
                               Janitschek, Maria

                              Die Amazonenschlacht

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                                Maria Janitschek

                              Die Amazonenschlacht

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Also das war ihr Zimmer. Sie streifte die Handschuhe ab und sah sich um. Das
eiserne Bett, der Schrank aus weichem gestrichenen Holz, die fleckige
Tischdecke, das in der Mitte eingesessene Sofa machten keinen besonders
freundlichen Eindruck. Aber das rgste, nein, das konnte sie nicht sehen.
    Frulein!
    Jawoll.
    Sagen Sie, mssen diese ldrucke da hngen?
    Die Bilder? I Jott bewahre! Wenn die gn Frau schnere hat, knnen wir die
da wechnehmen.
    Schnere? Ich fhre keine Bilder bei mir. Ich habe ja ein mbliertes Zimmer
gemietet, aber diese grellen Gemlde schmerzen meine Augen.
    Wollen se fortnehmen. Nachdem, wenn die gn Frau zum Essen jehn, denn et
wird Staub jeben. Die Bilder hngen schon manchet Jahr da. Den Herrn Mietern
haben se immer jefalln.
    Ich danke Ihnen. Wasser ist in der Kanne, nicht wahr?
    Die junge Frau neigte sich ber den Waschtisch.
    Det will ick meenen, dat Wasser drinne is: wenn man von de Reise kommt, det
wee ick schon. Habn Se sonst noch 'n Wunsch?
    Das fahle Gesicht des Dienstmdchens sah mit impertinentem Lcheln auf die
junge Dame. Sonst nischt, denn ziehe ick mir zurck.
    Die Thre fiel ins Schlo.
    Drauen drehte die Magd die Visitenkarte der Dame zwischen den Fingern.
Hildegard Wallner. Also die soll an de Dhre kommen? Na meintswejen. Een
besonderer Name is det nich. Un nich 'mal Frau steht druf. Nu, man wee ja ooch
nich. - Sie heftete das Krtchen mit vier kleinen Ngeln an die Korridorthre.
Whrend dessen tauchte Frau Hildegard ihr Gesicht in die Waschschssel und
wunderte sich, da man ihr warmes Wasser gebracht hatte. Nach einer Weile
steckte sie den Kopf durch die Thr.
    Frulein.
    Jawoll.
    Knnt ich nicht etwas kaltes Wasser haben?
    Habn Se ja schon.
    Wie? Ich meine ganz kaltes, von der Leitung.
    Haben Se ja schon, Frau Wallnerchen, haben Se ja schon. Bei uns is det det
kltste Wasser. Sonst mssen Se sich von'n Konditer Eis holen lassen.
    Frau Hildegards Lippen verzogen sich leicht.
    Danke.
    Sie zog den Kopf wieder herein, trocknete sich das Gesicht, kmmte ihr
schnes dunkelbraunes Haar, und schlpfte in ihr Kleid.
    Dann lie sie sich auf das Sofa nieder und sttzte den Kopf in die Hand.
    Nun, so arg war es ja wohl nicht, wie es im ersten Augenblick erschien.
    Natrlich, sie war ihre Kleinstadt gewhnt mit der schneeweien Sauberkeit
und dem kalten Quellwasser. Dafr hatte sie ja jetzt ein anderes Gut
eingetauscht, ein Gut, nach dem sie lange geschmachtet: die Freiheit. Was lag an
all den Nebenumstnden, die vielleicht jetzt ungnstiger als frher wurden?
    Sie wrde nun sicher zufrieden werden, besonders wenn sie erst eine
Beschftigung gefunden hatte. Wer, der jahrelang in einer unglcklichen Ehe
geseufzt, wird nicht den ersten Tag, da er sich frei wei, einen glcklichen
nennen?
    Wenn man blo denken, Einiges noch berlegen knnte; aber der Lrm, der von
der Strae heraufdrang, war zu toll. Sie schlo das Fenster.
    Ob das immer und ewig so forttollte? oder ob heute ein besonderer Tag war,
Markttag, oder so etwas?
    Sie mute ber sich selbst lachen. Hatte sie sich doch wieder in ihre
kleinstdtischen Verhltnisse zurckversetzt. Hier in der Millionenstadt war
vermutlich jeder Tag ein Markttag. Sie versank in Gedanken; dann trat sie zum
Fenster, um es zu ffnen. Die Luft hier war gar zu erstickend. Wonach roch es
nur eigentlich? Sie grbelte eine zeitlang; dann entschlo sie sich auszugehen -
irgendwohin zum Mittagessen. Es war ein Uhr, die Stunde in der sie auch zu Hause
gespeist hatten. Sie zog das Jaquet an, setzte das Htchen auf, das sie
sorgfltig einer Pappschachtel entnommen hatte, und ging hinaus. Drauen im
Vorzimmer am Fenster sa das Mdchen und las. Es war ein Leihbibliotheksband,
ber und ber von Fettflecken bedeckt. Die Lesende lie ihn langsam in ihren
Schoo gleiten.
    Juten Apptit, Se jehn woll frhstcken?
    Nein, ich gehe zum Mittagsbrod; wo kann man hier essen?
    Wo? In'n Franziskaner, jleich um de Ecke links. Eene Mark det Kuvert.
    So, das wre nicht zu teuer; kann eine Dame auch allein hingehen?
    Det will ick meenen. Ick zum Beispiel dhus ooch. Freilein Schulze jiebt
mich Speisejeld, da jeh ick jedn Mittag los.
    Essen auch Sie beim Franziskaner?
    Nee, ick jeh zur Lachmuskel. Hintn im Hof is eene famose Stube; in de vorn
jelegene jeh ick nich, weils da dheurer is.
    Weshalb kochen Sie nicht zu Hause?
    I wo denken Se hin? Bei den weiten Weg, den Freilein Schulze int Jeschft
hat. Un fr mir alleene kochen, nee, det wr nischt.
    Hildegard schttelte den Kopf.
    Die Thre da drben fhrt wohl zu Frulein Schulzes Zimmer?
    Ja det thut se.
    Und wo schlafen Sie?
    Hier uf 'm Sofa.
    Das Vorzimmer war eng, aber anstndig mbliert; Sofa, Tisch, und einige
Sthle bildeten seine Einrichtung. Am Fenster befand sich ein Nhtisch. In einer
Ecke stand ein Kleiderrechen, daneben ein Reisekorb.
    Viel Licht haben Sie hier nicht.
    Hildegard sah in den engen Schacht hinab, der den Hof vorstellte.
    Brauch ick ooch nich; dafor jiebts Lampen.
    Ob die Dienstmdchen hier alle so impertinent waren? Frau Wallner ma mit
leichtem Stirnrunzeln die Magd. Es schien ihr, als habe sie noch nie ein so
hliches Gesicht gesehen. Um den breiten Mund gegen das Kinn hin befand sich
eine Menge kleiner Warzen und erinnerte an die Haut der Krten. Die Nase glich
einem birnfrmigen Fleischklumpen; die Augen stachen zwischen weilich blonden
Wimpern klein und tckisch hervor. Unendlich sprliches semmelfarbenes Haar
umgab die niedere Stirn.
    Armes Geschpf, dachte die schne junge Frau; dann sagte sie mit
freundlicherer Stimme als vorher:
    Wie soll ich Sie rufen? Frulein, ist auf die Dauer doch zu langweilig.
    Find ick nich. Ick heee Anna Niehm. Aber ick hret lieber, wenn Se mir
blo Freilein rufen.
    Hildegards Wangen rteten sich leicht; dann wandte sie sich zum Ausgang.
    Richtig, der Schlssel. Ich habe noch keinen Korridorschlssel.
    Die Magd erhob sich trg und langte von dem Bordbrett neben dem Sofa einen
Schlssel herab.
    Hildegard ging vorsichtig die steile enge Wendeltreppe hinab. Unten blieb
sie einen Augenblick stehn, um sich das Haus nher zu betrachten. Es war ein
ganz schmaler, alter, spitz zulaufender Bau, vielleicht eines der ltesten
Huser Berlins. Das hchst gelegene Fenster, dort bald unterm Giebel, war das
ihre.
    Als sie, noch von Konstanz aus, hier in einer Tageszeitung ihr
Wohnungsgesuch einrcken lie, hatte sie ein besseres Resultat ihres Suchens
erwartet. Sie hatte aus einem Wust angebotener mblierter Zimmer gerade dieses
hier gewhlt, weil die Strae, in der es sich befand, Unter den Linden hie, und
sie sich unter dieser Strae Herrliches vorstellte. Nun, vielleicht wrde sie
sich auch hier einleben. Frulein Schulze, die Wohnungsinhaberin kam immer erst
abends nach Hause. Sie war von neun Uhr morgens an in einem Geschfte. Hildegard
wrde heute Abend mit ihr sprechen. Hoffentlich war sie anmutiger als ihre
Dienerin.
    Das Mittagessen beim Franziskaner verlief beraus peinlich fr Frau
Wallner. Man starrte sie an; sie errtete, geriet in Verlegenheit und gab so
Veranlassung, da man sich ber sie lustig machte und sie noch mehr anstarrte.
Nach dem Essen unternahm sie einen Spaziergang, verirrte sich natrlich, mute
in eine Droschke steigen, und kam schlielich gegen Abend heim. Sie war todmde
geworden, warf sich auf das Sofa und schlief ein. Ein starkes Klopfen an der
Thr erweckte sie. Eine Dame trat herein.
    Verzeihen Sie, da ich den Schlssel als Klopfer benutzt habe. Aber wenn
man nicht mit etwas Derberem als dem Finger anpocht, hrt mans hier innen
nicht.
    Hildegard, noch ganz verschlafen, lchelte.
    Frulein Schulze, nichtwahr? O bitte setzen Sie sich. Sie zog die Andere
neben sich auf das Sofa.
    Na, ich wnschte blo, da es Ihnen bei mir gefllt. Ich habe immer
vornehme Mieter gehabt. Es ist sehr ruhig hier; ich bin den ganzen Tag nicht zu
Hause.
    Das thut mir leid, meinte Hildegard, ihre Hausfrau von der Seite
betrachtend, ich htte Sie gerne um allerlei gefragt, mir Ihren Rat erbeten.
    Das knnen Sie ja, liebes Frauchen. Das gutmtige, volle, stark gepuderte
Gesicht der Vermieterin verzog sich zu einem freundlichen Lcheln. Ich komme
jeden Abend gegen elf Uhr nach Hause. Da knnen wir nachher immer noch ein
Weilchen plaudern.
    So spt erst meinte Hildegard.
    Das Frulein zupfte sich die leicht angegrauten blonden Lckchen in die
Stirn.
    Das nennen Sie spt? Aber ich bitte Sie, das ist ja ganz zeitig. Um acht
Uhr schlieen wir das Geschft, dann gehe ich mit Bekannten soupieren. Dann -
brigens wie ists denn, haben Sie gar Niemand hier in Berlin?
    Frau Wallner schttelte den Kopf. Keinen Menschen.
    Das ist traurig, aber - Sie werden mehr Bekanntschaften machen, als Ihnen
angenehm ist.
    Wieso? fragte Hildegard etwas brsk. Ich bin hierhergekommen, um mir eine
Stellung zu suchen, nicht um mich zu unterhalten.
    Sie sind von Ihrem Mann geschieden, wie mir Ihr Brief andeutete.
    Getrennt. Hildegards Wangen frbten sich purpurn. Und ich wnschte
schnell irgend eine Beschftigung zu finden?
    Hm. Frulein Schulze betrachtete die hbsche junge Frau. Als was mchten
Sie denn angestellt werden?
    Als was? Ach, vielleicht als Sekretrin oder so. Ich wei selbst nicht. Ich
spreche franzsisch und englisch.
    Verstehen Sie die Buchfhrung?
    Nein.
    In ein Geschft mchten Sie nicht.
    In ein Geschft? Nein.
    Hildegards Augen drckten Befremden aus.
    Na ich meinte nur - Frulein Schulze lchelte ein wenig. Wenn man ein
eintrgliches Auskommen sucht -
    Ich habe immer gehrt und gelesen, da in Geschften angestellte Damen sehr
schlechte Bezahlung erhalten.
    Das trifft nicht berall zu. Ich beziehe zum Beispiel eine jhrliche
Einnahme von zweitausend Mark. Das ist doch nicht bel, wie?
    Wahrhaftig? rief Hildegard verwundert, Zweitausend Mark, das ist eine
hbsche Summe. Haben Sie sehr viel zu leisten?
    Ach es geht. Die Schneiderinnen zu beaufsichtigen, einige unserer ltesten
Kunden bedienen, und so weiter.
    Ich mchte am liebsten studieren, meinte Frau Wallner, aber ich bin wohl
zu alt dazu; auch besitze ich zu wenig Mittel, um mich etliche Jahre ber Wasser
halten zu knnen - und so lange dauerts wohl, bis man sich als Rechtsanwalt oder
Doctor medicinae Geld verdient.
    Ja freilich, freilich, sagte das Frulein, so lange dauerts schon. Ich
habe auch einmal so hohe Trume gehabt, aber - na, man wird bescheidener.
    Sie stand auf und drckte Hildegards Hand. Fr heute gute Nacht, Frau
Wallner. Ich la Sie ausschlafen. Morgen Abend erzhlen Sie mir mehr, wenn Sie
Lust haben. Sie entfernte sich grend.
    Sie ist nicht hbsch aber sympathisch, dachte Hildegard.
    Da steckte die Andere den Kopf zur Thr herein. Wie ists mit dem Frhstck?
Nehmen Sie es hier oder auerhalb?
    Hildegard dachte an das Gesicht der Magd. Auerhalb, sagte sie.
    Gute Nacht.
    Gute Nacht.

