 IV. Nach Italien.  [102] Also nach Italien, dem paradiesischen Lande, dem klassischen Boden der Kunst, sollte ich nun kommen, an einem Hose glänzenden Verhältnissen entgegengehen! Wie freuten sich meine Freunde, daß mir das Glück so günstig war! Wie wurde ich von so vielen um dasselbe beneidet! Ob es aber wirklich ein Glück war? Die Zeit wird es lehren! Am Morgen des 24. Oktober, nachdem ich schon Tags zuvor mein Gepäcke abgegeben, um es auf die für die Reise bestimmten Fourgons zu laden, begab ich mich in das schöne Palais Albert auf der Bastei, wo Prinz Eugen wohnte. An wenige Bedürfnisse gewöhnt, hatte ich nur meinen Mantelsack mit Zeichenmaterial, etwas Wäsche und mein Portefeuille bei mir. Ich wurde dem Obristen Triaire vorgestellt, einem Adjutanten des Prinzen, der im Felde eine Art Hausmarschall war. Unter seiner Aegide sollte ich vorerst die Reise bis Klagenfurt zurücklegen. Er lud mich zu einem Gabelfrühstück ein, an welchem auch ein Secretair Antheil nahm, ein gefälliger angenehmer Franzose, dem ich empfohlen wurde und der mein Reisegefährte sein sollte. Eine schöne und bequeme Kalesche wartete unser im Hofe, und nun ging es fort in raschem Laufe über Wienerneustadt den steyerischen Gebirgen zu. Wer zum erstenmale die hohe See oder das Hochgebirge[102] sieht, wird einen überwältigenden Eindruck empfinden, falls er nur einigermaßen Sinn für die Schönheit der Natur und ein Herz hat. Ich hatte bisher das Gebirge nur aus der Ferne gesehen und gerieth in eine wahre Begeisterung, als wir den Bergen immer näher kamen und uns zuletzt mitten in denselben befanden. Es war ein heiterer Herbsttag, als der hohe Semmering, von der Abendsonne beleuchtet, mit seinen Felsen, Klüften und Wasserfällen vor uns lag. Ich konnte mich gar nicht satt sehen, fand keine Worte, meine Freude auszudrücken und bedauerte, daß die Pferde so rasch gingen und alles so schnell an uns vorüberflog, während mein Gefährte fand, daß wir gar nicht schnell vom Flecke kämen und die Berge und deutschen Postillone, welche ihre Pferde so schonten, verwünschte. Mir brach diesmal die Nacht viel zu frühe herein, denn leider mußten wir den größten Theil des Wegs über den Semmering bei Nacht zurücklegen. Den folgenden Tag um 10 Uhr Morgens kamen wir zu St. Michael an der Mur bei Leoben an. Hier trafen wir wieder mit Triaire zusammen. Dieser war von Prinz Eugen beauftragt, mich auf das dortige Schlachtfeld zu begleiten und mich über den Verlauf des dort gelieferten, für die französisch-italienische Armee so glücklichen Treffens zu unterrichten. Dieser Auftrag kam mir sehr erwünscht, ich fand die Gegend reizend, zeichnete den ganzen Tag und konnte mich dabei an den Bergen recht ergötzen, da wir vom herrlichsten Wetter begünstigt waren. Amazon.de Widgets Hier hatte ich Gelegenheit, zu beobachten, was Pünktlichkeit im Dienste bedeutet. Triaire war an dem militärischen Hofe eine bedeutende Persönlichkeit und nichts weniger als ein geschmeidiger, angenehmer Charakter, aber er trug die Langeweile, hier fast einen ganzen Tag wegen meiner Zeichnerei müßig zu sitzen, mit großem Gleichmuth und drängte mich gar nicht; er betrachtete es als eine Dienstsache. Unten im Thale warteten längst schon ein Paar starke steyerische Hengste an einem leichten Wagen, uns zur nächsten Post zu bringen; wir reisten abermals die Nacht hindurch. Am 26. Mittags trafen[103] wir in Klagenfurt ein, wohin Abends 10 Uhr auch Prinz Eugen kam. Von Klagenfurt führte die Reise nach Villach, wo wir vierzehn Tage verweilten. Geschäfte und politische Verhältnisse mögen den Vicekönig dazu veranlaßt haben. Von da machte er einen Ausflug nach der nahe liegenden Veste Sachsenburg an der Drau, besuchte die bedeutenden Bleibergwerke bei Villach und stieg überall unter sehr unbequemen, oft auch gefährlichen Verhältnissen bis in den tiefsten Schacht hinab. Ich durfte ihn überallhin begleiten und war somit seiner Suite einverleibt. Welchen Eindruck diese kolossale Unterwelt auf mich machte mit ihren ungeheuren Schluchten, Gewölben und Bogen, bisweilen einem gothischen Bau ähnlich, kann ich nicht beschreiben. Sie setzte mich in Erstaunen und erfüllte mich mit Bewunderung über den Geist und die Kühnheit des Menschen. Bei Sachsenburg bivouakirte der Prinz mit seinem Gefolge einige Stunden in einem Walde. Ich machte hievon eine Zeichnung, die ich in Villach in Aquarell sauber ausführte und welche ihm so viel Vergnügen bereitete, daß er mir eine Sitzung gewährte, um sein Portrait recht ähnlich machen zu können. Er schickte das Bild später seiner Schwester Hortensia. Die Gebirge um Villach haben einen schönen, mitunter großartigen Charakter, besonders gegen Tarvis und Pontebba. In dieser Richtung umschließen sie ein ziemlich flaches Thal mit schroffen Felswänden von immenser Höhe und schönen Formen. Diese Felsen haben eine ziemlich helle, rothgelbe Farbe. Nirgends sah ich das Alpenglühen so herrlich als hier; überhaupt hatten wir in Villach ein unverändert schönes Herbstwetter trotz der vorgerückten Jahreszeit. Mein Reisegefährte von Wien bis hieher bewies sich mir als ein äußerst gefälliger Begleiter; es war ein wohlgestalteter schöner Mann mit blonden Haaren in dem Alter von dreißig bis vierzig Jahren mit äußerst abgerundeten, eleganten Manieren und sehr lebendigen Geberden. Ich hatte nur einen Fehler an ihm bemerkt, welchen er freilich mit vielen seiner Nation gemein hatte: mit den ihm von der Natur verliehenen[104] Anlagen und der französischen Gewandtheit, mit welcher er sich alle Verführungskünste angeeignet hatte, war er dem schönen Geschlechte wirklich sehr gefährlich, und deßhalb ebenso für einen jungen unverdorbenen Mann kein gutes Beispiel. Auf mich übte er jedoch keinen schlechten Einfluß, denn er trieb es so arg, daß es die Gegenwirkung hervorbrachte und Widerwillen erregte. Im Uebrigen mußte ich zum bösen Spiele ein gutes Gesicht machen, ich war ihm um seiner Artigkeit willen, mit der er mir begegnete, verbunden. Eines Abends (am 11. November) machten wir zusammen in den Umgebungen von Villach einen Spaziergang: die Schönheit der Natur, die hereinbrechende Abenddämmerung, welche schon den ersten Sternen am Horizonte ihren Glanz nicht mehr streitig machen konnte, das Geläute der Glocken, der stille Friede, welcher in diesen von majestätischen Bergen umschlossenen Thälern zu wohnen schien, hatten mich ungemein weich gestimmt. Ich dachte an die Heimath, an die schönen Stunden im Umgange mit edeln Freunden. Der Himmel über mir war heiter, aber in meinem Herzen lag eine trübe Ahnung, daß ich von der schönsten Zeit meiner Jugend, auf die ich mit Stolz zurückblicken konnte, Abschied nehme. Ueberhaupt beschlich mich in meinen neuen Verhältnissen, so ehrenvoll und glückverheißend sie auch sein mochten, öfters ein unheimliches Gefühl: sie waren mir zu fremd, der Uebergang zu rasch erfolgt. Mein Begleiter hatte mich bei seiner Menschenkenntniß längst durchschaut und bemerkt, was in mir vorging. »Sie sind ein ausgezeichneter junger Mann,« unterbrach er unser Schweigen, »wohlgesittet, talentvoll, gesund, in der Blüthe Ihrer Jahre gehen Sie einer schönen Zukunft entgegen; aber der Zustand, in welchem Sie sich jetzt befinden, kann kein bleibender sein, Sie werden vielmehr manche schöne Ansicht über die Welt und die Menschen aufgeben und gegen eine andere in der großen Welt, in welche Sie jetzt treten, gangbarere vertauschen müssen. Ich begreife, daß Sie dabei manches vermissen werden, aber Sie müssen sich eben in das neue Leben finden, wenn Sie aus Ihrer jetzigen Stellung den[105] gehörigen Vortheil ziehen wollen.« Unter solchen Gesprächen kamen wir erst bei völliger Dunkelheit nach Hause. Nie konnte ich diesen Moment vergessen; es war wirklich der Uebergang in ein ganz anderes minder glückliches Leben. In wenigen Stunden ist man von Villach an der italienischen Grenze, und mit den Schritten über die kleine Brücke bei Pontebba waren die Würfel über mein ganzes künftiges Leben gefallen. Ich hätte das, was mir in jener Stunde dieser praktische Weltmann sagte, besser beherzigen sollen, allein ich hing zu fest an meinen Idealen! Gegen Mitte November reiste alles von Villach ab; zwei jüngere Adjutanten des Vicekönigs waren beauftragt, mich in ihrem Wagen mitzunehmen und mich auf das nahe gelegene Schlachtfeld bei Tarvis zu begleiten, welches ich zu zeichnen beauftragt war, wozu jedoch einige Stunden genügten. Das Wetter fing an, ungünstig zu werden. Meine beiden Begleiter eilten nach Pontebba voraus, mich führte von Tarvis dorthin ein alter Bauer. Ich hatte noch mehrere Gulden österreichisches Papiergeld in meiner Brieftasche gefunden. Dieses Geld schenkte ich ihm, weil er der letzte Deutsche war, der mich führte. Der Alte war ganz verblüfft und küßte mir Rock und Hände aus Dankbarkeit. Amazon.de Widgets Pontebba ist der merkwürdigste Uebergang über eine Grenze, welche mir je vorgekommen ist. Ein und derselbe Ort ist durch einen kleinen Fluß getrennt: Auf der einen Seite ist alles deutsch, Sprache, Sitten, Gebräuche, Bauart, selbst der Menschenschlag, sobald man aber die kleine Brücke überschritten hat, herrscht der vollendetste Gegensatz: alles italienisch. Man erzählte uns, daß es hier Leute gebe, welche da geboren und alt geworden seien, ohne je diese Brücke überschritten zu haben. Wir soupirten in einer Osteria auf der italienischen Seite; eine ausgetretene, steinerne, schmutzige Treppe führte in einen ziemlich großen Vorplatz mit hohen Fensterbögen, die aber keine Gläser mehr hatten. Dies war der Salon des Hauses, in welchem wir speisten. Ein kalter Gebirgswind blies durch die[106] Fenster, der Regen goß in Strömen herab, ein Reisigfeuer wurde in einem großen Kamine angezündet; wir suchten uns an ihm zu wärmen, aber es war vergebliche Mühe; frierend setzten wir uns zu Tische und frierend standen wir wieder auf. Auch das Essen war ächt italienisch und wollte mir gar nicht schmecken. Ich fühlte mich entsetzlich unbehaglich und konnte aus meinem Erstaunen über einen so grellen Contrast gar nicht herauskommen. Wir reisten die Nacht hindurch auf einer Straße, die noch immer zwischen den schroffsten Felsenmassen durchführte. So sehr mich auch die Gebirge anzogen, so war ich damals froh, als wir endlich wieder etwas ins Freie kamen und uns dem venetianischen Gebiete näherten, denn die Regenzeit trat ein. Der Regen fällt hier oft wochenlang ununterbrochen in Strömen, und wirklich reisten wir im schlechtesten Wetter bis Mailand. Recht komisch kam mir das italienische Volk vor: seine wunderlichen Fetzen von Mänteln und alles Erdenkliche, was es bei schlechtem Wetter umhängt; seine Wagen und Pferde mit dem schlechten Gebändel von Geschirren, Hausgeräthe und Wohnungen, alles däuchte mir wohl sehr malerisch, aber auch recht schmutzig und unappetitlich. Das Oede der Campagna mit den vielen unschönen, entlaubten Maulbeerbäumen, die vielen leeren, zum Theil halbzerfallenen Landhäuser, oft ohne Fenster, die verödeten, gänzlich vernachlässigten Gärten in der venetianischen terra ferma erregten in mir recht unangenehme Eindrücke. Ich hatte noch nichts von den Reizen des Landes gesehen, von dem ich so viel gehört, alles widerte mich an, selbst die Postillons, obwohl sie schneller fahren als die deutschen, ärgerten mich, weil sie so roh und lieblos mit ihren Pferden umgingen. Die alte interessante Stadt Verona passirten wir zur Nachtzeit, und erst am Gardasee, an dem wir bei Anbruch des Tages ankamen, erhielt ich zum erstenmale einen angenehmen Eindruck. Dieser wurde noch erhöht, da ich im Posthause zu Desenzano zwei bayerische Offiziere traf, welche als Couriere[107] nach Mailand reisten. Aus Freude über diese Begegnung machten sie mir das Anerbieten, in ihrem Wagen Platz zu nehmen, was ich mir nicht zweimal sagen ließ. Amazon.de Widgets Von Desenzano ging es, ohne Aufenthalt und ohne daß etwas Bemerkenswerthes vorgefallen wäre, bis Mailand, wo wir am 18. November anlangten. Da war ich nun an dem Orte meiner künftigen Bestimmung, in dem großen heitern Mailand und in einer neuen, mir ganz fremden Welt.[108] 
 Vorwort.  Es ist keine Seltenheit, daß Künstler zur Feder greifen, um ihren Lebensgang, ihre Eindrücke und Erfahrungen, gleichsam zur Ergänzung ihrer Werke, darzustellen und auf die Nachwelt zu bringen. Beispielsweise sei hier nur an Eduard Hildebrandt, Carl Blaas, Reinhard Sebastian Zimmermann, Theodor Horschelt und Ludwig Richter gedacht. Was diese Darstellungen auszeichnet, ist die Kunst des künstlerischen Sehens, welche dem Schriftsteller von Fach nicht immer eigen ist. Albrecht Adam's Aufzeichnungen könnte man wahre »Radirungen nach dem Leben« nennen, oder nach neuestem Sprachgebrauche »photographisch treue Reproduktionen« und »Momentaufnahmen« seiner Erlebnisse. Unwillkürlich denkt man z.B. bei seiner Schilderung der russischen Schlachtfelder an Adam's ergreifende Bilder, als wollte er hier den Text dazu liefern. Der Ton seiner Erzählung ist äußerst einfach, aber ebenso geschickt und sicher. Er malt mit der Feder, ebenso wie er als Künstler mit der Farbe zeichnet. Dabei leitet ihm immer und überall ein feines Gefühl die Hand. Wie geschickt weiß er Abwechselung hineinzubringen, wie gut machen sich nach den furchtbaren Kriegsscenen die kleinen Herzensergüsse, die lyrisch klingenden Intermezzos und die köstliche Idylle am Comersee. Das ist alles so schön, edel, rein und echt menschlich, bringt den strengen, noblen, in der harten Schule des Lebens gebildeten Charakter in ein so klares Licht und in die Erzählung eine erfrischende Abwechselung.[3] Das Buch schildert aber nicht nur ein höchst achtenswerthes Stück Menschenleben, sondern ebenso einen ansehnlichen Abschnitt der Weltgeschichte. Somit wird es nicht allein dem Künstler und Historiker, sondern auch dem Krieger und Laien, überhaupt jedem Leser eine angenehme Erholung und Belehrung gewähren. Was Albrecht Adam ursprünglich nur für seine Kinder und deren Familie schrieb, darf sicherlich auch in den weitesten Kreisen auf gleiches Interesse rechnen. So ist das Buch ein würdiges Denkmal zur Feier des hundertjährigen Wiegenfestes des seiner Zeit gefeierten und ? wie auch unterdessen Auffassung, Geschmack und Technik sich geändert haben mögen ? auch jetzt noch ebenso hochgeachteten Malers. Besonderen Dank verdient Frau Wilhelmine Seiler, die zweitjüngste Tochter des Künstlers, welche diesen Schatz der väterlichen Tradition mit größter Pietät hütete und die etwaigen Bedenken anderer Familienglieder gegen die Publication dieser Aufschreibungen zu beseitigen wußte. Von ihr erhielt die Verlagshandlung schließlich eine Copie, welche, sorgfältig mit der Originalhandschrift des Künstlers verglichen, die Basis des nachstehenden Buches ergab. Diese selbst poetisch begabte und schriftstellerisch veranlagte Dame förderte den Herausgeber durch Mittheilung von Briefen und Notizen, welche zum Abschluß des Lebensbildes vielfach benützt und verarbeitet wurden, wobei meine eigenen, seit Jahren angelegten, umfangreichen Collectaneen gute Hilfe gewährten. Amazon.de Widgets Der Herausgeber hat dem Texte, außer den Anmerkungen, nichts hinzugethan, nur durchgehends behutsam geglättet und allzu Familiäres gekürzt, eine Arbeit, welche mehr Zeit und Mühe in Anspruch nahm, als der freundliche Leser fühlen mag. Dabei ist wohl die Andeutung erlaubt, daß die Methode, welche Herr A. Wolf bei Ueberarbeitung der Memoiren von Carl Blaas beobachtete, auch für uns beiläufig maßgebend war. München, 25. Februar 1886. Dr. H. Holland.[4] 
 XV. Der italienische Krieg. 1848.  [307] Nirgends waren wohl die segensreichen Wirkungen eines mehr als dreißigjährigen Friedens so fühlbar, wie auf dem Gebiete der Kunst. Allein gegen das Jahr 1848 umdüsterte sich der politische Horizont, und schon einige Jahre vorher blickte jeder Denkende mit Besorgniß dem Ausbruche jener Bewegung entgegen, welche, von einer allgemeinen Begriffsverwirrung ausgehend, alles Bestehende umzustürzen drohte. Ein solch' trüber Zustand wirkt doppelt nachtheilig auf den Künstler: er lähmt den bei seinen Arbeiten so wohlthätigen geistigen Aufschwung und bedroht seine Existenz. Auch ich fühlte das; übrigens ließ ich mich durch die vielen traurigen Ereignisse, die jeder Tag des unheilvollen Jahres brachte, nicht bei meinen Arbeiten beirren. Der Muth verläßt mich nicht leicht. Ich lebte in meinem Atelier, malte fleißig und fand, daß es mir so am ersten möglich wurde, das unglückliche Treiben um mich her zu vergessen. Ein großer, vielleicht der größte Theil der Münchener Künstler hatte Pinsel und Palette, Griffel und Meißel weggelegt und die Waffen in die Hand genommen, um zur Aufrechthaltung der Ordnung beizutragen. Sie bildeten ein nicht unbeträchtliches Corps für sich. Es wurde fleißig exercirt und man hielt in den Gesellschaftslokalen der Künstler patriotische[307] Reden. Ich fand das recht schön, wenigstens war Zweck und Absicht gut, da ich aber selbst drei Söhne zu diesem Contingent stellte und in den Jahren vorgerückt war, so hielt ich mich für entschuldigt, daß ich mich nicht persönlich dabei betheiligte, und zog es vor, meine Palette fleißig zur Hand zu nehmen. Sie bewies sich auch jetzt als meine treueste Freundin, wie sie mich stets den Kummer leichter ertragen gelehrt und meine frohen Tage gewürzt hat. Großen Antheil nahm ich an dem Unglücke der österreichischen Waffen in Italien und interessirte mich lebhaft für diese ebenso schöne als brave Armee. Oft genug war ich Zeuge ihrer Tapferkeit gewesen; es wollte mir gar nicht in den Kopf, daß sie jetzt von einem tollen Pöbel verhöhnt und aus Italien verdrängt werden sollte. Mit Begierde las ich alle Berichte aus Italien, ich ließ die Hoffnung nicht sinken, daß eine Wendung der Dinge eintreten werde. Als endlich eine Siegesnachricht nach der andern einlief, ließ es mir in München keine Ruhe mehr. Ich folgte der österreichischen Armee in Gedanken, sah ihre Bewegungen lebhaft vor mir, träumte davon und glaubte den Donner des Geschützes zu hören, so sehr war meine Phantasie in Aufregung. Eines Morgens sagte ich beim Erwachen zu meiner Frau: »Höre, ich bin gesonnen, nach Italien zu gehen!« ? »Es könnte nicht übel gethan sein,« war ihre Antwort. Wenige Tage darnach war ich reisefertig. In Begleitung meines Sohnes Eugen reiste ich zu Anfang August von München ab nach Innsbruck. Hier bekamen wir einen Feldpater zur Gesellschaft, ein aufgeweckter Kopf, mit dem wir uns gut unterhielten; dieser hatte in der gefährlichen Lage der Dinge in Italien Reißaus genommen. Jetzt wollte er sich wieder einstellen, es war ihm aber nicht ganz wohl zu Muthe. Auch ein Italiener reiste mit uns, der ebenfalls davon gelaufen war und Haus und Hof, Frau und Kinder im Stiche gelassen hatte. Beide sahen überall Gespenster; ich hingegen, der alte Halbsoldat, behandelte alles mit großer Ruhe, und der Humor meines Sohnes richtete jene wieder auf.[308] So kamen wir bei heiterm Wetter über Brixen und Botzen nach Welschtirol. Hier wurde die politische Atmosphäre etwas schwül. In Roveredo, wo wir Abends anlangten, war eine Revolution ausgebrochen, die unsere Reisegefährten in große Angst versetzte. Der Conducteur des Eilwagens, mit welchem wir fuhren, wollte die Reise nicht fortsetzen; unter den Postbeamten herrschte Meinungsverschiedenheit, endlich kamen wir nach langem Streiten doch weiter. Ohne besondere Störungen fuhren wir die Nacht durch und kamen Tags darauf nach Verona, wo wir uns von den Reisegenossen trennten. Da ich beabsichtigte, alle wichtigen Punkte zu besuchen, wo man sich geschlagen, so ließ ich mir von dem Kommandanten einen Paß geben, durch den ich die Erlaubniß erhielt, überall ungehindert zeichnen zu dürfen. Noch denselben Abend machte ich davon Gebrauch. Ein bedeutender Transport piemontesischer Gefangener, 500 an der Zahl, war angekommen, die in Kleidung, Haltung und Physiognomie ungemein pittoresk aussahen. Sie wurden im Stadtstockhause untergebracht, wo sie in dem großen Hofraum campirten. Unverzüglich begab ich mich mit meinem Sohne dorthin, und wir machten recht interessante Studien. Auch unterhielt ich mich mit ihnen sehr gut und erfuhr manches über die vorgefallenen Gefechte. Unter den Gefangenen befanden sich viele Savoyarden. Da ich mich mit ihnen in italienischer und französischer Sprache verständigen konnte, wurden sie ganz treuherzig, besonders als ich ihnen erzählte, daß ich mit der Napoleonischen Armee den russischen Feldzug mitgemacht habe. Es lag ein eigener Typus in diesen Leuten, der sehr von dem der Oesterreicher abstach. Gerne hätte ich Tage lang dort gezeichnet, aber leider brach die Nacht zu frühe herein, und beinahe wäre ich in die unangenehme Lage gerathen, dort campiren zu müssen, denn inzwischen war der Wachtposten abgelöst worden, und der neue wollte uns nicht herauslassen. Mein Freipaß, den aber der Unteroffizier, welcher die Wache hatte, nicht recht respektiren wollte, half mir zuletzt durch. Es kam ihm gar zu verdächtig vor, daß sich jemand stundenlang freiwillig einsperren ließ.[309] Am folgenden Tage begaben wir uns nach Santa Lucia, Peschiera, Castelnuovo. ? Dort sah man überall die Spuren des Krieges, besonders in Castelnuovo, das beinahe ganz verwüstet und niedergebrannt war. Einen Tag noch trieb ich mich in Verona und Umgehung herum und begab mich dann nach dem inzwischen von den Oesterreichern besetzten Mailand. Mein Sohn aber, für den alles, was er um Verona sah, mehr Reiz der Neuheit bot, konnte sich nicht so schnell von dort trennen. Erst nach mehreren Tagen traf er mit interessanten Studien in Mailand ein. An einem sehr schönen, aber heißen Morgen kam ich nach dieser Stadt. Es erregte in mir ein ganz eigenes Gefühl, als der Wagen durch die heitere Straße des Corso di porta orientale dahinrollte. Nach einer Abwesenheit von 33 Jahren betrat ich wieder diesen Ort, an den sich so viele, für mich bedeutungsvolle Erinnerungen knüpften. Ich stieg im Hotel Reichmann ab, wo ich als alter Bekannter des Hauses freundlich aufgenommen wurde. Nach dem Frühstück durchwanderte ich trotz der lästigen Hitze die Stadt nach allen Richtungen, wobei unzählige Erinnerungen an frohe und trübe Tage in mir auftauchten. Wie ein Traumbild zog die Vergangenheit an mir vorüber. So lief ich herum, bis Hunger und Ermüdung mich mahnten, mein Hotel aufzusuchen. Amazon.de Widgets Die Tafel war in diesem sonst sehr besuchten Gasthofe nicht besonders besetzt. Man hatte es dort während der Revolution mit beiden Parteien verdorben. Die Herrin des Hauses, eine Frau voll Verstand, war unter allen Verhältnissen gut österreichisch gesinnt, die Söhne hingegen hatten sich während der Revolution sehr compromittirt und viel ungeschicktes Zeug gemacht. Bei Tische hatte ich einen freundlichen, gebildeten, Offizier, einen Husaren-Major des Regimentes Radetzky, zum Nachbarn; als er zufällig meinen Namen hörte, bezeugte er große Freude über meine persönliche Bekanntschaft und frug im Laufe des Gespräches, was mich denn in dieser bewegten Zeit nach Mailand führe. »Der lebhafte Antheil,« antwortete ich, »den ich an dem glorreichen Erfolge der österreichischen[310] Waffen nehme und der Wunsch, den Feldmarschall Radetzky kennen zu lernen.« ? »Sind Sie dem Feldmarschall schon vorgestellt?« fragte er weiter. »Ich bin erst seit wenigen Stunden hier und wünsche dazu bald Gelegenheit zu finden.« ? »Die Gelegenheit liegt sehr nahe,« erwiderte Graf Ingelheim (so hieß der Major); »gleich nach Tisch wird mein Wagen vorfahren, und ist es Ihnen genehm, so führe ich Sie nach der Villa reale und stelle Sie dem Feldmarschall vor. Um diese Stunde nach Tische sieht er gerne Leute um sich. Ihr Name ist bei uns kein fremder. Sie dürfen eine freundliche Aufnahme erwarten.« Daß mir dieses Anerbieten sehr willkommen war, ist denkbar. Bald fuhr ein eleganter Wagen mit zwei schönen Racepferden vor. Wir saßen ein und die leichtfüßigen Thiere brachten uns schnell nach der schönen Villa reale. In der Umgebung dieser Villa sah es sehr kriegerisch aus: Unter den üppigen Bäumen des Giardino publico bivouakirte eine große Anzahl von Fuhrwesen mit ihren Pferden, Wagen und Gepäck, rechts davon Cavallerie. Vor dem großen, eisernen Gitter, das den Hof des Palastes abschloß, lag eine Compagnie der schönen, ungarischen Grenadiere, lauter Riesengestalten; sie hatten sich's dort bequem gemacht und ihr Bivouak aufgeschlagen. Wohin das Auge sah, erblickte es malerische Gruppen, genügend, um Tage lang dort zeichnen zu können. Durch den Hof führte der Weg in das Erdgeschoß, direkt in den Speisesaal und durch einen andern größern Saal auf die Terrasse, wo sich der greise Held unter einer großen Anzahl von Koryphäen aus jener Heldenzeit nach Tische in gemüthlicher Unterhaltung von der Last des Tages ausruhte. Lieblicher Duft wehte dem Eintretenden entgegen aus dem schönen Garten der Villa, und man konnte für Augenblicke hier vergessen, daß man sich mitten im Kriege befand und daß die halbgedämpfte Revolution noch immer ihre Zähne fletschte und knirschte und im Finstern brütete. Als wir auf die Terrasse heraustraten, wandte sich Graf Ingelheim etwas nach rechts. Dort saß ein kleiner Herr mit einem röthlich-blonden Perrückchen und Vertrauen einflößender[311] Miene zwischen zwei Generälen auf einer Gartenbank. Diesem näherte er sich ehrerbietig; es war der Feldmarschall.1 Ich war in einiger Entfernung zurückgeblieben, sobald aber Ingelheim mich gemeldet hatte, stand Radetzky aus, kam auf mich zu und rief, indem er mir treuherzig beide Hände entgegenstreckte: »Seien Sie uns herzlich willkommen hier im Hauptquartier!« In dem freundlichsten Tone sprach er geraume Zeit mit mir und erkundigte sich nach den Zuständen in Bayern. Dann wandte er sich an den Feldmarschall-Lieutenant Heß: »Sorgen Sie dafür, daß dem Herrn Adam ein wohl unterrichteter Offizier beigegeben wird, der ihn an alle wichtigen Punkte begleitet; auch müssen wir darauf bedacht sein, daß dem Herrn Adam keine Kosten durch die Reise bereitet werden.« Dann stellte er mich noch einigen der bedeutendsten Generäle vor, darunter Wallmoden und Schwarzenberg. Die übrigen kamen nach solchem Empfange selbst, mich anzureden. Verwundert blickte ich um mich her, so plötzlich in den Kreis der hervorragendsten Persönlichkeiten jener Zeit mich versetzt zu sehen. Der alte General Graf Wallmoden, d'Aspre, zwei Fürsten Lichtenstein, drei Schwarzenberg, Schönhals und eine Menge Generäle und Obristen, darunter der kühne tapfere Obrist des Regimentes Prohaska, Baron von Reischach, nebst einer großen Anzahl von Adjutanten und Offizieren aller Grade war auf jener Terrasse in traulicher Unterhaltung versammelt: ein wahrer Heldenkreis. Erstaunt war ich über den cordialen, zwanglosen Ton, der dort herrschte. Man merkte deutlich, daß man sich in einem Kreise befand, in dem nur das wahre Verdienst galt und der Werth des Mannes nach seinen Thaten gewogen wurde. Radetzky aber hieß die Seele des Ganzen. Nicht blos durch sein militärisches Talent wirkte[312] er die Wunder, welche Europa in Erstaunen setzten; sein richtiges Gefühl, sein treffliches Herz voll Menschenliebe war es, das einen Zauber über alles verbreitete, was ihn umgab und das ein so festes Band um alle schlang, die unter seinen Befehlen standen. Wer das nicht gesehen und keinen tiefern Blick in das Hauptquartier Radetzky's gemacht, dem wird es immer schwer bleiben, sich eine klare Vorstellung von dem Geiste der Einheit zu bilden, der hier herrschte. Mit vielen Anwesenden wurde ich noch an diesem ersten Tage bekannt; ich wurde sichtlich ausgezeichnet und konnte aus allem schließen, daß ich ein willkommener Gast sei. Als ich bemerkte, daß der Kreis sich zu lichten anfing, näherte ich mich noch einmal dem Feldmarschall, um mich zu verabschieden und ihm für die liebreiche Aufnahme zu danken. Er sagte: »Sie sind hier kein Fremder, ich kenne Sie schon lange aus Ihren Werken und freue mich recht, daß Sie mir das Vergnügen verschafft haben, Sie persönlich kennen zu lernen; ich muß Sie nun noch mit unserer Hausordnung bekannt machen: um halb 7 Uhr wird gefrühstückt, um 4 Uhr zu Mittag gegessen. Je öfter Sie kommen, desto angenehmer wird es für mich sein.« Nachdem ich mich verabschiedet hatte, lud mich der Obrist Baron von Reischach ein, mit ihm zu fahren, um mich mit einem interessanten Offiziere, dem Rittmeister Grafen von Mensdorf bekannt zu machen. An diesem lernte ich einen geistvollen Mann kennen, der viel Talent für die Kunst zeigte und geniale Compositionen aus dem neuesten Kriegsleben gemacht hatte. Besonderen Geschmack hatte er jedoch für Karikaturen, die gewöhnlich sehr treffend waren. Er würde, wenn er eine ernstere Richtung verfolgt hätte, Tüchtiges geleistet haben; aber in Oesterreich ist der Witz voran beliebt, und dabei verliert man nur zu leicht das Ernste aus den Augen. Leider war Mensdorf damals fieberkrank und reiste bald darauf von Mailand ab. So kam der späte Abend heran, und ich gelangte gar nicht recht zur Besinnung über all das, was in so kurzer Zeit[313] um mich her vorgegangen. Wie ein Trunkener kehrte ich in meinen Gasthof zurück. Der Empfang im Hauptquartier hatte alle meine kühnsten Erwartungen weit übertroffen, das Glück kam mir in allem entgegen und gab mir reichsten Ersatz für einige muthvoll durchgekämpfte, trübe Jahre. Erst als ich zu Hause etwas zur Ruhe gelangte, konnte ich über die Erlebnisse des Tages nachdenken. In derselben Villa, in der Prinz Eugen mir in meinen Jugendjahren Beweise seiner Gunst gegeben, wo ich ihm die ersten größern Werke meiner Hand vorstellen durfte, wo 1814 der Feldmarschall Bellegarde mich ausgezeichnet und unter den Helden jener Zeit wie ein gefeierter Künstler mich geehrt hat, wurde mir 34 Jahre später ein solcher Empfang zu Theil. Welche Erinnerungen mußte das in mir hervorrufen! Hätte ich mich nicht nach zwei beschwerlichen Nachtreisen und diesem unruhigen Tage so ermüdet gefühlt, würde ich kaum viel geschlafen haben. So erwachte ich am nächsten Morgen frühzeitig nach einem erquickenden Schlafe recht heiter. Ich saß eben recht behaglich bei einer guten Tasse Kaffee, als ein Gensdarm mir folgendes Schreiben überbrachte: »E.W.! Seine Excellenz, der Herr Feldmarschall hat mich beauftragt, Sie zu erinnern, daß um 4 Uhr gespeist wird, und zu sagen, daß es ihn freuen würde, wenn Sie, solange Ihr Aufenthalt in Mailand dauert, sein Gast sein wollten. Hochachtungsvollst etc. Eberhardt, Major.« Den Empfang des Schreibens mußte ich quittiren. Ich machte von der Einladung Gebrauch und saß bei Tische Radetzky gegenüber zwischen zwei Generälen. War ich den Abend vorher verwundert über den cordialen Ton in der Versammlung, die ich auf der Terrasse traf, so war ich es jetzt noch mehr über die zwanglose Heiterkeit, die bei Tische herrschte. Es waren fast immer vierzig und auch noch mehr Gäste anwesend. Witz und heitere Einfälle, an denen Radetzky selbst Antheil nahm, wechselten mit ernster Unterhaltung und der gute, alte Herr saß fröhlich unter seinen Gästen und ließ sich sein Mittagsmahl trefflich schmecken.[314] Uebrigens lebte er sehr einfach: des Morgens trank er Thee, während den Gästen Kaffee servirt wurde. Abends nahm er blos Suppe. Nach Tische begab man sich gewöhnlich auf die Terrasse im Garten, wo die Conversarion 1?2 Stunden dauerte und die treffliche Musikbande des Regimentes Prohaska spielte. Ein Theil der Gäste erging sich auch nach Belieben in dem schönen Garten. Die verschiedenen Uniformen derselben boten zwischen dem dunklen Grün der Bäume einen hübschen Anblick. Nach der Tafel sagte mir der Obrist Baron Reischach, daß der General Graf Clam-Gallas meine Bekanntschaft zu machen wünsche und ihn ersucht habe, mich am nächsten Morgen zu ihm zu bringen. Dort wurde mir eine neue Freude zu Theil. Graf Clam-Gallas drückte den Wunsch aus, sein Portrait zu Pferde mit irgend einer Episode aus der Schlacht von Custozza (Valleggio) von mir gemalt zu haben, ein Auftrag, den ich um so lieber übernahm, als der Stoff ein sehr dankbarer war. Clam-Gallas, von äußerst vortheilhafter Erscheinung, galt als einer der schönsten Männer und besten Reiter in der Armee, groß, wohlgestaltet, mit einem charaktervollen Kopf. Sein Stall war mit acht edlen Pferden besetzt, aus denen ich das für mein Bild geeignetste wählen konnte. Ich wurde im Hause des Generals einlogirt, sehr liebreich empfangen und mit großer Auszeichnung behandelt; dort fand ich auch ein passendes Lokal zum Malen. Ungesäumt besorgte ich das Nöthige, um das Bild zu beginnen. Graf Clam bewohnte ein sehr geräumiges Haus, die Casa Greppi, in welcher der Sardenkönig Karl Albert mehrere schmachvolle Stunden zugebracht hatte, als er, der geschlagene Feldherr, auf dem Rückzug in Mailand verweilte. In meinem Zimmer steckten in den Fensterrahmen und im Plafond noch ungefähr ein Dutzend Kugeln, welche die Mailänder auf ihn abgefeuert hatten, zum Danke für die Bemühungen, die er sich ihretwegen gegeben hatte. Meine Stellung wurde mit jedem Tage angenehmer. Alles war bemüht, mir Beweise von Aufmerksamkeit zu geben. Clam[315] führte, als einer der reichsten böhmischen Cavaliere, ein großes Haus. Er war ein durchaus ritterlicher Charakter und hatte sich in diesem Kriege sehr ausgezeichnet und das Theresienkreuz erhalten, weßhalb er große Achtung genoß. Dabei liebte er auch sehr die Kunst. Ich fand es darum sehr erwünscht, in Mailand einen solchen Mäcenas gefunden zu haben. Von nun an war ich in Mailand doppelt angenehm gestellt, sowohl durch das liebreiche Entgegenkommen bei dem Feldmarschall, wie auch durch den so sehr geachteten Grafen Clam. Meine beabsichtigte Reise auf die Schlachtfelder wurde nun freilich durch diese Arbeit, sowie durch ein Portrait zu Pferd, welches ich von dem Feldmarschall malte, um mehrere Wochen verzögert. Radetzky saß mir zu seinem Bilde eine ganze Stunde zu Pferd und gab mir ein paar Sitzungen im Zimmer, was mich in den Stand setzte, ein recht ähnliches Portrait von ihm zu machen. Ich kann nicht umhin, eine Scene zu erwähnen, welche mir damals begegnete und bezeichnend ist für die Stimmung, welche in der österreichischen Armee herrschte. Als ich mit dem Bilde des Feldmarschalls so weit war, daß ich von Reiter und Pferd keine Sitzung mehr nöthig hatte, wünschte ich es in das Palais Greppi zu bringen. Da es aber noch nicht trocken genug war, hegte ich Besorgnisse wegen des Transportes. Man ließ mir darum den Wagen des Marschalls einspannen und brachte mich in ihm sammt dem Bilde nach dem Hause. Clam hatte ein Piquet Kroaten damals als Wachtposten bei sich; etwa acht Mann desselben standen vor dem Hause, und neugierig, wie es ihre Art ist, streckten sie schon von Ferne, als sie den Wagen sahen, ihre langen Hälse. Als ich ausstieg, riefen sie laut: »Ah, dos is jao unser aolter Heer!« und wollten mir das Bild abnehmen; aber ein paar Artilleristen machten sich mit dem Ellenbogen Platz durch den Haufen, nahmen das Bild und trugen es hoch in der Luft, damit es ja nicht beschädigt werde, wie ein Heiligenbild, zwei Treppen hoch hinauf in mein Zimmer. Der ganze Schwarm Kroaten[316] lief hinter ihnen her; erst vor meiner Thüre, nachdem ich das Bild in Empfang genommen, machten sie Halt. Meine Stellung ließ mir nichts zu wünschen übrig: ich war überall der Gefeierte und alles bemühte sich, mir Aufmerksamkeit zu beweisen; selbst gute Pferde zum Reiten standen mir zu Gebote, was mir sehr großes Vergnügen bereitete. Sehr oft ritt ich mit, wenn Radetzky mit großem Gefolge auszog, um Truppen zu begrüßen und zu mustern, was er jedesmal that, so oft neue in Mailand an- oder durchkamen. Amazon.de Widgets Sobald ich die beiden begonnenen Bilder so weit gebracht hatte, daß ich sie überall vollenden konnte, wo es mir beliebte, schickte ich mich an zur Reise auf die Schlachtfelder. Das Bild für Graf Clam hatte mir viele Arbeit gekostet, da außer andern Episoden noch fünf Reiterportraits auf demselben sich befinden. Mein Sohn machte, während ich diese Arbeiten in Händen hatte, viele Studien, die mir später bei Ausführung größerer Werke sehr gute Dienste leisteten. In Begleitung eines Hauptmanns vom Generalstabe und meines Sohnes Eugen machte ich mich zu Anfang September auf den Weg. Unser erster Halt auf dem Kriegsschauplatze war bei Volta, diesem sowohl durch seine schöne Lage, als auch durch die dort vorgefallenen Gefechte höchst interessanten Ort. Von da gingen wir nach dem ebenso schön gelegenen Valleggio. Beide Orte liegen in einem fruchtbaren Hügellande, das vom Mincio durchschlängelt ist. Wir durchwanderten es an einem schönen Abende und wunderten uns nicht wenig, daß alle Spuren des Krieges verschwunden waren. Singend durchzog Arm in Arm eine lange Reihe schöner Landmädchen das üppige Thal. Hell wiederhallten die vollen Töne ihrer Kehlen an der Mauer eines alten Schlosses, das sich auf einem Hügel über Valleggio erhebt. Alles, was wir hier sahen, erregte in uns ganz eigene Eindrücke: wir waren gekommen die Spuren des Krieges zu suchen, und es hatte das Aussehen, als ob dort ewiger Friede herrschte, denn auch die Einwohner sahen fröhlich aus und begegneten uns sehr freundlich. Am folgenden Morgen brachen wir nach Custozza auf.[317] Hier waren wir nicht glücklich in der Wahl der Situation, die wir zeichneten. Unser Begleiter, obwohl er der Schlacht beigewohnt, war entweder nicht genügend von dem ganzen Verlauf derselben unterrichtet, oder zu bequem, das große und sehr unebene Terrain mit uns zu durchwandern. Er führte uns nach Custozza, aber hier hatte die Schlacht ihr Ende gefunden. Dieser Punkt bot darum zu wenig Stoff, um ein anschauliches Bild von dieser bedeutenden Schlacht geben zu können. Wir machten eine saubere Zeichnung von Custozza und verloren unsere Zeit. Erst zwei Jahre später, als ich von König Ludwig den Auftrag erhielt, ein größeres Bild dieser Schlacht zu malen, gelang es mir, eine genaue Kenntniß des Terrains und des Herganges der Schlacht zu bekommen. Ich ging damals von München aus nochmals dorthin. General Salis und ein tüchtiger Generalstabsoffizier waren so gefällig, mich auf das Schlachtfeld zu begleiten und mich auf alle wichtigen Punkte aufmerksam zu machen. Das Terrain, auf welchem dieser blutige, zwei Tage lang dauernde Kampf vor sich ging, bietet außerordentlich schöne Stoffe für Bilder; man könnte recht gut ein halbes Dutzend interessanter Darstellungen davon machen. Es ist ein Hügelland, durchbrochen von Thälern und Schluchten, und hat südlich schön geformte Gebirge zum Hintergrunde. Die Schlacht von Custozza, obwohl sie ein großes Ganzes bildet, theilte sich in viele einzelne Gefechte, die unzählige Beweise der Tapferkeit und Ausdauer der österreichischen Truppen boten. Alles, was ich darüber hörte, setzte mich in Begeisterung. Von Custozza gingen wir nach Sommacampagna, das sich auf einer üppig bewachsenen Anhöhe erhebt, die sich bis gegen den Gardasee mehrere Stunden weit hinzieht. Auch dieser Ort bietet sehr guten Stoff zu bildlichen Darstellungen. Er ist an dem Hügel hinaufgebaut und endet oben mit einer ansehnlichen Kirche, die einen hohen Thurm hat und von einer Cypressengruppe umgeben ist, wodurch sich dieser Punkt in weiter Ferne bemerkbar macht. Hier wurde heftig gekämpft, da die Anhöhen Schritt für Schritt mit Sturm genommen werden mußten. Die Piemontesen leisteten hartnäckigen Widerstand.[318] Von da gingen wir nach Verona und am folgenden Morgen auf das Schlachtfeld von Santa Lucia, ein Ort, der besonders merkwürdig dadurch geworden ist, weil hier durch die außerordentliche Tapferkeit der österreichischen Truppen und ihrer Anführer dem Vordringen der Piemontesen Grenzen gesetzt wurden. Hier endete die kurze Heldenlaufbahn Karl Alberts; er hatte sich keines Sieges mehr über den österreichischen Doppeladler zu rühmen. Hierauf besuchten wir Vicenza. Diese schöne Stadt mit ihren interessanten Gebäuden und Palästen liegt in einer der reizendsten Gegenden der Lombardei am Fuße des Monte Berico. Das anmuthige Thal, in dem sich die Stadt ausdehnt, macht durch seine üppige Vegetation einen so freundlichen Eindruck, daß man Mühe hat, sich eine Schlacht dort recht zu vergegenwärtigen. Es ist immer schwer, da, wo die Landschaft so sehr dominirt, ein ansprechendes Schlachtgemälde zu machen, weil sich die Figuren in der Vegetation zu sehr verlieren und klein und armselig aussehen. Solche Bilder erregen immer mehr den Eindruck einer staffirten Landschaft, als den eines tragisch-historischen Bildes, was doch ein Schlachtgemälde sein soll. Von dem herrlichsten Wetter begünstigt stiegen wir tagelang bergauf, bergab. Alles was ich sah und von der hier vorgefallenen Schlacht in Erfahrung brachte, interessirte mich im höchsten Grade, aber ich konnte keinen Punkt finden, von dem aus sich ein Bild der ganzen Schlacht darstellen ließ, wenn ich nicht wenigstens eine Leinwand von 40?50 Fuß dazu nahm. Dagegen bieten die Höhen des Monte Berico ungemein schönen Stoff zu Darstellungen einzelner Gefechte. Es wurde dort mit Heldenmuth eine Höhe nach der andern erstürmt. Unter so vielen Braven, die in diesen Kämpfen fielen, war auch der tapfere Oberst Kobalt. In Vicenza verweilten wir am längsten auf unserer Tour; es gefiel mir ungemein daselbst und ich trennte mich hart davon. Wir hatten die Absicht, unsere Reise noch weiter auszudehnen, allein die aus Oesterreich kommenden Berichte lauteten[319] immer bedenklicher. In Wien tobte die Revolution in ihrer größten Rohheit. Unser Begleiter wurde dadurch sehr beunruhigt und trachtete bald nach Mailand zurückzukehren. So beschlossen wir, die Rückreise ohne weitern Aufenthalt anzutreten. Uebrigens hatten wir so viel Material zu Bildern gesammelt und so viele Einsicht in die Ereignisse des Feldzuges bekommen, daß wir mit dem Erfolg unserer kurzen Rundreise zufrieden sein konnten. Ein Jahr später wohnten zwei meiner Söhne, Franz und Eugen, unter dem besonderen Schutze des Feldmarschall-Lieutenant Haynau der Belagerung von Malghera bei und sammelten daselbst höchst interessante Motive. Dadurch waren sie in den Stand gesetzt, das lithographirte Werk über die italienischen Feldzüge von 1848 und 1849 erscheinen zu lassen.2 Während unserer Abwesenheit verschlimmerte sich die Stimmung in Mailand wieder bedeutend. Die Ereignisse in Wien erhitzten die Köpfe der Italiener abermals. Die Großmuth, die Radetzky, nachdem er als Sieger in Mailand eingezogen war, in seinem Edelmuthe ihnen angedeihen ließ, fand keine Anerkennung. Der Italiener kennt keine Großmuth und verlacht den, der sie übt. Der böse Geist, der überall herrschte und im Finstern arbeitete, nahm täglich mehr überhand, so daß man sich österreichischerseits mit dem Gedanken an den Ausbruch einer neuen Revolution vertraut machte und viele Vorsichtsmaßregeln deßhalb traf. Ein solcher Zustand erzeugt stets unbehagliche Stimmung; ich ließ mich aber dadurch nicht beirren und verweilte noch über einen Monat in Mailand. In dieser Zeit vollendete ich[320] das Portrait des Grafen Clam-Gallas, zeichnete in Aquarell eine Menge ähnlicher Portraits der hervorragendsten Persönlichkeiten aus Radetzky's Umgebung und machte verschiedene Studien, die mir zur Ausführung von Bildern dienlich sein konnten. Die Mittel, welche mir hier für meine Zwecke zu Gebote standen, nach Kräften zu benützen, machte ich mir zur besondern Aufgabe. Der Feldmarschall, dessen täglicher Gast ich noch immer war, erwies mir stets große Auszeichnung und beglückte mich mit seinem besondern Wohlwollen. Er sprach oft und in vertraulicher Weise mit mir; häufig begegneten wir uns in unsern Ansichten. Auch mit Feldmarschall-Lieutenant von Schönhals verkehrte ich viel, der Umgang mit diesem geistreichen Mann war mir von großem Werth; durch ihn und den Feldmarschall-Lieutenant von Heß wurde noch vieles ergänzt, was mir über die Ereignisse dieses denkwürdigen Jahres wissenswerth war. Ich hatte mich wieder ganz in den Krieg hineingelebt und fand ein eigenes Wohlbehagen in diesem Kreise. Mit schwerem Herzen nur konnte ich mich von ihm losreißen. Radetzky übte einen wahren Zauber aus auf alles was ihn umgab. Und alles war hier edel und groß. Den Winter über in Mailand zu bleiben, schien mir nicht geeignet, die Tage wurden immer kürzer, das Wetter trübe und unfreundlich, ich schickte mich daher Mitte November zur Heimreise an, hoffte aber mit der Frühlingssonne wieder dort zu sein. Jedoch gelang es mir erst im folgenden Spätsommer, dieses Vorhaben auszuführen. Der Feldmarschall bezeigte mir beim Abschiede solche Herzlichkeit, daß jene Stunde mir denkwürdig bleibt, so lange mein Herz noch schlägt; er hatte Thränen im Auge, als ich von ihm schied. Sein Portrait nahm ich mit, um es in München zu vollenden. Feldmarschall Radetzky hatte durch seine Thaten in Italien die Augen von ganz Europa auf sich gezogen und wurde ein Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Es war daher natürlich,[321] daß ein getreues Bild desselben in seiner ganzen Gestalt und Erscheinung sammt seinem Pferde in München Aufsehen erregte; ich erhielt eine Menge Besuche von hohen Persönlichkeiten. Alles wollte diesen Wundermann, der in seinem 82. Jahre solche Thaten gethan, wenigstens in einem Bilde sehen, das in jener Zeit nach dem Leben gemalt war und an dessen getreue Auffassung man glauben konnte. Schon war demselben durch bayerische Offiziere, welche nach Mailand kamen, ein Ruf vorangegangen, ehe ich mit dem Bilde selbst eintraf. Unter diesen Besuchern befand sich voran der große deutsche Mann, König Ludwig, der, nachdem er lange Jahre her wenig Notiz von meinem Kunsttreiben genommen hatte, nun seine Aufmerksamkeit auf mich richtete. Es mußte diesem so ganz und gar deutsch gesinnten Fürsten widerliche Eindrücke erregt haben, daß ich fast 30 Jahre hindurch damit beschäftigt war, die Siege der Franzosen durch meine Bilder der Nachwelt zu überliefern; allein dies geschah nicht aus Mangel an guter deutscher Gesinnung, ich hatte mir in der glorreichen Zeit der Franzosen ein echt deutsches Herz bewahrt, aber ich besaß nun einmal eine große Anzahl der interessantesten Motive aus dem Kriegsleben der Franzosen. Die Ausführung derselben wurde vorzugsweise von mir begehrt, und es ist sehr begreiflich, daß ich lieber das Selbsterlebte darstellte, als jeden andern Gegenstand. Ohnehin gelang es mir nicht, Alles auszunützen, was der Ausführung werth gewesen wäre, und Vieles wird nach meinem Tode noch unverwendet bleiben. Es schmerzte mich immer im Stillen, daß in Oesterreich gar nichts geschah, Züge der Tapferkeit der österreichischen Truppen zu verherrlichen. Ein einziges Bild aus dem Feldzug von 1813 bekam ich im Auftrag des Fürsten Windischgrätz zu malen. Um so begieriger ergriff ich deßhalb die Ereignisse des Jahres 1848 in Italien. Nicht Speculation, sondern Begeisterung für die deutsche Sache trieb mich dorthin; es war mir als hätte ich eine alte Schuld abzutragen. Nach meiner Rückkehr aus Italien hatte ich oft Gelegenheit zu bemerken, daß[322] mir dieser Schritt als eine Art Demonstration für die gute Sache angerechnet wurde, besonders bemerkte ich dies am König Ludwig. Von nun an richtete er seine Aufmerksamkeit auf meine Werke und beglückte mich mit seiner besonderen Gunst, von der er mir bis zum heutigen Tage unzählige Beweise gegeben. Auch erhielt ich einige Monate nach meiner Rückkehr ganz unerwartet den bayerischen Orden vom hl. Michael, dem wie gewöhnlich bald noch andere Auszeichnungen folgten.[323] 1 Amazon.de Widgets Joseph Graf Radetzky, kais. österreichischer Feldmarschall, geb. 2. November 1766 zu Trebnitz in Böhmen, gest. 5. Januar 1858 zu Mailand. Vgl. Wurzbach, Lexikon 1872, XXIV. 177 ff. In diesem bewunderungswürdig gearbeiteten Werke finden sich auch die Biographien der nachfolgend von Adam genannten höheren Offiziere, worauf wir hier der Kürze wegen verweisen. 2 Erinnerungen aus dem Feldzuge der k.k. österreichischen Armee in Italien 1848?1849. In Handzeichnungen nach der Natur, lithographirt und herausgegeben von den Brüdern Adam. Mit Text von Fr. Hackländer. 24 Blatt. Fol. Gedruckt in der lithographischen Anstalt von Jul. Adam, Verlag der lithographisch-artistischen Anstalt von Cotta. (Größtentheils nach Originalzeichnungen und Aquarellbildern von Eugen Adam mit Franz Adam ausgeführt. (Vgl. Eggers, Deutsches Kunstblatt 1850, S. 183 ff.) 
