
                                Scheerbart, Paul

                         Tarub, Bagdads berhmte Kchin

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                                Paul Scheerbart

                         Tarub, Bagdads berhmte Kchin

                          Ein arabischer Kultur-Roman

                                 Erstes Kapitel

Helles Gelchter scholl durch ganz Bagdad. Der Prinz Ali war aus gypten
zurckgekehrt. Und er war gekommen hoch zu Ro mit stolzem Gefolge. Doch das
Ro, auf dem der Prinz sa, war ein Schimmel gewesen. Und diesen Schimmel hatte
der Prinz grn frben lassen. Da mute natrlich ganz Bagdad hell auflachen.
Alis grner Schimmel war ein Ereignis.
    Es hatte sich wieder einmal gezeigt, wie gut es der Prinz verstand, von sich
reden zu machen. Kein Mensch wurde klug aus diesem Ali. War er durch sein
Selbstbewutsein wirklich geschmacklos geworden? Oder gab er sich nur so
geschmacklos aus Berechnung? Wre der Schimmel nach alter Sitte mit Henna rot
gefrbt gewesen, dann wrde Niemand gelacht haben - doch grn? Nein, das ging
bern Spa.
    Man konnte sich ja erklren, was sich der Prinz gedacht hatte - er wollte
die neue Farbe der Abbassiden zu hheren Ehren bringen. Einst glnzte das Haus
Abbas unter der schwarzen Flagge. Diese schwarze Flagge vertauschte man spter
mit der grnen. Das gefiel nun dem jungen Ali so gut, da er die neue Farbe
seines Hauses berall sehen wollte. Und so mute denn schlielich auch der
Schimmel - grn werden.
    Unglaublich!
    Unzhlige Sterne glnzen aus dem tiefblauen Himmel auf Bagdad hinab; sie
spiegeln sich in den lauen Fluten des Tigris, und an den bunten Kacheln der
Minarette, der Palast- und Moscheekuppeln werden auch die Glanzlichter der
Sternenwelt glitzernd umhergestrahlt. Die Chalifenburg mit ihren prchtigen
Trmen, Kiosken und Galerieen hebt sich hoch heraus aus dem Husergewirr der
groen Stadt, aus der ein Nebeldunst - magisch leuchtend - aufsteigt. Und am
Tigris entlang leuchten die weien Mauern der Landhuser; in deren Grten
schwanken die ruhigen Palmen im Abendwinde ...
    Aber aus den Straen und Gassen der herrlichen Stadt schallt helles
Gelchter zu den ewigen Sternen empor. Jetzt endlich in der stillen Nacht kann
ganz Bagdad lachen nach Herzenslust, denn der Prinz Ali hrt das Lachen nicht;
der ruht schon wieder in den weiten khlen Prunkgemchern der Chalifenburg von
seinen vielen Reisen aus. Der Chalif Mutadid hat seinen Sohn wohlwollend
empfangen, und die Sklaven eilen in den Palsten auf den Zehen umher, um die
Ruhe des gefeierten Prinzen nicht zu stren.
    Wie Ali am frhen Morgen auf seinem grnen Schimmel durch das groe Tor im
Westen stolz hineinritt in die festlich geschmckte Stadt, da muten seine
Kammerdiener Goldmnzen unter die Menge streuen. Dadurch entstand ein wstes
Geschrei. Kein Araber war zu stolz. Alle balgten sich um die Goldstcke, soda
es viele blutige Kpfe gab.
    Durch die langen breiten Straen, die zur Chalifenburg fhren, zog der lange
Zug des stattlichen Gefolges auf Pferden und Kamelen unter betubendem Lrm
dahin. Das Volk jubelte wie rasend dem freigebigen Prinzen zu. Es wurde beim
Herumschwirren der Goldstcke gejohlt und gelacht - als htte sich der blaue
Himmel aufgetan, wie wenn sich die Huris aus dem Paradiese zur Erde
niederbeugten.
    Jetzt ist es Nacht, und die Araber freuen sich ber das blanke Gold. Sie
werfen jetzt die Mnzen ebenso verschwenderisch wie die Prinzen auf die Strae.
Die guten Araber geben das gute Gold den dicken Weinhndlern, guten Freunden und
lustig lachenden Mdchen. Dabei fllt ihnen aber der grne Schimmel fters
wieder ein - und ber den freuen sich Alle schlielich noch viel mehr als ber
das Gold.
    Der Prinz Ali ist ein guter Mensch, aber die Brger Bagdads lachen ihn doch
von ganzem Herzen aus. Und wenn er noch viel viel besser wre, sie wrden ihn
trotzdem auslachen. In dieser Nacht tragen die reichen Jnglinge Bagdads ihre
Sbel an grnen Schrpen, um das Volk an Ali zu erinnern. Das Volk versteht den
Scherz und lacht darber immer wieder von Neuem - immer wieder von Neuem.
    Ausgelassene Spottlieder, wste Zechgesnge, mekkanische und persische
Liebesweisentolle wilde Jubelstrme brausen und wogen durch die Straen und
Gassen der herrlichen Chalifenstadt. In allen Weinkneipen, in den Buden, in
denen getanzt wird, in den Husern, in denen reizende Sngerinnen mit feiner
Kunst zu singen verstehen - berall wird geprat und gezecht.
    Eine sehr lustige Nacht!
    Abseits in einem kleinen Gchen steht vor seiner Haustr ein christlicher
Weinhndler mit einem alten Parsenpriester im Gesprch. Sie schtteln sich beide
Hnde zum Abschied. Doch der Wirt redet noch immer, obgleich der Priester Eile
zu haben scheint. Der christliche Wirt sagt:
    Bedenkt nur das Eine! 892 Jahre, man schreibe und sage:
achthundertundzweiundneunzig Jahre - die sind nun schon vergangen, seit Christus
geboren ward, und seine Lehren sind hier noch immer verachtet. Man lt wohl uns
Christen in Ruh, lt uns auch unsern Glauben - aber das beweist doch nur, da
sich diese Araber garnicht um religise Dinge kmmern, ihnen ist die Religion
berhaupt ganz gleichgltig - selbst ihre eigene. In Bagdad gibt es gar keine
Religion mehr.
    Der Christ schttelt traurig den Kopf.
    Der Parse versetzt aber hastig:
    Verzeiht! Ihr bertreibt! In nchster Woche hol ich Euch ab. Die Parsen -
die sollt Ihr kennenlernen - die haben noch Religion.
    Der Parse entfernt sich schnell, als wenn er wirklich Eile hat.
    Whrenddem hrt man auch hier wieder heisre Zecherstimmen erschallen. Im
Keller des Weinhndlers ruft man laut und herrisch nach dem christlichen Wein.
Inde - der Wirt zgert noch; auf der andren Seite der Gasse sieht er zwei
bekannte Dichter vorberwandeln, die grt er erst noch - recht freundlich. Dann
jedoch verschwindet der Christ; er darf seine Gste nicht warten lassen.
    Die beiden arabischen Dichter haben den Gru des Christen garnicht erwidert.
Sie sind mit ihren eigenen Gedanken so sehr beschftigt, da sie den allgemeinen
Jubel nicht mehr mitempfinden.
    Suleiman, der ltere Dichter, trumte so im Gehen, er wre der Chalif Harun
und neben ihm plauderten indische Mrchenerzhlerinnen von den Tempeln ihrer
Gtter am fernen Ganges. Der alte Dichter glaubte zu hren, wie neben ihm die
nackten Fe der Mdchen sich weich und gelenkig in den feuchten Sand schmiegten
und wie unter den gekrallten kleinen Zehen die Steinchen knirschten. Dann dachte
der Alte an die schlanken Tnzerinnen, die er gestern abend unter einem jener
rotseidenen Zelte auf dem Karawanenplatze bewundert hatte. Die Tnzerinnen sahen
sehr schn und prchtig aus. Er aber - ach! - er hatte sich unter jenem
rotseidenen Zelte seines alten geflickten Ehrenkleides geschmt - eine sehr
peinliche Erinnerung! Dieses Ehrenkleid war ein Geschenk des Chalifen
Motawakkil. Doch der lag lngst im Grabe. Suleiman seufzte, nickte mit dem Kopfe
so vor sich hin und murmelte was.
    Safur, der den Suleiman begleitete, hrte das Murmeln und erriet gleich den
Gedankengang des alten Freundes, denn sie gingen an einem seltsamen Hause
vorber. ber dessen Eingangspforte befanden sich kleine Fenster mit eisernen
Stben. Hinter den Stben saen Schneider bei hellem Lampenlicht und nhten
fleiig. Sie nhten unzhlige kostbare Gewnder fr die Chalifenburg. Und diese
kostbaren Gewnder blieben nicht in der Burg; sie wanderten als Geschenke, als
Ehrenkleider aus den groen Palsten hinaus in die weite Welt nach allen
Himmelsrichtungen bis nach gypten und Persien, bis nach Indien und Afrika, ja -
bis nach China und Spanien. Der Chalif hatte sehr sehr viel - zu verschenken.
    Safur, der jngere Dichter, wute das Alles, lchelte und fragte den lteren
Dichter listig:
    Nun? Denkst Du an Dein Ehrenkleid?
    Suleiman, unter dessen braunem Gesicht ein gut gepflegter weier Spitzbart
glnzte, blickte traurig auf sein Gewand. Das war einst gute Seide gewesen -
ledergelb mit groen lilafarbigen persischen Blumen. Auf dem Rcken des
Ehrenkleides sah man noch das groe Wappen des Chalifen - schwarze schwungvolle
Schriftzge. Die helleren Farben des Kaftans waren nicht mehr ganz reinlich, an
vielen Stellen etwas blank und fettig, und an den rmeln und unter den Knieen
zeigten sich kleine Lcher und groe Flicken.
    Suleiman grtete seinen alten lilafarbigen Seidengurt fester um die Lenden
und schaute unter seinem nicht sehr reinen weien Leinenturban dem jungen Safur
lange nachdenklich ins Gesicht.
    Safur ging in Beduinentracht. Sein langes, hellblau und braun gestreiftes
Gewand, das aus dnner Baumwolle bestand, hing ihm faltig ins Gesicht. Ein alter
Lederriemen schnallte das Tuch um Stirn und Hinterkopf zusammen. Die hellblauen
und braunen Streifen des feinen Kleides schlotterten lssig mitgezogen in
unregelmigen Falten um Krper und Beine herum - was sehr reizvoll aussah - was
Safur wute.
    Die nchste Gasse ist leider sehr schmutzig, und die Sandalen der Dichter
werden na, ihre braunen Fe desgleichen. Safur flucht, hebt sein Kleid
vorsichtig mit den braunen hagren Fingern hher und rgert sich - ber die
Pftzen und ber manches Andre.
    Jetzt, ruft er wtend, macht ein grner Schimmel ein greres Aufsehen
als die beste Kasside. Gute Verse werden heute schon schlechter bezahlt als rote
Pantoffeln, die allerdings in den Pftzen Bagdads sehr wertvoll sind ...
    Der gutmtige Suleiman hat seine Not mit dem rgerlichen, versteht es aber -
zu trsten, sagt so ganz ruhig:
    Sieh, Safur! Der Schmutz der Gasse ist noch nicht das Schlimmste auf dieser
schlimmen Welt. Was Besondres haben wir ja nicht vor. Unsre Sandalen werden
schon wieder trocken werden. Nebenbei - wundern mu ich mich denn doch, da Du
Dich gleichzeitig ber den geringen Preis rgerst, den man heute fr gute Verse
zu erhalten pflegt. Warum machst Du nicht ein Lobgedicht auf unsern alten
Geizhals Said ibn Selm? Der ist doch fr Lobgedichte immer zu haben, wrde sich
ber Safurs Verse sehr freuen und sie sehr gut bezahlen.
    Das Lobgedicht kannst Du machen, versetzt ingrimmig der jngere Dichter.
    Und Suleiman meint drauf lchelnd: Oh! Oh! Das will ich mir gesagt sein
lassen. Hast Recht! Ein alter Dichter braucht auch viel eher einen reichen
Freund als ein junger Mensch, wie Du einer bist.
    Die nchste Gasse ist wieder trockner, und Safur wird wieder freundlich. Er
legt seinen rechten Unterarm auf den linken des alten Suleiman und plaudert -
von Tarub.
    Dem Alten wird ein bichen neidisch zu Mute, er spricht bitter: Ja! Wer
eine Tarub hat, der kann stolz sein! Der hats nicht ntig, einen Said ibn Selm
zu loben. Aber erzhl mir nicht mehr von ihr! Erzhl mir lieber, was Du jetzt
als Dichter vorhast!
    Der zart empfindende Safur hrt auch gleich von der Tarub auf und teilt
seinem alten Freunde - fast zitternd vor Erregung - mit, da er unter die
Beduinen gehen mchte. Er habe krzlich wieder die Antarsage gelesen und sei
ganz toll geworden, schwrme nur noch fr die blauugigen Dschinnen, jene wilden
schwarzen Wstengeister, die auf feurigen Hengsten nachts durch die Wste jagen,
um die Karawanen zu verfolgen. An die Tarub dachte pltzlich der leicht
erregbare Dichter ganz und gar nicht mehr; aber vom Knig Saiduk, jenem
Geisterknig, der nur die Dschinnen - niemals einen Menschen sehen durfte,
konnte Safur nicht genug erzhlen. Mir geht es, fuhr er mit brennenden Augen
fort, fast genauso wie dem Knig Saiduk. Mir ist immer so, als mt ich wie
Saiduk beim Anblick eines Menschen sterben. Nur die Dschinnen kann ich ohne
Furcht sehen. Die Gespenster sind meine Freunde; die erregen mein Blut. Oh, ich
liebe die Dschinnen und mchte nur Verse machen, in denen hei und toll die
rasenden Wstengeister herumsprengen auf ihren feurigen Hengsten. Meine Verse
mssen so heftig werden, da Jeder, der sie hrt, zittern soll vor Erregung. Das
ganze Gespensterreich der Wste mcht ich nach Bagdad bringen, damit Bagdads
faule Dickbuche mal aufgerttelt werden. Aber wie die Geschichten anfangen und
enden sollen, das ist mir leider noch ganz unklar. Das ist hlich! Das macht
mich recht besorgt. Wer wei, ob ich was fertigbringe! Eigentlich bin ich ja
noch niemals zu was gekommen. Jeden Tag will ich was Andres, denn jeden Tag soll
und mu ich auch was Andres. Ich hr jetzt allerdings jeden Abend ein so
seltsames Gesumm, als wenn die Dschinnen in der Nhe sind.
    Und er horcht aufmerksam in die Nachtluft hinein, in der Kfer zirpen und
Nachtfalter herumflattern. Der alte Suleiman wird ganz still; er fhlt, da er
dem jngeren Freunde nicht zu folgen vermag. Er lebte zu allen Zeiten in der
Mrchenwelt, die vor achtzig Jahren unter Haruns Regierung die Dichter
beschftigte. Suleiman liebt das Liebliche; er trumt nicht gern von
Gespenstern; Mrchenprinzen und lustige Zaubrer sind ihm viel angenehmer. Die
Wstengeister sind dem alten Dichter ganz fremde Wesen, die er nicht leiden
kann, da sie ihn erschrecken. Das Jhe, Strmische, Gespensterhafte ist nichts
fr Suleiman; dessen Trume sind still und sanft.
    Doch jetzt kommen die Beiden in die breiteren Straen; da ist es lauter. Man
hrt berall Singen, Lachen und Lrmen. Lustige Zecher schwanken Arm in Arm wie
vom Winde verwehte Papyrusrollen in Zickzacklinien vorber.
    Vor der groen Moschee prgeln sich ein paar betrunkne Kameltreiber - ihre
Kamele sehen verwundert zu, alte Frauen schreien, und das Volk, das gemchlich
daneben steht, lacht.
    Safur und Suleiman biegen rechts ab in einen schmalen Gang, der Erstere
voran. Sie gehn hintereinander schweigend einher an einem niedrigen Bretterzaun
entlang, ber den sie hinberblicken knnen. Es liegt ein groer Garten hinter
dem Bretterzaun. Neben den mit bunten spiegelglatten Fliesen gepflasterten
Fuwegen des Gartens sind ber den Erdboden kurz geschorene Rasen gebettet, auf
denen einzeln groe rote Tulpen blhen. Weiterhin pltschern kleine
Springbrunnen in groen Teichen, die vom Sternenlicht durchstrahlt mit ihren
kleinen Wellen glitzern und funkeln wie ein Heer arabischer Krieger mit blanken
Helmen und blitzenden Damascenerklingen.
    Lorbeeralleen verdunkeln die weiter hinten gelegenen Parkanlagen. Neben den
Teichen ragen hohe Palmen in den Sternenhimmel hinauf. Die Dichter gehen noch an
Myrtengebschen vorbei und gelangen dann durch eine offne Tr in den groen
Park. Still wandeln sie hier auf den bunten Fliesen der Fupfade weiter. Safur
denkt an seine Wstengeister, und Suleiman sucht nach einem feinen Ausdruck fr
tiefe Gartenstille, in den Vers soll sich gleich Erwartungsstimmung mit
hineinweben.
    In der Mitte des Parks steht ein leicht gebautes Sommerhaus mit weiten
indischen Galerieen; in deren zierlichen Spitzbgen schaukeln sich
Papier-Ampeln, die ganz mit grellbunten Vgeln bemalt sind. Vor der groen
Hallenpforte kauern verdrossen ein paar nubische Sklaven mit krausem Wollhaar.
    Der alte Suleiman sagt zu einem der jngeren Nubier:
    Geh hinein und sage dem dicken Kodama, er mchte hinauskommen, wir mten
zur Sternwarte, der Mond wr schon aufgegangen, und die Mondfinsternis wr auch
bald da. Geh schnell! Und der Dichter zeigt dem Nubier den Halbmond, der jetzt
ber die dunklen Lorbeeralleen im Osten in den Garten schaut. Der Sklave rennt
eilig von dannen.
    Aus den inneren Gemchern des leicht gebauten Sommerhauses dringen jetzt
reine volle Saitentne heraus. Weiche Frauenstimmen schallen hell und wonnig
dazwischen. Die Tne schwellen an und suseln dann wieder, dann hpfen sie,
trllern, locken und girren wie Tauben, klagen auch sehnenvoll wie verlassene
Geliebte, murren und necken, reizen und beruhigen ...
    Es sind die Sngerinnen der alten Dschellabany. Die singen vor den reichen
Jnglingen Bagdads und trinken mit ihnen feurigen Wein. Ein wildes indisches
Freudenlied jubelt durch die ppigen Sle.
    Die Dichter warten drauen.
    Pltzlich wirds still.
    Und von zwei Fackeltrgern grell beleuchtet, schreitet eilig eine stattliche
schne Negerin durch die mit herrlich durchbrochenen Zierleisten umrahmte
Hallenpforte hindurch. Die schwarze Schne streckt den beiden Dichtern die
vollen schwarzen Arme entgegen. Ihre goldenen Armspangen glhen im grellen
Fackelschein. Ein Perlendiadem schmckt ihr schwarzes Haar. Ihre Brust hebt sich
in raschen Atemzgen unter schneeweiem Linnenzeug.
    Die Schwarze bittet die Dichter, sehr erregt mit den Armen herumfuchtelnd,
ihr zu folgen; sie meint, Kodama komme ja sofort mit und bis zur Sternwarte seis
doch nicht so weit. Sie deutet dabei auf ihren breiten grnen Lendengurt, der an
Alis grnen Schimmel gemahnen soll.
    Das Grn des seidenen faltigen Grtels unter dem weien lockeren Busentuche
hebt sich prchtig von den weiten rotseidenen Beinkleidern ab, die unten am
schwarzen Fuknchel zusammengeschnrt sind, soda die rote Seide in bauschigen
Falten berhngt und fast die Steinfliesen streift.
    Jedoch die Dichter wollen nicht mitkommen. - Safur sagt: Das kennen wir
schon! Wenn wir zu Euch hineingehen, so gehen wir nicht sobald wieder hinaus!
    Die stattliche Negerin nestelt verlegen an ihrer dicken Perlenschnur, die
ihren starken Nacken umkrnzt - mu dann aber mit ihren Fackeltrgern ohne die
beiden Dichter - abgehen.
    Wieder klingen die Saitentne und die hellen hallenden Frauenstimmen durch
das Sommerhaus der alten Dschellabany, vor deren gastlicher Tr Safur und
Suleiman geduldig warten und den Halbmond betrachten.
    Und nach einer guten Weile kommt dann der Kodama, Bagdads dickster
Gelehrter, auch endlich zum Vorschein. Er ruft rgerlich: Na, ein Glas Wein
httet Ihr doch noch trinken knnen! Inde die Dichter zeigen lchelnd auf den
Halbmond und erklren dem Kodama, da die Mondfinsternis sehr bald eintreten
msse.
    Die Drei begeben sich daher ohne weiteren Verzug zusammen zur Sternwarte,
die einst der gebildete Chalif Mamun fr die Astronomen mit groen Kosten
erbauen lie.
    Das weite Himmelszelt mit seinen Sternen funkelt.
    Der Halbmond steht drben im Osten ber den Lorbeeralleen.
    Der Garten ist still, nur die Springbrunnen pltschern.
    
    Die roten Tulpen auf den geschorenen Rasen leuchten wie kleine rote Flammen.
    Im lauen Nachtwind schaukeln langsam die ruhigen Palmen.
    Aus der Ferne ganz leise dringt von den Gartenmauern hernieder der Lrm der
groen Stadt.
    Die Drei wandeln schweigend zur Sternwarte.
    Bagdads Lachen verhallt.

                                Zweites Kapitel


Hoch oben auf dem Mittelturm der Sternwarte schaut der Sterndeuter Abu Maschar
durch ein dreieckiges Blechrohr zum schwarzen Saturn.
    In seinem weien Beduinengewande steht Abu Maschar da oben unter den Sternen
wie ein Gespenst. Ein pechschwarzer Vollbart wallt ihm bis auf den ledernen
Leibgurt hinab. Zur Rechten und zur Linken des Sterndeuters stehen hohe
wunderliche Megerte. Auf dem alten, sehr breiten Holzgelnder sind lange
Papierstreifen - mit Bleistcken beschwert - ausgebreitet. Und uralte vergilbte
Bcherrollen liegen am Boden.
    Abu Maschar murmelt was in seinen schwarzen Bart, er murmelt in einer
unverstndlichen Sprache, die wohl nur die Brger Alt-Babylons verstanden
htten. Er schreibt dabei Zahlen auf einen der langen Papierstreifen und blickt
dann stolz nach allen Seiten umher - in die groe funkelnde Sternenwelt. In
seinem braunen Antlitz leuchten die groen schwarzen Augen unheimlich auf, sie
starren in das tiefe Himmelsblau, als wenn sie Geister shen ... Abu Maschar
steht still - gebannt - wie eine Bildsule.
    Die Sternwarte war eigentlich eine Ruine.
    Bald nach Mamuns Tode hatten sich Ruber der Sternwarte bemchtigt, da nach
Mamuns Tode fast Niemand mehr Geld fr die Himmelskunde erbrigen wollte.
    Als man nun spter dahinterkam, da sich in den fnf Trmen, auf denen sonst
nur gelehrte Mnner emsig arbeiteten, Ruber verborgen hielten, ward das
prchtige Bauwerk von den Soldaten eines arabischen Hauptmanns gestrmt. Und bei
diesem Sturm strzten zwei Trme um und begruben viele Ruber und Soldaten unter
ihren Trmmern. Auf dem Schutt wchst jetzt Gras mit wilden Blumen.
    Die Trme hatten einen Halbkreis gebildet und waren durch vier schwere
Holzbrcken miteinander verbunden;
    von diesen berlebten nur zwei den Sturm des Hauptmanns.
    Vom Mittelpunkte der durch die fnf Trme gegebenen Kreislinie aus hatte
eine mit Backsteinen erbaute feste Treppe fast bis zur Spitze des Mittelturmes
gefhrt. Diese Treppe war bei dem Kampf mit den Rubern auch ber den Haufen
geworfen worden.
    ber den Trmmern der Treppe wchst nun gleichfalls Gras.
    Nur das oberste Stck der Treppe hngt noch wie ein Widerhaken oben am
Mittelturm, auf dem Abu Maschar wie eine Bildsule dasteht.
    Die beiden andern Trme erreichen nicht dieselbe Hhe wie der, welcher einst
der mittlere gewesen; der diesem zunchst gelegene sieht sogar recht niedrig aus
- dafr geht er allerdings mehr in die Breite, befindet sich doch in seiner
Spitze der groe Empfangssaal, in dem die Astronomen einst von Mamun die
frstlichen Geschenke empfingen.
    Auf dem groen fnfeckigen Altan, der vor dem Empfangssaal hoch ber den
Palmen in den Garten hinausragt, spricht der berhmte Astronom Al Battany mit
Jakuby, dem groen Weltreisenden, ber die Wissenschaft ...
    Al Battany hat die Sternwarte wieder bewohnbar gemacht. Mit seinen
wissenschaftlichen Instrumenten sitzt er oft im dritten der drei noch brig
gebliebenen Trme. Im Empfangssaal pflegt er seine Freunde zu empfangen, die
dort gern aus- und eingehen und besonders gern auf dem fnfeckigen Altane
weilen, der sich auf der Auenseite des durch die drei Trme beschriebenen
Kreisabschnittes befindet.
    Der Empfangssaal mit dem Altan wird von den bedeutendsten Mnnern Bagdads
besucht. Die Freunde des reichen Battany, der sich, wenn er allein sein will, in
sein nicht weitab am Tigris gelegenes Landhaus begibt, sind zum grten Teil
nicht sehr wohlhabend - das aber beeintrchtigt ihre Bedeutung nicht im
Geringsten ...
    In der Tiefe des Gartens unterm Altan und zwischen den Trmmern reiten zwei
Mongolen mit langen Lanzen auf schumenden Rossen langsam, fast schleichend auf
und ab. Die gelben Mongolen mit ihren blanken Helmen wachen in jeder Nacht, auf
da kein Unberufener feindselig nahe. Die Mongolen stehen im Solde des reichen
Al Battany, der auch ein Dutzend schwarzer Sklaven in den unteren Gelassen der
Trme verteilte. Hunde sind aber nicht da.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Tiefernst ist das Gesprch zwischen dem groen Astronomen und dem groen
Weltreisenden, der Jakuby heit. Die Beiden ergrnden oben auf dem fnfeckigen
Altan die Bedeutung der arabischen Literatur.
    Der Battany schliet eine lngere Auseinandersetzung ber Bagdads
Gelehrtenwelt mit den folgenden heftigen Worten:
    berhaupt - was weit Du von unsren wissenschaftlichen Bestrebungen? Du
pilgerst durch alle Lnder und schreibst Dir alles auf, was Du hrst und was Dir
grade zufllig dicht vor die Nase gefhrt wird. Was verstehst Du von Bagdader
Zustnden und Verhltnissen? Garnichts - mehr als garnichts, denn Du pflegst
alles falsch aufzufassen. Der berhmte Geograph Jakuby denkt natrlich garnicht
daran, da er sich jemals irren knnte - ih, wo wird er denn! Du bist
beneidenswert!
    Und bei diesen Worten hob der Astronom bald den rechten, bald den linken
Arm, bald beide Arme zugleich hchst malerisch - wenn auch etwas zu schnell - in
die Hhe. Malerisch sah das aus, weil bei dieser Armbewegung eine dunkelblaue
Sammettoga mit dicker Goldstickerei prchtige, weit aufschweifende Falten warf.
Der Astronom verehrte sehr die alten Griechen; er hatte sich ganz abenteuerliche
Vorstellungen von dem wissenschaftlichen Geist des Aristoteles gebildet, soda
er schlielich nicht umhin konnte, eine dunkelblaue Sammettoga mit dicker
Goldstickerei zu tragen. Den Aristoteles kannte der Gelehrte natrlich nur vom
Hrensagen - er verstand nicht einmal so viel Syrisch, um den alten Griechen in
syrischen bersetzungen zu lesen - geschweige denn im Urtext ...
    Daher durfte man sich auch nicht wundern, da der berhmteste Astronom
Bagdads gleichzeitig eine indische, ganz mit Gold berstickte Kappe, die so rund
und klein wie ein flacher Suppentopf war, auf dem Kopfe trug.
    Battanys Kopf - ja - der hatte so was vom Neger und was vom Inder; sehr fein
sah er nicht aus, aber trotzig straff - die Nase dick und klein, die Augen
heftig und nicht gro, der Mund voll und die Ohren abstehend ... neben der
dicken braunen Nase gingen tiefe Falten zu den Backenknochen hinunter, die
dunkelbraune Stirn schien sehr hoch, da die indische Kappe fast im Nacken sa.
    Viel freundlicher schaute dagegen der Jakuby in die Welt. Dessen Gesicht
lchelte unter einem helllila Seidenturban. Spitz ragte die braune Nase unter
diesem Turban hervor. Ein kleines graues Spitzbrtchen zierte das Kinn. Der Bart
auf der Oberlippe und auf den Backen war sorgfltig abrasiert, soda die braune
schon vielfaltige Gesichtshaut zur Geltung gelangte.
    Jakuby hatte was Eigenes, das durch seinen sauberen schwarzen Seidenkaftan
noch erhht wurde.
    Der kleine, zierlich gebaute Gelehrte erwiderte nach sehr langer Pause mit
feiner heller Stimme in jener berlegenen Art, die in den Moscheen beim
gelehrten Gesprch blich zu sein pflegte:
    Oh, mein lieber Freund! Deinem heftigen persnlichen Angriffe will ich aus
dem Wege gehen. Doch hr nur dieses:
    Wir Araber haben nun bald die ganze Welt erobert, erobert mit der scharfen
Damascenerklinge. Jetzt, dnkt mich, ist es an der Zeit, die Welt auch in andrer
Weise zu erobern. Nicht drfen wir mehr mit den Augen der Krieger, die Alles nur
besitzen wollen, die Welt durchstreifen. Wir mssen mit wissensdurstigen Augen
durch die Lnder wandeln und Alles kennenlernen - Alles, was da kreucht und
fleucht. Auch der gelehrte Mann kann erobern - erobern, indem er sein Wissen
bereichert. Deshalb habe ich mit meinen schwchlichen Gliedern meine groen
Reisen unternommen - einerseits durch gypten und Afrika bis nach Spanien,
andererseits durch Persien und Indien bis nach China. Und Jedermann wei, da
mein Buch der Lnder, das ich im vorigen Jahre herausgab, wirklich ein Werk
wurde, das auch den, der niemals ber die Mauern Bagdads hinauskam, mit allen
Lndern der Erde bekannt machen mu. Das Buch der Lnder weist ja noch viele
Lcken auf, aber es ist doch in diesem Werke eine unvergleichliche Sammlung von
Wissensschtzen angehuft ...
    Nun aber kann sich der heftige Astronom nicht mehr halten, er unterbricht
den redseligen Freund mit hoch erhobenen Armen: Sammlung? schreit er, hab
ichs nicht gleich gesagt, da Du keine Ahnung von unsren wissenschaftlichen
Bestrebungen hast? Jawohl - sehr richtig! Unsre Zeit leistet was in
Sammelwerken. Wir sammeln alle unsre Kenntnisse, als htten wir nichts Andres zu
tun. Und ein einziges Buch soll immer Alles umfassen - natrlich! An
Selbstbewutsein fehlt es unsern gelehrten Sammlern nicht. Wir tun so, als
htten wir garnicht mehr ntig - noch frderhin zu forschen, zu ergrnden oder
klarzustellen - ih wo! Jeder Gelehrte glaubt, wir htten bereits Alles begriffen
und vollkommen erklrt - - - und es wre heute nichts Anderes ntig als Sammeln
- Sammeln - Sammeln!
    La nur den Spott! gibt da Jakuby lchelnd zurck, hr nur dieses: Sind
nicht die Geographen und Astronomen die Hauptgelehrten unsrer Zeit? Die Einen
erforschen die Erde, die Andern den Himmel. Ist es nicht so?
    Battany nickt und wird milder.
    Jakuby aber fhrt jetzt mit stolz erhobener Nase fort:
    So, mein Freund! Wer hat nun Recht? Wenn somit die Geographen und
Astronomen die ganze Welt kennen lernen wollen - mssen sie da nicht sammeln?
Mssen sie nicht? Mssen wir nicht Sammelwerke schreiben? Mein Buch der Lnder
nenne ich mit Stolz ein Buch, das alles Wissenswerte der Erde zusammenfat.
    Battany wird unwillig; es kommt ihm so vor, als sei er pltzlich in die Enge
getrieben. Er hustet verlegen, sttzt sich mit dem rechten Unterarm auf das
Gelnder des Altans, blickt in den Garten hinunter, in dem die Mongolen langsam
herumreiten, hustet wieder, um den Jakuby am Weitersprechen zu hindern, sammelt
sich und sagt dann hastig:
    Nein - so ist es nicht. Umgekehrt ist es. Weil die Araber eigentlich
berhaupt nur Sammelwerke schreiben, deswegen spielen die Geographen und
Astronomen, deren Ttigkeit am meisten zum Sammeln verleitet, eine so groe
Rolle unter uns. Aber wir haben noch gar kein Recht zum Sammeln. Ans Sammeln
darf man erst denken, wenn man eine Unmenge erforscht, entdeckt und begriffen
hat. Wir haben aber noch lange nicht so viel wissenschaftlich feststehende
Tatsachen erkannt, um die jetzt schon sammeln zu knnen. Du fragtest mich vorhin
nach der Mondfinsternis. Siehst Du sie schon? Sie mte nach meinen Berechnungen
da sein - und sie ist noch nicht da. Ich habe genau gerechnet - und die
Mondfinsternis ist doch nicht da. Ich stehe als Astronom immer vor unzhligen
Fragen, die ich nicht beantworten kann - und trotzdem soll ich sammeln? Was
denn? Etwa meine Fragen?
    Und unter den krftigen Armbewegungen zitterte der ganze Leib des
Astronomen.
    Der Halbmond stand unglaublich ruhig da, ohne sich zu verfinstern. Nur der
groe Al Battany verfinsterte sich.
    Jakuby allerdings glich eher in seiner Ruhe dem Halbmonde, wenn auch sein
spitzes Gesicht durchaus nichts Mondartiges an sich hatte. Mit dem Gleichmut
eines unberwindlichen Siegers bemerkte er mit seiner hellen Fistelstimme so von
oben herab:
    Du magst sagen, was Du willst! Die Geographen und Astronomen sind dennoch
die grten Gelehrten, die man sich denken kann. Wir wollen eine ganze Welt
kennenlernen, eine ganze Welt wissenschaftlich in uns aufnehmen. Wir stehen vor
der grten Aufgabe, die man sich denken kann. Und wir werden diese Aufgabe
berwltigen - wir haben sie bereits zum grten Teil berwltigt. Ich erinnere
Dich nur an mein Buch der Lnder ...
    Hr auf! schreit Battany dazwischen, Du bist und bleibst beneidenswert.
Aber Du bist auch ein Kind. Du weit garnicht, was in der Welt vorgeht. Du hast
von der Welt keine Ahnung. Du willst eine Welt begreifen? Lcherlich! Albern!
Was man nicht Alles wollen kann! Ein Prahlhans bist Du mit Deinem Wollen. Du
erinnerst mich an einen Vielfra, den unser Dichter Safur sehr schne Verse
sprechen lie. Pa mal auf! Der Vielfra sagt, als er hungrig zwar, doch so
prahlerisch wie ein echter arabischer Gelehrter in eine groe Gesellschaft
kommt, die mit der Mahlzeit beinahe fertig ist, also:

Wei Allah, wann Ich mich mal verschnauf!
Ich a heut schon hundert Hammel auf,
Verdaute sie gleich im Dauerlauf
Und lschte den Durst mit dem ganzen Nil;
Mir stak mang den Zhnen manch Krokodil;
Ihr nennt das doch hoffentlich nicht zuviel -
Mehr kann ich trotzdem noch essen.

Und der Astronom steht breitbeinig da und brummt.
    Jakuby macht ein verblfftes Gesicht und versteht nicht, was Battany sagen
will. Der indessen erklrt gleich, indem er fortfhrt: Du mut eben nicht
vergessen, da unserm Knnen denn doch so manche Grenzen gezogen sind. Da wir
uns oft verrechnen - das ist noch nicht das Schlimmste. Du willst die ganze Welt
kennenlernen. Nun sag aber mal - ganz leise - unter uns! Ist Dir das auch von
unserm Chalifen ausdrcklich erlaubt? Darfst Du das? Wir hier in Bagdad wissen
sehr genau, da der Chalif uns garnicht erlauben will, der Wissenschaft so
obzuliegen, wie wir mchten; denken und schreiben sollen wir eigentlich nicht.
Wenn wir aber das nicht mal sollen, sind wir dann noch die grten Gelehrten?
    Und nun streiten die Beiden nicht mehr ber Sammeln und Forschen - sie
flstern nur noch ganz leise, zischeln sich immer wieder was ins Ohr - was von
der Chalifenburg, von der Verfolgung der freien Wissenschaft und hnlichen, halb
heiteren, halb traurigen Dingen.
    Der Schreiber Osman sitzt whrenddem im Empfangssaal auf einem groen
persischen Teppich mit untergeschlagenen Beinen finster brtend wie ein
chinesischer Bonze da. Seine dnnen braunen baumwollenen Beinkleider hngen
schlaff um die wulstigen Kniegelenke. Wie eine dicke Tonne steht der breite
Fettleib des Schreibers auf dem Teppich. Ein ganz kurzes braunes Jckchen ohne
rmel umspannt des Schreibers breite Brust, auf der ein schneeweies Leinenhemd
vorschimmert. Die weiten rmel des Hemdes sind auch sehr sauber - der weie
Leinenturban ebenfalls. Das glatte braune Gesicht mit den dicken Pustbacken ist
rund und voll. Die kleinen Augen starren auf die roten und blauen Muster des
Teppichs, der geheimnisvoll wie ein Sterndeuterbuch aussieht und fast den ganzen
Boden bedeckt. Osmans Stirn zeigt dicke Falten.
    Der Empfangssaal ist eine offene Halle. Unter den zackig geschwungenen
Sulenbogen sieht man den dunkelblauen Himmel mit den Sternen. Durch die offenen
Sulenbogen geht es zum fnfeckigen Altan hinaus, auf dem Battany und Jakuby
eifrig flstern. Ein groer Himmelsglobus aus Kupfer thront vorn an der einen
Seite des Saales. Hinten in den beiden Ecknischen der mit roten und silbernen
Querstreifen bemalten Wnde brennt in zwei Kohlenbecken duftiges arabisches
Rucherwerk. Die leichten wirbelnden Rauchwolken schweben durch das ganze Gemach
in langen blulichen Fden dahin. Osman sitzt mitten auf dem Teppich mit der
Stirn dem Himmel zu und grbelt ...
    Neben dem dicken Schreiber Osman rechts auf einem kleinen fnfeckigen
Ebenholztische dampft heier chinesischer Tee in feiner Porzellanschale. Der
Schreiber Osman ist kein gewhnlicher Schreiber, er lt seine Gehilfen
schreiben; er handelt nur mit den Bchern der groen Gelehrten, die ihre
Schriften ihm zur Vervielfltigung und Verbreitung bergeben. Der Buchhndler
hat schwere geschftliche Sorgen, er sitzt und rechnet und brtet und nickt
dabei zuweilen mit dem dicken Kopf langsam bedchtig wie ein Bonze beim Chalifen
von Peking.
    Bcherrollen liegen auf dem Teppich kreuz und quer. Dem Globus gegenber in
einer Alabasternische funkelt ein kupfernes Waschbecken - fein getriebene
Arbeit; das Gestell besteht aus drei schweren reich verzierten Eisenfen, die
sich unten auf dem schwarzen Fliesenboden schneckenartig umkrmmen ...
    Von der zierlichen Decke oben, ber die sich geometrische Figuren in blauen
und grnen Linien auf goldnem Grunde durcheinander spinnen, hngen an eisernen
Ketten bunte maurische Lampen hernieder. Sie beleuchten das braune Fettgesicht
des dicken Schreibers und lassen auch eine indische sitzende Gtterfigur mitten
im Hintergrunde sichtbar werden. Der Gtze sitzt aber hher als der Schreiber
...
    Im Empfangssaal ist es ganz still. Nur die glhenden Kohlen knistern ein
bichen. Die duftigen blauen Rucherwolken wirbeln zur zierlichen Decke, ziehen
in langen Fden langsam durch die Sulenbogen in die Mondnacht hinaus.
    Zu Osman in die Empfangshalle kommen nun mit dem gelehrten Kodama die beiden
Dichter Suleiman und Safur. Kodamas wohltnende Stimme wird von Osman schon von
fern, als die Drei noch unten auf der Treppe waren, gehrt. Kodama ist auch ein
Geograph, aber er lt sich nicht gern so nennen, weil er nicht gern reisen mag
... er ist zu dick.
    Osman blickt die Kommenden traurig an.
    Kodama schmunzelt so recht inniglich vergngt, er ist fast ebenso dick wie
der dicke Schreiber.
    Osmans Mondgesicht glnzt, des Geographen Mondgesicht glnzt auch. Dessen
gelbseidener Turban ist sehr schn. Ach - Kodamas kurzer schwarzer Sammetrock
ist auch sehr schn, und gar seine breiten schwarzseidenen Hosen - die sind die
schnsten Pluderhosen in ganz Bagdad.
    Aber Osman, warum bist Du denn so traurig? ruft der Geograph, und er
schttelt sich vor Lachen, da ihm die hellen Trnen ber die rasierten braunen
Wangen rollen.
    Osman schweigt, und seine Miene wird noch kummervoller.
    Safur betrachtet das indische Gtzenbild. Suleiman wrmt sich die Hnde vor
dem einen Kohlenbecken. Kodama streichelt den runden kupfernen Himmelsglobus und
wendet sich pltzlich ganz ernst zum jungen Safur und sagt sehr wohltnend:
Sieh nur, mein Teurer, hier kannst Du was lernen. So rund wie diese Kugel ist
auch unsre Erde - ja! ja! Hast Du denn schon meine kleine Schrift ber die
Kugelgestalt der Erde zu Ende gelesen? Nein? Ich kann Dir nur raten - lies, was
ich da geschrieben. Das knnte Dich auch dichterisch anregen. Glaubst Du nicht,
da der Mensch auch so rund wie eine Kugel werden knnte? Ich sage Dir: mglich
ist das. Zum mindesten sollten wir immer bestrebt sein, runder zu werden. Drfte
nicht mein Leib noch schner aussehen, wenn er noch runder wrde? Bist Du auch
rund? Nein? Warum nicht?
    Safur lacht laut auf und geht hinaus auf den Altan, wendet sich aber gleich
zur Linken und schreitet eilig ber die Brcke zum Mittelturm; seinen Freund Abu
Maschar, der noch immer oben auf dem Turme wie eine Bildsule dasteht, will er
besuchen.
    Indessen - Kodama setzt sich behaglich neben Osman auf den persischen
Teppich und fragt den traurigen Schreiber;
    Na, was hast Du denn?
    Kodama bekommt leider keine Antwort.
    Battany und Jakuby treten grade - immer noch flsternd - mit mrrischen
Gesichtern in den Empfangssaal. Sie sehen Bagdads dickste Freunde merkwrdig
steif auf dem Teppich sitzen. Suleiman wrmt sich noch immer die Hnde an dem
einen Kohlenbecken.
    Man begrt sich, indem man schweigend leicht das Haupt nach vorne beugt,
was sehr drollig aussieht ...
    Es ist einen Augenblick wieder still.
    Dann jedoch knarren die Treppenstufen, und herein strmt wie ein Wilder der
groe Philosoph Abu Hischam.
    Malerisch schlottert ihm sein alter Kittel um die drren Beine, die
armenische Pelzmtze sitzt ihm schief auf den lockigen braunen Haaren, sein
zottiger Bart zittert ihm, und die groen braunen Augen rollen ihm im Kopfe.
    Abu Hischam haut mit der Faust auf den Globus und stampft mit dem rechten
Fu auf den Boden.
    Kodama springt empor. Suleiman, Battany und Jakuby kommen erschrocken nher.
    Was ist denn los? schreit der dicke Kodama.
    Doch der Philosoph reckt die Faust zum Himmel auf und fragt heiser: Wit
Ihr noch nichts?
    Ich wei Alles! ruft traurig der dicke Schreiber.
    Die Andern aber wollen nun wissen, was los ist. Und Abu Hischam erzhlt wirr
und erregt: Was wir immer gefrchtet, ist geschehn. Der Chalif Mutadid - dieser
Hund - er hats gewagt - er hat ein neues Gesetz erlassen. Er hat verboten - man
hre nur! - Bcher herauszugeben, die einen philosophischen oder politischen
Inhalt haben. Das heit: wir drfen berhaupt keine Bcher mehr herausgeben. Ist
das nicht stark? Weder Philosophisches noch Politisches soll ins Volk dringen -
das heit: wissenschaftliche Bcher sollen nicht mehr geschrieben werden. Was
sagt Ihr nun? Er hats gewagt! Der Hund! Der Hund! Dieses verfluchte Aas!
    Und alle Sechs werden frchterlich wtend - sie schreien gellend
durcheinander.
    Battanys Toga fliegt umher wie ein Segel im Sturm. Jakuby fuchtelt mit dem
rechten Zeigefinger vor seiner Nase herum. Kodama schlgt sich immerfort mit den
Fusten vor die Brust. Suleiman ringt die Hnde. Osman sthnt.
    Der Philosoph Abu Hischam brllt wie ein Stier, schimpft wie ein
Kameltreiber und hlt, wie sich der Lrm ein wenig gelegt, eine Rede:
    Freunde! ruft er, was ich schon immer empfahl, das empfehle ich jetzt
noch einmal - das mu jetzt endlich zur Tat werden. Wir mssen einen Geheimbund
grnden und unsre Bcher unter uns herausgeben - nicht frs Volk. Was haben wir
davon, wenn unsre Bcher gekauft und gelesen werden von Leuten, die uns garnicht
verstehen knnen? Bilden wir lieber endlich eine abgeschlossene gelehrte
Gesellschaft, die ihre Bcher nur unter ihre Mitglieder verteilt. Wir Gelehrte
schreiben doch nur fr die andren Gelehrten - lat uns drum einen Bund
schlieen, wie ichs schon fters empfohlen habe. Wir brauchen unsre Bcher
garnicht ffentlich herauszugeben. Frs Volk schreiben wir ja doch nicht. Wir
versenden unsre Bcher nur an die einzelnen Mitglieder des zu uns gehrenden
Gelehrtenbundes und pfeifen dann auf die Gesetze des dummen Mutadid, der besser
tte, wenn er in den Wallgrben Bagdads die Schweine htete.
    Nach dieser unerwarteten Rede springt auch endlich der Schreiber Osman auf,
der bis dahin still auf dem persischen Teppich sa und chinesischen Tee trank.
Osman erhob sich furchtbar schnell, was so aussah, als wenn ein Gummiball einen
Klaps bekommen.
    Ihr habt ja kein Geld! schreit der Schreiber, wollt Ihr Eure Bcher
verschenken?
    Und es entsteht ein neuer Lrm - der ist noch wster als der erste. Jakuby
bemht sich vergeblich, das Gesprch auf die bevorstehende Mondfinsternis, die
garnicht erscheinen will, zu lenken.
    Schlielich reden Alle zugleich, sie schreien die Worte mit versengendem
Glutblick einander zu. Niemand versteht, was sie so heftig sagen ...
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Safur aber oben auf dem Mittelturm schwrmt dem groen Sterndeuter Abu
Maschar von Himmelsgeistern und herrlichen Huris, von den alten Gttern und von
den alten Gespenstern begeistert etwas vor - er sagt:
    Wenn ich so im tiefen unendlichen Blau die strahlenden Himmelsblten
schaue, dann fhlt sich meine Seele oft so mchtig bewegt, und ich trume mir
dann da oben eine Welt zusammen, in der Gtter hausen, bermenschliche Wesen,
die noch viel feiner empfinden knnen als die besten Dichter der Erde. Oh, Abu
Maschar, mu es nicht dort oben in den freien Weltalllften viel wundervoller
sein als hier bei uns?
    Abu Maschar erwidert mit ganz leiser Stimme:
    Kein Ort der Erde ist wirklich schner als der andre. Wir knnen berall
glcklich sein. Die Zustnde sind berall gleich gut und gleich schlecht, wie
man gerade sagen will. Und in andren Welten kanns eigentlich auch nicht anders
sein. Sieh, Safur, das ist eigentlich das Geheimnis meiner Prophetengabe, da
ich nirgendwo und auch nirgendwann einen besseren Zustand vermute als den,
welchen ich grad in den einzelnen Augenblicken meines Lebens empfinde. Die
Zukunft ist fr uns kein verschlossenes Buch. Zu allen Zeiten war es im Grunde
genauso gut und genauso schlecht um die Menschen bestellt als zu unsrer Zeit
hier in Bagdad. Da ich fest daran glaube, die Welt wird weder besser noch
schlechter, eine wirklich wesentliche Weiterentwicklung der Menschen gibt es
garnicht - dieser Glaube hlt mich grade, macht mich sicher, stolz, fest und
bewut - das macht mich zum Propheten ... wie mich die Gelehrten in der Moschee
spttisch nennen. Ja, Safur, ich bin ein Prophet; wenn ich in die Sterne schaue,
so sehe ich die Zukunft - - - unsre Welt ist ebensowenig vernderlich wie der
Sternenhimmel. Scheinbar nur bietet sich uns ein ewiger Wechsel dar. Die Zukunft
wird ebenso aussehen wie die Gegenwart. Dieses Wort vergi nicht, Safur! Was ich
sonst noch prophezeie, ist im Grunde leerer bedeutungsloser Scherz. Die Welt
bleibt - wie sie ist. Werde so ruhig wie dieser Sternenhimmel und hoffe nicht
auf andre oder bessere Zeiten.