                                       2


Als Hildegard sich zur Ruhe begeben und die Lampe auslschen wollte, entdeckte
sie, da berhaupt keine angezndet war. Und doch war das Zimmer in taghelles
Licht getaucht. Sie trat verwundert ans Fenster. Eine riesige elektrische
Bogenlampe, die unter demselben hing, klrte sie auf.
    Sie starrte in das blendende Licht. Die Augen thaten ihr weh. Und da sollte
ein Mensch schlafen knnen? Zu Hause hatte ihr das Mdchen nie dunkel genug im
Schlafzimmer machen knnen. Schon wieder das Rckwrtsschweifen ... Hier wars
eben anders. Und die zwei Millionen Menschen schliefen doch, trotzdem sich an
den meisten Fenstern keine Laden, sondern nur dnne Stors befanden. Gut, wenns
die Andern konnten, wollte sies auch versuchen. Die Andern war ja immer ihr
Losungswort gewesen. Sie legte sich zu Bette. Bald aber erhob sie sich wieder.
Nicht die Helle trieb sie empor, der Lrm, der brausende drhnende Straenlrm.
Sie hatte ihr Fenster offenstehen lassen, weil die Luft in der Stube so schlecht
war. Sie schlo es nun und legte sich wieder hin. Aber die dnnen Glasscheiben
machten das donnernde Getne von drauen nicht leiser. Das Klingeln der
Omnibusse, das Getute der Mail Coatch, das Rasseln der Wagenrder, die Stimmen
der tausendkpfigen Menge, die sich eng aneinandergepret da unten vorberschob,
und aus der der Eine den Andern zu berschreien suchte, klang nervenzerreiend
herauf. Hildegard drckte den Kopf ins Kissen. Sie wollte nicht hren, aber sie
hrte doch. Sie band ihr Taschentuch ber die Ohren. Nun hrte sie schwcher,
aber umso bengstigender. Einige Tne klangen sogar vernehmbarer so, andere
erstickten zu einem dumpfen Sausen. Furcht ergriff sie. Es schien ihr, als
gehrten diese tausend und tausend Tne einem riesigen Ungeheuer an, das in
jedem Augenblick die dnnen Wnde des Hauses eindrcken, zu ihr hereinbrechen
und sie zermalmen wrde. Sie erhob sich und ging im Zimmer auf und nieder. Sie
suchte sich damit zu trsten, da all dieser Lrm doch wohl gegen Mitternacht
aufhren mte. Und dann sagte sie sich, da sie heute bermdet und besonders
gereizt sei.
    Morgen wrde es ihr schon besser gelingen, ihre Nerven dem Getriebe der
Grostadt anzupassen. Sie nahm einen Schluck Wasser aus der Karaffe, konnte es
aber nicht hinabschlingen. Es mochte wohl seine vierzehn Grad Wrme haben.
    Ach Gott, nein, das alles hatte sie sich anders gedacht - ganz anders. Und
sie war doch kein kleines vertrumtes Mdchen mehr. Aber so, gerade so htte der
Anfang nicht zu sein brauchen. Sie hatte sich unter einer Zimmervermieterin in
Berlin eine schne alte Dame mit weiem Haar vorgestellt, die sie mit den Worten
empfangen wrde: Liebes Kind, ich will Sie chaperonnieren, seien Sie nur ruhig,
wir werden eine gute prchtige Stellung fr Sie ausfindig machen; schlafen Sie
sich indessen aus. Sehen Sie, dies ist Ihr Zimmer.
    Und die Dame geleitet sie in ein kleines niedliches Zimmerchen. Ein
Resedastock steht am Fenster und duftet. Die altmodischen Mbel sind mit weien
Schutzdecken geziert. In der Ecke steht ein grner Kachelofen. An den Wnden
hngen etliche gute alte lportrts, die Verwandte aus der Familie der braven
Zimmervermieterin vorstellen. Und da kommt auch schon ein Dienstmdchen im
sauberen weien Hubchen, ein zierliches Kaffeebrett mit dem dampfenden Getrnk
in den Hnden. Und die sagt im lieben Badener Dialekt:
    Lasse Sie sichs wohlschmecke, Madamche.
    Ach Gott! Hildegard setzte sich auf den Bettrand und begann zu weinen. Das
Alles hatte sie ja besessen und weggeworfen, weil sie sich als Frau des
Fortschritts fhlte, der das eheliche Zusammenleben mit einem schlichten
Menschen viel zu wenig bot, um ihre geistigen Fhigkeiten zu entwickeln. Das
Weib mu sich selbstndig machen, um beweisen zu knnen, da es auch ohne Mann,
ja gerade ohne ihn, sich eine hervorragende Stellung auf dem Kampfplatze des
Lebens zu erringen vermag.
    So hatte sie es gelesen, Tag fr Tag, in den hbschen blauen, grnen und
gelben Broschren, die ihre Genossinnen im Streite um ihr Menschenrecht ihr
hatten zugehen lassen. Seit es ihr klar geworden war, da sie Einhart nicht
liebte, war pltzlich der Durst nach Bildung in ihr erwacht. Sie begann zu
lesen; zuerst Romane, dann auch anderes. Schlielich war sie khn geworden und
hatte ein oder dem andern Autor, meist waren es weibliche, die sie
interessierten, geschrieben. Nach kurzem Briefwechsel wuten die Andern bereits,
da sie eine Unglckliche, Unverstandene sei, eine jener Tausende, die unter dem
Sklavenjoch der Ehe schmachteten.
    Das war ja eine, wie sie sie brauchen konnten. Die Vertreterinnen der
mnnerverdammenden Richtung antworteten ihr und sandten Bcher, Broschren und
Flugbltter aus ihrer Werkstatt an sie. Sie fhlte sich gehoben, beglckt.
    Nach den letzten trbseligen Monden ihrer Ehe, wo oft Wochen vorbergegangen
waren, ohne da eines der Gatten zum andern sprach, hatte er sie endlich
freigegeben. Ihre Bekannten berhuften sie mit Vorwrfen - Eltern hatte sie
nicht mehr - und bewiesen ihr klipp und klar, da sie eine Nrrin wre, einen
braven edlen Mann zu verlassen, den sie berdies aus einem lebensfrohen Menschen
zu einem wortkargen Sonderling gemacht htte.
    Sie gab scharfe Antworten: da die andern eben dem alten, sie aber dem neuen
Geschlechte angehre, das zu hhern Berufen geboren sei. Mitzuarbeiten am groen
Befreiungswerke der Frau, das sei Pflicht jedes denkenden Weibes. So stolz hatte
sie gesprochen, und nun sa sie auf dem Bettrand und weinte, weils unruhig auf
der Strae war. Sie griff nach der Uhr, es war beinahe zwlf, und streckte sich
wieder aus. Nun mute es doch jeden Augenblick still werden. Eine Genugthuung
hatte sie wirklich. Die elektrische Lampe vor dem Fenster verlschte. Aber der
Lrm? Als sie wieder zur Uhr griff, war es vier. Und dem Lrm fiel es gar nicht
ein, zu verstummen. Es toste, krachte, schmetterte, pfiff fort. Dann endlich
begann es zu dmmern. Hildegard wlzte sich mit rotgeweinten Augen auf den
Kissen. Ihre Gehrorgane waren so gereizt, da sie nicht wahrnahm, wie es jetzt
mhlig stiller und stiller zu werden begann. Sie erwog im Geiste, wie sie
Frulein Schulze sagen wrde, sie vermchte es keine zweite Nacht in diesem
Hllenspektakel auszuhalten, das Frulein mge ihr - sie hatte leider schon die
Miete fr einen Monat voraus bezahlt - die Hlfte derselben zurckgeben und sie
ziehen lassen, sie wrde sich sofort um ein anderes Zimmer umsehen. Diesen
Vorsatz erwgend schlo sie die Lider.
    Als sie sie wieder aufschlug, stand die Sonne am Himmel. Hildegard setzte
sich verwundert im Bette auf. Hatte sie geschlafen? Nein, das konnte doch nicht
gut sein. Sie sprang auf. Sie mute ja Frulein Schulze sprechen, und diese ging
schon um neun Uhr ins Geschft. Es war gleich zehn. Mit einem Seufzer sank sie
aufs Sofa. Nun war die Andere natrlich lngst fort, und sie wrde noch eine
Nacht - nein, lieber wollte sie in einem Hotel schlafen. Aber ihr Geld! Sie
mute sehr sparen, um berhaupt auszukommen. Ihr Mann wrde ihr monatlich
hundert Mark geben. Mehr konnte er nicht. Er verdiente nicht allzuviel.
    Sie wusch sich, kleidete sich an und berlegte, was am klgsten zu thun
wre. Und da fiel ihr ein, sie knnte nach dem Geschft gehen, wo Frulein
Schulze Directrice war. Sie wollte ihr Vorstellungen machen. Ihre Toilette war
bald beendet.
    Frulein Schulze ist wohl schon lange fort sagte sie ins Vorzimmer
tretend. Die Dienerin, die nhend am Fenster ber ein rosa Kleid gebeugt sa,
verzog ihr Gesicht zu einem hmischen Grinsen. Det will ick meenen. Hier in
Berlin werden die Jeschfter schon vor zehn Uhr jeffnet. Frau Wallner runzelte
die Brauen und entfernte sich.
    Sie frhstckte in der ersten Konditorei, an der sie vorbeikam, und begab
sich nach der Jgerstrae. Man rief Frulein Schulze aus der
Schneiderinnenwerksttte in den Laden herber. Sie war nicht wenig verwundert,
ihre Mieterin zu sehen, und lachte hell auf bei deren Anliegen.
    Sie glauben doch nicht im Ernst, da ich Ihnen die Miete zurckzahle, liebe
Frau. Nee, das glauben Sie nicht. Aber - die thrnengefllten Augen der jungen
Frau rhrten sie - ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Nehmen Sie mein
Zimmer, und ich gehe nach vorn. Einen Monat lang werden Sie's schon aushalten
knnen. Sind Sie's nicht, ists wer anders. Ich bte nicht Jedem diesen Vergleich
an, aber Sie dauern mich, weil Sie fremd sind, und weil die dreiig Mark
unntiger Ausgabe Ihnen schwer fielen. Also. Hinten nach dem Hofe zu ists
totenstill, und die Herren Nerven werden sich schon zufrieden geben.
    Hildegard lchelte schwach.
    Also Sie meinen -
    Ja ich meine, so wirds gehen, versuchen wirs heute Abend; aber jetzt
entschuldigen Sie - ja, ja Frulein Kohler, ich komme schon! - Sie sehen, man
ruft mich; adieu indessen.
    Und zwischen einem Knuel kaufender Kunden und herumstehender Ladendiener
wand sie sich geschickt hindurch und eilte wieder nach der Arbeitswerksttte.
Hildegard verlie kleinlaut das Geschft.
    So hatte sie's eigentlich nicht beabsichtigt; aber vielleicht war es besser
fr ihre Kasse, als ein neues Zimmer zu mieten.
    Sie erkundigte sich nach den Museen und schlenderte dorthin. Fr etliche
Stunden verga sie ber die herrlichen Kunstschtze ihre persnlichen Sorgen.
Spter ging sie in eine Restauration, a, und durchflog mehrere Zeitungen. Da
fiel ihr eine Ankndigung auf.
    Heute Abend, acht Uhr, im kleinen Konzertsaal, Leipzigerstrae,
Frauenversammlung. Sprecherin Frau Eugenie Blatt, Frulein Cornelie Speiler.
Prsidentin Frau von Werdern.
    Frau Blatt! Ob das dieselbe war, mit der sie in Briefwechsel stand? Erst
neulich hatte sie geschrieben: Nur Mut! Unsere Sache wird siegen! Knnte ich Sie
doch sprechen. Wir vermgen nicht genug Soldaten unter unsere Fahne zu bekommen.
Gewi, es konnte nur ein- und dieselbe Person sein. Auch jene hie Eugenie und
war Pionier der Frauensache. Wre das ein Wink des Schicksals? Sollte Hildegard
nicht gleich hineilen zu dieser Genossin und ihr die ganze hilflose Lage
mitteilen? Natrlich wrde sie das thun. Aber heute nicht, morgen. Heute wrde
Frau Eugenie viel zu thun, sich fr den Abend vorzubereiten haben. Morgen.
Morgen. Gott sei Dank, der sie diese Notiz hatte finden lassen. Und da diese
Frau gerade hier sprach. Sie wohnte fr gewhnlich in Frankfurt.
    Hildegards Augen begannen zu strahlen. Nun wrde vielleicht doch noch ihre
Hoffnung, die groe Hoffnung, die sie auf Berlin gesetzt hatte, sich erfllen.
Sie hatte immer gedacht: die andern Frauen sitzen in Dresden, Zrich, Frankfurt,
Leipzig, du aber gehst gleich in die grte Stadt, wo die meisten Chancen fr
die Sache sind, und wirst da eine bedeutende Rolle spielen.
    Hildegard besah sich einige der schnsten Schaufenster in der Leipziger
Strae, trat in eine der Konditoreien ein, und ging dann nach Hause. Zu ihrem
Erstaunen wars bereits sieben Uhr. Die Zeit verging hier mrchenhaft schnell.
Das Warzengesicht war nicht zu Hause. Hildegard sah zum Fenster hinaus,
frisierte sich aus langer Weile, und rgerte sich ber den Verdru, den sie ber
Frulein Niehms Abwesenheit empfand. Endlich klirrte drauen der Schlssel im
Schlo. Aber nicht Anna, sondern Frulein Schulze war die Ankommende.
    Ei, da sind Sie ja schon sagte sie freundlich, ich dachte, Sie wren noch
nicht zu Hause. Ich bin Ihretwegen so frh gekommen. Es ist heute Donnerstag. An
diesem Abend hat Anna immer Ausgang. Die armen Mdels mssen auch ihr Vergngen
haben. Sonntag Abend kann ich sie nicht recht entbehren. Da habe ich meist
Theebesuch; mein Brutigam kommt, oder andere Bekannte.
    Wollen Sie nicht bei mir eintreten? fragte Hildegard.
    Ich denke, wir rumen zuerst um, nur das Bettzeug, das andere macht Anna
morgen. Ohne sie bringen wir doch nichts fertig.
    Frulein Schulze ging auf ihr Zimmer und erschien bald mit einem Arm voll
Wsche bei Hildegard. Unter einigen Scherzen wurde das Wechseln der Betten
vollzogen.
    So, nun kommen Sie in Ihr neues Zimmer; der Theekessel steht noch drben,
wir wollen eine Tasse Thee trinken. Ich habe meinem Brutigam heute
abgeschrieben, wegen der Umzieherei.
    Die junge Frau sagte einige hfliche Worte und setzte sich neben ihre
Hausfrau, die den Docht unter der Theemaschine anzndete.
    Hildegard mute immerfort auf den dunklen, fast schwarzen Kattunvorhang
blicken, der das Zimmer in zwei Hlften schied. Dahinter stand das Bett und der
Nachttisch. Hier vorn in der Nhe des Fensters befanden sich etliche Sessel, das
Sofa, der Theekessel, eine Kommode, ein Kleiderschrank.
    Gefllts Ihnen hier? fragte Frulein Schulze. Ich mte eigentlich fr
dieses Zimmer viel mehr fordern als fr das andere, denn eigentlich sind hier
zwei Apartements setzte sie scherzend hinzu.
    Aber die Aussicht warf Hildegard ein, die ans Fenster getreten war.
    Sie wandte sich schauernd ab.
    Sind Sie schwindlich? Frulein Schulze lachte.
    Das ist ja schrecklich. Sind die Berliner Hfe alle so?
    Beinahe alle.
    Ein enger Schacht, der so schmal war, da man die Hand zum Fenster des
Vorzimmers strecken konnte, das gegenber lag, zog sich drei Stockwerke tief
hinab. Modrige Feuchtigkeit bedeckte das viereckige Stck Asphaltboden dieses
hlichen Abgrundes.
    Die Fenster der brigen Hinterzimmer sehen auch hinab bemerkte Frulein
Schulze.
    Deshalb war sie sofort mit dem Tausch zufrieden, dachte die junge Frau. Hier
rckwrts war ja kein Tropfen frischer Luft. Zgernd nahm sie die Tasse heien
Thees, den das Frulein ihr anbot. Da sind auch einige Cakes.
    Hildegard dankte. Ihr wurde bel in dieser Luft. Die Vermieterin schien
etwas gereizt zu werden.
    Sind Sie eine Dame von groen Ansprchen, sagte sie im Laufe des
Gesprchs, was haben Sie eigentlich fr Ihre dreiig Mark erwartet? Leute in
vornehmen Husern vermieten keine Zimmer. Und zuvorkommender gegen Sie, als ich
bin, knnte ich auch nicht sein.
    Aber ich danke Ihnen ja auch herzlich. Hildegard zwang sich zur Heiterkeit
und kmpfte die aufsteigenden Thrnen nieder. Ich bin ja auch ganz zufrieden.
Blos das Ungewohnte, die groe Stadt ....
    Na ja meinte die Directrice und lehnte sich ins Sofa zurck, das
entschuldigt Sie ja auch. Sonst knnte ich Sie nicht begreifen. Sie sind hier
bei anstndigen Leuten. Meine Anna ist eine Perle, sie wird Sie aufs Beste
bedienen.
    Ist sie wirklich gut? fragte Hildegard schchtern. Sie sieht -
    Frulein Schulze lachte. Sie ist hlich. Aber auf das uere darf man nie
gehn. Sehen Sie, mein Brutigam ist auch kein Adonis, und doch ist er ein
vorzglicher Mensch. Anna ist die Aufopferung selbst. Denken Sie, einmal als ich
schwer krank war, hat sie mich acht Wochen lang allein gepflegt. Sie ist
kolossal ehrlich. Das bischen Hlichkeit, na, das vergit man in Anbetracht
ihrer sonstigen Eigenschaften. Frher schlief sie nicht hier. Aber seit ich so
elend war, bin ich froh, da sie selbst gewnscht hat, hier nachts ber zu
bleiben. Sie erspart sich Schlafgeld, und ich wei, da Jemand da ist, wenn ich
nach Hause komme.
    Sie plauderten noch eine Weile, dann trennten sie sich mit einem
freundlichen Gutenacht.
    Hildegard kroch in das groe Bett hinter dem dunklen Vorhang. Das Fenster
stand weit offen. Lassen Sie's geffnet, damit Luft hereinkommt hatte Frulein
Schulze gesagt.
    Hildegard horchte anfangs auf jedes Gerusch; sie hatte sich hier ebenso
wenig wie im Vorderzimmer einschlieen knnen; beide Thrschlsser waren
schadhaft. Aber endlich versank sie in Schlummer. Hier rckwrts wars wirklich
ruhig, drckend ruhig. Das Gerusch der Stadt drang wie fernes Wogenrauschen
herein, einschlfernd, mde machend. - - - - -
    Hildegard wute nicht, was vorgegangen war. Ihre Lider hatten sich pltzlich
geffnet, und ein Schauern rann ihren Leib hinab. Sie starrte mhsam vor sich
hin ins Dunkel, ohne jedoch die schwarze Finsternis durchdringen zu knnen. Es
war etwas da, unfehlbar war etwas da, hier innen im Zimmer, ein Krper, etwas
Fremdes, etwas Athmendes .... Die junge Frau blickte angestrengt auf den
Vorhang; da teilte er sich, eine Hand glitt herein, strich ber das
Nachtkstchen neben dem Bett und zog sich zgernd zurck.
    Hildegard vermochte sich nicht zu regen; die Sinne vergingen ihr.
    Als sie erwachte, war heller Tag.
    Sie blieb eine Zeitlang liegen und lie das Ereignis der Nacht an ihrem
Geiste vorberziehen. Wie, wenn sie nur getrumt htte! Wenn nur der Genu des
starken Thees an dieser Hallucination schuld war. Oder ihr dummes Grauen vor dem
dunklen Bettvorhang! Wenn, wenn aber nicht? Wenn es keine Wahnvorstellung, kein
Traum war? An allen Gliedern zerschlagen, erhob sie sich und kleidete sich an.
Sie wute noch nicht, was sie thun sollte. Ob sie sich Frulein Schulze
mitteilen sollte oder nicht? Sie verlie das Zimmer, um zum Frhstck zu gehen.
    Juten Morjen, Frau Wallner. Jut jeschlafen im neuen Bett? Heut is zeitijer
als jestern. Na is et da hinten ruhijer? Das Dienstmdchen nherte sich ihr
freundlich.
    Hildegard wollte zuerst nicht antworten, dann bezwang sie sich. Ja, ich
habe besser geschlafen.
    Na sehn Se woll. Nu wern Se immer so schlafen.
    Die graugrnen, von hellen Wimpern beschatteten Augen folgten der jungen
Frau zum Ausgang.