 III. Feldzug von 1809.  [46] »Adam! wenn es Krieg gibt, nehme ich Sie mit ins Feld!« so sagte oft halb ernst, halb scherzend mein theurer Gönner und Beschützer, der edle Graf Froberg, und nie klangen mir seine Worte lieblicher, als wenn er so sprach. Ich behielt sie auch wohl im Gedächtnisse und sagte oft bei mir selbst: »Wenn nur lieber schon Krieg wäre, damit er sich nicht eines schönen Tages noch anders besinnt!« Im Herbste 1808 waren Gerüchte von einem drohenden Kriege zwischen Oesterreich und Frankreich in Umlauf, die bayerischen Truppen bezogen drei große Uebungslager, das eine bei Augsburg, das andere bei Nürnberg, das dritte bei Plattling unweit Passau. Auch die Oesterreicher schoben Uebungslager an die bayerischen Gränzen. Das Alles deutete man als Vorbereitungen zu dem nahe bevorstehenden Ausbruch des Krieges. Vor Eintritt des Winters zogen jedoch die Truppen wieder in ihre Garnisonen zurück und alles wurde stille. Erst zu Anfang des Jahres 1809 mehrten sich wieder mit den erneuten Vorbereitungen die Gerüchte, bis Ende März Niemand mehr am Kriege zweifelte. Ein großer Theil der bayerischen Armee war schon ausgerückt, und die Truppen, welche noch in München lagen, erwarteten täglich den Befehl zum Ausmarsch. Alle Wachen[46] bezogen mit Sack und Pack ihre Posten, überall, wohin man blickte, herrschte die größte Bewegung. Mir pochte bei all diesen Rüstungen das Herz. Ein sonderbarer Streit herrschte in meinem Innern. Oft schauderte ich vor mir selbst zurück, wenn ich bemerkte, daß ich den Ausbruch des Krieges kaum erwarten konnte, doch beschwichtigte ich mich damit, daß meinetwegen weder Krieg noch Friede sei und ersterer eine Geißel Gottes und ein nothwendiges Uebel ist. Für mich eröffnete sich ein weites Feld der Entwickelung der Kunst in der Richtung, welche ich nun einmal eingeschlagen: alles, was ich bisher nur wie im Traum gesehen und gedacht, sollte jetzt in schauerliche Wirklichkeit übergehen. Eines Tages saß ich an der wohlbesetzten Tafel Frobergs, als sehr viel vom Kriege die Rede war. Ich konnte meine Freude darüber nur mit Mühe unterdrücken. Froberg blickte mich mit ironischer Miene an und sagte zu einem General, der neben ihm saß: »Sieh nur diesen kleinen Spitzbuben an, der kann gar nicht erwarten, bis es los geht!« ? »Ja, kleiner Schelm,« wandte er sich an mich, »ich halte Wort und nehme dich mit, aber du wirst dich bald überzeugen, daß es um den Krieg eine ernsthafte Sache ist, und im besten Falle kannst du dich auf nicht geringe Beschwerden und Entbehrungen gefaßt machen.« In der That dauerte es nicht mehr lange, so bekam ich schon einen recht ordentlichen Vorgeschmack davon. Mit Unruhe durchlief ich die Straßen, um diese Vorkehrungen zu beobachten, bis endlich die Alarmtrommel die letzten Regimenter zum Abmarsche rief. Am 7. April zwischen 3 und 4 Uhr zog das Leibregiment, das Regiment Prinz Karl und ein Bataillon Jäger unter Begleitung einer Menge Menschen, wobei selbstverständlich zahlreiche Schönen und viele nasse Augen nicht fehlten, zum Isarthore hinaus, nur das Depot blieb in München zurück. Die königl. Bildergallerie wurde möglichst in Sicherheit gebracht, die Schatzkammer und andere Kostbarkeiten von München fortgeschafft, und der entscheidende Augenblick war gekommen. Am 8. April bekam auch ich von Froberg, der sich schon[47] seit mehreren Tagen im Hauptquartiere des Marschalls Lefèbre befand, schriftliche Ordre, mit seinen Leuten und Equipagen dorthin aufzubrechen. Er schenkte mir viel Vertrauen und gab mir noch manche Aufträge, welche ich in München für ihn zu besorgen hatte. Gerüstet war ich schon lange, aber das Scheiden von München kam mir doch nicht so leicht an, als ich anfangs glaubte: ich hatte zwar die Absicht, bald wieder zurückzukehren und ließ deßhalb meinen Bruder Heinrich, der seit einem Jahre sich neben mir in München zum Künstler ausbildete, mit den Habseligkeiten, welche ich nicht mitnehmen konnte, in meiner Wohnung zurück. Aber es fügte sich anders, und erst nach sechs der bedeutungsvollsten Jahre meines Lebens führte mich mein Geschick unter ganz veränderten Verhältnissen nach München zurück. Mit der neuen Laufbahn, welche ich nun zu betreten im Begriffe stand, war die froheste Zeit meiner Jugend verflossen, meine ungetrübte Heiterkeit, der innere Friede, mit dem ich schuf und in stiller Zurückgezogenheit mit wenigem zufrieden lebte ? ich fand sie nirgends wieder. Damals erkannte ich das freilich noch nicht im vollen Lichte, aber ich ahnte es. Zwar war das Jahr noch nicht zu Ende und das Glück hatte mir mit vollen Händen zugeworfen, aber jenes Glück, von welchem ich damals schied, können äußere Umstände niemals geben. Auf die erhaltene Ordre hin rüsteten sich sofort die Equipagen des Grafen Froberg zum Abmarsche. Ich begab mich mit einer ledernen Tasche, in der mein Zeichnungsmaterial war, einen Schleppsäbel an der Seite, in Froberg's Haus, wo alles mit Packen beschäftigt war. Ein solcher Ausmarsch von Equipagen, Reit- und Handpferden mit Decken, Sattelzeug u. dergl. hat immer etwas Umständliches. Das geht an ein Schnallen und Zusammenriemen; da paßt dies und jenes nicht recht, da läuft einer weg und hat etwas vergessen, da kommt noch ein Kamerad oder gar eine Dirne und hat noch etwas Wichtiges zu sagen: Kurz, es[48] ist kein Weiterkommen, bis man einmal ein paar Tage auf dem Marsche ist, dann geht alles leicht und schnell. Endlich ist man fertig und sitzt auf, die Schnapsflasche kommt noch einmal zum Vorscheine, um sich durch einen Abschiedstrunk zu stärken; an den Fenstern steht, was Platz hat: die Kinder mit der Bonne, Kammerjungfern, Stubenmädchen, wohl auch die Hausfrau. Man winkt sich noch einmal zu, macht rechtsum. »Adieu, adieu, viel Glück auf den Weg!« und fort geht es durch die Stadt zum Schwabinger Thore hinaus. Am 8. April also, Mittags 1 Uhr, wanderten wir bei schlechtem Wetter auf kothiger Straße Freising zu, und alles, was uns in München lieb und theuer war, lag nun im Rücken. Es war ein recht origineller Zug, eine zweispännige Equipage und zehn Reitpferde der verschiedensten Racen, ein Kammerdiener in Husarenuniform, ein lustiger Jäger, ein paar Reitknechte und meine Wenigkeit als Stallmeister, alles in der barocksten Garderobe. Der ganze Zug sah aus, als hätte ihn ein Maler absichtlich so zusammengestellt. Ich hatte aber kein Verdienst dabei, es war ein Werk des Zufalls, vielleicht auch Frobergs, denn dieser hatte viel Originelles in seinem Charakter und setzte sich leicht über Kleinlichkeiten hinweg. Ziemlich stille wanderte der Zug dahin, nur zuweilen hörte man von denen, welche Handpferde führten, fluchen und schelten, wenn die Thiere nicht vorwärts wollten. Wohlgenährt und von dem langen Warten ungeduldig, trippelten sie einher, zerrten bald rechts, bald links und bespritzten die andern mit Koth. So kamen wir gegen 7 Uhr Abends schmutzig und durchnäßt in Freising an. Der ganze Ort war überfüllt mit Soldaten; zum erstenmale befand ich mich in dem Tumulte und Lärm eines Hauptquartiers. Obwohl ich schon viel unter den Soldaten gelebt hatte, so sauste mir doch der Kopf von diesem Treiben. Mit Mühe fand ich das Quartier des Grafen, traf ihn aber nicht zu Hause, er befand sich bei dem Marschall Lefèbre. Abends, nachdem ich mich zur Ruhe gelegt hatte, kam er noch zu mir an mein Bett, um zu erfahren, was sich in München alles seit[49] seiner Abwesenheit zugetragen. Wir hatten übrigens das Glück, hier in Freising gut einquartiert und verpflegt zu werden. Den andern Morgen am 9. April erhielten wir Befehl, uns marschbereit zu halten. Alle Pferde standen gesattelt, alle Truppen auf den Gassen unter Gewehr, so daß man kaum passiren konnte; endlich kam der Graf und sprach das Donnerwort: »Absatteln und hier bleiben!« Er wurde vorwärts geschickt, um die österreichischen Vorposten zu recognosciren und nahm hiezu nur einen Reitknecht und ein Handpferd mit. Wie gerne hätte ich die Dienste des Reitknechts verrichtet, nur um mitzukommen, aber es half kein Bitten, ich mußte mit den übrigen Pferden bleiben und weitern Befehl abwarten. Am 10. erhielt ich die Ordre, schleunigst mit den Pferden gegen Moosburg und Landshut zu marschiren. Dort angelangt, erfuhren wir, daß die Brücke über die Isar abgebrochen werde, und ich überzeugte mich bald mit eigenen Augen hievon. Ein Piquet Chevauxlegers und eine Abtheilung Infanterie stand dort, um die Brücke zu bewachen, mit deren Abbruche man bereits begonnen hatte. Die Offiziere sagten mir, die Oesterreicher hätten den Inn überschritten und Graf Froberg werde noch am Abend mit einer Eskadron von Bubenhoven-Chevauxlegers eintreffen. Gegen 6 Uhr kam er auch wirklich voll Verdruß zurück. Von dem Kronprinzen hatte er eine sehr unangenehme Depesche erhalten: man erfuhr, daß die Oesterreicher sich München näherten; aus Tirol und von allen Seiten liefen schlimme Berichte ein, kurz, es sah recht trübe aus. Ich aß mit dem Grafen, mit Major Plattner und einem Rittmeister zu Nacht und zeichnete während des Essens noch den Kopf des Majors, der mir sehr gefiel. Am 11. schickte mich Froberg mit allen seinen Leuten und Pferden nach Freising zurück, und Tags darauf nach München, wo ich zur Verwunderung meiner Freunde und zu meinem größten Verdrusse Abends ankam. Die Equipagen sollten sich gegen Dachau wenden und ich in München weitere Befehle abwarten. Diese aber kamen nicht und die Oesterreicher rückten[50] immer näher gegen München. Voll Ungeduld und Ungewißheit, was zu thun, sattelte ich am 14. April Morgens mein Pferd und ritt nach Dachau, um die Equipagen aufzusuchen. Dort erfuhr ich aber, sie seien schon weiter gegangen, man vermuthe nach Augsburg, wisse es aber nicht gewiß, und so eilte ich nach München zurück. Welch eine unheimliche Stille fand ich da, es war alles von Truppen leer, der König fort, die Stadt wie ausgestorben! Man versicherte mich, das bayerische Hauptquartier retirire über Geisenfeld gegen Ingolstadt; ich wollte eben vor Einbruch der Nacht noch fort und meinen Weg dorthin richten, als man am Thore unter großem Volksauflaufe einen französischen verwundeten Offizier brachte, welcher den Feinden drei Stunden von München in die Hände gefallen und so ausgeplündert worden war, daß er nur einen Kittel und eine Mütze trug, welche ihm ein Postillon gegeben hatte; bayerische Reiter hatten ihn befreit und in Sicherheit gebracht. Dieser Auftritt schreckte mich ein wenig, so daß ich mich entschloß, die Nacht in München abzuwarten, was weiter sich ereigne. Den andern Morgen jedoch ritt ich auf gut Glück Pfaffenhofen und Geisenfeld zu. Kaum drei Stunden von München entfernt sah ich gegen Osten eine große Rauchsäule emporsteigen; es brannte die kurz vor dem Kriege erbaute Isarbrücke bei Freising, welche angezündet worden war, um dem Vordringen des Feindes Hindernisse in den Weg zu legen. So schont der Krieg nichts! Ich hatte ganz abscheuliches Wetter; Wind, Regen und Schneegestöber wechselten den ganzen Vormittag um die Wette und Nachmittags brach noch ein starkes Gewitter los. Eine Strecke über Pfaffenhofen hinaus an einem Hohlwege machte mein Pferd plötzlich einen wilden Seitensprung und wollte nicht weiter: ein todtes Pferd lag in dem Hohlwege. Eine halbe Stunde später stieß ich auf die ersten französischen Vorposten und wußte jetzt wenigstens, daß ich nicht den Oesterreichern in die Hände reite! Etwas weiter vorwärts, nahe bei einem Dorfe gewährte mir eine französische Vedette einen interessanten Anblick. Es war ein Husar, mit dessen[51] grünem Mantel der Wind einen gewaltigen Spuk trieb, so daß er sich nur mit Mühe auf dem Pferde halten konnte. Dieses war durch das Ungewitter wild geworden, bei jedem Blitz und Donnerschlag machte es einen Sprung, bäumte sich und drehte sich im Ringe herum. Wie gerne hätte ich mich trotz Wind und Wetter verweilt und den Kerl gezeichnet. Es schien zu interessant, allein es war nicht daran zu denken, ich hatte selbst Mühe, mich auf dem Pferde zu halten. Es ist dies ein Uebelstand, den ich leider in dem Kriegsleben nur zu oft bitter empfunden habe, daß man an den interessantesten Gegenständen vorübergehen muß, ohne sie auch nur mit ein paar Bleistiftstrichen festhalten zu können, weil Zeit und Umstände, Oertlichkeit oder andere Hindernisse es nicht gestatten. Besonders drei Jahre später, im russischen Kriege, kam mir das nur zu oft vor, und einige Male, wo ich die nöthigen Rücksichten außer Augen gelassen, wäre mir das Verweilen von nur zehn Minuten bald sehr übel bekommen. Geduldig setzte ich meinen Weg fort und erreichte bald ein Dorf, wo ich mich mit meinem Pferde unter eine Scheune stellte, bis das Gewitter ein wenig ausgetobt hatte und ich indessen meinem armen Pferde ein wenig Futter geben ließ. Der alte Bauer, bei dem ich einstellte, klagte mir ein Jammerlied über die Plagen des Krieges; ich tröstete ihn damit, daß sie vorübergehen und die ungebetenen Gäste bald weiterziehen werden, und ritt weiter. Nach kaum einer halben Stunde gewahrte ich ein Dorf, das in vollen Flammen stand, ein Knabe kam athemlos gelaufen; ich fragte: »Was ist es mit diesem Feuer? Wie ist es entstanden?« ? »Ach, Herr,« erwiderte er, »das Gewitter hat eingeschlagen, ich eile zum nächsten Dorfe, um Hilfe zu holen.« Bald nach ihm folgte ein anderer auf einem ungesattelten Pferde in vollem Laufe. So sendete heute auch noch die Natur ihre Schrecken zu den Plagen des Krieges in einer Zeit, wo diese Erscheinungen in unserem Klima sehr selten sind. Auf diesem unbehaglichen Marsche gesellte sich auch ein dem Anscheine nach wohlhabender Landwirth zu mir, welcher[52] von Pfaffenhofen aus bis Geisenfeld nicht von meiner Seite wich. Er ritt auf einem kleinen, aber sehr guten, gedrungenen Pferde und schien große Eile zu haben. Anfangs war mir das nicht zuwider, denn die Pferde gehen in Gesellschaft lieber, als allein, und wir kamen auch rasch vorwärts; ich sah aber bald, daß mein Pferd sich bei dieser Eile vor der Zeit abmatten würde, eine Besorgniß, die in der Folge sich auch begründet zeigte; gern wäre ich dieses Begleiters los geworden, aber ich konnte ihm die Straße nicht verbieten, und er wurde immer zutraulicher. Im Laufe des Gespräches erzählte er, daß er sich vor den Oesterreichern habe flüchten müssen, weil er an die Bayern etwas verrathen habe, und in der That schien er in einer Angst zu sein, als ob die Husaren schon hinter ihm her wären. In späterer Zeit hatte ich oft Gelegenheit, die Beobachtung zu machen, daß furchtsame Menschen glauben, in Gesellschaft weniger Gefahren ausgesetzt zu sein. In diesem Falle schien sich mein Begleiter zu befinden; erst in Geisenfeld, wo wir bei einbrechender Nacht ankamen, konnte ich seiner los werden. Hier hatte ich aber vergebens das Hauptquartier gesucht, dieses sei, hieß es, in Vohburg an der Donau. Und nun beging ich die große Thorheit, mit einem durch die Beschwerlichkeit des heute zurückgelegten Weges von 18 Poststunden schon ermatteten Pferde in der Nacht noch weiter zu reiten. Ein Bauer, welcher des Weges kam, beredete mich, nicht die Poststraße zu wählen, sondern einen weit nähern Weg durch einen Wald einzuschlagen, den er mich führen wolle; aber es wurde stockfinster, wir verloren den Weg, meinen Begleiter erfaßte Angst, und er versuchte durchzubrennen. Darüber wurde ich so erbittert, daß ich eine Pistole herauszog und zu schießen drohte, wenn er sich entferne. Mühsam tappten wir nun auf einem sumpfigen Boden fort, bis sich in der Ferne Licht zeigte. Dies, sagte der Bauer, sei Licht von Vohburg, ich könne nicht mehr fehlen, links vom Walde liege sein Dorf. Er bat so flehentlich, ihn doch gehen zu lassen, bis ich meine Pistole einsteckte und den Kerl laufen ließ. Aber ich verlor bald wieder[53] das Licht aus den Augen, und die Strafe für mein thörichtes Beginnen, diesen Weg noch in der Nacht zu reiten, blieb nicht lange aus. Unversehens gerieth ich an einen tiefen, sumpfigen Graben. Mein Pferd stürzte hinein, als wäre es von einer Kugel niedergeschmettert. Da lagen wir Beide. Mit Mühe zog ich meinen rechten Fuß unter dem Pferde hervor und kroch endlich heraus. Was aus meinem Pferde geworden, wußte ich lange nicht, und hätte ich es nicht bisweilen stöhnen hören, so würde ich geglaubt haben, es sei todt. Trost- und rathlos saß ich nun eine gute halbe Stunde am Ufer, an einen Baum gelehnt und wollte den Morgen abwarten. Indeß fing mein Pferd an, Gras zu fressen und aus dem Bache zu saufen, zuletzt machte es auch Anstrengungen, selbst aufzustehen, was ihm mit einiger Nachhilfe von meiner Seite mühsam gelang. Nach einem Versuche, ob das arme Thier noch gehen könnte, saß ich wieder auf, aber es war ein Reiten zum Erbarmen. Ich selbst war von dem Sturze auf einer Seite naß, der Sattel voll Koth, die Zügel zerrissen. So schleppten wir uns mühselig mit einander fort, bis ich endlich aus dem Walde herauskam und abermals in der Ferne ein Licht erblickte, auf das ich lossteuerte. Es kam aus einem kleinen Bauernhause. Nach langem Klopfen und Rufen erschien endlich eine alte Frau mit gutmüthigem Gesichte an einem Fensterchen. Auf meine Bitten öffnete mir ihr Mann die Thüre. Es waren arme Taglöhnersleute, der Mann war erst spät von der Arbeit nach Hause gekommen. Ich bat um einen Trunk Wasser und Brod. Der Mann theilte mit mir sein Drescherbrod und die Frau gab mir dazu ein paar grobe Nudeln, das Beste, was sie hatte. Ich wollte für dieses Labsal den Leuten etwas Geld geben, aber sie weigerten sich; nur mit Mühe konnte ich sie bewegen, zwölf Kreuzer anzunehmen. Der Mann begleitete mich auf die rechte Straße, auf der ich um 1 Uhr Mitternachts, nach einem abenteuerlichen Marsche von zweiundzwanzig Stunden, endlich in Vohburg anlangte. Nach diesem erschöpfenden Tage dachte ich nun, auf einem[54] erträglichen Lager ausruhen und gut schlafen zu können; aber wie enttäuscht war ich, als ich von einem Wirthshause zum andern kam und überall ausgelacht wurde, weil ich nach einem Bette fragte. »Nicht einmal einen Bund Stroh können wir geben,« hieß es, »der ganze Ort ist überfüllt mit Soldaten, die alles aufzehren.« In einer großen Schenkstube, in welcher alles voll Soldaten, Fuhrleuten und Bauern auf der Streu lag und eine Luft zum Ersticken war, machten mir endlich ein paar Grenadiere neben sich Platz. Hier lag ich nun auf der Streu und hatte genügende Gelegenheit, über die Worte nachzudenken, welche Froberg einige Wochen zuvor bei Tische gesprochen, als er mich auf die Beschwerden und Entbehrungen des Krieges aufmerksam machte. »Also der 16. April, mein Geburtstag ist heute ? ein schöner Geburtstag! Und der gestrige Marsch ein hübsches Vorspiel zu dem Wege, den ich nun zu betreten begonnen!« sagte ich zu mir selbst, als ich beim Erwachen mich in dieser dumpfigen Stube auf der Streu fand. Nachdem ich meine müden Glieder ein wenig ausgestreckt, machte ich mich eilig hinaus. Mein erster Gang führte mich in den Stall, um zu sehen, ob mein armer Klepper noch bei Leben sei. Zu meiner Verwunderung fand ich ihn fressend, was immer ein gutes Zeichen ist, denn wenn müde Pferde das Futter verschmähen, steht es nicht gut um sie. Doch hatte es den Strengel und sah elend aus. Ich drückte dem Hausknechte Geld in die Hand und versprach ihm dazu ein reiches Trinkgeld, wenn er das arme Thier ordentlich verpflegen würde, bis ich zurückkäme. Hierauf begab ich mich auf die Straße. Mein Gott, was war da für ein Treiben und Rennen! Auf dem Markte wollten die Bauern den Landrichter erschlagen, weil er ihnen unerträgliche Lasten aufgebürdet habe. Zwischen hinein heulten Weiber und Kinder, da die Soldaten Brod forderten, das sie selbst nicht hatten und jene sie deßhalb mißhandelten. Vor dem Thore war ein Militärpferd in einen Keller gefallen, da der Stallboden durchgebrochen war, was einen gewaltigen Spektakel[55] verursachte. Französische und bayerische Soldaten der verschiedensten Waffengattungen drängten sich wie toll durch einander und die Kriegsfurie schien hier schon ihr wildes Spiel zu treiben. Kurz, da die Oesterreicher sehr schnell den Inn überschritten und unerwartet in Bayern vordrangen, die französisch-bayerische Armee aber noch nicht genug concentrirt war, um ihnen erfolgreich Einhalt thun zu können, so sah alles, was seit acht Tagen geschehen, einem Rückzuge sehr ähnlich. Daraus entsteht aber immer leicht Unordnung und wird der Soldat zu Excessen geneigt. Auch hier hegte man schon Besorgnisse wegen Annäherung des Feindes. In dieser Verwirrung begegneten mir französische Kürassiere, welche ein dem äußern Anscheine nach starkes, aber krankes Pferd vor die Stadt führten, wo sie es tödteten. Sie nahmen ihm sodann die Hufeisen, schnitten ihm den Schweif ab und ließen es liegen. Es lag in einer sehr hübschen Stellung und war so schön von der Sonne beleuchtet, daß ich mich nicht enthalten konnte, eine Zeichnung desselben zu machen, welche ich sogar mit Sepia sauber ausführte. Dann aber mahnte mich mein Magen, der gestern sehr wenig und heute noch nichts erhalten, gebieterisch an die Rückkehr. In Vohburg trieb ich mich nun wieder von Wirthshaus zu Wirthshaus, um etwas zu essen zu bekommen, aber überall hieß es: »Wir haben selbst nichts, was wir hatten, fraßen uns die Soldaten hinweg!« Als mich solcher Weise eine Kellnerin schnöde abgewiesen, kam ich an einem Hause vorbei, vor dem auf einer hölzernen Bank ein bayerischer Kanonier saß. Er betrachtete mich vom Kopfe bis zu den Füßen, was meine Aufmerksamkeit erregte. Ich erkannte in ihm einen Jugendgespielen und Schulkameraden, setzte mich zu ihm und wir erzählten uns in Kürze, wie es uns ergangen. Als er hörte, daß ich für Geld nirgends etwas zu essen bekommen konnte, ließ er sich sein Mittagessen bringen und theilte es mit mir bis auf den letzten Bissen Brod und den letzten Tropfen Bier. Nachdem ich mich so durch Freundestreue gestärkt, trachtete ich dem Lärmen zu entrinnen und suchte das Freie, um in Ruhe bei mir selbst zu überlegen, was[56] nun zu thun sei, denn was ich so mühsam suchte, hatte ich auch in Vohburg nicht gefunden. Hier war weder das bayerische Hauptquartier, noch der Graf Froberg, und Niemand wußte mir Auskunft zu geben. Das Getümmel hier gehörte zu der Vorhut der französischen Donau-Armee. Es war ein schöner, heiterer Frühlingsmorgen und Sonntag: ich verfolgte einen Fußpfad, der sich durch grüne Wiesen an der Donau hinschlängelte. Die Natur zog ihr Frühlingskleid an: die Erstlinge der Blumen, die Gänseblümchen, guckten aus dem Grase hervor, die Lerchen wirbelten hoch in den Lüften ihr Lied; die Natur, die ewig gleiche, nahm keine Notiz von dem wilden Treiben des Krieges, in ihr herrschte der Friede. All das stimmte mich nach den Beschwerden der verflossenen acht Tage recht weich. An einem schönen Platze legte ich mich auf den Rasen nieder und meine Blicke folgten den Wellen des Stromes, der bald Zeuge blutiger Ereignisse werden sollte. Sinnend in mich gekehrt, lag ich lange; die ganze Vergangenheit ließ ich in Gedanken an mir vorüberziehen, und Gegenwart und Zukunft und meine Pläne erwägend, verfiel ich in wehmüthige Stimmung. Eltern, Geschwister, Freunde, mein heiteres, schuldloses Kunsttreiben in München und jede schöne Erinnerung meiner Jugendzeit trat mir recht lebendig vor Augen. Wenig hätte gefehlt, so wäre ich nach München zu meinem bisherigen Leben zurückgeeilt. Nur die Scham hielt mich zurück, schon durch die ersten Beschwerden und Widerwärtigkeiten mich von meinem Vorhaben abschrecken zu lassen. Ich ermannte mich und sagte bei mir selbst: »Jetzt ist weder Zeit noch Ort zu sentimentalen Betrachtungen. Du wolltest den Krieg in der Nähe sehen; schon am Anfange eines mühsamen Weges umzukehren, ist Feigheit, also vorwärts!« Ich stand auf und lenkte meine Schritte wieder der Stadt zu. Lange noch trieb ich mich in den Straßen herum, ohne über die Bewegung des Gros der bayerischen Armee etwas Sicheres erfahren zu können. Endlich gegen 3 Uhr Nachmittags sah ich eine Chaise herannahen, in der ein bayerischer Offizier des Generalstabes saß. Von ihm erfuhr ich, daß Froberg sammt dem Hauptquartiere noch diesen Abend[57] in Geisenfeld eintreffen werde. Ich war also gestern in der Raschheit meiner Jugend und in meiner Unvorsichtigkeit vier Stunden weiter und einen Tag zu früh über diesen Ort hinausgeeilt. Hätte ich mich bemüht, in Geisenfeld sorgfältigere Erkundigungen einzuziehen, so wäre mir viel Unangenehmes erspart geblieben. Amazon.de Widgets Ich brach sogleich nach Geisenfeld auf, diesmal aber wohlweislich auf der Poststraße und gemächlichen Schrittes. Dort angelangt, fand ich bald das Quartier Frobergs. So liebreich er mir sonst begegnete, so empfing er mich doch diesmal ziemlich unsanft und schalt mich wegen meines übereilten Herumirrens hübsch aus. Indessen grollte er nicht lange, das ließ sein vortreffliches Herz nicht zu. Ich aß mit ihm und dem Baron Kleutgen, Rittmeister bei den König-Chevauxlegers, zu Nacht und ruhte in einem guten Bette von den vorangegangenen Strapazen so vollkommen aus, daß ich bereit gewesen wäre, gleich wieder einen Ritt von zweiundzwanzig Stunden zu unternehmen. Ob aber mein Fuchs dazu Lust gehabt hätte, ist sehr zu bezweifeln, denn es währte lange, bis er sich von den erwähnten Abenteuern erholte. In den Contrasten, welche das Kriegsleben mit sich bringt, liegt übrigens ein gewisser Reiz, und ist die Gesundheit eines Mannes nicht schon zerrüttet, so wird er durch sie physisch und moralisch gekräftigt. Wer hat auch jemals eine gute Tafel, die Wohlthat einer guten Ruhestätte so genossen, wie derjenige, welcher zuvor tüchtig gehungert und sich müde gemacht hat! Am 17. Morgens ritt ich bei herrlichem Wetter und durch eine ziemlich hübsche Gegend mit Froberg nach Ingolstadt, wo wir noch Vormittags anlangten und bei dem Stadtpfarrer einquartiert und sehr gut bewirthet wurden. In dieser Stadt tobte wieder der ganze Teufel eines Hauptquartiers; Franzosen und Bayern von allen Waffengattungen, auch viele österreichische Gefangene waren hier angehäuft. Froberg war Commandant des Hauptquartiers. Da gab es ein Laufen und Durcheinander als wie ein rauschendes Wasser, wo eine Welle die andere verdrängt.[58] Vor allem interessirten mich die österreichischen Gefangenen; es wurden deren viele zu Froberg gebracht, welcher sie ausfragte. Auch ein verwundeter bayerischer Dragoner mit blutigem, schlecht verbundenem Kopfe, der viel zu erzählen wußte, wurde vor ihn geführt. Ich bewunderte die Geistesgegenwart und Bescheidenheit, mit der er von seinen Wunden sprach. »Sehen Ew. Excellenz,« sagte er zuletzt, indem er seinen Säbel herauszog, »die österreichischen Kostbeutel1 haben mir den Säbel in der Mitte abgehauen, sonst hätten sie mich nicht so bekommen; so lange mein Säbel ganz war, habe ich ihnen das Fell tüchtig durchgegerbt.« Froberg belobte ihn, ließ ihm ein Glas Wein geben und schenkte ihm auch etwas Geld. Des Abends machte ich noch eine Zeichnung des schönen Lagers, welches sich an der Donau hinzog. Am 18. früh Morgens brachen wir auf und marschirten gegen Vohburg. Von da an fand keine rückgängige Bewegung mehr statt, es ging ununterbrochen vorwärts. Unterwegs stießen wir schon auf zahlreiche österreichische Gefangene. Alle Truppen waren in Bewegung gegen Neustadt. Hier fand ich ein Lager von Leiningen- und König-Chevauxlegers, welche schon Tags zuvor kleine Attaquen gehabt hatten. Gegen 6 Uhr Abends brachen beide Regimenter auf und griffen in Verbindung mit Infanterie-Abtheilungen und Artillerie unter Wrede's Commando den Feind in den Wäldern an. Die Nacht machte dem Gefechte ein Ende, das zum Vortheile der Bayern ausfiel und ein Vorspiel des folgenden ernsten Tages war. Am 19. April sollte ich zum erstenmale Zeuge des blutigen Kampfspieles sein. Mit Ungeduld sah ich den Vorbereitungen zur Schlacht von Abensberg entgegen.2 Alles, was um mich her vorging, ergriff mich auf das äußerste und[59] versetzte mich in die größte Spannung; doch müßte ich Unwahrheit reden, wenn ich sagen wollte, ich hätte eine Schlacht gesehen. Weder meine Stellung als Stallmeister des Grafen Froberg und als Maler, noch viel weniger das Terrain, auf welchem am 19. der Kampf fortgesetzt wurde, war hiezu geeignet. Es hatte hier mit der Bodenbeschaffenheit dieselbe Bewandtniß, wie bei den vorangegangenen Kämpfen: Nichts als Hügelland mit kleineren oder größeren Gehölzen durchschnitten, welche die Kämpfenden oft selbst einander verbargen und die Ausdehnung einer größeren Schlachtlinie, wie bei Aspern und Wagram, nicht zuließen. Im allgemeinen machen sich die meisten Menschen, welche nie mit im Kriege waren, von dem Anblicke einer Schlacht einen irrigen Begriff; sie glauben, man könne sie von irgend einem beliebigen Punkte bequem ansehen. Dem ist aber nicht so, denn selbst wenn sich ein solcher Punkt, z.B. eine Anhöhe oder ein Kirchthurm, findet, so sieht man nichts als Rauch und ein verworrenes Hin- und Herwogen, das für den Uneingeweihten unverständlich bleibt, wenn man sich nicht etwa selbst in das Schußbereich begeben will. Aber die Kugeln fliegen weit, viel weiter als unsere Sehkraft reicht, um die Gegenstände deutlich unterscheiden zu können. Die eigentliche Schlacht ist da, wo die Reihen der Kämpfenden durch die Kugeln gelichtet werden und die furchtbaren Geschosse Tod und Verderben um sich her verbreiten, oder die blanke Waffe mit blutiger Schrift gräßliche Wunden zeichnet. Diesen entsetzlichen Anblick hat nur der, welcher selbst bei dem Kampfe betheiligt ist oder dem Pflicht und Ehre dort auszuhalten gebieten. Für Jemand aber, der im Kampfe nichts zu thun hat, gibt es keine Weise, eine Schlacht ungestört mit ansehen zu können, selbst wenn man den Muth dazu hätte. Ein bloßer Zuschauer wird hier als eine sehr überflüssige Person angesehen und nicht leicht geduldet. Ich mußte daher meine Neugierde bezähmen und mich begnügen, das mit anzusehen, was mir möglicherweise zugänglich war. Trotzdem aber sah ich des Interessanten und Merkwürdigen[60] sehr vieles. Erst drei Jahre später im russischen Kriege, an der Seite des edlen Helden, des Prinzen Eugen, in seiner unmittelbaren Nähe kam ich öfters in die Lage, mich inmitten der Schlacht zu befinden. Das Zusammenziehen größerer Truppenmassen in der Umgegend von Abensberg ließ auf eine Fortsetzung des Kampfes am 19. schließen. In dieser Voraussetzung sattelte ich früh Morgens bei guter Zeit mein Roß und ritt hinaus, um die Bewegungen zu beobachten. Zuerst kam ich an einen mit einigen Baumgruppen und Gesträuchen bewachsenen Hügel, auf dem eine kleine Kirche oder Kapelle stand. Hier befand sich eine Batterie, welche abgeprotzt hatte. Die Artilleristen standen um ihre Kanonen herum, die Blicke in die nebelige Ferne hinausgerichtet, voll Spannung der Dinge harrend, die da kommen sollten. Unter ihnen fand ich meinen Jugendfreund, welcher zu Vohburg sein Essen mit mir getheilt, zu unserer gegenseitigen Freude wieder. Als Kinder hatten wir oft mit einander Soldaten gespielt, jetzt sollte aus dem Spiele Ernst werden. Vielleicht ist er frühzeitig ein Opfer seines Berufes geworden; ich sah und hörte von jenem Augenblicke an nie mehr etwas von ihm. Von dieser kleinen Höhe herab konnte man recht hübsch die Entwickelung der verschiedenen Truppenkörper beobachten; als ich aber große Infanteriemassen auf der Hauptstraße sich vorwärts bewegen sah, zog es mich mit fort. Ich suchte durchzukommen, so gut es ging, und kam mit voran, bis es hieß: Halt! und die Truppen Stellung nahmen. In diesen Vorbereitungen zu einer Schlacht liegt etwas eigenthümlich Ernstes; es geht eine gewisse feierliche Stille dem Beginne des Kampfes voraus. Es mochte gegen 9 Uhr Morgens gewesen sein, als man links in der Richtung von Dinzling und weiter westlich eine heftige Kanonade vernahm. Es waren die Franzosen unter General Montbrun und andern Befehlshabern, welche dort mit den Oesterreichern in einen sehr blutigen Kampf verwickelt waren. Bald darauf entspann sich auch das Gefecht von bayerischer Seite; eine kurze Zeit dauerte das Kleingewehrfeuer,[61] dann aber stiegen große, lichte Rauchwolken empor und der Donner der Geschütze rollte auf allen Seiten fürchterlich. Gar zu gern wäre ich vorwärts gegangen und hätte mich um einige verlaufene Kugeln auch nicht sehr gekümmert, denn an diese gewöhnte ich mich doch bald; aber ich war noch zu sehr Neuling, zu wenig orientirt und trieb mich deßhalb eben ziemlich planlos herum, um meine Neugierde zu befriedigen, so gut es ging. Nach und nach kamen die ersten Verwundeten aus der Schlacht, die mein Mitleid in höchstem Grade erregten. Die Sache fing an mir verdammt ernst vorzukommen und noch hatte ich keine verstümmelten Todten und Sterbende gesehen. Den ganzen Tag trieb ich mich so nach allen Richtungen herum und kam endlich an den Platz, wo der kommandirende General-Lieutenant Wrede stand. Ich freute mich, diesen Helden, welchen ich schon in den Friedensjahren 1807 und 1808 in Augsburg persönlich kennen gelernt und für den ich seines biedern und kräftigen Charakters wegen stets besondere Sympathie fühlte, nun auf dem Schlachtfelde zu sehen. Die Adjutanten flogen hin und her und es ging gewaltig lebhaft zu. Hier war ich Zeuge, wie ein Rittmeister ? wenn ich nicht irre ? der Bubenhoven-Chevauxlegers siegestrunken in schnellstem Laufe daher gesprengt kam, um die Meldung von einem bedeutenden Siege der bayerischen Cavallerie über ein österreichisches Löwenehr-Dragonerregiment zu überbringen. Solche Momente haben etwas Begeisterndes. Böswillige machten die Bemerkung, der Herr Rittmeister sei nicht blos siegestrunken, es müsse auch eine kleine Nachhilfe aus der Flasche stattgefunden haben. Er schrie gewaltig, als ob der gute General-Lieutenant Wrede taub gewesen wäre, sah sehr erhitzt aus und konnte gar nicht fertig werden, zu erzählen. Doch das sind Nebensachen. Ich für meinen Theil habe keine Meinung hiebei; ich freute mich, Zeuge dieser Meldung gewesen zu sein. Wrede nahm sie gut auf. Nach langem Suchen fand ich den Platz, wo dieses Reitergefecht stattgefunden, und traf hier auf die Spuren eines blutigen[62] Kampfes. Unter vielen schwer Verwundeten gerieth ich hier an eine Gruppe, welche malerisch schön, aber gräßlich aussah. Zwei Mann und zwei Pferde lagen auf einem Knäuel beisammen; sie hatten hinter einander gestanden und waren von einer Kanonenkugel, die aus einer bayerischen Batterie in ihre Reihen einschlug, niedergeschmettert. Diese hatte dem Vordermanne die Hüfte weggerissen und dem Zweiten das linke Bein, das eine Pferd am Hals, das andere an der Brust und Schulter tödtlich verwundet. Die ganze Gruppe schwamm buchstäblich im Blute. Der Mann, welcher sein Bein verloren, hatte die Geistesgegenwart, dasselbe, weil es noch an einigen Fleischtheilen hing, mit einem Messer abzuschneiden. Es lag noch im Stiefel steckend neben ihm, als ich diese Unglücklichen in solchem Zustande antraf. Mit einer unbegreiflichen Fassung erzählte jener in Kürze den Hergang der Sache und sagte am Schlusse, er sei sein ganzes Leben ein braver Kerl gewesen, wäre sich gar nichts Bösen bewußt und nun müsse ihm ein solches Unglück widerfahren! Diese armen Menschen baten mich um einen Trunk Branntwein, den ich ihnen nicht reichen konnte, ich hatte keinen; aber ich ritt fort und war so glücklich, mir solchen zu verschaffen, so daß ich ihre Bitte zu erfüllen vermochte. Mitleidige Bauern, welche aus eigenem Antriebe hinausgefahren waren, um Verwundete wegzubringen, holten sie vom Schlachtfelde; der eine aber mit der abgeschossenen Hüfte mag wohl kaum den Abend überlebt haben. Der Tag neigte sich zu Ende und der Sieg war auf allen Punkten entschieden. Der großen Tapferkeit der österreichischen Truppen ließ man von allen Seiten Gerechtigkeit widerfahren, aber Napoleons Feldherrntalent und Glück mußte alles unterliegen. Die Zeit war noch nicht gekommen, wo auch er die Wandelbarkeit des Glückes erfahren sollte. Gegen Abend entlud sich ein Gewitter, so daß die Blitze der Natur mit denen der Kanonen wetteiferten und der Donner rollte oben seinen Baß zu den Lärmen unten und dem Siegesmarsche der Krieger. Die Truppen lagerten meist auf dem Schlachtfelde und in[63] den wenigen nahe gelegenen Ortschaften. Das Hauptquartier und der Stab gingen nach Abensberg zurück, das bald überfüllt war. Mit Mühe fand ich ein Plätzchen für mich und mein Pferd und ein sehr armseliges Essen für meinen hungrigen Magen; den ganzen Tag hatte man an Essen und Trinken nicht denken können. Weder von den Leuten des Grafen Froberg, noch von diesem selbst konnte ich etwas erfahren; erst spät erhielt ich von der Umgebung Wrede's die Nachricht, daß Froberg als Courier zu Napoleon nach Ingolstadt gesandt worden sei, um ihm die Siegespost zu überbringen. Am 20. wurde die Schlacht unter dem Befehle Napoleons in weit größerer Ausdehnung fortgesetzt. Auf das Gewitter des vorigen Tages war ein kalter, feuchter Morgen gefolgt, schwere, graue Wolken hingen tief am Horizonte herab, auf der Erde lag Nebel. Die Lagerfeuer brannten roth, der Rauch schlich am Boden hin und stieg nur mühsam in die Höhe. Nachdem ich meinen Magen mit schlechtem Kaffee ein wenig erwärmt und die Leute Frobergs aufgesucht hatte, setzte ich mich wieder zu Pferde, ritt dem nächsten Lagerplatze, wo ich gestern die Truppen verlassen hatte, zu und suchte mir einen erhöhten Punkt, um möglichst viel übersehen zu können. Das Glück lenkte heute meine Schritte. Auf einer Anhöhe am Saume eines kleinen Waldes fand ich den General von Raglovich,3 umgeben von seinen Adjutanten und Offizieren an einem Feuer sitzen. Die ganze Gesellschaft war in Mäntel gehüllt und recht malerisch um das Feuer gruppirt; den interessanten Hintergrund bildeten die Lager rund herum. Sogleich begann ich eine Zeichnung zu machen, war aber noch nicht zu Ende, als von der Ferne her ein lärmendes Rufen sich vernehmen ließ, das immer näher kam: »Der Kaiser!« Er, der Held des Jahrhunderts, der bewunderte und zugleich gefürchtete kleine große Mann, der siegte, wo er sich zeigte, an[64] dessen Unüberwindlichkeit jeder glaubte, erschien bald darauf, umgeben von seinen Generälen, begleitet vom bayerischen Kronprinzen, dem General-Lieutenant Wrede und einer großen Suite, auf der Anhöhe, wo ich mich befand. Welch' eine Erscheinung für mich, der zum erstenmale seiner ansichtig wurde! Ich machte mich so nahe hinzu als nur möglich. Da saß er auf seinem kleinen arabischen Schimmel in etwas nachlässiger Haltung mit dem kleinen Hute auf dem Kopfe und mit dem bekannten staubfarbenen Oberrocke bekleidet, in weißen Beinkleidern und hohen Stiefeln, so unscheinbar, daß Niemand in dieser Persönlichkeit den großen Kaiser, den Sieger von Austerlitz und Jena, vor welchem sich Monarchen demüthigen mußten, vermuthete, wenn man ihn nicht schon so vielfältig in Abbildungen gesehen hätte. Er machte auf mich mit seinem bleichen Gesichte, den kalten Zügen, dem ernsten, scharfen Blicke, einen fast unheimlichen Eindruck; der Glanz der vielen Uniformen um ihn her erhöhte den Contrast dieser unscheinbaren Erscheinung. Napoleon befahl, daß man aus den verschiedenen bayerischen Regimentern Offiziere herausrufen sollte, ließ diese einen Kreis um sich und den Kronprinzen schließen und hielt an sie eine Ansprache, welche der Kronprinz ins Deutsche übersetzte. Unter anderm sagte er, daß er sie in einem Monate nach Wien führen, und Bayern den Schaden, welchen ihm jetzt Oesterreich zufüge, reichlich ersetzen wolle. Ein lautes Vivat erscholl, als er geendet, der Kreis löste sich und Napoleon stieg vom Pferde. Er entfernte sich, nur von Wrede begleitet, ging in eifrigem Gespräche mit diesem auf und ab, stand still, sprach wieder im Gehen, die Hände auf den Rücken gelegt und den Kopf etwas gesenkt, stand abermals still und klopfte Wrede auf die Schulter. Man konnte sichtlich bemerken, daß er mit ihm sehr zufrieden und in guter Stimmung war. Napoleon sammelte darauf seine Generäle um sich, ließ eine große Karte auf dem Boden ausbreiten, setzte sich nieder und traf seine Dispositionen. Man sagte, er habe die Punkte bezeichnet, wo er die Oesterreicher schlagen wollte. Die vielen militärischen Größen hier auf dieser[65] Anhöhe um den Mann, welcher bereits die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen hatte, versammelt und sich bewegen zu sehen, war für mich als stiller Beobachter von größtem Interesse. Während dessen hatten die Truppen Stellung genommen. Napoleon war unerwartet erschienen und mit ihm ein starkes französisches Heer, das im Vereine mit den Bayern und Württembergern sich nach allen Richtungen ausbreitete. Es schien, als wüchsen die Leute aus der Erde heraus. Nachdem die Dispositionen getroffen waren, flogen die Generäle und Adjutanten nach allen Richtungen auseinander. Vorher aber sah ich noch eine wunderliche Scene, wie sie zuweilen im Kriege vorkommen. Man brachte einen bayerischen Postillon, der dem Marschall Lefèbre über Verschiedenes Kundschaft geben sollte. Der arme Teufel war recht verblüfft und benahm sich außerordentlich ungeschickt. Lefèbre gerieth darüber so in Zorn, daß e vom Pferde herab mit der Faust auf ihn lospaukte und ihn zum Teufel gehen hieß. Der Postillon ließ sich das nicht zweimal sagen, sondern lief, als ob er gestohlen hätte, um seinem Peiniger aus den Augen zu kommen. Endlich bestieg auch Napoleon sein Lieblingspferd wieder, den Ali, welchen er aus Aegypten mitgebracht; noch sehe ich ihn lebendig vor mir, wie er den Hügel hinabsprengte und um die Ecke eines Waldes verschwand. Bald darauf donnerten die Geschütze auf allen Seiten. Entfernt von Froberg, inmitten großer französischer Truppenmassen, wobei besonders lebhafte Cavalleriebewegungen vorkamen, wurde es für mich unmöglich, einen Platz zu finden, um von dem Gange der Schlacht einen Ueberblick zu gewinnen, ohne mich der Gefahr auszusetzen, überrannt oder überritten zu werden. Prachtvoll, wahrhaft imposant waren die großen Massen französischer Cuirassiere, welche in langen geschlossenen Reihen in vollem Trab ins Treffen rückten; der Boden zitterte unter ihren Bewegungen und die Scheiden ihrer Schwerter erzeugten dabei einen eigenthümlichen, unheimlichen Ton. Dieser Anblick machte einen gewaltigen Eindruck, man fühlte sich leicht zu dem Gedanken[66] veranlaßt, daß solche Massen alles niederwerfen müssen; und doch war ich schaudernd Zeuge, wie später auch diese Eisenmänner ganze Felder mit ihren Leichen überdeckten. So wie gestern trieb ich mich auch heute in diesen großartigen Bewegungen ziemlich planlos herum, ich sah vieles, was mir als Neuling interessant war, aber einen Ueberblick konnte ich um so weniger erlangen, als ich mich von jener Seite immer mehr entfernte, auf der die Bayern fochten, und inmitten der Franzosen gerieth. Indessen fehlte es mir nicht an Muth, mich immer so weit vorzuwagen, als nur möglich. Das verschaffte mir, als es schon zu dämmern begann, noch einen höchst interessanten Anblick. Ich hatte mich nämlich bis an den Platz vorgedrängt, auf dem Napoleon stand und wunderte mich selbst, daß ich dort geduldet wurde. Aber es war so lebendig in seiner Nähe, daß meine unbedeutende Persönlichkeit gar nicht bemerkt wurde. Der Sieg des Tages war, obwohl theuer erkauft, ein vollständiger. Es wurden viele Gefangene gemacht und mehrere Tausend derselben marschirten an Napoleon vorüber, als ich eben dorthin kam. Er stand am Eingange eines Dörfchens bei einer Scheune, umgeben von einer sehr zahlreichen Suite und musterte über eine halbe Stunde jene mit Aufmerksamkeit, sprach sehr wenig und schien bisweilen in tiefes Nachdenken versunken. Vielleicht entwarf er in jenem Augenblicke schon den Vernichtungsplan für den folgenden Tag. Es vergingen auch nicht 24 Stunden, so hatte er in der That über einen Theil der österreichischen Armee bei Landshut schon Verderben gebracht! Nicht mit der Miene des triumphirenden Siegers saß er auf seinem kleinen Schimmel, ein tiefer Ernst schwebte um seine Stirne; wer ihn sah, war wohl versucht zu glauben, er gehe in diesem Augenblicke noch mit viel Größerem um, als mit dem Siege dieses Tages. Die Dunkelheit war hereingebrochen, als Napoleon wegritt, und der Zug der österreichischen Gefangenen hatte noch nicht geendet. Das Entwirren dieses Knäuels von Offizieren, Equipagen, Handpferden, welcher sich hier anhäufte, glich einem[67] Ameisengewimmel, das mit einem Male aufgestört und lebendig wird. Die Dragoner der stolzen Kaisergarde, welche Napoleon als Schutzwache begleiteten, und im Gegensatze zu ihnen die armen, gedemüthigten österreichischen Gefangenen, die Todten und Verwundeten, auf die man überall stieß, die am Boden zerstreuten Waffen, Armaturstücke und Kanonenkugeln, die einbrechende Nacht, der mit schwarzgrauen Wolken überzogene Himmel, an dem man nur tief am Horizonte hin einen blutrothen Streifen sah, welchen die lange schon untergegangene Sonne zurückgelassen: das alles machte als Schlußact dieses Tages auf mich einen großartigen, tragischen Eindruck. Daß ich aber durch besonders günstigen Zufall Napoleon am Morgen vor der Schlacht und Abends als Sieger so in der Nähe beobachten konnte, läßt mich den 20. April niemals vergessen. Unter diesem Gewirre war ich so glücklich, Froberg aufzufinden. Er schickte mich noch in der Nacht nach Abensberg, um seine Equipage und Pferde aufzusuchen, die ich auch brachte. In dieser Nacht machte ich mein erstes Bivouak. Ich war durstig und hungrig, kaufte mir von einem Marketender eine Halbe entsetzlich schlechten Wein und eine Semmel und ward bald von einem betäubenden Schlaf überfallen, legte mich an einem Feuer auf ein Brett, deckte mich mit dem Mantel zu und schlief so fest, daß ich es gar nicht gewahr wurde, als das Brett, meine Stiefelsohlen und der Mantel zu brennen anfingen. Die Soldaten rüttelten mich, bis ich erwachte. Betäubt, wie ich war, lief ich schnurgerade einem schmutzigen Wassergraben zu, in welchen ich hineingesprungen wäre, wenn mich nicht ein Soldat am Aermel gepackt und davon abgehalten hätte. Erst nach und nach kam ich zur Besinnung und legte mich wieder nieder, diesmal aber mit mehr Vorsicht und gedachte mit Sehnsucht der Streu in der dumpfigen Stube zu Vohburg. Solange man ein Obdach findet, unter dem man die Nacht zubringen kann, ist es, sei es auch noch so schlecht, erträglich, aber das Schlafen unter freiem Himmel, besonders bei schlechtem Wetter, will gewöhnt sein. Mich kam es damals sehr hart an.[68] Am 21. früh ritt ich mit dem Grafen über Rottenburg nach Landshut. Wir kamen Abends dort an, und hier stellte sich mir eine neue entsetzliche Scene dar. Schon stundenweit vor Landshut fanden wir die Spuren eines in Flucht ausgearteten Rückzuges. Die österreichische Armee führte damals noch eine große Masse von Fuhrwerken, Equipagen und Gepäcke mit sich, die bei raschen Bewegungen sehr hinderlich waren. Daher kam es, daß alle Straßengräben mit umgestürzten Wagen, Munitionskarren, todten Pferden und Menschen, Tornistern, Kopfbedeckungen und Armaturstücken jeglicher Art angefüllt lagen. Unzählige schwere Pontonswagen, der ganze österreichische Brückentrain, der in dem Gedränge nicht durchkonnte, mußte zurückgelassen werden, selbst die Kriegskasse fiel in die Hände der Franzosen. Einen wunderlichen Anblick gewährte unter anderen ein umgestürzter Wagen, in welchem Musikalien und Instrumente sich befanden. Alles das lag zerstreut auf der Straße und man mußte mit den Pferden darüber hinweg. Napoleon hatte sich nach dem Siege vom 20. bei Abensberg rasch, gegen Landshut gewendet, die dort befindliche österreichische Armee unerwartet überfallen und durch seine Schnelligkeit und Uebermacht erdrückt, und da bei Landshut nur eine einzige Brücke über die Isar führte, so war die so eben berührte Zerrüttung eine nothwendige Folge. Die Bayern fochten hier wie die Löwen und mit der größten Erbitterung. Ein würdiger General, Freiherr von Zandt, und viele brave Offiziere fanden bei Landshut den Tod. Zeitlich vor der Stadt angelangt vergingen noch drei Stunden, bis wir durch das Gedränge erst um 11 Uhr Nachts in das Innere der Stadt gelangten. So merkwürdig mir dieser Marsch und alles war, was ich an diesem Tage gesehen habe, so leid that es mir, zu spät angekommen zu sein, um von der Schlacht selbst noch etwas zu sehen. Diese war schon zu Ende und Napoleon selbst in Landshut eingezogen. Ebenso rasch und unerwartet, als der Kaiser bei Landshut erschienen, kehrte er sich nun zurück gegen Eckmühl und Regensburg und lieferte am 22. die bekannte [69] Schlacht bei Eckmühl, in der er abermals einen erfolgreichen Sieg erfocht. Die Bayern hatten auch in dieser Schlacht großen Antheil und beklagten den Verlust vieler braven Krieger. Am 23. früh rückte alles gegen Regensburg vor. Noch in der Nacht machten wir einen Theil des Weges und campirten vor einem Dorfe, dessen Namen ich nicht aufzeichnete. Während dieses Nachtmarsches vernahmen wir von einer nahen Anhöhe herab wahrhaft jammervolle Rufe von Verwundeten, welche hilflos auf dem Schlachtfelde liegen geblieben waren, was mir schauerliche Eindrücke erregte. Die aufgehende Sonne verkündete einen schönen Tag, aber für Regensburg sollte es ein Tag des Schreckens und Entsetzens werden. Da auf der Hauptstraße der Truppenzug von Cavallerie und Artillerie sehr groß war, marschirten wir abseits quer über ein, außer mit vielen tausend Todten auf mehr als eine Stunde weit mit Waffen und Armaturstücken übersäetes Feld. Gegen 8 Uhr kamen wir auf einer Anhöhe vor Regensburg an, und erblickten das Opfer dieses Tages, die würdige alte Stadt im Glanze der Morgensonne. Gegen 9 Uhr begann die Schlacht. Hier war es mir vergönnt, einen schönen Ueberblick über alles, was hier vorging, zu bekommen; denn von jener Anhöhe konnte man mit so scharfen Augen wie die meinigen fast jeden einzelnen Mann unterscheiden. Besonders imposant waren die ungeheuern Massen schwerer Cavallerie, namentlich der majestätischen Grenadiere à cheval anzusehen. Diese zogen in einem großen, doppelten Vierecke von immenser Ausdehnung in schräger Richtung über die Ebene; mir fielen dabei die Worte Schillers ein: Schwer und dumpfig, Eine Wetterwolke, Durch die grüne Eb'ne schwankt der Marsch, Zum wilden eisernen Würfelspiel Streckt sich unabsehlich das Gefilde. Das Geplänkel um die Stadt herum dauerte fort und fort. Inzwischen wurden verschiedene Batterien nahe vor die Stadt postirt, welche ihre furchtbaren Geschosse in dieselbe schleuderten.[70] Bald zeigten hohe Rauchsäulen und auflodernde Flammen die Wirkungen. Es brannte beinahe gleichzeitig in zwei verschiedenen Richtungen und bei der herrschenden Windstille stieg der Rauch in röthlich-grauen Säulen himmelhoch, schauerlich-majestätisch empor. Da ich das alles gleichsam zu meinen Füßen vor sich gehen sah und ein Plätzchen fand, wo ich ungestört zeichnen konnte, packte ich sogar meine Farben aus und entwarf an Ort und Stelle ein Aquarell von dem brennenden Regensburg. Gegen Abend hatte man eine Bresche in die Stadtmauern geschossen. Und mit wahrer Todesverachtung begannen die Franzosen den Sturm und waren auch bald in die Stadt eingedrungen. Der Kampf dauerte nun in den Straßen fort, bis die Oesterreicher Schritt für Schritt zurück über die Brücke auf das jenseitige Ufer der Donau geworfen waren. Bei diesem Gefechte wurde die ganze Vorstadt Stadt am Hof ein Raub der Flammen. ? Napoleon, welcher den ganzen Tag hindurch anwesend war und allenthalben gesehen wurde, stand gegen Abend nicht ferne von mir auf der Anhöhe mit einer ungeheuren Suite von mehr als hundert Köpfen; fast alle Generäle mit ihren Adjutanten hatten sich in einer Entfernung von etwa 40?50 Schritten hinter ihm versammelt. Das Ganze war prachtvoll von der Abendsonne beleuchtet. Unverwandt blickte er nach der Stadt in das mittlerweile bedeutend gewachsene Feuer. Er schien mir unheimlich, ich dachte an Nero. Plötzlich kam Froberg, welcher sich unter der Suite des Kaisers befand und mich bemerkt hatte, zu mir hergeritten und redete mich mit den Worten an: »Adam, haben Sie den Muth, mit mir in die Stadt hinein zu reiten?« ? »Ja wohl,« sagte ich, »ich möchte gerne sehen, wie es da drinnen aussieht.« ? »Auf keinen Fall erbaulich,« sagte Froberg. Wir wendeten unsere Pferde, und so ritten wir in vollem Trabe der Stadt zu und kamen um halb acht Uhr hinein. Welch' eine Verwüstung: überall zertrümmerte Fenster, halbeingestürzte Häuser, rauchende Trümmer und brennende Balken, zwischendurch Todte! Man war versucht zu fragen, wer mehr Muth gehabt habe, Mensch oder Pferd, um sich durch ein solches Labyrinth der[71] Verwüstung hindurch zu arbeiten. Nur mit großer Mühe gelangten wir an das Haus des bayerischen Gesandten, des Grafen Rechberg, wo wir mit offenen Armen empfangen wurden. Wir kamen zu guter Stunde dort an. Die Franzosen, noch von dem wilden Kampfe erhitzt, fingen an zu plündern und begingen die gröbsten Excesse, so daß es des ganzen Ansehens und der Energie Frobergs bedurfte, um das Haus zu schützen. Uebrigens war der Kampf noch nicht ganz beendigt, als wir in die Stadt kamen; man hörte noch immer das Kleingewehrfeuer in den Straßen und der Brand nahm auf eine bedrohliche Weise zu. Nirgends wohl lernt man so gut einsehen, als im Kriege, wie wenig der Mensch zu seiner Erhaltung bedarf. Es gränzt an das Unglaubliche, wie kümmerlich ich in den drei letzten Tagen gelebt. Die österreichische Armee, welche vor uns herzog, hatte alles ausgezehrt; man konnte sich nicht für Geld die nöthigsten Bedürfnisse verschaffen, und so kam ich ganz ausgehungert, aber doch guten Muthes nach Regensburg. Mit welchem Gefühle man sich aber dann an einen guten Tisch setzt, das läßt sich nicht beschreiben, das muß man erfahren haben. Zum erstenmale seit zehn Tagen schlief ich wieder in einem guten Bette, und zwar in einem Zimmer mit Froberg. In der Nacht rief er: »Adam, stehen Sie auf und sehen Sie nach dem Feuer!« Ganz schlaftrunken ging ich in das von dem furchtbaren Brande tageshell beleuchtete nächste Zimmer, kehrte aber, meinem Bette zueilend, sogleich wieder zurück und sagte ganz lakonisch: »Das Feuer ist noch nicht da!« Mit einem gewaltigen Sprunge war der große Froberg aus dem Bette und rief mit Donnerstimme: »Zum Teufel, das nenne ich einen Schlaf! Wollen Sie denn hier verbrennen? Wenn das Feuer einmal da ist, ist es zu spät.« Jedoch griff dasselbe in der schönen, alten Stadt nicht weiter um sich. Dagegen tobte es fürchterlich in Stadt am Hof, das ganz niederbrannte. Morgens ging ich zeitlich in die Straßen, die schöne Stadt Regensburg gewährte einen höchst traurigen Anblick. Auf der Donaubrücke räumte man die Leichen weg und warf viele derselben[72] in die Donau hinab. In den Straßen und um die Mauern lagen ebenfalls noch viele Todte und Pferde. Am gräßlichsten aber sah es auf dem Friedhofe aus: hier war das Blut an den Wänden der Kapelle hoch hinauf gespritzt. Schwarzer Rauch entstieg noch immer den eingeäscherten Gebäuden und verdüsterte die Luft. Kurz, wohin das Auge sich wandte, überall Tod und Verwüstung. Ich zeichnete vieles und vergaß darüber den ganzen Tag Essen und Trinken. Es schien mir aber, daß ich jetzt den Krieg mit seinen Gräueln und Schrecken nahe genug gesehen. Am Morgen des 25. April gingen wir wieder nach Landshut, wo wir Abends 5 Uhr ankamen. Es war ein heißer Tag. Ich ritt ein erbeutetes Pferd, das Froberg angekauft hatte, ein starkes aber rohes Thier, welches die Faust und die Schenkel eines Uhlanen gewöhnt war und mich auf dem langen Ritte sehr abmattete, aber mein Ehrgeiz als Reiter ließ nicht zu, dasselbe mit einem bequemern zu vertauschen. Abends sank ich bei Tische, wahrscheinlich von der Ueberanstrengung und der Unordnung im Essen und Trinken angegriffen, plötzlich in eine ziemlich lange dauernde Ohnmacht, erholte mich aber doch wieder. Den folgenden Tag begaben wir uns nach Neumarkt, wo ich im Wagen des Grafen übernachten mußte. Am Morgen des 28. fühlte ich mich sehr unwohl, hatte starkes Fieber, so daß der Graf, in Furcht, ich möchte ernstlich krank werden, mich nach Landshut zurückschickte mit der Weisung, so lange dort zu verweilen, bis ich mich vollkommen wohl fühle. Schwer fiel es mir, mich von ihm zu trennen, aber ich mußte Folge leisten, um nicht seinen Unwillen zu erregen. Seit dem 23. April, dem Tage der Schlacht von Regensburg, hatten wir herrliches Frühlingswetter und es fing an, sehr heiß zu werden. Diese Temperatur, das gewaltig unruhige Leben während der letzten Wochen, die angestrengten Ritte und alle Erlebnisse dieses kurzen Zeitraums schienen meine sonst so kräftigen Nerven erschüttert zu haben. Was ich bei Tage erlebt und gesehen, erschien mir des Nachts in furchtbaren[73] Träumen; ich lebte wachend und schlafend in aufreibender Erregung. Hatte ich ja das alles nicht mitgemacht wie der Soldat, welcher in seinem Berufe lebt und wirkt. Der nächste Augenblick, seine Dienstpflicht, die Anstrengungen des Tages und die Zurüstungen für den folgenden lassen ihm wenig Zeit zu tieferem Nachdenken. Bei ihm verdrängt rasch ein Eindruck den andern und höchstens geht ihm der Verlust eines Kameraden nahe. Ich aber folgte diesem Treiben als Künstler, als stiller Beobachter, wollte das, was ich sah und erlebte, festhalten, um es wiedergeben zu können, und dachte deshalb über alles nach, was unter meinen Augen vorging. Darum wirkten auch die Eindrücke der verflossenen Schauderscenen so tief und mächtig auf meine leicht erregbare Seele und griffen meinen Körper so bedrohend an. Auf Befehl meines Beschützers mußte ich also in Landshut ausruhen, obwohl es mir schwer ankam, dort zurückzubleiben. Schon nach 5 Tagen fühlte ich mich, gestärkt durch die Ruhe, meine einzige Medizin, wieder vollkommen hergestellt. Bei Beginn meines Unwohlseins hatte mich der Gedanke ergriffen, umzukehren; aber sobald ich wieder gekräftigt war, trieb es mich mächtig vorwärts. Der Zufall kam mir auch bald zu Hilfe, um mich aus meiner Unthätigkeit zu reißen. Graf Froberg, welcher von Napoleon häufig zu wichtigen Sendungen verwendet wurde, kam von München zurück nach Landshut, ließ mich in der Nacht noch dort aufsuchen und nahm mich in seinem Wagen mit. Am 3. Mai reisten wir über Neumarkt, Neuötting an Braunau vorüber und kamen am Morgen des 4. in Schärding an, welche Stadt wir fast fast ganz eingeäschert fanden. Traurig blickten uns die öden, menschenleeren Mauern im Morgenlichte entgegen; auch die Brücke über den Inn, welcher dort sehr breit ist und eine starke Strömung hat, war schadhaft und gefährlich mit einem Wagen zu passiren. In Neuötting hatte ich noch einen recht schmerzlich ergreifenden Anblick. Froberg besuchte hier seinen Freund, den Obersten Taxis, welcher tödtlich verwundet zurückgeblieben und schon dem Tode nahe war.[74] Beim Eintritt in das mit Gardinen verdunkelte Zimmer fanden wir ihn auf seinem Bette mit feinen Linnen überdeckt liegen; die bleichen, leidenden Züge verkündeten das Nahen des Todes. Doch war er gefaßt und zeigte sich über den Besuch Frobergs erfreut. Seine junge, schöne Gemahlin stand, ihn sorgsam pflegend, in Thränen neben seinem Bette. Froberg wünschte eine Zeichnung seines Freundes, was mich in große Verlegenheit setzte. Da aber auch der Verwundete damit einverstanden war, machte ich mich nicht ohne Befangenheit an die Arbeit und zeichnete die ganze Gruppe. Nachdem wir in Schärding gefrühstückt und Erkundigungen über die dort vorgefallenen Ereignisse eingezogen, setzten wir die Reise über Siegharting und Efferding nach Linz fort. In dieser heiteren, in einer freundlichen Gegend gelegenen Stadt übernachteten wir und verließen sie schon am folgenden Morgen wieder. Bisher war gar nichts Erwähnenswerthes vorgefallen, jetzt sollte uns schon nach anderthalb Stunden ein schauerlicher Anblick zu Theil werden. Auf dem halben Wege zwischen Linz und Ebelsberg erhielten wir durch einen uns begegnenden Courier Nachricht von einem blutigen Treffen, welches Tags zuvor in letzterem Orte stattgefunden. Bald erblickten wir auch die traurigen Merkmale des Kampfes. Todte und schwer verwundete Menschen, welche sich mühselig einherschleppten, bezeichneten den Weg nach dem mehr als halb zerstörten Orte, der sich an den Ufern der Traun auf einer sanft ansteigenden Höhe erhebt. Eine lange, halbzerstörte, hölzerne Brücke fast ohne Geländer, an der die Wirkungen des Geschützes recht sichtbar hervortraten, führte durch ein enges, jetzt nicht mehr bestehendes Thor in die Stadt. Im Flusse lagen viele von der Brücke hinabgefallene oder hinabgeworfene Leichen. Ueberall sah man die Spuren des kurzen, aber mörderischen Kampfes, welcher hier auf einem kleinen Raume zusammengedrängt war. Ich fand so viel Zeit, von der Brücke und dem Orte mit mehreren traurigen Episoden dieser Umgebung eine Zeichnung zu machen, bevor wir die Stätte des Schreckens in der Stadt selbst betraten. Kaum in[75] diese eingetreten, kam uns ein ekelerregender, höchst widerlicher Geruch entgegen und bald stießen wir auf die Trümmer und rauchenden Balken der eingeäscherten Gebäude und mitten unter diesen auf die Leichen verbrannter Menschen. Diese häuften sich, je weiter wir vorwärts kamen, bis sie endlich in einer engen Straße so dicht lagen, daß wir mit den Pferden darüber wegschreiten mußten. Man sah verbrannte Körper gänzlich verkohlt und langsam gebraten, ein schaudererregender Anblick, gegen den sich die Natur sträubte. Selbst die Pferde gingen schnaubend und mit Widerwillen durch diese Straße des Schreckens. Das Schauerliche vermehrte noch der lichte, abwechselnd mit schwarzen Wolken durch die Straßen ziehende Rauch. Wer eine Schnapsflasche hatte, hielt sie unter die Nase und nahm einen Schluck Branntwein, um den ekelerregenden Geruch zu überwinden. Die österreichische Landwehr hatte diesen Ort mit einer fast beispiellosen Hartnäckigkeit vertheidigt. Die Franzosen stürmten, und als die Oesterreicher nach heftiger Gegenwehr die Unmöglichkeit sahen, sich länger in Ebelsberg zu halten, zündeten sie die Stadt an und man sagte, sie hätten auch die Ausgänge verrammelt. Die auf der Brücke und durch das Thor vordringenden Franzosen hinderten den Rückzug der in der Stadt befindlichen Soldaten, von denen die meisten ein Opfer der Flammen wurden. Gegen 400 Mann sollen diesem schrecklichen Tode verfallen sein. Nachdem wir langsam, aber glücklich durch den Ort hindurch gekommen waren und mit vollen Zügen nach frischer Luft schnappten, fanden wir eine kleine Viertelstunde außerhalb Ebelsberg den Kommandirenden von dieser Affaire, den General Coëhorn, in einer armseligen Hütte, in welcher er sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Er war aus dem Elsaß gebürtig und ein Jugendfreund Frobergs. Seine Erscheinung machte mir einen ungemein günstigen Eindruck; ein Mann von kräftigem Körperbau und schöner Gestalt, mit festem Gesichtsausdrucke, kräftiger und biederer Sprache, sehr schönem Barte und schwarzem, lockigem Haare, kaum 50 Jahre alt. Eine[76] große Narbe über Stirn und Wange vollendete sein martialisches Aussehen. Ich machte die Bemerkung, ich würde, wenn ich ihn in der Kutte eines Mönchs gesehen hätte, doch den Helden herausgefunden haben, was er nicht übel aufzunehmen schien. Nach einem unter traulichen Gesprächen der beiden Jugendfreunde eingenommenen kleinen Gabelfrühstück setzten wir unsern Weg weiter fort. Coëhorn empfahl bei unserm Abschiede dem Grafen, mich gleich zu ihm zu bringen, sobald er nach Wien käme. Daß Napoleon sein bei Abensberg ausgesprochenes Wort halten und die Armee noch im Mai nach Wien führen werde, daran zweifelte nämlich Niemand. In der That marschirte man von hier, ohne daß irgend ein besonderes Hinderniß auf dem Wege eintrat, schnurgerade auf Oesterreichs Hauptstadt los. Unser Weg führte nach Enns, wo sich Napoleons Hauptquartier befand. Noch bevor wir diesen Ort erreichten, sollte mir ein imposanter Anblick zu Theil werden, welcher einen seltsamen Contrast bildete zu der Stätte des Jammers und Elends, die uns am Morgen mit Schauder erfüllt hatte. Wir bemerkten schon in namhafter Entfernung einen großen Troß Reiter auf der Landstraße. Näher kommend, erkannte Froberg den Kaiser mit seinem Gefolge, stieg aus dem Wagen und erwartete Napoleon zu Fuß, wohl wissend, daß er hier ausgefragt werde, da er aus Bayern kam. Napoleon schien nach der Tafel einen Spazierritt zu machen, weil alles in glänzender Uniform sich befand, was im Felddienste nicht üblich war. Der Zug sah dem eines Triumphators ähnlich; es waren mehr als hundert Reiter, Marschälle, Generäle, Adjutanten und Offiziere aller Grade, in eine leichte Staubwolke gehüllt. Von der glühenden Abendsonne beleuchtet, schimmerte der Glanz der Uniformen, das Bunte der Farben, das viele Gold, womit selbst die Equipirung der Pferde reich geschmückt war, auf eine prachtvolle Weise. »Ach könnte man so ein Bild festhalten,« sagte ich zu mir selbst. Ich sah den großen Kaiser später noch oft und in sehr verschiedenen Situationen, nie mehr aber von solchem Glanze umgeben. Seine Erscheinung machte damals einen so[77] tiefen Eindruck auf mich, daß mir zur Stunde noch ein lebendiges Bild desselben vor Augen tritt. Froberg hatte richtig geurtheilt. Sobald Napoleon ihn gewahrte, hielt er stille und mit ihm natürlicherweise der ganze Troß. Er sprach lange mit ihm, grüßte dann freundlich und hieß ihn in Enns verweilen, um seine weiteren Befehle abzuwarten. Durch Zerstörung der Brücke über die Enns war die französische Armee in ihrem Vordringen um anderthalb Tage aufgehalten, und so sah ich in Enns wieder das Toben eines Napoleonischen Hauptquartiers. Wie in stürmischer See sich Welle auf Welle häuft, so mehrte sich die Wucht der Soldaten. In der Regel waren fast alle Garden um den Kaiser versammelt, und diese bildeten allein schon eine kleine Armee. Die ungeheuere Anzahl von Offizieren und Generälen, von welch letzteren jeder wieder seinen eigenen Troß von Pferden, Equipagen, Dienerschaft und Ordonnanzen hatte, welche alle untergebracht sein wollten, verursachte bei der französischen Regsamkeit ein Lärmen und Toben, an das man sich nur schwer gewöhnte. Mir war es unter diesem Gedränge immer sehr unbehaglich. In dem Hofraume des Hauses, in welchem die Equipagen Frobergs standen, ging es besonders toll her, weil es ein Gasthaus war. Hier hatte ich ein kleines Abenteuer. Ein Grenadier kam mit den Leuten Frobergs in so heftigen Streit, daß sie handgemein wurden. Der Kammerdiener des Grafen, ein Pole, welcher der französischen Sprache mächtig war und wie die meisten seiner Landsleute immer Muth zeigte, wo es galt, mischte sich darein; der Grenadier aber, schon längst von Zorn entbrannt, vielleicht auch vom Weine erhitzt, packte ihn bei der Brust und riß ihm ein Stück seiner Kleidung vom Leibe. In diesem Augenblicke trat Froberg ein und sah das Handgemenge; er kam von der Tafel des Kaisers und war in großer Uniform. Langsam, ohne ein Wort zu sprechen, näherte er sich dem Grenadier und machte mit der Hand eine Bewegung, um ihm den Säbel aus der Scheide zu reißen, aber mit Blitzesschnelle sprang der Grenadier rückwärts, zog den[78] Säbel und griff den Grafen an. Ich stand dicht dabei, und ebenso schnell wie der Grenadier war auch ich mit dem Säbel heraus und parirte einige so kräftige Hiebe, daß meine Klinge tiefe Scharten bekam. Indessen eilten mehr Leute herbei, und der Grenadier, welcher wohl wußte, um was es sich jetzt handle, ergriff die Flucht. Eine ganze Schaar, darunter auch meine Wenigkeit, verfolgte ihn unter fortwährendem Rufen: arrêtez! arrêtez! aber Niemand wollte sich dem rasenden Kerl mit dem Säbel in der Hand in den Weg stellen, auch lief er so schnell den Berg hinab, daß er nicht einzuholen war, und verlor sich an den Ufern der Enns, wo sein Regiment stand, unter seinen Kameraden. Hier war er geborgen und sicher, nicht verrathen zu werden. Ich erzähle dieses kleine Abenteuer, weil es vielleicht auch nicht ganz ohne Einfluß auf meine künftige Laufbahn blieb. Am Abend des 6. Mai, nach Vollendung der Schiffbrücke über die Enns, begann der Uebergang. Von Landshut bis Enns reiste ich mit Froberg im Wagen, von da an wurde der Weg bis Wien zu Pferd fortgesetzt. Die Straßen waren mit Truppen überfüllt: Fußvolk, ungeheure Massen Reiterei, Artillerie und was dazu gehört, alles drängte nun in Eilmärschen mit Ungestüm auf Wien los. So eine Stadt wie Wien ist ein Magnet, der gewaltig zieht. Unter solchem Treiben muß man auf jede Bequemlichkeit verzichten. Man schätzte sich glücklich, zu Pferde durch das Gedränge zu kommen. Equipagen und alles unnöthige Gepäck mußte zurückbleiben und abwarten, bis der größte Andrang der Truppenmärsche vorüber war. Um 11 Uhr Nachts brach die Mannschaft auf und marschirte bei entsetzlich schlechtem Wetter die ganze Nacht hindurch. Am folgenden Mittag kamen wir vom Regen durchnäßt und von Kälte ganz erstarrt in Amstetten an. Nach ein paar Stunden Ruhe und einem mageren Mittagsmahle wurde der Marsch fortgesetzt, und Abends 7 Uhr erreichten wir die schöne Gegend von Kloster Mölk. Diese reiche Abtei liegt auf einem lieblichen Hügel, an dessem Fuße sich die Donau hinzieht. Stolz ragen die Mauern[79] des prächtigen Baues in die fruchtbare Gegend hinaus und alles deutet hier auf großen Wohlstand. Diesen machten sich die Franzosen trefflich zu Nutzen, besonders konnten die Klosterkeller davon erzählen: die Soldaten badeten sich förmlich in Wein. Hier stellte sich ein komisches Bild meinen Augen dar. Bei dem Trosse des Grafen Froberg befand sich auch ein Chevauxleger als Ordonnanz, ein Landsmann von mir, ein unternehmender, sehr brauchbarer Bursche. Er hatte ein ganz vortreffliches Pferd, welches er liebte wie sein zweites Ich. Er war sehr zu Excessen geneigt; ein solcher durfte natürlich bei dem Kellerfeste nicht fehlen. Ich hatte mich auf dem Hügel vor dem Kloster niedergesetzt und blickte sinnend in die reizende Gegend. Auf den Regen des vorigen Tages war ein schöner Frühlingsmorgen gefolgt, die vielen Obstbäume, welche Mölk zieren, standen in voller Blüthe, die grünen Saaten und Felder, durch die sich der stolze Strom schlängelte, zogen meine Blicke und Gedanken von dem wilden Treiben im Kloster ab. Ich konnte mich gar nicht entschließen, dasselbe zu betreten, hatte ich doch nie Wohlgefallen empfunden an dem rohen Leben der Soldateska. Mein Landsmann hatte mir sein Pferd anvertraut und sich in den Keller begeben. Nach einiger Zeit kam er jubelnd mit einem Schaff Wein, setzte es auf den Boden mit den Worten: »Da, Schimmel, sollst heute auch einen guten Tag haben.