
                                 Raabe, Wilhelm

                            Die Akten des Vogelsangs

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                                 Wilhelm Raabe

                            Die Akten des Vogelsangs

    Die wir dem Schatten Wesen sonst verliehen,
    Sehn Wesen jetzt als Schatten sich verziehen.
                                                                 Peter Schlemihl

An einem Novemberabend bekam ich (der Leutnant der Reserve liegt als lngst
abgetan bei den Papieren des deutschen Heerbanns), Oberregierungsrat Dr. jur. K.
Krumhardt, unter meinen brigen Postsachen folgenden Brief in einer schnen,
festen Handschrift, von der man es kaum fr mglich halten sollte, da sie einem
Weibe zugehre.


                                 Lieber Karl!

Velten lt Dich noch einmal gren. Er ist nun tot, und wir haben beide unsern
Willen bekommen. - Er ist allein geblieben bis zuletzt, mit sich selber allein.
Da ich mich als seine Erbnehmerin aufgeworfen habe, kann er freilich nicht
hindern; das liegt in meinem Willen, und aus dem heraus schreibe ich Dir heute
und gebe Dir die Nachricht von seinem Tode und seinem Begrbnis. Dieser Brief
gehrt, meines Erachtens, zu der in seinen Angelegenheiten (wie lcherlich
dieses Wort hier klingt!) noch ntigen Korrespondenz. Seinen Ton entschuldige.
Es klingt hohl in dem Raume, in welchem ich schreibe: er hat die Leere um sich
gelassen, und wie ein Kind nenne ich Dich, Karl, noch einmal Du und bei Deinem
Taufnamen; es soll kein Griff in die Zukunft sein; es ist nichts als ein
augenblickliches letztes Anklammern an etwas, was vor langen Jahren schn,
lustig, freudenvoll und hoffnungsreich gewesen ist. Auch Deine liebe Gattin wird
den Ton verzeihen, wenn sie auch gottlob nichts wei von der Angst, die wir
Weiber haben knnen in einem so leeren Raume. Ihre Angst im Dunkeln wird sie ja
wohl auch schon gehabt haben in ihrem Leben.
    Helene Trotzendorff als ein sich frchtendes Kind? - Nein, doch nicht! - So
ist es nicht! - Die wilde Trin mchte sich nur entschuldigen, da sie Euch
ruhigen Seelen durch ihre Nachricht den brgerlichen und huslichen Frieden
strt. Von jetzt an, lieber Karl, gedenke meiner als einer mit dem Freunde zu
den Toten Gegangenen; ich wollte, ich knnte sagen: in den Frieden.
    Euer Freund Leon war sehr aufmerksam, doch Eure Frau Fechtmeisterin hat mir
das Recht zuerkannt, das Begrbnis zu besorgen. Er, der Herr Kommerzienrat des
Beaux, tut mir nur die ntigen Wege. Nun bin ich allein mit dem Freunde und
freue mich ber ihn und knnte ihm wieder wie unter den Holunderbschen zwischen
den Buchsbaumeinfassungen der Aurikelbeete unserer Kindheitsgrten oder auf
unseren Bergen und Waldwiesen in den Haarbusch greifen und ihn Schelm nennen
oder einen schlechten Menschen. Verdient htte er das heute wie vor Jahren. Er
hatte in seinem Frieden noch denselben Zug um Nase und Mund wie vor Jahren, wenn
er mich zu Trnen vor rger und Erbosung und Dich, guter alter Jugendkamerad, zu
einem Zitat aus einem deutschen oder lateinischen Klassiker gebracht hatte.
    Die Frau Fechtmeisterin hat das groe, schlaue Kind wahrhaftig wie ein
kleinstes, dummstes, hlfslosestes Kind besorgt und zu Tode gepflegt. Sie ist
jetzt nahe an die neunzig Jahre alt und sagt: Da ich das noch tun mute, hat
mich das ganze letzte halbe Jahr durch auf den Beinen erhalten: ich hatte es ihm
ja aber auch so versprochen, wenn ich auch niemals geglaubt habe, da mal ein
Ernst aus seinem Spa werden knne. Sie konnte es nicht wissen, da er immer
Ernst aus dem Spae machte!
    Wenn wir nun zusammensen, so knnte ich Dir wohl noch vieles sagen. Zu
schreiben wei ich nichts mehr; ich bin auch sehr mde.
    Mit den besten Wnschen fr Dich und Dein Haus

                                              Helene Trotzendorff, Widow Mungo.

Was hltst du so den Kopf mit beiden Hnden? fragte mich recht spt am Abend
meine Frau, nachdem die Kinder lngst gekommen waren, um mir eine gute Nacht zu
wnschen. Hast du heute wieder mal kein Stndchen Zeit fr uns brig gehabt,
armes Mnnchen? Groer Gott, diese Berge von Akten! Was haben wir denn
eigentlich noch von dir?
    Sie lehnte sich bei diesen Worten ber meine Stuhllehne und legte mir ihre
khle Hand auf die Stirn.
    Die bsen Akten sind es diesmal nicht, mein armes Weibchen. Es ist etwas
viel Grimmigeres. Was erschrickst du denn? Dich und deine Kinder geht es nur
recht mittelbar was an.
    Ich gab ihr den Brief der Witwe Mungo, der mich in dieser Nacht ber die
gewohnte Zeit hinaus von dem allabendlichen Plauderstndchen im Wohnzimmer
ferngehalten hatte, und Anna nahm ihn, wenn nicht erschreckt, so doch sehr
verwundert und gespannt und sah natrlich zuerst nach der Unterschrift.
    Von Helene Trotzendorff?
    Von der Witwe Mungo.
    Die Pfeife war mir lngst ausgegangen; ich stand auf, um sie in einem
Wirrwarr von Gedanken gedankenlos wieder anzuznden, und ging nun in meiner
Arbeitsstube auf und ab, whrend Anna an meinem Schreibtische in meinem
Arbeitsstuhl Platz nahm und zwischen den freilich berghohen, ihr so rgerlichen
Aktenhaufen das liebe Gesicht ber den unheimlich wunderlichen Brief aus Berlin
beugte, um es sofort, jetzt doch im hchsten Grade erschreckt, wieder zu erheben
und mir zuzuwenden.
    Velten tot? Unser - dein Freund Andres! - Und sie - Helene - die Witwe
Mungo, allein bei ihm!
    Das Blatt zitterte in ihren Hnden, als sie weiterlas; aber sie machte
weiter keine Bemerkungen, bis sie fertig war, das Schreiben niederlegte, mit der
Hand darber strich, wie um es zu gltten.
    Aber das ist ja ein entsetzlicher Brief! In seiner Unverstndlichkeit doch
gar nicht so, wie ich sie mir nach deinen - euren Reden und Erzhlungen
vorgestellt habe, da unsereine trotz ihres Erschreckens und Mitgefhls wieder
mal nicht wei, was sie dazu sagen soll. Velten Andres tot, und die
amerikanische Talermillionrin jetzt als seine Totenwache, wie es scheint, in
seiner leeren Dachstube. Was will sie denn jetzt da? Ganz dumm und irre wird man
hierbei! Du lieber Gott, wie machen sich doch die Menschen aus puren Grillen das
Leben schwer und das Sterben zu einem Komdienschlu! Ja, was siehst du mich an?
Wenn es nicht so trauriger Ernst wre, so mchte man wirklich sagen: aus seiner
Rolle ist keiner von beiden gefallen. Und der gute Leon ist auch natrlich
wieder da und steht dabei wie der brave Mensch im Hintergrund, der auf dem
Theater immer dabei ist, wenn so eine Katastrophe eintritt, da doch wenigstens
einer als vernnftiger Teilnehmer den Kopf schttelt. Aber freilich - du mut
und willst doch auch wohl als erster alter guter Freund und Bekannter von allen
jetzt zu ihr nach Berlin?
    Morgen - wenn es mir irgend mglich ist. -
    Weshalb sollte dir das nicht mglich sein? In solchem Fall darf sich jeder
Mensch seinen Urlaub selber geben. Ich fr mein Teil werde morgen diesen
unheimlichen Brief bei hellem Tageslicht lesen. Jetzt ist er mir wie ein Stein
auf den Kopf gefallen, und ich gehe zu den Kindern. Die Mdchen sind eben aus
dem Theater nach Hause gekommen. Das ist in diesem Augenblick meine einzige
Rettung nach dieser Lektre. Der Himmel bewahre sie uns vor zu viel
Einbildungskraft und erhalte ihnen einen klaren Kopf und ein ruhiges Herz.
    Ganz meine Meinung, liebe Anna, seufzte ich, und dann lie ich den Brief
Helenens unter meinen Aktenhaufen, zog den Arm meines klugen, klaren und ruhigen
Weibes unter den meinigen, und wir gingen zusammen zu den Kindern. - Das sind
schon ziemlich erwachsene junge Leutchen mit wenn auch jungen, so doch eigenen
Lebenserfahrungen und Interessen: von Velten Andres und Helene Trotzendorff
wuten sie nichts oder doch nur wenig. Und das wenige konnte jetzt blo ein
romantisches Interesse fr sie haben. Mit den Akten des Vogelsangs hatten sie
persnlich nichts mehr zu schaffen. Ob sie spter einmal persnlichen Nutzen aus
ihnen ziehen werden, wer kann das wissen?

Da mein Vater nur auf das zu dem Landesorden hinzugestiftete Verdienstkreuz
Erster Klasse und den Titel Rat die Anwartschaft besa, sagt alles ber unsere
gesellschaftliche Stellung im deutschen Volk um die Zeit herum, da ich jung
wurde in der Welt. In welchem juristischen Sonderfach er ein Beamteter war, ist
wohl gleichgltig, da er aber ein sehr tchtiger Beamter war, haben alle seine
Vorgesetzten anerkannt und viel hufiger von seinem Verstndnis in den
Geschften Gebrauch gemacht, als sie ihren Vorgesetzten gegenber laut werden
lieen. Es handelte sich in seinem Amt viel um Zahlen, und er hatte einen
hervorragenden Zahlensinn, womit, beilufig gesagt, meistens auch ein
entsprechender Ordnungssinn verbunden ist. Beides gab ihm eine Stellung in
unserer heimischen Brokratie, die fr unser husliches Behagen nicht immer von
dem besten Einflu war; denn die Vorstellung, nicht studiert und es dadurch zu
etwas Besserm gebracht zu haben, verbitterte nur zu hufig nicht nur ihm,
sondern auch uns, das heit meiner Mutter und mir, das Leben.
    Ich habe brigens in meiner heutigen oberregierungsrtlichen Stellung
dergleichen wackere Herren gleichfalls gottlob unter mir und hole mir nicht
selten fr meinen Amtsberuf nicht nur Aufklrung, sondern auch Rat von ihnen.
Das Bild meines seligen Vaters aber, mit dem zu dem Landesorden hinzugestifteten
Verdienstkreuz Erster Klasse auf der Brust, habe ich in Lebensgre (nach seinem
Tode nach einer guten Photographie gefertigt) ber meinem Schreibtische hngen
und hole mir auch von ihm heute noch Aufklrung und Rat, und nicht blo in
meinen Geschften, sondern im Leben berhaupt.
    Meine Mutter war eine Frau, deren hchste Lebenswnsche und Ansprche durch
den Titel Rtin ganz und gar erfllt wurden. Sie war eine gute Mutter und die
beste der Gattinnen, wenn das letztere vom vollstndigen Aufgehen in den
Ansichten, Meinungen, Worten und Werken des Gatten abhngig ist. Sie fhlte sich
wohl in der Zucht, in welcher er sie und sein Haus hielt, und ich glaube nicht,
da sie je einen andern Willen haben konnte als den seinigen.
    Geschwister habe ich nicht gehabt, wenigstens nicht solche, die so lange
geatmet htten, um von Einflu auf mein Leben zu werden. Den Ersatz hierfr
lieferte die Nachbarschaft, und zwar in ergiebigster Weise, und davon handelt
denn auch, um es hier schon kurz zu sagen, die Akte, die ich jetzt anlege. Wem
zum Besten, wer mag das sagen? Jedenfalls mir zu eigenster Seelenerleichterung
und aus tiefgefhltem Bedrfnis nach einem, nach etwas, das einen ruhig anhrt,
aussprechen lt und nicht eher dazu redet, bis das Ganze vorliegt. Da es nicht
eine Personalakte in der wirklichsten Bedeutung dieses Wortes ist, nimmt in
meinen Augen den Aufzeichnungen nichts von ihrem Wert. -

Die Nachbarschaft! Ein Wort, das leider Gottes immer mehr Menschen zu einem
Begriff wird, in den sie sich nur mhsam und mit Aufbietung von Nachdenken und
berdenken von allerlei behaglicher Lektre hineinzufinden wissen. Unsereinem,
der noch eine Nachbarschaft hatte, geht immer ein Schauder ber, wenn er hrt
oder liest, da wieder eine Stadt im deutschen Volk das erste Hunderttausend
ihrer Einwohnerzahl berschritten habe, somit eine Grostadt und aller Ehren und
Vorzge einer solchen teilhaftig geworden sei, um das Nachbarschaftsgefhl dafr
hinzugeben.
    Wir zu unserer Kinderzeit hatten es noch, dieses Gefhl des
nachbarschaftlichen Zusammenwohnens und Anteilnehmens. Wir kannten einander noch
im Vogelsang und wuten voneinander, und wenn wir uns auch sehr hufig sehr
bereinander rgerten, so nahmen wir doch zu anderen Zeiten auch wieder sehr
Anteil im guten Sinne an des Nachbars und der Nachbarin Wohl und Wehe. Auch
Grten, die aneinandergrenzten und ihre Obstbaumzweige einander zureichten und
ihre Zwetschen, Kirschen, Pflaumen, pfel und Birnen ber lebendige Hecken weg
nachbarschaftlich austeilten, gab es da noch zu unserer Zeit, als die Stadt noch
nicht das erste Hunderttausend berschritten hatte und wir, Helene
Trotzendorff, Velten Andres und Karl Krumhardt, Nachbarkinder im Vogelsang unter
dem Osterberge waren. Bauschutt, Fabrikaschenwege, Kanalisationsarbeiten und
dergleichen gab es auch noch nicht zu unserer Zeit in der Vorstadt, genannt Zum
Vogelsang. Die Vgel hatten dort wirklich noch nicht ihr Recht verloren, der
Erde Loblied zu singen; sie brauchten noch nicht ihre Bauplne dem Stadtbauamt
zur Begutachtung vorzulegen. Wir hatten von ihren Nestern unsere Hecken, Bsche
und Bume voll und unsere Freude dran, trugen aber dessenungeachtet nicht auf
eine Katzensteuer an und schlugen oder schossen jeden wackern Kater tot, der
nach seinem Rechte mal im Bauplan der guten Mutter Natur mit einem Immer und
ewig Muse? herumstieg und von der smtlichen Kfer-, Fliegen-, Raupen-,
Schmetterlings- und Wrmerwelt nicht nur als ein Wohltter, sondern auch als ein
Rcher geachtet wurde.
    Wohin reit mich dieses Rckgedenken? Bedenke dich, Oberregierungsrat Doctor
juris K. Krumhardt, und bleibe bei der Sache! Bei der Stange! wrde dein Freund
Velten zu jener Zeit unserer Zeit gesagt haben.
    Mein Vater, Oberregierungssekretr Krumhardt, hatte sein Haus im Vogelsang
von seinem Vater geerbt und der wieder von seinem Vater. Darber hinaus verlor
sich unsere Kenntnis des Besitzstandes in der Nacht der Zeiten. Es war
jedenfalls ein altes Haus, das nicht nur die drei Schlesischen Kriege, sondern
auch den Spanischen Erbfolgekrieg miterlebt hatte als Zeitengenosse. Das
Nachbarhuschen, das seiner uern Erscheinung nach etwas jnger war, hatte Dr.
med. Andres erst bei seiner Niederlassung in der Stadt und der Vorstadt
Vogelsang kuflich an sich gebracht. Seine Witwe und sein Junge grndeten ihre
Wohnorts- und (mglicherweise) auch ihre Untersttzungsberechtigung auf diesen,
der Zeit nach noch ziemlich naheliegenden Eintrag im Hypothekenbuch; aber auch
sie fhlten sich ihres Besitztums sicher und gehrten vom Anfang an dazu -
nmlich zur Nachbarschaft im alten, echten Sinne, und mein Vater war nach dem
Tode des Doktors ganz selbstverstndlich von der Obervormundschaft der Witwe als
Familienfreund beigegeben worden.
    Zugezogen war nur, jenseits der Grnen Gasse, Mrs. Trotzendorff from New
York, in eine Mietwohnung. Wie aber deren Kind sein Brgerrecht unter dem
Osterberge im Vogelsang erwarb und es aufgab, darber mgen denn diese Akten mit
allen dazugehrigen Dokumenten das Nhere berichten. Ich werde mir die
mglichste Mhe geben, nur als Protokollist des Falls aufzutreten. Wenn ich dann
und wann an dem Federhalter nage, meiner Privatgefhle, Stimmungen, Meinungen
und so weiter wegen, so bitte ich die geehrten Herren und Damen auf dem
Richterstuhle des Erdenlebens, hier, in Sachen Trotzendorff gegen Andres, oder
Velten Andres contra Witwe Mungo, nicht darauf zu achten. Meine Frau sagte
seinerzeit:
    Guter Gott, wie dankbar knnen wir doch sein, da du nicht so warest wie
die beiden anderen von euch. So haben wir doch wenigstens unser geregeltes
Dasein und unsere Kinder um uns. Aber auf deren vernnftige, ordentliche
Erziehung wollen wir auch recht Achtung geben. Es wre mir zu entsetzlich, wenn
eines von ihnen auch so ins Wilde wchse! -
    Dr. med. Valentin Andres, der Vater unseres Freundes Velten Andres, war ein
echter und gerechter Vorstadtdoktor, ein gutmtiger Mensch und ein guter Arzt,
welchem letztern nur die Berge und die brige schne Natur fr seine
Liebhaberei, die Insektenkunde, oft zu nahe lagen. Er war recht hufig nicht zu
finden, wenn er an einem Krankenbette, bei einem Unglcksfall oder sonst in
seinem Beruf hchst ntig war. Seine Abhandlung ber Cynips scutellaris, die
Gallapfelwespe, machte seinerzeit in den betreffenden Kreisen Aufsehen und ist
auch heute noch von den Fachgenossen geschtzt. Zum Sanittsrat aber brachte er
es nicht durch dieselbe, und das geringe Vermgen, welches er bei seinem Tode
seiner Witwe und seinem Sohn zu dem kleinen Hause und Garten im Vogelsang
hinterlie, stammte weniger von ihm als von seinem Vater und Grovater her.
Letzterer soll ein nach unseren Begriffen sehr wohlhabender Mann gewesen sein;
aber wie verkrmelt sich die Wohlhabenheit, der Reichtum in der Folge der
Geschlechter! -
    Ich fr mein Teil habe nur eine ganz dunkle Erinnerung an den Doktor Andres.
Mein Nachbarschaftsleben war nur mit seinem Jungen und der Frau Doktern; aber
seine Kfer- und Schmetterlingssammlungen in den Glasksten an den Wnden haben
doch einen Einflu auf mich gehabt und behalten ihn heute noch, und sein
freundliches Bild gleitet mir noch manchmal auf einem Waldwege um unsere jetzige
Grostadt entgegen.
    Wie kopfschttelnd oder lchelnd er seinem Sohn auf dessen Wegen dann und
wann erschienen sein mag? - Und was er aus seinem Lebensvermgen weitergegeben
haben mag an diesen, seinen Sohn Velten Andres - unsern Freund? - -
    Was nun die Frau Doktor Andres anbetrifft, so steht deren freundliches Bild
hell und klar in meiner Seele und kann nie darin auslschen. Sie hat an meiner
Mutter Wochenbett gesessen und gut nachbarschaftlich in meine Wiege gesehen: ich
habe an ihrem Sterbelager gesessen und sie in ihrem Sarge gesehen - ebenso gut
nachbarschaftlich (ich gebrauche das Wort trotz allem, was nachher hierber zu
den Akten kommt). Zwischen meiner Wiege und ihrem Sarge aber haben so viele
gute, liebe, lange Jahre des Zusammenlebens und Verkehrs von Haus zu Haus
gelegen, da wir wahrlich zueinandergehrten, obgleich mein Vater - ihr
Familienfreund war, sie nur selten begriff, sie recht hufig sehr ngstete und
dann und wann noch viel mehr rgerte und obgleich meine Mutter in allem diesem
der Ansicht und Meinung meines Vaters war und Amalien fast noch weniger
begriff als er.
    Natrlich wurzelten neun Zehntel aller Miverstndnisse in dem Vorhandensein
meines Freundes Velten in dieser auf brgerlichem Ordnungssinn gegrndeten
Erdenwelt. Weshalb hatte denn aber auch die Obervormundschaftsbehrde nach dem
Tode des Doktors der Vormnderin des Jungen den Oberregierungssekretr Krumhardt
als Familienberater beigegeben? Da mute sich denn freilich manches zuspitzen,
was von Natur keine Schrfe hatte, wenigstens auf der einen Seite. - Mit den
Grten sind heutzutage zwar auch die Vgel im Vogelsang ausgerottet; aber in den
Wldern jenseits des Osterberges singen auch heute noch, aus berlieferung,
vielleicht einige davon, was fr ein sauberer Vogel Velten Andres war und was
fr eine unzurechnungsfhige Vormnderin seine Mutter. Freilich hatte er ja auch
eine Eiersammlung seinerzeit, bis ihn - grade seine Mutter hier auf dem Felde
seiner Liebhabereien zurechtwies und sich die grausame, unntze Spielerei
verbat. Natrlich unter gnzlich unberechtigtem Hinweis auf seinen seligen
Vater, der nie ein Vogelnest ausgenommen hatte.
    Aber gucke mal, da seine Kfersammlung und seine Schmetterlinge. Tat es
denen nicht weh, wenn er sie auf seine Nadeln spiete? htte der Sohn seines
Vaters der Mutter antworten und sie fragen drfen. Da, mach du dir einen
Eierkuchen draus, sagte er jedoch nur zu mir, mir die ausgeblasene Herrlichkeit
ber die Hecke zuschiebend. Die Alte hat auch recht, wenn sie mir dieser
Dummheit wegen die Hosen nicht mehr flicken will. Sie mufft, und ich lege mich
lieber auf Briefmarken. -
    Wann htten wir je im Vogelsang die Nachbarin Andres muffen sehen? Da sie
weinen konnte, wuten wir daselbst. Aber muffen? Diese Schmach konnte ihrem
lieben, freundlichen Gesicht nur unsereiner und also am besten ihr eigen Fleisch
und Blut aus seinen Schulbubenerlebnissen und - redensarten antun. Auf das
Lachen war sie von Natur eingerichtet oder, noch besser, auf das ruhige, stille
Sonnenlcheln, das ohne irgend zutage liegenden Grund eben aus der Tiefe kommt
und also da ist, weil einmal ein bevorzugtes armes Menschenkind die Welt schn
sieht.
    Wie mu ich heute mit Helene Trotzendorffs Brief vor den Augen daran denken,
wie schn die Mutter Velten Andres' die Welt sah!
    Die Frau ist unzurechnungsfhig, der Junge ein verwahrloster Strick und bei
den Leuten Familienfreund spielen zu sollen und Vernunft reden zu mssen eine
Aufgabe, die einen zur Verzweiflung bringen kann! rief mein Vater, aus dem
Nachbarhause nach Hause - unserm - seinem Hause heimkommend und den Hut
verdrielich, doch sorgsam neben meinen Cornelius Nepos auf den Tisch stellend.
Karl, was ist das wieder gewesen, und was fr eine Rolle hast du bei dieser
neuen Albernheit gespielt? Sie haben das Hartlebensche Gartenhaus beinahe in
Brand gesteckt, Frau.
    Ja, ich hatte den Cornelius Nepos und das Leben des Alkibiades, des Klinias
Sohn, vor mir und das Herz voll Angst vor meinem Alten und Verquollene Augen
und heie, schwarzschmierige, zitternde Pfoten; und zu bersetzen hatte ich:
    At mulier, quae cum eo vivere consuerat, muliebri sua veste contectum
aedificii incendio mortuum cremavit - aber das Weib, das mit ihm zu leben
gewohnt war, verbrannte den mit ihrem Frauenrock bedeckten Leichnam in dem
brennenden Hause.
    Heraus mit der Wahrheit, Junge! Da drben kriegt man doch nichts anderes
als Phantasterei und Lgen zu hren, rief mein Vater und fate nun auch mich an
der Schulter, wie er drben wahrscheinlich den Freund Velten und gegenber
die kleine Helene Trotzendorff gefat und geschttelt hatte. Aus mir schttelte
er jedenfalls die ganze Wahrheit heraus.
    Wir haben blo Komdie gespielt in Hartlebens Pavillon. Velten hat sie
angegeben, weil - weil - wir jetzt - in der Schule den Alkibiades haben!
schluchzte ich.
    Eine schne Komdie, die auf Brandstiftung hinausluft! Was meinst du dazu,
Mutter?
    Meine Mutter rang nur stumm die Hnde: mein Vater aber hatte ihr doch nun
die Sache etwas deutlicher auseinanderzusetzen.
    Da ihnen in der Schule aus den Griechen und Rmern saubere Exempel vor die
Augen gestellt werden, das ist freilich leider eine Tatsache, Frau, brummte er.
Und da ist denn auch so eine Geschichte von einem griechischen General -
Alkibiades heit er -, die haben sie auf dem Hartlebenschen Grundstcke
auffhren wollen und mit Streichhlzern, Schiepulver und Kolophonium, was wei
ich, gewirtschaftet; und da das Mdchen blo mit verbrannter Schrze, die sie
dem Musjeh Alkibiades, ich meine dem Schlingel Velten, berdecken wollte, aus
Hartlebens getrockneten Krautbndeln herausgekommen ist, das ist auch nur ein
Wunder, wie es solchen Narrenkpfen allein passiert.
    Du lieber Gott! Du lieber Gott! Und du bist auch wieder mit dabeigewesen,
Karlchen? wimmerte meine Mutter.
    Velten hat alles gleich gelscht mit den Hnden und mit Wasser aus dem
Brunnen in seiner Mtze! schluchzte ich.
    Und sitzt jetzt mit den Hnden in Watte und Leinl, brummte mein Vater.
Nicht einmal ein regelrechtes Schmerzgeheul und Gewinsel kriegt man aus ihm
heraus. Verstockt beit der Taugenichts die Zhne aufeinander und glotzt nur von
Zeit zu Zeit angstvoll auf die Mama, was die zur Sache von sich gibt. Ja die!
Wer doch von Gottes und Rechts wegen in Trnen schwimmen sollte, das mte die
Frau Nachbarin Amalie sein; denn der dumme Junge mu arge Schmerzen haben. Aber
tut sie es? Bewahre! Lieber sterben als dem zum Richtigen redenden Nachbar und
Familienfreund seine Verantwortlichkeit durch Zustimmung zu erleichtern.
Natrlich beit auch die Frau Doktor nur die Zhne zusammen, sagt nur von Zeit
zu Zeit: Aber Velten, das war doch zu dumm! und lt mich gewohntermaen in den
Wind und ins Blaue reden.
    Die arme Amalie! seufzte meine Mutter.
    Du bedauerst sie wohl gar noch? fuhr mein Vater fast grblich sie an. Das
kannst du dir dreist fr andere und bessere Gelegenheiten sparen!
    Und mit einem Blick auf mich fuhr er fort: Na, reden wir nicht weiter
hierber. brigens, um den neuen Skandal (der dich, mein Sohn, beilufig, auch
mit vor die Polizeibehrde bringen wird) vllig auszukosten, war ich denn auch
drben bei der dritten von euch drei lieben Jugendfreundinnen, Adolfine - bei
der berhmten (ich will kein anderes Wort gebrauchen), bei der berhmten Frau
Agathe-, unserer teuren Mistress Trotzendorff. Nu, was ich da zu hren bekam,
das htte ich mir vorher schon selber sagen knnen. Sa die Person wieder sofort
auf dem hohen Pferde, als ob die smtlichen Vereinigten Staaten von Nordamerika
es ihr gesattelt und gezumt htten! - Das habe das Kind eben aus einem grern
Leben als das unserige hier von drben mitgebracht, da es die Welt (die Nrrin
sagte wahrhaftig: die Welt!), da es die Welt nicht mit unseren hiesigen
Philisteraugen (dies ist freilich mein Ausdruck), mit unseren hiesigen
Philisteraugen ansehe. Der Spa sei ja gottlob wieder glcklich abgelaufen;
Hartleben werde sich wohl auch zufriedengeben, wenn man vernnftig mit ihm
spreche, und auf die verbrannte Schrze des Kindes komme es gar nicht an; fr
die werde sein Papa drben in New York wohl noch aufzukommen wissen. - Damit
holte sie mir das naseweise Balg unter den Hnden weg und hob es, wie Niobe ihr
letztes aus den Bchern unseres Jungen, auf den Scho. Der Hinweis auf den
Schwindler, den Erzschwindler Trotzendorff, ihren Mann, imponierte mir aber so,
da ich nur meinen Hut nehmen konnte und sagen: Da hrt alles Eingreifen von
verstndiger Seite grndlich auf! - Du lieber Himmel, was fr eine
Nachbarschaft! Junge, Junge, ich rate dir, da du bei den Grundstzen deiner
Eltern wie bei deinen Bchern bleibst und dich exakt hltst. Dich wenigstens
kann ich windelweich hauen, wenn du mir blo noch ein kleines mehr in dem
Affenspiel rundum die Purzelbume mitschlgst und nicht deine brgerlichen,
gesunden, nchternen fnf Sinne beieinanderbehltst!
    Ja, bitte, bitte, bester Karl, tue das und mache deinen Eltern und deinen
Herrn Lehrern Freude! sagte meine Mutter. Ach, Vater, aber knnen denn die
armen Frauen, die Amalie und Agathe, dafr, da die eine ihren armen Doktor so
frh verloren hat und die andere ihren -
    Sie brach ab, und mein Vater brummte nur: Na, was deine andere dazu
beigetragen hat, hier jetzt wieder als abenteuerliche amerikanische Strohwitwe
im Vogelsang zu sitzen, darber sind die Akten noch nicht mit allen
dazugehrigen Dokumenten versehen. Fr die Doktorin mag deine Entschuldigung zu
mildernden Umstnden beitragen, Adolfine.

Welch eine Nachbarschaft! Jawohl, das war es, was trotz aller Warnungen und
Drohungen, Aufregungen und rgernisse meines braven seligen Vaters mir den
Vogelsang unter dem Osterberge bis heute noch zu einem Zauber macht, der mich
dahin bannt, obgleich er so sehr, so ganz und gar recht hatte mit seinen
Warnungen vor diesem Zauber. Bin ich nicht heute der einzige von uns dreien, der
seine gesunden fnf Sinne exakt und werkmig beieinandergehalten und es nach
brgerlichen Begriffen (sehr wohl berechtigten!) zu einer soliden Existenz in
der schwankenden Erdenwelt gebracht hat? Und hlt mich dieser alte Zauber heute
nicht mehr denn je - der Zauber der Nachbarschaft, trotzdem da Velten Andres
und Helene Trotzendorff auf anderen Wegen und, nach unseren brgerlichen
Begriffen, verlorengegangen sind in der Welt und die Welt nicht gewonnen haben?
Wenigstens der arme Velten. Die hundertfache Millionrin, die Witwe Mungo,
geborene Trotzendorff, ist ja wohl nicht ganz so sehr zu beachselzucken wie der
ganz verrckte Mensch, der arme kuriose Kerl, der Andres! Schade um ihn, wie
htte der es mit seinen Talenten und seinen vielen, vielen guten Gelegenheiten,
es zu was zu bringen, in der Welt zu etwas bringen knnen!
    Aber pragmatisch, pragmatisch, Karl Krumhardt! Das heit, referiere dir
selber so werkmig als mglich, Oberregierungsrat Doctor juris Krumhardt, um
dir selber wenigstens deinen Standpunkt in Sachen Andres contra Trotzendorff
oder umgekehrt klarzuhalten. Wenn nicht wegen eines andern Publikums, mchte es
deiner Kinder wegen wohl der Mhe wert sein.
    Wir, Velten und ich, waren ungefhr zehn oder zwlf Jahre alt, als wir
anfingen, mehr und mehr aufzuhorchen, wenn in unsere Kinderspiele, Schularbeiten
und Dummejungenstreiche der Name Trotzendorff hineinklang, mit bedenklichem
Kopfschtteln von seiten meiner Eltern, mit bedauerndem von seiten der Mutter
Veltens. Da hie es in unserem Hause: Konnte man das nicht voraussehen? und im
Nachbarhause: Die arme Agathe! Bei uns: Der Schwindler mute ja zu diesem
Ende kommen, und nun schickt er uns das leichtsinnige Geschpf, seine Frau, auch
gar noch wieder ber den Hals! Nebenan: Mit so einem armen kleinen Kinde! Und
so weit her, ber die See: ganz allein mit dem kleinen Mdchen ber das groe
Meer!
    Die weite See, wo Robinson Crusoe seine Wunderinsel fand und wir, Velten und
ich, so gern eben eine solche gesucht htten - das groe Meer, ber welches
Sindbad der Seefahrer schiffte und seine tausendundein Abenteuer erlebte, ber
welches Whittington (dreimal Lord-Mayor von London) seine Katze verhandelte und
vom Negerknig drei Scke voll Goldstaub fr das brave Tier zurckempfing: das
war es, was natrlich zuerst unsere Knabenphantasie erregte.
    Du, sagte Velten, es kommt eine Frau mit einem kleinen Mdchen aus
Amerika wieder hierher nach dem Vogelsang. Meine Mutter kennt seine Mutter, und
deine Mutter kennt sie auch.
    Das wei ich auch schon. Mein Vater und meine Mutter haben aber auch seinen
Vater gekannt und sagen, er sei ein Taugenichts.
    Davon hat meine Mutter nichts gesagt, aber kennen tut sie ihn auch. Das ist
mir brigens ganz Wurst; aber das Wurm! Hol mal deinen Atlas. So eine dumme
Schrze und Zimperliese auf dem Atlantischen Ozean, wenn wir ihn nur in der
Geographiestunde haben und blo Dummheiten vom Doktor Klebmaier zu hren
kriegen, wenn wir nicht wissen, wie weit er reicht! Na, la sie mir nur kommen!
Drben bei Hartlebens haben sie sich eingemietet; meine Mutter hat ihnen dabei
geholfen.
    Mein Vater und meine Mutter auch. Es geht ihnen recht schlecht, und man mu
sich ihrer annehmen, sagen sie. Weit du, sie sind eben alle gute Freunde
miteinander gewesen, die Alten. Ja, wir sollten uns ihrer annehmen!
    Meinetwegen. Was ich dazu tun kann, wird gemacht. Von einem Mdchen mehr
soll mir diesmal noch nicht bel werden, obgleich wir des Zeugs schon eigentlich
borstig hier zuviel im Vogelsang haben. berall stehen sie einem im Wege, und
ber keine Hecke kann man steigen, ohne da man zwischen einen Haufen von ihnen
fllt und fnf Minuten nachher das Gezeter angeht: Wenn du dich nicht aus unserm
Garten scherst, sagen wir's deinem Vater! brigens, Karlchen, kannst du mir noch
mal deinen Lederstrumpf leihen, ich will doch lieber vorher, ehe die Kreatur
einrckt, ber Amerika nachlesen. -
    Wie viele deutsche Jungen haben diese Cooperschen Lederstrumpferzhlungen,
fr die Jugend bearbeitet, hinbergelockt in das Land der Langen Flinte, der
Groen Schlange und des Renard subtil? Ob das bei Mr. Charles Trotzendorff aus
dem Vogelsang auch der Fall gewesen war, kann ich nicht in den Akten nachweisen,
was seine Jugendzeit betrifft. Aus spteren Dokumenten geht mir hervor, da es
sich nicht so verhielt - da ihn weder der edle Unkas noch der tapfere Major
Heyward und auch nicht die stolze schwarzhaarige Cora und die blonde liebliche
Alice an- und dorthingezogen hatten, sondern ganz was anderes: etwas, was nicht
das geringste mehr mit jener wundervollen, lgenhaft-wahren Kinder-Urwaldswelt
zu schaffen hatte, nmlich ganz einfach das Geschft in den glorreichen
Vereinigten Staaten von Nordamerika. Auch aus dem edlen deutschen Vaterlande,
vom grnen Rhein und aus dem Vogelsang, kann das deutsche Gemt die vollkommene
Befhigung mit bers Wasser nehmen, nicht nur mit Messrs. Longbow, Snake, Renard
and Company vortrefflich auszukommen, sondern selbst sie bei gnstiger
Gelegenheit dergestalt bers Ohr zu hauen, da sie sich den fernern Import von
dergleichen Konkurrenz am liebsten gnzlich verbitten wrden. Aber das sind
Geschichten aus Vterzeiten. Ich habe, wie gesagt, wenig ber Herrn Charles
Trotzendorff in meinen Papieren. In unserer Heimatstadt war er
Auswanderungsagent und wanderte seinerzeit selber aus, und zwar aus zwingenden
Grnden. Seine Frau, die Freundin und Schulbankgenossin meiner Mutter und der
Nachbarin Andres, nahm er aus dem Vogelsang mit. Sie soll in ihrer Jugendblte
sehr schn gewesen sein und war auch eine noch nicht hliche Erscheinung, als
er sie uns dahin, fr eine Zeit, wiederschickte, zur Aufbewahrung fr besseres
Glck, wie mein Vater sagte und wie es sich spter auch wirklich so
herausgestellt hat.
    Es war Veltens Mutter, an welche Mrs. Agathe Trotzendorff dann und wann
aus Amerika schrieb; Velten hat bei seinem groen Aufrumen wohl ein halb
Dutzend Briefe mit berseeischem Poststempel in den Ofen geschoben. Soviel ich
mich erinnere, war weder stilistisch noch ethisch das geringste daran verloren;
jedenfalls ging aus ihnen hervor, da Mr. Charles Trotzendorff ein groer
Schwindler war, der seine Sache verstand, also Glck gehabt hatte, es wieder
haben konnte und jedenfalls im Pech sich zu helfen wute. Das letzte Schreiben
berichtete ber ihn, da er recht im Pech sitze, von schlechten Menschen
unglaublich betrogen worden sei und deshalb frs erste seinen Haushalt auflsen
msse. Wie uns, das heit mir und Freund Velten, spter die Sache klar wurde,
war er damals nur mit genauer Not an einem lngeren Aufenthalt in Sing Sing
vorbeigeglitten. Jedenfalls war er nach dem in jener Zeit noch mit einigem Recht
fern genannten Westen verduftet und hatte Weib und Kind dem Vogelsang wieder
zugeschoben. Was wuten wir im Vogelsang von Mr. Fisk und der Erieeisenbahn, von
Mr. Tweed, dem Tammany-Ring und Sing Sing? -
    Sie kamen an, die deutsch-amerikanische Mutter und little Ellen, das
amerikanische kleine Mdchen, und bezogen auf Hartlebens Anwesen die von uns
ihnen im Nebengebude daselbst gemietete Wohnung. Der Einzug ging vor, whrend
wir beide, Velten und ich, in der Schule waren. Als wir nach Hause kamen, fanden
wir unsere beiden Mtter in erklecklicher Aufregung und zitternder Ratlosigkeit
beieinandersitzend und horchten, wie Jungens horchen, wenn ihre Mtter die Hnde
stumm im Schoe ringen oder sie laut schreiend ber den Kpfen ausspreizen, als
wollte ihnen nicht blo das Himmelsgewlbe, sondern auch die Stubendecke auf die
Hauben fallen.
    Das Frauenzimmer ist ja als eine komplette Nrrin heimgekommen! chzte
meine Mutter.
    Du lieber Himmel, was wird das werden! seufzte die Nachbarin Andres.
    Weit du, Amalie, wie ich hier sitze?
    Veltens Mutter schttelte den Kopf.
    Vollstndig mit dem Eindruck, als ob wir - wir beide hier im Vogelsang
schuld dran seien, da Hartlebens Nebenhaus nicht Unter den Linden in Berlin
oder noch groartiger irgendwo drben bei den Amerikanern in New York oder
sonstwo liege. Und mit den hundert Talern, die der Schlingel Trotzendorff meinem
Mann fr die Einrichtung geschickt hat, htten wir selbstverstndlich unserer
hiesigen Frau Herzogin husliche Ausstattung drben bei Hartlebens beschaffen
mssen fr diese - diese, unsere Mistress oder Lady, oder wie wir sie sonst zu
betitulieren haben! Bitt ich dich!
    Die arme Agathe.
    Bedauere sie gar noch! Nimm es mir nicht bel, hier bin ich doch anders.
Ich fr mein Teil werde ihr bei spterer, kommender Gelegenheit meine Meinung
nicht vorenthalten, da sie sich in unsere Verhltnisse zu schicken habe und wir
nicht in ihre.
    Groer Gott, ihre Verhltnisse! seufzte Veltens Mutter.
    Nun, ich meine eben ihre groartigen frheren, nicht ihre jetzigen. Ja, da
magst du wohl wieder recht haben, Malchen, und ich werde mich auch fr mein Teil
bemhen, ihr dieselben so behaglich und verstndlich zu machen, wie es mir
mglich ist.

Ich ziehe selbstredend im besten Sinne des belverwendeten Wortes diese
Unterhaltung der Mtter aus den Akten. Da wir dummen Jungen das so nicht
aufbewahrten, ist selbstverstndlich. Wir zwei - Velten und ich - wuten nur,
da etwas ganz aus der Regel Fallendes und durchaus nicht ganz und gar
Angenehmes dem Vogelsang die Ruhe aufgestrt hatte und die Behaglichkeit fr
unabsehbare Zeit (wie mein Vater meinte) zu krnken drohte. brigens gewannen
wir sofort die berzeugung, da die Geschichte uns beide gar nichts angehe, und
mit der neuen Schrze bei Hartlebens wollten wir schon bald fertig werden wie
mit den anderen dummen Gnsen auf den Schulwegen, in den Grten und Gassen bei
Sommersonnenschein und Winterschnee.
    So warteten wir denn mit dem Kinn auf dem Zaun wie zwei europische Indianer
nach Hartlebens Wigwam hinber.
    Aus den beiden dummen Englnderinnen, Cora und Alice, mache ich mir gar
nichts, sagte Velten, aber wenn diese Neue rot, grn, gelb und blau angemalt
kme, wie Junitau im Pfadfinder, dann wr doch noch was, und mal was Neues, hier
bei uns in der ewigen Langweilerei aus dem Kokon gekrochen.
    Du! Da kommt deine Mutter mit ihr! Ach, der Dreiksehoch! Guck, lt sich
auch noch an der Hand fhren und - richtig hat natrlich geweint und zimpert
noch und lt sich nachziehen, als ob deine Mutter der richtige Oger wre und
ihr bei euch zu Hause blo von Kinderfleisch lebtet. Na, nun mach nur, Velten,
da du auch nach Hause kommst. Du hast sie wahrscheinlich heute zu Tische -
guck, da nimmt deine Mutter das groe Balg in eurer Gartentr gar noch auf den
Arm! Na, adj, da rufen sie auch bei uns nach mir, und meinen Vater kennst du.
    Es war ein Sonnabend und keine Schule am Nachmittag; wir lagen also am
Osterberg unter einem Busch, und ich vernahm den ersten Bericht ber das erste
Zusammentreffen der Familien Andres und Trotzendorff beim Suppennapf.
    Ja, sie waren bei uns zur Ftterung, erzhlte Velten. Die englische Madam
auch. Die kann Deutsch, aber sie tut manchmal, als ob sie es vergessen habe. Die
Kleine kann nur Englisch, das heit Amerikanisch: die richtige Wilde! Und sie
sind schauderhaft vornehm, das heit eigentlich gewesen. Es ist brigens nur
gut, da meine Mutter noch vornehmer ist und auch ein bichen Englisch kann,
durch meinen Vater. So ging es denn so ziemlich glatt ab: nur ich kriegte es
natrlich zu hren von meiner Alten, da jetzt das Hinflegeln mit beiden
Ellenbogen auf dem Tische aufzuhren habe und da sich eine Masse anderes nicht
schicke. Die Kleine hat den Teufel in ihren Augen und greinte, und auf gelbe
Erbsen, dicke Bohnen, Steckrben, Mohrrben und sonst unser Futter scheint sie
noch nicht recht eingerichtet zu sein. Sie hat eine Mohrin als Amme gehabt und
Mohren als Bediente; aber meine Mutter hat sie zuletzt doch zum Lachen gebracht,
und da sie mich angrinste. Ihre Mama war zuletzt die einzige, die bei ihrem
Jammergesicht blieb und nach Tische meiner Mutter auch jetzt wieder was
vorweinte. Ellen heit die Krabbe; auf deutsch Helene, und meine Mutter hatte
sie auf dem Sofa auf dem Schoe und trstete sie beide. Da habe ich mich
gedrckt, denn den ganzen Nachmittag so was auszuhalten, konnte keiner von mir
verlangen. Na, Mitleid will ich ja wohl gerne mit haben, wie meine Mutter
verlangt; aber kriegt sie mich, dieser neuen, fremden Nachbarschaft wegen, auch
noch an das Englische, so werfe ich auf. An dem Latein und dem Franzsischen
haben wir grade genug in der Schule. Puh, Mitleiden! Hat da jemals einer mit uns
Mitleiden gehabt, Karlchen?
    Nee, sagte ich.
    Aber wie sollen wir uns denn mit der Krte verstndlich machen, wenn wir
kein Englisch knnen? Auf unsern Buckel laden sie sie doch ab; darauf nehme ich
jetzt schon Gift. brigens habe ich auch versprechen mssen, nicht den ganzen
Nachmittag vom Hause wegzubleiben. Drunten in unserer Laube sitzt die ganze
Prostemahlzeit beisammen und hat Mitleid. Deine Mutter auch, Krumhardt.

Nun bin ich mit meinen Erinnerungen wieder am Abend jenes Tages, an welchem wir
in Hartlebens Gartenhause den Tod des Alkibiades aufgefhrt hatten. Es waren
damals schon einige Jahre seit der Rckkehr der Mistress Trotzendorff in den
Vogelsang hingegangen, und Miss Ellen hatte, auch mit unserer, Veltens und
meiner, Beihlfe, doch allgemach ganz gut Deutsch gelernt, hrte (wenn sie Lust
hatte) auch auf den Ruf: Helene! Lene! Lenchen! und - wir waren alle drei in den
echtesten und gerechtesten Flegeljahren.
    Da die Deutsch-Amerikanerin eine dumme, aufgeblasene, einfltige Gans sei,
hatten wir zwei Jungen lngst heraus, und ebenso, da sie doch ein Gutes hatte,
nmlich da man mit ihr aufstellen konnte, was man wollte, wenn man sie nur
recht zu nehmen wute. Mein Vater hatte nichts getan, den Eindruck, den die Arme
auf uns gemacht hatte, zu verbessern. Meine Mutter war natrlich der Meinung
meines Vaters, wenn auch in einem etwas mildern Grade. Und nur die Nachbarin
Andres war ganz und gar dabei geblieben, da man Mitleid mit ihr haben msse,
und gab der Ansicht bei jeder vorkommenden Gelegenheit nicht blo Worte, sondern
fgte auch die Tat hinzu. -
    Ach, wie ich es mir jetzt berlege, kamen die Gelegenheiten recht hufig!
Viel hufiger als die Briefe und Geldsendungen des Gatten und Vaters
Trotzendorff aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Dem wollte es noch
immer nicht wieder recht glcken, und aus meines Vaters Munde schnappte ich das
Wort auf: Gib acht, Adolfine, und erinnere mich seinerzeit an mein heutiges
Wort: demnchst hren wir gar nichts mehr von ihm. Wir und die Stadt haben die
Frau und das Mdchen allein auf dem Halse. Von Heimatberechtigung kann ja wohl
nicht die Rede sein; aber wohin sollte die Kommune sie abschieben, wenn der
Gauner seinen Verpflichtungen gegen seine Familie gengend nachgekommen zu sein
glaubt oder, was mir wahrscheinlicher ist, wenn sie ihn irgendwo da drben an
einem Strick an einem Baume in die Hhe gezogen haben werden. Nach oben strebte
er ja auch schon hierzulande; aber hier hatte er doch nur mit den ordentlichen
Behrden. Gerichten und nicht mit dem Lynchsystem zu tun. -
    In einem Hause, in welchem solche Reden ber ihren Papa gefhrt wurden,
fhlten sich weder die Mutter noch das Kind des exotischen Snders so wohl und
in verhltnismiger Sicherheit, wie es sich fr eine treue Nachbarschaft im
Vogelsang eigentlich gebhrte. Da bot das Huschen und Stbchen der Nachbarin
Andres einen behaglichern Unterschlupf. Es wurde dorten allen Sndern viel
leichter vergeben als - bei uns. Ich habe eben wahr zu sein, wenn ich durch
diese Bltter bei meiner Nachkommenschaft irgendeinen Nutzen stiften will, und
so sage ich, da auch ich selber mich lieber bei der Mutter Veltens zu den
Sndern als bei meinen eigenen Eltern zu den Gerechten zhlen lie. -
    Also das Unglck war wieder einmal geschehen, und hier hole ich es noch
einmal hinein in die Akten aus der fernen unaufgeschriebenen Vergangenheit,
unseren Kindertagen: es hatte Feuerlrm im Vogelsang gegeben. Ich hatte die Hand
meines Vaters am Kragen gefhlt, meine Mutter hatte die Hnde gerungen, der
Nachbar Hartleben hatte seiner Amerikanischen zum zwanzigstenmal gedroht, sie
mit ihrem Balge beim nchsten Quartal auf die Gasse zu setzen - einerlei, wer
mir dann zu meiner rckstndigen Miete verhilft! -, Lenchen-Timandra hatte
sich, wie immer bei solchen Gelegenheiten, auf dem Osterberge in den Wald
geschlagen und vergeblich nach sich rufen und suchen lassen, der Hauptsnder,
mit seinen nichtsnutzigen Pfoten wahrlich in Leinl und Watte, agierte in der
Sofaecke den Heros weiter, indem er seine nicht kleinen Schmerzen so gut als
mglich verbi, und Frau Amalie seufzte:
    Junge, Junge, dein seliger Vater! Das war wieder ein Tag und Streich, bei
dem wir beide ihn mit Trnen von neuem vermissen. Groer Gott, Velten, wen haben
wir denn jetzt, der uns sagen knnte, was aus dir, du Strick, noch mal werden
soll?
    Oh heaven, und mein Mann! chzte Mistress Trotzendorff; doch da zuckte die
Doktorin Andres nur die Achseln und meinte ablehnend:
    Die Hauptsache ist jetzt Hartleben mit seiner Drohung fr dich, Agathe.
    Der Grobian! Der unverschmte Mensch! wimmerte die Exmillionrin vom
New-Yorker Breiten Weg. O wenn doch mein Mann hier wre!
    Nun, nun, meinte Veltens Mutter, der wrde uns wohl nicht viel helfen.
Jawohl, grob war er, der gute Nachbar, und recht htte er eigentlich wohl, Ernst
zu machen und dich mit deinem armen Wrmchen auf die Gasse zu setzen. Velten,
Velten, was habt ihr angerichtet!
    Puh, rief aber jetzt Andres der Jngere, die umwickelten Hnde erhebend
und wie ein kranker Affe grinsend, da ist doch mein Vater noch!
    Dein Vater, dein armer seliger Vater? stammelte Frau Amalie.
    Hat der etwa nicht dem Nachbar Hartleben und seiner Frau und seiner
Schwiegermutter ein halb dutzendmal das Leben gerettet? Hat er ihn nicht wieder
zurechtgebracht, als das Wagenrad ber ihn weggegangen war? Und hat Hartleben
dir nicht geschworen, Mutter, du solltest nicht blo deinetwegen, sondern auch
wegen meines Vaters zu jeder Stunde bei Tage und bei Nacht bei ihm anklopfen,
wenn du was von ihm brauchtest? Und hat er dir nicht zugeschworen, wenn er dich
ntig htte, kme er auch zu dir, und du solltest immer das letzte und beste
Wort bei ihm haben und dafr bedankt sein?
    Man mu die Gte der Menschen aber auch nicht zu sehr in Anspruch nehmen,
Kind, lchelte die Nachbarin Andres trotz aller Aufregung und Sorge des Tages.
    Soll das etwa wieder ein Stich auf mich sein, Amalie? fragte die Nachbarin
Trotzendorff, ihr Taschentuch in Bereitschaft setzend und im Begriff, ihren
fragbedenklichen Lebensjammer der Schlechtigkeit und Bosheit der Welt berhaupt
und also auch der Mutter Veltens aufzuladen.
    Da kommt Herr Hartleben und bringt Lenchen! Ich war's, der vom Fenster her
dieses erlsende Wort in diese Gesellschaft am Krankenlager warf, und es war
der Kranke, der aufsprang und gegen die Tr lief, und zwar mit den Worten:
    Was schreit es denn so? ... Wenn Herr Hartleben ihm -
    Er kam nicht zum Schlu seiner Rede. Hartleben hatte ihm, das heit dieser
anderen jungen Snderin nicht ihren Lohn dahin aufgezahlt, wohin er von Rechts
wegen gehrte, er zog nur die widerborstige Range am Arm hinter sich her durch
den Garten und trat mit ihr jetzt ins Haus und in die Stube und sagte, ohne sich
um seine Madam Trotzendorff im geringsten zu kmmern:
    Sehen Sie doch mal nach, Frau Doktern. Ich meine, sie hat auch eine
hliche Brandwunde am Ellbogen. Ich habe sie oben am Osterberge mit dem Gesicht
im Grase und mit dem Arm im feuchten, khlen Erdboden und Moose begraben
gefunden. Ich war wegen einer Holzabfuhr da oben und bin dem verbissenen
Geschluchze seitwrts in den Busch nachgegangen. Ist das eine Komdie! Ist das
eine Schwefelbande! Na, nu fangen Sie nur nicht auch an zu schluchzen, Madam -
Mistress Trotzendorff. Lieber Gott, Frau Doktern, und nun fangen auch Sie noch
an, den alten Hartleben wehleidig anzusehen! Ja, das ist recht, sehen Sie erst
nach dem Kinde. Nicht wahr, eine arge Brandblase. Und damit in den Wald laufen,
so weit als mglich von den Menschen weg. Je rger der Schmerz, desto
dickkpfiger die Verstockung, der Trotz und Eigensinn. Na, na, die beiden passen
zusammen, Frau Doktern, Ihr Junge und dies kuriose Geschpfe, unser Lenchen
Trotzendorff. Ich sage nichts, aber wenn diese zwei sich durch die Jahre und in
der Nachbarschaft noch nher aneinander heranspielen, so gibt das mal 'nen
Haushalt mit Mord und Totschlag.
    Ich bin nicht trotzig! Ich bin nicht eigensinnig! Ich ging nur auf den
Osterberg hinauf, weil Velten wieder alles allein fr sich haben wollte und den
Groartigen spielen. Mir tat es so weh, mir tat es weher als wie ihm. Karlchen
wei es, wie er ist, und ich will mich nicht von euch allen eine Heultrine
schimpfen lassen! weinte, schluchzte unter wahrem Trnenstrome Helene
Trotzendorff jetzt unter den Hnden der beiden Mtter. Das heit, eigentlich nur
unter den Hnden der Nachbarin Andres; denn die Nachbarin Trotzendorff konnte
Verwundungen nicht gut ansehen, geschweige denn hlfebringend fest und krftig
anrhren.
    Das Kind stand groe Schmerzen aus; aber es behielt whrend des Verbandes
den Unheilskameraden im Auge und rief, mit dem Fue aufstampfend: Ja, gucke
nur. Bilde dir nur nichts drauf ein, dummer Junge, da du ein Junge bist. Und
wenn uns Herr Hartleben jetzt deiner Dummheit wegen aus dem Hause wirft, so will
ich auch allein schuld daran sein und gehe wieder in die Welt und nach Amerika
und suche meinen Papa. Nicht wahr, Ma, und wenn wir den gefunden haben, dann
knnen wir wieder auf den Vogelsang aus unserer eigenen Kutsche heruntersehen?
    Nun hre einer! Hre sie einer! brummte Hartleben. Und was schwatzt der
kleine Racker von mir und dem, was ich tun werde oder nicht? Aber da sie denn
einmal die Rede auf die Sache gebracht hat, so wollen wir auch bei ihr bleiben.
Frau Doktern, was Hartlebens Anwesen angeht, so wissen Sie, wie Sie dazu stehen
- Sie im Vogelsang! Und also auch zu dem Wohnungskndigen und dergleichen. Also
wenn es Madam Trotzendorff nicht mehr bei mir - aber eigentlich bei Ihnen nicht
mehr gefllt, so mu sie das mit Ihnen ausmachen. Von wegen meiner ist sie
sicher. Wir zu unserer Zeit waren ja eben auch Kinder und Jungen im Vogelsang
und haben ihn oft unsicher genug gemacht. Was mich aber nicht abhlt, dem
Hauptruberhauptmann, dem Musjeh Velten da ein bichen anzuraten, sich doch
manchmal ein warnendes Beispiel an seinem Freunde Karlchen hier, dem Karl
Krumhardt, zu nehmen. Wenn ein Randalmacher im Vogelsang existiert, dem ich noch
nicht mit einer Tracht Prgel habe drohen oder aufwarten mssen, so ist er das.
Also gre du deinen Herrn Vater, Karl, und mache ihm fernerhin alle Freude.
Mistress - Madam Trotzendorff: Hartleben kann wohl grob, sackgrob werden, wenn
er das Recht dazu hat: aber ein Unmensch ist er nicht, und wo er sieht, da
weder Hart- noch Sanft-Dreinreden hilft, da wei er sich auch zu bescheiden
vorzglich bei Damens. Also empfehle ich mich, und, liebe Frau Trotzendorff,
wenn unsere Frau Doktern Ihrem Wurm fr diese Nacht ein Lager da auf ihrem Sofa
machen wrde, wie sie's auch mal meinem kleinen seligen Hans getan hat, so
hielte ich das fr das beste. Das Kind wird doch wohl diese Nacht durch ein
bichen unruhig sein und Pflege verlangen und Sie, liebe Madam, recht stren.
Habe ich schon wieder zuviel gesagt? Na, denn guten Abend rundum! Zwischen uns
beiden bleibt alles wie es ist, Frau Doktern.
    Er war gegangen, und Lenchen Trotzendorff bekam ihr Lager fr diese Nacht
und manche folgende im Andresschen Hause, dem rechten Nachbarhause.
    Ich bin dir so dankbar, Amalie! Aber meine unglckseliger. Nerven! Und dann
bist du ja auch eine Doktorsfrau und selbst eine halbe rztin, du liebe, liebe
Seele, wimmerte die Nachbarin Agathe.