                                       3


Hildegard hatte durch das Adrebuch die Wohnung von Frau von Werdern erfahren.
Dorthin lenkte sie jetzt ihre Schritte. Die Dame wohnte in der Charlottenstrae;
bald war ihr Haus erreicht. Mit Herzklopfen klingelte die junge Frau an einer
Thr des zweiten Stockwerks und gab ihre Karte dem ffnenden Mdchen. Gleich
darauf wurde sie in einen Salon gefhrt, in dem ihr eine ltere Dame
entgegentrat.
    Was ihr die Ehre verschaffe? Sie wies leicht auf einen der herumstehenden
Sessel und lie sich selbst nieder. Hildegard stotterte zuerst einige Phrasen,
dann sagte sie:
    Es ist eigentlich khn von mir, Sie, gndige Frau, zu belstigen. Ich bin
fremd hier, kenne keinen Menschen, und wollte Sie bitten, mir gtigst die
Adresse von Frau Blatt mitzuteilen.
    Ah, Frau von Werdern zuckte bedauernd die Schultern, das thut mir leid.
Meine Freundin ist heute Morgen abgereist.
    Hildegard erblate. Abgereist? Nach Frankfurt?
    Ja, nach Frankfurt. Sind Sie bekannt mit ihr?
    Wir schrieben einander ab und zu. Sie war so liebenswrdig, mir ihre
Schriften zuzuschicken, nachdem ich ihr einmal mitgeteilt hatte, wie sehr ich
mich fr sie und die Richtung ihrer Thtigkeit interessiere.
    Das freut mich sehr. Je mehr Freunde wir uns gewinnen, um so sicherer wird
die Aussicht, unsere groe Aufgabe zum Sieg zu fhren. Es wre an der Zeit.
    Ja, es wre an der Zeit besttigte Hildegard. Das Verhltnis, das die
Frau gezwungener Weise zur Gegenwart, zu all den neuen herrlichen Fortschritten
einnimmt, ist ein geradezu unerhrtes.
    Frau von Werdern nickte zustimmend. Ihre grauen Augen blickten mit
erwachendem Interesse auf Hildegard.
    Sie sprechen wohl aus - Erfahrung.
    Die junge Frau errtete leicht.
    Gewi gndige Frau. Ich habe ein Leben der Bequemlichkeit, der
Sorglosigkeit hinter mir gelassen, um mich ganz in den Dienst der groen Aufgabe
zu stellen, die uns Frauen zugefallen ist.
    Ja es ist eine groe Aufgabe, und wir werden siegen. Sie sind verheiratet?
    Ich war es.
    Hm, ich verstehe. Lebt Ihr Mann?
    Oja, er ist kaum lter als ich.
    Frau von Werdern wollte offenbar nicht als neugierig erscheinen und lenkte
das Gesprch auf anderes. Was Frau Wallner eigentlich von Eugenie Blatt
gewnscht habe. Ob es nur ein Besuch sein sollte.
    O, viel mehr antwortete Hildegard. Ich wollte Frau Blatt bitten - ich
habe, wie gesagt, alles hingegeben um der Sache willen - ich wollte sie bitten,
mir irgend eine Beschftigung zu nennen, durch die ich mir die notwendigsten
Mittel zum Leben erwerben knnte. Ich mchte nmlich nicht gerne die
Untersttzung meines Mannes in Anspruch nehmen. Ich selbst bin vermgenslos.
    Was ist Ihr Mann?
    Maler.
    Ah, Knstler. Und ber welche Kenntnisse verfgen Sie, wenn ich so fragen
darf?
    Ich spreche englisch und franzsisch, zeichne ein wenig -
    Hm, hm! Frau von Werdern nickte gedankenvoll mit dem Kopfe. Es ist ein so
starker Andrang; wir knnen kaum noch jemand beschftigen. Damen aus den ersten
Kreisen stellen sich uns kostenlos zur Verfgung. Sie wohnen im Hotel?
    Nein, ich habe mir ein Zimmer fr einen Monat gemietet. Aber ich wrde es
sofort aufgeben - -
    Nein, nein, das htte ja keinen Zweck meinte Frau von Werdern. Bleiben
Sie nur ruhig dort wohnen, bis Sie ein sicheres Unterkommen gefunden haben. Und
ganz in Stellung mchten Sie nicht, ich meine etwa als Gesellschafterin,
Hausreprsentantin oder hnliches?
    Nein, nein, das mchte ich nicht. Hildegards Stimme zitterte leicht. Eine
solche Unterordnung unter fremden Willen wre mir unmglich. Ich bin an Freiheit
gewhnt. Ich that immer, was ich wollte.
    Frau von Werdern lchelte ein wenig.
    Was haben Sie sich eigentlich vorgestellt, als Sie hierher kamen?
    Vorgestellt? O gndige Frau, nur das Schnste. Ich hoffte, ich wrde eine
Stellung finden, die - ich habe brigens ber diesen Punkt wenig nachgegrbelt
setzte sie in leichter Verlegenheit hinzu. Eines Tages, als es mir zu
unertrglich zu Hause wurde, sagte ich einfach meinem Manne: Nun mchte ich
fort, und er antwortete: Thue, was Du nicht lassen kannst.
    Er gehrt wohl zu den Murgerschen Knstlergestalten?
    Hildegard lachte.
    Im Gegenteil. Er ist ein sehr ernster Mensch, Pedant sogar. Was mich - aber
ich wei nicht, ob es Sie interessiert, die Schicksale einer Ihnen fremden Frau
-
    O bitte sehr wandte Frau von Werdern ein, mich interessieren die
Schicksale eines jeden Menschen, und die natrlich ganz besonders, die Eine der
Unseren betreffen.
    Hildegard verneigte sich leicht.
    Auch habe ich zufllig noch eine Viertelstunde frei, die Vorsteherin warf
einen Blick auf ihr Uhrarmband, und wenn Sie mich Ihres Vertrauens -
    Nun, es ist nichts Spannendes, gndige Frau, das ich Ihnen erzhlen will.
Es ist ein, wie ich glaube, uralter Zwist. Knstler, insbesondere Maler, drften
nie heiraten. Mein Mann beschftigte sich viel mit Aktstudien und war stunden-
und tagelang mit seinen Modellen zusammen. Die erste Zeit schwieg ich und
duldete stumm. Dann ertrug ich es nicht lnger. Ich machte ihm Vorstellungen. Er
lachte mich aus. Das gehre zu seinem Beruf und so weiter. Was es mit unserer
Liebe zu thun htte? Aber ich konnte nicht darber hinwegkommen. Je reifer ich
wurde, desto verabscheuungswrdiger erschien mir diese Seite seiner
knstlerischen Thtigkeit. Ich verbot ihm einfach, Modelle zu empfangen. Er
bewies mir, da dies ein unmgliches Verlangen wre, erinnerte mich an den guten
Namen, den er sich bereits mit seinen Bildern erworben htte, und ob ich durch
meine Launen seine ganze Zukunft vernichten wolle. Ich verschlo mir die Ohren
vor seinen Argumenten, ich wute, was mir als Gattin zukam. Und nun - Hildegard
hielt inne, und errtete stark, nun kommt das rgste. Wissen Sie, was er mir
eines Tages sagte? Gut, sagte er, wenn ich die Anderen abschaffen soll, dann sei
Du mir Modell. Ich wollte damals in meiner begreiflichen Entrstung sofort das
Haus verlassen; nur den Anstrengungen meiner Freunde gelang es, mich
zurckzuhalten. Aber von diesem Tage an war eine groe Klte ber mein Herz
gekommen. Ein Mann der so etwas von seiner Frau fordern kann, ist kein
anstndiger Mensch, sagte ich mir. Nachdem meine Emprung ihm genugsam die Augen
ber die Frivolitt seiner Forderung geffnet hatte, redete er kein Wort mehr
von dieser Sache. Er verreiste fr einige Zeit ins Hochgebirge. Als er wieder
zurckkam, kndigte er das Atelier, unsere hbsche, groe Wohnung, und mietete
eine viel kleinere. Auf meine erstaunte Frage, was dies zu bedeuten habe, sagte
er mir kurz, er brauche kein Atelier mehr, er htte die Malerei aufgegeben. Und
was wirst Du thun? fragte ich entrstet - denn da wir nicht wohlhabend sind, war
es sein Verdienst, der unsere Lebensbedrfnisse deckte. Wenn er ihn aufgab?
    Ich werde Theetassen fr eine Porzellanfabrik malen beruhigte er mich in
einem Ton, von dem ich nicht wute, war er bitter oder hhnisch. Und richtig: er
begann auf Porzellan zu malen und fertigte Stoffmuster an, die eine Kattunfabrik
bei ihm bestellte. Wir zogen in die kleine Wohnung. Es begann ein des Leben.
Ich befand mich in den engen Verhltnissen gar nicht wohl und verschonte Einhart
nicht mit Vorwrfen. Was meinen Sie, was er mir entgegnete? Nichts. Er schwieg.
Kann es eine emprendere Antwort geben? Zuletzt schwieg auch ich, und wir
sprachen fast gar nicht mehr miteinander.
    In dieser Zeit kamen mir zufllig Bcher, die die Frauenfrage behandelten,
in die Hnde.
    Ich verschlang sie. Ja, das wars.
    Die Frau mu den Launen des Mannes gegenber sichergestellt werden. Es
mssen ihm darber die Augen geffnet werden, da sie das Recht hat, von ihm
eine Behandlung zu fordern, wie er sie Seinesgleichen zuteil werden lt. Ich
hatte meinen Boden gefunden. Ich schrieb an Eugenie Blatt, an Karoline Weigel,
und an viele andere, die an der Spitze dieser herrlichen Bewegung stehen. Auch
Ihren Namen, gndige Frau, verfolgte ich mit Bewunderung. Eines Tages bemerkte
ich meinem Mann ruhig, da ich mich nach neuen Verhltnissen sehne, und da ich
nach Berlin reisen wolle, um dort an dem groen Werke der Frauenbefreiung
mitzuthun! Er schwieg lange; dann meinte er, ich mge thun, was ich fr gut
hielte; nur eins solle ich ihm gestatten: mich die ersten Monate hindurch mit
dem notwendigsten Geld zu versehen. Anfnglich war ich gergert ber diese
merkwrdige Zumutung - unsere Scheidung ist noch nicht eingeleitet, wird es aber
bald - dann erklrte ich mich bereit, fr die erste Zeit seine Untersttzung
anzunehmen.
    Und so bin ich hier.
    Hm, hm. Frau von Werdern sah mit unverhohlenem Interesse in das schne vom
Sprechen gertete Gesicht der jungen Frau.
    Unverstanden! Das ist eben die Tragik des Weibes!
    Sie haben das rechte Wort gefunden rief Hildegard.
    Dann schwiegen beide.
    Frau von Werdern blickte auf ihre Uhr und erhob sich.
    Entschuldigen Sie mich, ich mu fortgehen. Die feste Aussicht auf eine
Stellung kann ich Ihnen nicht geben, liebe Frau Wallner, aber was ich thun kann,
werde ich fr Sie thun, des seien Sie versichert. Vor der Hand bleiben Sie ruhig
in der Wohnung, die Sie haben, verzagen Sie nicht, und lassen Sie ohne
Gewissensbisse Ihren Gatten Ihre Rechnungen bezahlen. Man mu die Schwche
ausntzen, da man sie nicht bewundern kann, und Ihr Mann ist schwach, wie mir
aus allem hervorzugehen scheint. Haben Sie einen Erwerb gefunden, der Ihnen Geld
einbringt, gut, dann knnen Sie Herrn Wallner ja alles zurckerstatten.
Sonnabend Nachmittag empfange ich. Es wird mich freuen, Sie meinen bekannten
Damen vorstellen zu knnen.
    Hildegard drckte ihr die Hand. Vielen Dank, und wenn ich bitten darf,
meine Gre an Frau Blatt.
    Gerne.
    Die beiden Frauen nickten einander zu, dann entfernte sich Hildegard.
    Sie lchelte froh, als sie die Treppen hinabstieg.
    Die Hoffnung, die sie zu verlassen gedroht hatte, fate wieder festere
Wurzeln in ihr. Peinlich war's ja, noch Geld von Einhart annehmen zu sollen,
aber wenns nicht anders ging? Das einzig Trstliche dabei war die komische
Seite, die seine Gte besa. Er untersttzte sie im Krieg gegen die Mnner, also
gegen sich selbst. Er gab ihr die Mittel an die Hand, sich von ihm zu befreien.
Wie einfltig ist doch ein Mann, dachte sie; niemals wrde sich eine Frau so
mibrauchen lassen. Und sie lchelte vor sich hin, trat in eine Restauration,
und bestellte sich ein Mittagessen. Pltzlich mitten in ihrem sonnigen Behagen
fiel ihr ihr Zimmer unter den Linden ein. Das schreckliche Zimmer! Ob alles nur
ein Traum war? O wenn sie doch mehr Geld besessen htte! Sofort wrde sie
ausziehen.

                                       4


Diese Nacht wars besser gegangen.
    Der dunkle Bettvorhang hatte sich nicht geregt. Einmal hatte sie wohl
vermeint, das leise Knarren einer Thre zu hren, aber das durfte in einem so
groen Hause mit vielen Mietern nicht wundern.
    Am Morgen sah sie lange in den feuchten Schacht hinab, der den Hof
vorstellte. Die Fenster aller Korridore des Hauses mndeten hinein. Wenn nur die
hlichen langen Leitern nicht in der einen Ecke gestanden htten!
    Sie zog schauernd den Kopf zurck. Lieber nicht hinsehen. Sie konnte die
Vorstellung nicht loswerden, da in diesem Hause etwas Unheimliches vorging. Als
sie das Fenster schlo, erblickte sie drben ein fahles Gesicht. Gott bewahre
mich, dachte sie, diese Magd wird mich noch durch ihre Hlichkeit verrckt
machen. Und schnell zog sie sich an und ging fort.
    Sie frhstckte und machte dann einen lngeren Spaziergang. Jetzt, da sie
frischen Mut gefat hatte, gefiel ihr die Stadt, gefielen ihr die Menschen
besser. Blo das ewige Angestarrtwerden war ihr widerlich. Im Innern wunderte
sie sich ber sich selbst. Wie kams eigentlich, da sie, die stolzeste
Befrworterin der Frauenfreiheit, unter den Blicken wildfremder sie fixierender
Mnner in Verlegenheit geriet? da sie wie nrrisch zu laufen begann, wenn es
ihr schien, als verfolgten sie die Schritte eines Bewunderers? Stand sie denn
nicht ber all diesen uerungen einer braven Kleinbrgerin? Sie, die khne
Verchterin des anderen Geschlechts? Indem sie sich diese Fragen vorlegte,
erkannte sie gemach, da sie nichts weniger als selbstbewut, mutig, sich selbst
gengend war. Im Gegenteil. Sie mute sich gestehen, da sie eine grere
Philisterin sei als die Frauen, die ruhig an ihrem huslichen Herde walteten.
Die hatten nmlich ein breites unaufgeschrecktes Gewissen, und wenn sich ihnen
ein Galanter nherte, konnten sie ihm im Gefhl ihrer unantastbaren Wrde ruhig
ins Gesicht lachen. Was aber hatte sie der Khnheit der Mnner entgegenzusetzen?
Ihre Persnlichkeit? Ihren Willen? Aber die lieen sie aus Angst vor der bloen
Zumutung eines Unrechts schmhlich im Stiche. Wie kams nur, da eine Frau allein
- Thaten sich die Damen der Frauenbefreiung deshalb auch immer in Rudeln
zusammen, weil sie das Alleingehen, -Stehen, -Handeln frchteten? Mit Vor- und
Nachtrab war es sicherer, fr eine Idee zu kmpfen.
    Hildegard lief unter den Bumen des Tiergartens dahin, als ihr diese
Gedanken kamen. Jetzt, wo sie keinen Haushalt zu versorgen hatte, und nicht mehr
das stumme Gesicht ihres Mannes vor sich sah, das so laut redete, wo keine
Freundinnen ihr die Zeit zu stehlen kamen, mute sie notwendigerweise auf
allerlei Ideen kommen, die ihr frher ferne gelegen hatten. Ihre hauptschliche
Sehnsucht ging jetzt dahin, eine Gesinnungsgenossin zu finden, mit der sie
zusammen wohnen konnte, um des trbseligen Alleinstehens, all der
Verantwortlichkeiten enthoben zu sein, die eine fr sich gehende Frau auf sich
nimmt.
    Nun, es wrde sich hoffentlich noch alles nach ihrem Wunsche fgen. War es
doch bisher auch so gewesen. Viel ruhiger, als die Tage vorher, ging sie diesen
Abend nach Hause. Sie wachte sogar noch, als Frulein Schulze heimkam, und sagte
ihr guten Abend. Sie hatte das Bedrfnis, auf das viele Grbeln und Denken mit
einem Menschen ein paar Worte zu reden.
    Das ist nett sagte die Directrice und schttelte ihr die Hand, na, schon
etwas gefunden?
    Noch nicht, aber bald meinte Hildegard.
    Ja wenn Sie praktisch wren, aber - na. Sie sind jung und schn und mit der
Stellung ist es Ihnen wohl nicht so bitterer Ernst?
    Hildegard fhlte heies Rot ihre Wangen bedecken. Sie wollte ein
hochfahrendes Wort erwidern, besann sich aber. Weshalb hatte sie sich mit dieser
Dame in solche Vertraulichkeiten eingelassen, nun durfte sie darber nicht
erzrnen.
    Was meinen Sie denn, was ich thun sollte, wenn ich praktisch wre? fragte
sie mit leiser Ironie.
    Frulein Schulze tupfte sich etwas Puder auf ihre rtliche Nase.
    Vor allem wrde ich mir an Ihrer Stelle ein Unterkommen in einem groen
Konfektionshause suchen. Da sieht man und wird gesehen. Da macht man
Bekanntschaften, und niemand kann einen Stein auf einen werfen, denn man hat ja
eine Stellung. Na - wenn Sie mich nicht verstehn, thut's mir leid. Ich bin
praktisch. War's all meiner Lebtage. Ich bitte Sie, wer hilft denn einer Frau,
wenn sie alt ist? Keiner. Deshalb mu man, so lange man jung ist, zuschauen,
sich etwas zurckzulegen. Ich jedenfalls bin immer frs Praktische.
    Hildegard lchelte etwas gezwungen zu diesen ihr nicht ganz klaren
Auseinandersetzungen und zog sich bald zurck. Es ist ja wahr, dachte sie bei
sich, eine Frau, die sich allein ernhrt, verdient alle Achtung, aber ob
Frulein Schulze das wirklich that? War sie wirklich so praktisch? Hildegard
wute nicht recht was, aber etwas in dem grauen gutmtigen Gesichte ihrer
Hauswirtin lie sie nicht recht an deren praktischen Sinn glauben. Es lag
irgendwo in ihren Zgen ein Leichtsinn versteckt, ein ber vieles Hinweggleiten,
das Hildegard nicht gefiel. Sie schlief gut, von dem frohen Gedanken eingewiegt,
da in zwei Tagen Sonnabend war, an dem sie mit angenehmen Menschen
zusammenkommen wrde.