« Er selbst legte sich daneben und Roß und Reiter thaten sich gütlich; der Schimmel trank zu meinem Erstaunen mit vollen Zügen. Endlich erinnerte jener sich, daß hier seines Bleibens nicht sei; etwas mühsamer als sonst kletterte der Reiter diesmal auf sein Pferd, und nun ging die höchst komische Reise den Berg hinab: Roß und Reiter waren berauscht. Letzterer saß jubelnd noch mit der Flasche in der Hand auf seinem Pferd und sang in nicht sehr melodischen Tönen lustige Soldatenlieder; der Schimmel aber senkte den Kopf, ließ die Ohren hängen und taumelte ganz wie ein betrunkener Mensch. Doch gelangten beide glücklich bis an den Stall, der am Fuße des Hügels lag. Die Thüre desselben stand offen, war aber[80] etwas niedrig. Der Reiter vergaß, sich zu bücken, streifte den Helm ab, verlor das Gleichgewicht und folgte seinem Helm nach. Das Pferd aber streckte den Kopf unter den Barren und stand sehr lange unbeweglich. Ich ließ ihm Wasser reichen und nach einigen Stunden begann es wieder zu fressen. In Mölk mußten wir bivouakiren, da der Ort mit Truppen überfüllt war. Unser Jäger hatte für Braten gesorgt: er hatte in der Frühe einen verlaufenen Hasen erlegt und schoß alle Tauben, die sich blicken ließen, von den Dächern herunter. Der Kammerdiener des Grafen hatte diese Beute vortrefflich zubereitet, an gutem Wein fehlte es nicht, und so hielten wir ein ganz vortreffliches Mahl. Gegen Mittag begann der Weitermarsch; wir kamen Abends nach Sanct Pölten und wurden in einem Bürgershause bei gutem Quartier sehr gastfreundlich bewirthet. Der Durchmarsch der Truppen durch diese Stadt dauerte mehrere Tage ununterbrochen. Die Einwohner machten dazu sehr bedenkliche Mienen. Besonders die Cuirassiere, welche allein einen ganzen Tag in majestätischer Haltung durch die Stadt zogen, nicht minder die riesenhaften Grenadiere à cheval und die übrigen Garden imponirten dem Volke. Einer fragte den andern, wo in aller Welt so viele Leute herkämen, und da die Straße durch den Ort etwas eng war, dauerten die Durchzüge um so länger und vergrößerten wenigstens dem Anscheine nach die Anzahl der Truppen. Jede Hoffnung auf eine günstige Wendung des Krieges für Oesterreich schien aus dem Herzen des Volkes zu schwinden. Wir verweilten eine Nacht und einen Tag in St. Pölten. Abends 10 Uhr erging der Befehl, uns marschfertig zu halten, allein es war noch keine Möglichkeit, durchzukommen; erst am folgenden Morgen den 9. Mai konnten wir weiter. Bei herrlichem Frühlingswetter, welches sich gegen Mittag zu bedeutender Hitze steigerte, durchzogen wir, in eine immerwährende Staubwolke gehüllt, die freundlichen Gegenden zwischen St. Pölten und Wien. Der Marsch strengte an, zumal es unterwegs wenig zu essen gab, da unsere zahlreichen Vorgänger[81] schon fast alles aufgezehrt hatten. Um halb 9 Uhr Abends kamen wir vor Schönbrunn an, wo Napoleons Hauptquartier sich befand. Graf Froberg nahm sofort im Schlosse Quartier; ich aber war von dem langen Marsche so erschöpft, daß ich mich mitten unter den Pferden auf die Erde niederlegte und einschlief. Gegen 11 Uhr Nachts wurde ich in das Schloß gerufen: Froberg, väterlich, wie er sich stets mir erwiesen, nahm mich zu sich und besorgte mir ein ordentliches Lager. Am folgenden Morgen sagte er: »Aber das war eine Kanonade diese Nacht!« ? »Welche Kanonade?« fragte ich ganz naiv. »Nun, Gott segne einen solchen Schlaf,« rief er lachend aus, »das ist die Fortsetzung des Regensburger Schlafes! Wien ist diese Nacht bombardiert worden, alle Fenster und der Boden haben hier gezittert, auch hat es gebrannt und brennt noch!« Amazon.de Widgets Wien, die schöne Kaiserstadt! da lag sie in ihrer ganzen großen Ausdehnung vor meinen Augen. Zu welchen Gedanken fühlte ich mich hingezogen! Es mischte sich eine Art Wehmuth in die Freude, es ahnte mir, daß ein Wendepunkt meines Lebens eintrete. Und das war auch der Fall. Hätte ich im Buch der Zukunft lesen können, so wäre ich wohl zufrieden mit dem, was ich gesehen, erlebt und in mich aufgenommen hatte, nach München zurückgekehrt, um mich, meinem inneren Drange zu genügen, einem ernstern und tiefern Studium der Kunst hinzugeben; und es unterliegt keinem Zweifel, daß ich auf diesem Wege ein größerer Künstler geworden wäre. Aber mein Glück war mir vorausgeeilt, zu frühe wurde ich in das große Leben hineingeworfen. Ich war für dieses nicht reif und vorbereitet und verlor dadurch zu viele Zeit für das Studium ernsterer und höherer Zwecke. Ich konnte den Zwiespalt in meiner Brust nicht los werden, welcher mich in die Ferne trieb und auf der andern Seite wieder zu einem stillen, ernsten Kunsttreiben zurückzog. Ein paar Tage verweilten wir in Schönbrunn, wo ich interessante Studien von der kaiserlichen Garde machte. Erst am 13. ritt ich mit Froberg nach Wien, wo er mich seinem[82] Worte gemäß gleich zu General Coëhorn führte. Dieser beauftragte mich, sein Portrait zu Pferd in Oel auszuführen, eine Arbeit, die ich sogleich, nachdem ich das nöthige Material zusammengebracht, begann. In der Zwischenzeit hatte sich auch mein edler Beschützer in Wien eingerichtet und mein Atelier, in welchem sich bald eine große Thätigkeit entwickeln sollte, war etablirt. Schon bei der ersten Sitzung wurde das Portrait sprechend ähnlich, und noch war es nicht vollendet, so kam schon ein zweiter, dritter Auftrag, und in kurzer Zeit war ich so mit Aufträgen überhäuft, daß meine Kräfte für sie nicht hinreichten, obwohl ich mit großer Leichtigkeit und anhaltendem Fleiße arbeitete. Die Franzosen fanden nämlich ungemein großen Geschmack an meinen Reiterportraits, welche ich stets mit kleinen Episoden aus dem Feldzug auszuschmücken wußte. Gerade die Einfachheit und Wahrheit in der Darstellung gefiel ihnen. Einige gingen sogar so weit, mir zu sagen: Wenn ich nach Paris komme, solle ich mir Charles Vernet4 nicht zum Muster nehmen, ich sei auf besseren Wegen. Horace Vernet5 kannte man damals noch nicht. Am 21. Mai, am Pfingstsonntage, hörte man in Wien eine heftige Kanonade: es hatte die für Napoleon unglückliche Schlacht bei Aspern begonnen. Da ich fleißig arbeitete, Froberg bei Napoleon in Schönbrunn sich befand und mit der Suite desselben gleich auf das Schlachtfeld begab und in Wien nichts von den Vorbereitungen zur Schlacht verlautet hatte, so bekam auch ich keine Kunde davon. Das Pfingstfest und das herrliche Wetter hatte mich zu einem Spaziergang in die schönen Umgebungen Wiens veranlaßt. Sobald ich aber den Donner des Geschützes vernahm, eilte ich nach Hause, um mein Pferd zu satteln, und ritt auf gut Glück der Gegend zu, woher der Schall kam, der aber[83] häufig ein sehr trügerischer Wegweiser ist, besonders wenn ein Strom wie die Donau, welche sich in dieser Richtung in viele breite Arme theilt, dazwischen liegt. Der Wege unkundig, ritt ich irre und entfernte mich immer weiter von den Uebergangspunkten. Ich stand in der Aufregung, horchte und beobachtete die in der Ferne fortwährend aufsteigenden Rauchsäulen. Inzwischen brach der Abend herein und in tiefes Nachdenken versunken ritt ich in der Dämmerung zurück, ohne etwas über die Schlacht in Erfahrung gebracht zu haben. Am folgenden Morgen um 8 Uhr begann die Kanonade aufs neue und viel heftiger als Tags zuvor. Diesmal aber erkundigte ich mich genau nach den Straßen, welche zu den Uebergangspunkten der Donau führten, und kam auch an dieselben; aber hier hieß es: Halt! Die an der Brücke stehende Cavallerie-Vedette ließ mich nicht passiren; jeder Versuch, durchzukommen, war vergebens, Uniform trug ich nicht, Passirschein hatte ich auch nicht, und so wurde ich schnöde zurückgewiesen. Ganz betrübt und langsam kehrte ich nach der Stadt zurück. Später, nachdem man Näheres über die Schlacht bei Aspern erfahren konnte, kam mir mitunter der Gedanke, es sei zu meinem großen Glücke gewesen, daß ich verhindert wurde, Augenzeuge dieses entsetzlich blutigen Schauspiels zu sein. In einer solchen Schlacht ist für den, welchen kein Beruf in sie geführt, kein Platz. Am 23. Mai kam Graf Froberg ganz allein, mit Staub überdeckt, von Hitze, Hunger und Durst abgemattet, von dem Schlachtfelde nach Wien zurück. Auch sein Pferd war zum Erbarmen erschöpft: »Danke Gott, daß du nicht dabei warst,« lautete sein erstes Wort, als er mich erblickte, »ich habe diese beiden Schlachttage nichts von meinen Leuten und Pferden zu sehen bekommen. Gott weiß, was aus ihnen geworden ist!« Wir harrten auch diesen und den folgenden Tag sehnsüchtig, aber vergebens auf die Ankunft der Pferde, erst am 25. Abends kamen sie und die Leute unversehrt zurück. Die Freude darüber war groß, denn der Graf hatte sie längst verloren gegeben.[84] Napoleon kehrte nach der Schlacht bei Aspern nicht nach Schönbrunn zurück. Vom 23. Mai bis zum 5. Juli, dem Tage der Schlacht bei Wagram, verweilte er zu Kaiser-Ebersdorf. Während dieser Zeit wurde die Insel Lobau verschanzt und Zurüstungen zu einem neuen furchtbaren Kampfe getroffen. Ich aber saß mit großem Eifer an meiner Staffelei und arbeitete viel, denn Napoleons Umgebungen kamen fleißig von Ebersdorf nach Wien, um sich zu belustigen und mir nebenbei zu ihren Portraits zu sitzen. In Wien war man natürlich über den unglücklichen Erfolg des Krieges nicht erfreut, trotzdem aber herrschte in seinen Mauern das regste Leben. Der Hang zur Unterhaltung und die Liebhaberei zu allem Neuen übertäubte bei den Wienern manches bittere Gefühl. Die Galanterie der Franzosen fand vornehmlich bei den Damen Gnade; viel Geld wurde in Umlauf gesetzt, und so lebte bald alles in Wien wieder lustig und guter Dinge. Ich aber saß vom Morgen bis in den späten Abend an meiner Staffelei, und erst bei Hereinbruch der Dämmerung schwang ich mich auf ein rasches Pferd, suchte das Freie und tobte mich aus. Dabei lebte ich sehr mäßig und hatte an dem eigentlichen Wiener Leben während eines siebenmonatlichen Aufenthaltes wenig oder gar keinen Antheil genommen. Hier fand ich auch meine beiden Freundinnen Sophie Reinhardt und Marie Geiger wieder; doch in ganz anderen Verhältnissen als in München. Sie wohnten nicht mehr zusammen. Sophie Reinhardt hatte ein eigenes Atelier und Wohnung, und Marie Geiger wohnte bei ihrem Onkel, einem alten wohlhabenden Privatmann, hatte dort zwar ein sorgenfreies Leben, fühlte sich aber dennoch minder glücklich als zu München in ihrer Zurückgezogenheit. Alte Erinnerungen an schuldlos und glücklich verbrachte Stunden und Tage in München tauchten bei unserer, wieder erneuerten Bekanntschaft auf, und ich verlebte manch trauliches Stündchen mit den Beiden auch in Wien. Aber diese Stunden geistigen Verkehrs waren mir spärlich zugemessen. Die rastlose[85] Thätigkeit, zu welcher ich fast unfreiwillig durch das Ungestüm der Franzosen, welche Bilder von mir haben wollten, getrieben war, ließ mir wenig Zeit für solch lieben Umgang. Mein edler Beschützer, Graf Froberg, wurde in dieser Zeit der Waffenruhe von Napoleon zu König Max nach München gesendet und kam nicht mehr zurück. Er war seit dem Tage von Aspern leidend, und König Max, welcher ihn liebte und gerne um sich sah, wollte seiner nicht entbehren. Bevor er Wien verließ, stellte er mich unter den Schutz des Kammerherrn Napoleons: de Bonti (später Präfekt in Lyon). Dieser wohnte in demselben Hause wie wir und war mit Froberg sehr befreundet. De Bonti galt als einer der geistreichsten Franzosen, welcher Sinn für Kunst, Musik, Litteratur und alles Schöne hatte. Er war mir gewogen, und ich befand mich unter seinem Schutze sehr wohl. Meine Stellung verschaffte mir die Bekanntschaft hervorragender Persönlichkeiten aus Napoleons Umgebung. Ich malte den Minister und Staatssecretair Maret, Savary, die Generale Durosnelle, Montion, zwei Brüder Montesquieu, Taillerand-Perigord und viele andere Personen, die namentlich anzuführen zu weitläufig wäre. Diese Herren fanden besonders Wohlgefallen an der Leichtigkeit und dem großen Eifer, mit dem ich arbeitete, sowie an meinem unbefangenen und natürlichen Wesen. Ich erhielt viele Beweise von Auszeichnung. Maret und mehrere andere hohe Persönlichkeiten zogen mich öfters zur Tafel und bewiesen mir bei jeder Gelegenheit ihre Gunst. Meine Jugend ward hiebei wohl auch berücksichtigt. Es lag damals überhaupt im Geiste der Zeit, nur auf die persönliche Tüchtigkeit eines Menschen Rücksicht zu nehmen; nur das wahre Verdienst bildete den Werth des Mannes. Alter, Rang und Stand hob keinen empor, wenn er nicht durch Thatkraft sich bemerklich machte. Das bloße Talent war nicht genügend, man wollte auch Muth, Kraft und Ausdauer sehen, denn das waren die Hebel, mit denen so Großes unter Napoleon vollbracht wurde. Niemand fragte nach dem Rocke, der[86] konnte immerhin nachlässig sein, wenn nur das, was in ihm steckte, brauchbar war. Ich habe dem Gange der Ereignisse etwas vorausgegriffen, um im Zusammenhange zu bleiben. Die so eben geschilderten Arbeiten wurden unterbrochen durch die Tage der Schlacht bei Wagram (5. und 6. Juli). Diesmal hatte ich mich mit einem Passirscheine versehen, welchen mir de Bonti verschaffte, um keinen Verlegenheiten ausgesetzt zu sein. Allein auch in der Schlacht bei Wagram ging es mir nicht besser, als in den früheren Treffen dieses Feldzugs. Ohne Führer, keinem Corps, keinem Stabe angehörig, irrte ich auf dem unermeßlichen Schlachtfelde ganz allein planlos herum, sah aber dennoch viel Interessantes und zeichnete viel. Der 5. Juli brachte keine Entscheidung; die Armeen schlugen sich bis Einbruch der Dunkelheit; erst die Nacht machte dem Gefechte ein Ende. Der Kampf hatte viele Opfer gekostet. Herrlich stieg am folgenden verhängnißvollen Tage die Sonne herauf und verbreitete ihren Glanz über die goldenen Saaten, welche heute, statt die Scheunen des Landmannes zu füllen, unter den Hufen der Rosse zertreten werden sollten. Schon mit dem ersten Dämmern des Tages sah man, soweit das Auge reichte, die Waffen der Oesterreicher blitzen; es herrschte dabei die größte Stille, und es lag in dem Anblicke etwas Unheimliches, aber Feierliches. Um eine Beschreibung dieser kolossalen Schlacht bei Wagram zu machen, bedarf es einer andern Feder. Die Schlachtlinie dehnte sich auf einer durch sanfte Hügel hie und da unterbrochenen Ebene mehrere Stunden weit aus. Gegen die österreichische Stellung hin erhob sich diese, wodurch eben der Anblick dieser Armee so imposant wirkte. Mit Tagesanbruch begann auf dem linken Flügel die Kanonade, die sich bald auf die ganze, ungeheure Linie ausdehnte. Es sollen von beiden Seiten weit über tausend Geschütze im Feuer gewesen sein. Napoleon ließ gegen Mittag auf einen einzigen Punkt hundert Geschütze auffahren; wenn man bedenkt, welchen Raum diese allein in Anspruch nahmen, so kann man sich eine Vorstellung[87] von der Ausdehnung jener Schlacht machen. Prachtvoll, aber schauerlich war das Hin- und Herwogen des Kampfes anzusehen; einen wehmüthigen Anblick gewährten die zertretenen, zum Theil schon schnittreifen Kornfelder: sie sind das Grab vieler Tausende von Menschen und Pferden geworden. Man stieß auf Felder, welche mit Leichnamen und todten Pferden übersäet waren. Da nämlich bei Wagram Cavallerie und Artillerie sehr thätig war, kostete es auffallend viele Pferde. Dieses dem Menschen so getreue Thier erregt immer großes Mitleid, weil sein Schmerz so stumm ist und weil es den Menschen oft so wehmüthig anblickt. Manche dieser armen Thiere hinkten mit einem abgeschossenen Fuße auf drei Beinen herum. In großer Anzahl schleppten sich leicht und schwer verwundete Krieger aus dem Kampfe zurück oder wurden zurückgetragen. Vom frühesten Morgen an rollte der Donner der Geschütze unaufhörlich; gegen Abend entfernte er sich allmählig und man konnte daraus schließen, daß die Oesterreicher sich zurückzogen. Es war im wahren Sinne des Wortes eine heiße Schlacht. Nicht nur der Kampf war heiß: den ganzen Tag brannte die Sonne fürchterlich, man sah die Soldaten vor Durst lechzend an dem Brunnen eines halb oder ganz zerstörten Ortes sich um einen Trunk Wasser balgen. Der Krieg sucht gewöhnlich die Wohnungen der Menschen mit Feuer und Schwert heim und brennende und zerstörte Ortschaften sind fast immer die traurigen Schlußdecorationen von diesem fürchterlichen Drama. Es fehlte auch diesesmal nicht an diesen Zeichen der Verwüstung. Gegen Abend begab ich mich nach dem linken Flügel, auf dem unsere bayerische Cavallerie, darunter auch das mir so bekannte Regiment König, stand und bald darauf rückten sie auch in das Treffen. In langer Colonne zogen sie still über einen schönen Wiesengrund hin, man hörte kaum die Pferde auftreten; nur die jungen Soldaten bramarbasirten viel, bis ein alter Wachtmeister an der Colonne hinritt und jene anbrummte: »Braucht lieber eure Säbel, als eure Mäuler tüchtig, wenn's losgeht. Diesmal gilt's!« In der That kam das Regiment[88] noch stark in das Feuer. Ich wollte durchaus mitreiten, aber der Oberst hatte mich bemerkt und wies mich mit großer Entschiedenheit zurück. Napoleon bekam ich an diesem Tage nicht zu sehen. Dagegen sah ich mit Betrübniß den General-Lieutenant Wrede schwer verwundet aus dem Treffen zurückbringen; eine Kanonenkugel hatte ihn an der Hüfte so gestreift, daß man für sein Leben besorgt war. Die Feuerschlünde waren verstummt, nicht aber das Aechzen und Stöhnen der Schwerverwundeten, denen man überall begegnete. Dort schleppten vier Soldaten einen General, in Ermangelung jeglichen Transportmittels, blos in seinen Mantel gehüllt. Da trug ein Krieger seinen Kameraden, dem ein Fuß abgeschossen war, auf den Schultern, dort zogen andere statt der Pferde einen großen Karren, auf den sie Schwerverwundete geladen hatten; da führten französische Cuirassiere, blos um ihr Gepäck zu retten, Pferde zurück, welche elend auf drei Beinen einherhinkten: kurz, es war eine grausige Scene. Alles trieb sich durcheinander, um noch eine Ortschaft zu erreichen und ein Obdach zu gewinnen. Ueberall stieß man auf abgeschossene Glieder, Waffen und Armaturstücke, Kopfbedeckungen, zerfetzte Kleider, Schuhe und auf alle möglichen Gegenstände, welche der Soldat mit und an sich trägt. Dazwischen lagen die furchtbaren eisernen Würfel, welche hier ihr wildes Spiel getrieben: an einigen Stellen war das Feld ganz mit Kanonenkugeln übersäet. Mein Weg führte mich an einem Kirchlein vorbei, dessen Dach und Mauern von den Kugeln arg zugerichtet waren; die ganze Ausstattung desselben, selbst das Crucifix hatten die Soldaten herausgeworfen, um ihre verwundeten Kameraden hineinzulegen. In kleiner Entfernung davon fiel der Blick auf die verödeten Mauern ausgebrannter Häuser, in denen gespensterhaft die schwarzen Kamine in den abendlichen Himmel emporragten. Der Tag neigte sich zu Ende und die Sonne, welche bei ihrem Aufgange zwei prächtige Armeen, die mit blinkenden Waffen in der Hand einander kampfesmuthig gegenüber gestanden, beleuchtet hatte,[89] beschien die traurigen Reste. Ja, Froberg hatte Recht, als er sagte: »Du wirst finden, daß der Krieg eine ernste Sache ist,« dachte ich bei mir selbst. Es war noch ein gutes Stück Weg von mehreren Stunden bis Wien zurückzulegen und mein armer Schimmel, auf welchem ich den größten Theil dieses langen Tages gesessen hatte, war so ermattet, daß er kaum mehr fortkonnte. Auf der Insel Lobau ließ ich ihn eine halbe Stunde grasen, wodurch er sich wieder etwas erholte; ich selbst legte mich unter einen Baum auf den Boden. Hier sah ich noch ein ernstes Bild: vier hessische Infanteristen trugen auf einer Bahre einen Todten oder Sterbenden stumm und still an mir vorüber. Man vernahm keinen Laut, als die regelmäßigen Fußtritte, welche militärisch in einem Tempo traten. Da ich mit dem Gesichte gegen Westen lag, so stach die ganze Gruppe beinahe schwarz wie eine Silhouette ab gegen die Lust, in welcher noch der letzte Schein eines starken Abendrothes verglomm. Diese Scene machte einen feierlichen, für das Auge eines Künstlers schönen Eindruck. Nach einer kurzen Ruhe trat ich den Rückweg wieder an; es war schon dunkel, als ich die verschiedenen Donaubrücken passirte. Erst spät in der Nacht kam ich recht hungrig und durstig nach Wien. Mein sehnlicher Wunsch, Augenzeuge einer großen Schlacht zu sein, war also erfüllt. Es gab nun Stoff genug zum Nachdenken, auch zu Bildern, wenn Zeit und Umstände es erlaubten. In diesen Tagen sah ich so viele erschütternde Scenen, daß ich kein Verlangen trug, der Armee weiter zu folgen. Es war dieses auch die entscheidende Schlacht in diesem Kriege. Bei Znaim in Mähren fand zwar noch ein heftiger Kampf statt, auf welchen ein Waffenstillstand und im November der Friede erfolgte. In Wien setzte ich mich wieder an meine Staffelei, vollendete die früher angefangenen Arbeiten und übernahm neue Aufträge, die sich aber rasch so sehr häuften, daß sie mir lästig wurden. Mehr als einmal kam ein Offizier, den ich unter dem Vorwande,[90] ich hätte keine Leinwand zu Hause, abwies; aber er kam wieder und brachte die auf die Blendrahme aufgespannte Leinwand mit. Dieser Fall kam mir mehr als einmal vor. Die Franzosen sind ungemein findig und wußten bald auszukundschaften, wo man dergleichen Materialien gut zu kaufen trifft. Nun sollte ein Reiterportrait gemacht werden ? aber auf welch' komische Weise! Ohne alle Vorbereitung malte ich den Kopf der Person, welche mich sozusagen zum Malen zwang, mitten in die Leinwand und hing diese dann an die Wand, bis ich Zeit zur Vollendung des Bildes hätte. Viele dieser Sachen kamen aber gar nicht zur Ausführung; noch heute besitze ich mehrere kleine, sehr ähnliche Portraits interessanter Persönlichkeiten, welche ich bei meinem Abschiede von Wien aus der Leinwand herausschnitt und mitnahm. Einen mir sehr willkommenen Auftrag erhielt ich von dem General Durosnelle. Er wollte ein umfangreicheres Bild als die meisten anderen, welche ich bisher in Wien vollendet hatte; er ließ sich malen in einem äußerst figurenreich gruppirten Bivouak, von seinen Leuten und Pferden umgeben. An diese Arbeit ging ich mit besonderer Lust, konnte aber kaum zum Anfange, viel weniger zur Vollendung kommen, bis mir der Zufall Hilfe brachte. Durosnelle wohnte bei Napoleon im Schlosse zu Schönbrunn und schickte mir seine Leute und Pferde von dort nach Wien zu den Sitzungen. Er selbst fand sich auch zu diesem Behufe einige Male ein, aber immer saß schon ein anderer, wenn er kam. Zuletzt mußte ihm das bei aller ihm eigenen Höflichkeit doch zu viel werden. Er erklärte: »Ich komme morgen früh um 9 Uhr, erwarte aber, daß Sie dann nur mich und niemand andern, wer es auch sein mag, vornehmen.« Ich hatte alles für diese Sitzung hergerichtet, als Taillerand-Perigord, ein Adjutant des Marschalls Bessières, kam, um mir zu sitzen; keine Entschuldigung half, ich solle wenigstens anfangen, er wolle den Platz räumen, wenn Durosnelle käme. Ich nahm meine Zuflucht zu einer Finte und sagte: »Für die erste Sitzung muß ich Sie zu Pferd und in ganzer Uniform sehen, sonst kann ich nicht anfangen!« Er ließ sich[91] nicht abbringen, schickte seinen Diener fort, ließ sich Pferd und Uniform holen und begann in meinem Zimmer sich umzukleiden. Eben wollte er seine rothen, reich mit Goldstickereien verbrämten Hosen anziehen, als Durosnelle eintrat. Er blieb erstaunt unter der geöffneten Thüre stehen, schaute mich und den Adjutanten an und sagte: »Da haben wir wieder die alte Geschichte!« Ich entschuldigte mich und erwiderte: »Mein General, hier weiß ich nur einen Ausweg, um Ihr Bild, welches ich so gerne mit einiger Muße malen möchte, vollenden zu können: Ich will Ihr Arrestant in Schönbrunn werden, bis ich mit dem Bilde fertig bin, wenn Sie mich zu sich nehmen. Ihrer Sorge überlasse ich es dann, daß ich bei der Arbeit nicht inkommodirt werde.« Durosnelle ging mit Vergnügen auf diesen Vorschlag ein und schickte schon den folgenden Tag seinen Wagen, um mich abzuholen. In Schönbrunn verlebte ich fünf Wochen in den angenehmsten und behaglichsten Verhältnissen. Mein Kunsttreiben in Wien hatte wohl in Bezug auf Ertrag und Aufmunterung sein Angenehmes; aber es war doch ein zu handwerksmäßiges Schaffen, in welchem ich mir selbst nicht gefiel; ich schätzte mich darum glücklich, ihm entronnen zu sein. In der Nähe eines geistreichen, kunstsinnigen Mannes, wie Durosnelle, konnte ich mich wieder sammeln und mit voller Liebe der Arbeit hingeben, welche mir Freude machte. So kam ich seit fünf Monaten zum ersten Male zu einem Ruhepunkte und wurde wieder fähig, mich zu sammeln. Durosnelle, ein Adjutant des Kaisers und einer der liebenswürdigsten Männer aus Napoleons Umgebung, war von mittlerer Größe, wohlgestaltetem Körperbau und sein Kopf schön; in seinen Gesichtszügen lag etwas Mildes und Edles, in seinem ganzen Wesen etwas Vertrauen Erregendes, durchaus Verständiges. Man sagte, Napoleon sei ihm sehr geneigt und es war ein eigener Zug seines Charakters, daß er solchen Männern gerne sein Herz zuwendete. Durosnelle liebte die Kunst sehr und hatte mir mein Arbeitszimmer neben seinem Schlafgemache angewiesen; oft geschah[92] es, daß er sehr früh Morgens gerade aus dem Bette vor meine Staffelei trat und mir lange bei meiner Arbeit zusah. Er wohnte gerade über dem Kaiser, was mir Gelegenheit bot, diesen fast täglich auf dem großen Balkon des Schlosses, auf dem er oft nach der Tafel den Kaffee trank, zu sehen. Ich beobachtete ihn auch, wenn er des Abends, sobald es kühl wurde, im Garten nachdenkend, langsamen Schrittes auf und ab ging. Gewöhnlich hatte er dann nur einen seiner Vertrauten bei sich. Die Aussicht meiner beiden Zimmer ging auf den schönen Garten, in welchem die tiefste Stille herrschte. Hier konnte man ganz vergessen, daß man sich im Kriege befand, was mir als Abwechslung und nach dem, was ich in fünf Monaten erlebt und gesehen, ungemein wohl that. Ich arbeitete zwar jetzt auch in Schönbrunn recht fleißig, aber ganz con amore, denn Durosnelle sorgte dafür, daß ich in meinem freiwilligen Arreste, der mir sehr behagte, nicht gestört wurde. Eine Unterbrechung dieser Stille waren zur Mittagszeit die glänzenden Paraden im Schloßhofe. Auf diesem großen Raume, der zu einem solchen militärischen Schauspiele wie geschaffen schien, sah man täglich mehrere Tausende der verschiedensten Waffengattungen von der prachtvollsten Armee des Jahrhunderts. Dem Ganzen verliehen die kaiserlichen Garden immer einen überwältigenden Glanz. Auch hier hatte ich Gelegenheit, den Abgott der Soldaten zu beobachten, wie er mit tiefem Ernste die Truppen musterte und an sich vorüberziehen ließ. Nach Vollendung meines Bildes kehrte ich nach Wien zurück. Es fiel mir schwer, den schönen Aufenthalt zu verlassen, aber ich hatte viele angefangene Portraits in Wien stehen, welche ich vollenden wollte. Eines Abends (es war der 16. September) traten zwei Offiziere in blauen Oberröcken ohne alle Distinktionszeichen in mein Atelier, nur der Hut des einen bezeichnete den General. De Bonti's Kammerdiener, welcher sich im Vorzimmer befand, öffnete ihnen mit Ehrerbietung die Thüre und verschwand. Sie[93] baten um Erlaubniß, meine Bilder und mein Portefeuille sehen zu dürfen; ich rückte einen kleinen Tisch neben die Staffelei, legte letzteres darauf, bot ihnen Stühle an und entschuldigte mich, daß ich fortarbeitete, denn ich hätte zu befürchten, daß mich die Dunkelheit ereile, was sie billigten. Zuerst betrachteten sie die angefangenen Bilder an der Wand, amüsirten sich daran und erkannten auf den ersten Blick alle Portraits. Sodann setzte sich der eine dieser beiden Herren an den Tisch und sah alle meine Zeichnungen bis zum letzten Blatt in dem Portefeuille mit großem Interesse durch, der andere aber dankte für den Stuhl und blieb stehen. Sie richteten während des Durchblätterns verschiedene Fragen an mich, unter andern, ob ich nie in Italien gewesen. Ich verneinte es, worauf der eine fragte, ob ich Lust hätte, dorthin zu gehen, er kenne den Vicekönig sehr gut und wolle mich bei ihm empfehlen, die Vicekönigin sei eine bayerische Prinzessin und ich könnte dort gute Aufnahme finden. Ich dankte so verbindlich ich konnte und erwiderte, daß ich gerne nach Italien ginge, allein Monsieur de Bonti habe mir versprochen, mich mit nach Paris zu nehmen, und ohne seine Zustimmung würde ich nichts unternehmen. Darauf erhob sich der Sitzende, klopfte mir freundlich auf die Schultern und sagte, das sei recht brav von mir, Dankbarkeit kleide den Menschen immer gut, er werde de Bonti selbst über die Sache sprechen. Alsdann entfernten sie sich freundlich grüßend, der Kammerdiener öffnete ihnen, was er sonst nie that, abermals die Thüre und machte, nachdem sie fort waren, ein äußerst pfiffiges Gesicht, ohne weiter ein Wort über den Besuch zu äußern. Diese beiden Herren waren Niemand anders als der Prinz Eugen6 und sein Adjutant, der Obrist Bataille, welcher leidlich[94] gut deutsch sprach. De Bonti ließ mich am folgenden Morgen ganz früh an sein Bett rufen und lachte herzlich, daß ich den Prinzen nicht erkannte. Dieser hatte noch an demselben Abende nach dem Theater in Schönbrunn mit de Bonti gesprochen und ließ mir durch ihn wissen, daß er mich nach Italien mitnehmen wolle. Ich erbat mir seinen Rath hierüber und äußerte, daß ich ebensogerne mit ihm nach Frankreich gehen würde. Er erwiderte, daß ich ein solches Anerbieten vernünftigerweise nicht zurückweisen könne, ich wäre durch dasselbe zeitlebens geborgen und würde unter dem Schutze des Prinzen, der an meinen Arbeiten und meinem Benehmen großes Wohlgefallen gefunden, einer sehr angenehmen Stellung entgegengehen. Nach einigen Tagen kam Obrist Bataille wieder und machte mir officiell die Mittheilung, daß Prinz Eugen mich in seine Dienste nehmen wolle, wenn ich mich entschließen könne, ihm auf Reisen und im Kriege überallhin zu folgen. Zugleich wurde ich gefragt, unter welchen Bedingungen ich hierauf einzugehen gesonnen sei. Meine Antwort war, daß ich dieses Anerbieten mit Dank annehme, daß ich aber weit entfernt sei, dem Prinzen Eugen Bedingungen zu stellen, ich glaube von einem so edeln Fürsten erwarten zu dürfen, daß er mir die Stellung anweisen werde, welche ich verdiene. Es war dies der natürliche Ausdruck[95] meiner Denkart und der Bescheidenheit; aber ich hatte unter den gegebenen Umständen nicht ganz Recht, ich hätte meine Bedingungen ziemlich hoch stellen dürfen, wie ich später aus sicherer Quelle erfuhr. Am 6. Oktober erhielt ich den ersten Auftrag von meinem neuen Gebieter: ich wurde in Begleitung des Obristen Bataille nach Raab in Ungarn geschickt, um das dortige Schlachtfeld zu zeichnen. Unter erschwerenden Umständen erfüllte ich zu großer Zufriedenheit des Prinzen diese Aufgabe. Diese Mission wurde mir nämlich während des Waffenstillstandes zu Theil, und das Schlachtfeld, welches zwei kleine Stunden von Raab entfernt lag, war mehr als zur Hälfte in den Händen der Oesterreicher, besonders jener Theil, wo ich meine Zeichnung machen sollte. Gleich am Tage nach unserer Ankunft, an einem heitern, schönen Herbstmorgen, ritt eine ganze Kavalkade von Generalstabs- und anderen Offizieren mit uns hinaus; es machte diesen Herren Vergnügen, den Obristen Bataille und Adjutanten des Prinzen Eugen als Gast dadurch zu ehren. Nöthig hätten wir ihrer nicht gehabt, denn Bataille, der die Schlacht mitgemacht, war genugsam orientirt. Bei dem letzten Vorposten saßen wir ab und überschritten zu Fuß, um weniger aufzufallen, die Demarkationslinie; aber nach kaum hundert Schritten zeigte sich in der Ferne unter den österreichischen Vedetten eine Unruhe. Es dauerte auch nicht lange, so ritt ein Trupp Husaren auf uns zu. Wir waren eben an einer kleinen Brücke angelangt, die über einen Bach führte, welcher die Gränze bezeichnete. Bataille rieth mir, meine Mappe mit dem Zeichenmateriale unter die Brücke zu verbergen; kaum hatte ich diesen Rath befolgt, als die Husaren uns umringten. Ein Wachtmeister fragte, was wir hier wollten? Die Antwort lautete: Wir wollten eine kleine Promenade machen; jener bemerkte hierauf, daß wir drüben Platz genug zum Spazierengehen hätten, wir sollten machen, weiter zu kommen, um nicht Unannehmlichkeiten ausgesetzt zu sein. Ich barg mich hinter der Brücke. Die Husaren aber ritten, nachdem die Offiziere sich entfernt hatten, zurück und achteten nicht weiter auf mich. Ich[96] schlich mich mit meiner Mappe fort und suchte auf Umwegen unbemerkt mich einem Platze zu nähern, um die verlangte Zeichnung zu machen. Eben bei einigen Häusern angelangt, hörte ich Fußtritte von Pferden; ich schlich sofort in einen Hof und verbarg mich unter Gesträuchen. Es war eine Husarenpatrouille, welche vorüberzog. Ich trug 150 Louisd'ors in meinem ledernen Gürtel unter den Kleidern, und es wäre mir übel ergangen, wenn jene Kerls mich erwischt hätten. Sobald die Husaren aus dem Gesichtskreis entschwunden, gab ich Fersengeld und erreichte glücklich die französischen Vorposten. Somit mußten wir unverrichteter Dinge nach Raab zurückkehren. Nunmehr verlegte man sich auf Unterhandlungen. Der Gouverneur von Raab, General Narbonne, schrieb an den österreichischen Kommandirenden, Feldmarschall-Lieutenant Hiller, mir die Erlaubniß auszuwirken, daß ich eine ganz flüchtige Skizze des Schlachtfeldes zeichnen dürfe, welche Prinz Eugen als Andenken zu besitzen wünsche. Dieser aber lehnte es ab und verwies an den Feldmarschall Bellegarde, und dieser an den Erzherzog Johann. So verstrichen sechs Tage mit Unterhandlungen über eine so geringfügige Sache. Obrist Bataille war indessen nach Wien zurückgegangen und ließ mich auf gut Glück in Raab. Als noch immer kein Bescheid kam, riß mir die Geduld, ich ersuchte den Gouverneur, mich mit seinem Wagen unter Eskorte bis an den äußersten Vorposten bringen zu lassen. Dann setzte ich mich, nachdem die Pferde ausgespannt waren, um etwas erhöht zu sein, auf das Dach des Wagens und zeichnete unter den Augen der Oesterreicher und unter dem Schutze französischer Chasseurs à cheval, soviel man von diesem Standpunkte aus sehen konnte. Zu Hause berichtigte ich mit Hilfe von Karten und Plänen das Mangelnde, setzte die Zeichnung in einen andern Augenpunkt und erreichte so meinen Zweck. Bei dieser Mission gab ich aber dem Gouverneur mein Gold in Verwahrung; das Herzklopfen, welches dasselbe mir[97] sechs Tage früher gemacht hatte, war mir noch zu lebhaft im Gedächtnisse. Hier machte ich auch an dem würdigen, alten Generale Narbonne, welcher Gouverneur in Raab war, eine mir sehr angenehme Bekanntschaft: ich erwarb mir seine Gunst, war sein täglicher Gast und in den schönen Gesellschaften anwesend, welche er gab. Er fragte oft, wenn er mich nicht bemerkte: »Où est donc mon petit peintre?« Oft fand sich in seinem Hause eine Elite schöner Damen zusammen, denn Narbonne war trotz seiner Silberhaare sehr galant und die Damen schaarten sich gerne um ihn. So verlebte ich auch hier sehr angenehme Tage; um jedoch nicht ganz müßig zu gehen, machte ich, weil ich keine Farben bei mir hatte, eine Sepiazeichnung Narbonne's zu Pferd. Er war ein guter Reiter und ritt ein junges noch nicht vollkommen zugerittenes Pferd, das ihm viele Freude machte. Ueberhaupt fand man damals bei der Armee noch recht gute Reiter, besonders unter den älteren Herren, welche aus der Schule von Versailles waren. Maret saß zu Pferde trotz einem Stallmeister, auch Savary ritt, als ich ihn malte, ein schönes spanisches Pferd mit vielem Anstande. An kühnen und raschen Reitern fehlte es natürlich nicht, deren gab es genug. Es drängt sich mir hier unwillkürlich eine Anekdote in die Feder. Als ich 1811 in Nördlingen auf Besuch war, wünschte die Fürstin von Wallerstein mein Portefeuille zu sehen. Unter den Zeichnungen befand sich auch das Portrait eines Adjutanten von Berthier, des Obristen Flahout. Der Stallmeister Baron von Falkenstein, der mit Recht den Ruf eines vorzüglichen Reiters genoß, sagte, als diese Zeichnung betrachtet wurde: »Wie der Kerl doch zu Pferde sitzt! Die Franzosen können halt nicht reiten!« Prinz Ludwig,7 der spätere bayerische Minister, erwiderte: »Mag sein, aber sie kommen damit doch weiter, als wir!« Falkenstein, der sein Lehrer war, warf[98] ihm einen strafenden Blick zu und war so ärgerlich, daß er während der Tafel kein Wort mehr sprach. Sobald ich meine Zeichnung des Schlachtfeldes bei Raab geordnet hatte, eilte ich mit Extrapost nach Wien zurück. Narbonne hatte mir ein Schreiben an Prinz Eugen mitgegeben; dieser lachte, als er die Umständlichkeiten vernahm, welche die Sache verursacht hatte. Er zeigte sich sehr zufrieden über die Art und Weise, wie ich die Aufgabe gelöst, fand meine Zeichnung genügend und entließ mich sehr gnädig. Ich erhielt den Auftrag, für den Prinzen noch einige Souvenirs zu zeichnen. Am 14. Oktober verkündete der Donner der Kanonen den Friedensschluß. Ich trachtete von meinen Arbeiten zu vollenden, was möglich war. Indessen wurde es Mitte November und es ward mir bedeutet, daß ich mich bereit halten sollte, in nächster Zeit nach Italien abzureisen. Freudig konnte ich auf eine Zeit von acht Monaten zurückblicken. Reiche Erfahrungen, bedeutungsvolle Erlebnisse, eine interessante Ausbeute an Zeichnungen, Ehre, Geld und was so gewöhnlich die armen Sterblichen beglückt, hatte ich erreicht. Zur Mahnung aber, daß des Glückes unvermischte Freude keinem Sterblichen zutheil werde, traf mich noch etwas recht Schmerzliches, bevor ich Wien verließ. Ein edles Wesen, mit dem mich die zartesten Bande inniger Freundschaft verknüpften, war geschieden aus dem Kreise der Lebenden. Die gute Maria starb am 4. Oktober am Nervenfieber, vierzehn Tage vor meiner Anstellung bei dem Prinzen Eugen. Dieser Verlust ging mir sehr nahe. Während meines Aufenthaltes in Wien war dieses Verhältniß immer inniger geworden, so daß es mir Besorgniß einzuflößen begann, da ich nicht daran denken konnte, mich jetzt schon zu binden und ich sie zu sehr verehrte, um nicht Anlässe zu vermeiden, welche sie zu Hoffnungen berechtigt hätten, die ich nicht realisiren konnte. Ich sah sie daher seltener als sonst, aber dieser Umstand war nur geeignet, ein glimmendes Flämmchen in eine verzehrende Flamme zu verwandeln. Am Abende, bevor ich mich auf das Schlachtfeld von[99] Wagram begab, war ich noch bei ihr und als ich des Morgens hinausritt, stieg ich einen Augenblick vom Pferde, sie noch einmal zu grüßen, weil ich sie den Abend zuvor so sehr bewegt gefunden. Beim Scheiden gab sie mir folgendes Briefchen in die Hand, mit der Bitte, es erst zu lesen, wenn ich Wien längst im Rücken hätte. »Lieber Adam! Ihr Abschied war mir gestern zu überraschend, weßhalb ich mich entschließe, ihn schriftlich zu wiederholen, und da Sie mich nicht mit einem forschenden Blicke dabei ansehen können, wenn Sie diese Zeilen lesen, so kann ich schriftlich offenherziger mit Ihnen sein. Wie ich Ihre Gegenwart vermissen werde, wissen Sie selbst, denn sie ist mir schon zum Bedürfniß geworden, ob Sie gleich nicht halb so oft zu mir kommen, als ich wünschte. Es thut mir oft recht leid, daß ich Sie nicht so empfangen und unterhalten kann, wie mein Herz mir sagt. Sie kennen meine dermalige Lage, daher hoffe ich, Sie schreiben es nicht auf Rechnung einer erkalteten Freundschaft. Wie selig fühlte ich mich bei jeder Rückerinnerung an München und Schleißheim, wo wir oft so kindlich heiter waren. Auch hier habe ich Ihnen manch' frohe Stunde zu danken, die mich für so viele trübe entschädigen muß. Davon bleibt mir nichts als das Andenken zurück, das mir manche bange Sorge machen wird, wenn ich lange nichts mehr von Ihnen sehen oder hören sollte. Ich bitte Sie daher recht innigst, sich nicht ohne Noth in Gefahr zu begeben; erinnern Sie sich öfters Ihrer Eltern, die Ihrer so sehr bedürfen und denken Sie stets, daß Ihre Gesundheit und Ihr Glück zu den heißesten Wünschen Ihrer Freundin gehören. Ich weiß, Ihr treffliches Herz erkennt es, daß ich es redlich meine, so wie Sie glauben, ich sei die Ursache Ihrer dermaligen glücklichen Existenz. Das Schicksal wollte es so, daß wir uns finden, einander dienen und wieder verlieren sollten! Statt Dankbarkeit schenken Sie mir noch ferner Ihre aufrichtige Freundschaft. Mehr werden uns unsere Verhältnisse wohl nie erlauben können. Eben schlägt's 12 Uhr, ich sage gute Nacht! Wenn Sie diesen Brief lesen, müssen Sie mit Ihrem Engländer schon lange im Freien sein. Noch einmal leben Sie wohl![100] Gott erhalte Sie, kommen Sie bald und gesund wieder und vergessen Sie nicht im Tumulte der Schlachten, daß in Wien im stillen Winkel Jemand sitzt, der sich nennt Ihre treue Freundin M.G. Wien, am 5. Juli 1809.« ? Es war in der That ein Abschiedsbrief und die letzten Zeilen von ihrer Hand, die mir heilig sind. Bei meiner Rückkehr fand ich sie schon kränkelnd. Ich mußte wieder nach Schönbrunn zurück, ritt aber des Abends öfters nach Wien, sie zu sehen. Sie starb als Opfer des Typhus, wie sie gelebt, edel und rein. Es war mir ein schmerzlicher Abschied für das ganze Leben. Nun schien mir meine neue Stellung zum Prinzen Eugen um so angenehmer, weil ich, in einer andern Weise beschäftigt, die Hoffnung hatte, Wien bald verlassen zu können, wo es mir unbehaglich geworden war. Ich sehnte mich nach dem Tage der Abreise. 1 Amazon.de Widgets Kostbeutel = Speisesack; Scherzname für die österreichischen Soldaten. Vgl. Schmeller 1872, I. 1308. 2 Ueber diese Ereignisse: die Schlacht bei Abensberg, Einnahme von Regensburg, Landshut u.s.w. vgl. die Darstellungen in Ed. Freiherr v. Völderndorff-Warndein: Kriegsgeschichte von Bayern unter König Maximilian Joseph I. München 1826. II. 77 ff. 3 Clemens von Raglovich, geb. 1766 zu Dillingen, General der Infanterie, gest. 19. November 1836. Vgl. Schrettinger, Bayer. Max-Joseph-Ordensritter 1882. 4 Antoine Charles Horace, genannt Carle, geb. 1758, gest. 1836. 5 Horace Vernet, geb. 30. Juni 1789, gest. 17. Januar 1863. 6 Eugen, Herzog von Leuchtenberg, geb. 3. September 1781, Sohn des Generals Beauharnais und der Josephine Tascher de la Pagerie, wurde 1796 Stiefsohn Napoleons, hierauf schnell Oberst, Brigade- und Divisionsgeneral, 1805 Prinz und Vicekönig von Italien, 1806 mit der Prinzessin Amalie von Bayern vermählt, zeichnete sich im Kriege 1809 aus, wurde 1810 zum Großherzog von Frankfurt designirt, war 1812 mit in Rußland, 1813 bis zum Waffenstillstand in Deutschland, vertheidigte hierauf Oberitalien bis zu Napoleons Sturz, lehnte zu Paris die Anträge Ludwigs XVIII. ab und ging nach München, wo er den 21. Februar 1824 starb. Sein Mausoleum von Thorwaldsen befindet sich daselbst in der Michaelskirche. Vgl. die seither vergessene, immer noch nicht überbotene Monographie. Erinnerungen aus den Zeiten und dem Leben Eugens, Herzogs von Leuchtenberg, nach authentischen Quellen von Heinrich Seel (Sulzbach 1827). Die im Besitze der Stadt München befindliche sogen. Maillinger-Sammlung (Bilderchronik der königl. Haupt- und Residenzstadt München von Jos. Maillinger. München 1876, I. 192, Nr. 2015?2036) besitz zweiundzwanzig Portraits des Prinzen nach verschiedenen Meistern in Stich und Lithographie (darunter auch eines, den Prinzen zu Pferd in der Schlacht an der Moskwa darstellend, bezeichnet: »dess. sur les lieux par Albrecht Adam.« Gr. Fol. Lithogr.), ein sprechender Beweis für die große Popularität, welche der Prinz zu München genoß. 7 Ludwig Fürst von Oettingen-Wallerstein (vgl. oben S. 9, Anmerkung). 
 XVI. Neues Schaffen.  [324] Meine erste Arbeit in München war nach meiner Heimkehr die Ausführung des Portraits von Radetzky. Ich suchte ein Ganzes daraus zu machen und umgab ihn in meinem Bilde mit einer Anzahl seiner Getreuen.1 General Falkenheim, der das Bild in München gesehen, hatte dem jungen Kaiser Franz Joseph davon gesprochen. Bald darauf erhielt ich Briefe aus Olmütz mit der Anfrage, ob ich nicht gesonnen wäre, es dem Kaiser käuflich zu überlassen. Ich antwortete, daß ich dieses Bild mehr als Skizze und in einem Maßstabe begonnen hätte, bei dem es mir schwer fallen dürfte, dem Bilde jenen von mir gewünschten Kunstwerth zu geben. Ich würde es darum vorziehen, es frisch zu beginnen und mit irgend einem Moment aus den kriegerischen Ereignissen in Italien zu verbinden. Auf diesen Vorschlag ging der Kaiser ein und unverzüglich machte ich mich an das Werk. Ich wählte dazu die Erstürmung der Höhen des Monte Berico bei Madonna del Monte in der Schlacht bei Vicenza. Im März 1849 brachte ich es zur Vollendung und reiste selbst damit nach Olmütz, um es dem Kaiser persönlich zu überreichen. Von da an eröffnete sich mir eine neue, höchst erfreuliche Laufbahn meines Künstlerlebens als Schlachtenmaler.[324] Ich fand in Olmütz eine ungemein liebreiche Aufnahme. Der junge Kaiser äußerte große Freude über das Bild und zeichnete mich bei jeder Gelegenheit sichtbar aus. Ich erhielt den Auftrag, ein Reiterportrait von ihm zu malen, was ich um so freudiger unternahm, als dieser junge Herr eine sehr schöne Erscheinung zu Pferde war, ein Bild der Jugendfrische und des Muthes, dazu ein vortrefflicher Reiter. Einige Monate verlebte ich so in den angenehmsten Verhältnissen in Olmütz. Je näher ich den Kaiser kennen lernte, desto mehr fühlte ich mich zu ihm angezogen. Aber stets mischte sich auch eine Art wehmüthiges Gefühl ein, wenn ich ihn in seiner jugendlichen Unbefangenheit betrachtete und daran dachte, welchen Kämpfen und Prüfungen er entgegengehe und wie schwer es ihm bei seinem edlen Herzen und zarten Gefühle werde, die Aufgaben zu lösen, die ihn erwarteten. Während meines Aufenthaltes in Olmütz kam durch einen Courier die Nachricht von dem Siege bei Novara. Ich speiste gerade an diesem Tage an der kaiserlichen Tafel. Gleich nach derselben machte mir der Kaiser die Mittheilung, er wünsche ein Bild dieser Schlacht von mir zu haben. Das Portrait des Kaisers trachtete ich nun baldmöglichst zu vollenden, es zog mich unwiderstehlich nach Italien. Sobald ich mit ihm fertig war, eilte ich nach München, wo noch einige Arbeiten meiner warteten. Große Ereignisse regen immer zur Begeisterung an; als ein solches betrachtete ich die Schlacht bei Novara. Nach vielen Drangsalen und Wirren, die ein Jahr früher Recht und Gesetz und alles, was dem Menschen heilig ist, zu untergraben drohten, hatte das Schwert wieder den Boden des Rechtes bezeichnet und dem Gesetze seine Kraft zurückgegeben. Ich brannte darum vor Eifer, das Bild dieser Schlacht beginnen zu können, allein erst im Juli gelang es mir in München loszukommen. Die Reise machte ich über Wien, wo ich noch einige Instruktionen einzuholen hatte; auch in Triest mußte ich noch verweilen, um einen Enkel in Sr. Majestät Marine einreihen zu lassen, und kam daher erst im August nach Mailand.[325] Meine Absicht war Anfangs mich bloß in den Besitz von Studien dieser Schlacht zu setzen. Mein braver Sohn Eugen hatte mir auch hier bedeutend vorgearbeitet: er war selbst während der ganzen Schlacht anwesend, hatte das Terrain von mehreren Seiten gezeichnet und eine Menge höchst interessanter Studien gemacht ? Studien, die man nur im Kriege sich sammelt und die Niemand zu erfinden vermag. Der Soldat ist im Kriege ein ganz anderer als im Frieden, der vielen wunderlichen Zufälligkeiten nicht zu erwähnen, welche in einer Schlacht vorkommen. Amazon.de Widgets Einen besonderen Vortheil bot es mir ferner, daß in Mailand noch viele bedeutende Persönlichkeiten anwesend waren, die der Schlacht bei Novara beigewohnt. Dieser Umstand bestimmte mich, mein Bild nicht, wie ich im Sinne hatte, in München zu malen, sondern es unverzüglich in Mailand zu beginnen, um die Portraits, die ich darauf anzubringen gedachte, gleich nach der Natur hineinmalen zu können, was mir große Vortheile bei der Ausführung verschaffte. Es ist ein natürliches Gefühl eines bedeutenden Menschen, daß er einen Werth darein legt, durch Schrift oder Bild der Nachwelt überliefert zu werden. Dieses Gefühl ist doppelt stark bei dem Soldaten: der einzige Lohn dafür, daß er sein Leben so oft einsetzen muß, ist das Bewußtsein seiner Thaten und die Ehre. Dieser Umstand bereitet aber dem Schlachtenmaler oft große Verlegenheit, weil sich jeder gerne auf einem solchen Gemälde verewigt sehen möchte, sei er nun dazu berechtigt oder nicht. Auch dieser Umstand bestimmte mich dazu, in Mailand zu bleiben, um durch die militärischen Autoritäten, die ich noch traf, ungeeigneten Anforderungen zu entgehen, denn alle, die sich in einer solchen Schlacht ausgezeichnet und an verschiedenen Punkten gekämpft haben, kann man doch nicht auf ein Bild bringen. Mit großer Lust arbeitete ich nun und die Liebe zu diesem Auftrage half mir die Widerwärtigkeiten überwinden, die der kalte Winter in Italien von 1849 auf 1850 mit sich brachte.[326] Im November ging ich auf einige Tage nach Verona, um Radetzky zu begrüßen, der inzwischen von seinem Triumphzug aus Wien zurückgekehrt war. Ich traf ihn nach der Tafel allein in seinem Zimmer, am Kamine sich wärmend. Er empfing mich mit gewohnter Herzlichkeit und sagte, indem er mich treuherzig bei der Hand faßte: »Sie finden von all den Leuten, die Sie sonst gewöhnt waren um mich zu sehen, Niemand mehr als Schlitter und Leykam. Das sind die Einzigen, die mir treu geblieben sind.« Ich glaubte auch in seinen Zügen zu lesen, daß er sich verlassen fühlte. Seine alten Waffengefährten, mit denen er noch vor 7 Monaten so heiter verkehrte, schienen ihm zu fehlen. Heß war in Wien zurückgeblieben, Schönhals kam nach Frankfurt, Andere suchten den Lohn für ihre Leistungen in der Beförderung zu höhern Stellen und waren von dannen gezogen. In Wien hatte man Alles aufgeboten, um den Feldmarschall zu ehren; aber so wie ich ihn kannte, war dort nicht die Luft, in der er sich behaglich fühlte. Sein Ehrgeiz wurde durch seine Erfolge genügend befriedigt; der äußere Glanz, die Hoffeste und Ehrenbezeigungen, die zahllosen Besuche, die er erhielt, die vielen Seccaturen von Leuten, welche seinen Einfluß zu benützen trachteten, die unruhigen Nächte, welche große Festlichkeiten mit sich bringen, mit einem Worte die ungeregelte Lebensweise, konnte ihn nur ermüden. Sein edles, großes Herz hatte ganz andere Bedürfnisse. Radetzky war durch und durch Soldat, seine Denkart war philosophisch, seine Lebensweise höchst einfach, seine Kleidung und äußere Erscheinung höchst anspruchslos, ja nachlässig, und aus allem konnte man sehen, daß er für äußern Glanz keinen Sinn hatte. Der strenge Begriff, den er von seiner Stellung als Feldherr hegte, trieb ihn allein zu großen Thaten und verlieh ihm in seinem hohen Alter die Kraft, sie zu vollbringen. Lebhaft fühlte Radetzky das Bedürfniß der Freundschaft; sein Herz war voll Menschenliebe, und der gemeine Soldat hatte sich deren ebenso zu erfreuen wie der Hochgestellte. Deßhalb mag er sich nach seiner Zurückkunft aus Wien verlassen gefühlt haben, da er die treuen[327] Gefährten nicht mehr um sich versammeln konnte, die so lange Freud und Leid mit ihm getheilt hatten. Ich fand ihn in Verona gealtert, übel aussehend, gebückt und sichtbar angegriffen. Später sah ich ihn noch einige Male zu Mailand und Monza, aber er war nie mehr der frohe Mann, den ich zu Mailand inmitten seiner Waffenbrüder kennen gelernt hatte. Gegen Ende Februar war mein Bild so weit, daß ich es recht gut in München vollenden konnte, ich brach daher bei dem schönsten Frühlingswetter von Mailand auf und reiste über den Splügen durch die Schweiz, aber das angenehme Wetter, das mir eine schöne Reise versprochen, hatte mich getäuscht. Schon zu Chiavenna lag noch Schnee und aus den Alpenthälern blies ein wilder Wind herab. Der Condukteur war ein schon ziemlich bejahrter, aber handfester Schweizer. Er sagte mit bedenklicher Miene zu mir: »Herr, wir werden eine schlechte Reise über das Gebirge bekommen. Das ist der schlechteste Wind um den Berg zu passiren. Haben Sie den Muth weiter zu reisen?« ? »Reisen Sie hinüber?« fragte ich. »Ich muß wohl, es ist mein Dienst, sonst würde ich es mir hier bequem machen,« lautete seine Antwort. »Nun,« sagte ich, »dann will ich es in Gottes Namen auch versuchen.« Der Mann hatte Recht, ich bestand manch beschwerliches Reise-Abenteuer, aber eine so gefährliche Reise hatte ich noch niemals gemacht. Ein entsetzlich rauher Wind tobte ununterbrochen und trieb den Schnee in hohen Säulen wirbelnd herum und uns in das Gesicht, so daß es fast unmöglich war, die Augen offen zu halten und der feine gefrorene Schnee auf den Kleidern und im Gesichte sich festsetzte und eine Eiskruste bildete. Die Wege waren fürchterlich verweht, so daß die kleinen offenen Schlitten, jeder nur mit einer Person beladen und mit einem Pferde bespannt, öfters ganz stecken blieben. Mehrmals sank mein Pferd so tief in den Schnee, daß nur noch der Hals und Kopf herausschaute. Daß man zu verschiedenen Malen umwarf, ist leicht erklärlich. Nur mühsam und sehr langsam, Schritt für Schritt, konnte man weiter kommen.[328] Je höher wir stiegen, desto unerträglicher wurde die Kälte und der Wind. Ich hatte einen großen Pelzrock und über diesen noch einen großen Reitermantel mit Kragen an, aber nichts konnte mich vor dem Froste schützen. Zuletzt nahm ich den Mantelkragen über den Kopf, bedeckte das ganze Gesicht damit und ließ mich wie ein Stück Waare fortschieben. Die Augen schmerzten mich so, daß ich sie ohnehin gar nicht mehr offen halten konnte. Nach sechs Stunden erreichten wir endlich das Dorf Splügen, ganz erstarrt vor Kälte. Ein erträglich gutes Mittagessen wartete unser, bei dem man sich wieder erholte. Hier bestiegen wir einen ordentlichen Eilwagen auf Schlittengestell und kamen gegen 8 Uhr Abends ohne weitere Hindernisse nach Chur und am nächsten Morgen nach Lindau, wo ich die Nacht hindurch ausruhte. Von hier kam ich nach anderthalb Tagen wohlbehalten mit meinem Bilde in München an. Mein erstes Bild von Radetzky, das ich im Spätherbst 1848 nach München brachte, hatte großes Interesse erregt wohl mehr des dargestellten Gegenstandes wegen als des wirklichen Kunstwerthes. Mit um so größerem Interesse betrachtete man jetzt, ein Jahr später, in München das Bild der Schlacht von Novara. Die vielen Portraits von hervorragenden Persönlichkeiten jener Heldenzeit, die getreue Auffassung der Kostüme, sowie der Charakteristik der verschiedenen Nationalitäten, verbunden mit einer genauen Darstellung des Terrains und besonderer Episoden konnten ihren Eindruck nicht verfehlen. Die vielen Besuche in meinem Atelier verzögerten die letzte Vollendung des Bildes. Im Sommer 1850 überbrachte ich das Bild dem Kaiser nach Wien. Er verlieh mir persönlich den Franz-Joseph-Orden. Ich erhielt bei Hofe und in der Stadt allenthalben Beweise von Auszeichnung. Besonders feierte mich der kunstsinnige Kaufmann Herr von Arthaber. Schon ehe ich nach Wien ging, hatte mir König Ludwig den Auftrag gegeben, ein großes Bild der Schlacht bei Custozza zu malen. Um die nöthigen Studien hiezu zu machen,[329] fuhr ich gleich von Wien nach Italien, hielt mich einige Tage in Verona und Villafranca auf und machte, nachdem ich mir genaue Kenntniß des Terrains verschafft hatte, meine landschaftlichen Studien nach der Natur in Oel. Einige Wochen verlebte ich zu diesem Zwecke in Riva an dem reizenden Gardasee, begab mich dann nach Mailand, woselbst ich mit meinem Sohne Eugen zusammentraf, und entwarf die Skizze zu meinem ganzen Bilde. Während dieses Aufenthaltes in Mailand wurde ich ganz unerwartet von einem Besuche meiner Frau überrascht, wodurch unsere Rückkehr nach München um einige Wochen sich hinausschob. So kam der Herbst herbei. Unsere Rückreise über den Splügen war diesmal glücklicher, von herrlichem Wetter begünstigt. Mit Lust durchwanderte ich wieder diese romantisch-großartigen Gebirge. In Bregenz traf ich den Kaiser, der dort eine Zusammenkunft mit den Königen von Bayern und Württemberg hatte. Er empfing mich mit gewohnter Liebenswürdigkeit und erfreute mich mit dem Auftrage, ein größeres Bild aus dem ungarischen Feldzuge zu malen. Den Gegenstand durfte ich selbst wählen. So kehrte ich denn frohen Herzens mit einem zweiten Auftrag nach München zurück, noch ehe ich den ersten, von König Ludwig erhaltenen, die Schlacht von Custozza zu malen, begonnen hatte. Mit Lust setzte ich mich nun wieder zu München an meine Staffelei und arbeitete fleißig, wie ich stets gewohnt war. Eine Krankheit brachte zwar einige Störung in meine Arbeiten, da mir aber mein talentvoller Sohn Franz hilfreiche Hand leistete, kam das Bild doch im Sommer 1852 zur Vollendung und erhielt die vollste Zufriedenheit König Ludwigs.2[330] Ungesäumt machte ich mich nun auf den Weg nach Wien, um mich dann nach Ungarn zu begeben und mir auf dem Kriegsschauplatz die nöthigen Studien und Kenntnisse für ein neues Bild zu sammeln. Ich konnte mich nie recht dazu bequemen ein Bild von einer Schlacht aus der Neuzeit zu malen, ?[331] ohne selbst an Ort und Stelle gewesen zu sein, wo sie vorgefallen ist; es hat dies theils in der mir angeeigneten Liebe zur Wahrheit seinen Grund, theils fand ich auch oft, daß das Terrain für die Komposition des Bildes manchen Stoff bietet, wodurch das Interesse des Ganzen erhöht wird. In der Zwischenzeit und bevor ich diese Reise antrat, hatte ich mich, so viel wie möglich, durch gute Schriften über die Kriegsereignisse in Ungarn zu unterrichten gesucht und fand, daß sich dort eine Fülle von Stoff zu interessanten Bildern bietet, daß es nicht schwer wurde einen Gegenstand zu wählen. Ich machte deßhalb dem Kaiser, als ich nach Wien kam, den Vorschlag, mich in Begleitung eines wohlunterrichteten Offiziers nach Ungarn zu schicken, dort wollte ich mehrere Skizzen und Entwürfe zu Bildern machen und sie ihm dann vorlegen, um selbst wählen zu können, welchen Gegenstand er zur Ausführung am geeignetsten finde. Dies leuchtete dem Kaiser sogleich ein und noch in derselben Stunde wurde die Disposition zu meiner Reise getroffen. Ich erhielt eine offene kaiserliche Ordre an alle Civil- und Militärbehörden, mich überall frei passiren zu lassen und mir in allem, was ich zu meinen Zwecken bedurfte, Vorschub zu leisten, auch wurde ein kenntnißreicher Offizier Hauptmann Friedberger vom Generalstab, bis von Temesvar her beordert, mich auf der ganzen Reise zu begleiten. Mit diesem traf ich in Raab zusammen und nachdem ich das Nöthige dort gezeichnet, setzten wir unsere Reise über Komorn, Pesth, Szegedin, Szorrey bis Temesvar fort; an allen diesen Orten hielten wir uns kürzere oder längere Zeit auf um zu zeichnen was zu meinem Zwecke dienlich sein konnte, und wurden dabei von der Sonne tüchtig verbrannt. Der Sommer war sehr heiß, bis wir nach Temesvar kamen, stieg die Hitze auf 30 Grad, was auf diesen unabsehbaren Ebenen in Ungarn ziemlich lästig werden kann. Es erregte übrigens mein höchstes Interesse, dieses mir bis jetzt noch unbekannte Land mit seinem ganz eigenthümlichen Menschenschlag nebst allen übrigen Einrichtungen kennen zu lernen und gerne hätte ich den ganzen Sommer dort verweilt, wenn Zeit und Umstände es gestattet hätten.[332] Am meinem Begleiter fand ich einen geistreichen, genialen und angenehmen Mann, er zeichnete selbst mit sehr viel Talent. Mein Sohn Franz begleitete mich auf der ganzen Reise und so durchzogen wir Ungarn der Länge nach, wenn auch unter mancherlei Beschwerden und Entbehrungen, doch auf eine sehr angenehme Weise, und sammelten reichen Stoff zu Bildern. Unsern Rückweg nahmen wir über Arad und Mezö-Högyes, woselbst uns eine überaus gastliche Aufnahme zu Theil wurde; in diesem großen kaiserlichen Gestüt sahen wir sehr vieles, was von höchstem Interesse für uns war. Auf dem Rückwege verweilten wir noch zehn bis zwölf Tage in Pesth, dort arbeitete ich die gesammelten Zeichnungen ein wenig aus, um sie bei meiner Ankunft in Wien dem Kaiser gleich vorlegen zu können. 1 Amazon.de Widgets Feldmarschall Graf Radetzky mit seiner Umgebung, nach Albrecht Adam lithographirt von Franz Adam. Imp. Qu. Fol. Nebst Erklärungsblatt. 2 Dieses Bild, die Schlacht von Custozza (bei Montegadio, am 25. Juli 1848), nun in der Neuen Pinakothek zu München, schildert Herr Dr. O. von Schorn (in Eggers Deutschem Kunstblatt 1851, S. 374 ff.): »Custozza liegt unsichtbar hinter dem hervorragendsten Hügel des Hintergrundes, auf welchem die Piemontesen sich kräftig verschanzt haben. Entscheidender Moment der Schlacht. Das Regiment Kinsky rückt vom Vordergrunde links her in's Feuer, ihm zur Seite mit geschwungenem Degen der tapfere Hauptmann Graf Salis (blieb später bei Novara), den verwundeten Hauptmann Graf Lippe grüßend. Am Baume rechts, ruhig in das blutige Getümmel blickend, steht der Feldmarschall-Lieutenant Franz Graf von Wimpffen und nach vorn gewendet der kommandirende Feldmarschall-Lieutenant d'Aspre, im Gespräch mit dem Obersten von Schmerling, zu Pferde. Neben ihm schaut Molinari (nachmals Oberst vom Pioniercorps und der Flotille auf der Donau und dem Gardasee) durch ein Fernrohr. Den Fürsten Edmund von Schwarzenberg, der in der größten Noth einem Kaiser-Infanterieregiment zu Hilfe kam, erblicken wir zu Pferde weiterhin rechts und zwischen diesen Gruppen und dem Regiment Kinsky den Adjutanten Hauptmann Prosche und den Hauptmann Steinhauser, Ordonnanzoffizier von d'Aspre, sowie den Rittmeister Grafen Pappenheim, Sohn des verstorbenen bayer. Feldzeugmeisters, im Begriff, auf's Pferd zu steigen. Das ganze Bild zerfällt demnach in zwei Haupttheile. Zur Linken das Vordringen eines muthig angreifenden Regimentes, zur Rechten die Zusammenstellung der Mitglieder des Offizierscorps, der oben erwähnten Portrait-Figuren. Der letzteren eine so große Menge, wegen ihrer Anzahl nur in geringem Maßstabe ausgeführt, in der Darstellung einer Schlachtenscene zu vereinigen, war für den Künstler keine geringe Aufgabe. Adams bewährtes Compositionstalent hat alle Schwierigkeiten, die sich bei der Lösung derselben hätten darbieten können, mit Meisterschaft überwunden. Der Eindruck des Ganzen gibt das wilde Getümmel und wirre Treiben eines, theils noch geführten, theils schon vollendeten Kampfes, und doch sondert sich, bei genauem Hinblick, diese bunte Masse der verschiedensten Figuren in einzelne verständliche Gruppen, welche für sich herausgenommen und gleichsam als besondere, geschlossene Ganze betrachtet werden können. Erblicken wir hier eine tapfer angreifende Truppenabtheilung, welche, die Dampfwolken drohender Geschütze mißachtend, gegen den Feind losstürmt, so erscheinen uns dort die Schrecken der Verwundung und des Todes in den mannigfaltigsten und verwickeltsten Situationen. In wie weit der Aehnlichkeit erwähnter Portraits Genüge geleistet, können wir nicht bestimmen, aber auch hierin läßt sich bei der Genauigkeit des Meisters die Erreichung der Wahrheit voraussetzen, soweit dieselbe bei so kleinem Maßstabe der Köpfe zu erfüllen möglich war. Die technische Darstellung ist sorgsam und fleißig, die allgemeine Haltung in der Farbe frischer und lebendiger, darum aber von größerer, malerischer Wirkung, als es bei vielen früheren Bildern Adams der Fall war.« 