Ein duftender Bltenwind weht durch Abu Maschars weies Beduinengewand. Safur
schaut mit trunkenen Blicken zum schwarzen Saturn ... Der Dichter versteht den
Propheten.
    Der Lrm in der Empfangshalle dringt jetzt schwcher zum Mittelturm empor.
    Ruhig steht der Halbmond - glnzend - ohne jeden Schatten ber der alten
Sternwarte, die einst der gebildete Chalif Mamun fr seine Himmelsfreunde
erbauen lie.
    Safur und Abu Maschar schauen schweigend in die Sterne, die verblassen, da
der Mond zu hell ist.
    Doch jetzt klopft es leise.
    Ein schwarzer Sklave steigt langsam die letzten Stufen der Treppe hinauf und
sagt ganz behutsam, um nicht zu stren:
    Der Herr Battany will aufm Boot im Tigris hin-und herfahren - lt bitten,
mitzukommen.
    Eine Kahnfahrt? ruft Safur.
    Was gibt die Veranlassung? fragt Abu Maschar.
    Der Mond scheint dem Herrn Battany zu hell, erwidert ernst der schwarze
Sklave.
    Die beiden Freunde schauen sich an und - lcheln. Schmunzelnd folgen sie dem
Schwarzen, der hurtig die Treppe hinunterstolpert.
    Unten zgeln die beiden Mongolen ihre schumenden Rosse.
    Die Sklaven rennen treppauf und treppab.
    Alles ist in Bewegung - auf der Sternwarte.
    Der Halbmond steht ruhig am Himmel - und glnzt.

                                Drittes Kapitel


Lange feine Lichtfden glitzern auf den lustigen kleinen Wellen des Tigris; das
Licht von vielen Booten und das Licht von den helleren Sternen spiegelt sich in
der lauen Flut.
    Battany steht auf der uersten Spitze des groen Bretterstegs, an dem die
Lustbarken Bagdads zu landen pflegen, und starrt hinein in den groen breiten
Strom, auf dessen Wellen die langen Lichtfden glitzern.
    Der Astronom atmet tief auf.
    Er ist einen Augenblick allein.
    Die kleinen Wellen pltschern um den Brettersteg.
    Ein khler Wind weht sacht bers Wasser dahin.
    Der Tigris ist gro und breit.
    Die Rechte hat Battany fest aufs Herz gepret. Sein Hals reckt sich sehnig
nach vorn. Seine Stirn ist von tiefen Falten durchfurcht. Und seine Augen
brennen.
    Er murmelt:
    Jakuby ist beneidenswert! Jakuby ist beneidenswert!
    Dem groen Gelehrten treten Wuttrnen ins Auge.
    Er sthnt laut - erschrickt dann und spricht zu sich selbst - leise - mit
knirschenden Zhnen:
    Jetzt werden sie kommen und mich hhnen! Der Mond ist hell - er steht
hinter mir - hinter den Bumen und lacht! Bei Allah! Ich verstehs nicht! Ich
versteh nichts! Wir knnen - garnichts! Nur die Esel bilden sich ein, was zu
knnen! Wenn ich nur Etwas vollbracht htte - nur Etwas! Aber - mir ward es
versagt! Ich habe gearbeitet wie ein Steintrger und nichts dafr errungen -
nichts! Ich bin nur einsam geworden. Kein Freund trstet mich - kein Freund! Ich
hab allein meine Qual zu tragen - allein!
    Und er sthnt wieder und atmet hastig - mit der Linken fhrt er sich ber
die nassen Augen.
    Er blickt nach rechts - er wartet auf seine Barke.
    Doch die Barke kommt nicht.
    Heute kommt garnichts, murmelt er Zhne knirschend.
    Seine schwarzen Sklaven stehen mit Pechfackeln am Strande.
    Das Schilf wird grell beleuchtet.
    Von der Seite, von der Battanys Barke kommen soll, kommt nichts. Aber auf
der andren Seite werden nun vier grne Lampen sichtbar - es nahen sehr rasch
vier groe Boote, auf denen sehr laut gelrmt wird.
    Battany horcht und will zum Ufer zurck - er kennt die Stimmen, die da in
den vier Booten lrmen.
    Die Tofailys nahen.
    Doch Battany besinnt sich und bleibt trotzig stehen.
    Die Tofailys sind tolles Volk - sie bilden Bagdads berchtigte Prassergilde.
Schlemmer sind die Tofailys. Aber sie schlemmen nicht auf eigene Kosten - sie
lassen sich immer einladen. Geld besitzen die Tofailys fast niemals - aber
betrunken sind die Tofailys fast immer - auch jetzt.
    Battany stampft zornig mit dem Fu auf, da der Brettersteg poltert und
wackelt, denn am Ufer erscheinen grade seine sieben Freunde - Kodama und Abu
Maschar an der Spitze.
    Ein Zusammensto mit den Tofailys ist unvermeidlich.
    Auf dem grten der vier Boote steht der alte bucklige Dichter Al Rumy - der
hat den Al Battany schon gesehen, ruft ihm gleich hhnisch zu:
    Mondprophet! Die Halbmonde wollen ja nicht so, wie Du willst! La den Glanz
Deiner Goldstcke heller strahlen, dann werden die Halbmonde sich eher
verdunkeln lassen! Halbmondprophet! Du Lichtfeind!
    Da - im Handumdrehen - blitzt Battanys krummer Sbel drohend ber seiner
indischen Mtze.
    Und - wie natrlich - blitzen auf den Booten der Tofailys sofort ebenfalls
die Sbel.
    Der bucklige Al Rumy holt sein grades Schwert langsam und lachend hervor und
deutet mit der Spitze des graden Schwertes tckisch auf den Astronomen.
    Die Tofailys sind nur noch wenige Schritte vom Brettersteg entfernt.
    Die Zahl der auf den vier Booten aufleuchtenden Klingen ist nicht allzu
gro; die meisten Tofailys haben ihre Sbel in den Weinkneipen der Stadt als
Pfand hinterlassen - versetzt - was in Bagdad sehr hufig vorzukommen pflegt.
    Inde - Battany ist fast allein.
    Die schwarzen Sklaven mit ihren Pechfackeln schreien nur, sind nicht sehr
tapfer.
    Battanys Freunde sind gleichfalls ihrer Tapferkeit wegen nicht berhmt - nur
Safur luft auf den Steg, zieht seinen langen Dolch und hlt diesen wie einen
kleinen Speer wurfbereit.
    Der Kampf erscheint unvermeidlich.
    Doch da - pltzlich - spritzt das Wasser am Ufer hoch auf. Unverstndliche
Flche schallen durch die Luft - und zwei schnaubende schwarze Hengste schumen
in den Tigris hinein. Auf den Hengsten sitzen die beiden Mongolen; wild funkeln
ihre Augen. Die Spitzen der langen Lanzen blitzen im grellen Fackellicht - ganz
hoch in der Luft.
    Und im selben Nu verschwinden die Sbel der Tofailys.
    Die betrunkenen Prasser springen danach lachend, als wenn garnichts los
wre, aus den Booten raus, patschen durchs Wasser zum Ufer - oder klettern auf
den Brettersteg.
    Torkelnd und johlend ziehen die Betrunknen die Khne ans Land.
    Die Mongolen senken die Lanzen und sehen zu - reiten dann gemchlich an den
Strand zurck.
    Die Tofailys sind nicht Bagdads Dummkpfe - im Gegenteil - Gelehrte und
Dichter sinds zumeist.
    Der junge Geograph Hamadany ist zum Beispiel ein sehr gescheiter Mann - und
dennoch hat er wieder viel zuviel getrunken; bewutlos liegt er in dem einen
Kahn, sein Kopf hngt laut schnarchend hintenber. Die Schiffer haben groe
Mhe, die schlaffen Glieder des Trunkenbolds ans Land zu schleppen.
    Die Weinschluche der Tofailys sind fast smtlich leer. Ein paar jngere
Weinhndler zanken sich deshalb - denn sie wollen voneinander erfahren, wer von
ihnen die fernerhin noch fr die Gesellschaft ntigen Schluche beschaffen wird.
Ein derartiger Zank dauert immer sehr lange.
    Whrenddem hhnt ein Krmer den Safur, meint so leichthin: Na, Freundchen!
Hat Dir auch Deine Tarub, Bagdads berhmte Kchin, wieder ein paar Pasteten in
die Tasche gesteckt? Gib mir was ab! Ich hab Hunger!
    Safur dreht sich um - nach der andren Seite.
    Battanys Barke ist endlich angekommen.
    Osman und Kodama sind die Ersten, die in den schnen langen Kahn steigen.
    Jakuby und Suleiman folgen gleich dem Beispiel der Dicken - sind aber nicht
so sicher wie diese in den Arm- und Beinbewegungen.
    Abu Hischam und Abu Maschar sprechen so eifrig, da sie erst von Safur zum
Einsteigen aufgefordert werden mssen.
    Wie diese letzten Drei im Kahne Platz gefunden, berreichen die schwarzen
Sklaven die Fackeln den Ruderern, heben den Battany sehr gewandt auch ins Boot
und stoen das Fahrzeug in den Strom hinein.
    Die Tofailys lrmen wieder lauter.
    Der Dichter Buchtury rennt jetzt mit einem halben Dutzend verrufener
Tnzerinnen auf den Brettersteg und ruft den Abfahrenden noch einige Bosheiten
nach - die versteht man aber nicht mehr.
    Battanys Barke wird sacht in die Mitte des Stroms hineingerudert - dort
stt heftig der Wind in die Segel.
    Und fort gehts stromabwrts.
    Die Pechfackeln knistern, flammen, lodern und werfen lange rote
Farbenbndel, die immerfort wackeln, ins Wasser.
    Die Wellen klingen pltschernd um die Planken der langen Barke ... sie
brodeln und murmeln vorn um den weien Holzschwan, der die Spitze des Schiffes
verziert ...
    Die eine Pechfackel hngt - vorn an einer Stange befestigt - hoch ber dem
langen Schwanenhals, ragt aber noch weiter vor als dieser ... in den
dunkelblauen Himmel hinein.
    Hinter dem Schwan sitzt Abu Maschar in seinem weien Beduinengewande und
streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen langen schwarzen Bart.
    Neben dem Propheten sitzt Safur. Der steckt jetzt seine rechte Hand
vorsichtig in die laue Flut, und die Wasser wirbeln schumend um seine braunen
Finger.
    Der Dichter fhlt, wie der Tigris wohlig um seine Handflche strudelt,
wieder und wieder durch die Finger gleitet und so weich die Gedanken belebt -
auch so voll sich anpackt wie flssiger Schlamm.
    Kitzelnd splen die Wogen um die Fingerspitzen des Dichters.
    Jasminduft weht vom Strande herber. Battany und seine Freunde heben
lchelnd die Nasen hher - Suleiman besonders - der spricht dabei zu Jakuby von
Narzissen und Lilien, von Wasserrosen und Riesenveilchen ...
    Die Grten Bagdads liegen an den Ufern des Tigris wie schlafende Jungfrauen,
und ihre berreiche Bltenpracht schwellt vollen Wohlgeruch auf den breiten
Strom hinaus ...
    Prachtvoll ist die Nacht.
    Die Sterne funkeln, die Fackeln flackern, und die Wellen klingen pltschernd
gegen die Barke an.
    Der Astronom ist leider noch immer nicht heiter - in dieser herrlichen
Nacht, in der selbst Indiens verwhnte Gtter selig lcheln wrden.
    Die Stimmung ist auf der Barke ein bichen gedrckt.
    Osman - der Schreiber - ist entschieden der Traurigste.
    Kodama unter seinem gelben Turban scheint am lustigsten zu sein.
    Von den Fackeln werden grell beleuchtet - die Dichter, die Gelehrten und die
Sklaven.
    Dem Philosophen Abu Hischam wird die Pelzmtze zu warm, er nimmt sie ab.
Battany wundert sich darber - - - er sieht den Osman unter dem weien neben
Kodama unter dem gelben Turban, Jakuby unter dem lila gefrbten neben Suleiman
unter dem schmutzigen Turban ganz schweigend dasitzen. Auch Safur und Abu
Maschar in ihren Beduinengewndern sitzen vorn ganz schweigend da ...
    Und der Astronom erinnert sich pltzlich, da er seine Freunde zu einer
Vergngungsfahrt einlud.
    Und er flstert einem lteren Sklaven einen kurzen Befehl zu.
    Und gleich darauf packen die gehorsamen Diener geschftig die Wein- und
Ekrbe aus.
    Das verbessert die Stimmung.
    Der groe Goldpokal wird mit Scherbett, dem berhmten wrzigen Eiswein,
gefllt.
    Bald geht der Pokal von Hand zu Hand.
    Alle trinken schmunzelnd mit der Zunge schnalzend das eiskalte duftende
Getrnk ...
    Alsdann werden Datteln und Bananen, Feigen und Kirschen, pfel und Mandeln,
Weintrauben, Pfirsiche, Nsse, Oliven, Erdbeeren und kleine ovale Honigkuchen in
fein getriebenen Metallschalen herumgereicht ...
    Kodama knackt eine Nu und fragt den Safur, der in der Linken den Pokal und
die Rechte noch immer im Wasser hlt: Sage mal, lieber Freund, Du siehst so
trumerisch mich an - denkst Du an Deine Tarub? Wie geht es denn Deiner
berhmten Kchin? Wird sie nicht bald wieder eine neue Torte backen? - mit
Zucker, Citronen und - und frischen Krutern oder so was weich Zerflieendes?
Hm?
    Frag sie doch selber, gibt Safur zurck, warum soll ich jetzt an die
Tarub denken? Die Nacht ist so prchtig, und ich fhle nur, wie wohlig sich das
Wasser anfassen lt. Die Empfindungen der Hand scheinen mir augenblicklich noch
viel feinsinniger als dieser Eiswein. Trink Du, Abu Maschar! Und wenn Du mir
einen Apfel schlen wolltest, wrd ich Dir dankbar sein. Hier ist mein Dolch.
    Abu Maschar nickt, nimmt den Dolch und schlt den Apfel.
    Kodama wendet sich an Osman und versucht, ihn wieder zu trsten.
    Osman lchelt schwach und meint:
    Die Luft ist sehr erquickend. Wenn jetzt ein Dichter Obstverse vortrge,
wrd ich mich sehr freuen.
    Dabei lchelt der Dicke schon ganz behaglich, it eine rote Kirsche nach der
andern - und fhlt sich allmhlich immer wohler - vergit sein Geschft und
seine Sorgen.
    Die Kirschen sind gut.
    Safur, der sonst fr jede Speise, fr alles Se und fr alles Saure
prickelnde Vierzeiler aus seinem Beduinengewande herauszuschtteln pflegt,
schweigt - schweigt hartnckig.
    Suleiman, der am Maste sitzt, beugt sich daher bedchtig zu den beiden
Dicken hinber und spricht laut mit emporgezogenen Augenbrauen:
    Ich sah im Traume eine Apfelkrone,
    Und die stlpt ich mir behutsam auf den kahlen Kopf.
    Doch Osman schenkte sthnend mir zum Hohne
    Einen Kirschenszepter, tragen sollt ich den als Zopf. Alle lachen nun sehr
laut. Suleiman mu seine Verse wiederholen. Selbst Battany mu lachen.
    Nur Osman lacht nicht. Der nimmt behutsam seinen weien reinen Turban ab und
reicht ihn dem alten Dichter, der kopfnickend fr den neuen seinen alten gibt.
    Jetzt wirds gemtlich.
    Wieder geht der Goldpokal mit dem kstlichen Scherbett von Hand zu Hand. Der
Wind blst noch krftiger in die Segel. Die Wellen klingen hell pltschernd um
die Planken. Die Sterne funkeln. Die Barke schaukelt.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Abu Hischam spielte mit seiner Pelzmtze. Bald gab er ihr einen Puff mit der
Faust, bald streichelte er das schwarze Fell. Er knillte die Mtz und prete
sie, hielt sie mit zwei Fingern an ein paar Haaren fest und lie sie baumeln.
Dann warf er sie ein wenig empor, fing sie geschickt wieder auf, schlug sie, wie
man ein Kind schlgt, versuchte sie auch auszuwringen, wies die Wscherinnen mit
schmutziger Wsche zu tun pflegen ... schlielich fuhr er sich mit der rechten
Hand durch die wst ins Gesicht hngenden Haare und klopfte gleich darauf dem
Battany aufs Knie. Da ihm Jakuby gleichzeitig den Goldpokal reichte, so setzte
er rasch seine Pelzmtz wieder auf den Kopf und trank hastig ... aber alsdann
sprach er:
    Battany, hr mal! Du, Suleiman, pa auch auf! Sagt doch! Noch einmal! Auf
der Sternwarte lieet Ihr mich nicht ordentlich ausreden. Warum sollen wir denn
nicht? Ist es denn nicht wirklich an der Zeit, einen groen Gelehrtenbund zu
grnden? Alle Gelehrten mssen, wie ichs schon fters empfahl, diesem
Gelehrtenbunde angehren. Wir knnten uns vielleicht die aufrichtigen Brder
nennen - oder - oder - die lauteren Brder ... Wie denkt Ihr darber? Knnten
wir nicht einmal ganz in Ruhe die Sache berlegen? Was? Ein Gelehrtenbund mu es
sein, und alle Gelehrten mssen dem Bunde angehren. Niemand darf fehlen. Auch
die Tofailys drfen nicht vernachlssigt werden. Werde nicht gleich wtend,
Battany! Schufte sind es zwar, doch trotzdem sind sehr viele feine Kpfe unter
diesen Tofailys. Eigentlich mssen wir uns doch auch zu den Tofailys zhlen.
Gewi, Battany! Rede nicht! Glaubs mir! Boshaft sind ja die Schurken, wir sinds
aber auch. Du kennst mich ja, Battany. Du wirst mich nicht miverstehen. Was
sagst Du, Jakuby?
    Jakuby versetzte mit seiner Fistelstimme:
    Ich bin der Ansicht, da eine so gnzlich abgeschlossene Stellung der
Gelehrtenwelt dieser nicht zum Vorteile gereichen kann.
    Und ich, warf Battany, verchtlich die Mundwinkel runterziehend,
dazwischen, habe mich niemals zu den Tofailys gerechnet. Ich pflege in andrer
Weise die Gensse der Erde durchzukosten - niemals in bezechter
Bewutlosigkeit.
    Weiche feine Saitenklnge dringen aus den Grten, die am Ufer liegen, auf
den breiten Tigrisstrom hinaus.
    Auch eine Flte ist zu hren.
    Abu Hischam fngt nach kurzer Pause wieder an - heftig - also:
    Aber Prasser sind wir dennoch! Jeder prat nur in seiner eigenen Art. Ich
mache mir auch nichts aus feinen Fressereien. Was gehts mich an, wie eine Torte
schmeckt ... ich bin froh, wenn ich meinen Hunger stillen kann. Doch - genieen
- prassen - will ich auch. Ich bin nur derber als Ihr. Wenn wir auch nicht so
reich sind wie Du, lieber Battany, so bist Du doch nicht mehr als wir. Du bist
ein Astronom, und ich bin ein Philosoph. Das heit: wir sind zwei Gelehrte. Wir
sind smtlich Gelehrte.
    Auer Osman, ruft Safur von der Spitze der Barke nach hinten hinber.
    Ganz recht, Safur, sagt der Philosoph, da hier Niemand etwas vor dem
Andern voraus hat - das ist also klar.
    Ja! Ja! meint nun Jakuby liebenswrdig, Dein Buch Der Zweifler scheint
mir sogar sehr - hchst bedeutsam zu sein. Zwar - ich habe nicht alles
verstanden ...
    Ich auch nicht, schreit lustig Kodama, klopft dabei dem noch immer nicht
so recht vergngten Osman herzhaft auf die Schulter.
    Alle mssen lachen.
    Abu Hischam spielt wieder mit seiner Pelzmtz und schwenkt sie schlielich
berm Kopf, damit die Andern wieder auf ihn aufmerksam werden.
    Kodama jedoch reicht dem Philosophen den Goldpokal; der Philosoph soll erst
wieder trinken. Nach dem Trunk lt der sich aber nicht mehr behindern, er redet
wieder - folgendermaen:
    Kommen wir also zum Schlu! Sagt! Seid Ihr jetzt nicht mit mir der
berzeugung, da wir gezwungen sind, uns zusammenzutun? Das Verbot des dummen
Chalifen sagt doch genug. Die Nacht ist sehr schn. Die Mven krchzen. Wie
segeln einer groen Zukunft entgegen. Der entscheidende Augenblick ist gekommen.
Demnach! Brder! Hrt! Wollen wir jetzt nicht gleich unsern Bund, den Bund der
lauteren Brder, in aller Form begrnden? Jetzt gleich mu es geschehen. Warum
sollen wirs denn aufschieben?
    Ihr wollt wohl eine neue Prassergilde schaffen? stt nun aufgeregt der
dicke Osman hervor.
    Nein, wir wollen, entgegnet Abu Hischam klug, der Prassergilde eine
Gelehrtengilde gegenberstellen. Nicht wahr, Battany? Bist Du nicht auf meiner
Seite, wenn wir eine Gelehrtengilde grnden, die im vollen bewuten Gegensatz
zur Prassergilde der Tofailys steht?
    Du willst wohl nur, wirft da hhnisch Kodama ein, da wir uns aufregen
und demgem rascher zechen als sonst. Nimm! Hier hast Du den Krug! Keiner wehrt
Dir heute mehr zu trinken als sonst. Ich trink auch immer mehr - immer mehr!
    Abu Hischam lacht und trinkt.
    Battany pfeift dazu.
    Jakuby ruspert sich - so verstndnisinnig.
    Osman bricht aber in ein schallendes Hohngelchter aus, soda sich selbst
der gutmtige Suleiman unwillig umwendet.
    Eine andere Barke, auch von Pechfackeln erleuchtet -
    wird dabei vorbergerudert - stromaufwrts.
    Eine tiefe Frauenstimme tnt dunkel und tieftraurig aus dieser Barke hervor;
ein sdarabisches Totenlied hallt unheimlich bers Wasser hin.
    Battany und seine Freunde lauschen.
    Abu Maschar, dem vorn allmhlich zu hufig die Wellen ber Bord spritzen,
geht jetzt in die Mitte des Kahnes und setzt sich dem Abu Hischam gegenber.
    Kodama gibt einem Sklaven, der nicht schnell genug dem Sterndeuter Platz
macht, einen sanften Klaps auf den Hinterkopf.
    Wie das sdarabische Totenlied in der Ferne verhallt, ergreift Abu Maschar,
der bisher ganz still war, etwas feierlich das Wort. Er spricht leise, fast
flsternd:
    
    Warum sollen wir eigentlich einen neuen Geheimbund grnden? Wir Gelehrten
bilden doch bereits in der Menschenwelt eine so abgeschlossene Gesellschaft, da
wir diese auch schon einen Geheimbund nennen knnten. Sind nicht die alten
Gesellschaftsformen, so wie sie sind, fr unser Gesellschaftsbedrfnis vollauf
genug? Wer wst prassen und zechen will, kann sich jederzeit unter die Tofailys
begeben. Wer feinere Gesellschaftsgensse verlangt, findet sie bei unsrem
gastfreien Battany auf schaukelnden Barken und auf unsrer Sternwarte. Sind nicht
schon in den Verhltnissen, in denen wir jetzt grade leben, eigentlich smtliche
Glckserreger, die uns in den verschiedenen Augenblicken unsres Lebens
unentbehrlich erscheinen, enthalten? Was wir bedrfen, verlangen und wnschen,
das knnen wir unter den augenblicklich obwaltenden Verhltnissen ebenso leicht
und bequem erreichen wie in den erhofften anderen Zustnden, die wir immer erst
schaffen mssen. Jedoch - wir haben garnicht ntig, etwas Neues zu schaffen.
Alles, was wir wirklich brauchen, ist bereits da. Glaubt Ihr, die Welt knnte
noch besser werden? Glaubt Ihr, ein Geheimbund knnte jemals irgend etwas besser
machen? Die Welt ist, wie sie war - und - wird - so - bleiben. Wir haben keine
Ursache, die sogenannte Entwicklung der Menschheit irgendwie zu frdern. Eine
Entwicklung gibt es ja garnicht. Wir werden nicht klger werden, als wir sind.
Die Menschen werden nach tausend Jahren grade so klug und grade so dumm sein -
wie wirs heute sind.
    Abu Maschar hielt inne, seine Augen glnzten im grellen Fackellicht -
wunderbar schn.
    Alle hatten aufmerksam zugehrt.
    Safur und Suleiman sahen - - bewundernd den groen Propheten an; den
Dichtern pate die Weisheit des groen Sterndeuters.
    Jakuby jedoch und auch Battany strubten sich gegen diese Weisheit, htten
gerne gleich erwidert ... wenn sie nur gewut htten - wie - und was.
    Osman und Kodama fhlten sich auch nicht angenehm berhrt. Kodama mochte
nicht allzu viel nachdenken, liebte die lngeren, umstndlichen Errterungen
ganz und gar nicht - liebte die bequeme Krze, den gedrungenen Witz, das
abschneidende Schlagwort ...
    Und Osman - ja - der wute nicht recht, ob Abu Maschar die richtige
Persnlichkeit sein wrde, den Abu Hischam mit seinem dummen Gelehrtenbunde
mundtot zu machen. Der dicke Schreiber kannte den leicht erregbaren Philosophen
sehr genau - so leicht war der nicht tot zu kriegen.
    Und richtig - es dauerte auch garnicht lange, und der Philosoph machte durch
deutliche Hand- und Armbewegungen der Gesellschaft verstndlich, da er bereit
wre, dem Propheten mit krftiger Lunge Bescheid zu sagen. Abu Hischam rief
gellend - zornig mit den Fusten gen Himmel drohend:
    Prophet! Der Unsinn, den Du uns da auftischen willst, schreit zum Himmel
wie Abels Blut!
    Die Gesellschaft wird erregt.
    Die Sklaven blicken scheu zur Seite.
    Doch Battany wird pltzlich auch lebhaft.
    Halt! stt er heftig vor, jetzt haben wir, dcht ich, fr heute genug
reden gehrt. Sehr schne Reden warens - sie waren nur leider zu schn. So was
strengt an. Ich mchte was vorschlagen. Wir sind morgen abend bei Said ibn Selm
zum Abendessen geladen. Wir knnten also morgen abend weiter reden. berlegen
wir uns bis dahin, wie wir dem weisen Abu Maschar am besten antworten knnten!
Seid Ihr einverstanden? Ja? Ich bin mde!
    Lautes Ja! in den verschiedensten Formen tnt von allen Lippen ...
erleichtert fhlen sich Battanys Freunde. Nur Abu Hischam murrt ein bichen.
    Doch das geht vorber.
    Die Sklaven verteilen schon die Wolldecken.
    Und Alle freuen sich auf den Schlaf.
    Die Fackeln werden ins Wasser geworfen.
    Die Sterne werden blasser und blasser.
    Die Sklaven ziehen die Segel ein.
    Der Steuermann dreht um.
    Und die langen Riemen heben pltschernd die Barke immer wieder hher,
bringen sie langsam stromaufwrts - langsam.
    Dicht am Uferschilf rudern die Sklaven.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Auf Battanys Barke ist es muschenstill. Safur liegt in seiner Wolldecke auf
dem Rcken und betastet mit den Fingern das Holz auf seiner rechten Seite.
    Er blickt zu den verblassenden Sternen hinauf und trumt von seiner Tarub.
    Das Boot schaukelt so wohlig, und die Augenlider fallen auch dem jungen
Dichter zu. Er tastet im Traum berall umher. Bald befat er die Sterne, bald
die Kochtpfe. Dann trumt er, der Chalif htte ihm befohlen, aller Menschen
Nasen zu befhlen. Und er atmet sehr schwer, denn die Aufgabe dnkt ihn nicht
leicht.
    Suleiman denkt an sein stilles Zimmer bei seinem alten Grtner. Dort duften
feine Reseden auf dem Tischchen neben der alten breiten Matratze. Und Rosenduft
weht hernieder. Und junge Mrchenprinzen beugen sich ber das Lager des alten
Suleiman - und der Rosenduft entstrmt den kostbaren Kleidern der jungen
Prinzen. Suleiman sinkt zurck - ihm ist, als lge sein Haupt mit seinem reinen
weien Turban in einem duftigen - Veilchenbeet.
    Laut schnarchen jetzt die Schlfer, die langsam - behutsam - fast lautlos
nach Hause gerudert werden.
    Es wird Tag.
    Bagdad - die Stadt - erwacht.
    Der glhende Sonnenball taucht im Osten hinter der Stadt brennend empor.
    Hellauf glnzt die hohe Chalifenburg im strahlenden Tageslicht.
    An den Ufern des Tigris - in den Grten der - Reichen wirds lebendig.
    Hbsche junge Sklavinnen baden hinterm Schilf - kichernd.
    Und der Tau blitzt auf allen bunten Blumen im Sonnenschein.
    Ein Morgenwind umsuselt die ruhigen Palmen, die Schlfer und die kichernden
Mdchen, die im Tigris - baden.

                                Viertes Kapitel


Und Safur lehnt an Tarubs Kchentr, er ruft mit seitwrts geschobenem Kopf:
    Ich stnde nimmer ganz allein,
    Wenn ich ewig knnte bei Dir sein.
    Doch die Tarub stemmt die Fuste in die Seiten und sagt zornig:
    Jetzt kommst Du erst? Ist jetzt Morgen? Die Sonne geht ja bald wieder
unter. Ich lass mir das nicht mehr gefallen!
    Tarub! erwidert wehmtig der Dichter, sei nicht so bse! Battany lud uns
zu einer Kahnfahrt ein. Wir sind eben erst zurckgekehrt. rgre Dich nicht!
Nein?
    Tarub - schnell besnftigt - sagt rasch:
    Na ja! Ausreden hast Du immer - daran fehlt es Dir nicht!
    Bei diesen Worten hebt sie schon wieder geschftig einen Kochtopf vom Feuer
runter, stellt ihn auf die Platte und holt mit einem Blechlffel vorsichtig das
Fleisch aus dem Topfe heraus. Das Feuer schlgt lodernd in den ruigen
Schornstein empor.
    In der Kche des reichen Said ibn Selm schaltet die Tarub wie eine Herrin.
Sie wird fast rot vor Eifer.
    Der Dichter flstert ihr ins Ohr:
    Ja, ja! sei nur schn ernst - das steht Dir gut - ich wei ja.
    Und da lacht Tarub ber das ganze Gesicht. Safur aber greift nach ihrer
Hand, die noch immer den Blechlffel hlt, berhrt sehr demtig mit den Lippen
die braunen Finger und sieht dann mit hoch emporgezogenen Augenbrauen unter
seinem braun und blau gestreiften Beduinengewande zur lachenden Kchin auf.
    Tarub schttelt vergngt den Kopf, schreit aber pltzlich:
    Nein - wie Du wieder aussiehst!
    Inde das kmmert den Dichter, der nie an seiner Schnheit zweifelt, sehr
wenig, denn er schliet seiner braunen Kchin den Mund mit einem Ku.
    Safur wandelt alsdann in der mit roten Mauersteinen gepflasterten Kche
langsam auf und nieder. Er schaut immer wieder Tarubs grnen Wollrock an, der
wie ein Sack in steifen Falten den Krper umschliet.
    Der grne Rock hngt an roten Lederriemen, die ber die Schulter gehen und
hinten sich kreuzen.
    Das weie Leinenhemd, das den Oberkrper faltig umschliet, sieht auch
sackartig aus. Ganz kurz sind die rmel des Hemdes, das so blulich-wei
aussieht wie Kuhmilch, die verwssert wurde.
    Die krftigen braunen Arme wirtschaften am Herde so eifrig herum, da der
fr gewhnlich nicht sehr lebhafte Dichter ganz berrascht ist durch diese
flinken braunen Arme ...
    Die Tarub ist fest gebaut wie aus Erz. Ihr schwarzer Zopf fliegt bei jeder
Bewegung bald nach rechts - bald nach links.
    Jetzt wendet sie das breite Gesicht zu ihrem Dichter. Ihre groen schwarzen
Augen glnzen unter buschigen Brauen. Sie zeigt ihm ihre weien Zhne, schttelt
sich das schwarze strhnige Haar aus der niedrigen Stirn und fragt leise:
    Was ist Dir denn wieder in die Krone gefahren?
    Safur blickt seine Kchin nachdenklich an und sagt ernst:
    Ich habe Hunger, Tarub!
    Pfui! ruft sie da, schmst Du Dich nicht? Ein solcher Feinschmecker wie
Du hat Hunger?
    Safur versetzt ernst:
    Ein wahrer Feinschmecker ist niemals satt.
    Tarub rgert sich ber diese Worte, sagt schnippisch:
    Warum kamst Du denn nicht frher? Jetzt, wo ich soviel zu tun habe, bist Du
hier. Zieh doch den Vorhang fort!
    Safur zieht den safrangelben Vorhang vom breiten Fenster zurck und schaut
in Saids grellbunten Garten hinein.
    Die Sonne scheint dem Dichter von links oben ein bichen auf den Kopf und
auch auf die rechts gelegene weie Kchenwand, an der eine lange Reihe starker
Messer mit prchtigen Griffen glnzend aufblitzt.
    Tarub geht dann mit ihrem Blechlffel zu dem sinnenden Dichter, dreht ihn um
und blickt ihn an, steht breitbeinig da und wackelt mit dem ganzen Krper lustig
von rechts nach links und von links nach rechts - wie ein Br.
    Und indem sie die Augenbrauen so hochzieht wie vorhin der Safur, fragt sie
schmeichelnd:
    Nu? Na? Was mchtest Du jetzt wohl essen? Nu? Na? Sag! Ja?
    Alles! ruft da lachend der Dichter.
    Drob freut sich die Tarub, wackelt wie ein Br durch die ganze Kche und
spricht darauf sehr ernst, indem sie die Hnde faltet:
    Oh! Oh! mut Du aber hungrig sein! Setz Dich gleich da drben auf die
Bastdecke - schnell! Ich werde vor Dir auch ein weies Tuch auf die Erde
breiten. Setz Dich!
    Safur setzt sich denn auch mit untergeschlagenen Beinen und zufriedenen
Gesichtszgen auf die Bastdecke. Und Tarub breitet das weie Linnenzeug auf den
roten Ziegeln mit rasch bewegten Hnden vor ihm aus.
    Danach bringt sie ihm das Essen.
    Sie erklrt:
    Hier hast Du hartgesottene Steppeneier mit gelber Sonnentunke. Der
Holzteller, auf dem die Eier ruhen, ist ganz neu und von einem ganz alten
Beduinen am Rande geschnitzt. Und hier hast Du auf dunkelblauem Porzellan sauren
Waldsalat ... Nachher gibts Bratfisch. Willst Du noch die lflasche?
    Safur bittet um die braune mit dem langen Halse.
    Und auf einem Wandbrett unter alten Kruken und Glsern, Bechern und Npfen
findet die Tarub nach lngerem Suchen auch diese braune lflasche mit dem langen
Halse ...
    Safur freut sich drber.
    Tarub auch - sie hebt die Lederriemen, an denen das grne Wollkleid hngt,
hher. Sie spannt die Sehnen des gedrungenen braunen Halses krftig an, stt
das Kinn und die Unterlippe vor und sieht zu, wie ihr Dichter it. Sie hofft,
Safur werde ihr so recht was Nettes ber die gelbe Sonnentunke sagen. Der hrt
aber gleich wieder mit dem Essen auf und redet jetzt, die Finger der braunen
Rechten gro ausspreizend, mit weicher Stimme:
    Ich fhle mich so sehr wohl. Ein groes Wohlbehagen empfand ich soeben. Ich
empfinde das jetzt noch. Kennst Du das auch? Es war mir in meinem ganzen Krper
so unbeschreiblich wohlig. Es berkam mich so pltzlich eine ganz selige
Stimmung. Ich dachte nichts, ich fhlte nur. Mein ganzer Krper fhlte. Nur ein
paar Augenblicke hielt es an. Aber es war nicht eine einfache Sinnesempfindung.
Ich schmeckte nichts und sah nichts - ich fhlte auch nicht nur in den Fingern -
alles fhlte an mir und in mir. Ob eine so allgemeine krperliche
Gesamtempfindung nur eine Magenstimmung ist? Ich habe noch garnicht Lust zum
Essen. Ich fhle mich so sehr wohl. Jetzt merke ich etwas ber dem Magen - unter
der Brust ...
    Besorgt fragt die Tarub:
    Hast Du Leibschmerzen?
    Safur schttelt den Kopf und zerteilt wieder mit dem zierlichen kleinen
Spatenmesser die Steppeneier, tut Sonnentunke mit einem Porzellanstbchen hinauf
- und it wieder - langsam - bedchtig - schmeckend.
    Der Dichter will dann Kamelsmilch.
    Und in einer feinen Tonschale, die mit krausen Blumen bemalt ist, reicht
Bagdads berhmte Kchin die Milch ihm hin. Und er trinkt in langen Zgen -
schlrfend - mit der Zunge schnalzend - lchelnd.
    Die Tarub pkert whrenddem mit der Feuerzange in den glhenden Holzkohlen
herum, rckt den Dreifu zurecht, setzt eine Bratpfanne hinauf und schmilzt Fett
darin. Sie legt sodann einen groen Windfisch ins Fett und brt den Fisch.
    Mir ist behaglich zu Mute, sagt der Dichter.
    Er kaut den frischen sauren Waldsalat, und dabei schweift sein Blick ber
die langen Reihen buntfarbiger irdener Kruken und Krge, die auf den
Wandbrettern stehen und sich prchtig von der weien Kalkwand abheben. Viele
Schsseln stehen auch ringsum an den Wnden.
    Neben der Wassertonne liegt gehacktes Holz und brauner Torf.
    Auf einem gebeizten schwarzen Holzgestell thronen feierlich Porzellanschalen
und Tassen - mit Blumen und seltsamen Figuren bemalt. Das Porzellan ward aus dem
fernen China auf Dschunken nach Bagdad gebracht. An diesem Porzellan bleiben
Safurs Blicke hngen, und er meint lachend:
    Du, Tarub! Jetzt habe ich bald aus allen jenen Schalen und Tassen, die dort
auf dem schwarzen Gestell stehen, gegessen und getrunken, nicht?
    Ei ja! erwidert das braune Mdchen, aber sage mal:
    schmeckt es Dir denn auch? Du sagst heute nichts!
    Wie sollte mir, ruft der oftmals berschwngliche Dichter, das, was Du
kochst, jemals nicht schmecken? Ist doch unmglich. Ich habe ja schon alles
aufgegessen. Tarub, Niemand kocht wie Du - glaubs mir! Gib mir Brot und den
Salzbottel.
    Tarub nickt vergngt, als wr ihr was geschenkt.
    Der Windfisch ist gebraten - ganz knusprig. Die groe Kchin kostet ihn und
sagt: Hm!
    Danach stellt sie Brot, Salz und Fisch vor ihren lieben Dichter und sagt:
Nun?
    Er streichelt ihre Hand und will noch eine Citrone - bekommt sie auch
gleich.
    Der braun gebratene knusprige Windfisch liegt auf einem silberblanken
Zinnteller.
    Tarub kauert sich Safur gegenber an die Erde, betrachtet ihn - - - freut
sich, da es ihm schmeckt.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Weit Du, Tarub! hebt nun der Dichter lachend an, wie er sich die letzten
Grten des Windfisches aus den Zhnen zieht, whrend ich so a, hatte ich einen
prchtigen Traum, denn der Windfisch schmeckte vortrefflich
    - den lieb ich - besonders gebraten. Ich trumte - mir war so, als wre ich
ein Riese und se vor dem groen Meer - und mir kamen die einzelnen Fischteile
wie wunderliche kleine Inseln vor. Verstehst Du nicht? Ich glaubte, kleine
Inseln zu essen und das Meer brausen zu hren, in dem die Windfische
herumspringen.
    Was Du auch Alles glaubst! ruft da erstaunt die Tarub.
    Safur aber fhrt fort:
    Man mu noch viel mehr beim Essen denken. Ich verstehe nur das Eine nicht:
denke Dir nur - der groe Weltreisende Jakuby, doch sonst ein wirklich
feingebildeter Mann, versteht vom Essen nichts - wahrhaftig - nichts;
    er hlt die Gensse der Zunge fr ganz niedrige - fr tierisch.
    Entrstet ruft die braune Kchin:
    Ist es mglich?
    Der Dichter spricht nun weiter:
    Ich versuchte den groen Gelehrten, der doch fast alle Lnder der Erde
kennt - China, Arabien, Spanien, Afrika - zu widerlegen. Ich sagte: warum soll
ich mich fr eine kstlich schmeckende Speise nicht ebenso herzlich begeistern
wie fr eine neue Stadt oder fr ein neues Buch? Warum nicht? Ich empfinde doch
beim Essen ebenso leicht was wie beim Lesen und Reisen. Doch er verstand mich
nicht. Und der alte Querkopf Abu Hischam - den Philosophen meine ich - der stand
dem Jakuby noch bei.
    Weit Du, erklrt eifrig die Tarub, vom Essen verstehen eigentlich die
meisten Menschen nichts. Dieser dicke Vielfra, der Schreiber Osman! ich sage
nichts - aber ich habe sehr oft das Gefhl, als wrs ihm ganz gleichgltig, was
er it - wenns nur viel ist.
    Safur schiebt die Schuld an dieser Vielesserei den Tofailys in die Schuhe -
diese Schlemmer mten Alles unmig treiben, anders wre ihnen nicht wohl ...
    Jetzt plaudern die Beiden, erzhlen sich was.
    Der Tarub fllt dabei was Neues ein.
    Bei Allah! fngt sie erschrocken an, ich verga ja - hast Du denn noch
nichts von dem Morde heute Morgen gehrt? Nein?
    Safur hlt diesen Mord nicht fr besonders merkwrdig, ist der Meinung, da
so was alle Tage in Bagdad vorkommt.
    Das bringt aber die Tarub ganz aus der Fassung, sie redet ihrem Dichter ins
Gewissen:
    Safur! sagt sie eindringlich mahnend wie eine Mutter, wie kannst Du so
sprechen? Es ist doch schrecklich, einen Menschen zu morden. ber den Tod darfst
Du nicht so leichtfertig denken. Sieh, diese wsten Tofailys haben den Mord
begangen - einen alten Wollkrempler haben sie totgestochen. Du solltest doch
nicht mehr mit den Tofailys verkehren - sonst stechen sie Dich auch noch tot!
Versprichs mir!
    Hier hast Du meine Hand! ruft feierlich der Dichter aus, ich will mich um
Deinetwillen niemals totstechen lassen.
    Die Tarub springt rgerlich auf, sie ist bs - immer, wenn sie ernst wird,
ist er spttisch - so recht nichtswrdig kann er sein.
    Safur trstet seine rgerliche Kchin in ganz eigener Art, sagt:
    Hre, liebe Tarub! Mord ist Mord - Mord bleibt auch Mord - ob Du darber
traurig oder vergngt bist, wird aus dem Morde nicht etwas Andres machen -
Tatsachen sind und bleiben unveranderlich. Du kannst Dich ber alles grmen,
ber alles kannst Du Dich rgern - kannst Dich aber auch ber alles freuen -
ber alles lachen, alles verspotten - darfst auch alles beweinen. Wie man sich
nach einer Tat - oder einer festen Tatsache gegenber benimmt, das ist grausig
gleichgltig.
    Diese weisheitsvollen Worte versteht die Tarub natrlich nicht - das ist ihr
viel zu schwer.
    Sie wird aber immer ruhig, wenn sie das Gefhl hat, da er doch eigentlich
schrecklich klug ist ... das wei natrlich der schlaue Dichter.
    Er bekommt jetzt Durst, und sie - vergit den Mord - reicht ihm in einer
Muschel knieend ein paar duftende Oliven dar.
    Er beit in eine Olive hinein und umarmt dann seine Tarub, kt ihr die
Stirn und die Augen, die Wangen und den Hals, die kleinen kalten Ohren und die
heien Lippen.
    Wie er die Tarub loslt, eilt sie an den Pumpenschwengel und pumpt einen
hohen Silberbecher halb voll Wasser, giet Wein aus einer kleinen Kanne hinzu
und reicht es ihrem geliebten Dichter mit der Linken, lchelt ihn innig an. Der
schwarze Zopf liegt ihr dabei auf der linken Brust.
    Safur zieht die gute Tarub zu sich nieder - und sie trinken Beide ...
    Jedoch - leichtfertig hat sie ihn genannt. Das vergit er nicht so schnell,
er mutzt ihr das auf.
    Leichtfertig, spricht er spitz, leichtfertig hast Du mich genannt. Das
bin ich ja noch gar nicht. Ich mcht es ganz gern werden. Aber:

O! glaube mir, es ist nicht leicht,
Das ganze Leben leicht zu nehmen. 

Pause ...
    Sie trinken.
    Die Tarub bewundert des Dichters weiche Stimme, die jetzt wieder recht
nachdenklich durch die Kche hallt - folgendermaen:
    Ja das Leben! Ich glaube, ich nehme das Leben viel zu ernst. Zwar - ich
will nur genieen. Doch ich kann nie fein genug genieen. Ich mchte den Genu
so fein machen wie einen Geist - wie ein Frauenhaar. Man mu so mit allen
Fingerspitzen genieen - die feinste Reizung der Haut mu empfunden werden. In
jedem Augenblicke mte man anders erregt und bewegt werden - und zwar bewut.
Man mu die Bewegung jedes fallenden Blattes mitfhlen. Da ich so viel Neues in
jedem Augenblicke genieen will - so bin ich auch immer wieder ein Andrer. Jeden
Tag will ich auch was Andres.

Was ich gestern war,
Bin ich heute nicht.
Jeder neue Morgen
Zeigt ein neu Gesicht.

