
                             Spielhagen, Friedrich

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                              Friedrich Spielhagen

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                                 Erstes Kapitel

Jetzt nur noch die Speisekammer, rief Adele, von der Kche aus eine schmale,
niedrige Thr nach einem winzigen Gela ffnend, das durch ein viereckiges,
vergittertes Fensterchen sprlich erhellt wurde.
    Bewunderungswrdig, sagte Klotilde mit einem gelangweilten Blick ber die
Schulter der Freundin.
    Nicht wahr? erwiderte Adele, sich so schnell wendend, da Klotilde eben nur
noch ihr Ghnen verbergen konnte. Zwlf Fu im Quadrat - nicht mehr - Elimar hat
es ausgemessen. Und alles darin untergebracht - selbst die zwanzig
Einmachebchsen, die mir die gute Mama gestern geschickt hat! Aber Eure Berliner
Baumeister habe ich doch auf dem Strich. Alles fr den ueren Schein: Keine
Spur von einem Verstndnis fr das, was eine Hausfrau braucht. Na! nun wollen
wir wieder nach vorn gehen. Das heit, erst mut Du mein Kleid fr heute abend
sehen. Bei der Gelegenheit kann ich Dir gleich auch noch unser Schlafzimmer
zeigen. Elimar mag das zwar nicht. Er findet es undelikat. Ich wei nicht,
warum. Dabei ist doch nichts Schlimmes. Meinst Du nicht auch?
    Gewi nicht, sagte Klotilde, honni soit qui mal y pense.
    Nicht wahr? Besonders wenn wir Frauen unter uns sind. Und nun gar wir beide!
Lieber Gott, wir haben doch keine Geheimnisse vor einander! Ach, Klotilde, wenn
ich Dich nicht hier htte in diesem grlichen Berlin! Freust Du Dich nicht
auch, da wir nun wieder beisammen sind?
    Ob ich mich freue! Also das ist Euer Schlafzimmer?
    Das ist unser Schlafzimmer! Klein, aber furchtbar nett. Findest Du nicht?
Und Morgensonne, sagt der Wirt, haben wir auch. Na, in den acht Tagen, da wir
hier sind, hat noch keine geschienen; und Elimar ist zweifelhaft, ob sie, wenn
sie mal scheint, bis zu uns kommt - im Hochsommer, meint er, wre es mglich.
Abwarten, sage ich. Na, wie findest Du es? Das Kleid, meine ich.
    Dein Brautkleid!
    Also doch!
    Also was?
    Ich dachte, Du wrdest es nicht wiedererkennen. Ich habe es nmlich whrend
der zwei Jahre schon sechsmal angehabt - zuletzt auf dem Kommandanturball - und
jedesmal ein bichen verndert. Das heit: diesmal nicht - ich hatte keine Zeit.
Meinst Du, da es noch geht?
    Die Damen standen vor dem Bett, ber welches das Kleid gebreitet war.
    Das heit: es mu gehen, fuhr Adele eifrig fort, whrend Klotilde hier und
da einen Zipfel musternd aufhob; ich habe kein anderes.
    Dann ist die Sache ja erledigt, sagte Klotilde lchelnd.
    Ganz meine Ansicht! rief Adele. Mein Gott, von einer armen Hauptmannsfrau
kann man doch nicht verlangen, da sie wie eine Prinzessin ausstaffiert ist,
besonders wenn man eben einen kostspieligen Umzug durchgemacht hat. Ich deutete
so etwas gegen Frau Sudenburg an, und weit Du, was sie erwiderte: Die Tochter
meiner besten Freundin ist mir in jedem Kleide willkommen. War das nicht
furchtbar nett von ihr. Was wirst Du denn anziehen?
    Meine Auswahl ist nicht viel grer, als Deine: arme Hauptmanns- und arme
Assessorenfrauen - c'est toute la mme chose.
    Ich denke, Dein Viktor steht dicht vor dem Regierungsrat?
    Dann haben wir was Rechtes. Aber Kind, es ist Zeit, da ich nach Hause
komme.
    Eile doch nicht so! Ich habe mich die ganzen grlichen acht Tage auf diese
Stunde gefreut. Und bin Dir so dankbar, da Du gleich heute morgen angetreten
bist, nach der langen Nachtfahrt.
    Es war nicht so schlimm, blo schauderhaft langweilig.
    Habt Ihr Euch gut amsiert?
    Amsiert? In dem miserablen Ostseenest? Vier Wochen lang dieselben
Alltagsgesichter: shopkeepers, Weiber aus Berlin O., und, wenn es hoch kam, eine
pommersche oder mecklenburgische dicke Gutsbesitzerfrau.
    Das wird fr Viktor auch nicht gerade etwas gewesen sein.
    Viktor? Er hat mich blo hingebracht und wieder abgeholt. Die ganze brige
Zeit in Kopenhagen, Stockholm, und ich wei nicht wo. Du kennst ihn doch. Die
Rosinen in dem Kuchen kommen immer auf sein Teil.
    Aber den Kindern ist es doch gut bekommen?
    Hoffentlich.
    Ich freue mich so furchtbar darauf, sie endlich einmal zu sehen. Nach den
Photographien, die Du mir geschickt hast, mssen es wahre Engel sein.
    Ich kann es nicht finden. Du wirst Dich ja morgen berzeugen. Ich mu jetzt
wirklich fort. Viktor kommt um vier Uhr aus dem Amt.
    Elimar schon um Drei. Er mu gleich hier sein. Er wird mir es nicht
vergeben, wenn ich Dich fortgelassen habe - seine alte Flamme!
    Warum hat er dann Dich geheiratet?
    Du hattest es gar so eilig, unter die Haube zu kommen. Weit Du brigens,
da Kurt Platow nun doch die Comtesse Gardewitz heiraten wird?
    Ich wte nichts, was mir gleichgltiger wre.
    Hast recht, Schatz! Schwamm drber! Ganz meine Maxime. Wenn mir irgend was
gegen den Strich gegangen ist - Schwamm drber! Das konserviert die gute Laune.
    Und die glnzenden Augen und die rosigen Backen. Sieh mich einmal an!
Wahrhaftig, ich sehe zehn Jahre lter aus als Du.
    Sie standen vor dem hohen Stellspiegel - dem einzigen, einigermaen
prunkhaften Mbel in dem sonst bis zur Nchternheit bescheidenen Gemach - und
betrachteten prfend ihre Bilder: Klotilde ernst, mit einem Fltchen zwischen
den dunklen, scharf gezeichneten Brauen; Adele lachend, da die weien Zhne
durch die vollen, roten Lippen blitzten.
    Zehnmal vornehmer, ja! rief sie. Kunststck! Du mit Deiner hohen, schlanken
Gestalt! Ich glaube, Du bist in der Ehe noch gewachsen! Beinahe einen Kopf
grer als ich! Sag' mal, Schatz! Du richtest wohl jetzt noch frchterlichere
Verwstungen in der Mnnerwelt an, als schon damals?
    Du bist nicht gescheit! sagte Klotilde, den Arm, welchen die andere um ihre
schlanke Taille gelegt hatte, zurckschiebend.
    Ich habe es nicht bs gemeint.
    Und ich es Dir nicht belgenommen. Komm! Meine Sachen liegen, glaube ich, in
Deinem Zimmer.
    Die Damen waren nach Adelens Zimmer zurckgekehrt; Adele half Klotilden in
den Paletot.
    Es ist kalt drauen?
    Fr den ersten Oktober schauderhaft. Zieh' Dich nur heute abend warm an!
    Weit Du, Klotilde, ich frchte mich ordentlich vor heute abend. Du nicht
noch zur rechten Zeit gekommen wrest, ich glaube, ich htte noch in der letzten
Stunde abgesagt.
    Als ob es die erste Gesellschaft wre, die Du mitmachst!
    Aber die erste in Berlin!
    Wo es genau so ist, wie in Magdeburg und berall: Assessoren,
Regierungsrte, Geheimrte und so weiter; Lieutenants, Hauptleute, Obristen und
so weiter - immer dieselben stereotypen Gesichter; immer dieselben stereotypen
Redensarten. Es ist zum Verrcktwerden. Was machst Du so ein kleines, dmmliches
Gesicht?
    Da ich Dich so reden hre! Und ich denke, Du schwimmst hier in Glck!
    Um Klotildens feine Lippen zuckte ein bittres Lcheln.
    Sei Du erst vier Jahre verheiratet, sagte sie, Adelens volle Wange leicht
berhrend, dann wollen wir uns wieder sprechen.
    Und wenn wir hundert Jahre verheiratet wren, wrden wir hchstens noch
hundertmal glcklicher sein; blo da es nicht mglich ist.
    Ja, Du und Dein Elimar!
    Du meinst, wir knnten nicht die Ansprche machen?
    Das habe ich weder gesagt, noch gedacht. Es wre auch sehr dumm, wenn ich es
gedacht htte. Ich wte nicht, welche Ansprche ich vor Dir voraus geltend
machen knnte, oder Viktor vor Deinem Manne; besonders jetzt, wo er in das
Kriegsministerium berufen ist und zweifellos eine glnzende Carriere machen
wird.
    Die Damen standen in der geffneten Thr, Klotilde bereits halb auf dem
schmalen, dunklen Flur. Aber sie machte keine Anstalt zum Gehen, sondern blieb
unbeweglich, nachdenklich vor sich nieder blickend. In Adelens Herzen regte sich
eine peinliche Empfindung. Sie hatte nie anders geglaubt, als da ihre Cousine
in der glcklichsten Ehe lebte. Aber ihre letzten Worte klangen nicht danach;
ihre dstre Miene war nicht danach - schon whrend des ganzen Besuches und nun
eben jetzt!
    Nicht, als ob wir, Elimar und ich, immer d'accord wren, sagte sie gutmtig
schnell. Gar nicht! Wir zanken uns oft ganz frchterlich. Das ist in der Ehe mal
so. Nicht wahr?
    Je nachdem, erwiderte Klotilde mit demselben starren, nachdenklichen Blick.
Viktor und ich zanken uns nie.
    Na, da siehst Du es! rief Adele triumphierend.
    Aus einem sehr triftigen Grunde, fuhr Klotilde fort, die Augen langsam
erhebend, aber an Adele vorber in das Zimmer sehend: er geht seinen Weg; ich
gehe den meinen. Da ist denn dafr gesorgt, da wir nicht karambolieren.
    Das ist doch nicht Dein Ernst, sagte Adele ganz verblfft.
    Weshalb nicht? erwiderte Klotilde. Du glaubst gar nicht, wie gut es sich
lebt, wenn jeder seine Interessen verfolgt. Was ja nicht ausschliet, da die
Interessen gelegentlich zusammenfallen. Im Gegenteil! Ich habe zum Beispiel ein
groes Interesse daran, da Viktor in seiner Carriere schnell vorwrts kommt,
und helfe ihm dabei, wo und wie ich kann.
    Aber was kann man dabei gro helfen? fragte Adele verwundert.
    Klotilde wurde die Antwort erspart. In der Flurthr wurde ein Schlssel
gedreht; eine hohe mnnliche Gestalt trat schnell herein und kam mit langen
Schritten auf die Damen zu.
    Elimar! rief Adele, ihrem Gatten entgegenlaufend. Rate, wer mich besucht!
    Da ist nicht gro zu raten, Nrrchen; erwiderte Elimar, an Klotilden
herantretend und die Hand, die sie ihm reichte, kssend. Aber blieb, sehr lieb
ist es von Ihnen, da Sie so schnell gekommen sind, sich meiner Kleinen in ihren
tausend Nten anzunehmen. Wollen wir nicht in das Zimmer treten? Die wichtigen
Dinge, welche die Damen zwischen Thr und Angel zu erledigen pflegen, mten da
freilich vertagt werden.
    Nur einen Augenblick, sagte Klotilde; nur um mich zu berzeugen, ob es wahr
ist, da der Mensch mit seinen grern Zwecken wchst.
    Das sollte mir bei meinen sechs Fu und darber doch schwer werden,
erwiderte der Hauptmann lchelnd.
    Aber Klotilde ist noch gewachsen, rief Adele. Jetzt sehe ich er erst recht,
wo Ihr nebeneinander steht. Findest Du nicht auch?
    Ich finde Deine Cousine nur so schn und schlank und elegant wie immer,
seitdem ich das Glck habe, sie zu kennen.
    Mit welchem Kompliment ich mich denn ganz gehorsamst verabschieden will,
sagte Klotilde, sich ironisch tief verbeugend. Also, adieu, Schatz, bis heute
abend! Au revoir, Herr Hauptmann! Und, wenn ich Ihnen raten darf, gehen Sie
heute abend mit Ihren Galanterien etwas sparsamer um: die Konkurrenz ist zu
gro.
    Wenn alle Damen mir durch ihre Liebenswrdigkeit die Galanterie so leicht
machten!
    Adele, Dein Mann ist positiv gemeingefhrlich. Du mut ihn krzer in den
Zgel nehmen!
    Ist schlechterdings unmglich, gndige Frau.
    So sagt Ihr Mnner stets. brigens das gndige Frau darf ich mir wohl
verbitten. Ich denke, wir nennen uns einfach bei unsern Vornamen, wenn wir unter
uns, und meinetwegen: lieber Cousin und liebe Cousine, wenn wir unter Leuten
sind.
    Seien Sie versichert, da ich diese Erlaubnis wie einen hchsten Orden
tragen werde.
    Nun mach aber, da Du fortkommst! rief Adele, Du verdrehst mir ihm ja vllig
den Kopf.
    Aber Schatz, von Zeit zu Zeit einem Manne den Kopf zu verdrehen, das ist
doch noch der einzige Spa, den wir im Leben haben.
    Sie war zur Flurthr hinausgeschlpft, Adele hatte sich in den Arm ihres
Gatten gehngt, whrend sie ber den dunklen Korridor nach dem Wohnzimmer
gingen.
    Sie meint es gewi nicht so, sagte Adele, den untergefaten Arm zrtlich
drckend.
    Ich wei nicht, erwiderte Elimar; ihre Augen schienen mir das Programm zu
besttigen.
    Ja, was ist das nur mit ihren Augen? rief Adele. Es ist mir auch
aufgefallen. Die sind gar nicht mehr wie vor vier Jahren. Hast Du nicht auch die
Empfindung, da sie in ihrer Ehe nicht glcklich ist?
    Mglich wre es schon. In der Ehe, wie berall, stoen gleichnamige Pole
einander ab.
    Was heit das: gleichnamige Pole?
    Das heit erstens, da Du mein hchst ungleichnamiger Pol bist; und
zweitens, da ich in Ohnmacht falle, wenn nicht in fnf Minuten die Suppe auf
dem Tisch steht.
    Mit Dir ist doch kein vernnftiges Wort zu sprechen, Du Ungeheuer! Wenn ich
nur wte, weshalb ich Schaf das Ungeheuer so lieb habe!
    Sie hatte, sich auf die Zehen stellend, Elimar ein paar herzhafte Ksse auf
die Lippen gedrckt und war zu Thr hinaus.
    Elimar war aus dem Wohnzimmer in sein kleines Arbeitskabinett nebenan
getreten, legte die Mtze und eine dnne schwarze Mappe, die er noch immer unter
dem linken Arme geklemmt hielt, auf den Tisch, schnallte seinen Sbel ab, den er
in die Ecke stellte, und begann, langsam die Handschuhe ausziehend, nachdenklich
auf und ab zu gehen.
    Ja, ich habe sie sehr geliebt, das schne, schlanke, braunugige Mdchen.
Und sie hat es gewut! Wann wte ein Mdchen das nicht! Aber damals spielte die
Geschichte mit Baron Platow, der dann abschnappte. Und dann heiratet man Hals
ber Kopf den ersten Besten, der einem in den Weg luft und macht sich Zeit
seines Lebens unglcklich. - Pah!
    Er warf die ausgezogenen Handschuhe in die Mtze.
    Unglcklich! Wer ist denn glcklich? Wer zu resignieren gelernt hat. Niemand
sonst!
    Elimar! rief Adelens helle Stimme aus dem Speisezimmerchen neben der
Wohnstube.
    Ich komme, Kind! rief Elimar zurck.

                                Zweites Kapitel


Klotilde schritt die Mauerstrae, in welcher die Wohnung der Meerheims lag, nach
der Leipziger Strae zu. In dem Putzladen an der Ecke hatte sie nach einem
Fcher zu fragen, der repariert werden sollte. Der Fcher war noch nicht fertig.
Whrend sie vor dem Ladentische wartend sa und eine der Verkuferinnen die
gndige Frau zu unterhalten sich bemhte, dachte sie an Adelens Kleid fr heute
abend. Sie htte ihr doch eigentlich sagen sollen, da das Kleid fr die groe
Gesellschaft unmglich war. Sie wird darum doch riesig gefallen. Ich kenne das.
Eine neue Erscheinung - danach schnappen sie alle. Und die lachenden Augen, die
weien Zhne, die frischen, roten Lippen - Furore wird sie machen. Da in dem
kleinen, hohlen Schdel auch nicht ein einziger Gedanke steckt - was thut denn
das? Wer fragt danach?
    Der Fcher wurde gebracht. Klotilde griff nach dem Portemonnaie.
    Aber gndige Frau, lassen Sie doch! sagte die Verkuferin. Wir schreiben es
zu dem brigen.
    Wie Sie wollen.
    Der Pferdebahnwagen nach dem Ltzowplatz kam nicht gleich. An der Ecke
standen nur Droschken zweiter Klasse, die sie grundstzlich nicht benutzte. So
fing sie an, die Leipziger Strae hinabzugehen, die im Laden angesponnene
Gedankenkette weiter spinnend.
    Wie er sie nur hat heiraten knnen! Ein so geistvoller Mensch! Darber ist
doch nur eine Stimme. Sie htten ihn auch sicher sonst nicht in das
Kriegsministerium genommen! Und dieses Gnschen! Diese richtige Gans! Ihre paar
Groschen knnen es auch nicht gewesen sein - die htte er bei mir ebenfalls
gehabt. Und was kann ihm der Schwiegerpapa-Oberst a.D. fr seine Carriere
ntzen? Also das hbsche Mskchen und die Langweile - die grauenhafte
Magdeburger Langeweile! Ein bichen amsanter ist es hier doch. Doch wenigstens
die Mglichkeit einer interessanten Begegnung, eines pikanten Zufalls.
    Klotilde war bis zur nchsten Haltestelle, gekommen, gerade als der
erwartete Wagen sie einholte. Sie stieg ein. Der Wagen war nur mig besetzt,
was sie durchaus in der Ordnung fand: ein sehr gefllter erschien ihr stets als
eine persnliche Beleidigung. Wer mag denn mit Krethi und Plethi in dem engen
Kasten eingepfercht sein!
    Nichtsdestoweniger musterten ihre scharfen Augen gewohnheitsmig die
Insassen und blieben auf einem Herrn in der entferntesten Ecke der
gegenberstehenden Bank haften. Da war ja so etwas von einem pikanten Zufall!
Wenigstens begegnete einem ein so hbscher Mann nicht alle Tage. Man htte ihn
vielleicht sogar schn nennen knnen, mit seiner geraden Nase und dem offenbar
sorgfltig gepflegten, rtlichen Vollbart. Ein Offizier in Civil? Mglich! Nur
da der Anzug dafr vielleicht zu elegant war und vor allem zu gut sa. Auch
pflegen Offiziere unterwegs nicht in einem Buche zu lesen. Wenn er doch mit dem
dummen Lesen aufhren wollte, da man wenigstens seine Augen sehen knnte!
    In dem Momente senkte der Herr das zusammengeklappte Buch zwischen den
behandschuhten Hnden auf die Kniee; steckte es dann in die Seitentasche seines
Paletots; lie seine Blicke durch den Wagen schweifen und sah mit der Miene
eines, der sich tdlich langweilt, seitwrts zum Wagenfenster hinaus auf die
Strae.
    Klotilde war emprt. Sie hatte, als der Herr sie erhob, seine Augen sehr
deutlich gesehen: ganz ungewhnlich groe, ausdrucksvolle, blaue Augen; und
frmlich krperlich gefhlt, da diese Augen, im Vorberstreifen des Blicks, ein
paar Sekunden auf ihr geruht hatten. Und konnten jetzt durch das Fenster nach
der wimmelnden Menge auf dem Trottoir starren, als ob es hier im Wagen
schlechterdings nichts zu sehen gbe!
    Ich habe mich geirrt, sagte sie bei sich; er gehrt nicht zur Gesellschaft.
    Whrend der Wagen in vollem Fahren war, hatte sich ein Herr auf den
Hinterperron geschwungen, einen Blick in den Wagen geworfen, mit freudig
erregter Miene vor Klotilde tief den Hut gezogen und stand jetzt, die Thr eilig
aufschiebend, vor ihr, auf den leeren Sitz neben ihr deutend.
    Darf ich, gndige Frau?
    Aber, lieber Fernau, was knnte mir angenehmer sein?
    Sie sind die Gte selbst, rief der junge Mann, Klotildens dargebotene Hand
feurig drckend, whrend er ihr zur Seite Platz nahm. Seitdem ich wei, da
gndige Frau Pferdebahn fahren, werde ich mich nie eines andern, als dieses mir
so verhaten Vehikels bedienen.
    Ja, lieber Freund, wir armen Assessorenfrauen -
    Wer denkt an arme Assessorenfrauen, wenn er Sie sieht! Wer kann Sie sich
anders vorstellen, als in einem goldnen, von Tauben gezogenen Wagen!
    Den ich mir sofort anschaffen werde, sobald ich Ihnen in einem Muschelkahn
begegnet bin, vor den ein Schwan gespannt ist.
    Gndige Frau waren gestern im Lohengrin?
    Ich habe mit Bedauern bemerkt, da Sie fehlten.
    Sehr gtig! Aber, offen gestanden, seit ich im Sommer in Baireuth die
Musterauffhrung gesehen habe, kann ich mich nicht entschlieen, mir den
kolossalen Eindruck durch unsern landlufigen Schlendrian hier zu verleiden.
    Aber ein Schwanenritter im seidenen Wams, das denke ich mir schrecklich.
    Ich versichere, gndige Frau - das heit: ich war auch stupfait; aber nur
im ersten Augenblick. Dann ging mir sofort das rechte Licht auf. Und nun gar
Sie, mit Ihrer fr alles Groartige so empfnglichen Seele - Sie wrden entzckt
sein.
    Klotilde hatte das leise Gesprch mit ihrem Bewunderer eifriger gefhrt, als
sie es sonst vielleicht gethan htte; aber ihre Absicht, die Aufmerksamkeit des
Herrn da drben zu erwecken, erreichte sie nicht: er blickte jetzt zwar nicht
mehr zum Fenster hinaus, aber gerade vor sich nieder, nach dem ernsten Ausdruck
seiner Miene in wenig erfreuliche Gedanken versunken.
    Kennen Sie den Herrn dort? fragte Klotilde, ihren eifrigen Begleiter mitten
in einem angefangenen Satze unterbrechend.
    Welchen Herrn?
    Klotilde winkte mit den Augen nach dem Nachdenklichen in der Ecke.
    Legationsrat von Fernau klemmte das Lorgnon in das Auge, blickte in die von
der Dame angedeutete Richtung und erwiderte:
    Nein. Warum?
    Wofr halten Sie den Herrn?
    Das Lorgnon, welches bereits fallen gelassen war, mute abermals seine
Dienste thun, diesmal lnger als das erste Mal.
    Nun?
    Fr einen Plebejer, der sich furchtbare Mhe giebt, wie ein Gentleman zu
erscheinen.
    Der pure Brotneid!
    Aber gndige Frau, Sie knnen doch unmglich anderer Meinung sein!
    Vielleicht doch!
    Dann werde ich mir von morgen an einen Vollbart stehen lassen und mir Mhe
geben, wie ein Schulmeister auszusehen.
    Und das wre kein Brotneid?
    Ja, bei Gott, er ist es; furchtbarer Neid auf jeden, der nur an den Saum
Ihres Kleides rhrt; nur in Ihre Nhe kommt; nur -
    Bitte, halten! sagte Klotilde zu dem Schaffner, der eben gerade durch den
Wagen ging.
    Gleich, meine Dame, sagte der Schaffner.
    Klotilde sa in ihre Ecke zurckgelehnt; ihr Gesicht war lebhaft gertet.
Fernau erschrak; offenbar war er zu weit gegangen und hatte die schne Frau
ernsthaft beleidigt.
    Aber das war es nicht. Es war nur, da gerade in dem Moment, als der junge
Mann, soweit es die Schicklichkeit irgend erlaubte, sich zu ihr hinabbeugend,
leidenschaftlich hastig die letzten Worte flsterte, der Herr drben den Kopf
gewandt und sie, wie ihr schien, scharf ins Auge gefat hatte. Sie sagte sich
sofort, da es nur zufllig gewesen sein knne; berdies hatte sie vom ersten
Augenblick etwas der Art gewnscht, die kleine Komdie wesentlich deshalb
gespielt und fhlte sich jetzt beschmt wie ein Schulmdchen, das der Lehrer an
der Straenecke im tt--tte mit dem hbschen Primaner ertappt.
    Sie zrnen mir, gndige Frau, sagte der junge Mann bedrckt.
    Ach, lieber Freund, da htte man viel zu thun, wenn man Euch Kindern so oft
zrnen wollte, wie Ihr es verdient. Wir sehen uns doch heute abend bei
Sudenburgs?
    Gewi, gndige Frau.
    Dann also au revoir!
    Darf ich bitten, mich dem Herrn Gemahl zu empfehlen?
    Wenn ich's nicht vergesse!
    Der Wagen hielt. Fernau wre fr sein Leben gern mit der schnen Frau
ausgestiegen; aber er wagte es nicht. Dafr warf er, whrend der Wagen weiter
fuhr, dem Herrn in der Ecke mehr als einen wtenden Blick zu, welchen dieser,
der wieder vor sich nieder sah, glcklicherweise nicht bemerkte.
    Das ist doch seltsam, sagte Klotilde bei sich, whrend sie in der Querstrae
auf ihre Wohnung zuschritt. Was war das nur eigentlich mit dem Herrn? Er war
nicht einmal so schn wie Fernau; und Fernau hatte recht: trotz seiner Eleganz
sah er doch eigentlich wie ein Spiebrger aus. Dennoch - wunderlich! ich glaube
wahrhaftig, das Herz hat mir ordentlich geschlagen. Es ist nur die wahnsinnige
Langweile. Es ist nur, weil -
    Sie brach ihr Selbstgesprch jh ab. Auf der andern Seite der Strae, um ein
weniges ihr voraus, ging ihr Mann. Sie htte ihn mit ein paar Schritten
einholen, auf der fast menschenleeren Strae leichtlich mit einem halblauten:
Viktor! abrufen knnen. Wozu? Er wrde sich nicht freuen, sie zu sehen; und sie
brannte nicht darauf, sein gleichgltiges: Ach, sieh da, Klotilde! zu hren.
Wenn ihr doch ein Mensch sagen knnte, weshalb sie diesen, gerade diesen
geheiratet hatte! Und weshalb Menschen, die sich nicht mehr lieben, vielleicht
einander nie geliebt haben, nun so miteinander weiter leben mssen!
    Ein bittres Lcheln zuckte um ihre Lippen. Wie hatte sie zu Adele gesagt: er
geht seinen Weg, ich den meinen! Nun ja: da ging er; und sie ging hier!
    Viktor war an dem Hause angelangt. Er hatte geschellt, blickte, auf das
ffnen der Thr wartend, sich zufllig um und sah seine Frau ber den
Straendamm kommen.
    Ach, sieh da, Klotilde! Aus der Stadt?
    Ja. Ich mu an Dir vorbergefahren sein.

                                Drittes Kapitel


Die schnen Rume der Wohnung des Ministerialdirektors Sudenburg hatten seit
einer halben Stunde angefangen, sich mit den eingeladenen Gsten zu fllen. Die
ersten waren, wie stets, die jungen, unverheirateten Offiziere gewesen, die mit
dem Glockenschlage acht sich einfanden - Kameraden, zumeist der beiden lteren
Shne des Hauses, Fritz und Franz, Sekondelieutenants: Fritz in der Artillerie,
Franz in der Infanterie. Zum Glck fr Stephanie, die kaum noch wute, was sie
mit dem uniformierten, wenig ausgiebigen Schwarm beginnen sollte, waren dann
auch bald, beinahe gleichzeitig, ihre liebste Freundin Klotilde mit Viktor, und
Adele mit ihrem Gatten gekommen, und sie mute vorerst einmal Adele, welche ganz
neu in diesen Kreis trat, ein wenig lancieren. Adele hatte es ihr nicht schwer
gemacht. Von der Furcht, die sie heute vormittag angesichts ihres Debts in der
Berliner Gesellschaft gehabt haben wollte, war schlechterdings nichts zu
bemerken. Jeder der ihr Vorgestellten, gleichviel, ob Herr oder Dame, schien fr
sie eine intime Bekanntschaft zu sein, deren Anfang bis in ihre Kinderjahre
zurck datierte. Eine entzckende kleine Person, sagte Hauptmann von Luckow zu
ein paar jngeren Kameraden. Diese lachenden, blauen Augen, diese lustig
blitzenden, weien Zhne, dies frhliche Geplauder - wahrhaftig, das wirkt wie
eine Oase auf den verschmachtenden Wanderer in der Wste.
    Das Wort machte die Runde. Es dauerte nicht lange, bis - mindestens unter
den jngeren Herren - keiner von Adele anders, als von der Oase sprach.
    Inzwischen hatte sich Elimar ebenfalls sein Terrain erobert, ohne da man
von ihm, so wenig wie von Adele, sagen konnte, er habe es darauf abgesehen
gehabt. Aber seine gehaltene, gegen Hher- und Niedrigerstehende gleich
liebenswrdige Freundlichkeit; seine groe Unterhaltungsgabe, der jedes Thema
genehm, und die doch niemals nach Beifall und Bewunderung zu haschen schien; die
Melodie selbst seiner immer nur halblauten und immer gleich verstndlichen
Stimme - es wre nicht erst ntig gewesen, da der Kriegsminister, der eben
erschienen war, ihn, sobald er nur erst die Wirte begrt, sofort durch ein
lngeres, augenscheinlich sehr intimes Gesprch auszeichnete, um die
Gesellschaft von der Bedeutenheit des Mannes zu berzeugen.
    Die Gesellschaft war jetzt beinahe vollzhlig; es schien sogar ein wenig an
Raum zu fehlen, aber nur, weil in der langen Flucht der Zimmer einige so gut wie
leer blieben, whrend die Herrschaften sich in einigen wenigen zusammendrngten.
    Mama hat gut reden, sagte Fritz zu Franz, sich heimlich den Schwei von der
Stirn wischend; ich kann sie nicht auseinander bringen; sie stehen wie die
Mauern.
    Wenn man die kleine Meerheim da loseisen knnte! Es laufen dann gleich ein
Dutzend nach.
    Wird sich kaum noch der Mhe verlohnen. Endlich mssen wir doch einmal zum
Souper kommen. Bist Du mit der Tischordnung fertig?
    Hat sich was mit Tischordnung, wenn Stephanie mir die ganze Geschichte
wieder umkrempelt. Sagt, ich htte lauter dummes Zeug gemacht!
    Wirst Du auch, alter Sohn!
    Meinetwegen. Ich bekmmere mich nicht mehr darum. -
    An einen Schwarm von Herren, der Klotilde umringte, trat Viktor eilfertig
heran.
    Verzeihung, Ihr Herren! Ich mchte meiner Frau -
    Bitte! bitte!
    Was giebt's? fragte Klotilde.
    Hast Du mit Excellenz schon gesprochen?
    Welcher? Es sind ein halbes Dutzend hier.
    Mein Gott, mit unsrer natrlich.
    Ich wei noch gar nicht, da sie hier sind.
    Schon seit einer Viertelstunde. Er ist allein da und hat mich schon nach Dir
gefragt. Bitte, komm' gleich mit!
    Er hatte ihr den Arm geboten, den sie ihm willig reichte. Excellenz war
einer ihrer wrmsten Verehrer, und von Excellenz allein hing es ab, ob Viktors
Ernennung zum Regierungsrat bereits zu Neujahr, oder erst zu Ostern erfolgte.
    Du kannst ihm auch sagen, flsterte Viktor, whrend sie sich durch die Menge
drngten, da ich die halben Nchte ber den Akten sitze.
    La mich nur machen, flsterte Klotilde zurck, und bei sich sagte sie:
meinetwegen die ganzen.
    Es mute fr diesmal bei ihrem guten Willen bleiben. Als sie endlich bis in
die Nhe des allmchtigen Mannes gelangten, fanden sie ihn in einer, wie es
schien, sehr eifrigen Unterhaltung mit dem Kollegen vom Kriegsministerium, einem
andern hohen Offizier und dem Wirt des Hauses. Fr den Augenblick war an eine
Annherung nicht zu denken.
    Dann aber unter allen Umstnden nach Tisch, sagte Viktor rgerlich. Wirst Du
tanzen?
    Sonderbare Frage!
    Ich wollte nur sagen: richte es so ein, da Du fr einen, oder ein paar
Tnze frei bleibst. Nach Tisch ist er immer am zugnglichsten.
    Nachgerade wei ich wirklich, was ich zu thun habe.
    Ich wre der Letzte, der daran zweifelte.
    Also! - Wollten Sie etwas von mir, liebe Stephanie?
    
    Etwas sehr Dringendes. Bitte, Herr von Sorbitz!
    Viktor war mit einer Verbeugung zurckgetreten; Stephanie hatte die Freundin
unter den Arm gefat und ein paar Schritte seitwrts aus dem Schwarm in eine
leere Fensternische gefhrt.
    Um was handelt es sich? fragte Klotilde.
    Liebes Herz, Du kannst mir aus einer groen Verlegenheit helfen. Wie ich
eben die Tische revidiere, sehe ich, da Franz neben anderm Unsinn - man kann
dem Jungen wirklich nichts berlassen - einen Gast, den wir heute zum erstenmale
hier haben, ganz falsch placiert hat.
    Meinen Cousin Meerheim?
    Den habe ich fr mich genommen. Nein! Aber Klotilde, nun kannst Du einmal
wirklich zeigen, da Du mich lieb hast.
    Mein Gott, das klingt ja ganz feierlich.
    Feierliches ist nun schon gar nicht dabei. Aber Franz hatte Dir Fernau
gegeben, und ich wei, da Du ihn gern hast.
    In allen Ehren.
    Aber, Schatz, das versteht sich doch von selbst! Er soll jetzt Deine Cousine
fhren. Ich habe eben Franz zu ihm geschickt: er habe Euch beide verwechselt.
    Fernau wird entzckt sein.
    Das gerade nicht, obgleich die kleine Dame wirklich ganz allerliebst ist,
trotz ihres mindestens dreimal neu garnierten Kleides. Fr Dich nur, Du armes
Opferlamm -
    Ich bin auf alles gefat.
    Das heit: so schrecklich ist er gar nicht - im Gegenteil! ich kann mir
denken, da es Damen giebt, die fr ihn schwrmen, ebenso wie seine Jungen. Gott
sei Dank! nun ist es heraus! Es ist also der Ordinarius von Oskars Klasse, der
sich Oskars sehr annimmt. Und Papa, der sehr groe Stcke auf ihn hlt - was Du
ja schon daraus sehen kannst, da er heute abend eingeladen ist - hat mir auf
die Seele gebunden, ihn auf irgend eine Weise auszuzeichnen. Nun, Schatz, wie
knnte ich das besser, als wenn Du die kolossale Liebenswrdigkeit httest -
    Ich habe die kolossale Liebenswrdigkeit. Her mit dem Mann! Wo ist er?
    Er ist eben erst gekommen - diese Leute denken, es ist vornehm, wenn man
spt kommt - und spricht - oder sprach vorhin nebenan mit Mama. Ich hole ihn
Dir.
    Noch eins! Wie heit er?
    Winter. Doktor Winter, oder Professor. Ich wei nicht. Finde ich Dich hier
wieder?
    Stephanie war davongeeilt.
    Adieu! te quitter c'est mourir, sagte hinter Klotilde, nicht eben weit von
ihrem Ohr, eine leise Stimme.
    
    Aber es mu doch nicht gleich sein, rief Klotilde, sich lachend wendend.
    Auf der Stelle, erwiderte Fernau. Hlas, madame!
    - un prsage terrible
    Doit livrer mon coeur  l'effroi:
    J'ai cru voir dans un songe horrible
    Un chafaud dress pour moi.
    Sollte das nicht etwas zu spt kommen? Mir scheint, Sie haben Ihren Kopf
bereits verloren.
    Wer ihn ber gewisse Dinge nicht verliert, hat keinen zu verlieren. Also:
    Adieu, charmant pays de France!
    Adieu, Sie Unverbesserlicher! Sie -
    Klotilde kam nicht weiter; die Stimme versagte ihr und das Blut scho ihr in
die Wangen: neben ihr stand Stephanie mit einem Herrn, der sich eben tief
verbeugte, und in welchem sie trotz der vernderten Kleidung und der andern
Beleuchtung sofort jenen Passagier in der entgegengesetzten Ecke des
Pferdebahnwagens erkannte.
    Hier, liebe Klotilde, bringe ich Dir Herrn Professor Albrecht Winter, der
glcklich ist, Deine Bekanntschaft zu machen. Herr Professor Winter - Herr
Legationsrat von Fernau.
    Ich habe die Reisebriefe des Herrn Legationsrats durch die sdlichen
Provinzen Frankreichs mit Entzcken gelesen, sagte Albrecht verbindlich.
    Sehr obligiert, Herr Professor. Die Tage des seligen Thmnel mit ihrem
sentimentalen Posthornschall und lustigem Peitschenknall sind leider vorber.
    Was wir an Sentimentalitt und Humor verloren, haben wir an der scharfen
Beobachtung von Land und Leuten reichlich gewonnen.
    Und so weiter - nach Tisch! rief Stephanie. Herr Professor, Sie wissen, da
Ihnen das groe Los zugefallen ist, die gndige Frau zu fhren. Da kommen die
lteren Herrschaften schon. Schlieen Sie sich, bitte, hernach an! Machen Sie,
da Sie zu Ihrer Dame gelangen, Herr von Fernau! Ich mu auch nach meinem Herrn
sehen.
    Stephanie hatte Fernau mit sich genommen.
    Da das groe Los nun einmal auf mich Unwrdigen gefallen - sagte Albrecht,
Klotilde den Arm bietend.
    Ich glaube, ich bin verrckt, sagte Klotilde bei sich, als sie fhlte, da
die Hand, die sie auf ihres Begleiters Arm legte, zitterte.
    Sie hrte auch kaum etwas von dem, was der Professor sagte, whrend sie so
auf den Moment warteten, wo sie sich dem paarweisen Zuge, der aus den
Nebenzimmern nach dem Speisesaale strmte, anschlieen konnten. Das Geschwirr
der Stimmen, welches vorhin die Rume sinnverwirrend erfllt hatte, konnte nicht
schuld daran sein: es herrschte eben jetzt eine fast lautlose Stille. Aber auf
ihrer Seele lag es wie eine Betubung, die ihr sonst vllig fremd war, und fr
die sie vergebens nach einer Erklrung suchte. Diese so unerwartete
Wiederbegegnung noch an demselben Tage war ja berraschend, nur da sie fr
berraschungen eine groe Vorliebe hatte; und die verblffte Miene von Fernau
bei der Vorstellung dessen, der ihn aus dem charmant pays verdrngte - das war
eigentlich furchtbar komisch gewesen. Weshalb dann also dies alberne Herzklopfen
und diese bngliche Empfindung, wie vor einer hereindrohenden Gefahr? Es war
positiv lcherlich, und der Herr Professor mute wirklich glauben, sie sei ein
Gnschen von Buchenau, das zum erstenmal von Sterne und sentimental yourney
reden hrte. Sie wollte, wenn sie erst einmal saen, schnell ein Glas Sekt
trinken. Das wrde ihr den Kopf schon wieder in Ordnung bringen.
    Als die letzten der jngeren Herrschaften, zu denen Klotilde und ihr
Begleiter gehrten, den Speisesaal betraten, hatten die lteren bereits in
dessen kleinerem, nur durch ein paar Sulen von dem greren vorderen getrennten
Teil ihre Pltze eingenommen. Der gewaltige, von dem blendenden Licht der
Kronenleuchter und der zahlreichen Wandkandelaber durchflutete Raum bot einen
zauberhaften Anblick, zumal als alle nun in ihren schmucken Uniformen,
tadellosen Gesellschaftstoiletten, lichten Gewndern, um die vielen, reich
servierten, blumengeschmckten Tische gruppiert, lachend und plaudernd saen,
und die Menge der Diener in schmuckhaften Livreen lautlos geschftig die
Schsseln prsentierte und die Glser fllte.
    Albrechts Herz schwoll. Da war doch einmal einer seiner Trume zur
Wirklichkeit geworden! Er in diesem frstlichen Saal, inmitten der besten
Gesellschaft der Residenz, an der Seite einer schnen Frau! Da wrden ja
vielleicht auch die andern nicht immer Trume bleiben! sich ihm die Pforten des
kniglichen Schauspielhauses ffnen, an die er nun bereits seit zwei Jahren
vergebens ungeduldig pochte! Und die kaiserliche Loge, in die ihn der
General-Intendant fhrte, huldreiche Worte ber sein gelungenes Werk aus
allerhchstem Munde zu vernehmen! Evoe, Bakche! evoe! rief es in ihm, whrend er
den Schaum von seinem Champagnerglase schlrfte und dabei in die prachtvollen
Augen seiner reizenden Nachbarin blickte.

                                Viertes Kapitel


Klotilde hatte gefrchtet, sie wrde mit dem Herrn Professor ein schauderhaft
gelehrtes Gesprch zu fhren haben, und sah sich aufs angenehmste berrascht,
als ihr diese Pein durchaus erspart blieb. Nicht, da von den Lippen des Herrn
nicht hin und wieder eine Anspielung auf irgend einen wissenschaftlichen
Gegenstand, oder etwas, das ihr wenigstens so erschien, gekommen wre! Aber
immer doch nur eine Anspielung, die seiner Unterhaltung sogar einen gewissen
originellen Reiz gab und ihr schmeichelte, da er doch jedenfalls annahm, da sie
fr diese Winke nach hheren Regionen das volle Verstndnis besa. Im brigen
war, was er vorbrachte - und er brachte viel, sehr viel vor - er schien
unerschpflich - doch nur eine Plauderei, die ihr allerdings um einen
betrchtlichen Grad geistreicher schien als die, an welche sie in ihrer
Gesellschaft gewhnt war. Zu der er, wollte sie ihn nur nach seinen Manieren und
seinem Aeueren beurteilen, am Ende auch gehrte. Einer eleganteren Toilette
konnte sich keiner der Herren in Civil rhmen; Frack und Weste waren nach dem
neuesten Schnitt, das feine Vorhemd von blendender Weie, die Krawatte sa
tadellos. War ihr doch schon heute nachmittag in dem Pferdebahnwagen die
Sorgfalt, mit der er sich kleidete, aufgefallen! Und jetzt in seiner
unmittelbaren Nhe konnte sie sich berzeugen, da sie auch sonst seine
Erscheinung richtig taxiert hatte. Mit seinen regelmigen Zgen, der
feingewlbten Stirn, den groen, ausdrucksvollen blauen Augen, dem prchtigen
blonden Vollbart, der stattlichen, breitschulterigen, hochbrustigen Figur, mute
sie ihn wirklich fr einen schnen Mann gelten lassen, trotzdem sie eigentlich
an Blondins nicht leicht Geschmack fand, und in Fernau mit seinem blauschwarzen
Haar und Bart und dem sdlichen Oliventeint ihr Ideal sah. Das Einzige, was ihr
an dem schnen Manne unangenehm auffiel, waren seine groen, knochigen, allzu
roten Hnde. In den Augen der Dame aus uralt freiherrlichem Geschlecht durfte
ein Mann, den sie als ihresgleichen nehmen sollte, solche Hnde nicht haben.
    Las der Mann in ihren heimlichen Gedanken?
    Sie waren auf die landwirtschaftlichen Reize der deutschen Mittelgebirge,
zuletzt auf die des Harzes zu sprechen gekommen.
    Aber Sie kennen den Harz wohl nicht? sagte sie, als sie bemerkte, da er
stiller geworden war und sie schlielich nur noch allein sprach.
    Meine Heimat! erwiderte er mit einem melancholischen Lcheln.
    Da wren wir ja Landsleute! rief Klotilde und nannte das Stdtchen am Fu
eines der Auslufer des Gebirges, in dessen Nhe das Stammgut ihrer Familie lag.
    Ich bin in der Wahl meines Geburtsortes weniger vorsichtig gewesen, sagte er
mit demselben trben Ausdruck. Es ist ein armseliges, hoch oben zwischen kahlen
Bergen eingeklemmtes Dorf. Meine Eltern waren blutarme Bergleute. Der Vater
wurde, als ich sechs Jahre zhlte, in einem zusammenstrzenden Schacht
verschttet; meine Mutter starb ein Jahr darauf. Die Gemeinde, der ich zur Last
gefallen war, machte mich zu ihrem Gnsejungen, von dem ich zum Schafhirten
avancierte; und ich htte es sicher bei meiner entschiedenen Veranlagung zu dem
Berufe noch zum Kuhhirten gebracht, nur da sich der alte, kinderlose Pastor
unseres Dorfes meiner annahm. Er hatte in der Konfirmationsstunde Wohlgefallen
an mir gefunden; glaubte ein zuknftiges Kirchenlicht entdeckt zu haben; lie
mich studieren, adoptierte mich spter sogar und vermachte mir, als er starb,
sein bichen Hab und Gut. Nun, ich Undankbarer habe die Hoffnungen des guten
Mannes nicht erfllt; es nicht einmal ber den Schafhirten hinausgebracht, als
der sich so ein armseliger Schulmeister, wenn die Jungen einmal wieder durchaus
nichts begreifen knnen, oft genug vorkommt.
    Die kleine, in halb elegischem, halb satirischen Ton vorgetragene
Geschichte, hatte einen starken Eindruck auf Klotilde gemacht; und whrend der
Professor mit seinem Gegenber, dem Hauptmann von Luckow, in ein Gesprch
geraten war, hatte sie Mue, sich diesen Eindruck zurecht zu legen. Ein
Gnsejunge da oben auf den Bergen, der es immerhin so weit bringt - das war doch
einmal etwas anderes als das ewige Einerlei der Offizier- und Beamtencarriere;
das war doch sehr interessant, sehr romantisch! Und wie hbsch von ihm, da er
sich frank und frei zu seiner plebejischen Herkunft bekannte, die Leute der Art
sonst nach Mglichkeit zu verschleiern suchen! Und je tiefer er geboren war, um
so groartiger war es doch von ihr, wenn sie sich zu ihm herablie! Adieu,
plaisant pays de France! Maria Stuart und Rizzio! Gewi war Rizzio auch ein
armer Junge gewesen, der sich von den sonnigen Gassen irgend einer italienischen
Stadt bis nach Schottland und in die kniglichen Hallen und in das Herz der
schnen Knigin gesungen hatte. Mein Gott, so ein bichen unschuldige Liebelei
mu doch einer gelangweilten Knigin erlaubt sein, wenn auch Graf Boswell-Fernau
drben am dritten Tische fortwhrend wtende Blicke herberschleudert. Das macht
die Geschichte nur pikanter. Welche denn? Eine Episode, die ein paar
Abendstunden whrt und dann definitiv zu Ende geht, ist doch noch lange keine
Geschichte, wie sie das Verhltnis mit Fernau allerdings bereits zu werden
drohte. Hier war nach keiner Seite auch nur die mindeste Gefahr.
    Und whrend diese Gedanken durch ihr erregtes Gehirn zuckten, berlegte sie
schon, wie es wohl aufzufangen sein mchte, da die Episode keine Episode
bliebe; wie der interessante Mann wohl in ihren Kreis einzufhren, in ihrem
Kreise festzuhalten wre. Viktor mit seiner hochmtigen Verachtung alles
Plebejischen und aller Plebejer mute schon aus der Rechnung fallen. Aber das
wre nicht das erste Mal gewesen! Adele! sie war so grundgutmtig und hing an
ihrer Schleppe. Es wrde ihr ein Leichtes sein, Adele fr den Professor zu
begeistern. Und Elimar - natrlich! Er war ein halber Gelehrter. Wie sollte der
nicht Geschmack an ihm finden! Und Luckow da drben, der eben in seiner
Eigenschaft als Lehrer an der Kadettenschule ihn seinen Kollegen nannte! Der
Hauptmann war freilich Junggesell, aber, als Intimer des Kreises, immerhin ein
Stein mehr im Brett. Hier im Hause erschien der Professor, so wie so, vllig
akkreditiert. Die Sache wrde sich machen, mute sich machen. Sie hatte schon
schwierigere Dinge siegreich zustande gebracht.
    Da, in dem Moment, als der Professor sich aus der Unterhaltung mit Luckow
wieder zu ihr wandte, wurde die Tafel aufgehoben. Bereits kamen die Excellenzen
und andere Hochwrdentrger mit ihren Damen durch den Saal; die jngeren
Herrschaften standen nur noch an ihren Pltzen, jene vorberzulassen und sich
ihnen dann anzuschlieen. Der Professor hatte ihr wieder den Arm gereicht. Ihre
Hand zitterte jetzt nicht mehr; eine freudig sieghafte Empfindung fllte ihr
Herz und lie sie mit einem ihrer vollen Blicke, deren Gewalt ber Mnnerherzen
sie nun schon so oft erprobt hatte, zu ihrem Begleiter aufschauen und die Lider
nicht senken vor dem Feuer der Bewunderung, das aus seinen groen Augen auf sie
herabflammte.
    Gott segne Sie, gndige Frau, fr die selige Stunde, die Sie einem
Unglcklichen bereitet haben; sagte er so leise, da nur eben sie es verstehen
konnte.
    Es war eben auch fr mich eine liebe Stunde, gab sie ebenso leise zurck.
Und Sie thun unrecht, mir die freundliche Erinnerung durch solche schmerzlichen
Worte zu trben.
    Wenn ich das Glck htte, nher von Ihnen gekannt zu sein, wrden Sie in
Ihrem schnen Herzen nicht mehr den Mut finden, mir den Titel eines
Unglcklichen zu bestreiten.
    Es klang in dem Flstertone so herzbeklemmend - Klotilde mute nun doch die
Wimpern niederschlagen, aber nur, weil sie fhlte, da ihre Augen brannten, und
frchtete, sie knnte die unsgliche Thorheit begehen und in Thrnen ausbrechen.
    Ich bin positiv verrckt, sagte sie bei sich.
    Man war in die Vorderzimmer gelangt. Er hatte sich mit einer tiefen
Verbeugung von ihr verabschiedet und war alsbald in dem Gedrnge verschwunden,
das jetzt noch grer war als vor Tisch. In dem Lrm der durcheinander
schwirrenden, weinlauten Stimmen konnte man das eigene Wort kaum noch verstehen.
Klotilde kam es gelegen; sie war sich bewut, zu den Herren, die sie umringten
und alle zugleich auf sie einsprachen, ganz tolles Zeug zu reden. Denn
urpltzlich hatte sie im strksten Grade eine jener bermtigen Launen gepackt,
die man an ihr kannte und in diesen Kreisen entzckend fand. In witzigen und
neckischen Wendungen verteidigte sie gegen den Ansturm von einem halben Dutzend
Aspiranten die beiden freien Tnze, die sie noch auf ihrer Karte hatte. Sie
habe, whrend man diese Tnze tanze, eine hohe diplomatische Mission zu
erfllen; sie msse unterdessen den Staat retten. Dabei war ihre freudige
Hoffnung, die Courschneiderei bei Excellenz, zu der sie ihr Mann verpflichtet,
werde nur ein paar Minuten dauern und sie so wenigstens einen Tanz fr den
Professor herausbringen, der ja unmittelbar vor dem Souper gekommen war, und
sich sicher in diesem ihm fremden Kreise nicht engagiert hatte. Vorausgesetzt,
da er berhaupt tanzte. Aber warum sollte er nicht? Er tanzte sogar zweifellos
vorzglich.
    Ein lustiges Wort, das sie eben dem Hauptmann von Luckow erwidern wollte,
erstarb ihr auf den Lippen. Sie sah den Professor auf sich zukommen mit einer
Dame am Arm, die sie nicht kannte - einer kleinen untersetzten Dame, deren
unmodische Frisur und einfache dunkle Toilette so gar nicht in diesen Kreis
paten, da ihr erster Gedanke war: wie um Himmelswillen kommt denn die
hierher? Zu einem zweiten Gedanken blieb ihr keine Zeit, denn jetzt war,
whrend die anderen Herren etwas zurckwichen, der Professor an sie
herangetreten und sagte, die Dame vom Arm lassend:
    Ich wollte nicht aus der Gesellschaft scheiden, ohne der gndigen Frau meine
Frau vorgestellt zu haben.
    Klotilde war aufs heftigste erschrocken; kaum da sie die etwas linkische
Verneigung der Frau Professor mit dem ntigen gesellschaftlichen Anstand
erwidern konnte. Das Blut mute ihr aus den Wangen geschwunden sein - sie fhlte
es deutlich, und wie es im nchsten Moment gewaltsam zurckscho. Dann aber
hatte sie die angewohnte Selbstbeherrschung zurckgewonnen.
    Aber wie unrecht, gndige Frau, sagte sie mit einem Lcheln, das vielleicht
noch etwas gewaltsam war; so spt kommen und die Gesellschaft dann, wenn ich
Ihren Herrn Gemahl recht verstanden habe, so frh verlassen wollen!
    Ich habe drei Kinder zu Haus, erwiderte die Dame, und das jngste ist erst
acht Wochen alt. Da hat man nicht viel Zeit fr Gesellschaften brig.
    Nein, gewi nicht, sagte Klotilde hflich.
    Besonders wenn man selbst stillt, fgte die Dame hinzu.
    Dann besonders nicht, sagte Klotilde.
    Ihr Blick hatte unwillkrlich den Professor gestreift; sie htte beinahe
laut aufgelacht. Welch ein verlegen albernes Gesicht der Mann machte!
    Er mochte es selber empfinden, denn er sagte mit hrbarer Ungeduld:
    Wir drfen die gndige Frau der Gesellschaft nicht lnger entziehen, liebe
Klara. Gndige Frau, meine gehorsamste Empfehlung.
    Es hat mich sehr gefreut, sagte Klotilde, der Frau Professor die Hand
reichend, whrend der Professor sich mit einem gndigen Kpofnicken begngen
mute. Dann hatte sie sich schnell zu den andern Herren gewandt, die sofort
wieder herangetreten waren, die meisten mit lchelnden Mienen.
    Um Himmelswillen, gndige Frau, rief der Lieutenant von Sperber; wer war
denn diese hchst eigentmliche Erscheinung?
    Darber kann ich genaue Auskunft geben, erwiderte anstatt Klotildes der
Assessor von Visselbach. Mir ward die vllig unverdiente Ehre, die Dame zu Tisch
zu fhren. Bei Gott! nach zehn Minuten htte ich glauben knnen, mich in einer
Kleinkinderbewahranstalt zu befinden.
    Schade! sagte der Hauptmann von Luckow. Der Professor ist wirklich ein sehr
unterrichteter, sehr charmanter Mann. Habe ich nicht recht, gndige Frau?
    Klotilde brauchte nicht zu antworten: Viktor kam, sie zu seinem hohen Chef
zu fhren, der aufbrechen wollte. Es war keine Minute zu verlieren.
    Sie htte nicht sagen knnen, was sie dann mit seiner Excellenz gesprochen.
Aber sie mute wohl das Rechte getroffen haben; Excellenz waren die
Liebenswrdigkeit und Gte selbst gewesen; Viktor, der in decenter Nhe dabei
gestanden, hatte wiederholt zufrieden gelchelt und sagte, als die Unterredung
zu Ende war, ihren Arm in den seinen nehmend und ordentlich zrtlich drckend:
Das hast Du einmal wieder superb gedeichselt, Klotilde! In so etwas ist Dir doch
keine ber. - Und in allem andern auch nicht, hatte er mit schneller Hflichkeit
hinzugefgt.
    Frau Ministerial-Direktor war gewohnt, da man ihre Gesellschaften reizend
fand. So oft wie an diesem Abend war es ihr noch nicht gesagt worden. Es war nur
eine Stimme darber. Und ebenso ber das zweite, da die Knigin des Festes die
entzckende Frau von Sorbitz sei. Einige wollten freilich die Fahne der neuesten
Acquisition aufwerfen; aber wenn auch jetzt noch die Oase nicht nur gelten
lie, sondern sie ganz charmant fand, und da sie ein fideler Kamerad und
ein hllisch netter Kfer sei, - gegen ihre prachtvolle Cousine komme sie doch
nicht auf, und sie ihr gar vorziehen wollen, sei einfach lachhaft.
    Er wurde fr Klotilde in ihrem an Triumphen derart nicht armen Leben der
glnzendste, den sie bis jetzt gefeiert hatte. Unter der Menge der Bettler um
eine Extratour kam es manchmal fast zu unliebsamen Scenen; in dem Blumenwalzer
huften sich die Bouquets um sie zu Bergen. Und mit vollen Zgen sog sie den
berauschenden Duft dieser Huldigungen ein. Ihre groen, blaugrauen Augen
strahlten, whrend um die halbgeffneten feinen Lippen bestndig ein Lcheln
schwebte, das, wie zauberhaft immer, doch stolz, ja hochmtig war und sagen zu
wollen schien: dies alles kommt mir von rechtswegen zu! mir, eurer Knigin!
    Als die unermdlichen Wirte ihre Intimen, die sie nach dem Balle noch zu
einem Plauderstndchen beisammen behalten hatten, endlich entlieen und Viktor
mit Klotilden nach Hause fahren konnte, war es drei Uhr geworden. Viktor war
ber den Sieg seiner Gattin so entzckt, als htte er ihn selbst erfochten. Mit
leuchtenden Farben malte er sich ihre beiderseitige Zukunft aus.
    Mit einer solchen Frau zur Seite, rief er, in einer Aufwallung von Stolz und
Zrtlichkeit den Arm um ihre Schulter legend.
    Und wenn man selbst so Hervorragendes leistet, sekundierte Klotilde
gefllig.
    Mte es doch sonderbar zugehen -
    Brchte man es nicht zum Minister.
    Seit manchen Wochen war die Einigkeit zwischen den beiden Gatten nicht so
gro gewesen.