 XI. Moskau.  [202] Tags darauf setzten wir unsern Marsch nach Moskau ungestört fort. Der Weg führte durch ein Hügelland, mitunter recht romantische Gegenden, an hübschen Landhäusern vorbei. Die zunehmende Kultur deutete darauf hin, daß wir uns der Hauptstadt näherten. Am 14. September Abends lag sie vor unsern Augen. Ungefähr eine kleine deutsche Meile vor Moskau kamen wir auf einer eigenthümlich geformten, nach rückwärts mit Schluchten und schlechten hölzernen Häusern umgebenen, beträchtlichen Anhöhe an. Diese bestieg der Prinz mit seinem Gefolge. Wer kann den Eindruck schildern, als die ganze ungeheure Czarenstadt mit ihren unzähligen Thürmen, Kirchen und vergoldeten Kuppeln vor unsern Blicken sich ausbreitete! Der Himmel that sich, nachdem er den ganzen Tag mit grauen Wolken bedeckt gewesen, am Abende auf und die goldenen Kuppeln und das große Kreuz, das den Kreml zierte, warfen die Strahlen der Abendsonne zurück, die das Zauberbild verklärte. Endlich lag das lang ersehnte Ziel vor uns! mir pochte das Herz bei dem Gedanken: »Morgen schon werden wir dort einziehen!« Unwillkürlich fielen mir die Kreuzfahrer ein, so oder ähnlich, dachte ich, muß es diesen zu Muthe gewesen sein. Zwar stieg schon am äußersten Ostende der Stadt, das der Saum eines Waldes bedeckte, eine ungeheure Rauchsäule[202] himmelhoch empor; aber man tröstete sich damit, daß es wahrscheinlich ein Magazin sei, das der Feind in Brand gesteckt. Daß wir das Grab von Napoleons Herrlichkeit vor uns sehen und Moskau bald als Aschenhaufen verlassen müßten, daran dachte Niemand. Die Avantgarde des 4. Armeecorps hatte indessen die Moskwa theilweise überschritten und stellte sich auf beiden Ufern dieses Flusses auf. Die Artillerie und Cavallerie wurde weiter gegen die Stadt vorgeschoben. Diese Aufstellung, die wir von unserer Anhöhe herab weithin wahrnehmen konnten und zu der die immense Stadt einen herrlichen Hintergrund bildete, gewährte einen sehr schönen Anblick. Es war das letzte Mal, daß ich diese Truppen in militärischer Ordnung als einen geregelten Körper aufgestellt sah. Ueber die Moskwa führte auf unserem Standorte keine Brücke, da aber der Fluß bei der anhaltend trockenen Witterung wenig Tiefe hatte, so durchritten wir ihn ohne Anstand. Einer der größten Bewunderer Napoleons, der alte Leibarzt Assalini, sagte, als wir so dahinritten: »Seht doch dieses milde Wetter, welches wir jetzt wieder haben, die Elemente selbst begünstigen den großen Mann und sind uns eine schöne Vorbedeutung!« ? »Ja,« dachte ich, »wenn dieses Wetter ihm nur nicht zur Falle wird, der Winter kann kommen, ehe man daran denkt!« Der Prinz bezog in einem elenden Dorfe, etwa eine Stunde vor der Stadt, sein Quartier und wartete, bis vom Kaiser der Befehl zum Einzuge in Moskau kam. Der 15. September war der Tag, an dem wir die unheilvolle Stadt betraten. Frühzeitig setzte sich alles, voll Erwartung, so gut geordnet als möglich, in Bewegung. Ohne Widerstand zogen wir in Moskau ein. Aber welch ein Einzug war das! Es kam mir vor, als wenn gute Schauspieler vor einem ganz leeren Hause spielen müßten! Die Straßen standen menschenleer und verödet, die Häuser wie ausgestorben, eine wahrhaft unheimliche Stille herrschte in der Stadt, nur unterbrochen vom Tritt der Pferde; die Trommeln und Trompeten[203] widerhallten in den öden Straßen: Offiziere und Soldaten sahen einander fragend, kopfschüttelnd und mit bedenklichen Mienen an. Welch ein Contrast zu den pomphaften Einzügen derselben Armee in den Hauptstädten Deutschlands, Italiens, Spaniens? Zahllose Neugierige füllten dort die Straßen und bewunderten die Fremdlinge, selbst das schöne Geschlecht war nicht selten dabei vertreten. Aber dieser Einzug in verödete Mauern war etwas völlig Neues. Jetzt fielen jedem die Schuppen von den Augen: man schauderte vor der Consequenz zurück, mit der die Russen den fanatischen Plan des Feldzugs durchgeführt. Man verlegte sich aufs Schimpfen, sprach viel von Barbarismus, aber die Franzosen hatten die Russen nie für etwas anderes, als Barbaren gehalten. Wie konnte man sich also wundern, daß sie zu solchen Mitteln griffen! In Wien oder Berlin freilich wäre eine solche Maßregel nicht durchzuführen gewesen, das war nur bei einer Bevölkerung möglich, in der die Religion noch tief wurzelt und die eben deßhalb mit festen Banden an den Thron gekettet ist. Es klingt vielleicht sonderbar, wenn ich gestehe, daß diese Oede der Stadt mich gar nicht erschütterte, sie überraschte mich nicht, ich hatte nichts anderes erwartet! Als stiller Beobachter folgte ich bis hieher dem merkwürdigen Heereszuge; ich hatte alles, was ich sah und hörte, ernstem Nachdenken unterworfen, oft scheinbar unbedeutende Dinge zusammengestellt, und so kam es, daß ich vieles voraussah, was andern entging, oder was sie nicht sehen wollten. Meine Jugend kam mir hiebei gut zu statten; was mir an Erfahrung mangelte, ersetzte eine große lebendige Geistesfrische, ich sah mit unbefangenem Auge und darum helle. Langsam und still bewegte sich der Zug der Truppen durch die unendlich langen Straßen, bis wir in die schöne S. Petersburger-Straße gelangten, wo der Prinz im schönen Palaste des Fürsten Momonoff abstieg. Das einzige, was die Aufmerksamkeit der Truppen erregte und von ihren trüben Gedanken ablenkte, war die wunderliche und fremdartige Bauart der Stadt; aber trotzdem hängte sich das bittere Gefühl, in einen verlassenen[204] Ort einzuziehen und die schönsten Hoffnungen vernichtet zu sehen, einem jeden wie Blei an die Füße und hemmte den Flug der Begeisterung. Der Palast, den Prinz Eugen bezogen, war wahrhaft prachtvoll eingerichtet, eine Menge werthvoller Luxusgegenstände, welche leicht wegzubringen gewesen wären, fanden sich in den Zimmern vor, es hatte fast das Ansehen, als sei es mit Absicht geschehen. Eine Eigenthümlichkeit in den Straßenanlagen Moskaus war es, daß zwischen den schönsten Palästen sich oft ganz unansehnliche hölzerne Bauten befanden. Sie waren meistens nur ein Erdgeschoß hoch und hatten einen umzäunten, mit einem großen Thore versehenen Hofraum. In einem dieser Häuser nahe bei dem Palaste Momonoff logirte ich mich mit meinen Pferden ein. Schon hatte ich angefangen, mich für einen längern Aufenthalt ein wenig einzurichten, als mein Diener athemlos gelaufen kam und mir meldete, er habe nicht weit von hier in einer Seitenstraße ein sehr schönes Haus aufgefunden, in welchem die Bewohner anwesend seien und das noch von Niemanden besetzt sei; ich möchte mich beeilen, dort Quartier zu nehmen. Unverzüglich ging ich dorthin und fand eine sehr schöne Wohnung. Es war ein aus Stein erbautes, geräumiges Haus mit einem großen Hofraum und einer Stallung für acht Pferde. Das Innere entsprach dem Aeußern. Die Zimmer waren sehr schön eingerichtet und zeugten von Wohlhabenheit. Am Eingange empfing mich ein sehr großer Mann mit langem, sehr schönem Vollbarte und ganz schwarzem Rock, der bis auf die Knöchel herabfiel. Ich wußte nicht recht, was ich aus ihm machen sollte. Sein ganzes Aussehen wie sein Benehmen hatte etwas Würdiges und Vertrauenerregendes. Ich war versucht, ihn für einen Priester zu halten. Außer ihm und einigen Dienern sah ich keine Bewohner, nur ein paar junge, hübsche Mädchen huschten wie scheue Rehe von einem Gemache ins andere, wenn sie mich von ferne erblickten. Amazon.de Widgets Man führte mich in ein sehr gut eingerichtetes Gemach; eine ganze Garnitur Flaschen mit verschiedenen Getränken wurde[205] auf einem Pfeilertische aufgestellt und mir bedeutet, mich derselben nach Belieben zu bedienen. Ebenso gut war die Versorgung mit Speisen, auch bekam ich einen eigenen Diener. Dieser stand, wenn er eine Schüssel bei Tische aufgetragen, in ungemein demüthiger Stellung mit über einander gekreuzten Armen an der Thüre, eilte aber rasch herbei, wenn ich die leiseste Andeutung machte, etwas zu wollen, oder rückte rasch den Stuhl hinweg, wenn ich aufzustehen im Begriffe war. So ging alles gut und ich hoffte, hier nach so vielen Strapazen einiger Ruhe zu pflegen. Aber diese Herrlichkeit sollte nicht lange dauern. Denn schon im Laufe des ersten Tages begann es in einem entfernten Stadttheile zu brennen, und während der Nacht nahm das Feuer rasch und auf eine bedrohliche Weise zu. Mein Hauswirth (oder wer er sonst war) kam auf mein Zimmer und rang die Hände; er fragte mich, nach dem Feuer deutend, ob das die Russen oder Franzosen gethan. Ich konnte ihm natürlich darauf nicht antworten, aber ich war von dieser Scene tief ergriffen und das Weinen stand mir nahe. Ich legte mich auf einen guten Schlafdivan nieder und bald ergoß Morpheus seinen erquickenden Balsam über mich. Gestärkt erwachte ich nach sechs Stunden, als bereits der Morgen dämmerte und mir neue Schrecken zeigte. Die Disciplin und Ordnung, welche bisher nur noch mühevoll eingehalten worden, ging rasch in Demoralisation über. Napoleon hatte zwar ein strenges Verbot gegen das Plündern erlassen, das sich aber gänzlich unausführbar erwies. Anfangs war es nur Gesindel: Marodeurs, Dienerschaft und die Masse von Leuten, die einer solchen Armee nachziehen, welche zugriffen, und da man viele Lebensmittel und Getränke fand, so fehlte es nicht an Excessen und Brutalitäten. Nach und nach ging das aber auch auf die Soldaten über und wurde allgemein. Wer wollte auch unter den obwaltenden Verhältnissen in dem brennenden, so weit ausgedehnten Moskau den Soldaten überwachen! Moskau war das Ziel seiner Hoffnungen, hier hatte er den Lohn für seine riesenhaften Anstrengungen erwartet, er fand ihn nicht und nahm sich ihn nun selbst,[206] so gut er konnte. Man sah auf den Straßen die wunderlichsten Scenen. Anfangs suchte man nach brauchbaren Dingen, viele aber beluden sich wie Lastthiere mit Gegenständen, die sie voraussichtlich nicht mit sich fortschaffen konnten. Mein eigener Diener schleppte mit einem Kameraden eine Menge Colonialwaaren, Tücher, Luxusgegenstände aller Art zusammen. Dies alles lag im Hofe des Hauses, das ich bewohnte, aufgehäuft. Ich war ganz empört darüber, konnte aber nichts dagegen thun, wenn ich mich nicht von meinem eigenen Diener mißhandeln lassen wollte. Alles war betrunken und in der größten Aufregung. Zu diesem wüsten Treiben gesellte sich das Toben und Brausen des rasch zunehmenden Feuermeers. Keine Feder, kein Pinsel sind im Stande, das tobende Element zu schildern. Der Ton, den es erregte, kann nur mit dem Brausen eines ungeheuren Wasserfalles verglichen werden, in dessen Nähe man ganz betäubt wird. Dazu denke man sich die verschiedenen Farben der Flammen, je nach den Stoffen, die sie verzehrten. Die wunderlich gestalteten und gefärbten himmelansteigenden Rauchsäulen, die öfters die Luft verdüsterten: das alles bot ein schauerlich-schönes Schauspiel. Winzig klein fühlt sich der Mensch, wenn die Elemente, sei es nun Luft, Wasser oder Feuer, in ihrer Wuth sich ihm zeigen. Durch Löschen dem Feuer Einhalt zu thun, daran war nicht zu denken: es hatte zu schnell eine riesenhafte Ausdehnung bekommen und in kurzer Zeit ganze Stadtviertel in Asche gelegt. Wenn das Feuer auch auf einer Seite nachließ, so brach es auf einer andern desto wüthender los. Man konnte nur zu deutlich erkennen, daß der Brand planmäßig geleitet war. Sinnend und bewundernd trieb ich mich in den Straßen umher, aber zu zeichnen war ich nicht im Stande; in der Schlacht und bei größter Gefahr verließ mich nie die nöthige Ruhe; aber hier wurde man von den Ereignissen überwältigt. Ein Eindruck verdrängte den andern, keinen konnte man lange festhalten. Später habe ich es oft bitter bereut, nicht wenigstens einige Striche gemacht zu haben: sie wären ganz unschätzbar gewesen.[207] Der Zufall führte mich in die Nähe des Bazars. Hier ging es wie auf einem großen Jahrmarkt zu, und wäre die Sache nicht gar zu ernst gewesen, man hätte Stoff zum Lachen gehabt. Alle nur erdenklichen Gegenstände des Handels und der Industrie wurden in der größten Eile herausgeschleppt und geworfen. Jeder suchte dem andern zuvorzukommen. Eine ungeheure Reihe von Wagenremisen, voll der schönsten neugefertigten Wagen und alle möglichen Produkte der Wagenfabrikation war ebenfalls Schauplatz des lebendigsten Treibens. Offiziere und Generäle versahen sich hier mit den schönsten neuen Wagen; selbst für das Haus des Prinzen Eugen wurden einige requirirt. Das Feuer war schon ganz in der Nähe der Remisen, und es war vorauszusehen, daß alles ein Raub der Flammen werde, was wohl ein Grund der Entschuldigung für diese Plünderung sein mochte. Auf der Straße wurde ich von einem bekannten General aufgehalten mit den Worten: »Venez, Mr. Adam, il faut faire le voleur des tableaux!« Er führte mich in ein Palais, in dem eine sehr schöne kleine Gallerie von mitunter werthvollen Bildern und auch plastische Werke sich befanden, über die ich mein Gutachten abgeben sollte. Ich blieb vor wie nach bei diesem Treiben bloß ein müßiger Zuschauer. Auch hier konnte ich es nicht über mich bringen, mir auch nur das Kleinste anzueignen, so verletzend für mein ganzes Zartgefühl war alles, was ich sah und was um mich her vorging. Ich wollte meine Hände rein halten von fremdem Gute, selbst da, wo vorauszusehen war, daß es ein Raub der Flammen wird; ob bloß aus Laune, Stolz oder übertriebener Gewissenhaftigkeit, kann ich nicht sagen, ich wurde von andern sogar deßhalb getadelt, aber das Treiben in Moskau widerstrebte meiner ganzen Natur.1 Mehrere Tage sah ich all diesen Dingen mit großer Beklommenheit[208] und ernstem Nachdenken zu. Ich kann nicht läugnen, daß ich schon während dieses ganzen Krieges eine gewisse Achtung vor den Russen als Nation im ganzen gewonnen hatte. Einzelnheiten zählen hier nicht. Das Landvolk fand ich, soweit ich mit demselben in Berührung kam, gutmüthig, die Soldaten tapfer und die schreckliche Aufopferung von Moskau schien mir etwas Großes. Ganz entgegengesetzte Eindrücke machte auf mich Polen; alles, was ich dort sah und hörte, war nicht geeignet, mir Sympathie für die polnische Nation einzuflößen. Uebrigens kann hier natürlich nur von den Eindrücken die Rede sein, welche ich empfand, als wir dieses Land durchzogen, und diese reichen nicht hin, um ein competentes Urtheil über dasselbe zu fällen. Bei der Armee, besonders unter den Offizieren, herrschte völlige Rathlosigkeit. »Was wird Napoleon jetzt beginnen? Was soll nun werden? Wo und wie den Winter zubringen?« Das waren Fragen, die einer an den andern richtete. Man konnte darüber die confusesten Meinungen und Voraussetzungen hören, so daß einmal ein sonst leidlich verständiger Mann äußerte, die ganze Armee werde auf Schlitten nach Petersburg gehen. Und das war keine Ironie, sondern bitterer Ernst. Die Mehrzahl befand sich in einem Zustande von Apathie, in welchem man nicht wußte, was zu beginnen sei, und man ist zu glauben versucht, auch Napoleon sei lange unschlüssig gewesen. Wie hätte er sonst fünf Wochen in dem verbrannten Moskau bleiben und den Winter abwarten können? Die prachtvolle, tapfere Armee hatte ich so oft in ihrem Glanze gesehen und auf ihrer Siegesbahn begleitet; sie in ihrem jetzigen Zustande der Auflösung und einem noch jammervolleren entgegeneilen zu sehen, erregte in mir tiefen Schmerz. Es ist wahr, wir Deutsche hatten als Nation keine Ursache, sie besonders zu lieben, aber es waren in ihrer Mitte viele brave Männer, die an größere, längst vergangene Zeiten erinnerten, denen die Welt ihre Bewunderung nicht versagen konnte. Es ist immer traurig, einen Mann, der einst groß und glücklich war, in einem elenden verkommenen Zustande zu erblicken, um[209] wie viel mehr werden solche Eindrücke erhöht, wenn wir einen ganzen, großen Körper auf solche Weise zu Grunde gehen sehen! Ich hatte mir stets ein redliches und gutgesinntes deutsches Herz bewahrt, aber die Politik bei Seite gesetzt und als Mensch dem Menschen gegenüber fühlte ich die regste Theilnahme mit der Armee. Es waren zudem nicht lauter Franzosen, Tausende deutscher Brüder mußten deren Loos theilen. Unter allen diesen entmuthigenden Verhältnissen behielten meine Nerven immer noch eine gewisse Spannkraft. Nachdem ich drei bis vier Tage alles hier Vorgegangene vor meinem Geiste vorüberziehen ließ, ging ich in einer Nacht, in Nachdenken versunken, lange Zeit in meinem Zimmer auf und ab, setzte mich dann auf die Fensterbrüstung mit über einander geschlagenen Armen und ließ die Füße zum Fenster hinaushängen. In dieser Stellung blickte ich lange Zeit in die Flammen hinein, die allmählig dem Quartiere, in dem wir wohnten, immer näher kamen. Der Brand hatte in dieser Nacht eine wahrhaft furchtbare Ausdehnung erreicht, soweit das Auge sah, erblickte man nichts als Flammen, als wollte die Welt in Feuer sich auflösen. Vor mir, eine kleine Viertelstunde entfernt, lag eine prachtvolle Kirche mit einer großen und vier kleineren Kuppeln und vergoldeten Dächern. Während ich sie vor Augen hatte und bedachte, daß auch dieser Tempel in wenigen Stunden von den gierigen Flammen verzehrt sein werde, erfaßte mich darüber ein wahres Herzeleid und der Entschluß reifte in mir, nicht länger Zeuge dieser Greuel zu sein. Noch einmal rekapitulirte ich von dem Augenblick an, wo ich München verließ, bis zu dieser verhängnißvollen Nacht alles Gesehene und Erlebte. »Was machst du noch hier?« begann ich zu mir selbst, »du bist ein Glied eines Körpers, der sich in einem abschreckenden Zustande befindet, von dem es besser wäre, die Welt zöge einen Schleier über ihn und ließe ihn in ewige Vergessenheit versinken, anstatt ihn durch bildliche Darstellung der Nachwelt zu überliefern. Was kannst du hier noch nützen? Du hast deiner Ehre, deiner Pflicht Genüge geleistet, reiße dich los, der Zeitpunkt ist da, zu sagen: Bis hieher und nicht weiter!« So[210] wurde es mir klar, daß meines Bleibens bei der Armee nicht mehr sei; das und nicht die Furcht vor neuen Beschwerden und Gefahren, welche die Armee erwarteten, brachte mich zu dem Vorsatze, um jeden Preis heimzukehren. Die Gründe, die mich dazu veranlaßten, waren moralischer Natur, sonst hätte ich nie den Muth gehabt, allein die Heimkehr durch ein feindliches Land zu unternehmen, noch die Kraft, mit solch eiserner Consequenz diesen Vorsatz auszuführen. Ich überdachte die Möglichkeit der Ausführung, sowie die Hindernisse, Gefahren und Beschwerden, welche mir in den Weg treten würden. Nicht leichtsinnig that ich diesen Schritt, er war reiflich erwogen. Als mir bei Borodino der Stallmeister Allemagna begegnete und nicht begreifen wollte, daß ein Künstler und freier Mann wie ich ein solches Leben mitmachen möge, gab ich wenig Gewicht auf seine Worte, aber jetzt legte ich den Künstler in die Wagschale und fühlte, daß ich auch dann, wenn die Sonne des Hofes mich nicht mehr beschiene, etwas in der Welt sein oder werden könne. Militärische Verpflichtung hatte ich nicht; mein Engagement bei Prinz Eugen war an keine bestimmte Zeit gebunden. Ich beschloß, wenn ich keinen Urlaub bekäme, meine Stellung ganz aufzugeben. Dem Wegkommen stand daher meiner Ansicht nach wenig im Wege, desto mehr aber dem Heimkommen. Daß ich in dieser Nacht wenig geschlafen, ist leicht begreiflich. Schon früh begab ich mich am folgenden Morgen in das Palais Momonoff. Unterwegs begegnete mir mein erprobter Freund de Saive. Mit seinen großen schwarzen Augen blickte er mich fest an und fragte: »Was geht in Ihnen vor, ich bemerke nicht die Ruhe, die ich sonst an Ihnen gewöhnt bin.« ? »In der That, ich habe etwas Ernstes vor,« lautete meine Antwort. »Ich glaube es zu errathen, Sie gehen,« erwiderte er, »das sieht Ihnen ähnlich; aufrichtig gesagt, ich würde dasselbe thun, wenn die Soldatenehre es gestattete. Aber ich bitte keine Uebereilung! Wie wollen Sie es anfangen, um loszukommen? Der Prinz wird ungerne oder gar nicht einwilligen!«[211] ? »Das kann an meinem Entschlusse nichts ändern,« entgegnete ich, »er steht fest und ist reiflich erwogen. Ich habe meiner Ehre Genüge gethan, ich habe in den Schlachten gezeigt, daß ich Muth besitze, ich habe alle Beschwerden des Krieges ohne Murren erduldet, aber vor diesem wüsten Treiben hier graut mir, und bei dem, was kommen wird, bedarf es keines Malers. Im nächsten Frühjahre, wenn anders die Armee noch in Rußland ist, bin ich bereit, wieder zu kommen. Der Prinz ist nicht unbillig, vielleicht entläßt er mich in Gnaden, was ich sehnlichst wünsche.« ? »Kommen Sie mit in das Palais,« sagte de Saive, »wir wollen dort mit einander reiflich überlegen, wie die Sache anzugreifen ist; ich werde Sie sehr vermissen, wenn Sie uns verlassen, aber ich kann Ihren Entschluß nicht mißbilligen, doch graut mir vor dessen Ausführung und den damit verbundenen Gefahren. Die Kosaken streifen schon allenthalben im Rücken der Armee, es gehen täglich betrübende Rapporte darüber ein, und ich gestehe, ich möchte lieber von einer Kugel tödtlich getroffen werden, als diesen Barbaren in die Hände fallen.« Unter solchen Reden gelangten wir in das Palais Momonoff, und hier beschlossen wir, daß de Saive den ersten günstigen Augenblick benützen solle, den Prinzen für meinen Entschluß zu stimmen. Der Tag verging, wie die vorhergehenden, unter den Schrecknissen des Brandes, der nun unserem Stadtviertel immer näher rückte. Oftmals drehte sich der Wind, und man schöpfte dann Hoffnung, dieser oder jener Stadttheil werde verschont bleiben, aber vergebens, das rasende Element tobte fort und brach immer aufs neue wieder aus. Amazon.de Widgets Abends erließ der Prinz den Befehl: alle Wagen sollten bepackt und eingespannt, alle Reitpferde gesattelt werden, die Dienerschaft dabei stehen und alles im Hofe des Palais Momonoff und vor demselben auf der Straße die weiteren Befehle abwarten, um auf das erste Zeichen Moskau verlassen zu können. So standen wir in gespannter Erwartung von Abends 8 Uhr bis Mitternacht in recht widerwärtiger Lage: der Wind trieb Rauch und glühende Asche durch die Straße, die Pferde wurden[212] darob unruhig und wollten nicht mehr stehen, besonders die meinigen, welche ich erst Tags zuvor zum erstenmale eingespannt hatte. Ich fand mich deßhalb veranlaßt, mit meiner Equipage in mein nahe gelegenes Quartier zu gehen, gab einem zuverlässigen Menschen den Auftrag, mich in Kenntniß zu setzen, wenn Befehl zum Ausmarsch käme, ließ den Diener bei der Equipage im Hofe stehen und begab mich auf mein Zimmer. Von der verflossenen Nacht sehr ermüdet, setzte ich mich auf den Divan und schlief gegen meine Absicht ein, denn es sah alles ringsum sehr bedrohlich aus. Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, den Russen, der mich in meinem Quartiere bediente, freundlich zu behandeln. So gab ich ihm die Reste der Speisen, welche mir aufgetragen wurden. Anfangs kostete es Mühe, ihn zu bewegen, diese anzunehmen, er gab mir zu verstehen, daß er Prügel bekäme, zuletzt aber wurde er zutraulich und bewies große Anhänglichkeit an mich. Diesem Russen verdanke ich mein Leben. Ohne ihn wäre ich in der unglücklichen Nacht verbrannt. Ich schlief so fest, daß ich von dem ungeheuren Lärmen und Geschrei, das im Hause entstand, weil es vom Feuer ergriffen war, nichts hörte. Gegen 3 Uhr Morgens stürzte mein russischer Diener wie ein Verzweifelter in mein Zimmer. Das Haus stand bereits in hellen Flammen; ich erstickte fast, als ich die Treppe hinabeilte. Mit wildem Brausen wölbte sich eine Feuersäule über dem Hofe und überschüttete mich mit glühenden Funken. Mein eigener Diener war indessen mit meiner Equipage davon gefahren; dieser christliche Venetianer hätte mich ganz getrost verbrennen lassen. Noch ganz von Schrecken betäubt, lief ich in den Straßen herum. Mein erster Weg führte mich in das Palais Momonoff, es war leer. Der Prinz und sein Gefolge hatten also Moskau verlassen. Wohin nun? Gedankenlos durchirrte ich einige Straßen, als ich plötzlich meinen Wagen erblickte. Mein sauberer Diener war eben im Begriffe, die Pferde auszuspannen, mit denen er den Wagen nicht weiter fortbringen konnte. Zornentbrannt rannte ich mit bloßem Degen auf ihn zu und würde[213] ihm denselben auch durch den Leib gerannt haben, hätte er nicht eiligst die Flucht ergriffen. Da stand ich nun ganz allein mitten in dem brennenden Moskau und balgte mich mit zwei Pferden herum, die durch das Feuer, das ungewohnte Einspannen in einen Wagen, besonders aber durch die rohe Behandlung meines Dieners ganz scheu und wild geworden waren. Endlich fiel mir ein, eines der Pferde zu satteln und wie ein Reitpferd zu zäumen, setzte mich auf und brachte mit Hilfe der Sporen und der Faust die Pferde etwas zum Gehorsam, aber noch lange zerrte das eine rechts, das andere links oder versuchte umzukehren. Der Straßen und aller Oertlichkeiten unkundig, durchirrte ich volle fünf Stunden Moskau, ohne einen Ausweg zu finden. Ich gerieth in ganz verschüttete Straßen, in denen zusammengestürzte Mauern, verkohltes Gebälk den Weg versperrte und ich mich gezwungen sah, umzuwenden. Es war zum Verzweifeln! Das Schlimmste war, daß ich nicht wußte, wohin der Prinz gekommen sei und welche Richtung ich auch nur annäherungsweise einzuschlagen habe, um ihn zu finden. So mußte ich nur trachten, meinen Weg nach jenen vom Brande noch verschonten Stadttheilen zu nehmen. Beinahe die ganze Nacht hindurch begegnete mir kein menschliches Wesen: der größte Theil der Armee hatte Moskau verlassen; endlich als der Tag zu grauen anfing, stieß ich auf vereinzelte Marodeurs, die sich in den Straßen herumtrieben, sie gehörten zu der italienischen Armee, ich konnte aber keine Auskunft über das Hauptquartier von ihnen erhalten. Ich folgte ihrer Spur und traf eine Patrouille. Durch diese erfuhr ich, daß ich mich nicht weit von einer Barrière befinde, welche italienische Garden besetzt hielten. Gegen 8 Uhr Morgens kam ich bei dieser, dem heiß ersehnten Ziele, an und erfuhr dort, daß der Prinz mit Napoleon sich aus der unheimlichen Stadt nach Petrowsky, einem zwei Stunden entfernten Lustschlosse, begeben habe. Den Weg dorthin fand ich leicht, da die Straße mit Truppen belebt war. Von einem ganz eigenen Gefühle ergriffen, holte ich tief[214] Athem, als ich mich wieder im Freien befand und die Stadt hinter mir wußte. Später schrieb ich in mein Tagebuch: »An diese Nacht will ich denken, so lange ich lebe!« Gerne hätte ich in Moskau meinen Wagen auf der Straße stehen lassen und wäre mit den Pferden allein weiter geritten, aber wohin mit meinem Gepäcke? Besonders lagen mir meine Zeichnungen und Portefeuilles am Herzen, die ich um keinen Preis zurücklassen wollte. Auch bedurfte ich des Wagens ja für meine Rückreise. Der Gefahr, ein Raub der Flammen zu werden und in Moskau in Dampf, Rauch und glühendem Aschenregen zu ersticken, war ich also glücklich entgangen. Von Petrowsky aus konnte man das großartige Schauspiel des Brandes ruhig betrachten. Es war in der That ein schauerlich-schönes Bild, ein wahres Feuermeer. Man glaubte, kein Haus in der Stadt werde stehen bleiben; soweit das Auge reichte, wirbelten himmelhohe, von brennenden Stoffen genährte, rothgelbe Rauchsäulen empor. Es war, als wollte die Erde sich in Feuer auflösen. Mit jedem Tage wurde die Lage der Armee bedenklicher und trostloser. Schon fehlte es an Fourage für die Pferde, und es war vorauszusehen, daß es bald an allem fehlen würde, was zum Unterhalte einer Armee nothwendig ist. Die gänzliche Rathlosigkeit vermehrte noch das Peinliche dieser Lage. Man trieb sich in einem stumpfen Hinbrüten herum. Ich aber wußte, was ich wollte; mein Entschluß, baldigst die Rückreise anzutreten, stand fest, obwohl auch er mir keinen frohen Blick in die Zukunft eröffnete. Leider fehlte mir noch die Bewilligung des Prinzen und jeder Tag Verzögerung erschwerte die Ausführung, aber in den letzten Tagen drängten sich so gräßliche Ereignisse auf einander, daß meine Angelegenheit nicht zur Sprache kommen konnte. Von dem ersten Schrecken des Brandes erholte man sich in Petrowsky ein wenig, lebte in größerer Gesellschaft beisammen und konnte doch ruhig schlafen. Es bemeistert sich gleich wieder ein gewisser Leichtsinn des Soldaten, wenn er[215] nach schlimmen Zeiten einige gute Tage erlebt. Das ist besonders bei dem Franzosen der Fall. In Petrowsky befand sich ein schöner Park: dieser stand voll von Equipagen der Generäle und hohen Offiziere, einer Unzahl Pferde und der dazu gehörigen Dienerschaft. Für einige Tage hatte es noch das Aussehen eines napoleonischen Hauptquartiers aus glücklicheren Zeiten, es war das letzte Mal! Dem Leben dort gab recht viele Abwechslung die Menge von Gegenständen aller Art, welche aus dem brennenden Moskau herzugeschleppt worden waren. Es wurden alle möglichen Geschäfte und Handelschaften gemacht und die kostbarsten Dinge oft gegen werthlose vertauscht, je nach den Bedürfnissen. Komisch sahen die Bivouaks der Soldaten aus, sie bildeten ein Mittelding zwischen Lager und Jahrmarkt. In der Nähe des Kaisers ging es immer noch anständig her, doch in den entfernteren Lagern soll es gräßlich ausgesehen haben. Die Soldaten litten schon bedeutend Mangel an Nahrung, verwilderten, verfielen in eine gänzliche Demoralisation und zerstörten, was sie nicht brauchen konnten. Nach dem 20. September kehrte der Kaiser in den Kreml zurück; der Brand hatte besonders in jenem Stadttheile nachgelassen. Bald darauf folgten auch wir nach Moskau. Sonderbarer Weise war um das Palais Momonoff, welches der Prinz bewohnt hatte, rund herum alles niedergebrannt, dieses aber war völlig unversehrt. Das Haus, in dem ich gewohnt, fand ich als Schutthaufen wieder; es machte auf mich einen betrübenden Eindruck, besonders dachte ich mit schmerzlichem Gefühle der Bewohner, die sich mir so liebreich erwiesen und von denen ich nichts mehr sah noch hörte. Hier in Moskau entschied sich endlich mein Schicksal; ich erhielt Urlaub, 50 Louisd'or Reisegeld und eine Marschroute auf Quartier und Verpflegung. Ungesäumt rüstete ich mich nun zur Abreise. Es war das Werk meines Freundes de Saive, der den Prinzen günstig für mich zu gewinnen wußte, obwohl er nicht gerne einwilligte. Das Erste war, daß ich den alten Thierarzt aufsuchte, mit[216] dem ich von München bis Bayreuth reiste. Ich fragte ihn, ob er den Muth habe, mit mir diese Rückreise zu unternehmen. »Mit Ihnen gehe ich bis an das Ende der Welt!« war seine Antwort. Sodann engagirte ich einen jungen Polen als Diener, der russisch, deutsch und französisch sprach. Zwei gute Reisepferde, welche ich noch besaß, wurden eingefahren. Das Einpacken nahm wenig Zeit in Anspruch, denn im Kriege ist man immer marschfertig. Mit Proviant versah ich mich nach Möglichkeit: vor allem versorgte ich mich mit Brod, Schinken, geräuchertem Fleische, Käse, Reis u.s.w. Auch mit Getränken, Rum und verschiedenem Branntwein wurde ich versorgt. Einen guten Pelz und andere kleine Fahrnisse hatte ich schon früher gegen billigen Preis erstanden. Ich bezahlte alles. Mit reinen Händen verließ ich Moskau, obwohl es mir nicht an Gelegenheit fehlte, Schätze zu sammeln. Deutsche Kaufleute, welche in Moskau wohnten und, ich weiß nicht wie, von mir und meiner Rückreise etwas in Erfahrung gebracht, suchten mich auf und drückten den Wunsch aus, mit mir zu reisen. Sie baten dringend, nur noch einen Tag zuzuwarten, bis sie ihre Sachen gepackt und geordnet hätten. Sehr ungern sagte ich zu, es drängte mich, bald weiter zu kommen. Auch war mir nicht sonderlich um eine Reisegesellschaft zu thun, ich knüpfte mein Glück nie gerne an das Anderer und bestand Gefahren gern allein. Indessen gab ich hier nach, weil sie gar so dringend baten. Den Abend vor der Abreise brachte ich in Gesellschaft dieser Leute in ihrer Wohnung zu. Es waren zwei artige Familien mit Frauen und Kindern. Bei einem kleinen Souper und einem guten Glas Punsch trank man sich für die Reise zu, sprach viel und wurde zuletzt fast heiter. Die Damen zeigten sich recht liebenswürdig, aber der Muth hielt nicht vierundzwanzig Stunden aus. Der Abschied wurde mir nicht so leicht, als ich anfangs geglaubt, besonders von meinem treuen Freunde de Saive und von so manchen andern wackern Kameraden. Dem Prinzen[217] Eugen war ich stets sehr anhänglich und die Trennung fiel mir auch deßhalb schwer. Der Gedanke: »Was soll aus diesen Leuten werden? Wann, wo und wie werden wir uns wiedersehen?« hatte etwas sehr Ernstes. Die fünf jungen Leute aus dem königl. bayerischen Marstalle, die mit mir aus München abgegangen, kamen an meinen Wagen, als ich eben im Wegfahren begriffen war; sie wollten alle mit mir gehen, aber ich konnte und durfte sie nicht mitnehmen. Sie küßten mir die Hände und weinten bitterlich, baten mich, dem Oberststallmeister, ihren Vorgesetzten, Eltern und Freunden ihre Ergebenheit und Dankbarkeit auszudrücken. Sie machten mir zuletzt das Herz noch sehr schwer. Von ihnen kam keiner mehr in sein Vaterland zurück. Endlich hatte ich mich muthig von allem losgerissen und den Tag meiner Abreise unabänderlich festgesetzt. 1 Amazon.de Widgets Nur ein Bild nahm Adam von Moskau fort, getrieben von religiöser Achtung: eine künstlerisch ganz unbedeutende Madonna, die er aber nicht den Flammen zur Beute lassen wollte. Dieses Bild ist noch im Besitze der Familie. 
 II. München.  [30] Zu Ende Juli 1807 beredete mich mein Freund Johann Lorenz Rugendas1 zu einer Fußreise nach München, wo er auf der Dult2 mit den Bilderhändlern Geschäfte machen wollte. Gern ging ich auf seinen Vorschlag ein und bei schönem Wetter unter traulichen Gesprächen legten wir in anderthalb Tagen unsern Weg zurück. Zu München kam ich in eine ganz neue Welt, welche ich mehr in meinem Innern geahnt als gesucht hatte. Bisher fehlte mir noch jede Gelegenheit, mit einem wahren Kunsttreiben bekannt zu werden. Besonders waren mir die großen Vorbilder der alten Meister fremd geblieben, und es rief in mir die glühendste Begeisterung wach, diese in der königlichen Gallerie in so großer Anzahl vereinigt zu finden. Ich war wie berauscht von all dem, was ich hier sah. Besonders zogen mich die Werke der Niederländer an, und die Eindrücke, welche sie auf mich machten, waren so mächtig, daß ich überall an Wege auf der Rückreise Bilder von Potter, Dujardin, Van der Velde,[30] Wouvermann u.s.w. zu sehen glaubte und Vergleiche anstellte, welcher von diesen Meistern wohl der Natur am nächsten gekommen. Es war eine schöne Begeisterung, welche nur der begreifen kann, der die Kunst innig liebt und im Herzen trägt. In der Gallerie lernte ich einige Künstler kennen, welche sich für mich zu interessiren schienen; ich erkundigte mich bei ihnen um die Lebensverhältnisse in München und erfuhr zufällig, daß in der Nähe der Gallerie ein Sommerhäuschen billig zu miethen sei, das für einen Künstler, welcher bescheidene Ansprüche mache, nicht ungeeignet wäre. Augenblicklich verfügte ich mich dahin und miethete es um den Preis von vier Gulden monatlich. In größter Eile lief ich hierauf in das Gasthaus zum »Goldenen Kreuz«, wo wir wohnten, rannte auf Rugendas zu, welcher in zahlreicher Gesellschaft an der Table d'hôte speiste, mit den Worten: »Ich ziehe nach München und reise jetzt sogleich nach Augsburg, um meine Sachen in Ordnung zu bringen und recht bald wieder hier sein zu können.« Rugendas sah mich groß an, lachte und erwiderte: »Da sieht man wieder den Brausekopf! Hat denn das so entsetzliche Eile? Warten Sie nur bis morgen, ich habe heute noch einige Geschäfte zu besorgen, morgen gehe ich mit.« »Nein, nein,« entgegnete ich, »ich muß fort, ich habe keine Ruhe mehr, ich kann hier nicht mehr schlafen!« In seiner großen Herzensgüte ließ Rugendas sich endlich herbei, noch an demselben Abende in einer schönen Sommer-Mondnacht vier Stunden Weges zurückzulegen und in Dachau mit einem recht schlechten Nachtquartier vorlieb zu nehmen. Als des andern Tages die goldene Scheibe der Sonne majestätisch am Horizonte heraufstieg, hatten wir schon eine bedeutende Strecke zurückgelegt und waren bis Mittag in Augsburg angelangt. Ich aß und wollte mich sodann ein wenig schlafen legen, um von der Reise auszuruhen, schlief aber von 1 Uhr bis 9 Uhr Abends, nahm wieder etwas Speise zu mir und schlief wieder bis 11 Uhr des andern Morgens. Nicht blos die Ermüdung der eiligen Fußreise, sondern alles, was in München,[31] wo ich mehrere Tage nach einander fast gar nicht ruhte, mit mir vorgegangen, hatte mich so abgespannt, daß die Natur so ungestüm ihre Rechte forderte. Von Augsburg kam ich aber nicht so schnell fort, als ich gewollt, ich sah mich genöthigt, einige angefangene Arbeiten zu vollenden, um mit Ehren von einem Orte scheiden zu können, wo ich soviel Liebe genossen und so heitere Tage verlebt hatte. Jedoch machte ich mich so rasch los, als ich konnte und eilte nach München. Hier war mein erstes Trachten, die Erlaubniß zu erhalten, in der Gallerie copiren zu dürfen. Ich packte das Beste von meinen Arbeiten zusammen und verfügte mich nach Schleißheim zu dem alten Galleriedirektor von Mannlich,3 von dem ich etwas kalt aufgenommen ward, aber doch die gewünschte Erlaubniß erhielt. Mit mehr Wärme interessirte sich für mich und meine Arbeiten der damalige Gallerie-Inspektor Dillis;4 einigen von meinen Radirungen schenkte er ganz besondere Aufmerksamkeit. Dillis war ein Mann mit viel natürlichem Gefühle, er glühte für die Kunst und war in seinen Ansichten vielseitig. Er stammte von einem Förster ab, und obwohl er sich dem geistlichen Stande gewidmet hatte, trat doch in seinem Benehmen etwas Naturwüchsiges hervor, das ihm vom Jäger geblieben und ihn sehr gut kleidete. Ich machte mich sogleich aus Werk, nahm meine Staffelei und Geräthschaften selbst unter den Arm und stieg mit einem ganz eigenen Gefühle die Treppe hinauf, welche mich in das Heiligthum der Kunst führte. Oben an der Treppe begegnete[32] ich einem anderen Inspektor, dem alten Brulliot.5 Er fragte mich voll Treuherzigkeit in seiner Niederländer-Mundart: »Na, was wollen Sie denn zuerst copiren?« Ich erwiderte ganz naiv: »Ich denke, Wouvermann.« Der gute, alte Herr prallte ordentlich bei diesem Worte zurück und rief: »Pah, Wouvermanns! Sie haben viel Courage!« Ich ließ mir aber den Muth nicht nehmen, suchte mir ein Bild, aus welchem ich eine Gruppe von zwei Pferden und einer Figur wählte und setzte mich an die Arbeit. Ich begann auf ganz andere Art, als die anderen Künstler, welche theils zum Studium, theils um aus dem Copiren einen Erwerbszweig zu machen, hier malten. Man sah mir kopfschüttelnd zu, jeder wußte etwas anderes zu tadeln oder zu rathen, alle aber kamen darin überein, daß es eine Unmöglichkeit sei, einen Wouvermann alla prima zu copiren; ich aber malte getrost nach meiner Art und Weise weiter. Endlich wandte ich mich an Dillis, welcher fast täglich durch die Gallerie die Runde machte und da und dort guten Rath ertheilte, wo er glaubte, daß dem betreffenden Künstler zu rathen oder zu helfen sei. »Herr Inspektor!« redete ich ihn an, »helfen Sie mir doch aus der Noth! Mir wird der Kopf ganz wirre, jeder sagt mir etwas anderes, am Ende wird mir doch bange, alles verkehrt anzugreifen!« ? »Lassen Sie die Leute reden,« erwiderte er, »und machen Sie so fort; das Ding wird gut, Sie haben den Meister verstanden, und wenn es gut wird, ist es ganz gleich, wie Sie es gemacht haben, und hätten Sie es auch mit dem Besenstiele statt mit dem Pinsel gemacht; wenn Sie es zudem prima herauskriegen, ist es besser, als wenn Sie so lange daran herumfieseln,6 es kommt mehr Geist hinein!«[33] Amazon.de Widgets Das waren tröstliche Worte. Ob der Satz aber ganz richtig, will ich nicht behaupten; ganz gleichgültig ist es nicht, wie man eine Sache angreift und mit welchen Mitteln man seinen Zweck erreicht. Dillis aber erkannte recht wohl, daß ich bei meinem ernsten Streben bald von selbst auf die rechte Methode kommen werde, zumal ich mir bisher durch eigenes Suchen mühevoll das aneignen mußte, was ich gelernt hatte und mir dabei allerlei Kunstgriffe und Handvortheile erworben hatte, von denen Andere, welche das Malen systematisch erlernt, gar nichts ahnen. Deßhalb erreichte ich damals, was ich wollte, auch auf verkehrtem Wege. In der Gallerie war ich immer der Erste, der kam und der Letzte, der ging. So geschah es eines Abends, als es schon anfing, etwas zu dämmern und ich immer noch an der Staffelei saß, daß ich hinter mir einen Mann mit einem mir widerlichen Gesichte bemerkte, welcher länger verweilte, als sonst gewöhnlich blos Neugierige zu thun pflegen. Zuletzt nahm er gar einen Stuhl, setzte sich hinter mich und schaute mir zu, nahm sodann das Wort und fragte mich: »Verkaufen Sie das Ding?« Ich schaute ihn groß an und sagte: »Ich habe es zu meinem Studium gemacht, um etwas dabei zu lernen und an Verkaufen bisher noch gar nicht gedacht.« ? »Ich will es aber kaufen,« sagte er, »wenn es Ihnen feil ist. Was verlangen Sie denn dafür?« ? »Lassen Sie es doch erst fertig werden,« bemerkte ich, er aber entgegnete: »Machen wir den Handel ab, sagen Sie, was Sie begehren.« Ich dachte bei mir selbst, wenn das so geht, daß ich die Sachen, welche ich zu meinem Studium mache, verkaufen kann, so ist in München gut durchkommen, und verlangte einen Dukaten. Der Mann zog seine Börse, suchte eine Weile und legte einen schönen Dukaten auf die Staffelei mit den trockenen Worten: »Das Bildchen ist mein« ? und ging. Auch ich packte zusammen und ging vergnügt über meine Handelschaft nach Hause. Unterwegs dachte ich bei mir selbst, wer denn der häßliche Kerl sein könnte, der wohl noch mehr bezahlt hätte als einen Dukaten. Der Mann hatte jedoch etwas Unheimliches für mich.[34] Oft knüpft sich an einen Zufall eine ganze Kette von Begebenheiten, welche von dem wichtigsten Einfluß für ein ganzes Leben sind, und es ist deßhalb gewiß keine unwichtige Aufgabe, ernstlich darauf bedacht zu sein, die günstigen Augenblicke, welche sich darbieten, erkennen zu lernen und zu benützen, den ungünstigen aber, soviel möglich, aus dem Wege zu gehen. Eine solche an und für sich unscheinbare Begebenheit war die Handelschaft mit meinem ersten Bildchen in der Gallerie. Kaum war das Gerücht hievon ruchbar geworden, so entstand daselbst unter den Künstlern ein wahrer Lärm; bei Einigen, welche glaubten, ich sei durch einen schmutzigen Mäkler mißbraucht und könnte ferner auf ähnliche Weise übervortheilt werden, war es Theilnahme im besten Sinne, bei Anderen schien aber eine Art Besorgniß vorzuherrschen, daß auf solche Weise die Preise herabgesetzt und die Copien entwerthet würden. Ich nahm mir von diesen Aeußerungen zu Herzen, was ich brauchen konnte, ging aber ruhigen Schrittes den Weg fort, den ich mir vorgezeichnet hatte. Die Bekanntschaft, welche ich hier mit manchem wackern Künstler machte, kam mir sehr zu gut; ich lernte in kurzer Zeit vieles, besonders in Beziehung auf die technische Behandlung der Oelmalerei; mein Urtheil wurde durch den Austausch der Ansichten geschärft, ich lernte sehen und die Vorzüge dieses und jenes Meisters erkennen. Es war damals ein recht reges Leben in der Gallerie, das man in unseren Tagen ganz vermißt was mitunter Ursache sein mag, daß man sich von den schönen Vorbildern der Alten zu weit entfernt. Man treibt sich häufig in einer zu naturalistischen Richtung herum und verfällt auf der andern Seite in das entgegengesetzte Extrem einer zu großen Strenge und Trockenheit, welche sich von der Naturwahrheit zu sehr entfernt. Unsere Alten wußten beides oft recht schön zu verbinden. Unter den Leuten, welche sich hier zusammenfanden, waren auch zwei Künstlerinnen, beide nicht ohne Talent und sehr fleißig. Sie machten sich mit den übrigen Personen, welche[35] hier waren, wenig zu schaffen und ihr ganzes Benehmen zeugte von Bildung und einer sehr guten Erziehung. Ich kannte sie nur vom Sehen und kam nie dazu, ein Wort mit ihnen zu sprechen, suchte auch keine Gelegenheit hiezu; ich wollte nicht unbescheiden erscheinen. Es lag auch in ihrem ganzen Benehmen etwas, das einem jungen Menschen, wie ich damals war, Respekt einflößen konnte und errathen ließ, daß sie jede Zudringlichkeit ferne von sich zu halten wissen. Eines Morgens war ich wieder wie gewöhnlich sehr frühe in der Gallerie; es wurden erst nach und nach die grünen Vorhänge aufgezogen. Da erschien bald nach mir eine jener Damen, eine Badenserin mit Namen Sophie Reinhardt aus Karlsruhe. Sie wünschte mir einen guten Morgen, sprach von gleichgültigen Dingen und ging mit mir durch die ganze Gallerie, was ich gewöhnlich that, ehe ich zu arbeiten begann. Wir kamen bis in den letzten Saal, da lenkte sie das Gespräch auf meine Handelschaft. Sie nahm mich auf eine Vertrauen erregende Weise in eine Art Verhör, aus welchem Grunde ich diese schöne Copie um solchen Spottpreis verkauft hätte und wie ich zu der Bekanntschaft mit diesem Menschen gekommen sei, warnte mich ernstlich und sagte: »Sie sind so jung und talentvoll und scheinen mir noch wenig mit dem Treiben in der großen Welt bekannt zu sein; hüten Sie sich vor diesem und ähnlichen Menschen, sie sind gefährlich für junge Leute. Es ist ein Mäkler, der mit allem Geschäfte treibt und er steht nicht in dem besten Rufe. Solche Menschen ziehen gerne junge Leute an sich, besonders wenn sie bemerken, daß diese talentvoll und unerfahren in ihren Manipulationen sind, strecken ihnen wohl auch etwas Geld vor, um ihnen ihre Arbeiten abdrücken zu können, und ehe man sich dessen versieht, ist man an sie gebunden. Schenken Sie mir Ihr Vertrauen und unterrichten Sie mich über Ihre Verhältnisse, ich besitze die Gunst der Königin Karoline und habe Zutritt bei ihr, vielleicht kann ich etwas für Sie thun.« Es leuchtete aus allem hervor, daß sie vermuthete, ich hätte aus Geldverlegenheit meine Arbeit so wohlfeil hergegeben. Ich[36] versicherte sie, daß ich das aus keinem andern Grunde that, als weil ich eben der ersten kleinen Copie, welche ich hier gemacht, keinen höhern Werth beigelegt hatte. Der Mann habe bezahlt, was ich begehrt, mehr könne man ihm nicht zumuthen. Was übrigens eine nähere Bekanntschaft mit diesem Menschen betreffe, werde ich mir ihre Warnungen gewiß zu Herzen nehmen; er habe mir vom ersten Augenblicke an, wo ich ihn gesehen, ohnehin keinen Vertrauen erregenden Eindruck gemacht. Ich dankte ihr so verbindlich, als ich konnte, für ihre Theilnahme und sagte, daß ich für das, was ich vielleicht für meine Arbeit zu wenig erhalten habe, mich jetzt schon reichlich dadurch entschädigt sehe, daß diese Veranlassung mir das Vergnügen, eine so achtbare Dame kennen zu lernen, verschafft habe. In der That war von diesem Augenblick an die Bekanntschaft nicht allein mit dieser, sondern auch mit ihrer ebenso achtungswerthen Freundin gemacht, denn beide wohnten zusammen und lebten in einem wahrhaft schwesterlich schönen Verhältniß. Bald entspann sich mit diesen beiden sehr gebildeten Wesen ein zartes, freundschaftliches Verhältniß, welches sich immer in den strengen Grenzen des Anstandes und der Sitte hielt und auf mein ganzes Leben, Thun und Treiben einen höchst günstigen Einfluß übte. Nichts ist wohl geeigneter, auf die Entwickelung eines jungen Mannes in dem Alter, in welchem ich damals war, günstig einzuwirken, als gerade ein solcher Umgang. Sichern Schrittes ging ich über den glatten Boden weg, auf welchem junge Leute in dieser gefährlichen Lebensperiode, besonders mit einem so heißen Blute, wie das meinige war, straucheln und auch oft so fallen, daß sie sich für ihr ganzes Leben nie mehr zu jener moralischen Kraft aufschwingen können, welche allein geeignet ist, den Menschen über alle Schicksale und Widerwärtigkeiten dieses unvollkommenen irdischen Daseins zu erheben. Um das Verhältniß, in welchem ich zu diesen zwei Damen stand, etwas klar zu machen und meine Tugend nicht zu schwer[37] in die Wagschale zu legen, dürfte es am Platze sein, die beiden Charaktere etwas zu bezeichnen. Sophie Reinhardt7 war die Tochter eines würdigen und sehr geachteten Staatsbeamten in Karlsruhe. Bei einem hellen Verstande hatte sie sehr viel Witz, welcher leicht in bittere Wahrheiten überging, die aber verständige Menschen nicht verletzen konnten, weil es wirklich Wahrheiten waren; auch wurden sie immer bald wieder durch ihr treffliches Gemüth und eine ihr eigenthümliche Ruhe ausgeglichen. Ohne gerade schön zu sein, hatte sie ein angenehmes Aeußere, ein gewisser ironischer Zug schwebte fast immer um ihren Mund und kleidete sie gut. Mit diesen Eigenschaften, verbunden mit der großen Achtung, welche ich vor ihr hatte, verschaffte sie sich bald, und nicht zu meinem Nachtheil, einen bedeutenden Einfluß auf mich. Nicht umsonst hatte sie mich, als ich sie in der Gallerie zum erstenmale sprach, ersucht, ihr mein Vertrauen zu schenken, dieses wurde auch nach und nach so groß, daß ich ihr über die kleinste meiner Handlungen Rechenschaft ablegte. Ihre Freundin, welche wir hier einfach Marie8 nennen[38] wollen, war die Tochter eines Malers aus dem Fränkischen. Sie hatte nicht jene Weltbildung wie Sophie Reinhardt, aber feine Sitten und Anstand waren ihr deßhalb nicht fremd geblieben, und was eine gute Erziehung nicht gethan, hatte die Natur ersetzt; an Edelmuth und zartem Gefühle, sowie an weiblicher Tugend stand sie den Besten ihres Geschlechtes nicht nach. Sie besaß mehr körperliche Reize als ihre Freundin. Ein großes, offenes und feuriges Auge zeugte von einer großen Tiefe des Gemüthes und von Leidenschaftlichkeit, welche sich aber nie nach außen anders verrieth, als daß bei dem kleinsten Anlasse ihr Gesicht eine glühende Röthe überflog. Ihre schöne, freie Stirne umfloß das prachtvollste Haar, welches ich jemals sah; es war ein helles Braun mit vollkommenem Goldschimmer, fein wie Seide und so lang und dicht, daß sie sich wie in einen Mantel ganz darin einhüllen konnte. Sie war mir ebenso freundschaftlich zugethan, wie die Reinhardt, vielleicht etwas mehr, als für ihre eigene Ruhe gut war, was sich erst ein paar Jahre später kund gegeben hat. Ich verlebte während meines damaligen Aufenthaltes in München den größten Theil meiner Abendstunden in dieser liebenswürdigen Gesellschaft, Stunden, welche mir bis an das Ende meiner Tage unvergeßlich und in dankbarer Erinnerung bleiben werden. Durch meine Freundin Geiger wurde ich in dem Hause des Grafen Froberg-Montjoye,9 in welchem sie Zutritt[39] hatte und von der ganzen, zahlreichen Familie sehr gerne gesehen war, eingeführt. An diese neue Bekanntschaft aber knüpft sich eine ganze Reihe von Begebenheiten in meiner künstlerischen Laufbahn, ich möchte fast sagen, alle Fäden meines künftigen Geschickes laufen in diesem einen Punkte zusammen. Bis zu diesem Augenblicke hatte ich mich durch Fleiß, Anstrengungen und gute Freunde mit vielem Glücke durch alle Hindernisse gearbeitet, die sich mir in den Weg gestellt. Hier aber fand ich nun einen wahren Mäcen, der mir den Weg zu einem leichtern und schnellern Emporkommen bahnte. Froberg war aus dem Elsaß gebürtig und nannte sich nach seiner dortigen Besitzung Montjoye, ein Mann von großer, kräftiger Gestalt. In seinem Wesen lag etwas Imponirendes, in seiner Denkart etwas Ritterliches und Edles. Er brauste leicht auf, war aber bald wieder gut, denn er besaß das beste Herz der Welt. König Maximilian, der ihn schon im Elsaß kennen gelernt, war ihm sehr gewogen und sah ihn gerne um sich. Froberg bekleidete die Charge eines Obersten und Flügeladjutanten des Königs, er war auch ein guter, kühner Reiter. In seinem Hause fand ich dieselbe liebevolle Aufnahme, welche mir bisher fast überall zu Theil geworden. Ich wurde darin ganz heimisch, fand fast immer bei Tische ein Couvert für mich, hütete mich aber wohl, hievon Mißbrauch zu machen. So ergab sich für mich die Gelegenheit, mit Leuten aus der höhern Gesellschaft und mit Adeligen in Berührung zu kommen, wodurch ich mich auch in diesen Kreisen bewegen lernte. Beschäftigung als Künstler konnte mir Froberg nicht geben, sorgte aber dafür, daß ich diese anderswo fand. Er war nicht reich, hatte jedoch ein schönes Einkommen, führte ein anständiges Haus, besaß einen schönen Stall und viele Dienerschaft. Vor allem machte er mich mit dem königl. Oberststallmeister Baron von Kesling10 bekannt. Dieser Herr, welcher zu[40] den bedeutendsten Persönlichkeiten des Hofes gehörte, war von großem Einflusse, da der König ihn ganz besonders liebte und ihm großes Vertrauen schenkte. Kesling, ein ganz feiner Hofmann von den liebenswürdigsten Manieren, war der beste Reiter seiner Zeit. Er hatte sich in der guten Schule von Versailles in der höhern Reitkunst ausgebildet, wobei ihm seine schöne, schlanke, ganz für einen Reiter gebaute Gestalt und seine Kenntnisse sehr zu Statten kamen. Durch Froberg bei ihm aufs wärmste empfohlen, gelang es mir bald, dessen Gunst zu erwerben. Ich hatte schon einige Pferdekenntniß, was ihn freute, und erhielt von ihm bald die Erlaubniß, mir Pferde aus dem königl. Marstalle in den Nachmittagsstunden in die Reitschule bringen zu lassen und darnach zu studiren. Später wurde mir auch der Auftrag, einige derselben für den König zu malen, welcher diese Gemälde nachher dem Oberststallmeister zum Geschenke machte. Amazon.de Widgets Zu meiner größten Freude bekam ich in der königl. Reitschule auch gründlichen Unterricht im Reiten, wobei ich mich sehr bald gut anließ und mir die Gunst meiner Lehrer erwarb, denn meine Leidenschaft für Pferde und Reiterei wuchs mit jedem Tage. Die Reitschule war damals unter Kesling und dem Vater Valentin Schreiner mit seinen zwei tüchtigen Söhnen ein vortreffliches Institut, vielleicht das erste in Deutschland. Später konnte sie sich nie mehr zu diesem Glanze erheben. Die Reitschule war nun nach der Gallerie für mich der wichtigste Ort; ich brachte viele Zeit dort zu und zeichnete fleißig, während geritten wurde. Es wurde früher des Bildes erwähnt, welches ich 1807 in Augsburg für die Brüder Zweibrücken malte. Dieses Bild zeigte Baron Christian von Zweibrücken dem Könige Max,[41] welcher Wohlgefallen daran fand, und Zweibrücken benützte sofort diese günstige Gelegenheit und bat den König, etwas für mich zu thun. »Gut,« sagte dieser, »da ist eben eine Künstlerpension von 600 Gulden frei geworden, die will ich ihm geben!« Zweibrücken eilte voll Freude zu mir, um mir hievon Mittheilung zu machen und zu gratuliren. Ich dankte ihm verbindlichst für diesen neuen Beweis seines Wohlwollens. Später kam auch der Galleriediener zu mir, welcher jenes Bild zum Könige gebracht und seine Aeußerung mit angehört, um seinen Glückswunsch abzustatten. Man sah es als eine abgemachte Sache an. Es vergingen mehrere Monate, ohne daß ich weiter etwas von dieser Pension hörte. Eines Tages besuchte mich Zweibrücken in meinem kleinen Atelier, fragte, wie es gehe und ob ich schon im Bezug derselben wäre. Ich verneinte es. »Das ist sonderbar,« bemerkte er, »ist denn keine Antwort auf Ihre Eingabe erfolgt?« ? »Welche Eingabe?« ? »Ja,« sagte er mit einigem Erstaunen, »haben Sie denn keine Eingabe an den König gemacht, in der Sie ihn um eine Unterstützung bitten?« ? »Nein!« ? »Und warum denn nicht?« ? »Ich hielt es für eine abgemachte Sache, und eigentlich so recht beim Licht betrachtet, will es mir fast scheinen, als hätte ich den König ein wenig belügen müssen, denn ich bin ja nicht so arm, daß ich einer Unterstützung bedarf.« ? »O Künstler, Künstler! was seid ihr für unpraktische Leute! Gott weiß, wo inzwischen dieses Geld hingekommen ist, da sind vielleicht ein paar Dutzend Bittschriften bei Minister Montgelas eingegangen, und die Pension ist längst vergeben oder vertheilt.« ? »Trösten wir uns damit, daß es vielleicht ein Aermerer bekommen, als ich bin,« antwortete ich. »Vielleicht auch ein viel Unwürdigerer, als Sie sind!« In dieser Antwort lag eine Wahrheit. Eine lange Erfahrung hat gelehrt, daß aus einem großen Theile solcher Pensionäre, denen man auf diese Weise emporhelfen will, nichts wird, als privilegirte Müßiggänger. Selbst der herzensgute König Max kam in späteren Jahren dahin, daß er keine Künstlerpensionen, oder doch nur höchst selten, verlieh, wohl[42] aber solchen Künstlern, welche Talent verriethen und etwas leisteten, ihre Werke abkaufte oder dieselben beschäftigte, was am Ende doch die beste Pflege der Kunst ist. Zweibrücken schied diesmal etwas unzufrieden von mir, war mir aber wegen dieses Ereignisses nicht weniger zugethan als zuvor. Mein Benehmen in dieser Sache könnte mir leicht als eine Art von Stolz am ungeeigneten Platze angerechnet werden, das aber war ferne von mir. Hätte man mich auf die Schritte aufmerksam gemacht, um die Pension zu erlangen, so hätte ich sie gewiß gethan. Daß ich jene aber nicht erhielt, bereitete mir auch nicht eine trübe Stunde. Ich hatte bisher schon ein solches Bewußtsein meiner Kraft, eine solche Furchtlosigkeit vor der Zukunft erlangt, daß ich ebenso heiter und in meinem Innern glücklich war wie vor her. Damals und so lange mein Aufenthalt in München währte, wohnte ich in einem aus Riegelwänden erbauten Gartenhäuschen, das nach drei Himmelsgegenden Fenster hatte. Ein aus leichten Brettern gezimmertes Stiegenhaus, bei welchem durch viele Spalten der Wind hereinblies, war mein Schlafgemach, in dem ich, um ein reines Zimmer zum Malen zu haben, Sommer und Winter, selbst bei der strengsten Kälte schlief. Zur Befriedigung der nöthigen Lebensbedürfnisse brauchte ich sammt meinem Gesellschafter, einem treuen Pudel, die Hausmiethe nicht mit eingerechnet, täglich 24 Kreuzer. Dabei war ich so gesund, sah so blühend aus und hatte eine solche Heiterkeit des Gemüthes, daß sie oft bis zum Muthwillen überging und meine Freunde oftmals sagten: »Wir wollen nur sehen, wenn du einmal gescheit wirst.« Auf solche Weise verlebte ich in München unbeschreiblich glückliche Tage. Bei den wenigen Bedürfnissen für meinen Unterhalt dünkte ich mich reich, und ich hätte eine entschiedene Lüge begehen müssen, um dem Könige zu sagen: »Ich bitte Ew. Majestät allerunterthänigst um eine Unterstützung, ich bin arm!« An den Winterabenden zeichnete ich mit auf der Akademie,[43] versuchte mich bisweilen in Compositionen und malte einige kleine Bilder; ein ausgeführtes Bild machte ich von der Familie des Grafen Froberg. Einen großen Theil meiner Zeit nahm immer das Studium der Pferde in Anspruch, zu welchem sich mir in München eine so günstige Gelegenheit darbot. Als im Herbste 1808 ein großes Lager bayerischer Truppen bei Augsburg zusammengezogen wurde, begab ich mich sogleich dorthin, erneuerte meine alten, mir so lieb gewordenen Bekanntschaften und zeichnete viel. Ich war wieder recht in meinem Elemente unter dem Militär, besonders unter dem Regiment König. Trotzdem hatte ich aber an meinen Verhältnissen in München und dem dort herrschenden Kunstleben solchen Geschmack gefunden, daß ich nach Beendigung des Lagers gleich wieder dorthin zurückkehrte. Eine große Leere war inzwischen zu München in meiner Umgebung entstanden; ich hatte meine beiden mir so lieb gewordenen Freundinnen verloren, nachdem ich noch zuvor im Sommer in der königlichen Gallerie zu Schleißheim mehrere Wochen in ihrem Umgange angenehm verlebt hatte. Marie Geiger hatte in Wien einen reichen Onkel, welcher zwar kinderlos war, aber sich bisher wenig oder gar nicht um die Familie seines minder bemittelten Bruders bekümmerte. Durch einen Zufall erfuhr er viel Vortheilhaftes von seiner Nichte, welche in München studirte und mit einer Staatspension von 600 Gulden lebte. Er schickte ihr schon zu Weihnachten einen werthvollen Pelzmantel nebst einigen anderen kleinen Geschenken als Zeichen seiner wohlwollenden Gesinnung, lud sie ein, zu ihm nach Wien zu kommen, und versprach, sie an Kindesstatt zu adoptiren. Sie folgte dieser Einladung und reiste acht Monate später, von ihrer treuen Freundin Reinhardt begleitet, welche sich nicht von ihr trennen wollte, dahin ab. Ich fühlte, daß ich viel verlor, und trennte mich hart von ihnen. Das Lager bei Augsburg, welches bald darauf folgte, nahm mich glücklicherweise so sehr in Anspruch, daß ich mich[44] leichter in die Trennung fand, als wenn ich in München geblieben wäre. Bei meiner Rückkehr von Augsburg brachte ich die längeren Abendstunden hier in Gesellschaft von ein paar wackeren Freunden zu, denn Wirthshausleben war nie meine Sache, und nur ausnahmsweise verlebte ich bisweilen einen Abend in Gesellschaft von Künstlern in einem Gasthause. So verging der Winter, bis das verhängnißvolle Jahr 1809 herankam. 1 Amazon.de Widgets Johann Lorenz Rugendas (der Vater des durch seine Reisen bekannten Johann Moriz Rugendas, geb. 20. März 1802 zu Augsburg, gest. 29. Mai 1858 zu Weilheim), geb. 1775 zu Augsburg gest. das. 1826 als Prof. der Kunstschule und Direktor der Zeichnungsschule. 2 Dult = Jahrmarkt, Messe, Fest; schon bei Ulfila. Goth. duld; alth.: tuld; mhd.: dult. Vgl. Schmeller 1872, I. 502. 603. 3 Johann Christian von Mannlich, Maler und Galleriedirektor, geb. 1740 zu Straßburg, gest. 3. Januar 1822 zu München. Vgl. Nagler, Künstler-Lexicon 1839, VIII. 243. XVI. 258 ff. und Liliencron's Allg. Deutsche Biographie 1884, XX. 207. 4 Jos. Georg von Dillis, geb. 26. Februar 1759 zu Grüngiebing (Landgericht Haag), nachmals Centralgallerie-Direktor zu München, gest. 28. September 1841. Vgl. Andresen, Die deutschen Maler-Radirer des XIX. Jahrhunderts. Leipzig 1870, IV. 137?200 und Marggraff in Liliencron's Allg. Deutsche Biographie 1877, V. 226 ff. 5 Franz Brulliot, geb. 1739 zu Mannheim, Professor an der Düsseldorfer Akademie und Inspektor seit 1805 in gleicher Stellung zu München, starb 1827. Vgl. W. Schmidt in Liliencron's Allg. Deutsche Biographie 1876, III. 419. 6 Fieseln, d.h. kleine Bewegung machen mit dem Munde oder den Zähnen; nagen. Schmeller, Bayer. Wörterbuch 1872, I. 767. 7 Sophie Reinhardt, eine höchst anmuthende Erscheinung und vielseitig gebildete Künstlerin, deren Werke als Schöpfungen eines zarten, tiefen Gemüthes betrachtet werden müssen, wurde 1775 (1778), zu Karlsruhe geboren, bildete sich unter dem Galleriedirektor Becker, übte sich in vielen Copien und begann dann in eigenen Compositionen ihr reiches Talent zu üben. Im Jahre 1808 ging sie nach Oesterreich und Ungarn, bereiste 1810 Italien, kehrte hierauf nach Karlsruhe zurück, wo sie 1843 starb. In allen ihren Bildern ist feines Gefühl, wahre Einfachheit und Natur. Sie lieferte religiöse Darstellungen, historische Bilder (Konradin von Schwaben), besonders aus der badischen Geschichte (Markgräfin Anna von Baden, an Arme Speise vertheilend), Landschaften (Ruth), Scenen aus dem Gebiete der Romantik (Tasso's Tod), des italienischen (Pifferari 1830) und deutschen Volkslebens, worunter besonders zwölf Radirungen zu Hebels alemannischen Gedichten erwähnt zu werden verdienen. Besonders glücklich bewegte sie sich im Kreise zarter Weiblichkeit. Vgl. Hormayr's Archiv vom 17. Februar 1823, S. 116. Nagler 1842, XII. 397. Wurzbach 1873, XXV. 214. Seubert 1879, III. 127. 8 Später nennt unser Autor auch ihren Familiennamen. Maria (Margaretha) Geiger wurde als die Tochter des Malers Conrad Geiger (1751?1810) zu Schweinfurt geboren, war erst Schülerin ihres Vaters, nahm sich dann van der Werff zum Muster, bis sie in München Gelegenheit fand, auf der Gallerie auch andere Meister zu studiren. Im Jahre 1809 begab sie sich (mit Sophie Reinhardt) nach Wien zu einem reichen Oheim, starb aber daselbst schon am 4. Oktober desselben Jahres am Typhus. Vgl. Nagler 1837, V. 64. Wir werden dieser edlen, reinen und höchst liebenswürdigen Künstlerin im Laufe von Adam's Autobiographie noch öfter begegnen. 9 Johann Nepomuk Simon Reichsgraf Froberg-Montjoye, königl. bayerischer Kämmerer, General-Major und General-Adjutant des Königs Max Joseph I., starb 7. Februar 1814. 10 Karl Ludwig Philipp, Freiherr Kesling von Bergen, geb. 26. August 1763, gest. 4. Januar 1843 zu München, königl. bayerischer Kämmerer, wirklicher Geheimerath und Oberststallmeister. Der edle, feingebildete Herr hatte auch Ludwig Schwanthalers Talent erkannt und ihm die Wege geebnet. ? Sein nach Halbig's Modell von F. von Miller gegossenes lebensgroßes Standbild befindet sich unter den Arkaden des südlichen (alten) Kirchhofes zu München. 