                                       5


Obwohl Hildegard sehr sparsam lebte und unntige Geldausgaben scheute, entdeckte
sie doch bald eine bedenkliche Ebbe in ihrer Brse. Das Essen in den
Restaurationen kostete viel, das oftmalige Pferdebahnfahren verschlang auch
tglich ein Smmchen. Ein leises Angstgefhl beschlich sie. Was thun, wenn das
letzte Geldstck verausgabt war? Ihren Mann konnte sie doch nicht mitten im
Monat um Geld schreiben. War es ihr doch schon bitter genug, am Ersten wieder
seine Hilfe in Anspruch nehmen zu mssen. Nun, Frau von Werdern mute um jeden
Preis Rat schaffen. Sie mute. War es doch auch ihre eigene Sache, die Hildegard
vertrat.
    Sonnabend Abend klingelte sie nicht ohne Herzklopfen bei der Vorsitzenden
an. Sie wurde in einen Salon gefhrt, in dem schon einige Damen anwesend waren.
Frau von Werdern nahm sie freundlich an der Hand und stellte sie ihren Bekannten
vor. Man war sehr liebenswrdig gegen sie. Einige Damen begannen gleichzeitig
ein Gesprch mit ihr, so da sie bald links, bald rechts antworten mute und
schlielich in Verwirrung geriet. Dann wurde Thee herumgereicht. Frau von
Werdern verlas einige Briefe von auswrtigen Gesinnungsgenossinnen, die mit
groem Jubel von der Gesellschaft aufgenommen wurden. Man sprach von Frau X. und
Frau Y., die Hildegard unbekannt waren. Dann begann ein allgemeines
Durcheinanderreden. In Frau Wallner begann sich leise Ungeduld zu regen.
    Wozu war sie eigentlich hergekommen? Die Fragen, die man vorhin an sie
gerichtet hatte, waren nur Fragen der Neugierde gewesen. Sie sind aus
Konstanz? Ist's schn in Konstanz? Gefllt es Ihnen in Berlin? Haben Sie
eine gute Wohnung gefunden? und so weiter. Wirkliche Teilnahme hatte aus keiner
geklungen. Und gerade ihrer bedurfte Hildegard so sehr. Aber abgesehen davon,
auch ihre ganze Lage lie keine groe Wartezeit zu. Frau von Werdern war von
einem Ring hastig auf sie einredender Frauen umgeben. Mit ihr war heute wohl
nicht zu reden. So wandte sich Hildegard mit einer beilufigen Frage an die
neben ihr sitzende Dame.
    Verzeihen Sie, gndige Frau, begann sie, giebts hier nicht ein
Leseinstitut, in dem man fr nicht zu hohen Entgelt Eintritt htte?
    Die Angeredete lchelte verbindlich.
    Ich bin unverheiratet, Frau Walker - Hildegard verbesserte sie - meine
Name ist Kampfmann, Lehrerin an der Elisabethenschule. Ja, was Sie sagten wegen
des Lesekabinets - gewi giebts das. In der Kronenstrae 60, famos eingerichtet.
Man lt sich vorher in die Schriftstellergenossenschaft aufnehmen -
    Aber ich bin ja keine Schriftstellerin. -
    Das thut nicht das geringste, - und geniet da allerlei Vorteile. Zum
Beispiel steht Ihnen ein Rechtsanwalt unentgeltlich zur Verfgung, Sie drfen
tglich nach Herzenslust hundert Zeitungen durchstbern und last not least, man
macht eine Menge netter Bekanntschaften. Wir alle gehen da aus und ein.
    Es ist sehr verlockend, was Sie mir da erzhlen, aber - wie teuer kommt -
    Ah bah, ein fr alle mal fnfzig Mark und jhrlich zwlf Lesegebhr; doch
wahrhaftig nicht zu viel fr das Gebotene.
    Das nicht, aber -
    Die Lehrerin mit den etwas mnnlichen Zgen und den starken, kohlschwarzen
Augenbrauen sah sie verstndnisvoll an.
    Mein Gott, ja, das kenne ich. Man ist manchmal ausgebeutelt. Jeder Pfennig
ist da zu viel. Connu, connu. Aber sagen Sie, besitzen Sie denn niemand, der fr
Sie etwas thut, der fr Sie sorgt?
    Gott sei dank, dachte Hildegard, endlich ein menschliches Wesen, mit dem man
reden konnte. Die ehrlichen dunklen Augen Frulein Kampfmanns veranlaten
Hildegard, offenherzig zu sein. Bald befanden sich die beiden in tiefem Gesprch
miteinander. Vertrauen fordert Vertrauen. Auf den Wangen des Fruleins glhten
zwei rote Flecke auf.
    Ich habe mich Ihnen als Lehrerin vorgestellt, aber ich bin nur uerlich
Lehrerin. Mein Beruf ist die Kunst; das Zeichnen, das ich den Kindern beibringe,
ist mir nur Mittel zum Gelderwerb. Sehen Sie, ich bin mit groen malerischen
Anlagen zur Welt gekommen. Aus mir htte ein Genie werden knnen. Schon mit acht
Jahren portrtierte ich meine Eltern. Aber was glauben Sie? Meinen Sie, ich
htte Aufnahme auf einer Akademie gefunden? Mit nichten. Abgewiesen hat man
mich. In Mnchen, in Dresden, in Berlin. Die Akademien wren nur fr Mnner da,
wurde mir geantwortet. Ich arbeitete hierauf in verschiedenen Ateliers, aber
selbstverstndlich ohne es zu etwas rechtem zu bringen. Ich mchte Lenbach oder
Grtzner ohne ihre Akademie-Lehrjahre sehen. Aber die Frau natrlich, fr die
ist die Fortbildungsanstalt der mnnlichen Geniusse zu gut. Die kann ja auch
hinterm Ofen vermittels Inspirationen etwas lernen.
    Glauben Sie nicht, wandte Hildegard ein, da ein wirklich starkes, groes
Talent sich doch Bahn bricht, wenn es auch nur einer Frau angehrt?
    Niemals, meine Liebe; wie sollte es auch, wenn ihm ununterbrochen
Hindernisse in den Weg gelegt werden. Bestndige Entmutigung lhmt auch die
robusteste Kraft. Und sehen Sie, diese Unterdrckung, diese himmelschreiende
Ungerechtigkeit hat mich der Frauenbewegung zugefhrt. Gebt Raum den Frauen,
ffnet ihnen die ffentlichen Bildungsanstalten! Zu Hauf werden sie kommen und
euch beweisen, da das Weib gleich befhigt mit dem Manne ist.
    Frulein Kampfmann macht wieder ihrem Namen Ehre. Eine groe schlanke Dame
neigte sich zu der erregten Sprecherin und legte ihr die Hand auf die Schulter.
    Machen Sie unsere neue Genossin nur nicht gar zu khn, sonst verknallt sie
ihr Pulver an unrechter Stelle.
    Hildegard lachte. Denken Sie denn anders als das Frulein?
    In manchem ja, in manchem nein. Ich finde vor allem Frulein Kampfmann zu
heftig. Durch Leidenschaft erreichen wir nichts. Unsere wirksamste Waffe ist die
Ironie. Die Mnner von heute bieten ein so klgliches Bild, da nichts besser zu
ihrer nderung beitragen kann, als ihnen dies Bild vor Augen zu halten.
    Hildegard betrachtete interessiert die hbsche noch junge Frau, der das
schwarzseidene, mit Perlen besetzte Kleid vortrefflich stand.
    Sie haben leicht reden sagte Frulein Kampfmann ber die Schulter. Die
schne Frau machte eine abwehrende Handbewegung und trat zu einer Gruppe
plaudernder Damen.
    Wer ist sie? fragte Hildegard.
    Melanie Langenwang? Vor allem eine schlaue Dame, mit viel Verstand - das
glaubte sie nmlich - und wenig Herz. Aber ihr groartiger Verstand hat sie doch
sitzen lassen. Sie hat sich nmlich mit einem halb bldsinnigen Mann
verheiratet, in der Hoffnung, da er nach der Hochzeit noch etwas bldsinniger
wrde, und sie dann die Verwaltung seines betrchtlichen Vermgens in die Hnde
bekme. Aber sie hat sich schmhlig getuscht. Der Staat hat ihrem Mann einen
Vormund gegeben, und sie hat nur einen Teil ihrer Zinsen zur Disposition
bekommen. Seither ist sie Anhngerin der Frauenemancipation geworden. Sie mchte
den Paragraphen im brgerlichen Gesetzbuch, der von der Verwaltung des Vermgens
der Frau handelt, umgendert wissen.
    In diesem Augenblick entstand einiges Gedrnge an der Thr. Mehrere Frauen
brachen auf und verabschiedeten sich in strmischer Weise von Frau von Werdern.
Hildegard erhob sich. Mein Gott, es ist spt geworden. Ihre interessante
Gesellschaft hat mich die Zeit vergessen lassen.
    Auch Frulein Kampfmann stand auf. Ich habe noch fnfzig Hefte zu
korrigieren, kann auch mir nicht schaden, wenn ich gehe. Haben Sie denselben Weg
wie ich? Ich wohne Schiffbauerdamm.
    Ich unter den Linden.
    Also ein Stck gehen wir jedenfalls miteinander sagte Frulein Kampfmann,
der die neue Bekannte sehr zu gefallen schien. Elvira schwrmte fr alles, was
schn und neu war. Und Frau Wallner erfreute sich dieser beiden Eigenschaften in
ihren Augen. Man verabschiedete sich von der Gastgeberin, die Hildegard
freundlich die Hand drckte.
    Nur guten Mutes!
    Hildegard sah ihr einen Augenblick lang bittend, fragend in die Augen. Aber
sie lchelte blo verbindlich und sagte nichts als: Auf Wiedersehen, wenn nicht
frher, so Sonnabend.
    Das war ein schwacher Trost, oder eigentlich keiner. Hildegards Stirne
verdsterte sich.
    Fahren wir oder gehen wir? fragte die Lehrerin unten.
    Gehen wir. Und dann fragte Hildegard: Wo essen Sie immer?
    In der Pomona.
    Was ist das?
    Ein Restaurant, wo man sich fr dreiig Pfennig satt essen kann.
    Wahrhaftig? rief Hildegard in naivem Erstaunen, giebt es so etwas? So
viel brauch ich ja beinah an Trinkgeld des Mittags.
    Nun, wenn Sies haben, warum denn nicht? meinte Frulein Kampfmann
gleichmtig.
    Ich habs ja aber nicht.
    Dann, entschuldigen Sie, sind Sie recht unklug, so viel Geld
hinauszuwerfen.
    Ist das Fleisch denn auch frisch fr diesen Preis?
    Fleisch? In der Pomona giebts kein Fleisch, nur Gemse und Obst.
    Hildegard blieb stehen. Ist denn das gut, gesund, schmackhaft?
    Es ist schmackhaft und billig sagte lachend die Lehrerin, ich habs auch
nicht allzu reichlich, wissen Sie.
    In welcher Strae liegt Ihr Restaurant?
    In der Dorotheenstrae.
    Wann essen Sie?
    Um ein Uhr.
    Ists Ihnen recht, wenn ich morgen Mittag an Ihren Tisch komme?
    Gewi, sehr! antwortete die Lehrerin freundlich. Dann trennten sie sich.
Frulein Elvira stieg in einen vorberfahrenden Dmnibus, whrend Hildegard die
paar Schritte nach Hause zu Fu zurcklegte. Es war ihr merkwrdig zu Mut.
    Einerseits interessierte sie alles, was sie erlebte, andererseits gabs eine
Tuschung um die andere fr sie. Sie hatte sich immer vorgestellt, die
Frauenrechtlerinnen htten ideale Ziele im Auge. Sie htten eine groe Idee,
nach deren Verwirklichung sie strebten. Nun sah sie, da jede von ihnen ihrem
eigenen kleinen Interesse nachlief. Wenn Frulein Elvira mehr Talent besessen
und Aufnahme in eine Akademie gefunden htte, wrde sie sich da je fr die
Befreiung der Frauen interessiert haben? Und wenn die schne Frau Langenwang
Herrin ber den Mammon ihres Gatten geworden wre, wrde ihr nicht das
brgerliche Gesetzbuch mit seinen Paragraphen hchst gleichgltig sein? Also
lauter Privatinteressen, aus denen sich dieser heilige Krieg fr die Rechte der
bedrckteren Hlfte der Menschheit zusammensetzte. Merkwrdig, wie anders das
alles in der Nhe aussah! Warum hatte Einhart nur immer geschwiegen, wenn sie
ihm von der Herrlichkeit dieser Frauenbewegung vordeklamierte? Sie hatte damals
in ihrer Gereiztheit immer gemeint, er denke sich garnichts dabei, oder etwas
Dummes. Am Ende hatte er aber doch etwas dabei gedacht, und vielleicht etwas
nicht Dummes. - Herrgott, da sie ihm jetzt um Geld kommen mute. Nun, wenn sie
vegetarisch lebte, wrde sie viel weniger brauchen.
    Mit schwerem Herzen schlief sie ein. Ihr letzter Blick galt noch ngstlich
dem dunklen Vorhang, der sehr gleichgltig herabhing.

