
                               Janitschek, Maria

                                     Ninive

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                                Maria Janitschek

                                     Ninive

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Es war eine lange Gasse mit niedern Huschen und Bumen davor, in der Frau
Lobreis wohnte. Am Ende der Gasse stand die alte Kirche mit ihrem etwas schiefen
Thurm und der grnlichen Patina auf dem steil abfallenden Dach. Frher, vor
Jahrhunderten, war das Kirchlein katholisch gewesen; jetzt gehrte es den
Evangelischen.
    Alle Sonntage war Gottesdienst. Dann erklang eine alte wundersame Orgel, und
der Pfarrer, ein weihaariger Greis, sprach von der Gte Gottes. Manchmal, wenn
die Kirchthre geffnet blieb, schlpfte wohl gar eine Schwalbe in den
dmmerigen Gottesraum. Dann kicherten die Kinder und stieen sich verstohlen an.
Es war ein stiller Winkel, dieses Sienenthal, und wie fr mde Menschen zum
Ausruhen geschaffen. Die aber noch nicht mde waren, fanden es unertrglich
langweilig. Zu diesen gehrte auch Johanne Grn, die achtzehnjhrige Enkelin der
Frau Lobreis. Ihre Eltern waren schon vor Jahren gestorben; sie selbst war
damals noch so jung gewesen, da sie sich ihrer fast nicht mehr erinnerte. Sie
lebte mit ihrer Gromutter zusammen. Seit die alte Frau das Gehr verloren
hatte, sprachen sie wenig miteinander. Johanne besorgte die kleine Wirtschaft.
Das Huschen enthielt nur drei Stuben, die bald in Ordnung gebracht waren.
Ebenso der kleine Garten, in dem sie ihr Gemse pflanzten. Hie und da erschien
ein oder das andere flachshaarige junge Mdchen bei Gromuttern, um Gre von
den Eltern zu bestellen, - die Alte ging nie aus - oder mit Johannen ein
Viertelstndchen zu plaudern.
    Aber das geschah nicht zu hufig.
    Da wars denn recht ruhig in dem kleinen Haus. Johanne blieb sehr viel sich
selbst berlassen. Sie strickte Strmpfe in allen Farben und Lngen und
beschenkte alljhrlich die Gromutter mit verschiedenen Haussegen, Nadelkissen
und hnlichen mhsam und zierlich hergestellten Arbeiten. Aber die Zeit wollte
ihr trotz des Fleies nicht schneller vergehen.
    Manchmal, wenn es ihr gar zu einsam wurde, verlie sie das Haus und besuchte
einen der beiden Orte, die ihre einzige Freude bildeten. Da war die Kirche mit
ihrer dmmerigen Halle, wo sichs so herrlich trumen lie, oder der alte Kaffee-
und Zuckerladen an der nchsten Ecke, wo man gegen geringes Entgelt auch Bcher
zu leihen bekam. Die Bcher, die sie da holte, hatten ebenfalls einen leisen
Modergeruch an sich. Es waren verschiedene alte Autoren, die mit fleckig
gewordenen Kupfern geziert waren. Frulein und Frauen im Keifrock mit hohen
Frisuren und slichem Lcheln, oder Jnglinge mit stolzen Zgen, die irgend
eine Heldenthat vollfhrten, sah man da.
    Seit der bejahrte Ladenbesitzer gestorben war und eine entfernte Verwandte -
man hielt sie wenigstens dafr - das Geschft bernommen hatte, gabs auch neue
Bcher zu lesen. Johanne brauchte keine Leihgebhr zu bezahlen, da sie
smtlichen Hausbedarf in dem Laden kaufte. Die Ladeninhaberin, die aus einer
groen Stadt gekommen war, schwrmte mit ihr um die Wette fr interessante
Geschichten. Sie war ein lteres Frulein, das wenig Aussicht mehr im Leben
hatte und deshalb sofort hierhereilte, das Erbe zu bernehmen. Sie lasen
Erzhlungen von Christoph Schmid und Clauren mit derselben Andacht, sie weinten
ber das Schicksal der Helden Bulvers, und regten sich ber Eugen Sue auf. Am
meisten ergriff Johanne in jener Zeit ein Band von der seligen Mhlbach, der
Berlin vor fnfzehn Jahren hie und sehr rhrselig geschrieben war. Manchmal
kamen dann einige moderne Autoren hereingeschneit, die im Auftrage des Fruleins
von den Verwandten in der Stadt fr das Geschft zu billigem Preise eingekauft
wurden. Dann sa Johanne halbe Nchte ber die Bltter geneigt, das heie
Gesicht in die Hnde gesttzt, und las. Und die Gromutter schttelte
mibilligend den Kopf und schalt ber den Lichtverbrauch, wenn sie am andern Tag
den langen verkohlten Docht in der Oellampe sah.
    Die Leute im Markte nannten Johanne wegen ihrer Lesewut scherzend: die
Mrchenprinzessin. Aeuerlich sah sie aber keiner Prinzessin hnlich. Sie war
mittelgro, besa ein etwas stumpfes Nschen, einen kindischen Mund, der fast
immer ein wenig geffnet stand, eine schmale, nicht besonders schn geformte
Stirne, und reiches braungoldnes Haar, das sie aber recht ungeschickt
aufsteckte. Nur eine Schnheit war ihr eigen. Ein Paar groer, lieber, blauer
Augen, voll trumender Sehnsucht und Kindergte. Ueber diesen Augen wlbten sich
tiefschwarze Brauen, in schnen Bogen gezeichnet. Der alte Pfarrer pflegte, wenn
er die Gromutter besuchte, mit den Fingern ber diese Brauen zu fahren.
    Wirklich nicht gefrbt? sagte er dann jedesmal, die Spitzen seiner Finger
aufmerksam betrachtend. Johanne, wurde immer sehr rot und lachte. Einmal, als er
kam fand er sie strickend und dabei lesend.
    Was liest du denn da? fragte er. Sie reichte ihm das Buch hin. Es war ein
Roman Walter Scotts. Der Pfarrer sah sie mibilligend an.
    Wie kannst du solches Zeug lesen? Das verdreht dir den Kopf. Du mtest
weniger lesen und mehr im Haus arbeiten.
    Solange die Gromutter lebte, lie sich wenig thun.
    Abends ging Johanne zu Frulein Wewerka und klagte ihr, da der Pfarrer sie
ausgescholten htte.
    Ach in einem so langweiligen Nest meinte das Ladenfrulein, was soll man
denn anders thun als lesen, besonders wenn man so allein steht wie Sie. Lesen
Sie nur weiter, das ist kein Unrecht.
    Da augenblicklich niemand in den Laden kam, setzten sich die Beiden auf das
alte schwarze Ledersopha und plauderten.
    Nirgends ists so gemtlich wie bei Ihnen meinte das junge Mdchen und
blickte in dem engen verrucherten Stbchen umher.
    Das machen wohl nur die vielen Bcher auf den Wandregalen sagte Frulein
Wewerka, mir kommts schrecklich ungemtlich hier vor. Ich bin an die groen
Rume in der Stadt gewhnt, aber was will man machen. Htte ich das Geschft
verkauft, so wre ich sicher dabei zu kurz gekommen. So trgt es mir, wenn auch
nicht hohen, aber sichern Gewinn, von dem ich spter einmal in der Stadt leben
kann.
    Also Sie gehen wieder dahin zurck? Johanne blickte sie neidvoll an.
    Ja spter, nach einigen Jahren; sagen Sie es aber noch niemandem.
    Mein Gott, wie schn mu es dort sein seufzte die Kleine.
    Und die vielen berhmten Leute, die in so einer Stadt wohnen, der Kaiser
und die Generale, und die Knstler alle setzte Frulein Wewerka hinzu. Mein
Bruder ist Redakteur einer Zeitung und selbst Schriftsteller; alle die
bekanntesten Dichter kommen zu ihm und unterhalten sich mit ihm. Auch groe
Schauspieler und deren Frauen. Das ist herrlich. Da wei man doch, da man lebt
und auf der Hhe seiner Zeit steht.
    Ach ja, jawohl die Augen des jungen Mdchens glnzten, wenn ich doch auch
einmal dahin knnte. Aber ich habe keinen einzigen Menschen da.
    O was das betrifft meinte das alte Frulein, ist man erst dort, so macht
man genug Bekanntschaften.
    In diesem Augenblick ertnte mit dnnem Klang die Ladenklingel. Betty
Wewerka erhob sich, um die eintretenden Kunden zu bedienen. Johanne schttelte
ihr die Hand und entfernte sich, das erhaltene Buch sorgsam unter ihrem Tuche
verbergend.
    So wenig inhaltreich das Gesprch war, fr Johanne barg es dennoch eine
Flle Stoffes zum Nachdenken. Sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Sie
hatte noch keine groe Stadt gesehen, und ihre Phantasie zauberte ihr Bulvers
Pompeji vor. Marmor auf den Straen, herrlich gekleidete Menschen, Huser aus
edlem Gestein, Grten voll kstlicher Gewchse. Und in dieser prchtigen
Umgebung schritten sie dahin, die Berhmten, klassisch schne Gestalten, denen
man es ansah, da sie wunderbare Bcher schrieben und himmlische Musik machten.
    Da wei man, da man auf der Hhe seiner Zeit steht. Ach Gott, ja. Mit
einem Seufzer kehrte sich Johanne zum dreiigsten Mal in dieser Nacht in ihrem
Bettchen um und entschlief endlich. Am Morgen sa sie vertrumt am Herde und
bereitete das Frhstck. Drin in der Stube grhlte die Gromutter, da der
Kaffee so lange auf sich warten lasse. Johanne machte ein Mulchen. Heute zum
ersten Mal fand sie, da die Gromutter doch gar zu wenig auf sich hielt. Sah
sie eigentlich - nicht aus wie eine Hexe in ihrem blauen altmodischen
Tuchspenzer ber dem schwarzen, kurzen Rock, der die in Filzschuhen steckenden
Fe sehen lie? Und diese groe, schwarze Bnderhaube, die sie wer wei wie
lange schon trug, und aus der ihr verrunzeltes blasses Gesicht fast unheimlich
hervorblickte. Auch krochen immer ein paar Bschel fahler Haare aus der Haube an
den Schlfen hervor. Und manchmal konnte sie ordentlich wild aussehen, die
Gromutter, wenn ihr etwas gegen den Willen geschah, denn sie hatte noch recht
lebendige Augen, graue, durchdringende, und es wre schwer gewesen, sie
anzulgen. Freilich, in dieser verblichenen, wenig schnen Hlle steckte ein
wackeres, braves Herz, das viel gelitten und viel gekmpft hatte.
    Whrend Johanne sie mit weniger zrtlichen Blicken als sonst betrachtete,
fiel ihr dies pltzlich ein, und sie trat leise zu ihr und zog ihre Hand an die
Lippen.
    
    Dann ging sie, um Raupen von den Kohlkpfen zu suchen. -
    Trotzdem uerlich alles war wie gestern, innerlich, tief in ihr, drngten
sich fremde, neue Bilder. Am Nachmittag besuchten sie zwei junge Mdchen.
    Sie plauderten wie immer ihre harmlosen Neuigkeiten aus. Nachbar Hausners
Hahn war abgestochen worden, weil er von Alter blind war und die Krner im
Futtertrog nicht mehr sah. Fiedlers Karl hatte seinen Schuhladen neu
angestrichen, und die Bckerliese hatte endlich das ersehnte kleine Mdchen zu
ihren fnf Buben gekriegt.
    Johanne bemhte sich, ein interessiertes Gesicht zu zeigen. Aber bei sich
dachte sie: sonst giebts nichts? Die jungen Mdchen fanden sie einsilbig, und
sie fand die jungen Mdchen langweilig, und so trennten sie sich zum ersten Mal
weniger herzlich als sonst. Als sie fort waren, und die Gromutter wie
gewhnlich in ihrem Sessel schlafend sa, whrend das Strickzeug mig in ihrem
Schoo lag, zog Johanne ihr Buch hervor. Es waren Gedichte, und der Mann der sie
geschrieben hatte, hie Hans Tage.
    Johanne las von blauen Lften mit singenden Sternen, von heimlichen Wldern
mit Vgeln, die trumten und im Schlaf ihr goldenes Gefieder wiegten. Sie las
von Menschen, die mit Kronen auf den Huptern umherschritten und jeden sie
Begegnenden du und Bruder nannten; von groen Festtafeln, die sich von einem
Ende der Stadt zum andern zogen und nie leer wurden, so da es keinen Hunger
mehr im Lande gab. Von kstlichen Spielen, an denen alle, auch die keinen
Reichtum besaen, teilnehmen durften. Von Kraft, Schnheit, Gesundheit, die
Jeder haben konnte, der sie begehrte. Sie las und las, und weinte warme, junge
Thrnen ber diese Welt voll herrlicher Gte, die der edle Dichter den Armen
schenken wollte, und auch schenkte, wenn auch nur auf den - Buchseiten. Johanne
kte den Namen des Autors und sa, die Hnde im Schoo gefaltet, lange Stunden
in seligem Rausche da. Was mute das fr ein Mensch sein, der so Herrliches
schrieb?
    Eine Art Christus, ein ganz Groartiger.
    Und schn mute er sein, der so dichten konnte!
    Gleich einem Menschen der Vorzeit, mit Schultern stark wie aus Marmor, die
mitleidig das ganze Leid der Menschheit auf sich laden wollten; mit Hnden die
vor Gnade tropften, mit Augen, leuchtend und gro und blau wie die Sdsee.
    Der stand auf der Hhe seiner Zeit. Wer doch seine Hand berhren, ihm ins
begeisterte Auge schauen durfte. Mit ihm sprechen, Geist von seinem Geist
empfangen! ..... Johanne suchte schauernd und glhend ihr Schlafstbchen auf
.....
    Im Sommer glich Sienenthal einem blhenden Garten, in dem sich die kleinen
Huser wie Lusthuschen ausnahmen. Auch die Hauptstrae, die lange Gasse, in
der Johanne wohnte, war voll vom Dufte der Linden, dem Gezwitscher der Vgel.
    Man konnte sich sehr wohl fhlen in diesen Glein, auf diesen Pltzen wo
das Gras zwischen den Steinen wucherte, und Gnse, Enten und gackernde Hhner
umherstiegen.
    Aber im Winter! Als ob alles ausgestorben wre! Selbst der Klang der alten
Orgel drang nur sprlich herber und besa nicht die Macht, den dicken eisigen
Nebel zu durchbrechen, der ber der Gegend lagerte. Dann schlichen die Leute in
groe, grobe Tcher gehllt umher, und nur ihre vor Klte blulichen Nasen
guckten aus den Hllen. Und jeder hielt sich soviel wie mglich im Innern seiner
Wohnung auf, und drauen war alles voll unbetretnen Schnees und voll Einsamkeit.
Johanne erschienen diese leeren langen Tage und Abende an der Seite der tauben
Gromutter unbeschreiblich traurig. Sie saen dann einander gegenber, die Alte
nickte und die Junge beschftigte sich mit irgend einer Handarbeit und
beobachtete dabei das Gesicht der Greisin.
    Und dann dachte sie: so werde auch ich einst aussehen wenn ich alt bin; und
sie konnte nicht genug staunen, wie diese Frau mit dem eingetrockneten, fahlen
Gesichte einmal rund und rosig und schn war und Liebe und Gefallen erregt
hatte.
    Und doch war ihr oft genug erzhlt worden, da ihre Gromutter die schnste
Frau in Sienenthal gewesen sei und ehe sie ihren Mann, den Gemeindeschreiber,
geheiratet hatte, von Freiern umlagert war.
    Einmal sagte der Pfarrer zu Johanne: Du mtest frmmer sein, Kind, dann
vergingen auch deine schwermtigen Gedanken.
    Siehst du, wer einen liebenden Vater ber sich im Himmel wei, und ein
reines Herz hat, wen keine Sorgen und Krankheiten plagen, der ist doch thricht,
wenn er sich nicht glcklich und zufrieden fhlt. Der gute Pfarrer! Das war
alles schn und wahr, aber -
    Wenn doch der liebe Vater im Himmel ein wenig nher gewohnt oder sich
manchmal herab bemht htte, da man den Kopf auf seine Fe drcken und ihm
htte sagen knnen, wie lieb man ihn habe. Johanne sehnte sich leidenschaftlich
nach einer blutvollen Wirklichkeit. Und da sie durch ihr bestndiges Denken und
Grbeln, und durch das viele Lesen ber die Interessen junger Mdchen ihres
Alters hinausgewachsen war, so blieb ihr nur ein Mensch, mit dem sie sich
leidlich unterhalten konnte: das Ladenfrulein an der Ecke. Fast jeden Abend sa
Johanne ein Stndchen dort und hrte mit glnzenden Augen den wahren und
erdichteten Geschichten zu, die Betty Wewerka ihr erzhlte. Manchmal brachte sie
auch konfuses Zeug vor, da das junge Mdchen an ihrem gesunden Menschenverstand
zu zweifeln begann. Dann rtete sich ihre spitze Nase und die kleinen schwarzen
Augen nahmen einen irren unbestimmten Ausdruck an. Aber sie fand sich meist
wieder zurecht und ging dann schnell ber ihren seltsamen Zustand hinweg.
    Natrlich bildete die groe Stadt den Schauplatz ihrer Erzhlungen, und ihr
Bruder, der berhmte Schriftsteller war der Held.
    Johanne kannte bereits jede Strae, jeden Platz, jedes grere Gebude
dieser gerhmten Stadt. Einmal erzhlte ihr Betty von den kstlichen
Gartenanlagen, die sich dort befnden. Das mu ja das reine Ninive sein rief
Johanne, die eben einen exotischen Roman las, in dem Frau Semiramis vorkam.
    Und seit dieser Zeit nannte sie den Schauplatz von Bettys Geschichten
scherzend: Ninive. Man wird unwillkrlich zu Uebertreibungen geneigt, wenn man
seine Lieblingssttten jemandem schildert, umsomehr, wenn dieser Jemand gar so
wenig mit seiner Verwunderung und naiven Freude geizt wie Johanne. Sie hetzte
die Andere frmlich, die Wunder der Grostadt noch wunderbarer zu schildern als
sie waren. Und jemehr Johanne mit ihrer Phantasie sich in die Ferne hineinlebte
und wnschte, um so entfremdeter wurde ihr die Nhe. Der Ort, wo man nichts
erfahren hat, lt einen kalt, sei er auch noch so schn. Erst das Erlebnis
giebt ihm die Weihe, macht ihn lieb, interessant. Johanne hatte hier nichts
durchlebt als eine Schulzeit, die ihr heute sehr langweilig erschien, viele,
viele mit Handarbeit ausgefllte Stunden, Nchte, in denen ihr nichts trumte,
und Tage, die kein Ende zu nehmen schienen.
    Ihr war es, als ob drben in Ninive mchtige Ereignisse auf sie warteten,
groe Wandlungen ihres Lebens ihrer harrten. Ihre junge Seele war beraus
hungrig, denn sie war ganz leer, - weder schlecht noch gut, weder zum Hchsten
noch zu Niederm geneigt, die Seele eben eines jungen Mdchens, das noch nichts
erfahren hat, als den Frieden seines Hauses. Augenblicklich lebte in ihr eine
groe warme Liebe zu jenen Menschen, deren Werke sie las. Alle zusammen knnte
sie persnlich kennen lernen, wenn sie hinberkme in die Wunderstadt, meinte
Betty. Auch Hans Tage lebte dort, der Dichter mit dem weichen, gndigen Herzen.
    Eines Tages schob die Gromutter die Suppe mit einer Bewegung des
Widerwillens zurck.
    Versalzen.
    Am andern Tage brummte sie: Der Kaffee ist verbrannt, er schmeckt gallig.
    Am dritten Tage schlief sie immerfort und war kaum zu bewegen, die Augen zu
ffnen. Da nahm Johanne die Hnde der alten Frau in die ihren und hauchte
darauf, denn sie waren eiskalt. Sie sah ratlos im Stbchen umher. Die alten,
brunlichen Mbel in ihrer groen derben Eckigkeit konnten ihr nicht raten.
    Sie breitete eine gewrmte Decke ber die Gromutter und ging zum Arzt. Das
war ein alter grober Mann, der schon seit mehreren Dezennien hier Kranke heilte
und ttete, wies eben kam. Aber man rief doch lieber ihn, als den modischen
Medizindoktor, der einen goldnen Klemmer auf der Nase sitzen hatte, feine
gestickte Wsche trug, und furchtbar ber die dummen Sienenthaler schimpfte. Der
Doktor verordnete der alten Frau heien Wein, in den Eierdotter gesprudelt
waren, einen warmen Ziegelstein unter die Fe, und wenn dies nicht half, den
Pfarrer.
    Es half wirklich nicht. Sie that immerzu, als schliefe sie, und stand auf
nichts Rede und Antwort. Johanne holte ein paar Nachbarinnen, weinte und ging
endlich zum Pastor. Der kam, legte seine Hand der Kranken auf die Stirne und sah
ihr lange in das wachsfarbene Gesicht. Er sprach auch einige leise Worte zu ihr;
als sie aber regungslos blieb, faltete er die Hnde zu einem stummen Gebet und
schritt leise hinaus. Drauen stand Johanne zitternd und sah ihn an. Er lchelte
mild und nahm ihre Hand in die seine.
    Sie schlft hinber; sei ganz ruhig und la sie. Gegen Abend komme ich
wieder.
    Und als abends die Lichtlein im Orte angezndet wurden und der Hofhund des
Nachbars klglich zu weinen begann, ffnete der Geistliche behutsam die Thr und
sah die Gromutter wie nachmittags in ihrem Bette ruhen, aber ein weies
Tchlein lag auf ihrem Antlitz. -
    Da nahm er das am Bett schluchzende Kind, das er getauft und konfirmiert
hatte, in seine Arme und sagte:
    Nun stark sein Kleine. Wir alle haben einen Tag vor uns, da man ein
Tchlein ber unser Gesicht breitet .....

                                       2


Johanne erhielt einen Vormund.
    Es war ein alter Mann, der frher das Schlchtergeschft betrieben hatte und
jetzt in einem kleinen Hause mit seiner krnklichen Frau der Ruhe pflegte.
    Er war ein guter Freund der Gromutter gewesen, und es schien allen
natrlich, da er die Sorge um das junge Mdchen bernahm. Seltsam, weder die
alte Frau noch der Pfarrer, noch Ritter, der Vormund, hatten sich jemals die
Frage vorgelegt: was geschieht mit dem jungen Mdchen, wenn es einmal allein in
der Welt steht? Der Verkauf des Huschens mit dem Garten wrde kaum mehr als
vier-, fnftausend Mark ergeben haben. Davon konnte aber kein Mensch leben. Also
lag es nahe, da Johanne sich irgendwo als Magd verdingte.
    Auf dem Lande brauchen sie aber krftige Dirnen, die gut feldarbeiten
knnen. Und Johanne war eher schwchlich als stark. Auerdem verstand sie gar
nichts von der Landwirtschaft. Was sollte man mit ihr beginnen? Ritter meinte:
du bleibst jetzt ruhig bei uns. Das Huschen suchen wir zu verpachten; wenn du
dich einmal verheiratest, hast dus bequem und kannst dich gleich in dein
Eigentum hineinsetzen.
    Johanne wohnte nun bei den beiden alten Leuten. Die Frau war sehr wunderlich
und konnte es nicht leiden, wenn Johanne las oder sich mit feinen Handarbeiten
beschftigte. Sie lie sie unaufhrlich scheuern und putzen, obzwar alles in
Kche und Haus vor Sauberkeit glnzte. Man zeichnete ihr jeden ihrer Schritte
vor, und wenn sie etwas lnger ausblieb als gewhnlich, gabs Schelte. Und dabei
hatte sie ein kleines unfreundliches Stbchen, in dem sich kein Ofen befand und
wo sie Winters frieren mute. Sie wurde von Tag zu Tag trauriger. Die schne
Welt war nun versunken, die ihr von den Bchern, in denen sie frher lesen
durfte, in ihre Einsamkeit gezaubert wurde. Die beiden greisen wunderlichen
Leute waren kein Ersatz fr die Gromutter. Die Sehnsucht nach jungen Menschen,
nach Leben, nach Freude wurde tglich mchtiger in ihr. Da drauen in der Welt
wars so herrlich! und sie in diese schreckliche Wste verbannt!
    Eines Tages lief sie ohne Erlaubnis davon, in den Laden des alten Fruleins
und klagte ihr Leid. Betty strich ihr beschwichtigend ber das Haar und zog sie
auf das alte Ledersopha im Stbchen neben dem Laden.
    Wenn ich so ein lieb jung Mdchen wre wie Sie, ich wte wohl, was ich
tht. Ich ginge nach Ninive, lernte da etwas, z.B. Kindergrtnerei, erhielte
eine feine Stellung, machte nette Bekanntschaften, und vergngte mich.
    Johanne fate die Sprecherin an den Hnden.
    Ach Gott, knnt ichs doch, knnt ichs doch! Aber es geht ja nicht. Hab ich
doch keine Seele dort, die sich meiner annehmen wrde.
    Und wenn Sie jemand dort fnden - ein bischen Geld besitzen Sie ja auch, um
sich irgendwo in einem anstndigen Hause einzulogieren - wrden Sie hinreisen?
    Und ob, und ob rief Johanne mit glnzenden Augen.
    Dann will ich an meinen Bruder schreiben, er soll etwas fr Sie Passendes
suchen.
    Johanne schrie glckselig auf.
    Ach Gott, wird das herrlich, mit ihnen allen, die ich so lieb habe, die
meine Freunde sind, in derselben Stadt sein, dieselbe Luft atmen drfen, Betty,
Betty! Pltzlich machte sie ein ernstes Gesicht.
    Aber der Vormund? wird ers erlauben, wird er drauf eingehen?
    Ich rede mit ihm versprach Betty Wewerka, in deren Interesse es zu liegen
schien, Johannes Wunsch zu untersttzen.
    In Wahrheit befand sich ihr Bruder in milichen Verhltnissen, in denen ihm
jede, auch die kleinste Einnahme zu gute kam. Erhielt er Johanne in Pension, so
flossen ihm ein paar hundert Mark jhrlich mehr zu.
    Frulein Wewerka bearbeitete nun die beiden alten Ritters, stellte ihnen
vor, wieviel gute Anregung Johanne im Haus ihres Bruders empfinge, wie sie in
der Stadt tchtig lernen wrde; es seien dort viele Fortbildungsschulen fr
junge Mdchen, man drfe dem Bildungsdrang eines jungen Menschen kein
Hindernis in den Weg legen u.s.w.
    Schlielich gaben die beiden Alten nach und willigten in die Uebersiedelung
ihres Mndels nach der Stadt ein.
    Es wurde ein Termin festgesetzt, an dem Johanne reisen sollte.
    Das junge Mdchen ging wie im Traum umher. Die Seligkeit lie sie Essen und
Trinken vergessen, lie sie den Bekannten, die sie anhielten, um ihr ein paar
freundliche Worte zu sagen, die Antwort schuldig bleiben. Wenn sie an ihrem
lieben alten Huschen, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte, vorberschritt,
lachte sie heimlich und sagte: du altes schrges Ding, nun werde ich bald
anderes als dich zu sehen bekommen. Es war sehr undankbar, aber sie hatte noch
kein Leid kennen gelernt, wie sollte sie den Frieden zu schtzen wissen?
    Sie nhte sich schnell eine Aussteuer, die ihr groartig erschien. Als sie
ein halb Dutzend grober Hemden, etliche Rcke und Leibchen zusammengearbeitet
hatte, packte sie alles in einen groen alten Holzkoffer, den sie noch von ihren
Eltern besa, und stellte sich ihrem Vormund als reisefertig vor. Man wartete
noch etliche Tage, bis der Brief von Bettys Bruder kam. Er lautete sehr
freundlich. Das junge Mdchen mge nur kommen. Er und seine Frau wrden es
selbst berwachen und ihm hlfreich in seinen Bestrebungen an die Hand gehen.
Und - frher oder spter sehen Sie mich auch sagte Frulein Wewerka. Ich
warte nur, bis ich eine bestimmte Summe beisammen habe; dann komme ich fr immer
nach Ninive.
    Nun galts noch zwei Besuche. Der eine war schnell gethan. Es war der auf den
Kirchhof. Mutter und Vater hrten still und unbekmmert unter ihren Blumenhgeln
die Abschiedsworte der Fortziehenden. Die Toten ereifern sich nicht, denn sie
wissen vieles, das da kommt.
    Auch der zweite Abschiedsbesuch verlief friedlich. Er galt dem Pfarrer.
    Weit du sagte der alte Herr ruhig zu dem jungen Mdchen, dir abraten,
dein Glck in der Fremde zu suchen, wrde zu nichts fhren. Du gingest doch.
Zieh denn. Vergi nicht dein Abendgebet tglich zu sprechen, und vergi noch
etwas nicht: Du kommst dereinst wieder, Johanne, und dann wirst du kaum erwarten
knnen, diesen alten treuen Boden unter deinen Sohlen zu spren. Ich werde es
vielleicht nicht erleben, aber denke manchmal daran. Es wird dir ein Trost und
eine Mahnung sein.
    Und dann segnete er sie und entlie sie. Weinend und doch lachend sah sie
einige Tage spter nach einem langen Abschied von ihren Bekannten die letzten
Huschen ihres Heimatsortes hinter sich entschwinden. Ein Wglein brachte sie
zur Eisenbahnstation. Noch einen letzten Blick auf die beiden Pappeln vor dem
Kirchlein, dann verbarg ein Hgel den Ort, der wie eine treue Mutter ihre ersten
Schritte bewacht hatte.
    Aber Kinder entlaufen oft ihren Mttern, um in der Fremde zu weinen .....

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Also das ist sie, die heiertrumte, heierwnschte Stadt der Groen, Ninive!
.....
    In die Ecke einer Droschke gedrckt, ihren groen Holzkoffer vor sich,
durchsauste Johanne die Straen, die nach der Wohnung Herrn Wewerkas fhrten.
Sie sah zum ersten Mal drei, vier Stock hohe Huser, Pferdebahnen, Schutzleute,
Reklamewagen, Dampfbahnen, dazwischen ein schwarzes Gewimmel von tausend und
abertausend geschftig hineilenden Menschen.
    Der Lrm der Grostadt erschien ihr ohrenzerreiend; die hinfliegenden
Wagen, die Reiter, die Dampfbahnen machten sie schwindlig. Sie hatte sich das
alles anders vorgestellt, mrchenhaft, still, harmonisch; diese lebenrauchende,
brutale Wirklichkeit erschreckte sie. Vor einer riesenhaften Mietskaserne hielt
der Wagen. Sie bezahlte und lie ihren Koffer in den Hausflur stellen; der
herbeieilende Portier versprach, ihn gleich hinauf zu Wewerkas zu schaffen. Dann
schritt sie ber vier Treppen, die mit einem nicht allzu saubern Lufer bedeckt
waren, und klingelte an einer Wohnung. Ein Ah, eine Hand, die sie fate und
hineinzog, und das Schicksal schlo hinter ihr die Thr. - Die ersten zehn
Minuten war sie so befangen, da sie nichts sah, als die Frau, die sie neben
sich aufs Sopha gezogen hatte und freundlich mit ihr sprach.
    Frau Wewerka, eine Vierzigerin mit blassem Teint und verschleierten
melancholischen Augen, einem schmalen Mund, der das Verschweigen gewohnt schien,
war eine nicht unsympathische Person. Ihre Kleidung mochte als nachlssig
gelten, nach Johannes Begriffen schien sie sehr elegant.
    Meine Schwgerin hat sehr recht gethan, Sie an uns zu adressieren sagte
sie, wir werden unser Mglichstes fr Sie thun. Morgen gleich wollen wir nach
dem Frbelhaus gehn, wo die jungen Mdchen im Unterricht unterwiesen werden. Ich
freue mich sehr, Sie bei uns zu haben, ich liebe die jungen Mdchen sehr, bin
selbst ziemlich vereinsamt, wir besitzen keine Kinder; jedenfalls hoffe ich, da
wir manch angenehmes Plauderstndchen miteinander zubringen werden, nichtwahr?
    Durch so viel Freundlichkeit thaute endlich Johannes Verlegenheit hinweg und
sie fand einige herzliche Worte. Sie sprach von Sienenthal und wie glhend sie
sich hierhergesehnt habe, da Betty ihr soviel Herrliches von Ninive erzhlt
habe u.s.w.
    Als bei dem Worte: Ninive Frau Wewerka fragende Augen machte, teilte ihr
Johanne mit, wie sie der groen Stadt um ihrer schnen Grten und Anlagen, um
der herrlichen Bauwerke willen, die sich da befinden sollten, den Namen
beigelegt habe.
    Ich glaube, meine Schwgerin hat sehr bertrieben lchelte mit ihrem mden
Munde Frau Wewerka, brigens: Ninive ist gut und - bezeichnend. Wir wollen den
Namen beibehalten. Und nun will ich Sie aber in Ihr Stbchen fhren, damit Sie
sich waschen und umkleiden knnen.
    Sie durchschritten eine Stube, in der viel Schriften und ganze Ballen Papier
herumlagen. Ein riesiger Schreibtisch, einige Regale von Bchern vollgepfropft,
ein hoher Wandschirm, der irgend etwas verbergen sollte, vervollstndigte die
Einrichtung dieses Zimmers. Dann folgte ein kleines Gemach, eine Art Estube mit
Tisch, Sthlen, Bffet, einer Nhmaschine, einem Pianino und endlich das Johanne
zugedachte Zimmerchen.
    Sehr hbsch rief das junge Mdchen und sah sich freudig um.
    Die Wirtin lchelte. Gefllt es Ihnen? Das freut mich. Nun machen Sie sichs
bequem. In einer Stunde klopfe ich. Wir essen um drei. Ja richtig, Ihren Koffer
-
    Der Portier bringt ihn eben sagte ein lteres Dienstmdchen und ffnete
dem unter seiner Last keuchenden Mann die Thr.
    Ist das alles? fragte Frau Wewerka, whrend die Magd mit geringschtzigem
Blick den alten Holzkoffer musterte.
    Johanne nickte. Ja alles.
    Nun dann, auf Wiedersehen.
    Das junge Mdchen trat an das schbig aussehende Eisengestell mit dem
Waschservice, wusch sich, brachte ihr Haar in Ordnung und kauerte sich nieder,
den Koffer auszupacken. Sie ffnete die Laden der Kommode. In der einen befanden
sich etliche Herrenhemden, doch die andern waren leer. Ihre zwei Kleider hing
sie in eine Ecke, vor die ein Vorhang gezogen war, um die Garderobe vor Staub zu
schtzen. Ein Tisch mit einer verschossenen roten Sammetdecke, zwei Sthle, ein
grner Plschfauteuil, ein Bett, ber das eine bunte Kattundecke gebreitet lag,
bildeten das Innere der Stube. Bis gestern hatte es den Gatten als Schlafzimmer
gedient, nun hatten sie ihre Betten hinter den Wandschirm in Herrn Wewerkas
Arbeitszimmer gestellt, um dieses hier vermieten zu knnen. Johanne bewunderte
die kleinen Gipsbsten des Kaisers und der Kaiserin an der Wand, erfreute sich
an zwei Oeldrucken, die Rotkppchen und Schneewittchens Abenteuer darstellten,
und fand die Aussicht aus der vier Stock hoch gelegenen Wohnung in die breite
endlos sich hinziehende graue Strae bewundernswert.
    Als sie so im Anschauen des ihr fremden Lebens vertieft am Fenster lag,
klopfte es. Frau Wewerka und ein Herr traten herein.
    Mein Mann mchte Sie gerne begren, Frulein.
    Er schttelte dem verlegenen jungen Mdchen die Hand und bot ihm den Arm.
    Herzlich willkommen. Darf ich Sie zu Tisch fhren? Wir haben nicht weit zu
gehen, unsere Wohnung ist klein wie ein Taubenschlag. Hier bitte!
    Er rckte ihr im Nebenzimmer einen Stuhl zwischen sich und seiner Frau
zurecht. Das Dienstmdchen stellte mit unfreundlichem Gesicht eine Suppenterrine
auf den Tisch. Johanne war sehr verlegen und brannte sich den Mund mit der
heien Suppe.
    Die Hausfrau gewahrte die Unsicherheit der Kleinen, wandte sich an ihren
Mann und begann mit diesem zu plaudern.
    Nun und was wars heute? Wird Lohringer kommen?
    Herr Wewerka, der hastig in seinem Teller herumlffelte, wischte sich den
Mund mit der nicht sehr sauberen Serviette.
    Keine Rede. Ich sagte dir ja, er hat wieder den Spleen. Seit einer Woche
lt er Niemanden vor; die leeren Flaschen, die die Dienerin jeden Morgen aus
seinem Zimmer nimmt, geben vielleicht die Erklrung dazu.
    Die Frau schttelte den Kopf und warf etliche Worte des Bedauerns ber den
wunderlichen Menschen hin. Whrenddessen betrachtete Johanne Wewerka von der
Seite. Er stand ungefhr im gleichen Alter wie seine Gattin. Sein Gesicht war
wie tttowiert von hundert Falten und Fltchen, die sich um Augen und Mund
zogen. Das fahlblonde Haar, an den Schlfen schon sprlich, fiel glatt aus der
hohen, hgeligen Stirn. Seine Mundwinkel waren etwas schlapp und erzhlten
mancherlei. Er sah Betty Wewerka nicht im geringsten hnlich.
    Sagen Sie mal, Frulein Grn wandte er sich pltzlich an seine
Beobachterin, wie findet sich meine Schwester eigentlich in die Rolle einer
Kaffee-und Zuckerverkuferin? Macht sie Geschfte oder bleibt man ihr alles
schuldig?
    Er lachte, und Johanne bemerkte seine brunlichen Zhne, die von starkem
Nikotingenu zeugten.
    O sie ist nicht gern in Sienenthal, sie -
    Essen Sie zuerst und erzhlen Sie dann. Frau Wewerka legte ihr etwas
Gemse und zwei dnne Scheibchen Hammelfleisch auf den Teller.
    Johanne a einige Bissen, dann sagte sie schchtern:
    Frulein Betty will ja auch bald hierherkommen; nur eine gewisse Summe
mte sie beisammen haben, meint sie.
    Das Ehepaar warf sich einen Blick zu.
    Es war eine Thorheit meinte Wewerka, da sie das Geschft nicht gleich
verkaufte. Ihr und uns wre mit dem Gelde gedient gewesen, so hat keiner etwas.
Was fr ein Mensch war denn eigentlich der alte Nehring, der Besitzer des
Geschfts?
    O der war ja schon achtzig Jahr alt versetzte Johanne.
    Wewerka lchelte. Das wei ich. Er hatte einen Sohn, dieser war mit meiner
Schwester verlobt. Sie hatten einander schrecklich gerne; der Alte widersetzte
sich aber ihrer Verbindung. Eines Tages gingen die verrckten Liebesleute in den
Wald, und er scho zuerst ihr, dann sich eine Kugel in den Kopf. Er blieb auf
der Stelle tot, sie wurde gerettet; doch trug sie eine groe Gedchtnisschwche
davon. Sie lag monatelang im Spital, verlor natrlich ihre Stellung; sie war
Leiterin eines groen Putzgeschftes hier gewesen. Nun - es war ein Elend - der
Sprecher nahm einen Schluck Wasser aus dem Glase vor sich, ein Elend. Spter
wandten wir uns wiederholt an den Alten, da er doch fr das arme Geschpf etwas
thun mge; zwingen konnte man ihn ja zu nichts. Er setzte aber allen
Vorstellungen ein taubes Ohr entgegen. Erst als er starb - Verwandte besa er
nicht - erinnerte er sich der unglcklichen Kreatur, die durch seine Hrte um
ihr Lebensglck und ihre Gesundheit gekommen war. Ihre verlorene Jugend und
ihren gesunden Verstand hat er ihr aber doch nicht zurckgeben knnen.
    Johanne sa stumm da. Frau Wewerka seufzte und bat dann, fertig zu essen;
das Mdchen mte sich etwas beeilen, weil heute Waschtag sei. Nach dem
Hammelfleisch gabs nichts mehr, als einige Stckchen Konfekt von dem billigen,
das arme Leute fr die Christbume ihrer Kinder kaufen. Herr Wewerka plauderte
noch ein wenig mit Johanne, dann erhob man sich. Nachmittags wollten sie dem
jungen Mdchen die Stadt zeigen.
    Da sie weder einen Wagen noch eine Pferdebahn benutzten, ermdete Frau
Wewerka bald, berlie Johanne ihrem Mann und kehrte nach Hause zurck.
    Als die beiden auf ihrem Streifzug eben vor einem glnzenden Schaufenster
standen und er meinte, sie schwelge in der Pracht der ausgestellten Juwelen,
sagte sie pltzlich, ihm ins Gesicht blickend:
    Die Geschichte, die Sie mir heute erzhlt haben, ist sehr traurig. Ich kann
sie gar nicht loswerden. Nur eins verstehe ich nicht. Wenn Ihre Schwester ihn so
lieb hatte, wie kams, da sie ihn berlebte?
    Er sah berrascht in die groen, warmen Kinderaugen, die sich auf ihn
gerichtet hatten.
    Wie meinen Sie das, Frulein?
    Mein Gott, wenn - wenn man einen so lieb hat und man wei, da er - fort
ist, fr immer - ich htte mich gleich aus dem Fenster gestrzt .....
    Er lchelte in ihr erregtes Gesicht.
    Das sagt man, aber man ttet sich nicht so leicht.
    Aber er thats doch.
    Sie gingen ein Stckchen weiter.
    Zum Glck giebts nicht viele so entschiedene Naturen da wrde die Welt ja
nach drei Tagen in Trmmer geschlagen.
    Johanne hatte ein Wort auf den Lippen, doch sie sprach es nicht aus. Spter
zog anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich. Abends war sie mde und ging bald nach
dem Nachtmahl, das noch etwas krglicher als das Mittagessen war, auf ihr
Zimmer. Aber Ninive war doch herrlich, trotz allem!

