
                             Bierbaum, Otto Julius

                  Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive

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                              Otto Julius Bierbaum

                                     Stilpe

                      Ein Roman aus der Froschperspektive

                                  Erstes Buch

                              Der Knabe Willibald

Eine schlechte Kinderstube wird durch kein Begrbnis erster Klasse wett gemacht.
                       Aus Stilpes zerstreuten Papieren.

                                 Erstes Kapitel


Als mein Freund Stilpe geboren worden war, herrschte, wie das so blich ist,
viel Freude in der Familie. Dies umsomehr, als die Sache anfangs gedroht hatte,
bs auszugehn.
    Tante Pauline, die nachgezhlt hat, will es beschwren, da Stilpe-Vater an
jenem schweren Tage dreiundachtzig Mal: Umgotteswillen! gesagt hat, wobei er
sich, zornig halb, halb mit der Miene eines zerknirscht auf alles Gefaten, in
den Achselausschnitt der Weste fuhr und mit smmtlichen Fingern, auer den
Daumen, die eben hinten steckten, auf beide Seiten der Westenbrust trommelte.
Und dabei war Stilpe-Vater eigentlich ein sehr ruhiger Mann, seines Zeichens
Lepidopterologe, und konnte von sich sagen, da er die Welt mit Gelassenheit
betrachtete.
    Aber dieser Fall war zu sehr auerhalb der Erfahrungen seines Metiers. Das
Kind lag nmlich schief, und Doktor Schatzheber, schon durch diesen Namen zum
Geburtshelfer prdestiniert, sah sich gentigt, mit der Zange einzugreifen.
    Umgotteswillen! Mit der Zange! Dem Lepidopterologen, der an die gelinde Art
dachte, wie sich die Schmetterlinge auf diese Welt bringen, htte sich das Haar
gestrubt, wenn es nicht schweina am Schdel geklebt wre.
    - Nu, nu! sagte Tante Pauline: das ist das Schlimmste noch nicht. Die
Hebamme hat mir erzhlt ...
    - Umgotteswillen, Pauline, verschone mich! Du bist nie in der Lage gewesen.
Also solltest du auch nicht ...
    Tante Pauline rauschte ab. Es mu gesagt werden, da die ganze aufregende
Geschichte ihr eine gewisse Genugthuung bereitete.
    Das Verheiratetsein hat also auch seine Schattenseiten! Ja, ja, ja!
    Das vershnte sie auf eine Weile mit der Welt.
    Schlielich lief also Alles gut ab, nur da der kleine Stilpe eine kleine
Eindllung am Hinterkopfe aufwies. Tante Pauline hatte die Gte, fragend zu
bemerken, ob derlei nicht Bldsinn zur Folge haben knnte?
    - Nein! schnaubte Doktor Schatzheber, aber, wenn die Wchnerin nicht
bewutlos wre, wrde ich Sie ....; dann wusch er seine Zange in Karbol.

Tante Paulinens Benehmen ist schuld daran, da ich vergessen habe, den
Schauplatz von Stilpes Geburt zu nennen. Es vollzog sich dieser Akt in Leinig,
einer kleinen schsischen Stadt, ber die ich in Krschners Quartlexikon nichts
weiter finde, als da sie an der Freiberger Mulde und nicht weit von dem Schlo
Muldenstein liegt. Ich habe auch keinen Anla, mich bei diesem Gemeinwesen
lnger aufzuhalten, denn, wenn ich auch zu Beginn meiner Geschichte eine kleine
Stilpopdie zu liefern gedenke, so bin ich doch weit entfernt, mich nach dem
preiswrdigen Muster des lieben Meisters Rabelais auch mit den Windelerlebnissen
meines Freundes zu beschftigen. Selbst die erste Hose und die Schulzuckertte
bringt mich nicht von dem Vorsatz ab, erst in dem Augenblick einzusetzen, wo
mein Freund in das versandfhige Alter eintritt, da man ihn von Hause weg und in
fremde Hnde gab, genauer gesprochen, da man ihn aus Leinig nach Dresden und
zwar in die Knigliche Erziehungsanstalt fr Knaben in Friedrichstadt-Dresden
gab, die unter dem Namen Freimaurerinstitut bekannt ist.

                                Zweites Kapitel


Das Freimaurerinstitut in Dresden-Friedrichstadt verfolgt nicht, wie man aus dem
Namen schlieen knnte, den Zweck, Freimaurer zu zchten, sondern es erblickt
seine Bestimmung darin, aus jungen Knaben, die zu Hause schwer zu gltten sind,
wohlpolierte Jnglinge zu machen. Es fhrt sie aber nicht bis zu jenen Hhen der
Bildung, deren Erklimmung die Thore einer Universitt ffnet, sondern es begngt
sich mit der bescheideneren, aber zuweilen doch recht mhereichen Aufgabe, seine
Pflegebefohlenen nur bis zum Vorhofe des Tempels zu bringen. Dort giebt es ihnen
einen leisen Schlag auf die Schulter (so, wie es den jungen Fohlen geschieht,
wenn man sie aus dem Stalle lt) und befiehlt sie der frdernden Gnade dessen,
der aus Tertianern nach und nach Primaner und weiterhin im sanften Gleisgange
Studenten, Doktoren, Pastoren, Professoren, geheime Rte, wirkliche geheime
Rte, kurz allerlei Lichter oder auch wohl blos Leuchter macht.
    Mein Freund Stilpe, von dem ich hoffe, da ich ihn einst unsern Freund werde
nennen drfen (aber man hofft manchmal verwegen), wurde aus zweierlei Grnden in
die Obhut dieser wissenschaftlichen und moralischen Brutanstalt gegeben.
    Einmal geschah es deshalb, weil der Vater notwendig nach Sdamerika reisen
mute, um dort auf irgendwelchen besonders begnadeten Wiesen irgendwelche
Schmetterlinge zu fangen, die sich darauf kaprizieren, just und nur dort ihr
Dasein hinzubringen, und die deshalb noch immer nicht in die ihnen gebhrende
Klasse der wissenschaftlichen Schmetterlingsordnung eingetragen waren.
Stilpe-Vater htte aber nicht mit der Seelenruhe, die zu einem solchen Geschfte
ntig ist, in das ferne Land ziehen knnen, wenn er seinen Sohn nicht in
mnnlicher striegelnden Hnden gewut htte, als es die der guten Stilpe-Mama
waren. Denn es mu gesagt werden, da Mama Stilpe kein eigentliches Talent fr
Knabenerziehung besa. Sie war, eine liebe, nette und hbsche Frau brigens, zu
sanftlebig dazu und hatte das, fr andere Kinder vielleicht recht passende, auf
Willibald angewandt aber nicht ganz richtige Prinzip, lediglich mit Bonbons zu
erziehen.
    Sie handelte dabei nicht nach irgend einer pdagogischen Schulmeinung,
sondern ganz instinktmig. Da sie nmlich selber eine Liebhaberin von
Konfitren aller Art war, so hatte sie die Bemerkung gemacht, da nichts auf
ihre Psyche so beruhigend, begtigend, ja im eigentlichsten Sinne bessernd und,
wenn die Bonbons besonders auserlesen waren, erhebend wirkte, als die linde sich
lsende Sigkeit dieser Konditorerzeugnisse, und sie meinte nun, es msse das
bei dem noch naiveren Kontakt zwischen der kindlichen Zunge und Seele im
Kindesalter erst recht so sein.
    In den einzelnen Fllen hatte es auch immer den Anschein, als ob sie recht
htte. Der kleine Willibald, so hatte man ihn in der Taufe benannt, reagierte
wie ein Engel auf Bonbons. Aber von der hheren Betrachtungswarte der
vterlichen Kritik aus machte es sich bald bemerkbar, da das Allgemeinbild der
Willibaldschen Entwickelung sich nicht vllig so s ausnahm wie die einzelnen
Reaktionserscheinungen. Kurz gesagt: Willibald war auerhalb der jeweiligen
Bonbonwirkungen eine betrchtliche Range.
    Der andre Grund zur berfhrung des jungen Knaben ins Freimaurerinstitut lag
mehr auf wissenschaftlichem Gebiete.
    Wenn jemand einen Sohn bekommen hat, so meldet sich, kaum da die erste
Windel trocken geworden ist, die ernste Frage: Was soll der Junge werden? Ist es
erstaunlich, da Stilpe-Vaters Antwort darauf mit der Sicherheit einer
Reflexbewegung lautet: ein Lepidopterologe? Diese Antwort ist durchaus
begreiflich. Stilpe senior empfand wie jeder Vater seinen Sohn als eine
Fortsetzung seiner selbst; was lag da nher, als da er in ihm auch den
zuknftigen Fortsetzer seiner Lebensaufgabe sah? Und nun konnte er sich zwar
sagen, da er selbst schon manchen Schmetterling zur Ehre der Wissenschaft
aufgespiet hatte, aber die sattsam bekannte Bescheidenheit unsrer exakten
Wissenschaftler erfllte ihn doch zu sehr, als da er nicht auch htte
hinzufgen mssen: Es giebt immer noch unaufgespiete Schmetterlinge genug, ja
bergenug. Welch ein lieblicher Gedanke aber, da der Sohn die Schmetterlinge
einregistrieren wird, die einzuregistrieren dem Vater von einem neidischen
Schicksale versagt gewesen!
    Indessen: Stilpe-Vater war ein starker Geist und wute die Subjektivitt des
vterlich Angenehmen von der Objektivitt der Pflichten zu trennen. Er sagte
sich: Man mu alle Thren offen lassen und bis zu dem Zeitpunkt warten, wo man
aus den Schritten des jungen Menschen ungefhr ersehen kann, zu welchen er sich
am fgsamsten leiten lassen wird. Nur nicht schieben und stoen! Er war durch
seinen Beruf an zartere Hantierung gewhnt.
    Daher gab er denn seinen Sohn, als der im lateinfhigen Alter war (ach, wie
bald ist das ein Deutscher!), nicht mit plumper Hast auf ein Gymnasium, sondern
richtete sein Augenmerk auf eine Anstalt, die beide Wege, den in die Humaniora,
und den in die Realistika, offen lie. Eine solche Anstalt war das
Freimaurerinstitut. Im Allgemeinen mehr den realistischen Disziplinen des
menschlichen Wissens gewidmet, besa es doch auch eine Selekta fr die unter
seinen Zglingen, die es nach den Reizen des klassischen Altertums oder
wenigstens nach den Laufbahnen gelstete, die nur der lateinisch und griechisch
geaichte Jngling betreten darf.
    So ward Willibald, als er acht Jahre alt war, in die Zglingsschaar des
Freimaurerinstitutes eingereiht.
    Acht Jahre alt! Mit Bonbons erzogen! Sehr eigensinnig! Sehr zart! Sehr bla!
Und nun pltzlich unter dem Glassturz zrtlichster Bemutterung hervorgezogen und
einer Knabenstriegelungsanstalt berantwortet, die geradezu spartanischen
Erziehungsgrundstzen huldigte ...!
    Oh mein kleiner Willibald, was wirst du erleben mssen! Wehe, die Zeit der
Bonbons ist vorber.
    Willibald erhielt die Nummer 171, als er ins Institut eintrat. Man schrieb
sie ihm mit Tinte in die Wsche, nhte sie ihm in die Kleider, klebte sie ihm in
Stiefel und Mtze; sie stand auf seinem Kleider- und Bcherschrank, sie stand
auf seinem Bette, sie stand auf seinem Waschbecken, seinem Stiefelwichsplatz,
seinem Seifenkasten;und auch auf dem hlzernen Gewehre stand sie, mit dem er
exerzierte. Denn es wurde exerziert in diesem Institute, exerzirt unter der
Leitung zweier schnauzbrtiger ehemaliger Unteroffiziere, die auch sonst als
Knabendresseure einen wichtigen Platz im Erziehungsplane dieser martialischen
Anstalt hatten Man kann daraus erkennen, wie eminent modern die Anlage dieses
pdagogischen Institutes war. Sie ging nicht aufs Sentimentale, sondern aufs
Robuste aus, sie wollte nicht Romantiker erziehen, sondern Realisten, sie wusch
die jungen Hute nicht mit Mandelmilch, sondern mit Bimsteinseife. Wie in den
meisten dieser Internate, so lebte auch in ihr das bewhrte Staffelprinzip des
Lebens, das sich in Krze so darstellen lt: Die Unteren sind die Fuschemel
der Oberen, und keiner kommt ungetreten in die Hhe. So erfllen diese Anstalten
aufs Vollkommenste den erzieherischen Zweck, aufs Leben vorzubereiten. Denn sie
nehmen es in seiner ganzen Rohheit vorweg. Der Spaltpilz des Illusionismus wird
mit krftiger Hand ausgemerzt, und die bedenkliche Neigung mancher jungen Seelen
ins Optimistische wird durch reichlich und konsequent applizierte Blitzgsse
weggeschreckt.
    So redet unsere erwachsene Philosophie. Aber, liebe Leute, so ein kleiner
Junge von acht Jahren ... Mein Gott, woher soll der erwachsene Philosophie
haben? Er begreift mit nichten die Heilsamkeit des lebensvorbildlichen
Getretenwerdens, er versteht ganz und gar nicht, wie wertvoll es ist, sich die
junge Haut durch Schinden abhrten zu lassen, ihm fehlt jeder Sinn fr das
realistisch Tchtige dieser ganzen Methode. Er fhlt sich einfach
kreuzunglcklich. Er denkt an Muttern und weint.
    So auch Willibald.
    Was hat der arme kleine Kerl geheult unter seiner Bettdecke! Und wie hat er
manchmal mit den Zhnen geknirscht vor Ingrimm, wenn ihn die Oberen drangsalten,
ihn, den Battling. So wurden nmlich die Kleinen genannt.
    Die Battlingschaft war bitter wie die Rekrutenzeit. Ach nein: Wohl bitterer
noch. Denn, was so eine junge Seele empfindlich ist, das kann sich ein
erwachsenes Gehirn manchmal gar nicht mehr vorstellen.
    Deshalb wird es gut sein, ich lasse den Battling selber reden.

                                Drittes Kapitel



                           Die Briefe des Battlings.

Liebste Mamma!
    Du hast mir gesagt, das ich Dir gleich schreiben sol, wie mir es gefellt im
Institut. Es gefellt mir gar nicht. Die Jungens sind furchbar grob und haun mich
immer und nenen mich Badling. Sie sagen, ich wr ein dumes Gescheeche. Ich mag
nicht mer dableiben und wil wieder nach Leisnig. Ach, liebste Mamma, ich weine
die ganze Nacht und dan kommen sie und haun mit einem Rohrstock auf die
Bettdecke, die dinne ist. Und frh lt mich der Schsseloberst den Zucker
karieren beim Kaffe und Mittags der Schisselvice den Braten, wen's welchen
gibt,aber's giebt blos einmal welchen. Ach liebste Mamma kom doch gleich und hol
mich ab. Sonst lauf ich dervon.
                              Mit herzliche Gre
                                                                            Dein
                                                             Dich liebender Sohn
                                                               Willibald Stilpe.




                            Meine liebe gute Mamma!


Du denkst, ich liege Dir was for, aber es ist doch alles war was ich Dir
geschrieben habe. Gestern haben sie mich wieder das Fleisch wollen karieren
lassen. Da hab ich gesagt ich sags dem Lehrer, da haben sie mich untern Tisch
gesteckt und gesagt ich soll die Wacht am Rhein singen und sie wollen den Takt
treten mit den Beinen, und haben mich auch getreten. Aber gesungen hab ich
nicht. Ach meine liebe gute beste Mama, schick mir doch eine Kiste mit Wurst und
Gnsefett, da ich auch was hab auf die trockenen Dreierbrotchen, die wir zum
Frihstick kriegen, und ich dem Schisseloberst was abgeben kann, da er mich
nicht immer den Zucker frih karieren lt.
                             Mit herzlichen Gren
                                                        Dein Dich liebender Sohn
                                                               Willibald Stilpe.

Ich hab einen Freund, der heit auch Willi, er sitzt neben mir in der Klasse.
Dem wil ich auch Wurst geben, weil er mir auch Wurst gibt.




                         Meine allerliebste gute Mamma!


Ich liege Dir ganz gewi nichts vor. Wenn ich in die Ferien komme will ich Dir
schon zeigen, was ich fr blaue Flecke hab, und einen ganzen Bischel Haare hat
mir Einer ausgerissen, wo ich gar nichts gemacht hatte. Blos, weil ich ihm die
Stieweln nicht butzen wollte. Und den Lehrern darf man nichts betzen, dann krigt
man blos noch mehr Keile, und die Lehrer thun den Groen doch nichts. Wenn ein
Battling betzt, missen ihn auch die andern Battlinge mit verhauen, und er darf
auch nicht mitspielen.
    Die andern Jungens krigen alle Taschengeld fr wenn die Obstfrau kommt. Die
kommt zweimal in der Woche und hat viele schne Sachen, Johannisbrot und pfel
und Birn und Mispeln, aber Blockzucker darf sie nicht haben. Du darfst mir aber
das Geld nicht selber schicken, sondern dem Herrn Inspektor Teurig, der giebt
mir dann jede Woche zwanzig Fenge.
                               Es grt Dich Dein
                                                             Dich liebender Sohn
                                                               Willibald Stilpe.

Mein Freund Rammer lt Dich auch gren.



                        Liebe, gute, allerliebste Mama!


Ich bedanke mich sehr schn fr die groe Kiste. Ich habe der ganzen Schissel
Leberwurst und Pfannkuchen gegeben und stehe jetzt sehr gut beim
Schisselobersten und den andern. Du schreibst, ich soll Dir schreiben, was ich
den ganzen Tag mache. Das will ich thun. Also pa auf: Um fnf Uhr frih klingelt
eine Klingel am obern Schlafsaal und dann schreien die beiden Herrn Inspektoren:
Aufstehn! Aufstehn! Die erste Abteilung sich da zuhalten! Die erste Abteilung
sind nmlich die Battlinge. Wir springen nun schnell aus den Betten raus und
rennen in den Stiefelwichssaal und wichsen unsre Stiefel an den Beinen ohne
Ausziehn sehr blank. Dann rennen wir in den Waschsaal, wo jeder sein Waschbecken
hat, aber nicht aus Borzelan, sondern zum Umkippen aus Blech. Die Herren
Inspektoren passen auf, da wir die Hemden runterziehn und nicht so spritzen.
Das Wasser ist wie Eis, und die Seife hat jeder in einem Schiebeksten bei sich,
wo sich auch der Waschlappen und die Kmme aufhalten. Dann rennt jeder in den
Kammsaal und kmmt seine Haare. Ich hab einen Scheitel machen missen links aber
ohne Bomade, mit Wasser. Wenn Einer Luse hat, so nennen sie ihn Lausewenzel. Es
kommt beim Haareschneiden raus und ist eine groe Schande und wird mit Essiig
gewaschen. Ich dachte schon, ich htte welche, weil michs immer picken that,
aber ich hatte keine. Mein Freund Rammer hat mal welche gehabt, aber dann hat er
beim Haareschneiden immer gebetet Lieber Gott gieb das ich keine Luse hab, und
dann hat er keine mer gehabt.
    Ich mu nun schlieen, weil es gleich zum Bettegehn klingelt.
                             Es grt und kt Dich
                                                   Dein Dich treu liebender Sohn
                                                               Willibald Stilpe.


                       Meine gute liebe allerbeste Mama!

Der Herr Inspektor hat mir gesagt, das Du Taschengeld fir mich geschickt hast.
Das hat aber der Schisselvice gehehrt, und da hat er mir gesagt, ich solls keim
sagen und soll ihm finf Pfenge borgen. Das ist aber verboten; aber ich mu ihm
doch borgen, weil er mich sonst am Sonntag das Apfelmus karieren lt und selber
it.
    Nun will ich fortfahren, was ich thu, wenn ich meine Haare gekmmt hab. Dann
gehts nauf in die Arbeitszimmer und wird die Schulsachen nochmal durchgegangen.
Wenn alle Abteilungen mit Wichsen und Waschen und Kmmen fertig sind wird
angetreten und die Herren Inspektoren sehen Einen an, ob man reine gewaschen ist
und auch die Stiewelsohlen ganz sind, besonders hinter den Ohren, wo sich
manchmal Schmutz befindet und man dann karieren mu. Dann singen wir in der Aula
Nun danket alle Gott oder andere schne Gesangbuchslieder und ein Herr Lehrer
betet ein Gebet, was er grade auswendig kann. Dann gehts zum Kaffetrinken, wo
immer jede Schissel, welche aus vier jungens besteht und einen Schisseloberst,
Schisselvice, Schisselterz und Schisselschund hat, eine Kanne Kaffe krigt und
jeder drei Eckchen Semmel und zwei Stikchen Zucker. Der Zucker wird gewhnlich
in die Semmeln nein gebohrt und dann gedunkt, das schmeckt wie Kuchen. Die
Schisselschunds krigen aber nicht immer alle zwei Stickchen Zucker, weil
manchmal welche fehlen. Wenn Kaffe getrunken ist, ist eine Arbeitsstunde, wo
Schularbeiten gemacht werden. Ein Herr Lehrer pat auf, das keiner abschreibt.
Manche Jungen schreiben aber doch ab. Ich wage mirs nicht.
    Nun lebe wol meine liebe gute Mamma, mein Nachbar schubt mich immer, da ich
Messerspieen soll mit ihm. Das ist ein sehr schnes Spiel. Auch Federtippens
wird gespielt. Ich habe drei Goldhahnfedern gewonn, eine ganz neue dabei.
                          Es grt und kt Dich Dein
                                                                     treuer Sohn
                                                               Willibald Stilpe.


                                  Liebe Mama!

Du weit nicht, was Blockzucker ist? Ich werde es Dir erklren. Das sind rote
oder gelbe oder weie Tafeln, und die roten schmecken nach Himbeer, die gelben
nach Apfelsine und die weien nach Citrone. Die roten schmecken am schnsten.
Wenn man eine Tafel kauft, das kostet zehn Pfennige, und jede Tafel hat fnf
Abteilungen zum Abrechen. Nicht wahr, jede Abteilung mte doch blos zwei
Pfennige kosten? Kostet aber einen Dreier. Rammer sagt, im Biedchen drauen
kostet eine Tafel iberhaupt blos fnf Pfennige. Aber die Jungens, die blos in
die Schule kommen hier und zu Hause wohnen, die bringen sie mit und sagen, sie
kosten zehn Pfennige. Wenn ein Junge kein Geld hat, so kann er auch seinen
Braten dervor geben. Vor Schweinebraten krigt man zwei Stckchen, aber vor
Rinderbraten blos eins, das heit, weit Du, das ist blos bei den Battlingen.
Die Groen kriegen schon mehr. Nun weit Du, was Blokzucker ist.
    Ich will Dir nun schreiben, was nach der Arbeitsstunde frih kommt. Da kommt
die Schule. Rechnen ist sehr schwer hier, weil der Lehrer, den die Jungens
Buschklepper nennen, so ein eklicher Fritze ist. Das sagen alle. Biblische
Geschichte ist sehr schn, aber im Lateinischen sind die Verba schwer zum
abwandeln. Ich will aber doch in die Selekta. Die Selekta darf abends eine
Stunde lnger aufbleiben. Geographie ist sehr ausgedehnt. In der Geschichte
gefallen mir die alten Germanen vortrefflich gut. Aber die Rmer siegen immer.
Naturgeschichte ist sehr mies, weil sie auch der Buschklepper hat. Nicht wahr,
liebe Mama, die Menschen legen keine Eier. Rammer sagt, sie legten welche. Dann
kommt das Mittagessen. Erst betet einer komm Herr Jesu sei unser Gast und segne
was Du uns bescheret hast, und wenns alle ist, betet wieder einer Wir danken Dir
Herr Jesu Christ, das Du unser Gast gewesen bist. Aber er ist natrlich nicht
wirklich da, sondern man mu sich ihn selber denken. Es giebt meistenteils
Rindfleisch mit Gemiese, und Brot kann sich jeder nachholen, wenn er noch nicht
satt ist. Ich hole mir immer welches. Bier giebts keins, blos Wasser. Wir haben
einen neuen Schsseloberst. Das ist der schnste Junge im ganzen Kasten und ein
Serbe. Er ist sehr gut und macht feine Witze. Gestern sagt er zu mir: Du,
Schund, jetzt la ich Dichs Wasser karieren. Da haben wir aber alle gelacht. Er
heit Miokovitsch. Ist das nicht ein schner Name? Wenn ich gro bin, geh ich
mit ihm nach Serbien. Er kann den Ball bern Thurm pritschen. Auch die
Riesenwelle kann er. Er hat aber auch schon beinah einen Schnurbart. Ich hab ihn
furchtbar gern. Liebe Mama, die Kiste ist schon lange alle.
                             Es grt und kt Dich
                                               Dein Dich vielmals liebender Sohn
                                                       Willibald Stilpe No. 171.


                               Liebe gute Mamma!

Der Schisseloberst hat gestern dem Terz eine Schelle neingehaun, weil er mich
geknufft hat. Schick mir doch Pfannkuchen in der Kiste. Er it sie furchtbar
gerne. Denke Dir nur: sein Vater ist Feldherr der Serbier. Ich hab sein Bild
gesehen. Es ist keine Sohle. berhaupt: Miokovitsch schwindelt nicht. In seinem
Photographiealbum hat er auch viele furchtbar schne Bilder von Mdchens. Die
Groen nennen ihn alle den schnen Mio. Dem seine Muskeln solltest Du mal sehen,
liebe Mamma! Sie sind so dick wie meine Waden. Er braucht sich auch keinen
Scheitel zu machen, weil er Locken hat. Niemals lt er mich karieren, denn er
ist berhaupt sehr edelmtig. Seine serbischen Briefmarken krieg ich alle. Er
kann furchtbar turnen. Gestern ist er in der Nacht ausgestiegen und am
Blitzableiter nunter geklettert. Weil ich gerade an dem Fenster liege, hab ichs
gesehen. Da Du nicht petzt, hat er gesagt, und ich solls auch keinem Jungen
sagen; ich sags gewi keinem. Er ist erst nach einer Stunde wieder gekommen, und
da war er so lustig, da er mir einen Ku gegeben hat. Ich wei auch, warum er
nunter geklettert ist. Er hat sich einen Strau geholt. Den ganzen Tag hat er
ihn immer in seiner Tasche gehabt. Mir gefellts jetz ganz gut hier. Liebe Mamma,
schick doch ja recht viele Pfannkuchen.
                           Es grt Dich Dein treier
                                                          Sohn Willibald Stilpe.


                                  Liebe Mamma!

Weil Du schreibst, da ich Dir nicht geschrieben habe, was wir nach dem Essen
thun, so will ich es schreiben. Da wird exeziert. Das ist sehr mhsam und mit
Grobheit verbunden, weil die Herren Inspektoren so schreien mssen und sich
rgern, wenn die Jungens alles falsch machen, was natrlich ist, denn wenn man
es noch nicht kann, so ist es sehr schwer. Ich mchte lieber bei den Tromlern
sein, und Miokovitsch will schon dafr sorgen. Dann werden die Kleider
ausgekloppt und vorgezeigt. Der Inspektor kloppt auf die Hosen, und wenn Staub
kommt, so wirds aufgeschrieben, und wer drei Mal aufgeschrieben ist, der darf
nicht mit spielen spter. Bei manchen kloppt der Inspektor aber leise und bei
manchen derb. Dann ist wieder Schule. Hernach aber giebts Vesperbrot und dann
drfen wir drei Stunden spielen. Ruber und Dragoner ist das Schnste. Ich hab
einen Versteck, den keiner rauskrigt. Da knnen sie lange suchen, wenn ich
durchs Fenster in den Badebassin krauche. Pritschball ist auch sehr schn, aber
die Pritschen sind so lang, da man oft vorbeihaut, und dann brillen die andern.
Die Seite, wo Miokovitsch ist, gewinnt immer. Er hat die schwerste Pritsche,
aber er macht selten mit. berhaupt ist er oft nicht da, wenn gespielt wird. Ich
hab ihn mal gefragt, warum er immer nicht da ist. Da hat er gesagt: Du bist
neugierig, Schund, aber wenn du's niemand sagst, will ich Dir's verraten. Aber
er hat mich blos verulken wollen, denn es ist doch Unsinn, da er auf dem Mond
spazieren geht. Solche Witze macht er immer.
    Liebe Mama, warum schickst Du die Pfannkuchen nicht.
                               Es grt Dich Dein
                                                                     teurer Sohn
                                                                    Williwitsch.


                               Liebe, gute Mama!

Ich habe furchtbar lachen mssen, weil Du schreibst, ob es nicht recht wehthut,
wenn der Herr Inspektor auf die Hosen kloppt. Du denkst wol, wir haben sie an,
wenn er kloppt? Nein, das sind die andern, die erste Garnitur, die gekloppt
werden. Nun will ich aber endlich schreiben, was abends gemacht wird. Da wird
erstens Abendbrot gegessen, wobei auch Biertrinken stattfindet. Es ist aber
natrlich blos einfaches. Dazu giebt es Brot und Butter oder Fett. Fett ist mir
lieber, denn die Butter ist sehr hufig ranzig. Viele Jungens schmieren sie dann
untern Tisch oder schnippen sie mit dem Messer an die Decke. Dann fllt sie
manchmal nchsten Tag in die Suppe. Weshalb es ein Unfug ist und man Schellen
kriegt, wenns gemerkt wird. Natrlich wagen sichs blos die Groen. Im Winter
soll die Butter auch von vielen Jungens gesammelt werden, und sie machen dann
abends auf dem Ofen im Arbeitszimmer Butterbbe draus mit geriebenen Brot. Das
mu fein schmecken. Dann gehts wieder naus zum Spielen und dann ist
Arbeitsstunde oder Selbstbeschftigung, wobei Briefe geschrieben werden oder
sonst welcher Unsinn gemacht wird, weil kein Inspektor dabei ist. Dann gehts um
Neune schlafen, wobei das Schnarchen durch Anspritzen beseitigt wird.
Miokowitsch klettert jetzt egal zum Fenster nunter. Mit Rammern bin ich schiech,
weil er sagt, Miokowitsch wr ein Schlowake. Ich brauch berhaupt keinen Freund,
weil mich Miokowitsch zu seinem Leibschund ernannt hat. Deshalb hei ich auch
Williwitsch.
                              Dein Dich liebender
                                                                            Sohn
                                                                          W. St.


                                  Liebe Mama!

Schiech sein ist, wenn man mit Einem nicht mehr Freund ist. Leibschund ist kein
Schimpfname sondern sehr ehrenvoll.
    Wie's am Sonntage zugeht, das ist sehr langweilig, wenn man niemand in der
Stadt hat, zu dem man Urlaub kriegt. Weit Du denn gar niemand, wo ich hingehen
kann? Frh gehen wir in die Kirche. Da haben wir einen besondern Platz und alle
Bnke sind furchtbar bekritzelt, wo die Freimaurer sitzen. Die meisten Jungens
nehmen sich Bcher zum Lesen mit. Ich sitze aber so nahe beim Inspektor. Zu
Mittag gibts Kompot und abends Thee und Kse. Wenn schnes Wetter ist wird
Spaziergang gemacht. Es ist aber ledern, weil man so zwei und zwei in einer
Reihe geht. Und ich mu mit Rammern gehn, mit dem ich schiech bin. Er will immer
zu reden anfangen, aber fllt mir gar nicht ein. Er soll erst sagen, da
Miokowitsch kein Schlowake ist.
    Liebe Mama, ich danke recht schn fr die Pfannkuchen, aber es waren sechs
ungefllte dabei.
                             Es grt und kt Dich
                                                                Dein teurer Sohn
                                                                    Williwitsch.


                                Viertes Kapitel

Man hat, denk ich, aus den Briefen des Battlings ersehen, da Klein-Willibald,
nicht ohne instinktive Lebenskunst, es verstanden hat, aus dem sauren Apfel, in
den zu beien er gezwungen war, nach Mglichkeit Ses zu saugen. Er hat
unbewut nach einem Rezept gehandelt, das auch Erwachsenen hufig probat
erscheint zur Aufhhung des Lebens: er hat sich einen kleinen Heronkult
eingerichtet. Und, wie klug der kleine Bursche doch war! Er blieb nicht in der
Ferne stehen und schwrmte platonisch, sondern er begab sich frohgemut und
entschlossen in die Klientele seines Idols.
    Die Gelegenheit, jetzt schon zu konstatieren, wohin sich das Hkchen krmmen
will, wre gnstig, aber ich mchte dem Leser auch etwas zu thun geben und
berla es also ihm, nachzumessen. Nur bitte ich, sich nicht gleich ein Schema
zu machen. Des Menschen Seele ist manchmal schwankender als der Gang eines
Betrunkenen durch einen Sturzacker. Aber: wie Sie wollen!
    An mir ist es, weiter zu erzhlen und zu sagen, da Jung-Stilpe allmhlich
aus dem Stande eines Battlings in den nchst hheren eines Quarks emporrckte.
Das heit: Er wurde nun nicht mehr blo geschunden; er durfte auch selber ein
bischen mitschinden.
    Es wre nur menschlich gewesen, wenn er sich in diesem Zustande wohler
befunden htte, als in dem vorigen. Aber es war nicht so. Am Selberschinden fand
er wenig Geschmack, und so entging ihm die trstliche Genugthuung, die nicht
blos im Freimaurerinstitut in Dresden-Friedrichstadt den meisten Menschen das
Geschundenwerden ertrglicher macht. Er hatte keinen Sinn fr das Wohlthuende,
das in der Mglichkeit liegt, von oben empfangene Pffe nach unten weiter zu
geben.
    Es thut mir leid, aber ich mu es feststellen: Er dokumentierte damit einen
betrblichen Mangel an Begabung fr realistischen Lebensverstand. Die Strafe fr
diesen Defekt konnte nicht ausbleiben: Er fhlte sich jetzt elender als frher.
Denn, whrend er sich die jetzt offenstehende Gelegenheit der Ableitung nach
unten entgehen lie, verringerte sich doch nicht seine Empfindlichkeit fr die
Ste von oben. Im Gegenteil: Er empfand sie viel peinlicher. Denn er hatte an
Kritik zugenommen. Die Groen standen ihm jetzt nher, und so erkannte er, da
allerlei Dinge an ihnen waren, die sie eigentlich nicht berechtigten, die
Kleinen stolz und schlecht zu behandeln. Er sah, da es keineswegs alle Helden
waren wie der gepriesene Mio, es entging ihm vielmehr nicht, da es unter ihnen
Burschen von unzweifelhaft gemeinen Qualitten gab. Von diesen sich schinden zu
lassen, das hielt schwer und that ungemein weh.
    Es kam fr Jung-Stilpe die Zeit der ersten Zweifel an der zweckmigen und
gerechten Einrichtung dieser Welt. Zehn Jahre erst alt, und schon mute er an
allerlei Warums nagen.
    Warum darf mich Brner knuffen, da er doch unter den Groen als Feigling
verachtet ist?
    Warum darf mich Roscher Dummer Quark nennen, da es doch allgemein bekannt
ist, da er der Dmmste in seiner Klasse ist?
    Warum darf ich den Bodemann nicht wieder ohrfeigen, da er doch schwcher
ist, als ich?
    Alles blos, weil ich noch ein Quark bin?
    Ja, zum Teufel, warum thun sich die Quarks nicht zusammen und wehren sich?
Wenn sie alle zusammenstnden und vielleicht noch die Battlinge herangezgen, so
mten sie die Groen, die ja viel weniger sind, unterkriegen!
    Aber auf dieses Warum wute er die Antwort. Die Quarks waren, bis auf
wenige, zu denen er gehrte, Memmen, Gesindel. Sie machten es mit den Battlingen
nicht besser, als die Groen mit ihnen, und untereinander knufften und pufften
sie sich noch mehr, als sie von den Groen geknufft und gepufft wurden. Ganz
sicher, wenn er es sich etwa einfallen liee, gegen die Groen aufzumucken: Die
meisten Keile wrde er von den Quarks kriegen.
    Das war eine bse Situation fr den kleinen Stilpe, um so bser, als Mio ins
Land seiner Vter zurckgekehrt war.
    Die Umstnde, unter denen sich dieses Ereignis vollzogen hatte, waren nicht
ganz normaler Natur: Herr Mio war geschat worden.
    Warum? Der kleine Stilpe hrte was luten, aber nicht zusammenschlagen. Es
ging ein Munkeln durch die Jungens, als ob ganz Unerhrtes sich begeben htte.
Mio hatte etwas vllig Unsagbares gethan, etwas, wofr den Quarks und gar den
Battlingen die Begriffe fehlten.
    Gewi etwas Groartiges, dachte sich Stilpe, und sein Held erschien ihm nun
im Zauber des Geheimnisvollen noch gewaltiger. Ihn selber hatte er wohl gefragt,
aber es war ihm wieder die Anwort vom Monde geworden:
    - Die Pauker wollen nicht, da man auf dem Mond spazieren geht und
vorzglich nicht mit ihren Tchtern.
    Mit ihren Tchtern? Auf dem Monde? Welche furchtbaren Geheimnisse! Dem
kleinen Stilpe rollte es gruselig, aber warm bers Rckenmark.
    Er fhlte: Der Mond war blos ein Symbol, so wie der Herr Jesus Christ als
Mittagsgast, aber die Tchter der Pauker, die waren reell gemeint.
    Himmel, wer das Symbol vom Monde ergrnden knnte?
    Eine Paukerstochter fragen?
    Pfui, wer wird sich mit Mdchen einlassen!
    Jung-Stilpe war noch im Alter des Jungenstolzes, der im Mdchen etwas
befleckend untergeordnetes sieht. Mdchen! Das kam noch weit hinter den
Battlingen. Was das fr jmmerliche Dinger sind! Hchst feige Geschpfe. Also
kein standesgemer Umgang fr ritterliche Enkel der alten Germanen.
    Aber Mio war trotzdem mit solchen Dingern auf dem Mond spazieren gegangen?
Konnte Mio, der Held, etwas Unritterliches thun? Nie! Es mute vielmehr etwas
hchst Ritterliches gewesen sein.
    Wer wei: Vielleicht war eben das Spazierengehen auf dem Monde das einzig
Ritterliche, das man mit diesen Wesen thun konnte.
    Wenn man nur erst wte, was es wre!
    Mio hatte, als der kleine Willibald durchaus wissen wollte, was unter dem
Mondspazierengehen zu verstehen sei, die Schonung seines Schnurrbartes
gestrichen und mit einem sonderbaren Lcheln gesagt: Williwitsch, wenn ich dir
das erklre, schassen sie dich auch. Warte noch, bis dir so was wchst, und dann
wirst du's von selber erfahren.
    Mein Gott, wie geheimnisvoll! Es hing also mit dem Schnurrbart zusammen! Fr
Quarks war demnach der Mond durchaus unerreichbar, denn ein Quark mit einem
Schnurrbart war undenkbar. Man mute mindestens ein Strunk werden. Aber auch
unter den Strunks war ein Schnurrbart, d.h. die erste Andeutung eines Anfluges
davon, ein unerhrtes Wunder. Fliczek war der einzige unter den Strunks, der so
etwas wie einen Flaum auf der Oberlippe hatte.
    So wurde Fliczek das Idol.
    Willibald machte sich an ihn heran. Er opferte Hekatomben von mtterlichen
Pfannkuchen, ihn zu gewinnen. Schlielich gelang es ihm mit einem Osterfladen.
Aber Fliczek war kein Held, kein Mio. Er a den Osterfladen und wrdigte
Willibald seines Umgangs, aber es stellte sich heraus, da dieser schnurrbrtige
Strunk vom Monde einstweilen nicht viel mehr wute als der schnurrbartlose
Quark.
    Also hing es vom Schnurrbart allein nicht ab.

Da wurde Willibald selber ein Strunk. Zwlf Jahre war er nun alt. Die Periode
der wesentlich krperlichen Schindung mit Ohrenlangziehen, Andenhaarenreien,
Schellenkriegen war im allgemeinen vorber. Die Drangsale fingen an,
hauptschlich seelischer Natur zu werden. Die Strunks, die nur die Groen noch
ber sich hatten, wurden von diesen nicht geprgelt, sondern verhhnt.
    So ein Strunk, das ist wohl was! Bildet sich vielleicht ein, da er schon
ein Groer ist? So ein Jmmerling! Hat noch kurze Hosen an und thut sich dicke!
Vielleicht, weil er Selektaner ist? Weil er seinen Namen mit griechischen
Buchstaben in alle Bcher schreibt? Ist was Rechtes! Ist doch noch ein kleiner
Junge, mit dem man lange noch nicht ber Alles reden kann.
    Aber immerhin kamen die Selektaner unter den Strunks schon mit den Groen in
einige Berhrung. Da sie mehr Schularbeiten zu machen hatten, als die brigen,
durften sie mit den Groen eine Stunde lnger aufbleiben. Diese Arbeitsstunde
wurde, da die Inspektoren im Schlafsaal sein muten, nicht stndig berwacht. Es
kam nur zuweilen der Direktor, um nachzusehen, ob die Stunde nicht etwa
ausgedehnt wurde, und um nachzuriechen, ob nicht geraucht worden war. Aber, wenn
der Direktor Kegelabend hatte, war man sicher. Dann rauchte alles, auch die
Strunks. Es gab sogar eine Wasserpfeife! Und wer gut turnen konnte, kletterte
die Mauer hinan, lie sich auf den Briefkasten hinab, sprang auf die Strae,
lief ins Bhmische Brauhaus und holte Bier.
    Ha, was fr Gelage! Richtige, groe Deckelglser schwang man, und Lagerbier
war drin! Da wurden die Groen vertraulicher. Aber Alles durften die Strunks
doch nicht mitmachen. So, wenn ein Nachtscheuern war und die Dienstmdchen in
den Corridors herumkicherten. Dann kicherten die Groen drauen mit, aber die
Strunks muten im Hofe und Garten Posten stehen.
    Zweifellos: Das hing mit dem Monde zusammen. Freilich nicht im hohen Sinne
des Miokowitsch! Der htte nie mit Dienstmdchen gekichert, die den
Scheuerlappen in Hnden hatten.

So kam Jung-Stilpe ins dreizehnte Jahr, und seine Sehnsucht war vergeblich
hinter dem Monde her und was dessen tiefster Sinn eigentlich wre.
    In der Schule ging alles passabel, bis aufs Rechnen; seine Mitstrunks
achteten ihn als einen, der alles Verbotene khn und heiter mitmachte und nie
petzte, aber enge Freunde hatte er keine, weil er, wie die andern sagten, zu
eingebildet war. In der That hielt er sich fr reichlich dreimal so gescheid wie
alle brigen, wenn auch nicht gerade in den Fchern, die auf dem Stundenplane
standen.
    Da er sich auch in die spezifische geheimkunst der Knabeninstitute
einfhren lie, bedarf nicht besonderer Erwhnung. Er bte sie aber noch ohne
jene Perspektive, die erst aus der Erkenntnis vom Wesensunterschiede der
Geschlechter erwchst. Indessen: Es liegt in der Natur dieser bedenklichen
Kunst, da sie den Hunger nach jener bedenklichen Erkenntis weckt. Oh, die Augen
Willibalds damals! Was wollten sie nur, da sie zuweilen so weit offen und starr
waren, glhten und glosten, flackerten und sich weiteten ...?
    Wirklich, meine werten Herren Pdagogen, es gengt nicht, mensa abzufragen
und den Jungens auf den Zahn zu fhlen, ob der peloponnesische Krieg fest sitzt,
- Sie mten ihnen auch manchmal in die Augen sehen. Sie, die Sie mit
unfehlbarer Sicherheit jedes Jota subscriptum aufstbern, das zuviel geschrieben
wird, sehen Sie denn nicht, da da unten in diesem Auge ein hlicher Wurm
sitzt? Umgotteswillen, rotten Sie diesen Wurm aus, Herr Professor, er ist viel
bedenklicher als zehn falsche Jota subscripta. Aber es ist mehr dazu ntig, als
rote Tinte, und der Rohrstock thuts freilich nicht. Denken Sie blos an sich, und
was alles Ihnen der Wurm weggefressen hat! Wie? Sie verbitten sich diese
Verdchtigung? Ja, dann freilich!
    Jung-Stilpe also, dreizehn Jahre alt, war bereits wurmstichig. Werden wir
uns wundern, da er in puncto puncti frhreif ward? Nun, es giebt viele solche
Wunderkinder. Wir wollen uns nicht anstellen, als fnden wir das so
verwunderlich. Oder wollen wir doch? Schn, wem es wrdig dnkt, der thue seinem
Herzen keinen Zwang an und entrste sich. Hier stehe ich mit meiner ganzen
Breitseite; es haben viele faule pfel Platz.
    Also: Jung-Stilpe suchte mit sonderbaren Blicken nach jener Perspektive, die
ihm noch fehlte. Da kam das, was wir den Zufall nennen, und was unsre Vorvordern
den Teufel genannt haben, ri den Nebel entzwei und sagte leise und mit infam
linder Stimme: Bitte, da!
    Es kam so: Der Direktor hatte wieder einmal Kegelabend, und die Selektaner
thaten sich gtlich an Alkohol und Nikotin. Sie waren alle bei einander, nur
Einer fehlte, der mit dem Schnurrbart, Wenzel Fliczek.
    Sie sitzen alle recht sorglos und im sen Genusse des Verbotenen bei
einander, da thut sich die Thre auf und Fliczek schreit herein: Fenster auf!
Lichter aus! Der Alte kommt bern Hof!
    Dann, wie die Lichter ausgelscht sind, flstert er leise zu jemand
Unsichtbarem hinter ihm: Schnell, da 'nein, unters Katheder!
    Willibald war gerade daran, als Letzter zum Fenster hinauszuspringen. Da,
aber, wie eigen das war, drehte es ihn um.
    Was denn nur? Unters Katheder!
    Er duckte sich dort in die Ecke.
    Da, wie es raschelt! Und neben ihm, hart neben ihm drckt sich was Weiches.
    Gott oh Gott! Was mag das sein! Wie warm! oh, und wenn tausend Direktoren
kmen! Die se Angst!
    - Wer bist denn Du?
    - Sei doch stille! Der Direktor ...!
    Herrgott, wie weich und warm!
    - Rem! Hm! Rem! - Es kommt den Gang herauf. Die Thre schlgt.
    - Rem! Hm! Rem! - Jetzt ist er wohl im Zimmer? Ja, man hrt ihn ja
schnaufen.
    Willibald fhlte zwei Arme an seinem Hals und an seiner Seite ein drngendes
Klopfen.
    Gott, was ist das! Was ist das! Er kann nicht anders, er mu seinen Mund
darauf drcken. Oh, ist das schn!
    - Rem! Rem! Hm! Rem! - Die Thre wieder zu. Schritte ... fort ...
    Das Warme neben ihm bewegt sich. Die Arme lassen ihn los.
    - Wer bist Du denn?
    - Wer bist denn Du?
    - Ich bin Stilpe aus der dritten Klasse.
    - La mich doch los!
    - Nein. Wer bist Du denn?
    - So la mich doch!
    - Nein. Wer bist Du denn?
    - Die Josephine.
    - Buschkleppern seine?
    - Ja doch! La mich doch!
    - Du! Du!
    Und er hngt sich fest an sie, und es ist ihm, als wenn er schwerer und
grer wrde.
    - Aber so la mich doch, ich mu fort.
    Nein, er kann nicht loslassen. Er whlt sich mit seinem Kopf in all das
Weiche, Warme, was um ihn ist.
    Da, jetzt hat er ihren Kopf in den Hnden und drckt ihn mit aller Kraft.
    - Du, das thut ja weh!
    Aber sie geht nicht. Sie lt sich noch eine Weile so halten. Dann kommen
auch ihre Hnde an seinen Kopf, und nun fhlt er ihr Gesicht an seinem.
    Ach, wie die Lippen weich sind.
    - Du beit mich ja!
    Himmel was ist das! Sie kt ihn.
    Gott! Gott! Gott!
    Jetzt ist sie fort.
    Noch eine Weile liegt er unterm Katheder. Dann taumelt er auf und rennt in
den Schlafsaal. In seinem Bette weint er. Und stammelt ihren Namen. Schlft, na
von Thrnen, ein.
    Wie er am Morgen aufwacht, ist alles verndert um ihn herum. Er mchte vor
Gefhl. Josephine! Josephine! Das ist der Mond! Das ist er!
    Dann wird ihm angst. Er mchte fort. Ausreien. Nach Hause. Sich verstecken.
    Gottlob, da Sonntag ist. Er singt in der Kirche so laut, da der Inspektor
ihn anrffelt. In sein Gesangbuch, auf seinen Kirchenplatz, berall hin schreibt
er Josephine.
    Und das Wort schiebt sich in ihm hin und her, und nach dem Schema von Nun
danket alle Gott schreibt er in unbeholfenen Versen die Erlebnisse dieser Nacht.
    Das war die erste Regung.
    Denn von nun ab wollte er - ein Dichter werden.

                                Fnftes Kapitel


So ein kleiner Junge, der Dichter werden will, ist ein merkwrdiges Phnomen. Es
verlohnt sich wohl, es nher zu betrachten.
    Es ist keineswegs dasselbe, wie wenn etwa Einer in Prima anfngt, die
Papierleyer zu schlagen. Da pflegt meist Nachahmungstrieb und Ehrgeiz der
Hauptgrund zu sein, und die Flle sind selten bemerkenswert. Schon, weil sie,
selbst in unsrer Zeit noch, gar zu hufig sind.
    Aber wenn die Verse so frh flgge werden, wie bei unserm Stilpe, dann liegt
die Sache tief und verdient Beachtung. Blo Nachahmung ist es nicht, Ehrgeiz
steckt gar nicht dahinter, - was also ist es wohl?
    Es wird das Beste sein, wir studieren die wunderliche Erscheinung an dem
Knaben Willibald.
    Zuerst die Bemerkung, da vor der Szene unter dem Katheder sich nichts in
ihm geregt hat, was als Hinweis auf das pltzliche Verswesen ausgelegt werden
knnte. Hchstens, da er sehr gerne im Gesangbuch las, ohne da ihn Frmmigkeit
dazu veranlat htte. Er las, weil es ihm gut klang. Aber es kam ihm dabei
durchaus nicht der Gedanke, auch mal so was Klingendes zu machen. Er dachte
berhaupt nicht daran, da das etwas gemachtes sei. Er nahm es wie eine Blume,
wie einen Baum und freute sich dran.
    Und nun, nicht wahr, es ist doch sonderbar: Kaum, da er eine kleine
Josephine neben sich gefhlt hat, setzt er sich hin und schreibt Verse. Und
nicht dies blos, er empfindet pltzlich, wenn auch verworren und wie aus
drngenden Nebeln: Dies, das Verseschreiben, ist ein unerhrtes Glck, ein Ziel
ber allen Zielen.
    Etwas Schwillendes ist in ihm, etwas, das sich nur mit diesem unsagbaren
Gefhle unterm Katheder vergleichen lt. Und er htet das Geheimnis dieses
Schwillens mit demselben Gefhle von Scham, wie das Geheimnis seines Abenteuers
mit Josephine.
    Vielleicht sind diese beiden Geheimnisse nur eines? Vielleicht ist es nur
der Bi in den verbotenen Apfel der Erkenntnis?
    Aber er hat an diesem Apfel doch frs erste nur geleckt, wenn auch zugegeben
werden mu, da er eine unbestimmte Lust empfindet, nun auch hineinzubeien.
    Nein, man kann nicht sagen da Josephine und die Verse ein und dasselbe
sind. Es sind zwei Offenbarungen auf einmal, von denen die eine die andre mit
sich gebracht hat, und sie sind, obwohl sie scheinbar dieselben Erscheinungen
zur Folge haben, doch verschieden von einander. Da sie einander auch feindlich
sein knnen, wird gerade dieses Leben Stilpes beweisen.

Der Teufel zieht gerne Unterrcke an. Das wissen wir aus der Geschichte mancher
heiligen Mnner. Manchmal hat er aber auch ein hlzin Rcklin an und liegt
beim Wirt im Keller. Es giebt ein paar lehrreiche Seiten der
Literaturgeschichte, wo sich Belege dafr finden.
    Heilige und Dichter haben mehr mit dem Teufel zu thun, als gute Christen und
schwrmerische junge Mdchen glauben.
    Wer nicht mit allerhand Teufeln den Tanz bestanden hat, kann weder ein
Gloriole noch den Lorbeerkranz erhalten.
    Und die Teufel, die allerhand Teufel, - es ist erstaunlich, was sie tanzen
knnen. Zu Anfang wissen sie so sanfte zu walzen, und es geht lieblich dahin mit
ihnen, aber auf einmal ist der Wirbel da, der in den Hllentrichter fegt.
    Guter Gott, ich schreibe doch keine Dmonologie! Aber mein Held will (oh
Willibald!) Dichter werden.

Der kleine Willibald schied sich jetzt von seinen Kameraden noch mehr ab, als
frher. Einesteils fhlte er sich hoch erhaben ber sie, und andernteils hatte
er Furcht vor ihnen. Er empfand, da es keinen unter ihnen gbe, dem er seine
Geheimnisse verraten drfte, ohne furchtbar ausgelacht zu werden, und er htte
auch keinen fr wrdig gehalten, sein Mitwisser zu sein. Auch war er viel zu
sehr mit sich beschftigt, als da er Lust htte haben knnen, sich an sie
anzuschlieen.
    Er fing an, mit sich zu phantasieren. In den Schul-und Arbeitsstunden sowohl
wie in der freien Zeit lie er seine Gedanken nach unbekannten Dingen fliegen
und machte groteske Ungetme von Versen daraus. Nebstbei fing er auch an, auf
alles Gedruckte zu fahnden, was kein Schulbuch war. Der Hauptinhalt all seiner
Phantasien war aber Buschkleppers Josephine.
    Er trug die Wrme von ihr, die er unterm Katheder gefhlt hatte, mit sich
herum, und zuweilen war es ihm, wie wenn er in einer lauen Wolke ginge. Manchmal
mute er die Augen zumachen, so stark berkam es ihn.
    Wenn er sie nur einmal sehen knnte, ihr ein Zeichen geben, dachte er sich.
Aber es schien, als ob sie gar nicht mehr da wre. Jede Minute, die er allein
sein konnte, verwandte er darauf, ihr aufzulauern.
    Es war im Herbst, und so durfte er hoffen, sie einmal im Lehrergarten zu
sehen, der, in verschiedene Parzellen geteilt, fr jeden Lehrer ein
Sondergrtchen enthielt. Aber immer war es nur der alte Buschklepper in seinem
grauen Ziegenbarte, den er botanisierend dort wandeln sah, oder die Frau
Buschklepperin, von der unter den Jungen die Rede ging, sie prgele ihren Mann
jede Woche mindestens einmal. Das machte sie unter den Jungens zwar sehr
beliebt, aber fr Willibalds Zwecke gengte es doch nicht.
    Etwa vier Wochen lang lauerte Willibald auf Josephine, da kam wieder so ein
Selektanerabend, der mit des Direktors Kegelvergngen zusammenfiel.
    Diesmal waren Alkohol und Nikotin in den Hintergrund gedrngt durch ein
groes und heroisches Unternehmen. Einer von den Groen hatte sich den Schlssel
zur Kche verschafft, neben der ein Keller voll pfel lag. Und es war die Losung
verteilt worden, da jeder Selektaner seinen Reisekoffer bereit halten sollte zu
einem Raubzuge auf diese pfel. Nur ein paar Strunks waren ausgewhlt,
Postendienste zu leisten. Es war ein Beweis fr das Vertrauen, das man Willibald
entgegenbrachte, da auch er der Vorpostenkette eingereiht wurde. Der
Postenkommandant aber war Fliczek. Er hatte sich zwar dagegen gewehrt und das
verantwortungsvolle Amt durchaus nicht annehmen wollen, aber die brigen Groen
hatten ihn beim Ehrenpunkte gefat und erklrt, er, als der Schlaueste, msse
unbedingt die Posten leiten, wenn er nicht fr einen elenden Feigling gehalten
sein wollte.
    So rckten die Posten, Fliczek an der Spitze, aus. Leise, auf den
Zehenspitzen, obwohl dies eigentlich nicht ntig war, schlich man durch die
langen dunkeln Corridore, dann ging es eine enge Treppe hinunter in das
Souterrain, und von hier aus sollte der Kchenbau umstellt und eine Sphspitze
bis vor an das Direktorhaus gesandt werden. Fliczek verteilte die Posten,
Willibald behielt er zurck.
    - Du mut bis ans Direktorhaus, Stilpe. Ich gehe an Buschkleppern seins.
Wenn alles ruhig ist, pfeifst Du, da Rille in die Classe luft und die Andern
ruft. Wenn der Direktor kommt, klatschst Du und reit aus.
    - Was willst Du denn an Buschkleppern sei'm Haus? Da kommt doch niemand
her!?
    Halt'n Rand und mach, was ich Dir gesagt habe.
    Willibald ging ber den Hof geradeaus und hrte, wie sich Fliczek nach links
entfernte.
    Was wollte der zum Teufel denn dort? Willibald begriff durchaus nicht,
weshalb man sich gegen den alten Buschklepper durch einen Hauptposten schtzen
wollte, vor diesem alten Mann, der ganz gewi nicht in der Nacht revidierte.
    Aber er ging, doch ein wenig stolz darauf, da er den gefhrlichsten Posten
erhalten hatte, bis zum Direktorhause und dachte einstweilen nur an seine
Pflicht. Als er aber den vorschriftsmigen Pfiff gethan hatte und ringsum
nichts Verdchtiges zu bemerken war, da kam ihm pltzlich der Gedanke an
Josephine.
    
