
                                Fontane, Theodor

                                  Der Stechlin

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                Theodor Fontane

                                  Der Stechlin

                                     Roman

                                Schlo Stechlin

                                 Erstes Kapitel

Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze, zieht
sich von dem Stdtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und noch darber hinaus)
eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine menschenarme, nur hie und da mit
ein paar alten Drfern, sonst aber ausschlielich mit Frstereien, Glas- und
Teerfen besetzte Waldung. Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heit
der Stechlin. Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und
quaiartig ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefat,
deren Zweige, von ihrer eignen Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer
Spitze berhren. Hie und da wchst ein weniges von Schilf und Binsen auf, aber
kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt, und nur selten, da ein Habicht
drber hinfliegt und seinen Schatten auf die Spiegelflche wirft. Alles still
hier. Und doch, von Zeit zu Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig. Das
ist, wenn es weit drauen in der Welt, sei's auf Island, sei's auf Java, zu
rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane
bis weit auf die Sdsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich's auch hier, und
ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe. Das wissen alle, die
den Stechlin umwohnen, und wenn sie davon sprechen, so setzen sie wohl auch
hinzu: Das mit dem Wasserstrahl, das ist nur das Kleine, das beinah
Alltgliche; wenn's aber drauen was Groes gibt, wie vor hundert Jahren in
Lissabon, dann brodelt's hier nicht blo und sprudelt und strudelt, dann steigt
statt des Wasserstrahls ein roter Hahn auf und krht laut in die Lande hinein.

Das ist der Stechlin, der See Stechlin.
    Aber nicht nur der See fhrt diesen Namen, auch der Wald, der ihn
umschliet. Und Stechlin heit ebenso das langgestreckte Dorf, das sich, den
Windungen des Sees folgend, um seine Sdspitze herumzieht. Etwa hundert Huser
und Htten bilden hier eine lange, schmale Gasse, die sich nur da, wo eine von
Kloster Wutz her heranfhrende Kastanienallee die Gasse durchschneidet,
platzartig erweitert. An eben dieser Stelle findet sich denn auch die ganze
Herrlichkeit von Dorf Stechlin zusammen: das Pfarrhaus, die Schule, das
Schulzenamt, der Krug, dieser letztere zugleich ein Eck- und Kramladen mit einem
kleinen Mohren und einer Girlande von Schwefelfden in seinem Schaufenster.
Dieser Ecke schrg gegenber, unmittelbar hinter dem Pfarrhause, steigt der
Kirchhof lehnan, auf ihm, so ziemlich in seiner Mitte, die frhmittelalterliche
Feldsteinkirche mit einem aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Dachreiter und
einem zur Seite des alten Rundbogenportals angebrachten Holzarm, dran eine
Glocke hngt. Neben diesem Kirchhof samt Kirche setzt sich dann die von Kloster
Wutz her heranfhrende Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter fort, bis
sie vor einer ber einen sumpfigen Graben sich hinziehenden und von zwei
riesigen Findlingsblcken flankierten Bohlenbrcke haltmacht. Diese Brcke ist
sehr primitiv. Jenseits derselben aber steigt das Herrenhaus auf, ein
gelbgetnchter Bau mit hohem Dach und zwei Blitzableitern.
    Auch dieses Herrenhaus heit Stechlin, Schlo Stechlin.

Etliche hundert Jahre zurck stand hier ein wirkliches Schlo, ein Backsteinbau
mit dicken Rundtrmen, aus welcher Zeit her auch noch der Graben stammt, der die
von ihm durchschnittene, sich in den See hinein erstreckende Landzunge zu einer
kleinen Insel machte. Das ging so bis in die Tage der Reformation. Whrend der
Schwedenzeit aber wurde das alte Schlo niedergelegt, und man schien es seinem
gnzlichen Verfall berlassen, auch nichts an seine Stelle setzen zu wollen, bis
kurz nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I. die ganze Trmmermasse
beiseite geschafft und ein Neubau beliebt wurde. Dieser Neubau war das Haus, das
jetzt noch stand. Es hatte denselben nchternen Charakter wie fast alles, was
unter dem Soldatenknig entstand, und war nichts weiter als ein einfaches Corps
de logis, dessen zwei vorspringende, bis dicht an den Graben reichende
Seitenflgel ein Hufeisen und innerhalb desselben einen kahlen Vorhof bildeten,
auf dem, als einziges Schmuckstck, eine groe blanke Glaskugel sich
prsentierte. Sonst sah man nichts als eine vor dem Hause sich hinziehende
Rampe, von deren dem Hofe zugekehrter Vorderwand der Kalk schon wieder abfiel.
Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben unverkennbar, gerade diese Rampe zu was
Besonderem zu machen, und zwar mit Hilfe mehrerer Kbel mit exotischen
Blattpflanzen, darunter zwei Aloes, von denen die eine noch gut im Stande, die
andre dagegen krank war. Aber gerade diese kranke war der Liebling des
Schloherrn, weil sie jeden Sommer in einer ihr freilich nicht zukommenden Blte
stand. Und das hing so zusammen. Aus dem sumpfigen Schlograben hatte der Wind
vor langer Zeit ein fremdes Samenkorn in den Kbel der kranken Aloe geweht, und
alljhrlich schossen infolge davon aus der Mitte der schon angegelbten
Aloebltter die wei und roten Dolden des Wasserliesch oder des Butomus
umbellatus auf. Jeder Fremde, der kam, wenn er nicht zufllig ein Kenner war,
nahm diese Dolden fr richtige Aloeblten, und der Schloherr htete sich wohl,
diesen Glauben, der eine Quelle der Erheiterung fr ihn war, zu zerstren.
    Und wie denn alles hier herum den Namen Stechlin fhrte, so natrlich auch
der Schloherr selbst. Auch er war ein Stechlin.
    Dubslav von Stechlin, Major a. D. und schon ein gut Stck ber Sechzig
hinaus, war der Typus eines Mrkischen von Adel, aber von der milderen
Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich selbst die
Schwchen in Vorzge verwandeln. Er hatte noch ganz das eigentmlich sympathisch
berhrende Selbstgefhl all derer, die schon vor den Hohenzollern da waren,
aber er hegte dieses Selbstgefhl nur ganz im stillen, und wenn es dennoch zum
Ausdruck kam, so kleidete sich's in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er
seinem ganzen Wesen nach berhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte. Sein
schnster Zug war eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanitt, und
Dnkel und berheblichkeit (whrend er sonst eine Neigung hatte, fnf gerade
sein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn emprten. Er hrte
gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Da sich
diese Meinung mit der seinigen deckte, lag ihm fern zu wnschen. Beinah das
Gegenteil. Paradoxen waren seine Passion. Ich bin nicht klug genug, selber
welche zu machen, aber ich freue mich, wenn's andre tun; es ist doch immer was
drin. Unanfechtbare Wahrheiten gibt es berhaupt nicht, und wenn es welche gibt,
so sind sie langweilig. Er lie sich gern was vorplaudern und plauderte selber
gern.
    Des alten Schloherrn Lebensgang war mrkisch-herkmmlich gewesen. Von jung
an lieber im Sattel als bei den Bchern war er erst nach zweimaliger Scheiterung
siegreich durch das Fhnrichsexamen gesteuert und gleich darnach bei den
brandenburgischen Krassieren eingetreten, bei denen selbstverstndlich auch
schon sein Vater gestanden hatte. Dieser sein Eintritt ins Regiment fiel so
ziemlich mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. zusammen, und wenn er
dessen erwhnte, so hob er, sich selbst persiflierend, gerne hervor, da alles
Groe seine Begleiterscheinungen habe. Seine Jahre bei den Krassieren waren im
wesentlichen Friedensjahre gewesen; nur Anno vierundsechzig war er mit in
Schleswig, aber auch hier, ohne zur Aktion zu kommen. Es kommt fr einen
Mrkischen nur darauf an, berhaupt mit dabeigewesen zu sein; das andre steht in
Gottes Hand. Und er schmunzelte, wenn er dergleichen sagte, seine Hrer
jedesmal in Zweifel darber lassend, ob er's ernsthaft oder scherzhaft gemeint
habe. Wenig mehr als ein Jahr vor Ausbruch des vierundsechziger Kriegs war ihm
ein Sohn geboren worden, und kaum wieder in seine Garnison Brandenburg
eingerckt, nahm er den Abschied, um sich auf sein seit dem Tode des Vaters halb
verdetes Schlo Stechlin zurckzuziehen. Hier warteten seiner glckliche Tage,
seine glcklichsten, aber sie waren von kurzer Dauer - schon das Jahr darauf
starb ihm die Frau. Sich eine neue zu nehmen widerstand ihm, halb aus
Ordnungssinn und halb aus sthetischer Rcksicht. Wir glauben doch alle mehr
oder weniger an eine Auferstehung (das heit, er persnlich glaubte eigentlich
nicht daran), und wenn ich dann oben ankomme mit einer rechts und einer links,
so is das doch immer eine genierliche Sache. Diese Worte - wie denn der Eltern
Tun nur allzu hufig der Mibilligung der Kinder begegnet - richteten sich in
Wirklichkeit gegen seinen dreimal verheiratet gewesenen Vater, an dem er
berhaupt allerlei Groes und Kleines auszusetzen hatte, so beispielsweise auch,
da man ihm, dem Sohne, den pommerschen Namen Dubslav beigelegt hatte. Gewi,
meine Mutter war eine Pommersche, noch dazu von der Insel Usedom, und ihr
Bruder, nun ja, der hie Dubslav. Und so war denn gegen den Namen schon um des
Onkels willen nicht viel einzuwenden, und um so weniger, als er ein Erbonkel
war. (Da er mich schlielich schndlich im Stich gelassen, ist eine Sache fr
sich.) Aber trotzdem bleib ich dabei, solche Namensmanscherei verwirrt blo. Was
ein Mrkischer ist, der mu Joachim heien oder Woldemar. Bleib im Lande und
taufe dich redlich. Wer aus Friesack is, darf nicht Raoul heien.
    Dubslav von Stechlin blieb also Witwer. Das ging nun schon an die dreiig
Jahre. Anfangs war's ihm schwer geworden, aber jetzt lag alles hinter ihm, und
er lebte comme philosophe nach dem Wort und Vorbild des groen Knigs, zu dem
er jederzeit bewundernd aufblickte. Das war sein Mann, mehr als irgendwer, der
sich seitdem einen Namen gemacht hatte. Das zeigte sich jedesmal, wenn ihm
gesagt wurde, da er einen Bismarckkopf habe. Nun ja, ja, den hab ich; ich soll
ihm sogar hnlich sehen. Aber die Leute sagen es immer so, als ob ich mich dafr
bedanken mte. Wenn ich nur wte, bei wem; vielleicht beim lieben Gott, oder
am Ende gar bei Bismarck selbst. Die Stechline sind aber auch nicht von
schlechten Eltern. Auerdem, ich fr meine Person, ich habe bei den sechsten
Krassieren gestanden, und Bismarck blo bei den siebenten, und die kleinere
Zahl ist in Preuen bekanntlich immer die grere; - ich bin ihm also einen
ber. Und Friedrichsruh, wo alles jetzt hinpilgert, soll auch blo 'ne Kate
sein. Darin sind wir uns also gleich. Und solchen See, wie den Stechlin, nu, den
hat er schon ganz gewi nicht. So was kommt berhaupt blo selten vor.
    Ja, auf seinen See war Dubslav stolz, aber desto weniger stolz war er auf
sein Schlo, weshalb es ihn auch verdro, wenn es berhaupt so genannt wurde.
Von den armen Leuten lie er sich's gefallen: Fr die ist es ein Schlo, aber
sonst ist es ein alter Kasten und weiter nichts. Und so sprach er denn lieber
von seinem Haus, und wenn er einen Brief schrieb, so stand darber Haus
Stechlin. Er war sich auch bewut, da es kein Schloleben war, das er fhrte.
Vordem, als der alte Backsteinbau noch stand, mit seinen dicken Trmen und
seinem Luginsland, von dem aus man, ber die Kronen der Bume weg, weit ins Land
hinaussah, ja, damals war hier ein Schloleben gewesen, und die derzeitigen
alten Stechline hatten teilgenommen an allen Festlichkeiten, wie sie die
Ruppiner Grafen und die mecklenburgischen Herzge gaben, und waren mit den
Boitzenburgern und den Bassewitzens verschwgert gewesen. Aber heute waren die
Stechline Leute von schwachen Mitteln, die sich nur eben noch hielten und
bestndig bemht waren, durch eine gute Partie sich wieder leidlich in die
Hhe zu bringen. Auch Dubslavs Vater war auf die Weise zu seinen drei Frauen
gekommen, unter denen freilich nur die erste das in sie gesetzte Vertrauen
gerechtfertigt hatte. Fr den jetzigen Schloherrn, der von der zweiten Frau
stammte, hatte sich daraus leider kein unmittelbarer Vorteil ergeben, und
Dubslav von Stechlin wre kleiner und groer Sorgen und Verlegenheiten nie los
und ledig geworden, wenn er nicht in dem benachbarten Gransee seinen alten
Freund Baruch Hirschfeld gehabt htte. Dieser Alte, der den groen Tuchladen am
Markt und auerdem die Modesachen und Damenhte hatte, hinsichtlich deren es
immer hie, Gerson schicke ihm alles zuerst - dieser alte Baruch, ohne das
Geschftliche darber zu vergessen, hing in der Tat mit einer Art Zrtlichkeit
an dem Stechliner Schloherrn, was, wenn es sich mal wieder um eine neue
Schuldverschreibung handelte, regelmig zu heikeln Auseinandersetzungen
zwischen Hirschfeld Vater und Hirschfeld Sohn fhrte.
    Gott, Isidor, ich wei, du bist frs Neue. Aber was ist das Neue? Das Neue
versammelt sich immer auf unserm Markt, und mal strmt es uns den Laden und
nimmt uns die Hte, Stck fr Stck, und die Reiherfedern und die
Strauenfedern. Ich bin frs Alte und fr den guten alten Herrn von Stechlin. Is
doch der Vater von seinem Grovater gefallen in der groen Schlacht bei Prag und
hat gezahlt mit seinem Leben.
    Ja, der hat gezahlt; wenigstens hat er gezahlt mit seinem Leben. Aber der
von heute...
    Der zahlt auch, wenn er kann und wenn er hat. Und wenn er nicht hat und ich
sage: Herr von Stechlin, ich werde schreiben siebeneinhalb, dann feilscht er
nicht und dann zwackt er nicht. Und wenn er kippt, nu, da haben wir das Objekt:
Mittelboden und Wald und Jagd und viel Fischfang. Ich seh es immer so ganz klein
in der Perspektiv, und ich seh auch schon den Kirchturm.
    Aber, Vaterleben, was sollen wir mit 'm Kirchturm?
    In dieser Richtung gingen fters die Gesprche zwischen Vater und Sohn, und
was der Alte vorlufig noch in der Perspektive sah, das wre vielleicht schon
Wirklichkeit geworden, wenn nicht des alten Dubslav um zehn Jahre ltere
Schwester mit ihrem von der Mutter her ererbten Vermgen gewesen wre: Schwester
Adelheid, Domina zu Kloster Wutz. Die half und sagte gut, wenn es schlecht stand
oder gar zum uersten zu kommen schien. Aber sie half nicht aus Liebe zu dem
Bruder - gegen den sie, ganz im Gegenteil, viel einzuwenden hatte -, sondern
lediglich aus einem allgemeinen Stechlinschen Familiengefhl. Preuen war was
und die Mark Brandenburg auch; aber das Wichtigste waren doch die Stechlins, und
der Gedanke, das alte Schlo in andern Besitz und nun gar in einen solchen
bergehen zu sehen, war ihr unertrglich. Und ber all dies hinaus war ja noch
ihr Patenkind da, ihr Neffe Woldemar, fr den sie all die Liebe hegte, die sie
dem Bruder versagte.
    Ja, die Domina half, aber solcher Hilfen unerachtet wuchs das Gefhl der
Entfremdung zwischen den Geschwistern, und so kam es denn, da der alte Dubslav,
der die Schwester in Kloster Wutz weder gern besuchte noch auch ihren Besuch
gern empfing, nichts von Umgang besa als seinen Pastor Lorenzen (den frheren
Erzieher Woldemars) und seinen Kster und Dorfschullehrer Krippenstapel, zu
denen sich allenfalls noch Oberfrster Katzler gesellte, Katzler, der Feldjger
gewesen war und ein gut Stck Welt gesehen hatte. Doch auch diese drei kamen
nur, wenn sie gerufen wurden, und so war eigentlich nur einer da, der in jedem
Augenblicke Red und Antwort stand. Das war Engelke, sein alter Diener, der seit
beinahe fnfzig Jahren alles mit seinem Herrn durchlebt hatte, seine glcklichen
Leutnantstage, seine kurze Ehe und seine lange Einsamkeit. Engelke, noch um ein
Jahr lter als sein Herr, war dessen Vertrauter geworden, aber ohne
Vertraulichkeit. Dubslav verstand es, die Scheidewand zu ziehen. brigens wr es
auch ohne diese Kunst gegangen. Denn Engelke war einer von den guten Menschen,
die nicht aus Berechnung oder Klugheit, sondern von Natur hingebend und demtig
sind und in einem treuen Dienen ihr Genge finden. Alltags war er, so Winter wie
Sommer, in ein Leinwandhabit gekleidet, und nur wenn es zu Tisch ging, trug er
eine richtige Livree von sandfarbenem Tuch mit groen Knpfen dran. Es waren
Knpfe, die noch die Zeiten des Rheinsberger Prinzen Heinrich gesehen hatten,
weshalb Dubslav, als er mal wieder in Verlegenheit war, zu dem jngst
verstorbenen alten Herrn von Kortschdel gesagt hatte: Ja, Kortschdel, wenn
ich so meinen Engelke, wie er da geht und steht, ins mrkische Provinzialmuseum
abliefern knnte, so kriegt ich ein Jahrgehalt und wre raus.
    Das war im Mai, da der alte Stechlin diese Worte zu seinem Freunde
Kortschdel gesprochen hatte. Heute aber war dritter Oktober und ein
wundervoller Herbsttag dazu. Dubslav, sonst empfindlich gegen Zug, hatte die
Tren aufmachen lassen, und von dem groen Portal her zog ein erquicklicher
Luftstrom bis auf die mit wei und schwarzen Fliesen gedeckte Veranda hinaus.
Eine groe, etwas schadhafte Markise war hier herabgelassen und gab Schutz gegen
die Sonne, deren Lichter durch die schadhaften Stellen hindurchschienen und auf
den Fliesen ein Schattenspiel auffhrten. Gartensthle standen umher, vor einer
Bank aber, die sich an die Hauswand lehnte, waren doppelte Strohmatten gelegt.
Auf eben dieser Bank, ein Bild des Behagens, sa der alte Stechlin in Joppe und
breitkrempigem Filzhut und sah, whrend er aus seinem Meerschaum allerlei Ringe
blies, auf ein Rundell, in dessen Mitte, von Blumen eingefat, eine kleine
Fontne pltscherte. Rechts daneben lief ein sogenannter Poetensteig, an dessen
Ausgang ein ziemlich hoher, aus allerlei Geblk zusammengezimmerter
Aussichtsturm aufragte. Ganz oben eine Plattform mit Fahnenstange, daran die
preuische Flagge wehte, schwarz und wei, alles schon ziemlich verschlissen.
    Engelke hatte vor kurzem einen roten Streifen annhen wollen, war aber mit
seinem Vorschlag nicht durchgedrungen. La. Ich bin nicht dafr. Das alte
Schwarz und Wei hlt gerade noch; aber wenn du was Rotes drannhst, dann reit
es gewi.
    Die Pfeife war ausgegangen, und Dubslav wollte sich eben von seinem Platz
erheben und nach Engelke rufen, als dieser vom Gartensaal her auf die Veranda
heraustrat.
    Das ist recht, Engelke, da du kommst... Aber du hast da ja was wie 'n
Telegramm in der Hand. Ich kann Telegramms nicht leiden. Immer is einer dod,
oder es kommt wer, der besser zu Hause geblieben wre.
    Engelke griente. Der junge Herr kommt.
    Und das weit du schon?
    Ja, Brose hat es mir gesagt.
    So, so. Dienstgeheimnis. Na, gib her.
    Und unter diesen Worten brach er das Telegramm auf und las: Lieber Papa.
Bin sechs Uhr bei dir. Rex und von Czako begleiten mich. Dein Woldemar.
    Engelke stand und wartete.
    Ja, was da tun, Engelke? sagte Dubslav und drehte das Telegramm hin und
her. Und aus Cremmen und von heute frh, fuhr er fort. Da mssen sie also die
Nacht ber schon in Cremmen gewesen sein. Auch kein Spa.
    Aber Cremmen is doch soweit ganz gut.
    Nu, gewi, gewi. Blo sie haben da so kurze Betten... Und wenn man, wie
Woldemar, Kavallerist ist, kann man ja doch auch die acht Meilen von Berlin bis
Stechlin in einer Pace machen. Warum also Nachtquartier? Und Rex und von Czako
begleiten mich. Ich kenne Rex nicht und kenne von Czako nicht. Wahrscheinlich
Regimentskameraden. Haben wir denn was?
    Ich denk doch, gnd'ger Herr. Und wovor haben wir denn unsre Mamsell? Die
wird schon was finden.
    Nu gut. Also wir haben was. Aber wen laden wir dazu ein? So blo ich, das
geht nicht. Ich mag mich keinem Menschen mehr vorsetzen. Czako, das ginge
vielleicht noch. Aber Rex, wenn ich ihn auch nicht kenne, zu so was Feinem wie
Rex pa ich nicht mehr; ich bin zu altmodisch geworden. Was meinst du, ob die
Gundermanns wohl knnen?
    Ach, die knnen schon. Er gewi, und sie kluckt auch blo immer so rum.
    Also Gundermanns. Gut. Und dann vielleicht Oberfrsters. Das lteste Kind
hat freilich die Masern, und die Frau, das heit die Gemahlin (und Gemahlin is
eigentlich auch noch nicht das rechte Wort), die erwartet wieder. Man wei nie
recht, wie man mit ihr dran ist und wie man sie nennen soll, Oberfrsterin
Katzler oder Durchlaucht. Aber man kann's am Ende versuchen. Und dann unser
Pastor. Der hat doch wenigstens die Bildung. Gundermann allein ist zuwenig und
eigentlich blo ein Klutentreter. Und seitdem er die Siebenmhlen hat, ist er
noch weniger geworden.
    Engelke nickte.
    Na, dann schick also Martin. Aber er soll sich proper machen. Oder
vielleicht ist Brose noch da; der kann ja auf seinem Retourgang bei Gundermanns
mit rangehen. Und soll ihnen sagen sieben Uhr, aber nicht frher; sie sitzen
sonst so lange rum, und man wei nicht, wovon man reden soll. Das heit mit ihm;
sie redt immerzu... Und gib Brosen auch 'nen Kornus und funfzig Pfennig.
    Ich werd ihm dreiig geben.
    Nein, nein, funfzig. Erst hat er ja doch was gebracht, und nu nimmt er
wieder was mit. Das is ja so gut wie doppelt. Also funfzig. Knaps ihm nichts
ab.

                                Zweites Kapitel


Ziemlich um dieselbe Zeit, wo der Telegraphenbote bei Gundermanns vorsprach, um
die Bestellung des alten Herrn von Stechlin auszurichten, ritten Woldemar, Rex
und Czako, die sich fr sechs Uhr angemeldet hatten, in breiter Front von
Cremmen ab; Fritz, Woldemars Reitknecht, folgte den dreien. Der Weg ging ber
Wutz. Als sie bis in Nhe von Dorf und Kloster dieses Namens gekommen waren, bog
Woldemar vorsichtig nach links hin aus, weil er der Mglichkeit entgehen wollte,
seiner Tante Adelheid, der Domina des Klosters, zu begegnen. Er stand zwar gut
mit dieser und hatte sogar vor, ihr, wie herkmmlich, auf dem Rckwege nach
Berlin seinen Besuch zu machen, aber in diesem Augenblick pate ihm solche
Begegnung, die sein pnktliches Eintreffen in Stechlin gehindert haben wrde,
herzlich schlecht. So beschrieb er denn einen weiten Halbkreis und hatte das
Kloster schon um eine Viertelstunde hinter sich, als er sich wieder der
Hauptstrae zuwandte. Diese, durch Moor- und Wiesengrnde fhrend, war ein
vorzglicher Reitweg, der an vielen Stellen noch eine Grasnarbe trug, weshalb es
anderthalb Meilen lang in einem scharfen Trabe vorwrts ging, bis an eine Avenue
heran, die geradlinig auf Schlo Stechlin zufhrte. Hier lieen alle drei die
Zgel fallen und ritten im Schritt weiter. ber ihnen wlbten sich die schnen
alten Kastanienbume, was ihrem Anritt etwas Anheimelndes und zugleich etwas
beinah Feierliches gab.
    Das ist ja wie ein Kirchenschiff, sagte Rex, der am linken Flgel ritt.
Finden Sie nicht auch, Czako?
    Wenn Sie wollen, ja. Aber Pardon, Rex, ich finde die Wendung etwas trivial
fr einen Ministerialassessor.
    Nun gut, dann sagen Sie was Besseres.
    Ich werde mich hten. Wer unter solchen Umstnden was Besseres sagen will,
sagt immer was Schlechteres.
    Unter diesem sich noch eine Weile fortsetzenden Gesprche waren sie bis an
einen Punkt gekommen, von dem aus man das am Ende der Avenue sich aufbauende
Bild in aller Klarheit berblicken konnte. Dabei war das Bild nicht blo klar,
sondern auch so frappierend, da Rex und Czako unwillkrlich anhielten.
    Alle Wetter, Stechlin, das ist ja reizend, wandte sich Czako zu dem am
andern Flgel reitenden Woldemar. Ich find es geradezu mrchenhaft, Fata
Morgana - das heit, ich habe noch keine gesehn. Die gelbe Wand, die da noch das
letzte Tageslicht auffngt, das ist wohl Ihr Zauberschlo? Und das Stckchen
Grau da links, das taxier ich auf eine Kirchenecke. Bleibt nur noch der
Staketzaun an der andern Seite; - da wohnt natrlich der Schulmeister. Ich
verbrge mich, da ich's damit getroffen. Aber die zwei schwarzen Riesen, die da
grad in der Mitte stehn und sich von der gelben Wand abheben (abheben ist
brigens auch trivial; entschuldigen Sie, Rex), die stehen ja da wie die
Cherubim. Allerdings etwas zu schwarz. Was sind das fr Leute?
    Das sind Findlinge.
    Findlinge?
    Ja, Findlinge, wiederholte Woldemar. Aber wenn Ihnen das Wort anstig
ist, so knnen Sie sie auch Monolithe nennen. Es ist merkwrdig, Czako, wie
hochgradig verwhnt im Ausdruck Sie sind, wenn Sie nicht gerade selber das Wort
haben... Aber nun, meine Herren, mssen wir uns wieder in Trab setzen. Ich bin
berzeugt, mein Papa steht schon ungeduldig auf seiner Rampe, und wenn er uns so
im Schritt ankommen sieht, denkt er, wir bringen eine Trauernachricht oder einen
Verwundeten.

Wenige Minuten spter, und alle drei trabten denn auch wirklich, von Fritz
gefolgt, ber die Bohlenbrcke fort, erst in den Vorhof hinein und dann an der
blanken Glaskugel vorber. Der Alte stand bereits auf der Rampe, Engelke hinter
ihm und hinter diesem Martin, der alte Kutscher. Im Nu waren alle drei Reiter
aus dem Sattel, und Martin und Fritz nahmen die Pferde. So trat man in den Flur.
Erlaube, lieber Papa, dir zwei liebe Freunde von mir vorzustellen: Assessor von
Rex, Hauptmann von Czako.
    Der alte Stechlin schttelte jedem die Hand und sprach ihnen aus, wie
glcklich er ber ihren Besuch sei. Seien Sie mir herzlich willkommen, meine
Herren. Sie haben keine Ahnung, welche Freude Sie mir machen, mir, einem
vergrtzten alten Einsiedler. Man sieht nichts mehr, man hrt nichts mehr. Ich
hoffe auf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten.
    Ach, Herr Major, sagte Czako, wir sind ja schon vierundzwanzig Stunden
fort. Und, ganz abgesehen davon, wer kann heutzutage noch mit den Zeitungen
konkurrieren! Ein Glck, da manche prinzipiell einen Posttag zu spt kommen.
Ich meine mit den neuesten Nachrichten. Vielleicht auch sonst noch.
    Sehr wahr, lachte Dubslav. Der Konservatismus soll brigens, seinem Wesen
nach, eine Bremse sein; damit mu man vieles entschuldigen. Aber da kommen Ihre
Mantelscke, meine Herren. Engelke, fhre die Herren auf ihr Zimmer. Wir haben
jetzt sechseinviertel. Um sieben, wenn ich bitten darf.
    Engelke hatte mittlerweile die beiden von Dubslav etwas altmodisch als
Mantelscke bezeichneten Plaidrollen in die Hand genommen und ging damit, den
beiden Herren voran, auf die doppelarmige Treppe zu, die gerade da, wo die
beiden Arme derselben sich kreuzten, einen ziemlich gerumigen Podest mit
Sulchengalerie bildete. Zwischen den Sulchen aber, und zwar mit Blick auf den
Flur, war eine Rokokouhr angebracht, mit einem Zeitgott darber, der eine Hippe
fhrte. Czako wies darauf hin und sagte leise zu Rex: Ein bichen graulich -
ein Gefhl, drin er sich bestrkt sah, als man bis auf den mit ungeheurer
Raumverschwendung angelegten Oberflur gekommen war. ber einer nach hinten zu
gelegenen Saaltr hing eine Holztafel mit der Inschrift: Museum, whrend hben
und drben, an den Flurwnden links und rechts, mchtige Birkenmaser- und
Ebenholzschrnke standen, wahre Prachtstcke, mit zwei groen Bildern
dazwischen, eines eine Burg mit dicken Backsteintrmen, das andre ein
berlebensgroer Ritter, augenscheinlich aus der Frundsbergzeit, wo das bunt
Landsknechtliche schon die Rstung zu drapieren begann.
    Is wohl ein Ahn? fragte Czako.
    Ja, Herr Hauptmann. Und er ist auch unten in der Kirche.
    Auch so wie hier?
    Nein, blo Grabstein und schon etwas abgetreten. Aber man sieht doch noch,
da es derselbe ist.
    Czako nickte. Dabei waren sie bis an ein Eckzimmer gekommen, das mit der
einen Seite nach dem Flur, mit der andern Seite nach einem schmalen Gang hin
lag. Hier war auch die Tr. Engelke, vorangehend, ffnete und hing die beiden
Plaidrollen an die Haken eines hier gleich an der Tr stehenden Kleiderstnders.
Unmittelbar daneben war ein Klingelzug mit einer grnen, etwas ausgefransten
Puschel daran. Engelke wies darauf hin und sagte: Wenn die Herren noch was
wnschen... Und um sieben ... Zweimal wird angeschlagen.
    Und damit ging er, die beiden ihrer Bequemlichkeit berlassend.
    Es waren zwei nebeneinandergelegene Zimmer, in denen man Rex und Czako
untergebracht hatte, das vordere grer und mit etwas mehr Aufwand eingerichtet,
mit Stehspiegel und Toilette, der Spiegel sogar zum Kippen. Das Bett in diesem
vorderen Zimmer hatte einen kleinen Himmel und daneben eine Etagere, auf deren
oberem Brettchen eine Meiner Figur stand, ihr ohnehin kurzes Rckchen lpfend,
whrend auf dem unteren Brett ein Neues Testament lag, mit Kelch und Kreuz und
einem Palmenzweig auf dem Deckel.
    Czako nahm das Meiner Pppchen und sagte: Wenn nicht unser Freund Woldemar
bei diesem Arrangement seine Hand mit im Spiele gehabt hat, so haben wir hier in
bezug auf Requisiten ein Ahnungsvermgen, wie's nicht grer gedacht werden
kann. Das Pppchen pour moi, das Testament pour vous.
    Czako, wenn Sie doch blo das Necken lassen knnten!
    Ach, sagen Sie doch so was nicht, Rex; Sie lieben mich ja blo um meiner
Neckereien willen.
    Und nun traten sie, von dem Vorderzimmer her, in den etwas kleineren
Wohnraum, in dem Spiegel und Toilette fehlten. Dafr aber war ein Rokokosofa da,
mit hellblauem Atlas und weien Blumen darauf.
    Ja, Rex, sagte Czako, wie teilen wir nun? Ich denke, Sie nehmen nebenan
den Himmel, und ich nehme das Rokokosofa, noch dazu mit weien Blumen,
vielleicht Lilien. Ich wette, das kleine Ding von Sofa hat eine Geschichte.
    Rokoko hat immer eine Geschichte, besttigte Rex. Aber hundert Jahr
zurck. Was jetzt hier haust, sieht mir, Gott sei Dank, nicht danach aus. Ein
bichen Spuk trau ich diesem alten Kasten allerdings schon zu; aber keine
Rokokogeschichte. Rokoko ist doch immer unsittlich. Wie gefllt Ihnen brigens
der Alte?
    Vorzglich. Ich htte nicht gedacht, da unser Freund Woldemar solchen
famosen Alten haben knnte.
    Das klingt ja beinah, sagte Rex, wie wenn Sie gegen unsern Stechlin etwas
htten.
    Was durchaus nicht der Fall ist. Unser Stechlin ist der beste Kerl von der
Welt, und wenn ich das verdammte Wort nicht hate, wrd ich ihn sogar einen
perfekten Gentleman nennen mssen. Aber...
    Nun ...
    Aber er pat doch nicht recht an seine Stelle.
    An welche?
    In sein Regiment.
    Aber, Czako, ich verstehe Sie nicht. Er ist ja brillant angeschrieben.
Liebling bei jedem. Der Oberst hlt groe Stcke von ihm, und die Prinzen machen
ihm beinah den Hof ...
    Ja, das ist es ja eben. Die Prinzen, die Prinzen.
    Was denn, wie denn?
    Ach, das ist eine lange Geschichte, viel zu lang, um sie hier vor Tisch
noch auszukramen. Denn es ist bereits halb, und wir mssen uns eilen. brigens
trifft es viele, nicht blo unsern Stechlin.
    Immer dunkler, immer rtselvoller, sagte Rex.
    Nun, vielleicht da ich Ihnen das Rtsel lse. Schlielich kann man ja
Toilette machen und noch seinen Diskurs daneben haben. Die Prinzen machen ihm
den Hof, so geruhten Sie zu bemerken, und ich antwortete: Ja, das ist es eben.
Und diese Worte kann ich Ihnen nur wiederholen. Die Prinzen - ja, damit hngt es
zusammen und noch mehr damit, da die feinen Regimenter immer feiner werden.
Kucken Sie sich mal die alten Ranglisten an, das heit wirklich alte, voriges
Jahrhundert und dann so bis Anno sechs. Da finden Sie bei Regiment Garde du
Corps oder bei Regiment Gensdarmes unsere guten alten Namen: Marwitz, Wakenitz,
Kracht, Lschebrand, Bredow, Rochow, hchstens da sich mal ein hher betitelter
Schlesischer mit hinein verirrt. Natrlich gab es auch Prinzen damals, aber der
Adel gab den Ton an, und die paar Prinzen muten noch froh sein, wenn sie nicht
strten. Damit ist es nun aber, seit wir Kaiser und Reich sind, total vorbei.
Natrlich sprech ich nicht von der Provinz, nicht von Litauen und Masuren,
sondern von der Garde, von den Regimentern unter den Augen Seiner Majestt. Und
nun gar erst diese Gardedragoner! Die waren immer pik, aber seit sie, pour
combler le bonheur, auch noch Knigin von Grobritannien und Irland sind, wird
es immer mehr davon, und je piker sie werden, desto mehr Prinzen kommen hinein,
von denen brigens auch jetzt schon mehr da sind, als es so obenhin aussieht,
denn manche sind eigentlich welche und drfen es blo nicht sagen. Und wenn man
dann gar noch die alten mitrechnet, die blo  la suite stehn, aber doch immer
noch mit dabei sind, wenn irgendwas los ist, so haben wir, wenn der Kreis
geschlossen wird, zwar kein Parkett von Knigen, aber doch einen Zirkus von
Prinzen. Und da hinein ist nun unser guter Stechlin gestellt. Natrlich tut er,
was er kann, und macht so gewisse Luxusse mit, Gefhlsluxusse, Gesinnungsluxusse
und, wenn es sein mu, auch Freiheitsluxusse. So 'nen Schimmer von
Sozialdemokratie. Das ist aber auf die Dauer schwierig. Richtige Prinzen knnen
sich das leisten, die verbebeln nicht leicht. Aber Stechlin! Stechlin ist ein
reizender Kerl, aber er ist doch blo ein Mensch.
    Und das sagen Sie, Czako, gerade Sie, der Sie das Menschliche stets
betonen?
    Ja, Rex, das tu ich. Heut wie immer. Aber eines schickt sich nicht fr
alle. Der eine darf's, der andre nicht. Wenn unser Freund Stechlin sich in diese
seine alte Schlokate zurckzieht, so darf er Mensch sein, soviel er will, aber
als Gardedragoner kommt er damit nicht aus. Vom alten Adam will ich nicht
sprechen, das hat immer noch so 'ne Nebenbedeutung.

Whrend Rex und Czako Toilette machten und abwechselnd ber den alten und den
jungen Stechlin verhandelten, schritten die, die den Gegenstand dieser
Unterhaltung bildeten, Vater und Sohn, im Garten auf und ab und hatten auch
ihrerseits ihr Gesprch.
    Ich bin dir dankbar, da du mir deine Freunde mitgebracht hast. Hoffentlich
kommen sie auf ihre Kosten. Mein Leben verluft ein bichen zu einsam, und es
wird ohnehin gut sein, wenn ich mich wieder an Menschen gewhne. Du wirst
gelesen haben, da unser guter alter Kortschdel gestorben ist, und in etwa
vierzehn Tagen haben wir hier 'ne Neuwahl. Da mu ich dann ran und mich populr
machen. Die Konservativen wollen mich haben und keinen andern. Eigentlich mag
ich nicht, aber ich soll, und da pat es mir denn, da du mir Leute bringst, an
denen ich mich fr die Welt sozusagen wieder wie einben kann. Sind sie denn
ausgiebig und plauderhaft?
    O sehr, Papa, vielleicht zu sehr. Wenigstens der eine.
    Das is gewi der Czako. Sonderbar, die von Alexander reden alle gern. Aber
ich bin sehr dafr; Schweigen kleidt nicht jeden. Und dann sollen wir uns ja
auch durch die Sprache vom Tier unterscheiden. Also wer am meisten redt, ist der
reinste Mensch. Und diesem Czako, dem hab ich es gleich angesehn. Aber der Rex.
Du sagst Ministerialassessor. Ist er denn von der frommen Familie?
    Nein, Papa. Du machst dieselbe Verwechslung, die beinah alle machen. Die
fromme Familie, das sind die Reckes, grflich und sehr vornehm. Die Rex
natrlich auch, aber doch nicht so hoch hinaus und auch nicht so fromm.
Allerdings nimmt mein Freund, der Ministerialassessor, einen Anlauf dazu, die
Reckes womglich einzuholen.
    Dann hab ich also doch recht gesehn. Er hat so die Figur, die so was
vermuten lt, ein bichen wenig Fleisch und so glattrasiert. Habt ihr denn beim
Rasieren in Cremmen gleich einen gefunden?
    Er hat alles immer bei sich; lauter englische. Von Solingen oder Suhl will
er nichts wissen.
    Und mu man ihn denn vorsichtig anfassen, wenn das Gesprch auf kirchliche
Dinge kommt? Ich bin ja, wie du weit, eigentlich kirchlich, wenigstens
kirchlicher als mein guter Pastor (es wird immer schlimmer mit ihm), aber ich
bin so im Ausdruck mitunter ungenierter, als man vielleicht sein soll, und bei
niedergefahren zur Hlle kann mir's passieren, da ich nolens volens ein bichen
tolles Zeug rede. Wie steht es denn da mit ihm? Mu ich mich in acht nehmen?
Oder macht er blo so mit?
    Das will ich nicht geradezu behaupten. Ich denke mir, er steht so, wie die
meisten stehn; das heit, er wei es nicht recht.
     Ja, ja, den Zustand kenn ich.
    Und weil er es nicht recht wei, hat er sozusagen die Auswahl und whlt
das, was gerade gilt und nach oben hin empfiehlt. Ich kann das auch so schlimm
nicht finden. Einige nennen ihn einen Streber. Aber wenn er es ist, ist er
jedenfalls keiner von den schlimmsten. Er hat eigentlich einen guten Charakter,
und im cercle intime kann er reizend sein. Er verndert sich dann nicht in dem,
was er sagt, oder doch nur ganz wenig, aber ich mchte sagen, er verndert sich
in der Art, wie er zuhrt. Czako meint, unser Freund Rex halte sich mit dem Ohr
fr das schadlos, was er mit dem Munde versumt. Czako wird berhaupt am besten
mit ihm fertig; er schraubt ihn bestndig, und Rex, was ich reizend finde, lt
sich diese Schraubereien gefallen. Daran siehst du schon, da sich mit ihm leben
lt. Seine Frmmigkeit ist keine Lge, blo Erziehung, Angewohnheit, und so
schlielich seine zweite Natur geworden.
    Ich werde ihn bei Tisch neben Lorenzen setzen; die mgen dann beide sehn,
wie sie miteinander fertig werden. Vielleicht erleben wir 'ne Bekehrung. Das
heit, Rex den Pastor. Aber da hre ich eine Kutsche die Dorfstrae raufkommen.
Das sind natrlich Gundermanns; die kommen immer zu frh. Der arme Kerl hat mal
was von der Hflichkeit der Knige gehrt und macht jetzt einen zu weitgehenden
Gebrauch davon. Autodidakten bertreiben immer. Ich bin selber einer und kann
also mitreden. Nun, wir sprechen morgen frh weiter; heute wird es nichts mehr.
Du wirst dich auch noch ein bichen striegeln mssen, und ich will mir 'nen
schwarzen Rock anziehn. Das bin ich der guten Frau von Gundermann doch schuldig;
sie putzt sich brigens nach wie vor wie 'n Schlittenpferd und hat immer noch
den merkwrdigen Federbusch in ihrem Zopf - das heit, wenn's ihrer ist.

                                Drittes Kapitel


Engelke schlug unten im Flur zweimal an einen alten, als Tamtam fungierenden
Schild, der an einem der zwei vorspringenden und zugleich die ganze Treppe
tragenden Pfeiler hing.
    Eben diese zwei Pfeiler bildeten denn auch mit dem Podest und der in Front
desselben angebrachten Rokokouhr einen zum Gartensalon, diesem Hauptzimmer des
Erdgeschosses, fhrenden, ziemlich pittoresken Portikus, von dem ein auf Besuch
anwesender hauptstdtischer Architekt mal gesagt hatte: smtliche Bausnden von
Schlo Stechlin wrden durch diesen verdrehten, aber malerischen Einfall
wiedergutgemacht.
    Die Uhr mit dem Hippenmann schlug gerade sieben, als Rex und Czako die
Treppe herunterkamen und, eine Biegung machend, auf den von berufener Seite so
glimpflich beurteilten sonderbaren Vorbau zusteuerten. Als die Freunde diesen
passierten, sahen sie - die Trflgel waren schon geffnet - in aller
Bequemlichkeit in den Salon hinein und nahmen hier wahr, da etliche, ihnen zu
Ehren geladene Gste bereits erschienen waren. Dubslav, in dunkelm berrock und
die Bndchenrosette sowohl des preuischen wie des wendischen Kronenordens im
Knopfloch, ging den Eintretenden entgegen, begrte sie nochmals mit der ihm
eignen Herzlichkeit, und beide Herren gleich danach in den Kreis der schon
Versammelten einfhrend, sagte er: Bitte die Herrschaften miteinander bekannt
machen zu drfen: Herr und Frau von Gundermann auf Siebenmhlen, Pastor
Lorenzen, Oberfrster Katzler, und dann, nach links sich wendend,
Ministerialassessor von Rex, Hauptmann von Czako vom Regiment Alexander. Man
verneigte sich gegenseitig, worauf Dubslav zwischen Rex und Pastor Lorenzen,
Woldemar aber, als Adlatus seines Vaters, zwischen Czako und Katzler eine
Verbindung herzustellen suchte, was auch ohne weiteres gelang, weil es hben und
drben weder an gesellschaftlicher Gewandtheit noch an gutem Willen gebrach. Nur
konnte Rex nicht umhin, die Siebenmhlener etwas eindringlich zu mustern,
trotzdem Herr von Gundermann in Frack und weier Binde, Frau von Gundermann aber
in geblmtem Atlas, mit Marabufcher, erschienen war - er augenscheinlich
Parvenu, sie Berlinerin aus einem nordstlichen Vorstadtgebiet.
    Rex sah das alles. Er kam aber nicht in die Lage, sich lange damit zu
beschftigen, weil Dubslav eben jetzt den Arm der Frau von Gundermann nahm und
dadurch das Zeichen zum Aufbruch zu der im Nebenzimmer gedeckten Tafel gab. Alle
folgten paarweise, wie sie sich vorher zusammengefunden, kamen aber durch die
von seiten Dubslavs schon vorher festgesetzte Tafelordnung wieder auseinander.
Die beiden Stechlins, Vater und Sohn, placierten sich an den beiden Schmalseiten
einander gegenber, whrend zur Rechten und Linken von Dubslav Herr und Frau von
Gundermann, rechts und links von Woldemar aber Rex und Lorenzen saen. Die
Mittelpltze hatten Katzler und Czako inne. Neben einem groen alten
Eichenbfett, ganz in Nhe der Tr, standen Engelke und Martin, Engelke in
seiner sandfarbenen Livree mit den groen Knpfen, Martin, dem nur oblag, mit
der Kche Verbindung zu halten, einfach in schwarzem Rock und Stulpstiefeln.
    Der alte Dubslav war in bester Laune, stie gleich nach den ersten Lffeln
Suppe mit Frau von Gundermann vertraulich an, dankte fr ihr Erscheinen und
entschuldigte sich wegen der spten Einladung: Aber erst um zwlf kam Woldemars
Telegramm. Es ist das mit dem Telegraphieren solche Sache, manches wird besser,
aber manches wird auch schlechter, und die feinere Sitte leidet nun schon ganz
gewi. Schon die Form, die Abfassung. Krze soll eine Tugend sein, aber sich
kurz fassen heit meistens auch, sich grob fassen. Jede Spur von Verbindlichkeit
fllt fort, und das Wort Herr ist beispielsweise gar nicht mehr anzutreffen. Ich
hatte mal einen Freund, der ganz ernsthaft versicherte: Der hlichste Mops sei
der schnste; so lt sich jetzt beinahe sagen, das grbste Telegramm ist das
feinste. Wenigstens das in seiner Art vollendetste. Jeder, der wieder eine neue
Fnfpfennigersparnis herausdoktert, ist ein Genie.
    Diese Worte Dubslavs hatten sich anfnglich an die Frau von Gundermann, sehr
bald aber mehr an Gundermann selbst gerichtet, weshalb dieser letztere denn auch
antwortete: Ja, Herr von Stechlin, alles Zeichen der Zeit. Und ganz
bezeichnend, da gerade das Wort Herr, wie Sie schon hervorzuheben die Gte
hatten, so gut wie abgeschafft ist. Herr ist Unsinn geworden, Herr pat den
Herren nicht mehr - ich meine natrlich die, die jetzt die Welt regieren wollen.
Aber es ist auch danach. Alle diese Neuerungen, an denen sich leider auch der
Staat beteiligt, was sind sie? Begnstigungen der Unbotmigkeit, also Wasser
auf die Mhlen der Sozialdemokratie. Weiter nichts. Und niemand da, der Lust und
Kraft htte, dies Wasser abzustellen. Aber trotzdem, Herr von Stechlin - ich
wrde nicht widersprechen, wenn mich das Tatschliche nicht dazu zwnge -,
trotzdem geht es nicht ohne Telegraphie, gerade hier in unsrer Einsamkeit. Und
dabei das bestndige Schwanken der Kurse. Namentlich auch in der Mhlen- und
Brettschneidebranche...
    Versteht sich, lieber Gundermann. Was ich da gesagt habe... Wenn ich das
Gegenteil gesagt htte, wre es ebenso richtig. Der Teufel is nich so schwarz,
wie er gemalt wird, und die Telegraphie auch nicht, und wir auch nicht.
Schlielich ist es doch was Groes, diese Naturwissenschaften, dieser
elektrische Strom, tipp, tipp, tipp, und wenn uns daran lge (aber uns liegt
nichts daran), so knnten wir den Kaiser von China wissen lassen, da wir hier
versammelt sind und seiner gedacht haben. Und dabei diese merkwrdigen
Verschiebungen in Zeit und Stunde. Beinahe komisch. Als Anno siebzig die Pariser
Septemberrevolution ausbrach, wute man's in Amerika drben um ein paar Stunden
frher, als die Revolution berhaupt da war. Ich sagte: Septemberrevolution. Es
kann aber auch 'ne andre gewesen sein; sie haben da so viele, da man sie leicht
verwechselt. Eine war im Juni, 'ne andre war im Juli - wer nich ein
Bombengedchtnis hat, mu da notwendig reinfallen... Engelke, prsentiere der
gnd'gen Frau den Fisch noch mal. Und vielleicht nimmt auch Herr von Czako...
    Gewi, Herr von Stechlin, sagte Czako. Erstlich aus reiner Gourmandise,
dann aber auch aus Forschertrieb oder Fortschrittsbedrfnis. Man will doch an
dem, was gerade gilt oder berhaupt Menschheitsentwickelung bedeutet, auch
seinerseits nach Mglichkeit teilnehmen, und da steht denn Fischnahrung jetzt
obenan. Fische sollen auerdem viel Phosphor enthalten, und Phosphor, so heit
es, macht helle.
    Gewi߫, kicherte Frau von Gundermann, die sich bei dem Wort helle wie
persnlich getroffen fhlte. Phosphor war ja auch schon, eh die Schwedischen
aufkamen.
    Oh, lange vorher, besttigte Czako. Was mich aber, fuhr er, sich an
Dubslav wendend, fort, an diesen Karpfen noch ganz besonders fesselt -
beilufig ein Prachtexemplar -, das ist das, da er doch hchstwahrscheinlich
aus Ihrem berhmten See stammt, ber den ich durch Woldemar, Ihren Herrn Sohn,
bereits unterrichtet bin. Dieser merkwrdige See, dieser Stechlin! Und da frag
ich mich denn unwillkrlich (denn Karpfen werden alt; daher beispielsweise die
Mooskarpfen), welche Revolutionen sind an diesem hervorragenden Exemplar seiner
Gattung wohl schon vorbergegangen? Ich wei nicht, ob ich ihn auf
hundertfnfzig Jahre taxieren darf, wenn aber, so wrde er als Jngling die
Lissaboner Aktion und als Urgreis den neuerlichen Ausbruch des Krakatowa
mitgemacht haben. Und all das erwogen, drngt sich mir die Frage auf ...
    Dubslav lchelte zustimmend.
    ... Und all das erwogen, drngt sich mir die Frage auf, wenn's nun in Ihrem
Stechlinsee zu brodeln beginnt oder gar die groe Trichterbildung anhebt, aus
der dann und wann, wenn ich recht gehrt habe, der krhende Hahn aufsteigt, wie
verhlt sich da der Stechlinkarpfen, dieser doch offenbar Nchstbeteiligte, bei
dem Anpochen derartiger Weltereignisse? Beneidet er den Hahn, dem es vergnnt
ist, in die Ruppiner Lande hineinzukrhen, oder ist er umgekehrt ein Feigling,
der sich in seinem Moorgrund verkriecht, also ein Bourgeois, der am andern
Morgen fragt: Schieen sie noch?
    Mein lieber Herr von Czako, die Beantwortung Ihrer Frage hat selbst fr
einen Anwohner des Stechlin seine Schwierigkeiten. Ins Innere der Natur dringt
kein erschaffener Geist. Und zu dem innerlichsten und verschlossensten zhlt der
Karpfen; er ist nmlich sehr dumm. Aber nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung
wird er sich beim Eintreten der groen Eruption wohl verkrochen haben. Wir
verkriechen uns nmlich alle. Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt
einer Zwangslage. Sie brauchen mir brigens nicht zuzustimmen, denn Sie sind
noch im Dienst.
    Bitte, bitte, sagte Czako.

Sehr, sehr anders ging das Gesprch an der entgegengesetzten Seite der Tafel.
Rex, der, wenn er dienstlich oder auerdienstlich aufs Land kam, immer eine
Neigung sprte, sozialen Fragen nachzuhngen, und beispielsweise jedesmal mit
Vorliebe darauf aus war, an das Zahlenverhltnis der in und auer der Ehe
geborenen Kinder alle mglichen, teils dem Gemeinwohl, teils der Sittlichkeit
zugute kommende Betrachtungen zu knpfen, hatte sich auch heute wieder in einem
mit Pastor Lorenzen angeknpften Zwiegesprch seinem Lieblingsthema zugewandt,
war aber, weil Dubslav durch eine Zwischenfrage den Faden abschnitt, in die Lage
gekommen, sich vorbergehend statt mit Lorenzen mit Katzler beschftigen zu
mssen, von dem er zufllig in Erfahrung gebracht hatte, da er frher Feldjger
gewesen sei. Das gab ihm einen guten Gesprchsstoff und lie ihn fragen, ob der
Herr Oberfrster nicht mitunter schmerzlich den zwischen seiner Vergangenheit
und seiner Gegenwart liegenden Gegensatz empfinde - sein frherer
Feldjgerberuf, so nehme er an, habe ihn in die weite Welt hinausgefhrt,
whrend er jetzt stabiliert sei. Stabilierung zhlte zu Rex'
Lieblingswendungen und entstammte jenem sorglich ausgewhlten Fremdwrterschatz,
den er sich - er hatte diese Dinge dienstlich zu bearbeiten gehabt - aus den
Erlassen Knig Friedrich Wilhelms I. angeeignet und mit in sein Aktendeutsch
herbergenommen hatte. Katzler, ein vorzglicher Herr, aber auf dem Gebiete der
Konversation doch nur von einer oft unausreichenden Orientierungsfhigkeit, fand
sich in des Ministerialassessors etwas gedrechseltem Gedankengange nicht gleich
zurecht und war froh, als ihm der hellhrige, mittlerweile wieder frei gewordene
Pastor in der durch Rex aufgeworfenen Frage zu Hilfe kam. Ich glaube
herauszuhren, sagte Lorenzen, da Herr von Rex geneigt ist, dem Leben drauen
in der Welt vor dem in unsrer stillen Grafschaft den Vorzug zu geben. Ich wei
aber nicht, ob wir ihm darin folgen knnen, ich nun schon gewi nicht; aber auch
unser Herr Oberfrster wird mutmalich froh sein, seine vordem im Eisenbahncoup
verbrachten Feldjgertage hinter sich zu haben. Es heit freilich, im engen
Kreis verengert sich der Sinn, und in den meisten Fllen mag es zutreffen. Aber
doch nicht immer, und jedenfalls hat das Weltfremde bestimmte groe Vorzge.
    Sie sprechen mir durchaus aus der Seele, Herr Pastor Lorenzen, sagte Rex.
Wenn es einen Augenblick vielleicht so klang, als ob der Globetrotter mein
Ideal sei, so bin ich sehr geneigt, mit mir handeln zu lassen. Aber etwas hat es
doch mit dem Auch-drauen-zu-Hause-Sein auf sich, und wenn Sie trotzdem fr
Einsamkeit und Stille pldieren, so pldieren Sie wohl in eigner Sache. Denn wie
sich der Herr Oberfrster aus der Welt zurckgezogen hat, so wohl auch Sie. Sie
sind beide darin, ganz individuell, einem Herzenszuge gefolgt, und vielleicht,
da meine persnliche Neigung dieselben Wege ginge. Dennoch wird es andre geben,
die von einem solchen Sichzurckziehen aus der Welt nichts wissen wollen, die
vielleicht umgekehrt, statt in einem Sichhingeben an den einzelnen, in der
Beschftigung mit einer Vielheit ihre Bestimmung finden. Ich glaube durch Freund
Stechlin zu wissen, welche Fragen Sie seit lange beschftigen, und bitte, Sie
dazu beglckwnschen zu drfen. Sie stehen in der christlich-sozialen Bewegung.
Aber nehmen Sie deren Schpfer, der Ihnen persnlich vielleicht nahesteht, er
und sein Tun sprechen doch recht eigentlich fr mich; sein Feld ist nicht
einzelne Seelsorge, nicht eine Landgemeinde, sondern eine Weltstadt. Stoeckers
Auftreten und seine Mission sind eine Widerlegung davon, da das Schaffen im
Engen und Umgrenzten notwendig das Segensreichere sein msse.
    Lorenzen war daran gewhnt, sei's zu Lob, sei's zu Tadel, sich mit dem
ebenso gefeierten wie befehdeten Hofprediger in Parallele gestellt zu sehen, und
empfand dies jedesmal als eine Huldigung. Aber nicht minder empfand er dabei
regelmig den tiefen Unterschied, der zwischen dem groen Agitator und seiner
stillen Weise lag. Ich glaube, Herr von Rex, nahm er wieder das Wort, da Sie
den Vater der Berliner Bewegung sehr richtig geschildert haben, vielleicht sogar
zur Zufriedenheit des Geschilderten selbst, was, wie man sagt, nicht eben leicht
sein soll. Er hat viel erreicht und steht anscheinend in einem Siegeszeichen;
hben und drben hat er Wurzel geschlagen und sieht sich geliebt und gehuldigt,
nicht nur seitens derer, denen er mildttig die Schuhe schneidet, sondern beinah
mehr noch im Lager derer, denen er das Leder zu den Schuhen nimmt. Er hat schon
so viele Beinamen, und der des heiligen Krispin wre nicht der schlimmste. Viele
wird es geben, die sein Tun im guten Sinne beneiden. Aber ich frchte, der Tag
ist nahe, wo der so Ruhige und zugleich so Mutige, der seine Ziele so weit
steckte, sich in die Enge des Daseins zurcksehnen wird. Er besitzt, wenn ich
recht berichtet bin, ein kleines Bauerngut irgendwo in Franken, und wohl
mglich, ja, mir persnlich geradezu wahrscheinlich, da ihm an jener stillen
Stelle frher oder spter ein echteres Glck erblht, als er es jetzt hat. Es
heit wohl: Gehet hin und lehret alle Heiden, aber schner ist es doch, wenn die
Welt, uns suchend, an uns herankommt. Und die Welt kommt schon, wenn die
richtige Persnlichkeit sich ihr auftut. Da ist dieser Wrishofener Pfarrer - er
sucht nicht die Menschen, die Menschen suchen ihn. Und wenn sie kommen, so heilt
er sie, heilt sie mit dem Einfachsten und Natrlichsten. bertragen Sie das vom
uern aufs Innere, so haben Sie mein Ideal. Einen Brunnen graben just an der
Stelle, wo man gerade steht. Innere Mission in nchster Nhe, sei's mit dem
Alten, sei's mit etwas Neuem.
    Also mit dem Neuen, sagte Woldemar und reichte seinem alten Lehrer die
Hand.
    Aber dieser antwortete: Nicht so ganz unbedingt mit dem Neuen. Lieber mit
dem Alten, soweit es irgend geht, und mit dem Neuen nur, soweit es mu.

Das Mahl war inzwischen vorgeschritten und bei einem Gange angelangt, der eine
Spezialitt von Schlo Stechlin war und jedesmal die Bewunderung seiner Gste:
losgelste Krammetsvgelbrste, mit einer dunkeln Kraftbrhe angerichtet, die,
wenn die Herbst- und Ebereschentage da waren, als eine hhere Form von
Schwarzsauer auf den Tisch zu kommen pflegten. Engelke prsentierte Burgunder
dazu, der schon lange lag, noch aus alten besseren Tagen her, und als jeder
davon genommen, erhob sich Dubslav, um erst kurz seine lieben Gste zu begren,
dann aber die Damen leben zu lassen. Er msse bei diesem Plural bleiben,
trotzdem die Damenwelt nur in einer Einheit vertreten sei; doch er gedenke dabei
neben seiner lieben Freundin und Tischnachbarin (er kte dieser huldigend die
Hand) zugleich auch der Gemahlin seines Freundes Katzler, die leider - wenn
auch vom Familienstandpunkt aus in hocherfreulichster Veranlassung - am
Erscheinen in ihrer Mitte verhindert sei: Meine Herren, Frau Oberfrster
Katzler - er machte hier eine kleine Pause, wie wenn er eine hhere Titulatur
ganz ernsthaft in Erwgung gezogen htte -, Frau Oberfrster Katzler und Frau
von Gundermann, sie leben hoch! Rex, Czako, Katzler erhoben sich, um mit Frau
von Gundermann anzustoen, als aber jeder von ihnen auf seinen Platz
zurckgekehrt war, nahmen sie die durch den Toast unterbrochenen Privatgesprche
wieder auf, wobei Dubslav als guter Wirt sich darauf beschrnkte, kurze
Bemerkungen nach links und rechts hin einzustreuen. Dies war indessen nicht
immer leicht, am wenigsten leicht bei dem Geplauder, das der Hauptmann und Frau
von Gundermann fhrten und das so pausenlos verlief, da ein Einhaken sich kaum
ermglichte. Czako war ein guter Sprecher, aber er verschwand neben seiner
Partnerin. Ihres Vaters Laufbahn, der es (ursprnglich Schreibund Zeichenlehrer)
in einer langen, schon mit Anno dreizehn beginnenden Dienstzeit bis zum
Hauptmann in der Plankammer gebracht hatte, gab ihr in ihren Augen eine
gewisse militrische Zugehrigkeit, und als sie, nach mehrmaligem Auslugen,
endlich den ihr wohlbekannten Namenszug des Regiments Alexander auf Czakos
Achselklappe erkannt hatte, sagte sie: Gott..., Alexander. Nein, ich sage. Mir
war aber doch auch gleich so. Mnzstrae. Wir wohnten ja Linienstrae, Ecke der
Weinmeister - das heit, als ich meinen Mann kennenlernte. Vorher drauen,
Schnhauser Allee. Wenn man so wen aus seiner Gegend wiedersieht! Ich bin ganz
glcklich, Herr Hauptmann. Ach, es ist zu traurig hier. Und wenn wir nicht den
Herrn von Stechlin htten, so htten wir so gut wie gar nichts. Mit Katzlers,
aber dies flsterte sie nur leise, mit Katzlers ist es nichts; die sind zu hoch
raus. Da mu man sich denn klein machen. Und so toll ist es am Ende doch auch
noch nicht. Jetzt passen sie ja noch leidlich. Aber abwarten.
    Sehr wahr, sehr wahr, sagte Czako, der, ohne was Sicheres zu verstehen,
nur ein whrend des Dubslavschen Toastes schon gehabtes Gefhl besttigt sah,
da es mit den Katzlers was Besonderes auf sich haben msse. Frau von Gundermann
aber, den ihr unbequemen Flsterton aufgebend, fuhr mit wieder lauter werdender
Stimme fort: Wir haben den Herrn von Stechlin, und das ist ein Glck, und es
ist auch blo eine gute halbe Meile. Die meisten andern wohnen viel zu weit, und
wenn sie auch nher wohnten, sie wollen alle nicht recht; die Leute hier, mit
denen wir eigentlich Umgang haben mten, sind so diffizil und legen alles auf
die Goldwaage. Das heit, vieles legen sie nicht auf die Goldwaage, dazu reicht
es bei den meisten nicht aus; nur immer die Ahnen. Und sechzehn ist das
wenigste. Ja, wer hat gleich sechzehn? Gundermann ist erst geadelt, und wenn er
nicht Glck gehabt htte, so wr es gar nichts. Er hat nmlich klein angefangen,
blo mit einer Mhle; jetzt haben wir nun freilich sieben, immer den Rhin
entlang, lauter Schneidemhlen, Bohlen und Bretter, einzllig, zweizllig und
noch mehr. Und die Berliner Dielen, die sind fast alle von uns.
    Aber, meine gndigste Frau, das mu Ihnen doch ein Hochgefhl geben. Alle
Berliner Dielen! Und dieser Rhinflu, von dem Sie sprechen, der vielleicht eine
ganze Seenkette verbindet und woran mutmalich eine reizende Villa liegt! Und
darin hren Sie Tag und Nacht, wie nebenan in der Mhle die Sge geht, und die
dicht herumstehenden Bume bewegen sich leise. Mitunter natrlich ist auch
Sturm. Und Sie haben eine Pony-Equipage fr Ihre Kinder. Ich darf doch annehmen,
da Sie Kinder haben? Wenn man so abgeschieden lebt und so bestndig aufeinander
angewiesen ist...
    Es ist, wie Sie sagen, Herr Hauptmann; ich habe Kinder, aber schon
erwachsen, beinah alle, denn ich habe mich jung verheiratet. Ja, Herr von Czako,
man ist auch einmal jung gewesen. Und es ist ein Glck, da ich die Kinder habe.
Sonst ist kein Mensch da, mit dem man ein gebildetes Gesprch fhren kann. Mein
Mann hat seine Politik und mchte sich whlen lassen, aber es wird nichts, und
wenn ich die Journale bringe, nicht mal die Bilder sieht er sich an. Und die
Geschichten, sagt er, seien blo dummes Zeug und blo Wasser auf die Mhlen der
Sozialdemokratie. Seine Mhlen, was ich brigens recht und billig finde, sind
ihm lieber.
    Aber Sie mssen doch viele Menschen um sich herum haben, schon in Ihrer
Wirtschaft.
    Ja, die hab ich, und die Mamsells, die man so kriegt, ja, ein paar Wochen
geht es; aber dann bndeln sie gleich an, am liebsten mit 'nem Volontr, wir
haben nmlich auch Volontrs in der Mhlenbranche. Und die meisten sind aus ganz
gutem Hause. Die jungen Menschen passen aber nicht auf, und da hat man's denn,
und immer gleich Knall und Fall. All das ist doch traurig, und mitunter ist es
auch so, da man sich geradezu genieren mu.
    Czako seufzte. Mir ein Greuel, all dergleichen. Aber ich wei vom Manver
her, was alles vorkommt. Und mit einer Schlue... nichts schlauer als verliebte
Menschen. Ach, das ist ein Kapitel, womit man nicht fertig wird. Aber Sie sagten
Linienstrae, meine Gndigste. Welche Nummer denn? Ich kenne da beinah jedes
Haus, kleine, nette Huser, immer blo Beletage, hchstens mal ein
OEil-de-boeuf.
    Wie? was?
    Groes rundes Fenster ohne Glas. Aber ich liebe diese Huser.
    Ja, das kann ich auch von mir sagen, und in gerade solchen Husern hab ich
meine beste Zeit verbracht, als ich noch ein Quack war, hchstens vierzehn. Und
so grausam wild. Damals waren nmlich noch die Rinnsteine, und wenn es dann
regnete und alles berschwemmt war und die Bretter anfingen, sich zu heben, und
schon so halb herumschwammen und die Ratten, die da drunter steckten, nicht mehr
wuten, wo sie hin sollten, dann sprangen wir auf die Bohlen rauf, und nun die
Biester raus, links und rechts, und die Jungens hinterher, immer aufgekrempelt
und ganz nackicht. Und einmal, weil der eine Junge nicht ablie und mit seinen
Holzpantinen immer drauflosschlug, da wurde das Untier falsch und bi den Jungen
so, da er schrie! Nein, so hab ich noch keinen Menschen wieder schreien hren.
Und es war auch frchterlich.
    Ja, das ist es. Und da helfen blo Rattenfnger.
    Ja, Rattenfnger, davon hab ich auch gehrt - Rattenfnger von Hameln. Aber
die gibt es doch nicht mehr.
    Nein, gndige Frau, die gibt es nicht mehr, wenigstens nicht mehr solche
Hexenmeister mit Zauberspruch und einer Pfeife zum Pfeifen. Aber die meine ich
auch gar nicht. Ich meine berhaupt nicht Menschen, die dergleichen als Metier
betreiben und sich in den Zeitungen anzeigen, unheimliche Gesichter mit einer
Pelzkappe. Was ich meine, sind blo Pinscher, die nebenher auch noch
Rattenfnger heien und es auch wirklich sind. Und mit einem solchen
Rattenfnger auf die Jagd gehen, das ist eigentlich das Schnste, was es gibt.
    Aber mit einem Pinscher kann man doch nicht auf die Jagd gehen!
    Doch, doch, meine gndigste Frau. Als ich in Paris war (ich war da nmlich
mal hinkommandiert), da bin ich mit runtergestiegen in die sogenannten
Katakomben, hochgewlbte Kanle, die sich unter der Erde hinziehen. Und diese
Kanle sind das wahre Ratteneldorado; da sind sie zu Millionen. Oben drei
Millionen Franzosen, unten drei Millionen Ratten. Und einmal, wie gesagt, bin
ich da mit runtergeklettert und in einem Boote durch diese Unterwelt
hingefahren, immer mitten in die Ratten hinein.
    Grlich, grlich. Und sind Sie heil wieder rausgekommen?
    Im ganzen, ja. Denn, meine gndigste Frau, eigentlich war es doch ein
Vergngen. In unserm Kahn hatten wir nmlich zwei solche Rattenfnger, einen
vorn und einen hinten. Und nun htten Sie sehen sollen, wie das losging.
Schnapp, und das Tier um die Ohren geschlagen, und tot war es. Und so weiter, so
schnell, wie Sie nur zhlen knnen, und mitunter noch schneller. Ich kann es nur
vergleichen mit Mr. Carver, dem bekannten Mr. Carver, von dem Sie gewi einmal
gelesen haben, der in der Sekunde drei Glaskugeln wegscho. Und so immerzu,
viele Hundert. Ja, so was wie diese Rattenjagd da unten, das vergit man nicht
wieder. Es war aber auch das Beste da. Denn was sonst noch von Paris geredet
wird, das ist alles bertrieben; meist dummes Zeug. Was haben sie denn Groes?
Opern und Zirkus und Museum, und in einem Saal 'ne Venus, die man sich nicht
recht ansieht, weil sie das Gefhl verletzt, namentlich wenn man mit Damen da
ist. Und das alles haben wir schlielich auch, und manches haben wir noch
besser. So zum Beispiel Niemann und die dell'Era. Aber solche Rattenschlacht,
das mu wahr sein, die haben wir nicht. Und warum nicht? Weil wir keine
Katakomben haben.
    Der alte Dubslav, der das Wort Katakomben gehrt hatte, wandte sich jetzt
wieder ber den Tisch hin und sagte: Pardon, Herr von Czako, aber Sie mssen
meiner lieben Frau von Gundermann nicht mit so furchtbar ernsten Sachen kommen
und noch dazu hier bei Tisch, gleich nach Karpfen und Meerrettich. Katakomben!
Ich bitte Sie. Die waren ja doch eigentlich in Rom und erinnern einen immer an
die traurigsten Zeiten, an den grausamen Kaiser Nero und seine Verfolgungen und
seine Fackeln. Und da war dann noch einer mit einem etwas lngeren Namen, der
noch viel grausamer war, und da verkrochen sich diese armen Christen gerade in
eben diese Katakomben, und manche wurden verraten und gemordet. Nein, Herr von
Czako, da lieber was Heiteres. Nicht wahr, meine liebe Frau von Gundermann?
    Ach nein, Herr von Stechlin; es ist doch alles so sehr gelehrig. Und wenn
man so selten Gelegenheit hat...
    Na, wie Sie wollen. Ich hab es gut gemeint. Stoen wir an! Ihr Rudolf soll
leben; das ist doch der Liebling, trotzdem er der lteste ist. Wie alt ist er
denn jetzt?
    Vierundzwanzig.
    Ein schnes Alter. Und wie ich hre, ein guter Mensch. Er mte nur mehr
raus. Er versauert hier ein bichen.
    Sag ich ihm auch. Aber er will nicht fort. Er sagt, zu Hause sei es am
besten.
    Bravo. Da nehm ich alles zurck. Lassen Sie ihn. Zu Hause ist es am Ende
wirklich am besten. Und gerade wir hier, die wir den Vorzug haben, in der
Rheinsberger Gegend zu leben. Ja, wo ist so was? Erst der groe Knig, und dann
Prinz Heinrich, der nie 'ne Schlacht verloren. Und einige sagen, er wre noch
klger gewesen als sein Bruder. Aber ich will so was nicht gesagt haben.

                                Viertes Kapitel


Frau von Gundermann schien auf das ihr als einziger, also auch ltester Dame
zustehende Tafelaufhebungsrecht verzichten zu wollen und wartete, bis statt
ihrer der schon seit einer Viertelstunde sich nach seiner Meerschaumpfeife
sehnende Dubslav das Zeichen zum Aufbruch gab. Alles erhob sich jetzt rasch, um
vom Ezimmer aus in den nach dem Garten hinaussehenden Salon zurckzukehren, dem
es - war es Zufall oder Absicht? - in diesem Augenblick noch an aller
Beleuchtung fehlte; nur im Kamin glhten ein paar Scheite, die whrend der
Essenszeit halb niedergebrannt waren, und durch die offenstehende hohe Glastr
fiel von der Veranda her das Licht der ber den Parkbumen stehenden Mondsichel.
Alles gruppierte sich alsbald um Frau von Gundermann, um dieser die
pflichtschuldigen Honneurs zu machen, whrend Martin die Lampen, Engelke den
Kaffee brachte. Das ein paar Minuten lang gefhrte gemeinschaftliche Gesprch
kam, all die Zeit ber, ber ein unruhiges Hin und Her nicht hinaus, bis der
Knuel, in dem man stand, sich wieder in Gruppen auflste.
    Das erste sich abtrennende Paar waren Rex und Katzler, beide passionierte
Billardspieler, die sich - Katzler bernahm die Fhrung - erst in den Esaal
zurck und von diesem aus in das daneben gelegene Spielzimmer begaben. Das hier
stehende, ziemlich vernachlssigte Billard war schon an die fnfzig Jahre alt
und stammte noch aus des Vaters Zeiten her. Dubslav selbst machte sich nicht
viel aus dem Spiel, aus Spiel berhaupt, und interessierte sich, soweit sein
Billard in Betracht kam, nur fr eine sehr nachgedunkelte Karoline, von der ein
Berliner Besucher mal gesagt hatte: Alle Wetter, Stechlin, wo haben Sie die
her? Das ist ja die gelbste Karoline, die ich all mein Lebtag gesehen habe -
Worte, die damals solchen Eindruck auf Dubslav gemacht hatten, da er seitdem
ein etwas freundlicheres Verhltnis zu seinem Billard unterhielt und nicht
ungern von seiner Karoline sprach.
    Das zweite Paar, das sich aus der Gemeinschaft abtrennte, waren Woldemar und
Gundermann. Gundermann, wie alle an Kongestionen Leidende, fand es berall zu
hei und wies, als er ein paar Worte mit Woldemar gewechselt, auf die
offenstehende Tr. Es ist ein so schner Abend, Herr von Stechlin; knnten wir
nicht auf die Veranda hinaustreten?
    Aber gewi, Herr von Gundermann. Und wenn wir uns absentieren, wollen wir
auch alles Gute gleich mitnehmen. Engelke, bring uns die kleine Kiste, du weit
schon.
    Ah, kapital. So ein paar Zge, das schlgt nieder, besser als Sodawasser.
Und dann ist es auch wohl schicklicher im Freien. Meine Frau, wenn wir zu Hause
sind, hat sich zwar daran gewhnen mssen und spricht hchstens mal von paffen
(na, das is nicht anders, dafr is man eben verheiratet), aber in einem fremden
Hause, da fangen denn doch die Rcksichten an. Unser guter alter Kortschdel
sprach auch immer von Dehors.
    Unter diesen Worten waren Woldemar und Gundermann vom Salon her auf die
Veranda hinausgetreten, bis dicht an die Treppenstufen heran, und sahen auf den
kleinen Wasserstrahl der auf dem Rundell aufsprang.
    Immer, wenn ich den Wasserstrahl sehe, fuhr Gundermann fort, mu ich
wieder an unsern guten alten Kortschdel denken. Is nu auch hinber. Na, jeder
mu mal, und wenn irgendeiner seinen Platz da oben sicher hat, der hat ihn.
Ehrenmann durch und durch, und loyal bis auf die Knochen. Redner war er nicht,
was eigentlich immer ein Vorzug, und hat mit seiner Schwtzerei dem Staate kein
Geld gekostet; aber er wute ganz gut Bescheid, und, unter vier Augen, ich habe
Sachen von ihm gehrt, groartig. Und ich sage mir, solchen kriegen wir nicht
wieder...
    Ach, das ist Schwarzseherei, Herr von Gundermann. Ich glaube, wir haben
viele von hnlicher Gesinnung. Und ich sehe nicht ein, warum nicht ein Mann wie
Sie ...
    Geht nicht.
    Warum nicht?
    Weil Ihr Herr Papa kandidieren will. Und da mu ich zurckstehen. Ich bin
hier ein Neuling. Und die Stechlins waren hier schon...
    Nun gut, ich will dies letztere gelten lassen, und nur was das Kandidieren
meines Vaters angeht - ich denke mir, es ist noch nicht soweit, vieles kann noch
dazwischenkommen, und jedenfalls wird er schwanken. Aber nehmen wir mal an, es
sei, wie Sie vermuten. In diesem Falle trfe doch gerade das zu, was ich mir
soeben zu sagen erlaubt habe. Mein Vater ist in jedem Anbetracht ein treuer
Gesinnungsgenosse Kortschdels, und wenn er an seine Stelle tritt, was ist da
verloren? Die Lage bleibt dieselbe.
    Nein, Herr von Stechlin.
    Nun, was ndert sich?
    Vieles, alles. Kortschdel war in den groen Fragen unerbittlich, und Ihr
Herr Vater lt mit sich reden ...
    Ich wei nicht, ob Sie da recht haben. Aber wenn es so wre, so wre das
doch ein Glck...
    Ein Unglck, Herr von Stechlin. Wer mit sich reden lt, ist nicht stramm,
und wer nicht stramm ist, ist schwach. Und Schwche (die destruktiven Elemente
haben dafr eine feine Fhlung), Schwche ist immer Wasser auf die Mhlen der
Sozialdemokratie.
    Die vier andern der kleinen Tafelrunde waren im Gartensalon zurckgeblieben,
hatten sich aber auch zu zwei und zwei zusammengetan. In der einen
Fensternische, so da sie den Blick auf den mondbeschienenen Vorplatz und die
drauen auf der Veranda auf und ab schreitenden beiden Herren hatten, saen
Lorenzen und Frau von Gundermann. Die Gundermann war glcklich ber das
Tte--tte, denn sie hatte wegen ihres jngsten Sohnes allerhand Fragen auf dem
Herzen oder bildete sich wenigstens ein, sie zu haben. Denn eigentlich hatte sie
fr gar nichts Interesse, sie mute blo, richtige Berlinerin, die sie war,
reden knnen.
    Ich bin so froh, Herr Pastor, da ich nun doch einmal Gelegenheit finde.
Gott, wer Kinder hat, der hat auch immer Sorgen. Ich mchte wegen meines
Jngsten so gerne mal mit Ihnen sprechen, wegen meines Arthur. Rudolf hat mir
keine Sorgen gemacht, aber Arthur. Er ist nun jetzt eingesegnet, und Sie haben
ihm, Herr Prediger, den schnen Spruch mitgegeben, und der Junge hat auch gleich
den Spruch auf einen groen weien Bogen geschrieben, alle Buchstaben erst mit
zwei Linien nebeneinander und dann dick ausgetuscht. Es sieht aus wie 'n Plakat.
Und diesen groen Bogen hat er sich in die Waschtoilette geklebt, und da mahnt
es ihn immer.
    Nun, Frau von Gundermann, dagegen ist doch nichts zu sagen.
    Nein, das will ich auch nicht. Eher das Gegenteil. Es hat ja doch was
Rhrendes, da es einer so ernst nimmt. Denn er hat zwei Tage dran gesessen.
Aber wenn solch junger Mensch es so immer liest, so gewhnt er sich dran. Und
dann ist ja auch gleich wieder die Verfhrung da. Gott, da man gerade immer
ber solche Dinge reden mu; noch keine Stunde, da ich mit dem Herrn Hauptmann
ber unsern Volontr Vehmeyer gesprochen habe, netter Mensch, und nun gleich
wieder mit Ihnen, Herr Pastor, auch ber so was. Aber es geht nicht anders. Und
dann sind Sie ja doch auch wie verantwortlich fr seine Seele.
    Lorenzen lchelte. Gewi, liebe Frau von Gundermann. Aber was ist es denn?
Um was handelt es sich denn eigentlich?
    Ach, es ist an und fr sich nicht viel und doch auch wieder eine recht
rgerliche Sache. Da haben wir ja jetzt die Jngste von unserm Schullehrer
Brandt ins Haus genommen, ein hbsches Balg, rotbraun und ganz kraus, und Brandt
wollte, sie solle bei uns angelernt werden. Nun, wir sind kein groes Haus,
gewi nicht, aber Mntel abnehmen und rumprsentieren, und da sie wei, ob
links oder rechts, soviel lernt sie am Ende doch.
    Gewi. Und die Frida Brandt, oh, die kenn ich ganz gut; die wurde jetzt
gerade vorm Jahr eingesegnet. Und es ist, wie Sie sagen, ein allerliebstes
Geschpf und klug und aufgekratzt, ein bichen zu sehr. Sie will zu Ostern nach
Berlin.
    Wenn sie nur erst da wre. Mir tut es beinahe schon leid, da ich ihr nicht
gleich zugeredet. Aber so geht es einem immer.
    Ist denn was vorgefallen?
    Vorgefallen? Das will ich nicht sagen. Er is ja doch erst sechzehn und eine
Dusche dazu, gerade wie sein Vater; der hat sich auch erst rausgemausert, seit
er grau geworden. Was beilufig auch nicht gut ist. Und da komme ich nun gestern
vormittag die Treppe rauf und will dem Jungen sagen, da er in den Dohnenstrich
geht und nachsieht, ob Krammetsvgel da sind, und die Tr steht halb auf, was
noch das beste war, und da seh ich, wie sie ihm eine Nase dreht und die
Zungenspitze raussteckt; so was von spitzer Zunge hab ich mein Lebtag noch nicht
gesehen. Die reine Eva. Fr die Potiphar ist sie mir noch zu jung. Und als ich
nu dazwischentrete, da kriegt ja nu der arme Junge das Zittern, und weil ich
nicht recht wute, was ich sagen sollte, ging ich blo hin und klappte den
Waschtischdeckel auf, wo der Spruch stand, und sah ihn scharf an. Und da wurde
er ganz bla. Aber das Balg lachte.
    Ja, liebe Frau von Gundermann, das ist so; Jugend hat keine Tugend.
    Ich wei doch nicht; ich bin auch einmal jung gewesen...
    Ja, Damen...

Whrend Frau von Gundermann in ihrem Gesprch in der Fensternische mit
derartigen Intimitten kam und den guten Pastor Lorenzen abwechselnd in
Verlegenheit und dann auch wieder in stille Heiterkeit versetzte, hatte sich
Dubslav mit Hauptmann von Czako in eine schrg gegenber gelegene Ecke
zurckgezogen, wo eine altmodische Causeuse stand, mit einem Marmortischchen
davor. Auf dem Tische zwei Kaffeetassen samt aufgeklapptem Liqueurkasten, aus
dem Dubslav eine Flasche nach der andern herausnahm. Jetzt, wenn man von Tisch
kommt, mu es immer ein Cognac sein. Aber ich bekenne Ihnen, lieber Hauptmann,
ich mache die Mode nicht mit; wir aus der alten Zeit, wir waren immer ein
bichen frs Se. Creme de Cacao, na, natrlich, das is Damenschnaps, davon
kann keine Rede sein; aber Pomeranzen oder, wie sie jetzt sagen, Curaao, das
ist mein Fall. Darf ich Ihnen einschenken? Oder vielleicht lieber Danziger
Goldwasser? Kann ich brigens auch empfehlen.
    Dann bitte ich um Goldwasser. Es ist doch schrfer, und dann bekenne ich
Ihnen offen, Herr Major... Sie kennen ja unsre Verhltnisse, so 'n bichen Gold
heimelt einen immer an. Man hat keins und dabei doch zugleich die Vorstellung,
da man es trinken kann - es hat eigentlich was Groartiges.
    Dubslav nickte, schenkte von dem Goldwasser ein, erst fr Czako, dann fr
sich selbst, und sagte: Bei Tische hab ich die Damen leben lassen und Frau von
Gundermann im speziellen. Hren Sie, Hauptmann, Sie verstehen's. Diese
Rattengeschichte...
    Vielleicht war es ein bichen zuviel.
    I, keineswegs. Und dann, Sie waren ja ganz unschuldig, die Gnd'ge fing ja
davon an; erinnern Sie sich, sie verliebte sich ordentlich in die Geschichte von
den Rinnsteinbohlen, und wie sie drauf rumgetrampelt, bis die Ratten rauskamen.
Ich glaube sogar, sie sagte Biester. Aber das schadet nicht. Das ist so Berliner
Stil. Und unsre Gnd'ge hier (beilufig eine geborene Helfrich) is eine
Vollblutberlinerin.
    Ein Wort, das mich doch einigermaen berrascht.
    Ah, drohte Dubslav schelmisch mit dem Finger, ich verstehe. Sie sind
einer gewissen Unausreichendheit begegnet und verlangen mindestens mehr Quadrat
(von Kubik will ich nicht sprechen). Aber wir von Adel mssen in diesem Punkte
doch ziemlich milde sein und ein Auge zudrcken, wenn das das richtige Wort ist.
Unser eigenstes Vollblut bewegt sich auch in Extremen und hat einen linken und
einen rechten Flgel; der linke nhert sich unsrer geborenen Helfrich. brigens
unterhaltliche Madam. Und wie beseligt sie war, als sie den Namenszug auf Ihrer
Achselklappe glcklich entdeckt und damit den Anmarsch auf die Mnzstrae
gewonnen hatte. Was es doch alles fr Lokalpatriotismen gibt!
    An dem unser Regiment teilnimmt oder ihn mitmacht. Die Welt um den
Alexanderplatz herum hat brigens so ihren eigenen Zauber, schon um einer
gewissen Unresidenzlichkeit willen. Ich sehe nichts lieber als die groe
Markthalle, wenn beispielsweise die Fischtonnen mit fnfhundert Aalen in die
Netze gegossen werden. Etwas Unglaubliches von Gezappel.
    Finde mich ganz darin zurecht und bin auch fr Alexanderplatz und
Alexanderkaserne samt allem, was dazugehrt. Und so brech ich denn auch die
Gelegenheit vom Zaun, um nach einem Ihrer frheren Regimentskommandeure zu
fragen, dem liebenswrdigen Obersten von Zeuner, den ich noch persnlich gekannt
habe. Hier unsre Stechliner Gegend ist nmlich Zeunergegend. Keine Stunde von
hier liegt Kpernitz, eine reizende Besitzung, drauf die Zeunersche Familie
schon in friderizianischen Tagen ansssig war. Bin oft drben gewesen (nun
freilich schon zwanzig Jahre zurck) und komme noch einmal mit der Frage: Haben
Sie den Obersten noch gekannt?
    Nein, Herr Major. Er war schon fort, als ich zum Regimente kam. Aber ich
habe viel von ihm gehrt und auch von Kpernitz, wei aber freilich nicht mehr,
in welchem Zusammenhange.
    Schade, da Sie nur einen Tag fr Stechlin festgesetzt haben, sonst mten
Sie das Gut sehen. Alles ganz eigentmlich und besonders auch ein Grabstein,
unter dem eine uralte Dame von beinah neunzig Jahren begraben liegt, eine
geborne von Zeuner, die sich in frher Jugend schon mit einem Emigranten am
Rheinsberger Hof, mit dem Grafen La Roche-Aymon, vermhlt hatte. Merkwrdige
Frau, von der ich Ihnen erzhle, wenn ich Sie mal wiedersehe. Nur eins mssen
Sie heute schon mit anhren, denn ich glaube, Sie haben den Gustus dafr.
    Fr alles, was Sie erzhlen.
    Keine Schmeicheleien! Aber die Geschichte will ich Ihnen doch als Andenken
mitgeben. Andre schenken sich Photographien, was ich, selbst wenn es hbsche
Menschen sind (ein Fall, der brigens selten zutrifft), immer greulich finde.
    Schenke nie welche.
    Was meine Gefhle fr Sie steigert. Aber die Geschichte: Da war also drben
in Kpernitz diese La Roche-Aymon, und weil sie noch die Prinz-Heinrich-Tage
gesehen und whrend derselben eine Rolle gespielt hatte, so zhlte sie zu den
besonderen Lieblingen Friedrich Wilhelms IV. Und als nun - sagen wir ums Jahr
fnfzig - der Zufall es fgte, da dem zur Jagd hier erschienenen Knig das
Kpernitzer Frhstck, ganz besonders aber eine Blut- und Zungenwurst ber die
Maen gut geschmeckt hatte, so wurde dies Veranlassung fr die Grfin, am
nchsten Heiligabend eine ganze Kiste voll Wrste nach Potsdam hin in die
knigliche Kche zu liefern. Und das ging so durch Jahre. Da beschlo zuletzt
der gute Knig, sich fr all die gute Gabe zu revanchieren, und als wieder
Weihnachten war, traf in Kpernitz ein Postpaket ein, Inhalt: eine zierliche
kleine Blutwurst. Und zwar war es ein wunderschner, rundlicher Blutkarneol mit
Goldspeilerchen an beiden Seiten und die Speilerchen selbst mit Diamanten
besetzt. Und neben diesem Geschenk lag ein Zettelchen: Wurst wider Wurst.
    Allerliebst!
    Mehr als das. Ich persnlich ziehe solchen guten Einfall einer guten
Verfassung vor. Der Knig, glaub ich, tat es auch. Und es denken auch heute noch
viele so.
    Gewi, Herr Major. Es denken auch heute noch viele so, und bei dem
Schwankezustand, in dem ich mich leider befinde, sind meine persnlichen
Sympathien gelegentlich nicht weitab davon. Aber ich frchte doch, da wir mit
dieser unsrer Anschauung sehr in der Minoritt bleiben.
    Werden wir. Aber Vernunft ist immer nur bei wenigen. Es wre das beste,
wenn ein einziger Alter-Fritzen-Verstand die ganze Geschichte regulieren knnte.
Freilich braucht ein solcher oberster Wille auch seine Werkzeuge. Die haben wir
aber noch in unserm Adel, in unsrer Armee und speziell auch in Ihrem Regiment.
    Whrend der Alte diesen Trumpf ausspielte, kam Engelke, um ein paar neue
Tassen zu prsentieren.
    Nein, nein, Engelke, wir sind schon weiter. Aber stell nur hin... In Ihrem
Regiment, sag ich, Herr von Czako; schon sein Name bedeutet ein Programm, und
dies Programm heit: Ruland. Heutzutage darf man freilich kaum noch davon
reden. Aber das ist Unsinn. Ich sage Ihnen, Hauptmann, das waren Preuens beste
Tage, als da bei Potsdam herum die russische Kirche und das russische Haus
gebaut wurden und als es immer hin- und herging zwischen Berlin und Petersburg.
Ihr Regiment, Gott sei Dank, unterhlt noch was von den alten Beziehungen, und
ich freue mich immer, wenn ich davon lese, vor allem, wenn ein russischer Kaiser
kommt und ein Doppelposten vom Regiment Alexander vor seinem Palais steht. Und
noch mehr freu ich mich, wenn das Regiment Deputationen schickt: Georgsfest,
Namenstag des hohen Chefs, oder wenn sich's auch blo um Uniformabnderungen
handelt, beispielsweise Klappkragen statt Stehkragen (diese verdammten
Stehkragen) - und wie dann der Kaiser alle begrt und zur Tafel zieht und so
bei sich denkt: Ja, ja, das sind brave Leute; da hab ich meinen Halt.
    Czako nickte, war aber doch in sichtlicher Verlegenheit, weil er, trotz
seiner vorher versicherten Sympathien, ein ganz moderner, politisch stark
angekrnkelter Mensch war, der, bei strammster Dienstlichkeit, zu all
dergleichen berspanntheiten ziemlich kritisch stand. Der alte Dubslav nahm
indessen von alledem nichts wahr und fuhr fort: Und sehen Sie, lieber
Hauptmann, so hab ich's persnlich in meinen jungen Jahren auch noch erlebt und
vielleicht noch ein bichen besser; denn, Pardon, jeder hlt seine Zeit fr die
beste. Vielleicht sogar, da Sie mir zustimmen, wenn ich Ihnen mein Sprchel
erst ganz hergesagt haben werde. Da haben wir ja nun jenseits des Njemen, wie
manche Gebildete jetzt sagen, die drei Alexander gehabt, den ersten, den zweiten
und den dritten, alle drei groe Herren und alle drei richtige Kaiser und fromme
Leute, oder doch beinah fromm, die's gut mit ihrem Volk und mit der Menschheit
meinten, und dabei selber richtige Menschen; aber in dies Alexandertum, das so
beinah das ganze Jahrhundert ausfllt, da schiebt sich doch noch einer ein, ein
Nicht-Alexander, und ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, der war doch der
Hupter. Und das war unser Nikolaus. Manche dummen Kerle haben Spottlieder auf
ihn gemacht und vom schwarzen Niklas gesungen, wie man Kinder mit dem schwarzen
Mann graulich macht, aber war das ein Mann! Und dieser selbige Nikolaus, nun,
der hatte hier, ganz wie die drei Alexander, auch ein Regiment, und das waren
die Nikolaus-Krassiere, oder sag ich lieber: das sind die Nikolaus-Krassiere,
denn wir haben sie, Gott sei Dank, noch. Und sehen Sie, lieber Czako, das war
mein Regiment, dabei hab ich gestanden, als ich noch ein junger Dachs war, und
habe dann den Abschied genommen; viel zu frh; Dummheit, htte lieber
dabeibleiben sollen.
    Czako nickte, Dubslav nahm ein neues Glas von dem Goldwasser. Unsre
Nikolaus-Krassiere, Gott erhalte sie, wie sie sind! Ich mchte sagen, in dem
Regimente lebt noch die Heilige Alliance fort, die Waffenbrderschaft von Anno
dreizehn, und dies Anno dreizehn, das wir mit den Russen zusammen durchgemacht
haben, immer nebeneinander im Biwak, in Glck und Unglck, das war doch unsre
grte Zeit. Grer als die jetzt groe. Groe Zeit ist es immer nur, wenn's
beinah schiefgeht, wenn man jeden Augenblick frchten mu: Jetzt ist alles
vorbei. Da zeigt sich's. Courage ist gut, aber Ausdauer ist besser. Ausdauer,
das ist die Hauptsache. Nichts im Leibe, nichts auf dem Leibe, Hundeklte, Regen
und Schnee, so da man so in der nassen Patsche liegt, und hchstens 'nen Kornus
(Cognac, ja hast du was, den gab es damals kaum) und so die Nacht durch, da
konnte man Jesum Christum erkennen lernen. Ich sage das, wenn ich auch nicht mit
dabeigewesen. Anno dreizehn, bei Grogrschen, das war fr uns die richtige
Waffenbrderschaft: jetzt haben wir die Waffenbrderschaft der Orgeldreher und
der Mausefallenhndler. Ich bin fr Ruland, fr Nikolaus und Alexander.
Preobraschensk, Semenow, Kaluga - da hat man die richtige Anlehnung; alles andre
ist revolutionr, und was revolutionr ist, das wackelt.

Kurz vor elf, der Mond war inzwischen unter, brach man auf, und die Wagen fuhren
vor, erst der Katzlersche Kaleschwagen, dann die Gundermannsche Chaise; Martin
aber, mit einer Stallaterne, leuchtete dem Pastor, ber Vorhof und Bohlenbrcke
fort, bis an seine ganz im Dunkel liegende Pfarre. Gleich darauf zogen sich auch
die drei Freunde zurck und stiegen, unter Vorantritt Engelkes, die groe Treppe
hinauf, bis auf den Podest. Hier trennten sich Rex und Czako von Woldemar,
dessen Zimmer auf der andern Flurseite gelegen war.
    Czako, sehr mde, war im Nu bettfertig. Es bleibt also dabei, Rex, Sie
logieren sich in dem Rokokozimmer ein - wir wollen es ohne weiteres so nennen -,
und ich nehme das Himmelbett hier in Zimmer Nummer eins. Vielleicht wre das
Umgekehrte richtiger, aber Sie haben es so gewollt.
    Und whrend er noch so sprach, schob er seine Stiefel auf den Flur hinaus,
schlo ab und legte sich nieder.
    Rex war derweilen mit seiner Plaidrolle beschftigt, aus der er allerlei
Toilettengegenstnde hervorholte. Sie mssen mich entschuldigen, Czako, wenn
ich mich noch eine Viertelstunde hier bei Ihnen aufhalte. Habe nmlich die
Angewohnheit, mich abends zu rasieren, und der Toilettentisch mit Spiegel, ohne
den es doch nicht gut geht, der steht nun mal hier an Ihrem, statt an meinem
Fenster. Ich mu also stren.
    Mir sehr recht, trotz aller Mdigkeit. Nichts besser, als noch ein bichen
aus dem Bett heraus plaudern knnen. Und dabei so warm eingemummelt. Die Betten
auf dem Lande sind berhaupt das Beste.
    Nun, Czako, das freut mich, da Sie so bereit sind, mir Quartier zu gnnen.
Aber wenn Sie noch eine Plauderei haben wollen, so mssen Sie sich die
Hauptsache selber leisten. Ich schneide mich sonst, was dann hinterher immer
ganz schndlich aussieht. brigens mu ich erst Schaum schlagen, und so lange
wenigstens kann ich Ihnen Red und Antwort stehen. Ein Glck nebenher, da hier,
auer der kleinen Lampe, noch diese zwei Leuchter sind. Wenn ich nicht Licht von
rechts und links habe, komme ich nicht von der Stelle; das eine wackelt zwar
(alle diese dnnen Silberleuchter wackeln), aber wenn gute Reden sie
begleiten... Also strengen Sie sich an. Wie fanden Sie die Gundermanns?
Sonderbare Leute - haben Sie schon mal den Namen Gundermann gehrt?
    Ja. Aber das war in Waldmeisters Brautfahrt.
    Richtig; so wirkt er auch. Und nun gar erst die Frau! Der einzige, der sich
sehen lassen konnte, war dieser Katzler. Ein Karambolespieler ersten Ranges.
brigens Eisernes Kreuz.
    Und dann der Pastor.
    Nun ja, auch der. Eine ganz gescheite Nummer. Aber doch ein wunderbarer
Heiliger, wie die ganze Sippe, zu der er gehrt. Er hlt zu Stoecker, sprach es
auch aus, was neuerdings nicht jeder tut; aber der neue Luther, der doch schon
gerade bedenklich genug ist - Majestt hat ganz recht mit seiner Verurteilung -,
der geht ihm gewi nicht weit genug. Dieser Lorenzen erscheint mir, im Gegensatz
zu seinen Jahren, als einer der Allerjngsten. Und zu verwundern bleibt nur, da
der Alte so gut mit ihm steht. Freund Woldemar hat mir davon erzhlt. Der Alte
liebt ihn und sieht nicht, da ihm sein geliebter Pastor den Ast absgt, auf dem
er sitzt. Ja, diese von der neuesten Schule, das sind die allerschlimmsten.
Immer Volk und wieder Volk, und mal auch etwas Christus dazwischen. Aber ich
lasse mich so leicht nicht hinters Licht fhren. Es luft alles darauf hinaus,
da sie mit uns aufrumen wollen, und mit dem alten Christentum auch. Sie haben
ein neues, und das berlieferte behandeln sie despektierlich.
    Kann ich ihnen unter Umstnden nicht verdenken. Seien Sie gut, Rex, und
lassen Sie Konventikel und Partei mal beiseite. Das berlieferte, was einem da
so vor die Klinge kommt, namentlich wenn Sie sich die Menschen ansehen, wie sie
nun mal sind, ist doch sehr reparaturbedrftig, und auf solche Reparatur ist ein
Mann wie dieser Lorenzen eben aus. Machen Sie die Probe. Hie Lorenzen, hie
Gundermann. Und Ihren guten Glauben in Ehren, aber Sie werden diesen Gundermann
doch nicht ber den Lorenzen stellen und ihn berhaupt nur ernsthaft nehmen
wollen. Und wie dieser Wassermller aus der Brettschneidebranche, so sind die
meisten. Phrase, Phrase. Mitunter auch Geschft oder noch Schlimmeres.
    Ich kann jetzt nicht antworten, Czako. Was Sie da sagen, berhrt eine groe
Frage, bei der man doch aufpassen mu. Und so mit dem Messer in der Hand, da
verbietet sich's. Und das eine wacklige Licht hat ohnehin schon einen Dieb.
Erzhlen Sie mir lieber was von der Frau von Gundermann. Debattieren kann ich
nicht mehr, aber wenn Sie plaudern, brauch ich blo zuzuhren. Sie haben ihr ja
bei Tisch 'nen langen Vortrag gehalten.
    Ja. Und noch dazu ber Ratten.
    Nein, Czako, davon drfen Sie jetzt nicht sprechen; dann doch noch lieber
ber alten und neuen Glauben. Und gerade hier. In solchem alten Kasten ist man
nie sicher vor Spuk und Ratten. Wenn Sie nichts andres wissen, dann bitt ich um
die Geschichte, bei der wir heute frh in Cremmen unterbrochen wurden. Es schien
mir was Pikantes.
    Ach, die Geschichte von der kleinen Stubbe. Ja, hren Sie, Rex, das regt
Sie aber auch auf. Und wenn man nicht schlafen kann, ist es am Ende gleich, ob
wegen der Ratten oder wegen der Stubbe.

                                Fnftes Kapitel


Rex und Czako waren so mde, da sie sich, wenn ntig, ber Spuk und Ratten
weggeschlafen htten. Aber es war nicht ntig, nichts war da, was sie htte
stren knnen. Kurz vor acht erschien das alte Faktotum mit einem silbernen
Deckelkrug, aus dem der Wrasen heien Wassers aufstieg, einem der wenigen
Renommierstcke, ber die Schlo Stechlin verfgte. Dazu bot Engelke den Herren
einen guten Morgen und stattete seinen Wetterbericht ab: Es gebe gewi einen
schnen Tag, und der junge Herr sei auch schon auf und gehe mit dem alten um das
Rundell herum.
    So war es denn auch. Woldemar war schon gleich nach sieben unten im Salon
erschienen, um mit seinem Vater, von dem er wute, da er ein Frhauf war, ein
Familiengesprch ber allerhand diffizile Dinge zu fhren. Aber er war
entschlossen, seinerseits damit nicht anzufangen, sondern alles von der Neugier
und dem guten Herzen des Vaters zu erwarten. Und darin sah er sich auch nicht
getuscht.
    Ah, Woldemar, das ist recht, da du schon da bist. Nur nicht zu lang im
Bett. Die meisten Langschlfer haben einen Knacks. Es knnen aber sonst ganz
gute Leute sein. Ich wette, dein Freund Rex schlft bis neun.
    Nein, Papa, der gerade nicht. Wer wie Rex ist, kann sich das nicht gnnen.
Er hat nmlich einen Verein gegrndet fr Frhgottesdienste, abwechselnd in
Schnhausen und Finkenkrug. Aber es ist noch nicht perfekt geworden.
    Freut mich, da es noch hapert. Ich mag so was nicht. Der alte Wilhelm hat
zwar seinem Volke die Religion wiedergeben wollen, was ein schnes Wort von ihm
war - alles, was er tat und sagte, war gut -, aber Religion und Landpartie,
dagegen bin ich doch. Ich bin berhaupt gegen alle falschen Mischungen. Auch bei
den Menschen. Die reine Rasse, das ist das eigentlich Legitime. Das andre, was
sie nebenher noch Legitimitt nennen, das ist schon alles mehr knstlich. Sage,
wie steht es denn eigentlich damit? Du weit schon, was ich meine.
    Ja, Papa...
    Nein, nicht so; nicht immer blo ja, Papa. So fngst du jedesmal an, wenn
ich auf dies Thema komme. Da liegt schon ein halber Refus drin, oder ein
Hinausschieben, ein Abwartenwollen. Und damit kann ich mich nicht befreunden. Du
bist jetzt zweiunddreiig, oder doch beinah, da mu der mit der Fackel kommen;
aber du fackelst (verzeih den Kalauer; ich bin eigentlich gegen Kalauer, die
sind so mehr fr Handlungsreisende), also du fackelst, sag ich, und ist kein
Ernst dahinter. Und soviel kann ich dir auerdem sagen, deine Tante Sanctissima
drben in Kloster Wutz, die wird auch schon ungeduldig. Und das sollte dir zu
denken geben. Mich hat sie zeitlebens schlecht behandelt; wir stimmten eben nie
zusammen und konnten auch nicht, denn so halb Knigin Elisabeth, halb
Kaffeeschwester, das is 'ne Melange, mit der ich mich nie habe befreunden
knnen. Ihr drittes Wort ist immer ihr Rentmeister Fix, und wre sie nicht
sechsundsiebzig, so erfnd ich mir eine Geschichte dazu.
    Mach es gndig, Papa. Sie meint es ja doch gut. Und mit mir nun schon ganz
gewi.
    Gndig machen? Ja, Woldemar, ich will es versuchen. Nur frcht ich, es wird
nicht viel dabei herauskommen. Da heit es immer, man solle Familiengefhl
haben, aber es wird einem doch auch zu blutsauer gemacht, und ich kann umgekehrt
der Versuchung nicht widerstehen, eine richtige Familienkritik zu ben. Adelheid
fordert sie geradezu heraus. Andrerseits freilich, in dich ist sie wie vernarrt,
fr dich hat sie Geld und Liebe. Was davon wichtiger ist, stehe dahin; aber
soviel ist gewi, ohne sie wr es berhaupt gar nicht gegangen, ich meine dein
Leben in deinem Regiment. Also wir haben ihr zu danken, und weil sie das
geradesogut wei wie wir, oder vielleicht noch ein bichen besser, gerade
deshalb wird sie ungeduldig; sie will Taten sehen, was vom Weiberstandpunkt aus
allemal soviel heit wie Verheiratung. Und wenn man will, kann man es auch so
nennen, ich meine Taten. Es ist und bleibt ein Heroismus. Wer Tante Adelheid
geheiratet htte, htte sich die Tapferkeitsmedaille verdient, und wenn ich
schndlich sein wollte, so sagte ich das Eiserne Kreuz.
    Ja, Papa...
    Schon wieder ja, Papa. Nun, meinetwegen, ich will dich schlielich in
deiner Lieblingswendung nicht stren. Aber bekenne mir nebenher - denn das ist
doch schlielich das, um was sich's handelt -, liegst du mit was im Anschlag,
hast du was auf dem Korn?
    Papa, diese Wendungen erschrecken mich beinah. Aber wenn denn schon so
jgermig gesprochen werden soll, ja; meine Wnsche haben ein bestimmtes Ziel,
und ich darf sagen, mich beschftigen diese Dinge.
    Mich beschftigen diese Dinge... Nimm mir's nicht bel, Woldemar, das ist
ja gar nichts. Beschftigen! Ich bin nicht frs Poetische, das ist fr
Gouvernanten und arme Lehrer, die nach Grbersdorf mssen (blo, da sie
meistens kein Geld dazu haben), aber diese Wendung sich beschftigen, das ist
mir denn doch zu prosaisch. Wenn es sich um solche Dinge wie Liebe handelt
(wiewohl ich ber Liebe nicht viel gnstiger denke wie ber Poesie, blo da
Liebe doch noch mehr Unheil anrichtet, weil sie noch allgemeiner auftritt) -
wenn es sich um Dinge wie Liebe handelt, so darf man nicht sagen, ich habe mich
damit beschftigt. Liebe ist doch schlielich immer was Forsches, sonst kann sie
sich ganz und gar begraben lassen, und da mcht ich denn doch etwas von dir
hren, was ein bichen wie Leidenschaft aussieht. Es braucht ja nicht gleich was
Schreckliches zu sein. Aber so ganz ohne Stimulus, wie man, glaub ich, jetzt
sagt, so ganz ohne so was geht es nicht; alle Menschheit ist darauf gestellt,
und wo's einschlft, ist so gut wie alles vorbei. Nun wei ich zwar recht gut,
es geht auch ohne uns, aber das ist doch alles blo etwas, was einem von
Verstandes wegen aufgezwungen wird; das egoistische Gefhl, das immer unrecht,
aber auch immer recht hat, will von dem allem nichts wissen und besteht darauf,
da die Stechline weiterleben, wenn es sein kann, in aeternum. Ewig weiterleben;
- ich rume ein, es hat ein bichen was Komisches, aber es gibt wenig ernste
Sachen, die nicht auch eine komische Seite htten... Also dich beschftigen
diese Dinge. Kannst du Namen nennen? Auf wem haben Eurer Hoheit Augen zu ruhen
geruht?
    Papa, Namen darf ich noch nicht nennen. Ich bin meiner Sache noch nicht
sicher genug, und das ist auch der Grund, warum ich Wendungen gebraucht habe,
die dir nchtern und prosaisch erschienen sind. Ich kann dir aber sagen, ich
htte mich lieber anders ausgedrckt; nur darf ich es noch nicht. Und dann wei
ich ja auch, da du selber einen aberglubischen Zug hast und ganz aufrichtig
davon ausgehst, da man sich sein Glck verreden kann, wenn man zu frh oder
zuviel davon spricht.
    Brav, brav. Das gefllt mir. So ist es. Wir sind immer von neidischen und
boshaften Wesen mit Fuchsschwnzen und Fledermausflgeln umstellt, und wenn wir
renommieren oder sicher tun, dann lachen sie. Und wenn sie erst lachen, dann
sind wir schon so gut wie verloren. Mit unsrer eignen Kraft ist nichts getan,
ich habe nicht den Grashalm sicher, den ich hier ausreie. Demut, Demut... Aber
trotzdem komm ich dir mit der naiven Frage (denn man widerspricht sich in einem
fort), ist es was Vornehmes, was Pikfeines?
    Pikfein, Papa, will ich nicht sagen. Aber vornehm gewi.
    Na, das freut mich. Falsche Vornehmheit ist mir ein Greuel; aber richtige
Vornehmheit -  la bonne heure. Sage mal, vielleicht was vom Hofe?
    Nein, Papa.
    Na, desto besser. Aber da kommen ja die Herren. Der Rex sieht wirklich
verdeubelt gut aus, ganz das, was wir frher einen Gardeassessor nannten. Und
fromm, sagst du - wird also wohl Karriere machen; fromm is wie 'ne untergelegte
Hand.
    Whrend dieser Worte stiegen Rex und Czako die Stufen zum Garten hinunter
und begrten den Alten. Er erkundigte sich nach ihren nchtlichen Schicksalen,
freute sich, da sie durchgeschlafen htten, und nahm dann Czakos Arm, um vom
Garten her auf die Veranda, wo Engelke mittlerweile unter der groen Markise den
Frhstckstisch hergerichtet hatte, zurckzukehren. Darf ich bitten, Herr von
Rex. Und er wies auf einen Gartenstuhl, ihm gerade gegenber, whrend Woldemar
und Czako links und rechts neben ihm Platz nahmen. Ich habe neuerdings den Tee
eingefhrt, das heit nicht obligatorisch; im Gegenteil, ich persnlich bleibe
lieber bei Kaffee, schwarz wie der Teufel, s wie die Snde, hei wie die
Hlle, wie bereits Talleyrand gesagt haben soll. Aber Pardon, da ich Sie mit so
was berhaupt noch belstige. Schon mein Vater sagte mal: Ja, wir auf dem Lande,
wir haben immer noch die alten Wiener-Kongre-Witze. Und das ist nun schon
wieder ein Menschenalter her.
    Ach, diese alten Kongrewitze, sagte Rex verbindlich, ich mchte mir die
Bemerkung erlauben, Herr Major, da diese alten Witze besser sind als die neuen.
Und kann auch kaum anders sein. Denn wer waren denn die Verfasser von damals?
Talleyrand, den Sie schon genannt haben, und Wilhelm von Humboldt und Friedrich
Gentz und ihresgleichen. Ich glaube, da das Metier seitdem sehr herabgestiegen
ist.
    Ja, herabgestiegen ist alles, und es steigt immer weiter nach unten. Das
ist, was man neue Zeit nennt, immer weiter runter. Und mein Pastor, den Sie ja
gestern abend kennengelernt haben, der behauptet sogar, das sei das Wahre, das
sei das, was man Kultur nenne, da immer weiter nach unten gestiegen wrde. Die
aristokratische Welt habe abgewirtschaftet, und nun komme die demokratische...
    Sonderbare Worte fr einen Geistlichen, sagte Rex, fr einen Mann, der
doch die durch Gott gegebenen Ordnungen kennen sollte.
    Dubslav lachte. Ja, das bestreitet er Ihnen. Und ich mu bekennen, es hat
manches fr sich, trotzdem es mir nicht recht pat. Im brigen, wir werden ihn,
ich meine den Pastor, ja wohl noch beim zweiten Frhstck sehen, wo Sie dann
Gelegenheit nehmen knnen, sich mit ihm persnlich darber auseinanderzusetzen;
er liebt solche Gesprche, wie Sie wohl schon gemerkt haben, und hat eine kleine
Lutherneigung, sich immer auf das jetzt bliche: Hier steh ich, ich kann nicht
anders auszuspielen. Mitunter sieht es wirklich so aus, als ob wieder eine
gewisse Mrtyrerlust in die Menschen gefahren wre, blo ich trau dem Frieden
noch nicht so recht.
    Ich auch nicht, bemerkte Rex, meistens Renommisterei.
    Na, na, sagte Czako. Da hab ich doch noch diese letzten Tage von einem
armen russischen Lehrer gelesen, der unter die Soldaten gesteckt wurde (sie
haben da jetzt auch so was wie allgemeine Dienstpflicht), und dieser Mensch, der
Lehrer, hat sich geweigert, eine Flinte loszuschieen, weil das blo Vorschule
sei zu Mord und Totschlag, also ganz und gar gegen das fnfte Gebot. Und dieser
Mensch ist sehr geqult worden, und zuletzt ist er gestorben. Wollen Sie das
auch Renommisterei nennen?
    Gewi will ich das.
    Herr von Rex, sagte Dubslav, sollten Sie dabei nicht zu weit gehen? Wenn
sich's ums Sterben handelt, da hrt das Renommieren auf. Aber diese Sache, von
der ich brigens auch gehrt habe, hat einen ganz andern Schlssel. Das liegt
nicht an der allgemein gewordenen Renommisterei, das liegt am Lehrertum. Alle
Lehrer sind nmlich verrckt. Ich habe hier auch einen, an dem ich meine Studien
gemacht habe; heit Krippenstapel, was allein schon was sagen will. Er ist grad
um ein Jahr lter als ich, also runde siebenundsechzig, und eigentlich ein
Prachtexemplar, jedenfalls ein vorzglicher Lehrer. Aber verrckt ist er doch.
    Das sind alle, sagte Rex. Alle Lehrer sind ein Schrecknis. Wir im
Kultusministerium knnen ein Lied davon singen. Diese Abc-Pauker wissen alles,
und seitdem Anno sechsundsechzig der unsinnige Satz in die Mode kam, der
preuische Schulmeister habe die sterreicher geschlagen - ich meinerseits wrde
lieber dem Zndnadelgewehr oder dem alten Steinmetz, der alles, nur kein
Schulmeister war, den Preis zuerkennen -, seitdem ist es vollends mit diesen
Leuten nicht mehr auszuhalten. Herr von Stechlin hat eben von einem der
Humboldts gesprochen; nun, an Wilhelm von Humboldt trauen sie sich noch nicht
recht heran, aber was Alexander von Humboldt konnte, das knnen sie nun schon
lange.
    Da treffen Sie's, Herr von Rex, sagte Dubslav. Genauso ist meiner auch.
Ich kann nur wiederholen, ein vorzglicher Mann; aber er hat den
Priorittswahnsinn. Wenn Koch das Heilserum erfindet oder Edison Ihnen auf
fnfzig Meilen eine Oper vorspielt, mit Getrampel und Hndeklatschen dazwischen,
so weist Ihnen mein Krippenstapel nach, da er das vor dreiig Jahren auch schon
mit sich rumgetragen habe.
    Ja, ja, so sind sie alle.
    brigens... Aber darf ich Ihnen nicht noch von diesem gebackenen Schinken
vorlegen...? brigens mahnt mich Krippenstapel daran, da die Feststellung eines
Vormittagsprogramms wohl an der Zeit sein drfte: Krippenstapel ist nmlich der
geborene Cicerone dieser Gegenden, und durch Woldemar wei ich bereits, da Sie
uns die Freude machen wollen, sich um Stechlin und Umgegend ein klein wenig zu
kmmern, Dorf, Kirche, Wald, See - um den See natrlich am meisten, denn der ist
unsre pice de rsistance. Das andere gibt es woanders auch, aber der See...
Lorenzen erklrt ihn auerdem noch fr einen richtigen Revolutionr, der gleich
mitrumort, wenn irgendwo was los ist. Und es ist auch wirklich so. Mein Pastor
aber sollte, beilufig bemerkt, so was lieber nicht sagen. Das sind so
Geistreichigkeiten, die leicht bel vermerkt werden. Ich persnlich la es
laufen. Es gibt nichts, was mir so verhat wre wie Polizeimaregeln, oder einem
Menschen, der gern ein freies Wort spricht, die Kehle zuzuschnren. Ich rede
selber gern, wie mir der Schnabel gewachsen ist.
    Und verplauderst dich dabei, sagte Woldemar, und vergit zunchst unser
Programm. Um sptestens zwei mssen wir fort; wir haben also nur noch vier
Stunden. Und Globsow, ohne das es nicht gehen wird, ist weit und kostet uns
wenigstens die Hlfte davon.
    Alles richtig. Also das Men, meine Herren. Ich denke mir die Sache so.
Erst (da gleich hinter dem Buchsbaumgange) Besteigung des Aussichtsturms - noch
eine Anlage von meinem Vater her, die sich, nach Ansicht der Leute hier, vordem
um vieles schner ausnahm als jetzt. Damals waren nmlich noch lauter bunte
Scheiben da oben, und alles, was man sah, sah rot oder blau oder orangefarben
aus. Und alle Welt hier war unglcklich, als ich diese bunten Glser wegnehmen
lie. Ich empfand es aber wie 'ne Naturbeleidigung. Grn ist grn und Wald ist
Wald... Also Nummer eins der Aussichtsturm; Nummer zwei Krippenstapel und die
Schule; Nummer drei die Kirche samt Kirchhof. Pfarre schenken wir uns. Dann Wald
und See. Und dann Globsow, wo sich eine Glasindustrie befindet. Und dann wieder
zurck und zum Abschlu ein zweites Frhstck, eine altmodische Bezeichnung, die
mir aber trotzdem immer besser klingt als Lunch. Zweites Frhstck hat etwas
ausgesprochen Behagliches und gibt zu verstehen, da man ein erstes schon hinter
sich hat... Woldemar, dies ist mein Programm, das ich dir, als einem
Eingeweihten, hiermit unterbreite. Ja oder nein?
    Natrlich ja, Papa. Du triffst dergleichen immer am besten. Ich meinerseits
mache aber nur die erste Hlfte mit. Wenn wir in der Kirche fertig sind, mu ich
zu Lorenzen. Krippenstapel kann mich ja mehr als ersetzen, und in Globsow wei
er all und jedes. Er spricht, als ob er Glasblser gewesen wre.
    Darf dich nicht wundern. Dafr ist er Lehrer im allgemeinen und
Krippenstapel im besonderen.