Am andern Tage machte Frau Wewerka verschiedene Gnge mit ihr, zur Vorsteherin
und zu den Lehrerinnen des Frbelhauses, denen sie das junge Mdchen sehr warm
empfahl. Johanne erregte in ihrer geschmacklosen, plumpen Kleidung, mit ihrer
buerlichen Schchternheit in der Anstalt weder Interesse noch besondere
Teilnahme. Man lie sie ein kleines Aufnahmeexamen machen, in dem sie nur ihre
Lese-und Schreibeknste bekunden sollte, und steckte sie dann in die Klasse zu
den andern Schlerinnen. Sie verbrachte tglich fnf Stunden in der Anstalt, und
die Vorsteherin versprach ihr, wenn sie sich brav zeige, binnen einem Jahre eine
Stellung, wenn auch fr den Anfang eine sehr bescheidene. Es galt also ein Jahr
tapfer auszuhalten. Johanne schrieb ihrem Vormund, und legte einige Zeilen
Wewerkas bei. Ritter antwortete ihr, er wrde ihr die ntigen Mittel fr ein
Jahr geben, damit sie den Kursus absolvieren knne. Dann freilich mte sie fr
sich selbst sorgen, denn das Huschen zu verkaufen liege ihm fern. Das knne sie
einmal thun, wenns ihr beliebe und sie volljhrig sei.
    Die Stunden, die Johanne nicht im Frbelhaus verbrachte, war sie zu Hause.
Herr Wewerka arbeitete viel auf seiner Stube, inde seine Frau mit dem
Dienstmdchen den kleinen Haushalt besorgte.
    Dann und wann empfingen sie Besuche.
    Meist von Herren. Dann wurde laut debattiert, geschrieen, manchmal auch
deklamiert. Es waren wohl Kunstangehrige, die so lebhaft sich bejahten.
    Aber sie gingen nicht in goldenen Gewndern, trugen keine Krnze auf dem
Haupt, rochen nicht nach den Grten der Semiramis.
    Meist waren sie sogar sehr nachlssig gekleidet und nichts weniger als
berckend. Einmal erzhlte Johanne bei Tisch, wie sie sich frher Dichter
vorstellte. Da brach das Ehepaar in ein nicht endenwollendes Gelchter aus.
    Du Cajetan in einem weien Kleide mit einem Kranz aus Rosen in den ppigen
Locken!.
    Nein, Sie dachte ich mir nie so meinte Johanne zu Wewerka, ich wei
nicht, warum.
    Oho protestierte er scherzend, das fasse ich als Beleidigung auf, Sie
zweifeln an meiner hheren Veranlagung. Heute haben Sie ja recht. Ich bin der
Redakteur einer kleinen volkswirtschaftlichen Zeitung, der meist ber billige
Rapskuchenfabrikation, ber Molkerei, Pferdestlle und hnliches schreibt. Aber
einst war es anders. Da machte ich Terzinen und Jamben, da es nur eine Lust
war. Sehen Sie, ich habe schon allerlei versucht. Zuerst studierte ich Jura,
dann begleitete ich eine naturwissenschaftliche Expedition auf ihrer
afrikanischen Reise, dann wurde ich Sekretr eines reichen Grafen, dann erfand
ich ein Instrument, ein Besteck, das als Lffel, Gabel und Messer zugleich
diente. Auch Schauspieldirektor war ich.
    Nein rief das junge Mdchen mit glnzenden Augen, wie klug und gelehrt
mssen Sie doch sein!
    Nichtwahr meinte er mit Humor, ein famoser Kerl. Ich habe - Frau Wewerka
warf ihm einen mahnenden Blick zu - ich habe noch allerhand Interessantes
begonnen. Man will eben nicht hungern, man braucht tglich, wenn man auch nur
von Brot lebt, einige Groschen. Woher die nehmen und nicht stehlen? Da wird man
schlielich das Mdchen fr alles.
    Aber liebten Sie denn nicht von dem Vielen, das Sie begonnen hatten, Eins
besonders?
    Und ob meinte er. Zum Beispiel Jura. Aber wovon htte ich leben sollen,
bis ich als Professor oder Advokat Geld verdient htte? Dann, wie gerne wre ich
der edlen Dichtkunst treu geblieben. Aber der Magen zieht ein Stck Mettwurst
dem duftigsten Liebesgedicht vor.
    Johanne schttelte eigensinnig den jungen Kopf. Sie war schon vertrauter mit
ihren Wirten geworden.
    Ich glaubs nicht, da Sie Jura besonders liebten. Dann htten Sie nicht
davon lassen knnen.
    Auch nicht im Verhungern?
    Auch nicht.
    Donnerwetter! Aber da wre ich ja ein Narr gewesen, mein kleines Frulein!
was denken Sie denn? Wenn die Welt aus lauter solchen Querkpfen bestnde, wrde
sie sich das Hirn einrennen.
    An diesem Abend, als Johanne zu Bett ging, gelangs ihr nicht, einzuschlafen.
Sie mute immerfort an den Mann denken mit den tausend Fltchen im Gesicht, der
alles versucht hatte. Er ist untreu, dachte sie. Er gleicht seiner Schwester;
die wars auch, sonst htte sie nicht leben knnen. Diese Beiden - aber die
andern Menschen gleichen ihnen wohl nicht. Wie seltsam. Alles ist anders, als
ich mir vorstellte, dachte die Kleine, aber so ganz, ganz anders .....

Eines Tages, eben als sie sich zum Mittagessen niederlieen, kam Besuch. Es war
ein groer junger, aber schon stark gebeugt gehender Mann, der Johanne als Herr
Schler vorgestellt wurde.
    Essen Sie mit uns einen Lffel Suppe sagte die Hausfrau freundlich, lie
noch ein Kouvert auflegen, und rckte ihm einen Platz am Tisch zurecht.
    Du machst ein so ernstes Gesicht? war dein Weg umsonst? Wewerka und der
Neuangekommene wechselten einen Blick.
    Was wars denn? Frau Wewerka sah ihren Mann an.
    Aber liebes Kind, drnge dich doch nicht -
    Ja ja, euere ewige Geheimniskrmerei, ich glaube du bist Privatdetektiv
geworden, und Schler ist dein Helfer, wie?
    Erraten, Gndige, erraten.
    Er blickte Johanne forschend an.
    Frau Wewerka machte einige freundliche Bemerkungen ber sie, dann setzte sie
munter hinzu:
    Sehen Sie, Johanne, der ist auch einer von den Berhmten, aber er trgt
sich ganz simpel, und hat auch keinen Kranz auf, hchstens einen von Dornen,
aber den sieht man nicht.
    Als Schler von der Naivitt des jungen Mdchens vernahm, brach er in
herzliches Lachen aus.
    Wir wollen unsere Sache spter besprechen meinte er zu Wewerka und wandte
sich Johanne zu.
    Sie brachte sehr ungeschickte verlegene Antworten vor, und jedesmal, wenn
sie eine Dummheit gesagt hatte, machte sie einen trotzigen Mund und verteidigte
hartnckig ihre Meinung. Nach Tisch gingen sie alle vier in Wewerkas
Arbeitszimmer, wo die Hausfrau Cigaretten herumreichte. Wir erlsen euch bald
von unserer Gegenwart scherzte sie.
    Die Herren protestierten, und Johanne fand endlich Mut, den neuen Bekannten
zu mustern. Eine Brille verbarg zum Teil den hungrigen Ausdruck seiner dunklen
Augen. Seine Zge waren einnehmend, wenn auch nicht hbsch. Ein schwarzer, kurz
gehaltener Bart umrahmte das schmale, blasse Gesicht, dessen Charakteristikum
Johanne in dem Worte bernchtig zusammenfate.
    Er sah aus wie einer, der nicht zur Ruhe kam - wie ein Gehetzter. Mit
achtzehn Jahren hatte er die kleine Summe seines elterlichen Vermgens
verausgabt, sein Maturum gemacht, und kam hierher, um philologische Studien an
der Universitt zu treiben.
    Er mietete bei einer kleinen Beamtenfamilie ein Stbchen. Die Frau, eine
groe hagere Blondine, bediente ihn. Sie stand kurz vor ihrem vierzigsten Jahre
und schien mit allen Hoffnungen abgeschlossen zu haben. Sie war eine gute Seele,
die mit ihrem wortkargen unfreundlichen Mann in stillem Einvernehmen lebte. Er
behandelte sie nicht gut, nicht schlecht, er war ein armer Teufel, der rein
mechanisch, ohne innere Freude weiterlebte. Weil es ihnen recht knapp ging,
vermieteten sie ein Zimmer ihrer kleinen Wohnung. Meist waren es Studenten, die
bei ihnen wohnten. Sie hatte immer Glck gehabt und ihre Miete von ihnen
pnktlich empfangen. Auch Ernst Schler bezahlte im ersten Monat. Aber im
zweiten verschob er die Zahlung von Tag zu Tag. Er lief ratlos umher, pumpte
seine Kollegen an, und brachte es endlich so weit, die Hlfte der Mietssumme
aufzutreiben.
    Nehmen Sie vorlieb lachte er verlegen und drckte Frau Wachmann ein paar
Markstcke in die Hand, ich habe beim besten Willen nicht mehr borgen knnen,
schmeien Sie mich hinaus .....
    Sie hatte Mitleid mit ihm, wie vierzigjhrige Frauen mit Jnglingen zu haben
pflegen; er gewahrte seinen Vorteil. Im nchsten Monat bezahlte er weder den
Rest der alten, noch die neue Miete. Er sah seine Wirtin treuherzig an.
    Ich habe nichts, nichts, Frau Wachmann. Aber Sie knnen meine Uhr
versetzen, vielleicht erhalten Sie dafr einen Teil meiner Schuld an Sie, und es
giebt berdies noch ein Mittagessen fr mich, ich bin seit drei Tagen nchtern.
    Er war es in der That. Er sah jammervoll aus. Sie eilte in die Kche und
brachte ihm Suppe und einige Brtchen.
    Whrend er hastig a, rannen ihm zwei Thrnen ber die Backen.
    Sie drehte sich um, dann legte sie die Hand auf sein Haar und sagte leise:
nicht verzweifeln!
    Seit diesem Tage nhrte sie ihn, und er wohnte bei ihr, ohne einen Heller zu
bezahlen. Sie betrog ihren Mann und berechnete ihm alles hher, um das Ntige
fr Ernst herauszuschlagen.
    Einmal umschlang er sie mit beiden Armen: Wenn ich dich nicht htte!
    Da neigte sie ihren Kopf auf seine Schulter und kte ihn leise auf den
Hals. Seit diesem Tage verlangte er mehr als Kost und Wohnung von ihr, und sie
gab ihm alles, was er verlangte. Sie war eine ungeschickte Heuchlerin, und bald
hatte ihr Mann alles heraus.
    Er jagte sie und ihn aus dem Hause.
    Ernst Schler nahm die Ratlose, Verzweifelnde an der Hand und sagte ruhig:
Geh nur mit mir. Er blieb die ersten Tage bei einem Freunde, der ein
Mansardenstbchen bewohnte.
    Liebst du sie denn? fragte der Student ironisch. Sie soll dich doch
adoptieren, dann ist euch beiden geholfen; vielleicht nimmt sie ihr Mann dann
wieder zurck.
    Ich liebe sie nicht antwortete Schler, aber sie ist grenzenlos gut gegen
mich gewesen. Ich werde sie nicht verlassen.
    Dann hast du ihre Gte bel vergolten meinte der andere. Heute oder
morgen setzest du sie ja doch sicher auf die Strae; dann kann sie verkommen,
denn einen dritten findet die nicht.
    Ernst antwortete nicht. Von diesem Tag an besuchte er die Universitt nicht
mehr. Weder Frau Wachmann, noch der Student, bei dem sie alle beide wohnten,
wuten durch etliche Wochen, was er trieb. Dann kam er eines Tages nach Hause.
Er sah hohlugig und finster aus, legte aber einiges Geld auf den Tisch. Eine
Assekuranzgesellschaft hatte ihn engagiert. Er mietete eine Stube mit einer
Kche, setzte seine Freundin in die Stube, wohnte in der Kche, und gab sich als
ihr Zimmerherr aus.
    Niemand legte ihnen etwas in den Weg.
    Herr Wachmann that keinen Schritt, um seine Frau zurckzuholen. Sie fhrte
kein glckliches Dasein. Schler war jeden Abend von Hause fort. Kam er dann in
der Nacht heim, so war er furchtbar aufgeregt. Sie durfte ihn nie fragen, wohin
er ging; dann wurde er grob. Manchmal kamen etliche, meist junge Leute mit ihm.
Dann befahl er ihr, unsichtbar zu sein. Sie verkroch sich in einer Ecke der
Kche und sa die ganze Nacht halbschlafend da, whrend von drinnen hitziges
Stimmengewirr heraustnte. So gings ein Jahr fort.
    Schler war lngst nicht mehr in jener Assekuranzgesellschaft, aber was er
that, konnte sie nicht herausbringen, und zu fragen getraute sie sich nicht.
    Manchmal fasteten sie mehrere Tage, oder sie bereitete ihm mit dem kargen
Geld, das er ihr brachte, dnne Suppen und mageres Gemse; dann scherzte er:
Saperlot, du bist die schlechteste Kchin meines Lebens, Mathilde.
    Eines Tages las sie auf allen Plakaten den Namen ihres Freundes. Er sollte
am Abend in einer antisemitischen Versammlung das Wort fhren. Er kam zwei Tage
nicht nach Hause, dann mit heiterem Gesichte und Geld in der Tasche. Er schlug
ihr ihre zwei Weinglser entzwei, fate sie um die Mitte, und tanzte mit ihr.
    Miet eine bessere Wohnung, Alte, und setz mir wieder was Ordentliches zu
essen vor; wir werden jetzt reiche Leute.
    Es erschienen verschiedene gutgekleidete Herren und sprachen lange in der
Stube mit ihm. Einer sagte gar einmal gndige Frau zu ihr, was sie hoch
errten machte. Sie bezogen eine nette kleine Wohnung. Aber die Herrlichkeit war
von kurzer Dauer. Eines Tages wurden ihnen ihre Habseligkeiten gepfndet.
    Nun mieteten sie sich fr etliche Wochen in ein kleines Einkehrhaus ein. Sie
bekam Schler selten zu sehen und grmte und ngstigte sich. Einmal erschien er
sehr elend aussehend. Er hatte ein dickes Manuskript in der Tasche. Wenn das
nicht zum Helfer in der Not wird, schie ich mir eine Kugel vor den Kopf sagte
er finster auf das Papier deutend. Er ging aufgeregt die ganze Nacht hin und
her. Am Morgen entfernte er sich. Das Papier enthielt eine mhsame Arbeit.
Einige jdische Familien, deren Hupter an der Spitze groer sozialer
Unternehmungen standen, wurden darin verschiedener privater Ausschreitungen
beschuldigt. Ihre Stellung in der Gesellschaft war gefhrdet. Ein ungeheurer
Proze mit vielen schmutzigen Enthllungen drohte. Das bekannte Skelett, das ja
in jedem Familienhause verborgen sein soll, war hier mit erbarmungslosem Griff
ans Licht gezerrt. Es gehrte zhe Ausdauer, ungewhnliche Orts- und
Personalkenntnis dazu, dies Schriftstck zu verfassen. Es hie: Enthllungen
und war nichts weiter, als die letzte verzweifelte Anstrengung eines zum
Schurken gewordenen Menschen, sich Geld zu verschaffen. Nach einigen Tagen kam
Schler heiter und ruhig zurck.
    Ich habe in der Theresienstrae eine Wohnung gemietet, bin Redakteur am
Tagesbericht geworden, und bitte dich nun, dir anstndige Kleider und anstndige
Mobilien fr unsere Wohnung zu kaufen. Hier hast du Geld. Er drckte ihr einen
Tausendmarkschein in die Hand.
    Er hatte erreicht, was er wollte.
    Man hatte ihm eine feste Stellung zugesichert, wenn er - schweige. Er
erhielt einen gut bezahlten Posten an einer nicht bel angeschriebenen Zeitung.
    Nun lebten sie sorgenlos nebeneinander.
    Er ging tglich nach seiner Redaktion, schrieb wtende Artikel gegen die
Antisemiten und gab sich als braven Judenfreund. Er himmelte Baron Hirsch an,
und verfate ein Adrebuch der bekanntesten jdischen Familien. In seinen
migen Stunden dichtete er auch. Nachdem er zwei Jahre am Redaktionstisch
gearbeitet hatte, erzwang er sich einen Urlaub mit guten Diten. Unter dem
Decknamen eines Berichterstatters reiste er ab.
    Zunchst nach Frankreich. Seine Freundin lie er zu Hause. Er sandte etliche
Reiseberichte an seine Zeitung. Mathilde Wachmann erhielt dann und wann eine
Postkarte. Endlich verstummte er ganz. Es vergingen einige Wochen, es verging
ein Monat. Eines Tages klingelt es. Frau Wachmann geht zu ffnen. Ernst Schler,
ein junges, schnes Mdchen an der Hand, tritt ein.
    Hier ist Mathilde Wachmann, meine Wirtschafterin, die mir mehr als
Wirtschafterin, die mir Freundin und Beraterin ist. Sei gut gegen sie. Hier
meine kleine, se Frau, die ich deinem Herzen empfehle. Er warf einen Blick
auf die beiden Frauen, die einander anstarrten, und ging hinein, sich seiner
Reisekleider zu entledigen.
    Alice war klein, herzig, neunzehnjhrig. Er hatte sie in einem
lothringischen Stdtchen kennen gelernt, wo er ihren Bruder, einen ziemlich
bekannten Schriftsteller, besuchte. Sie besa nichts als den Anzug, den sie eben
trug, ein verschossenes grnes Rcklein mit gelben Seidenrosetten geziert. Er
hatte sich rasend in sie verliebt und sie halb zur Kirche geschleppt.
    Der Bruder war nicht dagegen gewesen, denn die Sorge um den Unterhalt seiner
Schwester hatte ihn immer viel beschftigt. Seine schriftstellerischen Einknfte
waren gering, und auerdem hatte er noch fr seine beiden Kinder zu sorgen.
    Die kleine Alice mit ihrem brauen Lockenkpfchen, ihren sonnigen, groen
Augen und wunderbaren Pfirsischfarben lachte gerne, trank mit Vorliebe se
Weine, und brauchte tglich drei Stunden, um ihre Stirnlckchen vor dem Spiegel
zu ordnen. Von Wirtschaft verstand sie nichts. Aber sie kommandierte brav ihre
Haushlterin.
    Das Weib mit den vor Kummer eingefallenen Wangen, den stumm anklagenden
Augen, ging wie ein dsterer Schatten im Hause umher.
    Htte sie fort sollen? Wohin? Jetzt, wo das Alter vor der Thre stand, wo
sie so viel um ihn gelitten, wo sie ihn liebte mit dem Wundgefhl des Weibes,
das alles hingegeben hat.
    Sie blieb und lauschte vor der Schlafzimmerthr den Liebkosungen des jungen
Paares. Alice glaubte anfnglich alles, was ihr Mann ber Mathilde Wachmann
gesagt hatte. Aber eines Tages warf sich die ltere Frau an die Brust der Jungen
und schluchzte in herzzerreiendem Jammer: Nimm ihn mir doch nicht ganz. La
ihn mir doch auch ein bischen!. Da begriff das junge Weib. Von der Zeit an war
sie zurckhaltender gegen Ernst. Manchmal, wenn er nach Hause kam, fand er die
beiden Frauen Hand in Hand nebeneinander sitzen. Das war ihm nicht recht. Das
wollte er nicht. Er verbot seiner Frau den gar zu vertraulichen Umgang mit der
andern. So jag sie fort schrie sie in Thrnen ausbrechend.
    Das konnte er nicht. Alice stie ihn, wenn er sie liebkosen wollte, von
sich.
    Es kam eine Zeit, wo er in die mtterlichen Arme Mathildens flchtete, um
das Leid, das ihm sein Weib bereitete, zu vergessen.
    Die junge Frau weinte sich die Augen rot. Da siegte wieder Mathildens Gte.
Geh zu ihr, vershne sie; sie stirbt, oder verlt dich sonst. Er warb wie ein
Liebhaber um sie. Sie wurde wieder gefgig gegen ihn, aber traurig blieb sie,
sehr traurig. Und ihre rosige Schnheit begann zu verbleichen.
    An einem der Tage in dieser Periode war es, als Schler zu Wewerka kam. Die
beiden hatten immer allerlei geheime Geschfte miteinander, die meist nicht sehr
lauterer Natur waren. Whrend Ernst mit dem Ehepaare plauderte, aber die warmen
neugierigen Kinderblicke Johannens auf seinem Antlitz ruhen fhlte, stieg ein
Gedanke in ihm auf.
    Frulein Grn wandte er sich an sie, wissen Sie, wem Sie hnlich sehen?
    Das junge Mdchen lachte.
    Einem Mops; in der Schule in Sienenthal nannten sie mich immer: die Mopsin,
weil ich eine so kleine Nase habe.
    Einem Mops hnlich zu sehen, wre keine Schande meinte Schler ernsthaft,
das ist eine Hunderace, die alle Tage seltner wird, aber leider kann ich die
angegebene Aehnlichkeit nicht entdecken, hingegen sehen Sie - meiner Frau
hnlich.
    Vielleicht macht das, weil ihr beide gleichalterig und von derselben Statur
seid.
    Ja Sie haben recht nickte Frau Wewerka, sie haben Aehnlichkeit
miteinander.
    Kann ich nicht finden meinte der Hausherr.
    Na egal, Frulein Grn; mchten Sie nicht einmal meine Frau besuchen? Ihr
seid beide fremde, eingewanderte Naturkinder, recht unerfahren und mtet euch
gut verstehen. Hm?
    Johanne dankte erfreut. O ja, sie wrde sehr gerne hingehen.
    Die war so unschuldig, dabei ein herziges, harmloses Ding, die konnte Alice
empfangen. Mehrere Frauen seiner Kollegen, bei denen die junge Frau Besuch
gemacht hatte, waren so taktlos gewesen, an dem Verhltnis zwischen Mathilde und
ihrem Gatten zu rhren. Das hatte sie so in Verlegenheit und Wut versetzt, da
sie nicht mehr zu bewegen war, mit ihnen zu verkehren. So lebte sie ganz einsam
dahin. Johanne mit ihrem urwchsigen Wesen wrde ihr sicher Freude machen.
    Es wurde ein Tag verabredet, an dem Frau Wewerka sie hinausfhren sollte.
Sie wohnten in einem ziemlich entlegenen Stadtteile. Spter nahm die Hausfrau
das junge Mdchen bei der Hand.
    So, jetzt wollen wir diese beiden Mnner ihrem geheimen Komplotte
berlassen, kommen Sie Johanne.
    Sie entfernten sich.
    Die Idee ist gut sagte Wewerka und zndete sich eine neue Cigarette an,
das Mdel wird deine Frau freuen. Ich habe selten so ein liebes, unschuldiges
Ding gesehen.
    Na, sie wird sich schon abschleifen.
    Schler kniff die Augen zu. Wr schade, wenn sie einem Tlpel in die Hnde
geriete.
    Und er berlegte, da dieses kleine Mdchen eigentlich ein Kapital sei, aus
dem man Nutzen ziehen knnte.
    Dann rckten die Beiden einander nher und redeten mit gedmpfter Stimme von
Dingen, von denen sie nicht wnschten, da sie ein Anderer hre. Sie waren
einander ebenbrtig.
    Der Kampf ums tgliche Brot hatte sie gemein gemacht, verbrecherisch, ohne
da sie die Khnheit und den Mut des wirklichen Verbrechers besessen htten ....

                                       4


Frau Wewerka stellte die beiden jungen Damen einander vor, blieb noch ein
Weilchen und empfahl sich mit dem Vorwand, dringende Kommissionen zu haben.
Johanne gefiel es sehr gut bei Schlers. Es herrschte im Gegensatz zu Wewerkas
eine wohlthuende Ordnung und Sauberkeit da.
    Hbsche, gutgehaltene, moderne Mbel zierten die freundlichen Rume. Auf
einem Sessel in Alicens kleinem Zimmerchen, in das sie zuletzt ihren Gast
gefhrt hatte, sa eine Taube und gurrte.
    Das ist meine beste Freundin sagte die junge Frau, das Tierchen an sich
nehmend, es liebt mich und krnkt mich nie.
    Und ihr rosiger Mund prete sich auf das blaugraue Gefieder. Johanne sah sie
zgernd an. Sie htte gerne gefragt: kann Sie denn jemand krnken, Sie sind ja
so lieb und schn. Aber die Zurckhaltung Alicens machte auch sie klter und
zurckhaltender. Frau Schler, die in ihrem jungen Leben schon so viel
Hliches, Mitrauenerweckendes gesehen hatte, verlor langsam die herzige
Zuthunlichkeit, die junge Frauen und Mdchen so entzckend kleidet. Nachdem sie
Johanne mit ein wenig Hausfrauenstolz ihre nette Wohnung gezeigt hatte, setzte
sie sich mit groem Ernst an ihr Theetischchen und bereitete Thee. Sie redeten
allerlei hchst gleichgltige Dinge. Alice fragte sie, wie ihr die
Kindergrtnerei gefiele, und ob sie auch die kleinen unartigen Kinder hauen
drfe. Johanne erzhlte von den Eigenarten verschiedener Kleinen; dann trat eine
Pause ein. Sie blickten einander an und wuten nicht weiter.
    Sie haben eine reizende Bordure an Ihrer Schrze stotterte Johanne, um
etwas zu reden, Haben Sie sie selbst gestickt?
    O nein Alice sah sie treuherzig an, ich arbeite nicht gern.
    So?
    Wieder Pause.
    Haben Sie diesen Kuchen selbst gebacken?
    Ja, das heit nicht ich, unsere Wirtschafterin.
    Aber Ihre Wohnung ist wirklich nett, hier mchte ich auch wohnen?
    Finden Sie sie nicht klein? Drei Zimmer nur. Man sagt, hier in der Stadt
mieteten die Leute ganze Etagen.
    Wewerkas haben auch nur vier Zimmer.
    Ja?
    Aber nicht so hbsch eingerichtet wie Sie.
    Nein?
    Die Mbel sind sehr verbraucht.
    Wohl weil sie sehr viele Umzge mitmachten. Ernst - mein Mann, erzhlte es
mir. Auch bersiedelt sind sie schon mehrmals.
    So? Johanne sah sie fragend an. Sie htte gern mehr ber ihre Hausherren
erfahren. Aber die kleine Hausfrau schwieg und sagte nichts mehr. Nun werde ich
wohl gehen mssen, dachte Johanne, warum haben mich Wewerkas nur
hierhergeschickt. Dieser eleganten jungen Frau bin ich zu buerisch. Alice
knapperte an ihrem Konfekt und sah forschend das junge Mdchen an. Endlich blieb
ihr Blick an den plumpen genagelten Schuhen ihres Gegenber hngen. Johanne
errtete und zog schnell den Fu zurck. Dann stand sie auf.
    Entschuldigen Sie, da ich Sie belstigt habe.
    Sie schttelten einander die Hnde.
    Es hat mich sehr gefreut.
    Drauen zog sie rasch ihr Jaket an und eilte die Treppe hinab. Man hatte
noch kein Gas angezndet; es war fast dunkel. Als sie auf dem letzten
Treppenabsatz stand, hrte sie von oben leise hastige Schritte und fhlte eine
Hand auf ihrer Schulter.
    Kommen Sie bald wieder, ja?
    O! mit einem freudigen Ausruf wollte sich Johanne umwenden; doch die
andere war schon oben verschwunden. Wie lieb von ihr! Das junge Mdchen trat
lchelnd auf die Strae. Alice war ihr beraus sympatisch gewesen, nur hatte
deren Klte sie ein wenig verwirrt.
    Freilich, wie htte sie auch gleich das erste Mal anders sein sollen? Sie
kannte Johanne noch gar nicht. Aber von Glck hatte man wenig auf ihrem Gesicht
gelesen. Sollte Schler nicht gut gegen sie sein? Das war doch gar nicht zu
denken. Sie war in Gedanken versunken und verlangsamte ihre Schritte. Pltzlich
tauchte ein Mann an ihrer Seite auf.
    So allein, schnes Kind?
    Er trug einen Cylinder und sah sehr vornehm aus. Johanne blickte ihn
erschrocken an und beschleunigte ihren Gang. Aber das strte ihn nicht.
    Gehen Sie weit? Er wollte nach ihrem Arm fassen. Sie blieb stehen.
    Ich wei nicht ... Sie sind sehr komisch ... ich ... kenne Sie doch gar
nicht.
    Ihre erschreckten Augen schienen ihm zu gefallen.
    Allerliebster Balg, nun sagen Sie aber - haben wir noch weit zu gehen?
    Wir? Wohnen Sie denn bei mir im Hause?
    Er lachte auf. Das wohl kaum. Aber ich werde vielleicht oft zu Ihnen
kommen, wenn wir einander gefallen.
    Ihr Gesicht frbte sich glhend.
    Was fllt Ihnen eigentlich ein, Sie -
    Pst, pst er legte den Finger an den Mund, nicht so laut, machen Sie doch
keine so langen Geschichten, und kommen Sie. -
    Da fuhr ihre Hand blitzschnell in sein Gesicht. Sie wute einen Augenblick
nichts von sich; erst als jemand ihren Arm ergriff und festhielt, kam sie zur
Besinnung.
    Oho, Madamchen, was treiben Sie denn da? Ein Mann mit einer Pickelhaube
stand vor ihr.
    Der, der - der Freche dort - sie wandte sich suchend um, entdeckte aber
nur ein paar fremde Menschen, die sie lachend umstanden, er wollte mit mir
gehen ...
    Na, das wird Ihnen nicht zum ersten mal passiert sein meinte der Wchter
des Gesetzes.
    Was? ...
    Zornbebend trat sie ihm einen Schritt nher und htte sich wer wei wozu in
ihrer Unerfahrenheit hinreien lassen, wenn nicht der Schutzmann, den die
ehrliche Entrstung der Kleinen aufklrte, grob ausgerufen htte:
    Wenn Sie sich solchen Angriffen nicht aussetzen wollen, whlen Sie keine
berchtigten Gassen zu Ihrem Spaziergang, verstanden?
    Sie begriff nicht ganz, was er meinte; dunkel aber dmmerte es in ihr, da
sie eiligst diese Gegend verlassen msse. Laufenden Schrittes machte sie sich
davon. Zu Hause berhrte sie mit keinem Wort ihr hliches Abenteuer.
    Als sie in ihrem Stbchen war, drckte sie das brennende Gesicht in die
Hnde und weinte. Zum ersten mal in ihrem Leben hatte eine schmutzige Hand in
ihre junge, reine Seele gegriffen ...
    Das war Ninive, die Stadt der Herrlichen! Wo waren die doch? Wo war das, was
sie ertrumt hatte?

Mehrere Tage lang fhlte sie sich sehr gedrckt und htte am liebsten das Haus
nicht verlassen. Eines Nachmittags jedoch, als die Schule zu Ende war, schlug
sie, einem innern Wunsche gehorchend, den Weg zu Schlers ein. Er wrde wie
immer wohl in der Redaktion sein, und Alice war allein. Die Mutmaung traf zu.
Die blasse, verhrmt aussehende Frau, die ihr ffnete, sagte, Frau Schler sei
anwesend. Alice kam ihr freundlich entgegen. Sie hatte ihr Tubchen im Arme.
    Das ist nett von Ihnen. Sehen Sie, eben habe ich mit meiner Freundin
gespielt. Nun kann ich sie ja wieder zurcktragen. Sie lief mit dem Tierchen
davon, kehrte schnell wieder zurck, zndete den Docht unter ihrer Theemaschine
an und zog Johanne neben sich auf das kleine Sopha neben dem Theetisch.
    Was machen Sie immer? Ich langweile mich so sehr. Sie auch?
    Ich - wei nicht, Johanna sah still vor sich hin, ich langweile mich
nicht, aber ich bin gar nicht so froh, wie ich getrumt habe, da ich es hier
sein msse.
    Alice ergriff sie beim Arm. - Auch Sie? Sehen Sie, mir gehts ebenso. Ganz
genau so. Woran liegt das?
    Bei Ihnen begreife ichs nicht meinte Johanne. Sie mssen doch sehr
glcklich sein: Sie haben einen lieben Mann, ein reizendes Heim.
    Alice legte ihre Hand auf Johannens Mund. Seien Sie still.
    Das junge Mdchen sah sie erstaunt an.
    Wie? ...
    Haben Sie auch Geschwister? fragte Alice, hastig weiter plaudernd. Ich
wohnte bei meinem einzigen Bruder. Er ist Schriftsteller in einem kleinen
lothringischen Stdtchen an der franzsischen Grenze. Ich war nicht gerade
glcklich, aber doch zufrieden bei ihm. Er hatte nmlich ein Verhltnis und zwei
Kinder, die sich den ganzen Tag bei uns aufhielten. Ich liebte sie nicht diese
Kinder. Sie waren schmutzig und ungezogen. Und sie erst. Eine Hallendame sag ich
Ihnen. Aber trotz allem, ich wollte, ich wre dort geblieben. Wir hatten ein
kleines Grtchen vorm Haus; da gabs Flieder und Jasmin - sie stockte und
schwieg.
    Warum hat er sie nicht geheiratet? fragte Johanne leise.
    Ach, dazu war sie ihm zu ungebildet.
    Das junge Mdchen schttelte den Kopf. Ich wei nicht, es ist alles so ...
so ... halb. Endlich hatte sie das Wort gefunden. Lauter Halbes, wohin man
schaut. Keiner giebt sich ganz, jeder nur einen Teil, und begehrt auch wieder
nur einen Teil vom Andern. Welch seltsame Welt!
    Haben auch Sie schon Erfahrungen gemacht? Alice blickte sie mit wachsender
Teilnahme an. Ich glaube wir sind gleich alt. Nicht?
    Ich bin bald neunzehn.
    Und ich war vor etlichen Tagen zwanzig.
    Sie sind auch schon Frau.
    Sie werden es wohl bald; oder kennen Sie keinen Mann, den Sie heiraten
mchten?
    Ich kenne berhaupt nur vier Mnner lachte Johanne, unsern Pastor, meinen
Vormund, Herrn Wewerka und Ihren Mann. Nein, unsern alten Doctor in Sienenthal,
den ja auch setzte sie hinzu.
    Das harmlose, schlichte, ehrliche Wesen des jungen Mdchens gefiel Alice
immer besser. Es strmte etwas Gesundmachendes, Kraftvolles aus ihrer Nhe. Sie
war so sauber; ihr roter Mund mit seinen prchtigen, schneeweien Zhnen glich
einer silberklaren Quelle, die nur Reines ans Licht trgt. Sie traten einander
immer nher. Bei einem der nchsten Besuche, den Johanne ihr machte, erfuhr sie
alles. Ihre Hnde waren eiskalt, als sie zum Abschied sie in die ihrer neuen
Freundin legte. -
    Da wir uns nach dem heutigen Tag nicht mehr Sie sagen knnen, begreifst
Du meinte die junge Frau, sich die letzten Tropfen aus den Augen wischend.
    Ich will Dir auch eine treue Freundin sein, zhle auf mich sagte Johanne
ernst. Ich hab viel gelesen in frheren Jahren, aber so Trauriges nicht, wie
ich hier tglich sehe und hre. Sag mir nur, glaubst Du, da alle Menschen
unrein sind? Vielleicht haben wir eben nur solche kennen gelernt; wir mssen uns
umsehen und suchen, damit wir nicht verzweifeln. Diese Frau Wewerka scheint auch
eine dunkle Vergangenheit zu haben. Jngst stritten sich die Beiden im
Speisezimmer, ich wohne nebenan und vernehme jedes Wort. Ihr Mann sagte:
Angenehm kann es mir ja nicht sein, mit Deinem frheren Anbeter zu verkehren;
aber wenn seine Lage wirklich so glnzend geworden ist, la ihn immerhin
herkommen, vielleicht erweist er sich nachtrglich dankbar gegen dich.
    Alice prete die Zhne auf die Lippen.
    Hast Du Deinen Mann lieb? fragte Johanne, als sie schon an der Thr war.
    Die junge Frau sah auf die Spitzen ihrer winzigen Lackschuhe und errtete.
    Er kann - so s sein. Man schmilzt in seinen Armen dahin. In diesen -
solchen Momenten liebe ich ihn; aber dann, wenn wir beide nchtern sind, bei
Tage, oder unter fremden Leuten, mchte ich ihn oft anspeien vor Verachtung. Sie
hat mir noch viel anderes von ihm erzhlt ...
    Sie ists doch, die mir immer die Thre ffnet?
    Ja, die.
    Uralt! Wie kann er die nur lieben?
    Es ist ja blos Mitleid.
    Er ist doch aber kein guter Mensch.
    Gott, gut! So'n bischen weich.
    Ja, ja. Halb. Nicht krftig genug zu etwas Ganzem. Nicht dich verlieren,
nicht die Andere verlieren.
    An diesem Abend geschah etwas Seltenes. Johanne, die sonst keine besondere
Freundin des Betens war, warf sich vor dem Schlafengehen auf die Kniee und
betete innig. Sie betete, da Gott ihr und ihrer jungen Freundin gute, reine
Menschen entgegenfhren mge, an denen sie sich halten und sttzen knnten.
    Sie war erst wenige Monate da und schien innerlich um Jahre gealtert. Sie
erfuhr mit jedem Tage Neues vom Leben.
    Ihre kindliche Bewutseinsdmmerung war einer grellen blendenden Ahnung
gewichen. Das Pflaster ihres Ninive schien von Thrnen hei zu sein und von
fiebernden Sohlen, die ber ihm hinwegschritten. - Manchmal ging sie nach der
Kirche und hrte eine Predigt an. Aber die geistreichen, eiskalten Tiraden
dieser eleganten Priester machten sie nicht froher. Ihr inneres Leid, zusammen
mit der schlechten, wenig gesunden Nahrung, lie sie rasch abmagern und nahm
ihrem Gesichte die rosige Farbe. Sie glich jetzt den anderen Grostadtmdchen
mit heien, berwachten Augen und fahler Haut. Am Abend fiel sie immer totmde
ins Bett. Die Schule lag weit weg von hier, und sie mute tglich viermal den
Weg zu Fu zurcklegen. Auch gestand sie sich ehrlich, da ihr die Pdagogik
nicht das geringste Interesse abgewann. Sie lernte ohne Freude, ohne Hoffnung.
Aber beharrlich, wie sie war, kam es ihr nicht in den Sinn, an einen anderen
Beruf fr sich zu denken. Einmal sagte sie zu Alice: Weit Du, es ist auch
trostlos. Die ewige Schule, Herr und Frau Wewerka! Wenn ich Dich nicht htte!
...
    Und Du hast doch so wenig von mir meinte Alice. Aber weit Du, mir ist
jngst ein Einfall gekommen. Ich will Ernst bestimmen, da er nette Leute zu uns
bringt. Was meinst Du? Leide ich nicht ebenso wie Du unter dem Einerlei? Den
ganzen Tag fast allein, das traurige Gesicht Mathildens vor mir ... Immer kann
man auch nicht lesen. Wir wollen uns ins Leben strzen, willst Du?
    Johanne lchelte. Aber wie fngt man das an?