    Wenn ich durch den Lehrergarten hinten herumginge, dachte er sich, so kme
ich an die Hinterthre von Buschkleppers Hause. Dort wird mich Fliczek nicht
merken, der natrlich an der Vorderthre aufpat. Vielleicht ist hinten noch
Licht, und ich sehe sie.
    Kaum, da er sich das gedacht hatte, war er auch schon auf dem Wege. Der war
zwar unbequem, denn er mute immer ber die Zune steigen, die zwischen den
einzelnen Lehrergrtchen waren, auch stie er sich bald an einen Baum, bald kam
er in ein Gebsch, bald sank er in ein Beet, aber er wre ja durch Meere
geschwommen, um in Josephinens Nhe zu kommen.
    Er zhlte die Stackete ab. Fnf hatte er nun, nach dem sechsten war er in
Buschkleppers Garten.
    Herrgott, wie ihm das Herz schlug!
    Da, eben, als er bersteigen wollte, hrte er was flstern.
    Himmel! Wer ist das! Er schlich sich nahe an das Stacket, um genau zu hren,
wo das Geflster herkam. Rechts hinten wars, drben in der Laube.
    Er schlich das Stacket entlang nach rechts, der Laube zu.
    Das Geflster wurde vernehmlicher. Pltzlich hrte er:
    - Pscht!
    - Was denn?
    - Da knackte was!
    - , nee!
    Willibald wurde es siedendhei. War das nicht ...?
    Aber er ging nher. Und er hrte:
    - Bleib doch noch e bil!
    - Nein, nein, ich mu zu den andern, sonst merken sie's.
    - Ach, Du!
    Da, an diesem Ach Du! merkte Willibald, da die eine Stimme Josephinens war,
und mit einem Male wute er, da die andre die Fliczeks sein mute.
    Eine jagende Wut berkam den kleinen Burschen. Mit einem Sprunge war er
bers Stacket, mitten in die Finsternis hinein.
    Ein Aufschrei rechts vor ihm. Nur ein paar Schritte.
    Noch ehe Fliczek davon konnte, war Willibald dort und drasch auf den
Fliehenden mit seinen kleinen Fusten wie rasend los. Dann wandte er sich um und
blieb vor Josephine stehen:
    - Du, Du, Du Luder, Du, Du Luder!
    - Ja, Du, was willst denn Du hier?
    - Ich, ich, ich ... Und nun heulte der arme Junge los, da das Mdchen
seinen Schreck und seinen Zorn verga und ihn trstete.
    Er war ganz besinnungslos und legte seine Hnde auf ihre Achseln und lehnte
seinen Kopf darauf und schluchzte: Du ... mut ... mir ... nicht bse sein, ich,
ich ... ach ... Und er heulte wieder.
    - Nein, nein, ich bin Dir ja nicht bse, ich ... ich bin Dir wirklich nicht
bse ... nein, aber nu geh doch, geh!
    Da war der kleine Junge wieder ganz selig und fiel dem Mdel um den Hals und
drckte sie, prete sie, quetschte sie, da sie ihre Not hatte, ihn von sich
abzustreifen. Ihr Gesicht war ganz na von seinen Thrnen, und die offenen Haare
hingen ihr ber die Brust vor. Sie sahen einander nicht, aber ihre Blicken
hingen ineinander.
    Schlielich versetzte ihr Willibald einen Ku, so laut und schallend, da
sie nun, ob auch ungern, es fr unumgnglich ntig hielt, ein Ende zu machen.
    - Nu geh, Du, mach, sonst kommt noch jemand. Aber so geh doch!
    Willibald lie sie nicht los.
    - Du, ich schreie nu aber! Und wenn mei Vater kommt!
    Der Gedanke an den alten Buschklepper brachte Willibald zur Besinnung.
    - Ja, ja, aber nicht mehr mit Fliczek'n!
    - Nee, nee, geh nur!
    Willibald lie sie los und lief davon. Er lief, als htte er keinerlei
Ursache, leise und vorsichtig aufzutreten, er sprang quer ber den Hof, nach dem
Classenzimmer zu. Pltzlich zwang ihn etwas, stehen zu bleiben.
    Herrgott, wenn jetzt die Andern geklappt sind! Und ich bin schuld daran!
    Ich? Nee: Ficzek!
    Und jetzt kam die Wut nochmals ber ihn, und statt durch die Thre zu gehn,
sprang er durchs Fenster in den Corridor.
    Da roch es wundergut nach pfeln.
    Das besnftigte ihn. Leise schlich er sich hinauf in den Schlafsaal.
    Nr. 172, auch ein Selektaner, lag noch wach und kaute an einem Apfel:
    - Was kommst Du denn so spte?
    - Ich hab, ich hab gedacht, ich mu noch Posten stehn.
    - I, Unsinn. Wir sind schon lange oben. Deine ppel und Fliczek'n seine hat
der lange Ayrich. Willst Du een'? Ich habs ganze Bette voll.
    - Gieb nur!
    Und auch der Apfel schmeckte gut.

                                Sechstes Kapitel


Als Willibald am nchsten Morgen erwachte, war sein erster Gedanke Josephine,
sein zweiter Fliczek. Bei dem ersten war ihm linde und gut zu Mute, bei dem
zweiten ballte er die Fuste.
    Er hatte die Empfindung, da er sich heute seiner Haut zu wehren haben
werde. Aber er hatte keine Furcht.
    Er soll nur kommen, der Bhmake, dachte er sich, und bei dieser Gelegenheit
regte sich in ihm zum ersten Male der Raufdeutsche. Er soll nur kommen und mir
was sagen! Eine Schelle kriegt er! Und er erschauderte nicht vor dem Gedanken,
da er, der Strunk, einen Groen ohrfeigen wollte! So verrckt das Weib die
Standesunterschiede.
    Aber es kam anders. Der Tag wurde zwar reich an Aufregungen im Institute,
aber just Willibald wurde nicht davon betroffen.
    Fliczek wute offenbar nicht, von wem er geprgelt worden war. Er war sehr
niedergeschlagen und bla, die einzige Farbe in seinem Gesicht war ein blauer
Fleck unterm rechten Auge; er lie den Kopf hngen und schien es nicht zu wagen,
aufzublicken.
    Willibald merkte sofort, wie es stand, und es kitzelte ihn, den gehaten
Bhmen zu reizen.
    - Du, was hast Du denn da fr einen Fleck im Gesichte?
    - Was Dich nix angeht, Strunk dummer.
    - Bist wohl hingeplautzt bei Buschkleppern gestern?
    - Halt'n Rand, Strunk, oder ich ...
    - Na, was denn? Wenn ich doch blos frage ... berhaupt: Warum bist Du denn
so gerannt?
    - Hast Du mich gesehn, Stilpe? Wo hast Du mich denn gesehen?
    - Nu, Du bist ja im Hofe an mir vorbeigerannt, wie besessen.
    Das war khn kombiniert von Jung-Willibald. Wenn nun Fliczek gar nicht ber
den Hof gerannt wre? Aber er hatte richtig kombiniert.
    - Ich, ich habe was kommen hren, und da hab ich Leine gezogen. Ich dachte
schon, ich wre geklappt.
    - Und da bist Du wohl hingefallen?
    - Ja, da, an der Mittelthre, auf die Treppe hin. Was hast denn Du aufm Hofe
zu suchen gehabt? Du hast doch sollen durch den Souterrain zurck?!
    - Ich hab Dir was sagen wollen.
    - Mir? Was denn? Warum denn? Du Hast Du was gehrt?
    - Ja, eben, ich hab was gehrt bei Buschkleppern hinten, und da hab ich
gedacht: Das mu ich Dir sagen.
    - Du hast was gehrt ... Wars laut? Hast Du auch was gesehn?
    - Nee, s war ja ganz dunkel, aber ich hab jemand schreien gehrt.
    - Du, Strunk, das sag ich Dir: Da Du niemand was davon sagst. Sonst setzsts
Keile!
    - Was soll ich denn sagen? Ich wei ja gar nichts. Hast Du denn etwa
geschrieen, Fliczek?
    - Ich? Unsinn? Ich hab auch nichts gehrt. Du hast wohl getrumt vor Angst,
feiger Strunk.
    Da htte ihm Willibald von Herzen gerne Alles durch eine Ohrfeige
klargemacht, aber er war doch zu klug dazu. Nur das konnte er sich nicht
verkneifen, da er sagte:
    - Ich wei besser wie Du, wer feige ist.
    Worauf Fliczek nichts zu erwidern wute, als ein verchtliches: Strunk!

Dieses Gesprch fand nach dem Frhstck statt, als sich die Klassen zur
Arbeitsstunde in ihre Zimmer verteilten.
    Die Arbeitstunde selber hatte ein andres Aussehen, als sonst. Es war ein
merkwrdiges Geflstere unter den Jungen, zumal in den Oberklassen. Unter den
Bnken wurden pfel herumgegeben, und hufig hrte man das Schnirpsen, wenn
Einer in einen Apfel bi. Dazu ein Gekicher und Blicke hin und her. Ein
Triumphgefhl ging durch Alle, und wenn sie den beaufsichtigenden Inspektor
ansahen, so konnte man aus den Blicken lesen: Der dumme Kerl wei von nichts.
    Auch whrend der Andacht hielt dies Wesen an. Alle Hosentaschen der
Selektaner staken voller pfel, und man griff sich gegenseitig an die Taschen
und kicherte dazu. Als einer, mitten in dem sehr langen und feierlichen Gebete
des Vizedirektors, der mit Vorliebe Sprche aus Jesus Sirach einflocht, zu
seinem Nachbar sagte: Ich hab schon Bauchkneipen, da setzte sich diese
Mitteilung im Flstertone durch die ganze erste Reihe fort, und der Vizedirektor
mute in seinen Sirach ein grollendes: Ruhe! einschieben.
    Aber schon nach der zweiten Unterrichtsstunde, als die Krbe mit
Dreierbrodchen eben an die Thre gestellt waren, meldete sich das Verhngnis.
Die dicke Kchenmeisterin erschien, ohne angeklopft zu haben, in der 2.
Selektaclasse, wo der Direktor gerade Cornelius Nepos traktierte.
    Entrstet blickte der Scholiarch die Frau an, und ein aufgebrachtes Rhm!
fuhr ihr entgegen. Sie aber, ohne eine Spur von dem Respekte, der sie sonst nie
verlie, schwappte bis an das Katheder vor und rief mit erregter Stimme: Meine
ppel hamse gemaust! Meine scheenen ppel, die nischtnutzgen Jungen!
    - Was behaupten Sie!?
    - Ich behaupte nischt, Herr Derekter, ich behaupte Se gar nischt, ich sage
blos: Gemaust ham se se, alle ham se se gemaust!
    - Migen Sie sich! Gehen Sie in Ihre Kche! Hier wird Schule gehalten!
    - Aber, wenn se doch meine ppel alle gemaust ham, Herr Derekter!
    In diesem Augenblicke hrte man was fallen, und ein groer rotbackiger Apfel
rollte langsam aus der ersten Bankreihe vor das Katheder.
    Es war, als ob sich der Apfel seiner Wichtigkeit fr diesen Augenblick
bewut wre, mit so viel Ausdruck, ja Wrde rollte er. Als er zuletzt noch ein
paar Mal hin und her schwankte, war es wie der Schluapell in der Rede eines
Staatsanwalts.
    Aber es ist Staatsanwlten nur selten beschieden, so berzeugend zu wirken,
wie es dieser schweigend beredte Apfel that.
    Smmtliche Selektaner machten eine unbewute Bewegung, als wollten sie unter
die Bnke kriegen, die Augen des Direktors traten aus ihren Hhlen und hatten
ganz offenbar die Tendenz, in aller Krperlichkeit unter die schuldbeladene
Schlerschaft zu fahren, die Kchenmeisterin aber warf sich mit dem Applomb
eines trchtigen Elephantenweibchens auf den Apfel und schrie: Hammr nu den
Beweis, Herr Derekter? Hammr dn Beweis? Ob das nich eener von mein ppeln is?
Na? Oh die verfluchte Jungens, die Mausehaken! Nee, so e Volk! Fui Teifel, sag
ch, und noch emal: Fui, schmt eich!
    Und sie setzte den Apfel mit der Wucht des Triumphes auf das Katheder und
fixierte bald die Schler, bald den Direktor.
    Der sprach: Rhm! Hm! Das ist ... Ich sage: Das ist unerhrt! Das ist eine
Schmach ohnegleichen! Wer von euch ...! Hm! Gesteht! Ich sage: Gesteht auf der
Stelle, oder ...! Hrm! Ich werde ein Exempel ... Rhm! ...
    Pltzlich vernderte sich sein Blick, und er wandte sich zornesvoll zur
Kchin: Gehen Sie in Ihre Kche, sag ich! In Ihre Kche! In ... Ihre ...
Kche!!! Hier wird Schule gehalten! Gehen Sie an Ihre Arbeit! Alles andre wird
sich finden. Rhm!
    Die Kchenmeisterin sah den Direktor erschrocken an und floh hinaus.
    Jetzt aber verlie der Direktor das Katheder.
    Niemand durfte zweifeln, da etwas Frchterliches nahe bevorstand.
    Es bezweifelte es auch niemand.
    Gnse beim Gewitter ducken sich nicht scheuer, als die braven Selektaner es
thaten, whrend der Direktor stampfend und keuchend auf und ab lief.
    So that er immer, wenn er Einen am Ohr nehmen wollte.
    Man kannte das.
    Er hatte eine eigene Art, Einen am Ohr zu nehmen; so eine gewisse Drehung,
als wollte er eine Thre aufschlieen und der Schlssel ging nicht.
    Die in der vordersten Reihe bereiteten sich schon vor, die Ohren zu
schtzen.
    Aber es kam anders. Der Fall war zu ausgedehnt. Denn der Direktor htte
vierzig Ohren drehen mssen.
    Eine Maschine wre ntig gewesen.
    Er plante Schlimmeres.
    Pltzlich donnerte er: Rhm! Smmtliche Schlssel auf die Bank gelegt!
    Die Schlssel klapperten herauf.
    - Rhm! Primus, die Schlssel einsammeln.
    Es geschah.
    - Rhm! Hat die erste Selekta auch gestohlen?
    Kein Athemzug im ganzen Raume.
    - Rhm. Ich frage: Hat ...
    - Ja! (Die guten Jungen lispelten das wie kleine Mdchen.)
    - Ach, rhm, das ist ja wirklich ... ich sage: Das ist ... in der That ...
rhm! Primus!
    Der Primus erhob sich und neigte das lilienblasse Haupt.
    - Geh in die erste Selekta und bitte den Herrn Doktor Box, er soll die
Schlssel einsammeln lassen.
    Der Primus fegte davon, froh aus dem Bannkreis dieser rollenden Augen zu
kommen.
    Wir folgen ihm.
    Doktor Box, ein Pdagoge voll Humor, hatte eben einen Witz zum Besten
gegeben, und die groen Selektaner wollten sich vor Lachen ausschtten, als der
Abgesandte des Zorns seine Botschaft ausrichtete.
    Rups, wie brach da das frhliche Gelchter ab.
    Nur Doktor Box blieb frhlich, und er sprach: Die adolescentuli sollen ihre
werten Schlssel auf die Bank der Wissenschaften und schne Knste legen! Thuts,
meine Lieben, thuts! Mir scheint: Es stinkt in irgend einem Schranke? Oder in
allen?
    Da klingelte es, und schon erschien auch der Direktor auf der Schwelle.
    - Haben Sie die Schlssel, Herr Kollege?
    - Hier sind sie. Was ist denn geschehen, Herr Direktor?
    - Sie haben, rhm, Diebe zu Schlern, Herr Kollege!
    - Na, ich danke!
    - Es verlt niemand das Zimmer! Beide Selekten haben Zimmerarrest bis auf
Weiteres.

In der zweiten Selekta wurde der Zimmerarrest damit eingeleitet, da man den
Unglcklichen der den Apfel hatte fallen lassen, gemeinschaftlich durchprgelte.
    Das ist die Art, wie sich die Verzweiflung des Volkes gerne entldt.
    In der ersten Selekta ging ein Gemunkel von Verrat, und man hatte natrlich
die zweite Selekta im Verdacht. Schon war man daran, ber die Strafen zu
beratschlagen, die hier am Platze waren, da wurde Fliczek durch den Inspektor
herausgerufen.
    - Der Hund! Die Petze! So ein Schuft! Also der Czeche! Natrlich: Der
Czeche!
    Die entrstete Schaar ahnte nicht, da ihnen in dem beschimpften Bhmen ein
Blitzableiter erstanden war.

Die Lehrerconferenz, vor deren Beschlu die beiden Selekten zitterten, befate
sich einstweilen gar nicht mit dem Raubzug auf die pfel, sondern mit einem viel
grulicheren Faktum: Mit der unglaublichen sittlichen Verworfenheit dieses
entarteten Burschen da, wie der Direktor sich in gehobener Rede ausdrckte,
indem er auf Fliczek wies.
    - Wir werden uns nachher mit einer Vergehung zu befassen haben, die leider
den beiden Selekten, wie es allen Anschein hat, ausnahmslos zur Last fllt, mit
einer Vergehung, die schlimm, rhm, sehr schlimm ist, die wir aber im Vergleich
mit der Bberei dieses Menschen noch gelinde ansehen drfen. Wir knnen,
vielleicht, rhm, ich sage: vielleicht, annehmen, da dieses Vergehen der
Selektaner mehr ein bermtiger Jungenstreich als ein Beweis fr bse Lust ist.
Aber hier, rhm, hier, meine Herren Kollegen, hier ist sittliche Verlumptheit!
Hier ist, rhm, Seuchenstoff gefhrlichster Art! Hier ist geil wucherndes
Unkraut!
    Der Vizedirektor, der die Steigerungstendenz im Stile des Direktors kannte,
erlaubte sich, einzuwerfen, ob es nicht wohl angebracht sei, den Fliczek
einstweilen hinauszuschicken.
    - Rhm, ja, ja wohl, hinaus mit diesem Burschen! Aber unter Bedeckung!
Hinaus, sag ich, Fliczek!
    Fliczek ging.
    - Es ist keine Frage, meine Herren, da wir, rhm, da wir diesen
gefhrlichen Buben entlassen mssen. Dank der Anzeige des Kollegen Wippe, der
nicht blos als echter Vater, sondern auch als pflichtbewuter Pdagoge,
gehandelt hat, und von dem wir nie etwas anderes erwartet haben, ist die
Unzucht, rhm, ich sage die Unzucht ...
    - Bitte, Herr Direktor, nicht wol eben dies, denn so weit wage ich meine
Tochter nicht mit anzuschuldigen ..., wimmerte Herr Wippe.
    - Ich sage doch: Unzucht, ohne da ich das Grlichste anzunehmen
verzweifelt genug wre. Denn schon der Gedanke, nchtlicher Weile ... aber
genug! Wir haben, rhm, die Pflicht, auch den Gedanken zu tten, der ... Aber
genug und gleichviel! Wir wissen, da dieser Bube auf Schleichwegen gewesen ist,
und nicht zum ersten Male, auf Schleichwegen, sage ich, rhm, die keinesfalls
unschuldiger Natur waren. Er selbst hat es nicht zu leugnen gewagt. Sein Auge -
oh, aber, rhm, genug! Wir mssen ihn dimittiren. Kollege Wippe hat sich in
rhmeswerter Aufwallung entschlossen, seine Tochter, ber deren Anteil an dem
Entsetzlichen nicht wir zu befinden haben, noch heute aus dem Hause zu thun, und
es mu auch dieser Bursche heute noch das Institut verlassen. Wir schenken unser
ganzes Bedauern dem schwer getroffenen Vormund des Verworfenen, aber, rhm, wir
mssen das Interesse unserer Anstalt ber Alles stellen. Ich zweifle nicht, da
Sie Alle einer Meinung mit mir sind.
    Sie waren alle einer Meinung.

Fr die Entscheidung ber den Raubzug der Selektaner war dieser Fall Fliczek
ungemein gnstig. Zum grten Erstaunen der Delinquenten erfolgte nur ein
vierwchentlicher Zimmerarrest und die Bestimmung, da die
Selektanerarbeitsstunden nicht mehr abends, sondern frh stattzufinden htten.
Das war freilich recht bitter, aber, da man sich natrlich auf sehr viel
Schlimmeres gefat gemacht hatte, so durfte man es mit einem halbwegs angenehmen
Gefhle tragen.
    Gruselig und unheimlich wirkte das Verschwinden Fliczeks. Aber am
unheimlichsten auf Willibald. Es mu gesagt werden: Er hatte eine frchterliche
Angst.
    Er war ja der Einzige, der den Zusammenhang ahnte. Aber: Hing denn nicht er
selber auch damit zusammen?
    Kein Zweifel: Josephine war erwischt worden und hatte Fliczek genannt.
    Und ihn nicht?
    Das that ihm einesteils wohl, aber andernteils hatte er die Empfindung, als
ob er da nicht ganz als voll betrachtet worden sei. Doch das Schlimmste war:
Josephine war fort.
    Und jetzt fing er erst recht an, Verse zu machen.

                               Siebentes Kapitel


Im Allgemeinen fhlte sich der kleine Willibald doch recht wichtig mit seinen
Geheimnissen, und den alten Buschklepper sah er von nun an immer nur so mit
einem gewissen hohen Bedauern an.
    Aber fatal war es ihm, da er gar Niemand hatte, den er ins Vertrauen ziehen
konnte.
    Auch wie er mit seinen Altersgenossen in die Reihe der Groen kam, wo denn
schon manchmal ein wuchtig Wort geredet wurde, fand er keinen, dem er htte
sagen mgen, was jetzt seine Ansicht vom Monde sei. Er war ja auch ohne da mans
ihm gesagt hatte dahinter gekommen, was darunter zu verstehen sei, wenn Einer
dem der Schnurrbart erschienen ist, nchtlicher Weile auf dem Monde spaziert.
Nur fand er, da es auch ohne Schnurrbart ginge.
    Denn er mit allen seinen Erfahrungen bekam sicherlich noch lange keinen.
    berhaupt, die Natur meinte es nicht gut mit ihm. Er, der nun schon
konfirmiert werden sollte, in die Gemeinde der Glubigen aufgenommen, sah um
drei Jahre jnger aus, als er war; und das will in diesen Jahren sehr viel
bedeuten, zumal bei Einem, der sich innerlich etwa drei Jahre lter fhlt, als
er in Wirklichkeit zhlt, also sechs Jahre lter, als er aussieht.
    Das machte seine Stellung unter all den Jungen noch fataler. Die Groen
hnselten ihn, weil er sie durch sein kleinjungenhaftes Aussehen gewissermaen
komprommittierte, die Jngeren lieen es ihm zuweilen fast merken, da sie ihn
nicht ganz fr gro ansahen, und er selbst fhlte sich dabei im Inneren sehr
viel grer, als die grten unter den Groen.
    Er zernagte sich frmlich vor Ingrimm und fing an, sich gegen alle Welt
hochfahrend zu betragen.
    Die meiste Zeit las er. Wahllos Alles, was ihm unter die Hnde geriet. Die
Gedichte des Lesebuchs kannte er auswendig, und es war sein Triumph, sich darin
auf die Probe stellen zu lassen. Sonst fand er seine Lust in einem whlenden
Fabulieren. Whrend die Andern ihre Ballspiele trieben, lief er im Korridor auf
und ab und machte sich zum Helden unmglicher Verhltnisse. Ein unglaublicher
Ritter war er auf einem ganz unglaublichen Pferde. Wenn dies Pferd wieherte,
fielen die Wlder um, und wenn er blos sein Schwert hob, fielen die Kpfe von
ganzen Armeen in den Sand. Aber, wenn die Obsthkerin kam, so schwanden alle
Phantasieen, und so lange er was Ses zwischen den Zhnen hatte, waren ihm
seine Heldenthaten ganz gleichgiltig.
    In der Schule taugte er wenig und am wenigsten im Rechnen. Aber Deutsch und
Religion, das waren seine Gebiete. Er schrieb unorthographischer, als es den
Ansprchen seiner Klasse gem war, aber in seinen Aufstzen war eine gewisse
Art von Liebe am Ausdruck.
    Ungemein oft kam bei ihm das Wort Gott vor. Gleichviel, was er zu schildern
hatte: Den Bau des Maikfers, die Schlacht bei Salamis, die Pflicht, fleiig zu
sein, die Ferienreise, - immer lief Alles auf Gott hinaus.
    Gott, das war ihm jetzt, was ihm Miokovitsch gewesen war, das schlechthin
Groe, Fabelhafte. Den alten Pastor, der ihm den Konfirmandenunterricht
erteilte, setzte er in ewige Verlegenheiten.
    Was ist Gott? fragte Pastor Schulze.
    - Ein kolossales Wesen.
    - Nicht doch, Stilpe. Wie heit es im Katechismus?
    Nun, das wute er wol auch. Aber das gengte ihm nicht.
    - Herr Pastor: Ist Gott grer als das Knigreich Sachsen?
    - Gott ist so gro, da ihn menschliche Worte nicht ausdrcken knnen.
    - Herr Pastor: Kennt mich Gott?
    - Freilich, denn er kennt alle Dinge.
    - Wenn ich bete, hrt er mich?
    - Freilich, freilich, und er freut sich, wenn Du betest.
    - Wenn nun aber Rammer auch betet, wem hrt er denn da zu, Rammern oder mir?
    - Dir und Rammern und Millionen anderen!
    - Aber vergit er denn nicht manchmal was?
    - Nie, Stilpe, er wei jeden Laut und jeden Gedanken, selbst das Summen der
Biene versteht er.
    - Merkt er es auch, wenn ich nicht bete?
    - Er merkt es und zrnt.
    - Warum denn?
    - Weil es Christenpflicht ist, zu beten. Erinnere Dich doch, was ich euch
ber das Beten gesagt habe.
    - Ja, ja, ich wei. Aber, wenn er mir nun nicht erfllt, was ich bete?
    - Schweig endlich und frag nicht unntz. Du hast mir selber ja vorige Stunde
ganz genau und gut geantwortet. Bleibe fest bei dem, was ich Dich lehre. Gott
liebt die unntzen Frager nicht.
    Aber Willibald konnte es nicht lassen, wenigstens fr sich zu fragen. Zwar
glaubte er felsenfest, was er im Katechismus gelernt hatte, denn es gereichte
ihm zu groer Genugthuung, da er durch solchen Glauben fhig werden sollte, in
die Gemeinde der Glubigen, was so viel wie der Erwachsenen hie, aufgenommen zu
werden, aber das war eine Sache fr sich, das war etwas Feststehendes wie die
Katechismusstunde im Stundenplan, das ging die Fragen eigentlich gar nicht an.
    Er glaubte, weil es ja eine Schande gewesen wre, nicht zu glauben, und weil
er zudem in der Religion der Erste war.
    Das Fragen war mehr ein Spiel mit Gott. Es ging ihm keineswegs tief. Es lief
nicht auf Zweifel hinaus, wollte nicht etwa dahin kommen, da pltzlich mal
keine Antwort mehr da wre. Nein, es geschah in der wunderbaren Zuversicht, da
man ber Gott das Unmglichste erfragen drfe, und es wrde doch immer eine
Antwort kommen. berdies war Willibald trotz aller Worte des Pastors davon
berzeugt, da er gerade durch seine Fragen Gott sehr interessant werden msse,
und er fing einen frmlichen Sport damit an, Alles in Beziehung zu Gott zu
setzen.
    - Wenn ich jetzt der Fliege ein Bein ausreie, so rgert sich Gott.
    - Halt! jetzt werde ich so thun, als wollte ich ihr ein Bein ausreien ...
Was fr ein Gesicht wird er da machen!
    - Aber nein: Ich lasse sie fliegen. Jetzt freut er sich.
    - Heute werde ich bei jedem Bissen, den ich in den Mund stecke, inwendig
sagen: Ich danke Dir Gott! Und wenn ichs einmal vergesse, so will ich nicht
weiter essen.
    Aber er fhrte es nur bei der Suppe durch. Beim Braten verga ers bald und
a doch weiter: Die Andern habens ja nicht einmal bei der Suppe gesagt!
    Christus interessierte ihn viel weniger, und der Heilige Geist gar nicht,
obwohl er im Katechismus ber sie ebensogut beschlagen war, wie ber Gott. Es
wre ihm nie eingefallen, Christus etwa zum Orakel zu machen, wie ers mit Gott
unzhlige Male that, dem er die Entscheidung ber die geringfgigsten Dinge
lie.
    - Soll ich meine lateinischen Vocabeln noch einmal durchgehen? Ich zhle bis
zwanzig, und wenn der Inspektor sich auf dem Katheder rhrt, sagt Gott: Ja.
    Aber, wenn sich der Inspektor rhrte, so galt dies doch nicht sogleich, denn
es mute ein deutliches Rhren sein, und wenn er etwa blo eine Hand erhob, so
hatte Gott schon Nein! gesagt, und das Vocabularium wurde zugeklappt.
    Es gab unter den Zglingen auch einige Katholiken. Die verachtete Willibald
unsglich. Der Pastor hatte durchaus nicht eigentlichen Ansto dazu gegeben,
aber es gengte schon das Wenige, was er gesagt hatte, um Stilpe mit der
berzeugung zu erfllen, da sie mit seinem Gott nichts gemein hatten.
    Unter den Jungen fehlte es nicht an Schimpfnamen gegen die katholische
Minderheit. Die gebrauchte Stilpe selten oder gar nicht. Aber so ein
Katholischer kam ihm innerlich wie ausstzig vor.
    Da die meisten Katholiken unter den Schlern Auslnder waren, so erhielt
dieses Gefhl der stillen Verachtung noch einen Beiton von Deutschgefhl. Darin
war er auch sonst sehr stark. Ein Bardenlied von Willibald begann mit den
Worten:
    Wir Germanen schleudern mit Speeren
    Nach Rmern und nach Bren
    Und trinken Meth!
    Unter Meth stellte sich Stilpe etwas ungemein Ses vor, das aber doch wie
Lagerbier wirkte.
    Alles in Allem hatte Gott nebst den allerlei anfliegenden Idealempfindungen
von germanischen Urwldern, Blcher, Kaiser Wilhelm, Moltke den Sinn Willibalds
vom Monde etwas abgelenkt. Es war nur noch so etwas wie eine heie Dehnung in
ihm, ein Gefhl, gemischt aus unsagbarer Sehnsucht und augenirrender Furcht.
    Er htte jetzt nicht mehr den Mut gehabt, wie damals, als er Fliczek
davonprgelte. Er frchtete sich vor den Mdchen, sobald er einmal eine zu sehen
bekam, und emprte sich dann ber diese Furcht.
    Aber manchmal geschah es doch noch, da er an Buschkleppers Garten ging und
seine Hnde auf das Gartengelnder lehnte, starr nach der Laube hinberlugend
voll heiester, wirrester Wallungen.
    Das stammelte er dann Alles in Versen ber Thusnelda aus, die Gattin Armins
des Befreiers.


                                  Zweites Buch

                                Das Jnglinglein

Ich rate Dir, mein Junge,
Bewahre Deine Zunge
Und hte Deinen Magen
Vorm Obste, wenns noch grn.
Schwer ist es zu vertragen,
Es macht Verdauungsmhn
Und anderweite Plagen.

                      Aus Stilpes Maximen und Reflexionen.

                                 Erstes Kapitel


- Was ist denn das? Schmt ihr euch nicht? Obertertianer, die sich wie die
Quartaner balgen! Lat los, sag ich! Stilpe, wenn Du noch einmal zuschlgst!
    Der stmmige Turnlehrer Strz kam in mustergiltigen Stzen hinter den
Kletterstangen hervorgesprungen zum zweiten Reck, wo die Obertertianer der
leipziger Thomasschule mit Kennermiene um einen lebendigen Knuel herumstanden,
der sich bei den gellenden Rufen des Turngewaltigen langsam entwickelte und als
dessen Bestandteile sich unser Freund Stilpe nebst seinem Klassengenossen
Girlinger prsentierten.
    - Was hats gegeben? In einem Vierteljahr soll man euch siezen, und jetzt
wlzt ihr euch in der Lohe wie die kleinen Jungen. Wollt ihr euch nicht
wenigstens geflligst entschuldigen? Wer hat angefangen?
    - Stilpe. Er hat mich geohrfeigt. Da hab ich ihm einen Magensto
verabreicht.
    Girlinger sagte das mit der Ruhe eines Statistikers, obwohl ihm die
Nasenflgel noch vor Zorn bebten. Es war ein schmchtiger, schwarzhaariger
Bursche mit ungemein lebhaften Augen, einer reichlich groen aber schmalrckigen
und schn geschwungenen Nase und einem Anflug von Schnurrbart.
    Stilpe machte sich nicht gut neben ihm. Er war dicker, stmmiger und hatte
etwas von einem Bulldog. Seine Lippen waren aufgeworfen wie bei einem Kalmcken,
seine Nase hatte gleichfalls die Tendenz nach oben, seine Augen waren klein und
wsserig blau. Dazu schwarzes, starres Haar, das zu weit in die Stirn ging und
ein paar Wirbel zu viel hatte, und Pockennarben bers ganze Gesicht.
    Der kleine Willibald hatte sich betrchtlich verndert, bis ers zum
Obertertianer gebracht hatte. Selbst seine gute Mutter fand, da er ein bischen
zu charakteristisch geworden wre, wie sie sagte. Auch ohne die Pockennarben
wre er kein Adonis gewesen.
    Dazu trug er sich recht sonderbar. Etwas wild-westartig und nicht eben
sorgfltig. Ein schwarz karrierter Anzug, dessen Grundfarbe ein lehmiges Gelb
war; dazu ein flatternder grner Hngeschlips. Alles in einem liederlichen
Zustande, der jetzt noch besonders zur Geltung kam, wo die Jacke durch die
Balgerei einen Ri bekommen hatte.
    - So, Stilpe! Also Du ohrfeigst den Primus Deiner Klasse. Natrlich, wer
fast der Letzte ist, mu seinen Zorn an den besseren Schlern auslassen. Willst
Du die Gte haben und sagen, wie Du zu dieser Lmmelei gekommen bist?
    Stilpe kruselte seine Oberlippe noch etwas nach oben und setzte ein sehr
verchtliches Gesicht auf. Dabei zuckte er die Achseln und wischte sich die Lohe
von den Kleidern.
    - Also wirds bald!?
    - Ich mag nicht denunzieren.
    - Was magst Du nicht? Denunzieren sagst Du? Hrt mal, leiht euerm Kameraden
doch Heyses Fremdwrterbuch; er scheint nicht zu wissen, was denunzieren heit.
    Jetzt stampfte aber Stilpe mit dem Fue auf: - Ich wei sehr wohl, was
Denunzieren bedeutet, und gerade darum sage ich nicht, weshalb ich den Herrn
Primus verdientermaen geohrfeigt habe.
    - Hre, Stilpe, jetzt wird mirs zu bunt. Mit Frechheiten kommst Du bei mir
nicht durch. Wenn Du nicht auf der Stelle Antwort giebst, meld ich die Sache,
und dann luft sie bel fr Dich ab, das weit Du.
    - Das wei ich. Aber ich kann nicht antworten ... d.h., wenn Girlinger mich
vielleicht ermchtigt? ...
    - Ja, zum Donnerwetter, ihr seid wohl nicht recht ... Girlinger, was ists!?
    Girlinger machte eine bedeutende Geste und sagte mit khler Gelassenheit:
Stilpe hat meine Ermchtigung.
    Diese ironische Ruhe brachte Stilpen ganz auer sich. Das war es ja
berhaupt, was ihm am Primus so widerwrtig war, diese infame Ruhe und
Gleichmtigkeit. Girlinger war der Einzige in der Klasse, der ihm imponierte,
der Einzige, mit dem er ber Dinge sprach, aber immer endete es auf seiner
Seite mit Wutausbrchen, weil dieser sich nie dazu herbeilassen wollte, warm zu
werden. Er, Stilpe, fuhr immer mit Kanonen auf, und Girlinger that so, als knne
er alles mit seinem Taschentuch wegwedeln.
    Also Stilpe brach wtend los:
    - Gut! Wenn er mir's schon gestattet ... Gut! Ich habe ihn geohrfeigt, weil
er Bismarck beleidigt hat!
    Ein schallendes Gelchter brach los. Auch der rotbrtige Strz lachte.
    - Ah, eine politische Ohrfeige! Ja dann, meine Herren, bin ich nicht
kompetent. Das gehrt vor den Reichstag. Wir wollen einstweilen im Klimmzug
fortfahren.
    Stilpe htte in die braune Lohe greifen und sie dem Turnlehrer ins Gesicht
schmeien mgen. Jede Strafe wre ihm willkommen gewesen, aber dieser Hohn traf
ihn schmerzlich. Er wurde bla vor Zorn und ballte die Fuste.
    Aber auch Girlinger war bla geworden. Dieses Gelchter traf ihn mit. Er
fhlte sich pltzlich mit Stilpe auf der einen und alle Andern auf der andern
Seite.
    Als die Turnstunde aus war, und die Schler truppweise nach Hause gingen,
trat er auf Stilpe zu.
    - Du, Stilpe, wenn Du wieder mal roh werden willst, dann such Dir wenigstens
eine Gelegenheit, wo wir alleine sind. Oder gefllt Dirs, wenn die Bande sich
ber Dich amsiert? Mir gefllt so was nicht.
    - Mir auch nicht. Ich mchte ihnen Allen in den Bauch treten. Elende Hunde
Alle miteinander, und zumal dieser Turnpauker. Herrgott, na ...! brigens, was
willst denn Du bei mir? Ich denke, ich bin ein desolater Reaktionr?
    - Ach, la doch das. Wir knnen uns doch unterhalten, wenn wir auch
verschiedener Meinung sind. Wir sind ja doch die Einzigen, die berhaupt
Meinungen haben. Oder willst Du Dich vielleicht mit Pahlmann ber Bismarck
unterhalten? Oder mit Schirmern? Oder mit Cohn? Die Drei haben vorhin am
lautesten gewiehert.
    - Ach was, ich geh kneipen.
    - So. Ich geh nach Hause.
    - Das wut ich vorher. Du bist ja der solide Knabe Primus. Weit Du, wie
eine Kellnerin aussieht?
    - Das interessiert mich nicht.
    - Dafr interessiert Dich dieser Schweinehund, der Lassalle.
    - Gott, Stilpe, der Mann ist hchstens ein Schweinehund gewesen. Er ist
nmlich schon seit einer ganzen Reihe von Jahren tot.
    - Ach! Willst Du mir nicht die Jahreszahl nennen? Weit Du, was Du bist? Ein
Protz bist Du! Bildst Dir wunder was ein, da Du ein bischen mehr von solchen
Sachen weit wie ich. Wenn mein Vater Staatsanwalt wre und solche Bcher htte,
knnte ich auch Sozialdemokrat sein, d.h., wenn mir das nicht zu niedertrchtig
wre.
    - Ich kann Dir sie ja zu lesen geben. Das ist gescheidter, als mit sechzehn
Jahren in Bumskneipen zu gehn.
    - Bumskneipen? Du sagst Bumskneipen? Du meinst also, diese Mdchen sind
gemeine Frauenzimmer? Wahrhaftig Du, ich sage Dir, es giebt nichts Reineres und
Schneres als z.B. Martha.
    - Was geht mich denn Deine Martha an?
    - Du hast doch Bumskneipe gesagt! Wie kommst Du denn dazu, jemand zu
beleidigen, den Du nicht kennst? Aber Du ziehst eben alles Edle in den Staub. So
machst Dus mit Bismarck und so mit Allem. Du kannst nichts als kritisieren und
nrgeln. Alles Ideale ist fr Dich blos dazu da, es ironisch schlecht zu machen.
Man knnte Dich fr einen Juden halten, und Du liest auch blos Juden. Ewig mit
Deinem Brne und Lassalle und diesen andern Mauschelmeiern, diesen ekelhaften
Kerlen, die eine Schande fr das deutsche Vaterland sind! Pfui!
    - Aber Du kennst ja nicht ein Wort von Brne und Lassalle! Lies sie doch
mal! Lies doch mal Brne! Schimpf doch nicht ber das, was Du nicht kennst. Das
sind ja alles blos Phrasen.
    - Hast Du nicht Bumskneipe gesagt? Kennst Du denn die Martha? Kennst Du denn
das Lokal? ... Weit Du was: Komm jetzt mit hin, und dafr will ich dann Brne
lesen.
    - Ach Gott, das ist mir so unangenehm, ganz abgesehn davon, wenn wir
geklappt werden.
    - Herrlich! Da haben wir den Revolutionr! Feige bist Du, wie diese ganze
Judenbande, die auch blos das groe Maul haben.
    - Mach Dich nicht lcherlich. So mutig bin ich schlielich auch, abends,
wenns dunkel ist, in so ein Loch zu kriegen, wo doch kein Pauker hinkommt.
    - Also komm mit!
    - Blos, damit Du siehst, da ich nicht feig bin. Aber dann liest Du auch
Brne!
    - Mein Ehrenwort, Girlinger, meine rechte Hand! Komm! Es sind blos ein paar
Schritte. Pa auf, Du wirst ein Mdel kennen lernen ...!

                                Zweites Kapitel


Diese Martha war eine schne, schlank ppige Person von etwa zwanzig Jahren mit
dunkelblauen Augen, zwei langen blonden Zpfen und sehr blasser Gesichtsfarbe.
Sie htte zu irgend etwas sehr Unschuldigem Modell stehen knnen, und wie sie
aussah, so stellen sich smmtliche Backfische Fausts Gretchen vor. Dazu hatte
sie eine sehr liebe, linde Stimme und die allerweichsten, rundesten Bewegungen.
Professor Thumann hat diesen Typus in die Seele der deutschen Bourgeoisie
gemalt, und wir begegnen ihm noch immer auf Wschekartons, Cigarrenkisten und
Glaube-Liebe-Hoffnung-Buntdrucken.
    Damit wird es begreiflich erscheinen, da der sechzehneinhalbjhrige Stilpe,
ffentlicher Obertertianer und heimlicher Dichter, Vaterlandsschwrmer und
Idealist, unendlich tppisch verliebt in dieses Mdchen war. Sie erschien ihm
als der Inbegriff dessen, was er frher in dem Idealbilde der Thusnelda verehrt
hatte. Nur kam nun noch das Gretchen aus dem Faust, das Kthchen von Heilbronn
und die Lindenwirtin, die Feine, dazu. Dies, soweit es sich in seinen Versen
aussprach, die er ausgiebig zum Lobe dieses Mdchens hervorbrachte, und deren
Idealismus ihm bitter ernst war.
    Aber es gab auch noch einen andern Gesichtswinkel, unter dem er diese Martha
ansah. Jener Idealismus war mehr das Gefhl aus der Entfernung, eine
Distanceschwrmerei, eine bewegte Andacht hinter blauen Weihrauchnebeln.
Zuweilen aber geriet der schwrmerische Beter durch diesen duftenden Nebel
hindurch und kam auf weiches Fleisch. Und, siehe, mit einem Ruck war die
Situation verndert. Die Gefhle bekamen ein anderes Tempo und einen anderen
Thermometergrad; irgend etwas in ihm schien sich zu berschlagen, irgend etwas
pochte von innen an die Wnde seines Leibes, - es wurde da etwas lebendig, das
nicht Idealismus war. Der gute Junge hatte bse Tage und bsere Nchte dabei. Es
warf ihn gewaltig hin und her, und durch seine schwrmerischen Verse quollen
zuweilen absonderliche Tne eines unheimlichen Drngens aus der Tiefe.
    Ich glaube, fr die Augen der Gtter sah seine Seele damals aus wie ein Glas
voll Federweiem, in dem die Ghrschichten durcheinanderwallen und die Blasen
steigen. Vielleicht richten die Gtter derlei blos an, weil ihnen dieser
Federweie der menschlichen Pubertt besonders schmeckt. Fr den Menschen selber
aber ist dieser Zustand keine ungemischte Freude.
    Stilpe verkam sichtlich dabei. Er war beim Austragen eines wesentlichen
Stckes seiner selbst: Er ging mit seiner Mannheit schwanger. Vielleicht war es
zu frh, da es ihm so viel Qualen machte?
    Da war es ein groes Glck fr ihn, da er nun als Ablenkung Ludwig Brne
kennen lernte. Er strzte sich auf diesen vielbeweglichen blendenden Geist, wie
eine Frau, der es in der Hoffnung nach Dingen gelstet, die ihr vielleicht
schdlich sind, im Augenblicke aber wohlthun. Es verging kein Monat, und er war
ein wtigerer Revolutionr, als sein Freund Girlinger. Selbst seine deutschen
Aufstze in der Schule brachten uerungen zu Tage, die ber das erlaubte Maa
der Lobpreisung antiker Freiheitshelden wie Harmodios und Aristogeiton
hinausgingen.
    Aber in seinen Tagebchern rumorte sich die Emprung seines Wortschatzes am
wildesten aus. Dort fanden sich in wunderlichem Nebeneinander die Namen von
Gajus und Tiberius Gracchus, Catilina, Marat, Danton, Robespiere, August Bebel
und Eugen Richter. Fr Majesttsbeleidigungen hatte er sich eine eigene
Geheimschrift erfunden. Der vor vier Wochen noch angebetete Name Bismarcks war
von nun an durch das Zeichen eines Dolches wiedergegeben, wofr die Erklrung
lautete: Man kann das nehmen, wie man will. Entweder als den Dolch, mit dem
dieser hochfahrende Strunkjunker die Freiheit Deutschlands hingemordet hat, oder
als den Dolch, mit dem er ...? ...
    Die Freiheit Deutschlands hatte brigens auch ihr Geheimzeichen (denn sie
ist ganz und gar verboten), nmlich ein Epsilon und Gamma, was heien sollte:
Eleutheria Germanias. Dieses Epsilon Gamma schnitt sich der entflammte Demokrat
sogar auf seinen linken Unterarm ins Fleisch; aber nicht sehr tief.
    Es versteht sich, da auch der Herrgott bel wegkam in diesem Tagebuche:
    Was ist denn Gott? Ein Substantivum generis masculini. Oder ein Eigenname?
Aber was fr ein Wesens damit gemacht wird! Wozu denn nur? Das gute Lumen (das
war der Religionslehrer) sieht nie so dumm aus, als wie wenn es Gott sagt. Liegt
das nun an diesem Substantivum oder am Lumen? Ich mu Girlinger fragen.

brigens sollen ja auch groe Leute an Gott geglaubt haben. Girlinger behauptet
sogar, sie htten ihn erfunden. Wer wei, wo er das her hat. Er liest jetzt viel
Philosophisches. Wenn nur Kant nicht so dunkel wre. Diese verfluchten langen
Perioden. Schopenhauer geht eher. Aber es ist entsetzlich, wie er ber die
Weiber schimpft. Ich glaube, man mu ein alter Knacks sein, um diese Philosophen
lesen zu knnen.

Das Lumen (man sollte es die Funzel nennen) sagt, Gott sei wie die Luft, die
man auch nicht sieht, aber sprt, und ohne die man nicht leben knne. Dann ist
die Philosophie wohl eine Luftpumpe. Man setze die Funzel hinein, und sie wird
verlschen. Deshalb hat sie auch so einen Abscheu vor der Philosophie.

Zuweilen gab es aber auch Verzweiflungsausbrche in diesem Tagebuch, so sehr
Stilpe auch bemht war, in ihm den scharfen Geist zu posieren, dessen Atheismus
ber jeden Zweifel und jede Angst erhaben war. Dann trmte er bedenkliche
Jamben-Quadern aufeinander

Ich bin ein Mensch, und, hat mich Gott gemacht,
So soll er einstehn auch fr das Gemachte
Und soll nicht Snde heien, was ich thu,
Und seiner Pfaffen ekelhafte Schaar
Auf mich loslassen wie ein Heer von Geiern.
Ich bin voll Wollust, und ich schreie laut
Nach Wollust wie der Hirsch nach Wasser schreit.
So gebt sie mir, denn Gott hats so gewollt,
Und wenn ihr Snde sagt, so sndigt Gott.
Nein, nein und nein, ihr kennt ihn nicht, den Gott,
Von dem ihr sprecht; er ist kein lieber Gott:
Ein bser Gott! - Ach Gott, er ist ja nicht!

Jeden Sonntag kam Girlinger zu Stilpe und lie sich von ihm das Tagebuch zeigen.
Er war, bei aller eigenen Unreife, doch viel reifer, als jener, denn er hatte
vielmehr Verstand und war wirklich fleiig hinter der Literatur her, die er
Stilpen zutrug. Vor Allem kam ihm zustatten, da er alle die zu frhe
Gedankenkost khl in sich aufnahm, whrend sie Stilpe hei verschlang. Auch lie
er sich, trotz seiner Jugend, nicht so leicht blenden, und wenn er auch
merkwrdig viel Sinn das Brillante in Stil und Gedanken hatte, so nahm er das
doch schon mit einer Art von Kennerschnalzen hin, whrend Stilpe sofort wie
berschttet und berglnzt war und Alles am liebsten gleich subjektiv fr sich
zur That gemacht htte.
    Der Flei fehlte ihm, wie in der Schule, so auch hier. Keines der Bcher,
die ihn wild begeisterten, las er fertig, und Sitzfleisch hatte er nur in der
Kneipe bei Martha.

Eines Tages kam er auf Girlingers Wohnung gestrzt.
    - Bist Du allein?
    - Meine Schwestern sind im Wohnzimmer.
    - Knnen sie hren, was wir sprechen?
    - Wenn sie nicht horchen: Nein!
    - Aber sie werden horchen, natrlich!
    - Unsinn, sie machen ihre deutschen Aufstze.
    - Nein, ich kann das hier nicht sagen.
    - Was denn?
    - Es ... es ... Komm nur! Komm! Ins Freie!
    - Ja, was hast Du denn nur?
    - Ach, es ist schrecklich! Schrecklich!
    Sie gingen zusammen in den Garten, den Stilpes Pflegeeltern vor der Stadt
hatten.
    - Also, was ist denn los? Du siehst ja ganz bla aus!
    - Wie? Sieht man mirs an? Nicht wahr, ich bin furchtbar bla?
    - Ja, bla bist Du ... Und auerdem stinkst Du nach Sprit.
    - Ja, ich habe sechs Glas Bier getrunken.
    - Pfui Teufel, und natrlich dieses grliche Lagerbier in der Austria.
    - Ja, aus Verzweiflung Girlinger. Denke Dir nur ... Martha ...! Ach Gott!
    - Ich kann mirs wirklich nicht denken. Da der Engel einen Brutigam hat,
der Unteroffizier ist, weit Du ja schon seit vier Wochen.
    - Ach, ich bitte Dich, sei nicht so spttisch jetzt. Es ist zu furchtbar.
    Er war wirklich wie zerschmettert. Girlinger fhlte Mitleiden mit ihm, und
wie sie im Garten angekommen waren, redete er ihm sehr teilnahmsvoll zu, sich
ihm auszuschtten.
    Es war ein kleiner Mietsgarten zwischen anderen von der gleichen quadratisch
angelegten Art. Selbst in der schnen Jahreszeit sah er trostlos de aus mit
seinen kleinen nach der Schnur gepflanzten Bumen, den kmmerlichen Struchern
und den harten gelben Kieswegen. Jetzt, da es Sptherbst war, die kahlen Bume
wie Besen aufragten, verfaultes Laub in den schwarzen Beeten lag und ein kalter
Wind unter grauem Himmel ging, machte er einen vllig jmmerlichen Eindruck.
    Da sie keinen Schlssel hatten, sprangen sie ber das Stacket. Pltzlich
rief Stilpe: Wo ist denn die Bank?! Nicht einmal eine Bank ist da!
    Wtend rannte er im Garten herum. Es kam ihm unbewut sehr gelegen, da er
Ursache zu einem Wutausbruch fand.
    - Wir knnen ja hin- und hergehn!
    - Nein! Ich will eine Bank! Ich bin wie zerschlagen! Ich mu sitzen!
    - Aber, wenn doch keine da ist?
    - In der Baracke sind sie. Wart! Ich werde sie gleich haben!
    Und er strzte zum Gartenhaus, rttelte erst mit den Hnden an der Thr und
trat diese dann mit den Fen ein.
    - H! Bnke genug!
    Und er schleppte eine heraus und stellte sie mitten auf den Weg.
    - Da, setz Dich!
    - Ich brauche nicht zu sitzen. Ich bin nicht zerschlagen wie Du, denn ich
bin nicht betrunken. brigens werde ich gleich wieder nach Hause gehn, denn ich
habe besseres zu thun, als Deine Rohheiten mit anzusehn.
    Jetzt wurde Stilpe wieder weinerlich.
    - Setz Dich doch, ich bitte Dich, setz Dich. Ich mu ... ach Gott, sei mir
nicht bse ... Ich bin ja so ...
    Girlinger setzte sich auf die Bank und sah vor sich auf den Boden. Stilpe
stellte einen Fu auf die Bank und sttzte den Kopf in die rechte Hand. Groe
Thrnen rannen ihm aus den Augen.
    Lange konnte er nicht sprechen. Dann sagte er ganz leise:
    - Kennst Du das Haus mit den weien Fensterscheiben gegenber der Austria?
    - Das Puff?
    Stilpe schlug sich mit der Faust aufs Knie und schrie: Da drin ist sie!
    Girlinger sah auf und pfiff durch die Zhne. Dann sagte er sehr bedchtig:
So, so! Ja, ja!
    Da packte ihn Stilpe an beiden Schultern und schttelte ihn wtend:
    - Du bist ein Vieh! Ein Amphibium! Geh aus dem Garten, oder ich schmeie
Dich naus!
    - Bist Du denn verrckt geworden? Jetzt hr aber auf! Was fllt Dir denn
ein? Glaubst Du, ich bin fr Deine Grobheiten da? Das war das letzte Mal!
    Er wollte gehen.
    Aber nun hielt ihn Stilpe wieder fest und drckte seine Hnde, und indem ihm
Thrne auf Thrne ber die Backen lief, rief er aus:
    - Ich wei ja nicht, was ich sage, ich wei ja nicht, was ich thue, ich bin
Dir ja so dankbar; Du mut mir alles verzeihen, was ich sage, ich bin ja ganz
zerschlagen.
    Girlinger bekam jetzt Angst vor ihm. Dieses Weinen war grlich, und all
dies Gehaben war ihm so fremd. Er glaubte im Ernste, da sein Freund verrckt
geworden wre, und fing an, ihn wie einen Kranken zu behandeln.
    - Sei nur ruhig, Stilpe, ich bring Dich jetzt nach Hause. Du bist so
aufgeregt. Du mut ins Bett gehen ... Und brigens: Ist es denn auch sicher?
    - Sie hat mirs ja geschrieben; sie hat mich ja eingeladen, ich soll sie in
ihrer neuen Stellung besuchen ...
    Girlinger hatte was Ironisches auf den Lippen, aber er bezwang sich.
    - Ach Gott, wer wei, was dahinter steckt. Es ist vielleicht gar nicht so
schlimm. berhaupt: Was ist denn schlielich dabei? Erinnere Dich, was Lassale
ber die Prostitution sagt. Es ist mehr ein Opfer, als eine Schande. Und die
schlimmsten Huren sind nicht in den Bordells.
    So, mit vielen Citaten, abgeklrten Sentenzen und ein paar historischen und
ethnographischen Excursen ins alte Griechenland und nach Japan, trstete er
seinen zerschmetterten Freund nach Hause.