                                       6


In der Pomona gings lebhaft zu.
    Gste kamen und entfernten sich, um neuen Platz zu machen. Die kleinen
Stuben, aus denen das Speisehaus bestand, waren dicht gefllt. An einem Tisch im
letzten Zimmer entdeckte Hildegard ihre neue Bekannte. Die Lehrerin trat gleich
auf sie zu und stellte sie einer jungen Dame vor, die an demselben Tische a.
    Frulein Glanegg sagte Elvira, studiert Naturheilmethode, um spter eine
Anstalt zu erffnen.
    O bis dahin hats noch lange Zeit meinte das hbsche blonde Mdchen, das
sehr wohlgenhrt und zufrieden aussah.
    Kann ich die Speisekarte haben? fragte Hildegard eine vorbereilende
Kellnerin.
    Gleich wurde geantwortet.
    Hildegard sah sich indessen um. Soviel Leute auch da waren, soviel Wnsche
und Begehren auch geuert wurden, es geschah alles ohne Lrm, ohne Hast. Man
sprach halb flsternd und a dabei mit groen Lffeln das Gemse von den
Tellern, auf denen es serviert wurde. Als Hildegard nach etwa einer
Viertelstunde noch nicht bedient wurde, rief sie abermals das Mdchen. Nun
erhielt sie ihre bestellten Maccaroni.
    Hier mu man Geduld haben meinte Elvira, die Mdels bedienen die Herren
zuerst, wir Frauen kommen spter an die Reihe.
    Und lassen Sie sichs gefallen?
    Aber ich bitte Sie, was soll man denn machen?
    Kellner anstellen.
    Puh; lieber eine Stunde lang warten, als solch einen faden Gecken
herumschwnzeln sehen.
    Hildegard lachte.
    Sie haben es aber scharf auf die Mnner abgesehen.
    Mag sein, aber nicht mit Unrecht.
    Und doch lassen Sie ihnen willig den Vortritt.
    Willig nicht, nur gezwungen. Es ist eben so im Leben, was kann man dagegen
machen?
    Aber dann wre ja die ganze Frauenbewegung nur eine Komdie. Sie
beanspruchen doch gleiche Rechte.
    Die Lehrerin wischte sich mit der Papierserviette die Lippen und lehnte sich
zurck.
    Wir wollen doch nicht mit solchen Kleinigkeiten unsere Reform beginnen. Wir
wollen nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten reformieren. Rumt
man uns erst die gesellschaftliche Stellung des Mannes ein, drfen wir ebenso im
Gerichtssaal, auf dem Katheder wirken wie er, dann ergiebt sich alles andere von
selbst. Abwarten.
    Hildegard bestellte sich noch einen Teller Paradiespfel. Ich denke, wir
haben lange genug gewartet. Wenn die Frauen setzte sie nachdenklich hinzu
wirklich berzeugt von dem Recht ihrer Ansprche wren, wrden sie nicht viel
mutiger auftreten?
    Das junge Mdchen am Tische nickte.
    Das kann ich nicht leugnen. Wir sind sehr feig. Als der Arzt, unter dem ich
meine ersten Studien begann, mir eines Tages eine Liebeserklrung machte, blieb
ich aus Angst fort, statt ihn gehrig abzukanzeln.
    Na hren Sie, wenn Sie von Feigheit reden, wer ist dann mutig unter uns?
    Frulein Glanegg lachte, da man ihre glnzenden Zahnreihen sah, und
entgegnete nichts. Elvira winkte der Kellnerin. Man bezahlte. Dann erhoben sich
die drei Damen. Vor dem Hause nahmen sie Abschied von einander. Frulein Glanegg
stieg in einen Pferdebahnwagen, und Hildegard schlo sich Elvira an, um sie zu
ihrer Schule zu begleiten.
    Ein hbsches Mdchen sagte sie im Gehen.
    Ja, nichtwahr?
    Verkehrt sie auch bei Frau von Werdern?
    Gott bewahre rief Elvira, die wrde dort nicht geduldet werden. Unsere
Emanzipierten halten sehr auf die gesellschaftliche Sauberkeit, das mu man
ihnen lassen. Und Gott sei Dank! Denken Sie nur, was wrde es unserer Sache fr
Schaden bringen, wenn solche sogenannte interessante Existenzen sich
daranhingen.
    Spielen Sie auf dies junge Mdchen an?
    Elvira blieb stehen und blickte Hildegard an.
    Wissen Sie, ich fr meinen Teil habe nichts gegen Frulein Glanegg
einzuwenden, aber - doch hren Sie. Es bleibt natrlich unter uns. Sie lebt mit
einem zwanzig Jahre lteren Manne zusammen, der Vater von drei Kindern ist, und
dessen Frau sich in den drftigsten Verhltnissen befindet.
    Weshalb trennt er sich nicht von der Gattin, um die Glanegg zu heiraten?
    Das ist ja eben das Unglaubliche an der Sache. Sie will nicht geheiratet
werden. Sie ist fr die freie Liebe.
    Das ist stark meinte Frau Wallner, und zu seiner Frau zurckkehren mag er
auch nicht?
    I wo! Er liebt ja die Andere.
    Hildegard schttelte den Kopf. So etwas begreife ich nicht. Es kommt mir
einfach verrckt vor.
    In diesem Augenblick fuhr eine elegante Equipage vorber, aus der eine Dame
Elvira gndig zunickte. Die Lehrerin verneigte sich tief. Frau von Kranbchler,
Eine unserer Hauptsttzen. Nchsten Sonnabend werden Sie sie wohl bei Frau von
Werdern treffen. Sie ist alle paar Abende da.
    Wer ist sie denn?
    Eine sehr reiche, von ihrem Manne geschiedene Frau. Die Frauenbewegung ist
ihr Schookind.
    Sie hat wohl keine andern Kinder?
    Doch, sogar deren drei. Aber diese verfgen ber Gouvernanten,
Erzieherinnen, Bonnen, so da die eigene Mutter wenig mehr fr sie zu thun
findet.
    Und da widmet sie sich der Frauenbewegung?
    Jawohl.
    Aber dann ist es ihr ja bloer Zeitvertreib, nichts anderes.
    Elvira zuckte die Schultern. Mglich. Jedenfalls ist ihr Geld, mit dem sie
sehr freigebig umgeht, fr unsere Sache gut zu gebrauchen.
    Die beiden Frauen gingen eine zeitlang schweigend neben einander, dann
meinte Hildegard: Diese Glanegg verlt meine Vorstellung nicht; wissen Sie, im
weitern Sinne gehrt sie doch auch zu den Emanzipierten. Nur diese ganze
Bewegung konnte ihr den Boden ebnen, auf dem sie jetzt geht.
    Das leugne ich nicht meinte Frulein Kampfmann, aber sagen Sies nie im
Salon der Frau von Werdern. Der bloe Name der Glanegg macht ihr unwohl.
    Hildegard schttelte den Kopf. Ich finde mich in all diesem nicht zurecht.
Dann reichte sie Elviren die Hand hin. Sie waren vor der Schule angekommen.
    Frau Wallner setzte einsam ihren Weg fort. Sie sprte von Stunde zu Stunde
eine immer grere Leere in sich wachsen. Etwas wie eine tiefe Beschmung
bemchtigte sich ihrer. Sie mute doch sehr naiv gewesen sein frher, - oder
nein, eigentlich grenzenlos hochmtig, oder noch etwas anderes: borniert. Sie
trat in eine Konditorei, die auf ihrem Wege lag, lie sich eine Tasse Chokolade
geben, und versank in Gedanken. Merkwrdig, frher hatte sie so wenig selbst
gedacht. Immer mit den Gedanken Anderer. Beim Lesen von Bchern, in der Kirche,
in der Gesellschaft ihrer Freundinnen. Alle mglichen Einflsse hatten auf sie
gewirkt, nur ihr eigenes Selbst hatte sie nie aufgefordert, sein Bekenntnis zu
sagen. Wie wre das auch mglich gewesen? Als braves Kind wurde sie erzogen zu
denken wie ihre Eltern, gute Kleinbrger, dachten. Dann kam sie zur Schule, wo
ziemlich beschrnkte Lehrerinnen, die im Plappern fremder Sprachen das Heil
ihrer Schlerinnen sahen, ihre Erziehung leiteten. Dann geriet sie unter den
Einflu ihrer Freundinnen, tadelloser Gesellschaftsgnse, die keinen Schritt vom
Wege thaten, aber auch keine Ahnung besaen, was einen wirklichen Menschen
ausmacht. Die ganze dheit des jungen wohlerzogenen Mdchens schmckte sie. Die
Schablonenjungfrau, wie sie im Ballsaal und im Wohlthtigkeitsbazar prangt, war
ihr Ideal, dem sie auch hnlich wurde.
    Eines Tages kam ein junger warmherziger Schwabe in ihr elterliches Haus. Er
war Maler und hatte in Stuttgart sein Atelier. Er wollte sich um Studien zu
machen kurze Zeit in dem lieblichen Konstanz aufhalten. Ja damals! Hildegard
seufzte auf. Er verliebte sich in ihre blonden Haare, ihren rosenfarbenen Teint,
ihre blitzenden Zhne. Er warb um sie. Drei Monate spter war Hochzeit. Einhart
war nicht dazu gekommen, die Seele seiner Erkorenen kennen zu lernen. Wann auch?
In so geordneten Verhltnissen werden keine Opfer gefordert noch gebracht. Aus
der guten Stube des elterlichen Hauses kam sie in die gute Stube ihres eigenen
Heims. Als die Eltern tot waren, Vermgen hatten sie nicht hinterlassen, muten
sich die jungen Leutchen etwas einschrnken. Aber Einhart verdiente viel. Er war
von Stuttgart nach Konstanz bergesiedelt, und alles ging flott. Da begannen
ihre Eifersuchtsanwandlungen, die ersten Schatten, die auf ihr Glck fielen. Er
in seiner warmen Gte rechnete mit ihnen. Er wollte ihr entgegenkommen und
stellte ihr die Zumutung, die die Philisterin in ihr so emprt hatte. Jahre des
Zwistes begannen. Sie war bestndig von Bitterkeit erfllt. Sie mochte nicht,
da er malte, wnschte aber doch auch wieder nicht, da der Verdienst fortfiel,
den seine Kunst ihnen eintrug. Und als er in seiner Verzweiflung nach dem
letzten Mittel gegriffen hatte, sie nach beiden Seiten hin zufriedenzustellen,
denn er hing sehr an ihr, wandte sie sich erbost ganz von ihm ab. Er hatte kein
bses Wort, keinen Vorwurf fr sie gehabt. Thue, was du nicht lassen kannst
war das Einzige gewesen, das sie ihm entrungen hatte. Geh, wohin du magst.
Aber ich will von dir geschieden sein. Das geht nicht so schnell hatte er
mit gepreter Stimme geantwortet. La es dir einstweilen an der Trennung
gengen. Ich will indessen die notwendigen Schritte einleiten. Und sie war von
ihm gegangen, mit seinem Geld in der Tasche, von einem letzten ruhigen Blick
seines Auges begleitet. -
    Sie bezahlte rasch und eilte hinaus. Sie mute Luft schpfen. - - - - -
    Nach lngerem planlosen Hinirren kehrte sie nach Hause zurck. Sie
entkleidete sich und begab sich zu Bette. Der dunkle Vorhang glitt lautlos
nieder. Heute flte er ihr keinen Schrecken ein. Es war ihr alles gleichgltig,
was sie betraf. Sie wollte nur eins: sich anschauen. Dieser Hang zur Selbstschau
war ihr neu. Und indem sie einschlief, dachte sie: Wie seltsam! Fr alles sorgen
unsere guten Eltern, nur fr etwas nicht: sie bringen uns das Denken nicht bei.
Statt uns mit Spielzeug zu berhufen, dessen Zweck es ist, uns zu zerstreuen,
sollten sie uns lieber in ein kahles Zimmer fhren. So Kind, nun bleibe eine
Weile in Deiner eigenen Gesellschaft.

                                       7


Die nchsten Tage vergingen ohne ein neues Ereignis. Hildegard a mit den beiden
Damen zu Mittag, ging spazieren und wartete vergeblich auf ein Wort von Frau von
Werdern.
    Sonnabend Abend ging sie zu ihr. Es waren wie jngsthin viele Damen
anwesend. Man sprach lebhaft vom kommenden Dienstag, an dem eine
Frauenversammlung stattfinden sollte. Die Vorsitzende sollte die Einleitung
sprechen; dann hatten sich nicht weniger als neun Damen zum Wort gemeldet. In
einem Augenblick als Frau von Werdern weniger umringt war, nherte Hildegard
sich ihr. Haben Sie nichts fr mich entdeckt, gndige Frau?
    Thut mir leid, liebe Frau Wallner, Sie glauben gar nicht, wie sehr wir von
allen Seiten in Anspruch genommen werden.
    Ich wrde mit der bescheidensten Stellung zufrieden sein.
    Aber viele Gre von Frulein Blatt soll ich Ihnen bestellen. Wenns ihr
mglich ist, kommt sie Dienstag herber.
    Hildegard entgegnete nichts, sie mute gewaltsam ihre Thrnen zurckdrngen.
Was ntzten ihr alle Gre? Sie hatte noch einen Thaler in ihrem Portemonnaie;
wenn der ausgegeben war? Spter trat sie zu Elvira, die eben mit hochroten
Wangen einigen Damen etwas vordemonstriert hatte.
    Sagen Sie, ist auch Frau von Kranbchler da?
    Natrlich, dort steht sie ja, neben der Grfin Mylling. Was wollen Sie denn
mit ihr?
    Ich mchte ihr vorgestellt werden. Sie sagten doch, da sie einflureich
sei. Vielleicht verschafft sie mir irgend eine Stellung als Sekretrin eines
Vereines oder hnliches.
    Na, da sind Sie auch im rechten Moment gekommen. Eben vorhin habe ich
gehrt, da sie sehr aufgebracht sei und geuert habe, gar nichts mehr mit
Vereinen und Untersttzungen zu thun haben zu wollen. Sie hatte nmlich eine
junge Dame, die ihr sehr empfohlen war, mit groem Gehalt angestellt, ihr ein
Buch zu liefern.
    Darin sollten alle Arbeiten, Erfindungen, berhaupt alle bedeutenden Thaten,
die von Frauen herrhrten, auf welchem Gebiet auch immer, aufgezhlt werden.
    Die junge Dame, achtzehn Jahr alt von ihrem Mann geschieden, arbeitete zwei
Jahre lang, lie sich den Gehalt gut bekommen, und kehrte schlielich mit fast
unbeschriebenen Bogen zurck.
    Es wre kein Material aufzufinden gewesen, behauptete sie. Frauen als groe
Erfinderinnen gbe es nicht. Frauen als Baumeisterinnen, als Ingenieure, als
Feldherrn, als Religionsstifter, als Weltumsegler, Astronomen, Philosophen,
berhaupt als Denker, gbe es nicht. Sie habe die verschiedensten Bibliotheken
in den verschiedensten Stdten durchgestbert. Hingegen brchte sie einige alte
Kniginnen von Gottes Gnaden mit, bei denen sich allerdings leider nachweisen
lie, da ihre besten Regierungsformen ihnen von ihren mnnlichen Beratern
eingeflt waren. Sie knnen sich die Entrstung Frau von Kranbchlers und
unserer aller vorstellen.
    Aber ich versteh nicht meinte Hildegard lchelnd, htte denn die junge
Dame selbst Erfinderin werden sollen?
    Nein, aber besser suchen htt sie sollen. Ich bitte Sie. Denken Sie zum
Beispiel nur an die alte Wscherin Jambe. Was wren die klassischen
Dramendichter ohne sie? oder Arachne, die das Sticken erfunden hat, und -
    Guten Abend. Ein blondes Mdchen, hoch und lang wie der Arm eines
Ziehbrunnens in der Puta, neigte sich zu Elvira. Was macht die kleine Millern?
Hat sie die Diphteritis gut berstanden?
    Frulein Frett - Frau Wallner stellte Elvira vor. Ja, die kleine Millern
hat die Diphteritis gut berstanden. Und wie gehts Ihrer Langenweile? Fhren Sie
die noch in Gesellschaften spazieren?
    Ah, Sie sind aber bs, nein wirklich. Was soll die gndige Frau von mir
denken?
    O, die denkt gar nichts sagte Elvira burschikos; dann stie sie Hildegard
leise an. Wollen Sie uns nicht ein wenig Gesellschaft leisten, Frulein Frett?
    Die lange Dame lie sich zgernd nieder.
    Ich sollte eigentlich Frau von Werdern begren; ich fand noch nicht
Gelegenheit, sie diesen Abend zu sprechen. Ich komme geradeswegs von der
Gemldeausstellung hierher.
    Ah rief Elvira, ich hatte noch keine Zeit hinzugehen; giebts etwas
Schnes dort?
    Schnes? Frulein Frett spitzte die Lippen und sah in ihren Schoo.
Schnes grade nicht, aber Anzgliches.
    Elvira wiegte den Kopf. Ei, ei, schau, schau, was Sie alles entdecken! Was
ist denn so Anzgliches dort?
    Ach Gott, so. Adam und Eva ....
    Na hren Sie mal, damals hats noch keine Wollwebereien gegeben.
    Badende Knaben - aber das Strkste, nein!
    Na was denn?
    Eine junge, wenig bekleidete Mutter, die eine Migeburt an die Brust
drckt.
    Eine Migeburt! Pfui Dubchen, das mu ich sagen! So etwas gehrt in
Pruschers Museum, aber nicht in eine Gemldesammlung. Scheulich! Was fr eine
Monstrositt hat denn das Wurm?
    Ganz spitz zulaufende Ohren, und sag ich Ihnen, zwei Hrner, ja wahrhaftige
kleine Hrner. Wahrscheinlich will angedeutet werden, da die Mutter sich in
einen Ziegenbock versehen hat.
    Aber nein rief Hildegard in lautes Lachen ausbrechend, das ist ja die
Nymphe mit dem Faun, die Sie da schildern.
    Elvira rieb sich vor Vergngen die Hnde. Natrlich, selbstverstndlich,
ich bitt Sie, Frulein Frett, wo wird man denn eine solche Abscheulichkeit an
die Wnde eines Kunstinstituts hngen.
    Nein, wirklich - - protestierte das Frulein; aber Elvira lie sie nicht
zu Worte kommen.
    Lehrerin der vierten Klasse einer als ausgezeichnet bekannten
Mdchenschule, bravo, bravo! Was sagen Sie zu dieser Seelenunschuld, Frau
Wallner?
    Hildegard drckte das Taschentuch vor die Lippen. Frulein Frett lchelte
geschmeichelt, da man sich ber sie so erregte. Und es ist doch so meinte sie
gelassen, es ist eine Migeburt und kein Faun. - brigens da sehe ich Frau
Lindhorst. Sie hat neulich die Adresse meiner Modistin wissen wollen und ich
konnte sie ihr nicht genau angeben. Adieu meine Damen.
    Ist sie nicht kstlich? fragte Elvira. Hildegard kam sich vor wie in der
Nhschule vor zehn Jahren, wo sie ihre Freundinnen und Bekannten mit
durchhecheln half.
    Spter brach man auf.
    Dienstag Abend auf Wiedersehen sagte Frau von Werdern, es soll keine von
uns fehlen.
    Als Hildegard zu Hause war, setzte sie sich an den Tisch, um an ihren Mann
zu schreiben. Aber die Bitte um Geld wollte ihr nicht aus der Feder. Sie schob
Briefbogen und Tinte zurck. Nein, lieber Zeitungsaustrgerin werden, als das
Ansuchen an ihn stellen. Drei, vier Tage kam sie ja noch aus, wenn sie recht
sparte. Vielleicht war bis dorthin etwas gefunden. Wenn sie sich frher in eine
solche Situation htte hineindenken sollen! Wenn Einhart durch sein Verschulden
sie dahin gebracht htte! Aber fr seine Ideale ertrgt man auch die Brde des
Schwersten. Ideale?