So war denn also das Programm festgestellt, und nachdem Dubslav mit Engelkes
Hilfe seinen noch ziemlich neuen weien Filzhut, den er sehr schonte, mit einem
wotanartigen schwarzen Filzhut vertauscht und einen schweren Eichenstock in die
Hand genommen hatte, brach man auf, um zunchst auf den als erste
Sehenswrdigkeit festgesetzten Aussichtsturm hinaufzusteigen.
    Der Weg dahin, keine hundert Schritte, fhrte durch einen sogenannten
Poetensteig. Ich wei nicht, sagte Dubslav, warum meine Mutter diesen etwas
anspruchsvollen Namen hier einfhrte. Soviel mir bekannt, hat sich hier niemals
etwas betreffen lassen, was zu dieser Rangerhhung einer ehemaligen Taxushecke
htte Veranlassung geben knnen. Und ist auch recht gut so.
    Warum gut, Papa?
    Nun, nimm es nicht bel, lachte Dubslav. Du sprichst ja, wie wenn du
selber einer wrst. Im brigen rum ich dir ein, da ich kein rechtes Urteil
ber derlei Dinge habe. Bei den Krassieren war keiner, und ich habe berhaupt
nur einmal einen gesehen, mit einem kleinen Verdru und einer Goldbrille, die er
bestndig abnahm und putzte. Natrlich blo ein Mnnchen, klein und eitel. Aber
sehr elegant.
    Elegant? fragte Czako. Dann stimmt es nicht; dann haben Sie so gut wie
keinen gesehen.
    Unter diesem Gesprche waren sie bis an den Turm gekommen, der in mehreren
Etagen und zuletzt auf bloen Leitern anstieg. Man mute schwindelfrei sein, um
gut hinaufzukommen. Oben aber war es wieder gefahrlos, weil eine feste Wandung
das Podium umgab Rex und Czako hielten Umschau. Nach Sden hin lag das Land
frei, nach den drei andern Seiten hin aber war alles mit Waldmassen besetzt,
zwischen denen gelegentlich die sich hier auf weite Meilen hinziehende Seenkette
sichtbar wurde. Der nchste See war der Stechlin.
    Wo ist nun die Stelle? fragte Czako. Natrlich die, wo's sprudelt und
strudelt.
    Sehen Sie die kleine Buchtung da, mit der weien Steinbank?
    Jawohl; ganz deutlich.
    Nun, von der Steinbank aus keine zwei Bootslngen in den See hinein, da
haben Sie die Stelle, die, wenn's sein mu, mit Java telephoniert.
    Ich gbe was drum, sagte Czako, wenn jetzt der Hahn zu krhen anfinge.
    Diese kleine Aufmerksamkeit mu ich Ihnen leider schuldig bleiben und hab
berhaupt da nach rechts hin nichts andres mehr fr Sie als die roten
Ziegeldcher, die sich zwischen dem Waldrand und dem See wie auf einem Bollwerk
hinziehen. Das ist Kolonie Globsow. Da wohnen die Glasblser. Und dahinter liegt
die Glashtte. Sie ist noch unter dem Alten Fritzen entstanden und heit die
grne Glashtte.
    Die grne? Das klingt ja beinah wie aus 'nem Mrchen.
    Ist aber eher das Gegenteil davon. Sie heit nmlich so, weil man da grnes
Glas macht, allergewhnlichstes Flaschenglas. An Rubinglas mit Goldrand drfen
Sie hier nicht denken. Das ist nichts fr unsre Gegend.
    Und damit kletterten sie wieder hinunter und traten, nach Passierung des
Schlovorhofs, auf den quadratischen Dorfplatz hinaus, an dessen einer Ecke die
Schule gelegen war. Es mute die Schule sein, das sah man an den offenstehenden
Fenstern und den Malven davor, und als die Herren bis an den grnen Staketenzaun
heran waren, hrten sie auch schon den prompten Schulgang da drinnen, erst die
scharfe, kurze Frage des Lehrers und dann die sofortige Massenantwort. Im
nchsten Augenblick, unter Vorantritt Dubslavs, betraten alle den Flur, und weil
ein kleiner weier Klffer sofort furchtbar zu bellen anfing, erschien
Krippenstapel, um zu sehen, was los sei.
    Guten Morgen, Krippenstapel, sagte Dubslav. Ich bring Ihnen Besuch.
    Sehr schmeichelhaft, Herr Baron.
    Ja, das sagen Sie; wenn's nur wahr ist. Aber unter allen Umstnden lassen
Sie den Baron aus dem Spiel... Sehen Sie, meine Herren, mein Freund
Krippenstapel is ein ganz eignes Haus. Alltags nennt er mich Herr von Stechlin
(den Major unterschlgt er), und wenn er rgerlich ist, nennt er mich gnd'ger
Herr. Aber sowie ich mit Fremden komme, betitelt er mich Herr Baron. Er will was
fr mich tun.
    Krippenstapel, still vor sich hin schmunzelnd, hatte mittlerweile die Tr zu
der seiner Schulklasse gegenber gelegenen Wohnstube geffnet und bat die
Herren, eintreten zu wollen.
    Sie nahmen auch jeder einen Stuhl in die Hand, aber sttzten sich nur auf
die Lehne, whrend das Gesprch zwischen Dubslav und dem Lehrer seinen Fortgang
nahm. Sagen Sie, Krippenstapel, wird es denn berhaupt gehen? Sie sollen uns
natrlich alles zeigen, und die Schule ist noch nicht aus.
    Oh, gewi geht es, Herr von Stechlin.
    Ja, hren Sie, wenn der Hirt fehlt, rebelliert die Herde...
    Nicht zu befrchten, Herr von Stechlin. Da war mal ein Burgemeister,
achtundvierziger Zeit, Namen will ich lieber nicht nennen, der sagte: Wenn ich
meinen Stiefel ans Fenster stelle, regier ich die ganze Stadt. Das war mein
Mann.
    Richtig; den hab ich auch noch gekannt. Ja, der verstand es. berhaupt
immer in der Furcht des Herrn. Dann geht alles am besten. Der Hauptregente
bleibt doch der Krckstock.
    Der Krckstock, besttigte Krippenstapel. Und dann freilich die
Belohnungen.
    Belohnungen? lachte Dubslav. Aber Krippenstapel, wo nehmen Sie denn die
her?
    Oh, die hat's schon, Herr von Stechlin. Aber immer mit Verschiedenheiten.
Ist es was Kleines, so kriegt der Junge blo 'nen Katzenkopp weniger, ist es
aber was Groes, dann kriegt er 'ne Wabe.
    'ne Wabe? Richtig. Davon haben wir schon heute frh beim Frhstck
gesprochen, als Ihr Honig auf den Tisch kam. Ich habe den Herren dabei gesagt,
Sie wren der beste Imker in der ganzen Grafschaft.
    Zuviel Ehre, Herr von Stechlin. Aber das darf ich sagen, ich versteh es.
Und wenn die Herren mir folgen wollen, um das Volk bei der Arbeit zu sehen - es
ist jetzt gerade beste Zeit.
    Alle waren einverstanden, und so gingen sie denn durch den Flur bis in Hof
und Garten hinaus und nahmen hier Stellung vor einem offenen Etageschuppen, drin
die Stcke standen, nicht altmodische Bienenkrbe, sondern richtige
Bienenhuser, nach der Dzierzonschen Methode, wo man alles herausnehmen und
jeden Augenblick in das Innere bequem hineingucken kann. Krippenstapel zeigte
denn auch alles, und Rex und Czako waren ganz aufrichtig interessiert.
    Nun aber, Herr Lehrer Krippenstapel, sagte Czako, nun bitte, geben Sie
uns auch einen Kommentar. Wie is das eigentlich mit den Bienen? Es soll ja was
ganz Besondres damit sein.
    Ist es auch, Herr Hauptmann. Das Bienenleben ist eigentlich feiner und
vornehmer als das Menschenleben.
    Feiner, das kann ich mir schon denken; aber auch vornehmer? Was Vornehmeres
als den Menschen gibt es nicht. Indessen, wie's damit auch sei, ja oder nein,
Sie machen einen nur immer neugieriger. Ich habe mal gehrt, die Bienen sollen
sich auf das Staatliche so gut verstehen; beinah vorbildlich.
    So ist es auch, Herr Hauptmann. Und eines ist ja da, worber sich als Thema
vielleicht reden lt. Da sind nmlich in jedem Stock drei Gruppen oder Klassen.
In Klasse eins haben wir die Knigin, in Klasse zwei haben wir die Arbeitsbienen
(die, was fr alles Arbeitsvolk wohl eigentlich immer das beste ist,
geschlechtslos sind), und in Klasse drei haben wir die Drohnen; die sind
mnnlich, worin zugleich ihr eigentlicher Beruf besteht. Denn im brigen tun sie
gar nichts.
    Interessanter Staat. Gefllt mir. Aber immer noch nicht vorbildlich genug.
    Und nun bedenken Sie, Herr Hauptmann. Winterlang haben sie so dagesessen
und gearbeitet oder auch geschlafen. Und nun kommt der Frhling, und das
erwachende neue Leben ergreift auch die Bienen, am mchtigsten aber die Klasse
eins, die Knigin. Und sie beschliet nun, mit ihrem ganzen Volk einen
Frhlingsausflug zu machen, der sich fr sie persnlich sogar zu einer Art
Hochzeitsreise gestaltet. So mu ich es nennen. Unter den vielen Drohnen
nmlich, die ihr auf der Ferse sind, whlt sie sich einen Begleiter, man knnte
sagen einen Tnzer, der denn auch berufen ist, alsbald in eine noch intimere
Stellung zu ihr einzurcken. Etwa nach einer Stunde kehrt die Knigin und ihr
Hochzeitszug in die beengenden Schranken ihres Staates zurck. Ihr Dasein hat
sich inzwischen erfllt. Ein ganzes Geschlecht von Bienen wird geboren, aber
weitere Beziehungen zu dem bewuten Tnzer sind ein fr allemal ausgeschlossen.
Es ist das gerade das, was ich vorhin als fein und vornehm bezeichnet habe.
Bienenkniginnen lieben nur einmal. Die Bienenknigin liebt und stirbt.
    Und was wird aus der bevorzugten Drohne, aus dem Prinzessinnen-Tnzer, dem
Prince Consort, wenn dieser Titel ausreicht?
    Dieser Tnzer wird ermordet.
    Nein, Herr Lehrer Krippenstapel, das geht nicht. Unter dieser letzten
Mitteilung bricht meine Begeisterung wieder zusammen. Das ist ja schlimmer als
der Heinesche Asra. Der stirbt doch blo. Aber hier haben wir Ermordung. Sagen
Sie, Rex, wie stehen Sie dazu?
    Das monogamische Prinzip, woran doch schlielich unsre ganze Kultur hngt,
kann nicht strenger und berzeugender demonstriert werden. Ich finde es
groartig.
    Czako htte gern geantwortet; aber er kam nicht dazu, weil in diesem
Augenblicke Dubslav darauf aufmerksam machte, da man noch viel vor sich habe.
Zunchst die Kirche. Seine Hochwrden, der wohl eigentlich dabeisein mte,
wird es nicht belnehmen, wenn wir auf ihn verzichten. Aber Sie, Krippenstapel,
knnen Sie?
    Krippenstapel wiederholte, da er Zeit vollauf habe. Zudem schlug die
Schuluhr, und gleich beim ersten Schlage hrte man, wie's drinnen in der Klasse
lebendig wurde und die Jungens in ihren Holzpantinen ber den Flur weg auf die
Strae strzten. Drauen aber stellten sie sich militrisch auf, weil sie
mittlerweile gehrt hatten, da der gndige Herr gekommen sei.
    Morgen, Jungens, sagte Dubslav, an einen kleinen Schwarzhaarigen
herantretend. Bist von Globsow?
    Nein, gnd'ger Herr, von Dagow.
    Na, lernst auch gut?
    Der Junge griente.
    Wann war denn Fehrbellin?
    Achtzehnte Juni.
    Und Leipzig?
    Achtzehnter Oktober. Immer achtzehnter bei uns.
    Das ist recht, Junge... Da.
    Und dabei griff er in seinen Rock und suchte nach einem Nickel. Sehen Sie,
Hauptmann, Sie sind ein bichen ein Sptter, soviel hab ich schon gemerkt; aber
so mu es gemacht werden. Der Junge wei von Fehrbellin und von Leipzig und hat
ein kluges Gesicht und steht Red und Antwort. Und rote Backen hat er auch. Sieht
er aus, als ob er einen Kummer htte oder einen Gram ums Vaterland? Unsinn.
Ordnung und immer feste. Na, solange ich hier sitze, so lange hlt es noch. Aber
freilich, es kommen andre Tage.
    Woldemar lchelte.
    Na, fuhr der Alte fort, will mich trsten. Als der Alte Fritz zu sterben
kam, dacht er auch, nu ginge die Welt unter. Und sie steht immer noch, und wir
Deutsche sind wieder obenauf, ein bichen zu sehr. Aber immer besser als
zuwenig.
    Inzwischen hatte sich Krippenstapel in seiner Stube proper gemacht:
schwarzer Rock mit dem Inhaberband des Adlers von Hohenzollern, den ihm sein
gtiger Gutsherr verschafft hatte. Statt des Hutes, den er in der Eile nicht
hatte finden knnen, trug er eine Mtze von sonderbarer Form. In der Rechten
aber hielt er einen ausgehhlten Kirchenschlssel, der wie 'ne rostige Pistole
aussah.
    Der Weg bis zur Kirche war ganz nah. Und nun standen sie dem Portal
gegenber.
    Rex, zu dessen Ressort auch Kirchenbauliches gehrte, setzte sein Pincenez
auf und musterte. Sehr interessant. Ich setze das Portal in die Zeit von
Bischof Luger. Prmonstratenserbau. Wenn mich nicht alles tuscht, Anlehnung an
die Brandenburger Krypte. Also sagen wir zwlfhundert. Wenn ich fragen darf,
Herr von Stechlin, existieren Urkunden? Und war vielleicht Herr von Quast schon
hier oder Geheimrat Adler, unser bester Kenner?
    Dubslav geriet in eine kleine Verlegenheit, weil er sich einer solchen
Grndlichkeit nicht gewrtigt hatte. Herr von Quast war einmal hier, aber in
Wahlangelegenheiten. Und mit den Urkunden ist es grndlich vorbei, seit Wrangel
hier alles niederbrannte. Wenn ich von Wrangel spreche, mein ich natrlich nicht
unsern Vater Wrangel, der brigens auch keinen Spa verstand, sondern den
Schillerschen Wrangel... Und auerdem, Herr von Rex, ist es so schwer fr einen
Laien. Aber Sie, Krippenstapel, was meinen Sie?
    Rex, ber den pltzlich etwas von Dienstlichkeit gekommen war, zuckte
zusammen. Er hatte sich an Herrn von Stechlin gewandt, wenn nicht als an einen
Wissenden, so doch als an einen Ebenbrtigen, und da jetzt Krippenstapel
aufgefordert wurde, das entscheidende Wort in dieser Angelegenheit zu sprechen,
wollte ihm nicht recht passend erscheinen. berhaupt, was wollte diese Figur,
die doch schon stark die Karikatur streifte. Schon der Bericht ber die Bienen
und namentlich, was er ber die Haltung der Knigin und den Prince Consort
gesagt hatte, hatte so merkwrdig anzglich geklungen, und nun wurde dies
Schulmeisteroriginal auch noch aufgefordert, ber bauliche Fragen, und aus
welchem Jahrhundert die Kirche stamme, sein Urteil abzugeben. Er hatte
wohlweislich nach Quast und Adler gefragt, und nun kam Krippenstapel! Wenn man
durchaus wollte, konnte man das alles patriarchalisch finden; aber es mifiel
ihm doch. Und leider war Krippenstapel - der zu seinen sonstigen Sonderbarkeiten
auch noch den ganzen Trotz des Autodidakten gesellte - keineswegs angetan, die
kleinen Unebenheiten, in die das Gesprch hineingeraten war, wieder
glattzumachen. Er nahm vielmehr die Frage Krippenstapel, was meinen Sie ganz
ernsthaft auf und sagte:
    Wollen verzeihen, Herr von Rex, wenn ich unter Anlehnung an eine neuerdings
erschienene Broschre des Oberlehrers Tucheband in Templin zu widersprechen
wage. Dieser Grafschaftswinkel hier ist von mehr mecklenburgischem und
uckermrkischem als brandenburgischem Charakter, und wenn wir fr unsre
Stechliner Kirche nach Vorbildern forschen wollen, so werden wir sie
wahrscheinlich in Kloster Himmelpfort oder Gransee zu suchen haben, aber nicht
in Dom Brandenburg. Ich mchte hinzusetzen drfen, da Oberlehrer Tuchebands
Aufstellungen, soviel ich wei, unwidersprochen geblieben sind.
    Czako, der diesem aufflackernden Kampfe zwischen einem Ministerialassessor
und einem Dorfschulmeister mit grtem Vergngen folgte, htte gern noch weitere
Scheite herzugetragen, Woldemar aber empfand, da es hchste Zeit sei, zu
intervenieren, und bemerkte: nichts sei schwerer, als auf diesem Gebiete
Bestimmungen zu treffen - ein Satz, den brigens sowohl Rex wie Krippenstapel
ablehnen zu wollen schienen -, und da er vorschlagen mchte, lieber in die
Kirche selbst einzutreten, als hier drauen ber die Sulen und Kapitelle weiter
zu debattieren.
    Man fand sich in diesen Vorschlag, Krippenstapel ffnete die Kirche mit
seinem Riesenschlssel, und alle traten ein.

                                Sechstes Kapitel


Gleich nach zwlf - Woldemar hatte sich, wie geplant, schon lange vorher, um bei
Lorenzen vorzusprechen, von den andern Herren getrennt - waren Dubslav, Rex und
Czako von dem Globsower Ausfluge zurck, und Rex, feiner Mann, der er war, war
bei Passierung des Vorhofs verbindlich an die mit Zinn ausgelegte blanke
Glaskugel herangetreten, um ihr, als einem mutmalichen Produkte der eben
besichtigten grnen Glashtte, seine Ministerialaufmerksamkeit zu schenken. Er
ging dabei so weit, von Industriestaat zu sprechen. Czako, der
gemeinschaftlich mit Rex in die Glaskugel hineinguckte, war mit allem
einverstanden, nur nicht mit seinem Spiegelbilde. Wenn man nur blo etwas
besser ausshe... Rex versuchte zu widersprechen, aber Czako gab nicht nach und
versicherte: Ja, Rex, Sie sind ein schner Mann, Sie haben eben mehr
zuzusetzen. Und da bleibt denn immer noch was brig.
    Oben auf der Rampe stand Engelke.
    Nun, Engelke, wie steht's? Woldemar und der Pastor schon da?
    Nein, gnd'ger Herr. Aber ich kann ja die Christel schicken...
    Nein, nein, schicke nicht. Das strt blo. Aber warten wollen wir auch
nicht. Es war doch weiter nach Globsow, als ich dachte; das heit, eigentlich
war es nicht weiter, blo die Beine wollen nicht mehr recht. Und hat solche
Anstrengung blo das eine Gute, da man hungrig und durstig wird. Aber da kommen
ja die Herren.
    Und er grte von der Rampe her nach der Bohlenbrcke hinber, ber die
Woldemar und Lorenzen eben in den Schlohof eintraten. Rex ging ihnen entgegen.
Dubslav dagegen nahm Czakos Arm und sagte: Nun kommen Sie, Hauptmann, wir
wollen derweilen ein bichen recherchieren und uns einen guten Platz aussuchen.
Mit der ewigen Veranda, das is nichts; unter der Markise steht die Luft wie 'ne
Mauer, und ich mu frische Luft haben. Vielleicht erstes Zeichen von Hydropsie.
Kann eigentlich Fremdwrter nicht leiden. Aber mitunter sind sie doch ein Segen.
Wenn ich so zwischen Hydropsie und Wassersucht die Wahl habe, bin ich immer fr
Hydropsie. Wassersucht hat so was kolossal Anschauliches.
    Unter diesen Worten waren sie bis in den Garten gekommen, an eine Stelle, wo
viel Buchsbaum stand, dem Poetensteige gerad gegenber. Sehen Sie hier,
Hauptmann, das wre so was. Niedrige Buchsbaumwand. Da haben wir Luft und doch
keinen Zug. Denn vor Zug mu ich mich auch hten wegen Rheumatismus, oder
vielleicht ist es auch Gicht. Und dabei hren wir das Pltschern von meiner
Sanssouci-Fontne. Was meinen Sie?
    Kapital, Herr Major.
    Ach, lassen Sie den Major. Major klingt immer so dienstlich... Also hier,
Engelke, hier decke den Tisch und stell auch ein paar Fuchsien, oder was gerade
blht, in die Mitte. Nur nicht Astern. Astern sind ganz gut, aber doch sozusagen
unterm Stand und sehen immer aus wie 'n Bauerngarten. Und dann mache dich in den
Keller und hol uns was Ordentliches herauf. Du weit ja, was ich zum Frhstck
am liebsten habe. Vielleicht hat Hauptmann Czako denselben Geschmack.
    Ich wei noch nicht, um was es sich handelt, Herr von Stechlin; aber ich
mchte mich fr bereinstimmung schon jetzt verbrgen.
    Inzwischen waren auch Woldemar, Rex und der Pastor vom Gartensalon her auf
die Veranda hinausgetreten, und Dubslav ging ihnen entgegen. Guten Tag, Pastor.
Nun, das ist recht. Ich dachte schon, Woldemar wrde von Ihnen annektiert
werden.
    Aber, Herr von Stechlin... Ihre Gste... Und Woldemars Freunde.
    Betonen Sie das nicht so, Lorenzen. Es gibt Umgangsformen und
Artigkeitsgesetze. Gewi. Aber das alles reicht nicht weit. Was der Mensch am
ehesten durchbricht, das sind gerade solche Formen. Und wer sie nicht
durchbricht, der kann einem auch leid tun. Wie geht es denn in der Ehe? Haben
Sie schon einen Mann gesehen, der die Formen wahrt, wenn seine Frau ihn rgert?
Ich nicht. Leidenschaft ist immer siegreich.
    Ja, Leidenschaft. Aber Woldemar und ich...
    Sind auch in Leidenschaft. Sie haben die Freundschaftsleidenschaft, Orest
und Pylades - so was hat es immer gegeben. Und dann, was noch viel mehr sagen
will, Sie haben nebenher die Konspirationsleidenschaft...
    Aber, Herr von Stechlin.
    Nein, nicht die Konspirationsleidenschaft, ich nehm es zurck; aber Sie
haben dafr was andres, nmlich die Weltverbesserungsleidenschaft. Und das ist
eine der grten, die es gibt. Und wenn solche zwei Weltverbesserer zusammen
sind, da knnen Rex und Czako warten, und da kann selbst ein warmes Frhstck
warten. Sagt man noch Djeuner  la fourchette?
    Kaum, Papa. Wie du weit, es ist jetzt alles englisch.
    Natrlich. Die Franzosen sind abgesetzt. Und ist auch recht gut so, wiewohl
unsre Vettern drben erst recht nichts taugen. Selbst ist der Mann. Aber ich
glaube, das Frhstck wartet.
    Wirklich, es war so. Whrend die Herren zu zwei und zwei an der
Buchsbaumwandung auf und ab schritten, hatte Engelke den Tisch arrangiert, an
den jetzt Wirt und Gste herantraten.
    Es war eine lngliche Tafel, deren dem Rundell zugekehrte Lngsseite man
frei gelassen hatte, was allen einen berblick ber das hbsche Gartenbild
gestattete. Dubslav, das Arrangement musternd, nickte Engelke zu, zum Zeichen,
da er's getroffen habe. Dann aber nahm er die Mittelschssel und sagte, whrend
er sie Rex reichte: Toujours perdrix. Das heit, es sind eigentlich
Krammetsvgel, wie schon gestern abend. Aber wer wei, wie Krammetsvgel auf
franzsisch heien? Ich wenigstens wei es nicht. Und ich glaube, nicht einmal
Tucheband wird uns helfen knnen.
    Ein allgemeines verlegenes Schweigen besttigte Dubslavs Vermutung ber
franzsische Vokabelkenntnis.
    Wir kamen brigens, fuhr dieser fort, dicht vor Globsow durch einen
Dohnenstrich, berall hingen noch viele Krammetsvgel in den Schleifen, was mir
auffiel und was ich doch, wie so vieles Gute, meinem alten Krippenstapel
zuschreiben mu. Es wre doch 'ne Kleinigkeit fr die Jungens, den Dohnenstrich
auszuplndern. Aber so was kommt nicht vor. Was meinen Sie, Lorenzen?
    Ich freue mich, da es ist, wie es ist, und da die Dohnenstriche nicht
ausgeplndert werden. Aber ich glaube, Herr von Stechlin, Sie drfen es
Krippenstapel nicht anrechnen.
    Dubslav lachte herzlich. Da haben wir wieder die alte Geschichte. Jeder
Schulmeister schulmeistert an seinem Pastor herum, und jeder Pastor pastort ber
seinen Schulmeister. Ewige Rivalitt. Der natrliche Zug ist doch, da die
Jungens nehmen, was sie kriegen knnen. Der Mensch stiehlt wie 'n Rabe. Und wenn
er's mit einmal unterlt, so mu das doch 'nen Grund haben.
    Den hat es auch, Herr von Stechlin. Blo einen andern. Was sollen sie mit
'nem Krammetsvogel machen? Fr uns ist es eine Delikatesse, fr einen armen
Menschen ist es gar nichts, knapp soviel wie 'n Sperling.
    Ach, Lorenzen, ich sehe schon, Sie liegen da wieder mit dem Patrimonium der
Enterbten im Anschlag; Sperling, das klingt ganz so. Aber so viel ist doch
richtig, da Krippenstapel die Jungens brillant in Ordnung hlt; wie ging das
heute Schlag auf Schlag, als ich den kurzgeschornen Schwarzkopp ins Examen nahm,
und wie stramm waren die Jungens und wie manierlich, als wir sie nach 'ner
Stunde in Globsow wiedersahen. Wie sie da so fidel spielten und doch voll
Respekt in allem. Frei, aber nicht frech, das ist so mein Satz.
    Woldemar und Lorenzen, die nicht mit dabeigewesen waren, waren neugierig,
auf welchen Vorgang sich all dies Lob des Alten bezge.
    Was hat denn, fragte Woldemar, die Globsower Jungens mit einem Mal zu so
guter Reputation gebracht?
    Oh, es war wirklich scharmant, sagte Czako, wir steckten noch unter den
Waldbumen, als wir auch schon Stimmen wie Kommandorufe hrten, und kaum da wir
auf einen freien, von Kastanien umstellten Platz hinausgetreten waren
(eigentlich war es wohl schon ein groer Fabrikhof), so sahen wir uns wie mitten
in einer Bataille.
    Rex nickte zustimmend, whrend Czako fortfuhr: Auf unserer Seite stand die
bis dahin augenscheinlich siegreiche Partei, deren weiterer Angriff aber wegen
der guten gegnerischen Deckung mit einem Male stoppte. Kaum zu verwundern. Denn
eben diese Deckung bestand aus wohl tausend, ein groes Karree bildenden
Glasballons, hinter die sich die geschlagene Truppe wie hinter eine Barrikade
zurckgezogen hatte. Da standen sie nun und nahmen ein mit den massenhaft
umherliegenden Kastanien gefhrtes Feuergefecht auf. Die meisten ihrer Schsse
gingen zu kurz und fielen klappernd wie Hagel auf die Ballons nieder. Ich htte
dem Spiel, ich wei nicht wie lange, zusehn knnen. Als man unserer aber
ansichtig wurde, stob alles unter Hurra und Mtzenschwenken auseinander. berall
sind Photographen. Nur wo sie hingehren, da fehlen sie. Genauso wie bei der
Polizei.
    Dubslav hatte schmunzelnd der Schilderung zugehrt.
    Hren Sie, Hauptmann, Sie verstehn es aber; Sie knnen mit 'nem Dukaten den
Groen Kurfrsten vergolden.
    Ja, sagte Rex, seinen Partner pltzlich im Stiche lassend, das tut unser
Freund Czako nicht anders; dreiviertel ist immer Dichtung.
    Ich gebe mich auch nicht fr einen Historiker aus und am wenigsten fr
einen korrekten Aktenmenschen.
    Und dabei, lieber Czako, nahm jetzt Dubslav das Wort, dabei bleiben Sie
nur. Auf Ihr Spezielles! In so wichtiger Sache mssen Sie mir aber in meiner
Lieblingssorte Bescheid tun, nicht in Rotwein, den mein berhmter Miteinsiedler
das natrliche Getrnk des norddeutschen Menschen genannt hatte. Einer seiner
mannigfachen Irrtmer; vielleicht der grte. Das natrliche Getrnk des
norddeutschen Menschen ist am Rhein und Main zu finden. Und am vorzglichsten
da, wo sich, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, beide vermhlen. Ungefhr
von dieser Vermhlungsstelle kommt auch der hier. Und dabei wies er auf eine
vor ihm stehende Bocksbeutelflasche. Sehen Sie, meine Herren, verhat sind mir
alle langen Hlse; das hier aber, das nenn ich eine gefllige Form. Heit es
nicht irgendwo: Lat mich dicke Leute sehn, oder so hnlich. Da stimm ich zu;
dicke Flaschen, die sind mein Fall. Und dabei stie er wiederholt mit Czako an.
Noch einmal, auf Ihr Wohl. Und auf Ihres, Herr von Rex. Und dann auf das Wohl
meiner Globsower oder wenigstens meiner Globsower Jungens, die sich nicht blo
um Fehrbellin kmmern und um Leipzig, sondern, wie wir gesehen haben, auch
selber ihre Schlachten schlagen. Ich rgere mich nur immer, wenn ich diese
riesigen Ballons da zwischen meinen Globsowern sehe. Und hinter dem ersten
Fabrikhof (ich wollte Sie nur nicht weiter damit behelligen), da ist noch ein
zweiter Hof, der sieht noch schlimmer aus. Da stehen nmlich wahre
Glasungeheuer, auch Ballons, aber mit langem Hals dran, und die heien dann
Retorten.
    Aber Papa, sagte Woldemar, da du dich ber die paar Retorten und Ballons
nie beruhigen kannst. Solang ich nur denken kann, eiferst du dagegen. Es ist
doch ein wahres Glck, da soviel davon in die Welt geht und den armen
Fabrikleuten einen guten Lohn sichert. So was wie Streik kommt hier ja gar nicht
vor, und in diesem Punkt ist unsre Stechliner Gegend doch wirklich noch wie ein
Paradies.
    Lorenzen lachte.
    Ja, Lorenzen, Sie lachen, warf Dubslav hier ein. Aber bei Lichte besehen
hat Woldemar doch recht, was (und Sie wissen auch warum) eigentlich nicht oft
vorkommt. Es ist genau so, wie er sagt. Natrlich bleibt uns Eva und die
Schlange; das ist uralte Erbschaft. Aber soviel noch von guter alter Zeit in
dieser Welt zu finden ist, soviel findet sich hier, hier in unsrer lieben alten
Grafschaft. Und in dies Bild richtiger Gliederung, oder meinetwegen auch
richtiger Unterordnung (denn ich erschrecke vor solchem Worte nicht), in dieses
Bild des Friedens pat mir diese ganze Globsower Retortenblserei nicht hinein.
Und wenn ich nicht frchten mte, fr einen Querkopf gehalten zu werden, so
htt ich bei hoher Behrde schon lange meine Vorschlge wegen dieser Retorten
und Ballons eingereicht. Und natrlich gegen beide. Warum mssen es immer
Ballons sein? Und wenn schon, na, dann lieber solche wie diese. Die la ich mir
gefallen. Und dabei hob er die Bocksbeutelflasche.
    Wie diese, besttigte Czako.
    Ja, Czako, Sie sind ganz der Mann, meinen Papa in seiner Idiosynkrasie zu
bestrken.
    Idiosynkrasie, wiederholte der Alte. Wenn ich so was hre. Ja, Woldemar,
da glaubst du nun wieder wunder was Feines gesagt zu haben. Aber es ist doch
blo ein Wort. Und was blo ein Wort ist, ist nie was Feines, auch wenn es so
aussieht. Dunkle Gefhle, die sind fein. Und so gewi die Vorstellung, die ich
mit dieser lieben Flasche hier verbinde, fr mich persnlich was Celestes hat...
kann man Celestes sagen...? Lorenzen nickte zustimmend, so gewi hat die
Vorstellung, die sich fr mich an diese Globsower Riesenbocksbeutelflaschen
knpft, etwas Infernalisches.
    Aber Papa.
    Still, unterbrich mich nicht, Woldemar. Denn ich komme jetzt eben an eine
Berechnung, und bei Berechnungen darf man nicht gestrt werden. ber hundert
Jahre besteht nun schon diese Glashtte. Und wenn ich nun so das jedesmalige
Jahresprodukt mit hundert multipliziere, so rechne ich mir alles in allem
wenigstens eine Million heraus. Die schicken sie zunchst in andre Fabriken, und
da destillieren sie flott drauflos, und zwar allerhand schreckliches Zeug in
diese grnen Ballons hinein: Salzsure, Schwefelsure, rauchende Salpetersure.
Das ist die schlimmste, die hat immer einen rotgelben Rauch, der einem gleich
die Lunge anfrit. Aber wenn einen der Rauch auch zufrieden lt, jeder Tropfen
brennt ein Loch, in Leinwand oder in Tuch oder in Leder, berhaupt in alles;
alles wird angebrannt und angetzt. Das ist das Zeichen unsrer Zeit jetzt,
angebrannt und angetzt. Und wenn ich dann bedenke, da meine Globsower da
mittun und ganz gemtlich die Werkzeuge liefern fr die groe
Generalweltanbrennung, ja, hren Sie, meine Herren, das gibt mir einen Stich.
Und ich mu Ihnen sagen, ich wollte, jeder kriegte lieber einen halben Morgen
Land von Staats wegen und kaufte sich zu Ostern ein Ferkelchen, und zu Martini
schlachteten sie ein Schwein und htten den Winter ber zwei Speckseiten, jeden
Sonntag eine ordentliche Scheibe und alltags Kartoffeln und Grieben.
    Aber Herr von Stechlin, lachte Lorenzen, das ist ja die reine
Neulandtheorie. Das wollen ja die Sozialdemokraten auch.
    Ach was, Lorenzen, mit Ihnen ist nicht zu reden... brigens Prosit... wenn
Sie's auch eigentlich nicht verdienen.

Das Frhstck zog sich lange hin, und das dabei gefhrte Gesprch nahm noch ein
paarmal einen Anlauf ins Politische hinein; Lorenzen aber, der kleine
Schraubereien gern vermeiden wollte, wich jedesmal geschickt aus und kam lieber
auf die Stechliner Kirche zu sprechen. Er war aber auch hier vorsichtig und
beschrnkte sich, unter Anlehnung an Tucheband, auf Architektonisches und
Historisches, bis Dubslav, ziemlich abrupt, ihn fragte: Wissen Sie denn,
Lorenzen, auf unserm Kirchenboden Bescheid? Krippenstapel hat mich erst heute
wissen lassen, da wir da zwei vergoldete Bischfe mit Krummstab haben. Oder
vielleicht sind es auch blo bte. Lorenzen wute nichts davon, weshalb ihm
Dubslav gutmtig mit dem Finger drohte.
    So ging das Gesprch. Aber kurz vor zwei mute dem allem ein Ende gemacht
werden. Engelke kam und meldete, da die Pferde da und die Mantelscke bereits
aufgeschnallt seien. Dubslav ergriff sein Glas, um auf ein frohes Wiedersehn
anzustoen. Dann erhob man sich.
    Rex, bei Passierung der Rampe, trat noch einmal an die kranke Aloe heran und
versicherte, da solche Blte doch etwas eigentmlich Geheimnisvolles habe.
Dubslav htete sich zu widersprechen und freute sich, da der Besuch mit etwas
fr ihn so Erheiterndem abschlo.

Gleich danach ritt man ab. Als sie bei der Glaskugel vorbeikamen, wandten sich
alle drei noch einmal zurck, und jeder lpfte seine Mtze. Dann ging es,
zwischen den Findlingen hin, auf die Dorfstrae hinaus, auf der eben eine
ziemlich ramponiert aussehende Halbchaise, das lederne Verdeck zurckgeschlagen,
an ihnen vorberfuhr; die Sitze leer, alles an dem Fuhrwerk lie Ordnung und
Sauberkeit vermissen; das eine Pferd war leidlich gut, das andre schlecht, und
zu dem neuen Livreerock des Kutschers wollte der alte Hut, der wie ein fuchsiges
Torfstck aussah, nicht recht passen.
    Das war ja Gundermanns Wagen.
    So, so, sagte Czako. Auf den htt ich beinah geraten.
    Ja, dieser Gundermann, lachte Woldemar. Mein Vater wollt Ihnen gestern
gern etwas Grafschaftliches vorsetzen, aber er vergriff sich. Gundermann auf
Siebenmhlen ist so ziemlich unsere schlechteste Nummer. Ich sehe, er hat Ihnen
nicht recht gefallen.
    Gott, gefallen, Stechlin - was heit gefallen? Eigentlich gefllt mir jeder
oder auch keiner. Eine Dame hat mir mal gesagt, die langweiligen Leute wren
schlielich geradesogut wie die interessanten, und es hat was fr sich. Aber
dieser Gundermann! Zu welchem Zwecke lt er denn eigentlich seinen leeren Wagen
in der Welt herumkutschieren?
    Ich bin dessen auch nicht sicher. Wahrscheinlich in Wahlangelegenheiten. Er
persnlich wird irgendwo hngengeblieben sein, um Stimmen einzufangen. Unser
alter braver Kortschdel nmlich, der allgemein beliebt war, ist diesen Sommer
gestorben, und da will nun Gundermann, der sich auf den Konservativen hin
ausspielt, aber keiner ist, im trben fischen. Er intrigiert. Ich habe das in
einem Gesprch, das ich mit ihm hatte, ziemlich deutlich herausgehrt, und
Lorenzen hat es mir besttigt.
    Ich kann mir denken, sagte Rex, da gerade Lorenzen gegen ihn ist. Aber
dieser Gundermann, fr den ich weiter nichts brig habe, hat doch wenigstens die
richtigen Prinzipien.
    Ach, Rex, ich bitte Sie, sagte Czako, richtige Prinzipien!
Geschmacklosigkeiten hat er und de Redensarten. Dreimal hab ich ihn sagen
hren: Das wre wieder Wasser auf die Mhlen der Sozialdemokratie. So was sagt
kein anstndiger Mensch mehr, und jedenfalls setzt er nicht hinzu: da er das
Wasser abstellen wolle. Das ist ja eine schreckliche Wendung.
    Unter diesen Worten waren sie bis an den hochberwlbten Teil der
Kastanienallee gekommen.
    Engelke, der gleich frhmorgens ein allerschnstes Wetter in Aussicht
gestellt hatte, hatte recht behalten; es war ein richtiger Oktobertag, klar und
frisch und milde zugleich. Die Sonne fiel hie und da durch das noch ziemlich
dichte Laub, und die Reiter freuten sich des Spieles der Schatten und Lichter.
Aber noch anmutiger gestaltete sich das Bild, als sie bald danach in einen
Seitenweg einmndeten, der sich durch eine flache, nur hie und da von
Wasserlachen durchzogene Wiesenlandschaft hinschlngelte. Die groen Heiden und
Forsten, die das eigentlich Charakteristische dieses nordstlichen
Grafschaftswinkels bilden, traten an dieser Stelle weit zurck, und nur ein paar
einzelne, wie vorgeschobene Kulissen wirkende Waldstreifen wurden sichtbar.
    Alle drei hielten an, um das Bild auf sich wirken zu lassen; aber sie kamen
nicht recht dazu, weil sie, whrend sie sich umschauten, eines alten Mannes
ansichtig wurden, der, nur durch einen flachen Graben von ihnen getrennt, auf
einem Stck Wiese stand und das hochstehende Gras mhte. Jetzt erst sah auch er
von seiner Arbeit auf und zog seine Mtze. Die Herren taten ein Gleiches und
schwankten, ob sie nher heranreiten und eine Ansprache mit ihm haben sollten.
Aber er schien das weder zu wnschen noch zu erwarten, und so ritten sie denn
weiter.
    Mein Gott, sagte Rex, das war ja Krippenstapel. Und hier drauen, so weit
ab von seiner Schule. Wenn er nicht die Seehundsfellmtze gehabt htte, die wie
aus einer konfiszierten Schulmappe geschnitten aussah, htt ich ihn nicht
wiedererkannt.
    Ja, er war es, und das mit der Schulmappe wird wohl auch zutreffen, sagte
Woldemar. Krippenstapel kann eben alles - der reine Robinson.
    Ja, Stechlin, warf Czako hier ein, Sie sagen das so hin, als ob Sie's
besptteln wollten. Eigentlich ist es doch aber was Groes, sich immer selber
helfen zu knnen. Er wird wohl 'nen Sparren haben, zugegeben, aber Ihrem
gepriesenen Lorenzen ist er denn doch um ein gut Stck berlegen. Schon weil er
ein Original ist und ein Eulengesicht hat. Eulengesichtsmenschen sind anderen
Menschen fast immer berlegen.
    Aber Czako, ich bitte Sie, das ist ja doch alles Unsinn. Und Sie wissen es
auch. Sie mchten nur, ganz wie Rex, wenn auch aus einem andern Motiv, dem armen
Lorenzen was am Zeug flicken, blo weil Sie herausfhlen: Das ist eine lautere
Persnlichkeit.
    Da tun Sie mir unrecht, Stechlin. Ganz und gar. Ich bin auch frs Lautere,
wenn ich nur persnlich nicht in Anspruch genommen werde.
    Nun, davor sind Sie sicher - vom Brombeerstrauch keine Trauben. Im brigen
mu ich hier abbrechen und Sie bitten, mich auf ein Weilchen entschuldigen zu
wollen. Ich mu da nmlich nach dem Forsthause hinber, da drben neben der
Waldecke.
    Aber Stechlin, was wollen Sie denn bei 'nem Frster?
    Kein Frster. Es ist ein Oberfrster, zu dem ich will, und zwar derselbe,
den Sie gestern abend bei meinem Papa gesehn haben. Oberfrster Katzler,
brgerlich, aber doch beinah schon historischer Name.
    So, so; jedenfalls nach dem, was mir Rex erzhlt, ein brillanter
Billardspieler. Und doch, wenn Sie nicht ganz intim mit ihm sind, find ich
diesen Abstecher bertrieben artig.
    Sie htten recht, Czako, wenn es sich lediglich um Katzler handelte. Das
ist aber nicht der Fall. Es handelt sich nicht um ihn, sondern um seine junge
Frau.
    A la bonne heure.
    Ja, da sind Sie nun auch wieder auf einer falschen Fhrte. So was kann
nicht vorkommen, ganz abgesehen davon, da mit Oberfrstern immer schlecht
Kirschen pflcken ist; die blasen einen weg, man wei nicht wie... Es handelt
sich hier einfach um einen Teilnahmebesuch, um etwas, wenn Sie wollen, schn
Menschliches. Frau Katzler erwartet nmlich.
    Aber mein Gott, Stechlin, Ihre Worte werden immer rtselhafter. Sie knnen
doch nicht bei jeder Oberfrstersfrau, die erwartet, eine Visite machen wollen.
Das wre denn doch eine Riesenaufgabe, selbst wenn Sie sich auf Ihre Grafschaft
hier beschrnken wollten.
    Es liegt alles ganz exzeptionell. brigens mach ich es kurz mit meinem
Besuch, und wenn Sie Schritt reiten, worum ich bitte, so hol ich Sie bei
Genshagen noch wieder ein. Von da bis Wutz haben wir kaum noch eine Stunde, und
wenn wir's forcieren wollen, keine halbe.
    Und whrend er noch so sprach, bog er rechts ein und ritt auf das Forsthaus
zu.
    Woldemar hatte die Mitte zwischen Rex und Czako gehabt; jetzt ritten diese
beiden nebeneinander. Czako war neugierig und htte gern Fritz herangerufen, um
dies und das ber Katzler und Frau zu hren. Aber er sah ein, da das nicht
ginge. So blieb ihm nichts als ein Meinungsaustausch mit Rex.
    Sehn Sie, hob er an, unser Freund Woldemar, trabt er da nicht hin, wie
wenn er dem Glcke nachjagte? Glauben Sie mir, da steckt 'ne Geschichte
dahinter. Er hat die Frau geliebt oder liebt sie noch. Und dies merkwrdige
Interesse fr den in Sicht stehenden Erdenbrger. brigens vielleicht ein
Mdchen. Was meinen Sie dazu, Rex?
    Ach Czako, Sie wollen ja doch nur hren, was Ihrer eignen frivolen Natur
entspricht. Sie haben keinen Glauben an reine Verhltnisse. Sehr mit Unrecht.
Ich kann Ihnen versichern, es gibt dergleichen.
    Nun ja, Sie, Rex. Sie, der sich Frhgottesdienste leistet. Aber
Stechlin...
    Stechlin ist auch eine sittliche Natur. Sittlichkeit ist ihm angeboren, und
was er von Natur mitbrachte, das hat sein Regiment weiter in ihm ausgebildet.
    Czako lachte. Nun hren Sie, Rex, Regimenter kenn ich doch auch. Es gibt
ihrer von allen Arten, aber Sittlichkeitsregimenter kenn ich noch nicht.
    Es gibt's ihrer aber. Zum mindesten hat's ihrer immer gegeben, sogar solche
mit Askese.
    Nun ja, Cromwell und die Puritaner. Aber long, long ago. Verzeihen Sie die
abgedudelte Phrase. Aber wenn sich's um so feine Dinge wie Askese handelt, mu
man notwendig einen englischen Brocken einschalten. In Wirklichkeit bleibt alles
beim alten. Sie sind ein schlechter Menschenkenner, Rex, wie alle Konventikler.
Die glauben immer, was sie wnschen. Und auch an unserm Stechlin werden Sie
mutmalich erfahren, wie falsch Sie gerechnet haben. Im brigen kommt da gerade
zu rechter Zeit ein Wegweiser. Lassen Sie uns nachsehen, wo wir eigentlich sind.
Wir reiten so immer drauflos und wissen nicht mehr, ob links oder rechts.
    Rex, der von dem Wegweiser nichts wissen wollte, war einfach fr
Weiterreiten, und das war auch das Richtige. Denn keine halbe Stunde mehr, so
holte Stechlin sie wieder ein. Ich wute, da ich Sie noch vor Genshagen
treffen wrde. Die Frau Oberfrsterin lt sich brigens den Herren empfehlen.
Er war nicht da, was recht gut war.
    Kann ich mir denken, sagte Czako.
    Und was noch besser war, sie sah brillant aus. Eigentlich ist sie nicht
hbsch, Blondine mit groen Vergimeinnichtaugen und etwas lymphatisch; auch
wohl nicht ganz gesund. Aber sonderbar, solche Damen, wenn was in Sicht steht,
sehen immer besser aus als in natrlicher Verfassung, ein Zustand, der
allerdings bei der Katzler kaum vorkommt. Sie ist noch nicht volle sechs Jahre
verheiratet und erwartet mit nchstem das siebente.
    Das ist aber doch unerhrt. Ich glaube, so was ist Scheidungsgrund.
    Mir nicht bekannt und auch, offen gestanden, nicht sehr wahrscheinlich.
Jedenfalls wird es die Prinzessin nicht als Scheidungsgrund nehmen.
    Die Prinzessin? fuhren Rex und Czako a tempo heraus.
    Ja, die Prinzessin, wiederholte Woldemar. Ich war all die Zeit ber
gespannt, was das wohl fr einen Eindruck auf Sie machen wrde, weshalb ich mich
auch gehtet habe, vorher mit Andeutungen zu kommen. Und es traf sich gut, da
mein Vater gestern abend nur so ganz leicht drber hinging, ich mchte beinah
sagen diskret, was sonst nicht seine Sache ist.
    Prinzessin, wiederholte Rex, dem die Sache beinah den Atem nahm. Und aus
einem regierenden Hause?
    Ja, was heit aus einem regierenden Hause? Regiert haben sie alle mal. Und
soviel ich wei, wird ihnen dies mal regiert haben auch immer noch angerechnet,
wenigstens, sowie sich's um Eheschlieungen handelt. Um so groartiger, wenn
einzelne der hier in Betracht kommenden Damen auf alle diese Vorrechte
verzichten und ohne Rcksicht auf Ebenbrtigkeit sich aus reiner Liebe
vermhlen. Ich sage vermhlen, weil sich verheiraten etwas plebeje klingt. Frau
Katzler ist eine Ippe-Bchsenstein.
    Eine Ippe! sagte Rex. Nicht zu glauben. Und erwartet wieder. Ich bekenne,
da mich das am meisten schockiert. Diese Ausgiebigkeit, ich finde kein andres
Wort, oder richtiger, ich will kein andres finden, ist doch eigentlich das
Brgerlichste, was es gibt.
    Zugegeben. Und so hat es die Prinzessin auch wohl selber aufgefat. Aber
das ist gerade das Groe an der Sache; ja, so sonderbar es klingt, das Ideale.
    Stechlin, Sie knnen nicht verlangen, da man das so ohne weiteres
versteht. Ein halb Dutzend Blge, wo steckt da das Ideale?
    Doch, Rex, doch. Die Prinzessin selbst, und das ist das rhrendste, hat
sich darber ganz unumwunden ausgesprochen. Und zwar zu meinem Alten. Sie sieht
ihn fter und mcht ihn, glaub ich, bekehren - sie ist nmlich von der strengen
Richtung und hlt sich auch zu Superintendent Koseleger, unserm Papst hier. Und
kurz und gut, sie macht meinem Papa beinah den Hof und erklrt ihn fr einen
perfekten Kavalier, wobei Katzler immer ein etwas ssaures Gesicht macht, aber
natrlich nicht widerspricht.
    Und wie kam sie nur dazu, Ihrem Papa gerade Confessions in einer so
delikaten Sache zu machen?
    Das war voriges Jahr, genau um diese Zeit, als sie auch mal wieder
erwartete. Da war mein Vater drben und sprach, als das durch die Situation
gegebene Thema berhrt wurde, halb diplomatisch, halb humoristisch von der
Knigin Luise, hinsichtlich deren der alte Doktor Heim, als der Knigin das
sechste oder siebente geboren werden sollte, ziemlich freiweg von der
Notwendigkeit der Brache gesprochen hatte.
    Bichen stark, sagte Rex. Ganz im Alten-Heim-Stil. Aber freilich,
Kniginnen lassen sich viel gefallen. Und wie nahm es die Prinzessin auf?
    Oh, sie war reizend, lachte, war weder verlegen noch verstimmt, sondern
nahm meines Vaters Hand so zutraulich, wie wenn sie seine Tochter gewesen wre.
Ja, lieber Herr von Stechlin, sagte sie, wer A sagt, der mu auch B sagen. Wenn
ich diesen Segen durchaus nicht wollte, dann mute ich einen
Durchschnittsprinzen heiraten - da htt ich vielleicht das gehabt, was der alte
Heim empfehlen zu mssen glaubte. Statt dessen nahm ich aber meinen guten
Katzler. Herrlicher Mann. Sie kennen ihn und wissen, er hat die schne
Einfachheit aller stattlichen Mnner, und seine Fhigkeiten, soweit sich
berhaupt davon sprechen lt, haben etwas Einseitiges. Als ich ihn heiratete,
war ich deshalb ganz von dem einen Gedanken erfllt, alles Prinzeliche von mir
abzustreifen und nichts bestehen zu lassen, woraus belwollende htten herleiten
knnen: "Ah, sie will immer noch eine Prinzessin sein." Ich entschlo mich also
fr das Brgerliche, und zwar "voll und ganz", wie man jetzt, glaub ich, sagt.
Und was dann kam, nun, das war einfach die natrliche Konsequenz.
    Groartig, sagte Rex. Ich entschlage mich nach solchen Mitteilungen jeder
weiteren Opposition. Welch ein Ma von Entsagung! Denn auch im Nichtentsagen
kann ein Entsagen liegen. Andauernde Opferung eines Innersten und Hchsten.
    Unglaublich! lachte Czako. Rex, Rex. Ich hab Ihnen da schon vorhin alle
Menschenkenntnis abgesprochen. Aber hier bertrumpfen Sie sich selbst. Wer
Konventikel leitet, der sollte doch wenigstens die Weiber kennen. Erinnern Sie
sich, Stechlin sagte, sie sei lymphatisch und habe Vergimeinnichtaugen. Und nun
sehen Sie sich den Katzler an. Beinah sechs Fu und rotblond und das Eiserne
Kreuz.
    Czako, Sie sind mal wieder frivol. Aber man darf es mit Ihnen so genau
nicht nehmen. Das ist das Slawische, was in Ihnen nachspukt; latente
Sinnlichkeit.
    Ja, sehr latent; durchaus vergrabner Schatz. Und ich wollte wohl, da ich
in die Lage kme, besser damit wuchern zu knnen. Aber...
    So ging das Gesprch noch eine gute Weile.
    Die groe Chaussee, darauf ihr Weg inzwischen wieder eingemndet, stieg
allmhlich an, und als man den Hhepunkt dieser Steigung erreicht hatte, lag das
Kloster samt seinem gleichnamigen Stdtchen in verhltnismiger Nhe vor ihnen.
Auf ihrem Hinritte hatten Rex und Czako so wenig davon zu Gesicht bekommen, da
ein gewisses Betroffensein ber die Schnheit des sich ihnen jetzt darbietenden
Landschafts- und Architekturbildes kaum ausbleiben konnte. Czako besonders war
ganz aus dem Huschen, aber auch Rex stimmte mit ein. Die groe
Feldsteingiebelwand, sagte er, so gewagt im allgemeinen bestimmte Zeitangaben
auf diesem Gebiete sind, mcht ich in das Jahr 1375, also Landbuch Kaiser Karls
IV., setzen drfen.
    Wohl mglich, lachte Woldemar. Es gibt nmlich Zahlen, die nicht gut
widerlegt werden knnen, und Landbuch Kaiser Karls IV. pat beinah immer.
    Rex hrte drber hin, weil er in seinem Geiste mal wieder einer
allgemeineren und zugleich hheren Auffassung der Dinge zustrebte. Ja, meine
Herren, hob er an, das geschmhte Mittelalter. Da verstand man's. Ich wage den
Ausspruch, den ich brigens nicht einem Kunsthandbuch entnehme, sondern der
langsam in mir herangereift ist: Die Platzfrage geht ber die Stilfrage. Jetzt
whlt man immer die hlichste Stelle. Das Mittelalter hatte noch keine Brillen,
aber man sah besser.
    Gewi߫, sagte Czako. Aber dieser Angriff auf die Brillen, Rex, ist nichts
fr Sie. Wer mit seinem Pincenez oder Monocle soviel operiert...
    Das Gesprch kam nicht weiter, weil in eben diesem Augenblicke mchtige
Turmuhrschlge vom Stdtchen Wutz her herberklangen. Man hielt an, und jeder
zhlte. Vier. Kaum aber hatte die Uhr ausgeschlagen, so begann eine zweite und
tat auch ihre vier Schlge.
    Das ist die Klosteruhr, sagte Czako.
    Warum?
    Weil sie nachschlgt; alle Klosteruhren gehen nach. Natrlich. Aber wie dem
auch sei, Freund Woldemar hat uns, glaub ich, fr vier Uhr angemeldet, und so
werden wir uns eilen mssen.

                                  Kloster Wutz



                               Siebentes Kapitel

Alle setzten sich denn auch wieder in Trab, mit ihnen Fritz, der dabei nher an
die voraufreitenden Herren herankam. Das Gesprch schwieg ganz, weil jeder in
Erwartung der kommenden Dinge war.
    Die Chaussee lief hier, auf eine gute Strecke, zwischen Pappeln hin, als man
aber bis in unmittelbare Nhe von Kloster Wutz gekommen war, hrten diese
Pappeln auf, und der sich mehr und mehr verschmlernde Weg wurde zu beiden
Seiten von Feldsteinmauern eingefat, ber die man alsbald in die
verschiedensten Gartenanlagen mit allerhand Kchen-und Blumenbeeten und mit
vielen Obstbumen dazwischen hineinsah. Alle drei lieen jetzt die Pferde wieder
in Schritt fallen.
    Der Garten hier links, sagte Woldemar, ist der Garten der Domina, meiner
Tante Adelheid; etwas primitiv, aber wundervolles Obst. Und hier gleich rechts,
da bauen die Stiftsdamen ihren Dill und ihren Meiran. Es sind aber nur ihrer
vier, und wenn welche gestorben sind - aber sie sterben selten -, so sind es
noch weniger.
    Unter diesen orientierenden Mitteilungen des hier aus seinen Knabenjahren
her Weg und Steg kennenden Woldemar waren alle durch eine Mauerffnung in einen
groen Wirtschaftshof eingeritten, der baulich so ziemlich jegliches enthielt,
was hier, bis in die Tage des Dreiigjhrigen Krieges hinein, der dann freilich
alles zerstrte, mal Kloster Wutz gewesen war. Vom Sattel aus lie sich alles
bequem berblicken. Das meiste, was sie sahen, waren wirr
durcheinandergeworfene, von Baum und Strauch berwachsene Trmmermassen.
    Es erinnert mich an den Palatin, sagte Rex, nur ins christlich Gotische
transponiert.
    Gewi߫, besttigte Czako lachend. Soweit ich urteilen kann, sehr hnlich.
Schade, da Krippenstapel nicht da ist. Oder Tucheband.
    Damit brach das Gesprch wieder ab.
    In der Tat, wohin man sah, lagen Mauerreste, in die, seltsamlich genug, die
Wohnungen der Klosterfrauen eingebaut waren, zunchst die grere der Domina,
daneben die kleineren der vier Stiftsdamen, alles an der vorderen Langseite hin.
Dieser gegenber aber zog sich eine zweite, parallel laufende Trmmerlinie,
darin die Stallgebude, die Remisen und die Rollkammern untergebracht waren.
Verblieben nur noch die zwei Schmalseiten, von denen die eine nichts als eine
von Holunderbschen bergrnte Mauer, die andere dagegen eine hochaufragende
mchtige Giebelwand war, dieselbe, die man schon beim Anritt aus einiger
Entfernung gesehen hatte. Sie stand da, wie bereit, alles unter ihrem bestndig
drohenden Niedersturz zu begraben, und nur das eine konnte wieder beruhigen, da
sich auf hchster Spitze der Wand ein Storchenpaar eingenistet hatte. Strche,
deren feines Vorgefhl immer wei, ob etwas hlt oder fllt.
    Von der Mauerffnung, durch die man eingeritten, bis an die in die
Feldsteintrmmer eingebauten Wohngebude waren nur wenige Schritte, und als man
davor hielt, erschien alsbald die Domina selbst, um ihren Neffen und seine
beiden Freunde zu begren. Fritz, der, wie berall, so auch hier Bescheid
wute, nahm die Pferde, um sie nach einem an der andern Seite gelegenen
Stallgebude hinberzufhren, whrend Rex und Czako nach kurzer Vorstellung in
den von Schrnken umstellten Flur eintraten.
    Ich habe dein Telegramm, sagte die Domina, erst um ein Uhr erhalten. Es
geht ber Gransee, und der Bote mu weit laufen. Aber sie wollen ihm ein Rad
anschaffen, solches, wie jetzt berall Mode ist. Ich sage Rad, weil ich das
fremde Wort, das so verschieden ausgesprochen wird, nicht leiden kann. Manche
sagen ci, und manche sagen schi. Bildungsprtensionen sind mir fremd, aber man
will sich doch auch nicht blostellen.
    Eine Treppe fhrte bis in den ersten Stock hinauf, eigentlich war es nur
eine Stiege. Die Domina, nachdem sie die Herren bis an die unterste Stufe
begleitet hatte, verabschiedete sich hier auf eine Weile. Du wirst so gut sein,
Woldemar, alles in deine Hand zu nehmen. Fhre die Herren hinauf. Ich habe unser
bescheidenes Klostermahl auf fnf Uhr angeordnet; also noch eine gute halbe
Stunde. Bis dahin, meine Herren.
    Oben war eine groe Plttkammer zur Fremdenstube hergerichtet worden. Ein
Waschtisch mit Finkennpfchen und Krgen in Kleinformat war aufgestellt worden,
was in Erwgung der beinah liliputanischen Raumverhltnisse durchaus passend
gewesen wre, wenn nicht sechs an ebenso vielen Trhaken hngende
Riesenhandtcher das Ensemble wieder gestrt htten. Rex, der sich - ihn
drckten die Stiefel - auf kurze zehn Minuten nach einer kleinen Erleichterung
sehnte, bediente sich eines eisernen Stiefelknechts, whrend Czako sein Gesicht
in einer der kleinen Waschschsseln begrub und beim Abreiben das feste Gewebe
der Handtcher lobte.
    Sicherlich Eigengespinst. berhaupt, Stechlin, das mu wahr sein, Ihre
Tante hat so was; man merkt doch, da sie das Regiment fhrt. Und wohl schon
seit lange. Wenn ich recht gehrt, ist sie lter als Ihr Papa.
    Oh, viel; beinahe um zehn Jahre. Sie wird sechsundsiebzig.
    
    Ein respektables Alter. Und ich mu sagen, wohl konserviert.
    Ja, man kann es beinahe sagen. Das ist eben der Vorzug solcher, die man
schlank nennt. Beilufig ein Euphemismus. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein
Recht verloren und die Zeit natrlich auch; sie kann nichts nehmen, wo sie
nichts mehr findet. Aber ich denke - Rex tut mir brigens leid, weil er wieder
in seine Stiefel mu -, wir begeben uns jetzt nach unten und machen uns
mglichst liebenswrdig bei der Tante. Sie wird uns wohl schon erwarten, um uns
ihren Liebling vorzustellen.
    Wer ist das?
    Nun, das wechselt. Aber da es blo vier sein knnen, so kommt jeder bald
wieder an die Reihe. Whrend ich das letzte Mal hier war, war es ein Frulein
von Schmargendorf. Und es ist leicht mglich, da sie jetzt gerade wieder dran
ist.
    Eine nette Dame?
    O ja. Ein Pummel.

Und wie vorgeschlagen, nach kurzem Sichadjustieren in der improvisierten
Fremdenstube kehrten alle drei Herren in Tante Adelheids Salon zurck, der
niedrig und verblakt und etwas altmodisch war. Die Mbel, lauter
Erbschaftsstcke, wirkten in dem niedrigen Raume beinahe grotesk, und die
schwere Tischdecke, mit einer mchtigen, ziemlich modernen Astrallampe darauf,
pate schlecht zu dem Zeisigbauer am Fenster und noch schlechter zu dem ber
einem kleinen Klavier hngenden Schlachtenbilde: Knig Wilhelm auf der Hhe von
Lipa. Trotzdem hatte dies stillose Durcheinander etwas Anheimelndes. In dem
primitiven Kamin - nur eine Steinplatte mit Rauchfang - war ein Holzfeuer
angezndet; beide Fenster standen auf, waren aber durch schwere Gardinen so gut
wie wieder geschlossen, und aus dem etwas schief ber dem Sofa hngenden
Quadratspiegel wuchsen drei Pfauenfedern heraus.
    Tante Adelheid hatte sich in Staat geworfen und ihre Karlsbader
Granatbrosche vorgesteckt, die der alte Dubslav wegen der sieben mittelgroen
Steine, die einen greren und buckelartig vorspringenden umstanden, die
Sieben-Kurfrsten-Brosche nannte. Der hohe hagere Hals lie die Domina noch
grer und herrischer erscheinen, als sie war, und rechtfertigte durchaus die
brderliche Malice: Wickelkinder, wenn sie sie sehen, werden unruhig, und wenn
sie zrtlich wird, fangen sie an zu schreien. Man sah ihr an, da sie nur immer
vorbergehend in einer hheren Gesellschaftssphre gelebt hatte, sich trotzdem
aber zeitlebens der angeborenen Zugehrigkeit zu eben diesen Kreisen bewut
gewesen war. Da man sie zur Domina gemacht hatte, war nur zu billigen. Sie
wute zu rechnen und anzuordnen und war nicht blo von sehr gutem natrlichen
Verstand, sondern unter Umstnden auch voller Interesse fr ganz bestimmte
Personen und Dinge. Was aber, trotz solcher Vorzge, den Verkehr mit ihr so
schwer machte, das war die tiefe Prosa ihrer Natur, das mrkisch Enge, das
Mitrauen gegen alles, was die Welt der Schnheit oder gar der Freiheit auch nur
streifte.
    Sie erhob sich, als die drei Herren eintraten, und war gegen Rex und Czako
aufs neue von verbindlichstem Entgegenkommen. Ich mu Ihnen noch einmal
aussprechen, meine Herren, wie sehr ich bedaure, Sie nur so kurze Zeit unter
meinem Dache sehen zu drfen.
    Du vergit mich, liebe Tante, sagte Woldemar. Ich bleibe dir noch eine
gute Weile. Mein Zug geht, glaub ich, erst um neun. Und bis dahin erzhl ich dir
eine Welt und - beichte.
    Nein, nein, Woldemar, nicht das, nicht das. Erzhlen sollst du mir recht,
recht viel. Und ich habe sogar Fragen auf dem Herzen. Du weit wohl schon,
welche. Aber nur nicht beichten. Schon das Wort macht mir jedesmal ein
Unbehagen. Es hat solch ausgesprochen katholischen Beigeschmack. Unser
Rentmeister Fix hat recht, wenn er sagt: Beichte sei nichts, weil immer
unaufrichtig, und es habe in Berlin - - aber das sei nun freilich schon sehr,
sehr lange her - einen Geistlichen gegeben, der habe den Beichtstuhl einen
Satansstuhl genannt. Das find ich nun offenbar bertrieben und habe mich auch in
diesem Sinne zu Fix geuert. Aber andrerseits freue ich mich doch immer
aufrichtig, einem so mutig protestantischen Worte zu begegnen. Mut ist, was uns
not tut. Ein fester Protestant, selbst wenn er schroff auftritt, ist mir
jedesmal eine Herzstrkung, und ich darf ein gleiches Empfinden auch wohl bei
Ihnen, Herr von Rex, voraussetzen.
    Rex verbeugte sich. Woldemar aber sagte zu Czako: Ja, Czako, da sehen
Sie's. Sie sind nicht einmal genannt worden. Eine Domina - verzeih, Tante -
bildet eben ein feines Unterscheidungsvermgen aus.
    Die Tante lchelte gndig und sagte: Herr von Czako ist Offizier. Es gibt
viele Wohnungen in meines Vaters Hause. Das aber mu ich aussprechen, der
Unglaube wchst, und das Katholische wchst auch. Und das Katholische, das ist
das Schlimmere. Gtzendienst ist schlimmer als Unglaube.
    Gehst du darin nicht zu weit, liebe Tante?
    Nein, Woldemar. Sieh, der Unglaube, der ein Nichts ist, kann den lieben
Gott nicht beleidigen; aber Gtzendienst beleidigt ihn. Du sollst keine andern
Gtter haben neben mir. Da steht es. Und nun gar der Papst in Rom, der ein
Obergott sein will und unfehlbar.
    
    Czako, whrend Rex schwieg und nur seine Verbeugung wiederholte, kam auf die
verwegene Idee, fr Papst und Papsttum eine Lanze brechen zu wollen, entschlug
sich dieses Vorhabens aber, als er wahrnahm, da die alte Dame ihr Dominagesicht
aufsetzte. Das war indessen nur eine rasch vorberziehende Wolke. Dann fuhr
Tante Adelheid, das Thema wechselnd, in schnell wiedergewonnener guter Laune
fort: Ich habe die Fenster ffnen lassen. Aber auch jetzt noch, meine Herren,
ist es ein wenig stickig. Das macht die niedrige Decke. Darf ich Sie vielleicht
auffordern, noch eine Promenade durch unsern Garten zu machen? Unser
Klostergarten ist eigentlich das Beste, was wir hier haben. Nur der unsers
Rentmeisters ist noch gepflegter und grer und liegt auch am See. Rentmeister
Fix, der hier alles zusammenhlt, ist uns, wie in wirtschaftlichen Dingen, so
auch namentlich in seinen Gartenanlagen, ein Vorbild; berhaupt ein
charaktervoller Mann, und dabei treu wie Gold, trotzdem sein Gehalt unbedeutend
ist und seine Nebeneinnahmen ganz unsicher in der Luft schweben. Ich hatte Fix
denn auch bitten lassen, mit uns bei Tisch zu sein; er versteht so gut zu
plaudern, gut und leicht, ja beinahe freimtig und doch immer durchaus diskret.
Aber er ist dienstlich verhindert. Die Herren mssen sich also mit mir begngen
und mit einer unsrer Konventualinnen, einem mir lieben Frulein, das immer
munter und ausgelassen, aber doch zugleich bekenntnisstreng ist, ganz von jener
schnen Heiterkeit, die man blo bei denen findet, deren Glaube feste Wurzeln
getrieben hat. Ein gut Gewissen ist das beste Ruhekissen. Damit hngt es wohl
zusammen.
    Rex, an den sich diese Worte vorzugsweise gerichtet hatten, drckte
wiederholt seine Zustimmung aus, whrend Czako beklagte, da Fix verhindert sei.
Solche Mnner sprechen zu hren, die mit dem Volke Fhlung haben und genau
wissen, wie's einerseits in den Schlssern, andererseits in den Htten der Armut
aussieht, das ist immer in hohem Mae frdernd und lehrreich und ein Etwas, auf
das ich jederzeit ungern verzichte.
    Gleich danach erhob man sich und ging ins Freie.
    Der Garten war von sehr lndlicher Art. Durch seine ganze Lnge hin zog sich
ein von Buchsbaumrabatten eingefater Gang, neben dem links und rechts, in
wohlgepflegten Beeten, Rittersporn und Studentenblumen blhten. Gerade in seiner
Mitte weitete sich der sonst schmale Gang zu einem runden Platz aus, darauf eine
groe Glaskugel stand, ganz an die Stechliner erinnernd, nur mit dem
Unterschied, da hier das eingelegte blanke Zinn fehlte. Beide Kugeln stammten
natrlich aus der Globsower grnen Htte. Weiter hin, ganz am Ausgange des
Gartens, wurde man eines etwas schiefen Bretterzaunes ansichtig, mit einem
Pflaumenbaum dahinter, dessen einer Hauptzweig aus dem Nachbargarten her in den
der Domina herberreichte.
    Rex fhrte die Tante. Dann folgte Woldemar mit Hauptmann Czako, weit genug
ab von dem voraufgehenden Paar, um ungeniert miteinander sprechen zu knnen.
    Nun, Czako, sagte Woldemar, bleiben wir, wenn's sein kann, noch ein
bichen weiter zurck. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gern ich in diesem
Garten bin. Allen Ernstes. Ich habe hier nmlich als Junge hundertmal gespielt
und in den Birnbumen gesessen; damals standen hier noch etliche, hier links, wo
jetzt die Mohrrbenbeete stehen. Ich mache mir nichts aus Mohrrben, woraus ich
brigens schliee, da wir heute welche zu Tisch kriegen. Wie gefllt Ihnen der
Garten?
    Ausgezeichnet. Es ist ja eigentlich ein Bauerngarten, aber doch mit viel
Rittersporn drin. Und zu jedem Rittersporn gehrt eine Stiftsdame.
    Nein, Czako, nicht so. Sagen Sie mir ganz ernsthaft, ob Sie solche Grten
leiden knnen.
    Ich kann solche Grten eigentlich nur leiden, wenn sie eine Kegelbahn
haben. Und dieser hier ist wie geschaffen dazu, lang und schmal. Alle unsre
modernen Kegelbahnen sind zu kurz, wie frher alle Betten zu kurz waren. Wenn
die Kugel aufsetzt, ist sie auch schon da, und der Bengel unten schreit einen an
mit seinem acht um den Knig. Fr mich fngt das Vergngen erst an, wenn das
Brett lang ist und man der Kugel anmerkt, sie mchte links oder rechts abirren,
aber die eingeborene Gewalt zwingt sie zum Ausharren, zum Bleiben auf der
rechten Bahn. Es hat was Symbolisches oder Pdagogisches oder meinetwegen auch
Politisches.
    Unter diesem Gesprche waren sie, ganz nach unten hin, bis an die Stelle
gekommen, wo der nachbarliche Pflaumenbaum seinen Zweig ber den Zaun
wegstreckte. Neben dem Zaun aber, in gleicher Linie mit ihm, stand eine
grngestrichene Bank, auf der, von dem Gezweig berdacht, eine Dame sa, mit
einem kleinen runden Hut und einer Adlerfeder. Als sich die Herrschaften ihr
nherten, erhob sie sich und schritt auf die Domina zu, dieser die Hand zu
kssen; zugleich verneigte sie sich gegen die drei Herren.
    Erlauben Sie mir, sagte Adelheid, Sie mit meiner lieben Freundin.
Frulein von Schmargendorf, bekannt zu machen. Hauptmann von Czako,
Ministerialassessor von Rex... Meinen Neffen, liebe Schmargendorf, kennen Sie
ja.
    Adelheid, als sie so vorgestellt hatte, zog ihre kleine Uhr aus dem Grtel
hervor und sagte: Wir haben noch zehn Minuten. Wenn es Ihnen recht ist, bleiben
wir noch in Gottes freier Natur. Woldemar, fhre meine liebe Freundin, oder
lieber Sie, Herr Hauptmann - Frulein von Schmargendorf wird ohnehin Ihre
Tischdame sein.
    Das Frulein von Schmargendorf war klein und rundlich, einige vierzig Jahre
alt, von kurzem Hals und wenig Taille. Von den sieben Schnheiten, ber die jede
Evastochter Verfgung haben soll, hatte sie, soweit sich ihr Kredit
feststellen lie, nur die Bste. Sie war sich dessen denn auch bewut und trug
immer dunkle Tuchkleider, mit einem Sammetbesatz oberhalb der Taille. Dieser
Besatz bestand aus drei Dreiecken, deren Spitze nach unten lief. Sie war immer
fidel, zunchst aus glcklicher Naturanlage, dann aber auch, weil sie mal gehrt
hatte: Fidelitt erhalte jung. Ihr lag daran, jung zu sein, obwohl sie keinen
rechten Nutzen mehr daraus ziehen konnte. Benachbarte Adlige gab es nicht, der
Pastor war natrlich verheiratet und Fix auch. Und weiter nach unten ging es
nicht.
    Adelheid und Rex waren meist weit voraus, so da man sich immer erst an der
Glaskugel traf, wenn das voranschreitende Paar schon wieder auf dem Rckwege
war. Czako grte dann jedesmal militrisch zur Domina hinber.
    Diese selbst war in einem Gesprch mit Rex fest engagiert und verhandelte
mit ihm ber ein bedrohliches Wachsen des Sektiererwesens. Rex fhlte sich davon
getroffen, da er selbst auf dem Punkte stand, Irvingianer zu werden; er war aber
Lebemann genug, um sich schnell zurechtzufinden und vor allem auf jede
nachhaltige Bekmpfung der von Adelheid geuerten Ansichten zu verzichten. Er
lenkte geschickt in das Gebiet des allgemeinen Unglaubens ein, dabei sofort
einer vollen Zustimmung begegnend. Ja, die Domina ging weiter, und sich
abwechselnd auf die Apokalypse und dann wieder auf Fix berufend, betonte sie,
da wir am Anfang vom Ende stnden. Fix gehe freilich wohl etwas zu weit, wenn
er eigentlich keinem Tage mehr so recht traue. Das seien nutzlose
Beunruhigungen, weshalb sie denn auch in ihn gedrungen sei, von solchen
Berechnungen Abstand zu nehmen oder wenigstens alles nochmals zu prfen. Kein
Zweifel, so schlo sie, Fix ist fr Rechnungssachen entschieden talentiert,
aber ich habe ihm trotzdem sagen mssen, da zwischen Rechnungen und Rechnungen
doch immer noch ein Unterschied sei.
    Czako hatte dem Frulein von Schmargendorf den Arm gereicht; Woldemar, weil
der Mittelgang zu schmal war, folgte wenige Schritte hinter den beiden und trat
nur immer da, wo der Weg sich erweiterte, vorbergehend an ihre Seite.
    Wie glcklich ich bin, Herr Hauptmann, sagte die Schmargendorf, Ihre
Partnerin zu sein, jetzt schon hier und dann spter bei Tisch.
    Czako verneigte sich.
    Und merkwrdig, fuhr sie fort, da gerade das Regiment Alexander immer so
vergngte Herren hat; einen Namensvetter von Ihnen, oder vielleicht war es auch
Ihr lterer Herr Bruder, den hab ich noch von einer Einquartierung in der
Priegnitz her ganz deutlich in Erinnerung, trotzdem es schon an die zwanzig
Jahre ist oder mehr. Denn ich war damals noch blutjung und tanzte mit Ihrem
Herrn Vetter einen richtigen Radowa, der um jene Zeit noch in Mode war, aber
schon nicht mehr so recht. Und ich hab auch noch den Namenszug und einen kleinen
Vers von ihm in meinem Album. Jegor von Baczko, Secondelieutenant im Regiment
Alexander. Ja, Herr von Baczko, so kommt man wieder zusammen. Oder doch
wenigstens mit einem Herren gleichen Namens.
    Czako schwieg und nickte nur, weil er Richtigstellungen berhaupt nicht
liebte; Woldemar aber, der jedes Wort gehrt und in bezug auf solche Dinge
kleinlicher als sein Freund, der Hauptmann, dachte, wollte durchaus Remedur
schaffen und bat, das Frulein darauf aufmerksam machen zu drfen, da der Herr,
der den Vorzug habe, sie zu fhren, nicht ein Herr von Baczko, sondern ein Herr
von Czako sei.
    Die kleine Rundliche geriet in eine momentane Verlegenheit, Czako selbst
aber kam ihr mit groer Courtoisie zu Hilfe.
    Lieber Stechlin, begann er, ich beschwre Sie um sechsundsechzig Schock
schsische Schuhzwecken, kommen Sie doch nicht mit solchen Kleinigkeiten, die
man jetzt, glaub ich, Velleitten nennt. Wenigstens habe ich das Wort immer so
bersetzt.
    Czako, Baczko, Baczko, Czako - wie kann man davon soviel Aufhebens machen.
Name, wie Sie wissen, ist Schall und Rauch, siehe Goethe, und Sie werden sich
doch nicht in Widerspruch mit dem bringen wollen. Dazu reicht es denn doch am
Ende nicht aus.
    Hihi.
    Auerdem, ein Mann wie Sie, der es trotz seines Liberalismus fertigbringt,
immer seinen Adel bis wenigstens dritten Kreuzzug zurckzufhren, ein Mann wie
Sie sollte mir doch diese kleine Verwechslung ehrlich gnnen. Denn dieser mir in
den Scho gefallene Baczko... Gott sei Dank, da auch unsereinem noch was in den
Scho fallen kann...
    Hihi.
    Denn dieser mir in den Scho gefallene Baczko ist doch einfach eine Rang-
und Standeserhhung, ein richtiges Avancement. Die Baczkos reichen mindestens
bis Hus oder Ziska und, wenn es vielleicht Ungarn sind, bis auf die Hunyadis
zurck, whrend der erste wirkliche Czako noch keine zweihundert Jahre alt ist.
Und von diesem ersten wirklichen Czako stammen wir doch natrlich ab. Erwgen
Sie, bevor es nicht einen wirklichen Czako gab, also einen steifen grauen
Filzhut, mit Leder oder Blech beschlagen, eher kann es auch keinen von Czako
gegeben haben; der Adel schreibt sich immer von solchen Dingen seiner Umgebung
oder seines Metiers oder seiner Beschftigung her. Wenn ich wirklich noch mal
Lust verspren sollte, mich standesgem zu verheiraten, so scheitre ich
vielleicht an der Jugendlichkeit meines Adels und werde mich dann dieser Stunde
wehmtig freundlich erinnern, die mich, wenn auch nur durch eine
Namensverwechslung, auf einen kurzen Augenblick zu erhhen trachtete.
    Woldemar, seiner Philisterei sich bewut werdend, zog sich wieder zurck,
whrend die Schmargendorf treuherzig sagte: Sie glauben also wirklich, Herr
von... Herr Hauptmann.... da Sie von einem Czako herstammen?
    Soweit solch merkwrdiges Spiel der Natur berhaupt mglich ist, bin ich
fest davon durchdrungen.
    In diesem Moment, nach abermaliger Passierung des Platzes mit der Glaskugel,
erreichte das Paar die Bank unter dem Pflaumenbaumzweige. Die Schmargendorf
hatte schon lange vorher nach zwei groen, dicht zusammensitzenden Pflaumen
hinbergeblickt und sagte, whrend sie jetzt ihre Hand danach ausstreckte: Nun
wollen wir aber ein Vielliebchen essen, Herr Hauptmann; wo, wie hier, zwei
zusammensitzen, da ist immer ein Vielliebchen.
    Eine Definition, der ich mich durchaus anschliee. Aber, mein gndigstes
Frulein, wenn ich vorschlagen drfte, mit dieser herrlichen Gabe Gottes doch
lieber bis zum Dessert zu warten. Das ist ja doch auch die eigentliche Zeit fr
Vielliebchen.
    Nun, wie Sie wollen, Herr Hauptmann. Und ich werde diese zwei bis dahin fr
uns aufheben. Aber diese dritte hier, die nicht mehr so ganz dazu gehrt, die
werd ich essen. Ich esse so gern Pflaumen. Und Sie werden sie mir auch gnnen.
    Alles, alles. Eine Welt.
    Es schien fast, als ob sich Czako noch weiter ber dies Pflaumenthema,
namentlich auch ber die sich darin bergenden Wagnisse verbreiten wollte, kam
aber nicht dazu, weil eben jetzt ein Diener in weien Baumwollhandschuhen,
augenscheinlich eine Gelegenheitsschpfung, in der Hoftr sichtbar wurde. Dies
war das mit der Domina verabredete Zeichen, da der Tisch gedeckt sei. Die
Schmargendorf, ebenfalls eingeweiht in diese zu raschen Entschlssen drngende
Zeichensprache, bckte sich deshalb, um von einem der Gemsebeete rasch noch ein
groes Kohlblatt abzubrechen, auf das sie sorglich die beiden rotgetpfelten
Pflaumen legte. Gleich danach aber aufs neue des Hauptmanns Arm nehmend, schritt
sie, unter Vorantritt der Domina, auf Hof und Flur und ganz zuletzt auf den
Salon zu, der sich inzwischen in manchem Stcke verndert hatte, vor allem
darin, da neben dem Kamin eine zweite Konventualin stand, in dunkler Seide, mit
Kopfschleifen und tiefliegenden, starren Kakadu-Augen, die in das Wesen aller
Dinge einzudringen schienen.
    Ah, meine Liebste, sagte die Domina, auf diese zweite Konventualin
zuschreitend, es freut mich herzlich, da Sie sich, trotz Migrne, noch
herausgemacht haben; wir wren sonst ohne dritte Tischdame geblieben. Erlauben
Sie mir vorzustellen: Herr von Rex, Herr von Czako... Frulein von Triglaff aus
dem Hause Triglaff.
    Rex und Czako verbeugten sich, whrend Woldemar, dem sie keine Fremde war,
an die Konventualin herantrat, um ein Wort der Begrung an sie zu richten.
Czako, die Triglaff unwillkrlich musternd, war sofort von einer ihn
frappierenden hnlichkeit betroffen und flsterte gleich danach dem sein Monocle
wiederholentlich in Angriff nehmenden Rex leise zu: Krippenstapel, weibliche
Linie.
    Rex nickte.
    Whrend dieser Vorstellung hatte der im Hintergrunde stehende Diener den
oberen und unteren Trriegel mit einer gewissen Ostentation zurckgezogen; einen
Augenblick noch, und beide Flgel zu dem neben dem Salon gelegenen Ezimmer
taten sich mit einer stillen Feierlichkeit auf.
    Herr von Rex, sagte die Domina, darf ich um Ihren Arm bitten.
    Im Nu war Rex an ihrer Seite, und gleich danach traten alle drei Paare in
den Nebenraum ein, auf dessen gastlicher und nicht ohne Geschick hergerichteter
Tafel zwei Blumenvasen und zwei silberne Doppelleuchter standen. Auch der Diener
war schon in Aktion; er hatte sich inzwischen am Bfett in Front einer Meiner
Suppenterrine aufgestellt, und indem er den Deckel (mit einem abgestoenen Engel
obenauf) abnahm, stieg der Wrasen wie Opferrauch in die Hhe.

                                 Achtes Kapitel


Tante Adelheid, wenn sich nichts geradezu Verstimmliches ereignete, war, von
alten Zeiten her, eine gute Wirtin und besa neben anderm auch jene
Direktoralaugen, die bei Tische soviel bedeuten: aber eine Gabe besa sie nicht,
die, das Gesprch, wie's in einem engsten Zirkel doch sein sollte,
zusammenzufassen. So zerfiel denn die kleine Tafelrunde von Anfang an in drei
Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht absolut schweigsam, doch vorwiegend als
Tafelornament wirkte. Dies war die Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte
nicht wohl anders sein. Die Triglaff, wie sich das bei Kakadugesichtern so
hufig findet, verband in sich den Ausdruck hchster Tiefsinnigkeit mit ganz
ungewhnlicher Umnachtung, und ein letzter Rest von Helle, der ihr vielleicht
geblieben sein mochte, war ihr durch eine stupende Triglaffvorstellung
schlielich doch auch noch abhanden gekommen. Eine direkte Deszendenz von dem
gleichnamigen Wendengotte, etwa wie Czako von Czako, war freilich nicht
nachzuweisen, aber doch auch nicht ausgeschlossen, und wenn dergleichen
berhaupt vorkommen oder nach stiller bereinkunft auch nur allgemein angenommen
werden konnte, so war nicht abzusehen, warum gerade sie leer ausgehen oder auf
solche Mglichkeit verzichten sollte. Dieser hochgespannten, ganz im Speziellen
sich bewegenden Adelsvorstellung entsprach denn auch das gereizte Gefhl, das
sie gegen den Zweig des Hauses Thadden unterhielt, der sich, nach seinem
pommerschen Gute Triglaff, Thadden-Triglaff nannte - eine Zubenennung, die ihr,
der einzig wirklichen Triglaff, einfach als ein bergriff oder doch mindestens
als eine Beeintrchtigung erschien. Woldemar, der dies alles kannte, war dagegen
gefeit und wute seinerseits seit lange, wie zu verfahren sei, wenn ihm die
Triglaff als Tischnachbarin zufiel. Er hatte sich fr diesen Fall, der brigens
fter eintrat, als ihm lieb war, die Namen aller Konventualinnen auswendig
gelernt, die whrend seiner Kinderzeit im Kloster Wutz gelebt hatten und von
denen er recht gut wute, da sie seit lange tot waren. Er begann aber trotzdem
regelmig seine Fragen so zu stellen, als ob das Dasein dieser lngst
Abgeschiedenen immer noch einer Mglichkeit unterlge.
    Da war ja hier frher, mein gndigstes Frulein, eine Drachenhausen,
Aurelie von Drachenhausen, und bersiedelte dann, wenn ich nicht irre, nach
Kloster Zehdenick. Es wrde mich lebhaft interessieren, in Erfahrung zu bringen,
ob sie noch lebt oder ob sie vielleicht schon tot ist.
    Die Triglaff nickte.
    Czako, dieses Nicken beobachtend, sprach sich spter gegen Rex dahin aus,
da das alles mit der Abstammung der Triglaff ganz natrlich zusammenhnge.
Gtzen nicken blo.
    Um vieles lebendiger waren Rede und Gegenrede zwischen Tante Adelheid und
dem Ministerialassessor, und das Gesprch beider, das nur sittliche
Hebungsfragen berhrte, htte durchaus den Charakter einer gemtlichen, aber
doch durch Ernst geweihten Synodalplauderei gehabt, wenn sich nicht die Gestalt
des Rentmeisters Fix bestndig eingedrngt htte, dieses Dominaprotegs, von dem
Rex, unter Zurckhaltung seiner wahren Meinung, immer aufs neue versicherte,
da in diesem klsterlichen Beamten eine seltene Verquickung von
Prinzipienstrenge mit Geschftsgenie vorzuliegen scheine.
    Das waren die zwei Paare, die den linken Flgel beziehungsweise die Mitte
des Tisches bildeten. Die beiden Hauptfiguren waren aber doch Czako und die
Schmargendorf, die ganz nach rechts hin saen, in Nhe der dicken
Fenstergardinen aus Wollstoff, in deren Falten denn auch vieles glcklicherweise
verklang. An die Suppe hatte sich ein Fisch und an diesen ein Linsenpree mit
gebackenem Schinken gereiht, und nun wurden gespickte Rebhuhnflgel in einer
pikanten Sauce, die zugleich Kchengeheimnis der Domina war, herumgereicht.
Czako, trotzdem er schon dem gebackenen Schinken erheblich zugesprochen hatte,
nahm ein zweites Mal auch noch von dem Rebhuhngericht und fhlte das Bedrfnis,
dies zu motivieren.
    Eine gesegnete Gegend, Ihre Grafschaft hier, begann er. Aber freilich
heuer auch eine gesegnete Jahreszeit. Gestern abend bei Dubslav von Stechlin
Krammetsvgelbrste, heute bei Adelheid von Stechlin Rebhuhnflgel.
    Und was ziehen Sie vor? fragte die Schmargendorf.
    Im allgemeinen, mein gndigstes Frulein, ist die Frage wohl zugunsten
ersterer entschieden. Aber hier und speziell fr mich ist doch wohl der
Ausnahmefall gegeben.
    Warum ein Ausnahmefall?
    Sie haben recht, eine solche Frage zu stellen. Und ich antworte, so gut ich
kann. Nun denn, in Brust und Flgel ...
     Hihi.
    In Brust und Flgel schlummert, wie mir scheinen will, ein groartiger
Gegensatz von hben und drben; es gibt nichts Diesseitigeres als Brust, und es
gibt nichts Jenseitigeres als Flgel. Der Flgel trgt uns, erhebt uns. Und
deshalb, trotz aller nach der andern Seite hin liegenden Verlockung, mchte ich
alles, was Flgel heit, doch hher stellen.
    Er hatte dies in einem mglichst gedmpften Tone gesprochen. Aber es war
nicht ntig, weil einerseits die links ihm zunchst sitzende Triglaff aus purem
Hochgefhl ihr Ohr gegen alles, was gesprochen wurde, verschlo, whrend
andrerseits die Domina, nachdem der Diener allerlei kleine Spitzglser
herumgereicht hatte, ganz ersichtlich mit einer Ansprache beschftigt war.
    Lassen Sie mich Ihnen noch einmal aussprechen, sagte sie, whrend sie sich
halb erhob, wie glcklich es mich macht, Sie in meinem Kloster begren zu
knnen. Herr von Rex, Herr von Czako, Ihr Wohl.
    Man stie an. Rex dankte unmittelbar und sprach, als man sich wieder gesetzt
hatte, seine Bewunderung ber den schnen Wein aus. Ich vermute Montefiascone.
    Vornehmer, Herr von Rex, sagte Adelheid in guter Stimmung, eine Rangstufe
hher. Nicht Montefiascone, den wir allerdings unter meiner Amtsvorgngerin auch
hier im Keller hatten, sondern Lacrimae Christi. Mein Bruder, der alles
bemngelt, meinte freilich, als ich ihm vor einiger Zeit davon vorsetzte, das
passe nicht, das sei Begrbniswein, hchstens Wein fr Einsegnungen, aber nicht
fr heitere Zusammenknfte.
    Ein Wort von eigenartiger Bedeutung, darin ich Ihren Herrn Bruder durchaus
wiedererkenne.
    Gewi, Herr von Rex. Und ich bin mir bewut, da uns der Name gerade dieses
Weines allerlei Rcksichten auferlegt.
    Aber wenn Sie sich vergegenwrtigen wollen, da wir in einem Stift, einem
Kloster sind... und so meine ich denn, der Ort, an dem wir leben, gibt uns doch
auch ein Recht und eine Weihe.
    Kein Zweifel. Und ich mu nachtrglich die Bedenken Ihres Herrn Bruders als
irrtmlich anerkennen. Aber wenn ich mich so ausdrcken darf, ein kleidsamer
Irrtum... Auf das Wohl Ihres Herrn Bruders!
    Damit schlo das etwas diffizile Zwiegesprch, dem alle mit einiger
Verlegenheit gefolgt waren. Nur nicht die Schmargendorf. Ach, sagte diese,
whrend sie sich halb in den Vorhngen versteckte, wenn wir von dem Wein
trinken, dann hren wir auch immer dieselbe Geschichte. Die Domina mu sich
damals sehr ber den alten Herrn von Stechlin gergert haben. Und doch hat er
eigentlich recht; schon der bloe Name stimmt ernst und feierlich, und es liegt
was drin, das einem Christenmenschen denn doch zu denken gibt. Und gerade wenn
man so recht vergngt ist.
    Darauf wollen wir anstoen, sagte Czako, vllig im dunkeln lassend, ob er
mehr den Christenmenschen oder den Ernst oder das Vergngtsein meinte.
    Und berhaupt, fuhr die Schmargendorf fort, die Weine mten eigentlich
alle anders heien oder wenigstens sehr, sehr viele.
    Ganz meine Meinung, meine Gndigste, sagte Czako. Da sind wirklich so
manche... Man darf aber andrerseits das Zartgefhl nicht berspannen. Will man
das, so bringen wir uns einfach um die reichsten Quellen wahrer Poesie. Da haben
wir beispielsweise, so ganz allgemein und blo als Gattungsbegriff, die Milch
der Greise - zunchst ein durchaus unbeanstandenswertes Wort. Aber alsbald (denn
unsre Sprache liebt solche Spiele) treten mannigfache Fort- und Weiterbildungen,
selbst Geschlechtsberspringungen an uns heran, und ehe wir's uns versehen, hat
sich die Milch der Greise in eine Liebfrauenmilch verwandelt.
    Hihi... Ja, Liebfrauenmilch, die trinken wir auch. Aber nur selten. Und es
ist auch nicht der Name, woran ich eigentlich dachte.
    Sicherlich nicht, meine Gndigste. Denn wir haben eben noch andre,
dezidiertere, denen gegenber uns dann nur noch das Refugium der franzsischen
Aussprache bleibt.
    Hihi... Ja, franzsisch, da geht es. Aber doch auch nicht immer, und
jedesmal, wenn Rentmeister Fix unser Gast ist und die Triglaff die Flasche hin
und her dreht (und ich habe gesehen, da sie sie dreimal herumdrehte), dann
lacht Fix... brigens sieht es so aus, als ob die Domina noch was auf dem Herzen
htte; sie macht ein so feierliches Gesicht. Oder vielleicht will sie auch blo
die Tafel aufheben.
    Und wirklich, es war so, wie die Schmargendorf vermutete. Meine Herren,
sagte die Domina, da Sie zu meinem Leidwesen so frh fortwollen (wir haben nur
noch wenig ber eine Viertelstunde), so geb ich anheim, ob wir den Kaffee lieber
in meinem Zimmer nehmen wollen oder drauen unter dem Holunderbaum.
    Eine Gesamtantwort wurde nicht laut, aber whrend man sich unmittelbar
danach erhob, kte Czako der Schmargendorf die Hand und sagte mit einem
gewissen Empressement: Unter dem Holunderbaum also.
    Die Schmargendorf verstand nicht im entferntesten, auf was es sich bezog.
Aber das war Czako gleich. Ihm lag lediglich daran, sich ganz privatim, ganz fr
sich selbst, die Schmargendorf auf einen kurzen, aber groen Augenblick als
Kthchen vorstellen zu knnen.
    Im brigen zeigte sich's, da nicht blo Czako, sondern auch Rex und
Woldemar fr den Holunderbaum waren, und so nherte man sich denn diesem.
    Es war derselbe Baum, den die Herren schon beim Einreiten in den Klosterhof
gesehen, aber in jenem Augenblick wenig beachtet hatten. Jetzt erst bemerkten
sie, was es mit ihm auf sich habe. Der Baum, der uralt sein mochte, stand
auerhalb des Gehftes, war aber, hnlich wie der Pflaumenbaum im Garten, mit
seinem Gezweig ber das zerbrckelte Gemuer fortgewachsen. Er war an und fr
sich schon eine Pracht. Was ihm aber noch eine besondere Schnheit lieh, das
war, da sein Laubendach von ein paar dahinter stehenden Ebereschenbumen wie
durchwachsen war, so da man berall neben den schwarzen Fruchtdolden des
Holunders die leuchtenden roten Ebereschenbschel sah. Auch das verschiedene
Laub schattierte sich. Rex und Czako waren aufrichtig entzckt, beinahe mehr als
zulssig. Denn so reizend die Laube selbst war, so zweifelhaft war das
unmittelbar vor ihnen in groer Unordnung und durchaus ermangelnder Sauberkeit
ausgebreitete Hofbild. Aber pittoresk blieb es doch. Zusammengemrtelte
Feldsteinklumpen lagen in hohem Grase, dazwischen Karren und Dngerwagen, Enten-
und Hhnerkrbe, whrend ein kollernder Truthahn von Zeit zu Zeit bis dicht an
die Laube herankam, sei's aus Neugier oder um sich mit der Triglaff zu messen.
    Als sechs Uhr heran war, erschien Fritz und fhrte die Pferde vor. Czako
wies darauf hin. Bevor er aber noch an die Domina herantreten und ihr einige
Dankesworte sagen konnte, kam die Schmargendorf, die kurz vorher ihren Platz
verlassen, mit dem groen Kohlblatt zurck, auf dem die beiden
zusammengewachsenen Pflaumen lagen. Sie wollten mir entgehen, Herr von Czako.
Das hilft Ihnen aber nichts. Ich will mein Vielliebchen gewinnen. Und Sie sollen
sehen, ich siege.
    Sie siegen immer, meine Gndigste.

                                Neuntes Kapitel


Rex und Czako ritten ab; Fritz fhrte Woldemars Pferd am Zgel. Aber weder die
Schmargendorf noch die Triglaff erwiesen sich, als die beiden Herren fort und
die drei Damen samt Woldemar in die Wohnrume zurckgekehrt waren, irgendwie
beflissen, das Feld zu rumen, was die Domina, die wegen zu verhandelnder
diffiziler Dinge mit ihrem Neffen allein sein wollte, stark verstimmte. Sie
zeigte das auch, war steif und schweigsam und belebte sich erst wieder, als die
Schmargendorf mit einem Male glckstrahlend versicherte: jetzt wisse sie's; sie
habe noch eine Photographie, die wolle sie gleich an Herrn von Czako schicken,
und wenn er dann morgen mittag von Cremmen her in Berlin eintrfe, dann werd er
Brief und Bild schon vorfinden und auf der Rckseite des Bildes ein Guten
Morgen, Vielliebchen. Die Domina fand alles so lcherlich und unpassend wie nur
mglich, weil ihr aber daran lag, die Schmargendorf loszuwerden, so hielt sie
mit ihrer wahren Meinung zurck und sagte: Ja, liebe Schmargendorf, wenn Sie so
was vorhaben, dann ist es allerdings die hchste Zeit. Der Postbote kann gleich
kommen. Und wirklich, die Schmargendorf ging, nur die Triglaff zurcklassend,
deren Auge sich jetzt von der Domina zu Woldemar hinber und dann wieder von
Woldemar zur Domina zurckbewegte. Sie war bei dem allem ganz unbefangen. Ein
Verlangen, etwas zu belauschen oder von ungefhr in Familienangelegenheiten
eingeweiht zu werden, lag ihr vllig fern, und alles, was sie trotzdem zum
Ausharren bestimmte, war lediglich der Wunsch, solchem historischen
Beisammensein eine durch ihre Triglaffgegenwart gesteigerte Weihe zu geben.
Indessen, schlielich ging auch sie. Man hatte sich wenig um sie gekmmert, und
Tante und Neffe lieen sich, als sie jetzt allein waren, in zwei braune
Plschfauteuils (Erbstcke noch vom Schlo Stechlin her) nieder, Woldemar
allerdings mit uerster Vorsicht, weil die Sprungfedern bereits jenen
Altersgrad erreicht hatten, wo sie nicht nur einen dumpfen Ton von sich zu
geben, sondern auch zu stechen anfangen.
    Die Tante bemerkte nichts davon, war vielmehr froh, ihren Neffen endlich
allein zu haben, und sagte mit rasch wiedergewonnenem Behagen: Ich htte dir
schon bei Tische gern was Beres an die Seite gegeben; aber wir haben hier, wie
du weit, nur unsre vier Konventualinnen, und von diesen vieren sind die
Schmargendorf und die Triglaff immer noch die besten. Unsre gute Schimonski, die
morgen einundachtzig wird, ist eigentlich ein Schatz, aber leider stocktaub, und
die Teschendorf, die mal Gouvernante bei den Esterhazys war und auch noch den
Frsten Schwarzenberg, dessen Frau in Paris verbrannte, gekannt hat, ja, die
htt ich natrlich solchem feinen Herrn wie dem Herrn von Rex gerne vorgesetzt,
aber es ist ein Unglck, die arme Person, die Teschendorf, ist so zittrig und
kann den Lffel nicht recht mehr halten. Da hab ich denn doch lieber die
Triglaff genommen; sie ist sehr dumm, aber doch wenigstens manierlich, soviel
mu man ihr lassen. Und die Schmargendorf...
    Woldemar lachte.
    Ja, du lachst, Woldemar, und ich will dir auch nicht bestreiten, da man
ber die gute Seele lachen kann. Aber sie hat doch auch was Gehaltvolles in
ihrer Natur, was sich erst neulich wieder in einem intimen Gesprch mit unserm
Fix zeigte, der trotz aller Bekenntnisstrenge (die selbst Koseleger ihm
zugesteht) an unserm letzten Whistabend uerungen tat, die wir alle tief
bedauern muten, wir, die wir die Whistpartie machten, nun schon ganz gewi,
aber auch die gute, taube Schimonski, der wir, weil sie uns so aufgeregt sah,
alles auf einen Zettel schreiben muten.
    Und was war es denn?
    Ach, es handelte sich um das, was uns allen, wie du dir denken kannst,
jetzt das Teuerste bedeutet, um den Wortlaut. Und denke dir, unser Fix war
dagegen. Er mute wohl denselben Tag was gelesen haben, was ihn abtrnnig
gemacht hatte. Personen wie Fix sind sehr bestimmbar. Und kurz und gut, er
sagte: das mit dem Wortlaut, das ginge nicht lnger mehr, die Werte wren jetzt
anders, und weil die Werte nicht mehr dieselben wren, mten auch die Worte
sich danach richten und mten gemodelt werden. Er sagte gemodelt. Aber was er
am meisten immer wieder betonte, das waren die Werte und die Notwendigkeit der
Umwertung.
    Und was sagte die Schmargendorf dazu?
    Du hast ganz recht, mich dabei wieder auf die Schmargendorf zu bringen.
Nun, die war auer sich und hat die darauffolgende Nacht nicht schlafen knnen.
Erst gegen Morgen kam ihr ein tiefer Schlaf, und da sah sie, so wenigstens hat
sie's mir und dem Superintendenten versichert, einen Engel, der mit seinem
Flammenfinger immer auf ein Buch wies und in dem Buch auf eine und dieselbe
Stelle.
    Welche Stelle?
    Ja, darber war ein Streit; die Schmargendorf hatte sie genau gelesen und
wollte sie hersagen. Aber sie sagte sie falsch, weil sie sonntags in der Kirche
nie recht aufpat. Und wir sagten ihr das auch. Und denke dir, sie widersprach
nicht und blieb berhaupt ganz ruhig dabei. Ja, sagte sie, sie wisse recht gut,
da sie die Stelle falsch hergesagt htte, sie habe nie was richtig hersagen
knnen; aber das wisse sie ganz genau, die Stelle mit dem Flammenfinger, das sei
der Wortlaut gewesen.
    Und das hast du wirklich alles geglaubt, liebe Tante? Diese gute
Schmargendorf! Ich will ihr ja gerne folgen; aber was ihren Traum angeht, da
kann ich beim besten Willen nicht mit. Es wird ihr ein Amtmann erschienen sein
oder ein Pastor. Dreiig Jahre frher wr es ein Student gewesen.
    Ach, Woldemar, sprich doch nicht so. Das ist ja die neue Faon, in der die
Berliner sprechen, und in dem Punkt ist einer wie der andre. Dein Freund Czako
spricht auch so. Du mokierst dich jetzt ber die gute Schmargendorf, und dein
Freund, der Hauptmann, soviel hab ich ganz deutlich gesehen, tat es auch und hat
sie bei Tische geuzt.
    Geuzt?
    Du wunderst dich ber das Wort, und ich wundre mich selber darber. Aber
daran ist auch unser guter Fix schuld. Der ist alle Monat mal nach Berlin rber,
und wenn er dann wiederkommt, dann bringt er so was mit, und wiewohl ich's
unpassend finde, nehm ich's doch an und die Schmargendorf auch. Blo die
Triglaff nicht und natrlich die gute Schimonski auch nicht, wegen der Taubheit.
Ja, Woldemar, ich sage geuzt, und dein Freund Czako htt es lieber unterlassen
sollen. Aber das mu wahr sein, er ist amsant, wenn auch ein bichen auf der
Wippe. Siehst du ihn oft?
    Nein, liebe Tante. Nicht oft. Bedenke die weiten Entfernungen. Von unsrer
Kaserne bis zu seiner, oder auch umgekehrt, das ist eine kleine Reise. Dazu
kommt noch, da wir vor unserm Hallischen Tor eigentlich gar nichts haben, blo
die Kirchhfe, das Tempelhofer Feld und das Rotherstift.
    Aber ihr habt doch die Pferdebahn, wenn ihr irgendwohin wollt. Beinah mu
ich sagen leider. Denn es gibt mir immer einen Stich, wenn ich mal in Berlin
bin, so die Offiziere zu sehen, wie sie da hinten stehen und Platz machen, wenn
eine Madam aufsteigt, manchmal mit 'nem Korb und manchmal auch mit 'ner
Spreewaldsamme. Mir immer ein Horreur.
    Ja, die Pferdebahn, liebe Tante, die haben wir freilich, und man kann mit
ihr in einer halben Stunde bis in Czakos Kaserne. Der weite Weg ist es auch
eigentlich nicht, wenigstens nicht allein, weshalb ich Czako so selten sehe. Der
Hauptgrund ist doch wohl der, er pat nicht so ganz zu uns und eigentlich auch
kaum zu seinem Regiment. Er ist ein guter Kerl, aber ein quivokenmensch und
erzhlt immer Nachmitternachtsgeschichten. Wenn man ihn allein hat, geht es.
Aber hat er ein Publikum, dann kribbelt es ihn ordentlich, und je feiner das
Publikum ist, desto mehr. Er hat mich schon oft in Verlegenheit gebracht. Ich
mu sagen, ich hab ihn sehr gern, aber gesellschaftlich ist ihm Rex doch sehr
berlegen.
    Ja, Rex; natrlich. Das hab ich auch gleich bemerkt, ohne mir weiter
Rechenschaft darber zu gehen. Du wirst es aber wissen, wodurch er ihm berlegen
ist.
    Durch vieles. Erstens, wenn man die Familien abwgt. Rex ist mehr als
Czako. Und dann ist Rex Kavallerist.
    Aber ich denke, er ist Ministerialassessor.
    Ja, das ist er auch. Aber nebenher, oder vielleicht noch darber hinaus,
ist er Offizier, und sogar in unsrer Dragonerbrigade.
    Das freut mich; da ist er ja so gut wie ein Spezialkamerad von dir.
    Ich kann das zugeben und doch auch wieder nicht. Denn erstens ist er in der
Reserve, und zweitens steht er bei den zweiten Dragonern.
    Macht das 'nen Unterschied?
    Gott, Tante, wie man's nehmen will. Ja und nein. Bei Marsla-Tour haben wir
dieselbe Attacke geritten.
    Und doch...
    Und doch ist da ein gewisses je ne sais quoi.
    Sage nichts Franzsisches. Das verdriet mich immer. Manche sagen jetzt
auch Englisches, was mir noch weniger gefllt. Aber lassen wir das; ich finde
nur, es wre doch schrecklich, wenn es so blo nach der Zahl ginge. Was sollte
denn da das Regiment anfangen, bei dem ein Bruder unsrer guten Schmargendorf
steht? Es ist, glaube ich, das hundertfnfundvierzigste.
    Ja, wenn es so hoch kommt, dann vertut es sich wieder. Aber so bei der
Garde...
    Die Domina schttelte den Kopf. Darin, mein lieber Woldemar, kann ich dir
doch kaum folgen. Unser Fix sagt mitunter, ich sei zu exklusiv, aber so exklusiv
bin ich doch noch lange nicht. Und solch Verstandesmensch, wie du bist, so ruhig
und dabei so abgeklrt, wie manche jetzt sagen, und, Gott verzeih mir die Snde,
auch so liberal, worber selbst dein Vater klagt. Und nun kommst du mir mit
solchem Vorurteil, ja, verzeih mir das Wort, mit solchen berheblichkeiten. Ich
erkenne dich darin gar nicht wieder. Und wenn ich nun das erste Garderegiment
nehme, das ist ja doch auch ein erstes. Ist es denn mehr als das zweite? Man
kann ja sagen, soviel will ich zugehen, sie haben die Blechmtzen und sehen aus,
als ob sie lauter Hollnderinnen heiraten wollten... Was ihnen schon gefallen
sollte.
    Den Hollnderinnen?
    Nun, denen auch, lachte die Tante. Aber ich meinte jetzt unsre Leute.
Miverstehe mich brigens nicht. Ich wei recht gut, was es mit den groen
Grenadieren auf sich hat; aber die andern sind doch ebensogut, und Potsdam ist
doch schlielich blo Potsdam.
    Ja, Tante, das ist es ja eben. Da sie noch immer in Potsdam sind, das
macht es. Deshalb ist es nach wie vor die Potsdamer Wachtparade. Und dann das
Wort erstes spielt allerdings auch mit. Ein alter Rmer, mit dessen Namen ich
dich nicht behelligen will, der wollte in seinem Potsdam lieber der Erste als in
seinem Berlin der Zweite sein. Wer der Erste ist, nun, der ist eben der Erste,
und als die andern aufstanden, da hatte dieser Erste schon seinen
Morgenspaziergang gemacht und mitunter was fr einen! Sieh, als das zweite
Garderegiment geboren wurde, da hatten die mit den Blechmtzen schon den ganzen
Siebenjhrigen Krieg hinter sich. Es ist damit wie mit dem ltesten Sohn. Der
lteste Sohn kann unter Umstnden dmmer und schlechter sein als sein Bruder,
aber er ist der lteste, das kann ihm keiner nehmen, und das gibt ihm einen
gewissen Vorrang, auch wenn er sonst gar keinen Vorzug hat. Alles ist gttliches
Geschenk. Warum ist der eine hbsch und der andere hlich? Und nun gar erst die
Damen. In das eine Frulein verliebt sich alles, und das andre spielt blo
Mauerblmchen. Es wird jedem seine Stelle gegeben. Und so ist es auch mit unserm
Regiment. Wir mgen nicht besser sein als die andern, aber wir sind die ersten,
wir haben die Nummer eins.
    Ich kann da beim besten Willen nicht recht mit, Woldemar Was in unsrer
Armee den Ausschlag gibt, ist doch immer die Schneidigkeit.
    Liebe Tante, sprich, wovon du willst, nur nicht davon. Das ist ein Wort fr
kleine Garnisonen. Wir wissen, was wir zu tun haben. Dienst ist alles, und
Schneidigkeit ist blo Renommisterei. Und das ist das, was bei uns am
niedrigsten steht.
    Gut, Woldemar; was du da zuletzt gesagt hast, das gefllt mir. Und in
diesem Punkte mu ich auch deinen Vater loben. Er hat vieles, was mir nicht
zusagt, aber darin ist er doch ein echter Stechlin. Und du bist auch so. Und das
hab ich immer gefunden, alle, die so sind, die schieen zuletzt doch den Vogel
ab, ganz besonders auch bei den Damen.
    Dies bei den Damen war nicht ohne Absicht gesprochen und schien auf das
bis dahin vorsichtig vermiedene Hauptthema hinberfhren zu sollen. Aber ehe die
Tante noch eine direkte Frage stellen konnte, wurde der Rentmeister gemeldet,
der ihr in diesem Augenblicke sehr ungelegen kam. Die Domina wandte sich denn
auch in sichtlicher Verstimmung an Woldemar und sagte: Soll ich ihn
fortschicken?
    Es wird kaum gehen, liebe Tante.
    Nun denn.
    Und gleich darnach trat Fix ein.