                                       5


Eines Tages sagte Herr Wewerka bei Tisch: Frulein Johanne, Ende dieser Woche
werden wir einige Gste bei uns sehen. Auch Ihre Freundin Alice mit ihrem Mann.
Es ist Ihnen doch nicht unangenehm.
    O ich freu mich darauf sagte Johanne berrascht; dann grbelte sie, ob die
kleine Frau das so eingefdelt hatte, und warum sie nicht bei sich, wo es doch
viel hbscher war, die Gste empfinge. Sollte etwa Mathildens Gegenwart daran
schuld sein? Schmte Alice sich, die Gste von ihr bedienen zu lassen?
    Der Sonnabend kam heran. Johanne hatte sich auf Frau Wewerkas Rat ein
einfaches Kleidchen machen lassen, das ihre schne, schlanke Gestalt
vorteilhafter hervorhob, als die plumpen Nhknste von Sienenthal es thaten.
Frau Wewerka lieh sich aus einer Anstalt das ntige Service aus und bestellte
die bekannte Kochfrau. Das unfreundliche Dienstmdchen machte zum erstenmal ein
etwas heiteres Gesicht. Sie hoffte auf Trinkgelder.
    Die ersten Gste, die eintrafen, waren Schlers.
    Frau Borstig hat abgesagt, aber ihr Mann kommt sagte die Hausfrau.
    Sie hat wohl ihr gutes Kleid versetzt meinte Schler boshaft. Dann machte
er Johanne den Hof. Alice sah reizend aus in ihrem dekolletierten blauen
Kleidchen und dem hochfrisierten Haar. Es war nicht zu leugnen, ein wenig
kokottenhaft sah sie aus; aber jede Franzsin, wenn sie nicht alt und hlich
ist, sieht geputzt so aus. Man sa einige Zeit im Wohnzimmer, wo Frau Wewerka
zum erstenmal Johanne empfangen hatte. In der Abendbeleuchtung machte es sich
ganz elegant. Die Nippessachen aus dem Fnfzig-Pfennigbazar, die auf Konsolen
und Schrnken umherstanden, verloren an Wertlosigkeit unter dem verklrenden
Licht der rotbeschirmten Lampen. Man erwartete zehn Gste. Frau Borstig hatte
abgesagt, also kamen nur Herren. Kurz nach der anberaumten Stunde stellten sich
die Geladenen ein. Herr Borstig und Herr Berner, Herr Doctor Lang und noch
andere Namen klangen an Johannes Ohren.
    Sie war verlegen und hielt sich beharrlich an Alices Seite. Man redete zu
ihr, sie antwortete zerstreut; endlich trat ein Herr zu ihr und bat um die Ehre,
sie zu Tisch fhren zu drfen. Johanne sah ihn ratlos an. Ob er sich ihrer
Verlegenheit erbarmen wrde? Er that es.
    Gndiges Frulein sind wohl erst kurze Zeit hier, ich hatte noch nirgends
das Vergngen, Ihnen zu begegnen. Er war ein hochaufgeschossener junger Mensch
mit einem Durchschnittsgesicht und einem faden Lcheln um den slichen
Frauenmund. Johanne sah ihn heimlich an und bemhte sich, aus seinem Aeuern zu
erkennen, welchen Standes oder wes Geistes Kind er sei.
    Ja, ich bin noch nicht lange hier sagte sie unbeholfen.
    Und gefllt es Ihnen bei uns?
    Mit jedem Tage weniger gestand sie.
    Warum? fragte er ein wenig interessiert.
    Es ist sehr de in dieser Stadt.
    Oede lachte er, eher alles, als das. Vielleicht leben Sie nicht, wie man
in einer solchen Stadt leben mu, um sie kennen und lieben zu lernen.
    Ich wte nicht, wie ich anders leben sollte. Ich studiere hier.
    Ah! Gehen Sie auch in Gesellschaften, Theater?
    Sie schttelte den Kopf. Dieses ist die erste Gesellschaft, die ich
mitmache.
    Ein geringschtziges Lcheln zuckte um seinen Mund. Wewerkas fhren ein
sehr zurckgezogenes Leben. Frher traf man fters mit ihnen zusammen.
    Sind Sie befreundet mit ihnen?
    Gewi߫. Er sah sie ironisch an. Wir sind alle befreundet hier.
    In diesem Augenblick gab die Hausfrau ein Zeichen. Es entstand ein
frhlicher Tumult. Da die Damen in der Minderheit vorhanden waren, faten sich
etliche der Herren scherzend unter den Arm und fhrten einander zu Tische.
Pltzlich hrte sie hinter sich flstern: Machen Sie mir das Kind nicht
verrckt. Sie sah sich um und blickte in Schlers lchelndes Gesicht.
    Bei Tisch sa ihr gegenber Alice, deren Nachbar Johannes Begleiter
verstndnisvolle Blicke zuwarf. Whrend die Andern durcheinander schwatzten und
schrieen, sagte Johanne leise: Ich habe Ihren Namen vergessen, entschuldigen
Sie.
    Ihr Nebenmann lachte.
    Das zeigt mir, wie wenig berhmt ich noch bin, sonst htten Sie ihn im
Gedchtnis gehabt, noch bevor Sie mich persnlich kannten. Ich heie Babinsky.
    Sie sah ihn fragend an. Sind Sie Knstler, weil Sie vom Berhmtsein
sprechen?
    Ach, gndiges Frulein -
    O bitte, lassen Sie das: gndig, ich bin ein einfaches Mdchen.
    Ich bin Schriftsteller; ob ichs schon zum Knstler gebracht habe, wei ich
nicht. Die Welt behauptet es. Er schluckte ein groes Stck Fleisch hinab.
Aber ich - ich bin natrlich unzufrieden mit mir, wie es alle bedeutenden
Geister mit sich sind. Haben Sie auch von meinem Freund Mink noch nichts
gehrt? Er deutete auf Alicens Tischnachbar hinber.
    Was ist er? Sie schmte sich innerlich ber ihre Unwissenheit.
    Der grte Lyriker der Gegenwart sagte Babinsky nachlssig. Ich habe es
mindestens neulich in meinem Essay ausdrcklich betont.
    Ah, Sie sind auch Redakteur?
    O nein sagte er, sich in die Brust werfend, ich bin dramatischer Dichter,
aber nebenbei schreibe ich auch Kritiken. Ich wohne mit Mink zusammen. Wir
ergnzen uns trefflich. Braucht er praktische Winke, irgend eine Handlung, eine
besonders drastische Szene, so wendet er sich einfach an mich; bedarf ich einer
weichen, lyrischen Stimmung, eines besonders zarten Bildes, ist er mir
behlflich.
    Das ist rhrend sagte Johanne. Und in welchem Theater, hier giebts ja so
viele, werden Ihre Stcke aufgefhrt?
    Der groe Dichter leerte sein Glas in einem Zuge und lehnte sich behaglich
zurck.
    Bis jetzt habe ich nur eins auffhren lassen, das nrrischste. Die Zeit ist
noch nicht reif fr meine Ideen. Uebrigens behauptete mein Freund neulich in
seiner Abhandlung ber mich als Dramendichter, da die Auffhrung meiner Stcke
eine andere Szene als die auf unsern Theatern bliche erheischt.
    Herr Mink schreibt ber Sie und Sie ber Herrn Mink, wie komisch! Das
junge Mdchen lachte.
    Was ist da Komisches dabei? meinte Babinsky achselzuckend. Sehen Sie den
Herrn dort unten am Ende des Tisches, der eben mit Wewerka spricht?
    Johanne beugte sich vor.
    Der mit der groen Nase und dem langen Haar?
    Ja, ja, der! Nun sehen Sie, der schreibt, er ist Romandichter, bestndig
ber sich selbst Kritiken, weil kein Kritiker es thut.
    Aber nein rief Johanne, lachen denn die Leute nicht darber?
    Die wissen ja nicht, da die groen Lobeserhebungen, die er sich zollt, von
ihm selbst geschrieben sind.
    Prosit Babinsky! riefs von gegenber. Prosit Mink! Die Freunde tranken
einander zu. Alice nickte freundlich zu Johanne hinber.
    Wenn das doch mir glte scherzte Babinsky.
    Kennen Sie sie? Sie ist noch nicht lange hier.
    Ich hrte viel von ihr, gesehen hatte ich sie bis heute noch nicht. Sie ist
ein reizendes Weib.
    Sie ist meine Freundin sagte Johanne ernsthaft, ohne zu wissen warum.
    Gratuliere! Babinsky verneigte sich vor Johanne. Ist er auch Ihr Freund?
    Kennen Sie ihn? fragte das junge Mdchen, ohne vom Teller aufzusehen.
    Wie meine Westentasche. Sehen Sie, er verdreht sich eben den Hals nach
Ihnen; ich glaube, er ist verliebt in Sie.
    Wer ist der Herr, der neben ihm sitzt? fragte Johanne khl.
    Das ist der bekannte Marschner, ein Verleger.
    Weshalb ist er bekannt?
    Das junge Mdchen sah auf den ltlichen Mann mit der emporstrebenden Nase
und den herabhngenden Mundwinkeln, der immerfort Frau Wewerka anstierte.
    Erstens weil er die Kunst versteht, von den Schriftstellern das hchste
Honorar herauszuschlagen -.
    Sie von ihm, meinen Sie.
    Nein, Frulein, er von ihnen. Es giebt Dichter, ich natrlich gehre nicht
zu diesen - die den Verleger gut bezahlen, wenn er sie druckt. Sodann ist er der
Mann der grten Auflagen. Er beginnt nmlich gleich mit der zwlften Auflage
eines Dichtwerkes in seinem Verlage; auch versteht er es gut, Titelauflagen
unters Publikum zu schmuggeln; aber pardon, das werden Sie kaum verstehen;
endlich - Danke, gndige Frau, ich komme gleich nach. Er verneigte sich gegen
die Hausfrau, die ihm zutrank. Von wem sprach ich doch? Ja richtig: endlich hat
er neulich eine Erbschaft gemacht und ist augenblicklich im beneidenswerten
Besitze eines hbschen Mammons.
    Johannes Brauen runzelten sich leicht, und sie prete die Zhne auf die
Lippen.
    Was ist Ihnen? Babinsky sah sie verblfft an.
    O nichts sagte sie und suchte den feuchten Glanz ihrer Augen zu verbergen.
Dann blickte sie auf Frau Wewerka und den Alten. Wissen Sie, ich wrde
wahnsinnig werden, wenn ich ewig hier bleiben mte.
    O rief Babinsky, wahrhaftig? warum? Und wohin wollen Sie denn?
    Mein Jahr hier studieren, ein Examen machen und dann in eine Provinzstadt
in Stellung gehen. Das ist ja schrecklich in diesem Ninive. Sie bemhte sich,
ihre Erregung zu verbergen und zu scherzen.
    Ninive? fragte er.
    Da erzhlte sie ihm von ihrer frheren Schwrmerei fr die Stadt, deren
Boden ihr jetzt unter den Fen brannte. Er belustigte sich hchlich ber den
Namen.
    Ich werde in Zukunft auch so sagen, wenn Sie mich nicht auf Diebstahl
verklagen scherzte er.
    Die Hausfrau erhob sich, die andern folgten ihr. Jetzt erst bemerkte
Johanne, da ein Stuhl am Tische leer geblieben war.
    Darf ich Ihnen meinen Freund vorstellen? sagte Babinsky und stellte Mink,
der von Alice verlassen wurde, Johanne vor. Das Frulein ist eine groe
Pessimistin. Bemhe Dich, sie heiter zu machen; sie will Ninive verlassen. Er
erklrte Mink heiter die Bedeutung des Namens.
    Es wre schade.
    Der kleine blonde Mann mit der Kartoffelnase, der kaum zwanzig Jahr alt
schien, aber in Wirklichkeit lter war, blickte neugierig in Johannes Gesicht.
Er hatte schon die ganze Zeit her bei Tische ihre reinen, schnen Zge
bewundert. Er nahm den Kneifer ab, wie befriedigt ber das, was seine scharfen
Glser entdeckt hatten.
    Ich bin ein schlechter Ueberzeuger, ich selbst mchte zuweilen aus Ihrem
Ninive durchbrennen. Da mte man den Hans Tage hier haben, der -
    Wie? rief Johanne, dunkel errtend, Hans Tage kennen Sie? Ach Sie
Glcklicher, nein, den!
    Die beiden Freunde warfen sich einen lchelnden Blick zu. Kennen Sie ihn?
fragte Mink, der bei der backfischhaften Aeuerung etwas Bewunderung fr Johanne
verlor.
    Er ist ein Genie sagte sie freigebig. Ich war wie im Himmel, als ich
Einiges von ihm las. Seit einem Jahr wnschte ich nichts sehnlicher, als ihm zu
begegnen. Es mu ein herrlicher Mensch sein.
    Ein herrlicher Mensch nickte Babinsky und sah zu Mink hinber, wo steckt
er denn augenblicklich? Wir wollen ihn gefesselt vor die Fe seiner Bewunderin
legen.
    O wenn - nein! ...
    Sie ist doch riesig albern, dachte Wewerka, der leise zu den Dreien getreten
war, und kte Johanne die Hand.
    Mahlzeit! Wie haben sich eure Herrlichkeit amsiert?
    Mink legte seine Hand leicht auf Babinskys Arm und schlenderte nach dem
Sopha, wo Frau Wewerka Cercle hielt.
    Gefallen Ihnen die beiden jungen Leute? flsterte Wewerka. Es sind zwei
unserer bekanntesten Dichter.
    Sie scheinen berhaupt nur Berhmtheiten hier zu haben. Ihre Blicke
glitten ber die Gste hin.
    Ironisch, Johanne? Der Hausherr sah ihr in die Augen. Ich habe in der
That nur bekannte Namen hier.
    Einige Herren, zum Beispiel den dort mit den aufgekrempelten Hosen - es ist
doch nicht na hier - kenne ich noch nicht; auch den dort mit dem schwarzen
Backenbart nicht.
    Der erstere ist - nicht ernst zu nehmen. Er lebt augenblicklich sehr, wie
soll ich sagen, primitiv. Uebernachtet meist in Kaffeehusern und so.
Gegenwrtig ohne Stellung und Arbeit. Er ist Journalist und zwar ein sehr
gewandter. Frher war er Priester; dann trat er aus dem Orden aus und ging zur
Feder ber. Sein Chefredakteur kndigte ihm, weil er zu sehr ber die Katholiken
loszog. Man sagt, er gehe wieder ins Kloster zurck. Wahrscheinlich nicht in
dasselbe, aus dem er kam. Der Herr mit dem Backenbart - sa er nicht rechts von
Ihnen? - ist Maler, hat eben eine eklige Geschichte hinter sich, wegen eines
Modells. Na, das pat nicht fr Ihre Ohren. Uebrigens, der Eine, auf den ich
noch rechnete, ist nicht gekommen.
    In diesem Augenblick hrte man von drauen heftig die Klingel ziehen, und
nach ein paar Augenblicken trat ein Mann herein, auf den Herr und Frau Wewerka
mit Vorwrfen, da er so spt komme, losstrzten. Der Angekommene mochte Ende
der Dreiig oder Anfangs der Vierzig sein. Er hatte scharfgeschnittene Zge,
einen dunklen Teint, sehr wenig Haare auf seinem prchtig gewlbten Schdel und
diese wenigen so glatt gestrichen, als machte es ihm Freude, die elfenbeinerne
Platte noch bedeutender erscheinen zu lassen. Mit khlen Blicken musterte er die
Anwesenden und beruhigte die strmische Liebenswrdigkeit der Hausherren.
    Ihr habt doch genug jeunesse dore hier; was braucht ihr mein ehrwrdiges
Greisenhaupt in Euerer Mitte?
    Herr Max Lohringer, Frulein Johanne Grn stellte die Hausfrau die beiden
einander vor; dann fhrte sie ihn zu Alice. Johanne sagte zu Mink, der wieder zu
ihr getreten war: Wer ist doch dieser Herr? Ich habe schon irgendwo seinen
Namen gehrt.
    Mink lie durch eine Grimasse den Zwicker von der Nase fallen. Max
Lohringer? Hm. Das ist schwer zu beantworten. Er ist nmlich - gar nichts. Das
wurmt ihn, deshalb schimpft er ber alles und alle. Besonders ber die Kunst und
was mit ihr zusammenhngt: die Knstler. Er mchte fr sein Leben gern auch
einer sein, besitzt aber auf keinem Gebiet das mindeste Talent.
    Wirklich, wie schade sagte Johanne. Dann nherte sie sich Alice, die eben
vorbei kam.
    Du, denk Dir, Mink und Babinsky kennen Tage.
    Die junge Frau sah die Freundin fragend an. Tage? Wer ist das?
    Wie, den kennst Du nicht? Nun ja, Du bist erst so kurz hier. Dein Mann
kennt ihn sicher. Er ist einer der berhmtesten Dichter von allen. Du knntest
mir einen riesigen Gefallen thun. Lade die beiden Freunde zu Euch ein und sage
ihnen, sie sollen Tage mitbringen. Ja, magst Du? Ich mchte ihn fr mein Leben
gerne kennen lernen. Er erscheint mir als der einzige bedeutende Mensch in
diesen trostlosen ...
    Na, na, Du hast Dich heute doch ganz gut unterhalten. Aber wies mit dem
Einladen wird? Ernst hat auf meine Bitte, uns Gste zuzufhren, Frau Wewerka
bestimmt, diese Gesellschaft zu geben. Sie deutete es mir an. Ich glaube, er
will bei uns niemand empfangen. Du weit ja weshalb.
    Ich dachte es mir sagte Johanne.
    Aber versuchen, ihn zu bitten, kann ich ja. Schlielich fr einen Abend
wird wohl andere Bedienung zu haben sein.
    Was fr Weltgeschicke werden hier gebraut?
    Max Lohringer stand neben den beiden Damen. Johanne fhlte ein Paar weicher,
dunkler Augen auf sich gerichtet.
    Alice lachte. Meinen Sie, das sagen wir Ihnen?
    Er sah von der einen zur andern. Sie schienen ihm beide zu gefallen. Dann
wandte er sich an die junge Frau.
    Mir braucht man nichts zu sagen; lassen Sie mich nur ihre Hand fhlen; ich
bin Gedankenleser.
    Ei! rief Frau Schler, whrend es Johanne hei durch die Wangen strmte.
Sie hatte in eben demselben Augenblick gedacht: wie kommt der eigentlich hierher
; er sieht ganz anders aus als die Uebrigen.
    Wissen Sie, was meine Freundin eben innerlich beschftigt? Alice blickte
bermtig auf Johanne.
    Er sah mit einem langen Blick in das schne Gesicht des jungen Mdchens.
    Sie suchen.
    Gefehlt sagte sie, ihre Bestrzung tapfer verbergend. Das htte ich
garnicht ntig!
    Er verbeugte sich. Das war kniglich gesprochen. Sind Sie angehende
Schauspielerin? Nun lachten beide.
    Die? sagte Alice, sie ist erst ein halb Jahr unter kultivierten
Menschen.
    Johanne blickte zu Lohringer auf.
    Aber es waren brave Leute, von denen ich kam, wenn sie auch mit dem Messer
statt mit der Gabel aen.
    Sie schwrmen fr Naturzustnde. Sind wohl auch Vegetarierin in Wolle.
    Was ist das?
    Er sah sie mit ironischem Lcheln an. Man reichte Bier herum. Er dankte.
    Aber vielleicht ein Glas Wein oder Thee sagte Frau Wewerka herantretend.
    Danke rief er entschiedener als ntig war und ging auf die beiden
Dichterfreunde zu, mit denen er sich in ein Gesprch einlie.
    Spter trat Schler zu Johanne und wich fr den Rest des Abends nicht mehr
von ihrer Seite. Lohringer ging gelangweilt bald zu diesem, bald zu jenem. Er
war der erste, der aufbrach.
    Spt nach Mitternacht entfernten sich auch die Uebrigen. Johanne fhlte sich
mde und abgespannt, als sie ihr Lager aufsuchte.

                                       6


Es war kein erfreuliches Leben.
    Der Unterricht dieser Kinder mit ihren frhreifen, altklugen Gesichtern, in
denen der Charakter der Eltern bereits ausgeprgt stand, lastete wie eine
schwere Pflicht auf Johanne. Man merkte es in ihrem Umgang mit den Kleinen. Sie
sollen mit Liebe den Kindern entgegentreten, nicht mit der Miene verdrossenen
Pflichtgefhls sagte die Lehrerin.
    Es sind ja nicht meine eignen drangs unwillkrlich ber die Lippen des
Mdchens. Nachher schmte sie sich des Wortes. - Eine unendliche Leere und
Trostlosigkeit bemchtigte sich ihrer.
    Diese riesigen Mietskasernen mit ihren prunkvollen Aufgngen, ihren
Telephonen, elektrischen Beleuchtungsapparaten, Dampfheizungen, ihren
hundertartigen technischen Ueberraschungen, diese Mietspalste, in denen eine
bis zur Sinnlosigkeit unruhige, hastende Menge aus- und eineilte, erschienen ihr
wie mchtige steingewordene Lgen. Frher hatte sie geglaubt, da in schnen
Palsten glckliche Menschen wohnen mssen; nun hatte sie mehr und mehr Einblick
in das Leben erhalten. Die Fe aller dieser hinstrmenden Menschen waren
schmutzig und staubig von den Wegen, die sie wandelten. Die Kinder sahen nicht
wie Kinder aus, und die Erwachsenen besaen alle etwas greisenhaft Blasiertes,
Erschpftes. Auf der Strae durfte man keinen Moment langsam gehen, oder vor
einem Schaufenster stehen bleiben, ohne sich den rgsten Insulten auszusetzen.
    In den Kirchen predigten Priester, die eher alles, als das was sie
verkndeten, zu glauben schienen. Und die Kunst? Waren die Herren Mink und
Babinsky nicht typisch fr die Zustnde, die da herrschten.
    Ninive stand als Sonnenuhr ber den andern Stdten des Reiches. Welche
Stunde sie in Sachen des guten Geschmacks zeigte, die galt fr alle Kunstfreunde
des Landes. Wenn Herr Babinsky Herrn Mink in langen Berichten lobte und Herr
Mink Babinsky als das grte Genie pries, muten die guten Provinzler es nicht
glauben? Und der Ehrenmann Schler, der an der Spitze eines groen Blattes stand
und im Brustton ehrlicher Ueberzeugung seine hochherzigen, lieberalen
Gesinnungen und Ansichten in die Welt posaunte (einstweilen gengte ihm der
Gehalt, den sein Chef ihm auszahlte), stand er etwa vereinzelt da? War Wewerka
besser? Da seine sogenannte Redakteurstellung nur ein Scheinamt war, hinter dem
er allerlei dunkle Spekulationen verbarg, mit denen er von Zeit zu Zeit irgend
einen der biederen Landwirte brav hineinlegte, war Johanne lngst klar.
Schmutz berall, wo man anfate.
    In manchen Augenblicken war ihr, als hre sie langes Gras um sich flstern
und spre frischen Wind auf ihren Wangen spielen. Aber mit ihrer angeborenen
Festigkeit - oder wars der Trotz der Jugend, die ein einmal ins Auge gefates
Ziel nicht lassen will - sagte sie sich: nein. Der Kurs mute hier beendet
werden; koste es, was es wolle, und wenn selbst ihr krperliches Wohlbefinden
darunter leiden sollte. Alle die Erfahrungen, die ihre kindlich reine, durch ihr
einsames Jugendleben doppelt empfindsame Seele trafen, zehrten an ihrer
Gesundheit und Kraft. Ihre Wangen wurden von Tag zu Tag blasser. Sie unterschied
sich jetzt in nichts mehr von den anderen Grostadtmdchen, mit ihrer rmlichen
Eleganz, ihrer zierlichen Haltung, ihren alles sehenden und sich ber nichts
verwundernden Augen.
    Ihre braven, genagelten Schuhe hatte sie schon lange in die Ecke geworfen.
Sie konnte auf diesem heien Asphaltpflaster nicht darin gehen. Sie trug jetzt
dnne Schuhchen, die wenig kosteten und bald zerrissen waren.
    Eines Tages erhielt sie ein winziges rosa Briefchen. Meine liebe kleine
Hanne, komm bermorgen Nachmittag zu mir. Nimm Dir aber vor, stark zu sein, denn
Du wirst den treffen, nach dem Dein Herz verlangt. Ich mchte beinahe glauben,
da Schler in Dich verliebt sei. Kaum sprach ich Deinen Wunsch aus, als er auch
schon Schritte that, ihn zu erfllen. Hte Dich vor Ernst. Er thut nichts
umsonst .....
    Im ersten Moment sagte sich Johanne: nein, ich gehe nicht hin. Dann, als der
Tag anbrach, da sie hingehen sollte, fate sie eine verzehrende Neugierde, eine
Hoffnung, eine Rhrung. Vielleicht kam Gutes aus der Begegnung mit diesem Manne,
der doch kein niederer Mensch sein konnte, nach all dem, was er geschrieben
hatte. Sie zog ihr bestes Kleid an und ging zu Schlers. Alice war am Theetisch
beschftigt; um sie gruppiert saen drei Herren. Zwei von ihnen kannte Johanne.
Es waren Mink und Babinsky; der dritte war ein kleiner, verwachsen aussehender
Mensch mit wulstigen Lippen, einer birnenfrmigen Nase, rtlichem Haar und
klugen, sphenden Augen.
    Herr Tage, Frulein Grn, stellte Alice die beiden einander vor. Alle
schwiegen und blickten auf das junge Mdchen. Sie wurde rot und bla; dann sagte
sie, die innere Belustigung der Andern ahnend, zu Tage: Gerade so habe ich Sie
mir gedacht.
    Alice lachte und zog die Angekommene neben sich auf das Sopha. Tage, der
sich neben den Freunden niederlie, blickte ironisch auf die Andern.
    Wie schlecht mssen meine Gedichte sein.
    Mink schlug ihm auf die Schulter. Sag doch lieber: was mu ich fr ein
prchtiger Junge sein, denn da deine Gedichte vortrefflich sind, bist du ebenso
berzeugt wie wir.
    Es flogen einige Wortwitze hin und her; dann reichte Alice den Thee herum.
Tage wandte sich an Johanne und zog sie in ein Gesprch. Er hatte etwas Feines,
Whlendes in seiner Sprache, etwas beraus Beruhigendes. Jedes Wort schien, ehe
es ausgesprochen war, wohl berdacht zu sein. Auch seine Art sich auszudrcken
war ungewhnlich. Man sah, da er mit Leuten aus der Gesellschaft zu verkehren
pflegte. Er war nicht der Mann, wie ihn Johanne aus seinen Gedichten erwarten
konnte, aber sie war nun schon gewohnt, alles anders zu finden, als sie gehofft
hatte.
    Im Laufe des Gesprchs fiel ihr auf, da er gewisse gelehrte, nach
Litteraturgeschichte riechende Phrasen wieder und wieder gebrauchte; auch da
die beiden andern jungen Leute ihn mit besonderer Zuvorkommenheit behandelten.
Sie konnte nicht recht klug aus ihm werden. Indes sie nach und nach ihre
natrliche Lebendigkeit und Anmut wiederfand und ihre Augen den gewhnlichen
treuherzigen, warmen Ausdruck erhielten, fhlte er sich von Wort zu Wort, das
sie sprach, mehr gefesselt.
    Seine Strke war es ja, solche kinderreine, liebliche Mdchengestalten zu
zeichnen, Mdchen mit blauen Bndern im Haar, voll ser thrichter Einfalt. Und
weil jeder Mann in jeder Frau nur das sieht und hrt, was er in sie hineinlegt,
so sprte Tage nichts von all dem Starken, Ringenden in dieser jungen Seele. Er
hrte nur ihre Unschuld und Sehnsucht reden. Alice unterhielt sich mit Mink und
Babinsky, indes sie von Zeit zu Zeit einen forschenden Blick auf die beiden
miteinander Sprechenden warf.
    Als Johanne endlich aufstand - sie fhlte, wie ihre Wangen zu brennen
begannen - erhob sich mit ihr zugleich Tage.
    Sie gehen? Darf ich Sie geleiten?
    Bitte sagte sie einfach.
    Die Dichterfreunde erhoben sich ebenfalls. Auf der Strae trennten sie sich
von Johanne und ihrem Begleiter.
    Die Beiden gingen eine zeitlang schweigend hin, dann sagte Tage:
    Dichter besitzen etwas, was man poetische Licenz nennt, das heit: die
Freiheit, zu sagen, was andere nicht sagen drfen. Und wenn ich nun von diesem
meinem Rechte Gebrauch mache, werden Sie mir hoffentlich nicht zrnen, nichtwahr
nein?
    Sie schwieg verlegen.
    Sie sind ein wunderbares Geschpf. Sagen Sie, haben Sie eigentlich schon
einmal geliebt? Sie fhlte einen schmerzlichen Stich durch ihr Herz gehen. Sie
geliebt? Wen etwa? Sie die ganz Einsame.
    Nein, ich - ich ging immer allein.
    Klang es nicht wie das Bekenntnis eines mittelalterlichen Gretchens: Ich
ging immer allein?
    Geben Sie mir doch Ihren Arm bat er, es geht sich so besser in dem
Gedrnge. Sie legte schchtern ihre Hand auf seinen Arm. Sie gingen durch
elektrisch beleuchtete Straen, mit herrlichen Schaufenstern, tausenden von
Menschen, einem Gewimmel von Wagen, die sich des riesigen Verkehrs wegen nur
stockend fortbewegen konnten.
    Sie fhlte, wie er sie ansah, wie er von Zeit zu Zeit ihren Arm inniger an
sich drckte. Ein leiser Taumel ergriff sie. Als ob sie trumend dahinschwebe
...
    Als sie endlich bei ihrem Hause hielten, sagte er leise: Frulein Johanne,
wann gehen Sie immer nach dem Frbelhaus? Wrden Sie zrnen, wenn ich - Ihnen
begegnete? Sie antwortete nicht, sondern schttelte nach Kinderart den Kopf. Er
sah ihr einen Moment lang starr in die Augen, zog ihre Hand an seine Lippen,
ffnete ihr die Hausthr und verschwand im Gewhl der Strae. Sie schritt
langsam hinauf, berhrte kaum ihr Nachtessen, und begab sich zu Bette. Lange
Stunden lag sie mit offenen Augen da und lauschte in sich hinein in heimlicher
Verwunderung......
    Am andern Tag, als die Unterrichtsstunden beendet waren, kam er wirklich auf
sie zugeeilt. Er war elegant gekleidet und berreichte ihr drei rote Rosen. Sie
freute sich, plauderte ein wenig mit ihm und dachte so oft sie ihn ansah: Gott
wie hlich. Aber mit der Zeit wrde sie es vielleicht bersehen. Sie blhte wie
die Rosen in ihren Hnden; nur um ihre Augen lag ein ganz feiner trumerischer
Ausdruck.
    Tage blickte sie sehr verliebt an.
    Sie machten einen Umweg nach ihrem Hause. Heute sprach er auch von seinen
Gedichten.
    Wissen Sie meinte er unter anderem, ich verkehre nur selten mit meinen
Kollegen. Es sind alles rohe und was mehr ist: unfhige Burschen. Im
Litteraturverein trifft man sich ja zuweilen; aber ich schneide sie, wo ich
kann. Man wird gleich um Protektion angepumpt und haste nicht gesehen rufen sie
einen als ihren Freund und Genossen aus. Meine Einzelstellung in der Litteratur
verbietet mir solche Verbrderung.
    Ja, ich lachte und weinte damals ber Ihre Strophen sagte Johanne, ich
fhlte mich erhoben, wenn ich in Ihren Gedichten las.
    Das hre ich oft und es freut mich, sind sie doch - er seufzte tief auf,
mit Herzblut geschrieben. Manches junge Mdchen hat mir schon bekannt: seit ich
Ihre Poesien kenne, glaube ich wieder an das Gute und Schne im Leben.
    Von diesem Tag an begleitete er sie sehr hufig nach Hause.
    Eines Herbstabends, es dunkelte schon frh, zog er sie in den Flur ihres
Hauses und stammelte: Johanne, Johanne, ich vergeh vor Sehnsucht. Und er
brachte sein Gesicht dem ihren nah. Sie wollte etwas erwidern; da hatte er beide
Lippen auf die ihren gepret, als wollte er ihre Seele schlrfen und war
davongeeilt. Sie stand einen Augenblick an die Mauer des dunklen Eingangs
gelehnt und vermochte sich nicht zu rhren. Dann ging sie hinauf und weinte. Am
andern Tag wollte sie ihm einen emprten Brief schreiben, aber sie kannte seine
Adresse nicht.
    Zum Glck erschien er heute nicht. Sie wrde vor Scham und Aerger
wahrscheinlich auf der Strae eine Szene gemacht haben.
    Nachmittags ging sie zu Schlers. Sie wollte dort seine Strae erfahren. Auf
dem Wege dahin berlegte sie, ob er vielleicht vorhabe, sie zu heiraten. Aber
selbst dann, schien es ihr, durfte er sich nicht so betragen. Sie war mit sich
unzufrieden, obzwar sie nicht wute, wie sie sich htte anders benehmen sollen.
Er hatte sie berrascht. - -
    Bei Schlers ffnete Alice die Thre. Sie hatte rotgeweinte Augen und war
sehr aufgeregt.
    Denk Dir, Madame ist krank, oder behauptet mindestens es zu sein. Sie
arbeitet nichts und liegt auf der faulen Haut. Glaubst du, er liee mich einen
andern Dienstboten mieten? Keine Spur. Ich, meint er, soll so lange das Ntige
besorgen, bis sie wieder flott ist. Wie findest du das? Ich finde es unerhrt.
-
    Die kleine Frau trippelte nervs in ihrem Zimmer auf und ab. Unsere alte
Wirtschafterin in St. Estephe lie mich nie in die Kche. O, ich bin sehr
unglcklich. Sie warf sich in einen Sessel. Weit du, was er jetzt thut? Er
macht sich sein Bett selbst und lt Essen aus dem Gasthaus kommen. Alles wegen
der Alten. Welch gutes Herz, wie?
    Johanne suchte die Freundin so gut sie konnte zu beruhigen. Dann bat sie um
Tages Adresse.
    Ich wei sie nicht sagte Alice, aber Mink kennt sie. Er soll sie dir
mitteilen. Liebst du etwa das Scheusal Hans Tage?
    Johanne errtete. Mu man alle gleich lieben, mit denen man auf der Strae
geht?
    Na ich, ich schaff mir jetzt um jeden Preis einen Verehrer an, mir ist dies
Leben unausstehlich.
    Johanne fate ihre Hnde. Alice, mach nicht so bse Scherze. Du bist eine
verheiratete Frau.
    Wer hat denn angefangen? rief die junge Frau erregt, er oder ich? Wer hat
mich schndlich hintergangen. Und ich hielt so viel von ihm! Sie brach in
Thrnen aus. Nun thue ich ihm, was er mir gethan hat.
    Harre doch aus. Es mu sich ja ndern, wenn sie stirbt -
    Ach was, die stirbt nicht.
    Johanne ging traurig fort. Nichts als Elend, wohin man blickte. Und in ihrer
eignen Brust ein Sturm widersprechender Gefhle. Ach, wenn sie doch wirklich
Einen besessen htte, der ihr gehrte mit Leib und Seele. Es war zu trostlos, so
allein dahinzutreiben. Wenn Tage ihr Halt und Sttze sein knnte? Aber durfte
sie das hoffen? Berechtigte sein Benehmen dazu? Fate er etwa einen Ku ebenso
ernsthaft auf wie sie? Vielleicht. Die Thrnen traten ihr in die Augen, als sie
das Glck erwog, jemanden zu haben, an dessen Brust sie ihr Haupt lehnen knnte.
    Wenn sie ihn jetzt hier gehabt htte, sie wrde ihm weich und hingebend
begegnet sein .....
    Am andern Tag, als sie aus der Schule kam - er hatte sie wieder nicht
erwartet - klopfte es und ihr Hausherr trat herein. Die hundert Falten in seinem
Gesicht waren alle lebendig und zuckten.
    Ich bringe Ihnen die gewnschte Adresse sagte er sich niederlassend, Mink
begegnete mir vorhin und teilte sie mir mit. Er wollte selbst zu Ihnen kommen,
hatte es aber sehr eilig. Frulein Johanne, Frulein Johanne, sind Sie
eiferschtig, wollen Sie ihn berraschen? Lassen Sie sich von einem
Uneigenntzigen davor warnen. Sie wrden keine angenehmen Entdeckungen machen.
Er rckte seinen Stuhl nher dem ihren. Tage ist durchaus kein tadelloser
Charakter, Frulein Johanne. Ich wrde dies Ihnen nicht mitteilen, wenn mich
nicht durch meine liebe Frau Freundschaft mit Ihnen verbnde.
    Aber stotterte das junge Mdchen, Herr Tage geht mich ja eigentlich
nichts an, ich wei nicht was Sie -
    Sie interessieren sich fr ihn, Sie gehen mit ihm, ich selbst habe Sie an
seinem Arm gesehen, er sah ihr tiefes Errten - Sie sind ein unschuldiges,
erfahrungsloses Mdchen. Ehe Sie es recht wissen, stecken Sie im Unglck.
    Was wollen Sie mir also sagen? fragte sie pltzlich khl. Dieser Mensch da
spielte sich auf den Wchter der Unschuld, der Tugend hinaus. War es nicht
lcherlich?
    Er! Der! Wewerka erriet aus dem verchtlichen Aufwerfen ihrer Lippen ihre
Gedanken.
    Ich wollte Sie nur warnen versetzte er in biederem Ton, sich Hoffnungen
zu machen, wenn Tage Ihnen Dinge verspricht, wie man sie zuweilen jungen Mdchen
verspricht. Er ist nicht mehr frei. Er ist durch die verschiedensten Bande an
eine Frau gefesselt, die ebenso alt und kokett wie hochvermgend ist. Das
letztere weniger durch ihren Reichtum, als durch ihre Verbindungen. Sie arbeitet
fr die ersten Bltter der Residenz. Sie hat ihm zu seiner Berhmtheit
verholfen, sie und sein Protektor, der berhmte Professor Kneilenbregg, vor dem
Tage auf den Knieen rutscht. Frher trieb er philologische Studien unter ihm.
Der Mann, der sich so angebetet sieht und der als Gesellschaftsfex in den
Salons, wo er Sekt trinkt und den Frauen den Hof macht, viel fr einen jungen
Autor thun kann, bestimmte seine Verehrerinnen, nicht allein Tages Bcher zu
kaufen, sondern auch in ihm eine Zukunftsnummer zu erblicken. Die Weiblein gehen
ja immer auf den Leim, wenn ein berhmter Mann sie da haben will. Innerlich
denkt er, zu seiner Ehre will ichs annehmen, ebenso wie die andern, nmlich, da
Tage ein Phrasenheld, aber nichts weniger als ein echtes Talent sei. Aber der
Kerl verstehts, wo es ihm darum zu thun ist, ausgezeichnet zu schmeicheln. Und
dem groen Mann ist das Lob und die Bewunderung, selbst wenn sie aus dem Munde
des Allerkleinsten kommt, immer willkommen. Der bekannte Dichter Tage singt ihm,
widmet ihm Bcher, was Wunder, wenn er sich gedrngt fhlt, zu quittieren.
    Die pikante Baronin, Tages Geliebte und Gnnerin, ist schon etliche Male
sehr eiferschtig auf den groen Mann gewesen. Aber sie haben sich wieder
verstndigt. Da Tage, wenn er den Dichterkranz aus dem roten Haar legt, auch
ein Mensch sei, dem es nach ihren geschminkten Lippen nach frischen drstet,
scheint sie nicht wissen zu wollen. Er hintergeht sie fortwhrend mit kleinen
Ladenmdchen, ohne da sie es ahnt. Und - aber vergeben Sie, Sie sind ganz bla
geworden. - -
    Johanne hatte sich erhoben und ging heftig auf und nieder.
    Warum erzhlen Sie mir das alles? Herr Tage kann thun, was ihm beliebt. Er
ist sein eigner Herr. Er kmmert mich nicht.
    Mir scheint - ich htte ber diesen Mann nichts Bses sagen sollen. Aber
da das Ihnen so nahe geht -
    Herr Wewerka rief sie zornig mit dem Fue stampfend, ich verbitte mir
jede Beleidigung von Ihnen.
    Er trat zu ihr und wollte besnftigend ihre Hand ergreifen.
    Aber Frulein Johanne, nur die Freundschaft fr Sie lie mich von diesem
Unwrdigen -
    Lassen Sie das Wort Unwrdiger, es giebt noch viel Unwrdigere als den.
Ihre Augen blitzten.
    In Wewerkas Gesicht regte sich keine Miene. Frulein Johanne, Sie haben
recht; es giebt noch bsere Burschen als ihn, lassen wir das Thema.
    In diesem Augenblick wurde geklopft, und Schler trat herein.
    Frulein Johanne, guten Tag, 'n Tag, Wewerka. Lat Euch nicht stren.
    Ich war eben im Begriff zu gehen, Herr Gott rief Wewerka, seine Uhr
hervorziehend, schon so spt! Auf Wiedersehen.
    Er verneigte sich vor Johanne, zwinkerte Schler zu und eilte hinaus.
    Wie gehts, wie gehts, Schnste der Schnen. Irr ich mich, oder sind Sie
erregt? Ihre Augen blitzen, Ihre Wangen brennen. Hat er das zustande gebracht?
Er deutete nach der Thre, durch die Wewerka verschwunden war. Johanne lchelte
schwach.
    Ja, wir plauderten und ich geriet in Eifer.
    Schler sah im Zimmer umher. Eigentlich ein Kfig hier, viel zu armselig
fr eine Gestalt wie Sie. Na, sagen Sie Frulein Johanne - apropos, sind Sie mit
mir zufrieden, da ich Ihnen so prompt Ihr Ideal, Herrn Tage, offeriert habe?
    Reden wir nicht von dem rief Johanne. Schler lchelte. Sie hatten wohl
Streit mit einander? Na, ich meinte nur, Sie sehen, ich thue Ihnen zu Liebe, was
ich kann; thuen Sie mir auch etwas zu Liebe.
    Und das wre? Ihre Augen richteten sich fest auf ihn.
    Kommen Sie fter zu meiner Frau. Das arme kleine Ding liebt Sie herzlich
und fhlt sich grenzenlos einsam. Ich kann aber nicht anders. Ich bin tagsber
an meine Redaktion gefesselt. Fangen Sie gleich morgen an, ja? Ich mchte sie
berraschen mit Ihnen; sagen Sie aber nicht, da Ihr Besuch nur auf meine Bitte
erfolgt sei. Ja, wollen Sie, schlagen Sie ein.
    Sie legte flchtig ihre Fingerspitzen in seine dargebotene Hand. Dann ging
er. Sie ffnete das Fenster und lehnte sich hinaus.
    Die Geschichte, die ihr Wewerka mitgeteilt hatte, beschftigte sie. Ob sie
wahr wre? Warum nicht? Weshalb sollte er sie erfunden haben? Das hliche
Aeuere des Mannes lie auf ein hnliches Inneres schlieen. In seinen klugen
Augen lag Berechnung. Und ein anstndiger Mensch htte sich gegen ein junges,
schutzloses Mdchen auch nicht so betragen. Das war der beste Beweis fr seine
unvornehme Seele. Schmerz bereitete ihr das Gehrte nicht, aber eine leise
Beschmung. Hatte sie doch gedacht, ihm wirkliches Interesse einzuflen. Er
verkehrte mit jungen Mdchen, um die Zrtlichkeit seiner alten Geliebten besser
ertragen zu knnen. Dort entschdigte er sich fr den bitteren Trank, der ihm im
vergoldeten Kelche gereicht wurde. Und der groe Mann hielt seine schtzenden
Fittige ber diesen stolzen Charakter gebreitet und baute mit seinen weien,
vornehmen Hnden an dem Piedestal, auf das er seinen Schtzling stellte. Wie
hochherzig! Wenn es nicht zum Weinen wre, wre es zum Lachen. Mein Gott, in
welche Gesellschaft bin ich geraten, dachte sie, und legte die Hnde vor das
heie Gesicht ...