Wieder Pause.
    Die kleine Tarub denkt - er hat ne Andre.
    Er mu sie beruhigen.
    Er streichelt sie, ist sehr zrtlich.
    Er flstert ihr Schmeichelnamen ins Ohr, nennt sie lieber Br ... protter
Br ... Busselbr ...
    Sie lachen und essen Oliven und trinken Wein aus Bassora dazu - der schmeckt
sehr schn.
    Br, fragt er, wie lange ist es schon her, da ich zu Dir in die Kche
komme?
    Br wei nicht, denkt, es sei schon schrecklich lange. Doch das glaubt er
nicht, er meint:
    Nicht doch! Mir ist, als wenn es erst ganz kurze Zeit wr. Oh! Der Genu
der Menschen ist so flchtig. Man geniet eigentlich immer nur den einzelnen
Augenblick. Ich glaube, ein stndiges unvernderliches Glck gibt es garnicht.
Wirklich! Wir kennen nur Augenblicksgensse. Darum darf man sich nicht darauf
beschrnken, blo groe noch erhabene Gefhle zu suchen und zu pflegen - die
kann man doch nicht immer haben. Man mu auch an allem, was klein ist, sich
ergtzen. Sonst wird man sehr oft unbefriedigt und unglcklich sein. Da drben
die blanken Messingkessel und die bunten irdenen Tiegel - die sind mir auch
allmhlich lieb und wert geworden. Ich suche an jeder Kleinigkeit etwas zu
finden. Deshalb esse ich auch so bedchtig - mit Verstand, wie Du zu sagen
pflegst. Man mu sich an den Augenblicksgenssen festklammern, als wren sie
alles, was wir jemals erreichen knnten. Die groen erhabenen Stimmungen sind
eigentlich auch nur fr den Augenblick da. Ja - immer kann man sich nicht fr
groe Dinge und fr groe Empfindungen - fr das stark und heftig Erregende -
begeistern - oder man lgt sich was vor - oder das Groe ist nicht mehr gro.
    Ich mchte noch viel fter, bemerkt zaghaft die kleine Tarub, mit Dir
zusammen sein. Du mut mir noch Vieles erklren. Ich verstehe Dich zuweilen
nicht so rasch. Willst Du noch Wein, Safur?
    Gutes Kind! entgegnet er freundlich, ach ja! ein wenig!
    Safur sitzt da in seinem braun und blau gestreiften Beduinengewande - wie
ein hockendes Zebra.
    Er sttzt den Kopf in die Hand. Das feine schmale Gesicht mit dem ganz
schmalen feinen Nasenrcken sieht nachdenklich auf die schimmernde groe
Muschel, in der noch wie eine groe grne Perle eine Olive ruht.
    Aus Saids Garten weht ein starker Blumenduft in die Kche. Vom Feuer her
riecht man jetzt das kochende Fleisch - ganz schn ist das.
    Im ruigen Schornstein hngen gerucherte Lammrippen.
    Der rote Ziegelboden ist sauber gescheuert. Neben dem Herde steht noch der
schmutzige Scheuereimer.
    Und die Tarub in ihrem grnen Wollrock wirtschaftet in ihrer Kche so eifrig
herum, da Safur ganz erstaunt ist - der versteht niemals, wie man das
Wirtschaften so wichtig nehmen kann.
    Wieder bringt sie Wein - aber sie hat ihn diesmal gewrzt mit alten
getrockneten Krutern, die sie aus alten Bchsen und Dosen hervorkramte.
    Der Wein duftet nun noch schner als das Fleisch im Kochtopf - fast schner
als Saids Blumen.
    Safur und Tarub trinken.
    Der Wein macht den Dichter ganz tiefsinnig.
    Der Mensch, flstert er - so als wenn er allein wre, kann nicht in einem
fort lachen, kann auch nicht fortwhrend weinen, kann nicht immer traurig sein
und auch nicht ewig sich selig fhlen. Dieses glaube ich. Daher mu man die
einzelnen Augenblicke des Lebens gesondert genieen und vor allem nicht immer
geneigt sein, jeden Augenblick zu verlngern. Jede Lust whrt ihre Zeit - wenn
sie vorbei ist - dann ist sie vorbei. Daran mu man sich gewhnen. An jedem Tage
- in jeder Stunde sieht unser Wohlbehagen und unsre Erregung ganz anders aus.
Oft ist uns auch die Unruhe und das Unbehagen ntig. Die schmerzlichen
Empfindungen sind auch von manchen Genssen garnicht zu trennen ...
    Das alles ist nun nichts fr die Tarub - die will ihn daher auf andre
Gedanken bringen, er soll nicht soviel denken - sie erzhlt ihm:
    Du, Dichter! Hr blo! Die Abla steht jetzt den ganzen Tag vor ihrem neuen
Spiegel. Schrecklich! Nicht?
    Das verleidet ihr, entgegnet der Dichter, den Genu. An einer und
derselben Sache kann man nicht stets das nmliche Wohlgefallen empfinden. Der
Genu lt sich nicht wie ein Gummiband verlngern. Wir mssen immer wieder neue
Reize suchen - sonst stumpfen wir ab. Selbst gebratenen Windfisch kann man nicht
alle Tage essen.
    Der Dichter, der sich jetzt sehr weise vorkommt, erhebt sich, bewundert die
Sauberkeit der Kche, vergleicht Tarubs Kche mit einigen andren, sehr
schmutzigen Kchen und schaut dann nachdenklich in eine tiefe Holzwanne, in der
sich ein paar dicke Aale wild herumtummeln; sie winden sich durcheinander und
hauen sich mit den Schwanzspitzen ...
    Tarub rhrt Teig - aus dem dunkle Kronenkle gemacht werden sollen - hurtig
zurecht. Alles geht sehr flink ...
    Und beim Teigrhren erzhlt die Tarub, da sie des Morgens jene schne gelbe
Schssel, aus der Safur zum ersten Male in ihrer Kche gegessen - und zwar junge
Hhner in altmekkanischer Brhe - fallen gelassen habe und da die schne gelbe
Schssel zerschlagen sei.
    Diese Nachricht stimmt den Dichter sehr sehr traurig, er umarmt seinen Bren
und wird ganz gerhrt.
    Und die Tarub beginnt nun, in alten Erinnerungen zu kramen; das Kramen mag
sie fr ihr Leben gern.
    Safur, hebt sie an, weit Du auch, da Du mir damals noch die schne
Zuckerbchse mit Deinem alten Sbelknauf verbeultest?
    Ich wei߫, sagt der Dichter.
    Er berhrt gleichzeitig mit den Fingerspitzen ein paar dicke blutige
Rindskeulen, die an krftigen Eisenhaken vor der weien Kalkwand hngen.
    Oh! fhrt aber der Br fort, weit Du auch noch, wie Du da drben an der
Wand auf den weien Mehlscken saest, mit den Fen strampeltest und mir Dein
erstes Gedicht an Deine Tarub vorlasest? Weit Du noch? Mir waren gerade die
Speckstcke ins Feuer gefallen.
    Ich wei߫, ruft lachend der Dichter.
    Er schiebt einen leeren Weinschlauch mit dem rechten Fue an die Wand, nimmt
das Beil vom Nagel und hackt seiner braunen Kchin ein bichen Holz klein.
    Das Kochgeschirr aus blankem Messing, das neben dem Herde hngt, blitzt und
funkelt. Die grn und blau gesprenkelten Honigglser glitzern hinter dem
Pumpenschwengel.
    Die groe Stahlschaufel lehnt am Trpfosten.
    Die blau und rot gestickten Leinentcher baumeln - etwas schmutzig sind sie
- ber dem Kehrichteimer.
    In den Eiseimern taut das Eis.
    Es ist so schrecklich ruhig in der groen Kche des reichen Said.
    Eier quirlen soll der Dichter schlielich.
    Er tut es und denkt daran, wie er die kleine llampe mit dem langen Docht an
der Schnauze zum ersten Mal in einer dunklen Nacht hier in der Kche brennen sah
- er half da der Tarub noch die vielen Lffel putzen.
    Als er mit dem Quirlen fertig ist, will er die kleine llampe, die zwischen
kleinen lila gefrbten Npfchen steht, anstecken.
    Aber da kommt er schn an.
    Bist Du verrckt? schreit die Tarub, jetzt am hellen Tage willst Du die
Lamp anstecken? Du fngst ja wieder gut an. Solche Dummheiten kann ich nicht
leiden.
    Sei doch nicht gleich so! spricht milde der Dichter, dem die rauhen Worte
wie Faustschlge vorkamen, diese Heftigkeit ist mir schrecklich - mir wird
gleich ganz hei, wenn Du in so roher grober Weise redest.
    Doch die Tarub geht an den hlzernen Pumpenschwengel und pumpt, da das
Wasser berschumt und den blank gescheuerten Ziegelboden na macht ... sie
lacht darber aus vollem Halse; ihr Lachen schallt in den Garten hinaus.
    Da httest Du bald das Wasser in die Milch gespritzt - die groen
Milchschalen knnten auch mal bedeckt werden.
    Also der Dichter.
    Doch seine dralle Kchin sagt rauh:
    Wasch Dir doch die Hnde!
    Nein - sei nicht so rcksichtslos! sagt er.
    Doch gleich darauf wscht er sich wirklich die Hnde;
    sie waren ja tatschlich sehr sauber nicht.
    Wie die Hnde sauber sind, ist Safur wieder ruhiger - er lchelt sogar,
lchelt ber seinen protten Bren, der ihn immer wieder verletzt - immer wieder.
    Die Erinnerungen an alte Zeiten machen den Dichter wieder friedlich - er
freut sich ber die vielen Kiepen mit Pfirsichen, Birnen, Gurken, Waldbeeren und
Kirschen. Am Fenster in einer Ecke liegen auch ein paar Dutzend Tauben - in
einer Reihe - ihre toten Kpfchen hngen trbselig auf der Seite.
    Tarub geht hinaus, sie mu nach der eitlen Abla sehen, ob die auch mit ihrer
Zuckerbckerei fertig wird - Saids Abendessen soll frstlich werden.
    Sollst doch nicht so die Stirn krausen! ruft sie noch, als sie schon
beinahe drauen ist, ihrem Dichter freundlich zu.
    Der Safur nickt und befhlt mit seinen reinen Hnden die fein getriebene
Arbeit des groen kupfernen Eiskbels, in dem knstlich Eis erzeugt wird.
    Er denkt - spricht dabei zuweilen ganz laut:
    Wie seltsam alle diese Kchengerte auf mich einwirken. Ich erinnere mich
heute fast an meine halbe Vergangenheit. Als Tarub Kopfschmerzen hatte und ich
ihr Eisumschlge machte, da war sie so dankbar - so weich und zrtlich. Dieses
Aufbrausen berhrt mich so entsetzlich roh. - - - Aber die Erinnerung verschrft
doch die Gensse. Wenn ich aus einem alten, mir vertrauten Kochtopf esse - so
empfinde ich die frher genossenen Speisen noch einmal auf der Zunge - nur so
halb - aber sie wrzen doch das neue Gericht. Mit solcher Wiederholung eines
Genusses kann man wohl eine sehr verfeinerte, verschrfte Empfindung erzielen
... Wenn man nur alle Arten der Genuverschrfung genauer kennen wrde!
...Verschrfen lt sich ein Genu, aber nicht verlngern - das ist wichtig ...
Zum Beispiel: eine Liebesstimmung soll man auch nicht lnger machen wollen - als
sie ist - sie ist auch kein Gummiband ... Jedenfalls ist mir nun das Eine klar:
man mu in jedem Augenblick einen neuen Genu oder einen verschrften Genu zu
empfinden trachten - man darf nicht kleben bleiben an der einzelnen
Lustempfindung. Der verschrfte Genu ist nur eine besondre Art von den neuen
Genssen ... die Erinnerung spielt hier die Rolle eines feinen Gewrzes. - - -
Und dann darf man nie vergessen, da man einen andauernden Glckszustand nicht
in sich erzeugen kann. Man mu immer im Auge behalten, da der einzelne Genu
nicht allzu lange geniebar ist - man darf sich daher nicht blo einer besondren
Gattung von Genssen zuwenden - man mu alle - alle - alle Gensse durchkosten
wollen - immer wieder andre - immer wieder neue feine vergeistigte Gefhle - aus
dem trockenen Brot mu man ebensoviel Genuerreger rausziehen knnen - wie aus
der rasendsten tollsten glhendsten Liebesleidenschaft. Das hchste Lebensglck
besteht in dem Leben, das da aufweisen kann: die grte Zahl von glcklichen
Augenblicken - die man nicht verlngern soll - die man auch nicht verlngern
kann - die man nur zuweilen durch Erinnerungen und lustige Verse verschrfen
darf. Verlieben darf man sich nicht in die einzelnen Gensse - kleben bleiben
darf man nicht an den einzelnen Augenblicken. Man mu ohne Schmerz
weiterspringen - wenn die eine Wiese ein bichen abgegrast ist. Nur nicht
traurig werden! Mit geballten Fusten oder anders will ich unermdlich danach
streben, die grte Zahl fein verzckter Augenblicke zu durchkosten. Ich will
der glcklichste Mensch sein. Nichts soll mir zu klein und nichts zu gro sein.
Genieen will ich - genieen!
    Ein durchdringender Bltenwind strmt aus dem Garten khl in die Kche.
    Safur frstelt. Er dreht sich um.
    Die Kchentr steht splarweit offen.
    Und Tarub, Bagdads berhmte Kchin, kniet dort auf der Schwelle - faltet die
Hnde - tut so, als ob sie ihren Dichter anbetet ...

                                Fnftes Kapitel


Piepsend schieen Schwalben vorber - vorber an dem reichen Said ibn Selm, der
unter seinem kostbaren Zeltdache steht und eine lange Kchenrechnung liest.
    Und er murmelt in seinen rechteckigen Bart:
    Die Gewrze werden zu teuer - viel zu teuer; die Tarub verbraucht zu viel -
viel zuviel. Alles viel zu teuer - viel zuviel!
    Saids ltester Sklave, der Hausmeister, wagt es, mit dem Kopfe zu schtteln.
    Said fragt erstaunt:
    Oh, mein Hausmeister, warum schttelst Du mit dem Kopf?
    Oh, Herr! antwortet der alte Sklave treuherzig, die Tarub ist die
sparsamste Kchin, die ich jemals sah.
    Das glaubst Du selbst nicht! ruft zornig der Herr des Hauses - er wendet
sich und geht ab.
    Der Hausmeister steht einen Augenblick allein und denkt nach.
    Dann klatscht er in die Hnde, und es erscheinen hbsche junge Knaben mit
Ruchergefen und kupfernen Waschbecken, mit prachtvollen Teppichen und groen
gurkenfrmigen Papierampeln, die ganz dunkelrot sind.
    Unter dem kostbaren Zeltdache, das schrg von der Hauswand in den Garten
hinuntergeht - wie ein schlaffes Segeltuch - auf Saids berhmter Estrade - soll
gleich das ppige Abendessen eingenommen werden, zu dem Battany und seine
Freunde feierlich geladen wurden.
    Die viereckige sehr gerumige Estrade ist vorn offen und fhrt da in den
Garten - rechts, links und hinten wird sie durch Teppiche abgeschlossen, die man
zurckziehen oder leicht an die Seite schlagen kann, wenn Jemand durch will ...
    Die Knaben hngen flink vorn am Zelttuch die Ampeln auf, stellen die
Rucher- und Waschgerte in die Ecken, breiten die Teppiche, die sie
mitbrachten, auf den Boden und verschwinden dann wieder - fast geruschlos.
    Der Hausmeister ist abermals allein.
    Der Springbrunnen im Garten pltschert sehr laut und sehr lustig.
    Es wird allmhlich dunkler.
    Und wies nun so dmmerig ist, schiebt sich vorsichtig rechts durch die
Teppiche ein reizendes weies Gesicht durch - mit feuerroten Haaren, in denen
weie Rosen stecken - das ist die eitle Abla.
    Und links erscheint ein gelbes Gesicht mit groen braunen Augen und
schwarzen Haaren, in denen blaue Veilchen stecken - das ist die Sailndula - ein
Mdchen aus dem fernen Indien.
    St! macht das Mdchen rechts.
    St! macht das Mdchen links.
    Und dann kommen sie Beide vor und umarmen den Hausmeister.
    Der schaut erstaunt erst die Abla an - die so reizend aussieht in ihren
Beinkleidern aus hellblauer Seide - ihr Oberkrper ist nur mit einem zarten,
ganz dnnen, weien Spitzenhemd umhllt. Dann schaut er ebenso erstaunt die
Sailndula an, die einen weingrnen Seidenrock trgt, der nur bis zum Knie
reicht. Die schlanken Beine des gelben Mdchens sind vom Knie ab unverhllt.
    Kinder! bemerkt dann bedchtig der Hausmeister, wo habt Ihr denn die
schnen Kleider her?
    Die hat uns Said, erwidert die weie Abla, beim Schneider Dschemil
gekauft. Weit Du auch warum? Ach, wie soll ich das wissen? versetzt der
Alte.
    Und nun erklren die beiden Mdchen flsternd und hastig, da sie zu den
Gsten frchterlich liebenswrdig sein sollen, damit die Gste nicht zuviel
essen ...
    Und kichernd erzhlen auch die Beiden, da sie einen Plan ausgeheckt haben:
sie wollen dem Said, dem alten Geizhals, beim letzten Gericht einen Schlaftrunk
geben ... das heit: der gute Hausmeister soll dem Said den Schlaftrunk geben.
Die Mdchen kssen den Alten - und er wei sich nicht zu helfen - er verspricht
alles zu tun, was man von ihm verlangt ...
    Jetzt ist es aber ganz dunkel geworden.
    Die Knaben stecken die llmpchen in den gurkenfrmigen roten Ampeln an ...
    Wie die brennen - erscheint die Tarub.
    Sie hat dunkelrote Rosen im schwarzen Haar, der Zopf liegt ihr auf der
Brust. Ein gelbseidener Rock umhllt ihren braunen breiten Krper bis zum Knie,
und schwarzseidene Beinkleider umhllen bauschig ihre dicken Beine.
    Die sechs Arme der Mdchen sind ganz unbekleidet, doch die sechs Fe
stecken in kleinen roten Lederpantoffeln.
    Was jedoch tut die Tarub?
    Oh - die schimpft gleich wieder.
    Die mu immer schimpfen, sonst kann sie nicht leben.
    Sie schimpft, da das Rucherwerk noch nicht brennt.
    Na - die Knaben beeilen sich, Myrrhen, Weihrauch, Sandarakholz und andre
wohlriechende Stoffe vorsichtig anzuznden.
    Die Rauchwolken wirbeln empor.
    Und die Gste erscheinen.
    Es kommen immer zwei zugleich, Arm in Arm - aber schweigend.
    Abu Maschar kommt mit Abu Hischam.
    Battany kommt mit Jakuby.
    Osman naht am Arm des Kodama.
    Die Mdchen kichern, wie diese beiden Dickbuche feierlich eintreten.
    Zuletzt erscheint Safur mit Suleiman.
    Der Letztere hlt eine Rolle in der Hand.
    Die acht Freunde begren die lachenden Mdchen - die Tarub mit ganz
besondrer Hochachtung - die benimmt sich daher auch ganz kniglich - die ist so
glcklich und so stolz.
    Die acht Freunde warten alsdann.
    Said pflegt immer - seine Freunde warten zu lassen. Das ist so Sitte in
seinem Hause.
    Nach einer guten Weile aber kommt der Hausherr endlich zum Vorschein - er
trgt einen schwarzen Seidenkaftan und einen schwarzen Seidenturban.
    Zwei schwarze Knaben fcheln dem Hausherrn mit indischen axtfrmigen Fchern
Khlung zu.
    Die Gste verbeugen sich.
    Said lchelt.
    Dann treten Alle zur Seite, und Suleiman geht dem grten Geizhals von ganz
Bagdad - diesem unglaublichen Said ibn Selm - mit einer Ehrfurcht entgegen, mit
der man in Bagdad gewhnlich nur dem verrckten Chalifen zu nahen pflegt.
    Suleiman hebt dabei seine Rolle hoch empor und spricht:

Said ibn Selm, wir gren
Feierlich Dein festlich Nahn.
Said ibn Selm, wir lcheln
Selig, da Du endlich kamst.

Deine Augen, Said, gren
Alle, die Dich heute sahn,
Wie zwei stille Mrchenblten
In der Hand des Brutigams.

Immer kann man nicht verliebt sein,
Ewig whrt kein einz'ger Wahn,
Aber heut mu ich Dich preisen -
So wie Du 's noch nie vernahmst.

Said, milder Freund, wir ahnen,
Was wir heut von Dir empfahn.
Du verbreitest mrchentrunken
Ach - die Lust des Brutigams.

Wenn im Abenddunkel trumend
Deinen Garten wir durchschaut,
Konnte nichts uns mehr beglcken
Als ein stiller Mondenschein.

Said, kannst Du darum zrnen,
Wenn ich berseltsam khn
Dich mit Mondenschein vergleiche?
Ach - ich bin in Dich verliebt!

Said, sieh! in Deiner Nhe
Mssen wir vor Freude glnzen,
Denn wir fhlen vor Dir - horch nur!
Einen neuen Mondesglanz.

Alle Blumen schlieen schamhaft
Ihrer Kelche zarte Ohren,
Denn die Winde flstern lstern
Ach - von wilden Liebespaaren.

Tolles Jauchzen tnt nun selig
Durch des Gartens Blumenpracht -
Das sind lustverzckte Verse -
Die durchsprhn die Mondesnacht -

Und wir stehen trumend stumm,
Hr'n ein himmlisches Gedicht.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Ging der Mond schon auf? - Oh nein!
Said - wir - gedachten - Dein!

Leise klagend fltet eine Nachtigall in Saids Blumengarten.
    Said empfngt gerhrt die Rolle, in die das Lobgedicht fein suberlich
hineingeschrieben.
    Darauf setzt man sich im Halbkreis auf die Teppiche - der Hausherr in der
Mitte mit dem Gesicht zum dunklen Sternenhimmel, vor dem die roten Ampeln
schaukeln.
    Links von Said sitzen vier Gste.
    Rechts von Said ebenfalls.
    Feine weie Tcher mit Fransen breiten flink die Knaben
    vor den Gsten aus.
    Die Tarub erteilt leise die Befehle.
    Alles gehorcht der Tarub.
    Zuerst gibts Tigriskrebse in buttergelben Porzellanschsseln.
    Wie die roten Schalen knacken und knistern, ertnt im Garten in der Ferne
wunderbare Fltenmusik - denn ein Gastmahl bei Said ist ohne Fltenspieler nicht
denkbar.
    Und die Nachtigallen schlagen zuweilen ganz verstndig dazwischen.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der zweite Gang ist saurer Aal in Panthertunke - Al Battanys Leibgericht.
    Der Springbrunnen pltschert.
    Die Flten verstummen.
    Und die drei Mdchen berreichen jedem Gast einen Becher mit Wein.
    Feierlich heben alle die Becher empor, und dann wird getrunken.
    Alten Wein aus Bassora trinkt man.
    Verstndnisinnig trinkt man den alten Wein.
    Und dann gibts indische Schnecken.
    Die Gesichter der Gste glnzen.
    Das Gesprch beginnt.
    Battany setzt dem Abu Maschar in wohlgesetzter Rede auseinander, da eine
Fortentwicklung der Welt und der Menschen durchaus nicht zu leugnen sei - das
she man schon an der groen Stadt Bagdad, die einst ein armseliger Marktflecken
gewesen - das she man an den indischen Schnecken, die in dieser Zubereitung
sicherlich in frheren Zeiten nicht gegessen worden wren ...
    Said lchelt stolz, da son gelehrtes Zeug bei ihm geredet wird - er
versteht natrlich kein einziges Wort von dem ganzen Gesprch, an dem sich auer
Abu Maschar und Al Battany auch Abu Hischam und Jakuby beteiligen. Man erhitzt
sich beinah ... deswegen lt der Hausherr klteren Wein bringen.
    Und die Fltenspieler flten immerfort. Man it Antilopenschinken mit
gefrorenem Wurzelsalat - und zwar nicht wenig.
    Die Liebenswrdigkeit der drei Mdchen dringt nicht durch.
    Als aber Kamelsgehirn gebacken aufgetragen wird auf flachen silbernen
Tellern - da kann sich Safur nicht mehr halten.
    Freunde, ruft er laut, Ihr et nicht mit der ntigen Andacht. Oh dieses
Kamelsgehirn - entzckend - wir mssen auf Tarubs Wohl trinken - auf Tarubs ...
    Alle trinken auf ihr Wohl.
    Und dann essen Alle Kamelsgehirn und danach - Schildkrten gesotten.
    Safur vergeht fast vor Seligkeit. Er it mit so groem Entzcken, da Alle
lachen mssen. Seine Augen leuchten wie dicke groe Glhwrmer. Und der Said
sagt schmunzelnd zum Safur:
    Junger Freund! Gib Verse zum Besten!
    Der junge Freund lt sich diesmal nicht lange bitten, spricht mit dem
Messer drohend:

Glaubt mir! Den Hund ich tte,
Der mir die schne Krte
Zu rauben wagen sollte.

Der Ampeln dunkle Rte
Durchglhet meine Krte,
Als wenn sie brennen wollte.

Weh dem, der mir verbte,
Die wunderbare Krte
Zu speisen und zu preisen!

O Krte! Schne Krte!

Und des Dichters Messer funkelt hell.
    Saids Gste lachen und trinken.
    Das Gesprch ber die Entwicklungsfhigkeit von Welt und Menschen kommt ganz
ins Stocken. Battany kann nur noch dem Abu Hischam versichern, da der Plan,
einen geheimen Gelehrtenbund zu grnden, durchaus nicht bel sei und spter wohl
zur Ausfhrung kommen knne.
    Abu Hischam reibt sich drob vergngt die Hnde.
    Jetzt wird aber armenische Rbenpastete aufgetragen - und die macht den
Philosophen noch vergngter, denn die Rbenpastete ist sein Leibgericht.
    Donnerwetter! brllt er strmisch, Said, Du bist ja frchterlich
aufmerksam gewesen.
    Den andern Gsten schmeckt allerdings die armenische Rbenpastete ganz und
gar nicht.
    Sie verziehen die Gesichter.
    Said lchelt.
    Erst wie die gebratenen Tauben vom Demawand erscheinen, wird die Stimmung
wieder gemtlicher.
    Wie die Knchlein der Tauben knacken und knistern, wird dem Safur, der schon
sehr viel Wein getrunken, so gereizt zu Mute.
    Die Fltenspieler flten wieder.
    Und die drei Mdchen sind so aufdringlich.
    Allerdings - das rhrt die Gste sehr wenig.
    Dem Battany ist die Liebenswrdigkeit der Mdchen sehr unangenehm - er ist
daran gewhnt, da die Frauen bescheiden in der Ecke stehen und kaum zu atmen
wagen.
    Kodama und Osman essen, als wenn sie vierzehn Tage gehungert htten.
    Said rgert sich - rgert sich, da er den Mdchen ganz zwecklos die neuen
Kleider kaufte.
    Safur aber sieht auch mit Unwillen auf die beiden Dicken - sie essen ihm
wieder zu schnell.
    Langsam, fngt er an, essen diejenigen Menschen, die das Essen
verstehen.
    Said wirft dem Dichter einen dankbaren Blick zu, und der Dichter fhrt fort:
    Unbegreiflich erscheint mir doch Manches. Wir haben eigentlich smtlich
hier in Bagdad die beste Gelegenheit, unsre Gaumen auszubilden - wer aber bildet
seinen Gaumen wirklich aus? Ich glaube - ich tu das nur allein. Wer nicht zu
essen versteht, versteht auch nicht zu genieen. Wir mssen doch, wenn wir das
Leben genieen wollen, alle unsre Sinne ausbilden - den Geschmackssinn drfen
wir nicht vernachlssigen. Wer. sich immer den Magen berldt - wie Osman und
Kodama - der ist doch eigentlich nur ein ganz gewhnlicher Tofaily.
    Osman und Kodama grinsen.
    Die Andern schweigen und essen bedchtiger.
    Said macht ein sehr schlaues Gesicht.
    Abu Hischam ruspert sich, er will reden.
    Die chinesischen Fasanen, die ihm die Sailndula anbietet, weist er barsch
zurck und beginnt nun - bedchtiger als sonst:
    Lieber Safur! Du wirst uns bei allen Gelegenheiten umstndlich
auseinandersetzen wollen, da Du Deine Sinne stndig verfeinerst - so als wenn
darin die einzige Aufgabe Deines Lebens besteht. Du denkst eben, etwas Feineres
als verfeinerte Sinne gbs garnicht. Es gibt aber doch noch feinere Gensse, die
mit der Verfeinerung der Sinne ganz und garnichts zu tun haben. Wenn ich an der
Weiterentwicklung der Welt arbeite oder ber die wichtigsten philosophischen
Fragen nachdenke, so empfinde ich doch mehr als bei Deiner Fresserei.
    Alles lacht.
    Kodama sagt mit wohltnender Stimme, whrend er drohend ein chinesisches
Fasanenbein schwingt:
    Oh, Abu Hischam, um die Verfeinerung der Sprache wirst Du Dir auch keine
Verdienste erwerben. Redet aber nur ruhig weiter, es it sich dabei ganz gut.
    Doch nun reden Alle durcheinander.
    Die Sigkeiten werden herumgereicht.
    Abla verteilt ihr Zuckergebck und eine groe ZobadaTorte.
    Sailndula bietet ihren mit Mandeln und Bananen gefllten Kataf, der in
Nul schwimmt, so zrtlich bittend an, da ihr Niemand einen Korb gibt.
    Zwar - Abu Hischam will nur noch altmekkanischen Kirschenpudding essen, den
die Knaben auch schon herbeigeschleppt haben.
    Abla gibt ihm den Pudding, luft dann aber in den Garten - und singt - sie
singt ihr berhmtes Gazellenlied, das sie schon fters gesungen und das die
Gste schon kennen.
    Safur wendet sich whrend des Gesanges flsternd an den Philosophen und
fragt spttisch:
    Ei, Abu Hischam, ber welche philosophischen Fragen denkst Du denn so
eifrig nach?
    Aber Safur, erwidert leise der Philosoph, Du mut ja nicht das Eine
vergessen: wir leben nur in einer Scheinwelt. Du glaubst immer nur, da Du Dich
an die greifbaren Gensse halten mtest - und doch - Du mut nicht vergessen,
da ich in Indien war und auch einmal ein Buch Der Zweifler schrieb. Es gibt
wirklich noch eine andere Welt als die, die wir mit unseren Sinnen begreifen
knnen.
    Doch was ist das?
    Said fallen die Augen zu, der Kopf fllt ihm auf die Brust und nun - nein -
htte ihn nicht der Hausmeister aufgefangen, der Herr des Hauses wre mit der
Nase in den Kirschenpudding gefallen ...
    Die Gste springen erschrocken empor.
    Aber die Tarub und die Sailndula kichern - und tanzen vor Vergngen.
    Er hat ja ein Schlafpulver bekommen, sagt die Sailndula, denn wir wollen
mit Euch auf der Sternwarte Wein trinken. Beruhigt Euch!
    Battany und seine Freunde mssen nun so laut lachen, da Said, den der
Hausmeister vorsichtig auf die Seite legte, beinahe wieder aufgewacht wre ...
    Ablas Gazellenlied verhallt - sie eilt auf die Estrade und wird vom dicken
Kodama strmisch gekt.
    Die Gste waschen sich alsdann in bester Laune die Hnde - und wandeln davon
- zur nahen Sternwarte - die drei Mdchen - und die Sklaven mit den
Weinschluchen folgen - die Fltenspieler ebenfalls.
    Auf der Estrade bleibt nur der schlafende Said - der schnarcht.
    Die roten Papierampeln schaukeln ein bichen.
    Der Springbrunnen pltschert.
    Die Blumen duften stark.
    Das Rucherwerk duftet noch strker.
    Wie verwstete Drfer liegen die berreste der Torte und des Puddings auf
den kostbaren Teppichen umher - - -
    Die sauberen weien Tcher mit den Fransen sind zerknillt und
durcheinandergeworfen.
    Die Estrade gleicht jetzt einem verlassenen Schlachtfelde.
    Der Halbmond steht schief ber der Gartenmauer.
    Die Sterne sind wieder sehr hell.
    Die roten Ampeln verlschen allmhlich.
    Die Nachtigallen flten wunderbar.
    Und Said schnarcht ...

                                Sechstes Kapitel


Die Mongolen reiten langsam um die Sternwarte rum und spitzen die Ohren - sie
hren was.
    Sie zgeln ihre schwarzen Rosse und horchen, weit ber den Kopf der Pferde
gebeugt, in das Dunkel hinein.
    Dann erkennen sie die Stimmen, reiten rasch an den Turm, der oben den
Empfangssaal trgt, und wecken die Schwarzen.
    Nach ein paar Augenblicken sind die zwlf schwarzen Sklaven mit zwlf
Fackeln drauen.
    Die Sklaven eilen mit den Fackeln dem Herrn Battany, der mit seinen
Freunden, den Mdchen, den Fltenspielern und Weinschluchen langsam nher
kommt, diensteifrig entgegen.
    Die Fackeln erleuchten den Pfad.
    Die Mongolen sitzen auf ihren Pferden ganz stramm.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Und bald sind Alle oben im Empfangssaal.
    Nur die Mongolen sind unten geblieben.
    Der Herr Battany ist guter Dinge und schickt gleich die Fltenspieler in den
dritten Turm, in dem er gewhnlich zu arbeiten pflegt.
    Die Sklaven mit den Fackeln werden auf den Galerieen, den beiden anderen
Trmen und auf dem Altane verteilt.
    Auf dem fnfeckigen Altan leuchten jetzt fnf Fackeln in fnf schwarzen
Fusten.
    Die drei Mdchen schenken den Wein in die groen Becher.
    Und Alle trinken die groen Becher in einem Zuge aus.
    Und dann kssen die drei Mdchen den Battany und seine sieben Freunde so
strmisch, da Allen ganz schwindlig wird.
    Jetzt wirds sehr laut.
    Alles lacht und schreit.
    Der Wein berauscht.
    Und Abla will singen - doch sie will nur singen auf Abu Maschars hohem Turm
- Abu Maschar soll mitkommen.
    Der Prophet geht schlielich lchelnd mit der weien Abla auf seinen Turm.
    Und Abla singt oben den neuesten Gassenhauer - die berhmten
Sareppa-Strophen, die im Jahre 892 nach Christi Geburt in allen Schenken Bagdads
gesungen wurden.
    Die Strophen waren von einem unbekannten Snger der berchtigten Sareppa
gewidmet.
    Die Sareppa ist eine schlitzugige Mongolin, die besser reiten kann als die
Beduinen.
    Die Abla singt:

Warum bist Du bs auf mich,
Wilder brauner Wstensohn?
Warum bist Du rgerlich?
Ist das meiner Liebe Lohn?
Schenk mir Dein Ro -
Und schenke mir Rosen!
Liebst mich heute ganz allein -
Morgen mu es anders sein.

Komm wieder rein!
Ich schenk Dir Wein!
Willst Du eiferschtig sein?
Ach, Du bist es nicht allein -
Hr doch meine Freunde schrein -
Jeder will mich heut schon frein -
Schenk mir Dein Ro!
Komm wieder rein!

Willst Du meine Freunde schlagen,
Steigst Du noch in meiner Gunst.
Mut Dein Leben fr mich wagen,
Sonst ist Lieben keine Kunst.
Schenk mir Dein Ro -
Und schenke mir Rosen!
Liebst mich heute ganz allein -
Morgen mu es anders sein.

Alle lauschten - die Strophen klangen weich und voll durch die Nacht.
    Die Fackeln flammten unheimlich in den Sternenhimmel hinauf.
    Unten flsterten die Mongolen - oh - die kannten die Sareppa.
    Die Abla hatte nicht so gesungen, wie man die Sareppa-Strophen in den
Schenken zu singen pflegt - Manches hatte so schwermtig geklungen.
    Im Empfangssaal htten die Mnner beinah das Trinken vergessen ...
    Doch die Menschen werden so anders, wenn sie beim Trinken sind.
    Jakuby wackelt immer mit dem Kopf und mit seinem lila Turban - redet
fortwhrend zu Osman von Byzanz und von Damaskus, setzt dem dicken Schreiber
auseinander, da er in diesen beiden Stdten jede einzelne Sngerin gehrt habe.
Osman will das garnicht glauben.
    Battany ist zur Sailndula sehr hflich, ist entzckt von ihren kleinen
Fen, ihren Veilchen und ihren Augen - nur ihr weingrnes Gewand will ihm nicht
gefallen.
    Kodama streichelt der Tarub die braunen Wangen und raubt ihr eine dunkelrote
Rose.
    Suleiman sitzt auf dem groen Teppich, trinkt und lacht, wundert sich, da
die Andern nicht auch sitzen und lachen. Die Andern lcheln nur.
    Abu Hischam und Safur stehen auf dem fnfeckigen Altan und reden mit einem
frchterlichen Eifer ber die Welt und ber den Genu. Die Schwarzen mit den
Fackeln staunen.
    Kodama singt:

Schenk mir Dein Ro -
Und schenke mir Rosen!

Und der Dicke trinkt mit der Tarub - er ist schon recht heiter.
    Sailndula schaut zuweilen scheu zu dem indischen Gtzenbild hinber.
    In Battanys Arbeitszimmer flten die Fltenspieler - sie haben auch Wein zu
trinken bekommen.
    Abu Hischam sagt:
    Lieber Safur, wir tuschen uns ja so oft. Wenn wir trumen, denken wir doch
immer - wir wachen. Mssen wir deswegen nicht auch in unseren wachen
Augenblicken - an unserm Wachsein zweifeln? Wenn wir aber erst zweifeln, da
dieser Altan ein Altan ist, so wird uns doch der Boden unter den Fen
fortgezogen - dann schwankt alles - ja, Safur, dann schwankt Alles!
    Und der Philosoph schwankte wirklich, worber Safur sehr lachen mute.
    Sie tranken wieder - Saids Diener schenkten diensteifrig immer von Neuem die
groen Becher voll - der erste Weinschlauch lag schon schlaff hinter dem
kupfernen Himmelsglobus.
    Abu Hischam spricht weiter:
    Ja, Safur, Du hltst Dich fr einen groen Schlaukopf. Du willst immer mit
Deinen Sinnen genieen - ei, wenn Deine Sinne garnicht da sind - was dann? Das
Zweifeln mut Du lernen, das Zweifeln hast Du noch nicht raus. Leben heit
zweifeln. Genieen heit auch nur zweifeln. Immer schwanken mu man. Die groen
Weisen schwanken und zweifeln immer. Trotzdem kann man ganz vernnftig sein -
man braucht deswegen nicht zum Gewohnheitssufer zu werden. Man kann trotzdem
das Groe wollen - die Welt kann noch alle Tage besser werden - fr die
Entwicklung der Welt mssen wir sogar kmpfen. Das ist ja der Hauptgenu - wer
an der Verbesserung der Welt arbeitet - - - der pfeift auf das Fressen und
Saufen - der pfeift!
    Der groe Philosoph schwankt und pfeift.
    Die Fltenspieler flten.
    Safur legt ernst seine Hand auf Abu Hischams Schulter und redet nun also:
    Du irrst Dich, wenn Du glaubst, da ich nur mit meinen fnf Sinnen genieen
will. Ich will genieen in allen Formen - in jeder Weise - wie - wo - was - das
ist mir ganz gleich. Aber Alles will ich genieen - und daher will ich auch mit
meinen fnf Sinnen genieen. Immer will ich genieen - daher will ich auch
genieen, wenn ich esse. Allerdings - Du sagtest, es gbe noch eine
bersinnliche Welt. Ich glaube ja an diese bersinnliche Welt. Die soll drum
auch fr mich da sein. Indessen - nur bersinnlichen Genssen nachgehen - das
scheint mir sehr unsinnig. Das kriegen wir ja garnicht fertig. Ich kann doch
nicht immerfort an Wstengeister denken. Allerdings - Du hast Recht. Zu groe
Bedeutung darf ich den Genssen der Zunge nicht beimessen.
    Safur denkt nach. Abu Hischam trinkt.
    Abu Hischam sieht so furchtbar altbacken aus - nchtern ist er auch nicht
mehr.
    Und Ablas Stimme ist nun auf der Galerie nebenbei zu hren, sie singt leise
zu Abu Maschar:

Komm wieder rein!
Ich schenk Dir Wein!

Das singt sie fters.
    Der Prophet ist gutmtig freundlich zu ihr wie ein milder Vater.
    Die Beiden betreten jetzt den Altan.
    Safur begrt sie sehr freundlich, Abu Hischam sehr spttisch.
    Abu Maschar ist milde wie gewhnlich.
    Die Drei trinken zusammen und reden.
    Sie reden aber Dinge, die so schwer verstndlich sind, da sich die weie
Abla traurig abwendet.
    Den Schwarzen macht das Fackelhalten wenig Spa - die Sache ist auch nicht
grade leicht.
    Abla sieht in den Empfangssaal.
    Da brennen oben die maurischen Lampen.
    Rechts neben dem kupfernen Waschbecken liegen die vollen - links die leeren
Weinschluche. Im Hintergrunde stehen Saids Diener. In der Mitte des
Hintergrundes unter der indischen Gtzenfigur liegt der alte Dichter Suleiman
und schlft - er ist abgefallen.
    Battany wandelt in seiner blauen Sammettoga mit der Sailndula auf dem
groen Teppich umher - so vertraut und gemtlich.
    Ungefhr in der Mitte des Teppichs sitzt Kodama neben einem Weinschlauch -
im Arme des dicken Geographen befindet sich die Tarub, die sich von dem Dicken
lachend kssen lt und ihm fleiig Wein einschenkt.
    Die Fltenspieler spielen nicht - man hrt nur reden, lachen und flstern.
    Die beiden Sulen, die zwischen Altan und Empfangssaal die drei Spitzbogen
tragen, sind nur dnn und knnen das Durchsehen nicht hindern ...
    Die Abla sieht alles.
    Und sie rgert sich ber Kodama und auch ber die Tarub, singt spttisch
sehr laut und hell:
    Liebst mich morgen ganz allein -
    Heute mu es anders sein.
    Und das singt sie immer wieder, bis das der leichtsinnige Kodama versteht.
    Gleichzeitig sieht aber auch der Safur seine Tarub in Kodamas Arm.
    Donnerwetter - da wird er wtend.
    Der Dicke lt sich aber nicht leicht aus der Fassung bringen, ruft dem
Dichter mit wohltnender Stimme zu:
    Du schlauer Safur - wir sind ja gute Freunde. Unter Freunden nimmt man sich
so was doch nicht bel. Ich wollte nur die kleine Abla ein bichen eiferschtig
machen! Sei wieder gut!
    Safur aber knirscht mit den Zhnen, da es Alle hren.
    Alle sind jedoch ziemlich berauscht, soda man diesen knirschenden Wutlauten
nicht zu groe Bedeutung beimit.
    Nur Battany merkt, da die Lustigkeit der Zecherei gestrt werden knnte,
und schreit daher mit donnernder befehlender Stimme:
    Sailndula wird hier auf unsrem Teppich tanzen. Kodama, steh auf! Safur,
sei vernnftig! Trink, Bruder! Sailndula, tanz! Alle Sklaven sollen mit den
Fackeln in den Saal kommen!
    Die Rede wirkt.
    Man holt die Fltenspieler. Die zwlf Schwarzen kommen mit den Fackeln in
den Saal.
    Kodama und Tarub stehen auf.
    Suleiman wird an die Seite gelegt.
    Auch Jakuby erscheint jetzt wieder, er fllt immer hin und fuchtelt mit dem
Zeigefinger durch die Luft, was sich sehr albern ausnimmt.
    Der dicke Osman kommt auch mit den Fltenspielern zusammen herein, er ist
schrecklich lustig und kneift den Schwarzen in die Backen.
    Die Schwarzen grinsen.
    Sie sehen drollig aus.
    Dann aber bittet der groe Al Battany seine Freunde auf den jetzt dunkeln
Altan hinaus - die Tarub und die Abla werden von ihm ganz besonders hflich
gebeten.
    Tarub schimpft auf den Safur.
    Abla singt dazu:

Eiferschtig willst Du sein?
Ach, Du bist es nicht allein!

Safur lacht und kt die Abla.
    Man trinkt wieder - noch hastiger als bisher.
    Wenn Sailndula tanzt - dann hat das was zu bedeuten.
    Schade nur, da der Suleiman schlft; der sieht so gern tanzen.
    Abu Hischam, der kaum stehen kann, will jetzt wieder lallend vom Bunde der
lauteren Brder reden, man hlt ihm aber den Mund zu und bittet ihn, sich
hinzusetzen.
    Ach - die Menschen werden so anders, wenn sie getrunken haben.
    Im Empfangssaal thront die indische Gtzenfigur - rechts und links neben ihr
stehen die Fltenspieler mit den Flten.
    Die Sailndula im weingrnen Kleide geht in die Mitte des Teppichs und
blickt noch einmal scheu zum indischen Gtzen hinauf.
    Vier Schwarze stellen sich an die hintere Seite des Teppichs - vier rechts
und vier links.
    Die Fackeln flammen hoch auf.
    An der Decke wirbeln die Rauchwolken.
    Der indische Gtze leuchtet und glnzt.
    Auch der kupferne Himmelsglobus wirft das Fackellicht zurck, das kupferne
Waschbecken gleichfalls.
    Battany sitzt mit Tarub und Abla hinter dem Mittelbogen, die Andern sitzen
und stehen hinter und neben dem Astronomen.
    Und Sailndula tanzt.
    Die Fltenspieler spielen ein altes indisches Lied - das klingt so weich und
getragen.
    Langsam bewegt die Sailndula die Arme durch die Luft und biegt dabei den
Krper nach allen Seiten.
    Ihre gelben Finger recken sich, und die Arme drehen sich, und die Fe heben
sich dabei - nur wenig - nur so zaghaft.
    Die Muskeln der Beine spannen sich, und dann dreht sich der ganze Krper der
Tnzerin.
    Die gelben Glieder drehen sich und beugen sich und krmmen sich - sie
bewegen sich - wie sich die Weisen der Flten bewegen - wie sich Bume bewegen
im Abendwinde - wie sich Schlingpflanzen ranken - wie sich kleine Quellen durch
die Wiesen winden.
    Und die Fackeln qualmen, da man das indische Gtzenbild kaum mehr sieht.
    Man sieht nicht mehr die Decke mit ihren blauen und grnen Mustern auf dem
prchtigen Goldgrunde.
    Aber man sieht noch die silbernen und roten Querstreifen auf den Wnden, die
blitzen oft auf im Fackelschein.
    Die Schwarzen stehen tiefernst; mit beiden Fusten halten sie die Fackeln;
ihre orangefarbigen Lendentcher leuchten.
    Die zwlf roten Flammen knistern.
    Die Flten ziehen in weichen Tnen durchs Gemach.
    Die indische Sailndula tanzt.
    Doch jetzt wollen Alle, da Sailndula nackt tanze.
    Sie besinnt sich.
    Und Battany legt sich aufs Bitten.
    Abla bittet den Kodama um die roten Rosen, die er der Tarub geraubt, singt
leise:

Schenk mir Dein Ro -
Und schenke mir Rosen!

Doch dann tanzt Sailndula nackt, ihr weingrnes Gewand fliegt hastig an die
Seite.
    Die Fltenspieler spielen ein wildes Jagdlied.
    Hei - wie sich die gelben wunderschnen Glieder jetzt bewegen.
    Nicht mehr ruhig ist der Tanz.
    Ein wildes tolles verzerrtes Springen und Stampfen geht los.
    Der Krper des Mdchens zittert.
    Sailndulas Muskeln schwellen an, da sie fast so stark erscheinen wie die
Muskeln der schwarzen Fackeltrger.
    Aber jetzt - pltzlich - da weiten sich die Augen der nackten Tnzerin.
    Sie sieht was - ein alter indischer Tempel steigt vor ihr auf - mit
herrlichen Pforten und reizend durchbrochenen Trmen, die wie Filigrangebilde
sich aufrecken - wie Elfenbeinschnitzereien ...
    Und neben dem Tempel fliet der heilige Ganges im Fackelschein.
    Und ein Jngling kommt aus dem Tempel raus und starrt die Sailndula an.
    Mit einem gellenden Schrei bricht das Mdchen zusammen.
    Mein Kleid! Mein Kleid! ruft es angstvoll.
    Battany und seine Freunde eilen auf die gelbe Tnzerin zu; sie wissen nicht,
was ihr fehlt.
    Sie aber reit sich mit den Ngeln den Busen blutig, da das Blut ihren
gelben Leib hinunterrieselt.
    Und dann brechen ihr die Trnen hervor.
    Meine Heimat! schluchzt sie.
    Und dann weint die Sailndula wie ein Kind - wie ein ganz kleines Kind.
    Battany gibt ihr Wein.
    Doch sie schlgt ihm den Becher aus der Hand.
    Sie weint furchtbar und windet sich dann in Krmpfen.