                                Drittes Kapitel


Nicht lange nach dieser herbstlichen Gartenscene wurde Willibald Stilpe, im
Alter von 163/4 Jahren, von seiner Mannheit entbunden.
    Damit ging eine merkliche Vernderung in ihm vor. Er bekam etwas
Renommistisches, berhobenes und trug eine Verachtung seiner Klassengenossen,
Girlinger eingeschlossen, zur Schau, die sich von der, die er schon immer
gezeigt hatte, deutlich unterschied. Frher war darin etwas Erzwungenes gewesen,
als sei er sich doch nicht vllig klar ber seine Berechtigung dazu, jetzt hatte
sie etwas sehr Entschiedenes, sehr Selbstbewutes. Er trat diesen Obertertianern
gegenber, wie ein Mann, der von einer Reise in unbekannte Lnder nach Hause zu
Leuten kommt, die noch nicht den quator berschritten haben:
    - Ist es sehr hei in den Tropen?
    - Es macht sich.
    - Sind die Schlangen wirklich so lang und dick und giftig?
    - Ach ja.
    - Sie sind doch nicht gebissen-worden?
    - Ein bischen.
    - Wie? Und wieder kuriert?
    - So ziemlich.
    Schade, da er nur mit Girlinger darber reden konnte. Dem setzte er aber
dafr auch tchtig zu, und es machte ihm unverhohlenen Spa, da dieser so
wibegierig war. Er flunkerte auch ein bischen und gab mehr tropische Abenteuer
zum besten, als er erlebt hatte.
    Aber auch ohne die Flunkereien htte er dem Freunde imponiert. Es gab jetzt
etwas, worin er dem weisen Primus ber war.
    - Weit Du, da helfen Dir alle Deine Bcher nicht hin. Und brigens: Wie
willst Du denn ohne das Deinen Schopenhauer verstehen? Und dann die Dichter!
    Er dachte dabei vornehmlich an Heine und den Tannhuser in Rom, der zu
seinem Brevier und Muster wurde.
    Denn jetzt fing er an, aus dem Vollen zu dichten und zwar mit dem Bewutsein
, ein Dichter werden zu wollen und nichts andres.
    Die Schule wurde ihm dabei immer widerlicher, - und er schwnzte sie mit
groer Frechheit.
    Seine Pflegeeltern, denen er von Stilpe-Vater bergeben worden war, weil
dieser deutlich fhlte, da jeder andre ein besserer Pdagoge sei, als er, waren
gute Leipziger Mittelstandsleute, die, mit Stilpes Mutter entfernt verwandt, den
jungen Gymnasiasten aus Geflligkeit aber nicht mit der Meinung aufgenommen
hatten, da hier besondere Aufsicht und Wachsamkeit ntig sei.
    Der alte Wiehr hatte einen Porzellanladen am Markte, der ihn ausschlielich
beschftigte, und seine Frau ging in der Hauswirtschaft und zahlreichen
Kaffeekrnzchen auf. Ihr einziger Sohn war ein zarter junger Mensch gewesen,
bleichschtig und solide, nicht sehr begabt, aber fleiig; er war gestorben, als
er in Stilpes Alter gewesen war. Die Alten sahen in Willibald dessen Fortsetzung
und behandelten ihn wie jenen, nmlich mit vollendetem Zutrauen und vollkommener
Ahnungslosigkeit. Dies wurde durch Stilpes mimische Kunst, sich wie ein Lamm zu
benehmen, untersttzt.
    So hatte er eigentliche vollkommene Freiheit, und es fehlte ihm, um mit
dieser Freiheit so viel anfangen zu knnen, wie er wnschte, nur an Gelde.
    Leider machte sich dieser Mangel, seit sich Martha verndert hatte, viel
fhlbarer als frher.
    Ein geradezu lcherlicher Gedanke, jetzt mit den fnf Mark monatlichem
Taschengelde auszukommen. Man mute, da eine regelrechte Erhhung des Budgets
auerhalb jeder Mglichkeit lag, auf Extraordinaria sinnen.
    Da fing denn der junge Mann zunchst klein und bescheiden an. Er
durchmusterte seine Bibliothek.
    Nun, da fanden sich ja einige Schelchen, die vom berflusse waren: Alle die
berwundenen Standpunkte der durchlaufenen Klassen, wie sie sich in alten
Grammatiken, Lehrbchern, Schulausgaben, Gesangbchern verkrperten, und dazu
des Knaben Willibald Belletristik: Der Lederstrumpf, verschiedene Walter
Scott-Romane, fr die Jugend bearbeitet, eine ausgewhlter Goethe (fahr hin,
Castrat! rief Willibald) und Anderes mehr.
    Diese Literatur berlieferte Stilpe einem alten verwachsenen Antiquar, der
in einem Durchgange von der Petersstrae zum Neumarkt seine Bude hatte.
    Herr Wopf war ein wunderlicher alter Bursche, ausgestattet mit einer schnen
Meerschaumpfeife, einer sehr groen, ppigen und noch jungen Gattin und einer
eminenten Rundschrift, mit der er die Neuerwerbungen seines Lagers in gewaltig
groen Zgen auf Pappendeckel schrieb, die wie die Ahnentafeln vor chinesischen
Tempeln rechts und links seiner Ladenthre standen. Auerdem besa er noch eine
verworrene Menge von Literaturkenntnissen und eine erstaunlich tremolierende
Stimme, mit der er Passagen aus seinen Bchern vorlas, um diese seinen Kunden
begehrenswert erscheinen zu lassen. Wegen dieser Gabe des rollenden Rezitierens
nannten ihn Stilpe und Girlinger den Deklamator.
    Stilpe liebte ihn direkt und sah in ihm den Helden seines ersten Dramas. In
wiefern Herr Wopf den Anforderungen an einen dramatischen Helden entsprach, das
war ihm freilich unklar, ging ihm aber auch nicht nahe. Sicher war nur, da die
ppig blhende Gattin, die frher scheuern gegangen war, die Rolle der
Ehebrecherin haben mute. Sich selbst dachte Stilpe als den Galan, doch stellte
er sich in dieser Thtigkeit etwas lter und als berhmten Journalisten vor. Die
Hauptscene, der Drehpunkt des Ganzen, stand schon fest, aber nur im Kopfe, denn,
und dies gilt fr die meisten dichterischen Plne Stilpes in dieser und spteren
Zeit: Er kam selten dazu, seine Entwrfe in Tinte umzusetzen.
    Schade brigens, da Stilpe diese Szene nicht ausgefhrt hat. Sie war hchst
verwegen naturalistisch gedacht und sehr geeignet, rgernis zu erregen, - ein
poetischer Zweck, der dem revolutionren Obertertianer ziemlich deutlich
vorschwebte, obwohl seine Verwegenheit nicht bis zur Phantasmagorie einer
Drucklegung ging. Sie sollte sich direkt in Wopfs Ehebette abspielen.
    Girlinger hatte Einwendungen dagegen, vornehmlich vom Standpunkte der
Bhnenmglichkeit aus. Aber da kam er bei Stilpe bel an:
    - Bhne!? Du sagst Bhne! Was geht mich denn die Bhne an? Ich pfeife auf
die Bhne. Glaubst Du, ich will mich neben Herrn Blumenthal stellen?
    - Nein, aber neben Schiller.
    - Ach, Schiller!
    Dieses Ach, Schiller! ist um die Zeit, in der Stilpe sein Wopf-Drama
plante, auch sonst noch manchmal ausgesprochen worden. Wer es mit dem
Phonographen aufgefangen htte, knnte sich heute damit auf den Jahrmrkten
hren lassen.
    brigens war der Deklamator Stilpen in erster Linie doch nicht als
dramatischer Held, sondern als zahlungsfhiger Bcherkufer wichtig. Zwar, er
zahlte niedertrchtige Preise und verdiente schon deshalb, dramatisch als
Hahnrei angemacht zu werden, aber er nahm wenigstens Alles, und in schwierigen
Augenblicken gab er auch Vorschsse auf spter zu verkaufende Bcher.
    - Nchstes Ostern brauche ich meinen alten Cicero nicht mehr; knnen Sie mir
1 Mark 50 drauf geben?
    Der Deklamator durchbltterte das dicke Buch und blies seinen Tabaksrauch
wie desinfizierend hinein.
    - Quousque tandem, Catilina, abutere patientia nostra! Haben wir auch
gelesen! Wie lange noch, Herr Liebknecht, wollen Sie uns mit Ihren Reden mopfen?
Fnfundsiebzig Fenge Herr Stilpe.
    - Nee, mein Lieber, eine Mark doch mindestens. Der Schmker kostet neu ja
fnfe, und er sieht doch noch ganz jungfrulich aus.
    - Fnfundsiebzig Fenge, Herr Stilpe! Und brigens: Wenn Sie nu sitzen
bleiben und die Catilinarischen noch ein Jahr lesen mssen?
    - Na, hren Sie mal, das find ich stark! Sie halten mich wohl fr ein
Kameel? Also gut, her mit den fnfundsiebzig, Sie Jude.
    Der Deklamator zog seinen Beutel und fischte das Geld heraus. Dann notierte
er sich das Geschft in sein Notizbuch, wo eine Seite in tadelloser Rundschrift
berschrieben war: Herr Stilpe.
    Leider hielt die Bibliothek der Jugendzeit nicht lange vor, und es war das
Bcherverkaufen berhaupt ein etwas bedenkliches Geschft, weil Stilpe dabei
doch zuweilen den Deklamationen des Herrn Wopf unterlag und fr seine alten
Bcher andre mit in Zahlung nahm. Zwar verkaufte er die gewhnlich ein paar
Wochen spter zurck, aber es versteht sich, da ihm der Deklamator nicht so
viel zahlte, wie er sich hatte zahlen lassen.
    - Se machen ze viel Randbemerkungen in de Bcher, Herr Stilpe. Und, sehn Se,
wenn de Marginalien auch sehr geistreich sin, wie z.B. hier gleich zweimal
hintereinander: Quatsch! Quatsch!, so verliern Se de Bcher doch dadurch an
Wert.
    - Was!? Warten Sie nur, Herr Wopf, warten Sie nur! Wenn ich mal berhmt bin,
dann verdienen Sie ein Vermgen mit meinen Autogrammen. Ich sage Ihnen: Heben
Sie sich die Bcher auf!
    - Sie nrrscher Kunde! Wenn Se nu aber nich berihmt wer'n? -:

Schon Manchen sah ich mit erhobnem Haupt
Im Lenz der Jugend mit den Sternen spielen,
Der, als das Alter ihm den Kranz entlaubt,
Froh war, nach Kegeln auf der Bahn zu zielen.

Schie'm Se Kegel, Herr Stilpe? Das is enne sehr gesunde bung!
    - Nee, aber fnf Mark knnen Sie mir pumpen.
    Der Deklamator zog sein Notizbuch: Sehn Se mal her, Herr Stilpe: Jetzt ha'm
Se schon acht Mark und fuffz'g Fenge prae! Jede Nacht treim ich, Se blei'm m'r
sitz'n. Nee, pumpen kann ich Se nischt.
    Also mute Stilpe auf Anderes denken. Ein Glck, da er nicht ohne
Erfindungsgabe war.
    Bald wurde fr ein Ehrengeschenk zum Doktorjubilum des Ordinarius
gesammelt.
    Dann hatte er eine Fensterscheibe in der Klasse zerschlagen.
    Sehr oft drngte es ihn, eine Klassikervorstellung im Theater zu besuchen.
    Ein Kamerad war gestorben, ein sehr guter Freund von ihm: Da mute ein Kranz
her.
    Unendlich hufig muten Bcher gebunden, Hefte gekauft, neue Schulausgaben
angeschafft werden.
    Aus Versehen hatte er Tinte ber den Atlas eines Nachbars gegossen. Ein
ekliger Kerl, wie der war, wollte er ihn ersetzt haben.
    Es war erstaunlich, wie leicht ihm die Lgen fielen. Er schmckte sie sogar
mit ersichtlichem Vergngen novellistisch aus. Erzhlte z.B. die ganze
Lebensgeschichte des jubilanten Ordinarius, ahmte ihn nach, fhrte eine ganze
Komdie von ihm auf - Alles freieste Erfindung; und das Ehepaar Wiehr wollte
sich ausschtten vor Lachen.
    Aber auch diese kleinen Mittel halfen nicht auf die Dauer. Stilpe starrte
ins Leere und fand nichts.
    Da berfiel ihn ein Gedanke, vor dem er selber erschrak: Die Ladenkasse ...
    - Aber nein, pfui Teufel, das ist ja eine Gemeinheit! Weg damit! Lieber
diese Sumpfereien da sein lassen. Es ist berhaupt widerlich ... Lieber
arbeiten! ... Wieder mehr mit Girlinger disputieren! ... Ja, und endlich das
Drama schreiben!! ...
    Und gleich holte er ein Heft aus dem Schubkasten und schrieb darber:
                                  Der Hahnrei
                                 Sittentragdie
                                     in ...
Ja, wieviel Akte mache ich!? Natrlich nicht fnf! Denn das ist banal.
Vielleicht vier? Vier? Bei dem Stoff? Nein! sechs Akte! Also:
                                   in 6 Akten
Und nun die Personen:
    Schopf, ein buckliger Antiquar
    Clara, seine Frau
    Walter Wild, ein berhmter Journalist
Wen denn noch? Girlinger? Ja!:
    Wirlinger, ein Agitator.
Das ist famos! Sozial! Und nun:
    Volk, Arbeiter, Studenten, ....
Nein! Erst noch eine Hauptperson!:
    Martha, eine Prostituierte.
Ah! Das giebt was! Da haben wir den Konflikt! Ganz von selber kommt immer das
Beste. Natrlich: Martha! Das ist die Retterin! Sie opfert sich! Am Schlu
bricht eine Revolution aus!
    Er kam ganz ins Fieber. Die Prostituierte als Retterin! Schopf als Typus des
krmerischen Bourgeois. Walter Wild der Idealist. Clara das verfhrerische Weib.
Wirlinger der dmonische Volkstribun. Und am Schlu die Revolution!
    Er schrieb gleich die Schluszene, ungeheuer wild und natrlich blos so in
Umrissen hingeklitscht wie mit der Maurerkelle. Glockenarten Kanonenschlge.
Barrikaden. Brand. Marseillaise. Carmagnole. Martha im schwarzen Hemd mit der
roten Fahne.
    Aber auf einmal war Alles aus. Der Strom war vorbei geschossen. Es wollte
nicht mehr flieen. Fortwhrend drngte sich, schon bei diesem gewaltigen
Hinpatzen der Farben, das Gefhl ein: Aber der erste Akt? Wieso denn Revolution?
Natrlich mu sie kommen. Freilich! Aber: Wieso denn? Es mu doch irgendwie
motiviert werden?! Und da blieb er stecken und kam nicht heraus.
    Das Schlimmste war, da er sich in seinem dichterischen Tumulte zu lebhaft
mit Martha beschftigt hatte.
    - Ach, hols der Teufel! Ich geh hin! ...
    - Haha! Ich, mit meinen zwanzig Pfennigen! ...
    - Girlinger anpumpen? ...
    - Ach der! Schne Redensarten! Und dabei hat er Geld! ...
    ....... die Ladenkasse ...? ...? ...!
    ....... Es ginge ganz leicht.. Ich brauche blos 'nunter zu gehn ... Wiehr
sitzt auf dem Stuhl an der Thre ... Hinten auf dem Laden steht die Kasse, offen
... Ich komme durch die Hinterthre und stelle mich vor den Laden und spreche
mit dem Alten ... Und, whrend ich mit ihm spreche, halte ich die Hnde auf dem
Rcken und greife ganz einfach in die Kasse ... Immer, whrend ich mit ihm
spreche ... Ich mu blos was Komisches erzhlen ... Oder, nein, sicherer, ich
sage: Sehen Sie, Vater Wiehr, da wird Einer arretiert drben, vor Aeckerleins
Keller! Da strzt er sicher gleich vor die Thre ...
    Es wurde ihm unbehaglich hei.
    - Aber das ist ja doch niedertrchtig! Das ist ja Diebstahl! Pfui Teufel!
...
    - Und, wenn sie's beim Abrechnen merken? ...
    - Unsinn! ... Sie rechnen ja gar nicht ab, Philemon und Baucis! ...
    - Und schlielich, drei oder meinetwegen fnf Mark ... Das fhlen Sie ja gar
nicht ...
    - berhaupt: Diebstahl! Mumpitz! Ich solls ja so mal erben! Lachhaft! ...
    - Ich kann's ja auch spter wiedergeben, wenn ich selber Geld habe ...
    - Natrlich: Das versteht sich von selbst. Mit Zinsen! ...
    Und er stlpte sich seinen Hut auf und rannte hinunter.

                                Viertes Kapitel


Stilpe war nach Untersecunda versetzt worden, aber nur versuchsweise und mit
Nachprfung in der Mathematik nach einem Vierteljahr. Zudem fand sich in seinem
Zeugnis eine Bemerkung, fr die er nur die Bezeichnung Infam! hatte. Es war da
die Rede von Zerfahrenheit, Unaufmerksamkeit, Allotria.
    Wischiwaschi! sagte Stilpe, kaufte sich eine Flasche Eau de Javelle und
wischte die Bemerkung weg. Er that es in der Hauptsache wegen der alten Wiehrs,
denn es lag ihm daran, da diese nicht irre an ihm wurden.
    In sein Tagebuch schrieb er mit Geheimschrift pathetisch ein:
    Nachdem ich wchentlich und konsequent einige Diebsthle begehe, kommt es
auf eine Urkundenflschung nicht mehr an.
    Ich bin also ein Verbrecher!? Ha! Das ist ausgezeichnet!
    Wenn ich wchentlich, wie Girlinger, 10 Mark Taschengeld htte, brauchte ich
nicht zu stehlen, und wenn die Pauker keine berflssigen Bemerkungen
schmierten, brauchte ich kein Eau de Javelle.
    Also? Logik? Schlu? Die Hauptsache ist: Sich nicht erwischen lassen!
    An Girlinger verriet er von seinen Streichen nichts. Er wute, da dieser
unfhig war, derlei zu verstehen.
    Und doch htte er gerne Jemand gehabt, dem ers sagen knnte.
    Einmal hatte er bei Martha den Versuch gemacht, indem er sie fragte, sehr
feierlich, was sie dazu sagen wrde, wenn Jemand ihretwegen ein Verbrechen
beginge. Es gruselte ihn angenehm, wie er das sagte.
    Sie aber antwortete blos: Den wrd'ch anzeigen.
    Das gab ihm einen Sto, und er fand von jetzt ab, da diese Person sehr
gewhnlich sei.

Er war ihrer berhaupt berdrssig und warf sich mehr ins Ideale, Heroische. Es
kam ihm ein Wulst Gedanken wie: Neues Leben! Freiheit! Selbstndigkeit!
    Je nher die Mathematiknachprfung rckte, um so dringlicher wurden diese
Gedanken.
    Wenn er nun diese Prfung nicht bestnde? Die Perspektive war scheulich,
aber das scheulichste an ihr war der Gedanke, da er, der jetzt in Untersekunde
mit Sie angeredet wurde, in Obertertia wieder gedutzt werden wrde. Also: Das
Symbol der Knechtschaft!
    Aber auch, wenn er bestnde! Wie grlich war diese ganze Schule berhaupt!
Und so noch vier Jahre bis zur Freiheit, bis zur Universitt!
    Und in diesen vier Jahren immer dieses leere Stroh, das Einem vorgeworfen
wurde: Da, drisch, aber im Takt!
    Und was waren das fr Leute, die die Aufsicht dabei fhrten! Oh, diese
Druschmeister! Herrgott, diese Professoren!
    Ein paar waren ihm ja interessante Knaben ein bischen steifleinen und
steifbeinen, aber man konnte ihnen gut sein, denn, nun ja eben: Sie waren
interessant und hatten zuweilen menschliche Tne.
    Aber die Andern! Diese kalten Pedanten! Diese langweiligen
Schablonenmeister! Kalbskpfe alle miteinander!
    Er wrde einmal eine aristophanische Komdie schreiben: Die Kaulquappen.
Dazu, als Modelle, seien sie zu brauchen, sonst zu nichts.
    Ob wol Einer von diesen Plrrern eine Ahnung davon htte, was hinter ihm,
dem Stilpe, steckte?
    Und solchen Leuten war er unterthan, er, der Ziele vor sich hatte, an die
sie ebensowenig dachten, wie der Igel an ein Himmelbett!
    Nein, er mute fort aus dieser Sklaverei und fort auch aus diesem Sumpf mit
der Person da, die wirklich kein Hetre war, wie Aspasia.

Ja, eine Aspasia, das wre seine Retterin! Ein Weib, himmlisch schn und von
freier Nacktheit Leibes und der Seele, und voll Poesie! Voll Ideal!
    Ah! Hellas! Hellas! HELLAS!
    Pfui Teufel, was da auf seinem Arme stand, dieses bldsinnige Epsilon Gamma!
    Was ging ihn dieses Deutschland an, ihn, den Kosmopoliten!
    Er schrieb mit roter Tinte in griechischen Lettern Hellas auf eine Papptafel
und hing diese ber seinem Bette auf.
    Griechenland, ja, das war ein Wort und ein Ruf, und sein Schrei!
    Aber nicht das, was dieses Lehrergesindel im Munde fhrte, sondern das, von
dem Heine schrieb als dem Gegensatz zum Christentum.
    Denn mit dem Christentum war er nun auch im Reinen. Er nannte es die
Weltmasern und that sich auf das Wort nicht wenig zu Gute.

Eines Tages ging er mit Girlinger ins Rosenthal.
    Girlinger war sehr niedergeschlagen. Sein Vater war hinter seine Lektre
gekommen und hatte ihn vor der ganzen Familie als unreifen Zusammenleser
unverschmter Dummheiten lcherlich gemacht und zugleich Maaregeln getroffen,
die seine Lektre unter eine strenge Aufsicht setzten.
    - Der Herr Staatsanwalt hat ein Ausnahmegesetz ber mich beliebt. Aber er
soll sich irren. Ich bin nicht der unreife Knabe, fr den er mich hlt. Ich habe
es deutlich bemerkt, da er von den Sachen, die er verdammt, so viel versteht,
wie ich von seinem Bttelamte. Ich lasse mich nicht knechten! Ich werde es ihm
zeigen!
    - So? Du? Weit Du, Dein Vater kennt Dich sehr gut. Der wei, da Du wie ein
Pudel ber den Stock springst, wenn Du auch vorher bellst.
    - Das wirst Du sehen! Ich habe zwar nicht das groe Maul wie Du, aber ich
handle!
    - Da bin ich gespannt. Wirst Du es mir nicht verraten?
    - Nein! Der Tag wird kommen, wo Dus siehst.
    - Dann mu er bald kommen!
    - Wieso?
    - Ich verrate auch nichts.
    Sie gingen schweigend nebeneinander her, und Stilpe hieb mit seinem
Spazierstock in die Bsche. Endlich sagte er:
    - Nein, und wenn Du mir auch nichts sagst, ich will offen sein! Aber gieb
mir Deine rechte Hand, da Dus niemand sagst.
    - Ja doch.
    - Nein, die Hand! Und das ist wie geschworen!
    - Ja doch. Hab' ich schon was verraten?
    - Also gut!
    Und er blieb stehen und sagte leise, aber mit feierlichem Tone:
    - Ich gehe nach Griechenland.
    Girlinger sah ihn gro an:
    - Ja, kannst Du denn Neugriechisch?
    Die Frage kam Stilpen unerwartet. Daran hatte er noch nicht gedacht. Er bi
die Lippen rgerlich aufeinander.
    - Natrlich nicht.
    - Ja, was fr eine Sprache wirst Du denn dort reden?
    - Es giebt eine deutsche Kolonie in Athen.
    Stilpe wute davon eigentlich nichts, es war eine seiner rettenden
Improvisationen, aber Girlinger fand sie plausibel.
    - So, nun ja, aber was willst Du in dieser deutschen Kolonie machen?
    - Irgend was: Schreiber, Kopist, Sekretair, irgend so was!
    Girlinger schwieg eine Weile. Dann meinte er:
    - Hast du denn Geld zur Reise?
    Stilpe, langsam:
    - Ja.
    - Wieviel denn?
    - Wei ich noch nicht.
    - Ach so ... Ich habe hundertunddreiundfnfzig Mark.
    - Was? Hundertunddreiundfnfzig! Das ist ja kolossal!
    
    - Das ist viel zu wenig. Ich habe gedacht, Du wrdest mindestens tausend
haben.
    - Ja, woher denn?
    - Das ist einerlei.
    Girlinger sagte das etwas im Tone des entschlossenen Bsewichts der Bhne,
dumpf, tremolo.
    - Nein, soviel kann ich nicht.. bekommen.
    - Was denkst Du denn, was die Reise kostet?
    - Ich laufe natrlich.
    - Da werden sie Dich bald einhaben.
    - Ich werde sie auf eine falsche Spur locken. Natrlich denken sie Alle:
Amerika. brigens: Du willst doch nicht etwa nach Amerika?
    Girlinger lchelte spttisch:
    - Du hltst mich fr sehr dumm. Nein, ich denke an England.
    Und er setzte nun sehr khl und eingehend auseinander, welche Vorzge
England habe: Keine polizeilichen Anmeldungen, Nachfrage nach deutschen Krften
fr kaufmnnische Korrespondentenstellungen u.s.w., u.s.w. Er hatte Alles, nach
seiner Weise, praktisch bedacht und sich ber Alles in Bchern Gewiheit
verschafft. Englisch und die doppelte Buchfhrung hatte er sich auch nach
Mglichkeit beigebracht.
    Aber Stilpe bergo ihn mit ganz anderen Argumenten fr seine Idee:
    - Was? England? Dieses groe Krmernest? Dieses Land des Nebels und der
Kommis? Diese Insel der Pfefferscke? Wo sie die Feigenbltter en gros
fabrizieren aus Weiblech mit lfarbenanstrich? Wo man Sonntags nicht niesen
darf? Ja, Mensch, kennst Du denn Byron nicht? Byron, siehst du, der wollte
lieber in Griechenland sterben, als in England leben. Nur Griechenland! Nur
Griechenland! Denke doch: Dieser Himmel! Diese Erinnerungen! Und: Diese Weiber!
Ich sage Dir: Ehe diese Bande hier ihr Abiturientenexamen gemacht hat, sind wir
berhmt.

- Ach was, ich will frei sein und nicht dichten.
    - In Griechenland wirst Du frei sein! Und warum verstellst Du Dich denn? Ich
wei doch, da Du noch viel ehrgeiziger bist, als ich. Und dann: Die Schnheit!
Die alte Kunst! Die Akropolis! Denke: Wenn wir da hinaufschreiten! Und alles das
Sdliche berhaupt! lbume, Orangen, Citronen, Rhododendren!
    Girlinger hatte allerlei praktische Bedenken, aber schlielich legte auch er
es sich zurecht. Seine Phantasie war nicht so schnell losgelassen, wie die
Stilpes, und sie schwrmte nicht ins Blaue, aber gerade diese Sehnsucht nach dem
Sden war in ihm, und um so strker, als er sich wirklich ein Bild vom Sden
machte, whrend Stilpe nur den Abreiz von Worten sprte.
    Sie gingen mit dem Versprechen Girlingers auseinander, da er am nchsten
Sonntag, in zwei Tagen, seinen endgiltigen Entschlu kund thun wolle.
    Girlinger benutzte die Zeit, um grndlich ber den Plan nachzudenken und
nach Mglichkeit zu studieren, was ihm ber das Griechenland von Heute
zugnglich war.
    Stilpe aber schwamm in einem heien Entzcken bei dem Gedanken, die groe
That im Verein mit Girlinger zu vollfhren und weidete sich an der Vorstellung,
welchen Eindruck es machen wrde, wenn nicht blos er, der zweifelhafte
Schler, durchgebrannt und verschwunden war, sondern mit ihm der gepriesene
Musterknabe und Primus. Mit besonderem Genusse stilisierte er sich im Geiste die
Notizen, die ber dieses Ereignis in den Blttern stehen wrden. Er kam sogar
auf die Idee, eine Rechtfertigung abzufassen, die er auf irgend eine Weise
(das Wie berlie er spterer berlegung) drei Tage nach ihrer Flucht (Flucht!)
von Leipzig aus dem Leipziger Tageblatt zukommen lassen wollte. Vielleicht durch
den Deklamator? Oder durch Martha? Diese Frage beschftigte ihn am meisten.
    Am Sonntag enthllte ihm Girlinger in kurzen Worten, aber sehr ernst, da er
bereit sei, mitzugehen, aber nicht vor vierzehn Tagen. Denn es sei noch viel zu
ordnen und zu bedenken. Er knne, Alles in Allem, 250 Mark zusammenbringen,
teils durch Bcherverkauf, teils durch seine Schwestern. Mindestens so viel
msse aber Stilpe beschaffen. Diese Summe werde fr jeden zur Hinreise gengen
(er hatte das Hendschelsche Kursbuch bei sich) und auerdem Lebensunterhalt fr
zwei Wochen sichern.
    - Natrlich werden wir in diesem Klima vegetarisch leben.
    - Selbstverstndlich.
    Eine ganze Anzahl praktischer Notizen hatte er auf einem Zettel
zusammengeschrieben, und Stilpe mute sich verpflichten, diese auch fr sich
anzuerkennen. Da hie es:
    Es sind mitzunehmen
    pro Person: Ein Koffer
                mit: Einem Anzug
    ein paar Stiefeln
    Zwei Hemden
    drei paar Strmpfen
    (NB. aus der Wsche sind die Namenzeichen
    auszutrennen!!)
    sechs Taschentchern
    zwei Kragen.
    Die Koffer werden in St.'s Gartenhaus in der Versenkung, wo jetzt das
Gartengert aufbewahrt ist, niedergelegt.
    Stilpe mu zwei Koffer stellen, da es fr G. unmglich ist, sich mit einem
Koffer aus dem elterlichen Hause zu entfernen.
    Ein Revolver, wenn billig zu haben, ist wnschenswert.
    Stilpe fand den Revolver in allererster Linie fr notwendig und machte sich
anheischig, einen zu besorgen.
    - Natrlich einen, den man in die Brusttasche stecken kann!
    - Ja, aber doch nicht allzuklein!
    Bereits am Dienstag brachte Stilpe den Revolver mit in die Schule und zeigte
ihn Girlingern auf der Retirade.
    - Bist Du verrckt! Steck ihn sofort ein! Und er ist ja viel zu gro!
    - Ich werde doch kein Spielzeug mitnehmen!
    Girlinger entfernte sich eilig, und als sie nach Hause gingen, sagte er sehr
scharf: Wenn Dus so machst, nehme ich mein Wort zurck! berhaupt, wie benimmst
Du Dich denn? Alle Augenblicke nimmst Du mich auf die Seite und machst mir
Zeichen. Jeder Mensch mu merken, da wir was vorhaben.
    - Bring lieber Deine Wsche ins Gartenhaus statt da Du mir Moral schwingst.
Meine Sachen sind alle drauen.
    - Bei mir geht das nicht so wie bei Dir. Hier (er sah sich nach allen Seiten
um) sind zwei Kragen. Ich mu jeden Tag einzeln was bringen. Wenn ich nur wte,
wie ichs mit dem Anzug mache. Ich kann doch nicht mit ein paar Hosen berm Arm
in die Schule gehn.
    - Zieh den Mantel an und nimm sie untern Mantel! Oder, halt: Ich komme und
hole sie!
    - Nein, nein, ich werde schon Alles selber bringen.

Whrend so bei Girlinger die Schwierigkeiten mehr ins Einzelne gingen, hatte
Stilpe nur ein groes Problem zu bewltigen: Das Geld.
    So viel war sicher: Die Ladenkasse reichte nicht. Man konnte sie hchstens
mit fnfzig Mark ansetzen.
    Also denn erstmal alles verkaufen, was in Griechenland berflssig war an
Kleidern, Wsche, Bchern.
    Geschah. Von Bchern entgingen nur Brnes Werke, Tannhuser in Rom und
Byrons Don Juan dem Deklamator. Aber Alles in Allem kamen nur vierzig Mark
heraus.
    Wie wr es mit ein paar Anzgen Vater Wiehrs? Ein Gedanke! Der Mann hatte ja
seine ganze Vergangenheit noch im Kleiderschranke hngen.
    Aber Vorsicht! Vorsicht! Und erst in den letzten Tagen. Auf fnfzig Mark
konnte man das aber immerhin ansetzen.
    Fnfzig und fnfzig sind hundert, und vierzig sind hundertundvierzig ...
Wenn ihm nur irgend ein Coup einfiele! Das Geplempere mit kleinen Posten gefiel
ihm gar nicht.
    Hm. Im Glasschrank stand so allerlei herum, auch Schmuckzeug ... Aber da
verging ja kein Tag, an dem nicht Mutter Wiehr den Kram bestreichelte.
    Halt! ... Aber nein ... nein ...! ... Freilich, wenn gar nichts brig blieb
...? ...: Die Paten- und Konfirmationsgeschenke des verstorbenen Filius ...?
...! Die waren in dem verschlossenen Schranke in seiner Stube, und die Alten
hatten eine groe Scheu vor diesen Erinnerungen. Sie hatten sie verschlossen, um
sie nicht zu sehen; nie machten sie den Schrank auf. Da muten ja wol auch noch
Bcher sein und sonst was ...
    Das war aber doch ein verfluchter Coup! Das war schon nicht mehr blos, pfui
Teufel, Diebstahl, das war so was wie Frevel. Oder?
    Stilpe versuchte, den Gedanken mit Gewalt loszuwerden und erging sich, um
ihn beiseite zu schieben, dafr in den abenteuerlichsten Plnen.
    Sogar der schmierige Beutel des Deklamators tauchte auf und eine
verbrecherische Intrigue mit der rosigen Gattin.
    Hatte sie ihm nicht krzlich hinter dem Rcken des Alten zugelchelt?
    Wie, wenn er mit ihr im Bunde den Alten ...? Aber, duliebergott, das war ja
eine Kriminalnovelle und kein Coup!
    Immer wieder der verschlossene, groe, braune Schrank ...
    Was da wohl alles drin steckte ... Natrlich zuerst smtliche Hosen und
Hschen, Jacken und Jckchen des gepriesenen Filius, von der Wiege bis zur
Bahre.
    Verdammt nochmal: Auch noch Rcksicht auf Sentimentalitten, wo es seine
Freiheit und Zukunft galt! Da gabs doch kein Besinnen! Dort der Tod! Hier das
Leben! Hie Mottenfra! Hie Freiheit!
    Er ging an den Schrank und versuchte seine Schlssel am Schlo. Ging nicht.
    Also: Eintreten! Einfach eintreten!
    Er schlug mit der Faust auf die Schrankthre. Aber wie er das Poltern hrte,
lief er gleich weit weg und sah zum Fenster hinaus.
    Wozu berhaupt diese Menge Geld? Hundertfnfzig waren auch genug.
    Er stellte das Girlingern vor. Aber der protzte seine ganze widerliche
Konsequenz auf:
    - Wie wirs ausgemacht haben, so bleibts. Du hast mein Wort, und ich habe
Deins.
    Stilpe empfand eine kochende Wut ber dieses Benehmen.
    Nicht einmal sagen kann ichs dem Kerl, was ich vorhabe. Natrlich er: Jede
seiner Schwestern giebt ihm fnfzig Mark. Und ich mu solche Gemeinheiten
aushecken.
    Aber wart nur: Diese Erfahrungen, diese Kmpfe, die werden aus mir was
Ganzes, Eigenes machen, wo Du blos eine Molluske bist und bleibst! Ich bin der
Kmpfende! Ich werde den Sieg haben! Und dann, oben auf der Akropolis will ich
Dirs in's Gesicht schtteln mit meinen Fusten: Ich habe stehlen mssen fr
meine Freiheit und unendliche Frevel auf mich geladen fr meine Ideale! Du aber
bist blos der Pudel, der hinter mir herlief, aufgefttert und vollgestopft, ohne
Mark und Entschlu!
    In diesem Aufsud strmischer Gefhle fiel ihm Karl Moor ein, und er fhlte
sich nun nicht blos gerechtfertigt, sondern geradezu verpflichtet, den Schrank
aufzubrechen.
    Aber Vorsicht! Vorsicht! Und: Nicht zu frh!

Jetzt waren es noch sechs Tage bis zu dem Sonnabend, wo sie sich nachmittags im
Gartenhause treffen wollten, um abends abzureisen.
    Von Girlinger fehlte immer noch die Hose und ein Hemd im Koffer, aber er
konnte ihn nicht einmal mahnen, denn der Primus blieb aus der Schule weg und
hatte ihm verboten, ihn zu besuchen.
    Er stelle sich krank, hatte er ihm geschrieben, um nicht unntig durch ihn
aufgeregt zu werden, auch habe er einen besonderen Tric vor mit dieser
Krankheit. Im brigen solle er nur Alles genau nach Verabredung besorgen und
thun. Sonnabend um 3 Uhr am Gartenhause!
    Stilpe hatte einen grenzenlosen Respekt vor Girlingers khler Klugheit, und
er stellte sich irgend etwas unerhrt Schlaues vor, das hinter dieser Krankheit
steckte.
    Wer wei: Er bringt vielleicht 500 Mark mit!
    Wenn mans nur wte! Nur wte! Dann wre auch diese infame Chose mit dem
Schrank nicht ntig.
    Schon das Verkaufen von Vater Wiehrs Garderobe war eine verdammt schwierige
Sache gewesen und es war blos Dusel, wenn es nicht zur Unzeit bemerkt wurde.
    Nun aber der Schrank!
    Das Heiterste wre, wenn mich Mutter Wiehr angeschwindelt htte, und es gbe
da drin gar nicht diese kostbaren Konfirmationskleinodien und Taufbecher.
    Ob ich sie nochmal frage?
    Er nahm wirklich einen Anlauf dazu, brachte es schlielich aber doch nicht
bers Herz. Dafr machte er sich im Stillen einige moralische Komplimente ber
diese Feinfhlichkeit und fand, da er eigentlich sein Gewissen dadurch fr
beruhigt ansehen knnte:
    Denn, wre ich wirklich ein gemeiner Kerl, so htte ich gefragt; aber ich
handle eben blos unterm Zwang der Verhltnisse und schone dabei nach
Mglichkeit, was zu schonen ist.
    Unter diesen Erwgungen brach er kaltbltig den Schrank auf, nachdem er die
Kammerthr verschlossen und das Schlsselloch verhangen hatte.
    Schau, schau, gepfropft voll! Aber ist es nicht sndhaft, alle diese Sachen
von den Motten fressen zu lassen? Es scheint, die guten Wiehrs wissen nicht,
wieviel arme Jungens keine ganzen Kleider am Leibe haben. Natrlich! Die
Sentimentalitt geht bei diesen Bourgeois Allem vor ...
    Der berzieher da ist noch wie neu ...
    Herrgott, wieviel Hte hat denn der Filius gehabt? ...
    Sogar seine ersten Hosen sind noch da ...
    brigens: Insektenpulver haben sie doch gestreut ... Donnerwetter: Das kann
mich ja verraten! Die ganze Kammer wird stinken!
    Er lief und ffnete die Fenster. Unten ging gerade ein Schutzmann vorbei.
Stilpe machte eine Verbeugung:
    Das Auge des Gesetzes wacht! Sie, Schutzmann, hier wird gestohlen! Ja, das
mcht er wohl, der Gute, da ich ihn raufwinkte. Wird nicht verzapft!
    Nun aber die Kleinodien!
    In der Pappschachtel? Nein: Seidene Tcher. Da knnt ich brigens eins ...
Unsinn! ...
    Aber es scheint wirklich kein Edelmetall ...
    Er holte sich einen Stuhl und stieg darauf, um besser sehen zu knnen, was
auf dem oberen Schrankbrett stand.
    Siehstewoll? Der Kasten ist schwer. Und: Er klappert.
    Er nahm ihn langsam herunter.
    Es war eine alte Schatulle aus eingelegtem Mahagoniholze mit zopfigen
Ornamenten. Ein kleiner Schlssel mit herzfrmigem Griff steckte im Schlo.
    Er trug die Schatulle auf den Tisch und schlo sie auf.
    Donnerwetter, was fr ne Menge!
    Zwei Uhren! Eine silberne und eine goldene! Und ditto zwei Ketten. Dieser
Filius ist verzogen worden!!
    Und goldene Ringe gar dreie! Was? Auch goldne Manschettenknpfe? Das ist ja
bldsinnig!
    Am Ende hat der Junge auch noch eine Busennadel gehabt. Richtig! ...
    Ekelhaft, das! So einer mu ja ein Protz werden. Und dabei war er dumm wie
ein Heuro.
    Gut! Gut! Klappe zu!
    Er stellte die Schatulle wieder an ihren Platz, lehnte die Schrankthre fest
an, klemmte ein bischen Pappe ein und hatte eine deutliche Empfindung von
Zufriedenheit, wie er sah, da uerlich nichts an dem Schranke zu merken war.
    Was aber nun anfangen mit dem Zeug? Er beschlo, es erst in Athen zu
verkaufen. Trdler giebts dort sicher auch ...

Nun kam der groe Tag heran. Das letzte, was Stilpe ins Gartenhaus getragen
hatte, waren seine Tagebcher und Manuskripte gewesen. Die letzten Worte in
seinem Tagebuche lauteten schwungvoll so:

Und nun, mein stolzes Schiff, stich aus ins Meer!
Du trgst mein Alles, und dein Zeichen heit:
Freiheit, Hoffnung und Zukunft.
Meine Hand,
Mit der ich nun die Ankerkette schnell
Aufwinde, ist beschmutzt, doch wasch ich sie
Im Meer der Schnheit, und ich schwre: Nie,
Bei allen Gttern, die ich suche, nie
Soll wieder Schmutz an diese heie Hand!

Die letzte Schulstunde, zu der er sich herablie, war Griechisch. Es wurden
unregelmige Verba abgefragt, und da er sich nicht vorbereitet, auch nicht
einmal in der Vorpause, wie er sonst zu thun pflegte, in der Grammatik
nachgelesen hatte, blieb er jede Antwort schuldig.
    - Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt?
    Er lchelte und dachte bei sich: Freiheit, Hoffnung und Zukunft!
    - Wollen Sie wohl antworten? Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt?
    - Es war mir zu langweilig.
    Der Professor schnappte nach Luft. Das war der Gipfelpunkt der Frechheit.
Das war jenseits aller Bezeichnungsmglichkeit. Nur das eine Wort: Karzer!
whlte sich aus dem verstopften Sprachschatze empor.
    - Wie viel Stunden, Herr Professor? fragte Stilpe mit unterwrfigem Lcheln.
    - Ist der Mensch verrckt geworden?
    Die ganze Klasse hatte mit dem Professor nur diesen einen Gedanken und
starrte auf den lchelnden Stilpe. Sein Nachbar rckte ein Stck von ihm ab.
    Er aber setzte sich gelassen und that, als ob die Sache fr ihn erledigt
wre.
    Der Professor, eben noch violett, wurde wei wie weicher Kse und rief,
indem er sein Buch von sich warf:
    Verwegener Bube! Ah! Ah! Am Montag werden Sie erfahren, was Sie sich
zugezogen haben.
    Bei dem Worte Montag htte Stilpe laut auflachen mgen, aber es kam ihm der
Gedanke, da man ihn gleich heute am Nachmittag einsperren knnte, und so hielt
er sich stille.
    Als die Stunde vorber war und die Sekundaner ihre Bcher zum Heimgehen
packten, bildete sich ein Kreis um Stilpe:
    - Na, die Unverschmtheit kommt Dir teuer zu stehen, mein Shnchen ... Du
hast wohl Lust, geschwenkt zu werden? ... Du bist wohl nicht bei Troste? ...
    Stilpe lchelte blos geringschtzig. Gerne htte er jetzt irgend eine kleine
Andeutung gemacht. Es wurde ihm sehr schwer, sie zu verbeien. Aber er berwand
sich.
    Und nun kam er in Aufregung. Wenn er nur nicht noch zu Tische zu gehen
brauchte! Aber das mute er natrlich, ganz abgesehn davon, da er recht gut bei
Appetite war.

Kaum aber, da er sich vom Tische erhoben und gesegnete Mahlzeit gewnscht
hatte, lief er aus dem Hause und rannte durch die Straen.
    Es war ein unfreundliches Spt-Frhlingswetter, Regen und Wind. Da er keinen
Schirm hatte, war er bald ganz durchnt. Aber er lief, so unangenehm ihm diese
eindringende Feuchtigkeit war, immer auf und ab und immer denselben Weg:
Grimmaische und Petersstrae. Er wollte nicht eine Minute frher als Punkt 3 Uhr
am Gartenhause sein, aber er wollte auch nirgends vorher einkehren, denn er
fhlte, da er nicht sitzen knnte.
    Sein einziger Gedanke war: Wenn wir nur erst im Zuge sitzen. Und dann bis
Triest in einem Saus! Ah! Nacht und Tag und Nacht! Und dann das Schiff! ...
    Freilich: Die Seekrankheit ... Unsinn! Wenn erst die schimmernde Kste
Griechenlands auftauchen wird ...! Venus Anadyomene! ... Und diese Hellenen in
ihren bunten Trachten; auch Trken, Armenier! Und herrliche Weiber mit Krgen
auf den Kpfen! Grougig! Glutugig! Und broncene Brste schimmern durch
paphische Gewnder ...! Und Marmorpalste, sdliche Grten und sengende Sonne!
    Und nun mein stolzes Schiff, stich aus ins Meer!
    Pltzlich kam ihm seine Mutter in Sinn. Es kam so unvermutet und grell, da
er mitten im Rennen stehen blieb.
    Herrgott, wie wird sie weinen ... Es ist doch eigentlich ... Ah, aber nein:
Wenn ich sicher bin, schreib ich ihr Alles, und wenn sie sieht, wie glcklich
ich bin, dann wird sie stolz auf mich sein! Sie versteht mich ja! Sie wei, da
aus mir was Groes werden wird!

Mtterchen weine nicht, weine nicht so,
Sieh ich bin in der Fremde froh
Und denke Dein.

Er hoffte, es wrde ein ganzes Gedicht werden, aber es blieb, wie gewhnlich,
beim Anfange.
    Endlich 3/43 Uhr! Nun zum Gartenhaus!
    Er lief im Trabe mitten durch Pftzen und ohne aufzusehen, wie ein Junge
neben dem Reifen.
    Jetzt am Garten. Nun die Allee hinauf.
    Ob Girlinger schon da ist?
    Nun den Seitengang. Gott sei Dank, da es regnet und niemand im Garten ist.
    Aber der Dreck! Der Dreck! Ganz bespritzt!
    Das wird doch auf der Eisenbahn nicht auffallen?
    So, jetzt bei Krners Garten vorbei und nun mit Barrieresprung bers
Stacket. Teufel! Mitten in eine Pftze! So ein Bldsinn!
    Punkt drei!
    Aber Girlinger ist noch nicht da. Natrlich; der macht sichs bequem und
kommt sicher in Gummigalloschen und mu um jede Pftze einen Bogen machen und
womglich bei jedem Buchladen stehen bleiben. Ekelhaft diese Hundsschnauzigkeit.
    Er ging zum Gartenhaus und griff in seine Tasche nach dem Schlssel.
    Pltzlich fuhr er zusammen und starrte auf etwas weies, das in der
Thrsperre klemmte. Sein Gesicht verzerrte sich: Ah, du Hund, du!
    Er ri das eingeklemmte Papier heraus. Herunter das Couvert. Da stand mit
den schnen, so oft in der Schule belobten Schriftzgen unter Einhaltung des
Hflichkeitsrandes etc. folgendes:


                                 Lieber Stilpe!

Nachdem ich mir unsern Plan noch vielmals und reiflich berlegt habe, bin ich zu
der unumstlichen berzeugung gelangt, da es im Grunde blos ein etwas
persnlich drapierter Dummerjungenstreich wre. Wenigstens was mich angeht. Du
bist ja anders, und Dein Temperament berechtigt Dich gewissermaen zu einem
solchen Schritte, der ins Ungewisse fhrt. Aber ich bin nicht zu dergleichen
khnen Entschlssen geeigenschaftet.
    Also: Ich kann nicht mitthun.
    Verachte mich, soviel Du willst und nenne mich einen Feigling und
Wortbrchigen. Ich kann nichts dagegen thun. Hchstens, da ich auch Dir rate:
Stehe auch Du von dem Plane ab.
    Selbstverstndlich bist Du strengster Geheimhaltung von meiner Seite aus
sicher. Aber ich erwarte auch von Dir, da Du nicht etwa in einem Deiner
Wutausbrche mich als Deinen Komplizen nennst. Das wre keineswegs honorig.
    Indem ich Dir, fr den Fall, da Du den Plan zur Ausfhrung bringst, alles
Glck aufrichtig wnsche, bin ich, auch wenn Du mich verachtest,
                                                   Dein Freund Robert Girlinger.

P.S. Meine Sachen nimm, wenn Du gehst, mit. Sie werden Dir ntzlich sein.

Stilpe geriet in eine malose Wut.
    Zuerst lie er sie an dem Briefe aus, den er mit den Zhnen zerri und in
das matschige Erdreich hineinstampfte. Dann warf er seinen Hut auf die Erde und
schlug mit den geballten Fusten an die Gartenhausthr. Er war aschfahl im
Gesicht und bi sich fortwhrend auf die Lippen, als wenn er das Bedrfnis
htte, etwas zu zerfleischen.
    Dann schlo er die Thr auf und ging ins Gartenhaus. Mit einem Fustoe
ffnete er die Deckthr zu der Versenkung, wo die Koffer standen und spuckte auf
diese. Dann warf er die Deckthr zu, da es krachte und setzte sich auf einen
Gartenstuhl. Ein Windsto warf die Thre zu, und nun war er im Dunkeln allein
mit seiner kochenden Wut.
    Was thun?! Was thun?!
    Ah, vor Allem Eins: Rache an diesem feigen Hund! Hin zu Girlinger und ihm
laut ins Gesicht schreien, was fr ein erbrmliches Subjekt er ist. Das ganze
Haus zusammenschrein! Ihm den Koffer vor die Fe, nein, vor den Bauch werfen.
Und ihn prgeln!
    Prgeln! Unsglich und lange prgeln!
    Ach was, erschieen mte man ihn!
    Erschieen! Das ist ein Gedanke! Ah, und da ist ja auch der Revolver!
Gottseidank, da er so gro ist!
    Aber das war schon mehr blos pathetische Zierleiste. Er merkte das selber,
und den Gedanken, sich hinter her etwa selber zu erschieen, lie er nur ganz
von Ferne vorbeidrohen.
    berhaupt nein: Weder Prgel noch Revolver, nur Verachtung! Ein einziges
Wort auf eine Postkarte geschrieben: Lump! und dann fort!
    Fort! Fort! Fort! Er rttelte das Wort in sich hin und her. Fort! Fort! Aber
es geschah halb mechanisch, wie er sich das in plumpen Sten immer wiederholte.
    Fort! Fort! Natrlich: Fort!
    Ich werde doch wohl wegen dieser Kanaille nicht hier bleiben!?
    Aber diese Bestie hat ja das Kursbuch! Der ganze Reiseplan stand ja bei ihm!
    Ich Wickelkind habe ihm ja Alles berlassen!
    Sonderbar: Der Gedanke, sich nun selbst ein Kursbuch anzuschaffen und einen
Reiseplan zu machen, kam ihm nicht.
    Dafr entwarf er bereits den Brief, den er nach seiner Ankunft in Athen
diesem Elenden schicken wollte: Hier bin ich, auf der Akropolis, und gottlob
ohne den Pintscher, der mir folgen wollte ... Ich habe eine sehr angenehme
Stelle als Sekretr eines deutschen Privatgelehrten ... Meine Adresse teile ich
Dir nicht mit, um vor Deiner Verrterei sicher zu sein. Denn es giebt keine
Gemeinheit, die ich Dir nicht zutraute ...
    Dieser Brief, den er vielmal in sich hin und her wandte und mit zahlreichen
vergifteten Spitzen versah, beruhigte ihn ungemein.
    Als er ihn auswendig wute, war er so weit, die Jammerhaftigkeit dieses
Staatsanwaltssprlings fr ein Glck anzusehen.
    Wre ich denn in seiner Gegenwart frei gewesen? Htte er mich nicht in
meinen besten Entschlssen gestrt? Was fr eine unglaubliche Verirrung dieser
Gedanke berhaupt gewesen ist, mit dieser Hundeschnauze zusammen nach
Griechenland gehen zu wollen. Aber eine gute Lehre das! Immer und Alles allein!
Jedes Vertrauen ist Wegwurf!
    Er schrieb sich diese Maxime in sein Notizbuch und empfand das ganze
differenzierte Wohlgefhl des Pessimisten.
    Er wurde sogar bermtig. Warte, mein braver Knabe, dachte er sich und nahm
die Girlingerschen Sachen aus dem Koffer, hing sie, nachdem er sie zerrissen
hatte, auf eine Bohnenstange und stellte das Ganze nach Art einer Vogelscheuche
in ein Beet. Daran befestigte er ein Stck Papier mit der Aufschrift:
Siegeszeichen des Wohlverhaltens.
    Dann nahm er den Koffer mit seinen Habseligkeiten und schlug den Weg zu dem
Hause ein, in dem Martha waltete.

Es war selten, da dort ein Mensch mnnlichen Geschlechtes mit einem Koffer
erschien, denn, wenn auch viele Handlungsreisende in diesem gastfreien Hause
verkehrten, so lieen sie ihre Musterpackete doch gewhnlich im Hotel. Und so
erregte er ein gelindes Aufsehen.
    - Ja, Schnutchen, kleines, willst Du denn verreisen? rief ihm Martha
entgegen, die, mit einem schwarzseidenen Hemde bekleidet, nicht mehr an die
Gemlde Professor Thumanns erinnerte.
    - Ich bin auf dem Wege zum Bahnhofe und will Dir nur Lebewohl sagen,
erwiderte Stilpe etwas ernster, als es im Stile dieses Milieus war.
    - Nanu, doch nicht ganz fort, Schnutchen? Dann mu ich ja weinen!?
    - Ganz fort. Weit weg. Aber frage nicht. Wir wollen noch einmal frhlich
sein.
    Er gab sich hier sonst gerne frivol, weil er frchtete, im andern Falle
seine Jugend zu verraten, die ihn in diesem Hause immer etwas genierte, aber
diesmal konnte er die jugendliche Feierlichkeit nicht verleugnen.
    - Jetzt wird mirs aber ngstlich, Schnutchen. Wer soll mir denn dann Verse
vorlesen?
    - Du brauchst nicht so spttisch zu sein.
    - Aber nee, ich mein's ernst, auf Ehre. Ich kann sie ja auswendig!
    Und sie deklamierte mit unverstellter Genugthuung:

Wie jene Ritter in der alten Zeit,
Die fr die Liebe stritten todbereit,
Streit ich fr Dich und Deine Edelheit.

Ich liebe Dich und glhe mich Dir an,
Vor Deinen Fen lieg ich, sieh mich an,
Ein Knabe bin ich, ksse mich zum Mann!

Nein, bin kein Knabe! Denn ich wei durch Dich,
Was Liebe ist, Dein Blick erweckte mich,
Drum sing ich Dank Dir heut und ewiglich!

- Siehst Du, ich kann's ganz auswendig!
    Stilpe war selig. Seine Verse klangen ihm aus diesem Munde wie der Inbegriff
aller Poesie, und er fiel dem Mdchen hei um den Hals.
    - Rotwein! Champagner! Und Cigarretten!
    - Aber Schnutchen, hast Du denn soviel Geld?
    - Ja, ja, massenhaft! La nur kommen.
    - Nee, Schnutchen, la das doch die alten Onkels machen. Ein paar Glas
Bayrisch thuts bei Dir schon.
    - Nein, nein! Heute mssen wir Wein trinken! Weit Du, eine Orgie feiern!
Eine Orgie! Weit Du, was das ist?
    - Ja, ja, so was Verrcktes. Aber wozu denn?
    - Mach! Mach! Ich habe nicht lange Zeit. Ich mu fort. Bestelle nur! ... Ach
so, vorausbezahlen? Da, da ist Geld.
    Er gab ihr sein ganzes Portemonnaie.
    - Gehrt das ganz meine?
    Stilpe erschrak sehr. Aber er fate sich und sagte mit edlem Anstande:
    - Wie Du willst. Aber dann kann ich nicht reisen.
    - Gott, bist Du ein anstndiger Junge! sagte das Mdchen und gab ihm das
Portemonnaie zurck.
    Diesmal rgerte ihn das Wort Junge nicht.
    Der Wein nahm seiner Stimmung den Rest von Gedrcktheit. Zwar wollte sich
durchaus nicht das entwickeln, was er eine Orgie nannte, denn das Mdchen
bemutterte ihn heute noch mehr als sonst, aber wenn er auch nicht tanzte, so
lief er doch recht lebhaft in dem kleinen Zimmer, soweit es nicht Bett war, auf
und ab.
    - Wenn Du wtest, was ich vorhabe! Wenn Du wtest, wohin ich reise!
    - Na, so sags mir doch.
    Er blieb stehen und sah sie ekstatisch an.
    - Ja! Wenn Du mir versprichst, mit mir zu reisen!
    - Ja, wenn Du bei Mutter Zanken meine Schulden bezahlst.
    - Wieviel sind es!
    - Na, blos so dreihundert Mrker.
    - Herrgott! Dreihundert! Nein, das kann ich nicht. Oder! Halt! Warte mal!
    Und er strzte sich auf seinen Koffer und brachte die Uhren und Ringe ans
Bett.
    - Da, was kriegt man dafr?
    Martha kniete sich im Bett auf und breitete die Tauf- und
Confirmationsgeschenke von weiland Wiehr junior vor sich aus, hbsch eins neben
das andere; es gab eine lustige Reihe, die im Lichte der roten Bettampel
verstohlen blinkte.
    - Das kann schon zweihundert Mark geben, wenn Du Dich nicht beschummeln
lt.
    Sie sah die Sachen verliebt an, steckte sich die Ringe an die Finger,
schttelte die Uhren und hielt sie ans Ohr und lie die Diamanten der Busennadel
leuchten.
    Pltzlich warf sie den Kopf zurck, da die langen blonden Haare von den
Brsten weg ber die Schultern fielen und fragte erstaunt: Ja, wo hast Du denn
die Sachen her?
    Stilpe berlegte. Sollte ers sagen? Hatte sie sich damals nicht so verdammt
moralisch gehabt? aber jetzt steht die Sache doch anders. Das Zeug liegt auf dem
Bette und gehrt beinahe schon ihr. Ob sie da nicht..?..
    Aber er zgerte doch und sagte blos: Alte Tauf-und Confirmationsgeschenke.
    - Und das willst Du verkaufen? Das ist aber nicht schn von Dir!
    Was? Schon das fand sie unrecht? Das emprte ihn frmlich, es kam ein Gefhl
von Zorn ber ihn, und zugleich regte sich etwas wie Furcht. Er wurde mit
einemmale irre.
    Aber, wart, nun gerade soll sies wissen, diese elende Duckmuserin. Das wird
einen Effekt geben!
    Ob sie das Zeug aus dem Bette und mir vor die Fe wirft?
    Und er erzhlte ihr ganz khl, da er die Sachen gestohlen habe und wem sie
gehrten.
    Sie sah ihn blos erstaunt an und schttelte den Kopf.
    Dann sagte sie langsam und wie unglubig: Nein..!.. Du..!.. Das..?..
    - Ach mach kein solches Gehabe. Es ist so, und ich finde gar nichts dabei.
    Jetzt sprang sie aus dem Bette und fate ihn an den Schultern:
    - Aber, Junge! Was ist denn mit Dir los? Du bist doch kein so gemeiner Kerl!
Herr du mein Gott, wie kommst Du denn auf so was!
    Sie sagte das fast tonlos und mit einer ganz anderen Stimme, als er an ihr
gewhnt war.
    Es ging ihm durch und durch. Mit einemmale fhlte er, da er etwas Gemeines
gethan hatte. Htte sie nur im Geringsten was pathetisches gesagt oder gethan,
er wrde ihr ins Gesicht gelacht, und, wenn sie etwa Miene gemacht htte, Lrm
zu schlagen, alles geleugnet haben. So aber wars wie ein Urteil, wie eine
Verdammung.
    Er mute auf den Boden sehen und fhlte sich gedemtigt, ohne sich dagegen
aufzulehnen.
    Was sie nun noch sagte, war eigentlich berflssig und schwchte den
Eindruck der ersten Worte eher ab. Aber er lie Alles ber sich ergehen und
sagte nichts dazu.
    Sie legte durchaus den Hauptton darauf, da er den alten Leuten das genommen
htte, was ihnen das Liebste war. Sie sagte das nicht in seinen und gefhlvollen
Worten, sondern fast roh und ungeschickt.
    Immer wieder kam das Wort: So eine Snde, und gar nichts dabei zu fhlen!
    Er wagte nicht ein einziges Mal aufzusehen, und ihre Hnde auf seinen
Schultern fhlte er wie eine unertrgliche heie Last.
    - Was soll ich aber nun thun? sagte er ganz verzweifelt, wie sie schwieg.
    - Gleich Alles wieder hintragen! Alles sagen!
    - Das geht nicht!
    Und nun erzhlte er ihr, schluchzend und unfhig, seine Thrnen
zurckhalten, Alles, was er vorhatte, Alles, was ihm geschehen war, Alles, was
ihn drckte.
    Das machte weniger Eindruck auf sie. Sie verstand es nur unklar, aber das
Davonlaufen begriff sie.
    - Fahr hin, wo Du willst, wenn Du nicht mehr in die Schule gehn magst. Sie
erwischen Dich doch bald. Aber das Zeug da nimmst Du nicht mit ... Nein ... So
ein Junge! Gottseidank, da Du zu mir gekommen bist! Denke blos: Spter! Wenn
Dus gefhlt httest, was Du gethan hast ...
    Herr du mein Gott, so ein Unglck! Du wrst ja ein Lump geworden, Junge!
Gott wei, was Du noch Alles angerichtet httest! Mord und Todschlag! Wahrhaftig
ein Glck, da der andere Bengel nicht gekommen ist. Sonst htt ich Dich nicht
hier.
    Es beleidigte ihn gar nicht, da sie ihn so in aller Deutlichkeit als Junge
etc. traktierte. Er war vollkommen mrbe.
    Nach langen Beratungen kamen sie schlielich berein, da er die Nacht noch
hierbleiben sollte (denn er fhlte sich nun unfhig zu jedem anderen Vorhaben,
als eben hier zu sein); am nchsten Tage mge er dann getrost nach Griechenland
oder Kamerun fahren; sie aber werde die Sachen einpacken und mit einem Brief,
den er schreiben msse, an die Adresse der alten Wiehrs schicken.
    Der Brief lautete:

Lieber Vater und liebe Mutter Wiehr!
    Seien Sie mir nicht bse, da ich ohne Abschied von Ihnen fortgegangen bin
und nahe daran war, eine groe Schlechtigkeit zu begehen. Ich hoffe, Alles gut
machen zu knnen, und bitte Sie, meinen Eltern nichts von dem zu sagen, was ich
beinahe begangen htte. Lassen Sie mich nicht verfolgen und melden Sie mich in
der Schule ab. Es dankt Ihnen fr alles Gute, was Sie ihm, dem Unwrdigen,
gethan haben,
                                                                  Ihr Pflegesohn
                                                                          W. St.