                                Zehntes Kapitel


Whrend Woldemar und die Domina miteinander plauderten, erst im Tte--tte,
dann in Gegenwart von Rentmeister Fix, ritten Rex und Czako (Fritz mit dem
Leinpferd folgend) auf Cremmen zu. Das war noch eine tchtige Strecke, gute drei
Meilen. Aber trotzdem waren beide Reiter bereingekommen, nichts zu bereilen
und sich's nach Mglichkeit bequem zu machen. Es ist am Ende gleichgltig, ob
wir um acht oder um neun ber den Cremmer Damm reiten. Das bichen Abendrot, das
da drben noch hinter dem Kirchturm steht... Fritz, wie heit er? Welcher
Kirchturm ist es...? - Das ist der Wulkowsche, Herr Hauptmann! - ... Also,
das bichen Abendrot, das da noch hinter dem Wulkowschen steht, wird ohnehin
nicht lange mehr vorhalten. Dunkel wird's also doch, und von dem
Hohenlohedenkmal, das ich mir brigens gern einmal nher angesehen htte (man
mu so was immer auf dem Hinwege mitnehmen), kommt uns bei Tageslicht nichts
mehr vor die Klinge. Das Denkmal liegt etwas ab vom Wege.
    Schade, sagte Rex.
    Ja, man kann es beinah sagen. Ich fr meine Person komme schlielich drber
hin, aber ein Mann wie Sie, Rex, sollte dergleichen mehr wallfahrtartig
auffassen.
    
    Ach Czako, Sie reden wieder tolles Zeug, diesmal mit einem kleinen
Abstecher ins Lsterliche. Was soll Wallfahrt hier berhaupt? Und dann, was
haben Sie gegen Wallfahrten? Und was haben Sie gegen die Hohenlohes?
    Gott, Rex, wie Sie sich wieder irren. Ich habe nichts gegen die einen, und
ich habe nichts gegen die andern. Alles, was ich von Wallfahrten gelesen habe,
hat mich immer nur wnschen lassen, mal mit dabeizusein. Und ad vocem der
Hohenlohes, so kann ich Ihnen nur sagen, fr die hab ich sogar was brig in
meinem Herzen, viel, viel mehr als fr unser eigentliches Landesgewchs. Oder,
wenn Sie wollen, fr unsre Autochthonen.
    Und das meinen Sie ganz ernsthaft?
    Ganz ernsthaft. Und wir wollen mal fnf Minuten wie vernnftige Leute
darber reden. Wenn ich sage wir, so meine ich natrlich mich. Denn Sie sprechen
immer vernnftig. Vielleicht ein bichen zu sehr.
    Rex lchelte. Nun gut; ich will's Ihnen glauben.
    Also die Hohenlohes, fuhr Czako fort. Ja, wie steht es damit? Wie liegt
da die Sache? Da kommt hier so Anno Domini ein Burggraf ins Land, und das Land
will ihn nicht, und er mu sich alles erst erobern, die Stdte beinah und die
Schlsser gewi. Und die Herzen natrlich erst recht. Und der Kaiser sitzt mal
wieder weitab und kann ihm nicht helfen. Und da hat nun dieser Nrnberger
Burggraf, wenn's hoch kommt, ein halbes Dutzend Menschen um sich, schwbische
Leute, die mit ihm in diese Mrdergrube hinabsteigen. Denn ein bichen so was
war es. Und geht auch gleich los, und die Quitzows und die, die's sein wollen,
rufen die Pommern ins Land, und hier auf diesem alten Cremmer Damm stoen sie
zusammen, und die paar, die da fallen, das sind eben die Schwaben, die's gewagt
hatten und mit in den Kahn gestiegen waren. Allen vorauf aber ein Graf, so ein
Herr in mittleren Jahren. Der fiel zuerst und versank in den Sumpf, und da liegt
er. Das heit, sie haben ihn rausgeholt, und nun liegt er in der Klosterkirche.
Und dieser eine, der da voran fiel, der hie Hohenlohe.
    Ja, Czako, das wei ich ja alles. Das steht ja schon im Brandenburgischen
Kinderfreund. Sie denken aber immer, Sie haben so was allein gepachtet.
    Immer vorsichtig, Rex; im Kinderfreund steht es. Gewi. Aber was steht
nicht alles - von Kinderfreund gar nicht zu reden - in Bibel und Katechismus,
und die Leute wissen es doch nicht. Ich zum Beispiel. Und ob es nun drinsteht
oder nicht drinsteht, ich sage nur: so hat es angefangen, und so luft der Hase
noch. Oder glauben Sie, da der alte Frst, der jetzt dran ist, da der zu
seinem Spezialvergngen in unser sogenanntes Reichskanzlerpalais gezogen ist,
drin die Bismarckschen Nachfolger, die sich wahrhaftig nicht darnach drngten,
ihre Tage vertrauern? Ein Opfer ist es, nicht mehr und nicht weniger, und ein
Opfer bringt auch der alte Frst, gerade wie der, der damals am Cremmer Damm als
erster fiel. Und ich sage Ihnen, Rex, das ist das, was mir imponiert; immer
dasein, wenn Not an Mann ist. Die Kleinen von hier, trotz der Loyalitt bis auf
die Knochen, die mucken immer blo auf, aber die wirklich Vornehmen, die
gehorchen, nicht einem Machthaber, sondern dem Gefhl ihrer Pflicht.
    Rex war einverstanden und wiederholte nur: Schade, da wir so spt an dem
Denkmal vorbeikommen.
    Ja, schade, sagte Czako. Wir mssen es uns aber schenken. Im brigen,
denk ich, lassen wir in dem, was wir uns noch weiter zu sagen haben, die
Hohenlohes aus dem Spiel. Andres liegt uns heute nher. Wie hat Ihnen denn
eigentlich die Schmargendorf gefallen?
    Ich werde mich hten, Czako, Ihnen darauf zu antworten. Auerdem haben Sie
sie durch den Garten gefhrt, nicht ich, und mir war immer, als ob ich Faust und
Gretchen she.
    Czako lachte. Natrlich schwebt Ihnen das andre Paar vor, und ich bin nicht
bse darber. Die Rolle, die mir dabei zufllt - der mit der Hahnenfeder ist
doch am Ende 'ne andre Nummer wie der sentimentale Habe-nun-ach-Mann -, diese
Mephistorolle, sag ich, gefllt mir besser, und was die Schmargendorf angeht, so
kann ich nur sagen: Von meiner Martha la ich nicht.
    Czako, Sie mnden wieder ins Frivole.
    Gut, gut, Rex, Sie werden unwirsch, und Sie sollen recht haben. Lassen wir
also die Schmargendorf so gut wie die Hohenlohes. Aber ber die Domina liee
sich vielleicht sprechen, und sind wir erst bei der Tante, so sind wir auch bald
bei dem Neffen. Ich frchte, unser Freund Woldemar befindet sich in diesem
Augenblick in einer scharfen Zwickmhle. Die Domina liegt ihm seit Jahr und Tag
(er hat mir selber Andeutungen darber gemacht) mit Heiratsplnen in den Ohren,
mutmalich weil ihr die Vorstellung einer stechlinlosen Welt einfach ein
Schrecknis ist. Solche alten Jungfern mit einer Granatbrosche haben immer eine
merkwrdig hohe Meinung von ihrer Familie. Freilich auch andre, die klger sein
sollten. Unsre Leute gefallen sich nun mal in der Idee, sie hingen mit dem
Fortbestande der gttlichen Weltordnung aufs engste zusammen. In Wahrheit liegt
es so, da wir smtlich abkommen knnen. Ohne die Czakos geht es nun schon
gewi, wofr sozusagen historisch-symbolisch der Beweis erbracht ist.
    Und die Rex?
    Vor diesem Namen mach ich halt.
    Wer's Ihnen glaubt. Aber lassen wir die Rex und lassen wir die Czakos, und
bleiben wir bei den Stechlins, will sagen bei unserm Freunde Woldemar. Die Tante
will ihn verheiraten, darin haben Sie recht.
    Und ich habe wohl auch recht, wenn ich das eine heikle Lage nenne. Denn ich
glaube, da er sich seine Freiheit wahren will und mit Bewutsein auf den
Clibataire lossteuert.
    Ein Glauben, in dem Sie sich, lieber Czako, wie jedesmal, wenn Sie zu
glauben anfangen, in einem groen Irrtum befinden.
    Das kann nicht sein.
    Es kann nicht blo sein, es ist. Und ich wundre mich nur, da gerade Sie,
der Sie doch sonst das Gras wachsen hren und allen Gesellschaftsklatsch kennen
wie kaum ein zweiter, da gerade Sie von dem allen kein Sterbenswrtchen
vernommen haben sollen. Sie verkehren doch auch bei den Xylanders, ja, ich
glaube Sie da, letzten Winter, mal kmpfend am Bfett gesehen zu haben.
    Gewi.
    Und da waren an jenem Abend auch die Berchtesgadens, Baron und Frau, und in
lebhaftestem Gesprche mit diesem bayerischen Baron ein distinguierter alter
Herr und zwei Damen. Und diese drei, das waren die Barbys.
    Die Barbys, wiederholte Czako, Botschaftsrat oder dergleichen. Ja, gewi,
ich habe davon gehrt; aber ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, ihn und die
Damen gesehen zu haben. Und sicherlich nicht an jenem Abend, wo ja von
Vorstellen keine Rede war, die reine Vlkerschlacht. Aber Sie wollten mir,
glaube ich, von eben diesen Barbys erzhlen.
    Ja, das wollt ich. Ich wollte Sie nmlich wissen lassen, da Ihr
Clibataire seit Ausgang vorigen Winters in eben diesem Hause regelmig
verkehrt.
    Er wird wohl in vielen Husern verkehren.
    Mglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, da das eine Haus ihn ganz in
Anspruch nimmt.
    Nun gut, so lassen wir ihn bei den Barbys. Aber was bedeutet das?
    Das bedeutet, da in einem solchen Hause verkehren und sich mit einer
Tochter verloben so ziemlich ein und dasselbe ist. Blo eine Frage der Zeit. Und
die Tante wird sich damit ausshnen mssen, auch wenn sie, wie beinah gewi,
ber ihr Herzblatt bereits anders verfgt haben sollte. Solche Dinge begleichen
sich indessen fast immer. Unser Woldemar wird sich aber mittlerweile vor ganz
andre Schwierigkeiten gestellt sehen.
    Und die wren? Ist er nicht vornehm genug? Oder mankiert vielleicht
Gegenliebe?
    Nein, Czako, von mankierender Gegenliebe, wie Sie sich auszudrcken
belieben, kann keine Rede sein. Die Schwierigkeiten liegen in was anderm. Es
sind da nmlich, wie ich mir schon anzudeuten erlaubte, zwei Comtessen im Hause.
Nun, die jngere wird es wohl werden, schon weil sie eben die jngere ist. Aber
so ganz sicher ist es doch keineswegs. Denn auch die ltere, wiewohl schon ber
dreiig, ist sehr reizend und zum berflu auch noch Witwe - das heit
eigentlich nicht Witwe, sondern richtiger eine gleich nach der Ehe geschiedene
Frau. Sie war nur ein halbes Jahr verheiratet oder vielleicht auch nicht
verheiratet.
    Verheiratet oder vielleicht auch nicht verheiratet, wiederholte Czako,
whrend er unwillkrlich sein Pferd anhielt. Aber Rex, das ist ja hoch pikant.
Und da ich erst heute davon hre und noch dazu durch Sie, der Sie sich von
solchen Dingen doch zunchst entsetzt abwenden mten. Aber so seid ihr
Konventikler. Schlielich ist all dergleichen doch eigentlich euer
Lieblingsfeld. Und nun erzhlen Sie weiter, ich bin neugierig wie ein Backfisch.
Wer war denn der unglcklich Glckliche?
    Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, wer es war, der diese ltere
Comtesse heiratete. Nun, dieser glcklich Unglckliche - oder vielleicht auch
umgekehrt - war auch Graf, sogar ein italienischer (vorausgesetzt, da Sie dies
als eine Steigerung ansehn), und hatte natrlich einen echt italienischen Namen:
Conte Ghiberti, derselbe Name wie der des florentinischen Bildhauers, von dem
die berhmten Tren herrhren.
    Welche Tren?
    Nun, die berhmten Baptisteriumtren in Florenz, von denen Michelangelo
gesagt haben soll, sie wren wert, den Eingang zum Paradiese zu bilden. Und
diese Tren heien denn auch, ihrem groen Knstler zu Ehren, die Ghibertischen
Tren. brigens eine Sache, von der ein Mann wie Sie was wissen mte.
    Ja, Rex, Sie haben gut reden von wissen mssen. Sie sind aus einem groen
Hause, haben mutmalich einen frommen Kandidaten als Lehrer gehabt und sind dann
auf Reisen gegangen, wo man so feine Dinge wegkriegt. Aber ich! Ich bin aus
Ostrowo.
    Das ndert nichts.
    Doch, doch, Rex. Italienische Kunst! Ich bitte Sie, wo soll dergleichen bei
mir herkommen? Was Hnschen nicht lernt - dabei bleibt es nun mal. Ich erinnere
mich noch ganz deutlich einer Auktion in Ostrowo, bei der (es war in einem
kommerzienrtlichen Hause) schlielich ein roter Kasten zur Versteigerung kam,
ein Kasten mit Doppelbildern und einem Opernkucker dazu, der aber keiner war.
Und all das kaufte sich meine Mutter. Und an diesem Stereoskopenkasten, ein
Wort, das ich damals noch nicht kannte, habe ich meine italienische Kunst
gelernt. Die Tren waren aber nicht dabei. Was knnen Sie da gro verlangen? Ich
habe, wenn Sie das Wort gelten lassen wollen, 'ne Panoptikumbildung.
    Rex lachte. Nun, gleichviel. Also der Graf, der die ltere Comtesse Barby
heiratete, hie Ghiberti. Seiner Ehe fehlten indes durchaus die Himmelstren -
soviel lt sich mit aller Bestimmtheit sagen. Und deshalb kam es zur Scheidung.
Ja, mehr, die scharmante Frau (scharmant ist brigens ein viel zu plebejes und
minderwertiges Wort) hat in ihrer Emprung den Namen Ghiberti wieder abgetan,
und alle Welt nennt sie jetzt nur noch bei ihrem Vornamen.
    Und der ist?
    Melusine.
    Melusine? Hren Sie, Rex, das lt aber tief blicken.

Unter diesem Gesprch waren sie bis an den Cremmer Damm herangekommen. Es
dunkelte schon stark, und ein Gewlk, das am Himmel hinzog, verbarg die
Mondsichel. Ein paarmal indessen trat sie hervor, und dann sahen sie bei halber
Beleuchtung das Hohenlohedenkmal, das unten im Luche schimmerte.
Hinunterzureiten, was noch einmal flchtig in Erwgung gezogen wurde, verbot
sich, und so setzten sie sich in einen munteren Trab und hielten erst wieder in
Cremmen vor dem Gasthause Zum Markgrafen Otto. Es schlug eben neun von der
Nikolaikirche.
    Drinnen war man bald in einem lebhaften Gesprch, in dem sich Rex ber die
in der Stadt herrschende Gesinnung und Kirchlichkeit zu unterrichten suchte. Der
Wirt stellte der einen wie der andern ein gleich gutes Zeugnis aus und hatte die
Genugtuung, da ihm Rex freundlich zunickte. Czako aber sagte: Sagen Sie, Herr
Wirt, Sie haben da ein so schnes Billard; ich habe mir jngst erst sagen
lassen, wenn's wirklich flott gehe, so knne man's im Jahr bis auf dreitausend
Mark bringen. Natrlich bei zwlfstndigem Arbeitstag. Wie steht es damit? Fr
mglich halt ich es.

                            Nach dem Eierhuschen



                                 Elftes Kapitel

Die Barbys, der alte Graf und seine zwei Tchter, lebten seit einer Reihe von
Jahren in Berlin, und zwar am Kronprinzenufer, zwischen Alsen- und Moltkebrcke.
Das Haus, dessen erste Etage sie bewohnten, unterschied sich, ohne sonst
irgendwie hervorragend zu sein (Berlin ist nicht reich an Privathusern, die
Schnheit und Eigenart in sich vereinigen), immerhin vorteilhaft von seinen
Nachbarhusern, von denen es durch zwei Terrainstreifen getrennt wurde; der eine
davon ein kleiner Baumgarten, mit allerlei Buschwerk dazwischen, der andre ein
Hofraum mit einem zierlichen, malerisch wirkenden Stallgebude, dessen obere
Fenster, hinter denen sich die Kutscherwohnung befand, von wildem Wein umwachsen
waren. Schon diese Lage des Hauses htte demselben ein bestimmtes Ma von
Aufmerksamkeit gesichert, aber auch seine Fassade mit ihren zwei Loggien links
und rechts lie die des Weges Kommenden unwillkrlich ihr Auge darauf richten.
Hier, in eben diesen Loggien, verbrachte die Familie mit Vorliebe die Frh- und
Nachmittagsstunden und bevorzugte dabei, je nach der Jahreszeit, mal den zum
Zimmer des alten Grafen gehrigen, in pompejischem Rot gehaltenen Einbau, mal
die gleichartige Loggia, die zum Zimmer der beiden jungen Damen gehrte.
Dazwischen lag ein dritter groer Raum, der als Reprsentations- und zugleich
als Ezimmer diente. Das war, mit Ausnahme der Schlaf- und Wirtschaftsrume, das
Ganze, worber man Verfgung hatte; man wohnte mithin ziemlich beschrnkt, hing
aber sehr an dem Hause, so da ein Wohnungswechsel, oder auch nur der Gedanke
daran, so gut wie ausgeschlossen war. Einmal hatte die liebenswrdige, besonders
mit Grfin Melusine befreundete Baronin Berchtesgaden einen solchen
Wohnungswechsel in Vorschlag gebracht, aber nur, um sofort einem lebhaften
Widerspruche zu begegnen. Ich sehe schon, Baronin, Sie fhren den ganzen
Lennstraenstolz gegen uns ins Gefecht. Ihre Lennstrae! Nun ja, wenn's sein
mu. Aber was haben Sie da gro? Sie haben den Lessing ganz und den Goethe halb.
Und um beides will ich Sie beneiden und Ihnen auch die Spreewaldsammen in
Rechnung stellen. Aber die Lennstraenwelt ist geschlossen, ist zu, sie hat
keinen Blick ins Weite, kein Wasser, das fliet, keinen Verkehr, der flutet.
Wenn ich in unsrer Nische sitze, die lange Reihe der herankommenden
Stadtbahnwaggons vor mir, nicht zu nah und nicht zu weit, und sehe dabei, wie
das Abendrot den Lokomotivenrauch durchglht und in dem Filigranwerk der
Ausstellungsparktrmchen schimmert, was will Ihre grne Tiergartenwand dagegen?
Und dabei wies die Grfin auf einen gerade vorberdampfenden Zug, und die
Baronin gab sich zufrieden.
    Ein solcher Abend war auch heute; die Balkontr stand auf, und ein kleines
Feuer im Kamin warf seine Lichter auf den schweren Teppich, der durch das ganze
Zimmer hin lag. Es mochte die sechste Stunde sein, und die Fenster drben an den
Husern der andern Seite standen wie in roter Glut. Ganz in der Nhe des Kamins
sa Armgard, die jngere Tochter, in ihren Stuhl zurckgelehnt, die linke
Fuspitze leicht auf den Stnder gestemmt. Die Stickerei, daran sie bis dahin
gearbeitet, hatte sie, seit es zu dunkeln begann, aus der Hand gelegt und
spielte statt dessen mit einem Ballbecher, zu dem sie regelmig griff, wenn es
galt, leere Minuten auszufllen. Sie spielte das Spiel sehr geschickt, und es
gab immer einen kleinen hellen Schlag, wenn der Ball in den Becher fiel.
Melusine stand drauen auf dem Balkon, die Hand an die Stirn gelegt, um sich
gegen die Blendung der untergehenden Sonne zu schtzen.
    Armgard, rief sie in das Zimmer hinein, komm; die Sonne geht eben unter!
    La. Ich sehe hier lieber in den Kamin. Und ich habe auch schon zwlfmal
gefangen.
    Wen?
    Nun natrlich den Ball.
    Ich glaube, du fingst lieber wen anders. Und wenn ich dich so dasitzen
sehe, so kommt es mir fast vor, als dchtest du selber auch so was. Du sitzt so
mrchenhaft da.
    Ach, du denkst immer nur an Mrchen und glaubst, weil du Melusine heit, du
hast so was wie eine Verpflichtung dazu.
    Kann sein. Aber vor allem glaub ich, da ich es getroffen habe. Weit du,
was?
    Nun?
    Ich kann es so leicht nicht sagen. Du sitzt zu weit ab.
    Dann komm und sag es mir ins Ohr.
    Das ist zuviel verlangt. Denn erstens bin ich die ltere, und zweitens bist
du's, die was von mir will. Aber ich will es so genau nicht nehmen.
    Und dabei ging Melusine vom Balkon her auf die Schwester zu, nahm ihr das
Fangspiel fort und sagte, whrend sie ihr die Hand auf die Stirn legte: Du bist
verliebt.
    Aber Melusine, was das nun wieder soll! Und wenn man so klug ist wie du...
Verliebt. Das ist ja gar nichts; etwas verliebt ist man immer.
    Gewi. Aber in wen? Da beginnen die Fragen und die Finessen.
    In diesem Augenblicke ging die Klingel drauen, und Armgard horchte.
    Wie du dich verrtst, lachte Melusine. Du horchst und willst wissen, wer
kommt.
    Melusine wollte noch weitersprechen, aber die Tr ging bereits auf, und
Lizzi, die Kammerjungfer der beiden Schwestern, trat ein, unmittelbar hinter ihr
ein Gersonscher Livreediener mit einem in einen Riemen geschnallten Karton. Er
bringt die Hte, sagte die Kammerjungfer.
    Ah, die Hte. Ja, Armgard, da mssen wir freilich unsre Frage vertagen. Was
doch wohl auch deine Meinung ist. Bitte, stellen Sie hin. Aber Lizzi, du, du
bleibst und mut uns helfen; du hast einen guten Geschmack. brigens, ist kein
Stehspiegel da?
    Soll ich ihn holen?
    Nein, nein, la. Unsre Kpfe, worauf es doch blo ankommt, knnen wir
schlielich auch in diesem Spiegel sehen... Ich denke, Armgard, du lt mir die
Vorhand; dieser hier mit dem Heliotrop und den Stiefmtterchen, der ist
natrlich fr mich; er hat den richtigen Frauencharakter, fast schon Witwe.
    Unter diesen Worten setzte sie sich den Hut auf und trat an den Spiegel.
Nun, Lizzi, sprich.
    Ich wei nicht recht, Frau Grfin, er scheint mir nicht modern genug. Der,
den Comtesse Armgard eben aufsetzt, der wrde wohl auch fr Frau Grfin besser
passen - die hohen Straufedern, wie ein Ritterhelm, und auch die Hutform
selbst. Hier ist noch einer, fast ebenso und beinah noch hbscher.
    Beide Damen stellten sich jetzt vor den Spiegel; Armgard, hinter der
Schwester stehend und grer als diese, sah ber deren linke Schulter fort.
Beide gefielen sich ungemein, und schlielich lachten sie, weil jede der andern
ansah, wie hbsch sie sich fand.
    Ich mchte doch beinah glauben..., sagte Melusine, kam aber nicht weiter,
denn in eben diesem Augenblicke trat ein in schwarzen Frack und Escarpins
gekleideter alter Diener ein und meldete: Rittmeister von Stechlin.
    Unmittelbar darauf erschien denn auch Woldemar selbst und verbeugte sich
gegen die Damen. Ich frchte, da ich zu sehr ungelegener Stunde komme.
    Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Um wessentwillen qulen wir uns denn
berhaupt mit solchen Sachen? Doch blo um unsrer Gebieter willen, die man ja
(vielleicht leider) auch noch hat, wenn man sie nicht mehr hat.
    Immer die liebenswrdige Frau.
    Keine Schmeicheleien. Und dann, diese Hte sind wichtig. Ich nehm es als
eine Fgung, da Sie da gerade hinzukommen; Sie sollen entscheiden. Wir haben
freilich schon Lizzis Meinung angerufen, aber Lizzi ist zu diplomatisch; Sie
sind Soldat und mssen mehr Mut haben; Armgard, sprich auch; du bist nicht mehr
jung genug, um noch ewig die Verlegene zu spielen. Ich bin sonst gegen alle
Gutachten, namentlich in Prozesachen (ich wei ein Lied davon zu singen), aber
ein Gutachten von Ihnen, da la ich all meine Bedenken fallen. Auerdem bin ich
fr Autoritten, und wenn es berhaupt Autoritten in Sachen von Geschmack und
Mode gibt, wo wren sie besser zu finden als im Regiment Ihrer Kaiserlich
Kniglichen Majestt von Grobritannien und Indien? Irland la ich absichtlich
fallen und nehme lieber Indien, woher aller gute Geschmack kommt, alle alte
Kultur, alle Shawls und Teppiche, Buddha und die weien Elefanten. Also
antreten, Armgard; du natrlich an den rechten Flgel, denn du bist grer. Und
nun, lieber Stechlin, wie finden Sie uns?
    Aber meine Damen...
    Keine Feigheiten. Wie finden Sie uns?
    Unendlich nett.
    Nett? Verzeihen Sie, Stechlin, nett ist kein Wort. Wenigstens kein nettes
Wort. Oder wenigstens ungengend.
    Also schlankweg entzckend.
    Das ist gut. Und zur Belohnung die Frage: wer ist entzckender?
    Aber Frau Grfin, das ist ja die reine Geschichte mit dem seligen Paris.
Blo, er hatte es viel leichter, weil es drei waren. Aber zwei. Und noch dazu
Schwestern.
    
    Wer? Wer?
    Nun, wenn es denn durchaus sein mu, Sie, gndigste Frau.
    Schndlicher Lgner. Aber wir behalten diese zwei Hte. Lizzi, gib all das
andre zurck. Und Jeserich soll die Lampen bringen; drauen ein Streifen
Abendrot und hier drinnen ein verglimmendes Feuer - das ist denn doch zuwenig
oder, wenn man will, zu gemtlich.
    Die Lampen hatten drauen schon gebrannt, so da sie gleich da waren.
    Und nun schlieen Sie die Balkontr, Jeserich, und sagen Sie's Papa, da
der Herr Rittmeister gekommen. Papa ist nicht gut bei Wege, wieder die
neuralgischen Schmerzen; aber wenn er hrt, da Sie da sind, so tut er ein
briges. Sie wissen, Sie sind sein Verzug. Man wei immer, wenn man Verzug ist.
Ich wenigstens hab es immer gewut.
    Das glaub ich.
    Das glaub ich! Wie wollen Sie das erklren?
    Einfach genug, gndigste Grfin. Jede Sache will gelernt sein. Alles ist
schlielich Erfahrung. Und ich glaube, da Ihnen reichlich Gelegenheit gegeben
wurde, der Frage Verzug oder Nichtverzug praktisch nherzutreten.
    Gut herausgeredet. Aber nun, Armgard, sage dem Herrn von Stechlin (ich
persnlich getraue mich's nicht), da wir in einer halben Stunde fortmssen,
Opernhaus, Tristan und Isolde. Was sagen Sie dazu? Nicht zu Tristan und Isolde,
nein, zu der heikleren Frage, da wir eben gehen, im selben Augenblick, wo Sie
kommen. Denn ich seh es Ihnen an, Sie kamen nicht so blo um five o'clock tea's
willen, Sie hatten es besser mit uns vor. Sie wollten bleiben...
    Ich bekenne...
    Also getroffen. Und zum Zeichen, da Sie gromtig sind und Verzeihung
ben, versprechen Sie, da wir Sie bald wiedersehen, recht, recht bald. Ihr Wort
darauf. Und dem Papa, der Sie vielleicht erwartet, wenn es Jeserich fr gut
befunden hat, die Meldung auszurichten - dem Papa werd ich sagen, Sie htten
nicht bleiben knnen, eine Verabredung, Klub oder sonstwas.

Whrend Woldemar nach diesem abschlieenden Gesprch mit Melusine die Treppe
hinabstieg und auf den nchsten Droschkenstand zuschritt, sa der alte Graf in
seinem Zimmer und sah, den rechten Fu auf einen Stuhl gelehnt, durch das
Balkonfenster auf den Abendhimmel. Er liebte diese Dmmerstunde, drin er sich
nicht gerne stren lie (am wenigsten gern durch vorzeitig gebrachtes Licht),
und als Jeserich, der das alles wute, jetzt eintrat, war es nicht, um dem alten
Grafen die Lampe zu bringen, sondern nur, um ein paar Kohlen aufzuschtten.
    Wer war denn da, Jeserich?
    Der Herr Rittmeister.
    So, so. Schade, da er nicht geblieben ist. Aber freilich, was soll er mit
mir? Und der Fu und die Schmerzen, dadurch wird man auch nicht interessanter.
Armgard und nun gar erst Melusine, ja, da geht es, da redet sich's schon besser,
und das wird der Rittmeister wohl auch finden. Aber soviel ist richtig, ich
spreche gern mit ihm; er hat so was Ruhiges und Gesetztes und immer schlicht und
natrlich. Meinst du nicht auch?
    Jeserich nickte.
    Und glaubst du nicht auch (denn warum kme er sonst so oft), da er was
vorhat?
    Glaub ich auch, Herr Graf.
    Na, was glaubst du?
    Gott, Herr Graf...
    Ja, Jeserich, du willst nicht raus mit der Sprache. Das hilft dir aber
nichts. Wie denkst du dir die Sache?
    Jeserich schmunzelte, schwieg aber weiter, weshalb dem alten Grafen nichts
brigblieb, als seinerseits fortzufahren. Natrlich pat Armgard besser, weil
sie jung ist: es ist so mehr das richtige Verhltnis, und berhaupt, Armgard ist
sozusagen dran. Aber, wei der Teufel, Melusine...
    Freilich, Herr Graf.
    Also du hast doch auch so was gesehen. Alles dreht sich immer um die. Wie
denkst du dir nun den Rittmeister? Und wie denkst du dir die Damen? Und wie
steht es berhaupt? Ist es die oder ist es die?
    Ja, Herr Graf, wie soll ich darber denken? Mit Damen wei man ja nie -
vornehm und nicht vornehm, klein und gro, arm und reich, das is all eins. Mit
unsrer Lizzi is es gerad ebenso wie mit Grfin Melusine. Wenn man denkt, es is
so, denn is es so, und wenn man denkt, es is so, denn is es wieder so. Wie meine
Frau noch lebte, Gott habe sie selig, die sagte auch immer: Ja, Jeserich, was du
dir blo denkst; wir sind eben ein Rtsel. Ach Gott, sie war ja man einfach,
aber das knnen Sie mir glauben, Herr Graf, so sind sie alle.
    Hast ganz recht, Jeserich. Und deshalb knnen wir auch nicht gegen an. Und
ich freue mich, da du das auch so scharf aufgefat hast. Du bist berhaupt ein
Menschenkenner. Wo du's blo her hast? Du hast so was von 'nem Philosophen. Hast
du schon mal einen gesehen?
    Nein, Herr Graf. Wenn man soviel zu tun hat und immer Silber putzen mu.
    Ja, Jeserich, das hilft doch nu nich, davon kann ich dich nicht frei
machen...
    Nein, so mein ich es ja auch nich, Herr Graf, und bin ja auch frs Alte.
Gute Herrschaft und immer denken, man gehrt so halb wie mit dazu - dafr bin
ich. Und manche sollen ja auch halb mit dazu gehren... Aber ein bichen
anstrengend is es doch mitunter, und man is doch am Ende auch ein Mensch...
    Na, hre, Jeserich, das hab ich dir doch noch nicht abgesprochen.
    Nein, nein, Herr Graf. Gott, man sagt so was blo. Aber ein bichen is es
doch damit...

                                Zwlftes Kapitel


Woldemar - wie Rex seinem Freunde Czako, als beide ber den Cremmer Damm ritten,
ganz richtig mitgeteilt hatte - verkehrte seit Ausgang des Winters im Barbyschen
Hause, das er sehr bald vor andern Husern seiner Bekanntschaft bevorzugte.
Vieles war es, was ihn da fesselte, voran die beiden Damen; aber auch der alte
Graf. Er fand hnlichkeiten, selbst in der uern Erscheinung, zwischen dem
Grafen und seinem Papa, und in seinem Tagebuche, das er, trotz sonstiger
Modernitt, in altmodischer Weise von jung an fhrte, hatte er sich gleich am
ersten Abend ber eine gewisse Verwandtschaft zwischen den beiden geuert. Es
hie da unterm 18. April: Ich kann Wedel nicht dankbar genug sein, mich bei den
Barbys eingefhrt zu haben; alles, was er von dem Hause gesagt, fand ich
besttigt. Diese Grfin, wie scharmant, und die Schwester ebenso, trotzdem
grere Gegenstze kaum denkbar sind. An der einen alles Temperament und Anmut,
an der andern alles Charakter oder, wenn das zuviel gesagt sein sollte,
Schlichtheit, Festigkeit. Es bleibt mit den Namen doch eine eigne Sache; die
Grfin ist ganz Melusine und die Comtesse ganz Armgard. Ich habe bis jetzt
freilich nur eine dieses Namens kennengelernt, noch dazu blo als Bhnenfigur,
und ich mute bestndig an diese denken, wie sie da (ich glaube, es war Frulein
Stolberg, die ja auch das Ma hat) dem Landvogt so mutig in den Zgel fllt.
Ganz so wirkt Comtesse Armgard! Ich mchte beinah sagen, es lt sich an ihr
wahrnehmen, da ihre Mutter eine richtige Schweizerin war. Und dazu der alte
Graf! Wie ein Zwillingsbruder von Papa; derselbe Bismarckkopf, dasselbe humane
Wesen, dieselbe Freundlichkeit, dieselbe gute Laune. Papa ist aber ausgiebiger
und auch wohl origineller. Vielleicht hat der verschiedene Lebensgang diese
Verschiedenheiten erst geschaffen. Papa sitzt nun seit richtigen dreiig Jahren
in seinem Ruppiner Winkel fest, der Graf war ebensolange drauen! Ein
Botschaftsrat ist eben was andres als ein Ritterschaftsrat, und an der Themse
wchst man sich anders aus als am Stechlin - unsern Stechlin dabei natrlich in
Ehren. Trotzdem, die Verwandtschaft bleibt. Und der alte Diener, den sie
Jeserich nennen, der ist nun schon ganz und gar unser Engelke vom Kopf bis zur
Zeh. Aber was am verwandtesten ist, das ist doch die gesamte Hausatmosphre, das
Liberale. Papa selbst wrde zwar darber lachen - er lacht ber nichts so sehr
wie ber Liberalismus -, und doch kenne ich keinen Menschen, der innerlich so
frei wre wie gerade mein guter Alter. Zugeben wird er's freilich nie und wird
in dem Glauben sterben: Morgen tragen sie einen echten alten Junker zu Grabe.
Das ist er auch, aber doch auch wieder das volle Gegenteil davon. Er hat keine
Spur von Selbstsucht. Und diesen schnen Zug (ach, so selten), den hat auch der
alte Graf. Nebenher freilich ist er Weltmann, und das gibt dann den Unterschied
und das bergewicht. Er wei - was sie hierzulande nicht wissen oder nicht
wissen wollen -, da hinterm Berge auch noch Leute wohnen. Und mitunter noch
ganz andre.

Das waren die Worte, die Woldemar in sein Tagebuch eintrug. Von allem, was er
gesehen, war er angenehm berhrt worden, auch von Haus und Wohnung. Und dazu war
guter Grund da, mehr, als er nach seinem ersten Besuche wissen konnte. Das von
der grflichen Familie bewohnte Haus mit seinen Loggien und seinem diminutiven
Hof und Garten teilte sich in zwei Hlften, von denen jede noch wieder ihre
besondern Annexe hatte. Zu der Beletage gehrte das zur Seite gelegene
pittoreske Hof- und Stallgebude, drin der grfliche Kutscher, Herr Imme,
residierte, whrend zu dem die zweite Hlfte des Hauses bildenden Hochparterre
ziemlich selbstverstndlich noch das kleine niedrige Souterrain gerechnet wurde,
drin, auer Portier Hartwig selbst, dessen Frau, sein Sohn Rudolf und seine
Nichte Hedwig wohnten. Letztere freilich nur zeitweilig, und zwar immer nur
dann, wenn sie, was allerdings ziemlich hufig vorkam, mal wieder ohne Stellung
war. Die Wirtin des Hauses, Frau Hagelversicherungssekretr Schickedanz, htte
diesen gelegentlichen Aufenthalt der Nichte Hartwigs eigentlich beanstanden
mssen, lie es aber gehen, weil Hedwig ein heiteres, quickes und sehr
anstelliges Ding war und manches besa, was die Schickedanz mit der
Ungehrigkeit des ewigen Dienstwechsels wieder ausshnte.
    Die Schickedanz, eine Frau von sechzig, war schon verwitwet, als im Herbst
fnfundachtzig die Barbys einzogen, Comtesse Armgard damals erst zehnjhrig.
Frau Schickedanz selbst war um jene Zeit noch in Trauer, weil ihr Gatte, der
Versicherungssekretr, erst im Dezember des voraufgegangenen Jahres gestorben
war, drei Tage vor Weihnachten, ein Umstand, auf den der Hilfsprediger, ein
junger Kandidat, in seiner Leichenrede bestndig hingewiesen und die gewollte
Wirkung auch richtig erzielt hatte. Allerdings nur bei der Schickedanz selbst
und einigermaen auch bei der Frau Hartwig, die whrend der ganzen Rede
bestndig mit dem Kopf genickt und nachtrglich ihrem Manne bemerkt hatte: Ja,
Hartwig, da liegt doch was drin. Hartwig selber indes, der, im Gegensatz zu den
meisten seines Standes, humoristisch angeflogen war, hatte fr die merkwrdige
Fgung von drei Tage vor Weihnachten nicht das geringste Verstndnis gezeigt,
vielmehr nur die Bemerkung dafr gehabt: Ich wei nicht, Mutter, was du dir
eigentlich dabei denkst? Ein Tag ist wie der andre; mal mu man ran - worauf
die Frau jedoch geantwortet hatte: Ja, Hartwig, das sagst du so immer; aber
wenn du dran bist, dann redst du anders.
    Der verstorbene Schickedanz hatte, wie der Tod ihn ankam, ein Leben hinter
sich, das sich in zwei sehr verschiedene Hlften, in eine ganz kleine
unbedeutende und in eine ganz groe, teilte. Die unbedeutende Hlfte hatte lange
gedauert, die groe nur ganz kurz. Er war ein Ziegelstreichersohn aus dem bei
Potsdam gelegenen Dorfe Kaputt, was er, als er aus dem diesem Dorfnamen
entsprechenden Zustande heraus war, in Gesellschaft guter Freunde gern
hervorhob. Es war so ziemlich der einzige Witz seines Lebens, an dem er aber zh
festhielt, weil er sah, da er immer wieder wirkte. Manche gingen so weit, ihm
den Witz auch noch moralisch gutzuschreiben, und behaupteten: Schickedanz sei
nicht blo ein Charakter, sondern auch eine bescheidene Natur.
    Ob dies zutraf, wer will es sagen! Aber das war sicher, da er sich von
Anfang an als ein aufgeweckter Junge gezeigt hatte. Schon mit sechzehn war er
als Hilfsschreiber in die deutsch-englische Hagelversicherungsgesellschaft
Pluvius eingetreten und hatte mit sechsundsechzig sein fnfzigjhriges
Dienstjubilum in eben dieser Gesellschaft gefeiert. Das war aus bestimmten
Grnden ein groer Tag gewesen. Denn als Schickedanz ihn erlebte, hie er nur
noch so ganz obenhin Herr Versicherungssekretr, war aber in Wahrheit ber
diesen seinen Titel weit hinausgewachsen und besa bereits das schne Haus am
Kronprinzenufer. Er hatte sich das leisten knnen, weil er im Laufe der letzten
fnf Jahre zweimal hintereinander ein Viertel vom Groen Lose gewonnen hatte.
Dies sah er sich allerseits als persnliches Verdienst angerechnet und auch wohl
mit Recht. Denn arbeiten kann jeder, das Groe Los gewinnen kann nicht jeder.
Und so blieb er denn bei der Versicherungsgesellschaft lediglich nur noch als
verhtscheltes Zierstck, weil es damals wie jetzt einen guten Eindruck machte,
Personen der Art im Dienst oder gar als Teilnehmer zu haben. An der Spitze mu
immer ein Frst stehen. Und Schickedanz war jetzt Frst. Alles drngte sich
nicht blo an ihn, sondern seine Stammtischfreunde, die zu seiner zweimal
bewhrten Glckshand ein unbedingtes Vertrauen hatten, drangen sogar eine
Zeitlang in ihn, die Lotterielose fr sie zu ziehen. Aber keiner gewann, was
schlielich einen Umschlag schuf und einzelne von bsem Blick und sogar ganz
unsinnigerweise von Mogelei sprechen lie. Die meisten indessen hielten es fr
klug, ihr belwollen zurckzuhalten; war er doch immerhin ein Mann, der jedem,
wenn er wollte, Deckung und Sttze geben konnte. Ja, Schickedanz' Glck und
Ansehen waren gro, am grten natrlich an seinem Jubilumstage. Nicht zu
glauben, wer da alles kam. Nur ein Orden kam nicht, was denn auch von einigen
Schickedanzfanatikern sehr miliebig bemerkt wurde Besonders schmerzlich empfand
es die Frau. Gott, er hat doch immer so treu gewhlt, sagte sie. Sie kam aber
nicht in die Lage, sich in diesen Schmerz einzuleben, da schon die nchsten
Zeiten bestimmt waren, ihr Schwereres zu bringen. Am 21. September war das
Jubilum gewesen, am 21. Oktober erkrankte er, am 21. Dezember starb er. Auf dem
Notizenzettel, den man damals dem Kandidaten zugestellt hatte, hatte dieser
dreimal wiederkehrende Einundzwanzigste gefehlt, was alles in allem wohl als
ein Glck angesehen werden konnte, weil, entgegengesetztenfalls, die drei Tage
vor Weihnachten entweder gar nicht zustande gekommen oder aber durch eine
geteilte Herrschaft in ihrer Wirkung abgeschwcht worden wren.
    Schickedanz war bei voller Besinnung gestorben. Er rief, kurz vor seinem
Ende, seine Frau an sein Bett und sagte: Riekchen, sei ruhig. Jeder mu. Ein
Testament hab ich nicht gemacht. Es gibt doch blo immer Zank und Streit. Auf
meinem Schreibtisch liegt ein Briefbogen, drauf hab ich alles Ntige
geschrieben. Viel wichtiger ist mir das mit dem Haus. Du mut es behalten, damit
die Leute sagen knnen: Da wohnt Frau Schickedanz. Hausname, Straenname, das
ist berhaupt das Beste. Straenname dauert noch lnger als Denkmal.
    Gott, Schickedanz, sprich nicht soviel; es strengt dich an. Ich will es ja
alles heilighalten, schon aus Liebe...
    Das ist recht, Riekchen. Ja, du warst immer eine gute Frau, wenn wir auch
keine Nachfolge gehabt haben. Aber darum bitte ich dich, vergi nie, da es
meine Puppe war. Du darfst blo vornehme Leute nehmen; reiche Leute, die blo
reich sind, nimm nicht; die qungeln blo und schlagen groe Haken in die
Trfllung und hngen eine Schaukel dran. berhaupt, wenn es sein kann, keine
Kinder. Hartwigen unten mut du behalten; er ist eigentlich ein Klugschmus, aber
die Frau ist gut. Und der kleine Rudolf, mein Patenkind, wenn er ein Jahr alt
wird, soll er hundert Taler kriegen. Taler, nicht Mark. Und der Schullehrer in
Kaputt soll auch hundert Taler kriegen. Der wird sich wundern. Aber darauf freu
ich mich schon. Und auf dem Invalidenkirchhof will ich begraben sein, wenn es
irgend geht. Invalide ist ja doch eigentlich jeder. Und Anno siebzig war ich
doch auch mit Liebesgaben bis dicht an den Feind, trotzdem Luchterhand immer
sagte: Nicht so nah ran. Sei freundlich gegen die Leute und nicht zu sparsam (du
bist ein bichen zu sparsam), und bewahre mir einen Platz in deinem Herzen. Denn
treu warst du, das sagt mir eine innere Stimme.
    Diesem allem hatte Riekchen seitdem gelebt. Die Beletage, die leer stand,
als Schickedanz starb, blieb noch drei Vierteljahre unbewohnt, trotzdem sich
viele Herrschaften meldeten. Aber sie deckten sich nicht mit der Forderung, die
Schickedanz vor seinem Hinscheiden gestellt hatte. Herbst fnfundachtzig kamen
dann die Barbys. Die kleine Frau sah gleich, ja, das sind die, die mein Seliger
gemeint hat. Und sie hatte wirklich richtig gewhlt. In den fast zehn Jahren,
die seitdem verflossen waren, war es auch nicht ein einziges Mal zu Konflikten
gekommen, mit der grflichen Familie schon gewi nicht, aber auch kaum mit den
Dienerschaften. Ein persnlicher Verkehr zwischen Erdgescho und Beletage konnte
natrlich nicht stattfinden - Hartwig war einfach der alter ego, der mit
Jeserich alles Ntige durchzusprechen hatte. Kam es aber ausnahmsweise zwischen
Wirtin und Mieter zu irgendeiner Begegnung, so bewahrte dabei die kleine winzige
Frau (die nie viel war und seit ihres Mannes Tode noch immer weniger geworden
war) eine merkwrdig gemessene Haltung, die jedem mit dem Berliner Wesen
Unvertrauten eine Verwunderung abgentigt haben wrde. Riekchen empfand sich
nmlich in solchem Augenblicke durchaus als Macht gegen Macht. Wie beinah
jedem hierlandes Geborenen war auch ihr die Gabe wirklichen Vergleichenknnens
vllig versagt, weil jeder echte, mit Spreewasser getaufte Berliner, mnnlich
oder weiblich, seinen Zustand nur an seiner eignen kleinen Vergangenheit, nie
aber an der Welt drauen mit, von der er, wenn er ganz echt ist, weder eine
Vorstellung hat noch berhaupt haben will. Der autochthone Kellerwurm, wenn er
fnfzig Jahre spter in eine Steglitzer Villa zieht, bildet - auch wenn er
seiner Natur nach eigentlich der bescheidenste Mensch ist - eine gewisse naive
Krsusvorstellung in sich aus und glaubt ganz ernsthaft, jenen Gold- und
Silberknigen zuzugehren, die die Welt regieren. So war auch die Schickedanz.
Hinter einem Dachfenster in der Georgenkirchstrae geboren, an welchem
Dachfenster sie spter fr ein Weizeuggeschft genht hatte, kam ihr ihr Leben,
wenn sie rckblickte, wie ein Mrchen vor, drin sie die Rolle der Prinzessin
spielte. Dementsprechend durchdrang sie sich, still, aber stark, mit einem
Hochgefhl, das sowohl Geld- wie Geburtsgren gegenber auf Ebenbrtigkeit
lossteuerte. Sie rangierte sich ein und wies sich, soweit ihre historische
Kenntnis das zulie, einen ganz bestimmten Platz an: Frst Dolgoruki, Herzog von
Devonshire, Schickedanz.
    Die Treue, die der Verstorbene noch in seinen letzten Augenblicken ihr
nachgerhmt hatte, steigerte sich mehr und mehr zum Kult. Die Vormittagsstunden
jedes Tages gehrten dem hohen Palisanderschrank an, drin die Jubilumsgeschenke
wohlgeordnet standen: ein groer Silberpokal mit einem drachenttenden Sankt
Georg auf dem Deckel, ein Album mit photographischen Aufnahmen aller
Sehenswrdigkeiten von Kaputt, eine groe Huldigungsadresse mit
Aquarellarabesken, mehrere Lieder in Prachtdruck (darunter ein Kegelklublied mit
dem Refrain alle neune), Riesenstrue von Sonnenblumen, ein Oreiller mit dem
Eisernen Kreuz und einem aufgehefteten Gedicht, von einem Damenkomitee
herrhrend, in dessen Auftrag er, Schickedanz, die Liebesgaben bis vor Paris
gebracht hatte. Neben dem Schrank, auf einer Ebenholzsule, stand eine
Gipsbste, Geschenk eines dem Stammtisch angehrigen Bildhauers, der daraufhin
einen leider ausgebliebenen Auftrag in Marmor erwartet hatte. Fauteuils und
Sthle steckten in groblumigen berzgen, desgleichen der Kronleuchter in einem
Gazemantel, und an den Frontfenstern standen, den ganzen Winter ber, Maiblumen.
Riekchen trug auch Maiblumen auf jeder ihrer Hauben, war berhaupt, seit das
Trauerjahr um war, immer hell gekleidet, wodurch ihre Gestalt noch
unkrperlicher wirkte. Jeden ersten Montag im Monat war allgemeines Reinmachen,
auch bei Wind und Klte. Dies war immer ein Tag grter Aufregung, weil jedesmal
etwas zerbrochen oder umgestoen wurde. Das blieb auch so durch Jahre hin, bis
das Auftreten von Hedwig, die sich einer sehr geschickten Hand erfreute, Wandel
in diesem Punkte schaffte. Die Nippsachen zerbrachen nun nicht mehr, und
Riekchen war um so glcklicher darber, als Hartwigs hbsche Nichte, wenn sie
mal wieder den Dienst gekndigt hatte, regelmig allerlei davon zu erzhlen und
mit immer neuen und oft sehr intrikaten Geschichten ins Feld zu rcken wute.
    Die Barbys hatten alle Ursache, mit dem Schickedanzschen Hause zufrieden zu
sein. Nur eines strte, das war, da jeden Mittwoch und Sonnabend die Teppiche
geklopft wurden, immer gerade zu der Stunde, wo der alte Graf seine
Nachmittagsruhe halten wollte. Das verdro ihn eine Weile, bis er schlielich zu
dem Ergebnis kam: Eigentlich bin ich doch selber schuld daran. Warum setz ich
mich immer wieder in die Hinterstube, statt einfach vorn an mein Fenster? Immer
hasardier ich wieder und denke: heute bleibt es vielleicht ruhig; willst es doch
noch mal versuchen.

Ja, der alte Graf war nicht blo froh, die Wohnung zu haben, er hielt auch
beinah aberglubisch an ihr fest. Solange er darin wohnte, war es ihm gut
ergangen, nicht glnzender als frher, aber sorgenloser. Und das sagte er sich
jeden neuen Tag.
    Sein Leben, so bunt es gewesen, war trotzdem in gewissem Sinne
durchschnittsmig verlaufen, ganz so, wie das Leben eines preuischen
Magnaten (worunter man in der Regel Schlesier versteht; aber es gibt doch auch
andre) zu verlaufen pflegt.
    Im Juli dreiig, gerade als die Franzosen Algier bombardierten und nebenher
das Haus Bourbon endgltig beseitigten, war der Graf auf einem der an der
mittleren Elbe gelegenen Barbyschen Gter geboren worden. Auf eben diesem Gute -
das landwirtschaftlich einer von fremder Hand gefhrten Administration
unterstand - vergingen ihm die Kinderjahre; mit zwlf kam er dann auf die
Ritterakademie, mit achtzehn in das Regiment Garde du Corps, drin die Barbys
standen, solang es ein Regiment Garde du Corps gab. Mit dreiig war er
Rittmeister und fhrte eine Schwadron. Aber nicht lange mehr. Auf einem in der
Nhe von Potsdam veranstalteten Kavalleriemanver strzte er unglcklich und
brach den Oberschenkel, unmittelbar unter der Hfte. Leidlich genesen, ging er
nach Ragaz, um dort vllige Wiederherstellung zu suchen, und machte hier die
Bekanntschaft eines alten Freiherrn von Planta, der ihn alsbald auf seine
Besitzungen einlud. Weil diese ganz in der Nhe lagen, nahm er die Einladung
nach Schlo Schuder an. Hier blieb er lnger, als erwartet, und als er das schn
gelegene Bergschlo wieder verlie, war er mit der Tochter und Erbin des Hauses
verlobt. Es war eine groe Neigung, was sie zusammenfhrte. Die junge Freiin
drang alsbald in ihn, den Dienst zu quittieren, und er entsprach dem um so
lieber, als er seiner vlligen Wiederherstellung nicht ganz sicher war. Er nahm
also den Abschied und trat aus dem militrischen in den diplomatischen Dienst
ber, wozu seine Bildung, sein Vermgen, seine gesellschaftliche Stellung ihn
gleichmig geeignet erscheinen lieen. Noch im selben Jahre ging er nach
London, erst als Attach, wurde dann Botschaftsrat und blieb in dieser Stellung
zunchst bis in die Tage der Aufrichtung des Deutschen Reichs. Seine Beziehungen
sowohl zu der heimisch-englischen wie zu der auerenglischen Aristokratie waren
jederzeit die besten, und sein Freundschaftsverhltnis zu Baron und Baronin
Berchtesgaden entstammte jener Zeit. Er hing sehr an London. Das englische
Leben, an dem er manches, vor allem die geschraubte Kirchlichkeit, beanstandete,
war ihm trotzdem auerordentlich sympathisch, und er hatte sich daran gewhnt,
sich als verwachsen damit anzusehen. Auch seine Familie, die Frau und die zwei
Tchter - beide, wenn auch in groem Abstande, whrend der Londoner Tage geboren
-, teilten des Vaters Vorliebe fr England und englisches Leben. Aber ein harter
Schlag warf alles um, was der Graf geplant: die Frau starb pltzlich, und der
Aufenthalt an der ihm so liebgewordenen Sttte war ihm vergllt. Er nahm in der
ersten Hlfte der achtziger Jahre seine Demission, ging zunchst auf die
Plantaschen Gter nach Graubnden und dann weiter nach Sden, um sich in Florenz
sehaft zu machen. Die Luft, die Kunst, die Heiterkeit der Menschen, alles tat
ihm hier wohl, und er fhlte, da er genas, soweit er wieder genesen konnte.
Glckliche Tage brachen fr ihn an, und sein Glck schien sich noch steigern zu
sollen, als sich die ltere Tochter mit dem italienischen Grafen Ghiberti
verlobte. Die Hochzeit folgte beinah unmittelbar. Aber die Fortdauer dieser Ehe
stellte sich bald als eine Unmglichkeit heraus, und ehe ein Jahr um war, war
die Scheidung ausgesprochen. Kurze Zeit danach kehrte der Graf nach Deutschland
zurck, das er, seit einem Vierteljahrhundert, immer nur flchtig und
besuchsweise wiedergesehen hatte. Sich auf das eine oder andre seiner Elbgter
zu begeben widerstand ihm auch jetzt noch, und so kam es, da er sich fr Berlin
entschied. Er nahm Wohnung am Kronprinzenufer und lebte hier ganz sich, seinem
Hause, seinen Tchtern. Von dem Verkehr mit der groen Welt hielt er sich so
weit wie mglich fern, und nur ein kleiner Kreis von Freunden, darunter auch die
durch einen glcklichen Zufall ebenfalls von London nach Berlin verschlagenen
Berchtesgadens waren, versammelte sich um ihn. Auer diesen alten Freunden waren
es vorzugsweise Hofprediger Frommel, Doktor Wrschowitz und seit letztem Frhjahr
auch Rittmeister von Stechlin, die den Barbyschen Kreis bildeten. An Woldemar
hatte man sich rasch attachiert, und die freundlichen Gefhle, denen er bei dem
alten Grafen sowohl wie bei den Tchtern begegnete, wurden von allen
Hausbewohnern geteilt. Selbst die Hartwigs interessierten sich fr den
Rittmeister, und wenn er abends an der Portierloge vorberkam, guckte Hedwig
neugierig durch das Fensterchen und sagte: So einen - ja, das la ich mir
gefallen.

                              Dreizehntes Kapitel


Woldemar, als er sich von den jungen Damen im Barbyschen Hause verabschiedet
hatte, hatte versprechen mssen, seinen Besuch recht bald zu wiederholen.
    Aber was war recht bald? Er rechnete hin und her und fand, da der dritte
Tag dem etwa entsprechen wrde; das war recht bald und doch auch wieder nicht
zu frh. Und so ging er denn, als der Abend dieses dritten Tages da war, auf die
Hallische Brcke zu, wartete hier die Ringbahn ab und fuhr, am Potsdamer und
Brandenburger Tor vorber, bis an jene sonderbare Reichstagsuferstelle, wo, von
mchtiger Giebelwand herab, ein wohl zwanzig Fu hohes, riesiges Kaffeemdchen
mit einem ganz kleinen Hubchen auf dem Kopf freundlich auf die Welt der
Vorbereilenden herniederblickt, um ihnen ein Paket Kneippschen Malzkaffee zu
prsentieren. An dieser echt berlinisch-pittoresken Ecke stieg Woldemar ab, um
die von hier aus nur noch kurze Strecke bis an das Kronprinzenufer zu Fu
zurckzulegen.
    Es war gegen acht, als er in dem Barbyschen Hause die mit Teppich berdeckte
Marmortreppe hinaufstieg und die Klingel zog. Im selben Augenblick, wo Jeserich
ffnete, sah Woldemar an des Alten verlegenem Gesicht, da die Damen aller
Wahrscheinlichkeit nach wieder nicht zu Hause waren. Aber eine Verstimmung
darber durfte nicht aufkommen, und so lie er es geschehen, da Jeserich ihn
bei dem alten Grafen meldete.
    Der Herr Graf lassen bitten.
    Und nun trat Woldemar in das Zimmer des wieder mal von Neuralgie Geplagten
ein, der ihm, auf einen dicken Stock gesttzt, unter freundlichem Gru
entgegenkam.
    Aber Herr Graf, sagte Woldemar und nahm des alten Herrn linken Arm, um ihn
bis an seinen Lehnstuhl und eine fr den kranken Fu zurechtgemachte Stellage
zurckzufhren. Ich frchte, da ich stre.
    Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Mir hochwillkommen. Auerdem hab ich
strikten Befehl, Sie, cote que cote, festzuhalten; Sie wissen, Damen sind gro
in Ahnungen, und bei Melusine hat es schon geradezu was Prophetisches.
    Woldemar lchelte.
    Sie lcheln, lieber Stechlin, und haben recht. Denn da sie nun schlielich
doch gegangen ist (natrlich zu den Berchtesgadens), ist ein Beweis, da sie
sich und ihrer Prophetie doch auch wieder einigermaen mitraute. Aber man ist
immer nur klug und weise fr andre. Die Doktors machen es ebenso; wenn sie sich
selber behandeln sollen, wlzen sie die Verantwortung von sich ab und sterben
lieber durch fremde Hand. Aber was sprech ich nur immer von Melusine. Freilich,
wer in unserm Hause so gut Bescheid wei wie Sie, wird nichts berraschliches
darin finden. Und zugleich wissen Sie, wie's gemeint ist. Armgard ist brigens
in Sicht; keine zehn Minuten mehr, so werden wir sie hier haben.
    Ist sie mit bei der Baronin?
    Nein, Sie drfen sie nicht so weit suchen. Armgard ist in ihrem Zimmer, und
Doktor Wrschowitz ist bei ihr. Es kann aber nicht lange mehr dauern.
    Aber ich bitte Sie, Herr Graf, ist die Comtesse krank?
    Gott sei Dank, nein. Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor, sondern
ein Musikdoktor. Sie haben von ihm rein zufllig noch nicht gehrt, weil erst
vorige Woche, nach einer langen, langen Pause, die Musikstunden wieder
aufgenommen wurden. Er ist aber schon seit Jahr und Tag Armgards Lehrer.
    Musikdoktor? Gibt es denn die?
    Lieber Stechlin, es gibt alles. Also natrlich auch das. Und sosehr ich im
ganzen gegen die Doktorhascherei bin, so liegt es hier doch so, da ich dem
armen Wrschowitz seinen Musikdoktor gnnen oder doch mindestens verzeihen mu.
Er hat den Titel auch noch nicht lange.
    Das klingt ja fast wie 'ne Geschichte.
    Trifft auch zu. Knnen Sie sich denken, da Wrschowitz aus einer Art
Verzweiflung Doktor geworden ist?
    Kaum. Und wenn kein Geheimnis...
    Durchaus nicht; nur ein Kuriosum. Wrschowitz hie nmlich bis vor zwei
Jahren, wo er als Klavierlehrer, aber als ein hherer (denn er hat auch eine
Oper komponiert), in unser Haus kam, einfach Niels Wrschowitz, und er ist blo
Doktor geworden, um den Niels auf seiner Visitenkarte loszuwerden.
    Und das ist ihm auch geglckt?
    Ich glaube ja, wiewohl es immer noch vorkommt, da ihn einzelne ganz wie
frher Niels nennen, entweder aus Zufall oder auch wohl aus Schndlichkeit. In
letzterem Falle sind es immer Kollegen. Denn die Musiker sind die boshaftesten
Menschen. Meist denkt man, die Prediger und die Schauspieler seien die
schlimmsten. Aber weit gefehlt. Die Musiker sind ihnen ber. Und ganz besonders
schlimm sind die, die die sogenannte heilige Musik machen.
    Ich habe dergleichen auch schon gehrt, sagte Woldemar. Aber was ist das
nur mit Niels? Niels ist doch an und fr sich ein hbscher und ganz harmloser
Name. Nichts Anzgliches drin.
    Gewi nicht. Aber Wrschowitz und Niels! Er litt, glaub ich, unter diesem
Gegensatz.
    Woldemar lachte. Das kenn ich. Das kenn ich von meinem Vater her, der
Dubslav heit, was ihm auch immer hchst unbequem war. Und da reichen wohl nicht
hundert Mal, da ich ihn wegen dieses Namens seinen Vater habe verklagen hren.
    Genauso hier, fuhr der Graf in seiner Erzhlung fort. Wrschowitz' Vater,
ein kleiner Kapellmeister an der tschechisch-polnischen Grenze, war ein
Niels-Gade-Schwrmer, woraufhin er seinen Jungen einfach Niels taufte. Das war
nun wegen des Kontrastes schon gerade bedenklich genug. Aber das eigentlich
Bedenkliche kam doch erst, als der allmhlich ein scharfer Wagnerianer werdende
Wrschowitz sich zum direkten Niels-Gade-Verchter ausbildete. Niels Gade war ihm
der Inbegriff alles Trivialen und Unbedeutenden, und dazu kam noch, wie Amen in
der Kirche, da unser junger Freund, wenn er als Niels Wrschowitz vorgestellt
wurde, mit einer Art Sicherheit der Phrase begegnete: Niels? Ah, Niels. Ein
schner Name innerhalb unsrer musikalischen Welt. Und hocherfreulich, ihn hier
zum zweiten Male vertreten zu sehen. All das konnte der arme Kerl auf die Dauer
nicht aushalten, und so kam er auf den Gedanken, den Vornamen auf seiner Karte
durch einen Doktortitel wegzueskamotieren.
    Woldemar nickte.
    Jedenfalls, lieber Stechlin, ersehen Sie daraus zur Genge, da unser
Wrschowitz, als richtiger Knstler, in die Gruppe gens irritabilis gehrt, und
wenn Armgard ihn vielleicht aufgefordert haben sollte, zum Tee zu bleiben, so
bitt ich Sie herzlich, dieser Reizbarkeit eingedenk zu sein. Wenn irgend
mglich, vermeiden Sie Beziehungen auf die ganze skandinavische Welt, besonders
aber auf Dnemark direkt. Er wittert berall Verrat. brigens, wenn man auf
seiner Hut ist, ist er ein feiner und gebildeter Mann. Ich hab ihn eigentlich
gern, weil er anders ist wie andre.

Der alte Graf behielt recht mit seiner Vermutung: Armgard hatte den Doktor
Wrschowitz aufgefordert zu bleiben, und als bald danach Jeserich eintrat, um den
Grafen und Woldemar zum Tee zu bitten, fanden diese beim Eintritt in das
Mittelzimmer nicht nur Armgard, sondern auch Wrschowitz vor, der, die Finger
ineinandergefaltet, mitten in dem Salon stand und die an der Bfettwand
hngenden Bilder mit jenem eigentmlichen Mischausdruck von aufrichtigem
Gelangweiltsein und erknsteltem Interesse musterte. Der Rittmeister hatte dem
Grafen wieder seinen Arm geboten; Armgard ging auf Woldemar zu und sprach ihm
ihre Freude aus, da er gekommen; auch Melusine werde gewi bald dasein; sie
habe noch zuletzt gesagt: Du sollst sehen, heute kommt Stechlin. Danach wandte
sich die junge Comtesse wieder Wrschowitz zu, der sich eben in das von Hubert
Herkomer gemalte Bild der verstorbenen Grfin vertieft zu haben schien, und
sagte, gegenseitig vorstellend: Doktor Wrschowitz, Rittmeister von Stechlin.
Woldemar, seiner Instruktion eingedenk, verbeugte sich sehr artig, whrend
Wrschowitz, ziemlich ablehnend, seinem Gesicht den stolzen Doppelausdruck von
Knstler und Hussiten gab.
    Der alte Graf hatte mittlerweile Platz genommen, entschuldigte sich, mit der
unglcklichen Stellage beschwerlich fallen zu mssen, und bat die beiden Herren,
sich neben ihm niederzulassen, whrend Armgard, dem Vater gegenber, an der
andern Schmalseite des Tisches sa. Der alte Graf nahm seine Tasse Tee, schob
den Cognac, des Tees beren Teil, mit einem humoristischen Seufzer beiseit und
sagte, whrend er sich links zu Wrschowitz wandte: Wenn ich recht gehrt habe -
so ein bichen von musikalischem Ohr ist mir geblieben -, so war es Chopin, was
Armgard zu Beginn der Stunde spielte...
    Wrschowitz verneigte sich.
    Chopin, fr den ich eine Vorliebe habe, wie fr alle Polen, vorausgesetzt,
da sie Musikanten oder Dichter oder auch Wissenschaftsmenschen sind. Als
Politiker kann ich mich mit ihnen nicht befreunden. Aber vielleicht nur deshalb
nicht, weil ich Deutscher und sogar Preue bin.
    Sehr warr, sehr warr, sagte Wrschowitz, mehr gesinnungstchtig als artig.
    Ich darf sagen, da ich fr polnische Musiker, von meinen frhesten
Leutnantstagen an, eine schwrmerische Vorliebe gehabt habe. Da gab es unter
anderm eine Polonse von Oginski, die damals so regelmig und mit soviel
Passion gespielt wurde wie spter der Erlknig oder die Glocken von Speyer Es
war auch die Zeit vom Alten Feldherrn und von Denkst du daran, mein tapferer
Lagienka.
    Jawohl, Herr Graff, eine schlechte Zeit. Und warr mir immerdarr eine
besondere Lust zu sehen, wie das Sentimentalle wieder fllt. Immer merr, immer
merr, Ich hasse das Sentimentalle de tout mon coeur.
    Worin ich, sagte Woldemar, Herrn Doktor Wrschowitz durchaus zustimme. Wir
haben in der Poesie genau dasselbe. Da gab es auch dergleichen, und ich bekenne,
da ich als Knabe fr solche Sentimentalitten geschwrmt habe. Meine besondere
Schwrmerei war Knig Rens Tochter von Henrik Hertz, einem jungen Kopenhagener,
wenn ich nicht irre...
    Wrschowitz verfrbte sich, was Woldemar, als er es wahrnahm, zu sofortigem
raschen Einlenken bestimmte. ... Knig Rens Tochter, ein lyrisches Drama. Aber
schon seit lange wieder vergessen. Wir stehen jetzt im Zeichen von Tolstoi und
der Kreutzersonate.
    Sehr warr, sehr warr, sagte der rasch wieder beruhigte Wrschowitz und nahm
nur noch Veranlassung, energisch gegen die Mischung von Kunst und Sektierertum
zu protestieren.
    Woldemar, groer Tolstoischwrmer, wollte fr den russischen Grafen eine
Lanze brechen, aber Armgard, die, wenn derartige Themata berhrt wurden, der
Salonfhigkeit ihres Freundes Wrschowitz arg mitraute, war sofort aufrichtig
bemht, das Gesprch auf harmlosere Gebiete hinberzuspielen. Als ein solches
friedeverheiendes Gebiet erschien ihr in diesem Augenblicke ganz eminent die
Grafschaft Ruppin, aus deren abgelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder
eingetroffen war, und so sprach sie denn gegen diesen den Wunsch aus, ihn ber
seinen jngsten Ausflug einen kurzen Bericht erstatten zu sehen. Ich wei wohl,
da ich meiner Schwester Melusine (die voll Neugier und Verlangen ist, auch
davon zu hren) einen schlechten Dienst damit leiste; Herr von Stechlin wird es
aber nicht verschmhen, wenn meine Schwester erst wieder da ist, darauf
zurckzukommen. Es braucht ja, wenn man plaudert, nicht alles absolut neu zu
sein. Man darf sich wiederholen. Papa hat auch einzelnes, das er fter erzhlt.
    Einzelnes? lachte der Graf, meine Tochter Armgard meint vieles.
    Nein, Papa, ich meine einzelnes. Da gibt es denn doch ganz andre, zum
Beispiel unser guter Baron. Und die Baronin sieht auch immer weg, wenn er
anfngt. Aber lassen wir den Baron und seine Geschichten, und hren wir lieber
von Herrn von Stechlins Ausfluge. Doktor Wrschowitz teilt gewi meinen
Geschmack.
    Teile vollkommen.
    Also, Herr von Stechlin, fuhr Armgard fort, Sie haben nach diesen
Erklrungen unsers Freundes Wrschowitz einen freundlichen Zuhrer mehr,
vielleicht sogar einen begeisterten. Auch fr Papa mcht ich mich verbrgen. Wir
sind ja eigentlich selber mrkisch oder doch beinah und wissen trotzdem sowenig
davon, weil wir immer drauen waren. Ich kenne wohl Saatwinkel und den
Grunewald, aber das eigentliche brandenburgische Land, das ist doch noch etwas
andres. Es soll alles so romantisch sein und so melancholisch, Sand und Sumpf
und im Wasser ein paar Binsen oder eine Birke, dran das Laub zittert. Ist Ihre
Ruppiner Gegend auch so?
    Nein, Comtesse, wir haben viel Wald und See, die sogenannte
Mecklenburgische Seenplatte.
    Nun, das ist auch gut. Mecklenburg, wie mir die Berchtesgadens erst neulich
versichert haben, hat auch seine Romantik.
    Sehr warr. Habe gelesen Stromtid und habe gelesen Franzosentid...
    Und dann glaub ich auch zu wissen, fuhr Armgard fort, da Sie Rheinsberg
ganz in der Nhe haben. Ist es richtig? Und kennen Sie's? Es soll soviel
Interessantes bieten. Ich erinnere mich seiner aus meinen Kindertagen her,
trotzdem wir damals in London lebten. Oder vielleicht auch gerade deshalb. Denn
es war die Zeit, wo das Carlylesche Buch ber Friedrich den Groen immer noch in
Mode war und wo's zum guten Ton gehrte, sich nicht blo um die Terrasse von
Sanssouci zu kmmern, sondern auch um Rheinsberg und den Orden de la gnrosit.
Lebt das alles noch da? Spricht das Volk noch davon?
    Nein, Comtesse, das ist alles fort. Und berhaupt, von dem groen Knig
spricht im Rheinsbergischen niemand mehr, was auch kaum anders sein kann. Der
groe Knig war als Kronprinz nur kurze Zeit da, sein Bruder Heinrich aber
fnfzig Jahre. Und so hat die Prinz-Heinrich-Zeit beklagenswerterweise die
Kronprinzenzeit ganz erdrckt. Aber beklagenswert doch nicht in allem. Denn
Prinz Heinrich war auch bedeutend und vor allem sehr kritisch. Was doch immer
ein Vorzug ist.
    Sehr warr, sehr warr, unterbrach hier Wrschowitz.
    Er war sehr kritisch, wiederholte Woldemar. Namentlich auch gegen seinen
Bruder, den Knig. Und die Malkontenten, deren es auch damals schon die Hlle
und Flle gab, waren bestndig um ihn herum. Und dabei kommt immer was heraus.
    Sehr warr, sehr warr...
    Denn zufriedene Hofleute sind allemal d und langweilig, aber die
Frondeurs, wenn die den Mund auftun, da kann man was hren, da tut sich einem
was auf.
    Gewi߫, sagte Armgard. Aber trotzdem, Herr von Stechlin, ich kann das
Frondieren nicht leiden. Frondeur ist doch immer nur der gewohnheitsmig
Unzufriedene, und wer immer unzufrieden ist, der taugt nichts. Immer
Unzufriedene sind dnkelhaft und oft boshaft dazu, und whrend sie sich ber
andre lustig machen, lassen sie selber viel zu wnschen brig.
    Sehr warr, sehr warr, gndigste Comtesse, verbeugte sich Wrschowitz.
Aber, wollen verzeihn, Comtesse, wenn ich trotzdem bin fr Frondeur. Frondeur
ist Krittikk, und wo Guttes sein will, mu sein Krittikk. Deutsche Kunst viel
Krittikk. Erst mu sein Kunst, gewi, gewi, aber gleich danach mu sein
Krittikk. Krittikk ist wie groe Revolution, Kopf ab aus Prinzipp. Kunst mu
haben ein Prinzipp. Und wo Prinzipp is, is Kopf ab.
    Alles schwieg, so da dem Grafen nichts brigblieb, als etwas versptet
seine halbe Zustimmung auszudrcken. Armgard ihrerseits beeilte sich, auf
Rheinsberg zurckzukommen, das ihr trotz des fatalen Zwischenfalls mit Kopf
ab, im Vergleich zu vielleicht wiederkehrenden Musikgesprchen, immer noch als
wenigstens ein Nothafen erschien.
    Ich glaube, sagte sie, neben manchem andern auch mal von der
Frauenfeindschaft des Prinzen gehrt zu haben. Er soll - irre ich mich, so
werden Sie mich korrigieren - ein sogenannter Misogyne gewesen sein. Etwas
durchaus Krankhaftes in meinen Augen oder doch mindestens etwas sehr
Sonderbares.
    Sehr sonderbarr, sagte Wrschowitz, whrend sich, unter huldigendem
Hinblick auf Armgard, sein Gesicht wie verklrte.
    Wie gut, lieber Wrschowitz, fuhr Armgard fort, da Sie, mein Wort
besttigend, fr uns arme Frauen und Mdchen eintreten. Es gibt immer noch
Ritter, und wir sind ihrer so sehr bentigt. Denn wie mir Melusine erzhlt hat,
sind die Weiberfeinde sogar stolz darauf, Weiberfeinde zu sein, und behandeln
ihr Denken und Tun als eine hhere Lebensform. Kennen Sie solche Leute, Herr von
Stechlin? Und wenn Sie solche Leute kennen, wie denken Sie darber?
    Ich betrachte sie zunchst als Unglckliche.
    Das ist recht.
    Und zum zweiten als Kranke. Der Prinz, wie Comtesse schon ganz richtig
ausgesprochen haben, war auch ein solcher Kranker.
    Und wie uerte sich das? Oder ist es berhaupt nicht mglich, ber das
Thema zu sprechen?
    Nicht ganz leicht, Comtesse. Doch in Gegenwart des Herrn Grafen und, nicht
zu vergessen, auch in Gegenwart von Doktor Wrschowitz, der so schn und
ritterlich gegen die Misogynitt Partei genommen, unter solchem Beistande will
ich es doch wagen.
    Nun, das freut mich. Denn ich brenne vor Neugier.
    Und will auch nicht lnger ngstlich um die Sache herumgehen. Unser
Rheinsberger Prinz war ein richtiger Prinz aus dem vorigen Jahrhundert. Die
jetzigen sind Menschen; die damaligen waren nur Prinzen. Eine der Passionen
unsers Rheinsberger Prinzen - wenn man will, in einer Art Gegensatz von dem, was
schon gesagt wurde - war eine geheimnisvolle Vorliebe fr jungfruliche Tote,
besonders Brute. Wenn eine Braut im Rheinsbergischen, am liebsten auf dem
Lande, gestorben war, so lud er sich zu dem Begrbnis zu Gast. Und eh der
Geistliche noch dasein konnte (den vermied er), erschien er und stellte sich an
das Fuende des Sarges und starrte die Tote an. Aber sie mute geschminkt sein
und aussehen wie das Leben.
    Aber das ist ja schrecklich, brach es beinahe leidenschaftlich aus Armgard
hervor. Ich mag diesen Prinzen nicht und seine ganze Fronde nicht. Denn die
mssen ebenso gewesen sein. Das ist ja Blasphemie, das ist ja Grberschndung -
ich mu das Wort aussprechen, weil ich so emprt bin und nicht anders kann.
    Der alte Graf sah die Tochter an, und ein Freudenstrahl umleuchtete sein
gutes altes Gesicht. Auch Wrschowitz empfand so was von unbedingter Huldigung,
bezwang sich aber und sah, statt auf Armgard, auf das Bild der Grfinmutter, das
von der Wand niederblickte.
    Nur Woldemar blieb ruhig und sagte: Comtesse, Sie gehen vielleicht zu weit.
Wissen Sie, was in der Seele des Prinzen vorgegangen ist? Es kann etwas
Infernales gewesen sein, aber auch etwas ganz andres. Wir wissen es nicht. Und
weil er nebenher unbedingt groe Zge hatte, so bin ich dafr, ihm das in
Rechnung zu stellen.
    Bravo, Stechlin, sagte der alte Graf. Ich war erst Armgards Meinung. Aber
Sie haben recht, wir wissen es nicht. Und soviel wei ich noch von der
Juristerei her, in der ich, wohl oder bel, eine Gastrolle gab, da man in
zweifelhaften Fllen in favorem entscheiden mu. brigens geht eben die Klingel.
An bester Stelle wird ein Gesprch immer unterbrochen. Es wird Melusine sein.
Und sosehr ich gewnscht htte, sie wre von Anfang an mit dabeigewesen, wenn
sie jetzt so mit einem Male dazwischenfhrt, ist selbst Melusine eine Strung.
    Es war wirklich Melusine. Sie trat, ohne drauen abgelegt zu haben, ins
Zimmer, warf das schottische Cape, das sie trug, in eine Sofaecke und schritt,
whrend sie noch den Hut aus dem Haare nestelte, bis an den Tisch, um hier
zunchst den Vater, dann aber die beiden andern Herren zu begren. Ich seh
euch so verlegen, woraus ich schliee, da eben etwas Gefhrliches gesagt worden
ist. Also etwas ber mich.
    Aber, Melusine, wie eitel.
    Nun, dann also nicht ber mich. Aber ber wen? Das wenigstens will ich
wissen. Von wem war die Rede?
    Vom Prinzen Heinrich. Aber von dem ganz alten, der schon fast hundert Jahre
tot ist.
    Da konntet ihr auch was Besseres tun.
    Wenn du wtest, was uns Stechlin von ihm erzhlt hat und da er - nicht
Stechlin, aber der Prinz - ein Misogyne war, so wrdest du vielleicht anders
sprechen.
    Misogyne. Das freilich ndert die Sache. Ja, lieber Stechlin, da kann ich
Ihnen nicht helfen, davon mu ich auch noch hren. Und wenn Sie mir's
abschlagen, so wenigstens was Gleichwertiges.
    Grfin Melusine, was Gleichwertiges gibt es nicht.
    Das ist gut, sehr gut, weil es so wahr ist. Aber dann bitt ich um etwas
zweiten Ranges. Ich sehe, da Sie von Ihrem Ausfluge erzhlt haben, von Ihrem
Papa, von Schlo Stechlin selbst oder von Ihrem Dorf und Ihrer Gegend. Und davon
mcht ich auch hren, wenn es auch freilich nicht an das andre heranreicht.
    Ach, Grfin, Sie wissen nicht, wie bescheiden es mit unserem Stechliner
Erdenwinkel bestellt ist. Wir haben da, von einem Pastor abgesehen, der beinah
Sozialdemokrat ist, und des weiteren von einem Oberfrster abgesehen, der eine
Prinzessin, eine Ippe-Bchsenstein, geheiratet hat...
    Aber das ist ja alles groartig...
    Wir haben da, von diesen zwei Sehenswrdigkeiten abgesehen, eigentlich nur
noch den Stechlin. Der ginge vielleicht, ber den liee sich vielleicht etwas
sagen.
    Den Stechlin? Was ist das? Ich bin so glcklich zu wissen (und sie machte
verbindlich eine Handbewegung auf Woldemar zu), ich bin so glcklich zu wissen,
da es Stechline gibt. Aber der Stechlin! Was ist der Stechlin?
    Das ist ein See.
    Ein See. Das besagt nicht viel. Seen, wenn es nicht grade der
Vierwaldsttter ist, werden immer erst interessant durch ihre Fische, durch
Sterlet oder Felchen. Ich will nicht weiter aufzhlen. Aber was hat der
Stechlin? Ich vermute, Steckerlinge.
    Nein, Grfin, die hat er nun gerade nicht. Er hat genau das, was Sie
geneigt sind am wenigsten zu vermuten. Er hat Weltbeziehungen, vornehme,
geheimnisvolle Beziehungen, und nur alles Gewhnliche, wie beispielsweise
Steckerlinge, hat er nicht. Steckerlinge fehlen ihm.
    Aber, Stechlin, Sie werden doch nicht den Empfindlichen spielen.
Rittmeister in der Garde!
    Nein, Grfin. Und auerdem, den wollt ich sehen, der das Ihnen gegenber
zuwege brchte.
    Nun dann also, was ist es? Worin bestehen seine vornehmen Beziehungen?
    Er steht mit den hchsten und allerhchsten Herrschaften, deren
genealogischer Kalender noch ber den Gothaischen hinauswchst, auf du und du.
Und wenn es in Java oder auf Island rumort oder der Geiser mal in Doppelhhe
dampft und springt, dann springt auch in unserm Stechlin ein Wasserstrahl auf,
und einige (wenn es auch noch niemand gesehen hat), einige behaupten sogar, in
ganz schweren Fllen erscheine zwischen den Strudeln ein roter Hahn und krhe
hell und weckend in die Ruppiner Grafschaft hinein. Ich nenne das vornehme
Beziehungen.
    Ich auch, sagte Melusine.
    Wrschowitz aber, dessen Augen immer grer geworden waren, murmelte vor sich
hin: Sehr warr, sehr warr.

                              Vierzehntes Kapitel


Es war zu Beginn der Woche, da Woldemar seinen Besuch im Barbyschen Hause
gemacht hatte. Schon am Mittwoch frh empfing er ein Billet von Melusine.
    Lieber Freund. Lassen Sie mich Ihnen noch nachtrglich mein Bedauern
aussprechen, da ich vorgestern nur gerade noch die letzte Szene des letzten
Aktes (Geschichte vom Stechlin) miterleben konnte. Mich verlangt es aber
lebhaft, mehr davon zu wissen. In unsrer sogenannten groen Welt gibt es so
wenig, was sich zu sehen und zu hren verlohnt; das meiste hat sich in die
stillen Winkel der Erde zurckgezogen. Allen vorauf, wie mir scheint, in Ihre
Stechliner Gegend. Ich wette, Sie haben uns noch ber vieles zu berichten, und
ich kann nur wiederholen, ich mchte davon hren. Unsre gute Baronin, der ich
davon erzhlt habe, denkt ebenso; sie hat den Zug aller naiven und
liebenswrdigen Frauen, neugierig zu sein. Ich, ohne die genannten
Vorbedingungen zu erfllen, bin ihr trotzdem an Neugier gleich. Und so haben wir
denn eine Nachmittagspartie verabredet, bei der Sie der groe Erzhler sein
sollen. In der Regel freilich verluft es anders wie gedacht, und man hrt nicht
das, was man hren wollte. Das darf uns aber in unsern guten Vorhaben nicht
hindern. Die Baronin hat mir etwas vorgeschwrmt von einer Gegend, die sie
Oberspree nannte (die vielleicht auch wirklich so heit) und wo's so schn sein
soll, da sich die Havelherrlichkeiten daneben verstecken mssen. Ich will es
ihr glauben, und jedenfalls werd ich es ihr nachtrglich versichern, auch wenn
ich es nicht gefunden haben sollte. Das Ziel unsrer Fahrt - ein Punkt, den
brigens die Berchtesgadens noch nicht kennen; sie waren bisher immer erheblich
weiter fluaufwrts -, das Ziel unsrer Reise hat einen ziemlich sonderbaren
Namen und heit das Eierhuschen. Ich werde seitdem die Vorstellung von etwas
Ovalem nicht los und werde wohl erst geheilt sein, wenn sich mir die so
sonderbar benamste Spreeschnheit persnlich vorgestellt haben wird. Also
morgen, Donnerstag: Eierhuschen. Ein Nein gibt es natrlich nicht. Abfahrt vier
Uhr, Jannowitzbrcke. Papa begleitet uns; es geht ihm seit heut um vieles
besser, so da er sich's zutraut. Vielleicht ist vier etwas spt; aber wir haben
dabei, wie mir Lizzi sagt, den Vorteil, auf der Rckfahrt die Lichter im Wasser
sich spiegeln zu sehen. Und vielleicht ist auch irgendwo Feuerwerk, und wir
sehen dann die Raketen steigen. Armgard ist in Aufregung, fast auch ich. Au
revoir. Eines Herrn Rittmeisters wohlaffektionierte
                                                                       Melusine

Nun war der andre Nachmittag da, und kurz vor vier Uhr fuhren erst die
Berchtesgadens und gleich danach auch die Barbys bei der Jannowitzbrcke vor.
Woldemar wartete schon. Alle waren in jener heitern Stimmung, in der man geneigt
ist, alles schn und reizend zu finden. Und diese Stimmung kam denn auch gleich
der Dampfschiffahrtsstation zustatten. Unter lachender Bewunderung der sich hier
darbietenden Holzarchitektur stieg man ein Gewirr von Stiegen und Treppen hinab
und schritt, unten angekommen, an den um diese Stunde noch leeren Tischen eines
hier etablierten Lokals vorber, unmittelbar auf das Schiff zu, dessen Glocke
schon zum erstenmal gelutet hatte. Das Wetter war prachtvoll, fluaufwrts
alles klar und sonnig, whrend ber der Stadt ein dnner Nebel lag. Zu beiden
Seiten des Hinterdecks nahm man auf Sthlen und Bnken Platz und sah von hier
aus auf das verschleierte Stadtbild zurck.
    Da heit es nun immer, sagte Melusine, Berlin sei so kirchenarm; aber wir
werden bald Kln und Mainz aus dem Felde geschlagen haben. Ich sehe die
Nikolaikirche, die Petrikirche, die Waisenkirche, die Schlokuppel, und das Dach
da, mit einer Art von chinesischer Deckelmtze, das ist, glaub ich, der
Rathausturm. Aber freilich, ich wei nicht, ob ich den mitrechnen darf.
    Turm ist Turm, sagte die Baronin. Das fehlte so gerade noch, da man dem
armen alten Berlin auch seinen Rathausturm als Turm abstritte. Man eiferschtelt
schon genug.
    Und nun schlug es vier. Von der Parochialkirche her klang das Glockenspiel,
die Schiffsglocke lutete dazwischen, und als diese wieder schwieg, wurde das
Brett aufgeklappt, und unter einem schrillen Pfiff setzte sich der Dampfer auf
das mittlere Brckenjoch zu in Bewegung.

Oben, in Nhe der Jannowitzbrcke, hielten immer noch die beiden
herrschaftlichen Wagen, die's fr angemessen erachten mochten, ehe sie selber
aufbrachen, zuvor den Aufbruch des Schiffes abzuwarten, und erst als dieses
unter der Brcke verschwunden war, fuhr der grflich Barbysche Kutscher neben
den freiherrlich Berchtesgadenschen, um mit diesem einen Gru auszutauschen.
Beide kannten sich seit lange, schon von London her, wo sie bei denselben
Herrschaften in Dienst gestanden hatten. In diesem Punkte waren sie sich gleich,
sonst aber so verschieden wie nur mglich, auch schon in ihrer ueren
Erscheinung. Imme, der Barbysche Kutscher, ein ebenso martialisch wie gutmtig
dreinschauender Mecklenburger, htte mit seinem angegrauten Sappeurbart ohne
weiteres vor eine Gardetruppe treten und den Zug als Tambourmajor erffnen
knnen, whrend der Berchtesgadensche, der seine Jugend als Trainer und halber
Sportsmann zugebracht hatte, nicht blo einen englischen Namen fhrte, sondern
auch ein typischer Englnder war, hager, sehnig, kurzgeschoren und glattrasiert.
Seine Glotzaugen hatten etwas Stupides; er war aber trotzdem klug genug und
wute, wenn's galt, seinem Vorteil nachzugehen. Das Deutsche machte ihm noch
immer Schwierigkeiten, trotzdem er sich aufrichtige Mhe damit gab und sogar das
bequeme Zuhilfenehmen englischer Wrter vermied, am meisten dann, wenn er sich
die Berlinerinnen seiner Bekanntschaft abqulen sah, ihm mit well, well, Mister
Robinson oder gar mit einem geheimnisvollen indeed zu Hilfe zu kommen. Nur
mit dem einen war er einverstanden, da man ihn Mister Robinson nannte. Das
lie er sich gefallen.
    Now, Mister Robinson, sagte Imme, als sie Bock an Bock nebeneinander
hielten, how are you? I hope quite well.
    Danke, Mister Imme, danke! Was macht die Frau?
    Ja, Robinson, da mssen Sie, denk ich, selber nachsehen, und zwar gleich
heute, wo die Herrschaften fort sind und erst spt wiederkommen. Noch dazu mit
der Stadtbahn. Wenigstens von hier aus, Jannowitzbrcke. Sagen wir also neun;
eher sind sie nicht zurck. Und bis dahin haben wir einen guten Skat. Hartwig
als dritter wird schon kommen; Portiers knnen immer. Die Frau zieht ebensogut
die Tr auf wie er, und weiter is es ja nichts. Also Klocker fnf: ein Nein gilt
nicht; where there is a will, there is a way. Ein bichen is doch noch
hngengeblieben von dear old England.
    Danke, Mister Imme, sagte Robinson, danke! Ja, Skat ist das Beste von all
Germany. Komme gern. Skat ist noch besser als Bayrisch.
    Hren Sie, Robinson, ich wei doch nicht, ob das stimmt. Ich denke mir, so
beides zusammen, das ist das Wahre. That's it.
    Robinson war einverstanden, und da beide weiter nichts auf dem Herzen
hatten, so brach man hier ab und schickte sich an, die Rckfahrt in einem mig
raschen Trab anzutreten, wobei der Berchtesgadensche Kutscher den Weg ber
Molkenmarkt und Schloplatz, der Barbysche den auf die Neue Friedrichstrae
nahm. Jenseits der Friedrichsbrcke hielt sich dieser dann dicht am Wasser hin
und kam so am bequemsten bis an sein Kronprinzenufer.

Der Dampfer, gleich nachdem er das Brckenjoch passiert hatte, setzte sich in
ein rascheres Tempo, dabei die linke Fluseite haltend, so da immer nur eine
geringe Entfernung zwischen dem Schiff und den sich dicht am Ufer hinziehenden
Stadtbahnbgen war. Jeder Bogen schuf den Rahmen fr ein dahinter gelegenes
Bild, das natrlich die Form einer Lunette hatte. Mauerwerk jeglicher Art,
Schuppen, Zune zogen in buntem Wechsel vorber, aber in Front aller dieser der
Alltglichkeit und der Arbeit dienenden Dinge zeigte sich immer wieder ein Stck
Gartenland, darin ein paar versptete Malven oder Sonnenblumen blhten. Erst als
man die zweitfolgende Brcke passiert hatte, traten die Stadtbahnbgen so weit
zurck, da von einer Ufereinfassung nicht mehr die Rede sein konnte; statt
ihrer aber wurden jetzt Wiesen und pappelbesetzte Wege sichtbar, und wo das Ufer
quaiartig abfiel, lagen mit Sand beladene Khne, groe Zillen, aus deren Innerem
eine baggerartige Vorrichtung die Kies- und Sandmassen in die dicht am Ufer hin
etablierten Kalkgruben schttete. Es waren dies die Berliner Mrtelwerke, die
hier die Herrschaft behaupteten und das Uferbild bestimmten.
    Unsre Reisenden sprachen wenig, weil unter dem raschen Wechsel der Bilder
eine Frage die andre zurckdrngte. Nur als der Dampfer an Treptow vorber
zwischen den kleinen Inseln hinfuhr, die hier mannigfach aus dem Flu
aufwachsen, wandte sich Melusine an Woldemar und sagte: Lizzi hat mir erzhlt,
hier zwischen Treptow und Stralau sei auch die Liebesinsel; da strben immer die
Liebespaare, meist mit einem Zettel in der Hand, drauf alles stnde. Trifft das
zu?
    Ja, Grfin, soviel ich wei, trifft es zu. Solche Liebesinseln gibt es
brigens vielfach in unsrer Gegend und kann als Beweis gelten, wie
weitverbreitet der Zustand ist, dem abgeholfen werden soll, und wenn's auch
durch Sterben wre.
    Das nehm ich Ihnen bel, da Sie darber spotten. Und Armgard wird es noch
mehr tun, weil sie gefhlvoller ist als ich. Zudem sollten Sie wissen, da sich
so was rcht.
    Ich wei es. Aber Sie lesen auch durchaus falsch in meiner Seele. Sicher
haben Sie mal gehrt, da der, der Furcht hat, zu singen anfngt, und wer nicht
singen kann, nun, der witzelt eben. brigens, so schn Liebesinsel klingt, der
Zauber davon geht wieder verloren, wenn Sie sich den Namen des Ganzen
vergegenwrtigen. Die sich so mchtig hier verbreiternde Spreeflche heit
nmlich der Rummelsburger See.
    Freilich nicht hbsch; das kann ich zugeben. Aber die Stelle selbst ist
schn, und Namen bedeuten nichts.
    Wer Melusine heit, sollte wissen, was Namen bedeuten.
    Ich wei es leider. Denn es gibt Leute, die sich vor Melusine frchten.
    Was immer eine Dummheit, aber doch viel mehr noch eine Huldigung ist.
    Unter diesem Gesprche waren sie bis ber die Breitung der Spree
hinausgekommen und fuhren wieder in das schmaler werdende Flubett ein. An
beiden Ufern hrten die Huserreihen auf, sich in dnnen Zeilen hinzuziehen,
Baumgruppen traten in nchster Nhe dafr ein, und weiter landeinwrts wurden
aufgeschttete Bahndmme sichtbar, ber die hinweg die Telegraphenstangen ragten
und ihre Drhte von Pfahl zu Pfahl spannten. Hie und da, bis ziemlich weit in
den Flu hinein, stand ein Schilfgrtel, aus dessen Dickicht vereinzelte
Krickenten aufflogen.
    Es ist doch weiter, als ich dachte, sagte Melusine. Wir sind ja schon wie
in halber Einsamkeit. Und dabei wird es frisch. Ein Glck, da wir Decken
mitgenommen. Denn wir bleiben doch wohl im Freien? Oder gibt es auch Zimmer da?
Freilich kann ich mir kaum denken, da wir zu sechs in einem Eierhuschen Platz
haben.
    Ach, Frau Grfin, ich sehe, Sie rechnen auf etwas extrem Idyllisches und
erwarten, wenn wir angelangt sein werden, einen Mischling von Kiosk und Htte.
Da harrt Ihrer aber eine grausame Enttuschung. Das Eierhuschen ist ein
sogenanntes Lokal, und wenn uns die Lust anwandelt, so knnen wir da tanzen oder
eine Volksversammlung abhalten. Raum genug ist da. Sehen Sie, das Schiff wendet
sich schon, und der rote Bau da, der zwischen den Pappelweiden mit Turm und
Erker sichtbar wird, das ist das Eierhuschen.
    O weh! Ein Palazzo, sagte die Baronin und war auf dem Punkt, ihrer
Mistimmung einen Ausdruck zu geben. Aber ehe sie dazu kam, schob sich das
Schiff schon an den vorgebauten Anlegesteg, ber den hinweg man, einen Uferweg
einschlagend, auf das Eierhuschen zuschritt. Dieser Uferweg setzte sich, als
man das Gartenlokal endlich erreicht hatte, jenseits desselben noch eine gute
Strecke fort, und weil die wundervolle Frische dazu einlud, beschlo man, ehe
man sich im Eierhuschen selber niederlie, zuvor noch einen
gemeinschaftlichen Spaziergang am Ufer hin zu machen. Immer weiter fluaufwrts.
    Der Enge des Weges halber ging man zu zweien, vorauf Woldemar mit Melusine,
dann die Baronin mit Armgard. Erheblich zurck erst folgten die beiden lteren
Herren, die schon auf dem Dampfschiff ein politisches Gesprch angeschnitten
hatten. Beide waren liberal, aber der Umstand, da der Baron ein Bayer und unter
katholischen Anschauungen aufgewachsen war, lie doch bestndig Unterschiede
hervortreten.
    Ich kann Ihnen nicht zustimmen, lieber Graf. Alle Trmpfe heut, und zwar
mehr denn je, sind in des Papstes Hand. Rom ist ewig und Italien nicht so fest
aufgebaut, als es die Welt glauben machen mchte. Der Quirinal zieht wieder aus,
und der Vatikan zieht wieder ein. Und was dann?
    Nichts, lieber Baron. Auch dann nicht, wenn es wirklich dazu kommen sollte,
was, glaub ich, ausgeschlossen ist.
    Sie sagen das so ruhig, und ruhig ist man nur, wenn man sicher ist. Sind
Sie's? Und wenn Sie's sind, drfen Sie's sein? Ich wiederhole, die letzten
Entscheidungen liegen immer bei dieser Papst- und Romfrage.
    Lagen einmal. Aber damit ist es grndlich vorbei, auch in Italien selbst.
Die letzten Entscheidungen, von denen Sie sprechen, liegen heutzutage ganz
woanders, und es sind blo ein paar Ihrer Zeitungen, die nicht mde werden, der
Welt das Gegenteil zu versichern. Alles bloe Nachklnge. Das moderne Leben
rumt erbarmungslos mit all dem berkommenen auf. Ob es glckt, ein Nilreich
aufzurichten, ob Japan ein England im Stillen Ozean wird, ob China mit seinen
vierhundert Millionen aus dem Schlaf aufwacht und, seine Hand erhebend, uns und
der Welt zuruft: Hier bin ich, allem vorauf aber, ob sich der vierte Stand
etabliert und stabiliert (denn darauf luft doch in ihrem vernnftigen Kern die
ganze Sache hinaus) - das alles fllt ganz anders ins Gewicht als die Frage
Quirinal oder Vatikan. Es hat sich berlebt. Und anstaunenswert ist nur das
eine, da es berhaupt noch so weitergeht. Das ist der Wunder grtes.
    Und das sagen Sie, der Sie zeitweilig den Dingen so nahegestanden?
    Weil ich ihnen so nahegestanden.

Auch die beiden voranschreitenden Paare waren in lebhaftem Gesprch.
    An dem schon in Dmmerung liegenden stlichen Horizont stiegen die
Fabrikschornsteine von Spindlersfelde vor ihnen auf, und die Rauchfahnen zogen
in langsamem Zuge durch die Luft.
    Was ist das? fragte die Baronin, sich an Woldemar wendend.
    Das ist Spindlersfelde.
    Kenn ich nicht.
    Doch vielleicht, gndigste Frau, wenn Sie hren, da in eben diesem
Spindlersfelde der fr die weibliche Welt so wichtige Spindler seine
geheimnisvollen Knste treibt. Besser noch seine verschwiegenen. Denn unsre
Damen bekennen sich nicht gern dazu.
    So, der! Ja, dieser unser Wohltter, den wir - Sie haben ganz recht - in
unserm Undank so gern unterschlagen. Aber dies Unterschlagen hat doch auch
wieder sein Verzeihliches. Wir tun jetzt (leider) so vieles, was wir, nach einer
alten Anschauung, eigentlich nicht tun sollten. Es ist, mein ich, nicht passend,
auf einem Pferdebahnperron zu stehen, zwischen einem Schaffner und einer
Kiepenfrau, und es ist noch weniger passend, in einem Fnfzigpfennigbazar
allerhand Einkufe zu machen und an der sich dabei aufdrngenden Frage: Wodurch
ermglichen sich diese Preise? still vorbeizugehen. Unser Freund in
Spindlersfelde da drben degradiert uns vielleicht auch durch das, was er so
hilfreich fr uns tut. Armgard, wie denken Sie darber?
    Ganz wie Sie, Baronin.
    Und Melusine?
    Diese gab kopfschttelnd die Frage weiter und drang darauf, da die beiden
lteren Herren, die mittlerweile herangekommen waren, den Ausschlag geben
sollten. Aber der alte Graf wollte davon nichts wissen. Das sind Doktorfragen.
Auf derlei Dinge la ich mich nicht ein. Ich schlage vor, wir machen lieber
kehrt und suchen uns im Eierhuschen einen hbschen Platz, von dem aus wir das
Leben auf dem Flu beobachten und hoffentlich auch den Sonnenuntergang gut sehen
knnen.

Ziemlich um dieselbe Stunde, wo die Barbyschen und Berchtesgadenschen
Herrschaften ihren Spaziergang auf Spindlersfelde zu machten, erschien unser
Freund Mister Robinson, von seinem Stallgebude her, in Front der Lennstrae,
sah erst gewohnheitsmig nach dem Wetter und ging dann quer durch den
Tiergarten auf das Kronprinzenufer zu, wo die Immes ihn bereits erwarteten.
    Frau Imme, die, wie die meisten kinderlosen Frauen (und Frauen mit
Sappeurbartmnnern sind fast immer kinderlos), einen groen Wirtschafts- und
Sauberkeitssinn hatte, hatte zu Mister Robinsons Empfang alles in die schnste
Ordnung gebracht, um so mehr, als sie wute, da ihr Gast, als ein verwhnter
Englnder, immer der Neigung nachgab, alles Deutsche, wenn auch nur
andeutungsweise, zu bemngeln. Es lag ihr daran, ihn fhlen zu lassen, da man's
hier auch verstehe. So war denn von ihr nicht blo eine wundervolle
Kaffeeserviette, sondern auch eine silberne Zuckerdose mit Streuselkuchentellern
links und rechts aufgestellt worden. Frau Imme konnte das alles und noch mehr
infolge der bevorzugten Stellung, die sie von langer Zeit her bei den Barbys
einnahm, zu denen sie schon als fnfzehnjhriges junges Ding gekommen und in
deren Dienst sie bis zu ihrer Verheiratung geblieben war. Auch jetzt noch hingen
beide Damen an ihr, und mit Hilfe Lizzis, die, so diskret sie war, doch gerne
plauderte, war Frau Imme jederzeit ber alles unterrichtet, was im Vorderhause
vorging. Da der Rittmeister sich fr die Damen interessierte, wute sie
natrlich wie jeder andre, nur nicht - auch darin wie jeder andre -, fr welche.
    Ja, fr welche?
    Das war die groe Frage, selbst fr Mister Robinson, der regelmig, wenn er
die Immes sah, sich danach erkundigte. Dazu kam es denn auch heute wieder, und
zwar sehr bald nach seinem Eintreffen.
    Eine groe Familientasse mit einem in Front eines Tempels den Bogen
spannenden Amor war vor ihn hingestellt worden, und als er dem Streuselkuchen
(fr den er eine so groe Vorliebe hatte, da er regelmig erklrte, so was gb
es in den vereinigten drei Knigreichen nicht) - als er dem Streusel liebevoll
und doch auch wieder mavoll zugesprochen hatte, betrachtete er das Bild auf der
groen Tasse, zeigte, was bei seiner Augenbeschaffenheit etwas Komisches hatte,
schelmisch lchelnd auf den bogenspannenden Amor und sagte: Hier hinten ein
Tempel und hier vorn ein Lorbeerbusch. Und hier this little fellow with his
arrow. Ich mchte mir die Frage gestatten - Sie sind eine so kluge Frau, Frau
Imme -: wird er den Pfeil fliegen lassen oder nicht, und wenn er den Pfeil
fliegen lt, ist es die Priesterin, die hier neben dem Lorbeer steht, oder ist
es eine andre?
    Ja, Mister Robinson, sagte Frau Imme, darauf ist schwer zu antworten.
Denn erstens wissen wir nicht, was er berhaupt vorhat, und dann wissen wir auch
nicht: wer ist die Priesterin? Ist die Comtesse die Priesterin, oder ist die
Grfin die Priesterin? Ich glaube, wer schon verheiratet war, kann wohl
eigentlich nicht Priesterin sein.
    Ach, sagte Imme, in dem sich der naturwchsige Mecklenburger regte, sein
kann alles. ber so was wchst Gras. Ich glaube, es is die Grfin.
    Robinson nickte. Glaub ich auch. And what's the reason, dear Mistress Imme?
Weil Witib vor Jungfrau geht. Ich wei wohl, es ist immer viel die Rede von
virginity, aber widow ist mehr als virgin.
    Frau Imme, die nur halb verstanden hatte, verstand doch genug, um zu
kichern, was sie brigens sittsam mit der Bemerkung begleitete, sie habe so was
von Mister Robinson nicht geglaubt.
    Robinson nahm es als Huldigung und trat, nachdem er sich mit Erlaubnis der
Lady ein kurzes Pfeifchen mit trkischem Tabak angesteckt hatte, an ein
Fensterchen, in dessen mit einer kleinen Laubsge gemachten Blumenkasten rote
Verbenen blhten, und sagte, whrend er auf den Hof mit seinen drei
Akazienbumen herunterblickte: Wer ist denn der hbsche Junge da, der da mit
seinem Hoop spielt? Hier sagen sie Reifen.
    Das is ja Hartwigs Rudolf, sagte Frau Imme. Ja, der Junge hat viel Chic.
Und wie er da mit dem Reifen spielt und die Hedwig immer hinter ihm her, wiewohl
sie doch beinahe seine Mutter sein knnte. Na, ich freue mich immer, wenn ich
ausgelassene Menschen sehe, und wenn Hartwig kommt - ich wundere mich blo, da
er noch nicht da ist -, da knnen Sie ihm ja sagen, wie hbsch Sie die verwhnte
kleine Range finden. Das wird ihn freuen; er ist furchtbar eitel. Alle
Portiersleute sind eitel. Aber das mu wahr sein, es ist ein reizender Junge.
    Whrend sie noch so sprachen, erschien Hartwig, auf den Imme, skatdurstig,
schon seit einer Viertelstunde gewartet hatte, und keine drei Minuten mehr, so
war auch Hedwig da, die sich bis kurz vorher mit ihrem kleinen Cousin Rudolf in
dem Hof unten abgeschert hatte. Beide wurden mit gleicher Herzlichkeit
empfangen, Hartwig, weil nach seinem Erscheinen die Skatpartie beginnen konnte,
Hedwig, weil Frau Imme nun gute Gesellschaft hatte. Denn Hedwig konnte
wundervoll erzhlen und brachte jedesmal Neuigkeiten mit. Sie mochte
vierundzwanzig sein, war immer sehr sauber gekleidet und von heiter-bermtigem
Gesichtsausdruck. Dazu krauses, kastanienbraunes Haar. Es traf sich, da sie mal
wieder auer Dienst war.
    Nun, das ist recht, Hedwig, da du kommst, sagte Frau Imme. Rudolfen hab
ich eben erst gefragt, wo du geblieben wrst, denn ich habe dich ja mit ihm
spielen sehen; aber solch Junge wei nie was; der denkt blo immer an sich, und
ob er sein Stck Kuchen kriegt. Na, wenn er kommt, er soll's haben; Robinson it
immer sowenig, wiewohl er den Streusel ungeheuer gern mag. Aber so sind die
Englnder, sie sind nicht so zugreifsch, und dann geniert sich mein Imme auch,
und die Hlfte bleibt brig. Na, jedenfalls is es nett, da du wieder da bist.
Ich habe dich ja seit deinem letzten Dienst noch gar nicht ordentlich gesehen.
Es war ja wohl 'ne Hofrtin? Na, Hofrtinnen, die kenn ich. Aber es gibt auch
gute. Wie war er denn?
    Na, mit ihm ging es.
    Deine krausen Haare werden wohl wieder schuld sein. Die knnen manche nicht
vertragen. Und wenn dann die Frau was merkt, dann is es vorbei.
    Nein, so war es nicht. Er war ein sehr anstndiger Mann. Beinahe zu sehr.
    Aber, Kind, wie kannst du nur so was sagen? Wie kann einer zu anstndig
sein?
    Ja, Frau Imme. Wenn einen einer gar nicht ansieht, das is einem auch nicht
recht.
    Ach, Hedwig, was du da blo so redst! Und wenn ich nich wte, da du gar
nich so bist... Aber was war es denn?
    Ja, Frau Imme, was soll ich sagen, was es war; es is ja immer wieder
dasselbe. Die Herrschaften knnen einen nich richtig unterbringen. Oder wollen
auch nich. Immer wieder die Schlafstelle oder, wie manche hier sagen, die
Schlafgelegenheit.
    Aber, Kind, wie denn? Du mut doch 'ne Gelegenheit zum Schlafen haben.
    Gewi, Frau Imme. Und 'ne Gelegenheit, so denkt mancher, is 'ne
Gelegenheit. Aber gerade die, die hat man nich. Man ist mde zum Umfallen und
kann doch nicht schlafen.
    Versteh ich nich.
    Ja, Frau Imme, das macht, weil Sie von Kindesbeinen an immer bei so gute
Herrschaften waren, und mit Lizzi is es jetzt wieder ebenso. Die hat es auch gut
un is, wie wenn sie mit dazu gehrte. Meine Tante Hartwig erzhlt mir immer
davon. Und einmal hab ich es auch so gut getroffen. Aber blo das eine Mal.
Sonst fehlt eben immer die Schlafgelegenheit.
    Frau Imme lachte.
    Sie lachen darber, Frau Imme. Das is aber nich recht, da Sie lachen.
Glauben Sie mir, es is eigentlich zum Weinen. Und mitunter hab ich auch schon
geweint. Als ich nach Berlin kam, da gab es ja noch die Hngebden.
    Kenn ich, kenn ich; das heit, ich habe davon gehrt.
    Ja, wenn man davon gehrt hat, das is nich viel. Man mu sie richtig
kennenlernen. Immer sind sie in der Kche, mitunter dicht am Herd oder auch
gerade gegenber. Und nun steigt man auf eine Leiter, und wenn man mde is, kann
man auch runterfallen. Aber meistens geht es. Und nun macht man die Tr auf und
schiebt sich in das Loch hinein, ganz so wie in einen Backofen. Das is, was sie
'ne Schlafgelegenheit nennen. Und ich kann Ihnen blo sagen: auf einem Heuboden
is es besser, auch wenn Muse da sind. Und am schlimmsten is es im Sommer.
Drauen sind dreiig Grad, und auf dem Herd war den ganzen Tag Feuer; da is es
denn, als ob man auf den Rost gelegt wrde. So war es, als ich nach Berlin kam.
Aber ich glaube, sie drfen jetzt so was nich mehr bauen. Polizeiverbot. Ach,
Frau Imme, die Polizei is doch ein rechter Segen. Wenn wir die Polizei nich
htten (und sie sind auch immer so artig gegen einen), so htten wir gar nichts.
Mein Onkel Hartwig, wenn ich ihm so erzhle, da man nicht schlafen kann, der
sagt auch immer: Kenn ich, kenn ich; der Bourgeois tut nichts fr die
Menschheit. Und wer nichts fr die Menschheit tut, der mu abgeschafft werden.
    Ja, dein Onkel spricht so. Und war es denn bei deinem Hofrat, wo du nu
zuletzt warst, auch so?
    Nein, bei Hofrats war es nicht so. Die wohnten ja auch in einem ganz neuen
Hause. Hofrats waren Trockenwohner. Und in dem, was jetzt die neuen Huser sind,
da kommen, glaub ich, die Hngebden gar nicht mehr vor; da haben sie blo noch
die Badestuben.
    Nu, das is aber doch ein Fortschritt.
    Ja, das kann man sagen; Badestube als Badestube ist ein Fortschritt oder,
wie Onkel Hartwig immer sagt, ein Kulturfortschritt. Er hat meistens solche
Wrter. Aber Badestube als Schlafgelegenheit is kein Fortschritt.
    Gott, Kind, sie werden dich aber doch nich in eine Badewanne gepackt
haben?
    I bewahre. Das tun sie schon der Badewanne wegen nich. Da werden sie sich
hten. Aber... Ach, Frau Imme, ich kann nur immer wieder sagen, Sie wissen nich
Bescheid; Sie hatten es gut, wie Sie noch unverheiratet waren, und nu haben
Sie's erst recht gut. Sie wohnen hier wie in einer kleinen Sommerwohnung, un da
es ein bichen nach Pferde riecht, das schadet nich; das Pferd is ein feines und
reinliches Tier, und all seine Verrichtungen sind so edel. Man sagt ja auch: das
edle Pferd. Und auerdem soll es so gesund sein, fast so gut wie Kuhstall, womit
sie ja die Schwindsucht kurieren. Und dazu haben Sie hier den Blick auf die
Kugelakazien und drben auf das Marinepanorama, wo man sehen kann, wie alles is,
und dahinter haben Sie den Blick auf die Kunstausstellung, wo es so furchtbar
zieht, blo damit man immer frische Luft hat. Aber bei Hofrats... Nein, diese
Badestube!
    Gott, Hedwig, sagte Frau Imme, du tust ja, wie wenn es eine Mrdergrube
oder ein Verbrecherkeller gewesen wre.
    Verbrecherkeller? Ach, Frau Imme, das is ja gar nichts. Ich habe
Verbrecherkeller gesehen, natrlich blo zufllig. Da trinken sie Weibier und
spielen Sechsundsechzig. Und in einer Ecke wird was ausbaldowert, aber davon
merkt man nichts.
    Und die Badestube... warum is sie dir denn so furchtbar, da du dich
ordentlich schudderst? Der Mensch mu doch am Ende baden knnen.
    Ach was, baden! natrlich. Aber 'ne Badestube is nie 'ne Badestube.
Wenigstens hier nicht. Eine Badestube is 'ne Rumpelkammer, wo man alles
unterbringt, alles, wofr man sonst keinen Platz hat. Und dazu gehrt auch ein
Dienstmdchen. Meine eiserne Bettstelle, die abends aufgeklappt wurde, stand
immer neben der Badewanne, drin alle alten Bier- und Weinflaschen lagen. Und nun
drippten die Neigen aus. Und in der Ecke stand ein Bettsack, drin die Fruleins
ihre Wsche hineinstopften, und in der andern Ecke war eine kleine Tr. Aber
davon will ich zu Ihnen nicht sprechen, weil ich einen Widerwillen gegen
Unanstndigkeiten habe, weshalb schon meine Mutter immer sagte: Hedwig, du wirst
noch Jesum Christum erkennen lernen. Und ich mu sagen, das hat sich bei Hofrats
denn auch erfllt. Aber fromm waren sie weiter nich.
    Whrend Hedwig noch so weiterklagte, hrte man, da drauen die Klingel
ging, und als Frau Imme ffnete, stand Rudolf auf dem kleinen Flur und sagte,
da er Vatern holen solle und Hedwigen auch; Mutter msse weg.
    Na, sagte Frau Imme, dann komm nur, Rudolf, un i erst ein Stck Streusel
und bestell es nachher bei deinem Vater.
    Bald danach nahm sie denn auch den Jungen bei der Hand und fhrte ihn in das
Nebenzimmer, wo die drei Mnner vergngt an ihrem Skattisch saen. Ein groes
Spiel war eben gemacht; alles noch in Aufregung.
    Robinson, als er Rudolfen sah, nickte ihm zu und sagte zu Imme: Das is ja
der hbsche Junge, den ich vorhin auf dem Hof gesehen habe mit seinem Hoop; -
nice boy.
    Ja, sagte Imme, das is unsrem Freund Hartwig seiner. Hartwig selber aber
rief seinen Jungen heran und sagte: Na, Rudolf, was gibt's? Du willst mich
holen. Du sollst aber auch noch 'ne Freude haben. Kuck dir mal den Herrn da an,
der dich so freundlich ansieht. Das is Robinson.
    Haha.
    Ja, Junge, warum lachst du? Glaubst du's nich, wenn ich dir sage, das is
Robinson?
    I bewahre, Vater. Robinson, den kenn ich. Robinson hat 'nen Sonnenschirm
und ein Lama. Un der is auch schon lange dod.