                                Fnftes Kapitel


Fr Albrecht Winter rollten die nchsten Tage in dem gewohnten ausgefahrenen
Geleise eben so fort. Lektionen abhalten, griechische, lateinische Exercitia,
deutsche Aufstze korrigieren, sich von seinen Sekundanern anstaunen lassen, mit
den Kollegen in den Zwischenviertelstunden und in den Konferenzen fachsimpeln
- die alte Leier, deren hohler Ton ihn manchmal zur Verzweiflung bringen wollte,
mochte er andern noch so wohlgefllig in das anspruchslose Ohr klingen!
    An den Abend bei dem Ministerial-Direktor dachte er mit sehr gemischten
Gefhlen. Wenn er es recht berlegte, waren die Hoffnungen, in denen er sich
whrend jener paar Stunden gewiegt, bunte Seifenblasen gewesen. Weshalb hatte
man ihn eingeladen? Doch um seiner selbst willen wahrhaftig nicht. Doch nur,
damit er sich des faulen Schlingels, des Oskar Sudenburg, annehme, der, die
richtige Berliner Treibhauspflanze, eines Mentors freilich auch sehr dringend
bedurfte. Man wrde ihn sich in derselben Absicht noch ein- oder zweimal kommen
lassen - natrlich nur zu den groen routs, wo er in der Menge verschwinden
konnte - bis er den Jungen nach Prima gelotst hatte, wo denn anstatt seiner der
Kollege in Prima an die Reihe kam. Was war man denn diesen Aristokraten anderes
als ein Werkzeug! Hatte es seinen Dienst gethan, warf man es zu dem alten Eisen.
Die Socialdemokraten hatten ganz recht: jedes Zugestndnis, das sie unsereinem
machen, wird ihnen durch die Not und die Furcht abgepret. Ganz vergebene Mhe,
ihnen zu schmeicheln, um ihre Gunst zu buhlen! Den Fu mu man ihnen auf den
steifen Nacken setzen; ihre Herrlichkeit vor die Fe werfen - ihre freche,
zusammengelogene und gestohlene, brutale Herrlichkeit! Ah, ein Luther! ein
Luther! Nicht der Reformator der Kirche, die doch zerbrckelt und an der nichts
mehr zu halten ist! Nein, der die eisernen Fessel sprengt, mit denen die Junker
und ihre Spiegesellen ein mndig gewordenes Volk noch immer einzwngen! die
schandbaren Fessel, an welchen sie in den Bauernkriegen schon gerttelt haben,
die Armen und Elenden - meine Ahnen! Deren Shnen einzig und allein noch
frisches, kraftvolles Blut durch die Adern rollt! einzig und allein noch der
Funke der Freiheit die Herzen erglhen macht!
    Und whrend Albrecht so in der Phantasie die Welt in Trmmer schlug, raunte
ihm eine leise Stimme ins Ohr: mchte sie doch bestehen und bleiben, wie sie
ist, knntest Du einmal, nur einmal von ihren Lippen die Worte hren: ich liebe
Dich!
    Er durfte sich sagen, und sagte es sich diese Tage wieder und wieder, da er
es fr seine Verhltnisse erfreulich weit in seinem Berufe gebracht habe, und
nach menschlicher Berechnung noch ein gut Stck weiter bringen werde. Und hatte
sich auch der Lorbeer des Dichters noch immer nicht auf seine Stirn senken
wollen, ber kurz oder lang mute es doch geschehen: nannte man die besten
Namen, wrde man auch den seinen nennen. Aber die Anerkennung des Gelehrten, den
Ruhm des Dichters und alles htte er freudig hingegeben fr die Erfllung des
groen Traumes seines Lebens: geliebt zu werden von einer Frau, wie - wie - nun
ja, beim Himmel! wie die, an deren Seite er an jenem Abend gesessen hatte! Das
wre sein Adelsdiplom gewesen! Die Brgschaft dafr, da er, der arme
Bergmannssohn, ebenbrtig war den Hoch- und Hchstgeborenen! Da nicht, was er
mit andern teilte: sein bichen Wissen und Knnen, ihm zum Siege verholfen bei
des Lebens olympischen Spielen, sondern das Beste, was der Mensch ist und hat
und das er mit niemand teilen kann und worauf er fr sein Teil deshalb von jeher
den hchsten, ja, einzig und allein Wert gelegt hatte: seine Persnlichkeit.
    Eine Stunde lang hatte er sich in diesem holden Traum gewiegt. Sein Ideal,
das nur immer, eine goldene Morgen- und Abendwolke, in unerreichbarer Ferne vor
seines Geistes Aug' dahingeschwebt war - hier hatte es in wonnesamster
Leibhaftigkeit vor ihm gestanden: die hohe, schlanke Gestalt, die feinen,
aristokratischen Zge, die groen, stolzen Augen, das reiche, weiche, dunkle
Haar, der knigliche Anstand, die lssige Anmut jeder, auch der kleinsten
Bewegung, die etwas tiefe, metallische Stimme selbst - er hatte sich in jener
seligen Stunde immer wieder gefragt: ist es denn mglich? kann es denn sein? hat
denn wirklich endlich der Himmel Barmherzigkeit gebt und will den brennenden
Durst lschen des Verschmachtenden in der Wste?
    Und er hatte an dem labenden Quell getrunken mit vollen, gierigen Zgen! ihr
holdseliges Wesen in sich gesogen mit dem sen Duft, der von ihrem Haar
auszustrmen schien und sie umwitterte wie eine kstliche Sommergartenblume! ihr
hoheitsvolles Bild eingegraben in sein Gedchtnis, da es dastand in leuchtender
Schne, wie von eines Raphael, eines Tizian Hand gemalt, tagsber, wo er ging
und stand, im Dunkel der Nacht selbst, wenn er das schlummerlose tief in die
Kissen drckte, damit Klara, die nebenan mit den Kindern schlief, sein
verzweifeltes Sthnen nicht hrte!
    Die gute Klara, die nicht ahnte, was Furchtbares das unselige Weib in seinem
Herzen angerichtet hatte! Und da, wenn er sich von dem Graus lsen konnte - und
er war jetzt sicher, er zu knnen - er es ihr und ihr allein verdankte! Denn an
dem Empfang, den die hochmtige Aristokratin seiner Gattin zu bereiten gewagt
hatte, war er zur Besinnung gekommen. Ah! dies verchtliche Zucken der
Nasenflgel! Dies hohnvolle Lcheln! Diese demtigende Herablassung, mit der sie
der rmsten dann schlielich doch die Hand gereicht - oder waren es nur ein paar
Finger? - Wenn er ihr das verga - und da er selbst in dem Moment fr sie Luft
gewesen - verflucht wollte er sein in diesem Leben und in jenem, wenn es eines
gab!
    Nun ja, er htte die Vorstellung unterlassen knnen. Wenn er es nicht
gethan, die sich Strubende fast zu dem Schritt gezwungen hatte, so war es doch
aus einem Gefhl heraus gewesen, dessen er sich nicht zu schmen brauchte. Er
wollte durch diese Gesellschaft nicht als ein Komdiant gegangen sein, der, mit
einer Frau hinter sich, die Rolle des flotten Junggesellen spielt. Und ihr, der
er gesagt hatte, da er rmster Bergleute Sohn sei, weshalb ihr die
Dorfschulmeistertochter unterschlagen, mit der er da oben auf den Bergen
gespielt und Vogelnester gesucht und sich verlobt, als er auf die Universitt
ging; und der er Treue bewahrt die langen, langen Jahre unendlicher Arbeit durch
Hunger und Kummer, bis er sie endlich als sein eheliches Weib heimfhren konnte.
    Hatte er es denn je zu bereuen gehabt?
    Nein, und tausendmal nein!
    Wie einfach und unscheinbar sie sein mochte, - das war fr ihn Axiom: es gab
keine bravere Frau, keine sorgsamere Mutter; keine, die ihn inniger liebte, es
so treu und ehrlich mit ihm meinte, wenn auch manchmal ihre Formen zu wnschen
lieen und ihre Rede htte gewhlter sein knnen. Was brauchte sie, der es stets
ernst war mit dem, was sie sagte, Worten nachzujagen? Traf sie darum nicht doch
immer den Nagel auf den Kopf? Hatte sie es nicht wieder diesmal gethan, als sie
fr sich die Einladung zu dem Ball nicht annehmen wollte und sagte: wenn Du es
den Leuten schuldig zu sein glaubst und Du Dir etwas von dem Verkehr in dem
Hause versprichst, - obgleich ich nicht recht sehen kann, was, und mit groen
Herren ein fr allemal schlecht Kirchen pflcken ist - nun, so gehe in Gottes
Namen hin; aber mich la zu Haus! Ich passe nicht dahin. Wenn Du eine Frau
wolltest, mit der Du Staat machen konntest, httest Du eine andere heiraten
mssen. Ich gehre ins Haus und in die Kinderstube. Unter all den feinen und
geputzten Leuten werde ich eine traurige Rolle spielen und Dir nur im Wege
stehen, wenn Du auch meinst, Du knntest mich so mit durchschleppen, und man
wrde mich Dir Deinethalben abnehmen.
    Ja, das hatte er gemeint, wenn er sich auch weislich gehtet hatte, es zu
sagen. Er hatte gemeint: man wird es Dir in den Kreisen zur Ehre anrechnen, da
Du, der Du zu ganz andern Ansprchen berechtigt bist, treu zu der kleinen,
unscheinbaren Frau hltst. Es ist wahr: whrend der Stunde bei Tisch hatte er
sie in dem Taumel seines Entzckens vergessen, bis die Rede auf seine Abstammung
kam, er vielmehr die Rede darauf brachte, um nun von seinem bescheidenen
Lehrerhaushalt zu sprechen und dem Vivitur parvo bene des Horaz und seiner
guten, kleinen Frau. Und gerade da mute die Tafel aufgehoben werden! Gerade in
dem Moment, als das aristokratische Eisen zu glhen begann, es nur vielleicht
noch eines geschickten Schlages bedurft htte, da der Funke heraussprang: ich
mu Ihre Frau kennen lernen! Die Frau eines Mannes, wie Sie, kann nicht anders
als eine Elite-Natur sein, die ich zu meiner Freundin machen, die ich lieben
werde!
    O, des Thoren, der er gewesen war! des jmmerlichen Thoren, der sich eine
volle Stunde lang am Narrenseil hatte fhren lassen, um - dahin geschickt zu
werden, wohin die Narren gehren!
    Gut! es war ihm eine Lehre gewesen, die er nicht wieder vergessen wrde. Von
Stund an wollte er nur seinem Berufe leben.
    Und wenn er auch das Trumen nicht wrde lassen knnen - wer kann dem
Seidenwurm verbieten zu spinnen! - er wollte frder nie wieder in diese Schwche
verfallen; sich immer bewut bleiben, da die Wirklichkeit Wirklichkeit ist und
die Trume Trume sind! Und nur ein unklarer Kopf beide durcheinander mischt!
    Er war kein unklarer Kopf - er nicht! -
    Es war inmitten eines solcher Selbstgesprche, die Albrecht in diesen Tagen
endlos hielt, da Auguste, der Familie Mdchen fr alles, ihm ein Briefchen
brachte, dessen Aufschrift von unbekannter, offenbar weiblicher Hand sein Herz
schlagen machte. Bereute sie die kalte Grausamkeit, mit der sie ihn
verabschiedet hatte? wollte sie Abbitte leisten? Sollte er ihr verzeihen?
    Mit bebenden Hnden erbrach er das Billet, hastig nach der Unterschrift
blickend: Stephanie Sudenburg!
    Also nur eine neue Einladung! Mit Dank abgelehnt! Selbstverstndlich!
    Nur da der Brief fr eine bloe Einladung ein wenig lang war!
    Was also will man von mir?

                          Hochgeehrter Herr Professor!

Darf eine Gesellschaft junger Leute, die eben in strengster Heimlichkeit unter
meinem Vorsitz bei uns tagt, sich in ihrer Rat- und Hilflosigkeit an Ihre
bewhrte Gte wenden und Sie bitten, Ihren Geist ber ihr leuchten zu lassen!
Ich will Sie und mich nicht lange mit der Vorrede aufhalten und gleich zur Sache
kommen.
    Heute ber vierzehn Tage ist Papas - nebenbei sechzigster - Geburtstag. Es
ist der lebhafteste Wunsch von uns Kindern und unsern Freunden, den Tag durch
eine Festlichkeit zu feiern, von der wir annehmen drfen, da sie Papa ein
Vergngen bereiten wird. So weit sind wir alle einig; aber es scheint, wir
kommen ohne die Beihilfe eines superioren Geistes darber nicht hinaus. Deshalb
unser - wiederum einmtiger und einstimmiger - Appell an Sie. Raten Sie, helfen
Sie uns! Da Sie es knnen, wissen wir alle; da Sie es wollen, daran zweifelt
niemand. Wir geben uns ganz in Ihre Hand; Sie werden an uns eine willige,
gehorsame Gefolgschaft finden.
    Noch eines! Da der liebe Papa in seiner grenzenlosen Bescheidenheit
dergleiche Ovationen - so sehr er sich nachtrglich daran freut - grundstzlich
ablehnt, sind wir willens, vielmehr gezwungen, wenigstens so lange als mglich
unser Vorhaben vor ihm geheim zu halten. Ein hufiges Zusammenkommen der
Verschworenen - das doch jedenfalls ntig sein wird, und ja auch eigentlich der
Hauptspa bei der Sache ist - wrde ihm zweifellos auffallen. In dieser
Verlegenheit hat sich Frau Hauptmann von Meerheim (Mauerstrae 8 part.)
freundlichst erboten, uns bei sich aufzunehmen. Wie ich von der liebenswrdigen
Dame erfahre, haben Sie, hochgeehrter Herr Professor, sowohl ihre als auch des
Herrn Hauptmanns, wenn auch nur flchtige, Bekanntschaft neulich auf unserm rout
gemacht. Sie beide freuen sich sehr, Sie bei sich zu sehen und bitten mich,
Ihnen ausdrcklich zu sagen, da Sie von einer vorhergehenden Visite dispensiert
sind. Wie hochwillkommen uns Ihre verehrte Frau Gemahlin wre, im Falle sie an
unsern Kindereien Geschmack fnde, bedarf wohl keiner besonderen Erwhnung.
    Unsere nchste Zusammenkunft ist auf morgen (Sonnabend), 8 Uhr, abends
anberaumt.
    Wir hoffen zuversichtlich auf Ihr gtiges Erscheinen; speciell bitte ich um
eine mglich umgehende Zeile, die uns unsere Zuversicht besttigt.
    Die ich mit dem Ausdruck meiner vorzglichen Hochachtung und Bitte um
Empfehlung an Ihre verehrte Frau Gemahlin bin

                                      Ihre
                                   ergebenste
                              Stephanie Sudenburg.

P.S. Frau von Sorbitz, die mir fortwhrend ber die Schulter sieht, verlangt die
Hinzufgung, da sie mit dem Inhalt dieser Kritzelei nicht nur vllig
einverstanden sei, sondern das Verdienst beansprucht, als die erste in unserer
Versammlung Ihren Namen genannt uns auf die absolute Notwendigkeit, uns Ihrer
Hilfe zu versichern, hingewiesen zu haben. Als ob das ntig gewesen wre!
Indessen will ich hiermit der Schmeichlerin, da sie gar so schn bittet, den
Gefallen gethan haben.
                                                                            D.O.

Albrecht hatte den in einer zierlichen Handschrift geschriebenen Brief in
atemloser Hast durchflogen, bei dem Postskript hatten die Hnde, die den Brief
hielten, heftig gezittert.
    Also doch!
    Er lie das Blatt auf den Odyssee-Kommentar fallen, in welchem er, als das
Mdchen eintrat, eine Notiz fr die Lektion heute gesucht hatte; sprang auf;
fing an, mit groen Schritten in dem kleinen Zimmer hin und her zu gehen; blieb
vor dem Spiegel stehen, um ein paar Momente hchst aufmerksam sein Gesicht zu
betrachten und dann abermals seine Wanderung zu beginnen.
    Also doch! Keine bunten Seifenblasen! keine tuschenden Trume! Was er in
den groen stolzen Augen zu sehen geglaubt hatte, es war wirklich der
Wiederschein des Feuers gewesen, das in seiner Seele brannte! Denn von ihr
allein ging dies aus - die Nachschrift, die kstliche Nachschrift bewies es ja
deutlich! Nicht fr ein Knigreich htte er diese Nachschrift hingegeben! Kein
Mensch wrde an ihn gedacht haben; aber sie, sie hatte mit ihrer schnen,
khlen, weien Hand die Gelegenheit bei der Stirnlocke ergriffen - die
Gelegenheit, mit ihm wieder zusammen zu kommen, mit ihm wieder beisammen zu
sein, nicht einmal! wiederholt, eine vorlufig unabsehbare Reihe von Malen - man
wei ja, wie es bei dergleichen herzugehen pflegt! wie unersttlich die Leute
nach Proben und immer wieder Proben sind!
    Eine kleine, weinende Stimme, die aus dem zweiten Zimmer neben dem seinen
kam, lie ihn den schon erhobenen Fu wieder niedersetzen und verstrt um sich
blicken.
    Klara! Wie sollte er ihr das beibringen? plausibel machen! Sie wrde ihn
auslachen! Nein, auslachen nicht! Sie nahm ja alles ernsthaft - Gott sei es
geklagt! Aber um so schlimmer! Die grndliche Beweisfhrung, da er ein Narr
sei, wenn er sich darauf einlie, und den vornehmen Herrschaften abermals nach
der Pfeife tanzte! Er konnte ihr doch nicht sagen: nein, Schatz, diesmal liegt
die Sache anders. Diesmal handelt es sich um - ja, groer Gott, um was denn?
    Ja, um das! Um das einzig und allein!
    Darum, mir den Beweis zu fhren, da ich kein thrichter Knabe bin, der sich
durch ein paar heuchlerisch gtige Blicke aus schnen Augen, ein paar
schmeichelhafte Worte von Sirenenlippen um sein bichen Verstand bringen lt.
Ja, Du tapferer Griechenheld, Du sollst mein Vorbild sein! Wrden die Menschen
noch heute von Dir singen und sagen, wrest Du daheim in Deinem kleinen Ithaka
geblieben, mit dem Vater Laertes Reben planzend und dem gttlichen Sauhirten
Wirtschaftsfragen errternd, anstatt Dich durch die Welt zu schlagen, vieler
Menschen Stdte und Sinn kennen lernend, ja, und auch viele Leiden erduldend in
Deiner Seele? Die vor allem! Ohne Leiden keine Leidenschaft! Ohne Leidenschaft
keine Gre! keine Erfolge! kein Ruhm bei dem kommenden Geschlecht! Jacta est
alea!
    Er setzte sich an den Arbeitstisch, schob den Odyssee-Kommentar auf die
Seite und schrieb mit fliegender Feder an Stephanie, da er es sich zur Ehre
schtze, dem verehrten Sudenburgschen Hause seine schwache Kraft zur Verfgung
zu stellen. Zu der auf morgen abend anberaumten Zusammenkunft werde er sich
pnktlich einfinden.
    Sollte er Klara gleich jetzt von der Sache benachrichtigen? Es war besser,
wenn er ihr mit einem fait accompli gegenber trat. Mochte sie dann ihre
Philippika halten; an der Sache war nichts mehr zu ndern.
    Er mute in die Schule. Angezogen war er bereits - nur noch den berzieher
und Hut und Handschuh. Noch heute morgen hatte er sich in seiner zerknirschten
Stimmung gesagt, da mit dem neuen Leben, welches er beginnen wolle, auch der
Kleiderluxus - der einzige freilich, dessen er sich schuldig machte - aufhren
msse. Nun kam ihm doch die gewohnte Sorgfalt seiner Toilette zu statten. Er
konnte nach dem Schlu der Schule um zwei Uhr, wie er ging und stand, seinen
Besuch bei den Meerheims machen. Der Besuch war ihm freilich erlassen. Aber
diesen Aristokraten gegenber mu man in der Beobachtung der Form lieber ein
wenig zu viel thun als zu wenig.
    Als er das Haus verlie, sah er, noch einmal emporblickend, Klara mit dem
Baby am Fenster stehen. Er winkte mit der Hand hinauf; Klara lie zur Antwort
Baby auf dem Arm tanzen.

                                Sechstes Kapitel


Ich komme Dir zu frh, sagte Klotilde, als sie in der Dmmerstunde des nchsten
Abends bei Adele eintrat.
    Niemals, rief Adele, ihrer Cousine Hut und Mantel abnehmend. Gott, Herz, was
fr ein reizendes Kleid! natrlich funkelnagelneu!
    Funkelnagelneu aus einem Ausverkauf bei Gerson.
    Und wie das sitzt! rief Adele, Klotilden wie eine Modellpuppe herumdrehend.
Ja, wer so gewachsen ist! Kunststck! Du, was hat denn das gekostet?
    Wenn ich es Dir sage, ist es mit Deiner Bewunderung vorbei. So lcherlich
billig! Aber kann ich Dir nicht helfen? Ich bin eigens deshalb gekommen.
    In dem Kleide? das fehlte noch! brigens bin ich gleich fertig. Viel
Umstnde werden bei uns nicht gemacht, weit Du.
    Das war die Bedingung. Was ich fragen wollte: wird die Frau Professor Winter
auch kommen? Er hat in seiner Antwort an Stephanie nur von sich gesprochen.
    Hier ist sein Brief, sagte Adele, an ihren kleinen Schreibtisch laufend und
in einem Kasten kramend. Er hat uns gestern mittag doch seinen Besuch gemacht.
Elimar war zufllig zu Hause. Die Herren fhrten eine schauderhaft gelehrte
Unterhaltung, von der ich kein Wort verstanden habe. Er sagte, er knne noch
nichts ber seine Frau bestimmen; wollte heute - na, wo ist denn - da! Lies
selbst! das heit: ich kann es Dir in drei Worten sagen: sie kommt nicht - die
Kinder nehmen sie zu sehr in Anspruch - und so weiter!
    Sie hatte den Brief wieder in den offen gebliebenen Kasten geworfen und sich
zu Klotilden gewandt.
    Na, ehrlich gestanden, ich habe die Frau Professor nur ganz flchtig gesehen
- wrde sie auf der Strae nicht einmal wieder kennen - aber ich glaube, viel
verlieren wir nicht an ihr. Oder, glaubst Du?
    Nein, keineswegs. Aber es wre vielleicht doch gut gewesen - um des
Professors willen.
    Ach, weit Du, der sieht mir gar nicht so aus, als ob er an der Schrze
seiner Frau besonders fest hngt.
    Er gefllt Dir nicht?
    Nicht besonders. Ich mag diese geschniegelten Mnner nicht. Nur -
    Nur was?
    Warum hast Du eigentlich darauf bestanden, da er eingeladen wurde? Wir
wissen doch noch gar nicht, was wir wollen.
    Das soll er uns eben sagen.
    Aber dazu hatten wir doch schon die beiden Knstler.
    Gott sei es geklagt. Was haben sie denn bisher gethan, als sich zanken? Das
werden sie heute wieder thun. Damit kommen wir nicht weiter.
    Meinetwegen. Mir ist alles recht. Aber Herz, nun mut Du mich wirklich fr
ein paar Minuten entschuldigen. Du siehst, ich bin noch in der Kchenschrze.
Nur ein paar Minuten! Mach' es Dir unterdessen bequem!
    Hab' keine Sorge! Und bereile Dich nicht!
    Adele war aus dem Zimmer; Klotilde hatte sich in einen Fauteuil sinken
lassen und richtete sich wieder auf, als Adele den Kopf zur Thr hereinsteckte.
    Du, kommt Viktor nicht?
    Nein. Er bittet um Entschuldigung. Hat zu viel zu thun.
    Diese Mnner sind schrecklich.
    Die Thr wurde abermals geschlossen; Klotilde lehnte sich wieder zurck,
richtete sich von neuem auf, horchte nach dem Gerusch, welches ber den Flur
von der Kche her zu kommen schien, erhob sich und war mit ein paar schnellen
Schritten an Adelens Schreibtisch.
    Ich mu doch sehen, wie er schreibt, murmelte sie. Sie hatte den Brief aus
dem Kasten genommen; auf dem Schreibtisch brannten bereits die beiden Lichter;
sie konnte bequem lesen.
    Es gab nicht viel zu lesen: fnf Zeilen. Und es stand auch nichts darin, als
was sie durch Adele bereits wute. Dennoch starrte sie mit zusammengezogenen
Brauen auf das Blatt, als gbe es da ein Geheimnis zu entziffern. Die Hand, in
der sie es hielt, fing an zu zittern. rgerlich lie sie es in den Kasten
fallen.
    Ich wei nicht, was das ist, murmelte sie. Das ist mir im Leben noch nicht
begegnet. Im Leben hat mich noch nicht nach einem Menschen so gedrstet. Es ist
positiv lcherlich.
    Aber sie lachte nicht. Die Brauen zogen sich nur noch dsterer zusammen,
whrend sie, den Blick auf den Teppich geheftet, in dem Zimmer hin und wieder zu
gehen begann.
    Und ich glaubte ihn mir ganz aus dem Sinne geschlagen zu haben - hatte es
auch - drei oder vier Tage lang - da kam es wieder - mir that es so leid, da
ich ihn vor seiner Frau brskiert hatte - die Frau selbst - eine grundehrliche
Person, wie es schien, mit dem breiten Munde und der Stumpfnase - die reine
Kchin - glaub's, da er sich bei der unglcklich fhlt - seine Hnde freilich -
die stimmen zu der Kchin. Wenn der Mensch nur nicht so wunderschne Augen
htte! O, mon dieu, diese Augen! Es ist ein Glanz drin, ein Feuer! Eine
Liebesglut - eine verhaltene! Eine, die noch nie hat herauslodern knnen! - Das
ist gerade das Anziehende! Diese anderen - Fernau - - Viktor - wie oft hat das
da schon gebrannt! - alles Asche! - Und das qult sich denn ab, uns glauben zu
machen, es brenne lichterloh! pah! - Aber so eine taufrische, jungfruliche
Liebe - ach! ihn nur einmal, ein einziges Mal -
    Sie hatte es, immer hastiger schreitend, bald leiser, bald lauter vor sich
hingemurmelt und blieb jetzt erschrocken stehen vor einem Gerusch aus dem
Nebenzimmer. Elimars! Er konnte doch nichts gehrt haben?
    Die Thr that sich auf, Elimar stand auf der Schwelle.
    Ach, gndige Frau - Verzeihung! ich sollte mich ja einer vertraulicheren
Anrede bedienen. Ich hrte vorhin sprechen, konnte aber die Stimme nicht
erkennen. Wo ist denn Adele?
    Sie macht Toilette.
    Das pflegt bei ihr nicht lange zu dauern. Nun, und wir wollen heute abend
endlich die Quadratur des Zirkels finden?
    Ich setze meine Hoffnung auf den Professor Winter.
    Wenigstens scheint es, da wir mit unserem Latein zu Ende sind. Ich glaube,
es war ein Fehler von Frulein Stephanie, zwei Kunstlwen auf einmal in die
Schranken zu fordern. Man htte voraussehen knnen, da sie sich einander
auffressen wrden.
    Ich habe mich halb tot gelacht.
    Es war lcherlich genug, obgleich doch im Grunde dieser vllig blinde Ha
hinber und herber im Interesse der Kunst tief bedauerlich ist.
    Daran denkt unsereine nicht.
    Als ob Sie so, mir nichts, dir nichts, unsereine wren!
    Was denn sonst?
    Der Hauptmann zuckte lchelnd die Achseln.
    Bitte, bitte! so kommen Sie nicht fort! Ich will wissen, wie ich in Ihren
Augen dastehe; wofr Sie mich eigentlich halten?
    Elimar war einen Schritt nher getreten und blickte aus seiner Hhe lchelnd
auf sie hinab.
    Wie Sie in meinen Augen dastehen? Nun, ich glaube einen lebhaften Sinn fr
Frauenschnheit zu haben; da wrde es vielleicht Ihre Bescheidenheit verletzen,
wenn ich es sagte. Und wofr ich Sie halte? Wollen Sie es wirklich wissen?
    Ich bestehe darauf.
    Nun denn! Fr eine Frau, die mit ihren herrlichen Gaben des Geistes und auch
des Herzens eine fr Menschen ganz seltene Anwartschaft auf Glcklichsein htte,
wenn ihr nicht eines fehlte -
    Das ist?
    Gengsamkeit.
    Was verstehen Sie darunter?
    Die Einsicht, da uns Menschen Vollkommenes nun einmal nicht wird und werden
kann; wir berall und zu jeder Zeit auf einen mehr oder weniger peinlichen
Erdenrest gefat sein mssen und auf Kompromisse, die wir machen drfen, ohne
unserer Wrde etwas zu vergeben.
    Das sagen Sie, weil Sie alles besitzen, was Sie wnschen.
    Umgekehrt: ich besitze alles, weil ich nichts wnsche.
    Auch nicht, in noch sehr absehbarer Zeit es bis zur Excellenz zu bringen?
    Um ihre Lippen spielte ein so malitises Lcheln, aus den halb zugekniffenen
Augen, die zu ihm aufblinzelten, flimmerte ein so drolliger Ausdruck - Elimar
mute lcheln, wie ernst es ihm auch zu Sinn war.
    Sie unverbesserliches Weltkind, Sie! sagte er. Wer kann Ihnen bs sein!
    Die Thr wurde aufgerissen; Adele strzte herein.
    Kinder, es hat geklingelt! Gott sei Dank, da ich noch fertig geworden bin!
    Bis auf die Schleife, die entschieden an eine andere Stelle gehrt, sagte
Klotilde, an ihrem Anzug nestelnd.
    Meinst Du? Na, stecke sie hin, wo Du willst!
    Der Hauptmann von Luckow und der Landschafter Christian Wollberg waren
zugleich gekommen; dann erschien Stephanie in Begleitung ihrer beiden Brder;
nach einer kleinen Weile der Legationsrat von Fernau mit dem Historienmaler
Professor Hederich; als der letzte, Albrecht. Klotilde war so in ein Gesprch
mit dem Legationsrat vertieft - Adele mute sie erst auf den Nachzgler
aufmerksam machen.
    Ah, sagte sie, ihm die Hand reichend, wie lieb von Ihnen, da Sie gekommen
sind!
    Haben Sie daran gezweifelt, gndige Frau?
    Offen gestanden: ich frchtete, wir wrden einen Korb bekommen.
    Weshalb?
    Mein Gott, ein ernster Mann, wie Sie! und solche Allotria!
    Wir sind hier alles ernste Mnner, gndige Frau, sagte der Legationsrat. -
Ich wei nicht, Herr Professor, ob ich noch die Ehre -
    Schulmeister mssen ex officio ein gutes physiognomisches Gedchtnis haben.
Gewisse Erscheinungen nicht zu vergessen, dazu gehrt freilich weder bung noch
Kunst.
    Die beiden Herren waren gegeneinander von ausgesuchter Hflichkeit. Aber
Klotilde hatte, als sie sich zu Albrecht wandte, in Fernaus dunklen Augen einen
eigentmlich lauernd aufmerksamen Blick bemerkt.
    Ich werde sehr vorsichtig sein mssen, sagte sie bei sich.
    Wir sind alle zur Stelle, gndige Frau, meldete Fritz Sudenburg Adelen in
militrischer Haltung, die Hacken zusammenschlagend.
    Elimar! rief Adele mit hilfeheischender Stimme.
    Meine Frau hat gemeint, es verschwrt sich besser bei einer Tasse Thee. Darf
ich die Herrschaften ersuchen, hier einzutreten, wo wir es nebenbei auch ein
klein wenig weniger eng haben.
    Elimar hatte die Flgelthren zu dem greren dritten und letzten Gemach
geffnet, das in dem bescheidenen Haushalt fr etwaige gesellschaftliche Zwecke
reserviert war, und wo jetzt ein lnglicher, sauber gedeckter, mit den ntigen
Theesachen, Kuchen und belegten Brtchen besetzter Tisch fr die Gste bereit
stand.

                               Siebentes Kapitel


Man hatte nach einigem Hinundherkomplimentieren Platz genommen; Klotilde hatte
es so einzurichten gewut, da sie Albrecht schrg gegenber, zwischen Elimar
auf der einen, Stephanie auf der andern Seite zu sitzen kam. Auch da die beiden
Knstler durch die Lnge des Tisches voneinander getrennt waren, mochte kein
Zufall sein. Adele hinter ihrer Theemaschine fllte die Tassen, welche Elimars
Bursche, ein gewandter, heute abend in einfacher, kleidsamer Livree steckender
junger Mensch herumreichte. Bald hatte sich um den Tisch herum eine lebhafte
Konversation angesponnen ber alles Mgliche, nur nicht ber das, was der
Gegenstand des Abends sein sollte, bis der junge Maler Wollberg, von einem
Konvolut Radierungen und Zeichnungen, in welchem er emsig gewhlt hatte, sein
struppiges Haupt erhebend, mit einer lauten Stimme in wenig verbindlichem Tone
sagte:
    Ich dchte, meine Herrschaften, wir kmen endlich zur Sache. Viel Zeit habe
ich so wie so nicht. Ich mu nachher noch in den Knstlerverein.
    Sofort war eine halb komische, halb peinliche Stille entstanden. Fast aller
Blicke hatten sich, wie instinktiv, auf Elimar gerichtet. Adele setzte die
Tasse, die sie eben auf Johanns Prsentierteller stellen wollte, wieder auf den
Tisch und faltete mit niedergeschlagenen Augen die Hnde in dem Scho.
    Meine verehrten Damen und Herren, begann Elimar lchelnd -
    Hrt! hrt! rief Hans von Luckow, sich in seinen Stuhl zurcklehnend.
    Ich wei wirklich nicht, wie ich zu der Ehre komme, fuhr Elimar fort. Es
wre denn, da es schlielich einer von uns sein mu, der die Diskussion - nicht
leitet, wozu ich keineswegs den Beruf in mir fhle - aber doch einleitet, was
mit sehr wenigen Worten geschehen kann. Wir haben in unsrer letzten und bis
jetzt einzigen Zusammenkunft - ich konstatiere das besonders im Interesse des
Herrn Professor Winter, der nicht zugegen war - uns nach lngerer Debatte dahin
verstndigt, da das Stellen von einer Reihe sogenannter lebender Bilder unsern
Zwecken am meisten und besten entsprechen wrde, um so mehr, als wir uns bei
diesem Vorhaben auf den mageblichen Rat und die sachkundige Fhrung zweier,
gleich ausgezeichneter, dem verehrten Sudenburgschen Hause gleich wohlgesinnter
und befreundeter Knstler verlassen knnen. Die Notwendigkeit, uns neben diesem
knstlerischen Beirat auch eines litterarisch-poetischen zu versichern, wurde
allgemein empfunden, und auf einen Antrag von geschtzter Seite dem Mangel
abgeholfen durch Hinzuziehung einer Kraft, die uns jeder Sorge nach der beregten
Seite berhebt. Doch wollen wir, wenn es den Herrschaften genehm ist, diesen
Teil unsres Themas vorlufig in suspenso lassen und dafr die Herren Knstler
ersuchen, uns die Vorschlge, ber welche sie sich bis heute einigen wollten -
    Ein dumpfes Oho! ertnte von dem Ende des Tisches, wo Herr Wollberg jetzt
wieder seinen struppigen Kopf ber die Kunstbltter gebeugt hatte, whrend von
dem andern, wo Herr Professor Hederich in einem groen Album bltterte, ein sehr
vernehmliches Ruspern kam.
    So wenigstens habe ich die Herren verstanden, sagte Elimar, von einem zum
andern blickend. Es sollte mir leid thun, wenn -
    Darf ich um das Wort bitten, sagte mit sanfter Stimme der Professor
Hederich, ohne die Augen von seinem Album zu erheben.
    Ich ebenfalls! rief Herr Wollberg, den Kopf noch tiefer auf seine Bltter
senkend.
    Also Herr Professor! forderte Elimar freundlich den Akademiker auf.
    Ich wollte nur bemerken, begann dieser, sich mit seiner langen, drren
Gestalt vom Sitze erhebend, da der Herr Hauptmann, was mich betrifft, durchaus
richtig verstanden hat. Ich hatte und habe den aufrichtigen Wunsch, in dieser
Sache mit dem verehrten Kollegen Hand in zu gehen. Leider ist ein zweimaliger
Versuch, ihn in seinem Atelier anzutreffen, resultatlos geblieben; und da der
Herr Kollege seinerseits den analogen Versuch, der nebenbei keinesfalls
resultatlos geblieben sein wrde, anzustellen unterlassen hat -
    Wte nicht, was dabei htte herauskommen sollen! brummte Herr Wollberg.
    Vielleicht eben die von der Gesellschaft gewnschte Einigung, bemerkte
Elimar in vershnlichem Ton.
    An die im Leben nicht zu denken ist, rief Herr Wollberg. Mir deucht, das
htte den verehrten Herrschaften schon neulich einleuchten mssen. Ich stelle
den Antrag, da Herr Professor Hederich seine Vorschlge macht; ich werde dann
meine Vorschlge machen.
    Die wir doch aber, wenn es angeht - und es wird gewi angehen - kombinieren
drfen? schaltete Elimar ein.
    Auch dagegen mu ich auf das entschiedenste protestieren! rief Herr
Wollberg. Ein solches Durcheinanderrhren der Stile ist schon das
Kunstwidrigste, was es giebt. Jeder fr sich und Gott fr uns alle. Die
Gesellschaft kann ja dann ihre Wahl treffen.
    Und wer die Wahl hat, hat die Qual, sagte Elimar. Indessen, Herr Wollberg,
ich hoffe, da dies noch nicht Ihr letztes Wort ist. Nun aber, meine
Herrschaften, werden wir, um weiter zu kommen, wohl oder bel auf den Antrag des
Herrn Wollberg eingehen mssen. Wollen Sie also, Herr Professor, die Gte haben,
uns Ihre Vorschlge mitzuteilen!
    Ich mchte denn doch gehorsamst bitten, sagte der Professor, sich abermals
erhebend, diese Aufforderung zuerst an den zu richten, von dem der Antrag
ausgegangen ist.
    Also, Herr Wollberg, bat Elimar.
    Ich werde mich hten, mir zuerst die Finger zu verbrennen, murrte Herr
Wollberg.
    Ja, aber, meine Herren, sagte Elimar, sie werden mir zugeben, da wir so
nicht von der Stelle kommen.
    Na, meinetwegen! rief Herr Wollberg. Man soll wenigstens nicht sagen knnen,
ich bin ein Spielverderber, wenn ich auch zum voraus wei, da - na, es wird
sich ja gleich zeigen. Also, meine Herrschaften, ich habe hier einen ganzen
Packen Bltter, wie Sie sehen - alles Reproduktionen von Gemlden aus unsern
letzten Kunstausstellungen. Die habe ich gewhlt, weil sie noch in Erinnerung
von aller Welt sind, oder doch sein sollten. Und ich habe immer gefunden, die
Leute sind nicht dankbarer, als wenn man ihnen Sachen zeigt, die sie kennen.
Darin sind sie wie die Kinder. Ich werde die Bltter, eines nach dem andern,
herumgehen lassen; die Herrschaften knnen sich dann selbst berzeugen. Also!
Hier ist zuerst die Blinde von Piglhein. Ein Wort zum Lobe dieses
ausgezeichneten Bildes zu sagen, ist wohl berflssig. Ich darf also annehmen,
da die Blinde acceptiert ist.
    Hier erhob sich Professor Hederich:
    Mir scheint die Annahme denn doch etwas gewagt. Der Herr Kollege selbst hat
eben erst jedes Kompromi von der Hand gewiesen und der Gesellschaft nur die
Wahl zwischen ihm und mir gelassen.
    Zwischen meinen und Ihren Vorschlgen, wollen Sie sagen! rief Herr Wollberg
hhnisch.
    Das drfte auf dasselbe herauskommen, erwiderte der Professor, jetzt schon
sichtlich gereizt. brigens unterbreche ich Sie nicht, wenn Sie das Wort haben,
und darf mir wohl vice versa dasselbe von Ihnen erbitten. - Nun ist es aber ohne
weiteres klar, es kann unter diesen Umstnden von der Annahme eines einzelnen
Bildes nicht die Rede sein, sondern nur von der ganzen Serie; notabene, nachdem
ich vorher ebenso meine Vorschlge gemacht habe und der Gesellschaft das ganze
beiderseitige Material unterbreitet ist. Was speciell das Piglheinsche Bild
betrifft, darf ich denn doch die Bemerkung nicht unterdrcken, da es mir fr
unsere Zwecke vllig ungeeignet scheint.
    Nun hrt aber verschiedenes auf! rief Herr Wollberg.
    Denn, meine Herrschaften, fuhr der Professor fort, diesmal ohne auf die
Unterbrechung zu achten; der - nebenbei fr meinen Geschmack stark gesuchte und
raffinierte - Reiz des Bildes liegt in der die Nerven des Beschauers pickelnden,
respektive auf seine Thrnendrsen berechneten Grausamkeit, mit welcher hier die
hilflose Blindheit in schrfsten Gegensatz gebracht ist zu einer in allen Farben
prangenden Welt um sie her. Nehmen Sie ein Glied des Gegensatzes weg, so ist es
mit der Wirkung vorbei. Ich mchte aber wissen, wie Herr Wollberg es zustande
bringen will, in seinem lebenden Bilde die Gestalt mit der hier vllig
unentbehrlichen Landschaft zu umgeben.
    Das wrde ja dann wohl meine Sache sein, sagte Herr Wollberg hhnisch.
    Meine gewi nicht, gab der Professor nicht minder hhnisch zurck.
    Wir drfen wohl annehmen, fiel hier Elimar begtigend ein, da Herr Wollberg
sich seine Vorschlge, auch hinsichtlich ihrer Ausfhrbarkeit, reiflich berlegt
hat. Ich mchte ihn also bitten, fortzufahren.
    Schn! sagte Herr Wollberg. Die beiden nchsten Bltter also, welche whrend
der Rede des Herrn Professors Zeit genug gehabt haben, die Runde zu machen, sind
die beiden piet von Klinger und Stuck. Die Damen haben eine verwunderte Miene
gemacht; einige Herren die Kpfe geschttelt, einige, offenbar nur aus
Hflichkeit nicht gelacht. Ich habe es nicht anders erwartet. Die groe Kunst
ist eben noch nicht salonfhig, aber sie mu es werden; die Welt will zur
Anerkennung des wahrhaft Schnen allemal gezwungen sein. Gott sei Dank werden
die Bnke, auf denen die Sptter sitzen, schon mit jedem Tage krzer. brigens
will ich zur Beruhigung der zarten Seelen doch bemerken, da ich mir in dem
lebenden Bilde den Leichnam des Herrn gemalt denke. Bis wir uns so weit
aufgeschwungen haben, in dem in dem lebendigen, nackten Menschenleib ein fr
allemal das Meisterwerk der Schpfung zu sehen und zu bewundern, wird wohl noch
viel Wasser bergab flieen mssen.
    Nach dem Wagnis mit den beiden piet hatte der junge Knstler fr seine
brigen Vorschlge freie Bahn. Thoma's Versuchung Christi, Looschen's Luna und
Abendstern, Skarbina's die Mansardentreppe hinabsteigender Blusenmann, Uhde's
Schauspieler - man lie die Bltter cirkulieren, ohne seinen Empfindungen,
welcher Art sie auch waren, durch Worte oder Mienen einen Ausdruck zu geben. Es
kam die Reihe an den Professor Hederich, nun seinerseits die Gesellschaft mit
seinen Vorschlgen bekannt zu machen.
    Wie immer, wenn er sprechen wollte, erhob er sich von seinem Sitz, diesmal
mit besonders langsamer Feierlichkeit.
    Meine verehrten Damen und Herren! Was ich Ihnen ohne jede Anmalichkeit der
Unfehlbarkeit zu proponieren die Ehre habe, wird sich Ihnen vielleicht durch
seine groe Einfachheit einigermaen empfehlen. Sie alle wissen - und die hier
anwesenden Kinder der Familie werden es mir besttigen - da unser
hochverehrter, zu feiernder Freund und Gnner, wie alle Mnner von wahrhaft
klassischer Bildung, ein enthusiastischer Bewunderer des Genius unseres grten
Dichters ist; wir infolgedessen ihm, seiner Gemahlin und ihren im Geist des
Hauses sympathisch mitlebenden Gsten nicht leicht eine grere Freude bereiten
knnen, als wenn wir die Vorwrfe zu den lebenden Bildern aus der Wunderwelt
selbst unsers Dichterheroen entnehmen. Wenn Sie, wie ich mir schmeichle, so weit
mit mir eines Sinnes sind, ahnen Sie auch bereits, da ich in meinen Hnden hier
ein Exemplar der Prachtausgabe des Bruckmannschen Albums der Goetheschen
Frauengestalten meines unsterblichen Meisters und Lehrers Wilhelm von Kaulbach -
    Hier wurde der Redner durch ein seltsam unheimliches Gerusch unterbrochen,
das wie ein mhsam unterdrcktes, krampfhaftes Lachen klang und von dem andern
Ende des Tisches kam, wo Herr Wollberg sein sommersprossiges Gesicht so tief in
seine Bltter begraben hatte, da man nur den massiven Schdel mit der ppigen
Flle seiner verwirrten krausen, roten Haare sah. Die Gesellschaft wollte
offenbar nichts gehrt haben; nur Fritz Sudenburg mute schnell sein Taschentuch
ziehen und sich dessen mit einigem Gerusch bedienen, fr welche Indiskretion er
von seinem Bruder Franz, der neben ihm sa, unter dem Tisch mit einem gelinden
Futritt bestraft wurde. Der Professor, dessen immer blutarmes Gesicht der Zorn
vllig fahl gemacht hatte, fuhr mit bebender Stimme fort:
    Da meinem Vorschlag von einer gewissen Seite, auf der Piett und Rcksicht
sinnlose Worte sind, mit Spott und Hohn begegnen wrde, habe ich vorausgesehen.
Es lt mich vllig kalt. Darf ich doch berzeugt sein: eine Gesellschaft, wie
diese - eine Gesellschaft feinfhliger, edler Damen, grogesinnter,
hochgebildeter Mnner - hlt mit mir die heilige Fahne des Idealismus hoch gegen
den wsten Ansturm von des Gassenvolkes Windsbraut; will mit mir lieber silberne
Frchte aus goldenen Schalen nehmen, als sich an widerwrtigen, von Sudelkchen
bereiteten Speisen Hand und Seele beschmutzen; sich gern mit mir erheben in
Regionen, in denen aus gottbegnadeter Dichter-Knstlerphantasie entsprossene,
gesteigerte Gestalten ihr unsterbliches Leben fhren; wird mit Freuden -
    Der Redner kam nicht weiter; an dem entgegengesetzten Ende des Tisches war
Herr Wollberg aufgesprungen, hatte mit geballter Faust auf seine Kunstbltter
geschlagen und rief:
    Ich will mich nicht lnger beleidigen lassen von jemand, dem ich jedes
Verstndnis fr die wahre Kunst abspreche! Und dazu mu ich erklren: bei aller
schuldigen Achtung vor den Damen und - mit einer einzigen Ausnahme - der ganzen
hier versammelten Gesellschaft - wenn Sie es fertig bringen, einen Vorschlag
ruhig anzuhren, bei dem unsereinem die Haare zu Berge stehen; nur einen
Augenblick daran denken knnen, die affenschndlichen Produkte eines durch und
durch manierierten, durch und durch verlogenen, eitlen Windmachers und
Charlatans, wie dieser Kaulbach, ernsthaft zu nehmen - dann mu ich gestehen,
bin ich hier vollstndig berflssig. Und glaube es mir schuldig zu sein und
Ihnen einen Gefallen zu erweisen, wenn ich Sie von meiner nutzlosen Gegenwart
befreie. Ich habe die Ehre, mich den Herrschaften ganz gehorsamst zu empfehlen.
    Der junge Mann hatte seine Bltter zusammengerafft und war zur Thr hinaus,
whrend der Gesellschaft der Schrecken ber den wilden Ausbruch noch lhmend in
den Gliedern lag, und bevor selbst Elimar, der in der Nhe des Wtenden sa,
eine Bewegung, ihn zurckzuhalten, hatte ausfhren knnen. Die Damen hatten
bleiche, starre Gesichter, die Herren blickten einander kopfschttelnd an; nur
der Akademiker lchelte verchtlich, in den Stuhl zurckgelehnt, mit seiner
goldenen Uhrkette spielend.