Die Schlustze des Briefes waren eigenste Hinzufgung Stilpes. Sonst war der
Brief nicht eigentlich nach seinen Intentionen. Er hatte ihn zerknirschter und
umfangreicher angelegt, mit einer groen Diatribe gegen das Geschlecht der
Gymnasiallehrer als Mittelstck, aber das Mdchen wollte nichts davon wissen.
    Als aber der Brief geschrieben war, fingen beide an, vergngter zu werden,
als vielleicht die Leute glauben, die da nicht wissen, zwischen welch fernen
Gegenden die Schaukel in der Seele mancher Menschen hin und her schwingt.
    Denn Himmel und Hlle, Reue und Wollust liegen zuweilen nicht weiter von
einander entfernt, als die Lippen zweier Menschen, die sich kssen.

                                Fnftes Kapitel


Die Oberprima des Kniglichen Gymnasiums einer kleinen schsischen
Industriestadt war ausnahmsweise Sonnabend Nachmittag in die Schule berufen
worden, weil der Geheimrat Ammer, der als Kniglicher Kommissarius die
bevorstehende Abiturientenprfung zu berwachen hatte, mit dem Wunsche
hervorgetreten war, die Kandidaten schon zuvor persnlich kennen zu lernen. Er
hatte sich mit ihnen in einer sehr freundlichen und schmeichelhaften Art
unterhalten, nmlich gar nicht so, wie es die Art der Lehrer war, sondern in der
gewinnenden Manier eines lteren Freundes etwa, der seinen Vorsprung an Jahren
und Reife als nebenschlich behandelt und ein Verhltnis von Vertraulichkeit zu
schaffen oder wenigstens vorzutuschen sucht, soweit dies mglich ist. Er hatte
sogar Meine Herren! gesagt. Und statt der Vorprfung, die man befrchtet
hatte, war es wirklich blos eine Art Unterhaltung gewesen, bei der der Geheimrat
jeden Anschein von Examinieren vermieden hatte.
    Die Oberprimaner verlieen das Schulgebude also mit stolz erhobenen
Huptern, auf denen hellrote Mtzen meist sehr weit nach hinten gerckt saen.
Diese Mtzen hatten die Form von umgedrehten kleinen niedrigen Npfchen, nur
drei der jungen Leute trugen solche von anderer Faon, nmlich breite, hinten
etwas nach abwrts gedrckte Deckel.
    Diese drei Schlappdeckel, wie die anderen sie nach ihren Mtzen nannten,
gingen in sehr eifrigem Gesprche abgesondert.
    - Eigentlich wars etwas gewagt von Schaunard, ausgerechnet die beiden
Gracchen als seine Lieblings-Rmer zu nennen, nachdem der Hohe Rat ihn wegen
Sozialismus und Atheismus schon mal hat schwenken wollen, sagte der Eine, ein
untersetzter Bursch mit schlfrigen, aber nicht geistlosen Augen und einem
bereits sehr dichten Schnurrbart.
    - Aber mein ser Rodolphe! Du geruhst immer noch, Dich um drei Gramm dmmer
zu stellen, als wofr Du uns hltst. Du weit so gut wie wir, da Schaunard ein
Psychologe von vielen Graden ist. Er hat diesen frtrefflichen Geheimrat blos
sehr gut erkannt. Denn siehe da: Schon ist er zu einer Privataudienz
zurckbehalten worden!
    Der das sagte, war ein drrer brnetter Mensch mit einer sehr schnen Nase
und wunderschnen braunen Augen, die leider hinter sehr starken Klemmerglsern
saen. Er ging etwas gebckt, aber nicht aus irgend einem krperlichen Grunde,
sondern aus philosophischer Koketterie. Es wre ihm ein Vergngen gewesen,
buckelig zu sein.
    - Marcel hat Recht. Schlue und abermals Schlue! Heute hat Schaunard seinen
Abitur gemacht, sag ich! Das Backpflaumenmnnchen hat sich in ihn verliebt und
wird ihn trotz allen konrektoralen Gekrhes und Geheules durchschleppen. Wetten?
    Der so sprach, war ein sehr jung und zart aussehender Jngling, der sich
aber ein bischen renommistisch geberdete und damit den knabenhaften Eindruck
seiner Person zu verwischen suchte. Auffllig an ihm war seine Haarfrisur, die
etwas an die napoleonische Zeit erinnerte, wo man es liebte, nach dem Vorbilde
des Csaren die Haare ins Gesicht und ber die Ohren zu streichen.
    Wer Mrgers Bohme-Buch kennt, wird, nachdem die Namen Rodolphe, Marcel und
Schaunard gefallen sind, ohne weiteres wissen, da sich dieser Jngling des
Spitznamens Colline erfreute.
    Diese Spitznamen waren brigens in der Schule nicht allgemein gltig,
sondern ein Reservatrecht des Cnacles oder der Vereinigung der vier
Schlappdeckel unter sich, die, als zuknftige Dichter und Knstler, wie sie sich
fhlten, sich das Cnacle in Mrgers Vie de Bohme zum Muster genommen hatten
und sogar nach Mglichkeit die Ausdrucksweise ihrer Vorbilder nachahmten. Sie
hielten sich, im Gefhle ihrer Zukunft, sehr exklusiv gegenber den anderen
Primanern, die eingestandenermaen blos Pastoren, Lehrer, rzte, Juristen,
Offiziere werden wollten, und wurden dafr wieder von diesen als berspannt und
lcherlich abgethan. Ihre brgerliche Nomenklatur war diese:
        Rodolphe: Bruno Wippert,
        Marcel: Max Stffel,
        Colline: Ludwig Barmann,
        Schaunard: Willibald Stilpe.
    Stilpe war der Grnder des Cnacles und sein anerkanntes Haupt.

Er war damals, nachdem er sich von Martha getrennt hatte, nicht gar weit
gekommen. In Halle, das doch nicht auf der Route Leipzig-Athen liegt, hatte man
ihn in einem Tingeltangel festgenommen, weil er in der Betrunkenheit unablssig
laut und rhythmisch geschrieen hatte:
                             (a+b)2 = a2 + 2ab +b2
Auf die Polizei gebracht und nach dem Grunde dieser mathematischen Rezitation
gefragt, hatte er auf die ihm drohende Nachprfung in der Mathematik als einen
hchst triftigen Grund hingewiesen und berdies gebeten, man mge ihm seine
Logarithmentafel holen, die in der Untersekunda der Leipziger Thomasschule Ctus
B auf seinem Platze liege, unten auf der letzten Bank rechts. Damit hatte er
sich zur Genge als der durchgebrannte Gymnasiast aus Leipzig legitimiert,
dessen Signalelement auch auf der hallischen Polizei eingetroffen war.
    Was sich dann begeben hat, bleibe im Schatten der Vergessenheit, wie auch
Stilpe selbst nie mehr daran dachte. Denn er liebte unangenehme Erinnerungen
wenig und besa ein ausgesprochenes Talent dafr, fatale Dinge zu vergessen.
    Es fehlte nicht viel, da er damals wirklich, aber nicht in Athen, die
Stelle eines Sekretrs, aber nicht bei einem Privatgelehrten, erhalten htte.
Der verzweifelte Lepidopterologe wollte ihn durchaus als Schreibgehlfe bei der
Magistratskanzlei in Leinig anketten. Aber den Bitten der Mutter und den guten
Urteilen ber Willibalds Begabung, die einer seiner Leipziger Lehrer abgab,
gelang es, den Vater zu einem letzten Versuche zu bewegen. So kam Stilpe an das
eben begrndete Knigliche Gymnasium der kleinen Stadt, in dem er es jetzt
wirklich bis zum Oberprimaner gebracht hatte.

Auch hier war sein Studiengang nicht ohne Fhrlichkeiten abgelaufen, denn die
Lehrerkonferenz bedachte ihn mit ausgezeichnetem Mitrauen, indem sie ihn bald
fr einen Freund wster Zechgelage und bedenklicher Mdchen, bald fr einen
Propagandisten gemeingefhrlicher Ideen ansah.
    Aber er war klug geworden. Ohne nach dem Ruhme eines Musterschlers zu
geizen, aber auch ohne sich irgend etwas abgehen zu lassen, was er zu seinem
Wohlbefinden fr ntig hielt, lenkte er das scharf beobachtete Schiff seiner
Schlerexistenz geschickt zwischen allen Praezeptorenklippen hindurch, indem er
aufs Genaueste die Taktik befolgte, sich aller offenkundigen Manifestationen
seiner Privatvergngungen zu enthalten. Er war, wie er es selber einmal in
seinem immer ppiger werdenden Tagebuch ausdrckte, zur Hhe eines vorsichtigen
Cynikers emporgestiegen. Was er seine Orgien nannte, feierte er in Leipzig, und
den verbotenen Ideen frhnte er still fr sich, ohne etwa in deutschen
Aufstzen, wie damals als biederer Sekundaner, davon etwas merken zu lassen.
Vielmehr kultivierte er jetzt in seinen Schul-Aufstzen, deren Gewandtheit und
Schwung sogar anerkannt wurde, eine virtuosenhafte Jongleurkunst mit
wohlgebauten Phrasen, in die er nur die bestakkreditierten Meinungen silbern und
golden einspann.
    Zum Glck lernte er in den drei bereits genannten Kameraden Leute von
hnlichen Neigungen kennen. Zwar achtete er sie nicht fr seiner ebenbrtig, ja
er hatte sogar ein stilles Mitleid mit ihnen, weil sie, wie er bemerkte, noch
einige biedere Zge von Wohllblichkeit hatten, aber er fhlte es doch als
einen sehr angenehmen Zufall, da er in ihnen Instrumente fand, auf denen er
spielen konnte. Colline-Barmann war seine Bageige, Marcel-Stffel sein Fagott,
Rodolphe-Wippert seine Trommel. Natrlich empfanden sich die Drei selber als
betrchtlich mehr, und er seinerseits lie es ihnen nur selten merken, da er 
auf ihnen spielte. Auch liebte er sie in einem gewissen Sinne wirklich. Einer
ganz hingebenden Freundschaft war er zwar nicht fhig, aber die Frivolitt
seines zur Schau getragenen Cynismus gegenber diesen Freunden war doch zum
guten Teile bewut angeschminkt.

Zuerst begann die Vereinigung der Vier mit einem litterarischen Zirkel Lenz
genannt.
    Dieser Titel galt in zweierlei Bedeutung. Einmal in der, wie ihn die Lyriker
als Synonym fr Frhling verbrauchen, und dann in der des Namens ihres
literarischen Hauptheiligen. Denn sie lasen damals ausschlielich Dichtungen der
Sturm- und Drangperiode.
    Dann schoben sich Ibsen und die Russen, dann Zola und der Naturalismus ein,
und nun wurde aus dem Lesezirkel, wo man mit verteilten Rollen Die
Kindermrderin, Sturm und Drang, Der Hofmeister gelesen hatte, ein
Debattierklub, wo man vor allem Herrn Schillinger, den Dichter des pp.
Wallenstein, vernichtete und Vortrge folgender Art hielt: Die Wahrheit als
einziges Prinzip der Kunst, Inwiefern Naturalismus und Sozialdemokratie
Parallelerscheinungen sind,  Emile Zola und Henrik Ibsen: Die Tragesulen der
neuen Literatur, Worin liegt die Gemeingefhrlichkeit des sogenannten
Idealismus?
    Zu dieser Zeit waren die Vier sehr rabiat.
    Ihr zweites Wort war: Konsequenz. Gewisse Namen durften, bei hohen Strafen,
bis zu zwanzig Pfennigen, unter ihnen nicht genannt werden, so Paul Heyse und
Julius Wolf. Wer es wagte Schiller und Goethe zu sagen, statt Goethe und
Schiller, mute, da gab es kein Erbarmen, Tabak fr alle Vier auf einen Monat
kaufen. Aber auch Goethe galt nur fr voll, insoweit er nicht Geheimrat war.
Das war sogar statutenmig festgelegt. Shakespeare wurde fortwhrend und mit
besonderer Ehrerbietung genannt, aber doch mehr als merkwrdiges Phnomen eines
frhen Naturalismus. Denn es stand ihnen fest, da die eigentliche Litteratur
jetzt erst begnne, und Stilpe fhrte den Gedanken mit Vorliebe aus, da man
jetzt in dem wirklichen Sturm und Drang stehe, aus dem der neue und ganze
Goethe hervorgehen werde.
    Wenn man ihn dann hhnisch fragte, ob er vielleicht Lust habe, diese Rolle
zu bernehmen, so grinste er mit sichtlicher Anstrengung und sagte: Vor der Hand
sind wir Alle blos Teig. Das Leben wird uns erst kneten und backen.
    - Du aber hast die groen Rosinen, entgegnete ihm darauf Stffel.
    - Und Dir fehlt es an Salz, revanchierte sich Stilpe.
    Barmann aber lie etwas von zuknftigen Dreierbroten vernehmen, und
Wippert meinte, auch Hundekuchen sei ein Backwerk.
    In diesem Stile bewegten sich die Verhandlungen des Debattierklubs, wenn man
aufs Persnliche kam. Sonst war die Ausdrucksweise trotz der naturalistischen
Tendenz mehr auf hhere Tropen bedacht.

Aber eines Tages, es war ganz zu Anfang des Oberprima-Jahre, begann Stilpe in
einem neuen Stile und von anderen Dingen zu reden. Er baute frchterliche und
schnde Hyperbeln, fand den Naturalismus in Worten lachhaft, fragte, ob es in
diesem Neste nicht ein Trictrac gebe und erklrte, die famoseste Mdchenfigur
der Weltliteratur sei Mamsell Msette. Dazu kamen die Worte: Nasenwrmer,
Bohme, Cnacle und eine groe Menge franzsischer Flche. Auch trug er
fortwhrend ein kleines Buch aus der Reclambibliothek mit sich herum, das er
sein Brevier nannte. Eine Woche spter sah man aber an dessen Stelle ein
anderes, franzsisches. Er sagte: Ich lese jetzt meine Bibel im Urtext.
    Durch diese Geheimthuerei voll herablassend abgegebener Andeutungen fhlten
sich die Anderen beleidigt, und es wre fast zu einem Bruch gekommen, denn
Stilpe behandelte sie im Grunde wie kleine Knaben, die nicht wissen, was ein
Mdchen ist, da rckte der Adept endlich mit seinem Mysterium heraus, indem er
eine Versammlung mit einem Schreiben einberief, das folgenden Wortlaut hatte:
    Die ehrenfesten und rhmlichst bekannten Sulen des kniglich schsischen
Gymnasialnaturalismus zu ... werden hiermit so hflich wie dringend eingeladen,
in der bescheidenen Behausung des unterzeichneten Renegaten und Msettisten
Schaunard, weiland Stilpe, zu erscheinen und auer zwei Steinguttellern mit
Zwiebelwurst und Muldecaviar einen Vortrag entgegenzunehmen, dessen Titel und
Thema ist:


                                Der Msettismus

als einzige und eigentliche Knstlerreligion, nachgewiesen an dem classischen
Werke wahrer Knstlerfreiheit und Laune:

                           Scnes de la Vie de Bohme
                                      par
                                  Henry Murger

   (NB.! Das Werk wird auch in einer bersetzung herumgereicht, und im Urtext
  sind die schwierigeren Vokabeln in deutscher bersetzung beigeschrieben.)
Nach beendigtem Vortrag wird der Unterzeichnete sich die Freiheit nehmen, zu
beantragen was folgt:
    Der naturalistische Debattirklub wird aufgehoben, und an seine Stelle tritt


                                  Das Cnacle

                             der vier Schlappdeckel

Zur Leitung der unausbleiblichen Debatte wird der ehrenwerte Naturalist Barmann
berufen, falls er sich fr die Dauer dieses Ehrenamtes seiner ihm angeborenen
Grobheit zu enthalten verspricht, die vielleicht einem Naturalisten, nicht aber
einem zuknftigen Cnaclier angemessen ist.

   NB.! Vier pariser Nasenwrmer sind heute eingetroffen und stehen, aber erst
  nach Constituierung des Cnacles, zur Verfgung.
   NB.! Der Unterzeichnete hat sich in Anbetracht des ungewhnlichen und
  wichtigen Ereignisses in Unkosten gestrzt und vier Flaschen Pontet Canet
  (Marke: Le petit bleu) herbeigeschleift. Doch wird man gebeten, Weinglser
  mitzubringen, da es stilwidrig wre, Rotwein aus Bierseideln oder Kaffeetassen
  zu trinken.
   NB.! Petita Molinarina wird die Honneurs der Schaunardschen Htte machen,
  falls der gute Zufall, der Gott des knftigen Cnacles, es so einrichten sollte,
  da die schauderhafte Mutter des erfreulichen Mdchens zur Zeit der
  Feierlichkeit nicht zu Hause wre.
   NB.! Da die Schildkrte des Unterfertigten, deren Intelligenz so hufig als
  berlegenes Gegenstck zu der des Hh-Wh-Konrektors anerkannt worden ist, sich
  leider entschlossen hat, seit vergangener Nacht als Leiche zu existieren, so
  erscheint es angemessen, sie knftig als Symbol des verewigten naturalistischen
  Debattierklubs in piettvollen Ehren zu halten. Sie wird in einer rosa
  auswattierten Cigarrenkiste als Tafelschmuck funktionieren.
   NB.! Man spanne seine Erwartungen hoch!
                                                                      Schaunard.

Da man das Muster dieser Einladung nicht kannte und berhaupt lauter Rtseln
gegenberstand, so wirkte das Schriftstck auf die Drei ungewhnlich stark.
    Vllig verblfft war man aber, als man, der Einladung folgend, Stilpe
erblickte. Er prsentierte sich nmlich in Unterhosen und Frack. Im Munde hatte
er eine kurzgebissene rotbraune Thonpfeife, und sein ganzes Benehmen war
ungemein zeremoniell und feierlich.
    - Petita Molinarina kann leider nicht gereicht werden. Diese beklagenswerte
Bourgeoise hat sich an meinen Unterhosen gestoen und war nicht dahin zu
bringen, zu begreifen, da diese nur als Surrogat fr weie Nangkingpantalons
anzusehen und damit nicht nur entschuldigt, sondern geradezu in die Sphre des
Schnen und Wohlanstndigen erhoben sind. Dafr ist die Schildkrte mit der
ganzen Wrde eines amphibischen Leichnams zur Stelle. Sie darf betrachtet
werden, und ich bitte zu bemerken, wie sie im Tode noch mehr den rhrenden Zug
einer Familien- und Intelligenzverwandtschaft mit Sr. Brllenz Hh-Wh hat.
    Da auch der Rotwein keine Fiktion war, so stand einer frhlichen
Sitzungserffnung nichts im Wege.
    Barmann bernahm mit einem geharnischten Proteste gegen den Vorwurf der
Grobheit den Vorsitz. Seine Erffnungsansprache, die er ohne Zweifel auswendig
gelernt hatte, schlo schwungvoll so:
    - Und nun mge Stilpe, den wir einstweilen noch so und nicht anders nennen
wollen, seinen Vortrag halten, an den sich ein so wichtiger Antrag knpfen soll.
Ich bin beauftragt, ihm zu erklren, da wir ernstlich indigniert sein werden,
wenn sich seine Machination (Stilpe: Oho!) als Frivolitt entpuppen sollte. Wir
sind bereit, uns berzeugen zu lassen, aber wir werden entschieden und scharf
Front machen gegen jeden Versuch, unsre augenblicklichen Prinzipien (Stilpe:
Sehr gut!) nur mit den billigen Waffen seichten Witzes (Stilpe: Tautologie!)
anzugreifen. (Stffel und Wippert: Bravo!) Stilpe hat das Wort!
    Stilpe erhob sich und machte jedem Einzelnen, zuerst dem Vorsitzenden, eine
tiefe Verbeugung, wobei er beide Hnde auf den Bauch legte. Dann fuhr er sich
mit entschlossenen Fingerkammstrichen durch die Haare, schleuderte seinen
Zwicker (smtliche Schlappdeckel trugen schwarze Hornzwicker mit sehr breiten
Bndern) wie etwas beraus Lstiges von sich und begann:


                           Meine Herren Naturalisten!

Gleich vier Edelaustern unter unzhligen Massen niedrigen Kmmelkses, harter
Picklinge, zerkrmmter Sardellen und andrer Mobdelikatessen verwandter Art
befinden wir uns in dieser schbigen Industriestadt und versuchen es, wenigstens
unter uns den Sinn fr Geistiges zu kultivieren.
    Wir haben zuerst das denkwrdige Lesekrnzchen Lenz gegrndet und
unterhalten, indem wir uns an den khnen, wenn auch knstlerisch mangelhaften
Bestrebungen der Sturm- und Drang-Dichter erbauten, die unter dem Rousseaurufe 
retournons  la nature den Limonadenteich der damaligen Modelitteratur mit
riesigen Klumpen Edelmetalls aus dem Schachte ihrer Seelen ausfllten und damit
beseitigten. (Wippert: Ist das Bild von Dir? Stilpe: Ich gebe nur eigene Mnze
aus und verbitte mir im brigen Zwischenrufe von beleidigender Fraglichkeit.
Barmann: Die Kritik der Zwischenrufe steht bei mir. Stilpe macht drei
Verbeugungen vor der Person des Vorsitzenden.)
    Nachdem wir damit zu Ende waren und keine Lust versprten, die deutschen
Klassiker, die im Pennal ohnehin genug maltraitiert und zu Popanzen der
Langeweile mumifiziert werden, auch unsrerseits privatim zu traktieren, haben
wir uns, mitgerissen von der modernen Sturm- und Drangbewegung, entschlossen,
den Lesezirkel Lenz durch einen naturalistischen Debattierklub abzulsen. Wir
haben die Hauptwerke der nordischen, franzsischen, russischen und deutschen
Naturalisten nicht allein gelesen, sondern auch in heien Debatten eingehend
besprochen, und wir haben so, whrend unsere biedere Lehrerschaft von der
Existenz einer solchen Litteraturbewegung nicht viel mehr wei, als eine Hebamme
von unser lieben Frau Aspasia (Allgemeines Bravo! Ausgezeichnet! Famos!), in uns
Alles aufgenommen, was heute in der Litteratur aller Vlker bewegend ist. Wir
knnen, wenn uns auch bei dieser Gelegenheit einige unregelmige Verba im
Griechischen entfallen sein sollten (Stffel: Man denke!), auf diese Thatsache
stolz sein, denn wir haben nach dem ewig citierten, aber sonst nie befolgten
Satze gehandelt: Non scholae, sed vitae discimus (Barmann, sehr laut: Jawohl!
Haben wir auch! Stilpe: Gewi, haben wir!)
    Wem aber soll unser Leben dienen?
    Irgend einem dieser sackleinenen wissenschaftlichen Broterwerbe, als da
sind: Die Lehre, den Menschen juristisch zu verblden, die Lehre, den Menschen
theologisch zu kastrieren, die Lehre, den Menschen medizinisch zu vergiften, die
Lehre, den Menschen philosophisch zu benebeln, die Lehre, den Menschen
philologisch zu verschweinsledern?
    Bei allen schnen Mdchen und guten Geistern, wir rufen: Nein! Sapristi!
Nein! (Tosender Beifall. Barmann schwingt die Arme.)
    Unser Leben soll der Kunst dienen! Wir wollen Dichter werden!
(Glserklingen. Hrbare tiefe Schlucke. Stilpe lchelt.)
    Aber eben darum, meine lieben Debattiernaturalisten, mssen wir jetzt unsern
Debattierklub auflsen, dem Naturalismus Lebewohl sagen und den Msettismus
proklamieren! (Alle mglichen Rufe durcheinander: Wieso!? Was ist das!? Nur
nicht so fix!? Wo hast Du denn das her?)
    Und nun erging sich Stilpe in einer Schilderung der Mrgerschen Bohme, als
eines Musters fr alle knstlerischen Seelen, die nicht blos von Kunst reden,
sondern Kunst leben wollten.
    Natrlich sei dieser Haufen Steine hier nicht Paris, und sie selber seien
ja noch fr elf Monate Geisteigene verschiedener patentierter Knabenerzieher,
aber der Grundgedanke dieses vorbildlichen Lebens: Die Verbindung von Kunst und
Genu, von revolutionrem Streben und Lachesinn (das Wort wurde beanstandet),
kurz das, was er Msettismus nenne, der msse und knne gepflegt werden.
    Um praktisch zu reden: Man msse, statt ber Naturalismus zu debattieren, in
frhlichen Zusammenknften brav trinken und eigene Lieder singen, man msse sich
entsprechende Mdchen beilegen, kurz man msse nicht blos in Worten, sondern in
Werken bald zwanzig sein. So erst werde man sich dem zuknftigen Berufe recht
vorbilden:

Et nous chanterons  la ronde,
Si vous voulez,
Que je l'adore, et qu'elle est blonde
Comme les bls!

Stilpes glutvolle Rede und zumal die Citate aus dem Zigeunerleben wirkten
absolut berzeugend, und der Antrag auf Grndung des Cnacles wurde mit
ungewhnlicher Begeisterung durch Acclamation angenommen.
    - Vive le cnacle! Vive le cnacle!
    Stilpe konnte die eigentliche Sitzung mit der Verteilung der Nasenwrmer
schlieen, aus denen innerhalb einer Viertelstunde solche Waffen von Tabakrauch
produziert wurden, da man die Notwendigkeit einsah, morgen in die Schule andere
Rcke anzuziehen.
    - Vive le cnacle! Vive le cnacle!

Das Cnacle schlo die vier Schlappdeckel noch viel enger aneinander, als es die
frheren Vereinigungen gethan hatten.
    In diesem Msettistenklub lagen denn doch noch ganz andere Reize und
Hilfsmittel der Freundschaft als in jenen Deklamier- und Debattier-Zirkeln.
    Zwar waren auch jene unerlaubter und daher verfhrerischer Natur gewesen,
aber ihr Fehler war Einseitigkeit. Sie hatten die strotzende Flle des
Unerlaubten nicht khn genug erschpft. Stilpe hatte das sehr klar erkannt und
mit den an seine Lektre von Bchners Kraft und Stoff erinnernden Worten
ausgedrckt: Wir haben an einer Hypertrophie der Cerebralbedrfnisse gelitten;
besinnen wir uns auf die - Niederlande, (hier hatte er gewartet, ob man seinen
Witz verstnde; da es nicht den Anschein hatte, fgte er erklrend hinzu) -: Wir
mssen unsern werten Sinnen auch was zukommen lassen.
    Aber das war es nicht allein.
    Eine Hauptsuggestion lag in dem Worte: Paris.
    Die vier Oberprimaner sprten das Komische, das in ihrer Imitation lag, nur
wenig (bisweilen nmlich doch, anflugweise), aber sie empfanden es als etwas
verteufelt Keckes und Unverschmtes, den Ausbund der franzsischen
Knstlerschaft zu kopieren. Natrlich konnte die Kopie nicht sehr treu sein,
aber das war ein Reiz mehr, da sie ihre Muster in vielen Beziehungen wenden und
drehen muten.
    Sie trieben den verrcktesten Unfug.
    Die tote Schildkrte wurde allmhlich ihr Wahrzeichen, indem sie sich daran
erinnerten, da eine Schildkrtenschale das Urmaterial zur griechischen Lyra
abgegeben hatte.
    Da sie, was Tric-trac sei, nicht ausfindig machen konnten, und es ihnen
hchst notwendig erschien, auch ihrerseits etwas zu spielen, das nicht an den
blichen Skat der deutschen Primaner erinnerte, so legten sie sich ein
japanisches Bretspiel bei, das die Gabe hatte, Jeden, der im Verdauen war,
unfehlbar und hchst angenehm zu idiotisieren, wie Stilpe behauptete.
    Mit Eifer frequentierte man die sonntgigen Tanzvergngungen auf den
benachbarten Drfern, die Kuhschwfe, doch stellte es sich bald heraus, da
sich dort nichts fnde, was auch nur mit Phmie Teinturire verglichen werden
konnte, geschweige denn mit Mimi oder der vllig gtzendienerisch verehrten
Msette.
    Dafr verliebte sich Stffel in die Tochter eines Gerbers, Wippert in die
eines Viktualienhndlers und Barmann, der immer was ganz Ausgefallenes haben
mute, in das boshafteste und hlichste Mdchen der Stadt, die Tochter eines
Arztes.
    Diese Liebschaften fand Stilpe allesammt blamabel, denn, so sagte er, selbst
ein blindes Huhn sieht, da sie irreparabel platonischer Natur sind.
    Dafr ging er selber ein vollkommen und zielbewut unplatonisches Verhltnis
mit dem Dienstmdchen seiner Wirtsleute ein, einem stmmig liebenswrdigen
Wesen, das sich fr ihn htte vierteilen lassen, so verliebt war es in ihn.
    Er machte ganz heillose Gedichte auf dieses Verhltnis, und es gehrte zu
den strmischsten Augenblicken der Cnaclezusammenknfte, wenn er diese freien
Rhythmen loslie, die an berschwnglichkeit Alles in den Schatten stellten, was
den Schlappdeckeln an erotischer Lyrik bekannt war. Im brigen wurden die
Cnaclezusammenknfte mit Theetrinken (doch war viel Rum dabei) und den
ungeheuerlichsten Gesprchen ausgefllt.
    Es durfte von Allem gesprochen werden, nur nicht von der Schule.
Hauptschlich sprach man von zuknftigen dichterischen Plnen. Stffel, der
zugleich Musiker war, wollte Opern dichten und komponieren: Wit ihr, Opern
moderner Art, voll fabelhafter Sinnenfreudigkeit, ungeheuer umfassend,
allegorisch, aber lebendig!
    Mehr war darber nicht zu erfahren, und wenn er am Klavier sa, kams immer
auf die ungarischen Rhapsodien von Liszt heraus.
    Wippert hatte vornehmlich satirische Plne. Juvenalia sollte sein erstes
Werk heien mit dem Untertitel: Ein Hechelepos in sieben Zinken. Jede Zinke
sollte einen Hauptstand der gegenwrtigen Ordnung zerstrhlen. Die erste
Zinke, in gereimten Hexametern, behandelte die Sippe der Gymnasiallehrer und
begann so:

Strhle mir, Zinke, den Mann, der schwitzend auf dem Katheder
Mit hchsteigener Hand verteilt sein eigenes Leder!

Barmann hatte noch viel vom alten und neuen Sturm und Drang. Obwohl er am
wenigsten von der wirklichen Welt wute (wie denn Alle, mit Ausnahme Stilpes,
ziemlich unwissend in diesem Punkte waren), hate er diese Welt doch mit einem
sehr grimmigen Hasse und wollte ihr in machtvoll wahren, meinethalben krassen
Dramen einen Spiegel vorhalten, da sie sich vor Selbstekel bergeben sollte.
    Stilpe aber hatte so viel Plne, da niemand recht wute, was er eigentlich
vorhatte.
    Manchmal fhlten sie ihm hhnisch auf den Zahn: Ob er vielleicht immer blos
seine jeweiligen Betthasen besingen wolle?
    Er aber antwortete gelassen: Wohl mglich! Jedenfalls wird immer mein
Prinzip sein: Erst leben und dann dichten! Ich heie doch nicht Mller von der
Werra, sapristi! Ich bin doch nicht blos zum Skandieren da! Das Dichten ist blos
Wiederkuen des Genusses. Aber um wiederkuen zu knnen, mu man vorgekut
haben. Verlat euch drauf: Ich werde enorm vorkuen!
    Die andern fhlten instinktiv, da er der Einzige unter ihnen war, der sein
Programm sicher durchfhren wrde, und sie hatten deshalb viel Respekt vor ihm,
obwohl sie auch nicht ohne Neid waren.

So rollte das Jahr bis an die Schwelle der Abiturientenprfung.

    Bis auf Stilpe waren die Schlappdeckel so ziemlich sicher, da sie das
Examen bestehen wrden. Was aber ihn anging, so hatte Barmann recht gehabt, als
er sagte, da auch er jetzt so gut wie durchgekommen sei, da der Knigliche
Kommissarius ein so aufflliges Interesse fr ihn an den Tag legte.
    Der alte Geheimrat Ammer hatte schon aus den deutschen Aufstzen dieses
zwar begabten, aber sonst in mehr als einer Beziehung bedenklichen Schlers,
wie er ihm bezeichnet worden war, gesehen, da Stilpe in der That ein merkwrdig
frhreifer Kopf und berhaupt ein ungewhnlich angelegter Jngling sei. Die
Probestunde mit den Abiturienten hatte ihm das noch deutlicher gezeigt. Er hatte
die Primaner aufgefordert, ihm zu sagen, welche Mnnergestalten ihnen aus dem
Altertum am nchsten stnden. Die Antworten lauteten durchgngig so, da er sich
ber die vllige Gleichgltigkeit, die die jungen Herren gegenber den antiken
Mnnern empfanden, sehr klar wurde.
    Wie oft war Odysseus genannt worden, sogar Cicero dreimal! Nur dieser Stilpe
hatte die Kurasche gehabt, die beiden Gracchen zu nennen und mit schner
Offenheit, wie der Commissarius meinte, zu erklren, sie seien ihm deshalb
besonders lieb, weil sie ihn fast modern anmuteten in ihren sozialpolitischen
Forderungen.
    Der Geheimrat machte sich sogleich ein Bild von der Entwickelung dieses
ungewhnlichen Jnglings, wie sie sich gestalten wrde, wenn man ihn rechtzeitig
und frh auf die richtigen Bahnen lenkte. Unzweifelhaft: Ein zuknftiger
Publizist! Jetzt natrlich noch unreif und verworren, eines Tages wahrscheinlich
sozialdemokratischer Idealist, aber dann, immer eine geschickte Beeinflussung
vorausgesetzt, wahrscheinlich einmal eine glnzende und feste Sttze der
staatserhaltenden Institutionen!
    Dieser alte Geheimrat war ein sehr kluger Herr und rgerte sich im Stillen
rechtschaffen ber die Plumpheit, mit der sich die Lehrerschaften der
verschiedenen Gymnasien die Gelegenheit entgehen lieen, Talente fr den Staat
zu erziehen, die den staatsfeindlichen Gewalten in der Hauptsache deshalb zum
Opfer fielen, weil sie sich schon auf der Schulbank zu Revolutionren gestempelt
sahen. Sein Bestreben war, wenigstens im letzten Augenblicke gut zu machen, was
noch gut zu machen war. Daher auch sein Verhalten Stilpen gegenber.
    Er behielt ihn, als die anderen Schler fortgingen, zurck und machte den
Weg in sein Hotel mit ihm zusammen. Dabei verhehlte er ihm nicht, da seine
Aussichten, das Examen zu bestehen, nicht eben glnzend wren, aber er lie auch
deutlich durchblicken, da mancherlei zu seinen Gunsten in die Wagschale fiele.
    - Nehmen Sie beim deutschen Aufsatz alle Krfte zusammen! Gelingt der Ihnen
so gut wie die huslichen Aufstze, so haben Sie viel gewonnen. In der
mndlichen Prfung hoffe ich mir eine gute Leistung im bersetzen aus dem
Griechischen und Lateinischen ins Deutsche. Zeigen Sie, da Sie den Geist der
Alten schnell erfassen knnen! Da Sie so manches, zumal Mathematik und alles
Grammatikalische, so vernachlssigt haben, ist schlimm, sehr schlimm, aber, wenn
Sie zeigen, da Sie dafr anderen Dingen um so mehr Liebe entgegenbringen, dann
wird sich das gelinder ansehen lassen. Und nun noch dies: Was Sie auf der Schule
in Hinsicht der sittlichen Fhrung gefehlt haben, machen Sie das auf der
Universitt gut! Wenn Sie, wie ich hoffe, auf unsrer Landesuniversitt studieren
werden, so wird es mir eine liebe Aufgabe sein, Sie in den Augen zu behalten.
Vergessen Sie das nicht!
    Stilpe antwortete mit edler Offenheit und in gut zu Tage gefrderten Stzen,
die eine heie Dankbarkeit und tiefe Vorsatznahme alles Guten schn erkennen
lieen.
    Der Kommissarius: So sei es! Ich hoffe, wir werden uns auch in vernderten
Verhltnissen noch sehen und sprechen. Meine Anteilnahme fr Sie grndet sich
auf eine gute Meinung und wird so lange andauern wie diese. Denken Sie immer
daran! Es handelt sich um mehr als die Reiseprfung.
    Stilpe (sehr leise und mit einer fast zrtlichen Tonfrbung): Ich werde
immer an diese gtigen Worte denken und bestrebt sein, mich ihrer wrdig zu
erweisen.
    Hndedruck und ein tiefer Abwrtsschwung der Schlappmtze.

Als der Geheimrat verschwunden war, setzte Stilpe seine Mtze nicht wie sonst
auf den Hinterkopf, sondern tief in die Stirne. Er kam sich unendlich brav vor
und stie seine Vergangenheit energisch von sich.
    Kein Zweifel: Er wrde das Examen bestehen! Und mehr noch: Seine Zukunft war
gemacht.
    Dieser Geheimrat hatte erkannt, was in ihm steckte, und es wre ein Frevel,
sein Vertrauen zu tuschen. Wer wei, was er mit ihm vor hatte! Offenbar ganz
hohe Posten!
    So etwa als litterarischer Regierungssekretr oder ... aber gleichviel:
Irgend etwas sehr Angesehenes. Natrlich: Erst studieren, und zwar neben
Kunstgeschichte und Litteratur auch Jurisprudenz!
    Seine alten Plne waren durchaus versunken. Hier winkte Auerordentliches!
War nicht auch Goethe Geheimrat und Minister gewesen?
    Das wars, was winkte! Die Verbindung von Staatsmann und Poet.
    Sollte er etwa wie Lenz untergehn? Nein: Seine Sturm- und Drangperiode war
vorber. Endgiltig.
    Hinter ihm Nebel des Wstseins, vor ihm die breite, sonnenhelle Marmortreppe
zu Einflu und Ruhm und Reichtum.
    Oh diese Eselhaftigkeit, zu vergessen, da ohne Reichtum Genu undenkbar
ist.
    Was wr ich geworden? Ein genialer Lump! Eine hungrige Berhmtheit, nein,
pfui Teufel, ein Litterat!
    Was htt ich gehabt? Nichts zu essen und mediokre Weiber, Nhmdchen,
hchstens Choristinnen.
    Nun aber! Stellung und Ansehen! Mitten in den hchsten Kreisen!
    Ach, diese aristokratischen Damen! Alles an ihnen Schnheit und Eleganz,
rauschende Seide, feinster Geist!
    Er sah einen ganzen Hofball vor sich von nackten Schultern und Brsten,
Diademe in duftenden Haaren, heie Blicke hinter Straufederfchern. Und er fing
gleich zu dialogisieren an:
    - Ah, Exzellenz, Ihr letztes Drama, wie herrlich!
    - Hat es Ew. Hoheit Beifall?
    - Ach, ich bin hingerissen!
    Und die Herzogin sah ihn glhend an, diese Herzogin, die geistreichste Frau
des Hofes, und so jung und schn! Ah!
    Ein ganzer Roman entzndete sich in ihm. Zuletzt lag er der Herzogin zu
Fen und kte ihr die Kniee, und sie neigte sich ber ihn, und er kte sie
auf die ...
    - Hh! Schaunard! Musterknabe! Favorit! Prima-Nota-Jngling!
    Die drei Schlappdeckel! Ekelhaft!
    Er machte ein rgerliches Gesicht:
    - Was wollt ihr!!!
    - Na! Na! Na! Stolz und grob wie ein Gnstling!
    - Ich verbitte mir diese Albernheiten.
    - Kstlich! Er verbittet sich!
    - er ver-bit-tet sich!
    - Unglaublich! Weil ihm der Geheimrat die Hand gedrckt hat, ist er
bergeschnappt.
    - Das ist ein Zeichen von schwacher Cerebralkonstitution.
    - Affen!
    - Hahahaa!
    - Er sieht frmlich frisiert aus.
    - Guckt nur, wie er die Mtze aufthat!
    - Er hat ja einen Heiligenschein!
    - Sogar zweie, einen um den Kopf und einen um den Hintern.
    - Aber ein bischen verbldet sieht er aus.
    - Man knnte fast stupid sagen.
    Stilpe machte ein Zeichen der Verachtung, und zwar so: Er fuhr ber die dnn
stehenden schwarzen Haare seines Schnurrbartes und hustete dann in die Hand.
    - Der reine Gesandtschaftsattach!
    - Ich glaube, der Geheimrat hat ihm einen Schwur abgenommen, Jurist zu
werden.
    - Habe wenigstens die Gnade, uns zu sagen, ob Du noch mit uns verkehren
willst.
    Das sagte Stffel. Aber Barmann fuhr hinterdrein:
    - Was! Er! Ob er will! Ob wir wollen! Das ist die Frage! Ein Mensch, der
offenbar zu Kreuze gekrochen ist! Ein Renegat!
    Wippert: Ein Feigling!
    Barmann: Pater peccavi hat er gemacht!
    Stffel: Hre mal, mein Lieber, Du hast wohl die beiden Gracchen
zurckgenommen?
    Barmann: Ja, und Cicero als Lieblingsrmer proklamiert, wie dieses Stint,
der brave Mller-Emil!
    Das war Stilpen zuviel. Dieser Vergleich whlte seine ganze Natur auf, und
er sprach:
    -So! Also bis zu dieser Niedertrchtigkeit depraviert euch ein jmmerlicher
Neid! Wit ihr, was ich gethan habe? Ich habe diesem Biedermann gesagt: Nicht
die beiden Gracchen verehre ich am hchsten, denn das sind die Nationalliberalen
des alten Rom, und sie kommen mir vor, wie zwei rot angemalte Zuckerstengel ...
    - Das hast Du nicht gesagt!
    - Beim Momus, das hab ich gesagt! Und noch was hab ich gesagt: Mir imponiert
berhaupt gar keiner in der ganzen alten Toga-Gesellschaft mit Ausnahme von ...
    - Von ...!? ... Na ...? ...
    - Von Catilina!
    - Donnerwetter! Ist der Kerl nicht in Ohnmacht gefallen?
    - Ach Der! So ein Amphibium! Habt ihr nicht bemerkt, da er aussieht, als
wenn er einen Aquarium entsprungen wre? Wenn man ihn grn anstriche, knnte man
ihn von einem Laubfrosch nicht mehr unterscheiden.
    So sprach Schaunard.

                                Sechstes Kapitel


Stilpe kam, whrend er sich auf das Abiturientenexamen vorbereitete, noch
manchmal auf seine Hofdichterphantasieen, wie er es nun nannte, zurck. Die
Vorstellung, einmal eine Rolle in der groen Welt zu spielen und dabei
Verhltnisse mit Herzoginnen anzuknpfen, that ihm zu wohl, als da er endgiltig
auf sie verzichten sollte. Aber im Ganzen erwies sich Henri Mrger doch strker,
als Geheimrat Ammer.
    Wenn sich beides vereinigen liee! war sein Lieblingsgedanke. Und er
verfabulierte sich auch diesen Gedanken.
    Warum sollte es nicht mglich sein? Es kam lediglich auf den Potentaten an,
mit dem er es zu thun haben wrde.
    War nicht Karl August anfangs ein sehr fideler Bruder gewesen? Hatte er
nicht auch mit der Reitpeitsche geknallt? Da er schlielich so grlich
ernsthaft geworden ist, wer war daran schuld, wenn nicht Goethe selber, der eben
in sich den Geheimratskeim schon geerbt hatte von seinem Vater?
    Goethe und Lenz in einer Person zu sein, das war das Problem, das war das
Ideal! Indessen dachte er dabei doch mehr an Lenz, als an Goethe.
    Auch Gnther, dem sein Leben wie sein Dichten zerrann, fiel ihm zuweilen
ein, doch kannte er von diesem nichts. Aber er verehrte ihn sehr und nannte ihn
oft, nur eben, weil Goethe so von ihm gesprochen hatte.
    - Ein fabelhafter Kerl, dieser Gnther! dachte er bei sich, und er las oft,
was Goethe ber ihn geschrieben hat. Man sollte ihn eigentlich lesen. Na,
spter!
    berhaupt, er schob jetzt noch mehr auf, als es ohnehin seine Art war.
    Das Examen bedrckte ihn doch, obwohl er nicht mehr daran zweifelte, da er
durchkommen wrde. Aber es blieb eine unangenehme Perspektive und fatal wie
alles Unvermeidliche.
    Sein Haupttrost war Bertha, das Dienstmdchen.

In Deinen blauen Augen, Schatz,
Sind keine Wolken,
Also sage ich: Es giebt
Keine Wolken.

Stffel machte eine Parodie auf diese freien Rhythmen:

Unter Deinen tmpelbraunen Augen, Schaunard,
Sind schwarz-grne Wolken,
Also sage ich: Du bist
Eine schwarz-grne Wolke.

Und das war richtig: Stilpe sah sehr schlecht aus, so schlecht, da man wirklich
glauben konnte, er berarbeite sich wegen des Examens.
    Er fand das riesig interessant und gewhnte sich berdies an, die Lippen
nach unten zu ziehen, um das Ansehen bestndiger Weltverachtung zu haben.
Freilich stimmte das nicht zur Heiterkeitsdevise des Cnacles, aber eben das war
wieder paradox, und das Paradoxe hielt Stilpe damals fr die Hauptsache.

Das Examen kam heran. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Die bersetzung ins
Griechische abonnierte er bei Wippert, die ins Lateinische bei Barmann, die
Mathematikaufgabe bei Stffel. Es war sehr gut, da fr jedes Manco seiner
Schultchtigkeit im Cnacle Rat geschafft werden konnte.
    - Wir sind die reinen Freimaurer, sagte Stilpe, wir lassen keinen *** Bruder
bankerott gehen. Es lebe Msette! Es lebe der Kommunismus der berflssigen
Kenntnisse! Schade, da ich euch gar nichts dagegenbieten kann. Hchstens, da
Barmann von meinem franzsischen Stile zehren knnte.
    Aber Barmann verzichtete und meinte, er knne seine grammatikalischen Fehler
alleine machen.

Und es ging Alles gut vorber, obwohl Stilpe die Mathematikaufgabe sogar falsch
abschrieb. Dafr errang er einen Triumph im deutschen Aufsatz, der das tiefe
Thema behandelte: Wie befreite sich Goethe von den Fehlern der Sturm- und
Drangperiode?
    Hei, wie da Stilpe ins Zeug ging! Er war ganz Hofpoet, ganz Harmonie, ganz
Weltauge. Ohne es sich merken zu lassen, natrlich, identifizierte er sich
whrend der fnf Stunden, da er seine Perioden baute, vllig mit Goethe und
endete mit einem feierlichen Panegyrikus auf Karl August, der gleichfalls aus
Sturm und Drang emporgedieh zur frstlichen Ruhe schnheitbeschirmender Macht.
    So gut hatte er den kniglichen Komissarius verstanden.
    Auch im mndlichen Examen ging Alles vortrefflich, und das Ende war, da
Stilpe mit Note 2b das Zeugnis der Reife zum Universittsstudium erhielt.

Eine groe Cnaclefeier schlo sich der Verkndigung der Examenergebnisse an.
    Man trank lediglich deutschen Schaumwein, und Stilpe verwahrte sich gegen
alle literarischen Gesprche. Dafr wurde lebhaft darber debattiert, ob ein
Cnaclier in ein Corps oder in eine Burschenschaft einspringen msse. Man kam
aber zu keinem Entschlu, sondern setzte fest, da darber endgiltig in einer
letzten Cnaclesitzung zu befinden sei, die man im Freien, drauen an den Ufern
der Mulde, abhalten wollte.
    Im brigen waren alle Vier vollkommen betrunken, als dieser Beschlu gefat
wurde, Stilpe aber immerhin noch mehr als die anderen. Er wollte durchaus ein
Corps Bertha grnden und rief beharrlich mit lallender Stimme: Bertha seis
Panier!

Der Abiturientenball war vorber, der Abiturientenkommers war vorber. Nun kam
am letzten Tage ihres Aufenthaltes in der Gymnasialstadt die Schlusitzung des
Cnacles.
    Bedeckt mit groen schwarzen weichen Filzhten (aber Stilpes Hut war der
breiteste) wanderten sie zu einem an der Mulde gelegenen Dorfe. Jeder trug einen
dicken Spazierstock, jeder trug ein rotes Klemmerband. Jeder lchelte souvern,
wenn Brgerin und Brgersmann mauloffen stehen blieb. Aber Stilpe lchelte am
souvernsten, denn er trug in der linken Hand die Schildkrte.
    Als sie dem Polizisten begegneten, der sie einmal abends beinahe arretiert
htte, lftete Stilpe mit groem Schwunge seinen Hut und fragte ihn:
    - Sagen Sie, Brger Nationalgardist, ist das der Weg ins Bois de Boulogne?
    - Quatsch! antwortete der Polizeidiener, worauf Stilpe den Kopf schttelte
und bemerkte:
    - Dieser Funktionr spricht ein ungewhnliches Franzsisch. Er scheint das
hiesige Gymnasium frequentiert zu haben.
    - Der Frhling scheint mir noch nicht ganz fertig zu sein, sagte Stffel,
als sie auerhalb der Stadt waren.
    - Es ist der richtige Mulus-Frhling, erwiderte Wippert.
    - Der Religionslehrer an der hheren Bildungsanstalt dieser Stadt wrde
sagen: Mit ein wenig mehr Eifer htte der Schler sein Ziel vollkommener
erreichen knnen! fgte Wippert hinzu.
    Stilpe aber sang, indem er Fechthiebe phantastischer Natur in die Luft
schlug:

Der Frhling ist ein Mdchen,
Das Bertha Linke heit,
Oh weh, da aus dem Stdtchen
Schaunard, der Knabe, reist,
Ein Knabe sonder Makel,
Der Knabe Schaunard,
Der treu dem Cnacle
Und Frulein Bertha war.
Oheh! Oheh!
Das Leben ist ein Kuhschwof,
Und Scheiden thut nicht weh.

Sofort schwangen die Drei gleichfalls ihre Stcke und sangen mit berzeugung:

Oheh! Oheh!
Das Leben ist ein Kuhschwof,
Und Scheiden thut nicht weh.

Stilpe aber sang weiter (es hatte den Anschein einer sorgsamen Vorbereitung):

Der Tacitus
Ist kein Genu,
Wenn man ihn prparieren mu,
Dagegen lieb ich sehr
Den Vater Homer,
Denn ich lese, denn ich lese,
Denn ich les ihn nimmermehr!

Strmischer Kehrgesang der drei, sechsmal wiederholt.
    Und wieder Stilpe:

Und die Mathematik
Hatt ich lange schon dick,
Fast wrs ihr gelungen, und sie brach mirs Genick.

Da sangen die Drei nicht mit, denn in diesem Punkte fhlten sie sich Stilpen
berlegen.
    Aber das hielt ihn keineswegs ab, weiter zu singen:

Wer wei mir zu raten,
Wo finde ich, wo,
In Schobern und Schwaden
Das trockenste Stroh?
Liebwerte Kameraden,
Ach, sagt es mir: Wo?

Als wenn er auf Antwort wartete, schwieg er einen Augenblick, dann gellte er in
hchster Fistel:

                                  Im Ci-cero!

Und alle Kehlen stimmten krhend bei:

                                  Im Ci-cero!
                                  Im Ci-cero!

Stilpe aber, in der Melodie des Postillons von Lonjumeau:

Hoho! Hoho!
Das steifste Stroh
Verzapft Herr Konsul Cicero!

Unter diesen und hnlichen anmutigen Gesngen erreichten sie das Dorf an der
Mulde, das das Cnacle fr wrdig gefunden hatte, zum Schauplatz seiner letzten
Sitzung zu ernennen.
    Nun, es ging hoch her, und vorzglich in Versen. Eigentlich hatte man
vorgehabt, hier, mit freier Benutzung des Hambacher Festes als Vorbild,
smtliche Schulbcher zu verbrennen, aber Stilpe hatte sich rechtzeitig des
Deklamators in Leipzig erinnert, wo man diese nichtswrdigen Schwarten
gewinnbringender anlegen knnte, und so unterblieb dieser Teil des
ursprnglichen Programmes. Dafr wurde die Schildkrte des Cnacles, in ihrer
Eigenschaft als Symbol einer in Unfreiheit befangenen Vereinigung und um ihrer
nachgerade strend wirkenden hnlichkeit mit jenem pp. Pdagogen willen, in die
Mulde geworfen, wozu man sang:

Lebewohl! Lebewohl,
Niedertrchtiges Symbol!
Schwimm vorbei! Schwimm vorbei,
Schauderhaftes Conterfei!

Dann aber hub Stilpe seine groe Schlurede an, die mit den beifallumtosten
Worten endete: Le cnacle est mort! Vive le cnacle!
    Und man schwur sich, in Leipzig keinesfalls den atavistischen
Farbenbldsinn jener klglichen Jnglinge mitzumachen, die einer bunten Mtze
bedrfen, um sich als Studenten und freie Brger einer Universitt zu fhlen,
sondern sofort ein neues, das eigentliche Cnacle zu grnden als die erste
knstlerische Studentenverbindung mit neuen Bruchen und neuen Zielen!
    Eine unendliche Debatte knpfte sich an diesen Schwur. Stilpe entwickelte
das grte Programm:
    1) Jeder mu ein Mdchen haben (aber richtig haben, nicht etwa blos in
dieser knabenhaft blmeranten Manier!).
    2) Jede hnlichkeit mit bestehenden Verbindungen mu vermieden werden. Keine
Mtzen! Sondern graue Cylinderhte!
    3) Man geht nur auf Sbel los! Die Schlger sind pur enfantillage. (Das Wort
war ihm aus der Vorrede zur deutschen bersetzung der Vie de Bohme gelufig.)
    4) Man mu eine Zeitschrift grnden.
    5) Man mu sich einen Barbemuche zu verschaffen suchen, d.h. einen
ehrgeizigen Esel, der fr bessere Bowlen sorgt.
    Dieses Programm wurde im Allgemeinen angenommen, eine sehr genaue Beratung
und Ausarbeitung jedoch vorbehalten.
    Als man sich dann zum Heimgehen anschicken mute, weil das Dorf eine
geradezu mittelalterliche Polizeistunde hatte, war Stilpe so betrunken, da
die Drei ihn schleppen muten. Unaufhrlich stellte er den Antrag, fr Cnacle
knftig Berthacle zu sagen und ihn zum Geheimrat Ammer zu bringen, wo er sich
durchaus vorstellen msse.
    Die Anderen aber sangen unablssig, fast pausenlos:
    Auf in den Kampf Tore-e-e-ero!


                                  Drittes Buch

                           VIR IVVENIS DOMINVS STILPE

In Gottes Apotheke ghrt
Ein Stoff, der ist mir herzlich wert,
Ihm hab ich mich ergeben.
Wr er nicht da, die Welt wr hohl;
Oh Du viel lieber Alkohol,
Von dir lernt ich das Schweben.
Jawohl!
Jawohl!
Das Schweben zwischen den Polen,
Das lehrte mich der Alkohol;
Will mir einmal der Teufel wohl,
Soll er mich alkoholen.

                        Aus Stilpes zerstreuten Versen.

                                 Erstes Kapitel


Wenn ein neues Semester begonnen hat, pflegen die farbentragenden
Studentenkorporationen in Leipzig mit besonderem Eifer das zu kultivieren, was
sie den Grimmschen Bummel nennen. Es ist das eine Art stolz geschrittenen Corsos
auf der Grimmaischen Strae, wobei sich die zu einem greren Gesammtverbande
gehrigen Verbindungen sehr feierlich nach der gerade im Schwange befindlichen
Mode begren.
    Denn die Art, die Mtze abzunehmen, ist unter Couleurstudenten gewissen
cyklischen Schwankungen unterworfen.
    Auch hier ist das Walten harmonischer Gesetze erkennbar. Alte Semester haben
darber kulturhistorisch bedeutsame Aufzeichnungen gemacht, aber das Verdienst,
das Gesetz des Cyklus erkannt zu haben, gebhrt der kleinen Anna, einem Mdchen
von sehr ausgedehnten Bekanntschaften in corpsstudentischen Kreisen.
    Wie die Muse der Geschichte hat sie die Semester an sich vorber streifen
(ja, streifen) sehen und dabei dies beobachtet:
    Als Beginn eines Cyklus ist allemal die primitive Zeit zu betrachten, wo man
die Mtze ganz einfach vorn beim Schild ergreift und sie in leichtem Bogen
ziemlich senkrecht nach unten schwingt. Dann folgt:
    Die Periode des rechten Randgriffs, die in zwei Unterabteilungen zerfllt:
    a) man ergreift die Mtze am rechten Rande und fhrt sie mit gebogenem Arm
langsam nach vorn,
    b) man ergreift sie wie unter a, fhrt sie aber nicht nach vorn, sondern
stt sie rechtsseitig steif nach oben.
    Sodann folgt die Periode des hinteren Randgriffs, bei der die Mtze also am
hinteren Rande ergriffen wird.
    Sie hat drei Unterabteilungen:
    a) weiter Bogen nach vorn,
    b) steifer Sto nach oben,
    c) ganz kurze Lpfung, wobei das Schild und der vordere Rand fest aufliegen
bleiben. Diese Phase, als gewhnlich letzte des Cyklus, hat etwas marode
Decadentes.
    Zuweilen fgt sich als vierte Periode noch der vordere Randgriff an, der
sich als Pendant zu 3c kennzeichnet. Gewhnlich indessen beginnt der Cyklus nach
der kurzen Lpfung aufs Neue.
    Natrlich sind in diesem kurzen Abri alle Nuancen, deren es sehr feine
giebt, beiseite gelassen worden.