Ich habe dem Nachbar Hartleben Raum zu seinen Eruerungen gegeben. Es lag mir
daran, diesen guten Mann aus der Erinnerung mir hinzumalen, wie er war und sich
gab zum Besten seiner Nachbarschaft. Have, pia anima! Sanft ruhe seine Asche: er
hat's auch um den Ritter mehrerer Orden Dr. jur. Oberregierungsrat Krumhardt
verdient, da der ihn seinen Nachkommen nach den Akten, wenn auch nicht
aktenmig, aufbewahre als ein Zeichen, wie es vordem zuging im Vogelsang. Sein
schmeichelhaftes Wort ber mich auf dem vorigen Manuskriptblatt kommt hierbei
wahrlich nicht in Betracht, sondern vielmehr ein vollkommenes Gegenteil davon.
Es half sehr, wenn der Nachbar Hartleben seine Meinung ber den Sohn meines
Vaters dahin abgab:
    Bengel, wenn ich du wre, so htte ich gestern doch nicht mit den Hnden in
den Hosentaschen dabeigestanden und die anderen allein es ausfechten lassen!
    Ich war dann wirklich das nchste Mal nach besten Krften mehr mit dabei.
Gewhnlich litten dann aber leider nicht nur meine Jacken, Hosen, Nase und
Augen, sondern auch die Gefhle der Eltern sehr unter dieser Besserung in
Nachbar Hartlebens Sinne. Die Frau Doktern hatte dann nicht nur mit einem
Waschnapf fr die blutende Nase, einer Kompresse fr das geschwollene Sehorgan,
sondern auch noch mehr mit sanft berredender Bitte im Nachbarhause
einzuspringen, wie Velten sich ausdrckte.
    Meiner ist natrlich der Hauptsnder gewesen. Sagen Sie es ihm nur ja recht
ordentlich, Herr Nachbar! -
    Mein wackerer, braver Vater! Meine gute, sorgenvolle Mutter! Sie hatten
wahrlich ihre tglichen und nchtlichen Nte im Vogelsang. Leider aber trstet
und erquickt den Menschen auf seinem Erdengange auch die sicherste Gewiheit,
da er recht habe oder es jedenfalls bekommen werde, wenig. Meine Eltern hatten
vollkommen recht und wuten das auch, aber Genu zogen sie kaum aus ihrem
Wissen. Dieses konnte sie nur darin bestrken, ihr eigen Fleisch und Blut
mglichst auf dem richtigen Wege zu erhalten, auf da und damit die Welt bestehe
und ordnungsgem an nachfolgende Geschlechter weitergegeben werde. Nach besten,
treuesten, sorglichsten Krften haben sie so an mir getan, und - gottlob, ich
wei, da meine Frau und meine Kinder mit ihren Erziehungsresultaten zufrieden
sind. Sie sehen alle mit Respekt zu dem alten Herrn Rat, dem Gropapa, ber
meinem Schreibtische auf, und meine Frau sagt dann auch wohl lchelnd:
    Du, es ist mglich, da du es nicht glaubst; aber ich glaube, die Mama,
deine Mutter, setzte hufiger ihren Willen gegen ihn da auf dem Bilde durch, als
ich den meinigen dir gegenber. Vorzglich was die Kinder anbetrifft.
    Sie teilten sich eben auch in die Verantwortlichkeit dafr gegenber der
Welt, mein Schatz. -
    Jaja, so redet man, ber den Schreibtisch weg, am trauten Winterofen, in der
Gartenlaube ber die, so ihrer Arbeit fr diesmal entledigt sind, ber die Gras
wchst und zu denen noch einige Zeit ihre Nchsten im Leben kommen, bis
Straenzge, Eisenbahngeleise oder, im besten Falle, der Ackerpflug ber sie
weggehen und ihre Sttte nicht mehr gefunden, doch auch nicht mehr gesucht wird.
    Ja, ber den Schreibtisch weg sehe ich heute (nicht mit leiblichen Augen)
auf unsern alten Kirchhof im Vogelsang, wo sie den Rat und die Rtin Krumhardt,
den Doktor und die Frau Doktern Andres und den Nachbar Hartleben so
nachbarschaftlich nebeneinander gebettet haben und wo wir, meine Kinder, mein
Weib und ich, wo Velten Andres und Helene Trotzendorff nicht ihre Ruhesttten
bei ihren besten Erziehern finden werden. Jetzt liegt auch er schon zwischen
Backsteinmauern und Zement-Kunsthandwerk, der Friedhof des Vogelsangs; damals
lag er noch vollstndig im Grn, und eine lebendige Hecke ging um ihn her. Hohe
Bume berschatteten ihn, und die Vgel sangen da noch - auch die Nachtigall zu
ihrer Zeit, und hier war's, wo wir, wenn uns der Weg zum Walde hinauf zu sonnig
war, nicht Schiller und Goethe (die hingen uns von der Schule her aus dem Halse,
wie Velten sich ausdrckte), sondern Alexander Dumas den Vater lasen und mit
seinen drei Musketieren, wie er, die Welt eroberten.
    Und dann -

Dort vor dem Tor lag eine Sphinx,
Ein Zwitter von Schrecken und Lsten,
Der Leib und die Tatzen wie ein Lw',
Ein Weib an Haupt und Brsten.

Und dann -

Die Nachtigall sang: O schne Sphinx!
O Liebe! was soll es bedeuten,
Da du vermischest mit Todesqual
All deine Seligkeiten?

Und wenn sich alle Schulmeister der Welt auf den Kopf stellen oder vielmehr fest
hinsetzen aufs Katheder: sie erobern die Welt zwischen dem sechzehnten und
zwanzigsten Lebensjahre doch nicht durch moralisch, ethisch und politisch
gereinigte Anthologien. Der Unsinn, der Mondenschein, der frivole
Ungeschmack und die Nachtigall, der Bldsinn, der Lindenduft, das ferne
Wetterleuchten und die hbsche Jungfer Lorelei im lichten Sommerkleide im
Mondlicht behalten doch ihr Recht: der Spiegel behlt sein Recht, aber nicht die
Rute dahinter...
    Das Gewitter scheint doch heraufzukommen, Velten! sage ich, whrend wir
jetzt noch im Mondlicht neben einem Grabe stehen, auf dem eine einfache
Steinplatte in Goldschrift den Namen Valentin Andres, Doktor der Arzneikunde,
nebst Geburts- und Todes-Jahres- und - Tagesdatum trgt; und Velten Andres
lacht:
    La es kommen,

Den Toten im Meere kmmert's nicht
Er ist ja na genug,

und das ist wieder aus einem Poeten, den man um diese Lebenszeit sehr gern
zitiert, wenn auch die Zitate wie die Faust aufs Auge passen. Aus dem Ferdinand
Freiligrath ist's, der auch nicht von den Herren Lehrern zu den Klassikern
gezhlt wird, sich selber nicht dazu zhlte und doch auf ungezhlte
Hunderttausende von Schuljungen von grerm Einflu ist als der Dichter des
Egmont, der Iphigenie und des Torquato Tasso. -
    Seinen Vater kennt Velten eigentlich nur aus den Erzhlungen seiner Mutter.
    Nur der Mutter und meinetwegen hat er sich was aus dem Sterben gemacht, fr
sich selber nichts, sagte der Sohn seines Vaters. Kommt dieser Sofaheld uns
hier auf dem Kirchhofe mit seinem dummen Gewitter! Geh du dreist nach Haus und
hol dir einen Regenschirm, wenn deine Alten dich wieder loslassen; Miss und ich
bleiben hier, bis wir na sind bis auf die Knochen. Famos, da verkriecht sich
die holde Luna, und da haben wir die Prostemahlzeit, wie sie in Schdlers Buch
der Natur steht. Komm rasch nach Hause, Lenchen! Deine Alte kenn ich: die wird
ja rein verrckt beim leisesten Donner, und auf meine Alte und mich wird's
natrlich allein abgeladen, wenn du morgen mit einer Schnupfennase herumlufst.
    Lcherlich machen lasse ich mich nicht, sagt Helene und setzt sich auf
einen halbversunkenen Grabstein neben dem des Doktors Andres. Ich bleibe hier,
wie du gesagt hast! Aber auch allein. Bilde dir ja nicht ein, du Schafskopf, da
du morgen mit mir renommieren willst! Karlchen, nimm ihn auf den Arm und trag
ihn zu seiner Mama. Ja, ich bleibe hier und denke an meinen Vater - was kmmern
mich eure Toten und dummen Gewitter? In Amerika kommt das ganz anders, und kommt
mein Vater, um uns wieder zu sich zu holen, so - o Himmel, Velten!
    Sie hatte trotz ihrer groen Worte doch einen kleinen Schrei ausgestoen ob
des ersten grellen Leuchtens und rasch nachfolgenden Krachs aus der Hhe. Sie
duckte sich auch vor dem Platzregen; aber sie bi die Zhne zusammen und blieb
auf ihrem Sitze.
    Jetzt sei keine Nrrin, Lenchen, komm mit nach Hause.
    Nein.
    Tu es Karls wegen. Der arme Teufel besieht Redensarten, an denen er
wochenlang zu kauen hat, wenn er mit verdorbenem Sonntagsstaat heimkommt.
    Er kann ja laufen. Ihr knnt meinetwegen beide laufen; ich finde meinen Weg
schon allein. Ich denke an meinen Vater in Amerika und brauche keinen andern
hier. Meine Mutter sagt, wenn er kommt, ist er reicher und vornehmer und strker
als alle hier.
    Es ist wahrhaftig Hagel dabei, und die Sache wird ungemtlich, Karl,
brummt Velten. Na, bei schnem Wetter habe ich nichts dagegen, da du die
Mrchenprinze herausbeit, Miss Ellen; jetzt hr auf mit deinem Schnack - und
gehst du nicht willig, so brauch ich Gewalt, sagt Goethe, und nun komm, Herzchen
-

Eine Wassermaus und eine Krte
Gingen eines Abends spte
Einen steilen Berg hinan.

Der sechzehnjhrige Signor Petruchio hat den Rock abgerissen und ihn dem sein
wildes, phantastisches Kpfchen mit beiden Armen gegen den niederrasselnden
Hagel- und Platzregensturm schtzenden Kinde bergeworfen, das nur schwach
widerstrebende aufgegriffen, und zwar mit dem fernern Zitat aus dem
Sekundaner-Klassikertum:

Da begann die Wassermaus zur Krte:
Warum gehen wir des Abends spte
Diesen steilen Berg hinan?

fgt aber hinzu: Eigentlich ist's umgekehrt: die Krte hat das Wort. Ja, zapple
nur, Krte, kleine Riesenkrte! Diesen Abend sind wir noch in Deutschland, und
deiner Mama Vereinigte Staaten von Nordamerika und sonstigen Herrlichkeiten
knnen mir - kommen.
    Wie Helene und Velten von den Mttern empfangen werden, habe ich nicht in
den Akten; was mich selber betrifft, so wird mein Vater wohl gesagt haben:
Endlich knnten diese Dummheiten wohl aufhren. Allotria auf dem Kirchhofe! ...
Und brigens scheinst du mir auch seit lngerer Zeit schon dich einer recht
berflssigen, wenn nicht schdlichen Leserei zu ergehen. Bleib bei deinen
wirklichen Bchern und meinetwegen auch lteren Poeten: aber la mir diese
dummen Romane und sogenannten neueren Dichter aus dem Hause, mein Sohn. Nebenan
da zur Vernunft zu reden hilft ja nicht: da la ich den Narreteien allmhlich
ihren Weg: aber hier in meinen vier Pfhlen bleibt Verstand Verstand, Sinn Sinn,
Unsinn Unsinn und Schund Schund. Was ist deine Meinung, Adolfine?
    Bis auf die Knochen mu der Junge durchweicht sein. Eine wahre
berschwemmung hat er mir in die Stube mitgebracht. Gott sei Dank, Kind, da du
wenigstens mit heiler Haut wieder da bist! Mir beben noch die Glieder - das
sieht schn aus im Garten nach dem Hagel und Gewitter. Geh jetzt hin und zieh
dir was Trockenes an und vor allen Dingen Pantoffeln.
    Habe ich mir so sehr Pantoffeln und so sehr was Trockenes nach dem Rat
meiner armen, guten Mutter angezogen, da man es mit Mibehagen aus diesen
Blttern mir anmerkt?
    Ich glaube nicht.
    Was erzieht alles an dem Menschen! Und wie werden mit allen anderen
Hoffnungen und Befrchtungen Eltern-Sorgen und - Glckstrume zunichte und
erweisen sich als berflssig oder besser als mehr oder weniger angenehmer
Zeitvertreib im Erdendasein!
    Als ein wohlgeratener Sohn, als ein lterer, verstndiger Mann, als
wohlgestellter Familienvater, als angesehener, hherer Staatsbeamter erzhle
ich heute weiter vom Vogelsang und teile zuerst mit, da wir, wenn nicht die
besten Lateiner und Griechen auf unserm illustren Gymnasium, so doch die besten
Englnder waren. Der fr diesen Unterrichtszweig vom Staate besoldete Oberlehrer
und Doktor war, obgleich er ein ganzes halbes Jahr in London gewesen war,
durchaus nicht schuld daran. Wir hatten das einzig und allein dieser kleinen
amerikanischen Krabbe zu verdanken, die zuerst uns in den Vogelsang die
verblffende Offenbarung brachte, da allerhand nichtsnutzige Sprachen nicht nur
tot zu unserm Elend in den Grammatiken und in Bchern stnden, sondern wirklich
und wahrhaftig lebendig seien und bei allerhand Vlkerschaften auerhalb des
deutschen Vaterlands tagtglich im Gebrauch und um uns im Vogelsang zu
imponieren.
    Imponieren lasse ich mir nicht. Schlage mal auf im Lexikon: nasty, sagte
Velten, lange vor unseren Sekundaner-Mondschein- und -Gewitter-Abenden mit
Heine, Geibel und Uhland in der Tasche und im Hirn und Herzen. Boy heit Junge,
Bengel oder dergleichen, das wei ich; aber nasty boy hat das Balg zu mir gesagt
und die Zunge herausgestreckt. Gib mir das Buch, wenn du es nicht finden
kannst.
    Er ri mir das Lexikon aus den Hnden, fand das Wort, und - von da an bis zu
Shakespeare, Byron und dem brigen Gro und Klein ist wieder einmal nur ein
Schritt gewesen.
    Als wir Primaner geworden waren, hatte Miss Ellen Trotzendorff sich zu einem
allerliebsten, naseweisen, eigensinnigen deutschen Backfisch herausgewachsen,
aber ihr Englisch oder Amerikanisch so ziemlich vergessen: wir aber konnten es.
Velten ausgezeichnet, ich mittelmig, doch auch vollkommen gengend fr ein
rhmliches Schulabgangszeugnis in dieser Hinsicht. Mistress Trotzendorff, die
mit ein paar angelernten Phrasen von New York herbergekommen war, blieb bei
denselben: brigens wuchs sie sich, wie der Vogelsang sagte, im Laufe der Jahre
allgemach aus einer armen Person, die fr ihre Kmmernisse nichts konnte, zu
einer kompletten Nrrin heraus. Und obgleich sie auch dafr eigentlich nichts
konnte, so lie der Vogelsang hier doch keine Entschuldigung gelten, ausgenommen
die Nachbarin Andres, die mitleidig und geduldig bei dem Wort blieb:
    Die arme Agathe! -
    Jawohl, wir hatten alle unsere Not mit der armen Agathe: jeder auf seine
Weise. In der besten die Frau Doktor Andres, in der schlimmsten des wirklich
armen Weibes eigenes Kind. Was fr eine Nrrin wre das geworden, wenn nicht der
Vogelsang in allen seinen Nuancen, Schattierungen und Abschattierungen um es
herum gewesen wre? Welche Bilder und Gedanken steigen mir da auf, wie ich
wieder den Brief in die Hand nehme, den mir Helene Trotzendorff, verehelichte
Mungo, aus Berlin geschrieben hat und der mich dazu gebracht hat, diese Bltter
mit meinen Lebenserinnerungen zu fllen!
    Whrend wir, Velten und ich, wie letzterer sich ausdrckte, unsern Stiefel
fortgingen, wuchs unsere Kleine auf wie eine gebannte, verzauberte Prinzessin
aus dem Mrchenbuch der Brder Grimm. Sie war klug und schn und wurde immer
klger und immer schner; aber sie hatte in Lumpen zu gehen und im wilden Walde
im bloen Hemde zu irren, auf bloen Fen Wasser zu holen fr die Kche und die
goldenen Haare auf der Heide als Gnsemdchen zu strhlen. Und leider war sie in
ihrer Verzauberung im Vogelsang nicht so geduldig wie die ins Elend geratene
Knigstochter der lieben Sage. In den Bumen am Osterberge sa sie wohl auch
dann und wann auf einem bequemen Zweig als Allerleirauh; aber die Haare sehr
nach innen, wie wiederum Velten sich zierlich und bezeichnend ausdrckte. Wer
sie zu Trnen der Reue, Rhrung und Ergebung bringen wollte, mute das fein
anfangen, und gelang es eigentlich nur der Nachbarin Andres; Trnen der Wut und
Bosheit ihr zu entlocken war recht leicht, und diesen Spa߫ machte sich Velten
Andres, der Sohn seiner Mutter, nur zu hufig. Was Helene Trotzendorff Gutes aus
dem Vogelsang in ihres Vaters Knigreich spter mitgenommen hat, hat sie zum
grten Teil doch nur den beiden zu danken gehabt. -
    Nun hre sie einer da drben, sagte um diese Lebenszeit mein Vater, in
unserer Gartenlaube beim Sonntagsnachmittagskaffee von der Zeitung aufsehend.
Da liegen sie sich wieder bei der Doktorin in den Haaren - einerlei, ob es Spa
oder Ernst ist: die Passanten bleiben stehen, und die Nachbarschaft legt sich in
die Fenster und hat ihren Grund dazu! Und die Amalie lacht dazu! Endlich knnte
sie doch bedenken, da sie keine Kinder mehr sind. Junge, Junge, wenn ich dich
nur erst glcklich auf der Universitt habe! Sieh doch mal ber die Hecke, Frau,
und frage deine Amalie, was sie nun wieder vorhaben. - Der Lrm ist ja
unertrglich.
    Jawohl, der Lrm war unertrglich, vorzglich fr mich, der trotz seiner
bessern Erziehung und Beaufsichtigung, oder gerade wegen derselben, so gern mit
dabeigewesen wre; aber -
    Was habt ihr denn, Kinder? fragte, ihr Strickzeug niederlegend, meine
Mutter ber den nachbarlichen Zaun, und - da sind sie schon, mit hochroten
Kpfen, Frulein Ellen und Velten Andres, und hinter ihnen erscheinen die
Mtter, Mistress Trotzendorff in Trnen - und die Frau Doktern sagt ber deren
Schultern weg mit ihrem Lcheln:
    Ja, es war die hchste Zeit, da von hier aus mal wieder eingeschritten
wurde. Jetzt reden Sie Vernunft, Nachbar Krumhardt; ich bin mit der meinigen
vollstndig zu Ende.
    Es war am Tage vorher eine Hundertdollarnote aus Nordamerika im Vogelsang
angelangt, und Mrs. A. Trotzendorff hatte, ohne alte Schulden in der
Nachbarschaft abzutragen, sofort an diesem Sonntagnachmittag ihre Vernunft
walten lassen, das Wort genommen und es behalten trotz Veltens naseweisen,
unverschmten Einredens, trotz der Frau Amalie abwehrenden Kopfschttelns und
Lchelns, ja, auch trotz ihres Lachens.
    Sie hatte ein gar liebes, doch auch vielbedeutendes Lachen an sich durch ihr
ganzes Leben, die Frau Doktorin Amalie Andres: aber es wirkte auch am heutigen
Tage sowenig auf Deutsch Amerika wie meines braven Vaters nchterne, ehrliche
Ernsthaftigkeit.
    Die neunte Woge ist ja wohl im Auf und Nieder des Meeres die Woge der Gtter
und des Glcks, und wenn das auf den Wassern mit Hlfe des Winters wirklich der
Fall ist, weshalb sollte da nicht auch im Auf und Nieder des Menschenlebens
solch eine neunte Woge den mutigen Schwimmer zur Hhe heben? Nach den dann und
wann aus den Vereinigten Staaten im Vogelsang einlaufenden Briefen hob sich Mr.
Charles Trotzendorff mindestens wieder auf der siebenten, wenn nicht gar achten
Welle: Da er die armen Seelen, seine Nrrin von Frau und das Kind, nicht ganz
abgeschttelt hat und fr sie verschollen ist, ist mir freilich ein Wunder; aber
ein Schwindler war er, und ein Schwindler bleibt er, und was an seinen Rimessen
hngen mag, das mchte ich auch nicht alles auf meinem Gewissen haben, sagte
mein Vater.
    Doch -
    O lieber Krumhardt, bester Nachbar, ruft jetzt die Frau Nachbarin Agathe:
o mein Charles! Mein armer herrlicher Charles! Mein Einziger! Ich wei das ja
nur zu gut, wie ihr hier ber ihn denkt. Glaubt ihr, ihr httet es mich diese
langen schrecklichen Jahre durch nicht merken lassen? Wenn auch nicht durch
Worte, doch auf jede mgliche andere Weise! Und nun schreibt er: wir knnten
anfangen, die Fhlhrner wieder aus dem Schneckenhause zu stecken, er tue es
auch. Elly, die Schneiderin kommt doch bermorgen gewi? O Gott, und wenn ich
dann mit meinem vollen Herzen zu euch komme, so sitzt ihr da und zieht Gesichter
in mein Glck; der eine auf die eine Weise, der andere auf die andere. Ich bin
ja ganz gewi dankbar und wei, wie sehr ich euch fr so manche Gte
verpflichtet bin: aber ich wei auch, da Charles ganz gewi seine und meine
Schuld bei euch abtragen wird. Dem Himmel sei Dank, da ich mir und meinem armen
Kinde bald nicht mehr jeden armseligen Fetzen auf dem Leibe nachrechnen lassen
mu! Und, Amalie, Hartleben will ich ja auch frs erste noch nicht mein
entsetzliches Unterkommen bei ihm kndigen und mich nach einer anstndigeren
Wohnung in der Stadt umsehen. Fragt doch nur Ellen, ob wir nicht ganz genau
wissen, was wir an dem Vogelsang haben, wenigstens bis jetzt gehabt haben. Nur
noch eine kurze Zeit abwarten, schreibt er ja, gottlob: also, bitte, habt auch
ihr gtigst nur noch eine kleine Weile Geduld mit uns! Ihr sollt uns ja auch
drben spter willkommen sein, und das sage ich besonders dir, lieber Velten.
Jawohl, dir! Schneide du nur deine Gesichter und zupfe Ellen am rmel! Das Kind
hat's ja leider Gottes hier in unserm Hunger und Kummer vergessen, in was fr
eine andere Welt es hineingehrt von Vater und Mutter wegen. Bester Krumhardt,
in dieser Hinsicht werden Sie ganz auf meiner Seite stehen, wenn ich unserer
guten Amalie jetzt ganz offen sage, da der junge Mann, ihr Sohn, unser guter
Velten, nicht von dem besten Einflu auf - ich will mal sagen, seine Umgebung
ist. Mit bloem Gesichterziehen und spitzigen, lcherlichen Anmerkungen und
allem brigen von der Art kommt man nicht durch die Welt, lieber Velten, und
besuchst du uns spter wirklich vielleicht einmal auf dem Broadway, so werden
dir mein herrlicher Gatte, Ellens Pa - und die groe Welt selber dir das noch
etwas klarer machen, als ich es knnte und - hier Lust dazu htte.
    Dieser Sommer-Sonntagnachmittag, der eigentlich ganz gemtlich und
vogelsangmig angefangen hatte, ging wieder einmal recht unbehaglich zu Ende.
Die Nachbarin Trotzendorff irrte sich doch sehr, wenn sie meinte, meinen Vater
durch ihre unvermutete Hinweisung und den Angriff auf den armen guten Velten
ganz fr ihre sonstigen Anschauungen sowie berhaupt ihre Lebensanschauung
gewonnen zu haben. Es war dem ernsten, wrdigen Herrn manches nicht recht an
meinem besten Freunde, aber eigentlich gar nichts an Mistress Agathe
Trotzendorff und gar an Mr. Charles Trotzendorff.
    Nun, was den letztern anbetraf, so gengte fast immer eine wegschleudernde
Handbewegung und eine lang hingeblasene Tabakswolke, um den vollkommen und fr
immer aus Raum, Zeit und Kausalitt fr den Obergerichtssekretr Krumhardt
hinauszuweisen.
    Da er dazu aufgefordert worden ist, so nimmt er das Wort, mein seliger
Vater, und sagt der Nachbarin Agathe seine Meinung, gibt sie vor der gesamten
Freundschaft umher zu Protokoll. Ohne im geringsten wegen Injurien belangt
werden zu knnen, erklrt er sie fr die albernste, unzurechnungsfhigste Gans,
die jemals dem Vogelsang durch ihr Gegacker und Geschnatter die Harmonie gestrt
habe. Wie er selbst meinetwegen wohl seine Hoffnungen hat, aber sich keine
Illusionen macht, so sind ihm Illusionen der Nebenmenschen vollkommen
unerfindlich und also auch unbegreiflich. Obgleich er selber die mehr oder
weniger sprlich aus Amerika einlaufenden Banknoten und Wechsel zu deutschem
Gelde zu machen hat, glaubt er doch im Grunde an sie nie recht und hat immer das
Gefhl, der transatlantische Telegraph sei ihm bei dem Bankier mit dem
einheimischen Staatsanwalt zuvorgekommen, und zwar in lakedmonischer Krze
durch das eine Wort: Schwindel! Er ist ein eifriger Zeitungsleser und wei, da
merkwrdige Sachen in der Welt vorkommen und merkwrdige Leute ein kurioses
Glck haben, nicht blo in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, sondern auch
im deutschen Vaterlande: aber an seinen alten Schulbankgenossen Charley
Trotzendorff glaubt er weder im deutschen Vaterlande noch in den Vereinigten
Staaten von Nordamerika. Es gibt auch Illusionen der Verneinung. Sie nehmen
berhaupt wunderliche Formen und Farben an, unsere Tuschungen im Dasein auf
dieser Erde. -
    Wie deutlich die verstrte Gruppe in der Gartenlaube mir heute noch vor
Augen steht! Mistress Trotzendorff in kindischen Trnen, Helene in trotzigen;
meine Mutter in verhaltenen, verlegenen, aber ganz und in allem der Ansicht des
Vaters. Freund Velten mit einem zugekniffenen und einem nach Miss Ellen
hinberblinzelnden Auge und berhaupt einem Gesicht wie: Herr Gott, wozu dein
schnes Wetter und deine angenehme Welt, wenn keiner was damit anzufangen wei?
- und die einzige auch jetzt dem Vogelsang vollkommen Gewachsene, unsere
Amalie, seine Mutter, Nachbar Hartlebens Frau Doktern - die Frau Doktorin
Amalie Andres! -
    Im Grunde ist sie doch die einzige von allen, vor der auch mein Vater
Respekt hat und auf die er hrt, wenn er das Wort genommen hat und sie es nach
ihm nimmt, trotzdem er als Familienfreund auch ihr gegenber das Wort:
Unzurechnungsfhiges Frauenzimmervolk oft genug hinter den Zhnen brummt. Und
sie sagt jetzt, ihr Kind - nicht ihren dummen Jungen, sondern die arme
Kleine von drben berm Weg und berm Weltmeer zu sich heranziehend:
    Lieber Nachbar Krumhardt, ich bitte! - Aber ihr Leutchen, was seid ihr fr
ein Volk! Wie soll sich denn unsereins hier durchfinden, wenn jeder rundum recht
hat von seinem Standpunkt aus? Beste Agathe, was htte ich wohl, und der arme
Velten, diese letzten langen, traurigen Jahre ohne den verstndigen, treuen
Freund unserer Familie, ohne unsern Familienfreund anfangen sollen? Und wie
undankbar sind wir oft gewesen! Wie oft haben wir es besser verstehen wollen als
er! Ja, Nachbar Krumhardt, das ist nun eben Ihr Schicksal, da Sie in eine
solche Gesellschaft von Phantasiemenschen gesetzt worden sind und Geduld haben
mssen. Wie oft habe ich mir in schlaflosen Nchten vorgehalten im Grunde bist
du die Allerschlimmste, Amalie! Selbst Agathe Trotzendorff fhrt nicht so
nrrisch wie du auf den Wolken und ihren Hirngespinsten ber dem Vogelsang im
blauen Himmel umher. Da habe ich denn wohl nach Entschuldigungen gesucht und die
beste nur auf unserm Kirchhofe gefunden: Htte der Liebe da, der dort unter
seinem grnen Hgel liegt, dich nicht so sehr verzogen und mit sich in die Hhe
gezogen, so mchtest du ja auch wohl vernnftiger und verstndiger in den
tagtglichen Dingen und Angelegenheiten sein und deinen Velten besser erziehen
und dem Herrn Oberregierungssekretr weniger Verdru machen knnen. Sehen Sie,
bester Nachbar, und diese Entschuldigung hat dann grade das Gegenteil von meiner
und Veltens Besserung bewirkt. Ich habe mir verhltnismig glckliche Trnen
abgetrocknet und bin doch mit besserm Gewissen auf meinem Kopfkissen
eingeschlafen, als ich mich drauf hingelegt hatte. Und weil wir denn hier
pltzlich so in eine allgemeine Beichte hineingeraten sind, so kann ich nur
sagen, da ich am andern Tage nach jeder solchen Gewissensbinacht stets die
allermglichsten und Ihnen verdrielichsten Einwendungen gegen Sie hatte,
bester, teurer Freund - und wie gesagt, so haben Sie eben mit uns Geduld haben
mssen, diese letzten schweren Jahre durch, wo Sie unsere einzige treue,
sorgliche mnnliche Sttze in der nahen Nachbarschaft und der weiten Welt waren,
Herr Nachbar. Sie schtteln den Kopf weil ich hier so in den schnen
Sonntagsabend hinein schwatze, und ich bin noch nicht fertig, sondern komme
jetzt auf Agathe. Ja, Nachbar, da sehen Sie mich nur an: gegen die habe ich die
nmliche vergebliche treue Familienfreundsrolle gespielt wie Sie gegen mich. Wie
habe ich der, in Ihrem Sinne, Herr Nachbar, Vernunft gesprochen, ohne das
geringste auszurichten. Eben noch, wie Sie selber von hier aus gehrt haben. Und
das Resultat? Wie immer! Wie ich gegen Sie, Herr Regierungssekretr: halb
Trnenflut, halb zehn ausgespreizte arme, wehrlose, dumme Weiberkrallen! Gradeso
wie ich! Nur ein kleiner, ganz kleiner Unterschied: sie sucht immer noch ein
Glck, welches es doch nicht gibt; ich will nur aus angeborener Schwche und
ngstlichkeit mir manchmal nicht gern eine ertrgliche Stunde verderben lassen.
O ja, auch deshalb wre es fr uns beide Frauen wohl besser, wenn ich meinen
Velten von Hause wegschickte und ihr ihr liebes Kind auch genommen wrde, um
unter bessere Zucht und strengere Obhut zu kommen, als sie, und ein bichen auch
ich, leisten knnen. Aber sie will ihre Helene fr den lebenden Vater bei sich
aufbewahren, und ich frage mich bei allem: was wrde Valentin dazu sagen? Was
wrde der tote Vater zu dir und deinem Velten sagen? Und das nimmt mir auch
gegen Agathe alle Waffen aus der Hand. Ja, schtteln Sie nur den Kopf, Nachbar;
Sie haben vollkommen recht: wir bedrfen eines Vormunds, auch wo oder besonders
wo, wie in unserm Fall, unsere Kinder und unsere Mnner fr uns armen Weibsleute
mit im Spiel sind. Freilich ist's kein dankbares Geschft, grade da den Vormund
spielen zu mssen! Leider wissen Sie das auch mir gegenber aus tausendfacher
Erfahrung, Nachbar Krumhardt; also - und so weiter, und so weiter noch eine
geraume Weile.
    Aber mein Vater hielt sich auch schon seit einer geraumen Weile den Kopf mit
beiden Hnden, um nicht zu sagen: mit beiden Hnden die Ohren zu. Was sie sagen
wollte, die Frau Doktorin Amalie Andres, wute er wohl; jedoch wie sie es
herausbrachte, das ging ihm doch ber die Bume, nicht nur seines Hausgartens,
sondern auch des ganzen Vogelsangs. Und noch dazu in Gegenwart der Kinder - der
Unmndigen - dieses jungen Volkes, dem da eine saubere Heckenpredigt gehalten
wurde, auf die es sich freilich bei jeder nachfolgenden Lebenstorheit und
Nichtsnutzigkeit berufen konnte.
    Man brauchte da nur den Schlingel, den Velten, anzusehen, wie der, nach
auen mit dem komdiantenhaftesten Armesndergesicht, nach innen hinein seine
gloriose Alte herzte und kte und den ernsten, treumeinenden Familienfreund
zum Narren und fr einen Narren hielt.
    Und dann gar die verzogene Krabbe der entmndigungsreifen Amerikanerin aus
dem Vogelsang! Dies junge Ding, das Hartleben heute mit der Peitsche aus seinem
Lieblingsbirnenbaum herunterholen wollte, um ihm morgen den Korb mit der ganzen
Ernte und einem Blumenstrau drauf persnlich ins Dachstbchen auf seinem
Anwesen hinaufzutragen! Diese kleine Affe, die einen selbst in diesen jungen
Jahren zur Verzweiflung bringen konnte mit ihren angeborenen Allren und den
aus allem, was nichtsnutzig im Leben war, zugelernten: gleichviel ob es
mtterliche Erziehung, Modenzeitung, Leihbibliothekslektre oder Herumtreiberei
mit allen jungen Taugenichtsen des Vogelsangs in Wald und Feld hie! - -
    Ich habe diesen einen Sonntagnachmittag von vielen hunderten seinesgleichen,
und nicht blo im Sommer, sondern auch in jeder andern Jahreszeit, wenn nicht
aktenmig, so doch aus den Akten so deutlich und farbenfrisch als mglich zu
Papier gebracht. Es erbrigte mir also nur noch, auch zu schildern, wie mein
Vater all das Seinige: Pfeife, Tabakskasten, Zeitung, Amtsblatt an sich nahm und
immer als ein durch Weiberlrm, Dummheit, Gezeter betubter, durch feuchte
Taschentcher und trockenste Albernheit aus jedwedem Konzept gebrachter
Familienvater, Familienfreund und wohlmeinender Nachbar im Sommer die
Gartenlaube, im Winter die Familienstube hinter sich lie und sich in sein
Reich, eine Treppe hoch, zurckzog und mich gewhnlich mit sich nahm. Ich
verzichte drauf; aber seinen Griff verspre ich heute noch am Oberarm, wie ich
mich in diesem dstern Wind- und Reifmond, mit Mistress Mungos Brief vor mir, in
jene doch so unschuldige, glckselige, sonnedurchleuchtete Zeit zurckdenke.
Dann aber sehe ich auch zu dem Bilde des alten Herrn ber meinem Schreibtisch
unter einigen Gewissensbissen auf und - mchte das Nachgefhl seiner grimmigen,
aber treuen Faust an meinem Arm wahrlich nicht missen, auch durch mein ganzes
ferneres Leben.

Und doch! Mit welchem Verdru, Trotz und mehr oder weniger deutlichen
Widerstreben habe ich zu jenen Zeiten, da er noch mehr als eine Erinnerung war,
jenen guten Griff erduldet! Und wie oft habe ich mich von ihm frei gemacht und
bin mit den beiden anderen durchgegangen im Vogelsange in den Vogelsang und auf
den Osterberg, aus der Niederung zu den Hhen, aus dem Alltag in den Sonntag,
aus der griechischen und lateinischen Grammatik in die Tausendundeine Nacht, aus
Vegas Logarithmen, aus der Mathematik und Arithmetik in die wirkliche Idealitt
von Zeit und Raum, in das raum- und zeitlose Jugendphantasiereich von Velten
Andres und Helene Trotzendorff!
    Auf dem Osterberge waren wir auch wieder alle drei zusammen an jenem Abend,
der auf den eben beschriebenen strmischen Familien- und
Nachbarschaftssonntagnachmittag folgte. Die zwei anderen, wie gewohnt, ihre
eigenen Wege gehend, ich verstohlen etwas spter einem verstohlenen Wink und
Zeichen Veltens folgend. Der Wald war selbst damals schon dort oben von ziemlich
wohlgehaltenen Pfaden durchschnitten, wie man sie heute in den Bdern als
Promenadenwege kennt. Hier und da hatte sogar schon irgendein Naturliebhaber
und Wohltter der Menschheit eine Bank aufgestellt, die meisten in das Gehlz
und Gebsch hinein, doch eine oder zwei auch an den Rand des Hgels mit dem
Blick ins Tal und auf die liebe Heimatstadt und Hochfrstliche Residenz, halb in
diesem Tale und halb im offenen Lande.
    Auf dieser Bank am Waldrande, im tiefsten Frieden der Natur fand ich auch
diesmal die beiden rgsten Strenfriede des Vogelsangs, den Snder in die eine
Ecke gedrckt, die Snderin in die andere, so da in der Mitte vollkommen Raum
fr mich, den guten Freund, brigblieb. Da Neumond im Kalender stand, so war der
Abend ziemlich dunkel. Die vereinzelten Sterne oben zhlten nicht; nur die
Lichter der Stadt in der Tiefe und die Gaslaternen ihrer Straen und Pltze
gaben einen bemerkenswerten Schein. Im frstlichen Schlo schien irgendwas los
zu sein, denn das leuchtete sogar sehr hell in die warme Sommernacht hinein und
zu dem Osterberge empor. Im Walde war es still; wildes Getier, das
nchtlicherweile in ihm aufgewacht wre und sich bemerkbar gemacht htte, gab's
nicht mehr drin; die Fledermuse, die ihre Kreise um uns zogen, zhlten nicht;
ihre weichen Fittiche strten den Frieden der Natur nicht. Nur vom Bahnhof her
dann und wann das Pfeifen und Zischen einer Lokomotive, und aus den drei Bier-
und Konzertgrten der letzte Wiener Walzer, der Einzugsmarsch aus dem
Tannhuser und der Hohenfriedberger harmonisch ineinanderdudelnd und den
Abendfrieden hier oben wenig strend.
    So! Da sitzt ihr wieder!
    Jawohl; und Gott sei Dank, frommer Sohn Karl, da auch du noch da bist,
Tugendbold! Keine fnf Minuten htte ich es mit dem Mdchen da lnger allein
hier ausgehalten. So 'ne ganz verrckte Prise! Ist der das Gezeter, Gezerr,
Geplrr und Geplapper da unten zu Hause auf die Nerven gefallen! Jawohl, dich
brauchen wir grade recht notwendig, Krumhardt. Da ich mit meiner Mutter nicht
gegen sie ankomme, so rucke du ihr noch einmal mit deinem Herrn Vater auf den
Leib und kratze deinen eigenen Verstandskasten aus, um ihr Vernunft zu sprechen.
Da haben unsere Mtter - ich meine meine und ihre eine saubere Pflanze
grogezogen. Hre sie nur, hre sie nur, Krumhardt! Ja, leg nur los, Elly - Miss
Ellen Trotzendorff: die Nachbarschaft im Vogelsang ist ganz Ohr!
    Wre deine Mutter nicht, Velten, so knnte ich dich - knnte ich dich -
    Erdrosseln, erwrgen, vergiften, dir jedenfalls mit beiden Krallen in die
Haare fallen und beide Fuste voll Skalp bergunter nach Hause rennen. Da, greif
zu und zieh mir die Kopfhaut ab, Mamsell Squaw, und das brige Fell meinetwegen
mit. Mir liegt nichts dran.
    Es war die hchste Zeit, da ich mich zwischen sie setzte, denn Helenchen
war vollkommen bereit, von der Erlaubnis, die ihr da eben gegeben wurde,
Gebrauch zu machen. Ihr bester Kamerad im Vogelsang hatte ihr wirklich seinen
Strubbelkopf zu beliebigem Verfahren hingehalten; nun aber sprang sie doch nur
auf von der Bank und stand vor uns am Rande des Osterberges und streckte uns die
Faust zu und schnuckte und schluchzte zwischen den zusammengeklemmten Zhnen
durch:
    Und ich glaube doch an meinen Vater! Ihr mgt alle sagen, was ihr wollt.
Ihr knnt die Nasen verziehen und rmpfen, ihr knnt den Kopf schtteln, und ihr
knnt meiner Mama Sottisen sagen, wie ihr wollt: ich glaube ihr doch, meiner
Mama! Ich glaube doch an meinen armen Vater, er mag sein, wie er will! Und was
knnt ihr hier im Vogelsang von ihm wissen? Ich, die ich als bloes Wickelkind
hierhergebracht worden bin, wei doch noch mehr von der wirklichen Welt als ihr
alle - deine Mutter ausgenommen, Velten. Aber die ist auch eine Mrchenknigin -
eine viel hhere als die da unten, die kleine Durchlaucht da in ihrem
lcherlichen Residenzschlo da unten! Das sind ihre Fenster - seht ihr, und so
sollen meine Spiegelscheiben auch noch einmal leuchten, und noch viel heller!
Deine Mutter braucht keine Kronleuchter ber sich und keine trkischen Teppiche,
und wre sie meine Mutter und ich ihr Kind, so wollte ich auch nichts davon.
Aber jetzt bin ich meines Vaters und meiner Mutter Kind und eine freie
Republikanerin und Amerikanerin, und ich glaube an meinen Vater und werde auch
meine Salons haben und Bediente, schwarze und weie, Kammerfrauen und hohe
Fenster, Kronleuchter und Teppiche und Reitpferde und Wagen und meine Loge im
Theater und alles andere! Ja, und nun geh nur hin, Velten, und sage es deiner
Mutter, was ich gesagt habe, und da alle ihre Gte und Lehre an mich
weggeworfen gewesen ist; aber sage ihr auch, da ich so schreien mu, ich wei
nicht was, nur weil ihr alle, alle mich dazu getrieben habt, jeder auf seine
Art. Ach Gott, was bin ich fr ein armes Mdchen und so unglcklich in der
Welt!...
    Vor einem Jahre noch wrde Velten Andres, kreischend vor Vergngen ob dieses
himmlischen Witzes, dieser ausgezeichneten Komdie, sich auf den Kopf vor
der Bank auf dem Osterberge gestellt haben. Jetzt war dem schon nicht mehr so.
Er lachte nicht mehr, sprang nicht mehr auf, sondern blieb ruhig auf seinem
Platz auf unserer Bank, aber fate mich mit noch fast schrferm Griff als mein
Vater am Arm und sagte, auch zwischen den zusammengebissenen Zhnen durch:
    Nun hre sie, Besterzogener, Treuestbehteter, Verstndigster und
Vernnftigster unserer ganzen Blase - ich meine nicht die herzogliche
Residenzstadt - da unten: was kann der Vogelsang, meine Mutter und dein Vater,
was - kann ich noch dazu tun, um in diesem Mcken-, dem
Nachtschmetterlingshirnkasten Ordnung zu stiften? Also - vivat natrlich der
Papa Trotzendorff mit allen seinen schnen Aussichten fr sich, fr Lenchen und
unsere Allerschlaueste und Beste, Lenchens Mama! Aber ungefangene Fische kann
man nicht braten, sagte schon der weise Kikero im vollen Senat zu meinem lieben
Freunde Katilina; also - verrcktes Herze, an deiner Stelle setzte ich mich doch
frs erste mal wieder ruhig da auf die Bank neben den braven Karl. Was? Du
willst nicht? Habe ich mich etwa heute noch nicht genug gergert? Guck einer,
wie der Mieze die Augen im Dunkeln leuchten! Was? Nun wohl am liebsten in den
hiesigen Urwald hinein oder kopfber, kopfunter bergab nach Hartlebens Anwesen
und nach Hause? Na, denn meinetwegen noch mal die Hnde aus den Hosentaschen! Da
kann ich meine Pauke an dich und die Welt auch stehend halten. Na, Wurm?
    Nun war er doch nicht aufgesprungen, sondern langsam aufgestanden, und sie
duckte sich wirklich vor ihm, ohne da er sie an den Schultern niederzudrcken
brauchte, und setzte sich mit dem Worte Hansnarr! auf der Bank an meiner Seite
wieder fest hin. Er aber stand und redete seinerseits seinen Unsinn in den
Sommerabend hinein, wie mein Vater sich ganz gewi ausgedrckt haben wurde.
    Recht hat sie eigentlich, Krumhardt. Ein fideler Nachmittag war's, und zwar
sehr auf ihre Kosten. Aber habe ich nicht mit ihr auf demselben Rost gelegen,
whrend die liebe Verwandtschaft und gute Nachbarschaft die Kohlen unter uns
schrte? Um den zehnten August herum sind wir auch. Da ist wieder eine! Ihr habt
doch fr nichts Augen! Die Trnen des heiligen Laurentius, Krumhardt; wie du aus
der Schule besser wissen solltest als ich! Selbst der Himmel schnuppt sich uns
zuliebe. Noch eine! Wer soll denn da keine Wnsche haben, wenn ihm das ganze
Firmament Gewhrung winkt? Blo aufpassen, Miez, da der Wunsch mit dem Fallen
der Sternschnuppe stimmt: nachher ist alles in Richtigkeit, als ob die
Weltregierung, der Vogelsang mit, Hand und Siegel dazu gegeben und dein Vater,
Krumhardt, die Registratur in der himmlischen Kanzlei besorgt htte.
    La endlich mal meinen Vater aus dem Spiel, Andres!
    
    Warum denn? Sage ich denn etwa gegen den was? Gar nichts! Ist er nicht etwa
auch heute nachmittag wieder der einzige gewesen, der ganz und gar recht hatte
und wute, was er wollte? Da nehme ich selbst meine Mutter nicht aus, denn ein
Frauenzimmer bleibt doch auch die. Ja, Elly, das ist eben unser Jammer, da wir
zwei doch nur von unseren Mttern erzogen worden sind. Wie die Flgelengel haben
sie uns unter beiden Armen und wollen uns mit in die Hhe nehmen, jede auf ihre
Weise; und wenn dein Vater, Krumhardt, es auf seine Weise mit dir ebenso machen
will und auch uns aus guter Nachbarschaft gern an den Beinen auf dem richtigen
Erdhoden festhalten mchte: wer hat was dagegen einzuwenden? Ich wahrhaftig
nicht - noch dazu so nahe vor dem Abiturientenexamen... da schnuppt sich wieder
einer! Na, was hast du dir eben gedacht und gewnscht, Karlchen?
    Ich konnte es nicht leugnen, mit dem Wort waren in demselben Moment alle
meine Gedanken und Wnsche bei diesem Examen gewesen -
    Du kommst durch! lachte Velten. Mit Eins a natrlich! Selbstverstndlich
erlebt nicht blo dein Vater, sondern auch deine Mutter diese Ehre an dir. Aber
nun du, Mdchen, woran hast du gedacht und was hast du dir gewnscht, als dieser
Stern fiel?
    Ich habe ihn gar nicht gesehen. Aber das ist auch einerlei.
    Fr mich mgen so viele fallen, als sie wollen, ich wnsche wie immer nur
eines: da es fr mich wieder so wird, wie ich es drben gehabt habe in Amerika
als kleines Kind, ehe ich hier im Vogelsang ins Elend gebracht wurde, ehe meine
Mama mit mir auf dem Arme zu euch hier im Vogelsang ins Elend kam.
    Du kriegst deinen Wunsch - da fiel eine! jauchzte Velten. Na, was sagst
du nun, Krumhardt? ... Also nur weiter, du verunglckter Paradiesvogel,
verflogener Tropenengel, brummte er dann. So? Das ist also das Resultat aus
deinen Studien im Hey und Speckter und bei Mutter Andres und ihrem Sohn Velten:

Dick fllt der Schnee, der Wind geht kalt,
Habe kein Futter, erfriere bald.
Lieben Leute, o lat mich ein.
Will auch immer recht artig sein!

Was? Schwarz sollten wir uns hier auch wohl noch frben, der brave Karl
Krumhardt und der bse Velten Andres, um dir deine verflossenen Livreenigger
ganz zu ersetzen? Und dabei soll dein Vater nicht wtend werden, Krumhardt, und
meine Mutter noch immer ein und aus wissen in diesem ihrem sogenannten
Kindergemte? Na, da mchte ich wahrhaftig, der Papa Trotzendorff htte denn
bald wirklich mal wieder das Glck, was er verdient, und kme erster Kajte und
holte dich vierspnnig, mit allem, was an dir hngt, wieder weg. Mir - wollte
ich sagen Hartleben kann es ja einerlei sein. Meiner Mutter da schnuppt sich
wieder einer!
    Von neuem ist Helene Trotzendorff aufgesprungen; jetzt aber bitterlich und
zornig weinend. Sie schreit ihren besten Freund aus der Nachbarschaft fast an,
mit dem Fue aufstampfend:
    Ich sage dir wie Karl: la unsere Vter zufrieden! Was ich an deiner Mutter
gehabt habe in eurem Vogelsang und wie lieb und gut sie ist, das wei ich wohl
und brauchst du mir wirklich nicht vorzurechnen. Und mit deinen albernen
Sternschnuppen ja was hast du dir denn bei der letzten gedacht? Bist du besser
und vernnftiger mit deinen Wnschen gewesen als ich? Dich kenne ich doch, du
Phantast! Jawohl, da hat der Herr Oberregierungssekretr ganz recht, wenn er
dich so nennt - wenn er dich einen Phantasten und Seiltnzer nennt und dir
prophezeit, da du noch mal den Hals brechen wirst, einerlei, ob du jetzt dein
Schulexamen bestehst oder nicht, einerlei, ob du Schuster, Schneider,
Ministerexzellenz oder Alexander der Groe werden willst. Von dir lasse ich mir
eure Wohltaten im Vogelsang am allerwenigsten vorrcken. Da, da fiel wieder
eine, und jetzt habe ich mir gedacht: Oh, wenn du dem einmal zu Hause, das heit
drben ber dem Meer, bei uns zu Hause alles vergelten knntest, was er und der
Vogelsang und seine liebe Mutter und alle hier an uns getan haben.
    Du, die fiel, ehe du den Wunsch hattest! sagte Velten.
    So? Dann wnsche du dir meinetwegen bei der nchsten Schnuppe, was du
willst; ich habe fr heute mal wieder genug von euren hiesigen Dummheiten und
gehe nach Hause.
    Dem seligen Diogenes seine Tonne wnsche ich mir, lachte Velten Andres.
Den Heckepfennig, den Dumling und das Tellertuch der Rolandsknappen, den
Knppel-aus-dem-Sack, das Vergngen, Persepolis in Brand zu stecken, und ein
friedliches Ende auf Salas y Gomez. Fallet, ihr Sterne, und winket Gewhrung!
brigens habe auch ich fr heute abend genug des Bldsinns Also:

Mein schnes Frulein, darf ich wagen,
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

Sie machte eine Faust und holte wie zum Schlage aus, drckte ihm aber doch nur
diese geballte kleine Hand auf die Stirn.
    Du bist und bleibst ein ganz alberner Peter, Velten. Komm, Karl;
meinetwegen mag er sich in seine Tonne stecken und sich den Osterberg allein
herunterrollen - meinetwegen ber eure ganze Stadt und den Vogelsang weg.
    Da fiel eine! lachte Velten Andres. Der Wunsch gilt!
    Sie schlug die Hand weg, die er ihr doch bot; er aber zog ihren Arm doch
unter den seinigen.
    Nun aber im Ernst, mach ein Ende mit dem Unsinn. Heute ist der Wagen mit
den silbernen Laternen fr das gndige Frulein gottlob noch nicht vorgefahren;
und das Gequiek und Gezeter von neulich unter der Armenmannsbuche, wo jemand
erst mit der lcherlichen Schleppe am Busch hngenblieb, um sodann ber dem
Wurzelwerk sich auf die Nase zu legen und nach seinem besten Velten um Hlfe zu
schreien, will ich nicht wieder haben. O Trnen des heiligen Laurentius, sie
werden uns da unten vor Schlafengehen noch einmal schn die Leviten lesen! Da
freue ich mich schon auf meine Mutter.
    Deine Mutter ist viel zu gut fr dich! rief Miss Ellen, noch einmal mit
dem rmel ber die Augen fahrend, der letzten Zornestrnen wegen.
    Jawohl, da hast du zum erstenmal heute abend recht, sagte Velten. Von der
Scheulichkeit der Menschheit hat sie nur sehr dunkele Begriffe, und ich tue
deshalb auch mein mglichstes, ihr nach und nach klarere beizubringen.