                               Siebentes Kapitel


Endlich! schreit Kodama in den frischen Morgenwind hinein, endlich sind wir
die dummen Frauenzimmer wieder los. Die Tarub schnauzt, die Sailndula heult,
und die Abla will immerfort Rosen haben. Freunde, wir sind frei - darum wollen
wir jetzt auf dem Karawanenplatz Tee trinken. Kommt!
    Und der dicke Geograph geht breitbeinig voran - die beiden Dichter Suleiman
und Safur folgen - der Philosoph Abu Hischam desgleichen.
    Diese vier Leute hatten die drei Frauen nach Hause gebracht - mit Mhe - wie
sich ja denken lt - denn nchtern war Niemand.
    uerlich machten jetzt die Vier einen sehr friedlichen Eindruck.
    Das war aber alles nur Schein.
    Der Wein hatte die Gemter ganz gehrig aufgeregt.
    Gereizt wandte sich Safur an den dicken Kodama und verlangte Aufklrung in
Betreff der Tarub - den Dichter plagte heie Eifersucht. Ein Wort gab das andre
- der sonst so gemtliche Geograph mit den herrlichen seidenen Hosen hatte seine
ganze wohltnende Beredsamkeit aufzubieten, um den Dichter davon zu berzeugen,
da eine Umarmung doch nur eine Umarmung und ein Ku doch nur ein Ku sein
knnte.
    Der gemtliche Dicke trat whrenddem in die Bude eines alten Wunderdoktors
und lie sich in vier zierlichen Npfchen ein schwarzbraunes dickflssiges
Getrnk verabreichen, das Wunder tun sollte gegen den Kater.
    Alle tranken das schwarzbraune Zeug und fhlten sich gleich beruhigt - auch
Safur.
    Leichtglubig wie alle Dichter lie auch dieser leicht sich was einreden.
    Das schwerglubige Mitrauen schien dem Safur ohnehin eine recht lstige
Sache.
    Die Hitze ist auch schon recht lstig.
    Grelles Sonnenlicht flutet durch ganz Bagdad, obgleich es noch immer Morgen
ist.
    Auf dem Karawanenplatz sieht es sehr bunt aus - der Platz ist so bunt wie
ein Opal.
    Die hellen Zelte, auf denen die Sonne brennt, geben dem groen
Karawanenplatz das Ansehen eines groen Lagers.
    Die mchtigen Bltter der Bananen und die riesigen Palmen ragen in den
hellblauen Himmel so beruhigend hinauf - so beruhigend wie das Grn der Oasen.
    Links zeigt ein indischer Schlangenbndiger seine Knste.
    Suleiman soll bezahlen und tuts.
    Suleiman denkt nur an den Schneider Dschemil, denn Said hat dem Dichter eine
dicke Goldrolle geschenkt - zum Lohne fr das Lobgedicht.
    Das Gold hat den Alten schrecklich glcklich gemacht - er benimmt sich
zuweilen ganz nrrisch.
    Neben ruhenden Kamelen liegen prchtige bunte Teppiche aus Smyrna und
Damaskus.
    Gelbe Chinesen stehen feierlich neben grellfarbigen Seidenstoffen.
    Braune Araber handeln mit Wollenzeug, Baumwolle und Leinen - die Stoffe
zeigen auch alle Farben - rote, blaue, gelbe, braune und andere.
    Alte gypter verkaufen Rosenl und Rucherwerk.
    Perser mit langen schwarzen Brten bieten lustigen braunen Mdchen
himmelblauen Trkisenschmuck an. -
    Und betrunkne Tofailys kommen jetzt torkelnd und johlend immer nher - sie
sehen Kodama, brllen ihm was zu - und dabei fllt der eine Tofaily wie ein
abgehackter Baum auf die eine Seite mitten in ein groes Lager irdener Tpfe und
Kruken, die ein alter Mann aus Kufa neben sich auf der Erde fein suberlich
aufgestellt.
    Mrderliches Geschrei! Das Geschirr klirrt und klappert.
    Ein frecher nackter Junge reitet auf einem kleinen grauen Elephanten heran -
und das Tier zerschlgt auch noch ein paar Tpfe.
    Hllenlrm!
    Die Tofailys lachen, sind aber in groer Not - die Kaufleute auf dem
Karawanenplatz verstehen im Entzweischlagen keinen Spa.
    Kodama bezahlt schlielich die zerbrochenen Gefe - widerwillig zwar - doch
mit Anstand.
    Die Tofailys sind drob natrlich ganz auer sich vor Vergngen.
    Kodama wird von den Betrunkenen bestrmt - wie von arabischen Kriegern eine
Burg bestrmt wird.
    Die Vier sind im Nu umringt.
    Und Alle wandeln lachend in die nchste Teebude. -
    Schlitzugige chinesische Mdchen bringen das heie Getrnk in blau bemalten
Porzellanschalen herbei.
    Wie gehts Deinem Bren? fragt man den Safur - hhnisch - denn Safur wird
beneidet. Sein Br, Bagdads berhmte Kchin, leuchtet sehr hell an dem trben
Himmel, der Bagdads berhmte Mnner berwlbt.
    Abu Hischam mu gleich wieder vom Bunde der lauteren Brder sprechen.
    Doch es wird hei.
    Auch unter den hellen Leinendchern der Zelte und Marktbuden nimmt die Hitze
ganz betrchtlich zu.
    Die Augen kann man garnicht mehr ordentlich offen halten - die Sonne
blendet.
    Tiefblau sind die Schatten der Palmen und Bananen. Vor den Teezelten liegt
die groe Moschee. Und rechts von der Moschee ragen die hohen, auf einem Hgel
gelegenen Palste der Chalifenburg mit vielen vielen Trmen und bunten Galerieen
in den glhenden Himmel hinauf.
    Trge zieht eine Karawane an den Teetrinkern vorber. Die Kamele nicken
einfrmig mit den drolligen Kpfen, die Pferde suchen mit der Schnauze den
heien Erdboden zu erreichen. Die Kameltreiber schwitzen und fluchen.
    Trge zieht die Karawane vorber - ein Bild tiefster Erschpfung - ein Bild
lhmender Schlaffheit.
    Das Gesprch unter den Teezelten verstummt - man verabredet noch eine
Zusammenkunft abends auf der Tigristerrasse - und trennt sich.
    Abu Hischam, Kodama, Suleiman und Safur wenden sich nach rechts, gehen an
einer groen Bude, die ganz mit kleinen indischen Gtterfigrchen gefllt ist,
vorber - in die Stadt.
    In den Straen ist es leer und hei.
    Die blauen Schatten der niedrigen zumeist fensterlosen Hausmauern und die
blauen Schatten der Palmen und Bananen - verkleinern sich - die Sonne steht
schon hoch.
    Der dicke Kodama ghnt und will zur Sareppa, die Andern wollen mit, und man
geht hin.
    Der weie Straenstaub durchsengt die Sandalen.
    Donnerwetter! Die Hitze ist strker als tausend Lwen.
    Die Vier nehmen erst noch ein Bad.
    Das erfrischt ein bichen.
    Dann gehts zur Sareppa.
    Da knallen die Peitschen.
    Da fliegen die Speere und die Pfeile.
    Da wiehern und stampfen die prchtigsten Hengste - denn die Sareppa handelt
mit Pferden, und ihre Hengste sind berhmt.
    Auf einem freien Platze, der nur von ein paar Palmen beschattet wird, jagen
junge nackte Mongolen auf schumenden Hengsten im Kreise herum. Die Mongolen
werfen dabei mit kurzen Lanzen nach einer Holzpuppe, die hoch oben unter den
Blttern einer Palme hngt. Die Lanzen sausen oft in weitem Bogen fast bis auf
die Strae hinaus, da man sich in Acht nehmen mu.
    Die beiden Gelehrten und die beiden Dichter gehen daher schleunigst unter
ein Holzdach, unter dem Gras wchst - da grasen die Pferde der Sareppa, und -
Beduinen bewundern die Pferde.
    Manche Beduinen kaufen sich ein Pferd unter diesem Holzdache - doch die
meisten Beduinen kommen hierher, um ihre Pferde zu verkaufen - und dann bettelnd
herumzulungern.
    Bagdad, diese ppige Stadt, bricht manchem Wstensohn den Hals.
    Und Safur spricht mit den Beduinen.
    Er spricht von den blauugigen Dschinnen und will mehr von diesen wilden
Wstengeistern wissen, die nachts auf schwarzen Rossen ber den heien Sand
sprengen und die Menschen - tten wollen.
    Die Beduinen erzhlen viel von den Dschinnen. Und vor Safur, der trumend
zuhrt, erscheint ein wildes Weib mit schwarzem Gesicht und hellblauen Augen;
die Haare hngen dem Weibe lang und strhnig an den Schlfen nieder. Die Stirn
des schwarzen Weibes zeigt senkrechte dicke Furchen. Die Mundwinkel des
blulich-blassen Mundes hngen tief runter - ein dunkler Gespensterkopf vor
einem leuchtenden Nachthimmel!
    Safur erschrickt.
    Und er liebt das Gesicht.
    Aber pltzlich ist es wieder weg. Er sieht nur noch die Beduinen vor sich,
sieht die Pferde der Sareppa grasen und den alten Suleiman drben an dem einen
Holzpfahl Kirschen essen.
    Safur hrt nicht mehr, was ihm die Beduinen erzhlen. Er versucht wieder,
das Dschinnengesicht zu sehen - kriegt es aber nicht fertig. Ganz verstrt kommt
er spter zu seinen Freunden zurck und it schweigend mit ihnen Kirschen,
trinkt auch Wein mit ihnen; der Kodama ist in bester Laune, hat an jeder Hand
ein Mongolenmdchen und erzhlt Schnurren, da die Mdchen sich krmmen vor
Lachen.
    Die Sareppa badet, die ist heute nicht zu sehen.
    Die Beduinen werden aber bald aufdringlich, die Obstjungens auch, soda man
sich nach einiger Zeit entschliet, weiterzuwallen.
    Kodama bernimmt die Fhrung und bringt seine Freunde in ein berchtigtes
Haus.
    Man geht in den groen Badegarten, wos sehr laut ist. Beduinen und ein paar
reiche Jnglinge aus Bagdads besten Familien zechen dort mit weien
Armenierinnen.
    Das eine Mdchen singt mit gellender Stimme, whrend sie ihren Jngling an
die Ohren packt:

Willst Du meine Freunde tten,
Steigst Du noch in meiner Gunst!
Blutig mu Dein Dolch errten!
Sonst ist Lieben eitel Dunst!

Und das Unerwartete geschah.
    Blitzschnell zog der Jngling seinen Dolch und stie ihn einem jungen
Beduinen bis ans Heft in den Leib.
    Aber im nchsten Augenblick hatte der Jngling einen furchtbaren Sbelhieb.
    Der Sbel ging ihm durch die linke Stirnseite, durchschnitt das Auge und
blieb im Kopfe stecken.
    Lautlos brach der Heibltige zusammen.
    Das dunkelrote Blut zweier Nebenbuhler besudelte den feinen bunten
Fliesenboden.
    Entsetzt wandten sich die beiden Gelehrten und die beiden Dichter ab und
schritten eilig an den Rosengebschen und an den Gummibumen - an dem reizenden
groen Badeteich, in dem Lotosblumen blhten, vorbei - hinaus - ins Freie.
    Drinnen schrieen die Weiber wie die Wahnsinnigen, als wenn das berchtigte
Haus ein Tollhaus geworden wre.
    Siehst Du! sagte drauen der dicke Geograph zum Safur, da siehst Du
wieder, wohin die Leidenschaften fhren. Hte Dich vor der Eifersucht!
    Und im Sturmschritt rannte der Dicke seinen drei Freunden voran zur
Tigristerrasse.
    In Schwei gebadet kamen die Vier dort an.
    Die Tofailys waren schon da.
    Die Sonne ging blutrot unter.
    Hastig erzhlten die Vier ihr Abenteuer.
    Aber die Tofailys rhrte das nicht allzu sehr. Sie waren ja des Morgens von
einem Leichenschmaus gekommen - von dem Leichenschmaus, den die hbsche Witwe
des alten Wollkremplers gegeben, den die Tofailys in jener grnen Schimmelnacht
in der Betrunkenheit erstochen haben sollten.
    Es ward Nacht.
    Man a und trank.
    Abu Hischam sprach wieder vom Bunde der lauteren Brder.
    Und als Alle recht viel getrunken hatten, nahm Abu Hischam feierlich alle
Anwesenden in seinen Bund auf.
    Suleiman riet vergeblich zur Migung. Er erinnerte vergeblich an die
Empfindlichkeit des reichen Battany.
    Abu Hischam nahm smtliche anwesenden Tofailys sehr frmlich in den Bund der
lauteren Brder auf.
    Und darauf trank man - bis Alles betrunken war. -
    Die Tofailys lagen schlielich auf der Tigristerrasse umher wie die Scherben
einer zerbrochenen Waschschssel.
    Safur dachte an seine Dschinne und an seine Tarub.
    An seine Tarub dacht er mit Ingrimm, denn er wute, da sie ihm wieder
Vorwrfe seiner wsten Sauferei wegen machen wrde.
    Der Tigris glitzerte im Mondenschein.
    Die lauteren Brder verstummten und begannen zu schnarchen; der Kopf ward
ihnen so schwer wie ein Henkerbeil.
    Safur dachte an seine blauugige schwarze Dschinne.
    Jetzt sah er sie wieder hoch oben im Himmel - bermenschlich gro - von
funkelnden Sternen umstrahlt.

                                 Achtes Kapitel


Und als es abermals Morgen ward, schien die Sonne so, als wenn garnichts los
wre.
    Jedoch - die lauteren Brder, die allmhlich erwachten, hatten gleich das
Gefhl, da in ihren Kpfen was los war - oder was losgehen wollte ...
    Durch die persischen Eichen, die auf der Tigristerrasse mchtig aufwuchsen,
wehte ein sanfter Wind, der leider garnicht khl werden wollte.
    Safur erwachte unter einem blhenden Oleanderbaum.
    Der Dichter Buchtury erwachte neben groen weien Lilien, die das eirunde,
rot und wei gemusterte Fliesengetfel in der Mitte der Terrasse umzunten.
    Buchtury sah die Lilien, den Safur und eine hohe Leiter. Er hob diese Leiter
auf, stellte sie senkrecht auf das rot und wei gemusterte Fliesengetfel und
bat ein paar Freunde, die gerade nicht wuten, was sie anfangen sollten, die
Leiter festzuhalten.
    Und dann kletterte der Dichter auf die Leiter rauf, soda sein Kopf die
grnen Bltter einer sehr hochgewachsenen persischen Eiche berhrte.
    Und in dieser Hhe begann der berhmte Tofaily, der nichtswrdige Prasser -
zu krhen.
    Mit krchzenden Lauten schrie er drauf in den Morgenwind seine Leib- und
Magenverse hinein.
    Von seiner Leiter starrte Buchtury auf die Terrasse runter wie ein mdes
Pferd.
    Des Dichters Augen waren verglast.
    Den Safur sah er ganz blde an und schrie:

Ihr, die Ihr so viel dichtet,
Ihr habt die Kunst vernichtet!

Die schnste Kunst des Lebens -
Die lerntet Ihr vergebens!

Ihr habt ja ganz vergessen,
Euch grndlich satt zu essen.

Den Magen vollzuschlagen,
Ist doch das Hauptbehagen.

Das ist die schnste Kunst,
Das Andre ist nur Dunst!

Beim Hahnenkampf und Hochzeitsschmaus,
Bei alten Bettlern seid zu Haus!

Wo Kinder geboren, Leichen begraben,
Ist allzeit auch was zum Essen zu haben.

In Keller und Kch', beim Wrfelspiel,
Oh, Kinder, da gibts zu essen viel.

Gut essen, Freunde, ist immer fein -
Ihr mtet nur eifrig dahinter sein!

lhr schaut viel zuviel nach den Sternen,
Ihr mt erst das Essen erlernen.

Salbet den Magen an jedem Morgen -
Lat Euch die Salbe vom Krmer borgen!

Lat Euch kneten den vollen Leib -
Lustig ist dieser Zeitvertreib!

Verget nicht tglich fters zu baden,
Oh - baden - baden - nie kann das schaden!

Tut berall nur, als wrt Ihr zu Haus!
Seid auch nicht rgerlich, lacht man Euch aus!

Schlgt man die Tr Euch zu vor der Nas -
Tut so, als wrs ein lustiger Spa!

Klettert durch den Schornstein herein!
Mutig mu der Hungrige sein!

Ich hab oft schon Prgel empfangen -
Oft mit dicken eisernen Stangen.

Das war mir alles ein lustiger Spa -
Wenn nur erst da war ein leckerer Fra.

Dann gabs nicht mehr Geschwtz und Getu -
Sofort war fort die freundliche Ruh.

Mit den Fusten packt ich die Keulen an -
Mit zween Fingern hab ich das nie getan.

Wie kleine Mdchen zierlich zu speisen -
Das berlie ich schwchlichen Greisen.

Den Nachbarn hab ich nie angeschaut.
Beim Essen sprach ich nicht einen Laut.

Wie gerne mocht ich riechen
Gebratne Federviehchen!

Einst konnt ich wie ein Lwe fressen -
Doch die Zeit hab ich lngst vergessen.

Tglich a ich ein Rind und zehn Tauben -
Heute will mir das Keiner mehr glauben.

Ich knnt so Manches noch sagen
Von meinem Magenbehagen.

Bei Allah! Wie wetzt ich die stahlharten Zhne!
So wie in der Wste die bse Hyne -

Ich leckte, kaute, kratzte, fra -
Ganz unbezahlbar war der Spa!

Nun leider wollen die Glieder nicht mehr -
Sie sind zu trocken, sie sind auch zu schwer.

Doch was fletscht Ihr mit Eurem Nilpferdgebi?
Die Geduld mir bei Eurem Anstande ri!

Was? Faul, alt und gebrechlich tut Ihr?
Was? Mit knurrendem Magen ruht Ihr?

Auf! In die Welt! Den Wrsten entgegen!
Kinder! Hier habt Ihr gleich meinen Segen!

Und Buchtury steht hoch oben auf der Leiter unter der persischen Eiche mit hoch
erhobenen Armen wie ein Schornsteinfeger da.
    Indessen - der junge Safur wird jetzt sehr rgerlich. Er ist ja der grte
Feind der Vielesserei.
    Buchtury wollte den Safur nur hhnen.
    Dieser ruft daher smtliche Tofailys zusammen und setzt ihnen auseinander,
da das Sattsein durchaus nicht anstndig sei.
    Diese Rede wurde mit sehr drolligem Beifall aufgenommen, das ja die Tofailys
gewhnlich garnicht zum Sattessen hatten.
    Daran hatte der kluge Safur garnicht gedacht.
    Die Tofailys aber verlangten nun von Safur einige Leckereien, sie hielten es
nach der Rede ber die Unanstndigkeit des satten Magens fr notwendig, sich in
der Enthaltsamkeit zu ben.
    Und dem armen Safur half nichts - er mute ein Frhstck besorgen.
    Da er kein Geld besa, mute er mit schwerem Herzen seinen Dolch versetzen.
    Suleiman und Kodama hatten sich fortgestohlen.
    Abu Hischam besa nie was.
    Die Tofailys lieen sich demnach auf Safurs Kosten ein herrliches Frhstck
geben - frische Fische aus dem Tigris.
    Safur sprach mit sehr saurer Miene ber die Vorzge dieser frischen Fische
und bestellte noch, da er ja den Dolch doch nicht mehr retten konnte, einen
dicken Schlauch mit Wein.
    Demzufolge war die Gesellschaft sehr bald wieder betrunken - - -
    Der Tigris pltscherte unten am Ufer spttisch lchelnd vorbei, umsplte die
Rosengebsche, die Granatbume, ein paar stille Palmen und die persischen Eichen
- flo dann nach Bassora und dann ins groe Meer.
    Safur, Abu Hischam und die Tofailys tranken unheimlich.
    Und ein toller ausgelassener Geist kam in die Gesellschaft.
    Der jdische Weinwirt schttelte bedenklich das lockige Haupt.
    Buchtury fiel ber die Lilien den Abhang hinunter - in den Tigris.
    Der jdische Weinwirt rettete den Betrunkenen, was nicht ganz gefahrlos
erschien.
    Nach diesem Unfall brachen die Zecher auf und wohnten in der Nhe der
Terrasse in der Sattelgasse einem Hahnenkampfe bei.
    Safurn kam, als er die wtenden Hhne mit ihren scharfen Sporen aufeinander
loshacken sah - eine grliche Erinnerung.
    Er dachte pltzlich an seine Tarub - - - beim Barte des Propheten! - die
Erinnerung war peinlich!
    Tarub pflegte, wenn Safur betrunken ohne Dolch nach Hause kam, ebenfalls wie
ein Hahn auf den betrunkenen Dichter loszuhacken.
    Safur ward daher ingrimmig und rannte davon.
    Aber er ging noch nicht zur Tarub zurck.
    Er trank sich erst in einigen Weinkellern - Mut.
    Und dann ging er in die Moschee und zankte sich mit einigen Koranstudenten.
    Und dann ging er zu den Sngerinnen der alten Dschellabany und klagte den
Mdchen sein Leid.
    Er lie sich ruhig auslachen, lachte sich selber aus - wurde jedoch immer
betrunkner und immer gereizter.
    Er fluchte auf die Tarub, als wenn sie an seinem Rausch die Schuld trge.
    Wies Nacht geworden und die Sterne funkelten, stand der Dichter vor Saids
Gartenmauer und wute nicht, wie er da hingekommen. Er knirschte frchterlich
mit den Zhnen.
    Der sonst so kluge Dichter konnte sich nicht gerade halten - schwankte wie
ein Rohr im Winde.
    Schlotternd hing dem Wstlinge das braun und blau gestreifte Beduinengewand
um die Glieder rum.
    Und die Welt war so schrecklich hei.
    Und Safurs Kopf war so schwer wie Blei.
    Und des Dichters Herz klopfte wie ein Schmiedehammer.
    Und des Dichters Hnde zitterten wie die Bltter der Pappeln, wenn der Wind
hindurchfhrt.
    Ach - schlielich kletterte Safur ber die Gartenmauer, fiel in eine
Dornenhecke, zertrampelte ein Tulpenbeet, stie sich den Kopf an einem
Birnenbaum und stieg darauf etwas blutend und voll Schmutz durch das
Kchenfenster in Tarubs Kche.
    Tarub sieht ihn, erschrickt, wird aber gleich furchtbar wtend und wirft
ihrem Geliebten einen braunen Milchtopf mit Milch an den Kopf, da dem armen
Dichter die weie Milch bers braune Gesicht rinnt.
    Dann schreit die Tarub wie eine Verrckte und haut ihrem Geliebten mit einem
Schrubber auf den Kopf.
    Safurn wird die Sache zu toll. Er packt seine berhmte Kchin an die Gurgel.
    Aber ach! - in dieser wsten Nacht ist er schwcher als seine berhmte
Kchin.
    Sie verprgelt ihren Geliebten und wirft ihn durchs Fenster in den Garten.
    Tpfe, Flaschen, Kruken, Holzstcke, Glser, Eimer voll Wasser - und alte
Fleischstcke - greulich! - alles dieses fliegt dem fein gebildeten
Feinschmecker, dem groen Dichter - an den Schdel.
    Und der betrunkene Dichter flieht.
    Und die Tarub, Bagdads berhmte Kchin, wtet in ihrer Kche wie eine toll
gewordne Dschinne auf dem Demawand.
    Niemand wagt es mehr, in Tarubs Kche zu steigen - in dieser Nacht ist es
ganz unheimlich in Saids Hause.
    Die Tarub wtet und schlgt manchen schnen Topf kurz und klein.
    Der Dichter flieht - aus dem Garten raus - weit fort - er flucht jetzt auf
die Tarub - wie ein Kameltreiber.
    Hliche Schimpfworte schreit er in die Nacht hinaus und knirscht dazu mit
den Zhnen.
    In der Ferne blitzt es - greulich grell.
    Unheimlich ist diese Nacht!

                                Neuntes Kapitel


Wie nun wiederum der Morgen graute, stand der Dichter Safur am Tigris und
starrte nach Osten.
    Berauscht sah der Dichter Safur nicht aus - aber - ein wenig verwstet und
ein wenig verkommen; das dnne Gewand war seltsamerweise nicht zerrissen - ganz
wars geblieben - indessen - schrecklich schmutzig wars geworden - Blut, Wein,
Milch, Staub, Blumensaft und Straenpftzen hatten die braun und blau gestreifte
Baumwolle hchst unregelmig gemustert.
    Und Safur starrt - halb blde, halb vertrumt - nach Osten. Da wirds ber
den breiten spiegelhellen Wassern des Tigris immer bunter.
    Die Sonne geht auf.
    Langsam hebt sich die brennendrote Scheibe aus den Fluten des Tigris raus.
    Und der Tigris glnzt jetzt auch brennendrot.
    Safur starrt in die heie Farbenpracht und sieht pltzlich ber der roten
Sonne in den glhenden Wolken ein schwarzes Gesicht - das schwarze
Dschinnengesicht, das er bei der Sareppa sah, als ihm dort die Beduinen von den
Schrecken der Wste berichteten ...
    Purpurne und goldene Wolken umrahmen wunderlich das schwarze Gesicht, das
nun die groen blauen Augen weit aufreit.
    Der Blick der Dschinne ist furchtbar.
    Safur taumelt zurck.
    Dabei bemerkt er aber, da rechts von der Sonne noch zwei Dschinnengesichter
vorkommen und links von der Sonne gleichfalls.
    Die neuen Gesichter sind etwas zur Seite gelehnt, da alle fnf Gesichter
wie ein Kranz die Sonne einschlieen.
    Und die Gesichter sehen ganz gleich aus.
    Ihre blablulichen schmalen Lippen ffnen sich ein wenig und zeigen weie,
fest zusammengeprete, kleine Zhne.
    Safur traut kaum seinen Augen, blickt in den hher gelegenen Himmel hinauf -
    Doch da beginnt er zu zittern, dort hher oben zeigt sich ein zweiter
Gesichterkranz; die Gesichter sind nur viel grer und viel schrecklicher.
    Und ber dem zweiten zeigt sich ein dritter Gesichterkranz - der ist noch
grer - fast noch einmal so gro.
    Der ganze Himmel fllt sich mit schwarzen Dschinnengesichtern, die langsam
aus dem dunklen Himmelsblau herauskommen und auf den Safur zuzustreben scheinen.
    Ganz oben am Himmel sind die Gesichter riesengro - die schwarzen Haare
flattern wild um die schwarzen Ohren und um die schwarzen Stirnen - - - doch so
wie die Haare an dem einen Gesichte flattern - genauso flattern sie auch an dem
andern.
    Und den Dichter packt die Angst. Ihm schlottern die Kniee. Er sieht
pltzlich nichts mehr. Ihm wird schwindlig. und er bricht bewutlos zusammen.
    Nach einer Weile hrt er dann ein gellendes Pfeifen, als wenn ein schneller
Wind vorbersause. Gleichzeitig wird vor seinen Augen alles rot ...
    Der Dichter will die Augen ffnen, kanns aber nicht - er glaubt, er sei
blind geworden.
    Er ringt die Hnde und schreit.
    Dadurch kommt er wieder zu sich, seine Augen ffnen sich, und - Bagdad mit
dem Tigris liegt vor ihm. Drben am Ufer erhebt sich der Garten des reichen
Battany.
    Safur befindet sich auf einer Anhhe und kann weit herumblicken.
    Der Himmel ist tiefblau.
    Die schwarzen Gesichter sind fort.
    Safur aber hat die Gesichter nicht vergessen, er springt auf, blickt sich
scheu um und rennt wie ein Rasender nach Battanys Landhaus.
    Er klopft dort heftig an die kleine Gartentr - und die wird auch gleich
geffnet - der Hausmeister ffnet selbst - kriegt jedoch beim Anblick des
Dichters ein so erschrockenes Gesicht, da das seine dem der groen Dschinne
nicht unhnlich sieht.
    Der Hausmeister hrt garnicht mehr, was der Dichter sagt, lt ihn hinein
und geht mit groen Schritten davon - zu seinem Herrn.
    Battany steht in seinem - Harem - und - grbelt.
    Seine Frauen liegen in prchtigen bunten Seidengewndern auf den Teppichen
und langweilen sich.
    Eine Perserin spielt eintnig auf einem langen Saiteninstrument, das mit
blitzenden Diamanten verziert ist.
    Eine kleine gypterin schlgt dazu ein paar glockenfrmige Cymbeln von Zeit
zu Zeit leise aneinander.
    Grn schillernde Fliegen summen durch das groe Gemach.
    Die Frauen wehren mit ihren Fchern die Fliegen von sich ab.
    In groen kupfernen Eiskbeln taut laut tropfend das Eis.
    Oben an den bunt bemalten Holzwnden bewegen sich leise kleine
Sonnenlichter, die durch die groen zierlich geschnitzten Windlcher sich
hineinstehlen in den groen stillen Harem des reichen Al Battany, dessen Frauen
sich immer langweilen.
    Der Harem ist ganz mit groen Granatbumen umgeben, damits nicht zu hei
wird in den ppigen Gemchern.
    Und der Hausmeister kommt an.
    Er strzt seinem Herrn zu Fen.
    Die Frauen richten sich auf.
    Der Hausmeister sagt ngstlich:
    O Herr, der Dichter Safur ist da. Aber ich glaube, er ist wahnsinnig
geworden.
    Die Frauen schreien.
    Battany lt sich in seiner Snfte in den Garten tragen.
    Zwei schwarze Sklaven halten von hinten hoch ber Battanys indischer
Goldmtze einen groen roten Sonnenschirm.
    Sehr langsam wird Battany getragen.
    In seinem Landhause geht alles langsam zu; laufen darf dort Niemand - auch
die Sklaven drfen nicht laufen.
    In seinem kleinen, leicht gebauten Bcherkioske will der Astronom den
Dichter empfangen.
    Safur kommt rasch durch die Olivenallee nher.
    Der Bcherkiosk liegt da so ruhig wie eine Krone auf einer kostbaren
Stickerei.
    Die kostbare Stickerei besteht hier aus ganz kurz geschornen grnen Rasen,
die von bunten Schnrkeln zierlich durchzogen sind.
    Die Schnrkel - teilweise indische Buchstaben - werden von kleinen Tulpen
gebildet.
    Es wurden aber nur drei verschieden gefrbte Tulpenarten verwandt.
    Die einen sind rotlila, die andern weigelb und die dritten graublau.
    Diese drei Farben heben sich wunderbar vom dunklen Rasengrn ab.
    Und da, wo auf dem Grnen keine Tulpen wachsen - da sitzen rote, blau und
grn, gelb und schwarz, wei und grau gefleckte Papageien frchterlich steif auf
glatt geschnittenen dnnen Holzsten, die alle mit weiem Silber beschlagen
sind.
    Die bunten Papageien machen einen - so gelehrten Eindruck - scheinen alle
sehr belesen - sehr belesen - denn sie sind ja vor dem Bcherkioske angekettet.
    Sehr saubre orange farbige, nicht gemusterte Fliesenwege durchziehen in
weichen Linien die kurz geschorenen Rasen, auf denen die Tulpen blhen und die
Papageien angekettet sind.
    Riesige Bananen umschlieen im genau abgezirkelten Kreise das glatte,
peinlich saubre Gartenkunststck.
    Und hierhin strmt mit raschen Schritten der wilde Dichter Safur.
    Oh! Oh! Wie Battany zusammenschrickt!
    Der riecht gleich, was los ist.
    Suferwahnsinn hat den Dichter gepackt - Suferwahnsinn!
    Die Sklaven mssen sich entfernen.
    Battany und Safur wandeln zusammen ber die orange farbigen, nicht
gemusterten Fliesenwege - doch nur dort, wo das weit ausladende Dach des
Bcherkioskes noch Schatten spendet. Safur erzhlt wtend von der Tarub und von
der Dschinne - wild durcheinander.
    Battany hrt nur, da Safur Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht und
wieder Tag und Nacht getrunken und sich schlielich mit seiner Tarub erzrnte.
    Der reiche Astronom ist daher auch sehr erzrnt, wirft dem leichtsinnigen
Dichter seinen hchst liederlichen Lebenswandel vor und sagt ihm am Ende:
    Mein lieber Safur! Mit Dir ist wirklich nichts mehr anzufangen. Du kannst
das Trinken nicht mehr lassen. Du wirst noch ganz und gar verkommen. Ich
verstehe Dich nicht. Du kannst nie aufhren. Du bist eben ein Gewohnheitssufer
geworden. Kannst Du Dich denn nicht daran gewhnen, mit den Andern nach Hause zu
gehen? Mut Du immer so lange trinken, bis Du im Rinnstein liegst? Du hast das
doch garnicht ntig!
    Dem Safur brummt der Kopf, ihm zittern die Glieder, Battanys laute Stimme
ist ihm schrecklich ...
    Kleinlaut versetzt der Dichter:
    Sieh mal, Battany, Du hast nicht das durchzumachen, was ich durchzumachen
habe. Glaubst Du, es sei so leicht, mit einem Weibe auszukommen, von dem man
abhngt. Du weit - wenn ich die Tarub nicht htte - knnt ich nicht mehr leben.
Zum Betteln bin ich zu stolz. Aber wenn ichs recht bedenke, mt ich auch zu
stolz sein, bei dieser Tarub zu leben. Ich kann mit der Tarub nur dann weiter
leben, wenn ich ihr Herr bin und sie meine Sklavin ist. Kannst Du nicht,
Battany, diesem Said die Tarub abkaufen - - - und - und mir schenken? Tus doch!
Sei mein Freund!
    Battany lchelt verchtlich.
    Er setzt dem Safur dann, ohne auf seinen Vorschlag einzugehen, auseinander,
da er des Abends eine groe Tigrisfahrt unternehmen mchte. Der Said, die Abla
und die Sailndula und auch die Tarub sollen mitkommen.
    Battany will zwischen Safur und Tarub vermitteln.
    Dem Safur schmerzt der Kopf.
    Ihm ist alles recht.
    Innerlich ist ihm ganz klar, warum er trank.
    Da er von der Tarub so ganz und gar abhngt - das hat ihn nach seiner
Meinung zum Sufer gemacht.
    Also denkt der Dichter gewhnlich, wenn er seinen Dolch versetzt und viel
zuviel getrunken hat.
    Er pflegt dann auch seinen Freunden vorzuwerfen, da sie sein Verhltnis zur
Tarub nur deshalb fr ganz gut hielten, damit er nicht seinen lieben Freunden
zur Last zu fallen brauche.
    Diese Vorwrfe spricht der Dichter, der immer sehr vorsichtig ist, natrlich
nicht laut aus.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Und Safur soll baden.
    Er tuts - in Battanys wunderbarem Teiche, der in einem kleinen Talkessel
liegt.
    In dem Teiche blhen blaue Lotosblumen.
    Die groen Lotosbltter schwimmen auf dem Teiche wie riesige Topfdeckel.
    Die Sklaven reinigen des Dichters Kleid.
    Und nach dem Bade wird der Dichter von den Sklaven mit wohlriechenden len
gesalbt.
    Die Baumwolle reinigen die Sklaven mit wohlriechender Seife.
    Safurn wird ein bichen besser.
    Er bekommt auch was zu essen.
    Und dann steigt er in eine Snfte und wird sanft mit Battany aus dem Garten
raus - zum Said und zu seiner Tarub getragen.
    Unter den beiden roten Sonnenschirmen, die gro, rund und steif sind, wird
die Haut der beiden Mnner auf den Snften auch ganz rot.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In Battanys Harem wirds wieder lebhafter: der Hausmeister mu erzhlen - von
Safur und von der alten Dschellabany.
    Die Frauen sind schrecklich neugierig.
    Und dann baden die Frauen in demselben Teiche, in dem Safur badete - wo die
blauen Lotosblumen blhen und die groen Lotosbltter herumschwimmen.
    Die Frauen baden unter hellgelben und hellblauen seidenen Sonnenschirmen -
die Schirme sind riesig gro.
    Und die nasse Haut der gelben Inderinnen spiegelt das Grn der Lotosbltter
und auch die blauen und gelben Tne der Sonnenschirme, da die Haut so bunt
schillert - wie entzckende Perlmutterschalen.
    Wunderbarer noch spielen die verschiedenen Lichtfarben auf den Leibern der
weien Armenierinnen.
    Und die Leiber der schwarzen Frauen werden ebenfalls ganz bunt.
    Doch - Battanys ppige Haremsfrauen langweilen sich auch im Bade - sie sehen
die Farbenpracht der Lichtspiele nicht auf ihrer schn gepflegten Haut.
    Und wie die nassen Glieder der Frauen mde unter den blauen und gelben
Sonnenschirmen am Ufer liegen - im Grase - da spielen die Lichtfarben noch viel
groartiger auf den prchtigen ppigen Leibern, die sich rkeln mit Arm und Bein
- - - dadurch werden die Glieder noch immer reizvoller - unbeschreiblich!

                                Zehntes Kapitel


Der Wind blst in die Segel, und die Barken schieen stromauf.
    Die Wellen schaukeln.
    Es ist angenehm khl auf dem Tigris.
    Es ist Nacht.
    Der Mond steht fast voll hoch am Himmel.
    Suleiman hat ein Mrchen erzhlt.
    Nun soll Safur eine wahre Geschichte erzhlen.
    Sie sitzen in Saids groer Barke - hinten - hinter dem groen Segel.
    Battany und seine sieben Freunde sinds, die in Saids groer Barke sitzen.
    Said mit seinen drei Kchinnen ist auch in der Barke.
    Die Tarub zerschneidet vorne eine groe Nutorte und kmmert sich nicht um
die Gesellschaft.
    Und Safur, der sehr ernst dreinschaut, erzhlt:
    Ein junger Beduine sa bei der alten Dschellabany und trank mit ihren
hbschen Sngerinnen - Wein. Das Trinken war sehr gemtlich, denn die Sonne
stand noch sehr hoch. - - - Die Mdchen sind ein bichen faul, und der Beduine
spat nicht mehr mit ihnen, sondern erzhlt ihnen was von seiner Geliebten, die
ihm alle Tage zu essen und zu trinken gibt. Die Mdchen lachen und schauen sich
den Beduinen sehr genau an. Der aber erzhlt weiter, da er seinen schnen Dolch
versetzt und nun groe Furcht vor seiner Geliebten habe. Da mssen die Mdchen
noch mehr lachen - und sie trinken, als wenns garnichts kostet. Mit leeren
Taschen geht daher spter im Sternenschein der junge Beduine von dannen - nicht
grade - das kann er nicht - aber schwankend und mit schlotternden Gliedern. Er
klettert ber einen Zaun in einen Garten. Die Blumen duften da paradiesisch -
und goldene pfel fallen dem Beduinen auf die Nase. Der Himmel wird ganz
dunkelblau. Ein paar Sterne fallen aus dem dunkelblauen Himmel - auch herunter
in den Garten, in dem die Blumen leuchten und duften wie im Paradies. Der
Beduine schwankt weiter und will sich in ein Fenster schwingen, hinter dem seine
Geliebte wohnt. Ein Duft von gebratenen - Hasen weht ihm aus dem Fenster
entgegen. Doch pltzlich fhlt er was Nasses auf seinem Kopf und sieht nichts
mehr. Ein groer Eimer ist ihm bern Kopf gestlpt, und frische Kuhmilch rieselt
ihm ber seinen ganzen Leibfrische Kuhmilch!
    Safur lacht, und die Andern lachen auch.
    Dann fhrt er fort:
    Kaum hat der Beduine den Eimer vom Kopf gerissen, so klatscht ihm eine
dicke Rindskeule an die rechte Wange. Der Beduine wird wtend, springt ins
Fenster hinein und packt - packt seine Geliebte. Die reit sich aber los und
schlgt ihm mit einem Stck Holz bern Kopf. Der Beduine wird immer wtender.
Doch seine Geliebte schlgt ihm mit einem Wasserkrug um die Ohren, da der Krug
in tausend Stcke zerbricht. Dann wirft sie nach ihm mit Eisstcken und
glsernen Flaschen, mit Schutt und Mll, mit Fischkpfen und faulem Obst, mit
Bratpfannen und schmutzigen Lappen - da der arme Beduine zurcktaumelt zum
Fenster. Wie er aber am Fenster ist, hat sie ihn rasch an den Beinen gepackt und
ihn kopfber in den Garten geworfen -
    Jetzt kommt Safur nicht weiter, denn Alles lacht, da die Barke bedenklich
ins Schaukeln gert.
    Safur lacht jetzt aber nicht.
    Die Tarub bringt die Nutorte und wird mit einem Hllenlrm empfangen.
    Der Scherbettbecher geht wieder von Hand zu Hand.
    Es wird fast wst.
    Die Mdchen werden gekniffen und gekt.
    Safur kmmert sich aber nicht um den Lrm.
    Er blickt hinaus in den Urwald am Ufer und beachtet nicht, da man seine
gute Laune preist und ihn einen echten Dichter nennt, der das Leben von der
lustigen Seite zu fassen vermag.
    Safur blickt in die Waldespracht, die sich am Ufer hinzieht im vollen
Mondenschein.
    Die blauen groen Lotosblumen leuchten am Ufer - wie Dschinnenaugen.
    Und der Dichter mu wieder an seine Dschinne denken und an die
Wstengeister.
    Und er leidet - leidet, wie ein Beduine leidet, der in der Wste verdursten
mu.
    Aus dem Waldesdickicht am Ufer tnt zuweilen das Geheul wilder Tiere heraus.
Die fliehen aber, denn neben und hinter der groen Barke segeln drei kleinere,
die dem Battany gehren.
    In diesen kleineren Barken sitzen Battanys Bogenschtzen, die die wilden
Tiere mit giftigen Pfeilen verscheuchen.
    Safur sieht wieder vor sich das Dschinnengesicht - das er bei der Sareppa
sah.
    Diesmal sieht er das Gesicht im Wasser neben weien Wasserrosen - das
Gesicht scheint im Wasser unterzugehen, sieht so qualvoll aus.
    Und Safur liebt dieses Gesicht.
    Und er seufzt, da es kein lebendes Wesen ist, da es kein Weib ist.
    Der Leidende sehnt sich nach der Leidenden.
    Und er liebt seine Dschinne und vergit alles - was um ihn vorgeht.
    Da stt ihm die Tarub derb in die Seite.
    Und er schrickt zusammen.
    Die blauen Blumen am Ufer leuchten unter den groen Bananen - unter den
dicken Stmmen der hohen Sagopalmen - wie die blauen Dschinnenaugen der Wste.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Battany flstert mit Abu Hischam.
    Und wie der Mond in voller Pracht erglnzt, landet man am Ufer.
    Man will das Grab des Abu Nuws besuchen - jenes groen Dichters, der noch
zu Haruns Zeiten lebte und blutarm starb wie ein Lump - und der dann sehr
berhmt wurde, soda seine Verse bald in Jedermanns Munde waren.
    Das Grab des Abu Nuws ist ganz mit gelben Rosen bedeckt - ganz mit gelben
Rosen.
    Gelb ist die Farbe des Knigs - in Persien und in andern Lndern, die von
Bagdad nicht weitab liegen.
    Abu Nuws! murmeln jetzt die Mnner, die des groen Dichters Grab
besuchen.
    Abu Nuws! murmeln auch die drei Frauen.
    Die Pechfackeln der schwarzen Sklaven knistern und flammen hoch auf.
    Die Gesellschaft ist pltzlich ganz ernst und ganz still geworden.
    Suleiman liest mit leiser Stimme die Grabschrift, die auf einem kleinen
Alabasterblock mitten unter den gelben Rosen in zierlichen Schriftzgen zu lesen
ist.
    Abu Nuws hat sich die Grabschrift, die Suleiman leise liest, selbst
gedichtet.

Leb doch, wies Dir grade pat!
Machst Dich nur dadurch verhat!
Hast Du alles mal verprat,
Kannst Du wirklich nichts mehr erben -
Darfst Du doch noch friedlich sterben:
Stirb nur! Selbst die Dichter sterben!

Kodama ruspert sich und will was sagen, Battany kommt ihm aber zuvor.
    Battany sagt zum Safur, der wieder sehr ernst dreinschaut:
    Lieber Freund, kannst Du uns nicht auch ein paar Verse zu hren geben? Du
bist heute so ernst - la Dich nicht lange bitten.
    Safur nickt und spricht nach einer Weile, in der nur die Fackeln knisterten:

Du ruhst nun unter Rosen aus -
Oh, der Tod hat Dich befreit!
Und milder wird mein Schmerz um Dich,
Da ich wei, Du fhlst kein Leid.

Und Safur empfindet eine so gequlte Stimmung.
    Ihm ist, als tten ihm die Fingerspitzen weh. Sein ganzer Krper empfindet
so fein, da er jeden Luftzug zu spren glaubt.
    Er hrt den Tigris leise rauschen.
    Und er hrt in der Ferne wilde Tiere heulen.
    Und er sehnt sich nach einem Wesen, dem er mitteilen kann, wie er eigentlich
immer leidet - etwas Unerklrliches leidet, das die andern Menschen nicht
kennen.
    Ihm ist oft so, als sehne er sich nach einem Weibe, das er lieben kann.
    Aber er wei, da es solches Weib nicht gibt. Bei diesen Gedanken sieht er
drben neben Said seine Tarub stehen - drollig ernst ... Und Safur mu lcheln.
Doch Battany spricht jetzt - auch sehr ernst:
    Freunde! Ihr wit, der groe Philosoph Abu Hischam, der unter uns weilt,
wollte einen Gelehrtenbund grnden. Ich glaube, dieser Augenblick am Grabe des
grten arabischen Dichters ist so schn und feierlich, da wir dem Abu Hischam,
der ein kluger, tatkrftiger Mann ist, wohl eine Freude bereiten, wenn wir uns
hier am Grabe die Hand reichen und die Gesellschaft, die wir bilden, die
Gesellschaft der lauteren Brder nennen. Ich hoffe, unser Kreis wird bald grer
werden.
    Und Alle reichten sich die Hnde, soda sie einen Ring um das Grab bildeten.
    Sehr drollig sahs zwar aus, da auch die drei Frauen und der dumme Said im
Ringe waren.
    Doch die Gesellschaft machte trotzdem einen sehr feierlichen Eindruck.
    Den Mond umkrnzten rtliche Wolken - In der Ferne am andern Ufer zuckte ein
bluliches Licht auf - es blitzte -
    Die Fackeln knisterten und flackerten hell.
    Als sich die Hnde der lauteren Brder voneinander lsten, warf Abu Hischam
seine armenische Pelzmtze hoch in die Luft, worber Alle lachten.

                                 Elftes Kapitel


Am nchsten Morgen segelten die Barken des Battany und des Said weiter stromauf
- zu den Eremiten.
    Man wollte auf Abu Hischams Wunsch zunchst den Eremiten die groe Kunde vom
Bunde der lauteren Brder berbringen.
    Abu Hischam schwamm in Seligkeit.
    Sein Herzenswunsch war erfllt.
    Das Frhstck mundete den lauteren Brdern sehr - sehr gut.
    Es gab Fleischpasteten und kalten Bratfisch, Pfirsiche, Oliven und
Weintrauben, afrikanische Schotentorte und Marzipan.
    Und man trank roten Kufa-Wein.
    Beim Wein erhitzten sich die Gemter.
    Die lauteren Brder waren nahe daran, sich zu zanken - zankten sich
wirklich.
    Sie zankten sich ber ein paar Verse des Abu Nuws, was in der guten
Gesellschaft Bagdads zu jenen Zeiten durchaus nicht selten vorzukommen pflegte.
    Die Verse des Abu Nuws, die den Zankapfel bildeten, lauteten:

Ich sagte einst zu einer kleinen Sen,
In deren Hand ein Bndel von Narzissen:
Von Dir zu scheiden ist das Schndlichste der Welt!
Und sie: Viel schndlicher zu lieben ohne Geld!

Die Stimmung ward sehr bermtig - derbsinnlich - zotig - nicht grade sehr zart
- im Gegenteil.
    Es hagelten die bsen Witze so dicht wie die Pfeile in einer Schlacht gegen
die Christenhunde und die anderen Unglubigen.
    Die drei Weiber taten zuweilen so, als hielten sie sich die Ohren zu.
    Die Tarub bekam am meisten zu hren.
    Safur mute seinen ganzen Witz zusammennehmen, um sie zu schtzen.
    Die beiden Dicken - Kodama und Osman - lachten, da ihnen die dicken
Schweitropfen ber die dicken braunen Pustbacken rollten, die immer glnzender
zu werden schienen.
    Der alte Jakuby unter seinem helllila Turban kicherte wie ein verschmtes
Mdchen.
    Battanys Unterlippe wurde sehr dick.
    Said tat immer so, als verstnde er alles - was einen sehr drolligen
Eindruck machte, wenn die Witze sich gegen ihn selber richteten.
    Ich will dieses Morgengesprch nicht nher beleuchten.
    Die Sonne stand sehr hoch.
    Der Prophet Abu Maschar achtete nicht auf das Gelchter der Andern, er hrte
sich mit dem alten Suleiman - mehr vorn in der Barke - die begeisterten
Errterungen des Abu Hischam an, der wie gewhnlich nicht mde wurde, ber die
Ziele und Plne des groen Geheimbundes zu reden.
    Immer wieder klangen von des Philosophen Lippen die beiden Worte:

Lautere Brder!
Lautere Brder!

Whrenddem sang die weie Abla, die sich mit einem groen weien Federfcher
sorgsam vor den Strahlen der Sonne schtzte, eine sdarabische Volksweise, die
so recht in die angeheiterte Laune der lauteren Brder hineinpate.
    Abla sang mit heier hoher Stimme:

Wenn Du mich nicht mehr lieben willst,
So geh ich zum Kuppelweibe!
Wenn Du mich nicht mehr lieben willst,
So will ich Dich vergessen -
In wilder toller Brunst -
Bei Wein und Saitenkunst -
Da lieb ich, was ich finde -
Verschwinde nur! Verschwinde -
Wenn Du mich nicht mehr lieben willst.

Und diese Verse hrten am Ufer auch ein paar Eremiten, die nur in die Einsamkeit
gezogen waren, um ihre Sinnlichkeit zu tten.
    Die lauteren Brder landeten dann wieder, um den Eremiten guten Tag zu
sagen.
    Abu Hischam erzhlte den Eremiten vom Bunde, denn die Eremiten waren fast
smtlich groe Gelehrte.
    Die alten gelehrten Einsiedler machten sehr groe Augen, als sie die neue
Kunde vernahmen.
    Die Gesellschaft wurde gleich grer.
    Und unter Battanys groen Zelten gings wieder mal sehr hoch her.
    Als die Einsiedler, die nicht weitab wohnten, in ihren rmlichen schmutzigen
Htten den Lrm vernahmen, kamen sie gleich nher - und waren bei den lauteren
Brdern ganz guter Dinge.
    Sie lieen sich gern in die neue Gesellschaft aufnehmen.
    uerlich sagten die Eremiten immer sehr gern Ja!.
    Was sie innerlich dachten, pflegten sie fr sich zu behalten.
    Wenns nichts kostete, waren sie stets ohne Umstnde fr alles Mgliche zu
haben.
    Das wute Abu Hischam - daher hatte dieser kluge Philosoph auch gleich zu
den Eremiten gewollt - - - er verstrkte durch die Eremiten seine Stellung.
    Es mute natrlich in der Absicht des schlauen Bundgrnders liegen, die
Machtstellung des Battany nach Mglichkeit zu beschrnken.
    brigens - Osmans Widerstand war sehr bald gebrochen, der Buchhndler wurde
der Geschftsfhrer der Gesellschaft - und machte schlielich ein ganz
vergngtes Gesicht - zu verlieren war ja bei dieser gelehrten Gesellschaft
eigentlich garnichts.
    Ja - Osman und Abu Hischam lagen sich sogar sehr bald brderlich in den
Armen und schwuren sich ewige Treue.
    Abu Hischam hatte allen Grund, mehr zu trinken als je - was er denn auch
sehr grndlich besorgte.
    Als der Vollmond ber dem Tigris aufging, lag der groe Philosoph Abu
Hischam, der groe Grnder des Bundes der lauteren Brder - wie ein Brett im
Grase - und trank nicht mehr - da er fest - sehr fest - schlief.
    Safur aber schlief nicht - der plauderte mit den Eremiten ber die Freuden
des einsamen Lebens - und ihn berkams.
    Er wollte auch Eremit werden - er beneidete bereits seine neuen Freunde.
    Als er hrte, wie einfach die Mahlzeiten der Eremiten gewhnlich zu sein
pflegten, verzogen sich allerdings seine Gesichtszge und bekamen einen
verdrossenen Ausdruck.
    Nein - so weit war Safur noch nicht, da er um des einsamen Lebens willen
auf ein verstndiges Essen und Trinken htte verzichten wollen - aber vielleicht
lie sich Beides vereinen.
    Und ber dieses Vereinen dachte Safur sehr angestrengt nach.
    So schmutzig und zerrissen - wie die anderen Eremiten - wollte Safur auch
nicht herumgehen.
    So weit war er noch nicht, da er sich um des einsamen Lebens willen im
Schmutz und Unrat htte herumsielen wollen.
    Auch der Gedanke an das viele Ungeziefer der alten Einsiedler ward dem im
ueren sehr peinlichen Dichter - ein bichen ekelhaft - eigentlich grlich.
    Nein - Ungeziefer mochte er nicht.
    Da stie ihm wieder die Tarub in die Seite - nicht derb - aber vernehmlich.
    Sie wollte ihn sprechen - allein.
    Und er entschuldigte sich bei den Einsiedlern, empfahl ihnen, sich neuen
Kufa-Wein zu holen - und - und folgte der Tarub - recht unlustig.
    Hinter blhendem Oleander ward die Tarub zu ihrem Dichter zrtlich.
    Der benahm sich jedoch anders als sonst - ganz anders.
    