Man befand sich wieder einmal in der Periode 3b, als das weiland Wurzener
Cnacle die Leipziger Universitt bezog, und es gab keinen Fuchs, der die Mtze
so energisch nach oben stie, wie der stud. phil. et jur. Willibald Stilpe oder,
wie er auf der Matrikel feierlich und lateinisch hie: vir iuvenis dominus
Stilpe leissnigensis.
    Die Mtze, die er in dieser Weise handhabte, sah gelb aus, genauer gesagt:
Kanariengelb, und zeigte auerdem einen weien und einen schwarzen Streifen.
    Stilpe war, uneingedenk des Schwurs an der Mulde, einer Verbindung
beigetreten, einer Verbindung schlechthin, die nicht Corps, nicht
Burschenschaft, nicht Landsmannschaft war.
    Das Kanariengelb war schuld daran.
    Stilpes koloristischer Blick hatte sofort bemerkt, da diese Farbe zu seinen
glnzend schwarzen Haaren eminent (das Wort liebte er jetzt) stehen msse, und
es lag berhaupt etwas Schmetterndes, Verwegenes in ihr, etwas, das zu seiner
augenblicklichen Stimmung genau pate.
    - Bitte, was kostet diese Handelsstadt? Nur keine Bange! Nur den Preis
genannt! Ich zahle ohne Feilschen.
    Ein Triumphatoren-, ein Sankt Georgsgefhl! Hinter ihm, ein widerlich
geschwollenes Grau, lag der berwundene Drache Gymnasium, vor ihm breiteten
tausend junge schne Mdchen glnzende Teppiche aus, weit ins Land hinein, wo
rechts und links die angenehmsten Dinge als rotgoldene hren auf gelbgoldenen
Halmen schaukelten.
    Blos mitnehmen! Blos einscheuern! Sklaven wimmeln ringsum und schielen aus
tiefer Verbeugung nach Seiner Herrlichkeit gelassenen Winken...
    Und diese vielen Restaurants! Und keins verboten! Khn darf man mitten in
Damenbedienung sitzen und das Taschentuch behaglicher Paschahwnsche werfen.
    In dieser Stimmung hatte er sich ohne viel Besinnen die kanariengelbe Mtze
aufgesetzt. Und nun sa sie fest und sah gut aus.
    Nachdem er sich fr sie einmal entschieden hatte, erbaute er sich aber auch
ein System von Grnden dafr, da er just in eine simple Verbindung, nicht in
ein Corps, nicht in eine Burschenschaft, nicht in eine Landsmannschaft
eingetreten war:
    Das Corps: Rckstndige Institution aus unfreien Zeiten, daher
Fuchsensklaverei, Burschentyrannis, starrer Formelnkram; die Burschenschaft:
Entweder rckstndige Romantik, Tugendbund und Keuschheit bis zum Ehebette oder
Form ohne Inhalt; die Landsmannschaft: Traditionslose Neugrndung, bemntelt mit
einem alten Namen, ohne Wurzeln im Alten, ohne Greifranken ins Neue: Zwitter.
Die bloe Verbindung dagegen, nun ja: Das war eben eine Sache fr sich, etwas
mehr Improvisiertes, das daher auch nicht so umklammerte und absorbierte.
Zweifellos bot sich hier auch die leichtere Mglichkeit, eine beeinflussende
Stellung zu erhalten. Und das ist doch wohl das Wichtigste!
    So verteidigte sich Stilpe vor sich selber. Erst hinterher kam ihm der
Gedanke: Aber warum denn berhaupt eine farbige Mtze? Das war ja doch wohl
eigentlich eine Kinderei, - wie? Ein Atavismus? Ein testimonium paupertatis
animi? Hatte er nicht das Wort geschliffen: Ein freier Kopf braucht keine bunte
Mtze?
    Gewi, gewi! Aber: Si duo faciunt idem, non est idem! (Seitdem er nicht
mehr Latein treiben mute, zitierte er viel Lateinisches.) Fr jene anderen ist
die Mtze eine gewisse Notwendigkeit und ein Ziel; fr ihn aber nichts als ein
in souverner Laune frei gewhltes Mittel.
    Mittel, - wozu?
    Erstens zur Erzielung gewisser landsknechthafter Empfindungen! Denn es
steckt Historie in dieser Institution des wehrhaften deutschen Rauf- und
Sauf-Studenten und ein rechter Kerl zeigt seine Rasse; und zweitens zur Kenntnis
eben dieses Milieus fr seine zuknftige knstlerische Verwertung, denn: Wie
sollte er einmal den deutschen Studenten darstellen, wenn er nicht auch diese
Spezies studiert hatte?
    So rechtfertigte er, der nicht gerne etwas bereute, aber noch weniger gerne
etwas unterlie, was ihm lustig dnkte, vor sich selber den improvisierten
Schritt, und er legte sich damit auch gleich die Stze zurecht, mit denen er den
Cnacliers entgegentreten wollte, wenn sie ihm mit den Einwendungen kommen
wrden, die ja eigentlich aus der Rstkammer seines Intellekts stammten. Er
hatte sogar vor, sie fr seine Verbindung zu keilen.
    Inde: Er kam zu spt.
    Eines Tages, als er mit seiner Mtze und seinen Verbindungsbrdern leuchtend
den Grimmschen Bummel absolvierte, gewahrte er, obwohl er regelrecht und stolz
geradeaus ging und scheinbar kein Auge fr andre Couleuren hatte, unter den fnf
Mitgliedern eines rotmtzigen Corps - Stssel.
    Es gab ihm einen Ruck, und schon wollte die Hand zum hinteren Rande der
gelben Mtze zucken, da kam ihm noch rechtzeitig die Kluft zum Bewutsein, die
zwischen diesem schmetternden Gelb und jenem trben Rot lag.
    Und er lchelte nur ein wenig und dachte bei sich:
    - Schau, schau, - Corpsier! Dieser Knabe Marcel war immer ein bischen eitel.
Nun, mgen sie ihn bisaken, die Herren C.B.C.B. brigens sah er schon verbisakt
aus. Natrlich wird er mich verachten... Wie? Er? Mich? Er mge sichs geflligst
unterstehen! Dieses Knickebein! Sah er nicht aus wie ein frisiertes
Meerschweinchen? Welch ein ppiger Knabe!
    Im Grunde war es ihm hchst rgerlich, da Stssel Corpsstudent geworden
war, und er bemerkte pltzlich, da seine Verbindungsbrder an uerer Eleganz
einiges zu wnschen brig lieen. Er nahm sich vor, da Wandel zu schaffen.
    Kaum, da er seinen rger ein bischen verwunden hatte, sah er Barmann als
hellrotmtzigen Burschenschafter vorberziehen.
    Diesmal dachte er schon nicht mehr ans Gren und verfolgte mit
innerlichstem Wohlgefhl die Hand des wackeren Colline, die schon an der Mtze
sa, und dann freilich schchtern herabzusinken.
    Und Stilpe dachte dies:
    - Was man nicht Alles erlebt! Dieser Colline, der einen Vortrag im Cnacle
hielt ber die Epoche der patriotischen Phrase, als Fahnenschwinger fr Ehre!
Freiheit! Vaterland! ...! Gut! Gut! Allerliebst und sehr niedlich! Die Haare
haben sie ihm aber schon nach hinten gekmmt. Und wie er errttte! Jetzt sieht
er sich sicher nach mir um. Nein, mein Lamm, ich nicht! Ich habe schon genug
gesehn.
    ber diesen Fall rgerte er sich brigens weniger. Burschenschaft - bah!
Aber gespannt war er nun, in welcher Couleur der tchtige Rodolphe eidbrchig
geworden sein mchte. Er taxierte ihn voll Zorn auf Akademischen Turnverein:
    Wir recken den Arm, wir strecken das Bein,
    Wir sind der akademische Turnverein.
    Aber nein: Wippert war Landsmannschafter geworden und trug eine dunkelblaue
Mtze stolz an Stilpes gelber vorber.
    - So wren wir denn also glcklich nach allen Windrichtungen
auseinandergefahren. Das ist eigentlich eine Direktionslosigkeit. Warum haben es
diese Knaben denn nicht fr ntig gehalten, mich aufzusuchen, ehe sie so
weitgehende Entschlsse faten? Kein Zweifel: Sie wollten sich meinem Einflusse
entziehen! Sie wuten, da ihr Wille verloren war, sobald sie sich in die
Zerreibungszone meiner Beredtsamkeit begaben, und feig flohen sie davon.
Craple! Dabei trug dieser Rodolphe eine Art von nasensteifem Selbstbewutsein
zur Schau, die mir nicht gefallen hat. Nun, im Walde pfeifen die
Handwerksburschen, wenn ihnen die Hosen schlottern... Eine erstaunliche
Sippschaft. Wie bring ich sie zur Raison?
    Es war ihm doch fatal, da die Drei sich so ohne weiteres von ihm
emanzipiert hatten. Htte er nur nicht selber schon die gelbe Mtze aufgehabt!
Das komplizierte seine Stellung den Abtrnnlingen gegenber stark. Es war, als
wenn er mit vernagelten Kanonen schieen sollte.
    Aber es dauerte nicht lange, und er hatte seine volle Sicherheit
wiedergewonnen. Er schrieb in drei gleichlautenden Stcken folgenden Brief und
sandte ihn an die Drei.


                                 Landerirette!

Farben sind strker als Eide, und was die Mulde gehrt hat, braucht die Pleie
nicht zu wissen. Sela.
    Indessen: Soll gelb oder blau oder dunkel- oder hellrot auch strker sein,
als Herz und Intelligenz? Soll die Pleie vllig entbehren mssen, was die Mulde
fllereich geno?
    Nein! Unsre Mtzen sind gelb, blau, dunkel- oder hellrot, aber' unsre Herzen
schlagen noch im Takte des momischen Alexandriners:
    O l'Amour!  l'Amour! prince de la jeunesse!
    Oder? Schmach dem Fragezeichen!
    Wir haben nicht aufgehrt, Menschen zu sein, indem wir unsre respektiven
Mtzen aufsetzen, und so haben wir auch nicht aufgehrt, Cnacliers zu sein.
    Und also darum sage ich euch, ich, der ich Schaunard war, bin und sein
werde: Wir mssen die farbigen Schranken und Planken, hinter die wir uns, jeder
nach freier Wahl und geistvoller Erwgung, begeben haben, wenigstens aller zwei
Wochen einmal mit dem Elan unsrer Cnacleherzen berspringen und einander in die
Arme eilen! Eine Jammerlende, die diesen Sprung nicht wagt, eine Groschenseele,
die sich vor dem Comment mehr frchtet als ehemals vor dem Konrektor, ein
Castrat des Herzens, wer nicht wenigstens aller zwei Wochen einmal singen will:

Der Freiheit Tabernakel,
Ja -nakel!
Der Freude Heiligenschrein
Ist einzig das Cnacle
Und wird es ewig sein.
Landerirette!

Man trifft mich Sonntag Abend in meiner Wohnung die den Kopf dieses Briefes
ziert.
                                                                      Schaunard.

                                Zweites Kapitel


Stilpe hatte sich nicht getuscht: Die Grndung des Geheim-Cnacles, so sehr
sie gegen den Verbindungscomment der Einzelnen war, geschah, und die vier
Cnacliers, die sich, wenn sie ihre Mtzen aufhatten, nicht einmal gren
durften, fanden sich zweimal des Monats an Sonntagen zu Vergngungen zusammen,
die jedem viel lieber waren, als die Pflichten ihrer Verbindung. Zwar, keiner
gestand das zu, denn jeder bemhte sich aufs hchste, den Anschein zu erwecken,
als fhle er sich unter seiner bunten Mtze ber die Maaen wohl. In Wahrheit
fhlten sich Alle sehr elend darunter, bis auf Stilpe, der auch in diesem
Verhltnisse mit Hingabe aufging.
    Er war fast nie nchtern und wurde von seinen Verbindungsbrdern sehr bald
als eine phnomenale Kraft sowohl auf der Kneipe wie auf dem Fechtboden erkannt.
Seine Zgellosigkeit, die ihn in einer Korporation von festerem Gefge unmglich
gemacht htte, war ihm hier, wo er sehr bald anfing, die Rolle des berlegenen
zu spielen, nur wenig hinderlich.
    Schon im zweiten Semester hatte er seine Leute ungefhr auf seinen Ton
gestimmt. Er pflegte zu den Cnacliers zu sagen: Die Bren tanzen schon ganz
wacker die schwierigsten Sachen; nchstens werde ich ihnen das Dichten
beibringen.
    Aber er dachte selber nur wenig ans Dichten. Nur was er so fr die Liebe
und das Cnacle brauchte, sonst:
    Wie kann ich singen, da ich sausen mu?
    Die heikle Muse meidet meinen Ku,
    Pfui, sagt sie, pfui, Du stinkst nach Spiritus!
    Das war Selbsterkenntnis, aber keineswegs Selbstanklage. Im Gegenteil, er
that sich innerlich sehr viel darauf zu gute, da er in den Wolken des Alkohols
taumelte wie nur ein Erkorener der neun Grundrusche taumeln kann. Die neun
Grundrusche waren

    1) das braune Bier,
    2) die blonden Mdchen,
    3) der rote Wein,
    4) die braunen Mdchen,
    5) der weie Wein,
    6) die schwarzen Mdchen,
    7) die Schnpse jeglicher Observanz,
    8) die edle Kunst rasender Reime,
    9) die groe Ewigkeit gewaltigen Ruhmes.

    Er pflegte zu sagen:
    - Htet euch vor Dichtern, die nicht saufen! Sie bedeuten fr die Litteratur
dasselbe, was die alten Jungfern fr die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes
bedeuten. Sie sind ein Greuel und eine groe Gefahr. Wehe, wenn sie die Welt mit
ihrem Laster strohtrockener Verse anstecken. Dann ist das Ende nahe
herbeigekommen. Selbst Schiller trank Likr, aber, wenn er nicht trank, schrieb
er diese bedenklichen Sachen, an denen heute noch smmtliche Gymnasiallehrer
leiden. Shakespeare dagegen soff wie ein Loch. Wie? Ihr fragt nach den Belegen?
Ja, wenn ihrs nicht fhlt! Ich mache mich anheischig, bei jedem seiner Stcke zu
sagen, was er damals gerade getrunken hat. Im Hamlet steckt viel Porter. Daher
diese etwas schwermtige, aber immerhin sublim betrunkene Grundstimmung. Voll
Whisky-Brandy ist Othello, doch mit einem Schu Sherry. Ale, Ale und abermals
Ale ist King Lear. Es ist das hohe Lied des Ales. Immer, wenn ichs gelesen habe,
mu ich zum alten Krause gehen, der dieses blondeste aller Biere am besten
schnkt. Ein paar Sommersprossen Porter auf diesen weien Teint gespritzt, und
man versteht die Lieder des Narren und weint in groer Seligkeit. Auch
Knickebein hat Shakespeare getrunken, und zwar viel. Seine Komdien sind der
Beweis dafr. Wie vermhlt sich da berall das Ei dem seimigen Likre! Und da
hat irgend so ein Fnfgroschenphantast behauptet, Andreas Hofer haben den
Knickebein erfunden. Wie kmmerlich! Schon die alten Juden kannten ihn. Das
Prinzip der Parallelitt der Verse in den Psalmen ist geradezu ein Symbol des
Knickebeins... Die ganze Litteraturgeschichte, wohl gemerkt, so weit es sich um
Verse handelt, ist nichts als eine groe Tafel der Getrnke. Ich werde meine
Doktordissertation ber dieses Thema schreiben.
    In diesem Stile sprach er berhaupt oft, und manche seiner Dikta gingen in
den Schatz der geflgelten Worte der Studentenkneipen ber. Auch war er der
fruchtbarste Vermehrer jener ungeschriebenen Litteratur, die sich um die Figur
der Wirtin an der Lahn gebildet hat. Er konnte sich stundenlang damit abgeben,
aus einer Zote einen Reim oder aus einem Reim eine Zote zu locken. Herauskitzeln
nannte er das.
    Zuweilen, aber keineswegs oft, kam ihm der Gedanke, da er eigentlich etwas
Besseres thun sollte. Dann gruppierte er seine Gedanken um die Worte schaal und
unerquicklich und bewarf sich mit den faulen Eiern des moralischen
Katzenjammers. Aber es war auch nur eine Art Stilbung.
    Einmal empfing er die Cnacliers in solcher Stimmung und hielt zehn Minuten
einen Monolog in Jamben an

Dieses Lotterfleisch voll Alkohol
Und niedertrchtiger Verse, die wie Schmeer
Von trichinsen Schweinen blau gedert sind
Und bel riechen wie die Pestilenz
Des ganz bedreckten Rests des Wiedehopfs.

Aber als er zu Ende war, ganz aufgeregt und wie es schien direkt vor einem
strzenden Thrnenausbruch, so da niemand im stande war, zu entscheiden, ob
hinter diesen burlesken Selbstanklagen nicht doch eine Spur von Ernst steckte,
da rief er: Aber das kommt von der Abstinenz! Seit 75 Minuten habe ich keinen
Alkohol gesehen. Auf! Lat uns in ein Gebrhaus trstlicher Gedanken wallen, und
wenn es eine Gosenstube wre. Kennt ihr mein Ritornell?:

Molkige Gose!
Bezeugte nicht Dein Rausch sehr hohen Rang,
Nnnt ich dich Sauce.

Mit einziger Ausnahme des Brechweines gab es kein alkoholisches Getrnk, dem
sich Stilpe nicht mit Hingabe widmete.
    Aber die schweren Sachen bevorzugte er. Das Leipziger Lagerbier war bald
nicht mehr im stande, ihm irgend etwas anzuhaben. Er nannte es schlechterdings
Wasser und konnte es durchaus nicht begreifen, da man es noch immer in
Brauereien herstellt; man sollte doch merken, da es aus dem Schoe der Erde
quillt, denn es ist im eigentlichen Sinne culturlos. Dagegen zollte er direkt
Ehrerbietung der ostpreuischen Bowle, die aus Burgunder, Porterbier, Sekt und
Cognac besteht. Dieses Getrnk, so sagte er, hat die Kraft und das heilige
Rauschen des germanischen Urwaldes. Man fhlt direkt Speere in der Faust, wenn
man es trinkt. Seine Hauptgnade aber besteht darin, da es wunschlos macht. Es
ist das Katholikon der Getrnke. Auserwhlten ist es gegeben, zu sehen, da
diese Bowle eine tiefgoldene Gloriole hat.
    In dieser Weise charakterisierte er im Kreise des Cnacles die gesammte
Aristokratie der Spirituosen, und er lehnte es durchaus nicht ab, wenn man ihn
den Homer des Alkohols nannte.
    Aber die Getrnke, die er liebte, waren kostspielig, und weder er noch die
anderen drei Cnacliers waren auf die Dauer im stande, das Geld dafr
aufzubringen. Deshalb beschlo man, einen Barbemuche zu etablieren, d.h. nach
dem Muster des Mrgerscher Cnacles jemand ausfindig zu machen, der also
geeigenschaftet wre:

Ehrfrchtig vor dem Geiste,
Sehnschtig zur Kunst,
Wohlausgestattet mit Gelde,
Ein bischen dumm und dessen dumpf bewut,
Demtigen Herzens
und
Angenehm lcherlich.

Stilpe war es, der einen solchen Jngling entdeckte: - Herrn stud. Lehmann aus
Liegnitz.
    Er hatte ihn in so einem Hause der Magazingasse aufgelesen. Dort, in einem
Salon, war ihm der blasse, etwas angefettete junge Mann durch eine sehr dicke
Brieftasche und schwermtiges Betragen aufgefallen.
    - Sie fhlen sich nicht wohl in dieser Umgebung, hatte Stilpe zu ihm gesagt,
als sie sich einander vorgestellt hatten. Ich begreife das. Man geht hierher, um
sich nicht wohlzufhlen. Man will sich kasteien. Sie peitschen sich lieber mit
blonden Ruten, ich lieber mit braunen. Das ist der ganze Unterschied.
Temperamentssache.
    - Ach ja, es ist schrecklich, antwortete der Philologe Lehmann; ich
verabscheue diese Huser, aber, sehen Sie, ich finde ja drauen nichts, und
dabei bin ich doch so... so... so sinnlich. Ach, leider!
    - Wie? Leider? Sie sagen: Leider? Sie haben doch leider gesagt? Hm. Hm. Hm!
    - Aber natrlich: Leider! Es ist doch schrecklich, so direktionslos zu sein!
    - Direktionslos nennen Sie das, wenn Alles so deutlich ins Schwarze zielt?
Das nennen Sie di..., aber Herr Lehmann! Sie sind beneidenswert um diese gerade
Tendenz Ihres Wesens! Seien Sie frhlich, Herr Lehmann! Es fehlt Ihnen blos die
rechte Gesellschaft. Sie sind ein Einsiedel-Lehmann, und das ist fr solche
Naturen eine Gefahr.
    - Freilich ist es das. Ich fhle es selber. Aber ich schliee mich schwer
an. Wissen Sie, die meisten' Studenten sind so banausisch, so entsetzlich
interesselos, und ich mchte doch Jemand haben, der auch noch etwas mehr will,
als Doktor werden. Sechs Tage ochsen und einen Tag sumpfen, das mag ich nicht
mitmachen!
    - Das ehrt Sie, Herr Lehmann! Sie suchen den Einklang von Lebenskunst und
Wissenschaft. Sie wollen Streben und Genu vereinen. Sie wollen, mit einem
Worte, aber verstehen Sie mich recht und nehmen Sie das nicht etwa als einen
Witz: Sie wollen ein runder Mensch werden!
    - Ich ahne, was Sie meinen, und es ist wahr, das deckt sich wohl mit dem,
was ich suche.
    - Rund sein ist alles, Herr Lehmann! Wissen Sie, wie diese indischen Gtter:
Rund um den Leib herum tausend Arme, und immer zwischen zwei Armen eine Gttin.
Aber Gott bleiben! Ein runder Gott bleiben mit tausend Armen und fnfhundert
Gttinnen dazwischen! Oder, weniger exotisch gesprochen: Goethehaft!
    Herr Lehmann lchelte hchst bitter:
    - Sie wollen mich wohl verspotten. Goethe und - ich! Ich mit meiner
klassischen Philologie. Ich studiere nmlich klassische Philologie. Aber Sie
mssen da nicht gleich denken, da ich Gymnasiallehrer werden mchte. Nein, ich
mchte mich der akademischen Carrire frs Griechische widmen. Es ist da noch
viel zu holen, sag ich Ihnen! Mein Fach ist im Niedergange. Es fehlt an
Kapazitten. Ein neues Alexandrinertum ist eingerissen!
    - So reien Sie es um, Herr Lehmann! Schmeien Sie die Perrcken zum Tempel
hinaus! Der Moder stinkt! Hygiene thut not! Fort mit den Schwartenschwenkern!
Das reine Hellas ziehe ein! Und was ist der Hellene des Altertums?
    Der runde Mensch! Was ist Hellas? Die Synthese von Genu und Erkenntnis!...
Krzlich stellte ich fr einen kleinen Kreis von Freunden, der sich, ganz in
Ihrem Sinne, Herr Lehmann, zu einem Zirkel der Lebenskunst und Kunstliebe
vereinigt hat, eine Namenstafel der Spezialheiligen unsrer Religion auf. Sie ist
noch unvollstndig, aber es fiel mir gleich auf, wie viel Hellenen dabei sind.
    - Ach, das interessiert mich, der ganze Zirkel sowohl, als die Namenstafel.
Ich mchte nicht aufdringlich erscheinen, aber vielleicht darf ich Sie bitten,
mir Nheres darber zu sagen?
    Herr Lehmann sagte das mit dem Tone ernstester Anteilnahme und zog die
Augenbrauen hoch.
    Stilpe lachte wieder einmal mit den Eingeweiden und zog sein Notizbuch.
    - ber den Zirkel ist nichts weiter zu sagen, als was ich schon andeutete.
Zur Kunst erhhtes Leben in jedem Betracht. Die Namenstafel aber, nun, wie
gesagt, sie ist noch unvollstndig, aber ich kann Ihnen das Fragment schon
mitteilen. Also:


                                       I.

                            Mnnlichen Geschlechts:
                                   Anakreon,
                                 Aristophanes,
                                  Alkibiades,
                 (es geht gleich griechisch an, wie Sie sehen)
                                 Georg Bchner
                    (um Gotteswillen: Georg, nicht Ludwig!)
                                     Bizet,
                            Gottfried August Brger,
                                   Cervantes,
                                    Catull,
                        (aber der hat ein Fragezeichen)
                             Michael Georg Conrad.

- Ist das der preuische Prinz, der die Dramen schreibt? fragte Herr Lehmann
bescheidenen Tones.
    - Gott behte und Gott bewahre! Machen Sie immer solche Witze? rief Stilpe.
Dafr mten Sie schon eine Bowle schmeien, Herr Lehmann. Sind Sie bereit?
    Der Philologe Lehmann errtete und sagte: Es wird mir ein Vergngen sein,
denn damit werde ich ja das Vergngen haben, auch die andren Herren kennen zu
lernen.
    - Gut! sagte Stilpe schon im Tone des Cnacle-Prsidenten. Dafr werden Sie
dann auch erfahren, welches unser Conrad ist. Weder Prinz noch Preue. Also nun
in der Liste der Heiligen weiter:

                                    Danton,
                                  Demokritos,
                          (schon wieder ein Grieche!)
                                    Devrient
             (Sie wissen: Lutter und Wegeners Weinstube in Berlin!)
                                   Fischart,
                        Franz der Erste von Frankreich.
                       - Warum Der? fragte Herr Lehmann.
                         - Lesen Sie im Rabelais nach!
                                    Grabbe,
                        Meister Gottfried von Straburg,
                               Der junge Goethe,
           (Sie wissen doch, da es drei verschiedene Goethes giebt?)
                               Eduard Grisebach,
                                        
                           Johann Christian Gnther,
                                     Horaz,
                          (hat aber zwei Fragezeichen)
                           Theodor Amadeus Hoffmann,
                                Heinrich Heine,
                                    Mozart,
                                   Mirabeau,
                                     Momus,
                       (unser Wirt mit der langen Kreide)
                                    Msset,
                                    Mrger,
                                     Marat,

- Pardon, sagte Herr Lehmann, dessen Vater Fabrikbesitzer war, warum eigentlich
diese Revolutionsmnner?
    - Sie tranken smmtlich gerne und waren sehr verliebte Leute. Da wir keine
Sozialdemokraten sind, sehen Sie an Franz dem Ersten.

                                   Rabelais,
                                   Rembrandt,
                                   Sokrates,
                                   Sullivan,
                             Tschang-hsien-tschung.

- Wer ist das?
    - Das ist ein chinesischer Pelzhndler, spter Gegenkaiser, der einmal an
einem Tage 50000 Gelehrte hat kpfen lassen. Ich werde ein Epos auf ihn machen.
    - Ach, dichten Sie? rief Herr Lehmann eifrig.
    - In der That, bisweilen. Sie natrlich auch?
    - Ach... nein... ich... nein... ich kann nicht sagen, da ich... Aber...
    - Sie mchten gerne?
    - Ich... wei... nicht...
    - Diese Schchternheit ist ein schnes Zeichen. brigens: Dichten, na ja.
Das is nu so ne Sache. Notwendig ist es nicht, Herr Lehmann. Es... aber: Genug!!
Wir sind mit dem mnnlichen Geschlechte fertig und es folgt


                                      II.

                            Weiblichen Geschlechts:
                                    Aspasia,
                   (also auch hier Griechenland an der Tete!)
                                Die kleine Anna,
                      Anna mit den gewrfelten Strmpfen,
                             Anna Ach-gehn-Se-weg.

- Ja... aber...? ... sagte Herr Lehmann.
    - Ich verstehe: Sie kennen diese drei Annas nicht. Es sind vorderhand noch
Privatpersonen, und sie kommen auf mein Konto. Die mit den gewrfelten Strmpfen
schlgt, glaub ich, in Ihren Geschmack. Ich schenke sie Ihnen.
    Herr Lehmann war ganz verblfft.
    - Na, wollen sie nicht wenigstens Danke! sagen? Das Mdchen kommt noch in
die Litteraturgeschichte! Ich habe sogar ein Sonett auf ihre Strmpfe gemacht!
Aber weiter!

                                    Bertha,
(Hat zwei Ausrufezeichen. Es ist aber nicht jene Bertha mit den groen Fen,
die Uhland besungen hat, sondern auch dieses Mdchen geht mich an. Ich habe sie
immens geliebt. Und sie liebt mich heute noch, obwohl sie einen Gelbgieer
geheiratet hat. Achten Sie die Treue des weiblichen Geschlechtes, Herr Lehmann,
aber sehen Sie zu, da der Andre der Lackierte ist. brigens werde ich jetzt die
Privatmdchen weglassen, weil ich Ihnen sonst fortwhrend Kommentare geben
mte; ich werde also nur die historischen Damen nennen, nmlich):

                                  Mimi Pinson,
                              Die Knigin Pomare,
                                    Msette,
                                     Lais,
                                        
                               Ninon de l'Enclos,
                                  George Sand,
                               Berangers Lisette,
                                Pbstin Johanna,
                            Frnzchen mit dem Muff,
                            Margarethe von Navarra,
                              La belle heaulmire,
                                Marion Delorme,
                              Die schne Seilerin,
                           Roswitha von Gentersheim.

Die Liste ist noch schrecklich lckenhaft. Vielleicht knnten Sie uns noch ein
paar tchtige Griechinnen empfehlen. Wie hie doch gleich die, die sich auszog?
    - Sie meinen Phryne?
    - Richtig! Phryne! Dieses ganz vorzgliche Mdchen! Warten Sie, ich werde
sie gleich einfgen. Es ist eine Schande, da ich sie vergessen habe. Aber Sie
sehen, wie gut wir Sie brauchen knnen. Im klassischen Altertum sind wir doch
ein bischen schwach.
    Herrn Lehmann war es gar sonderbar zumute. Diese Welt war ihm neu, aber er
hatte die Empfindung, da es sehr lustig in ihr zugehen msse. Vor allem fhlte
er, da er im Cnacle Anschlu an Weiber finden wrde, und daran lag ihm viel,
denn er hatte es nachgerade bemerkt, da er von sich allein aus diesen Anschlu
nie erreichen wrde. Und bei alledem doch diese vielen litterarischen
Aspirationen, also die Gewhr des Hheren! Kein bloer Sumpf! Sondern, wenn
schon Sumpf, so doch von ganz ungewhnlicher Art! Ein origineller Sumpf. Ach,
darnach hatte er sich ja gesehnt! Er wollte originell, geistreich sumpfen. Da
bot sich die Mglichkeit! Also zugegriffen!
    Er verlie am Arme Stilpes das Haus in der Magazingasse mit dem angenehmen
Gefhl, es frder nicht mehr ntig zu haben.
    Als er am nchsten Morgen erwachte, lag er auf seinem Sopha und Stilpe in
seinem Bette. Da dieser ihn duzte, muten sie wohl Brderschaft getrunken haben.
    Auch einen anderen Namen hatte er erhalten: Barbemuche, und auf seinem
Nachttisch lag ein vllig mit Porterbierflecken bedeckter Zettel dieses
Inhaltes:

                                   Quittung.

Fr weiland Herrn Lehmanns Aufnahme ins niedere Barbemuchiat 50 Mark erhalten zu
haben, besttigt

                                                              i.N.d.C. Schaunard

                                Drittes Kapitel


Obwohl das Cnacle keine moralische Anstalt war, so bedeutete es fr Stilpe doch
einen Haltepunkt und eine Verbindung wenigstens mit der Fiktion
extra-alkoholischer Tendenzen.
    Stilpe fhrte damals kein Tagebuch mehr, denn er hatte berhaupt das
unzchtige Verhltnis mit Bchern aufgegeben, aber zuweilen, wenn er sich bel
fhlte, ergriff er, wiederum in seinem Stile von damals zu reden, den Stecken
und Stab des Bleistiftes und wanderte gedankenvoll ber die ausgebleichte Wste
weien Papieres.
    Einige dieser Notizen sind geeignet, ein Stck seiner Seele von damals
erkennen zu lassen:

Die Geldmtzelei ist ein scheulicher Unsinn und meiner unwrdig. Aber ich
selbst bin meiner unwrdig, denn ich werfe die gelbe Mtze diesen Idioten nicht
vor die Fe, sondern ich trage sie noch immer mit einer lachhaften Wrde. Heie
jetzt Erster Chargierter gar. Kann man tiefer sinken?

Ich tyrannisiere diese gelbmtzigen Banausen mit vollendeter Kunst und einigem
Genu, und keiner von ihnen erfreut sich mehr eines intakten Magens. Nie wurde
so gesoffen wie unter meiner gide. Was soll man auch mit diesen Knaben anderes
anfangen? Frsche mu man in den Sumpf treiben.

Ich fange an, unzufrieden mit mir zu werden und erwge den Plan, diese gelbe
Blase zu sprengen. Wenn ich sie nur nicht alle so tiefgrndig angepumpt htte...
    Und auerdem: Was soll ich denn sonst anfangen? Noch scheint die Zeit nicht
erfllt zu sein, wo ich mich diesem Herrn Geheimrat Ammer, falls er sich nicht
schon zu seinen Vtern versammelt hat, als Sttze des Staates anbieten kann.
Oder sollte ich thatschlich studieren? Welch eine Idee!

Nicht mal fr Liebe habe ich gengend Zeit. Mann, frage ich, wann kann ich mit
Hingabe und Hinnahme lieben?
    Um zehn Uhr zerrt mich der Leibfuchs aus dem Bett und kredenzt mir das
Antidotum gegen den Datterich, die liebliche Lase voll Culmbacher Biers.
    Bis zwlf Uhr pauke ich der Fchse summende Herde fr die Mensuren ein.
    Dann salbt mich der Friseur, und bis um drei Uhr treib ich die braven Knaben
in die Lichtenheiner Schwemme.
    Hol sie der Teufel, ich beneide sie! Denn selbst dieses Lehmwasser macht sie
betrunken.
    Auch mein Mittagsmahl erledige ich um diese Zeit. Es ist erstaunlich, wie
mig ich darin bin. Rohes Fleisch und Caviar, etliche Eier und Bouillon
erhalten diesen schwachen Leib.
    Von drei bis fnf der Kaffeelachs; doch ist das ein leerer Name, denn ich
habe lngst den Kaffee durch Likre ersetzt, und statt des Skates herrscht der
Lederbecher mit den Knobelknochen. Das ist meine palaestra musarum, denn erstens
erfinde ich neue Knobeltouren und zweitens mu ich beim Mogeln immerhin
aufpassen.
    Das erschpft mich sehr, und ich begebe mich nun auf das schwarze Ledersopha
in der Kneipe, wo ich der Ruhe pflege, bis das Gas angebrannt wird und die
werten Knaben anrcken, um bis frh zwei, drei Uhr von mir vollgeplumpt zu
werden.
    Mir scheint, das ist kein Leben nach dem Geschmacke Apollos und der neun
Musen, - oder sind es zwlf? Ewig verwechsle ich die Apostel mit den Musen.
    Und die Liebe! Sie mu hungern!
    Liebe und Alkohol sind feindliche Mchte. Tragisches Geschick, beiden hold
zu sein.

Zuweilen giebt es Mensuren. Ich leugne nicht, da diese kleine Aufregung mich
amsiert.
    Trinkt man vorher fnf Cognacs, so ist man erstaunlich wacker und liee sich
mit Heroismus den Schdel spalten. Nein: Lieber blos die Backe, denn das ists
ja, was den Menschen ziert, und dazu ward ihm der Verstand: Der Durchzieher.
    Ich glaube, jetzt etwa einschockmal gefochten zu haben, wenn man diesen
mathematischen Wechsel von Schlag und Parade fechten nennen kann. Man gewhnt
sich daran wie der Pudel ans Baden.
    Das Schnste dabei ist der Geruch, diese allerliebste Mischung von Jodoform,
Carbol, Cognac und ein bischen Schwei. Es wirkt wie ein Aphrodisiacum auf mich.
Aber es ist mglich, da ich ein bischen pervers bin. Blutdurst und Wollust!
Gieb mir dein Herz zu saufen Laura: Ich liebe Dich!
    Die schweren Sachen meid ich. Meine Sbelmensur war nicht eigentlich prima
nota. Ich hatte den Cognac berschtzt. Man mu entschieden Porter dabei zur
Hand haben. Porter und Cognac zusammen macht sicher sehr sbelmutig. Man mu nur
auch die Dosis richtig bemessen.
    Ich halte es nicht fr ausgeschlossen, da ich ohne Alkohol mehr horazischen
als achilleischen Mut bewhren wrde.
    Dies unter uns gesagt.

Krzlich focht ein Jngling auf unsre Waffen, der entsetzliche Angst hatte, sich
aber doch nicht eher umdrehen lie, als bis er einen ausgewachsenen Durchzieher
hatte. Spter gestand er mir, da er aus Liebe gefochten htte.
    - Wie? rief ich, hat Ihr Gegner sich erfrecht, Ihr Frulein Braut zu
betasten?
    - Ach nein, sagte er, meine Braut wnscht nur, da ich einen schnen Schmi
habe.
    So heroisch sind die Tchter Thusneldas angelegt.
    - Hrst du nicht den Eichwald rauschen?

Als ich noch Bcher las, habe ich irgendwo das Diktum gefunden, da der Mensch
nie verzweifeln knne, denn es bleibe ihm auch beim schlimmsten Zahnweh immer
die trstliche Mglichkeit des Selbstmordes.
    Ich habe ein Analogon dazu; ich sage mir: Du kannst zwar versumpfen, aber es
bleibt Dir immer noch die Mglichkeit, Journalist zu werden.

Diese Verachtung des Journalismus gehrte zum Repertoire des Cnacles, aber
Stilpe fing doch bereits an, sich mit dem Gedanken sehr vertraut zu machen, da
ihm schlielich die Laufbahn des Zeitungslitteraten blhen mchte.
    Zwar war er keineswegs an seiner dichterischen Bedeutung irre geworden; der
Nagel sa fest. Aber der Umstand, da er jetzt im Grunde nicht einmal mehr Plne
zu knftigen Werken machte, kam ihm doch manchmal zum Bewutsein, und dann sagte
er sich: Ich bin eine zersplitterte Natur, der Fluch des modernen Menschen
lastet auf mir, da wir uns nicht sammeln knnen; gut also, so ziehe ich ohne
Wehleidigkeit den Schlu daraus und schlage mich zu jenen, die ihre Goldbarren
tglich stckweise und halb ausgeprgt vor die Masse werfen mssen.
    Und sofort malte er sich eine vollkommene Umwlzung der deutschen
Zeitungslitteratur aus, die vor sich gehen wrde, wenn er zu ihr gehrte.
    Aber, als ihm ein Artikel, den er einmal in den Ferien geschrieben hatte,
zurckgeschickt wurde, erfate ihn gleich wieder der groe Ekel vor diesen
ffentlichen Mnnern, die sich zeilenweise prostituieren und sich von ihren
weiblichen Berufsgenossinnen nur dadurch unterscheiden, da sie nicht gutmtig
wie jene sind. Und die Zeitungen nannte er nun wieder Holzpapierbordells.

Um diese Zeit war es, da Girlinger wieder vor ihm auftauchte.
    Girlinger hatte in Zrich und Genf studiert, trug schwarze Coteletten, einen
Cylinder und immer Handschuhe. Er war sehr gesetzt und durchaus solide. Sein
Plan war eigentlich gewesen, romanische Philologie zu studieren, und er hatte
diesem Fach, wofr er Flei und Talent in sehr hohem Grade besa, auch wirklich
mit Eifer obgelegen, aber, da sein Vater darauf bestand, er msse sich der
Jurisprudenz widmen, so hatte er sich schlielich dazu verstanden und trieb nun
auch Jurisprudenz mit Eifer und Zielbewutsein. Ein gewisser Zug von echter
Resignation stand ihm dabei sehr gut. uerlich erlebt hatte er so gut wie
nichts, aber er hatte viel an sich gearbeitet.
    Als er Stilpen zum ersten Mal in seiner gelben Mtze sah, nahm er seinen
Cylinder sehr tief und zeremoniell ab und machte sogar eine Verbeugung dabei.
    Stilpe empfand das als Hohn und strzte sich auf ihn:
    - Ach, der Herr Referendar! Welch ein Cylinder! Wo hast Du die Sametbrste,
Freund meiner Jugend?
    Girlinger erwiderte: Ich schlage einen anderen Stil vor, wenn wir uns
unterhalten wollen. brigens bin ich meinem Examen ferner als Du, denn ich stehe
im ersten juristischen Semester.
    - Ich schlage vor, da wir weder von Semestern noch von Examen reden, wenn
wir uns unterhalten wollen. Ich spreche nicht gerne von gleichgltigen Dingen.
Nur zu Deiner Orientierung bemerke ich, da ich immer noch als stud. jur. et
phil. immatrikuliert bin, ohne inde von diesen Wrden Gebrauch zu machen. Ich
fahre noch immer fort, mir das Leben anzusehen. Auch trinke ich gerne
Spirituosisches. Du scheinst mir dagegen ein buveur d'eau zu sein.
    - So Mrger kennst Du auch?
    - Es giebt keinen besseren Kenner dieses Klassikers. Schade brigens, da
die Stelle eines Barbemuche in unserm Cnacle schon besetzt ist, ich wrde sonst
Dir meine Frsprache nicht vorenthalten.
    - Danke. Ich bin nicht fr gelbe Mtzen.
    - Kstlich! Nein, diese Biermtze hat mit dem Cnacle nichts zu thun. Dein
Cylinderhut luft keine Gefahr, wenn Du uns die Ehre und das Vergngen machen
willst, der definitiven Aufnahme des Herrn Lehmann in das hhere Barbemuchiat
beizuwohnen. Morgen Abend um acht auf meiner Bude, wenn ich bitten darf. Oder
frchtest Du Dich vor ostpreuischen Bowlen...
    - Herr Lehmann ist wohl ein Idiot?
    - Nein, ein Idealist, aber mit Baarmitteln. Du wirst Deine Menschenkenntnis
bereichern, wenn Du kommst, und auerdem einige Chorgesnge vernehmen, die sich
meiner Verfasserschaft rhmen. Wenn Du aber nicht kommst, so werde ich mich aus
Gram betrinken und in der Betrunkenheit dem Cnacle Deine Flucht nach
Griechenland erzhlen.
    - Warum soll' ich nicht kommen? Da Herr Lehmann die Bowle bezahlt, bin ich
ja sicher.
    - Schn, aber Cigarren kannst Du wenigstens mitbringen.
    - Ich rauche nicht.
    - Um so besser, so wirst Du uns nicht berauben. Aber merke Dir die Marke:
Henry Clay. Schreib Dirs ins Notizbuch. Eine Kiste gengt. Schreib aber Clay
richtig, nicht wie das Kuhfutter, sondern so: C... l... a.... y. So ists
richtig. Du wirst wohl empfangen sein!
    - Sind Weiber dabei?
    - Pfui! So einer bist Du? Daher der Cylinderhut und die Koteletten?
Kalipsichore verhllt ihr Haupt.
    - Wer?
    - Kalipsichore, die Muse der epischen Tanzkunst, wenns gefllig ist. Sie
wird persnlich da sein. Im Civil heit sie Hulda Ranker. Du kennst doch das
Zeitwort rankern?
    - Ich glaube, Du bist betrunken.
    - Bleibe fest und glaube getrost, Du wirst nicht irre gehn. Aber vergi die
Cigarren nicht! Du kannst auch Huldan ein Corsett mitbringen. Ich habs ihr schon
lange versprochen. Doch von Seide mu es sein!
    Girlinger hielt es fr gut, sich nun zu verabschieden.
    - Total versumpft! dachte er bei sich. Und wie der Mensch aussah! Dieses
angeschwemmte Fett unter fast gelber Haut! Diese unstten schwimmenden Augen!
Und salopp! In einem Corps scheint er nicht zu sein. Sogar die Wsche nicht
sauber. Und die Hand feucht. Wie er dahin geht, der richtige Gewohnheitssufer,
der zwar nicht direkt schwankt, aber doch auch nicht richtig gradeaus gehen
kann. Natrlich auch Gedankenflucht. Er kann sicherlich keine zehn Zeilen
logisch schreiben. Delirantenphantasie. Ein Ragout im Hirnkasten. Wie viel
Schulden mag der Mensch haben!
    Girlinger hatte ein schnes psychologisches Thema fr sein Tagebuch.

Stilpes Wohnung lag im Durchgang der groen Feuerkugel (Einst wohnte Goethe hier
- jetzt Wir!) drei Treppen hoch und bestand aus einem mig groen Zimmer und
einem Alkoven.
    - Der einzige Fehler dieser Bude ist, pflegte Stilpe zu sagen, da sie
gerade Wnde hat. Schiefe Wnde wren stimmungsvoller. Aber man beachte die
charaktervolle Schbigkeit der Ausstattung! Wer angesichts dieses pbelhaften
Sophas, dieser kontrakten Sthle, dieses ewig wackelnden Tisches und dieses
immer aufklaffenden Kleidersargs, von dem infamen Napoleon in der Schlacht bei
Leipzig ganz zu schweigen, daran dchte, hier die Miete nicht schuldig zu
bleiben, mte ein gefhlloser Barbar genannt werden. Was aber das Bett anlangt,
meine Lieben, so giebt es keine vorlautere Bestie als dies. Es quietscht schon,
wenn man es ansieht, geschweige denn... aber das ist ein rein musikalisches
Thema.
    In dieser Wohnung also, die wirklich abscheulich war, versammelte sich am
folgenden Sonntage das Cnacle zur Feier der endgiltigen Aufnahme des Philologen
Lehmann, der soviel Geschmack am Cnacle genommen hatte, da er sich selber an
den grbsten Verhhnungen seiner Person beteiligte.
    Stilpe erschien eine halbe Stunde vor Beginn der Festlichkeit. Mit ihm
betrat Hulda Ranker das Zimmer. Sie that es mit der Sicherheit einer Person, die
mit den Lokalitten vertraut ist. Hbsch war sie eigentlich nicht, aber sie
hatte das gewisse Pusselig-Grazise der Leipzigerin, an der der Kenner noch
heute die Erbreste aus jener galanten Zeit bemerkt, in der, wie die
Kulturhistoriker sagen, die Leipzigerinnen an lockerer Moral mit den
Pariserinnen um die Palme rangen.
    Die Moral Huldas war wohl nie sehr fest gewesen, aber Stilpe hatte sie,
obwohl er erst vor vier Wochen dem Mdchen das Taschentuch zugeworfen hatte,
derart gelockert, da sie vollkommen durchsichtig geworden war. Aber das stand
Frulein Hulda gerade gut. Sie gehrte zu den Mdchen, die an Charakter
gewinnen, indem sie an Moral verlieren.
    Im brigen war sie schlank, von guter Taille, brnett und passabel
angezogen. Tagber verkaufte sie Cravatten. Diesem Umstand verdankte die
geistsprhende Scherzfrage Stilpes ihr Dasein: Welcher Unterschied besteht
zwischen Hogarth und mir? Antwort: Jener malte ein Crevettenmdchen, ich
bedichte ein Cravattenmdchen.
    Aber mit dem Dichten sah es auch in diesem Falle windig aus. Auer dem
verwegenen Ritornell:

O holde Hulda!
Ganz ohne Makel wrst Du, reimtest Du Dich nicht
Auf Ludwig Fulda

existierte keine Zeile, zu der Frulein Ranker Pathe gestanden htte, und auch
dieses zierliche Stachelpoem verdankte seine Entstehung mehr Stilpes Antipathie
gegen diesen schreibenden Kapitalisten, als seiner Liebe zu der braunen
Verkuferin, ganz abgesehen davon, da es eine von den auch sonst nicht seltenen
Improvisationen seiner Skandierkunst war, die sich auf einen Reimzufall
zurckfhren lieen.
    - La die Rollfahnen runter, Mdchen, und mach Licht! kommandierte Stilpe.
Es giebt hier in der Umgegend keusche Augen, die sehr lstern sind. So! Die
Beleuchtung ist mangelhaft, aber das kommt Deinem Teint zugute. Im Schummerigen
wirken die Weiber berhaupt am besten. Daher die vielen Rendez-vous bei der
Gaslaterne. Das elektrische Licht wird die Rendez-vous stark reduzieren, und
Herr Siemens ist fr die Moral sehr viel wichtiger, als der Sittlichkeitsverein.
    
    - Quatsch nicht, Kfer. Heute wird so wie so wieder furchtbar geredet
werden.
    - Sehr richtig! Aber auch getrunken, meine braune Taube, ja sogar gegessen,
und zwar keineswegs Schweinsknochen mit Klen, sondern fabelhafte Sachen.
Auerdem wirst Du drei neue Mnner kennen lernen und zwar 1) jenen Lehmann, 2)
einen Herrn im Cylinder und 3) einen Cylinder mit einem Herrn.
    - Mit Deim nrrschen Zeig! (Huldas Aussprche mssen immer Leipzigerisch
gelesen werden, auch wenn sie deutsch wiedergegeben sind.)
    - Ich rede ernst wie immer. Der dritte Mann ist nmlich der kleine August,
den Kenner trotzdem August den Starken heien.
    - Warum denn?
    - Nicht blos im Biceps liegt die Kraft des Manns!...
    - Komm, sag mir, warum er August der Starke heit!
    - Ich werde mich hten, denn ich liebe Dich. Nur soviel: Dieser kleine Mann,
der sich durch einen hohen Cylinder zu recken trachtet, ist ein fulminanter
Musikus und wrde schon viele Opern geschrieben haben, wenn er nicht immer
trinken mte. Zwar behauptet er, ich wre schuld daran, weil ich ihm den Text
nicht schreibe, den ich ihm versprochen habe. Aber das ist eben jene Schlange,
die sich in den werten Schwanz beit: Ich dichte nicht, weil er nicht
komponiert, und er komponiert nicht, weil ich nicht dichte. Ergo mssen wir
beide saufen.
    - Sag doch nicht saufen, das klingt so ruppig.
    - Kann ich dafr, da die Wahrheit ein Rauhbein ist?
    - Du bist eins!
    - Und dennoch liebt mich Deine Sanftheit! Aber es klingelt! Schwing Dich
hinaus, Mdchen!
    Es war Herr Lehmann mit drei Packtrgern. Er machte eine tiefe Verbeugung,
der man die Tanzstunde ansah, vor Hulda und begrte Stilpen ehrerbietig.
    - Schn, mein Engel, sprach dieser, ich sehe, Du hast Alles gut in die Wege
geleitet. Nun la mich das Auspacken berwachen. Setz Dich zu diesem schlanken
Mdchen, aber halte Dich in den Grenzen der Wohlanstndigkeit. Noch bist Du
nicht in der Gemeinde derer, denen Alles erlaubt ist.
    Und nun kommandierte er:
    - Der die Flaschen hat, vortreten!... Ah! Sie! Gut gewhlt, der Mann. Er ist
wrdig, volle Flaschen zu tragen! Lieben Sie Nordhuser? Schon gut!... Nun
packen Sie aus! Vorne ran die dicken Flaschen! Gut! ... Wieviel? Sechs? Gut! ...
Jetzt die rothalsigen! Se Kerlchen, was? ... Zehne? Da fehlen zweie! Mensch,
Sie werden doch nicht? Ah, da strecken sie ja die roten Hlse vor. Zu den
anderen! Schn ausrichten! Gut! Ganz gut und wacker!... Sie waren gewi
Unteroffizier. Natrlich! Es lebe der Reservemann!... Aber jetzt die
Gelbkapseln!... Drei! Ja, ja, es werden nicht mehr. Aber reichen Sie mir mal
eine. Schn. Ich bin zufrieden. Lassen Sie sich auszahlen bei dem Herrn dort. Er
wird Ihnen auch ein paar Cigarren geben.
    - Jetzt der zweite mit dem Frekober und dem Geschirr!... Umgotteswillen
vorsichtig! Den Bowlenbauch mitten auf den Tisch. Die Glser wie ein Kranz
herum... So! Sie haben Talent, alter Herr... Nun die Teller. Aber da soll dieses
Frulein helfen... Hulda, arrangiere das Tellerwesen. Und nimm Dich auch der
Messer und Gabeln an. Und nun: Was ruht im werten Schrein!? Gut!... Gut!... Es
ist Alles in rechtem Verhltnis, sowohl das, was dem Meere entstammt, wie das
vom festen Lande. Die ganze Geographie ist vertreten, von der Adria bis zum
schwarzen Meere... Ja, die Eisenbahnen sind ein rechter Segen, nicht wahr,
Mister?... Und nun lassen Sie sich gleichfalls von dem verehrten Gastgeber
auslohnen. Auch Sie haben drei Cigarren extra verdient.
    - Und nun der Dstere in der Ecke mit dem schwarzen Sarg! Heran und
ausgepackt!... Wie? Ein Cello? Seit wann zhlt das zu den Viktualien? ... Ah, Du
willst kniegeigen? Schn! Placet! So kann ich mir mein Bettduo sparen.
    Die Packtrger traten ab.
    Kaum waren sie drauen, so hrte man in einer Art Bafistel kreischen:
Infames Rindvieh! Haben Sie keine Augen? Das Luder hat mir die Galloschen
abgetreten!
    Und herein strmte ein kleiner Mensch mit kurzem weien Stoppelbarte, kaum
einen Meter hoch, aber mit einem hohen Rhrenhute bedeckt. Er schrie immer noch
und fuchtelte dabei mit seinem Regenschirm herum: Meine rechte Gallosche! Dieses
Trampeltier! Wie? Ochse! Direkt auf die Gallosche! Ich gehe sofort!
    - Aber August! Siehst Du die Dame nicht? klagte Stilpe. Und sofort war der
kleine Mann friedlich.
    - Hehe! Warten Sie, mein Frulein, gleich komm ich und lege mich Ihnen zu
Fen. Blos den Hut und Schirm und Mantel, puh, diesen zentnerschweren Mantel,
diese Rstung, Luder, das...
    Herr Lehmann strzte herbei und nahm dem Kleinen die Garderobe ab.
    - Sehr nett, Herr...?
    - Leh... Barbe... (Herr Lehmann wute im Cnacle bis jetzt noch nicht wie er
hie).
    - Sehr freundlich, Herr Lehbarb!
    Stilpe wieherte vor Entzcken.
    - Gottverdammich, was heulst Du wie eine Lokomotive! Willst Du mich
wahnsinnig machen? Kennst Du keine Rcksicht? Ich gehe sofort!
    - Aber August! Du hast Dich dem Mdchen immer noch nicht zu Fen gelegt.
    - Oh, oh, oh, oh, Dein Geschrei! Dein Geschrei! Aber jetzt liege ich schon.
    Und er fuhr auf Hulda los und ergriff ihre Hnde und machte dabei eine
Verbeugung, so da er sie niederzog wie einen Plumpenschwengel.
    - Ach, die reizenden warmen Hndchen! Uh, uh, uh, ti, ti, ti, so warme
Patschen! Mm, mm, mm! Heien?
    - Hulda heit das Mdchen, bemerkte Stilpe.
    - Hab ich Dich gefragt? Weg! Weg! Kommen Sie, Huldachen, zu mir aufs
Kanapee, Huldachen.
    Er schleppte sie frmlich zum Sopha, auf das er sich nach trkischer Art
setzte, weil er europisch sitzend mit den Fen nicht zum Boden gereicht htte.
    Das Zimmer war jetzt eigentlich schon voll, aber es kamen noch sieben
Personen, nmlich:

   1) Girlinger, der sich beraus schchtern und mit der ganzen Ratlosigkeit
  eines stark kurzsichtigen Menschen benahm, dem die Brille angelaufen ist. Die
  Cigarren hatte er mitgebracht;
   2) Stssel, der diskret den Corpsstudenten zu markieren bemht war und
  brigens etwas blasiert aussah. Mit ihm
   3) Frulein Grete Gramm, genannt das allitterierende Mdchen, eine etwas
  ppige Blondine, phlegmatisch, aber unendlich verliebt. brigens eine
  Brgerstochter;
   4) Wippert, der jetzt einen sehr schnen dichten Schnurrbart hatte und nicht
  ganz geschickt den ungezwungenen Weltmann spielte. Mit ihm
   5) Frulein Clara Winkler, ein sehr lebhaftes rotblondes Ding, das drauen am
  Carolatheater Choristin war und den braven Wippert ein bischen tyrannisierte;
   6) Barmann, der immer noch wie ein Knabe aussah, obwohl er eine Menge
  Schmisse auf der linken Backe hatte und ungemein selbstbewut auftrat. Dieser
  mit
   7) Frulein Anna Obersdorfer. Das war eine sehr kleine, flinke Person mit
  groen lebhaften schwarzen Augen und braunen, lockigen Haaren, die die Stirne
  ganz verdeckten. Sie hatte etwas sptzinnenhaftes in ihrer hupfigen Hurtigkeit.
  Auch Brgerstochter, aber schon eigentlich nicht mehr ganz.
Die elf Personen wurden folgendermaen plaziert:
    Sopha: Linke Lehne: Stssel. Rechte Lehne: Barmann. Neben Stssel das
allitterierende Mdchen. Neben Barmann die kleine Anna. Mittelplatz: Der kleine
August mit Hulda.
    Dem Sopha gegenber, auf Stilpes Koffer (einst war er, mit Schmetterlingen
angefllt, in Sdamerika gewesen), Wippert und die rote Clara.
    An der linken Schmalseite des Tisches Girlinger, an der rechten Stilpe.
    Herr Lehmann stand, gelehnt an sein Cellogehuse, zwischen Tisch und
Alkoventhr.