So wute er damals schon zu denken und zu reden; ein Herr in einem Reich, das
leider auch nicht sehr von dieser Welt war. Ich habe es in den Akten, wenn auch
nicht aktenmig. Ich hole dies alles aus Ungeschriebenem, Unprotokolliertem,
Ungestempeltem und Ungesiegeltem heraus und stehe fr es ein. Ich mu es aber
heute sehr aus der Tiefe holen, da damals auf dem Osterberge, um den zehnten
August jenes Jahres herum, wir Nachbarkinder des Vogelsangs die Trnen des
heiligen Laurentius so fallen sahen und ihr leuchtendes Niedergleiten mit so
wunderlichen Gedankenspielen begleiteten.
    Aktenmig kann ich es leider bezeugen, da er, Velten Andres, wirklich beim
Maturittsexamen durchfiel und dem Vogelsang wieder mal eine der Enttuschungen
und Genugtuungen bereitete, die er dem guten Ort, solange er sich dort aufhielt,
immer von neuem schuldig zu sein glaubte.
    Man kann seiner armen Mutter nicht einmal raten, ihn gleich ganz
hierzubehalten und einen Schuster aus ihm zu machen, sagte mein Vater, mein
Zeugnis der Reife in der Hand. Unter den Komdianten wre er vielleicht noch
am besten aufgehoben, der Windsack! Da hast du es, mein Sohn, wie es kommen
mute. Nun geh hin und hre dir an, wie nebenan die Klagelieder Jeremi lauten.
O ich htte dort Vormund und nicht blo Familienfreund sein mssen!
    Dann httest du doch wohl nur noch mehr rger davon gehabt, bester
Krumhardt, sagte meine Mutter, mit vollberechtigter Genugtuung ber unsern
eigenen Familienerfolg mich in den Armen haltend. Fr mich selber lag an diesem
Tage die Sache so, da ich mich des glcklichen Anlangens an diesem Ziel
natrlich sehr freute, jedoch des Behagens darob durchaus nicht vollkommen froh
war. Dazu war Velten doch ein zu guter Freund von mir und wute ich zu genau,
wie vieles er besser wute als ich und wie es im Grunde doch nur die Mathematik
gewesen war, die ihm das Bein gestellt hatte. Konnte er, Velten, dafr, da er
nach seinem Ausdruck da ein leeres Loch im Gehirn hatte, wo das meinige nach
innen vollgestopft war und nach auen hin den betreffenden Buckel getrieben
hatte? Es ist zwar eine Torheit, aber wie oft griff ich spter meinen Jungen
nach den Kpfen und tastete sorgenvoll nach den Hckern und Gruben, die ihnen
die Begabung zum ruhigen Wandel auf der breiten Strae der goldenen
Mittelmigkeit verbrgen sollten! Und am bedenklichsten dann, wenn meine Gattin
einen auergewhnlich offenen Kopf an einem der armen Kerle bemerkt haben
wollte.
    Ich ging also vor dem Freunde aus dem Vogelsang weg, um nach dem Wunsche
oder Willen meines Vaters selbstverstndlich Jurisprudenz zu studieren, und - da
die Wacht am Rhein und die an der Memel ebenfalls ihren Anspruch an mich erhoben
nach einer mitteldeutschen Universitt, die mir Gelegenheit bot, mit mglichst
geringen Kosten mich mit dem rmischen Recht und dem damals gltigen deutschen
Schiegewehr bekannt zu machen, wenigstens in den Grundzgen.
    Aus dieser Zeit habe ich folgenden Brief in den Akten:


                                Lieber Freund!

Denn dafr halte ich Dich noch trotz Schiller und aller Wrde, die jegliche
schne Vertraulichkeit zwischen Dir und mir zu einem Dinge der Unmglichkeit
machen sollte. Du kannst es mir ja brigens sagen oder schreiben, wenn es Dir
gar nicht mehr pat, das bisherige angenehme Verhltnis zwischen uns.
    Einfach groartig war es von Dir! Mathematik sehr gut Latein gut -
Griechisch fast gut - Geschichte und so weiter gut - deutsche Sprache und
Literatur gengend: Mensch, Gttergnstling, da Du ihn doch frs erste weniger
brauchst, so pumpe mir ihn, Deinen wohlorganisierten Hirnkasten, fr nchste
Ostern blo auf acht Tage. Auf Ehre, Du kriegst ihn bestens geschont umgehend
zurck: aber die Idee, ihn aufzustlpen und vor dem Rate der Zehn mit ihm aufs
Seil gehen zu knnen, steigt mir derartig in den meinigen, da meine Alte eben
schon gefragt hat: Junge, was hast Du jetzt wieder im Kopfe? Die
Benachrichtigung aber: Ich schreibe an Karlchen Krumhardt, da ich mir ein
Muster an ihm nehme, hat sie sofort gottlob beruhigt ob meines Stierens ins
Blaue, und ich soll Dich von ihr gren. - Mir selber liegt ja leider weniger
dran, mich nicht noch mal zu blamieren: aber der alten Frau mchte ich doch den
Verdru und Deinem wrdigen Erzeuger sein melancholisches Behagen an meiner
Schande nicht zum zweitenmal zum vollen Auskosten anbieten. Ich bffle. Und Du
Ochse treibst Dich fessellos in der sen Freiheit herum; und teure Angehrige
sowie Staat und Kirche halten Dir schon die volle Krippe und den warmen Stall
bereit, wenn Du heimkehrst von der blumigen Wiese Deiner jungen Ungebundenheit.
Mir blhte bis jetzt hier im Vogelsang blo die Eselswiese, und wre ich nicht
ich und meine Alte sie, so wre die Geschichte einfach nicht zum Aushalten
gewesen, der faulen Redensarten wegen ob meiner bodenlosen Faulheit. Na ja!
Htte mich nicht auch unser allerhchst Regierender, das heit eigentlich mehr
unsere allergndigste Landesmutter kommen lassen, um mich persnlich
kennenzulernen und mir ins Gewissen zu reden, so htte allgemach meine Mutter
jedem, der sich sonst nach mir erkundigte, nur sagen knnen: Unterm Sofa steckt
er. Locken Sie ihn mal! Ich kriege ihn weder durch Gte noch durch Gewalt mehr
drunter weg. - Csar und sein Glck! Die Geschichte ist so ulkig, da sie sogar
meiner Alten die Kummertrnen getrocknet hat. Dir, mein Junge, schreibe ich sie
nur, um sie, wenn sie sonst brieflich an Dich gelangen sollte, auf das richtige
Ma herunterzudrcken. Eigentlich war es Unsinn; aber da kein anderer
augenblicklich vorhanden war, so mute ich wohl dran: ich habe Schlappen fr die
menschliche Gesellschaft gerettet! ... Du kennst die de Jammerseele in
Baumwolle, Watte und mit Glac. Mute es dem Optimatensimpel - h, h, j, n -
einfallen, auf die brchige Stelle im Eise zu geraten und durchzubrechen! God
gracious! wrde Mistress Trotzendorff gekreischt haben: aber Elly, die das
hochnsige Vieh beinahe mit heruntergerissen htte ins Verderben, setzte sich
gottlob nur zeternd neben das Loch, in welchem der Tropf verschwunden war; das
brige kannst Du Dir denken. Ein Riesenulk, aber etwas khler Natur! und mit dem
Kopfe, wie eine Fliege an der Fensterscheibe, in der feuchten Tiefe
herumzusurren und vergeblich nach dem Auswege zu suchen, auch grade kein
Vergngen: noch dazu mit der Verpflichtung, einen andern Blechschdel am Schopfe
zu halten und mit nach oben zu nehmen. Na, er - atmete lang und atmete tief und
begrte das himmlische Licht - Schiller ist nicht unten gewesen, sonst wrde
sein Tauchergedicht um ein merkliches krzer sein und sich wahrscheinlich auf
ein Brr! Pfui Deubel! beschrnken, hchstens mit dem Zusatz: Lieber nicht zum
zweitenmal! - Da wir - Schlappe und ich, nicht lnger unten blieben, als ntig
war, kann uns kein Mensch verdenken. Kurz also, ich brachte die
Honoratiorenpuppe glcklich wieder zutage, fand das halbe Residenznest in
vorsichtiger Entfernung um die Bruchstelle versammelt: von dem Rest schweigt des
Sngers Bescheidenheit. So dumme, verbrllte Frauenzimmergesichter wie die des
Vogelsangs mchte ich aber doch nicht gern wieder um mich sehen - um den
gloriosesten Schnupfen in der Welt nicht! Sie smtlich mit strmenden Augen, ich
mit flieender Nase und etwas verkrackeltem linkem Handgelenk.
    Volle vierzehn Tage hat es gedauert, bis die Arche wieder auf dem Trocknen
sa. Meine Alte war selbstverstndlich die erste, die den Fu wieder auf festen
Boden setzte und meinte: Junge, wenn es nun nicht so gut fr uns abgelaufen
wre?
    Csar und sein Glck, und Unkraut vergeht nicht, Mama!
    Unser Backfisch betrug sich wie gewhnlich wie verrckt bei der Geschichte,
war zum Anbeien und verdiente selbstverstndlich mal wieder Prgel: er war zu
nett in seinem Kummer. Aber was hatte das Balg mir einen Korb zu geben und mit
dem Maulaffen Schlappe auf das Windeis zu laufen? Ich wollte gar nichts sagen,
Karlos, wenn Du es gewesen wrest, den sie gegen mich ausspielte.
    Si vales, bene est, ego valeo, bis auf die dumme linke Vorderpfote, die ich
frs erste noch in Windeln und Schindeln zu tragen habe.
                                                                     V. Andres.

Schlappe hie der gerettete Zeit- und Schulgenosse eigentlich nicht; das war
nur sein Schulname. Sein wirklicher Name liegt sehr bei meinen Akten: brigens
gehrte sein Trger zur magebendsten Gesellschaftsschicht unserer
Landeshauptstadt, und - ich habe seine Schwester geheiratet und eine gute Frau
an ihr bekommen. -
    Ach, was helfen die besten Karten dem in der Hand, der keinen Gebrauch von
ihnen machen - kann?
    Was half es Velten Andres, da Schlappes Papa seiner Mutter und ihm mehr als
einen Besuch machte und ihn aufrichtigst seiner hohen Protektion versicherte?
Was half es ihm, da Serenissimus und Serenissima ihn sich vorstellen lieen und
ihm gleichfalls ihre freundlichste Gunst versprachen?
    Nichts; da er blieb, was und wie er war!
    Ob ihm das Leben zu einem hlzernen Lffel einen goldenen Napf unter die
Nase schob, ob es ihm einen goldenen Lffel in die Hand gab und einen irdenen
Napf auf den Tisch schob (was ihm auch passiert ist), es blieb ein und dasselbe,
da er auch ein und derselbe blieb, nmlich derselbe ewig unberechenbare odd
fellow des Vogelsangs - who had no harm in him and who had parts if he would use
them, wie man in Cambridge von einem hnlichen Menschen sagte, der es nach der
Meinung der Vernnftigen in der Welt gleichfalls zu wenig mehr als zu einem
schlimmen Ende brachte. Da er nur sich selber schadete, ging es ja aber auch
eigentlich keinen was an, in welcher Weise er sich seiner Fhigkeiten bediente.
    Es ist und bleibt eben der dumme Tropf aus Eurem Mrchenbuche, der Hans im
Glck. Vom Pferd auf den Elefanten, vom Elefanten auf den Esel und so
abwechselnd, bis er endlich einmal auf platter Erde auf dem Rcken liegenbleiben
wird, schrieb mir mein Vater um diese Zeit. Die Avancen, die ihm sein
Zufallrettungswerk in der hiesigen besten Gesellschaft in die Hand gab, hat er
richtig wieder verspielt. Wie auf unserm Bro erzhlt wurde, haben Durchlaucht
zu dem Herrn Vater Eures unter das Eis geratenen Schulfreundes lngst bemerken
mssen: Schade um den jungen Mann; ich wrde ihn gern im Auge behalten haben. -
Mein einziger Trost ist, da Du, mein Sohn, wenigstens frs erste seinem
verderblichen Einflu aus dem Wege gerckt bist. Ob er demnchst sein Examen
bestehen wird, wei der liebe Himmel. Wenn nicht, was dann mit ihm? frage ich
Dich!...

Ich habe mich nun wirklich erst fr eine Periode von anderthalb Jahren des
nheren zu besinnen. Man hatte damals so viel mit sich selber zu tun, und die
Tage gingen so leicht hin, da es in der Tat seine Schwierigkeiten haben wrde,
ganz Genaues darber zu Papiere zu bringen. Wir sind noch in den Ferien zu Hause
beisammen: ich als Student und er noch als Schler, und es ist fr mich ein
gewissermaen peinliches Verhltnis. Fr ihn nicht.
    Auch Helene Trotzendorff ist noch im Vogelsang. Aber sie steigt nicht mehr
ber die grne Hecke oder den Gartenzaun, kriecht auch nicht mehr unter der
ersteren durch, sondern lehnt nur an ihnen: das schnste Mdchen, nicht blo der
Vorstadt, sondern der ganzen Stadt - hochgewachsen, goldblonden Haars, doch
dunkel von Augen und Augenbrauen. Die Nachbarn sagen, sie sei vorzeitig in die
Hhe geschloddert, aber das ist eine dumme und mehrfach auch vom Neid der
Konkurrentinnen eingegebene Redensart. Im Waldgebirge Leukos, im arkadischen
Gebiete des Pan und auf dem thrakischen Hmus wrde man anders von ihr
gesprochen und sie jedenfalls unter die zwanzig amnisiadischen Nymphen gezhlt
haben, die sich Artemis, wie Kallimachus singt, von ihrem Vater Zeus als
Begleiterinnen ausgebeten hatte.
    Mein Freund Velten ging freilich noch weiter und setzte mich durch
philologisch-mythologische Kenntnisse ber Verhltnisse in Erstaunen, von denen
ich keine Ahnung aus der Schule mitgebracht hatte.
    Dieses Frauenzimmer, sagte er. Guck sie dir nur an, Mensch! Trgt sie
nicht den von den Kyklopen geschmiedeten kydonischen Bogen der Diana selber? Und
umklammert das prachtvolle Wurm nicht Tag und Nacht in ihrer Einbildung die Knie
ihres Erzeugers mit der Bitte, ihr dreiig Stdte und smtliche Gebirge der Erde
zu schenken? Kallimachus in seinem Hymnus hat's. Lies es selber nach, wenn es
dir Spa macht: mir macht es schon lngst kein Vergngen mehr, sie von ihren
Phantasien abzubringen, und ich habe es auch aufgegeben.
    Du scheinst dich aber jetzt sehr mit solchen Sachen abzugeben. Woher hast
du denn dieses alles?
    Sehr aus mir selber, sagte Velten Andres, den sie erst ein Jahr nach mir
fr die Universitas litterarum reif erklrten. -
    Es schien damals, drben in Amerika, einen kleinen Niedergang in den
Angelegenheiten Mr. Charles Trotzendorffs gegeben zu haben. Mutter und Tochter
wohnten noch bei Hartleben und warteten nicht im Optimatenviertel der Stadt auf
den vlligen Aufgang der Glckssonne von Papa. Mutter Andres hatte noch
mehrfach zwischen den Bcker, den Fleischer sowie die Milchfrau und den Kaufmann
Tienemann und - Mistress Agathe Trotzendorff treten mssen. Aber das ist so: ein
heier, glnzender Tag bricht fter, als die Leute an Regentagen glauben wollen,
aus wechselndem Gewlk hervor. Und manchmal bleibt es denn auch fr die, welche
diese Witterung brauchen knnen, schn bis zum Abend. - Wie gesagt, ich habe
wenig ber diese Zeit in den Akten, was Velten und Helene anbetrifft. Mein
kluger und wackerer Vater trug den Verhltnissen in einer Weise Rechnung, die
ihm Velten Andres am allerwenigsten zugetraut haben wrde. Wenn er mich im
Vogelsang fest im Griff gehalten hatte, so lie er mir jetzt merkwrdig freie
Bahn.
    Ich darf wahrlich nicht darber lcheln; aber es ist so! Sein Ideal war,
das, was er zu protokollieren und in die Registratur zu nehmen hatte, durch mich
zu Protokoll und in die Registratur geben zu sehen: Es ist mein Wunsch, da du
dich zu der besten Gesellschaft hltst Wir, deine Mutter und ich, haben unser
Leben darauf eingerichtet von deiner Geburt an. La mich an dir erleben, was ich
selber nicht habe abreichen knnen.
    Selbstverstndlich war ich daraufhin einer vornehmen Verbindung beigetreten,
der schon die hchsten Spitzen der magebenden Kreise unserer heimatlichen
Residenz angehrt hatten als jugendfrohe Jnglinge; und ich kann es nicht
leugnen: einige Male kam mir in dieser Lebensepoche ob meiner damaligen
Verpflichtungen und Ehren der Vogelsang dann und wann so sehr aus dem Gesicht,
da Velten Andres vollkommen recht hatte, wenn er mich an den Beinen aus den
Lften wieder herunterzog durch das Wort:
    Bengel, von hier unten aus gesehen - aus der Froschperspektive betrachtet,
bist du wirklich groartig, perpendikularmalerisch! Schade, da du dich nicht
selber so sehen kannst! Wie siehst du den fliegenden Gttergnstling, Mama?
    Werde nicht unanstndig, Junge, sagte die Frau Doktorin. Fliege du nur
selber erst mal so.
    Knnte mir nur im Traume einfallen!
    Was haben wir vom wachen Leben mehr als unsere Trume? fragte unsere Frau
Nachbarin, und damit war ich denn damals schon wieder unten im wirklichen und
wahrhaftigen Vogelsang - in der besten Nachbarschaft, die auf dieser
verworrenen, feindseligen Erde mglich ist. -
    Noch einmal ging ich aus den Ferien nach Gttingen, ehe wir beiden
Nachbarshne wieder zusammentrafen, und zwar in Berlin. Am Tage meiner Abreise
aber kam drben bei Hartleben ein Brief an, der alles zu Hause vernderte: die
neunte Woge, die Woge des Glckes, des Erfolgs rollte heran, goldglnzend,
leuchtend, funkelnd von aller Herrlichkeit und Pracht der Welt, splte hinein in
den Vogelsang und trug zurckrauschend Helene Trotzendorff und ihre Mutter weg
daraus. Mr. Charles Trotzendorff schrieb einen kurzen Brief, in welchem er drr,
nchtern und wie als ob es sich so von selber verstehe, mitteilte, da er
demnchst als zehnfacher Dollarmillionr sich die Ehre geben werde, alte Freunde
zu begren und zugleich Weib und Kind zu sich zu holen.

Wie mir mein von Vorgesetzten und Untergebenen anerkannter guter Geschftsstil
abhanden kommt, je lnger ich diese Bltter beschreibe, je klarer und deutlicher
ich mir das zu Sinnen und Gedanken bringe, was ich hier dem Papier bergebe! Was
bis jetzt das Nchternste war, wird jetzt zum Gespenstischsten. Sie wackeln, die
Aktenhaufen, sie werden unruhig und unruhiger um mich her in ihren Fchern an
den Wnden und machen mehr und mehr Miene, auf mich einzustrzen. Ich kann
nichts dagegen: zum erstenmal will an diesem Schreibtisch, jawohl an diesem
Schreibtisch, die Feder in meiner Hand nicht so wie ich; und Velten Andres ist
wieder schuld daran. Was meinem armen Vater seinerzeit so oft Verdru und Sorgen
machte, das bergewicht dieses Menschen ber mich, das ist heute noch
ebensosehr da wie in jenen Tagen, wo er mich durch die Hecke und ber die Zune
des Vogelsangs zu jedem Flug ins Blaue aus dem Schul-, Haus- und
Familienwerkeltag wegholte und wir Helene Trotzendorff mit uns nahmen, wenn sie
uns nicht gar voranflog. -
    In Berlin verfiel ich ihm sofort wieder.
    Wie der Tag vor mir steht, an welchem ich diesem krassen Fuchs in der
vollen Hahnenhaftigkeit meines vornehmen Verbindungsbewutseins meinen ersten
Besuch machte, nachdem ich mir herablassenderweise seine Adresse auf der
Universittsqustur hatte geben lassen!
    Studiosus Philosophiae Valentin Andres, Dorotheenstrae Numero 00,
Hintergebude, 3 Treppen, Frau Fechtmeisterin Feucht, lautete sie, und es war
ein Apriltag nach den Osterferien, als ich mit meiner Berliner Matrikel in der
Tasche meinen Weg dorthin nahm. Wenn das Hinterhaus hielt, was das Vorderhaus
versprach, so hatte der Neuling im Weltleben es gut getroffen; gewhnlich ist
das aber freilich nicht der Fall. Nicht ohne Grund bin ich hier etwas
ausfhrlich.
    An einem auergewhnlich eleganten Schneiderladen (Herrenmoden) vorbei
schritt man durch den gewlbten Hausflur, vorber an der mit Teppichen belegten,
in den ersten Stock fhrenden Treppe auf einen umfangreichen Hof, ber den etwas
nervenschwache Gemter sich nur mit einiger Bedenklichkeit dem Hintergebude zu
wagen konnten. Der Eigentmer des Hauses, einer der ersten Hufschmiede der
Stadt, bediente daselbst seine Kunden, und nicht jeder geht gern zwischen zwei
Reihen Gulen durch, die ihm alle die Hinterteile zuwenden und nicht alle ganz
gutwillig ihr Schuhwerk in Behandlung geben. Schmiedegesellen, Reitknechte,
Stallknechte, Kutscher in Livree und ohne solche walteten ihres Amtes zwischen
ihren Schutzbefohlenen, je nach dem Temperament derselben und dem eigenen mehr
oder weniger lrmhaft. Aus der Halle des Seitengebudes leuchteten die
Schmiedefeuer und klangen die Hmmer in das Gewieher, die Flche, Begtigungen
und die sonst bliche Unterhaltung zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Vieh,
Tier und Mensch hinein. Man hatte wirklich zu schreien, wenn man sich hier nach
der Frau Fechtmeisterin Feucht erkundigte.
    Aber da war das Hintergebude, und wer mit uneingeschlagenem Schdel oder
Brustkasten zu ihm gelangte, der fand auch wohl, ohne zu fragen, die Pforte, von
der aus die Treppe in den dritten Stock emporging.
    Ich hatte damals das Glck, gelangte in das dritte Stockwerk und zog auf dem
dmmrigen Vorplatz die Glocke.
    Frau Fechtmeisterin Feucht?
    Bin ich, sagte eine kleine, zierliche alte Dame zwischen fnfzig und
sechzig Jahren.
    Studiosus Andres?
    Dort jene Tr, mein Herr.
    Ich grte, und die kleine Frau setzte mir einen vollkommenen Hofdamenknicks
hin; meinen Freund fand ich in einer der bekannten Berliner Studentenbuden zu
Hause und Besuch bei ihm: einen feinen, eleganten, schmchtigen jungen Herrn mit
schwarzen Haaren, von etwas krnklicher Gesichtsfarbe und von ungemein
hflich-schchternem Wesen. Gottlob auch bereits mit dem Hut in der Hand.
    Guten Tag, Krumhardt, sagte Velten, als ob er mich noch ber die Hecken
des Vogelsangs grte. Bist du da? ... Auf Wiedersehen, des Beaux! brigens
knnte ich euch Leute Doch auch der Bequemlichkeit wegen gleich miteinander
bekannt machen. Mein Provinzialfreund, Herr Karl Krumhardt, der
Rechtswissenschaft mglichst Beflissener - Herr Leon des Beaux aus dem
Vorderhause, seines Zeichens -
    Oh, ich bitte Sie, Herr Andres! Ich mchte jetzt nicht stren; - wenn Sie
mir erlauben -
    Menschenkind, nehmen Sie sich alle Freiheiten bei mir, die Ihnen angenehm
sind. Ich werde mir bei Ihnen zu Hause selbstverstndlich das gleiche erlauben.
    Ich bitte darum! rief der interessante, bleiche, schwarzhaarige Jngling
und entschlpfte mit scheuen Verbeugungen, sowohl gegen Velten wie gegen mich.
    Es ist der Sohn des Schneiders aus meinem Vorderhause, sagte Velten.
Seine Ahnen haben unter Ludwig dem Neunten gegen die Unglubigen gestritten,
haben Toulouse gegen Simon von Montfort verteidigt, im Lwengolf Galeeren gegen
die Beys von Tunis, Tripolis und Algier kommandiert und unter Ludwig dem
Vierzehnten, dem Edikt von Nantes und der Frau von Maintenon zuliebe, selber auf
solchen gemtlichen Fahrzeugen gerudert. Der Zweig des Geschlechts, der sich
unterm Groen Kurfrsten hierher nach Berlin ins trockne gerettet hat, scheint
mir jetzt auch sein Schflein ins trockene zu bringen. Ich glaube, ich kann dir
die Firma des Beaux empfehlen fr deinen Bedarf an Hosen, Jacken und Westen. Die
Schwester des guten Jungen heit Leonie, du findest sie im Vorderhause im ersten
Stock Blthnerscher Flgel, deutsche, franzsische, englische Literatur, und was
sonst zu einer hhern Tochter gehrt. Ich kann dich vorstellen, aber nehme die
Verantwortung nicht auf mich, denn das Frulein ist auch hbsch - immer noch
sdfranzsisches Genre. Leonie des Beaux! Wie klingt dir das von einer
Schneidertochter hier im Lande der Fritzen und Karlinen? Wie mir scheint, hat
die ganze Familie ein gut Stck Romantik aus der Languedoc in den mrkischen
Sand durch die Jahrhunderte hineingerettet. Na kurz, die Gesellschaft gehrt zu
der noch immer so genannten franzsischen Kolonie, und ich benutze die
Gelegenheit, mein Franzsisch zwischen Leon und Leonie aufzupolieren.
    Ich hatte ihn reden lassen mssen. War das der Mensch, dem ich im Innersten
doch mit meiner deutschen Burschenherrlichkeit zu imponieren gewnscht hatte? Es
ging ein Zug von so frhreifer Welterfahrung und Weltgewandtheit durch dies
alles, da ich nur verblfft brummen konnte:
    Na, du scheinst dich ja auch ohne Beihlfe recht gut auerhalb des
Vogelsangs und der Schulstube orientiert zu haben!
    Da flog es dunkel ber sein eben noch so lachendes Gesicht.
    Doch wohl nicht ganz ohne das, was du Beihlfe nennst. Halb schob es, halb
zog es, wenn du die Weiber zu den Menschen rechnest.
    Du bist seit vierzehn Tagen in Berlin und in der weitern Welt, du krasser
Fuchs?
    Und ich habe daheim Miss Ellen Trotzendorff aus dem Vogelsang in den
Eisenbahnwagen erster Klasse geholfen und meiner Alten Zaun des Vogelsangs
versprochen es ferner gut zu machen. Lieber Junge, in dieser Beziehung hat
deines Vaters Gebrumm ebenfalls gar nichts genutzt: es bleibt eben fr mich bei
der Weibererziehung. Soll etwa Grovater Goethe den zweiten Teil seines Fausts
blo fr sich und eure frechdummen Literaturgeschichtsschreiber
zusammengestolpert und -geholpert haben? Nee, nee, mein Junge! Ich habe mich von
den Weibern erziehen lassen und lasse mich von den Weibern weiter erziehen. Geh
du nur hin; ich bleibe bei den Mttern, bei den Frauen und bei den Mdchen.
brigens, Mensch, wre es doch recht freundlich und herablassend von dir, wenn
es dein erster Weg gewesen wre, mich bei der Frau Fechtmeister Feucht
aufzusuchen.
    Gehrt die etwa auch schon zu den Schrzen, hinter denen du dich im Dasein
auerhalb der philosophischen Fakultt verkriechen willst?
    Sehr! lachte Velten Andres.

Wir waren also wieder zusammen. Was ich aus eigener Erfahrung und aus den
Briefen meiner Eltern von den letzten Vorgngen im Vogelsang wute, konnte er
mir und sich nun noch einmal, wie unsere damalige Redensart lautete, zu Gemte
fhren. Er tat es; und da er von allen Menschen, die ich im Privatwie im
Geschftsleben kennengelernt habe, der einzige gewesen ist, dem nie etwas drauf
ankam, wann, wo, wie und vor wem er sich lcherlich machte, so htte er wohl
einen bessern Schreiber seiner Geschichte, als ich bin, verdient. Wenn ich in
dem einen Augenblick den vernnftigen Leuten zu Hause recht geben und sagen
mute: er ist wirklich ein unzurechnungsfhiger Narr und Phantast, so wurde mir
doch schon im nchsten Moment so hei bei seinen Worten, Blicken und Gesten, da
ich ihm um den Hals htte fallen mgen: Du bist und bleibst doch der famoseste,
beste Kerl in der Welt, Velten! Geben dir die Gtter nur ein bichen Glck auf
deinem Wege, so stirbst du nicht auf Salas y Gomez, wohl aber, nachdem du
vielleicht leider auch dein Persepolis in Brand gesteckt hast, zu Babylon. Alter
Junge, was ist das aber fr ein Glck, da wir uns von Kindesbeinen an kennen:
da viele andere dich ernst nehmen, verlangst du wohl selber nicht!
    Er lag auf dem Sofa, mit den Beinen ber der Lehne, er sa auf dem Stuhl, er
sa auf dem Tische, er lief auf und ab, whrend er jetzt mir erzhlte von dem
Vogelsang und Helenen Trotzendorff. Von Zeit zu Zeit griff er nicht sich,
sondern mir in die Haare und schttelte mir den Kopf mit einem:
    Lache nicht, Mensch! Oder ja, lache nur, denn das tue ich ja selber ber
mich, wenn ich mich aus der Haut eines von euch Pachydermen bei sogenannter
ruhiger berlegung beurgrunze. Weit du, und das Frauenzimmer kann wirklich
nichts dafr! Es hat das Seinige in wahrhaft groartiger Weise getan, sich mir
zu verekeln. Wenn es sich da drben in Amerika so weiterspielt wie hier bei uns
im Vogelsang, so kann es sich, sich, sich zu was bringen in der Welt - sagt auch
meine Mutter, und bei deren lieben, alten Falten um den Mund wei man denn auch
nie, ob sie sich ins Kosige hinaufziehen oder ins graueste Elend herunter. Na
kurz und gut, das Mdchen und seine Mutter sind weg, und der Vogelsang hat Gott
sei Dank! gesagt. Ich auch. Denn dies hielt kein Mensch mehr aus - selbst meine
Mutter nicht. Ein paar Lffel von dem letzten Rest unserer Kindersuppe hast du
ja auch noch abgekriegt; aber den Napf grndlich auszuscharren, das hatten die
Gtter allein mir vorbehalten und mich auch wahrscheinlich schon darum noch ein
Jahr lnger als dich auf der Schulbank sitzenlassen. Freilich, den Mister
Trotzendorff im Vogelsang einrcken sehen war allein schon das Vergngen wert.
Die Krte! Ich meine meiner Mutter Helenchen.
    Ich habe mich aus ihrem Arm gerissen,
    Doch nur mit ihr werd ich beschftigt sein. -
Den Bazar, von dem nachher auch bei Schiller die Rede ist, hielten sie ja schon
lngst bei Hartlebens. Lies den Quatsch Don Manuels selber nach und denke dir
mich, das Mdel, meine Alte, ihre alte verbohrte Schachtel von Mama, deine
Eltern, den alten Hartleben, kurz, den ganzen Vogelsang in all den Glanz, der da
in der Braut von Messina zutage kommt, hinein. Die Sorte Schlappe und Familie,
das heit das brige Nest in seinen Spitzen der Gesellschaft, la ja nicht aus
der Komdie heraus und male dir die vier Wochen, die ihrer Abfahrt, nicht aus
dem Vogelsang, sondern aus dem Htel de l'Europe vorangingen, selber.
    Weit du, was dein Vater sagte, als wir vom Bahnhofe nach Hause zogen,
Krumhardt?
    Nun? fragte ich, nicht ohne einige Sorge, meinem besten Freund sofort die
Nase einschlagen zu mssen.
    Es steckt doch leider viel Gemeinheit in der Menschheit! sagte er und hatte
wieder mal, wie meistens, recht.
    Die alte Nachbarschaft und Freundschaft ist also doch wenigstens bis zu der
Abreise zusammengeblieben, Velten?
    Jawohl. Aber da frage nur den alten Hartleben nach dem Dank, den er fr
seine langjhrige Gastfreundschaft gehabt hat von Papa und Mama Trotzendorff!
    Und Helene?
    Da fate der Freund meine Schulter.
    Wre dieser ganze Quark des Erzhlens wert, wenn die nicht auch bei uns zu
meiner Mutter Kinde geworden wre? Wie htte man vor Lust kreischen knnen, wenn
man nicht selber mit an dem Wurm erzogen htte! Jetzt offen gesagt, ich ganz
besonders sehr, Krumhardt! Karlos, sie gehrte doch zu uns, und so lasse ich sie
auch noch nicht fahren. Sie wei es auch selber, was fr ein gut Stck von uns
sie mit in die neue Herrlichkeit, drben jenseits des Ozeans, nimmt. Krumhardt,
ich nehme gar nichts dafr, mich auch vor dir bodenlos lcherlich zu machen: es
steht geschrieben, da ich dem Geschpfchen bis an der Welt Ende nachlaufen
soll.
    ber Berlin? fragte ich, um doch etwas zu sagen.
    Jawohl ber Berlin! Habe ich mein Leben und damit auch alle meine Wege
nicht noch vor mir?
    Er hob den linken Arm, dessen gelhmtes Handgelenk ihn nur fr den
vaterlndischen Kriegsdienst untauglich gemacht hatte.
    Es leuchtete eine solche siegessichere, lachende, unverschmte Zuversicht
aus seinen Augen, klang so sehr aus seiner Stimme, da er wirklich nicht ntig
hatte, mich auch noch derartig mit der gesunden, eisernen Rechten auf die
Schulter zu klopfen, da ich nicht nur krperlich in die Knie knickte, sondern
mir auch seelisch niedergedrckt, zusammengeschnurrt - kurz, klein vorkam. - Er
erzhlte nun des genauern, wie sich die letzten Tage des Aufenthalts der Familie
Trotzendorff im Vogelsang abgesponnen hatten. Wie der Glanz, den der Vater der
Familie mit sich brachte, seine Wirkung nicht blo auf den Vogelsang, sondern
auch auf die ganze Stadt ausbte. Es mochte wiederum nur ein trgerisches
bengalisches Licht sein; aber das Meteor stand doch lang genug am Himmel ber
dem Osterberge, um das Volk, das seiner Meinung nach wahrlich nicht in
Finsternis sa und sich durchschnittlich fr sehr helle hielt, zum staunenden
Aufsehen zu bringen. Merkwrdigerweise hatten smtliche offizielle ffentliche
Wohlttigheitsanstalten der Residenz, vor allem die unter hochfrstlichem Schutz
stehenden Stiftungen und Stifter, sodann aber auch die
Kleinkinderbewahranstalten, die Krippen und so weiter, ja, auch der Verein zur
Besserung entlassener Strafgefangener sich des kurzen Aufenthalts Mr. Charles
Trotzendorffs im ersten Gasthof der Stadt (mit Familie) auf eine Weise zu
erfreuen, die nur fr ausnehmend nchterne, schlechte Charaktere nichts
Erstaunliches an sich hatte. Kein anderer Ortseingeborener hatte in so kurzer
Zeit so oft in den ffentlichen Blttern der Stadt gestanden als Mr. Charles
Trotzendorff. Seit Menschengedenken hatte kein anderer wie er es so verstanden,
sich binnen krzester Frist so sehr loben zu lassen. Da es vom frstlichen
Residenzschlo an bis in den Vogelsang hinein zu feine Nasen gab, denen er zu
gut roch, lie sich freilich nicht leugnen und also auch nicht ndern. Seine
Durchlaucht verweigerte eine nachgesuchte Audienz. Mein Vater brummte:
Schwindel! Veltens Mutter seufzte: Mein armes, liebes Kindchen!, und der
alte Hartleben meinte: Wissen Sie, Frau Doktern, ich kann lange zurckdenken,
aber solch eine Komdie, mit solch einem Hanswurst als Hauptperson drin, hab ich
doch noch nicht erlebt hier in der Nachbarschaft! Herrje, was hat das Karlchen,
der Kerl, zugelernt, seit er vor Jahren seinen Abschied von hier nehmen mute!
-
    Weit du, Karlos, sagte Velten Andres zu mir, die Alte lie sich grade in
jenen reizenden Wochen mal wieder das Neue Testament von mir vorlesen, und da
kamen wir denn naturgem auf die Situation im Evangelium Johannis. Es war auch
Nacht, das heit spt am Abend, und wir saen bei der Lampe und waren beim
dritten Kapitel: Es war aber ein Mensch unter den Pharisern, mit Namen
Nikodemus, ein Oberster unter den Juden; der kam zu Jesu bei der Nacht und
sprach zu ihm - Du, da hat ja wer geklopft, sagte Mutter, und da war sie, unsere
Kleine, und stand scheu in der Stubentr und wagte sich nicht herein - sie wagte
sich nicht herein, grade wie der alte spitzbrtige Jd und Schriftgelehrte. Ob
der aber bei seinem Besuch so geschluchzt hat wie das Kind, kann ich nicht
wissen, glaube es auch nicht. Sie hatten sie schon im Htel de l'Europe in
Purpur und kstliche Leinwand nach der neusten Modenzeitung ausstaffiert, aber
die Hauptsache war doch das nageweinte Taschentuch. Mit dem in den Hnden tat
sie nun einen Sprung zu meiner Alten Sessel und lag vor ihr auf den Knien und
zog mit beiden Armen und Hnden ihren Hals zu sich herunter und winselte: Tante
Andres, ich kann nicht so von euch - von dir, dir, dir fortgehen! O bitte,
bitte, verzeihe mir's, da ich's nicht ndern kann und da es mir auch Vergngen
macht! Ich habe mich auch jetzt ja nur weggestohlen, um es dir noch einmal zu
sagen, da ich euch - dich, dich und den Vogelsang so liebhabe und da es mir so
sehr leid tut, da ich draus fort mu! O knnte ich euch doch mitnehmen! Wir
haben ja nun das viele Geld und das Glck, von dem Mama immer geredet und sich
damit in unserm Elend getrstet hat; aber mein Vater lacht und sagt: Nonsense,
und es ist wieder mal alles, was ich denke und fhle, nichts als Unsinn! Jawohl,
Velten, du hast mir dasselbe oft genug gesagt, und ich bin oft genug wtend
drber geworden; aber nun sage es mir dreist noch einmal. Jetzt biete ich dir
keine Ohrfeige mehr dafr an. Die ganze Welt kommt mir mit einemmal so dumm und
unsinnig vor, da auf das bichen, was ich von der Sorte dazu gebe, wirklich
nichts ankommt. Tante, Tante, liebste, beste Tante Andres, la es mich nicht
entgelten, da ich so gern weggehe von hier und mich so sehr auf das neue Leben
freue. Wenn du mich nicht liebbehltst, ist ja alles nichts; und dem alten
lieben Hartleben sag auch, da ich nichts dafr kann, da meine Eltern so grob
gegen ihn gewesen sind. Zu dir wage ich mich ja noch bei Abend aus dem Hotel
heraus; aber zu Hartleben wage ich mich nicht mehr bei Tage und bei Nacht; o
bitte, bitte, sagt es ihm - du auch, Velten! -, da er immer der beste alte
Mensch gewesen ist und ich von uns allen drein - dir, Velten, Karlchen Krumhardt
und mir - die einzige gewesen bin, die es ganz genau wute, da es unrecht war,
wenn wir ihn alle Tage halb zu Tode rgerten! Ach Gott, was htte ich noch alles
zu sagen! - O ksse mich nur nicht, Tantchen Andres! Oder doch, doch, ksse mich
nur - es war ja zu schn, zu gut hier bei euch, und wenn du es nicht weit, was
ich auf dem Herzen habe, so kann ich uns nicht helfen.
    Deine Mutter kann ich mir hierbei vorstellen, Velten, sagte ich.
    So? Ja, du hast freilich immer mehr gekonnt als ich; aber in dieser
Hinsicht meine ich doch, da du dich irrst. Du meinst, sie brllte sich das Herz
aus dem Leibe? Sie htte die Kleine in Krmpfen hin und her gerissen? Nicht die
Idee! Famos hielt sie sich, die alte Riesin, fr meinen Geschmack in der
tragischen Stunde beinahe zu ruhig. Aber am andern Morgen schon wute ich
natrlich, da sie wieder mal das einzig Richtige getroffen hatte. Das weit du,
wie oft sie auf uns hineingepredigt hat; aber so wie diesmal hat sie noch nie zu
einem von uns dreien gesprochen; Gehe in Frieden! - Das Kind ist an dem Abend in
Frieden aus dem Vogelsang gegangen und hat an der Gartentr leise hingeweint:
Ja, du hast recht; Vater und Mutter gehen freilich vor, und ich gehe ja auch
gern mit ihnen; aber du bleibst dicht hinter mir, Tante Male, und ich will deine
Hand immer an meinen Rockfalten haben. Und wenn - wenn mal - so viel Dummes ber
mich hier nach dem Vogelsang geschrieben wird wie ber Papa, so glaubst du es
nicht eher, bis du Velten geschickt hast, um nachzusehen. Aber ich will auch
jede Woche selber schreiben.

Ich war natrlich auch nach Berlin blo des Studierens wegen gekommen. Damit
wurde es diesmal gar nichts. Die schlimmsten Befrchtungen meines armen Vaters
trafen ein; ich verfiel fr die nchste Zeit wieder vollstndig dem Verderben,
das nach der Meinung aller Verstndigen in der Heimat von dem Freunde ausging.
Ich hatte ihn wieder, und er hatte mich wieder am Kragen, und wie sich die Vgel
mit demselben Gefieder sofort wieder um ihn zusammengefunden hatten, das mute
ein Wunder sein auch fr den, der an keine Wunder in dieser nchternen Welt
glaubte.
    Da war zuerst seine Stubenwirtin, die Frau Fechtmeisterin Feucht. Ein
anderer htte die Millionenstadt jahrelang nach der aussuchen knnen, ohne sie
zu finden: auf ihren jetzigen jungen Herrn, auf ihren Velten, schien sie schon
jahrelang gewartet zu haben, um, was sehr ntig war, Mutterstelle an ihm zu
vertreten.
    Wir klopften schon am zweiten Abend unseres Zusammenseins an ihre Tr, und
er stellte mich der kleinen Dame vor mit den Worten:
    Hier ist noch einer aus dem Vogelsang, gndige Frau. Ein bichen
langweilig, aber sonst auch ein guter Kerl und erziehungsfhig, sogar ein wenig
ber das Ma seiner Bildungsbedrftigkeit hinaus.
    Dem naseweisen, scharfmuligen Pennal einen dummen Jungen aufzubrummen
wre wohl das Sachgeme gewesen, aber wie immer kam ich auch jetzt nicht dazu,
meine Stellung dem Knaben gegenber zu wahren.
    Von Jena? fragte die elfenhafte kleine Greisin, noch immer die Klinke
ihrer Tr in der Hand haltend.
    Von Gttingen.
    War zur Zeit meines Seligen auch noch ein anstndiger Aufenthalt. Bitte
nher zu treten, Herr, wenn ich recht gehrt habe: Studiosus juris Krumhardt?
    Ich konnte das nur besttigen, aber mute mich doch ein wenig
zusammennehmen, um es mit der notwendigsten Hflichkeit und Freundlichkeit zu
tun; doch - Weshalb kommen Sie nicht von Jena? fragte die Frau Fechtmeisterin
jetzt schon von ihrem Sofa aus. Setzen Sie sich doch, Velten; und Sie auch,
Herr Krumhardt, und nehmen Sie mir meine Frage nicht bel: ich komme nmlich von
Jena, mein Mann ist da begraben, und ich bin dort jung gewesen, da erkundige ich
mich denn bei den jetzigen jungen Herren gern so nach dort und der alten Zeit,
eben hier Von Berlin aus, wo keiner von uns eigentlich so recht wei, ob er
dahin gehrt.
    Da sa sie, ein weihaarig Mtterchen, mit scharfem, hbschem
Altfrauengesichtchen und Augen, die auf jeder Mensur dem Gegner imponieren
muten, und das keiner von uns kam so selbstverstndlich, natrlich, sachgem
heraus, mit einem Anklang von Fechtboden und Kneipe, da - es gar nicht anders
mglich gewesen war: sie und Velten Andres muten sich im Leben treffen. Der
Wohnungsnachweis: Frau Fechtmeisterin Feucht, war vom Schicksal nur fr meinen
Freund Velten berechnet gewesen, im Treppenhause der
Friedrich-Wilhelms-Universitt zu Berlin.
    So setze dich doch, Mensch, sagte der junge Weise aus dem Vogelsang, der
bereits die andere Sofaecke neben seiner Frau Wirtin einnahm; ich aber stand
freilich noch und sah mich immer noch um. Die ganze Welt kam hier gar nicht in
Betracht: aber in ganz Deutschland gab es kein Witwenstbchen, das diesem glich.
Mitten in diesem Berlin diese ganze deutsche Jugend, soweit sie sich in Jena und
auf ihren Verbindungsbildern zusammengefunden hatte! Alle Wnde damit bedeckt: -
dazwischen, wo nur ein Rumchen, alles voll von Schattenrissen mit allen
Couleuren an Mtze und Band. Waffentrophen statt des Spiegels, Schlger und
Stulpen, und was sonst dazu gehrt, wo nur noch was aufzuhngen war. Keine
Ritterdame des romantischsten Mittelalters hatte je zu der Ausstattung ihres
Ahnensaales und ihrer Kemenate so gepat wie die Frau Fechtmeisterin Feucht zu
dem Schmuck und der Zierde ihres Altweiberstbchens, wie gesagt: mitten in
diesem Berlin!
    Sie sehen sich wie jeder zuerst bei mir um und wundern sich, Herr
Krumhardt, lchelte die feine Greisin. Ja, wundern Sie sich nur. Seine Messer
schrft sich unser Herrgott selber, aber den Schleifstein drehen ihm die
Menschen. Da die alten Bilder - die Fliegen sind tchtig drber gewesen -, sie
haben auch ihr Teil an den deutschen Geschichten der letzten Jahre. Es sind ein
paar gute Klingen drauf, die unser Herrgott ntig gehabt hat; und da haben wir
den Schleifstein ihm mit gedreht; das heit nmlich mein Seliger! Ich habe nur
an ihm und euch jungen Leuten meinen Spa - Gott verzeihe es mir! -, meine
Freude gehabt; denn ich bin auch mal jung gewesen, meine Herren.
    Das ist recht, Frau Fechtmeisterin, brummte Velten, renommieren Sie nur
dem alten Mann da mit Ihrer Jugend. Er kann's gebrauchen.
    In diesem Augenblick klopfte es an der Tr und -
    Das ist mein Schneider! lachte Velten Andres. Nun hab ich ja meine ganze
gegenwrtige Bekanntschaft in eurer Weltstadt vollstndig beieinander.
    Der junge Herr aus dem Vorderhause, den ich gestern schon in der Stube des
Freundes getroffen hatte, schob sich schchtern herein in das Gemach der Frau
Fechtmeisterin.
    Ich darf doch?
    Ja, kommen Sie nur, Leon, sagte die Frau Fechtmeisterin. Weshalb haben
Sie Ihre Schwester nicht mitgebracht? Aber freilich, die hat schon am Morgen bei
mir gesessen, das liebe Kind, um mir Gesellschaft zu leisten.
    Und um mal von was anderem zu hren als von des Lebens bezahlten und
unbezahlten Schneiderrechnungen, lachte Velten.
    Redet man davon soviel bei uns, Herr Andres? fragte der junge Herr und
reiche Haussohn aus dem Vorderhause ein wenig vorwurfsvoll.
    Nein! Wahrhaftig nicht. Soweit ich bis jetzt darber urteilen kann, des
Beaux. Ich habe im Gegenteil bereits meinem Freunde Krumhardt davon erzhlt, wie
kurios anders das da drben bei euch rauscht, klingt und tnt. Wie das da bunt
durcheinandergeht. Troubadourgeklimper, Albigenser-Schwert- und - Speergerassel,
hugenottischer Orgelklang und Chorgesang. Der Knabe aus der germanischen Provinz
ist schon fest berzeugt, da er in diesem seinem Berlin keine zweite gleich
groartige Schneiderbude finden wird. Da habe ich Ihnen natrlich schon
vorgearbeitet, Leon; brigens brge ich auch fr jeden Pump, den er bei euch
anlegt.
    Aber Herr Andres?
    Jawohl, mein Herr Andres, sagte die Frau Fechtmeisterin Feucht, seien Sie
nicht zu naseweis und ausfallend. Dafr kennen auch wir beide uns doch erst zu
kurze Zeit, als da ich fr alle schlechten Witze hier bei mir den Fechtboden
hergeben mchte.
    Karl, ich werde wieder verkannt! seufzte klglich mein Schulfreund aus dem
Vogelsang. Was habe ich denn anders sagen wollen, als da Sie ein famoser Kerl
sind, des Beaux ein Prachtmensch, der allen seinen groen Ahnen vor und nach dem
Edikt von Nantes die Stange hlt. Hat denn der Groe Kurfrst nicht seine Leute
zu euch geschickt, um sich den Rock bei euch wenden zu lassen? He, und da soll
ich nicht einmal meinen Freund Krumhardt in das Vorderhaus empfehlen drfen, um
ihn hier am Ort in die beste Gesellschaft zu bringen?
    Das lt sich wieder hren, Leon, meinte die Frau Fechtmeisterin.
    Leon des Beaux aber drckte Velten Andres mit Trnen in den Augen die Hand
und sagte schmig zu mir: Mein Herr, es wird mir eine groe Ehre sein, auch
Ihre Bekanntschaft zu machen. Herrn Studiosus Andres kenne ich schon, habe ich
die Ehre zu kennen.
    Lassen Sie das Vergngen nicht aus, brummte der Junge aus dem Vogelsang.

Nun sage mir vor allen Dingen, wie bist du eigentlich zu der Bekanntschaft mit
dem, wie es scheint, wirklich nicht beln, scheuen Jngling, diesem Schneider
mit dem Namen Leon des Beaux gekommen? fragte ich spter am Abend auf dem Wege
zur Kneipe den Freund.
    Wie man fters zu allem Schnen, Ntzlichen, Guten und Angenehmen sowie dem
Gegenteil kommt - durch Zufall. Ich zog ihn wie damals Schlappen heraus; aber
diesmal nicht unterm Eise weg, sondern aus dem Feuer - nmlich unserer
schlechten Redensarten.
    Unserer schlechten Redensarten?
    Wenn dir dumme Witze, anzgliche Bemerkungen, rde Anrempeleien lieber sind
und besser klingen, mir auch recht. Die Fabel oder Wahrheit von der Krhe, die
sich zum erstenmal zu sops Lebzeiten mit Pfauenfedern besteckte, kennst du wohl
noch. Sie kam in diesem Abkmmling des Landes des Weins und lbaums, der Sonne
und der Gesnge von neuem auf die Bhne der Welt, und ich natrlich ganz zur
rechten Zeit, um meinen Spa und nachher auch ein bichen meinen Ernst dran zu
haben. Das romantische Rindvieh hatte sich an einem der ersten Tage meines
hiesigen Aufenthalts aus seiner Akademie fr krperliche Bekleidungskunst im
Roten Schlo in unsere Bude fr geistige Maskierung dem Alten Fritz gegenber
verirrt, das heit, sich als Hospitant in ein Kolleg ber sthetik, in das ich
auch die Nase steckte, eingeschlichen. Dummeres gab es gar nicht, ich meine
nicht den lesenden Herrn Professor, sondern meinen Freund Leon des Beaux; doch
das letztere wurde mir erst klar, als ich ihn zu Hause besucht hatte. Frs erste
war er fr mich nur das in dem Dornbusch hngengebliebene scherzhafte Schafvieh.
Philister ber ihn! Der Hauptflegel, ein langer Bierlmmel mit der
erbrechtlichen Anwartschaft auf den Landrat, Regierungsprsidenten oder sonst so
was Schnes, der, wie sich nachher mir erklrte, mit dem Papa des Beaux hing,
das heit nach endlich bereinigtem Pump seine Rechnung noch mit ihm abzumachen
hatte! Wie ich provinziales Unschuldswurm sofort in die Narrenteiding
hineingeriet und mich sonderbarerweise auch der Situation gewachsen fhlen
konnte, ist mir bis jetzt noch ein Rtsel. Es mu wohl so in mich gelegt sein,
und im Grunde war's doch auch wieder nur der reine Vogelsang, wenn es da hie:
der Bengel mu doch bei jedem Unsinn und Skandal das Maul und die Faust im Spiel
haben. Na kurz, du kannst dir das Ding jetzt schon ausmalen. Erst Hinhorchen,
sodann ulkhaftes Vergngen an dem Hauptwitz, Nhergehen, Umschlagen des Spaes
in sein Gegenteil, darauf die gewhnlichen Redensarten bis zu dem: Herr, der
dumme Junge sind doch nur Sie! ... Die Hauptsache war, da ich meinen
idealischen Schneider herausri. Was sich nachher sachgem mit den Herren
Kommilitonen an den Vorgang knpfte, ist erledigt und Rechenschaft nach Goethes
smtlichen Werken Band eins gegeben worden. Selbstverstndlich fhlte auch ich
mich ein Mannsen und

... gedachte meiner Pflicht,
Und ich hieb dem langen Hansen
Gleich die Schmarre durchs Gesicht.

