchte.
    Am Nachmittag wurden Kleider gebracht fr Agathon, sowie ein Domino, denn
Jeanette wollte, da er abends mit ihr zu einem Karnevalsfest ginge. Er wunderte
sich ber ihr Wesen, das jetzt an Grellheit abgenommen hatte, ber ihren Gang,
der etwas Wiegendes, Zgerndes, Erwartendes hatte, ber ihre Worte, die bald
khn, bald zaghaft, bald heftig, bald gedrckt waren.
    Der Festsaal war gro. Die Galerien und Wandelgnge waren durch Glhlampen
erleuchtet und glichen einem breiten Feuerband, das um eine milde Dmmerung
geschlungen war, in der die Sulen silbern glnzten, die Guirlanden wie aus dem
schwlen Duft herausgewachsen schienen, die knstlichen Rosen wie Blut
schimmerten und der goldverbrmte Plafond einem glhenden Abendhimmel glich. Das
bunte Treiben erweckte Agathon den Eindruck des Geruschlosen,
Zauberspielhaften; alle Farben flossen in ein Bild, alle Tne in einen Ton, alle
Heiterkeit hatte ein Ziel, und dies wogende Murmeln war wie das ferne Branden
eines Meeres, ber dem der Tag aufgehen will.
    Aber pltzlich, ganz mit einem Male und auf einen Ansto wurde Agathon
sehend. Und zwar in solchem Ma, da er vor Grauen, Scham und Beleidigung wie
verwundet war. Er schritt durch einen etwas abseits gelegenen Wandelgang, als er
einen alten und ziemlich zerlumpten Mann an der Tr stehen sah. Der Alte sphte
lauernd und unruhig in den Saal, legte die Hand wie einen Schirm gegen die Augen
und murmelte. Bald darauf kam ein junges Mdchen, deren Bewegungen grazis und
bertrieben kindlich waren, auf den Alten zu, und ihr Mund unter der Maske
verlor sein Lcheln. Sie reichte dem Alten Geld; mit unbeschreiblicher Gier ri
er ihr die Mnzen aus der Hand und flsterte ihr etwas zu, wobei seine Augen
fast aus den Hhlen traten. Das Mdchen nickte und der Alte humpelte hinaus. Das
Mdchen setzte sich auf eine Bank, drckte beide Hnde gegen die Brust und
atmete auf, dann warf sie beide Arme in die Luft, als wolle sie den Wirbelwind
von Gedanken beschwichtigen und sprang wieder mit dem bertrieben-kindlichen
Gebaren davon. Agathon suchte ihr zu folgen, verlor sie aber aus den Augen. Er
sah statt ihrer einen befrackten Herrn, der zu Komplimenten verbogen war wie ein
Fragezeichen, einen andern, der bernchtig fahl, von Sule zu Sule schlich in
der Art eines Gewrms, lichtscheu, trg, voll Verachtung, Mdigkeit,
Hinflligkeit; einen dritten, dessen Lachen wie ein Schu war, der abgefeuert
wird, um eine nahende, nagende Angst oder das fletschende Gespenst der Sorgen zu
verscheuchen; einen vierten, der, knstlich und aufgeregt, geschftig herumeilte
und dessen Zge durch eine Aufgabe von eingebildeter Wichtigkeit bis zur wilden
Erregung zerwhlt waren; einen fnften der grinsend und nickend durch die Reihen
strolchte, der Zynismus in Person, mit einem von Lastern aufgepflgten, vom
Unglck mit Narben gezeichneten Gesicht; einen sechsten, der voll Anstand,
Schchternheit und Zuvorkommenheit sich allenthalben berflssig schien, um
dessen Mund eine wachsende Bitterkeit lag, whrend in seinen Augen fast greifbar
der Entschlu zu einem Verbrechen zu lesen war; ein Weib, das kichernd, sich
drehend, mit erlogenem Lcheln, mit erstohlener Anmut, von einem Chor befrackter
Bettler bezaubernd genannt wurde; ein zweites, das mit allen Krften heimisch zu
werden suchte in diesem Haus zusammengetragener Lustbarkeit; ein drittes, das
mit geheimer Angst die Maskengarderobe aus dem Gewlbe des Verleihers einer
fteren Musterung unterzog und heftige Bewegungen zu vermeiden suchte; ein
viertes, das mit erhitzten Blicken und eisiger Seele dasa, whrend die Sorge um
die Haltbarkeit der Schminke sie im Innern beschftigte. Und hinter der Buntheit
der Gewnder, der Hflichkeit der Worte, hinter den ziehenden Blicken, den vom
Wein gerteten Stirnen und benetzten Lippen, was lag da? Agathon sah es. Hundert
Schicksale ffneten sich ihm wie auf einen Schlag; auf einen Schlag wurde der
Vorhang von hundert Bhnen, von hundert Augenpaaren gezogen, da es vor seinen
Blicken dalag wie ein schwrender Knuel Jammer, ein ungesichtet
zusammengeworfener Haufen Schmerzen, ein Mischmasch von Betrbnissen,
Verbrechen, Betrug und Lgen. Jener dicke Herr mit dem gtigen, ehrenhaften
Gesicht hlt das Glck von Hunderten wie an einer Schnur, und er wird all dies
Glck, das ihm anvertraut ist, morgen getrost an der Brse verspielen; den
ungnstigen Fall erwgend, hat er bereits eine Schiffskarte bei sich. Dieser
unwiderstehliche Stutzer, der so diskret lchelt, ist ein Arzt, der durch
schmutzige Geschfte in seiner eigenen Meinung lngst der Schatten eines
anstndigen Menschen ist. Jene bleiche Dame mit dem schwermtigen Blick lebt
nur, sich zu amsieren, und es amsiert sie, die Schwermtige zu sein; ihr Haus
ist ein finsteres Bild der Verkommenheit, der Vernachlssigung, der
Sittenlosigkeit, des geraubten, erborgten Prunkes, des versteckten Hungers;
jener wohlwollende Graubart ist ein unentdeckter Bankdieb; jene pastorenhafte
Gestalt schachert mit jungen Mdchen; jener imposante Schwarzbrtige ist ein
nichtswrdiger Wucherer; jener behbige und joviale Greis ist ein gefrchteter
Verlumder ... Und hinter ihnen, welch ein Chaos: verdete Stuben, trnennasse
Betten, von Lastern besteckte Hnde, das wahnsinnige Geheul Unterliegender und
Gefesselter, das verschwiegene Lcheln der Sieger, die erheuchelte Trauer, der
verstellte Hochmut, der Hunger, die Schande, die Raserei der Liebe, Krankheit
und Tod, eine Armee bis zur Tollheit verzerrter Gesichter, die im
Geschwindmarsch dem Abgrund zueilten, eine ganze fallende, strzende,
vermorschte Gesellschaft und darber, darunter - nichts.
    Es war Agathon, als ob sein Krper durch die zermalmende Wucht der Visionen
zusammengepret wrde. Es war ihm, als drnge sich die grende Masse des
Unglcks, ein schreiender Haufen Verfolgter an ihn, erflehe Hilfe, Rettung, und
gepeinigt floh er, erreichte die Strae, eilte weiter, ohne sich umzublicken und
wute kaum, wie er in Jeanettens Wohnung kam. Er hatte sie selbst, seit beide
den Saal betreten hatten, nicht wieder gesehen. Das Dienstmdchen ffnete ihm,
wollte Licht machen, aber er bat sie, ihn im Finstern zu lassen, fiel wie
vernichtet aufs Sofa und krampfte sich zusammen wie ein Sterbender.
    Lange mochte er so gelegen sein, als er einen Hauch an seiner Stirn
versprte. Er schlug die Augen auf; die Nacht kam ihm doppelt finster vor.
Hierauf bemerkte er einen schwarzen Schatten, der sich nah an seinem Krper
gegen das unsicher verflieende Licht des Fensters abhob. Erschrocken tastete er
mit den Hnden vor sich und tastete in knisterndes Haar. Jeanette, flsterte
er dumpf. Sie kniete bei ihm. Er glaubte, ihre Augen flammen zu sehen; es
entstand eine Hitze um ihn, die aus diesen Augen zu kommen schien. Er wurde
starr am Krper und seine Sinne badeten sich in einer Erregung, die seine Brust
zusammenschnrte gleich einem Strick. Jeanette, flsterte er, sie brauchen
doch einen Heiland.
    Jeanette zndete eine Kerze an und legte eine blutrote Orange neben den
Leuchter. Ihr Gesicht war um vieles bleicher als sonst, aber von zitterndem
Leben erfllt. Sie stand an der mit purpurfarbenem Tuch verhangenen Wand und das
meergrne Kleid, das sie trug, warf Strahlen gegen diese dunkle Farbe. Ihr Hals,
entblt, leuchtete im Rahmen der Haare, und ihre Brust hob sich schwer. Einer
warmen Welle gleich lief es von ihr zu Agathon. Er sa und blickte sie
unverwandt an und glaubte, eine Stimme zu hren, welche ihn rief: wo bist du,
Agathon?
    Jeanette lchelte und trat an den Tisch. Er setzte sich zu ihr, so nahe, da
ihre Krper sich streiften, und Agathon wurde vllig ausgefllt von dem
Bewutsein dieser groen, und wie ihm vorkam, unverdienten Nhe; die Welt rckte
dadurch in eine malose Ferne, versank in einen Abgrund. Jeanette schlte und
zerlegte die Orange und Agathon erlebte jede ihrer Bewegungen mit, ja, es war
ihm, als ob er selbst die Frucht zerteilte. Dann reichte sie ihm ein Stck und
er a. Er fhlte nicht die Sigkeit der Frucht, es wurde ihm kaum bewut, da
er a. Sie beschftigten sich damit, das l der saftreichen Schale in die Flamme
zu spritzen; es knallte und zischte, beide lchelten. Agathon lchelte aber wie
ber etwas in einem andern Leben Erlebtes, er lchelte Jeanettens Lcheln mit,
vielleicht aus Furcht, da sie aufhren knne zu lcheln. Pltzlich machte
Jeanette eine halbe Drehung gegen ihn; ihr Gesicht wurde beinahe steinern, ihr
Blick verschlingend gro, unbarmherzig wild, und er sah ihre Zhne schimmern.
Sie stand auf.
    Die Kerze war erloschen. Agathon fhlte zwei Arme um sich geschlungen und an
seinem Halse die feuchte Berhrung eines Mundes. Seine Sinne schmerzten, da er
glaubte, es msse mit ihm zu Ende gehen, da er die Nacht verwnschte. Was er
dann empfand, war eine sich ausbreitende Angst, das Gefhl, als ob das Zimmer
luftleer sei, und endlich eine verzweifelte, brennende Begierde.
    Was zitterst du so? fragte Jeanette leise. Dann knisterten wieder ihre
Kleider; es fielen ihre Haare herab und hllten seine Hnde ein. Er lag mit
offenen Augen, die wie erblindet waren und fhlte die warme Haut ihres Krpers,
und ihn schauerte bis ins innerste Mark seiner Knochen. Sie kte ihn; er
dachte, da sie ihn besser htte nicht kssen sollen, denn er glaubte zu
ertrinken in einer heien Gischt, sein ganzer Leib war ein zuckender Schmerz,
der alles in einen bermigen Rausch versetzte, dann kam ein bewutloses
Versinken; das anfnglich blendende Licht verlor sich, und pltzlich fiel er wie
zerschmettert nieder auf Steine und blieb liegen, voll von einem grenzenlosen,
vorher nie erfaten, noch geahnten Jammer.
    Er wute nicht mehr, wie er sich erhob, in die Kleider kam, wie er das
Zimmer verlie, auf der Strae stand, die sich breit hindehnte in einen mhsam
aufquellenden Morgennebel. Er sah einen Garten vor sich und sah das Tor offen;
er streckte sich hin auf den Sockel eines Brunnens, der noch mit Stroh umwunden
war; er streckte sich hin und legte den Kopf auf die Arme und begann bitterlich
zu weinen.
    Als er aufsah, war die Sonne emporgegangen aus der Umarmung riesenhafter
Wolken. Ein Hahn krhte. Krftige Frische lag in der Luft.
    Jeanette schlief noch, als er zurckkehrte. Ihr Gesicht hatte etwas so
Eisiges und Totes, als ob das Leben nie wieder die Zge bewegen knne. Auf den
geschlossenen Lidern lag eine Mdigkeit, die an den vollen Tafeln des Lebens
entstanden und genhrt worden war. Durch die Spalten der Gardinen fiel ein
schmales Sonnenband auf ihre schneeweie Brust.
    Als sie zusammen frhstckten, blickte ihn Jeanette scharf an und sagte:
Nun siehst du wohl, da die Welt aus Schmutz besteht.
    Agathon schwieg.
    Du siehst, was ich bin, fuhr sie fort. Und du kommst und verlangst, da
wir nicht mehr glauben sollen. Das ist ja ohnehin unsere Krankheit, das
Nichtglauben, jetzt ist deine Mauer gefallen, Agathon, und du hast dich
berzeugt, da sie dir nur einen Haufen Schmutz vorenthalten hatte. 
    Ist es nicht vielleicht deswegen Schmutz, weil wir es so wollen? Weil du es
willst? fragte Agathon. Weil du dich der Stunde schmst, in der du dich
hergegeben hast? Liegt nicht in der Vereinigung von Mann und Weib
Unsterblichkeit und Unvergnglichkeit? Und nur darin? Warum sollte das Schmutz
sein, was so erhaben sein kann?
    Wirklich? Kann es das? Kann es so erhaben sein? Kstlich. Ihr Mnner seid
unverbesserliche Trunkenbolde.
    Dann fuhr sie mit starrem Blick fort: Auch du, auch du, Agathon, mutest
fallen. Aber es ist mir klar, wozu es dich treibt. Du willst die Sinnlichkeit
wieder auf den Thron setzen, den sie seit zweitausend Jahren verlassen hat. Das
liegt in dir, spricht aus deinen Worten, strahlt aus deinen Augen. Aber eher
kannst du dein Hirn verbrennen, oder du mut neue Menschen formen. Das ist alles
unanstndig, was du willst, verstehst du, unanstndig; das ist das Wort, das
dich erdrosselt. Wenn du es aus der Welt schaffst, dann glaube ich an dich. Ist
es nicht unanstndig, wenn wir die Kleider abnehmen und uns sehen? Ist es nicht
unanstndig, Kleider zu haben und an Liebe zu denken? Ach, nur die Kleider sind
schuld, da wir so krank lieben. Und dann bedenke, eine Religion, die nicht die
Sinnlichkeit erstickt, schleudert die Knige vom Thron.
    Eine Zeitlang schwieg sie, dann stand sie so heftig auf, da der Stuhl
hinter ihr auf den Teppich zurckfiel. Nun sollst du alles wissen. Damit
wenigstens ein Mensch wei, was ich leide. Nicht mich ruft der Knig, sondern
ich habe alles daran gesetzt, um zu ihm zu kommen. Keinen Schleichweg, keine
Hinterlist habe ich gescheut. Er soll mein letztes Medikament sein. Vielleicht
finde ich dort Heilung. Es geht ein Stolz und eine Hoheit von ihm aus wie ein
Sturm bers ganze Land. Denn siehst du, ich langweile mich. Ich langweile mich,
seit ich auf der Welt bin. Ich langweile mich bei Putz und Schmuck, beim
herrlichsten Sonnenaufgang und beim schnsten Gemlde. Versteh mich recht, es
ist mehr als die Langeweile, aus der mige Frauen Ehebruch begehen, Dummkpfe
zu Verbrechern werden, aus der die Hlfte alles bels in der Welt geschieht.
Nein, ich habe noch keinen einzigen Menschen kennen gelernt. Ich war in Paris am
Herzen der Erde gelegen und habe gezittert mit den Pulsschlgen der Nacht, ich
habe den vornehmsten Pbel rasend gemacht durch den Tanz, ich habe jubelnd
smtliche Tugend zum Teufel gehen lassen, - aber ich habe mich gelangweilt. Ich
habe mich in den Betten gewlzt, die Kissen zernagt und jeden Tag verflucht; ich
habe um Krieg gebetet und ein grauenhaftes Kanonenmodell konstruiert, ich bin in
die Berge gegangen und einsam geblieben; ich habe die berhmten Mnner
aufgesucht und fand sie so de, da mir war, als mte ich sie in den Arm
zwicken, damit sie wenigstens einmal schreien mchten, - alles war umsonst. Und
was willst du, armer Agathon, hier! Geh fort, auch ich packe heut mein Bndel
und fahre. Sie ging zum Fenster, ri es auf und sog mit geblhten Nasenflgeln
die Luft ein. Als Agathon ruhig blieb und sie beobachtete, stampfte sie mit dem
Fu auf und knirschte mit den Zhnen wie ein bsartiger Hund.
    Ein leises, aber bald anschwellendes, helles Gemurmel wurde hrbar. Eine
Prozession von Kindern zog die Strae herab. Die zuerst Kommenden beteten,
wodurch das silbrige monoton gleitende Murmeln entstand; die letzte Schar sang.
Alle Gesichter hatten eine so abenteuerliche Gleichgltigkeit, eine solch dumme
und gequlte Feierlichkeit, da es zugleich lcherlich und schrecklich war. Den
Nachtrab bildeten sechs Ministranten in weien Gewndern, einer trug ein groes,
schwarzes Kreuz. Jeanette sah darauf, und ihr Blick war fasziniert. Sie
schauderte.
    Agathon wich zurck vor ihr und ging. Ihm war, als ob er eine Tote verlie,
deren Seele man da drauen schon zum Grab geleitete.
    Auf der Strae folgte er dem Leichenzug in der Nhe des Sargs. Es war ein
Kindersarg, ein blasses und gebrechliches Huschen und der Tod hockte mit einem
Kranze darauf und sang im Chor. Agathon dachte den Tod um die Zukunft zu fragen,
da das Leben so schweigsam war.