Wenn vier Leipzigerinnen mit sechs jungen Mnnern und einem alten Herrn von der
Art des kleinen August zusammen sind, so geht es nicht leise zu, sondern sehr
schnabellaut wie in einem Spatzenschwarme, der sich auf einem vollen Kirschbaume
niedergelassen hat. Als ob sie vier Wochen in ein Trapistenkloster eingesperrt
gewesen wren, schwatzten die Mdchen, und die Cnacliers thaten das Gleiche.
Aber der Quetschdiskant des kleinen August dominierte deutlich. Allen Mdchen
gleichzeitig galante Komplimente zu sagen, aber zugleich die jungen Herren mit
Grobheiten zu regalieren, schien sein Programm zu sein. Die andern spielten nur
ihr Instrument, er, der Kapellmeister, beherrschte die Partitur. Es war wirklich
eine Leistung. Girlinger, neben Herrn Lehmann der einzig Schweigende, duckte
sich unwillkrlich etwas in diesem Gestber von Worten.
    Da erhob sich Stilpe mit der gelassenen Eleganz eines Hofmarschalls und
sprach:
    - Mdchen und Freunde! Der Wohllaut eurer Stimmen ist lieblich, und ich
mchte ihm gerne noch stundenlang lauschen. Aber die Pflicht hebt ihren ernsten
Zeigefinger. Wir haben heute eine Sache von Wucht und Wichtigkeit vor; lat uns
sogleich daran gehn! Es gilt, diesen Herrn (treten Sie vor, Novize!), der sich
in den niederen Probegraden nicht ganz bel benommen hat, nun endlich und
formell zu entlehmannen. Seht ihn euch noch einmal prfend an und lat euch
nicht den Blick durch diese Flaschen und Viktualien trben, indem ihr euch die
Frage vorlegt: Darf er der Schwelle bittend nahen?
    - Er darf! riefen die Dreie dumpf.
    - Aber natrlich! sagte die kleine Anna. Warum soll er denn nicht drfen? S
is ja n ganz netter Herr!
    - Colline, bind Deiner Gttin das Gehege der Zhne zusammen; sie macht den
Novizen eitel. Wir aber wollen beginnen!
    - Novize! Beherrschen Sie die glnzenden Verse, in denen Sie zu uns zu reden
haben?
    Herr Lehmann verbeugte sich und sagte: Ja!
    - Novize! Schwren Sie, demtig und ohne Murren Alles zu vernehmen, was man
Ihnen jetzt sagen wird?
    Herr Lehmann verbeugte sich und sagte: Ja!
    - Novize! Fangen Sie an:
    Herr Lehmann trat einen Schritt vor legte beide Hnde kreuzweis ber die
Brust, machte in dieser trkischen Haltung eine ganz tiefe Verbeugung, lie dann
die Hnde an den Seiten herabsinken und deklamierte, wirklich nicht bel, was
folgt:

Wie Runkelrbenzuckernachgeschmack
Liegt mir im Innern schlammig schwappelig
Ein ekelhaftes je ne fais quoi.
Oh welch ein Bandwurm qult mich Unglckswurm?

Ich frug herum in manchem braven Haus,
De Fenster aus bestrichenem Glase sind
Und dessen Hausflur rot beleuchtet ist,
Ich...

Da rief die kleine Anna: Schmen Sie sich, Herr Lehmann!
    Stilpe war emprt:
    - Colline! Wenn Dein Ideal nicht den Schnabel hlt, mut Du die Bowle...
aber ich will nicht vorgreifen. Weiter, Novize.
    Herr Lehmann fuhr fort:

Ich fragte manche blonde Pythia
(Auch manche braune, wie es grade kam):
Setz auf den Dreifu Dich und sage mir
Wie heit der Bandwurm, der mich so zerstrt?
Doch da kein Dreifu gegenwrtig war,
Ward kein Orakel mir. Ich zahlt und ging.

Barmann mute, whrend Herr Lehmann eine Pause machte, der kleinen Anna eine
Serviette um den Mund binden. Aber der kleine August war auer sich vor
Vergngen, und er schrie: Er zahlte und ging! Hehehe! Warum war auch kein
Dreifu gegenwrtig!? Hulda! Warum?
    Stilpe machte: Pst!
    Herr Lehmann fuhr fort:

Da fuhr aus grauer Wolke breit und schrg
Ein Balken Licht in mein gequltes Herz,
Und eine linde Stimme sprach: Kameel!
Zu viel des Leders fraest Du, darum
Bist Du so ledern selber ganz und gar -:
Geh hin, purgiere Dich des Pergaments,
Sto aus den Wust von Chi und Phi und Psi
Und zhle frder keine Kommas mehr
In alten Schwarten, denn ich sage Dir,
Das ist der Wurm, der Dich zum Wurme macht.

Und ich purgierte mich. Das Seminar
Mied ich wie bser Gase blen Stank
Und wlzte keine Folianten mehr
Und lauschte nicht mehr mit gedehntem Ohr
Dem Oberkommazhler, und ich ward
Beinah ein Mensch.
So steh ich hier am Thor
Und klopfe mit gekrmmtem Finger an:
Lat mich, nicht in den Tempel, sag ich, oh,
Nein lat mich in den Vorhof blos hinein,
Da, ein bescheidner Wandler, rund herum
Um des Cnacles wunderbaren Bau
Ich leise schreiten darf und hie und da
Hinlegen auf der Schwelle Marmorwei
Ein kleines Opfer der Ergebenheit.

Herr Lehmann schwieg und machte wieder eine ganz tiefe Verbeugung.
    Stilpe erhob sich mit Priesterwrde und skandierte:

Die ihr Adepten seid, sprecht euern Doppelvers!

Und Barmann brummte:

Ein sehr verwegener Knabe, in der That!
Weinreben nehmt und schlagt ihn auf den Stei!

Herr Lehmann erschrak und trat einen Schritt zurck. (Denn er hielt Alles fr
mglich.)
    Wippert aber rief:

Legt mir den Jngling in ein Lexikon
Als Lesezeichen, klappt das Buch dann zu!

Herr Lehmann schttelte betroffen das Haupt.
    Und Stssel im -bh-Tone:

Es mfft der Mensch. Er riecht nach Wasserfleck.
Desinfiziert ihn mir mit Bibergeil!

Herr Lehmann wollte beinahe rgerlich werden, er erhob schon die Arme. Aber
Stilpe sah ihn durchdringend und zornig an.
    Dann sprach er selbst:

Zu strenge seid ihr, und ich tadle euch.
Seht ihr die Flaschen nicht, das Roastbeef nicht?
Oh lenkt von dieser bangen Menschlichkeit
Den strengen Blick zu diesem Caviar
Und seht der Sprotten goldne Enge an,
Der Flundern breite Liebenswrdigkeit,
Und ach, den Rollmops, wie er zrtlich blinkt
Im Zwiebelkranze, pfeffereingekrnt
Seid milde, milde, milde, sag ich euch,
Wie dieser Thunfisch, der im le schwimmt,
Denn wisset, was in Silber rundlich hier
Priapisch leuchtet, ist kein leerer Wahn,
Nein: Echt Straburger Gnseleberwurst!

Und also sag ich: Wer kein Unmensch ist,
Entlehmannt diesen Lehmann, und mein Wort
Heit: Heil Barbemuche, tritt in den Vorhof ein,
Und nimm aus Deiner Westentasche das Recept,
Wie man die Bowle, die Imanuel
Der groe Kant erfunden, weislich mischt!

Bei diesen Worten erhoben sich die drei Cnacliers mit ihren drei Mdchen und
riefen selbsechst sehr laut und strmisch:

Es lebe Barbemuche! Er mache die Bowle!
Heil! Hurrah! Landerirette!

Der kleine August aber schrie: Komm Se her, Herr Barbemuche, gm Se mir n Ku!
Nee, warten Se mal, lieber nich! Gm Se Huldan n Ku! Und Hulda giebt mirn
wieder, wenn Stilpe nischt drwider hat.
    Und jetzt gings los. Stilpe sang mit seiner grausamen Stimme das Lied von
der Knigsberger Bowle:

Braun, braun, braun,
Braun ist die Bowle, wie was?
Wie was? Wie was?

Ach, Kinder, seid moralisch,
Die Bowle, die ist na,
Die Bowle, die ist na.

- Heda, rief Wippert, die Mdchen beengen uns. Sie sollen hinter den Sthlen
stehn und uns bedienen. Wir sind die Herren mit dem Peitschenstiel!
    - Du bist wohl verrckt, rief seine rote Clara, wie er sich mausig macht!
    - Nein, er hat recht! schrie der kleine August. Alle Mdchen raus! Raus!
Mdchen sind gut, aber erst trinken! Dann knn se wieder rein! Zu enge! Zu enge!
    Er hatte schon fnf Glas getrunken.
    Stilpe schlichtete das Problem salomonisch:
    - Es ist zu enge, das ist klar. Aber die Mdchen in den Alkoven zu sperren,
wre grausam und gefhrlich. Ich schlage dies Arrangement vor: Barbemuche und
mein Freund Girlinger schieben diesen kstlich beladenen Tisch in die Ecke, und
wir legen uns in den Lichtkreis dieser Petroleumampel auf die Erde. Hulda, hol
die Kissen rein! So wollen wir schlemmen und schlampampen, nach griechischer
Art, lang liegend wie Schluche, immer ein mnnlicher neben einem weiblichen.
    - Ja, liegen, liegen! rief der kleine August. Hulda, kennste Hamletn?
    Und sie lagerten sich griechisch, wie Schluche.
    Das allitterierende Mdchen nahm sich besonders gut aus.
    - Sie sind das schnste Kanapee im Mbelmagazine des Herrn, sagte der kleine
August.
    Herr Lehmann mute anstatt eines Mdchens sein Cello neben sich legen und
die wichtigsten Reden, zumal, wenn sie rhythmisch wurden, mit leisem
Saitenrupfen begleiten.
    Es entwickelte sich ein unbeschreiblicher Lrm, zumal dann, als die
Delikatessen, von denen Stilpe brigens einige beiseite gebracht hatte,
aufgezehrt waren und die Henry Clays dampften.
    Der kleine August wlzte sich von Mdchen zu Mdchen und chzte nur noch,
wenn er nicht trank. chzend entwarf er verfhrerische Schilderungen seines
Schlafrockes, den ihm Richard Wagner geschenkt haben sollte: - Besucht mich doch
mal, Kinder, mein Schlafrock ist aus Seide, hehe, so mollig, und meine Badewanne
ist auch nicht aus Pappe, nee!
    Wenn aber jemand zur Unzeit lachte, wurde er ungeheuer wild und brllte
Schimpfworte der unerhrtesten Art. Manchmal sang er auch Melodieen aus seinen
vielen ungeschriebenen Opern, die alle hchst erotischer Natur waren und im
Oriente spielten.
    - Hehe, was hat der Meister gesagt? Gottseidank, hat er gesagt, da der
kleine August suft, sonst mten wir uns einpacken lassen.
    - Und deshalb sufst Du ja blos, August, sagte Stilpe. Er suft aus Liebe zu
Wagner, weil er den nicht umbringen will. Es lebe August der Gromtige!
    - Halts Maul, Stilpe, chzte August, Du bist die frechste Canaille, die ich
kenne, aber ich liebe Dich, ich liebe alle frechen Canaillen. Hulda, klopf mir
den Buckel ab!

Es dauerte nicht lange, und Alle waren betrunken, sogar Girlinger, der sich
abwechselnd einen Rabulisten nannte und provenalische Minnelieder sang.
    Barmann hielt Volksreden, wobei er fortwhrend wiederholte, nicht Bebel sei
Prsident, sondern Bismarck.
    Auch der kleine August schrie, da er Bismarck liebte, nur wre es schade,
da er kein Sachse wre.
    Wippert lag sehr lange auf den Knieen und kte der roten Clara die Schuhe.
Dazu sang er:

                             Lang, lang, ists her.

Stssel entwickelte Ideen ber das Salondrama, das nur geflstert werden drfte
und wobei man, wie jetzt Operngucker, Hrrhren im Theater verleihen wrde.
    - Das Flstertheater ist das Theater der modernen Nerven, das Theater der
Seelendfte. Seelengesusel! Wollustgewisper! Sanft! Ganz sanft! Hauch!
    Und er flsterte selber nur noch so leise, da ihn ein Mensch mehr verstand.
    Aus reiner Opposition stellte Stilpe das Ideal eines Schmettertheaters
auf.
    - Nur noch Verse, lang hinhallende Verse wie Fanfaren, Posaunenste, die
wie lange Donner machtvoll ausrollen. Z.B. so, und er brllte mit voller
Lungenkraft:

Ein Meer von Bowle, Dir, Natur, gebracht,
in langen, langen, langen Zgen, ohhh!

Sonst sprach man mehr von unlitterarischen Dingen, und Stilpe stellte sogar die
Behauptung auf, es sei eine Schande, an Litteratur auch nur zu denken, so lange
der Magen noch gesund sei.
    - Nur Magenkranke dichten. Wer gesund ist suft. Und das ist der Grund
unsres Saufens. Wir saufen, um auf dem Umwege ber eine Magenkrankheit einmal
Dichter werden zu knnen.
    Unendlich oft sank man sich in die Arme, zumal, als die Mdchen
eingeschlafen waren. Die dicke Grete hatte sich mit Hulda direkt ins Bett
gelegt, und die kleine Anna glaubte offenbar, sie wre zu Hause, denn sie zog
sich bis aufs Hemd aus und legte sich aufs Sopha. Herr Lehmann durfte ihr ein
Schlummerlied auf dem Cello geigen, und sie kte ihn dafr recht herzlich, wenn
auch im Schlafe. Die rote Clara hatte sich nur die Haare aufgemacht und lag dem
kleinen August im Schoe, der aber keinen Sinn mehr dafr hatte und ein paar mal
rief: Nehmt doch die Apfelsinne weg!

Frh um drei schlief Alles. Nur Stilpe stieg zwischen den Schlafenden hin und
her und trank die Bowle leer. - Die Betrunkenheit hob und senkte sich in ihm.
Ihm war, als fhre ihn etwas im Kreise herum. Zuweilen lallte er:
    Wie dieser Lehmann schnarcht!
    Dieser Idiot ist ganz selig. Warum? Er hat seine Kniegeige.
    Und dieser lasterhafte Greis! Glcklich ist der Halunke. Warum? Er glaubt an
Richard Wagner.
    Und diese lieben Knaben, eingeschlossen Girlinger. Unbeschreiblich
zufriedene Burschen! Warum? Sie haben ihre Frauenzimmer oder ihren Cylinder.
    Dahingegen ich!
    Ich mu ber ihre schnarchenden Leichen steigen und kann nicht schlafen.
    Ach, was bin ich elend! Ach! Ach! Ach! Heulen! Heulen!
    Warum ist mir so bel? Warum geht Alles in mir auseinander?
    Die Schulden! Die Schulden! berall Schulden! Und, h, ich wei nicht recht,
verlohnt sich denn das Alles? Ich... rutsche ja... ich rutsche ja...
    Pltzlich gab er Girlingern einen Sto mit dem Fue.
    Girlinger lallte: Drck mich nicht so, Johanna!
    Stilpen erfate ein wtender Zorn: Also auch dieser Hring seufzt! Und er
stie ihn noch einmal: Girlinger!
    - Was denn?
    - Was hltst Du eigentlich von mir! He? Nicht wahr, ich bin ein Lump und
kuhdumm!?
    - Versumpft, ganz versumpft, total.
    - So, so? Reizend! Hast Du gar keinen Respekt vor mir mehr? Wie?
    - La mich schlafen, ich mu schlafen. Die Cigarren sind sehr teuer.
    - Ob Du mich fr dumm hltst!
    - Ja, ja doch, meinetwegen, Du bist ja natrlich dumm. Das ewige Saufen...
Du mut ja verblden. Und auerdem.... geschmacklos... Ah... Ich mu schlafen.
    Natrlich: Dumm!... Ja, ja, das Saufen!... Geschmacklos... Freilich...
Blde... Hm... Mir ist selber so... h, wie die Mdchen schnarchen...
    Er stellte sich vor die kleine Anna hin: Wie rund sie ist. Hm. Fest. Warm.
Und ich stehe da wie ein Klotz. Ich... ich... habe nicht mal mehr Lust an dem.
Ich... Gott! Gott!...
    Er sah sich scheu um und fuhr ihr mit der Hand ber die Brust, aber wie
angeekelt zog er die Hand schnell zurck.
    Pltzlich warf er sich mitten ins Zimmer.
    - Ein Sauleben! Ein Sauleben! Alles hin!
    Alles leer! Fertig! Fertig! Jetzt schon fertig!...
    Er lachte laut auf und trank den Rest der Bowle aus dem Lffel.
    - Und was fr eine Art Besoffenheit das ist. Ich werde jetzt moralisch, wenn
ich bezecht bin. Kstlich! ber alle Begriffe kstlich! Das ist der Finger
Gottes! Ich soll in mich gehen! Ein ausgezeichneter Fingerwink! Eine sublime
Ironie!:
    Halt ein mir dem Suff, sonst kriegst Du die Moral!
    Man kann nicht deutlicher sein. Oh ja, es giebt eine Vorsehung, meine
Herrschaften!
    h, pfui Teufel.


                                Viertes Kapitel

Eine kalte Mrznacht; Regen, Wind und zerfetzt jagende Wolken. Das Theater ist
aus. Karl Husser aus Mnchen hat den Falstaff gegeben, und trotz des
abscheulichen Wetters ist es den Leuten, die aus dem Theater kommen, behaglich
zu Mute. Auch Girlinger ist darunter. Eben spannt er den Regenschirm auf, um
seinen Cylinder und den neuen langen englischen berzieher zu schtzen, da tritt
Stilpe an ihn heran. Er hat keinen berzieher, und statt der gelben Mtze sitzt
ihm ein alter Schlapphut auf dem Kopfe. Seine Hosen sind unten ausgefranzt,
seine Stiefel zerrissen, statt Kragen und Shlips trgt er ein wollenes Halstuch.
    Girlinger erschrickt, wie er ihn sieht, und macht eine Bewegung, als wolle
er davon.
    - Aber es ist ja dunkel, Herr Referendar! Du wirst Dich nicht
kompromittieren, und ich werde Dich nicht einmal anpumpen, denn die zwei Mark,
die Du mir spenden wrdest, helfen mir nichts. Aber reden mcht ich n bischen
mit Dir. Mir ist, als htten wir uns eine gute Weile nicht gesehen.
    - Ich wute nicht, da Du noch hier bist. Ich glaubte...
    - Was glaubtest Du? Geniere Dich nicht...
    - Nun, ich dachte, Du wrest vielleicht...
    - Nach Amerika? Oder zur Schutztruppe?
    - Ich meinte, Du wrest fort.
    - Fort! Sehr gut! Aber siehe, noch ist er da! Ja: Bleibe im Lande und nhre
dich redlich, wenn Du kein Reisegeld hast, mein Sohn... Wo gehst Du hin?
    - Nach Hause.
    - Ah so! Nach Hause. Das klingt ungemein nett. Sag mal, Du hast doch einen
Hausschlssel?
    - Gewi.
    - Schn. Dann kannst Du mir wohl ein paar Viertelstunden schenken?
    - Eigentlich habe ich keine Zeit, da ich morgen Sitzung habe und mich noch
etwas in den Akten umsehen mu.
    - Sitzung! Akten! Nein, da ich mit solchen Wrdentrgern umgehen darf! Wenn
Leipzig russisch wre, wrst Du sicher schon Beamter der achten Rangklasse.
    - Ja, wenn Du mich verhhnen willst...
    - Nein, Girlinger, wirklich nicht. Nee. Ich bin so matsch... Weit du, meine
Stiefeln haben nur noch nominell Sohlen, und Abendbrot hab ich auch noch nicht
gegessen. Da sollte ich hhnen? Nein, ich hhne nicht.
    - Aber, Mensch, wovon lebst Du eigentlich?
    - Sei unbesorgt: Louis bin ich nicht, obwohl... na, gleichviel. Du warst im
Theater?
    - Ja.
    - Ich auch.
    - Wie? Obwohl Du kein Geld zum Abendbrot...
    - Ja, die Kunst, mein Lieber! Die Kunst! Ich bin nmlich Aushilfsstatist.
Hast Du mich nicht bemerkt? Gelbe Schlappstiefel und einen grnen Busch. Ho!
Wenn nur die Wmmser nicht so stnken.... Aber, was: Der Husser, das ist ein
Kerl! Wie? Es ist gemein von Heinrich, diesen Falstaff am Schlusse zu
behandeln... man knnte heulen! berhaupt: Das ganze Stck wird zur Tragdie
durch diesen Schlu. Und diese Parkett- und Galleriewanzen fhlen das gar nicht.
Oder etwa Du? Oh nein! Welch eine Genugthuung, da das fette Laster sein Teil
kriegt. Widerlich. Auch Shakespeare war ein kluger Herr und verstand das
Geschft wie Ludwig Fulda. h! Mich hats gejuckt, laut aufzuschreien und diesem
grnen Tugendprotz von Heinrich meine Schlappstiefel an den Kopf zu werfen.
    - Ein angenehmer Effekt.
    - Ja, aber er htte mich meine knstlerische Position gekostet. Nein, ich
darf Shakespearen keine Gemeinheit vorwerfen. Ich bin auch ein rechnendes
Schwein. Mangelnde Abendbrote demoralisieren.
    Girlinger fing an, einen psychologischen Bissen zu ahnen. Es mute wohl
interessant sein, das Problem der Verlumptheit an einem konkreten und dabei
einigermaen vertrauten Fall zu studieren. Er liebte solche Studien, wenn sie
bequem gemacht werden konnten. Also lud er Stilpen ein, mit ihm in ein Lokal zu
gehen und Abendbrot zu essen.
    Stilpe nahm diese Einladung mit Lebhaftigkeit an:
    - Mensch, wie schn sind Deine Gedanken! Und ich hielt Dich keines Schwungs
fr fhig! Verzeihe mir! Aber Du mut das Lokal mich bestimmen lassen. Nur ist
es schwer, denn Dein Cylinder pat nicht in meine Milieus... Aber es geht schon.
Die Gosenstube in der Klostergasse ist ein Rahmen, der fr Dich und mich pat.
Auch giebt es dort wunderbare Sooleier und einen Nordhuser, der die Seele mit
feurigem Besen fegt. Du hast das ja nicht ntig; Deine Seele ist rein; dafr
kannst Du Dich ja an die milde Gose halten. Ich aber werde mich auf Deine Kosten
gewaltig ausfegen.
    Sie gingen in die Gosenstube und fanden einen leeren Tisch. Stilpe a mit
Heihunger und sehr viel, die Gose aber benutzte er nur als Vorwand fr eine
groe Anzahl von Nordhusern, die er mit Kutscherschwung zu sich nahm, wobei
es stets den Anschein hatte, als wolle er das Glas mit verschlingen.
    Im Lichte der Gasflammen sah Girlinger, wie ihm die letzten drei Jahre
zugesetzt hatten. Das unrasierte Gesicht fahl und aufgedunsen, die Lippen
blulich, die Augen scheinbar kleiner geworden und sehr unstt. Eine zuckende
Unruhe im ganzen Wesen, zumal in der Bewegung der Hnde etwas ziellos Fahriges.
Aber der Nordhuser schien zu beruhigen. Zuletzt bekam Stilpe sogar seinen alten
Zug von souverner Ironie und die gewisse, etwas zu deutlich markierte vornehme
Lssigkeit der Gesten. Zumal den Rauch der Cigarre blies er ganz wie frher so
grandios und dabei mit Genumiene von sich. Auch seinen alten Stil gab ihm der
Nordhuser ungefhr wieder.
    - Ja, mein Teurer, bis auf diese etwas kleckerige Bank da habe ich mich
glcklich hinabavanciert, seitdem diese lieblichen Idioten mit den gelben Mtzen
mich hinausgethan haben: Wie heit es doch: c.i., das ist cum infamia. Nun ja:
Eine reizende Phrase. Ich htte die ganze Sache mehr von diesem sthetischen
Standpunkte ansehen sollen. Und wie nett das eigentlich war, ich meine, wie gut
es dieses brave Schicksal eigentlich gedeichselt hat, wie mtterlich
vorbereitend. Erst diese Jnglinge mit ihrem Mikrokosmos von Bierjudikatur, und
drei Monate spter dieser Makrokosmos des Senats der freundlichen Alma mater.
Nochmal c.i. So sind die Naturgesetze. Du verstehst mich doch?
    - Ja, aber sag mal: Hast Du denn wirklich...?
    - In der That: Ich habe wirklich.
    - Aber Mensch, Du mutest doch bedenken...
    - Was mute ich bedenken? Da die Kasse der gelben Mtzen nicht meine Kasse
war? In der That! Dieser Umstand war mir nicht verborgen. Aber ab 1: Eine andre
Kasse hatt ich leider nicht und ab 2 schwang mich die Wiege der Zuversicht, das
biedere Cnacle, inclusive die beiden kapitalkrftigen Barbemuches, wrden mich
momento quo (das ist mein Privatlatein) nicht in der Gallpfelsauce sitzen
lassen. Ein falsches Calcul, mein Holder, und wenn Du ein bischen in der
Weltgeschichte bltterst, wirst Du die Erfahrung machen, da so was schon
manchmal mehr als eine gelbe Mtze und eine Matrikel gekostet hat. brigens wre
ich wirklich beinahe der honorigen Studentenschaft erhalten blieben. Aber nicht
immer vermgen die Unterrcke zu retten, was die Hosen versehen haben.
    - Das verstehe ich nicht.
    - Trste Dich: Ich werde es Dir gleich erzhlen. Erinnerst Du Dich an meine
erste Liebe?
    - Welche?!
    - Die chronologisch erste... Ich habe es Dir wie jedem Andern damals
unfehlbar erzhlt. Josephine hie sie.
    - Ach so, die, wo Du erst acht Jahre alt warst, in dem Dresdener Institut?
    - Przis die. Josephine. Buschkleppern seine. Dieser Engel hat mich retten
wollen. Es ist zweifellos rhrend.
    - Aber wieso denn?
    - Sehr einfach. Du erinnerst Dich, wie ich euch damals die ganze Sache klar
machte. Nicht wahr? Ich sprach doch, wie Cicero und Catilina in einer Person. Es
war einer meiner Hhepunkte. Ein paar Anakoluthe hab ich noch in der Erinnerung.
Nun, ihr wart mit Talg gepanzert. Es rollte Alles ruhig ab. Besonders Du warst
ein groes Achselzucken. Hehe, famos hast Du das gemacht, mein Liebling! Prost!
Dafr sollst Du heute noch viele Nordhuser bezahlen. Also schn. Ich raste ab.
Du mut Dich daran erinnern. Ich habe in meinem Leben das Wort Schweinehunde!
nie wieder so schn tremoliert. Und berdies warf ich Dir ja ein Bierseidel an
den Bauch. Nicht wahr, Du erinnerst Dich deutlich?
    - Ja, Du warst noch unflthiger, als sonst.
    - Das ist mir lieb, zu hren. Aber sela! Als ich drauen war, sagte ich mir:
So, die Sache ist nun fix; wo trst ich meine Seele? Und da besuchte ich denn,
aber Du darfst nicht rot werden, Referendar, jene Hausbesitzerin, von der wir
manchmal gesungen haben:

Warum ist Deine Laterne wie Blut so rot, Amalie?

Du hast das sehr schn singen knnen, mein Engel, und oft habe ich Dich im
Scheine dieser Laterne stehen sehen, berglht wie von der Morgenrthe. So
magisch wirst Du nie wieder aussehen, nie! Und darum prost und sela! Apropos: Du
bist doch verlobt?
    - Das gehrt wol nicht hierher.
    - Nein, es fiel mir in diesem Zusammenhange blos so ein. Weit Du, mir fllt
immer das Ungehrige ein, hehe. brigens fange ich an, in Stimmung zu kommen,
und da rutschen mit immer die Gedanken aus. Wart mal, wovon sprach ich doch.
Richtig: Von Deiner Braut! Ist sie wieder gesund?
    - Sei nicht albern. Du sprachst von dem Hause dieser alten Bettel, dieser
Amalie.
    - A-ma-li-eh! Richtig! Und, da ich damals hinging, wie ihr mich verstoen
hattet. Richtig! Ich bin im Gleise wie die Pferdebahn. Nun gerade aus! Hh! Brr!
Ulrichsgasse! Alles aussteigen! Ah! Was giebts Neues, Mutter der Houris? Wa-as?
Wer ist denn das da? Ruhe! Na ja, is gut...
    - Mensch, Du phantasierst ja.
    - Roll mir ein paar Sooleier her, und ich steige auf die Erde
    Er a ein paar Sooleier und kam zu sich.
    - Also denke Dir: Ich gehe mit einem Mdchen hinauf und unterhalte mich mit
ihr. Sie gefiel mir nicht etwa. Nein, sie gefiel mir gar nicht. Sie war so, ich
wei nicht, so fatal drr und, ja, Glsern. Sie hatte entschieden grne Augen
und unendlich viel Sommersprossen. Aber um den Mund rum hatte sie so was
Verchtliches, als ob er schon oft vor Ekel ausgespuckt htte. Weit Du, wer so
einen Mund gehabt hat? Unser alter Freund Brne.
    Also, sie setzt sich aufs Bett und sagt: Na?
    - Hm, sag ich, schenken wir uns das!
    Sie guckt mich gro an.
    - Weit Du was, sage ich, Du kannst mir dafr Deine erste Liebe erzhlen.
    - Ich? sagt sie, ich habe gar keine erste Liebe gehabt. Gerade, wies anfing,
wars aus!
    - Nee, sage ich, so was! Das mut Du mir nun grade erzhlen.
    Sie wollte durchaus nicht, aber ich hatte die Gabe der Eindringlichkeit,
weit Du, mit ein bischen Schauspielerei und ein bischen Gefhl neben dran. Denn
ich war ja immer gefhlvoll neben dran, hehe. Und so erzhlt sie mir denn...
aber das war wirklich... hol mich der Teufel noch einmal!... ich dachte, ich
wre endlich wieder mal betrunken... ja, denke Dir: Sie erzhlt mir meine
Geschichte von damals! Ganz genau! Unterm Katheder und dann im Garten!
    Ich kriegte direkt Angst. Ich packte sie an den Handgelenken und sah sie so
frchterlich an, da sie aufschrie. Und da nannte ich ihren Namen, den
richtigen, und dann meinen.
    Nordhuser! Nordhuser!
    Er war ganz aufgeregt.
    - Wie sie mich da ansah! Die grnen Augen wurden tiefblau und strahlig. Und
mit einem Male lag sie mir am Halse und heulte, da ich denke, sie luft aus.
Und stammelt und stottert und klappert mit den Zhnen. Herrgott! In meinem Leben
habe ich ein fremdes Leben nie wieder so gefhlt. Mir wars, als htte ich ihr
Herz leibhaftig und blutend und stoend in meiner Hand, und es rnne mir ber
die Finger.
    - Du Windelband! Glotze gescheidter. Hehe! Dieser Referendar ist ergriffen!
    Er lehnte sich zurck und blies den Cigarrenrauch lachend von sich.
    - Komisch! Furchtbar komisch! Was? Das Leben ist talentvoll. Es macht die
schwierigsten Sachen ohne allen Apparat. Schmeit da zwei Zerschmissene
aufeinander und sagt: Da habt ihr euch!
    Er sah Girlingern blinzelnd an:
    - Nicht wahr, die Geschichte ist ein paar Nordhuser mit Sooleiern wert?
Aber mir wird sie langweilig. Was kam auch noch? Ich hatte das Stichwort und go
nun meine Geschichte von mir: So, na und dann bist Du also geflligst bald
dorthin gekommen, wo Du jetzt bist, mein teures Mdchen; bon! Des Herrn Wege
sind unerforschlich, und: Wer wei, wozu es gut ist, sagt der Christ. Ich
aber... Ach, ich mag nicht mehr erzhlen! Kurz und gut, wie sie erfuhr, was mir
bevorstand, wollte sie das Geld aufbringen. Viel Gesuche in allen Kasten, dann
Geschrei und Gebettel bei Madame Amalie... Satis superque, es langte nicht.

Die Beiden schwiegen eine Weile.
    Dann Girlinger: Und, was hast Du dann eigentlich getrieben?
    - Ich? Getrieben? Welch ein Tropus! Ich habe mich treiben lassen. Ach so, Du
willst wissen, was ich gewesen bin? Hh! Reichskanzler nicht!
    - Haben denn Deine Eltern...?
    - Ich habe eine Schmetterlingssammlung geerbt. Es waren ein paar reizende
Kerle darunter. Das andre hat beinah fr die Schulden gelangt.
    - Warum bist Du nicht unter die Journalisten...
    - Du siehst doch, da ich noch unter die Journalisten gegangen bin.
    - Aber, Mensch, Du hast doch Talent!
    - Aber das Leben hat noch mehr, wie ich mir schon ein Mal zu bemerken
erlaubte. brigens, mein Sohn, irrst Du Dich, wenn Du denkst, ich bin unter den
Rdern. Ich bin blos zwischen dem Romist. Du brauchst mir nur das Reisegeld
nach Berlin zu leihen, und ich strze Herrn Bleibtreu. Oh, es kommt schon noch
die Zeit, wo ihr mit einigem Stolze sagen werdet: Den berhmten Stilpe kenn ich!
Das ist ein Freund von mir.
    Deinen Nordhusern von heute wirst Du es zu verdanken haben, wenn ich Dich
dann nicht verleugne.


                                  Viertes Buch

                                   Ecce poeta

                    Reich mir einen Lorbeerkranz, Schicksal,
                                   oder aber
                             Einen Bund voll Haber.
                      Aus Stilpes zerstreuten Weisheiten.

                                 Erstes Kapitel


Ein junger Lyriker und ein noch jngerer Dramatiker saen im Caf Kaiserhof in
Berlin und errterten die Zukunft der deutschen Litteratur. Da ging ein Herr an
ihrem Tisch vorber, und der Lyriker hielt mitten in der Bemerkung, da erst
nach vlliger Austilgung der Tagespresse wieder an eine anstndige Litteratur zu
denken sei, inne, um diesen Herrn, der sehr elegant gekleidet war und ein etwas
blasiertes Wesen zur Schau trug, mit tiefer Verbeugung zu begren. Der Herr, an
dem eine Flle schwarzer, weit in die Stirn gekmmter Haare und ein Klemmer mit
sehr breitem schwarzem Bande besonders auffiel, sagte mit einem schiefen
Lcheln: Nchste Woche kommen Sie dran! Die freien Rhythmen habe ich schon klein
gehackt. Man thut, was man kann.
    Der Lyriker machte noch eine Verbeugung und wollte etwas sagen, aber da war
der Herr mit dem schwarzen Klemmerbande schon weiter gegangen. An einem
Ecktisch, wo der Kellner bereits den Absinth filterte, lie er sich nieder.
    - Wer war denn das? fragte eifrig der Dramatiker.
    - Kennst Du denn den nicht! antwortete erstaunt der Lyriker: Stilpe!
    - Was? Den Kerl grt Du? Dem schickst Du Deine Bcher? Das ist ja der
infamste Hund, der je kritisch gebellt hat!
    - Schrei doch nicht so! Mit dem ist Freundschaft besser als Feindschaft.
brigens hat er wirklich Geist.
    - Ach was: Geist! Ein Molch ist er! Eine niedertrchtige Bestie! Ein
impotenter Neidbold, der sich einbildet, mit Schnoddrigkeit alles totmachen zu
knnen. Die Reitpeitsche gehrt ihm! Eine Witzwanze ist er!
    - Was hat er Dir denn gethan?
    - Mir wird er erst noch was thun, aber ich hasse ihn schon vorher. Dieses
Gezcht mu ausgerottet werden, Du hast es ja vorhin selber gesagt!
    - Bitte recht sehr! Ich war noch nicht fertig! Leute wie Stilpe nehme ich
aus. Er ist freilich ein Pamphletist, aber, zum Teufel, er hat einen alten Hut
voll Talent.
    - Ich pfeife auf diese Art von Talent, hinter dem kein Charakter steckt.
Galle, Neid und Grenwahn, nichts weiter! Den alten Hut haben hier Viele auf.
    - Du irrst Dich, es steckt mehr dahinter. Stilpe ist eine der
interessantesten Erscheinungen in der Berliner Litteratur. Ein giftiges Aas,
meinetwegen! Aber: Unerschrocken! Kennst Du denn seine Karrire?
    - Ach was! Er wird sich durchgebohrt haben wie alle diese Holzpapierwrmer.
    - Urteile doch nicht so ins Blaue! Ich sage Dir offen: Ich habe Respekt vor
dem Mann!
    - Oder Angst.
    - Unsinn! Respekt sage ich.
    - Auch Hochachtung?
    - Ach! Hochachtung. Vor einem Kritiker hat man nie Hochachtung. Aber er
imponiert mir. Die Art wie er sich durchgesetzt hat, gefllt mir, weil sie
beweist, da ihm der ganze Journalismus nur eine Gelegenheit zu Stilbungen ist.
Vor drei bis vier Jahren ist er hier in einem Coupe vierter Klasse angekommen,
ganz abgerissen, ohne die geringsten Verbindungen. Als Reporter hat er
angefangen, d.h. eigentlich blos als Hilfsreporter, und bei was fr Blttern! Es
heit brigens, da er damals in verschollenen modernen Reven Gedichte
verffentlicht hat. Jedenfalls hat er, whrend er hier beim literaraischen Tro
mitschuftete, nach auswrts in Litteraturblttern die unerhrtesten Brandartikel
geschrieben, als wre er der heimliche Kaiser der deutschen Litteratur. Ich sage
Dir: Dreck und Feuer, aber angemacht mit Flammpunsch! Durch eine Serie von
Ohrfeigen, die er von einem Schauspieler kriegte, wurde er berhmt.
    - In der That: Imposant!
    - Ist es auch! Denn diese Ohrfeigenserie war nichts weiter als ein
abgekarteter Coup, wie sich spter herausstellte. Er und der Schauspieler
prgelten sich programmmig nach gemeinsam aufgestelltem Regieplan und zwar mit
nachdrcklichster Naturtreue. Wie der Streich geglckt und ihr Name in allen
Zeitungen war, fuhren sie zusammen in einer offenen Droschke durch die
Friedrichstrae und Stilpe lie eine hchst amsante Ehrenerklrung, die von
Witz sprhte, durch die Bltter laufen, und die Aufmerksamkeit der Redaktionen
galt nun nicht mehr seinen Ohrfeigen, sondern seinem offenbar groen
journalistischen Talent. Er kam an einem konservativ-antisemitischen Blatte an
und schrieb nun das boshafteste Zeug, was sich nur denken lt, gegen die
koschere Litteratur. Er hat geradezu den antisemitischen Knppelstil erfunden.
Und auf einmal, wie mit einem Krach, sa er auf der anderen Seite und drasch auf
die Antisemiten los, da es nur so knackte.
    - Na, das ist doch der Cynismus der Charakterlosigkeit in frechster Form!
    - Aber es hat Stil, mein Junge, und, brigens: Denkst Du heute noch ber
Arminius so, wie in Sexta?
    - Erlaube mal, damit lt sich jede Kuflichkeit entschuldigen.
    - Ich behaupte ja nicht, da er ein moralisches Exempel ist. Er ist ein
Landsknecht der Feder, jedem zu Diensten und in jedem Dienste ein Draufgnger.
Wie ein General zur Zeit der italienischen Renaissance, der seinem Feldherrnstab
bald das, bald jenes Wappen als Knauf aufsetzte, so schwang er bald diese, bald
jene Fahne. Aus dem Raddau-Antisemiten und fortschrittlichen Losgnger wurde
erst noch eine Art litterarischer Volkstribun der Sozialdemokratie, und es
schien, als wrde er dabei stehen bleiben. Es schrieb damals mit einer
merkwrdigen nchternen Hrte und hieb besonders auf den Bourgeois-Anarchismus
der jungen Litteratur los. Aber pltzlich ein wilder Quersprung, und er
enthllte die Kunstfeindlichkeit der Sozialdemokratie mit einer solchen
Unerbittlichkeit und bekannte so flammend seinen Irrtum, da man wirklich
glauben mute, er sei vom Geiste aller freien Knste apollinisch besessen.
Seitdem datiert sein Ruf als litterarischer Kritiker. Er verlie die Politik und
wurde der Schrecken der Belletristen. Er fing an, fein zu werden, Du verstehst
mich: Fein im Berliner Sinne, also witzig und scharf. Natrlich mu er
infolgedessen mehr verreien, als loben. Kritik ist Scheidekunst sagt er; also:
Scheidewasser her! Aber gerade deshalb liebt ihn sein Leserkreis.
    - Und das findest Du also imposant!
    - Nein, das gerade nicht, aber diese ganze Schamlosigkeit, mit soviel Witz
und frechem Mute vertreten, zwingt mir sehr viel mehr Respekt ab, als die
langweilige Leisetreterei der furchtbar ernsthaften Leute, die konsequent und
reputierlich sind, weil ihre Beschrnktheit es nicht anders gestattet. Sie
schulmeistern die Literatur, er macht sich ber sie lustig. Nenne ihn einen
Lump, aber ist er es in Grofolio, und wenn Du etwa sagen willst, da er Schaden
anrichtet, so behaupte ich, da er das Interesse fr Litteratur hundertmal
strker anregt, als die anstndigsten kritischen Registratoren. brigens
interessiert er mich im Grunde als Mensch. Ich bin zwar blos Lyriker, aber ich
wittere hier einen tragischen Fall.
    - Kstlich! Wenn ein Lyriker es mit der Phychologie hlt! Jaja! Ich sage
Dir, dieser Mensch fhlt sich in seinem Salonrocke unendlich wohl und verachtet
die gesammte schpferische Litteratur, wenn er nur immer gengend hohes
Zeilenhonorar kriegt, um gut essen und trinken zu knnen. Die Absinth-Flasche
hat er schon bald leer.
    - Ja, man sagt, da er suft, und das sttzt wieder meine Meinung von der
Tragik, die hinter diesem Menschen steckt.
    - Du bist wirklich ein Lyriker.
    Dann sprachen sie wieder von der Zukunft der deutschen Litteratur.

Der psychologische Lyriker hatte recht: Stilpe fhlte sich in seiner bevorzugten
Lage sehr unglcklich.
    Er lebte allerdings sehr gut, seitdem er in der Feuilletonmange die Pausen
durch schwierige Scherze ausfllte, wie er sein kritisches Amt umschrieb. Er a
bei Kempinsky, lie bei einem englischen Schneider arbeiten, trank nur
ausgesuchte Spirituosen und hatte, wenn auch kein stndiges, so doch eine Art
von Wanderharem wohlassortiert.
    Da darunter keine eigentliche Geliebte war, empfand er nicht als Mangel.
Dieses Bedrfnis hatte er nicht, wenn ihn auch manchmal so etwas wie Sehnsucht
darnach anwandelte.
    - Vielleicht wre es gut, wenn ich mich einmal richtig verliebte, sagte er
sich; das wre doch wenigstens ein Surrogat fr das Andere. Aber es gelang ihm
nicht.
    Was aber war das Andere?
    Ein paar Stellen seines Heftes der Aufrichtigkeiten geben darber
Aufschlu.
    Dieses Heft legte er zu dem Zeitpunkte an, als seine Stellung anfing,
gesichert zu werden; und das war dieselbe Zeit, um die er begann, sich
unzufrieden zu fhlen.
    Auf der ersten Seite stand dies:
    Jede Pflichtgewohnheit ist gemein, also auch das Lgen, als welche Kunst
ich jetzt gewerbsmig und, wie ich mir sagen darf, nicht ohne Begabung, aber
ich will ja hier ehrlich sein, also: Mit ungewhnlichem Talente betreibe.
Deshalb will ich wenigstens zuweilen diese Gewohnheit brechen und auf diesen
Blttern die Wahrheit sagen.
    Da ich auch dabei lgen werde, versteht sich am Rande. Aber diese Lgen
werden eine eigene und amsante Nance haben.
    Ich stelle es mir sehr anmutig differenziert vor: Lgen, die Wahrheiten sein
wollen, aber nicht daran glauben, und Wahrheiten, die sich selber keineswegs
trauen, aber ihrer Lgenhaftigkeit immerhin nicht ganz sicher sind und sich
manchmal im Stillen zweifelnd sagen: Wer wei, am Ende sind wir wirklich wahr?
    Eine liebliche Sorte Schlinggewchs also, - mein Gehirn mag eine hnliche
Struktur haben.

Es scheint wirklich: Der Mensch lebt nicht von Brot allein und auch nicht von
dem, was besser schmeckt; er braucht ein Ziel, was er lieb hat, um glcklich
zu sein. Aber er mu dran glauben.
    Beispiel: Ich war glcklich, als ich das Ziel lieb hatte, ein - Dichter zu
werden, obwohl ich damals lauter Schulden und keine Aussicht hatte, sie zu
zahlen.
    Oder: Ich war glcklich, als ich das Ziel lieb hatte, ganze Stiefeln zu
bekommen. Und ich hatte doch nichts zu essen.
    Nun aber: Bitte, wo ist das Ziel, das ich lieb htte? Ganze Stiefeln hab
ich, und ein Dichter mag ich einstweilen nicht werden... Alles wste und leer...
    Das Ziel, einen Rausch zu bekommen...!...?
    Ach, wie erbrmlich sind jetzt meine Rusche! Ich trinke, weils schmeckt,
und das ist niedrig neben dem eigentlichen Ziel des Trinkens, dem groen Rausch.
    Vielleicht Morphium? Aber ich frchte den Selbstmord... Meine Krankheit
heit berhaupt Feigheit... Ich habe mich zu sehr an Kempinsky gewhnt...
    Halt! Ich werde nach Dressel streben! Jede Woche zwei Feuilletons mehr, und
es geht!...
    Ach, wie kmmerlich und einfltig! Bin ich denn schon ganz verbldet? Jeder
Tag Dressel, das wre ja eine Rohheit und unsagbar stmperhaft. Ich wrde mit ja
selbst die Mglichkeit zu Magen idealen rauben...
    Also: Ideale fehlen mir? Schau, schau, wie tugendhaft ich bin...
    Unsinn: Ideale! Schon das Wort ist die verkrperte Maulsperre: I... e... a!
Pfeifen wir lieber darauf!...
    Aber das schwei- und lustlockende Ziel... Sollte es die Liebe sein, die
Li-a-bee? Oh nee!
    Indessen... manchmal..?... hm...!...
    Krzlich liebte ich sehr stark in der Gegend des Weddings. Ich zog mich
schlecht an (wie schade, da ich meine letzte Leipziger Garderobe nicht mehr
habe!) und entzndete den Scharlachfeuerbrand bei einem recht sen Ding von
Mantelnherin.
    Oh ja, es hatte was. Die Armeleutliebe hat ihre Reize wie die
Armeleutmalerei, und ich kam mir vor wie der dicke Commerzienrat Ratz, der einen
Uhde in seinem Speisezimmer hngen hat. Er vertritt ihm die Stelle des
Tischgebets. Aber ich bin wohl nicht so christlich veranlangt wie der
Commerzienrat. Ich zog mich wieder in die Nhe des Wintergartens zurck...
    Nein, die Liebe ist es nicht... Zur Liebe bin ich jetzt entschieden zu
sthetisch geworden... Oder zu niedertrchtig? Nur keine Gne, werter Freund!
Den Sport will ich mir wenigstens bewahren, da ich mich selber beim rechten
Namen nenne.
    Und jetzt will ich zu Emmy gehn, die mich Caviarbrdchen nennt.

Ich nhre mich jetzt hauptschlich von Lyrikern, und was ich dann von mir gebe,
ist das Entzcken meines reizenden Publikums. Nichts erfreut es so von Grund
aus, als wenn man ihm einen gerupften Dichter vorsetzt.
    Es besteht also in dieser deutschen Welt von heute immer noch eine Art Neid
gegen diese Profession?
    Und, wenn ich mir selber auf die Plombe fhle: Beneide ich das Geflgel
nicht auch im Grunde ein bischen? Zumal die, die sich so verdorben stellen und
so selig in der Einbildung sind, gewaltige und verruchte Snder zu sein, - sind
sie nicht wirklich beneidenswert? Kerls, die sich noch geieln knnen, mu man
die nicht beneiden?
    Und berhaupt dieses Behagen, sich in Versen auszuschwemmen. Es ist ganz
sicher eine ejakulative Wollust.
    Und der Rhythmus ist das Leben,
    Und die Prosa ist der Tod...
    Hol sie der Teufel! Sie genieren mich. Sie erinnern mich an Zeiten, da ich
gerade so dumm und pueril war wie sie, und ich finde, es ist ungerecht, da ich
leiden mu, weil ich klger wurde...
    Also: Ich leide? Sehr schn gesagt. Ein dekoratives Wrtchen. Schon die
Stimmgabel zum lyrischen Gesang.
    Ich werde mir auch so eine dicke schwarze Halsbinde kaufen, die Einem so was
Biedermeierischhalbabgewrgtes giebt und zur lyrischen Livre von heute gehrt.

Im Grunde genommen, werter Herr, sind Sie den Idealen Ihrer Jugend ein wenig
untreu geworden. Fanden Sie nicht dermaleinsten, da es die Gemeinheit der
Gemeinheiten sei, ein Dichter sein zu knnen und um der besseren Speise- und
Weinkarte willen ein Journalist zu werden?
    Ganz richtig. Nur erlaubt sich irgend wer die Frage: Kann ich denn ein
Dichter sein?
    Lcherlich! Hchst lcherlich! Sind Sie ein Lump, da Sie sich verstellen?
Wissen Sie nicht ganz genau, da Sie ein Dichter wren, wenn Sie nicht, leider,
es fr bequemer hielten, ein Schubiak zu sein?
    Hm; vielleicht nehmen wir blos ein Schlammbad! ... So zur Austreibung bser
Sfte, wissen Sie ...
    Aber wer hat es Ihnen denn verschrieben?
    Meine Natur, meine schlechte, niedertrchtige, gemeine Natur. Durch Schlamm
zum Rosenl! sagt sie.
    Reizend, in was fr Tropen Ihre Natur lgt. Aber: Sie glauben ihr doch
nicht?
    Ich wo! Ich kenne sie ja.

Es fngt an, geschmacklos zu werden, wie unwohl ich mich fhle.
    Mein Ruhm stinkt zum Himmel, da Pietro Arretino vor Neid semmelblond wird,
meine Honorare knnten einem Cirkusklown den Schlaf rauben, mein Stil, dieses
Gemchte aus Sprachnotzucht und Drehkrankheit, wird mehr kopiert, als die
sixtinische Madonna, - und ich bin der Gelbsucht nahe.
    Was, zum Teufel, sitzt mir in der Leber!?
    Oh, ich fhls! Es ist ein Ekel an dieser Comdie, die ich aus mir gemacht
habe mit dem Vorsatz, sie vom Repertoire zu streichen, sobald ich genug an ihr
htte, und die ich nun Tag fr Tag seit Jahren spielen mu, weil ich sonst
hinter die Coulissen geschmissen wrde.
    Ein schundgemeines Kassenstck, aber wehe, wenn ich ein anderes gbe!
    Es gilt nur die Frage: Verlohnt die Einnahme wirklich den Ekel? Wre es
nicht besser, ich trte endlich einmal vor und spiee dem werten Publikum ins
Gesicht?
    Hollah! Amende gbe das erst recht einen Erfolg, und ich wre obendrein die
Ekelplage los?
    Wie, wenn ich Va-banque spielte?

Ich sehne mich nach Unordnung, nach Verrcktheit, nach dem Gelchter derer, die
nichts zu verlieren haben.
    Ah, Du altes, treues Wort: Bohme! Ein gelangweilter Lump zu sein, ein Lump
in Wohlsein und ngsten vor dem bischen Daseinsgefahr, - wie schaal und schbig!
Aber ein lachender Lump, ein kniglich selbstherrlicher Lump mit leerem Beutel
und den Taschen voll Hoffnung, ein dichtender Lump, ein Lump voll Laune und
nrrischen Plnen, ein freier Lump mit der Grazie des selbstbewegten Lebens, -
wie kstlich und gro!
    Bohme! Bohme! Der Gedanke lt mich nicht mehr los: Heraus aus diesem
behbigen Lumpentum und hinein in freche Abenteuer!
    Ich mu mich wieder berauschen knnen und nicht blos trinken.
    Ich mu wieder einen Kreis um mich haben, in dem man betrunken wird an sich
selber.
    Diese schweren Weine machen faul, diese Champagner lgen blos von Ruschen,
diese kostbaren Likre sind wie Seidenpolster, in denen man versinkt, ohne da
man glaubt, Houri-Arme schlngen sich um Nacken und Brust.
    Was ist das fr ein Leben! Kein Ruck und Zuck, kein Taumeln und Drehen.
Geradehin, auf Gummirdern, hinter verschlossenen Kaleschenfenstern, allein.
    Diese Collegen! Wie ernst! Wie bedeutend! Beamte der ffentlichen
Meinung. Richter im Reiche des Schnen. Staatsanwlte des Geistes. Pioniere des
Fortschritts. Enkel Lessings. Verantwortliche Redakteure der Moral. Oh, ihr
...!
    Na! Ich kenne euch doch? Ihr habt doch allerhand Respekt vor mir? Ich
unterstehe doch annoch makellos eurem Ehrengerichte? Wit ihr denn nicht, da
ich tglich Unzucht mit allen Lastern des Witzes treibe? Warum werft ihr mich
denn nicht hinaus?
    Solltet ihr ... auch ...? Blos nicht mit soviel Frechheit ...?...
    Wie, wenn ich einmal meine Comdie, die ja ein Stck der euren ist, ohne
Schminke auf eure Papierbhne brchte? Wenn ich die litterarischen Hungerleider,
die von Gnaden des Elends noch anstndig sind, aufriefe gegen die gewrdeten
litterarischen Beutelschneider und Gaudiebe? Wenn ich zeigte, was fr Wsche
unter den schnen Rcken der Wrdentrger der ffentlichen Meinung steckt? ...
    Halt! Das ist Stil fr die ffentlichkeit; ich kann die Passage in meiner
Brochre verwenden, die ich wie einen Klotz in den Tintensumpf werfen will.
    Ah! Da haben wir ja schon Plan und Titel: Eine Brochre: Der Tintensumpf.
Schon bin ich inspiriert!
    Aber hier wollen wir doch lieber nach Mglichkeit ehrlich sein, - was habe
ich also vor!? Wenn ich es mir recht berlege: Ich will mir, da ich von dieser
Bhne abzutreten gesonnen bin (bin ichs wirklich?) einen guten und womglich
praktischen Abgang verschaffen. Ich will sensationell abtreten, um - drben ein
anderes gutes Engagement zu bekommen?
    Nein, das nicht.
    Aber es wre vielleicht mglich, da mir dieser Abgang die Mglichkeit gbe,
eine eigene Bhne, eine Protestbhne zu grnden.?... Hm. Die Perspektive ist gut
... Geht die Brochre, so findet sich wohl ein spekulativer Herr, der mir meine
eigene Zeitung grndet: Die Zeitung der Zurckgewiesenen, das Blatt der Bohmes
auf jedem Gebiete...
    Und: Kein Zweifel, da die Brochre gehen wird! Welcher Skandal ginge nicht?
Aber ich mu rcksichtslos sein, wie ein Wilder und boshaft wie ein Affe.
    Sagen wir ruhig: Es mu ein braves Pamphlet sein.
    Machen wir! Ist nicht der Tintensumpf unleugbar? Bin ich mir nicht das
schnste Modell? Hat mich dieser Sumpf nicht ruiniert?...
    Der Teufel, ich komme immer in den Stil fr die ffentlichkeit. Ich bin
wirklich allerliebst eingeseucht; es scheint, ich kann mir schon selber nicht
mehr die Wahrheit sagen. Aber fr diesen Zweck ist das eigentlich ausgezeichnet!
Ich werde teilweise unbewut lgen, und eine unbewute Lge knattert viel
strker als zehn bewute Wahrheiten.
    Eben rieb ich mir die Hnde. Es scheint, die Bsewichter auf dem Theater
sind echter, als wir glauben.
    Bsewicht! Ich mchte jetzt mal in den Spiegel sehn.
    Wie sonderbar aufgeregt ich bin. Rein wie betrunken. Oh, ich ahne Rusche!
Wenn ich jetzt schon so auer mir gerate!
    Und nun hab ich endlich das Wort fr mich: Ich will wieder auer mir geraten
knnen!
    Komme, was will: Ich mu aus mir heraus, heraus aus diesem meinen Sumpf, und
ich will mit gewaltigem Spektakel ans Land springen! Platschen soll es.