                                       7


Als sie am nchsten Tag bei Schlers klingelte, ffnete ihr Alice selbst.
    Du!? Sie sah verwundert und erfreut aus. Weit Du, wer da ist? Na leg nur
erst ab. Sie half der Freundin aus dem Jacket und fhrte sie in ihr
Empfangszimmer. Von dem Sopha in der Ecke erhob sich - Lohringer. Er begrte
Johanne.
    Ist das nicht nett? rief Alice, Sie zum ersten mal hier und nun kommt sie
. Sie schenkte der Freundin ein Schlchen Thee ein. Du siehst schlecht aus,
Liebchen, fehlt Dir etwas?
    O nichts sagte Johanne, mir gehts gut; ich bin nur schnell gelaufen.
    Die Damen haben sich gewi allerlei mitzuteilen meinte Lohringer und
wollte sich erheben.
    Wie? Sie wollen schon gehen? Sie sind ja erst gekommen.
    Ihr Gemahl erlaubte mir auch nur einen Blick auf Sie zu werfen, Gndigste.
Gucken Sie doch morgen nachmittag mal zu meiner Frau, sagte er gestern, als er
bei mir war, sie langweilt sich so. Ich habe nun seinen Wunsch erfllt, finde
Sie aber nichts weniger als gelangweilt.
    So, so. Alice sah schmollend vor sich hin. Also nur auf Bitten meines
Mannes kamen Sie hierher. Ich dachte, es geschah aus eigenem Antrieb.
    Er zerkrmelte gleichgltig ein Stckchen Kuchen zwischen seinen Fingern.
Sie haben mich ja gar nicht eingeladen, Frau Schler.
    So sagte sie linkisch. Nun, ich will diese Versumnis nachholen. Ich will
sehr liebenswrdig gegen Sie sein.
    Das ist nett von Ihnen sagte er lachend und versenkte seine Augen in die
ihren.
    Johanne errtete, ohne zu wissen warum.
    Haben Sie Tage nicht gesehen? fragte ihn Alice in leichter Verlegenheit.
Er versprach mir, zu kommen, kam aber nicht mehr nach dem ersten Male.
    Ich habe ihn nicht gesehen, vielleicht aber kann Ihnen Ihre Freundin
Auskunft ber den berhmten Dichter geben.
    Sie irren bemerkte Johanne trocken, ich bin dem Herrn seit mehreren Tagen
nicht mehr begegnet.
    Warum sagst du dem Herrn mit so verchtlicher Betonung?
    That ich das. Ihre Blicke beschftigten sich angelegentlich mit der
Bordure des Serviettchens. Ich wei es nicht.
    Ja berhaupt, das gndige Frulein hat sich merkwrdig verndert.
    Sagen Sie nicht das gndige, sonst verderben Sie sichs mit ihr.
    Ich sah Sie nmlich neulich mit Tage und wunderte mich, nein, nein, Sie
sahen mich nicht, - wunderte mich, wie ein junges Mdchen sich so schnell
verwandeln kann.
    Wie sehe ich denn aus? Ihre Augen begegneten kalt den seinen.
    Sie waren frher sehr hbsch und - uninteressant, jetzt sind sie sehr
interessant und - weniger hbsch.
    Alice konnte eine kleine Bewegung der Freude nicht unterdrcken. Sie wrde
ihre Freundin noch viel inniger geliebt haben, wenn sie weniger schn gewesen
wre. Ich finde Sie haben recht meinte sie. Du grmst Dich ber etwas,
Johanne. Man merkts Deinen trben Augen an.
    Ich wte nicht, worber sagte das junge Mdchen ruhig. Mir steht Niemand
so nahe, da ich mich um seinetwillen grmen knnte.
    Mit neunzehn Jahren rief Lohringer und schlug scherzhaft die Hnde
zusammen. Sie reden wie ein ber die Welt erhabener indischer Heiliger.
    Woher wissen Sie mein Alter?
    Kann mich wahrhaftig nicht mehr besinnen. Er dachte einen Augenblick nach.
Ich glaube von Schler.
    In diesem Augenblick trat der Genannte herein. Alle waren erstaunt. Er warf
einen flchtigen Blick auf Johanne, dann auf Lohringer und lachte.
    Schaut mich nicht so verblfft an, ich komme vom Leichenbegngnis eines
Freundes, da wollte ich, bevor ich ins Bureau gehe, noch einen Blick herauf
thun. Er setzte sich zrtlich neben seine Frau.
    Gieb mir ein Schlchen Thee. Haben Sie die gewnschten Papiere erhalten,
Lohringer? Wie gehts, Johanne? Bla und - zum Anbeien schn. Na, gieb mir einen
Ku, Ali! So; adieu, meine Freunde.
    Lohringer zog seine Uhr und erhob sich.
    Ich werde mich ebenfalls empfehlen.
    Schler blieb unter der Thre stehen.
    Sie wollen fort? Und Sie desgleichen, Johanne? Na, dann, weit Du was,
kleine Frau? Bist Du im Stande, in zehn Minuten ein Kleid berzuwerfen? Um halb
sechs erhalte ich einen interessanten Besuch auf meinem Bureau. Ali ben Hirun,
der Indier, der Schlangen in Nhnadeln verwandelt und kleine bse Frauen in
Eichkatzen, hat sich bei mir angekndigt. Willst Du ihn sehen? Vielleicht
verehrt er Dir eine indische Kostbarkeit, den Zahn eines heiligen Elephanten,
oder einen versteinerten Wurm aus den Wunden eines sechstausend Jahre alten
Sulenheiligen. Herr Lohringer ist gewi so gtig, Frulein Johanne nach Hause
zu bringen.
    Warum denn? fragte das junge Mdchen, indes Alice sich umzukleiden eilte.
    Weil ich es nicht fr gut halte, da Sie im Finstern den weiten Weg nach
Hause machen.
    Es ist ja erst sechs.
    Er lachte. Es ist November, Fruleinchen. Bitte wollen wir uns noch einmal
setzen, wir gehen dann alle miteinander. Er warf sich in einen Sessel.
    Ich mu gleich fort sagte Johanne hastig, gren Sie Alice.
    Dann gestatten Sie bemerkte Lohringer mit khler Hflichkeit, da ich dem
Wunsch unseres Wirtes Rechnung trage. Adieu, Schler.
    Dieser erhob sich. Also wirklich? Sie sind eine Satanin, Johanne. Mchte
wohl wissen, was Sie heute vorhaben. Adieu, Lohringer; gute Nacht, gndiges
Frulein.
    Sie traten auf den Korridor, wo eben eine ltere, nur notdrftig bekleidete
Frau das Gas entzndete.
    Schler fuhr bei ihrem Anblick heftig zurck und flsterte ihr zornig etwas
zu. Johanne ri ihr Jckchen vom Kleiderhaken und eilte, von Lohringer gefolgt,
hinaus. Drauen zog sie es an.
    Weshalb eilen Sie so fragte er lchelnd.
    Das ist leicht zu erraten antwortete sie.
    Pflegen Sie durch die Langegasse oder ber den Naschmarkt nach Hause zu
gehen?
    Wos nher ist.
    Sie schritten ein Stck stillschweigend hin. Sie hatten den nchsten Weg
eingeschlagen.
    Die schnen Schaufenster sagte er nach einer Weile, nicht einen Blick
erhalten sie von Ihnen. Sonst ist es das Entzcken der Damen, vor jeder dieser
Spiegelscheiben stehen zu bleiben.
    Ich interessiere mich nicht fr Putz sagte Johanne apathisch.
    Aber fr Juwelen?
    Auch nicht.
    Er lachte. Aber vielleicht fr hbsche Kunstgegenstnde, oder auch das
nicht?
    Augenblicklich auch das nicht.
    Wahrhaftig er betrachtete sie von der Seite, Sie sind eine seltsame junge
Dame. Die Liebe interessiert Sie nicht und der Glanz der Welt lt Sie kalt;
sind Sie etwa - fromm?
    Nein.
    Auch nicht fromm?
    Ich bin unzufrieden.
    Glckliches Kind sagte er, wenn ich noch unzufrieden sein knnte. Er
nahm den Cylinder ab und fuhr sich mit seinem Taschentuch ber den Schdel.
Unzufriedenheit ist das Symptom der Jugend. Unzufriedene haben noch allerlei
Wnsche. Sagen Sie doch, was wre der Ihre? Es interessiert mich insofern, als
Sie einen ganz besonderen Wunsch haben mssen, da Sie die von Andern am meisten
begehrten Dinge kalt lassen.
    Wunsch? Ach Gott, ich mchte von hier fort sein -
    Ninive, nannten Sie einmal die Stadt scherzte er.
    und vergessen knnen, da ich dagewesen sei.
    Haben Sie denn so traurige Erfahrungen gemacht? Er verlangsamte seine
Schritte.
    Ja, recht traurige.
    Schade, da wir nicht nher mit einander bekannt sind, vielleicht wrden
Sie mir einiges mitteilen, vielleicht knnte ich Sie trsten.
    Das knnten Sie wohl nicht meinte sie zgernd, Sie mten mich denn blind
machen.
    O, wie meinen sie das? Er sah sie interessiert an.
    Ich meine, man sieht allenthalben so Trauriges, da einem das Herz schwer
wird.
    Er blieb stehen.
    Hm. Ich glaube Sie zu verstehen, aber ich kann Ihren Mimut nicht gut
heien. Er ist kindisch. Entschuldigen Sie meine Offenheit. Sie sollten lachen
zu dem, was Sie sehen, und kein schweres Herz bekommen.
    Da mte ich schlecht sein.
    O nein, liebes Frulein, nur klug. Wenn es schlecht Wetter ist, schrzen
Sie Ihr Kleid hoch, damit der Straenschmutz es nicht berhrt. Wollen Sie etwa
Mitleid mit dem armen Schmutz haben und ihm zu Liebe Ihr Kleid unsauber machen?
Sollten Sie ihn beweinen? Nein, Sie schreiten leichtfig drber hinweg.
    Wie seltsam, da Sie so sprechen. Gehren Sie denn nicht auch zu Jenen, mit
denen Sie verkehren?
    Sie sah ihm neugierig ins Gesicht.
    Er schwieg ein Weilchen, dann sagte er nachlssig: Nicht so ganz. Ich lebe
hier, verkehre in allen mglichen Kreisen, ohne die Einen zu hoch, die Andern zu
gemein zu finden. Ich kann nicht behaupten, da die Frstin Rammelsburg, bei der
ich gestern meinen Thee trank, mir mehr imponierte, als - wen kennen wir
gemeinschaftlich? als etwa Frau Wewerka. Jede besitzt die Fehler und Vorzge
eben ihrer Klasse, die eine fhrt ein Battisttaschentuch an ihr Nschen, die
andere ein baumwollenes. Der Effekt ist der gleiche. Aber - was ich sagen will,
ich gehre weder zu den Spitzbuben, noch zu den Biedermnnern. Man braucht
Wewerkas, um sich ihrer hier und da in heiklen Angelegenheiten zu bedienen. Man
ist in einer vorgerckten Nachtstunde, nachdem man verschiedene Flaschen Sekt
hinabgesplt hat, nicht abgeneigt, mit Babinskys und Konsorten Bruderschaft zu
trinken. Was schadet es? Narren sind wir ja alle, nur giebt sich jeder anders.
Ich meinerseits ziehe ja auch die vor, die ihr Narrentum in anstndige Form
kleiden. Aber - ber sein scharfgeschnittenes Gesicht flog ein gutmtiges
Lcheln, wer wird sich die Komik des Lebens zu Herzen nehmen!
    Ich kann nicht so kalt sein versetzte Johanne leise, mich schmerzt all
das, was ich sehe. Und dann der Gedanke, da ich werden knnte wie sie.
    Warum nicht? Es giebt Menschen, die ein Unrecht auf sich laden mssen, um
nachher durch ihre Reue zu sittlicher Hhe zu gelangen. Vielleicht gehren Sie
zu diesen. Ueben Sie immerhin ein bischen Niedertracht; vielleicht finden Sie
dadurch den Weg zu sich.
    Nein, nein rief sie lebhaft, lieber will ich nicht bermig gut werden,
als auf unsauberen Nebenwegen zur Vollkommenheit gelangen.
    Er zuckte die Schultern. Was ist auch im Grunde unsauber? dem einen dies,
dem andern das. Was Ihnen schrecklich erscheint, empfindet zum Beispiel Ihr
Freund Schler als Verdienst.
    Mein Freund Schler rief sie mit Nachdruck und blieb stehen. O Herr
Lohringer, wie knnen Sie mir so unrecht thun? Ist er nicht der Ihre mehr als
der meine?
    Lohringer sah einem auffallend gekleideten hbschen Mdchen nach; dann sagte
er gleichmtig:
    Ich habe das Schicksal, ein entfernter Vetter des Herrn von Buch zu sein,
des Herausgebers der Zeitung, an der Schler angestellt ist. Wenn er irgend ein
Anliegen hat, das er sich nicht getraut dem Chef vorzutragen, wendet er sich an
mich. Ich habe ihn einmal auf einem litterarischen Kongre kennen gelernt. Das
ist die Freundschaft, deren Sie mich bezichten, mein Frulein.
    Bat er Sie heute zu sich? Ihre Augen hingen forschend an seinem Gesichte.
Er sah sie an, zgerte, whrend ein fast unmerkliches Lcheln seine Lippen
umspielte, und sagte dann: nein.
    Sie athmete auf. Aber Sie sagten es doch.
    Das that ich nur, um die kleine Frau zu rgern und ihr recht ungalant zu
erscheinen.
    Wirklich? Ich danke Ihnen. Sie reichte ihm die Hand. Sie waren vor ihrem
Hause angekommen. Er las mit seinem Scharfblick in ihrer Seele.
    Gute Nacht, Frulein Johanne, und lachen Sie, bitte; Sie doch gewi߫.
    Wenn ich kann entgegnete sie, und ging hinauf.

                                       8


Er schlenderte noch eine zeitlang umher; dann begab er sich nach Hause. Er
wohnte in einem Riesenmietspalast im fashionabelsten Viertel der Stadt, in einem
jener Huser, wo man einander jahrelang auf der Treppe, im Flur begegnen kann,
ohne zu wissen, wer der Andere ist, wie er heit.
    Lohringers Wohnung, behaupteten boshaft einige seiner Freunde, gliche dem,
der in ihr hauste. Sie habe schne Einzelheiten, sei aber im Ganzen kahl. Sie
hatten nicht unrecht. Aber das war erst nach seiner groen Wandlung so gekommen.
    Als Sohn begterter Eltern, die lngst tot waren, hatte er sich nach seiner
Majorennerklrung sofort in den Strom des Lebens gestrzt. Vom Gymnasium mit
guten Zeugnissen entlassen, immatrikulierte er sich auf der Universitt, um
verschiedene Fcher zu studieren. Er liebte Philosophie, hrte aber auch
medizinische Collegia, trieb Nationalkonomie und interessierte sich lebhaft fr
Sternkunde. Man sah ihn am Seziertisch als eifrigsten Hrer Professor Krners,
des berhmten Anatomen, und vermutete, er wrde den andern Wissenschaften untreu
und ganz Mediziner. Doch bald schlug er sein Quartier im eisernen Turm des
Observatoriums auf und versenkte sich mit fieberhaftem Eifer in die Geheimnisse
des Firmamentes. Eines Tages war er ganz von der Universitt verschwunden. Er
war an die Malerakademie nach Wien gegangen und schrieb seinen Freunden, sie
sollten ihn in Ruhe lassen. Hier zeichnete und malte er ein Jahr.
    Man rhmte ihm gute Befhigung nach, wie ehedem seine Lehrer sein brillantes
Auffassungstalent bewundert hatten. Er begann nebenher zu modellieren, und war
eben im Begriff sich ein Atelier zu mieten, als ein Bekannter von ihm, der
Musiker war und gute Erfolge als Komponist hatte, ihm einredete, er wre nicht
zum Maler, sondern vielmehr zum Musiker befhigt. Hierauf komponierte Lohringer
mit Hlfe des Freundes einige Lieder, die von schnen, gefeierten Sngerinnen in
den Musikslen der Residenz gesungen wurden.
    Aber eines Tages war ihm auch dieser Sport langweilig geworden. Er besa die
Gabe, seine Empfindungen sehr gut schildern zu knnen, und lie auf japanischem
Bttenpapier, in nur zweihundert Exemplaren, seine fin de sicle-Gefhle
drucken.
    Die Kritiker, meist gute Bekannte von ihm, erhoben ein Beifallsgeschrei und
begrten in ihm ein Talent ersten Ranges. Wenn er nur ein bischen glubiger
gewesen wre! Aber er war ein kluger und ehrlicher Bursche, wenigstens ehrlich
gegen sich selbst. Er warf die Feder fort, verabschiedete sich von seinen
Bekannten und ging auf eine Reise um die Welt.
    Er sah viel Neues, geno alles, was der Besitzer eines gewinnenden Aeuern
und einer vollen Geldbrse genieen kann, und kam eines Tages hierher.
    Whrend all der Jahre, da er die verschiedenartigsten Wandlungen in sich
durchgemacht hatte, war er nach auen hin immer der Gleiche geblieben, ein
vornehmer Verschwender.
    Die Sektquellen bei ihm schienen von unversiegbarer Tiefe zu sein; man geno
bei ihm die raffiniertesten Diners, und die schnsten Frauen stritten um die
Ehre, an seinen Tafeln die Honneurs zu machen.
    Eines Tages stand er als lustiger Kahlkopf vor dem Spiegel, was ihm aber
nher ging: als Kahlbeutel. Das schwere Vermgen war dahin, dahin bis auf einen
Rest Schulden. Max Lohringer war nicht der Mann zu verzweifeln oder in
Ratlosigkeit zu versinken. Er schaffte seine Geliebten, seine Pferde, seine
frstliche Wohnung ab. In einer einsamen Nacht leistete er sich selbst
Gesellschaft und fragte den vernnftigen Kerl in sich, was er wohl thun knnte,
um das zu verdienen, was ihm bisher so unendlich gleichgltig gewesen war: Geld.
Der vernnftige Kerl in ihm sagte: Mein Freund, dein Unglck ist deine
Universalitt. Du kannst alles, deshalb kannst du es in nichts zu etwas
Bedeutendem bringen. Denn das Geschrei junger Leute von der Herrlichkeit
vielseitiger Begabung ist Unsinn. Groe Knstler, berhaupt groe Menschen, die
mit aller Willenskraft einem Ziel zustrebten, sind immer einseitige Leute
gewesen. Wenn sie neben ihrer groen Lebensaufgabe noch anderem Sport huldigten,
so ist dies noch allemal Dilettantenarbeit geblieben, die nur blinde Vergtterer
als knstlerische That ausschrien. Da jedes Verhngnis aber bekanntlich auer
einer Unglcks- auch eine Glcksseite hat, so ist diese Salonvirtuositt des
Geistes, dieses Mdchenfrallestum, fr eine Sorte von Leuten von nicht zu
unterschtzendem Vorteil. Fr die, die um Taglohn arbeiten mssen. Sie sind des
Vormittags Photographen und schreiben des Abends eine Musikkritik. Sie singen
den Ritter vom Gral und verzapfen Bier. Also Max Lohringer, ein Ganzes auf
irgend einem Gebiet wirst du nicht leisten, aber es wird dir glcken, Geld zu
verdienen, wenn du deine zwei Hlften ausspielst. Oder noch besser, teile dich
in acht Achtel oder zwlf Zwlftel. -
    So sprach der vernnftige Kerl in Max Lohringer, und er predigte nicht
tauben Ohren. Lohringer verkaufte seine Mbel, seine Bilder, alle im Laufe der
Jahre gesammelten Kunstschtze. Er mietete sich diese kleine Wohnung in dem
groen Zinshaus, stellte einfache Holzmbel hinein, und begann Schritte zu thun,
sich einen Lebensunterhalt zu suchen. Er fhlte sich innerlich nicht gebrochen.
Als er alles verloren hatte, erkannte er, wie wenig er verloren hatte. Was
geschieht da? Als ob das Schicksal ihn fr seine stoische Gleichgltigkeit
belohnen wollte! Eines Tages bekommt er eine amtliche Zustellung, da eine
Schwester seiner Mutter, um die er sich niemals bekmmert hatte, gestorben sei
und ihn zum Erben eingesetzt habe. Viel wars nicht. Seine Zinsen betrugen
viertausend Mark jhrlich, ein Pappenstiel fr den Lohringer von ehedem. Die
Erhaltung seines Stalls hatte ihn mehr gekostet.
    Aber es war doch immerhin um nicht zu verhungern. Ein Anderer htte sich nun
zu dem Einkommen noch eine gut honorierte Stellung gesucht. Lohringer that
anders. Der Miggang, das Ideal mancher Naturen, die zum Philister zu viel
Knstler und vielleicht zum Knstler zu wenig Geniales haben, war seine
Schwche.
    Aufstehen, wenn andere Leute ihr Mittagbrot verzehren, in einem Klub Zeitung
lesen und frhstcken, einer Matinee im Opernhaus beiwohnen, im Caf etliche
Billardpartien spielen, einige Stunden lang auf dem Sopha ausgestreckt ein gutes
Buch lesen, vielleicht ein Rundgang durch die Kunstschtze der Stadt, spter ein
kleines ausgesuchtes Diner, hierauf ins Schauspiel oder in ein feines
Varit-Theater, das war nach seiner Meinung ein reichlich ausgefllter Tag. Er
wrde auf alle diese Gensse verzichten haben knnen, wenn es htte sein mssen.
Aber da es nicht sein mute, war er zufrieden und lebte nach diesem Rezept ein
bescheidenes, behagliches Junggesellenleben, ohne Aufwand, ohne Freunde und
Freundinnen. Nur manchmal, so alle Vierteljahre einmal, geschah es, da er sich
einschlo und ein Dutzend Flaschen leer trank. Man fand ihn dann, wenn er aus
seiner freiwilligen Haft wieder hervorkam, ernsthaft und wrdig. Es schien, als
htte seine Natur es ntig, von Zeit zu Zeit einen Exze zu begehen, um hernach
doppelte Einkehr in sich zu halten. Ob er sich besondere Liebenswrdigkeiten in
solchen Stunden sagte, wer wei es. Jedenfalls lag ein guter Kern in ihm, viel
Ehrlichkeit, und trotz allen wsten Lebens in seiner Vergangenheit, eine gewisse
unberhrte Naivitt Menschen und Dingen gegenber, die ihm imponierten. Das
Kind im Mann schien bei ihm noch nicht erstorben zu sein.
    - - - - Als er jetzt in sein Wohnzimmer trat, dessen Wnde nur ein paar
Zeichnungen bedeckten und dessen einfache Mbel auf einem blanken Parkettboden
standen - er hatte seit seiner Verarmung eine Idiosynkrasie gegen Teppiche und
Oelgemlde (vielleicht weil er so auserlesene, wie er besa, doch nicht mehr
haben konnte), blickte ihm von seinem Schreibtisch ein rotes Rohrpostbrieflein
entgegen.
    Zu schade! Wir gingen gar nicht fort, d.h. ich nicht! Ich langweilte mich
den ganzen Abend zu Hause. Bitte kommen Sie morgen. Vielleicht knnen wir einen
Spaziergang mit einander verabreden. Alice Schler.
    Donnerwetter! - Max zwirbelte seinen Schnurrbart, er war noch sehr schn,
weich und dunkel - zwischen den Fingern. Er ldt mich ein, sie ldt mich ein. Er
fr die Andere, sie fr sich selbst. Ein liebes, gutes Paar! Es ist doch
angenehm, wenn man der Vetter des Herausgebers einer Zeitung ist, deren
Redakteur mehr Gehalt wnscht. Wenn die Personen nur etwas interessanter in
dieser Geschichte wren. Johanne mit ihrem Jungfrauenpathos ...
    Lohringer drckte auf den elektrischen Knopf, da das Zimmer taghell
erleuchtet strahlte, trat vor den Spiegel, streichelte seinen Schdel und lachte
...

                                       9


Etliche Tage spter sa Johanne Alice gegenber. Beide schienen sehr unruhig.
Beide sahen zerstreut nach der Thr und errteten bei jedem Gerusch. Er wird
kommen sagte Alice und legte die bunte Stickerei, an der sie wie ein Kind mit
dicken Kreuzstichen arbeitete, zur Seite. Er wird kommen. Er kommt immer, wenn
ich ihn darum bitte.
    Sonst nicht? fragte Johanne mit leiser Bosheit.
    Ich wei es nicht, ob er sonst kme. Die junge Frau zuckte die Schultern.
Weit Du, mir ists schon egal. Mag er denken, was er will; wenn er nur kommt
und mich unterhlt. Er ist der einzige Mensch meiner Bekanntschaft, der etwas
Vertrauenerweckendes hat. Man kann sich auf ihn verlassen.
    Ja er ist der Einzige, der wenn auch kein Heiliger, doch ein anstndiger
Mensch zu sein scheint versetzte Johanne mit einem leisen Seufzer.
    Warum meinst Du, da er kein Heiliger sei? fragte Alice, der Freundin in
die Augen blickend.
    Er thut oft Aeuerungen, die darauf schlieen lassen.
    Macht er Dir Liebeserklrungen?
    Johanne lachte. Nicht die Spur. Im Gegenteil. Als er mich neulich nach
Hause brachte, sah er unterwegs jedem hbschen Mdchen nach.
    Hat es nicht geklingelt?
    Ja es hat geklingelt?
    Alice neigte sich mit errtendem Gesicht ber den Theekessel und zndete den
Docht an.
    Herr Lohringer meldete die kleine Zofe. (Sie war erst seit kurzem hier.)
    Guten Tag! ah, gndiges Frulein - er verbeugte sich vor Johanne, das ist
nett; wie gehts Ihnen? sind Sie schon heiterer geworden?
    Sie lieen sich nieder.
    Ich bin sehr heiter meinte Johanne verlegen, Sie auch?
    Sie sehen es ja scherzte er. Wenn ich nicht heiter wre, wrde ich dann
hierher kommen?
    Er sah ihr in die Augen. Sie schlug die ihren nieder. Seine Bemerkung
mifiel ihr; sie wute nicht warum. Unterdessen hatte Alice den Thee eingegossen
und reichte ihn in winzigen Schlchen unher.
    Ich habe die Eukalyptusmarmelade nirgends auftreiben knnen, Lohringer, wir
wollen morgen zusammen nach Straffs Conditorei gehen, vielleicht finden wir eine
andere Sorte, die Ihnen schmeckt.
    O sehr gtig, liebes, gndiges Frauchen!
    Schon wieder rief Alice schmollend. Haben Sie mir nicht neulich
versprochen, mich einfach Alice zu nennen? Vor der da - sie deutete auf
Johanne, brauchen Sie sich nicht zu hten, sie ist meine Freundin.
    Um Lohringers Lippen zuckte es leicht.
    Es ist nicht die geringste Ihrer guten Eigenschaften, da Sie so klug in
der Wahl Ihrer Freundinnen sind.
    Die jungen Damen sahen einander an. Eine von uns ironisiert er, aber welche?
dachten beide.
    Lohringer beobachtete die jungen Gesichter, die seinetwegen in heiem Rot
prangten. Es schien ihm Scherz zu machen, hier den Tausendsassa zu spielen. -
Johanne trank ihren Thee hastig aus.
    Ich mag die Leute nicht, die nie ernst sind.
    O! ist das auf - Frau Schler gemnzt?
    Nein, auf Sie.
    Du brauchst ihn doch auch gar nicht zu mgen rief Alice.
    Woher wissen Sie das? meinte er. Mir liegt sehr viel daran -
    Hoffentlich nur, da ich Sie mag.
    Glauben Sie? Er sah Alice mit einem unverschmt harmlosen Lcheln in die
Augen. Ich bin ein guter Mensch, der das Gebot der Nchstenliebe befolgt.
    Und wer ist Ihnen der Nchste? Sie sprang auf und trat so dicht zu ihm,
da ihr Kleid ihn streifte.
    Da nun doch Eine aufgestanden ist, strt es weniger, wenn auch die Andere
sich erhebt. Leb wohl!
    Johanne reichte Alice die Hand hin.
    Du gehst schon? Hast Du es so eilig? Nun, dann adieu.
    Sie bemhte sich nicht, sie zurckzuhalten. Lohringer stand auf und
verneigte sich vor Johanne.
    Gndiges Frulein, behalten Sie mich nicht in zu schlechtem Andenken. Sehen
Sie, Sie gefielen mir riesig, blos Ihr Pathos, Ihre tragische Art der Auffassung
ist mir rgerlich.
    Das bedauere ich sehr, aber ich bin eben wie ich bin ...
    Sie versuchte zu lcheln, aber in ihren Augen lag ein Glanz wie von
aufsteigenden Thrnen. Sie schritt rasch hinaus. Drauen auf der Strae wurde
sie so mde, da ihre Fe sie kaum trugen. Von allen Menschen hier
interessierte sie nur Einer und diesen Einen gewann die Freundin. Und diese
Freundin war doch verheiratet; hatte ein Heim, eine Zukunft, einen Mann, der sie
in seiner Weise anbetete. Sie, Johanne, besa nichts, Niemanden. Sie bi die
Zhne zusammen. Nun wrde sie auch Alice verlieren. Sie konnte es nicht mit
ansehen, wie sie ihn umschmeichelte, umstrickte. Erstens lehnte sich ihr Herz
dagegen auf, dann aber ihr Rechtsgefhl. Und da schalt er sie pathetisch.
Empfand er denn nicht selbst das wenig Vornehme seiner Handlungsweise? War es
notwendig, da er dem Beispiel der Andern folgte? Heute hatte sie es deutlich
gesehen, da Alice mit ihm in vertraulichere Beziehungen trat. Geahnt hatte sie
es schon frher.
    An diesem Abend weinte sie sich in den Schlaf. In der Nacht erwachte sie
alle Augenblicke. Es war doch traurig, kaum zu ertragen. Rings nichts wie Elend,
moralisches, anderes. Wenn sie wenigstens eine Beschftigung gehabt htte, die
ihren Geist ausfllte. Aber diese Pdagogik, die sie so kalt und gelangweilt
lie! Obs denn nichts anderes fr sie gab? Aber was?
    Sie erwog alle Beschftigungen, die eine Frau erwhlen kann. Doch berall
stand ein nicht wegzurumendes Hindernis im Wege: ihre zu mangelhafte Erziehung.
Sie sprach keine fremde Sprachen, konnte sich schwer in feineren Formen bewegen.
Sie hatte die Zeit, in der andere junge Mdchen sich frs Leben vorbereiten, bei
der alten Gromutter vertrumt. Sie konnte nicht hoffen, jemals eine bessere
Stellung zu finden. Es war zu traurig.
    Einige Tage ging sie beraus elend umher. Selbst Frau Wewerkas freudige
Mitteilung, da ihre Mittel es nun erlaubten, eine grere, elegantere Wohnung
zu mieten, stimmte sie nicht besser. - Einmal, als sie den Schulhof verlie,
begegnete ihr drauen Tage. Er errtete leicht bei ihrem Anblick und zog tief
den Hut.
    Es wre abgeschmackt, zu behaupten, da ich Ihnen zufllig hier begegne.
Sie schrieben mir einen bsen Brief; ein Anderer wrde es nicht gewagt haben,
Ihnen jemals wieder vor die Augen zu treten. Aber ich versuche es. Zrnen Sie
mir noch?
    Er sah ihr flehend ins Gesicht. Zuerst war sie emprt, als sie ihn sah, dann
that es ihr ordentlich wohl, da ein Mensch so gut zu ihr sprach. Sie schttelte
den Kopf.
    Ich zrne nicht, aber -
    Ach den Nachsatz, lassen Sie ihn, Frulein Johanne.
    Er nahm ihr die Schulmappe aus der Hand und trug sie, wie er es frher immer
gethan hatte.
    Gehen Sie nach Hause?
    Ja.
    Darf ich Sie begleiten?
    Sie antwortete nicht.
    Ach schmollen Sie doch nicht. Seien Sie gut. Die Strke der Frauen ist ja
das Verzeihen. Verzeihen Sie. Darf ich Sie begleiten?
    Er sah sie hartnckig an. Uebrigens wissen Sie, Sie sehen aus, als wren
Sie sehr krank. Fehlt Ihnen etwas?
    Ja und nein sagte sie gleichgltig. Ich langweile mich.
    Endlich! Er seufzte affektiert auf. Ich habe immer im Stillen gestaunt,
da Sie diese grliche Kleinkinderbewahranstalt da besuchen.
    Was sollt ich sonst? fragte sie achselzuckend. Ich verstehe zu wenig, um
etwas Besseres zu beginnen.
    Mein Gott, man braucht doch kein Philo der Gelehrsamkeit zu sein, um im
Leben etwas zu erreichen.
    Sie schritten langsam neben einander hin.
    Wie bin ich glcklich neben Ihnen gehen zu drfen sagte er, Sie glauben
nicht -
    Machen Sie mir keine Liebeserklrungen bemerkte sie mit der Klte der
Frau, die nicht liebt.
    Das wrde ich nicht wagen sagte er schlau, ich wollte Ihnen nur eine
Freundschaftserklrung machen. Sie sind wirklich das einzige junge Mdchen -
    Das dumm genug war, einen Augenblick lang an Ihre Idealitt zu glauben.
    Wieso fragte er lauernd.
    Nun, Sie sind doch ein sehr praktischer Mann.
    Man scheint mich bei Ihnen verleumdet zu haben versetzte er mit einem
bsen Zucken seiner Mundwinkel.
    Das schadet nichts. Menschen wie ich haben immer Neider. Was hat man Ihnen
denn alles erzhlt?
    O nichts.
    Aber bitte, sagen Sies doch. Es interessiert mich wirklich.
    Sie warf den Kopf zurck und sah ihn etwas geringschtzig an. Da Sie sehr
schlau in der Wahl Ihrer Freunde sind, nicht die Regungen Ihres Herzens, sondern
Ihres rechnenden Verstandes sprechen lassen.
    Er zuckte die Schultern. Sonst nichts? Mein Gott, das ist ja nicht einmal
eine Verleumdung. Das ist wahr. Finden Sie es schlecht?
    Jetzt, wie er so sprach, fand sie im Innern eigentlich keinen Grund, ihn zu
verachten. War sie schlechter oder besser und klger geworden? Sie vermochte
sich ihre Selbstfrage nicht zu beantworten.
    Sie machen eine alte Frau glauben, da Sie sterblich in sie verliebt sind,
um sich ihres Einflusses, ihrer Brse zu versichern.
    Er errtete stark.
    Also das! Nun, sehen Sie, wenn diese alte Frau so thricht ist, sich in
einen jungen Menschen zu vergaffen, sich und ihr Hab und Gut zu seiner Verfgung
zu stellen, weshalb sollte der junge Mensch nicht das Anerbieten annehmen, sie
glcklich machen und sich gleichzeitig von etlichen dummen Sorgen befreien?
    Das ist aber gemein.
    Fragen Sie die Welt, Frulein Johanne, ob sies gemein findet.
    Sie thun keinen Schritt, der Ihnen nicht Vorteil verheit. Sie hingen sich
an einen Mann, der groen Einflu besitzt und verherrlichten ihn. Warum war es
kein einfacher, schlichter, lieber Mensch, sondern ein Machthaber, der seine
Kreaturen gut und reich versorgt.
    Tage lchelte vergngt. Mich freuts, da Sie so ehrlich reden. Auch freuts
mich, da Sie sich etwas in der Welt, in der wir leben, umzusehen beginnen.
Glauben Sie, ich wre im Unklaren ber den Wert der Schtzung Kneilenbreggs?
    Aber -
    Bitte, lassen Sie mich ausreden; glauben Sie, er wre im Unklaren ber den
Grund meiner ffentlich betonten Verehrung fr ihn? Frulein Johanne, wir
Menschen bentzen einander, manchmal lieben wir uns dabei, um so besser,
manchmal nicht, dann scheinen wir etlichen empfindsamen Seelen roh und
egoistisch. Aber - glauben Sie mir, aus purem Edelmut liebt kein Jngling sein
Mdchen und sei er noch so schwrmerisch veranlagt.
    Sie reden von Ihresgleichen -
    Nein, von - Unseresgleichen. Warum wrden Sie lieben? Nicht weil er reich,
schn, gefeiert ist, beileibe. Weil Sie in seinen Armen sich selig fhlten. Sie
bentzten ihn also als Spender beglckender Gefhle fr Sie.
    Hlich sagte sie kurz.
    Ach gehn Sie. Hlich! Das Leben ist nun einmal so, dagegen lt sich
nichts machen. Ich bentze die Anderen, mgen sie mich auch bentzen, wenns
ihnen pat.
    Ich mchte wohl wissen - sie hielt verschmt lchelnd ber ihr
vorschnelles Wort inne, ich mchte wissen, warum Sie mich -
    Warum ich Sie verehre? Er bemhte sich eines treuherzigen Blickes. Sehr
einfach, weil Ihre Anmut meine Dichterphantasie anregt, weil Sie wunderbar
reinigend und gut auf mich wirken.
    So? ist das auch wahr? fragte sie ernst.
    Gewi ists wahr, Frulein Johanne. Ich verspreche Ihnen, auch immer
ungeheuer brav zu sein.
    Gut, es soll mich freuen.
    Er blieb stehen. Dann darf ich also auch hoffen, Sie dann und wann zu
sehen?
    Gewi, Sie knnen mich ja immer sehen, wenn ich zur Schule geh.
    Ach diese Schule! Thun Sie doch etwas anderes. Schriftstellern Sie.
    Er wute, da sie ihn jetzt mit zwei halb freudigen, halb fragenden Augen
anblickte. Er sah weg. Er hatte lange darber gegrbelt, wodurch er sich dieses
Mdchens, das einen starken Eindruck auf ihn machte, versichern konnte. Er war
noch nie im Leben der Erste bei Einer gewesen, hier konnte er es werden, wenn er
einigermaen klug war. Sein Rat war der glatte Boden, wohin er sie locken
wollte.
    Wie knnen Sie glauben, da ich Talent habe, ich bin nie ber das
Briefschreiben hinaus gekommen.
    Wenn Sie sich mir ein wenig anvertrauen wollten -
    Das ist doch nur Scherz von Ihnen.
    Aber gar nicht. Sie waren bei ihrem Hause angekommen. Sehen Sie, es wre
doch viel schner, als gefeierte Schriftstellerin groe Honorare einzustreichen,
als eine arme, schlechtbezahlte Bonne bei verzogenen Kindern zu spielen. Er
stand ihr gegenber und sah sie lchelnd an. Sein Gesicht schien ihr den
Ausdruck groer Gutmtigkeit zu besitzen.
    Das abzuleugnen wre dumm, aber wie anfangen?
    Pah, wie? Schreiben Sie etwas, irgend eine Kleinigkeit, eine Skizze, was
immer. Ich brings unter. Als Erstlingsarbeit braucht es keine besondere Sache zu
sein.
    Aber ich wei gar nichts.
    Ach Gott, beschreiben Sie, wie traurig einem Mdchen zu Mute ist, das
allein steht und sich sein Brot verdienen soll. Oder die Gefhle einer ganz
jungen Dame, die gern auf einen Ball mchte, aber von ihren Eltern zu Hause
gehalten wird u.s.w.
    Johanne lehnte neben ihrer Hausthr und sah sinnend vor sich nieder.
    Und wenn es zu dumm wird und niemand es drucken will?
    Das lassen Sie nur meine Sorge sein. Ueberhaupt deshalb machen Sie sich
keinen Kummer. Der Grad seiner Begabung ist nicht Hauptsache beim
Schriftsteller. Er mu nur in magebenden Kreisen, wo die Kritik gemacht wird,
verkehren.
    Wahrhaftig?
    Aber selbstverstndlich. Ich kenne ganz talentlose Schriftsteller, die in
allen Blttern als Genies gepriesen werden. Warum? Sie verkehren in Salons, wo
die Gren der Presse und Tageskritik aus- und eingehen. Ueber den Mann, mit dem
man gestern politisiert und angestoen hat, kann man doch heute nicht
vernichtend herfallen. Schlielich, ist es nicht vielleicht auch ein armer
Teufel? Hat er nicht erzhlt, da er drei kleine Kinder und auer seiner Frau
noch deren Eltern zu erhalten habe? Man fertigt sein Buch, das tief unter der
Mittelmigkeit steht, mit einigen lobenden Worten ab. Man gnnt dem armen Tropf
Erfolg.
    Und glauben die Leute solche Berichte?
    Das Publikum glaubt alles, was gedruckt ist. Bei uns kritisieren die
Kritiker weniger die Bcher, als die Menschen, die sie geschrieben haben.
    Eine Gans mit vornehm klingendem Namen verffentlichte jngst in einem
groen Tagesblatt einen Roman, der so dumm war, da viele Leute ihn fr eine
Mystifikation ihres gesunden Verstandes hielten. Die Kritik lobte. Wie knnt ihr
euch so blamieren? fragte ich einen Rezensenten. Was willst du, meinte er, die
Frau ist bekannt als brillante Reiterin, als gute Mutter, als treffliche
Hausfrau. Viele Mdchen und Frauen der Gesellschaft verehren sie. Man wrde es
belnehmen, ihr nachzusagen, da sie ein Schaf sei. Auch wei man nie, ob man
solche Leute nicht einmal brauchen kann.
    Unglaublich meinte Johanne mit buerlichem Ernst, aber jetzt mu ich
hinaufgehen.
    Frulein Johanne er griff mit gutgespielter Schchternheit nach ihrer
Hand, versprechen Sie mir, eine Kleinigkeit zu schreiben. Ich mache schon das
Uebrige. Sie sollen sich einmal so einen Salon ansehen, wo die Tagesgren
verkehren. Es mu Sie doch auch interessieren?
    Das thut es auch. Nun aber - adieu.
    Sie nickte ihm zu und sprang die Treppe hinauf. Er ist doch ein guter
Mensch. Und Schriftstellerin zu werden, wie herrlich!
    Und wenn sie am Ende wirkliches Talent htte? Wenn sie berhmt wrde?
Freilich unangenehm wars, da sie ihm und seiner Anregung das alles danken
sollte. Aber was thats? Schlielich mute sie sich wirklich ihre allzuschwere
Auffassung vom Leben abgewhnen. Dieser Tage z.B., den sie so baar aller guten
Eigenschaften geglaubt hatte, war im Grunde kein schlechter Mensch. Er besa
vielleicht mehr Charakter als der, der so bittere Worte ber ihn gefllt hatte.
Wer wei, wer wei? Ihre Augen blickten wieder munterer. Eine Hoffnung war ber
sie gekommen. Die weie Winterlandschaft, die sie von ihrem Fenster aus sah,
erschien ihr nicht mehr so entsetzlich. Sie suchte die ganze Nacht nach einem
Stoff, den sie zu einer Skizze verarbeiten wollte.
    Am nchsten Tag lie sie sich krank melden, blieb zu Hause, bekritzelte
etliche Bogen, zerri sie wieder und schrieb endlich in einem Zuge etwas nieder,
von dem sie nicht wute, ob es brauchbar war oder nicht.

                                       10


Etliche Tage spter erhielt Hans Tage einen auf allen vier Seiten
engbeschriebenen Bogen. Dabei lag ein Zettel. Ich wei nicht, ob Sie das
brauchen knnen. Johanne.
    Donnerwetter! die geht ins Zeug, lachte er, entfaltete den Bogen und las:

                                     Gebet.

Das Fieber steigt und steigt. Und der Arzt ist weggegangen. Freilich, was sollte
er hier noch weiter? Die Krankenwrterin ist aufs Genaueste unterrichtet. Sie
weilt im Nebengemach. Elise wird doch ihr einziges Kind nicht von fremder Hand
pflegen lassen. Eher zusammenbrechen vor Erschpfung. Aber man bricht nicht
zusammen, wenn man sich aus Liebe opfert, nein. Es liegt eine sthlende, feiende
Kraft in solchem Sichaufgeben.
    Die junge Mutter beugt sich mit fieberndem Lcheln ber das Kind. Blickt ihr
nicht aus dessen gespannten, ernsten Zgen der Tod entgegen? Wer htte in diesem
Gesicht die kleine Emmy wiedererkannt, das holde, herzige Geschpfchen, das man
so leicht erfreuen, so leicht glcklich machen konnte? Ein zum Kreisen
gebrachter Fingerhut, und sie jauchzte, ein rotbckiger Apfel, den man ihr
schenkt, und ihr Auge leuchtet vor Dankbarkeit. So harmlos und ursprnglich war
sie, so voll goldener Freude an jedem Lcheln des Lebens, ein Vglein, das in
den rosenroten Morgen hineinjubiliert und nicht wei, da es eine Nacht giebt.
Und jetzt, gerade jetzt, wo sie anfing zu erwachen, wo sie aus sich selbst das
Gute zu lieben begann, jetzt, mit sieben Jahren, sollte sie sterben mssen?
    Elise strich zitternd ber das blonde Haar der Kleinen, das sonst mutwillig
in hellen Goldfarben das Kpfchen umlockte. Heute lag es fahl, wie
zusammengekittet, in kleinen, steifen Strhnen um die brennende Stirne.
    Nein, Gott konnte das nicht thun. Es war ja ihr Liebstes. Ihr Mann,
Schiffskapitn, trieb in fernen Gewssern umher. Er wute von nichts, er erfuhr
es erst, wenn alles vorber war. Aber es durfte nicht, nein, nein ... Elise
wirft sich auf die Kniee und breitet die Arme nach oben. Lieber Gott, hast du
nicht so viel reifwelke, mde Blumen in deinem Schpfungsgarten? So viel
Unkraut, das keiner Biene, nicht dem Wind Freude giebt, wenn er duftdurstig ber
die Felder streicht? Lieber Gott, nimm doch von diesem und nicht mein armes,
junges Blmlein hier, das eben erst die Augen zu deinem Himmel aufzuschlagen
begann? Hrst du, hrst du, lieber Gott? Du mut mich ja hren, denn du bist
allgegenwrtig. Siehe, ich will nie wieder Zerstreuungen ersehnen, Putz,
Schmuck, Anerkennung, ich will nichts weiter als dieses kleine Seelchen da, will
ihm dienen, es hegen und pflegen, bis es eine groe, schne, starke Seele
geworden ist, die dir Wohlgefallen bereitet. Hrst du mich auch, mein Gott,
hrst du mich auch? Der Arzt meint, wenn sie erwachte, mit klarem Bewutsein
nach Nahrung verlangte, mich erkennte, dann wre sie gerettet. Sie mu also
erwachen, sie mu erwachen ... Die Hnde der jungen Frau ringen sich
schmerzhaft. Ich gebe mein halbes Leben fr sie, du mein Gott, mein Augenlicht,
o ich will gern blind werden, um ihre Gesundheit zu retten, ich ... ich ... nur
noch ein paar, zwei, ein einzig Jahr la sie mir, du mein lieber, guter, lieber
Gott, bitte, bitte, bitte! Du mut, hrst du, du mut! In ausbrechender
Verzweiflung strzt sie ans Fenster und streckt die Arme zum Himmel.
    Da schrillt ein Klang herber. Drben, jenseits des Platzes, liegt das hohe,
dstere Gefngnisgebude, in dessen Hof die schwersten Verbrecher gerichtet
werden. Die Betende kennt das Glcklein. Es lutet nur, wenn Einer zum Sterben
gefhrt wird. Ihre entsetzten Augen glauben den armen Snder in den Hof
hinausschwanken zu sehen.
    Es ist eine Frau.
    Elise schauert zusammen. Hat die auch eine Mutter gehabt, die zum Himmel fr
sie flehte? Die um ihr Leben zu Gott schrie? Allmchtiger! ... vielleicht hat
ihr stammelndes Gebet, das Leben ihres Kindes erhalten, erhalten, damit dieses
aus ihm wurde?
    Allmchtiger!
    Sollte man - vielleicht nicht so hei beten und bitten, den Herrn zwingen
wollen, etwas zu thun, was - vielleicht - besser ungethan bliebe? Sollte man
unterlassen, etwas erkmpfen zu wollen, was dann ... das Rot des glutvollen
Wunsches an sich trgt, aber - als Blutflecken ... vielleicht. - -
    Die gefalteten Hnde der jungen Frau lsen sich, und sinken steif, starr
herab.
    Ists vielleicht besser, nicht allzuhei zu beten? gar nicht um etwas zu
bitten, sondern in Gelassenheit, in erstrittener Stille, in lchelnder
Opferbereitheit, im Wissen, da das Beste geschieht, das Kommende zu erwarten?
    O Gott! ich will nicht bitten! .....
    Das Weib bricht in die Kniee und neigt seine Stirn.
    Da regt sichs im Bettchen der Kleinen und ein Stimmchen flstert:
    Mama, Mama, ich bin so hungrig......
    Er ging etliche Male in der Stube auf und nieder, schttelte dann und wann
den Kopf, trat wieder zu dem Bogen, las ihn, faltete ihn zusammen, steckte ihn
ein, und ging fort.