 IX. Feldzug nach Rußland.  [145] Schon seit Anfang des Frühjahres waren die Straßen Deutschlands von den ungeheuren Truppenmassen überschwemmt. Die schönste Armee, welche das Jahrhundert gesehen, drängte sich mit Hast und Eile ihrem entsetzlichen Untergange entgegen. Franzosen, Italiener, Deutsche, Polen, Holländer, Spanier, in einer compacten Masse vereinigt, mit den bedeutendsten Männern an ihrer Spitze, richteten alle ihre Blicke auf den einen Mann, auf den sie mit unbegränztem Vertrauen ihre Hoffnungen bauten. Sieggewohnt, muthvoll und von Ehrgeiz beseelt, trugen sie alle das Bewußtsein eines glücklichen Erfolgs in der Brust; den gefährlichsten Feind, die Elemente, brachte Niemand mit in Rechnung. Der Abschied von meiner Gemahlin war ein sehr heroischer: keine Thräne wurde vergossen, wir setzten beide einen Werth darein, uns stark zu zeigen. Es lag dies damals in der Zeit. Bevor ich zu Pferde stieg, reichte ich ihr noch einmal die Hand und sagte: »In acht Monaten, wenn ich noch am Leben bin, komme ich zurück!« gab dann dem Pferde die Sporen und jagte davon. Die erste Strecke des Marsches von München bis Bayreuth machte ich zu Pferde in kleinen Militäretappen. Aus dem königl. Marstall wurden dem Prinzen Eugen auf seinen Wunsch sechs gute Reitpferde mit allem Zugehör und dreizehn Maulthiere[145] mit zwei Fourgons verabreicht und sechs junge Leute aus dem königl. Stallpersonal und ein alter Thierarzt mitgesandt. Der Adjutant des Vicekönigs, Méjean, welcher mir den Befehl zum Abmarsche überbracht hatte, beging die Indiscretion, mich mit diesem Transport reisen zu lassen. Dem königl. Oberststallmeister, Baron von Kesling, war dieses jedoch sehr angenehm, er stellte den ganzen Zug unter meine Aufsicht und räumte mir eine große Vollmacht ein. So zog ich zum zweitenmale als functionirender Stallmeister von München in den Krieg, diesmal jedoch unter glänzendern Verhältnissen als drei Jahre früher. Den ersten Tag ging alles gut von statten; das junge Volk war sehr vergnügt, der Stallluft und dem maschinenmäßigen, strengen Dienste entronnen zu sein; es sang und jubelte. So schlenderten wir sieben Stunden dahin und kamen frühzeitig in das Quartier zu Schwabhausen. Das Reisen zu Pferde, obschon es manches Beschwerliche hat, machte mir stets Vergnügen: Meine Pferdeliebhaberei, mein Studium und der Umgang mit diesen edlen Thieren, die freie Bewegung, bei der man auf dem Wege alles sehen und beobachten und jeden schönen Fußpfad benützen kann, ohne an die Landstraße gebunden zu sein, hatte stets vielen Reiz für mich. Hierin mag zum Theil der Grund liegen, warum ich nicht gleich von Anfang die Nachtheile, welche diese Art zu reisen zur Folge hatte, in Erwägung zog. Der Mensch greift ja bei aller Vorsicht gar leicht nach dem, was seinen Neigungen entspricht und macht dadurch bisweilen Fehlgriffe. So ging es diesmal. Wäre mir nicht ein glücklicher Zufall und meine Entschiedenheit, rasch zu handeln, wenn es noth thut, rechtzeitig zu Hilfe gekommen, so dürften die Absichten, welche der gute Prinz Eugen mit mir hatte, zur Hälfte vielleicht vereitelt worden sein. Die nächsten Tage der Reise waren nicht mehr so heiter. Die Route ging überhaupt äußerst langsam nach den uns vorgeschriebenen Stationen vorwärts. In Donauwörth fand ich meinen Bruder Ferdinand und meine guten Eltern, welche mich zu sehen bei schlechtestem Wetter, sieben[146] Stunden weit, zu Fuß von Nördlingen herübergekommen waren. Die Freude des Wiedersehens war groß. Bei einem gutbesetzten Tische und unter traulichen Gesprächen saßen wir bald recht fröhlich beisammen bis spät in die Nacht. Wären meine Eltern nicht gar so ermüdet gewesen, so hätten wir uns gar nicht zur Ruhe gelegt. Sehr frühe wurde ich wieder wach, und sobald sie mich hörten, verließen sie das Lager, wir nahmen ein kräftiges Frühstück, plauderten noch ein Stündchen, wobei ich von meiner Frau nicht genug erzählen konnte; um 6 Uhr mußte ich die Reise jedoch fortsetzen. Die Trennung von meinen Eltern griff mich weniger an als ihr Wiedersehen, das Reisen hatte solchen Reiz für mich, daß gar manches Gefühl zurücktrat, wenn es sich darum handelte, mich von etwas lossagen zu müssen, was mir lieb und theuer war. Unser Weg führte über Monheim, Weissenburg, Roth nach Nürnberg, wozu uns drei Tagemärsche vorgeschrieben waren. In Nürnberg hatten wir sogar einen Rasttag, welchen ich gehörig ausnützte, um alle meine alten lieben Freunde und Bekannten wiederzusehen. Es gewährte mir großes Vergnügen, daß fast Niemand mich mehr erkannte; der arme Zuckerbäckerjunge, welcher vor acht Jahren nach Nürnberg gekommen, erschien jetzt als schmucker, eleganter italienischer Offizier. Selbst in der lieben Familie des würdigen Direktors Zwinger wurde ich nicht gleich erkannt. Dem alten Herrn wollte übrigens meine Metamorphose nicht besonders gefallen, sie vertrug sich nicht recht mit seinem ächt patriotischen Sinne. Er that etwas fremd, und es kostete Mühe, die alte Zutraulichkeit, die ich an ihm gewohnt war, wieder hervorzurufen. Recht vielen Spaß machte mir das Zusammentreffen mit meiner frühern Prinzipalin, der Frau des Conditors Braun: ich begab mich in ihren Laden, kaufte einiges Zuckerwerk und Chokolade, ließ mich mit der Frau, die sehr gerne plauderte, in ein Gespräch ein, und da noch mehrere von meinen frühern Kunstarbeiten im Laden gleichsam als Schaustücke aufgestellt waren, lenkte ich das Gespräch auf diese und ihren Urheber,[147] wobei ich einige spitzfindige Bemerkungen gegen diesen mit einfließen ließ, was Veranlassung zu manchen gegenseitigen komischen Erörterungen bot. Aus allem ging hervor, daß die gute Frau sich gar nicht einfallen ließ, mit wem sie rede; ich aber genoß hiebei die Freude, zu bemerken, daß mein Andenken immer noch in ihrem Gedächtnisse lebte. Ihre kleine blauäugige Tochter stand während dieses Zwiegespräches etwas zurück und betrachtete mich fortwährend mit schelmischen Blicken. Zuletzt konnte sie sich nicht mehr halten und sagte zu ihrer Mutter: »Aber, Mama, kennen Sie denn den Herrn Adam nicht mehr?« So endete das Gespräch mit einer heitern Scene. Anderthalb Tage verweilten wir in dem mir früher schon so lieb gewordenen Nürnberg. Am 18. Mai wurde die Reise über Eschenau, Pegnitz, Bayreuth fortgesetzt, wozu uns abermals drei Tage vorgeschrieben waren. Zu Pegnitz traf ich auf der Post einen bayerischen Offizier, welcher von der Armee als Courier nach München gesandt wurde. Als dieser von mir vernommen hatte, ich sei angewiesen, mit diesem Transporte mich im Hauptquartier des Vicekönigs zu Glogau einzufinden, sagte er: »Lieber Freund, wenn Sie Ihre Reise auf diese Weise fortsetzen, so werden Sie den Vicekönig treffen, wenn der Krieg bald zu Ende ist. Von Glogau kann gar keine Rede sein, der Vicekönig befindet sich gegenwärtig schon mit seinem Armeecorps im Herzen Polens.« Diese Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag, es wurde mir klar, wie unrecht ich gethan, mich auf diese Art zu reisen, einzulassen. Dieser Offizier hatte ganz richtig geurtheilt: erst zu Surash an der Düna stieß der Pferdetransport zum Hauptquartiere, nachdem die wichtigen Schlachten von Ostrowno und Witebsk und andere bedeutende Ereignisse vorüber waren. Nach einer unruhigen Nacht, welche mir die erhaltene Kunde verursachte, brachen wir bei Sonnenaufgang nach Bayreuth auf. Hier saß ich in einem angenehmen Quartiere der Post gegenüber eben bei einem guten Mittagsmahle, als ein französischer Courier rasch anfuhr. Ich lief, was ich konnte, hinüber und fragte ihn: »Woher?« ? »Von Constantinopel.« ?[148] »Wohin?« ? »Ins Hauptquartier des Kaisers.« ? »Wollen Sie mich mitnehmen?« ? »Haben Sie Papiere?« ? »Ja.« Er maß mich einen Augenblick mit raschen Blicken vom Kopf bis zu den Füßen und sagte dann: »Ich nehme Sie mit, wenn Sie schnell reisefertig sind.« ? »Können Sie mir eine halbe Stunde Zeit geben?« ? »Ja, wenn es sein muß, aber nicht eine Minute länger.« Diese knappe Art zu reden und zu handeln lag ganz im Wesen dieser Leute, es waren äußerst energische, thatkräftige, verwegene Menschen, die oft in ihrem Dienste das Außerordentlichste leisteten. ? Mein Gepäck war auf einen der Fourgons geladen, welche wir bei uns hatten; ich eilte dorthin, ließ alles abpacken, übergab dem Thierarzte meine Vollmacht und die übrigen, diesen Transport betreffenden Papiere. Nach einer halben Stunde war ich fertig und reiste mit dem Courier ab. Es ging freilich anders vorwärts: die Meilenzeiger flogen an uns vorbei und wir kamen nach Dresden, ohne daß ich recht wußte, wie. Ich unterhielt mich unterwegs sehr gut mit dem Courier, er hatte große Reisen durch ganz Europa gemacht und war ein lebendiges Erzählungsbuch. Napoleon befand sich schon seit einigen Tagen in Dresden und mit ihm ein Theil der deutschen Fürsten, militärische Größen, Diplomaten und Notabilitäten aller Art. Auch Maria Louise mit vielen hohen Damen war anwesend; Feste folgten auf Feste, es war ein ungeheueres reges Treiben. Napoleon ermangelte nicht, die anwesenden Fürsten seine Macht und Größe fühlen zu lassen, besonders soll der gute König Friedrich Wilhelm von Preußen wahre Demüthigungen erfahren haben. Ich traf zufällig mit diesem unglücklichen Fürsten auf der königl. Gemäldegallerie zusammen und fand, daß man ihm nur zu deutlich den Gram ansehen konnte. Ebenso hörte man über das hochmüthige Betragen der Kaiserin Maria Louise bittere Klagen; auch die Umgebungen Napoleons ließen es nicht fehlen, in ihrer voreiligen Siegestrunkenheit auf alles Andere mit Geringschätzung herabzublicken. ? Dadurch und durch andere Fehler fingen schon hier die Grundfesten, auf welche Napoleons Macht gebaut war, zu wanken an: erst wurden[149] einzelne Persönlichkeiten verletzt und später ganze Nationen, bis diese, von dem tiefgekränkten Ehr- und Nationalgefühle auf das Aeußerste gebracht, bei dem ersten Anlasse die Waffen gegen Napoleon kehrten und ihn vom Throne stürzten. In Dresden mußte ich mehrere Tage auf eine günstige Gelegenheit warten, um weiterzukommen, denn ich erfuhr, daß Prinz Eugen sich zu Thorn an der Weichsel befinde. Zufällig machte ich die Bekanntschaft eines Capitains der kaiserlichen Garde, welcher in Geschäften zu Dresden zurückgeblieben war und nun mit Extrapost zu seinem Regiment befördert wurde. Mit diesem reiste ich bis Thorn. In Eilmärschen, einigemale auch die Nacht hindurch, durchwanderten wir die unschönen Gegenden von Polen und einen Theil von Preußen, ohne daß diese Reise mir viel Angenehmes geboten hätte. Mein Reisegefährte entsprach nicht meinem Sinne, die große Lieblosigkeit, mit der er die armen Bauern behandelte, welche uns unentgeltlich fahren mußten, gab mir manchen Anlaß zum Aergerniß. Auch seine Brutalität in den Quartieren, besonders auf preußischem Boden, erregte meinen Unwillen. In einem kleinen Städtchen Preußens, nur ein Beispiel davon anzuführen, waren wir bei einer artigen, älteren Frau, welche uns eine Bouteille Wein vorsetzte. Er fuhr sie in rauhem Tone an: »Was ist das, Madame, eine Bouteille Wein für zwei Offiziere? Noch eine Bouteille!« Die Frau weinte und sagte, sie sei eine arme Predigerswittwe, lebe von einem kleinen Gehalte und könne die Kriegslasten nicht mehr erschwingen. Ich suchte den Capitain zu besänftigen und erklärte, ich wolle auf allen Wein verzichten. Aber es half nichts, er setzte seine Brutalitäten fort, bis eine zweite Flasche kam, indem er behauptete, das werde den Leuten alles von der Regierung ersetzt. Ich aber trank weder von der ersten, noch von der zweiten Flasche. Das war im allgemeinen der Geist, mit dem damals die Franzosen das gedemüthigte und ausgesaugte Preußen durchzogen; es konnte nicht fehlen, daß dadurch der tiefste Rachedurst wachgerufen wurde, welcher die Unbilden in reichem Maße den Franzosen später heimzahlte.[150] In Thorn angelangt, trafen wir die kaiserlichen Garden, den Generalstab und den Marschall Berthier. Hier ging es wieder recht toll her. Alles fand ich, nur nicht den Prinzen Eugen. Ich verlor zwei Tage, bis ich endlich in Berthier's Bureau erfuhr, er sei in Plock an der Weichsel. Ich mußte nun mit Postpferden, die ich nur mit Mühe und durch besondere Begünstigung erhielt, auf meine Kosten nach Plock reisen, aber auch hier erreichte ich mein Ziel noch nicht: der Prinz war wieder mehrere Tagmärsche voraus. Bei der Abreise von Thorn nach Plock hatte ich das Unglück, meinen getreuen Cerberus in einem großen Gedränge bei dem Uebergang über die Weichsel zu verlieren. Trotz aller Mühe konnte ich ihn nicht wieder finden und sah mich genöthigt, ohne denselben von Thorn einen schmerzlichen Abschied zu nehmen. Amazon.de Widgets In Plock saß ich in der peinlichsten Lage, weil ich den Prinzen nicht getroffen: mein Geld war auf der Neige, ich kannte keinen Menschen und stand eben im Begriffe, eine werthvolle goldene Repetiruhr, die ich 1810 von der Vicekönigin zum Geschenke erhalten hatte, an einen Juden zu verkaufen, als ich auf der Straße einen Diener des Prinzen traf, dieser erzählte mir, daß er mit einigen kranken Leuten vom Hauspersonale hier habe zurückbleiben müssen. Ich klagte ihm meine Noth, und er rieth mir, mich an den General Plauson zu wenden, welcher in Plock in Geschäften für den Prinzen zurückgehalten worden sei. Ich begab mich sogleich in sein Quartier, die Adjutanten wiesen mich aber im Vorzimmer ab, der General sei sehr beschäftigt und für Niemand zu sprechen. Ich ließ mich jedoch nicht abschrecken. Gefragt, was ich denn von ihm wolle, theilte ich mein Anliegen mit. Ein Adjutant machte Meldung und der General trat aus seinem Zimmer auf mich zu mit den Worten: »Haben Sie Papiere?« Nachdem ich mich legitimirt hatte, fuhr er fort: »Sie treffen den Prinzen in Willenberg; wenn Sie sich nicht verweilen und mit Postpferden die Nacht hindurch reisen, können Sie morgen dort sein. Hier haben Sie vier Louisd'or, schreiben Sie darüber eine Quittung und geben Sie dieselbe meinem Adjutanten. Reisen Sie glücklich!«[151] Mit diesen Worten legte er das Geld auf den Tisch und entfernte sich. Wie nun Glück und Zufall oft im Leben ein wunderliches Spiel mit uns treiben, so wurde mir innerhalb einer Stunde eine doppelte Hilfe. Als ich von Plauson wegging, mußte ich über einen großen Platz, um nach meiner Wohnung zu gelangen. Schon von ferne sah ich einen italienischen Courier gerade auf mich zueilen. Ich blieb wie gefesselt stehen, und als er mich erkannte, schrie er laut auf vor Freude. Ich war das erste Gesicht vom Hofe, welches ihm nach einem Wege von 450 Stunden begegnete, und solche Begegnungen unter solchen Umständen in einem wildfremden Lande machen immer Freude. Lambert (so hieß der Courier) kam direkt von Mailand. »Sie müssen mich mitnehmen,« sagte ich, »in einer Viertelstunde bin ich mit meinem Gepäcke an der Post.« ? »Abgemacht!« Gerne hätte ich nun dem General Plauson sein Geld zurückgestellt, aber es hätte nur Zeitverlust mit sich gebracht. In raschem Laufe ging es nun ohne Aufenthalt in das Hauptquartier des Prinzen. Lambert war ungemein vergnügt, einen Gesellschafter zu haben, es gab gegenseitig viel zu erzählen, und so schien uns diese letzte Strecke gar nicht lange, obschon wir mit Courierpferden noch einige 20 Stunden brauchten, sie zurückzulegen. Am 10. Juni gegen 11 Uhr Vormittags kamen wir zu Willenberg in Ostpreußen an und trafen dort das Hauptquartier des vierten Armeecorps, welches Eugen befehligte, und die Bayern, welche zu demselben gehörten. Meine Ankunft wurde freudig aufgenommen, Oberst Bataille sagte mir: »Der Prinz hat gerade vor einigen Stunden den Auftrag gegeben, ein Schreiben an alle Commandantschaften auf der ganzen Militärroute ergehen zu lassen, damit diese Sie aufforderten, Ihre Reise zu beschleunigen.« Daß ich selbst diesem Befehle zuvorgekommen bin, konnte daher nicht verfehlen, einen guten Eindruck zu machen. Jetzt erfuhr ich auch, daß Mr. Méjean beauftragt war, mich in seinem Wagen von München aus mitzunehmen. Dies schien ihm übrigens nicht bequem, und so ließ er mich mit dem Pferdetransport reisen.[152] Prinz Eugen empfing mich ungemein liebreich; er übergab mir ein schönes Portefeuille in rothes Saffianleder gebunden, das in Gold seinen Namen trug und das er eigens von Paris für mich mitgebracht hatte, um es als bildliches Tagebuch dieses Feldzuges zu benützen. Recht herzlich lachte er, als ich ihm meine Reiseerlebnisse und meine Geldverlegenheit erzählte. Am 11. kamen wir nach Ortelsburg, am 12. nach Brodinen, am 13. nach Sensburg, am 14. nach Rastenburg, einer kleinen Stadt, welche an einem unbedeutenden, von Hügeln eingeschlossenen See liegt. Unser Aufenthalt dauerte bis zum 18. Sodann durchwanderten wir einen Theil von Ostpreußen und Polen in zehn Tagemärschen über Lötzen, Polomen, Oletzko, Szidorovea, Kalwarya, Mariampol, Michalsky, Joehmizky nach Piloni am Niemen. Im Ganzen unschöne, oft ganz unfruchtbare Gegenden, die dem Niemen zu immer armseliger wurden. In Piloni standen wir an der Gränze Rußlands. Unverzüglich begann unter dem Schutze einer auf dem etwas erhöhten Ufer aufgestellten Batterie das Schlagen einer Schiffbrücke. Während dieser Arbeit aber wurde das Grenadierregiment der italienischen Garde auf Pontons an das russische Ufer übergeschifft. Unter den jämmerlichsten Verhältnissen verweilten wir den 29. und 30. Juni zu Piloni, einem elenden Orte mit armen hölzernen Häusern und abgedeckten Dächern. Zwei Tage lang fiel der Regen unaufhörlich in Strömen, und es wurde für Menschen und Thiere zur Unmöglichkeit, trockene Haut zu bekommen, weil man jeglichen Obdaches entbehrte, also auch jeglichen trockenen Lagers. Den Pferden bekam dieser Zustand noch schlechter als den Menschen; das nasse Grünfutter verursachte ihnen Kolik, an welcher sie nach wenigen Stunden den gräßlichsten Tod fanden; in einer Nacht wurden so Tausende von Pferden weggerafft. Wahrhaft peinlich waren die Märsche der Truppen anzusehen, welche während jener Tage Piloni ohne Unterbrechung durchzogen. Mühsam und sehr langsam schleppten sich die Colonnen der Infanterie auf den vom Regen erweichten, fast grundlosen Straßen einher, fast alle Viertelstunde gab es einen[153] Halt. Die damals schon oft recht schlecht ernährten Soldaten fühlten sich von Müdigkeit und der Last ihres Gepäckes fast erdrückt. Kleider, Armatur, alles wurde durch die Nässe doppelt schwer. Oft sah ich sie bei solchem kurzen Halte unter den furchtbarsten Flüchen und Verwünschungen ihre Gewehre von der Schulter herabnehmen und mit den Kolben in den Koth hineinstoßen, daß dieser ihnen über dem Kopfe zusammenspritzte. Am Ende mußten sie das schmutzige Gewehr doch wieder aufnehmen, was sie aber wenig beachteten, da ja ohnehin schon alles mit Koth überzogen war. Kamen nun diese armen Menschen nach zurückgelegtem Marsch in ihr Lager, so diente die durchnäßte Erde als Ruhestätte und der Himmel, von dem es in einem fort in Strömen goß, als ihr Gezelt. Unter solchen Verhältnissen befand sich die französische Armee an den Ufern des Niemen, und man konnte leicht in Versuchung kommen, zu denken, es sei dies eine schlimme Vorbedeutung von dem, was ihrer erst jenseits des Stromes im russischen Lande harrte. Am 1. Juli betraten wir den russischen Boden: auf einem Marsche von zehn Stunden zählte ich fünfhundert in Folge des ungünstigen Klimas gefallene Pferde. Es läßt sich darnach ein Maßstab anlegen von dem, was hinter uns vorgegangen und von dem, was außer unserm Gesichtskreis lag. Gegen Mittag erreichten wir Krony, die erste Stadt in Russisch-Polen. In auffallendem Contrast stand der Feldbau an beiden Ufern des Niemens: auf russischem Boden wurden plötzlich die Kornfelder üppig, die ganze Vegetation schien besser und fruchtbarer. Von Krony kamen wir in drei Tagmärschen nach Troki, einer (nach dortiger Bauart) hübschen Stadt mit einer ansehnlichen, aus Stein erbauten Kirche, während die Häuser meistens aus Holz sind. Hier blieben wir vier Tage, ich im Schulhause einquartiert, woselbst ich mich Nachts auf einen Tisch zu legen gezwungen sah, wenn ich nicht ganz vom Ungeziefer aufgezehrt werden wollte, denn die Wände schienen des Abends von allem erdenklichen Ungeziefer lebendig zu werden. Diese Plage steigerte sich mit der zunehmenden Hitze.[154] Von Troki sollte das Armeecorps die Richtung gegen Zemloslau einschlagen. Tags zuvor wurde ein Offizier ausgesandt, um die Straße zu recognosciren. Dieser ging wahrscheinlich nicht weit genug und ließ sich durch falsche Kundschafter täuschen; er kam mit der Meldung zurück, daß die Straße praktikabel sei. Am 8. Juli setzte man sich in Bewegung, als der Weg nach etwa vier Stunden immer schlechter und bedenklicher wurde, es kamen Prügelwege, die durch lange Sümpfe führten und die zuletzt in einen solchen Zustand übergingen, daß die Unmöglichkeit eintrat, mit Cavallerie und noch viel weniger mit Artillerie und Fuhrwesen durchzukommen. Die Pferde fielen bis über die Knie in tiefe Löcher, Kanonen und Wagen sanken ein; es blieb kein Ausweg als umzukehren. Aber es läßt sich nicht beschreiben, welch entsetzliche Unordnung dies auf dem schmalen Knüppeldamm verursachte, es konnte nicht anders bewerkstelligt werden, als daß die letzten die ersten und die ersten die letzten wurden, woraus ein großer Zeitverlust entstand. Ich selbst verlor beinahe mein schönstes Pferd auf einem sumpfigen Wiesengrunde abseits der Straße. Anfangs ging es sehr gut, allmählig aber trat mein Pferd immer tiefer und tiefer ein, bis es über den halben Leib im Sumpfe steckte, ich hob mich aus dem Sattel und arbeitete mich aus dem Sumpfe heraus bis an die Straße. Das Pferd gab ich für verloren; allein der Bürde des Reiters enthoben, machte es die größten Anstrengungen, um sich bis an die Straße hinzuarbeiten, wo es dann mit Hilfe mehrerer Leute herausgezogen wurde. Daß ich und mein Pferd nicht sehr elegant darnach aussahen, ist leicht denkbar, wir waren ganz von Schlamm und schwarzem Moor überzogen. Alle diese Anstrengungen des ganzen Marsches waren nun vergeblich; der ganze Weg mußte zurückgemacht und auf einer andern Straße angetreten werden und zwar ohne Aufenthalt. Es wurde die Nacht durch marschirt und nur um Mitternacht ließ man die Pferde der Cavallerie eine Stunde lang in einem großen Haberfelde weiden. Tragisch-komisch war der Marsch der Cavallerie durch einen langen dichten Wald: viele vor[155] Müdigkeit auf den Pferden eingeschlafene Reiter rannten sich die Köpfe an die Bäume, da fiel ein Helm herab, da hing ein anderer nur noch am Sturmband fest an der Seite, da fiel ein Reiter ganz herunter. Besonders schlecht ging es der italienischen Guardia d'onore mit ihren übermäßig hohen Helmen. Auch die ermatteten Pferde stolperten oft und stürzten, kurz alles zeugte von den bis auf die Neige erschöpften Kräften der Truppen. In Folge solcher Märsche entstand ein neuer Verlust an Pferden. Ganze Colonnen von Hunderten dieser armen Thiere mußte man im erbärmlichsten Zustande nachführen, mit Löchern im Widerriste oder Rücken, mit Werg zugestopft, aus denen der Eiter in Strömen herabfloß. Bis auf das Gerippe abgemagert, waren sie ein Bild des Jammers und Elendes. So sah es schon Mitte Juli um die Armee aus! Am 11. Juli schrieb ich aus Olszany in Russisch-Polen an meine Frau: »Ich fange an, den Muth sinken zu lassen, zwei volle Monate auf dem Marsche und für was? und durch welche Länder? Es macht mir Herzweh, daß ich die mir von Gott geschenkte Zeit so elend vergeuden muß. Krieg! das ist ein entsetzliches Wort! da gilt keine Rücksicht auf das Wohl oder Verderben ganzer Nationen, und wehe dem, welcher sich mit dieser Furie bekannt macht und noch ein Herz hat, das für die Menschen schlägt. Was ich seit vierzehn Tagen für Elend gesehen, ist unbeschreiblich: die meisten Häuser stehen leer und sind ohne Dach. Man hat in den Gegenden, welche wir durchzogen, meistens Strohdächer, und dieses alte Stroh diente den Pferden zur Nahrung. Die Wohnungen sind ruinirt oder ausgeplündert, die Bewohner entflohen oder so arm, daß sie sich kaum vor dem Hungertode retten können; viel mehr lassen ihnen die Soldaten nicht. Alle Straßen liegen voll todter Pferde, welche bei der jetzt eingetretenen Hitze weithin einen fürchterlichen Geruch verbreiten, und das Fallen der Pferde wird noch immer ärger. Das ist ein abscheulicher Krieg. Der Feldzug von 1809 scheint nur ein Spaziergang im Vergleich mit diesem; wenn es so fortgeht, weiß ich nicht, wie es enden soll. Trotz des elenden Lebens und des beschwerlichen Umherziehens habe ich[156] doch schon manches gezeichnet, was für mich großen Werth hat, aber diese Zeichnungen kommen theuer genug zu stehen. Und der Erfolg dieses Krieges muß außerordentlich vortheilhaft sein, wenn ein Maler für alle seine Opfer entschädigt werden soll. Dieses Herumziehen in elenden Gegenden und das damit verbundene Vergeuden der goldenen Zeit wird mir nachgerade unerträglich, ich kann es nicht verbergen, daß ich mich auf die erste Schlacht freue. Lieber will ich die Kugeln pfeifen hören, als noch lange dieses trostlose Leben führen. Die Soldaten lechzen nach dem Kampfe, er wird heiß werden, wenn anders die Russen Stand halten! Sollte es ihnen aber belieben, uns noch lange Zeit auf ihrem geräumigem Territorium diese amüsanten Promenaden machen zu lassen, so kann die Armee hübsch matt und müde werden, bis es zu einem entscheidenden Schlage kommt, oder man einen glorreichen Einzug in der Hauptstadt hält, was doch unser Ziel ist. Diesmal sind wir sehr gut in einem großen Edelhofe bei einem reichen Gutsbesitzer einquartiert; seine Bauern sagen ihm aber nicht viel Gutes nach, er ist in der ganzen Umgegend als ein abscheulicher Tyrann bekannt. Man hat ihm eine Schutzwache gegeben, es sind ihm aber doch einige sehr schöne Pferde weggeführt worden.« ? Elf Tage zogen wir noch so im Lande herum, gingen über Smorgony, Zalesie, Wileika, Dockschizy und Kamen nach Beszenkowicky; dort stießen wir endlich auf den Feind. In Smorgony, einem ansehnlichen Orte, verweilte der Prinz zwei Tage in einem sehr schönen Edelhofe. Von da an wurde das Land schöner und fruchtbarer, man bemerkte mehr Wohlhabenheit und recht hübsche Landhäuser, die übrigens auch nur aus Holz erbaut waren und nur ein Erdgeschoß hatten. Gewöhnlich zierte die mehrere Stufen über den Boden erhöhten Häuser ein kleiner, von Säulchen getragener Fronton. Am 18. verweilten wir in Dockschizy. Hier brach durch Unvorsichtigkeit Feuer aus und der ungeheuer lange, aus lauter Holzbauten bestehende Ort wurde, ein einziges elendes Haus ausgenommen, in wenigen Stunden ein Raub der Flammen.[157] Das furchtbare, prasselnde Feuermeer spottete jeder entgegenarbeitenden Anstrengung. Wir hatten schon seit langer Zeit eine außerordentliche Hitze, und jene Hütten brannten wie lauter Stroh. Am 21. und 22. verweilten wir in Kamen, am 23. früh ritt der Prinz mit seiner Suite einige Stunden vorwärts, um die Ufer der Düna zu recognosciren und über die Stellung des Feindes sich Kenntniß zu verschaffen. Ich blieb zurück, um eine Zeichnung zu vollenden. Bald kam des Prinzen Mameluk mit zerstörtem Gesicht im Carriere angesprengt, um den Leibarzt Assalini zu holen: einer der Adjutanten, Oberst Lacroix, war verwundet. Eine Musketenkugel vom jenseitigen Ufer der Düna hatte ihm die Schenkelknochen zerschmettert; wir bekamen ihn nicht mehr zu sehen, er starb erst lange darnach in Folge dieser Wunde. Oft hatte ich im Kriege Gelegenheit, zu bemerken, daß mancher Mensch das Vorgefühl des nahen Todes oder eines besondern Mißgeschicks geraume Zeit in sich trägt. Ein Beispiel hievon ist Lacroix. Jeder Zoll an ihm war Soldat. Er hatte von der Pike an bei der Cavallerie gedient, sich überall tapfer gezeigt und bloß durch sein Verdienst sich emporgeschwungen. Während unserer Märsche in Rußland äußerte er oft, er werde in diesem Kriege einer der ersten sein, der ins Gras beißen müsse. Wenige Tage vor seiner Verwundung sagte er zu mir: »Nun, Adam, jetzt wird es bald losgehen, und wenn Sie einen finden, der alle Viere auf dem Schlachtfeld von sich streckt, den zeichnen Sie, das werde ich sein!« In der Nacht vom 22. auf den 23. schlief ich in einem großen Lokale mit den meisten Adjutanten auf Stroh, stand vor Tagesanbruch, während noch alles schlief, auf, setzte mich an ein Fenster und zeichnete. Als später Lacroix sich von seinem Lager erhob, kroch eine Natter aus dem Stroh hervor, auf dem er gelegen. Ruhig schaute er ihr nach und sagte trocken: »Das hat etwas zu bedeuten!« An demselben Morgen erhielt er die tödtliche Wunde. Wäre er in der Hitze des Gefechtes gefallen, so hätte sich Niemand gewundert; aber hier dachte kein Mensch daran, daß eine elende Musketenkugel[158] über die Düna herüber seine militärische Laufbahn enden würde. Der Schuß kam aus einem Hause am jenseitigen Ufer, in dem russische Plänkler verborgen lagen, und gerade dieses Opfer schien sich der Schütze ausgesucht zu haben. Am 24. Juli kamen wir nach Beszenkowicky. Hier traf auch Napoleon mit dem Gros der Armee ein. Von diesem kolossalen, ziemlich verworrenen Menschenknäuel eine Schilderung zu machen, ist mir unmöglich. Alles, was sich Monate hindurch auf beschwerlichen Märschen mühevoll durch unwirthliche Gegenden geschleppt hatte, traf hier auf einem Fleck zusammen, so daß fast ein Corps dem andern im Wege stand und, soweit das Auge reichte, man nichts sah als Soldaten und in großen Staubwolken ihre Bajonette blinken. Alle Waffengattungen, Infanterie, Cavallerie, Artillerie, Train und Fuhrwesen, eine Unzahl hin und her reitender Adjutanten, Handpferde, Equipagen und Dienerschaft, alles bewegte sich wie von einem Wirbelwinde getrieben bunt durch einander. In diesem kolossalen Maßstabe hatte ich noch nie um Napoleon herum ein solches Treiben gesehen, mir sauste der Kopf davon. Die Düna hat ein tiefes Bett. Von beiden Seiten erheben sich hohe, ziemlich steile Ufer, auf deren linkem sich Beszenkowicky erhebt. Lange Zeit stand ich auf einem erhabenen Punkte und beobachtete das gewaltige Treiben um den Kaiser, der, umgeben von seinen Marschällen, in der Tiefe am Ufer sich befand. Hier begegnete mir ein komisches Abenteuer. Ich erblickte eine auffallende Persönlichkeit in einem hellblauen, über und über mit Gold verbrämten Rocke, in rothen, goldbortirten Hosen, auf dem Kopfe einen wunderlichen, ganz mit Federn bedeckten Hut tragend, kurz eine Persönlichkeit, aus der ich nichts zu machen wußte. Am auffallendsten war mir, daß er sich gar so viel um den Kaiser, welcher wie seine ganze Begleitung zu Fuße war, zu schaffen machte. Endlich fragte ich einen neben mir stehenden Offizier: »Lösen Sie mir doch das Räthsel; wie kommt es, daß sich der Kaiser so viel mit diesem Tambourmajor zu schaffen macht?« Der aber schaute mich groß an und sagte: »Was meinen Sie damit?« Ich[159] erklärte mich deutlicher. »Mein Gott,« rief er aus, »das ist ja Murat, der König von Neapel.« So erschien mir dieser Tollkopf das erste Mal; bald sollte ich ihn vom Pulverdampfe geschwärzt in seiner ganzen Wildheit unter den gemeinsten Flüchen die Soldaten in das Feuer hetzen sehen. Die ganze Armee befand sich an der Düna in exaltirtem Zustande. Man sah endlich den lange ersehnten Feind vor sich und hoffte durch einen entscheidenden Schlag Erlösung aus dem elenden Leben, welches man lästiger fand als selbst den verzweifeltsten Kampf. Es fehlte daher nicht an Excessen, welche bei der ungeheuren Truppenmenge, die sich auf so engem Raume zusammendrängte, unvermeidlich waren. Diese alle wollten verpflegt sein, und bei den unvermeidlichen Schwierigkeiten griff nur zu leicht Selbsthilfe um sich. Am 24. Juli schien es, als ob es zu dem heißersehnten Kampfe komme. Eine Abtheilung Infanterie wurde auf Pontons an das rechte Dünaufer übergeschifft, eine Brücke geschlagen und gleichzeitig setzten die bayerischen Chevauxlegersregimenter (das dritte, vierte, fünfte und sechste) über den Strom. Es war ein beschwerlicher Uebergang: die Düna ist tief und hat eine starke Strömung und alles mußte schwimmen. Die Pferde, außer dem Reiter durch die Equipirung schon belastet, streckten nur noch den Hals aus dem Wasser; allein trotz aller Schwierigkeit wurde dieser Uebergang mit großer Präcision ausgeführt; nur ein Mann verlor dabei das Leben. Merkwürdig war das Manöver, welches diese vortreffliche Truppe gleich am jenseitigen Ufer auf einer großen, von Waldungen eingeschlossenen Ebene ausführte. Der Kaiser war auf der inzwischen vollendeten Brücke mit seiner Umgebung übergegangen und recognoscirte mit dieser Cavallerie das Terrain. Die durchnäßten Reiter fegten nach allen Richtungen hin die Feinde aus dem Felde und manövrirten mit solcher Schnelligkeit wie auf einer Parade. Sie zwangen selbst den Franzosen, die den Deutschen nicht gerne Verdienste einräumen, Bewunderung ab; mir lachte das Herz im Leibe, unsere Bayern und namentlich die[160] Chevauxlegers, an denen ich so fest hing, so manövriren zu sehen. Erst im Kriege lernt man den vollen Werth des Pferdes recht würdigen, wenn man sieht, was es unter den feindseligsten Verhältnissen zu leisten vermag. Bedenkt man, daß alles unbequemer und schwerer wird, wenn Reiter, Sattelzeug und Gepäck von Wasser trieft, so muß man erstaunen, wie es möglich war, mit den durch lange Strapazen, bei schlechtester Nahrung ohnehin schon herabgekommenen Pferden einen solchen Erfolg zu erreichen. Bemerkenswerth ist, daß unsere bayerischen Landpferde sich in diesem Kriege als besonders ausdauernd bewährten, namentlich die aus Niederbayern und der Nähe des Gebirges. Am Morgen des 25. setzten wir uns gegen Ostrowno in Bewegung. Auf einer Zwischenstation in einem an der Düna liegenden Edelhofe hatte Prinz Eugen sein Quartier bestimmt. Ich ging mit den Equipagen und einer Abtheilung italienischer Gardedragoner voraus, denn ich trachtete, baldmöglichst aus dem Getümmel von Beszenkowicky herauszukommen. Dort angelangt, sahen wir am andern Ufer, das hier tiefer liegt, die Vorposten der Russen und Patrouillen der Kosaken sich hin und her bewegen. Dicht am andern Ufer lag ein Haus mit einem kleinen Garten, in welchem ein Offizier promenirte und uns beobachtete. Die Dragoner machten allerlei muthwillige und herausfordernde Pantomimen, einer aber kam gar auf den fatalen Gedanken, eine unliebsame Rückseite seines Körpers hinüberzukehren. Der Kosakenoffizier machte mit dem Säbel einige Bewegungen in der Luft und es währte nicht lange, so kamen Flintenschüsse herüber. Ich ging etwas beiseits, kniete mich hinter eine Birke und fing an, eine Zeichnung des Terrains zu machen. Aber kaum hatte ich recht begonnen, als mir eine Kugel dicht an der Nase vorbeipfiff und die Rinde des Baumes streifte, daß mir die Fetzen in das Gesicht flogen. Das Feuern wurde immer lebhafter und so sah ich mich genöthigt, nach dem Edelhofe umzukehren. Eben befand ich mich dort im Stalle, um nach meinem Pferde zu sehen, als eine Kanonenkugel durch[161] das Dach des Stalles schlug. Bei den Equipagen des Prinzen befanden sich drei bis vier sechsspännige Wagen; es war komisch, mit welcher Schnelligkeit diese eingespannt wurden und in voller Carrière querfeldein dem nächsten Walde zujagten. Ich blieb, um den Prinzen abzuwarten, der auch bald darauf mit seiner Suite vorüberkam, der ich mich anschloß. In aller Schnelle wurden drei Pferde italienischer Chasseurs, die ihn begleiteten, verwundet. Das Kleingewehrfeuer dauerte fort, während nur noch drei Kanonenschüsse fielen. In raschem Laufe ging es nun auf einer breiten, von einer Allee schöner hoher Birken umsäumten Straße fort, bis man links von uns, diesseits der Düna Kosakenschwärme bemerkte. Prinz Eugen ließ eine Abtheilung italienischer Chasseurs vorrücken, um sie zu vertreiben. Es bot einen wehmüthigen Anblick, wie diese Reiter gleich einem Bienenschwarm durch ein unabsehbares Kornfeld, das sich über sanfte Hügel hinzog, herumfegten und die Hoffnung des Landmanns zertraten. Während dieses Zwischenaktes hörte man plötzlich aus der Richtung gegen Ostrowno eine lebhafte Kanonade. Möglichst schnell ritten wir dorthin und befanden uns bald in den Wäldern, durch welche die Straße nach Ostrowno führt und woselbst sich ein heißer, sehr blutiger Kampf entsponnen hatte. Dieser entstand mehr zufällig als planmäßig: die Truppen geriethen ganz unvermuthet an einander und erkannten sich erst, als sie sich beinahe in das Gesicht sehen konnten. Die Franzosen, längst schon von Kampfeslust entbrannt, fielen mit solcher Wuth über die Feinde her, daß sie alles niederrannten, was sich ihnen in den Weg stellte. Besonders thätig war eines der tapfersten, das 8. Husarenregiment, welches den ersten Stoß machte. Es bildete den Vortrab und war ganz sorglos auf der Straße einhergezogen. Wohl hatte es links und rechts in den Wäldern Truppen gesehen, diese aber für Franzosen gehalten. So immer vorwärts rückend, standen sie plötzlich vor dem Feinde. Mit Wuth stürzten sie auf ihn; dieser hatte einige Geschütze auf der Straße postirt, welche anfangs eine fürchterliche Wirkung verursachten, aber sie wurden genommen, und[162] von einem panischen Schrecken ergriffen, stoben hier die Russen in wilder Flucht aus einander. Nach und nach kamen größere Truppenabtheilungen hinzu, und das Gefecht bekam eine bedeutendere Ausdehnung; es dauerte bis gegen Abend. Man stieß auf zahlreiche russische Colonnen, welche Stand hielten und ihre Stellung tapfer vertheidigten. Allein sie wurden bis hinter Ostrowno zurückgedrängt und verloren viele Leute an Todten, Verwundeten und Gefangenen, auch viel Kriegsmaterial, darunter einige Kanonen. Die Russen, welche den ersten Stoß auszuhalten hatten, warfen nämlich bei ihrer Flucht alles von sich: Gewehre, Tornister, Patrontaschen, Kopfbedeckungen u.s.w. Eine bedeutende Strecke weit lag der Weg ganz bedeckt damit. Das aber kam nur hier vor: es wäre Unwahrheit, wenn man den Russen nicht Tapferkeit zugestehen wollte. Wo es zum Schlagen kam, stritten sie tapfer, und man mußte ihnen jede Strecke Landes mit Blut theuer bezahlen. Auch sah ich nur bei Ostrowno einen größeren Transport Gefangener in diesem Kriege, später wurden diese sehr selten. Der Donner der Geschütze schwieg mit Anbruch des Abends; überall gewahrte man die traurigen Spuren des blutigen Kampfes. Besonders große Verluste hatte das 8. Husarenregiment. Zerrissene Glieder lagen auf der Straße herum. Ich sah einen Husaren, dessen ganzer rechter Arm an der Schulter abgerissen sammt einem Theil seines Pelzes neben ihm lag. Einem andern war der obere Theil des Schädels so rein abgerissen, als wäre er künstlich abgesägt; das Gesicht blieb ganz unentstellt, das war nicht die Folge von Kartätschen, die man gewöhnlich gegen Cavallerie gebraucht, sondern von Vollkugeln, und die Wirkung mußte so furchtbar werden, weil die Cavallerie den Geschützen so nahe gekommen. Amazon.de Widgets Das 7. und 8. Husarenregiment, größtentheils aus Elsässern bestehend, interessirte mich sehr der ganzen Haltung wegen; sie trugen die Haare noch wie zur Zeit der Republik, gescheitelt und in zwei rechts und links des Gesichts herunterhängenden Zöpfen, was ihnen ein äußerst pittoreskes Aussehen gab. Ihre[163] Uniform war dunkelgrün mit rothen Hosen. Sie hatten an diesem Tage Beweise von besonderer Entschlossenheit und Muth abgelegt und kamen auch den folgenden Tag wieder in das Treffen. Der Anblick eines Kampfplatzes war mir nichts Neues mehr, dennoch aber versetzte mich der Rückweg bis zum Nachtquartier des Prinzen in sehr ernste Stimmung und gab mir reichen Stoff zum Nachdenken. Eine breite, zu beiden Seiten mit hohen Birken begränzte Straße führt durch düstere, von Schluchten durchschnittene Tannenwälder, die von offenen Plätzen zuweilen unterbrochen sind, welche eine Aufstellung von größeren Truppenmassen gestatten, bis in die Nähe von Witebsk. Auf diesem schwierigen Boden schlug man sich zwei Tage mit der größten Erbitterung. Der heutige Tag, obwohl sehr blutig, war nur das Vorspiel des folgenden heißen Kampfes, der am nächsten Tage vom Morgen bis in die Nacht fortwährte. Die Russen hatten besonders die Straße mit großer Hartnäckigkeit vertheidigt. Hievon zeigten sich überall die Spuren. Es lag in meinem Wesen, den Schrecknissen des Krieges nirgends aus dem Wege zu gehen, obschon ich kein Wohlgefallen daran fand; aber ich wollte alles sehen, was mir zugänglich war. So ritt ich ruhigen Schrittes und ganz allein auf der Straße an den Leichnamen der Gefallenen und an den Schwerverwundeten still und nachdenkend vorüber. Der den ganzen Tag hindurch heitere Himmel hatte sich gegen Abend mit schweren grauen Wolken überzogen, ein lauer Wind spielte mit dem zitternden Laub der Birken, deren Rinde von den Kugeln zerfetzt war, oder wirbelte bisweilen eine Staubwolke in die Höhe. Eine unheimliche Stille, nur von dem Aechzen eines Sterbenden oder Schwerverwundeten unterbrochen, gab allem, was ich sah und hörte, inmitten dieser Wälder etwas Hochtragisches. »Ruhet sanft, ihr Gefallenen, die ihr überwunden habt! Ihr seid noch die Glücklicheren (sagte ich zu mir selbst), aber die armen Verwundeten! Welch ein schreckliches Loos wartet ihrer in diesem Lande, wo es an allem zu einer auch nur leidlichen Pflege fehlt!« Dieser Gedanke betrübte mich tief.[164] Es war Nacht, als ich das Hauptquartier des Prinzen erreichte. Dieser war mit seiner Suite längst vorausgeeilt, während ich mich an verschiedenen Stellen mit Zeichnen verweilte, bis es zu dämmern begann. So endete der Tag der ersten Schlacht, der ich auf russischem Boden beiwohnte. Mit dem Morgengrauen des 26. setzten sich die Truppen in Bewegung und gegen 6 Uhr begann der Kampf. Prinz Eugen mit seinem Armeecorps befand sich auf dem linken Flügel am Saume eines Waldes. Zu unserer Linken zeigten sich auf einer tiefer gelegenen Ebene zahlreiche Kosakenschwärme, die aber durch Plänkler des 8. Husarenregiments rasch vertrieben wurden. Bald entspann sich zu unserer Rechten und auf der großen Straße der heftigste Kampf. Hier befand ich mich nun zum erstenmale inmitten einer Schlacht, einem heftigen Feuer ausgesetzt. Die Russen hatten den Vortheil, daß sie das Terrain, welches eine Truppenaufstellung zuließ, genau kannten, während uns dieses nicht möglich war. Man bekam häufig den Feind erst dann zu sehen, wenn man ganz nahe vor ihm stand; die Munition wurde in dem ganzen Kriege russischerseits nicht gespart, die Russen schleuderten auf's Gerathewohl ihre Wurfgeschosse nach allen Richtungen, wo sie einen Feind vermutheten. Im Bogen über und durch die Bäume sausten die Kugeln und rissen Aeste und Trümmer mit sich. Es gab keinen Platz, auf dem man dem Feuer nicht ausgesetzt gewesen wäre, überall regnete es Kugeln. Nach und nach entbrannte der Kampf mit größter Heftigkeit. Es war im eigentlichen Sinne des Wortes ein Schlachtgetümmel, da sich alles auf engem Raume zusammendrängen mußte, die Russen mit beispielloser Hartnäckigkeit ihre Stellungen vertheidigten, die Franzosen mit Löwenmuth fochten. Stundenlang wogte der Kampf ohne Entscheidung hin und her. Die Cavallerie, welche trotz der großen Terrainschwierigkeiten, von Murat viel verwendet wurde, hatte besonders schweren Stand. Das tapfere 7. und 8. Husarenregiment mußte mehrmals dem ungestümen Andrange der Russen weichen, auch ein polnisches Regiment Lanzenreiter wandte sich zur Flucht und veranlaßte dadurch Unordnung in unseren Reihen.[165] Sehr heftig tobte der Kampf auf der großen Straße, in deren Nähe sich Eugen befand. Im Sturmschritte drang die Infanterie vor, und immer neue Colonnen wurden in das Treffen geführt und von Cavallerie unterstützt. Hier sah ich Murat sehr nahe in seiner von heftigem Kampfe und Widerstand entbrannten Wildheit. Fluchend und scheltend tobte er hin und her, um die Truppen in das Feuer zu hetzen, war bald da, bald dort, er schien zu fliegen und sein edles Pferd schäumte. Einen recht sonderbaren Contrast zu ihm bildete der edle Prinz Eugen. Ich sah ihn hier und auch später im Feuer mit der größten Ruhe und Besonnenheit. Immer behielt er eine ernste, edle Haltung, nur ein Unrecht oder etwas, das sich mit der Soldatenehre nicht vertrug, konnte seinen Unwillen erregen; aber eben diese Eigenschaften waren es, welche allen, die unter seinen Befehlen standen, Liebe, Vertrauen und Anhänglichkeit einflößten. Dies zeigte sich im schönsten Licht zur Zeit der höchsten Noth, denn als Napoleon und Murat auf dem Rückzuge die Armee verlassen, war er allein noch im Stande, die entmuthigten Ueberreste zusammenzuhalten. Napoleon sagte damals von ihm: »Eugen war der einzige, der den Kopf nicht verloren hat.« Er hätte wohl hinzufügen dürfen: »auch nicht die Liebe der Soldaten!« Der Kampf in diesen unheimlichen Wäldern dauerte lange Zeit mit abwechselndem Glücke der Waffen fort, bis endlich die Russen, aus den Wäldern verdrängt, zum Weichen gebracht und ein Theil der großen Straße zum Vorrücken frei wurde. Von einer Entscheidung der Schlacht aber konnte noch keine Rede sein, das Terrain bestand nämlich bis über Witebsk hinaus aus Anhöhen, Thälern, Schluchten und Waldungen, die den Russen Gelegenheit zu vortheilhaften Stellungen boten und den Feind häufig unsern Augen verbargen. Es kostete große Opfer, sie jedesmal aus diesen Stellungen zu verdrängen, und jeder Schritt vorwärts mußte schwer erkämpft werden. Schon gegen vierzehn Stunden hatte mehr oder minder lebhaft der Kampf gedauert, als Eugen und Murat sich auf einer Anhöhe befanden, von der man eine offene und weite Aussicht auf die neue, drohende[166] Stellung der Feinde hatte. Die Schlacht war zum Stehen gebracht und der Tag neigte sich bald zu Ende, als plötzlich von weiter Ferne her ein lautes, immer näher kommendes Rufen ertönte. Napoleon erschien und die Soldaten jauchzten ihm ihr gewohntes: »Vive l'empereur!« zu. Eugen und Murat ritten ihm entgegen und alle drei begaben sich zusammen auf die vorgenannte Anhöhe. Napoleon beobachtete die Stellung des Feindes und machte Dispositionen zu einem neuen Angriffe. Er ließ den General d'Anthouard, Chef der Artillerie des 4. Armeecorps, zu sich rufen und befahl, alle in diesem Augenblicke verfügbare Artillerie vorrücken zu lassen. Mit unbegreiflicher Schnelligkeit wurde dieser Befehl vollzogen. Von jener Anhöhe aus war es imposant zu sehen, wie dreißig bis vierzig Geschütze mit allen ihren Munitionswagen und der Begleitung von reitenden Artilleristen durch eine weite Thalebene die Hügel hinan stürmten. Vor Einbruch der Nacht erhob sich nun eine fürchterliche Kanonade, welche die gewünschte Wirkung hervorbrachte. Die Russen wichen und zogen sich in die Wälder zurück, an die sie ihre Stellung angelehnt hatten. Man schlief auf dem Schlachtfelde, Prinz Eugen und Murat in einem elenden Hause, Napoleon unter seinem Zelte. Mein seit Jahren gehegter Wunsch, einmal eine Schlacht in der Nähe zu sehen und mich mitten in ihr zu befinden, war nun erfüllt; ich sah in diesen zwei Tagen so vieles, um Stoff zur Schlachtenmalerei für ein ganzes Leben zu haben. Nebenbei hörte ich diesmal die Kugeln ordentlich pfeifen, ließ mich aber dadurch im Zeichnen nicht beirren. Ich besitze noch Zeichnungen, welche ich in Mitte des Kampfes machte, mit der eigenhändigen Unterschrift des Prinzen Eugen. An seinem Hofe war ich der einzige Deutsche, und obwohl ich von den Offizieren und Adjutanten, welche den Prinzen umgaben, freundlich behandelt wurde, so konnten sie es doch nicht lassen, mich lange vor Beginn der Feindseligkeiten zu necken: »Jetzt ist unser Adam immer bei der Hand, wenn aber einmal die Kugeln geflogen kommen, wird man ihn suchen müssen.« ? »Wartet nur,« dachte ich, »ich will euch zeigen, daß ein deutsches Herz so viel[167] werth ist, als ein französisches.« Als an dem oben geschilderten Morgen die ersten Kanonenkugeln in unserer Nähe einschlugen, sagte ein Adjutant, der ziemlich bleich aussah: »Eh bien, Mr. Adam, comment trouvez-vouz ça!« Ich antwortete ganz trocken: »Ich finde, daß wir uns in einer Schlacht befinden.« Einige Stunden später, in einer sehr mißlichen Lage, kam ein anderer in guter Absicht zu mir und sagte, ich möchte mich doch zurückbegeben, das sei kein Platz für mich. Ich antwortete, daß ich mein Leben nicht höher anschlage, als das des Prinzen, und wenn man Schlachten malen wolle, müsse man sie gesehen haben; ich würde meinem Gebieter überallhin folgen, wenn es nicht sein ausdrücklicher Befehl sei, daß ich zurückbleibe. Von dieser Seite hatte ich jetzt Ruhe, von Seite des übrigen Hauspersonals hatte ich aber mit manchen Widerwärtigkeiten zu kämpfen. Es erregte dessen Eifersucht, mich fast Tag und Nacht in der unmittelbaren Nähe des Prinzen zu wissen. Auch schien ich zum Theil diesen Leuten eine sehr überflüssige Persönlichkeit zu sein. Es stand deßhalb jetzt schon der Vorsatz in mir fest, bis zu einer großen Entscheidung auszuharren, sei es in Moskau, Petersburg oder wo immer, dann aber unter jeder Bedingung zurückzukehren. Gegen Abend kam ich noch in eine fast komische Verlegenheit, so ernst die Sache auch war. Ich hatte mich etwas mit Zeichnen verweilt und den Prinzen aus dem Gesicht verloren. Ihn zu suchen, ritt ich eine Anhöhe hinauf, als plötzlich von einer hinter derselben stehenden russischen Batterie das Feuer begann und die Kugeln mir über den Kopf flogen. Ich wollte umkehren, aber mein Pferd widersetzte sich und wollte die Straße verfolgen. So raufte ich mich mit dem widerspenstigen Thiere herum. Endlich kam General Triaire herangeritten und sagte lachend: »Sie scheinen hier Reitschule zu halten! Ein hübscher Platz dazu! Wo haben Sie denn den Prinzen gelassen?« Ich sagte, wo ich ihn verloren und daß ich ihn jetzt eben suche. »Kommen Sie mit mir, hier können wir uns nicht verweilen.« Mein Pferd, welches nun einen Kameraden hatte, ging folgsam mit und bald fanden wir den Prinzen, welcher[168] abermals dem feindlichen Feuer ausgesetzt war. Außer mehreren interessanten Momenten der Gefechte an diesem Tage, welche ich nur mit flüchtigen Strichen zu entwerfen Zeit fand, gelang es mir zuletzt noch, mit mehr Ruhe eine Zeichnung von Napoleon, Murat und Prinz Eugen auf jener Anhöhe zu machen, woselbst der Kaiser die letzten Dispositionen zur Beendigung der Schlacht traf und dann seine Soldaten an sich vorüberziehen ließ. Seit wir den Niemen überschritten, beschäftigte ein Gedanke, eine Hoffnung, ein allgemeiner Wunsch den Kaiser und seine ganze Armee: der Gedanke an eine große Schlacht! Nach einer Schlacht sehnte man sich, wie die bei Austerlitz, Jena, Marengo, durch sie hoffte man auf Erlösung aus dem elenden Zustande, in dem sich die Armee schon seit zwei Monaten befand und der ihre Reihen schon bedeutend gelichtet. Man sprach von einer Schlacht, wie von einem großen Feste, freute sich auf sie und ließ den Kopf hängen, so oft man sich in der Erwartung getäuscht sah. So neuerdings bei Witebsk. Das schien kein Krieg wie in Italien und Deutschland, wo es möglich war, auf einem von Natur begünstigten Boden, unter civilisirten Menschen, welche die Armee ernährten und verpflegten und das Kriegführen selbst erleichterten, mit größter Schnelligkeit in die Hauptstadt des Reiches vorzudringen und durch das Genie des Feldherrn den Feind mit einem großen Schlag zu besiegen. In diesem unermeßlichen Reiche aber, bei der ungeheuern Entfernung der Hauptstädte und dem Mangel aller Hilfsquellen für Verpflegung einer so großen Armee traten unübersteigliche Hindernisse einer baldigen Entscheidung des Krieges durch einen kühnen Schlag entgegen, wenn die Russen nicht selbst die Gelegenheit dazu boten, und diese wußten sie stets geschickt zu vereiteln. Am 27. Juli standen wir vor Witebsk und erst am 7. September wurde die heiß ersehnte Schlacht geschlagen. Also noch volle sechs Wochen führten die Russen die an sich schon ermüdete Armee Napoleons im Lande herum, bis sie ganz ermattet und schon auf die Hälfte zusammengeschmolzen[169] auf dem großen Kampfplatze zu Vorodino ankam. Welch ein peinlicher Zustand für diese stolze Armee! Amazon.de Widgets Noch ein anderer Wunsch beseelte die Soldaten. Durch die langen beschwerlichen Märsche und Kämpfe bei der Ungunst des Wetters fehlte es außer an Nahrungsmitteln noch an einer Menge von Dingen, welche man im gewöhnlichen Leben gering achtet, weil man sich mit wenig Geld selbe leicht verschaffen kann. Hier aber waren sie um keinen Preis zu haben; Nadel, Faden, Scheere, Messer, Feuerzeug, Rock- und Hosenknöpfe und andere unscheinbare Dinge bekamen einen unschätzbaren Werth, der zerrissenen Schuhe, Kleider und Wäsche gar nicht zu gedenken. Da man in Rußland nicht wie in unserm Deutschland fast mit jeder Stunde eine wohlhabende Ortschaft traf, die wenigen auseinander liegenden Orte aber verlassen oder zerstört waren, eine Stadt eine sehr seltene Erscheinung blieb, so hoffte man von Tag zu Tag eine solche zu erreichen, um das viele Fehlende wenigstens einigermaßen ersetzen zu können. Sah man aber in der Ferne die Thürme einer größeren Ortschaft, so kam der Befehl, daran vorüber zu ziehen, da der Kaiser den Platz für seine Garden bestimmte! So geschah es bei Wilna, so auch bei Witebsk; das erregte bei Offizieren und Soldaten böses Blut. Nach den lebhaften Gefechten bei Ostrowno am 25. und 26. Juli und dem hartnäckigen Widerstande der Russen zählte man mit Sicherheit auf eine entscheidende Schlacht. Deßhalb setzte sich am 27. mit Tagesanbruch alles in Bewegung, auch selbst der Kaiser. Bald gelangten wir durch die Wälder auf die große offene Hügelreihe, welche Witebsk umgibt und ein recht schönes Panorama bildet. Auf einem dieser Hügel liegt die ansehnliche Stadt, die, von vielen Kirchen und Thürmen geziert, von den Strahlen der Morgensonne beleuchtet, einen freundlichen Anblick bot. Auf der ausgedehnten, von vielen, mitunter tiefen Schluchten durchschnittenen Hügelreihe sahen wir die russische Armee in Schlachtordnung aufgestellt: ein erfreulicher Anblick für Napoleon und seine Armee. Die Russen boten aber auch hier keine Schlacht, was ich als Maler sehr bedauerte, denn das ganze Terrain hatte überhaupt etwas[170] Reizendes und höchst Abwechselndes in seinen Linien und würde reichen Stoff zu schönen Gemälden geboten haben. Es wurde nur an einigen Punkten mit Heftigkeit gekämpft, aber schon gegen 11 Uhr Vormittags das Feuer von beiden Seiten eingestellt, und nur das Knattern des Kleingewehrfeuers, womit an den zum Theil bedeckten Schluchten die Plänkler von beiden Seiten sich neckten und einander im Schach hielten, dauerte noch lange Zeit fort. Napoleon hatte sich auf einer Anhöhe mit ziemlich weiter Aussicht unter einer Baumgruppe niedergelassen und mit einigem Wohlbehagen sein Gabelfrühstück eingenommen. Prinz Eugen und mehrere Generäle umgaben ihn. Er war dem Geplänkel so nahe, daß einige russische Flintenkugeln bis in seiner Nähe fielen. Nach seinem Frühstück setzte der Kaiser sich zu Pferde und recognoscirte das Terrain in Begleitung einer zahlreichen Suite. Diese aber mußte mehr als 150 Schritte hinter ihm zurückbleiben, um bei dem Feinde kein Aufsehen zu erregen. Ich zog mir von einem Adjutanten hiebei einen Verweis zu, weil ich, durch verschiedene Beobachtungen zerstreut, zu weit vorangegangen war. Die Hitze erreichte an diesem Tage einen Grad, der unerträglich wurde und alles niederdrückte. Prinz Eugen legte sich in Mitte der italienischen Garde auf dem Schlachtfelde nieder. Mit Hilfe seines Mameluken und einiger Soldaten bereitete ich, um ihm einigen Schatten zu verschaffen, eine Hütte aus belaubten Zweigen, in der er mehrere Stunden ruhig schlief. Die eingetretene Pause war Jedem willkommen; wer es thun konnte, gab sich der Ruhe hin. Es herrschte eine eigenthümliche Stille über der Gegend, bis die Sonne sich zum Untergange neigte und uns ein neues, höchst imposantes Schauspiel bereitete. In einer wahren Gluth lag Witebsk und das russische Lager vor unsern Augen; der ganze Horizont schien im Westen mit einem Goldton überzogen. Dazu brannte es in der Stadt und an drei bis vier andern Orten; zuletzt gerieth noch ein Kornfeld in Brand und aller Rauch dieser verschiedenen[171] Flammen, der himmelhoch emporwirbelte, erhielt durch den feurigen Sonnenuntergang eine glühend rothe Farbe. Das Alles bot ein schauriges, aber prächtiges Bild, welches die Aufmerksamkeit selbst der gemeinen Soldaten auf sich zog. Es war, als ob die Erde sich in ein Feuermeer verwandeln wollte. Prinz Eugen bedauerte, daß solche Lichtwirkungen außer dem Bereiche der Malerei liegen, um sie mit gutem Erfolge durch die Farbe darzustellen. Mit diesem Sonnenuntergang war also wieder eine Hoffnung verschwunden und man erwartete die Entscheidungsschlacht auf den folgenden Morgen und sah das, was heute geschehen, als Vorspiel dazu an. Mir jedoch wollte bedünken, daß die Illumination des Abends keine gute Vorbedeutung sei. Der Gedanke, daß die Russen ihre Magazine angezündet, lag sehr nahe, doch ließ man ihn nicht laut werden. Die Enttäuschung kam ohnehin früh genug. Der Morgen brach an, ein dichter Nebel umschleierte die Ferne, man stieg auf hohe Punkte, guckte, horchte, lauschte, aber man sah und hörte nichts von dem Feinde. Es herrschte feierliche Stille. Endlich senkte sich der Nebel, aber der Feind wurde nicht sichtbar. Er war verschwunden und zwar in solcher Ordnung, daß man vierundzwanzig Stunden lang keine Spur entdecken konnte. Es schien wirklich, als ob die Natur selbst sich gegen Napoleon verschworen hätte, denn bei der anhaltend trockenen Witterung war dichter Nebel eine sehr seltene Erscheinung. Ohne alle Hindernisse überschritten wir jetzt die zwischen uns, Witebsk und den Hauptstraßen liegenden Schluchten. Napoleon ritt mit seinen Garden in das verlassene Witebsk ein, die übrigen Truppen mußten daran vorüberziehen. Prinz Eugen, stets ein Muster ritterlichen Charakters, hätte sich in die Stadt begeben können, allein er zog vor, bei seinen Soldaten zu bleiben und die Beschwerden des Marsches bei einer fast unerträglichen Hitze und einem wahrhaft peinlichen Staube mit ihnen zu theilen. Einige Zeit saß er an einer aus Holz erbauten, an der Straße befindlichen Kirche mit[172] Murat und ließ die großen, ganz in Staubwolken eingehüllten Cavalleriemassen an sich vorüberziehen. Diese gewährten einen geisterhaften Anblick: Gesichter, Uniformen, Pferde, alles hatte nur eine Farbe, die des Staubes. Nachdem Murat sich entfernt hatte, legte sich der Prinz nieder, bedeckte sein Gesicht mit einem Tuche und schlief von der Hitze ermattet ein; in ehrerbietigem Schweigen zogen die Soldaten an ihm vorüber, sie alle kannten und liebten ihn. Napoleon hatte Witebsk noch denselben Tag verlassen, um den Feind aufzusuchen, kehrte aber Tags darauf unverrichteter Dinge dorthin zurück. Die Nacht vom 28. auf den 29. schlief der Kaiser, König Murat von Neapel und Eugen jeder in seinem Zelt und Tags darauf schlug Letzterer mit dem 4. Armeecorps den Weg nach Surash an der Düna ein, wo wir zeitlich anlangten und erträglich gute Quartiere fanden. Hier verweilten wir zehn Tage und setzten uns sodann den Dnieper hinauf gegen Smolensk in Bewegung. Während dieser Ruhe überfiel eine neue Plage die Armee: die Ruhr. Sie trat so heftig auf, daß viele starben und die, welche sie überstanden, in die größte Ermattung fielen. Unter diesen Umständen hatte man Gelegenheit, die Erfahrung zu machen, welch großes Bedürfniß für den Menschen der Genuß des Brodes ist, oder eines wenigstens annäherungsweise ähnlichen Nahrungsmittels, wie z.B. Hülsenfrüchte, Reis u.s.w. Schon seit sechs Wochen herrschte allgemeiner Mangel, ja mehrere Corps litten gänzlich daran, und gerade diese Truppen wurden bei der bloßen Fleischnahrung so elend, daß sie auf den Märschen oft aus Ermattung zusammenbrachen. Diese Unglücklichen waren auch der Ruhr am meisten ausgesetzt. Nachdem ich schon seit länger als einem Monate höchst selten aus den Kleidern kam, die liebe Mutter Erde und höchst ausnahmsweise ein wenig Stroh mein Bett war, fühlte ich mich in einer armen Hütte unter Dach und Fach sehr behaglich; sie galt unter den damaligen Verhältnissen als ein gutes Quartier. Hier machte ich mich daran, die Skizzen, welche ich in den[173] letzten Kämpfen von Beszenkowicky bis Witebsk oft nur mit flüchtigen Strichen entwerfen konnte, ein wenig ins Reine zu zeichnen. Der Prinz ging mit großem Interesse meine Mappen durch, theilte mir seine Bemerkungen mit und schrieb auch hie und da mit eigener Hand darunter, wodurch die Zeichnungen eine Art Authentica erhielten. Es kam mir dies in spätern Jahren bei Ausführung dieser Gegenstände in Bildern selbst nach dem Tode meines Gebieters sehr gut zu statten, denn es schützte mich vor ungeeigneten Zumuthungen, denen der Schlachtenmaler oft ausgesetzt ist. Von einem Hauptmomente des hitzigen Kampfes im Walde bei Ostrowno am 26. Juli machte ich ein ziemlich ausgeführtes Aquarell, welches dem Prinzen viele Freude bereitete und das er seiner Schwester Hortensia sandte. Mir bekam diese Zeit der Ruhe, in der ich mich mit Liebe nur künstlerischer Thätigkeit hingeben konnte, sehr wohl: ich war heiter, gesund und blieb von der Ruhr gänzlich verschont. Erst hier langte der Pferdetransport, mit dem ich von München abreiste, im Hauptquartiere an. Einer der Stallleute war unterwegs gestorben. Den alten sechzigjährigen Thierarzt, der alles wohlbehalten hergebracht und auf dem Marsche entsetzlich viel Beschwerden ausgestanden, machte ich aufmerksam, sich zu melden, um mit einem Courier, welcher soeben nach Mailand abging, die Rückreise machen zu dürfen. Allein der alte, umständliche und unbehilfliche Mann verpaßte die Gelegenheit und wurde ohne allen Zweck bis Moskau mitgeschleppt.[174] 