                                 Achtes Kapitel


Nach einer kleinen Weile hatte sich die Spannung denn doch gelst. Der
Brausekopf! Nun ja, sein Betragen war in unerhrter Weise unschicklich gewesen;
aber, mein Gott, er war eben ein Knstler! einer von den jungen, die,
extravagant zu sein, als ihr gutes Recht betrachteten! Und, wenn man billig sein
wollte: der Professor hatte ihn schwer gereizt. Gassenvolk - Sudelkche - das
waren am Ende keine schmeichelhaften Ausdrcke, deren sich gerade der ltere
Mann htte enthalten sollen. Und dann: die peinliche Scene hatte denn doch ihr
sehr Drolliges gehabt! Nachtrglich mute man doch darber lachen!
    Und man lachte ganz ungeniert zum Entsetzen des Akademikers, der sich durch
das frivole Betragen einer sonst so formvollen Gesellschaft aufs tiefste
beleidigt fhlte. Anstatt, wie es in der Ordnung gewesen wre, ihn zu bedauern,
da er sich den Insulten dieses Grnschnabels, dieses Frechlings ohne jegliche,
weder groe, noch kleine, goldene Medaille hatte aussetzen mssen, Zweifel an
der Korrektheit seines Betragens! ja, offenbare Parteinahme fr den Frechling!
Und hatte er denn seine fulminante Rede in die leere Luft gehalten? Es schien
sich ja kein Mensch mehr um ihn und seinen genialen Vorschlag zu kmmern!
    In der That hatte man sich, nach der tragi-komischen Scene einer Aussprache
bedrftig, von dem Theetisch erhoben und stand, in kleinen Gruppen eifrig
plaudernd, so herum; fing bereits auch an, durch die kleinen Gemcher zu
promenieren bis in das dritte, kleinste: das Arbeitskabinett des Hauptmanns.
Hier aber hatten die Gebrder Sudenburg ein Tischchen mit Cigarren- und
Cigaretten- Ksten und -Kstchen entdeckt und der Versuchung, sich fr die
endlosen Kunstdebatten durch ein paar krftige Zge zu entschdigen, nicht
widerstehen knnen - selbstverstndlich nach pflichtschuldigem: wenn der Herr
Hauptmann es gtigst verstatten! Die Damen wrden nichts dagegen haben. Im
Gegenteil! Stephanie beehre sie zu Hause nicht selten auf ihren Zimmern, nur um
mit ihnen in der Wette zu rauchen, und Frau von Sorbitz habe gar nichts gegen
eine gelegentliche Cigarette; die Frau Gemahlin werde ja auch wohl Gnade fr
Recht ergehen lassen!
    Elimar verlie die Rauchlustigen, zu denen sich nun auch noch der
Legationsrat gesellt hatte, um in den Salon nebenan zu gehen, wo inzwischen an
dem runden Tisch unter der Hngelampe ein Teil der Gesellschaft sich um den
Professor Hederich versammelt hatte, der, das Kaulbach-Album vor sich, eifrig
Blatt um Blatt wendend, seine Absichten des nheren auseinandersetzte.
    Sie sehen, meine Herrschaften, wir haben eine berreiche Auswahl. Von dem
Titelbilde will ich Abstand nehmen: der schwebende Genius der Wahrheit mit der
Dichtung Schleier in der einen, dem Lorbeerkranz des Siegers in der andern Hand,
drfte in der Darstellung seine Schwierigkeit haben. - Auch von dem folgenden:
dem kstlichen Lotte-Bild - wir mchten am Ende so viele Kinder nicht
zusammenbringen. - Dorothea und die Auswanderer berschlage ich - das
Ochsengespann, der Wagen mit der - ehem! das geht natrlich in einem lebenden
Bilde nicht, so wundervoll es auch hier im Original ist. - Gretchen vor der
mater dolorosa - ich mu mich immer der Thrnen erwehren, so oft ist das
herrliche Blatt ansehe. Indessen - der Gegenstand - ich frchte, meine
Herrschaften, wir mssen darauf verzichten. - Ebenso wie auch die sich
umfangenden Faust und Helena. Wagner hat uns ja allerdings in Lohengrin und
gar in Tristan und Isolde - indessen - und dann der Euphorion, der doch
notwendig dazu gehrt und der sich in seiner khnen Stellung - eine Wolke, die
in der Luft verflattert - mit einem Worte: ich frchte, es geht nicht. - Bei
Mdchen im Walde bin ich zweifelhaft. Die Gestalt des getreuen Eckart -
wunderbar! die Gruppe der sich ngstlich zusammendrngenden Mdchen -
zauberhaft! Aber Frau Holle da hinten mit ihrem Gefolge! Der Meister ist da
etwas stark ins Dmonische geraten. Da blieben wir doch am Ende zu weit hinter
dem Urbilde zurck.
    Verzeihen Sie, Herr Professor, sagte der Hauptmann von Luckow, der eifrig
dem Vortrage gefolgt war, ich mchte mir die gehorsamste Bemerkung verstatten -
wenn das so fort geht, werden wir fr unsere Zwecke verzweifelt wenig brig
behalten. Denn nun kommt noch Lili's Park, mit dem wegen der Unmasse von
gackernden Hhnern und schnatternden Gnsen - honni soit qui mal y pense! - gar
nichts anzufangen ist, so wenig wie mit dem Heidenrslein, wo sich wieder
niemand zu den blkenden Schafen und meckernden Bcken wird hergeben wollen. -
Fr den schlittschuhlaufenden jungen Wolfgang finden wir vielleicht unter den
jngeren Herren einen besonders schneidigen Turner mit der Devise: Nur Mut, es
wird schon schief gehen! was man auch der lieben Ottilie mit dem ertrunkenen
Kinde auf dem Scho in ihrem Kippelkahn zurufen mchte. Und damit sind wir,
glaube ich, am Ende angelangt.
    Am Ende! rief der Akademiker, dessen Gesicht bei der lustigen Rede des
Hauptmanns immer lnger geworden war. Ja, aber, verehrtester Herr Hauptmann,
meine geschtzten Damen, wir fangen ja erst an! Wir werden anfangen mit dem
herrlichen Tasso, der Prinzessin sein Opus berreichend, das heit: einem
entzckenden Tabeleau von sechs interessanten Frauengestalten und der des
Dichterjnglings. Das wird auf unser empfngliches Publikum einen ungeheuren
Eindruck machen. Wir werden folgen lassen das groartige Klrchen, die Brger
zum Kampf aufrufend, und mit ihr, ebenso wie mit der sich zum Ball
schmckenden Eugenie einen rasenden Beifall erzielen. Wir werden -
    Und der Professor, sich immer mehr in Eifer sprechend, fuhr fort, sein
Projekt anzupreisen, dessen Ausfhrbarkeit er nach allen Seiten bis ins kleinste
durchdacht habe, und von dessen ganz immensen Erfolg er berzeugt sei.
    Aber so laut der Mann auch seine dnne Stimme erhob, zwei in der ihn
umgebenden Gruppe vernahmen kein Wort von seiner begeisterten Rede: Klotilde und
Albrecht.
    Sie hatten nach den ersten begrenden Worten keine Silbe miteinander
gewechselt. Auch war, da man sich alsbald in das Theezimmer begeben und an dem
Tisch Platz genommen hatte, keine Zeit dazu gewesen. Aber auch als man sich
jetzt bereits seit einer halben Stunde zwanglos durch die Zimmer bewegen konnte,
hatte zwischen ihnen nicht einmal der Versuch einer Annherung stattgefunden.
Klotilde konversierte aufs eifrigste, erst mit dem Legationsrat, dann mit
Stephanie und Adele; Albrecht war mit Elimar in ein lebhaftes Gesprch geraten,
das erst abgebrochen wurde, als dieser sich in das Rauchzimmer begab, dort nach
dem Rechten zu sehen. Albrecht blieb allein, sich nicht zum erstenmal an diesem
Abend unmutig fragend: was er hier eigentlich solle, wo niemand seiner zu
bedrfen schien, und die Hindeutung auf den litterarischen Beirat, den man von
ihm erwarte, ganz augenscheinlich eine leere Phrase gewesen war und bleiben
wrde. Warum da nicht lieber seinen Hut nehmen und gehen? Er gehrte nun einmal
nicht in diese Gesellschaft, so wenig wie der junge Knstler, der ihr mutig den
Stuhl vor die Thr gesetzt hatte. Und auf ihre ganz besondere Veranlassung
sollte er eingeladen sein, die ber den Tisch herber bei den endlosen Debatten
nicht einen Blick fr ihn gehabt, und fr die er jetzt abermals Luft war?
Welcher Lug war dies nun wieder? zu welchem Zweck? Sich so weiter ber ihn
lustig zu machen? Nein, meine Gndigste! dazu giebt man sich in seiner Dummheit
wohl einmal her; zu einem zweiten Male nicht.
    Er suchte mit den Augen nach seinem Hut, ohne ihn entdecken zu knnen.
Wahrscheinlich hatte ihn der Diener auf den Flur getragen. Er hatte sich mit dem
Hut in der Hand seine Abschiedsverbeugung vor der Gesellschaft machen sehen; so,
ohne Hut, mute er auf eine andere Attitde denken.
    Und dann stand er in seiner Unentschlossenheit bei der kleinen Gruppe,
welche dem am Tisch sitzenden, mit nervsen Fingern in dem Album bald vorwrts,
bald zurck bltternden Professor ber die Schultern sah.
    So, den Kopf vornbergebeugt, mochte er eine halbe Minute lang verharrt
haben, als er an seiner linken Schulter eine andere Schulter fhlte. Er wollte
mit einem Pardon! seitwrts zucken und blieb, von freudigem Schrecken gelhmt,
im Bann der therischen Wolke sen Duftes, die zu ihm aufstieg - desselben
sen Duftes, in dessen Erinnerung sein Herz alle diese Tage wild geschlagen
hatte. Wild, wie es jetzt wieder schlug, als wollte es ihm die Brust
zersprengen. Denn dies war kein Zufall, konnte keiner sein. Hier war Raum genug,
sich einer ungewollten Berhrung sofort wieder zu entziehen. Aber der leichte
Druck blieb, wurde nur noch strker, wrmer, inniger. Und er stand regungslos
mit dem rasenden Herzen in der atemlosen Brust, nur des einen Gedankens mchtig:
so sterben! sterben im Vollgefhl dieser unaussprechlichen, gtterhaften Wonne!
    Da war der holde Druck von seiner Schulter geschwunden, der wonnige Traum
ausgetrumt. Der Akademiker hatte sein Album zugeklappt, die Gruppe sich gelst.
Albrecht suchte ihren Blick und fand ihn nicht. Die langen, dunklen Wimpern
waren tief gesenkt; aber um ihre feinen Lippen spielte ein Lcheln, als habe
auch sie einen kstlichen Traum getrumt, den sie noch ein paar Sekunden
festhalten wollte.
    Nun, sind die Herrschaften einig? fragte Elimar, der jetzt herantrat.
    Der Akademiker erhob sich von seinem Stuhl und sagte erbost:
    Da ist schwer zu einer Einigung zu gelangen, wenn die eine Hlfte der
Gesellschaft umherpromeniert und ich von der andern, anstatt der freudigen
Zustimmung, auf die ich gerechnet, nur Widerspruch zu befahren habe. Jetzt eben
noch den letzten von seiten des Herrn Hauptmanns von Luckow: wie ich auf meinem
Schlutableau: Goethes Huldigung im Park von Ettersburg fr die bartlosen
Mnner des vorigen Jahrhunderts: Carl August, Goethe selbst, Herder, Musus,
Merck - unter unsern brtigen Herrn die Reprsentanten finden will! Ja, meine
Herrschaften, auf derartige Einwnde, die denn doch, es mild auszudrcken, recht
lieblos sind - will sagen: wenig Liebe zur Sache zeigen - die Herren brauchten
sich ja nur die Brte abschneiden zu lassen - bin ich allerdings nicht gefat
gewesen.
    Der aufgeregte Herr hatte seine dnne Stimme bis zu den hchsten Fisteltnen
hinaufgeschraubt, da selbst die Herren aus dem Rauchzimmer herbeigelockt waren
und jetzt in der Thr standen, leider mit lachenden Gesichtern, die den nur noch
mhsam, verhaltenen Grimm des Beleidigten zum berflieen brachten. Er raffte
sein Album vom Tisch, prete es unter den linken Arm, erhob gegen Elimar und
Adele, die sich ihm in den Weg stellen wollten, abwehrend die Rechte, und hatte
im nchsten Augenblick das Zimmer verlassen.
    Die Zurckgebliebenen blickten einander betreten an.
    Sie haben uns da eine nette Suppe eingebrockt, sagte der Lagationsrat leise
zu Herrn von Luckow.
    Was wollen Sie! erwiderte dieser laut. Danken wir Gott, da wir endlich
unter uns sind. Nur unter dem Streben der eigenen Hand erblhet des Glckes
vollendeter Stand.
    Er hatte es mit so drolligem Pathos gesagt; alle lachten, so wenig
lcherlich auch den meisten zu Mute war.
    Nun sind wir uns aber schuldig, etwas ganz besonders Hbsches zustande zu
bringen, sagte Elimar.
    Indessen schien das leichter gesagt, als gethan. Man riet hin und her, bis
Klotilde pltzlich rief:
    Ich hab's! Komdie mssen wir spielen.
    Sie sprechen ein groes Wort gelassen aus, gndige Frau; sagte Luckow.
    Was sollte daran so Groes sein, sagte Klotilde. Ich bin berzeugt, der Herr
Professor hier kann uns sofort ein passendes Stck vorschlagen, wenn er nicht
selbst eines in petto hat.
    Das wre herrlich, Herr Professor, wandte sich Elimar zu Albrecht. Das wrde
denn freilich den Prolog und den verbindenden Text, die wir uns von Ihrer Gte
erbitten wollten, noch weit bertreffen.
    Albrecht empfand nichts mehr von der trben Stimmung, in die seine Seele den
ganzen hindurch bis zu jenem kstlichen Augenblick eingesponnen gewesen war wie
in einen grauen Schleier. Als htte eine gttliche Macht ihn angehaucht, fhlte
er sein Herz von Mut geschwellt; mit einer Welt wrde er es aufgenommen haben.
Er erwiderte, ohne sich eine Sekunde zu besinnen:
    In der That liegen bei mir zu Hause im Kasten ein paar Versuche, die sich
bereits seit mehreren Jahren nach dem Lampenlicht sehnen. Ob sie es werden
aushalten knnen, ist freilich eine andere Frage; jedenfalls steht Ihnen meine
schwache Kunst von ganzem Herzen zu Diensten.
    Ich hoffe, da eine Rolle fr mich abfllt; sagte Lieutenant Franz.
    Und fr mich, rief Lieutenant Fritz.
    Und fr mich! und fr mich! erschallte es rings aus der Gesellschaft.
    Ich denke, es sollen smtliche Herrschaften zufrieden sein, erwiderte
Albrecht. Ntigenfalls lassen wir einem etwas lngeren Einakter, den ich im Sinn
habe, einen ganz kurzen, nur aus ein paar Scenen bestehenden folgen oder
vorangehen. Aber eine Bedingung, meine Herrschaften! Sie drfen mir meine Ware
nicht abnehmen, ohne sie vorher geprft zu haben! Sie mssen mir erlauben, Ihnen
die Schelchen, die natrlich noch nicht gedruckt sind, vorzulesen!
    Darber drfte zu viel Zeit verloren gehen, wandte von Luckow ein. Ich
schlage vor, der Herr Professor lt die Rollen sogleich ausschreiben und
verteilt sie nach seinem Ermessen. Wir knnen dann sofort an die Leseprobe
gehen.
    Ich wrde damit eine Verantwortung auf mich nehmen, die zu tragen ich nicht
imstande bin, erklrte Albrecht entschieden.
    Ich mchte mir einen Kompromivorschlag erlauben, sagte Elimar. Der Herr
Professor hat die Gte, uns die beiden Stcke in den Umrissen zu skizzieren und
sich so unserer - fr mich und Sie alle bereits jetzt zweifellosen - Zustimmung
zu versichern. Ich bin berzeugt, da er dann dem Vorschlag Herrn von Luckow's
gern Folge geben wird.
    Ja, bitte, erzhlen Sie uns die Stcke!
    Der Ruf war von verschiedenen Seiten gekommen - von Klotilde nicht. Aber in
ihren groen Augen, die er fest auf sich gerichtet sah, glnzte ein Lcheln, das
zu sagen schien: mir zuliebe! Was htte er fr dies Lcheln nicht gethan!

                                Neuntes Kapitel


Whrend die Gesellschaft sich auf Sofa, Sthlen und Sesseln um ihn gruppiert
hatte, war er stehen geblieben, den rechten Arm auf ein niedriges Schrnkchen
ihm zur Seite sttzend, mit der freien Hand whrend des Sprechens den blonden
Vollbart gelegentlich sinnend streichelnd:
    Was ich den werten Damen und Herren jetzt zu skizzieren versuchen werde, ist
die Dramatisierung einer Novelle, die ich vor ein paar Jahren verffentlichte,
und von der ich nicht sagen kann, da sie ein groes Publikum gefunden hat.
Seltsamerweise aber ist der Stoff schon wiederholt Bhnenschriftstellern
anziehend genug erschienen, den Versuch zu wagen, ihn zu einem Drama
umzugestalten. Diese Versuche sind leider smtlich miglckt. Ich glaubte, zu
sehen, weshalb sie miglcken muten, und traute mir das Geschick zu, den
dramatischen Kern rein aus der novellistischen Hlle herausschlen zu knnen und
so die Klippe zu vermeiden, an der meine Vorgnger gescheitert waren.
    Nun gab er in kecken Umrissen kein kleines Drama, in welchem es sich um die
bittere Verlegenheit eines jungen, eben mit der Gattin von der Hochzeitsreise
heimgekehrten Mannes handelt, der nicht den Mut gehabt hat, den vornehmen
Schwiegereltern und der Braut rechtzeitig einzugestehen, da er in seinem
reichen Kaufmannshause nebenbei einen durch die Tradition seiner Vorfahren und
testamentarische Bestimmungen geheiligten, offenen Laden hlt. Indem er seine
kindische Geheimniskrmerei hartnckig weiter treibt und ein humoristischer
Freund durch krauses Eingreifen die einfache Sache immer mehr verwickelt, gert
er zuletzt sogar in den Verdacht, ein Verbrechen begangen zu haben, bis sich
alles in der harmlosesten Weise aufklrt; der Polizeichef, welcher seine Beute
bereits sicher zu haben glaubte, beschmt davonschleicht, und ber dem reuigen
Snder, dem die mutige, junge Frau gern verzeiht, und den jubelnden
Glckwnschen der Angestellten des Hauses der Vorhang fllt.
    Albrecht hatte, ohne zu stocken, in dem anmutig leichten Erzhlerton
gesprochen, fr den er bei seinen Schlern und selbst unter den Kollegen berhmt
war. Nun erscholl es: bravo! bravissimo! aus der Gesellschaft; die Damen
klatschten in die Hnde; Albrecht, den Arm von dem Schrnkchen nehmend,
verbeugte sich.
    Klotilde, Sie mssen die junge Frau spielen! rief Stephanie. Die Rolle ist
wie fr Sie geschrieben.
    Und ich habe whrend der ganzen Zeit nur immer Sie vor mir gesehen,
erwiderte Klotilde. Da sind mitunter ganz pathetische Tne anzuschlagen. Das ist
nicht mein Fall.
    Ich dachte, meine Damen, sagte Elimar, wir wollten die Verteilung der Rollen
dem Dichter anheimstellen. Oder, wenn er dazu zu bescheiden ist, werden wir uns
doch bei der Leseprobe leicht einigen. Wichtiger scheint mir die Frage, ob
unsere kleine Gesellschaft zur Besetzung smtlicher Rollen ausreichen wird.
    Es pat ausgezeichnet, rief Luckow. Ich habe genau gezhlt, es sind neun
Rollen, drei Damen- und sechs Herrenrollen. Wir sind hier ebenfalls neun in
genau derselben Verteilung: drei Damen, sechs Herren.
    Und die groe Komparserie des schlielich erscheinenden Geschftspersonals?
warf Elimar ein.
    Die kriegen wir schon! rief Franz. Ich stelle ein halbes Dutzend Kameraden.
    Ich trommle eben so viele zusammen! rief Fritz.
    Darf ich mir noch ein Bedenken zu uern erlauben, Herr Professor? fragte
Fernau.
    Aber ich bitte Sie, Herr Legationsrat, wenn ich selbst so schwere Bedenken
habe! erwiderte Albrecht hflich.
    Ich wollte nur dies bemerkten, sagte Fernau. Das vortreffliche Stck weist
eine einzige jugendliche Damenrolle auf: die junge Frau. Wer von unsern Damen
sie auch spielen wird - es ist mir ein schmerzlicher Gedanke, die Huldgestalten
der beiden anderen in den Masken der alten Haushlterin und der Schwiegermama -
welche letztere ich mir nebenbei etwas korpulent vorstellte - verschwinden zu
sehen.
    Darber mu man erhaben sein, wenn man Komdie spielen will; rief Klotilde
pathetisch.
    Du hast gut reden, sagte Adele treuherzig; Du kriegst sie ja doch.
    Nein, Stephanie! rief Klotilde.
    Nein, Sie! rief Stephanie.
    Meine Damen, sagte Elimar lchelnd; erneuern wir nicht den Streit um das
prchtige Brenfell! berdies, der Herr Professor hatte von einem zweiten,
kleineren Stcke gesprochen. Vielleicht, da uns das noch eine oder die andere
jugendliche Damenrolle bringt.
    Ach, ja! das zweite Stck! bitte, bitte, das zweite Stck!
    Herzlich gern, meine Damen; sagte Albrecht, wenn Ihre Geduld denn wirklich
noch nicht erschpft ist. Ich mu aber befrworten: es kann von einem
eigentlichen Stck diesmal noch weniger die Rede sein, keinesfalls von einem
Lustspiel; hchstens von einem Schwank, einer Farce -
    Desto besser! rief Luckow.
    Nun denn! sagte Albrecht.
    Er hatte sich nicht wieder an den Vertikow gestellt, sondern auf einem
Sessel Platz genommen, von dem aus er, wie vorhin, Klotilde im Auge behalten
konnte, sich an ihrem glnzenden Blick und freudig zustimmenden Lcheln immer
neuen Mut fr seine Erzhleraufgabe zu trinken.
    Ein schnes, junges Mdchen aus bester Familie - nennen wir sie Erna -
erwartet ihren Verlobten, einen jungen Offizier -
    Bravo! rief Fritz Sudenburg. Wie heit er?
    Sagen wir: Udo - zu der gewohnten Besuchsstunde. Da der Erwartete fr ihre
sehnende Ungeduld zu lange ausbleibt, tritt sie an das Fenster und sieht ihn
ber den Platz auf das Haus zukommen, zu ihrem malosen Erstaunen in Begleitung
einer ihr vllig unbekannten, jungen, sehr eleganten Dame. Sie sieht weiter, wie
Udo sich an der Hausthr von der Dame verabschiedet, nicht ohne ihr, wie es
scheint, verschiedenes Wichtige mitzuteilen, worauf er sich langsam ber den
Platz entfernt. Whrend sie vergebens nach der Erklrung eines so seltsamen
Vorganges sucht und sich, trotzdem sie wohl die Thorheit empfindet, einer Regung
von Eifersucht nicht erwehren kann, bringt der Diener eine Karte: Mi Jane
Stephenson! Es ist eine junge Amerikanerin, die Tochter einer der Mutter eng
befreundeten Familie, welche nach Berlin gekommen ist, ihre musikalischen
Studien zu vollenden. Sie kann haute erst eingetroffen sein; als man sich
gestern in dem vorausbestimmten Hotel nach ihr erkundigte, erwartete man ihre
Ankunft stndlich. Erna geht der Fremden entgegen; natrlich ist es dieselbe,
die ihr Verlobter bis an die Hausthr begleitet hat.
    Das ist was fr Sie, Stephanie, flsterte Klotilde halblaut der Freundin zu;
Sie sprechen so wundervoll englisch.
    Ich nehme allerdings an, da Mi Jane das Deutsche nur unvollkommen spricht
und auch wohl versteht; sagte Albrecht. Doch ist hier fr die Darstellerin ein
weiter Spielraum gelassen.
    Bitte, bitte, fortfahren!
    Erna, immer noch unter dem Druck ihrer eiferschtigen Regung, empfngt die
Dame mit einiger Reserve, erhlt aber alsbald eine Lsung des Rtsels. Mi Jane,
als echte Amerikanerin, hat sich zugetraut, bewaffnet mit einem Plan der Stadt,
die ja doch nur ein Dorf im Vergleich zu Newyork sei, allein den Weg von dem
Hotel zu dem gesuchten Hause zu finden. Auf dem Platz, nachdem sie sich, um sich
zu orientieren, ein paarmal umgedreht, sei sie, kurz vor ihrem Ziele, denn doch
aus der Richtung gekommen. In ihrem Reisehandbuch habe sie gelesen, da man sich
in einem solchen Falle vertrauensvoll an einen Constable zu wenden habe, die
auf jedem Platze, an jeder Straenecke zu finden, an ihrer Uniform, Helm und
Sbel leicht erkenntlich und die Zuvorkommenheit und Liebenswrdigkeit selbst
seien. Gerade in dem Moment sei einer an ihr vorbergegangen, der natrlich
sofort die Fremde in ihr erkannt habe, dann er habe sie sehr scharf fixiert; sei
auch auf ihren Anruf: heigh, Constable! sogleich stehen geblieben. Nun msse sie
sagen: ihr Grundsatz sei, sich ber nichts in der Welt zu wundern; aber, wie
gro auch ihre Erwartungen von der Dienstwilligkeit der Berliner Konstabler
gewesen - der hbsche, junge Mann habe sie weit bertroffen. Mit der grten
Courtoisie habe er sich sofort erboten, sie bis zu dem gesuchten Hause, das
brigens ganz in der Nhe sei, zu begleiten, was er denn nun gethan, whrend der
ganzen Zeit ein perfektes Englisch flieend sprechend. Sie wrde, htte sie dies
nicht selbst erlebt, es fr unmglich gehalten haben. Ein gewhnlicher
Constabel, der durch seinen feinen Anstand, seine ritterliche Hflichkeit die
most accomplished gentlemen ihres Heimatlandes beschme!
    Erna, die einen ausgeprgten Sinn fr Humor besitzt, hat bei dieser vllig
ernsthaft vorgetragenen Erzhlung tausend Mhe gehabt, nicht in Lachen
auszubrechen. Die Erklrung liegt ja auf der Hand: Udo hat die Dame nur bis an
das Haus, nicht in das Haus begleitet, um seiner improvisierten Schutzmannsrolle
treu zu bleiben. Natrlich wird er alsbald in Person erscheinen. Sie findet den
Spa zu gut, als da sie nicht wnschen sollte, ihn noch ein wenig fortzusetzen.
Die Berliner Konstabler, die man brigens im Deutschen sehr bezeichnend
Schutzmnner nenne, seien allerdings ein Elitecorps, alle ohne Ausnahme
feingebildete, gentlemanlike Leute. Das sei aber freilich auch hchst ntig,
denn die Unsicherheit in Berlin sei so gro; jede anstndige Familie in Berlin
habe ihren Hauskonstabler, vulgo Schutzmann, der als ein Glied der Familie
betrachtet werde und auf diesem Fue ungeniert mit ihr verkehre. Das kommt nun
doch der Mi, die erklrt hat, sich ber nichts in der Welt zu wundern, ein
wenig wunderbar vor; sie deutet an, da die neue Freundin hier ihrer Unkenntnis
von Land und Leuten spotten wolle. Eine derartige Insinuation weist Erna, als
fast beleidigend, zurck. Mi Jane msse ihr verstatten, den Beweis ihrer
Wahrhaftigkeit sofort fhren und den Privat-Schutzmann der Familie herbeiholen
zu drfen. In diesem Moment ffnet sich die Thr und Erna's Bruder, ein Kamerad
Udo's von demselben Regiment, tritt, zum Ausgehen gerstet, ein, den Sbel an
der Seite, auf dem Kopfe den Helm, den er beim Erblicken der schnen Fremden
bestrzt abnimmt!
    Hier ist er! ruft Erna und luft davon, unter dem Vorwand, die Mutter
benachrichtigen zu mssen, nachdem sie zuvor den Namen der Fremden genannt, auf
deren Kommen brigens der junge Offizier, ebenso wie die anderen Mitglieder der
Familie, vorbereitet ist.
    Also, Sie sind der Schutzmann der Familie, beginnt Mi Jane die
Unterhaltung. Arnulf - kann er so heien?
    Warum nicht! rief Franz Sudenburg. Wir haben drei Arnulfs im Re'ment.
    Arnulf ist ber den Schutzmann ein wenig verwundert; aber warum sollte
Erna ihn, als einzigen Haussohn und Vertreter des verstorbenen Vaters, der Dame
nicht als Beschtzer der Familie bezeichnet haben, woraus denn diese in ihrer
mangelhaften Kenntnis der Sprache einen Schutzmann gemacht hat? Nun entwickelt
sich zwischen den beiden eine drollige Unterhaltung, in welcher die Fremde den
Schutzmann buchstblich und Arnulf allegorisch nimmt, bis die Widersprche und
Unmglichkeiten sich so hufen, da eine Erklrung stattfinden mu. Mi Jane ist
emprt, so arg gehnselt worden zu sein; Arnulf, der sich mit jeder Minute
heftiger in das junge Mdchen verliebt -
    Die Rolle spiele ich! rief Fritz.
    - hlt dafr, sie msse eine eklatante Revanche nehmen. Mi Jane, in ihrer
Erregung auf und ab gehend, ist an das Fenster getreten und sieht den Offizier,
der sich ihr vorhin fr einen Schutzmann ausgegeben und so die ganze lcherliche
Geschichte eingefdelt hat, auf das Haus zukommen. Arnulf, der ihr gefolgt ist
und ber die Schulter blickt, ruft: das ist mein zuknftiger Schwager, der
Verlobte meiner Schwester! Er wird sogleich hier sein, ebenso wie meine
Schwester, nebenbei ohne die Mama, die gar nicht zu Haus ist. Htten Sie Mut zu
einem tollen Scherz, Mi Jane?
    Ich habe Mut fr alles, erklrt Mi Jane entschieden.
    Geben wir uns den beiden Verlobten ebenfalls fr Verlobte aus!
    Was ist geben aus? fragt Mi Jane.
    Stellen wir uns ihnen als Verlobte vor!
    Dann wir werden thun mssen wie Verlobte, sagt Mi Jane nachdenklich.
    Da Sie Mut fr alles haben -
    Well, wir werden thun wie Verlobte, sagt Mi Jane.
    Sie nehmen vorn auf dem Sofa Platz in einer Vertraulichkeit, die man
Verlobten gern gestattet. -
    Du, Fritz, sagt hier Franz Sudenburg, den Kameraden berlt Du mir!
    Ich habe zuerst auf ihn abonniert, entgegnete Fritz.
    Es tritt sofort noch der zweite auf, fuhr Albrecht lchelnd fort: Udo, dem
Erna aus der Thr, durch welche sie vorhin verschwunden, entgegeneilt. Udo kt
seiner Braut zrtlich die Hand -
    Na, Franz, fragte hier Fritz.
    Abwarten, alter Sohn! entgegnete Franz.
    Jetzt mu ich die beiden Ruhestrer aber wirklich zur Ordnung rufen, sagte
Elimar mit freundlichem Ernst.
    Die beiden jungen Offiziere verbeugten sich und Albrecht fuhr fort:
    - kt also seiner Braut die Hand, was Arnulf sofort auch bei Mi Jane thut,
die diese Huldigung als etwas scheinbar Selbstverstndliches hinnimmt und auch
sonst in dieser Scene ihrem Wort von dem Mut fr alles volle Rechnung trgt.
Auf den Gesichtern Udo's und Erna's prgt sich tiefstes Erstaunen aus ber das,
was sie sehen mssen; sie treten an die beiden auf dem Sofa, die in eine, wie es
scheint, intimste Unterhaltung versunken, gar keine Notiz von ihnen nehmen,
heran, und Erna stellt Udo als ihren Verlobten vor, der sich ungemein freue, die
auf der Strae angeknpfte Bekanntschaft fortsetzen zu knnen, und fr den
kleinen Scherz, den er sich erlaubt habe, um Verzeihung bitte.
    Mi Jane, ohne Arnulfs Hand zu lassen, erklrt: sie wisse nicht, was der
Herr Constable unter dem Scherz, den er sich erlaubt haben wolle, verstehe;
freue sich aber, ihm und seiner Braut mitteilen zu knnen, da sie sich eben mit
seinem comrade dem private constable of the family, verlobt habe. Was dann
Udo durch feurige Ksse auf ihre Hand besttigt.
    
    Aber, Mi Jane, ruft Erna, die ihren Sinnen kaum noch traut; es ist ja mein
Bruder!
    Haben Sie etwas dagegen, da ich Ihren Bruder heirate?
    Und ein Constabel schon gar nicht, sondern Offizier! ruft Erna.
    Wie Ihr Verlobter?
    Wie mein Verlobter.
    Da knnen wir uns beide nur gegenseitig gratulieren. Wenn bei Euch zu Lande
die Schutzleute so liebenswrdig sind, wie sehr mssen es dann die Offiziere
sein.
    Bravo! riefen hier Fritz und Franz wie aus einem Munde.
    Nun, und? und? fragten die Damen.
    Der Rest versteht sich von selbst, meine Damen, sagte Albrecht. Mi Jane
beweist, da sie unter anderm den Mut hat, aus einem Scherz veritablen Ernst zu
machen; die Mama kommt hinzu und segnet einen Bund, durch den ihr Sohn zum
glcklichen Gatten einer nicht nur reizenden, sondern auch - wie sie sehr wohl
wei - steinreichen Frau wird. -
    Und damit, meine Damen und Herren, schlo Albrecht, bin ich mit meiner
schwachen Kunst zu Ende. Wenn Sie glauben, da die harmlosen Scherze Ihren
Zwecken gengen -
    Aber daran kann doch gar kein Zweifel sein, sagte Elimar. Das ist ja gerade,
was wir brauchen. Ich bin berzeugt, dies im Namen der ganzen Gesellschaft
auszusprechen.
    Der ganzen Gesellschaft! - Freilich! - Selbstverstndlich! kam es von allen
Seiten.
    So werde ich die Rollen sogleich ausschreiben lassen, sagte Albrecht. Das
kann in zwei Tagen sptestens geschehen sein. Wir mten dann sofort an die
Leseprobe und die Verteilung der Rollen gehen.
    Man war mit allem einverstanden. Auch wollte man vorlufig mit dem
Heranziehen anderer Krfte warten, bis sich herausgestellt haben wrde, wie weit
man mit den vorhandenen auskommen werde.
    Inzwischen war es spt geworden; man durfte die Nachsicht der
liebenswrdigen Wirte nicht lnger in Anspruch nehmen. Doch ging der Aufbruch
nicht so schnell von statten. Man war von dem Gehrten zu aufgeregt; es gab fr
die nchsten Tage noch so vieles zu erwgen, festzustellen. Da die eigentlichen
Proben in den etwas engen Meerheim'schen Rumen nicht wrden abgehalten werden
knnen, leuchtete allen ein. Stephanie schlug vor, in das elterliche Haus
berzusiedeln; es komme am Ende nicht darauf an, ob der Papa ein wenig frher
oder spter von ihrem Vorhaben Kenntnis erhalte. Man gab das zu; aber die
Leseprobe, verlangte Adele, msse jedenfalls noch bei ihr stattfinden.
    Das alles wurde auf dem engen Flur verhandelt, whrend die Damen ihre Mntel
umgelegt bekamen und die Herren sich ihre Paletots und berrcke anzogen, wobei
es denn ohne einige Verwirrung und die obligaten: Pardon! nicht abging.
Albrecht sah sich in seiner Hoffnung, noch ein Wort mit Klotilde wechseln zu
knnen, getuscht. Sie sollte von den Sudenburgs, deren Equipage bereits seit
einer Stunde vor der Thr hielt, nach Hause gebracht werden; die beiden
Lieutenants wichen ihr nicht von der Seite; er mute sich mit einem: Gute Nacht,
Herr Professor! und einem Hndedruck begngen, der ihm eine wenig flchtig
deuchte.
    Dann stand er mit den Herren von Fernau und von Luckow auf der Strae.
Fernau, der noch auf einen Ball mute - er war am Abend in voller
Gesellschaftstoilette mit einem Ordensband im Knopfloch erschienen - rief eine
vorberfahrende Droschke an; der Hauptmann, der fr eine Strecke denselben Weg
hatte, stieg mit ein; man trennte sich mit den hflichsten Gren und seitens
des Hauptmanns der Versicherung, da er dem Herrn Professor einen ganz
ungewhnlich genureichen Abend verdanke.
    Dafr hatte sich denn die Wagenthr kaum hinter den Eingestiegenen
geschlossen, als Fernau in erregtem Tone rief:
    Aber, bester Luckow, wie knnen Sie so dem albernen Menschen noch mehr den
Kopf verdrehen, als es unsere Damen, Gott sei es geklagt, schon gethan haben!
Das kann doch gar nicht Ihre wahre Meinung sein! Das war ja positiver Bldsinn,
was der Mensch da vorgebracht hat! Bei Gott, ich habe mich ordentlich geschmt,
aus purer Hflichkeit den Nonsens ber mich ergehen lassen zu mssen!
    Sollte hier nicht etwas wie Eifersucht mit im Spiel sein? fragte lchelnd
Luckow, der die Leidenschaft Fernaus fr Klotilde wohl kannte.
    Der Legationsrat brauste auf:
    Nehmen Sie mir es nicht bel, Luckow, das ist beinahe eine Beleidigung. Ich
eiferschtig auf den Menschen! Da knnte ich mit mehr Recht sagen: Sie
protegieren ihn nur, weil Ihnen die Gelegenheit, mit Frulein Stephanie
mglichst oft zusammenzukommen, zu verfhrerisch erscheint.
    Was ich gar nicht in Abrede stelle, erwiderte der Hauptmann trocken.
    Aber weshalb dazu diesen Menschen in unsere Gesellschaft ziehen, der nun
einmal schlechterdings nicht dahin gehrt! Diesen aufgeblasenen, geckenhaften,
vor Eitelkeit schier bergeschnappten Plebejer! Es ist heute das letzte Mal
gewesen, da ich mich zu dieser lcherlichen Farce hergegeben habe.
    Der Hauptmann drckte auf den Gummiknopf im Wagen:
    Ich mu hier aussteigen. Gute Nacht. Ich denke, Fernau, Sie berlegen sich
die Sache noch einmal. -
    Unterdessen war Albrecht durch die Straen gestrmt, achtlos des sprhenden,
kalten Regens, der eingesetzt hatte. An Nachhausegehen dachte er nicht. Was
sollte er in seinem engen Hause bei seiner guten kleinen, langweiligen Frau mit
diesem Sturm der Gefhle im Herzen! mit dem Bilde der Zauberin im Herzen! Ja,
sie war eine Zauberin, die aus den Menschen machen konnte, was sie wollte: aus
einem armseligen Schulmeister, der, in der elenden Frohnde seines Berufes
hinkeuchend, sein Dasein so oft verwnscht hatte, einen Gttersohn! Die letzte
Berhrung der kleinen Hand! Nun ja, sie htte von ihrer Seite wrmer sein
knnen, lnger whren knnen! Aber dann die Spherblicke rings umher! Dieser
Legationsrat mit den stechendem schwarzen Kalmckenaugen, dem bei all seiner
glatten Hflichkeit nicht ber den Weg zu trauen war! Und hatte ihn auch die
Hand nur flchtig berhrt - eine Frau, eine Dame der feinsten Gesellschaft, die
- ach, er konnte nicht zweifeln: sie liebte ihn!
    Und: sie liebt mich! sie liebt mich! verzckt vor sich hinmurmelnd, rannte
er weiter durch die leeren, dunklen, verregneten Straen. -
    Als die Flurthr sich hinter ihren Gsten geschlossen hatte und sie sich
wieder im Wohnzimmer befanden, war Elimar, seine lngst vermite Cigarre
rauchend, schweigend auf und ab gegangen, whrend Adele, in die Sofaecke
gelehnt, die Ereignisse des Abends rekapitulierend, jetzt zu der Verteilung der
Rollen gelangt war, mit der sie nicht zurecht kommen konnte, da sie die Personen
der beiden Stcke bestndig durcheinander mischte. Aber darber sei sie mit sich
im reinen, da sie die Haushlterin in dem zweiten - nein, in dem ersten - Stck
spielen msse, mit einer ungeheuren Haube auf dem Kopfe und einem kolossalen
Schlsselbunde am Grtel. Ob Elimar nicht auch meine, sie werde sich so ganz
vorzglich ausnehmen?
    Was soll ich meinen? fragte Elimar, stehen bleibend.
    Mein Gott, Eli, wie zerstreut Du bist! Was hast Du nur?
    Mir geht die fatale Sache mit den beiden Knstlern durch den Kopf, sagte
Elimar. Es ist recht unangenehm, da das gerade bei uns passieren mute.
    Ja, aber was knnen denn wir dafr! rief Adele. Dafr ist doch Frulein
Stephanie verantwortlich, die sich die beiden Zankhhne ausgesucht und uns ins
Haus geschickt hat. Meinst Du nicht auch?
    Freilich, sagte Elimar.
    Er hatte gar nicht an die nrrischen Knstler gedacht, sondern an Klotilde
und den Professor. Als er, aus dem Rauchzimmer kommend, an die Gruppe trat,
welche am Tisch um den Akademiker herumstand, hatte er zu seinem malosen
Erstaunen die beiden gesehen, Schulter eng an Schulter geschmiegt. Er htte sich
einreden knnen, das Opfer einer Sinnestuschung gewesen zu sein, denn in der
That hatte seine seltsame Beobachtung, da sich die Gruppe alsbald lste, nur ein
paar Sekunden gewhrt. Aber, die beiden im weiteren Verlauf des Abends scharf
beobachtend, waren ihm die hchst verdchtigen Blicke nicht entgangen, welche
sie wiederholt in Momenten, die sie fr sicher halten mochten, miteinander
austauschten. Handelte es sich noch nicht um Liebe, so zweifellos um eine
bereits recht vorgeschrittene Liebelei, die ihm schwere Sorge machte! Kannte er
doch Klotildens lebhaftes Temperament! ihre Neigung, mit Mnnerherzen zu
spielen! die Leere, welche ihr eine sicher nicht sehr beglckte Ehe im eigenen
Herzen lie, auf diese gefhrliche Weise auszufllen! Hatte er das alles doch
vor fnf Jahren an sich selbst erfahren und seine ganze Festigkeit und Klugheit
aufbieten mssen, sich aus der Gefahr zu retten!
    Und diese Festigkeit und Klugheit - dem Professor mit seinen groen,
lebenshungrigen Augen traute er sie schon gar nicht zu. Dergleichen Leute,
besonders wenn sie aus niedern Kreisen stammen, sind in den weien Hnden einer
gefallschtigen, keineswegs brig gewissenhaften aristokratischen Dame weiches
Wachs. Sie wrde das Wachs schon zu kneten wissen! sie! Der arme Teufel mochte
an das Heil seiner Seele denken! Und an das seines Leibes dazu! Viktor lie
seine Frau frei gewhren - zu frei vielleicht. Aber an seine Ehre durfte man dem
alten Korpsburschen und Reservelieutenant nicht rhren! und mit dem Schulmeister
wrde er verzweifelt kurzen Proze machen!
    Vielleicht waren das alles nur kassandrische, schwarze Trume.
    Nur wre es nicht das erste Mal gewesen, da sein bses Getrume sich
erfllt htte!
    Jedenfalls wollte er die Augen offen behalten. Wenn Klotilde auf einen
Menschen hrte, durfte er sich schmeicheln, da er es sei.

                                Zehntes Kapitel


In seinem Gymnasium war man gewohnt, Albrecht Winter mit stolz erhobenem Haupt
und erfolgbewut leuchtenden Augen zu sehen, offen bewundert von seinen fr ihn
schwrmenden Schlern, heimlich sogar von denen seiner Kollegen, welche ihm sein
stattlichschnes uere, die Vielseitigkeit seines Wissens, den leichten Flu
der Rede und die Erfolge in seinen verhltnismig jungen Jahren beneideten.
Aber seit einiger Zeit schien er nicht mehr derselbe. In den Lehrstunden war er
nicht selten zerstreut; vergebens harrten die jungen Leute auf eine jener
begeisterten Improvisationen, mit denen er sie sonst wohl entzckte, gerade wenn
die trockensten Gegenstnde behandelt wurden; und er, dem frher niemals ein
hartes Wort entschlpfte, konnte bei geringfgigen Veranlassungen heftig und
unduldsam werden. Die Kollegen sahen den freundlich gesprchigen Mann in einen
Kopfhnger verwandelt, der sein Schweigen nur unterbrach, um eine bitter
sarkastische Bemerkung in die Debatte zu werfen. Dann wieder eines Morgens
erschien Siegfried, wie ihn der Schulwitz getauft hatte, strahlender als je,
um bereits am nchsten Tage abermals die Beute seiner seltsamen Mistimmung und
Melancholie zu sein.
    Niemand wute sich diese Wunderlichkeiten zu erklren; er selbst freilich
mute sich heimlich eingestehen, da seine Seele nur noch der Spielball der
Leidenschaft war, die ihn fr die schne Frau von Sorbitz mit einer Gewalt
ergriffen hatte, gegen welche er in sich keinen Widerstand fand. Das ganze
Dasein drehte sich fr ihn um die Frage: erwidert sie meine Liebe? Glaubte er
sie mit ja beantworten zu drfen, schien ihm der herbstlich graue Himmel von
rosigem Licht verklrt. Mute er - und das war der weitaus hufigere Fall - an
ihrer Gegenliebe zweifeln, sah er sich am sonnigsten Tag umgeben von den
Schrecken des arktischen Eises unter einem Himmel, von dem der letzte
Hoffnungsstern verschwunden war.
    Unterdessen hatten die theatralischen Angelegenheiten den erfreulichsten
Fortgang genommen. Die Rollen der beiden Stcke, welche jetzt offiziell: Das
Schild und Der Schutzmann genannt wurden, waren in krzester Frist
ausgeschrieben worden und bei der nchsten Zusammenkunft in Adeles kleinem Salon
zur Verteilung gekommen. Hier hatte Albrecht eine erste schmerzliche
Enttuschung erfahren. Ein wie reiches Lob er auch fr seine dichterische
Leistung einerntete, und mit welcher Einhelligkeit man ihm die Rolle des Helden
im Schild zuerkannte, seine stille Hoffnung, die angebetete Frau dann zur
Partnerin zu haben, ging nicht in Erfllung. Klotilde, die sein bittendes
Augenspiel nicht zu verstehen, oder verstehen zu wollen schien, erklrte mit
aller Entschiedenheit, eine Rolle nicht bernehmen zu knnen, bei der die
Darstellerin auch tragische Tne in der Gewalt haben msse. Das sei Stephanies
Sache. Dagegen glaube sie, mit der resoluten Mi Jane des zweiten Stcks wohl
fertig zu werden, wenn sie auch keine so perfekte Englnderin wie Stephanie sei,
die mit ihren groen, dunklen, feuchtschimmernden Augen als gengstete junge
Kaufmannsfrau brillieren werde. Und da Stephanie, der es vor allem um das
Zustandekommen des Unternehmens zu thun war, sich damit einverstanden erklrte,
wurde Klotildens Vorschlag zum Beschlu erhoben, zur besonderen Freude Luckows,
der den rztlichen Freund des Helden im Schild bernehmen sollte und sich so
mit dem Gegenstand seiner stillen Verehrung in dem Rahmen eines und desselben
Stckes umschlossen sah.
    Ein paar andere Rollen fanden leicht ihre Liebhaber. Fr den Mann der
Polizei schien der Legationsrat, der Luckows Rat, sich die Sache noch einmal zu
berlegen, beherzigt hatte und am zweiten Abend pnktlich erschienen war, mit
seinem Oliventeint und dem durchbohrenden Blick ganz der geeignete Reprsentant.
Adele schwrmte fr die Haushlterin; Elimar erklrte, da seine Schauspielkunst
ber den alten Diener Balthasar, der nur wenige Worte zu sprechen hatte, nicht
hinausreiche. Fr das kommerzienrtliche Elternpaar sollten zwei Befreundete des
Sudenburg'schen Hauses: ein lteres, behagliches, von aller Welt Tante Julie
genanntes Frulein, und ein jovialer Rittmeister von den zweiten Dragonern, Herr
von Rotenburg, engagiert werden. Den durchtriebenen Ladenjngling Fridolin zu
bernehmen, erklrte sich der behende Lieutenant von Sperber gern bereit, zum
groen Trost fr Fritz und Franz Sudenburg, die als Offiziere im Schutzmann zu
glnzen hofften und deren Hnengestalten sich fr den windigen Schalk auch wenig
schickten. Schwester Erna in der kleinen Posse wrde bei Frulein von
Breitenbach, einem schnen, sanften Mdchen, vortrefflich aufgehoben sein. Zu
der Komparserie in der Schluscene des Schilds war der Andrang der Kameraden
so gro, da Fritz und Franz nur abzuwehren hatten.
    Dies alles war entweder schon auf der Leseprobe bei Meerheims festgestellt
worden, oder, was man da noch nicht endgiltig machen konnte, auf der folgenden,
welche bereits in der groen Sudenburg'schen Wohnung stattfand, nachdem der
Direktor erklrt hatte, gegen das Treiben der jungen Leute blind und taub sein
zu wollen.
    Was denn freilich beides recht wnschenswert schien in Anbetracht des
fortwhrenden Kommens und Gehens der Theaterleute, welches die folgenden Tage
brachten, und des nicht unbedeutenden Lrmens, den sie bei ihren Proben
vollfhrten. Wollte doch des frhlichen Lachens und lustigen Schwtzens kein
Ende nehmen - Albrecht mute nicht selten seine ganze Autoritt aufbieten, den
bermut zu zgeln und die Herrschaften daran zu erinnern, da man ja wohl
zusammengekommen sei, um Komdie zu spielen.
    Das Amt eines Regisseurs war ihm als etwas Selbstverstndliches zugefallen.
Einmal schien es dem Dichter zu gebhren, und dann stellte sich auch bald
heraus, da er von theatralischen Dingen ein gut Teil mehr verstand als die
brigen Herrschaften, die nur immer von ihren Logenpltzen aus den Schaum des
Trankes abgeschlrft hatten. Schon dem Studenten war das Theater eine
Leidenschaft gewesen; der Traum, dermaleinst als Schauspieler oder Dichter von
der Bhne herab zu glnzen, hatte ihn unablssig verfolgt. Weit lieber, als mit
seinen Kommilitonen, hatte er mit Schauspielern verkehrt und in ihrem Umgang die
rauhen Manieren des Bergmannssohnes abzuschleifen versucht mit einem Erfolg, der
fr naivere Augen und Gemter ein vollkommener war. Wie oft hatte er, als ein
gern gesehener Zaungast, hinter den Coulissen gestanden, mit brennenden Augen
und gespannten Ohren die Darstellung irgend einer Paraderolle irgend eines
berhmten Mimen einsaugend, so da er jeden Ton und jede Geste des Wundermannes
mit verblffender Treue kopieren konnte! Wie oft hatte er mit der Vorfhrung
solcher Knste der Heiterkeit eines Studentengelages, einer kollegialischen
Tischgesellschaft erhht!
    Das alles kam ihm jetzt herrlich zu statten und lie ihn unter diesen
Dilettanten als ein durchgebildeter Knstler erscheinen, dessen Anordnungen man
sich willig fgte, dessen Kritik und Korrekturen man sich gern gefallen lie.
Verehrter Herr Professor, kann ich das so machen? - Lieber Herr Professor,
meinen Sie, da es so geht? kamen die Fragen von allen Seiten; und der Herr
Professor war nie um eine entscheidende Antwort verlegen, wute sofort die
ntige Wendung, die obligate Stellung anzugeben; sprach die betreffenden Worte
in richtigem Ton und Tonfall mit so berzeugender Wahrheit, da man
schlechterdings nichts Besseres thun konnte, als ihm, so gut es gehen wollte,
nachzuahmen.
    Das waren denn freilich Stunden, die seinem Selbstgefhl schmeicheln muten
und ihm ungemischte Freude gebracht htten, nur da den Sonnenglanz eine dunkle
Wolke trbte, nur da in seiner erregten Seele die eine Frage unbeantwortet
blieb, von deren Lsung, mochte sie nun gut, oder schlimm sein, - das war seine
berzeugung - das Glck oder Unglck seines Lebens abhing.
    Er fhlte, da seine Nerven es nicht lange mehr ertrgen; er wollte
Gewiheit um jeden Preis, und wenn sie ihn zerschmetterte, wie den Jngling von
Sais der Anblick der unverschleierten Gttin. Und es gab Momente, wo sich der
Schleier heben zu wollen und ihm der Glanz der hchsten Himmel entgegen zu
schimmern schien: ein wrmerer und immer verstohlener Blick aus ihren mchtigen
Augen; ein herzlicheres und immer geflstertes Wort; ein festerer und immer
schnell wieder gelster Druck der schlanken, khlen Hand. Was aber verbrgte
ihm, da dies alles nicht Zufall, gesellschaftliche Hflichkeit, salonlufige
Koketterie war, wenn dann wieder Tage kamen, an denen er sich auch nicht des
geringsten Vorzugs vor den anderen Herren rhmen durfte, ja, er zu bemerken
glaubte, da sie ihn khler behandelte als jene und einmal wieder die vornehme
Dame herauskehrte, die den Abstand zwischen sich und dem Roturier nur zu
vergessen schien, wenn ihr die Laune danach stand, oder es in ihre Absichten
pate?
    In solchen verzweifelten Momenten htte er das schne Weib, das so zum
Zeitvertreib ihre Circeknste an ihm bte, an dem weien Hals packen und
erwrgen, dieser vornehmen Gesellschaft, die in ihm nur ihren Tanzmeister sah,
sein Regiebuch vor die Fe schleudern mgen.
    Und hatte er sich dann aus dieser Gesellschaft verabschiedet, verbindlich
lchelnd die ihm von allen Seiten entgegengebrachten Danksagungen fr seine
Nachsicht und Geduld bescheiden ablehnend, strmte er durch die nchtlichen
Straen nach Hause, in sich hinein wtend, mit allen heiligsten Eiden sich
gelobend, diesen Tanz um das goldene Kalb der Eitelkeit zum letztenmale getanzt
zu haben.
    Ein Trost blieb ihm, und er wiederholte ihn sich bestndig: in all dem Sturm
und Drang seiner Leidenschaft, in diesem Chaos durcheinander wirbelnder, sich
wild befehdender Empfindungen - von seinen Berufs- und huslichen Pflichten
hatte er keine einzige verletzt. Mochten seine Schler den gtigen Lehrer ungern
vermissen, der strengere war ihnen vielleicht der bessere; und seine Gattin,
seine Kinder, so verstrt ihm auch oft der Kopf, und wie weh es ihm ums Herz
war, sie sollten noch das erste unfreundliche Wort aus seinem Munde hren. Ja,
es dnkte ihm seltsam und ein psychologisches Rtsel, da er sich, mit der
wahnsinnigen Liebe fr die andere im Herzen, von Klara nicht entfremdet fhlte,
ja, mehr noch denn sonst zu ihr hingezogen als zu einer befreundeten Seele, von
der er Rat in seiner Ratlosigkeit, Hilfe in seiner Hilflosigkeit mit Sicherheit
erwarten durfte. Sollte er vor ihr hinknieen, den Kopf in ihren Scho drcken
und der Treuen, Guten, Verstndigen alles, alles sagen? Mehr als einmal stand er
vor dem Entschlusse so nah, da nur noch eines Haares Breite fehlte. Dann
fdelte sie gerade eine Nadel ein, oder aus ihrem Munde kam ein Alltagswort:
ber Karlchen, der wieder sein Hschen zerrissen hatte, ber Frau Doktor Mller,
bei der morgen das sechste Dienstmdchen binnen Jahresfrist anzog - und der
mutige Entschlu kroch feig zum Herzen zurck. Nein! sie wrde ihn nicht
verstehen! Und wie konnte sie ihm verzeihen, wenn sie ihn nicht verstand!
    Ihn, der sonst, als ein gesunder Mann, sich eines soliden Schlafes alle Zeit
erfreut hatte, plagte jetzt eine hartnckige Schlaflosigkeit. Klara ber den
wahren Grund seines Leidens wegzutuschen und sich selbst die qualvollen Stunden
zu verkrzen, studierte und schrieb er die halben Nchte hindurch an einer
groen gelehrten Arbeit, die ihn schon seit lngerer Zeit beschftigt hatte und
auf deren Fertigstellung der Verleger jetzt dringe. Klara, die ihr Leben dafr
gelassen haben wrde, da kein unwahres Wort aus seinem Munde gehen knne, hatte
dessen kein Arg. Wie aber ein verstndiger Mensch, wenn ihm das Feuer auf die
Ngel brenne, es ber sich gewinne, vier, fnf Abende in der Woche mit diesem
albernen Komdienspiel zu vertrdeln, gehe ber ihren Horizont. Und wenn er
glaube, sich, weil er sich fr sie opfere, den Dank dieser vornehmen
Herrschaften zu verdienen, irre er gewaltig. Die Sorte habe es an sich, den
Leuten Komplimente zu machen, solange sie sie brauchten, und sie dann
wegzuwerfen, wie ausgequetschte Citronen.
    Worauf denn Albrecht etwas murmelte von der Notwendigkeit, B zu sagen,
nachdem man die Thorheit begangen, sich auf das A einzulassen; und da ja, Gott
sei Dank, der leidige Spa nun bald ein Ende haben werde.
    Versprich mir wenigstens, Albrecht, sagte Klara, da er dann auch wirklich
ein Ende hat!
    Aber wie sollte er denn nicht? entgegnete Albrecht.
    Ich wei nicht, sagte Klara. Ich habe nur immer gefunden: wenn man erst mal
Unordnung in seine Wirtschaft kommen lt, hernach ist es schwer, sie wieder
hinauszubringen. Du bist doch sonst ein so ordentlicher Mann.
    Und Du eine verstndige Frau, die nicht gleich in jedem Schatten an der Wand
ein Gespenst sieht. Geh zu Bett, Kind! Ich werde heute nicht so lange
aufbleiben!