                                       11


Ich war einmal in der Lage Ihnen einen Gefallen erweisen zu knnen, ben Sie
jetzt Vergeltung.
    Der groe schwarzlockige Mann, der sich trg in einem Sessel schaukelte,
lachte.
    Aber gewi, Tage. Sagen Sie nur Ihren Wunsch. Wenn ich kann, erflle ich
ihn gern.
    Tage sah sich einen Augenblick in dem luxurisen Herrenzimmer um, dann sagte
er nachlssig. Sie geben nchste Woche ein Fest. Laden Sie eine junge, hbsche,
begabte Schriftstellerin, die mich interessiert, mit ein. Ich mchte das Mdchen
gern unter die Menschen bringen.
    Sie Tausendsassa! Und wenn die Baronin kommt?
    Die kommt nicht, lieber Klingenberg. Seien Sie auer Sorge.
    Der Mann mit den dunklen Locken nickte.
    Va bene; aber mit wem soll die Dame kommen? Sie wissen, ich stehe ber all
diesen Formalitten, aber meine Frau ist darin etwas peinlich.
    Drfte Frau Wewerka sie herbringen?
    Klingenberg sprang auf. Um Gotteswillen! Er hat sich durch seine letzten
Schwindeleien ganz unmglich gemacht; sie, na, da brauchen wir keine Worte zu
verlieren.
    Tage zuckte die Schultern. Nun, dann kommt Frulein Grn allein. Sie als
fremde, hier zugereiste Dame darfs ja.
    Klingenberg nickte. Gewi; brigens, es werden ja mehr Leute da sein; sie
wird nicht sitzen bleiben; berdies, Sie kommen ja auch.
    Natrlich sagte der Poet. Er stand auf und reichte dem Andern die Hand.
Also abgemacht und Dank.
    Soll ich sie persnlich einladen?
    Nicht ntig meinte Tage, ich bringe sie einfach Sonnabend her.
    Gut.

Alfred Klingenbergs Salon war eine bekannte Versammlungssttte aller Knstler.
Hier gingen Maler, Bildhauer, Dichter und Kritiker aus und ein.
    Viele kamen nur des guten Essens wegen, Andere der Bekanntschaften wegen,
die man da machte, wieder Andere, um Kufer oder Interessenten fr ihre
Kunstschpfungen zu finden. Alfred Klingenberg und Frau, die beide selbst auf
allen Kunstgebieten herumtasteten, wollten durch die Knstler, die sie um sich
versammelten, wenigstens indirekt mit Frau Kunst verkehren. Er besorgte selbst
die Delikatessen, die er seinen allezeit hungrigen und durstigen Gsten
vorsetzte. Es war dem Ehepaar lange ein groer Schmerz gewesen, da Professor
Kneilenbregg, der groe Mann, wie ihn Lohringer nannte, nicht zu der Schaar
seiner Stammgste zhlte. Eines Tages, als wieder die Rede darauf kam, warf sich
Tage, der als Liebling Kneilenbreggs galt und viele Vorteile von Klingenbergs
zog, stolz in die Brust und versprach, mit ihm zu reden. Und in der nchsten
Sonnabendgesellschaft brachte er den Gefeierten, Langersehnten mit. Das wars,
worauf Tage vorhin anspielte.

Mit einem Siegerlcheln um den wenig anmutigen Mund ging er von Klingenberg nach
der Redaktion eines lyrischen Kseblattes, wo die Dichter ihre Photographien in
Geldnoten eingewickelt hinsandten, um sich an der Spitze des Blattes klischiert
zu sehen, warf Johannes Bogen auf den Tisch und sagte zu dem beraus
zuvorkommenden Redakteur:
    Du, Flick, hr mal. La das Zeug da abschreiben und brings, wenn mglich,
in der bernchsten Nummer. Ich hab der Dichterin die Arbeit schwer bezahlt,
will aber nichts von Dir dafr. Man mu auch ideal sein knnen. Apropos, den
Reklameartikel ber Eure Zeitung habe ich schon fast fertig. In einigen Tagen
geht er ab. Adieu, also!
    Sei unbesorgt.
    Die beiden schttelten einander die Hnde.

                                       12


Nachmittags erwartete Tage Johanne. Ich war zweimal vergebens hier bemerkte
er; ich habe Ihnen viel zu sagen.
    Ich habe zwei Tage lang geschwnzt. Sie sah ihn bermtig an. Es ist so
merkwrdig, etwas zu thun, was man nicht soll.
    Er berhrte ihre Bemerkung, nahm den Hut ab und verbeugte sich vor ihr.
    Ich habe die Ehre, in Ihnen eine junge, hoffnungsvolle Schriftstellerin zu
begren.
    Wieso, wirklich? ... nein ... stammelte sie und wurde dunkelrot im
Gesichte.
    Er erzhlte ihr allerlei Wahres und Erlogenes ber ihr Manuskript. Sie
schritt glckselig neben ihm hin. Nein, da sie dazu Talent htte, nie htte sie
das gedacht. Aber eine gewisse Wonne habe es ihr in der That bereitet, die
kleine Skizze zu schreiben. Vielleicht sei das ein Zeichen des Talentes.
    Naturallement sagte er; dann erzhlte er ihr von Herrn und Frau
Klingenberg. Sie kennen sie doch selbstverstndlich dem Namen nach; jeder
Knstler macht dort der Kunst seine Antrittsvisite. Er flocht ein, da dieses
groartige Ehepaar darauf brenne, die Dichterin der entzckenden kleinen
Geschichte bei sich zu sehen. Nchsten Sonnabend hol ich Sie ab. Sie gehn doch
natrlich hin.
    Sie strubte sich anfnglich ein bischen, dann versprach sie mitzukommen.
    Sie hatte sich so lange unglcklich und verlassen gefhlt, so da die
Entdeckung sie ganz berauschte, ein wirkliches Talent in sich zu haben, welches
ihr Zerstreuung und Anregung bot, sie von der den Zukunft eines Kindermdchens
bewahrte und ihr am Ende gar noch Ruhm und Geld eintrug. Die Freude verklrte
ihr schnes Gesicht und machte es noch anziehender. Mit feuchtem Glanz in den
Augen dankte sie Tage. Ihm wurde bei dem heien dankbaren Blick dieser dunklen
Augen ganz seltsam zu Mut. Er htte sie am liebsten an sich gerissen und blutig
gekt. Er wute jetzt, wodurch man diese Seele eroberte. Nicht durch
Leidenschaftlichkeit, durch Schmeichelei, nicht indem man den berhmten Mann
hervorkehrte, sondern indem man sie zur Dankbarkeit zwang. Es giebt vornehme
Naturen, denen das Bewutsein, eine Verbindlichkeit gegen jemand zu haben, zur
Eisenkugel wird, die sie nie mehr abstreifen knnen. Darauf hatte er hier
gerechnet. Er war noch nie einem so schnen, reinen Mdchen begegnet.
    Seine Hlichkeit und innere Hohlheit lie ihn nach Vollendetem die Arme
ausbreiten, nach Jemand, der eigene Art besa und von dem Tro der Nachbeter
abwich. Er mute um seines Vorteils willen den Verehrer einer alten welken Frau
spielen und entschdigte sich dafr bei kleinen Grisetten. Aber dies kostete
erstens Geld, zweitens war es mit so viel unbehaglichen Nebendingen verbunden.
Wenn er Johanne zur Geliebten gewann - die Baronin wrde er ja nie lassen,
natrlich nicht - dann fielen diese peinlichen Nebenumstnde weg. Sie besa
etwas Vermgen, um vor der Hand leben zu knnen; sie war klug, um auch etwas
Anderes, als bloe Liebesunterhaltung zu bieten, und ehrlich schien sie auch;
wenn sie sich einmal gab, konnte man ihrer sicher sein.
    Tage verabschiedete sich verliebter denn je von ihr. Sie setzte sich gleich
wieder hin, um zu dichten. Aber es ging nicht; sie war in diesen Tagen zu
aufgeregt.
    Eines Nachmittags erhielt sie ein Blatt zugeschickt. Es war eine
Zeitschrift, und ihr Name prangte auf der ersten Seite. Wir bringen hier, hie
es, eine kleine Novellette von Johanne Grn, einem neuen glnzenden Stern am
Litteraturhimmel. Mit schweren Opfern ist es uns gelungen, diese Arbeit zu
gewinnen, die, wie die meisten Dichtungen der jugendlichen Autorin, eben an eine
groe Zeitschrift im Auslande abgehen sollte. Darauf folgte Johannes Skizze.
Zuerst machte sie ein ganz verdutztes Gesicht, dann aber weinte sie vor Freude.
Am andern Morgen kam eine gedruckte Einladungskarte von Klingenbergs. - Am
Nachmittag drckte sie wiederholt Tages Hnde.
    Das Honorar erhalten Sie spter sagte er leichthin. Auch das noch! Ob sie
gleich ihre Lernzeit am Frbelhaus abbrechen sollte? Natrlich - riet er. Lust
htte sie ja doch keine dazu. Sie solle sich sofort wieder an eine kleine
schriftstellerische Arbeit machen.
    In ihrer Hoffnungsduselei, in ihrem Rausch beging sie in der That den
Schritt, mitten im zweiten Semester aus dem Erziehungskurs fortzubleiben. Sie
war wie umgewechselt. Sie jubelte auf wie ein in die Falle gegegangenes und
wieder befreites Vglein.
    Am Ende der Theresienstrae, in der sie wohnte, lagen groe noch unbentzte
Baupltze. Frher waren es Aecker und Grten gewesen und einzelne Bume standen
noch hie und da herum. Obgleich es Winter war, war es doch schn und frei dort.
    Die glitzernde Schneeflche, durch die sich ein schmaler Pfad schlang, lud
zu einsamen Spaziergngen ein. Von jenem etwas erhhten Terrain aus konnte man
das Weichbild der Riesenstadt berschauen. Dort machte Johanne mit Tage fter
Spaziergnge.
    Er schwrmte, und sie begann, ihm langsam zu glauben. Sie erzhlte ihm
mancherlei aus ihrer Kinderzeit, ihre Zunge lste sich nach und nach, endlich
gab sie sich als das, was sie wirklich war: als ein leben- und liebedrstendes
Geschpf. Er htete sich, ihr ironisch wie Lohringer zu begegnen; er merkte, da
sie das hate.
    Am Sonnabend holte er sie ab. Sie hatte ihr weies Kleidchen angezogen,
dasselbe, das sie in ihrer ersten Gesellschaft bei Wewerkas trug. Tage bat sie,
ihr Haar loser und tiefer zu stecken. Sie gehorchte ihm und sah mit dem etwas
unbndigen, leicht gefesselten dunklen Haar im Nacken entzckend aus.
    Ich habe riesiges Herzklopfen sagte sie auf Klingenbergs Treppe. Er
beschwichtigte sie. Einen Augenblick tanzte ihr alles vor den Augen, als sie die
vielen Lichter und Menschen sah; dann fhlte sie ihre Hand geschttelt, und ein
groer eleganter Herr mit schwarzen Locken stand vor ihr.
    Frulein Grn, meine Frau!
    Die kleine dicke Frau mit den kostbaren Brillanten in den Ohren nickte ihr
zerstreut zu. Recht erfreut, da Sie uns beehren. Na Tage, Ihre letzte
Photographie ist ja trefflich geworden. Sie steht in allen Schaufenstern der
Buchhandlungen.
    Mir sehr peinlich sagte er mit gerunzelten Brauen. Er verschwieg, da er
selbst allen bedeutenderen Buchhandlungen angeboten hatte, sein Bild in ihrem
Schaufenster auszustellen. Johanne wurde von der Hausfrau einer Menge Menschen
vorgestellt. Sie knixte bescheiden und sah die wenigsten derselben an. Tage
hatte sie bswillig verlassen. Sie blickte sich, als die Vorstellung endlich
beendet war, verlegen nach einem bekannten Gesicht um. Da trat eine hbsche
groe Frau zu ihr.
    Frulein Grn, Sie wohnen bei Wewerkas, nichtwahr? Wie gehts Ihnen? haben
Sie sich schon bei uns eingewhnt?
    Die Frau war sehr geschminkt und geschnrt und trug ein prachtvolles
grnsamtnes Kleid mit reichem Zobelbesatz. Johanne blickte sie bewundernd an und
stammelte einige verlegene Worte. Die Dame lchelte ber die naive Kleine,
plauderte noch etliches und trat dann zu einer anderen Gruppe. Johanne stand
tief verlegen da und wute nicht, was sie beginnen sollte. Da hrte sie eine
bekannte Stimme neben sich.
    Eher htt' ich geglaubt, den Kaiser von China hier zu finden als Sie.
    Herr Lohringer!
    Seine dunklen Augen sahen sie entzckt, traurig, vorwurfsvoll an.
    Was treiben Sie alles? Weshalb kommen Sie nicht mehr zu Frau Schler?
    Ach sie senkte den Kopf, hrten Sie denn nicht von dem Neuen in meinem
Leben?
    Sie haben eine kleine Skizze geschrieben.
    Ich bin Schriftstellerin geworden.
    Sapristi. Aber hoffentlich nur zum Sonntagsvergngen.
    Nein, ich - ich habe meinen Kursus unterbrochen; ich will mich ganz der
Schriftstellerei widmen.
    Aber mein Gott - er sah sie kopfschttelnd an, das ist doch ein
leichtsinniger Streich. Hat wohl Tage auf dem Gewissen, wie?
    Ja ich bin ihm furchtbar dankbar.
    So, so meinte Lohringer, indem er sie anblickte, nun, ich sagte Ihnen ja
einmal, Sie mten sehr viel durchmachen, bevor Sie den richtigen Weg zu sich
entdecken.
    Sie reden wie ein Prediger. Sie sah ihm mit aufsteigendem Zorn und voll
Weh in die Augen. Und wer handelt weniger -
    gut, korrekt, edelmtiger als ich. Hm? Wollten Sie das sagen?
    Ja versetzte sie ehrlich.
    Na, lassen wir das sagte er heiter, Sie sind noch zu jung, um einen
reifen Menschen zu verstehen; hier ist auch gar nicht der Ort, um ein
ernsthaftes Gesprch zu fhren. Ich freue mich, Sie getroffen zu haben und -
glauben Sie nur nicht, da ich ein Zerstrer bin. Ich habe die tiefste Achtung
vor allem Ganzen er neigte sich nher zu ihr, verstehen Sie, wo ich aber
Scherben finde, da zgere ich nicht, meinen Fu darauf zu setzen, auch auf die
Gefahr hin, sie noch mehr zu zerbrechen.
    Haben Sie den Mann dort mit dem hageren Gesicht und dem weiten Mund schon
beobachtet?
    Johanne wandte mechanisch den Kopf zur Seite, wo jener Herr stand.
    Das, was Sie mir eben sagten, interessiert mich viel mehr als -
    Es ist der berhmte Weiden fuhr Lohringer fort, ein Schriftsteller,
dessen Spezialitt darin besteht, die Werke bekannter Dichtergren noch einmal
herauszugeben. Da er selbst nichts in sich hat, sucht er wenigstens seinen Namen
mit dem von Leuten zusammenzubringen, die etwas sind. Man schreibt groe Artikel
ber ihn und sein merkwrdiges Genie.
    Sagen Sie nur fragte Johanne, die der Doppelgnger der Genies wenig
interessierte, wer ist jene Frau in dem herrlichen Sammetkleid? sie sprach
vorhin so vertraut zu mit.
    Ach die! Lohringer fixierte die Dame. Das ist Frau Borstig. Freut mich,
da es ihr wieder gut geht. Sie besitzt nmlich nur das eine Gesellschaftskleid,
das ihr ein reicher Verehrer widmete. Da es ihr und ihrem Gatten - er ist
Zeichner bei einem Witzblatt - sehr elend geht, befindet sich das kostbare Kleid
meist auf dem Leihhaus. In dieser Zeit schlgt sie Unwohlseins wegen alle
Einladungen aus.
    Johanne kicherte.
    Ach, und die Dame dort. Glauben Sie, da die Brillanten an ihrem Halse echt
sind?
    Pst machte Lohringer, und ob. Der Schmerbauch neben ihr, ihr Mann, ist
der gefrchtete Kritiker an der Groen Presse. Frher war sie Modell. Heute
nimmt sie teil an der Herrschaft ihres gestrengen Kritikergatten und vernichtet
arme Teufel, die sie nicht anbeten, in der Lauge ihrer Kritik.
    Pltzlich rief Johanne so laut, da ein paar Damen sich malitis nach ihr
umwandten: Mink, Mink, nein wie hbsch. Ich habe ihn schon eine Ewigkeit nicht
mehr gesehen.
    Lohringer lachte. Sind Sie verliebt in ihn? Soll ich ihn holen gehen? Sie
wissen doch schon?
    Was denn?
    Da er sich von Babinsky getrennt hat?
    Was, von seinem Busenfreund?
    Ja der Busenfreund, den der edle Mink bis auf den letzten Heller ausgesogen
hatte, besa eines Tages nichts mehr. Da wurde Mink grob, lie seinen Koffer in
die Wohnung eines anderen Bekannten tragen und machte Babinsky ffentlich
herunter. Mink hat eine weitherzige Natur. Er quartiert sich einmal bei diesem,
dann bei jenem Freunde ein. Da lebt er ein paar Jahre, lt sich erhalten,
kleiden, macht alle Arten Vergngungen mit, natrlich auf des Andern Kosten, und
ist eines Tages der Gastgeber ausgebeutet, geht der edle Dichter schimpfend von
ihm und sagt ihm die schndlichsten Dinge nach. So knappert er sich durch die
Brotkrbe seiner Freunde hindurch.
    In diesem Augenblick entstand eine Bewegung in der Gesellschaft.
    Ei sieh, Lohringer! Tage schttelte ihm die Hand. Darf ich um die Ehre
bitten, Sie zu Tisch fhren zu drfen, gndiges Frulein?
    Johanne legte lachend ihren Arm in den seinen. Lohringer sagte: Auf
Wiedersehen spter und ging, seine Tischdame zu suchen. Die Flgelthren des
Speisesaals wurden geffnet, und in langer, glnzender Reihe verfgte sich die
Gesellschaft an die festlich mit frischen Blumen und altem Silber geschmckte
Tafel.
    Klingenberg kehrte den besorgten Hausherrn heraus und lie seine Augen bald
hier, bald dorthin spazieren. Das Diner begann mit gebackenen Austern; die
Diener reichten auserlesene Weine herum, wobei sie den Namen der Sorte diskret
flsterten. Tage trank Johanne mit glnzenden Augen zu. Dann sagte er leise:
Was wollte Lohringer? Er schlug ja frmlich Wurzeln bei Ihnen.
    Ich war ihm sehr dankbar. Ohne ihn htte ich wahrscheinlich einsam in einer
Ecke gestanden.
    Was Ihnen einfllt. Ich konnte mich Ihnen nicht gleich widmen. Es waren
allerlei Bekannte da, die mit mir ein Wort sprechen wollten. Aber ich wre
lngst gekommen, wenn ich ihn nicht wie angenagelt neben Ihnen erblickt htte.
Prosit Doktor!
    Ein Herr mit einer Glatze erhob sein Glas gegen Tage. Der Dichter trank ihm
Bescheid.
    Ein Freund von Ihnen?
    Ein famoser Kerl. Denken Sie, er ist Unterlehrer gewesen. Eines Tages fllt
ihm ein, eine Zeitung herauszugeben. Er pumpt sich einige tausend Mark,
verschickt Prospekte, mietet ein Bureau und zwei kleine Buben, die fr die Ehre,
sich Redakteure nennen zu drfen, ihm halb umsonst arbeiten. Aber keine Katze
abonniert auf das Blatt. Das erste Vierteljahr vergeht. Dahlke gert in
Verzweiflung. Was thut er? Er stellt jeden Tag ein Eingesandt, das er natrlich
selbst schreibt, an den Kopf seines Blattes. Einmal heit es: Wir entgegnen dem
Herrn Einsender von gestern, da unser Blatt Katholiken sowohl wie Protestanten
freien Spielraum lt sich auszusprechen. Dann: Herr Dr. H. meint, wir vertrten
weniger das Interesse unserer jdischen Mitbrger: das ist ein Irrtum. Uns sind
alle Menschen gleich, ob Heiden, ob Christen. Dahlke verschickte ein Jahr lang
gratis das Blatt. Schlielich geriet er noch auf andere Kniffe. Er setzte auf
Rtsel und Charaden, die jedes Schulkind lsen konnte, namhafte Preise. Er
schimpft und poltert in dem Eingesandt gegen sein Blatt, dieses Blatt mit der
humanen Tendenz. Schmeichelt allen Konfessionen, - natrlich figurierten alle
mglichen Namen unter jenem Eingesandt -, und gewinnt schlielich Abonnenten.
Heute zhlt seine Zeitung ihrer dreiigtausend. Aber was ich sagen will, trauen
Sie nicht dem Lohringer. Er ist falsch, neidisch.
    Das glaub ich nicht versetzte Johanne und sprach etliche warme Worte zu
Lohringers Gunsten. Tage zuckte etwas rgerlich die Schultern und kam auf
anderes. Man sa beinahe zwei Stunden bei Tisch. Dann verteilten sich die Gste
in Gruppen. Die Herren gingen ins Rauchzimmer. Tage wich den Rest des Abends
nicht mehr von Johannes Seite. Einige Male tauchte Lohringer neben ihnen auf,
lchelte heimlich und verschwand wieder. Um Mitternacht wurde das junge Mdchen
mde und bat Tage, sie nach Hause zu bringen. Er nahm eine Droschke. Unterwegs
sagte sie: Es war sehr schn. Aber eigentlich nichts anderes, als eine Table
d'hte, wo man nichts zu bezahlen braucht. Ich a einmal mit Herrn und Frau
Wewerka im Knigshof an einer solchen. Aber da durfte man dem Kellner klingeln
.....

                                       13


An einem sonnigen Winternachmittag trat Johanne bei Alice ein. Sie fand die
junge Frau seltsam verndert. Eine nervse Unruhe sprach aus ihrem lnger und
schmler gewordenen Gesichtchen.
    Ein Wunder, da du dich meiner noch erinnerst. Bitte nimm Platz. Was thust
du immer? Man sagt, du schriftstellerst. Hast du wirklich allein das Gebet
geschrieben, oder nicht dein - Freund?
    Die kleine Zofe, kokett gekleidet wie ihre Herrin, kam herein und brachte
den Theetisch in Ordnung. Als sie wieder hinausgegangen war, trat Johanne zu
Alice und nahm ihren Kopf zwischen die Hnde.
    Was hast du denn? Du bist ganz verndert. Wo ist Mathilde?
    Im Spital. Sie fhrt wohl nun bald ab. Er besucht sie alle Augenblicke.
    Aber Alice, jetzt, da sie geht, sei doch nicht so bse auf sie, vergieb
ihr.
    Hahaha, vergeben! Na! Es giebt Dinge im Leben, die man nie vergiebt,
wenigstens eine Frau nicht. Reden wir von anderm.
    Alice!
    Die junge Frau holte trllernd eine Schmuckkassette herbei.
    Sieh mal, wie nett. Dieses Collier hat er mir neulich geschenkt.
    Wer?
    Na, wer wird mir denn ein Collier schenken? Herr Schler natrlich. Mit dem
- Andern ist ja nichts anzufangen. Sie unterdrckte einen Seufzer.
    Meinst Du Lohringer? fragte Johanne schchtern. Sie wute nicht warum,
aber bei der Bemerkung der Freundin jauchzte innerlich etwas in ihr auf.
    Ja, ich meine ihn.
    Aber er kommt doch oft zu dir, nicht?
    Gewi. Was habe ich aber schlielich von seinem Kommen, wenn er mich ewig
als Spielsache, als unmndiges Kind behandelt? Meinst du, er fhrte jemals ein
ernsthaftes Gesprch mit mir?
    Das thut er nicht, ich wei wohl, aber innerlich ist er doch ein ganz
ernsthafter Mensch.
    Ach was, innerlich. Das geht mich nichts an. Wenn er nur uerlich thte,
was ich will.
    Was willst du denn?
    Mein Gott: was willst du? Frag doch nicht so albern.
    Johanne errtete. Aber du bist doch eine verheiratete Frau.
    Kommst du mir mit dem? rief Alice heftig. Wer hat mir denn beigebracht,
da das Band der Ehe nur zum Zerreien da ist. Wer hat mich denn, mich, die
Unerfahrene, eingeweiht in den ganzen Schmutz, die Niedertrchtigkeit
vorurteilsloser Anschauungen? Wer denn? Wenn ich ihm eine gelehrige Schlerin
bin, ist das kein Unrecht, nichts Wundernswertes.
    Ich wei nicht, eine Frau ist doch aber kein Mann meinte Johanne. Ein
Mann kann sich besudeln, die Flecken lassen sich ausmerzen; an einer Frau
bleiben sie haften.
    Ach Gott, thu nicht so fromm, du hast doch auch Einen. Und berdies
Flecken, was sind Flecken? Wenn ich das so nehmen wollte. Die ersten, die nie
wieder sich ausmerzen lassen, hat mir mein eigener Mann beigebracht. Was ich
jetzt thue, ist nicht mehr, als da ich einen schnen Schleier voll gestickter
Blumen ber sie lege. La mich gehen ...
    Johanne zitterte vom Kopf bis zu den Fen vor Scham, Aerger und Mitgefhl.
Aber das Wort: Du hast doch auch Einen brannte auf ihr. Alice machte sich bei
ihrem Theekessel zu thun; dann trat sie vor den Spiegel und ordnete die kleinen,
reizenden Lckchen. Johanne sa ein Weilchen still im Sessel, dann erhob sie
sich.
    Adieu, Alice.
    Wartest du den Thee nicht ab? fragte jene, ohne sich umzuwenden.
    Nein.
    Na, dann geh und verachte mich. Sie kehrte sich schnell mit tragischer
Geberde um und lachte hhnisch.
    Ich dich verachten! Keine Rede.
    Johanne blickte sie mit ihren blauen treuherzigen Kinderaugen an.
    Leid thust du mir.
    Wirklich? Die junge Frau nherte sich ihr einen Schritt.
    Gewi, Alice. Du verkennst mich. Ich bin nicht mehr so, wie ich war. Ihre
Stimme schwankte ein wenig. Aber das mit dem Einen ist unrichtig. Tage ist nur
mein Freund, nicht mehr. Ich -
    Du Liebe! Alice warf sich ihr an die Brust.
    Ich denke nicht mehr so streng, das heit ber - die Anderen. Es mu wohl
so sein mssen, da keiner ganz und rein bleiben kann, weil Alle nur halb und -
nicht lauter sind. Weit du, ich komme eben vom Lande; bei uns sind sie anders.
Wenn sie fallen, geschieht es so plump und ehrlich, das jeder mit dem Finger auf
sie zeigen, sie verachten, meiden kann, je nachdem er will. Hier vollzieht sich
alles unter dem Schleier des Scheins. Der blendet einem die Augen, man wei
schlielich nicht mehr, was echt, was unecht, was hlich, was schn ist. Leb
wohl, Alice.
    Komm doch bald wieder, hrst du?
    Ich wills.
    Auf dem Nachhausewege dachte Johanne ber sich und die Freundin nach. Hatte
Alice im Grunde genommen so unrecht? Ihr Mann hatte sie betrogen; sie suchte bei
einem Andern Trost fr das ihr zugefgte Leid. Dieser Andere war ebenfalls kein
Schurke; er nahm vom Leben, was es ihm bot.
    Er wie Tage, beide verlachten ihre strengen buerlichen Grundstze. Und die
Andern, Mink, Wewerka, Babinsky, alle, deren Gestalten in deutlichen Umrissen in
ihrem Gedchtnis hafteten, diese ganze Gesellschaft war einer Ansicht. Sie stand
allein mit ihrem Protest gegen die herrschende Sitte. War es eigentlich nicht
lcherlich? Wenn sie eine groe Schriftstellerin werden wolle, msse sie den Mut
haben, dem Leben, wie es war, ruhig ins Auge zu sehen, sagte ihr Tage bestndig
vor. Sie wollte es auch thun. Es gehrte eben dazu. Schlielich, wenn man sie,
das kleine Landmdchen, auf die eine, und die ganze Gesellschaft auf die andere
Seite stellte, mute doch die Mehrzahl recht behalten gegen sie. Lag nicht
vielleicht viel Selbstberhebung in ihr?
    Sie ging nach Hause und begann eine kleine Geschichte zu schreiben. Sie
schickte sie Tage. Er erwartete sie drauen auf den Baugrnden und sagte ihr,
diese Geschichte sei nicht so gut wie die erste, aber er wolle sich doch
bemhen, sie unterzubringen. Er htte zwar rasend viel zu thun, aber ihr zu
liebe ... Drauen war es einsam, fast niemand ging hier. Er bot ihr den Arm. Sie
hing sich an ihn. Sie plauderten von Litteratur. Manchmal sprach sie so kluge,
schne Worte aus, da er innerlich staunte. Sie hatte unleugbar viel Begabung.
Nur ihre dumme Unerfahrenheit und die bornierten Ansichten hinderten sie. Es
sprach so viel Schulmdchenhaftes aus ihr. Ihre orthographischen Fehler waren
etwas Natrliches und lieen sich verbessern. Aber das andere zu ndern war ein
schweres Stck Arbeit. Nun, mit etwas Geduld wrde es schon gelingen.
    Ich habe eine Bitte an Sie, Johanne sagte er, ihren Arm inniger an sich
drckend, wollen Sie ja dazu sagen?
    Sie nickte.
    Sagen Sie mir: Du. Ja? Es ist so lieb, brderlich. Wenn ich einem Menschen
Sie sage, kann ich nie warm neben ihm werden, auch nie ganz herzlich zu ihm
sprechen. Also, ja?
    Aber es schickt sich doch gar nicht. Sie sind ein berhmter Mann und ich -
mein Gott!
    Du bist ein Nrrchen; du wirst mich bald weit berflgelt haben.
    Nein ... Sie lachte kindisch.
    Nun, Johanne?
    War es nicht unhflich gegen ihn, der so gut mit ihr war, wenn sie seine
Bitte abschlug?
    Meinetwegen sagte sie leise.
    Sie schttelten einander die Hnde. Hinter ihnen lag die groe Stadt mit
ihrem Trubel, ihrer Gemeinheit, ihrem Strebertum, ihrem Elend. Vor ihnen weie,
unbetretene Schneeflchen, von denen dann und wann ein einzelner Rabe aufflog.
    Warum pltzlich so einsilbig? fragte er nach einer Pause.
    Das thut so wohl sie deutete auf die freien Felder. Das erinnert mich an
Sienenthal, an die liebe Stille dort, an die alten verkrppelten Weiden.
    Liebst du Sienenthal sehr?
    Ich wrde es noch mehr lieben, wenn ich Jemand dort bese. Aber ich habe
niemand da, der mir nahesteht. Trotzdem ist mir der Ort das liebste auf Erden.
    Aber hier hast du jemand, der dir nahesteht, Johanne. Er zog ihre Hand an
seine Lippen. Glaubst du, da ich dich von Herzen liebhabe, Johanne?
    Ja, Sie sind sehr gut gegen mich.
    Ich bin weder der Herr Sie, noch ein guter Kerl. Lieb haben sollst du mich.
Das ist unabhngig vom Gutsein.
    Sie erschauerte leicht unter seinen Worten und hing sich fester an ihn.
    Als sie zurckkehrten, war es Dmmerung. Vor ihrem Hause nahm er Abschied.
Sein Gesicht neigte sich nah zu dem ihren. Sie erschrak. Er lachte und sagte
ihr: gute Nacht.