                                Zweites Kapitel


Gleich nach dem Erscheinen des Tintensumpfs hatte Stilpe sein Quartier aus dem
Karlsbad, das ihm lngst zu still gewesen war, in die Nhe der Weidendammer
Brcke verlegt. Da hauste er nun vier Treppen hoch nach seinem Geschmack wie ein
Student, nur, da es keine kmmerliche Bude nach dem Hof hinaus war, sondern
gro, hell, mit dem Blick nach der Spree und weithin ber einen guten Teil
Berlin. Und laut war sie, umbrodelt vom Lrm der Friedrichstrae, den man wie
ein rollendes Rauschen hrte. Dazu das Rattern der Zge, die in den Bahnhof
Friedrichstrae einfuhren, und von den Arbeiten am Neubau der Weidendammer
Brcke her die drhnenden Schlge des Rammwolfs, der die Notpfeiler in das
Flubett trieb.
    Da aber gefiel es Stilpen gut. Hier fhlte er sich zu Hause. Das war nach
seinem Geschmack: Ein schmuckloses Zimmer mit abgenutzten Mbeln, die er nicht
mit besonderer Schonung zu behandeln brauchte; zu Nachbarn Garons wie er,
Studenten, Knstler und ein besseres Mdchen; die Hausordnung dementsprechend
liberal, die Wirtin desgleichen.
    - Ein guter Dunstkreis, hatte er gesagt, wie er die Wohnung bezog; hier lat
uns die Gtter locken mit Pfeifen und klingenden Glsern.
    Er hatte gleich seine alte Frechheit wieder, die er so lange unter einer
anderen hatte verbergen mssen. Es fehlten ihm nur noch die Genossen.
    Aber sein Aufruf am Schlu des Tintensumpfs: An das bischen Bohme in
Berlin! hatte bald gezogen. Es kamen sogar sehr viel mehr, als er gewnscht
hatte, und vor Allem kamen sehr viele falsche Bohmeleute, unglaubliches Volk
voll innerlicher Philistrositt, Theorieenaushecker, Weltverbesserer,
Pseudoanarchisten, auch einige lebendige Beispiele aus Krafft-Ebings
Psychopathia sexualis: Alles, was irgendwie in der Welt nicht zurechtkam,
glaubte zur Bohme zu gehren und im Verfasser des Tintensumpfs den Mann
gefunden zu haben, der ihnen in einer neuen Zeitschrift weies Papier bogenweise
zur Verfgung stellen wrde.
    Dagegen blieben anfangs die aus, an die allein er gedacht hatte: Die Dichter
und Knstler. Nur einige Jnglinge, denen der Dilettantismus mit jenem bekannten
Strohfeuer aus den Augen leuchtete, waren als Vertreter der Kunst bei dieser
ersten Flutwelle.
    Erst nach ein paar Wochen, wie Stilpe von der gesamten Presse mit
Einmtigkeit und ganz kurz als Schandfleck des Journalismus abgethan worden war,
fanden sich die Rechten ein. Stilpe merkte es sogleich daran, da sie ihn
unverzglich anpumpten, und dann beim Orakel der Buttelje. Sie tranken
ungefhr mit derselben Technik wie er.
    Nach etwa vier Wochen hatte er wieder ein Cenacle beisammen, und diesmal
war es ein echtes.
    Eine Maskerade mit franzsischem Namen war hier nicht mehr am Platze. Seine
neuen Freunde waren selber Originale, kantig geblieben in der groen Rhrbchse
eines derb zu greifenden Lebens, und gaben den Freunden Mrgers nichts nach. Es
waren kstliche Kumpane fr ihn und dabei entschiedene Talente fr feinste Kunst
und freiestes Leben. Nur ein paar von ihnen waren schon mit Werken an die
Offentlichkeit getreten, und es war nun eine Quelle gemeinsamer herzlicher
Freude, wenn sie und Stilpe die niedertrchtigen Kritiken zitierten, mit denen
der gefrchtete Kritiker W. St. sie einst an den Pranger gestellt hatte. Die
Mehrzahl war so gut wie ungedruckt, denn es gab kein Blatt, das excentrisch
genug fr sie gewesen wre.
    Nun sollte Stilpe natrlich dieses Blatt grnden.
    Bei allen Zusammenknften, soweit sie nicht blos mit Trinken oder
Rezitationen der neuesten Sachen von Rang ausgefllt wurden, war diese
Grndung das Hauptthema. Aber nun waren schon zwei Monate seit dem Erscheinen
des Tintensumpfes verstrichen, das Interesse fr diese Brochre ebbte nach der
Provinz hin ab, und man war noch zu keinem Entschlusse gekommen.
    Da erlies Stilpe an den inneren Kreis der Eigentlichen eine Einladung, die
unter dem Hinweis darauf, da mit den schwindenden Monden auch die Moneten
verrollten, zu einer letzten und endgiltigen Sitzung in punkto Blatt
zusammenrief. Postskriptum: Um nchternes Erscheinen wird gebeten... Der
Peripathetiker soll die unmndige Tochter des Regenschirmhndlers zu Hause
lassen.

Stilpe erwartete die Gesellschaft ganz mit der Heiterkeit, die ihn immer leise
hob, wenn ihm Gelegenheit zu Trinken und Reden in Aussicht stand.
    Das hatte ihm in seiner fundierten Periode vornehmlich gefehlt:
Gesprchweise trinken zu knnen. Im Rausche die Welt mit Worten aus den Angeln
zu heben, das war ihm immer Bedrfnis gewesen, und das war ihm nicht erfllt
worden, als er das Dasein des gefrchteten Kritikers fhrte. Denn damals fehlten
die rechten Geburtshelfer fr seine Worte. Diese Art, sich dem Rausche des
improvisierten Wortes hinzugeben, war sein Teil Produktivitt, und er hatte sich
im Grunde deswegen so unglcklich damals gefhlt, weil er zur Unfruchtbarkeit
verurteilt war, weil ihm die Wollust, sich auszugeben, nicht wurde.
    Htte er die Fhigkeit und Freiheit besessen, so zu schreiben, wie er
sprach, htte er nicht im Grunde wider sein Wesen und wider seinen Stil
schreiben mssen, so wre die Gewaltaktion des Tintensumpfes kaum in dieser
brckenabbrecherischen Art vor sich gegangen.
    Er selber ahnte dies nur dunkel, in den seltenen Stimmungen, wo er sich
einmal vor die Seele fhrte, was er eigentlich gethan hatte mit seinem Schritt,
den niemand begriff, und hinter dem man in den betroffenen Kreisen allerlei
weitgehende Absichten vermutete, weil man es sich nicht vorstellen konnte, da
ein so gerissener Kunde wie Stilpe, der bisher ein Lager immer nur verlassen
hatte, weil in einem anderen weichere Polster winkten, sich ohne bestimmte
Aussichten eine ausgezeichnete Position verscherzt haben sollte.
    Gerade jetzt, wie er die neuen Freunde erwartete, bedachte er einmal seine
Lage.
    Die Hnde unterm Kopf zusammengeschlagen, die kurze englische Pfeife mit Old
Judge im Munde, lag er auf dem breiten Lederdivan und betrachtete ein groes,
rot, grn und schwarz gehaltenes Plakat, das an der Wand gegenber befestigt
war. Die Worte darauf, in riesigen ziegelroten Buchstaben, lauteten:

                               !! Sensationell!!
                                Der Tintensumpf
                                  Enthllungen
                                      und
                                        
                               Selbstbekenntnisse
                                      von
                                Willibald Stilpe

Dazu sah man in stilisierten schwarzen Wellen einen aufgeregten Tmpel, aus dem
hchst entsetzte grne Froschgesichter und die Schwimmfe nach unten tauchender
Frsche herausragten, whrend ein herkulisch gebauter Frosch, von dem das
schwarze Sumpfwasser abflo, groe Ziegelsteine mit Aufschriften, wie:
Heuchelei, Prostitution, Bestechlichkeit, Plagiat, Feigheit in den Tmpel warf.
Eine groe, rote, aufgehende Sonne fehlte nicht.
    Stilpe lchelte. Der herkulische Frosch war also er, und die andern saen in
der Tinte.
    Gut soweit! Aber was nun?
    Wenn die Zeitschrift den Erfolg htte, wie die Brochre, so wre die Sache
glatt. Aber: Wenn nicht?
    Er war ja ausgesperrt, und es war kaum Aussicht vorhanden, da man ihn in
Gnaden wieder aufnehmen wrde. Denn er hatte sie alle beschimpft, von rechts
nach links, ausnahmslos:
    Aber es giebt doch auch anstndige Elemente in der Presse! rufen Sie, mein
werter Mitbrger. Ei ja wohl. Man hrt es sagen. Aber das Element selber ist
unanstndig.
    Stilpe berlegte: Da ist eine Redefigur mit mir durchgegangen, scheint mir.
Hm. Das war wohl ein taktischer Fehler ... Aber es klang!...
    Ach was! Wenn nur die Figur gut war. Das liegt so in der Technik des
Pamphlets. Man mu Stil haben...
    Das Pamphlet liegt mir berhaupt. Jedes Jahr blos eins, und ich kann auf
alle Redaktionen pfeifen ...
    h, was fr Ideen! Das wre eine neue Schweinerei ... Bin ich denn ganz
verkommen?... Warum denk ich immer wieder an so was!... Warum denk ich nicht wie
meine vier Eigentlichen? Warum hab ich nicht blos Verse, Phantasien, Burlesken,
Trume im Kopfe?...
    Es ist schauerlich, wie zerfahren ich bin. Da steckt nun was in mir; ich
hoffe doch, - oder...? Nein, es steckt schon was irgendwo, aber immer wieder
hundsfttische Anwandlungen.
    Zwei Seelen, ach? Aber die andern haben ja zwei Dutzend! Nur fahren sie
nicht so auseinander...
    Ein Ziel! Ein Ziel! Herrgott nochmal, endlich ein Ziel!...
    Also die Zeitschrift! Ja, ja, ja! Ist das nicht eine That? He? Die neue
Litteratur machen? Die freie Kunst zum ersten Male rcksichtslos proklamieren!
Zum ersten Male sagen: Wir sind die Herren, kuscht euch, Gesindel!...?...
    h, im Grunde ist mir das wohl auch nicht grade Herzblut... Diese ganze
Schreiberei berhaupt: Geplrr...
    
    Kann man zeitlebens seine Freude daran haben, Lesefra zu kneten? ... Ist
denn Schreiben Leben? Handlangerei fr den besseren Mob! Kellnergewerbe...
    Er lchelte nicht mehr. Eine scharfe, steile Falte teilte seine Stirne.
Seine Heiterkeit war verschwunden.
    So ging es ihm immer, wenn er allein ber sich nachdachte. Deshalb brauchte
er Leute um sich, die das wegschwemmten.
    - Kommt denn die Bande nicht?
    Die Dmmerung kroch ins Zimmer, sie, die der Brenfhrer den Teppich der
behaglichen Lyriker nannte. Dazu drhnten von unten her die Dampframmen.
    - Der Brenfhrer ist der glcklichste aller Menschen. Zwar hat er kein
Portemonnaie, aber er hat Weisheit. Zwar liebt er die Weiber nicht, aber er
liebt seinen lieben Gott, der ihm tglich von 10-12 Uhr zwanzig Quartseiten
Phantasien schenkt. Hat er die niedergelegt, und hat ihm sein Kochbr ein
tchtiges Mittagessen mit Grobheiten gewrzt, so wandert er los wie ein
tanzender Derwisch, und die Welt ist ihm eine Crmestange mit Cognacfllung. Er
macht sich selbst zum Narren und lacht doch Alle aus, denn seine Narrheit ist
ihm sein Spiel. Er will nichts; das ist sein Geheimnis und seine Heiterkeit.
    Stilpe dachte das nicht ohne Neid.
    Der Brenfhrer war der Erste der Eigentlichen, ein wunderlicher Mensch,
der mitten in Berlin mit dem Gleichmut eines orientalischen Weisen lebte und,
arm wie ein persischer Bettelmnch, sich mit einer kstlichen Grazie des Geistes
aushalten lie. Sein Reich war nicht von dieser Welt, aber wer sein Reich
kannte, diese weiten kosmischen Rume voll unerhrter Phantasien und diese
bunten Fabelstdte mit den intimsten Winkeln genieender Ruhe nach rasenden
Ruschen, der wute, da seine Welt betrchtlich schner war, als unsere. Ein
Fakir mit Humor. In der Heimat seines Geistes, in Indien, wre er wohl auch ohne
Alkohol weise und heiter gewesen; in Berlin aber mute er sehr viel trinken.
Doch selbst im Alkohol blieb er harmonisch. Es schien, als ob er wirklich die
Fakirkunst bese, sich durch seelische Krfte gegen alles Giftige immun zu
machen.
    Besonders darum beneidete ihn Stilpe, der zuweilen selber merkte, wie der
Alkohol an ihm zehrte, und wie er immer abhngiger von ihm wurde.
    Der zweite der Eigentlichen war der Peripathetiker. Auch er reprsentierte
Weisheit in einem ganz unmodernen Sinne. Stilpe behauptete, er sei die
Reincarnation des alten Diogenes, und diese Meinung traf das Wesen des
Peripathetikers im Ganzen wohl. Nur kam ein gut Teil weicher Vertrumtheit
hinzu. Er bertraf den Brenfhrer noch an sozialer Untergrundslosigkeit, denn
er besa keinen weiblichen Bren, der ihm kochte. Es kam vor, da er im
Tiergarten bernachtete. Sonst wohnte er bei Freunden herum. Dabei war er von
sehr edlem Anstande und fhlte die Wrde seines Geistes. Traf es sich, da er in
brgerlicher Gesellschaft war, so trug er sofort, doch ohne Pose, ganz aus
einem inneren berlegenheitsgefhl, den Propheten zur Schau, der die
Gewhnlichen milde zum Handku zult. Er htte einen guten, feinen Mnch
abgegeben, wenn er nicht etwas Vagantenhaftes gehabt htte. Sein ganzes Leben
war ein unausgesetztes Denken und Dichten. Wo auch immer er war: Er schrieb, und
stets trug er Manuskripte mit sich herum, reich genug, fnf Nummern der Times zu
fllen. Nur konnten sie nicht abgedruckt werden, da sie niemand auer ihm lesen
konnte. In schwierigen Fllen war er selber nicht dazu imstande. Stilpe besa
ein Manuskript von ihm, einen Conceptbogen in Quart, der auer den ersten Scenen
zu einem Drama zwei Kapitel aus verschiedenen Romanen, sechs Gedichte in Prosa,
drei in Versen und auerdem etwa fnf Dutzend Aphorismen und verschiedene
Essay-Brouillons enthielt, alles durcheinander geschrieben, erst wagerecht, dann
in senkrechten, dann in diagonalen Zeilen dazu. Und man durfte mit Recht und
ohne bertreibung sagen, da ein geordneter, konomisch disponierender Litterat
von diesem einen Bogen gut ein Jahr seine geistigen Ausgabebedrfnisse htte
bestreiten knnen.
    Leidenschaften kannte der Peripathetiker nicht, doch liebte er kleine
Mdchen, so bis zum 10. Jahre etwa, sehr. Fr die Seele des Kindes war er
geradezu hellseherisch begabt, und man konnte Kleinodien an Kinderscenen von ihm
vernehmen.
    Er konnte brigens ohne Alkohol auskommen.
    Nicht so der dritte der Eigentlichen: Kasimir, der Fugenorgler. Es war ein
gar wilder Pole voll von Dmonie und allen Knsten der Blague. Er hatte als
Dichter nur ein Thema, Stilpe nannte es die medizinisch-katholische Abgrundweis,
aber dieses beherrschte er mit der Meisterschaft bornierter Genies. Sein Dichten
war eine Art verzckter Drehkrankheit, und man wute nicht, ob er sich drehte,
um zu dichten, oder ob er dichtete, um sich zu drehen. Doch konnte sich keiner
der Macht dieser grandios wirren Eintnigkeit entziehen. Es war schpferische
Besessenheit, die indessen manchmal mehr Bengstigung als knstlerischen Genu
hervorrief. Er wre als Gesellschafter unmglich gewesen, wenn er nicht
gleichzeitig ein unbertrefflicher Blagueur, geradezu ein Meister der Blague
gewesen wre. Stilpen, der selber in dieser Kunst viel vermochte, konnte er
dadurch manchmal rasend machen. Nur der Brenfhrer und der Peripathetiker
lieen sich nie beirren, der Brenfhrer, weil er berhaupt aus Allem nur
inwendige Heiterkeit schpfte, und der Peripathetiker, weil sein Geist doch
immer noch schneller lief, als die Blague des Polen.
    Dagegen lie sich der vierte der Eigentlichen, den sie den Zungenschnalzer
nannten, nicht selten verfhren, Kasimirn auf das polnische Glatteis mystischer
Schnoddrigkeiten zu folgen. Er liebte das Mystische gar nicht, er war ganz auf
das sthetische und Erotische gerichtet. Stilpe nannte ihn Doktor der
Erotologie. Er bestritt der Menschheit das Recht, in erotischen Dingen irgend
etwas pervers zu nennen und machte aus dem, was er nun nicht pervers, sondern
kultiviert nannte, ein eifriges praktisches Studium. Er wre gerne ein Don Juan
der Perversitt gewesen, indessen entgleiste seine Don Juanschaft schon auf dem
gewhnlichen Gebiete der Erotik recht hufig. Aber er nahm Alles fr genossen
und schnalzte mit der Zunge. Als Dichter pflegte er das Gebiet des Undruckbaren
mit anerkannter seiner Meisterschaft. Und: Einen sachkundigeren Cirkuskritiker
als ihn gab es nicht. Als Gesellschafter war er unter den Vieren weitaus der
angenehmste, denn er war von einer entzckenden echten Liebenswrdigkeit, voller
Geist und Laune. Nur mute man frh um fnf Uhr nicht schon nach Hause gehen
wollen. Doch trat dieser Wunsch unter den Eigentlichen nie auf.
    - Es kann eine ganze nette Zeitschrift geben mit den Vieren, dachte sich
Stilpe, aber es ist mir unklar, ob irgend eine Nummer davon unverboten bleiben
wird. Man wird sie als Brief versenden mssen und von vornherein darauf
schreiben: Nicht fr die ffentlichkeit.
    Hollah! Ein neuer Tric. Ein unffentliches Blatt! Das ist eine unbezahlbare
Idee!
    Er war Feuer und Flamme dafr und entwickelte sie sofort mit Leidenschaft,
als die Viere bei einander waren.
    Kstlich sahen der Brenfhrer und der Peripathetiker aus, die Stilpes
abgelegte Kleider aus seiner Kritikerzeit anhatten. Er selber trug sich wieder
mit einem Stich ins Salopp-knstlerische. Die eleganten Kostme aus dem
englischen Atelier waren ihm nie sehr zu passe gewesen. Jetzt nahm sich der
Brenfhrer in einem braunen, unendlich langschigen Gehrock mit hohem,
breitem, geschwungen geschnittenem schwarzem Sammetkragen, eine seidene,
bestickte Weste dazu, sehr drollig aus, und der Peripathetiker in einem
seidenkragigen schwarzen Smoking nebst viereckig ausgeschnittener Weste war ein
grotesker Anblick. Der Pole suchte eine halbe Stunde lang in den weiten grauen
Hosen nach den diogenischen dnnen Beinen.

Dann begann aber die Debatte. Die Idee mit der Unffentlichkeit schlug ein, doch
hielt das nicht ab, sie sofort auch ein bischen lcherlich zu machen.
    Der Brenfhrer wollte, da das Blatt in einer Geheimschrift von arabischem
Charakter und natrlich von rechts nach links gedruckt wrde.
    Kasimir schlug vor, die Beitrge des Peripathetikers als Autogramme drucken
zu lassen, um jede Gefahr auszuschlieen, da sie gelesen werden knnten.
    Der Peripathetiker schttelte langsam den Kopf: Aber ich mchte sie doch
lesen!
    Stilpe wurde rgerlich und erklrte, er wrde nicht eher etwas zu trinken
geben, als bis man anfinge, ernsthaft zu reden. Er fhlte sich beinahe schon als
dekretierenden Redakteur.
    Es wurde die parlamentarische Form bestimmt, damit man doch zu einem
Beschlusse kme.
    - Also, gut, wie gesagt, selbstverstndlich: Eugen Richter; wie gesagt: Ich
bitte ums Wort! rief der Brenfhrer.
    Stilpe, der natrlich prsidierte, erklrte, da er ihn vormerken wolle;
zuvrderst aber msse die Gesellschaft ein paar Worte von ihm entgegennehmen:
    - Erstens, meine Freunde, wollen wir uns geloben, heute zu einem Entschlu
zu kommen. Ich schlage vor, da wir dies nicht ohne Feierlichkeit thun. Lasset
uns symbolisch vorgehen! Wer sich verpflichtet, mitzuwirken zu einem endgiltigen
Entschlusse und wer zu erklren bereit ist, da er sich jeder Entscheidung, die
heute fllt, unterwerfen will, auch wenn sie gegen seine etwaigen Antrge sein
sollte, der whle mit mir aus diesen Flaschen eine gelbgekapselte. Es ist
Cognac. Die Weikapseln enthalten Gin.
    - Ich protestiere gegen diesen Wahlmodus! erklrte zum grten Erstaunen
Aller der Peripathetiker. Ich habe noch nie Gin getrunken und mchte deshalb
eine weie Kapsel whlen, obwohl ich zu jeder Verpflichtung bereit bin.
    - Also gut; die Erklrung wird zu Protokoll genommen, und Deine weie Kapsel
gilt fr gelb, erklrte Stilpe. Im brigen sehe ich, da das Skrutinium
allgemein fr gelb entschieden hat. Wir knnen also beginnen. Um zu verhten,
da wie bei allen vorigen Sitzungen ein Chaos der Meinungen durcheinander ghrt,
schlage ich vor, da jeder nur einmal das Wort erhlt. Damit ist gesagt, da
jeder sich genau berlegen mu, was er vorbringt, denn er wird keine Gelegenheit
haben, sich spter zu korrigieren.
    - Wie gesagt, ich bitte ums Wort! rief der Brenfhrer.
    - Du wirst es gleich bekommen. Ich will nur noch das sagen: Die Reden sollen
sich an folgende Punkte halten: 1) Welcher Art soll die Zeitschrift sein? 2) Wie
soll sie heien? Ich denke, dieses Verlangen ist billig. Wollen wir es so
halten?
    - Ich bitte ums Wort, rief Kasimir.
    - Bitte!
    - Sehr schn! Ausgezeichnet! Aber: Mu man so feierlich sein, wie Stilpe,
wenn man redet?
    - Das wird sich finden, aber ich bitte allerdings um eine ernste Behandlung
des Gegenstandes. Wenn wir uns dazu zwingen, werden wir auch schnell zum Ziele
kommen, denn es ist freilich nicht amsant, Reden zu halten, wie in einer
Generalversammlung. Wenn nichts gegen meine Vorschlge eingewandt wird, knnen
wir wohl anfangen.
    Es wurde nichts eingewendet. Alle hatten das Bedrfnis, dieser ernsten
Sitzung bald ein Ende zu machen. Man rauchte stark und trank Toddy dazu.
    Der Brenfhrer begann:
    - Wie gesagt, selbstverstndlich bin ich fr eine in-de-pen-dente
Zeitschrift, wie gesagt. Sie mu anders sein. Wie gesagt: Anders. Ganz anders.
Selbstverstndlich, wie gesagt, mu die Honorare zahlen. Aber schlielich, wie
gesagt, ist das einerlei. Wenn sie nur viel Raum hat. Plakatformat, wie gesagt,
gelbes Papier und zinnoberrote Lettern, von rechts nach links gedruckt, wie
gesagt, in Lederrollen versandt.
    Stilpe runzelte die Stirne und bemerkte: Ich mu Dich wirklich bitten,
ernsthafte Vorschlge zu machen.
    
    - Aber er ist doch ganz ernst, Bruder! rief Kasimir. Ich finde das
entzckend!
    - Wie gesagt, natrlich, das ist mein Ernst, selbstverstndlich, wie gesagt.
Das ist doch sehr fein und, wie gesagt: Praktisch! Die erste Nummer lassen wir
an die Littfasulen kleben, wie gesagt.
    - Hehe, und solche nette kleine Sandwichmnner lassen wir laufen, die sie
auf dem Rcken herumtragen, hehe, und so werden sie dazu immer schreien und
rufen, hehe: Meine Herren Berliner, hehe, lesen Sie blos, was der Brenfhrer
wieder gemacht hat! Der reine Joethe! Hehe! Sie kennen doch Herrn Joethe, den
Verfasser der Farbenlehre? Hehe! Er ist auch ein bischen pervers gewesen, der
gute Mann, hehe; so ein paar niedliche Epigrmmlein hat er gemacht ... ach! er
war nicht ohne Begabung!
    - Was verstehen Sie denn von Goethe mein werter Pole, bemerkte der
Zungenschnalzer. Sie sollen erst einmal an die Ahnungsgrenze der Erotik
kommen...
    - Ich bitte, keine Privatgesprche zu fhren rief Stilpe. Goethe und die
Erotik beiseite: Was will der Brenfhrer noch?
    - Wie gesagt, ich bin fr das Littfasulenplakatformat und rot auf gelb,
wie gesagt, und als Titel, wie gesagt, schlage ich vor: Die gesprenkelte
Nachtigall.
    - Pschakreff, kikeriki, wallahei, Bruder, Du hast recht: Ausgezeichnet!
Kasimir strzte ein Glas Toddy hinunter.
    Die andern, auer dem Peripathetiker, lachten. Der Brenfhrer mischte Gin
in seinen Cognac.
    Der Peripathetiker aber erhob sich im Tumulte des Lachens, sah gerade vor
sich hin und begann ganz leise:
    - Unsere Zeitschrift sollte: Das Prisma heien. Damit ist fr Alle Alles
gesagt. Wie ein Prisma, das Strahlen fngt und Farben strahlt. Nicht Spiegel des
Krperlichen, sondern Lichtsammler und Scheinwerfer. Nicht willkrlich in Kanten
und Flchen, nicht roh und rauh, nicht zufallschn oder zufallwahr, sondern nach
Gesetzen geschliffen, in reinen Linien verbunden und abgegrnzt; nicht irgendwo
liegend, nicht mit irgend einer Seite flach auf dem Boden, sondern an goldenem
Faden aufgehngt in freier Luft, schwebend aus sich bewegt in einem langsamen
Schaukelschwunge oder einen Kreis schreibend, da einen roten, da einen grnen,
da einen gelben Strahl fangend und wieder von sich gebend, aber im Innern Alles
sammelnd, kernreich, keimhei, in der Tiefe das Auge Gottes, auf den Flchen der
Schein der durchschwebten Lichtwelt ...
    Pltzlich zog er ein Stck Zeitungspapier aus seinem herrlichen Smoking und
schrieb emsig auf den Rand, so weit er noch unbeschrieben war.
    Die Andern lchelten innig und tranken.
    Stilpe erklrte, da ihm der Titel Das Prisma gut gefiele.
    - Oh, rief Kasimir, mir gefllt besonders der goldene Faden. Das ist das
Symbol des Honorars. Und dann: Wie es im Kreise schwebt: Ausgezeichnet. Hehe: So
angenehm idiotisch, immer im Kreise, hehe, mit dem Auge Gottes.
    Er strzte wieder ein Glas Toddy hinunter.
    Der Brenfhrer fand Das Prisma auch gut, aber er meinte, als Untertitel
msse Die gesprenkelte Nachtigall stehen: Wie gesagt: Das Prisma, eine
gesprenkelte Nachtigall! Aber natrlich, wie gesagt, in Lederrollen versandt!
    Jetzt lehnte sich der Zungenschnalzer in seinen Stuhl zurck und lchelte
Stilpen beraus hflich mit einem fragenden Ausdruck in den schnen groen
dunkelblauen Augen an.
    Stilpe machte einen einladende Bewegung, und der Zungenschnalzer begann:
    - Meine Herren! Sie werden (er war der einzige, der sich mit Niemand duzte)
von mir nicht erwarten, da ich Plne und Titel vorbringen werde, die an
Originalitt und Erhabenheit mit denen meiner Herren Vorredner zu wetteifern
vermchten. Ich bin der Meinung, da wir in erster Linie volkstmlich sein
mssen.
    In diesem Augenblicke schlug Kasimir eine grliche Lache auf und trank mit
einer ungemeinen Schnelligkeit zwei Glas Toddy aus, dann kniete er vor dem
Zungenschnalzer nieder und kte dessen Stiefel.
    Der Zungenschnalzer leckte sich den Schnurrbart, grinste und fuhr fort:
    - Wir mssen eine Kunst haben, die auf den Mittelpunkt alles Empfindens
geht, auf das Geschlecht. Nur eine Geschlechtskunst ist echt, ist Instinkt, ist
Genu, ist Leben, ist Volkskunst. Eine ejakulative Kunst, orgastisch, brnstig.
Ein Hineinknieen in die Uraccorde der Animalitt, aber in allen Finessen
raffiniert, differenziert bis in die uersten Nervenenden. (Er schien seinen
Schnurrbart verschlucken zu wollen, so verzckt bearbeitete er ihn mit seiner
Zunge.) Dabei aber verwegen bunt, jagend, peitschenknallend, fieberisch!
Tanzmelodien und Hengstwiehern. Corsettkrachen und die Melancholie des
Leierkastens. Blechmusik und das Rauschen von seidenen Unterrcken.
Puberttswimmern und das Schollern von Eisplatten in breiten, wlzenden Strmen.
Einen Titel dafr wei ich nicht. Das Unsagbare kann man wohl stammeln, aber
nicht benennen.
    - Hehe, so sagen Sie doch: Der Stammler, werter Herr, oder: Stimmwechsel.
Das sind ausgezeichnete Titel. Hehe, oder: Der Hengst des Volkes. Das ist noch
entzckender! Oder: Der rote Faden! Oder: Das Nadelr der Welt. Hehe!
Ausgezeichnete Titel!
    Der Pole schien sich ein bischen zu rgern.
    Der Zungenschnalzer lchelte verbindlich:
    - Dann wrde ich schon lieber gleich Phallus oder Priapus vorschlagen, wenn
es nicht frs Volk unverstndliche Fremdworte wren, und die deutschen Ausdrcke
sind leider zu Rohheiten gestempelt worden. Es versteht sich, da sie dadurch
fr mich unmglich werden, denn das Rohe schliee ich ja aus.
    Er lehnte sich wieder vor und lchelte mit einem Ausdruck wie: Ich bin
fertig, Herr Prsident! Stilpen an.
    Stilpe war mittlerweile betrunken worden und konnte nicht mehr an sich
halten; nun mute er reden.
    Er stand auf, setzte seinen Hornklemmer ab und lie ihn an dem breiten Bande
schwingen. Dann begann er sehr laut:
    - Die gesprenkelte Nachtigall! Gut! Bunt! Ornithologisch! Also: Deutsch! Wir
wrden smmtliche Mdchen damit verfhren. Oder wie? Es ist kein Zweifel
erlaubt! Denn es ist ein befiederter Titel... Jawohl! ... Indessen! Ah!: Das
Prisma! ... Streng! Keusch! Glsern! Ideal! Mathematisch! Die Welt der
Gymnasiallehrer wrde zu uns strmen! ... Sehr gut! Indessen, mir scheint, ...
aber nein: Sehr gut. Nur ... es blendet, es sticht in die Augen, und: es ist
kalt, sehr kalt! beraus kalt! Auerdem wei kein Mensch, was ein Prisma ist.
Der Titel erfordert ein Conversationslexicon. Auch kann man keine Lyrik
unterbringen. Oder? Nein, man kann nicht, durchaus nicht! ... Dagegen: Phallus!
Ja: Hier ist Lyrik, ausgesprochen Lyrik. Sehr warm. Winkend. Kraft und Saft und
Sinndeute der Welt. ... Aber warum nicht: Der Phalluswald? Hrt doch nur: Der
Phalluswald! In ihm singt die gesprenkelte Nachtigall mit sem Geschluchz, in
ihm auch kann man irgendwo das Prisma aufhngen! Sinnend wandelt hier der
Peripathetiker, anmutig lehnt hier der Brenfhrer und lt aus seiner groen
Zehe eine neue Welt wachsen, neue Tnze bt zwischen den suligen Stmmen der
Zungenschnalzer nach der Melodie des Bauchtanzes von Hawai, tief bohrt sich ins
Wurzelgeflecht die blutige Seelensuchekralle Kasimirs, und auch ich werde in
diesem Schattenhain der Urgefhle die Lieder finden, die, wie ich mit
Bestimmtheit behaupten darf, irgendwo in mir schlummern.
    Lieben Freunde, trinkt Cognac und Gin, machet ein Feuer in euch an, da eure
Augen glhende Kugeln werden, gro wie die Uhrscheiben am Rathausturm, und eure
Fuste stark wie die Dampframmen der Weidendammerbrcke, trinket Gin und Cognac,
Freunde, lieben Freunde und Genies, trinkt und glaubt an meine schlafenden
Lieder, diese feisten Murmeltiere, aus deren Fett ich Elender Feuilletons
gebacken habe, trinkt, trinkt, trinkt, schlagt euch rotgernderte Wolken um die
Schultern als Regenmntel und kommt mit mir in den Phalluswald!

Kommt, o kommt und seid nicht trge,
Sind auch glitscherig die Wege:
Rot wie Rosen lacht das Ziel,
Und wir wollen ins Behagen
Milde, gtig jeden tragen,
Der in eine Pftze fiel!

Er war unmig gerhrt und legte sich neben den Polen, der sich mitten im Zimmer
niedergelassen hatte und nichts sagte als: Der Seelenkrebs, Bruder, der
Seelenkrebs, hehe, das ist der Titel, das ist das Programm!
    Der Peripathetiker stand schweigend am Plakate des Tintensumpfs und bedeckte
dessen unbedruckte Flchen mit Hieroglyphen, der Brenfhrer ordnete die Cognac-
und Ginflaschen und kommandierte: Leibgarde des Sultans! Prsentiert!
Prsentiert! Der Zungenschnalzer leckte sich den Schnurrbart und trank weiter.
    Da klingelte es, und kurz darauf ffnete sich die Thre. Herein trat mit
einem leichten Aufschrei eine ppig schlanke, theatermig geschminkte Dame mit
einem weiten blauen Theatermantel und einem riesigen Federhut.
    Der Zungenschnalzer ging ihr mit Anstand entgegen, Stilpe drehte sich blos
um und rief: Se Kamelie, leg Dich an meine Seite, wir haben Groes geleistet!
    - Das seh ich. Sag mal, wie findest Du das eigentlich? Eine halbe Stunde hab
ich am Wintergarten gewartet. Is das nett?
    Sie sprach mit einem Anflug von Hamburger Dialekt. Wie sie sich im Lichte
der Lampe auf Stilpes leeren Stuhl niedergelassen hatte, sah der
Zungenschnalzer, da sie sehr hbsch, wenn auch nicht mehr ganz jung war. Man
htte sie wohl fr eine Dnin halten knnen: Ganz hellblaue Augen mit groem
Stern, flachsblonde Haare, die Nase ein klein wenig, aber sehr anmutig
abgestumpft; dazu ein sehr kleiner, schn geschwungener Mund, der ganz besonders
zu dem kindlichen Ausdruck dieses Gesichtes beitrug. Die Haare trug sie in der
Mitte gescheitelt und, die Schlfen wie einen groen Teil der Stirne ganz
bedeckend, glatt ber die Ohren gelegt; hinten bildete ihre dichte Flle einen
ppigen Zopfkranz. Diese Frisur gab ihr etwas s Frauliches zu dem Kindlichen.
Wenn man ihr aber genauer in die Augen sah, so sprte man, da eine heitere
Energie der Grundzug dieses Wesens war.
    Sie war, eine geborene Holsteinerin, dnisch-deutsche Liedersngerin und
trat jetzt im Wintergarten auf. Stilpen hatte sie sehr gerne, aber sie war nicht
eigentlich sein Fall. Er liebte die Weiber nicht sehr, vor denen man Respekt
haben mu߫, und vor ihr hatte er Respekt.
    - Ach Gott, Du wrst so reizend, wenn Du nicht im Grunde so anstndig wrst,
hatte er oft zu ihr gesagt. Man kommt sich mit Dir immer verheiratet vor.
    Der Respekt, den er vor ihr hatte, brachte es jetzt auch zustande, da er
sich erhob und ein bischen nchtern wurde.
    - Siehst Du, mein blondes Gewissen, ich konnte nicht kommen. Erst die
Litteratur, dann die Liebe. Wir haben soeben die deutsche Litteratur mit einer
neuen Zeitschrift begnadet: Der Mastenwald oder so hnlich, Organ fr
gesprenkelte Nachtigallen und Seelenkrebs. Ja! Das wird eine Nummer, Madame!
    - Ich kann mir den Unsinn schon vorstellen. Du bist nicht mein erster
Dichter. Ich kenne das mit eurem Zeitschriften. Snak! Dich htt' ich eigentlich
fr klger gehalten. Fllt euch denn gar nichts Neues ein?
    Der Brenfhrer, der auch darin Orientale war, da er die Weiber nur sexuell
nahm, und auch das nicht eben mit Leidenschaft, wurde rgerlich. Er warf drei
Flaschen um und rief:
    - Kattarattazambu! Plokjo tratuzupina! Pschattu! Pschattu! Pschattu!
    Dazu machte er ein sehr zorniges Gesicht.
    - Mein Gott, was hat denn der Herr? fragte lachend die Sngerin.
    - Ich spreche, wie gesagt, die Affensprache, mein Frulein,
selbstverstndlich platt, wie gesagt.
    - Gott, ist der aber komisch! Was hat denn das geheien?
    - Wie gesagt, selbstverstndlich gar nichts, das heit, natrlich: Sehr
viel, wie gesagt, nmlich: Was verstehen denn die Weiber von der Wortkochkunst,
wie gesagt.
    - Aber ich verliebe mich doch fortwhrend in Dichter, wie gesagt, da gehre
ich doch mit dazu. Nicht?
    Jetzt drehte sich der Peripathetiker um und schritt langsam auf die Sngerin
zu:
    - Guten Abend, Mathilde!
    Er sagte das sehr zrtlich.
    Die Sngerin sah ihn gro mit lachenden Augen an:
    - Ich heie aber Martha!
    - Nein: Mathilde. Ihre Stimme klingt wie Mathilde. Ganz seraphimflgelblau
mit einem Kern von willefrohem Ultraviolett. Auch Ihre Hnde flstern Mathilde.
So lilienblattschmal und immer betend mit leis durchbluteten Adern.
    Er nahm ihre rechte Hand und hielt sie vor das Lampenlicht:
    - Kinderpatscheken! Sie sind ein guter Mensch, Mathilde!
    Die Sngerin schttelte ganz ernsthaft den Kopf:
    - Nein, so was! Sind Sie der liebe Gott, Sie freundlicher Herr?
    Dann lachte sie belustigt:
    - Nein, was hast Du denn da wieder fr eine Menagerie? Jetzt wei ich schon
gar nicht mehr, in wen ich mich verlieben mu.
    - Bitte, in mich! sagte der Zungenschnalzer in einem zrtlich dringenden
ernsten Tone. - Sehen Sie: Ich knnte auf Ihnen spielen! Seien Sie meine
Liebesgambe! Sehen Sie in meine Augen! Was sehen Sie!
    - Sie haben sehr schne Augen, wirklich.
    - Blos schn? Nicht auch tief? Sehen Sie noch einmal hinein!
    Es sah aus, als wollte er die Sngerin wie eine Auster mit den Augen
verschlucken.
    - Aber Sie mssen meine Kniee in Ruhe lassen. Wirklich: Sehr schne Augen!
Sind Ihre Gedichte auch so schn?
    - Ach, lassen Sie meine Gedichte! Meine Gedichte sind nichts, aber meine
Liebe ist wie eine tigerbunte Orchidee. Kennen Sie die Orchideen mit den
gekrmmten Pistillen, die wie gelbgepuderte Schlangen sind?
    Die Sngerin schob ein zweites Mal die Hnde des Zungenschnalzers von ihren
Knieen, dann lachte sie:
    - Jetzt thut mirs blos leid, da der da unten schlft. Das is gewi auch ein
Netter!
    Stilpe bemhte sich sogleich, Kasimir zu wecken aber der war endgiltig
fertig und konnte blos noch: Seelenkrebs! schluchzen.
    Die andern aber setzten sich um die Sngerin herum und vereinigten sich, den
Brenfhrer nicht ausgeschlossen, in wohlausgesuchten Reden zu ihrem Preise. Die
Sngerin amsierte sich sehr und that auch jedem in Toddy Bescheid.
    Das rhrte den Brenfhrer, der nun immer betrunkener wurde, ungemein, und
er flsterte:
    - Wie gesagt, Martha, selbstverstndlich: Sie sind schn, schn wie mein
Br, wie gesagt. Ich umarme Sie mit meiner Seele. Ich liebe Sie fabelhaft! Wie
gesagt: Sie sind wie ein Bndel rosengelber Schlangen! Sie mssen die
gesprenkelte Nachtigall abonnieren!
    - Und das Prisma! flsterte der Peripathetiker.
    - Und den Phallus! sthnte der Zungenschnalzer.
    - Und den Phalluswald! rief Stilpe.
    - Machen wir! sagte die Sngerin.
    Da schrie Stilpe laut auf:
    - Eine Idee! Grnden wir vier, nein fnf Zeitschriften! Auch Kasimir mu
seine haben. Und jeder schreibt immer seine allein! Wie? Ist das nicht die
Lsung? Jeder sein eigener Redakteur! Ist das nicht, ja, ist das nicht ... Wie?
    - Selbstverstndlich, wie gesagt: Fnf Zeitschriften in Plakatformat!
    Die Sngerin schttelte den Kopf:
    - Aber, Kinder, seid ihr denn wirklich verrckt? Vorhin wart ihr doch blos
duhn. Wenn ihr durchaus was grnden wollt, so grndet doch ein anstndiges
Tingeltangel!
    - Hu hu hu! lachte der Brenfhrer; aber die andern saen da, als htte sie
jemand von oben fallen lassen.
    - Ernsthaft! Ein literarisches Tingeltangel. Wirklich! So was fehlt! Wo gute
Sachen gesungen werden. Sie knnen ja auch verrckt sein. Aber Sachen von
Dichtern. Und dann berhaupt Alles geschmackvoll, so, wie die englischen
Ballets; berhaupt: Was Schnes!
    Stilpe und der Zungenschnalzer erhoben sich gleichzeitig wie zwei Ergriffene
und riefen durcheinander:
    - Herrgott! Donnerwetter! Natrlich! Das ist es! Das mssen wir thun!
    - Selbstverstndlich, wie gesagt: Ein sthetisches Tingeltangel! Ach,
Martha, Sie sind das Sternbild des groen Bren! Wie gesagt, natrlich,
selbstverstndlich ein Tingeltangel, wie gesagt!
    Auch der Peripathetiker war, in seiner patriarchenhaften Weise, von dem
Gedanken ergriffen:
    - Eine Renaissance der Kunst, aller Knste! Leise Singetnze in blauem
Lichte. Die verruchte Holdheit der Bajadere. Der Rhythmus
griechenmeerpltschernder Oden im Schmiegeschwunge nackter Brste. Sehen Sie,
wie recht ich hatte, da Sie Mathilde heien?
    Am lebhaftesten aber waren Stilpe und der Zungenschnalzer; Stilpe war durch
die Idee nchtern geworden, der Zungenschnalzer berauscht.
    Der Abend endete mit dem festen Beschlusse, keine Zeitschrift, sondern das
Literatur-Varit-Theater

                                     MOMUS

zu grnden.

                                Drittes Kapitel


Stilpe sa an seinem Schreibtisch und arbeitete. Er machte dazu ein Gesicht wie
der lachende Zola, unendlich zufrieden und mit einem Blick, der auch noch im
Lachen ein Ziel im Auge hat.
    Die Pfeife sa im rechten Mundwinkel, von den Zhnen nach oben gestemmt, so
da es gar verwegen aussah. Die Dampfwolken fuhren mit Kraft aus dem vollen
Munde mit den aufgeworfenen Lippen.
    Rechts und links trmten sich neben verschiedenen Liqueurflaschen Papiere,
Briefe, Druckproben zu Programmen, Zeitungen, Zeichnungen, Manuskripte,
Notenste. Groe offene Krbe standen im Zimmer, aus denen blumig bedruckte
Musselinstoffe, dnne indische Seidengewebe in hellen schnen Farben, schwere
dunkle Samte, Spitzen, Goldfranzen hervorquollen. An den Mnden hingen groe
bunte Kostmbilder im Geschmacke der englischen stheten, aber heiterer,
frecher. Mit dem Geruch des Old Judge mischten sich Parfms von der resoluten
Art, wie man sie in den Garderoben von Varitdivas einatmet.
    Stilpe war von Grund der Seele aus vergngt. Wenn er einmal die Feder
weglegte, rieb er sich die Hnde und pfiff vor sich hin. Ja, er murmelte sogar
zuweilen Worte erregter Befriedigung: Hop! So! Tja, tja, tja, tja! Hh! Das
reit!
    Und doch war der erste Momus-Rausch, der Rausch der Plne und Phantasieen
vorber, der Rausch der Tage und Nchte, als sie in tglichen Zusammenknften
die Idee der Sngerin im Verein mit ihr genauer durchgesprochen hatten.
    Wie hatten sie da ber die Zeitschrift gelacht, wie hatten sie die Sngerin
gefeiert als Retterin aus dem schlimmsten aller Tintensmpfe; wie war da Stilpe
von Tag zu Tag lebhafter, lustiger geworden.
    - Ha: Die Renaissance aller Knste und des ganzen Lebens vom Tingeltangel
her! Oh, das ingenise Mdchen aus Holstein! Man wird sie preisen wie eine neue
und grere Neuberin, als die moderne Muse in Person. Unter ihrem Zeichen werden
wir das neue, echte, ganze, das lachende Heidentum herauffhren mit Bocksprngen
und hchst edlen Faltenwrfen zrtlicher Gewnder. In unserm Schlepptau wird
Alles hngen: Malerei, Poeterei, Musikerei und Alles berhaupt, was Schnheit
und genieendes Leben will. Was ist die Kunst jetzt? Eine bunte, ein bischen
glitzernde Spinnwebe im Winkel des Lebens. Wir wollen sie wie ein goldenes Netz
ber das ganze Volk, das ganze Leben werfen. Denn zu uns, ins Tingeltangel,
werden Alle kommen, die Theater und Museen ebenso ngstlich fliehen, wie die
Kirche. Und bei uns werden sie, die blos ein bischen bunte Unterhaltung suchen,
das finden, was ihnen Allen fehlt: Den heiteren Geist, das Leben zu verklren,
die Kunst des Tanzes in Worten, Tnen, Farben, Linien, Bewegungen. Die nackte
Lust am Schnen, der Humor, der die Welt am Ohre nimmt, die Phantasie, die mit
den Sternen jongliert und auf des Weltgeists Schnurrbartenden Seil tanzt, die
Philosophie des harmonischen Lachens, das Jauchzen schmerzlicher Seelenbrunst, -
ah, werft mir ein paar Feigenkrnze voll Worten zu, blast mir Assoziationen ein,
lat mich in Inkohrenzen lallen, lat mich farbige Wortflutsulen ausnstern,
gro wie die Wasserwrfe aus den Nasen verzckter Walfische! Wir werden ins
Leben wirken wie die Troubadours! Wir werden eine neue Cultur herbeitanzen! Wir
werden den bermenschen auf dem Brettl gebren! Wir werden diese alberne Welt
umschmeien! Das Unanstndige werden wir zum einzig Anstndigen krnen! Das
Nackte werden wir in seiner ganzen Schnheit neu aufrichten vor allem Volke!
Lustig und lstig werden wir diese infame, moralklapprige Welt wieder machen,
lustig und himmlisch frech! Leichtsinnig soll die Bande wieder werden und soll
bauchtanzen lernen! Ah, wir ahnen vielleicht gar nicht, was fr raffinierte
Sachen die Biedermnner Germaniens leisten werden, wenn unser Geist ber sie
gekommen ist! ... Kinder, kt unsern blonden Engel hier und umarmt mich, denn
wir haben die Welt im Sacke!
    In diesem Stile und toller noch geberdete sich die Wollust Stilpes, endlich
einmal ein Ziel gefunden zu haben, das seinem Wesen gem war. Und die andern,
der Zungenschnalzer voran, waren nicht weniger auer sich.
    Dabei entwickelte Stilpe aber auch eine wirkliche Thtigkeit, und, kaum, da
ein Monat vergangen war seit dem ersten Auftauchen der Momus-Idee, da hatte er
auch schon Kapital am Bndel, und die Aktiengesellschaft Momus war gegrndet,
ein verkrachtes kleines Theater gemietet und er artistischer Direktor des
Ganzen.
    Seine Gabe, sich auch klug zu benehmen, wenn es not that, kam ihm dabei sehr
zu statten. Es war ein Schauspiel, ihn zu sehen, wie er in seinem Staatsrock und
mit seinen lssigen Gesten des sicheren Geschftsmannes bei Leuten von Gelde
am Merke war, die aussichtsreiche neue Idee mit einem groen Aufwande von Zahlen
aus dem Geschftsberichte der Londoner Empire-Gesellschaft zu entwickeln, und
wer ihn anzuhrte, wie er in gesetzter Rede, aber mit einem Grundton tiefer
knstlerischer berzeugung und dabei gesttzt auf entwickelungsgeschichtliche
Ideen origineller Art nachwies, da das Unternehmen eines
knstlerisch-literarisch bedeutsamen Kunstinstitutes mit Varit-Prinzip
geradezu eine Forderung des Zeitgeistes sei, der zweifelte nicht, da hier eine
Sache im Entstehen war.
    - Sehen Sie die Theater an! Sie sind leer! Gehen Sie in den Wintergarten! Er
ist voll! Dort Ableben, hier Aufleben! Wer die Kunst liebt, mu von Schmerz
ergriffen werden bei diesem Anblicke, und Sie wissen, wie sehr sich
kunstfreundliche Kreise bemhen, durch Grndung billiger Theater etc. das
Publikum, zumal der breiteren Volksschichten, dem Varit zu entziehen. Ein
lobenswerter Plan, aber eine falsche Methode, ein verhngnisvoller Irrtum,
entsprungen einem Mangel an Zeitpsychologie und an Verstndnis fr
entwickelungsgeschichtliche Resultate! Die Zeit des Theaters ist im Ganzen
vorbei! In diesen alten Schlauch fllt nur der Unverstand neuen Wein! Nein, wie
das Theater, ehedem ein Appendix der Kirche, sich von dieser losmachte und sich
selber eine neue, damals zeitgeme Form gab, so mu sich die Kunst heute vom
Theater emanzipieren und entschlossen die Form annehmen, fr die sich der
Zeitgeschmack entschieden hat: Die Form des Varits! Beides ist reif zum
Untergange: Das Theater, weil seine ganze Struktur zu klotzig, schwer und
unbeweglich ist fr die Genschigkeit des modernen Kunsttriebs, und das jetzige
Varit, weil es seine beraus gnstige, allen Wnschen einer nervsen Zeit
geme Form nicht mit wahrhaft knstlerischem Inhalt zu erfllen versteht.
Lassen Sie uns ein Varit grnden als sthetische Anstalt im weitesten Sinne,
als Trgerin und Verkrperung all der heute so ppig sich entfaltenden
Richtungen in den Knsten, als Schaubhne des Schnen fr Auge, Ohr und Gemt,
und Sie werden sehen, da Sie sich an einer wahrhaft kulturellen und zugleich
eminent praktischen That beteiligt haben!
    Mit dieser Anrichtung seiner Ideen fr den Geschmack von Leuten, die in
Kunst spekulieren wollten, hatte er umsomehr Erfolg, als er sich gleichzeitig
den Anschein des vorsichtig bedachten Geschftsmannes zu geben wute, der es
frs Erste ablehnte, ein Rieseninstitut ins Leben zu rufen. Ganz von selbst
werde sich aus bescheidenen Anfngen das groe Etablissement der Zukunftsbhne
entwickeln.
    Sein bekannter Name, mit dem sich die Empfindung von geistreicher
Schriftsteller verband, that das brige dazu, auch wirkte es besonders
berzeugend, da er selbst als Erster fnftausend Mark allein zeichnete. So
erfolgte die Grndung der Gesellschaft schnell, und er erhielt einen Kontrakt
als artistischer Direktor mit vollkommener Selbstndigkeit.
    Da er so klug war, bei den ersten Ankndigungen des entstehenden
Unternehmens seinen Namen, obwohl ihm das sehr schwer fiel, beiseite zu lassen,
so nahm sich auch die Presse, wenn auch mit den blichen Vorbehalten, der Sache
an, und der Name Momus tauchte in kurzen Zwischenrumen halb geheimnisvoll immer
wieder in den Blttern auf.
    Es konnte kein Zweifel mehr sein, da das Berliner Publikum, in ersten Linie
die literarisch und knstlerisch interessierten Kreise, der neuen Sache mit
Spannung entgegensahen. Der Umstand, da die Witzbltter das Schlagwort vom
poetischen Tingeltangel aufbrachten, allerlei literarische Chansons vorschlugen,
Ernst von Wildenbruch als Hausdichter des Momus, Menzel als Kostmzeichner und
Karl Frenzel als Tanzmeister namhaft machten, trug dazu bei, das Interesse
wachzuhalten.
    Indessen arbeitete Stilpe mit heiterer Ausdauer unausgesetzt an der
Ausgestaltung des Unternehmens bis ins Einzelne. Der Brenfhrer und der
Peripathetiker schleppten tglich die unerhrtesten Chansons herbei, der
Zungenschnalzer entwarf erotische Szenen von trikotloser Khnheit, Kasimir
rchelte im Psalmenstile schauerlich schne Seelenmonologe voll
krebsgeschwrigen Abendrten und satanischen Absynthismen, gestimmt und
berechnet auf die Maultrommelbegleitung aztekischer Urmelodien, die gesammte
junge Lyrik aller Schattierungen sandte nach Berlin NW. 32, postlagernd Momus,
Lieder jeder erdenklichen Art, die Componisten waren auch nicht faul, und die
jungen Maler und Zeichner ebensowenig. Dazu wimmelten Chansonetten und Komiker,
Reckturner und Jongleure, Tierbndiger und Zauberknstler, Knockabouts, Clowns,
Gedankenleser, Schlangenmenschen, plastische Poseusen, Schnellmaler,
Schnelldichter, Schnellmodelleure, Schnellrechner, Mimiker, Negertnzer,
Skandalfrstinnen, Antispiritisten, Bauchredner, Zwerg- und Riesenmenschen, kurz
alles herbei, was nur auf den Namen Varit hrte und das
Literarisch-Knstlerische fr Nebensache erachtete. Sogar Herr Ahlwardt kam.
    All das bereitete Stilpen ein herzliches Vergngen, und er bedauerte fast,
da das Programm des Momus so enge Grenzen hatte. Dabei war er in Auslegung des
Begriffes sthetisch keineswegs engherzig und legte es im Grunde mit irgendwie
angenehm aus. Nur mit Aufgebot von auerordentlicher Energie lie er zumal
weibliche Artisten ziehen, wenn sie irgendwie angenehm auf ihn wirkten, und
gewaltig gro war die Liste der fr spter notierten Mdchen, die er zwar
nicht sogleich brauchen konnte, denen er aber mit vterlichem Wohlwollen
erklrte: Spter peuttre!
    Seine Haupthelfer waren der Zungenschnalzer und Martha die Muse. Diese
beiden besaen die eingehende Fachkenntnis, die ihm, dem Organisator und
Neuschpfer, doch abging.
    Der Zungenschnalzer wurde als Choreograph, Martha als Direktrice fr
Chanson und verwandte Gebiete engagiert. Der Brenfhrer, der Peripathetiker
und Kasimir konnten in festen Stellungen nicht verwandt werden, doch bten sie
das Amt lyrischer Lektoren aus.
    Kasimir sthnte am lautesten unter dieser Brde:
    - Lauter Joethes, Bacillenschwrme von Joethes; es ist sehr scheulich.
    Und fortwhrend zitierte er die ihm verfallenen Lyriker mit dem Tone
ironischer Ergriffenheit.
    Der Peripathetiker mibrauchte die ihm anvertrauten Gedichtbltter zu
Manuskripten, und der Brenfhrer erklrte, da er nur ber solche Lyrik
objektiv urteilen knnte, der deutsche Briefmarken als Rckporto beigelegt
seien. Im brigen interessierte der ganze Momus diese Drei nur insofern, als sie
durchaus wnschten, auf dem Programm der Premire zu stehen. Stilpe war auch
ganz damit einverstanden, nur waren die bis jetzt von ihnen vorgelegten
poetischen Erzeugnisse nach seiner Meinung noch nicht momusreif.
    - Druckreif und momusreif ist ein Unterschied, meine Sen! Ihr seid noch
nicht auf der Hhe des Brettls, ihr seid noch zu papieren! rief er ihnen immer
wieder zu.
    brigens entschied er nicht allein darber; Martha die Muse hatte das
Hauptwort dabei.
    Wie er mitten im vergngtesten Correspondieren war, trat sie ein:
    - Na, haben wir endlich ein paar Dichter?
    - Nee, ich glaube nicht. Wir mssen den Stil erst erfinden. Entweder fehlt
ihnen der Mut oder der Geschmack zum Gassenhauer. Blos der Zungenschnalzer hat
ein paar gute Sachen produziert, und das Schnste ist, da er sie auch selber
singen kann. Er ist berhaupt unbezahlbar, und ich werde ihn zum Conrektor des
Momus ernennen. Er kann direkt Alles, nur mu man ihn eigentlich erst ein
bischen kastrieren. Himmelschreiend diese Erotik! Die vier Tanzmdchen hat er
schon vollstndig verdorben, und sie wollen nun schon gar nichts mehr anziehn.
Er bt jetzt ein Literaturballet mit ihnen ein und ist schon bei den
Romantikern: Pas de Tieck. Dann hat er mit den drei Poseusen eine herrliche
Nummer ausgeheckt: Das Heinedenkmal. Die Idee ist von mir, aber ich mu sagen:
Er hat sie direkt mit Diamanten berst. Er wird Heine selber darstellen, im
Bett liegend, von anmutigen weiblichen Visionen ergtzt. Auch einen dressierten
Bren hat er als Atta Troll aufgetrieben. Na, Du wirst ja sehen! Es ist eine
unbeschreibliche Nummer! Damit die Antisemiten nicht Spektakel machen, lassen
wir darauf das Journalistische Trio folgen mit den drei jdischen Komikern.
Sie sind zwar ein bischen ruppig, aber ohne Ruppigkeiten gehts nicht. brigens
ist mein Text dazu um so seiner. Die Bande solls spren! Jetzt, wo sie wissen,
da ich die Sache mache, druckt kein Mensch unsre Waschzettel mehr. Na, dafr
haben wir die Litfasulen! Totschweigen giebts nicht! - Nur: Diese verfluchten
Lyriker! Schlielich mu ich alle Couplets alleine machen. Wenn ich nur mehr
Zeit htte! Und dieser Brenfhrer, auf den ich so viel Hoffnung gesetzt hatte!
Der Mensch weigert sich, regelmige Strophen zu bauen und steift sich
fortwhrend auf das, was er Finesse nennt. Der Peripathetiker thut auch nicht,
was man will, und Kasimir kennt seit zwei Wochen blos noch ein Thema: Die
Blutschande. Was soll man mit solchen Leuten machen? Die Literatur sitzt ihnen
im Schdel wie eine Riesentrichine. Keiner begreift, da wir die Bhne der
Zukunft grnden wollen! Sie werden heute wieder anrcken und Vorschu verlangen.
Ich zahle jetzt aber nicht mehr in baar, sondern in Viktualien. Dabei hat sich
Kasimir in die zweite Poseuse verliebt und will fr sie einen Seelenrhythmus
dichten, natrlich ohne Worte, blos Geberden einer profunden Idiotie des
Geschlechtszentrums. Das geht noch ber den Zungenschnalzer! Dafr verlangt der
Brenfhrer - den antierotischen Bauchtanz! Nchstens schmeie ich alle Drei die
Treppe hinunter. Sie haben keinen Ernst, weil sie keine Verantwortung haben!
    - Gott, vorhin hast Du so'n fideles Gesicht gemacht, und jetzt bist Du der
richtige Direktor!
    - Ach, ja freilich! Weit Du: Die ganze Geschichte wre herrlich, wenn blos
nicht diese verdammte Literatur dabei wre. Natrlich bin ich fidel! Ich habe ja
was zu thun! Aber, wie gesagt: Die Literatur! Wenn wir blos keine Literatur
brauchten!
    In diesem Augenblicke schoben sich die Drei zur Thre herein, und der
Brenfhrer rief, indem er Miene machte, sich in einen Dufthaufen hellblauen
Musselins zu setzten:
    - Verzeihe mir, Stilpe, verzeihe mir, wie gesagt, ich bin betrunken, und Du
mut mein Couplet nehmen! Es ist ja so schn! Der Droschkenkutscher Nr. 8715 hat
mich dafr gratis fahren wollen! Wirklich, wie gesagt, Du mut es als Prolog von
mir deklamieren lassen!