 VII. Ancona und Nördlingen.  [125] In den ersten Tagen des Oktober wurde die Reise nach Ancona angetreten. Es ging über Mantua nach Borgoforte, wo der Prinz mit seinem Gefolge zwei reich verzierte Schiffe auf dem Po bestieg, welche von Booten, jedes mit zehn Ruderern besetzt, gezogen wurden. Man fuhr die Nacht durch und noch erinnere ich mich des angenehmen Schlafens auf guten Matratzen bei dem sanft schaukelnden Wellenschlage des Stromes. Glücklicherweise gab es damals noch keine Dampfschiffe, sonst hätten wir nicht so gut geschlafen. Von Ferrara an wurde die Reise wieder zu Land fortgesetzt. Ich fand den Weg am adriatischen Meere hin sehr abwechselnd und reizend. In Rimini sah ich zum erstenmale einen Hafen und die offene See, und zwar bei herrlichem Sonnenuntergang und sehr bewegtem Meere. Pfeilschnell flogen die Schiffe, um noch vor Einbruch der Nacht in den Hafen einzulaufen. Alles versetzte mich in Begeisterung und erregte in mir das größte Interesse. Ich athmete jetzt wieder freier und schüttelte meinen Kummer nach und nach ab. Der Vicekönig reiste nicht incognito, weßhalb er allerorten mit den ihm gebührenden Ehrenbezeigungen empfangen wurde. Einen erhebenden Eindruck gewährte mir der Anblick des Hafens von Ancona und der originellen Stadt, welche ihn im Halbkreis umschließt, an einer Anhöhe sich erhebt und oben[125] von einem sehr schönen Dome geziert ist. Auf anderen noch höheren Punkten befinden sich Befestigungen, welche dem ganzen Bilde etwas Ernstes aufprägen. In Ancona verweilte der Prinz vierzehn Tage, er bewohnte den dicht an der See gelegenen Palast des Marquese Triumfi. Ich bekam in ihm ein Zimmer im zweiten Stocke mit der Aussicht auf das Meer und den Hafen, was mich unendlich glücklich machte. Eine neu ausgerüstete Kriegsflottille lag im Hafen vor Anker. Die Schiffe waren in einer gewissen Ordnung aufgestellt, und ihre vielen Masten, Taue und Takelwerk erinnerten an Spinnengewebe. Bei der Ankunft des Vicekönigs flatterten auf den ersten Kanonenschuß sämmtliche Segel, Flaggen und Wimpel, wie durch ein Zauberwort hervorgerufen, buntfarbig im tiefen Blau des Himmels, und von den Schiffen donnerte das Geschütz, daß Stadt und Gebirge das Echo zurückwarfen. Hierauf wurden die vorzüglicheren Schiffe inspicirt, wobei mich am meisten die innere Einrichtung und die auf ihnen herrschende Ordnung in Anspruch nahmen. Einige Tage später lief der Vicekönig mit der Flottille aus bei sehr unruhiger See, um an der dalmatischen Küste zu kreuzen. Mir machte es das größte Vergnügen, die Schiffe auf den Wellen gleichsam tanzen zu sehen, und das um so mehr, als die Seekrankheit spurlos an mir vorüberging, während andere aus dem Gefolge arg von ihr mitgenommen wurden. Ich aß mit Appetit, war immer in Bewegung und ließ mich von den Seeleuten über dies und das belehren. Amazon.de Widgets Ueberhaupt führte ich in Ancona ein sehr bewegtes Leben, stieg auf den umliegenden Bergen herum, suchte die schönen Punkte auf und machte einen kleinen Ausflug nach dem bekannten Wallfahrtsort Loretto. Leider konnte ich blos einen Tag auf diese Parthie verwenden. Gegen das Ende des Aufenthalts in Ancona bat ich um Urlaub, um den Winter in Rom zuzubringen. Ich erhielt ihn, und wer war glücklicher als ich. Hinreichend mit Geld versehen, voll Drang, in ein neues Kunsttreiben zu kommen und[126] an den Erinnerungen einer großen Vergangenheit mich zu erbauen, erwartete ich mit Ungeduld den Augenblick der Abreise. Aber dieses Glück sollte mir nicht beschieden sein. Die frohen Tage von Ancona endeten für mich sehr betrübend. Ich wurde von dem kalten Fieber gleich so heftig befallen, daß Assalini, der Leibarzt des Prinzen, abrieth, mich in diesem Zustande nach Rom gehen zu lassen. Mit einigen andern Fieberkranken (darunter der Mameluk Hakem) wurde ich in einen guten Wagen gepackt und nach Mailand geschleppt. Wir standen auf der Reise unter ärztlicher Behandlung und Aufsicht. Meine schönsten Hoffnungen sah ich nun auf längere Zeit vereitelt. Mailand und das kalte Fieber dazu ? das war eine saubere Situation für mich. Es ist eigenthümlich, daß ich mich in dieser Stadt immer unbehaglich fühlte und stets heiterer und glücklicher wurde, wenn ich sie im Rücken hatte. Einige Wochen hielt ich noch dort aus. Mein Fieber war nicht geheilt, aber ein wenig gemindert. Indessen verfiel ich in eine so üble finstere Stimmung, daß ich unter dem Vorwande, Familienangelegenheiten ordnen zu müssen, um Urlaub nach München bat und trotz meines Zustandes im November bei schlechtem Wetter die Reise antrat. Vieles zu meiner trüben Stimmung mag das Verhältniß beigetragen haben, in welchem ich zu einem Wesen stand, bei dem mein Herz in einen peinlichen Conflikt mit der Vernunft und meinen Grundsätzen gerieth. Ich hatte mir selbst zu viel zugemuthet. Bisweilen unterliegt das Herz der Tyrannei der Vernunft, wenigstens kommt es in einen kränkelnden Zustand. In diesem Falle war ich. Nach einer nicht sehr angenehmen Reise von zwölf Tagen, während welcher ich öfters Fieberanfälle hatte, kam ich glücklich in München an, verweilte aber daselbst nur wenige Tage. Ich sehnte mich nach einer ordentlichen Pflege, welche ich in Augsburg in dem Hause Beyschlags fand. Hier fühlte ich mich, umgeben von lieben, vielerprobten Freunden, sehr behaglich; aber das Fieber trat, sobald ich recht in die Ruhe kam, wieder sehr heftig auf. Man ließ einen Medicinalrath rufen, der als Autorität galt. Ich erklärte ihm aber von vornherein, daß ich kein China mehr nehme, ich hätte seit der[127] Abreise von Ancona so viel von diesem Medikament ohne Erfolg verschluckt, daß ich nichts mehr davon wissen wolle. Allein nachdem er mich acht Tage mit, ich weiß nicht was, behandelt, sagte er mit wichtiger Miene: »Jetzt müssen wir eben doch zur China schreiten.« Das Recept wurde in die Apotheke geschickt und es kam ein großer Pack Chinapulver, welches elf Gulden kostete. Das war mir zu viel, ich verschenkte diesen Schatz, packte zusammen und reiste mit meiner Mutter, welche auf Besuch nach Augsburg gekommen war, im Januar 1811 nach Nördlingen mit dem Vorsatze, dort abzuwarten, bis ich vollkommen hergestellt sei, oder an dem Orte, wo ich geboren, zu sterben. In einer kleinen Provinzialstadt, die, wie Nördlingen damals, ganz den Charakter einer freien Reichsstadt trug, ist ein Mann, der etwas gesehen und erlebt und eine so auffallende Carrière gemacht hat, eine hervorstechende Erscheinung. Es konnte darum nicht fehlen, daß mir viele Aufmerksamkeiten erwiesen wurden, die freilich auch lästig werden können, im Ganzen aber doch etwas Ermunterndes haben. Als ein blutarmer Junge hatte ich vor sechs Jahren meine Vaterstadt verlassen und kam nun als eine angesehene Persönlichkeit zurück. Dieser Umstand gereichte indessen meiner Börse zum Nachtheil. Ich hatte zwar meine armen, in großer Dürftigkeit lebenden Eltern seit Jahren unterstützt, allein wer von früher her eine Forderung zu machen hatte, belästigte sie jetzt doppelt mit ungestümen Mahnungen, und um ihnen Ruhe zu schaffen, zahlte ich Schulden, welche meinen Seckel bald erleichterten. Es gab übrigens in meiner Vaterstadt einige sehr angenehme und gebildete Familien, in deren Umgang ich mich recht heimisch fühlte. Besonders ging man in einem Hause ganz aus dem kleinstädtischen Tone heraus: Kunst, Musik und Litteratur hatten dort eine warme Pflege gefunden durch die Frau des Hauses und ihre beiden gebildeten Töchter. Ich erfreute mich auch hier wieder der besonderen Gunst der Damen. Sie trugen dazu bei, mich manches Trübe vergessen zu machen und bereiteten durch ihren Umgang mir viele genußreiche Stunden, die ich noch in dankbarem Andenken bewahre.[128] Mein Fieber zeigte sich sehr hartnäckig, ich schleppte mich sieben Monate damit herum. Ich nahm meine Zuflucht zu einem braven Arzte, der mich von früher Jugend an kannte, aber nach einer dreimonatlichen Behandlung nichts ausrichten konnte. Ich mußte viel Opium schlucken, welches mich zwar in sehr lebhafte Träume versetzte, aber nicht vom Fieber befreite. Endlich gab ich den Bitten meines Vaters nach und unterzog mich der Behandlung eines Doktors, welcher bei den höhern Ständen als eine Art Quacksalber galt, bisweilen aber doch Wunderkuren machte. Dieser Mann nun, der viel Originelles in seiner äußern Erscheinung wie in seinem Charakter hatte und gescheidter war als er aussah, befreite mich innerhalb vier Wochen so vollkommen von meinem Fieber, daß ich mein früheres blühendes Aussehen wieder vollkommen erhielt und ohne Bedenken zur Rückreise nach Italien mich anschicken konnte. Bevor ich Nördlingen verließ, versorgte ich eine jüngere Schwester noch in einem Pensionate und that für meine armen Eltern, was ein ordentlicher Sohn thun soll, aber von der mitgebrachten Summe blieb mir gerade noch so viel, um anständig die Rückreise für mich und meinen Bruder Heinrich, den ich von München nach Mailand mitnahm, bestreiten zu können. Das kümmerte mich aber gar nicht sehr, denn obgleich ich frühzeitig den Werth des Geldes schätzen gelernt hatte, so legte ich doch auf den Besitz desselben nie zu großes Gewicht. Das Bewußtsein, meinen Eltern durch meinen viermonatlichen Aufenthalt eine leidlich angenehme Lage verschafft zu haben, lohnte mich reichlich.[129] 
 V. Mailand.  [109] Meine beiden Reisegefährten, der Obrist Graf von Tauffkirchen und der Rittmeister Baron von Knecht, veranlaßten mich, mit ihnen im Albergo della Villa abzusteigen. Tags nach meiner Ankunft meldete ich mich im Schlosse bei dem Adjutanten Obristen Bataille. Wenn ich sagen würde, daß, abgesehen von dem prachtvollen Dome, der erste Eindruck von Mailand auf mich ein angenehmer gewesen wäre, so würde ich Unwahrheit reden: die Regenzeit, die kalten steinernen Zimmerböden, der Mangel an Gelegenheit sich wärmen zu können, die gänzliche Unkenntniß der Landessprache, alles versetzte mich in eine sehr unbehagliche Stimmung. Die Sprache der Mailänder, ihre Manieren, ihre Vielrednerei kam mir höchst wunderlich vor. Nie kann ich vergessen, wie sonderbar es mich berührte, als ich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes mich in das Lokal eines Leinwandgrundirers führen ließ, um mich nach Malrequisiten umzusehen. Der Mann war nicht zu Hause und die Frau, die mich für eine vornehme Persönlichkeit hielt, da ich in Begleitung eines Lohndieners kam, gerieth in eine solche marktschreierische Redseligkeit, daß es mir schwindelte. »Nicht wahr,« sagte ich im Weggehen zu meinem Begleiter, »das ist eine Jüdin?« Er lachte laut auf und bemerkte: »Sie[109] haben hier die ächte National-Mailänderin gesehen; sie würde es sehr übel nehmen, wenn wir sie für etwas anderes als eine gute Christin hielten.« Mein Interesse für Mailand steigerte sich nicht sehr, nachdem ich mich mehr in der Stadt umgesehen. Außer dem herrlichen Frescobilde (das Abendmahl des Lionardo da Vinci) im Refektorium des Klosters della Grazia, welches damals noch in ziemlich gutem Zustande war, und einigen interessanten Bauten sah ich nicht viel, das die Aufmerksamkeit eines Künstlers auf sich ziehen konnte; wohl aber bemerkte ich bald, daß ich in einer Stadt mich befinde, in welcher Luxus und Wohlleben, Industrie und Handel dominiren und großer Reichthum herrscht. Das aber waren Dinge, an die ich mich erst gewöhnen mußte; bis dahin hatte ich keine Zeit noch Gelegenheit gehabt, den Geschmack hiefür in mir auszubilden. Mein Reisegenosse von Wien bis Villach, der Secretair G., hatte viel davon gesprochen, wie angenehm ihm mein Umgang auf der Reise gewesen. Das kam auch dem Prinzen zu Ohren, und da er bald nach seiner Ankunft von Napoleon nach Paris berufen wurde, verfügte er, daß G. für mich sorgen und mich wo möglich zu sich in seine Wohnung nehmen sollte. Er hatte es sehr wohlwollend gemeint; wie aber oft die besten Absichten eines Fürsten nicht recht verstanden oder ausgeführt werden, so ging es auch hier. G. hatte wenig Raum in seiner Wohnung und fand, daß er mich nicht anständig genug logiren könne. Er brachte mich deßhalb bei einem seiner Bekannten unter, bei dem ich allerdings sehr schön logirt und so üppig verpflegt wurde, daß es mich in Verlegenheit setzte. Mein äußerst freundlicher Hauswirth war ein gewandter Italiener, der etwas französisch sprach. Ich bedeutete ihm öfters, daß ich an einen solchen Tisch nicht gewöhnt sei, daß ich einfacher zu leben wünsche und wollte wissen, wer ihn bezahle. Aber ich erhielt stets die Antwort: »Laissez moi faire!« Bei G. hatte ich zudem offene Kasse, und ich hätte hievon viel Mißbrauch machen können, wenn ich nicht selbst klüger gewesen wäre. Diesen Zustand mußte ich einige Monate fortdauern lassen.[110] Da aber mein Protestiren nichts half und ich überdies kein geeignetes Lokal für ein Atelier im Hause fand, so sah ich mich in aller Stille um eine passende Wohnung um, verlangte noch einmal von meinem Hauswirthe eine Rechnung; da ich abermals nichts zu hören bekam als das ewige: »Laissez moi faire!« ließ ich einen Wagen kommen, packte meine Sachen auf und ging meiner Wege. Ich war jedoch kaum ausgezogen, so lief eine ungeheure Rechnung bei Hofe ein. Man ließ mich rufen, legte mir die Rechnung vor, und obwohl ich mich nach Kräften verantwortete, ließ man mir doch ein gewisses Befremden merken, wie eine solche Zeche veranlaßt werden könne. Das kränkte mich tief, weil ich an derselben so unschuldig war. So mußte ich in Folge meiner Unkenntniß des Lebens in der großen Welt im Umgang mit den Italienern mein erstes Lehrgeld bezahlen. Amazon.de Widgets Uebrigens hatte auch diese Unannehmlichkeit, wie so vieles im Leben, ihre guten Seiten; man fand für nöthig, etwas über meine Stellung zum Hofe zu entscheiden. Es wurde mir ein annehmbarer Jahresgehalt gegeben,1 mit dem ich für immer in den Hofetat aufgenommen ward, und besondere Bezahlung für eine jede Arbeit zugesagt, ich mußte aber versprechen, nur für den Vicekönig zu malen. Hierin lag zwar etwas Schmeichelhaftes für mich, aber es war doch nicht gut. Es führt leicht zur Einseitigkeit, wenn ein Künstler sein ganzes Leben für den Geschmack eines einzigen Liebhabers schaffen soll. Es gehört ein sehr ernstes Streben zum Vorwärtsschreiten und große Liebe zur Sache selbst, um nicht in einer solchen Stellung von der Eitelkeit, der gefährlichsten Feindin des Künstlers, unvermerkt beschlichen zu werden, besonders wenn es ihm so leicht gemacht wird, alle Wünsche zu befriedigen; denn da man bei Hof wußte, daß ich die Gunst meines Herrn in hohem Grade erworben, fehlte es mir nicht an Bewunderern. Das aber war um so schlimmer, da ich in Mailand auch nicht im entferntesten weder einen Concurrenten noch ein Vorbild in der Schlachtenmalerei fand.[111] In meiner neuen Behausung fühlte ich mich viel heimischer, ich wohnte zwar nicht mehr so schön wie bisher, aber passender, ich hatte gutes Licht zum Malen und wurde durch nichts abgezogen, mich wieder ernstlich der Kunst zuzuwenden. Die Aussicht von meinen Fenstern ging in einen stillen Hofraum, wo ich nichts von dem Treiben der großen Stadt sah noch hörte, auch hatte ich einen Stall für zwei Pferde, weßhalb ich mir bald ein Pferd kaufte. Das Reiten war mir zum Bedürfnisse geworden, ich mußte mich zuweilen austoben, denn mein heißes Blut war in Italien bei der fast unfreiwillig geführten Lebensweise nicht kälter geworden. Ich machte mich bald in Mailand durch mein Reiten bemerklich, da ich immer nur feurige und etwas unbändige Pferde ritt und fest im Sattel saß. In dieser Zeit entwarf ich die Composition zu zwei großen Bildern: die Schlacht bei St. Michael in Kärnthen und die bei Raab in Ungarn, welche ich in den Jahren 1810 und 1811 zur großen Zufriedenheit meines Gebieters in Oel ausführte. Bei Hofe fand ich an dem jüngsten Adjutanten des Vicekönigs, dem Capitain Jules de Saive, einen Freund, wie man nur selten das Glück hat, einen zu finden. Treu und anhänglich in allen Verhältnissen des Lebens, stand er mir bis zu unserer Trennung in Moskau (1812) liebreich und schützend zur Seite; seine größere Gewandtheit im Leben, sowie seine Erfahrungen kamen mir oft sehr zu statten. De Saive war ein durchaus edler, ritterlicher Charakter, ein Mann voll Sinn für alles Schöne und Gute: er zeichnete und malte für einen Dilettanten sehr artig, war musikalisch, spielte die Violine vortrefflich, hatte litterarische Bildung und war der deutschen Sprache vollkommen mächtig, mit vielen unserer Klassiker bekannt. Schiller liebte er besonders, seine Gedichte führte er fast immer bei sich. Er hatte trotz seiner Jugend schon den Krieg in Spanien mitgemacht, zeigte sich überall tapfer und erwarb sich in der Schlacht bei Raab den Orden der Ehrenlegion, später erhielt er auch den der eisernen Krone. Mit einer schönen, männlichen Gestalt ausgestattet, groß und schlank gewachsen, hatte er feine, edle Gesichtszüge, ein feuriges,[112] weitgeöffnetes schwarzes Auge, das für die Offenheit seines Charakters und die Tiefe seiner Seele zeugte. Schon zu Anfang meines Aufenthaltes in Mailand lernte ich eine wohlhabende, bürgerliche deutsche Familie kennen. Der Sohn des Hauses, ein angenehmer, hübscher, wohlgesitteter junger Mann, welcher sich der Kunst widmen wollte, suchte meine Bekanntschaft. Ungefähr in demselben Alter wie ich, besuchte er damals die Akademie, besaß jedoch sehr wenig Talent und war, da er schon sehr viel gelesen hatte, mehr in der Theorie als in der Praxis bewandert, was bei Ausübung der Kunst immer ein Uebelstand ist. Ich verkehrte gerne mit ihm, weil ich, weder mit den Sitten und Gebräuchen, noch mit der italienischen Sprache bekannt, an ihm, dem gebornen Mailänder, einen Führer hatte, welchem ich um so leichter vertrauen konnte, als eine strenge Rechtschaffenheit die ganze Familie charakterisirte. Eines Tages befand ich mich mit diesem jungen Manne und seiner Mutter im Gespräch, als sich plötzlich die Thüre öffnete und ein Wesen, schlank und fein und flüchtig wie eine Gazelle, mehr herein huschte als ging. Es war ein wunderliches Gemisch von einer deutschen Jungfrau in ihrer ersten vollen Blüthe und durch und durch erwärmt von der Gluth des Südens. Eine feurige Röthe überflog ihre frischen Wangen, als sie mich erblickte. Purpurrothe, schöngeformte Lippen umschlossen ein Paar Reihen kleiner Zähne wie Perlen; funkelnde schwarze Augen ließen verrätherisch auf das schließen, was unter ihnen verborgen lag, und große, schwarze Locken, glänzend und fein wie Seide, hingen zu beiden Seiten des Kopfes bis auf die zarten Schultern herab. Ihre Gestalt war von mittlerer Größe, einem schönen Ebenmaße der Verhältnisse mit zarten Gliedern; ihre Manieren waren natürlich und ungezwungen, ihre Bewegungen lebhaft aber graziös. Ich wußte im ersten Augenblicke nicht recht, was ich aus diesem Geschöpfe machen sollte; die ganze Erscheinung war mir zu neu, ich hatte noch nie ein ähnliches Wesen gesehen. Es lag beinahe etwas Wildes darin und doch fesselte sie mich. Ich[113] fühlte mich eigenthümlich ergriffen, als flüsterte mir ein guter Geist in die Ohren: Mach, daß du weiter kommst, hier ist Gefahr. Obwohl noch sehr jung, so war doch schon manche Erfahrung an mir vorübergegangen, wie leicht es sei, seine Freiheit zu verlieren; kein Wunder, daß ich etwas Mißtrauen gegen mich selbst faßte. Großen Eindruck hatte sie auf mich gemacht, das konnte ich mir nicht verbergen, und es wollte mir fast vorkommen, als sei mein Erscheinen auch ihr nicht gleichgültig, was mir Bedenken erregte. Hätte ich nach dieser ersten Begegnung mich langsam von den Besuchen in dieser Familie zurückgezogen, so wäre es nichts als eine reizende Erscheinung gewesen, wie sie uns im Leben öfter vorkommen und Auge und Herz erfreuen, aber ich fand keinen genügenden Grund, diesem Hause, in welchem ich so freundlich aufgenommen worden, plötzlich den Rücken zu kehren und setzte meine Besuche fort, benahm mich sehr unbefangen und vermied sorgfältig alles, um keine größere Annäherung herbeizuführen. Indessen hielt ich es der Mühe werth, diesen wunderlichen Charakter etwas näher zu betrachten und fand im Laufe der Zeit eine so große Verschiedenheit der Neigungen und Individualitäten zwischen uns, daß manches Bedenken schwand. Es schien mir nicht denkbar, daß in dem Herzen dieses Wesens eine tiefere Neigung zu mir Platz finden könnte. Dieser kleine Wildfang von einem Mädchen hieß Magdalena und war 17 Jahre alt. Viele Freier hatten sich um ihre Hand beworben und bewarben sich noch, als ich sie kennen lernte, aber keinem gelang es, ihr eine ernste Neigung einzuflößen; ich war daher um so weniger versucht, die Zahl ihrer Anbeter zu vermehren, ich kam und ging, wie einer, der nichts sucht, nichts will und nichts bietet. Sie tändelte, scherzte, lachte, ließ sich kleine schuldlose Attentionen gefallen und belustigte sich über ihre Courmacher, aber alles was ich sah und hörte, bewegte sich in den Grenzen des Anstandes. Große Lebensfrische und Heiterkeit zeigte sich in allem, was sie that, und eine angeborne Naivetät und kleine Coquetterie kleidete sie gut und machte sie für jeden Mann, der sich ihr näherte, reizend[114] und anziehend; aber neben diesen Eigenschaften nahmen häusliche Tugend, fromme Sitte und fest begründete Begriffe von Treue und Redlichkeit Platz. In ihrem Frohsinn überließ sie sich öfters dem Muthwillen. Sie wußte, daß sie sich selbst trauen durfte; ihr starkes Herz schützte sie bis daher vor Gefahren, welche oft sentimentalen schwärmerischen Mädchen drohen. Durch mehrere Monate hielt sich dieses Verhältniß in den Grenzen des gewöhnlichen, geselligen Verkehrs, aber ihr Umgang interessirte mich schon der Originalität wegen. Es war ihr jedoch sicherlich nicht entgangen, daß ich Interesse für sie hatte; das weibliche Geschlecht hat hierin, wenn es erlaubt ist sich so auszudrücken, einen feinen Instinkt, in das Herz eines Mannes zu blicken. Zuweilen gab es kleine Differenzen zwischen uns, herbeigeführt durch die große Verschiedenheit der Charaktere und Meinungen. Der Hauptunterschied lag jedoch besonders darin, daß die Heiterkeit bei ihr sich immer nach außen kund gab und daß der Ernst und eine gewisse Tiefe des Gefühls ihr selbst kaum recht bewußt in dem Grunde eines trefflichen Herzens lag, und daß bei mir der ganz umgekehrte Fall obwaltete. Amazon.de Widgets Von früher Jugend in einem gewissen Wohlstande aufgewachsen, von guten, rechtschaffenen Eltern und Geschwistern und Allen, die sie kannten, geliebt und geachtet, von der Natur mit körperlichen Reizen und schönen Anlagen ausgestattet und in der vollsten Blüthe der Jugend und Gesundheit, wie sollte da der Ernst zum Vorscheine kommen? Wie ganz anders war es mit mir! Bis zum neunten Jahre lebte auch ich in leidlich guten Verhältnissen, von da an aber wuchs ich in Armuth und Entbehrungen auf, alles, was ich erstrebt und erreicht hatte, konnte ich nur durch die größten Anstrengungen erringen. Ich mußte sehr frühzeitig mich in andere Menschen und in alle Lebensverhältnisse fügen lernen, was meinem ganzen Charakter, äußerlich wenigstens, etwas sehr Ernstes, Nachdenkendes gab. Ich hatte einen kräftigen Willen und große Selbstbeherrschung und zeigte mich selten schwach. Was ich wollte und für gut erkannte, wurde ausgeführt. Kein Vergnügen konnte mich[115] von meinem Berufe, von einer Arbeit, oder überhaupt von einem mir vorgesteckten Ziele abhalten. Diese meine Eigenschaften, welche bisweilen in etwas Eckichtes übergingen, bereiteten meiner neuen Freundin in der Folge viele bittere Stunden und Tage und zuletzt auch mir selbst. Uebrigens waren sie mehr angeeignet als angeboren. Mit großer Lebensfrische in meinem Innern und gesund an Leib und Seele, schlug ein warmes, gefühlvolles Herz in meiner Brust, ein Herz voll Liebe zur Menschheit, voll Empfindung für alles Schöne und Gute, voll Freude an der Natur und der ganzen Schöpfung. In den gegenwärtigen Verhältnissen kehrte ich aus Grundsatz mehr die Schatten- als die Lichtseiten meines Charakters heraus. Ich hatte im Verlaufe der Zeit bemerkt, daß ich vor vielen Andern bevorzugt und sehr vermißt wurde, wenn ich mich lange nicht zeigte; da ich aber niemals zu den eitlen Gecken zählte, die da glauben, wenn junge Mädchen sie freundlich anblicken, hätten sie schon ihr Herz erobert, so ließ ich mich in nichts beirren. Ich blieb derselbe vor wie nach und dachte bei mir selbst: Wenn sie mich erst ganz kennt, wird sie am Ende froh sein, wenn ihr dieser trockene deutsche Michel vom Halse bleibt. Aber ich hatte mich total verrechnet. Wäre ich in alle Verführungskünste eingeweiht gewesen, so hätte ich keine bessere Rolle spielen können, um eine Neigung, wenn sie im Herzen eines Geschöpfes, wie dieses war, einmal Platz genommen hat, in eine glühende Leidenschaft zu verwandeln. Diese Absicht lag aber von mir ferne, ich wollte ehrlich sein und keine Erwartungen in ihr erregen, welche ich nicht zu erfüllen gesonnen war. Noch hatte ich mein dreiundzwanzigstes Jahr nicht zurückgelegt, liebte die Unabhängigkeit über alles und strebte gewaltig ins Weite und in die Welt hinaus. Krieg war die Losung der Zeit und eine solche Zeit des Heldenthums steht fast immer im Widerspruch mit dem Herde des häuslichen Glückes. Meiner Denkart nach ohnehin mehr als halb Soldat, hatte ich mich ja auch verbindlich gemacht, meinen Gebieter, den edlen Prinzen Eugen, dem ich schon sehr anhänglich geworden war, überall zu begleiten und unter diesen Verhältnissen[116] konnte es mir nicht in den Sinn kommen, jetzt schon ein ernstes Band für das ganze Leben zu knüpfen. Je unbefangener und natürlicher ich mich jedoch gab, desto mehr schien sie angezogen. Ein zufälliges Ereigniß ließ mich auch bald klar sehen: die Stunde kam, wo dieses stolze Mädchenherz sich beugen sollte. Gegen Ende des Faschings ließ ich mich bewegen, einem Balle beizuwohnen; es war der erste in meinem Leben. Er wurde von Kaufleuten sehr schön angeordnet. Magdalena befand sich auch mit ihrem Bruder und Verwandten unter den Geladenen. Ich sagte ungern zu, denn schon von frühester Jugend hegte ich eine wahre Abneigung gegen das Tanzen und alle Tanzplätze; die Menschen kamen mir da wie verrückt vor. Somit war ich natürlich ein müßiger, langweiliger Zuschauer; meine junge Freundin hingegen tanzte sehr gern und vorzüglich gut und graziös und bildete den Glanzpunkt bei diesem Feste. Mehrere Stunden hielt ich so aus, zog mich aber später in ein Seitenzimmer zurück, wo sich eine Bibliothek befand und saß an einem Kamine bei einer älteren Dame, welche sich viele aber ziemlich vergebliche Mühe gab, mich zu unterhalten; inzwischen zerbiß ich meine Handschuhe mit den Zähnen aus Unmuth in hundert kleine Fetzen. Ich wurde gesucht und man versprach nicht mehr zu tanzen; aber bald kamen die Versucher und baten aufs Neue um die Rückkehr in den Saal; in Kurzem war sie in einen ganzen Schwarm Tanzlustiger eingehüllt und in den Saal mitfortgezogen. Nun riß meine Geduld; mir kam das ganze Treiben ein wenig bacchantisch vor. Ich schlich mich in aller Stille davon. Als sie mich vermißte und ich nicht beim Souper erschien, wurde sie unwohl, man mußte sie nach Hause bringen und man meldete mir am folgenden Tag, daß sie krank sei und zu Bette liege. Dieses Verhältniß hatte bis jetzt keinen nachtheiligen Einfluß auf mein Kunsttreiben und meine übrige Lebensweise gehabt. Seit ich meine neue Wohnung bezogen hatte, fing ich an, auf einer schmalen, 9 Fuß langen Leinwand ein Bild von der Schlacht bei Raab zu entwerfen, mit all dem Feuer, mit welchem[117] man bei noch frischer Erinnerung an das Erlebte bisweilen etwas gleichsam hinzaubert. Mir war, indem ich daran malte, als befände ich mich in Mitte der Schlacht: ich glaubte die Kanonen und das Kleingewehr krachen zu hören, sah die Adjutanten hin- und herfliegen und das ganze Getümmel vor mir. Eine solche Begeisterung, mit der ein Künstler schafft, ist ein recht guter Gegensatz, um sich manches andere störend einwirkende Gefühl aus dem Sinne zu schlagen. Meiner Ansicht nach sollte der Entwurf nur als Skizze eines größern Bildes dienen, als ihn aber Prinz Eugen sah, sprach er den Wunsch aus, daß ich den Versuch machen möchte, die Leinwand anzustücken und die Skizze zu vollenden. Er meinte, daß bei einem zweiten Bilde das Geistige, das er hier sah, verloren gehen könnte. Ich kam seinem Wunsche zu seiner vollsten Zufriedenheit entgegen. 1 Amazon.de Widgets Adam bekam einen Jahrgehalt von 2400 Lire und den Rang eines Capitains. 
 XIII. München und Mailand.  [259] »Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und wäre er in Ketten geboren,« sagt der unsterbliche Schiller. Aber wer ist denn so frei, daß er sich seiner Freiheit rühmen und von ganzem Herzen darüber freuen kann? Auf jeden Fall ist derjenige der freieste Mann, der die wenigsten Bedürfnisse hat, nichts von Andern braucht und sich nicht von seinen eigenen Leidenschaften tyrannisiren läßt. In diesem stolzen Bewußtsein meiner Freiheit verlebte ich meine Jugendjahre bis zum Eintritte in das Mannesalter. Ich befand mich in einem ungemein glücklichen Zustande. Alle die großen Mühseligkeiten, die ich von früher Zeit an zu bekämpfen hatte, um mich in der Kunst emporzuarbeiten, däuchten mir Kinderspiele; nie und nirgends verlor ich den Muth. Eine große Heiterkeit des Geistes gesellte sich zu blühender Gesundheit und körperlicher Kraft, die mir alles, was ich unternahm, leicht machte. Das Fundament von dem Allem aber war, daß ich schon in frühester Jugend gelernt hatte, mich an die härtesten Entbehrungen zu gewöhnen. Darauf beruhte die innere Zufriedenheit mit meinem Schicksale. Ich hatte eben keine Bedürfnisse, wenn ich keine wollte, und schüttelte sie mit Leichtigkeit ab, wenn sie mir irgend hindernd in den Weg traten. Am allerwenigsten berührten mich die Schleppereien, mit denen sich die Menschen im gewöhnlichen Leben belasten und sich ihr Vorwärtskommen[259] selbst erschweren. Ich ließ sie unbeachtet liegen und wanderte mit leichtem Bündel meinem Ziele zu. Diese heitere, schöne Zeit meiner Jugend, sie ist leider nur allzu schnell entschwunden, wie ein Traumbild an mir vorübergezogen, aber schöne Erinnerungen hat sie mir zurückgelassen, Erinnerungen an ein reiches, glückliches Leben, ein Leben voll Beschwerden und Kämpfen zwar, aber auch voll Freuden, voll großer Erfahrungen. Süß ist im Alter der Rückblick auf eine so glücklich durchlebte Epoche. Nach zurückgelegtem 26. Jahre wählte ich mir eine Lebensgefährtin, und vorbei war es nun mit meiner Freiheit, mit jener Freiheit im schönen Sinne des Wortes, die den Menschen über alle ungünstigen Einflüsse von außen erhebt. Mit diesem Schritte übernimmt der Mann Pflichten höherer Art; er gehört nicht mehr sich allein an, die Sorge für ein zweites, drittes und noch mehr Wesen raubt ihm die Freiheit, seine Bedürfnisse nach Belieben zu beschränken. Daran knüpft sich eine unberechenbare Folge von Nachtheilen, die, wenn er die Sorge als Familienoberhaupt nicht aus den Augen verlieren will, auch seinem künstlerischen Wirken hemmend in den Weg treten. Diese Nachtheile ließen nun in Folge ungewöhnlicher Ereignisse in der That nicht lange auf sich warten. Bei der Wahl meiner Gattin war ich zwar glücklich, ich fand an ihr eine treue, ergebene Lebensgefährtin mit dem reinsten Herzen und einem wahrhaft kindlichen Gemüth. Sie liebte mich mit Innigkeit und Zartgefühl; ihr ganzes Wesen war echte weibliche Tugend und zarte Sitte, aber eben das ist es, was dem Manne, wenn er nicht unedel handeln will, zarte Rücksichten auferlegt und Fesseln bereitet. Es gibt keine größere Macht als die Liebe, welche sich auf gegenseitige Achtung gründet. Bis zu meiner Rückkehr aus Rußland fühlte ich eigentlich noch gar nicht recht, daß ich verheirathet war. Durch die Ereignisse mit fortgerissen führte ich ein unstätes Leben und hatte noch gar nicht Zeit, ernstlich daran zu denken, meinen eigenen Herd zu gründen. Drei Jahre hindurch war ich mit dem Soldatenleben auf das engste verwoben. Ich führte zwar nicht[260] das Schwert in der Hand, aber ich theilte mit den Soldaten alle Beschwerden des Krieges sammt dessen Gefahren. Dieses bewegte Leben übte großen Reiz auf mich. Mein heißes Blut wollte sich austoben, und mein unruhiger Geist fand seine Nahrung dabei. Jetzt aber war die Zeit gekommen, den Degen mit Pinsel und Palette zu vertauschen und an ein ernstes Studium zu denken. Ich hatte mir in den Feldzügen von 1809 und 1812 Schätze von Motiven für Bilder gesammelt, die mehr als ein Menschenalter erforderten, wenn ich auch nur das Bedeutendste davon ausführen wollte; aber für die ausübende Kunst hatte ich in jenen Jahren viele Zeit verloren. Ich war daher jetzt ernstlich darauf bedacht, mich an die Staffelei zu setzen und meinen Haushalt möglichst einfach einzurichten, denn daß vorerst für längere Zeit meines Bleibens in München nicht sei, war wohl zu vermuthen. Der Uebergang von dem Leben, das ich so lange Zeit geführt, zurück in die engen Schranken des Alltäglichen war nicht so leicht, als ich mir anfänglich gedacht hatte. Recht süß war es zwar, an der Seite einer liebenden Gattin zu leben, die in meiner Abwesenheit mir einen kräftigen Knaben geboren, aber die Stubenluft wollte mir nicht behagen, es kam mir alles so enge vor. Acht Monate lang hatte ich mich in freier Luft bewegt, Wind und Wetter und allen klimatischen Einflüssen ausgesetzt; von Ende Juni bis Ende November hatte ich kaum mehr in einem Bette geschlafen, und nun schien mir alles, was mich umgab, so weichlich, mitunter kleinlich, und eine Menge Dinge, auf die man im gewöhnlichen Leben so oft einen großen Werth legt, kamen mir so entbehrlich, wo nicht abgeschmackt vor, daß ich es sehr lächerlich fand, wie sich die Menschen mit so vielem belasten können. Es brauchte lange Zeit, bis ich mich wieder in ein bequemeres Leben gewöhnt hatte, jedoch eine entschiedene Abneigung gegen alles Weichliche ist mir bis in mein hohes Alter geblieben. Uebrigens hatte mich dies so geraume Zeit geführte Leben so gekräftigt, daß ich bei meiner Ankunft in München ganz blühend aussah und Jedermann, der mir begegnete, sich darüber wunderte.[261] Mit ganz besonderem Wohlbehagen setzte ich mich nun an meine Staffelei und entwarf ein paar Bilder, von denen aber nur eines zur Ausführung kam; denn bald wurde diese Arbeit unterbrochen durch den Auftrag, ein Reiterportrait des Prinzen Karl von Bayern zu malen. Dieser stand damals in der Blüthe des Jünglingsalters, war ein guter Reiter und zu Pferd eine schöne Erscheinung. Mit großer Freude ging ich an die Ausführung dieses Bildes. Diesem folgte ein zweites Reiterportrait des in der Schlacht bei Borodino verwundeten und zu Moshaisk gestorbenen Barons Karl von Zweibrücken. Nicht ohne Wehmuth ging ich an diese Arbeit: ich hatte eine große Anhänglichkeit an diesen meinen frühern Beschützer, der seine Heldenlaufbahn so frühe enden mußte. Eine größere Arbeit konnte ich ungewiß über meine künftige Stellung und die Dauer meines Aufenthaltes in München nicht unternehmen: es fehlte mir zudem ein passendes Atelier und die nöthige Ruhe. Unterdessen trafen die erschütterndsten Berichte über den unglücklichen Rückzug der Armee in München ein. Eine Trauerpost folgte der andern. Das verhängnißvolle 29. Bulletin legte ein offenes Bekenntniß vom gänzlichen Untergange der Armee ab. Es bildete einen furchtbaren Contrast zu den früheren napoleonischen Bulletins voll Bombast und Prahlerei. Allmählig kamen die traurigen Zeugen des Unterganges zum Vorscheine: Offiziere der verschiedensten Grade und Waffengattungen kehrten in bejammernswerthestem Zustande nach München zurück und gegen das Frühjahr 1813 erreichten 1400 Bayern, vom Generale Graf Rechberg geführt, die Grenzen ihres Vaterlandes: der Rest der 30000 Mann herrlicher Truppen, die vor einem Jahre ausgezogen. Welch ein Schmerz für das treffliche Herz des guten Königs Max, welch ein Herzeleid für das ganze Land! Amazon.de Widgets All dem Jammer, welcher jetzt kund wurde, konnte ich ruhig zusehen. Aber ich war stets tief ergriffen, so oft neue Trauerposten zu uns gelangten; viele mir sehr werthe Freunde hatte ich bei der Armee zurückgelassen, deren Schicksal mir nicht[262] gleichgiltig sein konnte, und obwohl das Schlimmste, was ich hörte, mich nicht überraschte, stimmte es mich oft recht traurig, alle meine schlimmen Vermuthungen verwirklicht zu sehen. Niemand konnte sich vorstellen, wie sich das durch den verunglückten Feldzug entstandene Chaos entwickeln werde. Das aber stand bei mir fest, daß ich im Jahre 1813 nicht wieder nach Rußland werde reisen müssen, um mich bei der Armee einzufinden. Diese Ansicht war schon beinahe Ueberzeugung gewesen, als ich Moskau verließ. Was ich übrigens zu thun habe, wußte ich selbst nicht, und so verstrich das Frühjahr und ein Theil des Sommers mit unbedeutenden Arbeiten. In Bayern herrschte eine ungewöhnliche Thätigkeit, wieder eine neue Armee in das Feld zu stellen. Mit welchen Opfern dies geschah, läßt sich leicht vorstellen. In unbegreiflich kurzer Zeit stand eine große Anzahl gut ausgerüsteter und exercirter Truppen auf den Beinen. In der Nähe von München wurde ein großes Lager bezogen, um sie im Felddienst einzuüben. Hier ereignete es sich, daß ein furchtbarer Orkan losbrach, der das ganze Lager zerstörte und die Zelte sammt einer Menge anderer Geräthschaften auf der Ebene weithin forttrieb und herumschleuderte. Viele betrachteten dieses Ereigniß als eine Vorbedeutung des Ungemachs, welchem diese Armee auf's Neue entgegenzugehen bestimmt sei. Doch sollten diese deutschen Söhne nicht noch einmal für napoleonische Eroberungen sich verbluten, vielmehr ihre Wassen gegen ihn kehren. Freilich getraute man sich damals kaum, das recht zu denken, aber in den meisten Herzen regte sich das empörte Gefühl über die Rücksichtslosigkeit, mit der in den napoleonischen Kriegen die deutschen Bundestruppen hingeopfert und behandelt wurden. Das Maß der verletzten Menschenrechte war voll und das Streben, das unwürdige Joch abzuschütteln, immer fühlbarer. Napoleon hatte schon im Dezember die Armee verlassen, einige Zeit darauf auch Murat. Prinz Eugen, der seines ritterlichen Charakters wegen am längsten das Vertrauen der Truppen sich bewahrte, hielt die traurigen Reste der unglücklichen Armee noch zusammen, bis Napoleon im Frühjahre mit einer neuen[263] Armee wieder in Deutschland vorrückte. Sein Genie und die Macht, die er noch in Händen hatte, thaten Wunder. In kürzester Zeit konnte er wieder eine neue Armee in's Feld führen, aber es waren nicht mehr die alten Soldaten, an deren Fersen der Sieg fesselt war. Ihrem Laufe war schon das Ziel gesteckt, ehe sie Preußens damalige Grenzen erreichten. Deutschland hatte sich ermannt und rief Napoleon das ernste Wort entgegen: »Bis hieher und nicht weiter.« Prinz Eugen wurde gegen Ende des Frühjahres beordert, nach Italien zu gehen, um auch dort eine neue Armee zu organisiren. Alles handelte sich ja damals darum, Geld und Soldaten herbeizuschaffen, um den Krieg mit Nachdruck eröffnen zu können. Aber in Italien stieß man auf große Schwierigkeiten; der brauchbaren jungen Leute für den Kriegsdienst wurden immer weniger, man mußte zuletzt Verheirathete nehmen. Dies erregte, verbunden mit den übrigen großen Lasten und Erpressungen, eine sehr üble Stimmung. Die Italiener sahen finster darein und machten einstweilen die Faust im Sacke. Mit gewaltigen Zwangsmaßregeln gelang es wohl zuletzt, wieder eine Armee in's Feld zu führen, aber sie taugte nicht viel, sie bestand aus Rekruten und Neulingen, die, wenn sie vor den Feind kamen, sich schlecht schlugen. Was Gelegenheit fand zu desertiren, lief davon, und die strengsten Maßregeln dagegen blieben erfolglos. Der gute Prinz Eugen hatte schweren Stand unter so mißlichen Verhältnissen. Die Italiener werden bei richtiger Behandlung im Verlaufe der Zeit auch gute Soldaten, sie haben unter napoleonischer Zucht Beweise hievon gegeben, aber sie brauchen länger, als irgend eine andere Nation, bis sie sich gewöhnen, Pulver zu riechen und Kugeln pfeifen zu hören. Zufällig war ich nicht in München, als der Prinz auf seiner Durchreise nach Mailand einen Tag dort verweilte, aber schon nach einigen Wochen brachte mir ein durchreisender Courier den Befehl, mich mit allen Zeichnungen, die ich aus Rußland gerettet, in Mailand einzufinden. Um Zeit zu gewinnen und eine begonnene Skizze der Schlacht bei Borodino zu vollenden,[264] schrieb ich nach Mailand und erbat mir Reisegeld, das ich auch umgehend erhielt. Gegen Mitte Juli verließ ich mit Frau und Kind München. Um schnell zu reisen, hatte man damals kein anderes Beförderungsmittel als Extrapost. Da man am Hofe des Vicekönigs gewohnt war, jede Ordre schnell und pünktlich vollzogen zu sehen, fuhr ich Tag und Nacht und kam am dritten Tage in Mailand an. Die Freude meiner Frau machte sich in einem Strome von Thränen Luft, als wir nach einer sechzehnmonatlichen Abwesenheit, in der so viel Wichtiges vorgefallen und auch ihr Vater gestorben war, an einem heitern Morgen bei der Porta Orientale einzogen. Ich begab mich unverweilt zu meinem Gebieter nach Monza. Er empfing mich in Gegenwart seiner reizenden Gemahlin mit den Worten: »Voilà le déserteur!« aber er war gewohnt, nicht lange zu grollen. Meine Zeichnungen sah er bis zum letzten Blättchen mit großer Aufmerksamkeit und Interesse durch und freute sich, daß ich so vieles gesammelt und alles gerettet habe. Er empfahl mir, diese Sachen ein wenig zu ordnen, Einiges, was sehr flüchtig entworfen war, besser auszuführen und alles sorgfältig zu bewahren, bis er weiter disponiren würde. Sein lebendiger Geist fand mitten unter dem Drange wichtiger Geschäfte Zeit, seine Aufmerksamkeit auch diesen Dingen zuzuwenden. Hier sah ich den Prinzen zum letzten Male in Italien, er ging bald darnach zur Armee ab, um einen erfolglosen Feldzug gegen Oesterreich zu eröffnen. Erst zwei Jahre später sah ich ihn in München wieder. Die Uebergangsperiode vom Jahre 1813 bis 1815 versetzte die meisten Menschen in eine recht unbehagliche Stimmung, welche beinahe in ganz Europa und ganz besonders in Italien fühlbar war. Mit immer düstereren Wolken umhüllte sich der politische Horizont und wie einem schweren Gewitter eine lästige Schwüle vorangeht, so drückte dieser Zustand auf die Gemüther und hemmte die freie Bewegung des geistigen und materiellen Lebens. Man fühlte, daß ein großer Mann nicht allein zu Grunde geht, sondern daß er in seinem Falle Tausende mit sich fortreißt. Mit banger Erwartung sah man der Entwicklung[265] der furchtbarsten Katastrophe der neueren Zeit und dem Gange der Kriegsereignisse entgegen, aber in einem Punkte liefen alle Wünsche, alle Hoffnungen zusammen: in der Sehnsucht nach dauerndem Frieden. Der Krieg war unerträglich geworden, man wollte eine Aenderung um jeden Preis. Für mich war die Zeit vom Sommer 1813 bis zum Jahre 1814 eine sehr trübe. Ich betrachte sie für mein Künstlerleben als eine fast ganz verlorene. Nicht, daß ich müßig gewesen wäre, aber es war weder ein Gedeihen, noch ein Fortschreiten in dem, was ich schuf, es war ein künstlerisches Vegetiren, was sonst gar nicht in meiner Art lag. Ich lebte still und zurückgezogen in meiner Familie, die sich im November um ein Töchterlein vermehrte und wartete ruhig den Gang der Ereignisse ab. Zu Anfang des Jahres 1814 verdüsterte sich die Stimmung in Mailand. Die italienisch-französische Armee wurde durch die österreichische unter dem Feldmarschall Bellegarde langsam zurückgedrängt bis gegen Mantua. Mailand war gänzlich von Truppen entblößt, was gerechte Besorgnisse erregte. Man errichtete deßhalb eine Art Nationalgarde zur Wahrung der innern Sicherheit. Sie wurde guardia civica genannt und bestand aus Besitzenden (possedenti), Staatsdienern und solchen Individuen, deren Interesse an den Staat gekettet ist. Dieses Corps trug (mit Ausnahme der Officiere) keine Uniform; man erhielt eine Vorladung zugesandt, durch die man auf ein corpo di guardia beschieden wurde. Dort erschien man in beliebiger Kleidung, erhielt Ober- und Untergewehr nebst Patrontasche und bezog die Wache. Auch ich erhielt zu verschiedenen Malen eine solche Vorladung, stellte mich aber nicht ein; zuletzt wurde ich dringend aufgefordert, vor dem Generalstabe zu erscheinen. Dieser Vorladung leistete ich Folge. Man befragte mich um die Gründe, weßhalb ich mich nicht zu diesem Dienste einfinde. Ich erklärte, daß ich in den gegenwärtigen, mißlichen Verhältnissen in Mailand eine ganz neutrale Stellung zu beobachten wünsche. Ich würde mich ruhig verhalten, keiner Partei anschließen, und auf keinen Fall einen[266] Waffendienst verrichten. Man machte nun auf italienische Art eine Menge schöner Worte und stellte die Sache in das vortheilhafteste Licht, aber ich beharrte auf meiner ersten Erklärung, motivirte diese jedoch etwas mehr und sagte: »Ich bin Künstler; meine Verbindlichkeiten gegen den Vicekönig legen mir die Pflicht auf, diesen im Kriege und auf Reisen zu begleiten. Ich stehe unmittelbar unter seinen Befehlen und unter keinem andern Commandanten. Sobald er mich rufen läßt, werde ich meinen Verbindlichkeiten nachkommen. Sowie ich mich aber zu militärischen Diensten hergebe, muß ich mich unter einen andern Commandanten stellen. Das verträgt sich nicht mit meinem Dienst.« Ich fügte noch hinzu, wenn hier ein Zwang stattfinden sollte, so müßte ich um einen Paß nach Bayern bitten. Dorthin wollte ich mich dann begeben und die weitern Ereignisse abwarten. Der Obrist des Generalstabes fragte mich, ob ich gesonnen sei, diese bestimmte Erklärung schriftlich zu geben. Ich bejahte es, erhielt Feder und Papier und schrieb sie nieder. Von diesem Augenblicke an ließ man mich in Ruhe; ich wurde auf keine Weise weiter belästigt und lebte zurückgezogen mit meiner Familie und bei meinen Arbeiten bis zum gänzlichen Sturze der napoleonischen Regierung. Die üble Stimmung nahm in Mailand von Tag zu Tag zu. Wer diese Stadt des Luxus und der Ueppigkeit in ihrem Glanze gesehen hatte, auf den mußte sie in den ersten drei Monaten des Jahres 1814 einen höchst langweiligen, ja betrübenden Eindruck machen. Viele der bei der Regierung Angestellten waren durch die schlimmen Gerüchte, die von dem Mißgeschicke der französischen Waffen sich verbreiteten, eingeschüchtert und um ihre Existenz besorgt. Durch die Abwesenheit des Militärs, besonders der Garden, fehlte ein Hauptglanzpunkt der Stadt. Das Militär hatte ja sehr viel Geld in Umlauf gebracht, besonders die Nobelgarde. Diese bestand meistens aus Adeligen und Söhnen reicher possedenti; fast jeder dieser Leute hatte seine eigene Geliebte (mantenuta), und diese Geschöpfe, die ihr leicht erworbenes Geld auf Putz- und[267] Luxusgegenstände verwendeten und so wieder unter die Leute brachten, waren jetzt ebenfalls in ihrer Existenz bedroht und mit ihnen noch unzählige Menschen. So stockte alles, und der Mangel an Geldverkehr und öffentlichen Belustigungen war sehr drückend. Das Ganze glich einem Körper, der einem Siechthum entgegengeht. So schleppte sich alles fort bis Mitte April. Die Nachricht hatte sich schon früher verbreitet, daß die Verbündeten in Paris eingezogen und Napoleon für sich und seine Nachkommen der Krone entsagt habe. Prinz Eugen, der von den Oesterreichern in Mantua eingeschlossen war, wurde durch den französischen Senat seiner Stelle als Vicekönig von Italien enthoben und erhielt den Befehl, die unter seinem Commando stehenden französischen Truppen nach Frankreich ungehindert zurückgehen zu lassen. Bald darnach führte der Divisionsgeneral d'Anthouard diese Truppen an den Stadtmauern Mailands vorbei, ohne die Stadt selbst zu betreten. Die Würfel waren gefallen und in dem für den Augenblick herrenlosen Mailand gährte es ernstlich. Am 20. April brach eine Revolution los, die einen sehr ernsten Charakter anzunehmen drohte und wobei der Finanzminister Prina ein Opfer der Volkswuth wurde. Es verbreitete sich das Gerücht, daß der Senat von Mailand beabsichtige, Schritte zu thun, um im Namen der Nation bei den Verbündeten den Prinzen Eugen als König von Italien zu begehren. Wie sich die Sache in Wirklichkeit verhielt, vermag ich nicht zu sagen, aber richtig ist es, daß am 19. April Unterschriften gesammelt wurden, um sich eigenmächtigen Schritten des Senates in dieser Angelegenheit zu widersetzen, ein Theil des Adels stand hiebei an der Spitze; man trieb die Sache im Theater della Scala am Abende ganz offen. Tags darauf versammelte sich der Senat zu einer außerordentlichen Sitzung; vor dem Palaste des Senates hatte sich ein kleiner Haufen Menschen zusammengefunden, der sich anfangs damit begnügte, die Senatoren zu verspotten und mißliebige Töne auszustoßen; im übrigen ließ er die Wagen ungehindert hineinfahren. Nach[268] und nach aber wuchs dieser Haufe zu einer ungeheuern Menschenschaar an, die bald durch gehässige Gerüchte in wilde Aufregung kam. Man drang in den Palast und Sitzungssaal, insultirte die Senatoren und zwang den Präsidenten, die Sitzung aufzuheben. Bald folgten gröbere Excesse. Das Volk ging zur Plünderung und Zerstörung über, vor allem wurden die Papiere des Senats vernichtet, die Senatoren mußten von je zwei Officieren der guardia civica am Arme in ihre Wagen gebracht werden, um sie vor der Volkswuth zu schützen. Mit Ungeduld harrte das Volk auf das unglückliche Schlachtopfer dieses Tages, welches man in der Sitzung anwesend glaubte: auf den Finanzminister Prina. Wie aus einem Munde schrien alle, daß die Luft zitterte: »Prina, Prina, fuori Prina!« Es war ein fürchterliches Todesurtheil, das mir heute noch in den Ohren gellt. Prina war jedoch nicht anwesend. Um ihn zu suchen, drang der wüthende Haufe massenweise in den Palast und begann eine furchtbare Zerstörung: Möbel, Spiegel, Bilder, Büsten, Bodenteppiche, Gefäße, kurz, was irgend losgemacht werden konnte, wanderte zu den Fenstern hinaus. Man belustigte sich, alles zertrümmert zu sehen, und begnügte sich mehr mit der Zerstörung als mit dem Plündern. Was an Büchern, Schriften, Documenten vorhanden war, nahm denselben Weg auf die Straße. Das gab ein wahrhaft tragikomisches Bild. Der Palast des Senates stößt nämlich dicht an den mit üppigen Bäumen bewachsenen giardino publico, und da es ein regnerischer, windiger Tag war, so hingen alle Bäume voll Schriften und Papiere, die der Wind weit umher wehte und sein Spiel damit trieb. Auf solche Weise tobte das Volk fort, bis gegen 3 Uhr Nachmittags, wo das Haus ausgeleert dastand. Ueber dieses tragische Ereigniß bin ich in der Lage, ganz authentische Nachrichten zu geben, da ich mein Atelier damals in dem ehemaligen Kloster zu St. Pietro celestino hatte, das dicht bei dem Senatsgebäude steht und mir somit die Gelegenheit geboten war, den ganzen Vorgang von seinem Anfang an zu beobachten.[269] Amazon.de Widgets Nach 3 Uhr ging der Strom gegen das Haus Prina's; auch dieses Palais wurde durchsucht, ohne diesen finden zu können, und nun begann auch hier die Zerstörung mit noch ärgerer Wuth, als im Senatsgebäude. Das Haus glich von außen einem Ameisenhaufen; man ging so weit, daß die stärksten eisernen Fenstergitter wie schwacher Draht herausgerissen wurden. Es war Erstaunen erregend, was Menschenhände in so kurzer Zeit zerstören können. Bis gegen Abend blieb nichts mehr vorhanden, als die nackten Mauern. Gegen 7 Uhr Abends soll man endlich Prina unter dem Dache gefunden haben; er hatte sich bis dorthin von Gemach zu Gemach geflüchtet, und mußte all das Schreckliche mit anhören. Im Triumphe wurde er in den ersten Stock heruntergeschleppt, der zahllosen Volksmenge auf dem Balkon zur Schau ausgestellt. Da ertönte der fürchterliche Ruf: »giù, giù, butta giù, questa canaglia!« Das geschah auch, und er wurde nun mit Fußtritten und den Spitzen der Stöcke und Regenschirme empfangen. Von einem Einschreiten gegen das wüthende Volk konnte gar keine Rede sein: Mailand war gänzlich von Truppen entblößt, einzelne Patrouillen wurden verhöhnt, wo sie sich zeigten; ein einziger Mann wurde respectirt: der würdige alte General Pino. Dieser ritt mit einigen Adjutanten und Officieren in den Straßen herum und suchte das Volk durch Vorstellungen und gute Worte zu besänftigen. Er kam auch zu jenem fürchterlichen Auftritte, und da Prina zu beichten begehrte, brachte er es dahin, daß jenem dieser letzte Trost gewährt wurde. Prina wurde dazu in das Lokal eines nahe gelegenen Mercante di vino gebracht. Man sagte, General Pino habe hiebei Versuche gemacht, das Volk zu beschwichtigen und von weiteren Mißhandlungen des schon halb zu Tod gequälten Prina abzuhalten. Deßhalb habe er einem Adjutanten insgeheim den Auftrag gegeben, Prina zu verbergen, und dieser habe ihn in ein leeres Faß gesteckt. Als aber Prina zu lange nicht zum Vorschein kam, fiel das Volk über den Adjutanten her, der sich nur dadurch retten konnte, daß er ihnen sein Schlachtopfer überließ.[270] In dem Weinhause hat der unglückliche Minister auf jammervolle Weise geendet. Man erzählte sich die abscheulichsten Dinge, mit welch' satanischer Bosheit er langsam zu Tode gemartert worden sei; erst gegen 3 Uhr Morgens soll er verschieden sein. Auch sein Leichnam wurde noch mißhandelt und an Stricken bei Fackelschein durch die Straßen geschleppt. Eine Patrouille der guardia civica soll den Leichnam endlich aus den Händen des Pöbels mit guten Worten befreit haben. Das Palais Prina's wurde einige Zeit darauf dem Erdboden gleichgemacht; man wollte alles entfernen, das an dieses Ereigniß erinnern konnte. Prina war schon längst eine allgemein verhaßte Persönlichkeit. Man beschuldigte ihn, daß er durch sein seltsames Talent, immer neue Finanzquellen zu entdecken und aus dem Volke Geld zu pressen, sich bei Napoleon in hohe Gunst gesetzt habe. Der Italiener aber liebt das Geld über alles; wer ihm dieses nimmt, greift in sein Herz! In der That waren auch in der letzten Zeit der napoleonischen Herrschaft die Lasten unerträglich gewesen, war doch der Sinn aller Reden und Dekrete Napoleons seit dem russischen Feldzuge nur: »Schaffet mir Geld und Soldaten!« In Mailand mußte sein Organ, der Finanzminister, welcher ihm nur zu gute Dienste geleistet hatte, dafür büßen. Man sagte sich auch über Prina's Privatleben wenig Gutes. Zu seinem Unglücke war er von Geburt Piemontese; diese waren 1814 noch nicht so beliebt in Mailand wie 1859. Noch am 20. April trat eine provisorische Regierung aus Männern zusammen, deren Namen bei dem Volke einen guten Klang hatten. Es wurden zwei Plakate an allen Straßenecken angeschlagen. Das eine rief alle gutgesinnten Bürger auf, unter die Waffen mit einer weiß und rothen Cokarde zu treten und zur Herstellung der Ordnung beizutragen; durch das zweite wurden die Abgaben auf Tabak, Salz und Stempelpapier aufgehoben. Ein wahrhaft komisches Aussehen hatte die Stadt am 21. April. Mit dem Oberhaupte der Douanen, dem Finanzminister,[271] verschwanden alle Douaniers. Der Eingangszoll für Lebensmittel fiel damit weg und nun zeigte sich die Industrie des Italieners. Mailand wurde mit Waaren und Viktualien aller Art, die sich aufbewahren lassen, auf Jahre hin versehen; die Verzehrungssteuern waren sehr bedeutend gewesen und nun beeilte sich alles, möglichst viel Produkte hereinzubringen. Alle Straßen standen voll Karren und Leuten, die beschäftigt waren, jene Produkte abzuladen. Eine große Rolle spielten hiebei Käse, Wein und Branntwein, Oel, Speck u.s.w. Ein anderer Gegenstand brachte auch Leben in die Straßen; unzählige Menschen entwickelten eine rastlose Thätigkeit, um jedes Andenken an die napoleonische Herrschaft zu vertilgen. Alle Wappen an den öffentlichen Gebäuden, an Lotterie- und Tabaksläden und sonstigen privilegirten Lokalen wurden herabgerissen und mit Lust zerstört. An den Straßenecken sah man Tüncher stehen, die emsig beschäftigt waren, Aufschriften verschwinden zu machen, die irgend eine Beziehung auf die napoleonische Herrschaft und ihre Glorie hatten. Immer belustigte sich hiebei ein großer Haufen Volkes und machte Witze und Bemerkungen zu diesen Arbeiten. Dann kam wieder ein langer Zug, der jubelnd durch die Straßen drang, vor ihm her Leute, die, statt den Fahnen, an langen Stangen gelb und schwarze Tücher und Bänder trugen. Sie zogen auf den Platz vor der Residenz, wo das wenige Militär, das noch in Mailand anwesend war, aufgestellt wurde und verhöhnten dasselbe. Neben diesen burlesken Auftritten gab es auch ernsthafte Versuche, zu plündern. Diesen wurde jedoch jedesmal durch die guardia civica Einhalt gethan. Die Errichtung derselben erwies sich in den bedenklichen Tagen der Aufregung sehr brauchbar, und mancher Exceß wurde durch sie verhütet. Einige Tage trieb sich das Volk in dem Bewußtsein seiner plötzlich errungenen Freiheit gleich einem Pferde, das dem Stalle entronnen und ohne Zaum und Zügel herumjagt. Endlich legte sich der Tumult theils von selbst, theils durch kluge Maßregeln der provisorischen Regierung. Der Italiener kalkulirt gerne; man kam zum Nachdenken und fragte sich: »Was[272] soll denn aus solchen Vorgängen werden?« Der ordentliche und fleißige Bürger (und deren gab es in Mailand viele) sehnte sich aufrichtig nach dem Einrücken der Oesterreicher; allein diese zögerten zu lange, Besitz von Mailand zu nehmen und gaben dadurch selbst den ersten Anlaß zu den Unabhängigkeitsbestrebungen, die fortwucherten und Oesterreich so viel Unheil bereitet haben. Nur zu bald wurde im Volke eine Stimme laut: »Wozu brauchen wir denn die Oesterreicher? Wir haben uns selbst frei gemacht, wir wollen ein selbständiges, unabhängiges Volk sein!« Es gab eine Partei, die nicht säumte, diese Stimmung auszubeuten. Ueber einigen Wachtzimmern der guardia civica las man die Worte: »Independenza o morte!« Endlich hielten die österreichischen Truppen einen feierlichen Einzug in Mailand, aber der Empfang war kalt. Nach weniger als Jahresfrist wurde eine weitverzweigte Verschwörung entdeckt, die viele Verhaftungen von angesehenen Persönlichkeiten zur Folge hatte. Darunter befand sich auch General Lecci, ein Mann, der im Kriege in Spanien und Rußland unter Napoleons Fahnen sich bemerkbar gemacht hatte. Mit dieser Verschwörung begann das unheilvolle Treiben der Carbonari. Amazon.de Widgets Ruhe und Ordnung wurde indessen von den Oesterreichern hergestellt und äußerlich ging alles bald seinen geregelten Gang. Mailand hatte wieder sein Feiertagskleid angezogen. Man war vergnügt und guter Dinge, weil man nunmehr nach dem Sturze Napoleons auf einen dauernden Frieden hoffte. Der Adel, der sich durch die mißlichen Verhältnisse in letzter Zeit gedrückt gefühlt, entwickelte nach und nach wieder mehr Luxus. Der Corso belebte sich mit Equipagen, schönen Damen und der Unzahl von Tagedieben und Pflastertretern, an denen Mailand zu allen Zeiten so reich war, und die in den Kaffeehäusern, halb sitzend, halb liegend, ihr dolce far niente pflegten. Der Mittelstand fand wieder mehr Beschäftigung und Absatz seiner Produkte. Der fleißige Landmann freilich war, wie zu allen Zeiten, in Italien schlecht daran, aber dieser kümmerte sich nicht viel darum. Ihm konnte[273] man nichts nehmen, denn er hatte nichts; im Schweiße seines Angesichts aß und ißt er sein Brod und muß für die reichen Grundherren sich plagen. Es war ihm darum ziemlich gleichgiltig, ob die Franzosen oder Oesterreicher regierten, er bleibt ja doch in Italien immer das Lastthier. Der einzige Gewinn, den er von der Aenderung der Dinge zu hoffen hatte, war, daß jetzt der Bedarf an Soldaten weniger werde; immerhin ein Gewinn, denn der Italiener zieht nicht gerne in den Krieg. Die Wendung der Dinge und die zurückgekehrte Heiterkeit in Mailand hatte auch auf mich günstigen Einfluß. Mehrere reiche Mailänder, darunter ein Graf Anoni, Alalari, Cigognia und andere Adelige mehr wandten sich an mich, um Werke von mir zu haben. Man war um so begieriger darnach, als man wußte, daß ich, solange Prinz Eugen in Mailand als Vicekönig residirte, für niemand Andern arbeiten durfte. Es liegt eben in der Natur des Menschen, daß das, was ihm schwer wird zu erhalten, mehr Reiz auf ihn ausübt, als das, was er mit leichter Mühe erwerben kann. Das äußert sich voran bei Kunstsachen, und manche Künstler verstehen es vortrefflich, durch eine gewisse Charlatanerie sich rar zu machen, und ihren Werken dadurch einen erhöhten Werth in den Augen der Liebhaber zu verschaffen. Mir lag das mein ganzes Leben hindurch ferne: ich trieb die Kunst aus Liebe und war nur zu wenig Speculant. Von nun an hatte ich alle Hände voll zu thun, um alle Aufträge auszuführen, die an mich gelangten, denn da seit dem Sturze Napoleons der Bezug meines Gehaltes aufgehört hatte und ich über meine künftige Stellung zu dem Prinzen Eugen ganz im Ungewissen war, so trug ich kein Bedenken, wenigstens vor der Hand, die erhaltenen Aufträge auszuführen. Bald wurde ich auch mit der militärischen Aristokratie der österreichischen Besatzung bekannt: Feldmarschall-Lieutenant Sommariva, der General der Cavallerie, Graf Klenau, Graf Hadick und Andere wollten von mir gemalt sein. Besonders auszeichnend begegnete mir Graf Klenau. Ich war viel an seiner Tafel.[274] Da er sich in einer hohen Stellung befand, so machte ich durch ihn sehr interessante Bekanntschaften. Er war für die Kunst sehr eingenommen und ein Mann von feiner Bildung und wahrhaft ritterlichem Charakter, ein Cavalier im besten Sinne des Wortes. Später erhielt ich den Auftrag, den Feldmarschall Bellegarde mit seiner Umgebung in einem größeren Bilde zu malen. Dieses Gemälde und einige andere aus jener Zeit sah ich nach 40 Jahren wieder in Wien, wo sie in der Familie aufbewahrt und in Ehren gehalten wurden. Mit wahrer Lust ergriff ich jetzt nach einem traurig durchlebten Jahre, in dem ich mich in lethargischem Hinbrüten und Harren auf den politischen Umschwung befunden, Pinsel und Palette und arbeitete mit jugendlicher Frische. Ich fühlte wieder meine Kraft; jede Sorge für meine Zukunft war entschwunden. So lebte ich seit Mai 1814 in meiner Familie und meinem Atelier in den angenehmsten Verhältnissen, wie sie sich ein Künstler nur wünschen kann. Prinz Eugen jedoch hatte seine Ansprüche auf mich nicht aufgegeben. Von dem Congresse zu Wien zurückgekehrt berief er mich nach München mit dem Bedeuten, alle meine Zeichnungen und Arbeiten, vollendet oder unvollendet, mitzubringen. Ich konnte aber diesem Wunsche erst sechs Monate später entsprechen, da ich Arbeiten unter der Hand hatte, die ich nicht fallen lassen durfte. Erst nach deren Vollendung schickte ich mich zur Abreise an; ich hätte die vortheilhafte Stellung, in der ich mich zu Mailand befand, noch lange ausbeuten, ja in pecuniärer Hinsicht mir eine sehr angenehme Lage für immer bereiten können. Ich war der allein Gefeierte und hatte in meinem Fache auch nicht annäherungsweise einen Concurrenten oder Nebenbuhler; aber gerade, daß ich allein war, betrachtete ich als Klippe und größte Gefahr für einen jungen Künstler. Es zog mich mächtig an, in ein reges Kunstleben zu kommen, und das fand ich in Mailand nicht. Mit Ausnähme einiger sehr geschickten Architekturmaler, einiger mittelmäßigen Landschaftsmaler und des gefeierten[275] Historienmalers Appiani, der große Verdienste hatte, waren keine hervorragenden Maler dort. Appiani stand mir zu ferne, und mit den übrigen war nicht gut umgehen. Professor Sabatelli war der einzige Mann, von dem ich mich angezogen fühlte. Er hatte viele Verdienste, besonders in Hinsicht auf Zeichnung und Composition und bewies überall einen milden, liebenswürdigen Charakter. Er besuchte mich noch 1850 acht Tage vor seinem Tode in meinem Atelier zu Mailand, als ich die Schlacht von Novara malte. Die persönliche Anhänglichkeit, die ich stets gegen Prinz Eugen hatte, erleichterte mir den Entschluß, Mailand zu verlassen und die großen Vortheile, die sich mir dort boten, aufzugeben. Die Trennung von Mailand selbst fiel mir übrigens nicht schwer; ich hatte immer eine Art Widerwillen gegen diese moderne Stadt und die dortige Lebensweise, ohne mir Rechenschaft darüber geben zu können. Ueberall in Italien gefiel es mir besser, als dort, und ich konnte über diesen Widerwillen nie Meister werden. Schwerer als von Mailand trennte ich mich von meiner Familie. Ich hielt es nämlich der Klugheit angemessen, diese vorerst zurückzulassen und allein nach München zu reisen, um zuzusehen, wie sich meine Verhältnisse dort gestalteten, bevor ich ganz umsiedelte und eine so vortheilhafte Stellung gänzlich aufgab. Meine treffliche Frau fügte sich, wo es sich um wichtige Entschlüsse handelte, immer gerne in meine Ansichten, und so verließ ich mit ruhigem Herzen und dem Bewußtsein treu erfüllter Pflichten einen Ort, in dem ich, verschiedene Unterbrechungen abgerechnet, sechs Jahre hindurch gewohnt hatte, und eilte meinem lieben Vaterlande zu.[276] 