                                 Elftes Kapitel


Wenn Albrecht nicht wute, ob Klotilde ihn liebe, Klotilde selbst htte es ihm
nicht sagen knnen.
    Es war da etwas Sonderbares, fr das sie keine Erklrung fand.
    Fern von ihm konnte sie an ihn denken, sich seine Erscheinung in allen
Einzelheiten ausmalen, ohne die geringste Wallung in ihrem Herzen zu verspren.
Mehr noch! sie sah dann mit unheimlicher Klarheit seine Schwchen: seine
Eitelkeit und Selbstgeflligkeit; seine pompse Weise, zu gehen und zu stehen,
durch die doch immer der pedantische Schulmeister blickte; sein krampfhaftes
Bemhen, durch nichts an seine plebejische Abkunft zu erinnern, um gerade das
Gegenteil von dem hervorzubringen, was er erzielte. War es nicht beschmend,
geschmacklos und grenzenlos lcherlich, sich fr einen solchen Mann zu
interessieren? zu enthusiasmieren sogar? Wrde nicht die seine Stephanie, wrden
nicht, wenn sie es wten, ihre smtlichen Bekanntinnen sie auslachen? Mit Fug
und Recht sie eine sentimentale Nrrin nennen, die schleunigst in ihre Pension
zurckkehren mge, fr den Litteraturlehrer so weiter zu schwrmen?
    Sie htte sich die Ohren zuhalten mgen, so deutlich hrte sie das hhnische
Gelchter.
    Und dann brauchte sie nur wieder in seine Nhe zu kommen, um von neuem zu
spren, wie ein Zittern durch ihre Nerven rieselte; das Blut sich ihr zum Herzen
drngte, atemraubend; zum Kopf, ihr das Gehirn umnebelnd; wie ihr der Mund
trocken wurde und ihr die Lippen brannten nach einem Ku von seinen Lippen!
    In solchen Momenten hatte sie auch Empfindung und Verstndnis fr seine
geistige Bedeutenheit, in der er die andern Mnner ihres Kreises um Haupteslnge
zu berragen schien. Mit einziger Ausnahme Elimars! Aber Elimar war ihr stets
inkommensurabel und ein Gegenstand geheimer Furcht gewesen in dem
unerschtterlichen Gleichma seines Temperaments und der krystallenen Klarheit
seines Denkens. So hatte sie auch damals seiner stillen Werbung keinerlei
Vorschub geleistet und wunderte sich jetzt auch nicht mehr darber, da er ihre
unbedeutende Cousine geheiratet hatte. Von seiner Hhe aus gesehen, welch groer
Unterschied konnte da zwischen den Weibern sein! Aber die Menge der brigen!
dieser Herdentiere, die sich zum Verwechseln hnlich sahen; alle dieselben
Manieren hatten! dieselben abgebrauchten Phrasen gedankenlos herunterplapperten!
und von denen keiner einen Schritt wagte, es wre denn irgend ein Leithammel
vorausgesprungen, worauf sie smtlich in stupider Hast nach derselben Seite
drngten!
    Selbst Fernau, den sie in letzter Zeit ziemlich stark bevorzugt hatte, weil
er unter diesen Nullen noch der einzige Zhler schien, wie weit blieb er hinter
Albrecht Winter zurck! Sie hatte seine Reisebriefe wieder hervorgesucht. In
ihren Kreisen galt das Buch als ein Wunder von Geschmack, Geist und Witz; ihr
selbst war es noch vor einem Jahr so erschienen. Wo aber hatte sie dann ihre
Augen, ihren Verstand gehabt! Wie trocken, trival, hausbacken war dies alles!
Und wenn der Mann sich einmal zu etwas aufschwingen wollte, was er vermutlich
fr poetisch hielt, - wie mute er sich recken und strecken, wtend die Flanken
peitschen, und wie klglich war das Resultat!
    Albrecht Winter! Wie leicht und anmutig flo die Rede von seinen Lippen! wie
hatte er fr alles den rechten, den treffenden Ausdruck, ohne da er jemals
danach zu suchen brauchte! Und sie hatte doch auch ihre Mdchentrume gehabt und
ihren Geibel, ihren Heine mit Herzklopfen in holden Stunden gelesen, die lngst
verklungen waren! Und jetzt wieder herangeschwebt kamen, wenn sie nur den Ton
seiner Stimme hrte und in seine Augen blickte, die verklrt schienen von dem
Licht, das ihr Leben einmal ahnungsvoll gestreift hatte!
    Ein schner Traum, der kam, sobald er in die Thr trat, und gegangen war,
wenn sie sich hinter ihm schlo. Dann war sie wieder, die sie gewesen: die
Weltdame, die sich mit ihrem faible fr den Schulmeister einfach ridikl
vorkam.
    Und sich weiter so vorkommen wrde, wollte sie das Leben nicht nehmen,
leicht, wie alle Welt um sie herum es nahm. Man brauchte ja deshalb nicht die
Kappe ber die Dcher zu werfen! Hatte sie es denn je gethan? Da sie ihren Mann
nicht liebte, dafr konnte sie doch nichts. Wenn man mit neunzehn Jahren
heiratet aus rger, da einem die einzig wnschenswerte Partie entgangen ist,
man sie sich in seiner Dummheit hat entgehen lassen - mein Gott, der rger macht
blind! Und so ganz vorbeigegriffen hatte sie in ihrer Blindheit doch auch nicht.
Viktor war nicht schlechter und nicht besser, als die brigen. Eher noch ein
bichen besser. Jedenfalls hatte er sich die Hrner vorher abgelaufen - was man
nicht von allen sagen konnte - und wenn er ein wtender Aktentiger und
rcksichtsloser Streber war, so trug das zu seiner Unterhaltsamkeit nicht gerade
bei, aber es waren doch die rechten Eigenschaften fr den Sohn eines armen
Generals a.D., welcher die Tochter eines Gutsbesitzers geheiratet hatte, der
bestndig erklrte, nicht zu wissen, wie er sich, Frau und sechs Kinder weiter
so durch die Welt bringen sollte.
    Nein! sie hatte die Kappe nicht ber die Dcher geworfen. Flirtations! Nun
ja! Wer unter den ihr bekannten Damen htte denn keine gehabt? Auch sie, die
keineswegs jung und nichts weniger als schn waren! Und bei denen es nicht
einmal immer mit der Flirtation als abgethan galt in den Augen derer, die es
besser wuten! Konnte in diesem Kreise mit der wunderbaren Akustik und seinen
hundert gierigen Spheraugen jemand gegen sie auftreten und ihr nachsagen, sie
sei zu weit gegangen? War in dem Techtelmechtel mit Fernau einer zu weit
gegangen, so war es Fernau, nicht sie. Hatte Viktor an dem Manne einen Narren
gefressen, schien er ohne ihn nicht mehr leben zu knnen und ri alle Thren
seines Hauses geschftig fr ihn auf - sollte sie ihm den Staar stechen! Er sah
doch sonst, wenn man ihm glaubte, durch die dicksten Wnde und hrte das Gras
wachsen! Und hatte sie nicht ein briges gethan und Fernau zu verstehen gegeben,
da sie seine Avancen kompromittierend fnde fr eine ehrbare Frau, und er sich
in Zukunft eines gesetzteren Vertragens befleiigen mge?
    Vielleicht war das eine Dummheit gewesen. Ist es doch vielmehr ein Gebot der
Klugheit, die alten Liebhaber nicht vor den Kopf zu stoen, will man sich des
neuen in Sicherheit erfreuen. Und es bedurfte keines besonderen Scharfblicks, um
zu sehen, da Fernau vor Eifersucht auf den Professor beinahe toll war. Trotzdem
sie sich doch wahrlich von Anfang an die erdenklichste Mhe gegeben hatte und
bis zu diesem Augenblicke gab, ihre nrrische Leidenschaft fr den Schulmeister
vor aller Welt zu verbergen. Aber freilich, Leidenschaft versteht sich auf
Leidenschaft, kennt all ihre Winkelzge und Schleichwege, ihren Augenaufschlag,
den leisesten Ton ihrer Stimme. Es war kein Zweifel: Fernau hatte mehr gehrt
und gesehen, als er htte hren und sehen drfen.
    Und er war Viktors Intimus!
    Hier mute einer drohenden Gefahr khn die Spitze abgebrochen werden.
    So fragte sie denn am Morgen, als Viktor im Begriff stand, auf sein Bureau
zu gehen, in lssigem Tone:
    Du kommst heut nicht so spt nach Haus?
    Warum?
    Ich habe den Professor Winter gebeten, Dir einen Besuch zu machen, und
mchte natrlich gern, da er Dich zu Haus fnde.
    Viktor lie den Thrgriff, den er bereits in der Hand hielt, wieder los.
    Du hast den Mann gebeten, mir einen Besuch zu machen?
    Uns wre richtiger gewesen, obgleich mir hauptschlich daran gelegen ist,
da Du ihn empfngst. Ich sehe ihn ja beinahe alle Tage.
    Ich beneide Dich nicht darum; aber was soll ich mit dem Menschen?
    Viktor war zu ihr an den Kaffeetisch zurck gekommen mit dem finstern Blick,
wenn ihm etwas gegen den Willen ging, und den sie in diesem Falle erwartet
hatte.
    So sah sie denn freundlich von ihrer Tasse zu ihm empor und sagte ruhig,
trotzdem ihr das Herz heftig schlug:
    Ich kann Dich versichern, ich htte es sehr viel lieber nicht gethan. Aber -
setz' Dich doch noch ein wenig hin! es ist gut, wenn wir uns darber aussprechen
- es ging nicht anders. Ich bin mit dem Mann bei Sudenburgs jetzt so oft
zusammen; er ist wirklich fr einen Menschen seines Standes so bel nicht; und
wenn ich mit meiner Rolle ressiere - woran Dir denn doch auch gelegen ist -
verdanke ich es nur, oder doch beinahe nur ihm. Wir verdanken ihm alle viel und
geben uns natrlich Mhe, hflich und artig gegen ihn zu sein. Bei Sudenburgs
geht er aus und ein; whrend der ersten Proben ist er zweimal bei Meerheims
gewesen; und Frau von Breitenbach - ich sagte Dir ja wohl schon, da Lotte
Breitenbach in dem zweiten Stck mitspielt - hat ihn sofort gebeten, einen
Besuch bei ihnen zu machen; und Du weit, da gerade Breitenbachs sehr
whlerisch sind. Nur bei uns ist er noch nicht gewesen, und gerade da wre es am
ntigsten, weil Du an unsern Abenden nicht zugegen bist.
    Ich habe auch wahrhaftig Besseres zu thun.
    Gewi! und so bin ich nicht weiter in Dich gedrungen, was mich nachtrglich
sehr gereut, denn Du httest es doch wohl mir zuliebe gethan, und ich wre aus
der Verlegenheit. Es ist und bleibt eine fr eine Dame, wenn sie dergleichen
Geschichten mitmacht, ohne von ihrem Mann, oder wenigstens einem Bruder, einer
Schwester oder Mutter begleitet zu sein. Alle die andern sind in der glcklichen
Lage: Stephanie, Adele, Lotte Breitenbach, alle, nur ich nicht. Es sieht immer
so aus, als ob man seinem Manne weggelaufen und unter die Komdianten gegangen
ist. Das mag ich nicht.
    Wenn ich nur einsehen knnte, was dadurch besser wird, da der Mann mich,
meinetwegen uns besucht!
    Du bist doch sonst in solchen Dingen so feinfhlig! Dadurch, da Du ihn in
Deinem Hause empfngt, giebst Du mir die Legitimation, mit ihm in andern Husern
zu verkehren, die ich ohne das nicht habe.
    Aber der Mensch ist mir grndlich fatal!
    Du hast ihn ja nur einmal gesehen.
    Mir war das gerade genug. Und was ich von Fernau ber ihn gehrt habe -
    Was kannst Du gehrt haben?
    Was ich lieber nicht wiederhole.
    Und gerade deshalb mu ich darauf bestehen, da Du es sagst. brigens, wenn
Du nicht willst - ich kann es Dir sagen: der Professor erdreistet sich, mich
schn zu finden.
    Etwas der Art.
    Worber sich lustig zu machen, Fernau doch zu allerletzt ein Recht htte.
Wer in einem Glashause wohnt, soll nicht mit Steinen werfen.
    Fernau ist mein bester Freund.
    Als ob es nicht immer die besten Freunde wren, ber deren Betragen die
Ehemnner am sorgfltigsten wachen sollten!
    Du willst doch nicht sagen -
    Genau nicht mehr, als ich gesagt habe. Nur noch dies, da wir einmal bei dem
Thema sind: gerade Fernaus wegen wnsche ich und mu ich wnschen, da Du Herrn
Professor Winter empfngst.
    Du bist vllig lcherlich mit Deiner Furcht vor Fernau.
    Ich frchte mich vor Fernau nicht; aber ich habe ein Recht, von Dir zu
verlangen, da Du mich gegen seine Spttereien und hmischen Insinuationen in
Schutz nimmst. Du kannst es in diesem Falle leicht, wenn Du mir meine Bitte
gewhrst.
    Schn! ich werde den Herrn empfangen.
    Ich danke Dir im voraus.
    Unter der Bedingung, da die Sache keine weiteren Konsequenzen hat.
    Ich wte nicht, welche. Mit seinem Besuche und einer Karte, die Du
hinterher bei ihm abgiebst -
    Auch das noch! Na, meinetwegen. Wann, hast Du ihm gesagt, da ich zu Hause
bin?
    Vier Uhr - Deine gewhnliche Zeit.
    Also, adieu!
    Adieu!

                                Zwlftes Kapitel


Es fehlten nur noch wenige Minuten an vier, und er wrde gewi pnktlich kommen,
whrend Viktor nicht wohl vor ein viertel fnf da sein konnte.
    Sie sa in einem Fauteuil ihres Salons, auf dem Tischchen neben sich ein
geffnetes Buch, das sie in dem Augenblicke, wo es drauen klingelte, ergreifen
konnte.
    Noch kurz vorher war das Arrangement ein anderes gewesen. Sie hatte eine
Nharbeit in der Hand gehabt, und vor ihr auf dem Teppich hatte Liesbeth, ihr
Zeigekind gespielt. Aber sie frchtete, man knnte die Absicht merken; oder
die Bonne wrde im ungeeigneten Moment hereinplatzen, Liesbeth zu holen; oder
die Kleine mchte anfangen zu weinen - es war doch besser, wenn sie die Idylle
fallen lie und ihm ganz als Salondame erschien. So war Liesbeth in die
Kinderstube zu Brderchen zurckgeschickt worden.
    Bereits mehrmals im Laufe des Vormittags hatte sie im Gedchtnis die Scene
mit Viktor heute morgen rekapituliert und eben war sie wieder dabei. Es wollte
ihr doch jetzt dnken, als habe sie ein sehr gewagtes Spiel gespielt, indem sie
um des Professors willen Fernau so gut wie preisgab. Es war nicht ihre Absicht
gewesen. Sie hatte, als sie Albrecht zu dem Besuche aufforderte, Fernau zeigen
wollen: Sie sehen, da ich ganz unbefangen bin; wre ich es nicht, wrde ich
mich wohl hten, Viktor in mein Spiel blicken zu lassen, sondern es ruhig fr
mich weiter spielen. Nun hatte ein Wort das andere gegeben und zuletzt war eine
richtige Anklage daraus geworden gegen den einzigen ihrer Kurmacher, mit dem
sich eine Flirtation verlohnte. Das Sprichwort von dem unreinen Wasser, das man
nicht voreilig weggieen solle, fiel ihr ein. ber den blinden Eifer! Um das
eine zu thun, brauchte man doch das andere nicht zu lassen! Oder den andern! Und
Viktor wrde nun nichts eiliger haben, als seinen besten Freund zur Rede zu
stellen; und er, der hinter jedem Busch gestanden hatte, wrde in ein hhnisches
Gelchter ausbrechen: siehst Du denn nicht, Verehrtester, da Dir Deine Frau ein
X fr ein U macht! Sand in die Augen, lieber Sohn! Den Sack schlgt man, und den
Esel meint man! Ich htte Dich fr klger gehalten!
    Und wozu das alles? Wenn ich wenigstens wte, ob ich den Menschen liebte!
Aber davon ist doch gar keine Rede. Es ist doch nur -
    Auf dem Flur ertnte die Klingel. Klotilde zuckte zusammen, griff mit
nervser Hast nach dem Buch und lehnte sich scheinbar lssig in den Fauteuil
zurck, whrend ihr das Herz gewaltsam klopfte.
    Es war ihr nichts Neues mehr: sie hatte es jetzt jedesmal durchzumachen,
wenn sich die Thr ffnete, durch die er eintreten sollte.
    Das eben ergriffene Buch lag in ihrem Scho; sie hatte dem Eintretenden
gtig entgegengelchelt und, ohne sich zu erheben, ihn mit einer Handbewegung
aufgefordert, auf einem Faulteil vor ihr Platz zu nehmen. Nun erst streckte sie
ihm, sich vorberbeugend, die Hand hin und sagte mit einer Stimme, deren leises
Zittern ihm hoffentlich entging:
    Wie lieb von Ihnen! Ich denke, mein Mann wird jeden Augenblick nach Hause
kommen.
    Und inzwischen habe ich Sie in Ihrer Lektre gestrt!
    Sie wundern sich, da unsereine auch mal ein Buch zur Hand nimmt.
    Wenn ich dergleichen blasphemische Gedanken je gehegt htte - was nicht der
Fall gewesen ist - diese letzten Abende, in denen ich an den Damen Ihres Kreises
ebensoviele Reprsentantinnen der feinsten Bildung, des exquisitesten
Kunstsinnes bewundern durfte, htten mich eines Besseren belehrt.
    Sehr gtig! Und doch kann ich den Verdacht nicht los werden, da Sie in uns
ohne Ausnahme besten Falls nur dressierte Puppen sehen.
    Welches Recht htte ich zu einem so herben Urteil, der ich auf dem
identischen Standpunkt der brigen Herrschaften stehe: dem des Dilettanten.
    Was versteht man eigentlich unter einem Dilettanten?
    Ich glaube: jemand, der lebhafte Freude an der Kunst hat, sich auch wohl in
ihr bt und es bis zu einem gewissen Grade der Fertigkeit bringt, ohne doch
Knstler zu sein.
    Und wie wird man Knstler?
    Wenn man dazu geboren ist.
    Das ist sehr bequem.
    Nicht so ganz. Es gehrt dazu, da man von diesem seinem Geburtsrecht den
rechten Gebrauch macht und den Nachweis seiner Legitimitt fhrt.
    Wodurch?
    Durch unablssigen, unerschpflichen Flei, dessen der geborene Dilettant
niemals fhig ist.
    Mein Gott, wie ist das schn!
    Was, gndige Frau?
    Von einem klugen Manne sich so belehren zu lassen!
    Es war ihr keine Phrase gewesen. Albrecht hatte das wohl herausgehrt und
sah es an dem Glanz ihrer groen Augen, der ihm bis ins tiefste Herz leuchtete.
Noch nie war ihm die schne Frau so schn erschienen; noch nie glaubte er, sie
so geliebt zu haben. Aber auch bei Klotilde wirkte der Zauber, den die Gegenwart
des Mannes stets auf sie bte, mit voller Kraft. Wie ertappte Verbrecher hatten
sie beide gleichzeitig die flammenden Augen niedergeschlagen.
    Klotilde hatte in ihrer Erregung das Buch von ihrem Scho auf den Teppich
gleiten lassen; Albrecht hob es auf. Indem sie unwillkrlich dieselbe Bewegung
ausfhrte, hatten sich die greifenden Hnde fr einen Moment flchtig berhrt.
Es war so unverfnglich! Keiner hatte die Absicht gehabt! Dennoch waren beide
tief errtet; Klotilde strich ber eine Falte ihres Kleides; Albrecht bltterte
verlegen in dem Buch.
    Verzeihen Sie die Indiskretion! Es ist so die leidige Gewohnheit von uns
Bchermenschen, nach dem Titel zu sehen!
    Das htten Sie nun wirklich nicht bei mir gesucht.
    Aufrichtig, gndige Frau, nein! Aber ich freue mich, es hier gefunden zu
haben.
    Sie schwrmen fr unsere neueste Litteratur?
    Ich interessiere mich sehr fr sie, wie fr allen khnen Experimente auf
welchem Gebiete immer, von denen ich hoffen darf, die wenigstens die Mglichkeit
gewhren, da die Menschheit einen Schritt weiter kommt.
    Mein Mann findet diese Sachen entsetzlich.
    Ihr Herr Gemahl gehrt zu der hchst ehrwrdigen Klasse von Staatsbrgern,
denen es obliegt, das Bestehende zu konservieren und unsere fin-de-sicle
-Menschen vor den Orgien einer kopf- und ziellosen Revolution zu bewahren.
    Klotilde lachte.
    Nein, wahrhaftig, rief sie, mein Mann ist kein Revolutionr. Aber ich
frchte, Sie sind einer.
    Nein, gndige Frau. Ich bin nur ein Mensch, der nichts dagegen htte, wenn
eines schnen Tages die vierte Dimension entdeckt wrde; und, weil er wei, sie
wird nun und nimmer entdeckt werden, von Herzen dankbar ist fr jede, auch die
kleinste Erweiterung der drei, innerhalb derer wir Erdgeborenen uns in alle
Ewigkeit zu bewegen haben.
    Worin finden Sie eine derartige Erweiterung?
    In jeder Entdeckung - Amerikas zum Beispiel, oder der Buchdruckerkunst,
heutzutage der Dampfkraft, der Elektricitt -
    Des Koch'schen Komma-Bacillus und so weiter. Ich will zugeben, unser Leben
wird durch diese und andere schne Dinge erweitert, wie Sie es nennen. Bleibt es
deshalb weniger langweilig?
    Ich langweilte mich nie, gndige Frau.
    Ich immer - furchtbar. Es bringt mich oft an den Rand der Verzweiflung. Ich
knnte ein Verbrechen begehen, wenn ich sicher wre, es rettete mich auf ein
paar Tage, ein paar Stunden nur aus diesem Sumpf, in dem ich ersticke. Ihr
Mnner freilich! O ja, ich glaube schon, da Ihr Euch nicht langweilt! Da ist
Euer Beruf, da ist der Sport, das Spiel, la femme! Da sind die Dummheiten, die
Ihr ungestraft begehen knnt, oder meinetwegen auch gestraft, und die dann
jedenfalls noch viel interessanter und pikanter werden. Aber wir! Puppen habe
ich vorhin gesagt; und dabei bleibe ich: dressierte Puppen; dressiert von Euch
und fr Euch, die Ihr mit uns spielt und uns in den Winkel werft, wenn Ihr Euch
satt gespielt habt.
    Sie hatte sich in den Fauteuil zurckgelehnt; ihre sonst bleichen Wangen
waren gertet, die groen Augen halb geschlossen und wie gebrochen; durch die
leise geffneten Lippen blitzten die weien Zhne. Albrecht sa da,
vorbergebeugt, starren Blickes, in einem Rausch wahnsinnigen Entzckens. Ja, da
war sie, die er sich getrumt hatte in seinen schnsten, khnsten Trumen: das
Weib, das empfand, wie er; dachte, wie er; diese schnde Welt mit einer Spitze
ihres Fues verchtlich von sich stie, wie er! Und die, wenn er sie fand, er
lieben wrde, lieben mte, und kostete es ihm Leben und Seligkeit.
    Ich hre aus dem allen nur eines heraus, sagte er mit dumpfer Stimme.
    Was? fragte sie, ohne ihre Stellung zu verndern.
    Da Sie nie von Grund des Herzens aus geliebt haben.
    Sie lachte ein kurzes, hohnvolles Lachen.
    Das fehlte mir noch!
    Ja! rief Albrecht, das fehlt Ihnen; und weil es Ihnen fehlt, sind Sie, was
Sie sind: die unglckliche Frau, die mit allen ihren wundersamen Reizen des
Leibes und der Seele, ihren herrlichen Eigenschaften des Herzens und Geistes
tantalische Qualen duldet. Aus denen Wonnen werden wrden, gtterhafte Wonnen
bei dem ersten Strahl wahrhafter Liebe, der Ihr Herz trfe. O, gndige Frau, ich
spreche aus Erfahrung! Auch ich bin durch eine steinige Wste gewandert. Und der
Himmel war ehern ber mir. Und die Zunge dorrte mir im Munde, und das Herz
verzagte mir in der Brust. Und ich verfluchte mein Dasein und bat den Dmon der
Wste, er mchte seinen glhendsten Samum schicken und eine Sandwelle hufen zum
Grabhgel eines Verzweifelten! Und da, gndige Frau - kein Dmon der Wste, der
Herr der Welten nahte sich mir; nicht im heulenden Sturm, sondern im Suseln des
Windes - im sanften und doch allgewaltigen Anhauch der Liebe. Denn siehe, er
hatte mir Dich gesandt, Du schnste, herrlichste aller Frauen! Und mir gesagt:
liebe sie von ganzer Seele! mit jeder Kraft Deines Herzens! mit jedem Tropfen
Deines Blutes! mit jeder Fiber Deines Leibes! Und bete sie an, wie Du mich
anbeten wrdest!
    Er war von dem Sessel hinabgeglitten zu ihren Fen, die glhende Stirn auf
ihre Kniee drckend.
    In demselben Moment wurde, laut und schrill, die Flurglocke gezogen.
Klotilde fuhr mit den Hnden, die sie eben auf sein Haupt hatte legen wollen,
zurck.
    
    Um Gottes willen -
    Er war bereits aufgesprungen und hatte mit einer Geistesgegenwart, die sie
ihm nicht zugetraut, raschen Griffs seinen Hut von dem Teppich neben seinem
Stuhle aufgerafft.
    Da betrat auch schon der junge Diener, der ihn vorhin angemeldet hatte, das
Zimmer.
    Eine Depesche, gndige Frau!
    Klotilde hatte von der ihr prsentierten Schale das Blatt genommen und
erbrochen.
    Ist vielleicht Rckantwort, gndige Frau? Der Bote wartet noch.
    Einen Augenblick! Nein, es ist keine Rckantwort. Der Herr kann erst um
sechs zu Tisch kommen - sagen Sie es in der Kche!
    Zu Befehl, gndige Frau!
    Der junge Diener war gegangen, whrend von der anderen Seite die Bonne mit
Liesbeth kam. Liesbeth hatte das Klingeln gehrt; gemeint, es sei der Papa; sich
nicht halten lassen.
    Gieb dem Herrn ein Hndchen, Liesbeth! sagte Klotilde.
    Die hbsche Kleine kam dreist auf ihn zugelaufen; er hob sie in die Hhe,
kte sie und sagte, indem er sie wieder niedersetzte:
    Ich darf Sie nicht lnger aufhalten, gndige Frau. Wollen Sie die Gte
haben, mich Ihrem Herrn Gemahl zu empfehlen.
    Er wird sehr bedauern. Diese leidigen Plenarsitzungen, die alle Augenblicke
unverhofft kommen! Haben wir heute Probe? Sei artig, Liesbeth!
    Nein, aber morgen: die Generalprobe.
    Das ist der Anfang des Endes.
    Sie hatte es lachend gesagt und er hatte gelacht. Aber als er drauen war
und die Treppe hinabstieg, lachte er nicht mehr. Seine Stirn war gefurcht und er
murmelte durch die Zhne:
    Oder war es schon das Ende selbst?
    Klotilde sa wieder in ihrem Fauteuil; Liesbeth spielte zu ihren Fen auf
dem Teppich, ganz wie in der projektierten, hernach verworfenen Idylle.
    Schade! Wir waren so gut im Zuge! Glaube wahrhaftig, ich htte ihm im
nchsten Augenblick einen Ku gegeben. Die dumme Depesche! Aber so ist es immer!

                              Dreizehntes Kapitel


In dem groen Freundes- und Bekanntenkreise des Sudenburg'schen Hauses war seit
vierzehn Tagen beinahe nur von den theatralischen Auffhrungen gesprochen, durch
welche das sechzigjhrige Geburtstagsfest des Direktors am fnfzehnten November
gefeiert werden sollte. Zwar hatten die zunchst Beteiligten einander zugesagt,
der profanen Menge nichts von ihren Knsten zu verraten. Aber von einzelnen
mochte die Zusage nicht streng gehalten worden sein, oder die ab- und zugehenden
Dienstboten hatten geplaudert - lange vor dem bestimmten Tage hatte sich ein
Mythennebel um das kommende Ereignis gelagert. Es sollten ein paar ganz tolle
Possen zur Auffhrung gelangen, in deren einer ber die shopkeepers, in der
anderen gar ber die Offiziere die blutigste Geiel der Satire geschwungen
wrde. Die Verstndigeren widersprachen: eine derartige Ausschreitung sei in dem
Hause eines Ministerialdirektors unmglich, der genau wisse, welche Rcksichten
er auf seine Stellung zu nehmen habe, von denen, welche er seiner Gattin,
bekanntlich einer reichen Bankiertochter, und den Portepees seiner beiden Shne
schuldig sei, zu schweigen. Auch pflegten sich Gymnasialprofessoren - und der
Verfasser der Stcke sei einer - auf dergleichen Extravaganzen nicht
einzulassen. Viel eher stehe bei einer solchen Autorschaft zu frchten, es werde
sich um steifstellige, akademische, hochgradig langweilige dramatische
Stilbungen handeln, und man thue gut, sich darauf gefat zu machen.
    Wie immer dies Gerede hinber und herber sich zu der Wirklichkeit verhielt,
die Erwartungen waren allerseits hochgespannt und man zeigte einander die
erhaltenen Einladungskarten als einen Schatz, den man um vieles nicht weggegeben
htte.
    Nun war der vielbesprochene Abend da. Vor dem Portal des Hauses, in welchem
die Dienstwohnung des Direktors lag, war ein mchtiges Zelt errichtet;
Teppichlufer erstreckten sich aus dem hellerleuchteten Flur ber das breite
Trottoir bis zu dem Fahrdamm. Auf welchem jetzt Wagen auf Wagen heranrollte,
deren geputzte Insassen, nachdem der stattliche Portier den Schlag aufgerissen,
eilig dem Hause zuschritten zwischen dem dichten Spalier smtlicher
Portierkinder der Strae und der sonst zusammengelaufenen Neugierigen. Da die
Damen so dicht verhllt waren, und man nur eben ihre frisierten,
blumengeschmckten Kpfe bewundern konnte, war freilich ein Jammer. Dafr
entschdigte einigermaen der Glanz der Orden, den die Mntel und Paletots der
Herren nicht immer verhllten. Von den Herren, die zu Fu kamen und sich nicht
selten erst mit Hilfe der beiden Schutzmnner durch die Menge winden konnten,
wurden hchstens noch die Offiziere beachtet.
    Die hfliche Bitte der Einladungskarten um mglichst pnktliches Erscheinen
wre wohl kaum ntig gewesen: verstand es sich doch von selbst, da man an einem
solchen Abend die Wirte nicht warten lassen drfe. So hatte sich denn auch
binnen kaum einer halben Stunde die ganze Gesellschaft versammelt und den
prchtigen Festsaal bis auf den letzten der aufgestellten dreihundert Sthle
gefllt, whrend in dem Nebensalon, den eine breite Schiebethr mit dem Saal
verband, noch Kopf an Kopf eine betrchtliche Menge stand, der man beim besten
Willen zu einem Sitzplatz nicht mehr verhelfen konnte. Glcklicherweise hatten
die zwei Kameraden, welche an Stelle der verhinderten Hausshne als Arrangeurs
fungierten, noch smtliche Damen im Saale selbst unterbringen knnen und baten
nur den Himmel, da jetzt keine mehr kommen mchten. Hatte es doch schon
entsetzliche Mhe gekostet, die ersten Sesselreihen fr die Minister und ihre
Gemahlinnen frei zu halten, in deren Mitte auf Ehrensesseln der Gefeierte selbst
und seine Gattin unmittelbar vor dem rotseidenen, golddurchwirkten Vorhang
saen, der, von der einen der Seitensulen bis zur anderen ausgespannt, die in
der kleineren Abteilung des Saales aufgebaute Bhne verdeckte.
    Und das summte, schwirrte, wirrte nun in der groen erwartungsvollen, eifrig
konversierenden Gesellschaft, da es das Publikum der Premire eines neuen
Stckes aus der Feder des meistumworbenen, bestgehaten Modeautors nicht anders
zustande gebracht htte.
    Albrecht machte diese Bemerkung zu Elimar, mit dem er hinter dem Vorhang auf
der noch leeren Bhne stand.
    Glcklicherweise sind diese Herrschaften ein gut Teil naiver als das
Premirepublikum unserer Modetheater, entgegnete Elimar.
    Glauben Sie?
    Ganz gewi. Schon deshalb, weil sie aus sehr triftigen konomischen
Rcksichten die Theater sehr selten besuchen. Ich mchte darauf wetten, da die
meisten von ihnen berhaupt niemals einer Premire beigewohnt haben.
    Dann drfte man wohl sagen: Iliacos intra muros et extra: wir hier auf der
Bhne leisten doch auch an Naivett das Menschenmgliche und taumeln sorglos an
klaffenden Abgrnden hin.
    Das mag fr uns gelten, nicht fr Sie.
    Ich prtendiere nicht, eine Ausnahme zu sein, und fhle mich in Rom ganz
Rmer: schliee die Augen und lasse es gehen, wie's Gott gefllt.
    Ich habe immer gemeint: es gefllt Gott am besten, wenn sie, denen er Augen
zum Sehen gab, sie mglichst weit aufthun. Glauben Sie mir, lieber Herr
Professor, in einer Welt voll von Gebrdensphern und Geschichtentrgern ist das
dringend ntig.
    Elimar hatte sich zu Adele gewandt, die aus dem Ankleideraum der Damen auf
die Bhne gestrzt kam, sich in ihrer Haushlterinnen-Maske zu prsentieren. Und
ob die Geschichte noch immer nicht losgehe?
    Mit dem Glockenschlage neun, gndige Frau, sagte Albrecht, die Uhr in der
Hand. Es fehlen noch volle fnf Minuten.
    Nun kam auch Stephanie in der vorgeschriebenen Reisetoilette. Die vier in
der ersten Scene auftretenden Personen waren zur Stelle. Der Inspicient - ein
wirklicher Schauspieler, den man zu diesem Zweck engagiert hatte - berzeugte
sich, da von den Requisiten keines fehle; der Souffleur - ebenfalls ein Mann
von Fach - sa auf seinem Posten hinter der Sule, in dem Buche bltternd - man
konnte jeden Augenblick beginnen und plauderte sich die bangen fnf Minuten weg,
ohne recht zu wissen, was man sagte.
    Jedenfalls wute es Albrecht nicht.
    Die letzten Worte Elimars klangen ihm im Ohr. Und die klugen Augen des
Mannes hatten dabei einen so seltsamen Ausdruck gehabt. Gewi! es war das eine
Warnung gewesen! Vor wem? Hatte er nicht von Anfang an mit peinlicher Sorge ber
seine Mienen, seine Augen gewacht? nicht jedes in Gegenwart anderer gesprochene
Worte genau abgewogen? Und dann! die Warnung kam zu spt. Seit vorgestern - seit
der Scene bei ihr im Salon - war ja alles vorbei. Er hatte ihr seine Liebe
gestanden, und sie - nun der Diener mit der Depesche, und Kind und Bonne, die
hereinplatzten, hatten sie der Antwort berhoben. Die Antwort, die sie ihm
gestern auf der Generalprobe und heute, als sie sich vorhin auf der Bhne
trafen, dann doch gegeben: in ihrer souvernen Gleichmtigkeit, fr die ein
armer Erdenwurm, wie er, nicht existierte, oder dem man doch seine knabenhafte
Schwrmerei mit kniglicher Milde nachsehen wollte! Ach, er hatte vor einer
Stunde beim Abschied seine gute Klara nicht umsonst so innig ans Herz gedrckt!
Es hatte ein stummer Schwur sein sollen, den er halten wollte: ein Schwur der
Absage dieser unsinnigen, entwrdigenden Leidenschaft und der erneuten Treue und
Liebe fr sie, die Lilie auf dem Felde, in ihrer keuschen Bescheidenheit
herrlicher als die hoffrtigste Prunkblume mit ihrem Patschuliduft modischer
Verderbtheit!
    Herr Professor, wir mssen anfangen! Bitte, noch einen Schritt nher nach
der Thr! Es mu aussehen, als ob Sie eben mit der Gndigen eingetreten sind.
So! - Vorhang auf!
    Der Vorhang rauschte auseinander vor einem Publikum, in welchem das zuletzt
fast betubende Geschwirr der Stimmen urpltzlich einer lautlosen Stille
gewichen war, die denn auch, whrend das Spiel vor sich ging, durch ein Kichern
hier, durch ein schnell unterdrcktes Lachen dort selten unterbrochen wurde. Auf
die beifallsbedrftigen Seelen einer wirklichen Knstlerschar htte diese Stille
sicher lhmend gewirkt. Hier war das nicht der Fall. Den Darstellern selbst
bereitete ihr Treiben ein viel zu groes Vergngen, und, wie Albrecht gesagt,
von den Abgrnden, an denen sie in ihrer dilettantischen Naivett sorglos
dahintaumelten, hatten sie keine Ahnung. An seinem Text fehlte keinem ein Wort -
das war doch jedenfalls weitaus die Hauptsache. Hchstens frchtete man noch,
nicht laut genug zu sprechen. Nur in den ersten Minuten. Dann hatte man sich
auch dieser Sorge entschlagen und sprach und spielte, im Frohgefhl seiner guten
Absicht, munter darauf los, ohne viel zu fragen, ob die Zuschauer sich dabei
langweilten, oder nicht.
    Sie hatten sich nicht gelangweilt. Der Vorhang war zusammengerauscht ber
den jungen Gatten, die sich nun endgltig gefunden hatten, ihren teilnahmvollen
Freunden und dem Geschftspersonal - zwlf jungen Offizieren in nicht
durchgngig modischen Fracks, aber tadellosen weien Handschuhen und Krawatten,
alle aus voller Brust das Festlied nach der Melodie: Wem Gott will rechte Gunst
erweisen unisono schmetternd. Nun fr ein paar Augenblicke die vorherige
Stille. Dann aber brauchten nur auf den ersten Reihen die Hnde von ein paar
Excellenzen und Excellenzdamen sich zu rhren, und das Klatschen pflanzte sich,
immer krftiger, lauter, durch den ganzen Saal fort bis zu den Stehpltzen des
Nebensaales, wo es seinen Hhegrad erreichte. Und nun, da man zu seiner
freudigen berraschung entdeckt hatte, da man nicht nur eine Meinung, sondern
den Mut seiner Meinung habe, mute die rotseidene Gardine sich wieder und wieder
lften und die glckliche Knstlerschar sich dankend verneigen.
    Dann, als der Beifallssturm sich endlich gelegt hatte, wagte man sich, erst
schchtern, dann dreister an die Kritik, wobei eine beraus seltene erfreuliche
Einhelligkeit des Urteils an den Tag zu treten schien. Das Stck war
allerliebst, sehr unterhaltend, durchaus nicht bswillig, wie einige hatten
wissen wollen; und die Herrschaften hatten ausnahmslos ganz berraschend famos
gespielt. Der Preis gebhrte natrlich Frulein Stephanie, die jeden Augenblick
die unvergeliche Klara Meier ersetzen knne, der sie nebenbei auch merkwrdig
hnlich gesehen habe. Ganz beraus charmant war auch Frau von Meerheim als
Haushlterin Drthe gewesen, so unglaublich drollig! Und welche
Selbstberwindung, sich aus der anmutigen jungen Frau in die alte Hausunke zu
travestieren! Das htte die selige Frieb nicht besser machen knnen, oder jetzt
die immer urkomische Schramm! Aber auch die Herren - alle Achtung! Der Herr
Professor hatte sich in diesem ihm fremden Kreise wohl befangen gefhlt und war
ein wenig steif und hlzern gewesen - natrlich! Herr von Meerheim, als alter
Diener, - schade, da seine Rolle nur aus ein paar Worten bestand! Dafr dann
der Doktor Herrn von Luckows, der Polizeikommissar Herrn von Fernaus -
vortrefflich! ich versichere Sie, Schnfeld und Reicher auf dem Lessingtheater
bringen das nicht besser heraus! Und Herr von Sperber als Fridolin - das war ja
der leibhaftige Vollmar vom kniglichen Schauspielhause gewesen - geradezu
stupend!
    Man war noch im besten Zuge des Kritisierens, als der Vorhang wieder
auseinander schwirrte: Frulein Lotte von Breitenbach steht als Erna am Fenster
des mtterlichen Salons, den Liebsten erwartend, der, zu ihrem groen Erstaunen,
mit einer ihr unbekannten, eleganten jungen Dame ber den Platz kommt, um sich
von dieser an der Hausthr zu verabschieden nach einem augenscheinlich wichtigen
Zwiegesprch. Die Fremde - Frau von Sorbitz - als schneidige amerikanische Mi,
wird von dem Bedienten eingefhrt - die kleine Komdie der Irrungen beginnt.
    Von der Zaghaftigkeit des Publikums whrend des ersten Stckes war jetzt
nichts mehr zu spren. Man war nun einmal in der Gebelaune und gab mit vollen
Hnden. Jede drolligere Situation, jede witzigere Wendung, jede khnere Pose -
alles wurde belacht, beklatscht, bejubelt. Es kamen Momente, wo die Spieler auf
der Bhne pausieren muten, weil sie von dem Beifallslrm, der ihnen
entgegenschallte, ihre eigenen Worte nicht mehr verstanden. Das steigerte dann
wieder den guten Mut, mit dem sie an ihre Aufgabe gegangen waren, zum bermut;
und hatten sie im Anfang manchmal vor dem Lachen der Zuhrer nicht weiter
sprechen knnen, wurde es ihnen jetzt von Minute zu Minute schwerer, ihre
Ernsthaftigkeit zu bewahren.
    In solchen kritischen Momenten war es jedesmal die Geistesgegenwart
Klotildens, die der drohenden Gefahr, das Ganze aus den Fugen gehen zu sehen,
die Spitze abbrach, indem sie durch ihr geistreiches stummes Spiel, eine mit
besonderer Verve vorgebrachte Phrase, im uersten Falle durch eine khne
Improvisation die Aufmerksamkeit von den andern auf sich zu lenken wute. Zur
Bewunderung und zum Entzcken Albrechts, der neben dem Souffleur hinter der
deckenden Sule stand und nun die Rettung seines, durch den Leichtsinn der
andern bedrohten Stckes in der Hand der Frau sah, die er liebte. Die den
Widerstrebenden immer wieder zur Liebe, zur Anbetung zwang. Mochte sie zuerst
fr ihre Person nach dem Beifall des Publikums die verlangenden schnen Hnde
strecken - sein Herz flsterte ihm zu: sie hat dabei doch Dein nicht vergessen,
trgt mit vorsichtiger Kraft dein Werk, wie ein kostbares Gef, durch den
Wirrwar, in dem es zu zerschellen droht; und kann sie dich nicht von Herzen
lieben um deiner selbst willen, hat sie doch Achtung vor deinem Talent. Ist das
nicht viel? ist es nicht mehr als du verlangen kannst? Man liebt die Gtter ja
nicht, weil sie uns wieder lieben, sondern, weil sie so gro und herrlich sind,
da unsre Kniee sich beugen mssen, sie mgen nun wollen oder nicht. Wie meine
Kniee sich beugen vor dir, du schnste, du einzige Frau!
    Im Stck war die heimgekehrte Mama aufgetreten, hatte den so schnell
geschlossenen Bund der jungen Herzen gesegnet; die seidene Gardine rauschte
zusammen, und wieder und wieder auseinander und zusammen bei dem nicht
endenwollenden Beifallsjubel der elektrisierten Gesellschaft.
    Und jetzt hatten erst einzelne, dann viele Stimmen auf einmal energisch nach
dem Dichter gerufen; Frulein von Breitenbach und Frau von Sorbitz kamen zu
der Stelle gelaufen, wo er, nun doch mit freudig klopfendem Herzen, stand, und
zerrten und fhrten ihn auf die Bhne, wo er dann, die beiden Damen krampfhaft
an den Hnden haltend, seine Verbeugung machte.
    Und - nun ohne Begleitung der Damen - noch wiederholt machen mute, bis er
sich endlich zu ein paar Worten entschlo, in welchen er die freundliche
Anerkennung seiner schwachen Leistungen auf die Darsteller bertragen zu wollen
bat, als auf das Licht, das, von innen seines armseligen Kirchleins heraus
leuchtend, die verworrenen Farben der Fenster in so anmutendem Schein htte
erglnzen machen.
    Laute Bravos, die noch andauerten, als der Vorhang nun wirklich zum
letztenmal sich geschlossen hatte, kamen ihm aus dem Publikum zurck. Auf der
Bhne schttelten die von ihrem Erfolg berauschten Darsteller einander die Hnde
und stoben nach allen Seiten davon, als jetzt die geschlossene Coulisse frmlich
auseinanderbrach vor den eifrigen Hnden der Arbeiter unter Fhrung ihres
Meisters. Binnen zehn Minuten msse alles abgerumt sein, sonst sehe es um das
Abendessen der Herrschaften bel aus.
    Vorgesehen! Vorgesehen!
    Um Himmelswillen! rief Klotilde.
    Ein paar Arbeiter, die ein groes Versatzstck schleppten, htten sie
beinahe umgerannt. Seitwrts springend, war sie in einen Winkel geraten, den
zwei aneinander geschobene Coulissen bildeten, und in den sich Albrecht einen
Moment vorher ebenso geflchtet hatte. Pltzlich war die nach der Bhne zu freie
Seite auch geschlossen: die Arbeiter hatten das Versatzstck vor die ffnung
geschoben, achtlos der beiden so Gefangenen, die in dem engen Raum Schulter an
Schulter gedrngt standen.
    Gndige Frau! stammelte Albrecht.
    Du liebster Mann! flsterte Klotilde, ihn mit beiden Armen umschlingend und
einen heien Ku auf seine Lippen drckend. In der nchsten Sekunde klaffte die
ffnung nach der Bhne wieder; Klotilde war davongeschlpft, langsamer folgte
Albrecht, betubt von seinem ungeheuren Glck und der rasenden Khnheit, mit
welcher die geliebte Frau ihm ihre Gunst gewhrt auf die Gefahr hin
augenblicklicher frchterlichster Entdeckung. War doch alles - ihr
beiderseitiges Verschwinden, das Vorschieben, das Wegschieben des Versatzstckes
- so blitzschnell vor sich gegangen - niemand hatte von der wundersamen Episode
das mindeste bemerkt. Er sah es an der unbefangenen Miene der geschftigen
Arbeiter und der paar Damen und Herren, die noch auf der Bhne miteinander
scherzten, um sich nun auch eiligst von der Trmmersttte in die sicheren
Garderobezimmer zu retten.

                              Vierzehntes Kapitel


Als Albrecht eine Viertelstunde spter mit Luckow und ein paar andern
Knstlern in die berfllten vorderen Gesellschaftsrume trat, kam alsbald der
Wirt des Hauses auf ihn zu mit ausgestreckter Hand:
    Lieber Herr Professor, Sie haben meine Frau und mich zu so groer
Dankbarkeit verpflichtet! Wir sind ja ganz beschmt. Welcher Welt von Arbeit
haben Sie sich unseretwillen entzogen! Aber wie herrlich ist auch alles
gelungen! Nun mssen Sie zuerst mit zu meiner Frau und sich ihren Dank holen.
    Albrecht wollte abwehren; der liebenswrdige Mann lie ihn kaum zu Worte
kommen und zog ihn mit sich durch die Menge fort in das nchste Gemach, wo sie
die Frau Direktor fanden im Gesprch mit einem hochgewachsenen, sehr eleganten,
ordengeschmckten Herrn, in welchem Albrecht, nicht ohne eine gelinde Empfindung
von Schrecken, den General-Intendanten der kniglichen Schauspiele erkannte. Die
gtige Frau hatte ihren ehrlich gemeinten Dank hergesagt, um dann sofort von
ihren anderweitigen wirtlichen Pflichten in Anspruch genommen zu werden, nicht
ohne vorher unsern trefflichen Hausdichter Seiner Excellenz vorgestellt zu
haben.
    Excellenz hatte dem Vorgestellten hflich seine schlanke Hand gereicht.
    Ich habe auch ein Haus, an welchem der treffliche Dichter wohl schon einmal
htte anklopfen sollen, sagte er mit verbindlichem Lcheln.
    Ich that es - bereits vor zwei Jahren, erwiderte Albrecht mit schneller
Entschlossenheit. Es wurde mir leider nicht aufgethan.
    O! sagte Excellenz; ich erinnere mich nicht.
    Ein so unbedeutender Fall wird schwerlich zur Kognition von Excellenz
gelangt sein.
    Um was handelte es sich?
    Albrecht berichtete in kurzen Worten, da er vor zwei Jahren ein
historisches fnfaktiges Trauerspiel eingereicht, aber mit dem Bescheid
zurckerhalten habe, man glaube es zur Auffhrung bringen zu knnen, falls sich
der Verfasser entschlsse, gewisse, nher bezeichnete nderungen vorzunehmen. Er
habe diese nderungen vorgenommen; harre aber seitdem, seit anderthalb Jahren -
vergebens auf Antwort.
    Das thut mir ja recht leid, sagte Excellenz. Indessen, meine Herren sind
wirklich ber die Maen beschftigt - die vielen eingesandten Manuskripte - man
macht sich drauen davon gar keine Vorstellung - und dann ein Trauerspiel - ein
historisches - fnfaktiges - das ruft so viele Bedenken wach - schon was den
Inhalt betrifft - und nun erst das D'rum und D'ran - neue Coulissen, - neue
Kostme sehr wahrscheinlich - eine groe Komparserie jedenfalls - warum haben
Sie es nicht mit den allerliebsten Schelchen von heute abend versucht?
    Ich habe es nicht gewagt, Excellenz.
    Sehr mit Unrecht, mein Bester! Gerade so was will das Publikum - harmlos -
ohne leidige Tendenz - dabei doch von krftiger, drastischer Komik -
    Excellenz sind zu gtig!
    Ich habe wirklich ein paarmal herzlich lachen mssen - die Idee in dem
ersten Stck mit dem geheimnisvollen Schrank - das ist sehr gut - ganz originell
- auch die zweite Bluette - allerdings der Titel! - es schmeckt doch ein wenig
nach Persiflage - der Polizeiprsident -
    Vielleicht eine nderung des Titels, Excellenz?
    Wrde allerdings zu berlegen sein. Und dann die beiden Offiziere in Uniform
- hier im Privatkreise - als Shne des Hauses - zum Wiegenfest des Vaters -  la
bonne heure! Aber auf der kniglichen Bhne - vllig unmglich!
    Wenn man fremdlndische Uniformen nhme, Excellenz? Obgleich dann freilich
der Humor -
    Freilich, der Humor! Das ist wichtig - bin ein groer Freund von Humor. Nun,
wir werden sehen. Jedenfalls bitte ich um die Manuskripte. Und - was ich sagen
wollte- schicken Sie sei mir direkt - persnlich - es knnte sonst leicht wieder
-
    Wie Excellenz befehlen.
    Also abgemacht! Hat mich sehr gut gefreut -
    Albrecht war mit einem nochmaligen sanften Druck der schlanken Hand und
obligatem verbindlichem Lcheln entlassen und hatte kaum seine Verbeugung
gemacht, als der Direktor abermals eilig an ihn herantrat und ihm zuflsterte:
    Mu Sie nun auch unserer Excellenz vom Kultus vorstellen. Er wnscht, Sie zu
sprechen.
    Die Unterredung mit der zweiten Excellenz war krzer als die erste, aber fr
Albrecht nicht minder schmeichelhaft und erfreulich. Excellenz sah es gern, wenn
die Herren neben ihren Berufsarbeiten, die freilich vorgingen, eine freie Stunde
fr die Musen erbrigen knnten. Der schne Bund von Dichtung und Gelehrsamkeit,
wie er in der Goethe-Schiller-Zeit bestand und eifrig gepflegt wurde, sei
freilich heute, wo eine konsequente Arbeitsteilung die conditio sine qua non,
nicht lnger aufrecht zu erhalten. Als Regel! Aber keine Regel - das wit Ihr
Schulmnner am besten - ohne Ausnahmen. Und ich fr meinen Teil lasse die
Ausnahmen gern gelten als eine freundliche Reminiscenz der klassischen Tage von
Weimar und Jena. Sie, lieber Herr Professor, haben mich durch Wachrufen dieser
Erinnerung heute abend zu Dank verpflichtet. Es soll mir lieb sein, wenn Sie mir
Gelegenheit geben, diesen Dank durch die That zu beweisen.
    