                              Sechzehntes Kapitel


Nach dem unerwarteten Erfolg seines Buches hatte sich Stefan Gudstikker beeilt,
eine vornehme Wohnung zu mieten. Er betrieb eine eigene Art von Leutseligkeit
gegen seine Bekannten, die darin bestand, da er seinen berhmten Namen, auf
Visitenkarten gedruckt, hufig in ihre Briefkasten schob; er lie das Haar ein
wenig lnger wachsen, den Bart ein wenig imposanter stutzen, lie sich
photographieren, und zwar in einem Gesellschaftsrock, mit einer Kravatte von
durchbrochenem Rips, den Zylinder in der Hand, mit fest nach vorwrts
gerichtetem, gleichsam unparteiischem Blick und etwas mitleidig verzogenem Mund.
Nach solchen Vorbereitungen beschlo er, sich seinen Kollegen in der Hauptstadt
zu zeigen und sprach gegen seine vertrauten Freunde stirnrunzelnd von den
Kniffen, die er werde anwenden mssen, um gewissen Festlichkeiten zu entgehen.
    Kisten und Koffer waren gepackt. Die Fenster standen offen, und ein wrziger
Strom Vorfrhlingsluft flo herein. Gudstikker war beschftigt, seine
Reiselektre zu sichten, als sich die Tre ffnete und Monika Olifat hereinkam.
Sie ffnete die Tre nur wenig und schob sich furchtsam durch den Spalt.
Gudstikker war nicht angenehm berrascht, doch nahm er sich zusammen, ging hin
und bot ihr die Hand.
    Monika sah nicht, da er ihr die Hand gab. Sie setzte sich oder sie sank
vielmehr auf einen der herumstehenden Koffer, lie den Blick unsicher
umherschweifen und murmelte: Du gehst fort, Stefan?
    Aber natrlich, Nrrchen, ich mu doch, erwiderte Gudstikker. Begreifst
du denn nicht, da ich mu? Willst du dich nicht lieber auf den Stuhl setzen?
    Also du gehst fort, wiederholte Monika mechanisch. Du gehst fort. Und
sie wollte die Hand an die Stirn heben, lie sie aber im Scho ruhen. Beide
Hnde lagen da, schwer, aneinandergepret.
    Gudstikker lchelte schnell unter seinem schwarzen, koketten Bart hervor.
Dann nahm er ihre Hand und sagte: Liebes Kind, die Pflicht ruft. Dagegen ist
nichts auszurichten. Wer aber sagt denn, da ich nicht wieder komme, nicht
wieder zu dir komme? Angenommen auch, wir knnten uns nicht wieder treffen,
selbst diesen Fall angenommen, bliebe uns nicht die kstliche Erinnerung brig,
dir und mir? Flammen in der Vergangenheit wrmen selbst die Zukunft, sagt
irgendwo ein groer Dichter. Ist es denn ein so groes Unglck, einmal vom
vollen Becher des Lebens getrunken zu haben? Die Hauptsache ist, da man einmal
sich sttigt. Ich behandle ein solches Thema in meiner neuen Arbeit. Es ist
auerordentlich interessant, sie werden Gift und Galle spritzen, die Herren
Kritiker, aber das macht Spa. Ich habe den Plan meiner Mutter erzhlt; sie
meint sogar, da es ein ungewhnlicher Vorwurf ist. Sie hat ihr eigenes Urteil
in derlei Sachen, weit du. Mein Gott, was hat sie aber auch durchgemacht! Bei
solchen Leiden kommt man zur Philosophie, ohne es zu wollen. Nach dem Tod meines
Vaters ist es ihr so schlecht gegangen, da sie ihr Brautkleid, das Teuerste,
was sie an Erinnerungen besitzt, ins Pfandhaus tragen mute. Seit einiger Zeit
krnkelt sie brigens. Und nun, was ich dir anempfehlen will, Liebste, das ist:
Ruhe, innere und uere Ruhe. Du mut solche Ruhe bewahren, da unser Kind einst
der Abglanz unserer besten und tiefsten Stunden sein wird. Nur dadurch knnen
wir uns vor dem Schicksal rechtfertigen.
    Monika hatte sich erhoben und starrte hinaus gegen den Himmel, in eine lange
Linie rosenroter Wlkchen. Nun ja, sagte sie gepret. Das war alles. Ihre
beiden einst so frohen, einst so frischen Augen glnzten verrterisch, und als
sie mit kurzem Nicken sich zum Gehen wandte, perlte Trne auf Trne herab, ohne
da sie es zu hindern vermochte. Im Treppengang lehnte sie sich an einen Pfeiler
und hielt ihre Stirn mit beiden Hnden.
    Es zeigt sich, da zweihundert Jahre das Gemt der Menschen nicht verndern,
da dies nur eine winzige Phase ist im Proze der Umwandlungen. Es scheint, als
ob Charaktere oder Seelen ber Jahrhunderte hinweg in einer neuen Kette von
Erscheinungen und Ereignissen zu neuem Dasein erwachen mssen. Es ist dann
gleichgltig, ob dieser Wiedergekehrte Thomas Peter Hummel oder Stefan
Gudstikker heit.
    Als Gudstikker das Haus verlie, stie er so heftig mit einem die Strae
heraufeilenden Menschen zusammen, da ihm der Hut vom Kopfe flog. Zornig blickte
er auf, da war es Eduard Nieberding, zu dem er in letzter Zeit in
freundschaftliche Beziehung getreten war. Sie wechselten ein paar verlegene
Redensarten. Nieberding schien nicht allein zerstreut und abwesend, sondern auf
seinem Gesicht spiegelten sich auch die Bilder aufregender Sorgen und um seinen
Mund lag jener leise Ekel, in den sich bei schwachen Naturen so schnell jede
Mistimmung verwandelt. Ich mu nach Hause, sagte er und rannte davon.
    Er war in fieberhafter Ungeduld, eine Nachricht, die er vernommen, der
Schwester mitzuteilen. Er klopfte an ihre Tre, doch sie antwortete nicht. Er
drckte auf die Klinke, doch die Tre war versperrt. Er pochte strker und rief
ihren Namen, umsonst. Er ging wieder in sein Zimmer und schritt unruhig umher.
Seine matten Augen lagen tiefer als sonst; seine Hnde schienen ein eigenes
Leben fr sich zu fhren, schienen stets miteinander im Kampf zu liegen, sich
gegenseitig aufzureiben, worauf sie wieder lange Zeit bewegungslos und mde
herabhingen. Sie schienen begierig danach, sich im Gebet zu falten, begierig
nach einem Leiden.
    Nieberding hatte seltsame Gerchte vernommen ber Jeanette, die sich in
einem der kniglichen Schlsser aufhalten sollte. berall im Volk grte die
Erregung ber das Schicksal des Knigs, eine Unruhe, die tglich zunahm, ein
wachsender Ha gegen die Minister, gegen den Hof, gegen die Familie des Frsten,
denn das Volk liebte diesen Herrscher. Leute, die den Knig einmal gesehen,
konnten ihn nie wieder vergessen. Der Eindruck seiner Person war so tief, da,
wer ihn sah, selbst ein Stck Adel in seiner Seele davontrug. Er stand so
auerhalb des Gewhnlichen und Menschlich-Alltglichen, da der Nimbus, der
seine Handlungen umgab, ihn unantastbar machte fr Kritik.
    Als Cornely noch immer nicht kam, rief Nieberding die beiden Dienstboten.
Sie wuten nichts. Da pochte Nieberding, von einer schmerzlichen Ahnung erfat,
noch einmal so heftig er konnte an die Tre. Er lauschte und glaubte ein Seufzen
zu vernehmen, das wie durch Tcher gedmpft herausklang.
    Mit bermenschlicher Angst und Kraft stemmte er sich gegen die Tre und sie
sprang auf.
    Cornely lag mit nacktem Oberkrper ohnmchtig da, und Brust und Schultern
waren mit Striemen bedeckt. Ihr Gesicht war entstellt, die Lippen zu einer
schmalen Linie verzogen, die Brauen bogen sich angestrengt ber den Lidern.
Nieberding kniete nieder zu ihr, hob sie empor und legte sie aufs Bett. Bebend
starrte er sie an, whrend sein Herz langsamer schlug.
    Cornely, flsterte er an ihrem Ohr.
    Sie schlug die Augen auf. Dann zog sie voll Schrecken die Decke bis an den
Hals.
    Was hast du getan, Cornely? sagte Nieberding, in dessen Gesicht eine
zunehmende Furcht sichtbar war.
    Cornely richtete sich verstrt empor und griff nach der Hand des Bruders.
Ich kann nicht mehr schweigen, stammelte sie. Ich habe dich geliebt, liebe
dich, Eduard, es ist entsetzlich. Ich habe mein Blut gezchtigt, den Leib
gepeinigt, die Zunge wund gebissen, umsonst.
    Schwester! rief Nieberding und wich zurck.
    Warum mir ein solches Geschick? fuhr sie fort. Warum wei ich es und kann
es denken? Es gibt keine Rettung. Der Geist hat keine Gewalt, nur auf den Tod
ist Hoffnung.
    Vermehrte Furcht malte sich in Nieberdings Gesicht. Er nahm Cornelys Hand
und trstete sie, aber seine Worte waren so gewicht- und berzeugungslos wie die
eines Menschen, der weder an sich selbst noch an die Zukunft, noch an das Leben
berhaupt Hoffnungen zu knpfen vermag. Deshalb atmete er erleichtert auf, als
das Dienstmdchen eintrat und sagte, Herr Bojesen sei da und wnsche ihn
dringend zu sprechen. Er ging rasch hinaus und stand alsbald vor Bojesen, dessen
Kleidung solche Spuren geheimer und mhselig verborgener Vernachlssigung
aufwies, da, wer ihn frher gekannt, nunmehr Mitleid fhlte und noch mehr als
das.
    Sie wissen nicht, wo Agathon Geyer ist? begann Bojesen ohne weitere
Einleitung als einen flchtigen Gru.
    Nieberding antwortete verwundert, er kenne Agathon Geyer gar nicht. Er wurde
immer mehr verwundert durch Bojesens ruhlos zuckendes Wesen. Zahllose Male fuhr
Bojesen mit der flachen Hand ber die Stirn und lchelte verstrt in sich
hinein.
    Ich habe ja nicht gefragt, ob Sie ihn kennen, sagte Bojesen und blickte
sich mit leeren Augen um.
    Aber was gibt es denn? Was haben Sie?
    Entschuldigen Sie, da ich komme, murmelte Bojesen. Entschuldigen Sie.
Natrlich knnen Sie nichts wissen. Aber seit heute morgen renne ich bei allen
mglichen Leuten herum, hier und in Nrnberg. Deshalb komme ich auch zu Ihnen.
Kennen Sie die Schrift? Er hatte einen verschlossenen Brief aus der Brusttasche
gezogen, dessen Adresse er Nieberding hinhielt.
    Nieberding erbleichte. Es ist Jeanettens Hand. 
    Jeanettens Hand, sehr richtig, erwiderte Bojesen mit einem hmischen
Zucken der Mundwinkel. Jeanettens Hand, die in meinem Haushalt das unterste zu
oberst wirft. Ich glaubte schon Ruhe zu haben vor Jeanettens Hand. Aber das
braucht Sie nicht zu interessieren. Es ist nur ein Fingerzeig fr meinen
Biographen. Er kann meiner Lebensbeschreibung den Titel geben: Jeanettens Hand.
    Nieberding, der feige vor den Herzensqualen seiner Schwester zurckgewichen
war, sah sich hier einer neuen Verwicklung von Schmerzen gegenber. Auch ihn
hatte der Gedanke an Jeanette erregt, doch Bojesen erschien ihm so berlegen an
Leidenschaft, da er Angst hatte, ihn zu einem gewaltsamen Ausbruch zu reizen.
Und was will sie? Weshalb schreibt sie an diesen Agathon? wagte er endlich zu
forschen.
    Sie bittet mich bei allem, was mir heilig ist, als obs dergleichen noch
gbe, ich solle Agathon suchen und ihm den Brief geben. Sie wisse niemand, an
den sie sonst schreiben knne. Ich solle keinen Schritt scheuen, ihn zu finden.
Der Brief ist auf schwarzes Papier mit grner Tinte in Eile hingekritzelt. Der
Poststempel ist von einem Dorf im Hochgebirg. Gehen Sie mit mir nach Zirndorf.
Ich kann jetzt nicht allein sein. Es sind so de Strecken. Oder wir wollen einen
Wagen nehmen. Bezahlen mssen Sie.
    Wie gebannt starrte Nieberding in das Gesicht des Lehrers. Fast willenlos
nahm er den Hut und ging, sich von der Schwester zu verabschieden. Er fand sie
am Fenster stehend. Befangen und schuldbewut reichte er ihr die Hand und sagte,
er komme bald wieder.
    Sie schien zuerst nicht verstehen zu knnen. Dann nickte sie. Ihr Blick
wandte sich fremd auf die dunkle Landschaft. Als Nieberding fort war, nahm sie
ein Tuch, hllte den Kopf damit ein, schlug mit einer krampfhaften Gebrde die
Hnde zusammen, dann legte sie einen Schlsselbund und ihre Geldbrse auf das
Bett und kurze Zeit darauf stand sie unter den noch kahlen Bumen der
abschssigen Wasseranlagen. Sie beschleunigte ihren Schritt nicht. Sie ging
immer langsamer, oft mit geschlossenen Lidern, mit einem Ausdruck im Gesicht,
der ein Gemisch von Erwartung und Horchen war. Sie glich einer verwelkten
Pflanze.
    Sie hatte geglaubt, als sie von Hause ging, sie suche den Tod; aber jetzt
bemerkte sie, da es nicht der Tod war, den sie suchte. Das wurde ihr so jhe
klar, da sie frstelnd stillstand und berlegte. Auf der Strae befand sich ein
Lastwagen, und auf ihm waren trotz der Abendstunde, noch Leute damit
beschftigt, massive Eisenschienen auf Strohbolzen herabfallen zu lassen. Es gab
ein hallendes Getse, ein schrill-wuchtiges Klingen, das dem Geschrei einer
fernen Volksmenge glich; in einer andern Strae spielten Kinder, als ob die
Nacht gar keine Unterbrechung fr ihr Spiel bringen wrde; in einer andern
Strae rauften zwei Dienstmnner und brachten ein Droschkenpferd zum Durchgehen.
Das war gewhnlich, aber fr Cornely war es Leben. Sie kannte solches Leben
nicht; jetzt jedoch sah sie das Leben ber die Schrzen der Mdchen huschen, die
ber das Pflaster liefen; sie sah es tropfen von den Balkonen, wo man die
Zimmerpalmen bego; es kletterte in Gestalt einer Katze ber die Zune, es
bellte als Hund, es lutete als Abendgelut.
    Mit jedem Schritt klammerte sie sich fester an diese neuen Vorstellungen.
Sie dachte an Jeanette, an die Spiele, die sie als Kind mit ihr gespielt, und
bekam pltzlich Sehnsucht, Jeanette zu sehen. Sie verga, da Jahre seitdem
hingegangen waren, und es kam ihr vor, als knne sie Jeanette treffen wie
damals, wenn sie nur das Lwengardsche Haus betrete. Als sie aber wirklich vor
dem Gebude stand, schmte sie sich und kehrte seufzend um.
    Sie kehrte um, nach Hause, setzte sich in Eduards Zimmer und dachte nach.
Sie grbelte ber sich selbst und durch welche Umstnde und Fgungen sie zu dem
geworden, was sie eben war. Es schien ihr, als ruhte die Lgenlast von
Jahrhunderten auf ihr und drcke sie nieder, ersticke jede Freiheit, jeden
Willen zur Freiheit. Unter all diesen Gedanken war auch einer, der sie zittern
lie. Zittern vor dem Reichtum, vor der Flle, die sie jetzt umgaben. Ihr Vater
war Sklavenhndler in Amerika gewesen. Dies war genug fr sie, da sie die
Seelen Hingepeitschter in den Polstern versteckt sah, da die Luft um sie herum
erfllt schien von aufbewahrten Rufen des Jammers und des Schreckens.
Unwillkrlich erhob sie sich, als frchte sie die Berhrung mit dem Stoff des
Sessels knne sie beschmutzen und ihre Bedrcktheit stieg bis zu einem kaum
ertrglichen Grad. Von einem Abgrund zum andern getrieben, haltlos, voll
mystischer Sehnsucht und sinnlicher Begierde, glaubte sie, das Herz springe ihr
unter dem wachsenden Druck entzwei. Fast mechanisch, wie ein Fallender nach
einem Halt greift, nahm sie ein altes Buch aus dem Regal, schlug die Bltter um
und ihr Blick fiel auf ein Gedicht. Es lautete:

Sag' mir an, du trbes Gespenst,
was du Wissen und Leiden nennst?

Sag' mir, du ruhige Finsternis,
warum Gott seinen Sohn verlie?

Sprich, du Himmel ohne Gnaden,
weshalb hat mich der Freund verraten?

O sprich, du lange Einsamkeit,
was ist Tod und was ist Zeit?

Da begann das trbe Gespenst:
Was du Wissen und Leiden nennst,
das ist kraft eines deutlichen Traumes;
das ist Spiel eines bunten Saumes,
Saum vom Kleide der Ewigkeit,
Kraft eines langerloschenen Lichts,
dies ist Wissen, dies ist Leid
und sonst nichts.

Sprach die ruhige Finsternis:
Warum Gott seinen Sohn verlie,
das ist kraft seiner Lust zur Freude;
es ist Kampfspiel, das stets erneute
Hangen und Bangen am Lebensbaum.
Gott wnschte einen Sohn des Lichts;
seine Vaterliebe ist nur ein Traum
und sonst nichts.

Sprach der Himmel ohne Gnaden:
Mit Recht hat dich der Freund verraten.
Freundschaft ist zrtliches Betrgen,
Kopfnicken und Rckenbiegen.
Umklammert deine Faust das Schwert
dann freu dich du des Verrtergerichts;
entbehren ist, was dich der Freund gelehrt
und sonst nichts.

Sprach die lange Einsamkeit:
Frage nicht, was Tod und Zeit.
Tod bist du und Zeit bist du,
Rast und Flucht und Kampf und Ruh.
Aus dem Knuel der Wirklichkeiten
wirst du am Tag des groen Verzichts
hin vor meine Fe gleiten,
und sonst nichts.

    Als Cornely dies gelesen, schaute sie geraume Zeit mit staunenden Augen ins
Lampenlicht. Dann ging sie in ihr Schlafgemach und begann sich mit trumerischer
Ruhe zu entkleiden. Sie entfernte auch das Hemd vom Krper und trat vor den
Spiegel, um sich mit dem gleichen vertrumten, etwas staunenden und verlorenen
Blick zu betrachten. Diese Empfindung des Losgelstseins und der Leichtigkeit
hatte sie wnschen lassen, nackt zu sein. Doch sah sie nicht den eigenen Krper,
sondern freundliche Gestalten umschwebten sie, deren Nhe ihr beglckend dnkte.