                                       8


Der nchste Tag war ein Sonntag.
    Hildegard schlief lange, setzte sich dann ans Fenster und starrte in den
trben Schacht hinab, aus dessen Tiefe ihr feuchter Modergeruch entgegendrang.
Zum Frhstck zu gehen, getraute sie sich nicht, ihrer sprlichen Geldmittel
wegen.
    Spter verlie sie das Haus und begab sich auf Umwegen in die Pomona.
Frulein Kampfmann war heute bei Bekannten zu Tisch gebeten und nicht anwesend.
Frulein Glanegg hatte eine ltere, abschreckend hliche Person neben sich
sitzen, mit der sie sich aufs angelegentlichste unterhielt.
    Hildegard entfernte sich, nachdem sie ihr einfaches Essen eingenommen hatte.
    Wieder ging sie planlos durch fremde Straen mit fremden, drngenden,
hastigen Menschen. Das Herz war ihr beraus schwer. Dazu war die Luft von dickem
gelblichen Nebel angefllt, der kein freies Aufatmen zulie. Infolge des
Sonntags hatten alle Geschfte ihre grauen Rollladen herabgelassen und die ganze
Stadt sah aus, als habe sie ein Trauergewand angelegt. Als Hildegard eine
zeitlang gegangen war, lenkte sie ihre Schritte nach Hause. Schlafen gehen, oder
denken, denken das blieb ja noch immer. Gott wrde sie nicht wahnsinnig werden
lassen, Gott, ja! Hatte sie sich in den letzten Jahren jemals um ihn gekmmert?
Seit sie ihre Kinderschuhe ausgezogen hatte, war es ihr nicht mehr eingefallen,
sich religisen Empfindungen hinzugeben. Es ist ja das Kennzeichen einer
gewissen Sorte von Frauen, mit Ironie ber Dinge herzufallen, die sich ihrer
Urteilskraft entziehen. Wenn der greise Gelehrte, verfhrt durch die
berraschenden Ergebnisse seiner Forschung sich an der letzten Grenze des
Erkennens angekommen dnkt und die Wissenschaft zum Gott ausruft, so versteht
man seinen Irrtum aus seinem stolzen Freudenrausch heraus. Aber die Frau mit
ihrer Tchterschulbildung, die Frau, die dem einfachsten Satz der Philosophie
nicht mehr zu folgen vermag! Woher nimmt sie den Mut, wegwerfend zu sagen: Ich
glaube an keinen Gott, ich bin aus Uberzeugung ber alle diese Dinge hinaus.
Ich! Mein Himmel, wie albern sind wir doch, wie grenzenlos thricht, wie
unglaublich einfltig, dachte Hildegard. Und dann stieg eine warme tiefe
Sehnsucht in ihr empor. Sie eilte die Treppe hinauf, schlo ihr Zimmer auf und
warf sich auf die Kniee! Wie so Tropfen fr Tropfen der Selbsterkenntnis auf sie
trufelte! Wie von Stunde zu Stunde das Bild ihres Wesens klarer vor ihr
aufstieg. So sah die Frau des Fortschritts aus! Sie verachtet Gott, weil er ihr
zu hoch ist, sie lchelt ber die Mnner, weil sie ihr geistiges bergewicht
nicht anerkennen mag, sie will selbst regieren, nicht weil sie etwa neue
Gesichtspunkte gefunden hat, sondern weil die Sehnsucht nach Abwechslung mchtig
in ihr geworden ist. Jetzt will sie einmal die Hosen tragen. Die Gegenwart soll
in ein Puppentheater umgewandelt werden. Hildegard lchelte; dann stiegen ihr
Thrnen in die Augen. Ein altes Kindergebet, das sie zwanzig Jahre lang
vergessen gehabt hatte, war auf ihre Lippen getreten. Es war wundersam traurig
und beseligend zugleich, da ihr alle diese Erkenntnis jetzt kam. Wenn es doch
nicht zu spt gewesen wre! Aber es war zu spt. Jetzt gab es keine Rckkehr
mehr. Sie mute ihrem Irrtum die beste Seite abzugewinnen suchen, mute
ausharren, das Wort, da die Frau selbstndig sein kann, wahr machen. Nun, eine
oder die andere Stellung wrde sich ja wol fr sie finden. Hatte sie doch schon
ihre Ansprche bedeutend niederer geschraubt. Sie konnte sie noch niederer
schrauben. Wenn sie nur so lange, bis sie eine Beschftigung fand, mit ihrem
Gelde auskam. Ihr Barvermgen bestand aus einer Mark. Morgen, bermorgen befand
sie sich in der peinlichsten Lage. Sie war es sich selbst schuldig, es nicht bis
zum uersten kommen zu lassen. Mit einer energischen Bewegung erhob sie sich,
trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann: Bitte sende mir hundert Mark, aber
wenn mglich, sofort.
    Dann steckte sie den Brief in ein Couvert, adressierte ihn und trug ihn
selbst auf die Post. Als sie von da zurckkehrte, fand sie Frulein Schulze im
Vorzimmer. Sie hatte ein sehr blasses Gesicht und hielt ein nasses Taschentuch
an den Kopf gepret. Hildegard sagte ihr ein paar teilnehmende Worte. Ja
erwiderte sie mit klglicher Heiterkeit, und das allerunangenehmste ist, ich
sollte heute Abend bei einer Unterhaltung sein, zu der auch mein Brutigam
geladen ist. Abzuschreiben wre zu spt. Gehen Sie selbst zu ihm wandte sie
sich an die Magd, und sagen Sie, wies um mich steht, und er mchte mich bei
Lechners entschuldigen.
    Die Dienerin zgerte einen Augenblick. Dann grinste sie: Mu ick jleich
wieder zurck sein?
    Frulein Schulze machte eine Handbewegung, die zu sagen schien: Mach, was du
willst, la nur mich im Frieden. Als sie fort war, fragte Hildegard: Leiden Sie
oft an Migrne?
    Nein, nicht oft, nur wenn ich unvorsichtig bin. Ich habe bei der Familie,
bei der ich heute Mittag zu Tisch geladen war, von einer Speise gegessen, die
ich sehr liebe, die mir aber immer schlecht bekommt. Nun mu ich ben.
    Kann ich Ihnen irgendwie helfen? fragte Hildegard hflich.
    Danke sehr, nein. Das beste in diesem Zustand ist die Ruhe. Absolute Ruhe
und Dunkelheit.
    Absolute Ruhe da vorne, das ist lustig meinte Hildegard.
    Ja, da ist eben nichts zu wollen.
    Wissen Sie sagte die junge Frau, durch die Resignation ihrer Wirtin
gerhrt, schlafen Sie diese Nacht hinten, ich geh nach vorne. Dort haben Sies
ja wirklich still.
    Nach einigem Hin- und Herreden und lebhaften Dankesuerungen nahm Frulein
Schulze das Anerbieten an. Im Nu waren die Betten umgetauscht; dann gingen die
beiden Frauen zur Ruhe, obwohl es noch frh an der Zeit war. Hildegard fhlte
sich totmde und schlief trotz des Hllenlrms auf der Strae und trotz der
blendenden Helle in der Stube bald ein. Sie wute nicht wie viel Uhr es sein
mochte, als sie pltzlich die Augen aufschlug. Das Zimmer war finster, die Lampe
vor dem Fenster war ausgelscht.
    Ein Etwas hatte sie erweckt. Was war es? Sie wagte sich nicht zu regen und
starrte entsetzt vor sich ins Dunkel. Was war es nur? Sie glaubte nicht an
Gespenster, und doch ..... Es war etwas anwesend, ein Zweites, etwas Hliches.
Sie fhlte es, ohne es zu sehen. In diesem Augenblick glitt eine tastende Hand
neben ihr hin. Hildegard stie einen Schrei aus, sprang aus dem Bette und warf
sich auf den schleichenden Feind.
    Na nu, Se erdrcken mir ja, Hlfe, Hlfe!
    Sie sinds, Sie! .... Was suchten Sie hier?
    Na, na, vorerst wenn ick bitten darf, lassen Se mir jeflligst los, ick bin
keen Huhn nich, det man so mir nichts, dir nichts anpackt.
    Ich lasse Sie nicht los, bevor Sie -
    Um Gotteswillen, was geschieht hier?
    Frulein Schulze, eine brennende Kerze in der Hand, strzte herein. Was
geschieht, was ist los?
    De Frau ist doll -
    Frulein Schulze, Sie haben da eine Gaunerin im Hause. Zum zweiten Mal hat
sie mir einen nchtlichen Besuch gemacht. Und ohne eine uerung ihrer Wirtin
abzuwarten, die zappelnde Magd mit sich schleppend, trat sie in das andere
Schlafzimmer.
    Leuchten Sie herrschte sie die Zimmervermieterin an, und nherte sich dem
Nachtkstchen. Aha, hier ist die Lsung des Geheimnisses. Da liegt Ihre Brse.
Liegt sie jeden Abend da?
    Frulein Schulze erblate. Jawohl. Det bitt ick mir aus geiferte die
Dienerin, von Hildegard freigegeben. Ick bin eene anstndige -
    Schweigen Sie sofort sagte Hildegard ruhig, in der Nacht, als wir unsere
Schlafzimmer vertauscht hatten, ohne da Sie davon wuten, erschienen Sie und
suchten die gewohnte Brse Ihres Fruleins, um sie zu erleichtern. Diese Nacht,
als sich das Wechseln der Zimmer ohne Ihr Wissen wiederholte, erschienen Sie
abermals an meinem Nachtkstchen, um den gewohnten Diebstahl zu begehen.
Frulein Schulze, ich fordere Sie auf, den Koffer dieser Person zu untersuchen.
Das Geld, das sie Ihnen gestohlen hat, wird wol kaum darinnen zu finden sein,
hingegen wer wei, was alles sonst.
    Die Direktrice schlug die Hnde zusammen.
    Aber Anna, nein -
    Lassen Se mir zufrieden, ick jeh noch diese Nacht; mit eener Dollen - sie
deutete auf Hildegard, bleib ick nich unter eenem Dach.
    Frulein Schulze wiederholte Hildegard bestimmt, Sie sind mir, Ihrer
Mieterin es schuldig, die Sachen dieser Betrgerin zu untersuchen. Wer wei, was
sie auch mir entwendet hat.
    Die noch immer vor Schrecken fast wortlose Vermieterin trat ins Vorzimmer an
den Korb der Magd, dessen Deckel nur lose geschlossen war.
    Da wird nichts sein sagte sie sich niederkauernd, er ist ja nicht einmal
verschlossen.
    Bitte ffnen Sie nur drngte Hildegard, diese Person ist so frech, da
ich ihr zutraue, ihre Diebsthle ganz offen auszufhren.
    Hildegard hatte recht gehabt. Schon nach den ersten Kleidungsstcken, die
Frulein Schulze heraushob, kamen verschiedene Wschestcke, die ihr gehrten,
zum Vorschein. Die Diebin sah mit gekreuzten Armen und mit hhnischem Lcheln
zu. Sachen, die ick fr det Frulein stopfen sollte.
    Aber es sind ja gerade Stcke, die noch ganz neu und gut sind, Anna.
    Reden Sie doch nicht, rief Hildegard ungeduldig, die Person ist als
Diebin entlarvt und mu der Polizei bergeben werden.
    Frulein Schulze brach in Thrnen aus und stand auf. Nein, nein, es kann ja
nicht sein, nicht wahr Anna? reden Sie doch.
    Fiel mir in sagte die Magd wegwerfend, ick jehe jleich, oder wolln Se mir
wirklich arretieren lassen, dann wart ick so lange.
    Ja, Sie werden so lange warten rief Hildegard und sah sich nach Hut und
Mantel um.
    Was wollen Sie thun? Frulein Schulze ergriff sie beim Arm.
    Mag das Mdchen ziehen! Aufsehen in meinem Hause um keinen Preis! - Gehen
Sie, Anna, machen Sie schleunig.
    Ein grinsendes Lcheln erschien auf dem Gesichte der Diebin.
    Sehn Se woll. In Berlin is man mit'n Leuten hflicher, als in Ihrem
Provinzwinkel. Na, nu leuchten Se mer aber ooch hbsch hinunter.
    Sie nahm etliche Kleidungsstcke vom Kleiderrechen herab, warf ihre Jacke um
und fate den Korb.
    Na wolln Se mer leuchten, oder nich? Wenn ick mir Hals und Beene uff der
Treppe breche, mssen Se mir Schadenersatz zahlen.
    Hildegard stellte sich vor die Thr.
    Sie lassen die Diebin doch nicht entwischen.
    Frulein Schulze langte den Hausthorschlssel herab. Kommen Sie, Anna,
kommen Sie.
    Dann gingen beide die Treppe hinab.
    Sie haben ein schweres Unrecht begangen sagte Hildegard, als das Frulein
wieder heraufkam. Solche Leute lt man nicht laufen. Was nun, wenn sie in
einer anstndigen Familie eintritt und ihr Diebshandwerk von neuem beginnt?
    Ach, was geht mich das an?
    Frulein Schulze sank kraftlos auf das Sopha, das der Magd als Lager gedient
hatte.
    Hren Sie, das ist aber ein bser Standpunkt meinte Hildegard erregt auf-
und niederschreitend. Dann trat sie vor ihre Wirtin hin. Frulein Schulze,
haben Sie denn nie gemerkt, da Ihnen Geld fehlte?
    Die Angeredete senkte die Augen und schwieg.
    Das ist eine Bejahung! rief Hildegard.
    Meinetwegen, aber - konnte ich denn ahnen - sie brach wieder in Thrnen
aus; dann trocknete sie sich die Augen. Sehen Sie, ich soupiere jeden Abend mit
meinem Brutigam. Mein Gott, andere Freuden hat unsereins keine. Man geht einmal
in den Wintergarten, ins Apollotheater u.s.w. Da giebt man Geld aus. Nach Hause
zurckgekehrt, ist man nicht mehr so ganz nchtern, auch hat man keine Lust, in
der Nacht alle Pfennige nachzurechnen. Im groen Ganzen wute ich ja, wie viel
ich monatlich verausgabte. Aber bei den tglichen Auslagen - Ich sprte wohl
oftmals das Fehlen einer kleinen Summe. Aber ich dachte immer, ich htte das
Geld verloren, oder aber mein Brutigam htte vielleicht einige Silbermnzen aus
meiner Brse genommen. Auf diese Idee konnte ich doch nicht kommen. Abends legte
ich die Brse immer neben Schlssel und Taschenuhr. Ich schlafe sehr fest, wenn
ich einmal eingeschlafen bin. Diese Nacht wachte ich wegen meiner Kopfschmerzen,
sonst htte ich Sie wohl kaum sprechen hren.
    Und Sie wollen also die Gaunerin frei laufen lassen?
    Gewi, ich habe mit der Polizei nicht gerne zu thun.
    Sie sprachen noch eine zeitlang miteinander. Hildegard erzhlte die
Einzelheiten ihrer beiden nchtlichen Wahrnehmungen, dann gingen beide auf ihr
Zimmer. Von Schlafen war keine Rede. Jede gab sich ihren besonderen Gedanken
hin.
    Knnt ich doch fort aus diesem entsetzlichen Hause, dachte Hildegard. Wer
wei, was ich hier noch erlebe!

                                       9


Am nchsten Tage verlie sie spter als gewhnlich ihre Wohnung. Sie ging nach
dem Tiergarten und setzte sich dort auf eine Bank. Die Ereignisse der Nacht
traten lebhaft vor sie hin.
    Und da wollten die Frauen die Verwaltung ihres Vermgens, und desjenigen
ihrer Kinder selbst bernehmen? Bei dieser Unkenntnis der einfachsten
wirtschaftlichen Dinge? Bei diesem spielenden Leichtsinn, womit sie die
Geldfrage behandelten! Bei dieser gewissenlosen Gleichgltigkeit, mit der sie
die Schdigung ihres Besitzes hinnahmen. Hildegard fhlte sich nach den
Erfahrungen dieser Nacht noch gedemtigter als gestern. Der Kopf schmerzte ihr
von all dem Denken und Grbeln, von all der inneren Schau, die sich vor ihr
aufthat. Sie hatte keine Lust, heute in der Pomona zu essen. Im Vorbeigehen
kaufte sie sich bei einer Obsthndlerin einige pfel und verspeiste sie.
    Dann begab sie sich nach ihrer Wohnung. Frulein Schulze hatte ihr einen
Zettel hinterlassen, sie wrde heute Abend eine Aufwrterin mitbringen; bis
dahin mchte Hildegard Geduld haben. Dieser war es ganz gleichgltig, ob das
Zimmer aufgerumt wurde oder nicht. Ihre Gedanken schweiften anderswohin. Heute
Abend konnte Einhart ihren Brief haben. Wenn er ihr doch telegraphisch das Geld
schicken wrde! -
    Der Hunger begann sie zu qulen. Aber ihre letzten zwanzig Pfennig wagte sie
nicht auszugeben, und so hungerte sie. Abends erschien eine ltere Person und
rumte auf. Frulein Schulze lie die Betten wieder umwechseln. Nun aber zum
letzten Mal, meinte sie.
    Hildegard schlief die ganze Nacht nicht. Sie wagte das Fenster nicht zu
ffnen, aus Furcht vor den langen Leitern im Hofe und der entlassenen Magd. Bei
geschlossenem Fenster war aber dieser luftlose Raum unertrglich.
    Am andern Morgen stand sie zeitig auf. Obzwar sie sich vernnftiger Weise
sagen mute, da heute unmglich schon eine Antwort da sein konnte, wartete sie
doch fieberhaft auf das Erscheinen des Postboten. Er kam nicht.
    Hildegard trieb sich den ganzen Tag im Freien umher. Einen Augenblick lang
hatte sie den Gedanken, Frau von Werdern um ein Darlehen zu bitten, aber dann
verwarf sie ihn wieder. Morgen, morgen wrde sicher Geld von ihrem Manne kommen.
Sie kannte ja seine Gte. Im Unglck verlie er sie nicht. -