    So huldvoll verabschiedet, tauchte Albrecht wieder in das Gewhl zurck, das
Herz geschwellt von einem Frohgefhl - er htte hineinjauchzen mgen in diese
geschminkte Maskerade der oberen Zehntausend, wie er es in der Einsamkeit seiner
Berge als Junge gethan hatte, wenn die Welt hell sonnig um ihn wogte, unter ihm
sich breitete. War er denn wirklich der arme Schulmeister von gestern, von heute
vormittag noch, der sich in seiner Verzweiflung Odysee-Exemplar nicht an die
hohlen Kpfe zu werfen! Aber aus den Wolken mu es fallen, aus der Gtter Scho
das Glck! Und spenden sie einmal, die Unsterblichen, so thun sie es mit vollen
Hnden: den Ku von den sen Lippen der angebeteten Frau! die Gunst und Huld
der Mchtigen dieser Erde, die den Schlssel fhren zu der Halle des Ruhms!
Liebe und Ruhm! die beiden hchsten Sterne, an denen der sehnsuchtsvolle Blick
des Knaben schon gehangen! Nun nicht mehr unerreichbar in unermelicher Hhe!
Als holde Genien niedergeschwebt zu ihm, die glnzenden Fittige um ihn breitend,
die finstere Gruft zum lichten Wolkenbette wandelnd, auf dem er gehoben wurde
aufwrts zum Olymp, fortan zu speisen mit den Seligen von Ambrosia und Nektar!
    So flutete es in mchtigen Wogen durch seine Seele, whrend er mit
unzhligen Menschen sprach, Herren und Damen, die er nicht kannte, die ihm auch
vllig gleichgltig waren, und die er doch, wie sie sich um ihn drngten und ihm
huldigten, mit geistreichen Worten und Erwiderungen zu bezaubern nicht
verschmhte. Mein Gott, ein Alexander auf seinem Eroberungszug, er annektiert
auch die drren Provinzen, steht ein knigliches Herz gleich nach Indien mit
seinen Lotosblumen und Palmenwldern! Wie mein Herz nach dir, du Knigin der
Frauen! nach dem Moment, wo wir uns wieder Aug' in Auge blicken drfen!
    Er konnte sie nicht entdecken, so gierig seine Blicke auch in der whlenden
Menge nach ihr sphten. Aber das wrde ja nicht lange mehr whren. Der Moment,
wo man zu Tisch ging, mute sie wieder vereinigen. Frulein Stephanie hatte
durch ihre Adjutanten herumsagen lassen, da die Knstler auf dem Schauplatz
ihrer Triumphe eine besondere Tafel bereit finden sollten. Sich von der
erlauchten Runde auszuschlieen, sei bei Strafe ihrer allerhchsten Ungnade
verboten.
    Albrecht wute: Klotilde wrde sich nicht ausschlieen.
    Wie sie berzeugt war, da er kommen wrde.
    In einem der anderen Gemcher, von einer dichten Schar Herren in Uniform und
Civil umgeben, war sie inzwischen der Gegenstand ausschweifender Huldigungen
gewesen. Hundertmal hatte sie zu hren bekommen, da sie groartig, superb,
magnifique gespielt habe, von ihrer Erscheinung, der kein Ausdruck gerecht
werden knne, zu schweigen. Die Bernhardt und die Duse! Kunststck, wenn man
jeden Abend, den Gott werden liee, auf den Brettern stnde! Aber so - aus dem
Stegreif - aus dem Handgelenk - es sei einfach stupend!
    Lcherliche bertreibung! niemand wute das besser als sie selbst, die beide
groe Knstlerinnen wiederholt gesehen und, nicht ohne ein starkes Gefhl des
Neides, bewundert hatte. Aber sie war in der Stimmung, auch greren Unsinn zu
goutieren. Und dann fragte es sich noch sehr, ob die Theaterdamen auf dem
Parkett des Salons das leisten knnten, was sie unter anderm heute abend fertig
gebracht. Endlich einmal in der Welt, in der man sich langweilt, ein pikantes
Abenteuer! Und das sie sich ganz allein verdankte! Der schchterne Mensch! Wie
lange sie wohl htte warten mssen, bis er sich den Mut fate! Und die Keckheit,
mit der sie es ausgefhrt! Ein Stck Tapete, das blo umzufallen brauchte, und
sie hielt vor aller Welt den heimlich Geliebten in den Armen! Es war unglaublich
lcherlich!
    Und Klotilde lachte und scherzte, tollte und neckte sich mit den jungen
Herren und wnschte von Elimar, der eben herangetreten war, zu wissen, weshalb
er unter all den frhlichen Leuten ein so ernstes Gesicht mache wie der
steinerne Gast im Don Juan?
    Thue ich das? sagte Elimar. Es wre freilich das mglichst Unpassende von
einem, der mit der groen Bitte kommt, Sie zu Tisch fhren zu drfen.
    Lieber Freund, da kommen Sie freilich zu spt, rief Klotilde. Ich habe meine
arme Seele bereits unserm Dichter verschrieben; besser verschreiben mssen - auf
Stephanies Befehl.
    Das thut mir aufrichtig leid, sagte Elimar. Ich wre fr Sie ein gewi
weniger geistreicher, aber, ich glaube, weniger gefhrlicher Nachbar gewesen.
    Sie waren so weit von den andern weggetreten, da es als ein Gesprch unter
vier Augen gelten konnte.
    Jetzt sich nichts merken lassen, sagte Klotilde bei sich und erwiderte
lachend:
    Sehr freundschaftlich-ritterlich! Aber ich gebe Ihnen mein Wort: der
Professor ist der letzte, der mir gefhrlich werden wrde.
    Was ja nicht ausschliet, da Sie es ihm bereits geworden sind.
    Das groe Unglck!
    Noch ist es, denke ich, keins. Aber aus einem kleinen Brande entwickelt sich
leicht ein groer. Liebe Klotilde, ich will ohne Umschweif sprechen. Was mir
aufgefallen ist, kann auch andern aufgefallen sein, die es aus diesem oder jenem
Grunde weniger ruhig nehmen und entschuldbar finden als ich. Mir wrde es leid,
sehr leid thun, sollten Ihnen daraus Ungelegenheiten erwachsen. Es ist eine
undankbare Rolle, den treuen Eckart zu spielen - ich wei es wohl. Aber um
jemandes willen, den man aufrichtig lieb hat, bernimmt man auch einmal eine
solche Rolle. Sollte ich Sie heute abend nicht wiedersehen, leben Sie wohl!
    Aber Sie mssen ja mit an den Knstlertisch.
    Meine Excellenz hat mir befohlen, wenn ich mich frei machen knnte, mich zu
ihm zu setzen. Da ich nun frei bin -
    Auf Klotildens Lippen schwebte das Wort: Elimar, fhren Sie mich! Aber
bereits hatte sich der Freund gewandt, und in demselben Augenblick kam Stephanie
mit ihrer Schar, in der sich auch Albrecht befand, und rief:
    Klotilde, wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Sonst kommen wir durch
das Gedrnge nicht mehr zu unsern Pltzen!

                              Fnfzehntes Kapitel


Das rauschende Fest hatte bis zwei Uhr gewhrt und war dann, programmmig
pnktlich, wie es angefangen, beschlossen worden. Vor dem Portale hatte es, da
Dutzende von Dienerstimmen zugleich nach den Equipagen ihrer Herrschaften
riefen, ein starkes Gedrnge gegeben, durch welches die zu Fu Erschienenen
nicht leicht zu den auf der anderen Seite der Strae haltenden Droschken kommen
konnten; indessen war alles ohne Unfall abgegangen und auch das Sorbitzsche
Ehepaar rechtzeitig zu seinem Mietwagen gelangt.
    In dessen Ecke gedrckt sie nun den langen Weg zu ihrer Wohnung machten,
ohne da ein Wort zwischen ihnen gewechselt wre.
    Sie hatten mit den eignen Gedanken genug zu thun.
    Die Viktors waren schwarz wie die Novembernacht. Welch ein Dummkopf war er
gewesen, als er - nach der Auffhrung - dem Menschen in dem Gedrnge begegnend,
ihm ein lobendes Wort gegnnt hatte! So vllig gegen seine berzeugung! Diese
klglichen Farcen! Die reinen Schlerarbeiten! Und sein Bedauern ausgesprochen
hatte, ihn neulich bei seinem Besuche verfehlt zu haben! Er sollte sich nur
wieder sehen lassen! Fernau hatte ganz recht: die Reitpeitsche fr den Gecken,
den aufgeblasenen Narren! Aber Fernau mochte auch der Teufel holen! Wenn er es
schon neulich bei Tisch bemerkt haben wollte, um es bei jeder der Proben
abermals und in verstrktem Mae besttigt zu finden - weshalb da vierzehn Tage
warten, bis man zu einem Freund kommt und sagt: Hr' mal! so und so! Erst heute
abend mit der Sprache herausrcken, und auch nur, nachdem man ihn zur Rede
gestellt, ihm das Messer an die Kehle gesetzt hat! Aber der Sache sollte bald
ein Ende gemacht werden! Klotilde wrde sich wundern!
    In Klotildens Seele klang die Melodie von dem Walzer, nach dessen Takt sie
in seinen Armen, an seiner Brust durch den Saal geflogen war. Des geliebten
Mannes, der so gut walzen wie Komdienstcke schreiben konnte! Und dessen
schnes Haupt sie an dem Knstlertisch mit dem Lorbeerkranz hatte schmcken
drfen, den Stephanie bereit gehalten! Die liebe Stephanie, die an Luckows Seite
so glcklich gewesen war, wie sie an der ihres Albrechts! Ein grlicher Name!
Er sagt, sie nennen ihn in der Schule Siegfried! Der eitle Mensch! Der herzige
Narr! Die prchtigen Augen! Wie sie leuchteten, als er seine kleine Dankrede
hielt - mit halber Stimme, damit sie es an den andern Tischen nicht hrten -
vive la joie! vive l'amour! - lalala - lalala -la - la - la!
    Und wieder summte durch ihren Kopf die Melodie des Strauschen Walzers.
    Da hielt der Wagen! Schade! Es hatte sich so nett in der Ecke getrumt. Nun
war noch das obligate Nach-Gesellschaftsgesprch durchzustehen mit den
interessanten stereotypen, liebevollen Glossen ber die grliche Toilette von
der, der unglaublichen Frisur von der. Sie wrde es heute kurz machen.
    Es scheint, Du willst noch lnger aufbleiben, sagte sie, als man oben
angekommen war und das Mdchen auf dem Flur ihr Kapuze und Mantel abgenommen
hatte. Ich werde zu Bett gehen. Ich bin schrecklich mde.
    Wie nach Deiner Gesprchigkeit im Wagen zu vermuten stand.
    Ich wte nicht, da Du mitteilsamer gewesen wrest.
    Vielleicht nicht, da Du mitteilsamer gewesen wrest.
    Vielleicht wnschte ich fr die Mitteilungen, die ich Dir zu machen habe,
eine geeignetere Zeit.
    Dann ist diese gewi die ungeeignetste. Also, gute Nacht!
    Sie hatte aus dem Salon, in den sie eingetreten waren, die Wendung nach der
Thr gemacht, durch die man in das Speisezimmer und weiter zu ihrem Schlafgemach
gelangte. Er war ihr in den Weg getreten.
    
    Dennoch mu ich bitten, da Du mir noch einige Minuten schenkst.
    Damit ich mich hier auf den Tod erklte?
    Ich werde Dich nicht lange in Anspruch nehmen. Ich wollte Dir nur sagen, da
ich Dein Benehmen heute abend - besonders bei Tisch - ich habe Dich von meinem
Platze aus sehr gut beobachten knnen - unter der Kritik finde.
    Dann wrde ich es an Deiner Stelle nicht kritisieren.
    Und ich den Herrn Professor, htte er die Frechheit, sich hier wieder sehen
zu lassen -
    Wenn er meinen Geschmack teilt, wird er sich hten.
    - die Treppe hinunterwerfen werde.
    Du bist ganz sicher, da Du heute abend nicht zu viel getrunken hast?
    Ich verbitte mir eine so anzgliche Bemerkung.
    Ich wte nicht, da sie fr einen Mann anzglicher wre, als die Du eben
Deiner Frau zu machen beliebt hast.
    Wenn ich sie allein gemacht htte!
    Freilich! Herr von Fernau!
    Und andre.
    Die Du die Gte haben wirst, mir zu nennen.
    Da mte ich die halbe Gesellschaft herzhlen. Ich habe keine Lust, zu
warten, bis die andre Hlfte auch kommt.
    Also, worauf sollen alle diese Liebenswrdigkeiten hinaus?
    Ich habe es Dir bereits gesagt: darauf, da ich eine nderung, eine totale
nderung Deines Benehmens in der Gesellschaft wnsche.
    Auch Deinem Herrn Minister gegenber?
    Ich wei nicht, was das hier zu thun hat.
    So will ich es Dir sagen: mein Benehmen in der Gesellschaft gefllt Dir
ausnehmend, wenn es Dir fr Deine Absichten frderlich scheint. Die
einflureichen Leute - und Du findest sie bekanntlich mit absoluter Sicherheit
heraus - drfen mir den Kopf machen, Deinetwegen bis zur Unverschmtheit. Dazu
die guten Freunde, gegen die man ein fr allemal blind ist. Wagt ein andrer,
mich nicht zu bersehen, spielt man sich als Othello auf.
    Ich dchte, ich htte Dir jede Freiheit gelassen.
    Ich danke fr diese Sorte Freiheit, die weiter nichts ist als Sklavenarbeit
im Dienst des klugen Herrn, der recht gut wei, was in unsrer Gesellschaft eine
junge Frau gilt, welche die Leute schn finden, und deren alter Adel fr seinen
von gestern so treffliches Relief abgiebt.
    Von gestern?
    Nun denn: von vor acht Jahren, als Dein Vater die Division bekam. Es hat
nicht gehindert, da er heute a.D. ist. Alte Generle, besonders, wenn sie nicht
reich sind, pflegen wenig Einflu mehr zu haben.
    Ich wte nicht, was ich Deiner Familie zu verdanken htte. Es mte denn
sein, da Du in ihr auf einem Fu zu leben gelernt hast, der unsere Mittel weit
bersteigt.
    Ich bin Dir ja nie gut genug angezogen. Glaubst Du, da Gerson mir meine
Toiletten um meiner schnen Augen willen liefert?
    Jedenfalls werde ich mir erlauben, auf seine Rechnungen und die Deiner
andern Lieferanten ein schrferes Auge zu haben als bisher.
    Das kann dann ja allerliebst werden. Ich mchte Dir einen andern Vorschlag
machen. Wir haben jetzt ber vier Jahre Zeit gehabt, einzusehen, da wir
schlechterdings nicht zu einander passen. Ich dchte, Du lieest mich meiner
Wege gehen und versuchtest es mit einer, die fr Deine Liebenswrdigkeiten
empfnglicher ist.
    Die entsprechende Wahl Deinerseits httest Du wohl bald getroffen.
    Da wrde ja meine Sache sein.
    Auf deutsch: Du wnschst eine Scheidung?
    Ich glaube, mich deutlich genug ausgedrckt zu haben.
    Und das ist kein schlechter Scherz?
    Ich hielte ihn dann mindestens fr einen sehr guten.
    Schlecht, oder gut - ich wrde mich unter keinen Umstnden auf ihn
einlassen. Ich habe keine Lust, meinen Namen, wenn er auch nicht so alt ist, wie
der Deine, durch die Gerichte gezerrt zu sehen und mich zum Gesprche der Stadt
zu machen.
    Es knnte Dir in der Carriere schaden?
    Deine Schndeleien lassen mich vllig unberhrt. Ich wei, was ich mir
schuldig bin. Und nebenbei unsern Kindern, an die Du gar nicht zu denken
scheinst.
    Nebenbei ist ausgezeichnet. Ich denke nebenbei, da Kinder von Eltern, die
ehrlich und mutig genug waren, sich zu trennen, als gegenseitige Abneigung ihnen
ein anstndiges Zusammenleben unmglich gemacht hatte, besser daran sind, als
von solchen, die sich nicht schmen, die miserable Lge fortzusetzen. Wenn ich
ein Mann wre, ich brchte es nicht fertig, eine Frau zurckzuhalten, die ihm so
deutlich gesagt hat, da sie von ihm befreit sein will.
    Als ob die Frauen immer wten, was sie in ihrer Heftigkeit so herausreden!
    Ich bin durchaus nicht heftig, im Gegenteil vollkommen khl. Ich habe es
sogar empfindlich kalt und mu dringend bitten, dieser lieblichen Unterredung
ein Ende zu machen.
    Du wirst morgen ganz anders denken und reden.
    Das werden wir ja sehen.
    Sie war von dem kleinen Sofa, auf welchem sie gesessen hatte, aufgestanden
und, die lange Schleppe ihres Kleides zusammenraffend, mit ein paar groen
Schritten bereits an der Thr, die nach dem Flur fhrte.
    Wo willst Du hin? rief er.
    Sie wandte ihm ihr Gesicht zu. Es war bleich bis in die Lippen, mit dunklen
Rndern unter den starren, hohnvoll blickenden Augen.
    Du glaubst doch nicht, da dieser Streit dasselbe erbrmliche Ende nehmen
soll, wie schon so mancher?
    Sie war zur Thr hinaus. Er hrte ihren Schritt ber den Flur nach dem
kleinen Zimmer neben der Flurthr, in welchem sie ihre hufigen Logierbesuche
unterzubringen pflegten und das immer zum Empfang der Gste bereit stand. Sollte
er ihr nachrennen? sie mit Gewalt zurckhalten? Aber sie wrde vor keiner
schlimmsten Scene zurckschrecken; und es war auch schon zu spt: da ging die
Thr und der Schlssel wurde umgedreht.
    Er begann im Salon auf und ab zu schreiten, in seiner ratlosen Wut sich an
den Mbeln vergreifend.
    So weit hatte es nicht kommen sollen; keinen Augenblick hatte er gedacht,
da es so weit kommen knne. Sich scheiden lassen! Sie mute verrckt sein! Wenn
sich alle Leute scheiden lassen wollten, weil sie sich einmal gezankt haben oder
sich fter zanken - und gerade in diesem Augenblick, wo ihm alles darauf
ankommen mute, da sein Name nicht im Gerede war. berhaupt, ein solcher
Unsinn! ein solcher haarstrubender Bldsinn! Fernau hatte recht; jetzt war es
sonnenklar, da er recht hatte. Wenn es noch Fernau selbst wre, oder irgend
einer von den andern - es liee sich doch zur Not begreifen. Aber dieser
Schulfuchs! dieser lcherliche Pedant! Eine so grauenhafte Geschmacksverwirrung!
Es ist ja rein zum Lachen!
    Und Viktor lachte laut auf. Es klang ihm selbst hlich; er bi die Zhne
aufeinander.
    Gut, Madame, gut! Man wird Ihnen ein paar Tage Bedenkzeit geben. Wenn Sie
sich dann nicht besonnen haben, wird man aus einem andern Tone mit Ihnen
sprechen. Mit Ihnen und Ihrem Schulmeister!

                              Sechzehntes Kapitel


Wie er zu Fu gekommen, hatte Albrecht das festliche Haus verlassen, zusammen
mit einigen jngeren Herren: Referendaren, Assessoren und zwei oder drei
Offizieren. Da man sich einmal zusammengefunden, wolle man auch zusammenbleiben.
Was solle man mit der angebrochenen Nacht! Unter den Linden werde schon noch ein
Caf auf sein. Der Herr Professor msse mit. Mitgefangen, mitgehangen!
    Die geplante Expedition fhrte Albrecht weit von seiner Wohnung in eine der
westlichsten Straen. Aber sie hatten recht: was solle man mit der angebrochenen
Nacht, wenn einem das Herz so voll ist!
    Das Caf des Linden-Theaters, zu dem man zuerst gelangte, war noch nicht
geschlossen, wenn auch, wie man sich berzeugte, als man eingetreten, in dieser
spten Stunde nur mig besucht. Desto besser; so konnte man in respektvoller
Distanz von dem sen Pbel um so behaglicher plaudern. Es ging doch nach einer
solchen Strapaze nichts ber ein vernnftiges Wort bei einer Tasse Kaffee mit
Cognac, oder auch einem Sherry-Cobbler, oder Glhpunsch und einer guten Cigarre!
    Ein famoser Abend das! Ein bichen sehr eng und das Souper nicht ganz auf
der Hhe der Situation, aber, alles in allem, first rate! Man knne doch in der
Wahl seiner Frau nicht vorsichtig genug sein. Beispiel: der Direktor! Lieber
Gott, mit seinen Fhigkeiten - das sei auch nur so, so! la, la! aber wenn einer
einen Schwiegervater in der haute finance habe, und der mit seinen Millionen so
klug zu klimpern wisse, knne man es leicht zum Ministerialdirektor bringen und
solche routs geben. Nun schon der zweite in der kaum angefangenen Saison! Woran
es nur eigentlich mit der Verlobung von Frulein Stephanie und Hauptmann von
Luckow hapre? Alle Welt habe geglaubt, sie werde heute proklamiert werden.
    An Luckow liegt es gewi nicht, sagte ein Referendar. Barkis is willing.
    Einige lachten. Was heit das? fragte ein blutjunger Lieutenant.
    Aber, Leisegang, Sie werden doch den Copperfield gelesen haben!
    Habe ich.
    Nur, wie es scheint, nicht englisch.
    Liegt ganz aus unsrer Schulinie. Bffle jetzt furchtbar russisch. Verdammt
schwere Sprache.
    Keine gelehrten Unterhaltungen, Ihr Herren! rief ein Dritter. Um auf
Frulein Stephanie zurckzukommen: sah heute groartig aus.
    Die Sorbitz ist ihr doch ber.
    Sie haben nun einmal ein faible fr die Sorbitz.
    Sie etwa nicht?
    Wer keins fr sie hat, hebe die Hand hoch! Da kein Widerspruch erfolgt,
erklre ich Frau von Sorbitz fr die Krone der Weiber.
    Und Fernau fr den Beneidenswertesten der Sterblichen.
    Wenigstens giebt er sich die erdenklichste Mhe, es zu werden.
    Mir scheint, er hat in letzter Zeit merklich an Terrain verloren.
    Oder das Rennen aufgegeben.
    Sorbitz versteht in gewissen Dingen keinen Spa.
    Versteht er berhaupt welchen?
    Ich lasse nichts auf ihn kommen.
    Weil er Ihr Corpsbruder war!
    Allerdings. Und der Stolz des ganzen Corps. Er hat mindestens zwanzig
Mensuren gehabt, wobei ich noch zwei auf Pistolen nicht einmal mitrechne.
    Niemand zweifelt an seiner Bravour.
    Wrde dem Zweifler auch schlecht bekommen. Er hat die Gewohnheit, seinen
Gegner mit ein paar Blutigen abzufhren.
    Was nicht hindert, da er die Courmacher seiner Frau ein bichen sehr frei
laufen lt.
    Que voulez-vous? Er ist eben ein Mann von Welt.
    Na! jeder nach seinem Geschmack. Meiner wre es nicht.
    Seien Sie berzeugt, da Sorbitz verdammt genau wei, wie weit er gehen
kann.
    Oder sie gehen lassen.
    Was in diesem Falle auf dasselbe hinauskommen drfte.
    Haben Sie Monselet: Les femmes gelesen?
    Nein, warum?
    Es ist da eine reizende Geschichte: Ma femme m'ennuie, in welcher der
betreffende Unglckliche aus Langeweile auf die verrcktesten Einflle kommt,
zuletzt auf den, einen Hhneraugenoperateur, der ihn in die Zehe geschnitten
hat, tot zu schieen. Vor die Assisen gestellt, wei er kein Wort zu seiner
Verteidigung vorzubringen, als: Ma femme m'ennuie.
    Was soll das hier?
    Man kann die Geschichte auch umkehren und Mon mari m'ennuie berschreiben.
Wo dann die aus Langeweile begangenen Tollheiten auf die Seite der Frau fallen.
    Der Sorbitz kann niemand etwas nachsagen.
    Was ich auch himmelweit entfernt bin, nur habe andeuten zu wollen.
    Was wollten Sie denn?
    Mit meiner Belesenheit Parade machen. Was sonst!
    Ich sage noch einmal: kein gelehrtes Gesprch, Ihr Herren!
    Es war in der That kein gelehrtes Gesprch, was nun folgte. Man war einmal
bei dem Kapitel der Frauen, und zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht mu da
unter jungen Leuten ein freies Wort erlaubt sein. Man machte von dieser Freiheit
sattsamen Gebrauch. Was den Herren an Reife der Jahre etwa fehlte, schienen sie
durch die Vielseitigkeit ihrer Erfahrung mehr als gutgemacht zu haben. Die
bedenklichsten Geschichten wurden erzhlt; die ungeheuerlichsten Behauptungen
aufgestellt. Wenn man den Herren glaubte, mute man die Existenz einer ehrbaren
Frau fr eine Fabel halten. Und doch sind dies Leute, sagte sich Albrecht, denen
man Geist und Verstand und Bildung nicht absprechen kann, und die doch auch
Mtter und Schwestern haben.
    Er sagte es sich aber bereits auf dem Heimweg, nachdem er bis drei Uhr
ausgehalten und sich dann unter dem Vorwand, da er morgen zu frher Zeit in
seine Schule msse, verabschiedet. Weshalb er nur mitgetrottet war? Was ging ihn
diese Gesellschaft an? So wenig, wie er sie. Nicht mit einer Wendung hatte man
seine dramatischen Leistungen von heute abend auch nur gestreift; nicht ein Wort
war ber Litteratur und Kunst gesprochen worden! Dagegen mute er die
Zusammenknfte mit seinen Kollegen, die wahrhaftig keine Lichter waren,
Festmahle des Geistes nennen.
    Und sie! sie gehrte denn doch auch in diesen Kreis blaubltiger Junker und
ihnen ebenbrtiger Weiber. Die hochnasige Verachtung der brgerlichen Plebs, die
berzeugung von ihrem adligen Gottesgnadentum, die Verranntheit in ihre
engherzigen Vorurteile, die Wichtigthuerei mit ihren Kirchturminteressen - es
war ja doch die Atmosphre, in der sie aufgewachsen war! Und da man sie vllig
zu der Clique rechnete, hatte die Impertinenz bewiesen, mit der man von ihr
sprach: die Sorbitz! Himmel und Hlle! Als es zuerst sein Ohr traf, er glaubte
sich verhrt zu haben. Und dann wieder und wieder: die Sorbitz! Als ob man von
der ersten besten Komdiantin sprche! Sie waren alle halb betrunken gewesen!
Ich auch. Ich htte sonst diese Blasphemien nicht so geduldig mit angehrt;
htte diese Burschen - wo bin ich denn eigentlich?
    Er stand still. Die Strae, in der er sich befand, kam ihm ganz fremd vor.
Dann entzifferte er in dem Flackerlicht einer Laterne an der Ecke mhsam den
Namen. Es war nicht so schlimm: nur ein geringfgiger Umweg. Aber seine Uhr
hatte auf beinahe vier gewiesen. Wenn Klara doch aufgeblieben wre! Er hatte sie
so dringend gebeten, diesmal von ihrer Gewohnheit abzuweichen: er sei gewi, es
werde sehr spt werden. Dennoch -
    Richtig! Da oben in den Fenstern seines Arbeitszimmers noch Licht! Und vor
der Hausthr eine Droschke!
    Jher Schreck durchrieselte ihn.
    Wen haben Sie gefahren?
    Der Kutscher raffte sich mhsam aus seinem Halbschlaf auf.
    Wei nicht. Wird wohl ein Doktor sein. Ich soll warten.
    Wo haben Sie ihn abgeholt?
    Gar nicht. Er hat mich auf der Strae angerufen. Ein Mdchen war bei ihm.
    Albrecht hatte genug gehrt. Sein Rausch war vllig verflogen. Im ganzen
Hause war kein Licht, auer bei ihm.
    Hastig schlo er auf. Ein Glck, da er jede Stufe seiner drei Treppen so
genau kannte: die kleine Lampe, die ihn sonst erwartete, war nicht da, und in
dem Hause war es grabfinster. Die Thr zu seinem Flur brauchte er nicht
aufzuschlieen, sie stand offen und auf dem Tischchen unter dem Spiegel die
unten vermite Lampe. Er warf den zusammengedrckten chapeau claque auf das
Tischchen - Paletot und Galoschen auszuziehen lie er sich keine Zeit - und
strzte in sein Zimmer. An dem Schreibtisch beim Schein der Studierlampe sa
einer und schrieb - sein Hausarzt.
    Der wandte jetzt den Kopf, blickte dann wieder auf das Papier und erhob
sich.
    Guten Abend, oder vielmehr guten Morgen, lieber Professor! Wir haben hier
inzwischen eine bse Zeit gehabt. Glcklicherweise ist es nicht ganz so schlimm,
wie Ihre Frau frchtete.
    Baby?
    Nein, Helenchen. Ihre Frau glaubte: Diphteritis. Ich, offen gestanden, im
ersten Moment auch. Aber wir werden wohl mit einer grndlichen Halsentzndung
davonkommen.
    Klara war pltzlich im Zimmer, Albrecht hatte sie nicht eintreten hren.
    Bist Du endlich da? - Kann das Mdchen gehen?
    Ich habe meine Droschke noch unten; mu so wie so an der Apotheke vorber
und nehme am besten Auguste, so heit sie ja wohl? - gleich mit. Sie soll dann
selbstverstndlich auf das Rezept warten und die Droschke zur Rckfahrt
benutzen. Es liegt mir daran, da Helenchen die Medizin mglichst schnell
bekommt.
    Aber dann mten Sie gehen.
    Das thut nichts; ist auch nicht so weit. Vorlufig wollen wir noch mal nach
der Kleinen sehen.
    Man ging nach dem Kinderzimmer, in welchem jetzt auch Klara mit Baby
schlief. Das Bettchen von Fritz und die Wiege waren entfernt.
    Es ist in solchen Fllen immer gut, wenn man vorsichtig ist, sagte der
Doktor im Flsterton.
    Er hatte sich ber die kleine Kranke gebeugt und richtete sich nach einer
halben Minute wieder auf.
    So! Es bleibt also dabei, Frau Professor. Und was ich sagen wollte -
    Er gab noch einige Verhaltungsmaregeln und ging dann, whrend Klara bei dem
Kinde blieb, mit Albrecht ber den engen Korridor in das Vorderzimmer zurck.
    Liegt Gefahr vor, Doktor?
    Lieber Freund, Gefahr - das ist fr uns rzte ein weites Wort.
    Ich meine: mssen wir uns auf das Schlimmste gefat machen?
    Nach meiner Philosophie sollte man das eigentlich immer. In diesem
speciellen Falle brauchen wir nicht ganz so stoisch zu sein. Ist das Mdchen da?
Na, also gute Nacht. Ich komme morgen, oder heute frh, wahrscheinlich schon um
neun. Noch eins! Sie haben eine verstndige, tapfere kleine Frau. Bringen Sie
mir sie nicht aus dem Text! - Das war wohl heute ein groer Zauber?
    Ich mag nicht daran denken.
    Ja, das Leben gefllt sich in Kontrasten. Auf Wiedersehen morgen!
    Doktor Ribbeck stieg mit dem Mdchen die Treppen hinab; Albrecht war wieder
im Studierzimmer. Er griff sich mit beiden Hnden an den brennenden Kopf: O,
Gott, Gott, straf' mich nicht so hart! Nimm mir meinen Liebling nicht!
    Er entledigte sich jetzt der Galoschen; den Paletot behielt er an. Ihn
frstelte. Wer setzt sich auch im Ballanzuge an das Bettchen seines todkranken
Kindes? und seine Hauskleider befanden sich in dem Zimmer, in welchem jetzt die
beiden andern Kinder schliefen. So geruschlos er konnte, schlich er in das
Krankenzimmer zurck. Klara sa an dem Bettchen; er nahm den Stuhl, auf dem der
Doktor vorhin gesessen hatte. Von dem Licht der verhllten Lampe auf dem
Tischchen zwischen den Fenstern kam nur ein schwacher Schein, aber hell genug,
da er sehen konnte, wie die Bckchen des Kindes brannten. Es warf sich unruhig
im Halbschlaf hin und her und murmelte von Zeit zu Zeit abgerissene,
unverstndliche Worte.
    Wann hat es angefangen? fragte er flsternd.
    So um halb elf. Ich machte zuerst nichts daraus. Schien auch besser zu
werden. Aber um zwei -
    Das Kind hatte pltzlich laut aufgeschrieen; Klara legte ihm eine frische
Kompresse auf das Kpfchen. Albrecht hatte fr einen Moment seine Hand auf eins
der winzigen heien Hndchen gelegt. Nun saen sie sich wieder gegenber. Klara,
nur Ohr und Auge fr das Kind, fuhr in ihrem Bericht nicht fort; er mochte nicht
weiter fragen.
    Um halb elf! Da mute es gewesen sein, als sie sich hinter der
vorgeschobenen Coulisse kten! Um zwei! da war er, trunken von Liebe und Wein,
auf die Strae getreten, um mit den angezechten jungen Gesellen in die Kneipe zu
gehen, anstatt nach Hause zu seinem kranken Kinde zu eilen. Mein Gott, er hatte
ja nicht gewut, da es krank war; es nicht wissen knnen, und - das Leben
gefllt sich in Kontrasten! Aber, wenn dieser hier so ein schauerliches Gesicht
zeigte, es war doch seine Schuld!
    Und htte er wenigstens seine Schuld ehrlich bereut; aber, was er als das
wahrhaft Grliche deutlich empfand, war, da er es nicht konnte! Da die
Erinnerung der sen, sndigen Stunden sich nicht bannen lie! Da er das Bild
der schnen verfhrerischen Frau, die er in seinen Armen gehalten, deren Busen
an seiner Brust geklopft, vergleichen mute mit ihr, die da vor ihm sa,
bleichen, unschnen, in der Sorge versteinerten Gesichtes, das schlichte,
glanzlose blonde Haar verwirrt um den viereckigen Kopf, in ihrem abgetragenen,
schief geknpften Schlafrock, an den groen Fen die ausgetretenen
Morgenschuhe!
    Es half nicht, da er die Augen schlo: dann sah er sie beide erst recht
deutlich nebeneinander; den schlanken Hals sogar von der andern und die
feingerundeten aristokratischen Schultern und den Busen, dessen Schnheit der
weite Ausschnitt des Ballkleides mehr als ahnen lie.
    Du bist todmde und hier helfen kannst Du mir doch nicht, sagte Klara.
Morgen ist berdies Dein frher Schultag.
    La mich wenigstens Augusten abwarten!
    Ich hab' ihr schon gesagt, da sie Dir auf Deinem Sofa ein Bett zurecht
machen soll, so gut es geht.
    Das Mdchen kam mit der Medizin, die Klara dem Kinde eingab. Nicht ohne
groe Mhe: das Kind wollte den Trank nicht nehmen; Albrecht machte einen
ungeschickten Versuch, ihr zu helfen; Klara wurde ungeduldig.
    Thu' mir den Gefallen und geh'! Du stehst hier wirklich nur im Wege.
    Er ging, von ihrem rauhen Wort beleidigt. Es war immer dasselbe; sie hatte
eben keine Formen, keine Spur von Anmut, keine Ahnung davon, da der Ton die
Musik macht.
    Und so ins Unabsehbare weiter leben mssen, an der Seite einer anmutlosen
Frau, mit den ewigen Kindersorgen, Schulsorgen, Nahrungssorgen - dem Raubzeug,
das dem Prometheus das Herz ausfrit, whrend er verzweifelt an den
unzerreibaren Ketten zerrt!
    Und Prometheus ist ein Gott und hat an den goldenen Tischen mit den andern
Gttern geschwelgt in Ambrosia und Nektar! -
    Er stand am Fenster und starrte hinaus. ber den hohen Dchern der
gegenberliegenden Huser dmmerte bereits der Morgen herauf.
    Der Morgen, der nichts besser machen wrde - nichts!

                              Siebzehntes Kapitel


In seiner Hoffnung, Klotilde werde an dem nchsten Tage anderen Sinnes sein, sah
Viktor sich getuscht. Auch die folgenden brachten keine Besserung des
Verhltnisses. Zwar die Zankscene der Nacht wiederholte sich nicht; es war auch
keine Veranlassung dazu: Klotilde hllte sich in eisiges Schweigen; er
seinerseits htete sich, einen Streit von neuem zu beginnen, in welchem er
keineswegs sicher war, nicht den Krzeren zu ziehen. Und doch htten sie gerade
in diesen Tagen, die zufllig keine Gesellschaften brachten, reichlich Zeit zu
einer Aussprache gehabt. Dafr wechselten sie bei Tisch ein paar gleichgltige
Worte, und auch die nur, solange die Dienstboten ab- und zugingen. Nach Tisch
zog sich Klotilde in ihren Salon zurck, den sie fr den Abend nicht wieder
verlie, um sich, meistens sehr zeitig, in ihr improvisiertes Schlafgemach zu
begeben, das sie inzwischen mit den ntigen Toilettengegenstnden ausgestattet
hatte. Wie Viktor auf seine diskrete Nachfrage erfuhr, war den Dienstboten das
neue Regime dahin erklrt worden, das die gndige Frau an einem bsen
nchtlichen Husten leide und den Herrn um den Schlaf bringe, welchen er, bei
besonders schwerer Arbeit, gerade jetzt notwendig brauche. - So hatte sie doch
wenigstens den Leuten gegenber den Schein zu bewahren gesucht!
    Aber welches waren ihre wirklichen Absichten?
    Darber zerbrach sich Viktor den Kopf, und je lnger und eifriger er des
Rtsels Lsung zu finden suchte, desto dunkler wurde es ihm. Mein Gott, ja! sie
waren von Anfang an recht oft sehr verschiedener Meinung gewesen und hatten
daraus nie ein Hehl gemacht. Im brigen war doch ihre Ehe nicht besser und nicht
schlechter, nicht behaglicher oder unbehaglicher als die aller seiner Kollegen
und sonstigen nheren Bekannten. Eher noch ein wenig, wenn nicht inniger, so
doch einiger hinsichtlich alles dessen, was ihm in seiner Carriere frderlich
sein konnte, wo es Klotilde nie an sehr verstndigen Ratschlgen und
thatkrftiger Untersttzung hatte fehlen lassen. Da die relative Enge ihrer
konomischen Verhltnisse sie manchmal ungeduldig machte, ja, lieber Himmel, er
htte auch gern die Ellbogen freier gehabt! Schlielich hatte sie doch gewut,
da er kein reicher Mann war, es auch nie werden konnte; und die Zuschsse, die
sie von seinem Vater erhielten, waren um ein namhaftes reichlicher und liefen
vor allem sehr viel regelmiger ein, als die ihres Vaters, der die unangenehme
Gewohnheit hatte, die Quartalsdaten zu vergessen.
    Schlielich blieb nur ein Erklrungsgrund ihrer Tollheit, ein vllig
ungeheuerlicher freilich. Aber wie htte er sich nicht immer wieder herzudrngen
sollen, wenn alle andern etwa mglichen sich bei nur einigermaen genauerer
Prfung als hinfllig erwiesen?
    Viktor hatte diese Zweifelssorgen drei Tage lang mannhaft still getragen,
immer bei sich erwgend, ob er nicht Elimar ins Vertrauen ziehen sollte. Elimar
war klug und die Diskretion selbst. Aber Viktor glaubte mit Sicherheit zu
wissen, es habe seiner Zeit nur wenig gefehlt, so htte Klotilde jenen und nicht
ihn geheiratet. Da war denn auf ein unbefangenes Urteil bei dem Manne in dieser
Sache nicht zu rechnen. Fernau? Sonst wre Fernau sicher der Rechte gewesen,
aber seit der unerquicklichen Scene zwischen ihnen neulich an dem Abend bei
Sudenburgs - Und wiederum, hatte der Freund, wie Klotilde behauptete, seine
Courmacherei zu weit getrieben, so war es ein seiner diplomatischer Zug, den
Nebenbuhler gegen den Nebenbuhler auszuspielen. Unbefangen wrde seine
Auffassung der Sachlage wohl noch weniger sein, als die Elimars; aber weshalb
nicht von der Scharfrichtigkeit des Hasses profitieren?
    Und da wollte der Zufall, da er am vierten Tage mit Fernau zusammentraf,
als sie nach den Bureaustunden das Amt, in welchem beide gemeinschaftlich, wenn
auch in verschiedenen Abteilungen, arbeiteten, zu gleicher Zeit verlieen.
    Sie hatten, sich erblickend, beide einen Moment gestutzt, waren dann aber,
ein etwas gezwungenes Lcheln um die Lippen, mit ausgestreckten Hnden
aufeinander zugegangen.
    Sieh' da, mon brave! sagte Fernau. Haben uns ja in einer Ewigkeit nicht
gesehen! Wie geht's?
    Nicht zum besten, erwiderte Viktor.
    Etwas mit dem Alten?
    Auch das. Er kann sich noch immer in den neuen Kurs nicht finden.
    Der Ihnen doch auch gegen den Strich geht.
    Man laviert eben. Aber das macht mir weiter keine Schmerzen.
    Was sonst?
    Sie waren aus der Wilhelmstrae in die Vostrae gebogen.
    Werden Sie fahren? fragte Viktor, mit einem Blick nach dem Droschkenstande.
    Ich hatte nicht die Absicht. Aber wenn Sie wollen -
    Gar nicht.
    Also: andiamo!
    Der lange Weg nach Hause war bis auf ein kleines fr beide derselbe. Fernau
hatte durchaus das Gefhl, da Viktor eine Fortsetzung ihrer letzten
Auseinandersetzung wnsche. Ihm kam es gelegen; war ihm die Sache whrend dieser
letzten Tage doch ebenfalls sehr durch den Kopf gegangen!
    Hren Sie, Sorbitz, sagte er, nachdem sie eine Minute schweigend
nebeneinander hingeschritten waren; es ist zwischen uns nicht alles so klar, wie
es zwischen guten Freunden sein sollte. Ich kann Ihnen nur auf Ehrenwort
wiederholen, was ich Ihnen neulich abends bereits gesagt habe, da -
    Sie brauchen nicht weiter zu sprechen, unterbrach ihn Viktor. Ich habe mich
lngst berzeugt, da man mich geflissentlich auf Sie gehetzt hat, um -
    Sie auf eine falsche Fhrte zu bringen. Ganz meine Meinung.
    Aber, um Gottes willen, Fernau, das ist doch ganz unbegreiflich, total
verrckt! Was kann sie an dem Menschen finden?
    Lieber Sorbitz, wer lernt diese fin-de-sicle-Frauen aus? Es ist da alles
Nerven, Idiosynkrasien, Illusionen perdues oder  perdre, falsche Appetite - was
wei ich. Nehmen wir an, man hat sich an Kuchen bergessen und schwelgt in dem
Gedanken, wie himmlisch es sein mte, wenn man die weien Zhne so einmal in
Schwarzbrot vergraben knnte. Solche Anflle gehen vorber - glauben Sie mir!
    Sie haben gut reden. Sie sind nicht verheiratet. Sie wissen nicht, wie
unsereinem ein solcher Anfall zu Haus und Hof kommt, besonders wenn er so
lcherlich akut ist, wie dieser.
    Also erzhlen Sie mir, was ist geschehen! Ich brauche Sie nicht zu
versichern, da Sie sich auf meine Diskretion unbedingt verlassen knnen.
    Wrde ich sonst von der vertrackten Geschichte angefangen haben! Die Sache
ist aber die -
    Und Viktor berichtete ziemlich getreu seinen Zank mit Klotilde in der
Ballnacht, und wie sich die ehelichen Verhltnisse seitdem gestaltet hatten. Nur
von einem gewissen Arrangement zu sprechen, das Klotilde zu treffen beliebt,
fand er nicht den Mut und wollte die ziemlich deutliche Anspielung Fernaus auf
die nicht ganz ungewhnliche Methode der Herbeifhrung einer Verstndigung in so
verzweifelten Fllen lieber nicht verstehen.
    Man war bis zum Potsdamer Platz gelangt.
    Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Sorbitz, sagte Fernau. Da steht ein
Dienstmann. Schreiben Sie Ihrer Frau auf einer Karte: Sie knnen heute nicht zu
Mittag kommen. Basta! Und lassen Sie uns im Palast-Hotel dinieren. Ich selbst
bin noch nicht dagewesen; aber es soll sehr gut sein.
    Wozu dann noch die Karte?
    Bitte sehr! Immer die Form bewahren! Darin liegt eine ungeheure Macht. Die
Weglassung jedes Entschuldigungsgrundes wird die Demonstration fr Ihre Frau
verstndlich genug machen.
    Der Dienstmann war mit der Karte seines Weges geschickt; die Herren waren in
das Hotel getreten und hatten in dem Restaurant bald die ihnen zusagenden Pltze
entdeckt. Fernau, als vielerfahrener Junggesell, bernahm die Zusammenstellung
des Men und die Auswahl der Weine. Er war in der behaglichsten Stimmung. Je
lnger er Zeit gehabt hatte, ber die Angelegenheit nachzudenken, desto schwerer
war es ihm geworden, den Schulmeister ernsthaft zu nehmen. Die Sache hatte
entschieden keine tiefere Bedeutung als die eine, ihm sehr genehme: das
Verhltnis zwischen den beiden Gatten war wirklich so schlecht, wie er es sich
nur immer wnschen konnte und wnschen mute, sollte seiner Liebe Mh nicht
vergeblich gewesen sein. Wer konnte sogar wissen, ob die kluge Frau das
Techtelmechtel mit dem Schulmeister nicht arrangiert hatte, Viktor von der
richtigen Fhrte abzubringen! Und den schlimmsten Fall gesetzt: sie hatte
wirklich ein momentanes Faible fr den Menschen, das mte doch sonderbar
zugehen, wenn ihm es nicht gelnge, sie zur Raison zu bringen, ber ihre
Verblendung lachen zu machen - in seinen Armen natrlich!
    Aber er htete sich wohl, Viktor von diesen seinen wirklichen Empfindungen
und Gedanken auch nur das mindeste merken zu lassen; ein Bruder konnte um den
Bruder nicht besorgter sein, als er es um den Freund war. Dergleichen knne peu
 peu zu ganz ungeheuerlichen Konsequenzen fhren, wenn man nicht rechtzeitig
vorbeuge. Hier heie es durchaus: principiis obsta! Und Viktor mge die
schrankenlose Freiheit bedenken, in der seine Frau aufgewachsen sei! Ein Mdchen
auf dem Lande, in den breiten Verhltnissen, an der Seite von ein paar
leichtsinnigen Brdern und einem Vater, der noch jeden Augenblick geneigt sei,
von vorn anzufangen! Mein Gott, man kenne doch diese jungen Damen! Sie seien
berall dieselben: hinten in Ostpreuen, wie in Pommern, oder Hannover. Tags
ber im Sattel; Nacht fr Nacht in Gesellschaft auf diesem oder jenem Gute zehn
Meilen in der Runde. Und hernach die Pension, wo sie lernten, was sie etwa
wirklich noch nicht wten! Aus dem allen mache er ja keiner einzelnen einen
Vorwurf - Gott bewahre! Aber man msse die lieben Dinger nun einmal nehmen, wie
sie seien!
    Habe ich das etwa nicht gethan? rief Viktor, der, ohne es zu merken, den
Wein beinahe allein trank. Habe ich meiner Frau nicht jede Freiheit gelassen?
Ich glaube, liberaler als ich gewesen bin, kann man nicht sein.
    Ja, lieber Freund, erwiderte Fernau, die Augenbrauen in die Hhe ziehend,
nun kommen wir zu der anderen Seite der Medaille. Sie haben ihr zu viel Freiheit
gelassen, viel zu viel. Ein Vollblutfllen - Sie verzeihen mir den Vergleich! -
will eben anders behandelt sein als ein gewhnliches. Es will leicht gefhrt
sein; dann aber mu es auch gegebenen Falles fhlen, da sein Reiter eine Faust
von Eisen hat.
    Sprechen wir nicht in Bildern! bleiben wir bei der Wirklichkeit! Sie werden
nun gewi sagen: ich solle das ihr bis jetzt gewhrte Ma der Freiheit
einschrnken. Das ist leichter gesagt als gethan. So ist sie nach wie vor des
Morgens stundenlang in der Stadt; ich habe keine Ahnung, wo, obgleich es mir
sehr unbehaglich ist. Ich kann sie doch nicht einsperren, wie ein Schulmdchen,
das nicht gut thun will!
    Das knnen Sie freilich nicht; aber vielleicht diese Ausflge ein wenig
kontrollieren.
    Wie das, wenn ich gerade whrend dieser Zeit auf dem Amt festsitze?
    Auf Ihre Leute haben Sie keinen Verla?
    Ich traue keinem ber den Weg. Meine Frau hat sie alle an ihrer Schleppe.
Und wenn auch nicht - ich kann sie nicht hinter ihr herschicken!
    Fernau nippte bedchtig an seinem Sekt.
    Da bleibt nur noch ein Detektive.
    Viktor hatte lngst ber Gebhr getrunken; das Wort machte ihn doch stutzig.
    Sie sind nicht recht gescheit, Fernau, sagte er nach einer Pause, whrend
der er sein Gegenber zornig angestiert hatte.
    Einen Privat-Detektive selbstverstndlich, fuhr Fernau ruhig fort. Lieber
Himmel, wir Deutsche sind so schwerfllig - verzeihen Sie mir, lieber Sorbitz!
Aber ein Londoner oder Pariser in dem analogen Fall brauchte nicht erst durch
einen Freund an dieses nchstliegende und unverfnglichste Hilfsmittel erinnert
zu werden. Ich will Ihnen nur gestehen, da ich mich seiner bereits wiederholt
und mit bestem Erfolge bedient habe. Nach ein paar Tagen wute ich stets, was
ich zu wissen wnschte. Die Leute sind treu wie Gold und verschwiegen wie das
Grab. Auch brauchten Sie gar nicht ins Spiel zu kommen: ich nehme das Ganze auf
mich.
    Viktor schenkte sich ein Glas voll und trank es auf einen Zug leer. Er war
offenbar schon halb gewonnen.
    Und dann sehen Sie, Sorbitz, ich wrde Ihnen den Rat nicht geben, wenn ich
glaubte, der Mann wrde entdecken, was Sie in der exceptionellen Stimmung, in
der Sie nun einmal sind, frchten. Ich bin wie von meinem Leben berzeugt, da
er nichts entdecken wird. Nun, und dann haben Sie Ihre Ruhe wieder. Mir deucht,
bei Gott, ein solcher Gewinn ist die lumpigen paar hundert Mark wert. Was sagen
Sie zu meiner Idee?
    Sie knnten den Mann besorgen?
    Einen absolut sichern Menschen.
    Und instruieren?
    Ich bernehme alles und jede Garantie dazu.
    Und Sie werden mich hinterher nicht auslachen? denn, offen gestanden, ich
komme mir doch bei der Geschichte ein wenig sehr -
    Lieber Freund, das ist mir das erste Mal genau so gegangen: ich kam mir auch
sehr vor. Hinterher macht man sich ein Kompliment ber seinen Verstand zur
rechten Zeit. Also abgemacht?
    Meinetwegen.
    Bravo! Und nun lassen Sie uns noch eine -
    Keinen Tropfen mehr!
    Wie Sie wollen. Also: den Mokka, Kellner, und Ihren besten Hennesi!