                                       14


Jetzt, da die ganzen Tage ihr gehrten und sie thun konnte, was sie wollte, da
ihr Ehrgeiz geweckt war und sie von Erfolgen trumte, warf sie sich mit aller
ungebrochenen sanguinischen Hoffnung auf das Schreiben. Sie schrieb eine Reihe
Novelletten und brachte sie Tage mit.
    Es war ausgemachte Sache zwischen ihnen, da er sie jeden Tag zum
Spazierengehen abholte. Frau Wewerka lchelte diskret. Sie war gewi die Letzte,
die Steine auf andere warf, wenn es auch unleugbar war, da die Kleine dumm war,
riesig dumm. - Die Spekulation, die Schler mit ihr zu machen gedachte, war
milungen oder hatte vielmehr andere Wege genommen, als er beabsichtigte. Nicht
Johanne, seine eigne Frau war die Veranlasserin, da seine Wnsche bezglich
einer Gehaltsaufbesserung erfllt wurden. Davon ahnte er freilich nichts. Er
lie es sich nie trumen, in Lohringer einen Nebenbuhler zu erblicken. Er dankte
ihm herzlich fr seine Frsprache und begegnete ihm freundschaftlich. Da er mit
Johanne nicht in nhere Beziehungen getreten war, sah er wohl, aber da dies
nicht an Schler lag, mute Lohringer zugeben. Jener hatte kaum sein Interesse
fr das junge Mdchen wahrgenommen, als er ihm auch, so weit dies anging, die
Gelegenheit bot, sich ihr zu nhern. Was zwischen den Beiden sich weiter
abspielte, war nicht weiter seine Sache. Lohringer, der Schlers Absicht
durchschaut hatte, mochte sich innerlich ber die Verschiebung der Dinge
belustigen. Wewerkas hatten ebenfalls Schlers Plne gekannt, aber sie schwiegen
natrlich.
    Eines Tages sagte Hans Tage zu Johanne, als sie wieder auf ihrem
Lieblingsweg promenierten: Hr Schatz, du mut jetzt eine zeiltang pausieren.
Ich habe nun schon sieben Novellen von dir. Zwei davon habe ich untergebracht,
aber die brigen -
    Und das Honorar? fragte sie pltzlich zu seiner Ueberraschung.
    Es war ihm recht unbehaglich, da er auch hier wieder in seine Brse greifen
mute. Aber da er anfnglich so protzig gethan hatte, durfte er jetzt nicht
zurck. Na, auf ein paar Goldfchse sollts ihm nicht ankommen.
    Erhltst Du in diesen Tagen sagte er. Es ist aber sehr klein, Liebchen.
Weit du, grere Honorare kommen erst spter. Die ersten Jahre gehts immer nur
tropfenweise.
    Aber spter glaubst du doch, da ich viel verdiene; denn wovon sollte ich
sonst leben? Dann mte ichs ja am Ende bereuen, nicht doch die Kindergrtnerei
weiter -
    Aber Kleine sagte er rgerlich, la doch das: spter. Fr jetzt bist du
zufrieden, nicht? Er prete ihren Arm leidenschaftlich an sich.
    Diese buerliche Vorbedachtsamkeit verstimmte ihn, brachte ihn in
Verlegenheit.
    Was kmmerte ihn ihr: spter?
    Vielleicht brachte sies in der That zu etwas auf litterarischem Gebiete.
Vielleicht nicht. Ihm galt hauptschlich die Gegenwart. Ach, da diese kleinen
Mdchen so viel Mtzchen machten, bevor sie sich ergaben! Sie erhielt wirklich
eine kleine Summe. Auf der Postanweisung stand: Fr die Novellen Gebet und Ein
armes Mdchen.
    Warum war die Redaktion nicht genannt, nur dein Name? fragte sie spter
Tage.
    Weil ich es von der Redaktion abholte, um es sofort an dich zu senden log
er.
    Dann qulte sie ihn, er solle sich doch mit den anderen Sachen beeilen. Er
wurde ungeduldig.
    Einmal bat er sie, zu Klingenbergs zu gehen. Es sei Brauch, Leuten, bei
denen man eingeladen war, einen Besuch zu machen.
    Ach die sind mir zu langweilig meinte sie.
    Du mut aber beharrte er.
    Sie ging nicht. Was hatte ich davon, als ich dort war? Wenn du und
Lohringer nicht gewesen wrt -
    Ja, Lohringer sagte er bissig.
    La ihn; du weit, ich mag ihn gut leiden.
    Gott ja, schwrme fr ihn. Seine Glatze ist ja auch wirklich
anschwrmenswert.
    Du bist roh rief sie.
    Sie gingen khl auseinander und sprachen sich etliche Tage nicht. Sie
langweilte sich frchterlich. Seine Werke, drei Bnde Gedichte, die er ihr
gebracht hatte, kannte sie schon auswendig. Sie besa auch keine rechte Lust zu
lesen. Die Frage: was wird nun aus mir? bring ichs auch wirklich zu etwas? lag
schwer auf ihr. Sie schrieb allerlei kleine Schelchen, tastete unsicher in sich
herum und wute nicht recht, welchen Stoff sie whlen sollte.
    Grade als sie recht unglcklich den Kopf in die Hnde gesttzt dasa, kam
Tage. Sie gingen spazieren. Als sie die Stadt hinter sich hatten, sagte sie:
Weit du, ich glaube doch, da es eine Dummheit von mir war, was ich gethan
habe. Vielleicht wrs das Beste, ich ging wieder ins Frbelhaus zurck.
    Thus sagte er achselzuckend.
    Nun bist du auch noch so gegen mich rief sie weinerlich.
    Was willst du denn eigentlich?
    Er blieb stehen und sah sie an.
    Mein Gott, etwas Sicheres vor mir erblicken, eine Thtigkeit haben. Ich
sitze den ganzen Tag in den Ecken herum.
    Du schriftstellerst ja bemerkte er ungeduldig.
    Aber ich glaube, es kommt nichts dabei heraus.
    Warum glaubst du das?
    Weil ich denke, ein Mensch, der wirkliches Talent in sich hat, wei doch,
was er schreiben soll. Ich aber wei nie, wozu ich die Feder ansetzen soll. Es
ist manches in mir, aber verworren, so ... ich wei nicht wie.
    Er nickte. Aber ich wei es. Ich will dir etwas sagen. Ein Mdchen so ganz
ohne jede innere Erfahrung, ohne jede Erschtterung der Seele - ich will ehrlich
zu dir reden - kann unmglich etwas leisten. Du mtest einmal -
    Was denn?
    im Arm eines Mannes gelegen haben, er sah von ihr fort, gebebt,
gejauchzt, geweint haben, eine Erfahrung gemacht haben, dann wre die Knstlerin
in dir reif und du brchtest schne Bcher zu stande. Was du jetzt schreibst,
ist lauter Kinderstammeln, die Redaktionen wollen es nicht. Die ersten zwei
Stcke gefielen, aber immer das gleiche Gesnglein anzuhren, ermdet.
    Also? fragte sie leise.
    Also, du wirst es wissen.
    Sie sahen beide zu Boden.
    Sie zog ihr Taschentchlein heraus und drckte es leicht an die Augen. Das
war unverblmt. Und trotzdem, genau hatte sie ihn doch nicht verstanden.
    Also wird nichts aus mir sagte sie nach einer Weile tonlos.
    Wenn du dir selbst hindernd im Weg stehst. Er zuckte die Schultern.
    Was soll ich denn thun? rief sie leidenschaftlich. Jeder behandelt mich
als kindisches Ding, belchelt, bemitleidet mich; was soll ich denn thun?
    Tage blieb stehen und sah ihr in die Augen. Dem Mann, zu dem du dich am
meisten hingezogen fhlst, angehren.
    Sie sprte heie Schauer ber sich gehen.
    Du ahnst nicht, welche Vernderung mit dem Weibe nach einem mutigen Schritt
vorgeht. Die Welt erscheint ihm in ganz anderen Farben, eine ungeahnte
Lebenskraftund Lust rauscht durch seine Adern; Schnheit, Gesundheit, Geist
bergieen es mit ihren beglckenden Gaben. Ein Mdchen ist immer eine vor den
Thoren des Lebens Harrende; erst das Weib dringt hinter das Geheimnis des
Daseins.
    Ach, vielleicht hast du recht, aber - sie seufzte.
    Er warf die Arme um sie und prete einen heien Ku auf ihre frischen
Lippen.
    Johanne!
    Sie sagte garnichts. Mit gesenktem Haupte schritt sie neben ihm nach Hause.
    Und nun begann ein stillschweigendes, erbittertes Kmpfen zwischen ihnen.
    Einen Tag war er strmisch, zrtlich, khn gegen sie. Wenn sie ihn erzrnt
in seine Schranken zurckwies, blieb er am nchsten Tag aus und vernachlssigte
sie. Fr sie, die keine rechte Beschftigung hatte, waren solche Tage voll
Verzweiflung. Sie schrieb verwirrtes Zeug, zerri es wieder, rannte hundertmal
ans Fenster, irrte planlos durch die Straen und rief ihn endlich. Und wenn er
dann kam und sie auf den Wegen drauen mit seinen wilden, glhenden Kssen
berfiel und Dinge von ihr forderte, die ihr das Rot in die Wangen trieben und
sie emprt auffuhr, begann er zornig, hhnisch, bitter zu werden und blieb
wieder weg. Einmal schickte sie ihm einen Pack Manuskripte.
    Lauter dummes Zeug, mein Kind sagte er, als er sie nach einer Szene
wiedersah. La das Schreiben fr jetzt. Du bringst nichts zustande, du bist zu
unruhig.
    O Gott sagte sie traurig, aber es ist ja gar nicht wahr! warum sollte ich
unruhig sein?
    Weil das Blut in deinen Adern nach Erfllung schreit; stell dich doch nicht
gar so dumm. Man sieht es dir ja im Gesicht an.
    Er redete ihr so lang von dem Aufruhr in ihr vor, bis sie schlielich daran
zu glauben begann. Sie weinte ber sich selbst. Aber sie widerstand.
    Zu Hause sa sie am Fenster gekauert und wute nicht, sollte sie beten oder
verzweifeln.
    Wenn sie noch einen Menschen besessen htte, dem sie sich anvertrauen
konnte. Aber sie besa niemand. Frau Wewerka mit ihrem stillen, vielsagenden
Lcheln war ihr unausstehlich. Alice wrde sie ausgelacht haben. Sie hrte fast
ihr: thue doch, was dich freut, Nrrchen. Lohringer war sogar der Meinung, der
Mensch msse Erfahrungen machen, um sich selbst zu finden. Also alle und alles
drngte sie zu dem Einen. Sie weinte fortwhrend, nahm kaum Nahrung zu sich und
fhlte sich todunglcklich.
    Whrenddessen begann Tages Geduld zu erlahmen. So lange Zeit, so viele
hundert Wege, Bitten, Szenen hatte ihn kein Weib gekostet. Freilich, sie alle,
die er besessen hatte, waren nicht mehr rein gewesen. Aber trotzdem. Er
verwnschte diese dumme, sprde Mdchenhaftigkeit, die sich strubte und von
einem Tag auf den andern um Aufschub bettelte. Er sah schon, hier konnte keine
Beredsamkeit, keine Schmeichelei wirken, hier mute er zu einer brutalen That
seine Zuflucht nehmen. - Sein Begehren nach ihr war durch die halben
Vertraulichkeiten, die sie von seiner wilden Art bedrngt ihm gewhrte, aufs
Aeuerste entfacht.
    Einmal nur diese sprde Teufelinne ganz in den Armen halten, dann mochte sie
seinetwegen laufen, wohin sie wollte.
    Ich kann morgen erst gegen Abend kommen, schrieb er ihr eines Tages, erwarte
mich nicht vor der Dmmerstunde. - Er kam um die angegebene Zeit etwas erhitzt.
    Ich hatte sehr viel Laufereien heute.
    Dann magst du wohl jetzt nicht mehr ausgehen meinte sie.
    Natrlich, natrlich mag ich ausgehen sagte er nervs. Komm nur; es ist
sehr schn drauen. Wir knnen uns ja auch einen Wagen nehmen. Auf die Felder zu
gehen ist heute zu spt setzte er hinzu, als sie ihren gewohnten Weg
einschlagen wollte, gehen wir ein wenig in die Stadt.
    Sie gingen Arm in Arm eine Weile. Pltzlich schlug er sich vor die Stirne.
Herrgott, da ich das vergessen konnte. Ein wichtiger Brief, der heute noch
abgehen mu. Nichtwahr, du erlaubst doch, da ich einen Augenblick in meine
Wohnung hinaufspringe, ihn zu holen. Er liegt auf dem Schreibtisch. Wir sind ja
grade hier an meiner Strae.
    Ich habe noch nie dein Haus gesehen sagte sie harmlos, wohnst du hbsch?
    Ha, eine Idee, Schatz. Willst du mit hinaufkommen? Es sieht dich niemand.
Ja, willst du?
    Sie zgerte und blickte ihn ungewi an.
    Na, wie du willst. Dann wart also hier unterm Thor, bis ich wieder
herabkomme sagte er barsch.
    Sei doch nicht gleich so -
    Weil du einem auch die kleinste Bitte abschlgst. Ich wre ja gar nicht
darauf gekommen. Deine Frage brachte mich dazu. Na. Also wart. Sein gekrnkter
ehrlicher Ton rhrte sie.
    Gut also, ich will zu dir hineingucken; aber -
    Er fate sie strmisch um die Mitte und trug sie halb die Treppe empor. Sie
kicherte und wollte sich losmachen, aber er lie sie nicht aus den Armen. Oben
schlo er auf und stie sie scherzhaft in ein Zimmer, das er durch einen Druck
auf den elektrischen Knopf erleuchtete.
    Es war ein groer, durch Teppiche, Felle und etliche Divans sehr wohnlich
hergestellter Raum. Auf mehreren Tischen lagen Bcher, Bildwerke, Manuskripte
umher. In einer Ecke stand ein zierlicher Theekessel. Hinter einem hohen,
eleganten Wandschirm befand sich das Bett. Die Wnde bedeckten zahlreiche gute
Radierungen, Stiche und mehrere Oelgemlde.
    Sehr hbsch rief Johanne, sich auf dem Absatz umdrehend. Er sprang zu
einem Eckschrnkchen und nahm eine Flasche und zwei Glser heraus.
    Seinen Gsten mu man mit etwas aufwarten. Er go sich und ihr ein Glas
dunklen Weines ein. Auf dein Wohl, Johanne. Nun?
    Zgernd stie sie an.
    Trink doch, Mdel. Er zog sie neben sich aufs Sopha. Dann kramte er einige
Zeitungen fort, die eine Schale schner Sdfrchte verdeckt hatten. Knabbere
auch ein bischen dazu. Magst du eine Tasse Thee? er ist im Moment fertig. Hier
ist Konfekt. Er schob ein Tellerchen mit Zuckerwerk heran.
    Aber nein sagte sie berrascht, das sieht ja aus als ob du Gste
erwartest. Kommt jemand zu dir?
    Auer der, die gekommen ist, niemand.
    Aber du wutest doch garnicht, da ich kme, wie konntest du das alles fr
mich herstellen?
    Er lachte. Ich dachte schon lange, da du mich vielleicht einmal besuchen
wrdest - aber - sappristi, frag nicht so viel.
    Er ri sie an sich. Sie zog die Brauen schmerzlich zusammen. La mich doch;
das mag ich nicht.
    Was? Wie? Magst du nicht? Wart, kleiner Unhold, heute will ich mich rchen
fr all die Teufeleien, womit du mich seit Monden qulst. Er wollte sie auf
seinen Schoo ziehen. Sie stie ihn von sich und erhob sich.
    Er knirschte die Zhne zusammen, bemhte sich aber, ruhig zu bleiben.
    So, so, du entfliehst mir? na meinetwegen; aber den Wein trink doch
geflligst aus; er ist nicht vergiftet, wenn er auch von mir ist.
    Ich mag keinen Wein sagte sie und nherte sich der Thr.
    Er sprang auf.
    Johanne! Bleibe doch noch einen Augenblick. Schau, es ist so hbsch, da du
da bist. Wer wei, wenn wieder - ich will ganz brav sein. Komm, noch ein
bischen.
    Seine Hand ergriff die ihre, whrend er mit der andern das Weinglas an ihren
Mund hob.
    Mir zu liebe, aber ex.
    Sie that einen Schluck.
    Ex kommandierte er.
    Sie trank das Glas leer.
    Und jetzt noch ein Augenblickchen, ja? Er zog sie neben sich. Sie sah
umher.
    Wo ist denn der Brief? Du sagtest doch, er eilte.
    Ach was, meinetwegen. Ich bin augenblicklich so glcklich, da mir alles
andere gleichgltig ist.
    Er nahm eine Feige von dem Tellerchen und wollte sie zwischen ihre Lippen
stecken.
    Sie lachte und bog sich zurck.
    Magst du nichts Ses?
    O doch.
    Na, dann also ... Pltzlich hatte er seine Arme um sie geworfen.
    Du, ich bin ganz rasend. Qul mich doch nicht so, Mdel. Gieb mir einen
Ku߫.
    Sie wollte etwas entgegnen; er prete sein Gesicht auf das ihre.
    Du erdrckst mich ja ...
    Ach was ...
    Hrst du?
    Ihre Hand fate krampfhaft sein Haar.
    La mich.
    Fllt mir nicht ein. Die Komdie mu ein Ende haben. Dummes Ding, gieb doch
nach; hrst du?
    Mit einer zornigen Bewegung suchte sie ihn abzuschtteln. Dabei glitt die
Tischdecke herab und der Inhalt der Weinkaraffe ergo sich in roten Strmen ber
beide.
    Er sprang in die Hhe. Auch das noch.
    Sie hrte ihn ein heftiges Schimpfwort murmeln und strzte hinaus.
    Ihr Hut, ihre Jacke, ihre Handschuhe waren oben liegen geblieben. Barhuptig
in ihrem dnnen Kleidchen, mit losgegangenen Flechten, rannte sie durch die
Gassen.
    Die Leute blieben stehen und sahen ihr nach. In ihrem Zimmer angelangt, fiel
sie halb bewutlos aufs Bett ...
    Zwei Tage lang lag sie wie im Fieber. Frau Wewerka sah ab und zu nach ihr.
Am dritten Tag, als sie sich wohler fhlte und aufstehen wollte, sagte die
Hausfrau: Mein armes Kind, teilen Sie mir doch mit, was Ihnen widerfahren ist;
man braucht sich nicht alles gefallen zu lassen. Vielleicht kann ich Ihnen
irgend einen guten Rat geben.
    Das junge Mdchen schttelte den Kopf.
    Lassen Sie mich nur; mir ist ganz gut. Ich habe mich neulich erkltet; das
ist alles.
    Nun, wie Sie wollen. Ein Dienstmann hat brigens ein Packet fr Sie
gebracht. Es war so unordentlich verschlossen, da alles beim Empfang
herausfiel. Hut, Handschuhe und Jacke habe ich in Ihren Schrank gehngt.
    Frau Wewerka lchelte ein wenig.
    Johanne kehrte sich gegen die Wand und flsterte: danke.
    Nachmittags stand sie auf. Sie ging aus einer Ecke in die andere, sah zum
Fenster hinaus und kehrte wieder ins Bett zurck.
    Sie fhlte sich wie zerbrochen. Ihre Hnde und Fe zitterten. Die Arme
unter dem Kopf verschrnkt lag sie da. Was nun? Was sollte sie nun beginnen? Ins
Frbelhaus zurckgehen? den ironischen Gesichtern der Lehrerinnen begegnen? Dann
mute sie jedenfalls auch den abgebrochenen Kurs wieder von vorn beginnen, was
so viel hie, als den Aufenthalt hier um ein Jahr verlngern.
    Nur das nicht. Lieber - Sollte sie geradewegs nach Sienenthal zurck?
    Aber was wrde ihr Vormund, der Pastor, und jeder, der sie kannte, von ihr
denken? Und was sollte sie in Sienenthal? Kartoffel schlen in der Kche der
alten Schlchterin? Mein Gott! War jung sein wirklich ein Glck? Was sollte sie
nur mit sich anfangen? Jetzt, da sie die ganze Schurkerei Tages kennen gelernt
hatte, glaubte sie auch nicht mehr an ihr Talent. Er hatte ihr wohl nur
eingeredet, da sie dichterische Begabung besa, um Macht ber sie zu gewinnen
    Sie begann ihn zu durchschauen. Und das war der Mann, dessen Biographie in
allen frommen Familienblttern stand, dessen Gedichte junge Mdchen auswendig
lernten, dessen Name als einer der besten galt. Freilich, sie wuten nichts von
seiner Gemeinheit. Er sprach ja immer so edle Gedanken in seinen Gedichten aus.
Ihm galt in seinen Versen die Reinheit als das hchste Gut, die Gte gegen
Mensch und Tier (besonders gegen hbsche junge Mdchen) als erstes Gebot
Christi. Man bekam ordentlich feuchte Augen, wenn man diese lieben, kleinen,
feinen Lieder las. Umsomehr, als sie so angenehm abstachen gegen die heien,
ungesunden Gefhlsergsse manch anderer Dichter. Allerdings, die waren deshalb
nicht schlechter, nur - ehrlicher. Sie gaben sich, wie sie waren. In einem
glichen sich alle, die zur Fahne der Kunst schworen, besonders der Dichtkunst:
abgesehen von dem Ha und Neid, womit sie einander befehdeten, - es galt ihnen
kein Mittel als zu gering, auch kein tglicher Meinungswechsel, um zu Geld und
Ansehen zu kommen.
    Es war sehr traurig, das alles in der Nhe ansehen zu mssen und lcherlich
zu denken, da diese Knstler Einflu auf ihre Zeit und auf alle naiven,
unverdorbenen Gemter hatten. Fort von hier, rief es in Johanne. Und doch wieder
- fort? ohne etwas, auch nur das Geringste, erreicht zu haben?
    War das nicht allzu klglich? Gott, Gott! Sie sprang aus dem Bette und warf
sich auf die Kniee. Sie wollte beten, aber es ging nicht. Kein Tropfen Trostes
kam in ihre Seele. Mit trockenen Lippen whlte sie sich wieder in ihre Kissen.
Ob es nicht das Beste wre, zu sterben? Sie lie alle Todesarten an ihrem Geiste
vorberziehen. Sie malte sich ihre einzelnen Schrecken aus. Und doch was waren
sie im Vergleich zu diesem entsetzlichen, trostlosen Jammerleben? In einer
Verzweiflung, die an Irrsinn grenzte, verbrachte sie die halbe Nacht. Erst gegen
Morgen sank sie in unruhigen Schlaf.
    Als sie die Augen aufschlug, war es Mittag. Das Mdchen brachte ihr das
Frhstck ans Bett. Nein, wie Sie aussehen, zehn Jahre lter sagte sie
erschreckt.
    Johanne erhob sich, kleidete sich langsam an und setzte sich an den Tisch.
Was thun? was beginnen?
    Frau Wewerka kam herein.
    Gehen Sie doch ein wenig ins Freie. Die Luft wird Ihnen gut thun. Wir
ordnen indessen Ihr Zimmer.
    Johanne kmpfte eine Stunde lang. Dann setzte sie den Hut auf, zog ihr
Jckchen an und ging hinab. Als sie ber die Treppe schritt, fragte es in ihr:
Wirst du auch wieder herauf kommen? Wer wei? Wenn aber nicht, wo wirst du
morgen frh erwachen? Sie fuhr sich ber die feuchte Stirn und ging. Sie wute
nicht, wohin. Ihre Fe trugen sie mechanisch vorwrts. Von Zeit zu Zeit hob sie
den Kopf und sah sich um. Wenn sie doch an einer Kirche vorbeikme. Vielleicht
gings heute mit dem Beten. Sie irrte durch dunkle Straen in entfernten
Vorstdten, kam an mehreren Gotteshusern vorber, die ihr geistesabwesender
Blick bersah, und rannte weiter, weiter. Sie hrte Uhren schlagen, sah die
Menge der drngenden Leute sich lichten, Millionen angezndeter Gasflammen die
Stadt wie in Funken hllen, Omnibusse und Wagen zu den Nachtzgen nach den
Bahnhfen rasseln, sie sah wie Voraneilende sich nach ihr umsahen; endlich
konnte sie nicht weiter. Vor einem groen Hause mit drei Thoren taumelte sie an
die Wand und sank nieder.

                                       15


Ist dir schlecht? Eine Hand legte sich sanft auf ihre Schulter. Sie sah auf.
War sie gestorben und im Himmel erwacht? Wirklichkeit konnte dies nicht sein.
Ein Mann in einem falben Wollkleide, das um die Mitte durch einen Strick
zusammengerafft war, stand vor ihr. Seine Fe waren nackt. Und wie sich, md
vor Schwche, ihr Blick nach seinem Haupt erhob, lchelte sie.
    Das war ja Christus, und sie war wohl tot.
    Warum lchelst du?
    Sein mildes Gesicht mit dem in der Mitte glatt gescheitelten, ber die
Schulter wallenden Haar, neigte sich zu ihr.
    Fhlst du dich wohler?
    Christus stammelte sie, und schlo die Augen.
    Er hob sie in seinen Armen empor. Ich bin nicht Christus. Ich bin ein armer
Mensch, der in des Herrn Futapfen geht, nichts weiter. Aber - kann ich dir
wirklich nicht irgendwie helfen? Willst du nicht mit hereinkommen? wir haben
hier im Hause einen Saal, da kannst du dich ein wenig erholen, komm!
    Sie folgte ihm, ohne ein Wort zu erwidern, die Augen auf ihn wie auf ein
Wunder gebannt. An seiner Hand betrat sie den Saal. Etliche vereinzelte
Gasflammen brannten noch. Es standen viele Sthle umher. Vorn auf einem Podium
befand sich ein Tisch. An diesem Tisch sa ein Mensch tief ber ein Blatt Papier
gebckt und schrieb.
    Angelus, hier ist ein Kind, das ich halb bewutlos vorm Thore fand; bring
ihm ein Glas frisches Wasser; willst du?
    Der Schreibende sah auf die Beiden und erhob sich rasch. Ja Meister
Johannes. Er sprang elastisch vom Podium herab und eilte hinaus.
    Er war genau gekleidet wie der, den er: Meister Johannes genannt hatte.
Johanne erholte sich allmhlich von ihrer Ohnmacht und sah sich mit wachsendem
Staunen um.
    Mein Gott, wo bin ich denn? Das ist ja wie im Traum.
    Du bist im Saale der Gesellschaft der Wahrheitssucher. Du kennst doch aus
Zeitungen und vielleicht vom Hrensagen unsern Verband. Sieh dich nicht so
erschreckt um.
    Willst du trinken fragte der wiedergekehrte junge Mensch, indem er ein
Glas Wasser an ihre Lippen hob.
    Danke, nein. - Sie bog den Kopf zurck.
    Dann setz dich wenigstens und ruhe ein bischen aus. Meister Johannes zog
sie auf einen der hlzernen Sessel nieder.
    Angelus stellte sich vor sie und sah mit zwei groen leuchtenden Augen in
ihr Gesicht. Er glich einem zehnjhrigen Kinde an Wuchs, und die langen blonden
Haare gaben ihm ein mdchenhaftes Aussehen. Sie wei nicht, was ihr geschehen
ist sagte er lchelnd zu dem Aelteren, dessen Augen wohlgefllig an dem blassen
Antlitz des Mdchens hingen. Wir erscheinen dir wohl sonderbar setzte er
freundlich hinzu. Bist du uns noch nie auf der Strae begegnet?
    Nein, ich habe noch keinen von Ihnen jemals gesehen.
    Du, die Wahrheitssucher kennen das Sie nicht. Zu uns mut du schon Du
sagen.
    Ich habe nie von Ihnen gehrt flsterte Johanne scheu und lie ihre Blicke
von einem zum andern gleiten.
    Wir haben die Unglcklichen sehr lieb sagte der Aeltere mit einer
wunderbar wohllautenden Stimme, und bemhen uns, ihnen Glck zu geben, wo wir
knnen. Als ich dich vorhin drauen zusammengesunken fand, dachte ich, es sei
dir ein Unglck geschehen, aber es scheint, du warst nur mde und hast dich
wieder erholt. Wohnst du weit?
    In der Theresienstrae.
    Kannst du allein zu deinen Eltern kehren, oder sollen wir sie
benachrichtigen lassen?
    Meine Eltern? Johanne, durch alle Aufregungen der jngsten Zeit schwach
geworden, fhlte Thrnen in ihre Augen steigen. Ich hab keine Eltern, ich
besuche hier blos eine Schule und bin fremd in der Stadt.
    Die beiden Mnner warfen einander einen Blick zu.
    Aber doch Verwandte meinte Johannes.
    Nein, Niemand. Ich will auch wieder fort. Ihre Stimme brach. Sie lehnte
sich in den Stuhl zurck und versuchte ihr Schluchzen zu unterdrcken.
    Wein Dich aus sagte der junge Angelus und nahm ihre Hand in die seine.
Hier darfst Dus. Du bist unter Brdern. Hat Dir jemand ein Leid zugefgt?
    Sie konnte nicht sprechen.
    Du hast wohl eine groe Enttuschung erlitten meinte Johannes mild.
    Mehr stotterte sie, Ruchlosigkeit, Gemeinheit, Niedertracht
allenthalben.
    Seine Mienen wurden ernst. Wie, so jung, sprichst du schon so. Das mu eine
harte Schule gewesen sein, durch die du deinen Weg nahmst.
    Sie entgegnete nichts; ihr Kopf sank auf die Brust. Eine Weile herrschte
Schweigen; dann fragte Johannes: Bist du fromm?
    Sie schttelte den Kopf. Ich mchts aber sein; o wie sehr mcht ichs sein.
Ich habe ja niemand -
    Aber dich selbst doch.
    Auch nicht. Ich wei nicht, was ich mit mir anfangen soll. Ich - es ist das
Beste, zu sterben. Ihre Verzweiflung erwachte aufs neue. Sie erhob sich und
wollte fort. Johannes hielt sie zurck.
    Du kleines, thrichtes Kind. Jetzt, wo dir Gott Menschen zeigt, die die
Macht haben, dir dein Leid zu nehmen, willst du sterben. Weit du was? Wir
bringen dich nach Hause, du schlfst dich aus und morgen kommst du auf mein
Bureau. Da wollen wir beraten, was mit dir angefangen werden soll. Lsch hier
aus, Angelus und schliee gut ab. In einer Stunde bin ich zu Hause.
    Der junge Mensch verneigte sich schweigend. Dann bot er Johanne die Hand.
    Guten Muts, Schwester.
    Hast du Lust zu gehen? wandte sich Meister Johannes an Johanne. Sie
nickte.
    Dann komm. Sie traten hinaus.
    Unterwegs fragte er sie allerlei aus. Ob sie schnell und fix im Schreiben
sei, ob sie vorlesen knne. Sie erzhlte aus ihrem Leben. Mit jeder Minute
gewann sie mehr Ruhe in sich. Mehreremale blieb sie unterwegs stehen. War es
denn wirklich kein Traum? Aus der hellsten Verzweiflung heraus dieses Gefhl der
Sicherheit, des Geborgenseins pltzlich.
    Sie hatten einen beraus langen Weg zurckzulegen, und jetzt erst erkannte
sie, wie weit sie vorhin in ihrer halben Bewutlosigkeit gelaufen war. Sie sagte
noch immer Sie zu ihm, bis er seine Hand energisch auf ihren Kopf legte, ihr
fest in die Augen sah und bemerkte: nun wirst du aber: Du sagen.
    Da wurde es ihr wundersam zu Mut und sie sagte: Du. Als sie bei ihrem Hause
angelangt waren, kannte er bereits einen Teil ihres Kummers. Er sah sie gtig
an, nannte ihr die Strae, in der er wohnte, und verabschiedete sich. Und sie
schritt wieder die Treppe empor, die sie vorher nicht mehr zu betreten geglaubt
hatte, und fhlte stillen Frieden in sich.
    Am andern Tag um die angegebene Stunde fand sie sich bei ihm ein.
    An seiner Thr stand auf einer Tafel: Johannes, Vorstand des Vereins:
Wahrheitssucher, Redakteur der Zeitschrift An der Schwelle des Jenseits,
Mitglied des spiritistischen Vereins: Seele, Schriftsteller. Er empfing sie in
einem einfach aber behaglich eingerichteten Gemache, hinter einem mchtigen
Schreibtisch sitzend. Angelus stand vor einem Schrnkchen, mit Zhlen von Geld
beschftigt. Er nickte ihr liebevoll zu.
    Da bist du ja; setz dich, Johanne sagte der Meister und wies auf einen
Stuhl.
    Sie errtete unter seinen forschenden Blicken, die ihr bis an die Seele
gingen.
    Du bist sehr schn sagte er. Das sah ich gestern nicht. Mir dnkte, du
wrest hlich.
    Und da sie protestieren wollte, schttelte er den Kopf. Du mut dir
angewhnen, die Wahrheit, ob s, ob bitter, ruhig anzuhren; es ist kleinlich
und unehrlich gegen sich selbst, wenn man aus falscher Scham gegen Thatsachen
opponiert. Also, sag mir eins. Aber vorher: Du glaubst nun wohl nicht mehr zu
trumen, oder mit Geistern zu thun zu haben. Wir sind hchst einfache, brigens
viel bekannte Menschenkinder, die sich ganz in der Wirklichkeit bewegen. Unser
Ziel ist: die Schden der Zeit zu verbessern. Wir wollen den Materialismus nicht
bekriegen, sondern leidenschaftslos untersuchen und beweisen, da er durchaus
kein Gegner, sondern nur der ungeschickte Ausdruck fr unsere eigene
Weltanschauung ist. Und da sie ihn etwas verstndnislos ansah, fuhr er fort:
Um dir meine Worte durch ein Beispiel zu veranschaulichen: Wir geben den
Menschen nicht unrecht, die da behaupten, mit dem Tode wre alles aus. Das wre
es auch, wenn es einen Tod gbe. Nun liegts auf unserem Wege, zu zeigen, da es
eben keinen giebt, sondern nur eine Formverschiebung. Ich habe absichtlich mir
ein so einfaches Beispiel gewhlt, um dich heute nicht zu sehr anzustrengen. Du
erhieltest mithin eine Ahnung unserer Bestrebungen. In diesem Sinne leiten wir
eine Zeitschrift, haben Vereine gegrndet und bemhen uns, Menschen fr unsere
Ziele zu gewinnen. Vor allem ziehen wir jeder Heuchelei, jeder falschen Scham,
jeder Gewinnsucht zu Leibe. Wir wollen wie Christus einfach und schlicht unter
unseres Gleichen verkehren, in denen wir nicht Fremde, sondern Brder erblicken.
Wir haben uns schon zahllose Freunde in allen Stdten Europas erworben,
geschweige in anderen Erdteilen, wo unsere Lehre seit Jahrtausenden Anhnger
besitzt. Du siehst also, da du es mit ganz realen Menschen zu thun hast. Andere
unserer Eigenschaften wirst du spter begreifen lernen. - Obwohl wir nun keinen
Mangel an Hnden haben, die jede Minute bereit sind, fr uns thtig zu sein, so
sind wir doch jeder Zeit willig, neue Krfte fr uns zu gewinnen. Wenn du also
Lust hast, in unsere geistige Genossenschaft zu treten, wollen wir nicht
scheuen, Opfer fr dich zu bringen, die unsere geringe Macht nicht bersteigen.
    Er befragte sie ber ihre Vermgensverhltnisse und ob ihr Vormund
einverstanden wre, wenn sie ein neues Leben begnne. Wir wollen dich hier als
unsere Sekretrin anstellen; du wirst tagsber bei uns sein, mit uns essen und
alle kleinen Sorgen und Freuden mit uns teilen. Abends bist du frei und kannst
nach Hause gehen. Miete dir hier in der Nhe ein Zimmerchen. Die Miete mut du
aus deinen eigenen Mitteln bezahlen. Geld kann ich dir nicht geben; auch Kleider
mut du dir selbst beschaffen. Uebrigens, wirst du auch vegetarische Kost
vertragen knnen? Unser Essen schliet Fleisch und alkoholhaltige Getrnke aus.
    O, ich esse, was es giebt sagte Johanne, darauf hab ich nie geachtet.
    In diesem Augenblick kam der Postbote und brachte ein Packet Briefe. Meister
Johannes hielt den Sto lchelnd Johanne hin. Siehe, sie zu ffnen, mir in
Kurzem den Inhalt mitzuteilen und nach meinem Diktat zu beantworten, wird von
nun an deine Beschftigung sein.
    Wenn ich es nur auch richtig mache.
    Das wird dein guter Wille dich lehren. Auch wird dir Angelus in den ersten
Tagen an die Hand gehen.
    Gewi߫ sagte vom Schrank her der junge Mensch.
    Also willst du? Johannes hielt ihr die Rechte hin. Sie legte die ihre
hinein.
    Ein wunderbares Gefhl des Friedens berkam sie, als seine Finger die ihren
einschlossen. Sie senkte die Augen vor seinem durchdringenden Blick.
    Jetzt gehst du wohl nach Hause, dich mit deiner Wirtin zu verstndigen.
    Es war zwei Tage vor Mitte Februar.
    Ich habe nie etwas ber Kndigung mit ihr ausgemacht. Aber ich glaube, sie
lt mich ziehen.
    Solltest du dich mit ihr nicht verstndigen knnen, so komme ich selbst
hin meinte er ruhig. Von morgen ab kannst du bei uns sein.
    Ein dankbarer Blick aus ihren Augen traf ihn. Er neigte leicht den Kopf und
wandte sich seinen Briefen zu. Sie wartete noch eine Sekunde, dann fhlte sie,
da sie entlassen war.
    Mit beflgelten Schritten eilte sie nach Hause. Es war ein weiter Weg, denn
Meister Johannes' Wohnung, sowie der Saal, in den er sie gestern gefhrt hatte,
lagen im Arbeiterviertel der Stadt. Hier, mitten unter den Leuten des vierten
Standes, den Kleinen, hatte er sich niedergelassen.
    Johanne war ganz berwltigt von dem Neuen, das ihr entgegentrat. Religion,
Tugend, Weisheit schienen sich zu diesen Menschen geflchtet zu haben. Die ganze
Bibel schien neu aufzuleben in den reinen, schlichten Gestalten des Meisters und
seines Jngers. Wie alt wohl Johannes sein mochte? dreizig, vierzig, mehr?
Johanne konnte sich nicht erinnern, in ihrem Leben einen so edlen Kopf gesehen
zu haben. Auch Angelus gefiel ihr; doch sah er zu mdchenhaft aus, whrend der
Aeltere den Stempel gereifter Mnnlichkeit in seinen bewuten Zgen trug.
    Sie erklrte Frau Wewerka in khlen Worten, als Sekretrin des Vereins der
Wahrheitssucher angestellt zu sein und fortziehen zu wollen. Mit meinem
Vormund habe ich mich schon auseinandergesetzt fgte sie hinzu. Sie hatte ihm
ein Krtchen ziemlich dunklen Inhalts gesendet.
    Ich will meinen Mann holen sagte Frau Wewerka. Johanne zuckte die
Schultern.
    Wie Sie wollen; aber die Stellung habe ich angenommen, also da ist nichts
zu ndern. Sie knnen sich ja dort erkundigen. Meister Johannes wird Ihnen gerne
Auskunft geben.
    O, ich kenne den Verein, die Zeitschrift und ihren Redakteur. Wer kennt ihn
nicht? Er bemht sich ja angelegentlich, aufzufallen. Er hat unter der
Aristokratie viele Anhnger, namentlich Damen. Na, wenns Ihnen Spatz macht,
versuchen Sies. Ich will Sie nicht zurckhalten.
    Trotzdem erschien Herr Wewerka. Er machte ein sehr verdutztes Gesicht zu
Johannes Erffnung.
    Hten Sie sich vor diesen Wlfen im Schafspelz - Er wollte eine Rede
beginnen. Johanne unterbrach ihn ungeduldig. Er solle doch schweigen von den
Wlfen im Schafspelz. Mehr Niedrigkeit und Gemeinheit, als sie von anderer Seite
in diesen dreiviertel Jahren kennen gelernt habe, gbe es sicher nicht auf der
Welt. Deshalb ginge sie ja auch. Sie ertrge es nicht lnger in dieser
Atmosphre. Wewerka lchelte ironisch zu seiner Frau hinber. Der Meister mit
den langen Haaren und den hbschen nackten Fen hats ihr angethan. Da ntzt
kein Abreden. Gehen Sie zu, Frulein Johanne, treiben Sie ein wenig Spiritismus,
lassen Sie sich die Geister interessanter Toter zitieren und fhlen Sie sich als
Uebermensch. Schad nix und ist lehrreich. Vielleicht kommen Sie wieder einmal zu
uns zurck.
    Sie lchelte herb und empfahl sich. Bis Ende Mrz war ihre Pension
vorausbezahlt; also konnte sie gehen, wohin ihr beliebte.
    Sie suchte in der Nhe der Kasernenstrae, in der Johannes wohnte, ein
Stbchen, fand ein ihr passendes im vierten Stock bei einer alten
Blumenmacherin, und lie sofort ihre Habseligkeiten hinberschaffen.
    Als in der neuen, winzigen Wohnung ihre Sachen ausgepackt waren, fiel sie
auf die Kniee und dankte Gott, da er sie aus dieser Atmosphre der Gemeinheit
gefhrt hatte. Wewerkas Urteil ber Johannes fiel ihr ein. Aber das war ja
natrlich. Die Schmutzigen hassen die Reinen. Und er war rein, das stand in den
edlen Zgen seines Gesichtes geschrieben. Sie erzhlte ihm am nchsten Tag
alles, was ihre frheren Hauswirte ber ihn gesagt hatten. Er nickte.
    Das wei ich ja lngst. Ein Teil der Menschen sieht in mir einen Betrger,
weil sie es nicht fassen, da man fr andere Zwecke, als sein eigenes
Wohlergehen, arbeiten kann. Andere vergttern mich wieder und nennen mich einen
Auserlesenen, was mich fast noch mehr rgert. Ich will nicht berschtzt werden.
Ich liebe die Menschen, deshalb mchte ich ihnen Gutes thun, sie so glcklich
wie mglich wissen. Glcklich wird man nur, wenn man sich selbst kennt. Ich
lehre sie das, und auch lehre ich sie, ihre Grenzen zu erweitern. Wir sind viel
mchtiger, als die meisten von uns glauben.
    Sie legte Hut und Jckchen ab und lie sich am Schreibtisch nieder. Er
diktierte ihr einige Briefe, die sie zu seiner Zufriedenheit nachschrieb. Um die
Mittagsstunde erschien eine ltere Frau und meldete, da das Essen angerichtet
sei.
    Hast du auch fr Paulus gedeckt? fragte Johannes. Er kommt geradeswegs vom
Bahnhof hierher.
    Glaubst du, schon mittags?
    Er schriebs.
    Dann will ich noch ein Couvert fr ihn auflegen. Angelus wartet schon, er
ist eben aus der Stadt gekommen.
    Johannes fhrte seine neue Sekretrin in ein gerumiges, hchst einfach
mbliertes Gemach nebenan. Auf einem mit weier Wachsleinwand bezogenen Tische
standen etliche Schsseln. Eine enthielt gekochtes Gemse, eine andere eine
Mehlspeise, die Johanne unbekannt war. Angelus erhob sich und verneigte sich
schweigend vor den Beiden. Johannes legte dem jungen Mdchen, das sich
schchtern benahm, eine tchtige Portion Gemse und Mehlspeise auf ihren Teller.
    Du mut zugreifen, mein Kind; es giebt nur noch Obst.
    Die Grfin grt dich, Meister, sie wird dir ihre Tochter mit den
gewnschten Abzgen schicken sagte Angelus, whrend er tchtig einhieb.
    Pltzlich hrte man drauen sprechen, die Thr ffnete sich und ein neuer
Ankmmling trat herein.
    Paulus! rief Angelus.
    Der Eingetretene verneigte sich vor Johannes, schttelte Angelus die Hand
und sah auf Johanne.
    Unsere neue Sekretrin bemerkte der Meister. Paulus reichte ihr die Hand
ber den Tisch. Sei gegrt. Dann lie er sich nieder und nahm Speise auf
seinen Teller.
    Alles gut abgelaufen?
    Jawohl Meister. Zwanzig neue Vereinsmitglieder hab ich dir geworben,
darunter zwei von bekanntem Namen. Auch unserer Zeitschrift gewann ich etliche
Freunde. Ich will dir spter mehr erzhlen.
    Und wie stehts mit den Schulden, die du einkassieren solltest?
    Ich bringe nur ein Drittel des erhofften Betrages.
    Die Menschen haben nie Geld zu Dingen brig, deren Ernte in der Zukunft
liegt versetzte der Meister.
    Sie mten noch mehr gepackt werden sagte Paulus.
    Oder ganz fallengelassen werden ergnzte Angelus, was dasselbe ist, denn
dann mssen sie sich mit erneuter Kraft aufraffen.
    Sie sprachen ber einige Personen, die Johanne unbekannt waren.
Whrenddessen fand sie Mue, Paulus zu betrachten.
    Er trug dieselbe Tracht wie seine Genossen. Auch sein Haar flo lang ber
die Schultern. Aber seinem Gesicht fehlte der Ausdruck der Milde, der den Mienen
der beiden Andern eigen war. Vielleicht lag es auch daran, da Augen und Haar
tiefschwarz waren. Das hervorspringende hagere Kinn, die Nase mit ihrem Hcker
deutete auf viel Willenskraft und Selbstbewutsein. An ihm war nichts Demtiges,
Christushaftes, auer seiner Tracht. Aber trotzdem fhlte sich Johanne, sofort
als er eintrat, unter seinem Banne.
    Die Wirtschafterin brachte warmes gekochtes Obst herbei. Sie aen davon,
dann lehnte sich Johannes einen Augenblick zurck.
    Wit ihr das Neueste? Die Polizei hat mir untersagt, meinen Vortrag am
Sonnabend zu halten. Es wre Anarchismus, was ich predigte.
    Du! Paulus schttelte den Kopf, du Anarchismus? Du predigst doch nur
Gehorsam gegen das Gesetz.
    Was eigentlich so viel wie Krieg dem Gesetz bedeutet meinte Angelus. Denn
wenn Einer dieses wrtlich erfllte -
    Du fassest das zu kirchlich auf bemerkte der Meister. Wenn ich sage:
bezahlt eure Steuer, weil es die Satzung eures Staates gebietet, will ich doch
nicht Aufruhr stiften.
    Wenn du sagst: ihr mt sie bezahlen, und es mangeln ihnen hierfr die
Mittel, so treibst du sie dazu, sich diese auf vielleicht unerlaubte Weise
anzueignen.
    Ich werde von einer Persnlichkeit zur andern gehen, ich wei ja ungefhr,
wer alles in meinen Vortrag gekommen wre, und ihnen mndlich mitteilen, was ich
auf dem Herzen habe.
    Die beiden jungen Leute warfen sich einen bedeutsamen Blick zu.
    Soll ich vielleicht die Frstin Leiningen aufsuchen? Sie mge sich fr dich
einsetzen, da man dich hinfr frei schalten und walten lt. Sie verkehrt bei
Hofe.
    Was fllt dir ein, Paulus? Der Meister lchelte, jemehr Hetze gegen mich,
umso besser. Unsere Brder Buddha, Christus und Mohammed wurden alle verfolgt,
mit Steinen beworfen, lcherlich gemacht. Was wre ein Reformator ohne
Verfolgung, Ha, Migunst seiner Zeitgenossen? Man darf sich nie gegen drohende
Migeschicke auflehnen und sie abzulenken trachten, das weit du doch.
    Paulus errtete leicht. Ich betrachte, was dir droht, nicht als groe
Prfung, sondern nur als kleines Hindernis, das du krftig berwinden wirst.
    Was dasselbe bedeutet rief Angelus. Die kleinen Nadelstiche des Lebens
sind fr den Helden unertrglicher als Schwertstreiche.
    Johannes erhob sich, mit ihm die Andern.
    Ich ziehe mich fr eine Stunde zurck, Johanne sagte er zu dem jungen
Mdchen. Angelus soll dir Bcher im Bureau zeigen, in denen du indessen lesen
kannst.
    Johanne ging mit den beiden jungen Leuten ins Arbeitszimmer. Angelus stieg
auf einen Tritt und suchte unter den Bchern des Regals.
    Wann kamst du hierher? fragte Paulus, sich an den Tisch lehnend und
Johanne fixierend. Sie erzhlte ihm, wie der Meister sie fand.
    Und gefllt es dir bei uns? fragte er.
    Unendlich. Sie senkte die Blicke. Es ist eine ungeahnte Welt fr mich.
    Blo mut du dir abgewhnen, zu errten und die Blicke niederzuschlagen.
Wir sind hier reine, freie Menschen, die nichts vor einander zu verbergen haben.
Wer hier die Thr hinter sich geschlossen hat, hrt auf, Mann oder Weib zu sein,
er ist blo Mensch.
    Mir ist das neu meinte sie.
    Hier hast du ein Buch sagte Angelus niedersteigend und reichte ihr einen
Band.
    Glaubst du auch, da ich das verstehe? fragte sie schchtern.
    Du kannst uns ja fragen, wenn dir etwas unklar ist.
    Wie alt bist du? fragte Paulus, der lter als Angelus aussah.
    Beinahe zwanzig.
    Hm machte er, sah sie von oben bis unten an und verlie das Zimmer.
    Du liest ja nicht bemerkte Angelus nach einer Weile. Er sa auf einem
Hocker und schnitt ein dickes Buch auf. Johanne lehnte am Schreibtisch und sah
sinnend vor sich hin.
    Nein, ich kann nicht. Ich mu immerfort an das Neue denken, das ich seit
vorgestern kennen gelernt habe. Ich begreifs ja eigentlich noch immer nicht ...
Was will Meister Johannes?
    Die Welt verbessern erwiderte Angelus lakonisch.
    Aber wie denn?
    Indem er allen Menschen lehrt, sich wie Brder untereinander zu begegnen,
Leid und Sorge, Freude und Reichtum unter einander zu teilen.
    Gttlich rief das junge Mdchen begeistert. Aber wie kam er nur darauf?
    Das liegt in der Zeit, liebe Schwester. An allen Ecken kannst du
Religionsumformer, Weltverbesserer und Propheten der neuen Epoche aufstehen
sehen. Blo: die einen sind die falschen Fhrer, unserer ist der echte.
    Wann kam es ber ihn? fragte sie leise.
    Wann? Er war einmal sehr krank und lag monatelang im Spital. Er war frher
Musiker und verdiente durch Unterricht seinen Lebensunterhalt. Ein
Gelenkrheumatismus lhmte seine Hnde. Als er aus dem Spital kam, hatte er
keinen Heller, keinen Bissen Brot. Es blieb ihm nichts brig, als an die Thren
seiner Freunde und Bekannten, spter auch Fremder zu pochen. Da lernte er tief
in die Menschenherzen blicken. Er sah die Hrte, die Selbstliebe, die
Vergtterung des Mammons, die da wohnten. Alle die hlichen Eigenschaften der
Menschen enthllten sich ihm nackt, denn wer verstellt sich vor einem Bettler?
Sein edles Herz litt sehr unter diesen Erfahrungen. Mehr ber die Andern, als
ber seine eigene Not grmte er sich.
    Wie diesen Menschen helfen, emporhelfen, ging ihm im Kopfe herum. Er sprach
an allen Pforten, an die er bittend klopfte, ein paar tiefe, aus der Seele
kommende Mahnworte. Manche Leute hrten auf ihn, manche lieen ihn stehen und
schlugen ihm die Thr vor der Nase zu, manche verlachten, ja mihandelten ihn.
Aber einige lauschten ihm, luden ihn ein, nherzutreten und gaben ihm willig
Gehr. Er erwarb sich Freunde, Gnner, Anhnger. Man gab ihm so viel, da er
viele seiner herrlichen Ansichten in kurzen Schriften niederlegen, drucken und
verffentlichen lassen konnte. Er redete auch dann und wann in besonders dazu
gemieteten Lokalen, die von Zuhrern dicht besetzt waren. Eine edle Frau, die
sich sehr fr seine Ansichten begeisterte, gab ihm die Mittel, eine Zeitschrift
zu grnden. Man abonnierte darauf, viele, weil er und seine Lehre pltzlich Mode
geworden war, andere, weil sie die tiefen Wahrheiten derselben ergriffen. Eines
Tages schossen die Begterten seiner Anhnger eine Summe zusammen, die es ihm
ermglichte, diese Wohnung hier zu mieten und sich ganz seinen reformatorischen
Bestrebungen hinzugeben. Ich stand eben vor dem Abiturientenexamen, es ist zwei
Jahre her, als ich seine Lehre verknden hrte und von ihr so gepackt wurde, da
ich sofort hierherkam und mich ihm mit Leib und Seele hingab. Auch Paulus, der
Sohn reicher Eltern, verzichtete auf alle Vorteile und die Liebe seiner Familie,
und folgte ihm. Er hat in allen Kreisen warme Anhnger; man nennt ihn einen
neuen Messias, er aber will nur Johannes sein. Er lehrt die Liebe, die
Lauterkeit, die Gemeinsamkeit in allem. Er ist beraus gtig, und behlt nichts
von den Geldern, die fr ihn fortwhrend einlaufen, fr sich. Alles verwendet er
zu wohlthtigen Zwecken, so z.B. erhlt er uns beide, mich und Paulus.
    In diesem Augenblick trat der, von dem sie sprachen, herein. Johanne, noch
berwltigt von dem eben Vernommenen, ergriff seine Hand und zog sie an ihre
Lippen. Er fuhr liebkosend ber ihre Wange.
    Willst du nun arbeiten, Kind?
    Sie setzte sich an den Schreibtisch und er, die Hnde auf dem Rcken
verschrnkt, schritt auf und nieder. Er diktierte ihr etliche Briefe. Er nannte
alle Leute: du. Einige der Antworten waren an hochgestellte Persnlichkeiten
gerichtet. Eine Prinzessin hatte angefragt, ob es etwas Uebles zu bedeuten habe,
da ihr Theeglas zersprungen sei. Ein junger Kaufmann glaubte den Geist seines
Vaters gesehen zu haben und erlaubte sich an den Meister die Frage, wie er sich
in Zukunft bei hnlichen Erscheinungen zu verhalten habe. Zwei Schulmdchen
beschworen Johannes, sie als Jngerinnen anzunehmen. Ein Herr bat um die Adresse
des Tuchlagers, von dem der Meister den Stoff zu seiner Kutte bezge.
Mehreremale kruselten sich Johannens Lippen zu einem Lcheln whrend der
Diktate. Johannes zrnte ihr nicht darob.
    Es giebt seltsame Gesellen, aber die ewige Liebe nimmt alle auf. Ihr gilt
der Kern, nicht die Form. Dieses alles ist gutes Material, verwendbar fr mich.
    Er spricht wie ein Gott, der Schpfungen in der Hand hlt, dachte das junge
Mdchen. Und er ist auch eine Art Gott. - Spter kam Paulus herein. Er setzte
sich neben Angelus, der ber ein Bndel Rechnungen vertieft war.
    Soll ich dir helfen?
    Nein, ich danke dir.
    Paulus langte einen Sto Zeitschriften herab. Er bltterte sie flchtig
durch und machte hie und da eine Bemerkung mit dem Blaustift in sein Notizbuch.
So arbeiteten sie eintrchtig neben einander. Pltzlich klopfte es, und eine
junge, elegante Dame trat ein.
    Ich gre euch. Ihre Hnde drckten die der Freunde.
    Meine neue Sekretrin stellte der Meister Johanne vor.
    Ich hoffe, du wirst dich hier sehr glcklich fhlen sagte die Dame zu dem
jungen Mdchen. Dann lie sie sich nieder und zog ein Pckchen Bltter heraus.
    Gefallen sie dir? Es waren Lichtdrucke nach einer Photographie des
Meisters, die sie selbst ausgefhrt hatte. Johannes betrachtete sie
interessiert.
    Ich finde sie sehr hnlich, nur hast du mir eine gar zu pathetische Pose
gegeben.
    Du darfst eine annehmen entgegnete das Frulein kurz.
    Zeig bat Paulus, und zog Johannes eins der Bltter aus der Hand.
    Angelus sah ihm mit glnzenden Augen ber die Schulter und reichte das Blatt
dann Johanne hinber. Es stellte Johannes in seiner gewhnlichen Kleidung dar,
die eine Hand wie segnend erhoben, die andere auf die Brust gelegt.
    Gefllt es dir? fragte die junge Dame, den Kopf nach Johanne wendend.
    Sehr.
    Dann behalte es. In ihrer Stimme lag ein herrischer Tonfall.
    Ich habe vorlufig dreitausend Stck bestellt. Man wird sie, da du selbst
Sonnabend nicht reden darfst und Professor Preuer statt deiner den Vortrag hlt,
an der Thr des Saales verteilen. Das wird mehr wirken, als wenn du persnlich
erschienst, denn Jeder wird fragen: warum spricht er heute nicht? Und die
Antwort darauf wird der Richter derer sein, die es dir untersagten.
    Seid gegrt.
    Ein junger Mann von kolossalen Krperformen trat herein.
    Comtesse, auch hier?
    Er schttelte Allen die Hnde und warf einen fragenden Blick auf Johanne,
die ihm als Mitglied des Hauses vorgestellt wurde.
    Ach, endlich die Bilder. Er machte der Grfin einige schmeichelhafte
Bemerkungen.
    Warum kamst du so lange nicht? fragte sie ihn vorwurfsvoll.
    Ich konnte nicht. Ein Schatten verdsterte sein Gesicht. Luise weicht
nicht von meiner Schwelle.
    Schwacher rief Paulus mit seiner tiefen Stimme.
    Starker sagte Angelus, was ja dasselbe bedeutet, denn ein Schwacher ist
immer stark in seiner Schwche.
    Johannes schttelte mibilligend den Kopf. Hast du ihr denn einmal
eindringlich ins Gewissen geredet?
    Ach, Meister, der junge Mann machte eine vielsagende Handbewegung, ich
bat, ich drohte, ich -
    So versuchs doch auf bersinnlichem Wege rief Paulus finster.
    Noch nicht meinte Johannes, das ist das Letzte, zu dem man greifen soll.
Wo ist sie jetzt?
    Bei mir natrlich.
    Geh doch hinauf, Meister bemerkte die Comtesse, fasse du sie. Dir kann
nichts milingen.
    Johannes sann etliche Sekunden nach, dann sagte er: Wenn ihr es wnscht,
will ichs thun.
    Du bist gndig rief der junge Mann dankbar. Es ist wahrhaftig die hchste
Zeit. Seit fast einem Monat komme ich zu keiner Selbstbesinnung mehr, nicht zum
Lesen eines innerlichen Buches. Sie liegt mir immerfort in den Ohren, wie sie
zur Vollendung gelange und ihren begehrlichen, unruhigen Leib zum Schweigen
bringe. Sie behauptet, alle innerlichen Uebungen machen sie noch aufgeregter -
    Weil sie sie falsch anwendet versetzte Johannes.
    Warum jagtest du sie nicht gleich das erste Mal fort? fragte Paulus
streng.
    Darf das ein Bruder Christi?
    Das darf er, Jakob, wenn er erkennt, da es keine Prfung, sondern eine
Versuchung ist.
    Was dasselbe bedeutet lie sich des kleinen Angelus Stimme vernehmen.
Prfungen bestehen nicht immer in Leiden, Versuchungen nicht immer in Peris,
die einen verleiten wollen.
    Nein, eine Peri ist Luise nicht.
    Die Comtesse errtete leicht unter dem zurechtweisenden Blick von Johannes.
    Wit ihr, wenn es euch angenehm ist, nehmen wir jetzt unser kleines
Abendmahl und ich gehe dann mit dir, Jakob, nach deiner Wohnung. - Du, Johanne,
wandte sich der Meister an das junge Mdchen, bist nach dem Essen fr heute
entlassen.
    Sie verneigte sich, wie sie es von den Andern gesehen hatte.
    Auf ein Klingelzeichen von Johannes erschien die Wirtschafterin.
    Ich bitte, Laura, bereite sofort unsere Mahlzeit, wir wollen hernach noch
thtig sein.
    Die Wirtschafterin verschwand hurtig.
    Johanne wunderte sich insgeheim, da die beiden Neuangekommenen weltliche
Gewnder trugen und nicht gekleidet waren wie ihr Meister. Bald bat die
Haushlterin zu Tische.
    Man begab sich ins Speisezimmer. Johanne kam neben Paulus zu sitzen. Sie
bebte, so oft er sie ansah und ihr eine Schssel reichte. Sein kurzangebundenes
Wesen, seine dunklen Augen machten ihr bange vor ihm.
    Du it ja nichts sagte er zu ihr, dir mundet wohl unsere vegetarische
Kost nicht, wie?
    O sehr gut, ich habe nur noch keinen groen Appetit, ich war in letzter
Zeit nicht ganz wohl. Sie wute kaum, was sie stotterte.
    Und jetzt bist du zufrieden?
    Ich hoffe es zu werden.
    Das ist gut gesprochen, blicke nur nie in die Vergangenheit, immer
vorwrts.
    Paulus rief die Comtesse herber, sage doch Landgreen, er soll nicht so
dumme Artikel schreiben.
    Er schlgt in der Innern Stimme vor, alle Anhnger von Johannes sollten sich
gleich kleiden, damit man sie an ihrem Aeuern erkenne, wie die Soldaten an den
Aufschlgen ihres Regiments. Es ist doch ein Unterschied, ob man Apostel oder
nur Jnger ist. Ihr mt gekleidet gehen wie euer Meister, wir, die Jnger,
ziehen uns je nach unserm Geschmack an, nicht?
    Ihr Nachbar, der Dicke, nickte zustimmend.
    Schlgt er irgend eine bestimmte Farbe vor? fragte Paulus.
    Schwarz schlgt er vor, wenn es noch wenigstens wei wre.
    Was ganz dasselbe wie schwarz bedeutet, weil beide eigentlich keine Farben
sind rief Angelus. Ich bin ganz mit Landgreens Vorschlag einverstanden. Unsere
Freunde sollen auch uerlich erkennbar sein. Man kann sich nicht genug deutlich
betonen.
    Eine kleine Pause trat ein.
    Dann sagte Johannes, indem er die zurckgeschobenen Teller der Gste
bemerkte: Nun, meine Lieben, wie wrs, wenn wir uns erheben? Ihr seid ja alle
fertig.
    Man stand auf. Johanne verneigte sich vor dem Meister.
    Ich kann also gehen?
    Bis morgen sagte er, ihr gtig die Hand reichend. Die Andern nickten ihr
freundlich zu.
    Wir gehen ja alle, lauf uns nicht davon scherzte Angelus und trat neben
ihr aus der Thr.
    Sie ging nach Hause, zndete ihr Lmpchen an - in diesem Stadtteil gabs
keine elektrische Beleuchtung - und versank in Gedanken. Dieser Johannes!
Christus in eigener Person. Welche Liebe und Gte, welche Milde in jedem seiner
Worte, in jeder seiner Bewegungen. Er hatte sie nur aus Barmherzigkeit zu seiner
Sekretrin gemacht, denn heute am ersten Tag war es ihr schon klargeworden, da
er, was er mhsam ihr diktierte, viel besser und schneller htte selbst
schreiben knnen. Es geschah nur aus Barmherzigkeit. Er teilte sein Brot mit
ihr; mehr konnte er nicht teilen, denn er besa ja nichts. Wie Christus. O da
es also doch solche Menschen auf Erden gab! Nun wrde sie das Leben wieder zu
freuen, zu interessieren beginnen. Die trben Erfahrungen, die sie gemacht
hatte, das zweifeln am Dasein alles Guten, ertrank in diesem rauschenden
Glcksgefhl. Ein Weib mu an etwas glauben. Ist es nicht Gott, so ist es ein
Mann, den es liebt. Johanne besa wenig Talent zur Religion; die Liebe war ihr
fremd, sie war bisher fast verschmachtet vor innerer Einsamkeit. Frher hatte
sie, wie alle jungen Mdchen, Idealvorstellungen in der Seele getragen. Sie
betete die Dichter an, die ihr als Priester des Guten und Schnen erschienen,
sie liebte eine Stadt, die ihr als der Nhrboden hoher, herrlicher Ideen
geschildert war. Das waren Trume eines jungen Mdchens, das noch nie ber seine
Scholle gekommen war.
    Die Wirklichkeit zeigte ihr in den angebeteten Knstlern eine Menschensorte,
die, falschen Juwelen gleich, nur durch die Spiegelscheiben der Entfernung
wirkte; die Wirklichkeit zeigte ihr die Stadt ihrer Trume als eine Brutsttte
widrigsten Strebertums, einen Zusammenflu aller dunklen, zweifelhaften
Existenzen des Reiches. Sie war in sich fassungslos zusammengebrochen, denn was
giebts Bittereres fr einen jungen Menschen, als Verehrtes verachten zu mssen,
zu erkennen, da es nichts der Anbetung Wertes giebt?
    Nun jubelte es in ihr auf. Sie hatte geirrt. Ja, es gab noch gute, reine
Menschen, Wahrheitssucher, Christus Aehnliche. O, man durfte wieder lieben,
verehren, sich ohne Argwohn hingeben. Man konnte tiefe Atemzge thun, ohne
frchten zu mssen, giftige Miasmen in sich zu trinken. Dies junge Mdchen, fast
ungebildet, voll irriger Begriffe, ohne Lebensform, besa brennenden Abscheu vor
allem Niedrigen, Entsetzen vor jeder Gemeinheit, leidenschaftliche Liebe zu
allem Hohen, Reinen, Guten. Vielleicht hatte das viele Lesen in frherer Zeit
manchen guten, schnen Keim in ihr erweckt, vielleicht die Einsamkeit ihre Seele
so staubfrei und nach Reinheit lstern gemacht. Ungesund veranlagten Naturen
bekommt beides, das Lesen und die Einsamkeit schlecht. Ihr wurde es zum Heile.
Das bischen Liebe zur Romantik schadete nicht. Es kleidet junge Leute besser,
als die verabscheuungswrdige Blasiertheit, das feiste Sattthun Eines, dessen
Magen noch garnicht fr starke Kost aufnahmefhig ist.
    Die nchste Zeit, die Johanne in der Mitte dieser seltsamen Gesellschaft
verlebte, glich mehr oder minder dem ersten Tag. Johannes diktierte ihr, Paulus
warf bei Tisch dann und wann Bemerkungen hin, die Angelus in seiner gewohnten
Weise parierte. Fremde erschienen und erwiesen dem Meister Ehren. Eines Tages
erhielt sie auch von ihrem Vormund einige Zeilen. Sie mge zusehen, wie sie
vorwrtskme, nur solle sie Gottes und der Ehrlichkeit nie vergessen. Nach ihren
frheren Bekannten versprte sie nicht die geringste Sehnsucht. Im Gegenteil.
Sie verlie nie ihren Stadtteil, um nur keinem von ihnen zu begegnen.
    Paulus sollte in der nchsten Zeit wieder fr einige Zeit verreisen. Er
mute dann und wann fort, um seinem Meister Anhnger zu gewinnen und die
Gewonnenen zur Treue zu ermahnen. Am Nachmittag vor seiner Abreise hatte
Johannes einige wichtige Gnge. Die Polizei verfolgte ihn in der jngsten Zeit
fortwhrend und berwachte jeden seiner Schritte. So sehr frdernd und dienend
dies auch in mancher Beziehung fr ihn war, in anderer belstigte es ihn doch.
    So zum Beispiel weigerte man sich, Paulus, der nach Ruland reisen sollte,
einen Pa auszustellen, bevor er den Zweck seiner Reise angab. Tht ichs, ihr
wrdet mich ja doch nicht verstehen sagte er stolz, und entfernte sich aus dem
Bureau. Der Meister begab sich nun selbst dahin.
    Johanne war mit dem Abschreiben eines Manuskriptes fr ihn beschftigt.
Pltzlich fhlte sie eine brennende Glut ihren Nacken heraufziehen. Sie wandte
sich um und begegnete Paulus' Blicken, die fest auf ihr ruhten.
    Wie hast du mich erschreckt stammelte sie.
    Sonst nichts, nur erschreckt?
    Er trat ganz nahe zu ihr, ohne die Augen von ihr zu lassen.
    Aber, mein Gott rief sie angstvoll und wollte aufspringen.
    Bleib sitzen, ich thue dir nichts sagte er befehlend, ich will nur ein
Experiment mit dir machen.
    Ach.
    Es thut dir nicht weh, sei nur ruhig. Seine Hnde begannen Striche auf
ihrer Stirn zu ziehen. Nein, nicht die Augen schlieen; sieh mich an. Denk an
etwas recht Liebes, zum Beispiel an einen Tag deiner Kindheit. Hrst du? Aber
setz dich bequemer; so. Er drckte sie leicht in den Stuhl zurck und fuhr
fort, seine Striche zu ziehn.
    Nun? fragte er nach einer Weile.
    Sie schwieg. Er wiederholte mit einiger Ungeduld die Frage. Sie flsterte
etwas.
    Ich habe dich nicht verstanden sagte er kurz. In ihrem Gesichte merkte man
die Anspannung ihres Willens.
    Ich denke daran hauchte sie.
    Nun was war da? Seine Hnde bewegten sich gleichmig ber ihrer Stirne.
    Ich war in Kerners Obstgarten.
    In Kerners Obstgarten, so, und was thatest du da?
    Ich a Aepfel.
    Aepfel aest du? viele?
    O - die so unter den Bumen herumlagen.
    So, so. Rote, weie?
    Ich glaube ... sie stotterte es waren rote.
    Aha. Und was thatest du dann?
    Dann? Wir erhielten Butterbrod und sauere Milch.
    Das war gut, wie?
    O ja -
    Besonders das Butterbrod, nicht? Aber zu dnn geschnitten, du httest ein
dickeres Stck vorgezogen.
    M - ja, es war auch Salz darauf.
    Aha.
    Die Lider waren ihr zugesunken, ihr Atem ging gleichmig. Paulus neigte
sich tiefer ber sie. In seinen Blicken lag beobachtendes Abwarten. Und du
magst das Salz nicht sehr, nichtwahr?
    Nein, besonders das grobkrnige nicht.
    Aber das ist seltsam, da sitzt ja ein Hahn auf dem Baum, wie kommt denn der
herauf? Sieh nur.
    Ein - Hahn? sie stockte, dann leiser: ich sehe keinen.
    Da da, sieh nur genau. Er hat rotgelbe Federn; jetzt schlgt er mit den
Flgeln, er will noch hher flattern, nein, sieh nur.
    Ich ... sehe nicht.
    Aber freilich siehst du, da, schau nur gut hin; du mut ja sehen, du bist
doch nicht blind ... nun? Seine Stimme klang ungeduldig.
    Ach, ... ja, jetzt ... jetzt sehe ich ... kam es stotternd von ihren
Lippen.
    Glaubst du, da er hher flattert?
    Nein, ich ... glaubs nicht.
    Es knnte aber doch sein. O, da regt er schon die Flgel, eins, zwei, drei,
nun ist er auf dem obern Ast.
    Und er will noch hher.
    Siehst du, er guckt hinauf; ja wenn er aber oben ist, mu er doch wieder
herunter, der dumme Hahn; da schau, wie er sich ratlos umsieht; ah jetzt ist er
erschrocken, da unten steht die Katze, siehst du sie?
    Nein -
    Wie? Natrlich siehst du sie, schau nur hin.
    Ja, ja, ich seh sie schon.
    Sie ist grau mit einem weien Fleck hinterm linken Ohr; glaubst du, da sie
ihm ein Leid anthut?
    Nein, das ... nicht, er fliegt ja gut, aber sie klettert doch den Baum
hinauf.
    Oh, nun ist sie ihm nahe; schwups, er ist fort; wo denn?
    Da am Rasen sitzt er.
    Was ist das? Johanne im Schlaf? Angelus war hereingetreten. Paulus
flsterte ihm etwas zu und strich Johannes Stirn weiter.
    Du, sie ist ja errtet, sie schlft nicht.
    Das kann auch in der Hypnose vorkommen. Sie hat etwas gesehen, das sie
erschreckt.
    Johanne, schlfst du? fragte Angelus.
    Da zuckten ihre Mienen, sie seufzte tief und setzte sich, mhsam die Augen
ffnend, auf.
    Ach ich bin so mde.
    Siehst du, sie hat doch geschlafen sagte Paulus. Angelus holte ihr ein
Glas Wasser. Sie nahm ein Schlckchen, verzog aber den Mund.
    Weit du, wo du warst?
    Nein.
    Du hast uns von einem Obstgarten erzhlt, in dem ein brauner Hahn auf einem
Baum sa߫.
    So? sagte sie schchtern und schlug die Augen nieder, ich wei nicht.
    Nun, aufs nchste Mal. Sie ist ein gutes Medium, fr uns wertvoll. Er
blickte Angelus an. Nur mu sie eben noch tchtig gebt werden. Nach einigen
Versuchen wirds besser gehen, als das erste Mal.
    Bald darauf kam Johannes zurck.
    Das junge Mdchen schrieb wieder weiter, whrend er mit Paulus im Ezimmer
weilte.
    Du solltest doch etwas Geistiges zu dir nehmen hrte sie Paulus' Stimme
sagen, du siehst sehr angegriffen aus. Ein Glas Wein -
    Lieber zusammenbrechen, als Wein oder Fleisch genieen. O Paulus, da du
mir noch immer hnliches zumuten kannst. Des Meisters Stimme klang
vorwurfsvoll. Johanne fhlte ihr Herz hochschlagen vor Bewunderung fr ihn. Noch
matt von der Sitzung legte sie die Feder aus der Hand und lauschte seiner
Stimme.
    Glaub mir, Paulus entgegnete er auf einige Worte seines Schlers, es ist
nicht alles eins. Fleisch erweckt den Teufel in uns, Fleisch macht uns
blutgierig, erregt unsere Sinne. - Einmal - keinmal hrte sie sagen.
    Sohn, kein einziges Mal; gerade dieses eine Mal knnte der Satan bentzen
-
    Angelus rckte geruschvoll den Stuhl zurck und ging zu den Beiden.
    Johanne wunderte sich insgeheim, da der Meister so groe Wichtigkeit auf
etwas so Geringfgiges wie das Essen legte. -