                                       10


Abends war sie eine der Ersten, die im Saale der tagenden Frauen erschien.
    Eine Reihe von Sthlen stand auf dem Podium. Der Tisch war von Manuskripten
und Bchern bedeckt. Gegen acht Uhr fanden sich einige Damen ein, denen im
letzten Augenblick vor dem angesetzten Beginn der groe Strom derer folgte, die
Interesse fr ihre Sache hatten. Hildegard sphte nach Bekannten, konnte aber
die einzelnen Kpfe in dem groen Gewhl des nicht sehr glnzend beleuchteten
Saals schwer erkennen. Die erste Bekannte, die sie entdeckte war Frau von
Werdern, die in einem langen schwarzen Seidenkleide das Podium bestieg. Ihr
folgten einige Damen, die Hildegard fremd waren. Whrend sie nach vorn blickte,
legte sich eine Hand auf ihre Schulter.
    Gndige Frau, hier ein Programm. Frulein Frett in ihrer blonden Lnge
stand neben Hildegard und reichte ihr ein bedrucktes Blatt. Ich werde heute
Abend als Laufbursche verwendet, wie Sie sehen, aber was thut man nicht aus
Liebe zur Sache!
    Sie verschwand Programme austeilend im Gedrnge. Hildegard berflog den
Zettel. Fnf Frauen und drei Frulein sollten sprechen. Jetzt war es acht Uhr.
Bis zehn Uhr sollten die Vortrge beendet sein. Da ertnte das Klingelzeichen
der Vorsitzenden und gleichzeitig begann Frau von Werdern sich leicht
verneigend:
    Meine verehrten Gesinnungsgenossinnen! ich habe das Vergngen, Sie hier zu
begren, und zwar eine zahlreiche Menge von Ihnen. Alle die hier versammelt
sind, sind - gehren - zhlen, ich meine bilden unsere Freunde. Nichtwahr? Wir
alle wissen, da unsere Lage ernst ist, da kein Monat, ja was sage ich, keine
Woche, kein Tag verstreichen sollte, ohne da wir, da wir - da wir, da wir,
ich meine ohne da wir Zeichen unserer Gesinnung, unserer Ansprche, unseres
Wollens nach auen hin geben. Zu diesem Zwecke hat sich auch heute wieder diese
Versammlung gebildet. Einige hochbegabte Frauen, die wir alle kennen und
verehren - die Sprecherin wandte sich etwas zur Seite, wo die Rednerinnen sich
indessen eingefunden und Platz genommen hatten - wollen ihre Ansichten ber -
ber - ber den - das - ber die unwrdige Stellung der Frau im neunzehnten
Jahrhundert uern. Ich erteile Frau Samrosch das Wort.
    Die Prsidentin verneigte sich, und eine andere Dame trat vor. Aber sie
konnte noch nicht beginnen. Der brausende Jubel, der der Rede der Vorsitzenden
folgte, bertnte minutenlang jedes Wort. Erst gemach legte sich das strmische
Klatschen. Hildegard blickte etwas enttuscht zu Frau von Werdern. Der stockende
Vortrag mit einer Winselstimme gesprochen, die Hildegard nie bei ihr vermutet
htte - im Salon sprach sie leise - hatte ihr nicht gefallen. Frau Samrosch
besa ein besseres Organ; auch las sie ihre Rede brav vom Blatt ab, was das
peinliche Stocken verhinderte.
    Es kamen hochtnende Worte vor, wie: Gewaltsames Vorgehen, wenns friedlich
nicht ginge, sich das Ziel erstrmen, Angriff auf die Unterdrcker der einen
Hlfte der Menschheit, Krieg dem Vorurteil, mgen auch so und so viel alte
Traditionen zusammenkrachen dabei.
    Und all diese wilden leidenschaftlichen Tiraden wurden von einer sanften
hohen Sopranstimme vorgelesen. Hildegard lchelte. Es ist reizend, dachte sie.
    Knixend zog sich auch diese Rednerin zurck, der ebenfalls strmischer
Beifall folgte.
    Frulein Buturund trat vor. Wenn sie nur grer wre und nicht einen so
hbschen Lockenkopf htte, dachte Hildegard. Der glaubt doch kein Mensch die
Unterdrckung. Aber da hatte sie sich in der Harmlosigkeit des blonden
Lockenkopfs geirrt.
    Mit mchtiger Bastimme begann die Rednerin: Dort rckwrts seh ich einige
Mnner stehn - sofort flogen mehrere hundert Kpfe zurck - ja es ist das
Beste, verbergt euch! Hildegard bedauerte die Mnner, denen bei dieser
unerwarteten Anrede wol die Kniee schlottern machten. Verbergt euch! Wozu seid
ihr anwesend? Um Einheit von uns zu lernen? Um Mut von uns zu borgen? Etwa um
Einkehr in euch selbst zu halten? Ein schmetterndes Lachen aus dem Munde eines
der Angegriffenen machte die Rednerin einen Augenblick stutzig; aber gleich
darauf fuhr sie weiter fort: Die Physiologie lehrt uns, da nicht die
Quantitt, sondern die Qualitt des Gehirns bei der Intelligenz eines Geschpfes
den Ausschlag giebt. Meine Damen! Sie alle wissen, da unser Gehirn viel
kompliziertere und feinere Windungen und Nerven hat, als das der Mnner. Lassen
wir ihnen den Stolz auf ihre grere Hutweite. Die Wasserkpfe sind die am
mchtigsten gebauten. - Bravo! tnte es wieder von rckwrts. Die Rednerin
schleuderte einen verachtungsvollen Blick zurck; dann entwickelte sie weiter,
da die Zeit der Umwlzungen auf allen Gebieten gekommen wre - auch auf den
rein menschlichen. Die Frau htte Jahrtausende lang geschwiegen und im Stillen
Krfte gesammelt. Der Mann htte sich inzwischen ausgegeben. Er befnde sich
in der Rckbildung. Die Zeit der Herrschaft des Weibes sei angebrochen. Das sei
klar wie das Einmaleins. Frulein Buturund sprach anderthalb Stunden lang mit
unvermindeter Kraft. Als sie schlo, durchbrauste frenetischer Jubel den Saal.
Sie mute sich unzhlige Male verbeugen und schien nicht bel Lust zu haben,
noch einmal von vorne zu beginnen. Nur das schnelle Hervortreten ihrer
Nachrednerin, einer lteren Dame, die die Redelustige herausfordernd ma,
hinderte sie daran.
    Geehrte Gesellschaft begann Frau Sanghausen, und dann noch dreimal:
Geehrte Gesellschaft, denn man jubelte noch immer fort, ohne auf sie zu hren.
Es ist eine schne Sache um den Mut, aber eine noch schnere um die - Klugheit.
Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: meine gefeierte Vorrednerin scheint
mir doch zu weit in ihren Auseinandersetzungen gegangen zu sein. Mu man denn
strzen, um frisch zu bauen? Nein, nein, und abermals: nein! Wir leben in dem
Zeitalter des Friedens, wir verabscheuen den Krieg. Wir wollen kein Blut
vergieen. Lassen wir den Mnnern ihre Daseinsberechtigung. Seien wir gromtig!
Aber - hier erhob die Rednerin ihre Stimme lauter, nur unter der Bedingung,
da sie auch uns anerkennen! Da sie in uns Gleichwertige, Gleichberechtigte
erblicken. Wir wollen nicht auf sie herabsehen, aber wir wollen auch nicht
hinaufblicken zu ihnen. (Minutenlanges Bravo.) Schulter an Schulter wollten
wir mit ihnen gehen. Dann wird das goldene Zeitalter seine Auferstehung feiern
und aus dem letzten Rest der abgestreiften Sklavenkette wird sich ein Ring
gestalten, ein goldener Reifen: der Ehering des Friedens und der Gerechtigkeit.
    Das war die schnste Rede rief spter ein junges Mdchen hinter Hildegard
und wischte sich die Augen.
    Eine ppige Brnette trat vor und lchelte freundlich ins Publikum.
    Meine Lieben, die ihr da versammelt seid, ich - Hildegard suchte auf dem
Programm den Namen der Dame. Tinni Froen: Uber einen unbeachteten
Gesichtspunkt. - Ich begann die Vortragende, schliee mich keiner meiner
Vorrednerinnen an. Nicht ber den Mnnern, nicht unter den Mnnern, jenseits der
Mnner ist mein Bekenntnis. Mgen sie von uns halten, was sie wollen, es schadet
uns nicht. Mgen sie uns nur Eins lassen: die Freiheit, zu thun, was wir wollen.
Keine Kontrolle unserer Thaten, ihr Herren! Auch wir wollen unsere Klubhuser,
unseren Sport, unsere kleinen Geheimnisse. Vor allem: wir wollen unserem eigenen
Geschmack folgen. Wir haben schon so vieles regeneriert, nun wollen wir an das
Allerwichtigste herantreten, an das, wovon unsere Gesundheit abhngt: an die
Toilette. Meine Damen, fort mit dem Korsett, fort mit dem langen Kleide. Das
Beinkleid sei unser Motto. Denken Sie, wie viel Geld, Zeit und - Staub werden
wir uns ersparen, wenn wir dem Mnnerschneider anstatt der launenhaften Modistin
unsere Treue schenken. Die Rednerin entwarf nun mit lebendiger Phantasie ein
Bild von der Zukunftshose. - Nach Frau Froen sprach noch eine Dame ber
dasselbe Thema. Die andern Damen, die sich noch zum Wort meldeten, wurden von
Frau von Werdern fr den nchsten Vortragsabend vertrstet. Fr heute wre es zu
spt. Die Vorsitzende dankte dann noch in etlichen gefhlvollen Worten den
lieben Gesinnungsgenossinnen fr ihre Aufmerksamkeit und schlo die Versammlung.
    War es nicht amsant? fragte Elvira Kampfmann, indem sie an Hildegard
herantrat.
    Amsant? Ja.
    Die junge Frau, die mit ihrer Bekannten dem Ausgang zustrebte, betrachtete
die Gesichter der Anwesenden. Alle strahlten, alle waren gertet.
    Eine freundliche Heiterkeit lag auf allen. Hildegard hrte zwei Worte um
sich schwirren: Hose oder Rock! Darber unterhielt man sich lebhaft. Im Hausflur
war ein so groes Gedrnge, da man nur schwer vorwrts konnte. Vor Hildegard
befanden sich zwei Damen.
    Die kompleteste Narrenkomdie sagte die Eine mit absichtlich lauter
Stimme. Lauter Phrasen ohne Wert. Stroh, das schon hundertmal gedroschen worden
ist. Zuletzt sind sie natrlich auf die Kleider zu sprechen gekommen, wie kleine
puppenspielende Backfische. Hildegard stie Elivra an. Wer ist die Dame?
    Anstatt der Antwort sagte Frulein Kampfmann laut: Der Fehler ist, da
Krethi und Plethi nicht hereingelassen werden drften. Ich habe schon einmal
darum pldiert. Nun, es kommt hoffentlich auch bald dazu. Bei uns riechts weder
nach Knaster, noch nach Schwei. Wie sollte sich der Bebel da wol fhlen
knnen?
    Die Umstehenden, die Elviras Bemerkung gehrt hatten, brachen in schallendes
Gelchter aus. Drauen auf der Strae sagte sie zu Hildegard:
    Das waren zwei wtende Sozialdemokratinnen. Sie schleichen sich immer in
unsere Zusammenknfte, um uns dann ffentlich lcherlich zu machen. Und doch
sind sie die Lcherlichen. Sie haben sich von uns getrennt, weil wir ihnen zu
zahm waren. Aber was kommt bei ihren Versammlungen heraus? Da Eine oder die
Andere einmal brummen mu, was sie auch mit besonderer Vorliebe thun, um den
Glorienschein modernen Mrtyrertums zu erhalten. Das Schnste geschah neulich.
Etwa fnfhundert Frauen und etliche wenige Mnner hatten sich versammelt. Frau
Lippmann hielt eine brennende Rede gegen die Menschenschinder: die Fabrikanten,
zu Gunsten der heiligen unterdrckten, im Schwei ihres Angesichts ringenden
Arbeiter. Sie feierte die Helden vom Knaster und versprach ihnen bei einiger
Geduld das Himmelreich und die - Vergeltung. Sie sagte in rhrenden Worten, da
die andere Hlfte der Menschheit gemach ganz auf die Seite der Unterdrckten
trte. So knne man auch in dieser Versammlung Frauen aus den ersten und
allerersten Kreisen erblicken.
    Whrend die Lippmann so gefhlvoll redet, meldet sich einer der anwesenden
Mnner zum Wort. Er springt aufs Podium und fllt ber die Rednerin her. Hier im
Saal der sozialdemokratischen Frauenversammlung brllt er: den Frauen msse der
Kopf gewaschen werden, er, der Schneider Wachler sage das. Er hatte nmlich
alles Gesprochene miverstanden. Kanns eine bessere Illustration fr den
fortschrittlichen Geist des edlen verkannten Standes geben? Hildegard lchelte
schwach. Sie war totmde. Etwas Neues haben Sie mir da erzhlt. Also die
Emanzipierten schon in zwei Lager geteilt. Ich dachte ein gemeinsames Ziel mache
einig.
    Dann verabschiedete sie sich von ihrer Begleiterin, ging nach Hause und
begab sich zu Bette. Aber sie konnte keinen Schlaf finden. Sie hrte
ununterbrochen die hohen Stimmen der Rednerinnen im Ohre, das
Beifallsgeklatsche, das Gemurmel der sich ihre Bemerkungen zuraunenden Damen.
Und dann dachte sie: Wozu war eigentlich diese Versammlung? Es wurde sehr viel
geredet. Aber hat man etwas Gutes gefrdert, einen neuen Gesichtspunkt gefunden?
Man hat geschimpft und getobt und immer das Wir ausgespielt. Wir wollen,
Wir knnen, Wir streben. Das war eine Lge. Wer ist Wir? Etwa die Mehrzahl
der Frauen? Nein. Wir ist eine Handvoll anscheinend strker mit Talenten
Begabter von ihnen, die sich besondere Anerkennung verschaffen wollen. Wenn es
aber nicht nur anscheinend Begabtere wren, wozu dann der ganze Aufwand von Pose
und Theatralik? Zu keiner Zeit, in keinem Lande, unter keinerlei
Lebensverhltnissen ist es wirklicher Begabung unmglich gemacht worden, sich
durchzusetzen. Hildegard durchflog in Gedanken die Welt- und Kulturgeschichte.
Immer sah man, wie das starke Talent sich den Boden eroberte, den es zu seiner
Entwicklung bedurfte. Denn das starke Talent besitzt den Mut zur Einsamkeit, zum
Alleingehen. Das braucht weder Hinternoch Vordermnner. Es sagt nicht Wir
sondern: Ich.
    Wrden sich einer wirklich gro veranlagten Malerin nicht die Thren aller
Akademien ffnen? Wrden einer weiblichen Rechtsgelehrten, die nicht nur das
Gewerbsmige ihres Berufes, den gedruckten Paragraphen in den gedruckten
Gesetzbchern erfat, sondern auch die Kunst des Denkens und geistigen
Besitzergreifens einer Idee versteht, die Pforten der Gerichtssle verschlossen
bleiben? Mittelmige Begabung ist kein Anla, um den Frauen bevorzugte Pltze
in der Arena des Lebenskampfes einzurumen, es giebt schon mittelmige Mnner
genug. Wozu also das Geschrei? Um des Geschreis willen. Hose oder Rock? Es lebe
die Abwechslung und der Mnnerschneider!
    Hildegard schlief ein.