                              Fnfzehntes Kapitel


Unsere Landpartieler waren im Angesicht von Spindlersfelde nach dem
Eierhuschen zurckgekehrt und hatten sich hier an zwei dicht am Ufer
zusammengerckten Tischen niedergelassen, eine Laube von Baumkronen ber sich.
Sperlinge hpften umher und warteten auf ihre Zeit. Gleich danach erschien auch
ein Kellner, um die Bestellungen entgegenzunehmen. Es entstand dabei die
herkmmliche Verlegenheitspause; niemand wute was zu sagen, bis die Baronin auf
den Stamm einer ihr gegenberstehenden Ulme wies, drauf Wiener Wrstel und
daneben in noch dickeren Buchstaben das gefllige Wort Lwenbru stand. In
krzester Frist erschien denn auch der Kellner wieder, und die Baronin hob ihr
Seidel und lie das Eierhuschen und die Spree leben, zugleich versichernd,
da man ein echtes Mnchener berhaupt nur noch in Berlin trnke. Der alte
Berchtesgaden wollte jedoch nichts davon wissen und drang in seine Frau, lieber
mehr nach links zu rcken, um den Sonnenuntergang besser beobachten zu knnen;
der sei freilich in Berlin ebensogut wie woanders. Die Baronin hielt aber aus
und rhrte sich nicht. Was Sonnenuntergang! den seh ich jeden Abend. Ich sitze
hier sehr gut und freue mich schon auf die Lichter.
    Und nicht lange mehr, so waren diese Lichter auch wirklich da. Nicht nur das
ganze Lokal erhellte sich, sondern auch auf dem drben am andern Ufer sich
hinziehenden Eisenbahndamme zeigten sich allmhlich die verschiedenfarbigen
Signale, whrend mitten auf der Spree, wo Schleppdampfer die Khne zogen, ein
verblaktes Rot aus den Kajtenfenstern hervorglhte. Dabei wurde es khl, und
die Damen wickelten sich in ihre Plaids und Mntel.
    Auch die Herren frstelten ein wenig, und so trat denn der ersichtlich etwas
planende Woldemar nach kurzem Aufundabschreiten an das in der Nhe befindliche
Bfett heran, um da zur Herstellung einer besseren Innentemperatur das Ntige zu
veranlassen. Und siehe da, nicht lange mehr, so stand auch schon ein groes
Tablett mit Glsern und Flaschen vor ihnen und dazwischen ein Deckelkrug, aus
dem, als man den Deckel aufklappte, der heie Wrasen emporschlug. Die Baronin,
in solchen Dingen die scharfblickendste, war sofort orientiert und sagte:
Lieber Stechlin, ich beglckwnsche Sie. Das war eine groe Idee.
    Ja, meine Damen, ich glaubte, da etwas geschehen msse, sonst haben wir
morgen samt und sonders einen akuten Rheumatismus. Und zurck mssen wir doch
auch. Auf dem Schiffe, wo solche Hilfsmittel, glaub ich, fehlen, sind wir allen
Unbilden der Elemente preisgegeben.
    Und Sie konnten wirklich nicht besser whlen, unterbrach Melusine.
Schwedischer Punsch, fr den ich ein liking habe. Wie fr Schweden berhaupt.
Da Doktor Wrschowitz nicht da ist, knnen wir uns ungestraft einem gewissen Ma
von Skandinavismus berlassen.
    Am liebsten ohne alles Ma߫, sagte Woldemar, so skandinavisch bin ich. Ich
ziehe die Skandinaven den sonst Meistbegnstigten unter den Nationen immer noch
vor. Alle Lnder erweitern brigens ihre Spezialgebiete. Frher hatte Schweden
nur zweierlei: Mut und Eisen, von denen man sagen mu, da sie gut
zusammenpassen. Dann kamen die Skerhets Tndstickors, und nun haben wir den
schwedischen Punsch, den ich in diesem Augenblick unbedingt am hchsten stelle.
Ihr Wohl, meine Damen.
    Und das Ihre, sagte Melusine, denn Sie sind doch der Schpfer dieses
glcklichen Moments. Aber wissen Sie, lieber Stechlin, da ich in Ihrer
Aufzhlung schwedischer Herrlichkeiten etwas vermit habe. Die Schweden haben
noch eins - oder hatten es wenigstens. Und das war die schwedische Nachtigall.
    Ja, die hab ich vergessen. Es fllt vor meine Zeit.
    Ich mte, lachte die Grfin, vielleicht auch sagen: es fllt vor meine
Zeit. Aber ich darf doch andrerseits nicht verschweigen, die Lind noch
leibhaftig gekannt zu haben. Freilich nicht mehr so eigentlich als schwedische
Nachtigall. Und berhaupt unter anderm Namen.
    Ja, ich erinnere mich, sagte Woldemar, sie hatte sich verheiratet. Wie
hie sie doch?
    Goldschmidt - ein Name, den man schon um Goldschmieds Tchterlein willen
gelten lassen kann. Aber an Jenny Lind reicht er allerdings nicht heran.
    Gewi nicht. Und Sie sagten, Frau Grfin, Sie htten sie noch persnlich
gekannt?
    Ja, gekannt und auch gehrt. Sie sang damals, wenn auch nicht mehr
ffentlich, so doch immer noch in ihrem huslichen Salon. Diese Bekanntschaft
zhlt zu meinen liebsten und stolzesten Erinnerungen. Ich war noch ein halbes
Kind, aber trotzdem doch mit eingeladen, was mir allein schon etwas bedeutete.
Dazu die Fahrt von Hyde Park bis in die Villa hinaus. Ich wei noch deutlich,
ich trug ein weies Kleid und einen hellblauen Kaschmirumhang und das Haar ganz
aufgelst. Die Lind beobachtete mich, und ich sah, da ich ihr gefiel. Wenn man
Eindruck macht, das behlt man. Und nun gar mit vierzehn!
    Die Lind, warf die Baronin etwas prosaisch ein, soll ihrerseits als Kind
sehr hlich gewesen sein.
    Ich htte das Gegenteil vermutet, bemerkte Woldemar.
    Und auf welche Veranlassung hin, lieber Stechlin?
    Weil ich ein Bild von ihr kenne. Wir haben es, wie bekannt, seit einiger
Zeit von einem unsrer besten Maler auf unsrer Nationalgalerie. Aber lange bevor
ich es da sah, kannt ich es schon en miniature, und zwar aus einer im Besitz
meines Freundes Lorenzen befindlichen Aquarelle. Diese Kopie hngt ber seinem
Sofa, dicht unter einer Rubensschen Kreuzabnahme. Wenn man will, eine etwas
sonderbare Zusammenstellung.
    Und das alles in Ihrer Stechliner Pfarre! sagte Melusine. Wissen Sie,
Rittmeister, da ich die Tatsache, da so was berhaupt in einem kleinen Dorfe
vorkommen kann, Ihrem berhmten See beinah gleichstelle? Unsre schwedische
Nachtigall in Ihrem Ruppiner Winkel, wie Sie selbst bestndig sich auszudrcken
lieben. Die Lind! Und wie kam Ihr Pastor dazu?
    Die Lind war, glaub ich, seine erste Liebe. Sehr wahrscheinlich auch seine
letzte. Lorenzen sa damals noch auf der Schulbank und schlug sich mit
Stundengeben durch. Aber er hrte die Diva trotzdem jeden Abend und wute sich
auch, trotz bescheidenster Mittel, das Bildchen zu verschaffen. Fast grenzt es
ans Wunderbare. Freilich verlaufen die Dinge meist so. Wr er reich gewesen, so
htt er sein Geld anderweitig vertan und die Lind vielleicht nie gehrt und
gesehen. Nur die Armen bringen die Mittel auf fr das, was jenseits des
Gewhnlichen liegt; aus Begeisterung und Liebe fliet alles. Und es ist etwas
sehr Schnes, da es so ist in unserm Leben. Vielleicht das Schnste.
    Das will ich meinen, sagte die Grfin. Und ich dank es Ihnen, lieber
Stechlin, da Sie das gesagt haben. Das war ein gutes Wort, das ich Ihnen nicht
vergessen will. Und dieser Lorenzen war Ihr Lehrer und Erzieher?
    Ja, mein Lehrer und Erzieher. Zugleich mein Freund und Berater. Der, den
ich ber alles liebe.
    Gehen Sie darin nicht zu weit? lachte Melusine.
    Vielleicht, Grfin, oder sag ich lieber: gewi. Und ich htte dessen
eingedenk sein sollen, gerade heut und gerade hier. Aber soviel bleibt: ich
liebe ihn sehr, weil ich ihm alles verdanke, was ich bin, und weil er reinen
Herzens ist.
    Reinen Herzens, sagte Melusine. Das ist viel. Und Sie sind dessen
sicher?
    Ganz sicher.
    Und von diesem Unikum erzhlen Sie uns erst heute! Da waren Sie neulich mit
dem guten Wrschowitz bei uns und haben uns allerhand Schreckliches von Ihrem
misogynen Prinzen wissen lassen. Und whrend Sie den in den Vordergrund stellen,
halten Sie diesen Pastor Lorenzen ganz gemtlich in Reserve. Wie kann man so
grausam sein und mit seinen Berichten und Redeknsten so launenhaft operieren!
Aber holen Sie wenigstens nach, was Sie versumt haben. Die Fragen drngen sich
ordentlich. Wie kam Ihr Vater auf den Einfall, Ihnen einen solchen Erzieher zu
geben? Und wie kam ein Mann wie dieser Lorenzen in diese Gegenden? Und wie kam
er berhaupt in diese Welt? Es ist so selten, so selten.
    Armgard und die Baronin nickten.
    Ich bekenne, mich qult die Neugier, mehr von ihm zu hren, fuhr Melusine
fort. Und er ist unverheiratet? Schon das allein ist immer ein gutes Zeichen.
Durchschnittsmenschen glauben sich so schnell wie mglich verewigen zu mssen,
damit die Herrlichkeit nicht ausstirbt. Ihr Lorenzen ist eben in allem, wie mir
scheint, ein Ausnahmemensch. Also beginnen.
    Ich bin dazu besten Willens, Frau Grfin. Aber es ist zu spt dazu, denn
das helle Licht, das Sie da sehen, das ist bereits unser Dampfer. Wir haben
keine Wahl mehr, wir mssen abbrechen, wenn wir nicht im Eierhuschen ein
Nachtquartier nehmen wollen. Unterwegs ist brigens Lorenzen ein wundervolles
Thema, vorausgesetzt, da uns der Anblick der Liebesinsel nicht wieder auf andre
Dinge bringt Aber hren Sie... der Dampfer lutet schon..., wir mssen eilen.
Bis an die Anlegestelle sind noch mindestens drei Minuten!

Und nun war man glcklich auf dem Schiff, auf dem Woldemar und die Damen ihre
schon auf der Hinfahrt innegehabten Pltze sofort wieder einnahmen. Nur die
beiden in ihre Plaids gewickelten alten Herren schritten auf Deck auf und ab und
sahen, wenn sie vorn am Bugspriet eine kurze Rast machten, auf die vielen
hundert Lichter, die sich von beiden Ufern her im Flu spiegelten. Unten im
Maschinenraum hrte man das Klappern und Stampfen, whrend die Schiffsschraube
das Wasser nach hinten schleuderte, da es in einem weien Schaumstreifen dem
Schiffe folgte. Sonst war alles still, so still, da die Damen ihr Gesprch
unterbrachen. Armgard, du bist so schweigsam, sagte Melusine, finden Sie
nicht auch, lieber Stechlin? Meine Schwester hat noch keine zehn Worte
gesprochen.
    Ich glaube, Grfin, wir lassen die Comtesse. Manchem kleidet es zu
sprechen, und manchem kleidet es zu schweigen. Jedes Beisammensein braucht einen
Schweiger.
    Ich werde Nutzen aus dieser Lehre ziehen.
    Ich glaub es nicht, Grfin, und vor allem wnsch ich es nicht. Wer knnt es
wnschen?
    Sie drohte ihm mit dem Finger. Dann schwieg man wieder und sah auf die
Landschaft, die da, wo der am Ufer hinlaufende Straenzug breite Lcken aufwies,
in tiefem Dunkel lag. Urpltzlich aber stieg gerad aus dem Dunkel heraus ein
Lichtstreifen hoch in den Himmel und zerstob da, wobei rote und blaue
Leuchtkugeln langsam zur Erde niederfielen.
    Wie schn, sagte Melusine. Das ist mehr, als wir erwarten durften; Ende
gut, alles gut - nun haben wir auch noch ein Feuerwerk. Wo mag es sein? Welche
Drfer liegen da hinber? Sie sind ja so gut wie ein Generalstbler, lieber
Stechlin, Sie mssen es wissen. Ich vermute Friedrichsfelde. Reizendes Dorf und
reizendes Schlo. Ich war einmal da; die Dame des Hauses ist eine Schwester der
Frau von Hlsen. Ist es Friedrichsfelde?
    Vielleicht, gndigste Grfin. Aber doch nicht wahrscheinlich.
Friedrichsfelde gehrt nicht in die Reihe der Vororte, wo Feuerwerke sozusagen
auf dem Programm stehen. Ich denke, wir lassen es im ungewissen und freuen uns
der Sache selbst. Sehen Sie, jetzt beginnt es erst recht eigentlich. Die Rakete,
die wir da vorhin gesehen haben, das war nur Vorspiel. Jetzt haben wir erst das
Stck. Es ist zu weit ab, sonst wrden wir das Knattern hren und die
Kanonenschlge. Wahrscheinlich ist es Sedan oder Dppel oder der bergang nach
Alsen. brigens ist die Pyrotechnik eine profunde Wissenschaft geworden.
    Und es soll auch Personen geben, die ganz dafr leben und ihr Vermgen
hinopfern wie frher die Hollnder fr die Tulpen. Tulpen wre nun freilich
nicht mein Geschmack. Aber Feuerwerk!
    Ja, unbedingt. Und nur schade, da alle die, die damit zu tun haben, ber
kurz oder lang in die Luft fliegen.
    Das ist fatal. Aber es steigert andrerseits doch auch wieder den Reiz.
Sonderbar, gefahrlose Berufe, solche, die sozusagen eine Zipfelmtze tragen,
sind mir von jeher ein Greuel gewesen. Interesse hat doch immer nur das
Vabanque: Torpedoboote, Tunnel unter dem Meere, Luftballons. Ich denke mir, das
Nchste, was wir erleben, sind Luftschifferschlachten. Wenn dann so eine Gondel
die andre entert. Ich kann mich in solche Vorstellungen geradezu verlieben.
    Ja, liebe Melusine, das seh ich, unterbrach hier die Baronin. Sie
verlieben sich in solche Vorstellungen und vergessen darber die Wirklichkeiten
und sogar unser Programm. Ich mu angesichts dieser doch erst kommenden
Luftschifferschlachten ganz ergebenst daran erinnern, da fr heute noch wer
anders in der Luft schwebt, und zwar Pastor Lorenzen. Von dem sollte die Rede
sein. Freilich, der ist kein Pyrotechniker.
    Nein, lachte Woldemar, das ist er nicht. Aber als einen Aeronauten kann
ich ihn Ihnen beinahe vorstellen. Er ist so recht ein Excelsior-, ein
Aufsteigemensch, einer aus der wirklichen Obersphre, genau von daher, wo alles
Hohe zu Haus ist, die Hoffnung und sogar die Liebe.
    Ja, lachte die Baronin, die Hoffnung und sogar die Liebe! Wo bleibt aber
das dritte? Da mssen S' zu uns kommen. Wir haben noch das dritte; das heit
also, wir wissen auch, was wir glauben sollen.
    Ja, sollen.
    Sollen, gewi. Sollen, das ist die Hauptsache. Wenn man wei, was man soll,
so findt sich's schon. Aber wo das Sollen fehlt, da fehlt auch das Wollen. Es
ist halt a Glck, da wir Rom haben und den Heiligen Vater.
    Ach, sagte Melusine, wer's Ihnen glaubt, Baronin! Aber lassen wir so
heikle Fragen und hren wir lieber von dem, den ich - ich bin beschmt darber -
in so wenig verbindlicher Weise vergessen konnte, von unserm Wundermann mit der
Studentenliebe, von dem Sulenheiligen, der reinen Herzens ist, und vor allem
von dem Schpfer und geistigen Nhrvater unsers Freundes Stechlin. Eh bien, was
ist es mit ihm? An ihren Frchten sollt ihr sie erkennen - das knnt uns beinahe
gengen. Aber ich bin doch fr ein Weiteres. Und so denn attention au jeu. Unser
Freund Stechlin hat das Wort.
    Ja, unser Freund Stechlin hat das Wort, wiederholte Woldemar, so sagen
Sie gtigst, Frau Grfin. Aber dem nachkommen ist nicht so leicht. Vorhin, da
war ich im Zuge. Jetzt wieder damit anfangen, das hat seine Schwierigkeiten. Und
dann erwarten die Damen immer eine Liebesgeschichte, selbst wenn es sich um
einen Mann handelt, den ich, was diese Dinge betrifft, so wenig versprechend
eingefhrt habe. Sie gehen also, wie heute schon mehrfach (ich erinnere nur an
das Eierhuschen), einer grausamen Enttuschung entgegen.
    Keine Ausflchte!
    Nun, so sei's denn. Ich mu es aber auf einem Umwege versuchen und Ihnen
bei der Gelegenheit als Nchstes schildern, wie meine letzte Begegnung mit
Lorenzen verlief. Er war, als ich bei ihm eintrat, in ersichtlich groer
Erregung, und zwar ber ein Bchelchen, das er in Hnden hielt.
    Und ich will raten, was es war, unterbrach Melusine.
    Nun?
    Ein Buch von Tolstoi. Etwas mit viel Opfer und Entsagung. Anpreisung von
Askese.
    Sie sind auf dem richtigen Wege, Grfin, nur nicht geographisch. Es handelt
sich nmlich nicht stlich um einen Russen, sondern westlich um einen
Portugiesen.
    Um einen Portugiesen, lachte die Baronin. Oh, ich kenne welche. Sie sind
alle so klein und gelblich. Und einer fand einen Seeweg. Freilich schon lange
her. Ist es nicht so?
    Gewi, Frau Baronin, es ist so. Nur der, um den es sich hier handelt, das
ist keiner mit einem Seeweg, sondern blo ein Dichter.
    Ach, dessen erinnere ich mich auch, ja ich habe sogar seinen Namen auf der
Zunge. Mit einem groen C fngt er an. Aber Calderon ist es nicht.
    Nein, Calderon ist es nicht; es deckt sich da manches, auch schon rein
landkartlich, nicht mit dem, um den sich's hier handelt. Und ist berhaupt kein
alter Dichter, sondern ein neuer. Und heit Joao de Deus.
    Joao de Deus, wiederholte die Grfin. Schon der Name. Sonderbar. Und was
war es mit dem?
    Ja, was war es mit dem? Dieselbe Frage tat ich auch, und ich habe nicht
vergessen, was Lorenzen mir antwortete: Dieser Joao de Deus, so etwa waren seine
Worte, war genau das, was ich wohl sein mchte, wonach ich suche, seit ich zu
leben, wirklich zu leben angefangen, und wovon es bestndig drauen in der Welt
heit, es gbe dergleichen nicht mehr. Aber es gibt dergleichen noch, es mu
dergleichen geben oder doch wieder geben. Unsre ganze Gesellschaft (und nun gar
erst das, was sich im besonderen so nennt) ist aufgebaut auf dem Ich. Das ist
ihr Fluch, und daran mu sie zugrunde gehen. Die Zehn Gebote, das war der Alte
Bund; der Neue Bund aber hat ein andres, ein einziges Gebot, und das klingt aus
in: "Und du httest der Liebe nicht..."
    Ja, so sprach Lorenzen, fuhr Woldemar nach einer Pause fort, und sprach
auch noch andres, bis ich ihn unterbrach und ihm zurief: Aber, Lorenzen, das
sind ja blo Allgemeinheiten. Sie wollten mir Persnliches von Joao de Deus
erzhlen. Was ist es mit dem? Wer war er? Lebt er? Oder ist er tot?
    Er ist tot, aber seit kurzem erst, und von seinem Tode spricht das kleine
Heft hier. Hre. Und nun begann er zu lesen. Das aber, was er las, das lautete
etwa so: ... Und als er nun tot war, der Joao de Deus, da gab es eine
Landestrauer, und alle Schulen in der Hauptstadt waren geschlossen, und die
Minister und die Leute vom Hof und die Gelehrten und die Handwerker, alles
folgte dem Sarge dicht gedrngt, und die Fabrikarbeiterinnen hoben schluchzend
ihre Kinder in die Hh und zeigten auf den Toten und sagten: Un Santo, un
Santo. Und sie taten so und sagten so, weil er fr die Armen gelebt hatte und
nicht fr sich.
    Das ist schn, sagte Melusine.
    Ja, das ist schn, wiederholte Woldemar, und ich darf hinzusetzen, in
dieser Geschichte haben Sie nicht blo den Joao de Deus, sondern auch meinen
Freund Lorenzen. Er ist vielleicht nicht ganz wie sein Ideal. Aber Liebe gibt
Ebenbrtigkeit.
    Und so schlag ich denn vor, sagte die Baronin, da wir den mit dem C,
dessen Name mir brigens noch einfallen wird, vorlufig absetzen und statt
seiner den neuen mit dem D leben lassen. Und natrlich unsern Lorenzen dazu.
    Ja, leben lassen, lachte Woldemar. Aber womit? worin? Les jours de
fte..., und er wies auf das Eierhuschen zurck.
    In dieser Notlage wollen wir uns helfen, so gut es geht, und uns statt
andrer Beschwrung einfach die Hnde reichen, selbstverstndlich ber Kreuz;
hier: erst Stechlin und Armgard und dann Melusine und ich.
    Und wirklich, sie reichten sich in heiterer Feierlichkeit die Hnde.
    Gleich danach aber traten die beiden alten Herren an die Gruppe heran, und
der Baron sagte: Das ist ja wie Rtli.
    Mehr, mehr. Bah, Freiheit! Was ist Freiheit gegen Liebe!
    So hat's denn eine Verlobung gegeben?
    Nein... noch nicht, lachte Melusine.

                            Wahl in Rheinsberg-Wutz



                              Sechzehntes Kapitel

Der andre Morgen rief Woldemar zeitig zum Dienst. Als er um neun Uhr auf sein
Zimmer zurckkehrte, fand er auf dem Frhstckstisch Zeitungen und Briefe.
Darunter war einer mit einem ziemlich groen Siegel, der Lack schlecht und der
Brief berhaupt von sehr unmodischer Erscheinung, ein blo zusammengelegter
Quartbogen. Woldemar, nach Poststempel und Handschrift sehr wohl wissend, woher
und von wem der Brief kam, schob ihn, whrend Fritz den Tee brachte, beiseite,
und erst als er eine Tasse genommen und lnger als ntig dabei verweilt hatte,
griff er wieder nach dem Brief und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger.
Ich htte mir, nach dem gestrigen Abend, heute frh was andres gewnscht als
gerade diesen Brief. Und whrend er das so vor sich hin sprach, standen ihm, er
mochte wollen oder nicht, die letzten Wutzer Augenblicke wieder vor der Seele.
Die Tante hatte, kurz bevor er das Kloster verlie, noch einmal vertraulich
seine Hand genommen und ihm bei der Gelegenheit ausgesprochen, was sie seit
lange bedrckte.
    Das Junggesellenleben, Woldemar, taugt nichts. Dein Vater war auch schon zu
alt, als er sich verheiratete. Ich will nicht in deine Geheimnisse eindringen,
aber ich mchte doch fragen drfen: wie stehst du dazu?
    Nun, ein Anfang ist gemacht. Aber doch erst obenhin.
    Berlinerin?
    Ja und nein. Die junge Dame lebt seit einer Reihe von Jahren in Berlin und
liebt unsre Stadt ber Erwarten. Insoweit ist sie Berlinerin. Aber eigentlich
ist sie doch keine; sie wurde drben in London geboren, und ihre Mutter war eine
Schweizerin.
    Um Gottes willen!
    Ich glaube, liebe Tante, du machst dir falsche Vorstellungen von einer
Schweizerin. Du denkst sie dir auf einer Alm und mit einem Milchkbel.
    Ich denke sie mir gar nicht, Woldemar. Ich wei nur, da es ein wildes Land
ist.
    Ein freies Land, liebe Tante.
    Ja, das kennt man. Und wenn du das Spiel noch einigermaen in der Hand
hast, so beschwr ich dich...
    An dieser Stelle war, wie schon vorher durch Fix, abermals (weil eine
Strung kam) das Gesprch mit der Tante auf andre Dinge hingeleitet worden, und
nun hielt er ihren Brief in Hnden und zgerte, das Siegel zu brechen. Ich
wei, was drinsteht, und ngstige mich doch beinahe. Wenn es nicht Kmpfe gibt,
so gibt es wenigstens Verstimmungen. Und die sind mir womglich noch fataler...
Aber was hilft es!
    Und nun brach er den Brief auf und las:
    Ich nehme an, mein lieber Woldemar, da Du meine letzten Worte noch in
Erinnerung hast. Sie liefen auf den Rat und die Bitte hinaus: gib auch in dieser
Frage die Heimat nicht auf, halte Dich, wenn es sein kann, an das Nchste. Schon
unsre Provinzen sind so sehr verschieden. Ich sehe Dich ber solche Worte
lcheln, aber ich bleibe doch dabei. Was ich Adel nenne, das gibt es nur noch in
unsrer Mark und in unsrer alten Nachbar- und Schwesterprovinz, ja, da vielleicht
noch reiner als bei uns. Ich will nicht ausfhren, wie's bei schrferem Zusehen
auf dem adligen Gesamtgebiete steht, aber doch wenigstens ein paar Andeutungen
will ich machen. Ich habe sie von allen Arten gesehen. Da sind zum Beispiel die
rheinischen jungen Damen, also die von Kln und Aachen; nun ja, die mgen ganz
gut sein, aber sie sind katholisch, und wenn sie nicht katholisch sind, dann
sind sie was andres, wo der Vater erst geadelt wurde. Neben den rheinischen
haben wir dann die westflischen. ber die liee sich reden. Aber Schlesien. Die
schlesischen Herrschaften, die sich mitunter auch Magnaten nennen, sind alle so
gut wie polnisch und leben von Jeu und haben die hbschesten Erzieherinnen;
immer ganz jung, da macht es sich am leichtesten. Und dann sind da noch
weiterhin die preuischen, das heit die ostpreuischen, wo schon alles aufhrt.
Nun, die kenn ich, die sind ganz wie ihre Litauer Fllen und schlagen aus und
beknabbern alles. Und je reicher sie sind, desto schlimmer. Und nun wirst Du
fragen, warum ich gegen andre so streng und so sehr fr unsre Mark bin, ja
speziell fr unsre Mittelmark. Deshalb, mein lieber Woldemar, weil wir in unsrer
Mittelmark nicht so blo uerlich in der Mitte liegen, sondern weil wir auch in
allem die rechte Mitte haben und halten. Ich habe mal gehrt, unser mrkisches
Land sei das Land, drin es nie Heilige gegeben, drin man aber auch keine Ketzer
verbrannt habe. Sieh, das ist das, worauf es ankommt, Mittelzustand - darauf
baut sich das Glck auf. Und dann haben wir hier noch zweierlei: in unserer
Bevlkerung die reine Lehre und in unserm Adel das reine Blut. Die, wo das nicht
zutrifft, die kennt man. Einige meinen freilich, das, was sie das Geistige
nennen, das litte darunter. Das ist aber alles Torheit. Und wenn es litte (es
leidet aber nicht), so schadet das gar nichts. Wenn das Herz gesund ist, ist der
Kopf nie ganz schlecht. Auf diesen Satz kannst du Dich verlassen. Und so bleibe
denn, wenn Du suchst, in unsrer Mark und vergi nie, da wir das sind, was man
so brandenburgische Geschichte nennt. Am eindringlichsten aber la Dir unsre
Rheinsberger Gegend empfohlen sein, von der mir selbst Koseleger - trotzdem
seine Feinde behaupten, er betrachte sich hier blo wie in Verbannung und sehne
sich fort nach einer Berliner Domstelle -, von der mir selbst Koseleger sagte:
Wenn man sich die preuische Geschichte genau ansieht, so findet man immer, da
sich alles auf unsre alte, liebe Grafschaft zurckfhren lt; da liegen die
Wurzeln unsrer Kraft. Und so schliee ich denn mit der Bitte: heirate heimisch
und heirate lutherisch. Und nicht nach Geld (Geld erniedrigt), und halte Dich
dabei versichert der Liebe Deiner Dich herzlich liebenden Tante und Patin
Adelheid von St.
    Woldemar lachte. Heirate heimisch und heirate lutherisch - das hr ich nun
schon seit Jahren. Und auch das dritte hre ich immer wieder: Geld erniedrigt.
Aber das kenn ich. Wenn's nur recht viel ist, kann es schlielich auch eine
Chinesin sein. In der Mark ist alles Geldfrage. Geld - weil keins da ist -
spricht Person und Sache heilig und, was noch mehr sagen will, beschwichtigt
zuletzt auch den Eigensinn einer alten Tante.
    Whrend er lachend so vor sich hin sprach, berflog er noch einmal den Brief
und sah jetzt, da eine Nachschrift an den Rand der vierten Seite gekritzelt
war. Eben war Katzler hier, der mir von der am Sonnabend in unserm Kreise
stattfindenden Nachwahl erzhlte. Dein Vater ist aufgestellt worden und hat auch
angenommen. Er bleibt doch immer der alte. Gewi wird er sich einbilden, ein
Opfer zu bringen - er litt von Jugend auf an solchen Einbildungen. Aber was ihm
ein Opfer bednkte, waren, bei Lichte besehen, immer blo Eitelkeiten. Deine A.
von St.

                              Siebzehntes Kapitel


Es war so, wie die Tante geschrieben: Dubslav hatte sich als konservativen
Kandidaten aufstellen lassen, und wenn fr Woldemar noch Zweifel darber gewesen
wren, so htten einige am Tage darauf von Lorenzen eintreffende Zeilen diese
Zweifel beseitigt. Es hie in Lorenzens Brief:
    Seit Deinem letzten Besuch hat sich hier allerlei Groes zugetragen. Noch
am selben Abend erschienen Gundermann und Koseleger und drangen in Deinen Vater,
zu kandidieren. Er lehnte zunchst natrlich ab; er sei weltfremd und verstehe
nichts davon. Aber damit kam er nicht weit. Koseleger, der - was ihm auch spter
noch von Nutzen sein wird - immer ein paar Anekdoten auf der Pfanne hat,
erzhlte ihm sofort, da vor Jahren schon, als ein von Bismarck zum
Finanzminister Ausersehener sich in gleicher Weise mit einem Ich verstehe nichts
davon aus der Affaire ziehen wollte, er der bismarckisch-prompten Antwort
begegnet sei: Darum whle ich Sie ja gerade, mein Lieber - eine Geschichte, der
Dein Vater natrlich nicht widerstehen konnte. Kurzum, er hat eingewilligt. Von
Herumreisen ist selbstverstndlich Abstand genommen worden, ebenso vom
Redenhalten. Schon nchsten Sonnabend haben wir Wahl. In Rheinsberg, wie immer,
fallen die Wrfel. Ich glaube, da er siegt. Nur die Fortschrittler knnen in
Betracht kommen und allenfalls die Sozialdemokraten, wenn vom Fortschritt (was
leicht mglich ist) einiges abbrckelt. Unter allen Umstnden schreibe Deinem
Papa, da Du Dich seines Entschlusses freutest. Du kannst es mit gutem Gewissen.
Bringen wir ihn durch, so wei ich, da kein Besserer im Reichstag sitzt und da
wir uns alle zu seiner Wahl gratulieren knnen. Er sich persnlich allerdings
auch. Denn sein Leben hier ist zu einsam, so sehr, da er, was doch sonst nicht
seine Sache ist, mitunter darber klagt. Das war das, was ich Dich wissen lassen
mute. Sonst nichts Neues vor Paris. Krippenstapel geht in groer Aufregung
einher; ich glaube, wegen unsrer auf Donnerstag in Stechlin selbst angesetzten
Vorversammlung, wo er mutmalich seine herkmmliche Rede ber den Bienenstaat
halten wird. Empfiehl mich Deinen zwei liebenswrdigen Freunden, besonders
Czako. Wie immer, Dein alter Freund Lorenzen.
    Woldemar, als er gelesen, wute nicht recht, wie er sich dazu stellen
sollte. Was Lorenzen da schrieb, da kein Besserer im Hause sitzen wrde, war
richtig; aber er hatte trotzdem Bedenken und Sorge. Der Alte war durchaus kein
Politiker, er konnte sich also stark in die Nesseln setzen, ja vielleicht zur
komischen Figur werden. Und dieser Gedanke war ihm, dem Sohne, der den Vater
schwrmerisch liebte, sehr schmerzlich. Auerdem blieb doch auch immer noch die
Mglichkeit, da er in dem Wahlkampf unterlag.

Diese Bedenken Woldemars waren nur allzu berechtigt. Es stand durchaus nicht
fest, da der alte Dubslav, so beliebt er selbst bei den Gegnern war, als Sieger
aus der Wahlschlacht hervorgehen msse. Die Konservativen hatten sich freilich
daran gewhnt, Rheinsberg-Wutz als eine Hochburg anzusehen, die der
staatserhaltenden Partei nicht verlorengehen knne, diese Vorstellung aber war
ein Irrtum, und die bisherige Reverenz gegen den alten Kortschdel wurzelte
lediglich in etwas Persnlichem. Nun war ihm Dubslav an Ansehen und Beliebtheit
freilich ebenbrtig, aber das mit der ewigen persnlichen Rcksichtnahme mute
doch mal ein Ende nehmen, und das Anrecht, das sich der alte Kortschdel
ersessen hatte, mit diesem mut es vorbei sein, eben weil sich's endlich um
einen Neuen handelte. Kein Zweifel, die gegnerischen Parteien regten sich, und
es lag genau so, wie Lorenzen an Woldemar geschrieben, da ein Fortschrittler,
aber auch ein Sozialdemokrat gewhlt werden knne.
    Wie die Stimmung im Kreise wirklich war, das htte der am besten erfahren,
der im Vorbergehen an der Comptoirtr des alten Baruch Hirschfeld gehorcht
htte.
    La dir sagen, Isidor, du wirst also whlen den guten alten Herrn von
Stechlin.
    Nein, Vater. Ich werde nicht whlen den guten alten Herrn von Stechlin.
    Warum nicht? Ist er doch ein lieber Herr und hat das richtige Herz.
    Das hat er; aber er hat das falsche Prinzip.
    Isidor, sprich mir nicht von Prinzip. Ich habe dich gesehn, als du hast
scharmiert mit dem Mariechen von nebenan und hast ihr aufgebunden das
Schrzenband, und sie hat dir gegeben einen Klaps. Du hast gebuhlt um das
christliche Mdchen. Und du buhlst jetzt, wo die Wahl kommt, um die ffentliche
Meinung. Und das mit dem Mdchen, das hab ich dir verziehen. Aber die
ffentliche Meinung verzeih ich dir nicht.
    Wirst du, Vaterleben; haben wir doch die neue Zeit. Und wenn ich whle,
whl ich fr die Menschheit.
    Geh mir, Isidor, die kenn ich. Die Menschheit, die will haben, aber nicht
geben. Und jetzt wollen sie auch noch teilen.
    La sie teilen, Vater.
    Gott der Gerechte, was meinst du, was du kriegst? Nicht den zehnten Teil.
    Und hnlich ging es in den andern Ortschaften. In Wutz sprach Fix fr das
Kloster und die Konservativen im allgemeinen, ohne dabei Dubslav in Vorschlag zu
bringen, weil er wute, wie die Domina zu ihrem Bruder stand. Ein Linkskandidat
aus Cremmen schien denn auch in der Wutzer Gegend die Oberhand gewinnen zu
sollen. Noch gefhrlicher fr die ganze Grafschaft war aber ein Wanderapostel
aus Berlin, der von Dorf zu Dorf zog und die kleinen Leute dahin belehrte, da
es ein Unsinn sei, von Adel und Kirche was zu erwarten. Die vertrsteten immer
blo auf den Himmel. Achtstndiger Arbeitstag und Lohnerhhung und
Sonntagspartie nach Finkenkrug - das sei das Wahre.
    So zersplitterte sich's allerorten. Aber wenigstens um den Stechlin herum
hoffte man der Sache noch Herr werden und alle Stimmen auf Dubslav vereinigen zu
knnen. Im Dorfkruge wollte man zu diesem Zwecke beraten, und Donnerstag sieben
Uhr war dazu festgesetzt.

Der Stechliner Krug lag an dem Platze, der durch die Kreuzung der von Wutz her
heranfhrenden Kastanienallee mit der eigentlichen Dorfstrae gebildet wurde,
und war unter den vier hier gelegenen Eckhusern das stattlichste. Vor seiner
Front standen ein paar uralte Linden, und drei, vier Stehkrippen waren bis dicht
an die Hauswand herangeschoben, aber alle ganz nach links hin, wo sich Eckladen
und Gaststube befanden, whrend nach der rechten Seite hin der groe Saal lag,
in dem heute Dubslav, wenn nicht fr die Welt, so doch fr Rheinsberg-Wutz, und
wenn nicht fr Rheinsberg-Wutz, so doch fr Stechlin und Umgegend proklamiert
werden sollte. Dieser groe Saal war ein fnffenstriger Lngsraum, der schon
manchen Schottischen erlebt, was er in seiner Erscheinung auch heute nicht zu
verleugnen trachtete. Denn nicht nur waren ihm alle seine blanken Wandleuchter
verblieben, auch die mchtige Bageige, die jedesmal wegzuschaffen viel zu
mhsam gewesen wre, guckte, schrg gestellt, mit ihrem langen Halse von der
Musikempore her ber die Brstung fort.
    Unter dieser Empore, quer durch den Saal hin, stand ein fr das Komitee
bestimmter lnglicher Tisch mit Tischdecke, whrend auf den links und rechts
sich hinziehenden Bnken einige zwanzig Vertrauensmnner saen, denen es
hinterher oblag, im Sinne der Komiteebeschlsse weiterzuwirken. Die
Vertrauensmnner waren meist wohlhabende Stechliner Bauern, untermischt mit
offiziellen und halboffiziellen Leuten aus der Nachbarschaft: Frster und
Waldhter und Vormnner von den verschiedenen Glas- und Teerfen. Zu diesen
gesellte sich noch ein Torfinspektor, ein Vermessungsbeamter, ein
Steueroffiziant und schlielich ein gescheiterter Kaufmann, der jetzt Agent war
und die Post besorgte. Natrlich war auch Landbrieftrger Brose da samt der
gesamten Sicherheitsbehrde: Fugensdarm Uncke und Wachtmeister Pyterke von der
reitenden Gensdarmerie. Pyterke gehrte nur halb mit zum Revier (es war das
immer ein streitiger Punkt), erschien aber trotzdem mit Vorliebe bei
Versammlungen der Art. Es gab nmlich fr ihn nichts Vergnglicheres, als seinen
Kameraden und Amtsgenossen Uncke bei solcher Gelegenheit zu beobachten und sich
dabei seiner ungeheuren, brigens durchaus berechtigten berlegenheit als
schner Mann und ehemaliger Gardekrassier bewut zu werden. Uncke war ihm der
Inbegriff des Komischen, und wenn ihn schon das rote, verkupferte Gesicht an und
fr sich amsierte, so doch viel, viel mehr noch der gefrbte
Schuhbrstenbackenbart, vor allem aber das Augenspiel, mit dem er den
Verhandlungen zu folgen pflegte. Pyterke hatte recht; Uncke war wirklich eine
komische Figur. Seine Miene sagte bestndig: An mir hngt es. Dabei war er ein
hchst gutmtiger Mann, der nie mehr als ntig aufschrieb und auch nur selten
auflste.
    Der Saal hatte nach dem Flur hin drei Tren. An der Mitteltr standen die
beiden Gensdarmen und rckten sich zurecht, als sich der Vorsitzende des
Komitees mit dem Glockenschlag sieben von seinem Platz erhob und die Sitzung fr
erffnet erklrte.
    Dieser Vorsitzende war natrlich Oberfrster Katzler, der heute, statt des
bloen schwarz-weien Bandes, sein bei St. Marie aux Chnes erworbenes Eisernes
Kreuz in Substanz eingeknpft hatte. Neben ihm saen Superintendent Koseleger
und Pastor Lorenzen, an der linken Schmalseite Krippenstapel, an der rechten
Schulze Kluckhuhn, letzterer auch dekoriert, und zwar mit der Dppelmedaille,
trotzdem er bei Dppel in der Reserve gestanden. Er scherzte gern darber und
sagte, whrend er seine beneidenswerten Zhne zeigte: Ja, Kinder, so geht es.
Bei Alsen war ich, aber bei Dppel war ich nich, und dafr hab ich nu die
Dppelmedaille.
    Schulze Kluckhuhn war berhaupt eine humoristisch angeflogene
Persnlichkeit, Liebling des alten Dubslav, und trat immer, wenn sich die alten
Kriegerbundleute von sechsundsechzig und siebzig aufs hohe Pferd setzen wollten,
fr die von vierundsechzig ein. Ja, vierundsechzig, Kinder, da fing es an. Und
aller Anfang ist schwer. Anfangen ist immer die Hauptsache; das andre kommt dann
schon wie von selbst. Ein alter Globsower, der bei Spichern mit gestrmt und
sich durch besondere Tapferkeit hervorgetan hatte, war denn auch, blo weil er
einer von Anno siebzig war, ein Gegenstand seiner besonderen Bemngelungen. Ich
will ja nich sagen, Tbbecke, da es bei Spichern gar nichts war; aber gegen
Dppel (wenn ich auch nicht mit dabeigewesen), gegen Dppel war es gar nichts.
Wie war es denn bei Spichern, wovon du soviel redst, als ob sich vierundsechzig
daneben verstecken mte? Bei Spichern, da waren Menschen oben, aber bei Dppel,
da waren Schanzen oben. Und ich sage dir, Schanzen mit 'm Turm drin. Da pfeift
es ganz anders. Das heit, von Pfeifen war schon eigentlich gar keine Rede
mehr. Eine Folge dieser Anschauung war es denn auch, da in den Augen
Kluckhuhns der Pionier Klinke, der bei Dppel unter Opferung seines Lebens den
Palisadenpfahl von Schanze drei weggesprengt hatte, der eigentliche Held aller
drei Kriege war und alles in allem nur einen Rivalen hatte. Dieser eine Rivale
stand aber drben auf Seite der Dnen und war berhaupt kein Mensch, sondern ein
Schiff und hie Rolf Krake. Ja, Kinder, wie wir nu da so rbergondelten, da
lag das schwarze Biest immer dicht neben uns und sah aus wie 'n Sarg. Und wenn
es gewollt htte, so wr es auch alle mit uns gewesen und blo noch plumps in
den Alsensund. Und weil wir das wuten, schossen wir immer drauflos, denn wenn
einem so zumute ist, dann schiet der Mensch immerzu.
    Ja, Rolf Krake war eine fatale Sache fr Kluckhuhn gewesen. Aber dasselbe
schwarze Schiff, das ihm damals soviel Furcht und Sorge gemacht hatte, war doch
auch wieder ein Segen fr ihn geworden, und man durfte sagen, sein Leben stand
seitdem im Zeichen von Rolf Krake. Wie Gundermann immer der Sozialdemokratie
das Wasser abstellen wollte, so verglich Kluckhuhn alles zur Sozialdemokratie
Gehrige mit dem schwarzen Ungetm im Alsensund. Ich sag euch, was sie jetzt
die soziale Revolution nennen, das liegt neben uns wie damals Rolf Krake; Bebel
wartet blo, und mit eins fegt er dazwischen.
    Schulze Kluckhuhn war in der ganzen Stechliner Gegend sehr angesehen, und
als er jetzt mit seiner Medaille so dasa, dicht neben Koseleger, war er sich
dessen auch wohl bewut. Aber gegen Krippenstapel, den er als Schulpauker und
Bienenvater eigentlich nicht fr voll ansah, kam er bei dieser Gelegenheit doch
nicht an; Krippenstapel hatte heute ganz seinen groen Tag, so sehr, da selbst
Kluckhuhn seinen Ton herabstimmen mute.
    Katzler, ein entschiedener Nichtredner, begann, als er sich mit seinem
Notizenzettel, auf dem verschiedene Satzanfnge standen, erhoben hatte, mit der
Versicherung, da er den so zahlreich Anwesenden, unter denen vielleicht auch
einige Andersdenkende seien, fr ihr Erscheinen danke. Sie wten alle, zu
welchem Zweck sie hier seien. Der alte Kortschdel sei tot, er ist in Ehren
hingegangen, und es handle sich heute darum, dem alten Herrn von Kortschdel im
Reichstag einen Nachfolger zu geben. Die Grafschaft habe immer konservativ
gewhlt; es sei Ehrensache, wieder konservativ zu whlen.
    Und ob die Welt voll Teufel wr. Es liege der Grafschaft ob, dieser Welt
des Abfalls zu zeigen, da es noch Sttten gbe. Und hier sei eine solche
Sttte. Wir haben, glaub ich, so schlo er, niemand an diesem Tisch, der das
Parlamentarische voll beherrscht, weshalb ich bemht gewesen bin, das, was uns
hier zusammengefhrt hat, schriftlich niederzulegen. Es ist ein schwacher
Versuch. Jeder tut, soviel er kann, und der Brombeerstrauch hat eben nur seine
Beeren. Aber auch sie knnen den durstigen Wanderer erfrischen. Und so bitte ich
denn unsern politischen Freund, dem wir auerdem fr die Erforschung dieser
Gegenden soviel verdanken, ich bitte Herrn Lehrer Krippenstapel, uns das von mir
Aufgesetzte vorlesen zu wollen. Ein Promemoria. Man kann es vielleicht so
nennen.
    Katzler, unter Verneigung, setzte sich wieder, whrend sich Krippenstapel
erhob. Er bltterte wie ein Rechtsanwalt in einer Anzahl von Papieren und sagte
dann: Ich folge der Aufforderung des Herrn Vorsitzenden und freue mich, berufen
zu sein, ein Schriftstck zur Verlesung zu bringen, das unser aller Gefhlen -
ich bin dessen sicher und glaube von den Einschrnkungen, die unser Herr
Vorsitzender gemacht hat, absehen zu drfen - zu krftigstem Ausdruck verhilft.
    Und nun setzte Krippenstapel seine Hornbrille auf und las. Es war ein ganz
kurzes Schriftstck und enthielt eigentlich dasselbe, was Katzler schon gesagt
hatte. Die Betonungen Krippenstapels sorgten aber dafr, da der Beifall
reichlicher war und da die Schluwendung, und so vereinigen wir uns denn in
dem Satze: was um den Stechlin herum wohnt, das ist fr Stechlin, einen
ungeheuren Beifall fand. Pyterke hob seinen Helm und stie mit dem Pallasch auf,
whrend Uncke sich umsah, ob doch vielleicht ein einzelner belwollender zu
notieren sei. Nicht um ihn direkt anzuzeigen, aber doch zur Kenntnisnahme.
Brose, der (wohl eine Folge seines Berufs) unter dem ungewohnten langen
Stillstehen gelitten hatte, nahm im Vorflur, wie zur Niederkmpfung seiner
Beinnervositt, eine Art Probegeschwindschritt rasch wieder auf, whrend
Kluckhuhn sich von seinem Stuhl erhob, um Katzler erst militrisch und dann
unter gewhnlicher Verbeugung zu begren, wobei seine Dppelmedaille dem
Katzlerschen Eisernen Kreuz entgegenpendelte. Nur Koseleger und Lorenzen blieben
ruhig. Um des Superintendenten Mund war ein leiser ironischer Zug.
    Dann erklrte der Vorsitzende die Sitzung fr geschlossen; alles brach auf,
und nur Uncke sagte zu Brose: Wir bleiben noch, Brose; morgen wird es Lauferei
genug geben.
    Denk ich auch. Aber lieber laufen, als hier so stillestehen.

                              Achtzehntes Kapitel


Drauen, unter dem Gezweig der alten Linden, standen mehrere Kaleschwagen, aber
der des Superintendenten fehlte noch, weil Koseleger eine viel lngere Sitzung
erwartet und daraufhin seinen Wagen erst zu zehn Uhr bestellt hatte. Bis dahin
war noch eine hbsche Zeit; der Superintendent indessen schien nicht unzufrieden
darber, und seines Amtsbruders Arm nehmend, sagte er: Lieber Lorenzen, ich mu
mich, wie Sie sehen, bei Ihnen zu Gaste laden. Als Unverheirateter werden Sie,
so hoffe ich, ber die Strung leicht hinwegkommen. Die Ehe bedeutet in der
Regel Segen, wenigstens an Kindern, aber die Nichtehe hat auch ihre Segnungen.
Unsre guten Frauen entschlagen sich dieser Einsicht, und dieser unbedingte
Glauben an sich und ihre Wichtigkeit hat oft was Rhrendes.
    Lorenzen, der sich - bei voller Wrdigung der Gaben seines ihm vorgesetzten
und zugleich gern einen spttischen Ton anschlagenden Amtsbruders - im
allgemeinen nicht viel aus ihm machte, war diesmal mit allem einverstanden und
nickte, whrend sie, schrg ber den Platz fort, auf die Pfarre zuschritten.
    Ja, diese Einbildungen! fuhr Koseleger fort, zu dessen Lieblingsgesprchen
dieses Thema gehrte. Gewi ist es richtig, da wir samt und sonders von
Einbildungen leben, aber fr die Frauen ist es das tgliche Brot. Sie
maltrtieren ihren Mann und sprechen dabei von Liebe, sie werden maltrtiert und
sprechen erst recht von Liebe; sie sehen alles so, wie sie's sehen wollen, und
vor allem haben sie ein Talent, sich mit Tugenden auszursten (erlassen Sie mir,
diese Tugenden aufzuzhlen), die sie durchaus nicht besitzen. Unter diesen meist
nur in der Vorstellung existierenden Tugenden befindet sich auch die der
Gastlichkeit, wenigstens hierlandes. Und nun gar unsre Pfarrmtter! Eine jede
htt sich fr die heilige Elisabeth mit den bekannten Broten im Korb. Haben Sie
brigens das Bild auf der Wartburg gesehen? Unter allen Schwindschen Sachen
steht es mir so ziemlich obenan. Und in Wahrheit, um auf unsere Pfarrmtter
zurckzukommen, liegt es doch so, da ich mich bei pastorlichen Junggesellen
immer am besten aufgehoben gefhlt habe.
    Lorenzen lachte: Wenn Sie nur heute nicht widerlegt werden, Herr
Superintendent.
    Ganz undenkbar, lieber Lorenzen. Ich bin noch nicht lang in dieser Gegend,
in meinem guten Quaden-Hennersdorf da drben, aber wenn auch nicht lange, so
doch lange genug, um zu wissen, wie's hierherum aussieht. Und Ihr Renommee...
Sie sollen so was von einem Feinschmecker an sich haben. Kann ich mir brigens
denken. Sie sind sthetikus, und das ist man nicht ungestraft, am wenigsten in
bezug auf die Zunge. Ja, das sthetische. Fr manchen ist es ein Unglck. Ich
wei davon. Das Haus hier vor uns ist wohl Ihr Schulhaus? Wei gestrichen und
kein Fetzchen Gardine, das ist immer 'ne preuische Schule. So wird bei uns die
Volksseele fr das, was schn ist, grogezogen. Aber es kommt auch was dabei
heraus! Mitunter wundert's mich nur, da sie die Bauten aus der Zeit Friedrich
Wilhelms I. nicht besser konservieren. Eigentlich war das doch das Ideal. Graue
Wand, hundert Lcher drin und unten groes Hauptloch. Und natrlich ein
Schilderhaus daneben. Letzteres das Wichtigste. Schade, da so was verlorengeht.
brigens rettet hier der grne Staketenzaun das Ganze... Wie heit doch der
Lehrer?
    Krippenstapel.
    Richtig, Krippenstapel. Katzler nannte ihn ja whrend der Sitzung mit einer
Art Aplomb. Ich erinnere mich noch, wie mir der Name wohltat, als ich ihn das
erste Mal hrte. So heit nicht jeder. Wie kommen Sie mit dem Manne aus?
    Sehr gut, Herr Superintendent.
    Freut mich aufrichtig. Aber es mu ein Kunststck sein. Er hat ein Gesicht
wie 'ne Eule. Dabei so was Steifleinenes und zugleich Selbstbewutes. Der
richtige Lehrer. Meiner in Quaden-Hennersdorf war ebenso. Aber er lt nun schon
ein bichen nach.
    Unter diesen Worten waren sie bis an die Pfarre gekommen, in der man, ohne
da ein Bote vorausgeschickt worden wre, doch schon wute, da der Herr
Superintendent mit erscheinen wrde. Nun war er da. Nur wenige Minuten waren
seit dem Aufbruch vom Krug her vergangen, die trotz Krze fr Frau Kulicke (eine
Lehrerswitwe, die Lorenzen die Wirtschaft fhrte) ausgereicht hatten, alles in
Chic und Ordnung zu bringen. Auf dem lnglichen Hausflur, an dessen uerstem
Ende man gleich beim Eintreten die blinkblanke Kche sah, brannten ein paar
helle Paraffinkerzen, whrend rechts daneben, in der offenstehenden
Studierstube, eine groe Lampe mit grnem Bilderschirm ein gedmpftes Licht gab.
Lorenzen schob den Sofatisch, darauf Zeitungen hoch aufgeschichtet lagen, ein
wenig zurck und bat Koseleger, Platz zu nehmen. Aber dieser, eben jetzt das
groe Bild bemerkend, das in beinahe reicher Umrahmung ber dem Sofa hing, nahm
den ihm angebotenen Platz nicht gleich ein, sondern sagte, sich ber den Tisch
vorbeugend: Ah, gratuliere, Lorenzen. Kreuzabnahme; Rubens. Das ist ja ein
wunderschner Stich. Oder eigentlich Aquatinta. Dergleichen wird hier wohl im
siebenmeiligen Umkreis nicht oft betroffen werden, nicht einmal in dem etwas
heraufgepufften Rheinsberg; in Rheinsberg war man fr Watteausche Reifrockdamen
auf einer Schaukel, aber nicht fr Kreuzabnahmen und dergleichen. Und stammt
auch sicher nicht aus dem sogenannten Schlo Ihres liebenswrdigen alten Herrn
drben, Riesenkate mit Glaskugel davor. Ach, wenn ich diese Glaskugeln sehe. Und
daneben das hier! Wissen Sie, Lorenzen, das Bild hier ruft mir eine schne
Stunde meines Lebens zurck, einen Reisetag, wo ich mit Grofrstin Wera vom
Haag aus in Antwerpen war. Da sah ich das Bild in der Kathedrale. Waren Sie da?
    Lorenzen verneinte.
    Das wre was fr Sie. Dieser Rubens im Original, in seiner Farbenallgewalt.
Es heit immer, da er nur Flamnderinnen htte malen knnen. Nun, das wre wohl
auch noch nicht das schlimmste gewesen. Aber er konnte mehr. Sehen Sie den
Christus. Wohl jedem, der drauen war und zu dem die Welt mal in andern Zungen
redete! Hier blht der Bilderbogen, Trke links, Russe rechts. Ach, Lorenzen, es
ist traurig, hier versauern zu mssen.
    Als er so gesprochen, lie er sich, vor sich hin starrend, in die Sofaecke
nieder, ganz wie in andre Zeiten verloren, und sah erst wieder auf, als ein
junges Ding ins Zimmer trat, gro und schlank und blond, und dem Pastor verlegen
und errtend etwas zuflsterte.
    Meine gute Frau Kulicke, sagte Lorenzen, lt eben fragen, ob wir unsern
Imbi im Nebenzimmer nehmen wollen. Ich mchte beinahe glauben, es ist das
beste, wir bleiben hier. Es heit zwar, ein Ezimmer msse kalt sein. Nun, das
htten wir nebenan. Ich persnlich finde jedoch das Temperierte besser. Aber ich
bitte bestimmen zu wollen, Herr Superintendent.
    Temperiert. Mir aus der Seele gesprochen. Also wir bleiben, wo wir sind...
Aber sagen Sie mir, Lorenzen, wer war das entzckende Geschpf? Wie ein Bild von
Knaus. Halb Prinze, halb Rotkppchen. Wie alt ist sie denn?
    Siebzehn. Eine Nichte meiner guten Frau Kulicke.
    Siebzehn. Ach, Lorenzen, wie Sie zu beneiden sind. Immer solche
Menschenblte zu sehn. Und siebzehn, sagen Sie. Ja, das ist das Eigentliche.
Sechzehn hat noch ein bichen von der Eierschale, noch ein bichen den
Einsegnungscharakter, und achtzehn ist schon wieder alltglich. Achtzehn kann
jeder sein. Aber siebzehn. Ein wunderbarer Mittelzustand. Und wie heit sie?
    Elfriede.
    Auch das noch.
    Lorenzen wiegte den Kopf und lchelte.
    Ja, Sie lcheln, Lorenzen, und wissen nicht, wie gut Sie's haben in dieser
Ihrer Waldpfarre. Was ich hier sehe, heimelt mich an, das ganze Dorf, alles.
Wenn ich mir da beispielsweise den Tisch wieder vergegenwrtige, dran wir,
drben im Krug, vor einer halben Stunde gesessen haben, an der linken Seite
dieser Krippenstapel (er sei, wie er sei) und an der rechten Seite dieser Rolf
Krake. Das sind ja doch lauter Gren. Denn das Groteske hat eben auch seine
Gren und nicht die schlechtesten. Und dazu dieser Katzler mit seiner
Ermyntrud. All das haben Sie dicht um sich her und dazu dies Kind, diese
Elfriede, die hoffentlich nicht Kulicke heit - sonst bricht freilich mein
ganzes Begeisterungsgebude wieder zusammen. Und nun nehmen Sie mich, Ihren
Superintendenten, das groe Kirchenlicht dieser Gegenden! Alles nackte Prosa,
widerhaarige Kollegen und Amtsbrder, die mir nicht verzeihen knnen, da ich im
Haag war und mit einer Grofrstin ber Land fahren konnte. Glauben Sie mir,
Grofrstinnen, selbst wenn sie Mngel haben (und sie haben Mngel), sind mir
immer noch lieber als das Landesgewchs von Quaden-Hennersdorf, und mitunter ist
mir zumut, als gbe es keine Weltordnung mehr.
    Aber Herr Superintendent...
    Ja, Lorenzen, Sie setzen ein berraschtes Gesicht auf und wundern sich, da
einer, fr den die hohe Klerisei soviel getan und ihn zum Superintendenten in
der gesegneten Mittelmark und der noch gesegneteren Grafschaft Ruppin gemacht
hat - Sie wundern sich, da solch zehnmal Glcklicher solchen Hochverrat redet.
Aber bin ich ein Glcklicher? Ich bin ein Unglcklicher...
    
    Aber Herr Superintendent...
    ... Und mchte, da ich eine Hundertundfnfzig-Seelen-Gemeinde htte, sagen
wir auf dem Toten Mann oder in der Tuchler Heide. Sehen Sie, dann wr es vorbei,
dann wt ich bestimmt: Du bist in den Skat gelegt. Und das kann unter Umstnden
ein Trost sein. Die Leute, die Schiffbruch gelitten und nun in einer
Isolierzelle sitzen und Tten kleben oder Wolle zupfen, das sind nicht die
Unglcklichsten. Unglcklich sind immer blo die Halben. Und als einen solchen
habe ich die Ehre, mich Ihnen vorzustellen. Ich bin ein Halber, vielleicht sogar
in dem, worauf es ankommt; aber lassen wir das, ich will hier nur vom allgemein
Menschlichen sprechen. Und da ich auch in diesem Menschlichen ein Halber bin,
das qult mich. ber das andre km ich vielleicht weg.
    Lorenzens Augen wurden immer grer.
    Sehen Sie, da war ich also - verzeihen Sie, da ich immer wieder darauf
zurckkomme -, da war ich also mit siebenundzwanzig im Haag und kam in die
vornehme Welt, die da zu Hause ist. Und da war ich denn heut in Amsterdam und
morgen in Scheveningen und den dritten Tag in Gent oder in Brgge. Brgge,
Reliquienschrein, Hans Memling - so was mten Sie sehn. Was sollen uns diese
ewigen Markgrafen oder gar die Faule Grete? Mancher, ich wei wohl, ist frs
hrene Gewand oder zum Eremiten geboren. Ich nicht. Ich bin von der andern
Seite; meine Seele hngt an Leben und Schnheit. Und nun spricht da drauen all
dergleichen zu einem, und man trnkt sich damit und hat einen Ehrgeiz, nicht
einen kindischen, sondern einen echten, der hher hinauf will, weil man da
wirken und schaffen kann, fr sich gewi, aber auch fr andre. Danach drstet
einen. Und nun kommt der Becher, der diesen Durst stillen soll. Und dieser
Becher heit Quaden-Hennersdorf. Das Dorf, das mich umgibt, ist ein groes
Bauerndorf, aufgesteifte Leute, geschwollen und hartherzig, und natrlich so
trocken und trivial, wie die Leute hier alle sind. Und noch stolz darauf. Ach,
Lorenzen, immer wieder, wie beneide ich Sie!
    Whrend Koseleger noch so sprach, erschien Frau Kulicke. Sie schob die
Zeitungen zurck, um zwei Couverts legen zu knnen, und nun brachte sie den
Rotwein und ein Cabaret mit Brtchen. In dnngeschliffene groe Glser schenkte
Lorenzen ein, und die beiden Amtsbrder stieen an auf bessere Zeiten.
    Aber sie dachten sich sehr Verschiedenes dabei, weil sich der eine nur mit
sich, der andre nur mit andern beschftigte.
    Wir knnten, glaub ich, sagte Lorenzen, neben den besseren Zeiten noch
dies und das leben lassen. Zunchst Ihr Wohl, Herr Superintendent. Und zum
zweiten auf das Wohl unsers guten alten Stechlin, der uns doch heute
zusammengefhrt. Ob wir ihn durchbringen? Katzler tat so sicher und Kluckhuhn
und Krippenstapel nun schon ganz gewi. Aber ich habe trotzdem Zweifel. Die
Konservativen - ich kann kaum sagen, unsre Parteigenossen, oder doch nur in sehr
bedingtem Sinne -, die Konservativen sind in sich gespalten. Es gibt ihrer
viele, denen unser alter Stechlin um ein gut Teil zu flau ist. Fortiter in re,
suaviter in modo, hat neulich einer, der sich auf Bildung ausspielt, von dem
Alten gesagt, und von suaviter, wenn auch nur in modo, wollen alle diese Herren
nichts wissen. Unter diesen Ultras ist natrlich auch Gundermann auf
Siebenmhlen, der Ihnen vielleicht bekannt geworden ist...
    Versteht sich. War neulich bei mir. Ein Mann von drei Redensarten, von
denen die zwei besten aus der Wassermllersphre genommen sind.
    Nun, dieser Gundermann, wie immer die Dummen, ist zugleich Intrigant, und
whrend er vorgibt, fr unsern guten alten Stechlin zu werben, tropft er den
Leuten Gift ins Ohr und erzhlt ihnen, da der Alte senil sei und keinen Schneid
habe. Der alte Stechlin hat aber mehr Schneid als sieben Gundermanns. Gundermann
ist ein Bourgeois und ein Parvenu, also so ziemlich das Schlechteste, was einer
sein kann. Ich bin schon zufrieden, wenn dieser Jmmerling unterliegt. Aber um
den Alten bin ich besorgt. Ich kann nur wiederholen: es liegt nicht so gnstig
fr ihn, wie die Gegend hier sich einbildet. Denn auf das arme Volk ist kein
Verla. Ein Versprechen und ein Kornus, und alles schnappt ab.
    Ich werde das Meine tun, sagte Koseleger mit einer Mischung von Pathos und
Wohlwollen. Aber Lorenzen hatte dabei den Eindruck, da sein
Quaden-Hennersdorfer Superintendent bereits ganz andern Bildern nachhing. Und so
war es auch. Was war fr Koseleger diese traurige Gegenwart? Ihn beschftigte
nur die Zukunft, und wenn er in die hineinsah, so sah er einen langen, langen
Korridor mit Oberlicht und am Ausgang ein Klingelschild mit der Aufschrift: Dr.
Koseleger, Generalsuperintendent.

So ziemlich um dieselbe Stunde, wo die beiden Amtsbrder auf bessere Zeiten
anstieen, hielt Katzlers Prschwagen - die Sterne blinkten schon - vor seiner
Oberfrsterei. Das Blaffen der Hunde, das, solange der Wagen noch weitab war,
unausgesetzt ber die Waldwiese hingeklungen war, verkehrte sich mit einem Mal
in winseliges Geheul und wunderliche Freudentne. Katzler sprang aus dem Wagen,
hing den Hut an einen im Flur stehenden Stnder (von den ewigen Geweihen
wollte er als feiner Mann nichts wissen) und trat gleich danach in das an der
linken Flurseite gelegene, matt erleuchtete Wohnzimmer seiner Frau. Das
gedmpfte Licht lie sie noch blasser erscheinen, als sie war. Sie hatte sich,
als der Wagen hielt, von ihrem Sofaplatz erhoben und kam ihrem Manne, wie sie
regelmig zu tun pflegte, wenn er aus dem Walde zurckkam, zu freundlicher
Begrung entgegen. Ein als Weihnachtsgeschenk fr eine jngere Schwester
bestimmtes Batisttuch, in das sie eben die letzte Zacke der
Ippe-Bchsensteinschen Krone hineinstickte, hatte sie, bevor sie sich vom Sofa
erhob, aus der Hand gelegt. Sie war nicht schn, dazu von einem
lymphatisch-sentimentalen Ausdruck, aber ihre stattliche Haltung und mehr noch
die Art, wie sie sich kleidete, lieen sie doch als etwas durchaus Apartes und
beinahe Fremdlndisches erscheinen. Sie trug, nach Art eines Morgenrockes, ein
glatt herabhngendes, leis gelbgetntes Wollkleid und als Eigentmlichstes einen
aus demselben gelblichen Wollstoff hergestellten Kopfputz, von dem es unsicher
blieb, ob er einen Turban oder eine Krone darstellen sollte. Das Ganze hatte
etwas Gewolltes, war aber neben dem Aufflligen doch auch wieder kleidsam. Es
sprach sich ein Talent darin aus, etwas aus sich zu machen.
    Wie glcklich bin ich, da du wieder da bist, sagte Ermyntrud. Ich habe
mich recht gebangt, diesmal nicht um dich, sondern um mich. Ich mu dies
egoistischerweise gestehen. Es waren recht schwere Stunden fr mich, die ganze
Zeit, da du fort warst.
    Er kte ihr die Hand und fhrte sie wieder auf ihren Platz zurck. Du
darfst nicht stehen, Ermyntrud. Und nun bist du auch wieder bei der Stickerei.
Das strengt dich an und hat, wie du weit, auf alles Einflu. Der gute Doktor
sagte noch gestern, alles sei im Zusammenhang. Ich seh auch, wie bla du bist.
    Oh, das macht der Schirm.
    Du willst es nicht wahrhaben und mir nichts sagen, was vielleicht wie
Vorwurf klingen knnte. Ich mache mir aber den Vorwurf selbst. Ich mute
hierbleiben und nicht hin zu dieser Stechliner Wahlversammlung.
    Du mutest hin, Wladimir.
    Ich rechne es dir hoch an, Ermyntrud, da du so sprichst. Aber es wre
schlielich auch ohne mich gegangen. Koseleger war da, der konnte das Prsidium
nehmen so gut wie ich. Und wenn der nicht wollte, so konnte Torfinspektor
Etzelius einspringen. Oder vielleicht auch Krippenstapel. Krippenstapel ist doch
zuletzt der, der alles macht. Jedenfalls liegt es so, wenn es der eine nicht
ist, ist es der andre.
    Ich kann das zugeben. Wie knnte sonst die Welt bestehen? Es gibt nichts,
was uns so Demut predigte wie die Wahrnehmung von der Entbehrlichkeit des
einzelnen. Aber darauf kommt es nicht an. Worauf es ankommt, das ist Erfllung
unsrer Pflicht.
    Katzler, als er dies Wort hrte, sah sich nach einem Etwas um, das ihn in
den Stand gesetzt htte, dem Gesprch eine andere Wendung zu geben. Aber, wie
stets in solchen Momenten, das, was retten konnte, war nicht zu finden, und so
sah er denn wohl, da er einem Vortrage der Prinzessin ber ihr Lieblingsthema
von der Pflicht verfallen sei. Dabei war er eigentlich hungrig.
    Ermyntrud wies auf ein Taburett, das sie mittlerweile neben ihren Sofaplatz
geschoben, und sagte: Da ich immer wieder davon sprechen mu, Wladimir. Wir
leben eben nicht in der Welt um unsert-, sondern um andrer willen. Ich will
nicht sagen, um der Menschheit willen, was eitel klingt, wiewohl es eigentlich
wohl so sein sollte. Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht
einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht...
    Gewi, Ermyntrud. Wir sind einig darber. Es ist dies auerdem auch etwas
speziell Preuisches. Wir sind dadurch vor andern Nationen ausgezeichnet, und
selbst bei denen, die uns nicht begreifen oder belwollen, dmmert die
Vorstellung von unsrer daraus entspringenden berlegenheit. Aber es gibt doch
Unterschiede, Grade. Wenn ich statt zu der Stechliner Whlerversammlung lieber
zu Doktor Sponholz oder zur alten Stinten in Kloster Wutz (die ja schon frher
einmal dabei war) gefahren wre, so wre das doch vielleicht das Bessere
gewesen. Es ist ein Glck, da es noch mal so vorbergegangen. Aber darauf darf
man nicht in jedem Falle rechnen.
    Nein, darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen. Aber man darf darauf
rechnen, da, wenn man das Pflichtgeme tut, man zugleich auch das Rechte tut.
Es hngt soviel an der Wahl unsers alten trefflichen Stechlin. Er steht auerdem
sittlich hher als Kortschdel, dem man, trotz seiner siebzig, allerhand
nachsagen durfte. Stechlin ist ganz intakt. Etwas sehr Seltenes. Und einem
sittlichen Prinzip zum Siege zu verhelfen, dafr leben wir doch recht
eigentlich. Dafr lebe wenigstens ich.
    Gewi, Ermyntrud, gewi.
    In jedem Augenblicke seiner Obliegenheiten eingedenk sein, ohne erst bei
Neigung oder Stimmung anzufragen, das hab ich mir in feierlicher Stunde gelobt,
du weit, in welcher, und du wirst mir das Zeugnis ausstellen, da ich diesem
Gelbnis nachgekommen...
    Gewi, Ermyntrud, gewi. Es war unser Fundament...
    Und wenn es sich um eine sittliche Pflicht handelt, wie doch heute ganz
offenbar, wie htt ich da sagen wollen: bleibe. Ich wre mir klein vorgekommen,
klein und untreu.
    Nicht untreu, Ermyntrud.
    Doch, doch. Es gibt viele Formen der Untreue. Das Persnliche hat sich der
Familie zu bequemen und unterzuordnen und die Familie wieder der Gesellschaft.
In diesem Sinne bin ich erzogen, und in diesem Sinne tat ich den Schritt.
Verlange nicht, da ich in irgend etwas diesen Schritt zurck tue.
    Nie.
    Das kleine Dienstmdchen, eine Heidelufertochter, deren storres Haar, von
keiner Brste gezhmt, immer weit abstand, erschien in diesem Augenblicke,
meldend, da sie das Teezeug gebracht habe.
    Katzler nahm seiner Frau Arm, um sie bis in das zweite, nach dem Hof hinaus
gelegene Zimmer zu fhren. Als er aber wahrnahm, wie schwer ihr das Gehen wurde,
sagte er: Ich freue mich, dich so sprechen zu hren. Immer du selbst. Ich bin
aber doch in Unruhe und will morgen frh zur Frau schicken.
    Sie nickte zustimmend, whrend ein halb zrtlicher Blick den guten Katzler
streifte, der, solange das ihm nur zu wohlbekannte Gesprch ber Pflicht
gedauert hatte, von Minute zu Minute verlegener geworden war.

                              Neunzehntes Kapitel


Und nun war Wahltagmorgen. Kurz vor acht erschien Lorenzen auf dem Schlo, um in
Dubslavs schon auf der Rampe haltenden Kaleschewagen einzusteigen und mit nach
Rheinsberg zu fahren. Der Alte, bereits gestiefelt und gespornt, empfing ihn mit
gewohnter Herzlichkeit und guter Laune. Das ist recht, Lorenzen. Und nun wollen
wir auch gleich aufsteigen. Aber warum haben Sie mich nicht an Ihrem Pfarrgarten
erwartet? Mu ja doch dran vorber - und dabei schob er ihm voll Sorglichkeit
eine Decke zu, whrend die Pferde schon anrckten. brigens freut es mich
trotzdem (man widerspricht sich immer), da Sie nicht so praktisch gewesen und
doch lieber gekommen sind. Es is 'ne Politesse. Und die Menschen sind jetzt so
schrecklich unpoliert und geradezu unmanierlich... Aber lassen wir's; ich kann
es nicht ndern, und es grmt mich auch nicht.
    Weil Sie gtig sind und jene Heiterkeit haben, die, menschlich angesehn, so
ziemlich unser Bestes ist.
    Dubslav lachte. Ja, soviel ist richtig; Kopfhngerei war nie meine Sache,
und wre das verdammte Geld nicht... Hren Sie, Lorenzen, das mit dem Mammon und
dem Goldnen Kalb, das sind doch eigentlich alles sehr feine Sachen.
    Gewi, Herr von Stechlin.
    ... Und wre das verdammte Geld nicht, so htt ich den Kopf noch weniger
hngenlassen, als ich getan. Aber das Geld. Da war, noch unter Friedrich Wilhelm
III., der alte General von der Marwitz auf Friedersdorf, von dem Sie gewi mal
gehrt haben, der hat in seinen Memoiren irgendwo gesagt: er htte sich aus dem
Dienst gern schon frher zurckgezogen und sei blo geblieben um des
Schlechtesten willen, was es berhaupt gbe, um des Geldes willen - und das hat
damals, als ich es las, einen groen Eindruck auf mich gemacht. Denn es gehrt
was dazu, das so ruhig auszusprechen. Die Menschen sind in allen Stcken so
verlogen und unehrlich, auch in Geldsachen, fast noch mehr als in Tugend. Und
das will was sagen. Ja, Lorenzen, so ist es... Na, lassen wir's, Sie wissen ja
auch Bescheid. Und dann sind das schlielich auch keine Betrachtungen fr heute,
wo ich gewhlt werden und den Triumphator spielen soll. brigens geh ich einem
totalen Kladderadatsch entgegen. Ich werde nicht gewhlt.
    Lorenzen wurde verlegen, denn was Dubslav da zuletzt sagte, das stimmte nur
zu sehr mit seiner eignen Meinung. Aber er mute wohl oder bel, so schwer es
ihm wurde, das Gegenteil versichern. Ihre Wahl, Herr von Stechlin, steht, glaub
ich, fest; in unsrer Gegend wenigstens. Die Globsower und Dagower gehen mit
gutem Beispiel voran. Lauter gute Leute.
    Vielleicht. Aber schlechte Musikanten. Alle Menschen sind Wetterfahnen, ein
bichen mehr, ein bichen weniger. Und wir selber machen's auch so. Schwapp,
sind wir auf der andern Seite.
    Ja, schwach ist jeder, und ich mag mich auch nicht fr all' und jeden
verbrgen. Aber in diesem speziellen Falle... Selbst Koseleger schien mir voll
Zuversicht und Vertrauen, als er am Donnerstag noch mit mir plauderte.
    Koseleger voll Vertrauen! Na, dann geht es gewi in die Brche. Wo
Koseleger amen sagt, das ist schon so gut wie Letzte lung. Er hat keine
glckliche Hand, dieser Ihr Amtsbruder und Vorgesetzter.
    Ich teile leider einigermaen Ihre Bedenken gegen ihn. Aber was vielleicht
mit ihm vershnen kann, er hat angenehme Formen und durchaus etwas
Verbindliches.
    Das hat er. Und doch, sosehr ich sonst fr Formen und Verbindlichkeiten
bin, nicht fr seine. Man soll einem Menschen nicht seinen Namen vorhalten. Aber
Koseleger! Ich wei immer nicht, ob er mehr Kose oder mehr Leger ist; vielleicht
beides gleich. Er ist wie 'ne Baisertorte, s, aber ungesund. Nein, Lorenzen,
da bin ich doch mehr fr Sie. Sie taugen auch nicht viel, aber Sie sind doch
wenigstens ehrlich.
    Vielleicht, sagte Lorenzen. brigens hat Koseleger inmitten seiner
Verbindlichkeiten und schnen Worte doch auch wieder was Freies, beinah Gewagtes
und ist mir da neulich mit Bekenntnissen gekommen, fast wie ein Charakter.
    Dubslav lachte hell auf. Charakter. Aber Lorenzen. Wie knnen Sie sich so
hinters Licht fhren lassen. Ich verwette mich, er hat Ihnen irgendwas ber Ihre
Gaben gesagt; das ist jetzt so Lieblingswort, das die Pastoren immer gegenseitig
brauchen. Es soll bescheiden und unpersnlich klingen und sozusagen alles auf
Inspiration zurckfhren, fr die man ja, wie fr alles, was von oben kommt, am
Ende nicht kann. Es ist aber gerade dadurch das Hochmtigste... War es so was?
Hat er meinen klugen Lorenzen, eh er sich als Charakter ausspielte, durch solche
Schmeicheleien eingefangen?
    Es war nicht so, Herr von Stechlin. Sie tun ihm hier ausnahmsweise unrecht.
Er sprach berhaupt nicht ber mich, sondern ber sich und machte mir dabei
seine Confessions. Er gestand mir beispielsweise, da er sich unglcklich
fhle.
    Warum?
    Weil er in Quaden-Hennersdorf deplaciert sei.
    Deplaciert. Das ist auch solch Wort; das kenn ich. Wenn man durchaus will,
ist jeder deplaciert, ich, Sie, Krippenstapel, Engelke. Ich mte Prses von
einem Stammtisch oder vielleicht auch ein Badedirektor sein, Sie Missionar am
Kongo, Krippenstapel Kustos an einem mrkischen Museum, und Engelke, nun, der
mte gleich selbst hinein, Nummer hundertdreizehn. Deplaciert! Alles blo
Eitelkeit und Grenwahn. Und dieser Koseleger mit dem Konsistorialratskinn! Er
war Galopin bei 'ner Grofrstin; das kann er nicht vergessen, damit will er's
nun zwingen, und in seinem rger und Unmut spielt er sich auf den Charakter aus
und versteigt sich, wie Sie sagen, bis zu Confessions und Gewagtheiten. Und wenn
er nun ressierte (Gott verht es), so haben Sie den Scheiterhaufenmann comme il
faut. Und der erste, der rauf mu, das sind Sie. Denn er wird sofort das
Bedrfnis spren, seine Gewagtheiten von heute durch irgendein Brandopfer wieder
wettzumachen.
    Unter diesem Gesprche waren sie schlielich aus dem Walde heraus und
nherten sich einem beinah meilenlangen und bis an den Horizont sich
ausdehnenden Stck Bruchland, ber das mehrere mit Kropfweiden und Silberpappeln
besetzte Wege strahlenfrmig auf Rheinsberg zuliefen. Alle diese Wege waren
belebt, meist mit Fugngern, aber auch mit Fuhrwerken. Eins davon, aus
gelblichem Holz, das hell in der Sonne blinkte, war leicht zu erkennen.
    Da fhrt ja Katzler, sagte Dubslav. berrascht mich beinah. Es ist
nmlich, was Sie vielleicht noch nicht wissen werden, wieder was einpassiert; er
schickte mir heute frh einen Boten mit der Nachricht davon, und daraus schlo
ich, er wrde nicht zur Wahl kommen. Aber Ermyntrud mit ihrer grandiosen
Pflichtvorstellung wird ihn wohl wieder fortgeschickt haben.
    Ist es wieder ein Mdchen? fragte Lorenzen.
    Natrlich, und zwar das siebente. Bei sieben (freilich mssen es Jungens
sein) darf man, glaub ich, den Kaiser zu Gevatter laden. brigens sind mehrere
bereits tot, und alles in allem ist es wohl mglich, da sich Ermyntrud ber das
bestndige blo Mdchen allerlei Sorgen und Gedanken macht.
    Lorenzen nickte. Kann mir's denken, da die Prinzessin etwas wie eine zu
leistende Shne darin sieht, Shne wegen des von ihr getanen Schrittes. Alles an
ihr ist ein wenig berspannt. Und doch ist es eine sehr liebenswrdige Dame.
    Wovon niemand berzeugter ist als ich, sagte Dubslav. Freilich bin ich
bestochen, denn sie sagt mir immer das Schmeichelhafteste. Sie plaudre so gern
mit mir, was auch am Ende wohl zutrifft. Und dabei wird sie dann jedesmal ganz
ausgelassen, trotzdem sie eigentlich hochgradig sentimental ist. Sentimental,
was nicht berraschen darf; denn aus Sentimentalitt ist doch schlielich die
ganze Katzlerei hervorgegangen. Bin brigens ernstlich in Sorge, wo Hoheit den
richtigen Taufnamen fr das Jngstgeborene hernehmen wird. In diesem Stcke,
vielleicht dem einzigen, ist sie nmlich noch ganz und gar Prinzessin geblieben.
Und Sie, lieber Lorenzen, werden dabei sicherlich mit zu Rate gezogen werden.
    Was ich mir nicht schwierig denken kann.
    Sagen Sie das nicht. Es gibt in diesem Falle viel weniger Brauchbares, als
Sie sich vorzustellen scheinen. Prinzessinnennamen an und fr sich, ohne weitere
Zutat, ja, die gibt es genug. Aber damit ist Ermyntrud nicht zufrieden; sie
verlangt ihrer Natur nach zu dem Dynastisch-Genealogischen auch noch etwas
poetisch Mrchenhaftes. Und das kompliziert die Sache ganz erheblich. Sie knnen
das sehen, wenn Sie die Katzlersche Kinderstube durchmustern oder sich die Namen
der bisher Getauften ins Gedchtnis zurckrufen. Die Katzlersche Kronprinze
heit natrlich auch Ermyntrud. Und dann kommen ebenso selbstverstndlich Dagmar
und Thyra. Und danach begegnen wir einer Inez und einer Maud und zuletzt einer
Arabella. Aber bei Arabella knnen Sie schon deutlich eine gewisse Verlegenheit
wahrnehmen. Ich wrde ihr, wenn sie sich wegen des Jngstgeborenen an mich
wendete, was Altjdisches vorschlagen; das ist schlielich immer das Beste. Was
meinen Sie zu Rebekka?
    Lorenzen kam nicht mehr dazu, Dubslav diese Frage zu beantworten, denn eben
jetzt waren sie durch das Stck Bruchland hindurch und rasselten bereits ber
einen ein weiteres Gesprch unmglich machenden Steindamm weg, scharf auf
Rheinsberg zu.

Dubslav war in ausgezeichneter Laune. Das prachtvolle Herbstwetter, dazu das
bunte Leben, alles hatte seine Stimmung gehoben, am meisten aber, da er
unterwegs und beim Passieren der Hauptstrae bereits Gelegenheit gehabt hatte,
verschiedene gute Freunde zu begren. Von der Kirche her schlug es zehn, als er
vor dem als Wahllokal etablierten Gasthause Zum Prinzregenten hielt, in dessen
Front denn auch bereits etliche mehr oder weniger verwogen aussehende Wahlmnner
standen, alle bemht, ihre Zettel an mutmaliche Parteigenossen auszuteilen.
    Drinnen im Saal war der Wahlakt schon im Gange. Hinter der Urne prsidierte
der alte Herr von Zhlen, ein guter Siebziger, der die groteskesten
Feudalansichten mit ebenso grotesker Bonhomie zu verbinden wute, was ihm, auch
bei seinen politischen Gegnern, eine groe Beliebtheit sicherte. Neben ihm,
links und rechts, saen Herr von Storbeck und Herr van dem Peerenboom, letzterer
ein Hollnder aus der Gegend von Delft, der vor wenig Jahren erst ein groes Gut
im Ruppiner Kreise gekauft und sich seitdem zum Preuen und, was noch mehr sagen
wollte, zum Grafschaftler herangebildet hatte. Man sah ihn aus allen mglichen
Grnden - auch schon um seines van willen - nicht ganz fr voll an, lie aber
nichts davon merken, weil er der bei den meisten Grafschaftlern stark ins
Gewicht fallenden Haupteigenschaft eines vor soundso viel Jahren in Batavia
geborenen hollndisch-javanischen Kaffeehndlers nicht entbehrte. Seines
Nachbarn von Storbeck Lebensgeschichte war durchschnittsmiger. Unter denen,
die sonst noch am Komiteetisch saen, befand sich auch Katzler, den Ermyntrud
(wie Dubslav ganz richtig vermutet) mit der Bemerkung, da im modernen
brgerlichen Staate Whlen so gut wie Kmpfen sei, von ihrem Wochenbette
fortgeschickt hatte. Das Kind wird inzwischen mein Engel sein, und das Gefhl
erfllter Pflicht soll mich bei Kraft erhalten. Auch Gundermann, der immer mit
dabeisein mute, sa am Komiteetisch. Sein Benehmen hatte was Aufgeregtes, weil
er - wie Lorenzen bereits angedeutet - wirklich im geheimen gegen Dubslav
intrigiert hatte. Da er selber unterliegen wrde, war klar und beschftigte ihn
kaum noch, aber ihn erfllte die Sorge, da sein voraufgegangenes doppeltes
Spiel vielleicht an den Tag kommen knne.
    Dubslav wollte die Sache gern hinter sich haben. Er trat deshalb, nachdem er
sich drauen mit einigen Bekannten begrt und an jeden einzelnen ein paar Worte
gerichtet hatte, vom Vorplatz her in das Wahllokal ein, um da so rasch wie
mglich seinen Zettel in die Urne zu tun. Es traf ihn bei dieser Prozedur der
Blick des alten Zhlen, der ihm in einer Mischung von Feierlichkeit und Ulk
sagen zu wollen schien: Ja, Stechlin, das hilft nu mal nicht; man mu die
Komdie mit durchmachen. Dubslav kam brigens kaum dazu, von diesem Blicke
Notiz zu nehmen, weil er Katzlers gewahr wurde, dem er sofort entgegentrat, um
ihm durch einen Hndedruck zu dem siebenten Tchterchen zu gratulieren. An
Gundermann ging der Alte ohne Notiznahme vorber. Dies war aber nur Zufall; er
wute nichts von den Zweideutigkeiten des Siebenmhlners, und nur dieser selbst,
weil er ein schlechtes Gewissen hatte, wurde verlegen und empfand des Alten
Haltung wie eine Absage.
    Als Dubslav wieder drauen war, war natrlich die groe Frage: Ja, was
jetzt tun? Es ging erst auf elf, und vor sechs war die Geschichte nicht vorbei,
wenn sich's nicht noch lnger hinzog. Er sprach dies auch einer Anzahl von
Herren aus, die sich auf einer vor dem Gasthause stehenden Bank niedergelassen
und hier dem Liqueurkasten des Prinzregenten, der sonst immer erst nach dem
Diner auftauchte, vorgreifend zugesprochen hatten.
    Es waren ihrer fnf, lauter Kreis- und Parteigenossen, aber nicht eigentlich
Freunde, denn der alte Dubslav war nicht sehr fr Freundschaften. Er sah zu
sehr, was jedem einzelnen fehlte. Die da saen und aus purer Langerweile sich
ber die Vorzge von Allasch und Chartreuse stritten, waren die Herren von
Molchow, von Krangen und von Gnewkow, dazu Baron Beetz und ein Freiherr von der
Nonne, den die Natur mit besonderer Rcksicht auf seinen Namen geformt zu haben
schien. Er trug eine hohe schwarze Krawatte, drauf ein kleiner vermickerter Kopf
sa, und wenn er sprach, war es, wie wenn Muse pfeifen. Er war die komische
Figur des Kreises und wurde gehnselt, nahm es aber nicht bel, weil seine
Mutter eine schlesische Grfin auf inski war, was ihm in seinen Augen ein
solches bergewicht sicherte, da er, wie Friedrich der Groe, jeden Augenblick
bereit war, die sich etwa einstellenden Pasquille niedriger hngen zu lassen.
    Ich denke, meine Herren, sagte Dubslav, wir gehen in den Park. Da hat man
doch immer was. An der einen Stelle ruht das Herz des Prinzen, und an der andern
Stelle ruht er selbst und hat sogar eine Pyramide zu Hupten, wie wenn er
Sesostris gewesen wre. Ich wrde gern einen andern nennen, aber ich kenne blo
den.
    Natrlich gehen wir in den Park, sagte von Gnewkow. Und es ist
schlielich immer noch ein Glck, da man so was hat...
    Und auch ein Glck, ergnzte von Molchow, da man solchen Wahltag wie
heute hat, der einen ordentlich zwingt, sich mal um Historisches und
Bildungsmiges zu kmmern. Bismarcken is es auch mal so gegangen, noch dazu mit
'ner reichen Amerikanerin, und hat auch gleich (das heit eigentlich lange
nachher) das rechte Wort dafr gefunden.
    Der hat immer das rechte Wort gefunden.
    Immer. Aber weiter, Molchow.
    ... Und als nun also die reiche Amerikanerin so runde vierzig Jahr spter
ihn wiedersah und sich bei ihm bedanken wollte von wegen des Bildermuseums, in
das er sie halb aus Verlegenheit und halb aus Ritterlichkeit begleitet und ihr
mutmalich alle Bilder falsch erklrt hatte, da hat er all diesen Dank
abgewiesen und ihr - ich seh und hr ihn ordentlich - in aller Fidelitt gesagt,
sie habe nicht ihm, sondern er habe ihr zu danken, denn wenn jener Tag nicht
gewesen wre, so htt er das ganze Bildermuseum hchstwahrscheinlich nie zu
sehen gekriegt. Ja, Glck hat er immer gehabt. Im groen und im kleinen. Es
fehlt blo noch, da er hinterher auch noch Generaldirektor der Kniglichen
Museen geworden wre, was er schlielich doch auch noch gekonnt htte. Denn
eigentlich konnt er alles und ist auch beinah alles gewesen.
    Ja, nahm Gnewkow, der aus Langerweile viel gereist war, seinen Urgedanken,
da solcher Park eigentlich ein Glck sei, wieder auf. Ich finde, was Molchow
da gesagt hat, ganz richtig; es kommt drauf an, da man reingezwungen wird,
sonst wei man berhaupt gar nichts. Wenn ich so blo an Italien zurckdenke.
Sehen Sie, da luft man nu so rum, was einen doch am Ende strapziert, und dabei
dieser ewige pralle Sonnenschein. Ein paar Stunden geht es; aber wenn man nu
schon zweimal Kaffee getrunken und Granito gegessen hat, und es ist noch nicht
mal Mittag, ja, ich bitte Sie, was hat man da? Was fngt man da an? Gradezu
schrecklich. Und da kann ich Ihnen blo sagen, da bin ich ein kirchlicher Mensch
geworden. Und wenn man dann so von der Seite her still eintritt und hat mit
einem Male die Khle um sich rum, ja, da will man gar nicht wieder raus und
sieht sich so seine funfzig Bilder an, man wei nicht wie. Is doch immer noch
besser als drauen. Und die Zeit vergeht, und die Stunde, wo man was Regulres
kriegt, lppert sich so heran.
    Ich glaube doch, sagte der fr kirchliche Kunst schwrmende Baron Beetz,
unser Freund Gnewkow unterschtzt die Wirkung, die, vielleicht gegen seinen
Willen, die Quattrocentisten auf ihn gemacht haben. Er hat ihre Macht an sich
selbst empfunden, aber er will es nicht wahrhaben, da die Frische von ihnen
ausgegangen sei. Jeder, der was davon versteht...
    Ja, Baron, das is es eben. Wer was davon versteht! Aber wer versteht was
davon? Ich jedenfalls nicht.
    Unter diesen Worten war man, vom Prinzregenten aus, die Hauptstrae
hinuntergeschritten und ber eine kleine Brcke fort erst in den Schlohof und
dann in den Park eingetreten. Der See pltscherte leis. Khne lagen da, mehrere
an einem Steg, der von dem Kiesufer her in den See hineinlief. Ein paar der
Herren, unter ihnen auch Dubslav, schritten die ziemlich wacklige Bretterlage
hinunter und blickten, als sie bis ans Ende gekommen waren, wieder auf die
beiden Schloflgel und ihre kurz abgestumpften Trme zurck. Der Turm rechts
war der, wo Kronprinz Fritz sein Arbeitszimmer gehabt hatte.
    Dort hat er gewohnt, sagte von der Nonne. Wie begrenzt ist doch unser
Knnen. Mir weckt der Anblick solcher Friderizianischen Sttten immer ein
Schmerzgefhl ber das Unzulngliche des Menschlichen berhaupt, freilich auch
wieder ein Hochgefhl, da wir dieser Unzulnglichkeit und Schwche Herr werden
knnen. Tod, wo ist dein Stachel, Hlle, wo ist dein Sieg? Dieser Knig. Er war
ein groer Geist, gewi; aber doch auch ein verirrter Geist. Und je
patriotischer wir fhlen, je schmerzlicher berhrt uns die Frage nach dem Heil
seiner Seele. Die Seelenmessen - das empfind ich in solchem Augenblicke - sind
doch eine wirklich trostspendende Seite des Katholizismus, und da es
(selbstverstndlich unter Gewhr eines hchsten Willens) in die Macht
berlebender gelegt ist, eine Seele freizubeten, das ist und bleibt eine groe
Sache.
    Nonne, sagte Molchow, machen Sie sich nicht komisch. Was haben Sie fr
'ne Vorstellung vom lieben Gott? Wenn Sie kommen und den Alten Fritzen freibeten
wollen, werden Sie rausgeschmissen.
    Baron Beetz - auch ein Anzweifler des Philosophen von Sanssouci - wollte
seinem Freunde Nonne zu Hilfe kommen und erwog einen Augenblick ernstlich, ob er
nicht seinen in der ganzen Grafschaft lngst bekannten Vortrag ber die schiefe
Ebene oder c'est le premier pas qui cote noch einmal zum besten geben solle.
Klugerweise jedoch lie er es wieder fallen und war einverstanden, als Dubslav
sagte: Meine Herren, ich meinerseits schlage vor, da wir unsern Auslug von dem
Wackelstege, drauf wir hier stehen (jeden Augenblick kann einer von uns ins
Wasser fallen), endlich aufgeben und uns lieber in einem der hier herumliegenden
Khne ber den See setzen lassen. Unterwegs, wenn noch welche da sind, knnen
wir Teichrosen pflcken und drben am andern Ufer den groen
Prinz-Heinrich-Obelisken mit seinen franzsischen Inschriften durchstudieren.
Solche Rekapitulation strkt einen immer historisch und patriotisch, und unser
Etappenfranzsisch kommt auch wieder zu Krften.
    Alle waren einverstanden, selbst Nonne.

Gegen vier war man von dem Ausfluge zurck und hielt wieder vor dem
Prinzregenten, auf einem mit alten Bumen besetzten Platz, der wegen seiner
Dreiecksform schon von alter Zeit her den Namen Triangelplatz fhrte. Die
Wahlresultate lagen noch keineswegs sicher vor; es lie sich aber schon ziemlich
deutlich erkennen, da viele Fortschrittlerstimmen auf den sozialdemokratischen
Kandidaten, Feilenhauer Torgelow, bergehen wrden, der, trotzdem er nicht
persnlich zugegen war, die kleinen Leute hinter sich hatte. Hunderte seiner
Parteigenossen standen in Gruppen auf dem Triangelplatz umher und unterhielten
sich lachend ber die Wahlreden, die whrend der letzten Tage teils in
Rheinsberg und Wutz, teils auf dem platten Lande von Rednern der gegnerischen
Parteien gehalten worden waren. Einer der mit unter den Bumen Stehenden, ein
Intimus Torgelows, war der Drechslergeselle Sderkopp, der sich schon lediglich
in seiner Eigenschaft als Drechslergeselle eines groen Ansehns erfreute. Jeder
dachte: der kann auch noch mal Bebel werden. Warum nicht? Bebel is alt, und
dann haben wir den. Aber Sderkopp verstand es auch wirklich, die Leute zu
packen. Am schrfsten ging er gegen Gundermann vor. Ja, dieser Gundermann, den
kenn ich. Brettschneider und Brsenfilou; jeder Groschen is zusammengejobbert.
Sieben Mhlen hat er, aber blo zwei Redensarten, und der Fortschritt ist
abwechselnd die Vorfrucht und dann wieder der Vater der Sozialdemokratie.
Vielleicht stammen wir auch noch von Gundermann ab. So einer bringt alles
fertig.
    Uncke, whrend Sderkopp so sprach, war von Baum zu Baum immer nher gerckt
und machte seine Notizen. In weiterer Entfernung stand Pyterke, schmunzelnd und
sichtlich verwundert, was Uncke wieder alles aufzuschreiben habe.
    Pyterkes Verwunderung ber das Aufschreiben war nur zu berechtigt, aber
sie wr es um ein gut Teil weniger gewesen, wenn sich Unckes aufhorchender
Diensteifer statt dem Sozialdemokraten Sderkopp lieber dem Gesprch einer
nebenstehenden Gruppe zugewandt htte. Hier plauderten nmlich mehrere
Staatserhaltende von dem mutmalichen Ausgange der Wahl und da es mit dem
Siege des alten Stechlin von Minute zu Minute schlechter stnde. Besonders die
Rheinsberger schienen den Ausschlag zu seinen Ungunsten gehen zu sollen.
    Hole der Teufel das ganze Rheinsberg! verschwor sich ein alter Herr von
Kraatz, dessen roter Kopf, whrend er so sprach, immer rter wurde. Dies elende
Nest! Wir bringen ihn wahr und wahrhaftig nicht durch, unsern guten alten
Stechlin. Und was das sagen will, das wissen wir. Wer gegen uns stimmt, stimmt
auch gegen den Knig. Das ist all eins. Das ist das, was man jetzt solidarisch
nennt.
    Ja, Kraatz, nahm Molchow, an den sich diese Rede vorzugsweise gerichtet
hatte, das Wort, nennen Sie's, wie Sie wollen, solidarisch oder nicht; das eine
sagt nichts, und das andre sagt auch nichts. Aber mit Ihrem Wort ber
Rheinsberg, da haben Sie's freilich getroffen. Aufmuckung war hier immer zu
Hause, von Anfang an. Erst frondierte Fritz gegen seinen Vater, dann frondierte
Heinrich gegen seinen Bruder, und zuletzt frondierte August, unser alter
forscher Prinz August, den manche von uns ja noch gut gekannt haben, ich sage:
frondierte unser alter August gegen die Moral. Und das war natrlich das
schlimmste. (Zustimmung und Heiterkeit.) Und bestraft sich zuletzt auch immer.
Denn wissen Sie denn, meine Herren, wie's mit Augusten schlielich ging, als er
durchaus in den Himmel wollte?
    Nein. Wie war es denn, Molchow?
    Ja, er mute da wohl 'ne halbe Stunde warten, und als er nu mit 'nem
Anschnauzer gegen Petrus rausfahren wollte, da sagte ihm der Fels der Kirche:
Knigliche Hoheit, halten zu Gnaden, aber es ging nicht anders. Und warum nicht?
Er hatte die elftausend Jungfrauen erst in Sicherheit bringen mssen.
    Stimmt, stimmt, sagte Kraatz. So war der Alte. Der reine Deubelskerl.
Aber schneidig. Und ein richtiger Prinz. Und dann, meine Herren - ja, du mein
Gott, wenn man nu mal Prinz is, irgendwas mu man doch von der Sache haben...
Und soviel wei ich, wenn ich Prinz wre...

                              Zwanzigstes Kapitel


Um sechs stand das Wahlresultat so gut wie fest; einige Meldungen fehlten noch,
aber das war aus Ortschaften, die mit ihren paar Stimmen nichts mehr ndern
konnten. Es lag zutage, da die Sozialdemokraten einen beinahe glnzenden Sieg
davongetragen hatten; der alte Stechlin stand weit zurck, Fortschrittler
Katzenstein aus Gransee noch weiter. Im ganzen aber lieen beide besiegte
Parteien dies ruhig ber sich ergehen; bei den Freisinnigen war wenig, bei den
Konservativen gar nichts von Verstimmung zu merken. Dubslav nahm es ganz von der
heiteren Seite, seine Parteigenossen noch mehr, von denen eigentlich ein jeder
dachte: Siegen ist gut, aber zu Tische gehen ist noch besser. Und in der Tat,
gegessen mute werden. Alles sehnte sich danach, bei Forellen und einem guten
Chablis die langweilige Prozedur zu vergessen. Und war man erst mit den Forellen
fertig und dmmerte der Rehrcken am Horizont herauf, so war auch der Sekt in
Sicht. Im Prinzregenten hielt man auf eine gute Marke.
    Durch den oberen Saal hin zog sich die Tafel: der Mehrzahl nach
Rittergutsbesitzer und Domnenpchter, aber auch Gerichtsrte, die so glcklich
waren, den Hauptmann in der Reserve mit auf ihre Karte setzen zu knnen. Zu
diesem gros d'arme gesellten sich Forst- und Steuerbeamte, Rentmeister,
Prediger und Gymnasiallehrer. An der Spitze dieser stand Rektor Thormeyer aus
Rheinsberg, der groe, vorstehende Augen, ein mchtiges Doppelkinn, noch
mchtiger als Koseleger, und auerdem ein Renommee wegen seiner Geschichten
hatte. Da er nebenher auch ein in der Wolle gefrbter Konservativer war,
versteht sich von selbst. Er hatte, was aber schon Jahrzehnte zurcklag, den
groartigen Gedanken gefat und verwirklicht: die ostelbischen Provinzen, da, wo
sie strauchelten, durch Gustav Khnsche Bilderbogen auf den richtigen Pfad
zurckzufhren, und war dafr dekoriert worden. Es hie denn auch von ihm, er
gelte was nach oben hin, was aber nicht recht zutraf. Man kannte ihn oben
ganz gut.
    Um halb sieben (Lichter und Kronleuchter brannten bereits) war man unter den
Klngen des Tannhusermarsches die hie und da schon ausgelaufene Treppe
hinaufgestiegen. Unmittelbar vorher hatte noch ein Schwanken wegen des
Prsidiums bei Tafel stattgefunden. Einige waren fr Dubslav gewesen, weil man
sich von ihm etwas Anregendes versprach, auch speziell mit Rcksicht auf die
Situation. Aber die Majoritt hatte doch schlielich Dubslavs Vorsitz als ganz
undenkbar abgelehnt, da der Edle Herr von Alten-Friesack, trotz seiner hohen
Jahre, mit zur Wahl gekommen war; der Edle Herr von Alten-Friesack, so hie es,
sei doch nun mal - und von einem gewissen Standpunkt aus auch mit Fug und Recht
- der Stolz der Grafschaft, berhaupt ein Unikum, und ob er nun sprechen knne
oder nicht, das sei, wo sich's um eine Prinzipienfrage handle, durchaus
gleichgltig. berhaupt, die ganze Geschichte mit dem Sprechenknnen sei ein
moderner Unsinn. Die einfache Tatsache, da der Alte von Alten-Friesack dase,
sei viel, viel wichtiger als eine Rede, und sein groes Prbendenkreuz ziere
nicht blo ihn, sondern den ganzen Tisch. Einige sprchen freilich immer von
seinem Gtzengesicht und seiner Hlichkeit, aber auch das schade nichts.
Heutzutage, wo die meisten Menschen einen Friseurkopf htten, sei es eine
ordentliche Erquickung, einem Gesicht zu begegnen, das in seiner Eigenart
eigentlich gar nicht unterzubringen sei. Dieser von dem alten Zhlen, trotz
seiner Vorliebe fr Dubslav, eindringlich gehaltenen Rede war allgemein
zugestimmt worden, und Baron Beetz hatte den gtzenhaften Alten-Friesacker an
seinen Ehrenplatz gefhrt. Natrlich gab es auch Schandmuler. An ihrer Spitze
stand Molchow, der dem neben ihm sitzenden Katzler zuflsterte: Wahres Glck,
Katzler, da der Alte drben die groe Blumenvase vor sich hat; sonst, so bei
veau en tortue - vorausgesetzt, da so was Feines berhaupt in Sicht steht -,
wrd ich der Sache nicht gewachsen sein.
    Und nun schwieg der von einem Thormeyerschen Unterlehrer gespielte
Tannhusermarsch, und als eine bestimmte Zeit danach der Moment fr den ersten
Toast da war, erhob sich Baron Beetz und sagte: Meine Herren. Unser Edler Herr
von Alten-Friesack ist von der Pflicht und dem Wunsch erfllt, den Toast auf
Seine Majestt den Kaiser und Knig auszubringen. Und whrend der Alte, das
Gesagte besttigend, mit seinem Glase grte, setzte der in seiner
alter-ego-Rolle verbleibende Baron Beetz hinzu: Seine Majestt der Kaiser und
Knig lebe hoch! Der Alten-Friesacker gab auch hierzu durch Nicken seine
Zustimmung, und whrend der junge Lehrer abermals auf den auf einer Rheinsberger
Schloauktion erstandenen alten Flgel zueilte, stimmte man an der ganzen Tafel
hin das Heil dir im Siegerkranz an, dessen erster Vers stehend gesungen wurde.
    Das Offizielle war hierdurch erledigt, und eine gewisse Fidelitas, an der es
brigens von Anfang an nicht gefehlt hatte, konnte jetzt nachhaltiger in ihr
Recht treten. Allerdings war noch immer ein wichtiger und zugleich schwieriger
Toast in Sicht, der, der sich mit Dubslav und dem unglcklichen Wahlausgange zu
beschftigen hatte. Wer sollte den ausbringen? Man hing dieser Frage mit einiger
Sorge nach und war eigentlich froh, als es mit einem Male hie, Gundermann werde
sprechen. Zwar wute jeder, da der Siebenmhlener nicht ernsthaft zu nehmen
sei, ja, da Sonderbarkeiten und vielleicht sogar Scheiterungen in Sicht
stnden, aber man trstete sich, je mehr er scheitere, desto besser. Die meisten
waren bereits in erheblicher Aufregung, also sehr unkritisch. Eine kleine Weile
verging noch. Dann bat Baron Beetz, dem die Rolle des Festordners zugefallen
war, fr Herrn von Gundermann auf Siebenmhlen ums Wort. Einige sprachen
ungeniert weiter, Ruhe, Ruhe! riefen andre dazwischen, und als Baron Beetz
noch einmal an das Glas geklopft und nun, auch seinerseits um Ruhe bittend, eine
leidliche Stille hergestellt hatte, trat Gundermann hinter seinen Stuhl und
begann, whrend er mit affektierter Nonchalance seine Linke in die Hosentasche
steckte.
    Meine Herren. Als ich vor soundso viel Jahren in Berlin studierte
(Nanu.), als ich vor Jahren in Berlin studierte, war da mal 'ne
Hinrichtung...
    Alle Wetter, der setzt gut ein.
    ...war da mal 'ne Hinrichtung, weil eine dicke Klempnermadam, nachdem sie
sich in ihren Lehrburschen verliebt, ihren Mann, einen wrdigen Klempnermeister,
vergiftet hatte. Und der Bengel war erst siebzehn. Ja, meine Herren, soviel mu
ich sagen, es kamen damals auch schon dolle Geschichten vor. Und ich, weil ich
den Gefngnisdirektor kannte, ich hatte Zutritt zu der Hinrichtung, und um mich
rum standen lauter Assessoren und Referendare, ganz junge Herren, die meisten
mit 'nem Kneifer. Kneifer gab es damals auch schon. Und nun kam die Witwe, wenn
man sie so nennen darf, und sah soweit ganz behbig und beinahe fllig aus, weil
sie, was damals viel besprochen wurde, 'nen Kropf hatte, weshalb auch der Block
ganz besonders hatte hergerichtet werden mssen. Sozusagen mit 'nem Ausschnitt.
    Mit 'nem Ausschnitt ...; gut, Gundermann.
    Und als sie nun, ich meine die Delinquentin, all die jungen Referendare
sah, wobei ihr wohl ihr Lehrling einfallen mochte...
    Keine Verspottung unsrer Referendare...
    ... Wobei ihr vielleicht ihr Lehrling einfallen mochte, da trat sie ganz
nahe an den Schafottrand heran und nickte uns zu (ich sage uns, weil sie mich
auch ansah) und sagte: Ja, ja, meine jungen Herrens, dat kommt davon ... Und
sehen Sie, meine Herren, dieses Wort, wenn auch von einer Delinquentin
herrhrend, bin ich seitdem nicht wieder losgeworden, und wenn ich so was erlebe
wie heute, dann mu einem solch Wort auch immer wieder in Erinnerung kommen, und
ich sage dann auch, ganz wie die Alte damals sagte: Ja, meine Herren, dat kommt
davon. Und wovon kommt es? Von den Sozialdemokraten. Und wovon kommen die
Sozialdemokraten?
    Vom Fortschritt. Alte Geschichte, kennen wir. Was Neues!
    Es gibt da nichts Neues. Ich kann nur besttigen, vom Fortschritt kommt es.
Und wovon kommt der? Davon, da wir die Abstimmungsmaschine haben und das groe
Haus mit den vier Ecktrmen. Und wenn es meinetwegen ohne das groe Haus nicht
geht, weil das Geld fr den Staat am Ende bewilligt werden mu - und ohne Geld,
meine Herren, geht es nicht (Zustimmung: Ohne Geld hrt die Gemtlichkeit
auf) -, nun denn, wenn es also sein mu, was ich zugebe, was sollen wir, auch
unter derlei gern gemachten Zugestndnissen, anfangen mit einem Wahlrecht, wo
Herr von Stechlin gewhlt werden soll und wo sein Kutscher Martin, der ihn zur
Wahl gefahren, tatschlich gewhlt wird oder wenigstens gewhlt werden kann. Und
der Kutscher Martin unsers Herrn von Stechlin ist mir immer noch lieber als
dieser Torgelow. Und all das nennt sich Freiheit. Ich nenn es Unsinn, und viele
tun desgleichen. Ich denke mir aber, gerade diese Wahl, in einem Kreise, drin
das alte Preuen noch lebt, gerade diese Wahl wird dazu beitragen, die Augen
oben helle zu machen. Ich sage nicht, welche Augen.
    Schlu, Schlu!
    Ich komme zum Schlu. Es hie Anno siebzig, da sich die Franzosen als die
glorreich Besiegten bezeichnet htten. Ein stolzes und nachahmenswertes Wort.
Auch fr uns, meine Herren. Und wie wir, ohne uns was zu vergeben, diesen Sekt
aus Frankreich nehmen, so drfen wir, glaub ich, auch das eben zitierte stolze
Klagewort aus Frankreich herbernehmen. Wir sind besiegt, aber wir sind
glorreich Besiegte. Wir haben eine Revanche. Die nehmen wir. Und bis dahin in
alle Wege: Herr von Stechlin auf Schlo Stechlin, er lebe hoch!
    Alles erhob sich und stie mit Dubslav an. Einige freilich lachten, und von
Molchow, als er einen neuen Weinkbel heranbestellte, sagte zu dem neben ihm
sitzenden Katzler: Wei der Himmel, dieser Gundermann ist und bleibt ein Esel.
Was sollen wir mit solchen Leuten? Erst beschreibt er uns die Frau mit 'nem
Kropf, und dann will er das groe Haus abschaffen. Ungeheure Dmelei. Wenn wir
das groe Haus nicht mehr haben, haben wir gar nichts; das ist noch unsre
Rettung und die beinah einzige Stelle, wo wir den Mund (ich sage Mund)
einigermaen auftun und was durchsetzen knnen. Wir mssen mit dem Zentrum
paktieren. Dann sind wir egal raus. Und nun kommt dieser Gundermann und will uns
auch das noch nehmen. Es ist doch 'ne Wahrheit, da sich die Parteien und die
Stnde jedesmal selbst ruinieren. Das heit, von Stnden kann hier eigentlich
nicht die Rede sein; denn dieser Gundermann gehrt nicht mit dazu. Seine Mutter
war 'ne Hebamme in Wriezen. Drum drngt er sich auch immer vor.
    Bald nach Gundermanns Rede, die schon eine Art Nachspiel gewesen war,
flsterte Baron Beetz dem Alten-Friesacker zu, da es Zeit sei, die Tafel
aufzuheben. Der Alte wollte jedoch noch nicht recht, denn wenn er mal sa, sa
er; aber als gleich danach mehrere Sthle gerckt wurden, blieb ihm nichts
anderes brig, als sich anzuschlieen, und unter den Klngen des
Hohenfriedbergers - der Prager, darin es heit, Schwerin fllt, wre mit
Rcksicht auf die Gesamtsituation vielleicht palicher gewesen - kehrte man in
die Parterrerume zurck wo die Majoritt dem Kaffee zusprechen wollte, whrend
eine kleine Gruppe von Allertapfersten in die Strae hinaustrat, um da, unter
den Bumen des Triangelplatzes, sich bei Sekt und Cognac des weiteren bene zu
tun. Obenan sa von Molchow, neben ihm von Kraatz und van Peerenboom; Molchow
gegenber Direktor Thormeyer und der bis dahin mit der Festmusik betraute
Lehrer, der bei solchen Gelegenheiten berhaupt Thormeyers Adlatus war.
Sonderbarerweise hatte sich auch Katzler hier niedergelassen (er sehnte sich
wohl nach Eindrcken, die jenseits aller Pflicht lagen), und neben ihm, was
beinahe noch mehr berraschen konnte, sa von der Nonne. Molchow und Thormeyer
fhrten das Wort. Von Wahl und Politik - nur ber Gundermann fiel gelegentlich
eine spttische Bemerkung - war langst keine Rede mehr, statt dessen befleiigte
man sich, die neuesten Klatschgeschichten aus der Grafschaft heranzuziehen. Ist
es denn wahr, sagte Kraatz, da die schne Lilli nun doch ihren Vetter
heiraten wird oder, richtiger, der Vetter die schne Lilli?
    Vetter? fragte Peerenboom.
    Ach, Peerenboom, Sie wissen auch gar nichts; Sie sitzen immer noch zwischen
Ihren Delfter Kacheln und waren doch schon 'ne ganze Weile hier, als die
Lilli-Geschichte spielte.
    Peerenboom lie sich's gesagt sein und begrub jede weitere Frage, was er,
ohne sich zu schdigen, auch ganz gut konnte, da kein Zweifel war, da der, der
das Lilli-Thema heraufbeschworen, ber kurz oder lang ohnehin alles klarlegen
wrde. Das geschah denn auch.
    Ja, diese verdammten Kerle, fuhr von Kraatz fort, diese Lehrer!
Entschuldigen Sie, Luckhardt, aber Sie sind ja beim Gymnasium, da liegt alles
anders, und der, der hier 'ne Rolle spielt, war ja natrlich blo ein
Hauslehrer, Hauslehrer bei Lillis jngstem Bruder. Und eines Tages waren beide
weg, der Kandidat und Lilli. Selbstverstndlich nach England. Es kann einer noch
so dumm sein, aber von Gretna Green hat er doch mal gehrt oder gelesen. Und da
wollten sie denn auch beide hin. Und sind auch. Aber ich glaube, der Gretna
Greensche darf nicht mehr trauen. Und so nahmen sie denn Lodgings in London,
ganz ohne Trauung. Und es ging auch so, bis ihnen das kleine Geld ausging.
    Ja, das kennt man.
    Und da kamen sie denn also wieder. Das heit, Lilli kam wieder. Und sie war
auch schon vorher mit dem Vetter so gut wie verlobt gewesen.
    Und der sprang nu ab?
    Nicht so ganz. Oder eigentlich gar nicht. Denn Lilli ist sehr hbsch und
nebenher auch noch sehr reich. Und da soll denn der Vetter gesagt haben, er
liebe sie so sehr, und wo man liebe, da verzeihe man auch. Und er halte auch
eine Entshnung fr durchaus mglich. Ja, er soll dabei von Purgatorium
gesprochen haben.
    Mifllt mir, klingt schlecht, sagte Molchow. Aber was er vorher gesagt,
Entshnung, das ist ein schnes Wort und eine schne Sache. Nur das Wie - ach,
man wei immer sowenig von diesen Dingen - will mir nicht recht einleuchten. Als
Christ wei ich natrlich (so schlimm steht es am Ende auch nicht mit einem),
als Christ wei ich, da es eine Shne gibt. Aber in solchem Falle? Thormeyer,
was meinen Sie, was sagen Sie dazu? Sie sind ein Mann von Fach und haben alle
Kirchenvter gelesen und noch ein paar mehr.
    Thormeyer verklrte sich. Das war so recht ein Thema nach seinem Geschmack;
seine Augen wurden grer und sein glattes Gesicht noch glatter.
    Ja, sagte er, whrend er sich ber den Tisch zu Molchow vorbeugte, so was
gibt es. Und es ist ein Glck, da es so was gibt. Denn die arme Menschheit
braucht es. Das Wort Purgatorium will ich vermeiden, einmal, weil sich mein
protestantisches Gewissen dagegen strubt, und dann auch wegen des Anklangs;
aber es gibt eine Purifikation. Und das ist doch eigentlich das, worauf es
ankommt: Reinheitswiederherstellung. Ein etwas schwerflliges Wort. Indessen die
Sache, drum sich's hier handelt, gibt es doch gut wieder. Sie begegnen diesem
Hange nach Restitution berall, und namentlich im Orient - aus dem doch unsre
ganze Kultur stammt - finden Sie diese Lehre, dieses Dogma, diese Tatsache.
    Ja, ist es eine Tatsache?
    Schwer zu sagen. Aber es wird als Tatsache genommen. Und das ist ebensogut.
Blut shnt.
    Blut shnt, wiederholte Molchow. Gewi. Daher haben wir ja auch unsere
Duellinstitution. Aber wo wollen Sie hier die Blutshne hernehmen? In diesem
Spezialfalle ganz undurchfhrbar. Der Hauslehrer ist drben in England
geblieben, wenn er nicht gar nach Amerika gegangen ist. Und wenn er auch
wiederkme, er ist nicht satisfaktionsfhig. Wr er Reserveoffizier, so htt ich
das lngst erfahren...
    Ja, Herr von Molchow, das ist die hiesige Anschauung. Etwas primitiv,
naturwchsig, das sogenannte Blutracheprinzip. Aber es braucht nicht immer das
Blut des beltters selbst zu sein. Bei den Orientalen...
    Ach, Orientalen... dolle Gesellschaft...
    Nun denn meinetwegen, bei fast allen Vlkern des Ostens shnt Blut
berhaupt. Ja mehr, nach orientalischer Anschauung - ich kann das Wort nicht
vermeiden, Herr von Molchow; ich mu immer wieder darauf zurckkommen -, nach
orientalischer Anschauung stellt Blut die Unschuld als solche wieder her.
    Na, hren Sie, Rektor.
    Ja, es ist so, meine Herren. Und ich darf sagen, es zhlt das zu dem
Feinsten und Tiefsinnigsten, was es gibt. Und ich habe da auch neulich erst eine
Geschichte gelesen, die das alles nicht blo so obenhin besttigt, sondern
beinahe groartig besttigt. Und noch dazu aus Siam.
    Aus Siam?
    Ja, aus Siam. Und ich wrde Sie damit behelligen, wenn die Sache nicht ein
bichen zu lang wre. Die Herren vom Lande werden so leicht ungeduldig, und ich
wundere mich oft, da sie die Predigt bis zu Ende mit anhren. Daneben ist
freilich meine Geschichte aus Siam...
    Erzhlen, Direktorchen, erzhlen.
    Nun denn, auf Ihre Gefahr. Freilich auch auf meine... Da war also, und es
ist noch gar nicht lange her, ein Knig von Siam. Die Siamesen haben nmlich
auch Knige.
    Nu, natrlich. So tief stehen sie doch nicht.
    Also da war ein Knig von Siam, und dieser Knig hatte eine Tochter.
    Klingt ja wie aus 'm Mrchen.
    Ist auch, meine Herren. Eine Tochter, eine richtige Prinzessin, und ein
Nachbarfrst (aber von geringerem Stande, so da man doch auch hier wieder an
den Kandidaten erinnert wird) - dieser Nachbarfrst raubte die Prinzessin und
nahm sie mit in seine Heimat und seinen Harem, trotz alles Strubens.
    Na, na.
    So wenigstens wird berichtet. Aber der Knig von Siam war nicht der Mann,
so was ruhig einzustecken. Er unternahm vielmehr einen heiligen Krieg, gegen den
Nachbarfrsten, schlug ihn und fhrte die Prinzessin im Triumphe wieder zurck.
Und alles Volk war wie von Sieg und Glck berauscht. Aber die Prinzessin selbst
war schwermtig.
    Kann ich mir denken. Wollte wieder weg.
    Nein, ihr Herren. Wollte nicht zurck. Denn es war eine sehr feine Dame,
die gelitten hatte...
    Ja. Aber wie...
    Die gelitten hatte und fortan nur dem einen Gedanken der Entshnung lebte,
dem Gedanken, wie das Unheilige, das Berhrtsein, wieder von ihr genommen werden
knne.
    Geht nicht. Berhrt is berhrt.
    Mitnichten, Herr von Molchow. Die hohe Priesterschaft wurde herangezogen
und hielt, wie man hier vielleicht sagen wrde, einen Synod, in dem man sich mit
der Frage der Entshnung oder, was dasselbe sagen will, mit der Frage der
Wiederherstellung der Virginitt beschftigte. Man kam berein (oder fand es
auch vielleicht in alten Bchern), da sie in Blut gebadet werden msse.
     Brrr.
    Und zu diesem Behufe wurde sie bald danach in eine Tempelhalle gefhrt,
drin zwei mchtige Wannen standen, eine von rotem Porphyr und eine von weiem
Marmor, und zwischen diesen Wannen, auf einer Art Treppe, stand die Prinzessin
selbst. Und nun wurden drei weie Bffel in die Tempelhalle gebracht, und der
Hohepriester trennte mit einem Schnitt jedem der drei das Haupt vom Rumpf und
lie das Blut in die daneben stehende Porphyrwanne flieen. Und jetzt war das
Bad bereitet, und die Prinzessin, nachdem siamesische Jungfrauen sie entkleidet
hatten, stieg in das Bffelblut hinab, und der Hohepriester nahm ein heiliges
Gef und schpfte damit und go es aus ber die Prinzessin.
    Eine starke Geschichte; bei Tisch htt ich mehrere Gnge passieren lassen.
Ich find es doch entschieden zuviel.
    Ich nicht, sagte der alte Zhlen, der sich inzwischen eingefunden und seit
ein paar Minuten mit zugehrt hatte. Was heit zuviel oder zu stark? Stark ist
es, soviel geb ich zu; aber nicht zu stark. Da es stark ist, das ist ja eben
der Witz von der Sache. Wenn die Prinzessin blo einen Leberfleck gehabt htte,
so fnd ich es ohne weiteres zu stark; es mu immer ein richtiges Verhltnis
dasein zwischen Mittel und Zweck. Ein Leberfleck ist gar nichts. Aber bedenken
Sie, 'ne richtige Prinzessin als Sklavin in einem Harem; da mu denn doch ganz
anders vorgegangen werden. Wir reden jetzt soviel von groen Mitteln. Ja, meine
Herren, auch hier war nur mit groen Mitteln was auszurichten.
    Igni et ferro, besttigte der Rektor.
    Und, fuhr der alte Zhlen fort, soviel wird jedem einleuchten, um den
Teufel auszutreiben (als den ich diesen Nachbarfrsten und seine Tat durchaus
ansehe), dazu mute was Besonderes geschehn, etwas Beelzebubartiges. Und das war
eben das Blut dieser drei Bffel. Ich find es nicht zuviel.
    Thormeyer hob sein Glas, um mit dem alten Zhlen anzustoen. Es ist genau
so, wie Herr von Zhlen sagt. Und zuletzt geschah denn auch glcklicherweise
das, was unsre mehr auf Schnheit gerichteten Wnsche - denn wir leben nun mal
in einer Welt der Schnheit - zufriedenstellen konnte. Direkt aus der
Porphyrwanne stieg die Prinzessin in die Marmorwanne, drin alle Wohlgerche
Arabiens ihre Heimsttte hatten, und alle Priester traten mit ihren Schpfkellen
aufs neue heran, und in Kaskaden ergo es sich ber die Prinzessin, und man sah
ordentlich, wie die Schwermut von ihr abfiel und wie all das wieder aufblhte,
was ihr der ruberische Nachbarfrst genommen. Und zuletzt schlugen die
Dienerinnen ihre Herrin in schneeweie Gewnder und fhrten sie bis an ein Lager
und fchelten sie hier mit Pfauenwedeln, bis sie den Kopf still neigte und
entschlief. Und ist nichts zurckgeblieben, und ist spter die Gattin des Knigs
von Annam geworden. Er soll allerdings sehr aufgeklrt gewesen sein, weil
Frankreich schon seit einiger Zeit in seinem Lande herrschte.
    Hoffen wir, da Lillis Vetter auch ein Einsehen hat.
    Er wird, er wird.
    Darauf stie man an, und alles brach auf. Die Wagen waren bereits
vorgefahren und standen in langer Reihe zwischen dem Prinzregenten und dem
Triangelplatz.
    Auch der Stechliner Wagen hielt schon, und Martin, um sich die Zeit zu
vertreiben, knipste mit der Peitsche. Dubslav suchte nach seinem Pastor und
begann schon ungeduldig zu werden, als Lorenzen endlich an ihn herantrat und um
Entschuldigung bat, da er habe warten lassen. Aber der Oberfrster sei schuld;
der habe ihn in ein Gesprch verwickelt, das auch noch nicht beendet sei,
weshalb er vorhabe, die Rckfahrt mit Katzler gemeinschaftlich zu machen.
    Dubslav lachte. Na, dann mit Gott. Aber lassen Sie sich nicht zuviel
erzhlen. Ermyntrud wird wohl die Hauptrolle spielen oder noch wahrscheinlicher
der neu zu findende Name. Werde wohl recht behalten... Und nun vorwrts,
Martin.
    Damit ging es ber das holperige Pflaster fort.