                                       16


Allmhlich wuchs Johanne in ihre neue Stellung hinein.
    Sie lernte manches Ntzliche und hrte von Vielem, das sie verblffte, das
sie aber nicht entrtseln konnte. Sie hrte von Spiritismus, Magnetismus,
Okkultismus, Magie sprechen, ohne auch nur den geringsten Begriff von all diesen
Dingen zu haben. Mit der Zeit nahm sie sich ein Herz und fragte Johannes nach
diesem und jenem. Er erklrte ihr vieles. Er sagte ihr, da all diese Dinge
Mittel wren, den Menschen die Blindheit zu nehmen und sie sehend zu machen. Er
sagte ihr, da die Zeit vorber sei, wo ein alter weibrtiger Gott im Himmel
sa und Regen und Sonnenschein machte, da man sich unter Gott mehr als
Menschenform denken msse, Geist, Willensuerung, Kraft, die nicht ber den
Sternen, sondern in den Sternen regiere. Da man Gott umso nher trete, je mehr
man sich diese Kraft zu eigen mache und den eigenen Willen sowie den der Anderen
beherrsche. Zu diesem Zweck seien all diese bersinnlichen Manipulationen, die
ihr so unbegreiflich erschienen, ntig. Spter wrde sie brigens selbst alles
verstehen, selbst mitwirken in diesen Vorgngen, die sie auf eine hhere Stufe
der Vollendung brchten. Schlielich sagte er ihr noch, da die Welt ein kaltes,
graues Loch sei, und nur unser Geist, unsere Vorstellung Leben und Gestalten in
sie hineinzaubere - unser Geist, der allmchtige Gott. Sie, mit ihrer Phantasie
und Liebe zu allem Ungewhnlichen, war bald ganz fr seine Anschauung gewonnen.
Sie war ihm grenzenlos dankbar, da er sich ihr, dem armen, unbedeutenden
Mdchen so offenbarte und sie in seine schne Welt hinaufzog. Sie durchschaute
nicht die groe Klugheit dieser Art Menschen, die wissen, da die kleinen Kinder
am meisten Geschrei machen, und sich deshalb zuerst an diese mit ihren Lehren
wenden. Hier, im Viertel der Geringen, die mit der Welt und ihren Gesetzen
unzufrieden waren, wo die Jugend mit unterdrckten Wnschen und unmglichen
Zukunftsplnen umherging, fielen alle, selbst die tollsten Verkndigungen auf
fruchtbaren Boden.
    Der Meister scheute es nicht, sich manchmal zu bcken, um eine oder die
andere unbedeutende Menschenpflanze aufzuheben und sie in seinen Garten zu
setzen, wo sie unter seiner Pflege zum mchtigen Baum emporwuchs. Und Johanne
dachte an Angelus, dies blonde, rhrende Kind, der mit seinen nackten Fen und
seinen ehrlichen Augen mehr Reklame fr Johannes machte, als es der gefeiertste
Name htte thun knnen.
    Paulus wirkte nicht wie der sanfte Bruder. Bei ihm wars der wilde,
unbndige, herrische Mut, der bezwang, jedem Widersacher seiner Ideen zu Leibe
rckte und ihn sich eroberte.
    Man konnte diesen Menschen, der in so rauher Unmittelbarkeit sich gab, nicht
fr unehrlich halten. Der Meister war klug gewesen in der Wahl der Beiden. Es
erschienen brigens die mannigfaltigsten Leute bei ihm: Junge Mdchen, die kaum
der Schule entwachsen waren und den Drang zu Mrtyrerinnen in sich zu spren
meinten, junge Leute, die vom Genu blasiert waren und nach neuen Erregungen
drsteten, alte Frauen und Mnner, denen vor dem Tode graute und die eine
Lebensversicherungspolice fr ihren Astralleib vom Meister begehrten. Er hatte
fr alle eine gtige Verheiung, ein aufmunterndes Wort, einen Blick, einen
Hndedruck, der sie beruhigte, froh machte.
    Einigen ganz herabgekommenen Leuten half er aus dem Geldschatz, der manchmal
reicher, manchmal sprlicher fr ihn einlief. Diese Menschen, die er von
physischem Untergang errettete, waren des Lobes fr ihn voll und riefen ihn als
den edelmtigsten Helfer und Menschenfreund aus.
    Und Johannes lie sie schreien und seine Verherrlichung in die Welt tragen.
    Er sah keinen Gott in Christus, aber das Ideal des besten Menschen, dem er
hnlich werden wollte. Deshalb machte er auch keinen Unterschied im Verkehr mit
den Leuten und scheute sich nicht, tauben Grfinnen Privatvortrge ber
Okkultismus und hnliches zu halten, junge Mdchen in magnetischen Schlaf zu
versetzen, um sie wenigstens vorbergehend hellsehend zu machen, Eines oder des
Andern Gebreste zu heilen, geliebte Verstorbene herbeizucitieren. (Das war
eigentlich Paulus' Strke). Johanne sah mit wachsender Ehrfurcht, wie dieser
Mann alles konnte und alles voll immergleicher Wrde und Sanftmut that. Und wenn
sie berlegte, was schlielich sein Gewinn war? Er lebte wie ein Eremit, a
Frchte und Gemse, trank Wasser und ging in einem elenden Wollkleid mit nackten
Fen herum. Er schlief ohne Matratze. Er hatte kein anderes Bestreben, als
seinen Mitmenschen ntzlich zu sein. Johanne betete ihn an. In jedem Augenblick
htte er ihr Leben fordern knnen, sie wrde es ihm einwandlos hingegeben haben.
Er hatte ihre Seele, die krank geworden war im Schmutz der Welt, wieder
aufgerichtet, ihr den Glauben an die Menschen und ihren eigenen Wert
zurckgegeben.
    Ohne Schmerz hatte sie dem alten Christengott im weien Bart gekndigt und
war in das mystische Reich der indischen Philosophie hinbergezogen. Es war kalt
dort; es gab keine Musik, keine Engel, keine Festmhler, woran weigekleidete
Mrtyrer teilnahmen; aber man brauchte auch keinem Herrn Reverenzen zu machen,
denn im Reiche des Nichts war jeder Mensch sein eigener Gott und trug seine
eigene Krone. Freilich, bis man so weit war und sich durch hunderttausend
Verkrperungen durchgearbeitet hatte! Aber immerhin, das Ziel war des Ringens
wert.
    Mit ganzer Inbrunst gab sich Johanne der Lehre ihres Meisters hin. Hier
brauchte sie keinen Argwohn zu haben, keine Enttuschung zu befrchten. Der Mann
trog nicht. Man brauchte nur einen Blick in das ehrliche, junge Gesicht des
kleinen Angelus zu thun.

                                       17


Paulus war triumphierend von Moskau zurckgekehrt. Er brachte eine lange
Namenliste von Personen mit, die der Genossenschaft beigetreten waren und
Wahrheitssucher und -Finder werden wollten. Auch Geld und schmeichelhafte
Briefe an den Meister brachte er mit.
    Eines Tages traf es sich, da er mit Johanne allein war. Angelus und
Johannes waren nach auen, einige Stationen weit, zu einem Freunde des Meisters
gefahren. Johanne schrieb, whrend Paulus im Zimmer auf-und niederschritt und
scheinbar ber ein tiefes Problem brtete. Pltzlich flog die Thr auf und eine
groe, schwarzgekleidete Frau trat herein. Johanne stie einen Schrei aus, lie
die Feder fallen und flchtete in Paulus' Nhe.
    Was willst du? herrschte er die Dame an. Sie richtete ihre dunklen,
unheimlich glhenden Augen auf ihn.
    Nicht dich. Johannes und Jakob. Wo ist Jakob? Ihr habt mir ihn gestohlen.
Gebt mir ihn wieder.
    Paulus trat zu ihr, sah ihr in die Augen und legte seine Hand auf ihre
Schulter. Die schwarze Ledertasche, die sie trug, glitt ihr aus den Fingern. Er
hob sie auf, streifte den Ring ber ihr Handgelenk und sagte: Geh
augenblicklich.
    Nein. Sie stampfte mit den Fen auf. Pltzlich lehnte sie sich an die
Wand und erbleichte. Paulus fate sie, fhrte sie hinaus und schlo die Thr ab.
    Entsetzlich stammelte Johanne.
    Was denn?
    Die Frau.
    Sie ist halb irrsinnig; ich wollte wetten, sie verbarg in der Tasche irgend
eine Waffe, sich oder einen Andern zu tten.
    Womit hast du sie pltzlich so ruhig gemacht?
    Durch meinen Blick.
    Kannst du das wirklich?
    Wenn der Andere sich nicht strubt, ja.
    Dann ists ja keine Kunst wagte Johanne einzuwerfen; wenn er sich aber
strubt.
    In den meisten Fllen auch dann, du weits ja von dir selbst.
    Ach ja, damals ... sie senkte die Augen und fuhr verwirrt fort: Wer war
die Unglckliche?
    Eine Frau, die sich von ihrem Mann scheiden lie, um Jakob zu heiraten. Sie
gingen eine zeitlang zusammen, - er war damals noch keiner der Unseren - da
erkannte er, da sie nicht zu ihm tauge. Ein echter Wahrheitssucher lt sich
nicht durch Fesseln erniedrigen. Was braucht er die Ehe; jedes Weib ist sein,
das er sich wnscht; im Geiste natrlich, setzte er trocken hinzu. Wir halfen
ihm, sich von ihr loszulsen. Seither hat sie uns.
    Johanne schlich nach der Thr, schlo sie auf und sah vorsichtig hinaus. Die
Frau war verschwunden.
    Die Arme hauchte das junge Mdchen. Paulus fixierte sie.
    Du redest recht thricht. Es giebt Menschen, die zur Finsternis bestimmt
sind, wie andere zum Licht. Man soll kein Mitleid mit solchen haben.
    Du bist hart.
    Johanne setzte sich in den Armsessel am Schreibtisch. Ihre Lippen zitterten.
    Warum bist du so aufgeregt? fragte er. Deine Pupillen sind ganz gro und
starr. - Er nherte sich ihr. Ich glaube, augenblicklich wrst du - willst du
eine Sekunde dich zurcklehnen und dich bemhen, an nichts zu denken?
    Er brachte seine Hnde an ihre Stirn und sah sie an. Sie sprte die Sume
seiner weiten Aermel auf ihren Schlfen. Sie brannten sie frmlich; sie fhlte,
wie ihr alles Blut nach dem Herzen scho; dann schlo sie die Augen. Mein Gott,
wenn nur Jemand kme, war ihr letzter Gedanke; dann schwand ihr fr einen
Augenblick das Bewutsein.
    Paulus neigte sich ber sie und prete einen wahnsinnigen Ku auf ihre
Lippen. Sie hatte die Empfindung der Menschen, denen ein Amputeur den nackten
Knochen berhrt. Sie wagte nicht, sich zu bewegen. Was er wohl weiter thun
mochte? Er war einige Minuten ganz still, dann sagte er, und sie fhlte, wie er
seine Hnde von ihrer Stirne zurckzog:
    Johanne, ich befehle dir, erwache.
    Sie schlug die Wimpern auf.
    Hast du getrumt? fragte er und blickte ihr in die Augen.
    Sie sah ihn entsetzt an. Seine Brauen wulsteten sich. Warum willst du es
leugnen? Du bist unwahr, du schrakst auf. Was sahst du? Gestehe.
    Mir war, als httest du mich - sie stockte.
    Was? herrschte er sie an.
    Gekt.
    Er lachte. Zum ersten Mal sah sie ihn lachen.
    Du Nrrin, nein, du bist wirklich zu kindisch; man kann in der That mit dir
noch nichts anfangen. Ich befahl dir doch, du solltest an nichts denken, und nun
dachtest du whrend des Einschlafens das Dmmste. Nun.
    Er verlie sie achselzuckend.
    Sie legte den Kopf in die Hnde.
    Mein Gott, das war kein Traum, keine Einbildung. Sie fhlte noch das Mark in
sich schauern bei der Berhrung seiner Lippen. So lebendig kann kein Traum
wirken. Wenn es aber kein Traum war, dann, dann war er ein Betrger, ein Lgner:
Er, der Schler des Meisters. Konnte dieser eine solche Brut grogezogen haben,
er der Ehrliche, Kindliche? Oder wre - nein, nein, er war ehrlich, rein, gro.
Was konnte er dafr, wenn sich unter seinen Jngern ein Judas befand?
    Mein Gott, er mute ja ehrlich sein. Ihre Seele war verloren, wenn auch
dieser Glaube sich als falsch erwies. Wenn sie auch diesen Halt verlor! Nein,
nein! ... Sie faltete zitternd die Hnde; dann wandte sie sich wieder ihrer
Schreiberei zu. Er wrde ja noch vor Abend zurcksein. Dann wollte sie ihm alles
mitteilen, alles ... Spter kamen mehrere Personen, die Johannes suchten. Zur
Essenszeit war er da. Er machte ein sehr heiteres, vergngtes Gesicht und war
whrend der Mahlzeit redseliger als sonst. Nach Tisch zog er sich, wie immer,
fr eine Stunde auf sein Zimmer zurck. Johanne war des Glaubens, er schliefe
ein wenig. Sie kannte seine Milde. Er wrde ihr sicher vergeben, wenn sie einmal
seinen Schlummer strte. Sie wartete ein Weilchen - Paulus und Angelus waren in
freundschaftlichen Streit ber irgend etwas entbrannt - entfernte sich leise,
pochte schchtern an Johannes' Thr und trat ein. Der Meister sa vor einem
gebratenen Hhnchen und zerlegte sich eben den einen Flgel. Vor ihm auf dem
Tische stand eine Flasche Wein und ein Glas.
    Johanne fuhr er bei ihrem Eintritt bestrzt auf; dann lchelte er gleich.
Siehe, wozu mich heute der Gehorsam verdammt. Mein Arzt befahl mir, dies
Gericht einzunehmen, das ich so sehr verabscheue.
    Was ging sie an, was er a?
    Ach, Meister! rief sie, vor ihm auf die Kniee sinkend, was kmmert mich
deine Nahrung? Sag mir lieber, was ich in meiner Verzweiflung denken soll.
    Er schob den Teller zurck und legte die Hand auf ihr Haupt.
    Was hast du denn, Kind?
    Erstens hab ich mich der Lge vor dir anzuklagen. Paulus wollte mich vor
einiger Zeit in magnetischen Schlaf versetzen. Er wurde zornig, als ich ihm
einige Male bei seinen Voraussetzungen nicht recht gab, zuletzt log ich, um
seine Zufriedenheit zu erhalten. Ich behauptete, Dinge zu sehen, von denen ich
keine Spur sah.
    Ist das alles? fragte Johannes.
    Dann glaube ich nicht im mindesten, da ein Mensch einen andern bewutlos
machen knne und -
    Das ist dumm von dir unterbrach sie Johannes. Zufllig trifft sichs, da
heute Abend im Verein Seele Sitzung ist. - Wir wollen alle hingehen. Ich will
auch dich mitnehmen. Du wirst dich berzeugen, da jemand in Trance zu bringen,
etwas durchaus gewhnliches ist, was alle Tage vorkommt und von dem khlsten
Skeptiker nicht mehr angezweifelt wird.
    Ich bitte dich, nimm mich nur gewi mit bat sie mit glnzenden Augen.
    Was hast du sonst noch? fragte er.
    Paulus - ach -
    Nur weiter, weiter drngte er mit leiser Ungeduld.
    Paulus hat mich vorhin, als du fortwarst, einschlfern wollen. Aber es
gelang ihm nicht. Er -
    Nun?
    Er aber glaubte, es sei ihm gelungen, und -
    Und?
    Kte mich.
    Einen Augenblick schwieg Johannes, ohne eine Miene seines Gesichtes zu
verziehen, dann sagte er ruhig: Du hast getrumt, Kind, sicher. Ich kenne
Paulus zu gut. Ihm ist jedes Mdchen gleichgltig, er hat keinen andern
Gedanken, als unserer Sache zu dienen. Glaub es mir. Du warst aufgeregt und hast
getrumt.
    Er sah sie berzeugt an, da ihr gesunder Verstand zu wanken anfing und sie
langsam an die Mglichkeit eines Irrtums von ihrer Seite zu glauben begann.
    Still schritt sie ins Arbeitszimmer zurck.
    Warst du bei Johannes fragte Angelus erregt.
    Sie bejahte.
    Das darfst du nie wieder sagte er eifrig. Der Meister schlft um diese
Zeit, und verbot uns, ihn da zu stren.
    Ich wills nicht wieder thun sagte sie kurz, aber geschlafen hat er
nicht.
    Sie wute nicht warum, sie sprte einen galligen Geschmack auf der Zunge und
kalte Schauer gingen ihren Rcken hinab. Spter kam Johannes und arbeitete mit
ihr. Angelus rechnete wie gewhnlich und Paulus ging ab und zu.
    Einmal entfernte er sich, von Johannes gefolgt. Nach einer Weile kehrten
beide mit ruhigen Gesichtern wieder zurck. Aber auf Paulus' braunen Wangen
dnkte Johanne einen Schimmer von Rte zu entdecken.
    Nach dem Abendessen ging sie mit Johannes nach der in ihrer Nhe gelegenen
Strae, in der der Verein Seele sein Lokal hatte.
    Paulus und Angelus waren vorausgegangen.
    Wir vermeiden es bemerkte Johannes, ffentlich miteinander auszugehen;
mehrere von uns erregen Aufsehen, einer verliert sich leichter im
Straengedrnge. Trotzdem zog er die Blicke der Leute mchtig an und fast jeder
Vorbergehende blieb stehen und sah dem seltsam gekleideten Manne nach. Sie
hatten bald das Haus erreicht.
    Nun pa auf, habe keine widerstrebenden Gedanken und warte bis die Sitzung
beendet ist, ich will dich wieder hinausbringen sagte er und ffnete Johanne
die Thr des Saales. Geh auf die andere Seite fgte er hinzu, nach den
Stuhlreihen rechts deutend, whrend er selbst zu seinen beiden Schlern schritt.
    Es dauerte lange, bevor die Sitzung begann. Johanne sah sich indessen etwas
im Saale um.
    Es waren etwa zwei- bis dreihundert Menschen anwesend, meist jngere Leute,
dunkel gekleidet. Man sah, keiner wollte die Aufmerksamkeit auf sich lenken,
jeder wnschte den Vorgngen auf dem Podium mglichst zu folgen. Johanne
bemerkte, da alle diese Menschen eine grnlich fahle Gesichtsfarbe hatten, da
alle, wie sie sich in ihrer Naivitt zurechtlegte, unausgeschlafen aussahen.
Das mochte wohl von der Wucht der Ideen herrhren bei diesen Auserwhlten, die
die Thore anderer Welten sich zu ffnen bemhten. Und das junge Mdchen sphte
in diesen Gesichtern nach den Charakteren, deren Larven sie waren. Aber jemehr
sie Umschau hielt, umso krampfhafter zog sich ihr Herz zusammen. Diese
ausgehhlten Wangen, diese eingesunkenen, glanzlosen, trben Augen, diese Mnder
mit ihren schlaffen Winkeln, ihrer blassen Farbe, von erhebenden Erfahrungen
redeten die nicht. Schne reine Visionen muten doch hell und stolz auf die
Mienen wirken. Diese Menschen da sahen aus, als whlten sie in Verwesung, als
verzerre ein Krampf ihre Muskeln. Sie hatten alle etwas Nchtliches an sich,
etwas Scheues, Geducktes, Unehrliches. Und Johanne schien pltzlich, als ginge
ein Modergeruch von ihnen aus; eine faulige Se schwamm in der Luft, ein
krankes, heies, fieberndes Begehren nach einer Erfllung, die sie in der realen
Welt des Genusses nicht mehr fanden. Der Atem wurde ihr schwer; es schien ihr,
als stnden lauter glotzende Ungeheuer um sie herum und erwarteten ein
unerhrtes Etwas, von dem sie sich keine Vorstellung machen konnte.
    In diesem Augenblick trat ein Mann auf das Podium und verkndete, da Mi
Lanster, das Medium, keine Sitzung halten knne, sie fhle sich noch von der
letzten her zu angegriffen. Er wrde statt dessen einen Vortrag halten, mit dem
die geehrte Gesellschaft heute frlieb nehmen msse. Er wrde ber das
Geschlechtsleben der Geister reden.
    Der Mann besa eine zurckweichende Stirn, harte, an den Schlfen
hinaufgezogene Brauen und eine heisere Flsterstimme. Die Anwesenden, um ihre
Erwartungen fr den heutigen Abend gebracht, murmelten einen Augenblick unter
sich, dann spannten sich ihre Mienen; sie setzten sich auf ihren Sthlen zurecht
und beugten sich nach vorn, um dem Redner zu lauschen.
    Das Geschlechtsleben, liebe Damen und Herren begann der Vortragende, da
erhob sich Johanne, und ohne nach rechts oder links zu blicken, verlie sie den
Saal. Drauen schpfte sie tief Atem. Und die - diese kranken, blassen,
verkommenen Gestalten sollten mit den Geistern Anderer verkehren knnen? diesen
Ohren sollten sich die Chre himmlischer Sphren mitteilen? diesen neugierigen,
hungrigen, trben Augen die heiligen Brger des Totenreiches sich enthllen? Das
glaub ich einfach nicht, sagte sich Johanne. Warum sah sie nicht einen Gesunden
unter ihnen? Warum nicht Mnner und Frauen mit freien Stirnen und klugen,
ehrlichen Augen? Warum diese Spitalgestalten mit ihren fahlen, ungesunden
Farben? Wenn das gesund wre, was sie hier erlebten, knnten sie dann davon
erkranken? Nein, gesunde Menschen konnten diese Erfahrungen nicht machen. Man
mu krank dazu sein, unwahr.
    Sie lief in die khle Mrznacht hinaus. Und pltzlich berkam sies: wie,
wenn auch er ein Unehrlicher wre? Wenn seine Lehren andern Absichten dienten,
als er vorgab?
    Mit mdem Gesicht erschien sie am nchsten Tag im Bureau. Auf Johannes'
Frage, warum sie gestern so pltzlich verschwunden sei, gab sie an, sich unwohl
gefhlt zu haben. Er betrachtete sie mit prfenden Augen.
    In der That, du siehst elend aus. Vielleicht strengt dich das Schreiben zu
sehr an, die ungewohnte Kost -
    Ach Meister lchelte sie schwach, das alles macht mich nicht krank. La
nur.
    Ich will dir etwas sagen meinte er freundlich, gehe du jeden Tag nach
Tisch eine Stunde spazieren. Hier in der Nhe liegt der botanische Garten, laufe
ein bischen drinnen herum; ich wnsche, da du es thust.
    Sie fhlte sich gerhrt ber seine Gte. Ja denn, wenn dus wnschest, will
ichs thun sagte sie. Dann sprachen sie nicht weiter darber. Sie schrieb einen
Aufsatz fr ihn ins Reine, er sah sie dann und wann von der Seite an. Es wre
ihm peinlich gewesen, dieses junge, brave, ehrliche Mdchen, das ihn wie einen
Gott verehrte, so gengsam, so fleiig, so anspruchslos war, zu verlieren.
    Nach einer Weile sagte er:
    Uebermorgen Abend halte ich in den Slen von Sommers Brauerei einen Vortrag
ber die Rckkehr zur Natur. Es wird mich freuen, dich in der ersten Reihe zu
erblicken.
    Sie dankte ihm fr seine Einladung. Endlich wrde sie ihn vor versammeltem
Volke reden hren, endlich den Mut bewundern drfen, mit dem er seine
Anschauungen vor der Welt vertrat. Sie brannte vor Ungeduld. Sie bat ihm im
Stillen ab, da sie einen Augenblick den Schatten eines Zweifels an der
Lauterkeit seiner Bestrebungen in sich hatte auftauchen lassen; er war doch der
gtigste, reinste, herrlichste Mensch von allen. Sie gehorchte seiner Weisung
schon heute und trieb sich ein halbes Stndchen drauen umher.
    Siehst du sagte er als sie widerkam, deine Wangen haben schon Farbe
erhalten. Sie lchelte. Vom Spazierengehen sicher nicht. Aber durfte sie ihm
sagen wovon? Am liebsten htte sie ihr Haupt auf seine Fe gedrckt und
gestanden: weil ich meinen Zweifel gegen dich berwunden habe, mein Herr und
Meister.
    Am bernchsten Abend ging sie hochklopfenden Herzens nach den Slen der
Brauerei. Er, Angelus und Paulus waren schon eine Stunde vorher hingegangen.
    Als sie eintrat, sah sie an der Thr Angelus vor einem groen Tisch sitzen,
der mit Sten von Bildern des Meisters bedeckt war.
    Was machst du da? fragte sie berrascht.
    Ich verkaufe sein Bild; das Stck fr zehn Pfennig. Seine Augen leuchteten
glcklich.
    Johanne entgegnete nichts und ging nach vorn.
    Sie fand kaum ein Pltzchen mehr in der fnften Bankreihe. Der groe Saal
war gedrngt voll Menschen. Und in jedem Augenblick kamen noch neue Gruppen
gezogen. Endlich erschien Johannes.
    Seine Blicke glnzten; er schien schlanker, blasser, magerer als sonst. Sein
schlichtes Christushaar fiel lang auf die Schultern herab. Er begann zu
sprechen. Leise, fast zaghaft, voll demtiger Bescheidenheit. Ich spreche zu
den Armen, Unglcklichen, zu den Stiefkindern dessen, was die Welt Glck nennt.
Je verachteter Einer unter euch hier ist, umso heier umarmt ihn meine Seele als
Bruder, umso mehr Anrecht besitzt er auf meinen Rat, auf meine Liebe. Seine
Augen berflogen das Publikum. Es waren meist Leute aus dem Arbeiterstande. Sehr
viele Frauen. Auch Einige, die dichte Schleier verhllten. Aber die Mehrzahl
bildete das unruhige, nach Besserung seiner geistigen und physischen Lage
hungernde Element des vierten Standes. Die Frauen waren andchtig wie in der
Kirche. Manche hatten Thrnen in den Augen. Der bloe Anblick dieses frierend
aussehenden Christusmannes mit den nackten Fen und dem edlen blassen Gesicht
ergriff sie schon.
    Er wolle ihnen allen helfen, sagte er. Seine Rede war nicht geistreich,
wirkte aber durch ihre Herzenswrme und die ungeheuer kluge Einfalt sehr
packend.
    Es war eine Rede, genau wie diese Leute sie brauchten. Ich knnte es besser
haben sagte er unter anderm, aber ich will nicht. Ihr darbt, warum soll ein
Bruder von euch schwelgen? Freilich, es thun dies Hunderttausende, aber die -
Herr verzeih ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun - die kennen nicht euer
Elend, euere Notlage. Sie wrden sonst weinen und euch helfen, wo sie knnen,
glaubt mir das. Ich aber will von Haus zu Haus gehen und an die Herzen der
Mchtigen, an die Herzen derer pochen, die bei den Gesetzen mitzusprechen haben.
    Ich will meine Schler in alle vier Winde aussenden, da sie die Lehren von
der Liebe aussen. In diesem Tone gings fort. Ich selbst bin ja ein Armer,
gleich euch. Ich habe nichts, was ich mein nenne. Ich wnsche auch nichts, als
der guten Sache zu dienen, mge ich selbst im Dunkel vergehen.
    Und warum lt du hundertweise deine Bilder verkaufen? Wie darfst du das
zulassen, wenn du so demtig, so bescheiden bist? riefs in Johanne. Sie horchte
nur noch halb hin. Sie wre ihm am liebsten mitten hineingefahren in seine Rede,
um ihm dies und jenes vorzuhalten, was ihr mifiel. Sie vernahm ein groes
lindes Schmeicheln aus seinen Worten heraus, das sie verdro. Er warb um den
Beifall dieser Menschen. Und Christus hatte sie doch mit Stricken
hinausgetrieben, die ihm nicht gefielen. Sollten diese Leute hier, die er so
demtig anredete, wirklich lauter Auserwhlte sein?
    Johanne atmete erleichtert auf, als der Vortrag beendet war, der brigens
nicht das aufgestellte Programm einhielt. Ueber die Rckkehr zur Natur war kein
Wort gefallen.
    Das laute Beifallsgeschrei am Schlu der Rede zeigte, da er den Geschmack
der Leute getroffen hatte.
    Als Johanne zum Ausgang gelangte, standen Dutzende von Menschen um den Tisch
und kauften die Bilder des Meisters. Angelus strich das Geld lchelnd in die
Lade.
    Ist das ein ser, kleiner Kerl hrte sie eine ltere Frau zu einer
anderen sagen. Sie wandte den Kopf weg und trat, so rasch sie konnte, hinaus.
    Vor der Thr drauen stand Paulus, eine Sammelbchse in der Hand. Zur
Erhaltung des Heims unseres Meisters stand darauf.
    Paulus mit seiner finster abweisenden, herben Miene sah aus wie ein
entthronter Herrscher. Die Weiblein starrten ihn an und lieen, je nach ihren
Vermgensverhltnissen, einige Geldmnzen in die Blechbchse in seiner Hand
gleiten.
    Mit brennenden Wangen eilte Johanne nach Hause. Auf ihrem Bettrande sa sie
lange Stunden und grbelte vor sich hin. Ihre Brauen waren schmerzhaft
zusammengezogen. - - - -