    Und - und - wies immer zu sein pflegt - die Sprdigkeit reizte nur - stie
durchaus nicht ab.
    Bagdads berhmte Kchin bat ihren berhmten Dichter fufllig um Verzeihung
- sie flehte ihn an - weinte dabei.
    Was die Tarub nie getan - das tat sie jetzt - sie bettelte um seine Liebe -
und erzwang sie sich schlielich - nicht grade gewaltsam - aber so hnlich.
    Safurn berliefs wie kaltes Wasser.
    Er mute an Saids Mehlscke denken, die einst in Tarubs Kche einen so
drolligen Reiz in ihm erweckt ...
    Der Vollmond schien seiner Tarub hell ins Gesicht.
    Die Oleanderbume dufteten.
    Man hrte dann Stimmen in der Nhe.
    Und die Tarub eilte hurtig davon.
    Und dem Safur war so zu Mute - wie einem Weibe zu Mute ist, dem ein Fremder
Gewalt antat.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Safur lag unter den Oleanderbumen, starrte in den Vollmond und trumte -
von tiefer Einsamkeit - von einem Weibe, das nirgendwo lebt, das er sich nur
denkt - von einer andern Welt, in ders andre Frauen gibt als hier auf der Erde.
    Safur will auch einsam leben - ganz einsam - ganz allein - er will auf alles
verzichten und nur allein sein - alle seine Freunde krnken ihn nur; er ist es
mde, mit ihnen zu spaen - er will sie nicht mehr sehen.
    Und er ringt die Hnde und sthnt.
    Er mcht am liebsten gleich hier bleiben - in der Einsiedlerwelt -
    Da raschelt was neben ihm.
    Safur fhrt auf und sieht eine groe - Schlange.
    Die Augen der Schlange leuchten wie zwei Rubine.
    Der Leib der Schlange glitzert klebrig.
    Safur sieht - es ist eine giftige Schlange - und er springt an die Seite,
sieht im nchsten Augenblicke rechts neben den Oleanderbumen in der Tiefe den
Tigris - und springt runter in die Flut. -
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Safur ist gerettet - er schwimmt langsam und sicher dorthin, wo die Barken
liegen und die Lagerfeuer vor den Zelten brennen.
    Die Flammen der Lagerfeuer qualmen mchtige Rauchwolken in den Abendhimmel
hinein.
    Die glhenden Augen der Schlange starren aber unverwandt in die groe gelbe
Mondscheibe.
    Die Schlange richtet ihren Oberkrper hoch auf und starrt mit ihren
glhenden Rubinaugen in den Mond - als wolle sie den vergiften.

                                Zwlftes Kapitel


Und nach vier Wochen stand der Vollmond ber dem Mondtempel zu Hauran.
    Und im Mondtempel weilten Abu Maschar und Safur, Abu Hischam und Battany,
Suleiman und Jakuby.
    Die anderen lauteren Brder waren auf Saids Barke mit den drei Frauen nach
Bagdad zurckgekehrt.
    Den beiden Dicken, Kodama und Osman, war die Reise nach Hauran zu
beschwerlich gewesen.
    Auch mochten sie einem Fastenfest nicht beiwohnen - ein Fest ohne Essen
nannten sie nicht ein Fest.
    Ein Fastenfest ward aber trotzdem in Hauran gefeiert.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Mondtempel ist ein Tempel der Ssabier.
    Die Ssabier sind nach der Meinung des Volkes Gtzenanbeter - Heiden.
    Doch die Meinungen des Volkes sind ja niemals magebend.
    Die Ssabier sind mehr, als sie scheinen.
    Ihre Religion ist ein Abglanz altbabylonischer und altassyrischer Kulte.
    Der Mondtempel zu Hauran ist Jahrtausende alt - eine alte trumende Ruine,
die wie eine sterbende Greisin von alter, alter Zeit erzhlt - und Wunderdinge
wei.
    Der Mondtempel wird hell vom Vollmond erleuchtet.
    Und in das Mondlicht flammen aus eisernen Schalen mchtig lodernde
Opferfeuer hinauf.
    Wohlriechendes Holz - zumeist Sandarakholz - wird in den eisernen Schalen
verbrannt, soda der ganze Tempel und die ganze Umgegend des Tempels wundersam
duftet - wie die Nhe eines Gottes.
    Man fastet drei Tage und drei Nchte.
    Zu bestimmten Stunden erklingt an den Mauern und auf den Terrassen des
einsam und hoch gelegenen Tempels Musik - von Cymbeln, Flten und
Saiteninstrumenten.
    Abu Maschar hat die lauteren Brder hierher gefhrt, er spricht jetzt mit
einem groen Priester, dessen langer schwarzer Bart nach assyrischer Sitte
sorgsam gekruselt ist, soda es aussieht, als bestnde er aus lauter kleinen
runden Lckchen.
    Der lange weie Kaftan ist mit goldenen Sternen berst, die mit Goldfden
hineingestickt sind.
    ber dem dunkelbraunen Gesicht des Priesters erhebt sich ein mchtiger
hellblauer Seidenturban mit sieben silbernen Vollmonden vorn ber der Stirn. Die
mit Silberfden gestickten Monde sind von verschiedener Gre.
    Nur Mnner, Jnglinge und Knaben weilen im Tempel - ein Weib darf den Tempel
nicht betreten.
    Und ein eintniger Gesang tnt durch die Mondnacht.
    Die Glubigen sitzen oder stehen - einzeln - nicht in Gruppen - sie drfen
nicht miteinander sprechen - nur mit den sieben groen Priestern drfen sie
sprechen.
    Die sieben groen Priester sehen sich im uern fast gleich - tragen
smtlich den assyrischen Bart, den Sternenkaftan und den hellblauen Mondturban.
    Jakuby macht sich fortwhrend Notizen.
    Suleiman und Battany hocken in einer groen Grotte, die der Mond nur zur
Hlfte erleuchtet.
    Abu Hischam wandelt vor der groen Tempelpforte auf dem groen Opferplatze
unruhig umher und erzhlt jetzt dem einen der groen Priester von dem
Geheimbunde der lauteren Brder.
    Der Priester hrt ernst zu und sagt dann mit groen Augen:
    Euren Bund nennt Ihr einen Geheimbund? Und Ihr sprecht doch zu allen
Menschen von diesem Geheimbund? Ihr wit ja noch garnicht, was ein Geheimbund
ist.
    Unwillig wendet sich der Priester ab.
    Abu Hischam sieht ihm verblfft nach.
    Der Gesang verhallt, es wird ganz still - nur die Opferfeuer knistern.
    Unheimlich still ist es.
    Auf einer der hchsten Terrassen, die den groen Mondtempel umkrnzen, neben
einem uralten Gtzenbilde spricht der allgewaltige Oberpriester Tschirsabl mit
dem Dichter Safur.
    In der Tiefe an der Umfassungsmauer entlang zieht langsam eine feierliche
Prozession vorber, der ein offener leerer Sarg vorangetragen wird.
    Fackeln beleuchten die Prozession, und Tempeldiener schwingen die alten
Ruchergefe an langen Stangen.
    An vielen alten Gtzenbildern zieht die Prozession vorber - die alten
starren Steingesichter der Gtzen scheinen sich zu beleben, wenn der leere Sarg
langsam vorberzieht.
    Und Safur schaut von der Tempelterrasse in die mondbeglnzte arabische
Wste, in der die wilden Dschinnen hausen.
    Tschirsabl, ein Riese, der fast zwei Kpfe grer ist als der durchaus
nicht kleine Dichter, sagt zu diesem, whrend er mit seiner mchtigen breiten
Brust tief aufatmet:
    Atmest Du noch immer die schwle Pestluft der Sinnlichkeit? Woran dachtest
Du?
    Safur erschrickt, besinnt sich einen Augenblick und spricht dann hastig:
    Nein - nein - ich glaube - ich atme nicht mehr die schwle Pestluft der
Sinnlichkeit. Ich sehnte mich nur. Ich sehnte mich allerdings - nach einem
Weibe. Aber diese Sehnsucht hatte nach meiner Meinung nichts mit Sinnlichkeit zu
tun - wirklich nichts. Denn, versteh mich nur, das Weib, nach dem ich mich
sehne, lebt noch nicht, ist noch nicht geboren, wird wahrscheinlich nie geboren
werden. Sieh, ich sah so lange da in die Wste hinein und glaubte zuletzt eine
wilde Dschinne zu sehen mit schwarzem Gesicht und blauen Augen. Ich bilde mir
jetzt fast schon ein, da diese Dschinne wirklich irgendwo lebt - und ich liebe
diese Dschinne - lieben will ich nicht sagen - das Wort lieben ist zu oft
mibraucht - es sagt mir zu wenig - doch Du verstehst mich ja - atme ich
Pestluft?
    Tschirsabl schttelt den Kopf und erwidert sanft:
    Nur die gewhnliche Sinnlichkeit der tierisch lebenden Menschen erzeugt
Pestluft. Wir mssen anders als die Tiere leben. Nicht ein Weib darf das Ziel
unsrer Sehnsucht sein. Die Gottheit mssen wir lieben.
    Die Gottheit? fragt Safur.
    Ja - den einzigen groen wahren Gott, versetzt der Priester, den mssen
wir lieben. Die Gtter und Gtzen der Erde sind nur die Vermittler zwischen dem
Menschen und dem Einzigen, dessen Namen wir nicht unntz aussprechen sollen.
Aber - und hier wird die Stimme des Priesters etwas heiser, wir sollen den
groen Gott, der die ganze Welt umschliet, wirklich lieben - mit allen Nerven
und mit allen Muskeln, die wir haben. Und wisse - - - der Allgott offenbart sich
in unsrem besten Freunde - und - ja - im Freunde - sollen - wir - den - Gott -
lieben - noch mehr - anders als menschlich lieben. Ja - Du hast Recht - das Wort
lieben gengt nicht, wenn wir die wahre groe Leidenschaft bezeichnen wollen, in
der Alles untergeht, die Alles verschlingt - die nur die ewige Vereinigung mit
dem Geliebten will - die daher auch nur ihre ganze Befriedigung - im Tode - im
Letzten - finden kann. Die groen Priester der Erde drfen nicht lieben wie die
gewhnlichen Menschen, sie drfen nur den groen Gott lieben - und ihn sollen
sie lieben im besten Freunde! Safur, versteh mich! Vielleicht hrst Du meine
Worte nicht noch einmal. Vielleicht sterbe ich in der nchsten Stunde, und
Niemand sagt Dir mehr, was es heit - Sehnsucht nach der ewigen Vereinigung mit
dem groen Gott haben und sterben - sterben wollen - sterben mssen, weil man
nur lebt, um sich ganz auflsen zu knnen in dem, den man mehr liebt als Alles!
Denk nach, ob Du nicht auch so sterben willst! Denk nach! Safur! Nur im Tode
wirst Du selig werden. Nur der Sterbende hat Alles - und mehr als Alles!
    Und der gewaltige Riese zittert am ganzen Krper, seine Augen glhen, sein
Atem keucht wie der Atem eines blutdrstigen Tieres, das sein Opfer sieht ...
    Tschirsabl strmt mit groen Schritten davon und verschwindet in einem
dunklen Gange.
    Safur bleibt fast starr zurck.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In der Tiefe des Tempels - ganz tief - tief unter den Grabkammern - da
befindet sich ein stiller Saal - der Opfersaal.
    Da ist es sehr kalt.
    Den Boden bedecken feine Alabasterplatten, in die viele alte Zeichen und
Figuren hineingegraben sind. Einzelne Stellen des Alabasterbodens in den Ecken
des Saales sind mit Keilschrift bedeckt.
    Und die Wnde des Opfersaales bestehen aus blauem Lapis lazuli.
    Auch die Wnde sind mit alten Bildern und mit Buchstaben bedeckt - die
letzteren sind schweres Gold.
    Die Decke ist ganz von Silber.
    Ganz mit Silber beschlagen sind auch die groen breiten Tragbalken der
Decke.
    Das Silber ist aber nicht blank, an manchen Stellen ist es sogar ganz
schwarz.
    Sehr kalt und sehr leer sieht der Saal aus.
    Und schrecklich still ist es da unten.
    Und da unten kommen jetzt die sieben groen Priester zusammen.
    Die blauen Turbane werfen die Priester hastig in die eine Ecke des
viereckigen Saals.
    Das Haar der Priester ist auch nach assyrischer Sitte gekruselt - nicht
kurz geschoren - wie das Haupthaar der Araber in Bagdad ...
    Dann aber betreten den Saal sieben Knaben - mit langen, nicht gekruselten
Locken - und in gelben Seidengewndern.
    Die Knaben sind gro und schlank.
    Ihre Haltung ist schlaff.
    Ihre schwarzen groen Augen glhen aber, als wenn sie Entsetzliches shen.
    Ihr Gesicht sieht so wchsern aus, als htten sie schon lange nicht mehr das
Tageslicht erblickt.
    Der Opfersaal wird nur sprlich von kleinen grnen Flmmchen erleuchtet, die
an den Wnden in kleinen lschalen brennen.
    Das grne Licht macht den Saal noch unheimlicher.
    Den Knaben struben sich zuweilen die Haare.
    In der Mitte des Saales steht auf einem eisernen Gestell eine lngliche, mit
himmelblauen Trkisen verzierte Wanne, in der auch ein sehr groer Mensch
vollauf Platz haben wrde.
    In der Wanne ruhen vierzehn groe Perlen, die sich in der Form ganz gleichen
- nur in der Farbe verschieden sind.
    Die eine Perle ist schwarz.
    Das ist die Todesperle.
    Die vierzehn im Opfersaal versammelten Menschen treten an die Wanne und
greifen langsam gleichzeitig hinein und nehmen behutsam, ohne hinzusehen, eine
Perle heraus.
    Dann heben sie die Perle empor.
    Die schwarze Perle ist in den Fingern des grten Knaben, der viel schner
aussieht als die andern.
    Ein grlicher Schrei schallt durch den stillen Raum.
    Tschirsabl schrie - - - der Knabe, den er am meisten liebt, der sein bester
Freund ist, der Knabe hat die Todesperle in den Fingern - der mu sterben.
    Und der Oberpriester heult - wie ein wildes Tier.
    Die andern Priester zittern.
    Die Knaben weinen leise, ihre Augen werden noch grer.
    Die sieben groen Priester des Mondtempels zu Hauran haben sich nach uralter
Sitte einen furchtbaren Schwur geleistet - sie wollen sterben, wenn sie die
schwarze Todesperle in die Finger genommen haben.
    Und die sieben Knaben, die zum Teil schon lter sind, haben denselben Schwur
geleistet wie die Priester.
    Doch die Knaben drfen, wenn sie den Schwur geleistet, nie wieder mit andern
Menschen zusammenkommen. Nur mit den sieben groen Priestern drfen sie
zusammenkommen.
    Das Menschenopfer ist ein alter heiliger Brauch. Der Vierzehnte wird immer
geopfert.
    Auer denen, die den Schwur leisteten, wei kaum ein einziger Mensch, da im
Tempel zu Hauran Menschen geopfert werden. Mit grter Vorsicht wird jeder
Neugewhlte eingeweiht. Nur diejenigen, die den Tod ernsthaft suchen, werden
gewhlt.
    Die Priester wissen, da die Macht der Ssabier gebrochen ist, und sind darum
schon stets bereit, sich opfern zu lassen.
    Ja - die vierzehn Menschen, die da unten im Opfersaal versammelt sind, haben
smtlich eine wahnsinnige Lust am Opfer - sie sehnen sich nach dem Tode - - -
aus bergroer Liebessehnsucht ward die Todessehnsucht geboren.
    Die furchtbarsten Lustgefhle durchrasen jetzt - diese vierzehn Menschen da
unten, die im besten Freunde den Gott sehen und mit ihm zusammen in den Tod
gehen wollen.
    Doch es bereitet ihnen eine grausame grliche Wollust, da sie nicht zu
gleicher Zeit sterben, da sie nacheinander sterben und ber jeden gestorbenen
Freund mit wahnsinnigen Qualen - herfallen - wie die Hynen ber die Leichen
herfallen.
    Die feinsten gebildetsten Menschen sind die Priester, sie fhlen die
feinsten Dinge - sie wissen so Vieles, das Niemand je geahnt.
    Und die Knaben sind womglich noch feiner.
    Aber diese feinen Nerven sind ein Fluch fr die feinen gebildeten Menschen.
Sie leiden - durch diese feinen Nerven - und mssen sich daher immer nach dem
Tode sehnen, im Tode den Erlser sehen - mssen sich noch mehr qulen - das
Grlichste und Entsetzlichste ist fr die feinen Nerven eine Art Beruhigung.
Der ungeheuer groe Schmerz soll die kleinen Schmerzen vernichten.
    Die Vierzehn wollen immer ihren besten Freund tten, weil sie ihn lieben.
Und sie wollen sich auch von ihrem besten Freunde tten lassen aus Liebe. Das
ist verrckte Liebe - ein groartiger Wahnsinn!
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Eines htte die Armen von der Todessehnsucht erlst - ein unaufhrliches
groes Kunstschaffen, das immer wieder auf Riesenwerke sinnt.
    Doch das lag ihnen natrlich meilenfern.
    Und so schlachteten sie sich gegenseitig ab.
    Und - ja - wer beschreibt, was da unten im Opfersaal vorgeht?
    Mit wahnsinniger Verzckung lt sich der dem Tode verfallene Knabe die
Adern ffnen, und die Andern fllen ihre goldenen Becher mit dem Blut des Knaben
und trinken das Blut.
    Und dann kssen Alle den blutenden Knaben - mit einer wahnsinnigen Gier, da
dem Knaben der Atem ausgeht - da der Knabe erstickt wird.
    Und dann stt der Riese Tschirsabl seinem besten Freunde das heilige
Steinmesser in die Brust und kreischt, kreischt - grlich ist das Gekreisch.
    Und dann legen sie den Toten in die Wanne, machen ein Feuer unter der Wanne
und schneiden aus dem Krper des Knaben groe Fleischstcke mit ihren heiligen
Messern heraus - und dann verschlingen sie die Fleischstcke - mit wahnsinniger
Verzckung.
    Sie glauben, sie nhmen die Gottheit in sich auf.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Und nach dem Mahl schleichen Alle davon, und ihre Augen strahlen Fieberglut
aus.
    Wenn sich die Priester dem Volke wieder zeigen - dann erschrickt das Volk -
es wei sich die furchtbaren Gesichter der groen Priester nicht zu erklren.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Auf der Terrasse und in den Grotten des Tempels verteilen jetzt Tempeldiener
Brot und roten Wein.
    Das Brot hat die Form eines Menschenkindes.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Tschirsabl erscheint wieder oben auf der Terrasse, auf der Safur weilt.
Safur empfngt eben den Wein und das Brot - trinkt - trinkt - it - it - und
sieht dann den Priester.
    Der Dichter sieht das entsetzte Gesicht des Riesen, denkt aber gleich, da
er ihn froh begren mu - der Priester lebt ja noch.
    Und Safur will strmisch den Priester umarmen, schreit laut und lachend:
    Nun wollen wir leben! leben!
    Doch der Riese taumelt zurck und ruft dem lebenslustigen Dichter mit
furchtbarer Stimme ein einziges Wort zu - Esel heit das einzige Wort.
    Und dann verschwindet Tschirsabl hinter dem nchsten Gebsch - er starrt
entsetzt in den Mond und flstert:
    Mond, sei mein bester Freund! Menschen find ich nicht mehr! Tte mich! Tte
mich! Ich halts nicht mehr aus!
    Und er schlgt lang hin.
    Und der blaue Turban fllt in ein Myrtengebsch.

                              Dreizehntes Kapitel


Inde - als nun abermals vier Wochen ins Land gegangen sind, spielt sich wieder
in Tarubs Kche was ab.
    Die Tarub steht vor dem Herde und starrt ins Feuer - ihr braunes Gesicht ist
ganz rot - und ihre schwarzen Augen flackern noch heftiger als die Flammen des
Herdfeuers.
    Der berhmten Kchin rollen ber die gerteten Wangen ein paar groe dicke
Trnen.
    Die harte Tarub ist jetzt ganz weich.
    Safur blieb acht volle Wochen fort ...
    Das war eine lange lange Zeit.
    Jetzt aber soll Safur wiederkommen - er hats geschrieben - noch heute kommt
er.
    Bei Allah - die Tarub freut sich.
    Sie lst sich vor Rhrung fast auf.
    Sie wscht sich schon zum fnften Mal Hnde und Gesicht, obwohl sie
eigentlich den ganzen Tag nichts tat.
    Und sie trocknet sich ab mit einem Handtuch, in das sie einst ein paar Verse
hineinstickte - Verse, die ihr lieber Safur ganz besonders fr sie gedichtet
hatte.
    Auf dem Handtuch steht:

So hell und rein wie Gold und Wein
So ganz voll Glanz
Mu Kche, Herd und alles sein.

Die Tarub liest das wieder - sehr andchtig, blickt dann in der Kche rum und
sieht, ob alles in Ordnung.
    Sie schmunzelt - alles ist gut.
    In den Kruken und Tpfen stecken duftende dunkelrote Rosen.
    An die hundert dunkelrote Rosen hat die Tarub in ihrer Kche verteilt.
    Die Messingkessel funkeln.
    Der rote Ziegelboden blitzt beinah - so sauber ist er gescheuert.
    In den kupfernen Eiskbeln taut das Eis - tropfend.
    Der Pumpenschwengel ist mit frischem Lorbeer bekrnzt.
    Und es will Abend werden.
    Tarub dreht sich langsam um und sieht - ihren Dichter endlich wieder.
    Strmisch fllt sie ihm um den Hals - und weint.
    Sie weinen Beide zusammen.
    Zwischen den Beiden scheint wieder alles - so gut zu sein - so gut!
    Jetzt merkt ihnen Keiner an, da sie sich mal zankten - da sie ihn mal
krnkte mit Milch und er mal ihre Liebe verschmhen wollte.
    Dichter und Kchin sind wieder ganz ein Herz und eine Seele - - -
    Wies dunkel geworden, zndet die Tarub acht kleine llmpchen an - zur
Erinnerung an die acht Wochen der Trennung.
    Na - Safur ist auch gerhrt -
    Sie essen Beide.
    Sie trinken Beide.
    Wies ihnen schmeckt - nein - das ist kaum zu sagen - fast zu schn.
    Beide wieder - ein Herz und eine Seele.
    Nun gehts ans Erzhlen.
    Er erzhlt ihr Alles.
    Und er schildert ihr das Fastenfest.
    Die Tarub schauert zusammen - was Frchterlicheres als hungern kennt sie
nicht.
    Wie Jemand freiwillig hungern kann, vermag sie nicht zu verstehen.
    Und als nun Safur von dem groen Oberpriester Tschirsabl erzhlt, wird sein
Ton immer heftiger.
    Denk Dir, Tarub, ruft er zornbebend, weit Du, wie mich der Esel nannte?
    Nein, ich wei nicht! erwidert die Tarub.
    Doch gleich darauf schreit der Dichter:
    Esel hat er mich genannt - Esel!
    Die Erregung der Beiden ist anitzo nicht von Pappe.
    Safur vermag sich garnicht ber den frechen Kerl zu beruhigen, der es wagte,
den feinsten Kopf von ganz Bagdad, den geistreichsten Dichter der Araber, einen
Esel zu schelten.
    Htt ich nur meinen alten Dolch gehabt! sagt leiser der kluge Safur, ich
htte ihm schon bewiesen, wie man in Bagdad frechen Hunden zu begegnen wei.
Aber der Kerl war ja zwei Kpfe grer als ich. Mit bloen Hnden konnt ich doch
nichts gegen ihn machen.
    Siehst Du! versetzt da so recht ernst die Tarub, warum trinkst Du immer
soviel? httest Du nicht soviel getrunken, so httest Du damals nicht den Dolch
versetzt und httest Dir das von diesem alten Priester nicht gefallen lassen
brauchen!
    Diese Bemerkung beruhigt den Safur grade nicht - Ermahnungen sind ihm sehr
sehr lstig.
    Er zieht daher verchtlich lchelnd seinen neuen Dolch hervor, der noch
schner und noch lnger ist als der alte.
    Den neuen Dolch hat ihm der Battany geschenkt.
    Safur schimpft dann auf die Priester im Allgemeinen, whrend die Tarub den
Dolch bewundert.
    Er nennt das Fastenfest einen lcherlichen Schwindel, eine groe Albernheit,
eine Narretei, hinter der nichts - garnichts dahinter sei.
    Er ist wtend ber das Wichtigtun der ssabischen Priester - ber ihre
albernen Geheimnisse, in denen alles, was unklar und verschwommen ist, eine
Heimsttte fand.
    Dem aufgeklrten Bagdader Dichter ist die Religion eigentlich in jeder Form
verhat.
    Er hat eine Abneigung gegen alles Halbverstandene und Verschwommene im
Gefhlsleben.
    Er will das Gefhlsleben immer ganz klar durchschauen - jede Schwelgerei im
Unklaren ist ihm unangenehm.
    Er lehnt sich in lngeren Reden gegen die Unklarheit und gegen das
Verwaschene auf - soda der Tarub, die natrlich nichts von alledem versteht,
die Geschichte schon langweilig zu werden beginnt - was sie ihm denn auch gleich
ein bichen zu verstehen gibt.
    Na - das gefllt ihm wieder nicht - nein - das verwundet ihn sogar - er ist
verletzt und verstummt -
    Eine ganze Masse von Empfindungen strmt auf ihn ein - soda er garnicht
wei, was alles erregend auf ihn einwirkt.
    Er hat eine aus sehr vielen Empfindungen zusammengesetzte Stimmung, die er
nicht klar durchschauen kann.
    Da er trotz seiner langen Rede ber das Ungebildete im Unklaren wieder mal
selber nicht klar sehen kann und sich demnach auch ungebildet vorkommt - das
rgert ihn noch mehr.
    Er merkt, da er sich mit der Verdammung der verschwommenen und verwaschenen
Empfindungen eigentlich selber ins Fleisch schnitt.
    Eigentlich, sagt er daher still zu sich, ist es ein bichen unsinnig, die
Empfindungen, die wir nicht gleich ganz scharf zu durchschauen und zu
zergliedern vermgen, zu verdammen. Bei den Priestern zu Hauran spielen
sicherlich sehr viele geschlechtliche Geschichten mit, ohne da sich die
Andchtigen bewut werden, da sie in ihrem andchtigen Getue hauptschlich
wieder vom Geschlechtstriebe bewegt werden, dessen unerbittliches protzenhaftes
Sichbreitmachen sie grade vernichten wollen. Aber - so unklar die Empfindungen
der Andchtigen auch sein mgen - die Empfindungen sind doch sehr stark. Ja -
ich mu sogar zugeben, da alle klar zu zergliedernden Stimmungen nie eine so
groe Kraft besitzen - fast gar keine Kraft dagegen besitzen. Die krftig auf
uns einwirkenden, die berwltigenden Empfindungen sind niemals klar zu
durchschauen. Die Verdammung des Unklaren schliet auch eine Verdammung der
groen, mchtigen Stimmungen in sich - - - Und das geht denn doch nicht - - -
Das Groe darf man nicht verdammen. Ob das Groe durch Mitwirkung
geschlechtlicher oder halbkranker Geschichten entsteht - - oder nur durch groe,
edel genannte Geschichten entsteht - das ist ja ganz gleich.
    Was ist gleich? fragt nun gereizt die Tarub, die nur Safurs letzte fnf
Worte vernommen, da der Dichter das brige nicht laut ausgesprochen hatte.
    Und ihre Frage bringt ihn aus dem Text.
    Zum dritten Mal wirkt die Tarub unangenehm auf ihn - an einem Abend dreimal
unangenehm - das ist unerhrt.
    Und er schaut sein Weib an - nicht freundlich, aber doch forschend -
aufmerksam.
    So gern mcht er wissen, was ihm eigentlich an seiner Kchin so unangenehm
ist, wieder ne unklare Sache!
    Doch bald nickt er mit dem Kopfe.
    Er wei. Ihr fehlt die geistige Regsamkeit, die Fhigkeit, etwas Geistiges,
Gedankliches zu verstehen - ihr fehlt, was nach seiner Meinung allen Weibern
fehlt.
    Der Geist fehlt seiner Tarub - darum ist sie ihm unangenehm.
    Darum kann er sie nicht lieben, wie er sie lieben mchte.
    Er empfindet pltzlich ganz klar, da er ein Weib berhaupt nicht lieben
knnte.
    Die Weiber reizen ihn nur zum Lachen oder zur Wollust - zur Liebe nie.
    Das ist grade keine sehr erquickende Erkenntnis.
    Er denkt wieder an die Dschinne, die ihm an jenem Morgen ber der
Morgensonne erschien.
    Und er sehnt sich nach Liebe.
    Und nun wird die Tarub noch wieder zrtlich.
    Manche Augenblicke der Lust sind doch sehr merkwrdig - sehr merkwrdig.
    Safur kommt sich spter noch unklarer vor - mu erst weinen ber sich und
dann wieder lachen.
    Die Tarub merkt von seinen Gemtsbewegungen nichts - glaubt, ihm sei nicht
wohl.
    Er aber - er - der groe Dichter - ihm fllt pltzlich ein, da er ja noch
in Tarubs Kche weilt, in der dunkelrote Rosen duften und acht llmpchen
brennen.
    Und in der Kche gibts ja noch so viel zu essen.
    Und drum will er wieder essen -
    Drob freut sich Bagdads berhmte Kchin - sie gibt ihm eine groe Aalpastete
und Wein aus Bassora.
    Er it und trinkt.
    Er zerschneidet die Pastete mit dem Dolch, steckt die Dolchspitze immer in
ein kleines Stck und fhrts so zierlich zum Munde.
    Die Tarub sieht ihm freundlich zu.
    Er denkt an die groen unklaren Stimmungen, die so eng verbunden sind mit
Leid und Liebe - mit allen mglichen ewigen Qualen - mit den Qualen der
Empfindlichkeit.
    Aber die Empfindlichkeit kommt vom vielen Empfindenwollen.
    Safur denkt an alles dieses - und kaut.
    Und beim Kauen werden ihm seine Gedanken verworren.
    Er will schlielich seine Gedanken los sein.
    Er trinkt und kaut - kaut Aalpastete - kaut - kaut.

                              Vierzehntes Kapitel


Die Sterne verblassen.
    Es wird Morgen.
    Die lauteren Brder schlafen und trumen.
    Aber sie sind nicht zu Hause oder - wo sie sonst des Nachts zu sein pflegen.
    In Saids Garten liegen die lauteren Brder.
    Da schlafen sie - da trumen sie.
    Denn Said will ein Morgenfest geben.
    Und ein Morgenfest beginnt in Bagdad immer mit Schlaf und Traum.
    Die Gste kommen nachts in das Haus des Gastgebers, legen sich schweigend
auf breite Snften, schlafen da schnell ein - und werden dann behutsam in den
Garten hinausgetragen - wo sie bis zum Aufgang der Sonne weiterschlafen.
    Nachts werden sehr viel Umstnde gemacht.
    Die Sklaven schleichen mit kleinen Lmpchen im Garten herum und passen auf,
da die Schlfer nicht - von Schlangen, Frschen, Krten, Regenwrmern und
andrem menschenfeindlichem Gewrm belstigt werden.
    Selbstverstndlich wird in solcher Nacht auch sehr viel Rucherwerk
verbrannt.
    Der Araber hat eine sehr fein gebildete Nase -
    Und wenn schlafende Araber was Feines riechen, kriegen sie feine Trume.
    Battany mit seinen sieben Freunden, Said selbst und der junge, als Trunken -
und Witzbold berhmt gewordene Geograph Hamadany - das sind die lauteren Brder,
die nun in Saids Garten trumen - man will die glckliche Rckkunft derer, die
den Mondtempel zu Hauran besuchten, feiern.
    Kodama und Osman haben deshalb ein halbes Schock berchtigter Sngerinnen
mitgebracht - natrlich, ohne dem geizigen Said was davon zu sagen.
    Die Sonne geht wieder berm Tigris auf - sehr dunkelrot - mit vielen
dunkelroten Wolken ...
    Sie ist aber kaum mit dem vierten Teil ihrer Scheibe sichtbar geworden, so
erhebt sich in Saids Garten ein ohrzerreiender Gesang - die Sngerinnen tun
ihre Schuldigkeit.
    Ein keusches Lied singen sie freilich nicht - was sie singen, wird fr
gewhnlich nur in den schmutzigsten Gassen von Alt-Bagdad gesungen - in jenen
Gassen, in denen man mehr seine Brse als sein Herz in Acht nehmen mu - - -
    Doch Osman und Kodama lachen aus vollem Halse - als sie das - Lied hren.
    Nicht so lustig wie die Dicken erwachen die Andern.
    Namentlich Said - der wei vor Schreck nicht, was er sagen soll.
    Die Andern wissen zuerst nicht, wo sie sind - sie schaun sich ngstlich um.
    Wie sie ganz wach sind, verstehen sie bald ihre Lage.
    Battany findet zuerst die Sprache wieder - er verwnscht das Geheul der
Weiber - in den krftigsten Ausdrcken.
    Die Dicken lachen aber.
    Safur hat Magenschmerzen und ist daher auch sehr rgerlich - auerdem ist er
noch mde.
    Die Andern haben eigentlich auch noch nicht ordentlich ausgeschlafen.
    Das Morgenfest fngt schn an.
    Auch in Bagdad ist es nicht allemal ein Vergngen, ein ppiges Fest
mitzumachen.
    Dem Said bereitet der Gesang das allergrte Mibehagen - er wei: die
dreiig Sngerinnen werden ihn mehrere Weinschluche kosten - - - und er hoffte
diesmal grade so recht billig wegzukommen.
    Said verzweifelt.
    Er wei sich nicht zu helfen.
    Es mag kommen, wies will - er mu immer mehr zahlen, als er wollte.
    Die Unverschmtheit der beiden Dicken grenzt in seinen Augen ans
Grenzenlose.
    Said beneidet seine Gste, die alles umsonst haben, whrend er fr das
kleinste Vergngen immer gleich ein Vermgen opfern mu.
    Saids Gste waschen sich mit Saids kostbarsten Seifen und salben Haupt und
Brust mit Saids kostbarsten len.
    Und dann werden die Weinbecher bis zum Rande mit Wein gefllt - und jeder
Gast giet seinen ganzen vollen Becher in den Garten - begrt dabei die Sonne
und spricht ein paar persische Worte, die er selber nicht versteht ...
    Das ist das Sonnenopfer!
    Den Said wurmt das - aber es ist nun mal Sitte - und Sitte bleibt Sitte.
    Die Perser haben in Bagdad noch immer sehr viel zu sagen.
    Ja - die reichen Leute - die verstehens - sich zu rgern - die armen Hunde
rgern sich nicht halb soviel wie die reichen - Gastgeber.
    Doch die Sonne! - bei Allah! - die ist so herrlich - so gttlich - so gro -
da der rger der lauteren Brder bald verdunstet wie der Nebel auf den Blumen
und auf den Blttern der Bume, auf den Rasen und auf dem bunten Fliesengetfel
der Fuwege ...
    Wie die Mdchen verstummen, wird in goldenen Gefen seltenes kostbares
Zuckergebck herumgereicht.
    Und darauf gibts Fleisch in wrfelfrmig geschnittenen Stcken - teils
gebraten - teils gekocht - Hammel, Rind und Hhner ... aber viele viele Pfunde.
    Man it mit dem Dolch.
    Und man trinkt dazu den Wein in groen Zgen - ein Morgenfest soll immer in
groen Zgen gefeiert werden.
    Aber - die Stimmung lt sich denn doch nicht zwingen.
    Wohl verdunstete der rger der Meisten, doch die gute Laune kam darum noch
nicht auf.
    Die Sonne der Heiterkeit wollte nicht aufgehen - wollte nicht.
    Das hatte so seine Grnde.
    Da war zuerst das schiefe Gesicht der beiden Reichen - des Battany und des
Said ibn Selm - deren Gesicht wirkte ansteckend.
    Als reiche Leute dachten Beide wie alle reichen Leute - die da meinen, sie
mten berall genieen und schwelgen, weil sie doch was besitzen - - - als
wenn der Besitz ein unbeschrnktes Recht auf den Genu gbe ...
    Fhlten sich die Beiden als Gastgeber - und als solche fhlten sie sich
eigentlich stets - so glaubten sie, sie mten noch viel mehr genieen knnen -
viel mehr als ihre Gste - die waren doch nur ihretwegen da.
    Die guten reichen Leute taten so, als mte ihre Gutmtigkeit ihre
Genufhigkeit erhhen - was doch reiner Unsinn ist, da bekanntlich nur groe
Bildung genufhig macht.
    So - oder so hnlich dachte Safur, als er grade mit den beiden reichen
Leuten vernnftig reden wollte.
    Am Reden ward er leider durch seine Magenschmerzen verhindert - er hatte
doch in der Nacht allzu viel Aalpastete gegessen.
    Das Fastenfest mochte auch Schuld an den Magenschmerzen haben.
    Ja - das Fastenfest!
    Jakuby konnte sich ber den Muiullempel zu Hauran garnicht beruhigen - er
erzhlte den beiden Dicken von den Priestern und den Gtzen so viel, da bald
Alle dem alten Geographen zuhrten - auch die dreiig Sngerinnen und Saids drei
Kchinnen - der junge Hamadany ebenfalls, da er noch nchtern war.
    Jakuby schilderte besonders eingehend die Selbstgeielung einiger Jnglinge,
die sich mit schweren Ketten den Rcken zerschlugen und sich mit Steinmessern
grlich verwundeten und so frchterlich schrieen und sich die frchterlichsten
Brandwunden beibrachten. Der eine Jngling hielt sich, als er auf einem Fue
stand, die brennende Fackel unter der Sohle des andern Fues ...
    Die dreiunddreiig Frauen kreischten bei diesen Erzhlungen so entsetzlich,
da mans geradezu als Erholung empfand, wie sie wieder ein paar abgedroschene
Lieder sangen.
    Osman und Kodama freuten sich auch jetzt wieder - sie waren in so gereizter
Stimmung, da ihnen der rger der Andern das einzige Vergngen zu bereiten
schien.
    Ganz Bagdad schien sich in gereizter Stimmung zu befinden.
    Es lag so was vom wilden Tier in der Luft - so was Grausames.
    In den acht Wochen, in denen Battany mit Safur, Suleiman, Abu Hischam, Abu
Maschar und Jakuby nach Hauran reiste - hoch zu Kamel mit seinen Mongolen und
seinen Schwarzen - in diesen acht Wochen hatte sich manches Unangenehme in
Bagdad begeben.
    In der Chalifenburg hatte man sich mit dem Bunde der lauteren Brder in sehr
gereizter Stimmung beschftigt.
    Der Chalif tobte wie ein toller Hund, als er von dem Geheimbunde hrte.
    Ach - mit dem Chalifen Mutadid wars schon damals nicht ganz richtig, er litt
am Verfolgungswahn - in der Nacht erschien ihm immer ein weigekleideter Geist
mit einem langen weien Bart und einem langen weien Dolch.
    Wenn der Geist dem Chalifen erschien - dann konnten sich seine Diener die
Hnde schtteln - einem von ihnen gings dann an den Kragen.
    Der Chalif verstand keinen Spa - er lie gleich den Henker holen - seinen
dicken Henker, der immer stolz in roter Seide durch die Palste der Chalifenburg
wandelte und mit rollenden Augen um sich schaute.
    Der Chalif sagte in letzter Zeit nicht mehr, warum er Jemanden kpfen lie.
    Er lie nur seine smtlichen Hofleute zusammentreten, deutete mit dem linken
kleinen Finger auf den, dessen Haupt ihm am besten gefiel - und danach konnten
die Andern abtreten.
    Die Henkersknechte banden den Auserwhlten mit festen Stricken, drckten ihn
auf einem Lederkissen auf die Kniee, der dicke Henker in der roten Seide holte
weit mit seinem krummen Sbel aus - und ein blutiger Kopf rollte ber den
Teppich ...
    Nach diesem Schauspiel ging der Chalif ganz beruhigt wieder schlafen.
    Aber diese nchtlichen geheimen Schauspiele, bei denen eigentlich nur der
verrckte Chalif unbeteiligter Zuschauer war, wirkten doch auf die Hofbeamten
sehr aufregend.
    Und die Aufregung der Hofleute bertrug sich bald auf die ganze Stadt.
    Man veranlate den Chalifen, alle mglichen neuen Gesetze zu erlassen, um
seine Aufmerksamkeit von seiner nchsten Umgebung abzulenken.
    Es konnte ja wirklich garnicht mehr ein Vergngen genannt werden, ein Diener
am Hofe des allmchtigen Chalifen Mutadid zu sein.
    Bagdads Chalifenburg war damals die gefhrlichste Gegend von ganz Bagdad.
    Wohl dem, der da nichts zu tun hatte.
    Diese Zustnde in der Chalifenburg und ihr Einflu auf den Bund der lauteren
Brder bildeten den Mittelpunkt des Gesprchs in Saids Garten.
    Man trank langsamer.
    Die Sngerinnen und Kchinnen wurden vernachlssigt und dadurch auch
gereizt.
    Safur, der sonst so vorzglich zu vergessen versteht, kann heute seine
Magenschmerzen nicht vergessen.
    Said vergit den Dicken die Sngerinnen nicht, die obendrein noch sehr
anmalich tun und die ganze Gesellschaft wahrlich nicht fr die geistige Krone
Bagdads halten.
    Der junge Hamadany erzhlt nun noch von dem schlechten Eindruck, den die
lauteren Brder auf die Tofailys machen.
    Und das schlgt dem Fa den Boden aus.
    Abu Hischam kriegt einen Hustenanfall - so laut hat er gleich auf die
Tofailys geschimpft.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das ist ein so recht miglcktes Fest.
    Stimmung kommt berhaupt nicht mehr auf.
    Und doch duften die Rosen so wunderbar.
    Und die Riesenveilchen duften noch mehr.
    Und der Wein ist so vortrefflich.
    Das hilft aber alles nichts.
    Der Chalif wird immer verrckter.
    Und selbst den Reichsten kann es schlimm ergehen.
    Mutadids Henker spat nicht.
    Die lauteren Brder werden betrunken, sie kssen die Sngerinnen und machen
dadurch die drei Kchinnen eiferschtig.
    Was ist der Schlu?
    Die Weiber fangen an, sich zu prgeln.
    Man kann sie kaum trennen.
    Die Sklaven mssen die Sngerinnen mit Gewalt zurcktreiben.
    Die drei Kchinnen sind in grter Gefahr gewesen.
    Die Sailndula hat eine breite Kratzwunde ber der Stirn.
    Der Abla hat man das hellblaue Beinkleid ganz mit Wein begossen.
    Und der Tarub blutet der ganze Kopf.
    Das ist ein sehr erquickendes Morgenfest!
    Die beiden Dicken knnen lachen.
    Alle haben sich grndlich gergert.
    In den grellsten Mitnen schliet das Fest.
    Man geht in der denkbar schlechtesten Stimmung auseinander.