                              Siebzehntes Kapitel


Der flchtige Traum von Frhling war schon wieder vorbei, als Agathon an einem
kalten Sptnachmittag nach Frth kam. Er war ziemlich lange umhergewandert, ohne
da er sich entschlieen konnte, jemand von den Menschen aufzusuchen, die er
kannte. Es dunkelte schon, als er aus dem ersten Stock eines kleinen Hauses zu
seinem Erstaunen den wolligen Kopf der Frau Olifat gewahrte. Im Nu hatte die
lebhafte Dame auch ihn erkannt und winkte ihm zu, er solle hinauskommen.
    Monika sa in einem Lehnstuhl und schaute mit einem haerfllten Blick auf
ihn, als er eintrat. Sie wehrte ihre Mutter von sich ab, die mit
schmeichlerischer Geschwtzigkeit auf polnisch in sie hineinredete, darauf
wandte sich Frau Olifat an Agathon und setzte ihm mit groer Zungengelufigkeit,
halb deutsch, halb franzsisch die Grnde auseinander, weshalb sie in die Stadt
gezogen sei. Dann klagte sie ber Monika, die den ganzen Tag dasitze, ohne zu
sprechen, ohne zu essen, ohne zu lachen. Und wieder ergriff sie Monikas Hnde
und redete auf sie ein. Doch das Mdchen drehte mit einer bsartigen
Gleichgltigkeit, als sei sie taub, das Gesicht nach einer anderen Richtung. Die
gequlte Mutter wurde zornig; unerschpflich entflo ein Strom von Schmhungen
ihren Lippen, und sie erhob den Arm wie zum Schlag. Dann richtete sie sich
gravittisch auf, schritt zur Tr und warf sie drhnend hinter sich zu.
    Agathon sah sich mit Monika allein. Wieder fhlte er eine atemraubende
Beklemmung ihr gegenber. Er vermochte nichts zu reden. Ihre Wangen hatten sich,
kaum da die Mutter das Zimmer verlassen, mit einem brennenden Rot bedeckt, und
ihre Augen glnzten feucht, - vor Scham und Verzweiflung. Ich kann ja gehen,
Agathon, wenn Sie nicht mit mir allein sein wollen, sagte sie mit einer
eigentmlich brchigen Stimme, und um ihre Lippen spielte ein sinnloses Lcheln.
    Gern htte Agathon ihre Hand ergriffen, um sie zu bitten, sie mge wieder du
sagen. Aber er konnte nicht. Unberwindliche Scheu fesselte ihn an den Platz, wo
er war. Was hast du nun eigentlich, Monika? fragte er ruhig.
    Ihre Blicke begegneten sich zum erstenmal. Agathon hatte dabei das Gefhl,
als schaue er in einen Raum mit kahlen Wnden.
    Ich wei es, du hast Gudstikker geliebt, sagte Agathon, aber deshalb mut
du noch nicht am Leben verzweifeln, Monika. Du hast ja den Kopf immer hoch
getragen. Und jetzt? Was ist mit dir? Ist denn das Leben fr dich weniger gro
und gut geworden? Viele haben geliebt und entbehren mssen, Monika. Nun kommt
bald der Frhling, und du wirst dich freuen, wenn die warme Sonne auf dich
scheint, und du wirst mit Esther in den Wald gehen und deine Wangen werden
wieder rot sein. Und wenn der Herbst kommt, wirst du alles vergessen haben,
Monika, diesen ganzen elenden Winter wirst du vergessen haben.
    Da richtete sich Monika auf, und ber ihre Zge ging eine zuckende Bewegung.
O Agathon, rief sie aus, nie mehr knnen meine Wangen rot werden, nie mehr,
nie mehr. Nie mehr kann ich in den Wald und die Sonne sehen, nie mehr kann ich
vergessen, Agathon, nie mehr, nie mehr.
    Agathon nherte sich ihr, beugte sich herab, ergriff ihre Hand und schaute
sie an. Was hast du getan, Monika? Warum schweigst du? Warum verschweigst du
mirs?
    Monika erhob beide Arme und legte die Hnde um Agathons Nacken. So sah sie
zu ihm empor mit einem feierlichen Blick, der etwas Drohendes in der Ferne zu
erblicken schien und sagte, jede Silbe betonend: Er hat mich betrogen. Geh hin
und rche mich. 
    Monika! flsterte Agathon und machte sich los von ihr.
    Es ist so finster, sagte Monika verstrt und schauerte zusammen. Es wird
schon Nacht. Ja, ich habe mich ihm hingegeben, ganz und gar. Aber denke nicht
schlecht von mir, Agathon, was wute ich denn von solchen Knsten, wie er sie
besitzt. Gehst du, Agathon? Jetzt willst du gehen? Bleib doch -!
    Als die Tre sich hinter Agathon geschlossen hatte, warf sie sich jammernd
zu Boden. Aber bald darauf kam er wieder und fragte sie, die hilflos vor ihm
lag. Wo wohnt er?
    Monika, das Gesicht gegen die Dielen gewandt, nannte die Strae und das
Haus.
    Gudstikker war daheim, als Agathon bei ihm anklopfte. Er hatte seine Abreise
verschoben. Er zeigte ein berraschtes und freudiges Gesicht bei Agathons
Anblick und ging mit ausgestreckten Hnden auf ihn zu, blieb aber auf halbem
Wege wie angewurzelt stehen. Was machen Sie denn fr ein Gesicht,
Verehrungswrdiger, sagte er erblassend, halb scherzhaft, halb trotzig.
    Agathon stand ihm gegenber, und er fhlte pltzlich all seine Kraft wie
verblasen. Voll von brennendem Zorn, der sein Herz zusammenzog, war er noch die
Treppe heraufgekommen, aber sobald er in dies lgnerische Gesicht geblickt, war
er entwaffnet. Es war die Lge selbst, die ihm entgegentrat. Ich komme wegen
Monika, das war alles, was er herausbrachte und Gudstikker nickte vor sich hin,
als ob es ihn traurig mache, diesen Namen zu hren. Er ist eine jdische Natur,
dachte Agathon pltzlich, indem er das Wort in seinem hlichsten Sinn fate;
Gudstikker schien ihm der jdischste Mensch, den er je getroffen.
    Monika! Ein schner Name, ein herrliches Mdchen, begann Gudstikker, wie
in Erinnerungen verloren und schritt langsam auf und ab. Wir haben zusammen den
Lenz des Lebens genossen. Sie hat mich ber eine wste Strecke meines Daseins
mit Flgeln hinweggetragen. Ich danke ihr viel und meinem Herzen bleibt sie, was
sie war. Sie wrde es nicht bleiben, wenn ich kleinlich sein und unsere
Schicksale auch weiterhin verketten wollte. Nach brgerlichen Begriffen htte
ich vielleicht die Pflicht, es zu tun, aber meine Aufgabe ist es jetzt, mit den
brgerlichen Begriffen zu brechen, ja sogar sie als das zu zeigen, was sie sind,
nmlich Gespenster, die den holden Tag des Glckes verfinstern. Der schaffende
Geist mu frei sein. Was allen andern rcksichtslos erscheint, ist fr ihn ein
Naturgesetz und die einzige Mglichkeit der Selbsterhaltung.
    Erstaunt blickte Agathon auf diese redseligen Lippen. Er schwieg.
    Ja, eine gewisse Grausamkeit ist ntig, das wird mir immer klarer, fuhr
Gudstikker fort; sie ist ntig, um die widerwilligen Dmonen des eigenen Lebens
gehorsam zu machen. Nicht um schlechthin tugendhaft zu sein, sind wir da,
sondern um aus unseren Gaben Tugenden zu machen. Sie, Agathon, sind ein wenig
allzusehr reiner Idealist. Es fehlt Ihnen an Kenntnis des Lebens. Ich mache
Ihnen einen Vorschlag: seien Sie einmal eine Nacht lang mein Begleiter. Lassen
Sie mich von jetzt an bis zum Morgengrauen Ihren diable boiteux sein. Haben Sie
schon zu Abend gegessen? Vortrefflich, dann kommen Sie.
    Wie gebannt folgte Agathon jeder Bewegung, jeder Geste Gudstikkers. Zugleich
empfand er ein unheimliches Grauen vor seiner Zunge, die bisweilen hinter dem
schwarzen Schnurrbart hervorblitzte wie ein Flmmchen. Er suchte sich all diesem
zu entziehen, aber umsonst. Er folgte Gudstikker, der mehrmals kurz vor sich
hinlachte, ins Freie,
    Der Weg fhrte sie durch dunkle Gassen in die Vorstadt, wo verrufene Huser
standen, wo wenige Laternen ein drftiges Licht spendeten, und wo Schutzleute zu
zweien und dreien gingen, streng, finster, sorgsam sphend.
    Sie kamen zunchst an ein einstckiges Huschen, ber dessen Portal eine
grne Lampe brannte. Die Fenster waren dicht verhngt.
    Als Gudstikker das Tor geffnet hatte und in einen mit verblichener,
gleichsam abgesessener Pracht ausgestatteten Raum getreten war, kam den beiden
eine Schar von geschminkten Mdchen entgegen, die mit Gudstikker sehr vertraut
taten, sich an seinen Arm hingen, lachten, trllerten, scherzten, nach Wein
riefen und sich auf jede Weise geruschvoll gebrdeten. Sie waren mit nichts
bekleidet als mit einem Hemd und langen Strmpfen; ihre Augen glnzten
krankhaft, oder schienen mde, ihre Bewegungen waren geziert, ihr Lachen
bertrieben, ihre Scherze zynisch. Ihr Gang hatte etwas Schwankendes, das Spiel
ihrer Hnde und Finger etwas Gieriges und Abenteuerliches. Seltsamerweise
beachteten sie Agathon gar nicht: manche blickten scheu nach ihm hin, aber taten
dann wieder, als shen sie ihn nicht. Bisweilen erschien eine ltere Dame und
fhrte Reden, die etwas Anfeuerndes haben sollten; bisweilen auch lutete eine
Glocke, dann verschwand eines der Mdchen lchelnd und die andern sahen
teilnahmlos ins Leere, immer dieselbe auffordernde Miene beibehaltend.
    Gudstikker benahm sich wie zu Hause. Gnnerhaft verabreichte er seine Worte,
lehnte sich breit und behaglich auf den verschabten Polstern zurck, klatschte
leutselig auf nackte Arme, schlug ein paar Takte auf einem schrillklingenden
Klavier an, lchelte nachsichtig, wenn ihn die Mdchen neckten und den schwarzen
Doktor nannten, doch bei alledem schwand eine gewisse ernste Falte nicht von
seinem Gesicht und ein stechender Blick nicht aus seinen Augen. Bald ging er
weiter mit Agathon in ein daneben befindliches Gebude, und Agathon folgte,
betubt durch eine beengende Erwartung, die er nicht deuten konnte. Wiederum sah
er den verkommenen Putz erbrmlicher Prunkstuben, halberblindete Spiegel, von
Staub zerfressene Goldrahmen; wieder sah er die fr den Gebrauch der Nacht
berschminkten Frauengesichter, in denen jedes Leiden, jeder Schmerz, jedes
Nachdenken, jede Erinnerung, jede Feinheit verschwunden war, wiederum roch er
die abgelagerte Luft von gestern, atmete den Rauch der Zigaretten, den Dunst der
Weine und wurde behandelt wie einer, der nicht da ist oder den man nicht sieht.
Er sah in dunkle Nebenkammern, wie man auf einer lngstverdeten Strae
Wagenspuren verfolgt; das heimische Laster hatte seine Spuren selbst in die
Finsternis gegraben. Er sah in andern Stuben junge Mnner lungern und sich
erhitzen um einen Ku, von dem sie vergessen wollten, wie feil er war und wie
jedem er gewhrt worden war. Er sah Spielkarten fliegen und hrte rohe Scherze
durch die Wnde dringen, Pfropfen knallen, Goldstcke rollen und glaubte zu