Wie sagt doch der andere Kerl aus Weimar? ... Die Blinden in Genua horchen auf
meinen Schritt, oder so ungefhr. Frs erste glaube ich mich in dieser Hinsicht
hier bei euch im groen Weltleben gut genug geraucht zu haben. - Meinen
zitternden Schneidersohn nahm ich unterm Arm Nu, nur nicht ohnmchtig werden,
Sie armes nasses Huhn! Sagen Sie mir um Gottes willen, was wollten Sie hier in
dieser gemischten Gesellschaft? Und dann, wo wohnen Sie? Mein Name ist brigens
Andres. - Meiner des Beaux - Leon des Beaux, stammelte das Geschpf. - Aus
Paris? - Aus der Dorotheenstrae. Da wir denn so ziemlich unter einem Dache
wohnten, wie sich auswies, benutzten wir ein und dieselbe Droschke nach Hause,
denn der Knabe war zum Gehen nicht mehr ganz in der ntigen Beinverfassung. Da
er mir am folgenden Tage bei meiner Frau Fechtmeisterin einen Besuch machte, war
schicklich, wrde meine Mutter sagen. Da er mich einlud, nun auch zu ihm zu
kommen und die Seinigen kennenzulernen, unntig... Krumhardt, ich kann jetzt
auch dich dort einfhren in der Familie! Wrde es dir Vergngen machen, das Haus
des Beaux und Frulein Leonie des Beaux kennenzulernen?...
    Wenn ich heute an jene Redensart des Freundes denke und das Haus des Beaux,
so wird es sehr licht um mich, und der Schein geht von den Leuten aus, zu denen
ich damals gefhrt wurde. Der Junge aus dem Vogelsang, von der Schulbank, aus
dem Pandektenkolleg und der Korpskneipe lernte wieder ein Stck Erde oder Welt
kennen, von dem er nichts gewut hatte, von dem er ohne Velten Andres auch wohl
nie etwas erfahren haben wrde. Seine brigen gleichalterigen Lebensgenossen
wrden ihm wohl nicht dazu verholfen haben, schon in der Befrchtung, sich vor
ihrer Welt durch zu genaue Bekanntschaft mit ihrem Schneider lcherlich zu
machen. -
    Sie kam uns von ihrem Flgel entgegen, Frulein Leonie des Beaux. Ein
hochgewachsenes, ruhiges Mdchen, ein schnes Mdchen, dessen freundlichem
Gesicht es nichts tat, wenn sich ber den groen, aber etwas kurzsichtigen
schwarzen Augen die schwarzen Brauen dann und wann in eins zusammenzogen. Bse
wollte sie dann nur selten hinsehen, nur etwas schrfer.
    Hinweise auf das Mittelmeer, Donjons, Falkenjagd, Zelter, Windspiele und
Knig Rens Minnehfe kannst du dir sparen, Krumhardt, sagte Velten. Ich habe
sie alle schon selber gemacht. Auch den auf den Kastellan von Coucy und die Dame
von Fayel. brigens, Karl, standest du gestern vor der lieben Kleinen grade so
dumm, wie wenn du in Obertertia die Uhlandsche Simpelei dem Oberlehrer Knutmann
zu deklamieren hattest.
    Er sagte dieses natrlich nicht in ihrer Gegenwart, sondern als wir wieder
vor der Tr waren, und fgte hinzu: Nun, was meinst du zu den Leuten?
    Man kann bei dem, was man von den Leuten meint, auch ein Gefhl haben von
ihrer Umgebung, welches vollstndig dazu gehrt und nicht davon zu trennen ist.
Dieses traf hier ganz und gar ein, und ich wute nichts zu erwidern als:
Ausnehmend anstndig.
    Heute wrde ich sagen: es war ein vornehmes Haus, in welches wir gekommen
waren; aber man hat ja so seine besondere Redensart fr jede Lebensepoche. - Es
war auch ein sehr wohlhabendes Haus, das auf dem besten Wege war, zu einem
reichen zu werden. Mir imponierte es sehr, meinem Freunde Velten nicht im
mindesten; der war da sofort so bei sich wie frher bei Hartleben im Vogelsang
und jetzt bei der Frau Fechtmeisterin Feucht. Und es war dasselbe wie zwischen
den grnen Hecken des Vogelsangs: es kam wieder ein schnes Mdchen fr ihn an
den Zaun, nur diesmal nicht, um sich mit ihm zu zanken, zu vertragen und wieder
zu zanken. Leonie des Beaux zankte sich mit niemand in der Welt und vor allem
nicht mit einem, dem sie sich zu Dank verpflichtet glaubte, weil er gegen unser
Kind, ihren Bruder, gut gewesen war.
    Aber es sind ja auch beide ein paar Kinder, sagte sie spter, als wir zwei
vertrauter und ganz bekannt miteinander geworden waren. Ihr Herr Freund und
mein armer Leon passen zueinander wie Hand und Handschuh Herr Andres ist
freilich die Hand. Ich freue mich recht, da sie zusammengekommen sind, wenn
auch durch eine so lcherlich-tragische Torheit meines nrrischen Bruders. O
Herr Krumhardt, bitte, nehmen Sie meinen Bruder nicht lcherlich! Man kann auch
in einer Stadt wie Berlin noch immer in einem stillen Mrchenwinkel aufwachsen,
und das sind wir beide, Leon und ich; und mein Papa hat dazu geholfen (meine
Mama ist lange tot), da wir so geworden sind Leon besonders, denn er hat von
uns zweien immer die unruhigste Phantasie und Seele. brigens ist er doch auch
ein rechter, guter Kaufmann. Er fhrt die Bcher da unten in unserm Geschft,
und Papa ist recht mit ihm zufrieden. Aber Papa ist eigentlich auch sehr mit
daran schuld, da wir so aufgewachsen sind in Einbildung und Trumen. Das hat
sich so von einer Generation zur andern weitergegeben, seit wir unter Ludwig dem
Vierzehnten nach Brandenburg zu dem Groen Kurfrsten gekommen sind. Ach, Herr
Krumhardt, die Kinder des Schneiders des Beaux haben ihr Hausheiligtum und ihre
Ritterbuchbibliothek wie der edle Junker Don Quijote von la Mancha. Hat Leon Sie
noch nicht hineingefhrt? Das wundert mich! Herr Vel- Herr Andres sitzt sehr
hufig dort und hat auch schon manches Merkwrdige da gefunden, wie er sagt.
Soll ich fr Sie da auch sagen: Sesam, ffne dich!?
    Das wrde sehr liebenswrdig von Ihnen sein, gndiges Frulein.
    Oh, spotten Sie nur ber die Firma des Beaux, Vater und Sohn! -
    Es war hier wirklich kein Grund zum Spotten. Das Haus des Beaux hatte nicht
nur seinen Salon, seinen Konzertflgel samt reichen Teppichen, Kronleuchtern,
schnen lgemlden, Kupferstichen und dergleichen, was sonst zum laufenden Tag
gehrt; es hatte auch seine Bcherei, und in diesem nchternen Berlin des
achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, heraus wie aus dem siebenzehnten
Skulum und in den Einzelheiten noch viel weiter zurck in den Zeiten und
Historien, sein Museum. Wie die Leutchen es zusammengebracht hatten, war schon
an und fr sich ein historisches Wunder. -
    Von unseren angestammten Familienheiligtmern haben wir wenig mitbringen
knnen in die Mark, erklrte Frulein Leonie. Vieles ist geerbt oder
angeheiratet; aber echt ist alles. Papa kommt durch seinen Beruf nicht selten
nach Paris, und dann reist er gewhnlich auch nach Sdfrankreich, und sein Vater
und Grovater haben das auch so gemacht. Papa kommt nie nach Hause, ohne sich
und uns Kindern etwas von dorther mitzubringen. Bitte, nehmen Sie Platz!
    Das sah man, als sie sich an dem schwerflligen, kugelfigen,
grnbehangenen Studiertische in der Mitte des Gemachs niederlie, da nicht nur
alles umher echt war, sondern da auch sie zu diesem Raume gehrte, und - ihr
Bruder auch.
    Hier sitzen wir denn und denken uns zurck, sagte Leonie. Dann liegt auch
fr unsern Vater, oder grade fr den erst recht, der Tag und unser Geschft wie
auf einem andern Weltball. Und hier ist an Leon und mich alles gekommen, was wir
fr unser Bestes halten und was den Leuten mit vollem Recht sehr komisch
erscheinen mu, wenn wir damit unter sie geraten. Ich komme wohl nicht in die
Verlegenheit; aber mein armer Bruder von seinem Schreibpult im Kontor drunten
leider doch dann und wann, und so neulich wieder in Ihrer Universitt, wo Herr
Andres so gtig war, sich seiner anzunehmen. Er, Leon, hat es noch nicht recht
gelernt, den Traum und das Leben auseinanderzuhalten, und kommt also nur zu oft
wie ein geschlagenes Kind nach Hause, und es kostet Wochen in diesem unserm
Phantasiestbchen, ehe er sich wieder zurechtgefunden hat in der Welt. Wir haben
eigentlich da drauen in der Zeitlichkeit einen groen Umgang, und darunter
sucht er denn wie der alte Grieche nach Menschen, die zu ihm passen. Ach, wenn
er dann nur ausgenutzt und gehnselt wrde, so wollte ich gar nichts sagen; aber
er wird auch gekrnkt und bis ins Tiefste verwundet, und wenn ich auch die
lteste und die Vernnftigste bin - ein noch lterer Bruder von uns ist bei
Mars-la-Tour gefallen -, so kann ich doch nur allzuoft ihm gar nicht helfen.
Mich hat dieser grade fr uns so schreckliche Krieg mit Frankreich nun wohl
schon lebensverstndig und tagesnchtern genug gemacht in unserm hiesigen
franzsischen Altvter- und Kinderzauberreich; aber ach, wenn ein Mensch es noch
ntig hat, einen echten Freund zur Seite zu haben, so ist das mein armer Bruder!
Und jetzt, Herr Krumhardt, nehmen Sie es mir nicht bel, jetzt hlt er wieder
einmal Ihren Herrn Freund, Herrn Andres, fr einen solchen, und ich, ich - ich
wei nicht, wie ich Ihnen das sagen kann und ob ich es Ihnen sagen darf: ich
wei nicht, ob ich Freude oder Angst haben soll. Mein Bruder hat so viele
Bekanntschaften gehabt, aber dies ist die erste, in der ich mich ganz und gar
nicht zurechtfinden kann. O bitte, sagen Sie es sich selber besser, als ich es
kann! Aber es wre nicht edel und gut von Ihrem Freund, wenn er meinen lieben
nrrischen Leon noch mehr als ein anderer und blo etwas feiner, also schlimmer,
als ein armes Spielzeug behandeln wrde.
    Es hat mein Freund Velten, von unserm ersten Zusammenaufwachsen im Leben und
Vogelsang an, mir nie so ganz und gar mit allem, was in und an ihm war, vor der
Seele gestanden wie in diesem Augenblick. Ich htte eine Monographie ber ihn
schreiben und Doktor darauf werden knnen; aber zu erwidern wute ich hier und
jetzt nichts als:
    Gndiges Frulein, da knnen Sie ganz ruhig sein. Lustig macht sich der nur
ber sich selber. Da fragen Sie nur im Vogelsang nach. Ich will grade nicht
sagen, da er einen guten Ruf dort hatte in dieser Hinsicht; aber das war doch
einfach blo darum, weil ihn eigentlich nur drei Leute da ganz genau kannten.
Seine Mutter, ich und - Ell- Frulein Helene Trotzendorff.
    Wohl eine liebe Tante von Ihrem Herrn Freunde? fragte Leonie, und ich
hatte mich wirklich erst einen Augenblick drauf zu besinnen, auf wen die Frage
sich bezog. Aber es war ja auch richtig, damals ist Mistress Mungos Mdchenname
zum ersten Male in dem historischen Traumstbchen der Geschwister des Beaux
genannt worden.

Er ist noch oft dort erklungen. Er wurde ein sehr vertrauter Klang da.
    Siehst du, Karl, man findet berall die Leute, zu denen man pat. Wie wir
hier zusammenhocken, wir vier jetzt, ist das nicht grade dasselbe wie damals,
als wir drei aus dem Vogelsang auf dem Osterberge im Wald lagen und das
niedliche Residenznest unter uns hatten? Haben wir heute abend nicht ebenso dies
Berlin unter uns? Nur immer ber den Dingen bleiben und mglichst wenig von
ihnen haben wollen! Fragen Sie nur den Kandidaten beider Rechte hier, Frulein
Leonie. Der steht vor dem Referendarexamen und beantwortet Ihnen jegliche Frage
aus und ber Banausien mit Eins a. Leon, Sie sind und bleiben ein Riese, und
wenn Sie mich noch so schafsmig anstarren. Was sagen Sie brigens zu dem
letzten New Yorker Briefe meiner Kleinen, Frulein Leonie? Das arme Wurm
scheinen sie drben schon sauber eingeseift zu haben; ich wollte, ich htte sie
heute abend auch hier bei uns, um ihr den Kopf zurechtzusetzen. Und Sie wrden
mir dabei helfen, nicht wahr, Frulein Leonie?
    Sie hat Ihnen einen sehr hbschen Brief geschrieben, Herr Andres, sagte
Leonie des Beaux leise. Sie scheint in einem groen Leben zu leben und gibt
sich doch alle Mhe, treue Freundschaft zu halten mit - mit -
    Dem Vogelsang, dem Osterberge, kurz, der deutschen Kinderstube, lachte
Velten.
    Das wollte ich ihr aber auch geraten haben, setzte er ein wenig mit den
Zhnen auf der Unterlippe hinzu, und dann kaum hrbar fr sich: Sie wei es ja
aber auch, da ich sie ihr ganzes Leben lang nicht loslasse.
    Leonie hatte das letzte Wort aber doch gehrt. Gibt es solch einen festen
Griff auf dieser Erde?
    Was man will, kann man durchsetzen, meinte unser alter Oberlehrer Doktor
Langemann auf unserm Gymnasium zu Hause. Fragen Sie nur Krumhardt, Frulein, der
hat sich in seiner Lebensauffassung auch nach dem Wort gerichtet und geht als
Sieger zu den Toten.
    Rede kein Blech, Velten!
    Ich bin niemals mehr gediegenes Erz gewesen als an diesem Abend und unterm
Auge des alten Hugenottenpastors und des jungen Albigenserritters da an der
Wand. Die haben sie vielleicht ihrerzeit lebendig gebraten, aber haben die zwei
nicht noch heute ihre Faust am Kragen hier meines intimen Freundes, Monsieur
Leon des Beaux aus Albi? brigens haben wir, Lenchen und ich, schon lange vor
Ihrer Frage, Frulein Leonie, eine Wette auf dem Osterberge draufhin gemacht,
wer von uns beiden den festesten Griff habe und den andern zu sich holen werde.
Selbstverstndlich und naturgem hat sie gegenwrtig die obere Hand, und ich
werde es meiner Alten zu Hause nicht ersparen knnen: ich mu hinber zu ihr
nach Amerika. - - - -
    Es ist unaktenmig in den Akten: wir haben damals solche Unterhaltungen
gefhrt in Leons und Leonies romantischem Zauberstbchen in der Stadt Berlin.
Und es sind auch solche Briefe, von denen Velten Andres redete - Briefe, die
Helene Trotzendorff hinter dem Rcken von Vater und Mutter geschrieben hatte,
dort von Hand zu Hand gegangen. Wie sehr erwachsene, verstndige, vernnftige
Leute wir drauen in den Gassen der Reichshauptstadt sein mochten, in Leonie des
Beaux' Reiche waren wir noch dergestalt unmndig Volk, da wir die hchsten
Ehrenstellen und Sitze im Kinderhimmel des Evangeliums htten in Anspruch nehmen
drfen. Und wir wuten es natrlich nicht und hielten uns im Gegenteil fr
auerordentlich weltklug, Frulein Leonie vielleicht ausgenommen.
    Die achtete mit immer greren, schrferen und - ngstlicheren Augen auf den
neuen Freund ihres Bruders, auf den nrrischen Velten Andres. Da es mir
freilich damals aufgefallen wre, kann ich nicht sagen: ich kann es eben nicht
genug wiederholen, da das meiste aus dieser Vergangenheit mir selber erst klar
und deutlich wird und einen logischen Zusammenhang gewinnt, wie ich diese
Bltter beschreibe und - paginiere.
    Ob er, der Junge aus dem Vogelsang, je in seinem Leben einen Begriff davon
bekommen hat, was diese groen, anfangs so freudigen, dann mehr und mehr
ernsten, traurigen Augen fr ihn bedeuteten, wei ich nicht. Wie viele treu
besorgte Blicke aus lieben Augen gehen einem verloren, whrend man auf das
Zwinkern, das Schielen und Blinzeln der Welt rundum nur zu genau achtet und sich
sein Teil rger, Kummer, Sorgen, Verdru und Verzweiflung draus holt!
    Seltsamerweise hatte Leonie des Beaux das greste Vertrauen zu mir, und
durch mich wute sie allgemach ebensogut als ich, wie es im Vogelsang aussah
oder vielmehr (schon damals) ausgesehen hatte. Sie kannte nicht blo die Familie
Krumhardt, Vater, Mutter und Sohn, sondern sie kannte auch den alten Hartleben
und Mistress Trotzendorff - letztere in ihrer Verdunkelung wie im blendendsten
Glanze. Sie hatte an jeder grnen Hecke mitgelehnt, in jeder Gartenlaube
mitgesessen; sie kannte den Osterberg und die zierlichen Promenadenwege und
Bnke am Rande des Waldes und die Aussicht auf die kleine, zierliche Residenz
drunten im Tal. Wovon sie aber am genauesten Bescheid wute, das war - seine
Mutter, die Frau Doktorin Andres und ihr Huschen - neben uns an, hinter dem
nchsten nachbarschaftlichen, lebendigen Liguster-, Stachel- und
Johannisbeerzaun zwischen Mein und Dein im Hypothekenbuch. Ja, wie ich das jetzt
schreibe, erfahre ich es erst, wie gut sie bei seiner Mutter Bescheid wute -
damals - und wie sie vom Keller bis zum Dache sich in dem kleinen Hause unter
dem Osterberge zurechtgefunden haben wrde, wenn man ihr den Trgriff in die
Hand gegeben htte. Ach, wie hufig geschieht das, da wir seufzen Ja, wenn das
und das gewesen wre, so htte sich alles so leicht zum Bessern - zum Besten
wenden knnen! Es war ja so einfach, es lag ja so vor der Hand! Man brauchte in
der und der Stunde, in dem und dem Augenblick nur zuzugreifen, um das Richtige
fr einen ganzen langen guten, glckseligen Lebensweg zu treffen. Eine Wendung
von der Rechten nach der Linken, oder umgekehrt, gengte vollstndig, wenn wir
nicht so blind, so dumm gewesen wren! - Was wissen wir aber eigentlich
hierber? - - - - -
    Das Verhltnis zwischen Velten und Leon, dem besten, klarsten Kopfe des
Vogelsangs und dem besten, harmlosesten und verworrensten der Stadt Berlin,
vertiefte sich ebenfalls immer mehr. Fr dieses wei ich kein edleres und
schneres Gleichnis als das sehr edle und sehr schne: die Freundschaft zwischen
einem lieben, klugen, bis in den Tod und das Lcherlichwerden getreuen Hunde und
seinem Herrn, Eigentmer und - besten Freunde. Damals!
    In Velten Andres hatte der arme, glckliche, reiche Haussohn aus dem
Schneiderladen alles gefunden, was er bis dahin in Berlin und der weiten Welt
auerhalb des Familienzauberturms vergeblich gesucht hatte - einen von der
allgemeinen Heerstrae gleich ihm verlaufenen Genossen, der in der rechten Weise
ber ihn lachte und ihm mit jedem Lachen und Lcheln und durch jeden
kameradschaftlichen Schlag auf die Schulter, jedes Zupfen am Ohr das Herz mit in
seine Hhe hinaufnahm. Nein, das Herz nicht; nur den Kopf. -
    Kein Hund und keine Liebende konnten um diese Lebensstunde auf den
Geliebten, den Herrn und den Freund genauer achtgeben, besorgt-freudiger auf
jedes Wort, jeden Wink, jede Bewegung beim stillen Nebeneinander und im
menschenvollen Gesellschaftszimmer, kurz, bei jeder Lebenskomdienszene passen
als Leon und Leonie des Beaux auf alles, was Velten Andres sagte und tat oder -
nicht sagte und nicht tat. Da er das so deutlich wute wie ich, glaube ich
nicht: sein spterer Lebensweg spricht dagegen. Er war es eben zu sehr gewohnt,
da die Leute ihm nachsahen und er nicht ber sie hinweg, sondern durch sie
durch in seine Welt hinein auf seine Weise, die nur sehr selten mit der -
unsrigen bereinstimmte. Mit der unsrigen! Denn wie oft habe ich schon zu Hause,
im Vogelsang, den Vernnftigen dort recht gehen mssen, wenn sie meinten: Der
Junge ist rein verrckt! -
    Es war ein wunderlich behagliches Leben dort bei der Frau Fechtmeisterin
Feucht in Veltens erstem Studentenstbchen und in des alten
deutsch-franzsischen Schneidermeisters und seiner Kinder Zaubererinnerungsraum.
Von auen sah man es dem Hause in der Dorotheenstrae wahrhaftig nicht an, was
es in seinem innersten Innern barg. Da ich, ein deutscher Studiosus der
Jurisprudenz, nach Berlin gekommen sei, um mich in meiner Wissenschaft daselbst
noch mehr zu vervollkommnen, ging mir von Tag zu Tage mehr aus dem Begriff
verloren. In dieser Beziehung war es ein Glck zu nennen, da mein Aufenthalt
mir nur kurz von meinem Vater bemessen worden war. Die einzige, der ich zu Hause
dieses Semester htte begreiflich machen knnen, war die Frau Doktorin Andres.
Die aber wute natrlich schon sehr Bescheid, wies auf einen Haufen Briefe aus
der Reichshauptstadt und lchelte trbe:
    Ja, ich wei schon. Da sich das Kind drben in Amerika wieder zu den
Seinen finden wrde, wute ich.
    Mit einem leisen Seufzer und seinem Blick ber die nchste Nhe fgte sie
hinzu und glaubte fest an ihr eigen Wort:
    Du kennst ihn ja, lieber Karl, und weit, wie wenig Einflu ich von jeher
auf ihn gehabt habe.
    So reden die Weiber, wie sie das Glck und das Elend, das Beste und das
Schlimmste auf diesem Erdball weitergeben!-

Er ist doch mein Freund gewesen, und ich der seinige. Ich habe sein Leben
miterlebt, und doch, grade hier, vor diesen Blttern, berkommt es mich von
Seite zu Seite mehr, wie ich der Aufgabe, davon zu reden, so wenig gewachsen
bin. Ich habe alles erreicht, was ich erreichen konnte; er nichts - wie die Welt
sagt - und - wie ich mich zusammennehmen mu, um den Neid gegen ihn nicht in mir
aufkommen zu lassen! Was kann ich heute an seinem Grabhgel andres sein als ein
nchterner Protokollfhrer in seinem siegreich gewonnenen Proze gegen meine,
gegen unsere Welt? Was aber wrde erst sein, wenn ich auch nicht mein liebes
Weib, meine lieben Kinder gegen diesen verlorengegangenen, diesen -
besitzlosen Menschen mir zu Hlfe rufen knnte? - - -
    Wie gesagt, ich mute nach Haus ins erste juristische Examen und lie ihn in
Berlin, in einer Gesellschaft, oder besser Genossenschaft, die damals schon
nicht mehr blo aus der Familie des Beaux bestand.
    Das Beste aus dem Vogelsang der Form wie dem Gehalt nach, in der
Dorotheenstrae zu Berlin! Wie in dem Stbchen der Frau Fechtmeisterin die
Trophen des alten seligen Jenenser Lanistra oder, wie Leon ihn in seinen
Chroniken fand, Maistre escrimeur ihr innerlichstes Behagen durch ein leises
Schtteln und Klirren ausdrckten! Wie die Frau Fechtmeisterin manchmal ihren
nrrischsten und liebsten dummen Jungen am Ohr nahm und rief: Jetzt hren Sie
aber auf, Sie junger Schulfuchs! Sind wir die sieben Schwaben an einem Spie,
oder sind wir die vier Haimonskinder auf einem Gaul? Ich wei es wirklich nicht.
Und Sie, Frulein Leonie? Geht es Ihnen auch so wie mir, da Sie nie recht
wissen, was das Menschenkind eigentlich fr Ernst nimmt? Ja, ob er jemals in
seinem Leben schon irgendwas fr Ernst genommen hat? Ich fr mein Teil habe mir
seit lange nicht so oft wie jetzt meinen Seligen hergewnscht, um diesem jungen
Leichtsinn und Phantastikus den richtigen Waffensegen zu geben, da die
Philister ihn uns nicht auf seinem Lebenswege zum Krppel geschlagen im
Chausseegraben liegenlassen. Velten, Velten, nehmen Sie das Wort der
Fechtmeisterin Feucht drauf an, da sie ihrerzeit manche gute Klinge aus mancher
festen Faust hat schlagen sehen. Nicht alles, was auf der Mensur in den Lften
blitzt und leuchtet, sitzt nachher auf die richtige Weise und bringt eine
saubere Abfuhr zuwege. Da mag man doch aufs Tapet bringen, was man will, Herr
Andres: solch ein armer, unschuldiger, pudelnrrischer Draufgnger, mit der
Gabe, den Spie zu rgern, wie Sie ist mir weder in Jena noch hier in Berlin
noch sonst in meinem lieben, langen Leben vorgekommen. Den Herrn Leon frage ich
nicht um seine Meinung; aber was ist Ihre Ansicht, Frulein des Beaux?
    Man kann auch unter den Futritten der Leute auf der Landstrae und in der
Gasse auf Salas y Gomez sterben, sagte Leonie des Beaux leise. Damals ging das
Wort an mir vorber in der lachenden, lustigen Unterhaltung, wie das so
gewhnlich ist, und ich habe mich vielleicht hchstens einen kurzen Augenblick
darber verwundert, wie das Mdchen dazu kam. Heute haftet mein Blick, von
meinem Schreibtisch aus, ber das benachbarte Hausdach hinweg auf einer
bewaldeten Hgelkuppe. Das ist der Osterberg, auf dem wir, da wir noch Kinder
waren, die Sternschnuppen, die Trnen des heiligen Laurentius, fallen sahen und
es versuchten, bei jedem fallenden Funken einen Wunsch zu haben, um ihn in
Erfllung gehen sehen zu knnen.
    Einen Tod auf Salas y Gomez, das heit einen einsamen Tod, aber - nach dem
Wege und Siege des Welteroberers wnschte sich Velten Andres damals.
    Sein Wunsch ist ihm erfllt worden! Er hat die Welt berwunden und ist mit
sich allein gestorben. - - -
    Also, wie gesagt, ich lie ihn in Berlin, bestand zu Hause ehrenvoll, und
wie es mein Vater auch gar nicht anders erwartet hatte, mein erstes juristisches
Examen, wurde der nchsten Behrde, die eine Lcke fr mich aufzuweisen hatte,
als rechtskundiger Katechumene zugeteilt, entsprach den Anforderungen meiner
Vorgesetzten und sah, wie mein Papa, dem zweiten strkern Licht, das heit der
nchsten Prfung, mit nicht ungerechtfertigtem Vertrauen entgegen. Er kam einige
Male in den Ferien zu seiner Mutter heim und - stellte dem Vogelsang sowie der
Residenz seinen Freund, Herrn Leon des Beaux, vor, indem er ihm sein Bett in
seinem Schlerstbchen unterm schrgen Dache der Frau Doktorin abtrat, selber
auf dem Sofa kampierte und (auch durch mich) in der Hauptstadt verbreitete: den
Titel Vicomte habe die Familie im Laufe der Jahrhunderte einschlafen lassen,
aber die franzsische Republik erkenne ihn heute noch an, und der schchterne
junge Mensch habe fr jeden, der ihn zu nehmen wisse, einen unbegrenzten Kredit
bei seinem Herrn Vater in der Tasche.
    Das geht ja noch ber Schlappe! seufzten unsere Zeitgenossen in der
Heimat, fgten jedoch beruhigt hinzu: Na, er wird wohl wieder nichts damit
anzufangen wissen und seine guten Karten nicht aus Dummheit, sondern purer
Suffisance abermals aus der Hand geben.
    Was haben Sie den Herrschaften hier eigentlich ber mich aufgebunden?
fragte wohl (und hatte das Recht dazu) der Sohn und Erbe des jetzt
wohlhabendsten und berhmtesten Schneidermeisters von Berlin an der Spree, in
gewohnter schchterner Verlegenheit die Hnde aneinander reibend. Die Leute
sind doch ganz gewi nicht meinetwegen so liebenswrdig gegen mich an diesem
entzckenden Orte.
    Blo Ihretwegen, Leon! Ich habe nur beilufig fallenlassen, da Sie mein
guter Freund sind und da mir Ihr Herr Vater sein Haus und einen Crdit
illimit, das heit Riesenpump, bei sich erffnet habe. Krumhardt kann das
bezeugen und unsere Alte da auch, Monsieur le vicomte.
    Jaja! lachte die Frau Doktorin Andres. Beruhigen Sie sich aber nur, mein
lieber Freund; solchen schlimmen Ruf unter den Leuten knnen Sie sich schon
gefallen lassen. Es ist noch nicht die schlimmste Art, um verlegen zu werden,
wenn einem die Leute in den Gassen nachgucken.
    Monstrari digito, entfuhr mir selbstverstndlich, und ebenso
selbstverstndlich fuhr Velten Andres fort im Zitat:
    Et dicier Hic est!, fgte aber natrlich hinzu, und zwar grinsend:
Herrje, er wei auch hierfr ein Zitat! Leon, wnschen Sie heute nachmittag im
Kasinokonzert den vornehmen Fremden zur Darstellung zu bringen, oder legen Sie
sich lieber mit mir in den Wald am Schluderkopfe und wehren mir die Fliegen ab?
    Aber Velten?! murmelte selbst die Nachbarin Andres; doch ihr Sprling
meinte:
    Ich arbeite ja dabei an seiner Bildung, Mama. Na, wie ist's, Leon? Und wie
ist's mit dir, Auskultatore oder zu deutsch: Aufmerker, auch, nach Heyses
Fremdwrterbuch, Sitzungszuhrer?
    Auch ich verzichtete auf das Gartenkonzert der bessern oder besten
Gesellschaft des Stdtleins, und so durchstreiften wir die Wlder auf den Hgeln
auch diesmal wieder wie in unserer Knabenzeit, und unsere Kameradin, Helene
Trotzendorff, ging wieder mit uns. Velten hatte wieder einen Brief von ihr in
der Tasche, ber den er mit seiner Mutter schon manches gesprochen hatte und von
dem er nunmehr auf dem Schluderkopfe auch uns genauere Mitteilung machte. -
    Wir hatten heute alle unsere Kindermrchenwinkel in unserm frhern
Zauberreich wieder aufgesucht, der Freund und ich, und uns vor dem hohen Gast
aus der Reichshauptstadt nicht im mindesten geniert. Vor wem hatte sich
brigens Velten Andres auch je in irgendeiner Weise geniert?
    Er hatte uns gefhrt. Von Busch zu Baum, vom Fels zum Weiher, durch den
ganzen Zauberwald mit einem fortwhrenden Weit du noch, Karlchen, hier?
Erinnerst du dich noch, Krumhardt, da? bis auf den Schluderkopf zu einem kurios
verstelten, hohen Eichbaum, an dem freilich fr die drei Nachbarkinder aus dem
Vogelsang ein wirkliches Abenteuer hing -
    Hier hatte sie sich einmal verklettert, und ihm war es nicht mglich
gewesen, sie aus den Lften und schwankenden Zweigen wieder herunterzuholen und
ihr zu festem Boden unter den Fen zu verhelfen: ich hatte in die Stadt
hinunter nach Beistand laufen und den Nachbar Hartleben mit seinen Leuten und
mit Stricken und Leitern zu Hlfe rufen mssen.

Die Sonne war schon im Untergehen; sie leuchtete aber auf dieser Hhe noch durch
den Buschwald, und die Wipfel glhten in ihrem Schein. Wir zwei aus dem
Vogelsang lagen in dem hohen Grase, Leon des Beaux sa auf einem Baumstumpf,
hatte auf den Knien die feinen Aristokratenhnde zusammengelegt, blickte zum
Zenit und trumerisch in die Runde, sah auf den Freund und seufzte: Oh, Herr -
wenn ich es doch nur sagen knnte, wie mir zumute ist. Welch ein wundervoller
Tag das wieder war -
    Fr einen Menschen, der mit Stangen im Land der Goldorangen und Zitronen,
im Orient und am Nordkap war, aus Albi stammt, den Groen Kurfrsten in
Germanien zum Paten hat, den geschmackvollsten und nahrhaftesten Schneider von
Berlin zum Papa, sich Leon des Beaux nennt und als Kniglich Preuischer
Kommerzienrat dermaleinst einen wirklichen Knstler mit der Schpfung seines
Grabdenkmals beauftragen wird! Leon, das Wundervollste ist doch noch fr Sie
zurck und kommt jetzt erst. Der Abend ist freilich schn genug dazu.
    Er, Velten Andres, sprach das so mrrisch, so verbissen-giftig, da ich mich
auf dem Ellbogen emporstemmte, um ihn besser betrachten zu knnen, und Leon ihn
fast ngstlich anstarrte.
    Er, im Grase liegend, die Hnde unterm Kopf, zog die bei der Rettung meines
Schwagers Schlappe halbgelhmte drunter hervor, wies in die Hhe.
    Der Ast da oben war es, Karlos! Da hatte sie sich verklettert, hing,
klammerte sich an und kreischte. Ich schlafe ziemlich traumlos, aber meine
Blamage von dem Tage kommt mir doch dann und wann immer noch, nachts im Schlafe.
Das war der meinige - mein Ast, meine ich! Was durch Nachklettern und
naturhistorisch als Wickelaffe zu leisten war, glaube ich mglich gemacht zu
haben. Meine erste wirklich verlorene Lebensschlacht, des Beaux! Den Krumhardt
da hre ich noch zetern, ehe ihm der einzig richtige Philistergedanke kam und er
zu Tal strzte, den Nachbar Hartleben herauf- und uns herunterzuholen. Wit ihr,
Kinder, so ist der Mensch: diesen Baum, und was dran hing und hngt, werde ich
bei keiner Lebens-Haupt- und Staatsaktion mehr los: es ist das erstemal gewesen,
da ich des Menschen Unzulnglichkeit auf dieser Erde auch an mir in die
Erfahrung gebracht habe. Kein geschlagener Held, kein verblffter Philosoph hat
mich auf seinem Schlachtfelde oder in seinem System seit dem Nachmittag was
Neues zu lehren. Es ist nichts mit dem Heroentum in dieser Werkeltagswelt, Leon,
und deshalb bin ich seit heute morgen fest entschlossen, Helm und Harnisch an
den Nagel zu hngen, jeglichen Federbusch als Staubwedel zu vergehen und vor
allem das gelahrte Dintenfa in den Gossenstein zu gieen, den Plato und den
Aristoteles zuzuklappen und Schneider zu werden! Meine Alte billigt meinen
Entschlu: an Ihren Papa habe ich bereits geschrieben, des Beaux. Was fllt euch
an? Entzckung oder Schmerzen?
    Wir standen aufrecht auf den Beinen, Leon und ich, und stierten auf ihn
herunter.
    Bist du nicht bei Troste, Velten?
    Wie gewhnlich! Sonst aber nur ein neuer Unsinn von dem Schlingel! wrde
der Vogelsang sagen, lachte der wirkliche Heros des Vogelsangs, sich nur noch
etwas behaglicher unter der Eiche, in der sich einst Frulein Helene
Trotzendorff verklettert hatte, zurechtlegend. Ja, so ist es, meine Herren! So
halten wir uns fr frei und werden an Ketten gefhrt. Und die eisernen sind
nicht die unzerreibarsten: jeder im Spinnweb zappelnde Brummer kann darber
nachsagen. Sie und Ihre liebe Schwester, Leon, ebenfalls, aber gottlob mit
frommseligen, nrrischen Traumaugen - ich bitte Sie, des Beaux, sehen Sie nicht
so dumm aus: es verhlt sich so! Es ist wahrlich keine kleine Vergnstigung der
Gtter, wie ihr guten Kinder im blauen Himmel der Provence an euren Goldfden
ber der Mark Brandenburg und der Stadt Berlin schwingen zu drfen! ...
Krumhardt, dein Protokollfhrergesicht ist mir niemals so sympathisch gewesen
wie in diesem Augenblick! Wenn du dereinst deinen Kindern von deinem
Jugendfreunde erzhlst, so vergi nicht, mit melancholischem Kopfschtteln zu
seiner Entschuldigung anzufhren: Der arme Tropf konnte nichts dafr; das Mdel
hatte ihm eben eines ihrer Goldhaare durch die Nase gezogen und zog ihn daran
sich nach: - so wurde er zum Schneider und ging fr die Wissenschaft verloren
drben in der Atlantis. Der Baum steht nicht umsonst da, und ich liege nicht
ohne Grund hier unter ihm. Drunten im Vogelsang sitzt meine Alte vor ihrer
Korrespondenz mit Amerika, und hier in der Tasche trage ich den letzten Brief
Miss Ellens aus Saratoga: das Mdchen verklettert sich noch einmal, und ich mu
ihr wiederum nach; es ist keine Hlfe und Abwehr dagegen!
    Auch er stand jetzt auf den Fen. Ich hatte ihn nie so schn, stolz und
grimmig gesehen. Er hob wie drohend die gesunde rechte Faust zu dem
schicksalvollen Gest ber uns auf, zu der luftigen Hhe, in der sie voreinst
gehangen hatten, die zwei Kinder aus dem Vogelsang, sie in zitternder,
wimmernder Todesangst und er im ohnmchtigen, vergeblichen Ringen mit der
Unmglichkeit, Hlfe zu schaffen.
    Willst du uns den Brief nicht lesen lassen oder vorlesen, Velten?
    Er holte ihn zgernd aus der Tasche, hielt ihn mir hin und zog ihn rasch
zurck.
    Nein! Man mu zuviel zwischen den Zeilen lesen. Was knnt ihr davon wissen?
Du gar nichts, Karl: - vielleicht noch eher etwas der Trumer Leon da. Es ist
eben Unsinn; - schade, da wir nicht Ihr Frulein Schwester hier mit uns haben,
des Beaux. Die wrde freilich mit ihren lieben, treuen, klugen Augen am klarsten
sehen. Meine Mutter meint, das Kind sei fr uns verloren, der Aff' habe sich
schon zu hoch fr den Vogelsang verstiegen und Mr. Charles Trotzendorff sein
Recht an ihm mit Zinsen genommen. Mglich! Aber was hilft ihre berzeugung mir?
Ich hre das arme Ding zwischen seinen lachenden Zeilen kreischen und meinen
Namen rufen wie damals dort oben auf dem Ast. Wie damals mu ich ihr nach! Aber
diesmal wirst du nicht zum Nachbar Hartleben um Stricke und Leitern
herunterlaufen drfen, alter Junge. Ich hole sie mir aus ihrer Verkletterung
diesmal ohne fremde Hlfe. Niemals habe ich in meinem Leben etwas so sicher
gewut wie das! Jawohl, wenn Ihre Schwester, wenn Leonie hier wre, die wrde
mit den rechten, mit meinen Augen zwischen den Zeilen des albernen Geschmiers
lesen und mir den rechten Waffensegen geben. A la rescousse, mon preux
chevalier! Und somit bleibt es dabei: ich werde dem fernen Westen nicht blo als
deutscher Doktor der Weltweisheit, sondern auch als internationaler Reisender in
Herrenkonfektion imponieren. Fr ein halbes Jahr mssen Sie mir schon Ihren
Kontorstuhl im Geschft Ihres Herrn Vaters berlassen, Messire Leon des Beaux.
Bei der Frau Fechtmeisterin Feucht reden wir demnchst noch des weiteren
hierber. Jetzt aber sage ich dir, Krumhardt, sieh du nicht so dumm aus!
    Drunten im Tal sagte seine Mutter zu mir:
    Der arme Junge! Er hat dir erzhlt, was er jetzt vorhat, Karl, und es nutzt
nichts, ihm dagegen mit tausend Grnden zu kommen. Und ich lasse mich leider
Gottes nur zu gern mit meinem Besserwissen beiseite schieben. Da liegt der
Briefwechsel, den ich mit meinem armen Kinde gefhrt habe, die Jahre durch: es
ist die gewhnliche tragische Posse. Die Welt der Gewhnlichkeit, der Gemeinheit
gewinnt es uns wieder ab, die Firma Trotzendorff behlt ihr Recht; aber der
Geist Gottes schwebt zu allen Zeiten ber den Wassern und bezeugt sein Recht auf
jede Weise, auch die wunderlichste. Auch die Illusion gehrt eben zu seinen
Mitteln, die Erde grn zu machen und schn zu erhalten, und dein nrrischer
Schulgeno lt nicht von seinen Illusionen, lieber Karl. Er kann das Mdchen
noch nicht aufgehen, und er sagt die Wahrheit, wenn er meint, da auch sie noch
immer nur auf ihn wartet und nach ihm um Hlfe aussieht. Mchte ich das ndern,
wenn ich's knnte? Nein, nein! Ganz gewi nicht! Auch ich halte ja, Gott sei
Dank, meine Illusionen noch immer fest, wenn auch nicht mit seinem lachenden
Herzen. Sie ist ja auch in eurer Kinderzeit zu meinem Kinde geworden, und ich
wei, was sie wert ist und unter allen Umstnden - ja allen - wert bleiben wird.
Auch wenn sie ihm verlorengeht. Wenn er fern sein wird, habe ich Zeit, mir das,
nicht blo in schlaflosen, sorgenvollen Nchten, sondern auch da, an meinem
Fensterchen im Sonnenschein, zurechtzulegen. Dein guter, treuer Vater, lieber
Krumhardt, sitzt hier jetzt hufiger als sonst bei mir und erzieht noch wie
sonst an mir und meinen Kindern; jetzt meint er, mein Junge habe nun den ersten
praktischen Einfall in seinem Leben gehabt. Soll da unsereine trotz ihrer Sorgen
und ngste nicht lachen? Euer netter, reicher junger Freund aus Berlin, mein
lieber Freund, euer Herr Leon, hat uns auch in dieser Hinsicht einen groen
Dienst erwiesen. Er hat ihn, ich meine deinen guten Papa, wenigstens zu einem
kleinen Teil mit der Unzurechnungsfhigkeit meines Velten ausgeshnt. Ach Gott,
von welchen Mchten werden wir doch beherrscht und hin und her gezogen? - Ich
htte den Burschen nie fr so praktisch gehalten, und es soll mich schon freuen,
Frau Nachbarin, wenn ich mich wenigstens zur Hlfte geirrt habe, sagt er, dein
Herr Vater, seit er in Erfahrung gebracht hat, da auch groe, wirkliche
Geschftsmnner etwas von ihm halten und ihn gern auf seinen nrrischen Wegen
frdern. Sieh, Kind, ich rede ja nur so offen und frei mit dir, weil du von uns
allen hier im Vogelsang der einzige wirklich Verstndige bist und mit deinem
Herzen und Gemte doch auch zu mir und Helene und deinem Freunde gehrst - weil
du zu meinen Vogelsangkindern gehrst! Also nimm dir aus dem Unsinn, den ich
schwatze, heraus, was du dermaleinst vielleicht brauchen kannst, um uns unser
hiesiges Recht, wenn nicht vor der weiten Welt, so doch vor dir selber
angedeihen zu lassen. Denn sieh, eben weil ich nicht an das Glck meines Velten
im Sinne der Welt glaube, so mchte ich grade deshalb, als seine arme,
angstvolle Mutter, einen haben, der in der richtigen Weise, wenn keinem anderen,
so doch sich selber von uns mit vollem Verstndnis erzhlte und sich all unser
Schicksal zurechtlegte.

Es ist kein greres Wunder, als wenn der Mensch sich ber sich selbst
verwundert.
    Wie habe ich dieses Manuskript begonnen, in der festen Meinung, von einer
Erinnerung zur andern, wie aus dem Terminkalender heraus, nchtern, wahr und
ehrlich farblos es fortzusetzen und es zu einem mehr oder weniger
verstndig-logischen Abschlu zu bringen! Und was ist nun daraus geworden, was
wird durch Tag und Nacht, wie ich die Feder von neuem wieder aufnehme, weiterhin
daraus werden? Wie hat dies alles mich aus mir selber herausgehoben, mich mit
sich fortgenommen und mich aus meinem Lebenskreise in die Welt des toten
Freundes hineingestellt, nein, - geworfen! Ich fhle seine feste Hand auf meiner
Schulter, und sein weltberwindend Lachen klingt mir fortwhrend im Ohr. Ach,
knnte ich das nur auch zu Papiere bringen, wie es sich gehrte; aber das vermag
ich eben nicht, und so wird mir die selbstauferlegte Last oft zu einer sehr
peinlichen, und alles, was ich ber den Fall Velten Andres tatschlich in den
Akten habe und durch Dokumente oder Zeugen beweisen kann, reicht nicht ber die
Unzulnglichkeit weg, sowohl der Form wie auch der Farbe nach.
    Als ich als Assessor an unserem heimatlichen Stadtgericht ihn wieder in
Berlin aufsuchte, hatte er sein Lebensmrchen ferner wieder richtig wahr gemacht
und sa ber den Geschftsbchern des Vaters des Beaux als der merkwrdigste
Volontr, der mir jemals vor Augen und ins Kontor gekommen ist, wie der alte
liebenswrdige Herr meinte.
    Sie glauben es aber nicht, Herr Assessor, fgte er hinzu, wie mein Sohn
an ihm hngt, aber noch weniger, da meine Tochter, meine Leonie, es gewesen
ist, die fr alle meine Bedenklichkeiten das Gegenwort hatte und stets
behauptete: was der junge Herr vorhabe, sei keine Torheit, Schnurre und Grille,
sondern er wisse wohl, was er wolle, und sie wrde an seiner Stelle ganz gewi
ganz dasselbige wollen. Er will es nmlich versuchen, in den Vereinigten Staaten
sein Glck zu machen, und da hat er ja auch wohl recht. Mit unserm deutschen
Doktor der Philosophie wrde es da drben in dieser Hinsicht wohl etwas langsam
gehen. Dergleichen geistigen berflu schickt ihnen das alte Vaterland schon
etwas sehr reichlich hinber, und so ein alter deutscher Schneidermeister hat
vielleicht auch seine Verbindungen in der Neuen Welt und kann einem armen,
strebsamen Teufel mglicherweise eher zu einem auskmmlichen Unterkommen
verhelfen. Als von einem armen Teufel darf ich freilich meinen Kindern nicht von
Ihrem Herrn Freunde sprechen, Herr Assessor; also, bitte, erwhnen Sie von
diesem meinem Ausdruck nichts gegen sie. Wir sind eben eine wunderliche
Gesellschaft in diesem Hause, das Hinterhaus eingeschlossen. Manchmal denke ich,
die einzige Vernnftige von uns allen sitzt da hinten hinaus, nmlich diese Frau
Fechtmeisterin, Na, schlgt die aber auch die Hnde ber unsern Doktor zusammen!
Sie habe doch in Jena und sonst auf ihren Universitten manchen kuriosen
Gesellen kennengelernt, aber so einen verrckten wie Ihren Freund Andres noch
nicht, meint sie. Das einzige Glck ist, da sie sich doch nicht ausnimmt, wenn
sie von der Kolonie - der Narrenkolonie redet, die sich hier in der
Dorotheenstrae zusammengefunden habe. Die einzige brigens, die mir bei der
Geschichte wirkliche Sorge macht, Herr Assessor, das ist meine Leonie. Mein
Junge findet sich schon noch zurecht im praktischen Leben, denn auch dazu haben
wir von der Kolonie, diesmal meine ich unsere franzsische, die Anlage unserm
Kurfrsten seinerzeit mitgebracht und zur Verfgung gestellt. Wird er nicht
Kommerzienrat, so wird er doch Kommissionsrat, oder das Geschft macht ihn dazu,
ob er will oder nicht. Aber das Mdchen - was von eu- unserm deutschen Blut in
das im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte hereingekommen ist, das entzieht sich
vollstndig meiner Berechnung. Meinen armen Leon verstehe ich zur Not noch
ziemlich genau aus mir selber; aber meine Leonie - lieber Herr Assessor, ich
wollte viel drum geben, wenn ich sagen drfte, da ich auch ihren Sprngen
folgen knnte. Hiee sie nicht noch wie wir anderen des Beaux, so merkte es der
doch keiner von uns kniglich preuischen Staatsbrgern mehr an, da sie auch
eurer sogenannten Tanzmeisternation entsprungen sei. Ich habe ja gegen den
Verkehr mit dem Hinterhause nicht das geringste einzuwenden; aber etwas zuviel
ist's mir doch, da sie nur bei der Frau Fechtmeisterin zu finden ist, wenn man
nach ihr fragt und sucht. Ich nenne sie oft nur la Belle au bois dormant, wenn
ich wieder einen von meinen Jungen oder Leuten habe hinschicken mssen, um sie
in das gewhnliche Leben heimzuholen. - -
    Da war wieder der lrmvolle Hof, auf dem die vornehmsten Rosse der groen
Hauptstadt dem berhmtesten Hufarzt und seinen Gehlfen in die Kur gegeben
wurden. Da war wieder der dunkle Eingang und die steile, enge Treppe, die zu der
Frau Fechtmeisterin Feucht und ihrer wechselnden studentischen Mieterschar
hinauffhrte. Die Trglocke hatte noch denselben schrillen Klang wie frher, und
was die Tr ffnete, war noch dasselbige ritterliche Zwergenweiblein wie frher,
und wer sich am wenigsten verndert hatte, das war die Frau Fechtmeisterin
Feucht, und wie immer mit dem Strickzeug in den Hnden und dem dazugehrigen
Garnknul unterm linken Arm: wohin kommen alle die Strmpfe, die solche liebe,
auf dem Altenteil und ihren Erinnerungen sitzende alte Damen stricken? Von
denen, die aus den Hnden der Frau Fechtmeisterin hervorgingen, htte es manch
ein akademischer Brger der Friedrich-Wilhelms-Universitt zu Berlin durch manch
ein Semester statistisch ganz genau nachweisen knnen. -
    Sie erkannte mich nicht gleich. Es lagen ja zwei Staatsexamina zwischen
unserm letzten Zusammensein und dem heutigen Besuch.
    Sie? rief sie dann. Also endlich? Wenn ich nach einem Menschen auf Erden
ausgesehen habe, so sind Sie das.
    Und mir die Tr ihres Stbchens ffnend, schob sie mich hinein.
    Da haben wir den zweiten aus dem Vogelsang, Leonie. Jetzt aber auf die
Mensur mit mir, Assessor Krumhardt! Sehen Sie wohl, da Ihnen die Schmarre ber
der Nase daheim bei Ihren Leuten am grnen Tisch nichts geschadet hat! Und der
andere Tresenhpfer und Ellenreiter drunten bei des Beaux Sohn und Nachfolger!
Sie kennen doch Frulein Leonie des Beaux noch, Herr Kommilitone?
    Oh, wohl kannte ich sie noch! Das liebe Mdchen erhob sich wie sonst aus
ihrem Sessel, der absonderlichen, greisen Freundin gegenber, sie schien mir
noch ruhig-schner, stattlich-vornehmer geworden zu sein und lchelte.
    So leicht vergit man doch wohl seine guten Freunde nicht, Mama Feucht!
Vorzglich wenn man aus dem Vogelsang -
    Nach Berlin kommt und endlich einmal wieder die weieste Hand aus dem Roman
von der Rose kssen mchte.
    Sie reichte sie mir lchelnd, aber nicht zum Ku, und sagte: Hier, Herr
Assessor, wie sonst aus der Schneiderwerkstatt und dem Herzen der Romantik
heraus; seien Sie uns willkommen, da mit der alten Treue unser altes, nrrisches
Spielzeug doch auch sein Recht bei Ihnen behalten hat, Messire Charles du
Pr-aux-Clercs.
    Von der Schreiberwiese! rief ich, die feine Ironie wohl verstehend.
Jawohl, jawohl, gndiges Frulein! Und der Chevalier sans peur et sans reproche
da unten im Vorderhause hinter den Geschftsbchern des Herrn Kastellans sitzt
heute besser zu Ro auf seinem Dreibein, mit der Feder hinterm Ohr, als je ein
Rittersmann, der in Stahl und Eisen auszog fr das Trecrestien, franc royaume de
France; und die Frau Fechtmeisterin Feucht ist schon abgef- geschlagen, noch ehe
sie sich recht ausgelegt hat fr ihr Rittertum von der Saale.
    Wenn ein junger Mensch zuerst doch nach Jena gehrte und vom Hausberge und
dem Fuchsturm in die Welt htte hineinsehen mssen, so war das doch mein Herr
Velten, seufzte, zugleich verdrossen und betrbt, die Frau Fechtmeisterin. Oh,
dies Berlin! Wie kann ein deutscher Student mit Berlin sein Dasein anfangen und
in Berlin hngenbleiben? Und noch dazu ein Kind mit solchen Naturgaben wie
dieses, das meinen Seligen zu Rhrungstrnen gebracht haben wrde - trotz seiner
lahmen Linken der beste Schlger, den sie jetzt hier haben, und - verkriecht
sich nun hinter einem Kontortisch! Der Kalk fllt mir darber von den Wnden.
    Da hat die Frau Fechtmeisterin recht, lchelte Leonie. Die Wnde drben
in Ihres Herrn Freundes Stube erzhlen freilich mit Jammer von den Triumphen,
die dort die hohe Kunst gefeiert hat! Und versuchen Sie sich nur mit meinem
Bruder, Herr Assessor. Die Welt kehrt sich freilich gnzlich um: der Schneider
geht auf die Mensur, und Germaniens Heldenjugend, wenn nicht auf den
Schneidertisch, so doch in die doppelte Buchfhrung und -
    Eben hatte sich drauen in der Vorsaaltr ein Schlssel gedreht, und ein
Schritt erklang im Gange. Die junge Dame, errtend und wie erschreckt, brach ab
in ihrer Rede.

Baissez-vous, montagnes,
Haussez-vous, vallons!
M'empchez de voir
Ma mi' Madelon,

klang es drauen aus einem franzsischen Volksliede, das uns vordem Leonie des
Beaux in ihrem Salon im Vorderhause dann und wann zum Flgel gesungen hatte.
    Da haben wir ja die Tafelrunde aus den Contes de ma mre l'Oye wieder
einmal beinahe vollstndig beisammen, rief Velten Andres; und ich sehe ihn
wieder vor mir in seiner Pracht, wie man sich in der Jugend den Lord Byron und
im Alter den jungen Goethe vorstellt. Mit dem treuen, lachenden, siegessichern
Auge und dazu dem Schelmenzug um den Mund - den Liebling der Gtter und des
Vogelsangs, den Weltberwinder von Leichtsinns Gnaden. Ich habe ihn nie so
wieder gesehen wie jetzt unter den Trophen der Frau Fechtmeisterin Feucht, wo
er uns nunmehr wie ein Kind von seinen Plnen fr die nchste Zukunft sprach,
als von dem Selbstverstndlichsten, was auf dieser Erde von jedermann
vorgenommen werden knne.
    Er schob es alles aus dem Wege, was ich einzuwenden hatte; - die alte
ritterliche Frau und Leonie hatten keine Waffen gegen ihn: das schne Mdchen
brigens auch keine anderen als ihre melancholisch-scheuen, ihre groen,
sehnschtigen Augen, die ihre liebe Gewalt nur hinter seinem Rcken kundgeben
konnten und von deren ihm gehrenden Wunderreichtum er nichts wute.
    Wir waren sehr heiter an dem Morgen, vorzglich als auch Leon, der um
diese Lebensstunde zu der elegantesten Tiergartenritterschaft der jungen
Weltstadt gehrte, in Stiefeln und Sporen dazukam.
    Als ich vorhin von Ihrem dreibeinigen Ro hinter Ihrem Pult mich
herabschwang, lieber Freund, habe ich doch auch eine Genugtuung gehabt, sagte
Velten. Ihr Papa hat mich auf die Schulter geklopft und gemeint: Sehen Sie,
cher ami, nicht blo Ihre Herren Professoren knnen Vorlesungen halten und
Examina anstellen und Diplome verleihen, auf welche hin selbst so 'n Belletriste
wie Sie sich durch die Welt schlagen und es in ihr zu etwas bringen kann. Meinem
eigenen Jungen sind Sie wahrhaftig schon um mehrere Nasenlngen vor im
Weltverstndnis. In einem halben Jahre schicke ich Sie dahin, wohin ich ihn
befrdern wollte, offen gestanden, Herr Andres, um ihn Ihren beln Einwirkungen
zu entziehen. In tailor made suits drben berm Ozean Ihr deutsches Gemt zur
Sache hinzugetan, und Sie knnen dreist dort den Laden aufmachen, wie hier am
Ort mein Gropapa, Monsieur Raymond Guy des Beaux, dessen Papa, wie wir in
unserm Familienarchiv haben, dem Alten Fritz nach Kunersdorf auf den Ruinen von
Kstrin in Chorrock und Beffchen franzsisch predigen und ihn trsten durfte.
    Wie schade, wie schade war es, da er auch jetzt von den Augen, die ihn aus
dem Verborgenen auf allen Wegen und bei allen Worten begleiteten, nichts wissen
sollte, nach dem Willen des Geschicks! ...