                              Fnfzehntes Kapitel


Nach einigen Tagen ist wieder alles anders.
    Pltzlich ist wieder zu viel Stimmung in der Gesellschaft der lauteren
Brder.
    Die meisten Brder wollen Bagdad verlassen - da man sich in der Nhe der
Chalifenburg nicht mehr sicher fhlt.
    Es liegt auf einmal sehr viel Reisefieber in der Luft.
    Auf dem Karawanenplatz geht es ungemein lebhaft zu.
    Dort ist jetzt der eigentliche Mittelpunkt von Bagdad.
    Vor Osmans Bcherbuden, die sich auf der nrdlichen Seite des
Karawanenplatzes befinden, stehen fast immer Neugierige, die was von den Bchern
der lauteren Brder sehen - und auch kaufen mchten.
    Osman macht vortreffliche Geschfte.
    Kodamas Buch ber die Kugelgestalt der Erde wird sehr viel gekauft.
    Auch Abu Hischams Zweifler findet einige Kufer. Jakubys Buch der Lnder
findet viele Leser, wird aber seltener gekauft, das zu umfangreich und demnach
zu teuer ist.
    Die Gebildeten Bagdads - namentlich die Koranstudenten - - sprechen mit
groer Hochachtung von dem Bunde der lauteren Brder, obschon die Tofailys ihr
Mgliches tun, dem Bunde zu schaden.
    Der nichtswrdige AI Rumy hat bereits eine Schmhschrift ber die lauteren
Brder geschrieben, in der diesen die ekelhaftesten Geschichten nachgeredet
werden.
    In einzelnen Weinkneipen, in denen die Tofailys das groe Wort fhren,
erregte die Schmhschrift groes Aufsehen.
    Gerchte ber eine bevorstehende Verfolgung der Brder trugen aber dazu bei,
da man von dem neuen Gelehrtenbunde mit viel mehr Achtung sprach, als den
Tofailys lieb sein konnte, die natrlich nur giftig waren, weil sie nicht an der
Spitze des Unternehmens standen.
    Buchtury hatte daher auch den Versuch gemacht, einen Bund der treuen
Mnner zu grnden. Doch von diesem Bunde hrte nach seiner Grndung kein Mensch
wieder was.
    Osman zeigte ein sehr vergngtes Gesicht. Alles ging ihm nach Wunsch.
    Er stand sehr bald an der Spitze des Bundes der lauteren Brder, und das kam
vornehmlich seinem dicken Freunde Kodama zu Gute, der tglich berhmter wurde
und eine groe Gespreiztheit in seinem Wesen zur Schau trug.
    Osman wohnte in der Nhe der Chalifenburg in einem alten, sehr gut
eingerichteten Hause.
    An einem sehr heien Morgen steht der dicke Schreiber zu Hause zwischen
Kisten und Kasten, die mit allerhand Arten Papier gefllt sind und spricht
lebhaft mit zwei Chinesen.
    Die Chinesen in fein mit Blumen gemusterten, braunroten Seidengewndern
zeigen dem Schreiber neues chinesisches Papier und erlutern die Vorzge
desselben.
    Osman ist entzckt, er wird immer erregter und setzt dabei den Chinesen
auseinander, wie wichtig fr den gesamten Buchhandel die Herstellung eines
billigeren Papiers sei - er brauche zu viel Papier!
    Man plaudert auch ber die Vorzge und Mngel der Rollenform, in der die
Bcher herausgegeben werden.
    Der eine Chinese ist der Meinung, da man die langen Papierstreifen auch
kneifen und in eine Lattenform bringen knnte - diese Bcher in Lattenform
wrden sogar handlicher sein.
    Und dann zeigen die Chinesen dem arabischen Schreiber ein paar bunte
Zeichnungen, die sie aus ihrer Heimat mitbrachten - Drachen, Tempel, krause
Wolken und viele Krieger mit groen Schwertern und buschigen Augenbrauen.
    Die beiden chinesischen Kaufleute wirken in ihren ruhigen bedchtigen
Bewegungen so angenehm auf den dicken bequemen Osman, da der die chinesischen
Zeichnungen fr drei recht schwere Goldstcke ankauft.
    Auerdem erklrt er den fremden Herren mit den schief geschlitzten Augen,
da er sie gerne fters sprechen wrde, ldt sie ein, erzhlt vom Bunde der
lauteren Brder, vom Chalifen und von den dnneren Papierarten - von diesen
letzteren bestellt er gleich eine ganze groe Kiste, denn er wei, da die
Chinesen, die auf Dschunken nach Bagdad kommen, viel billiger das Papier liefern
knnen als die Perser, die das Papier auf dem Landwege ber Indien beziehen.
    Osman bemerkt garnicht, da die Chinesen Eile zu haben scheinen, er erzhlt
ihnen noch so viel von den neuen Lederkapseln, in denen die besten seiner Bcher
aufbewahrt werden, zeigt ihnen noch so viele neue Bcher ber Sternkunde, ber
Alaun, Vitriol, Salmiak und andre Stoffe, da den gelben Herren ganz schwindlig
wird.
    Mit grter Hochachtung vor der Bildung der Araber entfernen sich die beiden
Herren mit den schief geschlitzten Augen - hflich sagen sie noch dem beraus
liebenswrdigen Schreiber, da sie beim Chalifen von Peking nie so huldvoll
aufgenommen seien wie beim grten Schreiber von Bagdad.
    Wie die gelben Chinesen weg sind, fngt der dicke Osman an, ganz ernsthaft
ber die Zukunft des Papiers nachzudenken.
    Whrenddem schreiben im groen Schreibersaale Osmans Schreiber mit
verdoppelter Sorgfalt - denn Jakuby, Kodama und Safur sehen ihnen zu.
    Weit ber dreiig Schreiber beschftigt der dicke Osman.
    Sie schreiben mit langen feinen Haarpinseln auf vortrefflichem
Baumwollpapier.
    Sie tauchen die Pinsel immer sehr vorsichtig in kleine weie Kruken, in
denen sich dnnflssige chinesische Tusche befindet.
    Osmans Bcher sind smtlich mit kstlicher Sorgfalt geschrieben.
    Die Buchstaben verbinden sich in geschmackvollster Art - mit feinen
Schnrkeln.
    Die Schreiber sind die reinen Knstler - sie malen mehr, als sie schreiben.
    Das wissen sie, sie sind drum auch ganz gehrig stolz und sehr sauber
gekleidet - fast so sauber wie Osman, der in seinen braunen baumwollenen
Beinkleidern und mit seinem braunen baumwollenen Jckchen und mit seinem weien
Leinenzeuge auf der Brust und auf dem Kopf so fein wirkt wie ein schn
geschriebenes Buch ...
    In Osmans Hause herrscht musterhafte Sauberkeit, auf keinem der vielen
Bcher ist ein Stubchen zu sehen.
    Und Niemand staunt ber diese musterhafte Reinlichkeit so wie Safur - der
ist nahe daran, im Reinemachen den Zweck des ganzen Lebens zu sehen.
    Safurs Stimmung wird bei Osman immer saubrer.
    Kodama sieht unter seinem gelben Turban aufmerksam einem jngeren Schreiber
auf die Finger.
    Jakuby hat seinen lila farbigen Turban abgenommen und streichelt seinen
glatt rasierten braunen Schdel mit der linken Hand - der Schdel sieht auch
riesig sauber aus.
    Im Schreibersaal ist es sehr ruhig.
    Lauter gehts im Hofraum zu, der auf allen vier Seiten von verdeckten
Wandelgngen eingerahmt wird, die auf der Mauerseite in hohen Spinden unzhlig
viele Bcherrollen zeigen. Die Spinde sind in verschieden groe Fcher geteilt.
    Nach dem Hofraum zu, dessen Boden ganz mit bunten Fliesen bedeckt ist - in
deren Mitte ein kleiner Springbrunnen pltschert - sind die Wandelgnge offen.
    Ein paar leichte geschnitzte Holzsulen dienen den Dchern als Sttze. Neben
der einen Holzsule, an ders schattig ist, auf einem Teppich sitzt Abu Hischam
und spielt wieder mit seiner armenischen Pelzmtze.
    Der junge Geograph Hamadany und der junge Geschichtsschreiber Abu Hanifa -
Beide mit weien Turbanen auf dem Kopf - und mit schwarzseidenen Kaftanen
bekleidet - sitzen dem Philosophen gegenber.
    Der junge Abu Hanifa hat Die Geschichte des Chalifen Motawakkil von
Baladory, der vor einigen Wochen starb, auf dem Schoe und verbreitet sich
eingehend ber die Vorzge des alten Baladory, der als Historiker jedenfalls die
erste Stelle in Bagdad einnahm.
    Aus Abu Hanifas wohlgesetzter Rede geht deutlich hervor, da er jetzt der
erste Historiker Bagdads werden mchte - er will auch ber die Chalifen
schreiben - aber ber alle - und dabei durchblicken lassen, da eigentlich alle
Abbassiden - mit Ausnahme Mamuns - nicht ganz bei Verstande waren, soda man
sich ber den bldsinnigen Mutadid garnicht zu wundern brauche.
    Die Rede findet bei Abu Hischam sehr viel Anklang, er unterbricht sie mit
den derbsten Witzen - der Chalif htte den Philosophen sofort kpfen lassen,
wenn er ihn htte reden hren.
    Doch Hamadany setzt dann etwas auseinander, das dem Philosophen mit der
Pelzmtze weniger behagt.
    Hamadany hat ein Buch von Abu Hodail Hallf auf dem Scho und beweist dem
Abu Hischam, indem er verschiedene Stellen wrtlich vorliest, da Abu Hodail
Hallf vor fnfzig oder sechzig Jahren bereits alles das geschrieben hat, was
Abu Hischam in seinem Buch Der Zweifler vor drei oder vier Jahren schrieb.
    Der Philosoph wird daher sehr wtend.
    Aber Hamadany ist unerbittlich in seiner Beweisfhrung.
    Die Unterhaltung wird natrlich sehr laut gefhrt.
    Hamadany lt es an boshaften Bemerkungen nicht fehlen, weist auch auf den
Titel hin, den Abu Hodail Hallf fr seine Arbeit whlte - die nannte nmlich
der alte Schriftsteller Der Zweifel - die merkwrdige Verwandtschaft mit dem
Titel, den Abu Hischam fr seine Arbeit whlte, der dieselbe Der Zweifler
nannte, reizt den jungen Hamadany zu nichtswrdigen Betrachtungen, ber die
natrlich Abu Hischam fast aus der Haut fahren will.
    Inde - gefolgt von Said und Suleiman, betreten nun Abu Maschar und Al
Battany den Hof. Der Letztere sagt sehr laut, soda Abu Hischam und Hamadany ihr
unerquickliches Gesprch gleich abbrechen:
    Lieber Abu Maschar! Du scheinst die Verhltnisse in der Chalifenburg
durchaus nicht zu kennen. Wir werden tatschlich verfolgt und sind nicht unsres
Lebens sicher. Du kennst doch meinen Freund, den allmchtigen Ssabier Thabit ibn
Quorrah, der in der Chalifenburg mehr zu sagen hat als der Vezier - und weit
Du, was mir Thabit schreibt - da lies! Er schreibt, er knne uns nicht mehr
schtzen und bte uns, in drei Tagen Bagdad zu verlassen und nicht vor
Jahresfrist wiederzukommen!
    Abu Maschar liest und schttelt den Kopf und meint ganz ruhig:
    Ein Ort ist genauso sicher wie der andre. Ich bleib hier. Mir wird Niemand
was tun.
    Battany zuckt die Achseln.
    Auch Kodama, Jakuby, Safur und Osman sind auf den Hof gekommen.
    Alle lesen den Brief des allmchtigen Thabit ibn Quorrah.
    Und Alle kriegen nun das Reisefieber in heftigster Form.
    Nur Osman will dableiben, er hlt sein Leben nicht fr gefhrdet, da er zu
viel einflureiche Freunde in der Chalifenburg zu haben glaubt.
    Said und Suleiman wollen auch in Bagdad bleiben - der Erstere, weil er seine
Gter nicht im Stich lassen mchte - der Letztere, weil er unter allen Umstnden
auf Saids Kosten leben mchte.
    Abu Maschar bleibt natrlich aus reiner Halsstarrigkeit, er sagt:
    Ich kann ebenso leicht auf der Reise gettet werden wie in Bagdad. Wir
knnen berall sterben. Dem Tode werden wir doch nicht fortlaufen knnen. Und
einmal mssen wir doch Alle sterben. Die Furcht vor dem Tode ist lcherlich.
    Und Du ebenfalls! brllt ihm Battany zu, der schon gereizt wird, wenn er
den Propheten blo ein Wort sagen hrt.
    Der Prophet schweigt nun.
    Die Andern aber, die Bagdad verlassen wollen, entwickeln ihre Reiseplne -
ihnen kommt der Brief des Thabit ibn Quorrah im Grunde genommen garnicht
ungelegen - der Brief ist ihnen eigentlich hchst angenehm.
    Das Reisefieber liegt ja grade in der Luft -
    Es ist auch wieder mal eine entsetzliche Seuche im westlichen Stadtviertel,
wo die armen Leute wohnen, ausgebrochen ...
    Battany will nach Indien.
    Abu Hischam gedenkt, nach Persien zu wandern.
    Safur sehnt sich pltzlich nach gypten.
    Hamadany wre gern in Byzanz.
    Kodama whlt die bequeme Karawanenstrae nach Mekka und beabsichtigt, dort
lngere Zeit zu bleiben.
    Jakuby geht nach Nordafrika.
    Abu Hanifa mchte nach Sdarabien.
    Alle wollen in der Welt vom Bunde der lauteren Brder erzhlen - der Bund
soll ein Weltbund werden!
    Osman streckt dem Safur und dem Abu Hischam bereitwillig Geld vor.
    Eine prchtige Zukunft leuchtet vor Aller Augen auf. Safur ist froh, fr
einige Monate von der Tarub befreit zu sein.
    Das Reisefieber lt die lauteren Brder nicht mehr los.
    Jetzt gehts in die groe Welt - in die groe Welt - man wei sich vor
Seligkeit garnicht zu lassen.

                              Sechzehntes Kapitel


Die indischen Teppiche sind so weich - der Fu versinkt darin wie in einer
grnen Wiese.
    Und Al Battanys Fu versinkt auch in diesen indischen Teppichen.
    Diese Teppiche ruhen aber in dem Palaste eines indischen Nabobs, der in der
Nhe von Benares wohnt.
    Schon achtmal hat sich der Mond gerundet - und achtmal ward er wieder
verdunkelt - seit die lauteren Brder Bagdad verlieen.
    Die Christen schreiben bereits das Jahr 894.
    Die Zeit eilt.
    Der Astronom Al Battany ist ganz betubt von den gewaltigen Eindrcken
seiner Reise.
    Ihm ist zu Mut, als htt er zum ersten Mal das Hochgebirge - oder als htt
er zum ersten Mal das ewige unermeliche Meer geschaut.
    Indien ist viel reicher, grer und tiefer - als er je gedacht.
    Ihn erdrckt fast der Reichtum, der ihn umgibt. Und er fhlt es jetzt erst -
wieviel die Araber den Indern verdanken - - - Bagdad wre ohne Indien nur ein
ganz gewhnliches Wstendorf. Der Astronom vergit beinahe vollstndig das, was
die Araber von den andern, auch hher entwickelten Vlkern haben.
    Indien wird dem Al Battany zum Paradies.
    Und der Blick des Gelehrten wird immer stolzer - ihm ward so viel Ehre
zuteil.
    Indische Gelehrte und indische Frsten haben den groen Astronomen mit einer
Ehrfurcht begrt, als wenn er als Feldherr Alle besiegt htte - nicht als kme
er als einfacher Mann zum heiligen Ganges.
    Battany wre noch viel glcklicher gewesen, wenn er das schumende Wasser
seiner Eitelkeit mehr eingedmmt htte ...
    Aber - er hatte auch zu viel Triumphe gefeiert.
    Eine Gesandtschaft aus Peking war sogar gekommen, um Bagdads grten
Gelehrten zu begren - vor dem hatte sich ein Dutzend vornehmster Chinesen so
schrecklich tief verbeugt.
    Die Chinesen teilten dem Battany mit, da bereits der Chalif von Peking vom
Bunde der lauteren Brder gehrt habe und da Er - der Sohn der Sonne - der
gelehrten Gesellschaft die herzlichsten Glckwnsche bersende.
    Und die chinesische Gesandtschaft berreichte dem Araber eine mit
Edelsteinen besetzte Kassette, in der sich viele kleine Kunstwerke aus
Elfenbein, Ebenholz und Perlmutter befanden.
    Und die Glckwnsche des Chalifen von Peking hatte Battany sofort mit den
Brieftauben, die ihm Osman bergeben, nach Bagdad gesandt; Osman konnte
gleichfalls sehr vergngt sein.
    Und wie sich Battany ein wenig heimisch fhlt, speist er zur Nacht bei
seinem frstlichen Freunde mit dreihundert andren Gsten in einem riesengroen
Saale.
    Die andren Gste sind Araber aus Benares, Brahminen und indische Gelehrte.
    Ein paar tausend Sklaven bedienen.
    Die Zahl der Gerichte ist nicht zu zhlen.
    Battany ist nun ganz und gar geblendet durch diese frstliche Pracht.
    Er denkt an Saids Abendgesellschaften und mu lcheln.
    Nach dem Mahle geht man hinaus auf die hoch gelegene Parkterrasse.
    Und dort bietet sich den Gsten ein wirklich berckender Anblick dar, der
jedes Auge berauschen mu.
    Der groe Park ist erleuchtet - aber wie!
    Tausend und aber tausend bunte Papierampeln glhen und brennen zwischen den
Blumen - durch das Grn der Bume.
    Wie Diamanten glhen und brennen die Ampeln - wie Rubine, Saphire, Smaragde.
    Der Nabob gibt ein groes Garten- und Lampenfest. Blumenmdchen - ganz mit
bunten Bltenketten umhllt - wandeln langsam hintereinander mit knisternden
Pechfackeln in wohl berechneten Kurven ber den Kies der Gartenwege.
    Und im Hintergrunde flackern riesige Flammen empor - rote und grne -
bengalische Flammen.
    Und neben den Springbrunnen puffen von Zeit zu Zeit mchtige Pulverhaufen in
die Luft - die Pulverflammen schlagen blitzschnell - unheimlich - wie
Geisterfuste - in den dunklen Sternenhimmel hinein.
    Der Mond steht ber den Kuppeln und Trmen von Benares wie eine groe
Riesenkirsche.
    Der funkelnde Glanz der Sterne wird fast verdunkelt von der indischen -
Lichtkunst.
    Battany und die arabischen Hauptleute sind nun tatschlich geblendet.
    Ein indischer Nabob ist doch zu reich - er kann mehr bieten als Bagdads
Chalifenburg.
    Ein junger indischer Gelehrter wendet sich jetzt lchelnd an den gefeierten
arabischen Gelehrten.
    Verschmitzt sieht der gelbe Inder in Battanys braunes Gesicht, dreht immer
seinen langen schwarzen Schnurrbart und erklrt umstndlich, da ihm die
Bedeutung der ganzen Astronomie sehr unverstndlich sei - denn - so sagt er
zum Schlu - wir sehen die Sterne doch nur mit unsrem Auge, und mit den Fingern
knnen wir sie nicht greifen. Was wir aber nur mit unsrem Auge sehen, das ist
zunchst nur wirklich fr unser Auge da - obs auerhalb unsres Auges was
Daseiendes ist, knnen wir gar nicht wissen. Da die Sterne da oben groe Welten
sein sollen, vermag ich daher nicht zu glauben - ich glaube - da oben gibt ein
junger Gott seinen Freunden ein Lampenfest - das Fest wird bald zu Ende sein -
denn einzelne Sterne verlschen bereits. Bedenke nur! Fr einen jungen Gott sind
hunderttausend irdische Nchte - eine einzige himmlische Nacht. Die Wandelsterne
sind Blumenmdchen mit Fackeln ...
    Der Inder blickt den Battany forschend an - der aber steht so steif da, da
der Araber einem fast leid tun knnte - er hat ja nichts verstanden.
    Schnurrbartdrehend wendet sich der indische Gelehrte schlielich ab - rgert
sich natrlich nicht wenig, da er seinen Witz vor einem dummen eingebildeten
Araber verschwendete.
    Hierauf spricht ein alter Brahmine mit dem Astronomen - - - Der nimmt sich
jetzt furchtbar zusammen, er will nicht wieder nachher - vergeblich nach Worten
suchen.
    Eine wunderbare Musik tnt aus dem erleuchteten Garten in die Sternennacht
empor.
    Der Brahmine spricht von den Ssabiern, das bekannt geworden, da Battany
auch ein Ssabier ist - was sein Ansehen sehr erhht.
    Und der Araber kann antworten - er erzhlt von Hauran - von Thabit ibn
Quorrah und von Tschirsabl.
    Auch andre Brahminen hren zu und sprechen mit.
    Man redet bald ber die Religion im Allgemeinen.
    Die in arabischer Sprache gefhrte Unterhaltung wird sehr lebhaft.
    Ein sehr alter Brahmine, dessen weier Bart fast bis zur Erde reicht, ist
der Meinung, da die Lehre Mohammeds den groen Religionen nicht beizuzhlen
sei, da diese Lehre die Aufklrung und die Freigeisterei in gefhrlicher Weise
frdere - Mohammed habe nur eine Ketzerreligion geschaffen - ihre einfachen,
viel zu verstndigen Formen seien nicht frs Volk - das Volk wisse nur mit
vielen Gttern und mit einem umstndlichen Kulte was anzufangen.
    Battany staunt und mu dem zustimmen - erklrt dabei, da man sich in Bagdad
um Mohammeds Lehre selbstverstndlich sehr wenig kmmere.
    Das wei ich, erwidert drauf der alte Priester, ich habe die Erfolge und
Mierfolge der verschiedenen Religionen durch ein langes Leben mit sehr
aufmerksamem Auge verfolgt. Die Lehre Christi hat schon viel mehr fr sich als
die Lehre Mohammeds. Die christlichen Priester haben eben viel mehr gelernt und
viel mehr den lteren Religionen entnommen - die christlichen Priester haben
nicht den groen Allgott in die Mitte ihrer Lehren gestellt - sie haben auch den
Nebengttern und den tieferen Gedanken der lteren Religionen eine Bedeutung
eingerumt. Natrlich - - verstanden hat ja kein einziger Christ - die lteren
Religionen - - - doch merks nur! - das schadet nicht allzuviel - die neuen
Religionen entstehen immer nur dadurch, da einzelne Menschen, die das religise
Feuer in den Adern haben, die lteren Religionen miverstehen. Nur das
rcksichtslose Nichtverstehenwollen oder das harmlosere Nichtverstehenknnen -
verwerflich. Miverstndnisse aber - die schaden ist nicht so sehr. Religionen
sind ja nicht dazu da, von den Menschen verstanden zu werden ... Und der Erfolg!
- Oh, glaube mir! Das Klarverstndliche und das Vernnftige - das hat immer nur
einen sehr geringen Erfolg. Man darf doch nicht vergessen, da die Menschen viel
viel hufiger unvernnftig und unverstndig denken - als vernnftig und
verstndig. Das Vernnftige ist den Menschen garnicht das Natrliche - das
Unvernnftige viel mehr. Warum hat Mani nicht denselben Erfolg wie Christus -
warum hat Mazdak nicht denselben Erfolg wie Christus gehabt? Ich glaube - nur
weil die Jnger dieser Beiden zu gebildet waren - Christi Jnger hatten ihren
Meister viel mehr miverstanden, sie waren keine klaren Kpfe, weil sie soviel
religises Feuer in sich hatten. Dieses allein hat ihnen aber nicht den Erfolg
verschafft - sondern ihre Fhigkeit, alles so mizuverstehen und so unklar zu
sagen, da es dem Fassungsvermgen des gemeinen Volkes nicht fremd erschien -
das hat den Jngern Christi den Erfolg verschafft. Ja - ja - ich wei das
alles!
    Der Inder streichelt zrtlich seinen langen, weien, fast die Erde
berhrenden Bart und lchelt - lchelt - wie ein Greis lchelt.
    Al Battany will nun wissen, was die Religion eigentlich will. Der Alte wird
ernst und spricht weiter - wie fr sich - so dumpf und so verchtlich:
    Aufklrung willst Du! Aufklrung! Ein echter Schler Mohammeds bist Du! Ein
Mann der aufgeklrten Wissenschaft - ein Feind der Religion! Kennst Du Buddha? -
nein, Du kennst ihn nicht. Er war auch ein Ketzer - aber nicht ein so schlimmer
Ketzer wie Du. Ich wundre mich, da Du Dich Ssabier nennst. Die ssabischen
Priester haben Dir wohl nur den Eintritt in ihren ersten Vorhof gestattet - wo
das Volk verweilen mu. Hr doch, Battany! Das Denken fhrt doch nie zur vollen
Klarheit - fhrt doch berhaupt nie zur Klarheit - - - wenn Du grndlich denkst,
wird Dir das Klarste unklar werden. Du aber denkst nicht grndlich. Das Denken
fhrt nicht zur Klarheit - das war nie so. Aufs Verstandenwerden mssen daher
die weisen Priester verzichten - selbstverstndlich! Man kann doch hchstens nur
- miverstanden werden. Mit dem Miverstandensein mu man zufrieden sein. Ja -
ja - ich wei das alles!
    Der Brahmine murmelt danach unverstndliches Zeug und geht fort - die Inder
machen ihm Platz und verbeugen sich vor dem Greise - sehr tief verbeugen sie
sich.
    Battany wird unwillig und will nun von einem Andern wissen, was die Religion
eigentlich will.
    Wie da die Inder berlegen lcheln!
    Doch ein sehr fein gekleideter Inder, der dem Gesprch bisher schweigend
zugehrt, antwortet dem Battany folgendermaen:
    Gelehrter Freund! Ich verstehe Deine Neugierde. La mich Dir antworten! Du
wirst mich ja ebenfalls nur miverstehen - doch vielleicht sag ich Dir, was Dir
nher kommt! Ich bin kein Priester und denke daher anders. Bist Du nicht der
Meinung, da die gebildetsten Menschen der Erde grade infolge ihrer Bildung
schlielich eine bergroe Empfindlichkeit in sich zur Ausbildung kommen lassen?
Oh, ja - ja! Und wenn sich diese Empfindlichkeit steigert, wird sie zur grten
Qual - erzeugt einen Zustand, der immer unertrglicher wird und zuletzt nach
entsetzlichen Bengstigungen, grauenhaften Trumen und wilden Wutausbrchen -
einen Abscheu vor dem Leben gebiert. Oh, ja - ja! Um die Empfindlichkeit und die
darauf folgenden Qualen zu vernichten - dazu sind die Religionen da - das wollen
die Religionen den Gebildeten sein - wir haben sie drum auch ntig. Dem Volke
soll aber die Religion nur ein Mittel sein, das von ganz gemeinen Leiden erlst
- die Religion frs Volk kann daher aussehen, wie sie will - sie darf sich nur
nicht so trocken wie die Lehre Mohammeds geben. Jedes Mittel zur Vernichtung der
durch die verfeinerte Bildung erzeugten Seelenqual - gehrt ins Gebiet der
Religion. Ob man betet oder dichtet, ob man Tempel baut oder Bilder meielt -
das ist im Grunde ziemlich gleich - doch - es ist schlimm - Du verstehst mich
wohl auch nicht - nein?
    Battany schttelt betrbt den Kopf.
    Er - der groe Astronom - steht pltzlich vor so vielen neuen Rtseln und
Fragen, da er fast heftig werden mchte.
    Als wenns nicht am Sternenhimmel genug der Rtsel gbe.
    Er sagt daher sehr kurz, da er durchaus nicht geneigt sei, alle Rtsel der
Erde aufzulsen - er klammre sich zunchst nur an die fr ihn begreifbaren Dinge
- die ferner liegende, grere Rtselwelt msse fr ihn noch unsichtbar
bleiben - er wolle sich nicht verwirren lassen.
    Whrenddem tanzen aber dicht unter der Terrasse hundert der schnsten
Bajaderen den langsam bewegten Schneckentanz.
    Die Bajaderen sind ganz nackt.
    Ihre gelben, wunderbar schlanken Glieder biegen sich in entzckenden Kurven,
roter Fackelschein macht sie bunt.
    Die Blumenmdchen stehen mit ihren Fackeln im Kreise rum und beleuchten den
Tanz.
    Battany ist ganz starr.
    Der Tanz ist berauschend.
    Wein wird herumgereicht.
    Ein Sufy setzt dem arabischen Astronomen auseinander, wie viele Millionen
von Kfern und Schmetterlingen bei solchem Lampenfest einen qualvollen Tod
finden - wie viele kleine feine Flgel dabei verbrannt werden.
    Ein ewiges Sterben, meint der Sufy, geht durch die Natur. Der Tod ist
berall da. Und man wird nur geboren, um qualvoll leidend den Tod zu finden -
man stirbt eigentlich vom ersten Augenblick seiner Geburt an. Deshalb sollen wir
keine Kinder zeugen, die Frauen nie berhren. Das Heiligste, was wir tun knnen,
ist das, was die Menschen, dies nicht kennen, das Unnatrliche nennen - whrend
dieses Unnatrliche doch grade den feiner entwickelten Menschen als Pflicht von
der leidenden Natur auferlegt wird. Hier hast Du den Kernpunkt aller Religionen.
Erinnre Dich nur an die Ssabier!
    Battany hrt nicht hin.
    Er ist berauscht von den Bajaderen, die verwirren ihn.
    Und in ganz auerordentlicher Erregung wandelt er, nachdem der Tanz vorber,
mit den andern Gsten des indischen Nabobs zu dem Schauspielhause, in dem ein
Schauspiel von dem fein gekleideten Inder aufgefhrt wird, der so fein von der
Empfindlichkeit und der Qual aller Gebildeten zu sprechen wute - und den
Battany auch nicht verstand ...
    Den Gsten wird mit Riesenfchern khle Luft zugewedelt.
    Ein Festzug bewegt sich zum Schauspielhause hin - prchtige dicke Elephanten
schreiten wrdevoll voran.
    Und die goldenen und silbernen Gewnder der Inder glitzern im Fackelschein.
    Die Waffen der Araber glitzern ebenfalls.
    Ein frstlicher Kleiderprunk macht sich protzig breit.
    Die Blumenmdchen leuchten mit ihren Fackeln.
    Die Sngerinnen singen.
    Der Vollmond steht am Himmel in trben Dunstwolken dicht ber Benares, in
dem die Pest wtet, der stndlich Hunderte von Menschen zum Opfer fallen.
    Der heilige Ganges fliet langsam und trge auch an den Grten des groen
Nabobs vorbei, in dessen Reich die Pest nicht eindringt.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Kodama jedoch - der sitzt in Mekka und freut sich anders seines Lebens als
der Battany.
    Kodama it Mekkas beste Rindskeulen auf und trinkt roten Wein dazu -
eimerweise.
    Dem dicken Geographen ist in Mekka so recht behaglich zu Mute. In jedem
Weinkeller ist der Dicke Stammgast.
    Und es gibt sehr viele Weinkeller in Mekka.
    Die christlichen und jdischen Weinwirte sprechen von Kodama mit einer
Hochachtung - fast mit derselben, mit der Battany vom griechischen Dionysos
spricht.
    Der gemtliche Dicke geht auch gern auf Abenteuer aus - denn den ganzen Tag
und die ganze Nacht nichts Anderes tun als Trinken, Schlafen und Essen - das
geht ja nicht.
    Und wenn der groe Herr aus Bagdad mit den schnen schwarzen Pluderhosen,
mit dem kurzen Sammetrock und dem gelben Turban - mit seinem ganzen schweren
Leibe und mit dem glnzenden braunen Mondgesicht auf Abenteuer ausgehen will, so
wendet er sich zunchst in die groe Moschee, in der einst der Prophet so gern
zu weilen beliebte.
    In der Moschee befinden sich nmlich stets einige hbsche Mdchen, die vor
Liebesgram vergehen mchten. Diese Mdchen liebt der dicke Kodama.
    Er mag sie nmlich so gern trsten.
    Um das zu knnen, nimmt er sie mit in den tiefen Weinkeller, der nicht
allzuweit ab von der Kaaba liegt.
    Und beim Weine mssen ihm die Mdchen alle ihre Liebesgeschichten erzhlen -
wie sie verfhrt, verraten, belogen, betrogen und verlassen wurden - Alles ganz
genau.
    Diese Geschichten sammelt der Dicke.
    Bei Allah - das macht ihm Spa - darber kann er ordentlich lachen.
    Siegelringe und bunte Glasflschchen sammelt der Dicke auch.
    Der verstehts, sich die Zeit zu vertreiben.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der alte Jakuby sammelt natrlich auf seinen Reisen derartige Nichtigkeiten
durchaus nicht - der macht sich nur berall Notizen ber die wichtigeren
Zustnde und Angelegenheiten der Lnder und Stdte, durch die ihn sein Pfad
fhrt. -
    Bereits ist der Alte wieder durch ganz Nordafrika gewandert bis zu den
Ruinen von Carthago.
    Er hat diesmal verschiedene Kriegszge mitgemacht - und dabei auch mit
groer Unerschrockenheit seine Notizen niedergeschrieben - mitten im Krachen der
Damascenerklingen beim Wiehern der Rosse und beim Fluchen der arabischen
Hauptleute, die mit den strrischen Wstenshnen Nordafrikas sehr grausam
umgingen.
    Doch das Blutflieensehen ist der alte Geograph nun mde geworden. Er segelt
mit einem Seeruberschiff nach Sizilien. Vorzglich hat ers verstanden, vor den
Seerubern arm und gebrechlich zu erscheinen.
    Jakuby ist ein khner und gewandter Mann.
    Er begibt sich gleich nach Palermo, schliet Freundschaft mit den dort
lebenden arabischen Gelehrten, denen er von Bagdad wie von einem Weltwunder
erzhlt und - beobachtet dann mit seinen neuen Freunden den tna-Ausbruch, der
stattfand, als die Christen das Jahr 894 schrieben.
    Von der Gesellschaft der lauteren Brder erzhlt Jakuby natrlich so viel,
da sich verschiedene seiner Freunde schlielich auch als lautere Brder
betrachten.
    Jakuby ist ein ganz vorzglicher Apostel, wenn auch zuweilen seine
Einzelheiten recht lcherlich wirken.
    Er wei immer alles schnell zu erklren.
    Aber was er sagt - ist fast immer falsch - oft reiner Unsinn.
    Hr nur dieses! meint an einem Abend einer seiner neuen Freunde, als
wieder ein gewaltiger dunkelroter Feuerstrom wie eine Riesensule in den Himmel
hinaufspritzt, hr nur dieses, Jakuby! Wo kommt all das Feuer her?
    Und auf diese Frage wei Jakuby zunchst gar keine Antwort zu finden,
zuletzt behauptet er, da sich im Innern des Kraters Wasserdampf mit Schwefel
mische und sich dadurch entznde ...
    Diese Behauptung frdert natrlich gleich einen krftigen gelehrten Zank zu
Tage - denn die Gelehrten von Palermo kennen die Stoffe der Erde viel besser als
Jakuby.
    Der Alte rgert sich, da man ihn widerlegt und ganz unverhohlen zu
verspotten wagt.
    Ja - Jeder hat so sein Leid zu tragen.
    Und der feuerspeiende tna war doch so berauschend groartig - die Erde
zitterte, der Himmel fllte sich mit mchtigen Rauchwolken, glhende Felsen
strzten aus dem Himmel heraus ins Meer und versanken dort mit frchterlichem
Gezisch.
    Die Feuersule des Kraters erleuchtete ganz Sizilien - Funkenasche fiel
dabei langsam herunter.
    Zum Donner in der Tiefe gesellte sich der Donner in den Lften, die von
grellen Blitzen fortwhrend durchzuckt wurden.
    Die Rauchwolken verdunkelten zuweilen die Feuersule - die kam jedoch immer
wieder zum Vorschein - was sehr unheimlich wirkte, da sonst nur Blitze die
Gegend erhellten.
    Jakuby machte sich viele Notizen - er ging dem feuerspeienden Berge so nahe
auf den Leib, da ihn seine Freunde verlieen.
    Gegen Morgen schlug ein brennender Stein, der blitzschnell zur Erde
niederfiel, dem khnen Gelehrten zwei Finger von der linken Hand ab.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Abu Hanifa, der in einem Dorfe Sdarabiens weilte, kam auch mit harten
Steinen in nhere Berhrung.
    Inde - das war freiwillig und schmerzlos.
    Der junge Abu Hanifa war nmlich nicht blo Historiker, er beschftigte sich
auch mit allen andern Wissenschaften - besonders gern mochte er die
verschiedenen Steinarten der Wste untersuchen - deshalb reiste er auch in
Sdarabien - und kam dort mit harten Steinen in nhere, allerdings schmerzlose
Berhrung. -
    Osman ist ber diese Sammelei nicht sehr froh, da in Sdarabien nur wenig
Menschen leben, die fr den Weltbund der lauteren Brder in Frage kommen - von
Steinen versteht Osman nichts.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Trunkenbold Hamadany lebt in Byzanz und vertrinkt dort den Rest seines
vterlichen Erbteils.
    Hamadany zecht in Byzanz immer allein.
    Das versteht der ganz vortrefflich.
    Er mietet sich abends eine Gondel und lt sich hinausfahren aufs Meer -
aber nicht zu weit fort - soda er immer noch die groe Stadt mit ihren Hgeln
und Tempeln sehen kann.
    Und wenn er dann so allein in seiner Gondel liegt, dann trinkt er und blickt
in die Sterne, in den Mond, aufs Wasser, auf die herrliche Stadt und - und -
arbeitet.
    Er arbeitet allerdings in eigentmlicher Art.
    Er ist ein sonderbarer Geograph.
    Er will aus der ueren Form eines Landes die Schicksale dieses Landes
herauslesen.
    Die Landschaft sagt ihm alles.
    Die Menschen sagen ihm nichts - denn die hat er.
    Wenn die Sonne aufgeht, ist Hamadany immer berauscht, und er redet sich ein,
da er in diesem Morgenrausch das mchtige Byzanz besser kennenlerne als alle
andern Geographen.
    Morgens flutet gewhnlich ein weiches rtliches Licht ber die alte Stadt;
ihre Tempel sind umhllt von weichen Nebeln, die in zarten matten Farben -
hellblauen, rosatnigen und gelblichen leuchten. -
    Dem Hamadany kommt Byzanz des Morgens wie ein verlockendes Mrchenland vor,
in dem Wunderlampen brennen und verwnschte Prinzen wohnen - feine Feenpalste
ringsum.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Inde - der groe Philosoph Abu Hischam wanderte zu Fu durch ganz Persien.
    Als er aber nach Samarkand gekommen, blieb er in Samarkand viel lnger, als
ers ntig hatte.
    In Samarkand traf er nmlich gute alte Jugendfreunde, und die tranken sehr
gern.
    Da nun Abu Hischam eine lustige Gesellschaft ber alles liebte - so blieb er
in dieser lustigen Gesellschaft.
    Die Stadt gehrte ja seit mehr als sechzig Jahren den Arabern, und es fehlte
da an nichts.
    Namentlich an einer Sache war kein Mangel - an Wein fehlte es nicht.
    Und die Frauen von Samarkand fhlten sich sehr verlassen, da alle Mnner
beim Weine Weib und Kind in rcksichtsloser Weise vergaen.
    So durfte man sich nicht wundern, da Abu Hischam allabendlich seine
Zecherei durch einen Gesang einleitete, der in Samarkand seit Jahr und Tag bis
zur Erschpfung gesungen wurde - in den jeder Mann mit Begeisterung einstimmte,
sobald er Wein vor sich hatte.
    Es war der freie Rundgesang von Samarkand, den Abu Hischam so sehr liebte
- so sehr, da er niemals trinken konnte, wenn er diesen freien Rundgesang nicht
beim ersten Becher gesungen - die Strophen gingen nmlich also:

Wohl dem, der frei von Weib und Kindern
Sein Leben froh vertrinken kann -
Der mu der Menschheit Leiden lindern -
Der ist ein guter freier Mann -
Der lebt im Sturm und Sonnenschein
Gemtlich in den Tag hinein -
Der hat verjubelt alle Pein
Und darf auf Erden selig sein.

Der dicke Osman hrte davon glcklicherweise nichts - sonst wre er sehr bse
gewesen.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Im Mondtempel zu Hauran wird jedoch ein Brief des Thabit ibn Quorrah
abgegeben.
    Der Brief, der in Bagdad in der Chalifenburg geschrieben ist, hat folgenden
Wortlaut:

Meine heigeliebten Freunde!
    Ihr denkt schlecht von mir und glaubt, ich mchte Euch schaden. Das will ich
aber nicht. Ich will Euch nur warnen. Die Priester im Mondtempel zu Hauran haben
nicht mehr dieselbe Macht wie einst, als unsre Vorfahren noch in Babylon lebten.
Babylon zerfiel, und unsre Zeiten sind andre. Vor ein paar hundert Jahren
durften sich Haurans Priester noch anders schtzen als jetzt. Wie der rmische
Chalif Caracalla nach Hauran wollte, haben ihn Haurans Priester in der Wste
ermordet. Heute drfen Haurans Priester nicht mehr morden - verget das nicht!
In Bagdad ist man mitrauisch. Htet Euch drum vor neuen Freunden! Htet Euch
vor den lauteren Brdern! Der Dichter Safur weilt in gypten. Er gehrt auch zu
den lauteren Brdern. Warnt die gypter! Warnt die gypter! Safur ist neugierig
und schwatzt gern.
    Mit den glhenden Kssen der Freundschaft
                                                             Thabit ibn Quorrah.

Die sieben Priester der Ssabier sind bestrzt - Tschirsabl besonders.
    Man spricht aber nicht weiter ber den Brief, sondern sendet Boten nach
gypten, die den Safur suchen und beobachten sollen.
    Und dann gehen die Priester wieder an ihre Arbeit - sie bereiten ein groes
Fest vor, bei dem im Tempel ein Schauspiel vorgefhrt werden soll - eins mit
Falltren, verdeckten Lichtern und verdeckten Spiegeln - mit Geistern und
Wundertaten - mit Tod und Schrecken - mit Donner und Blitz.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Dichter Safur klettert whrend dieser Zeit auf eine groe gyptische
Pyramide, die nicht weitab von Cairo wie eine Riesenburg daliegt, von deren
Spitze aus Safur in die groe afrikanische Wste hineinschauen kann.
    Safur hat toll gelebt und alles Mgliche mitgemacht.
    Er geno das Leben in vollen Zgen - aber nicht so wie Kodama - anders - mit
der steten Sucht, den einzelnen Genu zu verfeinern.
    Er betete mit schwrmerischen gyptischen Heiden die Engel an, die in den
Pyramiden wohnen sollten.
    Nachts wurden die Engel angebetet.
    Er lebte mit diesen gyptern fast immer zusammen, denn er wollte von ihnen
wissen, ob er nicht mal die Engel der Pyramiden mit eigenen Augen schauen knnte
- so wie man seine Mitmenschen mit eigenen Augen schaut.
    Er unterhielt sich mit den gyptern nur von der Geisterwelt.
    Und die gypter machten dem Dichter klar, da die Geister nur in den uralten
Denkmlern der Vorzeit hausen knnten - in den alten groen Pyramiden.
    Einen Geist, sagten die gypter, kannst Du allerdings mit eigenen Augen
schauen - der Geist ist aber versteinert - die groe Sphinx - die kannst Du
schauen, mit Deinen Augen anbeten.
    Und mit weisen gyptern und mit vielem Volk geht Safur in einer Mondnacht
hinaus zur Sphinx und betet die Sphinx an.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Andchtigen liegen vor der groen Sphinx auf den Knieen.
    Fackeln und Lagerfeuer flackern ringsum zum Himmel auf.
    Safur geniet den groen Augenblick in tollster Verzckung, er starrt in das
riesenhaft in den Sternenhimmel hinaufragende Sphinxhaupt mit glhender Inbrunst
hinein.
    Und er betet die Sphinx an - lange - lnger als die Andern - sieht nichts
von den Prozessionen - hrt nichts von den Gesngen der Priester, die in stiller
Mondnacht heimlich hier ihren - Gtzendienst verrichten.
    Safur betet und geniet seine Seligkeit wie feurigen Wein, ihm ist, als
knne er sich dem berirdischen Wesen krperlich nhern.
    Er will die Sphinx umarmen - denn er will den Genu - immer wieder den Genu
- den hchsten - jeden!
    Er sagt sich:
    Wozu wollen die Menschen mehr als den Genu? Wozu? Immer wollen sie drber
hinaus, und sie knnen doch nicht - ich auch nicht - darum lieb ich die Sphinx!
ich liebe die groe Sphinx, als wr sie ein Weib - auch wenn sie noch viel
grer wre - ich sh in ihr das Weib doch!
    Und Safur breitet die Arme aus und starrt in das steinerne Antlitz, in dem
alle Rtsel der Welt ihre Spuren hinterlieen.
    Und Safur sieht pltzlich - wie der Sphinx zwei schwarze riesige Flgel
wachsen - wie sie davonfliegt - hinweg - in den Himmel hinein.
    Und Safur schreit auf, denn er hat pltzlich das Gesicht der Sphinx - anders
gesehen - - - die Sphinx ist seine Dschinne - die Dschinne, die er zuerst bei
der Sareppa sah.
    Dem Dichter schwindet das Bewutsein.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Als er wieder erwacht, liegt die riesige Sphinx so ruhig da wie vor tausend
Jahren - rhrt sich nicht.
    Aber die Sphinx ist nun doch dem Dichter eine steinerne Dschinne geworden -
das groe Wstenweib, dessen Leib zusammenwuchs und eins ward mit dem Lwen, auf
dem das Wstenweib einst als wilde Dschinne durch die Wste ritt - durch die
heie groe Wste.
    Die Lagerfeuer flammen flackernd hher, als erwachten auch sie wieder.
    Safur betet an - das Weib, das er lieben kann - das er lieben will - das er
lieben mu - die groe steinerne Dschinne - seine Dschinne.

                              Siebzehntes Kapitel


Als die lauteren Brder nach und nach wieder in Bagdad zusammenkamen - hatte
sich Vieles verndert.
    Die Christen schrieben schon das Jahr 895.
    Abu Maschar, der sehr einsam auf dem Mittelturm der alten Sternwarte lebte,
sagte wohl noch immer: In dieser Welt verndert sich nichts, alles wird nach
tausend Jahren genau so gut und genau so schlecht sein - wie heute.
    Aber trotzdem - Vieles hatte sich in Bagdad doch verndert.
    Besonders der alte Geizhals Said ibn Selm war ein ganz Andrer geworden.
    Er war nmlich ein - Bettler geworden.
    Und da konnt er nicht mehr geizig sein - nein - nein.
    Der arme Said!
    Nun war er wirklich arm.
    Das kam so:
    Wie die lauteren Brder in die Welt zogen, befand sich die Chalifenburg in
heftigster Aufregung - den Hofleuten wackelte der Kopf - und sie wuten nicht,
was sie vor Angst machen sollten.
    Der Zorn des verrckten Chalifen mute unter allen Umstnden auf eine Sache
abgelenkt werden, die mit den Hofleuten nichts zu tun hatte.
    Die pltzliche Flucht der Brder berhrte daher bei Hofe sehr peinlich - und
- und man sann auf Rache.
    Htte man dem Abu Maschar an den Kragen gekonnt - man htts gleich getan.
    Doch den groen Propheten liebte und schtzte das Volk - die arabischen
Hauptleute und ihre Untergebenen waren nicht zu bewegen, in die Sternwarte zu
dringen.
    Um den Koran kmmerte man sich sehr wenig, eine Moschee htte keinen
Heiligen vor den Soldaten geschtzt - doch die Sternwarte flte viel mehr
Achtung ein - dem groen Abu Maschar wich das Volk scheu aus - die Soldaten erst
recht - die hatten sogar eine hchst aberglubische Furcht vor den Sterndeutern.
    Der alte Suleiman war keine Persnlichkeit, die nach was aussah.
    Und Osman hatte viel zuviel Freunde in der Burg - er verschaffte den
Hofleuten so manchen Vorteil und pflegte stets sehr freigebig zu sein.
    Daher blieb nur der alte Geizkragen Said ibn Selm, an dem man sein Mtchen
khlen konnte.
    Das geschah natrlich - Said hatte Alles auszubaden.
    Fnf Hauptleute mit hundert bis an die Zhne bewaffneten Soldaten drangen in
Saids Haus, verwsteten alles und raubten, was sie konnten.
    Nur die Tarub behandelte man glimpflich.
    Man erlaubte ihr, alle Kchengerte mitzunehmen - und auch ihre Ersparnisse
durfte sie mitnehmen.
    Suleiman hatte vorher sein Schfchen ins Trockne gebracht - er hatte dem
Said smtliche Schmucksachen gestohlen.
    Die Soldaten steckten schlielich alles, was sie nicht mitnehmen konnten, in
Brand und htten auch den Said verbrannt, wenn der nicht so schrecklich
geschrieen htte.
    Man lie Said laufen - allerdings - splitternackt.
    Mitleidige alte Leute schenkten dem alten Geizhalse ein paar alte Lumpen,
mit denen er sich notdrftig bekleiden konnte.
    So gings einem der reichsten Mnner von ganz Bagdad.
    Die fnf Hauptleute mit ihren hundert Soldaten fllten ihre Taschen mit
blankem Golde - bis zum Rande.
    Und der Chalif freute sich sehr, als er das hrte - die Hofleute gleichfalls
- denn die wuten, die Soldaten wrden schon dankbar sein, wenns ntig sein
sollte.
    Die Abla und die Sailndula wurden von Osman aufgenommen; der freute sich
auch.
    Die Tarub mietete sich eine Kche in der langen Strae.
    Die Kche lag in einem kleinen Gartenhause, das von dem Besitzer nicht
benutzt wurde; hinter groen Bananen lags.
    Als Safur nach Bagdad zurckkehrte, ward ihm die Tarub feierlich von Osman
geschenkt.
    Safur wollte ja die Tarub schon immer so gern geschenkt haben.
    Jetzt hatte er sie - und er war ihr Herr - und sie war seine Sklavin.
    Die Sache hatte natrlich manchen Haken.
    Der Dichter konnte sich nicht gleich in seine neue Lage finden.
    Es hatte sich in Bagdad doch recht viel verndert.
    Es war so, als wenn berall was zerrissen wre - berall so was Zerrissenes!
    Die Fden, mit denen die Menschen aneinander gebunden sind, sind viel
dnner, als man gemeinhin denkt - zerreien so leicht und sind so schwer wieder
zusammenzuknpfen.
    Es ist daher auch garnicht verwunderlich, da - als sich bei Osman der
Kodama, der Safur und der Hamadany wieder mal nach fast zwei Jahren guten Tag
sagen - die Einigkeit dieser vier lauteren Brder eine bemerkenswerte Strung
schon in der ersten Stunde des neuen Zusammenseins erleidet.
    Safur spricht von gypten - vom Lande der Pyramiden - vom Lande der Sphinx.
    Und er spricht auch von dem, was die gyptischen Heiden von der Weltseele
lehren.
    Er teilt dem Osman die Namen von mehreren gyptischen Gelehrten mit, die
grere philosophische Werke geschrieben haben.
    Osman ist darber sehr erfreut und schreibt sich die Namen sorgfltig auf;
er will sich sofort mit den gyptern in Verbindung setzen.
    Osman kann garnicht genug Bcher herausgeben.
    Safur aber spricht weiter von der Weltseele - von der Viereinigkeit und von
der Dreieinigkeit - von Raum und Zeit - von Geist und Stoff - von Plato - und
von Pythagoras - von der Zahlenmystik - und vom berirdischen.
    Hamadany und Kodama hren eifrig zu.
    Indessen - sie knnen bald nicht mehr dem Dichter folgen - von der Weltseele
verstehen sie sowieso nichts.
    Es ist daher ganz erklrlich, da sie bald dem begeisterten Safur erklren,
er wrde unklar.
    Der Dichter, der von Dingen sprach, die er selbst nicht mal ordentlich
begriffen hatte, ist natrlich hchst emprt, da man ihm Unklarheit vorwirft -
er ist wtend.
    Er merkt jedoch noch rechtzeitig, da der Vorwurf seiner Freunde nicht ganz
ungerechtfertigt genannt werden knne - und legt demnach sehr geschickt
folgendermaen los:
    Freilich! Klar soll ich sein! Natrlich! Die Dinge, von denen ich rede,
sind ja auch so einfach und klar, da es gar keine Mhe macht - klar - klar ber
diese Dinge zu reden! Freilich! Natrlich! Ein Hammelbraten ist immer was Klares
fr Euch - die Weltseele und der viereinige Gott mu deshalb auch klar fr Euch
werden.
    Bei Allah, merkt Ihr denn nicht - wit Ihr denn nicht, da die Leute, die
immer nur das Nchstliegende - das Erreichbare - im Auge haben, ohne groe
Umstnde klar sein knnen? - da diese einfachen Leute, diese burischen Tlpel,
sich immer klar werden mssen? Und wit Ihr nicht, da andrerseits diejenigen,
die in die tiefsten Tiefen der Weltrtsel dringen mchten, sehr selten klar sein
knnen? In jedem feineren Kopfe, der stets zu denken gewohnt ist, ist die ganz
abgeschlossene Klarheit nicht so was Alltgliches. Die Tarub allerdings wird
immer ganz klar sprechen, weil sie nur das Nchstliegende - Erreichbare - haben
will. Safur, der dem Unerreichbaren nachjagt, kann leider nicht immer so klar
sein. Aber - bei Allah - seid Ihr nicht mehr als Tarub? Warum nennt Ihr Euch
denn nicht Tarub? Warum nicht? Dummkpfe sind sich immer klar. Das Rhinoceros,
das im Nile zu baden pflegt, hat ohne Zweifel den klarsten Kopf - weils das
dmmste Tier der Welt ist. Das Rhinoceros denkt ber die Weltseele nicht nach -
Tarub wird das auch nicht tun. - Warum werft Ihr mir denn mit solcher
Erbitterung fortwhrend immer wieder und wieder von Neuem Unklarheit vor -
warum? warum? Soll ich auch Tarub werden wie Ihr? Ich wills nicht!
    Oh - Safur ist furchtbar bse, seine Stirn zeigt fast tiefere Falten als das
Fell des ltesten Nilpferdes.
    Und dabei zittert der ganze Dichter - wie eine Pappel, durch die der Wind
fhrt.
    Osman lchelt und sagt milde:
    Lieber Safur, sei nur nicht so grob! Es widerspricht Dir ja Niemand. Du
mut nicht immer gleich so aufbrausen!
    Zu den Andern aber sagt der dicke Schreiber: In dem Safur steckt was! Was
er sagt, klingt gewhnlich ganz toll - aber etwas Wahres pflegt doch dahinter zu
sein.
    Durch diese uerung fhlt sich der Dichter sehr geschmeichelt und wird
ruhiger.
    Wie das der dicke Kodama merkt, fordert er die drei Brder auf mitzukommen -
in den nchsten Weinkeller.
    Hamadany und Safur folgen dem Dicken.
    Osman bleibt jedoch nachdenklich zurck - auf seinem khlen, mit Fliesen
gepflasterten Hof - neben dem pltschernden Springbrunnen.
    Unter den Arkaden an den vier Seiten des Hofes liegen die besten Bcher, die
je mit arabischen Worten geschrieben wurden, fein suberlich in ihren Rollen -
in ihren Schubfchern - bereinander - so wie in gypten die Mumien der toten
Knige bereinander liegen ...
    Inzwischen will Kodama im Weinkeller hren, welche Liebesabenteuer der Safur
in gypten erlebte.
    Die drei lauteren Brder sitzen auf weichen Ziegenfellen mit einem
Parsenpriester zusammen um einen dicken Weinschlauch rum - der christliche Wirt
schenkt fleiig immer wieder die Becher voll.
    Safur hrt nicht auf den dicken Kodama, sondern redet noch immer von der
Bedeutung des Unerreichbaren, Hamadany stimmt ihm jetzt eifrig bei und
behauptet, da er auch nur das Unerreichbare erreichen mchte.
    Kodaman wird natrlich die Geschichte langweilig.
    Der Parsenpriester schweigt wien Alter.
    Der dicke Geograph ruft endlich sehr laut mit seiner vollen wohltnenden
Stimme:
    Safur, nun erzhl uns: Welches Weib liebtest Du in gypten? Welches Weib?
    Die Sphinx, erwidert der Dichter.
    Sehr gut, mein Sohn, sagt da lachend der Dicke.
    Und der Dichter erzhlt von der Sphinx, erzhlt, da er nur ein
unerreichbares Weib lieben knnte - ein berirdisches - einen Wstengeist - eine
wilde Dschinne - seine Sphinx-Dschinne.
    Kodama freut sich wie ein kleiner Truthahn - solche Art von Liebe ist ihm
noch garnicht vorgekommen.
    Sphinx-Dschinne! ruft er immer wieder - trinkt dabei - und lacht, als wenn
er sich totlachen mchte.
    Hamadany glaubt den Dichter zu verstehen.
    Kodama erklrt zwar den Safur fr verrckt - man vertrgt sich aber
trotzdem.
    Die Zecherei wird sehr lustig.
    Der Parsenpriester geht ernst fort.
    Der Hamadany lallt noch was von Byzanz und schlft dann selig ein.
    Der Dicke und der Dichter schwanken, wie sie nicht mehr trinken mgen, in
sehr redseliger Stimmung nach Hause durch die lange Strae.
    Safur redet fortwhrend von der Dschinne, die nicht lebt und die er trotzdem
liebt - immer dasselbe.
    Kodama lacht ohn Unterla, da die lange Strae drhnt und zittert.
    Ein Cinaede, der frher zu den Tofailys gehrte, hat das Gesprch gehrt -
und versperrt nun pltzlich den beiden lauteren Brdern den Weg.
    Die Brder stutzen und denken, der Cinaede will Geld haben. Doch der hlt
eine wohlgesetzte Rede.
    Ihr gelehrten Mnner, sagt er in bestem Arabisch, Ihr glaubt immer so
schrecklich klug zu sein. Aber in manchen Dingen seid Ihr unerfahrener als ein
unschuldiges Mdchen. Das Nchstliegende seht Ihr nicht. Immer nach dem Fernen -
nach dem Unerreichbaren strebt Ihr. Dschinnen wollt Ihr lieben, und Ihr wit
nicht einmal, weshalb Ihr die Dschinnen lieben wollt. Ihr habt noch viel zu
wenig Weiber kennen gelernt, daher wollt Ihr solche Weiber haben, die keine
Weiber sind. Ihr habt Euch, wenn Ihr verliebt waret, viel zu oft nur die Weiber
vorgestellt - statt Ihnen ordentlich nachzustellen. Ihr glaubtet zu oft, auf die
Weiber verzichten zu knnen - und seid drum zu Narren geworden. Mit der Kraft
seiner Schenkel - nicht mit der Kraft seines Gehirns soll der Mann lieben. Das
Gehirn ist zum Lieben viel zu schade. Das ist der Grund, weshalb Ihr das
Unerreichbare wollt - weshalb Ihr nach Weibern lstern seid, dies niemals gab
und niemals geben wird. Liebt die Weiber, die auf Erden leben, sonst werdet Ihr
verrckt. Seid nicht so geizig wie Said ibn Selm. Gute Nacht!
    Und der Cinaede bog in die nchste Seitengasse - schwankend.
    In der nchsten Seitengasse gingen im Schatten der Mauer andre Cinaeden mit
ihren Dirnen in den dunkelsten Stadtteil, in dem man mehr seine Brse als sein
Herz in Acht nehmen mute.
    Kodama lachte nicht mehr, meinte nur vterlich mahnend zu Safur:
    Sieh, lieber Freund, der Cinaede hatte garnicht so ganz unrecht.
Verstandest Du ihn? Er war einst nicht ungebildet!
    Ich verstand ihn, versetzte Safur.
    Schwankend gingen die Beiden weiter.
    Sie schwiegen.
    Durch die lange Strae kamen Tofailys nher - die trugen auf einer Bahre
einen toten Ochsen - auf der Brust eines jeden Tofaily leuchtete eine kleine
grne Lampe.
    Die Tofailys wurden immer ppiger, sie verspotteten die Religion, die Welt
und alles andre.
    Sie feierten in dieser Nacht ihr Ochsenfest.
    Feierlich trugen sie durch die lange Strae - einen toten Ochsen.