erkennen, wie mancher seine Ohren verschlo gegen die Stimmen, die er nicht
hren wollte, nie hren durfte, ohne den Verstand zu verlieren. Er erblickte die
Kammern dieser Frauen und Mdchen, die von unsinnigem Zierat starrten, worin sie
sich bei Tag einem bleiernen Schlaf berlieen, worin ein rotes oder grnes
Licht knstliche Schwlnis hervorbrachte und selbst den abgeschabten Stellen der
Tapete etwas Schmckendes verlieh, gleich dem Mrchen von der ersten Snde und
der poetischen Verfhrung, das die Bewohnerin in seinem matten Schein ersinnt
und dem empfindsam gewordenen Besucher verabreicht. Er sah die verschnrkelten,
steilen Treppen, auf denen die Mdchen hinauf- und hinabeilten und dabei
berechneten, wieviel sie noch verdienen mten, um sich bezahlt zu machen dafr,
da sie hier in Hemd und Strmpfen sich msten durften, ohne da man mehr von
ihnen verlangte, als da sie lachten, lachten, immer lachten. Mochten sie fett
oder mager sein, blond oder schwarz, alt oder jung, sie hatten keine Aufgabe,
als die, zu lachen. Und jedes neue Luten der Glocke brachte einen neuen Gast in
diese Krmerei, wo lebendiges Fleisch verhandelt wurde: Junge Menschen, die mit
zitternden Lippen und studiertem Gleichmut unter der Schwelle standen, um zu
warten, was man mit ihnen beginnen wrde; schiefe Greise, die einen letzten
Funken ihres vergehenden Lebens anzufachen bemht waren; Mnner, von Langeweile
und Gewohnheit hergetrieben, Knaben sogar mit den erschreckenden Zeichen
vorzeitiger Fehltritte in den Augen, die sie wissend einem alles verschlingenden
Abgrund zueilen lieen, Brutigame, die ein Mittel suchten, die ideale
Schwrmerei des Brautstandes zu berdauern, geachtete Brger, die liebenswrdige
und gute Frauen besaen, Lehrer, Beamte, Studenten, Handwerker ... Wie um
Erbarmen stehend, suchten Agathons Augen diejenigen Gudstikkers und diese
antworteten: Hier gibt es kein Erbarmen. Und Agathon verlor Ruhe, Kraft und
Besinnung und Bild auf Bild in stummer Reihenfolge bedrngte ihn. Oft war es
auch ein leidendes Gesicht, das er gewahrte, das mit hineingerissen wurde in den
Strudel und versank. Erschttert wollte er fliehen, doch schon war Gudstikker
neben ihm, der ihn fhrte, - durch die menschenleeren Gassen der Stadt.
    Warum, warum ist das alles? fragte Agathon flsternd. Aber nichts gab ihm
Antwort, whrend Gudstikkers Nhe mehr und mehr beklemmend auf ihn wirkte. Und
er sah durch die Mauern der Huser, armer und reicher Huser; er hrte
Angstrufe, Hilfeschreie einer versinkenden Gesellschaft, einer Welt, die wie ein
Schiff sich langsam mit Wasser fllt, um unrettbar in den Abgrund zu tauchen.
Bis jetzt war es nur das offene Spiel gewesen, das lediglich zum Schein den
Stempel der Heimlichkeit trgt, und um jenen Anstand zu wahren, der noch die
letzte Klammer der berstenden Wnde bildet. Er sah, da jedes Haus eine Wunde
hatte, die unheilbar war; da jede Tr eines jeden Zimmers mit unverlschlichen
Lettern das Gedchtnis eines schweren Makels aufbewahrte; da jedes Glas eines
jeden Fensters auf Dinge geschaut, die besser in dichtem Dunkel begangen worden
wren; da kein Schlfer unter allen so ruhig schlief, da selbst seine reinsten
Trume nicht durch den Nachhauch eines begangenen Frevels getrbt wurden, da
die Bereitwilligkeit, sich zu verkaufen, in keinem verschlossenen Haus geringer
war, als in jenen ffentlichen; da das Glck und die Ruhe aus den Zgen des
Lebens verwischt waren und da der Weinende wie der Lachende eine Maske trgt;
da die Hndler des Fleisches und die Hndler des Geistes bei Tag und Nacht,
jahraus, jahrein durch die Gassen gehen und harmlos scherzend Gift sen; da die
Kaserne und das Spital, der Palast und das Gefngnis, die Kirche und das
Wirtshaus, das Theater und die Schule von einem Schmerz gepeinigt, von einer
Lge erhalten, von einer Hoffnung betrogen werden. Und Agathon sah das Ziel in
der Ferne zerstuben zu nichts, die Fackel, die seinen Weg erleuchtet, langsam
vergehen und erkannte, da er gegen die gigantische Masse des Elends nichts war
als ein Kind, das mit seinen Hndchen Gebirge abtragen will. Und Jude oder
Christ, was bedeutete ihm das noch gegenber diesem heimlichen und lautlosen
Kampf, der hier zwischen schlafenden Mauern gefhrt wurde? Jude und Christ
hatten in gleicher Weise dazu beigetragen, das Jahrhundert dorthin zu fhren, wo
es stand, und ihre Todeszeugen fielen einander grinsend in die Arme und
schlossen Bruderschaft.
    Gute Nacht, Bester,  sagte Gudstikker jovial, als sie vor seinem Haus
standen. Ich denke, meine Dienste haben Ihnen gut getan. Die Welt ist viel
grer, als Sie glauben. Setzen Sie sich auseinander mit ihr, gute Nacht.
    Agathon nahm den Gru verstndnislos hin und blieb, als er sich allein sah,
lange Zeit an derselben Stelle stehen. Mit dem Verschwinden Gudstikkers waren
die Bilder und Gesichte vorbei. Agathon hatte kein Bett, keinen Zufluchtsort,
begehrte keinen Zufluchtsort, begehrte keine Ruhe. Betrunkene taumelten an ihm
vorbei, grhlend oder still, begeistert oder trbsinnig. Alles was noch lebendig
war auf den Straen, wurde durch den Geist der Besoffenheit bewegt, der einen
belriechenden Dunst erzeugte. Dieser Geruch wird auch morgen das ffentliche
Leben durchdringen und die Seelen der Besseren unmutig machen; er wird jede
Frau, die schlaflos an dem Lager ihrer Kinder brtet, den Mann und die Liebe
verachten lassen und wird alle Gefhle der Anmut und Frische zerstren, jede
Vereinigung von Krften unterwhlen.
    Agathon war im tiefsten Herzen verzweifelt.
    Vielleicht gab es noch eines, was ihn aufrichten konnte. Die Gestalt
Bojesens erhob sich pltzlich aus der Vergangenheit, von einem bertriebenen
Nimbus verklrt. Agathon blickte auf sie hin, wie auf eine trstende Gestalt.
Ehe er es berlegte, befand er sich schon vor dem Haus, in dem der Lehrer
wohnte. Da das Tor bei der spten Stunde schon geschlossen war, lie sich
Agathon kraftlos auf die feuchten Steinflieen nieder, umschlo die Knie mit den
Armen und wartete. Er wartete ohne Empfindung fr das Vorbeiflieen der Zeit. Im
dritten Stock, wo Bojesen wohnte, ffnete sich bisweilen ein Fenster. Die Uhren
schlugen eins, zwei, schlugen drei. Die Finsternis der Gasse schien klebriger
und krperlicher zu werden.
    Aber war das nicht Bojesen, der vor ihm stand? Diese etwas zusammengekrmmte
Figur, die den Hut schief auf dem Kopf sitzen, die Hnde tief in den Taschen
vergraben hatte? Waren das nicht Bojesens Zge? Agathon mute unwillkrlich
lcheln, da dies seltsam abstoende Bild eines Menschen, diese schwankende
Nachtgestalt solche hnlichkeit aufwies. Aber warum starrte nun der
Schein-Bojesen so? suchte in seinen Taschen nach Schlsseln -? brummte, als er
sie nicht fand -?
    Es erwies sich, da es mehr als eine bloe hnlichkeit gab zwischen dem
falschen Bojesen und dem Bojesen in Agathons Erwartung. Schlielich erhob
Agathon in stechendem Schrecken die Hnde und ffnete den Mund zu einem Schrei,
den seine Kehle ihm nicht bewilligte. Dann fuhr Bojesen, der seine Schlssel
noch immer nicht hatte finden knnen, zurck und lehnte sich stammelnd an den
Laternenpfahl. Ich - suchte - Sie - sch - schon - l - lange genug - Ag -
Agathon, sagte er.
    Agathon stand auf und trat dicht vor ihn hin.
    Bojesen zog mit einer mechanischen Bewegung den Brief aus seiner
Brusttasche. Da lesen Sie ihn gleich, sagte er und war pltzlich wieder im
Besitz seiner Sprache. Sagen Sie mir, was es ist. Sagen Sie es mir. Ich vergehe
sonst. Ja, ja, ich liebe dieses Weib, kann mich nicht losreien, verbrenne mir
das Herz dabei, verliere mein Seelenheil, mein Geistesheil, alles, alles. Ich
bin hin, eine Null, ein hohler Stamm, ein mrbes Blatt, ausgeblasen, bankrott.
Was weichen Sie zurck vor mir? Agathon, haben Sie Mitleid! Oder sind Sie die
Tugend selbst, da Sie mich verachten drfen? Was weichen Sie zurck mit
entsetzten Augen?
    Agathon wich zurck vor dem Schnapsgeruch, der aus Bojesens Munde kam.
Bojesen hatte wie ein Fiebernder geredet, mit berstrzten Stzen, purzelnden
Worten und theatralischen Armbewegungen.
    Nein, nein, ich bin nicht betrunken, fuhr er fort und ballte die Fuste;
nur ein paar Glser Grog, das ist alles fr einen Bankrotteur. Agathon lesen
Sie den Brief (seine Stimme wurde heiser) und seien Sie aufrichtig mit Ihrem
Freund -
    Da wandte sich Agathon, nachdem er den Brief an sich genommen und ging fort,
so schnell er immer konnte. Und hinter sich hrte er den verzweifelten,
ersterbenden Ruf in die Nacht verhallen: Agathon! Agathon! Als er die
Wasseralleen erreicht hatte und den Flu neben sich rauschen hrte, vernahm er
es immer noch, dies: Agathon, als ob es aus dem Bett des Stromes kme.
    Der Tag war fr ihn beschlossen und das Jahr. Und viele Bauten, die unlngst
noch prchtige Pforten vor ihm aufgetan hatten, schlossen diese Pforten von
selbst wieder. ber der schier mit Hnden zu greifenden Finsternis der Allee sah
er eine brennende Stadt, ein brennendes Land. Erst brannte es sichtbar und
lichterloh, dann war das Feuer unterirdisch und man hrte keinen Hilferuf.
    Er kam an die Stelle, wo die Neubauten waren. Das Haus, in dem damals der
Trockenofen gebrannt, war schon bewohnt. Aber daneben war noch ein anderer
Neubau und heute brannte in diesem der Trockenofen und verbreitete seine dstere
Rte in dem Gebude und in dem Buschwerk der Umgebung. Nach einiger Mhe gelang
es Agathon, sich durch das verrammelte Tor zu zwngen. Er legte sich vor den
Ofen und bemerkte, da seine Knie vor Klte schlotterten. Doch er empfand es
kaum. Sein bleiches Gesicht zuckte nur bisweilen unter der ungeheueren Bewegung
seines Innern.
    Schlielich, Stunden mochten verronnen sein, und die Hhne begannen schon zu
krhen, erinnerte er sich des Briefes. Er sah ihn an und erkannte Jeanettens
Schriftzge. Er ri ihn auf und eine Banknote fiel heraus. Auf dem Papier stand
mit gleichsam entsetzten und befehlenden Lettern nichts als eine Adresse der
Hauptstadt und die Worte: Komme sogleich hierher.