                              Achtzehntes Kapitel


Um dieselbe Zeit, als Fernau und Viktor sich vor ihrem Amte in der Wilhelmstrae
trafen, war Klotilde in der Mauerstrae bei Adele vorgefahren. Sie wute, da
Elimar an diesem Tage - einem Mittwoch - stets erst um sechs Uhr nach Hause kam.
So war sie sicher, Adele allein zu finden.
    Sie hatte die Klingel gezogen und stand wartend mit einer finsteren Miene,
die sich jh in ein grazises Lcheln verwandelte: Adele selbst war es, welche
die Thr geffnet hatte.
    Klotilde, Du! Um diese Stunde? Es ist ja Eure Essenszeit!
    Ich habe mich heute bei Sudenburgs zu Tisch gebeten.
    Und Dein Mann?
    Mu einmal allein essen. Ich denke, es wird ihm darum nicht weniger gut
schmecken.
    Na, ja! Du hast eine perfekte Kchin, wie sie es hier nennen. Ich - Du
siehst, ich bin in der Kchenschrze.
    Ich stre Dich?
    Ganz und gar nicht. Wir essen heute Verklebtes - echt magdeburgisch, weit
Du. Das kocht sich allein. Und bei Sudenburgs hast Du Dich angemeldet?
    Die Damen waren in das Wohnzimmer getreten; Adele hatte Klotilde den Mantel
abgenommen und sich zu ihr auf das Sofa gesetzt.
    Du weit natrlich nichts von dem groen Ereignis: Stephanie hat sich mit
Luckow verlobt.
    Adele legte beide Hnde auf Klotildes Kniee:
    Ist es mglich!
    Hast du nichts davon gewut?
    Doch, doch! alle Welt sprach ja davon, am Sonnabend schon. Aber es sollte ja
noch in weitem Felde liegen.
    Nur bis Luckow Hauptmann erster Klasse wurde. Gestern hat er das Patent
erhalten. Stephanie meldete es mir vor einer Stunde per Rohrpost. Du begreifst,
da ich, als ihre beste Freundin, heute bei dem Verlobungsdiner nicht fehlen
darf.
    Freilich! selbstverstndlich! sagte Adele, im stillen verwundert, weshalb
sich dann Klotilde erst hatte zu Tisch bitten mssen, anstatt gebeten zu werden.
Aber in Berlin war alles anders als in Magdeburg.
    Warum sie nur so lange gewartet haben? fragte sie; ich denke, Sudenburgs
sind so reich?
    Aber Luckow will nicht direkt abhngig sein, was ich ihm nebenbei nicht
verdenken kann. Diese Abhngigkeit ist im Grunde schauderhaft. Und dann: reich!
Ja, Kind, das ist ein sehr relativer Begriff. Wenn man, wie Sudenburgs, zwei
Shne hat, die Offiziere sind - davon wei mein Papa ein Lied zu singen! Er
klagt Gott und die Not, was ihn Ernst und Otto in Bonn und Dsseldorf kosten.
Und ich, armes Wurm, mu natrlich warten und warten, bis die Reihe auch mal an
mich kommt. Ach, Kind, es ist ein groes Ding, reich zu sein - steinreich!
    Ich wei nicht, sagte Adele; ich denke es mir eigentlich schrecklich. Und
Elimar auch. Die armen Reichen, sagt er immer. Aber Du hattest es doch in der
Hand, reich und sogar steinreich zu sein. Warum hast Du damals Kurt Platow nicht
genommen?
    Klotilde lachte.
    Lieber Schatz, wenn Du es durchaus wissen willst: er war so frchterlich
dumm. Ich abominiere dumme Menschen. Und seine Dummheit htte ich ihm vielleicht
noch verziehen; aber seine antediluvianischen Westen und gestreiften
Beinkleider, die konnte ich ihm nicht verzeihen. Es war wirklich au fond eine
Kleiderfrage. Und da er durchaus seinen Schneider nicht wechseln wollte, was
konnte ich thun, als ihn zu Klarisse Gardewitz schicken, die in diesen Dingen
vielleicht weniger difficil war?
    Der arme Mensch! Er hat vier Jahre gebraucht, ehe er Dich soweit vergessen
konnte, sagte Adele kopfschttelnd.
    Giebt es einen strkeren Beweis fr seine Dummheit?
    Klotilde, versndige Dich nicht! Danke lieber Gott, da Du bei Deiner Art zu
denken, noch einen so guten Mann bekommen hast.
    Da wren wir ja endlich so weit, sprach Klotilde bei sich.
    Sie richtete sich aus ihrer Sofaecke auf, blickte ihre Cousine scheinbar
forschend an und sagte in einem andern Ton der Stimme, als sie bis jetzt
gesprochen:
    Das ist wirklich Dein Ernst?
    Was?
    Das mit dem guten Mann?
    Ist er das etwa nicht?
    Und Du glaubst auch, was ich Dir neulich gesagt habe? da wir uns niemals
zanken?
    Ja, thut Ihr es denn?
    Klotilde lachte hhnisch auf, wurde aber sofort wieder ernst. Es war eine
falsche Note gewesen. Wenn sie ihre Absicht erreichen wollte, durfte Adele nur
die Hlfte von der Wahrheit erfahren.
    Liebes Kind, sagte sie, wie konntest Du meine Prahlerei nur einen Augenblick
ernst nehmen! Viktor ist wirklich ein guter Mann in seiner Weise; aber darum
zanken wir uns gelegentlich doch, gerade wie andere Leute. Wir haben uns sogar
am Sonnabend nach dem Ball ganz frchterlich verzankt, so, da wir heute noch
auf dem Kriegsfu gegeneinander stehen.
    Ist es mglich? aber warum denn?
    Elimar ist nicht eiferschtig?
    Nicht die Spur. Ich gebe ihm aber auch keine Veranlassung dazu.
    Das klingt, als ob Du sagen wolltest: natrlich! Du giebst Deinem Mann
welche.
    Fllt mir gar nicht ein. Ich habe nur sagen wollen: ich bin ein so einfaches
Menschenkind; in mich vergafft sich so leicht keiner.
    Du weit, wie man Dich in dem Sudenburg'schen Kreise getauft hat?
    Keine Ahnung!
    Die Oase.
    Adele blickte ihre Cousine stumm mit verwunderten Augen an.
    Du weit doch, was eine Oase ist: die Stellen in der Wste, wo Wasser quillt
und alles grnt und blht und duftet und die Vgel singen. So, als eine solche
grne Insel in dem Sandmeer, erscheinst Du unsern - - Kamelen, htte ich beinahe
gesagt.
    Adele lachte herzlich.
    Das ist ja reizend!
    Nicht wahr? Aber wenn Du nun mit Deinem Mann nach Hause kommst, und er
schlgt die Arme bereinander, mit Dich von oben nach unten mit einem Blick,
wie ein Groinquisitor, und sagt mit eisiger Klte: Ich habe gehrt, Madame, man
nennt Sie in der Gesellschaft Oase. Ich verbitte mir das. Wenn es noch einmal
passiert, lasse ich mich von Ihnen scheiden.
    Das htte Viktor gesagt?
    Nrrchen, ich bin doch nicht die Oase! Ich bin eine ganz simple Frau, die
schn zu finden hier und da mal einer dumm genug ist.
    Aber, Herz, alle Mnner finden Dich schn. Darber ist doch nur eine Stimme.
Am Sonnabend, im zweiten Walzer - Du tanztest den ersten mit ihm, wenn Du Dich
erinnerst - hat Professor Winter zu mir gesagt: Ist sie nicht wunderbar schn?
Ist sie nicht wie eine - - kann er Ballade gesagt haben?
    Klotilde fhlte, wie ihr das Blut in die Wangen scho. Er hatte es ihr
selbst gesagt: traumhaft schne Ballade! Der liebe Mensch! Und nun durfte sie ja
auch zur Sache kommen.
    Sieh, sieh, mein kleines Professorchen, das sein Herz so auf dem
Prsentierteller trgt! Ja, Liebchen, da wird mir freilich klar, wie Viktor auf
die absurde Idee hat kommen knnen.
    Er glaubt doch nicht etwa -
    Ja, mein Schatz, er glaubt allen Ernstes, da der Professor in mich verliebt
ist - was ich ja nebenbei gar nicht in Abrede stellen will - wir armen Frauen
knnen doch nichts gegen die Verliebtheit der Mnner! - Und wenn Viktor dabei
stehen bliebe; aber - es ist wirklich zu albern.
    Er glaubt, da Du -
    Er glaubt, da ich - sprich es nur aus!
    Da Du - nun ja, wunderbar schne groe Augen hat er.
    Mein Gott, fngst Du auch noch an!
    Klotilde war vom Sofa aufgesprungen, ging, wie in groer Erregung, zum
Fenster, blickte ein paar Momente auf die Strae, wandte sich und sagte:
    Das geht so nicht lnger. Dem mu ein Ende gemacht werden. Und Du mut mir
dabei helfen.
    Sie hatte sich wieder zu Adelen gesetzt und deren beide Hnde in die ihren
genommen.
    Ich? stammelte Adele, noch voller Schrecken ber Klotildens Heftigkeit. Mit
dem grten Vergngen. Aber worin? wobei? Ich wei ja gar nicht -
    Die Sache ist einfach die: Wie der Professor Dir sein Herz ausgeschttet
hat, so hat er es zweifellos auch mit andern gemacht und mich in das schnste
Gerede gebracht. Ich brauche Dich nicht zu versichern, da ich daran absolut
unschuldig bin. Aber die Welt ist so grundschlecht, und auf mich haben es die
schlechten Menschen - Gott mag wissen, warum - noch besonders abgesehen. Der
Professor mu entweder aus unsrer Gesellschaft verschwinden; oder, da das seine
Schwierigkeit hat - er ist bei zu vielen schon eingefhrt, jetzt auch bei
Breitenbachs - sein Betragen vollstndig ndern, seine Augen beherrschen lernen,
seine Zunge im Zaum zu halten.
    Aber Klotilde, das kostet Dich doch nur ein Wort!
    O ja, wenn der Professor ein Mann von Welt wre! Die verstehen einen, mit
denen verstndigt man sich  demi mot. Solchem Schulgelehrten mu man alles
umstndlich auseinandersetzen, sonst begreift er's nicht.
    Und das soll ich unternehmen?
    Dir wrde er nicht glauben; meinen, Du seiest von irgend einem angestiftet -
sagen wir: Fernau, der es wohl imstande wre; und der gute Professor wei ja
nicht - kann ja auch nicht wissen - da Du Dich zu dergleichen niemals hergeben
wrdest. Nein, das kann ich allein.
    So thu's doch!
    Wo? wann? in der Gesellschaft? Ich wiederhole Dir, dazu brauche ich eine
Stunde - eine halbe mindestens. Whrend der wir in der Ecke stehen und die Kpfe
zusammenstecken, damit die liebe Gesellschaft die ihren zusammensteckt: haben
wir es nicht gesagt? Da sieht man es ja!
    Nun wei ich aber wirklich keinen Rat, sagte Adele ganz verzweifelt.
    Klotilde rckte dicht an sie heran und sagte, abermals ihre beiden Hnde
nehmend:
    Der doch so leicht gefunden wre, wenn Du - sieh, Kind, ich denke mir es so:
Du schreibst an den Professor und bittest ihn, Dich auf eine halbe Stunde zu
besuchen natrlich zu einer Zeit, in der Dein Mann nicht zu Hause ist. Er kommt
selbstverstndlich. Du empfngst ihn freundlich, aber ernst, und sagst ihm in
demselben freundlich ernsten Ton: Du habest gehrt, da sein Benehmen gegen mich
in der Gesellschaft aufgefallen sei -
    Aber ich habe es ja gar nicht gehrt.
    So sagst Du es dennoch. Und da Du, als meine Cousine und intimste Freundin,
Dir die Freiheit nhmest, ihn darauf aufmerksam zu machen -
    Aber Du hast ja noch eben erst versichert, auf mich wrde er nicht hren!
    Ganz richtig. In diesem Moment klingelt es und ich erscheine.
    Du?
    Ganz zufllig. La mich nur machen! So was bringe ich in all meiner Dummheit
doch ganz gut fertig. Er ist natrlich verlegen, Du bist verlegen, wir alle sind
verlegen. Nun erinnerst Du Dich, da Du vergessen hast, dem Mdchen, oder dem
Burschen einen notwendigen Auftrag zu geben, verschwindest, und vergit fr eine
halbe Stunde wiederzukommen. Wenn Du wiederkommst, ist der Herr Professor
kuriert. Das versichere ich Dich. Nun, Schatz, willst Du?
    Adele war in der bittersten Verlegenheit. Die Rolle, die ihr Klotilde da
zugeteilt hatte, deuchte ihr entsetzlich. Und wenn sie auch Klotilden das
ungeheure Opfer bringen wollte -
    Guter Gott, rief sie, ich bin ja bereit - das heit: ich wrde es ja
versuchen, obgleich bei meinem grenzenlosen Ungeschick - aber, was wrde Elimar
dazu sagen?
    Elimar? Der bleibt doch ganz aus dem Spiel.
    Aber nachher mte ich es ihm sagen.
    Warum?
    Ich mu Elimar alles sagen. Ich kann nicht anders.
    Sie hatte die Hnde gefaltet und sah ihre Cousine mit flehenden Blicken an.
    Ja so! sagte Klotilde gedehnt.
    Sie begriff sofort, da sie das Spiel verloren geben mute. An dieses
berma von Einfalt hatte sie nicht gedacht. Der kluge Elimar! der im Nu heraus
haben wrde, da man sein Gnschen dpiert und sich, mit ihrer Kchenschrze als
Deckmantel, ein Rendezvous gegeben hatte!
    Nun bist Du mir bs, sagte Adele traurig, als Klotilde aufstand und
schweigend nach ihrem Mantel ging.
    Gar nicht, erwiderte Klotilde, bereits im Begriff den Mantel umzunehmen. Du
hast ganz recht: Deinem Manne mtest Du es sagen, und das geht aus vielen
Grnden nicht. Ich wei freilich nicht, ob Du ihm dann nicht auch wirst sagen
mssen, was ich Dir eben -
    Aber Klotilde, das ist doch ganz was ander's! Auf so was hat Elimar
natrlich kein Recht. Das bleibt unter uns.
    Dann ist ja alles gut. Und ich danke Dir aufrichtig fr Deinen guten Willen.
Soll ich Stephanie vorlufig Deinen Glckwunsch bringen?
    Wenn Du so freundlich sein wolltest! Aber wie willst Du es denn nun machen?
    Ich wei noch nicht. Das wird sich finden.
    Und Du bist mir wirklich nicht bs?
    Keine Spur!
    Sie hatten sich umarmt und gekt, was sie an der Flurthr noch einmal
thaten. Dann war Klotilde gegangen.
    Langsam schritt sie die Mauerstrae hinab nach der Leipziger Strae zu.
    Sollte sie es aufgeben? Es war am Ende das Vernnftige. Was konnte dabei
herauskommen? Wenn sie es recht berlegte: der Streit mit Viktor drehte sich
doch darum, ob er in ihr Thun und Lassen von jetzt an solle hineinreden drfen,
oder nicht. Der Professor war nur eine Gelegenheitsursache, wie die rzte sagen.
Eine freilich, die fr sie etwas seltsam Reizendes hatte, etwas Morphiumartiges,
Sinnbetubendes. Nun ja! sie wrde schon darber wegkommen - natrlich! Aber
einmal noch von ihm hren: traumhaft schne Ballade, Du! Einmal noch -
    Da war sie ganz nahe an dem Briefkasten, den sie, whrend sie die Strae
heraufkam, immer im Auge gehabt hatte. Ihre Rechte glitt aus dem Muff in ihre
Manteltasche nach dem Brief, den sie geschrieben fr den doch mglichen Fall,
da das Rendezvous bei Adele nicht zustande kam. Es war nicht ihre Schuld, wenn
Adele so unglaublich philistrs war. Adele hatte es zu verantworten.
    Ihr Schritt war immer langsamer geworden. Nun hatte sie doch den Kasten
erreicht. Ein paar schnelle, scharfe Blicke nach rechts und links und ber die
Strae hinber. Dann hatte sie den Brief aus der Tasche genommen und durch den
Spalt geschoben. Die beweglichen Stifte am Spalt machten ein hliches Gerusch,
wie Zhne eines Rachens, der zusammenschnappt.
    Pah, sagte sie, das sind die Nerven. Man ist so lcherlich gewissenhaft.
    Eine Droschke erster Klasse kam im Schritt an ihr vorber. Sie rief den
Kutscher an, gab ihm die ntige Weisung und stieg ein.
    Der Kutscher fuhr im schlanken Trab davon. Er war ein lustiger Gesell und
lie den Braunen immer schlanken Trab laufen, wenn er eine schne, elegante Dame
fahren durfte.

                              Neunzehntes Kapitel


Die Diagnose des treuen Hausarztes hatte sich als richtig erwiesen: nicht der
Wrgengel Diphteritis hatte klein Helenchen mit seinem mitleidlosen Schwert
berhrt; ber die Schwelle der Kinderstube war nur einer seiner minderen
Gesellen geschlichen, der sich den Knsten des Doktors nicht gewachsen zeigte.
    Bse Tage, angstvolle Stunden hatte es darum doch genug gegeben. Eine
vllige Absperrung der beiden andern Kinder war in der engen Wohnung schon
deshalb eine Unmglichkeit, weil Klara, whrend sie die Kranke pflegte, Baby
immer in ihrer Nhe haben mute. So blieb die Gefahr der Ansteckung, auch als am
dritten Tage in dem Befinden der Kranken eine entschiedene Besserung eingetreten
war; und mit der Gefahr die Sorge, die auf unhrbaren Sohlen durch die Wohnung
schlich, jegliches Behagen aus ihr verscheuchend.
    Klara schien nichts davon zu empfinden: sie hatte mehr zu thun; desto
drckender empfand es Albrecht. In wie musterhafter Ordnung Klara auch ihre
Wirtschaft hielt, es war unvermeidlich, da in diesen Tagen nicht alles so glatt
ging wie sonst. Wenn Baby schrie, konnte sie mit ihm nicht hinten bleiben, wo
vielleicht gerade Helenchen eingeschlafen war; Fritzchen mute jetzt manche
Stunde vorn in Papas Zimmer spielen, das auch sonst gelegentlich zu Zwecken
herangezogen wurde, welche mit seiner wirklichen Bestimmung in grellem Kontrast
standen: fand Albrecht doch einmal sogar, als er aus der Schule heimkehrte, von
dem Ofen in der Ecke bis zum Fenster, quer ber seinen Arbeitstisch, eine Leine
gespannt, an der noch die feuchte Kinderwsche hing. Der Gegenstand des Anstoes
wurde in wenigen Minuten entfernt; dafr war dann das Mittagessen, das man eine
halbe Stunde spter in dem kleinen Berliner Zimmer einnahm, noch bedenklicher
als gestern: Klara, die sonst auch die Kche zum grten Teil besorgte, mute
sie jetzt ganz Augusten berlassen, und Auguste konnte unter ihren brigen
lblichen Qualitten die einer guten Kchin nicht zhlen.
    Doch das waren Vorkommnisse, welche in einem so beschrnkten Haushalt wohl
verzeihlich erschienen, und die Albrecht in den Familien seiner Kollegen unter
hnlichen milichen Umstnden in ganz anders abstoender Gestalt oft genug
beobachtet hatte. Und was dort nicht selten der dunklere Hintergrund des dunklen
Bildes war: die Not um das materielle Dasein, davon konnte hier keine Rede sein,
fr den Augenblick wenigstens sicher nicht. Seine jetzt vollendete Arbeit hatte
ihm ein fr seine Verhltnisse ansehnliches Honorar gebracht und fr die
geringen Ansprche, die Klara und er an das Leben stellten, gengten auch sonst
seine laufenden Einnahmen.
    Er sagte sich das alles in Momenten ruhiger berlegung, aber deren hatte er
jetzt wenige. Wie ein weidwunder Hirsch durch den Wald, schleppte er sich durch
das Dasein, todmde, den Schlaf herbeisehnend, der nicht kommen wollte vor dem
brennenden, bohrenden Schmerz in der frischen Wunde. Sonst hatte er in trben
Stunden nur seinen Homer oder Sophokles, seinen Horaz oder Virgil aufzuschlagen
brauchen und sich in eine Welt entrckt gefhlt, unter der die gemeine
Wirklichkeit in wesenlosem Scheine lag. Nun wollte die Heilquelle nicht mehr
flieen und der Balsam hatte seine Kraft verloren. Er, der frher nur ein
verchtliches Lcheln gehabt hatte fr die Klagen der Alltagsseelen ber
Alltagsleiden, mute jetzt seinen ganzen Stolz zusammennehmen, um nicht in den
Chor einzustimmen; er sprte eine bestndige Neigung zum Weinen, und manchmal
fehlte nur ein Geringes und er wre mitten in seiner Lehrstunde oder im Gesprch
mit den Kollegen in Thrnen ausgebrochen.
    Dann raffte er sich wohl gewaltsam zusammen, schalt sich einen Undankbaren,
einen Feigling, einen Weiberknecht; aber die heroische Wallung war nur zu bald
verflogen. Wieder stand es vor seines Geistes Auge in erschreckender Klarheit,
das Bild der Zauberin; wieder fhlte er auf seinen Lippen ihren Ku; wieder
fluchte er den Gttern, die mit dem Menschen ihren schnden Spa treiben und ihm
ein Glck vorgaukeln, das ihm ewig unerreichbar bleibt.
    Weshalb in seine Brust die Leidenschaft der Schnheit pflanzen, wenn sie sie
nicht stillen wollten? Weshalb ihm das herrliche Weib an die Brust drcken, um
es sofort in eine Ixion-Wolke zu wandeln?
    Aus der nur noch ein leises, ironisches Kirchen schallte: Weit Du jetzt,
wie weich einer Gttin Arme sind und ihre Ksse brennen, du armseliges,
gefopptes Menschenkind?
    Ja, er war gefoppt, genasfhrt; sein bermtiges, frivoles Spiel hatte man
mit ihm getrieben; und war dann unbekmmert um ihn, der sich verzweifelt am
Boden rang, auf- und davongeflogen in hhere Regionen.
    Wren es doch wirklich hhere gewesen!
    Konnte er die so nennen, in welchen die Herren von Fernau und Genossen
Sterne erster Ordnung waren? die jungen Herren, mit denen er nach der Ballnacht
in dem Caf gewesen war, das groe Wort fhrten? Und sie die Sorbitz nannten?
und von ihr sprachen, wie von einer Balletteuse?
    Den abscheulichen Eindruck, den diese Reden auf ihn gemacht hatten, konnte
er nicht los werden, wie den Nachgeschmack einer widerlichen Medizin. Und er
hatte die Empfindung, als sei gerade von ihr in einem besonders leichtfertigen
Ton gesprochen worden. Es konnte doch wohl nur sein, weil alles, was ber sie
gesagt wurde, ihn so viel schmerzlicher berhrt hatte; und doch, mochte er
dagegen ankmpfen, wie er wollte, der Zweifel an ihr schlich sich in seine Seele
und verdoppelte seine Qual. Sein gutes Weib zu verraten, war schlimm; sie
verraten zu haben um eine, die von der Courtisane nur der gesellschaftliche Rang
trennte, schien unertrglich.
    Die Flurschelle wurde gezogen; er war es jetzt schon gewohnt, selbst zu
ffnen. Der Postbote brachte zwei Briefe; der eine von einem Studienfreund in
Petersburg mit dem er gelegentlich korrespondierte; die Handschrift auf dem
Couvert des andern, eines Stadtbriefes, kannte er nicht. Als er sie bei dem
helleren Licht in seinem Zimmer genauer ansah, sagte er sich sofort, da es eine
weibliche, und im nchsten Augenblick, da sie verstellt sei. Ein Zittern
berfiel ihn; in dem Berliner Zimmer bewegte es sich; er lie den Brief zwischen
ein paar Bcher gleiten, die auf dem Schreibtisch standen. Es war Klara, die mit
einer Frage kam, auf welche er eine kurze, verwirrte Antwort gab.
    Du bist sehr beschftigt? sagte Klara.
    Ich habe noch ein paar Hefte zu korrigieren und mchte dann eine Stunde in
den Straen herumlaufen; mein Kopf ist heute nicht besonders.
    Du kommst auch jetzt so wenig heraus. Wer schreibt Dir denn da?
    Professor Mller. Warum?
    Ich frage nur so. Zieh Dich hernach warm an. Doktor Ribbeck sagte vorhin, es
sei ein hlicher Nordost. Helenchen hustet auch heute abend wieder mehr.
    Klara war aus dem Zimmer, um Albrechts Lippen zuckte ein unschnes Lcheln.
Wie klug von ihm, da er den andern Brief hatte verschwinden lassen! und auf
alle Flle gesagt hatte, er wolle noch ausgehen! Es war doch mglich, der Brief
war von ihr, und dann -
    Der Brief war von ihr, konnte nur von ihr sein, wenn er auch keine
Unterschrift hatte.
    ber seine Schulhefte gebckt, zwischen deren Blttern das teure Blatt in
jedem Moment einen sichern Versteck finden konnte, las er mit wild klopfendem
Herzen:
    Ich bin heute abend bei S. bis neun Uhr. Da ich wei, da Du zu derselben
Zeit in der Nhe bist, rechne ich darauf, da wir eine Strecke zusammen fahren.
Ich werde zu diesem Zweck an der Ecke der Behren-und Wilhelmstrae die Droschke
(I. Klasse) eine Minute halten lassen. Ich kenne ja Deine Pnktlichkeit. Also au
revoir!
    Der Brief mit dem Couvert stak in der inneren Tasche seines Rockes. Er sa
und korrigierte seine Hefte, ganz mechanisch die Fehler anstreichend, eine
elegantere Wendung an den Rand, seine Censur unter die Arbeit schreibend,
whrend seine Gedanken in wildem Aufruhr durcheinander strmten und die Hand ihm
wiederholt so zitterte, da er die Feder mit der roten Tinte niederlegen mute.
Welchen Mut hatte sie! Und wie mute sie ihn lieben, um diesen Mut zu haben! Wie
klglich nahm sich, damit verglichen, die Kleinglubigkeit aus, mit der er alle
diese Tage an ihrer Liebe gezweifelt hatte! Und wie klug war der Brief! wie
scheinbar unverfnglich! Jeder gute Freund konnte ihn geschrieben haben! Mit ihr
beisammen in der Enge des Wagens! Hand in Hand! Es war nicht auszudenken!
    Er sprang auf, ging mit hastigen, leisen Schritten ein paarmal durch das
Zimmer und setzte sich wieder zu seinen Heften.
    Der Brief war um sieben Uhr mit der letzten Post gekommen. Er hatte
reichlich Zeit. Aber wie die Zeit hinbringen! Zu lange durfte er auch nicht vom
Hause wegbleiben. Er wollte bis um acht zu arbeiten scheinen; erklren, er knne
es nicht mehr aushalten, und mit der Weisung an Auguste oder der Bitte an Klara,
ihm sein Abendbrot aufzuheben, davonstrzen.
    Es war alles nach seinem Wunsch gegangen; zehn Minuten vor neun stand er an
der bezeichneten Ecke. Auf der einen Seite war ein Droschkenhalteplatz; es
handelte sich also allein um die andere. Ein kleiner Vorteil nur; aber in der
Liebe, wie im Kriege, gelten alle, auch die kleinsten. Das Sudenburg'sche Haus
lag eine ziemliche Strecke weiter die Behrenstrae hinauf auf der Seite des
Halteplatzes; ein Wagen, der von dort kam, mute also, um zu seiner Ecke zu
gelangen, ber die Strae herberbiegen und sich so kenntlich machen. Wiederum
ein Vorteil. Fortes fortuna adjuvat! Der Mut der Geliebten war voll in ihn
bergestrmt; in seinen Adern pulste frhlich das Blut; seine Wangen brannten;
ein schneidend kalter Wind wehte die Strae herauf; er fhlte ihn nicht und
lachte der Passanten, welche die Kragen ihrer Rcke und Mntel ngstlich in die
Hhe geschlagen hatten. Er fhlte nur, was er in dem Mae Jahre und Jahre lang
nicht gefhlt, da er jung und stark war, und da es noch Bltentrume gab, die
kstlich reiften.
    Dennoch sprte er, wie jede Minute Wartens mehr an seinen Nerven grausamer
nagte. Es wurde neun, zehn Minuten darber. Und pltzlich berfiel ihn die
Furcht, sie wrde nicht kommen; sei vielleicht schon in einem der vielen Wagen,
welche von der Friedrichstrae her seine Ecke passiert hatten, an ihm vorbei
gefahren, ohne ihn zu sehen, oder ihn sehen zu wollen; und alles laufe auf einen
schlechten Spa hinaus, den sie, oder eine andere, sich mit ihm gemacht. Noch
fnf Minuten wollte er warten; wenn dann nicht -
    In seiner zornigen Angst htte er fast die Droschke nicht bemerkt, die eben
von der anderen Seite ber die Strae gebogen war und jetzt, fnf Schritte von
ihm, still hielt. Mit einem Sprunge war er an der Wagenthr, deren Fenster
heruntergelassen war. In die andere Ecke geschmiegt, so da der Sitz auf seiner
Seite frei blieb, sa eine Dame, die jetzt, als er die Thr aufri, ihm die Hand
entgegenstreckte. Er war hineingesprungen und hatte die Thr hinter sich
zugeschlagen. In demselben Moment setzte sich auch die Droschke wieder in
Bewegung. Er hatte die Hand ergriffen und leidenschaftlich an seine Lippen
gedrckt. Die Hand wurde ihm schnell entzogen.
    Erst das Fenster schlieen, sagte ihre Stimme. Nun -
    Sie hatte ihm statt der Hand den Mund geboten. Und wenn die Erde sich unter
ihnen aufgethan htte, sie zu verschlingen, er wrde den letzten Moment als den
seligsten seines Lebens gepriesen haben.
    Auch Klotilde war glcklich. Hatte sie sich in diesen verdrielichen Tagen
doch sehr ernstlich nach einem solchen Moment und seinem Kusse gesehnt! Aber das
Glck, sich den lieben Menschen nun doch erobert zu haben, aller Welt zum Trotz,
ohne Adelens schwchliche Gte in Anspruch nehmen zu mssen, raubte ihr nicht
die Besonnenheit. Nach dem ersten Ergu strmischer Zrtlichkeit hinber und
herber, sagte sie, ihn sanft von sich wehrend:
    Nun einen Augenblick vernnftig sein! Wir fahren durch das Brandenburger
Thor, die Charlottenburger Chaussee, die Siegesalle hinauf, Tiergartenstrae und
so weiter bis zur Landsbergerstrae. Dort steige ich aus und du fhrst sofort
weiter. Bis dahin ist der Kutscher genau instruiert. Fr den Rest mut Du
sorgen. Und wenn wir an Laternen vorberkommen, bieg Dich in Deine Ecke zurck!
Es wird uns so leicht keiner erkennen. Aber man kann nicht vorsichtig genug
sein. So, jetzt darfst Du mir noch einen Ku geben.
    Es blieb auch nicht bei diesem zweiten. Ksse, in die sich von seiner Seite
kaum ein Tropfen von Sinnlichkeit mischte. Es wre denn eine Sinnlichkeit
gewesen, wie sie Gtter empfinden mgen, in deren Adern statt des Blutes Ichor
fliet. Der sanfte Druck ihrer schlanken Hand, von der sie den Handschuh
gestreift; die Berhrung des weichen Pelzes, mit dem ihr Sammetmantel besetzt
war; der se Duft, der aus ihrem Haar zu wallen schien; der Blick in ihre
groen, im Licht einer vorbergleitenden Straenlaterne erglnzenden Augen; ihr
kurzes, lustiges Lachen; der tiefe, metallene Klang ihrer Stimme, die so
deutlich war, obgleich sie immer nur halblaut und hastig sprach - es umspann
ihn, wie die Maschen eines Zaubernetzes, gewoben von Feenhnden.
    Ach! nur leider nicht auch unzerreibar!
    Der Kanal war passiert; Klotilde rckte an ihrem Hut, nestelte an ihrem
Mantel und sagte:
    Jetzt aufgepat, mein Herr! Wir mssen uns schreiben. Ich habe alles schon
berlegt: selbstverstndlich poste restante, Du unter der Chiffre: Ballade; ich:
Siegfried. Das Postamt darf keines sein, wo man uns kennt. Mir am gelegensten
ist Nummer - sie nannte eine Ziffer, die sie wiederholte. Kannst Du mir eines
fr Deine Briefe angeben?
    Albrecht konnte es nach kurzem Besinnen.
    Du bist mein kluger Junge, sagte sie, und zur Belohnung fr Deine Klugheit
will ich auch den ersten Brief schreiben. Du antwortest natrlich umgehend. -
Der Wagen wird in einer Minute halten. Wenn ich aussteige, rufst Du dem Kutscher
irgend eine Strae zu, nur nicht Deine! Sorge Dich nicht um mich! ich habe, wie
Du weit, zu Fu nur noch eine kurze Strecke. Und nun, leb' wohl!
    Der Wagen stand. Ein letzter, flchtiger Ku. Sie hatte den Schleier ber
das Gesicht gezogen und war, kaum herausgeschlpft, hinter der Droschke
verschwunden. Albrecht hatte dem Kutscher eine der seinen benachbarte Strae
zugerufen. Der Mann trieb das Pferd wieder an. Albrecht starrte auf den leeren
Platz, wo sie gesessen hatte. War denn dies alles nur ein seliger Traum gewesen?