In der Stadt war schon alles still; aber drauen auf der Landstrae kam man an
groen und kleinen Trupps von Huslern, Teerschwelern und Glashttenleuten
vorber, die sich einen guten Tag gemacht hatten und nun singend und johlend
nach Hause zogen. Auch Frauensvolk war dazwischen und gab allem einen
Beigeschmack.
    So trabte Dubslav auf den als halber Weg geltenden Nehmitzsee zu. Nicht weit
davon befand sich ein Kohlenmeiler, Dietrichs-Ofen, und als Martin jetzt um die
nach Sden vorgeschobene Seespitze herumbiegen wollte, sah er, da wer am Wege
lag, den Oberkrper unter Gras und Binsen versteckt, aber die Fe quer ber das
Fahrgeleise.
    Martin hielt an. Gndiger Herr, da liegt wer. Ich glaub, es ist der alte
Tuxen.
    Tuxen, der alte Sffel von Dietrichs-Ofen?
    Ja, gndiger Herr. Ich will mal sehen, was es mit ihm is.
    Und dabei gab er die Leinen an Dubslav und stieg ab und rttelte und
schttelte den am Wege Liegenden. Awer Tuxen, wat moakst du denn hier? Wenn
keen Moonschien wiehr, wiehrst du nu all kaputt.
    Joa, joa, sagte der Alte. Aber man sah, da er ohne rechte Besinnung war.
    Und nun stieg Dubslav auch ab, um den ganz Unbehilflichen mit Martin
gemeinschaftlich auf den Rcksitz zu legen. Und bei dieser Prozedur kam der
Trunkene einigermaen wieder zu sich und sagte: Nei, nei, Martin, nich doa;
pack mi lewer vrn upp'n Bock.
    Und wirklich, sie hoben ihn da hinauf, und da sa er nun auch ganz still und
sagte nichts. Denn er schmte sich vor dem gndigen Herrn.
    Endlich aber nahm dieser wieder das Wort und sagte: Nu sage mal, Tuxen,
kannst du denn von dem Branntwein nich lassen? Legst dich da hin; is ja schon
Nachtfrost. Noch 'ne Stunde, dann warst du dod. Waren sie denn alle so?
    Mehrschtendeels.
    Und da habt ihr denn fr den Katzenstein gestimmt.
    Nei, gnd'ger Herr, fr Katzenstein nich.
    Und nun schwieg er wieder, whrend er vorn auf dem Bock unsicher hin und her
schwankte.
    Na, man raus mit der Sprache. Du weit ja, ich rei keinem den Kopp ab. Is
auch alles egal. Also fr Katzenstein nich. Na, fr wen denn?
    Fr Torgelown.
    Dubslav lachte. Fr Torgelow, den euch die Berliner hergeschickt haben. Hat
er denn schon was fr euch getan?
    Nei, noch nich.
    Na, warum denn?
    Joa, se seggen joa, he will wat fr uns duhn un is so sihr fr de armen
Ld. Un denn kriegen wi joa 'n Stck Tffelland. Un se seggen ook, he is klger,
as de annern sinn.
    Wird wohl. Aber er is doch noch lange nich so klug, wie ihr dumm seid. Habt
ihr denn schon gehungert?
    Nei, dat grad nich.
    Na, das kann auch noch kommen.
    Ach, gnd'ger Herr, dat wihrd joa woll nich.
    Na, wer wei, Tuxen. Aber hier is Dietrichs-Ofen. Nu steigt ab und seht
Euch vor, da Ihr nicht fallt, wenn die Pferde anrucken. Und hier habt Ihr was.
Aber nich mehr fr heut. Fr heut habt Ihr genug. Und nu macht, da Ihr zu Bett
kommt, und trumt von Tffelland.

                            In Mission nach England



                           Einundzwanzigstes Kapitel

Woldemar erfuhr am andern Morgen aus Zeitungstelegrammen, da der
sozialdemokratische Kandidat, Feilenhauer Torgelow, im Wahlkreise
Rheinsberg-Wutz gesiegt habe. Bald darauf traf auch ein Brief von Lorenzen ein,
der zunchst die Telegramme besttigte und am Schlusse hinzusetzte, da Dubslav
eigentlich herzlich froh ber den Ausgang sei. Woldemar war es auch. Er ging
davon aus, da sein Vater wohl das Zeug habe, bei Dressel oder Borchardt mit
viel gutem Menschenverstand und noch mehr Eulenspiegelei seine Meinung ber
allerhand politische Dinge zum besten zu geben; aber im Reichstage fach-und
sachgem sprechen, das konnt er nicht und wollt er auch nicht. Woldemar war so
durchdrungen davon, da er ber die Vorstellung einer Niederlage, dran er als
Sohn des Alten immerhin wie beteiligt war, verhltnismig rasch hinwegkam,
pries es aber doch, um eben diese Zeit mit einem Kommando nach Ostpreuen hin
betraut zu werden, das ihn auf ein paar Wochen von Berlin fernhielt. Kam er dann
zurck, so waren Anfragen in dieser Wahlangelegenheit nicht mehr zu befrchten,
am wenigsten innerhalb seines Regiments, in dem man sich, von ein paar Intimsten
abgesehen, eigentlich schon jetzt ber den unliebsamen Zwischenfall ausschwieg.
    Und in Schweigen hllte man sich auch am Kronprinzenufer, als Woldemar hier
am Abend vor seiner Abreise noch einmal vorsprach, um sich bei der grflichen
Familie zu verabschieden. Es wurde nur ganz obenhin von einem abermaligen Siege
der Sozialdemokratie gesprochen, ein absichtlich flchtiges Berhren, das nicht
auffiel, weil sich das Gesprch sehr bald um Rex und Czako zu drehen begann,
die, seit lange dazu aufgefordert, gerade den Tag vorher ihren ersten Besuch im
Barbyschen Hause gemacht und besonders bei dem alten Grafen viel Entgegenkommen
gefunden hatten. Auch Melusine hatte sich durch den Besuch der Freunde durchaus
zufriedengestellt gesehen, trotzdem ihr nicht entgangen war, was, nach freilich
entgegengesetzten Seiten hin, die Schwche beider ausmachte.
    Wovon der eine zuwenig hat, sagte sie, davon hat der andre zuviel.
    Und wie zeigte sich das, gndigste Grfin?
    Oh, ganz unverkennbar. Es traf sich, da im selben Augenblicke, wo die
Herren Platz nahmen, drben die Glocken der Gnadenkirche gelutet wurden, was
denn - man ist bei solchen ersten Besuchen immer dankbar, an irgendwas anknpfen
zu knnen - unser Gesprch sofort aufs Kirchliche hinberlenkte. Da
legitimierten sich dann beide. Hauptmann Czako, weil er ahnen mochte, was sein
Freund in nchster Minute sagen wrde, gab vorweg deutliche Zeichen von
Ungeduld, whrend Herr von Rex in der Tat nicht nur von dem Ernst der Zeiten zu
sprechen anfing, sondern auch von dem Bau neuer Kirchen einen allgemeinen, uns
nahe bevorstehenden Umschwung erwartete. Was mich natrlich erheiterte.

Woldemars Kommando nach Ostpreuen war bis auf Anfang November berechnet, und
mehr als einmal sprachen im Verlaufe dieser Zeit Rex und Czako bei den Barbys
vor. Freilich immer nur einzeln. Verabredungen zu gemeinschaftlichem Besuche
waren zwar mehrfach eingeleitet worden, aber jedesmal erfolglos, und erst zwei
Tage vor Woldemars Rckkehr fgte es sich, da sich die beiden Freunde bei den
Barbys trafen. Es war ein ganz besonders gelungener Abend, da neben der Baronin
Berchtesgaden und Doktor Wrschowitz auch ein alter Malerprofessor (eine neue
Bekanntschaft des Hauses) zugegen war, was eine sehr belebte Konversation
herbeifhrte. Besonders der neben seinen andern Apartheiten auch durch langes
weies Haar und groe Leuchteaugen ausgezeichnete Professor hatte - gesttzt auf
einen unentwegten Peter-Cornelius-Enthusiasmus - alles hinzureien gewut. Ich
bin glcklich, noch die Tage dieses groen und einzig dastehenden Knstlers
gesehen zu haben. Sie kennen seine Kartons, die mir das Bedeutendste scheinen,
was wir berhaupt hier haben. Auf dem einen Karton steht im Vordergrund ein
Tubablser und setzt das Horn an den Mund, um zu Gericht zu rufen. Diese eine
Gestalt balanciert fnf Kunstausstellungen, will also sagen netto
fnfzehntausend Bilder. Und eben diese Kartons, samt dem Blser zum Gericht, die
wollen sie jetzt fortschaffen und sagen dabei in naiver Effronterie, solch
schwarzes Zeug mit Kohlenstrichen drfe berhaupt nicht soviel Raum einnehmen.
Ich aber sage Ihnen, meine Herrschaften, ein Kohlenstrich von Cornelius ist mehr
wert als alle modernen Paletten zusammengenommen, und die Tuba, die dieser
Tubablser da an den Mund setzt - verzeihen Sie mir altem Jngling diesen
Kalauer -, diese Tuba wiegt alle Tuben auf, aus denen sie jetzt ihre Farben
herausdrcken. Beilufig auch eine miserable Neuerung. Zu meiner Zeit gab es
noch Beutel, und diese Beutel aus Schweinsblase waren viel besser. Ein wahres
Glck, da Knig Friedrich Wilhelm IV. diese jetzt etablierte Niedergangsepoche
nicht mehr erlebt hat, diese Zeit des Abfalls, so recht eigentlich eine Zeit der
Apokalyptischen Reiter. Blo zu den dreien, die der groe Meister uns da
geschaffen hat, ist heutzutage noch ein vierter Reiter gekommen, ein Mischling
von Neid und Ungeschmack. Und dieser vierte sichelt am strksten.
    Alles nickte, selbst die, die nicht ganz so dachten, denn der Alte mit
seinem Apostelkopfe hatte ganz wie ein Prophet gesprochen. Nur Melusine blieb in
einer stillen Opposition und flsterte der Baronin zu: Tubablser. Mir
persnlich ist die Bcklinsche Meerfrau mit dem Fischleib lieber. Ich bin
freilich Partei.

Die Abende bei den Barbys schlossen immer zu frher Stunde. So war es auch heute
wieder. Es schlug eben erst zehn, als Rex und Czako auf die Strae hinaustraten
und drben an dem langgestreckten Ufer Tausende von Lichtern vor sich hatten,
von denen die vordersten sich im Wasser spiegelten.
    Ich mchte wohl noch einen Spaziergang machen, sagte Czako. Was meinen
Sie, Rex? Sind Sie mit dabei? Wir gehen hier am Ufer entlang, an den Zelten
vorber bis Bellevue, und da steigen wir in die Stadtbahn und fahren zurck, Sie
bis an die Friedrichsstrae, ich bis an den Alexanderplatz. Da ist jeder von uns
in drei Minuten zu Haus.
    Rex war einverstanden. Ein wahres Glck, sagte er, da wir uns endlich
mal getroffen haben. Seit fast drei Wochen kennen wir nun das Haus und haben
noch keine Aussprache darber gehabt. Und das ist doch immer die Hauptsache. Fr
Sie gewi.
    Ja, Rex, das fr Sie gewi, das sagen Sie so spttisch und berheblich,
weil Sie glauben, Klatschen sei was Inferiores und fr mich gerade gut genug.
Aber da machen Sie meiner Meinung nach einen doppelten Fehler. Denn erstlich ist
Klatschen berhaupt nicht inferior, und zweitens klatschen Sie geradeso gern wie
ich und vielleicht noch ein bichen lieber. Sie bleiben nur immer etwas steifer
dabei, lehnen meine Frivolitten zunchst ab, warten aber eigentlich darauf. Im
brigen denk ich, wir lassen all das auf sich beruhn und sprechen lieber von der
Hauptsache. Ich finde, wir knnen unserm Freunde Stechlin nicht dankbar genug
dafr sein, uns mit einem so liebenswrdigen Hause bekannt gemacht zu haben. Den
Wrschowitz und den alten Malerprofessor, der von dem Engel des Gerichts nicht
loskonnte - nun die beiden schenk ich Ihnen (ich denke mir, der Maler wird wohl
nach Ihrem Geschmacke sein), aber die andern, die man da trifft, wie reizend
alle, wie natrlich. Obenan dieser Frommel, dieser Hofprediger, der mir am
Teetisch fast noch besser gefllt als auf der Kanzel. Und dann diese bayrische
Baronin. Es ist doch merkwrdig, da die Sddeutschen uns im Gesellschaftlichen
immer um einen guten Schritt vorauf sind, nicht von Bildungs, aber von
glcklicher Natur wegen. Und diese glckliche Natur, das ist doch die wahre
Bildung.
    Ach, Czako, Sie berschtzen das. Es ist ja richtig, wenn sie da so die
Wrstel aus dem groen Kessel herausholen und irgendeine Loni oder Toni mit dem
Makrug kommt, so sieht das nach was aus, und wir kommen uns wie verhungerte
Schulmeister daneben vor. Aber eigentlich ist das, was wir haben, doch das
Hhere.
    Gott bewahre. Alles, was mit Grammatik und Examen zusammenhngt, ist nie
das Hhere. Waren die Patriarchen examiniert oder Moses oder Christus? Die
Phariser waren examiniert. Und da sehen Sie, was dabei herauskommt. Aber, um
mehr in der Nhe zu bleiben, nehmen Sie den alten Grafen. Er war freilich
Botschaftsrat, und das klingt ein bichen nach was; aber eigentlich ist er doch
auch blo ein unexaminierter Naturmensch, und das gerade gibt ihm seinen Charme.
Beilufig, finden Sie nicht auch, da er dem alten Stechlin hnlich sieht?
    Ja, uerlich.
    Auch innerlich. Natrlich 'ne andre Nummer, aber doch derselbe Zwirn -
Pardon fr den etwas abgehaspelten Berolinismus. Und wenn Sie vielleicht an
Politik gedacht haben, auch da ist wenig Unterschied. Der alte Graf ist lange
nicht so liberal und der alte Dubslav lange nicht so junkerlich, wie's aussieht.
Dieser Barby, dessen Familie, glaub ich, vordem zu den Reichsunmittelbaren
gehrte, dem steckt noch so was von Gottesgnadenschaft in den Knochen, und das
gibt dann die bekannte Sorte von Vornehmheit, die sich den Liberalismus glaubt
gnnen zu knnen. Und der alte Dubslav, nun, der hat dafr das im Leibe, was die
richtigen Junker alle haben: ein Stck Sozialdemokratie. Wenn sie gereizt
werden, bekennen sie sich selber dazu.
    Sie verkennen das, Czako. Das alles ist ja blo Spielerei.
    Ja, was heit Spielerei? Spielen. Wir haben schne alte Fibelverse, die vor
der Gefhrlichkeit des Mit-dem-Feuer-Spielens warnen. Aber lassen wir Dubslav
und den alten Barby. Wichtiger sind doch zuletzt immer die Damen, die Grfin und
die Comtesse. Welche wird es? Ich glaube, wir haben schon mal darber
gesprochen, damals, als wir von Kloster Wutz her ber den Cremmer Damm ritten.
Viel Vertrauen zu Freund Woldemars richtigem Frauenverstndnis hab ich
eigentlich nicht, aber ich sage trotzdem: Melusine.
    Und ich sage: Armgard. Und Sie sagen es im stillen auch.

Es war zwei Tage vor Woldemars Rckkehr aus Ostpreuen, da Rex und Czako dies
Tiergartengesprch fhrten. Eine halbe Stunde spter fuhren sie, wie verabredet,
vom Bellevuebahnhof aus wieder in die Stadt zurck. berall war noch ein reges
Leben und Treiben, und Leben war denn auch in dem aus blo drei Zimmern
verschiedener Gre sich zusammensetzenden Kasino der Gardedragoner. In dem
zunchst am Flur gelegenen groen Speisesaale, von dessen Wnden die frheren
Kommandeure des Regiments, Prinzen und Nichtprinzen, herniederblickten, sah man
nur wenig Gste. Daneben aber lag ein Eckzimmer, das mehr Insassen und mehr
flotte Bewegung hatte. Hier, ber dem schrggestellten Kamin, drin ein kleines
Feuer flackerte, hing seit kurzem das Bildnis des hohen Chefs des Regiments,
der Knigin von England, und in der Nhe eben dieses Bildes ein ruhmreiches
Erinnerungsstck aus dem sechsundsechziger und siebziger Kriege: die Trompete,
darauf derselbe Mann, Stabstrompeter Wollhaupt, erst am 3. Juli auf der Hhe von
Lipa und dann am 16. August bei Mars-la-Tour das Regiment zur Attacke gerufen
hatte, bis er an der Seite seines Obersten fiel; der Oberst mit ihm.
    Dies Eckzimmer war, wie gewhnlich, auch heute der bevorzugte kleine Raum,
drin sich jngere und ltere Offiziere zu Spiel und Plauderei zusammengefunden
hatten, unter ihnen die Herren von Wolfshagen, von Herbstfelde, von Wohlgemuth,
von Grumbach, von Raspe.
    Wei der Himmel, sagte Raspe, wir kommen aus den Abordnungen auch gar
nicht mehr heraus. Wir haben freilich drei Sendens im Regiment, aber es sind der
Sendbotschaften doch fast zuviel. Und diesmal nun auch unser Stechlin dabei.
    Was wird er sagen, wenn er oben in Ostpreuen von der ihm zugedachten Ehre
hrt. Er wird vielleicht sehr gemischte Gefhle haben. bermorgen ist er von
Trakehnen wieder da, mutmalich bei dem scheulichen Wetter schlecht ajustiert,
und dann Hals ber Kopf und in groem Trara nach London. Und London ginge noch.
Aber auch nach Windsor. Alles, wenn es sich um Chic handelt, will doch seine
Zeit haben, und gerade die Vettern drben sehen einem sehr auf die Finger.
    La sie sehn, sagte Herbstfelde. Wir sehen auch. Und Stechlin ist nicht
der Mann, sich ber derlei Dinge graue Haare wachsen zu lassen. Ich glaube, da
ihn was ganz andres geniert. Es ist doch immerhin was, da er da mit nach
England hinber soll, und einer solchen Auszeichnung entspricht
selbstverstndlich eine Nichtauszeichnung andrer. Das pat nicht jedem, und nach
dem Bilde, das ich mir von unserm Stechlin mache, gehrt er zu diesen. Er ficht
nicht gern unter der Devise nur ber Leichen, hat vielmehr umgekehrt den Zug,
sich in die zweite Linie zu stellen. Und nun sieht es aus, als wr er ein
Streber.
    Stimmt nicht, sagte Raspe. Fr so verrannt kann ich keinen von uns
halten. Stechlin sitzt da oben in Ostpreuen und kann doch unmglich in seinen
Muestunden hierher intrigiert und einen etwaigen Rivalen aus dem Sattel
geworfen haben. Und unser Oberst! Der ist doch auch nicht der Mann dazu, sich
irgendwen aufreden zu lassen. Der kennt seine Pappenheimer. Und wenn er sich den
Stechlin aussucht, dann wei er, warum. brigens, Dienst ist Dienst; man geht
nicht, weil man will, sondern weil man mu. Spricht er denn Englisch?
    Ich glaube nicht, sagte von Grumbach. Soviel ich wei, hat er vor kurzem
damit angefangen, aber natrlich nicht wegen dieser Mission, die ja wie vom
blauen Himmel auf ihn niederfllt, sondern der Barbys wegen, die beinah zwanzig
Jahre in England waren und halb englisch sind. Im brigen hab ich mir sagen
lassen, es geht drben auch ohne die Sprache. Herbstfelde, Sie waren ja voriges
Jahr da. Mit gutem Deutsch und schlechtem Franzsisch kommt man berall durch.
    Ja, sagte Herbstfelde. Blo ein bichen Landessprache mu doch noch
dazukommen. Indessen, es gibt ja kleine Vademekums, und da mu man dann eben
nachschlagen, bis man's hat. Sonst sind hundert Vokabeln genug. Als ich noch zu
Hause war, hatten wir da ganz in unsrer Nachbarschaft einen verdrehten alten
Herrn, der - eh ihn die Gicht unterkriegte - sich so ziemlich in der ganzen Welt
herumgetrieben hatte. Pro neues Land immer neue hundert Vokabeln. Unter anderm
war er auch mal in Sdruland gewesen, von welcher Zeit ab - und zwar nach
vorgngiger, vor einem groen Liqueurkasten stattgehabten Anfreundung mit einem
uralten Popen - er das Amendement zu stellen pflegte: Hundert Vokabeln; aber bei
'nem Popen blo fnfzig. Und das mu ich sagen, ich habe das mit den hundert in
England durchaus besttigt gefunden. Mary, please, a jug of hot water, soviel
mu man weghaben, sonst sitzt man da. Denn der Naturenglnder wei gar nichts.
    Wie lange waren Sie denn eigentlich drben, Herbstfelde?
    Drei Wochen. Aber die Reisetage mitgerechnet.
    Und sind Sie so ziemlich auf Ihre Kosten gekommen? Einblick ins Volksleben,
Parlament, Oxford, Cambridge, Gladstone?
    Herbstfelde nickte.
    Und wenn Sie nun so alles zusammennehmen, was hat da so den meisten
Eindruck auf Sie gemacht? Architektur, Kunst, Leben, die Schiffe, die groen
Brcken? Die Straenjungens, wenn man in einem Cab vorberfhrt, sollen ja immer
Rad neben einem her schlagen, und die Dienstmdchen, was noch wichtiger ist,
sollen sehr hbsch sein, kleine Hauben und Tndelschrze.
    Ja, Raspe, da treffen Sie's. Und ist eigentlich auch das Interessanteste.
Denn sogenannte Meisterwerke gibt es ja jetzt berall, von Kirchen und
dergleichen gar nicht zu reden. Und Schiffe haben wir ja jetzt auch und auch ein
Parlament. Und manche sagen, unsres sei noch besser. Aber das Volk. Sehen Sie,
da steckt es. Das Volk ist alles.
    Na, natrlich Volk. Oberschicht berall ein und dasselbe. Was da los ist,
das wissen wir.
    Und eigentlich hab ich die ganzen drei Wochen auf 'nem Omnibus gesessen und
bin abends in die Matrosenkneipen an der Themse gegangen. Ein bichen
gefhrlich; man hat da seinen Messerstich weg, man wei nicht wie, ganz wie in
Italien. Blo in Italien gibt es vorher doch immer noch ein Liebesverhltnis,
was in Old Wapping - so heit nmlich der Stadtteil an der Themse - nicht mal
ntig ist. Und dann, wenn ich zu Hause war, sprach ich natrlich mit Mary. Viel
war es nicht. Denn die hundert Vokabeln, die dazu ntig sind, die hatte ich
damals noch nicht voll.
    Na, 's ging aber doch?
    So leidlich. Und dabei hatt ich mal 'ne Szene, die war eigentlich das
Hbscheste. Meine Wohnung befand sich nmlich eine Treppe hoch in einer kleinen
stillen Querstrae von Oxford Street. Und Mary war gerade bei mir. Und in dem
Augenblicke, wo ich mich mit dem hbschen Kinde zu verstndigen suche...
    Worber?
    In demselben Augenblicke sieht ein Chinese grinsend in mein Fenster hinein,
so da er eigentlich eine Ohrfeige verdient htte.
    Wie war denn das aber mglich?
    Ja, das ist ja eben das, was ich das Londoner Volksleben nenne. Alles
mgliche, wovon wir hier gar keine Vorstellung haben, vollzieht sich da mitten
auf dem Straendamm. Und so waren denn auch an jenem Tage zwei Chinesen, ihres
Zeichens Akrobaten, in die Querstrae von Oxford Street gekommen, und der eine,
ein dicker starker Kerl, hatte einen Gurt um den Leib, und in der se dieses
Gurtes steckte 'ne Stange, auf die der zweite Chinese hinaufkletterte. Und wie
er da oben war, war er gerade in Hhe meiner Beletage und sah hinein, als ich
mich eben bemhte, mich Mary klarzumachen.
    Ja, Herbstfelde, das war nu freilich ein Pech, und wenn Sie wieder drben
sind, mssen Sie nach hinten hinaus wohnen oder hher hinauf. Aber interessant
ist es doch. Und ich bezweifle nur, da Stechlin in eine gleiche Lage kommen
wird.
    Gewi nicht. Daran hindern ihn seine Moralitten.
    Und noch mehr die Barbys.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Woldemar, von der ihm bevorstehenden Auszeichnung unterrichtet, krzte seinen
Aufenthalt in Ostpreuen um vierundzwanzig Stunden ab, hatte trotzdem aber, nach
seinem Wiedereintreffen in Berlin, nur noch zwei Tage zur Verfgung. Das war
wenig. Denn auer allerlei zu treffenden Reisevorbereitungen lag ihm doch auch
noch ob, verschiedene Besuche zu machen, so bei den Barbys, bei denen er sich
fr den letzten Abend schon brieflich angemeldet hatte.
    Dieser Abend war nun da. Die Koffer standen gepackt um ihn her, er selber
aber lehnte sich, ziemlich abgespannt, in seinen Schaukelstuhl zurck, nochmals
berschlagend, ob auch nichts vergessen sei. Zuletzt sagte er sich: Was nun
noch fehlt, fehlt; ich kann nicht mehr. Und dabei sah er nach der Uhr. Bis zu
seinem am Kronprinzenufer angesagten Besuche war noch fast eine Stunde. Die
wollt er ausnutzen und sich vorher nach Mglichkeit ruhn. Aber er kam nicht
dazu. Sein Bursche trat ein und meldete: Hauptmann von Czako.
    Ah, sehr willkommen.
    Und Woldemar, sowenig gelegen ihm Czako auch kam, sprang doch auf und
reichte dem Freunde die Hand. Sie kommen, um mir zu meiner englischen Reise zu
gratulieren. Und wiewohl es soso damit steht, Ihnen glaub ich's, da Sie's
ehrlich meinen. Sie gehren zu den paar Menschen, die keinen Neid kennen.
    Na, lassen wir das Thema lieber. Ich bin dessen nicht so ganz sicher;
mancher sieht besser aus, als er ist. Aber natrlich komm ich, um Ihnen wohl
oder bel meine Glckwnsche zu bringen und meinen Reisesegen dazu.
Donnerwetter, Stechlin, wo will das noch mit Ihnen hinaus! Sie werden natrlich
Londoner Militrattach, sagen wir in einem halben Jahr, und in ebensoviel Zeit
haben Sie sich drben sportlich eingelebt und etablieren sich als Sieger in
einem Steeplechase, vorausgesetzt, da es so was noch gibt (ich glaube nmlich,
man nennt es jetzt alles ganz anders). Und vierzehn Tage nach Ihrem ersten
groen Sportsiege verloben Sie sich mit Ruth Russel oder mit Geraldine
Cavendish, haben den Bedforder oder den Devonshire-Herzog als Rckendeckung und
gehen als Generalgouverneur nach Mittelafrika, links die Zwerge, rechts die
Menschenfresser. Emin soll ja doch eigentlich aufgefressen sein.
    Czako, Sie machen sich's zunutze, da die Mittagsstunde glcklich vorber
ist, sonst knnten Sie's kaum verantworten. Aber rcken Sie sich einen Sessel
ran, und hier sind Zigaretten. Oder lieber Zigarre?
    Nein, Zigaretten... Ja, sehen Sie, Stechlin, solche Mission oder wenn auch
nur ein Bruchteil davon...
    Sagen wir Anhngsel.
    ... Solche Mission ist gerade das, was ich mir all mein Lebtag gewnscht
habe. Blo Erhrung kam nicht geschritten. Und doch ist gerad in unserm Regiment
immer was los. Immer ist wer auf dem Wege nach Petersburg. Aber wei der Teufel,
trotz der vielen Schickerei, meine Wenigkeit ist noch nicht rangekommen. Ich
denke mir, es liegt an meinem Namen. Hier hat Czako ja auch schon einen
Beigeschmack, einen Stich ins Komische, aber das Slawische drin gibt ihm in
Berlin etwas Apartes, whrend es in Petersburg wahrscheinlich heien wrde:
Czako, was soll das? Was soll Czako? Dergleichen haben wir hier echter und
besser. Ja, ich gehe noch weiter und bin nicht einmal sicher, ob man da drben
nicht Lust bezeugen knnte, in der Wahl von Czako einen Witz oder versteckten
Affront zu wittern. Aber wie dem auch sei, Winterpalais und Kreml sind mir
verschlossen. Und nun gehen Sie nach London und sogar nach Windsor. Und Windsor
ist doch nun mal das denkbar Feinste. Ruland, wenn Sie mir solche
Frhstcksvergleiche gestatten wollen, hat immer was von Astrachan, England
immer was von Colchester. Und ich glaube, Colchester steht hher. In meinen
Augen gewi. Ach, Stechlin, Sie sind ein Glckspilz, ein Wort, das Sie meiner
erregten Stimmung zugute halten mssen. Ich werde wohl an der Majorsecke
scheitern, wegen verschiedener Mankos. Aber sehn Sie, da ich das einsehe, das
knnte das Schicksal doch auch wieder mit mir vershnen.
    Czako, Sie sind der beste Kerl von der Welt. Es ist eigentlich schade, da
wir solche Leute wie Sie nicht bei unserm Regiment haben. Oder wenigstens nicht
genug. Fein ist ja ganz gut, aber es mu doch auch mal ein Donnerwetter
dazwischenfahren, ein Zynismus, eine Bosheit; sie braucht ja nicht gleich einen
Giftzahn zu haben. brigens, was die Patentheit angeht, so fhl ich deutlich,
da ich auch nur so gerade noch passiere. Nehmen Sie beispielsweise blo das
Sprachliche. Wer heutzutage nicht drei Sprachen spricht, gehrt in die Ecke...
    Sag ich mir auch. Und ich habe deshalb auch mit dem Russischen angefangen.
Und wenn ich dann so dabei bin und ber meine Fortschritte beinah erstaune, dann
berapple ich mich momentan wieder und sage mir: Courage gewonnen, alles
gewonnen. Und dabei la ich dann zu meinem weitern Trost all unsre preuischen
Helden zu Fu und zu Pferde an mir vorberziehen, immer mit dem Gefhl einer
gewissen wissenschaftlichen und mitunter auch moralischen berlegenheit. Da ist
zuerst der Derfflinger. Nun, der soll ein Schneider gewesen sein. Dann kam
Blcher - der war einfach ein Jeuer. Und dann kam Wrangel und trieb sein
verwegenes Spiel mit mir und mich.
    Bravo, Czako. Das ist die Sprache, die Sie sprechen mssen. Und Sie werden
auch nicht an der Majorsecke scheitern. Eigentlich luft doch alles blo darauf
hinaus, wie hoch man sich selber einschtzt. Das ist freilich eine Kunst, die
nicht jeder versteht, Das Wort vom Alten Fritz: Denk Er nur immer, da Er
hunderttausend Mann hinter sich hat, dies Trostwort ist manchem von uns ein
bichen verlorengegangen, trotz unsrer Siege. Oder vielleicht auch eben deshalb.
Siege produzieren unter Umstnden auch Bescheidenheit.
    Jedenfalls haben Sie, lieber Stechlin, zuviel davon. Aber wenn Sie erst
Ihre Ruth haben...
    Ach, Czako, kommen Sie mir nicht immer mit Ruth. Oder eigentlich, seien Sie
doch bedankt dafr. Denn dieser weibliche Name mahnt mich, da ich mich fr heut
abend am Kronprinzenufer angemeldet habe, bei den Barbys, wo's, wie Sie wissen,
freilich keine Ruth gibt, aber dafr eine Melusine, was fast noch mehr ist.
    Versteht sich, Melusine is mehr. Alles, was aus dem Wasser kommt, ist mehr.
Venus kam aus dem Wasser, ebenso Hero... Nein, nein, entschuldigen Sie, es war
Leander.
    Egal. Lassen Sie's, wie's ist. Solche verwechselte Schillerstelle tut einem
immer wohl. brigens knnen Sie mich in meinem Coup begleiten; vom
Kronprinzenufer aus haben Sie knapp noch halben Weg bis in Ihre Kaserne.

Das Coup tat seine Schuldigkeit, und es schlug eben erst acht, als Woldemar vor
dem Barbyschen Hause hielt und, sich von Czako verabschiedend, die Treppe
hinaufstieg. Er fand nur die Familie vor, was ihm sehr lieb war, weil er kein
allgemeines Gesprch fhren, sondern sich lediglich fr seine Reise Rats erholen
wollte. Der alte Graf kannte London besser als Berlin, und auch Melusine war
schon ber siebzehn, als man, bald nach dem Tode der Mutter, England verlassen
und sich auf die Graubndner Gter zurckgezogen hatte. Darber waren nun wieder
nah an anderthalb Jahrzehnte vergangen, aber Vater und Tchter hingen nach wie
vor an Hyde Park und dem schnen Hause, das sie da bewohnt hatten, und gedachten
dankbar der in London verlebten Tage. Selbst Armgard sprach gern von dem
wenigen, dessen sie sich noch aus ihrer frhen Kindheit her erinnerte.
    Wie glcklich bin ich, sagte Woldemar, Sie allein zu finden! Das klingt
freilich sehr selbstisch, aber ich bin doch vielleicht entschuldigt. Wenn Besuch
da wre, nehmen wir beispielsweise Wrschowitz, und ich liee mich hinreien, von
der Prinzessin von Wales und in natrlicher Konsequenz von ihren zwei Schwestern
Dagmar und Thyra zu sprechen, so htt ich vielleicht wegen Dnenfreundlichkeit
heut abend noch ein Duell auszufechten. Was mir doch unbequem wre. Besser ist
besser.
    Der alte Barby nickte vergnglich.
    Ja, Herr Graf, fuhr Woldemar fort, ich komme, mich von Ihnen und den
Damen zu verabschieden, aber ich komme vor allem auch, um mich in zwlfter
Stunde noch nach Mglichkeit zu informieren. In dem Augenblick, wo der gnzlich
ignorante Kandidatus in seinen Frack fhrt, guckt er - so was soll vorkommen -
noch einmal ins Corpus juris und liest, sagen wir, zehn Zeilen, und gerad ber
diese wird er nachher gefragt und sieht sich gerettet. Dergleichen knnte mir
doch auch vorbehalten sein. Sie waren lange drben und die Damen ebenso. Auf was
mu ich achten, was vermeiden, was tun? Vor allem, was mu ich sehn und was
nicht sehn? Das letztere vielleicht das Wichtigste von allem.
    Gewi, lieber Stechlin. Aber ehe wir anfangen, rcken Sie hier ein und
gnnen Sie sich eine Tasse Tee. Freilich, da Sie den Tee wrdigen werden, ist
so gut wie ausgeschlossen; dazu sind Sie viel zu aufgeregt. Sie sind ja wie ein
Wasserfall; ich erkenne Sie kaum wieder.
    Woldemar wollte sich entschuldigen.
    Nur keine Entschuldigungen. Und am wenigsten ber das. Alles ist heutzutage
so nchtern, da ich immer froh bin, mal einer Aufregung zu begegnen; Aufregung
kleidet besser als Indifferenz, und jedenfalls ist sie interessanter. Was meinst
du dazu, Melusine?
    Papa schraubt mich. Ich werde mich aber hten, zu antworten.
    Und so denn wieder zur Sache. Ja, lieber Stechlin, was tun, was sehn? Oder,
wie Sie ganz richtig bemerken, was nicht sehn? berall etwas sehr Schwieriges.
In Italien vertrdelt man die Zeit mit Bildern, in England mit
Hinrichtungsblcken. Sie haben drben ganze Kollektionen davon. Also mglichst
wenig Historisches. Und dann natrlich keine Kirchen, immer mit Ausnahme von
Westminster. Ich glaube, was man so mit billiger Wendung  Land und Leute nennt,
das ist und bleibt das Beste. Die Themse hinauf und hinunter, Richmond Hill
(auch jetzt noch, trotzdem wir schon November haben) und Werbekneipen und
Dudelsackspfeifer. Und wenn Sie bei Passierung eines stillen Squares einem
sogenannten Straen-Raffael begegnen, dann stehenbleiben und zusehen, was das
sonderbare Genie mit seiner linken und oft verkrppelten Hand auf die breiten
Straensteine hinmalt. Denn diese Straen-Raffaels haben immer nur eine linke
Hand.
    Und was malt er?
    Was? Das wechselt. Er ist imstande und zaubert Ihnen in zehn Minuten eine
richtige Sixtina aufs Trottoir. Aber in der Regel ist er mehr Ruysdael oder
Hobbema. Landschaften sind seine Force; dazu Seestcke. Die Klippe von Dover hab
ich wohl zwanzigmal gesehn und ber das Meer hin den zitternden Mondstrahl. Da
haben Sie schon was zur Auswahl. Und nun fragen Sie Melusine. Die hat von London
und Umgegend viel mehr gesehn als ich und wei, glaub ich, in Hampton Court und
Waltham Abbey besser Bescheid als an der Oberspree, natrlich das Eierhuschen
ausgenommen. Und wenn Melusine versagen sollte, nun, so haben wir ja noch unsere
Tochter Cordelia. Cordelia war damals freilich erst sechs oder doch nicht viel
mehr. Aber Kindermund tut Wahrheit kund. Armgard, wie wr es, wenn du dich
unsers Freundes annhmest?
    Ich wei nicht, Papa, ob Herr von Stechlin damit einverstanden ist oder
auch nur sein kann. Vielleicht ging' es, wenn du nur nicht von meinen sechs
Jahren gesprochen httest. Aber so. Mit sechs Jahren hat man eben nichts erlebt,
was, in den Augen andrer, des Erzhlens wert wre.
    Comtesse, gestatten Sie mir... die Dinge an sich sind gleichgltig. Alles
Erlebte wird erst was durch den, der es erlebt.
    Ei, sagte Melusine. So bin ich zum Erzhlen noch mein Lebtag nicht
aufgefordert worden. Nun wirst du sprechen mssen, Armgard.
    Und ich will auch, selbst auf die Gefahr hin einer Niederlage.
    Keine Vorreden, Armgard. Am wenigsten, wenn sie wie Selbstlob klingen.
    Also wir hatten damals eine alte Person im Hause, die schon bei Melusine
Kindermuhme gewesen war, und hie Susan. Ich liebte sie sehr, denn sie hatte wie
die meisten Irischen etwas ungemein Heiteres und Gtiges. Ich ging viel mit ihr
im Hyde Park spazieren, wohnten wir doch in der an seiner Nordseite sich
hinziehenden groen Strae. Hyde Park erschien mir immer sehr schn. Aber weil
es tagaus, tagein dasselbe war, wollt ich doch gern einmal was andres sehen,
worauf Susan auch gleich einging, trotzdem es ihr eigentlich verboten war. Ei
freilich, Comtesse, sagte sie, da wollen wir nach Martins le Grand. - Was ist
das? fragte ich; aber statt aller Antwort gab sie mir nur ein kleines Mntelchen
um, denn es war schon Sptherbst, so etwa wie jetzt, und dunkelte auch schon.
Aus dem, was dann kam, mu ich annehmen, da es um die fnfte Stunde war. Und so
brachen wir denn auf, unsre Strae hinunter, und weil an dem Parkgitter entlang
lauter groe Rohren gelegt waren, um hier neu zu kanalisieren, so sprang ich auf
die Rhren hinauf, und Susan hielt mich an meinem linken Zeigefinger. So gingen
wir, ich immer auf den Rhren oben, bis wir an eine Stelle kamen, wo der Park
aufhrte. Hier war gerad ein Droschkenstand, und Hafer und Hcksel lagen umher
und zahllose Sperlinge dazwischen. In der Mitte von dem allem aber stand ein
eiserner Brunnen. Auf den wies Susan hin und sagte: Look at it, dear Armgard.
There stood Tyburn Gallows. Und wer soviel gestohlen hatte, wie gerad ein Strick
kostete, der wurde da gehngt.
    Eine merkwrdige Kindermuhme, sagte Stechlin. Und erschraken Sie nicht,
Comtesse?
    Nein, von Erschrecken, solange Susan bei mir war, war keine Rede. Sie htte
mich gegen eine Welt verteidigt.
    Das shnt wieder aus.
    Und kurz und gut, wir blieben auf unserm Weg und stiegen alsbald in ein
zweirdriges Cab, aus dem heraus wir sehr gut sehen konnten, und jagten die
Oxfordstrae hinunter in die City hinein, in ein immer dichter werdendes
Straengewirr, drin ich nie vorher gekommen war und auch nachher nicht wieder
gekommen bin. Blo vor zwei Jahren, als wir auf Besuch drben waren und ich den
alten Pltzen wieder nachging.
    Ich glaube, sagte Melusine, da du bei diesem zweiten Besuch eine gute
Anleihe machst. Denn von dem mit Susan Gesehenen wirst du zur Zeit nicht mehr
viel zur Verfgung haben.
    Doch, doch. Und nun hielt unser Hansom Cab vor einem groen Hause, das halb
wie ein Palast und halb wie ein griechischer Tempel aussah und unter dessen
Sulengang hinweg wir in eine groe, mit vielen hundert Menschen erfllte Halle
traten. ber ihren Kpfen aber lag es wie ein Strom von Licht, und ganz nach
hinten zu, wo die Lichtmasse sich zu verdichten schien, standen auf einem Podium
zwei in rote Rcke gekleidete Bedienstete mit ein paar groen Behltern links
und rechts neben sich, die wie Futterkisten mit weit aufgeklapptem Deckel
aussahen.
    Und nun la Stechlin raten, was es war.
    Er braucht es nicht zu raten, fuhr Armgard fort, er wei es natrlich
schon. Aber er mu trotzdem aushalten. Denn er hat es selber so gewollt. Also
Podium und Rotrcke samt aufgeklappter Kiste links und rechts. Und die
hellerleuchtete Uhr darber zeigte, da es nur noch eine Minute bis sechs war.
An ein Sichherandrngen war nicht zu denken, und so flogen denn die Brief- und
Zeitungspakete, die noch mit den letzten Postzgen fort sollten, in weitem Bogen
ber die Kpfe der in Front Stehenden weg, was aber dabei statt in die Behlter
blo auf das Podium fiel, das wurde von den Rotrcken mit einer geschickten
Fubewegung in die Futterkisten wie hineingeharkt. Und nun setzte der Uhrzeiger
ein, und das Fliegen der Pakete steigerte sich, bis genau mit dem sechsten
Schlag auch der Deckel jeder der beiden Kisten zuschlug.
    Reizend, Comtesse. Natrlich seh ich mir das an, und wenn ich ein
Rendezvous mit der Knigin darber versumen mte.
    Nichts Antimonarchisches, lachte der alte Graf. Und so kommen Susans
Untaten schlielich noch ans Licht.
    Und meine eignen dazu. Glcklicherweise durch mich selbst.
    Das Gesprch setzte sich noch eine Weile fort, und allerlei Schilderungen
aus dem Klein- und Alltagsleben behielten dabei die Oberhand. Ein paarmal, weil
er wohl sah, da Woldemar gern auch andres zu hren wnschte, versuchte der alte
Graf das Thema zu wechseln, aber beide Damen blieben bei shopping und five
o'clock tea, bis Melusine, der Woldemars Ungeduld ebenfalls nicht entgangen
war, mit einem Male fragte: Haben Sie denn je von Traitors Gate gehrt?
    Nein, sagte Woldemar. Ich kann es mir aber bersetzen und meine Schlsse
daraus ziehn.
    Das reicht aus. Also natrlich Tower. Nun sehen Sie, Traitors Gate, das war
meine Domne, wenn Besuch aus Deutschland kam und ich wohl oder bel den Fhrer
machen mute. Vieles im Tower langweilte mich, aber Traitors Gate nie,
vielleicht deshalb nicht, weil es ziemlich zu Anfang liegt, so da ich, wenn
wir's erreichten, immer noch bei Frische war, nicht abgestumpft durch all die
Schrecklichkeiten, die dann weiterhin folgen.
    Also Traitors Gate mu ich sehn?
    Unbedingt. Freilich, wenn ich dann wieder erwge, da an dieser berhmten
Stelle nichts unmittelbar Wirkungsvolles zu sehn ist, so mu ich mich bei meinen
Ratschlgen auf Ihre Phantasie verlassen knnen. Und ob das geht, wei ich
nicht. Wer aus der Mark ist, hat meist keine Phantasie.
    Der alte Graf und Armgard schwiegen, und auch Melusine sah wohl, da sie mit
ihrer Bemerkung etwas zu weit gegangen war. Irgendeine Reparierung schien also
geboten. Ich will's aber doch mit Ihnen wagen, nahm sie das Gesprch wieder
auf und lachte. Traitors Gate. Nun sehen Sie, Sie kommen da vom Eingange her
einen schmalen Gang entlang, und mit einem Male haben Sie statt der grauen
Steinwand ein eisenbeschlagenes Holztor neben sich. Hinter diesem Tor aber
befindet sich ein kleiner, ganz unten in der Tiefe gelegener Wasserhof, von dem
aus eine mehrstufige Treppe herauffhrt und an eben der Stelle mndet, an der
Sie stehn. Und nun rechnen Sie dreihundert Jahre zurck. Wem sich die Pforte
damals auftat, um sich hinter ihm wieder zu schlieen, der hatte vom Leben
Abschied genommen... Es sind da, verzeihen Sie das Wort, lauter glibbrige
Stufen, und wer alles stieg diese Stufen hinauf: Essex, Sir Walter Raleigh,
Thomas Morus und zuletzt noch jene Clanhuptlinge, die fr Prince Charlie
gefochten hatten und deren Kpfe, wenige Tage spter, von Temple Bar herab, auf
die City niedersahen.
    Liegt, Gott sei Dank, weit zurck.
    Ja, weit zurck. Aber es kann wiederkommen. Und gerade das war es, was
immer, wenn ich da so stand, den grten Eindruck auf mich machte. Diese
Mglichkeit, da es wiederkehre. Denn ich erinnere mich noch sehr wohl - ja, du
warst es selbst, Papa, der es mir erzhlte -, da Lord Palmerston einmal,
unwirsch ber die koburgische Nebenpolitik (ich glaube whrend der
Krimkriegtage), sich dahin geuert htte: Dieser Prince Consort, er tte gut,
sich unser Traitors Gate bei Gelegenheit anzusehn. Es ist zwar schon lange, da
Knige da die glibbrige Treppe hinaufgestiegen sind, aber es ist doch noch nicht
so lange, da wir uns dessen nicht mehr entsinnen knnten. Und ein Prince
Consort ist noch lange nicht ein Knig.
    Woldemar, als Melusine dies mit berlegener Miene gesagt hatte, lchelte vor
sich hin, was die Grfin derartig verdro, da sie mit einer gewissen
Gereiztheit hinzusetzte: Sie lcheln. Da seh ich doch, wie sehr ich im Rechte
war, Ihnen die Phantasie abzusprechen.
    Verzeihen Sie mir...
    Und nun werden Sie auch noch pathetisch. Das ist die richtige Ergnzung. Im
brigen, wie knnt ich mit Ihnen ernsthaft zrnen! Ein berhmter deutscher
Professor soll einmal irgendwo gesagt haben: niemand sei verpflichtet, ein
groer Mann zu sein. Und ebensowenig wird er groe Phantasie als etwas
Pflichtmiges gefordert haben.
    Woldemar kte ihr die Hand. Wissen Sie, Grfin, da Sie doch eigentlich
recht hochmtig sind?
    Vielleicht. Aber mancher entwaffnet mich wieder. Und zu diesen gehren
Sie.
    Das ist nun auch wieder aus dem Ton.
    Ich wei es nicht. Aber lassen wir's. Und versprechen Sie mir lieber, mir
von Windsor oder London aus eine Karte zu schreiben... nein, eine Karte, das
geht nicht..., also einen Brief, darin Sie mir ein Wort ber die Englnderinnen
sagen, und ob Sie jede taillenlose Rotblondine drben auch so schn gefunden
haben werden, wie's von den Kontinentalen, wenn sie dies Thema berhren, fast
immer versichert wird.
    Es wird davon abhngen, an wen ich gerade denke.
    Nach dieser Bemerkung ist Ihnen alles verziehn.

Woldemar blieb bis neun. Er hatte gleich in den Zeilen, in denen er sich
anmeldete, die Damen wissen lassen, da er seinen Besuch auf eine kurze Stunde
beschrnken msse. So war er denn bei guter Zeit wieder daheim. Auf seinem
Tische fand er ein Briefchen vor und erkannte Rex' Handschrift. Lieber
Stechlin, so schrieb dieser, ich hre eben, da Sie nach London gehn. In der
Zeitung, wo's schon gestanden haben soll, hab ich es bersehn. Ich
beglckwnsche Sie von Herzen zu dieser Auszeichnung und lege Ihnen eine Karte
bei, die Sie (wenn's Ihnen pat) bei meinem Freunde Ralph Waddington einfhren
soll. Er ist Advokat und einer der angesehensten Fhrer unter den Irvingianern.
Frchten Sie brigens keine Bekehrungsversuche. Waddington ist ein durchaus
feiner Mann, also zurckhaltend. Er kann Ihnen aber mannigfach behilflich sein,
wenn Ihnen daran gelegen sein sollte, sich um das Wesen der englischen
Dissenter, ihre Chapels und Tabernakels zu kmmern. Er ist ein Wissenschaftler
auf diesem Gebiet. Und ich kenne ja Ihre Vorliebe fr derlei Fragen.
    Stechlin legte den Brief unter den Briefbeschwerer und sagte: Der gute Rex!
Er berschtzt mich. Dissenterstudien. Es gengt mir, wenn ich einen einzigen
Quker sehe.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Was Rex da schrieb, hatte doch ein Gutes gehabt: Woldemar, erheitert bei dem
Gedanken, sich durch Ralph Waddington in ein Tabernakel eingefhrt zu sehn, sah
sich mit einem Male einer gewissen Abspannung entrissen und war froh darber,
denn er brauchte durchaus Stimmung, um noch einige Briefe zu schreiben. Das ging
ihm nun leichter von der Hand, und als elf Uhr kaum heran war, war alles
erledigt.
    Der andre Morgen sah ihn selbstverstndlich frh auf. Fritz war um ihn her
und half, wo noch zu helfen war. Und nun, Fritz, so waren Woldemars letzte
Worte, sieh nach dem Rechten. Schicke mir nichts nach; Zeitungen wirf weg. Und
die drei Briefe hier, wenn ich fort bin, die tue sofort in den Kasten... Ist die
Droschke schon da?
    Zu Befehl, Herr Rittmeister.
    Na, dann mit Gott. Und jeden Tag lften. Und pa auf die Pferde.
    Damit verabschiedete sich Woldemar.

Von den drei Briefen war einer nach Stechlin hin adressiert. Er traf, weil er
noch mit dem ersten Zuge fort konnte, gleich nach Tisch bei dem Alten ein und
lautete:
    Mein lieber Papa. Wenn Du diese Zeilen erhltst, sind wir schon auf dem
Wege. Wir, das will sagen: unser Oberst, unser zweitltester Stabsoffizier, ich
und zwei jngere Offiziere. Aus Deinen eignen Soldatentagen her kennst Du den
Charakter solcher Abordnungen. Nachdem wir Regiment Knigin von Grobritannien
und Irland geworden sind, war dies uns drben vorstellen nur noch eine Frage der
Zeit. Dieser Mission beigesellt zu sein ist selbstverstndlich eine groe Ehre
fr mich, doppelt, wenn ich die Namen, ber die wir in unserm Regiment Verfgung
haben, in Erwgung ziehe. Die Zeiten, wo man das Wort historische Familie
betonte, sind vorber. Auch an Tante Adelheid hab ich in dieser Sache
geschrieben. Was mir persnlich an Glcksgefhl vielleicht noch fehlen mag, wird
sie leicht aufbringen. Und ich freue mich dessen, weil ich ihr, alles in allem,
doch soviel verdanke. Da ich mich von Berlin gerade jetzt nicht gerne trenne,
sei nur angedeutet; Du wirst den Grund davon unschwer erraten. Mit besten
Wnschen fr Dein Wohl, unter herzlichen Gren an Lorenzen, wie immer Dein
Woldemar.
    Dubslav sa am Kamin, als ihm Engelke den Brief brachte. Nun war der Alte
mit dem Lesen durch und sagte: Woldemar geht nach England. Was sagst du dazu,
Engelke?
    So was hab ich mir all immer gedacht.
    Na, dann bist du klger gewesen als ich. Ich habe mir gar nichts gedacht.
Und nu noch drei Tage, so stellt er sich mit seinem Oberst und seinem Major vor
die Knigin von England hin und sagt: Hier bin ich.
    Ja, gnd'ger Herr, warum soll er nich?
    Is auch 'n Standpunkt. Und vielleicht sogar der richtige. Volksstimme,
Gottesstimme. Na, nu geh mal zu Pastor Lorenzen und sag ihm, ich lie' ihn
bitten. Aber sage nichts von dem Brief; ich will ihn berraschen. Du bist
mitunter 'ne alte Plappertasche.

Schon nach einer halben Stunde war Lorenzen da.
    Haben befohlen...
    Haben befohlen. Ja, das ist gerade so das Richtige; sieht mir hnlich...
Nun, Lorenzen, schieben Sie sich mal 'nen Stuhl ran, und wenn Engelke nicht
geplaudert hat (denn er hlt nicht immer dicht), so hab ich eine richtige
Neuigkeit fr Sie. Woldemar ist nach England...
    Ah, mit der Abordnung.
    Also wissen Sie schon davon?
    Nein, ausgenommen das eine, da eine Deputation oder Gesandtschaft
beabsichtigt sei. Das las ich, und dabei hab ich dann freilich auch an Woldemar
gedacht.
    Dubslav lachte. Sonderbar. Engelke hat sich so was gedacht, Lorenzen hat
sich auch so was gedacht. Nur der eigne Vater hat an gar nichts gedacht.
    Ach, Herr von Stechlin, das ist immer so. Vter sind Vter und knnen nie
vergessen, da die Kinder Kinder waren. Und doch hrt es mal auf damit. Napoleon
war mit zwanzig ein armer Leutnant und an Ansehn noch lange kein Stechlin. Und
als er so alt war wie jetzt unser Woldemar, ja, da stand er schon zwischen
Marengo und Austerlitz.
    Hren Sie, Lorenzen, Sie greifen aber hoch. Meine Schwester Adelheid wird
sich Ihnen brigens wohl anschlieen und von heut ab eine neue Zeitrechnung
datieren. Ich nehm es ruhiger, trotzdem ich einsehe, da es nach groer
Auszeichnung schmeckt. Und ist er wieder zurck, dann wird er auch allerlei
Gutes davon haben. Aber solang er drben ist! Ich trau der Sache nicht. Von
Behagen jedenfalls keine Rede. Die Vettern sind nun mal nicht
zufriedenzustellen; vielleicht rgern sie sich, da es drauen in der Welt auch
noch ein Regiment Knigin von Grobritannien und Irland gibt. Das besorgen sie
sich lieber selbst und nehmen so was, wenn andre damit kommen, wie 'ne
Prtension. Wie stehen denn Sie dazu? Sie haben die Beefeaters vielleicht in Ihr
Herz geschlossen wegen der vielen Dissenter. Ein Kardinal, der freilich auch
noch Gourmand war, soll mal gesagt haben: Schreckliches Volk; hundert Sekten und
blo eine Sauce.
    Ja, lachte Lorenzen, da bin ich freilich fr die Beefeaters, wie Sie
sagen, und gegen den Kardinal. Das mit den hundert Sekten la ich auf sich
beruhn (mein Geschmack, beilufig, ist es nicht), aber unter allen Umstnden bin
ich fr hchstens eine Sauce. Das ist das einzig Richtige, weil Gesunde. Die
Dinge mssen in sich etwas sein, und wenn das zutrifft, so ist eigentlich jede
Sauce und nun gar erst die Sauce im Plural, von vornherein schon gerichtet. Aber
lassen wir den Kardinal und seine Gewagtheiten und nehmen wir den Gegenstand
seiner Abneigung: England. Es hat fr mich eine Zeit gegeben, wo ich
bedingungslos dafr schwrmte. Nicht zu verwundern. Hie es doch damals in dem
ganzen Kreise, drin ich lebte: Ja, wenn wir England nicht mehr lieben sollen,
was sollen wir dann berhaupt noch lieben? Diese halbe Vergtterung hab ich noch
ehrlich mit durchgemacht. Aber das ist nun eine hbsche Weile her. Sie sind
drben schrecklich runtergekommen, weil der Kult vor dem Goldenen Kalbe
bestndig wchst; lauter Jobber und die vornehme Welt obenan. Und dabei so
heuchlerisch; sie sagen Christus und meinen Kattun.
    Is leider so, wenigstens nach dem bichen, was ich davon wei. Und alles in
allem, und neuerdings erst recht, bin ich deshalb immer fr Ruland gewesen.
Wenn ich da so an unsern Kaiser Nikolaus zurckdenke und an die Zeit, wo seine
Uniform als Geschenk bei uns eintraf und dann als Kirchenstck in die
Garnisonkirche kam. Natrlich in Potsdam. Wir haben zwar die Reliquien
abgeschafft, aber wir haben sie doch auf unsre Art, und ganz ohne so was geht es
nu mal nicht. Mit dem Alten Fritzen fing es natrlich an. Wir haben seinen
Krckstock und den Dreimaster und das Taschentuch (na, das htten sie vielleicht
weglassen knnen), und zu den drei Stcken haben wir nu jetzt auch noch die
Nikolaus-Uniform.
    Lorenzen sah verlegen vor sich hin; etwas dagegen sagen ging nicht, und
zustimmen noch weniger.
    Dubslav aber fuhr fort: Und dann sind sie da forscher in Petersburg und
geht alles mehr aus dem vollen, auch wenn die besten Steine mitunter schon
rausgebrochen sind. So was kommt vor; is eben noch ein Naturvolk. Ich kann das
Schenken eigentlich nicht leiden, es hat so was von Bestechung und sieht aus wie
'n Trinkgeld. Und Trinkgeld ist noch schlimmer als Bestechung und pat mir
eigentlich ganz und gar nicht. Aber es hat doch auch wieder was Angenehmes,
solche Tabatiere. Wenn es einem gut geht, ist es ein Familienstck, und wenn es
einem schlecht geht, ist es 'ne letzte Zuflucht. Natrlich, ein ganz reinliches
Gefhl hat man nicht dabei.
    Lorenzen blieb eine volle Stunde. Der Alte war immer froh, wenn sich ihm
Gelegenheit bot, sich mal ausplaudern zu knnen, und heute standen ja die
denkbar besten Themata zur Verfgung: Woldemar, England, Kaiser Nikolaus und
dazwischen Tante Adelheid, ber die zwar immer nur kurze Worte fielen, aber doch
so, da sie, weil spttisch, die gute Laune des Alten wesentlich steigerten.
    Und in dieser guten Laune war er auch noch, als er um die fnfte Stunde
seinen Eichenstock und seinen eingeknautschten Filzhut vom Riegel nahm, um am
See hin, in der Richtung auf Globsow zu, seinen gewhnlichen Spaziergang zu
machen. Unmittelbar am Sdufer, da, wo die Wand steil abfiel, befand sich eine
von Buchenzweigen berdachte Steinbank. Das war sein Lieblingsplatz. Die Sonne
stand schon unterm Horizont, und nur das Abendrot glhte noch durch die Bume.
Da sa er nun und berdachte sein Leben, Altes und Neues, seine Kindheits- und
seine Leutnantstage, die Tage kurz vor seiner Verheiratung, wo das junge, blasse
Frulein, das seine Frau werden sollte, noch Lieblingshofdame bei der alten
Prinze Karl war. All das zog jetzt wieder an ihm vorber, und dazwischen seine
Schwester Adelheid, in jenen Tagen noch leidlich gut bei Weg, aber auch schon
hart und herbe wie heute, so da sie den reizenden Kerl, den Baron Krech, blo
weil er ber ein schon halb abgestorbenes Verhltnis und eine freilich noch
fortlebende Spielschuld verfgte, durch ihre Tugend weggegrault hatte. Das waren
die alten Geschichten. Und dann wurde Woldemar geboren, und die junge Frau
starb, und der Junge wuchs heran und lernte bei Lorenzen all das dumme Zeug, das
Neue (dran vielleicht doch was war), und nun fuhr er nach England rber und war
vielleicht schon in Kln und in ein paar Stunden in Ostende.
    Dabei sah er vor sich hin und malte mit seinem Stock Figuren in den Sand.
Der Wald war ganz still; auf dem See schwanden die letzten roten Lichter, und
aus einiger Entfernung klangen Schlge herber, wie wenn Leute Holz fllen. Er
hrte mit halbem Ohr hin und sah eben auf die von Globsow her herauffhrende
schmale Strae, als er einer alten Frau von wohl siebzig gewahr wurde, die, mit
einer mit Reisig bepackten Kiepe, den leis ansteigenden Weg heraufkam, etliche
Schritte vor ihr ein Kind mit ein paar Enzianstauden in der Hand. Das Kind, ein
Mdchen, mochte zehn Jahr sein, und das Licht fiel so, da das blonde wirre Haar
wie leuchtend um des Kindes Kopf stand. Als die Kleine bis fast an die Bank
heran war, blieb sie stehn und erwartete da das Nherkommen der alten Frau.
Diese, die wohl sah, da das Kind in Furcht oder doch in Verlegenheit war,
sagte: Geih man vorupp, Agnes; he deiht di nix.
    Das Kind, sich bezwingend, ging nun auch wirklich, und whrend es an der
Bank vorberkam, sah es den alten Herrn mit groen, klugen Augen an.
    Inzwischen war auch die Alte herangekommen.
    Na, Buschen, sagte Dubslav, habt Ihr denn auch blo Bruchholz in Eurer
Kiepe? Sonst packt Euch der Frster.
    Die Alte griente. Jott, jndiger Herr, wenn Se doabi sinn, denn wird he joa
woll nich.
    Na, ich denk auch; is immer nich so schlimm. Und wer is denn das Kind da?
    Dat is joa Karlinens.
    So, so, Karlinens. Is sie denn noch in Berlin? Und wird er sie denn
heiraten? Ich meine den Rentsch in Globsow.
    Ne, he will joa nich.
    Is aber doch von ihm?
    Joa, se seggt so. Awers he seggt, he wihr et nich.
    Der alte Dubslav lachte. Na, hrt, Buschen, ich kann's ihm eigentlich nicht
verdenken. Der Rentsch is ja doch ein ganz schwarzer Kerl. Un nu seht Euch mal
das Kind an.
    Dat hebb ick ehr ook all seggt. Un Karline weet et ook nich so recht un
lacht man mmer. Un se brukt em ook nich.
    Geht es ihr denn so gut?
    Joa; man kann et binah seggen. Se pltt' mmer. Alle so 'ne pltten mmer.
Ick wihr oak dissen Summer mit Agnessen (se heet Agnes) in Berlin, un doa wihrn
wi joa tosamen in 'n Zirkus. Un Karline wihr ganz fidel.
    Na, das freut mich. Und Agnes, sagt Ihr, heit sie. Is ein hbsches Kind.
    Joa, det is se. Un is ook en gaudes Kind; se weent gliks un is immer so
patschlich mit ehre ltten Hnn'. Snne sinn immer so.
    Ja, das is richtig. Aber Ihr mt aufpassen, sonst habt Ihr 'nen Urenkel,
Ihr wit nicht wie. Na, gu'n Abend, Buschen.
    'n Abend, jnd'ger Herr.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Der Baron Berchtesgadensche Wagen fuhr am Kronprinzenufer vor, und die Baronin,
als sie gehrt hatte, da die Herrschaften oben zu Hause seien, stieg langsam
die Treppe hinauf, denn sie war nicht gut zu Fu und ein wenig asthmatisch.
Armgard und Melusine begrten sie mit groer Freude. Wie gut, wie hbsch,
Baronin, sagte Melusine, da wir Sie sehn. Und wir erwarten auch noch Besuch.
Wenigstens ich. Ich habe solch Kribbeln in meinem kleinen Finger, und dann kommt
immer wer. Wrschowitz gewi (denn er war drei Tage lang nicht hier) und
vielleicht auch Professor Cujacius. Und wenn nicht der, so Doktor Pusch, den Sie
noch nicht kennen, trotzdem Sie ihn eigentlich kennen mten - noch alte
Bekanntschaft aus Londoner Tagen her. Mglicherweise kommt auch Frommel. Aber
vor allem, Baronin, was bringen Sie fr Wetter mit? Lizzi sagte mir eben, es
neble so stark, man knne die Hand vor Augen nicht sehn.
    Lizzi hat Ihnen ganz recht berichtet, der richtige London fog, wobei mir
natrlich Ihr Freund Stechlin einfllt. Aber ber den sprechen wir nachher.
Jetzt sind wir noch beim Nebel. Es war drauen wirklich so, da ich immer
dachte, wir wrden zusammenfahren; und am Brandenburger Tor, mit den groen
Kandelabern dazwischen, sah es beinah aus wie ein Bild von Skarbina. Kennen Sie
Skarbina?
    Gewi߫, sagte Melusine, den kenn ich sehr gut. Aber allerdings erst von
der letzten Ausstellung her. Und was, auer den Gaslaternen im Nebel, mir so
eigentlich von ihm vorschwebt, das ist ein kleines Bild: langer Hotelkorridor,
Tr an Tr, und vor einer der vielen Tren ein Paar Damenstiefelchen. Reizend.
Aber die Hauptsache war doch die Beleuchtung. Von irgendwoher fiel ein Licht ein
und vergoldete das Ganze, den Flur und die Stiefelchen.
    Richtig, sagte die Baronin. Das war von ihm. Und gerade das hat Ihnen so
sehr gefallen?
    Ja. Was auch natrlich ist. In meinen italienischen Tagen - wenn ich von
italienischen Tagen spreche, so meine ich brigens nie meine Verheiratungstage;
whrend meiner Verheiratungstage hab ich Gott sei Dank so gut wie gar nichts
gesehn, kaum meinen Mann, aber freilich immer noch zuviel -, also whrend meiner
italienischen Tage hab ich vor so vielen Himmelfahrten gestanden, da ich jetzt
fr Stiefeletten im Sonnenschein bin.
    Ganz mein Fall, liebe Melusine. Freilich bin ich jetzt nebenher auch noch
frs Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben. In meinen Jahren
darf ich ja von Storch sprechen. Frher htt ich vielleicht Kranich gesagt.
    Nein, Baronin, das glaub ich Ihnen nicht. Sie waren immer fr das, was sie
jetzt Realismus nennen, was meistens mehr Ton und Farbe hat, und dazu gehrt
auch der Storch. Deshalb lieb ich Sie ja gerade so sehr. Ach, da doch das
Natrliche wieder obenauf kme.
    Kommt, liebe Melusine.

Melusinens kribbelnder kleiner Finger behielt recht. Es kam wirklich Besuch,
erst Wrschowitz, dann aber - statt der drei, die sie noch nebenher gemutmat
hatte - nur Czako.
    Der Empfang des einen wie des andern der beiden Herren hatte vorn im
Damenzimmer stattgefunden, ohne Gegenwart des alten Grafen. Dieser erschien
erst, als man zum Tee ging; er hie seine Gste herzlich willkommen, weil er
jederzeit das Bedrfnis hatte, von dem, was drauen in der Welt vorging, etwas
zu hren. Dafr sorgte denn auch jeder auf seine Weise: die Baronin durch
Mitteilungen aus der oberen Gesellschaftssphre, Czako durch Avancements und
Demissionen und Wrschowitz durch Krittikk. Alles, was zur Sprache kam, hatte
fr den alten Grafen so ziemlich den gleichen Wert, aber das Liebste waren ihm
doch die Hofnachrichten, die die Baronin mit glcklicher Ungeniertheit zum
besten gab. Wendungen wie Ich darf mich wohl Ihrer Diskretion versichert
halten waren ihr gnzlich fremd. Sie hatte nicht blo ganz allgemein den Mut
ihrer Meinung, sondern diesen Mut auch in betreff ihrer jedesmaligen
Spezialgeschichte, von der man in der Regel freilich sagen durfte, da sie
desselben auch dringend bedrftig war.
    Sagen Sie, liebe Freundin, begann der alte Graf, was wird das jetzt so
eigentlich mit den Briefen bei Hofe?
    Mit den Briefen? Oh, das wird immer schner.
    Immer schner?
    Nun, immer schner, lachte hier die Baronin, ist vielleicht nicht gerade
das rechte Wort. Aber es wird immer geheimnisvoller. Und das Geheimnisvolle hat
nun mal das, worauf es ankommt, will sagen den Charme. Schon die beliebte
Wendung rtselhafte Frau spricht dafr; eine Frau, die nicht rtselhaft ist, ist
eigentlich gar keine, womit ich mir persnlich freilich eine Art Todesurteil
ausspreche. Denn ich bin alles, nur kein Rtsel. Aber am Ende, man ist, wie man
ist, und so mu ich dies Manko zu verwinden suchen... Es heit immer, ble
Nachrede, drin man sich mehr oder weniger mit Vorliebe gefalle, sei was
Sndhaftes. Aber was heit hier ble Nachrede? Vielleicht ist das, was uns so
bruchstckweise zu Gehr kommt, nur ein schwaches Echo vom Eigentlichen und
bedeutet eher ein Zuwenig als ein Zuviel. Im brigen, wie's damit auch sei, mein
Sinn ist nun mal auf das Sensationelle gerichtet. Unser Leben verluft, offen
gestanden, etwas durchschnittsmig, also langweilig, und weil dem so ist, setz
ich getrost hinzu: Gott sei Dank, da es Skandale gibt. Freilich fr Armgard ist
so was nicht gesagt. Die darf es nicht hren.
    Sie hrt es aber doch, lachte die Comtesse, und denkt dabei: was es doch
fr sonderbare Neigungen und Glcke gibt. Ich habe fr dergleichen gar kein
Organ. Unsre teure Baronin findet unser Leben langweilig und solche Chronik
interessant. Ich, umgekehrt, finde solche Chronik langweilig und unser
alltgliches Leben interessant. Wenn ich den Rudolf unsers Portiers Hartwig
unten mit seinem Hoop und seinen dnnen langen Berliner Beinen ber die Strae
laufen sehe, so find ich das interessanter als diese sogenannte Pikanterie.
    Melusine stand auf und gab Armgard einen Ku. Du bist doch deiner Schwester
Schwester oder mein Erziehungsprodukt, und zum erstenmal in meinem Leben mu ich
meine teure Baronin ganz im Stiche lassen. Es ist nichts mit diesem Klatsch; es
kommt nichts dabei heraus.
    Ach, liebe Melusine, das ist durchaus nicht richtig. Es kommt umgekehrt
sehr viel dabei heraus. Ihr Barbys seid alle so schrecklich diskret und ideal,
aber ich fr mein Teil, ich bin anders und nehme die Welt, wie sie ist; ein Bier
und ein Schnaderhpfl und mal ein Haberfeldtreiben, damit kommt man am
weitesten. Was wir da jetzt hier erleben, das ist auch solch Haberfeldtreiben,
ein Stck Feme.
    Nur keine heilige.
    Nein, sagte die Baronin, keine heilige. Die Feme war aber auch nicht
immer heilig. Habe mir da neulich erst den Gtz wieder angesehn, blo wegen
dieser Szene. Die Poppe beilufig vorzglich. Und der schwarze Mann von der Feme
soll im Urtext noch viel schlimmer gewesen sein, so da man es (Goethe war
damals noch sehr jung) eigentlich kaum lesen kann. Ich wrde mir's aber doch
getrauen. Und nun wend ich mich an unsre Herren, die dies diffizile Kampffeld,
ich wei nicht, ritterlicher- oder unritterlicherweise, mir ganz allein
berlassen haben. Doktor Wrschowitz, wie denken Sie darber?
    Ich denke darber ganz wie gndige Frau. Was wir da lesen wie
Runenschrift... nein, nicht wie Runenschrift... (Wrschowitz unterbrach sich
hier mimutig ber sein eignes Hineingeraten ins Skandinavische) - was wir da
lesen in Briefen vom Hofe, das ist Krittikk. Und weil es Krittikk ist, ist es
gutt. Mag es auch sein Mibrauch von Krittikk. Alles hat Mibrauch.
Gerechtigkeit hat Mibrauch, Kirche hat Mibrauch, Krittikk hat Mibrauch. Aber
trotzdem. Auf die Feme kommt es an, und das groe Messer mu wieder stecken im
Baum.
    Brrr, sagte Czako, was ihm einen ernsten Augenaufschlag von Wrschowitz
eintrug. -
    Als man sich nach einer halben Stunde von Tisch erhoben hatte, wechselte man
den Raum und begab sich in das Damenzimmer zurck, weil der alte Graf etwas
Musik hren und sich von Armgards Fortschritten berzeugen wollte. Doktor
Wrschowitz hat vielleicht die Gte, dich zu begleiten.
    So folgte denn ein Quatremains, und als man damit aufhrte, nahm der alte
Barby Veranlassung, seiner Vorliebe fr solch vierhndiges Spiel Ausdruck zu
geben, was Wrschowitz, dessen Knstlerberheblichkeit keine Grenzen kannte, zu
der ruhig lchelnden Gegenbemerkung veranlate, da man dieser Auffassung bei
Dilettanten sehr hufig begegne. Der alte Graf, wenig befriedigt von dieser
Krittikk, war doch andrerseits viel zu vertraut mit Knstlerallren im
allgemeinen und mit den Wrschowitzschen im besonderen, um sich ernstlich ber
solche Worte zu verwundern. Er begngte sich vielmehr mit einer gemessenen
Verbeugung gegen den Musikdoktor und zog, auf einer nebenstehenden Causeuse
Platz nehmend, die gute Frau von Berchtesgaden ins Gesprch, von der er wute,
da ihre Munterkeiten nie den Charakter goldener Rcksichtslosigkeiten
annahmen.
    Wrschowitz seinerseits war an dem aufgeklappten Flgel stehengeblieben, ohne
jede Spur von Verlegenheit, so da ein Sichkmmern um ihn eigentlich nicht ntig
gewesen wre. Trotzdem hielt es Czako fr angezeigt, sich seiner anzunehmen und
dabei die herkmmliche Frage zu tun, ob er, der Herr Doktor Wrschowitz, sich
schon in Berlin eingelebt habe.
    Hab ich, sagte Wrschowitz kurz.
    Und beklagen es nicht, Ihr Zelt unter uns aufgeschlagen zu haben?
    Au contraire. Berlin eine schne Stadt, eine serr gutte Stadt. Eine serr
gutte Stadt pour moi en particulier et pour les trangers en gnral. Eine serr
gutte Stadt, weil es hat Musikk und weil es hat Krittikk.
    Ich bin beglckt, Doktor Wrschowitz, speziell aus Ihrem Munde soviel Gutes
ber unsre Stadt zu hren. Im allgemeinen ist die slawische, besonders die
tschechische Welt...
    Oh, die tschechische Welt. Vanitas vanitatum.
    Es ist sehr selten, in nationalen Fragen einem so freien Drberstehn zu
begegnen... Aber wenn es Ihnen recht ist, Doktor Wrschowitz, wir stehen hier wie
zwei Schildhalter neben diesem aufgeklappten Klavier - vielleicht da wir uns
setzen knnten. Grfin Melusine lugt ohnehin schon nach uns aus. Und als
Wrschowitz seine Zustimmung zu diesem Vorschlage Czakos ausgedrckt hatte,
schritten beide Herren vom Klavier her auf den Kamin zu, vor dem sich die Grfin
auf einem Fauteuil niedergelassen hatte. Neben ihr stand ein Marmortischchen,
drauf sie den linken Arm sttzte.
    Nun endlich, Herr von Czako. Vor allem aber rcken Sie Sthle heran. Ich
sah die beiden Herren in einem anscheinend intimen Gesprche. Wenn es sich um
etwas handelte, dran ich teilnehmen darf, so gnnen Sie mir diesen Vorzug. Papa
hat sich, wie Sie sehn, mit der Baronin engagiert, ich denke mir, ber
berechtigte bajuwarische Eigentmlichkeiten, und Armgard denkt ber ihr Spiel
nach und all die falschen Griffe. Was mssen Sie gelitten haben, Wrschowitz. Und
nun noch einmal, Hauptmann Czako, worber plauderten Sie?
    Berlin.
    Ein unerschpfliches Thema fr die Medisance.
    Worauf Doktor Wrschowitz zu meinem Staunen verzichtete. Denken Sie sich,
gndigste Grfin, er schien alles loben zu wollen. Allerdings waren wir erst bei
Musik und Kritik. ber die Menschen noch kein Wort.
    Oh, Wrschowitz, das mssen Sie nachholen. Ein Fremder sieht mehr als ein
Einheimischer. Also frei weg und ohne Scheu. Wie sind die Vornehmen? Wie sind
die kleinen Leute?
    Wrschowitz wiegte den Kopf hin und her, als ob er berlege, wie weit in
seiner Antwort gehen knne. Dann mit einem Male schien er einen Entschlu gefat
zu haben und sagte: Oberklasse gutt, Unterklasse serr gutt; Mittelklasse nicht
serr gutt.
    Kann ich zustimmen, lachte Melusine. Fehlen nur noch ein paar Details.
Wie wr es damit?
    Mittelklaberliner findet gutt, was er sagt, aber findet nicht gutt, was
sagt ein andrer.
    Czako, trotzdem er sich getroffen fhlte, nickte.
    Mittelklaberliner, wenn spricht andrer, fllt in Krampf. In versteckten
Krampf oder auch in nicht versteckten Krampf. In verstecktem Krampf ist er ein
Bild des Jammers, in nicht verstecktem Krampf ist er ein Affront.
    Brav, Wrschowitz. Aber mehr. Ich bitte.
    Berliner immer an der Tte. So wenigstens glaubt er. Berliner immer Held.
Berliner wei alles, findet alles, entdeckt alles. Erst Borsig, dann Stephenson,
erst Rudolf Hertzog, dann Herzog Rudolf, erst Pfefferkchler Hildebrand, dann
Papst Hildebrand.
    Nicht geschmeichelt, aber hnlich. Und nun, Wrschowitz, noch eins, dann
sind Sie wieder frei... Wie sind die Damen?
    Ach, gndigste Grfin...
    Nichts, nichts. Die Damen.
    Die Damen. Oh, die Damen serr gutt. Aber nicht speziffisch. Speziffisch in
Berlin blo die Madamm.
    Da bin ich aber doch neugierig.
    Speziffisch blo die Madamm. Ich war, gndigste Grfin, in Pettersburg, und
ich war in Moscou. Und war in Budapest. Und war auch in Saloniki. Ah, Saloniki!
Schne Damen von Helikon und schne Damen von Libanon, hoch und schlank wie die
Zeder. Aber keine Madamm. Madamm nirgendwo; Madamm blo in Berlin.
    Aber Wrschowitz, es mssen doch schlielich hnlichkeiten dasein. Eine
Madamm ist doch immerhin auch eine Dame, wenigstens eine Art Dame. Schon das
Wort spricht es aus.
    Nein, gnddigste Grfin; rien du tout. Dame! Dame denkt an Galan, Dame
denkt an Putz; oder vielleicht auch an Divorons. Aber Madamm denkt blo an Rike
drauen und mitunter auch an Paul. Und wenn sie zu Paul spricht, der ihr
Jngster ist, so sagt sie: Jott, dein Vater. Oh, die Madamm! Einige sagen, sie
strbe aus, andre sagen, sie strbe nie.
    Wrschowitz, sagte Melusine, wie schade, da die Baronin und Papa nicht
zugehrt haben und da unser Freund Stechlin, der solche Themata liebt, nicht
hier ist. brigens hatten wir heut ein Telegramm von ihm. Haben Sie vielleicht
auch Nachricht, Herr Hauptmann?
    Heute, gndigste Grfin. Und auch ein Telegramm. Ich hab es mitgebracht,
weil ich an die Mglichkeit dachte...
    Bitte, lesen.
    Und Czako las: London, Charing-Cross-Hotel. Alles ber Erwarten gro.
Sieben unvergeliche Tage. Richmond schn. Windsor schner. Und die Nelsonsule
vor mir. Ihr v. St.
    Melusine lachte. Das hat er uns auch telegraphiert.
    Ich fand es wenig, stotterte Czako verlegen, und als Doublette find ich
es noch weniger. Und ein Mann wie Stechlin, ein Mann in Mission! Und jetzt sogar
unter den Augen Ihrer Majestt von Grobritannien und Indien.
    Alles stimmte dem, da es wenig sei, zu. Nur der alte Graf wollte davon
nichts wissen.
    Was verlangt ihr? Es ist umgekehrt ein sehr gutes Telegramm, weil ein
richtiges Telegramm; Richmond, Windsor, Nelsonsule. Soll er etwa
telegraphieren, da er sich sehnt, uns wiederzusehn? Und das wird er nicht
einmal knnen, so riesig verwhnt er jetzt ist. Ihr werdet euch alle sehr
zusammennehmen mssen. Auch du, Melusine.
    Natrlich, ich am meisten.

                                   Verlobung

                         Weihnachtsreise nach Stechlin



                           Fnfundzwanzigstes Kapitel

Drei Tage spter war Woldemar zurck und meldete sich fr den nchsten Abend am
Kronprinzenufer an. Er traf nur die beiden Damen, die, Melusine voran, kein Hehl
aus ihrer Freude machten. Papa lt Ihnen sein Bedauern aussprechen, Sie nicht
gleich heute mit begren zu knnen. Er ist bei den Berchtesgadens zur
Spielpartie, bei der er natrlich nicht fehlen durfte. Das ist Dienst, weit
strenger als der Ihrige. Wir haben Sie nun ganz allein, und das ist auch etwas
Gutes. An Besuch ist kaum zu denken; Rex war erst gestern auf eine kurze Visite
hier, etwas steif und formell wie gewhnlich, und mit Ihrem Freunde Czako haben
wir letzten Sonnabend eine Stunde verplaudern knnen. Wrschowitz war an
demselben Abend auch da; beide treffen sich jetzt fter und vertragen sich
besser, als ich bei Beginn der Bekanntschaft dachte. Wer also sollte noch
kommen...? Und nun setzen Sie sich, um Ihr Reisefllhorn ber uns auszuschtten;
- die Fllhrner, die jetzt Mode sind, sind meist Bonbontten, und genau so was
erwart ich auch von Ihnen. Sie sollten mir in einem Briefe von den
Englnderinnen schreiben. Aber wer darber nicht schrieb, das waren Sie, wenn
wir uns auch entschlieen wollen, Ihr Telegramm fr voll anzusehn. Und dabei
lachte Melusine. Vielleicht haben Sie uns in unsrer Eitelkeit nicht krnken
wollen. Aber offen Spiel ist immer das beste. Wovon Sie nicht geschrieben, davon
mssen Sie jetzt sprechen. Wie war es drben? Ich meine mit der Schnheit.
    Ich habe nichts einzelnes gesehn, was mich frappiert oder gar hingerissen
htte.
    Nichts einzelnes. Soll das heien, da Sie dafr das Ganze beinah bewundert
haben, will also sagen, die weibliche Totalitt?
    Fast konnt ich dem zustimmen. Ich erinnere mich, da mir vor Jahr und Tag
schon ein Freund einmal sagte, in der ganzen Welt fnde man, Gott sei Dank,
schne Frauen, aber nur in England seien die Frauen berhaupt schn.
    Und das haben Sie geglaubt?
    Es liegt eigentlich schlimmer, gndigste Grfin. Ich hab es nicht geglaubt;
aber ich hab es, meinem Nichtglauben zum Trotz, nachtrglich besttigt
gefunden.
    Und Sie schaudern nicht vor solcher bertreibung?
    Ich kann es nicht, sosehr ich gerade hier eine Verpflichtung dazu fhle...
    Keine Bestechungen.
    Ich soll schaudern vor einer bertreibung, fuhr Woldemar fort. Aber Sie
werden mir, Frau Grfin, dies Schaudern vielleicht erlassen, wenn ich
Erklrungen abgegeben haben werde. Der Englandschwrmer, den ich da vorhin
zitierte, war ein Freund von zugespitzten Stzen, und zugespitzte Stze darf man
nie wrtlich nehmen. Und am wenigsten auf diesem diffizilen Gebiete. Nirgends in
der Welt blhen Schnheiten wie die gelben Butterblumen bers Feld hin;
wirkliche Schnheiten sind schlielich immer Seltenheiten. Wren sie nicht
selten, so wren sie nicht schn, oder wir fnden es nicht, weil wir einen
andern Mastab htten. All das steht fest. Aber es gibt doch
Durchschnittsvorzge, die den Typus des Ganzen bestimmen, und diesem Mae nicht
geradezu frappierender, aber doch immerhin noch sehr geflliger
Durchschnittsschnheit, dem bin ich drben begegnet.
    Ich la es mit dieser Einschrnkung gelten, und Sie werden in Papa, mit dem
wir oft darber streiten, einen Anwalt fr Ihre Meinung finden.
Durchschnittsvorzge. Zugegeben. Aber was sich darin ausspricht, das beinah
Unpersnliche, das Typische...
    Melusine schrak in diesem Augenblick leise zusammen, weil sie drauen die
Klingel gehrt zu haben glaubte. Wirklich, Jeserich trat ein und meldete:
Professor Cujacius. - Um Gottes willen, entfuhr es der Grfin, und die
kleine Pause benutzend, die ihr noch blieb, flsterte sie Woldemar zu:
Cujacius... Malerprofessor. Er wird ber Kunst sprechen: bitte, widersprechen
Sie ihm nicht, er gert dabei so leicht in Feuer oder in mehr als das. Und kaum
da Melusine so weit gekommen war, erschien auch schon Cujacius und schritt
unter rascher Verbeugung gegen Armgard auf die Grfin zu, dieser die Hand zu
kssen. Sie hatte sich inzwischen gesammelt und stellte vor: Professor
Cujacius... Rittmeister von Stechlin. Beide verneigten sich gegeneinander,
Woldemar ruhig, Cujacius mit dem ihm eignen superioren Apostelausdruck, der,
wenn auch ungewollt, immer was Provozierendes hatte. Bin, so lie er sich mit
einer gewissen Kondeszenz vernehmen, durch Grfin Melusine ganz auf dem
laufenden. Abordnung, England, Windsor. Ich habe Sie beneidet, Herr Rittmeister.
Eine so schne Reise.
    Ja, das war sie, nur leider zu kurz, so da ich intimeren Dingen,
beispielsweise der englischen Kunst, nicht das richtige Ma von Aufmerksamkeit
widmen konnte.
    Worber Sie sich getrsten drfen. Was ich persnlich an solcher Reise
jedem beneiden mchte, das sind ausschlielich die groen Gesamteindrcke, der
Hof und die Lords, die die Geschichte des Landes bedeuten.
    
    All das war auch mir die Hauptsache, mut es sein. Aber ich htte mich
demohnerachtet auch gern um Knstlerisches gekmmert, speziell um Malerisches.
So zum Beispiel um die Schule der Prraffaeliten.
    Ein berwundener Standpunkt. Einige waren da, deren Auftreten auch von uns
(ich spreche von den Knstlern meiner Richtung) mit Aufmerksamkeit und selbst
mit Achtung verfolgt wurde. So beispielsweise Millais...
    Ah, der. Sehr wahr. Ich erinnere mich seines bedeutendsten Bildes, das
leider nach Amerika hin verkauft wurde. Wenn ich nicht irre, zu einem enormen
Preise.
    Cujacius nickte. Mutmalich das vielgefeierte Angelusbild, was Ihnen
vorschwebt, Herr Rittmeister, eine von Hndlern heraufgepuffte Marktware, fr
die Sie glcklicherweise den englischen Millais, will also sagen, den
ais-Millais, nicht verantwortlich machen drfen. Der Millet, der fr eine, wie
Sie schon bemerkten, lcherlich hohe Summe nach Amerika hin verkauft wurde, war
ein et-Millet, Vollblutpariser oder wenigstens Franzose.
    Woldemar geriet ber diese Verwechslung in eine kleine Verlegenheit, die
Damen mit ihm, alles sehr zur Erbauung des Professors, dessen rasch wachsendes
berlegenheitsgefhl unter dem Eindruck dieses Fauxpas immer neue Blten
bermtiger Laune trieb. Im brigen sei mir's verziehen, fuhr er, immer
leuchtender werdend, fort, wenn ich mein Urteil ber beide kurz dahin
zusammenfasse: Sie sind einander wert, und die zwei groen westlichen
Kulturvlker mgen sich darber streiten, wer von ihnen am meisten genasfhrt
wurde. Der franzsische Millet ist eine Null, ein Zwerg, neben dem der englische
vergleichsweise zum Riesen anwchst, wohlverstanden vergleichsweise. Trotzdem,
wie mir gestattet sein mag zu wiederholen, war er zu Beginn seiner Laufbahn ein
Gegenstand unsrer hiesigen Aufmerksamkeit. Und mit Recht. Denn das
Prraffaelitentum, als dessen Begrnder und Vertreter ich ihn ansehe, trug
damals einen Zukunftskeim in sich; eine groe Revolution schien sich anbahnen zu
wollen, jene groe Revolution, die Rckkehr heit. Oder, wenn Sie wollen,
Reaktion. Man hat vor solchen Wrtern nicht zu erschrecken. Wrter sind
Kinderklappern.
    Und dieser englische Millais - den mit dem franzsischen verwechselt zu
haben ich aufrichtig bedaure -, dieser ais-Millais, dieser groe Reformer, ist,
wenn ich Sie recht verstehe, sich selber untreu geworden.
    Man wird dies sagen drfen. Er und seine Schule verfielen in
Exzentrizitten. Die Zucht ging verloren, und das straft sich auf jedem Gebiet.
Was da neuerdings in der Welt zusammengekleckst wird, zumal in der schottischen
und amerikanischen Schule, die sich jetzt auch bei uns breitzumachen sucht, das
ist der berschwang einer an sich beachtenswerten Richtung. Der Zug, der unter
Mitteldampf gut und erfreulich fuhr, unter Doppeldampf (und das reicht noch
nicht einmal aus) ist er entgleist; er liegt jetzt neben den Schienen und pustet
und keucht. Und ein Jammer nur, da seine Heizer nicht mit auf dem Platze
geblieben sind. Das ist der Fluch der bsen Tat... ich verzichte darauf, in
Gegenwart der Damen das Zitat zu Ende zu fhren.
    Eine kleine Pause trat ein, bis Woldemar, der einsah, da irgendwas gesagt
werden msse, sich zu der Bemerkung aufraffte: Von Neueren hab ich eigentlich
nur Seestcke kennengelernt; dazu die Phantastika des Malers William Turner,
leider nur flchtig. Er hat die drei Mnner im feurigen Ofen gemalt. Stupend.
Etwas Groartiges schien mir aus seinen Schpfungen zu sprechen, wenigstens in
allem, was das Kolorit angeht.
    Eine gewisse Groartigkeit, nahm Cujacius mit lchelnd berlegener Miene
wieder das Wort, ist ihm nicht abzusprechen. Aber aller Wahnsinn wchst sich
leicht ins Groartige hinein und dpiert dann regelmig die Menge. Mundus vult
decipi. Allem vorauf in England. Es gibt nur ein Heil: Umkehr, Rckkehr zur
keuschen Linie. Die Koloristen sind das Unglck in der Kunst. Einige wenige
waren hervorragend, aber nicht parce que, sondern quoique. Noch heute wird es
mir obliegen, in unserm Verein ber eben dieses Thema zu sprechen. Gewi unter
Widerspruch, vielleicht auch unter Lrm und Gepolter; denn mit den richtigen
Linien in der Kunst sind auch die richtigen Formen in der Gesellschaft
verlorengegangen. Aber viel Feind, viel Ehr, und jede Stelle verlangt heutzutage
ihren Mann von Worms, ihren Luther. Hier stehe ich. Am elendesten aber sind die
paktieren wollenden Halben. Zwischen schn und hlich ist nicht zu paktieren.
    Und schn und hlich, unterbrach hier Melusine (froh, berhaupt
unterbrechen zu knnen), war auch die groe Frage, die wir, als wir Sie
begren durften, eben unter Diskussion stellten. Herr von Stechlin sollte
beichten ber die Schnheit der Englnderinnen. Und nun frag ich Sie, Herr
Professor, finden auch Sie sie so schn, wie einem hierlandes immer versichert
wird?
    Ich spreche nicht gern ber Englnderinnen, fuhr Cujacius fort. Etwas von
Idiosynkrasie beherrscht mich da. Diese Tchter Albions, sie singen soviel und
musizieren soviel und malen soviel. Und haben eigentlich kein Talent.
    Vielleicht. Aber davon drfen Sie jetzt nicht sprechen. Blo das eine:
schn oder nicht schn?
    Schn? Nun denn nein. Alles wirkt wie tot. Und was wie tot wirkt, wenn es
nicht der Tod selbst ist, ist nicht schn. Im brigen, ich sehe, da ich nur
noch zehn Minuten habe. Wie gerne wr ich an einer Stelle geblieben, wo man so
vielem Verstndnis und Entgegenkommen begegnet. Herr von Stechlin, ich erlaube
mir, Ihnen morgen eine Radierung nach einem Bilde des richtigen englischen
Millais zu schicken. Dragonerkaserne, Hallesches Tor - ich wei. bermorgen la
ich die Mappe wieder abholen. Name des Bildes: Sir Isumbras. Merkwrdige
Schpfung. Schade, da er, der Vater des Prraffaelitentums, dabei nicht
aushielt. Aber nicht zu verwundern. Nichts hlt jetzt aus, und mit nchstem
werden wir die Berhmtheiten nach Tagen zhlen. Tizian entzckte noch mit
hundert Jahren; wer jetzt fnf Jahre gemalt hat, ist altes Eisen. Gndigste
Grfin, Comtesse Armgard... Darf ich bitten, mich meinem Gnner, Ihrem Herrn
Vater, dem Grafen, angelegentlichst empfehlen zu wollen.

Woldemar, die Honneurs des Hauses machend, was er bei seiner intimen Stellung
durfte, hatte den Professor bis auf den Korridor geleitet und ihm hier den
Knstlermantel umgegeben, den er, in unverndertem Schnitt, seit seinen Romtagen
trug. Es war ein Radmantel. Dazu ein Kalabreser von Seidenfilz.
    Er ist doch auf seine Weise nicht bel, sagte Woldemar, als er bei den
Damen wieder eintrat. An einem starken Selbstbewutsein, dran er wohl leidet,
darf man heutzutage nicht Ansto nehmen, vorausgesetzt, da die Tatsachen es
einigermaen rechtfertigen.
    Ein starkes Selbstbewutsein ist nie gerechtfertigt, sagte Armgard,
Bismarck vielleicht ausgenommen. Das heit also, in jedem Jahrhundert einer.
    Wonach Cujacius gnstigstenfalls der zweite wre, lachte Woldemar. Wie
steht es eigentlich mit ihm? Ich habe nie von ihm gehrt, was aber nicht viel
besagen will, namentlich nachdem ich Millais und Millet glcklich verwechselt
habe. Nun geht alles so in einem hin. Ist er ein Mann, den ich eigentlich kennen
mte?
    Das hngt ganz davon ab, sagte Melusine, wie Sie sich einschtzen. Haben
Sie den Ehrgeiz, nicht blo den eigentlichen alten Giotto von Florenz zu kennen,
sondern auch all die Giottinos, die neuerdings in Ostelbien von Rittergut zu
Rittergut ziehn, um fr Kunst und Christentum ein briges zu leisten, so mssen
Sie Cujacius freilich kennen. Er hat da die groe Lieferung; ist brigens lange
nicht der Schlimmste. Selbst seine Gegner, und er hat deren ein gerttelt und
geschttelt Ma, gestehen ihm ein hbsches Talent zu, nur verdirbt er alles
durch seinen Dnkel. Und so hat er denn keine Freunde, trotzdem er bestndig von
Richtungsgenossen spricht und auch heute wieder sprach. Gerade diese
Richtungsgenossen aber hat er aufs entschiedenste gegen sich, was brigens nicht
blo an ihm, sondern auch an den Genossen liegt. Gerade die, die dasselbe Ziel
verfolgen, bekmpfen sich immer am heftigsten untereinander, vor allem auf
christlichem Gebiet, auch wenn es sich nicht um christliche Dogmen, sondern blo
um christliche Kunst handelt. Zu des Professors Lieblingswendungen zhlt die,
da er in der Tradition stehe, was ihm indessen nur Spott und Achselzucken
eintrgt. Einer seiner Richtungsgenossen - als ob er mich persnlich dafr htte
verantwortlich machen wollen - fragte mich erst neulich voll ironischer
Teilnahme: Steht denn Ihr Cujacius immer noch in der Tradition? Und als ich ihm
antwortete: Sie sptteln darber, hat er denn aber keine?, bemerkte dieser
Spezialkollege: Gewi hat er eine Tradition, und das ist seine eigne. Seit
fnfundvierzig Jahren malt er immer denselben Christus und bereist als Kunst-,
aber fast auch schon als Kirchenfanatiker die ihm unterstellten Provinzen, so
da man betreffs seiner beinah sagen kann: "Es predigt sein Christus allerorten,
ist aber drum nicht schner geworden."
    Melusine, du darfst so nicht weitersprechen, unterbrach hier Armgard. Sie
wissen brigens, Herr von Stechlin, wie's hier steht und da ich meine ltere
Schwester, die mich erzogen hat (hoffentlich gut), jetzt nachtrglich mitunter
meinerseits erziehen mu. Dabei reichte sie Melusine die Hand. Eben erst ist
er fort, der arme Professor, und jetzt schon so schlechte Nachrede. Welchen
Trost soll sich unser Freund Stechlin daraus schpfen? Er wird denken: heute
dir, morgen mir.
    Du sollst in allem recht haben, Armgard, nur nicht in diesem letzten.
Schlielich wei doch jeder, was er gilt, ob er geliebt wird oder nicht,
vorausgesetzt, da er ein Gentleman und nicht ein Gigerl ist. Aber Gentleman. Da
hab ich wieder die Einhake-se fr England. Das Schnheitskapitel ist erledigt,
war ohnehin nur Caprice. Von all dem andern aber, das schlielich doch wichtiger
ist, wissen wir noch immer so gut wie gar nichts. Wie war es im Tower? Und hab
ich recht behalten mit Traitors Gate?
    Nur in einem Punkt, Grfin, in Ihrem Mitrauen gegen meine Phantasie. Die
versagte da total, wenn es nicht doch vielleicht an der Sache selbst, also an
Traitors Gate, gelegen hat. Denn an einer anderen Stelle konnt ich mich meiner
Phantasie beinah berhmen und am meisten da, wo (wie mir brigens nur zu
begreiflich) auch Sie persnlich mit soviel Vorliebe verweilt haben.
    Und welche Stelle war das?
    Waltham Abbey.
    Waltham Abbey? Aber davon wei ich ja gar nichts. Waltham Abbey kenn ich
nicht, kaum dem Namen nach.
    Und doch wei ich bestimmt, da mir Ihr Herr Papa gerade am Abend vor
meiner Abreise sagte: Das mu Melusine wissen; die wei ja dort berall Bescheid
und kennt, glaub ich, Waltham Abbey besser als Treptow oder Stralau.
    So bilden sich Renommees, lachte Melusine. Der Papa hat das auf gut Glck
hin gesagt, hat blo ein beliebiges Beispiel herausgegriffen. Und nun diese
Tragweite! Lassen wir das aber und sagen Sie mir lieber: was ist Waltham Abbey?
Und wo liegt es?
    Es liegt ganz in der Nhe von London und ist eine Nachmittagsfahrt, etwa
wie wenn man das Mausoleum in Charlottenburg besucht oder das in der Potsdamer
Friedenskirche.
    Hat es denn etwas von einem Mausoleum?
    Ja und nein. Der Denkstein fehlt, aber die ganze Kirche kann als ein
Denkmal gelten.
    Als ein Denkmal fr wen?
    Fr Knig Harald.
    Fr den, den Editha Schwanenhals auf dem Schlachtfelde von Hastings
suchte?
    Fr denselben.
    Ich habe whrend meiner Londoner Tage das Bild von Horace Vernet gesehn,
das den Moment darstellt, wo die schne Col de Cygne zwischen den Toten
umherirrt. Und ich erinnre mich auch, da zwei Mnche neben ihr herschritten.
Aber weiter wei ich nichts. Und am wenigsten wei ich, was daraus wurde.
    Was daraus wurde - das ist eben der Schluakt des Dramas. Und dieser
Schluakt heit Waltham Abbey. Die Mnche, deren Sie sich erinnern und die da
neben Editha herschritten, das waren Waltham-Abbey-Mnche, und als sie
schlielich gefunden hatten, was sie suchten, legten sie den Knig auf dichtes
Baumgezweig und trugen ihn den weiten Weg bis nach Waltham Abbey zurck. Und da
begruben sie ihn.
    Und die Sttte, wo sie ihn begruben, die haben Sie besucht?
    Nein, nicht sein Grab; das existiert nicht. Man wei nur, da man ihn dort
berhaupt begrub. Und als ich da, die Sonne ging eben unter, in einem uralten
Lindengange stand, zwischen Grabsteinen links und rechts, und das Abendluten
von der Kirche her begann, da war es mir, als kme wieder der Zug mit den
Mnchen den Lindengang herauf, und ich sah Editha und sah auch den Knig,
trotzdem ihn die Zweige halb verdeckten. Und dabei (wenn auch eigentlich der
Papa schuld ist und nicht Sie, Grfin) gedacht ich Ihrer in alter und neuer
Dankbarkeit.
    Und da Sie mich besiegt haben. Aber das sage nur ich. Sie sagen es
natrlich nicht, denn Sie sind nicht der Mann, sich eines Sieges zu rhmen, noch
dazu ber eine Frau. Waltham Abbey kenn ich nun, und an Ihre Phantasie glaub ich
von heut an, trotzdem Sie mich mit Traitors Gate im Stiche gelassen. Da Sie
nebenher noch, und zwar Armgard zu Ehren, in Martins le Grand waren, dessen bin
ich sicher und ebenso, da Sie Papas einzige Forderung erfllt und der Kapelle
Heinrichs des Siebenten Ihren Besuch gemacht haben, diesem Wunderwerk der
Tudors. Welchen Eindruck hatten Sie von der Kapelle?
    Den denkbar groartigsten. Ich wei, da man die herabhngenden Trichter,
die sie Tromben nennen, unschn gefunden hat, aber sthetische Vorschriften
existieren fr mich nicht. Was auf mich wirkt, wirkt. Ich konnte mich nicht satt
sehen daran. Trotzdem, das Eigentlichste war doch noch wieder ein andres und kam
erst, als ich da zwischen den Sarkophagen der beiden feindlichen Kniginnen
stand. Ich wte nicht, da etwas je so beweglich und eindringlich zu mir
gepredigt htte wie gerade diese Stelle.
    Und was war es, was Sie da so bewegte?
    Das Gefhl: Zwischen diesen beiden Gegenstzen pendelt die Weltgeschichte.
Zunchst freilich scheinen wir da nur den Gegensatz zwischen Katholizismus und
Protestantismus zu haben, aber weit darber hinaus (weil nicht an Ort und Zeit
gebunden) haben wir bei tiefer gehender Betrachtung den Gegensatz von
Leidenschaft und Berechnung, von Schnheit und Klugheit. Und das ist der Grund,
warum das Interesse daran nicht ausstirbt. Es sind groe Typen, diese
feindlichen Kniginnen.
    Beide Schwestern schwiegen. Dann sagte Melusine, der daran lag, wieder ins
Heitere hinberzulenken: Und nun, Armgard, sage, fr welche von den beiden
Koniginnen bist du?
    Nicht fr die eine und nicht fr die andre. Nicht einmal fr beide. Gewi
sind es Typen. Aber es gibt andre, die mir mehr bedeuten, und, um es kurz zu
sagen, Elisabeth von Thringen ist mir lieber als Elisabeth von England. Andern
leben und der Armut das Brot geben - darin allein ruht das Glck. Ich mchte,
da ich mir das erringen knnte. Aber man erringt sich nichts. Alles ist Gnade.
    Du bist ein Kind, sagte Melusine, whrend sie sich mhte, ihrer Bewegung
Herr zu werden. Du wirst noch Unter den Linden fr Geld gezeigt werden. Auf der
einen Seite die Mdchen von Dahomey, auf der andern du.
    Stechlin ging. Armgard gab ihm das Geleit bis auf den Korridor. Es war eine
Verlegenheit zwischen beiden, und Woldemar fhlte, da er etwas sagen msse.
Welche liebenswrdige Schwester Sie haben.
    Armgard errtete. Sie werden mich eiferschtig machen.
    Wirklich, Comtesse?
    Vielleicht... Gute Nacht.