                              Achtzehntes Kapitel


Bevor noch der Morgen graute, stand Agathon auf dem Bahnhof und erfragte die
Abfahrtszeit des nchsten Zuges nach der Residenz. Um ein Viertel nach acht Uhr
sah er sich durch die Ebenen Frankens rasen, ber denen ein milder Nebel lag,
sah Flsse unter sich und neben sich verschwinden, tauchte den Blick in die
Nacht raschverfliegender Wlder, suchte das Bild von Drfern festzuhalten, die
sich ngstlich an sanft ansteigende Hhen klammerten, von Stdten, die erst
aufzuwachen schienen, und er glaubte, dies alles sei vorher gar nicht dagewesen,
sondern sei um dieses einen Tages willen eigens fr ihn gemacht. Dann kamen
Mittelgebirgslnder mit der idyllischen Ruhe dicht-zusammenliegender
Marktflecken, mit alten Steinbrchen, tiefen Tlern, kahlen Hgelketten,
vergoldet von der Morgensonne, die sich schlaftrunken aus umlagernden Wolken
lste, dann ein Strom, breit und grn, dann wieder eine endlose, drre Ebene,
ber der es zu regnen anfing, alles eine Folge von sich jagenden Bildern wie in
einem Scheindasein.
    In der Residenz angelangt, suchte er sogleich die Strae, die ihm Jeanette
angegeben. Betubt von Lrm und Getse, aber ganz ohne Aufnahmefhigkeit fr die
Dinge um sich her, gelangte er endlich vor das Haus. Eine alte Frau ffnete ihm.
Auf sein Fragen wies sie ihn ohne weiteres in ein lngliches, etwas dumpfes
Zimmer und bedeutete ihn, er mge warten.
    So wartete er. Er hatte sich auf einen niedrigen Sessel gesetzt und blickte
mit unbewegtem Gesicht vor sich hin. Er konnte kaum begreifen, wie er hierher
gelangt war. Seine Wangen waren fahl, seine Augen erloschen, seine Haltung
zeugte von einem sich verkriechenden Schmerz.
    Pltzlich ging die Tr auf. Herein trat Jeanette. Sie warf Hut und Mantel
achtlos in eine Ecke. Sie schien auer Atem, ihr Blick abgehetzt wie so oft und
von trgerischem Feuer erfllt. Sie hatte Agathon kaum begrt, als sie auf den
nchsten Sitz sank, die Hnde vor das Gesicht schlug und laut aufsthnte.
    Warum bist du nicht frher gekommen, Agathon? murmelte sie nach einer
Weile. Ich habe dich erwartet. Ich brauchte einen Menschen, ich brauchte dich,
ein einziges Herz in dieser Wste, ich wollte dich sehen, dein zuhrendes Auge
sehen, den Rat hren, der in deinem Schweigen liegt, denn du bist klger als du
ahnst.
    Agathon stand auf und trat zu ihr. Als er sie berhrte, sah sie zu ihm
empor. Seine Berhrung schien sie zu trsten. Sie drckte ihm die Hand. Ich
glaubte, ich htte den Verstand verloren, sagte sie und strich sich ber die
Stirn. Setz dich zu mir, Agathon, ich will dir erzhlen. Wie kstlich, wie gut,
da du da bist und ich zu dir reden kann!
    Und sie erzhlte.
    Sie war, wie schon vorher verabredet, auf eines der kniglichen Schlsser
gebracht worden, in dem sich der Frst gerade aufhielt. Es war ein unerhrter
Glanz, der sie mitten im Hochwald empfing. Sie hatte den Eindruck, als verfolge
man mit ihrer Person irgend eine Absicht bei dem Monarchen, der seit Jahren sich
von allen Frauen ferngehalten. Sie sah also den Knig. Jene Leidenschaft, deren
Gef sie von da ab war, erfllte sie sogleich beim ersten Anblick. Er war von
ziemlich fetter, aber zugleich riesenhafter Gestalt. Seine Schultern waren so
breit und mchtig, da sie fr jeden, ber den sie sich beugten, etwas
Zermalmendes hatten. Sein Gesicht war auergewhnlich bleich, sein Haar
glanzlos, tiefschwarz und stand so dicht wie das Gras vor dem Mhen. Doch all
das wurde belanglos durch die Augen. Tiefblau wie die Gebirgsseen, waren sie von
einem hinreienden Ausdruck, von einem heftigen Feuer erfllt. Es schien, da
ihnen keine Qual erspart geblieben, da sie keine Schnheit unwiderstrahlt
gelassen. Niemand konnte ertragen, furchtlos in sie zu schauen. Seine Kleidung
war die eines einfachen Brgers. In seinem Wesen war wenig von Majestt.
Ruhelosigkeit, die Angst des Verfolgten, machtloser Zorn, tiefe Bitterkeit
beherrschten ihn.
    Es schien etwas Schreckliches im Werk zu sein, fuhr Jeanette fort. Das
ganze Schlo, die Dienerschaft, die Offiziere, alles war in Bewegung, in Hast,
in Erwartung. In der Nacht fuhr der Knig in sechsspnniger Karosse in die
Residenz und Vorreiter mit Fackeln beleuchteten den Weg. Er verschmht es die
Bahn zu benutzen. Am Morgen, ich hatte nicht schlafen knnen, sondern war am
Fenster gelegen und hatte in den Wald gestiert, am Morgen kam er wieder und die
Unruhe, die ich an ihm bemerkt, hatte sich verzehnfacht. Ich beobachtete ihn vom
Fenster aus und sah, wie sein gewaltiger Krper sich frstelnd schttelte, als
er den Wagen verlie. Einen Augenblick lang kam es mir vor, als wolle er
zusammenbrechen unter einer Last. Die Diener gingen hin und her, ich glaube, sie
wuten nicht warum. Bald nach seiner Ankunft fhrte mich der Adjutant, der sein
Freund und Vertrauter war, zu ihm, und lie mich mit ihm allein.
    Jeanette schwieg lange. Dann begann sie mit etwas erhobener Stimme wieder.
Ich werde mein Lebelang diese Stunde nicht vergessen, Agathon, und wenn ich so
alt wrde, wie die Erde selbst. Als ich hineintrat in den Saal, der von Licht
und Gold strahlte, wute ich, da meine Seele diesem Mann unwiderruflich
angehre, und ich kte in Gedanken die geheimnisvolle Hand des Schicksals, die
mich zu ihm gefhrt. Ich wute, da ich fr ihn sterben knnte und sterben wrde
und sterben mte und da Sterben nichts bedeute gegenber dem Glck seine
Sklavin zu sein. Wer hat dich hereingelassen? fragte er mich. Ich fand keine
Antwort. Meine Zunge gehorchte mir nicht. Indem ich ihn anschaute, zitterte ich
am ganzen Krper. Du bist Tnzerin? - Ja, Majestt. - Dann tanze. Er stand auf
und drckte auf einen elektrischen Knopf, und eine Musik ertnte, ebenso
zauberhaft wie die Art, durch die sie hervorgebracht war. Es war, wie wenn ein
ganzer Wald mit seinen Mysterien sich in die Hhe hebt und zu singen und zu
jauchzen anfngt. Ich tanzte also. Anfangs kam es mir vor, als wenn ich mein
Bewutsein verloren htte und leblos hinschwebte, aber dann ging eine
auerordentliche Verwandlung mit mir vor. Ich sprte den Boden nicht mehr und
nicht mehr die Luft, und obwohl es eine Musik war, nach der vielleicht niemand
in der Welt sonst zu tanzen vermocht htte, fhlte ich doch, da alles was Nerv
und Bewegung heit, gerade in ihr lag. Der Knig schien berrascht. Das
Hhnische, Verchtliche und Finstere verschwand von seinem Gesicht; zuletzt
versank er in tiefes Trumen und seine Augen schauten schmerzlich in die weite
Ferne. Als die Musik schwieg, stand er auf und reichte mir die Hand, die ich
kte. Wer bist du? fragte er. Alles was Majestt aus mir machen will, erwiderte
ich. Er zuckte zusammen. Majestt, Majestt, murmelte er. Bald nicht mehr
Majestt. Bald nur noch Hund vor dem Tor, bettelnder Hund. Majestt! Jedes Glied
einzeln gebunden, jeden Finger verschnrt, jedes Wort beschmutzt, jede Tat
beklfft, das nennst du Majestt. Anfangs hab' ich dem Volk vertraut. Aber die
Seele des Volkes ist so tief, da man sie auf den Knien suchen mu. Ich habe mir
den Kopf zerschunden an den Mauern dieses Landes. Alle diese Hnde, die du um
mich siehst, haben die Zeit wohl benutzt, mich zu verunreinigen. Um Land und
Volk und Freund bin ich betrogen worden und mu schweigen und darf nicht einmal
Frieden haben in der Einsamkeit. Ich bin um meine Wrde betrogen worden und du
nennst mich Majestt. Was ist Majestt heute, da sie sich beugen mu vor einem
Krmer, der in einer guten Stunde unter Beihilfe seiner Schwger und Tanten
Minister wurde und zufrieden das christliche Hausbrot it? Eine schne Majestt,
die sich der Kirche opfern soll und keine Hand rhren darf ohne den Pfaffen.
Wre ich doch jung gestorben, damals als ich noch glaubte, Knig zu sein, ein
Volk zu besitzen. Wre ich doch gestorben! Geh' fort, Weib, verlasse mich. Das
waren seine Worte, Agathon. Zuletzt war seine Stimme heiser geworden vor Zorn
und Scham. Seine Augen hatten sich noch vergrert und die Brust arbeitete so
heftig wie unter anstrmendem Wind. Ich konnte nicht mehr hren, nicht mehr
sehen, ich folgte seinem Wink und eilte hinaus.
    Ich sah im Saal, der gegen den linken Flgel fhrte und als Audienzraum
benutzt wurde, sechs bis acht vornehme Herren mit feierlichen Gesichtern, auch
einige Offiziere. Sie betrachteten mich voll Staunen. Es war die Deputation des
Adels, die Abgesandten vom Hof. Sie wollten den Knig zur Vernunft bringen,
Agathon. Bald darauf geschah etwas Schreckliches. Der Adjutant erhielt den
Befehl, niemand vorzulassen und stand mit gezogenem Seitengewehr vor der
Flgeltr. Er verweigerte der Deputation den Eintritt. Mitten in dem heftigen
Hin- und Herreden erschien der Knig unter der Tre. Er hatte die Schlowache
und die Diener herbeigerufen. Ein Diener sagte mir, da der Ausdruck seines
Gesichts so schrecklich gewesen sei, da niemand mehr zu atmen, geschweige denn
zu sprechen gewagt habe. Mit vernehmlichen Worten befahl der Knig den Soldaten,
die Abgesandten zu binden und ihnen die Augen auszustechen. Noch bin ich der
Knig! rief er aus und erhob die Hand. Die Abgesandten wurden von
unbeschreiblicher Furcht gepackt. Die Soldaten wagten sich dem Befehl nicht zu
widersetzen und wagten nicht zu gehorchen. Der Knig war seiner nicht mehr
mchtig. Er lief auf und ab wie ein wildes Tier, erhitzt und schnaufend, ballte
die Fuste, rollte die Augen, bis es seinem Adjutanten gelang, ihn in eines der
Seitengemcher zu fhren. Aber der Knig lie die drei Saaltren versperren und
vor jeder Tre zwei Posten mit aufgepflanztem Bajonett patrouillieren. Die
Deputierten schwebten in Todesangst.
    Nun versto der ganze Nachmittag, ohne da irgend etwas sich ereignete. Man
sagte mir, der Knig liege wie gebrochen auf einem Ruhebett. Am Abend kam eine
berittene militrische Abteilung mit einem Oberst. Er hatte ein Dekret, das ihm
Zugang zum Knig verschaffen mute. Ein Arzt begleitete ihn. Die Abgesandten