                              Achtzehntes Kapitel


Viele viele weie Strche flogen langsam ber den Karawanenplatz - die lange
Strae hinunter - ber den Tigris - nach Norden.
    Und Safur stand mitten auf dem Karawanenplatz und sprach mit Said ibn Selm -
dem alten verlumpten Bettler.
    Said redete wirres Zeug - von groen Geschften - von Geldverdienen -
Ehrlichkeit - Treue - von goldenen Sternen und von goldenen Pferden - von
goldenen Herzen und von goldenen Kleidern.
    Den Dichter schmerzte das wirre Gerede.
    Er wandte sich ab und dachte an seine Tarub.
    Ja - jetzt hatte er sie. Seine Sklavin war sie, und er war ihr Herr.
    Er seufzte tief - wenn er nur gewut htte, was er jetzt mit seiner Tarub
anfangen sollte!
    Ihm ward die groe Kchin geschenkt - aber was hatte er davon?
    Jetzt hatte er nichts mehr davon - nur rger, Zank und - und - es war kaum
zum Aushalten!
    Wohl dem, der nie ein Weib geschaut -
    Der fhrt niemals aus seiner Haut!
    Also reimte schwach lchelnd der groe Dichter, ders jetzt tglich
verwnschte, da er aus gypten zurckkehrte nach Bagdad, der Stadt der Qual ...
    Safur war fr Bagdad jetzt wirklich ein - groer Dichter, da man Groes
von ihm erwartete.
    Osman hatte ihm ganz ernsthaft mitgeteilt, da er fnf neue Schreiber
anstellen wrde, wenn er was von Safur herausgeben knnte.
    Doch Safur schrieb weniger denn je.
    Er redete nur von einem groen Dschinnengedicht, das er mal in
vierundzwanzig groen Gesngen feierlichst der Welt berreichen wollte.
    Aber es wurde nichts draus - wie gewhnlich.
    Safur dachte immer erst ans Genieen.
    Eine anstrengende Ttigkeit hatte nur dann fr ihn einen Reiz, wenn er genau
wute, da aus dieser anstrengenden Ttigkeit ein groer krftiger Genu
herauswachsen wrde.
    Wut er das nicht vorher, so ging er der Anstrengung aus dem Wege - denn fr
ihn gabs nur ein einziges Endziel des Lebens - und das Endziel hie: Genu.
    Leider wurde das Leben in Bagdad immer rmer an Genssen.
    Der Chalif Mutadid war lngst tot, doch unter seinen Nachfolgern wurde
nichts besser.
    Der rasch in kaum zweihundert Jahren erworbene - eroberte - Reichtum ging
ebenso schnell - noch schneller - wieder zu Grunde.
    Nur was alt wird - hat Lebenskraft. Und alt wird nicht, was gleich am
Anfange mit wstem Ungestm auftritt.
    Also sprach der weise Philosoph Abu Hischam, als er vor Safur sich
verteidigte.
    Der Philosoph hatte grade in dem Augenblicke den Dichter getroffen, als
dieser mitten auf dem Karawanenplatze die Fuste zitternd gen Himmel hob und
laut ausrief:
    Tarub, erbarme Dich!
    Das sah und hrte sich natrlich sehr putzig an.
    Deshalb gingen auch die Beiden schleunigst in die groe Teestube zu den
chinesischen Teemdchen, allwo auch Hamadany und Abu Hanifa weilten.
    Als Abu Hischam zum Tee auch einen vorzglichen sdkaukasischen
Kruterschnaps bestellte, da nahm das der Dichter garnicht gut auf, warf
vielmehr dem lustigen Philosophen liederlichen Lebenswandel und Lauheit in
Betreff des Bundes vor.
    Und dagegen verteidigte sich der Abu Hischam mit den vorhin angefhrten und
hnlich klingenden Stzen - in Samarkand war der groe Apostel mit der
armenischen Pelzmtze gemtlich geworden - urgemtlich. Zumeist dacht er nur ans
Festefeiern - am liebsten htt er jeden Tag die Grndung der Gesellschaft von
Bagdads lauteren Brdern mit Mut und Durst von Neuem gefeiert.
    Was doch aus mancher Gesellschaft werden kann - man sollt es kaum fr
mglich halten.
    Und wie die vier Brder wieder zuviel getrunken haben, klagen sie wieder
ber die entsetzliche Geldklemme, in der sie sich befinden.
    Es ist zum Erbarmen.
    Ein Teemdchen will den Abu Hischam mitleidig ans Herz drcken, doch der
wills nicht dulden, er singt brllend das Abschiedslied des Beduinen, das im
Jahre 895 in allen Bagdader Tingeltangeln gesungen wurde - natrlich bis zur
Erschpfung - so:

Mein Herz gehrt der Welt,
Kein Weib mir mehr gefllt.
Ich lieb nicht mal das Geld!
Ich liebe nur die Welt!
Mein Herz gehrt der Welt,
Kein Weib mir mehr gefllt!

Und das immer wieder noch mal.
    Dabei gelangten die Vier allmhlich in die lange Strae, in der man an
Gesang schon gewhnt war.
    Wie Safur zur Tarub kommt, gibts selbstverstndlich wieder einen Hllenlrm.
    Tpfe fliegen dem Dichter nicht an den Kopf, denn sie sind der Tarub jetzt
zu kostbar - aber Schimpfworte hagelts - unglaubliche Schimpfworte.
    Der Dichter ist erst geknickt durch die Rohheit - durch die Gemeinheit
seiner berhmten Kchin - dann jedoch packt ihn der Grimm.
    Und er fat seine Tarub fest an, umklammert wtend ihren Hals, rollt mit den
Augen, knirscht mit den Zhnen, keucht und sthnt.
    Inde die Tarub schimpft nun erst recht.
    Da kann er sich nicht mehr beherrschen.
    Er wrgt sie pltzlich mit aller Kraft.
    Sie will sich frei machen.
    Und dabei strzen Beide hin.
    Tarub schlgt sich ein Loch in den Kopf.
    Das flieende Blut bringt den Dichter wieder zur Besinnung - und er mchte
sich gleich selber den Kopf einrennen.
    Er schreit vor Angst, wscht ihr die Wunde mit Wasser aus, weint und
zittert, bittet seine Tarub um Verzeihung, fleht wie ein Kind, kniet vor ihr,
kt ihr die Hnde, den Mund, die Augen, die Stirn, bittet in herzzerreiender
Weise, nennt sie wieder Brchen! Liebes Brchen! Mein guter Br!
    Na - und dann wird wieder alles gut.
    Sie sagt nur zuletzt weinend:
    Nein, lange halt ichs nicht mehr aus. So gehts nicht weiter. Es mu anders
werden.
    Er sagt: Ja, ja - es wird schon anders werden.
    Doch das ist nur so hingeredet.
    Die Verhltnisse werden noch immer schlechter.
    Tarubs Ersparnisse gehen zur Neige.
    Und daran hat nicht blo der Safur Schuld.
    Abu Hischam, Abu Hanifa und Hamadany sind auch sehr oft bei Bagdads
berhmter Kchin.
    Und die ist sehr gutmtig, sie gibt Jedem zu essen, soviel er will. Sie ist
so daran gewhnt, fr Viele zu kochen, da sie garnicht bemerkt, wie unklug ihr
verschwenderischer Haushalt ist.
    Safur sagt natrlich nie ein Wort.
    Er hrt nur jeden Tag geduldig an, wie sie auf die ganze Welt schimpft.
    Sie wei nie, wo das Geld bleibt - und Safur mu immer neues Geld
auftreiben.
    Das tut er auch - aber wie?
    Sie gibt ihm jeden zweiten Tag ein paar Tassen, ein paar Messer oder ein
paar Tpfe - und mit diesen Dingen mu der Dichter zum Trdler wandern.
    Manchmal bringt Abu Hanifa ein paar Gnse mit, Hamadany bringt Fische, Abu
Hischam Wein.
    Doch wenn diese Leute mal was mitgebracht haben, so gehts auch gleich hoch
her, und schlielich setzt die Tarub doch immer zu.
    Der geizige Kodama kommt auch zuweilen - und bezahlt dann alles, was
gegessen und getrunken wird - doch bares Geld gibt er nicht - er hlt das nicht
fr richtig, seinen Freunden bares Geld zu geben - die verstehen nach seiner
Meinung nicht, mit barem Geld umzugehen - es ist kostbar!
    An einem Tage gibts Pasteten - am andern trocknes Brot - manchmal nicht mal
das.
    Safur soll Geld verdienen - das sagt ihm sein Br jeden Tag. Der Dichter
verzweifelt.
    Er soll zu den Tofailys gehen - ist aber nicht dazu zu bewegen - lieber lt
er sich jeden Tag von seinem Bren die Ohren wundreden.
    Er ist denn doch frchterlich vornehm.
    Hchstens geht er mit altem Geschirr zum Trdler.
    Den Osman mag er nicht mehr sehen, weil der stets nach dem groen
Dschinnengedicht fragt.
    Wenn Safur in diesem Jammerleben an die Dschinnen denkt, wird ihm ganz wst
im Kopf.
    Diese tglichen groben Rohheiten des gewhnlichen Lebens vertragen sich
nicht mit seiner Sehnsucht nach feinstem vergeistigtem Genu.
    berhaupt - der Genu!
    Wer kann noch an den Genu denken, wo das Leben auf dem Spiele steht.
    Leben - leben - wollen sie Alle - das ist die Hauptsache - an den Genu
knnen sie Alle vor lauter Sorge garnicht denken.
    Aber das hindert Niemand, jede Gelegenheit zum Trinken fleiig wahrzunehmen.
    Es geht Allen schrecklich schlecht, doch - betrunken sind sie Alle - so
beinahe jeden zweiten Tag.
    Oft ruft Safur, wenn er den teuersten Wein aus Bassora vor sich stehen hat:
    Freunde, eigentlich knnten wir doch gewhnlichen Landwein trinken - wozu
immer den teuren Wein aus Bassora?
    Indessen - wenn der Dichter so redet, macht man ihn darauf aufmerksam, da
er doch der grte Feinschmecker sei und - und - dann trinkt er natrlich Alles,
was man ihm vorsetzt.
    Das Jammerleben hat sehr viele drollige Seiten - sehr viele.
    Schlielich leiden selbst diejenigen, die eigentlich gar keine Veranlassung
zum Leiden haben.
    Auch der dicke Kodama bekommt ein leidendes Aussehen. Er hat die weie Abla
als Kchin in sein Haus genommen - und die Abla ist ihm davongelaufen.
    Die Abla liebt die Vernderung und lebt jetzt bei der alten Dschellabany,
die immer lter wird. Dort bezaubert sie mit ihrem Gesange jeden Tag einen
anderen Jngling.
    Ihre Worte sind s wie Honig - sie zerschmelzen auch so leicht wie der se
Honig. Was sie am einen Tage sagt und schwrt, hat sie am andern vollstndig
vergessen - manchen Jngling hat sie zum trben Kopfhnger gemacht.
    Die Sailndula hats beim dicken Osman ebenfalls nicht aushalten knnen - sie
tanzt jetzt auf dem Karawanenplatz unter jenen rotseidenen Zeltdchern, die sich
so prchtig von dem tiefblauen Himmel abheben, der so voll und gro Bagdad
berwlbt.
    Der Sailndula liegen die dunklen Augen sehr tief im Kopf - man sieht die
indische Tnzerin oft mit dem alten Snder Suleiman zusammen, der immer
schleunigst davonschleicht, wenn er einen lauteren Bruder erblickt.
    Suleiman tut so, als wenn er rmer wre denn je zuvor - er will sein Geld
fr sich behalten. Nur dem Said schenkt er zuweilen ein paar Kupfermnzen -
heimlich, da es Niemand bemerkt.
    Kommt der alte Said zur Tarub, so gibt die auch immer was - ein bichen
Fleisch und ein bichen Brot, einen Schluck Wein und ein Silberstck.
    Said ist bescheiden und kommt nur einmal in der Woche, redet dann von
goldenen Sternen und goldenen Pferden, von goldenen Herzen und goldenen Kleidern
- in seinen Augen flackert ein seltsamer Glanz - wie ein Abglanz seines
einstigen Reichtums.
    Armer Said ibn Selm!
    Die Tarub wird stets sehr gerhrt, wenn sie ihn sieht - die Kinder der
Nachbarschaft, die sich scheu hinter den Bananen, die vor Tarubs Kche wachsen,
verstecken, bekommen dann auch gleich was ab - was Ses - Mandeln, Feigen und
Rosinen.
    Die weichen Stimmungen werden jedoch immer seltener.
    Die Wogen des Jammers gehen zu hoch.
    Sogar der sonst so vergngte Osman ist schlecht gelaunt - er ist wtend, da
die neuen Bcher im Grunde allesamt nicht viel taugen, und mchte am liebsten
nur die guten alten Bcher abschreiben lassen. Er ist wtend auf Abu Hischam -
wtend auf Safur - und auch auf Kodama - beinah auf alle Welt. Geld gibt er
daher keinem Menschen mehr - den lauteren Brdern am allerwenigsten.
    In Bagdad flo der Wein nicht mehr in Strmen - die Gelehrten und Dichter
wurden magrer mit jedem Tag.
    Sogar die Tofailys - diese Prasser - sahen sich oftmals vergeblich nach
guten Braten und dicken Weinschluchen um - viel fter vergeblich als frher.
    Manche Freuden haben ja noch die Tofailys - sie freuen sich, da die
Gesellschaft der lauteren Brder wieder Ruf und Wert verlor; sobald man einen
Bruder sieht, hhnt man ihn in nichtswrdigster Art.
    Das in Bagdad nicht mehr soviel zu essen und zu trinken gibt, so dringen die
sinnlichen Vergngungen mehr in den Vordergrund; die Zahl der Tingeltangel
mehrt sich unheimlich - die alte Dschellabany rgert sich darber sehr.
    Die Frauen werden eiferschtig auf die schnen Knaben.
    Die Diebe stehlen mit Vorliebe kleine Kinder, was manchen Vtern nicht
unangenehm ist.
    Hamadany und Abu Hanifa haben gleichzeitig das Glck, von ihren Vaterfreuden
in dieser angenehmen Form entbunden zu werden, was unter den Tofailys ein
hllisches Gelchter hervorruft.
    Kodama beschftigt sich eingehend mit den Empfindungen der Entmannten und
kommt hinter das Geheimnis der Sphinx; er behauptet, um Safur zu rgern, da
eine Sphinx dasjenige Weib ist, das nicht zur Hlfte einen Lwenkrper, sondern
einen Manneskrper besitzt - nach Kodamas Meinung unterscheiden sich die beiden
Geschlechter nicht so scharf, wies den Anschein hat; alle diejenigen, deren
Geschlecht nicht ganz mnnlich oder nicht ganz weiblich ausgebildet ist,
besitzen nach des dicken Geographen Ansicht - Sphinxnatur.
    Osman sagt seinem dicken Freunde, er mchte doch lieber ein Buch ber die
Kugelgestalt der Sonne schreiben.
    Kodamas Lehre findet mehr Anklang bei den Sufys, die sich eifrig bemhen, in
Bagdad ausschweifende religise Kulte einzufhren.
    Safur kmmert sich um keinen Menschen, da er sie smtlich fr zu dumm und zu
einfach hlt; spricht mal Jemand lngere Zeit mit dem Dichter, so wird der zum
Schlu gewhnlich sehr grob und schreit dann:
    Mein Freund! Tarub bist Du, Tarub warst Du, Tarub wirst Du bleiben. Die
Familie Tarub ist unsterblich - unsterblich!
    Das verstehen freilich die Meisten nicht - daraus macht sich aber der groe
Dichter ganz und gar nichts.
    Die Tarub, die mit Mh und Not noch tglich fr den Dichter was zu essen
kocht, redet nur noch von Geld und ringt tglich die Hnde zum Himmel, da sie
Safur jemals kennenlernte, der sie nur um all ihr Hab und Gut gebracht habe ...
    Und Safur wird, wenn er das Wort Geld hrt, beinah verrckt, er schreit
dabei wie ein wildes Tier, wirft sich auf die Erde und weint zuletzt.
    Das ist schon eine Zucht bei der Tarub.
    Wenn der gutmtige ehrliche Abu Hanifa kommt, atmet Safur erleichtert auf -
dem kann der Br sein Herz ausschtten, was zu beruhigen pflegt.
    Den Abu Hischam mag der Br nicht - den Kodama und den Hamadany begrt er
dagegen jedesmal freundlicher.
    Safur wird von diesen Beiden mit seiner Sphinx gefoppt, was die Tarub ganz
gern hat.
    Kodama behauptet, da eine Sphinx garnicht leicht zur Liebe zu bewegen ist,
weil die Liebe in der Sphinx eine ganz andere Empfindung erzeuge, als in den
anderen Weibern.
    Safur hlt das fr Hohn und sucht Beruhigung im Weinschlauch.
    Der gutmtige Abu Hanifa ist stets bereit, seine letzten Silberlinge mit dem
Dichter zu vertrinken.
    Beim Weine beklagt man vornehmlich, da der reiche Al Battany immer noch
nicht aus Indien zurckkehren will. Abu Maschar, der ganz einsam auf der
Sternwarte wohnt, wollte Nachricht geben, wenn er was von Battanys Rckkehr
erfahren sollte. Doch der Prophet lt nichts von sich hren.
    Jakuby ist auch noch nicht in Bagdad. Die Tarub wird immer aufgebrachter.
    Wie Safur in einer Nacht ganz betrunken in die Kche stolpert und behauptet,
da ihn seine Dschinne als Gespenst verfolge, wird die Tarub so erregt, da sie
ihrem Dichter sagt:
    Jetzt kann ichs nicht mehr aushalten. Ich kanns nicht. Du darfst meine
Kche nicht mehr betreten, wenn Du jetzt nicht endlich Geld schaffst. Ich mu
jetzt mein Geld wiederhaben - mein Geld! Ohne Geld darfst Du nicht
zurckkehren!
    Safur sagt nichts und geht fort - in die Nacht hinaus - die Tarub wird ihm
auch zum Gespenst.

                              Neunzehntes Kapitel


Wie die Sonne aufgeht, sitzt Safur neben Abu Maschar auf der alten Sternwarte im
Empfangssaal.
    Da ist es still.
    Das Licht der Sonne ist rot.
    Rote Wolkenstreifen durchqueren den klaren, blauen Morgenhimmel.
    Das indische Gtzenbild im Hintergrunde des Saales wird auch rot.
    Rot funkeln gleichzeitig die silbernen Querstreifen der Wnde und der
Goldgrund der Decke.
    Die maurischen Ampeln, die noch immer an ihren langen Ketten hngen, zeigen
auch rot glnzende Ecken und Flchen.
    Am heftigsten wirkt das Licht auf dem kupfernen Himmelsglobus und auf dem
kupfernen Waschbecken in der Alabasternische.
    Der Prophet und der Dichter sind ebenfalls rot geworden - von oben bis
unten.
    Die Sternwarte ist auf der Ostseite ganz bergossen vom Morgenrot.
    Die beiden Mnner, die auf dem alten Teppich sitzen, haben in der Nacht
nicht geschlafen.
    Doch sie sind drum nicht mde.
    Safur ist sogar heiter, denn er hat eben gehrt, da Battany bereits aus
Indien zurckgekehrt ist - unten wiehern schon wieder die Rosse der Mongolen wie
einst ...
    Der Dichter will sich am Tigris ein kleines altes Landhaus kaufen, das dort
liegt, wo die Eremiten hausen. Er will auch Eremit werden, und Battany soll blo
so viel Geld hergeben, da er das kleine alte Landhaus, das eigentlich nur eine
alte Lehmkate ist, kaufen kann.
    Und Safur erzhlt von seiner Reise nach gypten, von der Wste - und von
seiner Dschinne.
    Er setzt dem groen Sterndeuter eifrig auseinander, da er seine Dschinne
liebe. Er wisse sehr wohl, da sie nicht lebe - und doch glaube er, da sie ihn
verfolge berall - oft sei ihm so, als berhre sie ihn an der Schulter mit ihren
Fingerspitzen.
    Leidenschaftlich sagt er:
    Sieh, ich wei, die Dschinne ist fr mich unerreichbar - aber ich kann das
Plumpe, das Rohe, das Krperliche nicht mehr ausstehen. Ich mu nach einem
Geistigen streben, das nicht von dieser Welt ist. Ich will berall jetzt das
Unerreichbare haben - in jene Welt - in die andere will ich hinein. Ich sehne
mich nach einem Weibe, das so fein und zart ist, wie irdische Weiber nie sein
knnen. Mein Streben mag tricht, meine Liebe mag eine tolle Liebe sein - doch
ich kann nicht mehr anders. Ich mu daher in die Einsamkeit. Sieh, Abu Maschar,
ich bin ein Genumensch. Ich will mit meiner Dschinne zusammenkommen. Vielleicht
gehts doch. Man kann ja nicht wissen - und wenn ich mir dabei den Schdel
einrennen sollte - was schadets? Die Gensse dieser irdischen Welt befriedigen
meine Lustgier doch nicht mehr. Oh - verstehst Du mich? Sprich doch!
    Abu Maschar streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen langen
schwarzen Bart und spricht langsam in wohlerwogenen Stzen:
    Ich hrte schon von Deiner seltsamen Liebe. Und ich bin nicht berrascht
durch Deine Worte. Du gehrst zu den Menschen, die in Allem feiner empfinden als
die Andern. Dein Denken ist nicht einfach. Du bist an verwickelte Gedanken
gewhnt. Die Andern verstehen Dich daher nicht und verletzen Dich. So gehts
allen denen, die mehr sind oder mehr sein wollen als das einfache Volk. Und so
kams, da Du Dir in Deinem Gehirn ein Idol schufest, das Du lieben und anbeten
wolltest. Und diesem Idol rennst Du nun im wirklichen Leben nach. Du bist auf
der Jagd nach dem Idol. Das schadet nichts, wenn Du stets im Auge behltst, da
dieses Idol fr Dich unerreichbar bleiben mu. Jeder feinere Kopf befindet sich
sein ganzes Leben hindurch auf der Jagd nach dem Idol - die Jagd ist was ganz
Gewhnliches. Dieselbe ist auch nicht schdlich, wenn man ihre Nutzlosigkeit
einsieht. Du strebst nach dem Unerreichbaren, wie Du sagst, berall. Ja, ich
verstehe, Du hast eben viele Idole. Die einfachen Menschen finden ihre Idole
verkrpert hier auf der Erde vor, die feineren Menschen finden ihre Idole nicht
auf der Erde verkrpert vor - die sind ja dort - hinter den Sternen. Darum ist
es nur natrlich, da Du in jene Welt hinein mchtest. Ich mchte das auch,
daher bin ich Sterndeuter und Prophet. Battany und viele Andre lachen, da ich
mich mit so aberglubischen Sachen befasse. Aber will Battany nicht auch blo
wissen, was hinter jener blauen Himmelswand liegt? Und ist etwa die Art, in der
er was Tieferes erfahren will, so sehr viel klger als die meine? O nein! Wir
unterscheiden uns nur dadurch, da er stets glaubt, etwas erreichen zu knnen,
und ich nie glaubte und nie glauben werde, ich knnte je in jene Welt hinein.
Ich rechne nicht, um was zu wissen - sondern ich will mich durch das ewige
Rechnen nur betuben. Wir bleiben, wie wir sind. Wir werden spter auch nicht
mehr wissen, als wir jetzt wissen. Die Welt ist starr und unvernderlich. Es
gibt in der Welt keine wesentliche Weiterentwicklung. Und der Einzelne wird sich
erst recht nicht weiterentwickeln. Ist man ein feiner Mensch, so bleibt man ein
solcher. Ist man einfach, so bleibt man einfach. Geh also nur mit Deiner
bersinnlichen Liebe in die Einsamkeit. Geh nur! Battany wird Dir schon helfen.
Wenn Du aber glaubst. Du knntest in die andere Welt, in die Welt der Geister,
hinein, so wirst Du Dir den Kopf einrennen. Liebe nur Deine Dschinne, aber
verlang nicht von ihr, da sie Dir krperlich erscheine. Du willst doch nach dem
Unerreichbaren berall streben. Wrdest Du also einmal Deine Dschinne umarmen
knnen wie ein gewhnliches Erdenweib - so wrde Deine Dschinne jeden Reiz durch
die Umarmung verlieren.
    Und der Prophet lchelt, streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen
langen schwarzen Bart und sieht dem Dichter lange ins Gesicht.
    Wie sich die Beiden trennen, lchelt Abu Maschar nicht mehr; er ist besorgt
um Safur - dessen Leidenschaft kommt dem weisen Sterndeuter bedenklich vor.
    Der Dichter aber geht zum reichen Al Battany durch den Palmenhain ber die
hohen Hgel am Ufer des Tigris an den Feigenbumen vorbei bis zur Landstrae,
auf der er einst vor Jahren am Himmel das schwarze Gesicht des Weibes sah, das
nicht lebt und ihn doch verfolgt.
    Er denkt an jenen Morgen, an dem er auch in Fieberstimmung zum Astronomen
kam - um der Tarub willen. Jetzt kommt er wieder in fieberhafter Aufregung zum
Astronomen - wieder Tarubs wegen.
    Und wie damals - sitzt ihm auch jetzt - eigentlich die Dschinne mehr auf den
Fersen als die berhmte Kchin. Er blickt ber die Stadt hin, die nun in der
heien Sonne mit den hohen Palmen und den weien Husern, mit der hoch gelegenen
bunten Chalifenburg, mit den bunten Moscheen und den schlanken Minaretten wie
ein zartes feines Feenland daliegt - wie eine wirkliche Stadt des Heils.
    Blau fliet der Tigris zur Linken des Dichters - in der Tiefe - und drben
wohnt Al Battany.
    Safur ist bald wieder in der alten Olivenallee und dann im Bcherkioske, den
die bunten Tulpen umblhen ...
    Auf den kurz geschorenen Rasen krchzen die alten Papageien.
    Auf den orangefarbigen, nicht gemusterten Fliesengngen kommen dem Dichter
zwei Inder entgegen, die grade im Bcherkioske Schach gespielt haben.
    Die Inder kommen dem Safur noch steifer und stolzer vor als die andren
Menschen. Der Bcherkiosk, der wie eine Krone daliegt, wirkt den Indern
gegenber ganz einfach und bescheiden wie ein Fischerhuschen.
    Safur wirft den Kopf in den Nacken zurck und mustert die Inder, sein braun
und blau gestreiftes Beduinengewand zieht er dabei geschickt in schwungvolle
Falten.
    Die Inder lcheln - ihre goldgestickten Kleider sind viel schner.
    Al Battany lt sich entschuldigen - er wird gleich kommen.
    Und Safur mu sich dazu bequemen, die Zeit des Wartens mit den Indern
zusammen zuzubringen; der ltere von diesen entfernt sich bald.
    Der Zurckbleibende ist jener Schauspieldichter, der in Benares vor Battany
so fein von der Empfindlichkeit und von der Qual aller Gebildeten zu sprechen
wute - der diese Empfindlichkeit und die daraus entspringende Qual durch die
Religion oder durch die Kunst auflsen - berwinden wollte ...
    Das Gesprch zwischen dem indischen und arabischen Dichter wird somit
naturgem nach einiger Zeit recht lebhaft.
    Allerdings die frostige Frmlichkeit wird auf beiden Seiten nicht durch
allzu groe Liebenswrdigkeit verdrngt - man will sich nichts vergeben.
    Safur spielt sich als Genumensch auf, behauptet, da jeder Augenblick des
Lebens, der nicht einen Genu biete, ein berflssiger Augenblick sei.
    Der Inder will den leidenschaftlichen Ton des Arabers sanfter stimmen -
erreicht aber nur das Gegenteil.
    Die Laune des Safur ist so gereizt, da er sich sofort in gewagten
Behauptungen verhaspelt und immer khner wird - statt sanfter.
    Sieh, sagt er, es liegt mir nicht blo daran, alles das zu genieen, was
das einfache Volk auch genieen kann. Frher suchte ich meine Zunge und meine
Fingerspitzen auszubilden und glaubte damit was Besondres zu tun. Heute will ich
viel mehr. Ich will das Unsinnige, das Tolle, das Unverstndliche, das
Unbegreifliche, das bersinnliche, - genieen. Versteh mich recht: ich will
nicht blo all das verstehen - das Verstehen scheint mir nicht so wichtig -
genieen will ich das alles. Ich will in die Welt der Geister dringen, und ich
will genieen, was nur die Geister genieen knnen.
    Der Inder meint, da das sehr schwer sei und die Ausbildung ganz besondrer
Nervenkrfte verlange. Er glaube auch, da derartige Anstrengungen den Krper
und den Geist zerrtten mssen.
    Aber da lt sich der Araber nicht bange machen - weist allerdings die
Anstrengungen vornehm ab - anstrengen will er sich durchaus nicht.
    Das findet nun der Inder wieder sehr drollig. Lchelnd - etwas sehr
berlegen - erwidert er folgendermaen:
    Die Araber sind doch sehr merkwrdig. Sie kommen aus ihrer Wste mit ihren
Schwertern und Lanzen wie ein Heuschreckenschwarm heraus und bilden sich ein,
da sie alles gleich mit Beschlag belegen knnen - nur weil sie krftige Arm -
und Beinmuskeln besitzen. Ihr wollt berall nur genieen - Alles - Alles! Ihr
wollt nicht blo essen und trinken, ihr wollt auch gleich alle Religionen
genieen, auch alle Knste - selbst das Unverstndliche und das Unverstndige.
Ihr traut doch Eurem guten Magen ein bichen zuviel zu. Lieber Safur, von Dir
hat mir Battany viel erzhlt. Du bist ohne Frage ein sehr gebildeter Mensch -
gereizter denn Viele. Da Du aber jeder Anstrengung, jeder Mh und Arbeit streng
aus dem Wege gehen willst - das wird Dein Untergang - Du mtest in groen und
langen Gedichten Deine Gereiztheit zu lsen trachten - das tust Du natrlich
nicht - Du bist ja ein viel zu vornehmer Araber, der nur genieen will, der nur
den Genu fr berechtigt hlt - - - als wenn der Genu einem Dichter wie eine
reife Frucht in den Scho fiele.
    Der Inder mu herzhaft lachen.
    Er spricht noch in lssigem Tone ber religise bungen, Fasten, Rosenkranz,
Selbstgeielung, Gebet und geschlechtliche Enthaltsamkeit - wird dann aber
schweigsam, da Safur verchtlich die Mundwinkel runterzieht. -
    Die Beiden knnen sich nicht mehr verstndigen. Safurn kommts so vor, als
wr er bei Osman, der immerfort das Dschinnengedicht von ihm verlangt - und er
empfindet eine heftige Abneigung gegen den indischen Dichter. Es trennen sich
die Beiden, wie Battany naht, noch viel frostiger, als sie sich begrten.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Safur erlangt bei Battany sehr rasch das, was er wollte. Hchst vergngt und
stolz wallt er mit drei dicken Goldrollen davon - zu seiner Tarub.
    Drauen auf der Landstrae hrt er noch ein paar Adler auf einer Palme so
zitternd pfeifen, als htten auch sie Gold bekommen - Gold ...
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Inder aber erklrt dem Battany unumwunden, da er von Safur garnichts
halte - aus dem htte mal was werden knnen, wenn er mal zu den Fen eines
Meisters gesessen htte - jedoch jetzt wrde aus ihm garnichts mehr - dem Safur
fehle sowohl der religise wie der knstlerische Ernst - er htte als Nabob
geboren werden mssen.
    Der Inder wird ganz aufgebracht, sagt dem Battany ganz derb ber das
Arabertum seine Meinung und schliet erregt:
    Lieber Battany! In Safurs Genuwut liegt eine gewisse Frechheit. Es ist
unverschmt, dort mhelos genieen zu wollen, wo Andre nur im sauren Schwei
ihres Angesichts krglich Frchte sammeln drfen. Safur wird noch fr seine
Frechheit bestraft werden - seine Art, sich zu benehmen, ist brigens emprend!
    Nun - Battany ist durch diese Erffnungen nicht sehr entzckt - ldt aber,
ohne zu erwidern, alle Inder, die er mitgebracht hat, zum Abend auf die
Sternwarte.
    Er prophezeit eine Mondfinsternis.
    Stolz ruft er:
    Heute bin ich ein Prophet!
    Und feuriger Wein mu die schlechte Laune des indischen Schauspieldichters
rasch fortschwemmen.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am Abend stehen die Inder mit Battany auf dem fnfeckigen Altane der
Sternwarte und schauen in den Vollmond.
    Abu Maschar ist auch auf dem Altane.
    Und der Mond verfinstert sich wirklich.
    Die Inder verneigen sich vor dem arabischen Astronomen.
    Abu Maschar steht steif wie ein Stock.
    Battany ist emprt darber.
    Der Sterndeuter sagt aber leise flsternd:
    Lieber Freund, was hast Du nun erreicht? Du weit wieder etwas, das des
Wissens nicht wrdig ist. Ob der Mond hell oder dunkel ist, bleibt sich so
schrecklich gleich, da ich ber Deine Freude lachen mu. -
    Und der Sterndeuter geht langsam davon auf seinen Mittelturm, will wieder
rechnen.
    Battany sieht dem alten Krkler wtend nach.
    Dann aber blickt der groe Astronom starr in den immer dunkler werdenden
Mond und wird stolzer - immer stolzer - er ballt die Fuste - seine Augen
funkeln - - - - - - seine Rechnungen stimmen!

                              Zwanzigstes Kapitel


Die Lehmkate am Tigrisstrande ist sehr hbsch.
    Da lebt die Tarub mit ihrem Safur anfnglich viel friedlicher als in Bagdad.
    Der Tigris ist da so breit und gro.
    Wenn man vor der Tre der Kate steht, die auf einem Hgel erbaut ist, so
berblickt man eine groe dunkelblaue Wasserflche.
    Die Palmen am gegenberliegenden Ufer erscheinen ganz klein, so breit ist
der Strom.
    In Bagdad lassen die vielen reich bewaldeten Inseln den Tigris viel kleiner
erscheinen.
    Safur steht vor seiner Tr und blickt hinaus in die groe Wasserwelt, ber
die ein frischer Wind hinstreicht, soda kleine weie Schaumkmme das dunkle
Blau der Flut durchstreifen.
    Unten am Ufer pltscherts und gurgelts - was sich sehr lustig anhrt.
    In die Auenwnde der gelbbraunen Lehmkate sind rote Tonplatten eingelegt,
in die einst unfrmliche altertmliche Figuren eingeknetet wurden; was die
Bilder darstellen sollen, kann man nicht mehr ordentlich erkennen. Auf dem Dach
des Hauses ragt wie eine kleine Pyramide ein dunkelbraunes Zelt in den blauen
Himmel.
    Ein paar riesige Palmen stehen rechts, links und hinten auf dem Hgel; Adler
nisten in den Kronen der Palmen.
    Vor dem Hause ist ein groer viereckiger Platz ganz mit roten Ziegelsteinen
ausgelegt, die schon recht ausgetreten sind.
    Unten am Ufer wchst hohes Schilf.
    Mchtige rosa blhende Oleanderbsche und wei blhende Myrtenbsche
umwuchern den ganzen Hgel.
    Und oben rings um die alte Kate blhen unzhlige weie Rosen, die duften
wunderbar.
    Safur schaut hinaus in die blaue Wasserwelt - die weien Schaumkmme und die
weien Mven ziehen sanft ber die Flut - wie Geisterhnde.
    In den Kronen der Palmen pfeifen leise die jungen Adler; der Dichter glaubt,
es seien Tne aus einer andren Welt.
    Er denkt dabei an seine groen Wstenreisen - an Damascus und Cairo. In
seinen Gedanken reitet er wieder hoch zu Ro neben den Kamelen der Karawane
durch die einsame Wste wie ein Beduine - mit suchendem Auge und horchendem Ohr
- wieder geht das Gesumm und Gesurr durch die Luft; die Sterne funkeln, die
Dschinnen locken und rufen, in der Ferne klingen hell die blitzenden
Damaszenerklingen, die Rosse wiehern, der heie Sand knirscht - und berall
summts und surrts von Kfern und Nachtfaltern - und die Dschinnen reiten
schneller - Safur schrickt zusammen und hlt die Hand vor den Augen.
    Von der blauen Pracht des groen Stromes, der unten rauschend vorberzieht,
sieht und hrt der Dichter nichts mehr.
    An das Wasser ist das Auge des Arabers nicht gewhnt; das Auge des Arabers
ist nur gewhnt, von Wsten und von Palsten - zu trumen, in die wirkliche Welt
blickt es nicht gern hinein - als wenns sich vor der blendenden hellen Sonne
frchten msse.
    Drum wirkt der groe Tigris auf den Safur garnicht befreiend - garnicht
gro.
    Anfnglich ist der Dichter in viel besserer Stimmung - es ist ihm so Vieles
am Ufer des Tigris neu.
    Die Tarub ist auch viel vertrglicher.
    Safur wird sogar wieder ein bichen lustig und neckt seine Kchin, da sie
lachen mu.
    Er neckt sie aber so oft, da sie sich eines Tags drber rgert und zornig
sagt:
    Ach, hab Dich nicht immer so albern!
    Na - da ist es denn wieder mit der Neckerei zu Ende; Safur ist wieder
verletzt.
    Aber - es geht noch.
    Safur zieht morgens gewhnlich mit einem langen Speer, mit Pfeil und Bogen,
mit Schwert und Dolch auf die Jagd.
    Abends angelt der Dichter.
    So kommts, da die Beiden nicht Mangel leiden.
    Datteln, Bananen und Feigen gibts auch in der Umgegend.
    Und Battany schickt in jeder Woche Brot und Wein.
    Der Tarub ist nur das Leben ein bichen zu einsam.
    Safur ist auch so schweigsam und in sich gekehrt, da sie sich ihm nicht
gern nhern mag.
    Sie scheuert daher ihre neue Kche mit groem Eifer, putzt ihre Tpfe,
Tassen und Krge, wischt den Ziegelboden tglich mit Wasser ordentlich auf,
vernichtet das Ungeziefer, wo sies nur findet, kocht und nht, singt und wscht,
klopft die Teppiche, die sie sich in Bagdad kauften, mit grtem Gerusch jeden
Morgen aus, pflanzt Bohnen und Salat, begiet die weien Rosen und melkt ihre
Ziege - die berhmte Kchin ist geschftiger denn je - steht nie still.
    Allerdings - ihre Kche kommt ihr recht klein und rmlich vor - mit stillen
Trnen denkt sie oft an Saids groe Kche, in der so bequem die Pumpe gleich bei
der Hand war - denkt auch an ihre Kche in der langen Strae mit Wehmut.
    Indessen - den Safur lt sie davon nichts merken.
    Ja - die Einsamkeit!
    Der Tarub ist oft so zu Mute, als wre sie in ein Gefngnis eingesperrt
worden - obwohl es doch am Tigris so frei und lustig ist wie selten wo - aber
der Natur bringt die berhmte Kchin nicht eine besondre Liebe entgegen - es ist
ihr zu still in der Einsamkeit.
    Dem Safur ist dagegen das Leben in der Natur beinahe zu laut - berall
glaubt er Geisterstimmen zu hren - er spricht oft zu sich selbst - und schrickt
zuweilen heftig zusammen - seine Augen blicken nicht mehr khn gradaus - sie
haben eher was Scheues.
    Als daher nach einigen Wochen auf flinkem Segelboot die beiden Geographen
Kodama und Hamadany der Lehmkate einen Besuch abstatten, werden sie ganz
freundlich empfangen.
    Bei einem guten Becher Weins lenkt Kodama, der eigentlich in Osmans Auftrage
gekommen ist, das Gesprch vorsichtig auf die alte Sphinx der gypter.
    Inde - Safur will von der Sphinx nichts mehr wissen, der Dicke hat sie ihm
verleidet; das Zwitterhafte in der Sphinx, das der Dichter anfnglich garnicht
sah, berhrte ihn sehr unangenehm, als ers bemerkte. Seine Dschinne hat mit der
Zeit wieder ein andres Gesicht bekommen - das hnelt jetzt eher dem einer
gyptischen Prinzessin, deren Seele verdammt ist, immerfort auf der Erde
herumzuwandern und um einen verlorenen Ring zu klagen - Safurn ists oft schon so
gewesen, als habe sie ihn gebeten, den Ring zu suchen - was er dann auch tat -
sehr zum rger der Tarub - denn wenn er den Ring suchte, pflegte er nie ein
Stck Wild heimzubringen ...
    Der dicke Kodama hrt also nichts Besondres, wie er von der Sphinx spricht,
wird demnach allmhlich deutlicher, will was von der Antarsage wissen und kommt
so schlielich zu Safurs Dschinnengedicht.
    Seltsamerweise ist da der Safur gleich Feuer und Fett, die Flammen der
Begeisterung lodern hoch empor, und der Dichter redet mit einem Eifer von dem
Gedicht, da der ziemlich vertrauensselige Kodama gleich glaubt, Safur habe
wirklich angefangen, das groe Gedicht zu schreiben.
    Dem ist natrlich durchaus nicht so.
    Safur redet nur ber das Dichten im Allgemeinen, fhrt aus, da eine
wahrhaft treffliche dichterische Arbeit so wirken msse wie ein feines
Brokatgewand, das von jedem andren Standpunkt aus ein andres Gesicht - eine
andre Farbenstimmung - zeige - - - das sei auch der Grund, weswegen ihm jetzt so
oft seine Dschinne mit einem ganz andren Kopfe, mit ganz andren Hnden - ganz
anders gekleidet erschienen sei.
    Kodama ist bald der Meinung, da Safur ein schier unendliches Gedicht
geschrieben habe, und fhrt hchst befriedigt nach Bagdad zurck, um dem Osman
diese freudige Botschaft mitzuteilen.
    Hamadany bleibt als Gast in der Lehmkate noch ber acht Tage, und als auch
er nach Bagdad zurck will - kommt grade der Abu Hischam mit dem Abu Hanifa an,
und die Beiden verhindern natrlich den Hamadany, nach Hause zu fahren.
    Der alte Philosoph Abu Hischam ist in so prchtiger Laune, da es bald
wieder hoch hergeht - wie frher zu Bagdad in der langen Strae.
    Alles, was in der Kate ebar und trinkbar ist, wird an zwei Tagen vertilgt -
und dann ist wieder - die Not da.
    Diesmal hat aber die Not einen recht lustigen Anstrich.
    Wie am dritten Tage die Tarub den drei Gsten und ihrem Dichter -
Ziegenmilch, Bananen, Feigen, sieben Mveneier und weiter nichts vorsetzt -
verschwindet das alles furchtbar schnell - Safur it nur ein einziges Ei, sieht
sich verwundert nach mehr um - sagt aber nichts.
    Jedoch die Tarub fragt mit ganz ernstem Gesicht: Nun, seid Ihr schon satt?
    Da werden die Gesichter der vier Mnner ganz anders - und - und - nach einer
Pause brechen pltzlich alle Vier in ein so frchterliches Gelchter aus, da
sie Magenschmerzen bekommen - nur vom Lachen.
    Es wird wieder gemtlich bei der Tarub.
    Die drei Gste gehen nicht fort, sie gehen mit Safur auf die Jagd - und des
Abends hocken sie vor der Tr auf den roten Ziegelsteinen, essen und trinken,
was da ist - reden tiefsinniges Zeug!
    Das Gesprch wird stets von den jngeren Gelehrten - von Hamadany und Abu
Hanifa - in Flu gebracht. Die Tarub redet oft altklug mit; die jungen Leute
wollen so Manches wissen, was die Tarub wei.
    Safur ist gemeinhin sehr einsilbig.
    Abu Hischam ist zumeist zu lachlustig. Trotzdem spricht er zuweilen noch
ber die schwierigsten Fragen.
    Er erklrt den jungen Gelehrten, da diese Welt garnicht wirklich da sei,
da kein Mensch wirklich da sei, da nichts da sei, da Alles nur Trug und
Schein sei, und empfiehlt, diese Weisheit immer im Kopfe zu behalten - besonders
drfe man diese Weisheit nicht vergessen, wenns einem mal schlecht gehe - denn
sage man sich in solchen schlechten Zeiten, da man eigentlich garnicht lebe,
da die Welt nur ein leeres Nichts, da demnach die schlechte Zeit auch nur ein
leeres Nichts sei - so werde man bald ber die Not schrecklich lachen mssen.
    Lachen, sagt Abu Hischam, lachen mu der Mensch zu allen Zeiten, und
trinken mu der Mensch, wo er nur kann. Lachen und trinken ist die Hauptsache.
    Zuweilen wurde der Philosoph von den jungen Gelehrten veranlat, einige
Worte ber die Entwicklung zu reden - und dabei pflegte dann der lachlustige
Zecher ernster zu werden - er erinnerte sich an die vielen Gesprche, die einst
auf Battanys langer Barke so heftig die Gemter erregt hatten - das war schon
fast vier Jahre her - - - und die Erinnerung stimmte den alten Philosophen sehr
ernst.
    Er wars ja gewesen, der einst den Bund der lauteren Brder feierlich
grndete, aus dem jetzt so ganz was Andres wurde - die Inder hatten sich
reingemischt und die gypter ebenfalls - und an den Grnder des Bundes dachte
kein Mensch mehr.
    Wie schnell sich die Zeiten ndern!
    Abu Hischam schimpfte oft auf den Abu Maschar, der immer behauptete, da die
Welt unvernderlich sei ...
    Safur wird immer schweigsamer, er sieht so leidend aus - - -
    Man besucht fters die in der Nhe wohnenden Eremiten - und Abu Hischam
redet dort wieder so vom Bunde, als wenn er bei der ganzen Geschichte noch was
zu sagen htte.
    Abu Hanifa, der sehr boshaft ist, bittet dann immer den Philosophen, ja
keine Geheimnisse mitzuteilen - er, Abu Hanifa, knne beim besten Willen weder
schweigen noch lgen - - -
    Dafr fragt dann gewhnlich der Philosoph den Safur, ob der ihm nicht sagen
knne, wie indische Pfauenpastete schmecke - er, als Feinschmecker, msse das
doch wissen.
    So wird Safur, der Feinschmecker, zur Zielscheibe des Spottes -
    Der Dichter rgert sich drber - nicht blo, weil er seiner Armut wegen
verspottet wird - sondern weil er an die Zeiten, in denen er sich als
Feinschmecker wohlfhlte, nicht gern erinnert sein mag.
    Das Feinschmeckertum kommt ihm jetzt so schrecklich roh und dumm vor - er
ist ja schon an ganz andre Gensse gewhnt - er verkehrt mit Geistern, mit Wesen
aus einer anderen Welt; und dieser Verkehr ist denn doch fr ihn so genureich,
da dagegen alle Pasteten und alle Weine der Erde nichts sind.
    Der Besuch der drei Brder ist dem Dichter recht lstig. Nachts, wenn die
Sterne glitzern und funkeln, stiehlt er sich oft heimlich aus der Kate fort und
fhrt mit seinem Nachen auf den Strom hinaus.
    Und in der Dunkelheit auf den pltschernden Wellen des Tigris sieht der
Dichter wunderliche feine Gestalten vorberschweben - und er hrt Stimmen -
laute und leise - die locken und rufen - die Mven krchzen dazu - die Wellen
des Tigris pltschern und gurgeln - es ist so Vieles zu hren!