Eine halbe Stunde spter sa Melusine neben dem Bett der Schwester, und beide
plauderten noch. Aber Armgard war einsilbig, und Melusine bemerkte wohl, da die
Schwester etwas auf dem Herzen habe.
    Was hast du, Armgard? Du bist so zerstreut, so wie abwesend.
    Ich wei es nicht. Aber ich glaube fast...
    Nun was?
    Ich glaube fast, ich bin verlobt.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Und was die jngere Schwester der lteren zugeflstert hatte, das wurde wahr,
und schon wenige Tage nach diesem ersten Wiedersehn waren Armgard und Woldemar
Verlobte. Der alte Graf sah einen Wunsch erfllt, den er seit lange gehegt, und
Melusine kte die Schwester mit einer Herzlichkeit, als ob sie selber die
Glckliche wre.
    Du gnnst ihn mir doch?
    Ach, meine liebe Armgard, sagte Melusine, wenn du wtest! Ich habe nur
die Freude, du hast auch die Last.

An demselben Abende noch, wo die Verlobung stattgefunden hatte, schrieb Woldemar
nach Stechlin und nach Wutz; der eine Brief war so wichtig wie der andre, denn
die Tante-Domina, deren Mistimmung so gut wie gewi war, mute nach Mglichkeit
vershnlich gestimmt werden. Freilich blieb es fraglich, ob es glcken wrde.
    Zwei Tage spter waren die Antwortbriefe da, von denen diesmal der Wutzer
Brief ber den Stechliner siegte, was einfach daran lag, da Woldemar von Wutz
her nur Ausstellungen, von Stechlin her nur Entzcken erwartet hatte. Das traf
aber nun beides nicht zu. Was die Tante schrieb, war durchaus nicht so schlimm
(sie beschrnkte sich auf Wiederholung der schon mndlich von ihr
ausgesprochenen Bedenken), und was der Alte schrieb, war nicht so gut oder doch
wenigstens nicht so der Situation angepat, wie's Woldemar gewrtigte. Natrlich
war es eine Beglckwnschung, aber doch mehr noch ein politischer Exkurs.
Dubslav litt als Briefschreiber daran, gern bei Nebenschlichkeiten zu verweilen
und gelegentlich ber die Hauptsache wegzusehn. Er schrieb:
    Mein lieber Woldemar. Die Wrfel sind nun also gefallen (frher hie es
alea jacta est, aber so altmodisch bin ich denn doch nicht mehr), und da zwei
Sechsen obenauf liegen, kann ich nur sagen: ich gratuliere. Nach dem Gesprch
brigens, das ich am 3. Oktober morgens mit Dir fhrte, whrend wir um unsern
Stechliner Springbrunnen herumgingen (seit drei Tagen springt er nicht mehr;
wahrscheinlich werden die Muse das Rhrenwerk angeknabbert haben) - seit jenem
Oktobermorgen hab ich so was erwartet, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Du
wirst nun also Karriere machen, glcklicherweise zunchst durch Dich selbst und
dann allerdings auch durch Deine Braut und deren Familie. Graf Barby - mit
Rbenboden im Magdeburgischen und mit Mineralquellen im Graubndischen -, hher
hinauf geht es kaum, Du mtest Dich denn bis ins Katzlersche verirren. Armgard
ist auch schon viel, aber Ermyntrud doch mehr und fr den armen Katzler
jedenfalls zuviel. Ja, mein lieber Woldemar, Du kommst nun also zu Vermgen und
Einflu und kannst die Stechlins wieder raufbringen (gestern war Baruch
Hirschfeld hier und in allem willfhrig; die Juden sind nicht so schlimm, wie
manche meinen), und wenn Du dann hier einziehst und statt der alten Kate so was
in Chateaustil bauen lt und vielleicht sogar eine Fasanenzucht anlegst, so da
erst der Post-Stephan und dann der Kaiser selbst bei Dir zu Besuch kommen kann,
ja, da kannst Du mglicherweise selbst das erreichen, was Dein alter Vater, weil
Feilenhauer Torgelow mchtiger war als er, nicht erreichen konnte: den Einzug
ins Reichshaus mit dem freien Blick auf Kroll. Mehr kann ich in diesem
Augenblick nicht sagen, auch meine Freude nicht hher spannen, und in diesem
relativen Ruhigbleiben empfind ich zum erstenmal eine gewisse
Familienhnlichkeit mit meiner Schwester Adelheid, deren Glaubensbekenntnis im
letzten darauf hinausluft: Kleinadel ber Hochadel, Junker ber Graf. Ja, ich
fhle, Deinen Grflichkeiten gegenber, wie sich der Junker ein bichen in mir
regt. Die reichen und vornehmen Herren sind doch immer ganz eigene Leute, die
wohl Fhlung mit uns haben, unter Umstnden auch suchen, aber das Fhlunghalten
nach oben ist ihnen schlielich doch viel, viel wichtiger. Es heit wohl immer,
wir Kleinen, wir machten alles und knnten alles, aber bei Lichte besehn, ist es
blo das alte: Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben. Glaube mir,
Woldemar, wir werden geschoben und sind blo Sturmbock. Immer dieselbe
Geschichte, wie mit Protz und Proletarier. Die Proletarier - wie sie noch echt
waren, jetzt mag es wohl anders damit sein - waren auch blo immer dazu da, die
Kastanien aus dem Feuer zu holen; aber ging es dann schief, dann wanderte Bruder
Habenichts nach Spandau und Bruder Protz legte sich zu Bett. Und mit Hochadel
und Kleinadel ist es beinah ebenso. Natrlich heiratet eine Ermyntrud mal einen
Katzler, aber eigentlich ugt sie doch mehr nach einem Stuart oder Wasa, wenn es
deren noch gibt. Wird aber wohl nich. Entschuldige diesen Herzensergu, dem Du
nicht mehr Gewicht beilegen mut, als ihm zukommt. Es kam mir das alles so von
ungefhr in die Feder, weil ich grade heute wieder gelesen habe, wie man einen
von uns, der durch Eintreten eines Ippe-Bchsenstein htte gerettet werden
knnen, schndlich im Stich gelassen hat. Ippe-Bchsenstein ist natrlich nur
Begriff. Alles in allem: ich habe zu Dir das Vertrauen, da Du richtig gewhlt
hast und da man Dich nicht im Stiche lassen wird. Auerdem, ein richtiger
Mrker hat Augen im Kopf und is beinah so helle wie 'n Sachse.
    Wie immer Dein alter Vater Dubslav von Stechlin.

Es war Ende November, als Woldemar diesen Brief erhielt. Er berwand ihn rasch,
und am dritten Tag las er alles schon mit einer gewissen Freudigkeit. Ganz der
Alte; jede Zeile voll Liebe, voll Gte, voll Schnurrigkeiten. Und eben diese
Schnurren, trafen sie nicht eigentlich auch den Nagel auf den Kopf? Sicherlich.
Was aber das beste war, sosehr das alles im allgemeinen passen mochte, auf die
Barbys pate so gut wie nichts davon; die waren doch anders, die suchten nicht
Fhlung nach oben und nicht nach unten, die marchandierten nicht mit links und
nicht mit rechts, die waren nur Menschen, und da sie nur das sein wollten, das
war ihr Glck und zugleich ihr Hochgefhl. Woldemar sagte sich denn auch, da
der Alte, wenn er sie nur erst kennengelernt haben wrde, mit fliegenden Fahnen
ins Barbysche Lager bergehen wrde. Der alte Graf, Armgard und vor allem
Melusine. Die war genau das, was der Alte brauchte, wobei ihm das Herz aufging.
    Den Weihnachtsabend verbrachte Woldemar am Kronprinzenufer. Auch Wrschowitz
und Cujacius - von denen jener natrlich unverheiratet, dieser wegen bestndiger
Streiterei von seiner Frau geschieden war - waren zugegen. Cujacius hatte
gebeten, ein Krippentransparent malen zu drfen, was denn auch, als es erschien,
auf einen Nebentisch gestellt und allseitig bewundert wurde. Die drei Knige
waren Portrts: der alte Graf, Cujacius selbst und Wrschowitz (als Mohrenknig);
letzterer, trotz Wollhaar und aufgeworfener Lippe, von frappanter hnlichkeit.
Auch in der Maria suchte man nach Anlehnungen und fand sie zuletzt; es war
Lizzi, die, wie so viele Berliner Kammerjungfern, einen sittig verschmten
Ausdruck hatte. Nach dem Tee wurde musiziert, und Wrschowitz spielte - weil er
dem alten Grafen eine Aufmerksamkeit zu erweisen wnschte - die Polonse von
Oginski, bei deren erster, nunmehr um siebzig Jahre zurckliegenden Auffhrung,
einem alten on dit zufolge, der polnisch grfliche Komponist im Schlumomente
sich erschossen haben sollte. Natrlich aus Liebe. Brav, brav, sagte der alte
Graf und war, whrend er sich beinah berschwenglich bedankte, so sehr aus dem
Huschen, da Wrschowitz schlielich schelmisch bemerkte: Den Piffpaffschlu
mu ich mir versagen, Herr Graff, trotzdem meine Vererrung (Blick auf Armgard)
serr gro ist, fast so gro wie die Vererrung des Herrn Graffen vor Graff
Oginski.
    So verlief der Heiligabend.
    Schon vorher war man bereingekommen, am zweiten Feiertage zu dritt einen
Ausflug nach Stechlin zu machen, um dort die knftige Schwiegertochter dem
Schwiegervater vorzustellen. Noch am Christabend selbst, trotzdem Mitternacht
schon vorber, schrieb denn auch Woldemar einige Zeilen nach Stechlin hin, in
denen er sich samt Braut und Schwgerin fr den zweiten Feiertagabend anmeldete.
    Rechtzeitig trafen Woldemars Zeilen in Stechlin ein. Lieber Papa. Wir haben
vor, am zweiten Feiertage mit dem Sptnachmittagszuge von hier aufzubrechen. Wir
sind dann um sieben auf dem Granseer Bahnhof und um neun oder nicht viel spter
bei Dir. Armgard ist glcklich, Dich endlich kennenzulernen, den kennenzulernen,
den sie seit lange verehrt. Dafr, mein lieber Papa, hab ich Sorge getragen.
Graf Barby, der nicht gut bei Wege ist, was ihn hindert mitzukommen, will Dir
angelegentlich empfohlen sein. Desgleichen Grfin Ghiberti, die uns als Dame
d'honneur begleiten wird. Armgard ist in Furcht und Aufregung wie vor einem
Examen. Sehr ohne Not. Kenn ich doch meinen Papa, der die Gte und Liebe selbst
ist. Wie immer Dein Woldemar.
    Engelke stand neben seines Herrn Stuhl, als dieser die Zeilen halblaut, aber
doch in aller Deutlichkeit vorlas. Nun, Engelke, was sagst du dazu?
    Ja, gnd'ger Herr, was soll ich dazu sagen. Es is ja doch, was man so 'ne
gute Nachricht nennt.
    Natrlich is es 'ne gute Nachricht. Aber hast du noch nicht erlebt, da
einen gute Nachrichten auch genieren knnen?
    Jott, gnd'ger Herr, ich kriege keine.
    Na, denn sei froh; dann weit du nicht, was gemischte Gefhle sind. Sieh,
ich habe jetzt gemischte Gefhle. Da kommt nun mein Woldemar. Das is gut. Und da
bringt er seine Braut mit, das is wieder gut. Und da bringt er seine Schwgerin
mit, und das is wahrscheinlich auch gut. Aber die Schwgerin ist eine Grfin mit
einem italienischen Namen, und die Braut heit Armgard, was doch auch schon
sonderbar ist. Und beide sind in England geboren, und ihre Mutter war aus der
Schweiz, von einer Stelle her, von der man nicht recht wei, wozu sie gehrt,
weil da alles schon durcheinandergeht. Und berall haben sie Besitzungen, und
Stechlin ist doch blo 'ne Kate. Sieh, Engelke, das is genierlich und gibt das,
was ich gemischte Gefhle nenne.
    Nu ja, nu ja.
    Und dann mssen wir doch auch reprsentieren. Ich mu ihnen doch
irgendeinen Menschen vorsetzen. Ja, wen soll ich ihnen vorsetzen? Viel is hier
nich. Da hab ich Adelheiden. Natrlich, die mu ich einladen, und sie wird auch
kommen, trotzdem Schnee gefallen ist; aber sie kann ja 'nen Schlitten nehmen.
Vielleicht ist ihr Schlitten besser als ihr Wagen. Gott, wenn ich an das Verdeck
denke mit der groen Lederflicke, da wird mir auch nicht besser. Und dabei denkt
sie, sie is was, was am Ende auch wieder gut is, denn wenn der Mensch erst
denkt, es is gar nichts mit ihm, dann is es auch nichts.
    Und dann, gnd'ger Herr, sie is ja doch 'ne Domina und hat 'nen Rang. Und
ich hab auch mal gelesen, sie sei eigentlich mehr als ein Major.
    Na, jedenfalls ist sie mehr als ihr Bruder; so 'n vergessener Major is ein
Jammer. Aber Adelheid selbst, so auf 'n ersten Anhieb, is auch blo soso. Wir
mssen jedenfalls noch wen dazu haben. Schlage was vor. Baron Beetz und der alte
Zhlen, die die besten sind, die wohnen zu weit ab, und ich wei nicht, seit wir
die Eisenbahnen haben, laufen die Pferde schlechter. Oder es kommt einem auch
blo so vor. Also die guten Nummern fallen aus. Und da sind wir denn wieder bei
Gundermann.
    Ach, gnd'ger Herr, den nich. Un er soll ja auch so zweideutig sein. Uncke
hat es mir gesagt; Uncke hat freilich immer das Wort zweideutig. Aber es wird
wohl stimmen. Un dann die Frau Gundermann. Das is 'ne richtige Berlinsche.
Verla is auf ihm nich und auf ihr nich.
    Ja, Engelke, du sollst mir helfen und machst es blo noch schlimmer. Wir
knnten es mit Katzler versuchen, aber da ist das Kind krank, und vielleicht
stirbt es. Und dann haben wir natrlich noch unsern Pastor; nu der ginge, blo
da er immer so still dasitzt, wie wenn er auf den Heiligen Geist wartet. Und
mitunter kommt er; aber noch fter kommt er nicht. Und solche Herrschaften, die
dran gewhnt sind, da einer in einem fort was Feines sagt, ja, was sollen die
mit unserm Lorenzen? Er ist ein Schweiger.
    Aber er schweigt doch immer noch besser, als die Gundermannsche redt.
    Das is richtig. Also Lorenzen, und vielleicht, wenn das Kind sich wieder
erholt, auch Katzler. Ein Schelm gibt mehr, als er hat. Und dann, Engelke,
solche Damen, die berall rum in der Welt waren, da wei man nie, wie der Hase
luft. Es ist mglich, da sie sich fr Krippenstapel interessieren. Oder hre,
da fllt mir noch was ein. Was meinst du zu Koseleger?
    Den hatten wir ja noch nie.
    Nein, aber Not lehrt beten. Ich mache mir eigentlich nicht viel aus ihm,
indessen is und bleibt er doch immer ein Superintendent, und das klingt nach
was. Und dann war er ja mit 'ner russischen Grofrstin auf Reisen, und solche
Grofrstin is eigentlich noch mehr als 'ne Prinzessin. Also sprich mal mit
Kluckhuhn, der soll 'nen Boten schicken. Ich schreibe gleich 'ne Karte.

Katzler sagte ab oder lie es doch unbestimmt, ob er kommen knne, Koseleger
dagegen, was ein Glck war, nahm an, und auch Schwester Adelheid antwortete
durch den Boten, den Dubslav geschickt hatte: da sie den zweiten Feiertag in
Stechlin eintreffen und soweit wie dienlich und schicklich nach dem Rechten sehn
wrde. Adelheid war in ihrer Art eine gute Wirtin und stammte noch aus den
alten Zeiten, wo die Damen bis zum Schlachten und Aalabziehen herunter alles
lernten und alles konnten. Also nach dieser Seite hin entschlug sich Dubslav
jeder Befrchtung. Aber wenn er sich dann mit einem Male vergegenwrtigte, da
es seiner Schwester vielleicht in den Sinn kommen knne, sich auf ihren Uradel
oder auf die Vorzge sechshundertjhriger mrkischer Eingesessenheit zu
besinnen, so fiel alles, was er sich in dem mit Engelke gefhrten Gesprch an
Trost zugesprochen hatte, doch wieder von ihm ab. Ihm bangte vor der Mglichkeit
einer seitens seiner Schwester aufgesetzten hohen Miene wie vor einem Gespenst
und desgleichen vor der Kostmfrage. Wohl war er sich, ob er nun seine rote
Landstandsuniform oder seinen hochkragigen schwarzen Frack anlegte, seiner
eignen altmodischen Erscheinung voll bewut, aber nebenher, was seine Person
anging, doch auch wieder einer gewissen Patriarchalitt. Einen gleichen Trost
konnt er dem uern Menschen seiner Schwester Adelheid nicht entnehmen. Er wute
genau, wie sie kommen wrde: schwarzes Seidenkleid, Rsche mit kleinen
Knpfelchen oben und die Sieben-Kurfrsten-Brosche. Was ihn aber am meisten
ngstigte, war der Moment nach Tisch, wo sie, wenn sie sich einigermaen
behaglich zu fhlen anfing, ihre Wutzer Gesamtchaussure auf das Kamingitter zu
stellen und die Wrme von unten her einzusaugen pflegte.

Gleich nach sieben trafen Woldemar und die Barbyschen Damen auf dem Granseer
Bahnhof ein und fanden Martin und den Stechlinschen Schlitten vor, letzterer
insoweit ein Prachtstck, als er ein richtiges Brenfell hatte, whrend
andrerseits Gelut und Schneedecken und fast auch die Pferde mehr oder weniger
zu wnschen briglieen. Aber Melusine sah nichts davon und Armgard noch
weniger. Es war eine reizende Fahrt; die Luft stand, und am stahlblauen Himmel
oben blinkten die Sterne. So ging es zwischen den eingeschneiten Feldern hin,
und wenn ihre Kappen und Hte hier und dort die herniederhngenden Zweige
streiften, fielen die Flocken in ihren Schlitten. In den Drfern war berall
noch Leben, und das Anschlagen der Hunde, das vom nchsten Dorf her beantwortet
wurde, klang bers Feld. Alle drei Schlitteninsassen waren glcklich, und ohne
da sie viel gesprochen htten, bogen sie zuletzt, eine weite Kurve machend, in
die Kastanienallee ein, die sie nun rasch, ber Dorfplatz und Brcke fort, bis
auf die Rampe von Schlo Stechlin fhrte. Dubslav und Engelke standen hier schon
im Portal und waren den Damen beim Aussteigen behilflich. Beim Eintritt in den
groen Flur war fr diese das erste, was sie sahen, ein mchtiger, von der Decke
herabhngender Mistelbusch; zugleich schlug die Treppenuhr, deren Hippenmann wie
verwundert und beinah verdrielich auf die fremden Gste herniedersah. Viele
Lichter brannten, aber es wirkte trotzdem alles wie dunkel. Woldemar war ein
wenig befangen, Dubslav auch. Und nun wollte Armgard dem Alten die Hand kssen.
Aber das gab diesem seinen Ton und seine gute Laune wieder. Umgekehrt wird ein
Schuh draus.
    Und zuletzt ein Pantoffel, lachte Melusine.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


Das ist eine Dame und ein Frauenzimmer dazu, sagte sich Dubslav still in
seinem alten Herzen, als er jetzt Melusine den Arm bot, um sie vom Flur her in
den Salon zu fhren. So mssen Weiber sein.
    Auch Adelheid mhte sich, Entgegenkommen zu zeigen, aber sie war wie
gelhmt. Das Leichte, das Heitre, das Sprunghafte, das die junge Grfin in jedem
Wort zeigte, das alles war ihr eine fremde Welt, und da ihr eine innere Stimme
dabei bestndig zuraunte: Ja, dies Leichte, das du nicht hast, das ist das
Leben, und das Schwere, das du hast, das ist eben das Gegenteil davon - das
verdro sie. Denn trotzdem sie bestndig Demut predigte, hatte sie doch nicht
gelernt, sich in Demut zu berwinden. So war denn alles, was ber ihre Lippen
kam, mehr oder weniger verzerrt, ein Versuch zu Freundlichkeiten, die
schlielich in Herbigkeiten ausliefen. Lorenzen, der erschienen war, half nach
Mglichkeit aus, aber er war kein Damenmann, noch weniger ein Causeur, und so
kam es denn, da Dubslav mit einer Art Sehnsucht nach dem Oberfrster
ausblickte, trotzdem er doch seit Mittag wute, da er nicht kommen wrde. Das
jngste Tchterchen war nmlich gestorben und sollte den andern Tag schon auf
einem kleinen, von Weihnachtsbumen umstellten Privatfriedhofe, den sich Katzler
zwischen Garten und Wald angelegt hatte, begraben werden. Es war das vierte
Tchterchen in der Reihe; jede lag in einer Art Gartenbeet und hatte, wie ein
Samenkorn, dessen Aufgehen man erwartet, ein Holztfelchen neben sich, drauf der
Name stand. Als Dubslavs Einladung eingetroffen war, war Ermyntrud, wie
gewhnlich, in Katzler gedrungen, der Einladung zu folgen. Ich wnsche nicht,
da du dich deinen gesellschaftlichen Pflichten entziehst, auch heute nicht,
trotz des Ernstes der Stunde. Gesellschaftlichkeiten sind auch Pflichten. Und
die Barbyschen Damen - ich erinnere mich der Familie - werden gerade wegen der
Trauer, in der wir stehn, in deinem Erscheinen eine besondre Freundlichkeit
sehn. Und das ist genau das, was ich wnsche. Denn die Comtesse wird ber kurz
oder lang unsre nchste Nachbarin sein. Aber Katzler war festgeblieben und
hatte betont, da es Hheres gbe als Gesellschaftlichkeiten und da er durchaus
wnsche, da dies gezeigt werde. Der Prinzessin Auge hatte whrend dieser Worte
hoheitsvoll auf Katzler geruht, mit einem Ausdruck, der sagen zu wollen schien:
Ich wei, da ich meine Hand keinem Unwrdigen gereicht habe.
    Katzler also fehlte. Doch auch Koseleger, trotz seiner Zusage, war noch
nicht da, so da Dubslav in die sonderbare Lage kam, sich den
Quaden-Hennersdorfer, aus dem er sich eigentlich nichts machte,
herbeizuwnschen. Endlich aber fuhr Koseleger vor, sein etwas versptetes Kommen
mit Dienstlichkeiten entschuldigend. Unmittelbar danach ging man zu Tisch, und
ein Gesprch leitete sich ein. Zunchst wurde von der Nordbahn gesprochen, die,
seit der neuen Kopenhagener Linie, den ihr von frher her anhaftenden
Schreckensnamen siegreich berwunden habe. Jetzt heie sie die Apfelsinenbahn,
was doch kaum noch bertroffen werden knne. Dann lenkte man auf den alten
Grafen und seine Besitzungen im Graubndischen ber, endlich aber auf den langen
Aufenthalt der Familie drben in England, wo beide Tchter geboren seien.
    Dies Gesprch war noch lange nicht erledigt, als man sich von Tisch erhob,
und so kam es, da sich das Plaudern ber eben dasselbe Thema beim Kaffee, der
im Gartensalon, und zwar in einem Halbzirkel um den Kamin herum, eingenommen
wurde, fortsetzte. Dubslav sprach sein Bedauern aus, da ihn in seiner Jugend
der Dienst und spter die Verhltnisse daran gehindert htten, England
kennenzulernen; es sei nun doch mal das vorbildliche Land, eigentlich fr alle
Parteien, auch fr die Konservativen, die dort ihr Ideal mindestens ebensogut
verwirklicht fnden wie die Liberalen. Lorenzen stimmte lebhaft zu, whrend
andrerseits die Domina ziemlich deutliche Zeichen von Ungeduld gab. England war
ihr kein erfreuliches Gesprchsthema, was selbstverstndlich ihren Bruder nicht
hinderte, dabei zu verharren.
    Ich mchte mich, fuhr Dubslav fort, in dieser Angelegenheit an unsern
Herrn Superintendenten wenden drfen. Waren Sie drben?
    Leider nein, Herr von Stechlin, ich war nicht drben, sehr zu meinem
Bedauern. Und ich htt es so leicht haben knnen. Aber es ist immer wieder die
alte Geschichte: was man in ein paar Stunden und mitunter in ein paar Minuten
erreichen kann, das verschiebt man, eben weil es so nah ist, und mit einemmal
ist es zu spt. Ich war Jahr und Tag im Haag, und von da nach Dover hinber war
nicht viel mehr als nach Potsdam. Trotzdem unterblieb es oder, richtiger, gerade
deshalb. Da ich den Tunnel oder den Tower nicht gesehn, das knnt ich mir
verzeihn. Aber das Leben drben! Wenn irgendwo das vielzitierte Wort von dem in
einem Tage mehr gewinnen als in des Jahres Einerlei hineinpat, so da drben.
Alles modern und zugleich alles alt, eingewurzelt, stabilisiert. Es steht einzig
da; mehr als irgendein andres Land ist es ein Produkt der Zivilisation, so sehr,
da die Neigungen der Menschen kaum noch dem Gesetze der Natur folgen, sondern
nur noch dem einer verfeinerten Sitte.
    Die Domina fhlte sich von dem allem mehr und mehr unangenehm berhrt,
besonders als sie sah, da Melusine zu dem, was Koseleger ausfhrte, bestndig
zustimmend nickte. Schlielich wurd es ihr zuviel. Alles, was ich da so hre,
sagte sie, kann mich fr dieses Volk nicht einnehmen, und weil sie rundum von
Wasser umgehen sind, ist alles so kalt und feucht, und die Frauen, bis in die
hchsten Stnde hinauf, sind beinah immer in einem Zustand, den ich hier nicht
bei Namen nennen mag. So wenigstens hat man mir erzhlt. Und wenn es dann neblig
ist, dann kriegen sie das, was sie den Spleen nennen, und fallen zu Hunderten
ins Wasser, und keiner wei, wo sie geblieben sind. Denn, wie mir unser
Rentmeister Fix, der drben war, aufs Wort versichert hat, sie stehen in keinem
Buch und haben auch nicht einmal das, was wir Einwohnermeldeamt nennen, so da
man beinah sagen kann, sie sind so gut wie gar nicht da. Und wie sie kochen und
braten! Alles fast noch blutig, besonders das, was wir hier englische Beefsteaks
nennen. Und kann auch nicht anders sein, weil sie soviel mit Wilden umgehn und
gar keine Gelegenheit haben, sich einer feineren Gesittung anzuschlieen.
    Koseleger und Melusine wechselten verstndnisvoll Blicke. Die Domina aber
sah nichts davon und fuhr unentwegt fort: Fix ist ein guter Beobachter, auch
von Sittenzustnden, und einer ihrer Knige, worber ich auch schon als Mdchen
einen Aufsatz machen mute, hat fnf Frauen gehabt, meist Hofdamen. Und eine hat
er kpfen lassen, und eine hat er wieder nach Hause geschickt. Und war noch dazu
eine Deutsche. Und sie sollen auch keinen eigentlichen Adel mehr haben, weil mal
ein Krieg war, drin sie sich umschichtig enthaupteten, und als alle weg waren,
haben sie gewhnliche Leute rangezogen und ihnen die alten Namen gegeben, und
wenn man denkt, es ist ein Graf, so ist es ein Bcker oder hchstens ein
Bierbrauer. Aber viel Geld sollen sie haben, und ihre Schiffe sollen gut sein
und dauerhaft und auch sehr sauber, fast schon wie hollndisch; aber in ihrem
Glauben sind sie zersplittert und fangen auch schon wieder an katholisch zu
werden.
    Der alte Dubslav, als die Schwester mit ihrem Vortrag ber England
einsetzte, hatte sich mit einem Schicksal, nimm deinen Lauf sofort resigniert.
Woldemar aber war immer wieder und wieder bemht gewesen, einen Themawechsel
eintreten zu lassen, worin er vielleicht auch ressiert htte, wenn nicht
Koseleger gewesen wre. Dieser - entweder weil er als sthetischer Feinschmecker
an Adelheids Auslassungen ein aufrichtiges Gefallen fand, oder aber weil er die
von ihm selbst angeregte Frage hinsichtlich Natur und Sitte (die sein
Steckenpferd war) gern weiterspinnen wollte - hielt an England fest und sagte:
Die Frau Domina scheint mir davon auszugehn, da gerade der mitunter schon an
den Wilden grenzende Naturmensch drben in vollster Blte steht. Und ich will
das auch nicht in jedem Punkte bestreiten. Aber daneben begegnen wir einem
Lebens-und Gesellschaftsraffinement, das ich, trotz manchem Anfechtbaren, als
einen hchsten Kulturausdruck bezeichnen mu. Ich erinnere mich unter anderm
eines gerade damals gefhrten Prozesses, ber den ich, als ich im Haag lebte,
meiner Kaiserlichen Hoheit tglich Bericht erstatten mute (High-life-Prozesse
gingen ihr ber alles), und der Gegenstand, um den sich's dabei handelte, war so
recht der Ausdruck eines verfeinerten oder meinetwegen auch berfeinerten
Kulturlebens. So recht das Gegenteil von bloem Naturburschentum. Es ist
freilich eine ziemlich lange Geschichte...
    Schade, sagte Dubslav. Aber trotzdem - wenn berhaupt erzhlbar...
    Oh, gewi, gewi; das denkbar Harmloseste...
    Nun denn, lieber Superintendent, wenn wirklich so harmlos, so mach ich mich
ohne weiteres zum Anwalt unsrer gewi neugierigen Damen, meine Schwester, die
Domina, mit eingeschlossen. Wie war es? Wie verlief die Geschichte, fr die sich
eine Kaiserliche Hoheit so lebhaft interessieren konnte?
    Nun, wenn es denn sein soll, nahm Koseleger langsam, und wie blo einer
Pression nachgebend, das Wort. es lebte da zu jener Zeit eine schne Herzogin
in London, die's nicht ertragen konnte, da die Jahre nicht spurlos an ihr
vorbergehen wollten; Fltchen und Krhenfe zeigten sich. In dieser Bedrngnis
hrte sie von ungefhr von einer plastischen Knstlerin, die durch Auftrag einer
Wachspaste die Jugend wiederherzustellen wisse. Diese Knstlerin wurde gerufen,
und die Wiederherstellung gelang auch. Aber nun traf eines Tages die Rechnung
ein, die Bill, wie sie da drben sagen. Es war eine Summe, vor der selbst eine
Herzogin erschrecken durfte. Und da die Knstlerin auf ihrer Forderung beharrte,
so kam es zu dem angedeuteten Proze, der sich alsbald zu einer cause clbre
gestaltete.
    Sehr begreiflich, versicherte Dubslav, und Melusine stimmte zu.
    Zahlreiche Personen traten in der Verhandlung auf, und als Sachverstndige
wurden zuletzt auch Konkurrentinnen auf diesem Spezialgebiete der plastischen
Kunst vernommen. Alle fanden die Forderung erheblich zu hoch, und der Sieg
schien sich rasch der Herzogin zuneigen zu wollen. Aber in eben diesem
Augenblicke trat die sich arg bedrngt sehende Knstlerin an den Vorsitzenden
des Gerichtshofes heran und bat ihn, an die erschienenen Fachgenossinnen einfach
die Frage nach der Dauer der durch ihre Kunst wiederhergestellten Jugend und
Schnheit richten zu wollen, eine Bitte, der der Oberrichter auch sofort
nachkam. Was darauf geantwortet wurde, lautete hinsichtlich der Dauer sehr
verschieden. Als aber, trotz der Verschiedenheit dieser Angaben, keine der
Konkurrentinnen mehr als ein Vierteljahr zu garantieren wagte, wandte sich die
Verklagte ruhig an den hohen Gerichtshof und sagte nicht ohne Wrde: Meine
Herren Richter, meine Mitknstlerinnen, wie Sie soeben vernommen, helfen auf
Zeit; was ich leiste, ist "beautifying for ever". Alles war von diesem Worte
hingerissen, der hohe Gerichtshof mit, und die Herzogin hatte die Riesensumme zu
zahlen.
    Und wre dergleichen hierlandes mglich? fragte Melusine.
    Ganz unmglich, entgegnete der fr alles Fremde schwrmende Koseleger. Es
kann hier einfach deshalb nicht vorkommen, weil uns der dazu ntige hhere
Kulturzustand und die dem entsprechende Anschauung fehlt. In unserm guten
Preuen, und nun gar erst in unsrer Mark, sieht man in einem derartigen Hergange
nur das Karikierte, gnstigstenfalls das Groteske, nicht aber jenes Hochma
gesellschaftlicher Verfeinerung, aus dem allein sich solche Dinge, die man im
brigen um ihres Raffinements willen belcheln oder verurteilen mag, entwickeln
knnen.
    Die meisten waren einverstanden, allen voraus Dubslav, dem dergleichen immer
einleuchtete, whrend die Domina von Horreur sprach und sichtlich unmutig den
Kopf hin und her bewegte. Woldemar erneute natrlich seine Versuche, die der
Tante so mifllige Konversation auf andres berzulenken, bei welcher
Gelegenheit er nach dem Berhren verschiedenster Themata zuletzt auch auf den
Coventgardenmarkt und den englischen Gemsebau zu sprechen kam. Das pate der
Domina.
    Ja, Gemsebau, sagte sie, das ist eine wunderbare Sache, daran hat man
eine wirkliche Freude. Kloster Wutz ist eigentlich eine Gartengegend; unser
Spargel ist denn auch weit und breit der beste, und meine gute Schmargendorf hat
Artischocken gezogen, so gro wie 'ne Sonnenblume. Freilich, es will sie keiner
so recht, und alle sagen immer: Es dauert so lange, wenn man so jedes Blatt
nehmen mu, und eigentlich hat man nichts davon, auch wenn die Sauce noch so
dick ist. Viel mehr Glck hat unsre alte Schimonski mit ihren groen Erdbeeren -
ich meine natrlich nicht die Schimonski selber; sie selber kann gar nichts,
aber sie hat eine sehr geschickte Person -, und ein Berliner Hndler kauft ihr
alles ab, blo da die Schnecken oft die Hlfte jeder Erdbeere wegfressen. Man
sollte nicht glauben, da solche Tiere solchen feinen Geschmack haben. Aber wenn
es wegen der Schnecken auch unsicher ist, Dubslav, du solltest solche Zucht doch
auch versuchen. Wenn es einschlgt, ist es sehr vorteilhaft. Die Schimonski
wenigstens hat mehr davon als von ihren Hhnern, trotzdem sie gut legen. Denn
mal sind sie billig, die Eier, und dann wieder verderben sie, und die schlechten
werden einem berechnet und abgezogen, und die Streiterei nimmt kein Ende.
    Kurz vor elf brach das Gesprch ab, und man zog sich zurck. Der alte
Dubslav lie es sich nicht nehmen, die Damen persnlich treppauf bis an ihre
Zimmer zu fhren und sich da unter Handku von ihnen zu verabschieden. Es waren
dieselben zwei Rume, die vor gerad einem Vierteljahr Rex und Czako bewohnt
hatten, das grere Zimmer jetzt fr Melusine, das kleinere fr Armgard
bestimmt. Aber als nun beide vor ihren Reisetaschen standen und sich
oberflchlich daran zu tun machten, sagte Melusine: Dies Himmelbett ist also
fr mich. Wenn es dir gleich ist, beziehe du lieber dies Ehrenlager und lasse
mir das kleine Schlafzimmer. Zusammen sind wir ja doch; die Tr steht auf.
    Ja Melusine, wenn du's durchaus wnschst, dann natrlich. Aber ich verstehe
dich nicht recht. Man will dich auszeichnen, und wenn du das ablehnst, so kann
es auffallen. Man mu doch in einem Hause, wo man noch halb fremd ist, alles so
tun, wie's gewnscht wird.
    Melusine ging auf die Schwester zu, sah sie halb verlegen, halb schelmisch
an und sagte: Natrlich hast du recht. Aber ich bitte dich trotzdem darum. Und
es braucht es ja auch keiner zu merken. Direkte Kontrolle wird ja wohl
ausgeschlossen sein, und ich mache keine tiefere Kute wie du.
    Gut, gut, lachte Armgard. Aber sage, was soll das alles? Du bist doch
sonst so leichtlebig. Und wenn es dir hier in dem ersten Zimmer, weil es so nah
an der scharfen Flurecke liegt, wirklich etwas ngstlich zumute sein sollte,
nun, so knnen wir ja zuriegeln.
    Das hilft nichts, Armgard. In solchen alten Schlssern gibt es immer
Tapetentren. Und was das hier angeht, und sie wies dabei auf das Bett, alle
Spukgeschichten sind immer gerad in Himmelbetten passiert; ich habe noch nie
gehrt, da Gespenster an eine Birkenmaserbettstelle herangetreten wren. Und
hast du nicht unten den mistletoe gesehn? Mistelbusch ist auch noch so
berbleibsel aus heidnischer Zeit her, bei den alten Deutschen gewi und bei den
Wenden wohl auch, fr den Fall, da die Stechlins wirkliche Wenden sind. Wenn
ich Tante Adelheid ansehe, glaub ich es beinah. Und wie sie von den Hhnern
sprach und den Eiern. Alles so wendisch. Ich glaube ja nicht eigentlich an
Gespenster, wiewohl ich auch nicht ganz dagegen bin, aber wie dem auch sein
mge, wenn ich mir denke, Tante Adelheid erschiene mir hier und brchte mir eine
Erdbeere, die die Schnecken schon angeknabbert haben, so wre das mein Tod.
    Armgard lachte.
    Ja, du lachst, aber hast du denn die Augen von ihr gesehn? Und hast du ihre
Stimme gehrt? Und die Stimme, wie du doch weit, ist die Seele.
    Gewi. Aber, Seele oder nicht, sie kann dir doch nichts tun mit ihrer
Stimme und dir auch nicht erscheinen. Und wenn sie trotzdem kommt, nun, so rufst
du mich.
    Am liebsten wr es mir, du bliebst gleich bei mir.
    Aber Melusine...
    Nun gut, nun gut. Ich sehe wohl ein, da das nicht gut geht. Aber was
anders! Ich habe da vorhin eine Bibel oder vielleicht auch blo ein Gesangbuch
liegen sehn, da auf dem Brettchen, wo die kleine Puppe steht. Beilufig auch was
Sonderbares, diese Puppe. Bitte, nimm die Bibel von der Etagere fort und lege
sie mir hier auf den Nachttisch. Und das Licht la brennen. Und wenn du im Bett
liegst, sprich immerzu, bis ich einschlafe.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


Am andern Morgen traf man sich beim Frhstck. Es war ziemlich spt geworden,
ohne da Dubslav, wie das sonst wohl auf dem Lande Gewohnheit ist, ungeduldig
geworden wre. Nicht dasselbe lie sich von Tante Adelheid sagen. Ich finde das
lange Wartenlassen nicht gerade passend, am wenigsten Personen gegenber, denen
man Respekt bezeigen will. Oder geh ich vielleicht zu weit, wenn ich hier von
Respektbezeigung spreche? So hatte sich Adelheid zu Dubslav geuert. Als nun
aber die Barbyschen Damen wirklich erschienen, bezwang sich die Domina und
stellte all die Fragen, die man an solchem Begrungsmorgen zu stellen pflegt.
In aller Unbefangenheit antworteten die Schwestern, am unbefangensten Melusine,
die bei der Gelegenheit dem alten Dubslav erzhlte, da sie nicht umhin gekonnt
htte, sich die Bibel an ihr Bett zu legen.
    Und mit der Absicht, drin zu lesen?
    Beinah. Aber es wurde nichts daraus. Armgard plauderte soviel, freilich auf
meinen Wunsch. Ich hrte von der Treppe her immer die Uhr schlagen und las dabei
bestndig das Wort Museum. Aber das war natrlich schon im Traum. Ich schlief
schon ganz fest. Und heute frh bin ich wie der Fisch im Wasser.
    
    Dubslav htte dies gern besttigt, dabei nach einem Spezialfisch suchend,
der so recht zum Vergleich fr Melusine gepat htte. Die Blicke seiner
Schwester aber, die zu fragen schienen, hast du gehrt?, lieen ihn wieder
davon abstehn, und nachdem noch einiges ber den groen Oberflur und seine
Bilder und Schrnke gesprochen worden war, wurde, genau wie vor einem
Vierteljahr, wo Rex und Czako zu Besuch da waren, ein Programm verabredet, das
dem damaligen sehr hnlich sah: Aussichtsturm, See, Globsow; dann auf dem
Rckwege die Kirche, vielleicht auch Krippenstapel. Und zuletzt das Museum.
Aber manches davon war unsicher und hing vom Wetter ab. Nur den See wollte man
unter allen Umstnden sehn. Engelke wurde beauftragt, mit Plaids und Decken
vorauszugehn und ein paar Leute zum Wegschaufeln des Schnees mitzunehmen,
lediglich fr den Fall, da die Damen vielleicht Lust bezeigen sollten, die
Sprudel- und Trichterstelle genauer zu studieren. Und wenn wir auf unserm Hofe
keine Leute haben, so geh ins Schulzenamt und bitte Rolf Krake, da er
aushilft.
    Melusine, die dieser Befehlserteilung zugehrt hatte, war berrascht, in
einem mrkischen Dorfe dem Namen Rolf Krake zu begegnen, und erfuhr denn auch
alsbald den Zusammenhang der Dinge. Sie war ganz enchantiert davon und sagte:
Das ist hbsch. Aller aufgesteifter Patriotismus ist mir ein Greuel, aber wenn
er diese Formen annimmt und sich in Humor und selbst in Ironie kleidet, dann ist
er das Beste, was man haben kann. Ein Mann, der solchen Beinamen hat, der lebt,
der ist in sich eine Geschichte. Dubslav kte ihr die Hand, Adelheid aber
wandte sich demonstrativ ab; sie wollte nicht Zeuge dieser ewigen Huldigungen
sein. Wenn man ein alter Major ist, ist man eben ein alter Major und nicht ein
junger Leutnant. Dubslav ist zwanzig, aber zwanzig Jahr a. D.
    Es war gegen zehn, als man aufbrach, um zunchst auf den Aussichtsturm zu
steigen, und nachdem man von der obersten Etage her die Waldlandschaft, die sich
auch in ihrem Schneeschmuck wundervoll ausnahm, gebhrend bewundert und dann den
Abstieg glcklich bewerkstelligt hatte, passierte man den Schlohof mit der
Glaskugel, um ber den Dorfplatz fort in die nach dem See hinunterfhrende groe
Strae einzubiegen. Auf dem Dorfplatze war alles winterlich still, nur vor dem
Kruge standen drei Menschen: Engelke, der die Schneeschipper vorausgeschickt
hatte, mit seinen Plaids ber dem Arm, neben ihm Schulze Kluckhuhn und neben
diesem Gensdarm Uncke, das Karabinergewehr ber die Schulter gehngt.
    Da treffen wir ja die ganze hohe Obrigkeit, sagte Dubslav. Engelke kann
ich auch mitrechnen, der regiert mich, is also eigentlich die
Feudalittsspitze.
    Whrend dieser Worte waren die Herrschaften an die Gruppe herangetreten.
    Freut mich, da ich Sie treffe Kluckhuhn. Ich denke, Sie begleiten uns...
Frau Grfin, darf ich Ihnen hier unsern Dorfherrscher vorstellen? Schulze
Kluckhuhn, alter Vierundsechziger.
    Und nun ordnete sich der Zug. Dubslav und Uncke schlossen ab, Woldemar,
Armgard und Tante Adelheid hielten die Mitte; Melusine schritt voran, Rolf Krake
neben ihr.
    Ich bin froh, sagte Melusine, Sie bei dieser Partie mit dabei zu sehn.
Der alte Herr von Stechlin hat mir schon von Ihnen erzhlt, und da Sie
vierundsechzig mit dabeigewesen. Und ich wei auch Ihren Namen; das heit den
zweiten. Und ich darf sagen, ich freue mich immer, wenn ich so was Hbsches
hre.
    Ach, Rolf Krake, lachte Kluckhuhn. Ja, Frau Grfin, wer den Schaden hat,
darf fr den Spott nicht sorgen. Das heit, von Schaden darf ich eigentlich
nicht reden, den hab ich nicht so recht davon gehabt; ich bin nicht mal
angeschossen worden. Und doch is so was billig, wenn's erst losgeht.
    Ja, Schulze Kluckhuhn, unsereinem ist so was leider immer verschlossen
oder, wie die Leute hier sagen, verpurrt. Und doch ist das das eigentliche
Leben. So immer blo einsitzen und ein bichen Scharpie zupfen, das ist gar
nichts. Mit dabeisein, das macht glcklich. Es war aber trotzdem wohl ein
eigenes Gefhl, als Sie da so von Dppel nach Alsen rberfuhren und das
unheimliche Schiff, der Rolf Krake, so dicht danebenlag.
    Ja, das war es, Frau Grfin, ein ganz eigenes Gefhl. Und mitunter
erscheint mir der Rolf Krake noch im Traum. Un is auch nicht zu verwundern. Denn
Rolf Krake war wie ein richtiges Gespenst. Und wenn solch Gespenst einen packt,
ja, da ist man weg... Und dabei bleib ich, Frau Grfin, sechsundsechzig war
nicht viel und siebzig war auch nicht viel.
    Aber die groen Verluste...
    Ja, die Verluste waren gro, das ist richtig. Aber Verluste, Frau Grfin,
das is eigentlich gar nichts. Natrlich, wen es trifft, fr den is es was. Aber
ich meine jetzt das, was man dabei so das Moralische nennt; und darauf kommt es
an, nicht auf die Verluste, nicht auf viel oder wenig. Wenn einer eine Bschung
raufklettert, und nu steht er oben und schleicht sich ran, immer mit 'nem
Pulversack und 'nem Znder in der Hand, und nu legt er an und nu fliegt alles in
die Luft und er mit. Und nu ist die Festung oder die Schanze offen. Ja, Frau
Grfin, das ist was. Und das hat unser Pionier Klinke getan. Der war moralisch.
Ich wei nicht, ob Frau Grfin mal von ihm gehrt haben, aber dafr leb ich und
sterb ich: immer blo das Kleine, da zeigt sich's, was einer kann. Wenn ein
Bataillon ran mu un ich stecke mittendrin, ja, was will ich da machen? Da mu
ich mit. Und baff, da lieg ich. Und nu bin ich ein Held. Aber eigentlich bin ich
keiner. Es ist alles blo Mu, und solche Muhelden gibt es viele. Das is, was
ich die groen Kriege nenne. Klinke mit seinem Pulversack, ja, der war blo was
Kleines, aber er war doch gro. Und ebenso (wenn er auch unser Feind war) dieser
Rolf Krake.
    So ging historisch-retrospektiv das Gesprch an der Tte, whrend Dubslav
und Uncke, die den Zug abschlossen, mit ihrem Thema mehr in der Gegenwart
standen.
    Is mir lieb, Uncke, Sie mal wieder zu treffen. Seit Rheinsberg hab ich Sie
nicht mehr gesehn. Ich denke mir, Torgelow is nu wohl schon im besten Gange. So
wie Bebel. Ich kriege natrlich jeden Tag meine Zeitung, aber es is mir immer
zuviel und das groe Format und das dnne Papier. Da kuck ich denn nich immer
ganz genau zu. Hat er denn schon gesprochen?
    Ja, Herr Major, gesprochen hat er schon. Aber nich viel. Un war auch kein
rechter Beifall. Auch nich mal bei seinen eignen Leuten.
    Er wird wohl die Sache noch nicht recht weghaben. Ich meine das, was sie
jetzt das Parlamentarische nennen. Das schadt aber nichts und ist eigentlich
egal. Wichtiger is, wie sie hier in unserm Ruppiner Winkel, in unserm
Rheinsberg-Wutz ber ihn denken. Sind sie denn da mit ihm zufrieden?
    Auch nicht, Herr Major. Sie sagen, er sei zweideutig.
    Ja, Uncke, so heit es berall. Das is nu mal so, das is nicht zu ndern.
In Frankreich heit es immer gleich Verrat, und hier sagen sie zweideutig. Da
war auch einer von uns, den ich nicht nennen will, von dem hie es auch so...
    Von dem hie es auch so. Ja, Herr Major. Und Pyterke, der immer gut
Bescheid wei, der sagte mir schon damals in Rheinsberg: Uncke, glauben Sie mir,
da hat sich der Herr Major eine Schlange an seinem Busen grogezogen.
    Kann ich mir denken; klingt ganz nach Pyterke. Der spricht immer so
gebildet. Aber is es auch richtig?
    Is schon richtig, Herr Major. Herr Major denken immer das Gute von 'nem
Menschen, weil Sie soviel zu Hause sitzen und selber so sind. Aber wer so
rumkommt wie ich. Alle lgen sie. Was sie meinen, das sagen sie nich, und was
sie sagen, das meinen sie nich. Is kein Verla mehr; alles zweideutig.
    Ja, so rundraus, Uncke, das war frher, aber das geht jetzt nicht mehr. Man
darf keinem so alles auf die Nase binden. Das is eben, was sie jetzt politisches
Leben nennen.
    Ach, Herr Major, das mein ich ja gar nicht. Das Politische... Jott, wenn
einer sich ins Politische zweideutig macht, na, dann mu ich ihn anzeigen, das
is Dienst. Darum grm ich mich aber nich. Aber was nich Dienst is, was man so
blo noch nebenbei sieht, das kann einen mitunter leid tun. So blo als Mensch.
    Aber, lieber Uncke, was is denn eigentlich los? Wenn man Sie so hrt, da
sollte man ja wahrhaftig glauben, es ginge zu Ende... Nu ja, in der Welt
drauen, da klappt nich immer alles. Aber so im Scho der Familie...
    Jott, Herr Major, das is es ja eben. In diesem Scho der Familie, da is es
ja gerad am schlimmsten. Und sogar in dem jdischen Scho, der doch immer noch
der beste war.
    Beispiele, Uncke, Beispiele.
    Da haben wir nu hier, um blo ein Beispiel zu geben, unsern guten alten
Baruch Hirschfeld in Gransee. Frommer alter Jude...
    Kenn ich. Kenn ich ganz gut, beinah zu gut. Nu, der hat 'nen Sohn, und mit
dem is er mitunter verschiedner Meinung. Aber dagegen is doch nicht viel zu
sagen; das is in der ganzen Welt so. Der Alte hngt noch am Alten, und der
Junge, nu, der is eben ein Jungscher und bramarbasiert ein bichen. Ich wei
nicht recht, zu welcher Partei er sich hlt, er wird aber wohl fr Torgelow
gestimmt haben. Nu, mein Gott, warum nicht? Das tun jetzt viele. Daran mu man
sich gewhnen. Das is eben das Politische.
    Nein, Herr Major. Herr Major wollen verzeihn, aber bei diesem Isidor is es
nicht das Politische. Komme ja jeden dritten Tag hin und seh den Alten in seinem
Laden und hre, was er da redt und redt. Und der Junge redt auch und redt immer
von 's Prinzip. Das Prinzip is ihm aber egal. Er will blo mogeln und den Alten
an die Wand drcken. Und das ist das, was ich das Zweideutige nenne.

Armgard, Woldemar und Tante Adelheid hatten die Mitte genommen. Als sie bis in
die Nhe der Seespitze gekommen waren, immer unter einem verschneiten Buchen-
und Eichengange hin, wurden sie durch ein Gerusch wie von brechenden kleinen
sten aufmerksam gemacht, und ihr Auge nach oben richtend, gewahrten sie, wie
zwei Eichhrnchen ber ihnen spielten und in bestndigem Sichhaschen von Baum zu
Baum sprangen. Die Zweige knickten, und der Schnee stubte hernieder. Armgard
mochte sich von dem Schauspiel nicht trennen, lachte, wenn die momentan
verschwundenen Tierchen mit einem Male wieder zum Vorschein kamen, und gab ihre
Beobachtung erst auf, als die Domina, nicht direkt unfreundlich, aber doch
ziemlich ungeduldig und jedenfalls wie gelangweilt, zu ihr bemerkte: Ja,
Comtesse, die springen; es sind eben Eichhrnchen. Einige Minuten spter hatten
alle die Bank erreicht, von der aus man den besten Blick auf den zugefrorenen
See hatte. Das Eis zeigte sich hoch mit Schnee bedeckt, aber in seiner Mitte war
doch schon eine gefegte Stelle, zu der vom Ufer her eine schmale, gleichfalls
freigeschaufelte Strae hinberfhrte. Engelke legte die Decken ber die Bank,
und die Damen, die von dem halbstndigen und zuletzt etwas ansteigenden Wege
mde geworden waren, nahmen alle drei Platz, whrend sich Rolf Krake und Uncke
wie Schildhalter zu beiden Seiten der Bank aufstellten. Dubslav dagegen
placierte sich in Front und machte, whrend er einen landlufigen Fhrerton
anschlug, den Cicerone. Hab die Ehr, Ihnen hier die groe Sehenswrdigkeit von
Dorf und Schlo Stechlin zu prsentieren, unsern See, meinen See, wenn Sie mir
das Wort gestatten wollen. Alle mglichen berhmten Naturforscher waren hier und
haben sich hchst schmeichelhaft ber den See geuert. Immer hie es: Es stehe
wissenschaftlich fest. Und das ist jetzt das Hchste. Frher sagte man: Es steht
in den Akten. Ich lasse dabei dahingestellt sein, wovor man sich tiefer
verbeugen mu.
    Ja, sagte Melusine, das ist nun also der groe Moment. Orientiert bin
ich. Aber wie das mit allem Groen geht, ich empfinde doch auch etwas von
Enttuschung.
    Das ist, weil wir Winter haben, gndigste Grfin. Wenn Sie die offene
Seeflche vor sich htten und in der Vorstellung stnden: jetzt bildet sich der
Trichter und jetzt steigt es herauf, so wrden Sie mutmalich nichts von
Enttuschung empfinden. Aber jetzt! Das Eis macht still und duckt das
Revolutionre. Da kann selbst unser Uncke nichts notieren. Nicht wahr, Uncke?
    Uncke schmunzelte.
    Im brigen seh ich zu meiner Freude - und das verdanken wir wieder unserm
guten Kluckhuhn, der an alles denkt und alles vorsieht -, da die Schneeschipper
auch ein paar ihrer Pickxte mitgebracht haben. Ich taxiere das Eis auf nicht
dicker als zwei Fu, und wenn sich die Leute dranmachen, so haben wir in zehn
Minuten eine groe Lune, und der Hahn, wenn er nur sonst Lust hat, kommt aus
seiner Tiefe herauf. Befehlen Frau Grfin?
    Um Gottes willen, nein. Ich bin sehr fr solche Geschichten und bin
glcklich, da die Familie Stechlin diesen See hat. Aber ich bin zugleich auch
aberglubisch und mag kein Eingreifen ins Elementare. Die Natur hat jetzt den
See berdeckt; da werd ich mich also hten, irgendwas ndern zu wollen. Ich
wrde glauben, eine Hand fhre heraus und packte mich.
    Adelheid war bei diesen Worten immer gerader und lnger geworden und rckte
mit Ostentation von Melusine weg, mehr der Banklehne zu, wo, halb wie das gute
Gewissen, halb wie die gttliche Weltordnung. Uncke stand und durch seine bloe
Gegenwart den Gemtszustand der Domina wieder beschwichtigte. Nur von Zeit zu
Zeit sah sie fragend, forschend und vorwurfsvoll auf ihren Bruder.
    Dieser wute genau, was in seiner Schwester Seele vorging. Es erheiterte ihn
ungemein, aber es beunruhigte ihn doch auch. Wenn diese Gefhle wuchsen, wohin
sollte das fhren? Die Mglichkeit einer schrecklichen Szene, die sein Haus mit
einer nicht zu tilgenden Blme behaftet htte, trat dabei vor seine Seele.
    Der Himmel hatte aber ein Einsehn. Schon seit einer Viertelstunde lag ein
grauer Ton ber der Landschaft, und pltzlich fielen Flocken, erst vereinzelte,
dann dicht und reichlich. Den Weg bis Globsow fortzusetzen, daran war unter
diesen Umstnden gar nicht mehr zu denken, und so brach man denn auf, um ins
Schlo zurckzukehren. Auch auf einen Besuch in der Kirche, weil es da zu kalt
sei, wurde verzichtet.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel


Der Heimweg war gemeinschaftlich angetreten worden, aber doch nur bis an die
Dorfstrae. Hier teilte man sich in drei Gruppen, eine jede mit verschiedenem
Ziel: Dubslav, Tante Adelheid und Armgard gingen auf das Herrenhaus, Uncke und
Rolf Krake auf das Schulzenamt, Woldemar und Melusine dagegen auf die Pfarre zu.
Woldemar freilich nur bis an den Vorgarten, wo er sich von Melusine
verabschiedete.
    Lorenzen, solang er Woldemar und Melusine sich seiner Pfarre nhern sah,
hatte verlegen am Fenster gestanden, kam aber, als das Paar sich drauen
trennte, so ziemlich wieder zu sich. Er war nun schon so lange jeder
Damenunterhaltung entwhnt, da ihm ein Besuch wie der der Grfin zunchst nur
Verlegenheit schaffen konnte, wenn's denn aber durchaus sein mute, so war ihm
ein Tte--tte mit ihr immer noch lieber als eine Plauderei zu dritt. Er ging
ihr denn auch bis in den Flur entgegen, war ihr hier beim Ablegen behilflich und
sprach ihr - weil er jede Scheu rasch von sich abfallen fhlte - ganz aufrichtig
seine Freude aus, sie in seiner Pfarre begren zu drfen. Und nun bitt ich
Sie, Frau Grfin, sich's unter meinen Bchern hier nach Mglichkeit bequem
machen zu wollen. Ich bin zwar auch Inhaber einer Putzstube, mit einem dezenten
Teppich und einem kalten Ofen; aber ich konnte das gesundheitlich nicht
verantworten. Hier haben wir wenigstens eine gute Temperatur.
    Die immer die Hauptsache bleibt. Ach, eine gute Temperatur!
Gesellschaftlich ist sie beinah alles und dabei leider doch so selten. Ich kenne
Huser, wo, wenn Sie den Widersinn verzeihen wollen, der kalte Ofen gar nicht
ausgeht. Aber erlassen Sie mir gtigst den Sofaplatz hier; ich fhle mich dazu
noch nicht alte Dame genug und mcht auch gern en vue der beiden Bilder bleiben,
trotzdem ich das eine davon schon so gut wie kenne.
    Die Kreuzabnahme?
    Nein! das andre.
    Die Lind also?
    Ja.
    So haben Sie das schne Bild in der Nationalgalerie gesehn?
    Auch das. Aber doch freilich erst seit ganz kurzem, whrend ich von Ihrer
Aquarellkopie schon seit ein paar Monaten wei. Das war auf einer
Dampfschiffahrt, die wir nach dem sogenannten Eierhuschen machten, und der
Ausplauderer ber das Bild da vor mir war niemand anders als Ihr Zgling
Woldemar, auf den Sie stolz sein knnen. Er freilich wrde den Satz umkehren,
oder sage ich lieber, er tat es. Denn er sprach mit solcher Liebe von Ihnen, da
ich Sie von jenem Tag an auch herzlich liebe, was Sie sich schon gefallen lassen
mssen. Ein Glck nur, da er sich drauen verabschiedet hat und nicht hren
kann, was ich hier sage...
    Lorenzen lchelte.
    Sonst htten sich diese Bekenntnisse verboten. Aber da sie nun mal gemacht
sind und man nie wei, wann und wie man wieder zusammenkommt, so lassen Sie mich
darin fortfahren. Woldemar erzhlte mir - Pardon fr meine Indiskretion - von
Ihrer Schwrmerei fr die Lind. Und da horchten wir denn auf und beneideten Sie
fast. Nichts beneidenswerter als eine Seele, die schwrmen kann. Schwrmen ist
fliegen, eine himmlische Bewegung nach oben.
    Lorenzen stutzte. Das war doch mehr als eine blo liebenswrdige Dame aus
der Gesellschaft.
    Und um es kurz zu machen, fuhr Melusine fort, Woldemar sprach bei dieser
Gelegenheit wie von Ihrer ersten Liebe (und dabei wies sie lchelnd auf das
Bildchen der Lind) so auch von Ihrer letzten - nein, nein, nicht von Ihrer
letzten; Sie werden immer eine neue finden -, sprach also von Ihrer Begeisterung
fr den herrlichen Mann da weit unten am Tajo, von Ihrer Begeisterung fr den
Joao de Deus. Und als er ausgesprochen hatte, da haben wir uns alle, die wir
zugegen waren, um den Un Santo geschart und einen geheimen Bund geschlossen.
Erst um den Un Santo und zum zweiten um Sie selbst. Und nun frag ich Sie, wollen
Sie mittun in diesem unserm Bunde, der ohne Sie gar nicht existierte? Mir ist
manches verquer gegangen. Aber ich bin, denk ich, dem Tage nahe, der mich ahnen
lt, da unsre Prfungen auch unsre Segnungen sind und da mir alles Leid nur
kam, um den Stab, der trgt und sttzt, fester zu umklammern. Ich darf leider
nicht hinzusetzen, da dieser Stab (mglich, da er sich einst dazu auswchst)
das Kreuz sei. Meiner ganzen Natur nach bin ich unglubig. Aber ich hoffe sagen
zu drfen: ich bin wenigstens demtig.
    Wenigstens demtig, wiederholte Lorenzen langsam, zugleich halb verlegen
vor sich hin blickend, und Melusine, die Zweifel, die sich in der Wiederholung
dieser Worte ziemlich deutlich aussprachen, mit scharfem Ohre heraushrend, fuhr
in pltzlich verndertem und beinah heiterem Tone fort: Wie grausam Sie sind.
Aber Sie haben recht. Demtig. Und da ich mich dessen auch noch berhme. Wer
ist demtig? Wir alle sind im letzten doch eigentlich das Gegenteil davon. Aber
das darf ich sagen, ich habe den Willen dazu.
    Und schon der gilt, Frau Grfin. Nur freilich ist Demut nicht genug; sie
schafft nicht, sie frdert nicht nach auen, sie belebt kaum.
    Und ist doch mindestens der Anfang zum Bessern, weil sie mit dem Egoismus
aufrumt. Wer die Staffel hinauf will, mu eben von unten an dienen. Und soviel
bleibt, es birgt sich in ihr die Lsung jeder Frage, die jetzt die Welt bewegt.
Demtig sein heit christlich sein, christlich in meinem, vielleicht darf ich
sagen in unsrem Sinne. Demut erschrickt vor dem zweierlei Ma. Wer demtig ist,
der ist duldsam, weil er wei, wie sehr er selbst der Duldsamkeit bedarf; wer
demtig ist, der sieht die Scheidewnde fallen und erblickt den Menschen im
Menschen.
    Ich kann Ihnen zustimmen, lchelte Lorenzen. Aber wenn ich, Frau Grfin,
in Ihren Mienen richtig lese, so sind diese Bekenntnisse doch nur Einleitung zu
was andrem. Sie halten noch das Eigentliche zurck und verbinden mit Ihrer
Aussprache, so sonderbar es klingen mag, etwas Spezielles und beinah
Praktisches.
    Und ich freue mich, da Sie das herausgefhlt haben. Es ist so. Wir kommen
da eben von Ihrem Stechlin her, von Ihrem See, dem Besten, was Sie hier haben.
Ich habe mich dagegen gewehrt, als das Eis aufgeschlagen werden sollte, denn
alles Eingreifen oder auch nur Einblicken in das, was sich verbirgt, erschreckt
mich. Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende,
denn eben dies Werdende wird ber kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein.
Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber fr das Neue
sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir, wie der Stechlin
uns lehrt, den groen Zusammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschlieen
heit sich einmauern, und sich einmauern ist Tod. Es kommt darauf an, da wir
gerade das bestndig gegenwrtig haben. Mein Vertrauen zu meinem Schwager ist
unbegrenzt. Er hat einen edeln Charakter, aber ich wei nicht, ob er auch einen
festen Charakter hat. Er ist feinen Sinnes, und wer fein ist, ist oft
bestimmbar. Er ist auch nicht geistig bedeutend genug, um sich gegen abweichende
Meinungen, gegen Irrtmer und Standesvorurteile wehren zu knnen. Er bedarf der
Sttze. Diese Sttze sind Sie meinem Schwager Woldemar von Jugend auf gewesen.
Und um was ich jetzt bitte, das heit: Seien Sie's ferner.
    Da ich Ihnen sagen knnte, wie freudig ich in Ihren Dienst trete,
gndigste Grfin. Und ich kann es um so leichter, als Ihre Ideale, wie Sie
wissen, auch die meinigen sind. Ich lebe darin und empfind es als eine Gnade,
da, wo das Alte versagt, ganz in einem Neuen aufzugehn. Um ein solches Neues
handelt es sich. Ob ein solches Neues sein soll (weil es sein mu) oder ob es
nicht sein soll, um diese Frage dreht sich alles. Es gibt hier um uns her eine
groe Zahl vorzglicher Leute, die ganz ernsthaft glauben, das uns berlieferte
- das Kirchliche voran (leider nicht das Christliche) - msse verteidigt werden
wie der Salomonische Tempel. In unserer Obersphre herrscht auerdem eine naive
Neigung, alles Preuische fr eine hhere Kulturform zu halten.
    Genau wie Sie sagen. Aber ich mchte doch, um der Gerechtigkeit willen, die
Frage stellen drfen, ob dieser naive Glaube nicht eine gewisse Berechtigung
hat.
    Er hatte sie mal. Aber das liegt zurck. Und kann nicht anders sein. Der
Hauptgegensatz alles Modernen gegen das Alte besteht darin, da die Menschen
nicht mehr durch ihre Geburt auf den von ihnen einzunehmenden Platz gestellt
werden. Sie haben jetzt die Freiheit, ihre Fhigkeiten nach allen Seiten hin und
auf jedem Gebiete zu bettigen. Frher war man dreihundert Jahre lang ein
Schloherr oder ein Leinenweber; jetzt kann jeder Leinenweber eines Tages ein
Schloherr sein.
    Und beinah auch umgekehrt, lachte Melusine. Doch lassen wir dies heikle
Thema. Viel, viel lieber hr ich ein Wort von Ihnen ber den Wert unsrer Lebens-
und Gesellschaftsformen, ber unsre Gesamtanschauungsweise, deren besondere
Zulssigkeit Sie, wie mir scheint, so nachdrcklich anzweifeln.
    Nicht absolut. Wenn ich zweifle, so gelten diese Zweifel nicht so sehr den
Dingen selbst als dem Hochma des Glaubens daran. Da man all diese
Mittelmadinge fr etwas Besonderes und berlegenes und deshalb, wenn's sein
kann, fr etwas ewig zu Konservierendes ansieht, das ist das Schlimme. Was mal
galt, soll weiter gelten, was mal gut war, soll weiter ein Gutes oder wohl gar
ein Bestes sein. Das ist aber unmglich, auch wenn alles, was keineswegs der
Fall ist, einer gewissen Herrlichkeitsvorstellung entsprche... Wir haben, wenn
wir rckblicken, drei groe Epochen gehabt. Dessen sollen wir eingedenk sein.
Die vielleicht grte, zugleich die erste, war die unter dem Soldatenknig. Das
war ein nicht genug zu preisender Mann, seiner Zeit wunderbar angepat und ihr
zugleich voraus. Er hat nicht blo das Knigtum stabiliert, er hat auch, was
viel wichtiger, die Fundamente fr eine neue Zeit geschaffen und an die Stelle
von Zerfahrenheit, selbstischer Vielherrschaft und Willkr Ordnung und
Gerechtigkeit gesetzt. Gerechtigkeit, das war sein bester rocher de bronce.
    Und dann?
    Und dann kam Epoche zwei. Die lie, nach jener ersten, nicht lange mehr auf
sich warten, und das seiner Natur und seiner Geschichte nach gleich ungeniale
Land sah sich mit einem Male von Genie durchblitzt.
    Mu das ein Staunen gewesen sein.
    Ja. Aber doch mehr drauen in der Welt als daheim. Anstaunen ist auch eine
Kunst. Es gehrt etwas dazu, Groes als gro zu begreifen... Und dann kam die
dritte Zeit. Nicht gro und doch auch wieder ganz gro. Da war das arme, elende,
halb dem Untergange verfallene Land nicht von Genie, wohl aber von Begeisterung
durchleuchtet, von dem Glauben an die hhere Macht des Geistigen, des Wissens
und der Freiheit.
    Gut, Lorenzen. Aber weiter.
    Und all das, was ich da so hergezhlt, umfate zeitlich ein Jahrhundert. Da
waren wir den andern voraus, mitunter geistig und moralisch gewi. Aber der
Non-soli-cedo-Adler mit seinem Blitzbndel in den Fngen, er blitzt nicht mehr,
und die Begeisterung ist tot. Eine rcklufige Bewegung ist da, lngst
Abgestorbenes, ich mu es wiederholen, soll neu erblhn. Es tut es nicht. In
gewissem Sinne freilich kehrt alles einmal wieder, aber bei dieser Wiederkehr
werden Jahrtausende bersprungen; wir knnen die rmischen Kaiserzeiten, Gutes
und Schlechtes, wiederhaben, aber nicht das spanische Rohr aus dem
Tabakskollegium und nicht einmal den Krckstock von Sanssouci. Damit ist es
vorbei. Und gut, da es so ist. Was einmal Fortschritt war, ist lngst
Rckschritt geworden. Aus der modernen Geschichte, der eigentlichen, der
lesenswerten, verschwinden die Bataillen und die Bataillone (trotzdem sie sich
bestndig vermehren), und wenn sie nicht selbst verschwinden, so schwindet doch
das Interesse daran. Und mit dem Interesse das Prestige. An ihre Stelle treten
Erfinder und Entdecker, und James Watt und Siemens bedeuten uns mehr als du
Guesclin und Bayard. Das Heldische hat nicht direkt abgewirtschaftet und wird
noch lange nicht abgewirtschaftet haben, aber sein Kurs hat nun mal seine
besondere Hhe verloren, und anstatt sich in diese Tatsache zu finden, versucht
es unser Regime, dem Niedersteigenden eine knstliche Hausse zu geben.
    Es ist, wie Sie sagen. Aber gegen wen richtet sich's? Sie sprachen von
Regime. Wer ist dies Regime? Mensch oder Ding? Ist es die von alter Zeit her
bernommene Maschine, deren Rderwerk tot weiterklappert, oder ist es der, der
an der Maschine steht? Oder, endlich, ist es eine bestimmte abgegrenzte
Vielheit, die die Hand des Mannes an der Maschine zu bestimmen, zu richten
trachtet? In allem, was Sie sagen, klingt eine sich auflehnende Stimme. Sind Sie
gegen den Adel? Stehen Sie gegen die alten Familien?
    Zunchst: nein. Ich liebe, hab auch Ursach dazu, die alten Familien und
mchte beinah glauben, jeder liebt sie. Die alten Familien sind immer noch
populr, auch heute noch. Aber sie vertun und verschtten diese Sympathien, die
doch jeder braucht, jeder Mensch und jeder Stand. Unsre alten Familien kranken
durchgngig an der Vorstellung, da es ohne sie nicht gehe, was aber weit
gefehlt ist, denn es geht sicher auch ohne sie; - sie sind nicht mehr die Sule,
die das Ganze trgt, sie sind das alte Stein- und Moosdach, das wohl noch lastet
und drckt, aber gegen Unwetter nicht mehr schtzen kann. Wohl mglich, da
aristokratische Tage mal wiederkehren, vorlufig, wohin wir sehen, stehen wir im
Zeichen einer demokratischen Weltanschauung. Eine neue Zeit bricht an. Ich
glaube, eine bessere und eine glcklichere. Aber wenn auch nicht eine
glcklichere, so doch mindestens eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft, eine
Zeit, in der wir besser atmen knnen. Und je freier man atmet, je mehr lebt man.
Was aber Woldemar angeht, meiner sind Sie sicher, Frau Grfin. Bleibt freilich,
als Hauptfaktor, noch die Comtesse. Fr die mssen Sie die Brgschaft
bernehmen. Die Frauen bestimmen schlielich doch alles.
    So heit es immer. Und wir sind eitel genug, es zu glauben. Aber das fhrt
uns auf ganz neue Gebiete. Vorlufig Ihre Hand zur Besieglung. Und nun erlauben
Sie mir, nach diesem unserm revolutionren Diskurse, zu den Htten friedlicher
Menschen zurckzukehren. Ich habe mich bei dem alten Herrn nur auf eine halbe
Stunde beurlaubt und rechne darauf, da Sie mich, wenn nicht bis ins Museum
selbst (das dem Programm nach besucht werden sollte), so doch wenigstens bis auf
die Schlorampe begleiten.

                              Dreiigstes Kapitel


Lorenzen tat, wie gewnscht, und auf dem Wege zum Schlo plauderten beide
weiter, wenn auch ber sehr andere Dinge.
    Was ist es eigentlich mit diesem Museum? fragte Melusine; kann ich mir
doch kaum was Rechtes darunter vorstellen. Eine alte Papptafel mit Inschrift
hngt da schrg ber der Saaltr, alles dicht neben meinem Schlafzimmer, und ich
habe mich etwas davor gengstigt.
    Sehr mit Unrecht, gndigste Grfin. Die primitive Papptafel, die freilich
verwunderlich genug aussieht, sollte wohl nur andeuten, da es sich bei der
ganzen Sache mehr um einen Scherz als um etwas Ernsthaftes handelt. Etwa wie bei
Sammlung von Meerschaumpfeifen und Tabaksdosen. Und Sie werden auch vorwiegend
solchen Seltsamkeiten begegnen. Anderseits aber ist es auch wieder ein richtiges
historisches Museum, trotzdem es nur halb das geworden ist, worauf Herr von
Stechlin anfnglich aus war.
    Und das war?
    Das war mehr etwas Groteskes. Es mgen nun wohl schon zwanzig Jahre sein,
da las er eines Tages in der Zeitung von einem Englnder, der historische Tren
sammle und neuerdings sogar fr eine enorme Summe, ich glaube, es waren tausend
Pfund, die Gefngnistr erstanden habe, durch die Ludwig XVI. und dann spter
Danton und Robespierre zur Guillotinierung abgefhrt worden seien. Und diese
Notiz machte solchen Eindruck auf unsern liebenswrdigen Stechliner Schloherrn,
da er auch solche historische Trensammlung anzulegen beschlo. Er ist aber
nicht weit damit gekommen und hat sich mit dem Kstriner Schlofenster begngen
mssen, an dem Kronprinz Friedrich stand, als Katte zur Enthauptung
vorbergefhrt wurde. Doch auch das ist unsicher, ja, die meisten wollen nichts
davon wissen. Nur Krippenstapel hlt noch daran fest.
    Krippenstapel?
    Ja. Der Name frappiert Sie. Das ist nmlich unser Lehrer hier, Liebling des
alten Herrn und sein Berater in derlei Dingen. Der hat ihm denn auch das
gegenwrtige Museum, das man als Abschlagszahlung auf die historischen Tren
ansehen kann, zusammengestellt. Auer dem angezweifelten Fenster werden Frau
Grfin noch ein paar phantastische Regentraufen finden und vor allem viele
Wetterhhne, die von alten mrkischen Kirchtrmen herabgenommen wurden. Einige
sollen ganz interessant sein. Ich habe keinen Sinn dafr. Aber Krippenstapel hat
einen Katalog angefertigt.
    Unter diesen Worten waren beide bis an die Rampe gekommen, auf der Engelke
schon stand und auf die Grfin wartete. Lorenzen empfahl sich. Aber auch
Melusine wollte nicht gleich ins Museum hinauf, zog es vielmehr vor, erst unten
in das groe Gesellschaftszimmer einzutreten und sich da zu wrmen.
    Engelke machte sich auch sofort am Kamin zu schaffen, was der Grfin gut
pate, weil sie noch manches fragen wollte.
    Das ist recht, Engelke, da Sie Kohlen aufschtten und auch Kienpfel. Ich
freue mich immer, wenn es so lustig brennt. Und oben im Museum wird es wohl noch
kalt sein.
    Ja, kalt ist es, Frau Grfin. Aber mit der Klte, na, das ging' am Ende
noch, und der viele Staub, der oben liegt, das ginge vielleicht auch noch; Staub
wrmt. Und die Dachtraufen und Wetterhhne tun auch keinem Menschen was...
    Aber was ist denn sonst noch?
    Ach, ich meine blo die verdammten Dinger, die Spinnen...
    Um Gottes willen, Spinnen? erschrak Melusine.
    Ja, Spinnen, Frau Grfin. Aber so ganz schlimme sind nich dabei. Solche mit
'm Kreuz oben hab ich bei uns noch nicht gesehn. Blo solche, die Schneider
heien.
    Ach, das sind die, die die langen Beine haben.
    Ja, lange Beine haben sie. Aber sie tun einem nichts. Und eigentlich sind
es sehr ngstliche Tiere und verkriechen sich, wenn sie hren, da
aufgeschlossen wird, und blo wenn Krippenstapel kommt, dann kommen sie alle
raus un kucken sich um. Krippenstapeln, den kennen sie ganz gut, und ich hab
auch mal gesehn, da er ihnen Fliegen mitbringt, und machen sich dann gleich
drber her.
    Aber das ist ja grausam. Ist es denn ein guter Mensch?
    Oh, sehr gut, Frau Grfin. Und als ich ihm mal so was sagte, sagte er: Ja,
Engelke, das is nu mal so; einer frit den andern auf.
    Das Gesprch setzte sich noch eine Weile fort; dann sagte Melusine: Nun,
Engelke, ist es aber wohl die hchste Zeit fr das Museum, sonst komm ich zu
spt und seh und hre gar nichts mehr. Ich bin nun auch wieder warm geworden.
Dabei erhob sie sich und stieg die Doppeltreppe hinauf und klopfte. Sie wollte
nicht gleich eintreten.
    Auf ihr Klopfen wurde sehr bald von innen her geffnet, und Krippenstapel,
mit der Hornbrille, stand vor ihr. Er verbeugte sich und trat zurck, um den
Platz freizugeben. Aber Melusine, deren Angst vor ihm wiederkehrte, zauderte,
was eine momentane Verlegenheit schuf. Inzwischen war aber auch Dubslav
herangekommen. Ich frchtete schon, da Lorenzen Sie nicht herausgeben wrde.
Seine Gelegenheiten, hier in Stechlin ein Gesprch zu fhren, sind nicht gro,
und nun gar ein Gesprch mit Grfin Melusine! Nun, er hat es gndig gemacht.
Jetzt aber, Grfin, halten Sie geflligst Umschau; vielleicht da Lorenzen schon
geplaudert hat oder gar Engelke.
    So ganz im dunkeln bin ich nicht mehr; ein Kstriner Schlofenster, ein
paar Kirchendachreliquien und dazu Wetterhhne - lauter Gegenstnde (denn ich
bin auch ein bichen frs Aparte), zu deren Auswahl ich Ihnen gratuliere.
    Wofr ich der Frau Grfin dankbar bin, ohne sonderlich berrascht zu sein.
Ich wute, Damen wie Grfin Ghiberti haben Sinn fr derlei Dinge. Darf ich Ihnen
brigens zunchst hier diesen Lebuser Bischof zeigen und hier weiter einen
Heiligen oder vielleicht Anachoreten? Beide, Bischof und Anachoret, sind sehr
unhnlich untereinander, schon in bezug auf Leibesumfang - der richtige
Gegensatz von Refektorium und Wste. Wenn ich den Heiligen hier so sehe, taxier
ich ihn hchstens auf eine Dattel tglich. Und nun denk ich, wir fahren in
unsrer Besichtigung fort. Krippenstapel war nmlich eben dabei, der Comtesse
Armgard unsern Derfflingerschen Dragoner mit der kleinen Standarte und der
Jahreszahl 1675 zu zeigen. Bitte, Grfin Melusine, bemerken Sie hier die Zahl,
dicht unter dem brandenburgischen Adler. Es wirkt, wie wenn er die Nachricht vom
Siege bei Fehrbellin berbringen wolle. Da es ein Dragoner ist, ist klar; der
Filzhut mit der breiten Krempe hebt jeden Zweifel, und ich hab es fr mein gutes
Recht gehalten, ihn auch speziell als Derfflingerschen Dragoner festzusetzen.
Aber mein Freund Krippenstapel will davon nichts wissen, und wir liegen darber
seit Jahr und Tag in einer ernsten Fehde. Glcklicherweise unsre einzige. Nicht
wahr, Krippenstapel?
    Dieser lchelte und verbeugte sich.
    Die beiden Damen, fuhr Dubslav fort. mgen aber nicht etwa glauben, da
ich mich fr berechtigt halte, die freie Wissenschaft hier in meinem Museum in
Banden zu schlagen. Grad umgekehrt. Ich kann also nur wiederholen:
Krippenstapel, Sie haben das Wort. Und nun, bitte, setzen Sie den Damen
Ihrerseits auseinander, warum es nach ganz bestimmten Begleiterscheinungen ein
Derfflingerscher nicht sein kann. Bilderbcher aus der Zeit her hat man nicht,
und die groen Gobelins lassen einen im Stich und beweisen gar nichts.
    Unter diesen Worten hatte Krippenstapel die den Gegenstand des Streits
bildende Wetterfahne wieder in die Hand genommen, und als er sah, da die Grfin
- die, wie das in ihrer Natur lag, den vor zehn Minuten noch so gefrchteten
Fliegentter lngst in ihr Herz geschlossen hatte - ihm freundlich zunickte,
lie er auf Geltendmachung seines Standpunkts auch nicht lange mehr warten und
sagte: Ja, Frau Grfin, der Streit schwebt nun schon so lange, wie wir den
Dragoner berhaupt haben, und Herr von Stechlin wre wohl schon lngst in das
gegnerische Lager, in dem ich und Oberlehrer Tucheband stehn, bergegangen, wenn
er nicht an meiner wissenschaftlichen Ereiferung seine bestndige Freude htte.
Tucheband, einer unsrer Besten und ein Mann, der nicht leicht vorbeischiet, hat
auch in dieser Frage gleich das Richtige getroffen. Er hat nmlich den Ort in
Erwgung gezogen, von wo diese Wetterfahne stammt. Sie stammt aus dem wenigstens
damals noch der alten Familie von Mrner zugehrigen Dorfe Zellin in der
Neumark. Das Regiment aber, das sich bei Fehrbellin vor allen andern
auszeichnete, war das Dragonerregiment Mrner. Es ist also kein
Derfflingerscher, sondern ein Mrnerscher Dragoner, der, in fliegender Eile, die
Nachricht von dem erfochtenen Siege nach Zellin bringt.
    Bravo, sagte Melusine. Wenn ich je eine richtige Schlufolgerung gehrt
habe (die meisten sind Blender), so haben wir sie hier. Herr von Stechlin, ich
kann Ihnen nicht helfen, Sie sind besiegt.
    Dubslav war einverstanden und kte Melusine die Hand, ohne sich um die
mibilligenden Blicke seiner Schwester zu kmmern, die jetzt ihrerseits auf
endliche Vorfhrung der beiden Mhlen drang, ihrer zwei Lieblingsstcke. Diese
beiden Mhlen, so versicherte sie, seien das einzige, was hier berhaupt einen
Anspruch auf Museum erheben drfe. Beinah war es wirklich so, wie selbst
Krippenstapel zugab, trotzdem sich, bis wenigstens ganz vor kurzem, nichts von
historischer Kontroverse (die doch schlielich immer die Hauptsache bleibt)
daran geknpft hatte. Neuerdings freilich hatte sich das gendert. Zwei Berliner
Herren vom Gewerbemuseum waren ber die Mhlen in Streit geraten, speziell ber
ihren Ursprungsort. Zwar hatte man sich vorlufig dahin geeinigt, da die
Wassermhle hollndisch, die Windmhle dagegen (eine richtige alte Bockmhle)
eine Nrnberger Arbeit sei; Krippenstapel aber hatte bei diesem Friedensschlusse
nur gelchelt. Er war viel zu sehr ernster Wissenschaftsmensch, als da er nicht
htte herausfhlen sollen, wie diese sogenannte Beilegung nichts als eine
Verkleisterung war. Der Ausbruch neuer Streitigkeiten stand nahe bevor.
    Die waren aber zunchst wenigstens ausgeschlossen, da beide Schwestern,
Armgard wie Melusine, wie Kinder vor einem Lieblingsspielzeug, in einem ganz
ausbndigen Vergngen aufgingen. Die Windmhle klapperte, da es eine Lust war,
und das Rad der Wassermhle, wenn es grad in der Sonne blitzte, gab einen
solchen Silberschein, da es aussah, als fiele das blinkende Wasser wirklich
ber die Schaufelbretter. All das wurde gesehn und bewundert, und was nicht
gesehn wurde, nahm man auf Treu und Glauben mit in den Kauf. Von den Spinnen kam
keine zum Vorschein; nur hier und da hingen lange graue Gewebe, was jedoch nur
feierlich aussah, und als Mittag heran war, verlie man das Museum, um sich
erst eine Stunde zu ruhn und dann bei Tische wiederzusehn. Die Grfin aber, ehe
sie den groen, wsten Raum verlie, trat noch einmal an Krippenstapel heran, um
ihn, unter gewinnendstem Lcheln, zu bitten, ihr, sobald ein ernsterer Streit
ber die beiden Mhlen entbrennen sollte, die betreffenden Schriftstcke nicht
vorzuenthalten.
    Krippenstapel versprach alles.

Auf drei war das Mittagsmahl angesetzt. Schon eine Viertelstunde vorher erschien
Lorenzen und traf den alten Dubslav in einer gewissen stattlichen Herrichtung an
oder, wie er sich selbst zu Engelke geuert hatte, ganz feudal.
    Ach, das ist gut, Lorenzen, da Sie schon kommen. Ich habe noch allerhand
auf dem Herzen. Es mu doch was geschehn, eine richtige Begrung (denn das
gestern abend war zuwenig) oder aber ein solennes Abschiedswort, kurzum
irgendwas, das in das Gebiet der Toaste gehrt. Und da mssen Sie helfen. Sie
sind ein Mann von Fach, und wer jeden Sonntag predigen kann, kann doch
schlielich auch 'ne Tischrede halten.
    Ja, das sagen Sie so, Herr von Stechlin. Mitunter ist eine Tischrede leicht
und eine Predigt schwer, aber es kann auch umgekehrt liegen. Auerdem, wenn Sie
sich nur erst mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, da es so sein mu, dann
geht es auch. Sie werden sehn, das Herz, wie immer, macht den Redner. Und dazu
diese Damen, beide von so seltener Liebenswrdigkeit. Was die Grfin angeht...
    Ja, lachte der Alte, was die Grfin angeht... Sie machen sich's bequem,
Pastor. Die Grfin - wenn sich's um die handelte, da knnt ich's vielleicht
auch. Aber die Comtesse, die hat so was Ernstes. Und dann ist sie zum brigen
auch noch meine Schwiegertochter oder soll es wenigstens werden, und da mu ich
doch sprechen wie 'ne Respektsperson. Und das ist schwer, vielleicht, weil sich
in meiner Vorstellung die Grfin immer vor die Comtesse schiebt.
    Dubslav sprach noch so weiter. Aber es half ihm nichts; Lorenzen war in
seinem Widerstande nicht zu besiegen, und so kam denn die Tisch- und endlich
auch die gefrchtete Redezeit heran. Der Alte hatte sich schlielich drin
gefunden. Meine lieben Gste, hob er an, geliebte Braut, hochverehrte
Brautschwester! Ein andres Wort, um meine Beziehungen zu Grfin Melusine zu
bezeichnen, hat vorlufig die deutsche Sprache nicht, was ich bedaure. Denn das
Wort sagt mir lange nicht genug. Wenige Stunden erst ist es, da ich Sie, meine
Damen, an dieser Stelle begren durfte, noch kein voller Tag, und schon ist der
Abschied da. Whrenddem hab ich kein Du beantragt, aber es liegt doch in der
Luft, mehr noch auf meiner Lippe ... Teuerste Armgard! dies alte Haus Stechlin
also soll Ihre dereinstige Heimsttte werden; Sie werden sie zu neuem Leben
erheben. Unter meinem Regime war es nicht viel damit. Auch heute nicht. Ich habe
nur das gute Gewissen, Ihnen whrend dieser kurzen Spanne Zeit alles gezeigt zu
haben, was gezeigt werden konnte: mein Museum und meinen See. Die Sprudelstelle
(die Winterhand lag darauf) hat geschwiegen, aber mein Derfflingerscher Dragoner
- in Krippenstapels Abwesenheit darf ich ihn ja wieder so nennen - hat dafr um
so deutlicher zu Ihnen gesprochen. Er hat die Zahl 1675 in seiner Standarte und
trgt die Siegesnachricht von Fehrbellin ins mrkische Land. Erleb ich's noch
und gibt Krippenstapel seine Zustimmung, so stell ich, kurz oder lang, auch
meinerseits einen Dragoner auf meinen Dachreiter (einen Turm hab ich nicht), und
zwar einen Dragoner vom Regiment Knigin von Grobritannien und Irland, und auch
er trgt eine Siegesbotschaft ins Land. Nicht die von Kniggrtz und nicht die
von Mars-la-Tour, aber die von einem gleich gewichtigen Siege. Das Haus Barby
lebe hoch und meine liebe Schwiegertochter Armgard!
    Alle waren bewegt. Am meisten Lorenzen. Als er an den Alten herantrat,
flsterte er ihm zu: Sehn Sie. Ich wut es. Armgard kte dem Alten die Hand,
Melusine strahlte. Ja, die alte Garde! sagte sie. Nur Schwester Adelheid
konnte sich in dieser allgemeinen Freude nicht gut zurechtfinden. Alle
Feierungen muten eben das Ma halten, das sie vorschrieb. Sie hatte den
landesblichen Zug: Nur nicht zuviel von irgendwas, am wenigsten aber von
Huldigungen oder gar von Hingebung.
    Als man wieder sa, sagte Melusine: Krippenstapel wird brigens verstimmt
sein, wenn er von Ihrem Trinkspruche hrt. Es war doch eigentlich eine erneute
feierliche Proklamierung des Derfflingerschen. Und was bei solcher Gelegenheit
gesagt wird, das gilt... Interessiert sich brigens irgendwer fr dies Ihr
Museum?
    Dann und wann ein Mann von Fach. Sonst niemand.
    Was Sie verdriet.
    Nein, gndigste Grfin. Nicht im geringsten. Ich nehme nicht vieles
ernsthaft, und am wenigsten ernsthaft nehm ich mein Museum. Es ist freilich von
mir ausgegangen und interessierte mich auch eine Weile, hinterher aber hat sich
eigentlich alles ohne mich gemacht. Das ist so die Regel. Ist berhaupt erst ein
Anfang da, so laufen die Dinge von selber weiter, und die Leute lassen einen
nicht wieder los, halten einen fest, man mag wollen oder nicht. Ich htte
vielleicht alles schon lngst wieder aufgegeben, man will's aber nicht. Einigen
gereicht es zur Befriedigung, mich fr einen Querkopf halten zu knnen, und
andre sprechen wenigstens von Originalittshascherei. Man mu eben allerhand
ber sich ergehen lassen.

                           Einunddreiigstes Kapitel


Um fnf Uhr brachen Woldemar und die Barbyschen Damen auf, um den Zug, der um
sieben Uhr Gransee passierte, nicht zu versumen. Es dunkelte schon, aber der
Schnee sorgte fr einen Lichtschimmer; so ging es ber die Bohlenbrcke fort in
die Kastanienallee mit ihrem kahlen und bereisten Gezweige hinein.
    Lorenzen war noch im Schlosse zurckgeblieben und setzte sich, um wieder
warm zu werden - auf der Rampe war's kalt und zugig gewesen -, in die Nhe des
Kamins, dem alten Dubslav gegenber. Dieser hatte seinen Meerschaum angezndet
und sah behaglich in die Flamme, blieb aber ganz gegen seine Gewohnheit
schweigsam, weil eben noch eine dritte Person da war, die von den
liebenswrdigen Damen, ber die sich auszulassen es ihn in seiner Seele drngte,
ganz augenscheinlich nichts hren wollte. Diese dritte Person war natrlich
Tante Adelheid. Die wollte nicht sprechen. Andrerseits mute durchaus der
Versuch einer Konversation gemacht werden, und so griff denn Dubslav zu den
Gundermanns hinber, um in ein paar Worten sein Bedauern darber auszudrcken,
da er die Siebenmhlner nicht habe mit heranziehn knnen. Engelke sei so sehr
dagegen gewesen. All dies Bedauern - wie's der ganzen Sachlage nach nicht
anders sein konnte - kam flau genug heraus, aber die Domina war so hochgradig
verstimmt, da ihr selbst so nchterne, das Verbindliche nur ganz leise, nur
ganz obenhin streifende Worte schon zuwider waren. Ach, la doch diese geborne
Helfrich, sagte sie, diese Tochter von dem alten Hauptmann, der die Schlacht
bei Leipzig gewonnen haben soll. So wenigstens erzhlt sie bestndig. Eine
schreckliche Frau, die gar nicht in unsre Gesellschaft pat. Und dabei so laut.
Ich kann es nicht leiden, wenn wir so mit Gewalt nach oben blicken sollen, aber
diese Helfrich, das mu ich sagen, ist denn doch auch nicht mein Geschmack. Ich
halte das Untersichbleiben fr das einzig Richtige. Bescheidene Verhltnisse,
aber bestimmt gezogene Grenzen.
    Lorenzen htete sich zu widersprechen, versuchte vielmehr umgekehrt, durch
ein halbes Eingehn auf Adelheid und ihren Ton, eine bessere Laune
wiederherzustellen. Als er aber sah, da er damit scheiterte, brach er auf.
    Und nun waren die beiden alten Geschwister allein.
    Dubslav ging im Zimmer unruhig auf und ab und trat nur dann und wann an den
Tisch heran, auf dem noch vom Kaffee her die Liqueurflaschen standen. Er wollte
was sagen, traute sich's aber nicht recht, und erst als er zu zwei Curaaos auch
noch einen Benediktiner hinzugefgt hatte, wandte er sich an die Schwester, die,
schweigsam wie er selbst, ihre kleine goldene Kette hin und her zog.
    Ja, sagte er, jetzt sind sie nun wohl schon in Woltersdorf.
    Ich vermute, drber raus. Woldemar wird die Pferde natrlich ausholen
lassen. Es sind, glaub ich, Damen, die nicht gerne langsam fahren.
    Du sagst das so, Adelheid, als ob du's tadeln wolltest, berhaupt, als ob
dir die Damen nicht sonderlich gefallen htten. Das sollte mir leid tun. Ich bin
sehr glcklich ber die Partie. Gewi, sowohl die Grfin wie die Comtesse sind
verwhnt; das merkt man. Aber ich mchte sagen, je verwhnter sie sind...
    Desto besser gefallen sie dir. Das sieht dir hnlich. Ich liebe mehr unsre
Leute. Beide sind doch beinah wie Fremde.
    Nun, das ist nicht schlimm.
    Doch. Mir widersteht das Fremde. La dir erzhlen. Da war ich vorigen
Sommer mit der Schmargendorf in Berlin und ging zu Josty, weil die
Schmargendorf, die so was liebt, gern eine Tasse Schokolade trinken wollte.
    Du hoffentlich auch.
    Allerdings. Ich auch. Aber ich kam nicht recht dazu, nippte blo, weil ich
mich ber die Maen rgern mute. Denn an dem Tische neben mir sa ein Herr und
eine Dame, wenn es berhaupt eine Dame war. Aber Englnder waren es. Er steckte
ganz in Flanell und hatte die Beinkleider umgekrempelt, und die Dame trug einen
Rock und eine Bluse und einen Matrosenhut. Und der Herr hatte ein Windspiel, das
immer zitterte, trotzdem fnfundzwanzig Grad Wrme waren.
    Ja, warum nicht?
    Und zwischen ihnen stand eine Tablette mit Wasser und Cognac, und die Dame
hielt auerdem noch eine Zigarette zwischen den Fingern und sah in die
Ringelwlkchen hinein, die sie blies.
    Scharmant. Das mu ja reizend ausgesehn haben.
    Und ich verwette mich, diese Melusine raucht auch.
    Ja, warum soll sie nicht? Du schlachtest Gnse. Warum soll Melusine nicht
rauchen?
    Weil Rauchen mnnlich ist.
    Und Schlachten weiblich... Ach, Adelheid, wir knnen uns ber so was nicht
einigen. Ich gelte schon fr leidlich altmodisch, aber du, du bist ja geradezu
petrefakt.
    Ich verstehe das Wort nicht und wnsche nur, da es etwas ist, dessen du
dich nicht zu schmen hast. Es klingt sonderbar genug. Aber ich wei, du liebst
dergleichen und liebst gewi auch (und hast so deine Vorstellungen dabei) den
Namen Melusine.
    Kann ich beinah sagen
    Ich dacht es mir.
    Ja, Schwester, du hast gut reden. So sicher wie du wohnt eben nicht jeder.
Adelheid! das ist ein Name, der pat immer. Und im Kirchenbuche, wie mir
Lorenzen erst neulich gezeigt hat, steht sogar Adelheide. Das Schlu-e ist bei
der schlechten Wirtschaft in unserm Hause so mit draufgegangen. Die Stechline
haben immer alles verurscht.
    Ich bitte dich, whle doch andere Worte.
    Warum? Verurscht ist ein ganz gutes Wort. Und auerdem, schon der alte
Kortschdel sagte mir mal, man msse gegen Wrter nicht so streng sein und gegen
Namen erst recht nicht, da sitze manch einer in einem Glashause. Hltst du
Rentmeister Fix fr einen schnen Namen? Und als ich noch bei den Krassieren in
Brandenburg war, in meinem letzten Dienstjahr, da hatten wir dicht bei uns einen
kleinen Mann von der Feuerversicherung, der hie Briefbeschwerer. Ja, Adelheid,
wenn ich dem gegenber so verfahren wre wie du jetzt mit Grfin Melusine, so
htt ich mir den Mann als eine halbe Bombe vorstellen mssen oder als einen
Kugelmann. Denn damals, es war Anno vierundsechzig, waren alle Briefbeschwerer
blo Kugelmnner: 'ne Flintenkugel oben und zwei Flintenkugeln unten. Und
natrlich 'ne Karttschenkugel als Bauch in der Mitte. Das
Feuerversicherungsmnnchen aber, das zufllig so sonderbar hie, das war so dnn
wie 'n Strich.
    Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du gibst da deinem Zeisig mal
wieder ein gut Stck Zucker. Ich sage Zeisig, weil ich nicht verletzlich werden
will.
    K die Hand...
    Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe, das ist das. Ich habe
nichts dagegen, da jemand Briefbeschwerer heit, und berla es ihm, ob er ein
Strich oder ein Kugelmann sein will. Aber ich habe sehr viel gegen Melusine.
Briefbeschwerer, nu, das ist blo ein Zufall, Melusine aber ist kein Zufall, und
ich kann dir blo sagen, diese Melusine ist eben eine richtige Melusine. Alles
an dieser Person...
    Ich bitte dich, Adelheid...
    Alles an dieser Dame, wenn sie durchaus so etwas sein soll, ist
verfhrerisch. Ich habe so was von Koketterie noch nie gesehn. Und wenn ich mir
dann unsern armen Woldemar daneben denke! Der is ja solcher Eva gegenber von
Anfang an verloren. Eh er noch wei, was los ist, ist er schon umstrickt,
trotzdem er doch blo ihr Schwager ist. Oder vielleicht auch grade deshalb. Und
dazu das ewige Sichbiegen und -wiegen in den Hften. Alles wie zum Beweise, da
es mit der Schlange denn doch etwas auf sich hat. Und wie sie nun gar erst mit
dem Lorenzen umsprang. Aber freilich, der ist womglich noch leichter zu fangen
als Woldemar. Er sah sie immer an wie 'ne Offenbarung. Und sie ist auch so was.
Darber is kein Zweifel. Aber wovon?

                                    Hochzeit



                           Zweiunddreiigstes Kapitel

Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin zurck. Woldemar hatte Braut
und Schwgerin bis an das Kronprinzenufer begleitet, mute jedoch auf Verbleib
im Barbyschen Hause verzichten, weil im Kasino eine kleine Festlichkeit
stattfand, der er beiwohnen wollte.
    Der alte Graf ging, als unten die Droschke hielt, mhsamlich auf seinem
Zimmerteppich auf und ab, weil ihn sein Fu, wie stets, wenn das Wetter
umschlug, mal wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie qulte.
    Nun, da seid ihr ja wieder. Der Zug mu Versptung gehabt haben. Und wo ist
Woldemar?
    Man gab ihm Auskunft und da Woldemar wegen seines Nichterscheinens um
Entschuldigung bte. Gut, gut. Und nun setzt euch und erzhlt. Mit dem Conte,
das lie damals allerlei zu wnschen brig... verzeih, Melusine. Da mcht ich
denn begreiflicherweise, da es uns diesmal besser ginge. Woldemar macht mir
natrlich kein Kopfzerbrechen, aber die Familie, der alte Stechlin. Armgard
braucht selbstverstndlich auf eine so delikate Frage nicht zu antworten, wenn
sie nicht will, wiewohl erfahrungsmig ein Unterschied ist zwischen
Schwiegermttern und Schwiegervtern. Diese sind mitunter verbindlicher als der
Sohn.
    Armgard lachte. Mir, Papa, passiert so was Nettes nicht. Aber mit Melusine
war es wieder das Herkmmliche. Der alte Stechlin fing an, und der Pastor
folgte. Wenigstens schien es mir so.
    Dann bin ich beruhigt, vorausgesetzt, da Melusine ber den neuen
Schwiegervater ihren richtigen alten Vater nicht vergit.
    Sie ging auf ihn zu und kte ihm die Hand.
    Dann bin ich beruhigt, wiederholte der Alte. Melusine gefllt fast immer.
Aber manchem gefllt sie freilich auch nicht. Es gibt so viele Menschen, die
haben einen natrlichen Ha gegen alles, was liebenswrdig ist, weil sie selber
unliebenswrdig sind. Alle beschrnkten und aufgesteiften Individuen, alle, die
eine bornierte Vorstellung vom Christentum haben - das richtige sieht ganz
anders aus -, alle Phariser und Gernegro, alle Selbstgerechten und Eiteln
fhlen sich durch Personen wie Melusine gekrnkt und verletzt, und wenn sich der
alte Stechlin in Melusine verliebt hat, dann lieb ich ihn schon darum, denn er
ist dann eben ein guter Mensch. Mehr brauch ich von ihm gar nicht zu wissen.
brigens konnt es kaum anders sein. Der Apfel fllt nicht weit vom Stamm. Aber
auch umgekehrt: wenn ich den Apfel kenne, kenn ich auch den Stamm... Und wer war
denn noch da? Ich meine, von Verwandtschaft?
    Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz, sagte Armgard.
    Das ist die Schwester des Alten?
    Ja, Papa. Altere Schwester. Wohl um zehn Jahr lter und auch nur
Halbschwester. Und eine Domina.
    Sehr fromm?
    Das wohl eigentlich nicht.
    Du bist so einsilbig. Sie scheint dir nicht recht gefallen zu haben.
    Armgard schwieg.
    Nun, Melusine, dann sprich du. Nicht fromm also; das ist gut. Aber
vielleicht hautaine?
    Fast knnte man's sagen, antwortete Melusine. Doch pat es auch wieder
nicht recht, schon deshalb nicht, weil es ein franzsisches Wort ist. Tante
Adelheid ist eminent unfranzsisch.
    Ah, ich versteh. Also komische Figur.
    Auch das nicht so recht, Papa. Sagen wir einfach, zurckgeblieben,
vorweltlich.
    Der alte Graf lachte. Ja, das ist in allen alten Familien so, vor allem bei
reichen und vornehmen Juden. Kenne das noch von Wien her, wo man berhaupt
solche Fragen studieren kann. Ich verkehrte da viel in einem groen
Bankierhause, drin alles nicht blo voll Glanz, sondern auch voll Orden und
Uniformen war. Fast zuviel davon. Aber mit einem Male traf ich in einer Ecke,
ganz einsam und doch beinah vergnglich, einen merkwrdigen Urgreis, der wie der
alte Gobbo - der in dem Stck von Shakespeare vorkommt - aussah, und als ich
mich spter bei einem Tischnachbar erkundigte, wer denn das sei, da hie es:
Ach, das ist ja Onkel Manasse. Solche Onkel Manasses gibt es berall, und sie
knnen unter Umstnden auch Tante Adelheid heien.
    Da der alte Graf das so leichtnahm, erfreute die Tchter sichtlich, und als
Jeserich bald danach das Teezeug brachte, wurd auch Armgard mitteilsamer und
erzhlte zunchst von Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen, danach vom
Stechlinsee (der ganz berfroren gewesen sei, so da sie die berhmte Stelle
nicht htten sehen knnen) und zuletzt von dem Museum und den Wetterfahnen.
    Diese waren das, was den alten Grafen am meisten interessierte.
Wetterfahnen, ja, die mssen gesammelt werden, nicht blo alte Dragoner, in
Blech geschnitten, sondern auch allermodernste Silhouetten, sagen wir aus der
Diplomatenloge. Da kommt dann schon eine ganz hbsche Galerie zusammen. Und wit
ihr, Kinder, das mit dem Museum gibt mir erst eine richtige Vorstellung von dem
Alten und eine volle Befriedigung, beinah mehr noch, als da ihm Melusine
gefallen hat. Ich bin sonst nicht fr Sammler. Aber wer Wetterfahnen sammelt,
das will doch was sagen, das ist nicht blo eine gute Seele, sondern auch eine
kluge Seele, denn es is da so was drin wie ein Fingerknips gegen die
Gesellschaft. Und wer den machen kann, das ist mein Mann, mit dem kann ich
leben.

Man blieb nicht lange mehr beisammen; beide Schwestern, ziemlich ermdet von der
Tagesanstrengung, zogen sich frh zurck, aber ihr Gesprch ber Schlo Stechlin
und die beiden Geistlichen und vor allem ber die Domina (gegen die Melusine
heftig eiferte) setzte sich noch in ihrem Schlafzimmer fort.
    Ich glaube, sagte Armgard, du legst zuviel Gewicht auf das, was du das
sthetische nennst. Und Woldemar tut es leider auch. Er lt auf seine Mark
Brandenburg sonst nichts kommen, aber in diesem Punkte spricht er beinah so wie
du. Wohin er blickt, berall vermit er das Schnheitliche. Das wenige, was
danach aussieht, so klagt er bestndig, sei blo Nachahmung. Aus eignem Trieb
heraus wrde hier nichts der Art geboren.
    Und da er so klagt, das ist das, was ich so ziemlich am meisten an ihm
schtze. Du meinst, da ich, wenn ich von der Domina spreche, zuviel Gewicht auf
diese doch blo uerlichen Dinge lege. Glaube mir, diese Dinge sind nicht blo
uerlich. Wer kein feines Gefhl hat, sei's in Kunst, sei's im Leben, der
existiert fr mich berhaupt nicht und fr meine Freundschaft und Liebe nun
schon ganz gewi nicht. Da hast du mein Programm. Unser ganzer
Gesellschaftszustand, der sich wunder wie hoch dnkt, ist mehr oder weniger
Barbarei; Lorenzen, von dem du doch soviel hltst, hat sich ganz in diesem Sinne
gegen mich ausgesprochen. Ach, wie weit voraus war uns doch die Heidenzeit, die
wir jetzt so verstndnislos bemngeln! Und selbst unser dunkles Mittelalter -
schnheitlich stand es hher als wir, und seine Scheiterhaufen, wenn man nicht
gleich selbst an die Reihe kam, waren gar nicht so schlimm.
    Ich erlebe noch, lachte Armgard, da du 'nen neuen Kreuzzug oder
hnliches predigst. Aber wir sind von unserm eigentlichen Thema ganz abgekommen,
von der Domina. Du sagtest, ihre Gefhle widersprchen sich untereinander.
Welche Gefhle?
    Darauf ist leicht Antwort geben. Erst beglckwnscht sie sich zu sich
selbst, und hinterher rgert sie sich ber sich selbst. Und da sie das mu,
daran sind wir schuld, und das kann sie uns nicht verzeihn.
    Ich wrde vielleicht zustimmen, wenn das, was du da sagst, nicht so sehr
eitel klnge ... Sie hat brigens einen guten Verstand.
    Den hat sie, gewi, den haben sie alle hier oder doch die meisten. Aber ein
guter Verstand, soviel er ist, ist auch wieder recht wenig, und schlielich -
ich mu leider zu diesem Berolinismus greifen - ist diese gute Domina doch
nichts weiter als eine Stakete, lang und spitz. Und nicht mal grn gestrichen.
    Und der Alte? Der wenigstens wird doch vor deiner Kritik bestehn.
    Oh, der; der ist hors concours und geht noch ber Woldemar hinaus. Was
meinst du, wenn ich den Alten heiratete?
    Sprich nicht so, Melusine. Ich wei ja recht gut, wie das alles von dir
gemeint ist, bermut und wieder bermut. Aber er ist doch am Ende noch nicht so
steinalt. Und du, so lieb ich dich habe, du bist schlielich imstande, dich in
solche Kompliziertheiten von Schwiegervater und Schwager, alles in einem, und
womglich noch allerhand dazu, zu verlieben.
    Jedenfalls mehr als in den, der diese Kompliziertheiten darstellt oder gar
erst schaffen soll... Also, sei ruhig, freundlich Element.

                           Dreiunddreiigstes Kapitel


Das war in den letzten Dezembertagen; auf Ende Februar hatte man die Hochzeit
des jungen Paares festgesetzt. In der Zwischenzeit war seitens des alten Grafen
erwogen worden, ob die Trauung nicht doch vielleicht auf einem der Barbyschen
Elbgter stattfinden solle, die Braut selbst aber war dagegen gewesen und hatte
mit einer ihr sonst nicht eignen Lebhaftigkeit versichert: sie hnge an der
Armee, weshalb sie - ganz abgesehn von ihrem teuren Frommel - die Berliner
Garnisonkirche weit vorziehe. Da diese, nach Ansicht vieler, blo ein groer
Schuppen sei, habe fr sie gar keine Bedeutung; was ihr an der Garnisonkirche
soviel gelte, das seien die groen Erinnerungen, und ein Gotteshaus, drin die
Schwerins und die Zietens stnden (und wenn sie nicht drin stnden, so doch
andre, die kaum schlechter wren) - eine historisch so bevorzugte Stelle wre
ihr an ihrem Trautage viel lieber als ihre Familienkirche, trotz der Srge so
vieler Barbys unterm Altar. Woldemar war sehr glcklich darber, seine Braut so
preuisch-militrisch zu finden, die denn auch, als einmal die Zukunft und mit
ihr die Frage nach Verbleib oder Nichtverbleib in der Armee durchgesprochen
wurde, lachend erwidert hatte: Nein, Woldemar, nicht jetzt schon Abschied; ich
bin sehr fr Freiheit, aber doch beinah mehr noch fr Major.

Auf drei Uhr war die Trauung festgesetzt. Schon eine halbe Stunde vorher
erschien der Brautwagen und hielt vor dem Schickedanzschen Hause, dessen Flur
auszuschmcken sich die Frau Versicherungssekretrin nicht hatte nehmen lassen.
Von der Treppe bis auf das Trottoir hinaus waren zu beiden Seiten Blumenestraden
aufgestellt, auf denen die Lieblinge der Frau Schickedanz in einer Schnheit und
Flle standen, als ob es sich um eine Maiblumenausstellung gehandelt htte.
Hinter den verschiedenen Estraden aber hatten alle Hausbewohner Aufstellung
genommen, Lizzi, Frau Imme und smtliche Hartwigs und natrlich auch Hedwig,
die, nach ganz kurzem Dienst im Kommerzienrat Seligmannschen Hause, vor etwa
acht Tagen ihre Stelle wieder aufgegeben hatte.
    Gott, Hedwig, war es denn wieder so was?
    Nein, Frau Imme, diesmal war es mehr.

Frommel traute. Die Kirche war dicht besetzt, auch von blo Neugierigen, die
sich, ehe die groe Orgel einsetzte, die merkwrdigsten Dinge mitzuteilen
hatten. Die Barbys seien eigentlich Italiener aus der Gegend von Neapel, und der
alte Graf, was man ihm auch noch ansehe, sei in seinen jungen Jahren unter den
Carbonaris gewesen; aber mit einem Male hab er geschwenkt und sei zum Verrter
an seiner heiligen Sache geworden. Und weil in solchem Falle jedesmal einer zur
Vollstreckung der Gerechtigkeit ausgelost wrde (was der Graf auch recht gut
gewut habe), hab er vorsichtigerweise seine schne Heimat verlassen und sei
nach Berlin gekommen und sogar an den Hof. Und Friedrich Wilhelm IV., der ihn
sehr gern gemocht, hab auch immer italienisch mit ihm gesprochen.