 VIII. Durch die Schweiz nach Italien. Idylle am Comersee. München.  [130] Am 6. Mai 1811 reiste ich mit meinem Bruder von Nördlingen ab. Meinen Eltern fiel die Trennung sehr schwer, und auch mir ging sie sehr nahe. Als ich aber die Stadt verlassen, warf ich noch einen Blick zurück nach all den Freuden und Leiden, welche dort an mir vorübergezogen, sandte im Stillen noch ein Lebewohl an alle die Freunde und Lieben, in deren Umgang ich trauliche Stunden verlebt hatte, und richtete meine Blicke muthig vorwärts. Krank, in trüber Stimmung, fast hoffnungslos kam ich nach Nördlingen, kräftig und gesund gehe ich nun meiner weitern Bestimmung und einer schönen Thätigkeit entgegen. Gebe Gott, daß sich der Himmel nicht aufs neue verdüstere und ich mich nicht in neue Trübsal verirre, nachdem ich der alten so glücklich entronnen. Unter solchen Gedanken fuhren wir still Ulm zu, wo ich meine jüngere Schwester unterbrachte. Wir verweilten in der alten Stadt mit ihrem prachtvollen Münster einige Tage und setzten dann unsern Weg bei herrlichem Frühlingswetter durch das freundliche Schwabenland nach Lindau zu Fuße weiter fort, blieben hier wieder einige Tage, machten einige Ausflüge in die schönen Umgebungen des Bodensees und warteten die Ankunft unserer Koffer ab. Ueber den Splügen war damals die Reise noch sehr beschwerlich, da bloß ein Saumweg, der an manchen Stellen zudem[130] noch gefährlich aussah, über ihn führte. Man konnte diesen nur mit Saumthieren oder Pferden, welche an ihn gewöhnt waren, passiren. Zu diesem Behufe befand sich in Fussach, einem Lindau gegenüberliegenden Dorfe am Bodensee, eine recht gute Einrichtung. Alle Wochen einmal ging von dort ein Courier regelmäßig nach Mailand und umgekehrt. Diese Leute übernahmen die Reisenden sammt allem Gepäcke und vollständiger Verpflegung gegen den Preis von 5 Louisd'ors. Man war bei ihnen sehr gut aufgeboben und brauchte sich um gar nichts zu bekümmern. Bis Chur ging es im Wagen, von da zu Pferd oder Esel bis Chiavenna, dann über den Comersee und von diesem zu Wagen nach Mailand. Diese Reise trug einen poetischen und höchst pittoresken Charakter, denn abgesehen von den Naturschönheiten, welche der Splügen, besonders in der Via mala bietet, gewährte der Zug selbst die größte Abwechslung und die schönsten Gruppirungen auf den sich oft an schroffen Felswänden, oder an Schluchten und Abgründen wunderlich hinschlängelnden Wegen. Hier ereignete sich unter anderm ein Vorfall, welcher verdient, erwähnt zu werden. Ich hatte einen schönen schwarzen Pudel größerer Art von ganz ungewöhnlichen Anlagen, den ich seiner Wachsamkeit wegen Cerberus nannte. Er bewachte seinen Herrn und dessen Gut mit einer unbeschreiblichen Aufmerksamkeit, ebenso wußte er Verlornes auf unglaubliche Weise zu finden. Am eigenthümlichsten aber war, daß er, so oft ich in Gesellschaft reiste, dieselbe Aufmerksamkeit jedem von meinen Gefährten zuwandte. Auf einem der schmalen Pfade, wo nur ein Pferd hinter dem andern gehen konnte, geschah es, daß Cerberus mit wildem Gebell um den ganzen Zug herum sprang, die Pferde aufzuhalten suchte, besonders das Pferd des Couriers, welcher als Führer voranritt. Dieser wurde zuletzt ungeduldig, hieb mehrmals mit der Peitsche nach dem Hunde und rief mir zu: »Wehren Sie Ihren Hund ab, wir können ja nicht weiter kommen!« Allein so gehorsam dieser sonst war, mein Rufen war vergeblich, er leistete nicht Folge, so daß ich bedenklich wurde und fragte, ob Jemand etwas verloren habe[131] oder fehle. Zugleich sah ich mich nach meinem Bruder um, welcher weit zurückgeblieben und auf seinem Pferde fest eingeschlafen war. Seinen Mantel, den er, ohne ihn zu befestigen leicht über das Pferd geworfen, hatte er verloren. Jetzt wußte ich, woran ich war. Mühsam wandte ich mein Pferd auf dem schmalen Wege und ritt zurück. Kaum hatte dies der Hund bemerkt, so lief er mir weit voraus, mein Bruder war aus seinem Mittagsschlaf indessen auch erwacht, und wir beide folgten jenem, der immer weit voraus war und von Zeit zu Zeit sich geschäftig umsah, ob wir nachkommen. Wir mußten eine ziemliche Strecke zurückreiten, bis wir dahin kamen, wo der Mantel lag. Cerberus, welcher lange vor uns angelangt war, versuchte den Mantel fortzuschleppen, aber alle Anstrengungen blieben umsonst, der Mantel war zu groß, der Hund trat im Gehen auf ihn, verwickelte sich und purzelte jedesmal ganz komisch über und über. Man könnte von diesem merkwürdigen Thiere, bei dem diese und ähnliche Eigenschaften nicht eingeprügelt, sondern Naturanlagen, fast möchte man sagen, eine Art Hunde-Genialität waren, eine eigene Biographie schreiben, wenn es hier am Platze wäre. Ich werde jedoch bei meiner Reise nach Rußland zur Armee 1812 Veranlassung haben, nochmals darauf zurückzukommen. Der Courier sagte nach dem soeben erzählten Vorfalle: »Fordern Sie für diesen Hund, was Sie wollen, wenn ich die Summe bezahlen kann, kaufe ich ihn!« Am 16. Mai kamen wir nach einer langweiligen Fahrt in einer schwerbepackten, mit Menschen vollgestopften und nur mit zwei Pferden bespannten Kutsche in Mailand wohlbehalten an. Nach dem, was im Verlaufe eines ganzen Jahres in Mailand an mir vorüber gegangen war, betrat ich diesen Ort mit einem eigenthümlichen Gefühl. Es war ein Gemisch von Furcht und Hoffnung, was mir viel Stoff zum Nachdenken gab. Man betrachtete mich bei Hofe, da ich während einer siebenmonatlichen Abwesenheit keinem Menschen eine Zeile geschrieben und meinen Gehalt inzwischen hatte bei der Kasse stehen[132] lassen, als einen vom Tode Auferstandenen. Ich wurde freundlich empfangen und bekam meinen rückständigen Gehalt in neuen, schöngeprägten Fünffrankenthalern ausbezahlt, was mir damals sehr gelegen kam. Zwei Tage war ich in Mailand, als ich das Haus betrat, in welchem mir durch nur zu viele Liebe so oft Kummer und Sorge bereitet wurde. Ich hatte Erkundigungen eingezogen, wie es dort stehe und erfuhr, daß alles beim Alten sei, daß Magdalena jeden Antrag für eine Versorgung zurückweise und mit Festigkeit auf meine Rückkehr harre. Mein Betragen war nicht schön, das fühlte ich. Den eigenthümlichen Charakter dieses Mädchens hatte ich noch nicht verstehen gelernt; ich hätte ihr nicht so viel Beharrlichkeit zugetraut, rechnete auf Vergessen und hatte mich getäuscht. In dieser langen Abwesenheit wäre es nicht schwer gewesen, durch Briefe dieses Verhältniß ganz abzubrechen. Aber ich fand keinen genügenden Grund dazu, da von einer Verbindung gar nie die Rede war. Eine Kränkung dieser ehrenhaften Familie widerstand meinem feinen Gefühle, obwohl die Vernunft mir sagte, daß es besser wäre, sie nicht mehr zu sehen. Mit Herzklopsen näherte ich mich am dritten Tage meiner Ankunft diesem Hause. Der erste Empfang war eben kein sehr freundlicher. Aber nicht etwa mit Thränen, welche den Mädchen so leicht ankommen, wenn sie sich gekränkt fühlen, sondern mit einer Art stolzen Bewußtseins empfing mich Magdalena. Einigen wohlverdienten Vorwürfen über mein liebloses Betragen, sie sogar über meinen Gesundheitszustand, welcher ihr so viel Sorge bereitet hatte, so lange ohne Nachricht zu lassen, konnte ich nicht entgehen. Das dauerte aber nicht lange und in kürzester Zeit war wieder alles so ganz und gar beim Alten; ihr Herz hatte sich nun einmal entschieden, sie schien wirklich mit ehernen Banden an mich gefesselt. Wahre Liebe grollt nicht lange. Desto mißlicher aber wurde jetzt meine Stellung nach dieser harten Prüfung, welche sie bestanden hatte. Der Zufall kam mir zu Hilfe. Amazon.de Widgets Die Vicekönigin beauftragte mich alsbald mit zwölf kleinen Aquarellzeichnungen aus dem Kriege von 1809; ich machte die[133] Entwürfe in Mailand und nahm dann eine Einladung von meinem Freunde Francesco Artaria an, den Sommer in seiner Villa zu Blevio am Comersee zuzubringen. Hier vollendete ich die Zeichnungen: sie wurden sodann in Paris auf ein Tafelservice in Porzellan mit vielem Geschmack ausgeführt, womit die Prinzessin ihrem Gemahl auf Weihnachten eine Ueberraschung bereitete. Nach Vollendung dieses Auftrages ließ ich mir Leinwand aus Mailand kommen und begann mein zweites großes Bild, die »Schlacht von St. Michael«. In demselben trat die Landschaft sehr hervor. Die Gebirge um Blevio, welche mit denen von St. Michael viele Aehnlichkeit haben, kamen mir dabei sehr zu statten. Man arbeitet mit viel mehr Wärme, wenn man sich bei der Natur Rath erholen kann. Ich schritt deßhalb mit dieser Arbeit bis zum Herbste sehr weit voran. Auf Artarias Villa verlebte ich vier Monate des schönen Sommers 1811 unter sehr angenehmen Verhältnissen; diese Zeit zählt zu den herrlichsten Tagen meines italienischen Lebens. Der Comersee bietet ja bei längerem Aufenthalte ungemein viel Reizendes. Dazu kam noch, daß der Landschaftsmaler Rebell1 sich damals mehrere Monate in Blevio aufhielt und ich also die Freude genoß, mit einem Künstler verkehren zu können. Mein philosophischer Hauswirth Artaria hatte ebenfalls viele Freude an der Kunst; seine Gemahlin war eine Virtuosin auf dem Claviere und gewährte uns mit diesem manche Erheiterung; kurz, es fehlte nichts, als der Friede im Herzen. Aber mit diesem unruhigen Ding konnte ich gar nicht fertig werden. Ich[134] liebte und wollte es mir nicht eingestehen. Das Komische war dabei, daß ich immer in der Flucht mein Heil suchte, wodurch das Uebel um gar nichts besser wurde. Besonders in Mailand, wohin ich mich ein paarmal begab, schien die abermalige Trennung keine angenehmen Wirkungen hervorgebracht zu haben. Mein immer gleich treuer Freund de Saive veranlaßte mich, eine Reise in die Schweiz zu machen. An der Seite dieses trefflichen Menschen erlebte ich abermals frohe, glückliche Tage. Wir gingen von Como über das freundlich gelegene Varese, den Luganersee, Lago Maggiore, Bellinzona nach Airolo am Fuße des St. Gotthard. Von da nahmen wir unsere Richtung durch ein Thal, das sich am Fuße der Gebirge hinzieht, welche das Walliserland begränzen. Mein Freund hatte eine vorzügliche Gebirgskarte bei sich, nach der er behauptete, es müsse von Airolo ein Weg über jene Gebirge in das Wallis führen. In Airolo aber wollte niemand etwas von einem solchen Wege wissen, doch wurde uns bemerkt, daß wir einige Stunden links ein kleines, fast von lauter Gebirgsjägern bewohntes Dorf finden würden, welche uns vielleicht bessere Auskunft geben könnten. Wir fanden in diesem in der That fast jedes Haus mit Emblemen erlegter Bären, Wölfe und Luchse geziert und nach langem Umfragen auch einen alten, stämmigen Jäger, welcher uns sagte, nach Wallis zu kommen wäre wohl möglich, aber von einem Weg sei keine Rede. Er selbst sei vor vielen Jahren einmal hinübergegangen; wenn wir den Muth dazu hätten und ihn gut bezahlten, so wolle er uns führen. Dabei betrachtete er aber mit mitleidigem Lächeln und Kopfschütteln unsere Garderobe, besonders unsere Fußbekleidung; die Herren, meinte er, schienen ihm eben gar zu fein für eine solche Parthie. Diese Bedenklichkeilen reizten uns aber mehr, als sie uns abschreckten; wir beide, de Saive und ich, fanden Geschmack an wagehalsigen und abenteuerlichen Dingen, und somit wurde die Reise angetreten. Zuerst führte der Weg über Stock und Stein, inzwischen über glatte, sehr steile Grasmatten bis zu[135] einer bedeutenden Höhe, dann aber kamen wir in einen großen Lärchenwald, dessen Bäume meist schon ganz kahl standen. Die Oberfläche des Bodens bestand aus herabgefallenen Nadeln und war glatt wie Glas, so daß man zwei Schritte vorwärts und einen wieder dabei rückwärts machte, von Zeit zu Zeit aber auch über und über stürzte, was sehr ermattete, zumal die Steigung stets sehr steil blieb und diese Passage lange dauerte. Hieraus ging es über ungeheueres Geröll und schroffe Felsenmassen bis zu einer Höhe, wo alle Vegetation ein Ende hatte. Weiße Felsen ragten hier in pyramidaler Form in Spitzen endend und einem gothischen Bau nicht unähnlich in das dunkle Blau des Himmels empor, kein Wölkchen zeigte sich am Horizont und das Blau schien beinahe schwarz, die Mittagssonne brannte fürchterlich auf diese lichten Felsen, so daß es uns das Wasser aus den Augen trieb. Zuletzt geriethen wir auf eine ungeheure Schneefläche; diese aber hätte uns beinahe das Leben gekostet. Wir kamen an eine ziemlich stark ansteigende Stelle, bei welcher der Schnee durch einen furchtbaren Riß gespalten war, der in eine unergründliche, schwarze Schlucht blicken ließ. Diesen mußten wir umgehen, der Führer ermahnte uns, möglichst tief in den Schnee einzutreten, um nicht zu rutschen und bemerkte, wer da hinunterfiele, würde das Tageslicht nie mehr erblicken! Zur größeren Vorsicht gab er mir seinen großen Gebirgsstock, da er auf meine Fußbekleidung nicht viel Vertrauen setzte, die Sohlen ohne Nägel waren glatt geworden. Ich glitt aus, fiel und rutschte nun eine geraume Strecke bergab, schnurgerade der unheimlichen Kluft zu, hatte aber noch soviel Geistesgegenwart, im Rutschen fortwährend den Stachel des Stockes in den Schnee hineinzustoßen. Endlich hielt er fest, der Führer rief mir zu, mich um Gotteswillen nicht zu bewegen, er werde mich holen. Er trat mit seinen großen Bergschuhen eine förmliche Treppe in den Schnee, hob mich auf und führte mich wieder herauf. So rettete mich die Vorsicht dieses Mannes und sein Stock vor dem furchtbaren Tode, lebendig begraben zu werden.[136] Von jener Stelle an hatten wir bald den höchsten Punkt erstiegen, dann ging es abwärts. Nun befiel uns der Muthwillen, auf einem Stocke reitend bergab zu kutschiren. Das ging auch einige Zeit recht lustig, plötzlich aber verschwand de Saive, welcher voraus war, sich nicht mehr halten konnte und über eine ungefähr 20 Fuß hohe Felswand hinabstürzte. Er that sich sehr weh und setzte nicht ohne Beschwerden den Weg weiter fort. Tiefer unten stellte sich uns ein ziemlich breiter, wilder Bergstrom entgegen, der voll von Felsstücken und grobem Gerölle war. Unser Führer trug uns einen nach dem andern auf dem Rücken hinüber. Mein Pudel, der sonst gerne in das Wasser ging, bemerkte wohl, daß er einer solchen wilden Strömung nicht Widerstand leisten könnte und lief unter jämmerlichem Geheul am Ufer auf und ab. Als aber ich hinübergetragen und kaum am anderen Ufer angelangt war, stürzte er sich mit einem gewaltigen Sprung in den Bergstrom, der ihn mit sich fortgerissen hätte, wenn ihm nicht unser Führer zu Hilfe gesprungen wäre. Gegen Abend kamen wir nach Guttannen, wo wir unser Nachtquartier aufschlugen und de Saive mehrere Tage in Folge seines Sturzes das Bett hüten mußte. Von hier nahmen wir den Weg dicht über die Furka nach dem schönen Haslithale mit seinen prächtigen Wasserfällen (den Aarfall hatten wir vorher schon aufgesucht), gingen über den Brienzer und Thuner See und kehrten über den Simplon, Domo d'Ossola und den schönen Lago Maggiore nach Mailand zurück. Diese Gegenden, besonders das Haslithal, haben nicht umsonst einen so großen Ruf; nirgends fand ich soviel Großartiges auf einem Punkte vereinigt: wunderschöne Matten, üppige Gründe von Bächen durchzogen, mit Obst- und anderen Bäumen übersäet, reinliche, hübsche Wohnhäuser, sehr wohlgenährtes Vieh auf den Weiden, ein kräftiger, gut gekleideter, stattlicher Menschenschlag erregte auf dieser Wanderung die angenehmsten Eindrücke. Großartige Wasserfälle und majestätische Berge, wie die Jungfrau und andere, die nah und fern ihre stolzen Häupter in die Wolken emporheben, fügen zu dem Anmuthigen das Ernste und Imposante.[137] Damals war dieses schöne Gebirgsland noch nicht ein Promenadeplatz für ganz Europa geworden: Engländer, welche alles vertheuern und mit dem rothen Buch in der Hand reisen, sah man gar nicht. Das Landvolk in der Schweiz hatte damals noch viel von der Einfachheit der guten, alten Sitten behalten und man fühlte sich in ihren reinlichen Behausungen recht behaglich. Selbst jetzt nach 48 Jahren denke ich darum gerne an diese Reise zurück. Auf dem Rückwege verweilten wir noch auf den borromäischen Inseln, trennten uns in Como und de Saive ging nach Mailand, ich nach Blevio, um mit frischem Muthe an meinem Bilde weiter zu arbeiten. Aber ganz wollte es mir nicht gelingen, jene Ruhe und Heiterkeit des Geistes festzuhalten, welche auf dieser Reise in mir wohnte. Ich erhielt aus Mailand beunruhigende Nachrichten über das Befinden meiner Freundin Magdalena, welche manche Stunde dieses schönen Aufenthaltes trübten. In der Schilderung dieses Verhältnisses wird vieles unbegreiflich erscheinen. Auf dem Standpunkte, wo wir Beide uns befanden, gibt es keine Halbheit. Nur ein Vorwärtsgehen oder ein gänzliches Abbrechen kann einem solchen Zustande ein Ende machen. Das Erstere wollte ich nicht, weil ich fand, daß es nicht an der Zeit wäre zu heirathen; das Letztere fiel mir zu schwer, weil es mit meinem Zartgefühle im grellsten Widerspruche stand. Der einzige Mittelweg schien mir eine lange Entfernung; deshalb suchte ich immer hierin mein Heil. Aber meine Abwesenheit war immer zu kurz und ich mußte doch wieder nach Mailand zurück, wenn ich Italien und meine Stellung nicht ganz verlassen wollte, was doch auch der Ueberlegung werth war. Gegen Ende August machte ich mit de Saive einen zweiten Ausflug in die Schweiz. Diesmal führte uns der Weg über den St. Gotthard an den Vierwaldstädter See. Wir wohnten in Flüelen und machten von dort aus schöne Ausflüge in der Umgebung des Sees. Acht Tage verstrichen uns nur zu schnell, und wir mußten, da der Urlaub meines Freundes zu Ende ging, uns mit schwerem Herzen auf den Rückweg begeben.[138] Am Abend vor der Abreise verfiel ich in ein ernstes, tiefes Nachdenken. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft drängten sich zusammen und der Streit so vieler, theilweise widersprechender Gefühle führte zu dem Entschlusse, nicht mehr nach Italien zurückzukehren. Es kostete meinem Freunde, der dadurch in peinliche Verlegenheit versetzt wurde, große Ueberredung. Erst der nächste Morgen brachte eine ruhigere Stimmung. Ich stand am Scheidewege einer neuen Lebensperiode. Schon längst hatte Artaria mir das häusliche Glück recht schön geschildert. Dies that er auch bei meiner Rückkehr nach Como. Ebenso redete mein Bruder, den ich immer noch bei mir hatte, mir ins Gewissen, das liebe Geschöpf doch nicht so lange zu quälen und mich dazu. Es war ihm unbegreiflich, wie ich, der doch in der Lage war, einen häuslichen Herd gründen zu können, die Sache so verzögern könne. Nach langem Ueberlegen und Kämpfen mit mir selbst beschloß ich, endlich einen entscheidenden Schritt zu thun. Gegen Ende September begann die Weinlese des berühmten Eilferweines. Mein Freund Artaria, welcher im Hause ihrer Eltern nicht fremd war, lud in seinem und seiner Gemahlin Namen Magdalena ein, die Zeit der Weinlese bei ihnen zu verweilen. Er selbst mit seiner Frau wollte sie dann nach Mailand zurückbringen. Mein Bruder wurde mit diesem Briefe und einigen Zeilen von mir nach Mailand geschickt mit der Weisung, sie zu begleiten, im Falle die Eltern darauf eingingen. Zwei Tage verstrichen. Am dritten saß ich ganz ruhig an meiner Staffelei und dachte: heute kommt sie auf keinen Fall, denn es stürmte fürchterlich und der See tobte und schäumte. Kein Schiff ließ sich auf dem ganzen See blicken. Plötzlich rief Artaria meinen Namen und ehe ich noch an das Ufer gelangen konnte, flog sie in meine Arme. Mit klopfendem Herzen lag sie an meiner Brust, ihre Wange glühte, ihr feuriges Auge strahlte; es waren seelenvolle Blicke, welche mehr sagten als tausend Worte. Welche Feder wäre fähig, die beseligenden Gefühle zu schildern, welche so lange in tiefer Brust verschlossen geblieben. In solchen Augenblicken bedarf es keiner Erklärungen,[139] wo das Herz so laut spricht. So können auch nur Menschen lieben, deren Herzen sich rein erhalten haben, deren Neigung auf gegenseitiger Achtung und Vertrauen beruht und deren jugendliche Kraft sich in ihrer ganzen Schärfe erhalten hat. Von nun an verlebten wir hier während eines zwölftägigen Aufenthalts eine wahrhaft selige Idylle. Die grundsätzlich um mein Herz gezogene Eisrinde schmolz, die Arbeit ruhte. Daß diese Verwandlung die Geliebte unbeschreiblich glücklich machte, ist leicht denkbar. Auch ihr Charakter zeigte täglich neue Vorzüge und vor allem ein durchaus kindliches Gemüth und eine seltene Anmuth. Froh wie die Kinder durchwandelten wir mit ihrem älteren Bruder, welcher sie begleitet hatte, Hand in Hand die schöne Umgebung dieses Sees und die Gebirge, welche ihn umschließen. In den Frühstunden besuchten wir die Weingärten und labten uns an den vorzüglichsten Trauben. Die vollen Kehlen der Winzer schallten in munteren Liedern mit den ersten Strahlen der Morgensonne uns entgegen. Die Leute hatten ihre Freude an uns, weil wir beide so frisch und jung waren, und wer unser Verhältniß nicht kannte, hielt uns für Geschwister. Wir liebten uns, trugen es aber nicht zur Schau. Das Wetter war fortwährend prachtvoll und jeder schöne Tag wurde zu Wasser und zu Lande ausgenützt. Amazon.de Widgets Gleich den Tag nach ihrer Ankunft schrieb ich nach Mailand an die Eltern und bat um die Hand ihrer Tochter. Dann unterrichtete ich von diesem Schritte auch meine Eltern. Sie hatten längst schon gewünscht, daß diese Verbindung zu Stande kommen möchte. Mein gemüthlicher Hauswirth und seine Frau trugen redlich dazu bei, uns diese Tage so angenehm wie möglich zu machen. Auch hielten sie ihr Wort und begleiteten Magdalena nach Mailand. Der Abschied war kein thränenreicher. Mit demselben vertrauensvollen Blicke, wie sie gekommen war, dankte sie, reichte mir treuherzig ihre kleine, feine Hand und sagte: »Auf baldig Wiedersehen!« Ein paar Wochen verweilte ich noch in Blevio, um mein[140] Bild möglichst vorwärts zu bringen. Lachen mußte ich jetzt über mich selbst, wenn ich an meine Heirathsscheu und meine Flucht über alle Berge dachte, um meine Freiheit nicht zu verlieren und mich nun so überaus glücklich fühlte. Unwillkürlich fielen mir die Verse ein: Ueber die Berge mit Ungestüm Vor der Liebe ein Jüngling lief, Glaubte, sie wäre dicht hinter ihm ? Aber sie saß ihm im Herzen tief Und ließ sich mit schelmischem Wonnebehagen Ueber die Berge schaukeln und tragen. Es war eine große Verwandlung in meinem Innern vor sich gegangen; einig mit mir selbst, wie ich es jetzt war, arbeitete ich noch ein paar Wochen eifrig und mit gutem Erfolge an meinem Bilde, packte dann zusammen und ging am 14. Oktober nach Mailand. Daselbst konnte ich aber nur wenige Tage verweilen, denn zu Montechiario, nahe bei Peschiera, wurde ein großes Lager bezogen, wohin Prinz Eugen sich begab und ich schicklicherweise nicht zurückbleiben konnte. In den ersten Tagen zeichnete ich, was ich für gut fand, dann trieb ich mich den größten Theil der Zeit in den schönen Umgebungen herum. Das köstliche Wetter und meine innerliche Heiterkeit machten mich außerordentlich glücklich. So herrlich glaubte ich Italien noch nie gesehen zu haben. Da das Lager wider Vermuthen länger dauerte, so ging ich nach Mailand zurück, weil mir viel daran lag, mein Bild im Laufe des Winters zu vollenden. Ich arbeitete jetzt mit großem Eifer und nützte meine Zeit gut aus. Die Abendstunden verbrachte ich meistens im trauten Familienkreise meiner Braut. Mein erstes Gesuch an den Vicekönig um Heirathsbewilligung wurde nicht genehmigt. Nun nahm sich mein theurer Freund de Saive der Angelegenheit ernstlich an, wartete einen günstigen Augenblick ab, in welchem er den Prinzen in einer recht guten Stimmung fand und erwirkte so die gewünschte Erlaubniß zu meiner Verbindung. De Saive traute übrigens der Entschiedenheit meines Charakters zu, daß wenn zu viele[141] Schwierigkeiten gemacht würden, mir eines schönen Tages die Lust kommen könnte, zusammen zu packen, meine Braut mitzunehmen und meiner Stellung bei Hofe Lebewohl zu sagen. Ich hätte dies jetzt um so leichter thun können, als die Zukunft meiner Frau auch durch einiges Vermögen gesichert war. In frühester Jugend schon hatte ich zwei Dinge gelernt, welche Charakter eines Mannes eine große Selbständigkeit und Festigkeit geben. Sie heißen Entbehren und Arbeiten. Wer diese richtig erfaßt und etwas gelernt hat, wodurch er sich eine Existenz zu gründen im Stande ist, wird niemals ängstlich in die Zukunft blicken. Mit dem Muth, welchen sie uns einflößen, habe ich oft Schritte gethan, welche ein Anderer kaum zu denken wagt, und selbe immer glücklich zum Ziele geführt. Nie beschlich mich die Sorge, durch eine Anstellung meine Zukunft zu decken; ich war mir meiner Kraft bewußt und Arbeit war mir schon zur Lust geworden. Nun nachdem die ersehnte Erlaubniß des Vicekönigs erfolgt war, ergab sich der Abschluß der Civilehe ohne Schwierigkeit; dagegen begannen erst die Monate lang dauernden Plagereien wegen der kirchlichen Trauung, wobei der Umstand erschwerend wirkte, daß ich Protestant war und demnach eine Verschiedenheit der Religion bestand, weßhalb ganze Stöße Papier verschrieben und bezahlt werden mußten. Endlich riß mir die Geduld. Da mir aus Rücksicht auf meine Schwiegereltern die bloße Civilehe nicht genügte, so machte ich ihnen den Vorschlag, ihre Tochter mit einem wackern alten Onkel als Bevollmächtigten der Eltern und in Begleitung meines Bruders nach München reisen zu lassen. Mein Bruder leitete in München das Nöthige ein, und sobald ich Nachricht erhielt, daß kein weiteres Hinderniß meiner Trauung im Wege stehe ? erst später erfuhr ich, daß ich es den loyalen Gesinnungen des vortrefflichen alten Königs Max zu danken hatte ? nahm ich Urlaub und eilte nach München, wo ich drei Tage nach meiner Ankunft mit meiner Magdalena Sander kirchlich getraut wurde. Vor meiner Abreise von Mailand brachte ich mein Bild von der Schlacht bei St. Michael zur Vollendung. Es war[142] trotz so mancher Störungen eines meiner besten Werke und machte meinem gnädigsten Herrn große Freude. Ich war angewiesen, das Bild in einem Saale der Villa Napoleone aufzustellen, als eben ein Theil des Hofes dort versammelt war. Nahezu eine Stunde stand ich so allein vor meinem Bilde und fühlte eine entsetzliche Unzufriedenheit mit meiner Leistung. Plötzlich öffneten sich die Flügelthüren, der Prinz trat mit seiner Gemahlin und übrigen Begleitung ein, verweilte sehr lange vor dem Bilde, erklärte seiner Gemahlin alles und bezeugte seine größte Zufriedenheit. Es konnte mir unter diesen Verhältnissen an Beglückwünschungen nicht fehlen, welche mich nicht rührten, weil sie doch nur das Echo von oben waren. Nachdem der Hof sich entfernt hatte, eilte de Saive noch einmal zurück und sagte: »Das muß Sie doch recht freuen!« ? »Ja,« sagte ich, »es freut mich, daß es mir gelungen ist, den Prinzen zu befriedigen; aber wissen Sie, was ich dachte, eh er kam? Ich dachte bei mir selbst: wenn ich nur ein Messer nehmen und das ganze Bild in Stücke schneiden dürfte, um es wieder ganz neu anzufangen, so wäre ich recht froh darüber.« De Saive ging kopfschüttelnd weg und sagte: »O wunderliches Künstlervolk!« Nur wenige Monate war es uns in München gegönnt unser Glück zu genießen, ein feindseliges Geschick riß mich nur zu bald von meiner geliebten Gattin. Der Krieg mit Rußland war beschlossen! ich hatte mich verbindlich gemacht, die Befehle des Vicekönigs in München abzuwarten. Man rechnete mit ziemlicher Bestimmtheit darauf, daß er über München kommen würde, später erfuhr ich aber, daß er nach Paris gegangen, und sehr lange war ich in Unkenntniß, was über mich beschlossen sei. Diese Stille fing an mich zu beunruhigen, der Gedanke, der Prinz oder die Offiziere, welche ihn umgaben, könnten glauben, ich habe mich zur rechten Zeit feige mit meiner Gattin davon geschlichen, um mich in Vergessenheit zu bringen, wäre mir unerträglich gewesen, und so schmerzvoll der Gedanke an die baldige Trennung von meiner Gattin war, so überwogen doch meine strengen Begriffe von[143] Ehre und Pflicht alles andere; ich würde es für eine Schande gehalten haben, wenn mich der Prinz ruhig in München gelassen hätte. Doch der Befehl zur Abreise ließ nicht mehr lange auf sich warten. An einem wunderschönen Maitage machte ich mit meinem lieben Weibchen einen Spaziergang nach dem nahe gelegenen englischen Garten, wir waren aber noch nicht weit gekommen, als wir an einer Brücke Offiziere herannahen sahen. Mein armes Weibchen entfärbte sich, schrak zusammen und sagte: »Ein Adjutant des Vicekönigs! Nun wird's Ernst!« Auf der Mitte der Brücke begegneten wir uns. Nach der ersten Begrüßung redete mich der Adjutant an: »Ich habe Befehle des Prinzen für Sie zur schnellen Abreise.« Somit war das harte Loos entschieden, welches uns für lange Zeit trennte. Bald nach unserer Trauung fand ich in einer freundlichen Straße Münchens eine recht passende Wohnung. Ich hatte den jüngsten Bruder meiner Frau aus Mailand mitgebracht, er sollte nach dem Wunsche seiner Eltern in München die Schulen besuchen. Ebenso wohnte bei mir meine jüngste Schwester, welche ich aus Ulm hatte kommen lassen, und mein Bruder Heinrich. Unter deren Schutz und der Obhut einer sehr achtbaren nahe verwandten Familie ließ ich mein liebes Weibchen in München zurück und trat am 11. Mai den Marsch in den unheilvollen Feldzug an, aus dem so wenige wiederkehrten. 1 Amazon.de Widgets Joseph Rebell, geb. zu Wien 11. Januar 1787, ging 1809 in die Schweiz und von dort nach Mailand, wo er einen Theil des Jahres 1810 und 1811 zubrachte und mancherlei Aufträge für den Prinzen Eugen Beauharnais (z.B. Ansicht der Uebergangsbrücke der französischen Armee in die Lobau) ausführte und Landschaften vom Comersee für Ferd. Artaria in Mailand malte. Rebell ging dann nach Neapel und Rom, erhielt 1824 die Direktorstelle an der kaiserl. Belvedere-Gallerie zu Wien, starb aber schon auf einer Reise zu Dresden 18. Dezember 1828. Vgl. Nagler 1842, XII. 351 und Wurzbach, Biogr. Lexicon 1873, XXV. 78 ff. 
 I. Jugendjahre.  Nördlingen, eine kleine freie Reichsstadt in Schwaben, ist mein Geburtsort; daselbst erblickte ich das Licht der Welt am 16. April 1786. Veit Jeremias Adam, mein Vater, war Conditor und Spezereihändler, hatte aber mehr die Natur eines Künstlers als die eines Geschäftsmannes, was wohl Mitursache gewesen sein mag, daß meine Eltern, als später schwierige Zeiten kamen und viel Mißgeschick sie traf, in sehr dürftige Verhältnisse geriethen. Mein Vater besaß einen sehr lebendigen Geist, eine rastlose Thätigkeit und stand im Rufe der strengsten Rechtschaffenheit; er liebte die Lectüre und brachte die meisten Abendstunden, welche ihm sein Beruf frei ließ, mit Lesen guter Bücher zu. Ebenso hatte er Freude an der Kunst, besaß viele Kupferstiche und malte selbst recht artig Blumen und Früchte in Aquarell. Meine Mutter Margaretha Sibylla Thilo, die Tochter eines sehr geachteten Geistlichen, versäumte als eine fromme Frau nicht leicht den Gottesdienst; dem Vater an Geist untergeordnet und oft etwas eigenwillig, verstand sie nicht immer den heftigen Charakter ihres Gemahls richtig aufzufassen. Das Talent, oder besser gesagt, der Hang zur Kunst, machte sich bei mir schon sehr früh bemerklich. Eine alte Tante erzählte oft in späteren Jahren, daß ich, wenn sie mich Abends auskleidete, immer einen kleinen Klumpen Wachs auf der Brust hatte, aus welchem ich allerlei Thierchen formte, und[1] daß ich entsetzlich weinte, wenn man mir denselben nehmen wollte. Sehr frühzeitig zeichnete ich auch schon für mich selbst ohne jeglichen Unterricht, wobei mir die Kupferstiche meines Vaters sehr dienlich waren. In der Schule zählte ich nie zu den guten Schülern; je weiter ich in den Klassen vorrückte, desto geringer wurde meine Aufmerksamkeit. Geographie und Geschichte interessirten mich, aber das Latein wollte mir gar nicht in den Kopf; übrigens lernte ich mit großer Leichtigkeit das, wozu ich Neigung hatte, weil eine rasche Fassungsgabe und ein scharfes Gedächtniß mir hiebei zu Hilfe kam. Mit neun Jahren trat ich aus der Schule und wurde sofort in dem Geschäfte meines Vaters verwendet. Von dieser Zeit an verlebte ich unter vieler Mühe und Plage in großer Dürftigkeit meine Jugend bis zum sechzehnten Jahr; dennoch aber kann ich sie nur eine glückliche nennen und erinnere mich mit Freuden derselben. Zu jener Zeit hatten die Kinder, besonders in den kleinen Städten, eine Jugend im wahren Sinne des Wortes; sie bildeten eine eigene Gesellschaft und waren unerschöpflich in Erfindung von Spielen, welche oft größere Schaaren gemeinsam trieben. Was man jetzt unter einem gewissen Zwange systematisch in Turnanstalten lehrt, das lernte damals ein Knabe von dem andern in selbständiger freier Bewegung. Wir übten uns im Schwimmen, Ringen, Laufen, Klettern, Schlittschuhfahren und brachten es darin bis zu großer Virtuosität, weil eben alles aus eigenem Antriebe geschah und einer es dem andern zuvorthun wollte. Die Straße, der Wald und das freie Feld waren die Tummelplätze; auf solche Weise entstand eine kräftige Generation. In dieser Zeit nahm mein Hang zur Kunst, selbst unter den mißlichsten Verhältnissen im elterlichen Hause, von Tag zu Tag zu; jeder freie Augenblick wurde ihm gewidmet und selbst die Nächte hiezu verwendet. Ich versuchte mich im Aquarellmalen, modellirte in Thon und Wachs, lernte Formschneiden in die Tiefe und schnitzte recht artig Thiere aus Lindenholz.[2] Immer hatte ich Zeichnungsmaterial bei mir, zeichnete Figuren, Thiere, Landschaften und alles, was mir unter die Augen kam, nach der Natur. Kurz, ohne Unterricht erhalten zu haben, trieb ich alles, was in das Gebiet der Kunst einschlägt.1 Mein Vater fand an diesen Bestrebungen großes Wohlgefallen, war aber entschieden dagegen, daß ich die Kunst ausschließlich zu meinem Berufe mache; er meinte, bei der Conditorei würden mir alle diese Fähigkeiten sehr zu statten kommen. Ich aber dachte ganz anders und machte jetzt schon Pläne, wie ich dereinst auf eigene Faust meine Wege gehen könnte. Vor allem fing ich damit an, daß ich mich an Entbehrungen gewöhnte, welche möglicherweise der Körper ertragen muß, um meine Bedürfnisse auf den niedrigsten Grad zurückzuführen. Ebenso suchte ich meinen Körper möglichst abzuhärten, schlief deßhalb im Sommer meistens auf einer hölzernen Bank anstatt im Bette. Alles das kam mir später sehr zu gute, denn es machte mich zum Herrn über mich selbst. Hiebei förderte mich auch das Lesen guter Biographien; besonders übte Füßli, »Geschichte der besten Künstler in der Schweiz« (Zürich 1769?1779), frühe schon großen Reiz auf mich; ich sah, wie oft die bedeutendsten Talente mit fast unübersteiglichen Hindernissen zu kämpfen hatten, um ihr vorgestecktes Ziel zu erreichen; aus solchen Werken machte ich mir Vieles zu Nutzen. Durch die Kriege, welche gegen Ende des vorigen Jahrhunderts[3] in Folge der französischen Revolution ausbrachen und auch Deutschland heimsuchten, hatte Nördlingen ebenfalls viel zu leiden, da bald österreichische, bald französische Truppen durch die Stadt zogen oder daselbst lagerten. Von dieser Zeit an kam die freundliche Stadt, welche vordem in großer Wohlhabenheit gestanden, immer tiefer herab und konnte sich nie mehr völlig erholen. Die Kriegslasten, verbunden mit der Stockung der meisten Geschäfte, waren drückend, oft unerschwinglich; ganz besonders zeigten sich die Franzosen zur Zeit der Republik nicht blöde in der Eintreibung von Contributionen und in Erpressungen aller Art. Unter diesen Verhältnissen hatten meine Eltern viel zu leiden und konnten nie mehr so recht emporkommen. Denn damals mußte man schon froh sein, wenn man für sich und seine Familie und die vielen ungebetenen Gäste Brod genug hatte. Leckereien kamen höchstens auf die Tafel irgend eines französischen Generals; zudem gab es der Conditoren und Lebküchler2 in Nördlingen wenigstens ein Dutzend; wer kein Vermögen zum Zusetzen hatte, dem ging es schlecht. Ganz anders wirkte jene Zeit auf mich; was die Eltern niederdrückte, gab meinem strebenden Geist und meiner lebhaften Phantasie einen ganz neuen Aufschwung. Die großen Ereignisse, welche sich so schnell auf einander häuften, rissen mich, so jung ich war, gewaltig mit sich fort und boten mir unerschöpflichen Stoff zum Schaffen und Nachdenken. Die höchst pittoresken, oft zerlumpten Anzüge der republikanischen Armee, der lebendige Geist, selbst die Spiele, die charakteristischen, oft ganz verwilderten Physiognomien, die uns ganz fremde Art der französischen Soldaten, sich zu bewegen, begeisterten mich. Einen recht auffallenden Gegensatz dazu bildeten die österreichischen Heere. Ruhig und ernst, meistens in geregelten, compacten Massen, sahen wir sie einherziehen: in ihrer Kleidung ordentlich, wenn man ihnen auch den Krieg ansah, im Unglücke in ihr Schicksal ergeben, die Subordination selten aus den[4] Augen verlierend, machten sie stets einen gewissen Ehrfurcht gebietenden Eindruck. Daß aber ganz besonders die Charakteristik der so verschiedenen Nationalitäten, aus denen die österreichische Armee zusammengesetzt war, mich interessiren mußte, ist leicht denkbar; für mich gab es nichts Anziehenderes als ein österreichisches Lager. Kurz, alle diese Erscheinungen, welche sich mir in so früher Jugend darboten, konnten ihre Eindrücke auf mein lebendiges Gefühl nicht verfehlen; ich hätte alles mit einem Male erfassen und festhalten mögen, allein es mangelte mir dazu die Kraft. Doch zeichnete ich, was mir immer möglich war und so gut es eben ging. Aber hier schon reifte der Gedanke zum festen Entschlusse, die Schlachtenmalerei dereinst als Beruf zu wählen, wenn es mir gegönnt sein sollte, ein tüchtiger Künstler zu werden. Im Jahre 1800 bis 1801 häuften sich die französischen Heeresdurchzüge wieder bei uns. Da geschah es an einem Sonntage, an welchem ich von meiner alten Tante zum Mittagessen eingeladen war, daß mein Weg mich an der Hauptwache, welche damals die Franzosen besetzt hielten, vorüberführte. Ein Grenadier, der mir ganz besonders gefiel, stand auf dem Posten. Der kann nicht weggehen, dachte ich, den muß ich zeichnen. Mein Zeichnungsmaterial trug ich immer mit mir, diesmal auch die Wasserfarben. Ich setzte mich auf eine Bank, fing an zu zeichnen und war bald umringt von Zuschauern, welche große Freude an mir hatten und ihrem Kameraden winkten, stille zu halten. Als ich geendet hatte, wurde ihm die Zeichnung gezeigt; er betrachtete sie mit großem Wohlgefallen, nickte mir freundlich zu und gab zu verstehen, daß er dieselbe kaufen wolle, wenn er abgelöst würde. Als ich vom Kaufen hörte, packte ich meine Farben aus und colorirte die Zeichnung auch noch. Er hatte einen dunkelblauen Frack mit rothen Aufschlägen und Epauletten, auf dem Hute, welcher gegen das rechte Auge herabgedrückt war, saß ein großer rother, weit herabwallender Busch aus gefärbten Roßhaaren; weit über das Kinn herauf reichte die weiße Halsbinde; er trug ganz grasgrüne[5] Pantalons, welche bis in die spitzschnäbelig zulaufenden Schuhe hineingingen. Das Gilet war von gleicher Farbe. Dergleichen wunderliche Anzüge sah man, besonders bei der Infanterie, sehr viele. Denn nur der Hut und der Rock bezeichneten damals den Soldaten und das Regiment, welchem er angehörte. Sonst trugen sie das originellste Zeug, meist buntfärbig gestreift oder quadrillirte Hosen aus Bettüberzügen, deren Inhalt sie der Luft preisgegeben hatten. Auch die Halsbinden bestanden aus den verschiedenartigsten Stoffen. Kaum war ich zu Ende, als ein Zweiter sich in Positur setzte, um gezeichnet zu werden; diesem folgte ein Dritter, Vierter, und so ging es fort bis zum Abend. An ein Wegkommen war gar nicht zu denken. Zuletzt wurde mir noch eine ganz hübsche Donna vorgeführt, welche auch gezeichnet werden sollte; sie war im größten Sonntagsstaate in papageigrüner Amazonenkleidung, scharlachrothem Gilet mit zwei großen heraushängenden Uhrketten und einem runden Castorhute, reich geschmückt mit vielen Straußenfedern. Ein prachtvolles schwarzes Haar umfloß das Oval ihres Gesichtes, welches ziemlich feine Züge hatte. Diese Person gefiel mir auch, die Wahrheit zu gestehen, gar nicht übel. Es war das letzte Conterfei dieses Tages; ich nahm mich recht zusammen, und man schien mit dieser Leistung ziemlich zufrieden, denn es wurde von allen am besten bezahlt, ich erhielt vierundzwanzig Kreuzer dafür. Es verdient wohl besonderer Erwähnung, wie diese zum Theil doch etwas verwilderten Krieger ihre Freude an mir hatten und mich mit französischer Artigkeit behandelten. Ich war damals vierzehn Jahre alt, sah aber noch jünger aus; doch eben meine Jugend interessirte sie; mir zuzusehen, gewährte ihnen den ganzen Tag die größte Unterhaltung; immer war die Wachtstube, welche mir als Atelier diente, voll Soldaten. Wenn die Franzosen auf solche oder ähnliche Weise angeregt werden, so kommt das geistige Leben, welches in ihrer Nation steckt, auf angenehme Weise zum Vorschein. Das war mein erstes Debüt in der Soldaten- und Portraitmalerei und überhaupt mein erster Erwerb. Wunderlich genug[6] wiederholte sich eine ähnliche Situation neun Jahre später zu Wien, nur daß ich diesmal gemeine Soldaten und höchstens einen Sergeanten zu zeichnen die Ehre hatte und mit Kreuzern und Groschen belohnt wurde, neun Jahre später aber die Generäle und Marschälle des großen Kaisers Napoleon sich bemühten, Bilder mit ihren Portraiten, verbunden mit kleinen Episoden aus ihrem Kriegsleben von mir zu erhalten, und daß es Louisd'ors und Napoleond'ors regnete. Wir werden später darauf zurückkommen. Der Abend machte dem Treiben in der Wachtstube ein Ende, ich wurde in Gnaden entlassen und hatte eine ganze Tasche voll kleines Geld. Es war ein eigenes Gefühl von stolzer Freude, denn ich hatte noch nie so viel besessen, obwohl die Summe nicht groß war. Aber ich hatte sie mit Bleistift und Pinsel verdient! Darin lag für mich ein besonderes Wohlbehagen. Oft während des Tages hatte ich an meine Tante gedacht, welche vielleicht lange mit dem Essen auf mich wartete und sich meinetwegen auch Sorgen machte, denn sie war so gut und hielt große Stücke auf mich; aber wenn ich auch versucht hätte, von den Franzosen früher fortzukommen, es wäre nicht gelungen: ich war in dieser Wachtstube wie ein Arrestant. Auch meine Eltern waren sehr in Sorge um mich, da niemand wußte, wo ich hingekommen sei. In der Stadt erfuhr man nichts davon, weil kein Bürgerlicher sich der Wachtstube nähern durfte. Mein Vater allein vermuthete, daß ich irgend wohin gerathen sei, wo ich etwas zu zeichnen gefunden und darüber Essen und alles vergessen hatte, da es nicht das erste Mal war, daß dies geschah; hätte er aber gewußt, daß ich den ganzen Tag von französischen Soldaten umringt verlebt, so würde es ihn aufs höchste bekümmert haben, denn er fürchtete die Soldaten in demselben Grade, als ich sie liebte. Amazon.de Widgets Man war etwas ungehalten, als ich mich zu Hause einfand, dennoch aber froh, daß ich nur wieder zum Vorschein kam, und nebenbei nicht wenig erstaunt über mein erstes Künstlerabenteuer und meine errungene Beute.[7] So lockend und ermunternd dieses wunderliche Ereigniß auch für mich war, so machte ich doch keinen weiteren Versuch, mir auf diesem Wege ein Taschengeld zu verdienen; ich hatte ja ohnehin schon seit mehreren Jahren nur den Sonntag zu meiner freien Verfügung; auf ihn freute ich mich die ganze Woche hindurch, und bis er herankam, hatte ich so Vieles, so Vielerlei im Kopfe, daß ich nicht wußte, wo anfangen; ein solcher Tag ging immer nur allzuschnell dahin. Auf diese Weise lernte ich übrigens frühe die Zeit eintheilen und ihren Werth schätzen, eine Eigenschaft, welcher nicht alle Menschen genug Wichtigkeit beilegen; mir ist sie durch das ganze Leben zu gut gekommen und bis in das Alter eigen geblieben. Bald ergab sich die Gelegenheit, mir von Zeit zu Zeit etwas Geld mit Pinsel und Farbe zu verdienen: ich fing an, kleine Portraite in Miniatur auf Papier und Elfenbein zu malen. Anfangs ging es freilich ziemlich schlecht, besonders mit der Technik, aber die Portraite waren doch ganz erträglich ähnlich, und so fanden sich bald Leute, welche von mir gemalt sein wollten; besonders in wohlhabenden Bürgershäusern ging es mir gut: ich wurde gewöhnlich zum Kaffee geladen, man bewunderte meine Kleckserei und ließ sich conterfeien. Bei Liebenden konnte man sich damals mit dieser Art Malerei sehr einschmeicheln; das Bildniß wurde zwischen zwei geschliffenen Gläsern in ein Goldrähmchen gefaßt und auf der Brust getragen, offen oder geheim, wie es eben die Umstände erlaubten. Eine ganz besondere Liebe zu Pferden war mir von frühester Jugend an eigen; ich suchte überall Gelegenheit, mich im Pferdezeichnen zu üben und fand diese bald in dem nahe bei Nördlingen gelegenen Wallerstein. Es war dort ein Lehrer der jungen geistvollen Prinzen von Oettingen-Wallerstein, nur unter dem Namen Pater Ambros3 bekannt, ein guter,[8] heiterer, gemüthreicher Mann; er unterrichtete die Prinzen in den Wissenschaften, hatte selbst viel Talent für Mechanik und verfertigte zuweilen Spielsachen, wobei er mein Talent für Modelliren von Figuren und Thieren aus Papiermaché bisweilen zu Hilfe nahm; er war mir ungemein zugethan und hatte große Freude an meinen Arbeiten. Dieser Pater Ambros sollte mir nun die Gelegenheit verschaffen, in dem dortigen, gut bestellten Marstalle Pferde zeichnen zu dürfen. Zu diesem Zwecke bat ich ihn, mich mit dem dortigen Oberststallmeister, Baron von Falkenstein, bekannt zu machen. Anfangs wollte er nicht recht hören, er konnte mich damals gerade selbst gut brauchen; endlich aber ließ er sich doch erbitten und sagte: »Ich sehe schon, ich muß Ihnen zu Willen handeln, damit Sie mir auch etwas zu Gefallen thun,« und führte mich zu Falkenstein. Von diesem erhielt ich die gewünschte Erlaubniß und sogar später auch Beschäftigung und Aufmunterung. Nun war ich ganz in meinem Elemente. Die Pferde wurden mir herausgeführt und Stunden lang gehalten, ich malte sie in Aquarell und studirte hiebei mit Leidenschaft das Pferdeportrait. Die Bilder, welche ich machte, erregten Aufmerksamkeit; man fand, obwohl sie noch unvollkommen waren, Talent in ihnen; die Fürstin (der Fürst lebte nicht mehr) wurde aufmerksam gemacht und ich erhielt den Auftrag, etwa ein Dutzend der schönsten Pferde zu zeichnen. Ferner machte ich ein großes Aquarell von den vier hübschen Prinzen4 in einer Gruppe zu Pferd.[9] Unter diesen Verhältnissen verstrich meine Jugend bis 1804 unter rastlosem, mühevollem Streben, mich in der Kunst emporzuarbeiten. Viele Zeit ging dabei verloren, weil ich zu Vielerlei zugleich trieb, ich hatte eben weder Lehrer noch Wegweiser und mußte daher mühsam meinen Weg selbst suchen. Mein Vater beharrte noch immer darauf, daß ich bei der Conditorei verbleiben solle, und ich hatte zu viel Pietät, mich seinem Willen gewaltsam zu widersetzen. Mittlerweile kam mir aber der Zufall zu Hilfe. Nördlingen fiel in Folge der Umwälzungen, welche im deutschen Reiche vorgingen, 1802 an die Krone Bayern und erhielt damit die Conscription. Mein Vater, für den es nichts Schrecklicheres gab als den Gedanken, daß ich Soldat werden müßte, dachte deßhalb daran, mich in die Fremde zu schicken. Es wurde ein passender Platz in Nürnberg ausgemittelt. Das Geld, welches ich mir in Wallerstein erworben, sollte als Reisegeld und zu einer Equipirung dienen. Noch sehe ich den fürstlichen Diener vor mir, welcher mit einem kleinen Säckchen Kronenthaler in das Zimmer trat. Wie reich fühlte ich mich, welche freudigen Hoffnungen lebten in mir auf! Es drängte mich gewaltig hinaus in die Welt; meine Vaterstadt war mir schon seit lange zu enge geworden. Aber ich hatte noch einen harten Strauß zu bestehen, ehe ich an das Ziel meiner sehnlichsten Wünsche gelangen konnte. Die Anstrengungen und Aufregungen in letzter Zeit waren zu groß; die Natur erlag, ein heftiges Nervenfieber überfiel mich und brachte mich an den Rand des Grabes. Lange lag ich darnieder, länger brauchte ich, bis ich mich erholte. Indessen kam mit dem November die schlechte Jahreszeit, und[10] alles rieth mir ab, zu reisen. Ich ließ mich aber durch nichts irre machen, packte meine Habseligkeiten zusammen und verließ das elterliche Haus zu Anfang des Novembers bei dem schlechtesten Wetter und unter den ungünstigsten Verhältnissen. Theils durch die lange Krankheit, theils durch die mißliche Lage, in welcher sich meine Eltern selbst befanden, war mein Reichthum bis auf drei Kronenthaler zusammengeschmolzen. In der Nacht vor meiner Abreise theilte ich mit meiner Mutter, gab ihr einen derselben und ging mit zwei Kronenthalern in der Tasche in die Welt hinaus. Dies ist das ganze Vermögen, das ich von Hause mitnahm; damit beginnt alles, was ich erstrebt, erreicht, erworben habe. Ein anderes werthvolleres Vermögen jedoch konnte ich mein eigen nennen: ich hatte arbeiten und meine Bedürfnisse beschränken, den Werth der Zeit und des Geldes kennen gelernt und, was noch mehr ist, ich nahm den Segen der Eltern mit in die Welt. Zudem hatte ich nun meine Freiheit und dünkte mich reich genug. Ich verließ das elterliche Haus mit dem festen Vorsatze, bald die Stütze der Familie zu werden, und nach wenigen Jahren war ich auch in der Lage, die guten Vorsätze, welche ich gefaßt, verwirklichen zu können. Das ehrwürdige, alte Nürnberg sollte ich nun sehen! Wie freute ich mich bei dem Gedanken, in eine ganz neue, weitere Welt zu kommen, wie lebhaft interessirte mich alles, was ich dort sah! Die Thore mit den großen, ernsten Thürmen, so fest, als wären sie für eine Ewigkeit gebaut, die schönen gothischen Kirchen und Häuser mit den hohen Giebeln und Erkern, die schöne, breite Straße vom Spittler-Thore herein, durch welche ich in Nürnberg eintrat, all das versetzte mich in eine ganz feierliche Stimmung. Mit einigem Herzklopfen betrat ich das Haus meines[11] künftigen Prinzipals; es wurde nicht schwächer, als ich die Ehre hatte, mich ihm vorzustellen. Sehr groß von Gestalt, derb und breitschulterig, starkknochig, erinnerte er mehr an den Hausknecht eines Gasthofes als an einen Mann, dessen Beruf es war, mit Süßigkeiten und Näschereien umzugehen; indessen war er nicht so gefährlich als er aussah, wir kamen gut mit einander aus. Fein war er in der That nicht, doch hatte er auch, ohne viele Feinheit zu besitzen, bald gefunden, wozu ich zu brauchen sei; er befreite mich vom Tortenrühren und vom Backofen und beschäftigte mich mit solchen Arbeiten, welche eine gewisse Geschicklichkeit erfordern und ein wenig in das Kunstfach einschlagen: wie Tafelaufsätze und dergleichen. Dieser Artikel hatte bisher in seinem Geschäfte ziemlich brach gelegen und blühte nun durch mich ganz neu auf, was mich in einigen Respekt setzte. Einen angenehmen Eindruck machte auf mich die Prinzipalin, eine recht lebendige Frau, deren volle Gunst ich mir in kurzer Zeit erwarb, ohne mich eben sehr darum bemüht zu haben. Es war nichts weniger als meine Absicht, unter diesen Verhältnissen lange auszuhalten, obwohl es mir im ganzen nicht schlecht ging. Ich hatte das elterliche Haus schon mit dem Vorsatze verlassen, bei der ersten Gelegenheit umzusatteln, nur wollte ich mich erst ein wenig umsehen, wie das anzufangen sei, um mich nicht zwischen zwei Stühle zu setzen. Gleich zu Anfang meines Aufenthaltes in Nürnberg wurde ich in einer höchst achtbaren Familie eingeführt, in die des Direktors der dortigen Zeichenschule, Christoph Zwinger,5 eines höchst ehrenwerthen Mannes von gutem, altem Schrot und Korn, dem ich unendlich viel verdanke. Er hatte einen Sohn mit Namen Gustav,6 der einige Jahre älter als ich und Künstler[12] war. Mit diesem wurde ich rasch auf das Innigste befreundet. Ich galt wie ein Sohn des Hauses in dieser Familie und brachte alle meine freien Stunden in dieser meiner zweiten Heimath zu. Der alte Herr hatte große Freude an meinem Fleiße und Eifer in der Kunst und stützte mich darin, wo er konnte. Die Akademie, wo diese friedliche Familie wohnte, war in einem ehemaligen Kloster, zu St. Katharina genannt. Durch ein gothisches Pförtchen kam man in einen Garten und dann erst in das Gebäude, welches noch sehr an das Kloster erinnerte. Immer war es mir so wohl um das Herz, wenn ich in dieses Haus trat; hier war so ganz das, was ich wünschte und suchte. Fern von allem Geräusche konnte ich hier über das, was ich vorhatte, nachdenken, guten Rath annehmen und ernstlich studiren, soweit meine freie Zeit es erlaubte. Hier zeichnete ich nach guten Handzeichnungen, nach Plastik und später auf der Akademie nach dem Akte. Bei Zwinger erhielt ich auch den ersten Unterricht in der technischen Behandlung der Oelfarben und der Oelmalerei überhaupt, in der ich mich wohl schon früher, aber ohne alle Anleitung und Sachkenntniß versucht hatte.7 Unter diesen Verhältnissen verstrichen fünf Monate und das Frühjahr kam herbei; ich hatte meinem Prinzipale den Dienst gekündigt mit dem Bemerken, mich ganz der Malerei zu widmen; er machte ein sonderbares Gesicht dazu, hatte aber wohl lange schon gemerkt, wo ich hinaus wollte. Ich miethete ein kleines Zimmerchen und vertraute auf mein gutes Glück und das, was ich gelernt hatte. Mit der Portraitmalerei war hier nicht viel zu machen, auch war es mir mehr um ernste Studien zu thun als blos zu malen, um[13] ein armseliges Stückchen Geld zu verdienen; ich sann daher auf einen andern Erwerb. Im Formschneiden hatte ich mir schon zu Hause viele Geschicklichkeit erworben, ich benützte daher die Nächte und schnitt Model in Birnbaumholz von allerlei Gegenständen, wie sie der Conditor braucht; auch schnitzte ich aus Lindenholz Figuren und Thiere, ganze Jagden und dergleichen, malte sie sauber und verkaufte sie an das große Spielwaaren-Magazin Bestelmayer. Alles das geschah Nachts, so daß ich selten vor Mitternacht zu Bette ging. Auf diese Weise verdiente ich das Wenige, was ich zu meinem Lebensunterhalte bedurfte und hatte den Tag für ernstere Studien frei. Ich malte einige Portraitchen in Oel, um mich hierin zu üben, machte mich auch mit der Radirnadel und mit dem Aetzen mit Scheidewasser bekannt, eine Beschäftigung, die mir besonderes Vergnügen bereitete. Ich radirte mehrere Blättchen, von denen ich einige an den Kunst- und Buchhändler Campe8 verkaufte. Inzwischen zeichnete ich auch mit großer Liebe Landschaften nach der Natur. Durch ein ganz unerwartetes Ereigniß wurde ich plötzlich aus dem bisherigen Asyle im Katharinenkloster und meinem stillen Kunsttreiben daselbst für einige Zeit herausgerissen. An einem sehr schönen Herbstmorgen nahm ich meine Mappe unter den Arm und ging hinaus in das Freie, um nach der Natur zu zeichnen, kehrte aber bald wieder zurück, da ich keinen passenden Gegenstand fand; es war mir, als sollte ich nun einmal heute nicht Landschaften zeichnen. Als ich gegen 10 Uhr Vormittags an der Stadtmauer ankam, welch' wunderliche Scene stellte sich mir hier dar! Die altersgrauen, schweren Stadtthore waren fest verschlossen, auf der Brücke standen viele Menschen beisammen, welche in die Stadt wollten, und mitten darunter der Postkarren, der die Briefpost brachte. Der Postillon lag dicht am Thore, mit dem[14] Gesichte auf der Erde, schaute bei einer Spalte hinein und rief unaufhörlich: »So laßt doch das Felleisen hinein, macht auf, das Felleisen ist da, ich muß hinein.