Wir haben, seit ich angefangen habe, diese Akten des Vogelsangs zu
kollationieren, das bekommen, was man einen schnen Winter nennt -
erfrischenden, jahreszeitgemen Frost, wenig Heulstrme, aber viel Schnee.
    Auch in der Nacht, in der ich jetzt weiterschreibe, schneit es wieder.
Unaufhrlich rieselt seit dem Nachmittag das weie Gewirbel nieder und macht die
Erde still, glatt und rein. Wenn ich ans Fenster trete und nach der nchsten
Gaslaterne hinbersehe, kann ich mich nur schwer von dem schnen Schauspiel
losreien: von allen Naturerscheinungen bringt der Schneefall (vom warmen Zimmer
aus gesehen) die behaglichsten Bilder und Traumminuten mit sich. Der Schnee
wrmt. Ich kenne Leute, egoistische Zrtlinge, die es sich behaglich vorstellen,
von ihm zugedeckt als haus- und heimatloser, hungriger Wanderer auf der
Landstrae mde einzuschlafen und sich aus der ungemtlichen, bitteren
Wirklichkeit sanft hinauszutrumen:

Erhebt euch, ihr Tler,
Sinkt nieder, ihr Hhn;
Ihr hindert mich ja,
Meine Liebste zu sehn; -

wie kommt es nur, da mir das alte welsche Lied, schn wie irgendein deutsches -
den ganzen Abend durch nicht aus dem Sinn will? Da ich es immer von neuem
summen mu, whrend der Schnee fllt, die Tler ausfllt und die Berge
niederdrckt, indem er sich wei, farblos auf sie legt?!
    Es ist nun schon lange Jahre her, seit uns Leonie des Beaux das Lied in der
Dorotheenstrae zu Berlin zum erstenmal sang. Die hohen Berge, die tiefen Tler,
die weiten Meere der Erde haben es nicht verhindert, da Velten Andres und
Helene Trotzendorff wieder zusammenkamen; sie sind auch nicht schuld daran
gewesen, da sie sich nicht wiederfanden fr das Erdenleben.
    Der Jugendfreund aus dem Vogelsang hat sein Wort gehalten, da er von dem
Mdchen nicht lassen werde, da er ihr nachsteigen werde, wohin sie sich auch
verklettert haben mge, da er aber freilich jetzt nicht mehr den Freund aus dem
Nachbarhause zu Tal laufen lassen werde, um den Vogelsang zu Hlfe heraufzurufen
auf den Schluderkopf.
    Er war vor dem Beginn seiner Weltfahrten nur noch einmal zu Hause, um
Abschied von seiner Mutter und uns zu nehmen. Ich ging damals auch schon auf
Freiersfen, und da wei man ja, wie das dann geht mit dem verliebten jungen
Menschen und seinen Gefhlen fr seine liebsten und treuesten Schulbankgenossen.
Ihre Sorgen und Hoffnungen, Leiden und Freuden sind wahrlich um solche
Lebensstunde nicht mehr die unserigen. Mit einem Na, denn mach's gut, Alter!
ist der Abschied, auch unter den besten Freunden, an einer Straenecke, am
Bahnhof oder auf einem Hafenkai rasch abgetan. Es ist eine Seltenheit (immer
unter besagten Umstnden!) -, da einem von beiden, dem Orest oder dem Pylades,
dem Kastor oder dem Pollux, dem David oder dem Jonathan, die Zigarre der Rhrung
wegen ausgeht, und ist es ausnahmsweise mal der Fall, so ist der Bewegteste, und
das ist fast immer der Zurckbleibende, imstande, den Scheidenden noch um Feuer
zu bitten. -
    Es war diesmal nicht mehr die ganze Nachbarschaft, welche diesem Scheidenden
nach dem Bahnhof das Geleit gegeben hatte. Meine greisen Eltern fhlten,
kopfschttelnd, nicht mehr die Verpflichtung dazu. Es ist doch zu sehr eine
Narrenfahrt, und ich bezweifle, da ich sowohl dem Jungen wie der Alten das fr
die Gelegenheit gewnschte Gesicht ziehen kann, hatte mein Vater gesagt; und
meine Mutter hatte gemeint: Ich glaube auch nicht, da Amalie dieser
Aufmerksamkeit und Anteilnahme von unserer Seite bedarf. Hat sie sich jemals im
Guten und im Bsen das geringste von uns sagen lassen? Sie haben eben beide
immer ihren eigenen Kopf.
    Was bedeuteten diese Bltter, wenn ich nicht wahr auf ihnen wre? Im
tiefsten Grunde war ich vollstndig der Meinung meiner Eltern - solange sie das
Wort hatten und Vernunft sprachen, und verfiel ebenso grndlich immer von neuem
schon der wortlosen berredungskraft der zwei anderen aus der nchsten
Nachbarschaft. Es gengte schon vollstndig, da Velten mich lachend auf die
Schulter schlug und seine Mutter dabei mir zunickte. Eindringlicher war's
natrlich, wenn die weise alte Frau noch hinzufgte:
    Hre ja nicht auf den Narren, Freund Karl. Bleibe du ruhig auf deinem Wege
und halte die Welt aufrecht: nicht blo hier im Vogelsang, sondern auch fr den
Vogelsang!
    So war es auch bei dem diesmaligen Abschiednehmen auf dem Bahnhofe. Der
Lebensmut und die Siegesgewiheit des scheidenden Freundes berwltigten das
nchterne Besserwissen, das ich noch mit dorthin genommen hatte, vllig. Und als
mir Velten noch sagte:
    Ich verlasse mich fest darauf, da du wie gewhnlich meine Stelle bei der
Alten vertrittst und dich ihrer gegebenenfalls nach Krften annimmst - konnte
ich mich nur fragen:
    Ja, wird das mglich sein und je ntig werden knnen?
    Ich versprach es aber, wahrhaftig mit feuchten Augen und stockendem Herzen -
mit dem besten Willen, seinen Platz am Herde meines Nachbarhauses festzuhalten
und die alte Frau nicht einsam dort sitzen zu lassen, whrend er seine Siege
in der Welt erfocht. -
    Wir sahen ihn abfahren, wie damals Helene Trotzendorff. Es war eben ein
anderer Zug, ein Vergngungszug, angelangt, und ein Gewhl aufgeregten und dem
Anschein nach sehr vergngten Volkes, das unserer Stadt und ihrer hbschen
landschaftlichen Umgebung seinen Besuch zugedacht hatte, quoll uns daraus
entgegen. Der Morgen war schn, die Sonne schien, ein frhlicher Schenktisch war
von einem sorglichen Komitee errichtet worden: die fremden Liedergenossen oder
Sangesbrder kamen nicht nur mit ihrem musikalischen Hoch, sondern auch mit viel
Durst bei uns an, und eine einheimische Blechmusikbande brach mit schmetterndem
Hall zum Willkomm los: die Stadt und Residenz hatte sich sehr vergrert und
verschnert seit dem Tage, an welchem Mr. Charles Trotzendorff sein Weib und
sein Kind aus ihr weg und zu sich holte, und der jetzige Bahnhof, von welchem
ich nun die Frau Nachbarin, die Mutter des Freundes, nach Hause fhrte, stand
damals auch erst auf dem Papier und lag noch auf den Tischen der Frstlichen
Landesbaudirektion. -
    Die Frau Doktorin hatte ihren Arm in den meinigen gelegt, und sie, die bis
in ihr hchstes Alter hinein einen leichten, schwebenden Schritt gehabt hat,
bedurfte auf diesem Heimwege doch einer Sttze; ich wiederholte mir im Innersten
das Versprechen, welches ich dem Freunde gegeben hatte.
    Als wir das Getmmel hinter uns hatten, sah sie sich wie erschreckt um, wie
man sich umsieht, wenn man etwas sehr Wichtiges hinter sich vergessen oder etwas
sehr Wertvolles verloren zu haben glaubt. Dann aber fate sie meinen Arm mit
beiden Hnden, indem sie stehenblieb, zu mir glanzvoll aufsah und rief:
    Und das mut du doch selber sagen, bester Karl, da ihr alle bis jetzt ihm
gegenber doch immer unrecht behalten habt! O bitte, sprich mir nicht dagegen!
Ich habe meine Lust an ihm, meinen Glauben an ihn, meine Hoffnung auf ihn von
jetzt an freilich ntiger denn je. O ihr alle, alle! Wir sind so gute Nachbarn
gewesen unser ganzes Leben lang - lat es uns bleiben wir sind ja nur noch so
wenige beisammen! Sieh, das ist nun mein dummer phantastischer Kopf: jetzt ist
es doch wieder ganz anders mit der Welt in Licht und Farbe, als wie es noch vor
fnf Minuten war! Da sah ich ihm noch in die Augen und mit seinem Sieg ber die
Welt auch den meinigen drin. Diese entsetzliche Blechmusik da hinter uns! ...
Wie die Leute doch so vergngt sein knnen und so geschftig-eilig! Bitte, la
uns etwas rascher gehen! - Wozu denn dieser Lrm, diese frchterliche Eile in
der Welt? Wie wird er darin zurechtkommen? Er hat das ja leider von mir, da er
es mit nichts, wie andere Leute, eilig hat und sich Zeit zu allem nimmt und gern
allein fr sich sitzt, wie seine trichte alte Mutter. O bitte, sage es auch
deinen Eltern, bitte sie, da sie mich frs erste wenigstens allein fr mich
lassen, bis ich mich wenigstens etwas wieder in mir zur Ruhe gefunden habe. Mein
Gott, sind wir Mtter schuld daran, wenn wir unsern Kindern unser Bestes mit auf
den Weg geben und sie elend dadurch machen? Wenn wir uns getuscht htten! Es
wre zu trostlos, wenn er seinen Willen durchsetzte und den meinigen mit und es
doch nichts weiter als ein Mrchengespinst, ein hhnisch-hbsches Schattenspiel
an der Wand wre! Wenn er mir das Kind heimbrchte und es doch seine
Lebensbedingungen drben htte! Komm rasch - rasch nach Hause, bester Junge: der
Strau pflegt seinen Kopf in den Sand zu stecken, und die alte Doktern Andres
steckt ihren in den Vogelsang. Aber bitte, halte mir fr die nchste Zeit deinen
lieben, guten Vater vom Leibe! Ist das nicht der Nachbar Hartleben, der sich
dort in seinem Rollstuhl in die warme Sommerluft fahren lt? ... Jawohl,
Nachbar, er lt Sie vor allen anderen noch einmal herzlich gren, und Sie tun
mir einen Gefallen, wenn Sie sich heute abend noch auf ein Stndchen zu mir
herberschieben lassen, da wir noch ein wenig ber ihn zusammen schwatzen
knnen. Wir zwei mssen jetzt mehr denn je treulich und fest zusammenhalten,
Herr Nachbar.
    Jawohl, Frau Nachbarin! Zumal da ich heute mein Grundstck meiner
kmmerlichen Gesundheitsumstnde wegen abgegeben habe, bis auf das Haus und den
Morgen Gartenland dabei, um doch wenigstens noch ein bichen was Grnes vom
Fenster aus im Auge zu haben. Das wird eine groartige Konservenfabrik grade
Ihnen gegenber, Frau Doktern. Jaja, die Welt verndert sich um einen her, ohne
da man es eigentlich merkt, wie das ja auch in der Bibel steht. Hat mir recht
leid getan, Frau Nachbarin, da ich unsern Herrn Velten nicht mit nach dem
Bahnhofe bringen konnte, zumal wie diesmal vielleicht auf Nimmerwiedersehn, denn
davon hilft uns niemand, Frau Doktern, die Jngsten sind wir Alten hier im
Vogelsang nicht mehr, und was einem drben ber dem groen Wasser alles
passieren kann, davon liest man ja tagtglich das Menschenmglichste von Glck
und Unglck in der Zeitung. Na, ist der Lump - nichts fr ungut, liebe Frau -
dorten ein allmchtiges Tier und unzhliger Millionr geworden, so wird's unser
junger Herr ja auch wohl machen; und wenn der mal, und vielleicht gar noch dazu
mit einer jungen Frau, heimkommt, denn stellt sich das, was vom Vogelsang noch
vorhanden ist, sicherlich auf die Zehen und bringt ihm ein musikalisches Hoch,
dreimal doller als wie das, womit sie da eben wieder mal vom Bahnhofe in die
Berge ziehen. Aber wie es ausfallen mag, dabei bleibt's, Frau Nachbarin, wie sie
uns auch den Vogelsang verbauen mgen: die Aussicht zwischen uns aufeinander
sollen sie uns nicht verbauen. Er hat auch mir versprochen, mal an mich zu
schreiben, mein ewiger Sappermenter, unser Tausendsassa! Ich habe ihn so manches
Mal auf den Trab bringen mssen und sein Mdchen, ich meine die kleine
Himmelskrte aus meiner Erkerwohnung, mit, und zwar nicht immer mit den
lieblichsten und hflichsten Worten. Aber winken Sie mir nur mit einem Briefe
von ihm, Frau Doktern, ich lasse mich ranrollen mit meinen jetzigen verdammten
gichtbrchigen Knochen und heule mit Ihnen oder reibe mir die Hnde mit Ihnen,
wie's ihm beliebt und er sich sein Leben bei den Antipopoden einrichtet. Da da
wieder eine Kuriositt herauskommt, das steht mir baumfest. Diese Gewiheit ist
mir doch natrlich aus meiner Bekanntschaft und Freundschaft mit ihm
herausgewachsen wie je ein Stamm da oben in meinem Waldeigentum, und da kann ich
mich wirklich schon jetzt vor dieser neuen Fahrt im Gest mit meinen Gedanken
verklettern und mir die Frage stellen: was wird das unsinnige Menschenkind nun
jetzt wieder anstellen? Na, na, liebste, beste Frau Nachbarin, jetzt machen Sie
mir kein bses Gesichte! Den Trost haben wir doch jedenfalls aus tausendfltiger
Erfahrung: neun Leben hat ihm ja auch die Mutter Natur mitgegeben. Sie mgen ihn
alle besser kennen als ich; aber wenn ihn einer ganz genau kennt, so ist das der
alte Hartleben, denn wie oft bin ich hinter dem Burschen her gewesen, mit der
hellen Wut ber ihn, dem ersten besten Knppel und Holzscheit oder mit beiden
Hnden vor dem Bauche, um mir mein Plsiervergngen an ihm zusammenzuhalten und
es den Spitzbuben nicht zu sehr merken zu lassen. Jawohl ist dem keine Mauer,
hinter der es fr ihn in allen fnf Weltteilen was zu holen gibt, zu hoch. Und
was die Mauern anbetrifft, durch die man auf Erden vor Verdru mit dem Kopfe
rennen mchte, na, die rennt er eben ein oder wei auch 'nen Weg um sie herum zu
finden, wovon ich ebenfalls hier im Vogelsang und auf meinem seligen Grundstcke
die allermglichsten Erfahrungen habe. Also machen Sie sich nur nicht zu viele
Sorgen um ihn, Frau Nachbarin. Mit dem hat's keine Not, ob er als ein reicher
Mann wie der Halunke Karlchen Trotzendorff uns nach Hause kommt oder ob er eines
Abends anklopft und sagt Da bin ich wieder, Herr Hartleben; es ist mir diesmal
nicht geglckt, und es wre mir ein Gefallen, wenn Sie diese Nacht einen Platz
auf dem Stroh und morgen frh einen Tausendmarkschein zum neuen Anfangen fr
mich htten. Aber zu dem letztern noch eines zu Ihrem Trost, Frau Doktern! Wenn
einer hier im Vogelsang im stillen auf Ihren Herrn Sohn gepat hat, so bin ich
das und wei: er klopft niemalen so an. Ein Kopfkissen auf dem letzten Stroh
mte man dem schon mit vielen Finessen und Hflichkeiten ankomplimentieren. Der
junge Satan hatte das weichste Herz hier im ganzen Vogelsang - nehmen Sie es mir
nicht bel, da ich auch vor Ihnen so rede, Herr Karl, Herr Assessor! -, aber
wenn es dem einmal gefriert, so wird ein Eisklumpen draus, mit dem man der
ganzen Menschheit den Hirnkasten einschmeien knnte! Und nun nehmen Sie es
nicht bel, Frau Nachbarin und Herr Krumhardt, da ich Sie so lange aufgehalten
habe, aber ich habe ja heute auch von einem Eigentum Abschied genommen, das mir
mein ganzes Leben durch ans Herz gewachsen gewesen ist, und so bin ich denn bei
Ihnen mit auf dem Bahnhof in Gedanken gewesen mehr als ein anderer hier im
Vogelsang, und wei Sie zu erkennen, liebste Frau Nachbarin. In frheren Jahren
htten Sie mir ein Wort wie mein jetziges nicht angesehen und geglaubt, Herr
Assessor. Da htten Sie wohl nur gelacht ber den Nachbar Hartleben, den alten
Grobian. Aber so in einem solchen Jammerrollstuhl, da hat es sich was mit der
Menschen Arm- und Beinkrften und gesunder Lunge; da scheniert sich auch
unsereiner nicht, mit seinen intimeren Meinungen herauszugehen; und nun, Herr
Assessor, sehe ich, da die Frau Doktern am liebsten mit ihren Gedanken allein
sein mchte, also bringen Sie sie still nach Hause und gren Sie auch Ihre
Eltern. Ich als neugebackener Rentner lasse mich noch ein Stck um die Promenade
kutschieren - Herrgott, wer mir dies Vergngen noch vor fnf Jahren prophezeiet
htte! Recht guten Morgen, liebe Herrschaften...
    So bringe ich es zu den Akten, wie der Vogelsang sprach, indem ich hundert
Worte in eines ziehe, whrend der Schnee der heutigen Winternacht unablssig
weiter herabrieselt. Und ich mu dabei die linke Hand bers Auge legen, whrend
ich schreibe; als ob mir die Sonne zu hell und blendend drauf lge. Es ist nicht
das und ist es doch. Was trbt das Auge mehr als der Blick in verblichenen
Sonnen- und Jugendglanz?

Ich habe sie hufig in meinem Berufe zu suchen, die Verschollenen in der Welt;
sie zu einem bestimmten Termin zu zitieren und sie, wenn sie nicht erscheinen,
fr tot zu erklren und ihren Nachla den Erben oder dem Fiskus zu
berantworten. Meistens ist es armes, kmmerliches Volk, das so verlorengeht und
gesucht werden mu, doch von Zeit zu Zeit ist da auch einer oder eine
verschollen, auf deren Wege auch den abgehrtetsten Beamten die Phantasie und
das Bedrfnis des Menschen, Wunder, wenn nicht an sich, so doch an anderen zu
erleben, unwiderstehlich nachlockt.
    Das ist nun bei meinem Freund Velten Andres nicht im mindesten der Fall
gewesen. Von Mysterien und Romantik habe ich nicht das geringste zu notieren. Er
ist stets mit uns in Korrespondenz geblieben, hat alle Verkehrswege via
Southampton, Bremen und Hamburg, ja auch den unterseeischen Telegraphen benutzt,
um in mglichster Verbindung mit dem Vogelsang zu bleiben. Ich bin eben in
seinem Leben ber nichts im Dunkel geblieben als - ber ihn selber. Das war aber
ja nicht seine Schuld! Diese lag hier nur an mir, und solches ist fters der
Fall, als die Leute glauben.
    Schreibe ich brigens denn nicht auch jetzt nur deshalb diese Bltter voll,
weil ich doch mein mglichstes tun mchte, um mir ber diesen Menschen, einen
der mir bekanntesten meiner Daseinsgenossen, klarzuwerden? Aber es ist immer,
als ob man Fden aus einem Gobelinteppich zupfe und sie unter das
Vergrerungsglas bringe, um die hohe Kunst, die der Meister an das ganze Gewebe
gewendet hat, daraus kennenzulernen.
    Wenn je ein Mensch fr das Leben unter allen Formen und Bedingungen
ausgerstet war, wenn je einer das Seinige dazu getan hatte, sich seine Schutz-
und Angriffswaffen zu schmieden, so war das Velten Andres. Mit allen den
Vorzgen und Tugenden begabt, die Ophelia aufzhlt und von denen der dnische
Prinz so schlechten Gebrauch machte, ging er wahrlich nicht von Wittenberg
nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika und spter seines Weges weiter.
    Man hat einen guten Ausdruck dafr, wenn einem das mhelos, oder anscheinend
mhelos, zufllt, um was andere sich sehr qulen mssen. Es fliegt ihm an,
sagt man und beneidet den Glcklichen, zuckt auch wohl bedenklich die Achseln
dabei und zieht im ganzen ein solides Sitzfleisch doch vor. Letzteres hat auch
seine Vorzge und nimmt seinen gebhrenden Platz spter im Lehnstuhl am warmen
Ofen oder in der Julisonne frstelnd, aber behaglich mit vollstem Recht ein. Er,
mein Freund, ist in seinem kurzen Leben alles gewesen: Gelehrter, Kaufmann,
Luftschiffer, Soldat, Schiffsmann, Zeitungsschreiber - aber gebracht hat er es
nach brgerlichen Begriffen zu nichts, und ich kann es auch nicht zu diesen
Akten beibringen, da er sich je um etwas anderes richtige Mhe gegeben habe als
um das kleine Mdchen aus dem Vogelsang, die heutige Witwe Mungo aus Chikago. -

Baissez-vous, montagnes.
Haussez-vous, vallons!
M'empchez de voir
Ma mi' Madelon -

Es luft immer auf wenn auch melancholische, so doch nchterne Nachberlegungen
hinaus; aber auch an diesem Abend mu ich wieder seufzen: Wie anders htte doch
sein Leben werden knnen, wenn er ein Ohr gehabt htte fr die se Stimme aus
der Heimat und Augen fr die tiefen, treuen, traurigen Blicke, die scheu,
angstvoll verstohlen ihm hier folgten und so gern bis zum Ende, mochte das auch
werden, wie es wollte, ber ihn gewacht htten.
    Mit dem Hause des Beaux, das heit dem alten Herrn und Freund Leon, ist er
brigens im regen Verkehr geblieben; und wenn er einmal, wie des Spaes wegen,
als ein recht wohlhabender Mann, fr Deutschland wenigstens, aufgetreten ist, so
ist ihm wirklich das zum grten Teil angeflogen aus dem groen Geschft in der
Dorotheenstrae zu Berlin. Da Religiositt und Geschftssinn nicht feindliche
Geschwister sind, hat nicht allein das Haus Israel bewiesen; auch die frommen
Vertriebenen, die auf der Mayflower drben landeten, haben das ebensowohl
bewiesen wie diese alten Hugenotten des Edikts von Nantes in der Mark
Brandenburg. Und sie reichen sich auch heute noch die Hand durch die ganze Welt:
Synagoge, Kirche und Brse! Das Haus des Beaux konnte einem Freunde schon
Empfehlungsbriefe nach New York oder New Orleans mitgeben, die ihm die Wege
ebneten und seinen Aufstieg erleichterten, selbst wenn er nur kam, um zum
zweitenmal den Versuch zu machen, ein armes Mitgeschpf aus der Verkletterung
herabzuholen, sonst aber sich wenig aus den Herrlichkeiten der Zeitlichkeit
machte.
    Es ist ihm zum zweitenmal nicht gelungen, und mit der Hlfe aus dem
Vogelsang war diesmal gar nichts getan. Was half es, da ihm, wie ihm damals der
alte Hartleben mit Leitern und Stricken beisprang, jetzt seine Mutter ihre auch
in Sorgen, Angst und Kummer immer sonnigen Briefe schrieb und die seinigen, nach
seiner Weise, immer scherzhafter, immer lustiger, immer siegesgewisser wurden,
je tiefer er in den Quark hineinwatete und in der Puppenkomdie die Fden mit
ziehen half? Sie spielten sich da nur selber eine liebe, rhrende Komdie vor,
die, was die Nachbarschaft anging, niemand zum Lachen oder Lcheln brachte.
    Ich htte es nie geglaubt, sagte mein Vater sehr ernsthaft, der Mensch
scheint sein bisheriges Narrenwesen doch nicht ganz unntzlich getrieben zu
haben. Da hlt mich eben, auf dem Wege vom Gericht her, der Prokurist von
Seligmacher und Shne mit einem Privatbriefe von drben, aus der Firma Charles
Trotzendorff und Kompanie, weit du, Mutter, unserm Karl Trotzendorff, an, und
darin ist von ihm, ich meine dem Jungen drben, in einer Weise die Rede, die ich
niemals fr mglich gehalten haben wrde. Der poetische Hanswurst scheint vllig
ins Gegenteil umgeschlagen zu sein. Ja, er scheint sich eine Stellung in der
dortigen Literatur gemacht zu haben und an einem Handelsblatt in einer Art sein
Maulwerk schriftlich bettigt zu haben, da es ihm, wenn auch wohl nur zufllig,
die Bekanntschaft und, wie es scheint, Achtung eines ihrer Allergresten
dorten, nmlich was das Geld anbetrifft, zugezogen hat. Das wre denn ja recht
gut und erfreulich, und so wird er sich darein ergeben, da es mit dem Mdchen,
der jungen Dame, nichts geworden ist. Bei Seligmacher und Shne haben sie heute
morgen von der Familie drben, ich meine den Trotzendorffs, die
Verlobungsanzeige der Tochter zugeschickt gekriegt. Du mut doch mal zu der
Nachbarin hinbersehen, ob die schon was Genaueres wei und wie sich der Junge
jetzt zu der Sache verhalten wird. Doch dieses nur beilufig. Ich war auch bei
Arnemann; - er ist nicht mehr abgeneigt, auf meine Bedingungen einzugehen. Man
trennt sich ja zwar nicht gern von der hiesigen Gemtlichkeit, aber es hat sich
doch allmhlich zu viel hier im Vogelsang um uns her verndert. Die Fabrik auf
Hartlebens Grundstck versperrt mir den letzten Blick auf den Osterberg, und
dann halte ich es auch fr unsern Assessor besser, da ihn unter jetzigen,
vernderten Lebensverhltnissen die Residenz nicht hier unter den kleinen Leuten
aufsuchen mu. Ich meine, Mutter, wir machen in nchster Woche den Kontrakt ber
den Verkauf von Haus und Garten perfekt.
    Wenn du meinst, Krumhardt, sagte meine Mutter mit zitternder Stimme.
    Ich meine, da wir diese freilich ernste Sache schon so reiflich berlegt
haben, da wohl wenig mehr dazu zu sagen ist. Was gibt es denn eigentlich noch,
was uns hier festhalten knnte? Schon der Schatten allein, den mir da hinten die
neue Feuermauer auf meine Rosenplantage wirft, verdirbt mir das ganze Plsier an
der Liebhaberei. Mit dem Kaffeetisch im Garten unter diesen Fabrikgerchen ist's
auch nichts mehr. Unsere Pltze im letzten Grn des Vogelsangs haben wir sicher
auf dem Papier bei der Friedhofverwaltung. Also, Junge, Karl, Herr Assessor
Krumhardt, es bleibt dabei: der alte Pelikan hackt sich noch mal die Brust
seiner Nachkommenschaft wegen auf. Wir ziehen in die Stadt, der vernderten
Verhltnisse wegen. La es mich erleben, da ich an dir einen Herzoglichen
Regierungsrat herangezogen habe, so soll es mir auch nicht drauf ankommen, auf
meine Rosen- und Aurikelnzucht zu verzichten. Man kann auch im Notfall an den
Hyazinthen und Geranien seine Befriedigung finden, und dafr, denke ich, mein
Sohn, wirst du eben immer, wie fr deine alten Eltern, ein sonniges Gela in
deinen neuen Gesellschafts- und Wohnungsverhltnissen brig haben. Die
Gelegenheit in der Archivstrae, die Mutter und ich uns zum Beispiel neulich
angesehen haben, hat nach hinten heraus und doch nach der Sonnenseite ein
Altenteil, was fr so einen subalternen, quieszierten Obergerichtssekretr mit
so einem ihm Freude machenden Sohne - jetzt kann ich dir das wohl sagen, mein
Junge! - pat, als ob der Bauherr seinerzeit ihn mit seinen Bedrfnissen eigens
dafr ins Auge gefat htte. Nicht wahr, Mutter, wir finden uns schon unserm
Jungen zuliebe in die vernderten Verhltnisse?
    Ja, ja, ja! Obgleich es mir doch schwer ankommen wird, schluchzte die gute
alte Frau. Freilich rckt uns hier das Neue zu arg auf den Leib, und wo man aus
dem Fenster guckt, ist es das Alte nicht mehr; aber weit du, Mann, es wird mir
doch sein als wie damals, wo man den Sargdeckel auf unser kleines Mdchen legen
wollte und ich auch nicht glauben konnte, da es mglich und ntig sei. Kein
eigenes Waschhaus mehr und keinen Platz zum Wschetrocknen im eigenen Garten!
Aber es ist ja richtig, das schlechte Tanzlokal, das da dicht an unserer grnen
Hecke aufgewachsen ist, pat nicht einmal mehr zu unseren Verhltnissen, also zu
unserm Karl seinen gar nicht. Und du hast recht, Krumhardt, die Eltern sind dazu
da, da sie ihre Kinder in die Hhe bringen und in immer bessere Gesellschaft,
bis in die beste, wenn's mglich, und das ist freilich hier im Vogelsang niemals
mglich gewesen, also - wie Gott will. Ich habe mich in so vieles im Leben
finden mssen und werde mich auch hierein finden. Das Kind wird es ja auch, und
vielleicht auch mit seinen Kindern, einsehen, was Vater und Mutter an ihm getan
haben, und es ihnen noch in ihrem Grabe gedenken.
    Nun htte ich noch einmal hiergegen einreden knnen, um die Sache in die
rechte Beleuchtung zu rcken; aber was wrde es geholfen haben? Wahrhaftig, ich
bin es nicht gewesen, der die zwei treuen, wackeren Seelen mit ihren Wurzeln aus
dem Boden hob und sie so in ihren greisen Tagen in ein fremdes Erdreich
versetzte! Ihre liebe menschliche Torheit war's, die da Pflicht, Pflichten,
Vorzug, Gewinn. Ehre, Lob, Ruhm und Glck sah, wo die brigen Millionen unserer
Brder und Schwestern im Erdenleben - ebendasselbe sahen. Sie hatten ihren Kopf
und Sinn drauf gesetzt, da der Vogelsang nicht mehr zu ihnen passe und sie
nicht zu dem Vogelsang.
    Aufgesetzt ist der Kontrakt, Frau, sagte mein Vater, und wenn es dir
recht ist, kann Arnemann heute noch zur Ausfertigung und Unterschrift kommen, zu
einem ruhigen Schlaf kommen wir jetzt doch nicht anders mehr.
    Meine Mutter ist also an diesem Tage nicht mehr bei der Nachbarin Andres
gewesen, um das Genauere ber das Privatschreiben aus Amerika an Seligmacher und
Shne und Velten und Helene Trotzendorff zu hren, ihre Teilnahme zu beweisen
und, wenn mglich, Trost zuzusprechen. Ich aber habe mich gegen Abend noch
einmal durch das Schlupfloch aus unserer Kinderzeit, das wunderreiche, damals
freilich lngst wieder zugewachsene Schlupfloch in der lebendigen Hecke zwischen
den Nachbargrten gezwngt und die alte Trklinke, deren Griff einem seit
Menschengedenken so hufig in der Hand blieb, von neuem aufgedrckt, um hier,
bei der Frau Doktorin, wo die Welt sich doch eigentlich am meisten verndert
hatte, mich an das sonnig unverwstlich Bleibende im Wechsel der Witterung des
Erdentages zu halten. Ich fand die Frau Doktorin allein im Vogelsang ber ihrem
Brief aus den Vereinigten Staaten.

Die Abendsonne schien der Nachbarin in das Fenster, als ich mit sorgendem,
schwerem Herzen zu ihr kam, und sie hatte auch geweint, die Frau Nachbarin
Andres. Die elegante Karte, die mein Vater bei Seligmacher und Shne gefunden
hatte und auf welcher Mr. and Mrs. Mungo sich allen Freunden und Bekannten in
den Vereinigten Staaten als miteinander fr Glck und Unglck, fr Gesundheit
und Krankheit, fr Leben und Tod Verbundene empfahlen, lag auch auf dem
Nhtischchen der Frau Doktorin und der Begleitbrief Veltens daneben.
    Die Mutter des Freundes reichte mir die Hand, nachdem sie ihr feuchtes
Taschentuch zwischen die Blumentpfe in ihrer Fensterbank geschoben hatte, und
sagte: Sieh, das ist freundlich von dir, Karl. Wenn sich die Welt um einen her
verndert, hlt man sich am besten an die Jungen aus seiner alten Bekanntschaft,
an die, welche ihr Recht noch vom nchsten Tag erwarten, lustig in der neuen
Flut schwimmen und aus ihrem jungen Recht an die Zeit den Alten wenigstens den
Kopf ein wenig zurechtsetzen knnen, wenn auch nicht das Herz. Elly hat sich
verheiratet, Velten hat geschrieben. Da ist sein Brief, und du kannst ihn lesen.
Ich htte es nie fr mglich gehalten, da sich der Vogelsang so sehr fr mich
verndern knnte. Aber so geht es eben, wenn der Mensch es nicht glauben kann,
da ihm seine liebsten Hoffnungen aus dem Leben weggewischt werden knnen.
    Sie sah sich hier in ihrem Stbchen, in welchem sie unter all ihren
Erinnerungen sa wie die Frau Fechtmeisterin Feucht in der Dorotheenstrae zu
Berlin unter den ihrigen, mit einem kummervollen Blicke um. Wie doch alles dem
Menschen auf einmal so ganz andere Gesichter schneiden kann! Und doch ist es nur
das eine Bildchen dort, das kleine Lichtbild da ber der Kommode, dessen liebe,
lachende Augen mir mein Altfrauenheim verwstet und alles ber- und
durcheinandergeschoben haben wie bei einem Umzug oder nach einem Brande. Da -
lies seinen Brief! Was er dazu tun kann, da die alte Frau im Vogelsang nicht
ganz aus ihrer Fassung kommt, das besorgt er natrlich auf seine alte Weise.
Unter kriegt ihn auch das nicht; aber man mte eben nicht zwischen den Zeilen
lesen knnen, um sich von ihm auf diese seine Weise unterkriegen zu lassen.
    Ach, wie diese beiden Leute bis in die feinsten Nervenfdchen, bis in die
flchtigsten Seelenstimmungen hinein sich nachzutasten, sich nachzufhlen
wuten! Sie machten einander nichts weis, und das war, ausnahmsweise, fr sie
ein groes Glck: fr andere, und leider die Mehrzahl der auf dieser Erde sich
nher und nchst Angehenden, wre es freilich das Gegenteil gewesen. Es ist
nicht immer das Behaglichste, wenn zwei oder mehrere, die zusammengehren, sich
zu gut verstehen. Die einzige Mglichkeit fr ein wenigstens gedeihliches
Httenbauen und Zusammenwohnen liegt dann einzig und allein in dem
Sichaufeinanderverstehen. Ich habe das auch aus meiner Amts- und Geschftspraxis
sehr, sehr in den Akten. -
    Velten schrieb:
    Sie haben sie uns genommen, Mutter, und sind vllig in ihrem Recht, da sie
das nach ihrer Meinung beste Teil fr sie gewhlt haben. Ich habe sie verloren;
aber diesmal bin ich nicht schuld daran, das Glck der Erde verpat zu haben. Du
weit, wie oft man mir das bei Euch zu Hause aufzuriechen gab und, wenn die
beleidigte Nase darob nicht lief wie die eines geschlagenen Schuljungen, sondern
sich nur trocken-tckisch krauste, nicht nur von allen Schlechtigkeiten
menschlichen Charakters, sondern auch von absoluter, bodenloser,
randundbandloser Charakterlosigkeit sprach. Ich habe das Meinige getan, durch
Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre, bei Tag und Nacht, bei allem, was ich
getan, berdacht und gedacht habe, den schnen Schmetterling fr mich - fr uns
festzuhalten: nun stehe ich wieder wie ein Schuljunge und besehe an den Fingern
den bunten Farbenstaub von den Flgeln des entflatterten Buttervogels und denke
vor allem an die alte Frau zu Hause, die da sitzt und sich fragt: Was fr eine
Nase wird er diesmal machen? - Mutter, mein unser liebes, armes, kleines
Mdchen, was wrde dem jetzt mit einem zerflieenden Liebhaber gedient sein?
Also - trocken berschlucken und ein Kreuz ber eine nrrische Lebensepoche
ziehen wie ber eine Kalenderwoche, die bis Donnerstag im Sonnenschein lag und
am Freitag in einen Landregen berging! Unserm lieben Wildfang gebe ich gar
keine Schuld; - kann man berhaupt einem Menschenkinde schuld an seinem
Schicksal geben? Was kann die Lerche gegen den Spiegelblitz, der sie aus der
blauen Luft in die Versandschachtel und die Bratpfanne holt? Mit ihrem
tckischen Glanz haben sie auch unser liebes Singvgelchen aus dem Vogelsang
hernieder in ihr Netz strzen machen und ihr nicht nur das arme, dumme, kleine
Schdelchen und Gehirnchen, sondern auch das schne, weite Herz eingedrckt. Sie
wird eine stattliche Mistress Mungo: die Nadel der Kleopatra, jetzt im hiesigen
Zentralpark, die doch schon in gypten viel gesehen hat und hier im Lande
tglich auch noch manches sieht, sah nimmer ein schneres, vornehmeres Weib an
sich vorbei und durch ihren Schatten gleiten. So wchst das immer aus dem
Schlamm empor, einerlei ob am Nil oder am Hudson! Mir fehlen wieder mal die
Knpfe am Hemdsrmel, alte Mutter zu Hause; aber Elly wird sie mir nicht
annhen, worauf wir doch so fest gerechnet und des Lebens Seligkeit vom
Vogelsang aus gegrndet hatten; und das erinnert mich nun grade erst recht an
Deinen alten Nhtisch, auf dem dieser Brief, wenn der Ozean ihn nicht
verschlingt, demnchst liegen wird, und erinnert mich an Deinen Sessel dabei und
das leer Schawellche daneben und den Blick durch die Efeuranken, ber den Garten
weg, auf den Nachbar Hartleben und sein Anwesen (Strohwitwe Trotzendorff und
Tchterlein eingeschlossen) hinein in den ganzen Vogelsang, und - ich bin wieder
allein auf die alte Frau im Korbsessel an dem Fenster angewiesen und ein
Vagabund - ein Wanderer im Leben - zerlumpter denn je. - In die hiesigen
Verhltnisse habe ich mich brigens eingelebt, da ich meinen jngsten Freunden
keinen Grund zur Verwunderung mehr gebe. Wnschest Du mich auch als Millionr
wiederzusehen wie Mr. Charles Trotzendorff? Oder ziehst Du den
deutsch-amerikanischen Staatsmann, Muster Karl Schurz, vor? Meine
Vogelsangstudien im Englischen, unserer Kleinen zuliebe, kommen mir jetzt
wundervoll zustatten. Die Phrasen und den Tonfall, um ein Mh jauchzende
Menschenansammlung zu Bhjammern zu bringen und das politische Tier, Mensch
genannt, mit einem Strick durch die Nase oder um den Hals fr Klios ewige Tafeln
und vergnglichen Griffel als notierungswert zu dressieren, lernt sich bald.
Sollte Freund Krumhardt, ich meine unser Karlchen - nicht den Alten, aus seiner
Geschftspraxis demnchst mal einen neuen edlen Kinkel nebst Spulrad und
Mrtyrerglorie in der lieben Heimat fr einen berseeischen Heros-Befreier zur
Verfgung haben, so reflektiere ich darauf und bitte, aus guter alter
Kameradschaft mir die Vorhand zu lassen. Eine republikanische Brgerkrone fr
einen Mrtyrer aus dem neuen Deutschen Reich! Das Ding wird leider schwer zu
finden sein, denn den alten wahren Otto den Schtzen von seinem Wergzupfen und
Wollespulen im Reichstage zu entfhren, wrde ihm doch selber auch jetzt noch
nicht recht in die gelbweie Krassiermtze passen. Aber wie sang Frulein
Leonie des Beaux in der Dorotheenstrae zu Berlin?

Je ne dors ni ne veille:
Cet enfant me rveille.

Da bin ich doch wieder bei meinem in der Fifth Avenue verzauberten armen
Mdchen! Siehe Goethe Epilog zu dem Trauerspiele Essex':

Hier ist der Abschlu! Alles ist getan,
Und nichts kann mehr geschehn! Das Land, das Meer,
Das Reich, die Kirche, das Gericht, das Heer,
Sie sind verschwunden, alles ist nicht mehr!

Jaja, was nimmt man sich alles vor zu Glck und Ruhm und zum Besten der Welt in
der Welt, bis der Narrenknig, dem diese Welt gehrt - siehe Schiller Jungfrau
von Orleans einem das Bein stellt und alle Weisen, Helden und weggelaufenen
Schuljungen auf die Gefhle eines Zahnarztes, der selber Zahnweh hat,
hinunterdrckt! Du weit es, Mutter, und Du kannst es mir bezeugen, da die
Scheu der Leute, sich vor der Menschheit, das heit den nchsten ihresgleichen,
lcherlich zu machen, mir leider immer nur zu sehr gemangelt hat; aber die
Sehnsucht, mir selber endlich einmal wieder lcherlich vorzukommen und somit das
richtige Ma fr die Dinge dieser Erde wiederzugewinnen, ist mir bis jetzt auch
nicht in solcher Flle und ppigkeit zuteil geworden. Zu Hause, im Vogelsang,
wrde das wohl noch am leichtesten zu erreichen sein, Deinem lieben Korbstuhl
gegenber und mit des seligen Vaters geliebter ersten Originalausgabe de
Wandsbecker Boten auf Deinem Nhtische und mit der einzigen Aussicht ber Deine
Buchsbaum- und Blumenbeete, meine Stachelbeerbsche und unsere grne Hecke auf
den Nachbar Hartleben und sein Anwesen. Da ginge es wohl noch am leichtesten an,
dem teuren Ahnherrn in dem Buche, dem Vetter Andres, und dem braven Vetter
Michel im eigenen Busen sein Recht wiederzugeben; aber - !?
    Frage Karl um seine Meinung hierber, doch - la es lieber auch nur. Da der
Frager bei solchen Gelegenheiten den Gefragten und seine Antwort im voraus
ziemlich genau kennt, wrde auch diesmal und hier nichts zur Sache tun; aber aus
Deinen Briefen wei ich ja, da auch um Euch dort im Vogelsang allgemach die
Dekoration sich so sehr verndert, da er - der Freund - sich da binnen kurzem
am allerwenigsten noch zurechtfinden wird. Aus Bschen werden Bume, aus Bumen
Hausmauern, aus Grn Grau. Aus obststehlenden (freilich meistens dazu
verfhrten) Schuljungen werden die besten Verwaltungsbeamten und Regierungsrte
sowie die schrfsten Staatsanwlte, und - aus dem nichtsnutzigsten Schlingel des
Vogelsangs wird (wenigstens was ich dazu tun kann) the most glorious tramp, der
glorioseste Landstreicher, der je auf den Wegen der Welt den anstndigen
Passanten einen Schauder und Schrecken eingejagt hat, wenn er an einem Stadttor
nach seinen Papieren gefragt wurde, nimmer dergleichen aufzuweisen hatte und
vielleicht auch erst in irgendeinem Bedford gaol als alter Kesselflicker
anfangen wird, sich ber the Pilgrim's Progress, ber seines Lebens Pilgerfahrt,
die letzte Rechnung abzulegen.
    Meine liebe, liebe Mutter, Du kannst nichts dafr, und mein Vater auch
nicht. Solches war mir an der Wiege gesungen, aber nicht von Dir mit Deine Buko
von Halberstadt oder Schlaf, Kindchen, schlaf, da drauen geht ein Schaf. Es
kauert immer eine andere Sngerin auf der andern Seite des ersten Schaukelkahns
menschlichen Schicksals und summt ihren Sang in ihre Hexenbartstoppeln, und der
stammt von den Mttern viel weiter hinabwrts und ist der allein magebende.
    Also streich Dir die Sorgen- und Unmutsfalten wieder einmal aus dem lieben
tapfern Gesichte und halte Dich weiter an der Vter Erfahrung, da Unkraut so
leicht nicht vergeht. Sage mit dem alten Vertrauen auf unsern eigentmlichen,
unveruerlichen eisernen Bestand von Familienadel Oh, dieser dumme Junge! - Und
halte fest: wir sind doch die zwei gewesen, welche die wenigsten Sorgen im
Vogelsang auf unserm Hirn und Herzen geduldet haben, und so soll es bleiben!
Vernderte Dekorationen sollen uns nie etwas anhaben: halte Deinen Platz an
unserm Herde fest und mir den meinigen: ich komme ebensosehr als Sieger wieder
wie - Mr. Charley Trotzendorff. Es gibt ein verschiedenartiges Achselzucken der
Leute in der Welt: ich hoffe mir das meinige, nach meiner Weise, mit ebenso
gutem Recht zu verdienen wie er das seinige und das Nachgaffen und den Neid der
Welt auch. Ziehe meinetwegen hier auch Freund Krumhardt ber unsere Hecke als
Kommentator bei, wenn Dir ob solchen beglckenden Aussichten in die Zukunft doch
etwas nchtern und unheimlich zumute werden sollte.
    In der Heimat und zumal im Vogelsang bin ich frs erste nichts nutze - und
auch Dir nicht, armes, tapferes Mtterchen. brigens sind und bleiben wir zwei
immer beisammen, ob auch ein paar Tropfen Wasser und einige Krmel Erdhoden mehr
uns trennen. Zu den Fen der Treue bleibe ich sitzen, wenn es mir auch nicht
vergnnt wurde, zu den Fen der Liebe Werg zu spinnen. Nach dem Wocken der
Omphale freut man sich ordentlich auf den Nemeischen Lwen, die Lernische
Hydra, den Erymanthischen Eber und vor allem andern auf die Stymphaliden und die
Stlle des Augias. Da ich Dir grade die goldenen Apfel aus den Grten der
Hesperiden heimbringen werde, ist mir selber etwas zweifelhaft; aber darauf
verla Dich, und Du kannst auch in der Nachbarschaft davon erzhlen und damit
renommieren: den Zerberus hole ich mir sicherlich aus der Unterwelt herauf, wenn
auch nur, um das groe Schrecknis der ewigen Nacht mir beim kurzen
Lebenstageslicht so genau und gemtlich wie mglich zu besehen. Philosophie
studieren nennt man das vor den Kathedern nach geschriebenen Heften - frage nur
Freund Krumhardt danach, der sich des brgerlichen Anstands wegen sein Teil
davon hat in die Feder diktieren lassen. Und vom Lehrstuhl des Professors der
Weltweisheit bis zum Schneidertisch des Hauses der des Beaux ist auch wieder
einmal nur ein Schritt. Hab ich mir meinen Freund Leon auf den Buckel geladen,
so soll ich ihn natrlich auch darauf behalten. Vater des Beaux schreibt mir,
der Junge werde ihm, ohne meine Beaufsichtigung, von Tag zu Tage unter den
Hnden mehr zu einem Narren und es bleibe ihm nichts brig, als den Knaben mir
nachzuschicken; eine Reise um die Erde unter meiner Fhrung erscheine ihm als
das letzte Mittel, den Phantasten fr den knftigen Kommissions- oder
Kommerzienrat zu ernchtern. Ich werde also nicht umhinknnen, das, wenigstens
fr die ersten Stationen meiner eigenen Weltwanderung, noch einmal zu meinem
Gepck zu legen; habe also zurckgeschrieben: das Kind mge kommen, ich wrde
das Zutrauen zu verdienen suchen. Jawohl, das Zutrauen unter den Leuten! Erhalte
mir das Deinige, alte Frau!
                                                              Dein Sohn und Erbe
                                                                                
                                                                 Velten Andres.

Es ist eine kalte Nacht, in der ich dies zu den Akten hefte; aber ich habe das
frstelnde Zusammenziehen der Schulterbltter doch mehr dem klareisigen Hauch,
der von der letzten Seite dieses Briefes ausgeht, zuzuschreiben als der
Winterwitterung drauen vor dem Fenster. Und wenn man - damals - dieses
Schreiben in der Stadt unter den Bekannten, den Leuten, herumgezeigt htte,
wrden sie alle gesagt haben:
    Der alte, ewig berhitzte Wirrkopf! Es bleibt dabei, er kann auf nichts zu
seinem Fortkommen rechnen als auf das Glck der Betrunkenen und die Vorsehung,
die ber die Unmndigen wacht. -

Ich habe weiter zu berichten, was sich in der nchsten Nhe um mich her zutrug.
    Der erste, der nach Velten den Vogelsang verlie und auch nie wieder, was
der Freund doch tat, darin vorsprach, war Nachbar Hartleben. Er sagte, als er
zum letztenmal in seinem Rollstuhl vor unserer Gartentr hielt:
    Weit du, Junge, Herr Assessor Krumhardt sollte ich sagen, weit du, ein
Vergngen ist es nicht, so als ein Sack voll Elend, schlechtem Appetit und
nchtlicher Wehklage und Schlaflosigkeit sich um sein zerstckelt Anwesen
rumrollen zu lassen; aber so ist der Mensch: solange er Luft schnappen kann,
gibt er den Atem nicht gern auf. Also da bin ich noch und mache so lange
Gebrauch von dem alten Freundschaftsverkehr ber die Strae, als es angeht. Noch
plsierlicher hielte ich den Jammer natrlich aus, wenn mir mein Wald da oben
hinterm Osterberge nicht immer im Kopfe herumginge. Das ist der leidige Satan!
Und vorzglich jetzo so im angenehmsten Sommer, wenn das so grn da
herunterwinket und einer mit seinem Holzverkehr und Handel, von seinen
Sgemhlenabnehmern gar nicht zu reden, nur eine lahme Faust zurck und aufwrts
machen kann. Da gucken Sie nur, Herr Obergerichtssekretarius, wie das da oben
auf meinem Schluderkopf im Sonnenschein liegt und einem unter Gottes blauem
Himmel den Esel bohrt und sackermentsch einen jetzt nur noch dazu verlockt, eben
unserm lieben Herrgott einen bsen Leumund bei den Erbberechtigten zu machen. Es
ist ein Elend - ein Elend - ein Elend, Frau Obergerichtssekretrin, und Sie
haben ganz recht gehabt, da Sie die Sache ber Ihr Anwesen mit Arnemann in
Richtigkeit gebracht haben. Sie ziehen nun demnchst, und ich habe auch Ihnen
wie der anderen guten alten Zeit nachzusehen. Nun bleibt mir nur fr meine noch
brigen paar Jahre die Frau Doktorn. Jaja, so wird der Mensche allgemach von
allem Guten und Angenehmen entwhnet! Manchmal kommt's mir wirklich so vor, als
sei auch das nur zu unserm Besten von da oben so eingerichtet, um uns den
Abschied von hier unten nicht zu schwer zu machen. Und wenn man denn wieder von
den Jngeren und Jngsten hrt! Da hat ja wohl unser Herr Velten - da kann ich
wohl eher als hier bei unserm Assessor sagen: unser Junge - von den Japanern her
geschrieben, da er sich jetzt mit seinem vornehmen Berliner Freunde, den wir
seinerzeit hier auch im Vogelsang hatten, dort aufhalte und vergngt gren
lasse. Passen Sie auf, Herr Nachbar, der bringt es gradesogut wie unser Karlchen
Trotzendorff, unser Zeitgenosse, zu was Ordentlichem da drauen; - wenn's nur
nicht immer auf ein und dasselbe hinausliefe am letzten Ende! Was dieses
anbetrifft, so mu man sich erst so, wie ich mich jetzt in diesem Einspnner von
hinten, rumkutschieren lassen mssen, um zu dem richtigen Taxat von allem
Plsiervergngen im Leben zu kommen. Die Erinnerung an das Gute, was man
seinerzeit genossen hat, ist immer noch das Beste, wenn auch leider Gottes
Verdrielichste. Auch mit dem kleinen Mdchen, das hier bei mir und zwischen uns
im Vogelsang aufwuchs und unserm Velten scheint das nichts geworden zu sein.
Schade drum! Die Madam oder Mistress war zwar die richtige Gans: aber das Wurm,
das jetzt da drben berm groen Wasser sechsspnnig fhrt, gehrt immer auch
noch zu meinen angenehmen Erinnerungen. Karlch- Assessor, Kinder, Kinder, in
welche vergngte Wtenhaftigkeit habt ihr fters den Nachbar Hartleben gebracht,
und was gbe er heute drum, wenn er euch nur noch einmal mit dem Peitschenstiel
durch seinen Garten nachsetzen und aufs Nachbargrundstck oder in den Wald
hinaufjagen knnte! Aber ich sehe, Sie haben Ihre Akten unterm Arm, Herr
Assessor, und mssen in Ihr Geschft. Nehmen Sie es nicht fr ungut, wenn ich
Sie mit meinem Geschwtz aufgehalten habe. In so einem Marterstuhl ist man ja
einzig und allein nur auf sein Maulwerk angewiesen. Wenn ich Ihnen, Herr
Sekretr und Frau Sekretrin, mit meinem andern noch brigen Fuhrwerk beim
Auszuge zu Diensten sein kann, soll's gern geschehen. Dem alten Hartleben, dem
Grobian, soll man's nicht nachsagen aus der Stadt, da er nicht doch alles in
allem ein guter Vogelsnger Nachbar gewesen sei. Mit dem freundschaftlichen
Verkehr spter, aus der Stadt heraus und hinein, wird's wohl ein bichen hapern.
Na, ich denke immer noch ein paar Jhrchen es zu machen, da Sie mich hier auf
den Rdern finden, wenn Sie aus dem neuen Leben heraus das alte hier am Ort mal
wieder aufsuchen wollen. Recht schnen guten Abend, liebe Herrschaften! Schieb
den Krppel um ein Haus weiter, Lmmel da hinter mir: die Frau Doktern hat mir
versprochen, mir noch ein weniges mehr aus ihrem Velten seinem letzten Brief
vorzulesen, und der Satansjunge hat das immer so an sich gehabt, da er einem
mit seinen Schnurren, Abenteuern, Meinungen und Ansichten wie mit einem Schnaps
aufwartet. Ich meine immer, einmal mut du den auch noch wiedersehen, Hartleben,
und wenn er auch noch so lange seine Mutter und den Vogelsang auf sich warten
lt! -
    Vier Wochen spter muten wir ihn begraben, den Nachbar Hartleben, und zu
Ostern des folgenden Jahres verlieen auch wir, die Familie Krumhardt, Vater,
Mutter und Sohn, den Vogelsang. Meine Eltern fgten sich den hheren Ansprchen,
die ihrer Meinung nach meinetwegen das Leben an sie machte, und ich fgte mich
meinen treubesorgten Eltern. Wer wehrt sich gegen die Liebe seines Vaters und
seiner Mutter, und wenn sie auch noch so sehr mit Sorglichkeiten, die man nicht
mehr kennt, mit Torheiten, ber die man hinaus ist, und mit mancherlei anderem,
was einem im Grunde lcherlich, ja rgerlich vorkommt, verquickt ist?
    Und wenn mir etwas ferne sein mu, so ist das berhebung ber die
subalterneren Gefhle und Stimmungen des Menschen in seinem Dasein auf Erden
grade an dieser Stelle! In den Akten habe ich es nicht, aber tief in meinem
innersten Bewutsein, da ich die teure, altgewohnte Heimatstelle mit allem, was
mir heute mit schaudernd-wehmtigen Heimwehgefhlen in dieser kalten Winternacht
nahetritt, damals leichter, viel leichter und freier atmend aufgab als die zwei
armen Alten.
    Auf der Bhne des Lebens hrt man eben nicht vor jedem Szenenwechsel die
Klingel des Regisseurs. Man findet sich zwischen den gewechselten Kulissen und
vor dem vernderten Hintergrund und verwundert sich gar nicht. Ob man sie gut
oder schlecht spielt, seine Rolle ist jedem auf den Leib gewachsen und das
jedesmalige Kostm gleichfalls. Nur in seltenen stillen Augenblicken gelangt
wohl ein und der andere dazu, sich vor die Stirn zu schlagen: Ja, wie ist denn
das eigentlich? War das sonst nicht anders um dich her und in dir? Wie kommst du
zu allem diesem, und gehrst du wirklich hierher, und ist das nun Ernst oder
Spa, was du jetzt hier treibst oder treiben mut? Und wem zuliebe und zum
Nutzen?
    Das sind dann freilich sehr kuriose Gedankenstimmungen. Wie aus einem
unbekannten schauerlichen Drauen haucht das vor den Theaterlichtern einen fremd
und kalt an, meistens, wenn die Bhne einmal um einen her leer geworden ist;
aber dann und wann bei gefllter Szene im Gewhl der Edlen, Ritter, Brger,
Damen des Hofes, der Mnche, Herren und Frauen, Herolde, Beamten, Soldaten, kurz
des ganzen zu dem ewig wechselnden und ewig gleichen Schauspiel gehrigen
Volksspiels. Und so rasch als mglich fort damit! Dergleichen Nachdenken strt
sehr bei der Durchfhrung der zugeteilten Rolle, bringt nur Stockungen hervor
und ein verehrliches Publikum, von der Hofloge bis zu den hchsten Galerien, zu
einem ironischen Lcheln, bedauernden Achselzucken, wiehernden Hohnlachen,
Pfeifen und Zischen. Und mit vollem Recht! Es ist ein schweres Eintrittsgeld,
das man fr die Tragikomdie des Daseins zu erlegen hat. Pa auf dein
Stichwort, du da, Knig oder Narr da auf den Brettern, und stre uns das Behagen
nicht, von Vergngen kann ja so schon wenig die Rede sein!
    Leider recht bald wurde um mich her die Buhne, wenigstens fr einen
Augenblick, sehr leer und gab ungestrten Raum zu jeglichem Monolog ber Sein
und Nichtsein, und ob es besser sei und so weiter und so weiter. Nmlich meinen
Eltern bekam die vernderte Umgebung durchaus nicht; und hier beuge ich die
Stirn tief ber dieses Blatt: htte ich nicht doch mehr dazu tun mssen und
sollen, da sie in ihren Greisentagen ihr An- und Einfgungsvermgen in das
Ungewohnte mir zuliebe nicht zu sehr berschtzten? Und die Braut, die ich ihnen
dann in das Haus, nein, nicht in das Haus, sondern die Mietwohnung inmitten der
Stadt, wenn auch der besten Gegend der Stadt, brachte, die wute nichts von
dem Vogelsang und brachte ihren Sonnenschein nur fr mich mit in die
Archivstrae. Die Blumenzucht in der Fensterbank konnte meinem Vater seinen
Vorstadtgarten nicht ersetzen und noch viel weniger die vornehme Stadtgegend
meiner armen Mutter den Verkehr ber die lebendige Hecke und die von einem
blhenden Apfelbaum zum andern auf eigenem, sicherm Grund und Boden ausgespannte
Waschleine, und was sich an behaglichem Verdru und verdrielichem Wohlbehagen
daran knpfte. Wenn ich mir jetzt, mit dem Kopfe in der Hand, berlege, was ich
dagegen tun konnte, da sie ihren Willen, auf ihrem und - meinem Wege aufwrts
als grmliche Sieger zu fallen, nicht bekamen, und mir sagen darf Wenig!, so ist
das auch ein Trost, aber nur ein geringer, und man hat erst an seine eigenen
Nachkommen und deren Trstungen zu denken, ehe man sich wieder beruhigter,
gelassener vor solch einem Aktenbndel wie dieses hier vorliegende im Sessel
zurechtrckt. - Jawohl, mein Weg ging aufwrts in der Rangordnung des
Staatskalenders und der brgerlichen Gesellschaft: meine Eltern starben - die
Mutter zuerst und der Vater ihr bald nach; und ich heiratete. Da ich ihnen
Schlappes Schwester als liebe Braut und gute Tochter zufhrte, war der beiden
guten und lieben alten Leute letzte Freude und drckte ihnen das letzte Siegel
auf die Gewiheit, da auch ich ein guter, braver Sohn gewesen sei, da ich
allen ihren Erwartungen entsprochen habe und mich auch fernerhin aller hohen und
hchsten Ehren und Genugtuungen unserer Welt im kleinsten wrdig erweisen werde
und also aller durch zwei ganze treusorgliche Elternleben aufgewendeten ngste,
Mhen, Kmmernisse und Entsagungen wert.
    Wahrlich, ich schreibe nicht, um in diesen Blttern Komdie zu spielen und
von Trnen zu fabeln und zu faseln, die auf irgendeine Seite der Handschrift
gefallen seien (ich wei es ja eigentlich selber nicht, wie sich dieses alles
pltzlich infolge jenes Briefes aus Berlin, den Helene Trotzendorff, den Mrs.
Mungo schrieb, in den tagtglichen Aktenwechsel auf meinem Schreibtische
schiebt!), aber ich nehme mir wieder die Mue, zu dem Bildnis ber diesem
Schreibtische, dem alten, teuren Herrn mit dem verkniffenen deutschen
Schreibergesicht und dem zu dem Landesorden hinzugestifteten Ehrenkreuz Erster
Klasse auf der Brust, melancholisch-dankbar aufzuschauen.
    Wer hatte es besser mit dir im Sinne als der? - - -
    Der Weg nach dem Friedhofe jenseits des Vogelsangs fhrte noch immer durch
unsere vordem so grne Kindheitsgasse. Jetzt vorbei an den Pltzen, wo vordem
Hartlebens weitgedehntes Anwesen gewesen war und meiner Eltern Haus, mein
Vaterhaus und ihrer Vter Haus, gelegen hatte.
    Es ist eine Redensart: Ich komme selten mehr in die Gegend! Wie schwer sie
einem aufs Herz fallen kann, das sollte ich am Begrbnistage meines Vaters im
vollsten Mae erfahren.
    Ich war nicht so hufig in die Gegend gekommen, wie ich gesollt hatte, und
nun war grade die rechte Gelegenheit, um zu erkennen, wie sehr sie sich
verndert hatte, nicht seit unseren Kinderjahren, sondern seit dem Tage, an
welchem die Nachbarin Andres, die Frau Doktern, dort von uns allen allein
zurckgelassen worden war.
    Es gibt auch eine Redensart: Das ist mir bis jetzt nicht aufgefallen! Und
dann kommt pltzlich die Gelegenheit, der Augenblick, die Stunde, der Tag, wo
das um so eindringlicher einem ans Herz gelegt wird. Ich hatte wirklich so viel
mit meinen persnlichen Lebensangelegenheiten, mit mir selber zu schaffen
gehabt, da ich mich um das, was hinter mir lag, und wenn auch in nchster Nhe,
wenig bekmmern konnte, und der Vogelsang war mir davon nicht ausgenommen
gewesen. -
    Zwischen den neuen Mauern der Fabriken, Mietshuser, Tanzlokale war's allein
die alte Frau, die Mutter Veltens, welche, wie sie es dem Sohne versprochen
hatte, nicht von ihrer Heimsttte gewichen war und trotz des neuen Lebens, das
ihr von allen Seiten unbehaglich, spttisch, ja drohend sich andrngte, ihr
Huschen, ihr Grtchen, ihre lebendige Hecke festhielt. Wieviel Vernunft hatten
meine Eltern deswegen die letzten Jahre hindurch vergeblich auf sie
hineingeredet!
    Er hat seinen Willen gewollt und hat ihn nun in aller Herren Lndern zu
Land und Meer: ich habe den meinigen hier im Vogelsang, und wenn es auch nur des
Kitzels wegen wre, der mir zukommt, wenn er heimkommt und ich ihn frage Na,
Velten, wie war's denn drauen? antwortete in den verschiedenartigsten
Variationen (auch je nach Jahreszeit verschiedenen) die Frau Doktorin Andres im
Vogelsang auf alles, was ihr Huserspekulanten, sachverstndige Freunde und
wohlmeinende Freundinnen vortragen mochten, um ihr den Sinn zu brechen und ihr
zum Besten zu raten. Es war mit der Frau jetzt immer noch ebensowenig anzufangen
wie vor Jahren, wenn mein Vater als Familienfreund von einer
Erziehungskontroverse mit ihr nach Hause kam.
    Und nun war es kaum acht Tage her, da er zum letztenmal in dem kleinen
hartnckigen Huslein gewesen war, um sich in der altgewohnten,
treufreundschaftlich-nachbarschaftlichen Weise zu rgern und sich wieder zu
vertragen mit der Frau Exnachbarin. Nun stammte der werteste Kranz auf seinem
Sarge aus dem letzten Hausgarten des Vogelsangs, und Veltens Mutter hatte ihn
selbst gebracht und mit mir und meiner jungen Frau, die nichts mehr von dem
Vogelsang wute, neben dem schwarzen Schrein gesessen und mir mehrfach die Hand
aufs Knie gelegt und geseufzt:
    Ich werde ihn sehr, sehr vermissen, deinen guten Vater, bester Karl! Nun
bin ich die letzte von den Alten unterm Osterberge. Manchmal in dem jetzigen
Lrm dort um mich her, wenn ich so von meinem Strickzeug am Fenster aufsehe,
kommt es mir doch wirklich vor, als gehre auch ich nicht mehr dahin: aber ich
habe es ihm ja versprochen, da er mich jederzeit dort in seines Vaters und
seinem eigenen alten Wesen noch vorfinden soll, und so mu ich noch etwas
bleiben. Wer verdunkelt einem nun noch mit einem Auf ein Wort, Frau Nachbarin!
das Fenster, um einen fester in der Gewiheit, zur Seite und gegenber die
beste, liebste Nachbarschaft zu haben, nach dem Vorgucken und Besuch wieder sich
selbst zu lassen? Kommt ihr jungen Leute, so knnte man sich so vorkommen wie
ein ein halb Jahrhundert vor der Erlsung fr einen Augenblick aufgewachtes
Dornrschen, das sich nicht seinem Prinzen in Mantel, Federbarett und Trikot,
sondern einem durch die Hecke gedrungenen Liebhaberphotographen gegenber
findet. Ja, sieh, lieber armer Junge, so schwatzt die alte Doktern Andres ihren
gewohnten Unsinn selbst am Sarge deines Vaters, ihres guten, treuesten Freundes!
Aber glaub mir, wenn ihr ihn morgen frh durch den Vogelsang geleitet, so sieht
ihm ber ihren Zaun dort eine Freundin mit nassen Augen und vollem Herzen nach
und sagt Da begraben sie einen Mann, den dir das Schicksal dort an die Hecke
gesetzt hatte, um dir ein Muster an ihm zu nehmen, dein ganzes Leben lang,
Mutter Andres! Alles fr unsere Jungen! Natrlich er auf seine Weise, ich auf
die meinige. Und da seine Art gut war, das bezeugt ihm am besten die kleine
Frau hier hinter ihrem feuchten Taschentuch, Karl. Ziehen Sie es mir noch einen
Moment herunter, Kindchen, und geben Sie mir einen Ku, und nun gute Nacht, und
habt ferner euren Trost aneinander und gnnt uns Alten unsere Ruhe, wenn unsere
Schlafenszeit gekommen ist!