Das Hochzeitsmahl fand im Barbyschen Hause statt, notgedrungen en petit comit,
da das groe Mittelzimmer, auch bei geschicktester Anordnung, immer nur etwa
zwanzig Personen aufnehmen konnte. Der weitaus grte Teil der Gesellschaft
setzte sich aus uns schon bekannten Personen zusammen, obenan natrlich der alte
Stechlin. Er war gern gekommen, trotzdem ihm die Weltabgewandtheit, in der er
lebte, den Entschlu anfnglich erschwert hatte. Tante Adelheid fehlte. Trsten
wir uns, sagte Melusine mit einer ihr kleidenden berheblichkeit.
Selbstverstndlich waren die Berchtesgadens da, desgleichen Rex und Czako sowie
Cujacius und Wrschowitz. Auerdem ein behufs Abschlu seiner
landwirtschaftlichen Studien erst seit kurzem in Berlin lebender junger Baron
von Planta, Neffe der verstorbenen Grfin, zu dem sich zunchst ein
Premierleutnant von Szilagy (Freund und frherer Regimentskamerad von Woldemar)
und des weiteren ein Doktor Pusch gesellte, den die Barbys noch von ihren
Londoner Tagen her gut kannten. Dem Brautpaare gegenber saen die beiden Vter
beziehungsweise Schwiegervter. Da weder der eine noch der andre zu den Rednern
zhlte, so lie Frommel das Brautpaar in einem Toaste leben, drin Ernst und
Scherz, Christlichkeit und Humor in glcklichster Weise verteilt waren. Alles
war entzckt, der alte Stechlin, Frommels Tischnachbar, am meisten. Beide Herren
hatten sich schon vorher angefreundet, und als nach Erledigung des offiziellen
Toastes das Tischgesprch ganz allgemein wieder in Konversation mit dem Nachbar
berging, sahen sich Frommel und der alte Stechlin in Anknpfung einer intimeren
Privatunterhaltung nicht weiter behindert.
    Ihr Herr Sohn, sagte Frommel, wovon ich mich persnlich berzeugen
konnte, wohnt sehr hbsch. Darf ich daraus schlieen, da Sie sich bei ihm
einlogiert haben?
    Nein, Herr Hofprediger. So bei Kindern wohnen ist immer milich. Und mein
Sohn wei das auch; er kennt den Geschmack oder meinetwegen auch blo die
Schrullenhaftigkeit seines Vaters, und so hat er mich, was immer das Beste
bleibt, in einem Hotel untergebracht.
    Und Sie sind da zufrieden?
    Im hchsten Mae, wiewohl es ein bichen ber mich hinausgeht. Ich bin noch
aus der Zeit von Hotel de Brandebourg, an dem mich immer nur die Franzsierung
rgerte - sonst alles vorzglich. Aber solche Gasthuser sind eben, seit wir
Kaiser und Reich sind, mehr oder weniger altmodisch geworden, und so bin ich
denn durch meinen Sohn im Hotel Bristol untergebracht worden. Alles ersten
Ranges, kein Zweifel, wozu noch kommt, da mich der bloe Name schon erheitert,
der neuerdings jeden Mitbewerb so gut wie ausschliet. Als ich noch Leutnant
war, freilich lange her, muten alle Witze von Glabrenner oder von Beckmann
sein. Beckmann war erster Komiker, und wenn man in Gesellschaft sagte: Da hat ja
wieder der Beckmann ..., so war man mit seiner Geschichte so gut wie raus. Und
wie damals mit den Witzen, so heute mit den Hotels. Alle mssen Bristol heien.
Ich zerbreche mir den Kopf darber, wie gerade Bristol dazu kommt. Bristol ist
doch am Ende nur ein Ort zweiten Ranges, aber Hotel Bristol ist immer prima. Ob
es hier wohl Menschen gibt, die Bristol je gesehn haben? Viele gewi nicht, denn
Schiffskapitne, die zwischen Bristol und New York fahren, sind in unserm guten
Berlin immer noch Raritten. brigens darf ich bei allem Respekt vor meinem
berhmten Hotel sagen, unberhmte sind meist interessanter. So zum Beispiel
bayrische Wirtshuser im Gebirge, wo man eine dicke Wirtin hat, von der es
heit, sie sei mal schn gewesen und ein Kaiser oder Knig habe ihr den Hof
gemacht. Und dazu dann Forellen und ein Landjger, der eben einen Wilderer oder
Haberfeldtreiber ber den stillen See bringt. An solchen Stellen ist es am
schnsten. Und ist der See aufgeregt, so ist es noch schner. Das alles wrde
mir unser Baron Berchtesgaden, der da drben sitzt, gewi gern besttigen, und
Sie, Herr Hofprediger, besttigen es mir schlielich auch. Denn mir fllt eben
ein, Sie waren ja mit unserm guten Kaiser Wilhelm, dem letzten Menschen, der
noch ein wirklicher Mensch war, immer in Gastein zusammen und viel an seiner
Seite. Jetzt hat man statt des wirklichen Menschen den sogenannten bermenschen
etabliert; eigentlich gibt es aber blo noch Untermenschen, und mitunter sind es
gerade die, die man durchaus zu einem ber machen will. Ich habe von solchen
Leuten gelesen und auch welche gesehn. Ein Glck, da es, nach meiner
Wahrnehmung, immer entschieden komische Figuren sind, sonst knnte man
verzweifeln. Und daneben unser alter Wilhelm! Wie war er denn so, wenn er so
still seine Sommertage verbrachte? Knnen Sie mir was von ihm erzhlen? So was,
woran man ihn so recht eigentlich erkennt.
    Ich darf sagen ja, Herr von Stechlin. Habe so was mit ihm erlebt. Eine ganz
kleine Geschichte; aber das sind gerade die besten. Da hatten wir mal einen
schweren Regentag in Gastein, so da der alte Herr nicht ins Freie kam und,
statt drauen in den Bergen, in seinem groen Wohnzimmer seinen gewohnten
Spaziergang machen mute, so gut es eben ging. Unter ihm aber (was er wute) lag
ein Schwerkranker. Und nun denken Sie sich, als ich bei dem guten alten Kaiser
eintrete, seh ich ihn, wie er da lange Lufer und Teppiche zusammenschleppt und
bereinanderpackt, und als er mein Erstaunen sieht, sagt er mit einem
unbeschreiblichen und mir unvergelichen Lcheln: Ja, lieber Frommel, da unter
mir liegt ein Kranker; ich mag nicht, da er die Empfindung hat, ich trample ihm
da so ber den Kopf hin... Sehn Sie, Herr von Stechlin, da haben Sie den alten
Kaiser.
    Dubslav schwieg und nickte. Wie beneid ich Sie, so was erlebt zu haben,
hob er nach einer Weile an. Ich kannt ihn auch ganz gut, das heit in Tagen, wo
er noch Prinz Wilhelm war, und dann oberflchlich auch spter noch. Aber seine
eigentliche Zeit ist doch seine Kaiserzeit.
    Gewi, Herr von Stechlin. Es wchst der Mensch mit seinen grern Zwecken.
    Richtig, richtig, sagte Dubslav, das schwebte mir auch vor; ich konnt es
blo nicht gleich finden. Ja, so war er, und so einen kriegen wir nicht wieder.
brigens sag ich das in aller Reverenz. Denn ich bin kein Frondeur. Fronde mir
grlich und pat nicht fr uns. Blo mitunter, da pat sie doch vielleicht.

Inzwischen war die siebente Stunde herangekommen, und um halb acht ging der Zug,
mit dem das junge Paar noch bis Dresden wollte, dieser herkmmlich ersten Etappe
fr jede Hochzeitsreise nach dem Sden. Man erhob sich von der Tafel, und
whrend die Gste, bunte Reihe machend, untereinander zu plaudern begannen,
zogen sich Woldemar und Armgard unbemerkt zurck. Ihr Reisegepck war seit einer
Stunde schon voraus, und nun hielt auch der viersitzige Wagen vor dem Barbyschen
Hause. Die Baronin und Melusine hatten sich zur Begleitung des jungen Paares
miteinander verabredet und nahmen jetzt, ohne da Woldemar und Armgard es
hindern konnten, die beiden Rcksitze des Wagens ein. Das ergab aber, besonders
zwischen den zwei Schwestern, eine vollkommene Rang- und Hflichkeitsstreiterei.
Ja, wenn es jetzt in die Kirche ginge, sagte Armgard, so httest du recht.
Aber unser Wagen ist ja schon wieder ein ganz einfacher Landauer geworden, und
Woldemar und ich sind, vier Stunden nach der Trauung, schon wieder wie zwei
gewhnliche Menschen. Und sich dessen bewut zu werden, damit kann man nicht
frh genug anfangen.
    Armgard, du wirst mir zu gescheit, sagte Melusine.
    Man einigte sich zuletzt, und als der Wagen am Anhalter Bahnhof eintraf,
waren Rex und Czako bereits da - beide mit Riesenstruen -, zogen sich aber
unmittelbar nach berreichung ihrer Bouquets wieder zurck. Nur die Baronin und
Melusine blieben noch auf dem Bahnsteig und warteten unter lebhafter Plauderei
bis zum Abgange des Zuges. In dem von dem jungen Paare gewhlten Coup befanden
sich noch zwei Reisende; der eine, blond und artig und mit goldener Brille,
konnte nur ein Sachse sein, der andre dagegen, mit Pelz und Juchtenkoffer, war
augenscheinlich ein Internationaler aus dem Osten oder selbst aus dem Sdosten
Europas.
    Nun aber hrte man das Signal, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Die Baronin und Melusine grten noch mit ihren Tchern. Dann bestiegen sie
wieder den drauen haltenden Wagen. Es war ein herrliches Wetter, einer jener
Vorfrhlingstage, wie sie sich gelegentlich schon im Februar einstellen.
    Es ist so schn, sagte Melusine, Benutzen wir's. Ich denke, liebe
Baronin, wir fahren hier zunchst am Kanal hin in den Tiergarten hinein und dann
an den Zelten vorbei bis in Ihre Wohnung.
    Eine Weile schwiegen beide Damen; im Augenblick aber, wo sie von dem
holprigen Pflaster in den stillen Asphaltweg einbogen, sagte die Baronin: Ich
begreife Stechlin nicht, da er nicht ein Coup apart genommen.
    Melusine wiegte den Kopf.
    Den mit der goldenen Brille, fuhr die Baronin fort, den nehm ich nicht
schwer. Ein Sachse tut keinem was und ist auch kaum eine Strung. Aber der andre
mit dem Juchtenkoffer. Er schien ein Russe, wenn nicht gar ein Rumne. Die arme
Armgard. Nun hat sie ihren Woldemar und hat ihn auch wieder nicht.
    Wohl ihr.
    Aber Grfin...
    Sie sind verwundert, liebe Baronin, mich das sagen zu hren. Und doch hat's
damit nur zu sehr seine Richtigkeit: gebranntes Kind scheut das Feuer.
    Aber Grfin...
    Ich verheiratete mich, wie Sie wissen, in Florenz und fuhr an demselben
Abende noch bis Venedig. Venedig ist in einem Punkte ganz wie Dresden: nmlich
erste Station bei Vermhlungen. Auch Ghiberti - ich sage immer noch lieber
Ghiberti als mein Mann; mein Mann ist berhaupt ein furchtbares Wort -, auch
Ghiberti also hatte sich fr Venedig entschieden. Und so hatten wir denn den
groen Apennintunnel zu passieren.
    Wei, wei. Endlos.
    Ja, endlos. Ach, liebe Baronin, wre doch da wer mit uns gewesen, ein
Sachse, ja selbst ein Rumne. Wir waren aber allein. Und als ich aus dem Tunnel
heraus war, wut ich, welchem Elend ich entgegenlebte.
    Liebste Melusine, wie beklag ich Sie; wirklich, teuerste Freundin, und ganz
aufrichtig. Aber so gleich ein Tunnel. Es ist doch auch wie ein Schicksal.

Rex und Czako hatten sich unmittelbar nach berreichung ihrer Bouquets vom
Bahnhof her in die Kniggrtzer Strae zurckgezogen, und hier angekommen, sagte
Czako: Wenn es Ihnen recht ist, Rex, so gehen wir bis in das Restaurant
Bellevue.
    Tasse Kaffee?
    Nein; ich mchte gern was Ordentliches essen. Drei Lffel Suppe, 'ne
Forelle en miniature und ein Poulardenflgel - das ist zuwenig fr meine
Verhltnisse. Rundheraus, ich habe Hunger.
    Sie werden sich zu gut unterhalten haben.
    Nein, auch das nicht. Unterhaltung sttigt auerdem, wenigstens Menschen,
die, wie ich, wenn Sie auch drber lachen, aufs Geistige gestellt sind. Ein
bichen mag ich brigens an meinem elenden Zustande selbst schuld sein. Ich habe
nmlich immer nur die Grfin angesehn und begreife nach wie vor unsren Stechlin
nicht. Nimmt da die Schwester! Er hatte doch am Ende die Wahl. Der kleine Finger
der Grfin (und ihr kleiner Zeh nun schon ganz gewi) ist mir lieber als die
ganze Comtesse.
    Czako, Sie werden wieder frivol.

                           Vierunddreiigstes Kapitel


Unter den Hochzeitsgsten hatte sich, wie schon kurz erwhnt, auch ein Doktor
Pusch befunden, ein gewandter und durchaus weltmnnisch wirkender Herr mit
gepflegtem, aber schon angegrautem Backenbart. Er war vor etwa fnfundzwanzig
Jahren an der Assessorecke gescheitert und hatte damals nicht Lust gehabt, sich
ein zweites Mal in die Zwickmhle nehmen zu lassen. Das Studium der Juristerei
ist langweilig und die Karriere hinterher miserabel - so war er denn als
Korrespondent fr eine groe rheinische Zeitung nach England gegangen und hatte
sich dort auf der deutschen Botschaft einzufhren gewut. Das ging so durch
Jahre. Ziemlich um dieselbe Zeit aber, wo der alte Graf seine Londoner Stellung
aufgab, war auch Doktor Pusch wieder flgge geworden und hatte sich nach Amerika
hinberbegeben. Er fand indessen das Freie dort freier, als ihm lieb war, und
kehrte sehr bald, nachdem er es erst in New York, dann in Chicago versucht
hatte, nach Europa zurck. Und zwar nach Deutschland. Wo soll man am Ende
leben? Unter dieser Betrachtung nahm er schlielich in Berlin wieder seinen
Wohnsitz. Er war ungeniert von Natur und ein klein wenig berheblich. Als
wichtigstes Ereignis seiner letzten sieben Jahre galt ihm sein bertritt vom
Pilsener zum Weihenstephan. Sehen Sie, meine Herren, vom Weihenstephan zum
Pilsener, das kann jeder; aber das Umgekehrte, das ist was. Chinesen werden
christlich, gut. Aber wenn ein Christ ein Chinese wird, das ist doch immer noch
eine Sache von Belang.
    Pusch, als er sich in Berlin niederlie, hatte sich auch bei den Barbys
wieder eingefhrt; Melusine entsann sich seiner noch, und der alte Graf war
froh, die zurckliegenden Zeiten wieder durchsprechen und von Sandrigham und
Hatfield House, von Chatsworth und Pembroke Lodge plaudern zu knnen. Eigentlich
pate der etwas weitgehende Ungeniertheitston, in dem der Doktor seiner Natur
wie seiner New Yorker Schulung nach zu sprechen liebte, nicht sonderlich zu den
Gepflogenheiten des alten Grafen; aber es lag doch auch wieder ein gewisser Reiz
darin, ein Reiz, der sich noch verdoppelte durch das, was Pusch aus aller Welt
Enden mitzuteilen wute. Brillanter Korrespondent, der er war, unterhielt er
Beziehungen zu den Ministerien und, was fast noch schwerer ins Gewicht fiel,
auch zu den Gesandtschaften. Er hrte das Gras wachsen. Auf Titulaturen lie er
sich nicht ein; die vielen Telegramme hatten einen gewissen allgemeinen
Telegrammstil in ihm gezeitigt, dessen er sich nur entschlug, wenn er ins
Ausmalen kam. Es war im Zusammenhang damit, da er gegen Worte wie Wirklicher
Geheimer Oberregierungsrat einen frmlichen Ha unterhielt. Herzog von Ujest
oder Herzog von Ratibor waren ihm, trotz ihrer Krze, immer noch zu lang, und so
warf er denn statt ihrer einfach mit Hohenlohes um sich. In der Tat, er hatte
mancherlei Schwchen. Aber diese waren doch auch wieder von ebenso vielen
Tugenden begleitet. So beispielsweise sah er ber alles, was sich an
Liebesgeschichten ereignete, mit einer beinah vornehmen Gleichgltigkeit hinweg,
was manchem sehr zupa kam. Ob dies Drberhinsehn blo Geschftsmaxime war oder
ob er all dergleichen einfach alltglich und deshalb mehr oder weniger
langweilig fand, war nicht recht festzustellen; er kultivierte dafr mit
Vorliebe das Finanzielle, vielleicht davon ausgehend, da, wer die Finanzen hat,
auch selbstverstndlich alles andere hat, besonders die Liebe.
    Das war Doktor Pusch. Er schlo sich, als man aufbrach, einer Gruppe von
Personen an, die den angerissenen Abend noch in einem Lokal verbringen
wollten.
    Ja, wo?
    Natrlich Siechen.
    Ach, Siechen. Siechen ist fr Philister.
    Nun denn also, beim schweren Wagner.
    Noch philistrser. Ich bin fr Weihenstephan.
    Und ich fr Pilsener.
    Man einigte sich schlielich auf ein Lokal in der Friedrichstrae, wo man
beides haben knne.
    Die Herren, die dahin aufbrachen, waren auer Pusch noch der junge Baron
Planta, dann Cujacius und Wrschowitz und abschlieend Premierleutnant von
Szilagy, der, wie schon angedeutet, frher bei den Gardedragonern gestanden,
aber wegen einer groen Generalbegeisterung fr die Knste, das Malen und
Dichten obenan, schon vor etlichen Jahren seinen Abschied genommen hatte. Mit
seinen Genrebildern war er nicht recht von der Stelle gekommen, weshalb er sich
neuerdings der Novellistik zugewandt und einen Sammelband unter dem bescheidenen
Titel Bellis perennis verffentlicht hatte. Lauter kleine Liebesgeschichten.
    Alle fnf Herren, mit alleiniger Ausnahme des jungen Graubndner Barons,
erwiesen sich von Anfang an als ziemlich aufgeregt, und jeder ihnen Zuhrende
htte sofort das Gefhl haben mssen, da hier viel Explosionsstoff aufgehuft
sei. Trotzdem ging es zunchst gut; Wrschowitz hielt sich in Grenzen, und selbst
Cujacius, der nicht gern andern das Wort lie, freute sich ber Puschs
Schwadronage, vielleicht weil er nur das heraushrte, was ihm gerade pate.
    Leutnant von Szilagy - man kam vom Hundertsten aufs Tausendste - wurde bei
den Fragen, die hin und her gingen, von ungefhr auch nach seinem Novellenbande
gefragt und ob er Freude daran gehabt habe.
    Nein, meine Herren, sagte Szilagy, das kann ich leider nicht sagen. Ich
habe Bellis perennis auf eigne Kosten herstellen lassen und hundertzehn
Rezensionsexemplare verschickt, unter Beilegung eines Zettels; der ist denn auch
von einigen Zeitungen abgedruckt worden, aber nur von ganz wenigen. Im brigen
schweigt die Kritik.
    Oh, Krittikk, sagte Wrschowitz. Ich liebe Krittikk. Aber gutte Krittikk
schweigt.
    Und doch, fuhr Szilagy fort, der sich in dem etwas delphischen Ausspruch
des guten Wrschowitz nicht gleich zurechtfinden konnte, doch sind diese
schmerzlichen Gefhle nichts gegen das, was voraufgegangen. Ich unterhielt
nmlich vor Erscheinen des Buches selbst die Hoffnung in mir, einige dieser
kleinen Arbeiten in einem Parteiblatt und, als dies milang, in einem
Familienjournal unterbringen zu knnen. Aber ich scheiterte...
    Ja, natrlich scheiterten Sie, sagte Pusch, das spricht fr Sie. Lassen
Sie sich sagen und raten, denn ich wei in diesen Dingen einigermaen Bescheid.
War nmlich drben, ja ich darf beinah sagen, ich war doppelt drben, erst
drben in England und dann drben in Amerika. Da versteht man's. Ja, du lieber
Himmel, dies bedruckte Lschpapier! Man lebt davon, und es regiert eigentlich
die Welt. Aber, aber... Und dabei, wenn ich recht gehrt habe, sprachen Sie von
Parteiblatt - furchtbar. Und dann sprachen Sie von Familienjournal - zweimal
furchtbar!
    Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht auf diesem schwierigen Gebiete?
    Nein, Herr von Szilagy, so tief lie mich die Gnade nicht sinken. Aber ich
treibe mein Wesen ber dem Strich, und wenn man so Wand an Wand wohnt, da wei
man doch einigermaen, wie's bei dem Nachbar aussieht. Ach, und auerdem, wie so
mancher hat mir sein Herz ausgeschttet und mir dabei seine liebe Not geklagt!
Wer's nicht leicht nimmt, der ist verloren. Roman, Erzhlung,
Kriminalgeschichte. Jeder, der der groen Masse gengen will, mu ein Loch
zurckstecken. Und wenn er das redlich getan hat, dann immer noch eins. Es gibt
eine Normalnovelle. Etwa so: tiefverschuldeter adeliger Assessor und
Sommerleutnant liebt Gouvernante von stupender Tugend, so stupende, da sie,
wenn geprft, selbst auf diesem schwierigsten Gebiete bestehen wrde. Pltzlich
aber ist ein alter Onkel da, der den halb entgleisten Neffen an eine reiche
Cousine standesgem zu verheiraten wnscht. Hhe der Situation! Drohendster
Konflikt. Aber in diesem bedrngten Moment entsagt die Cousine nicht nur,
sondern vermacht ihrer Rivalin auch ihr Gesamtvermgen. Und wenn sie nicht
gestorben sind, so leben sie heute noch ... Ja, Herr von Szilagy, wollen Sie
damit konkurrieren?
    Alles stimmte zu; nur Baron Planta meinte: Doktor Pusch, Pardon, aber ich
glaube beinah, Sie bertreiben. Und Sie wissen es auch.
    Pusch lachte: Wenn man etwas der Art sagt, bertreibt man immer. Wer
ngstlich abwgt, sagt gar nichts. Nur die scharfe Zeichnung, die schon die
Karikatur streift, macht eine Wirkung. Glauben Sie, da Peter von Amiens den
ersten Kreuzzug zusammengetrommelt htte, wenn er so etwa beim Erdbeerpflcken
einem Freunde mitgeteilt htte, das Grab Christi sei vernachlssigt und es msse
fr ein Gitter gesorgt werden?!
    Sehr gutt, sehr gutt.
    Und so auch, meine Herren, wenn ich von moderner Literatur spreche. Herr
von Szilagy, den wir so glcklich sind unter uns zu sehn, soll aufgerichtet,
seine Seele soll mit neuem Vertrauen erfllt werden. Oder aber mit Heiterkeit,
was noch besser ist. Er soll wieder lachen knnen. Und wenn man solche Wirkung
erzielen will, ja, dann mu man eben deutlich und zugleich etwas phantastisch
sprechen. Indessen auch ernsthaft angesehen, wie steht es denn mit der
Herstellung (ich vermeide mit Vorbedacht das Wort Schpfung) oder gar mit dem
Verschlei der meisten dieser Dinge! Lassen Sie mich in einem Bilde sprechen. Da
haben wir jetzt in unsern Blumenlden allerlei Krnze, voran den aus Eichenlaub
und Lorbeer bestehenden und meist noch behufs besserer Dauerbarkeit auf eine
herzhafte Weidenrute geflochtenen Urkranz. Und nun treten Sie, je nach der
Situation, an die sich Ihnen mit betrbter oder auch mit lchelnder Miene
nhernde Kranzbinderin heran, um zu Begrbnis oder Trauung Ihre Bestellung zu
machen, zu drei Mark oder zu fnf oder zu zehn. Und genau dieser Bestellung
entsprechend, werden in den vorgeschilderten Urkranz etliche Georginen oder
Teichrosen eingebunden und bei stattgehabter Hchstbewilligung sogar eine
Orchidee von ganz unglaublicher Form und Farbe.
    Kenne die Orchidee, rief Wrschowitz in hchster Ekstase, lila mit gelb.
    Pusch nickte, zugleich in steigendem bermut fortfahrend: Und genauso mit
der Urnovelle. Die liegt fertig da wie der Urkranz; nichts fehlt als der
Aufputz, der nunmehr freundschaftlich verabredet wird. Bei Hchstbewilligung
wird ein Versto gegen die Sittlichkeit eingeflochten. Das ist dann die groe
Orchidee, lila mit gelb, wie Freund Wrschowitz sehr richtig hervorgehoben hat.
    Unter diesen Umstnden, bemerkte hier Baron Planta, will es mir als ein
wahres Glck erscheinen, da Herr von Szilagy, wie ich hre, mehrere Eisen im
Feuer hat. Was ihm die Novellistik schuldig bleibt, mu ihm die Malerei
bringen.
    Was sie leider bisher nicht tat und mutmalich auch nie tuen wird, lachte
Szilagy halb wehmtig, trotzdem ich vom Genrebild aus, mit dem ich anfing, eine
Schwenkung gemacht und mich unter Anleitung meines Freundes Saltzmann neuerdings
der Marinemalerei zugewandt habe. Mitunter auch Bataillen. Und was die blauen
Tne betrifft, so darf ich vielleicht behaupten, hinter keinem zurckgeblieben
zu sein. Habe mich auerdem in Gudin und William Turner vergafft. Aber
trotzdem...
    Aber trotzdem ohne rechten Erfolg, unterbrach hier Cujacius, was mich
nicht wundernimmt. Was wollen Sie mit Gudin oder gar mit Turner? Wer das Meer
malen will, mu nach Holland gehn und die alten Niederlnder studieren. Und
unter den Modernen vor allem die Skandinaven: die Norweger, die Dnen.
    Wrschowitz zuckte zusammen.
    Wir haben da beispielsweise den Melbye, Dne pur sang, der sehr gut und
beinah bedeutend ist.
    O nein, nein, platzte jetzt Wrschowitz mit immer mehr erzitternder Stimme
heraus. Nicht serr gutt, nicht bedeutend, auch nicht einmal beinah bedeutend.
    Der sehr bedeutend ist, wiederholte Cujacius. Grade darin bedeutend, da
er nicht bedeutend sein will. Er erhebt keine falschen Prtensionen; er ist
schlicht, ohne Phantastereien, aber stimmungsvoll; und wenn ich Bilder von ihm
sehe, besonders solche, wo das graublaue Meer an einer Klippe brandet, so
berhrt mich das jedesmal spezifisch skandinavisch, etwa wie der ossianische
Meereszauber in den Kompositionen unsers trefflichen Niels Gade.
    Niels Gade? Von Niels Gade spricht man nicht.
    Ich spreche von Niels Gade. Seine Kompositionen reichen bis an Mendelssohn
heran.
    Was ihn nicht grer macht.
    Doch, mein Herr Doktor. Wirkliche Kunstgren zu strzen, dazu reichen
berheblichkeiten nicht aus.
    Was Sie nicht abhielt, mein Herr Professor, den groen Gudin culbtieren zu
wollen.
    ber Malerei zu sprechen steht mir zu.
    ber Musik zu sprechen steht mir zu.
    Sonderbar. Immer Personen aus unkontrollierbaren Grenzbezirken fhren bei
uns das groe Wort.
    Ich bin Tscheche. Wei aber, da es ein deutsches Sprichwort gibt: Der
Deutsche lggt, wenn er hfflich wird.
    Weshalb ich unter Umstnden darauf verzichte.
    En quoi vous russissez  merveille.
    Aber meine Herren, warf Pusch hier ein, den die ganze Streiterei natrlich
entzckte, knnten wir nicht das Kriegsbeil begraben? Proponiere: Begegnung auf
halbem Wege; shaking hands. Nehmen Sie zurck, hben und drben.
    Nie, donnerte Cujacius.
    Jamais, sagte Wrschowitz.
    Und damit erhoben sich alle. Cujacius und Pusch hatten die Tte, Wrschowitz
und Baron Planta folgten in einiger Entfernung. Szilagy war vorsichtigerweise
abgeschwenkt.
    Wrschowitz, immer noch in groer Erregung, mhte sich, dem jungen
Graubndner auseinanderzusetzen, da Cujacius ganz allgemein den Ruf eines
Krakeelers habe. Je vous assure, Monsieur le Baron, il est un fou et plus que
ca - un blagueur.
    Baron Planta schwieg und schien seinen Begleiter im Stich lassen zu wollen.
Aber er bekehrte sich, als er einen Augenblick danach von der Front her die mit
immer steigender Heftigkeit ausgestoenen Worte hrte: Kaschube, Wende, Bhmake.

                           Fnfunddreiigstes Kapitel


Um dieselbe Stunde, wo sich die fnf Herren von der Barbyschen Hochzeitstafel
entfernt hatten, waren auch Baron Berchtesgaden und Hofprediger Frommel
aufgebrochen, so da sich, auer dem Brautvater, nur noch der alte Stechlin im
Hochzeitshause befand. Dieser hatte sich - Melusine war vom Bahnhofe noch nicht
wieder da - vom Esaal her zunchst in das verwaiste Damenzimmer und von diesem
aus auf die Loggia zurckgezogen, um da die Lichter im Strom sich spiegeln zu
sehn und einen Zug frische Luft zu tun. An dieser Stelle fand ihn denn auch
schlielich der alte Graf und sagte, nachdem er seinem Staunen ber den
gesundheitlich etwas gewagten Aufenthalt Ausdruck gegeben hatte: Nun aber, mein
lieber Stechlin, wollen wir endlich einen kleinen Schwatz haben und uns nher
miteinander bekannt machen. Ihr Zug geht erst zehneinhalb; wir haben also noch
beinah anderthalb Stunden.
    Und dabei nahm er Dubslavs Arm, um ihn in sein Wohnzimmer, das bis dahin als
Estaminet gedient hatte, hinberzufhren.
    Erlauben Sie mir, fuhr er hier fort, da ich zunchst mein halb
eingewickeltes und halb eingeschientes Elefantenbein auf einen Stuhl strecke; es
hat mich all die Zeit ber ganz gehrig gezwickt, und namentlich das Stehen vor
dem Altar ist mir blutsauer geworden. Bitte, rcken Sie heran. Es ging whrend
unsers kleinen Diners alles so rasch, und ich wette, Sie sind bei dem Kaffee
ganz erheblich zu kurz gekommen. Der Moment, wo das Bier herumgereicht wird, ist
in den Augen des modernen Menschen immer das wichtigste; da wird dann der
Kaffeezeit manches abgeknapst.
    Und dabei drckte er auf den Knopf der Klingel.
    Jeserich, noch eine Tasse fr Herrn von Stechlin und natrlich einen Cognac
oder Curacao oder lieber die ganze Benediktinerabtei - Witz von Cujacius, fr
den Sie mich also nicht verantwortlich machen drfen. .. Leider werde ich Ihnen
bei diesem zweiten Kaffee nicht Gesellschaft leisten knnen; ich habe mich schon
bei Tische mit einer lgnerisch und blo anstandshalber in einen Champagnerkbel
gestellten Apollinarisflasche begngen mssen. Aber was hilft es, man will doch
nicht auffallen mit all seinen Gebresten.
    Dubslav war der Aufforderung des alten Grafen nachgekommen und sa, eine
Lampe mit grnem Schirm zwischen sich und ihm, seinem Wirte gerade gegenber.
Jeserich kam mit der Tablette.
    Den Cognac, fuhr der alte Barby fort, kann ich Ihnen empfehlen; noch
Beziehungen aus Zeiten her, wo man mit einem Franzosen ungeniert sprechen und
nach einer guten Firma fragen konnte. Waren Sie siebzig noch mit dabei?
    Ja, so halb. Eigentlich auch das kaum. Aus meinem Regiment war ich lange
heraus. Nur als Johanniter.
    Ganz wie ich selber.
    Eine wundervolle Zeit, dieser Winter siebzig, fuhr Dubslav fort, auch
rein persnlich angesehn. Ich hatte damals das, was mir zeitlebens, wenn auch
nicht absolut, so doch mehr als wnschenswert gefehlt hatte: Fhlung mit der
groen Welt. Es heit immer, der Adel gehre auf seine Scholle und je mehr er
mit der verwachse, desto besser sei es. Das ist auch richtig. Aber etwas ganz
Richtiges gibt es nicht. Und so mu ich denn sagen, es war doch was
Erquickliches, den alten Wilhelm so jeden Tag vor Augen zu haben. Hab ihn
freilich immer nur flchtig gesehn, aber auch das war schon eine Herzensfreude.
Sie nennen ihn jetzt den Groen und stellen ihn neben Fridericus Rex. Nun, so
einer war er sicherlich nicht, an den reicht er nicht ran. Aber als Mensch war
er ihm ber, und das gibt, mein ich, in gewissem Sinne den Ausschlag, wenn auch
zur Gre noch was anders gehrt. Ja, der Alte Fritz! Man kann ihn nicht hoch
genug stellen; nur in einem Punkte find ich trotzdem, da wir eine falsche
Position ihm gegenber einnehmen, gerade wir vom Adel. Er war nicht so sehr fr
uns, wie wir immer glauben oder wenigstens nach auen hin versichern. Er war fr
sich und fr das Land oder, wie er zu sagen liebte, fr den Staat. Aber da wir
als Stand und Kaste so recht was von ihm gehabt htten, das ist eine
Einbildung.
    berrascht mich, aus Ihrem Munde zu hren.
    Ist aber doch wohl richtig. Wie lag es denn eigentlich? Wir hatten die
Ehre, fr Knig und Vaterland hungern und dursten und sterben zu drfen, sind
aber nie gefragt worden, ob uns das auch passe. Nur dann und wann erfuhren wir,
da wir Edelleute seien und als solche mehr Ehre htten. Aber damit war es auch
getan. In seiner innersten Seele rief er uns eigentlich genau dasselbe zu wie
den Grenadieren bei Torgau. Wir waren Rohmaterial und wurden von ihm mit meist
sehr kritischem Auge betrachtet. Alles in allem, lieber Graf, find ich unser
Jahr dreizehn eigentlich um ein Erhebliches grer, weil alles, was geschah,
weniger den Befehlscharakter trug und mehr Freiheit und Selbstentschlieung
hatte. Ich bin nicht fr die patentierte Freiheit der Parteiliberalen, aber ich
bin doch fr ein bestimmtes Ma von Freiheit berhaupt. Und wenn mich nicht
alles tuscht, so wird auch in unsern Reihen allmhlich der Glaube lebendig, da
wir uns dabei - besonders auch rein praktisch-egoistisch - am besten stehn.
    Der alte Barby freute sich sichtlich dieser Worte. Dubslav aber fuhr fort:
brigens, das mu ich sagen drfen, lieber Graf, Sie wohnen hier brillant an
Ihrem Kronprinzenufer; ein entzckender Blick, und Fremde wrden vielleicht kaum
glauben, da an unsrer alten Spree so was Hbsches zu finden sei. Die
Niederlassungs- und speziell die Wohnungsfrage spielt doch, wo sich's um Glck
und Behagen handelt, immer stark mit, und gerade Sie, der Sie so lange drauen
waren, werden, ehe Sie hier dies Visavis von unsrer Jungfernheide whlten, nicht
ohne Bedenken gewesen sein. In bezug auf die Landschaft gewi und in bezug auf
die Menschen vielleicht.
    Sagen wir, auch da gewi. Ich hatte wirklich solche Bedenken. Aber sie sind
niedergekmpft. Vieles gefiel mir durchaus nicht, als ich, nach langen, langen
Jahren, aus der Fremde wieder nach hier zurckkam, und vieles gefllt mir auch
noch nicht. berall ein zu langsames Tempo. Wir haben in jedem Sinne zuviel Sand
um uns und in uns, und wo viel Sand ist, da will nichts recht vorwrts, immer
blo h und hott. Aber dieser Sandboden ist doch auch wieder tragfhig, nicht
glnzend, aber sicher. Er mu nur, und vor allem der moralische, die richtige
Witterung haben, also zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein. Und ich glaube,
Kaiser Friedrich htt ihm diese Witterung gebracht.
    Ich glaub es nicht, sagte Dubslav.
    Meinen Sie, da es ihm schlielich doch nicht ein rechter Ernst mit der
Sache war?
    O nein, nein. Es war ihm Ernst, ganz und gar. Aber es wrd ihm zu schwer
gemacht worden sein. Rundheraus, er wre gescheitert.
    Woran?
    An seinen Freunden vielleicht, an seinen Feinden gewi. Und das waren die
Junker. Es heit immer, das Junkertum sei keine Macht mehr, die Junker fren
den Hohenzollern aus der Hand und die Dynastie zchte sie blo, um sie fr alle
Flle parat zu haben. Und das ist eine Zeitlang vielleicht auch richtig gewesen.
Aber heut ist es nicht mehr richtig, es ist heute grundfalsch. Das Junkertum
(trotzdem es vorgibt, seine Strohdcher zu flicken, und sie gelegentlich
vielleicht auch wirklich flickt), dies Junkertum - und ich bin inmitten aller
Loyalitt und Devotion doch stolz, dies sagen zu knnen - hat in dem Kampf
dieser Jahre kolossal an Macht gewonnen, mehr als irgendeine andre Partei, die
Sozialdemokratie kaum ausgeschlossen, und mitunter ist mir's, als stiegen die
seligen Quitzows wieder aus dem Grabe herauf. Und wenn das geschieht, wenn unsre
Leute sich auf das besinnen, worauf sie sich seit ber vierhundert Jahren nicht
mehr besonnen haben, so knnen wir was erleben. Es heit immer: Unmglich. Ah
bah, was ist unmglich? Nichts ist unmglich. Wer htte vor dem 18. Mrz den 18.
Mrz fr mglich gehalten, fr mglich in diesem echten und rechten
Philisternest Berlin! Es kommt eben alles mal an die Reihe; das darf nicht
vergessen werden. Und die Armee! Nun ja. Wer wird etwas gegen die Armee sagen?
Aber jeder glckliche General ist immer eine Gefahr! Und unter Umstnden auch
noch andre. Sehen Sie sich den alten Sachsenwalder an, unsren Zivil-Wallenstein.
Aus dem htte schlielich doch Gott wei was werden knnen.
    Und Sie glauben, warf der Graf hier ein, an dieser scharfen Quitzow-Ecke
wre Kaiser Friedrich gescheitert?
    Ich glaub es.
    Hm, es lt sich hren. Und wenn so, so wr es schlielich ein Glck, da
es nach den neunundneunzig Tagen anders kam und wir nicht vor diese Frage
gestellt wurden.
    Ich habe mit meinem Woldemar, der einen stark liberalen Zug hat (ich kann
es nicht loben und mag's nicht tadeln), oft ber diese Sache gesprochen. Er war
natrlich fr Neuzeit, also fr Experimente... Nun hat er inzwischen das bessere
Teil erwhlt, und whrend wir hier sprechen, ist er schon ber Trebbin hinaus.
Sonderbar, ich bin nicht allzuviel gereist, aber immer, wenn ich an diesem
mrkischen Neste vorbeikam, hatt ich das Gefhl: Jetzt wird es besser, jetzt
bist du frei. Ich kann sagen, ich liebe die ganze Sandbchse da herum, schon
blo aus diesem Grunde.
    Der alte Graf lachte behaglich. Und Trebbin wird sich von dieser Ihrer
Schwrmerei nichts trumen lassen. brigens haben Sie recht. Jeder lebt zu Hause
mehr oder weniger wie in einem Gefngnis und will weg. Und doch bin ich
eigentlich gegen das Reisen berhaupt und speziell gegen die Hochzeitsreiserei.
Wenn ich so Personen in ein Coup nach Italien einsteigen sehe, kommt mir immer
ein Dankgefhl, dieses hchste Glck auf Erden nicht mehr mitmachen zu mssen.
Es ist doch eigentlich eine Qual, und die Welt wird auch wieder davon
zurckkommen; ber kurz oder lang wird man nur noch reisen, wie man in den Krieg
zieht oder in einen Luftballon steigt, blo von Berufs wegen. Aber nicht um des
Vergngens willen. Und wozu denn auch? Es hat keinen rechten Zweck mehr. In
alten Zeiten ging der Prophet zum Berge, jetzt vollzieht sich das Wunder und der
Berg kommt zu uns. Das Beste vom Parthenon sieht man in London und das Beste von
Pergamum in Berlin, und wre man nicht so nachsichtig mit den lieben, nie
zahlenden Griechen verfahren, so knnte man sich (am Kupfergraben) im Laufe des
Vormittags in Myken und nachmittags in Olympia ergehn.
    Ganz Ihrer Meinung, teuerster Graf. Aber doch zugleich auch ein wenig
betrbt, Sie so dezidiert gegen alle Reiserei zu finden. Ich stand nmlich auf
dem Punkte, Sie nach Stechlin hin einzuladen, in meine alte Kate, die meine
guten Globsower unentwegt ein Schlo nennen.
    Ja, lieber Stechlin, Ihre Kate, das ist was andres. Und um Ihnen ganz die
Wahrheit zu sagen, wenn Sie mich nicht eingeladen htten (eigentlich ist es ja
noch nicht geschehn, aber ich greife bereits vor), so htt ich mich bei Ihnen
angemeldet. Das war schon lange mein Plan.
    In diesem Augenblicke ging drauen die Klingel. Es war Melusine.
    Bringe den Vtern respektive Schwiegervtern allerschnste Gre. Die
Kinder sind jetzt mutmalich schon ber Wittenberg, die groe Luther-
beziehungsweise Apfelkuchenstation, hinaus, und in weniger als zwei Stunden
fahren sie in den Dresdener Bahnhof ein. O diese Glcklichen! Und dabei verwett
ich mich, Armgard hat bereits Sehnsucht nach Berlin zurck. Vielleicht sogar
nach mir.
    Kein Zweifel, sagte Dubslav. Die Grfin selbst aber fuhr fort: Ehe man
nmlich ganz Abschied von dem alten Leben nimmt, sehnt man sich noch einmal
grndlich danach zurck. Freilich, Schwester Armgard wird weniger davon
empfinden als andere. Sie hat eben den liebenswrdigsten und besten Mann, und
ich knnt ihn ihr beinah beneiden, trotzdem ich noch im Abschiedsmoment einen
wahren Schreck kriegte, als ich ihn sagen hrte, da er morgen vormittag mit ihr
vor die Sixtinische Madonna treten wolle. Worte, bei denen er noch dazu wie
verklrt aussah. Und das find ich einfach unerhrt. Warum, werden Sie mich
vielleicht fragen. Nun denn, weil es erstens eine Beleidigung ist, sich auf eine
Madonna so extrem zu freuen, wenn man eine Braut oder gar eine junge Frau zur
Seite hat, und zweitens, weil dieser geplante Galeriebesuch einen Mangel an
Disposition und konomie bedeutet, der mich fr Woldemars ganze Zukunft besorgt
machen kann. Diese Zukunft liegt doch am Ende nach der agrarischen Seite hin,
und richtige Dispositionen bedeuten in der Landwirtschaft so gut wie alles.
    Der alte Graf wollte widersprechen, aber Melusine lie es nicht dazu kommen
und fuhr ihrerseits fort: Jedenfalls - das ist nicht wegzudisputieren - fhrt
unser Woldemar jetzt in das Land der Madonnen hinein und will da mutmalich mit
leidlich frischen Krften antreten; wenn er sich aber schon in Deutschland
etappenweise vertut, so wird er, wenn er in Rom ist, wohl sein Programm ndern
und im Caf Cavour eine Berliner Zeitung lesen mssen, statt nebenan im Palazzo
Borghese Kunst zu schwelgen. Ich sage mit Vorbedacht: eine Berliner Zeitung,
denn wir werden jetzt Weltstadt und wachsen mit unserer Presse schon ber
Charlottenburg hinaus ... brigens lt, wie das junge Paar, so auch die Baronin
bestens gren. Eine reizende Frau, Herr von Stechlin, die grad Ihnen ganz
besonders gefallen wrde. Glaubt eigentlich gar nichts und geriert sich dabei
streng katholisch. Das klingt widersinnig und ist doch richtig und reizend
zugleich. All die Sddeutschen sind berhaupt viel netter als wir, und die
nettesten, weil die natrlichsten, sind die Bayern.

                                Sonnenuntergang



                          Sechsunddreiigstes Kapitel

Der alte Dubslav, als er bald nach elf auf seinem Granseer Bahnhof eintraf, fand
da Martin und seinen Schlitten bereits vor. Engelke hatte zum Glck fr warme
Sachen gesorgt, denn es war inzwischen recht kalt geworden. Im ersten
Augenblicke tat dem Alten, in dessen Coup die herkmmliche Stickluft gebrtet
hatte, der drauen wehende Ostwind beraus wohl, sehr bald aber stellte sich ein
Frsteln ein. Schon tags zuvor, bei Beginn seiner Reise, war ihm nicht so recht
zumute gewesen, Kopfweh, Druck auf die Schlfe; jetzt war derselbe Zustand
wieder da. Trotzdem nahm er's leicht damit und sah in das Sterngeflimmer ber
ihm. Die wie Riesenbesen aufragenden Pappeln warfen dunkle, groteske Schatten
ber den Weg, whrend er die nach links und rechts hin liegenden toten
Schneefelder mit den wechselnden Bildern alles dessen, was ihm der
zurckliegende Tag gebracht hatte, belebte. Da sah er wieder die mit rotem
Teppich belegte Hotelmarmortreppe mit dem Oberkellner in
Gesandtschaftsattachhaltung und im nchsten Augenblicke den
Garnisonkirchenkster, den er anfnglich fr einen zur Feier eingeladenen
Konsistorialrat gehalten hatte. Daneben aber stand die blasse, schne Braut und
die reizende, bieg- und schmiegsame Melusine. Ja, der alte Barby, wenn er auf
die sieht, der hat's gut, der kann es aushalten. Immer einen guten und klugen
Menschen um sich haben, immer was hren und sehen, was einen anlacht und
erquickt, das ist was. Aber ich! Ich fr meinen Teil, gleichviel, ob mit oder
ohne Schuld, ich war immer nur auf ein Pflichtteil gesetzt - als Kind, weil ich
faul war, und als Leutnant, weil ich nicht recht was hatte. Dann kam ein
Lichtblick. Aber gleich darnach starb sie, die mir Stab und Sttze htte sein
knnen, und durch all die dreiig Jahre, die seitdem kamen und gingen, blieb mir
nichts als Engelke (der noch das Beste war) und meine Schwester Adelheid. Gott
verzeih mir's, aber ein Trost war die nicht; immer blo herbe wie 'n Holzapfel.
    Unter solchen Betrachtungen fuhr er in das Dorf ein und hielt gleich darnach
vor der Tr seines alten Hauses. Engelke war schon da, half ihm und tat sein
Bestes, ihn aus der schweren Wolfsschur herauszuwickeln. Der immer noch
Frstelnde stapfte dabei mit den Fen, warf seinen Staatshut - den er
unterwegs, weil er ihn drckte, wohl hundertmal verwnscht hatte - mit
ersichtlicher Befriedigung beiseite und sagte gleich danach beim Eintreten in
sein Zimmer: Ach, das is recht, Engelke. Du hast ein Feuer gemacht; du weit,
was einem alten Menschen guttut. Aber es reicht noch nicht aus. Ob wohl unten
noch heies Wasser ist? So 'n fester Grog, der sollte mir jetzt passen; ich
friere Stein und Bein.
    Hei Wasser is nicht mehr, gndiger Herr. Aber ich kann ja 'ne Kasseroll
aufstellen. Oder noch besser, ich hole den Petroleumkocher.
    Nein, nein, Engelke, nicht soviel Umstnde. Das mag ich nicht. Und den
Petroleumkocher, den erst recht nich; da kriegt man blo Kopfweh, und ich habe
schon genug davon. Aber bringe mir den Cognac und kaltes Wasser. Und wenn man
dann so halb und halb nimmt, dann is es so gut, als wr es ganz hei gewesen.
    Engelke brachte, was gefordert, und eine Viertelstunde danach ging Dubslav
zu Bett.

Er schlief auch gleich ein. Aber bald war er wieder wach und druste nur noch so
hin. So kam endlich der Morgen heran.
    Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frhstck brachte, schleppte sich
Dubslav mhsamlich von seinem Schlafzimmer bis an den Frhstckstisch. Aber es
schmeckte ihm nicht. Engelke, mir ist schlecht; der Fu ist geschwollen, und
das mit dem Cognac gestern abend war auch nicht richtig. Sage Martin, da er
nach Gransee fhrt und Doktor Sponholz mitbringt. Und wenn Sponholz nicht da ist
- der arme Kerl kutschiert in einem fort rum; ohne Landpraxis geht es nicht -,
dann soll er warten, bis er kommt.
    Es traf sich so, wie Dubslav vermutet hatte; Sponholz war wirklich auf
Landpraxis und kam erst nachmittags zurck. Er a einen Bissen und stieg dann
auf den Stechliner Wagen.
    Na, Martin, was macht denn der gnd'ge Herr?
    Joa, Herr Doktor, ick mt doch seggen, he seiht en beten vernnert ut; em
wihr schon nich so recht letzten Snndag, un doa mt he joa nu grad nach
Berlin. Un ick weet schon, wenn ihrst een nach Berlin mu, denn is ok mmer wat
los. Ick weet nich, wat se doa mit 'n ollen Minschen moaken.
    Ja, Martin, das ist die groe Stadt. Da bernehmen sie sich denn. Und dann
war ja auch Hochzeit. Da werden sie wohl ein bichen gepichelt haben. Und vorher
die kalte Kirche. Und dazu so viele feine Damen. Daran ist der gnd'ge Herr
nicht mehr gewhnt, und dann will er sich berappeln und strengt sich an, und da
hat man denn gleich was weg.
    Es dmmerte schon, als der kleine Jagdwagen auf der Rampe vorfuhr. Sponholz
stieg aus, und Engelke nahm ihm den grauen Mantel mit Doppelkragen ab und auch
die hohe Lammfellmtze, darin er - freilich das einzige an ihm, das diese
Wirkung ausbte - wie ein Perser aussah.
    So trat er denn bei Dubslav ein. Der alte Herr sa an seinem Kamin und sah
in die Flamme.
    Nun, Herr von Stechlin, da bin ich. War ber Land. Es geht jetzt scharf.
Jeder dritte hustet und hat Kopfweh. Natrlich Influenza. Ganz verdeubelte
Krankheit.
    Na, die wenigstens hab ich nicht.
    Kann man nicht wissen. Ein bichen fliegt jedem leicht an. Nun, wo sitzt
es?
    Dubslav wies auf sein, rechtes Bein und sagte: Stark geschwollen. Und das
andre fngt auch an.
    Hm. Na, wollen mal sehen. Darf ich bitten?
    Dubslav zog sein Beinkleid herauf, den Strumpf herunter und sagte: Da is
die Bescherung. Gicht ist es nicht. Ich habe keine Schmerzen... Also was
andres.
    Sponholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen Fu herum und sagte
dann: Nichts von Belang, Herr von Stechlin. Einhalten, Dit, wenig trinken,
auch wenig Wasser. Das verdammte Wasser drckt gleich nach oben, und dann haben
Sie Atemnot. Und von Medizin blo ein paar Tropfen. Bitte, bleiben Sie sitzen;
ich wei ja Bescheid hier. Und dabei ging er an Dubslavs Schreibtisch heran,
schnitt sich ein Stck Papier ab und schrieb ein Rezept. Ihr Kutscher, das wird
das beste sein, kann bei der Apotheke gleich mit vorfahren.
    Im Vorflur, nach Verabschiedung von Dubslav, fuhr Sponholz alsbald wieder in
seinen Mantel. Engelke half ihm und sagte dabei: Na, Herr Doktor?
    Nichts, nichts, Engelke!
    Martin mit seinem Jagdwagen hielt noch wartend auf der Rampe drauen, und so
ging es denn in rascher Fahrt wieder nach der Stadt zurck, von wo der alte
Kutscher die Tropfen gleich mitbringen sollte.
    Der Winterabend dmmerte schon, als Martin zurck war und die Medizin an
Engelke abgab. Der brachte sie seinem Herrn.
    Sieh mal, sagte dieser, als er das rundliche Flschchen in Hnden hielt,
die Granseer werden jetzt auch fein. Alles in rosa Seidenpapier gewickelt. Auf
einem angebundenen Zettel aber stand: Herrn Major von Stechlin. Dreimal tglich
zehn Tropfen. Dubslav hielt die kleine Flasche gegen das Licht und trpfelte
die vorgeschriebene Zahl in einen Lffel Wasser. Als er sie genommen hatte,
bewegte er die Lippen hin und her, etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weinsorte
probt. Dann nickte er und sagte: Ja, Engelke, nu geht es los. Fingerhut.

Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin seine Tropfen ganz gewissenhaft und
fand auch, da sich's etwas bessere. Die Geschwulst ging um ein Geringes zurck.
Aber die Tropfen nahmen ihm den Appetit, so da er noch weniger a, als ihm
gestattet war.
    Es war ein schner Frhmrzentag, die Mittagszeit schon vorber. Dubslav sa
an der weit offenstehenden Glastr seines Gartensalons und las die Zeitung. Es
schien indes, da ihm das, was er las, nicht sonderlich gefiel. Ach, Engelke,
die Zeitung ist ja soweit ganz gut; nur so fr den ganzen Tag ist sie doch
zuwenig. Du knntest mir lieber ein Buch bringen.
    Was fr eines?
    Is egal.
    Da liegt ja noch das kleine gelbe Buch: Keine Lupine mehr!
    Nein, nein; nicht so was. Lupine, davon hab ich schon soviel gelesen; das
wechselt in einem fort, und eins ist so dumm wie das andre. Die Landwirtschaft
kommt doch nicht wieder obenauf oder wenigstens nicht durch so was. Bringe mir
lieber einen Roman; frher in meiner Jugend sagte man Schmker. Ja, damals waren
alle Wrter viel besser als jetzt. Weit du noch, wie ich mir in dem Jahre, wo
ich Zivil wurde, den ersten Schniepel machen lie? Schniepel is auch solch Wort
und doch wahrhaftig besser als Frack. Schniepel hat so was Fideles: Einsegnung,
Hochzeit, Kindtaufe.
    Gott, gndiger Herr, immer is es doch auch nicht so. Die meisten Schniepel
sind doch, wenn einer begraben wird.
    Richtig, Engelke. Wenn einer begraben wird. Das war ein guter Einfall von
dir. Frher wrd ich gesagt haben zeitgem; jetzt sagt man opportun. Hast du
schon mal davon gehrt?
    Ja, gndiger Herr, gehrt hab ich schon mal davon.
    Aber nich verstanden. Na, ich eigentlich auch nich. Wenigstens nicht so
recht. Und du, du warst ja nich mal auf Schulen.
    Nein, gndiger Herr.
    Alles in allem, sei froh drber... Aber Engelke, wenn du mir nu ein Buch
gebracht hast, dann will ich mich mit meinem Stuhl doch lieber gleich auf die
Veranda rausrcken. Es ist wie Frhling heut. Solche guten Tage mu man
mitnehmen.
    Und bringe mir auch 'ne Decke. Frher war ich nich so frs Pimplige; jetzt
aber heit es: besser bewahrt als beklagt.

In dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg, Kloster Wutz und Gransee hatte sich
die Nachricht von des alten Dubslav ernster Erkrankung mehr und mehr
herumgesprochen, und es war wohl im Zusammenhange damit, da ungefhr um
dieselbe Stunde, wo Dubslav und Engelke sich ber Schniepel und opportun
unterhielten, ein Einspnner auf die Stechliner Rampe fuhr, ein etwas
sonderbares Gefhrt, dem der alte Baruch Hirschfeld langsam und vorsichtig
entstieg. Engelke war ihm dabei behilflich und meldete gleich danach, da der
Alte da sei.
    Der alte Baruch! Um Gottes willen, Engelke, was will denn der? Es ist ja
doch glcklicherweise nichts los. Und so ganz aus freien Stcken. Na, la ihn
kommen.
    Und Baruch Hirschfeld trat gleich darauf ein.
    Dubslav, in seine Decke gewickelt, begrte den Alten. Aber, Baruch, um
alles in der Welt, was gibt es? Was bringen Sie? Gleichviel brigens, ich freue
mich, Sie zu sehn. Machen Sie sich's so bequem, wie's auf den drei Latten eines
Gartenstuhls berhaupt mglich ist. Und dann noch einmal: Was gibt es? Was
bringen Sie?
    Herr Major wollen entschuldigen, es gibt nichts, und ich bringe auch
nichts. Ich kam da blo so vorbei, Geschfte mit Herrn von Gundermann, und da
wollt ich mir doch die Freiheit genommen haben, mal nach der Gesundheit zu
fragen. Habe gehrt, der Herr Major seien nicht ganz gut bei Wege.
    Nein, Baruch, nicht ganz gut bei Wege, beinahe schon schlecht genug. Aber
lassen wir das schlimme Neue; das Alte war doch eigentlich besser (das heit
dann und wann), und manchmal denk ich so an alles zurck, was wir so
gemeinschaftlich miteinander durchgemacht haben.
    Und immer glatt, Herr Major, immer glatt, ohne Schwierigkeiten.
    Ja, lachte Dubslav, gemacht hab ich keine Schwierigkeiten, aber gehabt
hab ich genug. Und das wei keiner besser als mein Freund Baruch. Und nun sagen
Sie mir vor allem, was macht Ihr Isidor, der groe Volksfreund? Ist er mit
Torgelow noch zufrieden? Oder sieht er, da sie da auch mit Wasser kochen? Ich
wundere mich blo, da ein Sohn von Baruch Hirschfeld, Sohn und Firmateilhaber,
so sehr fr den Umsturz ist.
    Nicht fr den Umsturz, Herr Major. Isidor, wenn ich so sagen darf, ist fr
die alte Valuta. Aber nebenher hat er ein Herz fr die Menschheit.
    Hat er? Na, das ist recht.
    Und das Herz fr die Menschheit, das haben wir alle, Herr Major. Und kommt
uns dabei was heraus, so haben wir, wenn ich so sagen darf, die Dividende. Gott
der Gerechte, wir brauchen's. Und weil ich rede von Dividende, will ich auch
reden von Hypothek. Wir haben da seit letzten Freitag 'n Kapital, Granseer
Brger, und will's hergeben zu dreiundeinhalb.
    Nu, Baruch, das ist hbsch. Aber im Augenblick bin ich's nicht bentigt.
Vielleicht spter mal mein Woldemar. Der hat, wie Sie wissen, 'ne reiche Partie
gemacht, und wer viel erheiratet, der braucht auch viel. Man denkt immer, dann
hrt es auf, aber das ist falsch, dann fngt es erst recht an. Unter allen
Umstnden seien Sie bedankt, da Sie mal haben sehen wollen, wie's mit mir
steht. Ich kann leider nur wiederholen, schlecht genug. Aber eine Weile dauert
es wohl noch. Und wenn auch nicht, mit meinem Sohne wird sich, denk ich,
geradeso wie zwischen uns zwei beiden, alles glatt abwickeln, glatter noch, und
vielleicht knnen Sie gemeinschaftlich mal was Nettes herauswirtschaften, was
Ordentliches, was Groes, was sich sehen lassen kann. Das heit dann neue Zeit.
Und nun, Baruch, mssen Sie noch ein Glas Sherry nehmen. In unserm Alter ist das
immer das Beste. Das heit fr Sie, der Sie noch gut im Gange sind. Ich darf
blo noch mit anstoen.
    Eine Viertelstunde spter fuhr Baruch auf seinem Wgelchen wieder in den
Stechliner Wald hinein und dachte wenig befriedigt ber alles nach, was er da
drinnen gehrt hatte. Die getrumten Schlo-Stechlin-Tage schienen mit einem
Male fr immer vorber. Alles, was der alte Herr da so nebenher von
gemeinschaftlich herauswirtschaften gesagt hatte, war doch blo ein Stich,
eine Pike gewesen.
    Ja, Baruch fhlte was wie Verstimmung. Aber Dubslav auch. Es war ihm zu
Sinn, als htt er seinen alten Granseer Geld- und Geschftsfreund (trotzdem er
dessen letzte Plne nicht einmal ahnte) zum erstenmal auf etwas Heimlichem und
Verstecktem ertappt, und als Engelke kam, um die Sherryflasche wieder
wegzurumen, sagte er: Engelke, mit Baruch is es auch nichts. Ich dachte,
wunder was das fr ein Heiliger wr, und nun is der Pferdefu doch schlielich
rausgekommen. Wollte mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich
nicht schon genug davon htte... Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen zweideutig,
wird am Ende doch recht behalten. berhaupt solche Polizeimenschen mit 'nem
Karabiner ber die Schulter, das sind, bei Lichte besehn, immer die feinsten
Menschenkenner. Ich rgere mich, da ich's nicht eher gemerkt habe. So dumm zu
sein! Aber das mit der Krankheit heute, das war mir doch zuviel. Wenn sich die
Menschen erst nach Krankheit erkundigen, dann ist es immer schlimm. Eigentlich
is es jedem gleich, wie's einem geht. Und ich habe sogar welche gekannt, die
sahen sich, wenn sie so fragten, immer schon die Mbel und Bilder an und dachten
an nichts wie an Auktion.

                          Siebenunddreiigstes Kapitel


Auch die nchsten Tage waren beinahe sommerlich, taten dem Alten wohl und
erleichterten ihm das Atmen. Er begann wieder zu hoffen, sprach mit
Wirtschaftsinspektor und Frster und war nicht blo voll wiedererwachten
Interesses, sondern berhaupt guter Dinge.
    So kam Mitte Mrz heran. Der Himmel war blau, Dubslav sa auf seiner
Veranda, den kleinen Springbrunnen vor sich, und sah dabei das leichte weie
Gewlk ziehen. Vom Park her vernahm er den ersten Finkenschlag. Er mochte wohl
schon eine Stunde so gesessen haben, als Engelke kam und den Doktor meldete.
    Das ist recht, Sponholz, da Sie kommen. Nicht um mir zu helfen (das ist
immer schlimm, wenn einem erst geholfen werden soll), nein, um zu sehen, da Sie
mir schon geholfen haben. Diese Tropfen. Es ist doch was damit. Wenn sie nur
nicht so schlecht schmeckten; ich mu mir immer einen Ruck geben. Und da sie so
grn sind. Grn ist Gift, heit es bei den Leuten. Eigentlich eine ganz dumme
Vorstellung. Wald und Wiese sind auch grn und doch so ziemlich unser Bestes.
    Ja, es ist ein Spezifikum. Und ich bin froh, da die Digitalis hier bei
Ihnen mal wieder zeigt, was sie kann. Und bin doppelt froh, weil ich mich auf
sechs Wochen von Ihnen verabschieden mu.
    Auf sechs Wochen. Aber, Doktor, das is ja 'ne halbe Ewigkeit. Haben Sie
Schulden gemacht und sollen in Prison?
    Man knnte beinahe so was denken. Denn solange Gransee historisch
beglaubigt dasteht, ist noch kein Doktor auf sechs Wochen weg gewesen, noch dazu
ein Kreisphysikus. Eine Doktorexistenz gestattet solchen Luxus nicht. Wie lebt
man denn hier? Und wie hat man gelebt? Immer Furunkel aufgeschnitten, immer
Karbolwatte, immer in den Wagen gestiegen, immer einem alten Erdenbrger seinen
Entlassungsschein ausgestellt oder einen neuen Erdenbrger geholt. Und nun sechs
Wochen weg. Wie ich meinen Kreis wiederfinden werde... nu, vielleicht hat Gott
ein Einsehen.
    Er ist doch wohl eigentlich der beste Assistenzarzt.
    Und vor allem der billigste. Der andre, den ich mir aus Berlin habe
verschreiben mssen (ach, und soviel Schreiberei), der ist teurer. Und meine
Reise kommt mir ohnedies schon teuer genug.
    Aber wohin denn, Doktor?
    Nach Pfffers.
    Pfffers. Kenn ich nicht. Und was wollen Sie da? Warum? Wozu?
    Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus, hochgradig, schon nicht mehr
schn. Und da ist denn Pfffers der letzte Trumpf. Schweizerbad mit allen
Schikanen und wahrscheinlich auch mit allen Kosten. Ein Granseer, der allerdings
fr Geld gezeigt werden kann, war mal an diesem merkwrdigen Ort und hat mir
denn auch 'ne Beschreibung davon gemacht. Habe natrlich auch noch im Baedeker
nachgeschlagen und unter anderm einen Flu da verzeichnet gefunden, der Tamina
heit. Erinnert ein bichen an Zauberflte und klingt soweit ganz gut. Aber
trotzdem eine tolle Geschichte, dies Pfffers. Soweit es nmlich als Bad in
Betracht kommt, ist es nichts als ein Felsenloch, ein groer Backofen, in den
man hineingeschoben wird. Und da hockt man denn, wie die Indianer hocken, und
die Dmpfe steigen siedehei von unten herauf. Wer da nicht wieder zu Stande
kommt, der kann berhaupt einpacken. brigens will ich fr meine Person gleich
mit hineinkriechen. Denn das darf ich wohl sagen, wer so fnfunddreiig Jahre
lang durch Kreis Gransee hin und her kutschiert ist, mitunter bei Ostwind, der
hat sich sein Gliederreien ehrlich verdient. Sonderbar, da der Hauptteil davon
auf meine Frau gefallen ist.
    Ja, Sponholz, in einer christlichen Ehe...
    Freilich, Herr Major, freilich. Wiewohl das mit christlicher Ehe auch immer
blo soso ist. Da hatten wir, als ich noch Militr war, einen
Compagniechirurgus, richtige alte Schule, der sagte, wenn er von so was hrte:
Ja, christliche Ehe, ganz gut, kenn ich. Is wie Schinken in Burgunder. Das eine
is immer da, aber das andere fehlt.
    Ja, sagte Dubslav, diese richtigen alten Compagniechirurgusse, die hab
ich auch noch gekannt. Blutige Zyniker, jetzt leider ausgestorben... Und in
solchem Pfffersschen Backofen wollen Sie sechs Wochen zubringen?
    Nein, Herr von Stechlin, nicht so lange. Blo vier, hchstens vier. Denn es
strengt sehr an. Aber wenn man nu doch mal da ist, ich meine in der Schweiz und
da herum, wo sie stellenweise schon italienisch sprechen, da will man doch
schlielich auch gern in das gelobte Land Italia hineinkucken. Und da haben wir
denn also, meine Frau und ich, vor, von diesem Pfffers aus erst noch durch die
Via Mala zu fahren, den Splgen hinauf oder auf irgendeinen andern Pa. Und wenn
wir dann einen Blick in all die Herrlichkeit drben hinein getan haben, dann
kehren wir wieder um, und ich fr meine Person ziehe mir wieder meinen grauen
Mantel an (denn fr die Reise hab ich mir einen neuen Paletot bauen lassen) und
kutschiere wieder durch Kreis Gransee.
    Na, Sponholz, das freut mich aber wirklich, da Sie mal rauskommen. Und
blo wenn Sie durch die Via Mala fahren, da mssen Sie sich in acht nehmen.
    Waren Sie denn mal da, Herr Major?
    Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen Ausnahmen, lagen immer nur
zwischen Berlin und Stechlin. Hchstens mal Dresden und ein bichen ins
Bayrische. Wenn man so gar nicht mehr wei, wo man hin soll, fhrt man natrlich
nach Dresden. Also Via Mala nie gesehen. Aber ein Bild davon. Im allgemeinen ist
Bilderankucken auch nicht gerade mein Fall, und wenn die Museums von mir leben
sollten, dann tten sie mir leid. Indessen wie so der Zufall spielt, mal sieht
man doch so was, und war da auf dem Via-Mala-Bilde 'ne Felsenschlucht mit
Figuren von einem sehr berhmten Malermenschen, der, glaub ich, Bcking oder
Bckling hie.
    Ah so. Einer, wenn mir recht ist, heit Bcklin.
    Wohl mglich, da es der gewesen ist. Ja, sogar sehr wahrscheinlich. Nun
sehen Sie, Doktor, da war denn also auf diesem Bilde diese Via Mala, mit einem
kleinen Flu unten, und ber den Flu weg lief ein Brckenbogen, und ein Zug von
Menschen (es knnen aber auch Ritter gewesen sein) kam grade die Strae lang.
Und alle wollten ber die Brcke.
    Sehr interessant.
    Und nun denken Sie sich, was geschieht da? Grade neben dem Brckenbogen,
dicht an der rechten Seite, tut sich mit einem Male der Felsen auf, etwa wie
wenn morgens ein richtiger Spiebrger seine Laden aufmacht und nachsehen will,
wie's Wetter ist. Der aber, der an dieser Brcke da von ungefhr rauskuckte,
hren Sie, Sponholz, das war kein Spiebrger, sondern ein richt'ger Lindwurm
oder so was hnliches aus der sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurck,
da selbst der lteste Adel (die Stechline mit eingeschlossen) nicht dagegen
ankann, und dies Biest, als der herankommende Zug eben den Flu passieren
wollte, war mit seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen und die
Brcke heran, und ich kann Ihnen blo sagen, Sponholz, mir stand, als ich das
sah, der Atem still, weil ich deutlich fhlte, nu noch einen Augenblick, dann
schnappt er zu, und die ganze Bescherung is weg.
    Ja, Herr von Stechlin, da hat man blo den Trost, da die Saurier, soviel
ich wei, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner Frau will ich diese Geschichte
doch lieber nicht erzhlen; die kriegt nmlich mitunter Ohnmachten. In
Doktorhusern ist immer was los.
    Dubslav nickte.
    Und nur das eine mcht ich Ihnen noch sagen, Herr von Stechlin, mit der
Digitalis immer ruhig so weiter und, wenn der Appetit nicht wiederkommt, lieber
nur zweimal tglich. Und nie mehr als zehn Tropfen. Und wenn Sie sich unpa
fhlen, mein Stellvertreter ist von allem unterrichtet. Er wird Ihnen gefallen.
Neue Schule, moderner Mensch; aber doch nicht zuviel davon (so wenigstens hoff
ich) und jedenfalls sehr gescheit. An seinem Namen - er heit nmlich Moscheles
- drfen Sie nicht Ansto nehmen. Er ist aus Brnn gebrtig, und da heien die
meisten so.
    Der Alte drckte mit allem seine Zustimmung aus, auch mit dem Namen,
trotzdem dieser ihm qulende Erinnerungen weckte. Schon vor etlichen fnfzig
Jahren habe er Musikstcke spielen mssen, die alle auf den Namen Moscheles
liefen. Aber das wolle er den Insichtstehenden nicht weiter entgelten lassen.
    Und nach diesen beruhigenden Versicherungen empfahl sich Sponholz und fuhr
zu weiteren Abschiedsbesuchen in die Grafschaft hinein.
    Am zweitfolgenden Tage brachen die Sponholzschen Eheleute von Gransee nach
Pfffers hin auf; die Frau, sehr leidend, war schweigsam, er aber befand sich in
einem hochgradigen Reisefieber, was sich, als sie drauen auf dem Bahnhof
angelangt waren, in immer wachsender Gesprchigkeit uerte.
    Mehrere Freunde (meist Logenbrder) hatten ihn bis hinaus begleitet.
Sponholz kam hier sofort vom Hundertsten aufs Tausendste. Ja, unser guter
Stechlin, mit dem steht es soso... Baruch hat ihn auch gesehn und ihn
einigermaen verndert gefunden... Und Sie, Kirstein, Sie schreiben mir
natrlich, wenn der junge Burmeister eintritt; ich wei, er will nicht recht
(blo der Vater will) und soll sogar von Hokuspokus gesprochen haben. Aber
dergleichen mu man leichtnehmen. Unwissenheit, Verkennungen, ber so was sind
wir weg; viel Feind, viel Ehr... Nur, es noch einmal zu sagen, der Alte drben
in Stechlin macht mir Sorge. Man mu aber hoffen; bei Gott kein Ding unmglich
ist. Und zu Moscheles hab ich Vertrauen; ihn auskultieren zu sehn ist ein wahres
Vergngen fr 'nen Fachmann.
    So klang, was Sponholz noch in letzter Minute vom Coupfenster aus zum
besten gab. Alles, am meisten aber das ber den alten Stechlin Gesagte, wurde
weitergetragen und drang bis auf die Drfer hinaus, so namentlich auch bis nach
Quaden-Hennersdorf zu Superintendent Koseleger, der seit kurzem mit Ermyntrud
einen lebhaften Verkehr unterhielt und, angeregt durch die mit jedem Tage
kirchlicher werdende Prinzessin, einen energischen Vorsto gegen den Unglauben
und die in der Grafschaft berhandnehmende Laxheit plante. Koseleger sowohl wie
die Prinzessin wollten zu diesem Zwecke beim alten Dubslav als nchstem Objekt
einsetzen und hielten sein Asthma fr den geeignetsten Zeitpunkt. In einem
Briefe der Prinzessin an Koseleger hie es dementsprechend: Ich will die gute
Gesinnung des alten Herrn in nichts anzweifeln; auerdem hat er etwas ungemein
Affables. Ich bin ihm menschlich durchaus zugetan. Aber sein Prinzip, das nichts
Hheres kennt als leben und leben lassen, hat in unsrer Gegend alle mglichen
Irrtmer und Sonderbarkeiten ins Kraut schieen lassen. Nehmen Sie
beispielsweise diesen Krippenstapel. Und nun den Lorenzen selbst! Katzler, mit
dem ich gestern ber unsern Plan sprach, hat mich gebeten, mit Rcksicht auf die
Krankheit des alten Herrn wenigstens vorlufig von allem Abstand zu nehmen, aber
ich hab ihm widersprechen mssen. Krankheit (soviel ist richtig) macht schroff
und eigensinnig, aber in bedrngten Momenten auch wiederum ebenso gefgig, und
es sind wohl auch hier wieder gerade die Auferlegungen und Bitternisse, daraus
ein Segen fr den Kranken und jedenfalls fr die Gesamtheit unsres Kreises
entspringen wird. Unter allen Umstnden aber mu uns das Bewutsein trsten,
unsre Pflicht erfllt zu haben.

Es war eine Woche nach Sponholz' Abreise, da Ermyntrud diese Zeilen schrieb,
und schon am andern Vormittage fuhr Koseleger, der mit der Prinzessin im
wesentlichen derselben Meinung war, auf die Stechliner Rampe. Gleich danach trat
Engelke bei Dubslav ein und meldete den Herrn Superintendenten.
    Superintendent? Koseleger?
    Ja, gnd'ger Herr. Superintendent Koseleger. Er sieht sehr wohl aus und
ganz blank.
    Was es doch fr merkwrdige Tage gibt. Heute (du sollst sehn) ist wieder so
einer. Mit Moscheles fing's an. Sage dem Herrn Superintendenten, ich liee
bitten.
    Ich komme hoffentlich zu guter Stunde, Herr von Stechlin.
    Zur allerbesten, Herr Superintendent. Eben war der neue Doktor hier. Und
eine Viertelstunde, wenn's mit dem praesente medico nur ein ganz klein wenig auf
sich hat, mu solche Doktorgegenwart doch wohl noch nachwirken.
    Sicher, sicher. Und dieser Moscheles soll sehr gescheit sein. Die Wiener
und Prager verstehn es; namentlich alles, was nach der Seite hin liegt.
    Ja, sagte Dubslav, nach der Seite hin, und wies auf Brust und Herz.
Aber, offen gestanden, nach mancher andern Seite hin ist mir dieser Moscheles
nicht sehr sympathisch. Er fat seinen Stock so sonderbar an und schlenkert auch
so.
    Ja, so was mu man unter Umstnden mit in den Kauf nehmen. Und dann heit
es ja auch, der Major von Stechlin habe mehr oder weniger einen philosemitischen
Zug.
    Den hat der Major von Stechlin auch wirklich, weil er Unchristlichkeiten
nicht leiden kann und Prinzipienreitereien erst recht nicht. Ich gehre zu
denen, die sich immer den Einzelfall ansehn. Aber freilich, mancher Einzelfall
gefllt mir nicht. So zum Beispiel der hier mit dem neuen Doktor. Und auch mein
alter Baruch Hirschfeld, den der Herr Superintendent mutmalich kennen werden,
auch der gefllt mir nicht mehr so recht. Ich hielt groe Stcke von ihm, aber -
vielleicht da sein Sohn Isidor schuld ist - mit einem Mal ist der Pferdefu
rausgekommen.
    Ja, lachte Koseleger, der kommt immer mal raus. Und nicht blo bei
Baruch. Ich mu aber sagen, das alles hat mit der Rasse viel, viel weniger zu
schaffen als mit dem jeweiligen Beruf. Da war ich eben bei der Frau von
Gundermann...
    Und da war auch so was?
    In gewissem Sinne, ja. Natrlich ein bichen anders, weil es sich um etwas
Weibliches handelte. Sttze der Hausfrau. Und da bndelt sich denn leicht was
an. Eben diese Sttze der Hausfrau war bis vor kurzem noch Erzieherin, und mit
Erzieherinnen, alten und jungen, hat's immer einen Haken, wie mit den Lehrern
berhaupt. Es liegt im Beruf. Und der Seminarist steht obenan.
    Ich kann mich nicht erinnern, sagte Dubslav, in unserer Gegend irgendwas
grblich Verletzliches erlebt zu haben.
    Oh, ich bin miverstanden, beschwichtigte Koseleger und rieb sich mit
einem gewissen Behagen seine wohlgepflegten Hnde. Nichts von Vergehungen auf
erotischem Gebiet, wiewohl es bei den Gundermanns (die gerad in diesem Punkte
viel heimgesucht werden) auch diesmal wieder, ich mchte sagen, diese kleine
Nebenform angenommen hatte. Nein, der groe Seminaristenpferdefu, an den ich
bei meiner ersten Bemerkung dachte, trgt ganz andere Signaturen:
Unbotmigkeit, berschtzung und infolge davon ein eigentmliches Bestreben,
sich von den Heilsgtern loszulsen und die Befriedigung des inneren Menschen in
einer falschen Wissenschaftlichkeit zu suchen.
    Ich will das nicht loben; aber auch solche falsche Wissenschaftlichkeit
zhlt, dcht ich, in unserer alten Grafschaft zu den allerseltensten Ausnahmen.
    Nicht so sehr, als Sie vermuten, Herr Major, und aus Ihrer eigenen
Stechliner Schule sind mir Klagen kirchlich gerichteter Eltern ber solche Dinge
zugegangen. Allerdings Altlutheraner aus der Globsower Gegend. Indessen so
lstig diese Leute zuzeiten sind, so haben sie doch andrerseits den Ernst des
Glaubens und finden, wie sie sich in einem Skriptum an mich ausgedrckt haben,
in der Krippenstapelschen Lehrmethode diesen Ernst des Glaubens arg
vernachlssigt.
    Dubslav wiegte den Kopf hin und her und htte trotz allen Respekts vor dem
Vertreter einer kirchlichen Behrde wahrscheinlich ziemlich scharf und spitz
geantwortet, wenn ihm nicht alles, was er da hrte, gleichzeitig in einem
heiteren Licht erschienen wre. Krippenstapel, sein Krippenstapel, er, der den
Alten Fritzen so gut wie den Katechismus, aber den Katechismus auch reichlich so
gut wie den Alten Fritzen kannte - Krippenstapel, sein groartiger Bienenvater,
sein korrespondierendes Mitglied mrkisch-historischer Vereine, die Seele seines
Museums, sein guter Freund, dieser Krippenstapel sollte den Ernst des
Glaubens verkannt haben, bei ihm sollte der Seminaristenhochmut zu
gemeingefhrlichem Ausbruch gekommen sein. Wohl entsann er sich, in eigenster
Person (was ihn in diesem Augenblick ein wenig verstimmte) gelegentlich sehr
hnliches gesagt zu haben. Aber doch immer nur scherzhaft. Und wenn zwei
dasselbe tun, so ist es nicht mehr dasselbe. Traf dieser Satz je zu, so hier. Er
erhob sich also mit einiger Anstrengung von seinem Platz, ging auf Koseleger zu,
schttelte ihm die Hand und sagte: Herr Superintendent, so wie Sie's da sagen,
so kann es nicht sein. Von richtigen Altlutheranern gibt es hier berhaupt
nichts, und am wenigsten in Globsow; die glauben sozusagen gar nichts. Ich
wittere da was von Intrige. Da stecken andere dahinter. Bei meinem alten Baruch
ist der Pferdefu rausgekommen, aber bei meinem alten Krippenstapel ist er nicht
rausgekommen und wird auch nicht rauskommen, weil er berhaupt nicht da ist.
Meinen alten Krippenstapel, den kenn ich.
    Koseleger, Weltmann, wie er war, lenkte rasch ein, sprach von
Konventiklerbeschrnktheit und gab die Mglichkeit einer Intrige zu.
    Natrlich wird es einem schwer, in diesem Erdenwinkel an derlei Dinge zu
glauben, denn Intrige zhlt ganz eminent zu den hheren Kulturformen. Intrige
hat hier in unserer alten Grafschaft, glaub ich, noch keinen Boden. Aber
andrerseits ist es doch freilich wahr, da heutzutage die Verwerflichkeiten, ja
selbst die Verbrechen und Laster, nicht blo im Gefolge der Kultur auftreten,
sondern umgekehrt ihr voranschreiten, als beklagenswerte Herolde falscher
Gesittung! Bedenken Sie, was wir neuerdings in unsern quatorialprovinzen erlebt
haben. Die Zivilisation ist noch nicht da, und schon haben wir ihre Greuel. Man
erschauert, wenn man davon liest, und freut sich der kleinen und alltglichen
Verhltnisse, drin der Wille Gottes uns gndig stellte.
    Nach diesen Worten, die was von einem guten Abgang hatten, erhob sich
Koseleger, und der Alte, seinerseits seinen Arm in den des Superintendenten
einhakend, um sich, wie er sagte, auf die Kirche zu sttzen, begleitete
seinen Besuch bis wieder auf die Rampe hinaus und grte noch mit der Hand, als
der Wagen schon ber die Bohlenbrcke fuhr. Dann wandte er sich rasch an
Engelke, der neben ihm stand, und sagte:
    Engelke, schade, da ich mit dir nicht wetten kann. Lust htt ich. Heute
kommt noch wer, du wirst es sehn. Eine Woche lang lt sich keine Katze blicken,
aber wenn unser Schicksal erst mal 'nen Entschlu gefat hat, dann kann es sich
auch wieder nicht genug tun. Man gewinnt dreimal das Groe Los, oder man stt
sich dreimal den Kopp. Und immer an derselben Stelle.

Es schlug zwlf, als Dubslav vom Portal her wieder den Flur passierte. Dabei sah
er nach dem Hippenmann hinauf und zhlte die Schlge. Zwlf, sagte er, und um
zwlf ist alles aus, und dann fngt der neue Tag an. Es gibt freilich zwei
Zwlfen, und die Zwlf, die da oben jetzt schlgt, das is die Mittagszwlf. Aber
Mittag ...! Wo bist du, Sonne, geblieben! All dem weiter nachhngend, wie er
jetzt fter tat, kam er an seinen Kaminplatz und nahm eine Zeitung in die Hand.
Er sah jedoch kaum drauf hin und beschftigte sich, whrend er zu lesen schien,
eigentlich nur mit der Frage, wer wohl heute noch kommen knne, und dabei
neben andren Personen aus seiner Umgebung auch an Lorenzen denkend, kam er zu
dem Schluresultat, da ihm Lorenzen mit all seinem neuen Unsinn doch am Ende
lieber sei als Koseleger mit seinen Heilsgtern, von denen er wohl zwei-,
dreimal gesprochen hatte. Ja, die Heilsgter, die sind ganz gut. Versteht sich.
Ich werde mich nicht so versndigen. Die Kirche kann was, is was, und der alte
Luther, nu, der war schon ganz gewi was, weil er ehrlich war und fr seine
Sache sterben wollte. Nahe dran war er. Eigentlich kommt's doch immer blo
darauf an, da einer sagt, dafr sterb ich. Und es dann aber auch tut. Fr was,
is beinah gleich. Da man berhaupt so was kann, wie sich opfern, das ist das
Groe. Kirchlich mag es ja falsch sein, was ich da so sage; aber was sie jetzt
sittlich nennen (und manche sagen auch schnheitlich, aber das is ein zu dolles
Wort), also was sie jetzt sittlich nennen, so blo auf das hin angesehn, da is
das persnliche Sicheinsetzen und Fr-was-sterben-Knnen und -Wollen doch das
Hchste. Mehr kann der Mensch nich. Aber Koseleger. Der will leben.
    Und whrend er noch so vor sich hin seinen Faden spann, war sein gutes altes
Faktotum eingetreten, an das er denn auch ohne weiteres und blo zu eignem
Ergtzen die Frage richtete: Nich wahr, Engelke?
    Der aber hrte gar nichts mehr, so sehr war er in Verwirrung, und stotterte
nur aus sich heraus: Ach Gott, gnd'ger Herr, nu is es doch so gekommen.
    Wie? Was?
    Die Frau Gemahlin von unserm Herrn Oberfrster...
    Was? Die Prinzessin?
    Ja, die Frau Katzler, Durchlaucht.
    Alle Wetter, Engelke ... Da haben wir's. Aber ich hab es ja gesagt, ich
wut es. Wie so 'n Tag anfngt, so bleibt er, so geht es weiter... Und wie das
hier durcheinanderliegt, alles wie Kraut und Rben. Nimm die Zudecke weg, ach
was Zudecke, die reine Pferdedecke; wir mssen eine andre haben. Und nimm auch
die grnen Tropfen weg, da es nicht gleich aussieht wie 'ne Krankenstube ...
Die Prinzessin ... Aber rasch, Engelke, flink ... Ich lasse bitten, ich lasse
die Frau Oberfrsterin bitten.
    Dubslav rckte sich, so gut es ging, zurecht; im brigen aber hielt er's in
seinem desolaten Zustande doch fr besser, in seinem Rollstuhl zu bleiben, als
der Prinzessin entgegenzugehn oder sie durch ein Sicherheben von seinem Sitz
mehr oder weniger feierlich zu begren. Ermyntrud pate sich seinen Intentionen
denn auch an und gab durch eine gemessene Handbewegung zu verstehen, da sie
nicht zu stren wnsche. Gleich danach legte sie den rechten Arm auf die Lehne
eines nebenstehenden Stuhles und sagte: Ich komme, Herr von Stechlin, um nach
Ihrem Befinden zu fragen; Katzler (sie nannte ihn, unter geflissentlichster
Vermeidung des allerdings plebejen mein Mann, immer nur bei seinem
Familiennamen) hat mir von Ihrem Unwohlsein erzhlt und mir Empfehlungen
aufgetragen. Ich hoffe, es geht besser.
    Dubslav dankte fr soviel Freundlichkeit und bat, das um ihn her herrschende
berma von Unordnung entschuldigen zu wollen. Wo die weibliche Hand fehlt,
fehlt alles. Er fuhr so noch eine Weile fort, in allerlei Worten und Wendungen,
wie sie ihm von alter Zeit her gelufig waren; eigentlich aber war er wenig bei
dem, was er sagte, sondern hing ausschlielich an dem halb Nonnen-, halb
Heiligenbildartigen ihrer Erscheinung, das durch einen groen, aus mattweien
Kugeln bestehenden Halsschmuck samt Elfenbeinkreuz noch gesteigert wurde. Sie
mute jedem, auch dem Kritischsten, auffallen, und Dubslav, der - sosehr er
dagegen ankmpfte - ganz unter der Vorstellung ihrer Prinzessinnenschaft stand,
verga auf Augenblicke Krankheit und Alter und fhlte sich nur noch als Ritter
seiner Dame. Da sie stehen blieb, war ihm im ersten Augenblicke strend, bald
aber war es ihm recht, weil ihm einleuchtete, da ihr Bild erst dadurch zu
voller Wirkung kam. Ermyntrud selbst war sich dessen auch voll bewut und Frau
genug, auf diese Vorzge nicht ohne Not zu verzichten.
    Ich hre, da Doktor Sponholz, den ich als Arzt sehr schtzen gelernt habe,
seine Kranken, whrend er in Pfffers ist, einem jungen Stellvertreter
anvertraut hat. Junge rzte sind meist klger als die alten, aber doch weniger
rzte. Man bringt auerdem dem Alter mehr Vertrauen entgegen. Alte Doktoren sind
wie Beichtiger, vor denen man sich gern offenbart. Freilich knnen sie den
geistlichen Zuspruch nicht voll ersetzen, der in jeder ernstlichen Krankheit
doch das eigentlich Heilsame bleibt. rzte selbst - ich hab einen Teil meiner
Jugend in einem Diakonissenhause verbracht -, rzte selbst, wenn sie ihren Beruf
recht verstehn, urteilen in diesem Sinne. Sogenannte Medikamente sind und
bleiben ein armer Notbehelf; alle wahre Hilfe fliet aus dem Wort. Aber
freilich, das richtige Wort wird nicht berall gesprochen.
    Dubslav sah etwas unruhig um sich her. Es war ganz klar, da die Prinzessin
gekommen war, seine Seele zu retten. Aber woher kam ihr die Wissenschaft, da
seine Seele dessen bedrftig sei? Das verlohnte sich doch in Erfahrung zu
bringen, und so bezwang er sich denn und sagte: Gewi, Durchlaucht, das Wort
ist die Hauptsache. Das Wort ist das Wunder; es lt uns lachen und weinen, es
erhebt uns und demtigt uns, es macht uns krank und macht uns gesund. Ja es gibt
uns erst das wahre Leben hier und dort. Und dies letzte hchste Wort, das haben
wir in der Bibel. Daher nehm ich's. Und wenn ich manches Wort nicht verstehe,
wie wir die Sterne nicht verstehn, so haben wir dafr die Deuter.
    Gewi. Aber es gibt der Deuter so viele.
    Ja, lachte Dubslav, und wer die Wahl hat, hat die Qual. Aber ich
persnlich, ich habe keine Wahl. Denn genauso wie mit dem Krper, so steht es
fr mich auch mit der Seele. Man behilft sich mit dem, was man hat. Nehm ich da
zunchst meinen armen, elenden Leib. Da sitzt es mir hier und steigt und drckt
und qult mich und ngstigt mich, und wenn die Angst gro ist, dann nehm ich die
grnen Tropfen. Und wenn es mich immer mehr qult, dann schick ich nach Gransee
hinein, und dann kommt Sponholz. Das heit, wenn er gerade da ist. Ja, dieser
Sponholz ist auch ein Wissender und ein Deuter. Sehr wahrscheinlich, da es
klgere und bessere gibt; aber in Ermangelung dieser besseren mu er fr mich
ausreichen.
    Ermyntrud nickte freundlich und schien ihre Zustimmung ausdrcken zu wollen.
    Und, fuhr Dubslav fort, ich mu es wiederholen, genauso wie mit dem Leib,
so auch mit der Seele. Wenn sich meine arme Seele ngstigt, dann nehm ich mir
Trost und Hilfe, so gut ich sie gerade finden kann. Und dabei denk ich dann, der
nchste Trost ist der beste. Den hat man am schnellsten, und wer schnell gibt,
der gibt doppelt. Eigentlich mu man es lateinisch sagen. Ich rufe mir Sponholz,
weil ich ihn, wenn bentigt, in ziemlicher Nhe habe; den andern aber, den Arzt
fr die Seele, den hab ich glcklicherweise noch nher und brauche nicht mal
nach Gransee hineinzuschicken. Alle Worte, die von Herzen kommen, sind gute
Worte, und wenn sie mir helfen (und sie helfen mir), so frag ich nicht viel
danach, ob es sogenannte richtige Worte sind oder nicht.
    Ermyntrud richtete sich hher auf; ihr bis dahin verbindliches Lcheln war
sichtlich in raschem Hinschwinden.
    berdies, so schlo Dubslav seine Bekenntnisrede, was sind die richtigen
Worte? Wo sind sie?
    Sie haben sie, Herr von Stechlin, wenn Sie sie haben wollen. Und Sie haben
sie nah, wenn auch nicht in Ihrer unmittelbarsten Nhe. Mich persnlich haben
diese Worte whrend schwerer Tage gesttzt und aufgerichtet. Ich wei, er hat
Feinde, voran im eignen Lager. Und diese Feinde sprechen von schnen Worten.
Aber soll ich mich einem Heilswort verschlieen, weil es sich in Schnheit
kleidet? Soll ich eine mich segnende Hand zurckweisen, weil es eine weiche Hand
ist? Sie haben Sponholz genannt. Unser Superintendent liegt wohl weit ber
diesen hinaus, und wenn es nicht eitel und vermessen wre, wrd ich eine gnd'ge
Fgung darin zu sehn glauben, da er an diese sterile Kste verschlagen werden
mute, gerade mir eine Hilfe zu sein. Aber, was er an mir tat, kann er auch an
andern tun. Er hat eben das, was zum Siege fhrt; wer die Seele hat, hat auch
den Leib.
    Unter diesen Worten war Ermyntrud von ihrem Stuhl an Dubslav herangetreten
und neigte sich ber ihn, um ihm, halb wie segnend, die Stirn zu kssen. Das
Elfenbeinkreuz berhrte dabei seine Brust. Sie lie es eine Weile da ruhen. Dann
aber trat sie wieder zurck, und sich zweimal unter hoheitsvollem Gru
verneigend, verlie sie das Zimmer. Engelke, der drauen im Flur stand, eilte
vorauf, ihr beim Einsteigen in den kleinen Katzlerschen Jagdwagen behilflich zu
sein.
    Als Dubslav wieder allein war, nahm er das Schreisen, das grad vor ihm auf
dem Kaminstein lag, und fuhr in die halb niedergebrannten Scheite. Die Flamme
schlug auf, und etliche Funken stoben. Arme Durchlaucht. Es ist doch nicht gut,
wenn Prinzessinnen in Oberfrsterhuser einziehn. Sie sind dann aus ihrem
Fahrwasser heraus und greifen nach allem mglichen, um in der selbstgeschaffenen
Alltglichkeit nicht unterzugehn. Einen bessern Trostspender als Koseleger
konnte sie freilich nicht finden; er gab ihr den Trost, dessen er selber
bedrftig ist. Im brigen mag sie sich aufrichten lassen, von wem sie will. Der
Alte auf Sanssouci, mit seinem Nach-der-eignen-Faon-selig-Werden, hat's auch
darin getroffen. Gewi. Aber wenn ich euch eure Faon lasse, so lat mir auch
die meine. Wollt nicht alles besser wissen, kommt mir nicht mit Anzettelungen,
erst gegen meinen guten Krippenstapel, der kein Wsserchen trbt, und nun gar
gegen meinen klugen Lorenzen, der euch alle in die Tasche steckt. An ihn
persnlich wagen sie sich nicht ran, und da kommen sie nun zu mir und wollen
mich umstimmen und denken, weil ich krank bin, mu ich auch schwach sein. Aber
da kennen sie den alten Stechlin schlecht, und er wird nun wohl seinen
mrkischen Dickkopf aufsetzen. Auch sogar gegen Ippe-Bchsenstein und die
Elfenbeinkugeln, die ja schon der reine Rosenkranz sind. Und es wird auch noch
so was. Eigentlich bin ich brigens selber schuld. Ich habe mir durch den
prinzelichen Augenaufschlag und die vier Kindergrber im Garten zu sehr
imponieren lassen. Aber es fllt doch allmhlich wieder ab, und ein Glck, da
ich meinen Engelke habe.
    Vor Erregung war er aus seinem Rollstuhl aufgestanden und drckte auf den
Klingelknopf. Engelke, geh zu Lorenzen und sag ihm, ich lie' ihn bitten. Der
soll dann aber heut auch der letzte sein... Denke dir, Engelke, sie wollen mich
bekehren!
    Aber, gnd'ger Herr, das is ja doch das Beste.
    Gott, nu fngt der auch noch an.

                           Achtunddreiigstes Kapitel


Lorenzen kam nicht; er war nach Rheinsberg, wo die Geistlichen aus dem stlichen
Teil der Grafschaft eine Konferenz hatten. Aber statt Lorenzen kam Doktor
Moscheles und sprach von allem mglichen, erst ganz kurz von Dubslavs Zustand,
den er nicht gut und nicht schlecht fand, dann von Koseleger, von Katzler, auch
von Sponholz (von dem ein Brief eingetroffen war), am ausfhrlichsten aber von
Rechtsanwalt Katzenstein und von Torgelow. Ja, dieser Torgelow, sagte
Moscheles. Es war ein Migriff, ihn zu whlen. Und wenn es noch ntig gewesen
wre, wenn die Partei keinen Besseren gehabt htte! Aber da haben sie denn doch
noch ganz andre Leute. Dubslav war davon wenig angenehm berhrt, weil er aus
der persnlichen Niedrigstellung Torgelows die Hochstellung der Torgelowschen
Partei heraushrte.
    Der Besuch hatte wohl eine halbe Stunde gedauert. Als Moscheles wieder fort
war, sagte Dubslav: Engelke, wenn er wiederkommt, so sag ihm, ich sei nicht da.
Das wird er natrlich nicht glauben; wei er doch am besten, da ich an mein
Zimmer und meinen Rollstuhl gebunden bin. Aber trotzdem; ich mag ihn nicht. Es
war eine Dummheit von Sponholz, sich grade diesen auszusuchen, solchen
Allerneuesten, der nach Sozialdemokratie schmeckt und dabei seinen Stock so
sonderbar anfat, immer grad in der Mitte. Und dazu auch noch 'nen roten
Schlips.
    Es sind aber schwarze Kfer drin.
    Ja, die sind drin, aber ganz kleine. Das machen sie so, damit es nicht
jeder gleich merkt, wes Geistes Kind so einer ist und wohin er eigentlich
gehrt. Aber ich merk es doch, auch wenn er an Kaiser Wilhelms Geburtstag mit
'ner papiernen Kornblume kommt. Also du sagst ihm, ich sei nicht da.
    Engelke widersprach nicht, hatte jedoch so seine Gedanken dabei. Der alte
Doktor ist weg, und den neuen will er nicht. Un den aus Wutz will er auch nich,
weil der soviel mit der Domina zusammenhockt. Un dabei kommt er doch immer mehr
runter. Er denkt: Es is noch nich so schlimm. Aber es is schlimm. Is genauso wie
mit Bcker Knaack. Un Kluckhuhn sagte mir schon vorige Woche: Engelke, glaube
mir, es wird nichts; ich wei Bescheid.

Das war am Montag. Am Freitag fuhr Moscheles wieder vor und verfrbte sich, als
Engelke sagte, der gnd'ge Herr sei nicht da.
    So, so. Nicht da.
    Das war doch etwas stark. Moscheles stieg also wieder auf seinen Wagen und
bestrkte sich, whrend er nach Gransee zurckfuhr, in seinen durchaus
ablehnenden Anschauungen ber den derzeitigen Gesellschaftszustand. Einer ist
wie der andre. Was wir brauchen, is ein Generalkladderadatsch, Krach, tabula
rasa. Zugleich war er entschlossen, von einem erneuten Krankenbesuch
abzustehen. Der gnd'ge Herr auf, von und zu Stechlin kann mich ja rufen
lassen, wenn er mich braucht. Hoffentlich unterlt er's.
    Dieser Wunsch erfllte sich denn auch. Dubslav lie ihn nicht rufen, wiewohl
guter Grund dazu gewesen wre, denn die Beschwerden wuchsen pltzlich wieder,
und wenn sie zeitweilig nachlieen, waren die geschwollenen Fe sofort wieder
da. Engelke sah das alles mit Sorge. Was blieb ihm noch vom Leben, wenn er
seinen gnd'gen Herrn nicht mehr hatte? Jeder im Haus mibilligte des Alten
Eigensinn, und Martin, als er eines Tages vom Stall her in die nebenan gelegene
niedrige Stube trat, wo seine Frau Kartoffeln schlte, sagte zu dieser: Ick
weet nich, Mutter, worm he den jungschen Dokter rutgrulen dd. De Jungsche is
doch klger, as de olle Sponholz is. Doa mt man blot de Globsower ber
Sponholzen hren. Joa, oll Sponholz, so seggen se, de is joa sowiet ganz good,
awers he seggt man mmer: "Kinnings, krank is he egentlich nich, he brukt man
blot 'ne Supp mit en beten wat in!" Joa, Sponholz, de kann so wat seggen, de
hett wat dato. Awers de Globsower! Wo salln de 'ne Supp herkregen mit en beten
wat in?
    So verging Tag um Tag, und Dubslav, dem herzlich schlecht war, sah nun
selber, da er sich in jedem Punkt bereilt hatte. Moscheles war doch immerhin
ein richtiger Stellvertreter gewesen, und wenn er jetzt einen andern nahm, so
traf das Sponholzen auch mit. Und das mocht er nicht. In dieser Notlage sann er
hin und her, und eines Tages, als er mal wieder in rechter Bedrngnis und
Atemnot war, rief er Engelke und sagte: Engelke, mir is schlecht. Aber rede mir
nich von dem Doktor. Ich mag unrecht haben, aber ich will ihn nicht. Sage, wie
steht das eigentlich mit der Buschen? Die soll ja doch letzten Herbst uns'
Kosst Rohrbeckens Frau wieder auf die Beine gebracht haben.
    Ja, die Buschen...
    Na, was meinst du?
    Ja, die Buschen, die wei Bescheid. Versteht sich. Man blo, da sie 'ne
richtige alte Hexe is, und um Walpurgis wei keiner, wo sie is. Und die Mchens
gehen sonnabends auch immer hin, wenn's schummert, und Uncke hat auch schon
welche notiert und beim Landrat Anzeige gemacht. Aber sie streiten alle Stein
und Bein; und ein paar haben auch schon geschworen, sie wten von gar nichts.
    Kann ich mir denken, und vielleicht war's auch nich so schlimm. Und dann,
Engelke, wenn du meinst, da sie so gut Bescheid wei, da wr's am Ende das
beste, du gingst mal hin oder schicktest wen. Denn deine alten Beine wollen auch
nich mehr so recht, und auerdem is Schlackerwetter. Und wenn du mir auch noch
krank wirst, so hab ich ja keine Katze mehr, die sich um mich kmmert. Woldemar
is weit weg. Und wenn er auch in Berlin wre, da hat er ja doch seinen Dienst
und seine Schwadron und kann nich den ganzen Tag bei seinem alten Vater sitzen.
Und auerdem, Krankenpflegen ist berhaupt was Schweres; darum haben die
Katholiken auch 'nen eignen Segen dafr. Ja, die verstehn es. So was verstehn
sie besser als wir.
    Nei, gnd'ger Herr, besser doch wohl nich.
    Na, lassen wir's. So was is immer schwer festzustellen, und weil heutzutage
so vieles schwer festzustellen ist, haben sich ja die Menschen auch das
angeschafft, was sie 'ne Enquete nennen. Keiner kann sich freilich so recht was
dabei denken. Ich gewi nicht. Weit du, was es ist?
    Nei, gnd'ger Herr.
    Siehst du! Du bist eben ein vernnftiger Mensch, das merkt man gleich, und
hast auch ein Einsehn davon, da es eigentlich am besten wre, wenn ich zu der
Buschen schicke. Was die Leute von ihr reden, geht mich nichts an. Und dann bin
ich auch kein Mchen. Und Uncke wird mich ja wohl nicht aufschreiben.
    Engelke lchelte: Na, gnd'ger Herr, dann werd ich man unten mit unse
Mamsell Pritzbur sprechen; die kann denn die ltte Marie rausschicken. Marieken
is letzten Michaelis erst eingesegnet, aber sie war auch schon da.
    Noch an demselben Nachmittag erschien die Buschen im Herrenhause. Sie hatte
sich fr den Besuch etwas zurechtgemacht und trug ihre besten Kleider, auch ein
neues schwarzes Kopftuch. Aber man konnte nicht sagen, da sie dadurch gewonnen
htte. Fast im Gegenteil. Wenn sie so mit 'nem Sack ber die Schulter oder mit
'ner Kiepe voll Reisig aus dem Walde kam, sah man nichts als ein altes, armes
Weib; jetzt aber, wo sie bei dem alten Herrn eintrat und nicht recht wute,
warum man sie gerufen, sah man ihr die Verschlagenheit an, und da sie fr all
und jedes zu haben sei.
    Sie blieb an der Tr stehen.
    Na, Buschen, kommt man ran oder stellt Euch da ans Fenster, da ich Euch
besser sehn kann. Es ist ja schon ganz schummrig.
    Sie nickte.
    Ja, mit mir is nich mehr viel los, Buschen. Und nu is auch noch Sponholz
weg. Und den neuen Berlinschen, den mag ich nicht. Ihr sollt ja Kosst
Rohrbeckens Frau damals wieder auf die Beine gebracht haben. Mit mir is es auch
so was. Habt Ihr Courage, mich in die Kur zu nehmen? Ich zeig Euch nicht an.
Wenn einem einer hilft, is das andre alles gleich. Also nichts davon. Und es
soll Euer Schaden nicht sein.
    Ick weet joa, jnd'ger Herr... Se wihren joa nich. Un denn de Ld, de
denken mmer, ick kann hexen un all so wat. Ick kann awer joar nix un hebb man
blot en beten Liebstckel un Wacholder un Allermannsharnisch. Un alles blot,
wie't sinn mu. Un de Gerichten knnen mi nix dohn.
    Is mir lieb. Und geht mich brigens auch nichts an. Mit so was komm ich
Euch nich. Kann Gerichte selber nich gut leiden. Und nu sagt mir, Buschen, wollt
Ihr den Fu sehn? Einer is genug. Der andre sieht ebenso aus. Oder doch beinah.
    Nei, jnd'ger Herr. Loaten S' man. Ick weet joa, wi dat is. Ihrst sitt et
hier up de Bost, un denn sackt et sich, un denn sitt et hier unnen. Un is all
een un dat slwige. Dat mt allens rut, un wenn et rut is, denn drckt et nich
mihr, un denn knnen Se wedder gapsen.
    Gut. Leuchtet mir ein. Et mu rut, sagt Ihr. Und das sag ich auch. Aber
womit wollt Ihr's rutbringen? Das is die Sache. Welche Mittel, welche Wege?
    Joa, de Mittel hebb ick. Un hebben wi ihrst de Mittel, denn finnen sich ook
de Weg. Ick schick ht noch Agnessen mit twee Tten; Agnes, dat is Karlinen ehr
ltt Deern.
    Ich wei, ich wei.
    Un Agnes, de sall denn unnen in de Kch goahn, to Mamsell Pritzbur, un de
Pritzburn, de sall denn den Tee moaken fr 'n jnd'gen Herrn. Morgens ut de
witte Tt, un abens ut de blue Tt. Un mmer man 'nen gestrichnen Elffel vull
un nich to veel Woater; awers bullern mt et. Un wenn de Tten all sinn, denn is
et rut. Dat Woater nimmt dat Woater weg.
    Na gut, Buschen. Wir wollen das alles so machen. Und ich bin nicht blo ein
geduldiger Kranker, ich bin auch ein gehorsamer Kranker. Nun will ich aber blo
noch wissen, was Ihr mir da in Euern Tten schicken wollt, in der weien und in
der blauen. Is doch kein Geheimnis?
    Nei, jnd'ger Herr.
    Na also.
    In de witte Tt is Brlapp, un in de blue Tt is, wat de Ld hier
Katzenpoot nennen.
    Versteh, versteh, lchelte Dubslav, und dann sprach er wie zu sich selbst:
Nu ja, nu ja, das kann schon helfen. Dazwischen liegt eigentlich die ganze
Weltgeschichte. Mit Brlapp zum Einstreuen fngt die se Gewohnheit des Daseins
an, und mit Katzenpftchen hrt es auf. So verluft es. Katzenpftchen... die
gelben Blumen, draus sie die letzten Krnze machen... Na, wir wollen sehn.

An demselben Abend kam Agnes und brachte die beiden Tten, und es geschah, was
beinah ber alles Erwarten hinaus lag: es wurde wirklich besser. Die Geschwulst
schwand, und Dubslav atmete leichter. Dat Woater nimmt dat Woater, an diesem
Hexenspruch - den er, wenn er mit Engelke plauderte, gern zitierte - richteten
sich seine Hoffnungen und seine Lebensgeister wieder auf. Er war auch wieder fr
Bewegung und lie, wenn es das Wetter irgendwie gestattete, seinen Rollstuhl
nicht blo auf die Veranda hinausschieben, sondern fuhr auch um das Rundell
herum und sah dem kleinen Springbrunnen zu, der wieder sprang. Ja, es kam ihm
vor, als ob er hher sprnge. Findest du nich auch, Engelke? Vor vier Wochen
wollt er nich. Aber es geht jetzt wieder. Alles geht wieder, und es ist
eigentlich dumm, ohne Hoffnung zu leben; wozu hat man sie denn?
    Engelke nickte blo und legte die Zeitungen, die gekommen waren, auf einen
neben dem Frhstckstisch stehenden Gartenstuhl, zuunterst die Kreuzzeitung
als Fundament, auf diese dann die Post und zuletzt die Briefe. Die meisten
waren offen, Anzeigen und Anpreisungen, nur einer war geschlossen, ja sogar
gesiegelt. Poststempel: Berlin. Gib mir mal das Papiermesser, da ich ihn
manierlich aufschneiden kann. Er sieht nach was aus, und die Handschrift is wie
von 'ner Dame, blo ein bichen zu dicke Grundstriche.
    Is am Ende von der Grfin.
    Engelke, sagte Dubslav, du wirst mir zu klug. Natrlich is er von der
Grfin. Hier is ja die Krone.
    Wirklich, es war ein Brief von Melusine, samt einer Einlage. Melusinens
Zeilen aber lauteten am Schlu: Und nun bitt ich, Ihnen einen Brief beilegen zu
drfen, den unsre liebe Baronin Berchtesgaden gestern aus Rom erhalten hat, und
zwar von Armgard, deren volles Glck ich aus diesem Brief und allerhand kleinen,
ihrem Charakter eigentlich fernliegenden bermtigkeiten erst so recht ersehn
habe.
    Dubslav nickte. Dann nahm er die Einlage und las:

                                                                   Rom, im Mrz

Teuerste Baronin!
    An wen knnt ich von hier aus lieber schreiben als an Sie? Vatikan und
Lateran und Grabmal Pio Nonos, und wenn ich Glck habe, bin ich auch noch mit
dabei, wenn am Grndonnerstage der groe Segen gespendet wird. Man mu eben
alles mitnehmen. Von Rom zu schwrmen ist geschmacklos und berflssig dazu,
weil man an die Schwrmerei seiner Vorgnger doch nie heranreicht. Aber von
unserer Reise will ich Ihnen statt dessen erzhlen. Wir nahmen den Weg ber den
Brenner und waren am selben Abend noch in Verona. Torre di Londra. Was mich
anderntags in der Capuletti- und Montecchi-Stadt am meisten interessierte, war
ein groer Parkgarten, der Giardino Giusti, mit ber zweihundert Zypressen, alle
fnfhundert Jahre alt und viele beinah so hoch wie das Berliner Schlo. Ich ging
mit Woldemar auf und ab, und dabei berechneten wir uns, ob wohl die schne Julia
hier auch schon auf und ab gegangen sei. Nur eins strte uns. Zu solcher
Prachtavenue von Trauerbumen gehrt als Abschlu notwendig ein Mausoleum. Das
fehlt aber. Im Giardino Giusti trafen wir Hauptmann von Gaza vom ersten
Garderegiment, der, von Neapel kommend, bereits alle Schnheit Italiens gesehen
hatte. Wir fragten ihn, ob Verona, wie einem bestndig versichert wird, wirklich
die italienischste der italienischen Stdte sei. Hauptmann von Gaza lachte. Von
Potsdam, so meinte er, knne man vielleicht sagen, da es die preuischste Stadt
sei. Aber Verona die italienischste? Nie und nimmer.
    ber das vielgefeierte Venedig an dieser Stelle nur das eine. Unser Hotel
lag in Nhe einer mit Barock berladenen Kirche: San Mos. Da es einen Sankt
Moses gibt, war mir fremd und verwunderlich zugleich. Aber gleich danach dacht
ich an unsere Gendarmentrme und war beruhigt. Moses geht doch immer noch vor
Gendarm.
    Florenz berspring ich und erzhle Ihnen dafr lieber vom Trasimenischen
See, den wir auf unserer Eisenbahnfahrt passierten. Woldemar, ein ganz klein
wenig Taschen-Moltke, mochte nicht darauf verzichten, den groen Hannibal auf
Herz und Nieren zu prfen, und so stiegen wir denn in Nhe des Sees aus, an
einer kleinen Station, die, glaub ich, Borghetto-Tuoro heit. Es war auch fr
einen Laien ber Erwarten interessant, und selbst ich, die ich sonst gar keinen
Sinn fr derlei Dinge habe, verstand alles und fand mich leicht in jeglichem
zurecht. Ja, ich hatte das Gefhl, da ich in diesem hochgelegenen Engpa
ebenfalls ber die Rmer gesiegt haben wrde. Der See hat viele Zu- und
Abflsse. Einer dieser Abflsse (mehr Kanal als Flu) nennt sich der Emissarius,
was mich sehr erheiterte. Noch interessanter aber erschien mir ein anderer
Flulauf, der, weil er am Schlachttage von Blut sich rtete, der Sanguinetto
heit. Das Diminutiv steigert hier ganz entschieden die Wirkung. Der See ist
brigens sehr gro, zehn Meilen Umfang, und dabei flach, weshalb der erste
Napoleon ihn auspumpen lassen wollte. Da htte sich dann ein neues Herzogtum
grnden lassen...
    Schau, schau, sagte der alte Dubslav, wer der blassen Comtesse das
zugetraut htte! Ja, reisen und in den Krieg ziehen, da lernt man, da wird man
anders.
    Und er legte den Brief beiseite.
    Zugleich aber war ein stilles Behagen ber ihn gekommen, und er berdachte,
wie manche Freude das Leben doch immer noch habe. Vor ihm, in den Parkbumen,
schlugen die Vgel, und ein Buchfink kam bis auf den Tisch und sah ihn an, ganz
ohne Scheu. Das tat ihm ungemein wohl. Etwas ganz besonders Schnes im Leben
ist doch das Vertrauen, und wenn's auch blo ein Piepvogel is, der's einem
entgegenbringt. Einige haben eine schwarze Milz und sagen: alles sei von Anfang
an auf Mord und Totschlag gestellt. Ich kann es aber nicht finden.
    Engelke kam, um abzurumen. Is ein schner Tag heut, sagte Dubslav, und
die Krokusse kommen auch schon raus. Eigentlich hab ich nich geglaubt, da ich
so was Hbsches noch mal sehn wrde. Und wenn ich dann denke, da ich das alles
der Buschen verdanke! Merkwrdige Welt! Sponholz hatte blo immer seine grnen
Tropfen, und Moscheles hatte nichts als seinen ewigen Torgelow, und nu kommt die
Buschen, und mit einem Mal is es besser. Ja, wirklich merkwrdig. Und nu krieg
ich auch noch, wenn auch blo leihweise, solchen hbschen Brief von einer
hbschen jungen Frau. Noch dazu Schwiegertochter. Ja, Engelke, so geht's; nich
zu glauben. Und da httest du vorhin den Buchfinken sehen sollen, wie mich der
ansah. Blo als du kamst, da flog er weg; er mu sich vor dir gegrault haben.
    Ach, gnd'ger Herr, vor mir grault sich keine Kreatur.
    Will dir's glauben. Und du sollst sehn, heute haben wir 'nen guten Tag, und
es kommt auch noch wer, an dem man sich freuen kann. Wie mir schlecht war, da
kam Koseleger und die Prinzessin. Aber heute kam ein Buchfink. Und ich bin ganz
sicher, der hat noch ein Gefolge.