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Und eines Morgens kommt langsam Battanys lange Barke den Tigris hinauf und
landet ebenfalls in der Nhe der Lehmkate.
    Osman, Kodama, Abu Maschar und der alte Jakuby - entsteigen - der langen
Barke.
    Tarub freut sich natrlich schrecklich ber den neuen Besuch - Safur
schneidet ein sauer und ses Gesicht - das hilft ihm aber nicht.
    Er hat nun sieben lautere Brder als Gste in seinem Hause - die vier
zuletzt angekommenen bringen so viel zu essen und zu trinken mit, da sich die
Tarub garnicht zu lassen wei vor Aufregung und Freude.
    Osman hat auch ein paar chinesische seidene Fenstervorhnge mitgebracht, die
ganz mit bunten Blumen und noch bunteren Vgeln bestickt sind.
    Die Tarub hatte nmlich dem Kodama ber die eisernen Kraten vor den Fenstern
geklagt, hatte ihm gesagt, da die Kraten, die der wilden Tiere wegen notwendig
waren, in ihr stets ein unbehagliches Gefhl aufkommen lieen - als wenn sie
sich im Gefngnis befnde.
    Daher - Osmans seidne Vorhnge!
    Osman ist immer schrecklich aufmerksam.
    Tarub freut sich - wien Kind.
    Und der alte Jakuby hat fnf eiserne Flammenschalen mitgebracht - nebst fnf
eisernen Dreifen - der alte Geograph ist der Meinung, da man nur bei der
richtigen Beleuchtung gemtliche Feste feiern kann - welcher Meinung Alle
bereitwilligst beipflichten.
    Die Stimmung ist bald eine recht gehobene.
    Und abends steht der Vollmond ber dem Tigris und glnzt - glnzt festlich.
    Vor der Lehmkate flackern fnf mchtige Flammen.
    Safur und Tarub sitzen vor ihrer Tr auf dem viereckigen, mit roten Ziegeln
gepflasterten Platze, von dem aus man den breiten, im Mondlicht glitzernden
Strom wohl berschauen kann. Und dort sitzen auch die sieben Gste ...
    Die Gesellschaft bildet einen wohl abgezirkelten Kreis. Man it mekkanische
Hhner, indische Schnecken, Antilopenschinken und Bagdader Marzipan und trinkt
wieder den kstlichen Wein aus Bassora dazu.
    Und man gedenkt der Abende bei Said ibn Selm, wird ein bichen wehmtig,
bleibt aber trotzdem guter Dinge.
    Da Al Battany, der all die e- und trinkbaren Herrlichkeiten hersandte,
selber nicht mitmacht und daheim bei seinen Indern blieb, vermag die Stimmung
nicht zu verschlechtern.
    Die Abwesenheit des alten Suleiman, der sich in so aufflliger Weise ganz
von den lauteren Brdern zurckzog, wird schon, eher mit schmerzlichem Gefhl
empfunden.
    Der Wein macht natrlich die Gesellschaft sehr lebhaft - Alle reden und
erzhlen und haben sich so Vieles zu sagen ...
    Nur Safur bleibt schweigsam - er trinkt auch nicht.
    Und da kommt denn der Augenblick, in dem Osman nach Safurs Gedicht fragt.
    Drauf erst tiefes Schweigen in der Runde.
    Als Safur ruhig sagt, da er augenblicklich noch nichts geschrieben habe, in
einigen Wochen aber vielleicht anfangen knne - da wirds so still, da man
sogar die Adler oben in den Palmen leise pfeifen hren kann.
    Die hiernach folgenden Auseinandersetzungen sind nicht grade sehr
erquicklich.
    Kodama sagt hchst rgerlich:
    Da hrt sich doch alles auf!
    Abu Maschar und Jakuby schtteln bedenklich den Kopf.
    Osman ist emprt und recht grob, erklrt die Unfruchtbarkeit eines begabten
Dichters fr das grte bel der Welt.
    Abu Hischam redet sehr altklug mit, salbungsvoll bemerkt er:
    Nichts ist so gefhrlich wie die Nichtstuerei - sie allein hemmt die
Entwicklung der Menschheit. Durch Nichtstun kommen wir nicht weiter, das prgte
mir bereits meine liebe Gromutter in frhester Jugend ein. Die Faulheit ist ein
Laster. Nur das unermdliche Weiterstreben kann der menschlichen Gesellschaft
frderlich und ntzlich sein. Meine Freunde, ich erinnere Euch an die
Gesellschaft der lauteren Brder, der wir doch Alle angehren - wre die
Gesellschaft, die nun bald vier Jahre besteht, wirklich imstande gewesen, in die
Entwicklung der groen Gesellschaft, die wir die Menschheit nennen, mit Erfolg
tatkrftig eingreifen zu knnen - wenn wir nichts getan htten? - Nie und
nimmer, meine Freunde. Die Nichtstuerei ist daher ein schndliches
nichtswrdiges Laster, das wir mit allen Krften, die uns zu Gebote stehen,
bekmpfen und unterdrcken mssen.
    Schallendes Gelchter belohnt diese kstliche Rede.
    Und Osman ruft rgerlich:
    Na, Du sei doch man still!
    Und Abu Hischam ist es - er trinkt - trinkt lange.
    Safur jedoch, der sich das Lachen augenscheinlich abgewhnt hat - denn er
lachte wieder mal nicht - erwidert dem Abu Hischam mit ganz ernster Miene:
    Lieber Abu Hischam, Du bist vollkommen im Irrtum, wenn Du glaubst, da
diejenigen Menschen, die immer was tun mssen, um sich die Zeit zu vertreiben,
die Entwicklung der Menschheit frdern. Arbeiten kann schlielich Jeder - das
ist nichts Besondres. Du glaubst wohl, Dichten sei auch nur Arbeiten, nicht
wahr? Nein, Dichten und Arbeiten sind zwei ganz verschiedene Dinge. Wer wirklich
was hervorbringen will, das die Menschheit frdern kann - der mu einem fernen
unerreichbaren Ziele zustreben. Wer das nicht tut, wird nichts Besondres tun.
Wenn ich blo ein Gedicht schreiben wollte, wies jeder dumme Tofaily
fertigbringen kann, so drft ich mich nur gleich begraben lassen. Ich will mehr
- ich will das Unmgliche, das Unbeschreibliche, das Groe, das Bedeutende - das
wird aber nicht in einem Tage geboren - das wird vielleicht nie geboren - doch
man soll dem Unmglichen nachstreben - nur so kann was Neues entstehen. Ich
arbeite nicht - ich dichte. Und was ich mache, geht Euch garnichts an. Kmmert
Euch doch um andre Dinge. Fr Euch ist ja doch nur der ein berhmter Mann, der
ein paar tiefe Gedanken in den Dreck ziehen und zu gewhnlichen Gedanken machen
kann. Ihr seids wahrlich nicht, die die Entwicklung der Welt frdern. Ihr habt
nur immer an mir gezehrt und Euch mit meinen Witzen gebrstet. Ihr habt nie
gewut, was Ihr von mir halten solltet. Nennt mich doch unfruchtbar! Nennt mich
doch, wie Ihr wollt. Es ist schon zuviel, da ich Euch Red und Antwort steh. Ihr
rennt dem Erreichbaren nach - das tut die Tarub auch - natrlich - Tarubs Brder
seid Ihr - nicht lautere Brder. Ganz Bagdad ist fr mich Tarub - die ganze
Welt, die Ihr mit Euren stumpfen Sinnen sehen und begreifen knnt, ist fr mich
nur Tarub. - Ich aber will in eine andre Welt, in die Ihr nie hinein knnt!
    Da murren die lauteren Brder, und man mu befrchten, da es am Strande des
Tigris sehr - sehr ungemtlich wird.
    Zum Glck ergreift wieder der lustige Abu Hischam das Wort, streichelt
Tarubs Zopf und sagt:
    Nun, liebe Tarub, sei nur nicht traurig, da Du auch Tarub bist. Bagdads
berhmte Kchin zu sein, ist auch ein Verdienst. Mit dem groen Dichter Safur
kannst Du Dich natrlich nicht vergleichen, der ist ja Bagdads berhmter
Dichter. Aber wenn ich zwischen Euch whlen sollte, so nhm ich doch die Kchin
lieber als den Dichter - bei der Kchin wei ich doch immer, was ich habe. Wo
bliebe die Literatur, wenns keine Tarub gbe? Freunde, seien wir nicht traurig,
da wir von Safur Tarubs Brder genannt wurden! Wir wollen gern den Namen Tarub
tragen. Die Tarubs werden die Entwicklung der Welt besser frdern als die
Safurs. Darum wollen wir zwei volle Becher auf Tarubs Wohl trinken!
    Lachend geschiehts.
    Tarub ist gerhrt.
    Die Stimmung der Gesellschaft wird wieder besser - doch da fngt der Kodama
wieder an, sagt der Tarub:
    Du, weit Du auch, da Safur in Bagdad Deinen Namen tatschlich als
Schimpfwort gebrauchte? Wenn er einen Tofaily beleidigen wollte, nannt er ihn
Tarub. Wo Andre Esel riefen, rief Safur Tarub!
    Sieh, sieh! fllt da schnell der auch boshafte Abu Hanifa ein, gehrst Du
ebenfalls zur Familie Tarub? Das htt ich garnicht gedacht! Du verteidigst ja
die Tarub vortrefflich! Hetz nur schn! Du bist wohl Tarubs Gromutter, nicht
wahr?
    Nun legen sich die Andern ins Mittel und stellen die Ruhe notdrftig wieder
her.
    Abu Maschar schttelt immer den Kopf, er versteht den Safur nicht mehr; den
hielt er fr seinen Freund und mu nun bemerken, da dieser Freund ihn nie
verstand. Der Prophet seufzt.
    Jakuby erzhlt von dem Einflu der Inder auf Battany - der kleidet sich
jetzt ganz und gar nach indischem Muster.
    Die Tarub wei nicht recht, ob sie dem Safur oder dem Kodama zrnen soll;
des Letzteren Rede hat sie nicht ordentlich begriffen - - -
    Hamadany ist auerordentlich liebenswrdig zur Tarub, hilft ihr die brig
gebliebenen Teile der Antilopenschinken in die Kche tragen, soda die Tarub
wieder lustig wird.
    Osman mchte gern noch ein bichen auf dem Tigris herumfahren.
    Safur ist sofort bereit, erzhlt aber einem pltzlichen Einfalle folgend mit
groer Begeisterung von der alten, lngst verfallenen Stadt Babylon - von der
dort befindlichen Beluspyramide und von den beiden Riesen Harut und Marut, die
in dieser Pyramide der Sage nach an den Beinen aufgehngt sein sollen.
    Diese Geschichte bringt die Gesellschaft auf andre Gedanken. Man wird
neugierig.
    Und als Safur den Vorschlag macht, auf der langen Barke gleich mal nach
Babylon zu fahren, willigen Alle ein - obwohl Babylon, mehrere Tagereisen
entfernt, garnicht so leicht zu erreichen ist.
    Tarub ist natrlich sehr traurig, da sie zu Hause bleiben soll - doch sie
fgt sich.
    Man trinkt noch krftig und steigt dann schwankend in die Barke, nimmt
Lebensmittel fr einen Monat mit und segelt, wie die Sonne aufgeht, mit gutem
Winde durch den krzlich wiederhergestellten Kanal dem Euphrat zu - nach
Babylon.
    Tarub sieht lange ihren sieben Gsten und ihrem Safur nach.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Da der Wind den acht lauteren Brdern gnstig ist, sind dieselben am zehnten
Tage bereits mitten in den Ruinen Babylons.
    Hamadany behauptet gleich, da er, wr er als alter Babylonier zur Welt
gekommen, das Schicksal der alten Stadt htte voraussagen knnen.
    Er prophezeite auch der jungen Stadt Bagdad den Untergang, denn Bagdad
verdanke ebenso wie Babylon nur zuflligen Zeitumstnden und
Machtverhltnissen seine Entstehung und Bedeutung - beide Stdte seien nicht wie
Byzanz durch ihre natrliche Lage sondern durch die Willkr kurzsichtiger
Machthaber gro geworden.
    Es war sehr lustig anzusehen, wie die arabischen Gelehrten in ihrer modernen
Bagdader Tracht zwischen den Ruinen herumkrochen. Der wie gewhnlich sehr ruppig
gekleidete Abu Hischam schien der Gegend noch am besten angepat zu sein - aber
die schwarzen Kaftane des Jakuby, Hamadany und Abu Hanifa wirkten unter den
Tempelsulen, geflgelten Sphinxen, unter alten Urnen, Tpfen und Scherben sehr
fremdartig. Die braunen baumwollenen Kleider des dicken Osman nahmen sich ebenso
drollig aus wie Kodamas schwarze Sammetjacke. Selbst die Beduinengewnder des
Abu Maschar und des Safur schienen hier nicht herzugehren.
    Wie die drei weien Turbane leuchteten!
    Wie lustig Jakubys violetter Turban von dem gelben des Kodama abstach!
    Safur sprach fast kein Wort und ging gewhnlich seine eigenen Wege ... wren
ihm die Andern nicht immer in einiger Entfernung gefolgt, man htte ihn
verloren.
    Er bestieg auch allein die Beluspyramide - die Andern warteten unten.
    Allmhlich wurde jedoch Safurs sieben Freunden recht verdrielich zu Mute.
    Des Dichters gereizte Stimmung bertrug sich.
    Man a noch am Fue der Pyramide bei Mondschein ein bescheidnes Abendbrot,
das vornehmlich aus Brot und Frchten bestand, bewunderte die Pyramide, deren
Spitze lngst fort war und die dadurch einen klotzartigen Eindruck machte,
schlief unter den mitgebrachten Zelten so leidlich und rstete am nchsten
Morgen zur Heimkehr.
    Nach lngerem Suchen fand man die lange Barke wieder, schiffte sich ein und
segelte nach Hause.
    Indessen die Barke war schwerer als bisher.
    Es stellte sich nmlich heraus, da Jeder eine ganze Masse Scherben, alte,
wunderlich geformte Eisenstcke, llmpchen, Alabasterfiguren, Tonziegel mit
babylonischer Schrift und so weiter in seinen Gewndern verborgen gehalten und
in die Barke mitgenommen hatte.
    Kodama hatte sogar einen alten Siegelring gefunden, der allgemeine
Bewunderung erregte.
    Die Folge dieses Sammeleifers war eine berlastung des Kahnes.
    Auf der ganzen Rckreise muten die Sklaven fortwhrend das Wasser
ausschpfen.
    Safur sprach zuweilen zu sich selbst und machte ein merkwrdiges Gesicht.
    Offenbar pate ihm die Gesellschaft nicht im mindesten, da Alle nur von den
gleichgltigsten alltglichsten Dingen sprachen - Abu Maschar nicht ausgenommen.
    Des Dichters Gereiztheit wurde so ungemtlich, da Kodama am siebenten Tage
wtend ausrief:
    Safur, wenn Dir unsre Gesellschaft unangenehm ist, so spring doch zum Kahn
hinaus und geh zu Fu zu Deiner Tarub zurck. Das Ufer ist ja hier dicht in der
Nhe.
    Und was geschah da?
    Safur tat, was ihm der dicke Kodama riet - er sprang wirklich raus aus dem
Kahn - drckte dabei leider so heftig mit dem rechten Fu auf die Bordkante, da
der Kahn Wasser schpfte und - und - versank!
    Na - dies Geschrei!
    Die ganze Gesellschaft lag pltzlich im Wasser.
    Die Geschichte ist fast unbeschreiblich.
    Osman fhrt, whrend er noch mit den Wellen kmpft, wutschnaubend auf den
dicken Kodama los, schreit: Du naseweises Rindsvieh! und stuckst den
Geographen so heftig ins Schilf, da der mit dem Gesicht in den Morast fllt und
natrlich dabei Stirn und Wangen, Augen, Nase und Mund so beschmutzt, da man
sich gar keine rechte Vorstellung davon machen kann.
    Alle sind pudelna geworden.
    Ertrunken ist Keiner, da die Barke dicht am Ufer fuhr.
    Aber schmutzig sind Alle - brr! - sehr!
    Man mag sich garnicht gegenseitig ansehen.
    Und man schimpft natrlich auf den Safur - wie nur Wtende schimpfen knnen.
    Abu Hischam ist der Einzige, der lachen kann.
    Safur ist verschwunden.
    Dafr erscheinen ein paar Eremiten mit langen Stangen am Ufer.
    Wie die ollen Eremiten die nassen schmutzigen Brder schauen, mssen sie so
lachen, da ihnen die Trnen ber die hohlen Wangen rollen.
    Die Schiffbrchigen mssen sich das ruhig gefallen lassen.
    Der Kodama kriegt am meisten ab - er ist auch ganz kleinlaut.
    Von Safur aber sieht man keine Spur; der ist vollkommen verschwunden.
    Man beschliet, Safur und Tarub nie wieder zu besuchen.
    Alle schwren sich das zu.
    Die Eremiten lachen sich krumm dabei.
    Die sieben lauteren Brder reinigen wtend ihre Kleider - ihre schnen guten
Kleider.
    Die Barke wird mit Mhe gehoben.
    Unzhlige Schmutzflecke gehn nicht raus aus den Kleidern - schndlich! -
gemein! -
    Die Wascherei nimmt gar kein Ende.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Seine Freunde ist also Bagdads berhmter Dichter los - die kommen nicht wieder.
    Jetzt hat er nur noch die Tarub, die sich natrlich nicht wenig wundert, als
Safur ihr mitteilt, da er sich mit den Andern erzrnt habe und da die
Andern schon nach Bagdad gefahren seien.
    Der Tarub wird so schwl, sie will Nheres wissen, erfhrt aber nichts.
    Sie sagt dann kurz:
    Das wird ja ein schnes Leben werden!
    Und nach diesen Worten geht sie in ihre Kche und wirtschaftet wieder herum,
da alles klirrt und klappert.
    Die Tarub mu immer arbeiten, sonst ist ihr nicht wohl.
    Safur aber - fngt jetzt an zu dichten.
    Das bereitet der Tarub natrlich eine groe Freude.
    Sie bedauert allerdings, da Safur seltner auf die Jagd geht, auch nicht
mehr angelt.
    Das macht aber nichts, denn Tarub angelt selbst.
    Es gibt fast tglich Fische zu Mittag.
    Leider schickt Battany nicht mehr Brot und Wein - das ist sehr peinlich!
    Es dauert drum nicht lange, und die Tarub ist wieder so wie in der langen
Strae.
    Doch Safur geht jetzt einfach fort, wenn die Tarub laut zu reden oder gar zu
schimpfen beginnt.
    Die Tarub wird, so unglaubwrdig das auch klingen mag, schlielich selber
schweigsam.
    Ein rhrendes Zusammenleben!
    In der alten Lehmkate wirds immer stiller.
    Safur wird immer magrer. Doch er fngt sein Dschinnengedicht wirklich an -
auf prchtigem chinesischem Papier schreibt er die ersten Verse - - -
    Indessen - er zerreit gern das, was er schrieb.
    Er fngt immer wieder noch mal an.
    Mit dem Dichten wills garnicht so recht gehen.
    Er kann nicht, er hat das Leben eines Schlemmers gefhrt - immer nur
genossen - nicht gelebt, um dichten zu knnen - - - sondern gelebt, um genieen
zu knnen.
    Was Safur dichtete, waren immer nur Gelegenheitsscherze - mit denen er
blendete - Lngeres, Greres hatte er nie fertig gebracht - demnach wollt es
jetzt mit dem Dschinnengedicht nicht vorwrtsgehen - wollte nicht.
    Die Tarub wird neugierig.
    Sie wundert sich, da Safur immer seine Verse zerreit - warum zerreit er
sie denn?
    Als Safur mal fort ist, setzt sie einzelne Papierteile, die sie in einer
Ecke findet, wieder zusammen und liest:

Ich sah Dich schon so lange nicht,
Wo bliebst Du nur?
Ich hrt Dich auch so lange nicht.
Ach, Alles spricht,
Und die Knigin der Wste will da schweigen?
Nicht! Du sollst mir endlich Alles Alles zeigen -
Die ganze groe Geisterwelt.
Ich sehne mich zu sehr!
Komm endlich zu mir her!

Das war mit riesig groen Buchstaben geschrieben - aus der Schrift leuchtete
Safurs Selbstbewutsein wie eine groe Sonne heraus.
    Die Tarub versteht die Verse nicht.
    Aber sie will wissen, wer die Knigin der Wste ist.
    Safur sieht so mrrisch und gereizt aus.
    Wie er wieder mal ein paar Verse zerreit, sammelt die Tarub gleich nachher
mit groem Eifer abermals die Papierteile, setzt sie zusammen und liest:

Zum Knig Saiduk bist Du gegangen?
Zum Knig mit den schwarzen Wangen?
Wilde Dschinne, komm zu mir!

Die Verse klren die Tarub nicht auf.
    Sie wird auch gereizt.
    Was will denn der Safur mit der Dschinne?
    Die Geschichte ist der groen Kchin unbegreiflich.
    Safur bleibt oft tagelang fort -
    Oft fhrt er im Kahn den Tigris hinauf - ganz allein.
    Zuweilen geht er auch auf die Jagd - bringt aber selten was mit.
    Die Tarub wird mitrauisch und eiferschtig.
    Eines Tages findet sie wieder ein paar zerrissene Verse - die gingen so:

Nun lach nicht mehr so schaurig!
Dein Lachen macht mich traurig!
Und sprich zu mir ein Wort!
Das Schweigen ttet die Liebe.
Du sollst mich aber lieben -
Ach, hrst Du mich denn nicht?

Da regt sich das Weib in der Kchin -
    Sie wird eiferschtig und schleicht ihrem Dichter nach - doch sie trifft
kein Weib - nur ein paar alte Eremiten.
    Die Eremiten forscht sie vorsichtig aus, hrt jedoch nichts von ihnen.
    Safurs Augen sehen so scheu aus.
    Manchmal spricht er zu sich selbst ...
    Da findet die Tarub eines Morgens im Kahne abermals viel zerrissenes Papier,
und auf all dem Papier steht immer dasselbe - immer nur:

Du bist die Nacht!
Du bist der Tod!

Diese Worte beruhigen das Weib - denn dem wirds nun allmhlich klar, da die
Dschinne garnicht lebt, sonst knnt er sie doch nicht Nacht und Tod nennen.
    Doch was fehlt denn ihrem Dichter?
    Soll das der Anfang des groen Gedichts sein?
    Richtig - jetzt fllt der Tarub ein, da er ein Dschinnengedicht schreiben
will.
    Sie wird ganz ruhig.
    Auf einem nicht zerrissenen Papierstreifen steht:

Und ewig bleibt sie still und stumm!
Ich dreh mich md im Kreis herum,
Die Dschinne will mir nichts sagen.

Ha! Ha! ruft da die Tarub und schmeit den Streifen fort - da die Dschinne
nichts sagt, kommt der Kchin so schrecklich natrlich vor - jetzt ist sie nicht
mehr eiferschtig - ganz und gar nicht.
    Doch sie fhlt sich jetzt einsamer denn je.
    Die Einsamkeit ist ihr grlich.
    Und sie sehnt sich nach Bagdad zurck.
    Mit dem Safur ist es ja nicht mehr zum Aushalten, sein Gesicht wird immer
hlicher - diese krausen Stirnfalten! - diese dicke Unterlippe! -
    Manchmal allerdings ist der protte Br recht in Sorge - Safur sieht so krank
aus.
    Inde - sie kann um Safurs Dichterei willen nicht ihr ganzes Leben so
hinfressen - das geht nicht!
    Und Safur mag die Tarub nicht mehr ansehen; ihn berhrt das Krperliche an
ihr so unangenehm.
    Er ist sehr hflich zu ihr, wnscht aber innerlich, da sie recht bald nach
Bagdad zurckkehren kann.
    Als Kchin ist sie ihm jetzt garnichts mehr.
    Er mag nur noch ungern was Besseres essen.
    Am liebsten it er Brot und Frchte.
    In der Lehmkate wird nun alles so merkwrdig.
    Die Menschen da drinnen haben sich nichts mehr zu sagen - sie sind einander
fremd geworden.
    Zank gibts nicht mehr.
    Einer geht am Andern vorbei, als wr der nicht da.
    Eines Tages kriegt die Tarub aus Bagdad einen Brief vom Schneider Dschemil -
sie mcht doch zu ihm kommen und seine Kchin sein, sie solls gut haben - er,
der Schneider Dschemil, sei jetzt sehr reich und wolle fters Festessen
veranstalten und so weiter.
    Der Brief kommt der berhmten Kchin nicht ungelegen; sie tut allerdings
anfangs so, als wolle sie nichts vom Dschemil wissen - aber wie Safur ihr ruhig
zuredet, gibt sie dem Boten, der ihr den Brief brachte, einen andern Brief mit,
in dem sie Ja! sagt.
    Und dann gehts ans Packen.
    Dabei wird ihr allerdings ein bichen eigentmlich - Safur ist ihr doch noch
nicht so ganz gleichgltig - durchaus nicht!
    Sie findet auch jetzt ein sauber geschriebenes Gedicht, das sie noch mal
heftig erregt - da steht geschrieben, und es ist nicht zerrissen:
    Die Dschinne singt:

Ja, unter Deinen weien Rosen
Will ich heut Abend mit Dir kosen.
Horch auf meinen knatternden Peitschenknall!
Oh! der donnert grausig durchs Weltenall!
Wirst ihn schon hren!
Ich will um Deine Liebe werben
Mit ganz besondrem Wstenwitz.
Sieh! Die mich lieben, mssen sterben -
Und wen ich ksse, trifft der Blitz!

Noch einmal ist die Tarub wieder ganz Liebe zu ihrem Safur - noch einmal - unter
den weien Rosen.
    Und Safur?
    Der wird zuweilen so wehmtig.
    Er fhlt, da die Tarub stets das schwere Bleigewicht war, das ihn, der
immer in eine andre Welt hinauffliegen wollte, an die Erde fesselte - die Tarub
war seine Sklavenkette.
    Aber wenn mal diese Sklavenkette abri - was dann?
    Wirds zu seinem Heile sein?
    Wirklich?
    War die Sklavenkette nicht auch zu was gut?
    Den Dichter frstelt, als berhre ihn eine Totenhand.
    Jetzt kann er fliegen - in das andre Land.
    Ist das aber nicht der Tod?

Du bist die Nacht!
Du bist der Tod!

Das murmelt leise der Dichter und fhrt auf den Tigris hinaus - er will dichten.
    Und er dichtet:

Meine Wstenbraut!
Mein dunkles Weib!
Komm und k mich tot!

Und dann wirft der Dichter all sein Papier und sein ganzes Schreibzeug ins
Wasser - er will nicht mehr dichten - es wird ja doch nichts.
    Warum soll er auch dichten - warum?
    Er will seine Dschinne sehen - seine Dschinne!
    Es flstert in der Luft.
    Safur horcht - und trumt und erschrickt zuletzt, als ihn die Tarub vom Ufer
aus anruft.
    Der Kahn, der die Tarub nach Bagdad bringen soll, ist angekommen.
    Safur kt seine Tarub noch einmal so strmisch - als wrs zum letzten
Mal.
    Und dann geht die Tarub fort - weinend.
    Die weien Rosen duften so wunderbar.
    Safur steckt noch seiner Kchin ein paar weie Rosen ins schwarze Haar und
streichelt ihren schwarzen Zopf.
    Der Abendhimmel ist gelb.
    Bagdads berhmte Kchin hebt sich prchtig vom Himmel ab - wie ein ehernes
Standbild,
    Safur liegt unten am Ufer und sieht seine Tarub da stehen - vor dem gelben
Himmel.
    Und als der Kahn vom Ufer abgestoen wird, fngt die Tarub furchtbar an zu
weinen.
    Safur weint auch.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Ein leises Klingen geht durch die Luft.
    Safur fhlt sich so frei. Ihm ist, als wrd er pltzlich emporgetragen
hinber ins andre Reich.
    So als wenn er schwebe, ist ihm jetzt.
    Er hat das Gefhl, da etwas Schweres von ihm genommen wurde, er fhlt sich
erleichtert - so frei - so frei - garnicht mehr irdisch.
    Eine wunderbare Seligkeit umfngt ihn.
    Wie froh ist er, da die Tarub fort ist!
    Er sieht pltzlich seine Dschinne vor sich und sinkt auf die Kniee -
schliet die Augen und fllt zurck.
    Wunderbar duften die weien Rosen.
    Safur trumt von Wolken und von Huris.
    Pltzlich hrt er knatternden Peitschenknall - einen furchtbaren Donner!
    Der Dichter will die Augen ffnen, kann aber nicht - er vermag nicht ein
Glied zu rhren.
    Und der Donner hrt nicht auf.
    Seine Dschinne ist da - er fhlt es.
    Ein Pferd wiehert, und dann lacht wer.
    Ein hellblaues Licht blendet pltzlich des Dichters Augen. Er sieht hinein
und sieht seine Dschinne auf schwarzem Ro hoch aufspringen - ins blaue Licht
hinein.
    Die grauen Gewnder der Dschinne flattern und knallen; wieder donnerts!
    Und die Dschinne reitet in den Himmel hinein; sie dreht sich um, ihre
Peitsche saust knatternd durch die Luft.
    Ein Stier springt empor - ein wilder Stier - der sprengt auch in die blaue
Luft hinauf.
    Safur erhebt sich - ein Sturmwind erfat ihn - und im nchsten Augenblick
sitzt er auf dem Stier, und nun gehts der Dschinne nach.
    Schwefelgelb wird die Luft.
    Auf grauen Wolken rasen - der Dschinne Ro und Safurs Stier.
    Ein Blitz zerreit die gelbe Luft.
    Aus tausend Kehlen lacht es.
    ber die Wolken hin rast vor dem Stier ein unzhlbares Reiterheer - Knig
Saiduk mit seinen Dschinnen.
    Und die Dschinne, die er verfolgte, stt ihr Pferd in die Tiefe und schwebt
zum Knig und umhalst ihn - Safur schreit - und da fllt er kopfber von seinem
Stier runter - in die Tiefe - sieht nichts mehr - - -
    Wie Safur erwacht, liegt er am Tigrisstrande, und der Vollmond leuchtet ber
den Wassern, und die weien Rosen duften - - - -
    In einigen Wochen wird Safur ein ganz Andrer. Seine Augen liegen hohl im
Kopf, und sein Leib ist abgemagert - wie ein Gespenst geht er am Strande auf die
Jagd. -
    Oft sieht er Hynen.
    Unstet ist sein Blick, scheu - als htt er ein Verbrechen begangen.
    Ans Essen denkt er nur selten.
    Wenn er aber angefangen hat zu essen - dann it er mit furchtbarem
Heihunger. Gewhnlich schlingt er das ungekochte Fleisch wie ein wildes Tier
runter.
    Jetzt trinkt er mit Vorliebe - heies Blut.
    Und er wird dann immer sehr wild.
    In jeder Nacht fiebert er.
    Und seine Fiebertrume sind entsetzlich.
    Er verfolgt immer seine Dschinne.
    Auch die Tarub erscheint ihm, und sie ist sehr gut zu ihm, sagt immer:
    Sieh, wenn Du mich nicht gehabt httest, dann httest Du doch nie die
Dschinne geliebt. Mir verdankst Du alles. Das Roh-Krperliche hat das Geistige
erzeugt - die Dschinne ist ja meine Tochter - weit Du das nicht?
    Und diese Rede hrt er mehrere Male, und er wird dann immer sehr aufgebracht
und zankt sich mit der Tarub.
    Nachher jagt er wieder dem Knig Saiduk nach und prgelt sich mit ihm - der
aber wrgt ihn immer - was furchtbar ist.
    Wenn dem tollen Dichter ein Eremit begegnet - so verbirgt der sich im
nchsten Gebsch.
    Zuweilen sind des Dichters Fiebertrume sanfter - besonders, wenn der Mond
nicht scheint. Dann trumt er wohl von prchtigen Grten, in denen er von vielen
schnen Frauen ganz langsam umhergetragen wird.
    Von Riesensphinxen trumt er auch - deren Haupt ragt hoch in den Himmel bis
an die Sterne - und die Brste der Sphinxe sind so gro wie Erdkugeln - oh -
noch grer!
    Die ruhigen Trume werden jedoch immer seltener.
    Von den beiden Riesen - Harut und Marut - die in der Beluspyramide an den
Fen aufgehngt sind, trumt dann auch mal der Dichter ...
    Wie er aber einmal erst von denen trumte, kann er sie nicht wieder
vergessen.
    Er glaubt immer, sie verfolgten ihn, sie gingen hinter ihm - mit den Kpfen
an die Erde stoend - und zwischen ihnen - seine Dschinne!
    Und diese Vorstellung lt ihn nicht mehr los.
    Er will andre Geister zu Hilfe rufen.
    Er betet auf den Knieen zum Knig Saiduk.
    Nun will er unter allen Umstnden in die berirdische Welt hinein - er mu -
er kann nicht mehr anders.
    Wenn er in der Lehmkate sitzt und brtet, ist ihm so, als wren Harut und
Marut drauen vor der Tr und wrgten - seine Dschinne - seine Dschinne!
    Mein Weib! Mein Weib! schreit er dann und strmt hinaus.
    Indessen da kommts ihm immer so vor, als wenn Harut und Marut blitzschnell
mit der Dschinne ins Haus hineinschlpfen.
    Immer sind sie hinter der einen Wand, ob er nun vor der Kate oder mitten in
der Kate steht.
    Seine Blicke durchbohren die Wand.
    Er will hinter die Wand kommen - hinter die Wand - hinter die dumme Wand!
    Wie ein wildes Tier schreit er hin und wieder - da es schaurig nachts ber
die Wasser hallt.
    Alle seine Muskeln spannen sich an, er fhlt in sich bermenschliche
Riesenkrfte; er will Harut und Marut vernichten.
    Grlich schreit er daher jeden Abend:
    Harut! Marut! Kommt heraus! Harut! Marut! Ich erwrg Euch! Harut! Marut!
    Wer auf dem Wasser vorbeirudert und das hrt - schaudert zusammen.
    Niemand wagt dem Dichter zu nahen.
    Eines Abends, wie wieder der Vollmond ber dem Tigris steht und sanft
leuchtet, schreit Safur lauter denn je.
    Er will durch die Wand durch - durch die dumme Wand - grade da will er
durch, wo eine rote Tontafel eingelegt ist, aus der wunderliche Figuren
herauskommen.
    Er will da durchaus durch.
    Noch einmal schreit er wie ein wildes Tier:
    Harut! Marut! Jetzt komm ich! Mein Weib! Mein Weib! Harut! Marut! Jetzt!
    Und mit frchterlicher Kraft rennt er mit dem Kopf gegen die Lehmwand, da
sein Haus erzittert und da sein Schdel - birst.
    Mit gellendem Schrei bricht der Dichter zusammen.
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    Die Hynen kommen langsam nher.
    Wunderbar duften die weien Rosen.
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                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Die Sterne verblassen.
    Der Wind weht sanft ber den Tigris.
    Es wird wieder Morgen.
    Die Christen feiern in Bagdad - Neujahr und schreiben das Jahr 897.
    Die christlichen Weinwirte sind sehr freigebig gewesen - gaben in der
letzten Nacht so manchen dicken Weinschlauch zum Besten.
    Man darf sich also nicht wundern, da sich Bagdad an diesem christlichen
Neujahrsmorgen in recht gehobener Stimmung befindet.
    Abu Hischam, der mit Kodama fast die ganze Nacht Schach gespielt hat, kehrt
noch auf der Tigristerrasse ein - da lrmen die Tofailys.
    Abu Hanifa und Hamadany sind auch da.
    Die Tofailys zanken natrlich. Sie hassen sich, sie beneiden sich, sie
verleumden sich - wie gewhnlich.
    Es ist bekanntgeworden, da der verstorbene Safur das Wort Tarub zuletzt
als Schimpfwort gebrauchte, da er das ganze ungebildete Volk Tarub nannte.
    Das hat sich sehr schnell herumgesprochen.
    Und nun gehrt die Tarub wieder zu den berhmtesten Persnlichkeiten der
arabischen Literatur.
    Hamadany ist Tarubs Geliebter.
    Buchtury und Abu Hanifa machen sich ein Vergngen daraus, Tarubs Vorzge in
den Schatten zu stellen. -
    Abu Hanifa, der jetzt schon einen Ruf als Sptter geniet, weist zunchst
mit hhnischem Gesicht auf die Tugenden der Tarub hin, preist ihre Gesundheit,
ihren echten Zopf, ihre starken Zhne, ihre Kenntnis der Gemsearten, ihre
Sauberkeit, ihre Arbeitsamkeit, ihre Klatschsucht, ihre Grobheit, ihre einfachen
Sitten - und - und Abu Hanifa will sich totlachen.
    Schon mchte der Hamadany rgerlich werden, da kommt jedoch der Abu Hischam
und nimmt die Tarub in Schutz:
    Kinder, erklrt er lachend mit dem Becher edlen Weins in der Hand,
Kinder, was wr die Welt, wenn wir keine Tarubs htten? Ihr seid ja sehr feine
Kpfe - sehr feine Kpfe - knnen aber Kpfe ohne Leiber leben? - seht Ihr? Da
habt Ihrs! die Tarubs sind die Leiber; die sind auch ntig - grade fr Euch! Die
Tarub, die ich bekanntlich ebenfalls sehr liebe, ist fr die Entwicklung der
arabischen Literatur garnicht so unwichtig gewesen. Wie oft hat uns Bagdads
berhmteste Kchin was Gutes gekocht! Kinder! ich glaube, es gbe unter uns
keine Verfeinerung, wenns keine Tarub gbe. Tarub lebt unter uns wien erzenes
Standbild. Ja - Tarub ist das einfache Volk - aber das bleibt und trotzt allen
Strmen - ist das garnichts? Die feinen Kpfe gehen gewhnlich entzwei, die
Tarubs gehen nicht so leicht entzwei - ist das nicht wahr?
    Ja! schreien Alle und lachen - andre Tofailys stehen herum und hren zu.
Abu Hischam schwankt - fllt bald nach hinten, bald nach vorn, redet aber ruhig
weiter, wie ihn zwei Tofailys festhalten.
    Unsinn! ruft er laut, Unsinn ist die dumme Feinheit! Beim Barte des
Propheten - die Gesundheit ist doch auch was! Ich trinke auf Tarubs Gesundheit!
    Mit Gejohle klirren die Becher zusammen.
    Abu Hanifa schreit heftig:
    Nur die Kranken preisen die Gesundheit! Den Gesunden fllt das nicht ein!
    Doch diese Bemerkung strt den lustigen Philosophen nicht im mindesten, er
spricht weiter:
    Meine Freunde! Safur mute stets einem Idole nachjagen, das garnicht lebt -
also erzhlte mir gestern der Prophet Abu Maschar - ich laufe einem Idole nach,
das wirklich auf der Erde da ist, dem wir alle nachlaufen sollten. Die Tarub ist
mein Idol - das bet ich an. Die Tarub ist das eherne Gtzenbild, das wir alle
umtanzen sollen - sie ist was Festes - sie steht in unsrer Mitte. Da nun aber
Bagdads berhmte Kchin nicht hier ist - so lat uns ihren Geliebten, den
Hamadany, umtanzen!
    Der Philosoph konnte kaum ausreden.
    Eh er sichs versah, war Hamadany umringt, und - man tanzte um ihn rum.
    Das sah sehr drollig aus.
    Der Lrm schallte ber den Tigris der aufgehenden Morgensonne entgegen.
    Wie sich die Aufregung ein bichen gelegt hat, geht Hamadany fort - zu
seiner Tarub.
    Heut Abend also bei Dschemil! ruft er noch lachend den Andern zu.
    Der Schneider Dschemil ist jetzt auch berhmt - und wie!
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    Die Tarub weinte viel - das zog den Hamadany an - er wollte sie trsten -
und so kamen sie zusammen.
    Hamadany betrinkt sich garnicht mehr - um seine berhmte Kchin nicht an den
Safur zu erinnern.
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    ber den Karawanenplatz, der im Frhlicht so farbenfrisch aufleuchtet wie
ein Haufen bunter Edelsteine, reitet der Prinz Ali - mit groem Gefolge - er
will auf den Sklavenmarkt.
    Die jungen Araber, die betrunken nach Hause wanken, begren den Prinzen in
sehr eigenartiger Weise - sie stehen, whrend er vorbeireitet, auf einem Beine,
was ihnen natrlich nicht leichtfllt.
    Diese Begrungsart entspricht einem besonderen Wunsche des Prinzen.
    Den Fremden ist es jedoch verboten, den Prinzen auf einem Beine zu begren.
    Der Ali hat noch immer die merkwrdigsten Einflle.
    Es liegt in der Zeit eine gewisse Sucht nach aufflligen Geschichten. Jeder
will bemerkt und berhmt werden. Dabei belacht zu werden - gilt nicht als
Schande - im Gegenteil!
    Der Prinz rgert sich drum auch garnicht, als er auf dem Sklavenmarkte mit
einem Spottliede empfangen wird, das ihm hauptschlich die Frauen gern zu hren
geben, da er seiner ungewhnlichen Neigungen wegen ebenfalls berhmt ist.
    Das sehr harmlos klingende Spottlied geht also:

Prinz Ali ist ein Mann!
Prinz Ali ist ein Mann,
Der wunderschn regieren kann,
Man seh ihn sich nur lnger an!
Prinz Ali ist ein Mann!

Diese nicht grade geistreichen Verse haben zum Ruhme des Prinzen sehr viel
beigetragen - er hrt sie deshalb zuweilen mit grtem Wohlgefallen.
    Sein Bruder, der Prinz Abdallah, der durch seine eigenen Gedichte berhmt
werden will, ist ordentlich neidisch auf dieses Spottlied - auf ihn hat man noch
keins gemacht.
    Die Zeit leidet an Ruhmsucht.
    Abu Hanifa sagt Jedem, dem was fehlt:
    Mensch sei vergngt! Wenn man nur berhmt ist - dann ist Alles gut!
    Unzhlige Araber murmeln ihm nach:
    Wenn man nur berhmt ist!
    Drollige Zeit!
    Von dem Chalifen hrt man nicht mehr viel. Man wei garnicht mehr, wer
eigentlich an der Regierung ist - fragt auch nicht danach.
    Sehr viele religise Sekten werden gegrndet.
    Der nichtswrdige Dichter Al Rumy, ein Anfhrer der Tofailys, hat auch eine
neue Religion gegrndet - deren Kultus sich um Wettlaufen, Faustkmpfe und
Ringkmpfe dreht.
    Al Rumy hlt die Leibesbungen fr die besten Erlsungsmittel und preist die
in sehr marktschreierischer Weise an - bei den Tofailys erzielt er einen
ungeheuren Erfolg.
    Die Tofailys verbesserten durch Al Rumys Religion die Aufnahmefhigkeit
ihres Magens.
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    Osman beschftigt an die hundert Schreiber.
    Die lauteren Brder schreiben ja nicht allzu viel - dafr schreiben aber die
Tofailys um so mehr - besonders Dschinnengedichte werden von den letzteren
geschrieben.
    Buchtury hat auch ein langes Gedicht geschrieben - in dem kommt eine
Dschinne vor, die so viel it und danach so dick und schwer wird, da sie
schlielich ihrem Hengst das Rckgrat zerbricht - - -
    Abu Hanifa schreibt ber die Omijaden.
    Kodama schreibt Vorreden zu den Werken der lteren arabischen Literatur.
    Der alte Suleiman ist so gut wie verschollen - er soll in Kufa leben. Er
verschwand, als sich die Sailndula in den Tigris strzte und - ertrank.
    Jakuby klettert in den Ruinen von Persepolis umher und gedenkt, nach
Nordchina zu pilgern - unermdlich ist der alte Herr.
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    Die Sareppa hats Genick gebrochen.
    Die Abla ist krank.
    Said ist auch gestorben.
    Die arabische Literatur versammelt sich jetzt beim Schneider Dschemil.
    Es geht dort allerdings ein bichen gemischt zu.
    Battany und Osman besuchen den Schneider nicht, die haben sich
zurckgezogen.
    Osman gibt zuweilen einem ganz erlesenen Kreise von Gelehrten ein
frstliches Abendessen - mag jedoch die meisten lauteren Brder nicht zu oft bei
sich sehen.
    Aus der Gesellschaft der lauteren Brder ist jetzt wirklich ein
abgeschlossener Geheimbund geworden.
    Und zu diesem Geheimbunde gehren diejenigen, die einst den Bund grndeten,
zum groen Teile nicht mehr.
    Die Inder und die gypter, die bei Al Battany stndig zu Gaste sind, haben
sich ganz und gar des Bundes bemchtigt.
    Die Bundesangelegenheiten werden smtlich in den Grten des reichen Al
Battany errtert - Osman wird immer seltener zu Rate gezogen - an die andern
Araber denkt man garnicht.
    Bei den Indern hat sich beinahe eine Feindschaft gegen das Arabertum
ausgebildet, und fters zog man in gehssigen Ausdrcken gegen den armen Safur
los, in dem man das Urbild des Arabers sehen wollte, der an seiner Genugier zu
Grunde gehen mute.
    Als Osman den Toten mal in Schutz nahm, ihn besonders als Dichter sehr
herausstrich und schlielich sagte:
    Seine Tollheit war eine ganz ernste Tollheit - er hatte Vieles in sich, was
ihn sehr berhmt gemacht haben wrde - da ward der khne Schreiber fast
garnicht mehr von Battany eingeladen.
    Da Safur ein echter Araber vom Scheitel bis zur Zeh war - daran zweifelte
natrlich im Volk und unter den Tofailys kein Mensch - bei Battany wurde ihm das
aber zum Vorwurf gemacht - - - was glcklicherweise nicht allgemein bekannt
geworden ist - - - sonst wrs dem Battany noch schlecht ergangen - - -
    Safurs Einflu auf die Tofailys war recht gro - die waren im Jahre 897
smtlich groe Feinschmecker geworden - und viele von ihnen schrieben
Dschinnengedichte ...
    Nicht immer das Beste kommt an die Oberflche.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Sternwarte ist fast verdet.
    Abu Maschar steht zwar noch immer auf dem Mittelturm und rechnet - sonst ist
es aber ganz still - die Mongolen reiten unten nicht mehr herum - Battany hat
sich eine neue Sternwarte in seinem Garten erbaut.
    Der Prophet steht auf seinem Mittelturm wie ein Gespenst - auch an dem
christlichen Neujahrsmorgen.
    Wie das Spottlied auf den Ali vom nahen Sklavenmarkt herberhallt, murmelt
der Prophet lchelnd:
    Aha, Ali kommt!
    Und der Prophet rechnet weiter.
    Spter sagt er seufzend:
    Ach! Ali kommt immer! Auch die Lcherlichkeit ist unsterblich. Und da
behaupten die Menschen noch, da sich die Welt entwickle. Nein - die entwickelt
sich nicht. Die Welt wird nach tausend Jahren genauso klug und genauso dumm sein
- wie sies heute ist.
    Und der Prophet achtet nicht drauf, da die Sonne allmhlich hher und hher
steigt und heier wird -
    Der Prophet rechnet wieder - rechnet.