Es war ein schner, sonniger Morgen, an welchem wir meinen Vater begruben. Mit
einem stattlichen Gefolge, an dem er wohl seine Genugtuung haben mochte und wie
es ihm da, wo man sonst wohl am wenigsten an so etwas denkt, auf seines Lebens
Hhe, als etwas sehr Wnschenswertes, sehr Erstrebenswertes erschienen sein mag.
Wie oft hat er von dem Fenster unseres Wohnzimmers aus die Kutschen gezhlt, die
bei solchen Gelegenheiten die Teilnahme der Besten im Volke leer, aber wrdig
zur Darstellung bringen! ... Und nicht, da ich nun von einem erhabenern
Standpunkt hierber hinweggesehen htte: oh, als der rechte Sohn meines Vaters
habe ich sehr genau darauf geachtet, wer ihm und mir die gebhrende Ehre gab und
wer nicht! -
    Aber wo war das Fenster im Vogelsang, an dem die Krumhardts seit
Generationen von Vater zu Sohn ihre statistischen Bemerkungen in dieser Hinsicht
gemacht hatten, bis - sie selber fr einen andern in gleiche hineinfielen? Ein
vierstckiges Haus hatte Arnemann auf das alte Familiengrundstck gesetzt, und
vom Erdstock bis zum Dache kamen Dutzende von Gesichtern jeder Art an die neuen
Fenster, um das schne Begrbnis zu sehen. Und was sonst ein lieber, zum
brigen, Gleichen gehriger Schmuck der Feld- und Gartengasse gewesen war, das
Stck grne Hecke der Frau Doktor Andres, das war nunmehr ein Etwas, das seine
Zeit ganz und gar berlebt hatte und durch sein Nochvorhandensein nur
kmmerlich-lcherlich wirkte.
    Und wie an dem betrbten Tage, in dem traurigen Zuge mein Auge doch nur
diesen grnen Punkt in all dem neuen, fremden Mauerwerk suchte und sich der
Exbrger des Orts mit einer Art von Heimwehgefhl dort festzuklammern suchte!
Und nun - grade vor dem Anwesen der Familien Krumhardt und Andres redeten die
beiden wrdigen geistlichen Herren, zwischen denen ich hinter dem Sarge schritt,
so treulich und wohlmeinend das Passende auf mich ein, da es eine rechte
Unhflichkeit von mir gewesen sein wurde, wenn ich ihnen nicht nach rechts und
nach links hin das Ohr geliehen htte! So habe ich damals trotz allem nur
flchtig hingren knnen nach der greisen Freundin und Nachbarin an dem
zerfallenen morschen Gartentrchen und ganz auer acht gelassen, da sie nicht
allein an der Pforte zu ihrem so tapfer festgehaltenen Reiche stand, um den
Familienfreund vorbeiziehen zu sehen. Es htte auch doch wohl eine Strung im
Zuge gegeben, wenn - Velten Andres an dem Morgen aus seinem Garten sofort an
meine Seite getreten wre! - - -
    Er hat sich an das Ende des Zuges angeschlossen und mich also auf dem
ernsten Wege davor bewahrt, Aufsehen durch eine augenblicklich unschickliche
Aufregung ber ein pltzliches, unvermutetes Wiedersehen zu erwecken. Auf dem
Friedhofe selbst aber, wo die frhere Freundschaft auch jetzt noch nach
Mglichkeit gute Nachbarschaft hielt und ihren Grundbesitz im Grundbuche, wenn
auch nicht Hypothekenbuche, fest zusammen hatte schreiben lassen, konnte er mir
die berraschung nicht ersparen.
    Dicht neben seinem Vater war dem meinigen die Grube gegraben (Nachbar
Hartleben lag nur ein paar Schritte weiter ab, und der brige Vogelsang, hier
noch immer im Grn und mit der Aussicht auf den Osterberg und Schluderkopf,
rundum) und standen die Schaufeln fr die Liebes-, Ehren- und Achtungsgabe des
Grabgefolges in die frisch aufgeworfenen Schollen fruchtbaren Gartenhodens
gestoen.
    Und wenn man den gleichgltigsten Kanzleiverwandten, den langweiligsten
Klub- und Stammtischgenossen so, mit einem dieser Spaten, die letzte Achtung
erweist, liegt nicht nur die nchste Umgebung, sondern die ganze Welt in einer
Beleuchtung, die fr den Schreibtisch und den L'hombretisch kaum die rechte sein
wrde: begrabe aber deinen Vater, deine Mutter, dein Kind und achte dann in dem
Licht, das eben kein Licht ist, darauf, wer dir zu dem Erde zu Erde das
Werkzeug in die Hand gibt und an wen du es weitergibst! ...
    In die Hand reicht es uns Christenleuten nach geschriebenem und
ungeschriebenem Recht die Kirche, wenn es gewnscht worden ist; aus der Hand
nahm es mir der Nchste mir zur Seite und sagte:
    Das war ein wohlmeinender, braver und kluger Mann, Krumhardt. Mgen deine
sptesten Enkel noch se Frchte mit seinen wackeren Knochen vom Baume des
Lebens werfen...
    Velten! ... Velten Andres! Nun verletzte ich doch den Anstand, indem ich
zurcktretend den Chef des Entschlafenen, der nach mir nach der Schaufel hatte
greifen wollen, auf den Fu trat. Den Spaten reichte Velten ihm.
    Bitte, Herr Obergerichtsprsident!
    Spter sind keine Strungen mehr vorgefallen. Es ist nur getan und gesagt
worden, was bei solchen Gelegenheiten getan und gesagt zu werden pflegt. Ich,
der ich mehr als ein anderer (auch als der Freund) von den Vorzgen des alten
Herrn Kenntnis hatte und berzeugt war, kann es bezeugen, da mir nichts ber
ihn gesprochen wurde, was nicht die volle Wahrheit war. Als wir ihn dann lieen
und ein jeder, der ihm die letzte Ehre gegeben hatte, aus solcher Strung des
tagtglichen Tages- und Geschftslaufs heimging oder - fuhr, hatten wir, der
Vater und der Sohn, es freilich uns gleichfalls gefallen lassen mssen, was dann
noch mehr oder weniger anekdotenhaft aus dem Lebensverlauf des
Obergerichtssekretrs Krumhardt heraufgeholt wurde, bis noch nherliegender
Tages-und Daseins-Gesprchsstoff den Ruhenden in seiner Ruhe lie neben seinen
nchsten guten Nachbarn: seinem Weibe und dem Doktor der Heilkunde Valentin
Andres. - -

Er fuhr nicht mit mir nach Hause. Er sagte mir auf dem Kirchhofe nur noch:
Spter, mein Junge! Wir haben fr alles Zeit, brachte mich aber doch an den
Wagen an der Friedhofspforte, lie den hohen Chef des weiland
Obergerichtssekretrs Krumhardt und seinen Sohn einsteigen, drckte mir ber den
Schlag noch einmal die Hand: Ich hoffe, dich schon heute noch gemtlicher
sprechen zu knnen. Guten Morgen, Alter!
    Was war denn das fr ein eigentmlicher Herr, lieber Assessor? fragte der
hohe, amtlich dem Hause Krumhardt Vorgesetzte; und als ich ihn, soweit das
mglich war, darber in Kenntnis gesetzt hatte, sagte er:
    Hm, hm, ja, ich erinnere mich dunkel. Der Sohn eines Vorstadtarztes und ein
toller Christ vor Jahren. Nahm nicht einmal Seine Durchlaucht einiges Interesse
an ihm? Jawohl, jawohl, ganz richtig! Andres! Eine Zeitlang hatte der junge
Mensch hier wirklich die besten Avancen. Sie und er waren Nachbarn, Herr
Assessor, und scheinen noch in freundschaftlichem Verkehr mit ihm zu stehen. Man
hielt ihn damals fr ein junges Genie: aber er ist uns doch, wie das gewhnlich
zu geschehen pflegt, dann bald gnzlich aus den Augen gekommen. Es wrde
wirklich auch mich ein wenig interessieren, zu erfahren, was jetzt eigentlich
aus ihm geworden ist.
    Wahrscheinlich hat der wrdige Mann es nur auf die Zeit und Umstnde, unter
welchen er seinen Wunsch uerte, geschoben, da ich ihm nur sehr ungengend
Aufklrung gab. -
    Zu Hause fand ich, was man zu finden pflegt, wenn man von einem solchen
Geschft heimkehrt: das Haus nach Mglichkeit gereinigt und aufgerumt - nach
der Katastrophe soviel frische, sonnige Alltagsluft als mglich eingelassen -
nach Mglichkeit alles in der alten Ordnung - sowenig als mglich Stearin,
Chlor-und Blumengeruch, das alte Gerte in gewohnter Ordnung, nur noch etwas
peinlicher, um einen herum und - eine Lcke in sich, ein Leere, eine Ode um
sich, die, natrlich je den Umstnden nach, mehr oder weniger empfindlich
empfunden werden. Aber ich konnte auch mein gutes kleines Weibchen in der
schwarzen, ernstgemeinten Trauerkleidung in den Arm nehmen und Schlappen, dem
jngsten Regierungsrat des Landes und meinem Schwager, sowie einigen anderen,
meiner Frau zum Trost und zur Aufrichtung gegenwrtigen Mitgliedern ihrer
Familie fr ihre Teilnahme danken.
    Es ist doch recht betrbt, da du heute gar keine eigenen Verwandten hast,
sagte, nachdem sie alle ihre Pflicht getan hatten und gegangen waren, meine
Frau, sich an meinem Schreibtische an meine Seite schmiegend und gottlob so
dicht als mglich. Armer Mann! Aber mich hast du doch, und nicht wahr, das ist
doch auch ein Trost? Und nun wollen wir von jetzt an noch fester zusammenhalten
und uns immer lieber haben - nicht wahr, du armer, lieber Mann? Und da du dich
gleich wieder in dein Arbeitszimmer gesetzt hast, das ist sehr unrecht von dir
und gehrt sich gar nicht! Deine Frau gehrt heute zu dir, und wenn du nicht zu
mir herberkommst, so bleibe ich hier bei dir, und drauen habe ich schon
Bescheid gegeben: sie sollen, wenn es nicht ganz und gar ntig ist, keinen
Menschen mehr zu uns hereinlassen!
    Bei allem, was der Mensch auf Erden je der Gtter Wohlwollen, die Gte
Gottes genannt hat, konnte es mir noch deutlicher gemacht werden, was ich an
sicherm Eigentum, an dem Reichtum dieser Erde gewonnen hatte, was mir davon
gegeben worden war auf meinem Wege bis zu diesem betrblichen Tage? -
    Wir blieben den Tag ber fr uns allein. Als ich meiner Kleinen aber von der
Heimkehr Velten Andres' erzhlte, sagte sie:
    Oh, der gehrt natrlich zu uns, dein bester Freund! Ich kenne ihn ja
eigentlich kaum: aber wie oft ist bei uns, in meiner Eltern Hause, von ihm, und
was er an meinem Bruder getan hat, die Rede gewesen! Ich war zu jener Zeit, als
er fr uns sein Leben gewagt hat, noch ein zu junges Kind, um seine Heldentat
ganz zu fassen: aber ich sehe heute noch meine Mutter in Ohnmacht und im
Weinekrampf und meinen Vater auer sich. Nachher ist leider weniger gut von ihm
gesprochen worden, und Papa hat rgerlich gemeint, es sei schade, da so ganz
und gar nichts mit ihm anzufangen sei; und dabei bin ich denn, weit du, auch so
nach und nach herangewachsen und habe mir meine eigene Meinung gebildet, und du
bist gekommen und hast mir dabei geholfen, das heit, du weit es wohl selber am
besten, wie du mich nicht nur aus meines Vaters Hause, sondern auch in alle
mglichen anderen Ansichten ber Gott und die Welt hinein-und fr dich
zurechtgezogen hast. Nun wei ich heute fast ebensogut wie du in eurem alten
Vogelsang und um Helene Trotzendorff und die Frau Doktorin Andres und deinen
Velten und alles brige Bescheid - freilich, wenn ich auf einen Menschen
gespannt sein mu, so ist das dein Freund Velten, aus dem keiner von euch je
recht klug geworden zu sein scheint, nimm das mir nicht bel. Und ganz derselbe
wie sonst, nach eurer Beschreibung, scheint er auch geblieben zu sein: ich wre
in seiner Stelle jetzt schon lngst bei dir - noch dazu an solch einem bsen,
schmerzlichen, traurigen Tage wie heute!
    So plauderte sie und versuchte es immer von neuem, mit dem lieben
Zeigefinger mir die Stirnfalten wegzustreichen und mir ber den traurigen Tag
leichter hinwegzuhelfen.
    Es war ein wunderlicher, gespenstischer Tag, ein unruhiger Tag, trotz der
Stille, in der die Welt uns zwei lie oder der Anweisung an der Vorsaaltr
zufolge lassen mute. Der frische Hgel auf dem Vogelsangkirchhofe war nicht
schuld daran: so etwas drckt den Menschen nur in den Winkel und womglich einen
dunkeln, drckt ihn nieder in einen leer gewordenen Grovaterstuhl oder auch
wohl auf ein niederes Kinderschemelchen, drckt ihm die schwere Hand auf die
Augen, auf die Stirn. Unruhe in die Glieder bringt das nicht; ich aber hatte den
ganzen Tag ber Unruhe in den Gliedern, denn ich begriff noch weniger als meine
Frau, wo Velten jetzt eigentlich blieb.
    Es konnte doch keine Tuschung gewesen sein! Ich hatte ihn doch pltzlich
auf dem Kirchhofe an meiner Seite gesehen! Er hatte zu mir gesprochen; ich
fhlte noch immer den Druck seiner Hand auf der meinigen; und - ich hatte im
Auf- und Abschreiten durch das Zimmer Momente, in welchen ich nicht mehr an ihn
glaubte und einen Eid ber seine Rckkehr in die Heimat nicht zu den Akten
abgegeben haben wrde. Als er dann in der Dmmerung kam, fand er mich ber dem
Reichsstrafgesetzbuch, dem Paragraphen: Fahrlssiger Meineid, und in der
kopfschttelnden Gewiheit, da die meisten Justizverbrechen hierbei begangen
werden und da Jupiter, der ber die Schwre der Verliebten lacht, ber die
Urteile der hier zustndigen Richter sehr hufig mit den Zhnen zu knirschen
htte. - Da ich solches aber jetzt hier niederschreibe, beweist nur auch, in
welche Ferne mir heute, in dieser Winternacht, whrend der Schnee noch immer
ununterbrochen niederrieselt, jener so dunkle, unruhvolle Sommersonnentag, der
Tag, an welchem ich meinen Vater begrub und an welchem Velten Andres ihm vom
Hause seiner Mutter aus die letzte Ehre erwies, gerckt ist.
    Er aber, mein Freund Velten, steht wieder grade so gespenstisch wie damals
neben meinem Sessel, legt mir die Hand auf die Schulter und fragt:
    Nun, Alter, noch nicht des Spiels berdrssig?
    Da habe ich denn in dieser heutigen kalten, farblosen Winternacht, mit den
ewig von neuem sich aufhufenden Aktensten um mich her, mit all den
Enttuschungen, Sorgen, rgernissen, die nicht nur das ffentliche Leben,
sondern auch das Privatleben mit sich bringt, und im grimmen Kampf mit dem
berdru, der Enttuschung, der Langweile und dem Ekel an der schleichenden
Stunde, doch noch einmal ein Nein! gesagt, dem stolz-ruhigen Schatten
gegenber, der so wesenhaft Velten Andres in meinem Dasein hie.
    Ich habe und halte meiner Kinder Erbteil. Das Spielzeug des Menschen auf
Erden, das ja auch einmal meinen Hnden entfallen wird, wollen sie aufgreifen,
und ich - ich fhle mich ihnen gegenber dafr noch verantwortlich! -

Doch jener Sommertag, an welchem sich der Freund ber das letzte Stckchen
lebendiger Hecke im Vogelsang lehnte, um dann seinem ihm vom Staate gesetzten
Vormund oder Familienfreund, dem alten Obergerichtssekretr Krumhardt, auch
die letzte Ehre zu erweisen, ist ja noch nicht vorber in diesen Blttern. Die
Dmmerung zieht sich in jener Jahreszeit weit in die Nacht hinein, und, wie
gesagt, er kam erst in der Dmmerung, der Freund, und ein neuer Morgen leuchtete
ber dem Osterberge auf, ehe er wieder ging und beim Abschiednehmen lchelte:
Nun, hab ich die Scheherezade oder den Mrchenerzhler im Karawanserei zu
Bagdad vergnglich gespielt? Seht nur -

der Tag im brunlich roten Mantel
betritt im Osten dort die tauigen Hhn!

Aber, ihr habt es ja so gewollt, Kinderchen: und eines ist sicher: in meinem
Leben wit ihr jetzt fast ebensogut Bescheid wie ich selber. Was meint die
gndige - die junge Frau? Nicht wahr, sie fat nachher ihr Stck bestes Eigentum
fester und etwas ngstlich in die Arme O Gott, Karl, und mit diesem
entsetzlichen Menschen bist du aufgewachsen in eurem Vogelsang und hast mir von
ihm so gut gesprochen, wenn einmal wieder in den letzten Jahren die Rede auf ihn
gekommen ist? Oh, wie dankbar mssen wir dem lieben Gott beide sein, da er noch
frh genug ein Einsehen gehabt und ihn auf alle vier Straen der Welt verwiesen
und ihm nur Gras und Welle, Sonne und Wind gelassen, aber dich Armen zu deinem
Besten mir hier anbefohlen hat!
    Sie bleiben doch nun auch, wenigstens fr einige Zeit, hier bei uns?
fragte Schlappes Schwester; er aber wendete sich wieder zu mir.
    Die alte Heldin dort, hinter der letzten Hecke des Vogelsangs! Der Brief,
in dem ich ihr meinen Besuch von Southampton aus anmeldete, ist erst heute
morgen hier angelangt. So fand sie mich gestern abend an unserer Gartentr
lehnend, als sie von dir und deines Vaters Sarge nach Hause kam. Ich brauche ein
Jahr mindestens, um ihr fr den diesmaligen Schrecken, den ich ihr einjagte,
Genugtuung zu geben. Du lieber Himmel, sie da in den Armen zu halten und die
alten guten Redensarten im alten Ton wieder zu hren! O wie oft habe ich in der
Fremde ihr Du dummer Junge! im Ohr gehabt - und nun es sich wieder zwischen
Lachen und Weinen sagen lassen zu drfen! Eine Stunde hatte ich am Zaun zu
warten, bis sie mit dem Hausschlssel kam, den verlaufenen Hund einzulassen. Da
habe ich Zeit gehabt, mir die neue Mauerwerksherrlichkeit zu betrachten in der
sie - sie allein das Ihrige - das Unserige festgehalten hatte: - und fr wen,
fr wen? Da stand der Narr, der von der Schmetterlings- und Seifenblasenjagd
heimgekommene Narr, und suchte nach rechts und nach links und nach gegenber die
alten Freunde und Bume - fremde Gaffer und fremde Mauern um sich her. Sie haben
es ihr zugebaut, das sonnige, grnende, blhende, lachende Familienerbe; sie
aber hat Freund und Freundin, Nachbar und Nachbarin, Busch und Baum gehen und
fallen sehen, hat dem Schatten ber ihren Aurikelbeeten standgehalten und ihren
Sessel vor ihrem Nhtischchen an ihrem Fenster nicht weggerckt. Sie hat alle
Tatzen weggeschlagen, und nicht ihret-, sondern meinetwegen. Gndige Frau, Karl
Krumhardt - meinetwegen! ... Meinetwegen hat sie wie weiland die Juden in
Jerusalem die Riemen von den Stteln und das Leder von den Schilden abgenagt und
das Heiligtum gehalten unter dem Fabriklrm von Hartlebens Grundstck her und
der Tanzmusik aus dem Tivoli und der Zentralhalle. Ob ich als Bettler oder als
Millionr wie weiland Mr. Charles Trotzendorff heimkam, ist ihr wohl recht
gleichgltig gewesen; ber ihrer Hkelnadel, ihrem Strickstrumpf, hinter ihrer
lieben Brille hat sie nur die Gewiheit festgehalten Den Schlingel, das arme
Kind, kenne ich zu gut, um nicht zu wissen, wie das fest darauf rechnet, sich
noch einmal hinter meiner Schrze zu verstecken und sich an meinen Rock zu
klammern und Mama! Mama! zu heulen. Wer sollte um den Narren Bescheid wissen,
wenn ich nicht? Htte er mir das Kind, die Helene, heimbringen knnen, so wre
es freilich etwas anderes gewesen: aber das ist wohl nicht seine schlimmste
Fehljagd nach dem Glck gewesen, da Mistress Mungo nicht in das letzte Grn des
Vogelsangs hineinpate. - Jetzt lat mich gehen, Leutchen: jawohl, gndige Frau,
fr einige Zeit bleibe ich im Lande, und nun machen Sie kein zu bedenkliches
Gesicht hierzu. Ich lasse Ihnen Ihr wohlerworbenes Eigentum. Sehen Sie, da
lchelt Freund Krumhardt - selbst nach seinem traurigen Tagesgeschft. Es geht
doch nichts ber eine trauliche Abendunterhaltung, so bis in den nchsten Morgen
hinein!
    Ob ich gelchelt habe, kann ich nicht sagen: aber das wei ich, da, als er
gegangen war und wir nun wieder allein bei der schon in den Tag hineinglimmenden
Lampe waren, meine Frau sich wie angstvoll an mich drngte, mir die Arme um den
Hals warf und rief:
    Welch ein Mensch, welch ein lieber und unheimlicher Mensch! Also das ist
dein Freund? Mit dem bist du aufgewachsen in eurer Vorstadt, whrend in meiner
Eltern Hause niemand von euch wute? O jetzt begreife ich es, da der einem
Menschen das Leben retten kann, blo um sich ber ihn lustig zu machen, wie er
ber meinen Bruder Ferdi! Da er um ein trichtes Mdchen seine Mutter, sein
Vaterland, seine Aussichten in der Heimat aufgeben konnte, und - sieh - so recht
sagen kann ich es nicht, aber ich fhle es und wei es sicher, da, wenn er
nachher scherzhafte Briefe an seine Mutter ber seine Tuschungen und
Enttuschungen geschrieben hat, die ihm aus dem Herzen, und einem ruhigen, fr
mich als ein armes Frauenzimmer etwas zu ruhigem Herzen gekommen sind. Mit
welchem Lcheln er von dir, mein bester Karl, als von meinem Eigentum sprach!
Sieh, wir wissen nicht, wie er jetzt heimgekommen ist, ob mit Geld oder ohne;
aber ein Eigentum hat der nicht mehr in der Welt und an der Welt, und was fr
mich und unseresgleichen sehr trostlos ist: will es auch nicht haben. Was kann
denn der von alledem, was uns anderen Freude macht, noch gebrauchen? Und was
kann ihm noch Sorgen machen und Schmerz und Verlust frchten lassen nach allem,
was er uns erzhlt und wie er zu uns gesprochen hat in dieser Nacht? Der hat
keines Menschen Hlfe und Trost mehr ntig - auch deinen nicht, Karl. O das ist
ein sehr gefhrlicher Mensch; jetzt begreife ich wohl, da hier in unserer
kleinen Welt niemand etwas mit ihm hat anfangen knnen, da nirgends fr ihn ein
Ruheplatz gewesen ist. Aber ist es ein Glck, so unverwundbar auf seinem Wege
durchs Leben zu werden wie dieser, dein Freund Velten, der an allem, was uns
anderen begegnen mag, jetzt nur Anteil nimmt wie wir auf unserem Theaterplatz,
einerlei, ob es das Lustigste oder das Traurigste, das Dmmste oder das Klgste,
das Hlichste oder das Schnste ist, was vor ihm aufgefhrt wird? Und was noch
schlimmer ist, auch in ihm! Ich schwatze wohl trichtes Zeug: aber wie htte ich
in meinen Kreisen je erfahren knnen, da es so etwas in der Welt geben kann?
Da Menschen ber das Leben und den Tod, ber alles, was uns anderen wichtig,
s oder bitter ist, so ruhig werden knnten? Ach, Karl, der ist doch noch ganz
anders, als wie du ihn mir geschildert hast. Und, weit du, noch eines eure arme
Leonie in Berlin, von der du mir erzhlt hast, begreife ich wohl; aber die
andere - die hier aus dem Vogelsang, ganz und gar nicht. Wenn sie, diese Helene
Trotzendorff, nicht doch nur, euch nrrischen, dummen Leuten gegenber zum
Trotz, eine ganz gewhnliche dumme Gans gewesen ist, hat sie eine schwere
Verantwortung auf sich genommen. Ich, fr mein Teil, ich -
    Nun, mein Herz?
    Ich htte auf diesen greulichen Menschen gewartet und mein Recht an ihn
nicht so leicht hingegeben!
    Es war nach dem Begrbnistage meines Vaters. Die Kleine sah nach all den
schlimmen, wunderlichen und abenteuerlichen Aufregungen, zwischen der
erlschenden Lampe und dem kommenden Tageslicht, bernchtig, abgespannt, ja
vllig unglcklich drein, aber lcheln mute ich doch ber das mir scheu-trotzig
zugerufene Wort. Sie aber sprang auf aus ihrer Sofaecke, blies die Lampe aus und
rief:
    Ja, es ist mir ganz einerlei, ob du lachst oder brummig siehst: dein Freund
Velten Andres gefllt mir ausnehmend, und ich kann das um so ruhiger sagen, als
ich hier gar nicht fr mich spreche.
    Und fr wen?
    Fr uns alle. Jawohl! Und da meine ich etwa nicht blo, wie du mir
natrlich abzusehen glaubst, uns arme, in die Konvenienz gebannte Frauenzimmer,
denen da mal was Neues aufgeht, sondern euch mit, ja, euch Mnner vor allem! Wir
nehmen doch hchstens ein etwas tieferes Interesse an solch einem neuen Phnomen
an unserem beschrnkten Horizont; aber ich glaube, wre ich ein Mann, und noch
dazu einer aus der hiesigen Stadt und Gesellschaft, so mte ich dann und wann
neidisch auf solch einen brigens im Grunde grlichen Menschen werden.
    Ach, und er war so gut und hielt sich so still und tat keinem seiner
hiesigen Mitmenschen was - fast ein volles Jahr im Vogelsang. Fast ein volles
Jahr hindurch gab es in der fast zur Grostadt herangewachsenen Residenz keinen
kleinbrgerlicher von seinen Renten lebenden Rentner (wenn auch nicht in
Schlafrock und Pantoffeln) als wie Velten Andres. Das Interesse an ihm erlosch
bald vollstndig: wie Mr. Charles Trotzendorff war er wahrlich nicht
heimgekehrt; brigens wute auch seine jetzige Nachbarschaft im Vogelsang kaum
noch etwas von Joseph, das heit in diesem Falle von dem Doktor Andres und
seiner Familie.
    Gegen alte Schulfreunde und sonstige Jugendgenossen hatte er im Verkehr
eigentlich nur das eine Wort:
    Schauderhaft mde.
    Wenn er dann ghnend vielleicht noch hinzugesetzt hatte:
    Ausschlafen! und der gute Freund mehr und mehr zu dem Bewutsein gelangte,
da er seinerseits eigentlich nichts mitzuteilen habe, so war es denn freilich
fr beide Teile das beste, wenn solche Unterhaltung nicht fortgesetzt wurde,
sondern der Verkehr berhaupt unterblieb. Hellugig, lebendig, wach und das
Spazierstckchen schwingend, ging dann der Besuch, in der festen berzeugung:
    Wieder einmal einer, der zu groe Rosinen im Sack hatte und nachher das
gewhnliche Pech im Leben gehabt hat. Schade um den alten, lieben Kerl!
    Ich habe selber einigen solcher guten Leute von dem Fensterstuhl der Frau
Doktern mit das Geleit gegeben bis zu dem morschen Trchen in der letzten grnen
Hecke des Vogelsangs, ihnen, an dieser Hecke lehnend, nachgesehen und, wenn ich
es konnte, meine Gedanken haben drfen ber das Wachen und das Schlafen in
dieser Welt. -
    Aber auch mir gegenber verhielt der Freund sich schweigsamer, als es mir
eigentlich recht schien. Ich erfuhr ber seine Erlebnisse im Grunde jetzt aus
seinem Munde nicht mehr, als was er im Laufe der Jahre darber an seine Mutter
geschrieben hatte. Auf einem Spaziergange gelangten wir auf dem Osterberge auch
wieder einmal auf die Stelle, von wo wir drei Kinder: er, Helene Trotzendorff
und ich, einst um den Laurentiustag die Sternschnuppen fallen sahen und unsere
Wnsche fr das Leben gehabt hatten.
    Ich erinnerte ihn daran, und er legte mir die Hand gelassen auf die Schulter
und sagte ohne alle Aufregung, ohne Lcheln, aber auch ohne Stirnrunzeln:
    Mir haben sie so ziemlich Wort gehalten, die fallenden Sterne. Einem
bescheidenen Gemt wird schon das Seinige zuteil, und wei es sich zu
bescheiden, wo es nicht anders geht. Was wnschte ich mir damals doch? Wenn ich
nicht irre, den Heckepfennig, den Dumling und das Tellertuch der drei
Rolandsknappen. Ich habe das alles gehabt und habe es noch, soweit es mir zum
tglichen Gebrauch ntig ist. Auf das Vergngen, Persepolis in Brand zu stecken,
verzichtet man, wenn man sein letztes Schulheft in den Ofen gesteckt hat. Auch
ein berauschter Triumphtod zu Babylon erscheint mir nicht mehr als das
lblichste Exit-homo-sapiens, Ab-geht-der-Narr. Ich wnsche nchtern zu sterben,
oder wenn du lieber willst - vollkommen ernchtert. So eigentumslos als mglich.
brigens habe ich ein gutes Gedchtnis, und es war kaum ntig, da du mich eben
auf diesem Platze an jenen Sommerabend erinnertest. Auch von der Tonne des
Diogenes war ja wohl damals bei solch einem fallenden Stern die Rede? Nun, in
der habe ich mich jetzt, der alten Frau da unten zuliebe, in ihren Ofenwinkel
gewlzt oder wlzen drfen. Man mu sich alles gefallen lassen, lieber
Krumhardt. Und auch die Menschen nicht in ihren Illusionen stren. Die alte Frau
da unten im Vogelsang zum Beispiel ist noch immer der Meinung, da ihr Shnchen
die Welt durch seine Tatkraft berwunden habe und weiter berwinden werde. Die
scherzhafte Idee, in mir einen Helden meinem Vater und dem Vaterland, der
Hebamme und der Menschheit berliefert zu haben, hat sie so manches Jahr durch
und vorzglich jetzt whrend meiner lngeren Abwesenheit so trstlich und heiter
aufrechterhalten, da es eine Snde wre, ihr die Illusion zu nehmen. Hier hrt
auch fr mich das Spiel mit der Welt auf: das wre ein zu schlechter Spa, der
nun noch als Wolke vor die Abendsonne ziehen zu wollen! Beilufig, ich habe ihr
einen ihr ausreichend imponierenden Haufen Dollars auf den Tisch gelegt; soll
ich vor ihr nun auch meine leeren Taschen umwenden und ihr sagen Mama, du hast
vergeblich das letzte Grn aus dem Vogelsang fr das Geschpf, das auch sehr,
sehr dein Geschpf ist, fr den dummen Jungen, deinen Velten, festgehalten!? -
Ich habe oft im Leben Komdie spielen mssen, vorzglich in den letzten Jahren,
und wie der Kaiser Augustus htte ich mich meiner Begabung dafr wohl rhmen
drfen: jetzt und hier am Platze aber, dieser alten Frau gegenber, fllt es mir
schwer, das Wort vom Schlafen, Schlafen, dem Ausschlafenmssen wie vor den
anderen als ein Scherzwort, und um Fliegen - wollte ich sagen Narren abzuwehren,
festzuhalten. Nein, nein, die Sonne ist ihr bergenug verbaut worden; das Licht,
das ihr in ihrem stilltapfern, lieben, schnen Leben von mir ausgegangen ist,
soll ihr nicht ausgehen, soweit das an mir liegt! Sie soll ihre Freude an mir
behalten!
    Ich konnte dem Mann, ber den also wirklich niemand etwas Genaueres wute
als ich, nur stumm die Hand drcken; eine mndliche Erwiderung gab es hierauf
nicht.
    Velten lchelte.
    Es war um das Jahr siebenzehnhundertsiebenundsechzig und der grte Egoist
der Literaturgeschichte also achtzehn Jahre alt, da er seinem Freunde Behrisch
den Rat zusang:

Sei gefhllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde;

und er hat selber sein Leben in Poesie und Prosa danach eingerichtet, und es ist
ihm wohl gelungen. Es war im Salon der Mrs. Trotzendorff, als mir beim
zuflligen Blttern in allen mglichen Bilderbchern jenes Wort des frhreifen
Lebenshelden in Puder, Kniehose, seidenen Strmpfen und Schnallenschuhen in dem
rechten Augenblick wieder vor die Augen kam.
    Unser Dmonium bedient sich viel fter, als man merkt, solcher Mittelchen,
um uns unter die Arme zu greifen, sowie auch um uns davor zu behten, uns
lcherlicher zu machen, als unbedingt zum Fortbestehen der Welt durch den
Verkehr von Hans und Grete notwendig ist. Man kann auch von einem
achtzehnjhrigen Jungen was lernen, zumal wenn der Genius dem Bengel die Stirn
berhrt hat. Es war der Gesellschaftsabend, an welchem mir unsere Kleine aus dem
Vogelsang zum erstenmal ganz deutlich machte, was alles zu einem elenden Gut auf
der wankenden Erde werden kann. Verse habe ich nie gemacht; aber die Fhigkeit
habe ich doch, im Komischen wie im Tragischen das momentan Gegenstndliche, wenn
du willst, das Malerische, das Theatralische jedesmal mit vollem Genu und in
voller Geistesklarheit objektiv aufzufassen: ich habe an jenem, der alte Goethe
wrde sagen: bedeutenden Abend dem Papa Trotzendorff das Blatt aus seinem
Renommiertischexemplar gerissen, es fein zusammengefaltet und in die Brusttasche
geschoben. Manchen Leck in meinem Lebensschiff habe ich bis zum heutigen Tage
damit zugestopft, und - jetzt, meine ich, haben wir die schne Natur von diesem
Aussichtspunkt aus, auf dem wir voreinst unsere Wnsche an die fallenden Sterne
knpften, genug bei hellem Tage besehen, und wir knnen gehen.
    Wir gingen - stiegen noch einmal den Zickzackweg am Osterberge hinunter.
Jetzt konnte da nicht mehr Elly unter der Armenmannsbuche ber eine Wurzel
stolpern und sich eine blutende Nase holen. Der Weg war planiert worden, und
wo der schne, alte, morsche Baum seine Zweige ber ihn gestreckt hatte, stand
jetzt eine wei gestrichene Zinkfigur, eine Nachbildung der Canovaschen Hebe,
und daneben deutete an einem andern wohlgepflegten Pfade eine Hand auf einer
Tafel nach einem Asyl fr Nervenkranke, dessen Aufblhen in seinem Waldbesitz
am Schluderkopf Vater Hartleben glcklicherweise auch nicht mehr erlebt hatte
und also auch nicht deshalb keine Ruhe in seinem Grabe zu haben brauchte. Um die
spte Nachmittagsstunde war die Gegend hier von Spaziergngern und
Spaziergngerinnen recht belebt. Es begegneten uns mehrere, die uns grten oder
die ich zu gren hatte und die fters einen Blick ber die Schulter nach meinem
Begleiter zurckwarfen. Da uns jemand begegnet wre, der etwas aus ihm zu
machen gewut htte oder ihn nur annhernd richtig in seine Lebensordnung und
seine Erfahrungen ber menschliche Zustnde und Schicksale htte einordnen
knnen, habe ich nicht in den Akten.
    Am allerwenigsten konnte das mein Schwager Schlappe, der uns auch
entgegenstieg, seinen Weg sich nach gewissen roten und gelben Zeichen -
Kurzeichen - an den Bumen regelnd, um ein ihm gottlob nur hypochondrisch
angeflogenes Herzleiden im Keime zu ersticken.
    Siehe da, die beiden Seelenverwandten! Die zwei Insparables aus der
Volire da unten, eurem Vogelsang. Habe bei deiner Mama ber die stadtbekannte,
drollige letzte Hecke gesehen, Velten, und mich ber die liebe alte Dame wieder
einmal recht gefreut. Diese beneidenswerten Nerven! Unter der Konzertmusik aus
dem Tivoli das Frstliche Intelligenzblatt zu lesen und sich doch dabei
freundlich nach der Gesundheit eines Nebenmenschen erkundigen zu knnen! Und mit
solchem Behagen auf dem Gesicht! Wie befindest aber eigentlich du dich, alter
Mensch und Rtsel der hiesigen Menschheit? Velten, verantworten kannst du's
beinahe nicht, wie du die ortsangehrige Alltagswelt, soweit sie noch zu dir
hinreicht, intrigierst. Man sieht dich nicht, man hrt dich nicht, du knntest
allgemach die Wohlwollendsten dahin bringen, sich bei der Polizeidirektion nach
dir zu erkundigen oder sogar das edle Institut auf dich aufmerksam zu machen.
Kommen so die Welteroberer nach Hause, oder ist das nur eine neue Weise von dir,
der Residenz das Problem zu lsen, wie man Weltberwinder wird?
    Die lteste, einfachste und behaglichste Weise, sowohl was die
Welteroberung als was die Weltberwindung angeht, lieber Rat bei der Regierung,
sagte Velten Andres.
    Man trgt ein Wort von dir in der Stadt herum ber Ausschlafenmssen,
sagte der Schwager. Der Freiherr von Mnchhausen beim seligen Landgerichtsrat
Immermann hat ein hnliches. Nicht wahr, du machtest mich neulich darauf
aufmerksam, Karl? Unsereiner kommt ja zu dergleichen Lektre leider zu selten,
und ich habe wirklich noch nicht Zeit gefunden, in dem Buche nachzulesen,
inwieweit deine Redewendung uns gegenber eine scherzhafte Reminiszenz daraus
ist. Nun, Andres, vielleicht bist du selber gelegentlich so freundlich, mir
nhere Auskunft darber zu geben. Aber ich habe die Herren wohl schon zu lange
aufgehalten; - so geht das eben immer, wenn ltere Zeit- und Altersgenossen,
Schulbankgenossen, auf solchen altbetretenen Wegen einander begegnen! Schnsten
guten Abend, liebe Leute, und meine Gre an deine Gattin, Krumhardt!
    Im Vogelsang sa auch ich noch ein Stndchen unter der Konzertmusik aus dem
Tivoligarten mit dem Freunde und seiner Mutter. Er wute jedenfalls sein
gefhllos gewordenes Herz wohl zu verbergen und auf der wankenden Erde an diesem
festen Punkte es wie vordem leichtbewegt in all den Lichtern, Farben und
Schatten, die Menschen im wahrsten Sinne miteinander verwandt machen, spielen zu
lassen. Wie da der Schatten der hohen Brandmauer, der jetzt von meiner Eltern
und meinem Heimwesen auf uns fiel, wieder sich lichtete! Wie es wieder wie
Abendsonne aus unserer, Veltens und meiner, Kinderzeit und aus der Zeit, da
Amalie, Agathe und Adolfine auch noch Kinder, junge Mdchen, Brute und junge
Frauen waren, durch Baumgezweig nur tanzende Schatten auf die kleine Laube warf
und den Tisch darin, auf welchem Veltens Vater noch seine Rezepte fr die ganze
Nachbarschaft unter dem Osterberg schrieb! Da war freilich auch wieder nicht die
Rede von groen Abenteuern, aber noch weniger von einem Blatt, das in der
Fnften Avenue zu New York aus einem Salontischbuch gerissen worden war. Da
gewann eine liebe Vergangenheit ihr Recht wieder und behielt es fr eine gute
Stunde von neuem mit seinem: Weit du wohl noch, Mutter? und ihrem: Denkt ihr
wohl noch daran, ihr bsen Jungen? - Der Nachbar Hartleben kommt in Hausschuhen
mit der letzten Anklage gegen den Schlingel, den Velten, ber die Gasse, um sich
von der Frau Doktern das Versprechen abnehmen zu lassen, seiner Madam
Trotzendorff die Miete zu stunden und ihr eine neue Tapete in die Wohnstube zu
kleben.
    - Und nun das Wurm da, brummt der Nachbar, ja, Frau Nachbarin, da drckt
es sich an Sie an und macht fromme Augen, als ob es noch niemalen ein Wsserlein
getrbt und heute meinen Pudel frisiert htte. Ich htte Ihnen das Vieh
mitgebracht, aber es schmt sich seiner Verunstaltung, da es kein Prgel und
keine Bratwurst unterm Sofa hervorkriegen. Mit ihrer Mutter Putzschere ist die
Krabbe daran gewesen und hat das Beest verschnitten, da kein Mensche es mehr
herauskriegt, wo es in der Naturgeschichte hingehrt. Jawohl, Frau Doktern,
Gottes Lohn reicht hier nicht aus, da mssen Sie schon das Ihrige dazugetan
haben, auf da ich mir solche angenehme Inquilinenschaft von einem Jahre ins
andere gefallen lasse und sogar noch dankbar bin. -
    Wir sind Kinder - junges Volk -, und das schnste Mdchen des Vogelsangs
lehnt sich als Jungfrau ber Veltens Mutter. Bei dir bleibe ich auch in der
weitesten Ferne, und bitte, bitte, nimm es Mama nicht bel, was sie dir heute
wieder gesagt hat, nach dem Briefe von Papa. Sie kann ja nichts dafr, da wir
nirgends recht hinpassen. Ich auch nicht, liebste, beste Tante Andres! Und ich
durch deine Gte und Liebe und Barmherzigkeit noch weniger als Mama!...
    Ja, weit du noch, Velten? Erinnerst du dich wohl noch daran, Krumhardt? - -
Wie steht es denn mit euren Schularbeiten fr morgen, Jungen, wenn ich fragen
darf? Es ist mein eigener braver, sorglicher Vater, mein seliger Vater, der in
Schlafrock und Hauskppchen mit der langen Pfeife an die Hecke gekommen ist, wo
jetzt die hohe Brandmauer des Nachbarhauses sich erhebt. Und meine Mutter mit
dem Strickzeug in der Hand und dem Garnknul unterm Arm kommt auch aus unserer
Laube heran. Es ist mehr und mehr wie eine Wiederbringung im Fleisch fr den
Vogelsang: in Fleisch und Blut, mit jedem Gestus und Tonfall sind sie wieder da
bei der Frau Doktorin Andres, alle sind sie wieder heraufgestiegen und - am
lebendigsten fr den Mann neben der heiter-schnen Greisin, der auf seiner Brust
das Blatt trgt mit dem ersten Vers der dritten Ode an Behrisch:

Sei gefhllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde,

und im grimmigsten Ernst sein Leben nunmehr darauf eingerichtet zu haben glaubt.
    Wenn ich dann nach Hause komme, finde ich vielleicht meinen Schwager bei
meiner Frau sitzen, und er fragt mich:
    Nun sage mir, hast du noch immer nicht genug von diesem maulfaulen,
bodenlos langweiligen, gnzlich verdeten Patron, diesem Mister, Senhor oder
Monsieur Andres, deinem Freund Velten? Sieh mich nur, bitte, nicht in der
veralteten, vorwurfsvollen Weise an, lieber Krumhardt; auch das intensivste
Dankbarkeitsgefhl mu sich allmhlich einem solchen unnahbaren, unfabaren,
ewig ghnenden und ewig grinsenden Burschen gegenber abstumpfen. Wei der
Himmel, wir sind ihm seinerzeit mit den mglichsten Avancen nahe gegangen; aber
wie er uns jetzt heimgekommen ist, mchte ich doch manchmal wnschen, es habe
mich damals ein anderer aus der khlen Pftze heraufgeholt und ich drfe ihm,
ohne im nchsten Abendblatt auf die Eselswiese getrieben zu werden, sagen
Mensch, laufen Sie mir noch einmal in den Weg, so mache ich den Verein fr
ffentliche Gesundheitspflege auf Sie aufmerksam und denunziere Sie als
endemisch gefahrbringend!
    Er war nicht ohne Witz, mein armer seliger Schwager Schlappe. Durch ein
Herzleiden ist er uns nicht entrissen worden vor einem Jahre.