Dubslavs Ahnungen behielten recht; und als der Nachmittag da war, kam Lorenzen,
der sich, seitdem der Alte seinen Katzenpftchentee trank, nur selten und immer
blo flchtig hatte sehen lassen. Aber das war rein zufllig und sollte nicht
eine Mibilligung darber ausdrcken, da sich der Alte bei der Buschen in die
Kur gegeben.
    Nun endlich, empfing ihn Dubslav, als Lorenzen eintrat. Wo bleiben Sie?
Da heit es immer, wir Junker wren kleine Knige. Ja, wer's glaubt! Alle
kleinen Knige haben ein Cortge, das sich in Huldigungen und Purzelbumen
berschlgt. Aber von solchem Gefolge habe ich noch nicht viel gesehen. Baruch
ist freilich hiergewesen und dann Koseleger und dann die Prinzessin, aber der,
der so halb ex officio kommen sollte, der kommt nicht und schickt hchstens mal
die Kulicke oder die Elfriede mit 'ner Anfrage. Sterben und verderben kann man.
Und das heit dann Seelsorge.
    Lorenzen lchelte. Herr von Stechlin, Ihre Seele macht mir, trotz dieser
meiner Vernachlssigung, keine Sorge, denn sie zhlt zu denen, die jeder
Spezialempfehlung entbehren knnen. Lassen Sie mich sehr menschlich, ja fr
einen Pfarrer beinah lsterlich sprechen. Aber ich mu es. Ich lebe nmlich der
berzeugung, der liebe Gott, wenn es mal soweit ist, freut sich, Sie
wiederzusehen. Ich sage, wenn es soweit ist. Aber es ist noch nicht soweit.
    Ich wei nicht, Lorenzen, ob Sie recht haben. Jedenfalls aber befind ich
mich in meinem derzeitig ertrglichen Zustande nur mit Hilfe der Buschen, und ob
mich das nach obenhin besonders empfehlen kann, ist mir zweifelhaft. Aber lassen
wir die heikle Frage. Erzhlen Sie mir lieber etwas recht Hbsches und Heiteres,
auch wenn es nebenher etwas ganz Altes ist, etwa das, was man frher Miszellen
nannte. Das ist mir immer das liebste gewesen und ist es noch. Was ich da so in
den Zeitungen lese, voran das Politische, das wei ich schon immer alles, und
was ich von Engelke hre, das wei ich auch. Beilufig - natrlich nur vom
alleregoistischsten Zeitungsleserstandpunkt aus - ein wahres Glck, da es
Unglcksflle gibt, sonst htte man von der Zeitungslektre so gut wie gar
nichts. Aber Sie, Sie lesen auch sonst noch allerlei, mitunter sogar Gutes
(freilich nur selten), und haben ein wundervolles Gedchtnis fr
Rubergeschichten und Anekdoten aus allen fnf Weltteilen. Auerdem sind Sie
Fridericus-Rex-Mann, was ich Ihnen eigentlich am hchsten anrechne, denn die
Fridericus-Rex-Leute, die haben alle Herz und Verstand auf dem rechten Fleck.
Also suchen Sie nach irgendwas der Art, nach einer alten Zieten- oder
Blcheranekdote, kann meinetwegen auch Wrangel sein - ich bin dankbar fr alles.
Je schlechter es einem geht, je schner kommt einem so was kavalleristisch
Frisches und bermtiges vor. Ich spiele mich persnlich nicht auf Heldentum
aus, Renommieren ist ein elendes Handwerk; aber das darf ich sagen: ich liebe
das Heldische. Und Gott sei Dank kommt dergleichen immer noch vor.
    Gewi kommt so was immer noch vor. Aber, Herr von Stechlin, all dies
Heldische...
    Nun aber, Lorenzen, Sie werden doch nicht gegen das Heldische sein? Soweit
sind Sie doch noch nicht! Und wenn es wre, da wrd ich ernstlich bse.
    Das lt Ihre Gte nicht zu.
    Sie wollen mich einfangen. Aber diesmal glckt es nicht. Was haben Sie
gegen das Heldische?
    Nichts, Herr von Stechlin, gar nichts. Im Gegenteil. Heldentum ist gut und
gro. Und unter Umstnden ist es das Allergrte. Lasse mir also den
Heroenkultus durchaus gefallen, das heit, den echten und rechten. Aber was Sie
da von mir hren wollen, das ist, Verzeihung fr das Wort, ein Heldentum zweiter
Gte. Mein Heldentum - soll heien, was ich fr Heldentum halte -, das ist nicht
auf dem Schlachtfelde zu Hause, das hat keine Zeugen oder doch immer nur solche,
die mit zugrunde gehn. Alles vollzieht sich stumm, einsam, weltabgewandt.
Wenigstens als Regel. Aber freilich, wenn die Welt dann ausnahmsweise davon
hrt, dann horch ich mit auf, und mit gespitzterem Ohr, wie ein Kavalleriepferd,
das die Trompete hrt.
    Gut. Meinetwegen. Aber Beispiele.
    Kann ich geben. Da sind zunchst die fanatischen Erfinder, die nicht
ablassen von ihrem Ziel, unbekmmert darum, ob ein Blitz sie niederschlgt oder
eine Explosion sie in die Luft schleudert; da sind des weiteren die groen
Kletterer und Steiger, sei's in die Hh, sei's in die Tiefe, da sind zum dritten
die, die den Meeresgrund absuchen wie 'ne Wiese, und da sind endlich die
Weltteildurchquerer und die Nordpolfahrer.
    Ach, der ewige Nansen. Nansen, der, weil er die diesseits verlorene Hose
jenseits in Grnland wiederfand, auf den Gedanken kam: Was die Hose kann, kann
ich auch. Und daraufhin fuhr er ber den Pol. Oder wollte wenigstens.
    Lorenzen nickte.
    Nun ja, das war klug gedacht. Und da dieser Nansen sich an die Sache
ranmachte, das respektier ich, auch wenn schlielich nichts draus wurde. Bleibt
immer noch ein Bravourstck. Gewi, da sitzt nu so wer im Eise, sieht nichts,
hrt nichts, und wenn wer kommt, ist es hchstens ein Eisbr. Indessen, er freut
sich doch, weil es wenigstens was Lebendiges ist. Ich darf sagen, ich hab einen
Sinn fr dergleichen. Aber trotzdem, Lorenzen, die Garde bei St. Privat ist doch
mehr.
    Ich wei nicht, Herr von Stechlin. Echtes Heldentum oder, um's noch einmal
einzuschrnken, ein solches, das mich persnlich hinreien soll, steht immer im
Dienst einer Eigenidee, eines allereigensten Entschlusses. Auch dann noch (ja
mitunter dann erst recht), wenn dieser Entschlu schon das Verbrechen streift.
Oder, was fast noch schlimmer, das Hliche. Kennen Sie den Cooperschen Spy? Da
haben Sie den Spion als Helden. Mit andern Worten, ein Niedrigstes als Hchstes.
Die Gesinnung entscheidet. Das steht mir fest. Aber es gibt der Beispiele noch
andere, noch bessere!
    Da bin ich neugierig, sagte Dubslav: Also wenn's sein kann: Name.
    Name: Greeley, Leutnant Greeley; Yankee pur sang. Und im brigen auch einer
aus der Nordpolfahrergruppe.
    Will also sagen: Nansen der Zweite.
    Nein, nicht der Zweite. Was er tat, war viele Jahre vor Nansen.
    Und er kam hher hinauf? Weiter nach dem Pol zu? Oder waren seine
Eisbr-Rencontres von noch ernsthafterer Natur?
    All das wurde mir nicht viel besagen. Das herkmmlich Heldische fehlt in
seiner Geschichte vllig. Was an seine Stelle tritt, ist ein ganz andres. Aber
dies andre, das gerade macht es.
    Und das war?
    Nun denn - ich erzhle nach dem Gedchtnis, und im einzelnen und
Nebenschlichen irr ich vielleicht... Aber in der Hauptsache stimmt es... Also
zuletzt, nach langer Irrfahrt, waren's noch ihrer fnf: Greeley selbst und vier
seiner Leute. Das Schiff hatten sie verlassen, und so zogen sie hin ber Eis und
Schnee. Sie wuten den Weg, soweit sich da von Weg sprechen lt, und die Sorge
war nur, ob das bichen Proviant, das sie mit sich fhrten, Schiffszwieback und
gesalzenes Fleisch, bis an die nchste menschenbewohnte Stelle reichen wrde.
Jedem war ein hchstes und doch zugleich auch wieder geringstes Ma als tgliche
Provision zubewilligt, und wenn man dies Ma einhielt und kein Zwischenfall kam,
so mut es reichen. Und einer, der noch am meisten bei Krften war, schleppte
den gesamten Proviant. Das ging so durch Tage. Da nahm Leutnant Greeley wahr,
da der Proviant schneller hinschmolz, als berechnet, und nahm auch wahr, da
der Provianttrger selbst, wenn er sich nicht beobachtet glaubte, von den
Rationen nahm. Das war eine schreckliche Wahrnehmung. Denn ging es so fort, so
waren sie samt und sonders verloren. Da nahm Greeley die drei andern beiseit und
beriet mit ihnen. Eine Mglichkeit gewhnlicher Bestrafung gab es nicht, und auf
einen Kampf sich einzulassen ging auch nicht. Sie hatten dazu die Krfte nicht
mehr. Und so hie es denn zuletzt, und es war Greeley, der es sagte: Wir mssen
ihn hinterrcks erschieen. Und als sie bald nach dieser Kriegsgerichtsszene
wieder aufbrachen, der heimlich Verurteilte vorn an der Tte, trat Greeley von
hinten her an ihn heran und scho ihn nieder. Und die Tat war nicht umsonst
getan; ihre Rationen reichten aus, und an dem Tage, wo sie den letzten Bissen
verzehrten, kamen sie bis an eine Station.
    Und was wurde weiter?
    Ich wei nicht mehr, ob Greeley selbst bei seiner Rckkehr nach New York
als Anklger gegen sich auftrat; aber das wei ich, da es zu einer groen
Verhandlung kam.
    Und in dieser...
    ... In dieser wurd er freigesprochen und im Triumph nach Hause getragen.
    Und Sie sind einverstanden damit?
    Mehr; ich bin voll Bewunderung. Greeley, statt zu tun, was er tat, htte zu
den Gefhrten sagen knnen: Unser Exempel wird falsch, und wir gehen an des
einen Schuld zugrunde; tten mag ich ihn nicht - sterben wir also alle. Fr
seine Person htt er so sprechen und handeln knnen. Aber es handelte sich nicht
blo um ihn; er hatte die Fhrer- und die Befehlshaberrolle, zugleich die
Richterpflicht, und hatte die Majoritt von drei gegen eine Minoritt von einem
zu schtzen. Was dieser eine getan, an und fr sich ein Nichts, war unter den
Umstnden, unter denen es geschah, ein fluchwrdiges Verbrechen. Und so nahm er
denn gegen die geschehene schwere Tat die schwere Gegentat auf sich. In solchem
Augenblicke richtig fhlen und in der berzeugung des Richtigen fest und
unbeirrt ein furchtbares Etwas tun, ein Etwas, das, aus seinem Zusammenhange
gerissen, allem gttlichen Gebot, allem Gesetz und aller Ehre widerspricht, das
imponiert mir ganz ungeheuer und ist in meinen Augen der wirkliche, der wahre
Mut. Schmach und Schimpf, oder doch der Vorwurf des Schimpflichen, haben sich
von jeher an alles Hchste geknpft. Der Bataillonsmut, der Mut in der Masse
(bei allem Respekt davor), ist nur ein Herdenmut.
    Dubslav sah vor sich hin. Er war augenscheinlich in einem Schwankezustand.
Dann aber nahm er die Hand Lorenzens und sagte: Sie sollen recht haben.

                           Neununddreiigstes Kapitel


Dubslav hatte nach Lorenzens Besuch eine gute Nacht. Wenn man mal so was andres
hrt, wird einem gleich besser. Aber auch der Katzenpftchentee fuhr fort,
seine Wirkung zu tun, und was dem Kranken am meisten half, war, da er die
grnen Tropfen fortlie.
    Hr, Engelke, am Ende wird es noch mal was. Wie gefallen dir meine Beine?
Wenn ich drcke, keine Kute mehr.
    Gewi, gnd'ger Herr, es wird nu wieder, un das macht alles der Tee. Ja,
die Buschen versteht es, das hab ich immer gesagt. Und gestern abend, als
Lorenzen hier war, war auch ltt Agnes hier un hat unten in der Kche gefragt,
wie's denn eigentlich mit dem gndigen Herrn stnn. Und die Mamsell hat ihr
gesagt, es stnde gut.
    Na, das is recht, da die Alte, wie 'n richtiger Doktor, sich um einen
kmmert und von allem wissen will. Und da sie nicht selber kommt, ist noch
besser. So 'n bichen schlecht Gewissen hat sie doch woll. Ich glaube, da sie
viel auf 'm Kerbholz hat und da die Karline so is, wie sie is, daran is doch
auch blo die Alte schuld. Und das Kind wird vielleicht auch noch so; sie dreht
sich schon wie 'ne Puppe, und dazu das lange, blonde Zoddelhaar. Ich mu dabei
immer an Bellchen denken - weit du noch, als die gnd'ge Frau noch lebte.
Bellchen hatte auch solche Haare. Und war auch der Liebling. Solche sind immer
Liebling. Krippenstapel, hr ich, soll sie auch in der Schule verwhnen. Wenn
die andern ihn noch anglotzen, dann schiet sie schon los. Es ist ein kluges
Ding.
    Engelke besttigte, was Dubslav sagte, und ging dann nach unten, um dem
gnd'gen Herrn sein zweites Frhstck zu holen: ein weiches Ei und eine Tasse
Fleischbrhe. Als er aber aus dem Gartenzimmer auf den groen Hausflur
hinaustrat, sah er, da ein Wagen vorgefahren war, und statt in die Kche zu
gehen, ging er doch lieber gleich zu seinem Herrn zurck, um mit verlegenem
Gesicht zu melden, da das gnd'ge Frulein da sei.
    Wie? Meine Schwester?
    Ja, das gnd'ge Frlen.
    I, da soll doch gleich 'ne alte Wand wackeln, sagte Dubslav, der einen
ehrlichen Schreck gekriegt hatte, weil er sicher war, da es jetzt mit Ruh und
Frieden auf Tage, vielleicht auf Wochen, vorbei sei. Denn Adelheid mit ihren
sechsundsiebzig setzte sich nicht gern auf eine Kleinigkeit hin in Bewegung, und
wenn sie die beinahe vier Meilen von Kloster Wutz her herberkam, so war das
kein Nachmittagsbesuch, sondern Einquartierung. Er fhlte, da sich sein ganzer
Zustand mit einem Male wieder verschlechterte und da eine halbe Atemnot im Nu
wieder da war.
    Er hatte aber nicht lange Zeit, sich damit zu beschftigen, denn Engelke
ffnete bereits die Tr, und Adelheid kam auf ihn zu. Tag, Dubslav. Ich mu
doch mal sehn. Unser Rentmeister Fix ist vorgestern hier in Stechlin gewesen und
hat dabei von deinem letzten Unwohlsein gehrt. Und daher wei ich es. Eh du
persnlich deine Schwester so was wissen lt oder einen Boten schickst...
    Da mu ich schon tot sein, ergnzte der alte Stechlin und lachte. Nun,
la es gut sein, Adelheid, mach dir's bequem und rcke den Stuhl da heran.
    Den Stuhl da? Aber, Dubslav, was du dir nur denkst! Das ist ja ein
Grovaterstuhl oder doch beinah. Und dabei nahm sie statt dessen einen kleinen,
leichten Rohrsessel und lie sich drauf nieder. Ich komme doch nicht zu dir, um
mich hier in einen groen Polsterstuhl mit Backen zu setzen. Ich will meinen
lieben Kranken pflegen, aber ich will nicht selber eine Kranke sein. Wenn es so
mit mir stnde, wr ich zu Hause geblieben. Du rechnest immer, da ich zehn
Jahre lter bin als du. Nun ja, ich bin zehn Jahre lter. Aber was sind die
Jahre? Die Wutzer Luft ist gesund, und wenn ich die Grabsteine bei uns lese,
unter achtzig ist da beinah keine von uns abgegangen. Du wirst erst
siebenundsechzig. Aber ich glaube, du hast dein Leben nicht richtig angelegt,
ich meine deine Jugend, als du noch in Brandenburg warst. Und von Brandenburg
immer rber nach Berlin. Na, das kennt man. Ich habe neulich was Statistisches
gelesen.
    Damen drfen nie Statistisches lesen, sagte Dubslav, es ist entweder zu
langweilig oder zu interessant - und das ist dann noch schlimmer. Aber nun
klingle (verzeih, mir wird das Aufstehn so schwer), da uns Engelke das
Frhstck bringt; du kommst  la fortune du pot und mut frliebnehmen. Mein
Trost ist, da du drei Stunden unterwegs gewesen. Hunger ist der beste Koch.
    Beim Frhstck, das bald danach aufgetragen wurde - die Jahreszeit
gestattete, da auch eine Schale mit Kiebitzeiern aufgesetzt werden konnte -,
verbesserte sich die Stimmung ein wenig; Dubslav ergab sich in sein Schicksal,
und Adelheid wurde weniger herbe.
    Wo hast du nur die Kiebitzeier her? sagte sie. Das ist was Neues. Als ich
noch hier lebte, hatten wir keine.
    Ja, die Kiebitze haben sich seit kurzem hier eingefunden, an unserm
Stechlin, da, wo die Binsen stehn; aber blo auf der Globsower Seite. Nach der
andern Seite hin wollen sie nicht. Ich habe mir gedacht, es sei vielleicht ein
Fingerzeig, da ich nun auch welche nach Friedrichsruh schicken soll. Aber das
geht nicht; dann gelt ich am Ende gleich fr eingeschworen, und Uncke notiert
mich. Wer dreimal Kiebitzeier schickt, kommt ins schwarze Buch. Und das kann ich
schon Woldemars wegen nicht.
    Is auch recht gut so. Was zuviel ist, ist zuviel. Er soll sich ja mit der
Lucca zusammen haben photographieren lassen. Und whrend sie da oben in der
Regierung und mitunter auch bei Hofe so was tun, fordern sie Tugend und Sitte.
Das geht nicht. Bei sich selber mu man anfangen. Und dann ist er doch auch
schlielich blo ein Mensch, und alle Menschenanbetung ist Gtzendienst.
Menschenanbetung ist noch schlimmer als das Goldene Kalb. Aber ich wei wohl,
Gtzendienst kommt jetzt wieder auf, und Hexendienst auch, und du sollst ja auch
- so wenigstens hat mir Fix erzhlt - nach der Buschen geschickt haben.
    Ja, es ging mir schlecht.
    Gerade, wenn's einem schlecht geht, dann soll man Gott und Jesum Christum
erkennen lernen, aber nicht die Buschen. Und sie soll dir Katzenpftchentee
gebracht haben und soll auch gesagt haben: Wasser treibt das Wasser. Das mut du
doch heraushren, da das ein unchristlicher Spruch ist. Das ist, was sie
besprechen nennen oder auch bten. Und wo das alles herstammt... Dubslav,
Dubslav... Warum bist du nicht bei den grnen Tropfen geblieben und bei
Sponholz? Seine Frau war eine Pfarrerstochter aus Kuhdorf.
    
    Hat ihr auch nichts geholfen. Und nu sitzt sie mit ihm in Pfffers, einem
Schweizer Badeort, und da schmoren sie gemeinschaftlich in einem Backofen. Er
hat es mir selbst erzhlt, da es ein Backofen is.

Der erste Tag war immerhin ganz leidlich verlaufen. Adelheid erzhlte von Fix,
von der Schmargendorf und der Schimonski und zuletzt auch von Maurermeister
Lebenius in Berlin, der in Wutz eine Ferienkolonie grnden wolle. Gott, wir
kriegen dann soviel armes Volk in unsern Ort und noch dazu lauter Berliner Blge
mit Plieraugen. Aber die grnen Wiesen sollen ja gut dafr sein, und unser See
soll Jod haben, freilich wenig, aber doch so, da man's noch gerade finden
kann. Adelheid sprach in einem fort, derart, da Dubslav kaum zu Wort kommen
konnte. Gelang es ihm aber, so fuhr sie rasch dazwischen, trotzdem sie bestndig
versicherte, da sie gekommen sei, ihn zu pflegen, und nur wenn er auf Woldemar
das Gesprch brachte, hrte sie mit einiger Aufmerksamkeit zu. Freilich, die
italienischen Reisemitteilungen als solche waren ihr langweilig, und nur bei
Nennung bestimmter Namen, unter denen Tintoretto und Santa Maria Novella
obenan standen, erheiterte sie sich sichtlich. Ja, sie kicherte dabei fast so
vergngt wie die Schmargendorf. Ein wirkliches, nicht ganz flchtiges Interesse
(wenn auch freilich kein freundliches) zeigte sie nur, wenn Dubslav von der
jungen Frau sprach und hinzusetzte: Sie hat so was Unberhrtes.
    Nu ja, nu ja. Das liegt aber doch zurck.
    Wer keusch ist, bleibt keusch.
    Meinst du das ernsthaft?
    Natrlich mein ich es ernsthaft. ber solche Dinge spa ich berhaupt
nicht.
    Und nun lachte Adelheid herzlich und sagte: Dubslav, was hast du nur wieder
fr Bcher gelesen? Denn aus dir selbst kannst du doch so was nicht haben. Und
von deinem Pastor Lorenzen auch nicht. Der wird ja wohl nchstens 'ne freie
Gemeinde grnden.
    So war der erste Tag dahingegangen. Alles in allem, trotz kleiner
rgerlichkeiten, unterhaltlich genug fr den Alten, der, unter seiner Einsamkeit
leidend, meist froh war, irgendeinen Plauderer zu finden, auch wenn dieser im
brigen nicht gerade der richtige war. Aber das alles dauerte nicht lange. Die
Schwester wurde von Tag zu Tag rechthaberischer und herrischer und griff unter
der Vorgabe, da ihr Bruder anders verpflegt werden msse, in alles ein, auch
in Dinge, die mit der Verpflegung gar nichts zu tun hatten. Vor allem wollte sie
ihm den Katzenpftchentee wegdisputieren, und wenn abends die kleine Meiener
Kanne kam, gab es jedesmal einen erregten Disput ber die Buschen und ihre
Hexenknste.
    So waren denn noch keine acht Tage um, als es fr Dubslav feststand, da
Adelheid wieder fortmsse. Zugleich sann er nach, wie das wohl am besten zu
machen sei. Das war aber keine ganz leichte Sache, da die Kndigung notwendig
von ihr ausgehen mute. Sowenig er sich aus ihr machte, so war er doch zu sehr
Mann der Form und einer feineren Gastlichkeit, als da er's zuwege gebracht
htte, seinerseits auf Abreise zu dringen.
    Es war um die vierte Stunde, das Wetter schn, aber auch frisch. Adelheid
hing sich ihren Pelzkragen um, ein altes Familienerbstck, und ging zu
Krippenstapel, um sich seine Bienenstcke zeigen zu lassen. Sie hoffte bei der
Gelegenheit auch was ber den Pastor zu hren, weil sie davon ausging, da ein
Lehrer immer ber den Prediger und der Prediger immer ber den Lehrer zu klagen
hat. Jedes Landfrulein denkt so. Die Bienen nahm sie so mit in den Kauf.
    Es begann zu dunkeln, und als die Domina schlielich aus dem Herrenhause
fort war, war das eine freie Stunde fr Dubslav, der nun nicht lnger sumen
mochte, seine Mine zu legen.
    Engelke, sagte er, du knntest in die Kche gehn und die Marie zur
Buschen schicken. Die Marie wei ja Bescheid da. Und da kann sie denn der alten
Hexe sagen, ltt Agnes solle heut abend mit heraufkommen und hier schlafen und
immer dasein, wenn ich was brauche.
    Engelke stand verlegen da.
    Nu, was hast du? Bist du dagegen?
    Nein, gnd'ger Herr, dagegen bin ich wohl eigentlich nich. Aber ich schlafe
doch auch nebenan, und dann is es ja, wie wenn ich fr gar nichts mehr da wr
und fast so gut wie schon abgesetzt. Und das Kind kann doch auch nich all das,
was ntig is; Agnes is ja doch noch 'ne ltte Krabb.
    Ja, das is sie. Und du sollst auch in der andern Stube bleiben und alles
tun wie vorher. Aber trotzdem, die Agnes soll kommen. Ich brauche das Kind. Und
du wirst auch bald sehn, warum.
    Und so kam denn auch Agnes, aber erst sehr spt, als sich Adelheid schon
zurckgezogen hatte, dabei nicht ahnend, welche Rnke mittlerweile gegen sie
gesponnen waren. Auf diese Verheimlichung kam es aber gerade an. Dubslav hatte
sich nmlich wie Franz Moor - an den er sonst wenig erinnerte - herausgeklgelt,
da berraschung und Schreck bei seinem Plan mitwirken mten.
    Agnes schlief in einer nebenan aufgestellten eisernen Bettstelle. Dubslav,
geradeso wie seine Schwester, hatte das etwas auffllig herausgeputzte Kind bei
seinem Erscheinen im Herrenhause gar nicht mehr gesehen; es trug ein langes,
himmelblaues Wollkleid ohne Taille, dazu Knpfstiefel und lange rote Strmpfe -
lauter Dinge, die Karline schon zu letzten Weihnachten geschenkt hatte. Gleich
damals, am ersten Feiertag, hatte das Kind den Staat denn auch wirklich
angezogen, aber blo so still fr sich, weil sie sich genierte, sich im Dorfe
damit zu zeigen; jetzt dagegen, wo sie bei dem gnd'gen Herrn in Krankenpflege
gehen sollte, jetzt war die richtige Zeit dafr da.
    Die Nacht verging still; niemand war gestrt worden. Um sieben erst kam
Engelke und sagte: Nu, ltt Deern, steih upp, is all seben. Agnes war auch
wirklich wie der Wind aus dem Bett, fuhr mit einem mitgebrachten Hornkamm, dem
ein paar Zhne fehlten, durch ihr etwas gekraustes langes Blondhaar, putzte sich
wie ein Ktzchen und zog dann den himmelblauen Hnger, die roten Strmpfe und
zuletzt auch die Knpfstiefel an. Gleich danach brachte ihr Engelke einen Topf
mit Milchkaffee, und als sie damit fertig war, nahm sie ihr Strickzeug und ging
in das groe Zimmer nebenan, wo Dubslav bereits in seinem Lehnstuhl sa und auf
seine Schwester wartete. Denn um acht nahmen sie das erste Frhstck
gemeinschaftlich.
    So, Agnes, das is recht, da du da bist. Hast du denn schon deinen Kaffee
gehabt?
    Agnes knickste.
    Nu setz dich da mal ans Fenster, da du bei deiner Arbeit besser sehn
kannst; du hast ja schon dein Strickzeug in der Hand. Solch junges Ding wie du
mu immer was zu tun haben, sonst kommt sie auf dumme Gedanken. Nicht wahr?
    Agnes knickste wieder, und da sie sah, da ihr der Alte weiter nichts zu
sagen hatte, ging sie bis an das ihr bezeichnete Fenster, dran ein lnglicher
Eichentisch stand, und fing an zu stricken. Es war ein sehr langer Strumpf,
brandrot und, nach seiner Schmalheit zu schlieen, fr sie selbst bestimmt.
    Sie war noch nicht lange bei der Arbeit, als Adelheid eintrat und auf ihren
im Lehnstuhl sitzenden Bruder zuschritt. Bei der geringen Helle, die herrschte,
traf sich's, da sie von dem Gast am Fenster nicht recht was wahrnahm. Erst als
Engelke mit dem Frhstck kam und die pltzlich geffnete Tr mehr Licht
einfallen lie, bemerkte sie das Kind und sagte: Da sitzt ja wer. Wer ist denn
das?
    Das ist Agnes, das Enkelkind von der Buschen.
    Adelheid bewahrte mit Mhe Haltung. Als sie sich wieder zurechtgefunden,
sagte sie: So, Agnes. Das Kind von der Karline?
    Dubslav nickte.
    Das ist mir ja 'ne berraschung. Und wo hast du sie denn, seit ich hier
bin, versteckt gehalten? Ich habe sie ja die ganze Woche ber noch nicht
gesehn.
    Konntest du auch nicht, Adelheid; sie ist erst seit gestern abend hier. Mit
Engelke ging das nicht mehr, wenigstens nicht auf die Dauer. Er ist ja so alt
wie ich. Und immer raus in der Nacht und rauf und runter und mich umdrehn und
heben. Das konnt ich nich mehr mit ansehn.
    Und da hast du dir die Agnes kommen lassen? Die soll dich nun rumdrehn und
heben? Das Kind, das Wurm. Haha. Was du dir doch alles fr Geschichten machst.
    Agnes, sagte hier Dubslav, du knntest mal zu Mamsell Pritzbur in die
Kche gehn und ihr sagen, ich mchte heute mittag 'ne gefllte Taube haben. Aber
nich so mager und auch nich so wenig Fllung, und da es nich nach alter Semmel
schmeckt. Und dann kannst du gleich bei der Mamsell unten bleiben und dir 'ne
Geschichte von ihr erzhlen lassen, vom Schfer und der Prinzessin oder vom
Fischer un sine Fru; Rotkppchen wirst du wohl schon kennen.
    Agnes stand auf, trat unbefangen an den Tisch, wo Bruder und Schwester
saen, und machte wiederholt ihren Knicks.
    Dabei hielt sie das Strickzeug und den langen Strumpf in der Hand.
    Fr wen strickst du denn den? fragte die Domina.
    Fr mich.
    Dubslav lachte. Adelheid auch. Aber es war ein Unterschied in ihrem Lachen.
Agnes nahm brigens nichts von diesem Unterschied wahr, sah vielmehr ohne Furcht
um sich und ging aus dem Zimmer, um unten in der Kche die Bestellung
auszurichten.
    Als sie hinaus war, wiederholte sich Adelheids krampfhaftes Lachen. Dann
aber sagte sie: Dubslav, ich wei nicht, warum du dir, solang ich hier bin,
gerade diese Hilfskraft angenommen hast. Ich bin deine Schwester und eine
Mrkische von Adel. Und bin auch die Domina von Kloster Wutz. Und meine Mutter
war eine Radegast. Und die Stechline, die drben in der Gruft unterm Altar
stehn, die haben, soviel ich wei, auf ihren Namen gehalten und sich
untereinander die Ehre gegeben, die jeder beanspruchen durfte. Du nimmst hier
das Kind der Karline in dein Zimmer und setzt es ans Fenster, fast als ob's da
jeder so recht sehn sollte. Wie kommst du zu dem Kind? Da kann sich Woldemar
freuen und seine Frau auch, die so was Unberhrtes hat. Und Grfin Melusine! Na,
die wird sich wohl auch freun. Und die darf auch. Aber ich wiederhole meine
Frage, wie kommst du zu dem Kind?
    Ich hab es kommen lassen.
    Haha. Sehr gut; kommen lassen. Der Klapperstorch hat es dir wohl von der
grnen Wiese gebracht und natrlich auch gleich fr die roten Beine gesorgt.
Aber ich kenne dich besser. Die Leute hier tun immer so, wie wenn du dem alten
Kortschdel sittlich berlegen gewesen wrst. Ich fr meine Person kann's nicht
finden und sagte dir gern meine Meinung darber. Aber ich nehme hliche Worte
nicht gern in den Mund.
    Adelheid, du regst dich auf. Und ich frage mich, warum. Du bist ein bichen
gegen die Buschen - nun gut, gegen die Buschen kann man sein; und du bist ein
bichen gegen die Karline - nun gut, gegen die Karline kann man auch sein. Aber
ich sehe dir's an, das Eigentliche, was dich aufregt, das ist nicht die Buschen
und ist auch nicht die Karline, das sind blo die roten Strmpfe. Warum bist du
so sehr gegen die roten Strmpfe?
    Weil sie ein Zeichen sind.
    Das sagt gar nichts, Adelheid. Ein Zeichen ist alles. Wovon sind sie ein
Zeichen? Darauf kommt es an.
    Sie sind ein Zeichen von Ungehrigkeit und Verkehrtheit. Und ob du nun
lachen magst oder nicht - denn an einem Strohhalm sieht man eben am besten,
woher der Wind weht -, sie sind ein Zeichen davon, da alle Vernunft aus der
Welt ist und alle gesellschaftliche Scheidung immer mehr aufhrt. Und das alles
untersttzt du. Du denkst, wunder wie fest du bist; aber du bist nicht fest und
kannst es auch nicht sein, denn du steckst in allerlei Schrullen und
Eitelkeiten. Und wenn sie dir um den Bart gehn oder dich bei deinen
Liebhabereien fassen, dann lt du das, worauf es ankommt, ohne weiteres im
Stich. Es soll jetzt viele solche geben, denen ihr Humor und ihre Rechthaberei
viel wichtiger ist als Glubigkeit und Apostolikum. Denn sie sind sich selber
ihr Glaubensbekenntnis. Aber, glaube mir, dahinter steckt der Versucher, und
wohin der am Ende fhrt, das weit du - soviel wird dir ja wohl noch geblieben
sein.
    Ich hoffe, sagte Dubslav.
    Und weil du bist, wie du bist, freust du dich, da diese Zierpuppe (schon
ganz wie die Karline) rote Strmpfe trgt und sich neue dazustrickt. Ich aber
wiederhole dir, diese roten Strmpfe, die sind ein Zeichen, eine hochgehaltene
Fahne.
    Strmpfe werden nicht hochgehalten.
    Noch nicht, aber das kann auch noch kommen. Und das ist dann die richtige
Revolution, die Revolution in der Sitte - das, was sie jetzt das Letzte nennen.
Und ich begreife dich nicht, da du davon kein Einsehn hast, du, ein Mann von
Familie, von Zugehrigkeit zu Thron und Reich. Oder der sich's wenigstens
einbildet.
    Nun gut, nun gut.
    Und da reist du herum, wenn sie den Torgelow oder den Katzenstein whlen
wollen, und hltst deine Reden, wiewohl du eigentlich nicht reden kannst...
    Das is richtig. Aber ich hab auch keine gehalten...
    Und hltst deine Reden fr Knig und Vaterland und fr die alten Gter und
sprichst gegen die Freiheit. Ich versteh dich nicht mit deinem ewigen gegen die
Freiheit. La sie doch mit ihrer ganzen dummen Freiheit machen, was sie wollen.
Was heit Freiheit? Freiheit ist gar nichts; Freiheit ist, wenn sie sich
versammeln und Bier trinken und ein Blatt grnden. Du hast bei den Krassieren
gestanden und mut doch wissen, da Torgelow und Katzenstein (was keinen
Unterschied macht) uns nicht erschttern werden, uns nicht und unsern Glauben
nicht und Stechlin nicht und Wutz nicht. Die Globsower, solange sie blo
Globsower sind, knnen gar nichts erschttern. Aber wenn erst der Buschen ihre
Enkelkinder, denn die Karline wird doch wohl schon mehrere haben, ihre
Knpfstiefel und ihre roten Strmpfe tragen, als mt es nur so sein, ja,
Dubslav, dann ist es vorbei. Mit der Freiheit, la mich das wiederholen, hat es
nicht viel auf sich; aber die roten Strmpfe, das ist was. Und dir trau ich ganz
und gar nicht, und der Karline natrlich erst recht nicht, wenn es auch
vielleicht schon eine Weile her ist.
    Sagen wir vielleicht.
    Oh, ich kenne das. Du willst das wegwitzeln, das ist so deine Art. Aber
unser Kloster ist nicht so aus der Welt, da wir nicht auch Bescheid wten.
    Wozu httet ihr sonst euern Fix?
    Kein Wort gegen den.
    Und in groer Erregung brach das Gesprch ab. Noch am selben Nachmittag aber
verabschiedete sich Adelheid von ihrem Bruder und fuhr nach Wutz zurck.

                                 Verweile doch

                          Tod - Begrbnis - Neue Tage



                              Vierzigstes Kapitel

Agnes, whrend oben die gereizte Szene zwischen Bruder und Schwester spielte,
war unten in der Kche bei Mamsell Pritzbur und erzhlte von Berlin, wo sie
vorigen Sommer bei ihrer Mutter auf Besuch gewesen war. Eins war da, sagte
sie, das hie das Aquarium. Da lag eine Schlange, die war so dick wie 'n Bein.
    Aber hast du denn schon Beine gesehn? fragte die Pritzbur.
    Aber, Mamsell Pritzbur, ich werde doch wohl schon Beine gesehn haben... Und
dann, an einem andern Tag, da waren wir in einem Tiergarten, aber in einem
richtigen, mit allerlei Tieren drin. Und den nennen sie den Zoologischen.
    Ja, davon hab ich auch schon gehrt.
    Und in dem Zoologischen, da war ein ganz kleiner See, noch viel kleiner als
unser Stechlin, und in dem See standen allerlei Vgel. Und einer, ganz wie 'n
Storch, stand auf einem Bein.
    Als die Mdchen das Wort Storch hrten, kamen sie nher heran.
    Aber die Beine von dem Vogel, oder es waren wohl mehrere Vgel, die waren
viel grer als Storchenbeine und auch viel dicker und viel rter.
    Und taten sie dir nichts?
    Nein, sie taten mir nichts. Blo, wenn sie so 'ne Weile gestanden hatten,
dann stellten sie sich auf das andre Bein. Und ich sagte zu Mutter: Mutter,
komm; der eine sieht mich immer so an. Und da gingen wir an eine andere Stelle,
wo der Br war.
    Das Kind erzhlte noch allerlei. Die Mdchen und auch die Mamsell freuten
sich ber Agnes, und sie trug ihnen ein paar Lieder vor, die ihre Mutter, die
Karline, immer sang, wenn sie plttete, und sie tanzte auch, whrend sie sang,
wobei sie das himmelblaue Kleid zierlich in die Hhe nahm, ganz so, wie sie 's
in der Hasenheide gesehen hatte.
    So kam der Nachmittag heran, und als es schon dunkelte, sagte Engelke: Ja,
gnd'ger Herr, wie is das nu mit Agnessen? Sie is immer noch bei Mamsell
Pritzbur unten, un die Mchens, wenn sie so singt und tanzt, kucken ihr zu. Sie
wird woll auch so was wie die Karline. Soll sie wieder nach Haus, oder soll sie
hierbleiben?
    Natrlich soll sie hierbleiben. Ich freue mich, wenn ich das Kind sehe. Du
hast ja ein gutes Gesicht, Engelke, aber ich will doch auch mal was andres sehn
als dich. Wie das ltte Balg da so sa, so steif wie 'ne Prinze, hab ich immer
hingekuckt und ihr wohl 'ne Viertelstunde zugesehn, wie da die Stricknadeln
immer so hin und her gingen und der rote Strumpf neben ihr baumelte. So was
Hbsches hab ich nicht mehr gesehn, seit zu Weihnachten die Grafschen hier
waren, die blasse Comtesse und die Grfin. Hat sie dir auch gefallen?
    Engelke griente.
    Na, ich sehe schon. Also Agnes bleibt. Und sie kann ja auch nachts mal
aufstehn und mir eine Tasse von dem Tee bringen, oder was ich sonst grade
brauche, und du alte Seele kannst ausschlafen. Ach, Engelke, das Leben is doch
eigentlich schwer. Das heit, wenn's auf die Neige geht; vorher is es soweit
ganz gut. Weit du noch, wenn wir von Brandenburg nach Berlin ritten? In
Brandenburg war nich viel los; aber in Berlin, da ging es.
    Ja, gnd'ger Herr. Aber nu kommt es.
    Ja, nu kommt es. Nu is Katzenpftchen dran. So was gab es damals noch gar
nicht. Aber ich will nichts sagen, sonst wird die Buschen rgerlich, und mit
alten Weibern mu man gut stehn; das is noch wichtiger als mit jungen. Und, wie
gesagt, die Agnes bleibt. Ich sehe so gern was Zierliches. Es is ein reizendes
Kind.
    Ja, das is sie. Aber...
    Ach, la die Abers. Du sagst, sie wird wie die Karline. Mglich is es. Aber
vielleicht wird sie auch 'ne Nonne. Man kann nie wissen.

Agnes blieb also bei Dubslav. Sie sa am Fenster und strickte. Mal in der Nacht,
als ihm recht schlecht war, hatte er nach dem Kinde rufen wollen. Aber er stand
wieder davon ab. Das arme Kind, was soll ich ihm den Schlaf stren? Und helfen
kann es mir doch nicht.
    So verging eine Woche. Da sagte der alte Dubslav: Engelke, das mit der
Agnes, das kann ich nich mehr mit ansehn. Sie sitzt da jeden Morgen und strickt.
Das arme Wurm mu ja hier umkommen. Und alles blo, weil ich alter Snder ein
freundliches Gesicht sehn will. Das geht so nich mehr weiter. Wir mssen sehn,
da wir was fr das Kind tun knnen. Haben wir denn nicht ein Buch mit Bildern
drin oder so was?
    Ja, gnd'ger Herr, da sind ja noch die vier Bnde, die wir letzte
Weihnachten bei Buchbinder Zippel in Gransee haben einbinden lassen. Eigentlich
war es blo 'ne Landwirtschaftliche Zeitung, und alle, die mal 'nen Preis
gewonnen haben, die waren drin. Und Bismarck war auch drin un Kaiser Wilhelm
auch.
    Ja, ja, das is gut; das gib ihr. Und brauchst ihr auch nich zu sagen, da
sie keine Eselsohren machen soll; die macht keine.
    Wirklich, die Landwirtschaftliche Zeitung lag am andern Morgen da, und
Agnes war sehr glcklich, mal was andres zu haben als ihr Strickzeug und die
schnen Bilder ansehn zu knnen. Denn es waren auch Schlsser drin und kleine
Teiche, drauf Schwne fuhren, und auf einem Bilde, das eine Beilage war, waren
sogar Husaren. Engelke brachte jeden Morgen einen neuen Band, und mal erschien
auch Elfriede, die Lorenzen, um nach Dubslavs Befinden fragen zu lassen, von der
Pfarre herbergeschickt hatte. Die kann sich ja die Bilder mit ansehen, sagte
Dubslav; am Ende macht es ihr selber auch Spa, und vielleicht kann sie dem
kleinen Ding, der Agnes, alles so nebenher erklren, und dann is es so gut wie
'ne Schulstunde.
    Elfriede war gleich dazu bereit. Und nun standen die beiden Kinder
nebeneinander und bltterten in dem Buch, und die Kleine sog jedes Wort ein, was
die Groe sagte. Dubslav aber hrte zu und wute nicht, wem von beiden er ein
greres Interesse zuwenden sollte. Zuletzt aber war es doch wohl Elfriede, weil
sie den wehmtigen Zauber all derer hatte, die frh abberufen werden. Ihr
zarter, beinahe krperloser Leib schien zu sagen: Ich sterbe. Aber ihre Seele
wute nichts davon; die leuchtete und sagte: Ich lebe.

Das mit den Bilderbchern dauerte mehrere Tage. Dann sagte Dubslav: Engelke,
das Kind fngt heute schon wieder von vorn an; es ist mit allen vier Bnden, so
dick sie sind, schon zweimal durch; ich sehe, wir mssen uns was Neues
ausbaldowern. Das is nmlich ein Wort aus der Diebssprache; soweit sind wir nu
schon. brigens ist mir was Gutes eingefallen: hol ihr eine von unsern
Wetterfahnen herunter. Die stehn ja da blo so rum, un wenn ich tot bin und
alles abgeschtzt wird - was sie ordnen nennen -, dann kommt Kupperschmied
Reuter aus Gransee und taxiert es auf fnfundsiebzig Pfennig.
    Aber, gnd'ger Herr, uns' Woldemar...
    Nu ja, Woldemar. Woldemar ist gut, natrlich, und die Comtesse, seine junge
Frau, is auch gut. Alles is gut, und ich hab es auch nicht so schlimm gemeint;
man redt blo so. Nur soviel is richtig: meine Sammlung oben is fr Spinnweb und
weiter nichts. Alles Sammeln ist berhaupt verrckt, und wenn Woldemar sich nich
mehr drum kmmert, so is es eigentlich blo Wiederherstellung von Sinn und
Verstand. Jeder hat seinen Sparren, und ich habe meinen gehabt. Bring aber nich
gleich alles runter. Nur die Mhle bring und den Dragoner.
    Engelke gehorchte.
    Den ersten Tag, wie sich denken lt, war Agnes ganz fr den Dragoner, der,
als man ihn vor Jahr und Tag von seinem Zelliner Kirchturm heruntergeholt hatte,
frisch aufgepinselt worden war: schwarzer Hut, blauer Rock, gelbe Hosen. Aber
sehr bald hatte sich das Kind an der Buntheit des Dragoners satt gesehen, und
nun kam statt seiner die Mhle an die Reihe. Die hielt lnger vor. Meistens -
wenn sie nur berhaupt erst im Gange war - brauchte das Kind blo zu pusten, um
die Mhlflgel in ziemlich rascher Bewegung zu halten, und der schnarrende Ton
der etwas eingerosteten Drehvorrichtung war dann jedesmal eine Lust und ein
Entzcken. Es waren glckliche Tage fr Agnes. Aber fast noch glcklichere fr
den Alten.

Ja, der alte Dubslav freute sich des Kindes. Aber so wohltuend ihm seine
Gegenwart war, so war es auf die Dauer doch nicht viel was andres, als ob ein
Goldlack am Fenster gestanden oder ein Zeisig gezwitschert htte. Sein Auge
richtete sich gerne darauf; als aber eine Woche und dann eine zweite vorber
war, wurd ihm eine gewisse Verarmung fhlbar, und das so stark, da er fast mit
Sehnsucht an die Tage zurckdachte, wo Schwester Adelheid sich ihm bedrcklich
gemacht hatte. Das war sehr unbequem gewesen, aber sie besa doch nebenher einen
guten Verstand, und in allem, was sie sagte, war etwas, worber sich streiten
und ein Feuerwerk von Anzglichkeiten und kleinen Witzen abbrennen lie. Etwas,
was ihm immer eine Hauptsache war. Dubslav zhlte zu den Friedliebendsten von
der Welt, aber er liebte doch andrerseits auch Friktionen, und selbst rgerliche
Vorkommnisse waren ihm immer noch lieber als gar keine.

Kein Zweifel, der alte Schloherr auf Stechlin sehnte sich nach Menschen, und da
waren es denn wahre Festtage, wenn Besucher aus Nh oder Ferne sich einstellten.
    Eines Tages - es schummerte schon - erschien Krippenstapel. Er hatte seinen
besten Rock angezogen und hielt ein bermaltes Gef, mit einem Deckel darauf,
in seinem linken Arm.
    Nun, das ist recht, Krippenstapel. Ich freue mich, da Sie mal nachsehn, ob
unser Museum oben noch seinen Chef hat. Ich sage Chef. Der Direktor sind Sie ja
selber. Und nun kommen Sie auch gleich noch mit 'ner Urne. Hat gewi Ihr Freund
Tucheband irgendwo ausgegraben. Oder is es blo 'ne Terrine? Himmelwetter,
Krippenstapel, Sie werden mir doch nich 'ne Krankensuppe gekocht haben?
    Nein, Herr Major, keine Krankensuppe. Gewi nicht. Und doch is es
einigermaen so was. Es ist nmlich 'ne Wabe. Habe da heute mittag einen von
meinen Stcken ausgenommen und wollte mir erlaubt haben, Ihnen die beste Wabe zu
bringen. Es ist beinah so was wie der mittelalterliche Zehnte. Der Zehnte, wenn
ich mir die Bemerkung erlauben darf, war eigentlich was Feineres als Geld.
    Find ich auch. Aber die heutige Menschheit hat fr so was Feines gar keinen
Sinn mehr. Immer alles bar und nochmal bar. Oh, das gemeine Geld! Das heit,
wenn man keins hat; wenn man's hat, ist es soweit ganz gut. Und da Sie gleich
an Ihren alten Patron - ein Wort, das brigens vielleicht zu hoch gegriffen ist
und unser Verhltnis nicht recht ausdrckt - gedacht haben! Lorenzen wird es
hoffentlich nicht belnehmen, da ich Sie, wenn ich mich Ihren Patron nenne, so
gleichsam avancieren lasse. Ja, das mit der Wabe. Freut mich aufrichtig. Aber
ich werde mich wohl nicht drberher machen drfen. Immer heit es: Das nicht.
Erst hat mir Sponholz alles verboten und nu die Buschen, und so leb ich
eigentlich blo noch von Brlapp und Katzenpftchen.
    Am Ende geht es doch, sagte Krippenstapel. Ich wei wohl, in eine
richtige Kur darf der Laie nicht eingreifen. Aber der Honig macht vielleicht 'ne
Ausnahme. Richtiger Honig ist wie gute Medizin und hat die ganze Heilkraft der
Natur.
    Is denn aber nicht auch was drin, was besser fehlte?
    Nein, Herr Major. Ich sehe die Bienen oft schwrmen und sammeln und seh
auch, wie sie sammeln und wo sie sammeln. Da sind voran die Linden und Akazien
und das Heidekraut. Nu, die sind die reine Unschuld; davon red ich gar nicht
erst.
    Aber nun sollten Sie die Biene sehn, wenn sie sich auf eine giftige Blume,
sagen wir zum Beispiel auf den Venuswagen, niederlt. Und in jedem Venuswagen,
besonders in dem roten (aber doch auch in dem blauen), sitzt viel Gift.
    Venuswagen; kann ich mir denken. Und wie sammelt da die Biene?
    Sie nimmt nie das Gift, sie nimmt immer blo die Heilkraft.
    Na, Sie mssen es wissen, Krippenstapel. Und auf Ihre Verantwortung hin
will ich mir den Honig auch schmecken lassen, und die Buschen mu sich drin
finden und sich wohl oder bel zufriedengeben. brigens fllt mir bei der Alten
natrlich auch das Kind ein. Da sitzt es am Fenster. Na, komm mal her, Agnes,
und sage, da du hier auch was lernst. Ich hab ihr nmlich Bcher gegeben, mit
allerlei Bildern drin, und seit vorgestern auch eine Gtterlehre, das heit aber
noch eine aus guter, anstndiger Zeit und jeder Gott ordentlich angezogen. Und
da lernt sie, glaub ich, ganz gut. Nicht wahr, Agnes?
    Agnes knickste und ging wieder auf ihren Platz.
    Und dann hab ich dem Kind auch unsern Dragoner und die Mhle gegeben. Also
unsre besten Stcke, soviel ist richtig. Ich denke mir aber, mein
Museumsdirektor wird ber diesen Eingriff nicht bse sein. Eigentlich is es doch
besser, das Kind hat was davon als die Spinnen. Und was macht denn Ihr
Oberlehrer in Templin? Hat er wieder was gefunden?
    Ja, Herr Major. Mnzenfund.
    Na, das is immer das Beste. Vermutlich Georgstaler oder so was;
Dreiigjhriger Krieg. Es war ja 'ne grliche Zeit. Aber da sie damals aus
Angst und Not soviel verbuddelt haben, das is doch auch wieder ein Segen. Is es
denn viel?
    Wie man's nehmen will, Herr Major; praktisch und profan angesehen, ist es
nicht viel, aber wissenschaftlich angesehen, ist es allerdings viel. Nmlich
drei rmische Mnzen, zwei von Diokletian und eine von Caracalla.
    Na, die passen wenigstens. Diokletian war ja wohl der mit der
Christenverfolgung. Aber ich glaube, es war am Ende nicht so schlimm. Verfolgt
wird immer. Und mitunter sind die Verfolgten obenauf.
    Dabei lachte der Alte. Dann rief er Engelke, da er den Honig herausnehme.
Krippenstapel aber verabschiedete sich, seine leere Terrine vorsichtig im Arm.

                           Einundvierzigstes Kapitel


Dubslav hatte sich ber Krippenstapels Besuch und sein Geschenk aufrichtig
gefreut, weil es ja das Beste war, was ihm die alte treue Seele bringen konnte.
Er bestand denn auch darauf (trotzdem Engelke, der ein Vorurteil gegen alles
Se hatte, dagegen war), da ihm die Wabe jeden Morgen auf den Frhstckstisch
gestellt werde.
    Siehst du, Engelke, sagte er nach einer Woche, da ich mich wieder wohler
fhle, das macht die Wabe. Denn man mu jedes Fisselchen mitessen, Wachs und
alles, das hat er mir eigens gesagt. Das is gradso wie beim Apfel die Schale;
das hat die Natur so gewollt und is ein Fingerzeig und mu respektiert werden.
    Ich bin aber doch fr abschlen, sagte Engelke. Wenn man so sieht, was
mitunter alles dran ist...
    Ja, Engelke, ich wei nicht, du bist jetzt so fein geworden. Aber ich bin
noch ganz altmodisch. Und dann glaub ich nebenher wirklich, da in dem Wachs die
richtige gesamte Heilkraft der Natur steckt, fast noch mehr als in dem Honig.
Krippenstapel brigens is jetzt auch so furchtbar gebildet und hat so viele
feine Wendungen, wie zum Beispiel die mit der gesamten Heilkraft. Aber so fein
wie du is er doch noch lange nicht, darauf will ich mich verschwren. Und auch
darauf, da er sich keine Birne schlt.
    In dieser guten Laune verblieb Dubslav eine ganze Weile, sich mehr und mehr
zurechtlegend, da er sich die Qulerei mit all dem andern Zeug eigentlich htte
sparen knnen; denn wenn alles drin ist, so ist doch auch Brlapp und
Katzenpftchen drin und natrlich auch Fingerhut oder, wie Sponholz sagt: Die
Digitalis. Engelke freilich wollte von diesen Sophistereien nichts wissen; sein
Herr aber lie sich durch solche Zweifel nicht stren und fuhr vielmehr fort:
Und dann, Engelke, macht es doch auch einen Unterschied, von wem eine Sache
kommt. Die Katzenpftchen kommen von der Buschen, und die Wabe kommt von
Krippenstapel. Das heit also, hinter der Wabe steht ein guter Geist, und hinter
den Katzenpftchen steht ein bser Geist. Und das kannst du mir glauben, an
solchen Rtselhaftigkeiten liegt sehr viel im Leben, und wenn mir Lorenzen seine
Patsche gibt, so ist das ganz was anders, wie wenn mir Koseleger seine Hand
gibt. Koseleger hat solche weichen Finger und auf dem vierten einen groen
Ring.
    Aber er is doch ein Superintendent.
    Ja, Superintendent is er. Und er kommt auch noch hher. Und wenn es nach
der Prinzessin geht, wird er Papst. Und dann wollen wir uns Abla bei ihm holen;
aber viel geb ich nicht.

Als Dubslav und Engelke dies Gesprch fhrten, sa Agnes wie gewhnlich am
Fenster, mit halbem Ohre hinhrend, und sowenig sie davon verstand, so verstand
sie doch gerade genug. Krippenstapel war ein guter Geist, und ihre Gromutter
war ein bser Geist. Aber das alles war ihr nicht mehr, als ob ihr ein Mrchen
erzhlt wrde. Sie hatte schon so vieles in ihrem Leben gehrt und war wohl dazu
bestimmt, noch viel, viel andres zu hren. Ihr Gesichtsausdruck blieb denn auch
derselbe. Sie trumte blo so hin, und da sie dies Wesen hatte, das war es
recht eigentlich, was den alten Herrn so an sie fesselte. Das Auge, womit sie
die Menschen ansah, war anders als das der andern.

Engelke hatte sich in die nebenan gelegene Dienststube zurckgezogen; ein heller
Schein fiel von der Veranda her durch die Balkontr und gab dem etwas dunklen
Zimmer mehr Licht, als es fr gewhnlich zu haben pflegte. Dubslav hielt die
Kreuzzeitung in Hnden und schlug nach einem Brummer, der ihn immer und immer
wieder umsummte. Verdammte Bestie, und er holte von neuem aus. Aber ehe er
zuschlagen konnte, kam Engelke und fragte, ob Uncke den gndigen Herrn sprechen
drfe.
    Uncke, unser alter Uncke?
    Ja, gnd'ger Herr.
    Na, natrlich. Kriegt man doch mal wieder 'nen vernnftigen Menschen zu
sehn. Was er nur bringen mag? Vielleicht Verhaftung irgendwo: Demokratennest
ausgenommen.
    Agnes horchte. Verhaftung! Demokratennest ausgenommen! Das war doch noch
besser als ein Mrchen vom guten und bsen Geist.

Inzwischen war Uncke eingetreten, Backenbart und Schnurrbart, wie gewhnlich,
fest angeklebt. In der Nhe der Tr blieb er stehen und grte militrisch.
Dubslav aber rief ihm zu: Nein, Uncke, nicht da. So weit reicht mein Ohr nicht
und meine Stimme erst recht nicht. Und ich denke doch, Sie bringen was. Was
Regulres. Also ran hier. Und wenn es nicht was ganz Dienstliches is, so nehmen
Sie den Stuhl da.
    Uncke trat auch nher, nahm aber keinen Stuhl und sagte: Herr Major wollen
entschuldigen. Ich komme so blo... Der alte Baruch Hirschfeld hat mir erzhlt,
und die alte Buschen hat mir erzhlt...
    Ach so, von wegen meiner Fe.
    Zu Befehl, Herr Major
    Ja, Uncke, wollte Gott, es stnde besser. Immer denk ich, wenn wieder ein
Neuer kommt, nu wird es. Aber es will nicht mehr; es hilft immer blo drei Tage.
Die Buschen hilft nicht mehr, und Krippenstapel hilft nicht mehr, und Sponholz
hilft schon lange nicht mehr; der kutschiert so in der Welt rum. Bleibt also
blo noch der liebe Gott.
    Uncke begleitete dies Wort mit einer Kopfbewegung, die seine respektvolle
Stellung (aber doch auch nicht mehr) zum lieben Gott ausdrcken sollte. Dubslav
sah es und erheiterte sich. Dann fuhr er in rasch wachsender guter Laune fort:
Ja, Uncke, wir haben so manchen Tag miteinander gelebt. Denke gern daran zurck
- sind noch einer von den Alten. Und der Pyterke auch. Was macht er denn?
    Ah, Herr Major, immer noch tchtig da; schneidig, und dabei rckte er sich
selbst zurecht, wie wenn er die berlegene Stattlichkeit seines Kollegen
wenigstens andeuten wolle.
    Dubslav verstand es auch so und sagte: Ja, der Pyterke; natrlich immer
hoch zu Ro. Und Sie, Uncke, ja, Sie mssen laufen wie 'n Landbrieftrger. Es
hat aber auch sein Gutes; zu Fu macht geschmeidig, zu Pferde macht steif. Und
macht auch faul. Und berhaupt, Gebrder Beeneke is schon immer das Beste. Da
kann man nicht zu Fall kommen. Aber jeder will heutzutage hoch raus. Das is, was
sie jetzt die Signatur der Zeit nennen. Haben Sie den Ausdruck schon gehrt,
Uncke?
    Zu Befehl, Herr Major.
    Und die Sozialdemokratie will auch hoch raus und so zu Pferde sitzen wie
Pyterke, blo noch viel hher. Aber das geht nicht gleich so. Gut Ding will
Weile haben. Und Torgelow, wenn er auch vielleicht reden kann, reiten kann er
noch lange nicht. Sagen Sie, was macht er denn eigentlich? Ich meine Torgelow.
Sind denn unsre kleinen Leute jetzt mehr zufrieden mit ihm?
    Nein, Herr Major, sie sind immer noch nicht zufrieden mit ihm. Er wollte da
neulich in Berlin reden und hat auch wirklich was zu Graf Posadowsky gesagt. Und
das is so dumm gewesen, da es die andern geniert hat. Und da haben sie ihn
bedeutet: Torgelow, nu bist du still; so geht das hier nich.
    Ja, lachte Dubslav, und wo der nu steht, da sollte ich eigentlich stehen.
Aber es is doch besser so. Nu kann Torgelow zeigen, da er nichts kann. Und die
andern auch. Und wenn sie's alle gezeigt haben, na, dann sind wir vielleicht
wieder dran und kommen noch mal obenauf, und jeder kriegt Zulage. Sie auch,
Uncke, und Pyterke natrlich auch.
    Uncke schmunzelte und legte seine zwei Dienstfinger an die Schlfe.
    ... Vorlufig aber mssen wir abwarten und den sogenannten Ausbruch
verhten und dafr sorgen, da unsere Globsower zufrieden sind. Und wenn wir
klug sind, glckt es vielleicht auch. Glauben Sie nicht auch, Uncke, da es
kleine Mittel gibt?
    Zu Befehl, Herr Major, kleine Mittel gibt es. Es hat's schon.
    Und welche meinen Sie?
    Musik, Herr Major, und verlngerte Polizeistunde.
    Ja, lachte Dubslav, so was hilft. Musik und 'nen Schott'schen, dann sind
die Mdchen zufrieden.
    Und, besttigte Uncke, wenn die Mdchens zufrieden sind, Herr Major, dann
sind alle zufrieden.

Uncke hatte zusagen mssen, mal wieder vorzusprechen, aber es kam nicht dazu,
weil Dubslavs Zustand sich rasch verschlimmerte. Von Besuchern wurde keiner mehr
angenommen, und nur Lorenzen hatte Zutritt. Aber er kam meist nur, wenn er
gerufen wurde.
    Sonderbar, sagte der Alte, whrend er in den Frhlingstag hinausblickte,
dieser Lorenzen is eigentlich gar kein richtiger Pastor. Er spricht nicht von
Erlsung und auch nicht von Unsterblichkeit, und is beinah, als ob ihm so was
fr alltags wie zu schade sei. Vielleicht is es aber auch noch was andres, und
er wei am Ende selber nicht viel davon. Anfangs hab ich mich darber gewundert,
weil ich mir immer sagte: Ja, solch Talar- und Beffchenmann, der mu es doch
schlielich wissen; er hat so seine drei Jahre studiert und eine Probepredigt
gehalten, und ein Konsistorialrat oder wohl gar ein Generalsuperintendent hat
ihn eingesegnet und ihm und noch ein paar andern gesagt: Nun gehet hin und
lehret alle Heiden. Und wenn man das so hrt, ja, da verlangt man denn auch, da
einer wei, wie's mit einem steht. Is gerade wie mit den Doktors. Aber zuletzt
begibt man sich und hat die Doktors am liebsten, die einem ehrlich sagen: Hren
Sie, wir wissen es auch nicht, wir mssen es abwarten. Der gute Sponholz, der
nun wohl schon an der Brcke mit dem Ichthyosaurus vorbei ist, war beinah so
einer, und Lorenzen is nu schon ganz gewi so. Seit beinah zwanzig Jahren kenn
ich ihn, und noch hat er mich nicht ein einziges Mal bemogelt. Und da man das
von einem sagen kann, das ist eigentlich die Hauptsache. Das andre... ja, du
lieber Himmel, wo soll es am Ende herkommen? Auf dem Sinai hat nun schon lange
keiner mehr gestanden, und wenn auch, was der liebe Gott da oben gesagt hat, das
schliet eigentlich auch keine groen Rtsel auf. Es ist alles sehr diesseitig
geblieben; du sollst, du sollst, und noch fter du sollst nicht. Und klingt
eigentlich alles, wie wenn ein Nrnberger Schulthei gesprochen htte.
    Gleich danach kam Engelke und brachte die Mittagspost. Engelke, du knntest
mal wieder die Marie zu Lorenzen rberschicken - ich lie' ihn bitten.
    Lorenzen kam denn auch und rckte seinen Stuhl an des Alten Seite.
    Das ist recht, Pastor, da Sie gleich gekommen sind, und ich sehe wieder,
wie sich alles Gute schon gleich hier unten belohnt. Sie mssen nmlich wissen,
da ich mich heute schon ganz eingehend mit Ihnen beschftigt und Ihr
Charakterbild, das ja auch schwankt wie so manch andres, nach Mglichkeit
festgestellt habe. Wrde mir das Sprechen wegen meines Asthmas nicht
einigermaen schwer, ich wr imstande, gegen mich selber in eine Art
Indiskretion zu verfallen und Ihnen auszuplaudern, was ich ber Sie gedacht
habe. Habe ja, wie Sie wissen, 'ne natrliche Neigung zum Ausplaudern, zum
Plaudern berhaupt, und Kortschdel, der sich im brigen durch franzsische
Vokabeln nicht auszeichnete, hat mich sogar einmal einen Causeur genannt. Aber
freilich schon lange her, und jetzt ist es damit total vorbei. Zuletzt stirbt
selbst die alte Kindermuhme in einem aus.
    Glaub ich nicht. Wenigstens Sie, Herr von Stechlin, sorgen fr den
Ausnahmefall.
    Ich will es gelten lassen und mich auch gleich legitimieren. Haben Sie denn
in Ihrer Zeitung gelesen, wie sie da neulich wieder dem armen Bennigsen
zugesetzt haben? Mir mifllt es, wiewohl Bennigsen nicht gerade mein Mann ist.
    Auch meiner nicht. Aber, er sei, wie er sei, er ist doch ein
Excelsior-Mann. Und wer hierlandes fr ein freudiges excelsior ist, der ist bei
den Ostelbiern (Pardon, Sie gehren ja selbst mit dazu) von vornherein
verdchtig und ein Gegenstand tiefen Mitrauens. Jedes hher gesteckte Ziel,
jedes Wollen, das ber den Kartoffelsack hinausgeht, findet kein Verstndnis,
sicherlich keinen Glauben. Und bringt einer irgendein Opfer, so heit es blo,
da er die Wurst nach der Speckseite werfe.
    Dubslav lachte. Lorenzen, Sie sitzen wieder auf Ihrem Steckenpferd. Aber
ich selber bin freilich schuld. Warum kam ich auf Bennigsen! Da war das Thema
gegeben, und Ihr Ritt ins Bebelsche (denn weitab davon sind Sie nicht) konnte
beginnen. Aber da Sie's wissen, ich hab auch mein Steckenpferd, und das heit:
Knig und Kronprinz oder alte Zeit und neue Zeit. Und darber hab ich seit lange
mit Ihnen sprechen wollen, nicht akademisch, sondern mrkisch-praktisch, so
recht mit Rcksicht auf meine nchste Zukunft. Denn es heit nachgrade bei mir:
Was du tun willst, tue bald.
    Lorenzen nahm des Alten Hand und sagte: Gewi kommen andre Zeiten. Aber man
mu mit der Frage, was kommt und was wird, nicht zu frh anfangen. Ich seh nicht
ein, warum unser alter Knig von Thule hier nicht noch lange regieren sollte.
Seinen letzten Trunk zu tun und den Becher dann in den Stechlin zu werfen, damit
hat es noch gute Wege.
    Nein, Lorenzen, es dauert nicht mehr lange; die Zeichen sind da, mehr als
zuviel. Und damit alles klappt und pat, geh ich nun auch gerad ins
Siebenundsechzigste, und wenn ein richtiger Stechlin ins Siebenundsechzigste
geht, dann geht er auch in Tod und Grab. Das is so Familientradition. Ich
wollte, wir htten eine andre. Denn der Mensch is nun mal feige und will dies
schndliche Leben gern weiterleben.
    Schndliches Leben! Herr von Stechlin, Sie haben ein sehr gutes Leben
gehabt.
    Na, wenn es nur wahr ist! Ich wei nicht, ob alle Globsower ebenso denken.
Und die bringen mich wieder auf mein Hauptthema.
    Und das lautet?
    Das lautet: Teuerster Pastor, sorgen Sie dafr, da die Globsower nicht zu
sehr obenauf kommen.
    Aber, Herr von Stechlin, die armen Leute...
    Sagen Sie das nicht. Die armen Leute! Das war mal richtig; heutzutage aber
pat es nicht mehr. Und solch unsichere Passagiere wie mein Woldemar und wie
mein lieber Lorenzen (von dem der Junge, Pardon, all den Unsinn hat), solche
unsichere Passagiere, statt den Riegel vorzuschieben, kommen den Torgelowschen
auf halbem Wege entgegen und sagen: Ja, ja, Tffel, du hast auch eigentlich ganz
recht, oder, was noch schlimmer ist: Ja, ja, Jochem, wir wollen mal
nachschlagen.
    Aber, Herr von Stechlin.
    Ja, Lorenzen, wenn Sie auch noch solch gutes Gesicht machen, es ist doch
so. Die ganze Geschichte wird auf einen andern Leisten gebracht, und wenn dann
wieder eine Wahl ist, dann fhrt der Woldemar rum und erzhlt berall,
Katzenstein sei der rechte Mann. Oder irgendein andrer. Aber das ist Mus wie
Mine; - verzeihen Sie den etwas fortgeschrittenen Ausdruck. Und wenn dann die
junge gndige Frau Besuch kriegt oder wohl gar einen Ball gibt, da will ich
Ihnen ganz genau sagen, wer dann hier in diesem alten Kasten, der dann aber
renoviert sein wird, antritt. Da ist in erster Reihe der Minister von Ritzenberg
geladen, der, wegen Kaltstellung unter Bismarck, von langer Hand her eine wahre
Wut auf den alten Sachsenwalder hat, und erffnet die Polonse mit Armgard. Und
dann ist da ein Professor, Kathedersozialist, von dem kein Mensch wei, ob er
die Gesellschaft einrenken oder aus den Fugen bringen will, und fhrt eine
Adelige, mit kurzgeschnittenem Haar (die natrlich schriftstellert), zur
Quadrille. Und dann bewegen sich da noch ein Afrikareisender, ein Architekt und
ein Portrtmaler, und wenn sie nach den ersten Tnzen eine Pause machen, dann
stellen sie ein lebendes Bild, wo ein Wilddieb von einem Edelmann erschossen
wird, oder sie fhren ein franzsisches Stck auf, das die Dame mit dem
kurzgeschnittenen Haar bersetzt hat, ein sogenanntes Ehebruchsdrama, drin eine
Advokatenfrau gefeiert wird, weil sie ihren Mann mit einem Taschenrevolver ber
den Haufen geschossen hat. Und dann gibt es Musikstcke, bei denen der
Klavierspieler mit seiner langen Mhne ber die Tasten hinfegt, und in einer
Nebenstube sitzen andere und blttern in einem Album mit lauter Berhmtheiten,
obenan natrlich der alte Wilhelm und Kaiser Friedrich und Bismarck und Moltke,
und ganz gemtlich dazwischen Mazzini und Garibaldi, und Marx und Lassalle, die
aber wenigstens tot sind, und daneben Bebel und Liebknecht. Und dann sagt
Woldemar: Sehen Sie da den Bebel. Mein politischer Gegner, aber ein Mann von
Gesinnung und Intelligenz. Und wenn dann ein Adeliger aus der Residenz an ihn
herantritt und ihm sagt: Ich bin berrascht, Herr von Stechlin - ich glaubte den
Grafen Schwerin hier zu finden, dann sagt Woldemar: Ich habe die Fhlung mit
diesem Herrn verloren.
    Der Pastor lachte. Und Sie wollen sterben. Wer so lange sprechen kann, der
lebt noch zehn Jahr.
    Nichts, nichts. Ich halte Sie fest. Kommt es so, oder kommt es nicht so?
    Nun, es kommt sicherlich nicht so.
    Sind Sie dessen sicher?
    Ganz sicher.
    Dann sagen Sie mir, wie es kommt, aber ehrlich.
    Nun, das kann ich leicht, und Sie haben mir selber den Weg gewiesen, als
Sie gleich anfangs von Knig und Kronprinz sprachen. Dieser Gegensatz existiert
natrlich berall und in allen Lebensverhltnissen. Es kommen eben immer Tage,
wo die Leute nach irgendeinem Kronprinzen aussehn. Aber so gewi das richtig
ist, noch richtiger ist das andre: der Kronprinz, nach dem ausgeschaut wurde,
hlt nie das, was man von ihm erwartete. Manchmal kippt er gleich um und erklrt
in pltzlich erwachter Piett, im Sinne des Hochseligen weiterregieren zu
wollen; in der Regel aber macht er einen leidlich ehrlichen Versuch, als
Neugestalter aufzutreten, und holt ein Volksbeglckungsprogramm auch wirklich
aus der Tasche. Nur nicht auf lange. Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
doch eng im Raume stoen sich die Sachen. Und nach einem halben Jahre lenkt der
Neuerer wieder in alte Bahnen und Geleise ein.
    Und so wird es Woldemar auch machen?
    So wird es Woldemar auch machen. Wenigstens wird ihn die Lust sehr bald
anwandeln, so halb und halb ins Alte wieder einzulenken.
    Und diese Lust werden Sie natrlich bekmpfen. Sie haben ihm in den Kopf
gesetzt, da etwas durchaus Neues kommen msse. Sogar ein neues Christentum.
    Ich wei nicht, ob ich so gesprochen habe; aber wenn ich so sprach, dies
neue Christentum ist gerade das alte.
    Glauben Sie das?
    Ich glaub es. Und was besser ist: ich fhl es.
    Nun gut, das mit dem neuen Christentum ist Ihre Sache; da will ich Ihnen
nicht hineinreden. Aber das andre, da mssen Sie mir was versprechen. Besinnt er
sich und kommt er zu der Ansicht, da das alte Preuen mit Knig und Armee,
trotz all seiner Gebresten und altmodischen Geschichten, doch immer noch besser
ist als das vom neuesten Datum und da wir Alten vom Cremmer Damm und von
Fehrbellin her, auch wenn es uns selber schlecht geht, immer noch mehr Herz fr
die Torgelowschen im Leibe haben als alle Torgelows zusammengenommen, kommt es
zu solcher Rckbekehrung, dann, Lorenzen, stren Sie diesen Proze nicht. Sonst
erschein ich Ihnen. Pastoren glauben zwar nicht an Gespenster, aber wenn welche
kommen, graulen sie sich auch.
    Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und streichelte sie, wie
wenn er des Alten Sohn gewesen wre. Das alles, Herr von Stechlin, kann ich
Ihnen gern versprechen. Ich habe Woldemar erzogen, als es mir oblag, und Sie
haben in Ihrer Klugheit und Gte mich gewhren lassen. Jetzt ist Ihr Sohn ein
vornehmer Herr und hat die Jahre. Sprechen hat seine Zeit, und Schweigen hat
seine Zeit. Aber wenn Sie ihn und mich von oben her unter Kontrolle nehmen und
eventuell mir erscheinen wollen, so schieben Sie mir dabei nicht zu, was mir
nicht zukommt. Nicht ich werde ihn fhren. Dafr ist gesorgt. Die Zeit wird
sprechen und neben der Zeit das neue Haus, die blasse junge Frau und vielleicht
auch die schne Melusine.
    Der Alte lchelte. Ja, ja.

                           Zweiundvierzigstes Kapitel


So ging das Gesprch. Und als Lorenzen aufbrach, fhlte sich der Alte wie belebt
und versprach sich eine gute Nacht mit viel Schlaf und wenig Bengstigung.
    Aber es kam anders; die Nacht verlief schlecht, und als der Morgen da war
und Engelke das Frhstck brachte, sagte Dubslav: Engelke, schaff die Wabe weg;
ich kann das se Zeug nicht mehr sehn. Krippenstapel hat es gut gemeint. Aber
es is nichts damit und berhaupt nichts mit der ganzen Heilkraft der Natur.
    Ich glaube doch, gnd'ger Herr. Blo gegen die Gegenkraft kann die Wabe
nich an.
    Du meinst also: Fr 'n Tod kein Kraut gewachsen ist. Ja, das wird es wohl
sein; das mein ich auch.
    Engelke schwieg.

Eine Stunde spter kam ein Brief, der, trotzdem er aus nchster Nhe stammte,
doch durch die Post befrdert worden war. Er war von Ermyntrud, behandelte die
durch Koseleger und sie selbst geplante Grndung eines Rettungshauses fr
verwahrloste Kinder und uerte sich am Schlusse dahin, da, wenn sich -
hoffentlich binnen kurzem - ihre Wnsche fr Dubslavs fortschreitende Gesundheit
erfllt haben wrden, Agnes, das Enkelkind der alten Buschen, als erste, wie
sie vertraue, sittlich zu Heilende in das Asyl aufgenommen werden mchte.
    Dubslav drehte den Brief hin und her, las noch einmal und sagte dann: Oh,
diese Komdie... wenn sich meine Wnsche fr Ihre fortschreitende Gesundheit
erfllt haben werden... das heit doch einfach, wenn Sie sich demnchst den
Rasen von unten ansehn. Alle Menschen sind Egoisten, Prinzessinnen auch, und
sind sie fromm, so haben sie noch einen ganz besonderen Jargon. Es mag so
bleiben, es war immer so. Wenn sie nur ein bichen mehr Vertrauen zu dem
gesunden Menschenverstand andrer htten.
    Er steckte, whrend er so sprach, den Brief wieder in das Couvert und rief
Agnes.
    Das Kind kam auch.
    Agnes, gefllt es dir hier?
    Ja, gnd'ger Herr, es gefllt mir hier.
    Und ist dir auch nicht zu still?
    Nein, gnd'ger Herr, es ist mir auch nicht zu still. Ich mchte immer hier
sein.
    Na, du sollst auch bleiben, Agnes, solang es geht. Und nachher. Ja,
nachher...
    Das Kind kniete vor ihm nieder und kte ihm die Hnde.

Dubslavs Zustand verschlechterte sich schnell. Engelke trat an ihn heran und
sagte: Gnd'ger Herr, soll ich nicht in die Stadt schicken?
    Nein.
    Oder zu der Buschen?
    Ja, das tu. So 'ne alte Hexe kann es immer noch am besten.
    In Engelkens Augen traten Trnen.
    Dubslav, als er es sah, schlug rasch einen andern Ton an. Nein, Engelke,
graule dich nicht vor deinem alten Herrn. Ich habe es blo so hingesagt. Die
Buschen soll nich kommen. Es wrde mir wohl auch nicht viel schaden, aber wenn
man schon so in sein Grab sieht, dann mu man doch anders sprechen, sonst hat
man schlechte Nachrede bei den Leuten. Und das mcht ich nich, um meinetwegen
nich und um Woldemars wegen nich... Und dabei fllt mir auch noch Adelheid
ein... Die kme mir am Ende gleich nach, um mich zu retten. Nein, Engelke, nich
die Buschen. Aber gib mir noch mal von den Tropfen. Ein bichen besser als der
Tee sind sie doch.

Engelke ging, und Dubslav war wieder allein. Er fhlte, da es zu Ende gehe.
Das Ich ist nichts - damit mu man sich durchdringen. Ein ewig Gesetzliches
vollzieht sich, weiter nichts, und dieser Vollzug, auch wenn er Tod heit, darf
uns nicht schrecken. In das Gesetzliche sich ruhig schicken, das macht den
sittlichen Menschen und hebt ihn.
    Er hing dem noch so nach und freute sich, alle Furcht berwunden zu haben.
Aber dann kamen doch wieder Anflle von Angst, und er seufzte: Das Leben ist
kurz, aber die Stunde ist lang.

Es war eine schlimme Nacht. Alles blieb auf. Engelke lief hin und her, und Agnes
sa in ihrem Bett und sah mit groen Augen durch die halbgeffnete Tr in das
Zimmer des Kranken. Erst als schon der Tag graute, wurde durch das ganze Haus
hin alles ruhiger; der Kranke nickte matt vor sich hin, und auch Agnes schlief
ein.
    Es war wohl schon sieben - die Parkbume hinter dem Vorgarten lagen bereits
in einem hellen Schein -, als Engelke zu dem Kinde herantrat und es weckte.
Steih upp, Agnes.
    Is he dod?
    Nei. He slppt en beten. Un ick glw, et sitt em nich mihr so upp de Bost.
    Ick grul mi so.
    Dat brukst du nich. Un kann ook sinn, he slppt sich wedder gesunn... Un
nu, steih upp un bind di ook en Doog um 'n Kopp. Et is noch en beten kll drut.
Un denn geih in 'n Goaren un plck em (wenn du wat finnst) en beten Krokus oder
wat et snsten is.
    Die Kleine trat auch leise durch die Balkontr auf die Veranda hinaus und
ging auf das Rundell zu, um nach ein paar Blumen zu suchen. Sie fand auch
allerlei; das Beste waren Schneeglckchen. Und nun ging sie, mit den Blumen in
der Hand, noch ein paarmal auf und ab und sah, wie die Sonne drben aufstieg.
Sie frstelte. Zugleich aber kam ihr ein Gefhl des Lebens. Dann trat sie wieder
in das Zimmer und ging auf den Stuhl zu, wo Dubslav sa. Engelke, die Hnde
gefaltet, stand neben seinem Herrn.
    Das Kind trat heran und legte die Blumen dem Alten auf den Scho.
    Dat sinn de ihrsten, sagte Engelke, un wihren ook woll de besten sinn.

                           Dreiundvierzigstes Kapitel


Es war Mittwoch frh, da Dubslav, still und schmerzlos, das Zeitliche gesegnet
hatte. Lorenzen wurde gerufen; auch Kluckhuhn kam, und eine Stunde spter war
ein Gemeindediener unterwegs, der die Nachricht von des Alten Tode den im Kreise
Zunchstwohnenden berbringen sollte, voran der Domina, dann Koseleger, dann
Katzlers und zuletzt den beiden Gundermanns.

Den Tag drauf trafen zwei Briefe bei den Barbys ein, der eine von Adelheid, der
andre von Armgard. Adelheid machte dem grflichen Hause kurz und frmlich die
Anzeige von dem Ableben ihres Bruders, unter gleichzeitiger Mitteilung, da das
Begrbnis am Sonnabendmittag stattfinden werde. Der Brief Armgards aber
lautete: Liebe Melusine! Wir bleiben noch bis morgen hier - noch einmal das
Forum, noch einmal den Palatin. Ich werde heute noch aus der Fontana Trevi
trinken, dann kommt man wieder, und das ist fr jeden, der Rom verlt,
bekanntlich der grte Trost. Wir gehen nun nach Capri, aber in Etappen, und
bleiben unter anderm einen halben Tag in Monte Cassino, wo (verzeih meine
Weisheit) das ganze Ordenswesen entstanden sein soll. Ich liebe Klster, wenn
auch nicht fr mich persnlich. Neapel berhren wir nur kurz und gehen gleich
bis Amalfi, wenn wir nicht das hher gelegene Ravello bevorzugen. Dann erst ber
Sorrent nach Capri, dem eigentlichen Ziel unsrer Reise. Wir werden nicht bei
Pagano wohnen, wo, bei allem Respekt vor der Kunst, zuviel Knstler sind,
sondern weiter abwrts, etwa auf halber Hhe. Wir haben von hier aus eine
Empfehlung. In acht Tagen sind wir sicher da. Sorge, da wir dann einen Brief
von Dir vorfinden. Vorher sind wir so gut wie unerreichbar, ein Zustand, den ich
mir als Kind immer gewnscht und mir als etwas ganz besonders Poetisches
vorgestellt habe. Ksse meinen alten Papa. Nach Stechlin hin tausend Gre, vor
allem aber bleibe, was Du jederzeit warst: die Schwester, die Mutter (nur nicht
die Tante) Deiner glcklichen, Dich immer und immer wieder zrtlich liebenden
Armgard.
    Armgards Brief kam kaum zu seinem Recht, weil sowohl der alte Graf wie
Melusine ganz der Erwgung lebten, ob es nicht, trotz Armgards gegenteiliger
Vorwegversicherung, vielleicht doch noch mglich sein wrde, das junge Paar
irgendwo telegraphisch zu erreichen; aber es ging nicht, man mut es aufgeben
und sich begngen, allerpersnlichst Vorbereitungen fr die Fahrt nach Stechlin
hin zu treffen. Des alten Grafen Befinden war nicht das beste, so da seitens
des Hausarztes sein Fernbleiben von dem Begrbnis dringend gewnscht wurde.
Daran aber war gar nicht zu denken. Und so brachen denn Vater und Tochter am
Sonnabend frh nach Stechlin hin auf. Jeserich wurde mitgenommen, um fr alle
Flle zur Hand zu sein. Es war Prachtwetter, aber scharfe Luft, so da man trotz
Sonnenschein frstelte.

In dem alten Herrenhause zu Stechlin sah es am Begrbnistage sehr verndert aus;
sonst so still und abgeschieden, war heute alles Andrang und Bewegung. Zahllose
Kutschen erschienen und stellten sich auf dem Dorfplatz auf, die meisten ganz in
Nhe der Kirche. Diese lag in prallem Sonnenschein da, so da man deutlich die
hohen, in die Feldsteinwand eingemauerten Grabsteine sah, die frher, vor der
Restaurierung, im Kirchenschiff gelegen hatten. Efeu fehlte; nur Holunderbsche,
die zu grnen anfingen, und dazwischen Ebereschenstrucher wuchsen um den Chor
herum.
    Der Tote war auf dem durch Palmen und Lorbeer in eine grne Halle
umgewandelten Hausflur aufgebahrt. Adelheid machte die Honneurs, und ihre hohen
Jahre, noch mehr aber ihr Selbstbewutsein, lieen sie die ihr zustndige Rolle
mit einer gewissen Wrde durchfhren. Auer den Barbys, Vater und Tochter,
waren, von Berlin her, noch Baron und Baronin Berchtesgaden gekommen, ebenso Rex
und Hauptmann von Czako. Rex sah aus, als ob er am Grabe sprechen wolle, whrend
sich Czako darauf beschrnkte, das gesellschaftliche Durchschnittstrauerma zu
zeigen.
    Aber diese Berliner Gste verschwanden natrlich in dem Kontingent, das die
Grafschaft gestellt hatte. Dieselben Herren, die sich - kaum ein halbes Jahr
zurck - am Rheinsberger Wahltage zusammengefunden und sich damals, von ein paar
Ausnahmen abgesehen, ber Torgelows Sieg eigentlich mehr erheitert als gergert
hatten, waren auch heute wieder da: Baron Beetz, Herr von Krangen, Jongherr van
dem Peerenboom, von Gnewkow, von Blechernhahn, von Storbeck, von Molchow, von
der Nonne, die meisten, wie herkmmlich, mit sehr kritischen Gesichtern. Auch
Direktor Thormeyer war gekommen, in pontificalibus, angetan mit so vielen Orden
und Medaillen, da er damit weit ber den Landadel hinauswuchs. Einige stieen
sich denn auch an, und Molchow sagte mit halblauter Stimme zu von der Nonne:
Sehn Sie, Nonne, das ist die Schmetterlingsschlacht von der man jetzt jeden Tag
in den Zeitungen liest. Aber trotz dieser spttischen Bemerkung wre Thormeyer
doch Hauptgegenstand aller Aufmerksamkeit geblieben, wenn nicht der jeden
Ordensschmuck verschmhende, nur mit einem hochkragigen und uralten Frack
angetane Edle Herr von Alten-Friesack ihm siegreiche Konkurrenz gemacht htte.
Das wendisch Gtzenbildartige, das sein Kopf zeigte, gab auch heute wieder den
Ausschlag zu seinen Gunsten. Er nickte nur pagodenhaft hin und her und schien
selbst an die vom ltesten Adel die Frage zu richten: Was wollt ihr hier? Er
hielt sich nmlich (worin er einer ererbten Geschlechtsanschauung folgte) fr
den einzig wirklich berechtigten Bewohner und Vertreter der ganzen Grafschaft.
    Das waren so die Hauptanwesenden. Alles stand dichtgedrngt, und von
Blechernhahn, der in bezug auf Schneid beinah an von Molchow heranreichte,
sagte: Bin neugierig, was der Lorenzen heute loslassen wird. Er gehrt ja zur
Richtung Ghre.
    Ja, Ghre, sagte von Molchow. Merkwrdig, wie der Zufall spielt. Das
Leben macht doch immer die besten Witze.
    Weiter kam es mit dieser ziemlich ungeniert gefhrten Unterhaltung nicht,
weil sich, als Molchow eben seinen Pfeil abgeschossen hatte, die
Gesamtaufmerksamkeit auf jene Flurstelle richtete, wo der aufgebahrte Sarg
stand. Hier war nmlich, und zwar in einem brillant sitzenden und mit
Atlasaufschlgen ausstaffierten Frack, in eben diesem Augenblicke der
Rechtsanwalt Katzenstein erschienen und schritt, nachdem er einen Granseeschen
Riesenkranz am Fuende des Sarges niedergelegt hatte, mit jener Ruhe, wie sie
nur das gute Gewissen gibt, auf Adelheid zu, vor der er sich respektvollst
verneigte. Diese bewahrte gute Haltung und dankte. Von verschiedenen Seiten her
aber hrte man leise das Wort Affront, whrend ein in unmittelbarer Nhe des
Edlen Herrn von Alten-Friesack stehender, erst seit kurzem zu Christentum und
Konservatismus bergetretener Katzensteinscher Kollege lchelnd vor sich hin
murmelte: Schlauberger!
    Und nun war es Zeit.
    Der Zug ordnete sich, Militrmusik aus der nchsten Garnison schritt vorauf;
dann traten die Stechliner Bauern heran, die darum gebeten hatten, den Sarg
tragen zu drfen. Diener und Mdchen aus dem Hause nahmen die Krnze. Dann kam
Adelheid mit Pastor Lorenzen, an die sich die Trauerversammlung (viele von ihnen
in Landstandsuniform) unmittelbar anschlo. Drauen sah man, da eine groe Zahl
kleiner Leute Spalier gebildet hatte. Das waren die von Globsow. Sie hatten bei
der Rheinsberger Wahl alle fr Torgelow oder doch wenigstens fr Katzenstein
gestimmt; jetzt aber, wo der Alte tot war, waren sie doch vorwiegend der
Meinung: He wihr sowiet janz good.
    Die Musik klang wundervoll; kleine Mdchen streuten Blumen, und so ging es
den etwas ansteigenden Kirchhof hinauf, zwischen den Grbern hindurch und
zuletzt auf das uralte, niedrige Kirchenportal zu. Vor dem Altar stellten sie
den Sarg auf einen mit einer Versenkungsvorrichtung versehenen Stein, unter dem
sich die Gruft der Stechline befand. Schiff und Emporen waren berfllt; bis auf
den Kirchhof hinaus stand alles Kopf an Kopf. Und nun trat Lorenzen an den Sarg
heran, um ber den, den er trotz aller Verschiedenheit der Meinungen so sehr
geliebt und verehrt, ein paar Worte zu sagen.
    Wer seinen Weg richtig wandelt, kommt zu seiner Ruhe in der Kammer. Diesen
Weg zu wandeln war das Bestreben dessen, an dessen Sarge wir hier stehn. Ich
gebe kein Bild seines Lebens, denn wie dies Leben war, es wissen's alle, die
hier erschienen sind. Sein Leben lag aufgeschlagen da, nichts verbarg sich, weil
sich nichts zu verbergen brauchte. Sah man ihn, so schien er ein Alter, auch in
dem, wie er Zeit und Leben ansah; aber fr die, die sein wahres Wesen kannten,
war er kein Alter, freilich auch kein Neuer. Er hatte vielmehr das, was ber
alles Zeitliche hinaus liegt, was immer gilt und immer gelten wird: ein Herz. Er
war kein Programmedelmann, kein Edelmann nach der Schablone, wohl aber ein
Edelmann nach jenem alles Beste umschlieenden Etwas, das Gesinnung heit. Er
war recht eigentlich frei. Wut es auch, wenn er's auch oft bestritt. Das
Goldene Kalb anbeten war nicht seine Sache. Daher kam es auch, da er vor dem,
was das Leben so vieler andrer verdirbt und unglcklich macht, bewahrt blieb,
vor Neid und bsem Leumund. Er hatte keine Feinde, weil er selber keines
Menschen Feind war. Er war die Gte selbst, die Verkrperung des alten
Weisheitssatzes: Was du nicht willst, da man dir tu.
    Und das leitet mich denn auch hinber auf die Frage nach seinem Bekenntnis.
Er hatte davon weniger das Wort als das Tun. Er hielt es mit den guten Werken
und war recht eigentlich das, was wir berhaupt einen Christen nennen sollten.
Denn er hatte die Liebe. Nichts Menschliches war ihm fremd, weil er sich selbst
als Mensch empfand und sich eigner menschlicher Schwche jederzeit bewut war.
Alles, was einst unser Herr und Heiland gepredigt und gerhmt und an das er die
Segensverheiung geknpft hat - all das war sein: Friedfertigkeit,
Barmherzigkeit und die Lauterkeit des Herzens. Er war das Beste, was wir sein
knnen, ein Mann und ein Kind. Er ist nun eingegangen in seines Vaters Wohnungen
und wird da die Himmelsruhe haben, die der Segen aller Segen ist.
    Einige der Anwesenden sahen sich bei dieser Schluwendung an. Am meisten
bemerkt wurde Gundermann, dessen der Rede halb zustimmende, halb ablehnende
Haltung bei den versammelten Alten und Echten (die wohl sich, aber nicht ihm
ein Recht der Kritik zuschrieben) auch hier wieder ein Lcheln hervorrief. Dann
folgte mit erhobener Stimme Gebet und Einsegnung, und als die Orgel intonierte,
senkte sich der auf dem Versenkungsstein stehende Sarg langsam in die Gruft.
Einen Augenblick spter, als der wiederaufsteigende Stein die Gruftffnung mit
einem eigentmlichen Klappton schlo, hrte man von der Kirchentr her erst ein
krampfhaftes Schluchzen und dann die Worte: Nu is allens ut; nu mt ick ook
weg. Es war Agnes. Man nahm das Kind von dem Schemel herunter, auf dem es
stand, um es, unter Zuspruch der Nchststehenden, auf den Kirchhof
hinauszufhren. Da schlich es noch eine Weile weinend zwischen den Grbern hin
und her und ging dann die Strae hinunter auf den Wald zu.
    Die alte Buschen selbst hatte nicht gewagt, mit dabeizusein.

Unter denen, die drauen auf dem Kirchhof standen, waren auch von Molchow und
von der Nonne. Jeder von ihnen wartete auf seine Kutsche, die, weil der Andrang
so gro war, nicht gleich vorfahren konnte. Beide froren bitterlich bei der
scharfen Luft, die vom See her wehte.
    Ich wei nicht, sagte von der Nonne, warum sie die Feier nicht im Hause,
wo sie doch heizen konnten, abgehalten haben; es war ja da drin gar keine
menschliche Temperatur mehr. Und nun erst hier drauen.
    Is leider so, sagte Molchow, und ich werde wohl auch mit 'ner Kopfkolik
abschlieen. Und mitunter stirbt man dran. Aber wenn man in Berlin is (und ich
habe da neulich auch so was mitgemacht), is es doch noch schlimmer. Da haben sie
was, was sie 'ne Leichenhalle nennen, 'ne Art Kapelle mit Bibelspruch und
Lorbeerbumen, und dahinter verstecken sich ein paar Gesangsmenschen. Wenn man
sie nachher aber sieht, sehen sie sehr gefrhstckt aus.
    Kenn ich, kenn ich, sagte Nonne.
    Nu, der Gesang, fuhr Molchow fort, das ginge noch, den kann man
schlielich aushalten. Aber der Fuboden und der Zug durch die offenstehende
Tr. Und wenn man noch blo den kriegte. Wer aber Pech hat, der kommt, wenn's
Winter is, dicht neben einen Kanonenofen zu stehn, und wenn ich sage, der
pustet, so sag ich noch wenig. Und der Geistliche kann einem auch leid tun. Er
spricht sozusagen fr niemanden. Wer kann denn bei solchem Zug und solchem
Ofenpusten ordentlich zuhren? Und blo das wei ich, da ich immer an die drei
Mnner im feurigen Ofen gedacht habe. So halb Eisklumpen, halb Bratapfel is nich
mein Fall.
    Ja, die Berliner, sagte Nonne... Nich zu glauben.
    Nich zu glauben. Und dabei bilden sie sich ein, sie htten eigentlich alles
am besten. Und mancher von ihnen glaubt es auch wirklich. Aber die Hlle lacht.
    Ich bitte Sie, Molchow, menagieren Sie sich! Das ber Berlin, na, das ginge
vielleicht noch. Aber so gleich hier von Hlle, hier mitten auf 'nem
christlichen Kirchhof...

Bald danach hatte sich der Kirchhof geleert, und alles, was in der Grafschaft
wohnte, war auf dem Heimwege. Nur die von Berlin her erschienenen Gste, die den
nchsten an Gransee vorberkommenden Rostocker Zug abzuwarten hatten, waren in
das Herrenhaus zurckgekehrt, wo mittlerweile fr einen Imbi Sorge getragen
war. Rex und Czako, desgleichen auch die Berchtesgadens nahmen erst ein Glas
Wein und dann eine Tasse Kaffee. Zwischen dem alten Grafen und Adelheid knpfte
sich ein mig belebtes Gesprch an, wobei der Graf der Vorzge des Verstorbenen
gedachte. Da Schwester Adelheid jedoch, wie so viele Schwestern, allerlei
Zweifel und Bedenken hinsichtlich des Tuns und Treibens ihres Bruders hegte, so
ging man bald zu den Kindern ber und beklagte, da sie bei einer so schnen
Feier nicht htten zugegen sein knnen. Dazwischen wurde dann freilich das fast
entgegengesetzt klingende Bedauern laut, da das junge Paar seinen Aufenthalt im
Sden wohl werde abbrechen mssen. Der alte Graf in seiner Gte fand alles, was
Adelheid sagte, sehr verstndig, whrend sich Adelheids Gefhle mit der
Anerkennung begngten, da sie sich den Alten eigentlich schlimmer gedacht habe.

                           Vierundvierzigstes Kapitel


Melusine war aus der Kirche mit in das Herrenhaus zurckgekehrt und widmete sich
hier auf eine kurze Weile zunchst ihren Freunden, den Berchtesgadens, dann Rex
und Czako. Danach ging sie in die Pfarre hinber, um Lorenzen zu danken und noch
ein kurzes Gesprch mit ihm ber Woldemar und Armgard zu haben, im wesentlichen
eine Wiederholung alles dessen, was sie schon whrend ihres Weihnachtsbesuches
mit ihm durchgesprochen hatte. Sie verplauderte sich dabei wider Wunsch und
Willen, und als sie schlielich nach dem Herrenhause zurckkehrte, begegnete sie
bereits jener Aufbruchsunruhe, die kein ernstes Eingehen auf irgendein Thema
mehr zult. Sie beschrnkte sich deshalb auf ein paar Worte mit Tante Adelheid.
Da man sich gegenseitig nicht mochte, war der einen so gewi wie der andern.
Sie waren eben Antipoden: Stiftsdame und Weltdame, Wutz und Windsor, vor allem
enge und weite Seele.
    Welch ein Mann, Ihr Pastor Lorenzen, sagte Melusine. Und zum Glck auch
noch unverheiratet.
    Ich mchte das nicht so betonen und noch weniger es beloben. Es
widerspricht dem Beispiele, das unser Gottesmann gegeben, und widerspricht auch
wohl der Natur.
    Ja, der Durchschnittsnatur. Es gibt aber, Gott sei Dank, Ausnahmen. Und das
sind die eigentlich Berufenen. Eine Frau nehmen ist alltglich ..
    Und keine Frau nehmen ist ein Wagnis. Und die Nachrede der Leute hat man
noch obenein.
    Diese Nachrede hat man immer. Es ist das erste, wogegen man gleichgltig
werden mu. Nicht in Stolz, aber in Liebe.
    Das will ich gelten lassen. Aber die Liebe des natrlichen Menschen bezeigt
sich am besten in der Familie.
    Ja, die des natrlichen Menschen...
    Was ja so klingt, Frau Grfin, als ob Sie dem Unnatrlichen das Wort reden
wollten.
    In gewissem Sinne ja, Frau Domina. Was entscheidet, ist, ob man dabei nach
oben oder nach unten rechnet.
    Das Leben rechnet nach unten.
    Oder nach oben; je nachdem.
    Es klang alles ziemlich gereizt. Denn so leichtlebig und heiter Melusine
war, einen Ton konnte sie nicht ertragen, den sittlicher berheblichkeit. Und so
war eine Gefahr da, sich die Schraubereien fortsetzen zu sehen. Aber die
Meldung, da die Wagen vorgefahren seien, machte dieser Gefahr ein Ende.
Melusine brach ab und teilte nur noch in Krze mit, da sie vorhabe, morgen mit
dem frhesten von Berlin aus einen Brief zu schreiben, der mutmalich
gleichzeitig mit dem jungen Paar in Capri eintreffen werde. Adelheid war damit
einverstanden, und Melusine nahm Baron Berchtesgadens Arm, whrend der alte Graf
die Baronin fhrte.
    Das Verdeck des vor dem Portal haltenden Wagens war zurckgeschlagen, und
alsbald hatten die Baronin und Melusine im Fond, die beiden Herren aber auf dem
Rcksitz Platz genommen. So ging es eine schon in Ktzchen stehende Weidenallee
hinunter, die beinahe geradlinig auf Gransee zufhrte. Das Wetter war
wunderschn; von der Klte, die noch am Vormittag geherrscht hatte, zeigte sich
nichts mehr; der Himmel war gleichmig grau, nur hier und da eine blaue Stelle.
Der Rauch stand in der stillen Luft, die Spatzen quirilierten auf den
Telegraphendrhten, und aus dem Saatengrn stiegen die Lerchen auf. Wie schn,
sagte Baron Berchtesgaden, und dabei spricht man immer von der Drftigkeit und
Prosa dieser Gegenden. Alles stimmte zu, zumeist der alte Graf, der die
Frhlingsluft einsog und immer wieder aussprach, wie glcklich ihn diese Stunde
mache. Sein Bewegtsein fiel auf.
    Ich dachte, lieber Barby, sagte der Baron, in meinen Huldigungen gegen
Ihre mrkische Frhlingslandschaft ein uerstes getan zu haben. Aber ich sehe,
ich bleibe doch weit zurck; Sie schlagen mich aus dem Felde.
    Ja, sagte der alte Graf, und mir kommt es wohl auch zu Denn ich bin der
erste dran, davon Abschied nehmen zu mssen.

Rex und Czako folgten in einem leichten Jagdwagen. Die beiden Schecken, kleine
Shetlnder, warfen ihre Mhnen. Da man von einem Begrbnis kam, war dem Gefhrt
nicht recht anzusehen.
    Rex, sagte Czako, Sie knnten nun wieder ein ander Gesicht aufsetzen.
Oder wollen Sie mich glauben machen, da Sie wirklich betrbten Herzens sind?
    Nein, Czako, so grblich inszenier ich mich nicht. Und kme mir so was in
den Sinn, so jedenfalls nicht vor einem Publikum, das Czako heit. brigens
wollen Sie blo etwas von sich auf mich abwlzen. Sie sind betrbt, und wenn ich
mir alles berlege, so steht es so, da Sie bei dem Chteau-Lafitte nicht auf
Ihre Rechnung gekommen sind. Er wirkte - denn des Alten Bocksbeutel hab ich von
unserem Oktoberbesuch her noch in dankbarer Erinnerung -, wie wenn ihn Tante
Adelheid aus ihrem Kloster mitgebracht htte.
    Rex, Sie sind ja wie vertauscht und reden beinah in meinem Stil. Es ist
doch merkwrdig, sowie die Menschen dies Nest, dies Berlin, erst hinter sich
haben, fngt Vernunft wieder an zu sprechen.
    Sehr verbunden. Aber eskamotieren Sie nicht die Hauptsache. Meine Frage
bleibt, warum so belegt, Czako? Denn da Sie das sind, ist auer Zweifel. Wenn's
also nicht von dem Lafitte stammt, so kann es nur Melusine sein.
    Czako seufzte.
    Da haben wir's. Tatsache festgestellt, obwohl ich Ihren Seufzer nicht recht
verstehe. Sie haben nmlich nicht den geringsten Grund dazu. Gesamtsituation
umgekehrt beraus gnstig.
    Sie vergessen, Rex, die Grfin ist sehr reich.
    Das erschwert nicht, das erleichtert blo.
    Und auerdem ist sie grundgescheit.
    Das sind Sie beinah auch, wenigstens mitunter.
    Und dann ist die Grfin eine Grfin, ja, sogar eine Doppelgrfin, erst
durch Geburt und dann durch Heirat noch mal. Und dazu diese verteufelt vornehmen
Namen: Barby, Ghiberti. Was soll da Czako? Teuerster Rex, man mu den Mut haben,
den Tatsachen ins Auge zu sehn. Ich mache mir kein Hehl draus, Czako hat was
merkwrdig Kommimiges, etwa wie Landwehrmann Schultze. Kennen Sie das
reizende Ballett Uckermrker und Picarde? Da haben Sie die ganze Geschichte.
Melusine ist die reine Picarde.
    Zugegeben. Aber was schadet das? Italienisieren Sie sich und schreiben Sie
sich von morgen ab Ciacco. Dann sind Sie dem Ghiberti trotz seiner Grafenschaft
dicht auf den Hacken.
    Sapristi, Rex, c'est une ide.

                           Fnfundvierzigstes Kapitel


Das junge Paar war, nach geplantem kurzen Aufenthalt erst in Amalfi und dann in
Sorrent, in Capri angekommen. Woldemar fragte nach Briefen, erfuhr aber, da
nichts eingegangen.
    Armgard schien verstimmt. Melusine lt sonst nie warten.
    Das hat dich verwhnt. Sie verwhnt dich berhaupt.
    Vielleicht. Aber, so dir's recht ist, darber erst spter einmal, nicht
heute; fr solche Gestndnisse sind wir doch eigentlich noch nicht lange genug
verheiratet. Wir sind ja noch in den Flitterwochen.
    Woldemar beschwichtigte. Morgen wird ein Brief dasein. Schlieen wir also
Frieden, und steigen wir, wenn dir's pat, nach Anacapri hinauf. Oder wenn du
nicht steigen magst, bleiben wir, wo wir sind, und suchen uns hier eine gute
Aussichtsstelle.
    Es war auf dem Frontbalkon ihres am mittleren Abhang gelegenen Albergo, da
sie dies Gesprch fhrten, und weil die Mhen und Anstrengungen der letzten Tage
ziemlich gro gewesen waren, war Armgard willens, fr heute wenigstens auf
Anacapri zu verzichten. Sie begngte sich also, mit Woldemar auf das Flachdach
hinaufzusteigen, und verlebte da, angesichts der vor ihnen ausgebreiteten
Schnheit, eine glckliche Stunde. Von Sorrent kamen Fischerboote herber, die
Fischer sangen, und der Himmel war klar und blau; nur drben aus dem Kegel des
Vesuv stieg ein dnner Rauch auf, und von Zeit zu Zeit war es, als vernhme man
ein dumpfes Rollen und Grollen.
    Hrst du's? fragte Armgard.
    Gewi. Und ich wei auch, da man einen Ausbruch erwartet. Vielleicht
erleben wir's noch.
    Das wre herrlich.
    Und dabei, fuhr Woldemar fort, komm ich von der eiteln Vorstellung nicht
los, da, wenn's da drben ernstlich anfngt, unser Stechlin mittut, wenn auch
bescheiden. Es ist doch eine vornehme Verwandtschaft.
    Armgard nickte, und von der Uferstelle her, wo die Sorrentiner Fischer eben
anlegten, klang es herauf:

Tre giorni son che Nina, che Nina,
In letto ne se sta...

Am andern Tage, wie vorausgesagt, kam ein Brief von Melusine, diesmal aber nicht
an die Schwester, sondern an Woldemar adressiert.
    Was ist? fragte Armgard, der die Bewegung nicht entging, die Woldemar,
whrend er las, zu bekmpfen suchte.
    Lies selbst.
    Und dabei gab er ihr den Brief mit der Todesanzeige des Alten.
    An ein Eintreffen in Stechlin, um noch der Beisetzung beiwohnen zu knnen,
war lngst nicht mehr zu denken; der Begrbnistag lag zurck. So kam man denn
berein, die Rckreise langsam, in Etappen ber Rom, Mailand und Mnchen machen,
aber an jedem Orte (denn beide sehnten sich heim) nicht lnger als einen Tag
verweilen zu wollen. Von Capri nahm Woldemar ein einziges Andenken mit, einen
Kranz von Lorbeer und Oliven. Den hat er sich verdient. -
    Die letzte Station war Dresden, und von hier aus war es denn auch, da
Woldemar ein paar kurze Zeilen an Lorenzen richtete.

Lieber Lorenzen!
    Seit einer halben Stunde sind wir in Dresden, und ich schreibe diese Zeilen
angesichts des immer wieder schnen Bildes von der Terrasse aus, das auch auf
den Verwhntesten noch wirkt. Wir wollen morgen in aller Frhe von hier fort,
sind um zehn in Berlin und um zwlf in Gransee. Denn ich will zunchst unser
altes Stechlin wiedersehen und einen Kranz am Sarge niederlegen. Bitte, sorgen
Sie, da mich ein Wagen auf der Station erwartet. Wenn ich auch Sie persnlich
trfe, so wre mir das das Erwnschteste. Es plaudert sich unterwegs so gut. Und
von wem knnt ich mehr und zugleich Zuverlssigeres erfahren als von Ihnen, der
Sie die letzten Tage mit durchlebt haben werden. Meine Frau grt herzlichst.
Wie immer Ihr alter, treu und dankbar ergebenster
                                                                Woldemar v. St.

Um zwlf hielt der Zug auf Bahnhof Gransee. Woldemar sah schon vom Coup aus den
Wagen; aber statt Lorenzen war Krippenstapel da. Das war ihm zunchst nicht
angenehm, aber er nahm es bald von der guten Seite. Krippenstapel ist am Ende
noch besser, weil er unbefangener ist und mit manchem weniger zurckhlt.
Lorenzen, wenn er dies Wort auch belcheln wrde, hat einen diplomatischen Zug.
    In diesem Augenblick erfolgte die Begrung mit dem inzwischen
herangetretenen Bienenvater, und alle drei bestiegen den Wagen, dessen Verdeck
zurckgeschlagen war. Krippenstapel entschuldigte Lorenzen, der wegen einer
Trauung behindert sei, und so wre denn alles in bester Ordnung gewesen, wenn
unser trefflicher alter Museumsdirektor nur vor Antritt seiner Fahrt nach
Gransee von einer Herausbesserung seines ueren Menschen Abstand genommen
htte. Das war ihm aber unzulssig erschienen, und so sa er denn jetzt dem
jungen Paare gegenber, angetan mit einem Schlipsstreifen und einem groen
Chemisettevorbau. Der Schlips war so schmal, da nicht blo der zur Befestigung
der Vatermrder dienende Hemdkragenrand in halber Hhe sichtbar wurde, sondern
leider auch der aus einem keilartigen Ausschnitt hervorlugende Adamsapfel, der
sich nun, wie ein Ding fr sich, bestndig hin und her bewegte. Die Verlegenheit
Armgards, deren Auge sich - natrlich ganz gegen ihren Willen - unausgesetzt auf
dies Naturspiel richten mute, wre denn auch von Moment zu Moment immer grer
geworden, wenn nicht Krippenstapels unbefangene Haltung schlielich ber alles
wieder hinweggeholfen htte.
    Dazu kam noch, da seiner Unbefangenheit seine Mitteilsamkeit entsprach. Er
erzhlte von dem Begrbnis und wer vom Grafschaftsadel alles dagewesen sei. Dann
kam Thormeyer an die Reihe, dann Katzenstein und die Domina und zuletzt auch
ltt Agnes.
    Des Kindes mssen wir uns annehmen, sagte Armgard.
    Wenn du darauf dringst, gewi. Aber es liegt schwieriger damit, als du
denkst. Solche Kinder, ganz im Gegensatz zur Pdagogenschablone, mu man sich
selbst berlassen. Der gefhrlichere Weg, wenn berhaupt was Gutes in ihnen
steckt, ist jedesmal der bessere. Dann bekehren sie sich aus sich selbst heraus.
Wenn aber irgendein Zwang diese Bekehrung schaffen will, so wird meist nichts
draus. Da werden nur Heuchelei und Ziererei geboren. Eigner freier Entschlu
wiegt hundert Erziehungsmaximen auf.
    Armgard stimmte zu. Krippenstapel aber fuhr in seinem Berichte fort und
erzhlte von Kluckhuhn, von Uncke, von Elfriede; Sponholz werde in der nchsten
Woche zurckerwartet, und Koseleger und die Prinzessin seien ein Herz und eine
Seele, ganz besonders - und das sei das Allerneueste - seit man fr ein
Rettungshaus sammle. Seitens des Adels werde fleiig dazu beigesteuert; nur
Molchow habe sich geweigert: so was schaffe blo Konfusion.
    Um zwei traf man in Schlo Stechlin ein. Woldemar durchschritt die verdeten
Rume, verweilte kurze Zeit in dem Sterbezimmer und ging dann in die
Kirchengruft, um da den Kranz an des Vaters Sarge niederzulegen.
    Am spten Nachmittag erschien auch Lorenzen und sprach zunchst sein
Bedauern aus, da er einer Amtshandlung halber (Kosst Zschocke habe sich wieder
verheiratet) nicht habe kommen knnen. Er blieb dann noch den Abend ber und
erzhlte vielerlei, zuletzt auch von dem, was er dem Alten feierlich habe
versprechen mssen.
    Woldemar lchelte dabei. Die Zukunft liegt also bei dir.
    Und unter diesen Worten reichte er Armgard die Hand.

                          Sechsundvierzigstes Kapitel


Armgard hatte sich von der im Stechliner Hause herrschenden Weltabgewandtheit
angeheimelt gefhlt. Aber der Gedanke, hier ihre Tage zu verbringen, lag ihr
doch vorderhand noch fern, und so kehrte sie denn, kurz nach Ablauf einer Woche,
nach Berlin zurck, wo mittlerweile Melusine fr alles gesorgt und eine ganz in
der Nhe von Woldemars Kaserne gelegene Wohnung gemietet und eingerichtet hatte.
    Das war am Belle-Alliance-Platz. Als das junge Paar diese Wohnung bezog,
ging die Saison bereits auf die Neige. Die Frhjahrsparaden nahmen ihren Anfang
und gleich danach auch die Wettrennen, an denen Armgard voller Interesse
teilnahm. Aber ihre Freude daran war doch geringer, als sie geglaubt hatte.
Weder das Grostdtische noch das Militrische, weder Sport noch Kunst
behaupteten dauernd den Reiz, den sie sich anfnglich davon versprochen, und ehe
der Hochsommer heran war, sagte sie: La mich's dir gestehn, Woldemar, ich
sehne mich einigermaen nach Schlo Stechlin.
    Er htte nichts Lieberes hren knnen. Was Armgard da sagte, war ihm aus der
eignen Seele gesprochen. Liebenswrdig und bescheiden, wie er war, stand ihm
lngst fest, da er nicht berufen sei, jemals eine Generalstabsgre zu werden,
whrend das alte mrkische Junkertum, von dem frei zu sein er sich eingebildet
hatte, sich allmhlich in ihm zu regen begann. Jeder neue Tag rief ihm zu: Die
Scholle daheim, die dir Freiheit gibt, ist doch das Beste. So reichte er denn
seine Demission ein. Man sah ihn ungern scheiden, denn er war nicht blo
wohlgelitten an der Stelle, wo er stand, sondern berhaupt beliebt. Man gab ihm,
als sein Scheiden unmittelbar bevorstand, ein Abschiedsfest, und der ihm
besonders wohlwollende Kommandeur des Regiments sprach in seiner Rede von den
schnen, gemeinschaftlich durchlebten Tagen in London und Windsor. -
    All die Zeit ber waren natrlich auch die von einer bersiedlung aufs Land
unzertrennlichen kleinen Mhen und Sorgen an das junge Paar herangetreten. Unter
diesen Sorgen - Lizzi hatte abgelehnt, weil sie die groe Stadt und die
Bildung nicht missen mochte - war in erster Reihe das Ausfindigmachen einer
geeigneten Kammerjungfer gewesen. Es traf sich aber so glcklich, da Portier
Hartwigs hbsche Nichte mal wieder auer Stellung war, und so wurde diese denn
engagiert. Melusine leitete die Verhandlungen mit ihr. Ich wei freilich nicht,
Hedwig, ob es Ihnen da drauen gefallen wird. Ich hoff es aber. Und Sie werden
jedenfalls zweierlei nicht haben: keinen Hngeboden und keinen Ankratz, wie die
Leute hier sagen. Oder wenigstens nicht mehr davon, als Ihnen schlielich doch
vielleicht lieb ist.
    Ach, das ist nicht viel, versicherte Hedwig halb scham-, halb schalkhaft.
    Am 21. September wollte das junge Paar in Stechlin einziehen, und alle
Vorbereitungen dazu waren getroffen: Schulze Kluckhuhn trommelte smtliche
Kriegervereine zusammen (die Dppelstrmer natrlich am rechten Flgel), whrend
Krippenstapel sich mit Tucheband ber ein Begrungsgedicht einigte, das von
Rolf Krakes ltester Tochter gesprochen werden sollte. Die Globsower gingen noch
einen Schritt weiter und bereiteten eine Rede vor, darin der neue junge Herr als
einer der Ihrigen begrt werden sollte.
    Das alles galt dem Einundzwanzigsten.
    Am Tage vorher aber traf ein Brief Melusinens bei Lorenzen ein, an dessen
Schlu es hie:
    Und nun, lieber Pastor, noch einmal das eine. Morgen frh zieht das junge
Paar in das alte Herrenhaus ein, meine Schwester und mein Schwager. Erinnern Sie
sich bei der Gelegenheit unsres in den Weihnachtstagen geschlossenen Paktes: es
ist nicht ntig, da die Stechline weiterleben, aber es lebe

                                 der Stechlin.