wurden befreit. Kurze Zeit darauf bestieg der Knig den Wagen, und in Begleitung
der Berittenen wurde er als Gefangener nach Schlo Berg am Starnberger See
gebracht. So ist es zugegangen, Agathon. Ich bin nicht mehr, was ich gewesen
bin, ich habe mich verloren. Ich wei nicht mehr, was ich denken soll, was ich
tun soll, mein Hirn ist wie zerfressen. Da dieser Mann verbluten soll, werde
ich nie verwinden knnen. Er war zur Gre und zum Licht und zur Schnheit
geboren und alle Dmonen der Finsternis haben sich geeinigt, ihn in den Schmutz
zu zerren.
    Agathon starrte in das dunkler werdende Zimmer. Auf einmal trat er einen
Schritt zurck, streckte die Hnde aus und lispelte verstrt. So stand er und
seine Gestalt schwankte. Er sah den Knig mit dem dster flehenden Blick eines
gehetzten Tieres vor sich stehen und erkannte ihn, obwohl er ihn noch nie
gesehen, auer auf schlechten Bildern. Agathon wollte reden, doch er kam nicht
dazu. Jeanette strzte auf ihn los, packte seine Hnde, erhaschte seinen Blick
und wie durch ein wunderbares Zeichen verstand sie alles, sah selber hin und ihr
war, als wrde sie gerufen; mit fieberhafter Eile schlug sie den Mantel um und
strzte fort.
    Agathon fate sich, seufzte tief auf und ging. Auf der Strae standen
berall Gruppen und flsterten und beratschlagten. Vor den Zeitungsredaktionen
warteten Hunderte auf Nachrichten und achteten nicht den Regen, der sie
durchnte. Viele Tausende drngten sich vor der Residenz und keiner wich nur
eine Sekunde lang von seinem mhsam eroberten Platz. Dabei wuten alle, da der
Knig nicht in der Stadt war. Die Behrde hatte bekannt gemacht, der Knig habe
seines Amtes entkleidet werden mssen, da er bedeutsame und zweifellose Symptome
der Geistesstrung gezeigt habe. Aber das Volk glaubte es nicht. Agathon erfuhr
bald alles, und ein wilder und phantastischer Entschlu erwachte in ihm. Er lie
sich von Arbeitern den Weg erklren, der zu jenem See hinausfhrte und machte
sich ohne Zgern, obwohl er an diesem Tag noch keinen Bissen Nahrung zu sich
genommen hatte, auf die Wanderung. Er dachte nicht daran, die Eisenbahn zu
benutzen oder ein anderes Befrderungsmittel. Er hatte das Gefhl, als mten
ihn seine Fe viel schneller dorthintragen, als jede Dampfmaschine es vermocht
htte. Auerhalb der Stadt fragte er noch Handwerksburschen oder Bauern um die
Wegrichtung und obgleich die Dunkelheit schon angebrochen war, erschrak er nicht
vor der Nachricht, da es mehr als fnf Stunden zu gehen seien. Das Mhsame des
Marsches kam ihm nicht zu Bewutsein, er wurde nicht mde. Die Glut seiner
Sehnsucht war auf eine Tat gerichtet. An der Grenze alles Denkens und der
berlegung angelangt, beherrschten ihn nur noch Gefhle, dumpfe, doch gewaltige
Regungen. Er wollte die Bauern fhren am Morgen und den Knig befreien; nie
zuvor hatte er zweifelloser die Fhigkeit empfunden, alle, die sich ihm nahten,
von einem Trieb entflammen zu lassen.
    Die dunkle Nacht ringsum nhrte seine Phantasien. Nirgends war ein Licht.
Die Landstrae war nur durch einen schwachen Schein kenntlich. Der Regen
pltscherte unaufhrlich herab. Schweigend lagen Felder und Wlder. Oft gelangte
er an einen Kreuzweg, aber khn und unbesorgt schritt er weiter. Er wute, da
er nicht fehlgehen wrde. Stundenlang wanderte er durch einen Wildpark, wo oft
ein geheimnisvolles Murren und Rascheln hrbar wurde, aber nichts konnte ihn
ablenken oder ngstigen.
    Endlich tauchte in der Tiefe ein oft unterbrochener Kranz von Lichtern auf;
es waren die Seeufer. Agathons Augen wurden na vor Freude. In kurzer Zeit war
er im Tal angelangt. Alle Bewohner des Dorfes, das er betrat, waren in Bewegung.
In jedem Haus brannte noch Licht. Er betrat die nchste Schenke, die voll war
von leidenschaftlich disputierenden Bauern, whrend Weiber und sogar Kinder auf
der Strae standen. Beim Anblick der vielen Menschen, der sich anscheinend
zwecklos drehenden und windenden Krper, des Rauches, der aus Pfeifen quoll, der
von der Zeit gleichsam gersteten Bilder und Wnde, fhlte Agathon pltzlich die
bermdung seines Krpers in einer schrecklichen Weise. Es war ihm, als ob sich
seine Haut lste. Dabei glaubte er fortwhrend zu sinken, durch zahllose
Wiederholungen desselben Raumes zu fallen.
    Die Bauern wurden aufmerksam. Sein totenbleiches Gesicht bte auf sie den
Zauber einer Erscheinung. Sie standen alsbald um ihn her, und einige, die
hhnisch gelchelt hatten, lchelten nicht mehr, als er zu sprechen begann.
Seine hohle und erschpfte Stimme klang gedmpft und fllte trotzdem den Raum,
sie hatte etwas Klingendes und Messerscharfes. Seine Rede schien von einem
unsichtbaren Wesen zu kommen, das ihn umfangen hielt, denn er blieb so
bewegungslos, als ob seine Glieder gefesselt seien. Es war der Schmerz und der
Zorn des Knigs selbst, der in geheimnisvollem Bndnis mit dem Redner zu stehen
schien, dieses Knigs, der ein Mrtyrer seines Amtes und dessen Geist nicht,
aber dessen Herz wahnsinnig geworden war.
    Die Wirkung von Agathons Worten, die fr ihn selbst einem Fiebertraum
glichen, war auf die Bauern eine wahrhaft bengstigende. Sie schrien, tobten,
stiegen auf Tische und Bnke, fuchtelten mit den Hnden umher, zerbrachen Glser
und Fensterscheiben, hoben Agathon auf ihre Schultern, da sein Kopf an die
Decke stie, schlugen den Wirt nieder, der sie besnftigen wollte, und in kurzer
Zeit hatte sich die Furie eines tierischen Rausches durch das ganze Dorf
verbreitet. Ein alter Bauer, dessen eines Auge verklebt war, fluchte und heulte
bestndig, eine Art Hausierer oder Krrner schwang eine Sense, versammelte die
jungen Leute um sich und wollte mit ihnen ber den See nach dem Schlosse fahren.
Agathon, nicht mehr fhig, zu gehen, zu sprechen oder zu handeln, war dem Gewhl
entflohen und sa mit leeren Augen in einem Winkel der Schenke. Er war
verwundert und hatte fast Angst wegen dieser grundlosen Verwunderung. Er starrte
hinber ans andere Ufer, das weit entfernt war und von dem sprliche Lichter
durch den allmhlich aufdmmernden Morgen flimmerten. Er sah auch Lichter, die
in bestndiger Bewegung von Punkt zu Punkt huschten wie Fackeln, die man hin und
her trgt. Da erschallten im Innern des Dorfes durchdringende Schreie, die sich
wiederholten und fortpflanzten und an Strke zunahmen. Der Knig ist tot!
gellte pltzlich eine Stimme dicht vor dem Fenster, an dem Agathon sa. Er ist
ertrunken! schrie eine andere, und im See ertrunken! eine dritte Stimme.
Agathon erhob sich, fiel aber gleich darauf wie ein Stock zu Boden.
    Der angebrochene Morgen sah das Landvolk in hellen Scharen gegen das
knigliche Schlo ziehen, und man erfuhr, da die Leiche des Knigs erst vor
einer Stunde im See aufgefunden worden war. In allen Drfern der Umgegend
luteten die Glocken. Tausende von Bauern standen am Ufer und vor dem
Schlopark. Viele schrien um Einla, und als niemand erschien, erbrachen sie das
Tor. Eine furchtbare Erregung hatte die Gemter ergriffen; mit Sensen, Kntteln,
Schaufeln und Hacken organisierten sich ganze Haufen, um nach der Hauptstadt zu
ziehen und die Residenz zu strmen. Am Mittag rckten einige Regimenter
Infanterie aus der Stadt, um die Ordnung herzustellen. Ein hnenhaft gebauter
Kerl, der sich auf unerklrliche Weise den Wortlaut einer Proklamation
verschafft hatte, die des Knigs letzte Niederschrift war, lief damit von Dorf
zu Dorf, von Weiler zu Weiler, von einem Wirtshaus ins andere, und wurde nicht
mde, sie aus der Abschrift immer wieder in einer rhrenden und schlichten Weise
vorzulesen. Diese Proklamation war das Glnzendste und Bewegteste, was jemals
die verzweifelte Seele eines Frsten geschaffen. Sie ist unbekannt geblieben,
und es gab Grnde, ihre Verbreitung nicht zu wnschen. Ihre Sprache war einfach
und klar, jedes Wort ein Bekenntnis, eine Klage, eine Anklage. Sie war von einer
bitteren Ruhe diktiert, und ein kraftvoll gebndigtes Feuer war in ihr und
niemals ward dem Thron ein besserer Dienst geleistet, als durch die
Verheimlichung dieses gefhrlichen Dokuments, das auf dem Thron entstanden war.
    In der Stadt waren alle Beziehungen der Gewerbe und des Handels gelst.
Kaufhuser und Schulen, Krmereien und Fabriken waren geschlossen. Trauerfahnen
wehten, vierundzwanzig Stunden lang tnten ununterbrochen die Glocken in einem
niederdrckenden Konzert. Aufgeregte Menschenmassen fllten Pltze und Straen
und Kirchen; an den Fenstern sah man heulende Weiber; aber auch Mnner schmten
sich nicht zu weinen. Der Knig, der seit fnfzehn Jahren sich nicht mehr
ffentlich gezeigt, dessen Leben fr alle ein Geheimnis war, dessen Stolz bis
zur Schroffheit ging, dessen Menschenverachtung am Hof gefrchtet war, er hatte
die Liebe seines Volkes in unvergleichlichem Mae genossen.
    Agathon ging durch die Straen der Stadt, einsam und verlassen. Er fhlte
sich krank und wund. Ihm schien es vergeblich, zu leben, zu fhlen, zu wollen
wie er gelebt, gefhlt, gewollt. Ihm war, als trage er sein Herz ausgebrannt in
der dunklen Brust und in einem andern, zermalmenderen Sinne nahm er an der
Trauer des Volkes teil.
    Da ging er an einem Haus vorbei, in dessen Erdgescho ein Fenster offen
stand. Verdrossen und trotzig blieb er stehen, und nach einer Weile blickte er
hinein in ein rmliches Zimmer. Drei Kinder saen darin und spielten, drei
schne Kinder. Sie spielten ein gewhnliches Spiel und waren allein. Aber wie
sie sich dabei benahmen, wie sie nicht etwa jauchzten, sondern innig froh waren,
wie ihre Augen glnzten, wie sie miteinander und mit sich selbst zufrieden und
befriedigt waren von dem Gang des Spiels, das sich doch wenig unterschied von
allen Spielen aller andern Kinder, darin lag etwas so Warmes, Gutes und
Befreiendes, es stand in so leuchtendem Gegensatz zu der Welt da auen, da es
wie ein Stck Zukunft in der Gegenwart berhrte.
    Daher atmete Agathon tief und lange auf; sein Krper begann zu zittern wie
unter Wellenschlgen neuen Lebens, und lchelnd setzte er seinen Weg fort.