                                       18


Wie gefiels dir gestern? fragte Johannes sie am nchsten Tag in seiner
gewohnten gtigen Weise.
    Deine Rede war mir zu weich, aber am meisten verdro mich der Bilderverkauf
und die - Sammelbchse. Du forderst ja die Wahrheit, Meister. Sie sah ihn mit
Augen an, in denen Thrnen zitterten.
    Er lchelte gutmtig, scheinbar ohne sich im mindesten ber ihre Offenheit
zu rgern.
    Das alles verstehst du nicht, Kind. Aber ich danke dir fr deine
Offenheit.
    Sie senkte den Kopf. Diese Demut seiner Worte ergriff sie wieder. War sie
abermals gegen den Gerechten ungerecht gewesen? O, ihr Kopf schmerzte von all
dem Denken und Grbeln. Ihr Herz zwang sie bestndig vor ihn auf die Kniee, aber
der Verstand, der kalte, unerbittliche Richter! .....
    Bei Tisch sagte Johannes:
    Warum sprichst du nicht mehr mit Johanne, Paulus? Habt ihr Streit mit
einander gehabt? Kinder, Kinder!
    Paulus schttelte den Kopf.
    Ich habe nichts gegen dich, Johanne.
    Er sah sie kalt an, und doch fhlte sie ein unbestimmtes Lodern aus seinem
Wesen.
    Auch ich bin dir nicht bse erwiderte sie ihm ruhig.
    Nach dem Essen ging sie ihren kleinen Spaziergang zu machen. Als sie
wiederkam und eintrat, stockte ihr der Atem vor Bestrzung.
    Auf einem Stuhl, Johannes gegenber, sa - Schler. Paulus und Angelus,
leicht aneinander gelehnt, standen neben ihrem Meister. Angelus' Augen hingen
mit fast zrtlichem Blick an Schlers Lippen. Johanne war einen Augenblick wie
gelhmt; dann grte sie leicht, und lie sich, ohne Hut und Jckchen abzulegen,
am Schreibtisch nieder. Ihre Pulse hmmerten. Mechanisch schlug sie eine
Schreibmappe auf und that, als suche sie etwas.
    Wie gesagt fuhr Johannes weiter fort, wenn Sie das nicht anficht, ist
nichts im Wege, da Sie einer der Unseren werden.
    Wie sollte mich der Hohn der Plebs bekmmern, Meister? Verspottet sie nicht
alles Hohe, Ernste, was ber ihren niedern Horizont hinausreicht? Schler sah
leicht nach der zusammengekauerten Gestalt am Schreibtisch hinber, und fgte
hinzu: Was meine Bekanntschaft in andern Stdten betrifft, mu ich sagen, da
sie sich meist auf die oberen Zehntausend erstreckt. Aber das wird Sie nicht
hindern, mich zu ermchtigen, fr Ihre gute Sache Propaganda zu machen. Das
Volk er lachte, das Volk steckt man ja leicht in die Tasche; zu frchten sind
nur die kritischen Kreise. Und wie gesagt, ich habe Freunde im Reichstag,
tchtige Redner; wenn so einer mal Ihre Ideen ernsthaft anpackte und unter die
Leute brchte, wissen Sie, das zge. So einer gilt als nichts weniger, dem als
Schwrmer; den hlt man nchterner Beurteilung fhig.
    Das wre allerdings sehr frdernd fr uns meinte Johannes, nur - ich kann
so wenig - Ihre Mhe vergten, Herr Schler -
    Aber, lieber Meister Schler machte eine abwehrende Handbewegung, ich
wiederhole Ihnen ja, der angebotene Gehalt gengt mir einstweilen. Und - was ich
sagen will, wnschen Sie im Interesse Ihrer Sache, da ich - eh - er lchelte
ein wenig - gekleidet gehe wie Sie?
    Darber will ich noch nachdenken bemerkte Johannes.
    Schn; dann erlaube ich mir also, in diesen Tagen vorzusprechen, um
dieselbe Stunde, nichtwahr? Er erhob sich rasch, verbeugte sich tief vor
Johannes und schttelte Paulus und Angelus die Hand. Dann schritt er, ohne
rechts oder links zu sehen, hinaus.
    Mit einer heftigen Bewegung war Johanne vom Schreibtisch aufgesprungen und
ihm nachgeeilt. Auf der Treppe erreichte sie ihn.
    Was soll das? Ihre Lippen zitterten. Sie lgen und beschwindeln diese
Menschen. Das kann ich nicht zugeben. Ich stehe in den Diensten dieses Mannes.
Seine Interessen sind auch die meinen.
    Aber zum Teufel - vor allem bleibe ich nicht hier auf der Treppe stehen -
    Nein, ich gehe mit Ihnen sagte sie fest. Sie schritten zusammen hinab. Auf
der Strae bohrte sie ihre Augen in die seinen. Also stehen Sie mir Rede,
weshalb wollen Sie diesen Mann, der Ihnen sicher nichts Bses zugefgt hat,
betrgen? Sie bieten sich ihm als Trger seiner Ideen an, als seinen Herold,
Sie!
    Aus ihren Worten klang unsgliche Geringschtzung.
    Schler drehte nervs die Enden seines Schnurrbarts zwischen den Fingern.
    Vor allem, schreien Sie nicht so laut; die Leute bleiben stehen. Dann sagen
Sie mir: sind Sie verrckt, oder mit welchem Recht mischen Sie sich eigentlich
in meine Angelegenheiten?
    Ich sagte Ihnen ja schon, da ich in Diensten dieses Mannes stehe, da ich
ihn hochschtze, er mir heilig ist -
    Ja, ja, ja, das ist alles recht, das geht mich ja nicht im mindesten etwas
an.
    Und da ich es nicht dulden werde, da Sie ihn irrefhren.
    Wer will ihn denn irrefhren, alle Wetter. Schler blieb stehen; seine
Brauen furchten sich zornig. Er ist ein bekannter Schwindler, der, zu faul zum
Arbeiten, sich aufs Komdiespielen verlegt. Er wei, da die Welt heute nach
Neuem hungrig und jeder Gaukler und Taschenspieler ihr willkommen ist. Er ntzt
das aus. Er hat ganz recht; ich wrde es auch so machen wie er, wenn ich schon
frher auf die gute Idee gekommen wre, einen Heiligen zu spielen.
    Es ist nicht wahr, was Sie sagen rief Johanne ungestm, der Mann glaubt,
was er lehrt.
    Aber so lassen Sie sich doch nicht - Der Redakteur lachte hell auf. Er
glaubt kein Wort von dem Schwefel, den er predigt. Fr so dumm drfen Sie ihn
nicht halten; das hiee, ihn wirklich beleidigen. Uebrigens sa er bereits
zweimal im Gefngnis wegen Erbschleicherei, - er versucht sich auf allen
mglichen Gebieten, natrlich immer in der Maske des Christus, das versteht sich
von selbst. Auch Paulus, der schne, junge Ritter, sa etliche male. Er hat mit
verschiedenen Medien, die er hypnotisierte, unerlaubte Dinge getrieben. Na,
Frulein Johanne, Sie schtteln sich, ich kann Ihnen versichern, die
Gesellschaft ist nicht sauberer als ich - vielleicht den kleinen Angelus
ausgenommen, den er noch nicht ganz eingeweiht hat. Vor kurzer Zeit noch htte
ich mich fr viel zu gut gehalten, mit diesen Leuten in Verbindung zu treten,
aber augenblicklich stehe ich vor de rien. Meine Stellung an der Zeitung ist mir
gekndigt worden, meine Mbel sind verkauft. Da meine Frau mit Babinsky
durchging, werden Sie wohl lngst erfahren haben -
    Johanne blieb stehen und schlug stumm die Hnde zusammen.
    Mir bleibt nichts brig, als einen Verdienst zu suchen, wo ich ihn finde.
    Er nahm den Hut von der feuchtgewordenen Stirn.
    Aber trotzdem, wei Johannes wer Sie sind? hauchte Johanne totenbleich.
    Natrlich, natrlich, wei ers; er kennt mich ja schon lngst. Glauben Sie
mir, er wei auch, da ich ihn ganz kenne, deshalb stellt er sich so fgsam an.
Er macht mir auch den Schwindel des Dusagens nicht vor, wie Sie bemerkt haben
werden, er -
    Ich danke Ihnen sagte das junge Mdchen pltzlich, wandte sich kurz um und
ging in das Bureau zurck. Johannes schrieb; Angelus las. Paulus war abwesend.
    Meister sagte Johanne mit einer ihr selbst fremden Stimme, hte dich vor
dem Mann, der da eben von dir ging; er ist dir nicht gut.
    Wieso? Johannes Augen blickten sie scharf an. Woher weit du das?
    Er sagte mir Dinge von dir, die nicht wahr sein knnen, nicht wahr sein
drfen schrie das junge Mdchen auf, seine Hnde wie im Fieber ergreifend.
Hrst du Johannes, jag ihn fort, wenn er wiederkommt.
    Ich verstehe dich nicht. Er erhob sie wrdevoll. Was meinst du? Fasse
dich vor allem.
    Angelus trat erschrocken zu den Beiden.
    Er sagt, du seist ein Gaukler, der nicht glaubt, was er lehrt.
    Bah Johannes lchelte schwach. Du weit doch lngst, da ich Feinde
habe.
    Gut, aber bediensten, bei dir bediensten wirst du doch einen solchen nicht
.....
    Gerade sagte er ruhig.
    Nein, du wirsts nicht rief sie in Thrnen ausbrechend.
    Das ist meine Sache, denk ich -
    Nein, das ist aller Sache, die sich fr deine Ideen interessieren.
    Johanne, du wirst anmaend.
    Frchtest du ihn? brach es verzweifelt aus ihr, bangt dir vor ihm? Thust
du deshalb wie er will.
    Da trafen sie zwei Blitze aus seinen Augen, und eine jhe, brennende Rte
ergo sich ber sein Gesicht.
    Gehe.
    Er wandte sich ab.
    Johannes, beim lebendigen Gott, du ahnst nicht, was du an einer
Menschenseele verbrichst, wenn du mich im Glauben an die Wahrheit der Worte
dieses Schurken lt.
    Dieser Mann ist kein Schurke, er ist mein Freund; und brigens - er drehte
sich blitzschnell nach ihr um, entfernen Sie sich geflligst sofort, aber
sofort. Seine Zge waren von wildem Zorn verzerrt. Angelus fiel vor ihm auf die
Kniee und suchte seine Hnde zu fassen.
    Johanne schritt hinaus.
    Sie sprte ein kaltes Gefhl im Rcken; sonst meinte sie sich ganz wohl zu
fhlen. Ich kann ja noch lesen, sagte sie sich auf der Strae, die Namen der
Ladenschilder buchstabierend. Ich lebe noch. Das ist die Kasernengasse und dort
biegt die Strae ein, in der ich wohne. Der Schlag hat mich also nicht
getroffen, denn ich habe noch meine Sinne beisammen. Mit festen Schritten stieg
sie ihre vier Treppen hinauf, ffnete ihr Stbchen und lie sich an dem
hlzernen Tisch nieder. Sie sttzte den Kopf in die Hnde.
    Ja, Johanne, Johanne Grn, aber mein Gott! Mit einemmale wurde ihr
unheimlich zu Mut; sie sprang auf und eilte zu der alten Blumenmacherin hinber.
    Herr je, haben Sie kalte Hnde sagte das Mdchen, das den feinen Draht
weggelegt und Johannes Rechte ergriffen hatte.
    Eine Wasserrosenguirlande murmelte Johanne, die Blumen, an denen die
Arbeiterin beschftigt war, mechanisch betrachtend. Wirklich hbsch, ich liebe
sehr diese Blumen; bei uns zu Hause, auf dem kleinen See im Walde, gabs ihrer
genug. Ach, die Welt ist doch toll, Marie, nicht? Aber wissen Sie, ich werde
wieder gehen; ich geh zu Bett, es ist mir zu kalt. Wir haben ja auch erst Mrz,
da darfs einen schon frieren, ohne da man sich dessen zu schmen braucht,
nicht? Mit gebeugtem Kopf schritt sie hinaus, gefolgt von den erstaunten
Blicken der Anderen.
    In ihrem Stbchen begann sie sich auszukleiden; pltzlich fuhr sie sich an
die Stirne, zog die abgestreiften Kleider wieder an und eilte fort. Auf der
Strae sahen ihr die Leute nach. Sie lief lange, beinahe dreiviertel Stunden.
Mit dem Instinkt der Trunkenen fand sie die Strae, die sie suchte, die Nummer,
von der sie in frheren Zeiten viel hatte reden hren.
    Sie rannte die Treppe hinauf, klingelte an einer Thr, nannte der ffnenden
Frau ihren Namen und trat ein.

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Johanne! rief Lohringer, ists mglich? Erlebe ich es, oder trumt mir?
    Sie erleben es sagte sie und lie sich in einen Sessel fallen.
    Was ist Ihnen geschehen? Er trat zu ihr und ergriff ihre beiden Hnde.
    Ninive hat mir eben den letzten Gnadensto gegeben.
    Bis so weit reichte ihre erzwungene Fassung. Dann sank sie zurck. Er sprang
nach Wasser, rieb ihr die Schlfen ein, und hauchte auf ihre eiskalten Hnde.
    Endlich schlug sie die Augen auf. Und jetzt brach ein heies Schluchzen aus
ihr.
    Lohringer hatte viele Frauen weinen sehen, aber das hatte er noch nicht
erlebt. Hier schien ein Herz in Thrnen zu schmelzen.
    Er schritt ganz bla im Zimmer auf und nieder, whrend sie weinte, weinte,
weinte.
    Endlich setzte er sich, mit dem Rcken gegen sie, in eine Zimmerecke und sa
so, wie ihm schien, eine Stunde lang. Sie weinte noch immer. Da stand er auf,
trat zu ihr und sagte: Aber zum Donnerwetter, jetzt ists genug. Er fate ihren
Kopf zwischen seine beiden Hnde und sah ihr in die hochroten, verschwollenen
Augen. So gro ist das Unglck nicht, Johanne, glauben Sie doch. Mit zwanzig
Jahren. Ich bitte Sie! Sie werden sich schon wiederfinden.
    Sie fuhr auf. Ich mich finden? Ich habe mich ja garnicht verloren,
Lohringer.
    Na was zum Teufel flennen Sie denn?
    Er lie ihren Kopf los und begann wieder im Zimmer auf und nieder zu
schreiten.
    Was haben Sie denn, Johanne? Sie sind doch ein so vernnftiges Mdchen. Ein
liebes Mdchen! Wei Gott, Sie waren mir immer wert; ein paarmal war ich schon
nahe daran, es Ihnen zu sagen. Aber Sie waren ja damals so riesig dumm. Glaubten
immer, ich htte einen Schwarm fr Frau Schler. Und mich dauerte das kleine
Geschpf nur, weil sie einen Schuft zum Mann hatte und weil - ich nicht erwidern
konnte, was sie fr mich fhlte. Mit der Zeit hat sies auch gemerkt, trotzdem
ich fr sie that, was ich konnte. Aus Trotz ist sie mit Babinsky, der in der
letzten Zeit viel bei ihnen verkehrte, durchgegangen. Und wo waren Sie,
Johanne? fragte er sich unterbrechend und blieb vor ihr stehen.
    Sie erwiderte eine Weile nichts, dann: Kennen Sie Meister Johannes?
    Den groen Erzgauner, der sich fr den Propheten Elias oder sonst wen
ausgiebt? Na und ob. Wer kennt den nicht hier? Was ist mit ihm?
    Ich war bei ihm als Sekretrin angestellt.
    O, Sie Aermste. Weiter sagte er nichts. Dann holte er eine Flasche und
zwei Glser und go ihr Wein ein; sie trank, trocknete sich die Augen und
seufzte.
    Wie konnten Sie das thun? Ich erfuhr durch Bekannte, da Sie irgend eine
Stellung angenommen hatten, aber welche und wo, wute ich nicht, sonst htte ich
Sie am Schopf von dort entfhrt.
    Wewerkas warnten mich ja, aber ich glaubte ihnen nicht. Sie wissen, ich -
ach, ich war eine groe Nrrin. Sie lachte, indes ihre Augen tropften.
    Mir scheint wahrhaftig, jetzt haben Sie nicht unrecht. Er fate
freundschaftlich ihre Hnde. Dachten Sie denn nicht gleich, da ein Kerl, der
aus dem Glauben harmloser Esel Mnze schlgt, ein Bauernfnger sein mu? Ein
anstndiger Mensch lt sich doch nicht von Andern erhalten, es sei denn, er
wre alt, schwach oder krank. Der Meister zhlt vierzig Jahre, ist nicht auf den
Kopf gefallen, wie seine schlau angestellten Schwindeloperationen zeigen, hat
also gar keine Entschuldigung fr sein Faulenzerleben.
    Sie haben recht, aber Sie wissen ja - das kleine Mdchen aus frheren
Jahren brach wieder durch, ich sehnte mich so sehr nach etwas Groem,
Gewaltigem, dem ich mich ganz hingeben durfte. Die Knstler entpuppten sich als
etwas ganz anderes, als ich in ihnen vermutete. Da dachte ich, vielleicht hlt
die Religion, was die Kunst versprach. Er nannte seine Lehre das neue
Evangelium. Ich wollte dessen Priesterin werden.
    Sie waren eben ein Kind, Johanne, sonst htten Sie nicht Menschen, die
durch aufsehenerregende Kleidung, durch Kokettieren mit Verfolgungen, durch ein
nach allen Seiten hin auffallendes, herausforderndes Benehmen die Aufmerksamkeit
der Leute auf sich ziehen wollen, fr wirklich fromme Mnner gehalten. Es sind
gemeine Reklamehelden, die so handeln, nichts anderes. Ebenso wenig wie ein
groer, echter Knstler in die Posaune fr sich stoen lt, ebenso wenig kehrt
ein echter Gottesmann den Christustypus heraus und zieht mit wallendem Haupthaar
und nackten Fen durch die Welt.
    Johanne stand auf, trat ans Fenster, sah einige Zeit hinaus und wandte sich
dann wieder zu ihm.
    Das war die andere Seite, Lohringer, nun kenn ich die auch. Religion und
Kunst werden geflscht in Ninive. Schade um die vielen Glubigen ...
    Ach Johanne er machte eine geringschtzige Handbewegung, sagen Sie nicht:
schade. Was sich hier zusammenfindet, ist bereits angefault. Ninive ist der
groe Kanal, in dem alle Schmutzkloaken des Reiches zusammenflieen. Ninive ist
der Schlupfwinkel aller dunklen Existenzen, die ungestrt ihre Maulwurfsarbeit
verrichten wollen, Ninive ist der Zufluchtsort der impotenten Halbknstler. Hier
suchen sie durch Extravaganzen, durch Geschrei und Verbrderung mit Tagesgren
ihre unbekannten Namen dem Volke ins Gedchtnis zu prgen. Oder glauben Sie
wirklich, da ein echter Dichter hierher kme, um zu arbeiten? Ich sage Ihnen,
Johanne, der verbirgt sich in die tiefste Einsamkeit und baut schamhafte
Entfernungen zwischen sich und die Menschen. Ein echter Dichter bedarf nicht der
Anregung auf den spektakelerfllten Straen; der hat Anregung in sich genug. Der
braucht nicht mit Kollegen im Caf zu sumpfen, um die Stoffe, die er ausarbeiten
will, zu besprechen. Der hat in sich Rat und Wissen; der braucht nicht die
kleinen Mdchen von der Strae auszuholen, dem weist der Genius die letzten
dunkelsten Abgrnde der Menschenbrust.
    Johanne hrte ihm aufmerksam zu. Sie haben recht. Heute wei ich es, weil
ichs erfahren habe; frher dachte ich mir das ganz anders. Sie lie sich
nieder. Wissen Sie auch, weshalb ich zu Ihnen gekommen bin, Lohringer?
    Er hielt in seinem Auf- und Niederschreiten inne, und senkte die Augen.
    Nein, eigentlich nicht. Aber ich bin garnicht neugierig. Sie sind da, und
das ist mir eine groe, sonnige Freude.
    Als mich die tiefste Ratlosigkeit und Verzweiflung packte und ich nicht ein
noch aus wute, standen Sie pltzlich vor mir. Da lief ich schnell her. Ihre
Adresse hatte ich noch behalten. Sie mssen mir raten, was ich thun soll. Auf
was ich mich werfen soll, um nicht - gar zu traurig zu werden.
    Er lie sich neben ihr nieder und sah ihr fest in die Augen. Vor allem:
fort von hier.
    Wie? Trotzdem sie diese Stadt verabscheuen gelernt hatte, erschien ihr der
Gedanke, fort zu sollen, doch nicht einleuchtend. Wie sagte sie schchtern,
glauben Sie wirklich, da kein Platz fr mich hier ist?
    Er schttelte energisch den Kopf.
    Nein, nein, fr Sie ist kein Platz da. Sie sind ein Kind. Was sollen Kinder
in einer groen, fremden, verderbten Stadt? Sehen Sie, auch Dichter sind Kinder;
deshalb meiden sie diese nchternen, staubheien Stdte, diese Millionenstdte,
welche der geistige und physische Ruin der Nationen sind. Gehen Sie aufs Land,
wo die Quellen rauschen und die Vgel singen. Gehen Sie in die schne, schlichte
Einsamkeit, wo die Luft rein ist und die Menschen harmlos und naiv sind. Gehen
Sie nach Sienenthal zurck.
    Nach Sienenthal! Ein warmer Ton klang durch ihre Stimme. Aber - was soll
ich dort thun?
    Haben Sie denn gar Niemand dort?
    Den alten Pastor, ein paar junge Mdchen, den Vormund und -
    Und?
    Ein altes Huschen mit schiefem Dach, vor dem ein Garten liegt.
    Und da fragen Sie, was Sie thun sollen, und da sagen Sie, einsam wren Sie
dort? Ein Huschen mit schiefem Dach und einen Garten davor, und - zwanzig Jahre
alt -
    Und traurig bis zum Sterben dabei fgte sie leise hinzu, und ihre Augen
begannen aufs neue zu tropfen.
    Und wer pflegt die Blumen und streichelt mit liebevollen Blicken das alte,
mde Huschen, das gewi Mutter und Gromutter schon bewohnten, und das jetzt
einsam steht und friert, und -
    Ich werde mich frchten. Es sind nur drei Stuben drin; aber die werden mir
unendlich still vorkommen.
    Nehmen Sie sich eine brave Magd, Johanne. Und wie lange denn, dann kommt
Einer und begehrt Sie zum Weibe und fhrt Sie aus dem Huschen weg.
    Sie lchelte. Damit schrecken Sie mich nicht.
    Sie haben ja nichts verloren, Johanne, seine Augen blickten sie warm und
so innig an, da sie die ihren senkte - manche Verwundung tragen Sie davon,
aber rmer kehren Sie nicht heim. Sie haben tapfer Ihren Schatz behtet, Kind;
schtteln Sie leichten Herzens den Staub von den Fen. Die Rte Ihrer Wangen
wird wiederkehren und mit ihr wieder der Glaube an das Gute, den Sie heute
verloren whnen.
    So soll ich wirklich gehen? Sie werden mich daheim auslachen, da ich so
schnell zurckkehre.
    Ist dies nicht harmloser, als wenn ein oder der andere Schurke hier ber
Sie triumphiert htte?
    Sie nickte. Das schon, aber -
    Apropos sagte er pltzlich khl, die Augen von ihr ablenkend, haben Sie
auch Geld zur Heimreise? Ihr Vormund kanns mir ja zurcksenden, wenn Sie dort
sind; ich strecke Ihnen einstweilen vor.
    Sie dankte. Ich habe freilich noch Geld. Nicht viel, aber gengend, um nach
Hause zu kommen. Ich brauchte ja nichts in letzter Zeit. Mein Zimmer ist fr
einen Monat vorausbezahlt.
    Er spielte mit den Enden seines weichen Schnurrbarts.
    Wissen Sie es ist eigentlich furchtbar dumm von mir, da ich Sie berede,
fortzugehen. Gerade ich er stockte, dann sah er ihr voll in die Augen, aber
ich mag Sie von Herzen gern leiden und mchte Ihr Bestes; selbst wenn dieses mit
der Befrchtung verbunden wre: Sie nie wiederzusehen.
    Warum das? fragte sie leise. Wenn ich ja hingehe, knnen Sie mich doch
besuchen.
    Besuchen? Er schttelte den Kopf. Und selbst wenn ichs tht, was glte es
Ihnen? Sie suchen Ganzes und verabscheuen die Halben, und ich gerade bin so ein
Halber, ein Viertelsmensch. Wenn ich das nicht wre, Johanne, und wenn ich zehn
Jahr jnger wre - sie errtete brennend, und es hier nicht gar so nchtern
ausshe er fuhr sich ber den kahlen Schdel, dann wrde ich jetzt wohl sagen:
Johanne, nehmen Sie mich mit nach Sienenthal und - na, fort damit.
    Er erhob sich und schritt wieder auf und nieder.
    Wenn Sie die Einsamkeit so lieben, warum bleiben Sie hier wohnen? fragte
sie. Warum gehen Sie nicht hin, wo es still und lndlich ist?
    Ja, die Frage, die spricht ein Kindermund leicht aus, aber sie beantworten
kann kein Weiser. Warum sieht man oft ein, da man wie ein Lump handelt, und
ndert sich doch nicht. Warum erkennt man, da dies oder jenes der Gesundheit
Gift sei - man lebt hllisch gerne - und fhrt doch ruhig fort, das Gift zu
genieen. Warum? Wer wei es? Wenn ich Ihnen gestehe, da mir diese
Cafhausabende mit ihrem ewig gleichen, nichtssagenden Geschwtz, ihrer ewig
gleichen geistigen Langenweile unentbehrlich sind, da mir diese staubigen,
menschendurchwhlten Straen mit ihrem ohrenzerreienden Getse tglich zu
durchbummeln, unerlliche Gewohnheit ist, wrden Sie mich auslachen. Und doch
ists so. Ich brauche diese dicke, von tausend Gerchen, von Qualm und Staub und
fremdem Odem geschwngerte Luft. Ich wrde verzweifeln, wenn ich sie mite. Fr
mich ists zu spt, auf einem andern Boden Wurzeln zu fassen. Ich geh schon als
Halber hinber. Ich seh wie ein Gelhmter die schne grne Welt um mich, aber
ich kann nicht zu ihr.
    Johanne senkte traurig den Kopf. Beide schwiegen eine Weile; dann erhob sie
sich. Sie fate seine Rechte: Dank Lohringer, ich will - einpacken.
    Also wirklich! Er sagte es halb schmerzhaft, halb freudig. Nun Gott mit
Ihnen, mein liebes, gutes Kind! Und eins mssen Sie mir versprechen: Kommt es
einmal in Ihrem Leben, da Sie der Hilfe oder des Rates eines treuen Menschen
bedrfen, dann - erinnern Sie sich meiner.
    Er nahm eine Karte aus seinem Portefeuille, auf der sein Name und seine
Adresse stand. Hier. Adieu Johanne.
    Adieu hauchte sie und behalten Sie mich in gutem Andenken.
    Er lchelte, wendete sich rasch um und ging zum Fenster.
    Sie eilte fort.

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Die alte Blumenarbeiterin machte ein hchst verdutztes Gesicht bei Johannes
Erffnung. Aber Johanne sagte es ihr so lieb, da sie selbst noch Hand mit beim
Einpacken anlegte. Der alte, hlzerne Koffer war bald gefllt. Dann schlief sie
noch einmal in dem frostigen Stbchen, traumlos, totmde, ohne jede Aufregung.
Am nchsten Morgen fuhr sie nach dem Bahnhof, nahm sich ein Billet bis zur
Station, von wo aus die Postkutsche sie weiterbringen mute, gab ihren Koffer
auf und sprang leichtfig ins Coup.
    Ja, er hatte recht gehabt. Es war das Beste, zurckzukehren. Sie hatte kein
Glck gefunden da drinnen in der groen Stadt. Sie war zu einfltig fr alle
diese gewichsten, aufgedrahteten Menschen in ihren geborgten Festkleidern.
    Sie hatte in ihrer Naivitt gemeint, da unter vornehmen Gewndern auch
saubere Wsche sein msse, der Anblick des Schmutzes unter der glnzenden
Auenseite machte sie krank.
    Das Zeichen zur Abfahrt ertnte; der Zug begann aus der Halle zu rollen.
    Sie erhob sich und beugte sich zum Coupfenster hinaus.
    Adieu Ninive, wir haben einander nicht verstanden. Bald werde ich deinen
Staub von meiner Seele geschttelt haben.
    Und ein frohes Gefhl starker, ungebrochner Kraft stieg in ihr auf.
    Lohringer war der Einzige, dessen Bild sie mit hinbernahm in ihre stille
Heimat. Sie zog sein Krtchen heraus und streichelte es. Wer wei, vielleicht
kam er doch noch, gings durch sie. Vor der Hand wrde sie ja doch keine Zeit und
Mue haben.
    Sie wollte, wie er ihr geraten hatte, ihr Huschen bernehmen und sich eine
handfeste Magd dingen. Sie wollte den Garten brav betreuen, ihren Menschen dort
eine liebevolle Gefhrtin sein.
    Mein Gott, am Ende wars gar nicht so traurig, was sie erwartete.
    Und verloren, verloren hatte sie ja in der That nichts. Viel, viel lter war
sie geworden; aber das schadete nichts. Ihre Erfahrungen wollte sie tief in sich
einsargen.
    Je nher sie der Heimat kam, umso freudiger pochte ihr Herz. Schon die Luft,
diese erdreichduftige, breite, weiche Luft da drauen auf den Feldern durch die
der Zug eilte! Einmal kam noch eine hliche Rckerinnerung ber sie. Sie fuhr
sich mehreremale mit dem Taschentuch ber die Lippen, und drckte sich mit
geschlossenen Augen in die Ecke. Sie war allein im Coup. Zuletzt nickte sie
ein. Als der Schaffner die Station ausrief, an der alle aussteigen muten,
sprang sie elastisch aus dem Wagen. Da stand auch schon der alte runzelige
Postillon aus Sienenthal neben der alten Kutsche. Johanne schttelte ihm die
Hand. Besorg mir den Koffer, Anton. Er besorgte ihn. Das is ja noch der alte
grinste er, den kenn ich aber schon lange. Sie lachte und schwang sich in den
Wagen. Aber lange konnte sie es nicht so ruhig aushalten. Sie erhob sich whrend
des Fahrens, und sich an den Schultern des alten Kutschers festhaltend, begann
sie ihn auszufragen.
    Was alle machten, wie es allen ginge.
    Der Pastor ist halt hinber sagte er lakonisch.
    Wie rief sie schmerzhaft mein lieber, guter, alter Pastor? Die Thrnen
flossen ihr aus den Augen, als Anton des Langen und Breiten berichtete, wie und
woran er starb. Er war halt schon an die achtzig schlo er. Sie lie sich
zurck in den Wagen sinken und sann traurig nach. Den htte sie gern getroffen.
Noch wer is todt sagte der Postillon sich halb nach ihr umwendend, das
Frulein von der Blauen Kugel. Frulein Wewerka? Ja, die. Auch die!
    Whrend des weitern Weges sprach Johanne nichts mehr. Aber die reine, von
Frhlingsahnungen erfllte Luft scheuchte bald die Wolken von ihrer Stirn.
Jauchzende Lerchen stiegen schaarenweis vom braunen, leicht begrnten Boden auf,
die Sonne durchbrach die weien Wolken, und als der alte, graue Kirchturm mit
den davorstehenden zwei Pappeln sichtbar wurde, hatte es sich ganz aufgeklrt.
An der Biegung der Marktstrae standen ein paar feiste, kleine blondhaarige
Buben, denen ein Zipfel Hemds rckwrts herauslugte, und begrten jubelnd den
Postillon.
    Johanne hie ihn halten. Fahr meinen Koffer zum Vormund, ja? bat sie ihn,
ich komme gleich nach.
    Ohne sich umzusehen, eilte sie durch die breite Strae, an ihrem
hochgipfeligen Huschen vorber, nach dem Friedhof. Hier brauchte sie nicht
lange zu suchen. Gleich am Eingang lag das Grab des alten Pastors. Sie kniete
davor nieder. Ob sie betete, ob sie ihm etwas erzhlte? Die Pappeln rauschten
mit ihren ersten paar Blttchen dazu und die Sonne go ihren Friedensschein auf
ihr gesenktes Haupt.
    Ein Haufe rotwangiger, lrmender Schulkinder, die zum offenstehenden
Friedhofsgitter hereinstrmten, weckte sie aus ihrer Andacht. Noch ein paar
Minuten auf der Eltern und der Gromutter Grab, dann verlie sie den Friedhof
und schritt langsam die Strae hinab. Aber feste Schuhe mu ich mir machen
lassen, dachte sie im Gehen, die hier sind zu unsolid fr diesen derben,
ehrlichen Boden. Vorm Huschen des Vormunds machte sie Halt. Wo wohl der
Geranienstock hingekommen war, der am Fenster neben der Hausthr stand? Sollte
er im Winter erfroren sein? Noch einmal wandte sie sich zurck und sah in die
lichtumflossene, weite Landschaft hinaus. Ein Fink begann von einem Baum des
Vorgrtchens sein Frhlingslied zu schmettern. Hinten aus dem Stalle brllte
eine Kuh.
    Da gings wie ein Lachen ber Johannes ganzes Gesicht; mit einer resoluten
Geberde stie sie die Thr des Huschens auf. Das erste, was sie erblickte, war
ihr alter Holzkoffer, der mitten in der Stube stand.
    Da ist sie wirklich sagte die alte Frau ihr entgegenkommend, und der
Vormund legte die Pfeife aus dem Mund.
    Johanne schttelte die Hnde der alten Leute.
    Ja, sie ist wirklich da, und nun sollt ihr aber Eure Freude an mir haben.
Gearbeitet wird, da Alle sich wundern werden; gebt mir nur den Schlssel zu
meinem Huschen. Ich freue mich nrrisch auf die alte braune Stube. Muhme, du
bist ja ganz stumm und starrst mich an.
    Sie fate die alte Frau und kte sie herzhaft auf den Mund.
    Ich bin sehr, sehr glcklich.
    Da trat der Vormund sachte zu ihr, zog sein tabakduftendes blaues
Taschentuch heraus und fuhr ihr damit ber die Augen. - -
    Das waren die letzten, Vormund lachte sie ....