                              Zwanzigstes Kapitel


Nein! kein Traum! - Traumgeister schreiben keine Briefe.
    Und da hielt er ihn nun in der Hand, ihren ersten wirklichen Brief.
    Nach dem er auf dem von ihm angegebenen Postamt mit einer Stimme, die sich
vergeblich bemhte, mglichst unbefangen zu klingen, gefragt, und der ihm von
dem Beamten mit einem schnellen, prfenden Blick ausgeliefert war.
    Der kstliche Brief! Er war nicht eben lang, und besonders Geistreiches
stand nicht darin. Aber das hatte Albrecht auch nicht erwartet. Der Brief war
gerade so, wie er ihn sich gewnscht, enthielt gerade das, was ihn zu hren
verlangt hatte: die Versicherung ihrer Liebe, ein paar anmutige Scherze ber das
gelungene Abenteuer; die Bitte, ihr mglichst umgehend und mglichst ausfhrlich
zu antworten und ihr in der Misre ihres Lebens eine andere glckliche Stunde zu
bereiten.
    Er hatte den Brief auf dem Wege in seine Schule abgeholt und schrieb auch
dort nach dem Schlu der Lektionen in dem Konferenzzimmer, das nun niemand mehr
betreten wrde, die Antwort.
    Sie war ein gut Teil lnger als ihr Brief und aus einer andern, innigeren,
freudigeren Tonart, die anzuschlagen ihn keine Mhe kostete, die im Gegenteil
nicht zu hoch zu schrauben, sein guter Geschmack ihn mahnte. Mein Gott, konnte
er auch jetzt nicht mehr den leisesten Zweifel daran hegen, da sie ihn liebe -
sie war eine Weltdame, gewohnt, ihre Rede zu migen, selbst im Affekt sich vor
scharfen Accenten zu hten! Er mute ihr zeigen, da seit seiner Primanerzeit
Jahre verflossen waren, die er nicht unbenutzt gelassen hatte; ein Mann jetzt
vor ihr stand, der das Leben kannte. Nur da sich ihm jetzt eine neue Region
erschlossen, die bisher nur in dmmernden Umrissen ahnungsvoll durch seine
Trume geglitten sei, bis eine geliebte Hand ihm die Pforten zu dem Paradiese
erschlo, in welchem er jetzt wandle durch selige Gefilde in einem ambrosischen
Licht, das, nachdem es einmal sich ber ihm erhoben, nie, nie wieder untergehen
knne.
    Diese Hyperbel war die einzige, die er wagte.
    Dann sagte er, wie schmerzlich ihre Klage ber die Misre ihres Lebens ihn
berhrt habe - die Klage, welche in seiner Brust ein so schwermutvolles Echo
finde. Aus dieser beiderseitigen Misre ein Glck zu schaffen - er sehe sehr
wohl die tausend Hindernisse, die sich ihnen entgegenstemmten. Aber wo ein Wille
sei, da sei ja auch ein Weg. Er fr seine Person schrecke vor keiner Gefahr
zurck. Aber freilich, ein Mann, dessen Metier es sei, Gefahren zu trotzen, habe
da leicht reden; und nicht nur, um zu wissen, was sich zieme, msse man bei den
Frauen anfragen; auch um das, was in dieser Welt der Unnatur und Verlogenheit
freie Geister und tapfere Herzen noch zu hoffen wagen drften.
    Klotildens zweiter Brief lie nicht auf sich warten; bereits der folgende
Tag brachte ihn. Wie er lnger war, als der erste, so hatte sich auch seine
Temperatur erhht: er enthielt Ausdrcke der Leidenschaft von einer Glut,
Koseworte von einer Zrtlichkeit, die Albrecht entzckten, berauschten. Aber
auch die Klage ertnte diesmal lauter; es blieb immer noch die Sprache einer
Weltdame, aber Mignons Seufzer: Nur wer die Sehnsucht kennt tnte hindurch.
Wie herrlich er auch zu schreiben wisse, sein gesprochenes Wort klnge doch
ser, und das Glck der Entfernung knne das der geliebten Nhe nicht
ersetzen. Der Geliebte solle seinen klugen Kopf anstrengen und darber
nachdenken, wie ein Wiedersehen zu ermglichen sei. Zwar die Verlobung
Stephanies mit Herrn von Luckow erffne eine Perspektive von Festlichkeiten in
dem Sudenburg'schen Hause, bei denen der verehrte Dichter sicher nicht fehlen
werde. Aber so lange liee sich ihre Ungeduld nicht zgeln. Ihr wolle durchaus
kein guter Einfall kommen. Er habe hier wie berall, seine Superioritt zu
erweisen.
    Die schne Frau htte seine Begierde, sie wieder zu sehen, nicht noch zu
schren brauchen. Er wlzte Tag und Nacht die Mglichkeiten eines zweiten
Rendezvous in seiner Seele. Auf seinen einsamen Spaziergngen, die er jetzt bei
Einbruch der Nacht ber die gewohnten Grenzen seiner nchsten Nachbarschaft
hinaus zu machen pflegte, war er in Charlottenburg, den brennenden Durst zu
stillen, in ein Restaurant getreten, das, wie verdet es auch jetzt schien,
Spuren ehemaligen Glanzes aufwies. Sein Bier trinkend, hatte er sich mit dem
einzigen Kellner, der sich blicken lie, einem lteren Mann, in ein Gesprch
eingelassen und seine Vermutung besttigen hren. Das Lokal sei frher ein sehr
besuchtes gewesen; jetzt htten andere, dem Tiergartenbahnhof nher, es tot
gemacht. Nicht ganz, Gott sei Dank! Ein so renommiertes Restaurant verliere den
alten guten Ruf nicht so leicht. Es kmen immer noch Herrschaften, alte Kunden
zuweist, die wten, da in der Kche gerade noch so schmackhaft gekocht werde
und in dem Keller die feinen Marken nicht ausgegangen seien. Da gebe es denn
manchmal noch ein kleines Dinerchen oder Souperchen hier im Saal unten, oder
oben, oder in separaten Kabinetten, die bei ihnen ebenso komfortabel zu finden
wren, wie bei Hiller Unter den Linden, oder einem sonstigen sogenannten
eleganten Restaurant.
    Zum Beweis, da er die lautere Wahrheit spreche, hatte er den einsamen Gast
in ein oder zwei Kabinette blicken lassen, auch die Gasflammen entzndet, um ihn
die verblichene Pracht bewundern zu lassen.
    An dies Lokal, das seine Phantasie eigentmlich berhrt hatte, als sei es
aus einem Dickens'schen Roman herausgewachsen, dachte Albrecht. Es war nicht,
oder so gut wie nicht besucht; abgelegen und doch unschwer zu erreichen. Aber er
wagte nicht, es Klotilden in Vorschlag zu bringen: es htte ihren
aristokratischen Gewohnheiten allzu wenig entsprochen.
    Vor einer andern Idee, die ihm ebenfalls kam, bebte er gar zurck.
    Er hatte wohl von Chambres garnies gehrt, die fr einzelne Tage, ja fr
Stunden zu mieten wren, und die Ankndigungen oft genug auf den betreffenden
Schildern gelesen. Und weiter gehrt, in welcher Absicht diese Zimmer nicht
selten gemietet wrden. Wenn es ihm undenkbar war, da er jemals ein solches
Haus betreten knne, wie htte ihr Fu die unsaubere Schwelle berschreiten
drfen! Es war eine Versndigung, es nur zu denken.
    Aber was nun? Sie sagte, da sie sich nach seinem Anblick, nach dem Ton
seiner Stimme sehne; und seine Seele lechzte nach ihr, wie die Lippen des auf
dem Schlachtfeld an seinen Wunden Verblutenden nach einem Tropfen Wasser.
Nochmals eine Wagenexpedition? Aber wenn ihr die ausfhrbar erschienen wre,
htte sie selbst wohl daran gedacht. Oder wahrscheinlicher, sie fhlte wie er:
da eine solche Situation bei aller Sigkeit des Augenblicks im Nachgeschmack
etwas Plebejisches habe.
    Bis ihm ein besserer Einfall kam: ein neutraler Ort, der nichts Anstiges
hatte und wo man sich wenigstens sehen und, wenn das Glck gut war, ein paar
Worte wechseln knnte.
    Die groe Ausstellung war leider lngst geschlossen; Schulte's Salon wre
gewi unverfnglich gewesen, nur da man dort gar zu leicht auf Bekannte treffen
konnte. Eines der Museen? Sie waren der gesuchte Rendezvousplatz fr smtliche
verliebten Studenten und Grisetten in Berlin. Hchstens das National-Museum.
    Und da fiel ihm ein, da dort in den oberen Rumen gerade eine jener
Ausstellungen der hinterlassenen Werke von ein paar Knstlern stattfand, die
nicht eben zu den Koryphen gehrt hatten und deren Namen sicher wenig
Anziehungskraft auf das Publikum ausben wrden. Nur ein pis aller freilich. In
seiner Verlegenheit machte er ihr doch den Vorschlag, und da er am nchsten
Tage um zwei Uhr sich auf alle Flle da einfinden werde.
    Es war ein dunkler, regnerischer Tag, der nchste, mglichst wenig fr die
Besichtigung von Kunstgegenstnden geeignet. Was konnten sie sich Besseres
wnschen?
    Mit klopfendem Herzen hatte er die hohen Treppen erstiegen; wie er es
erwartet, fand er die unfreundlichen Rume bis auf einige wenige Personen vllig
leer. In der That war auch nur in dem greren Oberlichtsaal mit einiger
Deutlichkeit zu erkennen was in sauberster Ordnung an den Wnden herumhing:
grere Landschaften, Farbenskizzen, Zeichnungen -; in den kleinen hintern
Kammern herrschte beinahe vlliges Dunkel. Er war einmal rasch durch smtliche
Rume geschritten, und hatte dann in dem Oberlichtsaal Posto gefat. Die Sachen
htten ihn sonst wohl lebhaft interessiert; besonders der eine der beiden
Knstler, ein allzu frh verstorbener junger Mann, zeigte bei aller tastenden
Unsicherheit ein bedeutsames, freilich ganz im Bann der jngsten Schule
stehendes Talent. Er hatte den Brausekopf sogar gekannt und im Caf Bauer ein
und das andre interessante Gesprch mit ihm gefhrt.
    Was war ihm das alles jetzt, wo seine Seele nur den einen Gedanken hatte,
sein Herz nur der eine Wunsch erfllte!
    Immer verzehrender, als nun Minute um Minute schwand, ohne da sie kam.
    Anstatt ihrer erschien der Professor Hederich, um glcklicherweise wieder zu
verschwinden, nachdem er kaum einen flchtigen Blick auf die Bilder geworfen und
ein vernehmliches Pfui Teufel! durch die Zhne gemurmelt.
    Endlich!
    Sie war von Kopf bis zu Fu in dunkler Kleidung, dennoch schien ihm
pltzlich der ganze Raum mit Sonnenlicht gefllt. Er trat auf sie zu und
begrte sie formvoll, obgleich im Moment nur noch ein einziger schlichter Mann,
ein hherer Handwerker, wie es schien, zugegen war, der unmittelbar nach ihr
gekommen sein mute. Doch stand der Mann in einer entfernteren Ecke, wo ihn ein
paar Zeichnungen besonders interessieren mochten; sie konnten in der andern
lchelnde Blicke und geflsterte Liebesworte austauschen.
    Wie habe ich mich nach Dir gesehnt!
    Und ich mich nach Dir!
    Bist Du noch meine wonnige Ballade?
    Und Du mein mutiger Siegfried? Hast Du schon lange auf mich gewartet?
    Eine Ewigkeit, wenn ich sie nach meiner Sehnsucht berechne.
    Ich konnte beim besten Willen nicht eher. Und nun leb' wohl, herztausiger
Schatz!
    Um Gottes willen, Du wolltest schon wieder fort? Wir haben noch eine gute
halbe Stunde.
    Von der jede Minute uns einen Bekannten, das heit: eine Gefahr bringen
kann. Ich bin unten an Herrn Wollberg vorbergestreift. Er stand vor einem
Farbendruck nach Gustav Richter und wollte sich tot lachen.
    Sie selbst lachte bermtig. Wenn sie lachte, drang ein eigentmlich
girrender und doch klangvoller Ton aus ihrer Kehle; in der linken Wange zeigte
sich ein tiefes Grbchen und durch die Lippen schimmerten die Spitzen der weien
Zhne. Niemals schien sie ihm entzckender als in solchen Momenten.
    In einem der nchsten Kabinette ist ein schner Frauenkopf, den ich Dir
zeigen mchte.
    Ich mu wirklich fort.
    Es sind nur drei Schritte. Bitte, komm'!
    Aber Du nrrischer Mensch, hier kann man ja nicht die Hand vor Augen sehen!
    Er hatte sie mit dem einen Arm umfat und ihr einen Ku auf den Mund
gedrckt.
    Bist Du toll? So! da hast Du ihn wieder! Und nun adieu!
    Sie befanden sich in dem letzten der Kabinette. Als Klotilde sich wandte,
hrten sie Stimmen und Schritte in dem nchsten. Sofort hatten sie ihre
Gesichter nach dem Frauenkopf gekehrt, vor dem sie wirklich standen und in
dessen Betrachtung sie versunken schienen.
    Es htte keine Sekunde spter sein drfen; die Schritte waren unmittelbar
hinter ihnen.
    Wenn sie sich doch wenigstens zu elektrischem Licht aufschwingen wollten!
    Klotilde und Albrecht durchzuckte es: Herrn von Luckows Stimme!
    Und nun Stephanies:
    Sind Sie es wirklich, Klotilde! Und Herr Professor! Welch angenehme
berraschung!
    Nicht wahr? sagte Klotilde, whrend man sich allerseits die Hnde reichte.
Da will ich nun eine meiner vielen migen Stunden totschlagen und mu hier den
Herrn Professor finden, der dann freilich von der Kunst ein wenig mehr versteht
als ich armer Wurm. Eben hatte er mich auf diesen Kopf aufmerksam gemacht.
Findest Du ihn nicht auch wundervoll?
    Wenn man nur etwas sehen knnte! rief Stephanie.
    Ich dchte, es ginge noch, sagte Klotilde.
    Sie sind aber wirklich anspruchslos, gndige Frau, sagte Luckow lachend. Die
reine gyptische Finsternis! Ich habe Stephanie gewarnt; sie wollte durchaus
her.
    Ich mu den Barbaren doch ein wenig zu bilden suchen, rief Stephanie.
    Man lachte und scherzte. Fr Albrechts Ohr klang alles recht gezwungen, und
Klotilde war der schnelle, verwunderte Blick nicht entgangen, den das Brautpaar
in dem ersten Moment der Begegnung gewechselt hatte. Sie frchtete, Albrecht
wrde die Taktlosigkeit begehen und sich empfehlen; aber Albrecht fhlte nicht
weniger deutlich, da hier nur die grte anscheinende Unbefangenheit retten
knne. Er brachte sein Bedauern vor, Stephanies verehrte Eltern und Stephanie
selbst bei seinem vorgestrigen Versuch, zu der Verlobung zu gratulieren, nicht
angetroffen zu haben, und kam dann mit einer geschickten Wendung wieder auf den
jungen, talentreichen Knstler zu sprechen, aus dessen wirrem Leben er
Interessantes zu berichten wute.
    Glcklicherweise kam nun auch noch der Maler Wollberg dazu. Er hatte sich
unten an den alten braunen Schwarten wieder einmal satt gergert und wollte
sich hier oben, wo denn doch, Gott sei Dank, eine andere Luft wehe, fr ein paar
Augenblicke die Seele ausweiten. Ja, der hier war ein Knstler! Wenn der nur mit
einem Fu auftrat, fingen smtliche Zpfe der Akademie an zu wackeln. Fr eine
Radierung, wie diese, gebe er den ganzen Kunstquark hin von Albrecht Drer bis
Menzel!
    Was stellt es eigentlich vor? fragte Stephanie.
    Ich wei es nicht, rief der Knstler. Darauf kommt es auch gar nicht an.
Aber sehen Sie diese grandiosen Linien, diese fulminante Verteilung von Licht
und Schatten! Da der Knstler seine Seele giebt, nackt giebt, mein gndiges
Frulein, splitternackt, das ist die Sache. Wo nichts ist, freilich, hat der
Kaiser sein Recht verloren. Waren ja ganz nette Schelchen, Herr Professor, die
Sie uns bei dem Fest neulich vorgegaukelt haben. Ein bichen aus dem Handgelenk?
wie? Na, immer noch besser, als der Kaulbach'sche Schund, den uns der alte Esel
von - na, de mortuis nil nisi bene, heit es ja wohl. Und diese ganze Sippe ist
tot, toter als tot.
    Das Glckchen des Saaldieners mahnte die Herrschaften daran, da die von ihm
ersehnte Stunde endlich geschlagen habe: die Herrschaften und den kleinen
handwerkermigen Mann, der noch immer an den Zeichnungen sich nicht satt
gesehen hatte, nun mit ihnen den Saal verlie und hinter ihnen die Treppen
hinunterstieg.
    Unten vor dem Portal hielt die Sudenburg'sche Equipage und in einiger
Entfernung eine einzelne Droschke.
    Wir bringen Sie natrlich nach Hause, Klotilde, sagte Stephanie.
    Wird mit Dank angenommen, sagte Klotilde, nach einem freundlichen Kopfnicken
gegen Albrecht und den Maler, zuerst in den Wagen schlpfend.
    Die Equipage mit Klotilde und dem Brautpaar war davon gerollt. Zu gleicher
Zeit hatte sich auch die Droschke in Bewegung gesetzt.
    Nun hat der verfluchte kleine Kerl, der hinter uns her zottelte, auch noch
die einzige Droschke genommen, rief der Knstler rgerlich. Bei dem Hundewetter!
    Sie finden bald eine andere.
    Wollen Sie gehen?
    Nur bis zur Leipziger Strae. Ich nehme dort die Pferdebahn.
    Na, denn adieu! Ich mu machen, da ich zu der Kommerzienrtin Rosenstock
komme. Grliches Weib mit ihrem geschwollenen Kunstenthusiasmus. Aber ihre
Diners sind gut, und sie kauft meine Bilder.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Hatte sich schon in den Nachgeschmack des ersten Rendezvous ein Tropfen Wermut
gemischt, der des zweiten war bitterer.
    Und wurde nicht verst durch Klotildens nchsten Brief.
    Sie wolle ihrem geliebten Siegfried keine Vorwrfe machen; eher sich selber,
die den Verstand fr beide htte haben voraussehen sollen, wie gefhrlich ein
Stelldichein an einem so exponierten Orte sei. Nun htten sie den schwer wieder
gut zu machenden Schaden. Stephanie habe ihr ins Gesicht gesagt, wie im hchsten
Grade verdchtig ihr ein so merkwrdiges Rencontre vorkomme, wenn die
Betreffenden der Gesellschaft auch sonst schon recht unzweideutige Zeichen eines
starken gegenseitigen Interesses gegeben htten; und da ihr Brutigam diese
Empfindung durchaus teile. Bei ihm und ihr drfe sie freilich sicher sein, da
sie reinen Mund halten wrden. Aber wer stehe fr dieselbe Diskretion auch nur
bei dem schwatzhaften, vllig taktlosen Knstler? Es bleibe nichts anderes
brig, als zu erklren, da ihr - Klotildens und des Brautpaars -
Zusammentreffen in der Galerie die Folge einer gemeinsamen Verabredung gewesen
sei. Aber sie msse ihr in die Hand versprechen, in Zukunft besser auf ihren
guten Ruf achten zu wollen.
    Ich habe ihr den Handschlag verweigert, fuhr der Brief fort; denn damit
htte ich ja die Berechtigung des mir gemachten Vorwurfs eingestanden, und das
werde ich nun und nimmermehr. Aber Du siehst, in welcher prekren Lage ich bin
gegenber einer Gesellschaft, die tausend Augen hat und keinen Pardon kennt.
Dabei will ich von meinem Manne noch gar nicht einmal sprechen, obgleich wir auf
einem Kriegsfue miteinander stehen - bereits seit acht Tagen - wo jede Ble,
die ich mir gebe, verhngnisvoll fr mich werden mu.
    Wenn Du aber glaubst, da ich deshalb von Dir lasse, so hast Du keine Ahnung
von der Strke meiner Liebe. Nur mu unsre nchste Zusammenkunft - und ich habe
Dir tausend Dinge zu sagen, die ich auch einem poste-restante-Brief nicht
anzuvertrauen wage - absolut sicher sein. Ich wei, da Deine erfinderische
Liebe das Rechte zu treffen nicht verfehlen wird. Also auf Wiedersehen,
Einziggeliebter!
    Der Brief war fr Albrecht unsglich peinlich. Die geliebte Frau machte ihm
keine Vorwrfe; wozu auch, wenn er sich selber nicht verzeihen konnte, da er
sie durch seine Voraussichtslosigkeit in eine so schlimme Lage gebracht! Nein,
so ging es lnger nicht; aber wie sollte es anders und besser? wie sollte es gut
werden?
    Doch nur durch eines.
    Und das Eine wagte er zu denken als Entgelt fr des Schicksals Gnade, die
ihm seinen Liebling erhalten hatte, der nun wieder in seinem Bettchen mit der
neuen Puppe spielen durfte, und, wenn der Papa in das Zimmer kam, ihm beide
rmchen entgegenstreckte? fr den Heroismus, mit dem die kleine tapfere Frau
diese Leidenstage wieder einmal durchgefochten, ohne auch nur fr einen
Augenblick zu ermden; ohne da nur ein leisestes Wort der Klage ber ihre
bleichen Lippen gekommen wre?
    Dachte die Geliebte an das Eine? Keine Andeutung sprach dafr, es htte denn
die sein mssen, da es sehr schlecht zwischen ihr und ihrem Gatten stehe, und
sie ihm Mitteilungen zu machen habe, die sie einem Briefe nicht anvertrauen
knne. Aber war es denn nicht Wahnsinn, zu hoffen, sie werde ihre bevorzugte
gesellschaftliche Stellung aufgeben, sein dunkles Los mit ihm zu teilen? Das
doch auch in ihren stolzen Augen gewi kaum ein wenig heller wurde, wenn er das
Ziel seines Ehrgeizes wirklich erreichte und es zum Universitts-Professor
brachte!
    Vorlufig hatte er noch die Klglichkeiten seines Lehreramts ber sich
ergehen zu lassen.
    Am Tage nach dem gestrten Rendezvous in der Nationalgalerie lie ihn sein
Direktor rufen und empfing ihn mit einer unfreundlichen Miene:
    Er habe bei der Durchsicht der Aufsatz-Hefte seiner Klasse einiges gefunden,
das er monieren msse. Mit der Wahl des letzten Themas sei er nicht
einverstanden. Ob die Prinzessin Tasso liebe oder nicht, sei eine
Kontroversfrage, mit deren Beantwortung man die leichten Gehirne von Sekundanern
nicht beschweren drfe.
    Und wollten Sie einmal - ich nehme an: nach vorhergegangener grndlicher
Durchsprechung und Einschrnkung auf das sittlich-sthetische Gebiet - eine
solche Aufgabe stellen, so durfte man gewi annehmen, Sie wrden auf die
Korrektur die peinlichste Sorgfalt verwenden. Und gerade die habe ich
schmerzlich vermit. Ihre Urteile stimmen mit dem Inhalt der Arbeiten oft so
wenig berein, da ich mich kaum berwinden kann zu glauben, Sie htten das
krause Zeug, welches sich dieser und jener geleistet hat, wirklich gelesen. Es
thut mir weh, einem Kollegen, dessen gewissenhaften Flei ich bis jetzt nur zu
rhmen hatte, dergleichen Vorhaltungen machen zu mssen.
    Albrecht murmelte etwas von den Strungen, welche die schwere Erkrankung
eines seiner Kinder in den letzten Tagen ihm whrend seiner Arbeitsstunden
gebracht habe.
    Das entschuldigt freilich manches, sagte der Direktor. Und dann, lieber Herr
Kollege, die gesellschaftlichen Zerstreuungen! So hre ich, da Sie krzlich in
dem Hause eines hochgestellten Beamten - den Namen hat man mir nicht genannt -
er thut auch nichts zur Sache - der matre de plaisir gewesen sind. Dulce est
desipere in loco - freilich! Aber derselbe Dichter rhmt auch, wie Sie wissen,
die aequa mens, die man nicht bewahren kann, wenn man sich unmiger Lust
hingiebt.
    Es war der erste ernsthafte Vorwurf, den Albrecht sich whrend seiner ganzen
Lehrerlaufbahn zugezogen, und sein Stolz litt darunter um so frchterlicher, als
er sich sagen mute, da es ein verdienter sei.
    Nicht minder empfindlich traf ihn ein zweiter Schlag, der von einer Seite
kam, nach der all diese Zeit hindurch hoffnungsvoll sehnender Blick gerichtet
gewesen war.
    Wieder am nchsten Tage empfing er einen Brief und ein Paket, beide mit dem
Stempel: Knigliche Angelegenheiten versehen. Das Paket enthielt die
Manuskripte der beiden kleinen Stcke, welche er dem Generalintendanten auf
dessen ausdrcklichen Wunsch zugeschickt hatte; der Brief war von der Hand eines
Intendanturrates und benachrichtigte ihn, da Seine Excellenz nach genauerer
Einsicht in die ihm bersandten, brigens vielfach trefflichen Arbeiten sich
denn doch nicht zu einer Auffhrung entschlieen knne, von der vorauszusehen
sei, da sie an einer gewissen Stelle und gewissen Kreisen, denen eine
knigliche Schaubhne immer Rechnung tragen msse, Ansto erregen wrden.
    Das waren Kalamitten, die er bei einer ruhigeren Stimmung des Gemtes
immerhin mit einigem Gleichmut htte ber sich ergehen lassen. In der jetzigen
Verstrung seiner Seele sah er rings um sich her Glck auf Glck scheitern und
keine Rettung, als in seiner Liebe. Brach auch dieser letzte Anker, so mochten
die Wogen ber ihm zusammenschlagen und er zum Abgrund sinken.
    Hier mute er Gewiheit haben. Sie mute ihm sagen, was sie fr ihre Liebe
zu thun entschlossen sei.
    Und Aug' in Auge mute sie es ihm sagen; aus ihrem Munde mute er es hren.
    Er schrieb ihr, welchen neuen Plan fr eine abermalige Zusammenkunft er
ersonnen habe. Nach menschlicher Voraussicht seien sie in dem Restaurant, das er
entdeckt hatte und ihr nun ausfhrlich schilderte, absolut sicher. Es komme nur
darauf an, da sie sich fr ein paar Abendstunden vllig frei machen knne.
    Sie antwortete umgehend: der Plan gefalle ihr nicht in allen Punkten. Aber
sie wisse nichts anderes und besseres; und darin habe er sicher recht:
aussprechen mten sie sich. Ein glcklicher Zufall wolle, da ihr bereits der
nchste Sonnabend - es waren noch zwei Tage bis dahin - die gewnschte Freiheit
bringe.
    Es folgte dann noch die Angabe der Stunde und die Aufstellung einer Reihe
von Vorsichtsmaregeln, deren Notwendigkeit Albrecht anerkennen mute.
    So sollte ihm denn der nchste Sonnabend die Entscheidung bringen, mochte
sie nun Sieg lauten oder Tod.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Bereits am Mittwoch auf dem Nachhausewege von dem Junggesellendiner im
Palast-Hotel hatte Viktor es bereut, Fernau eine so weitgehende Vollmacht
gegeben zu haben. Fernau war gar zu beflissen gewesen, gar zu geschftig! Wenn
auf Seite Klotildens doch alles nur auf eine, fr ihn freilich sehr beleidigende
Rechthaberei, auf Trotz, Caprice, Gott wei auf welche Weiberschrulle
hinauslief; schlimmsten Falles es sich um eine ganz gewhnliche Flirtation mit
dem Schulmeister handelte, der ja wirklich ein verdammt hbscher Kerl war; und
Klotilde recht hatte, wenn sie behauptete, Fernaus Hetzereien htten keinen
anderen Zweck, als ihn auf eine falsche Fhrte zu locken!
    Je mehr sein Rausch in der kalten Abendluft verflog, umsomehr befestigte er
sich in diesen Gedanken und beschleunigte zuletzt sogar unwillkrlich seine
Schritte, um schneller nach Hause zu kommen und ein vernnftiges Wort mit
Klotilden zu reden, an dem er es doch wohl hatte fehlen lassen, und auf das sie
gewi nur wartete. Dann war die dumme Geschichte aus der Welt; er hatte wieder
Frieden im Hause und den Kopf frei fr die wichtige Arbeit, die ihn schon seit
Wochen in Atem hielt, und an der Excellenz ein so lebhaftes Interesse nahm.
    Anstatt Klotildens fand er im Salon auf dem Tisch neben seiner Karte, durch
welche er ihr sein Ausbleiben gemeldet hatte, einen Zettel: Ich werde heute
auswrts speisen. Weiter nichts; nicht einmal eine Unterschrift.
    Er war wtend; der kaum verflogene Rausch kam zurck; die lichten Farben, in
denen er eben noch Gegenwart und Zukunft erblickt, waren ausgelscht; zu einer
schwarzen Tafel geworden, auf der mit Flammenlettern nur das eine Wort stand:
Rache! Da seine Rcksichtslosigkeit der ihren vllig gleich kam; er sie hatte
brskieren wollen, wie sie ihn, und sie ihren Zweck durch dasselbe Mittel zu
erreichen gesucht hatte, wie er den seinen, daran dachte er nicht. Jetzt war es
vllig klar: sie wollte es zu einem Bruch treiben. Gut! Sie sollte ihn haben.
Aber die Trmpfe sollten in seiner Hand sein; und sie sollte das Spiel
verlieren! schmachvoll verlieren!
    Nun scheute er vor Fernaus Plan, der ihm anfangs so widerwrtig erschienen
war, zu dem er seine Einwilligung mit so groem innerlichen Struben gegeben
hatte, nicht mehr zurck; nur die Ausfhrung durfte so nicht sein: Fernau mute
daraus fortbleiben; er selbst den Detektiv engagieren, instruieren. Fernau hatte
ihm die genaue Adresse des Mannes gegeben; er machte sich stehenden Fues auf
den Weg; der Zufall wollte, da er den Vielbeschftigten in dem Augenblicke
traf, als dieser seine Wohnung zu einem seiner Kommissionsgnge verlassen
wollte.
    Sich mit Herrn Krger zu verstndigen, bedurfte es nicht vieler Worte: der
Mann verstand die leiseste Andeutung. Bereits nach fnf Minuten sagte er:
    Ich wei jetzt alles, Herr Assessor, was ich zu wissen brauche. Natrlich
kann ich nicht an zwei Orten zu gleicher Zeit sein und auch ber den Herrn die
Kontrolle bernehmen. Ist auch nicht ntig. Die Hauptfrage bleibt in solchen
Fllen immer: was treibt die Dame? Man schlgt da stets zwei Fliegen mit einer
Klappe. Nur noch eines: Wie ist das Verhltnis der Dame zu ihren Dienstboten?
    Ich vermute, sie stehen auf ihrer Seite.
    Das mssen Sie zu ndern suchen und so bald wie mglich. Ein paar Zehn- oder
Zwanzigmarkstcke - je nachdem knnen da Wunder thun.
    Es liegt das ganz auer meinen Gewohnheiten; fr mich sind die Dienstboten
eben Dienstboten.
    Sehr lblich. Aber im Kriege, Herr Assessor, verschmhen auch sehr
christliche Feldherrn die Spionage nicht. Ich selbst bin doch nichts anderes als
ein Spion, sozusagen.
    Aber es ist Ihr Metier.
    Leider. Es giebt deren, welche weniger Mhe machen und besser rentieren.
Und, Herr Assessor, da wir einmal bei dem Thema sind -
    Hier stellte der Mann seine Forderung, die von Viktor ohne Markten bewilligt
wurde.
    Seitdem war er, wie Herr Krger es ausdrckte, auf dem Laufenden erhalten
worden. Sie trafen sich nach Viktors Amtsstunden in dem Caf des Kaiserhofs zu
einiger Verwunderung der Kellner, die nicht wohl begreifen konnten, wie der
vornehme Herr zu dem sonderbaren Verkehr kam. Die Zusammenknfte dauerten nicht
lange, obgleich Herr Krger stets etwas Wichtiges zu berichten hatte.
    Zuerst: die Dame - Herr Krger bediente sich nie eines anderen Ausdrucks -
holte sich regelmig eine halbe Stunde, nachdem der Herr Assessor die Wohnung
verlassen, Briefe von dem Postamt Nr. 10 - poste restante, selbstverstndlich.
Er hatte zweimal in ihrer Nhe am Schalter gestanden, ihr einmal sogar ber die
Schulter gesehen, als ihr der Brief ausgehndigt wurde, leider aber die Chiffre
nicht vllig herausbringen knnen. Es war nur ein Wort, dessen erste Silbe Ball
war - Ballnacht vielleicht oder Ballabend - wahrscheinlich das letztere. Dann
nach Hause, den Brief zu beantworten; dann zu dem Briefkasten an der Ecke der
Nachbarstrae. Dann Kommissionswege in die Stadt - unverdchtige, wie er zugeben
msse; heute freilich eine mehr als verdchtige Affaire.
    Hier folgte eine genaue Schilderung von dem Rendezvous in der
Nationalgalerie. Die Sache wrde entscheidend sein ohne das Hinzukommen eines
Paares: - junge Dame und Offizier, zweifellos Braut und Brutigam -
augenscheinlich so befreundet und vertraulich mit der Dame und dem Herrn, da
eine vorhergegangene gemeinschaftliche Verabredung, sich in der Galerie zu
treffen, mindestens nicht ausgeschlossen sei.
    Viktor, der aus der sehr genauen Schilderung in dem hinzugekommen Paar
sofort Stephanie und Herrn von Luckow erkannt hatte, war unter dem Vorwande, des
Hauptmanns Verwendung fr einen empfohlenen verwandten Kadetten in Anspruch zu
nehmen, zu diesem gefahren, offenbar aber schon zu spt gekommen: Herr von
Luckow, als er - wie zufllig - das Gesprch auf diese bewute Begegnung
brachte, hatte - gewi auf vorhergegangene Verstndigung mit seiner Braut - sich
so diplomatisch ausgedrckt, - man konnte, wenn man wollte, auf ein Rendezvous
zu vieren schlieen. Aus Furcht, Luckow, den er jetzt auf Klotildens Seite
glaubte, tiefer in seine Karten blicken zu lassen, war er von dem heiklen Thema
alsbald auf ein anderes, unverfngliches bergegangen.
    Das war vorgestern.
    Der achttgige Kampf mit einem so entschlossenen Gegner, wie Klotilde, hatte
Viktors Nerven doch mehr angegriffen, als sein Stolz zugeben wollte. Unter nur
einigermaen annehmbaren Bedingungen htte er auch jetzt noch Frieden
geschlossen; die Gleichfrmigkeit der zum greren Teil indifferenten
Nachrichten, welche Herr Krger ihm tglich mitteilte, diente eher dazu, seine
Streitlust einzuschlfern.
    Da kam der Sonnabend, auf den zufllig einer der in regelmigen Intervallen
stattfindenden Kneipabende der alten Herren seines Bonner Corps fiel. Fr ihn
immer eine besondere Freude. Die Studentenzeit galt ihm als das Paradies seiner
Erinnerungen. Auch hatten diese Zusammenknfte eine praktische Seite, deren Wert
er vllig zu schtzen wute. Unter den Corpsbrdern befanden sich hoch- und
hchstgestellte Beamte, mit denen sich von Zeit zu Zeit zu begegnen und ein
behaglich-freimtiges Wort auszutauschen, ebenso angenehm, wie vorteilhaft war.
Sein specieller hoher Chef fehlte selten bei diesen Symposien, und gestern
vormittag hatte er im Vorbergehen mit freundlichem Kopfnicken zu ihm gesagt:
Nun, lieber Sorbitz, wir sehen uns doch morgen abend; und er, sich verbeugend,
geantwortet: Gewi, Excellenz.
    Wre es auch nur gewesen, in lebhaftem Gesprch mit geistesverwandten oder
doch gesinnungsgleichen Kollegen ber dem Glase diesen schlimmen Hader mir
seiner Frau fr ein paar Stunden vergessen zu knnen, - die Aussicht auf den
Abend wrde ihm willkommen gewesen sein.
    Am Nachmittage in der Konferenz mit Herrn Krger erwhnte er zufllig seiner
Absichten fr den Abend. Der Detektive rieb sich das Kinn.
    Die Dame wei, was Sie vorhaben? fragte er.
    Ja. Weshalb?
    Und diese Sitzungen pflegen lange zu dauern?
    Ich komme selten vor zwei Uhr nach Hause. Manchmal auch spter.
    Herr Krger blickte starr vor sich hin.
    Ich bin berzeugt, heute abend passiert etwas, sagte er langsam.
    Viktor stieg das Blut in die Stirn.
    Sie haben dafr einen besonderen Anhalt? fragte er fast heftig.
    Nein, erwiderte Herr Krger; es ist das auch gar nicht ntig. Der Herr und
die Dame haben sich seit vier Tagen nicht gesehen; das ist sicher. Mir ist nicht
weniger sicher, da sie dazu heute abend die Gelegenheit suchen werden; vielmehr
bereits verabredet haben. Wozu auch sonst die restanten Briefe?
    Ich habe mich zu fest engagiert, sagte Viktor rgerlich; ich kann nicht zu
Hause bleiben.
    Wrde auch zu nichts dienen, entgegnete der Detektive. Im Gegenteil! Wir
wollen doch ein Resultat. Ich kann nur wiederholen: ich bin berzeugt, der Abend
bringt uns eines.
    In Viktors Seele begann ein wunderlicher Kampf. Der Gedanke, da
Befrchtungen, gegen die er sich aus allen Krften wehrte, in denen er, schien
ihm einmal die Lebenssonne ein wenig heller, nur Nachtgespenster seiner
verstrten Phantasie sah, Wirklichkeit werden knnten, war ihm schauderhaft. Auf
der andern Seite: der Mann hatte recht: dies mute zu einem Resultat kommen.
Seine Nerven hielten es nicht lnger aus. Und seine Devise war immer der
Wahlspruch Theodor Krners gewesen: Durch! War das Wort doch, weil er es in
jedes Stammbuch der Freunde schrieb, auf der Universitt sein Spitzname
geworden!
    Was also wollen Sie, da ich thun soll? fragte er nach einer dumpfen Pause.
    Ruhig in Ihre Gesellschaft gehen, erwiderte Herr Krger, und mir nur
geflligst sagen, wo das ist, damit ich Sie eintretenden Falles dort aufsuchen -
ich meine: herausrufen lassen kann.
    Viktor htte den Mann am liebsten mit der Faust in das bleiche Gesicht
geschlagen. Statt dessen nannte er mit leidlich gut gespielter Ruhe das Lokal,
in welchem er zu finden sein wrde, und sagte, seinen Hut nehmend:
    Es wird vergebliche Mhe sein; aber ich will hernach nicht von Ihnen hren,
ich sei schuld daran gewesen, da wir zu keinem Resultat gekommen sind. -
    Am Schlu des heute, wie jetzt immer, schweigsamen Mittagmahles fragte er
Klotilde:
    Hast Du fr den Abend etwas vor?
    Ich wei nicht, erwiderte sie; vielleicht fahre ich auf eine Stunde zu
Stephanie.
    Er wollte antworten: ich wnsche, ich befehle, da Du zu Hause bleibst; aber
was galten ihr jetzt noch seine Wnsche? und einem Befehl gegenber wrde sie
ihm ins Gesicht gelacht haben.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Albrechts nchste Sorge war gewesen, sich in dem Restaurant eines separaten
Kabinetts zu versichern. Es htte so groer Eile nicht bedurft: smtliche vier,
derer sich das Lokal rhmte, standen zu seiner Verfgung. Einen behaglichen
Aufenthalt versprach freilich keines: die Tapeten zeigten hliche, wie es
schien, von Feuchtigkeit herrhrende Flecke; die berzge der alten, unschnen
Mbel bedenkliche Risse, in den abgeschabten Teppichen klafften groe Lcher;
die Versicherung des schbigen, vermauserten Kellners, - ein zweiter lie sich
auch diesmal nicht blicken - da sich bei voller Beleuchtung alles viel besser
und wunderschn ausnehme, klang nicht sehr glaubwrdig.
    Und dann, sagte der Mann, wir legen auf die Ausstattung weniger Wert; unser
Ruhm sind unsere Kche und unser Keller.
    Ein schwacher Trost fr Albrecht, dem der Sinn wahrlich nicht nach Essen und
Trinken stand, und der nun doch ein Langes und Breites mit dem umstndlichen
Alten ber das Souper verhandeln mute. War doch das Souper der Rechtstitel, auf
den hin er sich den Aufenthalt in dem frchterlichen Kabinett erkaufte!
Klotildens Rat folgend, bestellte er drei Couverts: fr sich, seine Braut und
deren Bruder. Er werde einige Minuten vor neun kommen, sich zu versichern, da
alles in gewnschter Ordnung sei. Der Alte beteuerte, der Herr Graf werde seine
Erwartungen bertroffen sehen.
    Um sich Klara gegenber fr sein Ausbleiben am Abend zu entschuldigen, hatte
er eine gesellige Zusammenkunft mit ein paar Kollegen vorgeschtzt. Er erschrak
aufs heftigste, als am Sonnabend vormittag der Direktor durch den Schuldiener
herumsagen lie: er msse die fr heute nach dem Schlu der Stunden anberaumte
Konferenz auf den Abend verlegen und bitte die Herren Kollegen um pnktliches
Erscheinen, da sehr wichtige Dinge zur Beratung, resp. zur Entscheidung stnden,
und die Sitzung voraussichtlich geraume Zeit in Anspruch nehmen werde.
    Albrecht kannte nur zu gut eines dieser wichtigen Dinge.
    Der seiner besonderen Sorge empfohlene und anvertraute jngste Sohn des
Sudenburg'schen Hauses war, nachdem er sich lngere Zeit gut gehalten, in seine
angewohnte Liederlichkeit zurckgefallen und hatte sich Vergehen gegen die
Schuldisciplin zu schulden kommen lassen, die nicht ungeahndet bleiben durften.
Die Wage schwankte nur noch zwischen der Relegation und dem consilium abeundi.
Albrecht hatte sich darauf vorbereitet, heute mittag fr das mildere Urteil zu
plaidieren, so hoffend, dem wrdigen Manne, in dessen Hause er als Freund der
Familie verkehrte, das uerste ersparen zu knnen. In diesem Sinne hatte er mit
dem ber den neuen Schlag ganz gebeugten Vater gesprochen und war von ihm des
innigsten Dankes im voraus versichert worden.
    Was nun beginnen? Der Konferenz fern bleiben, schien unmglich; die
Verabredung mit Klotilde war nicht rckgngig zu machen, da sie heute keinen
Brief mehr erwartete, also auch auf dem Postamt nicht nachfragen wrde, und,
direkt an sie zu schreiben, das teure Geheimnis jedem blden Zufall preisgeben
hie. In seiner verzweifelten Ratlosigkeit dachte er einen Augenblick daran,
Adeles oder Stephanies Vermittelung anzurufen; aber Klotilde hatte ihm
geschrieben, wie klglich ihr Versuch, die erstere in ihr Interesse zu ziehen,
abgelaufen sei; und ihre Klage ber die Strafpredigt, die ihr Stephanie
gehalten, war noch bei ihm in zu frischer Erinnerung. Wiederum eine
Entschuldigung, welche immer sie sei, wrde, ja - wie er sich selbst eingestand
- konnte der Direktor in diesem Falle nicht gelten lassen. Er riskierte, blieb
er der Konferenz fern, nicht weniger als eine Disciplinar-Untersuchung,
vielleicht Schlimmeres.
    Dennoch, hier war keine Wahl. Er wollte, in der letzten Stunde, ein Billet
an den Direktor schreiben und ein pltzlich eingetretenes, heftiges Unwohlsein
vorschtzen.
    Um acht Uhr sollte die Konferenz beginnen; um acht Uhr verlie er seine
Wohnung, sich nach dem Restaurant auf den Weg zu machen. Klotildens Rat folgend,
hatte er eine Droschke auf Zeit genommen, in der sie auch die gemeinschaftliche
Rckfahrt antreten wollten, whrend sie die, mit der sie selbst kommen wrde,
ablohnte.
    Der dunkle Abend war windig und kalt. Ein frher Schnee stberte in der
Luft, bildete auch hier und da auf dem schwarzen, nassen Boden weiliche
Streifen. Die Chaussee schien ausgestorben; selten einmal, da ein versptetes
Lastfuhrwerk oder ein Pferdebahnwagen vorberrasselte. Die Lichter in den
Laternen an den Wegseiten flackerten trbselig; in ihrem matten Schein standen
die kahlen Bume des Tiergartens rechts und links wie undurchdringliche Mauern.
Als die Droschke den Bogen der Stadtbahn passierte, donnerte gerade ein externer
Zug darber weg, in Albrechts beklommenem Herzen den seufzenden Wunsch
erweckend: er se in dem Zuge mit ihr, und sie flhen hinaus in die weite,
weite Welt auf Nimmerwiederkehr. Nun ein lebhafteres Treiben auf der Strae,
Lichter aus den Fenstern und Lden der Huser zu beiden Seiten, und da hielt die
Droschke vor dem Restaurant. Der Kutscher hatte jmmerlich gefahren und Albrecht
wrde ihn gern entlassen haben, wagte aber nicht gegen die Verabredung zu
handeln.
    In dem unwohnlichen, schlecht erleuchteten Saal des Restaurant spielten in
einer Ecke drei Mnner Karten; in einer anderen sa ein junges Prchen, eifrig
sprechend, die Kpfe dicht zusammengedrngt. Es mochte ein Student mit seiner
Grisette sein, oder ein Handlungscommis mit seiner Flamme. Albrecht hatte sich
nicht anders gedacht, als da er das Lokal leer finden werden, wie die beiden
ersten Male. Es war das zweifellos eine ganz willkrliche Annahme gewesen;
dennoch rgerte ihn die Anwesenheit dieser Menschen, an denen nun auch Klotilde,
wenn sie kam, vorber mute; zu den Kabinetten konnte man nur durch den Saal
gelangen.
    Der Kellner schlurfte ihm entgegen in demselben, vom langen Gebrauch
unheimlich glnzenden Frack, mit demselben selbstzufriedenen Lcheln auf dem
schlecht rasierten, dicken, dumm-pfiffigen Gesicht: zum Empfang der Herrschaften
sei alles bereit.
    Eine Behauptung, die sich nicht wohl rechtfertigen lie, da in dem Kabinett
noch nicht einmal die Gasflamme brannte und der runde Tisch vor dem Sofa
ungedeckt stand, berhaupt alles in dem unheimlichen, dumpfigen Gemach war, wie
es Albrecht bei seiner ersten Besichtigung gefunden hatte. Er lie deswegen den
Mann heftig an, den das aber keineswegs aus seinem Phlegma brachte; Albrecht
mute froh sein, als der Mann nun wirklich Tischtuch, Servietten, Teller,
Glser, Messer, Gabel, Lffel - eines nach dem andern - langsam herbeitrug und
eine nichts weniger als elegant ausgestattete, kaum vllig saubere Tafel endlich
zu stande kam.
    Es war verabredet, da er Klotilden vor der Thr des Hauses erwarten sollte.
So ging er denn hinaus, nachdem er die Weine bezeichnet, die man bereit zu
halten habe. Die Auswahl war nicht gro gewesen, aber der lcherliche
Widerspruch, in welchem die Drftigkeit der Karte mit der Prahlerei des Kellners
von dem berhmten Gro-Weinlager des Restaurant stand, fiel ihm bereits nicht
mehr auf.
    Nun ging er vor der Thr auf und ab, frstelnd in dem eisigen Zugwind,
whrend ihm der Kopf brannte. Neulich an der Straenecke hatte er nichts von der
Klte gesprt. Neulich! konnte das wirklich vor nur vier Tagen gewesen sein?
Aber wie voller Sorgen und Qualen waren diese Tage gewesen! wie schlaflos die
Nchte! Und jetzt der Direktor sein Billet erhalten, und er sah, wie sich die
hohe Stirn des Mannes vor Zorn rtete. Und dann fiel ihm ein, woran er mit
keinem Gedanken gedacht hatte: der Entrstete knne den Schuldiener in seine
Wohnung schicken, ihm sagen zu lassen: in einem Falle von solcher Dringlichkeit
drfe man nicht krank sein, und er msse unter allen Umstnden kommen. Wenn er
stehenden Fues in die Stadt zurck fhre, Klotilden ein Billet hinterlassend,
in welchem er ihr kurz die Sachlage auseinandersetzte und sie bat, ihm zu
verzeihen?
    Er sah nach der Uhr: es fehlten nur noch ein paar Minuten an neun. Die
Konferenz hatte bereits eine Stunde gewhrt; bis er die Schule erreichte, auch
wenn er von der Tiergartenstation aus die Stadtbahn benutzte, mute mindestens
wieder eine Stunde vergehen. Es hatte keinen Sinn; und da kam auch schon
Klotilde.
    Er hob die Dichtverschleierte aus dem Wagen und fhrte sie an seinem Arm
durch den Saal des Restaurant nach dem Kabinett. Es ging so schnell; er durfte
hoffen, da sie die Gruppe der Spieler und das kosende Prchen im Saal nicht
bemerkt hatte. Auch machte sie, als er ihr in dem Kabinett Hut und Mantel
ablegen half, nur die Bemerkung; Na, Schatz, in einem Feenpalast sind wir hier
gerade nicht; aber, offen gestanden, das habe ich auch nicht erwartet.
    Es war so lieb von ihr, und sie sah in dem eleganten, schwarzen Kleide, mit
den von der Klte rosig berhauchten Wangen entzckend aus; aber der Ku, den
sie ihm dann gab, deuchte ihm seltsam khl. Es blieb auch bei dem einen, da der
Kellner jetzt hereintrat und fragte, ob auf die dritte Herrschaft gewartet
werden sollte? Klotilde brachte das Mrchen von dem Bruder, der in dem letzten
Augenblick verhindert worden sei, aber jedenfalls nachkommen werde, mit solcher
Ruhe vor, da Albrecht ein wenig von der Fassung wieder gewann, die er fast ganz
verloren hatte. Sie hatten Platz genommen: Klotilde auf dem verschlissenen Sofa,
er ihr zur Seite auf einem der brchigen Sthle, und das Mahl konnte seinen
Anfang nehmen.
    Ein Mahl, das einen Gourmand htte zur Verzweiflung treiben mssen. Die
Gerichte, welche der Mann im fettglnzenden Frack, eine unsaubere Serviette
unter dem Arm, mit bedchtiger Langsamkeit in endlosen Zwischenrumen auftrug,
erwiesen sich als ungeniebar, die Weine waren von der schlechtesten Sorte. Aber
die beiden am Tisch hatten wichtigeres zu thun, als auf Speise und Trank zu
achten: der Kellner mochte nach den ersten Gngen die unberhrten Schsseln nur
wieder hinaustragen, was seinen Gleichmut keineswegs zu erschttern schien.
    Klotilde machte diese Bemerkung lachend; es war das erste Mal an diesem
Abend, da sie eine Spur von Heiterkeit zeigte. Wie sollte sie auch wohl heiter
sein, wenn sie an ihre Lage denke, die mit jedem Tage prekrer werde! Seit der
bekannten Scene der verunglckten Rekognoscierung habe Adele die kurioseste
Miene angenommen: halb unheilschwanende Kassandra, halb barmherzige Samariterin;
zu Stephanie wage sie schon gar nicht mehr zu gehen, aus Furcht, es knne zu
einer neuen Handschlagsforderung kommen; Bekannte habe sie seit acht Tagen keine
gesehen, da ihr Mann sich weigere, Gesellschaften mit ihr zu besuchen, und sie
keine Lust habe, ihr Strohwitwentum durch die Welt spazieren zu fhren. Auch
msse es binnen kurzem in dem Verhltnisse mit ihrem Manne zu einer Katastrophe
kommen; da es so bleibe, wie jetzt, sei einfach eine Unmglichkeit. Sie trage
sich seit zwei Tagen mit dem Plane, unter irgend einem Vorwande ihre Eltern auf
dem Gute zu besuchen, und wre es auch nur, den Beobachtungen zu entgehen, denen
sie in Berlin ausgesetzt sei, wo ihre Bekannten nach Hunderten zhlten, die
jetzt jedenfalls nichts eifriger htten, als das Zerwrfnis mit ihrem Gatten zu
kommentieren. Und wre es nur das! aber sie habe die feste berzeugung, da sie
bewacht werde. Gestern bereits zum zweitenmale, als sie ihren Brief von der Post
holte, habe sie dicht hinter sich jenes Individium bemerkt, das in der
Nationalgalerie so eifrig die Zeichnungen studierte. Dann sei sie zu Gerson
gefahren und wahrhaftig, als sie nach einer halben Stunde das Geschft
verlassen, da stehe der Mensch wieder an einem der Schaufenster, scheinbar in
Betrachtung der dort ausgestellten Roben-Stoffe versunken. Das knne kein Zufall
sein. Und zu allem Unglck msse sie nun noch seinen letzten Brief - den, in
welchem er ihr die Einzelheiten der heutigen Zusammenkunft mitgeteilt -
verlieren. Gestern abend habe sie ihn noch gehabt, das wisse sie bestimmt. Eine
Stunde spter, als sie ihn vor dem Zubettgehen verbrennen wollte - wie sie es
mit allen seinen Briefen gethan - sei er verschwunden gewesen und geblieben,
trotzdem sie die halbe Nacht nach ihm gesucht. Es sei ihr vllig rtselhaft. Sie
zittere vor der Mglichkeit, er knne doch wieder auftauchen und in die Hnde
ihrer Kammerjungfer fallen, der sie gar nicht mehr traue. Sie traue berhaupt
keinem Menschen mehr.
    Das alles kam ber ihre Lippen so gewandt und zierlich, - die grazise Form
htte Albrecht entzcken knnen, wre der Inhalt nicht so unerfreulich gewesen.
Und dann, in seiner Erwartung, sie werde schlielich auf das eine, was sie als
endgltige Befreiung aus diesem Elend ersehne, wenigstens hindeuten, fand er
sich getuscht. Sie nippte, als sie ihr Klagelied beendet, an dem miserablen
Sekt, der lngst das letzte seiner sprlichen Schaumblschen hatte aufsteigen
lassen, und erklrte, nach Hause zu mssen.
    Das konnte Albrecht nicht zugeben. Hatte sie ihm ihr Leid geklagt, er durfte
erwarten, da er das seine, wahrlich nicht minder groe, ihr klagen durfte: die
Ruhelosigkeit, die ihn peinigte im Bunde mit der frchterlichen Sehnsucht; die
mehr als menschliche Aufgabe, das Herz bervoll von solchen Empfindungen, den
Kopf zerwstet von so verzweifelten Gedanken, ruhig erscheinen zu mssen, als
sei nichts geschehen; scheinbar harmlos dahinleben zu mssen an der Seite seiner
verratenen, ungeliebten, aber in ihrer Bravheit verehrungswrdigen Frau,
zwischen den ihn umspielenden ahnungslosen Kindern. Und an bsesten Zufllen
fehle es auch ihm nicht: eben zu dieser Stunde sei etwas geschehen, habe er
etwas geschehen lassen mssen, das ihn aller Wahrscheinlichkeit nach um Amt und
Brot bringen werde.
    Er hatte innig bewegt, zuletzt leidenschaftlich, mit Thrnen in den Augen,
gesprochen; aber den Eindruck, den seine Rede auf die geliebte Frau machen
sollte, hatte er entschieden verfehlt. Ihr Ausdruck war immer dsterer geworden;
immer finsterer hatten sich die Brauen ber den gesenkten Lidern einander
genhert; immer ungeduldiger hatte es um die zusammengepreten Lippen gezuckt.
    Und nun, als er geendet, brach es mit einer Heftigkeit hervor, die ihn um so
mehr erschreckte, als sie sich augenscheinlich Mhe gab, die vornehme Dame nicht
zu vergessen.
    Ja, mein Bester, das alles httest Du doch voraussehen knnen, als Du mir
die Ehre erwiesest, mich zu lieben; httest an Deine brave Frau und die
ahnungslosen Kinder denken sollen, bevor Du Dich in eine Leidenschaft strztest,
die Dir jetzt, wie es scheint, ber dem Kopf zusammenschlgt. Jedenfalls, meine
ich, bin ich die letzte, der Du mit Deinen Klagen kommen durftest. Ich leide
ohnehin schon genug und meine, ich htte es Dir deutlich genug zu verstehen
gegeben. Ja, mein Lieber, da bleibt uns doch wohl nur eines brig, und je eher
wir uns dazu entschlieen, desto besser ist es fr uns beide.
    Mehr noch, als der Mangel an Logik, den er ihr freilich auch nicht zugetraut
htte, emprte Albrecht die Lieblosigkeit, welche jedes ihrer Worte, ihn bis ins
Herz erkltend, aushauchte. Aber die zornige Antwort blieb ihm auf der Zunge.
Der Kellner, diesmal, wie auch sonst, keine Zeit mit Anpochen verlierend, trat
ein, zu melden, da der Kutscher im Saal sei und anfrage, wann die Herrschaften
zu fahren gedchten.
    Sogleich! sagte Klotilde.
    Der Kellner war gegangen; die beiden standen einander gegenber mit
funkelnden Augen, bleich bis in die Lippen. Um die Klotildens zuckte ein
gequltes Lcheln:
    Wir haben uns in eine kindische Aufregung hineingeredet. Das ist so, wenn
man bei schlechter Laune ist und sie nun an dem andern auslt. Komm, la uns
wieder Frieden schlieen!
    Sie streckte ihm die Hand hin, die er stumm an seine Lippen fhrte.
    Nun bitte, hilf mir den Mantel um - Gott, welch ein elender Spiegel! - man
sieht wie eine Vogelscheuche aus - und weit Du: ich mchte doch lieber allein
fahren. Du wirst hier noch mit dem Kellner abzurechnen haben, und mir ist jede
Minute kostbar. Du kannst ja dann die Pferdebahn nehmen.
    Albrecht erwiderte nichts. So herzkrnkend dies alles war - dem langen
Tte--tte im Wagen mit ihr enthoben zu sein, dnkte ihm doch eine Wohlthat.
    Er geleitete sie zu dem Wagen. Du schreibst mir morgen, sagte sie im
Einsteigen. Er verneigte sich wortlos; das Fuhrwerk setzte sich schwerfllig in
Bewegung; er kehrte in das Restaurant zurck, mit dem Kellner die Rechnung zu
begleichen, ber deren unverschmte Hhe er keine Bemerkung machte. In dem jhen
Zusammenbruch seines Glcks spielte eine Handvoll Mark, die er zum Fenster
hinauswarf, keine Rolle.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Klotildens Verzweiflung war minder gro, aber ihr war doch bel genug zu Mute,
whrend sie in der Ecke ihres Wagens sa, sich gegen den Zug, der durch die
Ritzen ging, mglichst dicht in ihren Pelzmantel hllend. Sie hatte, als sie
kam, nicht die Absicht gehabt, mit ihm zu brechen; nun mochte es sein. Da dies
ein Bruch war, ein vollstndiger, darber konnte man sich doch nicht tuschen.
Und Gott sei Dank, da er es war! Die Sache hatte ja schon angefangen,
lcherlich zu werden. Und das eben war doch der Gipfel der Lcherlichkeit: ber
dies Souper in der hlichen Spelunke mit dem komischen Kellner ging es nicht.
Und der Mensch hatte offenbar den Humor von der Situation gehabt: sie hatte
deutlich sein Grinsen gesehen, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Mein Himmel,
in welche kuriose Lagen gert man, wenn man sich mal ein bichen amsieren will!
Weiter hatte es doch keinen Zweck gehabt. Und wre es noch amsant gewesen! Aber
dies Laufen nach seinen berschwenglichen Briefen! dies Warten an dem Schalter,
whrend der Beamte in dem Haufen herumsucht und einem endlich den Brief
hinreicht mit einem Blick, als wolle er sagen: Meine Gndige, lassen Sie das! Es
fhrt zu nichts Gutem. Glauben Sie mir: ich spreche aus alter Erfahrung! - Der
Mann hat ja so recht: zu nichts Gutem; aber mglicherweise zu was ganz
Schlimmen. Viktor steht auf dem Punkt, mir den Stuhl vor die Thr zu setzen.
Kann's ihm auch nicht verdenken: keiner liee sich das gefallen. Ich mu mich
nur wundern, da er mit seiner Empfindlichkeit es so lange ausgehalten hat. Aber
ich werde heute abend Frieden mit ihm machen. Es wird nicht so schwer sein: ein
groes Donnern und Blitzen seinerseits; ein paar Thrnchen meinerseits - und das
Gewitter ist pass. Er kommt von solchen Abenden, so wie so, immer etwas
angeheitert nach Hause. Allerdings mu er mich dann da finden, wo er mich diese
acht Tage hoffentlich schmerzlich vermit hat.
    Sie sah bei dem Schein einer vorbergleitenden Laterne nach der Uhr und
erschrak aufs heftigste: beinahe elf! sie hatte gemeint, es knne noch nicht
zehn sein. Viktor pflegte von seiner Corpskneipe freilich immer sehr spt
heimzukehren. In seiner jetzigen Stimmung, wer konnte wissen, ob ihm die
Kneiperei Spa machte, ihn nicht die Sehnsucht nach Hause trieb, oder - mein
Gott! - am Ende gar ein unbestimmter Verdacht! Der nun besttigt wurde, wenn er
kam und fand sie nicht!
    Sie wollte dem Kutscher zurufen, er solle schneller fahren, doch das
verquollene Fenster lie sich so bald nicht ffnen; erst nach unsglicher Mhe
kam sie damit zu stande. Sie rief es dem Kutscher hinaus, der etwas antwortete,
wovon sie nur das Wort Glatteis verstand. Und auch das nicht verstanden haben
wrde, htte sie nicht bereits seit einiger Zeit bemerkt, da der Wagen auf
bedenkliche Weise hin- und herrutschte. Als Landkind wute sie wohl, was eine
solche Kalamitt zu bedeuten hat, besonders auf chaussierten Wegen, und wenn
noch gar das Pferd schlecht beschlagen ist. Was hier entschieden der Fall war:
mehrere andere Wagen hatten sie berholt, die jetzt wo mglich schon in der
Stadt waren, whrend sie eben erst den Groen Stern passierten. Freilich, wenn
der Mensch jetzt sogar auf lngere Strecken Schritt fuhr! Sie wollte anhalten
lassen, aussteigen und einen vorberkommenden Pferdebahnwagen anrufen. Aber es
wrde jetzt um halb zwlf Uhr keiner mehr kommen, oder sie die Haltestelle nicht
finden und so hier in der rabenschwarzen Nacht auf der einsamen Chaussee
umherlaufen, jedem Strolch, der des Weges kam, schutzlos ausgeliefert. Sie wute
sich nicht zu raten, zu helfen, und vor Frost und Angst an allen Gliedern
bebend, brach sie in krampfhaftes Weinen aus.
    Endlich war die Kleine-Stern-Allee erreicht und der Kutscher bog wenigstens
in diese ein, nachdem er die Korsoallee berschlagen und so einen Umweg von
mindestens einer dreiviertel Stunde gemacht hatte, jedenfalls nicht, weil es
sich, wie er behauptete, auf der Charlottenburger Chaussee doch noch immer
besser fuhr, sondern um eine mglichst lange Zeit gefahren zu sein.
    Klotilde hatte lngst den Kampf aufgegeben; in der Stumpfheit der Seele, die
sie befallen, lie sie sich die Allee, die Tiergartenstrae hinauf und weiter
die endlosen Straen schleppen, bis der Wagen mit einem jhen Ruck vor ihrer
Wohnung hielt und der Kutscher, den Schlag aufreiend, mit heiserer Stimme
sagte: er knne die Nummer nicht erkennen; aber es werde schon richtig sein.
    Sie zahlte dem Mann seine ganz unverschmte Forderung und gab ihm eine Mark
dazu, - hatte sie die Hoffnung, berhaupt noch anzukommen, doch schon beinahe
aufgegeben! Der Kutscher, der pltzlich sehr gemtlich geworden war, schlo ihr
sogar die Hausthr auf, da sie mit ihren ungebten, vllig erstarrten Fingern
nicht damit zustande kommen konnte.
    Die Treppe war dunkel - jedenfalls eine Chikane des Dieners, der mit de
Kammerjungfer gemeinschaftliche Sache machte. Sie standen jetzt auf Viktors
Seite. Wenn sie sich heute abend mit Viktor ausgeshnt, wrde morgen frh den
beiden gekndigt.
    Sie hatte ihren Flur erreicht; durch die schmalen Fenster der Flurthr kam
der Schein eines Lichtes, das sich bewegte. Man hatte wohl ihren Schritt auf der
Treppe gehrt und wollte die Unbotmigkeit wieder gutmachen. Es wrde ihnen
nichts helfen.
    Die Thr wurde von innen geffnet. Klotilde prallte zurck: vor ihr, mit
einer Lampe in der Hand, stand Viktor.
    Bitte doch, einzutreten! sagte er, die Lampe auf eine Konsole an der Wand
stellend.
    Sein berzieher hing neben seinem Hut auf dem Regal neben der Konsole;
augenscheinlich war er bereits lngere Zeit zu Hause.
    Sie standen jetzt auf dem Korridor einander gegenber im Licht der Lampe,
das scharf auf die bleichen, hier in Schreck, dort in Zorn verzerrten Gesichter
fiel.
    Ich habe Dich bereits seit einer Stunde erwartet, sagte Viktor, mit einer
rauhen Stimme, die offenbar ruhig gelassen klingen sollte; aber freilich nicht
bedacht, da der Weg von Charlottenburg etwas weit und heute nacht vermutlich
nicht besonders ist. Dieser Herr hier, der denselben Weg machen mute, hat Dich
um eine volle Stunde berholt. Kommen Sie doch mal heran, Herr Krger! Wir haben
hier keine Geheimnisse voreinander.
    Aus dem Schatten des groen, prchtigen Schrankes, den sie von dem
elterlichen Gute mitgebracht hatte, trat ein kleiner, bleicher Mann - der Mann,
der in dem National-Museum hinter ihnen die Treppe hinabgestiegen war, und den
sie seitdem nun schon so oft hinter sich, neben sich, immer in unheimlicher Nhe
bemerkt hatte.
    Dies ist die Dame, die Sie um neun Uhr am Arm des Ihnen bekannten Herrn in
das Restaurant haben treten sehen?
    Jawohl, Herr Assessor.
    Und die mit ihm in dem cabinet spar verschwand?
    Jawohl, Herr Assessor.
    Und mit ihm dann eine Unterredung hatte, die Sie Wort fr Wort von dem
nchsten Kabinett aus gehrt haben?
    Jawohl, Herr Assessor.
    Es ist gut. Sie knnen hinausgehen. Erwarten Sie mich auf dem Treppenabsatz!
    Herr Krger hatte die Flurthr hinter sich zugemacht.
    Nur noch ein paar Worte, sagte Viktor, whrend er sich den berzieher anzog
und den Hut herabnahm: Ich kann die Frau, die unglcklicherweise die Mutter
meiner Kinder ist, nicht um zwlf Uhr nachts auf die Strae werfen, wohin sie
gehrt. Aber noch eine Nacht unter demselben Dache mit ihr zu verbringen,
verbietet sich von selbst. Ich rume Dir also das Feld. Morgen vormittag um zehn
werde ich wieder hier sein; wir werden dann das weitere miteinander besprechen.
Gute Nacht! - Friedrich!
    Die nur angelehnte Thr zum Speisezimmer wurde schnell aufgemacht und der
junge Diener trat heraus, ein Licht in der Hand.
    Leuchte uns hinab! sagte Viktor; Du kannst dann zu Bett gehen.
    Er war mit Friedrich aus der Flurthr; Klotilde hrte die drei die Treppe
hinabsteigen. Sie stand noch auf derselben Stelle, unbeweglich. Nur einmal hatte
sie die Regung gehabt, Viktor zu Fen zu fallen: seine vornehme Ruhe hatte ihr
so imponiert. Es wre dann alles gut geworden - ganz gewi! Aber in Gegenwart
jenes grlichen, bleichen, kleinen Menschen, und nun gar Friedrichs -
unmglich! Und nun war alles aus!
    Htte es doch noch einen Sinn, murmelte sie. Um eine solche Geschichte! eine
so alberne Geschichte!
    Sie wollte in Lachen ausbrechen; aber aus ihrer Kehle kamen nur ein paar
rauhe, hliche Tne, vor denen sie erschrak.
    Von der Konsole nahm sie die Lampe und ging in ihr improvisiertes
Schlafzimmer, dessen Thr sie hinter sich verschlo.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