                              Neunzehntes Kapitel


Sommer und Sommerwinde! Blten an allen Ecken der Welt! Ein tiefes Grn auf den
Feldern, die schmeichlerische Stille der Wohnlichkeit unter den Bumen des
Waldes! Flockige Wolken, die wie Schiffe ber den strahlenden Himmel ziehen, und
Rosen an den Grten und Wicken in den Hecken!
    Ich wute, da Sema Hellmut dem Tod verfallen war, sagte Agathon zu
Monika, als sie vom Vestnerwald herab gegen Zirndorf wanderten. Er ist mit dem
frhen Tod geboren worden.
    Mit dem Tod geboren? fragte Monika, leise staunend.
    Ja. Er war schon zu alt, als er geboren wurde. Seine Seele hat Jahrtausende
gelebt, eine echte mde Judenseele.
    Sie schwiegen lange. An einer einsamen Stelle im Feld blieb Monika stehen,
umarmte Agathon mit leidenschaftlicher Bewegung und stammelte: Wie dank ich
dir, da du mich liebst. Du hast mir das Leben wiedergeschenkt, Agathon. Du hast
es nicht geachtet, da ich gesndigt habe, du bist gro und mutig, Agathon.
    Es ist kein Zufall, da alles so gekommen ist, Monika. Nun bist du eine
Kmpferin geworden. Die Zeit geht nicht mehr ber dich hinweg, sondern du gehst
vor der Zeit einher.
    Und was willst du tun jetzt, Agathon?
    Warten. Ich will den Acker meines Vaters bestellen. Fr mich und dich wird
es Brot geben. Und die Mutter hat ja das Vermgen des alten Enoch.
    Warten, Agathon? Worauf?
    Agathon schttelte lchelnd den Kopf.
    Als es Abend war, standen sie im Garten und bewunderten die farbigen Gluten
des Himmels. Monika stand unter einem Apfelbaum und wiegte ihr Kind im Arm.
Esther sa singend mit Mirjam vor dem Tor, Frau Olifat und Frau Jette
unterhielten sich flsternd auf einer morschen Gartenbank nahe der Laube.
    Monika blickte hinauf in den Baum, wo die pfel hingen, purpurn bestrahlt
von der Sonne. Sie kniff die Augen zusammen und sagte begehrlich: Ich mchte
gern einen haben, Agathon, einen Apfel von da droben.
    Du mut warten, Monika.
    Immer warten! Worauf denn?
    Sie sind noch nicht reif, Liebste.
    Das dauert aber noch lange ...
    O nein, zwei gute Sommerwochen und sie sind reif. La sie erst reif sein,
Monika.
    Und Agathon kte die junge Mutter auf die Stirn.

                                      Ende