Ich nehme wieder einmal ber diesen Blttern die Stirn zwischen beide Hnde und
wundere mich von neuem und suche es mir zurechtzulegen, weshalb und warum in
dieser Weise ich sie nun schon durch so manche lange winterliche Nacht mit
solchen Zeichen und Bildern flle.
    Da ist mir aber heute aus Lessings literarischem Nachla eine Seite unter
die Augen gekommen, auf welcher der Wolfenbttler Bibliothekar ber seinen
Ungenannten schreibt:
    Ich habe ihn darum in die Welt gezogen, weil ich mit ihm nicht lnger
allein unter einem Dache wohnen wollte.
    Ich glaube, das ist's! - Oder doch hnlich so. Mein ganzes Leben lang habe
ich mit diesem Velten Andres unter einem Dache wohnen mssen, und er war in Herz
und Hirn ein Hausgenosse nicht immer von der bequemsten Art - ein Stubenkamerad,
der Ansprche machte, die mit der Lebensgewohnheit des andern nicht immer leicht
in Einklang zu bringen waren, ein Kumpan mit Zumutungen, die oft den ganzen
Seelenhausrat des soliden Erdenbrgers verschoben, da kein Ding anscheinend
mehr an der rechten Stelle stand. Ich hatte es versucht - wer wei wie oft! -,
whrend er drauen sich umtrieb und ich zu Hause geblieben war, ihn auf die
Gasse zu setzen. Das war vergeblich, und nun - da er fr immer gegangen ist,
will er sein Hausrecht fester denn je halten: aber ich kann nicht lnger mit ihm
allein unter einem Dache wohnen. So schreibe ich weiter. -
    Mein erster Junge wurde mir geboren, und ich bat selbstverstndlich Velten
zu Gevatter; er aber lehnte die Patenschaft ab, nicht blo der kirchlichen
Formeln wegen, die damit verknpft sind.
    Kann ich dem Geschpf irgendeinmal in seinem Leben ntzlich sein, was ich
brigens, der Verschiedenheit der Jahre wegen, bezweifle, so wird das gern
geschehen, sagte er. Ausgeschlossen ist's ja nicht, da wir einmal einander
spter im Leben begegnen und eine Strecke miteinander gehen; kann er mich dann
gebrauchen, so soll er den Freund seines Vaters an mir finden. Jetzt nenne ihn
nur ruhig Ferdinand nach deinem Schwager Schlappe. Das und du gengen, um ihm
aus den Windeln in die Hosen zu helfen. Deine kleine, gute Frau hast du auch
wohl nicht gefragt, ob sie wirklich und aufrichtig mich fr ihr Wrmchen als
einen wnschenswerten Fhrer und Begleiter sowohl im wilden Walde der Welt, von
dem sie gottlob nichts wei, als auch im hiesigen geregelten Lebensverkehr, den
sie zu eurem Glck ausgezeichnet kennt, in die Standesamtsliste und das
Kirchenbuch eingetragen sehen mchte? Ich bezweifle beides deine Anfrage und
ihre Zustimmung.
    Was das eine anbetraf, irrte er sich, bei dem andern hatte er nicht unrecht.
    Herz, war ich entgegengefragt worden, hast du dir das ganz genau
berlegt? Der Name Valentin schon ist jetzt so ungewhnlich, und - Velten! ...
Velten! Ach, wenn nur nicht von dem Namen grade hier in der Stadt und in meiner
Familie immer so wunderlich die Rede gewesen wre! Ich habe ja wahrhaftig nichts
gegen deinen Freund - im Gegenteil, du weit es selbst, wie interessant er mir
ist, weil alles, wenn er zu Besuch kommt, alles, worauf die Rede kommen mag, in
Fasson und Farbe so ganz anders ist, als wie ich und wir in unseren Kreisen es
bis jetzt gesehen haben. Du bist ja auch und doch ein guter, verstndiger Mensch
und mein lieber Alter geblieben, trotzdem er dein bester Freund von Kindesbeinen
an ist - nein, nein, nein, in der Hinsicht habe ich gar keine Befrchtungen;
aber komm und sieh dir das Kind an - bitte, komm und sieh es mit den Fustchen
vor seinem Herzensmulchen im Schlaf in seinem Bettchen und, bitte, bitte, la
es nicht Velten taufen! Er ist ja so gut und klug und edel, dein Freund; aber
hart ist er doch, oder doch hart geworden in seinem Leben, und ich mchte mein
Kind, unsern lieben Jungen, doch hier bei uns behalten, in unserm gewhnlichen,
gewohnten Leben - ich wei nicht, wie ich es sagen und ausdrcken soll, aber ich
knnte jetzt das arme Wrmchen nicht Velten rufen und es spter mal als alte
Frau so nach Hause kommen sehen wie die herzige alte Frau, eure Frau Doktor aus
dem Vogelsang, deinen Freund Velten!
    Selbstverstndlich hat mein Schwager Ferdinand meinen Erstgeborenen ber die
Taufe gehalten. - -
    Und nun habe ich es auch mir selber wieder deutlich zu machen, wie es
zuging, da ich eigentlich nichts von Bedeutung ber seinen letzten Aufenthalt
bei uns in der Heimatstadt zu den Akten bringen kann als eben sein abermaliges
und letztes Weggehen aus ihr. Das macht sich so! sagen die Leute, und ich habe
auch fr mein Teil nichts in der Hand, womit ich mich gegen dieses Wort
urltester menschlicher Erfahrung wehren knnte.
    Es machte sich auch zwischen Velten Andres und mir so. - Er hatte mir wenig
zu sagen; ich ihm eigentlich gar nichts. Meine Amtsgeschfte vermehrten sich
grade in diesem Sommer sehr, und dazu kam das Kind im Hause, dem gegenber er
sich auf einen Standpunkt stellte, auf den ihm meine Frau noch weniger als auf
irgendeinen andern folgen konnte.
    Wenn er sich gar nicht um es bekmmerte, wollte ich gar nichts sagen,
meinte sie oft vollstndig entrstet. Das kann man von euch Mannsleuten eben
nicht verlangen, wenn ihr nicht zufllig persnlich dazu gehrt. Aber die Art
und Weise, wie er es mir aus den Kissen nimmt und es mir von hinten und vorn
besieht und die Nase rmpft und lsterlich lacht und den Kopf schttelt, und
seine Reden und Redensarten dabei, die lasse ich die lassen wir - wenigstens
Ferdi und ich uns lieber nicht gefallen. Und da du das oft so ruhig anhrst,
Mnnchen, begreife ich auch nicht. So ein armes, herziges Geschpfchen, und noch
dazu vor seiner Mutter Ohren, einen Ausbund von einem Esel, einem Narren zu
nennen, der auch besser getan htte, zu bleiben, wo er war, das schickt sich
nicht, und mein Bruder Ferdinand mit seinen dummsten Witzen ist mir immer noch
lieber als dieser dein Freund, dem, leider Gottes fr ihn, sein Spa so bitterer
Ernst ist, da ich ihn bedauere und mir ganz schlecht zumute wird und ich ihm
meinen Jungen sofort aus den Hnden risse, wenn er ihn, Gott sei Dank, nicht von
selber gleich wieder hergbe!
    Eine Frau, die einen Freund ihres Mannes nicht an der Wiege ihres Kindes
leiden kann, ist ein gewaltig hindernder Faktor in so einem Verkehr von Haus zu
Haus: ich erinnere mich nur eines einzigen freundlichen Sonnabendnachmittags, an
welchem unser Kinderwagen auch in die letzte Gartenlaube der Nachbarschaft des
Vogelsangs hineingeschoben wurde, um meiner Frau zu dem Ausrufe zu verhelfen:
    O Gott, diese liebe alte Dame! Ist es denn eine Mglichkeit, da die deinen
Freund Velten so in den Armen gehalten und so abgekt hat wie ich unsern
Ferdinand, sowie wir wieder zu Hause sind? -
    Es war so um die Mitte des Septembers geworden. Seit vierzehn Tagen oder
drei Wochen hatten wir uns wieder einmal nicht in unseren Wohnungen aufgesucht,
waren uns auch auf Spazierwegen nicht begegnet, als mich an einem warmen,
stillen Sptnachmittage pltzlich so ein Gefhl berkam, als sei ich schuld hier
an einem Versumnis und als brauche man im Vogelsang keine der mir mglichen
Entschuldigungen gelten lassen. Dieses Gefhl wurde so peinlich, da ich ganz
rgerlich nach dem Hut griff mit einem: Dieser Mensch hat doch wahrhaftig mehr
Zeit als unsereiner!
    Ich ging zu ihm und - schickte nach einer halben Stunde einen Boten zu
meiner Frau mit der Benachrichtigung, da sie mich nicht zum Abendtee zu
erwarten habe; vielleicht werde ich auch ein wenig spt in der Nacht erst
heimkommen. Was sollte ihr mit ihrem Kindchen an der Brust solch ein
sptabendliches Erschrecken fr eben diese Nacht? -
    In dem alten schmalen Buchsbaumgang kam mir der Freund von dem Huschen zu
der letzten grnen Hecke unserer Jugendzeit entgegen, mit dem Gesicht, das er
aller Welt machte, nachdem er sich wieder bei uns eingewhnt hatte. Und solch
ein Gesicht lt sich denn auch einem guten oder besten Freunde gegenber nicht
leicht in andere Falten legen.
    Sieh, das ist freundschaftlich von dir, sagte er. Ich blickte nach dem
offenen Fenster der Frau Doktern hin, und da sie mir nicht wie gewhnlich
freundlich von dorther zunickte, fragte ich, wie man so fragt:
    Was macht die Mutter?
    Auch die wird sich freuen, dich zu sehen! Und so schttelten wir uns die
Hnde und schritten dem Hause der Nachbarin Andres zu. Noch einmal zu sehen,
wre wohl das richtigere Wort, lieber Alter! sagte Velten Andres, und dabei
fate er freilich meinen Arm wie mit eisernem Griff - wie um mich bei sich
festzuhalten und aufrecht in meinem Erschrecken, und sah nicht dabei drein wie
einer, der die Welt fr einen guten oder - schlechten Spa hlt, unter allen
Umstnden aber nur fr einen Spa! . ..
    Die Mutter - deine Mutter -
    Es geht ihr seit acht Tagen nicht zum besten, doch seit gestern -
    Hat es sich zum Bessern gewendet? Aber Mensch, und wir haben von alledem
nichts gewut? Wie unrecht das von euch gewesen ist! Ihr wit doch, welche
Teilnahme -
    Die alte Nachbarschaft sich schuldig ist. Selbstverstndlich! Es war ihr
freundlicher Wille Weshalb wollen wir die lieben Leutchen in ihrem Behagen
beunruhigen? meinte sie und hatte recht wie immer in ihrem sonnigen Leben. Es
ist ein altes Unterleibsleiden, das sich von neuem gerhrt hat: aber es hat sich
in der Tat jetzt zum Bessern gewendet. Komm also und sieh selber. Ich habe unter
meinen besonderen Freunden, den Chinesen in San Francisco, eine Zeitlang als Ati
Kambang, zu deutsch der Herr Sanittsrat, eine Rolle gespielt. Ja, sie ist auf
gutem Wege!
    Ich verbi, was ich von Unbehagen, Selbstvorwrfen und Arger ber den
Menschen an meiner Seite in mir hatte, und trat wieder einmal ber die
ausgetretene liebe Schwelle des Doktorhauses des einstigen Vogelsangs.
    Was fr Schatten von drauen jetzt drauf hinfallen, was fr Tne auf es
hineinkreischen mochten, im Innern nichts verndert! Alles an seinem Platze wie
vor Jahren. Da des Freundes Schlerpult neben dem Schreibtisch des Vaters. Sein
Bcherbrett mit den abgegriffenen Schulausgaben der lateinischen und
griechischen Klassiker und der Weihnachts- und Geburtstagsliteratur vom Robinson
ber den Steuermann Sigismund Rstig und die Lederstrumpferzhlungen bis zu den
billigen Volksausgaben der deutschen Klassiker. An den Wnden zwischen und neben
den Familienphotographien, und was sonst sich da zu finden pflegt, die
selbstgefertigten Glaskasten mit den Kfer-und Schmetterlingssammlungen des
letzten Velten Andres. Lauter Dinge und Sachen, die mir heute noch lebendiger
sind als der Inhalt meines eigenen Hauses und der Stube, in welcher ich in
dieser Nacht dieses aus meinen Akten hervorhole, um es revidiert ihnen von neuem
beizufgen!
    Wie hatte sich in den paar Tagen, da ich sie nicht gehrt hatte, die teure,
wohlbekannte Stimme verndert, die mir aus dem hinter der Familienstube
gelegenen Schlafzimmer entgegenklang!
    Velten - um Gottes willen -
    Aber du bist noch da, Junge? Der Zug geht um sechs Uhr. Steh auf, Velten,
um sechs Uhr geht der Zug. Der Zug geht um sechs Uhr, und du mut noch packen.
Steh auf, Junge, der Koffer schliet nicht recht, du mut aufstehen, Velten, der
Zug geht um sechs Uhr. Du mut deine Reisetasche packen, Velten! Junge, um sechs
Uhr geht der Zug!
    Seit gestern beschrnkt sich hierauf ihre ganze Vorstellungsfhigkeit und
ihr Ausdrucksvermgen. Sie hat ihr schnes, heiteres Leben durch still gesessen:
nun ergreift auch sie die Unruhe. Wir Menschen in ihrem jetzigen Zustande haben
das dann und wann so an uns, da wir fr uns oder andere zur Reise
zusammenpacken lassen oder selber zusammenpacken, grade wenn die Fahrt zu Ende,
der Weg zurckgelegt ist. Tritt nher und setze dich, du strst sie nicht durch
deinen Besuch.
    Armer Freund.
    Ja, so verflchtigt sich auch dieses liebe Bild!
    Aber Junge, Junge, du versumst den Zug, wenn du nicht aufstehst! Steh auf,
Velten! Packe deinen Koffer, um sechs Uhr geht der Zug. Packe deine
Reisetasche, klang es aus den Kissen der Sterbenden, und die Wrterin, eine mir
auch wohlbekannte alte Freundin aus dem Vogelsang, Riekchen Schellenbaum,
meinte:
    Sie ist nur ein bichen unruhig, die Frau Doktern, aber Schmerzen und
ngste hat sie gottlob weiter nicht mehr, Herr Velten
    Jawohl, das sind nun alle ihre Sorgen, Krumhardt, da sie mich zur rechten
Zeit aus dem Bett kriegt, da ich meine Reisetasche, meinen Koffer packe, nichts
vergesse und den Zug zum Glck nicht versume, sagte der Sohn, sich ber die
Mutter beugend und leise und zrtlich ihre Hand nehmend.
    Velten, Velten, du versumst wahrhaftig den Zug, wenn du nicht aufstehst
und deinen Koffer packst! Sieh, da kommt die Sonne schon!
    Leise strich der Sohn Ober die Stirn der Mutter und wendete sich zu mir.
    Das letzte war ein neues Wort. Die anderen wiederholt sie, wie gesagt, seit
anderthalb Tagen.
    Das wird ein schner, aber heier Tag, murmelte die Sterbende mit einem
tiefen Seufzer, und dann blieb sie still und schien in einen ganz
vorstellungslosen, traumfreien Schlaf zu sinken, nur da ihre Atemzuge schwerer
und schwerer wurden.
    Einer der Schlimmsten, die ich gesehen habe, war der alte Hartleben, Herr
Velten, sagte, wie um ein trstendes Wort dazu zu geben. Riekchen Schellenbaum.
Dem kam der ganze Schluderkopf, ich meine sein Waldbesitztum dran, in seinen
letzten Tagen und Nchten ber den Leib. Lauter gefllte Stmme! Und alles
wollte ber ihn hinrollen. Ja, das war ein schwerer Kampf! Aber, wie Herr Andres
ganz richtig sagen, das sind so unsere Phantasien.
    Das Lungendem wird wohl erst in der Nacht eintreten, sagte Velten. Ihr
Tag ist zu Ende, und es ist ein schner, ruhiger und vor allem nicht zu heier
Tag gewesen. Alle ihre Sorgen sind von mir gekommen: dies, da ich auch jetzt
die Zeit nicht versume, war nun ihre letzte. Ob das animalische Herz nun ein
wenig schneller oder langsamer erlahmt, ist wohl von keiner Bedeutung. Mutter!
Meine Mutter! Liebe, alte Mutter, du mein einziger, wirklicher Freund, was habe
ich dir heimgebracht als meine Kunst, auch vor dir Komdie spielen zu knnen und
dir deinen freundlichen Daseinstraum nicht zu stren? Jaja, Freund Karlos, und
auch ich kann sagen, da ich meine Rolle, dieses letzte Jahr durch, gut
durchgefhrt habe: sie schlft ein in der Gewiheit, mich mit einem Herzen so
reich, so leichtbewegt, so fest, so siegessicher, so unverwundbar wie das ihrige
zurckzulassen...
    Velten!
    Er wendete sich zu der greisen, sechzigjhrigen Wrterin, dem Riekchen
Schellenbaum all unserer Nachbarfamilien mit einem stummen Wink; dann nahm er
mich am Arm und fhrte mich aus der Kammer fort und bot mir eine Zigarre an. Er
zndete eine an, und so lehnten wir wieder in dem kleinen Garten an der letzten
grnen Hecke unserer Jugendzeit. Ich frstelnd in dem kalten Mauerschatten von
meiner Eltern Anwesen her, und ohne zu wissen, was ich ihm sagen sollte. So
sprach denn auch ich, wie unbewut, und nicht zu ihm, sondern fr mich den
furchtbaren Rat:

Sei gefhllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde.

Der schickte seine Vulpius nach Frankfurt am Main, um den Hausrat seiner Mutter
zu versteigern; aber der Tor hatte selbst sich schon lngst einen neuen
gesammelt und sammelte weiter daran, um ihn Erben zu hinterlassen, denen er
schwer auflag. Ja, so seid ihr, Karl Krumhardt! Du hast es ebenfalls recht
behaglich in deinen sicheren vier Wnden und doch aus dem alten verschwundenen
Neste, weiland hier zur Linken, manches mit in das neue Haus hinbergenommen,
was Kindern und Kindeskindern dereinst schwer aufliegen wird.
    Nun wendete er sich von der lebendigen, staubigen, gemeinen Vorstadtgasse ab
und gegen sein Elternhaus, sagte jedoch weiter nichts: ich aber habe oft, oft an
seinen Blick und die begleitende Bewegung mit der lahmen Linken damals denken
mssen, und jedesmal waren dann meine vier sicheren Wnde drohend, bengstigend
auf mich eingerckt, es war mir bnglich und asthmatisch zumute geworden, ich
traute auch dem zierlichen Stuck des Plafonds nicht: ja, ich fhlte mich dann
jedesmal recht unbehaglich in meinen vier Pfhlen und im Erdenleben berhaupt.

Er hatte recht gehabt, der Freund. Am spteren Abend war das Todesatmen
eingetreten, und gegen vier Uhr morgens hatte sich auch diese liebe Bild
verflchtigt. Wer kann ein Lcheln, den Klang einer Stimme, das Neigen einer
Stirn, die Bewegung, den Druck und die Wrme einer Hand in den - Akten
festhalten?
    Als ich gegen neun Uhr zu Velten kam, fand ich ihn ruhig bereits mit den
ntigen Vorbereitungen und Formalitten zur Beerdigung beschftigt. Ich wollte
ihn, auch im Auftrage meiner Frau, aus seinem leeren Hause mit in unsere
Gastzimmer nehmen, aber er wollte nicht. Lchelnd wies er die dringende,
wiederholte Bitte ab.
    Ich bin euch dankbar, Kinder, sagte er, und knnte wohl auch kommen, wenn
die Kleine jetzt nicht ihren Buben htte. Soll ich eine karthagische Mutter aus
ihr machen, die ihr Wurm dem Moloch opfert? Ich glaube, sie she es in meinen
Armen ebensogern wie in denen des feurigen Gtzen. Sie hat mich nach braver
Frauenart zu gut kennengelernt im Laufe der letzten Zeit, und ich mte doch
wohl einmal mich ber eure Wiege beugen und dem Jungen den Finger hinhalten, da
er sich die Schneidezhne dran herausnage. Weit du, Karl, wir wollen der Guten
solches Schwanken zwischen Freundschaft und Mitrauen, zwischen Neigung und
Abneigung ersparen. Und brigens ist auch - die da nebenan in ihrem stillen
Frieden mir immer auch noch Gesellschaft und zu Rat und Trost da. Wir danken
euch bestens, alter Freund; aber lat uns nur unsere letzten Zwiegesprche in
diesen Tagen allein miteinander halten. Wir haben noch einiges miteinander
abzumachen, wobei selbst die freundlichst und freundschaftlichst gesinnten
Dritten nur strend wirken knnen.
    Dagegen war nichts zu sagen, aber ein Achselzucken eigentlich auch nicht
recht angebracht. Ich sah also den Freund nur am Begrbnistage wieder.
    Wir gaben auch der Frau Doktorin Amalie Andres die letzte Ehre - diesmal ein
kleines Geleit, doch um das Grab eine gar ehrenvolle Korona: die ltesten und
lteren Leute (meistens geringen Standes) aus dem Vogelsang, die noch die ganze
Nachbarschaft, wie sie da jetzt unter ihren Hgeln schlief, im Leben gekannt
hatten. Und manche kamen mehr oder weniger scheu heran und gaben Velten und mir
die Hand und sagten: Das war eine liebe Frau, die Frau Mutter, und erst der
Herr Vater, der Herr Doktor, Herr Velten! Bei uns Alten behalten sie ihr
Andenken, wie sie jetzt da so beieinander liegen nach Gottes Willen, und nun
nehmen Sie es sich nur nicht zuviel zu Herzen, Herr Velten, Herr Andres!
    Kinder spielten jetzt nicht mehr an Mondscheinabenden auf dem Friedhofe des
Vogelsangs. Es war eine hohe, solide Mauer um ihn gezogen worden, ein schweres,
eisernes Gittertor sperrte ihn ab, und eine strenge Kirchhofsordnung regelte den
Besuch. Und -

-vor dem Tor lag eine Sphinx,
Ein Zwitter von Schrecken und Lsten,
Der Leib und die Tatzen wie ein Lw'.
Ein Weib an Haupt und Brsten.

Der Morgen nebelig und grau und regendrohend - der erste Herbsttag des Jahres;
werde ich je einen Leser haben, kann ich ihn auf eine Seite zu Anfang dieses
Aktenkonvoluts verweisen, wo die Sphinx auch auf dem Kirchhofe des Vogelsangs,
nur vor dem mondbeglnzten romantischen Zauberschlo des Daseins lag, nicht vor
dem Leben selbst, vor Beth-Chaim, dem Hause des Lebens.
    Der Jude oder semitische Hellene hat von seinem Recht als Poet Gebrauch
gemacht, als er, wie wir anderen Prosaiker auch, die lwentatzige Belle aux
nigmes vor die falsche Tr als Hterin und Rtselaufgeberin legte, sagte
Velten, als wir auf dem Heimwege vom Kirchhofe auf jene unsere Kinderspiel- und
Mondscheinabende kamen.
    Als ich ihn dann noch einmal aufforderte und dringender bat, wenigstens
jetzt meine Gastfreundschaft anzunehmen, erwiderte er:
    Ich bin da wirklich nichts nutz. Man nimmt zu leicht Leute, ohne es zu
wollen, auf Wege mit, wo sie nicht hingehren; und du hast einen groen und
angenehmen Verkehr, den ich nicht gern stren mchte. Aber, lieber Alter, du
selber wirst mich nie stren: weit du, komm du zu mir! Auch ich glaube
demnchst fr die beste Gesellschaft und angenehmste Unterhaltung sorgen zu
knnen. -
    Er blieb also in seinem Huschen, und als ich ihn natrlich schon am
folgenden Tage wieder dort aufsuchte und nach seinen Plnen fr die weitere
Zukunft fragte, meinte er lchelnd:
    Die ist gesichert. Beruhige dich und alle, die Interesse daran nehmen, in
dieser Hinsicht vllig. Grade nicht hier am Ort, doch habe ich grade am Ort hier
die schnste Gelegenheit, sie noch sicherer zu stellen, ich erwarte nur noch das
erste Ofenfeuer dazu.
    Das erste Ofenfeuer?
    Mir ist niemals ein Winter zu meinem Fortkommen im Leben mehr zupa
gekommen als wie der diesjhrige. Jawohl, demnchst heizen wir, Krumhardt. -
    Ja, und er ist so gut wie sein Wort gewesen. Als das Wetterglas seines
Vaters nach Raumur unter zwlf Grad in der Wohnstube seiner Eltern sank, fing
er an zu heizen, und zwar mit seinem Erbteil an und vom Vogelsang. Er heizte mit
seinem Hausrat.
    Es war Riekchen Schellenbaum, die am Tage nach dem ersten Ofenfeuer nicht zu
mir, sondern zu meiner Frau mit der Nachricht kam:
    Mit der seligen Frau Doktern ihrem Nhtisch hat er angefangen. Ich bin fast
des Todes geworden, als er ihn im Hof entzweischlug und mich mit den Beinen
Feuer anmachen lie. Mit den Schubladen und allem, was drin war, hat er selbst
weiter geheizt! Der arme Herr! Oh, wenn doch der Herr Assessor mal kommen wrde
und nach ihm sehen! Heute morgen hat er des seligen Herrn Vaters Schreibtisch
von der Wand abgerckt, und ich bin auch nur in der Stadt, weil er mich um eine
Sge hineingeschickt hat.
    Du weit, wie ich ihm entgegengekommen bin, Karl! rief meine Frau. Ich
habe ganz gewi mein mglichstes getan, um ihn deinetwegen gern zu haben: aber
hat mich nun mein innerlichstes Gefhl getuscht? Jetzt magst du sagen, was du
willst, ich sage: groer Gott, wie kann nur ein Mensch so sein wie dieser, dein
Freund? Und dem hast du dein Kind, meinen armen Jungen, am Altar in die Arme
gehen wollen! O Gott, wie kann ein Mensch, ich meine, Gott sei Dank, nicht dich,
so ohne alles Gefhl sein?
    Es ist ein unbezahlbarer Mensch, meinte Schlappe, der dazukam, lachend,
Ob er je zu irgendeiner Zeit seines Lebens recht bei Troste gewesen ist, wei
ich nicht; aber sage mal, Schwager, wrde es unter diesen neuen Schnurren nicht
doch zu deiner Freundespflicht werden, ihn unter Kuratel stellen zu lassen? Eure
Familie hat ja wohl schon seit Generationen das Onus, das Haus Andres zu
bevormndeln?
    Ich war den Tag ber wirklich nicht in meiner Schreibstube zu entbehren und
hatte mich durch vielfachen und vielfarbigen Menschenverdru und viel
Menschenangst und Elend durchzuarbeiten, aber ich wurde ihn nicht aus dem Sinne
los, ja um desto weniger aus dem Sinne los, je mehr sich mir des Menschentums
Anhngsel aufdrngten. Es waren meistens wieder nur Eigentumsfragen, zu denen
auch ich mein lsendes Wort geben sollte, und das Gezerr und Gebelfer, der Grimm
und Hohn, mehr oder weniger unter der Maske des dem Menschen eingeborenen
Gerechtigkeitssinnes zutage blhend. Und dann war es doch wieder ein anderer
bergang aus meinem ruhigen, behaglichen Heim, von dem Kamin, wo mein Weib mit
ihrem Kindchen an der Brust auf niedrigem Schemel leise ihr Wiegenlied sang, zu
dem Ofen im Vogelsang, vor dem der wunderliche Freund sich frei machte - nicht
von den Sachen, sondern von dem, was in der Menschen Seele sich den Sachen
anhngt und sie schwer und leicht, kurz, zu dem macht, was wir anderen im Leben
ein Glck oder ein Unglck zu nennen pflegen.
    Ich konnte ihm bei meinem Eintritt weiter nichts sagen als:
    Es ist unheimlich warm bei dir, Velten!
    Gemtlich! ... Deutsch-gemtlich, was? Ihr habt ja den Ausdruck, macht
Anspruch drauf, ihn in der Welt allein zu haben, also bleib auch du ganz ruhig
bei ihm, Krumhardt.
    La uns nach Mglichkeit vernnftig sprechen, Andres -
    Ich habe die Jungfer Schellenbaum heute morgen um eine Sge in die Stadt
geschickt: sie wird selbstverstndlich bei euch gewesen sein, mit den Hnden
ber dem Kopfe und smtlichen Geisteskrften in Unordnung: Bringst du das
Entmndigungsdokument fr mich schon mit, mein Karlos?
    Wir wissen wenigstens in unserm Alltage schon Bescheid ber das, was du
hier begonnen hast und wirklich weiter zu treiben scheinst; aber du knntest in
unserer Alltagswelt doch einen Unterschied zwischen mir und den brigen machen.
Velten, was soll dies sein?
    Ein uerliches Aufrumen zu dem innerlichen, liebster Freund! Ein
leichtbewegtes Herz und so weiter - wozu ntzen uns die weisesten Aussprche
groer Lehrer, wenn man ihnen nichts weiter entnimmt als eine Stimmung fr den
Augenblick? Ein Hinweis drauf, da der Meister selber keinen Gebrauch von seinem
Diktum gemacht habe, verschlgt nichts. Hat er sein leichtbewegtes Herz durch
seine achtzig Jahre mit sich geschleppt, so ist das seine Sache gewesen und hat
auch vielleicht zum Vorteil der Literaturgeschichte - um sie interessanter zu
machen - so sein mssen. Soll deshalb kein anderer die Fden abschneiden drfen,
die ihn mit dem Erdenballast verknpfen? Ja, ich heize in diesem Winter mit
meinem hiesigen Eigentum an der wohlgegrndeten Erde, mit meinen Habseligkeiten
aus dem Vogelsang. Er sprach das Wort Hab-Seligkeiten in einer Weise aus, die
man im Werkeltagsverkehr nicht zu hren bekommt.
    Ja, er heizte durch den seltsamen Winter mit alledem, wovon sich andere
Leute nur sehr schwer, und wenn es gar nicht anders geht, und manchmal nur mit
Trnen in den Augen trennen. Und er trieb das Ding uerst systematisch und
hatte dabei an mir einen Zuschauer und Teilnehmer, der nur durch seine Ruhe
abgehalten wurde, mit einem: Aber Velten, auch das? mit beiden Hnden
dreinzugreifen und dem Autodaf Einhalt zu tun.
    Ich wehrte mich vergebens gegen das Interesse, das ich von Tag zu Tage mehr
an dem seltsamen Zerstrungswerk nahm. Meinem Weibe gegenber den abscheulichen,
den unsinnigen Menschen noch zu rechtfertigen, hatte ich bald aufgegeben, aber
bald auch wr's ntig geworden, da ich mich nur noch verstohlen vom Hause nach
dem Vogelsang weggeschlichen htte.
    Karl, Karl, jammerte meine arme, gute Kleine, o Karl, bitte, bitte, werde
mir nicht so wie der! Bitte, denke immer an uns, an das Herze da in der Wiege
und auch ein bichen an mich, wenn du deinen Freund nicht lassen willst, nicht
lassen kannst! Er hat ja freilich keine Familie wie du; aber ich habe doch noch
erst die letzte Nacht getrumt, auch du habest mich mit unserm Jungen - ich
meine unsere letzte Photographie - verbrannt wie er die Bilder seiner Eltern und
seiner als ganz kleines Kind gestorbenen Schwester! O bitte, da nimm uns, Ferdi
und mich, doch lieber jetzt gleich mit und schieb uns in euren Ofen in deinem
Vogelsang!
    Worin lag nun der Zauber, der mich selbst solche herzzerreienden Klagelaute
berhren lie, mich gegen das einstimmende Winseln meines Erstgeborenen taub
machte und mich jeden Tag nach der alten Heimsttte trieb, die jetzt zu einer
Sttte der Vernichtung geworden war?
    Wahrlich nicht ein unbewegliches, unbewegtes Herz, sondern ganz das
Gegenteil!
    Wohl selten ist je einem Menschen die Gelegenheit geboten worden, seine
besten Jahre in die unruhvolle Gegenwart so zurckzurufen wie mir in Velten
Andres' Krematorium. Wie wir im Vogelsang in der Nachbarschaft trotz allem doch
wie eine Familie gelebt hatten, das erfuhr ich nun noch einmal im reichsten Mae
und konnte meine Lebensakten in wnschenswertester Weise dadurch
vervollstndigen. Der Wanderer auf der wankenden Erde schob aus seinem Hausrat
kaum ein Stck in den Ofen oder auch auf den Kchenherd, an dem nicht auch fr
mich eine Erinnerung hing und mit ihm in Flammen aufging und zu Asche wurde. Vom
Keller bis zum Dache war in dem Huschen kein Nagel eingeschlagen, an welchem
nicht auch fr mich etwas aus den Tagen hing, wo wir die Rtselaufgeberin vor
dem Tore des Lebens eben nur dem Haupt und den Brsten nach kannten und noch
nicht den Tatzen nach.
    Es war ein Zurck- und Wiederdurchleben vergangener Tage sondergleichen. Die
Woche, in der wir uns mit der Entleerung der Boden-Rumpelkammer des Hauses
beschftigten, vergesse ich in meinem ganzen Leben nicht, und ich schreibe nicht
ohne Grund: wir! Was whlten wir da alles auf aus dem Familienplunder der Frau
Doktern? Sie hatte sich von nichts trennen knnen, was je dem Gatten und dem
Sohn lieb gewesen und berdrssig geworden war. Sie hatte es ihnen aus den Augen
gerckt und sich selber, sozusagen, ein Herzensmuseum draus gemacht. Wie wog der
Sohn des Vaters Ziegenhainer in der Hand, wie holte er aus einem Kasten mit
allerhand abgngigen chirurgischen Instrumenten seine Cerevismtze hervor und
drehte sie in den Hnden! Wie kam mir mit dem Schaukelpferd, das ich unter dem
Dachwinkel hervorzog, jener Weihnachtsabend zurck, an welchem wir es zuerst
ritten und Velten meinte: Ich hatte mir ein Tier mit Rdern und wirklichem Fell
auf den Wunschzettel geschrieben; aber sage nur nichts davon. Er hat es damals
auch bald mir allein berlassen, es war nichts fr ihn; ich aber htte ihn auch
nun noch gern gefragt: Auch das in den Ofen? und ihn gebeten: La es mir fr
meinen Jungen!
    Es wre eine psychologisch-philosophische Abhandlung darber zu schreiben,
weshalb ich weder die Frage noch die Bitte tat, sondern selbst es mir auf die
Schulter lud und es ihm die Treppe hinunter zum Kchenherd trug. Ja - er hatte
mich auch jetzt wieder unter sich, es war von meiner Besitzfreudigkeit aus keine
Abwehr gegen seine Eigentumsmdigkeit: ich habe ihm geholfen, sein Haus zu
leeren und sich frei zu machen von seinem Besitz auf Erden! -
    Aber es lie sich nicht alles verbrennen, woran fr diesen grimmigen,
ruhebedrftigen, unstet gewordenen Gast im Leben, wie wir Juristen uns
ausdrcken, ein pretium affectionis haftete. Metall, Glas und Porzellan brannten
nicht, und doch wollte er auf seinen ferneren Wegen sich nicht mit der
Vorstellung plagen, wer jetzt die Feder in seines Vaters Dintenfa tauche und
aus seiner Mutter Mundtasse trinke und auf welcher Kommode, im Trdel erhandelt,
die Bronzeuhr stehe, auf die man nie rechnen konnte, wenn man einmal im Hause
Andres die richtige Tageszeit zu wissen wnschte, und die doch mit ihrem
zirpenden Glockenschlag so viele gute Stunden ein- und ausgelutet hatte. Wir
kamen auch hierber weg. Zerstren ist leichter als aufbauen: ein altes wahres
Wort, das mein armer Freund seinerseits ebenfalls so in die Praxis bersetzte,
da, wenn ich zu Weib und Kind heimgekommen war, meine Frau mitten in der Nacht
oder gegen Morgen sich auf dem Ellbogen aufrichtete, mir ber die Stirn strich
und rief:
    Mann, nun schlfst du ja wieder nicht! Groer Gott, ist er denn nicht bald
fertig? Ich halte dies nicht lnger aus und du auch nicht!
    Beruhige dich, mein Kind -
    Wie kann ich mich beruhigen, wenn solch ein Unhold dich mir unter den
Hnden austauscht und allmhlich zu einem andern macht? Oder ist das etwa nicht
so? Glaubst du, ich merkte es nicht, wie dir jetzt von Tag zu Tag mehr so
manches berdrssig, einerlei und zur Last wird, was doch zum Leben gehrt? Oh,
mein bester Karl, wenn wir, Ferdi und ich, dir auf einmal zur Last wrden wie
deinem entsetzlichen Freunde sein Hausrat und sein Haus in eurem unheimlichen,
schrecklichen Vogelsang!
    Nachher wurde es mir in dieser Nacht doch wieder etwas zweifelhaft, ob ein
leichtbewegtes Herz ein elend Gut auf der wankenden Erde sei und der Freund im
Rechte, sich davon frei zu machen.

Da er sich wie Herostrat fr das Pantheon der Weltgeschichte vorbereite,
behaupteten gegen das Ende des damaligen Winters nur die alten guten
geistreichen Bekannten vom Schlage Schwager Schlappe und Genossen und hatten
ihren souvernen Spa daran. Die Mehrzahl des Teiles der Stadtbevlkerung, der
von ihm wute, blieb dabei, er sei einfach fr das Landesirrenhaus reif: und
doch schlug die Stimmung mehr und mehr fr ihn um. Und daran war dann wie
gewhnlich eine Minderzahl schuld, die meistens ihre Meinung nur so beilufig
ber ihn aussprach, der er aber doch sehr im Kopfe herumgegangen sein mute und
auf deren Wort manche, ja viele etwas gaben. Als mir ein hoher Chef sagte: Ein
drolliger Patron; aber unter Umstnden eigentlich zu beneiden und
nachahmenswert!, wute ich, da nicht nur vllige Billigung, sondern auch der
Neid aus ihm redete und jedenfalls lngere nachdenkliche Beschftigung mit
diesem Menschen, der die thebaische Wste in den Vogelsang bertragen zu wollen
schien. Letzteres Wort stammt jedoch nicht aus den juristischen Kreisen der
Residenz, sondern aus den theologischen. Der augenblickliche junge
Lieblingsprediger der Stadt (unverheiratet) sprach es. -
    Zu Anfang Mrz war alles vernichtet, woran fr ihn und so sehr oft auch fr
mich eine Erinnerung gehaftet hatte und was er nicht in anderer Leute Hnden
oder Besitz, sei es zu Nutzen oder Vergngen, wissen wollte. An den Wnden
deuteten auf abgeblaten Tapeten dunklere Flecke an, wo Bilder gehangen hatten.
Was die Bcherschrnke und Regale anbetraf, so konnte es darin und darauf nicht
der aussehen als in eines andern, berhmteren Phantasiemenschen
Studierstbchen, nachdem der Pfaffe, der Barbier, die Haushlterin und die
Nichte dort Kehraus gemacht hatten. Der spte Enkel sehe sich in seinen eigenen
vier Wnden um, denke sich alles fort, was in irgendeiner Weise was zu sagen,
was vertraute und vertrauliche Form und Farbe fr ihn hat, und erlasse es mir,
von diesem Aufrumen malerisch weiterzuschreiben. Hat ihn sein Eigentum an und
auf der Erde auch schon einmal in der rechten Art bengstet, so wird er auch
wohl die richtige Art und Weise, den Kopf zu schtteln, herausfinden. berhebung
von gesichertem Besitz her und drftiger Scherz aus momentanem Behagen wird kaum
etwas damit zu tun haben. Aber er selber, Velten Andres, lie dem Omniaexeunt
seiner Vogelsang Tragdie sowohl nach griechischem wie nach englischem Muster
noch ein Satyrspiel folgen, das ihn aber diesmal beinahe - nicht mit der
Sanittsbehrde, sondern wirklich mit der Polizei in Konflikt gebracht htte.
    Er lud den Vogelsang wie zur Plnderung eines abgerupften Weihnachtsbaums in
sein Haus ein.
    Er gab den noch vorhandenen alten guten Bekannten der Nachbarschaft alles
das preis, was ohne eine Bedeutung fr ihn war, und erregte dadurch natrlich
einen Zusammenlauf, der fr einige Stunden den Verkehr in der Gasse beinahe
vllig unterbrach.
    Eingeladen hatte er mich nicht zu diesem letzten Kehraus; aber ich kam dazu,
und zwar mit meiner Frau am Arm, von einem Nachmittagsspaziergang ber den
Osterberg.
    Was ist denn das da vor deines Freundes Hause, Mann?
    Sie hatte die ersten Anemonen und Leberblmchen da oben im Walde gefunden
und gepflckt und drckte sich mit dem Frhlingsstrau ngstlich an mich an:
    Siehst du's, da hat er es! Sie strmen ihm das Haus! Was hat er nun wieder
Neues - Schndliches angefangen - dein - Freund?
    Es sah in der Tat bedrohlich aus; und wir hatten Mhe, durch den
menschenvollen Garten zu der Haustr zu gelangen, die er aus den Angeln hatte
heben lassen und mit welcher auf der Schulter ein alter Holzknecht weiland
Nachbar Hartlebens durch das Gewhl das Freie zu erreichen suchte. Nun fand es
sich aber, da es doch im ganzen lauter gute alte Bekannte und Freunde waren,
die er sich aus den letzten Gassen und von den Zunen des Vogelsangs mit dem
Wort: Seht zu, Kinder, was ihr von dem Kram gebrauchen knnt! eingeladen hatte
wie der Knig im Evangelium das Volk zu seinem Festmahl. Sie machten auch gern
Platz, soviel es ihnen mglich war, und zogen die Mtzen, und einigen, denen ich
zu hoch gestiegen war, als da sie mir die Hand htten reichen knnen, mute ich
sie hinhalten: Na, alter Freund, das geht hier lustig zu!
    Ja, sagen Sie mal, Herr Assessor! So was hat der Vogelsang gewi noch nicht
erlebt. Zu so was gehrte einzig und allein unsere selige Frau Doktern und unser
Herr Velten, der Herr Sohn!...
    Es ging freilich nicht blo gierig, sondern auch lustig zu. Aus dem
benachbarten Tivoligarten hatte das Getmmel nicht nur die Kellner und
Kellnerinnen, sondern auch fast das gesamte Personal des eben dort vorhandenen
Thtre-Varit hergezogen, um sich den Spa anzusehen. Miss Athleta, die
strkste Dame der Welt, und Signor Volcano, der Feuermensch, die grte
Sensationsnummer der Gegenwart, John Arden, der Weltmeisterschaft-Springer, und
die drei Schwestern Larsen, die internationalen Exzentrik-Sngerinnen, Frulein
Miranda, die Piston-Virtuosin, und Herr German Fell, von der Anthropologie
genannt das gefundene Mittelglied, der unbertrefflichste Affendarsteller
beider Hemisphren: sie waren alle wie von Velten Andres zu seinem Kehraus
gerufen und traten mit den Geladenen aus dem alten Vogelsang die letzten
Buchsbaumeinfassungen der Rabatten der Frau Doktern nieder und schienen von
der neuzugezogenen, kopfschttelnden Nachbarschaft und der verblfften Polizei
allein fr die Sache das volle Verstndnis mitgebracht zu haben.
    Und Velten schien das auch zu wissen und behandelte sie als hochwillkommene
Ehrengste. Im Sturm der Plnderung behielt er Zeit fr einen Hndedruck mit dem
von der Wissenschaft so lange und schmerzlich vermiten und endlich gefundenen
Anthropomorphen mit nicht hervorstehendem Eckzahn wie fr einen Hndedruck mit
Miss Athleta, bei dem er aber schmerzzuckend das linke Bein hochzog und die Luft
zischend zwischen seinen auf die Unterlippe gesetzten Zhnen durchblies.
    Nimmer war mein Honoratiorentchterlein, mein Weib, Schlappes Schwester, in
so ausbndig zweifelhafte Gesellschaft geraten wie jetzt und hier. Immer
ngstlicher drngte sich die liebe kleine Hand mit dem Schneeglckchenstrau vom
Osterberg mir an, je weiter wir gegen die jetzt trlose Hauspforte vordrangen.
    O Gott, Mann! flsterte sie, als aus der Mitte der ihn lachend vertraulich
umdrngenden Sisters Larsen, der drei internationalen Exzentrik-Sngerinnen, der
Freund auch ihr lchelnd die Hand entgegenstreckte:
    Aber, gndige Frau, wie freundlich von Ihnen! Doch weshalb so spt?
    Der greuliche Mensch! Dachte er etwa auch, ich sollte ihm bei seinem
letzten menschenfeindlichen Aufrumen helfen? sagte meine arme Kleine auf dem
Heimwege und nachher, trotz allem, noch fter, wenn die Rede auf ihn kam.
Augenblicklich stammelte sie nur:
    Wir kamen zufllig ber den Osterberg, Herr Andres, und hier durch den
Vogelsang.
    O und wie Sie mir recht kommen, Frau Assessorn, gndige Frau, chzte
hinter uns eine halb durch Trnen, halb durch Lachen erstickte Weiberstimme.
Eine harte, abgearbeitete Weiberfaust befrderte die grte Sensationsnummer der
Gegenwart den Feuermenschen Volcano aus dem Wege packte dann mich am Oberarm,
schob uns, mein Weib und mich, gegen die Haustr der Frau Doktor Velten vor, und
dann - auf den Sohn der besten Frau des Vogelsangs mit zitterndem Zeigefinger
deutend, kreischte Riekchen Schellenbaum:
    Ja, Karl - Herr Assessor, wollte ich sagen; die ganze Stadt sollte man
hierzu zusammenrufen! Ja, die Herrschaften kommen zur richtigen Stunde, um ihm,
dem Herrn da, zu sagen, da dies eine Snde und Schande ist! Hier, der Frau
Assessorin, Herr Velten, habe ich mein Elend ja wohl schon seit Monaten des
Abends klagen drfen; aber heute reicht das nicht mehr aus. Hier vor allen
Leuten mu ich es ausrufen und ausschreien, was ich ausstehe und ausgestanden
habe. Bin ich schon im Irrenhause, oder soll ich erst herein? O Gott, Herr
Velten, wenn mich doch die selige Frau Mutter mit hinunter in ihr ruhiges Grab
genommen htte - zehntausendmal wre mir das lieber gewesen, als wie da ich
diesen Winter durch das liebe Ihrige selber mit in meiner Schrze habe in den
Ofen und auf den Kchenherd tragen mssen! Lieber Herr Assessor,
Herzenskarlchen, ich habe ja auch zu Ihnen gehrt und Sie auf den Armen
getragen, und auch bei Ihren lieben Eltern bin ich ein und aus gegangen in guten
Tagen und habe zugegriffen in bsen - Sie knnen es mir bezeugen, da ich mich
habe zusammennehmen knnen und ihm nicht die guten, lieben Sachen vor die Fe
geschmissen habe und nicht die Schrze ber den Kopf geschlagen habe und ihm
nicht wie eine Verrckte aus dem Hause gelaufen bin! Nun gucke einer, wie mich
das schwarze Mohrengesicht hier aus dem Tivoli angrinst! Nicht wahr, Herr
Assessor, da von Spukmeyers seligem Grasgarten her und hier, wo ich auf Ihres
Herrn Vaters Grundstcke als junges Kindsmdchen auch ihm das Laufen gelehrt
habe, ihm, der sich jetzt diese Gesellschaft hergebeten hat, um sich mit
anzusehen, wie er sein Vater- und Mutterhaus zu einer Brandstatt und Ruberhhle
macht. Da holt sich die lahme Brandten ihr ungesegnet Teil am Eigentum mit dem
Waschfa, in dem ich ihm seiner seligen Mutter Hemden gewaschen habe! Vor meinen
Augen, als ob ich allein zu gar nichts gehrte und ich kein Herz im Leib htte,
was sich vor Wehmut und Gift umwenden knnte! Als ob ich allein in diesem Juchhe
an meinen Trnen versticken mte! Gehen Sie mal weg, Mamsell Luftspringersche -
da schleppt sich, wahrhaftigen Gottes, die Bande aus dem Hungerwinkel mit meinem
- mit der seligen Frau Doktern Kchenschrank, als wenn ich nicht jetzt noch den
Schlssel dazu in der Tasche htte! Nach dem soll mir aber wer kommen! Die guten
Sachen! Und als ob man selber gar nicht vierzig Jahre lang damit hantiert htte
und sie kennte! - Alles wie vor die Hunde. Wer die besten Zhne hat, zuerst
damit dran! - Oh, die Ruppscke! Wie beim Jngsten Gericht! Jawohl, am
Jngsten-Gerichts-Tage, Herr Andres, da wird auch noch die Frau Mutter gegen Sie
auferstehen und Ihnen sagen, da dieses hier wirklich nicht in der Ordnung ist
und nach Menschenordnung zugeht, nicht wahr, Herr Assessor, nicht wahr, Frau
Assessern?
    Sie stand ihm jetzt dicht, Nase gegen Nase, gegenber, dem Liebling des
Vogelsangs, den sie voreinst auf den Armen getragen, dessen Mutter sie zu Tode
gewartet hatte und der ihr nun solches antat. Giftig bohrten ihre Augen in seine
ruhigen, freundlichen. Die Fuste zitterten und zuckten ihr, wie vor dem
Zuschlagen -
    Das ist nun leider so, Riekchen, lchelte der Unmensch, den Kchenschrank
hat die Familie Steinbei aus dem Hungerwinkel, aber den Schlssel hast du. Die
Haustr hat auch schon einen Liebhaber gefunden: aber den Schlssel dazu habe
ich
    noch - es ist mein letztes von meinem Besitztum im Vogelsang. Willst du
ihn?
    Er hob ihn in die Hhe, wie wenn man einem Kinde oder einem Hunde etwas
Begehrenswertes zeigt: meine Frau klammerte sich immer fester an mich an und
flsterte: Es ist scheulich!, aber die alte, treue Dienerin des Hauses
Andres, erst mit beiden Armen weit um sich greifend, wie nach etwas im Leeren
Vergangenem, reckte die drre Faust auf und kreischte:
    Jawohl, zum Zeugnis von der Welt Dank und Lohn! Und zum Andenken an den
Herrn Vater und die Frau Mutter, und mgen sie sich nicht in ihren Grbern
umwenden wegen Ihnen, Herr Velten, und das ist mein letzter Wunsch und Abschied,
Herr Andres.
    Er legte den Schlssel zu seinem leeren oder ausgeleerten Vaterhaus nun dem
vor Gift und Galle zitternden alten Mdchen in die Hand, die ihn bei seinen
ersten Schritten auf der Erde mit gehalten und ihm geholfen hatte, seine Mutter
auf dem Totenbett fr den Sarg zurechtzulegen. Die Schellenbaumen aber griff ihn
und fuhr mit ihm ab, und zwar mit einem Laut wie ein verwundetes Tier, und der
Vogelsang lachte ihr nach und das Thtre-Varit aus dem Tivoli gleichfalls,
als ob dieser spahafte und kuriose Herr jetzt seinen besten Witz zu seiner
Generositt als Zugabe gegeben habe.
    Herrschaften, ein Schuft, wer mehr gibt, als er hat! rief jetzt aber er,
sich auf seiner Haustrtreppe hoch aufrichtend und seinen Festgsten freundlich,
aber fest die Tr in der Gartenhecke weisend. Und es ward leer um ihn, wie es in
seinem Hause geworden war. Aus dem war freilich nicht das geringste mehr zu
holen. Die letzten Nachzgler aus der alten Freundschaft des Vogelsangs waren
schon belastet mit Sparren, Bohlen und Brettern, die auf den vlligen Abbruch
hindeuteten, an uns vorbeigeschlpft; aber auch von ihnen hatten einige doch
scheu, verlegen und wie verdutzt ob der Sache noch eine freie Hand hingehalten
und gesagt: Wir bedanken uns auch recht schn, Herr Andres.
    Auch das Thtre-Varit hatte genug von dem Spa und sich empfohlen. Alle
sehr heiter bis auf den Affenmenschen. Der schien mit einem Male auf allen ihm
von der Wissenschaft und den Herren Darwin, Haeckel, Virchow, Waldeyer und so
weiter auferlegten Wert verzichten zu wollen. Dieser Knstler zgerte noch einen
Augenblick, verlegen, schchtern, als ob er noch etwas zu sagen habe, aber nicht
recht damit aus sich heraus knne. Pltzlich jedoch fiel der Tierheit dumpfe
Schranke unter Gesten und Mimik, die den homo sapiens als Publikum zu hellem
Jauchzen htten bringen knnen; er stieg, sozusagen, aus dem Pavian oder Gorilla
heraus, die geschmeidigen Muskeln steiften sich und - Menschheit trat auf die
entwlkte Stirn: Herr German Fell aber trat auf Velten Andres mit einer
Hlzernheit zu, die ihn in der Meinung verschiedener lterer Herren aus meiner
Kanzleiverwandtschaft sehr gehoben haben wrde, bot ihm die Hand und sagte:
    Mein Herr, Sie haben mir whrend der letzten Monate dann und wann nebenan
die Ehre gegeben; Sie verzeihen also, wenn ich mir heute hier bei Ihnen das
Vergngen gemacht habe. Bei so kurzer und vager Bekanntschaft wrde es - suchen
Sie das bessere Wort -, wrde es unangebracht sein, wenn ich um Ihre
Freundschaft bitten wollte; Sie werden mich jedoch auch nicht verachten, weil
ich dann und wann etwas mehr als andere Affe bin. In gedrckten Muestunden
pflege ich mich jedenfalls immer noch wie andere von uns Primaten mit
transzendentaler Menschenkunde zu beschftigen; ich habe ebenfalls einige
Semester in Wittenberg studiert, ehe ich zu den Anthropoiden ging. Mein Herr,
Ihr Ruf ist whrend der letzten Wochen auch zu uns und also auch zu mir
gedrungen; ich habe dann und wann mit Interesse ein Stndchen mit vor Ihrem Ofen
gesessen. Siehe da, habe ich mir gesagt, auch einmal wieder einer, der aus
seiner Haut steigt, whrend die brigen nur daraus fahren mchten! Mein Herr,
ich wnsche einen recht guten Abend, und nicht blo fr den heutigen Tag.
    Mein Herr, rief aber jetzt Velten Andres, der seinen unheimlichen
Wandnachbar aus dem Thtre-Varit mit immer steigendem Erstaunen hatte reden
lassen, mein Herr, nun bitte ich doch, mir genauer zu sagen, mit wem ich
eigentlich die Ehre habe -
    Mit einem vom nchsten Ast, mein Herr. Vom nchsten Ast im Baum Yggdrasil.
Man kann sich auf mehr als eine Art und Weise dran und drin verklettern, mein
Herr. Mit unseren Personalbezglichkeiten drfen wir uns wohl gegenseitig
verschonen. Auf brgerlich festen Boden hilft wohl keiner dem anderen wieder
hinunter; aber reichen wir uns wenigstens die Hnde von Zweig zu Zweig. Mein
Herr, ich danke Ihnen.
    Wofr er dankte, sagte er weiter nicht. Meine Frau hat es nie begriffen, ich
aber habe mir auch nicht die vergebliche Mhe gegeben, es ihr begreiflich zu
machen. Sonderbarerweise reichte auch unser Freund Velten seine Hand nur wie
mechanisch und ohne eigentlich genaues Verstndnis der Sache her. Herr German
Fell drckte sie ihm, lie sie fallen, sah dem verkletterten Nachbar in der
Weltesche mit dem ganzen melancholischen Schimpanseernst in das verdutzte
Gesicht, schurrte, sozusagen, ganz und gar wieder in seine Kunst, das Leben zu
berwinden, hinab und folgte, runden Rckens, so sehr als mglich Vierhnder,
den Thtre-Varit-Genossen, die den halben Winter durch im Tivoli hinter
meines Vaters Grundstcke auf Spukmeyers seligem Grasgarten meinem
Jugendfreunde die verstndnisvollsten Nachbarn in Stadt und Vorstadt gewesen
waren.
    Nun hatten wir sie fr uns allein, die verwstete Kindheitsidylle. Leise zog
meine Frau an mir, doch wagte sie nicht einmal flsternd ihren Wunsch, die Leere
und de auch so schnell als mglich hinter sich zu lassen und mich mitzunehmen,
auszusprechen. Ich aber konnte so noch nicht scheiden, ich konnte den armen
Freund, dem eben so grimmig recht und unrecht gegeben worden war, nicht in
seiner trlosen Hauspforte allein stehenlassen. Ich mute noch nach Herrn German
Fell ein Wort fr unsern letzten Abschied vom Vogelsang finden, und ob der Ton
mehr oder weniger gezwungen herauskam, ich schlug den Freund lachend auf die
Schulter:
    Sich auf, alter nrrischer Mensch! Ein leichtbewegtes Herz ist ein elend
Gut auf der wankenden Erde, und die vollgltigste Gegenzeichnung des Wortes hast
du eben in wunderlichster Weise erhalten. Sie wrden es rundum selbst nicht der
Zeitung glauben, wenn man es ihnen durch die erzhlte, da es euresgleichen
heute noch gibt und auch nicht blo vor Zeiten mal in der thebaischen Wste oder
auf der Strae nach Olympia, Muster der sterbende Alte von Sinope, gegeben hat.
Du hast deinen Willen gehabt und durchgefhrt, nun tu aber auch uns den Gefallen
und komm wenigstens fr die letzten Tage und Nchte in der Heimat mit uns nach
Hause.
    Wir standen jetzt in dem Wohnzimmer seiner Eltern, in dem er so grndlich
mit seinem besten Eigentum aufgerumt hatte, der eigentumsmde Mann, der freie
Weltwanderer. Und er sah auf und um sich her, wie einer, der einen Schlag vor
die Stirn erhalten hat und sein Selbstbewutsein nur mhsam wieder
zusammenfindet. Er tat mir in tiefster Seele leid, und zu helfen war ihm nicht:
er hatte aus seinem verdeten Vaterhause den Nachbar im Gezweig des Baums
Yggdrasil mit sich auf allen seinen ferneren Wegen durch das Dasein zu
schleppen. Mich und mein zitterndes, ihre Angst und ihre Trnen
hinunterschluckendes Weibchen mochte er schon loswerden aus der Erinnerung an
seinen letzten Abend zu Hause; aber Herrn German Fell nicht. Der blieb ihm drin!
-
    Ich mchte doch heute abend noch einmal der Vorstellung da neben mir an
beiwohnen. Wie man doch seinesgleichen, so was zu einem gehrt, nur dadurch und
dann kennenlernt, wenn es einem so im Gedrnge den Ellbogen in die Seite setzt,
nicht wahr, Karl? Den Affenmenschen aus dem Tivoli drfte ich Ihnen doch wohl
nicht als Freund. Gast und Gastfreund mitbringen, gndige Frau? Also bitte,
Kinder, lat es dabei, da wir einander sowenig als mglich durch unser
Vorhandensein in dieser wimmelnden Welt genieren. In einer geschftlichen
Angelegenheit mu ich freilich auch vom Deutschen Hofe aus dich belstigen,
lieber Karlos.
    Ich fhlte den Arm meiner Frau immer mehr an meiner Brust erzittern. Sie
hielt in der heien Hand noch immer ihr armes Struchen erster Frhlingsblumen:
jetzt aber entfiel es ihr und verstreute sich auf dem schmutzigen, zerstampften
Fuboden unter Scherben von zerschlagenem Geschirr, Tapetenfetzen und
wertlosesten Trmmern von Hausgert.
    Komm du mit nach Hause! flsterte sie. Ich halte dieses nicht lnger aus!
Oh, mein armes kleines, liebes Kind zu Hause! Bitte, komm, ich mu zu meinem
Kinde. - Das la ich mir nicht nehmen, wenn er auch dich verwirrt. Ich halte
mein Eigentum an der Welt fest! Bleib, wenn du willst - ich will nach Hause und
zu meinem Kinde! Ja, bleib, bleib und steige mit ihm und seinem andern Freunde,
dem grlichen Affenmann, so hoch du willst aus unserm armen lieben Leben in die
Hhe: ich will zu meinem Kinde und meinem Eigentum an der Welt!
    Sie ist uns fortgelaufen, mit dem Arm und Ellenbogen vor den Augen, selber
wie ein Kind, das sich vor einem Schlage frchtet.
    Gute Nacht, Velten.
    Gute Nacht, Krumhardt...
    Ich holte meine Anna erst an der zweitnchsten Straenecke ein. Als ich mein
Eigentum wieder an mich nehmen wollte, weigerte es sich dessen durch mehrere
Gassen. Mit fast bsem Blick wies die Kleine, statt meinen Arm zu nehmen, nach
dem Vogelsang zurck:
    Ich habe dem Herrn Generalsuperintendenten versprochen, dir fr Gut und
Bse zu gehren, und ich habe mir selber versprochen, nur da zu sein und zu
bleiben, wo du bist und gehst und stehst, Karl; aber - dahin bringst du mich
nicht mit zehn Pferden wieder! Dahin setze ich in meinem Leben meinen Fu nicht
wieder. O lieber Gott, was machen deine Menschen aus deiner schnen Welt! -
    Ich habe den Freund im Leben nicht wiedergesehen. Als er am nchsten Tage
nicht zu mir kam und ich am Abend im Deutschen Hofe nach ihm fragte, wute man
nur, da er seine Rechnung berichtigt habe, aber nicht, ob er sich noch in der
Stadt aufhalte.
    Von London aus machte er es schriftlich mit mir ab es unserm Riekchen
Schellenbaum amtlich und gerichtlich glaubhaft zu machen, da zu dem
Hausschlssel, mit dem es als mit seinem einzigen Andenken abgefahren war,
auch der neue Bauplatz, einer der besten im neuen Vogelsang, gehre.