Viktor hatte den Rest der Nacht im Palast-Hotel ruhig verbracht; jetzt, da die
Entscheidung gefallen war, konnte er schlafen.
    Zur bestimmten Stunde, um zehn Uhr, war er vor seiner Wohnung; Friedrich
ffnete ihm die Flurthr.
    Ist die gndige Frau aufgestanden?
    Die gndige Frau ist vor einer halben Stunde ausgegangen; ich habe eine
Droschke holen mssen.
    Viktors erster Gedanke war: sie ist zu ihren Eltern gereist. Dahin hatte
auch er sie schicken wollen; freilich, nachdem man sich ber verschiedene, denn
doch sehr wichtige Dinge auseinandergesetzt. Indessen, das lie sich auch
schriftlich machen und vielleicht besser, und man ersparte sich eine immerhin
peinliche Scene.
    Die gndige Frau hatte einen Koffer bei sich?
    Nein, gndiger Herr.
    Wie denn? auch keine Reisetasche?
    Nein, gndiger Herr. Die gndige Frau ist so ausgegangen, wie immer.
    Sie hat nicht hinterlassen, wann sie wiederkommt?
    Mir hat sie nichts gesagt. Vielleicht, da Julie -
    Julie soll kommen!
    Klotildens hbsche Kammerzofe wute auch nichts: die gndige Frau hatte sich
ohne sie angezogen.
    Haben Sie noch sonst etwas? fragte Viktor, als das Mdchen an der Thr
zgerte.
    Als die gndige Frau fort war, habe ich das Bett gemacht. Und dabei habe ich
diesen Brief gefunden. Er war zwischen die Kissen gerutscht!
    An mich?
    Ich lese keine fremden Briefe, gndiger Herr. Nicht einmal die Adresse.
    Geben Sie! Sie knnen gehen.
    Das Mdchen war gegangen, froh, da sie aus dem Zimmer kam: sie hatte sich
das Lachen kaum noch verbeien knnen.
    Der Brief steckte noch im Couvert! Die Adresse enthielt nur das Postamt,
dessen Nummer Viktor schon kannte; die Bezeichnung poste restante und die
Chiffre: Ballade.
    Man sollte so was nur mit der Zange anfassen, zischte Viktor durch die
Zhne.
    Mit einem Laut der Verachtung und des Widerwillens warf er den Brief auf den
Tisch und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Aber gelesen mute der Wisch
doch werden. Es war ein Stck Belastungsmaterial mehr, das in dem Proze eine
entscheidende Rolle spielen konnte. Und vielleicht stand etwas darin von den
Zukunftsplnen des sauberen Paares. Wer konnte wissen, ob sie nicht eben jetzt
zu ihm gelaufen war, gemeinschaftlich mit ihm durchzubrennen, und er hatte die
Blamage ohne die Revanche!
    Der Brief enthielt nichts von Zukunftsplnen, nur die Verabredung zu dem
Rendesvouz gestern abend; auerdem zwei enggeschriebene Seiten greulichen,
sentimentalen Gewsches.
    Viktor hatte den Brief wieder in das Couvert gethan und sein Pult
geschlossen. Mglich, aber nicht wahrscheinlich, da ihr Schreibtisch noch mehr
dergleichen enthielt. Sie hatte jedenfalls das Zeug immer verbrannt und
vermutlich nach diesem lange genug vergeblich gesucht. Mit ihrem Willen war er
sicher nicht zwischen die Kissen geraten, jedenfalls nicht da liegen geblieben.
    Die Flurklingel ertnte.
    Sollte sie den Mut haben?
    Friedrich brachte einen Rohrpostbrief herein: von Elimar.
    Verehrter Cousin! Wollen Sie mir die Freundlichkeit erweisen, mich um halb
zwlf Uhr in Ihrer Wohnung zu erwarten? Ich habe Ihnen Mitteilungen von
uerster Wichtigkeit zu machen. Ich wrde anstatt dieser Zeilen kommen; aber
der Kriegsminister hat mich zu einer Audienz befohlen.
    Nun wute Viktor, wohin Klotilde sich gewandt hatte: die gutmtige Adele und
Don Quixote Elimar sollten vermitteln, wo nichts mehr zu vermitteln war! Aber
Sie irren sich, Madame! brigens bin ich Ihnen dankbar, da Sie nicht, mit Ihrem
Herrn Galan an der Schleppe, davongelaufen sind, und ich meine Rache jetzt
sicher habe.
    Abermals klingelte es: es wrde Fernau sein; er hatte noch vom Hotel aus
einen Kommissionr an ihn gesandt und ihn gebeten, alles liegen zu lassen und
sptestens um elf bei ihm vorzusprechen.
    Es war Fernau mit einem sehr bernchtigen Gesicht, aber, wie immer, in
tadelloser Toilette.
    Lieber Freund, sagte Fernau, sich, wie gebrochen, in einen Lehnsessel fallen
lassend, mich aufzujagen, nachdem ich kaum zwei Stunden geschlafen hatte, das
mge Ihnen der Himmel verzeihen.
    Er hat mir schlimmere Dinge zu verzeihen, erwiderte Viktor; unter anderm das
Unrecht, das ich Ihnen gethan, als ich frchtete, Sie htten mich an den
ehrenwerten Herrn Krger aus nicht vllig lauteren Absichten empfohlen. Bitte,
lesen Sie diesen Brief!
    Der eben eingeschlossene Brief wurde wieder hervorgeholt. Fernau besah ihn
von allen Seiten:
    Ich wittre Morgenluft, sagte er, zu Viktor aufblinzelnd und, whrend die
Linke den Brief hielt, mit dem kleinen Finger der Rechten sanft die Oberlippe
zwischen dem Schnurrbart reibend.
    Bitte, lesen Sie!
    Viktor hatte sich nach dem Fenster gewandt und blickte auf die Strae. Es
dauerte eine Zeit, die ihm unendlich dnkte, bis Fernau mit der Lektre zu Ende
war. Diesmals schlo er den Brief nicht wieder weg: er wrde Elimar gegenber
abermals seine Dienste thun mssen.
    Und die Sache ist zu stande gekommen? fragte Fernau
    Vllig programmmig, erwiderte Viktor; ich war inzwischen auf unserer
Corpskneipe, wo Sie wieder einmal geschwnzt haben. Krger lie mich
herausrufen. Es war hinter ihnen her und mit ihnen in Charlottenburg gewesen.
    Und so teilte er dem Freunde weiter alles mit, was jener wissen mute,
sollte er in dem Drama die Rolle bernehmen knnen, die er ihm zugedacht hatte.
    Nun wissen Sie, lieber Fernau, schlo er, welchen Dienst ich von Ihnen
erwarte.
    Sollte ich wohl ganz die geeignete Persnlichkeit sein? fragte Fernau.
    Viktor blickte ihn verwundert, fast erschrocken an.
    Denn sehen Sie, fuhr Fernau fort, ich bin wirklich ein bichen zu sehr
Partei in der Sache, um die Pflichten eines Sekundanten regelrecht erfllen zu
knnen. Ein Sekundant mu bis zu einem gewissen Grade unparteiisch sein, zum
wenigsten ein Ohr fr die etwaigen Grnde der andern Partei haben. Das habe ich
nicht. Ich habe den Menschen von dem ersten Augenblick, als ich ihn im
Pferdebahnwagen sah - ich habe Ihnen die Episode nie erzhlt - sie thut auch
nichts Wesentliches zur Sache - grndlich in Aversion genommen; und, so oft ich
ihn wiedersah, fhlte ich ein Kribbeln in den Fingerspitzen, den Kerl zu
reitpeitschen. Wenn die Gelegenheit gnstiger gewesen wre, ich glaube, ich
htte einen Grund vom Zaun gebrochen und ein Rencontre mit ihm provoziert. Das
ist das eine. Sodann, ich habe mit Ihrer Frau Gemahlin bis dahin immer so gut
gestanden; sie - ich brauche Ihnen das nicht zu sagen - aufrichtig und herzlich
verehrt. Was sie jetzt gethan hat, ist unverzeihlich, schauderhaft - gewi! Aber
schlielich hat sie es doch nicht mir gethan. Sie werden begreifen, da meine
Empfindungen nicht so lebhaft sein knnen, wie die Ihren; und es mir
schmerzlich, sehr schmerzlich und peinlich ist, zu ihrer Bestrafung, wenn ich
mich so ausdrcken darf, die Hand bieten zu sollen.
    Viktor war die Zornrte in die Stirn gestiegen.
    Ich danke Ihnen also fr Ihre Offenherzigkeit, sagte er, und werde mich nach
jemand umsehen, der weniger bedenklich ist, als Sie.
    Fernau gereute bereits, was er gesagt hatte. Er war auf dem besten Wege,
Viktors Mitrauen von neuem zu erregen; ja, er hatte es bereits gethan. Das
durfte nicht sein; er mute es wieder gutzumachen suchen. Und schlielich,
Klotilde war ihm nun doch verloren. Nach der Affaire mit dem Schulmeister war
sie fr die Gesellschaft tot. Folglich auch fr ihn.
    Aber wo denken Sie hin, lieber Freund! rief er, aus dem Sessel in die Hhe
fahrend. Mir fllt doch nicht im Traum ein, Ihnen meine Dienste zu verweigern,
wenn Sie ihrer zu bedrfen glauben. Man sagt so etwas heraus, um die Seele
hernach um so freier zu haben. Also wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen - Sie
sehen mich bereit. Aber ist denn der Mensch satisfaktionsfhig?
    Ich wte nicht, weshalb nicht; erwiderte Viktor, wieder halb beruhigt.
Macht man diese Leute doch jetzt sogar zu Reserveoffizieren!
    Gott sei es geklagt!
    Vielleicht ist der Mensch selber einer.
    Heutzutage ist alles mglich.
    Jedenfalls hat man ihn in unsere Gesellschaft aufgenommen.
    Leider! Nchstens werden wir noch unsere Schneider mit Einladungen beehren.
    Und nicht blo aufgenommen: man hat dem Kerl ja frmlich den Hof gemacht;
fand es hchst ehrenwert, da er es von einem Bergmannsjungen so weit gebracht.
Ipsissima verba des Herrn Ministerialdirektors.
    Man sollte in solche Stellungen Brgerliche nie gelangen lassen.
    Und da nun auch meine Frau die Geschmacklosigkeit hatte, so tief aus ihrer
Sphre herabzusteigen -
    Werden Sie ihr wohl auf das Terrain folgen mssen. Ja, ja; es ist sehr
notwendig, da da mal ein Exempel statuiert und die Rotre in ihre Schranken
zurckgewiesen wird. Zeichnen Sie den Kerl nur ordentlich!
    Ich habe durchaus diese lbliche Absicht.
    Zwischen den Freunden wurden nun die Einzelheiten der Forderung
durchgesprochen und festgestellt. Fernau hatte auf die schrfsten Bedingungen zu
dringen und sollte sich nichts abhandeln lassen. Einen besonderen Wert legte
Viktor darauf, da keine Zeit verloren gehen drfe, und das Rencontre, wenn es
sich irgend machen lie, bereits morgen in der Tagesfrhe stattfinde. Fernau
wollte den Gegner sofort aufsuchen und ihm die Forderung berbringen.
    Er hatte sich kaum verabschiedet, als Elimar angemeldet wurde. Die Herren
muten sich noch auf der Treppe begegnet sein.
    Hol' ihn der Teufel, fluchte Viktor bei sich. Aber -
    Ich lasse den Herrn Hauptmann bitten, nher zu treten.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Elimar und er saen einander gegenber nach einer kurzen, auf beiden Seiten
etwas verlegenen Begrung.
    Sie wissen, weshalb ich komme, begann Elimar.
    Ich ahne es wenigstens.
    Das erleichtert mir meine Mission, wenn ich etwas so nennen darf, wozu mich
auch die eigene Empfindung gedrngt haben wrde.
    Ich meine, da die Empfindung in solchen Fllen ein sehr trgerisches
Leitmotiv ist.
    Mag sein; aber als Erstes, Spontanes verdient sie doch wohl einige
Bercksichtigung.
    Dann kann ich nur sagen: ich wrde es tief beklagen, wenn ein Mann, wie Sie,
keine Empfindung htte fr die furchtbare Beleidigung, mit der man mich
heimgesucht hat.
    Der in Ihren Worten versteckte Vorwurf trifft mich nicht. Im Gegenteil: ich
glaube, es giebt niemand, der diese Beleidigung tiefer mitfhlt.
Nichtsdestoweniger -
    Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche: was wissen Sie von diesem ganzen
Handel?
    Alles.
    Aus dem Munde meiner Frau?
    Ja.
    Drfte dann Ihre Behauptung nicht etwas gewagt sein? Wir Juristen haben den
Grundsatz: Audiatur et altera pars.
    Ich wei es. Und gerade deshalb habe ich mir erlaubt, Sie aufzusuchen.
Leider, wie ich frchten mu, zu spt: ich traf in Ihrer Hausthr mit Herrn von
Fernau zusammen. Ich habe nicht gewagt, ihn zurckzuhalten; er wrde sich auch
schwerlich haben zurckhalten lassen. Aber die einem Kartelltrger gegebenen
Instruktionen sind ja nicht unwiderruflich, sind jedenfalls modificierbar; und
ich hege die stille Hoffnung, Ihr gerechter Unwille wird nach unserer
Unterredung weniger - etwas weniger heftig sein.
    Ich teile zu meinem Bedauern Ihre Hoffnung nicht, Indessen, bitte, sagen Sie
mir, was Sie mir sagen zu mssen glauben. Ich mu dabei freilich bemerken, da
meine Zeit gerade heute nicht sehr reichlich bemessen ist, da ich noch eine
Menge wichtiger Dinge zu erledigen habe.
    Ich will mich bemhen, mglichst kurz zu sein. Ihre Frau kam heute morgen um
zehn zu meiner Frau, ich darf wohl sagen: zu meiner Frau und mir, denn meine
Gegenwart hinderte sie in nichts an der Offenherzigkeit und Vollstndigkeit
ihrer Beichte. Einer tief traurigen Beichte. Sie bereut aufs tiefste, sich von
einem Gefhl haben hinreien zu lassen, welches sie selbst jetzt als ein
schiefes, oberflchliches, ihr durchaus unwrdiges anerkennen mu. Sie rumt
willig ein, sich an Ihnen, an Ihren Kindern in einer Weise vergangen zu haben,
die es schwer, sehr schwer macht, ihr zu verzeihen. Ich wiederhole: sehr schwer.
Und doch wohl nicht unmglich: sie hat uns geschworen: es sei nichts geschehen,
was zu verzeihen den Menschen allerdings selten gelingt, wenngleich des Menschen
Sohn uns mit seinem erhabenen Beispiel vorangegangen ist.
    Warum der Mann nur nicht Pastor geworden ist, dachte Viktor, der diese ganze
Auseinandersetzung im Grunde beleidigend fand, und laut sagte er:
    Nehmen wir an, meine Frau ist in ihrer Beichte, um mich Ihres Ausdrucks zu
bedienen, streng bei der Wahrheit geblieben, obgleich das in solchen Fllen sehr
schwer sein soll. Hat sie Ihnen zum Beispiel auch ihre saubere Aventren von
gestern abend gebeichtet? Wo nicht, wrde Ihnen dieser Brief -
    Den sie verloren hat, sagte Elimar. Bemhen Sie sich nicht! Ich wei durch
sie, was der Brief enthlt und was gestern abend geschehen ist, vielleicht
besser und ausfhrlicher, als Sie es aus dem Bericht Ihres Beauftragten erfahren
haben.
    Viktor richtete sich in den Hften auf.
    Ich erwarte jetzt nur noch, sagte er mit schneidender Ironie, da Sie mir
Vorwrfe machen ber die Maregeln, die ich treffen zu mssen glaubte, um hinter
die Schliche der Dame zu kommen.
    Er hatte unwillkrlich das Wort gebraucht, welches ihm aus den Berichten
Herrn Krgers so gelufig war.
    Um Gottes willen, rief Elimar, ihm die Hand auf das Knie legend, erhitzen
wir uns nicht in einem Augenblick, wo ich den Himmel anflehe, uns seinen Frieden
zu geben!
    Ich bin vllig kaltbltig, entgegnete Viktor. Und so, ganz kaltbltig, frage
ich Sie: wrden Sie, der Hauptmann von Meerheim, wenn Ihnen begegnet wre, was
mir begegnet ist; Sie beleidigt wren, wie ich beleidigt worden bin; in Ihrer
Ehre gekrnkt, vor der Gesellschaft, in der Sie leben, blogestellt wren, wie
ich es bin: wrden Sie - ja, knnten Sie anders handeln, als ich zu handeln
gedenke? Wrden Sie und knnten Sie unterlassen, den Buben, der gewagt hat, mit
seinen schmutzigen Fingern an Ihr blankes Wappenschild, an Ihren reinen Namen zu
tasten, vor die Mndung Ihrer Pistole zu stellen?
    Die Worte hatten Elimar schwer getroffen. Da klaffte wieder einmal der tiefe
Spalt zwischen dem, was sein Herz und sein Verstand ihm gesagt und geboten
hatten, lange bevor es ihm seine geliebten Denker und Dichter besttigten, und
jenem andern, in dessen engem Bann er nun schon so viele Jahre gelebt hatte in
schmerzlicher Resignation einer besseren Ordnung der menschlichen Dinge, die
herbeizufhren dem einzelnen Menschen nicht gegeben war. Hatte er nie die Kraft
in sich gefunden, Fesseln zu sprengen, die ihm ins Fleisch schnitten, wie durfte
er es erwarten und verlangen von einem, den sie nicht einmal drckten, der sie
im Gegenteil als einen hchsten Schmuck trug?
    Er fhlte peinlich, da er eine Position verteidigte, die er nicht wrde
behaupten knnen; aber ohne einen letzten Versuch wollte er sie nicht aufgeben.
    Es giebt zweierlei Ehre, sagte er, die gesellschaftliche und die
individuelle. Die erstere trgt ihre Gesetze nicht sowohl in sich, als sie ihr
vielmehr von dem Milieu diktiert werden, in welchem wir leben. Die Vernunft
dieses Milieu braucht nicht die unsre zu sein; ich kann mir sogar denken, da
wir in ihr die bare Unvernunft sehen. Aber freilich, solange das Milieu das
unsre ist; ich meine: solange wir aus diesem oder jenem Grunde den Schwerpunkt
unserer uerlichen Existenz darein verlegt haben, mssen wir in Rom wie die
Rmer thun. Quaeritur: ist in unserm Falle diese Milieu-Ehre beleidigt? Sind Sie
es der Gesellschaft schuldig, ihre in Ihnen beleidigte Ehre zu rchen? Ich
glaube: nein. Die ganze unglckselige Angelegenheit ist fr den Ihnen
befreundeten und bekannten Kreis tiefes Geheimnis; ich nehme meine Frau und mich
aus, von denen wir hier wohl absehen drfen.
    Pardon! erwiderte Viktor; ich urteile darin anders und, ich glaube,
richtiger als Sie. Es ist mir nicht gleichgltig, wie Herr von Fernau, der in
die ganze Sache eingeweiht werden mute, ber mich denkt: ob er mich fr einen
Mann von Principien hlt, oder fr einen, der seine Principien, ich wei nicht
welcher sentimentalen Wallung wegen, aufgiebt. Herr von Fernau spielt in meinem
speciellen Kreise eine groe, und, ich darf sagen, verdiente Rolle. Es handelt
sich aber keineswegs um ihn allein. Herr von Luckow und Frulein Stephanie
Sudenburg hegen den schlimmsten Verdacht: davon habe ich mich berzeugen mssen,
als ich vorgestern eine sehr vorsichtige Rekognoscierung nach dieser Seite
anstellte. Niemand steht mir dafr, da die Genannten ihre Wissenschaft fr sich
behalten; bei der groen Solidaritt der Gedanken und Interessen, die in der
Sudenburg'schen Familie herrscht, ist es sogar mehr als unwahrscheinlich. Ich
kann also Fritz und Franz Sudenburg nicht mehr in die Augen sehen. Und wem noch
sonst nicht? Ich habe in dieser Gesellschaft Blicke aufgefangen, Anspielungen
hren mssen, auf welche die einzig richtige Antwort eine Forderung gewesen
wre. Das alles ist schon mehr als genug. Soll ich noch von meinen Dienstboten
sprechen, die seit zehn Tagen Zeugen des schlimmsten ehelichen Zerwrfnisses
sind? und die nun hingehen und meine Schande durch die ganze Stadt tragen
werden?
    Viktor war aufgesprungen und ma mit heftigen Schritten das Zimmer auf und
ab.
    Das wre die gesellschaftliche Ehre, die mit Fen getreten ist. Nun die
individuelle - so nannten Sie sie ja wohl? Ja, mein Bester, jeder ist seines
Glckes Schmied, und die Ehre, die jeder in sich trgt, kann niemand in ihrem
Wert taxieren, als er selbst. Mir nun gilt meine Ehre so hoch, da, wenn ich sie
angegriffen sehe, mein Leben mir nicht einen Strohhalm wert ist. Sie knnen
nicht verlangen, da ich das des Angreifers fr heilig halte.
    Elimars Stirn war auf die Hnde gebeugt, die er ber den Knauf des Sbels
zwischen seinen Knieen gestaltet hatte. Ein leises Sthnen kam aus seiner Brust.
Nun richtete es das bleiche Gesicht in die Hhe und sagte schmerzlich:
    Mein Gott, in welcher Welt der schauderhaften Widersprche leben wir! Da ist
eine Gesellschaft, vor der wir innerlich keinen Respekt haben, und die ihn auch,
konfus, zerfahren, unlogisch, oberflchlich, nur nach dem ueren Schein
urteilend, wie sie ist, wahrlich nicht verdient! Da sind wir Mnner, die wir uns
nicht sndlos fhlen und bei dem Leben, das wir, und wren wir die besten,
gefhrt haben, fhlen knnen; und wir heben den Stein auf gegen ein Weib, das
aus der Erziehung, die es gehabt, aus dem Leben, in das es unvorbereitet trat,
keine Kraft des Widerstandes schpfen konnte gegen die Versuchung, von der es
doch nicht verschont bleiben sollte! Ein Weib, das der Mann, der trotzdem den
Stein aufhebt, geliebt hat! Und das so liebenswert ist!
    Die letzten Worte fand Viktor emprend. Wie durfte ihn der Mann daran
erinnern, da auch er zu den Liebhabern Klotildens gehrt und, wie die Rede
ging, es nur an ihm und nicht an Klotilde gelegen hatte, wenn sie nicht seine
Frau geworden war!
    Gewi! sagte er, mit kaum noch verhehlter Wut: sehr liebenswert! zu
liebenswert! Es mag das der Geschmack anderer Leute sein - meiner ist es nicht.
    Elimar erhob sich aus dem Sessel und ergriff seinen Helm, der neben ihm auf
einem Tischchen stand.
    Ich bin umsonst hier gewesen, sagte er traurig, aber ohne Bitterkeit; ich
htte es voraussehen knnen. Verzeihen Sie einem alten Idealisten seine
unbefugte Einmischung in den Lauf dieser realen Welt!
    Er hatte die Hand ausgestreckt, die Viktor an den Fingerspitzen ergriff, um
dann den unwillkommenen Gast mit der grten Hflichkeit zur Thr hinaus zu
begleiten.
    Dann schellte er Friedrich und hie ihn, seine Uniform in das Ankleidezimmer
zu bringen; auch die Schrpe nicht zu vergessen.
    Er mute zu dem Commandeur seines Regiments, der ihm besonders gewogen war,
und dem er zu seinem Geburtstag heute gratulieren wollte. Der Commandeur war ein
schneidiger Herr, der in Ehrensachen keinen Spa verstand. Dem sollte Elimar mit
seinem sentimentalen Wischiwaschi gekommen sein! Wie die struppigen Augenbrauen
in die Hhe gefahren wren! Nach der Friedensapostel-Physiognomie Elimars schon
der Anblick des alten Haudegens, bei Gott! eine willkommene Erquickung! Er hatte
eine Stunde Zeit. Frher konnte Fernau nicht zurck sein. Und vorher konnte er
die Anzeige an den Prses des Ehrenrats mit der Angabe von Zeit und Ort des
Rencontre und dem Namen des Unparteiischen nicht machen. Und dann: vielleicht
kniff der Schulmeister. Und es mute bei der Reitpeitsche sein Bewenden haben.
    Er war wieder in seinem Zimmer, sich die Handschuhe aus dem Kasten zu
nehmen. Die Bonne kam, anzufragen, ob sie die Kinder heute herausbringen drfe?
Es sei nur, weil die gndige Frau nicht gesagt habe, wann sie wiederkommen
wrde.
    Viktor hatte auf der Zunge: sie wird niemals wiederkommen; statt dessen
sagte er heftig:
    Wozu sind Sie Bonne, wenn Sie nicht wissen, was man mit Kindern zu thun hat!
    Die Bonne, ein braves, nicht ungebildetes Mdchen, ging traurig davon: die
armen Kinder! Seit acht Tagen hatte sich die gndige Frau kaum einmal flchtig
nach ihnen umgesehen; und dem Herrn waren sie ja offenbar auch nur eine Last!
    Viktor warf die ergriffenen Handschuhe wtend auf den Tisch.
    Das hat man davon! Und das soll nun so weiter gehen! - Liebenswert! Die
liebenswert, diese - wie heit es doch? - irgendwo in Maria Stuart -
Meinetwegen! Aber diesen Mortimer will ich zeichnen, da alle andern daran
denken sollen!
    Er setzte vor dem Spiegel den Helm auf, zupfte die Schrpe zurecht, strich
mit der Taschenbrste den Schnurrbart rechts und links aufwrts und stieg, die
Handschuhe anziehend, die Treppe hinab.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


Es war spter Abend geworden, fr Albrecht nach dem frchterlichsten der Tage.
    Als er gestern nach Hause kam, ein in seinem stolzen Selbstgefhl fr immer
gebrochener Mann, war geschehen, was er erwartet: der Direktor hatte geschickt:
er msse unbedingt in der Konferenz erscheinen. Die ratlose Klara hatte bei
allen Bekannten herumfragen lassen: niemand hatte ihr Auskunft geben knnen; es
gab keine andre Erklrung, als die entsetzliche, da ihm ein Unglck zugestoen
sei.
    Es war ihm eines zugestoen; sie sah es dann aus der tiefen Verstrung
seiner bleichen Miene, nur da er trotz ihres flehentlichen Bittens nicht sagen
wollte, welches. Er werde ihr spter alles erklren; fr jetzt mge sie ihm nur
die eine Liebe thun und ihn in Ruhe lassen. Gehorsam, wortlos, thrnenlos war
sie zu den Kindern gegangen, in der Thr noch einmal die schreckenstarren Augen
mit stummer Frage und Klage auf ihn wendend.
    Und heute morgen hatte er sie wieder auf spter vertrsten mssen. Dann
hatte sie nicht mehr gefragt, nicht mehr geklagt. Setzte sie doch ein
unbedingtes Vertrauen in seine Redlichkeit, seine Ehrenhaftigkeit! Auch nicht
der leiseste Schatten des Verdachtes, da hier eine Frau im Spiel sein msse,
stieg in ihrer reinen Seele auf. Zweifellos hatte Albrecht mit dem Direktor, der
ihm auch sonst wenig gewogen war, einen bsen Streit gehabt; und seine Stellung
an der Schule war in Gefahr, vielleicht verloren, wenn auch zweifellos das Recht
auf seiner Seite stand. Er wrde seine gute Sache mannhaft durchfechten, dessen
war sie gewi; und wenn fr den Augenblick das Amtsgeheimnis ihm die Zunge band,
so mute sie sich in Geduld fassen, durfte ihm die Ruhe und Sammlung, die er
sicher jetzt hochntig brauchte, nicht nach Weiberart durch Ein- und Dreinreden
stren und rauben.
    Ihre Vermutung wurde zur Gewiheit, als im Laufe des Vormittags der
Schuldiener ein amtliches Schreiben von dem Herrn Direktor brachte, und kurz
darauf ein sehr eleganter Herr, wie Auguste sagte, seine Karte hereinschickte -
ein Herr Rat, sagte Auguste, mit einem von vor dem Namen - jedenfalls ein
Beamter aus dem Kultusministerium, der mit Albrecht die Sache besprechen sollte,
in dem fr Albrecht gnstigsten Sinne natrlich. Der Herr Direktor mochte sich
vorsehen! Albrecht hatte da oben hohe Gnner, die mit einem Herrn
Gymnasialdirektor nicht viel Federlesens machten! Das waren gewi keine leeren
Worte gewesen, die der Herr Minister neulich abends zu Albrecht gesprochen
hatte: er hoffe bald Gelegenheit zu haben, ihm seine Dankbarkeit fr den
gehabten Genu durch die That zu beweisen! Hier war nun die Gelegenheit! Der
Herr Direktor wrde sich wundern!
    Der Herr aus dem Kultusministerium war nur kurze Zeit geblieben; aber die
Unterredung mute von der grten Wichtigkeit gewesen sein: er und Albrecht
hatten so leise gesprochen; kaum ein Laut, geschweige denn ein verstndliches
Wort war durch die Thr, die doch schlecht genug schlo, aus seinem
Arbeitszimmer in das Berliner Zimmer gedrungen!
    Dann war Albrecht ausgegangen, um nach einer Stunde wiederzukommen. Abermals
nach einer Stunde hatte sich sein Freund, Doktor Rodeck von der Universitt,
melden lassen zu einer Besprechung, die sehr lange whrte, und bei der er ebenso
geheimnisvoll zuging, wie bei der mit dem Herrn vom Kultus. Diesmal handelte es
sich fraglos um die Berufung Albrechts zum Universittslehrer. Es war nur noch
nicht entschieden, ob auerordentlicher, oder ordentlicher. Wenn Albrecht sich
nur nicht zu billig verkaufte! Er war in solchen Fllen so lcherlich
bescheiden! hatte gar keine Ahnung davon, wie weit er die andern Leute
berragte! Htte sie doch nur bei den Verhandlungen zugegen sein drfen! Galt es
fr Albrecht zu sprechen, hatte es ihr im Leben noch nicht an den rechten Worten
gefehlt! Aber das ging doch nun nicht. Und Albrecht wrde, wenn nicht an sich,
doch an Frau und Kinder denken und seine Bedingungen nicht zu niedrig stellen.
So ein kluger, klarer Kopf, sobald er sich einmal die Mhe gab, etwas ordentlich
zu berlegen! Dann traf er ja immer das Richtige!
    Das alles stimmte Klara so heiter, wie sie sich seit langer Zeit, sie
meinte, nie gefhlt. Sie mute beinahe lachen, wenn sie an ihre Angst gestern
abend dachte und an die gewi ganz verrckte Miene, mit der sie ihren armen
geplagten Albrecht empfangen hatte.
    Natrlich kam Doktor Rodeck noch einmal: irgend ein wichtiger Punkt war
vergessen worden. Ja, verehrter Herr Doktor, unter dem Ordentlichen thun wir es
nicht! Und da beit kein Muslein ein Fdlein ab!
    Auguste traute ihren Ohren nicht, als sie Frau Professor in der Kinderstube
lachen und tollen und zuletzt gar singen hrte. Sie war nun schon fnf Jahre bei
Professors. Das war ihr noch nicht passiert.
    ber all dem Kommen und Gehen war es drei Stunden spter als sonst mit dem
Mittagstisch geworden. Das htte unter normalen Umstnden Klaras Geduld auf eine
harte Probe gestellt. Heute fand sie es ganz in der Ordnung. Helenchen, die
jetzt wieder ganz munter auf den kleinen Fen durch alle Zimmer lief, und
Fritzchen hatten vorher essen mssen; aber der Papa verlangte nach ihnen, und so
durften sie mit bei Tisch sitzen und bekamen jedes eine halbe Birne und einen
Schluck aus Papas Glase. Der arme Papa hatte es sich gestern und heute so sauer
werden lassen; da mute eine von den sechs Flaschen, die sie fr die nchste
Gesellschaft in der Speiseklammer verwahrt hielt, springen. Und die Kinder
waren glcklich, und sie war glckselig; und Albrecht, obgleich er von all den
Anstrengungen und Aufregungen noch ein wenig bleich aussah, war so freundlich,
so liebevoll zu ihr und den Kindern, erzhlte nach Tisch den Kleinen so reizende
Geschichtchen, die er sich immer selbst ausdachte; sprach mit ihr so herzlich -
obgleich von der groen Angelegenheit natrlich nicht die Rede war. Und als es
spt geworden und er sagte, er sei zwar rechtschaffen mde, aber das helfe nun
nicht: er msse noch drei oder vier wichtige Briefe schreiben und morgen zu
einer nochmaligen Besprechung mit Doktor Rodeck sehr frh ausgehen - da sagte
sie nichts, als: dann gute Nacht, Du liebster, bester Mann! Und sie hatte ihn
gekt und er sie, wie sie sich seit den Tagen ihres Brautstandes nicht wieder
gekt.
    Nun war er in seinem Zimmer allein. Allein mit dem grauenhaften Bewutsein
seiner Schuld, die er morgen frh mit dem Leben bezahlen sollte. Nicht einen
Moment hatte er daran gezweifelt, da er auf dem Platze bleiben wrde. Von
Doktor Rodeck wute er, da seinem Gegner schon von der Universitt der Ruf
eines unfehlbar sichern Schtzen gefolgt war; er hatte seinem Sekundanten nicht
eingestehen mgen, da er kaum je eine Pistole in der Hand gehabt und ganz gewi
keine abgeschossen hatte. War er doch sogar auf Grund eines Herzfehlers, den die
rzte herausgefunden haben wollten, vom Militrdienst befreit gewesen! Und heute
vormittag, als die Herausforderung kam, hatte er bei sich gesagt: Gott sei Dank!
so kommst du doch auf eine honette Art aus einem Leben, in dem du nur in Scham
und Schande so weiter vegetieren knntest; jetzt -
    Aber jetzt hatte er erst seine Briefe zu schreiben. Die Augen brannten und
der Kopf schmerzte und das Herz hing ihm in der Brust wie ein schwerer Stein -
geschrieben muten die Briefe werden.
    Zuerst an den Direktor, den er um Verzeihung bat fr das rgernis, das er
ihm gestern gegeben, und dem er morgen ein noch viel schlimmeres folgen lassen
msse. An seine Thr klopfte nun der Tod, den er in seines Sinnes Thorheit
selbst heraufbeschworen; und hinter dem Tod wrde sich die Schattengestalt der
Not hereinschleichen, sein Weib und seine Kinder mit ihrem grauen Gespinst
umstrickend. Ihm gewhre es in diesen seinen letzten trben Stunden einen Trost,
zu wissen, da der Direktor, in welchem er stets den ausgezeichneten Philologen
verehrt habe, ein eben solcher Christ sei, eingedenk der Christenpflicht gegen
Witwen und Waisen. Sollte, wie er frchten msse, die Art seines Scheidens aus
dem Leben die Pensionsberechtigung seiner Frau kompromittieren, der Freund der
Verlassenen werde es an einer warmen Befrwortung bei den hheren Instanzen
nicht fehlen lassen.
    Nun ein Brief an den Kultusminister, ihn an sein neuliches Wort bescheiden
erinnernd und auf die Gelegenheit, die ihm jetzt geboten werde, sein Wort
einzulsen, mit schwermutvollen, tiefernsten Worten deutend.
    Nun an den General-Intendanten: dem Lebenden sei das Schicksal seines
Trauerspiels, das schon so lange in den Hnden der Intendanz ruhe, vorenthalten
geblieben. Mchte es ein freundliches sein fr sie, denen er nach seinem Tode
nichts hinterlasse als etwa den Anspruch auf den bescheidenen Nachruhm, den er
sich durch nimmermdes Mhen um die Gunst der dramatischen Muse erworben zu
haben glaube.
    An seinen Verleger jetzt, ihm nochmals dankend fr das letzthin bersandte
reichliche Honorar und unter Bedingungen, die jener selbst stellen mge, den
Verlag bertragend der mehrere Bnde fllenden Arbeiten in Versen und Prosa, die
sich in seinem Nachlasse vorfinden wrden.
    Auch an den Ministerial-Direktor mute geschrieben werden, der sich heute
brieflich ber die nun ausgesprochene Relegation seines Otto bitter beklagt,
aber daran den Wunsch geknpft hatte, da die leidige Sache, an deren Ausgang
Albrecht sicher keine Schuld trage, in den fr ihn und seine Familie so
erfreulichen angenehmen Beziehungen zu dem geistreichen Hausdichter keinerlei
Strung veranlassen werde.
    Der gute Mann, von dem er stets nur Liebes erfahren, hatte das Recht, zu
verlangen, da er nicht aus dem Leben ging, ohne Abschied von ihm genommen zu
haben.
    Es war zwei Uhr, als Albrecht diese Briefe beendet hatte. Sie waren ihm
nicht leicht geworden; aber vor dem, der ihm noch zu schreiben blieb, dem
letzten, krampfte sich sein Herz in Jammer und Schmerz zusammen, und er betete,
ob dieser bitterste Kelch nicht an ihm vorbergehen knne, wissend, da er ihn
werde leeren mssen bis auf die Neige.
    Ein langer, langer Brief. Whrend er ihn, jetzt zgernd, jetzt mit
fliegender Feder schrieb, verdunkelten sich wiederholt seine Augen von den
hervorbrechenden Thrnen und mehr als eine fiel auf das Papier. Seit seinen
frhesten Knabenjahren hatte kein krperlicher oder seelischer Schmerz ihm
Thrnen erpressen knnen. Dieser schmte er sich nicht. Er htte sich totweinen
mgen, mute er sich den unendlichen Jammer, das furchtbare Herzeleid ausmalen,
das er nun der Guten, Lieben, Braven bereiten sollte fr die abgttische Liebe,
mit der sie ihn geliebt hatte. Zu seiner eigenen Verwunderung bedrckte ihn
dabei, was andern wohl als das Schrecklichste erschienen wre: das Bekenntnis
seiner Schuld am wenigsten. War er doch berzeugt, sie wrde ihm aufs Wort
glauben, wenn er ihr schrieb: es war eine von den Thorheiten meiner Phantasie,
die Du ja kennst und fr die Du immer ein Verstndnis gehabt hast, wenn Du Dir
auch oft den Anschein des Gegenteils gabst. Du Gute mochtest ahnen, welche
Gefahr auf diesem Wege liegt, und es da einen Punkt giebt, ber den hinaus die
Thorheit zum Verbrechen wird. Aber bei dem, was uns das Teuerste auf Erden ist:
bei dem Leben und den Huptern unsrer Kinder schwre ich Dir: verbrecherisch,
wie das ist, dessen ich mich zeihe, es war doch nur ein Rausch der Phantasie,
der meine Sinne kaum gestreift hat. Ich glaubte die Schnheit, nach der meine
Seele lechzt, verkrpert zu sehen, bis der Wahn zerstob und ich inne wurde, da
alles, was das scheinbare Gtterwerk ber alles Irdische hinauszurcken schien,
nichts war als der Glanz, mit dem ich selbst es ausgestattet hatte, und wieder
einmal ein thrichter Pygmalion vor seiner Galathea kniete. Hunderte von Poeten
vor mir sind in denselben Wahn verfallen; hunderte werden es nach mir thun. Die
Bue blieb keinem aus, wird keinem ausbleiben. Da die meine so schwer sein soll
- ich habe noch stets die Folgen meiner Schwchen und Irrtmer willig auf mich
genommen. Ich wrde es mit diesen, so grausam sie sind, und in welchem
schreienden Miverhltnis sie mit meiner Verschuldung stehen, nicht anders
halten, wre es nicht um Dich, mein teures Weib. Ich spreche nicht von den
Kindern. Sie werden mich leicht vergessen, unschwer entbehren; und Kinder, die
eine Mutter haben, wie sie, knnen selbst in dieser mitleidslosen Welt nicht
untergehen. Aber Du! Du! die Du mich nie vergessen, nie mich entbehren lernen
wirst! Und nun den Kampf mit der Welt so weiter kmpfen mut ohne ihn, um dessen
willen Du Dein Kreuz willig auf Dich nahmst; ohne Freude, als die, welche Dir -
es ist mein letztes, innigstes Gebet - aus unsern Kindern erblhen mge! Lebe
wohl, Du Einzige! Beste! Und zum letztenmal: lebe wohl!
    Er hatte den Brief gesiegelt und zu den andern in den Umschlag gethan, der,
ebenfalls versiegelt, den Vermerk trug: Nach meinem Tode zu erffnen.
    Nun stand er am Fenster, gegen dessen kalte Scheiben er die fiebernde Stirn
drckte. Vier Uhr war schon vorber; um sieben pnktlich wollte Doktor Rodeck
ihn abholen. Der Freund hatte ihn dringend gebeten, sich whrend der Nacht Ruhe
zu gnnen: es komme alles darauf an, da er sich morgen frisch fhle, ein klares
Auge und eine sichere Hand habe. Und er war mde, so mde! Er wollte sich auf
das Sofa legen und stand doch immerfort am Fenster, in die Finsternis
hineinstarrend, whrend allerhand Bilder, die er nicht rief und nicht bannen
konnte, durch seine Seele zogen. Keine aus den letzten Tagen, die ausgelscht
schienen, als wren sie nie gewesen; alle aus der ferneren, aus der fernsten
Vergangenheit. Er war wieder der kleine Knabe, der mit einer langen Weidenrute
seine Gnse vor sich her durch die magern Stoppeln trieb, nach Hause, nach dem
Dorf da unten, aus dessen Schornsteinen die abendlichen Rauchwolken kerzengrade
in die bluliche Nebelluft stiegen. Oder er sa auf einem Felsblock, der aber
ein Thron war, von dem aus er, der Prinz, seine Getreuen musterte, die wie
Schafe aussahen, aber tapfere Ritter waren, mit denen er in den Krieg gegen
Heiden und Mohren ziehen wollte, welche die schne Prinzessin in dem sthlernen
Turm gefangen hielten. - Dann sagte ein Stimmchen: das ist ja alles dummes Zeug.
Ich bin keine Prinzessin, und gefangen bin ich auch nicht. Komm herunter! Du
wolltest mir schon gestern das Finkennest aus der Buche holen. Die kleinen Vgel
sind alle ausgeflogen, und ich habe das Nest so ntig fr meine Puppe, die kein
Kopfkissen hat. - Wozu braucht sie das? sagte er; sie hat ja keinen Kopf. - Den
siehst Du nur nicht, weil Du ein Junge bist, sagte sie; wenn Du ein Mdchen
wrst, knntest Du ihn ganz gut sehen. Nun mach', das Du herab kommst, oder ich
gehe nach Haus und dann kannst Du lange suchen, ehe Du eine findest, die Deine
dummen Geschichten mit anhren will. - Dann lag er im drren Laube auf dem
Rcken und sein Kopf auf ihrem Scho. Der Kopf that ihm weh, und sie hatte ein
blasses, verheultes Gesichtchen und sagte: er sei, als er schon dicht an dem
Nest war, auf einen morschen Ast getreten und so hoch heruntergestrzt, und sie
habe gemeint, er sei tot. Sie habe eine so grliche Angst gehabt; das Blut aus
dem groen Loch in der Stirn habe gar nicht stehen wollen, trotzdem sie ihre
Schrze in zwei Stcke gerissen und ihm immer eines auf die Wunde gedrckt habe,
whrend das andre da im Bach liege und auskhle.
    Er fuhr jh aus seinen halbwachen Trumen auf. Ganz deutlich hatte er
diesmal nicht einen Knaben, sondern einen Mann gesehen, der war er gewesen; und
sein Kopf, aus dessen Stirn das Blut in schwarzen Tropfen rann, hatte auf dem
Schoe einer Frau gelegen - ihrem Schoe. Und pltzlich hatte sie die Hnde ber
ihm zusammengekrampft und vor sich hinstierend ganz leise und doch mit
frchterliches Deutlichkeit gesagt: er ist tot!
    In wilder Verstrung blickte er um sich. Sie war nicht da. Er selbst mute
es gesagt haben. Stand er auf dem Punkte, verrckt zu werden?
    Um Gottes Barmherzigkeit nur das nicht! nicht das! Sie wrden sagen: er ist
es aus Furcht geworden! Die Schmach sollen sie mir nicht anthun drfen, die
hochmtigen Junker. Ich habe mich aus dem Heer der Armen und Elenden in ihre
Reihen gedrngt, Gott sei's geklagt! und trage die Strafe fr meine Felonie.
Damit sei es genug!
    Ein wilder Trotz war ber ihn gekommen. Er hatte sich auf das Sofa geworfen,
die Arme ber die Brust verschrnkt, eine schwere Falte zwischen den
zusammengezogenen Brauen ber den geschlossenen Augen.
    Abgerissene, wirre Worte kamen gemurmelt ber seine Lippen:
    Er konnte nicht schlafen - und hatte kein Frau, keine Kinder - das ist ja
nichts - Frau und Kinder, da liegt's - und wute, da er fr die Menschheit
starb, fr eine groe, heilige Idee - wofr sterbe ich? - einen Wahn, eine
Seifenblase - und hatte das Paradies vor sich - ich das Nichts - das de, leere
Nichts -
    Und kann doch schlafen - schlafen -

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


Am nchsten Morgen, kurz nach neun, kam durch den Nebel, der ber der Stadt lag
und mit jeder Minute dicker zu werden schien, von Westen her ein geschlossener
Wagen langsam die Ltzowstrae heraufgefahren, bog durch das Gitterthor des
Elisabeth-Krankenhauses und hielt vor dem Portale. Ein Schwerverwundeter wurde
ausgeladen und in ein Zimmer geschafft, das Dr. Herbert - einer von den zwei
Herren, die den Verwundeten begleiteten - tags zuvor den ihm befreundeten
Assistenzarzt der Anstalt auf alle Flle bereit zu halten gebeten hatte. Dr.
Rodeck, der andere der beiden Begleiter, blieb in dem Vorraum, whrend die
beiden jungen rzte mit dem Oberarzt, der sich alsbald eingefunden, ihre
Untersuchung anstellten. Dr. Rodeck war an das breite Fenster getreten und
starrte auf die entlaubten Bume des Gartens, durch deren Gespensterarme der
Nebel in grauen Schwaden zog. Das Furchtbare, das er whrend dieser letzten
Stunden erlebt, wollte ihm das Herz abdrcken; und nicht minder Furchtbares, ja,
das Furchtbarste von allem, erwartete ihn. Er seufzte tief auf und wandte sich
zu Dr. Herbert um, der aus dem Untersuchungszimmer zu ihm trat.
    Es ist, wie ich diagnosierte, sagte er leise: die Kugel hat ber dem
Jochbein rechts an der innern Schdelwand ihren Weg genommen und steckt hinten
an einer Stelle, die sich nicht mit Bestimmtheit ermitteln lie. Es kommt auch
wenig darauf an.
    Also keine Hoffnung?
    Gar keine. Er hat keine zwei Stunden mehr zu leben.
    Und wird nicht wieder zum Bewutsein kommen?
    Unmglich.
    O, mein Gott! mein Gott! murmelte Dr. Rodeck.
    Ja, lieber Freund, es ist ein saurer Gang; aber das hilft doch nun nicht.
Die arme Frau mu es jetzt erfahren. Kennen Sie sie?
    Ganz oberflchlich.
    Na, wie gesagt: Das hilft nun nicht. Ich will wieder zu dem Patienten. Es
ist ein interessanter Fall.
    Der junge Arzt war gegangen; Dr. Rodeck stand noch eine kleine Weile
versunken im Nachdenken ber die ersten Worte, mit denen er die rmste auf das
Grliche vorbereiten sollte; schttelte verzweifelt den Kopf; fhlte in der
Tasche nach den Schlsseln, die ihm Albrecht, bevor er sich aufstellte, gegeben
hatte; seufzte noch einmal; drckte mit einem jhen Entschlu den Hut fester in
die Stirn und verlie den Vorraum. -
    Ein paar Stunden spter - es ging bereits auf Mittag - sa Adele in der
Wohnstube, mit einer Nharbeit beschftigt, und wartete auf Klotilde, die aus
dem Logierzimmerchen noch immer nicht zum Vorschein gekommen war. Wahrscheinlich
kramte sie in den Sachen, die sie sich gestern abend spt aus ihrer Wohnung
hatte holen lassen.
    Wie sie fr so was noch Sinn haben kann - in einem solchen Augenblick -
unbegreiflich; sagte Adele bei sich.
    Was sollte daraus werden? Klotilde schien sich darber kaum Gedanken,
geschweige denn Sorge zu machen, trotzdem der Brief, den sie gestern auf
Andringen, man konnte sagen: auf Befehl Elimars an Viktor geschrieben hatte, bis
zur Stunde unbeantwortet geblieben war. Den Brief hatte sie weder ihr noch
Elimar zeigen wollen. Ihr werdet doch nicht damit zufrieden sein, hatte sie sich
entschuldigt. Ihr nehmt so was immer gleich tragisch. Das ist Unsinn. Ich kenne
Viktor. Sinn fr Humor hat er freilich auch nicht. Aber Sentimentalitt und
dergleichen kann er noch weniger leiden. Wenn man vernnftig mit ihm spricht,
nimmt er auch Vernunft an.
    Ich habe mich davon heute nicht berzeugen knnen, sagte Elimar.
    Ja, worber habt Ihr eigentlich verhandelt? rief Klotilde.
    Ich mu bitten, darber vorlufig schweigen zu drfen; erwiderte Elimar. Nur
so viel: die Sache steht nicht gut fr Sie, liebe Klotilde; nicht fr Sie und
fr keinen der Beteiligten. Ich rate Ihnen sehr ernstlich, sich auf Schlimmeres
gefat zu machen.
    Darber war denn doch Klotilde fr einen Augenblick stutzig geworden -
Elimar hatte es in einem so eigenen Ton gesagt, ordentlich feierlich - dann aber
hatte sie gleich wieder den Kopf geschttelt und gemeint: Ihr wollt mir nur
bange machen. Wirklich, Ihr kennt Viktor nicht. Er sollte einer solchen
nichtigen Farce willen - lcherlich!
    Sie will nicht hren; so wird sie denn wohl leider fhlen mssen, hatte
Elimar, als Klotilde aus dem Zimmer war, vor sich hingemurmelt.
    Weiter war er aber auch ihr gegenber mit seinen Mitteilungen nicht
gegangen, und sie hatte nicht mehr gefragt. Wenn Elimar schwieg, hatte er seine
guten Grnde. Das mute sie doch wissen.
    Aber er war gestern den ganzen Tag sichtbar verstimmt geblieben und hatte,
was Adele auffiel, Klotilde mglichst vermieden. Heute morgen hatte er sogar
noch ernster drein geblickt, fast kein Wort gesprochen und nur, als er auf sein
Bureau ging, kurz gesagt: Wenn etwas Besonders vorfallen sollte, kannst Du Karl
nach mir schicken. Er soll mich herausrufen lassen.
    Das war doch genug, um eine arme Frau in tausend ngste zu jagen! Und
Klotilde konnte whrenddessen an ihren albernen Garderobekram denken!
    Endlich!
    Klotilde kam herein in einem prachtvollen resedagrnen Schlafrock mit sehr
vielen Bndern und Schleifen.
    Verzeihung, Herz, ich habe heute lange gebraucht und Dich warten lassen. Die
dumme Person von Julie hat mir lauter falsche Sachen geschickt, trotzdem ich
ihr, wie Du weit, jedes Stck einzeln aufgeschrieben habe. Ich merke, ich bin
schon zu lange von Hause weg. Was siehst Du mich so wunderlich an? Du meinst:
und schon zu lange hier!
    Wie magst Du nur so sprechen!
    Lieber Schatz, ich bin Euch lstig. Das wrde mittlerweile auch eine andre
herausgebracht haben, die weniger scharfe Augen htte, als ich. Elimar behandelt
mich miserabel; und freundlichere Gesichter, als Du eben eins machst, habe ich
auch schon gesehen.
    Wie willst Du, da wir andere machen, wenn wir uns so um Dich ngstigen!
    Aber, um Gottes willen, weshalb? Ich wei ja ganz gut, was Deinem Manne -
und natrlich auch Dir - Ihr seid ja ein Herz und eine Seele - im Kopfe
herumgeht: da Viktor den Mann fordert. Ich habe es mir berlegt und bin zu dem
Resultat gekommen: Viktor wird sich hten. Was htte er davon? An seiner
Schneidigkeit zweifelt kein Mensch - von der hat er zu viele Beweise gegeben.
Nun, und groe Ehre ist doch nicht bei einem Duell zu holen, bei dem der andre
auf einer so viel tieferen gesellschaftlichen Stufe steht. Weiter! Viktor kennt
die Welt in seiner Weise recht gut und wei ganz genau: man kann ihr keinen
greren Gefallen thun, als wenn man ihr Stoff zum Skandal giebt. Er wird sich
hten in einem Augenblicke, wo er vor dem Regierungsrat hlt, wenn er nicht
einen Landratsposten vorzieht, zu dem ich dringend geraten habe. Er soll mich
nur gewhren lassen. Nur noch ein bichen etwas dreistere Flirtation mit
Excellenz - et le tour est fait.
    Klotilde machte ein paar triumphierende Schritte durch das Zimmer, blieb
dann wieder vor Adele stehen und fuhr fort:
    Und angenommen - das heit: ich nehme es nicht an - es kme zum Duell. Was
wre denn dabei so Auerordentliches? Die Herren fordern einander um ein
unberlegtes Wort; schon wenn einer den andern fixiert, wie sie es nennen.
Viktor renommiert mit den vielen Duellen, die er gehabt hat. Er sagt zwanzig. Es
ist mglich - ich bin nicht dabei gewesen. So viel ist gewi: er wird nicht den
krzeren ziehen.
    Aber der Professor!
    Sehr wahrscheinlich.
    Und Klotilde begann wieder ihre Wanderung durch das Zimmer.
    Adele blickte ratlos vor sich hin; Klotilde wurde ihr immer rtselhafter.
    Aber Du mut den Mann doch geliebt haben! rief sie ganz verzweifelt.
    Keinen Moment! sagte Klotilde.
    Sie war, Adele den Rcken wendend, an eine Etagre getreten uns schob die
dort aufgestellten Nippes durcheinander.
    Das heit - offen gestanden - ich bin gar nicht sicher, ob ich genau wei,
was Liebe ist. Giebt es berhaupt welche und ist nicht alles blo eine faon de
parler? Nach meinen Beobachtungen wenigstens reden sich die Leute so was immer
nur ein, um es sich nach einiger Zeit, wenn sie davon genug, wieder auszureden.
So viel glaube ich aber davon zu verstehen, da man einen Mann nicht lieben
kann, der so groe rote Hnde hat.
    Mein Gott, ich habe auch rote Hnde, rief Adele klglich.
    Aber sie sind nicht gro, sagte Klotilde, zu ihr zurckkommend und sich vor
ihr auf einen Sessel setzend. Zeig mal her! Sie sind wirklich ein bichen rot.
Aber wie kannst Du es anders verlangen, wenn Du so in der Wirtschaft aufgehst,
wie ich es gestern und heute zu meinem Entsetzen beobachtet habe. Du spielst ja
Deine eigene Jungfer! und Kchin dazu! Ganz unntigerweise, meine ich: man
erzieht sich damit nur faule Leute. Aber, wenn Du es durchaus nicht lassen
kannst, so trage wenigstens in der Nacht Handschuhe, nachdem Du vorher die Hnde
- nur ganz leicht - mit crme Simon -
    Sie brach pltzlich ab: an der Schelle der Flurthr war heftig gerissen
worden. Dann auf dem Flur eine fremde Stimme, der das Mdchen etwas erwiderte.
Dann hastige Schritte nach dem Salon zu. Die Thr flog auf und herein strzte
eine kleine, untersetzte Frau in wenig modischer Kleidung, bei deren Anblick
Adele einen Schrei ausstie und Klotilde, vom Sessel emporschnellend,
erbleichte.
    Sie hatten Klara nur einmal auf dem Balle bei Sudenburgs gesehen; aber auch
ohne das htten sie gewut, wer es war.
    Frchten Sie nichts, sagte Klara zu Adele mit seltsam heiseren Ton; ich hab'
es nur mit der da zu thun.
    Sie schritt auf Klotilde zu.
    Was wollen Sie von mir? murmelte Klotilde, zurckweichend.
    Meinen Mann will ich! schrie Klara mit jetzt gellender Stimme. Meinen Mann,
den Sie mir gemordet haben!
    Du grundgtiger Gott! sthnte Adele, ihr Gesicht in die Hnde drckend.
Klotilde hatte instinktiv eine Bewegung nach der Thr des Speisezimmers gemacht;
Klara war ihr in den Weg getreten.
    O ja! Unglck anrichten, das kann man! dem Unglck, das man angerichtet hat,
ins Gesicht sehen, das kann man nicht!
    Liebe, beste Frau Professor, sagte Adele; ich -
    Schweigen Sie doch! rief Klara. Mit Ihnen habe ich ja nichts zu schaffen. Zu
Ihnen wre ich nicht gekommen, wenn man mir nicht gesagt htte, da ich diese
hier finden wrde - diese elende Person!
    Hten Sie Ihre Zunge! sagte Klotilde mit einem gewaltsamen Versuch, die
vornehme Dame herauszukehren.
    Hten Sie Ihre hochmtige Fratze! schrie Klara, mit funkelnden Augen und
gespreizten Hnden vor sie hintretend, so da sie abermals erschrocken
zurckwich. Sehen Sie mich nicht an, als wre ich verrckt! Danken Sie Gott, da
ich es nicht bin! Oder ich schlge Ihnen meine Ngel in Ihre geschminkten Backen
und zeichnete Sie, wie Sie es verdienen!
    Genug! sagte Klotilde, jetzt mit Entschlossenheit auf die Thr zugehend.
Aber sie hatte noch nicht zwei Schritte gemacht, als sie von Klara am Handgelenk
gepackt und mit solcher Kraft zurckgeschleudert wurde, da sie, vor Schmerz
sthnend, auf dem Sofa zusammenknickte.
    Aber auch Klaras tobende Wut schien gebrochen. Sie fuhr sich mit beiden
Hnden an den Kopf, auf dem unter dem verdrckten Hut das gelbblonde, krause
Haar in wirren Strhnen hervorquoll, und murmelte: Was habe ich nur gewollt? was
habe ich nur gewollt?
    Pltzlich lie sie die Hnde wieder fallen. Ihr vorher gertetes Gesicht war
todbleich; ihre tief in die Hhlen zurckgesunkenen Augen hatten einen glsern
starren Ausdruck, und ihre Stimme, als sie nun wieder zu sprechen anhub, klang
unheimlich ruhig:
    Das war's! Meinen Mann, dem ich vor einer Stunde die Augen zugedrckt habe,
konnten Sie mir nicht wiedergeben; unseren verwaisten Kindern nicht ihren Vater.
Aber ohne meinen Fluch sollen Sie doch nicht weiter leben. Kokettieren und
grimassieren und buhlen Sie nur so weiter - seien Sie sicher, mein Fluch
begleitet Sie auf Tritt und Schritt! Und der blutige Schatten des, dem Sie sein
frhes Grab gegraben haben. Ja, verflucht, tausendmal verflucht sei fortan Ihr
Leben! Es mte keinen Gott im Himmel geben, bliebe das ungehrt.
    Sie hatte sich zu Adele gewandt:
    Man sagte mir, da Sie eine gute Frau sind, Sie wrden auch sonst nicht so
weinen. Dann jagen Sie die da von Ihrer Schwelle! Die gehrt in kein reines
Haus. - Leben Sie wohl!
    Erlauben Sie, gndige Frau, da ich Sie begleite!
    Elimar stand in dem Zimmer, in Uniform, den Sbel an der Seite, die Mtze in
der Hand, wie er vor einer Minute in sein Arbeitskabinett vom Flur aus getreten
war. Niemand hatte ihn komme hren.
    Wer sind Sie! sagte Klara, einen irren Blick auf ihn heftend.
    Ein Freund, erwiderte Elimar, den sie nicht zurckweisen werden. Sie
bedrfen jetzt eines Freundes. Bitte, nehmen Sie meinen Arm!
    Es war ein so herzlicher Klang in seiner tiefen Stimme. Klara schaute zu der
hohen Gestalt hinauf - nicht mehr irr: mit groen Augen, aus denen pltzlich die
Thrnen stromweis strzten. Sie hatte seine Hand ergriffen und wollte sie an
ihren Mund drcken.
    Nicht doch! nicht doch! sagte er abwehrend. Kommen Sie!
    Er hatte ihren Arm in den seinen gelegt und mit ihr das Zimmer verlassen,
Adelen mit den Augen winkend. Fr Klotilde hatte er keinen Blick gehabt.
    Die Flurthr war gegangen, auf dem Korridor war es wieder still. Adele,
unfhig zu sprechen, hatte sich ber ihren Nhkorb gebeugt, in den von ihren
Wimpern Tropfen um Tropfen fiel.
    Pltzlich schreckte sie auf bei einem seltsamen Schrei, der hinter ihr
erscholl und halb wie lautes Schluchzen, halb wie gellendes Lachen klang.
    Klotilde lag vor dem Sofa auf den Knieen; das Gesicht in die flachen Hnde
pressend, whrend der schlanke Leib in krampfhaftem Weinen zuckte.