Und er schrie ganz wild, fast schumend:

Rum will ich! Uranusbraunen Rum will ich!
Keinen Thee!
Denn ich will betrunken sein!
Gleich den tiefen Unken sein!
Frhlich wie ein Schnee-
Knig will ich sein!

Der Peripathetiker sang kindlichen Tones im Refrain:

Frhlich wie ein Schnee-
Knig will ich sein.

Der Brenfhrer fuhr mit rollenden Augen fort:

Arak will ich! Sehnsuchtblonden Arak will ich!
Keinen Thee!
Denn ich will besessen sein!
Gleich den rauchenden Essen sein.
Frhlich wie ein Schnee-
Knig will ich sein.

Der Peripathetiker suselte den Refrain dreimal nach. Der Brenfhrer aber, mit
pltzlich vernderter, sanft flehender Stimme sprach.
    - Ach, Stilpe, sieh doch nur: Wie regelmig diese Strophe ist! Siehst du,
ich folge dir, ich thue was du willst! Ich mache, wie gesagt, regelmige
Strophen.
    Und nun wieder mit dem knurrenden Zorn eines Ebers:

Gin will ich! Gletscherweien Gin will ich!
Keinen Thee!
Denn ich will betmpelt sein!
Lilagrn bewimpelt sein!
Frhlich wie ein Schnee-
Knig will ich sein.

- Wie gesagt, selbstverstndlich fhre ich die Strophe regelmig durch alle
Schnpse fort:

Absynth will ich! Qualwolkigen Absynth will ich
Keinen ...

- Genug! schrie Stilpe. Bist Du verrckt!? Denkst Du, ich will mir mein Publikum
mit hoher Literatur verjagen? Du bist ganz unbrauchbar! Du kannst beim Momus die
Lichter putzen!
    Der Brenfhrer war tief betrbt und setzte sich in die Sophaecke.
    Der Peripathetiker aber schttelte den Kopf:
    - Ja, aber, was willst Du denn haben? Dieses Schneekniglied ist doch
essenzhaft tief und dabei heiter wie eine weie, segelnde Wolke ber
Fabrikschlten. Es hat etwas modern-goliardisches. Nicht wahr, Mathilde: Es ist
ein schnes Lied!?
    Die Muse lchelte:
    - Ach ja, es ist ganz nett, und man knnte es spter schon mal singen
lassen, als Alkoholistenintermezzo, aber fr den Anfang...? nein: Ihr mt euch
mehr an den Brettlstil anlehnen vorderhand. Habt ihr denn gar nichts Verliebtes?
    Der Peripathetiker machte ein mild-ernstes Gesicht und lie seine rechte
Hand in der linken Brusttasche des Smokings verschwinden, der jetzt schon ein
bischen speckig geworden war. Dann entfaltete er eine Nummer der Kreuz-Zeitung
und las aus dieser, aber nicht aus ihrem gedruckten Texte, dies:

Gieb mir Deine Hnde, Kind,
Deine kleinen weichen Hnde,
Die wie Bltenbltter sind,
Khl und feucht.

Gieb mir Deine Hnde leis,
Deine khlen, feuchten Hnde,
Denn die meinen sind so hei
Wie mein Herz.

Gieb mir Deine Hnde, gieb
Still sie mir in meine Hnde,
Kleines Mdchen, hab mich lieb,
Hab mich lieb!

Er las das mit einem seltsamen Flstertone, flehend.
    Stilpe schttelte den Kopf:
    - Aber wer soll denn das singen! Das ist ja Lyrik! Himmlische Mchte: Was
soll ich mit Lyrik anfangen? Das geht ja nicht! Das ist ja viel zu zart! Ein
Tingeltangel ist doch kein Lesekrnzchen!
    Der Peripathetiker steckte die Kreuzzeitung ruhig in die Hosentasche und
sagte blos:
    - Ich dachte, es pate. Ich fnde das Gedicht sehr passend, wenn es ein
junger mder Mann an ein kleines Mdchen hinsnge, und er nhme ihre Hand und
kte ihr dann die Fe. Aber ich habe auch komische Gesnge. Ein Lied vom
geschorenen Pintscher habe ich einmal gemacht. Ich werde es suchen.
    Er setzte sich neben den Brenfhrer und strich mit seinen schnen schmalen
Hnden den langen Apostelbart.
    Kasimir grinste:
    - Hehe, Du hast wohl genug, Direktor. Weit Du, meine polnische Rhapsodie
werde ich Dir auch hier lassen. Auf diesem sehr umfangreichen Schreibtisch da.
Hehe, sie wird auch nicht passen. Du willst natrlich, hehe, Humor! Und so mut
Du Herrn Stinde engagieren oder diesen, h, wie heit doch der Herr, diesen
dicken deutschen Biertrinker, hehe, richtig: Hartleben, hehe; dieser
Pilsener-Bier-Joethe pat fr Dich sehr gut. Das ist ein hervorragender Dichter,
hehe, geradezu der Onkel der deutschen Poesie. Ich liebe ihn, hehe! Er hat
gerade so einen schnen Hornkneifer wie Du.
    Stilpe lchelte. Gegen diese Manier fhlte er sich gewappnet.
    Aber wtend war er doch. Sie fingen also schon an, ihn zu verachten. Blos,
weil er klug war. Weil er langsam vorgehen wollte. Nicht mit dieser
tolpatschigen Hast junger Jagdhunde, sondern mit der Ruhe bewuter
Verantwortlichkeit.
    Unter seiner Freude an der bewegten Arbeit eines Sprechstunde abhaltenden
Theaterdirektors hob sich mehr und mehr ein Ingrimm gegen die Leute, mit denen
zusammen er eigentlich gedacht hatte, das Momus-Theater zu machen. Ihre
Unfhigkeit, fr die Zwecke dieses Theaters zu arbeiten, empfand er nicht als
einen Mangel ihrer Begabung, sondern er rgerte sich darber, da sie auch in
diesem Falle keinerlei Konzessionen an den Begriff des Zweckes in der Kunst
machten, und er beneidete sie im Grunde darum. Zwar sagte er sich manchmal, da
sich darin auch Schwche und Zgellosigkeit offenbarte, aber seine eigene
Fhigkeit, gerade fr das Momus-Theater zu arbeiten, erschien ihm als ein
Anzeichen seiner knstlerischen Inferioritt.
    Er fing mit einemmale an, die Dichterei zu hassen, und es war ganz
ehrlich, wenn er der Muse gegenber es verwnschte, da die Literatur ein
Hauptprogrammpunkt ihrer Grndung war. Und dabei htte er doch auch um Alles
nicht ein bloer Tingeltangeldirektor sein wollen. Der Gedanke, auf so paradoxe
Weise der Kunst zu dienen, kitzelte ihn angenehm.
    Aber gerade fr das Eigentliche des Unternehmens, gerade fr die Verbindung
des wertvoll knstlerischen mit dem Tingeltangelhaften, that er am wenigsten.
Dafr muten der Zungenschnalzer und die Muse die Hauptarbeit leisten. Er warf
nur zuweilen Ideen hinter die Kulissen, schrieb ein paar Couplets von
geistreicher Frechheit und entfaltete im brigen eine mehr fahrige als
zielbewute Thtigkeit.
    Besonders gro war er in der Anschaffung schn bedruckter Stoffe aus England
und Belgien. Auch lie er ausgezeichnete Plakate lithographieren und drucken. In
Paris und London engagierte er brillante Tnzerinnen und Sngerinnen zu sehr
hohen Gagen; das Beste, was das Ausland an Varit-Theaterkunst hervorbrachte,
verpflichtete er dem Momus-Theater. In gewissen uerlichkeiten war er sehr
erfinderisch und originell. So stellte er anstelle von Logenschlieern hbsche
junge Mdchen in allerliebst dekolettierten Kleidern an, sorgte fr schne
Blumenverkuferinnen und benutzte seine vorzglichen Verbindungen in der
besseren Berliner Halbwelt zu einer auf das Prinzip der Auswahl des Besten hin
systematisierten Verteilung der Freibillets.
    Der Pole karakterisierte das Ganze in seiner Weise so:
    - O Herr Direktor, Du bist geradezu dschenial! Du erffnest Ausblicke in
geradezu orientalische Kulturen! Du solltest direkt ein literarisches Bordell
grnden! Weit Du, hehe, wo die Mdchen auch gleich dichten oder Joethe
deklamieren. Hehe, was Du da fr reizende Divnchen in die Logen gestellt hast!
Und diese kstlichen Rosa-Ampeln! Hehe, und da man die Logenthren von innen
verriegeln und an der Brstung die Vorhnge zuziehen kann, - daran erkenn ich
den Meister! Und so sollst Du berhaupt gar keine Vorstellungen geben lassen,
sondern blos, hehe, Eintrittspreise verlangen; hehe: Damen zahlen die Hlfte.
    - Na, und wenn es so wre! entgegnete Stilpe unerschrocken, wre das nicht
auch schon Verdienst genug? So ein bischen angewandte Erotik ist genau so
wichtig, wie eure ganze Schreiberei. Und deshalb rgert ihr euch eben: Weil Ihr
seht, da ich ins Leben wirken will mit dem Momus und nicht blos in die
Literatur. Ihr seid die groen Geister; gut, schn, eminent: Ich la euch eure
Lorberkrnze. Ich bin ein einfacher Pionier des neuen Lebens. Nur der
Zungenschnalzer versteht mich, weil er den Willen der Zeit versteht. Und denkt
ihr denn, ich habe den alten Hut voll Geld gekriegt, um eine Bouillonkultur
Seelenkrebs anzulegen? Ich habe das Amt erhalten, die Berliner in ein
knstlerisches Leben hinber zu amsieren, nicht aber, sie mit Literatur zu
mopsen. Der Zweck des Momus ist direkt, eurer ganzen Literatur den Rest von
Interesse zu nehmen, den sie etwa noch hat. Wir wollen die Berliner sthetisch
machen. Es giebt hier immer noch Menschen, die Bcher lesen. Das mu aufhren.
In den Spitzenunterhschen meiner kleinen Mdchen steckt mehr Lyrik, als in
euren smtlichen Werken, und wenn die Zeit erst so weit ist, da ich ohne
Unterhschen tanzen lassen kann, dann werdet sogar ihr begreifen, da es
berflssig ist, andere Verse zu machen, als solche, die bei mir gesungen
werden. Umgotteswillen, begreift doch die Situation! Schne Kleider, schne
Frisuren, schne Arme, Brste, Beine, Bewegungen - darauf kommst an. Erfindet
mir Tnze, dichtet Pantomimen, lst mir das Problem der Emancipation vom Tricot,
- das sind Sachen, die ich brauchen kann. Und wenn ihr schon durchaus Verse
machen mt, so verget doch nicht, da sie von schnen Mdchen gesungen werden,
die nicht mit leeren Corsetts auftreten. Und seht euch mal die bunten, feinen
Stoffe da an! Was mssen das fr Verse sein, die mit solchen Farben, solchen
Mustern konkurrieren wollen! Zieht doch eure Verse endlich mal aus! Ich lasse
Rops tanzen, - habt ihr doch die Kurasche, Rops zu dichten! Unser Theater heit
doch Momus und nicht Stcker. Seid ihr denn Predigtamtskandidaten? Mein Gott,
was tht ich, wenn ich auf euch angewiesen wre!
    So polterte er sich aus und gengte seinem Bedrfnisse ab und an verwegene
Worte zu ballen. Aus diesem Grunde waren ihm die renitenten Dichter, obwohl er
sich herzhaft ber sie rgerte, doch unentbehrlich. Er konnte an sie hin reden
und sich bei dieser Gelegenheit klar machen, worauf hinaus er eigentlich wollte.
Diese Art, sich in Feuer zu reiben, that ihm gute Dienste. Er fand sich mit
seinem literarischen Gewissen ab, indem er sich mit den ungebrdigen Poeten
abraufte. Wren sie nicht immer wieder aufgetaucht, so htte er die Literatur
berhaupt vergessen und wre ganz in Mulin und Seide aufgegangen.

                                Viertes Kapitel


Das leipziger Cnacle, das durch die fatale Stilpe-Sache damals gesprengt
worden war, hatte sich schlielich doch wieder zusammengefunden. Freilich ohne
Stilpe. Dieser war um die Zeit der neuen Vereinigung gerade in den Vollgenu
seiner kritischen Berhmtheit getreten und hatte auf die Einladung, der ersten
Sitzung in Leipzig beizuwohnen, eine schnde Absage erteilt. Es war darin von
Kinderschuhen die Rede, die er den Herren gerne zur Verfgung stellen wrde,
wenn er nicht befrchten mte, da auch sie ihnen noch zu gro seien; im
brigen sei er bereit, die poetischen Werke der erlauchten Cnacliers mit
derselben Objektivitt zu tranchieren, mit der er die brigen Erzeugnisse des
dichterischen Germaniens der ffentlichen Meinung vorsetzte.
    Diese Bemerkung war das Boshafteste in dem Briefe, denn die Herren Barmann,
Stssel, Wippert und Girlinger hatten ihren knstlerischen und dichterischen
Jugendplnen lngst den Abschied gegeben. Barmann war Gymnasiallehrer geworden,
Stssel hatte reich geheiratet und gab vor, musikgeschichtliche Studien zu
treiben, Wippert war auf dem Umwege ber orientalische Philologie langsam zur
Medizin gelangt und hatte eine Klinik fr Frauenkrankheiten, Girlinger steuerte
auf die Laufbahn eines kniglichen Staatsanwalts zu. Wenn sie sich trotzdem zu
einem neuen Aufgu des Cnacles vereinigten, so geschah es in einer gewissen
melancholischen Stimmung und in der Hoffnung, unter sich wenigstens eine Art
Abglanz jenes einbildungsvollen bermutes zu erzeugen, an den sie sich nicht
ohne ein leises Hochgefhl erinnerten. Es war ihnen im Grunde doch leid, da
jene berschwnglichen Einbildungen einer knstlerischen Zukunft nicht zur
Wahrheit geworden waren. Sie gestanden sich das zwar nicht ein, konstruierten
sich vielmehr ein Gefhl von ernster Zufriedenheit darber, da sie sich in
brgerlich gefestete Zustnde und in einen praktischen Wirkungskreis
hinbergerettet htten, aber es gewhrte ihnen doch Genugthuung, da sie auf so
etwas wie eine geistige Sturm- und Drangperiode zurckschauen konnten. Auch
hegten sie die stille Hoffnung, da sie vielleicht viribus unitis doch noch die
Fhigkeit besitzen mchten, wenigstens unter sich ein bischen ber die Strnge
zu schlagen.
    Da war nun die Absage Stilpes, vor dessen literarischer Stellung sie doch
etwelchen Respekt hatten und in dem sie den durchgedrungenen Cnaclier
verehrten, sehr fatal gewesen. Ohne ihn entwickelte sich das Cnacle stark ins
hausbacken Solide, und eigentlich gabs eine Wiedergeburt jenes Debattierklubs
auf dem Gymnasium, nur da mit der Unreise auch der Enthusiasmus fehlte.
    Es wurde aus dem Cnacle eines der kritischen Konventikel, wie sie sich
jetzt gerne um die Literatur und Kunst herumgruppieren, wo man sich ber das
Neue unterhlt, die Entwickelung mit bald wrmerer, bald khlerer Anteilnahme
verfolgt, und wo der heimliche Lessing dieser kritisch noch immer nicht unter
einen Hut gebrachten Zeit in vielen Exemplaren wscht, blht und gedeiht.
    Ein Hauptsport dieses zeitgem gewordenen Cnacles war die Psychologie,
diese Lieblingsneigung aller unproduktiven Kpfe, die zu klug und zu stolz sind,
um zu dilettnteln. An Stoff gebricht es diesem Sporte niemals, aber hier war er
besonders ppig und interessant, weil die Cnacliers in ihrem ehemaligen
Freunde, dem Ex-Schaunard Stilpe, ein besonders ergiebiges Objekt hatten.
    Die Debatte drehte sich recht hufig um ihn, und besonders Girlinger ward
nicht mde, ihn zu vivisecieren. Er sprach es direkt aus, da Stilpe fr ihn das
interessanteste Schauspiel sei, und da er ihn ganz sicher niemals aus den Augen
verlieren werde. Er hatte natrlich auch schon eine Prognose bis ins Letzte in
Bereitschaft, htete sich aber doch, sie mit Bestimmtheit verlauten zu lassen.
Die Khnheit Wipperts, der im Geiste schon das Sterbebett Stilpes in der Charit
mit der Aufschrift del. trem. sah, besa er doch nicht. Dafr dachte er seinem
Metier zufolge mehr an Pltzensee. Barmann, der in Secunda deutsche
Literaturgeschichte traktierte, huldigte hheren Perspektiven; er konstruierte
sich einen modernen Fall Gnther. Stssel war im Grunde voll phantastischer
Erwartungen:
    - Pat auf: Pltzlich tritt er mit einem Werke hervor. Jetzt ist alles
Schutt und Scherben. Aber mit einem Male wird er sich zusammenfassen und
aufraffen, und dann zeigt er erst seine wahre Gestalt, seine innerliche Kraft.
Vielleicht mu er blos erst heiraten!
    So psychologisierte jeder nach seinen Erfahrungen, und Stilpe ward nicht
mde, in bunter Folge jeder Ansicht neue Nahrung zu geben.
    Zu einer konkreten Zusammenfassung reeller Unterlagen fr diese
psychologischen Bemhungen kam, es aber erst als Girlinger nach Berlin versetzt
wurde.

Es war etwa ber ein Jahr nach der Grndung des Momus, da sandte Girlinger
folgenden

                              Bericht quoad Stilpe

an das Leipziger Cnacle:

Endlich ist es mir gelungen, nicht blos Authentisches ber den Fall Stilpe-Momus
zu erfahren, sondern auch unsern ehemaligen Schaunard selber aufzufinden. Ich
htte euch schon frher allerlei mitteilen knnen, aber ich wollte mit
Thatsachen aufwarten und nicht blos referieren, was ihr aus den Zeitungen von
damals ebensogut wit, wie ich, und was doch durchweg mehr oder weniger
feindliche Premache war.
    Ich verkehre hier ab und zu mit Journalisten und habe in dieser Gesellschaft
zuweilen versucht, das Gesprch auf Stilpe zu bringen, aber es ist mir nicht
gelungen, von dort her mehr zu vernehmen als uerungen einer fertigen
Verachtung, die sich nicht zur Darlegung von Grnden herbeilassen wollte. Stilpe
gilt in diesen Kreisen einfach als bte noire, und schon aus Korpsgeist
vereinigt man sich zu einstimmiger Verdammung des rudigen Schafes. Nur einige
geben noch zu, da der Mensch ein starkes pamphletistisches Talent besessen
habe, aber auch sie fgen die Bemerkung daran, da er nicht einmal fr einen
Schmhschreiber genug Charakter besitze. Den Momus-Krach stellen sie als
wohlverdiente Strafe hin 1) fr die Frivolitt, die das Geprge dieser ganzen
Grndung gewesen sei und 2) fr das ans Gaunerhafte grenzende Gebahren, das
Stilpe in der ganzen Angelegenheit gezeigt haben soll und zwar sowohl bei
Aufbringung wie bei Verwendung der Momusgelder.
    Durch Zufall lernte ich dann eine Gruppe von Dichtern kennen, die ber jedem
Verdachte journalistischer Verbindungen stehen, weil sie es schon lngst
aufgegeben haben, ihre Erzeugnisse durch die periodische Presse zu verbreiten,
und die gerade ber den Momusfall mitreden knnen, weil sie an ihm beteiligt
gewesen sind. Da sie trotzdem im Grunde von Stilpe nicht viel wissen wollen
(weil er, wie sie sagen, den Momusgedanken prostituiert hat), so ist es erlaubt,
ihre Aussagen wenigstens fr insoweit objektiv zu halten, als die Herren
berhaupt einer objektiven Betrachtung der Dinge dieser Welt fhig sind.
    Von diesen Herren habe ich nun dies erfahren: Das Momustheater erlitt ein
vollkommenes Fiasko, weil es als Tingeltangel immerhin zu knstlerisch, als
Kunstinstitut aber viel zu sehr Tingeltangel gewesen sei. Das Publikum lehnte
das bischen Literatur und Kunst, was dabei mitspielte, schon als zu viel ab,
und die Presse, die im Verein mit dem Schock Berliner Kunst- und
Literaturfreunde sich wenigstens den Anschein gab, etwas Knstlerisches
erwartet zu haben, erklrte mit der ganzen Entrstung lackierter
Elitemenschen, da sie von Literatur und Kunst im Momus nicht mehr zu finden
vermchten, als im Malepartus. Das sei nun freilich zuviel gesagt, meinten
meine Dichter, und sie fhrten zum Beweis der Nance von reeller Litteratur
im Momus jeder eine Programmnummer an, die den Citierenden zum Verfasser hatte.
Ich mu gestehen, da schon die Titel dieser Programmnummern mich in Staunen
versetzten, und als mir eine Probe interpunktionsloser Lyrik vorgetragen
wurde, die im Momus unter Pizzicatobegleitung von acht Bratschen deklamiert
worden ist, da begriff ich, da das dem Publikum zu viel gewesen war. Diese
merkwrdigen Dichter amsierten sich brigens selber am meisten ber ihre
Programmnummern, und ich vermochte mir nicht darber klar zu werden, ob sie
diese Produkte ernst oder als einen Ulk nahmen, den sie sich mit Stilpe erlaubt
hatten.
    Es war bei der Premire sehr lrmhaft zugegangen, und zwar hatten, wie meine
Dichter behaupten, zwei Parteien um die Palme des Radaus gerungen: In erster
Linie die journalistischen Feinde Stilpes und dann ein Aufgebot der christlichen
Jnglingsvereine. Nach Allem, was ich zumal ber die Balletleistungen des Momus
vernommen habe, mu ich erklren, da ich die Opposition derart inkorporierter
Jnglinge verstehe. Es ist auch sehr bald die Polizei gegen den Schnitt der
Balletgewnder im Momustheater eingeschritten.
    Dieser Umstand in Verbindung mit dem einmtigen Verdikte der Presse, da der
Momus durchaus kein Kunstinstitut im hheren Sinne sei, hat den Aufsichtsrat der
Momus-Gesellschaft, also die Geldgeber, veranlat, sich den Paragraphen in
Stilpes Kontrakt zunutze zu machen, der es gestattete, den artistischen
Direktor zu entlassen, freilich unter Zahlung einer sehr betrchtlichen
Entschdigungssumme fr diesen. Der leise unternommene Versuch, diese
Entschdigung durch allerlei Anschuldigungen bedenklicher Natur in punkto
Geschftsgebahrung zu umgehen, ist schlielich nicht gemacht worden, aber schon
der Ansatz dazu hat gengt, jenes von mir bereits erwhnte Gercht von
Gaunereien etc. zu erzeugen.
    Das Momustheater ist sehr bald an einen regelrechten Tingeltangeldirektor
bergegangen, und man hat eine Weile geglaubt, da Stilpe selbst mit seiner
Entschdigungssumme der Hintermann dieses Varit-Mannes gewesen sei. Der
Umstand, da seine damalige Geliebte, eine Hamburger Chantantsngerin, die Diva
des neuen Momustheaters wurde, deutete wohl darauf hin, aber die Stellung eines
Hintermannes scheint mir nicht im Charakter Stilpes zu liegen.
    Zweifellos und leider in Stilpes Charakter sehr ersichtlich begrndet ist
dagegen die Thatsache, da er sich nach seiner Entlassung einem vllig
verrckten Lotterleben hingegeben hat. In seiner Eigenschaft als Direktor
hatte er eine unendliche Schaar von Artisten und Artistinnen kennen gelernt, und
er umgab sich nun mit einem wahren Heerbann von stellenlosen Sngerinnen und
Tnzerinnen. Es wird euch gengen, das Faktum zu vernehmen, um euch ein Bild
davon zu machen, in welchem Stile er eine Weile gelebt hat.
    Meine dichterischen Gewhrsmnner machen ihm nicht sowohl dieses Faktum, als
den Umstand zum Vorwurf, da er jede Beziehung mit ihnen und berhaupt mit dem,
was sie Literatur und Kunst nennen, abgebrochen habe. Sie sagen in ihrem Stile
so: Er sumpfte wie ein Kapitalist, der sich eine Leibgarde von Mitsumpfern
aushalten mu, weil es ihm an Geist und Gre gebricht, allein oder mit
erlauchten Leuten congenial zu sumpfen. Er fing wieder an, schwere Getrnke
ntig zu haben, wo dem Erlesenen schon Gilka gengt, um den Kontrakt mit dem
Weltgeiste zu finden. Auch bei ihm war es die Verzweifelung der Impotenz, die
ihn zwang, fr teures Geld wertlose Rusche zu kaufen. Man brauchte sich
schlielich kein Gewissen daraus zu machen, ihn anzupumpen wie einen Kunstfreund
von hoher Steuerklasse.
    Diese Verachtung von dieser Seite her besagte fr mich eigentlich den
tiefsten Stand der Stilpischen Dinge.
    Unser ehemaliger Schaunard, so sagte ich mir, hat also den brutal sinnlichen
Zug seines Wesens vollkommen Herr ber sich werden lassen und ist, da ihm mehr
Geld zur Verfgung stand, als fr ihn gut war, in gemeiner und geistloser
Schwelgerei untergegangen. Der andere Zug seines Wesens, und wenn es auch blos
eine untergrundlose Verblendung war: Das Hinaufbegehren in freie, schpferische
Geistigkeit, die Zuversicht, aus sich etwas Groes, einen Poeten zu machen, das
hat er ganz verloren. Aber ich fgte in mir den Gedanken bei: Er mu, wenigstens
in vorber wehenden Augenblicken der Klarheit, wenn der Alkohol versagt, sehr
unglcklich dabei sein.
    Deshalb gab ich mir Mhe, seiner habhaft zu werden. Aber es gelang mir lange
Zeit nicht. So lange er Geld hatte, wohnte er, wenn er in Berlin war, bald in
diesem, bald in jenem Htel, und hufig war er offenbar von Berlin abwesend,
vielleicht an den Orten, wo die eine oder andere seiner Favoritinnen gerade ein
Engagement an einem Tingeltangel hatte. Jetzt aber haben ihn die Favoritinnen
ganz ausgezogen, und - er hat selber ein Engagement an einem Tingeltangel hier.
    Ich erfuhr, da er in einem der kleinen Chantants drauen in Berlin N., wo
die Chausseestrae anfngt, als Komiker auftrete, und ich beschlo sofort, den
nchsten Abend zu einem Besuche in diesem Lokal, das sich Zum Nordlicht nennt,
zu benutzen.
    Das Milieu brauche ich euch nicht zu schildern; ihr kennt es aus eigener
Erfahrung und aus den Novellen der ersten Periode unsres deutschen Naturalismus.
Ich mu sagen: Mit einer wahren Angst sah ich dem Auftreten Stilpes auf dieser
Bhne entgegen, auf der sich im brigen nur Chansonetten letzten Ranges
produzierten. Auf dem Programm stand er als - Rudolph Schonaar verzeichnet.
Ist das nun ein Stck Selbstironie? dacht ich mir; hat er wirklich noch den
Humor, sich ber sich selbst lustig zu machen? Wie wird er blos aussehen!? Und,
mein Gott, wie wird er singen?!
    Ich war auf alles mgliche gefat, aber nicht auf das, was kam.
    Da ich es kurz sage: Es war eine Leistung! Ich bin ja freilich kein Kenner
auf diesem Gebiete, aber das getraue ich mir zu sagen: In seiner Art war die
Charge, die unser Schaunard von ehedem darstellte, ein brillantes Stck
grotesk-realistischer Tingeltangelkunst. Es war im Grunde niederdrckend fr
mich, was ich sah, und doch ging ein Gefhl nebenher, das ich so ausdrcken
mchte: Der Kerl imponiert mir doch! So sich ber sich selber zu stellen mit den
Mitteln einer zwar niedrigen, aber in ihrem ganzen Stile fabelhaft erfaten
Kunst, so das ganze traurige Ergebnis seines Lebens mit grotesker Laune
tragikomisch dem Pbel vor die Fe zu werfen, so von oben herab auf sich selber
herumzutreten und doch den Eindruck eines Mannes zu machen, der sich dabei
amsiert, - wit ihr: Das ist kein gewhnliches Stck, da steckt trotz Allem
eine knstlerische Persnlichkeit dahinter.
    Also stellt euch vor: Stilpe trat als verlumpter, versoffener alter Dichter
auf. Lange graue Haare, zerknllter Cylinder, Bratenrock, flatternder
Knstlershlips, - dies also die alte schablonenhafte Figur des idealistischen
Dichters in bler Vermgenslage. Aber nun httet ihr sehen sollen, wie das
Gesicht, die Bewegungen, die Worte dazu paten. Zum Gesicht hatte er freilich
keine Kunst ntig gehabt: Diese aufgedunsenen Zge, diese alkoholisch porse,
kupferige Nase, diese schwimmenden, unstten Augen, - das war leider Alles
Natur. Auch die Bewegungen, dieses Fallenlassen der Arme, die dann an den
Schenkeln herumsuchten und tasteten, dieses nervse Zucken der Schultern, dieses
zitternde Auflegen der rechten Hand auf die Stirne, dieses langsame Auf- und
Niederneigen des Kopfes, dieses Nachschleifen der Fe beim schwankenden Gange,
- auch dies war im Grunde Natur, nur unterstrichen, perspektivisch berechnet.
Aber nun: Was er sprach und sang!
    Es war so eine Soloszene, wit ihr: Monologe mit Gesangseinlagen wechselnd;
man kennt das ja; diese Geschichten sind eigentlich nicht mehr modern; ein paar
haben sich indessen sogar auf der groen Bhne erhalten. Aber Stilpe hat, ich
sage es ohne berschwnglichkeit, ein Kunstwerk daraus gemacht. Ich wre auch
ergriffen zwischen Lachen und Grausen hin- und hergeworfen worden, wenn kein
persnliches Interesse mitgewirkt htte.
    Er kam langsam, ruckweise schwankend aus der linken Coulisse und bewegte
sich im Zickzack, scheu sich umsehend, nach einer Bank rechts. Wie er sich auf
die hinfallen lie, wie er den Cylinder mde abnahm, sich durch die Haare fuhr
und nun mit einem leeren, ngstlichen Blick rund im Zuschauerraum herumsah, das
war fr mich schon ein Eindruck, wie ich ihn selten von einer Bhne herab gehabt
habe. Pltzlich kicherte er, bckte sich und hob einen Zigarrenstummel auf,
griff dann lssig an sich herum, fuhr suchend in die Taschen, zog die Hnde
resigniert heraus und sagte dann leise vor sich hin: Ja, Feuer! Is nich!
    Wieder ein paar Blicke im Kreise. Dann pltzliches Aufrichten und im
Vorwrtsschreiten das Bemhen, nicht zu schwanken, sondern anstndig, mit Wrde
zu gehen. Und nun, an der Rampe, eine hfliche Verbeugung vor dem Bageiger und
im Tone vollendeter Hflichkeit mit gebrochener Stimme: Drfte ich Sie um etwas
Feuer bitten, werter Herr?
    Er erhlt ein Streichholz, verbeugt sich wiederum sehr hflich und zndet
sich den Stummel an; stt die Tabakwolken mit Genu von sich, betrachtet den
Stummel mit Zrtlichkeit, lchelt und sagt: Sie mssen nmlich wissen: Ich bin
auch Knstler!
    Der Bageiger sieht ihn fragend an.
    - Ach nein, so schn geigen kann ich nicht. Nein. Aber - dichten! Haben Sie
keine Kindtaufe in Aussicht? Ich machs billig. Wenn nur vom Essen was brig
bleibt ... Dies sehr demtig, traurig.
    Aber auf einmal wird er wild und fngt an zu schimpfen: Auf das Gesindel,
das Geld und kein Talent hat, auf alle, die ihn verachten, weil sie Kameele
sind, whrend er ein Genie ist u.s.w. - Ich sage euch: Ein fabelhafter Ausbruch
mitten in den johlenden Mob hinein, der sich kniglich zu amsieren anfngt,
whrend der Dichter, an der Rampe hin- und herrennend wie ein Eisbr im Kfig,
Zorn, Wut, Verachtung nach allen Richtungen schleudert.
    Ich hatte die Empfindung, da Stilpe dies alles improvisierte.
    Dann fiel er wieder in den demtigen Ton und bat um Verzeihung und ein Glas
Gilka. Nachdem ihm dies hinaufgereicht worden war und er es mit der Hast eines
Verdurstenden hinuntergestrzt hatte, erklrte er, nun wolle er auch nicht so
sein und seinerseits etwas zum Besten geben. Und er begann im
Schauerballadenstil sein Leben, das Leben des verkommenen Genies,
herunterzusingen.
    Es war einfach grausig, sag ich euch, wie er immer sich selber als zweite
Person behandelte und gleichsam mit dem Stocke auf sich wies, wie die alten
Jahrmarktsmorithatensnger auf die warnenden Exempel. Dabei stellte er in groen
Zgen wirklich sein eigenes Leben dar, natrlich grotesk verzerrt und mit
burlesken Beigaben. Aber ich habe dieses sein Leben nie mit so greller
Deutlichkeit erkannt, wie whrend dieser Ballade, die berdies als parodistische
Leistung ein Leckerbissen zu nennen ist. Am Schlusse immer der Kehrreim:

O lockert eure steinernen Geberden!
Ich bin ein Lump und ihr knnt Lumpe werden.
Seht dieses Fleisch und schlotternde Gebein,
Jetzt sauf ich Gilka und einst soff ich Wein.

Nachdem er die Ballade zu Ende gesungen hatte, trat er unter johlendem Beifall
ab. Der Beifall hielt an, und er erschien wieder, trat ganz an die Rampe vor und
sagte: brigens haben Sie mich vorhin gestrt. Ich bin nicht hier hergekommen,
Ihnen was vorzuflten. Dann ganz leise: Es ist doch kein Schutzmann unter
Ihnen ...? ... Rufe aus dem Publikum: Ich wo! - Stilpe: Ich... ich ... mchte
mich nmlich erhngen.
    Ihr werdet es kaum glauben, aber das wurde in einem Tone gesagt, da selbst
dieses Publikum erschrak. Aber nun schlug Stilpe eine Lache auf: Sie denken
wohl, das ist unangenehm? Im Ggenteil! Ich habe mir sagen lassen, man erlebt da
seine schnsten Sachen alle noch einmal. Jotte nee, was ick mir auf Laura'n
freue!
    Und jetzt folgte ein bockiges Herumstolzieren mit vorgestrecktem Bauche,
eine laszive Szene ohne Worte, die in mir direkt den Staatsanwalt wachrief.
Gemein! Gemein!
    Das Publikum wand sich vor Entzcken. Stilpe aber hielt pltzlich inne und
rief: Aber wissen Sie denn auch, warum ich mich erhngen will?
    Und nun folgte, ich kann es nicht anders nennen, eine Dissertation ber den
Selbstmord. Und zwar so, da er erst alle mglichen gewhnlichen
Selbstmordgrnde ablehnte, um schlielich als einzig zwingenden und berechtigten
Grund den anzufhren: Es giebt kein Getrnk mehr, das mich umbringen knnte,
drum mu ick mir selber umbringen.
    Nun zog er den Strick hervor und sang ihn als Schnaps der Schnpse an.
Whrend der Schlustrophe warf er den Strick um einen Laternenhaken, und whrend
der Vorhang fiel, legt er sich den Strick um den Hals.
    Ich atmete auf, wie der Vorhang unten war. Das Publikum aber klatschte wie
besessen. Nach einer Weile hob sich der Vorhang wieder, und ich sah, da die
Originalitt unseres verflossenen Freundes auch als Tingeltangelsnger keine
Grenzen kennt: Der Dichter hing an der Laterne und sang, ungeachtet des
Einspruchs der Naturgesetze, in dieser Situation, rchelnd und nach Luft
schnappend, sein Schwanenlied, eine schauerliche Mischung von Grausen, grotesker
Komik und Cynismus. Dann ein letztes Schlenkern mit den Beinen, die Zunge weit
heraus, dem Publikum entgegengestreckt, - der Vorhang fiel. So oft er sich
wieder unter dem Beifallgewieher des Publikums hob, sah man den Dichter am
Laternenpfahl hngen und mit herausgestreckter Zunge den grinsenden Kopf dankend
verneigen.
    Scheulich! Scheulich! werdet ihr sagen, und ihr habt ganz gewi recht,
aber ich wiederhole es: Was in meiner Darstellung blos widerlich wirken kann,
machte von der Bhne herab, ich mu es bekennen, in der Hauptsache auf mich doch
den Eindruck von ergreifender Kunst, schauderhaft verirrter, gottstrflicher,
infamer Kunst zwar, aber ich wre nicht im Stande gewesen, etwa inmitten dieser
schauerlichen Frivolitten aufzustehen und fortzugehen. Alles in mir emprte
sich, aber ich war gefesselt.
    In jedem anderen Falle wre ich nun freilich jetzt weggegangen, zumal, da
auf diese pice de resistance des Nordlichtes nur noch die ausgesungenste aller
Chanteusen folgte, aber mich verlangte es, Stilpe nun auch in Civil zu sehen.
    Wie mu der Mensch, der aus seinem Leben einen solchen grausigen Clownwitz
zu machen im Stande ist, aussehen, wie mu er sich benehmen, wenn er mir
gegenber steht, der ihn aus Zeiten her kennt, wo es trotz Allem doch eine
solche Perspektive auf das Ende nicht gab!
    Ich schickte ihm meine Karte hinter die Bhne. Nach einer Viertelstunde
erschien er, die Vorstellung war mittlerweile durch den blichen Galopp
geschlossen, an meinem Tische.
    Unglaublich! Er geberdete sich wenigstens ganz wie frher.
    - Willst Du mich verhaften, Staatsanwalt meiner Seele? Wieviel Jahre stehen
auf den Bauchtanz meiner Prgung?
    Ich hatte Mhe, ihn von diesem Stil abzubringen. Ganz hat er ihn berhaupt
nicht aufgegeben. Das Endresultat, was ich euch zu vermelden habe, ist dies:
Stilpe erklrt, sich recht wohl zu fhlen, wenngleich es ihm nur in den
seltensten Fllen noch gelingt, sich zu betrinken. Als Entschdigung fr diesen
beklagenswerten Umstand bezeichnet er die glorreiche Thatsache, da er
endgiltig darauf verzichtet habe, in die Literaturgeschichte zu kommen.
    - Literatur? Pf! Das Tingeltangel ist die Kunst der Zukunft. brigens hat
meine Orgel blos noch eine Pfeife. Sonst? ... Na, mein Junge, wenn alle Pfeifen
schweigen, - die Heilsarmee leckt alle Finger nach mir. Ein bischen religis
komm ich mir berhaupt manchmal vor. Wer wei...? ... Wer kann wissen ...? ...
berhaupt ... der liebe Gott! ... Na ... einstweilen halten wir mal die Fahne
hoch ... Aber nicht wahr: Meine Nummer is gut!?

                                 Schlukapitel


Etwa drei Wochen nach dem Gesprche Girlingers mit Stilpe erhielten die Berliner
neben anderen Frhstcksbeilagen auch diese Notiz vorgesetzt:
    (Selbstmord eines Chantantkomikers.) Die Besucher der Varitbhne Zum
Nordlicht waren gestern Abend Zeugen eines grausigen Schauspiels. Der Komiker
Schonaar hat sich auf offener Bhne vor den Augen des Publikums erhngt. Da der
Schlutric in der Nummer dieses Komikers (!) darin bestand, da er sich an einem
Laternenpfahl aufhngte, so gewahrte das Publikum es anfangs nicht, da diesmal
das an sich scheuliche Schauspiel entsetzliche Wirklichkeit war. Es
applaudierte, die scheinbare Naturwahrheit der Darstellung bewundernd,
anhaltend, so da sich der Vorhang dreimal ber dem zuckenden Krper des
Hngenden erheben mute. Da erst fiel es den Habitus dieser Schaustellung
auf, da der Darsteller nicht wie sonst seinen Kopf in der Schlinge gegen das
Publikum verneigte. Man eilte ber die Rampe weg auf die Bhne und schnitt den
Erhngten ab. Da es nicht mglich war, ihn wieder ins Leben zu bringen, so mu
mit Bestimmtheit angenommen werden, da Schonaar, um ganz sicher zu gehen, sich
vorher vergiftet hat. Die polizeirztliche Untersuchung wird zweifellos die
Richtigkeit dieser Mutmaung ergeben. In den Taschen des Selbstmrders fand man
ein Packet mit der Aufschrift: An den Staatsanwalt Girlinger. Dies erweckt die
Vermutung, da dieser Selbstmord vielleicht noch anderweites kriminelles
Interesse hat. Wir kommen auf den krassen Fall zurck.
    Schon zum Abendbrot hatten die Berliner volle Aufklrung ber den Fall
Schonaar. Sie lasen:
    (Zum Selbstmord im Nordlicht.) Der scheuliche Selbstmord auf offener
Bhne, von dem wir heute frh berichtet haben, hat kein weiteres kriminelles
Interesse, wohl aber eine psychologisches traurigster Natur. Der Selbstmrder,
der unter dem Namen Schonaar ein elendes Dasein als Komiker niederster Gattung
gefristet hat, war der ehemals viel genannte und gefrchtete Kritiker Willibald
Stilpe, derselbe, der sich in der Literatur durch das berchtigte Pamphlet Der
Tintensumpf unmglich gemacht und dann das bald verkrachte
Literatur-Tingeltangel Momus gegrndet hat. Wieder einmal ein Talent, das an
seiner eigenen Charakterlosigkeit zu Grunde gegangen ist! ber die direkten
Motive zu diesem in so schauerlicher Weise in Szene gesetzten Selbstmord haben
wir vom Herrn Staatsanwalt Girlinger, an den der Selbstmrder ein Bndel
Manuskripte geschickt hat, nichts erfahren knnen. Man kann sie wohl in das eine
Wort zusammenfassen: Delirium.

Das war das Amen-Wort der ffentlichkeit zum Lebensabschlu Stilpes.
    Das Leipziger Cnacle hatte den Vorzug, Stilpes eigene Meinung darber zu
vernehmen. Girlinger schrieb den Freunden:

... Nous allons, si tu veux, chanter le dernier psaume ...

Hier sind die letzten Worte Schaunards. Seine Leiche ist, wie er wnschte, in
der Anatomie. Ich habe sie gesehen und frchte, da ich den Anblick nie mehr los
werde. Seid froh, da ihr das nicht gesehen habt.
    Stilpes Brief an Girlinger lautete so:


                                 Landerirette!

Wie schreiben die kleinen Mdchen (ach, ach, ach, wie nett das klingt, - Mdchen
ist ein liebes Wort), die kleinen Mdchen, wenn sie sich vergiften? So schreiben
die kleinen Mdchen:
    Lieber Emil! Wenn Du diese Zeilen liest, dann bin ich tot!
                                      TOT

Das Wort hat rechts und links eine Peitsche und in der Mitte ein Loch.

    Graphologie! Graphologie!

    Ist es nicht tiefsinnig? Peitsche - Loch - Peitsche. Wie witzig! Profund!
    Und dann der Ton, wenn mans ein bischen dumpf und gedehnt sagt, - das O ist
sublim. Wie wenn man ber einen Flaschenhals hinpfeift. Heisere Sirenen.
    Indessen! Hre mich! Hre mich! Ich sage Dir: Sterben ist ein dummes Wort.
Man sollte Schtrben schreiben. Da kme die ganze breit hingeschmierte
Gemeinheit des Wortes zu Tage. Ekel. Wrgen. Fuselaufstoen.
    Und quoad Fusel, ich wei nicht recht: Ist der Fusel von heute schuld oder
die ostpreuische Bowle von damals ...?
    Schuld? Schuld? Das Wort macht mir Wut. Wie ein Brummer rennts an mich an.
Bin ich eine Fensterscheibe? Fliegenklatsche her! Fliegenklatsche!
    Sei ruhig! Ich bin nicht betrunken. Wirklich nicht. Das ist es ja eben! Ich
bin nicht betrunken, und ich werde es niemals mehr sein. Blos manchmal verrckt.
Entschieden, Alter! Verrckt, das heit: Geschttelt, gezerrt, gestoen, an die
Wand geworfen, - und dazu lacht Einer.
    Das Lachen legt sich Dir um den Hals wie eine Peitschenschnur um den
Kreisel, einmal, zweimal, dreimal, viermal, fnfmal, immer nochmal, immer noch,
immer noch, immer nochmal; - la los! la los! - Jetzt: Wwwt! und Du drehst Dich
wie ein Kreiselchen, Kreiselchen, drehst Dich wie ein Kreiselchen auf einem
Nagelkopf, scheibum, scheibum, lalalala, lalalala, scheib - um ... Hund! Hund!
Lache nicht, Peitsche, lache nicht! Wwwt! Wwwt! Scheib - um!
    Unwrdig, Staatsanwalt, unwrdig! Ein homo sapiens! Wie kann man nur!
    Aber das ist es nicht. Auch nicht die roten Muse und die weien Mnnerchen,
und die lieben kleinen Drehdingerchen, die immer so hin und her und hin und her,
und oben an der Decke und unten an der Diele, - tritt doch! tritt doch! rufen
sie -, du lieber Gott, an die Menagerie bin ich gewhnt. Wie lange denn schon?
    Du, weit Du noch, meine gelbe Mtze? Oh, Jugendzeit! Oh, Porterbier!
    Lstig, wie sie kribbeln, die Gedanken; laufen mir ber die Brust wie
Ameisen. Und die Springprozession der Flhe: Meine Ideale.
    In - der - That! I - de - ale!
    Mit Deiner gtigen Erlaubnis: Ich habe wirklich welche.
    Sie lassen sich nicht wegsaufen, die hheren Ziele. Wie lange schon bemh
ich mich, durchaus ein Lump zu werden, - und es ist mir immer noch nicht
gelungen.
    Wenn ich doch nur klar denken knnte! Ich mchte Dirs so gerne
auseinandersetzen, Jurist, der Du bist.
    Aber: Diese Blasen im Gehirn. Verschlammter Grund. Gurgelgase, Fuselgase.
Ich wei schon nicht mehr, was ich Dir auseinandersetzen wollte. Es wird wohl
eine Lge gewesen sein.
    Daran darf nicht gezweifelt werden! Immer hab ich gelogen! Immer! Sieh nur
meine Tagebcher durch.
    Die Verse! Die Verse! Am liebsten hab ich mich selber belogen, und
rhythmisch.
    Wenn ich nur die Kraft gehabt htte, das immer so zu fhlen, wie jetzt. Wenn
ich mir nur ber mein Talent nicht erst jetzt klar wrde, wo es zu spt ist, wo
ich nicht mehr die Kraft habe, es systematisch auszunutzen! Ich htte nie was
wollen sollen. Das Wollen war fr mich eine ungesunde Lge.
    Dichter wollte ich werden, weil ich Verse machen konnte. Das war die
Heckeratte, die infame. Wenn ich Kritiker geblieben wre, - Du, was wre ich
da fr ein ganzer Kerl geblieben, in Samet und in Seide, rund und aus einem
Stcke, gar wohlgethan.
    Ein Lump von einem Kritiker meinst Du und beschwrst jenen Gotthold Ephraim.
Was thuts? Das sind Nancen. Sag Feuilletonist statt Kritiker, sag Pickelhring,
Clown, Hanswurst der ffentlichen Meinung. Meinethalben. Aber das war mein Feld.
Da htt ich weiter ackern mssen. Aber das behagte mir nicht. Wollte oben
hinaus. Die Hure, die Gouvernante sein mchte. Hol dich der Teufel! Huren ist
auch ein Talent. Bleib im Bette und nhre dich redlich!
    Jetzt ists wieder so. Ich habe Dich letzthin belogen. Mich dichterts immer
noch. Immer noch mcht ich auf den Poetenberg. Immer noch hebt sichs da drin und
klingt und will. Verse berfallen mich und tnen mir gut. Oh, sie sind gut!
Hre!

Und hinter mir, dem schwarzen Adler gleich,
Dem seine Schwingen feucht sind, weil er in Wolken war,
Schwebt schwer die Nacht ...

Fhlst Du, fhlst Du, da das Poesie ist?
    Von mir! Von mir!
    Bin ich ein Hund?! Nein: Diese Verse sind von mir!
    Ah! Hre!

Lau, ein Bad von Rosenblttern,
Legt sich Sehnsucht um mich, Sehnsucht;
Sinke, Haupt, ertrinke, Seele,
Stirb in diesen lauen Dften
Und geniee die Erfllung ...

Wie? Hat das nicht was? Der Teufel auch. Das ist ausgezeichnet, sag ich Dir, mi
fili!
    Dann:

Um mein Haus herum
Schwirren die Fledermuse des Grams.
Zwei, sieh, hngen am Drachenbalken,
Grau am Grau,
Und blinzeln in den roten Lichtdunst meiner Lampe.
de heit die eine,
Gier heit die andre;
Die Schwirrenden pfeifen ...

Ich lese mir das vor, mit leiser Stimme sprech ichs den Buchstaben nach; mir ist
es, als hrte ichs von tief unten wo her aus Glockenmunde mit meiner Stimme, und
ich fhle: Das ist gut.
    Nein, ich bin keiner von den Schweren, Klebenden, in mir sind Stimmen aus
der Tiefe, es ist ein Reichtum in mir. Ich habe mehr als ihr Almosenempfnger.
Ich bin einer von den grands aumniers des Herrgotts. Ich kann mich aufthun, und
es fliet Leben in die Welt. In meiner Seele umschlieen sich Zeugung und
Empfngnis. Wie jene Blume bin ich, die Phallus und Vulva ist; so steh ich da im
Garten des HErrn und begatte mich:

Liebe dich und lse Dich,
Lse dich auf und gebier dich der Welt
Aus der bebenden Lotosblume deiner Flle!

                  - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Ich hre Dich lachen, Staatsanwalt! Lache! Lache! Spei mir Dein Lachen ins
Gesicht! Ich will mich nicht einmal abwischen.
    Ich wei es ja, jede Zelle meines Wesens fhlt es ja: Das Alles ist
krppelhaft. Ich, die erstaunliche Lilie im Garten des Herrn, stoe nichts als
Halbgeburten aus, ich wlze mich in Zeugungswollust und kann nichts austragen.
Und die fragmentarischen Bankerte verrecken unter dem Hohngelchter meiner
Erkenntnis, da ich frs Ganze impotent bin.
    Es fehlt dem Schler an der rechten Ausdauer, seiner Begabung alles das
abzugewinnen, was sie zu leisten vermchte, wenn sie von Flei, Beharrlichkeit,
Migung untersttzt wrde ... Diese Worte, nebst einigen andern, habe ich
einmal von einem Schulzeugnis weggewischt, aber als wenn ich sie auswendig
gelernt htte, stehen sie in mir fest und knarren sich heute mir vor.
    Sehr gut, Herr Doktor! Sie sind ein guter Psychologe gewesen. Aber, wei
Gott, ein schlechter Pdagoge. Warum haben Sie mir alle die guten Dinge nicht
beigebracht, Magister Sie? Warum haben Sie mich schon auf der Schule verlumpen
lassen? War ich ein Talent, oh, Sie Halunke, warum haben Sie mich nicht gehtet?
Warum haben Sie mich verhhnt, von sich weggetrieben, meinem Zorn und Trotz in
die Arme, da ich nun erst recht auf mir bestand? Warum habt ihr mich berhaupt
geqult mit eurer Rohheit, eurem Dnkel, eurer Gleichgltigkeit? Warum habt ihr
meine Seele, da sie jung war, wundgescheuert, da sie ewig schmerzende Narben
davontrug und immer zuckender, unstter wurde? Freilich, die meisten unter euch
waren nicht einmal Psychologen, hchstens, da sie instinktmig ahnten, da in
mir mehr war, als in ihnen, und dafr mute ich geduckt werden. Geduckt, ich! In
mich hinein fra ich einen Ha gegen Alles, das nicht ich war, meine ganze
Jugend wurde ein Eitergeschwr, all mein Blut verdarb, weil ihr mich drcktet!
    Wie das Alles auf einmal vor mir steht. Wie ein schwefelgelber, brunstrot
gederter Sonnenuntergang.
    Nie, seit Jahren nicht, sah ich so klar. Nie, seit Jahren nicht, war ich so
bewegt. Nie, seit Jahren nicht, fhlte ich mich so frei wie in diesem jetzigen
Augenblicke.
    Wird man hellseherisch durch einen groen Entschlu? Oder - - - bin ich
endlich, endlich wieder einmal betrunken? Dann - - knnte ich ja den groen
Entschlu wieder aufgeben?
    Denn, - Ruhe! Ruhe! nur noch einen Augenblick Ruhe! - warum hat sichs in mir
eingenistet, eingegraben wie mit tausend feuchten Klauen, da ich ein Ende
machen mu? Lauf mir nicht fort, Bewutsein! Bleib, da ich mirs sage, klar,
glatt, hell, da ich es wenigstens einen Augenblick lang wei. So! So! Ich habs!
Nur deshalb ... Nein! Nebel! Kopfschtteln. Mde. Trinken!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Ich laufe den ganzen Tag im Zimmer herum wie ein Tier im Kfig. Und ich merke,
da mich das hypnotisiert, wie einen Fakir das Kopfdrehen. Jetzt bin ich
wunderbar ruhig. Das ist sehr schn. Nun wei ich auch, warum ...
    Siehst Du, Robert (hab ich Dich je Robert genannt, Du Schker?), so ists:
Ich fhle, da ich auch im Sumpf nicht ganz aufgehe. Nein, nicht einmal im
Sumpf. Und doch ist Aufgehen Alles. Worin, das bleibt sich gleich ...
    Eine Weile schien Alles gut. Ich - fhlte mich wohl und akklimatisierte
mich. Aber von dem Tage an, wo Du mit mir sprachst, begann das Ziehen wieder,
das Hinaufwollen. Ein Taumel erst. Verse sprudelten auf, Fragment auf Fragment.
Hohes Entzcken! Phnix aus der Asche! Dann aus allen Hhen herunter. Wirre
Verzweiflung ... Zuckende Erkenntnis. ... Hin und her. Ich will! Ich kann! ...
Nein! Nein! Hund! Lump! Mach ein Ende! ... Nein! Ich habe ja die volle Seele!
Ich mu nur ein einziges Mal mit aller Kraft mich ganz fassen! ... Ach! Ich bin
mit dem Schdel gegen die Wand gerannt und habe mir, ganz biblisch, die Haare
ausgerissen. Geheult und gekreischt in Weinen und Lachen! Unsinn! Unsinn! Noch
mehr saufen! Ecce medicamentum. Vergeblich. Ich reagiere nicht mehr.
    Ich habe nur noch das Ekelgefhl und eine marode Sehnsucht. Fertig, weit
Du, was man so fertig nennt. Hin und wieder angenehm verrckte Anste, aber ich
fhle: Die verdanke ich auch blos dem ... Entschlu.
    Der macht mir berhaupt viele Freude. Ja. Ich finde doch, da ich nicht bel
abgehe.
    ber den Geschmack der letzten Szene kann man ja streiten. Natrlich. Aber
was geht das mich an? Ich finde, da sie ausdrucksvoll ist. Dem Leben die Zunge
herausstrecken, eurem Leben, meine Lieben, das Plaisier mt ihr mir schon
gnnen.
    Ich bin nun mal auf die bse Seite hinbergerutscht, wo die Respektlosen,
die Giftigen stehn. Wie kann da mein Geschmack der eure sein, ihr Leute von der
Harmonie? Wenn ich Bomben wrfe, wrde die Geschmacksdivergenz noch mehr
klaffen.
    Genug! Kommen wir zu meinem Vermchtnis:
    Meinen werten Leichnam, bitte, der Anatomie. Den Befund ber das Gehirn mgt
ihr dem Cenaclearchiv einverleiben.
    Meinen werten Feinden von der Presse wende ich Stoff fr mindestens zwei
Notizen zu. Wer sein Handwerk versteht, kann am Ende gar ein Feuilleton
herausschlagen.
    Dir gehren meine smmtlichen Werke. Wenn Du zu den Versen immer einen
Anfang und ein Ende schmiedest, so kommt ein ganz netter Band Lyrik und
Spruchweisheit heraus.
    Sonst hab ich wohl nichts zu vermachen.
    Qualis poeta pereo!