Ich habe eine lngere Pause in der Abfassung oder Niederschrift dieser Annalen
und Historien des alten Vogelsangs machen mssen. Als ich das letzte Blatt zu
den Akten brachte, schneite es noch; nun luft wieder ein grner Schimmer ber
den Osterberg, und meine Kinder tragen Hnde voll von den nmlichen
Frhlingsblumen, die ihre Mutter in Velten Andres' verwstetem, ausgeleertem
Heimwesen aus der Hand gleiten lie, ins Haus.
    Wir hatten viel Sorge im Hause. Wir frchteten, unsern ltesten Sohn, den
seinerzeit Velten nicht aus der Taufe hatte heben wollen, am Typhus zu
verlieren; aber der Junge ist uns erhalten geblieben und munter wieder auf den
Beinen, und ich habe die Feder zum Besten seines Hausarchivs von neuem
aufgenommen. Wir sind im Mrz eines neuen Lebensjahres, und ich halte wieder den
Brief in der Hand, den mir Mrs. Mungo im November des vorigen Jahres aus Berlin
schrieb.
    Velten lt Dich noch einmal gren. Er ist nun tot. Wir haben unsern
Willen bekommen. Er ist allein geblieben bis zuletzt, mit sich selber allein,
ohne Eigentum an der Welt...
    Knnte ich ihr doch - knnte ich von hier an Helenen Trotzendorff die Feder
in die Hand geben und sagen:
    Nun schreibe du weiter. Schliee das Aktenstck ab!...
    Ich habe in den langen Jahren kaum etwas von dem Freunde gehrt. Nach Hause,
wenn man bei ihm nach seinem vernichteten Hause diesen Ausdruck noch gebrauchen
knnte, ist er nicht wieder gekommen, und geschrieben hat er an mich auch nicht.
Aber da mich meine Stellung in unserem kleinen Staatswesen dann und wann nach
Berlin fhrte, so bin ich mit dem Hause des Beaux in einiger Verbindung
geblieben. Kommerzienrat des Beaux - Leon des Beaux hlt, trotzdem er lngst zu
den bedeutenderen Bankiers und Kapitalisten der Reichshauptstadt gehrt, das
alte gute Verhltnis aus unserer Universittszeit noch aufrecht. Das
vterliche Geschft in der Dorotheenstrae besteht aber nicht mehr (aus einem
Schneiderladen gelangt man ja wohl nicht zu dem Titel Kommerzienrat?), und Leon
selber bringt die Rede nie darauf und sie gern auf etwas anderes, wenn sie
darauf kommt. Da ich auch jetzt in seinen Geschftsstuben nichts zu tun habe,
kenne ich ihn nur in seinem Familien- und Gesellschaftskreise in seiner Villa
einer vornehmen Vorstadt. Er ist auch verheiratet und hat eine gute, fr ihn
passende Frau bekommen. Er ist Vater von zwei Kindern, einem Sohn und einer
Tochter. Der Junge wird Friedrich gerufen, das Mdchen Viktoria: die
traditionellen altfranzsischen Familientaufnamen der des Beaux aus dem
Languedoc figurieren nur noch in den Taufscheinen der Kinder. Die jetzige Madame
des Beaux wei nichts mehr von dem Familien-Wunderwinkel in der Dorotheenstrae,
wo Leonie und Leon des Beaux ihr, ihres Vaters und ihrer Vter Eigentum in
Angestammtem und Zuerworbenem festhielten und ihren Lebensstolz drauf grndeten.
Sie, Frau Wera des Beaux, vordem zweite Liebhaberin am ***theater, hat sich in
den guten Leon trefflich, hineinzufinden verstanden; sie ist eine tchtige
Berliner Hausfrau und zugleich eine vornehme Frau, die die Stellung ihres Gatten
wohl zu wahren wei; aber von Albi, Simon von Montfort, Raimund von Toulouse,
Peter von Castelnau wei sie nichts, die Bartholomusnacht kennt sie nur aus den
Meyerbeerschen Hugenotten, und das Edikt von Nantes -
    Fr das mu ich eigentlich dem Himmel unbeschreiblich dankbar sein, sagte
sie mir einmal lachend an ihrem Teetisch. Wie sollten ohne es Leon und ich uns
wohl in der Welt zusammengefunden haben, Herr Oberregierungsrat?
    Fritz und Vicky, die beiden Kinder des lieben, harmlosen, freundlichen
Paars, wissen nur von Sedan, Gravelotte, der dritten Einnahme von Paris und von
Kaiser Wilhelm und seinen Paladinen, von den Paladinen der Tante Leonie aber
wenig mehr. Sie sind eben eine geraume Zeit nach Sedan, Metz und der dritten
Einnahme von Paris in die deutsche Welt hineingekommen, und das Eigentum ihrer
Vorfahren vterlicher Seite hat kaum noch viel Bedeutung fr sie. Was in der
Dorotheenstrae noch piettvoll zusammengetragen worden war, das dient in der
jetzigen Villa des Beaux in den Gemchern nur noch hie und da zur Zier, und im
Salon der Frau Kommerzienrtin schaut der erste brandenburgische Ahnherr, der
Sieur Antoine des Beaux, dem der Groe Kurfrst seinerzeit die Hand geschttelt
hat, von der Wand aus seinem Clair-obscur ernst, aber auch ruhig in das
Plein-air des laufenden Tages hinein. Das Bild hat Kunstwert: von wieviel Wnden
wird es wohl noch auf fremde Leute hinuntersehen?
    Und Leonie? Leonie des Beaux?
    Von der wissen die Kinder ihres Bruders nur zu sagen, da sie sehr gut, aber
nur einmal auf lngere Zeit zu ihnen und Papa und Mama vom Rheine her gekommen
sei, ohne da einer im Hause oder sonst jemand sehr krank gelegen habe.
    Leonie des Beaux hatte sich wie Velten Andres ihres Eigentums an der Welt
entledigt, sie war Diakonissin zu Kaiserswerth geworden und diente dem Herrn
jetzt auf einer Arbeitsstation in Deutsch-Lothringen. Da ich die Feder auch
nicht in ihre Hand legen kann, hatte ich dieses zu den Akten zu bringen, ehe ich
weiterschreibe in Sachen Velten Andres und - Helene Trotzendorff. - - -
    Ich bin wieder auf dem ersten Blatt der Chronik des Vogelsangs.
    Du mut und willst doch auch wohl als erster guter alter Freund Von allen
nach Berlin? hatte meine Frau an jenem Novemberabend gefragt, und Morgen, wenn
es mir irgend mglicht ist, hatte ich ihr geantwortet. Dann waren wir beide,
Anna und ich, zu unserem jungen Volk gegangen, um uns zu vergewissern, da
wenigstens da noch alles in Ordnung auf Erden sei. Am andern Mittag war ich in
Berlin. Meine Stellung in unserm Staatswesen erlaubte mir, den ntigen Urlaub,
wenigstens fr einige Tage, mir selber zu geben.
    Erklte dich nicht, Alter, hatte meine Frau gesagt. Bedenke deinen
Rheumatismus und denke auch ein wenig an deine Jahre, und da wir im November
sind.
    Ich bedachte freilich manches in meinem Blitzzuge; auch nicht zum mindesten
meine wohlgezhlten achtundvierzig Lebensjahre. Wrde ich aber noch einmal von
meinen Tren, die ein Bedienter ffnete, von meiner behaglichen Luftheizung,
meinen amtlichen Aussichten auf die Zukunft und darin den Titel Exzellenz, ja,
wrde ich auch nur noch einmal von Weib und Kindern reden, so liefe das nur auf
eine Wiederholung von schon Gesagtem hinaus. Whrend einer unbehaglichen
Wirtstafel hatte ich mir zu berlegen, ob ich am besten erst den Kommerzienrat
des Beaux in seiner Villa oder Mistress Mungo im Kaiserhof von meiner Ankunft
benachrichtige und ihnen die weitere Fhrung berlasse. Zwischen drei und vier
Uhr nachmittags aber stand ich allein in der Dorotheenstrae vor dem Hause, in
welchem die alte Hugenottenfamilie zum letztenmal ihre Lebensandenken
zusammengehuft und Velten Andres eigentumslos seinen Weg ber die Erde beendet
hatte. Seit meinen Studentenjahren war ich nicht wieder in diese Gegend der
Stadt gekommen, und von dem Hause war nur die Nummer geblieben, was die
Gassenseite anbetraf. Vater des Beaux nahm nicht mehr das Ma der oberen
Zehntausend der Stadt, und der Hofhufschmied beschlug nicht mehr die Hufe ihrer
Rosse in der Dorotheenstrae: nach der Gassenseite hin hatte sich die Dekoration
vollstndig verndert, soweit ich meiner Erinnerung trauen konnte. An der
Architektur der zweiten Hlfte der achtziger Jahre des Jahrhunderts
emporblickend, konnte ich, mit dem Briefe Helene Trotzendorffs daheim auf meinem
Schreibtische, in meinem und des Vogelsangs Aktenkonvolut, mich nur fragen:
    Frau Fechtmeisterin Feucht? Ein Irrtum ist doch wohl ausgeschlossen?
    Ich habe auf meinem Wege durch meinen Beruf und vorzglich whrend der zwei
Jahre, in welchen ich zu Hause der Oberstaatsanwaltschaft als Mitarbeiter
zugeteilt war, in mancherlei rtlichkeiten mich zurechtzufinden gelernt. Hier
hatte ich nur den Neubau zu durchschreiten, um merkwrdigerweise in dem neuesten
Berlin das wenn nicht lteste, so doch ltere noch vollstndig an Ort und Stelle
zu finden. Das weite, lrmvolle Gehft des Hofhufschmieds war freilich berbaut
worden und bis auf einen brunnenartigen, lichtlosen Lichthof verschwunden. Doch
der Frau Fechtmeisterin Feucht und ihrem Reich hatte die Zeit nichts anhaben
knnen. Ich fand sie beide noch, wie sie vor Jahren gewesen waren: das
Hintergebude der groen Firma des Beaux und die Frau Fechtmeisterin. Sie hatten
sich beide gar nicht oder nur ganz unmerklich verndert, das eine,
rauchgeschwrzt, mit jetzt seinen hundertundzwanzig, die andere, wei, zierlich,
das richtige Mrchenweiblein, mit fast ihren neunzig Jahren auf dem Nacken! -

Baissez-vous, montagnes,
Haussez-vous, vallons!
M'empchez de voir
Ma mi' Madelon -

Wie kam es, da auf den dunkeln, steilen Treppen, die zu der alten Frau
hinauffhrten, dieser Vers, da die se Stimme, die das Lied uns in dem
vornehmen Salon des Vorderhauses so oft gesungen hatte, mir pltzlich wieder in
den Sinn kam? Es waren doch eigentlich nur wenige Jahre her, da wir dort in dem
Zauberwalde Brozeliand zusammensaen und ber der Berliner Schneiderwerkstatt,
aller romantischen Wunder voll, provenzalische Minnesnger, altfranzsische
Chroniken und hugenottische Streitschriften und Liederbcher durchbltterten,
und nun schien mir nichts davon brig zu sein als dieser Ton, dieser Vers! Und
schauerlich merkwrdig kam mir dazu eine sptere Winternacht in das Gedchtnis
zurck und ein anderer Vers, aber nicht aus einem franzsischen Volksliede,
sondern aus einem deutschen Klassiker. In seinem von seinem Eigentum an der Erde
sich leerenden Vaterhause im Vogelsang murmelte ihn Velten Andres bei seinem
Vernichtungs- und Befreiungswerk vor sich hin:

Sei gefhllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde.

Dorotheenstrae Numero 0 - Hintergebude - Frau Fechtmeisterin Feucht -
Studiosus Valentin Andres! Ich zog im dritten Stockwerk wie ein eben Erwachender
die Glocke und erkannte auch ihren Klang wieder.
    So etwas mute es wohl sein, was uns zwei noch einmal im Leben
zusammenbringen konnte, Herr Krumhardt, sagte dann ganz dieselbe Stimme, die
vor Jahren mich so oft freundlich begrt und auch dann und wann gar mtterlich
gewarnt und gescholten hatte. Sie treten wohl erst einen Augenblick bei mir
ein, ehe Sie in sein Zimmer hinbergehen, Herr Oberregierungsrat. Sie hat Sie
wohl nicht so frh hier in Berlin erwartet; aber mir konnten Sie nicht frh
genug kommen. In meinem Alter kann man ja wohl alles leichtnehmen, aber dieses
wird mir doch zu schwer allein zu tragen. Seit dem Morgen sitzt sie wieder auf
seinem Bett, mit den Ellbogen auf den Knien und dem Kopf zwischen den Hnden.
    Sie? Allein mit ihm? Helene? Helene Trotzendorff?
    Die groe amerikanische Dame. Haben Sie nicht auch von ihr und ihren
Reichtmern in der Zeitung gelesen?
    Die alte Frau fate mit ihrer drren, altersharten, khlen Hand meine heie:
    Kommen Sie, Herr. Es hat Zeit, da Sie zu ihr gehen. Sie scheint nichts
mehr von Zeit und Stunde zu wissen; aber seit sie mir gesagt hat, da Sie kommen
wrden, sind mir in der Erwartung die Minuten zu Jahren geworden, denn gegen wen
knnte ich so meiner Seele Luft machen, wem knnte ich hiervon so erzhlen als
wie Ihnen? Wem kann man denn so was begreiflich machen als wie einem, der auch
mit dazu gehrt hat vom Anfang an?
    Die Sonne geht um diese Jahreszeit gegen halb fnf Uhr unter. Die breiten
Straen, die groen Pltze der Stadt lagen noch in ihrem Lichte; in dem Stbchen
der Frau Fechtmeisterin Feucht war es merkwrdigerweise noch hell, das Stckchen
Himmelszelt vor dem Fenster fr den Novembernachmittag lichtblau und wolkenfrei
wie am schnsten Sommermorgen. Wohl ein Vierteljahrhundert war hingegangen, seit
ich zum erstenmal zwischen diesen vier Wnden gestanden und verwundert umher und
Von der Bewohnerin auf die Wnde gestarrt hatte. Nun stand ich wieder so; -
whrend in den langen Jahren um mich her nichts an seinem Platze geblieben war,
hatte sich hier nichts verndert. Die Zeit, die mit so leiser, sanfter Hand ber
die Stirn der kleinen, greisen Elfin gestrichen hatte, hatte auch in ihrer
Umgebung nichts von der Stelle gerckt, nichts in den Winkel geworfen, nichts
unter den Auktionshammer gebracht, nichts - in den Ofen geschoben. Die Frau
Fechtmeisterin Feucht allein von uns allen hatte ihr Eigentum noch vollstndig
beisammen, und da stand sie nun wie damals mit dem Strickzeug in den Hnden und
dem Garnknul unter der Achsel und deutete pltzlich um sich herum auf ihre
Waffentrophen und die ungezhlten Schattenbilder vergangener
Burschenherrlichkeit und seufzte:
    Weshalb mute der, an den ich von euch allen als den Letzten mein ganzes
Herz gehngt hatte, mir so was zuleide tun? Setzen Sie sich, Herr
Oberregierungsrat.
    Da sa sie mir wieder gegenber, am Fenster wie die Frau Doktern im
Vogelsang, in ihrem Korbstuhl und mit ihrem Strickzeug, aber diesmal Gespinste
und Knul im Schoe, und sagte:
    Er hat drben - jetzt bei der Frau Mungo, einen Vers ber sich an die Wand
geschrieben, den knnen Sie nachher lesen; jetzt aber mu ich es erst von der
Seele los sein, was ich mit ihm erlebt habe - ich, das alte, alte Weib, mit dem
Kinde, ja mit diesem Kinde, dem jungen Menschen!
    Sie hatte bei ihren Jahren wohl recht, so von Velten Andres und auch von uns
anderen als Kindern zu reden, und sie sprach auch wie eine mrchenerzhlende
Gromutter in der Dmmerstunde: ich konnte nur sitzen und hren.
    Was meinen Sie wohl, wie Ihnen zumute wird, Herr Oberregierungsrat, wenn
pltzlich so ein unbekannter alter Mensch vor Ihnen steht und fragt Frau
Fechtmeisterin, nehmen Sie immer noch dumme Jungen in Kost und Logis? und dann
Ihnen sagt Ich bin der und der! und Sie nachher nur sagen knnen Ja, Kind, dann
komm herein!?
    Sie erwartete natrlich keine Antwort auf die Frage, sondern fuhr, mit der
Hand auf meinem Knie, fort:
    Ich vergesse den Tag in meinem Leben nicht. Es ist am letzten fnfzehnten
Juni gewesen, am Nachmittage, so um diese Tageszeit, wo es bei mir klingelt, und
ich frage, mit wem ich die Ehre habe, und der Besuch sag Ich bin der Studiosus
der Weltweisheit Velten Andres, wissen Sie, Frau Fechtmeisterin, und da Ihr
Zettel noch immer aushngt und meine alte Bude zufllig frei ist, mchte ich sie
noch einmal wiederhaben. - Herr Oberregierungsrat, wenn ein Gespenst Sie am
hellen, lichten Tage auf die Schulter klopft und Ihnen einen Namen wie vom
Kirchhof her nennt, knnen Sie nicht heller als wie ich schreien Was wollen Sie?
Wer wollen Sie sein? Eine gute halbe Stunde hat's gedauert, ehe ich mich in ihn,
meinen Schlimmsten und meinen Besten, gefunden und mich noch mal ber den lieben
Gott gewundert habe, da er mich auch dieses noch bei Lebenskrften und gesunden
Verstandessinnen erleben lassen will. Seine Zeit wollte es freilich haben, bis
ich mir aus dem gegenwrtigen Spuk meinen alten, lieben Sohn von damals
herausgeholt hatte und an ihn glauben konnte. Nicht da er, mein Velten, etwa
wie ein Spuk ausgesehen htte; nein, ganz respektabel grau, nur mit ein bichen
zuviel Haut und zuwenig Fleisch auf den Knochen und mde, Herr
Oberregierungsrat! Mde, mde! Wie einer, der seit einem Menschenalter nicht von
den Fen gekommen ist! Todmde von seinem Wege durch sein junges Leben!
Natrlich ntige ich ihn denn aufs Sofa, und da sitzt er und sagt nichts, aber
lacht; und das, Herr, das Lachen hat meinem letzten Zweifel ein Ende machen
mssen Menschenmglich ist es ja nicht; aber Ihre Stube ist frei, Velten, habe
ich gesagt. Soll ich nach Ihrem Gepck schicken, oder wollen Sie es selber holen
- ich wei nicht, woher!? - Ja, das wei ich auch nicht! lacht er mich wieder an
und reicht mir ber den Tisch da seine Brieftasche Meine Papiere fr die Polizei
und die Miete wie schicklich prnumerando; behalten Sie gleich den ganzen
Bettel, ich gehe heute frh zu Bette. - Und keine Wsche? Und keine Bcher? -
Nichts! - O du lieber, lieber Gott, so kommen Sie zu der Fechtmeisterin Feucht
zurck? - So! sagt er nur und reicht mir ber den Tisch die Hand, und ich fhle
wohl, da die ein bichen fieberisch ist; aber meine ist ja desto klter, und so
fasse ich fest zu und rufe Ja, wenn das so ist, bleibst du natrlich bei mir. Es
ist zwar spt am Tage fr mich: aber fr einen langt's wohl noch. Dich fttere
und flicke ich mit unseres Herrgotts Hlfe noch heraus! Jaja, Herr
Oberregierungsrat, in dem Augenblicke habe ich den Mann du genannt, als htte
ich ihn wie ein Kind auf dem Arme! Da das nicht so war, konnte ich damals ja
noch nicht wissen. Aber drben sitzt die Frau auf seinem leeren Bett; ich darf
Sie wirklich nicht zu lange aufhalten hier bei mir, Herr Krumhardt; Sie sind
nebenan wohl ntiger. Also kurz: er hat sein letztes halbes Jahr bei mir
zugebracht und ist bei mir gestorben. Mhe hat er mir nicht gemacht und Unkosten
auch nicht; aber (und hier leuchteten die Augen der fast Neunzigjhrigen wie die
eines greisen Feldherrn ber ein Schlachtfeld) Freude hat er mir auch jetzt
wieder gemacht: er war doch der Nrrischste, aber auch der Tapferste von euch
allen. Schade, da er zu feine Nerven mitbekommen hatte und so, so, so sein
Leben fhren und so, so zum Ende kommen mute, wenn er nicht als euer aller Narr
oder im Irrenhause zugrunde gehen wollte.

Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde,

murmelte ich, bis ins Tiefste durch das ruhige Wort der verstandesklaren Greisin
erschttert.
    Das ist es, was er drben mit Kohle an die Wand geschrieben hat. Nun sitzt
die Frau Mungo davor und hlt den Kopf mit beiden Hnden darber - das arme
Ding. Als ob sie die Schuld davon trge, da euer Velten eigentumlos ber und
von der Erde gegangen ist! Was hilft es mir, da ich der lieben Seele zurede Du
konntest nichts daran ndern, Herz; es mute eben auch einmal einen solchen
Egoisten zu euch anderen, wenn auch nur der Raritt wegen, in der Welt geben. In
ein Kloster, wie meine liebe Leonie, konnte der nicht gehen. Mitleiden hat er
wohl gehabt, aber ein Barmherziger Bruder steckte nicht in ihm. Oh, wie die zwei
sich zum erstenmal wiedersahen bei der Fechtmeisterin Feucht, die Barmherzige
Schwester aus dem Diakonissenhause am Rhein und dieser von allen Straen der
Welt, beide ohne Eigentum auf und an der Erde!
    Leonie des Beaux und Velten Andres? stammelte ich.
    Ja, die beiden auch. Sie erinnern sich der Zeit wohl, wo das Vorderhaus
noch stand und wir alle, selbst ich, noch jung waren. Nun war es im September,
und er hatte sich vollkommen bei mir eingerichtet, das heit eigentlich ich ihm
alles. Nicht aus meinem Geldbeutel: in seiner Brieftasche hat er genug Scheine
aus aller mglichen Herren Lndern gehabt, da ich ihm davon nicht blo noch ein
halb Dutzend Hemden, sondern auch alles brige besorgen konnte - nach seinem
jetzigen kuriosen Leben wohl noch auf Jahre hinaus. Auch in der Leihbibliothek
hatte ich ihn abonnieren mssen; denn ausgegangen ist er kaum mehr - da
entschuldigte er sich immer mit seinen kranken Fen. Auf seinem alten
Studentensofa und seinem Bett hat er gelegen und den lieben langen Tag und auch
manchmal die Nacht durch gelesen, alles, was ihm einmal gefallen hat in seiner
Kindheit und Jugend, und immer aus den alten, schmierigen, ekligen, zerrissenen
Bnden von Olims Zeiten. Brachte ich ihm ein neues Exemplar, lie er's liegen
und meinte Mutter Feucht, das ist das rechte nicht. - Jaja, man konnte sich bei
allem irgend etwas denken, aber man mute sich wirklich sehr in seine Grillen
und Schrullen hineinfinden. Und sehen Sie mal, Herr Oberregierungsrat, das ist
jetzt denn auch wirklich mein Stolz und meine Freude, da er mit denselbigen,
ich meine die Schrullen und Grillen, nur bei mir eine Unterkunft gesucht hat.
Ja, er ist freilich nicht der einzige von meinen alten Herren, dem gegenber ich
die Jngere geblieben bin mit Gottes gndigem Beistand. Aber da brauchen Sie nur
auf die Strae hinauszugucken: wenn so eine von uns ber ihre Jugendschwche
herausgekommen ist, da wei sie schon ihren ihr vom Herrgott anbefohlenen
Wackelkopf und Knickebein auch an der Linden- und Friedrichstraenecke durchs
Gewhl zu dirigieren. berheben Sie sich ja nicht ber Ihre liebe Frau
unbekannterweise, Herr Krumhardt. Wenn Sie die jetzt gut behandeln und
handhaben, tut die Ihnen vielleicht auch noch mal das gleiche.
    Der letzte Schein der Herbstsonne war lngst von dem Stckchen Himmelszelt
vor unserm Fenster gewichen; die Dmmerung kam rasch, und ich htte gern hier
das Protokoll abgekrzt; aber wenn wer jetzt was zu den Akten zu geben hatte, so
war das doch die Frau Fechtmeisterin Feucht, und ich unterbrach sie nicht durch
berflssige Bemerkungen meinerseits, zumal sie selber sagte:
    Ich komme sofort auf die Hauptsache, Herr Oberregierungsrat, aber ihr Herz
hat unsereine auch voll bei solcher Sache!
    Ich konnte, nachdem sie sich die Augen getrocknet hatte, nur die beiden
lieben, tapferen Knochenhnde fassen, in die sich Velten Andres zu seiner
letzten Pflege gegeben hatte.
    Herrgott, wie habe ich dann seine und meine Stube voll gehabt von der
vergangenen Zeit. Wie er es erfahren hat, da sein Freund wieder da sei und im
alten Quartier, wei ich nicht; aber er war auch sofort da, der Herr
Kommerzienrat, und was es dann fr Szenen zwischen ihnen gegeben hat, davon wei
auch niemand zu erzhlen als ich. Wie haben sie in Gte und mit Gewalt an ihm
gezerrt und gezogen, da er mit ihnen kommen sollte! Als wenn es bei dem jemals
der Welt Pracht und Herrlichkeit getan htte! Sein Behagen hat er wie alle
anderen Leute durch sein Leben haben wollen, aber nur auf seine eigene, kuriose
Art, und so hat er es zuletzt nur bei der Fechtmeisterin Feucht finden knnen.
Und der Herrgott hat ihm Gnade dazu geschenkt; eigentlich so recht krank ist er
gar nicht gewesen; sein Herz hat nicht mehr gewollt, haben dem Herrn
Kommerzienrat seine Doktoren gesagt. Er ist auch gar nicht weiter vom Fleisch
gefallen, sondern im Gegenteil. Er schob es auf seine Fue, da er lieber lag
als ging; aber die htten wohl auch ausgehalten, wenn das dumme Herz gewollt
htte. Das hatte aber alles, alles aufgegeben und so auch seine Fe. Sehen Sie,
Herr Oberregierungsrat, an meinem armen Velten habe ich erst als Neunzigjhrige
gelernt, da es eine Dummheit ist, wenn man sagt: der Mensch braucht nur zu
wollen. Dieser wilde Mensch konnte nicht mehr wollen, und so htte ihn auch
Schwester Leonie mit dem besten Willen nicht wieder auf die Fe stellen und in
den Tumult drauen in unserer Dorotheenstrae stoen knnen, selbst - wenn sie
gewollt htte! Aber wenn eine auch schon aus dem Menschenlrm heraus ist, so ist
das meine Leonie, meine Leonie des Beaux! Sie ist zuerst mit ihrem Bruder
gekommen aber dann auch allein. - Oh, wenn ich an die alte Zeit in dem alten
Vorderhause denke, wie schn sie war, ich meine meine Leonie, und wie schn sie
spielte und ihre alten franzsischen Lieder sang und alles mitten in diesem
Berlin wie ein fremdlndisches Mrchen war - oh! ... Aber nun war dies jetzt
noch tausendmal mehr wie aus einer andern Welt heraus als wie das Frhere.
Stellen Sie sie sich nur vor, die beiden, grade die beiden, die so wieder aus
ihren jungen Tagen und Phantasien sich so wieder bei der Fechtmeisterin Feucht
zusammenfinden muten, und nichts mehr um sich und in sich von der Erde
Herrlichkeit, und was sonst der Mensch zu seinem Wohlbehagen und seiner Freude
als sein Eigentum um sich festhlt und fr es nicht blo mit dem Schlger,
sondern auch mit Mund, Hand und Herzen auf die Mensur tritt! Sehen Sie, Herr
Oberregierungsrat, nacherzhlen kann ich es nicht, aber verstanden und
mitgefhlt habe ich, was da im letzten Monat zwischen diesen zwei
Menschenkindern vorgegangen ist. Zusammen htten die nie kommen knnen; aber
sich darber aussprechen, wie sie durchs Leben gekommen sind, das konnten sie
und das haben sie getan und sind friedlich und ruhig voneinander geschieden -
ganz ruhig, viel, viel ruhiger als damals im Vorderhause, wo sie das Leben noch
vor sich hatten. Aber - groer Gott, das ist ja vollstndig Nacht, und die arme
Frau da drben hat noch immer kein Licht!

Vllig Nacht war es wohl noch nicht; aber volle Abenddmmerung freilich.
    Bitte, gehen Sie jetzt hinber; ich komme mit der Lampe nach, sagte die
Frau Fechtmeisterin, und zgernd, bangend erhob ich mich, betubt, mhsam nach
Atem ringend, stand ich und suchte vergeblich nach irgend etwas in mir, was mir
den wunderlich schweren, schreckensvollen Weg zu der Tr da drben leichter und
lichter machen konnte. Es gibt so Augenblicke, Zeiten, Umstnde im
Menschenleben, wo man es vollkommen vergessen hat, da sich in der Welt im
Grunde nachher alles von selber macht.
    Wie ist eben jetzt, da ich dieses bei offenem Fenster und
Frhlingssonnenschein an einem geschftslosen Feiertagsmorgen zu den Akten des
Vogelsangs bringe, dem alten Gemeinplatz wieder sein volles Recht geworden! -
    Der Frhlingsanfang fllt immer in den Monat Mrz, aber in diesem Jahr sind
auch die hohen Ostern hineingefallen. Ich schreibe am Morgen des ersten
Ostertages, und ber das Nachbardach sieht mir noch immer, unverbaut, die
hchste Kuppe des Osterbergs auf den Schreibtisch. In der Frhlingssonne liegt
der liebe Hgel schon, auf: dem wir unsere glcklichsten und ahnungsvollsten
Jugendtrume trumten und die Sterne fallen sahen - noch einige Wochen, und das
junge Buchengrn wird von dem Osterberge herberleuchten; wie sich auch das
immer wieder von selber macht!
    Aber was hilft es dem Menschen in seinem einzelnen Bedrngnis, da Himmel
und Erde jung bleiben und sein Geschlecht auch? Gegenwrtig blendet mich ber
meinem Protokoll der Glanz von Himmel und Erde, und ich mu dagegen mit der
Linken die Augen verdecken, wenn die Rechte die Feder weiterfhren soll. Kind,
erst nach der Kirche! hat meine Frau glcklicherweise vorwurfsvoll zu meiner
musikalischen ltesten gesagt: ich wrde sonst mich auch wohl noch selber gegen
den Flgel und die junge Frhlingslust in Tnen im zu nahe gelegenen Nebengemach
haben wehren mssen. -
    Von selber hatte es sich trotz meines innerlichsten schaudernden
Widerstrebens gemacht, da ich in dem Gemache stand, wo Velten Andres gestorben
war und Helene Trotzendorff auf seiner leeren Bettstatt sa.
    Helene Trotzendorff! Unsere Elly aus dem Vogelsang - verwitwete Mistress
Mungo - unsere Helene. Mit den Ellenbogen auf den Knien und dem Kopf in den
Hnden, im letzten grauen Tageslicht des Monats November - die de um sich her
eigentumlos, besitzesmde in der Welt, sie, die in New York zu den reichsten
Brgerinnen der Vereinigten Staaten gerechnet wurde!
    Ellen!
    Bist du das, Karl? fragte sie, das Gesicht langsam aus den Hnden
erhebend.
    Wie viele Jahre waren es her, da wir unsere Stimmen nicht mehr gehrt
hatten? Und wie sie nun aus dem langen Zeitraum sich so fremd und doch so
bekannt entgegenklangen!
    Sie richtete sich auf - zu stattlicher Hhe. In der Erinnerung hatte ich
sie, wenn nicht klein, doch von nur mittlerem Wuchs und zierlich gelenkig. Alle
Hgel, Bsche, Mauern, ja auch Bume um den Osterberg herum konnten ja davon
berichten, wie sie sich durchzuwinden, zu springen und zu klettern wute. Nun
stand sie in dem letzten grauen Licht des Novembertags so ganz anders als die,
auf welche ich mich die letzten Tage vorbereitet hatte, um ihr hlfreiche Hand
in einem groen Schmerz zu leisten. Spter bei Tageslicht wrde ich wohl gesehen
haben, da sie noch immer eine schne Frau war, trotz dem Silber, in das sich
ihr goldenes Haar verwandelt hatte, doch das geht zu den Akten wie so manches
andere von geringer Bedeutung. Als die Frau Fechtmeisterin jetzt mit der Lampe
kam, sah ich auch auf ihrer weien, klugen, vom Alter nur leicht gefurchten
Stirn das Wort geschrieben:

Sei gefhllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde. -

Sie reichte mir jetzt erst die eine Hand her, dann auch die andere, und ber die
Schulter nach dem leeren Bett zurckblickend, sagte sie:
    Wie gut von dir, da du auf meinen Brief so rasch durch dein Kommen
geantwortet hast. Ich htte dich gern frher hier gehabt, aber - er wollte es
nicht. Eure gute Leonie und mich hat er sich um sich gefallen lassen mssen,
wohl oder bel, na habe ich, da haben wir auch unsern Willen gehabt! Sie, eure
Leonie, ist nun wohl schon wieder in ihren Frieden heimgekehrt; aber ich - ich
habe noch nicht wieder gehen knnen. Ja, Karl, ich habe hier gesessen und auf
dich gewartet, um dir von uns zu sprechen - von ihm und mir, und wenn es auch
nur wre, um einen bessern Platz in deinem Gedchtnis zu bekommen, als ich ihn
bis jetzt gehabt habe, seit er dir zuletzt bei euch - im Vogelsang von mir
gesprochen hat.
    Nun htte ich ihr sagen mssen, wie wenig von ihr zwischen uns die Rede
gewesen war in der Zeit, da Velten Andres mit seinem Eigentum in der Heimat
aufrumte; aber die Frau Fechtmeisterin lie mir glcklicherweise nicht dazu
Zeit.
    Ja, sprechen Sie sich nur aus, armes, liebes Frauchen; der Herr
Oberregierungsrat ist immer ein guter Zuhrer gewesen, sagte sie und fgte
kopfschttelnd bei: Wo die Leute aus so verschiedenen Welten kommen wie jetzt
bei mir, da mu man ja wohl fr jeden ein anderes Wort haben. Frulein Leonie -
Mistress Mungo fuhr mit einem so wilden Schulterzucken auf, da die Alte nur
noch einmal den Kopf schttelte, die Lampe ein wenig weiter in die Mitte des
Tisches rckte und - Helene Trotzendorff und Karl Krumhardt mit Velten Andres
allein lie. -
    Er wollte nichts mehr um sich haben, der verrckte Mensch, hatte mir
vorhin die Frau Fechtmeisterin noch mitgeteilt. Nichts weiter brauche er als
einen Tisch, einen Stuhl und ein Bett. Du lieber Gott, als ob hier jemals bei
meinem jungen Volk von berflssigem htte die Rede sein knnen! Er aber schob
alles und jedes von sich ab und mir vor die Tr. Ja, sehen Sie sich nur drben
um. Um ein festes Herz zu kriegen, hat er sich zu einem Tier, zu einem Hund
gemacht; - sehen Sie sich nur bei ihm um, Herr Oberregierungsrat.
    Das tat ich nun bei dem trben Licht der kleinen Lampe und empfand nichts
von einer Befreiung von der Schwere des Erdendaseins in dieser Leere, sondern im
Gegenteil den Druck der Materie schwerer denn je auf der Seele. Ich htte freier
geatmet im Staube, der aus hundert Fchern die Wnde uns verenget, unter dem
Trdel, der mit tausendfachem Tand in dieser Mottenwelt uns drnget. Die Luft
entging mir, und es war mir eine Erlsung aus traumhaft wstem Bann, als mich
doch noch eine Menschenstimme ansprach und die Freundin, unsere Freundin, sagte:
    La uns niedersitzen, lieber Karl, und mit hartem Lcheln hinzufgte:
erzhlen trbe Mr vom Tod der Knige.
    Sie sprach das Dichterwort englisch: Let us sit upon the ground and tell
sad stories of the death of kings, und als ich nach dem Stuhl griff, lie sie
sich wieder auf der eisernen Bettstatt nieder, von der sie sich bei meinem
Eintritt erhoben hatte, und deutete auf den Platz ihr zur Seite:
    Dahin, mein Freund! Erinnerst du dich wohl noch der Bank auf dem
Osterberge, von welcher aus wir vor hundert Jahren einmal die Sterne fallen
sahen und die Gtter versuchten, indem wir unsere Wnsche und Hoffnungen damit
verknpften?
    Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern fuhr hastig fort, als frchte
sie sogar, durch eine Zwischenrede in ihrem wilden Drange, ihrer Seele Luft zu
machen, aufgehalten zu werden:
    Seht (sie sprach, als ob Velten noch wie damals zwischen uns sitze), ich
htte mir lieber die Zunge abgebissen als ganz wahr davon gesprochen, wie ich
mir mein Lebensglck dachte. Und ihr kanntet das ja auch zur Genge: meine arme
Mutter hat gut dazu geholfen, und ich kannte euer Grinsen und Lachen. Das war
euer albernes Jungensrecht, und er vor allem hat Gebrauch davon gemacht - nicht
blo im Vogelsang und auf dem Osterberge, sondern auch im groen Leben, drben
in Amerika, in London, in Paris und Rom, wo wir nachher einander getroffen
haben! Und wir haben einander wieder getroffen, Karl, Wie wir uns struben
mochten, wir muten einander suchen - bis in den Tod, bis auf dieses harte Bett,
in allem Sturm und Sonnenschein des Daseins bis hinein in diesen Novemberabend.
Das war noch strker als er, und er hielt sich fr sehr stark; ich aber kenne
ihn in seiner Schwche. Da er sich nicht anders gegen mich wehren konnte und
mich berall in seinem Leben, in seinen Gedanken und Trumen und in seinem Tun
fand, da er mich nicht aus seinem Eigentum an der Welt los wurde, mute er ja
allem Besitz entsagen, alles Eigentum von sich stoen und hat doch vergeblich
den Vers dort an die Wand geschrieben! Es war ja auch nur ein trichter Knabe,
der mit seinem leichtbewegten Herzen zuerst in jenen nichtigen Worten Schutz vor
sich selber suchte!
    Sie wies auf die rmlich weigetnchte Wand, auf die letzte Spur von Velten
Andres' Erdenwanderschaft: dann nahm sie das Gesicht in beide Hnde und senkte
das Haupt tiefer, und ein Frostschauer schien ihr ber den Nacken zu laufen. Nun
griff sie nach meiner Hand und drckte sie zusammen, da sie schmerzte:
    Sprich nicht zu mir, Karl! Was knntest du mir sagen? La mich sprechen!
Wen habe ich denn auf der ganzen weiten Erde, zu dem ich von mir reden knnte?
Ich, die ich die ganze weite Erde zum Eigentum habe und nur die mit Gold
gefllte Hand hinzuhalten brauche, um meinen Willen zu haben, wie ich ihn auf
dem Osterberge in mein Herz desto zorniger verschlo, weil ihr schon zuviel
davon wutet! Wre ich doch wie andere, die sich damit trsten knnen und es
auch tun, da sie verkauft worden seien, da es von Vater und Mutter her sei,
wenn sie gleich wie andere auf dem Markte der Welt eine Ware gewesen sind! Aber
das wre eine Lge, und gelogen habe ich nie, und feige bin ich auch nicht, und
wenn er was von mir wute, war es das. Was ich geworden bin, ist aus mir selber,
nicht von meiner armen Mutter her und noch weniger von meinem Vater. In unserm
Vogelsang unter unserm Osterberge war ich dieselbe, die ich jetzt war, wo ich
hier lag vor diesem Bett und ihn mit meinen Armen umschlossen hielt und auf
seine letzten Worte wartete. Da strich er mir mit seiner Hand noch einmal ber
die Stirn und lchelte Du bist doch mein gutes Mdchen! Das war auch wie in
unseren Wldern zu Hause, wo er mich mit dem Worte tausendmal zum Kssen und
Kratzen, zu Trnen und zum Fuaufstampfen brachte. Was wute eure weiche, fromme
Leonie von ihm und mir? Deine liebe Frau zu Hause, in deinem lieben Hause, Karl,
knnte da vielleicht noch mehr von uns wissen, denn die lebt nicht allein im
Traum, sondern hat dich und ihre Kinder und nicht blo die Geschichte ihrer
Vter von vor Jahrhunderten und ihr Reich Gottes von heute. Was hatte diese
Fromme, Milde, Sanfte sich zwischen mich und ihn zu drngen? Was wollte sie
hier? Ich, ich, ich, die Witwe Mungo hatte allein das Recht, in diesem leeren
Raum mit ihm den Kampf bis zum Ende zu ringen. Auch ihn zu begraben, hatte ich
keinen von euch ntig, auch euren Herrn Leon nicht, obgleich ich mir dessen
Freundlichkeit gefallen lassen habe. Was httet ihr ihm in seine letzten Tage
und Stunden hinsprechen knnen, was ihm den alten Glanz in seinen Augen
festgehalten htte? Lache nicht ber meine greisen Haare, ber das verrckte
alte Frauenzimmer. Vor zwei Jahren war ich, ich, die Witwe Mungo, mit meiner
Jacht von Brindisi nach Alexandrien gekommen und er als Dolmetscher auf einem
Pilgerschiff durch den Suezkanal von Dscheddah, da haben wir uns auch getroffen
im Hotel an der Wirtstafel. Was wit ihr hier im Land von uns beiden? Damals hat
auch er mich seine alte Nilschlange genannt - oh, ich habe seinetwegen mir ja
die ganze Gelehrsamkeit von Poughkeepsie zusammentragen mssen in mein armes
Hirn: sie waren auch in unserm Alter, der Mark Anton und seine gyptische
Knigin. Sie waren auch alte Leute, er ber die Fnfzig hinaus, sie vierzig
Jahre alt, und haben doch ihren Kampf um sich kmpfen mssen bis zum Tode, bis
sie beide tot waren. Sie zuletzt! Ja, auch ich lebe noch und habe noch meine
ganze Herrlichkeit um mich her und sie nicht verloren wie die gypterin die
ihrige bei Aktium. Ja, merkst du, ich habe seinetwegen Geschichte und auch
Literaturgeschichte getrieben. Da ist noch ein ander Paar aus euren Bchern. Am
achtzehnten Oktober achtzehnhundertdreizehn hat euer alter Goethe - nicht mehr
der junge, der uns den giftigen Vers gab, den Vers, der unser Leben vergiftet
hat! - ja, was wollte ich sagen? ja, hat euer alter Goethe sein letztes schnes
Gedicht gemacht - auf die Elisabeth von England, die ihrem Liebsten den Kopf
abschlagen lassen mute. Das konnte die Witwe Mungo - nein, das konnte Helene
Trotzendorff nicht, wie gern sie ihm auch oft den Fu auf das Herz, das
gefhllose Herz gesetzt haben wurde! Sie hat ihm nur die Hand darunterlegen
drfen - hier auf seinem Sterbebett, in seiner Todesstunde, darunterlegen
mssen! Wie konnte sie anders, die Witwe Mungo, da er sie nicht erwrgt und sie
auch nicht angespien hatte - da der arme Komdiant das elendeste Gut auf dieser
Erde, das leichtbewegte Herz, trotz aller Reime eurer Poeten und aller Sprche
eurer Weisen in seiner Brust hatte behalten mssen, so s und so bitter wie
ich, die arme Komdiantin, das meinige, trotzdem da ich mit dem Vogelsang und
dem Osterberg auch unser liebes frstliches Residenzschlo im Tal und die ganze
Stadt und das halbe Herzogtum aus meinen amerikanischen Eisenbahnen und
Silberbergwerken kaufen knnte?! Sein weises, trichtes Haupt in meiner leeren
Hand - meiner leeren, leeren, besitzlosen Hand: oh, wie schade, da du kein
Versmacher bist, du guter Freund Karl, sonst solltest du ber Velten Andres' und
Helene Trotzendorffs Sterne, Wege und Schicksale ein Lied machen. Ob du ein
Philosoph bist, wei ich nicht; aber da du ein kluger, guter, verstndiger Mann
bist, das wei ich: und so, wenn wir jetzt, wohl auf Nimmerwiedersehen,
voneinander scheiden, dann gehe heim zu deiner lieben Frau und deinen lieben
Kindern und erzhle den letzteren zu ihrer Warnung von Helene Trotzendorff und
Velten Andres, und wie sie frei von allem Erdeneigentum ein trbselig Ende
nahmen. Schreib in recht nchterner Prosa, wenn du es ihnen, der bessern Dauer
wegen, zu Papier bringen willst, und la sie es in deinem Nachla finden, in
blauen Pappendeckeln, wie ich sie immer noch unter deines guten Vaters Arme
sehe; und da er darauf schreiben wrde Zu den Akten des Vogelsangs, so kannst du
das ihm zu Ehren auch tun, ehe du sie in dein Hausarchiv schiebst - ein wenig
abseits von deinen eigensten Familienpapieren. - - -
    Diese Bltter beweisen es, da ich - diesmal ein wenn auch treuer, doch
wunderlicher Protokollfhrer - nach ihrem Willen getan habe, doch abseits von
meinen und der Meinigen Lebensdokumenten werden sie nicht zu liegen kommen. Die
Akten des Vogelsangs bilden ein Ganzes, von dem ich und mein Haus ebensowenig zu
trennen sind wie die eiserne Bettstelle bei der Frau Fechtmeisterin Feucht und
die Reichtmer der armen Mistress Mungo. Der Menschheit Dasein auf der Erde baut
sich immer von neuem auf, doch nicht von dem uersten Umkreis her, sondern
stets aus der Mitte. In unserm deutschen Volke wei man das auch eigentlich im
Grunde gar nicht anders.
    So habe ich wenig mehr zu der Sache beizubringen. -
    Du solltest mit mir nach Hause kommen, Helene, sagte ich wieder, nachdem
wir von unserm traurigen Sitz aufgestanden waren. Wenigstens fr einige Zeit.
In meiner Frau wrdest du eine liebe Freundin finden, und auch die Kinder wrden
dir nicht mifallen. La uns nicht so, la uns nicht hier scheiden. Komm zu uns,
komm mit mir in die alte Heimat und erwarte dort den Frhling! Die Bank auf dem
Osterberge steht noch, und wir sollten da noch einmal zusammen sitzen in der
Abendsonne und die Wlder, die Hgel, das Tal, die Stadt und den Vogelsang auch
noch einmal zu uns reden und uns raten lassen auf der wankenden Erde. Glaubst du
nicht, da sie auch dir eine andere Sprache sprechen werden als diese dunkelen
Wnde und der nichtige Spruch dort, dem kein Mensch weniger Folge gegeben hat
als sein Verfasser?
    Sie hat den Kopf geschttelt, die arme reiche Frau, die Witwe Mungo, wie
seinerzeit Velten in seinem tr- und fensterlosen Hause im Vogelsang.
    La mich, bester Freund, sagte sie. Was sollte die Witwe Mungo bei deinen
lieben Kindern und deiner guten Anna? Ich wollte dich ja auch nicht bei seinem
Begrbnis haben, Karl. Frage die alte Frau da drauen, wie glcklich ich hier -
jetzt - in meinem Besitz, meinem Eigentum, meinem Reichtum in der Welt gewesen
bin. Was htte die Heilige, die Franzsin, eure - seine Leonie ihm noch in sein
totes, taubes Ohr flstern knnen?
    Aber ich, ich habe das gekonnt, nachdem ich ihm die Augen zugedrckt hatte
und ihn im Arm hielt, die Nacht durch. Ich habe ihm viel zu erzhlen gehabt, wie
es mir ergangen ist im Leben, seit dem Abend, an welchem er in meines Vaters
Hause das Blatt aus dem Buche ri, und da hat er mir vergeben; denn weit du,
wie er jetzt gelchelt hat in seinem befriedigten Willen, das hat aus meinem
wilden, albernen, kranken Hirn das Lcheln verscheucht, mit dem er mir in New
York das Blatt hinhielt: Sei gefhllos! Siehst du, das - sein Gesicht, sein
gutes Lachen eine Stunde nach seinem Tode, das gehrt nun mir fr alle Zeit,
mein einziges Eigentum fr alle Zeit. So mein Eigentum, da auch niemand mit mir
nur darber reden soll, und deshalb kann ich auch mit dir nicht nach Hause gehn:
die Heimat wrde mir und ihm nur zu verwirrend dreinreden und mir an meinem
einzigen Besitz auf Erden zerren und zupfen. Auch die Berge und Tler der Heimat
wrden sich nur zwischen uns, zwischen Velten Andres und Helene Trotzendorff,
drngen. Ich kann sie nicht wiedersehen, und sie sollen mir sein Gesicht so
lassen, wie ich vorgestern das Tuch darber gedeckt habe.
    Da habe ich es auch ihr wie seinerzeit Velten gegenber aufgeben mssen, die
im Alltage Fremdgewordene in mein Haus einzuladen als lieben und kranken Gast;
sie aber hat die Frau Fechtmeisterin Feucht gekt und ihr weinend den Kopf auf
die Schulter gelegt und geschluchzt:
    Mutter, da du nicht mit mir kommen wirst, das wei ich; also, sich, damit
man uns, dich und mich, nie von hier austreiben knne, habe ich dieses Haus
gekauft, deines lieben Stbchens und dieser vier Wnde wegen. Euer Freund, Herr
Leon, ist mir auch dabei behlflich gewesen, lieber Krumhardt. Sie mgen wohnen
bleiben und ihr Leben und ihre Geschfte treiben da drauen, der Gasse zu; was
kmmert uns das?! Aber hier soll niemand weiter ein Recht haben als die Frau
Fechtmeisterin Feucht und Helene Trotzendorff. Ich werde wohl noch oft und weit
in die Welt hinaus mssen, ihr Guten; aber wo ich auch sein mag, will ich die
Sicherheit dieses meines Eigentums haben; denn nicht wahr, Mutter, du lt mir
diesen Raum und duldest nicht, da sie die Worte da an der Wand bertnchen! Und
wenn ich zu dir komme, nimmst du mich auf wie - ihn?
    Aber Kind, ich bin neunzig Jahre alt -
    Wenn ich nicht zu dir komme wie Velten Andres und du hast mich ntig wie er
dich, so merke ich das und erfahre es, wo ich auch sein mag. Frs erste gehe ich
ja auch nicht weit von hier weg. La es so sein, wie ich sage! - - -
    Nun schritten wir durch die menschenvollen Gassen der Stadt, die Witwe Mungo
und ich. Um uns her schienen sie wirklich noch ein anderes, heftiges,
leidenschaftliches Interesse an dem Besitz und Eigentum der Erde zu nehmen. Ich
wei es in der Tat nicht, um was fr ein staatliches, politisches, soziales
Problem es sich unter den Leuten handelte, welche Menschenversammlung einberufen
oder auseinandergetrieben worden war und ber welche Frage man wieder mal nicht
einig hatte werden knnen. Namen von Fhrern im Gezerr klangen um uns her sehr
berhmt fr den Tag, sehr zeitungsgerecht -, mit Wut, Hohn, Spott oder jubelndem
Beifall ausgesprochen oder herausgeschrien. Es handelte sich sicherlich um hohe
Dinge; aber wie viele Leute gab es da in dem Gedrnge, die der Witwe Mungo
hflich Platz gemacht haben wrden, wenn sie gewut htten, wer die Frau in
Trauerkleidung an meinem Arm war und ber welche Mittel sie verfugte, den Neid
der Menschheit zu erregen und Menschen glcklich zu machen!
    Sie wohnte natrlich im berhmtesten Gasthause der Stadt, und ich brachte
sie bis zu dessen Tr:
    Was tun wir weiter mit der Nacht? fragte sie in dem Lichterglanz, inmitten
der herbeieilenden Dienerschaft. Willst du noch ein Stndchen mit heraufkommen,
und sollen wir noch ein wenig von anderen Sachen plaudern? Unsere Gesandtin hat
mir heute morgen geschrieben und mich dringend gebeten, den heutigen Abend bei
ihr nicht zu versumen. Willst du mich dahin begleiten? Wir werden sehr
willkommen sein, und Mr. Irving, der berhmte Komdiant, ist aus London
inkognito hier. Willst du den Monolog To be, or not to be von ihm hren? Der
Herr wird mir einer Tournee drben bei uns zuliebe gewi gern den Gefallen tun.
    Lebe wohl, Helene. La uns beide dazu tun, da wir einander noch einmal
wiedersehen, gefesteter in uns auf der wankenden Erde.
    Knnen wir das? Ja, so lebe wohl fr heute, mein Freund, mein Freund, und
habe Dank dafr, da du zu mir gekommen bist. Ich wute keinen andern, den ich
rufen konnte!
    So haben wir wieder Abschied voneinander genommen. Ob fr immer, wer kann's
sagen? Ich htte nun noch auch diesmal Freund Leon aufsuchen knnen in Berlin,
aber ich wute es ja, da ich die Schwester Leonie nicht mehr bei ihm finden
wrde. Es war mir wirklich unmglich, seinem Lebensbehagen jetzt die rechte
Teilnahme entgegenzubringen, seine Wera singen, seine Viktoria Klavier spielen
zu hren und mit ihm den Erben der Troubadourharfe, der Albigenserlanze und des
Hugenottenschwerts der Ahnen, seinen braven Friedrich, vom Kadettenhause zu
Lichterfelde durch alle mglichen neuen kriegerischen Ehren der Familie bis zu
dem Prdikat Exzellenz zu begleiten.
    Eine schlaflose Nacht in meinem Gasthause; dann der Morgen und die
Heimfahrt! Trber Tag. Feld! Die Wlder, Felder, Drfer, Stdte und die
Bahnhfe mit ihrem Getreibe im triefenden Novemberregen und -nebel. Am
Sptnachmittag, vom Regen und Nebel gleichfalls verhangen, der Osterberg und -
ein erstes Aufatmen!
    Das Haus, die Frau und die Kinder! ... Und so gegen Mitternacht am warmen
Ofen, in allem Behagen Leon des Beaux', Annas Seufzer:
    Mein Gott, und sie wei gar nichts mit ihren ungezhlten Millionen
anzufangen?
    O doch! Sie hat Land und Meer um den Erdball zur Verfgung. Sie baut
Palste, Krankenhuser, kauft Bcher, Bilder, Bildsulen, untersttzt -
    Aber das ist doch gar nichts! Das ndert an ihr und an der Welt nichts.
Ach, ich sollte an ihrer Stelle sein!
    Du? fragte ich gespannt. Was wolltest du denn mit ihrem vielen Gelde
beginnen?
    Nun - ich habe doch meine Kinder?! -

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Es ist ein lichtgrner, schner Frhlingstag, an welchem ich dieses zu Papiere
bringe. Ich knnte auf dem Blatte den sptesten Nachkommen noch einmal mit
hinaufnehmen auf die Bank im Sonnenschein von heute auf dem Osterberge; aber ich
schliee

                           die Akten des Vogelsangs.