                                       11


Am andern Morgen erwartete sie unruhig das Eintreffen des Briefboten. Er kam
nicht. Sie ging aus, kehrte wieder, ging nochmals aus, und fand noch immer keine
Nachricht von Hause. Qulender Hunger begann sich ihrer zu bemchtigen, aber
nochmehr bittere Angst. Nicht ihret- und ihrer Zukunft wegen. Um den Mann, den
sie in khler Gleichgltigkeit verlassen hatte, weil ihr das Leben an seiner
Seite zu wenig interessant erschienen war. Wenn das Weib nur aufrichtig gegen
sich wre, dachte sie, wie viele Trennungen, die unter hochtrabenden Grnden
eingeleitet werden, haben in dem einfachen Gelangweiltsein der Frau ihren wahren
Grund. Und wie sie jetzt an ihn dachte, der immer so schweigsam gewesen war, und
immer in heimlicher thtiger Liebe fr sie geschafft und gewirkt hatte, zu
stolz, um sie in den Bestrebungen, die sie immer weiter von ihm entfernten, zu
hindern, zu einfltig und schlicht, um ihr das Ergebnis ihres trichten
Beginnens vorauszusagen, da fhlte sie ein tiefe, unaussprechliche Sehnsucht
nach ihm in sich erwachen.
    Sie rief sich sein ueres ins Gedchtnis, die schlichte Gestalt mit dem
hellbraunen Haar und den verschlossenen ernsten Zgen, die ein paar ruhiger
dunkelblauer Augen beherrschte. Sie hatte in sptern Jahren sein Angesicht banal
gefunden, weil keine groe Lebendigkeit sein Mienenspiel wechseln lie, jetzt,
wo sie den Untergrund seines Wesens zu ahnen begann, erschien ihr dieses Gesicht
in seiner mnnlichen Ruhe sympathisch, ja liebenswert. Warum nur Trennung oder
Tod zum Erkennen des Zweiten ntig ist?
    Sie stieg unzhlige Male an diesem Tag die Treppe hinab, um im Freien ihrer
Unruhe einigermaen Herr zu werden.
    Gegen Abend ging sie nach einem Leihamt und lieh sich Geld auf ihre Uhr.
Dann setzte sie sich in eine Konditorei und griff zu den Zeitungen. Ein Referat
ber den gestrigen Frauenabend fesselte bald ihre Aufmerksamkeit.
    Ein Flor reizender Damen hie es darin, hatte sich versammelt. Die Palme
des Abends errang Frulein Buturund, deren allerliebster Lockenkopf kaum die
ernsten Gedanken erraten lt, die in ihm wohnen. Auch Frau Tini Groens
junonische Gestalt fehlte nicht. In kurzen Stzen war das Hauptschliche ihrer
Rede wiederholt. Frau Sanghausen entzckte die Versammlung wie immer durch die
Musik ihres Organs. In der ersten Sitzreihe sah man die allerliebsten Frulein
von Rotmller. Auch Frau Baronin von Wallfred, bekannt durch die exklusive
Vornehmheit ihrer Toiletten, erblickten wir.
    In diesem scherzhaften Plauderton gings weiter. Also so ernst nahm man die
Frauenrechtlerinnen! Man sprach von ihren hbschen Gesichtern und ihren
Toiletten. Hildegard griff zu einer andern Zeitung. Auch hier derselbe Ton in
der Erwhnung des Frauenabends. Die hbsche X. und die reizende Y. Auch ein
dritter Bericht lautete nicht anders. Hildegard fhlte Rte in ihre Wangen
steigen. So wenig Enthusiasmus sie auch jetzt mehr der ganzen Frauenbewegung
entgegenbrachte, so fhlte sie als Weib sich doch ber den berlegenen Ton
gekrnkt, womit man ihre Mitschwestern abfertigte. Wie kleine Pensionsgnse,
dachte sie rgerlich. Wo fiele es z.B. einem Berichterstatter ein, die Gesichter
und Anzge der Herren im Reichstag zu schildern. Der reizende Miquel stellte
den Antrag oder: Bamberger trug wieder einen seiner bekannten eleganten
Anzge oder: von Kardorffs liebliches Organ schmeichelte sich in die Herzen
der Zuhrer. Hildegard schob die Zeitungen weg, bezahlte und ging hinaus.
    Ein khler Wind fegte durch die Straen, der Herbst kndigte sein Nahen an.
    Ein von Stunde zu Stunde sich steigerndes Bangen bemchtigte sich der jungen
Frau; die Einsamkeit, die groe Erweckerin, hatte sie in ihre Arme genommen. Das
meist ganz irrig angeschaute Ideal der unzufriedenen Frau aus dem geistigen
Mittelstande hatte sich bei nherer Betrachtung als groe hbsche Wachspuppe
gezeigt. Es war kein Leben, keine Entwickelung in ihm. Die Mnner bekriegten es
nicht einmal, sie begegneten ihm scherzhaft. Und die Frauen? Glaubten sie im
letzten Grunde das, von dem sie in so tnender Uberzeugung sprachen? War es
ihnen nicht eigentlich mehr um eine Abwechslung, eine Zerstreuung zu thun?
    Mehrere, deren Privatinteressen vielleicht durch einige Vernderungen z.B.
des Gesetzbuches gefrdert worden wren, wnschten diese lebhaft. Aber aus rein
idealen Grnden, ohne Seitenblick auf die Frderung des eigenen Interesses,
stand wol keine der Frauen in der Bewegung. So entpuppte sich ein Ideal
Hildegards. Und das andere: die Freiheit? Sie grbelte darber nach. Was
bedeutet dieser Begriff fr die Frau? Ist nicht die Liebe und das Opfer ihre
Freiheit? Ohne diese beiden zu leben, heit fr sie: Verbannung, Trostlosigkeit,
de. Manches Weib erkennt dies erst zu spt, wenn sein Irrtum die Wege zerstrt
hat, die nach der Heimat ihres Glckes: dem Herzen des Mannes gefhrt haben.
Hildegard zitterte davor, da vielleicht auch sie zu diesen Verspteten gehre.
Und dann fiel ihr ein, wie unschlau die meisten Mnner seien. Weshalb schicken
sie nicht die unzufriedene Frau fr ein Jahr oder lnger fort? Weshalb
widerstreben sie den romanhaften Wnschen und Plnen der Gattin? Lieen sie sie
doch ziehen! Gbe es ein besseres Mittel, sie schleunigst zurckkehren zu
machen? .... Der Mann kann nicht so viel reden wie die Frau, deshalb ist er ihr
gegenber immer im Nachteil. Freilich, deshalb behlt er sich auch, whrend das
Weib sich ausgiebt. Diese Schweigsamkeit ist der Boden der That, aber wie viele
von den Frauen verstehen das Beste am Manne?
    Wach, von tausend Gedanken bewegt, verbrachte Hildegard die Nacht.
    Auch am nchsten Morgen kam kein Brief. Frau Wallner kannte ihren Gatten zu
genau, um nicht zu wissen, da ihm alles Kleinliche fern lag. Aus Trotz schwieg
er nicht. Er bentzte auch sein bergewicht als der Verdienende nicht, um ihr zu
zeigen, wohin sie ohne seine Hlfe kam. Es mute ihm irgendetwas zugestoen
sein. Entweder war er schwer krank, oder - Sie schauerte. Unter Thrnen flehte
sie zu Gott, da er sie ihren Irrtum nicht so schwer ben lasse. Nie htte sie
geahnt, da ihre Seele, whrend sie diesem Manne Kummer auf Kummer bereitete,
doch mit der seinen verwachsen war. Mechanisch trieb sie sich drauen herum.
Htte sie die Mittel zur sofortigen Abreise besessen! So hie es ausharren. Sie
ging nach der Pomona, wo ihr Frulein Kampfmann mitteilte, da fr den nchsten
Monat eine Frauenversammlung anberaumt wre, zu der auch das Ausland seine
berufensten Vertreterinnen senden wolle. Fr die Dauer des Kongresses seien acht
Tage bestimmt. Es htten sich hundertvierunddreiig Rednerinnen zum Wort
gemeldet. Hildegard hrte zerstreut zu und ging bald nach Hause. Die erwnschte
Nachricht war noch immer nicht eingetroffen. Auch der nchste Tag verstrich ohne
Erfolg. Nun verlie Hildegard das Haus nicht mehr. Der nagenden Verzweiflung
hingegeben, kauerte sie in einer Ecke des dunklen Hofzimmers und wartete und
wartete.
    Und noch zwei weitere Tage vergingen. Lnger ertrug sie es nicht mehr. Sie
wollte sich Frau von Werdern zu Fen werfen und sie beschwren, ihr das
notwendigste Geld vorzustrecken. Verweigerte sie es, so wollte sie an ihre
Freundinnen schreiben, oder an den Pfarrer ihrer Gemeinde. Scheiterte alles,
dann - dann wrde sie sich einfach durchbetteln. Aller Stolz, alle Hrte, alles
falsche Selbstbewutsein war geschmolzen in der Glut ihrer reuigen Liebe.
    Eben als sie mit entschlossenem Gesichte sich erhob, um den Beginn ihrer
Kreuzwege zu machen, klingelte es, und der Postbote erschien. Zitternd sphte
sie nach den Schriftzgen auf dem Couvert. Sie waren von ihrem Gatten. Er lebte
also, er lebte. Sie ffnete den Brief. Achtlos schob sie die Geldnoten, die
zusammengefaltet zwischen den Blttern lagen, neben sich und las.
    Meine liebe Hildegard!
    Wenn du diese Zeilen erhltst, bin ich schon aus aller Gefahr und der
Todesengel ist gndig an unserm Hause vorbergezogen. Ich war sehr schwer
erkrankt und hatte nicht wenig Mhe gehabt, den Arzt von seinem Vorhaben
abzubringen, dich hierher zu rufen. Ich wollte dich nicht erschrecken und
strend in deine Plne eingreifen. Um dich nichts von meinem Erkranktsein merken
zu lassen, durfte ich dir aber auch durch keine fremde Hand schreiben lassen.
Ich selbst konnte keinen Finger bewegen. So mutest du denn warten, meine arme
Hildegard.
    Mge dir die Verzgerung der Geldsendung keine unangenehmen Folgen gebracht
haben. Und knausere nicht allzusehr. Wenn deine Brse wieder frischer Fllung
bedarf, lasse es mich wissen. Sei herzlich gegrt!
                                                               Einhart Wallner.

    Wieder und wieder las sie den Brief. Wenig Worte und ein ganzes volles Herz.
So war der Mann, der geschrieben hatte. Sein Stolz hatte den heien Schrei
seiner Sehnsucht nach ihr verstummen gemacht. Aber seine Gte gegen sie war
offengeblieben. Jetzt, wo sie halb ertrunken war in dem Meer von Phrasen, die
sie angehrt hatte, schien ihr die Wortkargheit die lauteste Beredsamkeit zu
besitzen. Jetzt begriff sie sein Schweigen bei all ihrem Beginnen. Es hatte ohne
Worte zu ihr gesprochen. Und nun verstand sie ihn. -
    Sie schob die Geldnoten in die Brse.
    Ihr Reisegeld! Dann packte sie ihre paar Habseligkeiten zusammen. Heute noch
zu ihm, jubelte es in ihr. Pltzlich ergriff sie ein Bangen. Wie wenn die
Besserung eine Scheinbesserung gewesen war und sie ihn schwer krank antraf? Wenn
er sie gar nicht erkannte? Wenn er tot war? Gab es nicht genug Flle dieser Art,
wo nach einer anscheinenden Besserung pltzlich eine Wendung zum Schlimmsten
eingetreten war? Und dazu kannte sie nicht einmal die Natur seiner Krankheit.
Sie warf ihre Sachen flchtig in den Reisekoffer, eilte hinab und winkte eine
Droschke herbei. Die wichtigsten Kommissionen wurden besorgt, zuletzt fuhr sie
vor das Geschft, in dem Frulein Schulze thtig war. Sie teilte ihr mit einigen
Worten den Sachverhalt mit und verabschiedete sich von ihr.
    Gegen Abend fuhr sie nach dem Bahnhof. Hier mute sie einige Stunden warten,
bis der Zug abging, der sie nach der Heimat brachte. Sie bentzte die Zeit und
schrieb an ihre Bekannten hier einige Abschiedszeilen. Dann begann sie
ungeduldig im Wartesaal auf und nieder zu schreiten, die Augen fast unverwandt
auf die groe Uhr ber dem Eingang gerichtet. Endlich war es so weit. Die
dampfende Lokomotive setzte sich schnaubend an die Spitze des Zuges. Der
Schaffner forderte zum Einsteigen ein. Sie erhielt ein Coup fr sich allein.
Als der Zug aus der Bahnhofshalle glitt, schlo sie die Augen und drckte sich
still in eine Ecke. Aus dem Irrtum hatte sie Gott befreit, wrde er sie nun auch
noch vor der herbsten Qual behten? Wrde sie die Erkenntnis nicht durch
schweres Leid bezahlen mssen. Sollte sies besser haben, als so viele Andere?
    Eigentlich wagte sies kaum zu hoffen. Und doch sagte sie sich wieder, erst
in der Stunde, da der Mensch erkennen gelernt hat, bernimmt er die
Verantwortung fr sein Thun. Und sie war bisher wie eine Blinde hingegangen -
nur ganz von Instinkten geleitet: das echte Weib, das Weib des geistigen
Mittelstandes, in dem brave Eltern ngstlich jede Eigenart zu unterdrcken
suchen, bis es, um ber die eigene Banalitt hinwegzukommen, spter der ersten
besten Verrcktheit, zur Beute fllt, die gerade im Schwang ist.

                                       12


Als Hildegard nach langen, bangen Stunden endlich die Alpen, und von ihnen
umkrnzt den Spiegel des saphirblauen Bodensees auftauchen sah, vermochte sie
ihrer Aufregung kaum mehr Herr zu bleiben. Sie warf einem Bahnhofbediensteten
ihren Gepckschein hin, gab ihre Adresse an, und flog ihrer Wohnung zu.
Unterwegs wollte sie verschiedene ihr bekannte Leute auf der Strae anhalten,
und die Frage an sie stellen, die ihr Herz bis zum Zerspringen beunruhigte. Lebt
Einhart noch, lebt er? Aber ihre zitternden Lippen vermgen kein Wort
hervorzubringen. Vor ihrem Hause schpft sie tief Atem, strmt die Treppen
hinauf, klingelt an, und eilt an der ffnenden Aufwrterin vorbei in sein
Zimmer.
    Da sitzt er mit blassen eingefallenen Wangen in seinem Bett zwischen
aufgesteckten Kissen. Sie fllt vor ihm nieder.
    Seine Augen ffnen sich weit, weit. Er sagt aber kein Wort, legt ihr nur
langsam die Hand auf den Kopf. So bleiben sie beide lange Zeit. Dann fat sie
die schlanke, heie Hand.
    Magst du mich noch, Einhart?
    Er antwortete nicht. Er sieht ihr ins Gesicht, in die schnen, vom Weinen
gerteten Augen, die alles Harte, Trotzige verloren haben.
    Einhart, magst du mich noch? wiederholt sie leiser.
    Da geht ein Lcheln ber sein Gesicht.
    Nein, ich mag dich nicht mehr.
    Sie steht auf und legt die Arme um seinen Hals. Er lehnt den Kopf an sie.
    Magst du mich? Jetzt?
    Jetzt mag ich dich, weil ich dich zu verstehen beginne. Warst du nicht
schlau? Sag ehrlich, als ich von dir ging, wuest du nicht genau, da ich mich
in der de, die sie Freiheit nennen, nach dir besinnen wrde?
    Nein, das ahnte ich nicht versetzt er offen.
    Sie sinnt einen Augenblick darber nach, wie in dem mnnlichsten Manne doch
das Kind mit all seiner jungen Naivitt haften geblieben ist. Aber jetzt ruft
diese Wahrnehmung kein hhnendes Lcheln mehr auf ihre Lippen, es treibt ihr
Thrnen in die Augen. Sie streichelt sein weiches braunes Haar, das an den
Schlfen schon sprlich zu werden beginnt. Er mu frchterlich viel in sich
durchgelitten haben. Frher fand sie es nie der Mhe wert, sein Angesicht zu
studieren. Jetzt entdeckt sie alle die kleinen Zge und Schatten, die stumm
getragener Kummer ins Antlitz grbt. Bitteres Weh ergreift sie. Am liebsten
mchte sie ihr Gesicht in seine Hnde legen und sterben, um ihr eigenes
hliches Bild nicht zu sehen, das ihr die Wundmale dieses Mannes da weisen.
    Aber sterben wre feig. Neu aufbauen, neu aufbauen, was sie schon halb
zerstrt hat, das ist das beste, was sie thun kann. Und Gott sei Dank, da sie
es noch kann, und die Zerstrung, die sie angerichtet hat, keine vollstndige
war.
    Einhart sagt sie, sich auf den Bettrand niederlassend, nicht wahr, wenn
du wieder aufgestanden bist und dich gesund fhlst, beginnst du aufs neue zu
malen. Nicht Porzellanteller, und auch nicht Muster fr Kleiderstoffe. Schne
groe Bilder in l, so wie du sie frher machtest. .....
    Er blickt sie verwundert an.
    Wir wollen gemeinschaftlich das schnste Mdchen suchen, das deine
Knstleraugen zu frohen Schpfungen begeistert. Und dann ziehst du wieder am
frhen Morgen hinaus in den grnen Wald und bannst die Goldtropfen, die die
Sonne durch die Baumwipfel auf den Moosboden sickern lt, auf deine Leinwand.
Und das schne Mdchen steht mit einem schlanken Henkelkrug an der nahen Quelle
und lchelt dir zu. Ich indessen will zu Hause frische Blumen in dein Atelier
stellen und den Tisch mit duftigen Frchten und blitzendem Geschirr schmcken,
damit du, wenn du heimkommst, dich freust und mich lieb hast.
    Er sieht sie immer verwunderter an.
    Ich phantasiere nicht, Einhart, Gott ist mein Zeuge. Ich habe denken
gelernt, das ist alles.
    Aber du wolltest doch eine moderne Streiterin im Kampf fr Frauenfreiheit
und Frauenrechte werden meint er und lchelt schwach.
    Und da beginnt sie ihm zu erzhlen. Sie entwickelt ihm das Bild des Zwistes,
des Phrasengeklingels, der Verworrenheit der Bestrebungen, das sie kennen
gelernt hat. Sie lt vor seinen Ohren Frulein Buturunds mnnermordende
Schwerthiebe sausen und Frau Sanghausens Appell ertnen. Man hrt die
Verwundeten aus der Winselstimme der Frau von Werdern klagen, und sieht Tcher
schwenken bei Tini Froens herausforderndem Kampfruf. Einhart horcht und
lchelt.
    Das ist ja die reine Amazonenschlacht, was du da schilderst.
    Mal sie! ruft Hildegard. Links den Chor der fliehenden Mnner, rechts die
Schar der sie verfolgenden Amazonen. Sie sind bis an die Zhne bewaffnet mit
Federn, Linealen, Bleistiften, Pinseln.
    Und die Eine von ihnen, die am grimmigsten auf ihrem Pferde hinrast, trgt
die Zge meiner Hildegard.
    Nein, nein, die la eine weie Fahne vor einem der verfolgten Mnner
senken.
    Ists wirklich so? fragt er.
    Statt der Antwort legt sie die Lippen auf seine Stirn.