« Umsonst, das Thor war und blieb verschlossen. Ich machte mich schnell daran, diese komische Scene zu zeichnen, mich unterhielt der ganze Auftritt; die Umstehenden aber starrten einander verlegen an, Einer fragte den Andern, was das zu bedeuten habe, keiner wußte einen auch nur scheinbaren Grund anzugeben. Nachdem ich mit meiner Zeichnung fertig war, ging ich weiter und nahm meinen Weg um die Stadt herum, um zu sehen, wie es mit den übrigen Thoren beschaffen sei. Alle waren verschlossen. Bei dem Spittlerthor aber klärte sich das Räthsel auf. Eine Abtheilung der bayerischen Armee war aus dem Fränkischen vor Nürnbergs Mauern angekommen und wollte in die Stadt einziehen; allein diese damals noch freie löbliche Reichsstadt suchte, fest an ihren alten Rechten und Gebräuchen haltend, ihre Neutralität zu behaupten und verweigerte hartnäckig den Eintritt in ihre Mauern. Dieses bayerische Corps bestand aus Infanterie, Cavallerie und Artillerie. Es hatte die Bestimmung, nach Bayern zurückzugehen, um sich mit der französischen Armee zu vereinigen, denn Bayern hatte sich inzwischen mit Napoleon zum Krieg gegen Oesterreich verbündet, was jedoch damals noch unbekannt war. Ein Theil der Cavallerie hielt dicht vor dem Thore und war abgesessen; auch der commandirende General mit seinem Stabe kam von Fürth her dort an; da gab es viel zu sehen, was mich höchlich interessirte. Es waren die ersten bayerischen Truppen, welche ich in Masse sah. Sie machten mir einen sehr günstigen Eindruck, waren gut und zweckmäßig uniformirt, hatten eine schöne militärische Haltung, sahen wohl genährt aus und waren lustig und guter Dinge. So sehr ich sonst gewohnt war, gleich mit dem Papiere bei der Hand zu sein, um zu zeichnen, konnte ich hier vor lauter Reiz der Neuheit nichts machen; ich trieb mich den ganzen Nachmittag unermüdlich herum, während[15] mit der Stadt über den Einlaß der Truppen fortwährend hin und her parlamentirt wurde. Endlich nahte der Abend heran und dem Commandirenden riß die Geduld; er ließ auf den Wall einige Geschütze aufführen und drohte, das Thor einzuschießen, wenn nicht geöffnet würde. Ich hielt mich dicht neben den Kanonen, das Herz pochte mir vor Begierde, es bald krachen zu hören. Es sollte aber nicht so weit kommen; um noch einmal Vorstellungen zu machen, erschienen in der alterthümlichen schwarzen Kleidung drei Magistratspersonen vor dem Generale, der sie ruhig anhörte, seine Taschenuhr herauszog und sagte: »Ich gebe Ihnen noch zehn Minuten Bedenkzeit; lassen Sie diese Frist verstreichen, so brauche ich Gewalt.« Die Herren entfernten sich und wenige Minuten darauf knarrten die alten Thorflügel und theilten sich schwerfällig auseinander. Die Truppen zogen friedlich ein, ich mit ihnen, denn ich mußte überall dabei sein, meine Neugierde war unersättlich. Der Abend brach herein, bis alle Truppen eingezogen waren. Die Infanterie und Artillerie lagerte auf den Straßen und freien Plätzen; besser gesorgt war für die Cavallerie. Es liegt in der Stadt ein schöner großer Platz an den Ufern der Pegnitz, die Schütt genannt. Große, ehrwürdige Linden breiteten ihre Aeste weit über denselben aus. Der sehr reinliche Boden besteht theils aus Sand, theils aus Gras; ganz für ein schönes Cavallerie-Lager gemacht. Hier bivouakirten die Chevauxlegers und hieher richtete ich vor allem meine Schritte. Eine Cavallerie, welche ein Lager bezieht, gewährt immer einen interessanten und malerischen Anblick. Der Infanterist stellt, wenn er vom Marsche ermüdet auf dem Lagerplatze ankommt, sein Gewehr in Pyramiden bei Seite und fällt, falls er recht ermüdet ist, oft da nieder, wo er gerade steht, seinen Tornister als Kopfkissen benutzend. Ganz anders verhält es sich mit der Cavallerie. Auf diese harrt immer noch ein Stück Arbeit, wenn sie an Ort und Stelle angekommen ist. Schon die Lagerstätte ist nicht gleichgültig; man bedarf eines passenden Platzes, um die Pferde in Reihen gut stellen zu können; auch[16] soll womöglich Wasser in der Nähe sein. Ist man am Platze und abgesessen, so werden Pfähle geschlagen und durch einen langen Strick mit einander verbunden, um die Pferde anzubinden; es wird abgezäumt und abgesattelt, die Pferde mit wollenen Decken bedeckt, Sattel und Zaum ordentlich zurecht gelegt, ebenso Waffen und Helme, um sie leicht und schnell wieder bei der Hand zu haben, wenn man ihrer bedarf. Ist der Mann recht brav, so putzt er noch sein Pferd ein wenig; dann wird zur Fütterung geblasen und nach dem Habersacke gegriffen, nachdem die Pferde lange schon nach rechts und links sehnsüchtig schauen. Unartige Pferde gibt es auch hie und da, selbst bei der besten Zucht. Sie beißen nach dem Nachbarn, besonders aus Futterneid; dieser erwidert mit Schlagen, es gibt Lärm, und so herrscht reges Leben, das dann endet, wenn alle Pferde gefüttert und getränkt sind. Jetzt erst kann die Mannschaft an sich selbst denken. All das aber geschieht mit Munterkeit, wenn der Marsch nicht außergewöhnlich lange und anstrengend war. Der Cavallerist hat ja nichts während des Marsches zu tragen, er wird vielmehr getragen, während den Infanteristen sein schweres Gepäck oft beinahe zu Boden drückt, wenn der Marsch lange dauert. Ich sah in späteren Jahren so vielfältig und oft unter den verschiedenartigsten Verhältnissen, bei Regen, Sturm, Hitze und Kälte, bei Tag und Nacht das Beziehen eines Cavallerielagers und immer interessirte es mich; damals aber gewahrte ich es zum erstenmale und zwar von seiner allerschönsten Seite. Der Platz war so günstig, als man ihn nur wünschen konnte, das Wetter herrlich, Mann und Roß von keinem langen Marsche ermüdet, die Leute mit Speise und Trank wohl verpflegt, so daß es zuletzt wahrhaft lustig herging. Um das Ganze vollkommen reizend zu machen, spendete der Vollmond magische Lichtblicke zwischen den dichtbelaubten, alten Linden hindurch auf einzelne Gruppen. Sein blaues Licht bildete einen wundervollen Contrast mit der gelbrothen Beleuchtung der Lagerfeuer, um welche die Soldaten versammelt waren und ihre Suppe kochten; oft war das Laub der Bäume oben vom[17] Monde, unten vom Feuer beleuchtet. Es reihte sich Bild an Bild, ich war bis zur Begeisterung entzückt von allem, was ich hier sah. Gerne hätte ich recht vieles gezeichnet, aber ach! wie arm fühlte ich mich in solchen Augenblicken. Die Zeit rennt so schnell dahin! Die Gegenstände, die wir festhalten möchten, fliehen mit ihr wie Traumbilder vorüber, und am Ende müssen wir uns mit einigen armseligen, unvollkommenen Bleistiftstrichen begnügen, welche um so weniger befriedigen, je mehr wir von dem Gegenstande, welchen wir festhalten wollen, begeistert sind. Nachdem ich mich recht im ganzen Lager umgesehen, näherte ich mich einem Feuer, das ziemlich hell brannte und von einem zahlreichen Kreise von Soldaten umlagert war, welche aus voller Kehle muntere Lieder sangen. Ein hoher Stabsoffizier, ein Mann von etwa 50 Jahren mit einem interessanten militärischen Kopfe, ruhte am Boden unter einem Baume, in einem grünen Pelzrocke, eine Mütze auf dem Haupte. Ueber den Füßen lag ein grauer, schön drapirter Mantel. Er war mit der Tabakspfeife im Munde eingeschlafen. Zunächst bei ihm stand ein schöner, großer Mann, ein Rittmeister in voller Uniform, den Helm auf dem Kopfe, die Feldbinde sehr breit über den Oberrock gebunden. Er hatte die linke Hand auf den Säbel gestützt und einen Fuß auf ein großes Scheit Holz gestemmt, welches im Feuer lag. Der Stabstrompeter mit seinem Instrumente unter dem Arme saß ebenfalls auf einigen großen Stücken Holz, den Rücken an ein großes Bierfaß gelehnt, aus welchem der Gerstensaft reichlich quoll; er sang tapfer mit und schlug den Takt mit Hand und Fuß dazu. Ein alter Wachtmeister machte den Mundschenk, der Rundtrunk ging fleißig herum, jüngere Soldaten lagen schön gruppirt am Boden: es war ein vollendet schönes Bild und in seiner ganzen Wirkung prächtig anzusehen. Ich blieb bei diesem Anblick wie gefesselt stehen, nahm Papier und Bleistift zur Hand und zeichnete noch, als die Geisterstunde schon lange vorüber war. Allmählig wurde es still und immer stiller, bis man zuletzt nur noch das Auf- und Abgehen der Wachtposten und ausnahmsweise das komische Geschrei irgend eines Pferdes hörte,[18] welches einen unverträglichen Nachbarn hatte. Alles schlummerte. Endlich legte auch ich mich unter einen Baum nieder und ruhte einige Stunden. Nach Hause zu gehen und das Bett zu suchen, fiel mir gar nicht ein; ich mußte auch das Aufbrechen des Lagers sehen. Die Aufregung, in der ich mich befand, ließ mich lange nicht schlafen und bei dem ersten Trompetenstoße war ich wieder auf den Beinen; ich wollte alles hören und sehen, was hier vorging, bis aufgesessen wurde und die Truppe sich zum Abmarsche in Bewegung setzte. Ich begleitete sie bis an das Thor und sah ihr sehnsüchtig nach. Hätte ich ein Pferd gehabt, ich wäre am liebsten selbst mit fortgezogen. Ich war damals wieder ganz Soldat! Es verstrichen nur wenige Tage, so folgte auf diese heiteren Lagerscenen ein Ereigniß der traurigsten Art. Napoleon war mit seinem sieggewohnten Heere in Schwaben vorgedrungen, die Festung Ulm in seine Hände gefallen. Die Besatzung streckte das Gewehr. Von den Truppen, welche dort gelegen, kam ein namhafter Theil, von der französischen Reiterei verfolgt, zu Anfang Oktober in wilder Flucht an Nürnberg vorüber. Wer je einen, in regellose Flucht ausartenden Rückzug gesehen, weiß, daß es eine garstige Sache ist. Dieser aber war entsetzlich anzuschauen: die Straßen von anhaltendem Regenwetter erweicht und fast grundlos; die Truppen in zerrissenen Schuhen, oft selbst ohne solche, von unten bis oben mit Koth bespritzt, bis zum Zusammensinken ermattet, schleppten sich, alles durch einander, Infanterie, Cavallerie, Artillerie und Fuhrwesen, mühsam auf der schlechten Straße fort. Offiziere und Soldaten aller Waffen liefen in Unordnung durch einander, jeder wo und so gut er konnte. Hie und da sprengte ein Offizier, der noch ein brauchbares Pferd besaß, mitten durch und bespritzte alles mit Koth. Was sich an die Kanonen anhängen konnte, hing sich an oder saß darauf, wodurch das Fortbringen derselben bei den ohnehin schon ermatteten Pferden noch mehr erschwert wurde. Es war ein Bild des Jammer, das zu dem kurz zuvor gesehenen Durchmarsche der wohlgeordneten[19] bayerischen Truppen einen entsetzlichen Contrast bildete. Als eine sehr auffallende Erscheinung marschirte ein Häuflein französischer Gefangener zwischen den Oesterreichern. War es, daß sie nichts zu tragen hatten, denn ihre Bürde hatte man ihnen leicht gemacht, oder war es die nicht unwahrscheinliche Erwartung, daß sie bald aus der Gefangenschaft befreit werden: sie trugen den Kopf höher, sahen nichts weniger als gebeugt aus und marschirten mit ziemlich kräftigen Schritten einher. Natürlicher Weise strömten aus Nürnbergs Mauern viele Menschen hinaus, um dieses traurige Schauspiel mit anzusehen, und dies um so mehr, als es Sonntag war. Hiebei gab sich viel Wohlthätigkeitssinn kund. Wer es nur immer thun konnte, reichte den armen Vorüberziehenden Brod und Labung; ich sah eine wohlgekleidete Dame am Boden knieen und einem Soldaten seine wunden Füße mit leinenen Tüchern verbinden. Ueberhaupt boten sich so viele interessante, höchst malerische Gruppen, daß ein Künstler hier allein für seine halbe Lebenszeit den Stoff zu Bildern hätte finden können. Der Grund dieser ängstlichen Flucht erklärte sich bald dadurch, daß die französische Cavallerie den Oesterreichern auf der Ferse folgte; mag es sein, daß ihr die lange Verfolgung selbst sehr lästig wurde und sie zum Zorne reizte, ? sie behandelte die Gefangenen sehr übel, oft unmenschlich. Mit Schaudern sah ich, wie ein französischer Dragoner einem armen Oesterreicher, welcher sich am Wege für einige Kreuzer Pflaumen kaufen wollte, von rückwärts einen scharfen Hieb über den Kopf versetzte, so daß dieser blutend in den Korb der Frau fiel, welche am Wege saß, ihre Waare zu verkaufen. Amazon.de Widgets Gegen Abend kamen größere Abtheilungen französischer Cavallerie; auch diese sah eben nicht aus, als wenn sie von der Parade käme. Sie war ziemlich verwildert; aus allem konnte man auf den langen beschwerlichen Marsch schließen, welchen sie zurückgelegt hatte, was zum Theil ihren Unmuth, welchen sie an den armen Gefangenen ausließ, erklärlich macht, keineswegs aber rechtfertigt.[20] Um das gewaltige Schauspiel dieses Tages zu vervollständigen, erschien bei einbrechender Dämmerung noch das preußische Infanterieregiment Tauenzin vor Nürnberg, das aus dem Ansbachischen nach Preußen marschirte, wo man sich schon für den unglücklichen Feldzug des Jahres 1806 rüstete. Dieses Regiment zog mitten durch die Franzosen, so daß zuletzt Franzosen, Oesterreicher, Preußen bunt durcheinander wimmelten. Die Preußen sahen übrigens allen Andern gegenüber sehr gut aus; es waren schöne große Leute, sehr hübsch uniformirt und hatten eine gute, wenn auch etwas steife Haltung, welche stark an den Gamaschendienst erinnerte. Zu den Franzosen bildeten sie einen recht wunderlichen Contrast. Am nächsten Tage, einem feuchtkalten Herbstmorgen, wechselte die Scene. Leichte französische Infanterie und einige Cavallerie lagerte vor der Stadt. Diese Truppe, meist kleine, aber ungemein bewegliche Leute, war in ihrer Kleidung gerade nicht sehr zum Bivouakiren auf einer feuchten Wiese während einer kalten Oktobernacht eingerichtet. Sie sah auch ziemlich erfroren und ausgehungert aus. Trotzdem aber herrschte in diesem Lager das rührigste Leben. Die Juden aus dem nahe gelegenen Fürth kamen herbei, um allerlei Geschäftchen zu machen. Die Franzosen hatten nämlich bei Verfolgung der Oesterreicher ziemliche Beute erjagt, und das Kleinste achtet der Jude nicht gering, wenn ein Gewinn in Aussicht steht. Auch mehrere erbeutete ungarische Pferde wurden verhandelt. Hier gab es nun wieder ganz eigene, neue Bilder für mich zu sehen. Nachmittags steigerte sich die Scene. Murat kam mit großen Cavalleriemassen nach Nürnberg. Jetzt aber war von Aufrechthaltung der Neutralität keine Rede mehr. Die Thore standen offen und in festgeschlossenen Colonnen, die ganze Breite der Straße ausfüllend, zogen die Franzosen ein. Ein Piquet mit den Karabinern oder Pistolen in der Hand, mit gespanntem Hahn immer den Zug eröffnend, machte einen gewaltigen, moralischen Eindruck. Man fühlte die Unüberwindlichkeit dieser Truppen, wenn man sie in ernster, martialischer Haltung stumm einherziehen sah. In der That waren[21] sie auch lange genug unüberwindlich; es mußten die Elemente der menschlichen Kraft zu Hilfe kommen, um sie zu vernichten. Diese Durchmärsche dauerten nur wenige Tage, der Kriegsschauplatz rückte immer ferner gegen Oesterreich, und in kurzer Zeit war in dem altehrwürdigen industriösen Nürnberg alles wieder in dem gewohnten Geleise. Ich hatte jetzt vieles zu verarbeiten. Der Kopf war ganz voll von dem, was ich in dieser kurzen Zeit gesehen, allein meine Kraft zu schwach; was ich machte, ließ mich unbefriedigt, es blieb weit hinter den Bildern zurück, welche meine lebhafte Einbildungskraft sich schuf. Unter anderem versuchte ich, die oben erwähnte Sängergruppe bayerischer Chevauxlegers, welche ich im Lager auf der Schütt gezeichnet hatte, zu malen und in Wirkung zu setzen; aber ich fand in der Beleuchtung des Feuers von unten große Schwierigkeiten. Endlich entschloß ich mich, die ganze Gruppe in Thon zu modelliren, setzte sie auf ein Brett mit einem runden Loche, in welches ich eine Lampe stellte, und machte nach diesem Modelle eine recht saubere Sepiazeichnung, die ich noch besitze.9 Mit demselben Eifer, Ernst und unbeschreiblicher Liebe, womit ich diese Arbeit vollendete, behandelte ich überhaupt alles. Den Winter und das ganze Frühjahr 1806 blieb ich noch in meinen ärmlichen, aber mir dennoch sehr behaglichen Verhältnissen in Nürnberg unter rastlosem Streben, in der Kunst vorwärts zu kommen, verdiente mir in den Nebenstunden, besonders des Abends, das Wenige, was ich zu meinem Unterhalte brauchte, und legte sogar etwas Geld zurück, um mein Glück weiter versuchen zu können. Auch meinen Eltern konnte ich zu Weihnachten eine kleine Freude bereiten, indem ich aus Tragant allerlei künstliche Conditorwaaren verfertigte, die als Zierden für den Christbaum dienen sollten. Ich schickte ihnen von dieser Waare, da dieselbe in Nördlingen sehr beliebt ist,[22] ein ganzes Kistchen voll, die sie sehr gut verkauften. In Nördlingen hat man nicht den düstern Tannenbaum für die Christbescherung, sondern man setzt schon Monate lang vorher den jungen Stamm von einem Kirsch- oder Weichselbaume in einer Zimmerecke in einen großen Topf. Gewöhnlich stehen diese Bäume bis Weihnachten in voller Blüthe und dehnen sich weit an der Zimmerdecke hin aus, was man als eine große Zierde betrachtet und was auch in der That zur Feier des Christfestes sehr viel beiträgt. Eine Familie wetteifert hierin mit der andern, und die, welche den schönst blühenden Baum hat, ist sehr stolz darauf. Während meines Aufenthaltes in Nürnberg war mein Vater in Beziehung auf meinen Beruf auf andere Gesinnungen gekommen und begann, an meiner künstlerischen Entwickelung Wohlgefallen zu finden. Im Mai 1806 entschloß ich mich zu einer Reise nach Nördlingen, um meine Eltern nach anderthalb Jahren zu besuchen. Nürnberg mit seinen altreichsstädtischen Sitten und Gebräuchen, von denen sich noch manches bis auf den heutigen Tag erhielt, war mir lieb geworden. Ich hatte dort warme Freunde gewonnen, von denen mir die Trennung schwer fiel, besonders von der Familie Zwinger. Es war mir, als schiede auf ich auf lange Zeit, obwohl ich hoffte, wiederkehren zu können. An einem herrlichen Maitage trat ich meine Wanderschaft zu Fuße an, einige Stunden von meinem Freunde Gustav Zwinger begleitet. In Nördlingen traf ich wieder ein französisches Hauptquartier und eine nicht unbedeutende Concentrirung von Truppen in der Umgegend. Es gab deßhalb für mich vieles zu sehen, so auch einige ernste Executionen mit Pulver und Blei, denn die Franzosen hielten strenge Mannszucht. Ein unerwartetes Ereigniß, welches auf meine weitere Laufbahn nicht ohne Einfluß blieb, nahm mich in Anspruch und bot mir erwünschten Stoff zu neuer Beschäftigung. Das Fürstenthum Oettingen-Wallerstein, welches um Nördlingen herum ein ausgedehntes Gebiet und besonders große Waldungen hatte, hegte in diesen ein ausgezeichnet schönes[23] Hochwild. Wie nun die Franzosen immer geschickt waren, alles ausfindig zu machen, was sie auf französischen Boden verpflanzen konnten, so wurde dem Fürsten im Namen des großen Kaisers der Wunsch ausgedrückt (soll wohl heißen der Befehl,) eine beträchtliche Anzahl Hirsche lebendig einzufangen, um sie in Kästen nach Paris zu führen. Bei diesem Einfangen war ein großes Jagdpersonal betheiligt, zu Pferd und zu Fuß, mit vielen Wagen, welche das Jagdzeug und sonstige Bedürfnisse führten, sammt Treibern u.s.w., im ganzen eine malerische Wirthschaft, wobei alle Tage etwas Neues zu sehen war. Ich zog mit den Jägern mehrere Wochen in den schönen Waldungen herum, befand mich ganz heimisch unter ihnen und zeichnete vieles. Von allen Seiten wurde ich angegangen, meine Jagdscenen zu vervielfältigen. Ich hatte mir nämlich schon damals eine besondere Geschicklichkeit im Zeichnen kleiner Figuren erworben, so daß man in Figuren von kaum anderthalb Zoll Größe Portraitähnlichkeit fand, was natürlicher Weise bei diesen Leuten den Wunsch rege machte, sich vervielfältigt zu sehen. Die Lithographie kannte man damals noch nicht; ich machte mich daher, sobald das Einfangen zu Ende ging, daran, sechs Platten von den interessantesten Momenten dieses Jagdwesens in Kupfer zu radiren, was ich mit vieler Liebe und nicht ohne Erfolg that; denn diese Blätter gehören zu dem Besten, was ich mit der Radirnadel machte; sie haben etwas Scharfes und Originelles in der Auffassung.10 Während meines Aufenthaltes in Nördlingen radirte ich übrigens noch andere kleine Blätter.11 Mit diesen Arbeiten war ich beschäftigt, bis der Spätherbst hereinbrach.[24] Bevor ich meine Vaterstadt zum zweiten Male verließ, sammelte ich Subscriptionen auf das soeben erwähnte Unternehmen, welches mir einigen Erfolg versprach. Ich nahm sodann meine Platten unter den Arm und wanderte zu Anfang November bei einem ganz abscheulichen Wetter zu Fuße nach Augsburg, um sie dort drucken zu lassen. Mein Vater meinte freilich, es wäre gar nicht nothwendig, daß ich mich selbst nach Augsburg bemühe; man könne sie getrost dorthin senden. Er hatte auch nicht ganz Unrecht, aber mir war es um einen schicklichen Vorwand zu thun, von Nördlingen wieder los zu kommen; denn daß hier meines Bleibens nicht sein könne, hatte ich längst gefühlt. An Beschwerden und Entbehrungen gewöhnt, nahm ich mir diese eben nicht sehr angenehme Fußreise, bei welcher ich auch meinen Bündel etwas schwerer gemacht hatte, nicht besonders zu Herzen; ich kam zwar sehr ermüdet, aber wohlbehalten in Augsburg an. Damit begann ein neuer Abschnitt meines Künstlerlebens: einige glückliche Jahre meiner Jugend, an welche ich mich stets mit Freuden erinnere. Es war früher in Nördlingen ein Rektor an der lateinischen Schule mit Namen Beyschlag,12 mit dessen Familie ich als Kind heranwuchs; der älteste Sohn, Christoph Friedrich, war ganz gleichen Alters mit mir. Der Vater wurde später als Stadtbibliothekar und Rektor des Gymnasiums bei St. Anna nach Augsburg berufen, wo er eine höchst geachtete Stellung einnahm. Vor allem richtete ich meine Schritte nach seinem Hause. Ich fand eine liebevolle Aufnahme. Beyschlag bot mir sogar bei sich Wohnung an, was ich mit Dank annahm, denn[25] ich war ja in Augsburg völlig Fremdling und durch jenes Anerbieten für das Erste geborgen. Gewohnt, nicht lange müßig zu sein, malte ich, nachdem ich das Geschäft mit dem Drucke meiner Platten eingeleitet hatte, das Portrait meines lieben Wirthes, des Rektors, in einer ziemlich vollendeten Aquarellzeichnung. Es wurde sprechend ähnlich, da mich hiebei Pietät und Verehrung gegen diesen Ehrenmann leitete. Beyschlag zeigte dasselbe in einer Gesellschaft vor, welche sich um einen Pfarrer schaarte, der für einen Kunstkenner galt. Als dieser das Portrait erblickte, rief er laut aus: »Herr, das hat ein Meister gemacht!« Von da an war mein Ruf als Portraitmaler in Augsburg gegründet, und ich bekam Aufträge über Aufträge; man nahm den Ausspruch des Pfarrers als Orakel. Ob er wirklich ein großer Kunstkenner war, will ich nicht untersuchen. Er schätzte Chodowiecky's Radirungen, welche er sammelte, und besaß sonst noch einige Kunstsachen. Nachdem man erfahren, daß dieses so betitelte Meisterwerk von einem ganz jungen Künstler sei, welcher ohne besondere Anleitung und auch ohne alle Subsistenzmittel von Hause die Kunst gepflegt, stieg meine unbedeutende Leistung im Werthe, und man machte es sich zur Aufgabe, mich zu heben und zu ermuntern, wo man konnte. Die gewöhnliche Portraitmalerei, welche sich auf den bloßen Kopf beschränkt, langweilte mich bald; ich verlegte mich ernstlich auf die Oelmalerei und machte Familienbilder in Gruppen mit ganzen Figuren von neun bis zwölf Zoll Größe, gewöhnlich mit Beiwerk von Lokalitäten, Geräthschaften und dergleichen. Diese Bilder gefielen sehr, weil die Figuren in Gestalt und Charakterisirung immer sehr ähnlich waren; und jetzt noch nach mehr als fünfzig Jahren finden sich hie und da in Familien solche Portraits, welche um der Aehnlichkeit willen in Ehren gehalten werden, so schlecht sie auch gemalt waren. Ich hatte immer das Glück, wohin ich kam, Leute zu finden, welche mir um meines Fleißes und meines rastlosen Strebens willen mit Wohlwollen und Liebe entgegenkamen, da ich schweigsam,[26] bescheiden und anspruchslos im Umgange war, gerne mich älteren und erfahrenern Leuten näherte, denn ich fühlte, daß ich von diesen lernen konnte. Hiedurch erwarb ich mir oft die Gunst sehr bedeutender Männer. Im Beyschlag'schen Hause kam ein Kreis gebildeter Männer und artiger junger Leute zusammen, so daß ich gar keine Veranlassung fand, meine Unterhaltung außerhalb des Hauses zu suchen. Auch die städtische Bibliothek zu St. Anna stand mir offen und bot Gelegenheit, mit guten Werken alter und neuer Zeit vertraut zu werden. Soweit meine Zeit es erlaubte, las ich mit Leidenschaft, und ich darf sagen, ich habe in Augsburg jede Stunde wohl ausgenützt. Die Erinnerungen an die Familie Beyschlag werden bis an das Ende meiner Tage dankbare Gefühle erhalten. Der Zufall führte mich in München mit dem älteren Sohne, dem nachmaligen Baurath,13 wieder zusammen, und ein zartes, freundschaftliches Band umschließt noch immer die Familien. Inzwischen fiel mir von meiner Spekulation der sechs Platten, welche ich radirt hatte, ein kleiner Gewinn zu, dieser und einiges Andere, welches ich erwarb, setzten mich in den Stand, zum erstenmale in meinem Leben hundert Gulden zurückzulegen, eine Summe, durch welche ich mich sehr reich dünkte. In den ersten Wintertagen 1807 kehrten die bayerischen Truppen aus dem vorjährigen Feldzuge siegreich wieder heim und hielten in Augsburg einen feierlichen Einzug, an welchem die Einwohnerschaft lebhaften Antheil nahm. Vor dem Jakoberthor war eine große Triumphpforte errichtet, die Abends nebst mehreren Straßen beleuchtet wurde. Besonders brillant war dabei die Illumination des Hauses, welches General-Lieutenant Wrede bewohnte; kurz, alles hatte ein festliches Aussehen und begeisterte mich. Es garnisonirte damals und noch bis zu dieser Stunde[27] in Augsburg das Regiment König-Chevauxlegers, für welches ich eine besondere Sympathie fühlte. Vortrefflich beritten, malerisch uniformirt und von Muth und ächt militärischem Geiste beseelt, war es für mich eine Lust, sie anzusehen. Sie trugen ein Collet von ziemlich frischem Grün mit scharlachrothem Aufschlag, weiße Beinkleider mit Stiefeln bis unter das Knie, auf dem Helm einen hohen Busch von weißem Roßhaar; das Pferd- und Sattelzeug war bis über die Croupe des Thieres mit einer scharlachrothen Schabracke bedeckt, welche, auf ungarische Art geschnitten, zierlich in einen Spitz auslief. Diese Uniformirung, welche einen im ganzen wie im einzelnen erstaunlich munteren Anblick gewährte, behielten sie bis zum russischen Feldzuge (1812). Was man auch später daran änderte, schöner wurde sie nie mehr. Ueberhaupt war für meinen Geschmack diese Truppe das Ideal aller leichten Cavallerie. Dieses Regiment hatte auch eine wahre Elite von Offizieren. Unter ihnen befanden sich Graf Anton von Rechberg, zwei Prinzen von Oettingen (von denen der jüngere, Karl, bei Hanau fiel), zwei Brüder Zandt, der damals noch junge, aber schon als tapferer Held bekannte und allbeliebte Baron Karl von Zweibrücken, Bieber, Spraul und viele andere verdienstvolle Offiziere, welche später eine bedeutende Stellung einnahmen. Meine Vorliebe für das Militär fand durch den Umgang mit diesen Offizieren, deren Gunst ich mir gewann, neuen Aufschwung. Besonders erfreute ich mich des Schutzes des genannten Barons von Zweibrücken und seines älteren Bruders Christian (damals Hauptmann im Generalstabe). Sie gaben mir gute Pferde zum Reiten und ich zog fleißig auf den Exercirplätzen und bei den Manövern mit ihnen herum und machte Studien. Später malte ich im Auftrage der Barone Zweibrücken ihre Portraits zu Pferde, wie der jüngere Bruder Karl an der Spitze seines Regimentes dem älteren auf dem Marsche begegnet. Dies war mein erstes militärisches Bild, überhaupt mein erstes Bild in dem Sinne, welchen man angenommener Weise diesem Worte beilegt. Auch die beiden Prinzen von Oettingen malte[28] ich zusammen auf ein Bild in einer Lagerscene. Diesen folgten noch mehrere militärische Portraits mit Pferden, und so lebte ich mich nach und nach in das Militärwesen so sehr hinein, daß ich allen Ernstes im Frühjahre 1807 gesonnen war, als Soldat in das Regiment einzutreten. Karl von Zweibrücken aber, dem ich mein Vorhaben zuerst mittheilte, wendete alle Beredtsamkeit an, mich davon abzubringen. Es gelang ihm, da er mir eine weit schnellere und glänzendere Carriere in Aussicht stellte. Fünf Jahre später, am 7. September 1812, erinnerte er mich auf dem Schlachtfelde an der Moskwa, wenige Stunden vor seiner tödtlichen Verwundung, an jenen Augenblick auf seinem Zimmer in Augsburg und freute sich, daß er es gewesen, der mich der Kunst erhalten. Hier sah ich den Edlen zum letztenmale, er starb, zu frühe für seine militärische Laufbahn, nach wenigen Wochen in dem Städtchen Moshaisk an seinen Wunden. 1 Amazon.de Widgets Ein jüngerer Bruder unseres Künstlers, Heinrich Adam (geboren 1787, welcher als Landschafter und Radirer sich hervorthat, insbesondere aber Kupferstecher im topographischen Bureau Treffliches leistete und am 15. Februar 1862 zu München starb) berichtet, daß Albrecht oft bis Mitternacht, ja in der Weihnachtszeit bis in den Morgen, als Conditorlehrling zu arbeiten hatte. Um so größere Achtung erregt es, wenn er seine wenigen Freistunden mit Zeichnen zubrachte. Die beiden Brüder copirten damals nach Preißler, Ridinger, Frey u.A., und waren so erfüllt von der Kunst, daß sie oft halbe Nächte darüber plauderten. Viele Hilfe und Aufmunterung ließ den jungen Adams der Bürgermeister Doppelmayer von Nördlingen zukommen, der ihnen seine ziemlich bedeutende Sammlung von Kupferstichen, Copien und Skizzen zur Einsicht und Benützung stellte. 2 Lebküchner, Lebzeltner und Wachszieher vgl. Schmeller, Bayer. Wörterbuch 1872, I. 1409, II. 1119. 3 Pater Ambrosius Frei, ehemaliger Capitular des Kloster Weingarten, wurde im Oktober 1803 als Lehrer der Physik und Mathematik für den Erbprinzen Ludwig und seine Geschwister gewonnen (Mittheilung des Herrn Baron Löffelholz von Kolberg, Director der Fürstl. Oettingen-Wallerstein'schen Sammlung zu Wallerstein). 4 Diese vier Prinzen, die Söhne des Fürsten Ernst Kraft von Oettingen-Wallerstein (geb. 1748, gest. 6. Oktober 1802) aus seiner zweiten Ehe mit der Prinzeß Wilhelmine Friederike von Württemberg (gest. 9. August 1817), sind: a) Ludwig Kraft Ernst, geb. 31. Januar 1791, nachmals 1831?1838 königl. bayerischer Minister, gest. 22. Juni 1870 zu Luzern. b) Friedrich Kraft Heinrich, geb. 1793, früher in württembergischem, dann in österreichischem Militärdienste, den er 1823 verließ, um nach Resignation des älteren Bruders die Verwaltung des Mediatfürstenthums zu übernehmen, gest. 5. November 1842. c) Franz Ludwig, geb. 1795, wurde als königl. bayer. Chevauxlegers-Major in der Schlacht von Hanau schwer verwundet und starb Tags darauf am 31. Oktober 1813. d) Karl Anselm, geb. 1796, gest. 4. März 1871. ? Das von Adam gemalte Reiterbild mit den vier Prinzen (im Hintergrunde das Schloß Hohenaltheim), eine treffliche Jugendarbeit unseres Künstlers, befindet sich nach gütiger Mittheilung des Herrn Baron Löffelholz noch in den berühmten Sammlungen zu Wallerstein. Ebenso sind die in der Selbstbiographie erwähnten Aquarelle, »welche eine Reihe von Pferden und Reitknechten ? beides lauter getreue Portraite ? aus dem fürstlichen Marstalle darstellen, alle des Meisters würdige Bilder«, daselbst sorgfältig erhalten. 5 Christoph Joh. Zwinger, geb. zu Nürnberg 1744, gest. das. 1809. Vgl. Nagler, Lexicon 1852, XXII. 359. 6 Gustav Philipp Zwinger, geb. 3. Januar 1779, gest. 15. Januar 1819. Vgl. Nagler, Lexicon 1842, XXII. 360; Nagler, Monogrammisten 1863, III. 87 (Nummer 282). Andresen, Maler-Radirer 1870. IV. 292?299. Seubert 1879, III. 641. 7 Von diesem ersten Versuch berichtet Heinrich Adam: »Da einmal in Nördlingen eine kleine Gemäldesammlung verauctionirt wurde, bekamen mir Gelegenheit, viele Oelgemälde zu sehen und dadurch die Lust im Oelmalen Versuche zu machen. Wir wußten uns einige dieser Gemälde zu verschaffen, und da ging es an ein Pinseln, daß es eine Lust war. Nun standen wir auf der Höhe unserer Herrlichkeit: die Künstler waren fertig.« 8 Eine Anzahl Bilderbogen, welche Adam für den Verlag von Fr. Campe radirte und die dann colorirt wurden, erwähnt Jul. Meyer, Künstler-Lexicon, Leipzig 1872, I. 66. 9 Davon auch eine Radirung. Vgl. Jul. Meyer Nr. 21. Cavallerie-Lager. Mit dem Namen. Qu. 4. 10 Diese Radirungen verzeichnet Julius Meyer: Künstler-Lexicon. Leipzig 1872, I. 67, Nr. 26: Der Auszug zur Jagd, mit vielen Figuren. Leicht radirt. Gr. Qu. Fol. Nr. 27?34: Die Folge des Hirschfanges, 8 Bl. mit Hirschjagden. Albrecht Adam fec. Aug. V. Kl. Qu. Fol. Nr. 35. Zwei Hirschjagden auf einem Bl. Qu. Fol. 11 Vgl. ebendas. Nr. 1?6: Militär- und Reiterscenen, 6 Bl. in Umrissen leicht schattirt. Nr. 7?10: Soldaten zu Fuß und zu Pferd, im Freien und bei Gebäuden. 1806. Qu. 8. Nr. 11: Ein Bl. mit vier Motiven: Pferde am Brunnen, Ackernder Bauer etc. 1806. Gr. Qu. 12 Daniel Eberhard Beyschlag, geb. 1759 zu Nördlingen, starb 1835 zu Augsburg als Hofrath, Rektor und Bibliothekar des Gymnasiums daselbst. Vgl. die Biographie und das Verzeichniß seiner Schriften in Nr. 13. Bayerische Annalen vom 24. März 1835. 13 Christoph Friedrich von Beschlag, Oberbaurath, geb. 22. Januar 1787, gest. 28. April 1858. Vgl. Nekrolog in Nr. 131 Abendblatt zur Neuen Münchener Zeitung vom 4. Juni 1858. 
 XIV. Künstlerleben in München.  [277] Zu München, dieser durch König Ludwig I. zu einer Kunststadt emporgehobenen Residenz der Wittelsbacher, endete mein unstätes Wanderleben; wenn auch inzwischen oft längere Abwesenheiten eintraten, so blieb München doch mein ständiger Aufenthaltsort und die Heimath meiner Familie. Zu Ende Juni 1815 traf ich nach einer angenehmen Reise über den Splügen durch die Schweiz in München ein. Der gute Prinz Eugen war ziemlich empfindlich über mein langes Ausbleiben, und der erste Empfang war kein sehr freundlicher. Es gab auch einige Differenzen über meine künftige Stellung zu seinem Hause zu schlichten. Mein Gehalt sollte auf die Hälfte reducirt werden, wozu ich anfangs keine Lust hatte. Zuletzt ging ich unter Bedingungen darauf ein, durch die ich mich nach andern Beziehungen in große Vortheile setzte. Am wichtigsten war, daß mir gestattet wurde, auch für andere Kunstliebhaber, als blos für den Prinzen, arbeiten zu dürfen. Diese Beschränkung, die früher mit meiner Anstellung verbunden war, hatte mich immer sehr belästigt. Sie war mir in meinem freien Wirken und Schaffen als Künstler sehr hinderlich und setzte mich oft in die fatale Lage, sehr annehmbare Aufträge zurückweisen zu müssen. Nie aber fühlte ich mehr als eben jetzt, wie wichtig für den Künstler die Concurrenz in Bezug auf Entwicklung und Fortschritt sei. Ein Künstler hebt den[277] andern, eifert ihn an und zieht ihn durch seine Leistungen empor. Nur da, wo ein reges Kunsttreiben und Ineinandergreifen verschiedener Elemente ist, kommt das Große zum Vorschein. Während meiner sechsjährigen Abwesenheit hatten junge, aufstrebende Talente, die fast gleichzeitig mit mir die Künstlerlausbahn betraten, große Fortschritte gemacht. Mit Innigkeit schloß ich mich an sie an. Ich fand in ihrem Umgange die größte Wonne, alles war mir jetzt so heimisch, daß es mir gar nicht mehr in den Sinn kam, in die lockenden Verhältnisse Mailands zurückzukehren. Der treffliche König Maximilian I. hatte bald nach dem Antritte seiner Regierung den Keim zu jener Blüthe der Kunst gelegt, die sich später unter seinem Sohne Ludwig in so großartiger Weise entfaltete. Die Akademie der bildenden Künste wurde unter der Direktion Peter Lange's und seines Sohnes Robert,1 der ihm als Professor zur Seite stand, neu organisirt. Diese beiden Männer erwarben sich durch den Eifer, mit dem sie wirkten, um das Aufblühen dieser Kunstschule die größten Verdienste. Die Lokalitäten wurden schön und zweckmäßig hergerichtet; mit nicht unbedeutenden Kosten wurde eine namhafte Anzahl guter Abgüsse von Antiken herbeigeschafft, kurz, nichts unterlassen, was diesem Institute Glanz verleihen konnte und ein gedeihliches Wirken für die Zukunft in Aussicht stellte. Bald entstand dort auch das regste Leben; aus allen Theilen Deutschlands strömten Schüler zu, die mit Ehrfurcht diese geweihten Hallen betraten. Die Direktion war ihrerseits stolz darauf, so viele Schüler zu haben. Indessen machte sich auch hier wie überall das Wort wahr: »Viele sind berufen, Wenige aber auserwählt.« Der Erfolg entsprach den großen Erwartungen[278] nicht so schnell, als man von dem thätigen Wirken der Vorstände dieser Anstalt und den schönen Einrichtungen gehegt hatte. Es ist eine altbekannte Thatsache, daß tüchtige Künstler nicht institutsmäßig herangezogen werden können. Wer nicht zum Künstler geboren und von der Natur mit den Anlagen ausgestattet ist, die den wahren Künstler bilden, der wird sich trotz einer Akademie sein Leben lang in der Mittelmäßigkeit herumtreiben oder ganz untergehen und sich dann um so ärmer fühlen, wenn er sich lange in dem unglücklichen Traume gewiegt, daß er auf der Akademie schulgemäß erlernen könne, was ihm die Natur versagte. Die Welt weist ihm am Ende doch den Platz an, der ihm gebührt. Uebrigens gingen doch aus der Langer'schen Schule tüchtige Künstler hervor. Beide Langer, Vater und Sohn, ließen sich die Bildung ihrer Schüler sehr angelegen sein, besonders waren sie Herren der Farbe; man lernte bei ihnen malen. Ein Riedel,2 Gegenbauer,3 Jacobs4 und noch einige andere tüchtige Künstler sind Schüler von Langer. In einem Punkte aber war die Direktion auf Abwege gerathen: man fand in dem Eifer für die gute Sache nicht das rechte Maß und übte einen gewissen Zwang, wenn der Ausdruck erlaubt ist, Kunstdespotismus, und verfehlte dadurch oft das Ziel. Der wahre Künstler verträgt eben solchen Zwang nicht. Ein freies, seiner individuellen Anschauung folgendes Schaffen ist ihm Bedürfniß und es ist nothwendig, daß er diesem Triebe folge. Darum konnte es nicht fehlen, daß viele der talentvollsten jungen Leute nach und nach sich von dieser Schule lossagten und als freie, von der Akademie unabhängige Künstler eine besondere Korporation bildeten. Dieses führte öfters zu unangenehmen Spaltungen, was aber nach solchen Vorgängen nicht ausbleiben konnte. Das Genie bricht sich immer selbst die Bahn.[279] Als Professor an der Akademie fungirte neben Robert Langer Hauber,5 ein gewandter, praktischer Historienmaler, der es vortrefflich verstand, Pinsel und Palette zu führen. Besonders sorgfältig gemalt sind seine kleinen Bilder. Man kann in ihnen das schöne Talent, womit ihn die Natur beschenkte, erkennen, aber es ist zu bedauern, daß Hauber so oft aus den Augen verlor, Künstler im schönern Sinne des Wortes zu sein. Er trieb die Kunst so ziemlich als Handwerk, malte alles, was Geld eintrug, und nach dem Preise richtete sich auch seine Leistung. Man erzählte von ihm, er habe einmal gesagt: »Malen könnte man schon wie Raphael, aber wer bezahlt's?« Ein alter Satz, welcher damals auch vielen andern Namen nacherzählt wurde. Hauber schuf vorzüglich Kirchenbilder und lieferte nebenbei bürgerliche Portraits, deren er mit großer Leichtigkeit eine Menge verfertigte. Aber man kann ihm große Verdienste nicht absprechen. Von den alten Meistern hatte er viele Kenntnisse und besaß selbst eine recht hübsche Sammlung alter Bilder. Bei Gemälde-Auktionen fehlte er nie, da er Schätzmeister war. Bei solchen Anlässen erstand er manches gute Bild um mäßigen Preis, womit er seine Sammlung bereicherte. Inzwischen machte er mit seinen Bildern auch Handelschaften und Tauschgeschäfte. Ebenfalls Professor an der Akademie war Seidl.6 Von ihm hatte man sich in seinen jungen Jahren große Erwartungen gemacht. Deßhalb wurde er noch unter Karl Theodor nach Rom als Pensionär geschickt, allein die Erwartungen rechtfertigten sich nicht. Er leistete nach seiner Rückkehr weniger als zuvor. Das ist eine Erfahrung, die sich oft bei solchen Pensionären wiederholt hat. Seidl war bieder, rechtschaffen, aufrichtig bis zur Grobheit, ein Ehrenmann, aber wer nicht wußte, daß er Künstler war, hätte ihn nimmermehr für einen solchen gehalten.[280] Inspektor der Akademie war Kellerhoven,7 ein wackerer Mann von sanftem Charakter und gebildeten Manieren, ein guter Portraitmaler, welcher, bevor Stieler nach München kam, viel für den Hof zu thun hatte. Zur Akademie gehörte ferner Wilhelm Kobell,8 der für Dillis die Stelle eines Lehrers in der Landschaftsmalerei übernommen; übrigens war seine Wirksamkeit als Professor nicht von großer Bedeutung. Er war ein Mann, der sich nicht unbedeutenden Ruf erwarb. Einige Zeit galt er als unser Vorbild. Peter Heß und ich blickten an ihm hinauf, ich glaubte eine hohe Stufe in der Kunst zu erreichen, wenn es mir gelingen sollte, ein zweiter Kobell zu werden. Ebenso erinnere ich mich, daß Peter Heß einmal zu mir sagte, er möchte nur wissen, wie Kobell seine Studien mache, weil er so schön male. Kobell hatte einen äußerst angenehmen Vortrag in seinen Bildern. Sie waren mit Geschmack angeordnet, mit einer gewissen Feinheit in der Farbe. Auch verstand er sehr gut, Licht und Schatten zu vertheilen. Seine kleinsten Figuren vollendete er bis ins geringste Detail, was ihnen besondern Reiz verlieh. Ueberhaupt waren seine kleinen Bilder die schönsten. Die Zeichnung blieb bis zu einem gewissen Grade correct; aber er schien bei seinen menschlichen Figuren immer seine eigene Gestalt zum Muster zu nehmen und machte lauter ungewöhnlich lange, hagere Figuren, die immer etwas Lebloses hatten. Am besten gelangen ihm darum ganz ruhige, unbewegliche Gegenstände. Kobell malte militärische Stoffe, auch ruhige Jagdscenen, Thiere und Landschaften, welche er mit vielem Geschmack in Stimmung setzte. Seine Pferde, in deren Darstellung er einen Ruf hatte, wollten mir aber schon in meiner Jugend nicht recht gefallen; ich sah sie in der Natur ganz anders. Mehrere[281] Bilder von Kobell sind auch vervielfältigt bei Frauenholz in Nürnberg erschienen,9 theils in Umrissen radirt und colorirt, theils auch in Aqua-Tinta-Manier. In Aquarell-Zeichnungen besaß er eine große Geschicklichkeit. Er war ein gebildeter Künstler und angenehmer Mann, lebte sehr zurückgezogen und verkehrte wenig mit andern Kunstgenossen. Ein tüchtiger Kupferstecher war ebenfalls als Professor an der Akademie, woselbst sich eine eigene Kupferstecherschule befand: Heß,10 der Vater von Peter und Heinrich Heß,11 welche später zu den hervorragendsten Künstlern Münchens gezählt wurden. In seiner Schule bildete sich Grimm12 aus Kassel und andere tüchtige Leute. Von der Bildhauerschule weiß ich nichts zu sagen, da ich mit ihrem Wirken zu wenig vertraut war, um darüber urtheilen zu können. Schwanthaler,13 der Vater des berühmten Ludwig von Schwanthaler,14 hatte damals einen Namen, auch nannte man Kirchmayer15 und Andere.[282] Unter den Künstlern, die unabhängig von der Akademie ihren eigenen Weg gingen und blos dem Studium der alten Meister und der Natur folgten, war eines der hervorragendsten Talente der damals noch sehr junge Peter Heß.16 Er hatte 1809 kaum seine ersten Versuche im Malen gemacht, und sechs Jahre später sah man von ihm Leistungen, die zu den größten Erwartungen berechtigten und Aufsehen erregten. Er malte anfangs kleine Kabinetsbilder, die sehr das Gepräge des Studiums nach den Niederländern trugen, aber auch voll Naturwahrheit waren und von einem ernsten Streben zeugten. Bei äußerst correcter Zeichnung waren alle seine Figuren und Thiere charakteristisch, seine Composition lebendig und kunstgerecht, Vortrag und Farbe geschmackvoll und angenehm: er zeigte sich in jenen Werken wahrhaft groß im Kleinen. Die persönliche Erscheinung von Peter Heß war sehr einnehmend: ein schöner, junger Mann, scharfsinnig und damals sehr umgänglich; er verkehrte gerne mit Freunden und Kunstgenossen, was sich leider in späteren Jahren verlor. Sein jüngerer Bruder Heinrich legte ebenfalls schon Beweise ab, die zu den Erwartungen berechtigten, die er später als großer Historienmaler in der Allerheiligen- und St. Bonifacius-Kirche rechtfertigte. Wagenbauer,17 obwohl nicht mehr jung an Jahren, doch jung auf dem Gebiete der Kunst, gehörte auch zu den hervorragenden Talenten jener Zeit. Er malte ausschließlich Thiere und Landschaften und war in seiner Darstellung naiv und anmuthig. Obwohl er die Niederländer studirt hatte, ging er doch seinen eigenen Weg, strebte nach Licht und Wahrheit und folgte fleißig der Natur, was seine Bilder für Jedermann verständlich und anziehend machte. Wagenbauer kam erst spät[283] dazu, sich ganz der Kunst widmen zu können. Er hatte in der leichten Reiterei der bayerischen Armee gedient und noch in der Schlacht bei Hohenlinden gefochten. Es blieb in seinem Benehmen immer etwas Unbehilfliches und Derbes, so sehr er sich bemühte, das abzulegen. Sein Streben in der Kunst war sehr achtungswerth; er nahm es ernst und arbeitete fleißig und mit Liebe; hatte auch viel Talent für Musik. Unter diesen aufstrebenden Künstlern ist auch Dorner18 zu nennen. Er betrat in so ferne eine neue Bahn, als er sich strenger an die Natur hielt als seine meisten Vorgänger und Zeitgenossen. Seine Motive wählte er meistens aus dem benachbarten Hochland, in dem er sich während des Sommers viel herumtrieb und eifrig studirte. Besonders glücklich war Dorner in der Darstellung wilder Gebirgslandschaften. Seine sehr geschätzten Bilder hatten eine klare und frische Farbe, sein Vortrag etwas Energisches und Geistreiches. Wie er selbst eine kräftige, derbe Natur war, so trug er dieses sein Wesen auch auf seine Werke über. Darum drückte sich in ihnen Originalität und Selbständigkeit aus. Sein biederer Charakter und guter Humor erwarb ihm viele Freunde. Wer ihn näher kannte, der schätzte und liebte ihn. Dominicus Quaglio,19 aus einer alten italienischen Decorationsmaler-Familie, war in diesem Künstlerkreise nicht nur als Künstler, sondern auch in seinem geselligen Umgange einer der genialsten Menschen. Anfänglich trieb er die Theatermalerei, verließ sie aber bald und schuf viele Architekturbilder (meistens innere und äußere Ansichten von Kirchen). Er lithographirte auch anfänglich vieles und erwarb sich durch sein Streben und seinen Fleiß schnell einen bedeutenden Ruf. Im geselligen Verkehre war er die Seele der Unterhaltung. Unerschöpflich[284] an Witz und launigen Erzählungen, belebte er jede Gesellschaft, weßhalb man sich gerne um ihn schaarte und obwohl man ihm wegen seines mißtrauischen Wesens selber nicht viel traute, so liebte man ihn doch, weil er ein so angenehmer und guter Mensch war. Amazon.de Widgets Ein sehr hervorragender Künstler, obwohl er die Kunst nicht als eigentlichen Beruf trieb, war Karl von Heideck,20 Major im Generalstabe der bayerischen Armee. Er hatte sich nach Beendigung der Kriege und seiner Rückkehr aus Spanien mit großer Liebe zu der Kunst gewandt. Seine geistreichen Aquarellzeichnungen ließen schon früher sein Talent zur Genüge erkennen. Seit 1815 versuchte er sich in der Oelmalerei und leistete in kurzer Zeit Außerordentliches. Alles, was er machte, trug den Stempel der Genialität und einer scharfsinnigen Beobachtungsgabe, mit der ihn die Natur reichlich beschenkt hatte. In diesem Kreise war ferner Stieler21 wegen seiner feinen Manieren und seines äußerst gefälligen Benehmens im Umgange eine allgemein beliebte Persönlichkeit. Auch bei Hofe galt er viel; er hatte ein Atelier in der Residenz und sehr viele Aufträge vom Hofe. Besonders excellirte er in Damenportraits. Er wußte das Schöne an den Köpfen hervorzuheben, ohne die Aehnlichkeit zu verlieren, eine Eigenschaft, mit welcher der Portraitmaler sich immer sehr beliebt macht. Das schließt aber nicht aus, daß er auch ähnliche Männerportraits malte, was aber immer leichter ist. Die Bilder von Stieler trugen den Stempel seines eigenen Charakters; sie hatten etwas mild Abgerundetes und Gefälliges. Diese soeben genannten Künstler und andere, die namentlich aufzuzählen mich zu weit führen würde, trugen wesentlich[285] in München zum neuen Aufblühen der Kunst bei. Sie waren es auch, auf die König Maximilian I. seine besondere Aufmerksamkeit richtete. In diesem Kreise bewegte ich mich vorzugsweise. Ich verkehrte viel mit diesen Malern und fühlte eine wahre Wonne darin, mich wieder in einem regen, vorwärtsstrebenden Kunstleben zu befinden. Ich hatte dies ja so lange und schmerzlich vermißt. Mit besonderem Vergnügen blicke ich noch jetzt auf jene Zeit in München als eine der glücklichsten Epochen meines Künstlerlebens zurück. In dieser Zeit war Mannlich,22 ein schon bejahrter, gebildeter Mann von großen Kenntnissen, Centralgallerie-Direktor und übte nicht unbedeutenden Einfluß auf die Richtung der Kunst, voran der Malerei. Er besaß das Vertrauen des Königs und war der Vermittler zwischen ihm und den Künstlern. Und Diejenigen, welche unabhängig von der Akademie ihre eigene Richtung verfolgten, lehnten sich an Mannlich an. Es ist nun einmal ein Uebelstand in dieser Welt, daß so selten die Menschen vereint und ohne Nebenabsichten zu einem guten oder schönen Zwecke ruhig und mit Besonnenheit zusammenwirken! Eitelkeit, übertriebener Ehrgeiz, Eigennutz bereiten der Entwicklung des Guten und Schönen stets die größten Hindernisse. So ging es auch hier. Langer, eifersüchtig auf Mannlich, der vorzugsweise das Vertrauen des Königs besaß, feindete diesen an. Bei der dadurch herbeigeführten Uneinigkeit blieben die Anhänger Mannlich's nicht unbetheiligt und so trennte sich bald die Corporation der Künstler in zwei Parteien, von denen die der Akademie der Zahl und Stellung nach die größere, die andere aber bald die stärkere war. Langer gab sich in seiner Leidenschaftlichkeit öfters Blößen, die dem kaltblütigen, besonnenen, alten Mannlich die Mittel boten, ihn bei dem König in ein nachtheiliges Licht zu setzen und seinen Einfluß zu schwächen. Der gute König Maximilian, dessen edles Herz gerne die[286] ganze Menschheit mit Liebe umfaßt und beglückt hätte, richtete jetzt seine Aufmerksamkeit vorzugsweise auf jene Künstler, die sich an Mannlich angeschlossen hatten und bot ihnen Gelegenheit zu ihrer Fortbildung. Er beglückte sie mit seinem Wohlwollen und behandelte sie wie zarte Pflanzen, die man auf einen für ihr Wachsthum gedeihlichen Boden setzt, um sie groß zu ziehen. Die Künstler durften ihm ihre Werke zeigen, und alljährlich kaufte er einen Theil der vorzüglichsten derselben, was sie aneiferte. Die Wände seiner Wohnzimmer waren ganz mit Bildern meist lebender Künstler angefüllt; erhielt er etwas Neues, Besseres, so mußte ein älteres weichen. Er machte dann öfters Geschenke, entweder an die Gallerie, oder nach auswärts, denn er zeigte gerne, was man in München leistete. Aufträge jedoch gab er nicht leicht, ebenso war es eine seltene Ausnahme, wenn er Pensionen ertheilte, um Künstler nach Rom zu schicken. Er hatte eine vorgefaßte Meinung, daß man ihnen sehr oft dadurch nur die Gelegenheit zum Faullenzen biete. Alles aber, was er für die Kunst that, geschah mit Liebe und Zartgefühl. Kein Künstler fühlte, daß ihm der König sein Bild abkaufte, nur ihm eine Unterstützung zu gewähren, es wurde stets als eine Auszeichnung betrachtet. Als ein Beweis, wie zart der König mit den Künstlern umging, erzähle ich hier etwas, was mir selbst begegnete. Er hatte ein Bild von mir gekauft, das ihm große Freude machte. Bald darnach begegnete ich ihm bei einem Pferdevorführen im Beisein vieler Cavaliere. Sobald er mich erblickte, winkte er, ging mit mir auf die Seite und sagte: »Apropos, Adam, der alte Mannlich hat an dem Bilde etwas getadelt, vielleicht könnte es noch geändert werden. Ich will es Dir schicken und wenn der Fehler gut zu machen ist, thue es dem Alten zu Liebe. Er meint es gut und versteht etwas. Mir für meinen Theil wäre es so, wie es ist, auch recht.« Mannlich hatte eine gute Art, dem Künstler seine Ansichten mitzutheilen. Er that dies stets offen und so, daß ihn jeder verstehen konnte. Dabei drang er keinem seine Meinung[287] auf und war nicht abstoßend. Für das wirklich Gute und Gelungene zeigte er lebhaftes Interesse. Neben Mannlich stand als Gallerie-Inspektor Georg Dillis,23 dessen ich schon oben Erwähnung gethan. Er füllte seinen Platz auf eine Weise aus, die ihm Ehre machte und ein wahres und lebhaftes Interesse für Kunst und Künstler bekundete. Die Gallerie war in dieser Zeit für die Künstler sehr zugänglich, und das Studium der alten Meister wurde ihnen auf alle Art und Weise erleichtert. Dillis machte fast täglich die Runde durch alle Säle und ging den dort studirenden Künstlern mit Rath und That an die Hand. Man konnte recht gut sehen, daß er dies nicht blos von Amtswegen, sondern aus Interesse für die Kunst that. Selbst ein sehr talentvoller Landschaftsmaler, besaß er vielseitige Kunstkenntnisse. Seine Zeichnungen sind geistreich und geschmackvoll. Schon früher hatte er den Kronprinzen Ludwig auf seinen Reisen in Italien begleitet24 und dabei viel gezeichnet. Dillis stammte aus einer achtbaren Försterfamilie und hatte den geistlichen Stand erwählt; aus seinem ganzen Wesen blickte aber immer etwas Naturwüchsiges hervor, wodurch er bisweilen mißverstanden wurde. Ich hatte große Verehrung für ihn und erfreute mich seines Wohlwollens. Auf solche Weise wirkte die Direktion der Akademie und Gallerie verbunden mit dem wohlthätigen Einflusse von oben herab wechselweise thätig für die Fortbildung der Künstler. So fand ich die Kunstzustände in München, als ich 1815 dorthin aus Mailand zurückkehrte. Ich werde es versuchen, über den weiteren Entwicklungsgang der Kunst, soweit mir derselbe noch erinnerlich ist, meine Bemerkungen mitzutheilen. Es liegt aber ferne von mir, eine Geschichte der Kunst in dem neuen München zu schreiben; das muß ich Jemand überlassen,[288] der mehr Beruf zum Schriftsteller hat als ich. Ich wollte in diesen Blättern lediglich schlicht und einfach das Erlebte erzählen und die erhaltenen Eindrücke schildern. Seit meiner Rückkehr aus Italien bis zum Tode des Königs Maximilian war meine Stellung in München, dem äußern Anschein nach zu urtheilen, eine sehr angenehme, vielleicht zu angenehm, um in jenem Maße vorwärts zu schreiten, als es vermöge der mir von der Natur verliehenen Anlagen und Kräfte hätte sein können. König Max hatte seine Aufmerksamkeit auf mich gerichtet. Er erwies sich mir sehr gnädig und kaufte viele von meinen Werken. Auch Prinz Eugen nahm einen großen Theil meiner Zeit in Anspruch und war immer ein wenig eifersüchtig, wenn meine Bilder in andere Hände kamen. Feldmarschall Fürst Wrede legte sich in seinem Schlosse zu Ellingen eine ganze Sammlung fast ausschließlich von meinen Bildern an, ebenso der Oberst-Stallmeister Baron von Kesling. Auch viele andere Kunstliebhaber bemühten sich, Werke von mir zu erhalten. Was ich nur immer machte, wurde gekauft, und alles fand man schön und gut. Eine solche Stellung birgt für einen Künstler große Gefahren. Sie führt oft auch bei dem besten Willen zu einer gewissen Leichtfertigkeit und weckt die Lust, mehr Geld zu verdienen, als gut ist. Ein gewisses Etwas muß vorhanden sein, das den Künstler zu rastloser Thätigkeit aneifert; wenn man ausnahmsweise Beispiele hat, daß Künstler, bei denen der Gelderwerb die Haupttriebfeder ihrer Thätigkeit ist, es auch in ihren Leistungen weit bringen können, so sind diese eben Ausnahmen. Der Ehrgeiz wirkt kräftiger und treibt manchen Künstler dazu an, das Aeußerste von sich zu fordern. Aber auch das ist ein gefährlicher Gefährte, denn er führt leicht auf Abwege. Eitelkeit, Anmaßung und Ueberschätzung des eigenen Werthes gesellen sich oft unvermerkt dazu; bei unedlen Naturen auch noch Neid und Mißgunst, die eben den Künstler nicht edler[289] machen. Wer die Kunst nicht aus Liebe zu ihr selbst treibt, wem die Ausübung derselben nicht Lust und Bedürfniß geworden, den wird sie niemals beglücken. Wenn ich vorhin sagte, daß die günstige Stellung, in der ich mich befand, vielleicht nicht dazu geeignet war, mich in dem Maße voranschreiten zu lassen, als es vermöge meiner Naturanlagen hätte sein können, so dürfte der Grund hievon nicht in einem Mangel an reiner Liebe zur Kunst selbst zu suchen sein. Ich kann mir selbst und der Welt das redliche Bekenntniß ablegen, daß ich von meiner frühesten Jugend bis in mein 75. Jahr, in dem ich diese Zeilen niederschreibe, von der wärmsten Liebe zur Kunst beseelt blieb. Sie gerade war es vorzugsweise, die mich zur Thätigkeit und Ausübung der Kunst getrieben hat. Auch war ich stets weit entfernt von der Schwäche, zu glauben, daß, weil meine Werke gesucht wurden und man alles, was ich in jener Epoche machte, schön und gut fand, es auch wirklich so sei. Ich tadelte manches Bild, das ich von der Staffelei gehen ließ, hinterher oft härter, als es Fremde thaten. Aber ein Hinderniß trat mir in den Weg, schwerer zu überwinden als zu große Liebe zum Gelderwerbe: der unabweisliche Bedarf desselben. Meine treffliche Frau war keine schlechte Wirthin, aber in einem gewissen Wohlstande aufgewachsen, und nicht so wie ich daran gewöhnt, alles, was dem Menschen nur einigermaßen entbehrlich ist, abzuschütteln, sobald es die Umstände erheischen, um ungehindert einem vorgesteckten Ziele zusteuern zu können. Auch brauchte es Jahre lang Zeit, bis sie sich an die deutschen Sitten, die Lebensweise, den Umgang mit Dienstboten und Anderes mehr gewöhnte; das führte manche Ausgabe herbei, die ich unter andern Verhältnissen nicht gemacht haben würde. Meine Familie vermehrte sich sehr schnell und war in wenigen Jahren schon zu einer bedeutenden Anzahl Kinder herangewachsen, und ich begann zu fühlen, daß sich an ein glückliches Familienleben auch ein Schweif häuslicher Sorgen anhänge, der nie gekannte Lasten mir auferlegte. Daneben nahm auch die Theilnahme für meine armen Eltern, für deren Unterhalt ich sorgte, mich sehr in Anspruch.[290] Auch meine Geschwister bedurften meiner Unterstützung, und so wuchs im Laufe der Zeit der Geldbedarf meines Hauses zu einer ansehnlichen, mir sehr unwillkommenen Höhe und hemmte die freie Bewegung meines künstlerischen Schaffens. Ich war der einzige vom Glücke Begünstigte in meiner Familie und hatte mir schon 1804, als ich das elterliche Haus verließ, die Aufgabe gestellt, dereinst die Stütze meiner Familie zu werden und wollte das, was ich mir damals gelobt, jetzt lösen, aber es mußte sehr häufig auf Rechnung der Kunst geschehen. In München machte sich im Laufe der Zeit ein sichtbares Vorwärtsschreiten in der Kunst bemerkbar. An Heß und Heideck hatte ich zwei große Rivalen, und ich durfte alle meine Kräfte zusammennehmen, um mitzukommen. Heideck danken wir die Beseitigung mancher veralteten, zum Theile noch aus der Zopfzeit auf uns übergegangenen Manieren. Der dunkle Vordergrund, der gewisse Coulissenbaum und ähnliche Unarten verschwanden nach und nach. Heideck, der nicht von dem Ertrage seiner Leistungen zu leben brauchte, erfreute sich einer sehr unabhängigen Stellung, und geistreich, wie er war, versuchte er manches, was ein anderer sich nicht getraute. Er war durchaus hell in seinen Bildern, suchte keine groben Contraste, um die Gegenstände auseinander zu setzen, und brachte das Licht oft bis ganz in den Vordergrund. Mannlich sagte von ihm, er jage den Difficultäten nach. Uebrigens fallen die besten Werke Heideck's nur zwischen die Jahre 1816?1825; später gerieth er auf Abwege. Im Jahre 1823, den 16. Februar, wurde der Kunstverein in München gegründet. Es war der erste in Deutschland und das Vorbild für so viele ähnliche Vereine, die sich über ganz Deutschland und darüber hinaus verbreiteten, um die Liebe zur Kunst zu erwecken und den Künstlern Gelegenheit zu ihrer Entwicklung und zum Verkaufe ihrer Werke zu verschaffen. Anfangs hatte die Vereinigung einer Gesellschaft von Künstlern und Kunstfreunden keinen andern Zweck vor Augen als den, ein geeignetes Lokal zu miethen, in welchem die Künstler ihre Werke auf eine vortheilhafte Weise ausstellen könnten, um sie[291] dem Publikum und auch Fremden leichter zugängig zu machen. Zweck und Absicht hiebei war der Beachtung werth und fand auch bald große Theilnahme, allein man stieß auf Hindernisse. Zur Gründung eines Vereins bedurfte man der Bewilligung der Regierung und die deßhalb gemachte Eingabe wurde unter Hinweisung auf die Akademie, welche dieselben Zwecke verfolge, abschlägig beschieden. Es lag klar zu Tage, daß Langer, dem das Aufblühen einer Corporation von Künstlern, die der Akademie gegenüber eine ganz unabhängige Stellung einnahmen, ein Aergerniß war, dagegen gearbeitet hatte. Durch eine solche Vereinigung wurden ja jene Künstler gekräftigt und der Einfluß der Akademie, dem äußern Anschein nach, geschwächt. Der Grund des abschlägigen Bescheides war übrigens ein sehr schwacher. Die Akademie hielt alle drei Jahre eine große Ausstellung. Weil wir aber fanden, daß es gut wäre, wenn den Künstlern auch innerhalb der drei Jahre Gelegenheit geboten würde, ihre Werke in einem passenden Lokale vereint zur Anschauung zu bringen, entstand der Gedanke, einen solchen Verein zu gründen. Indeß wir waren abgewiesen; man ließ die Köpfe hängen und guter Rath war theuer. Da ging ich aus der übelgestimmten Gesellschaft nach Hause und entwarf noch denselben Abend den Plan zu einer Verloosung von Kunstgegenständen unter einer geschlossenen Gesellschaft und zu der beiläufigen Organisirung des Vereins, wie er sich nachher gestaltet hat. Andere nahmen sich dann dieses Planes an, gaben es für ihr Werk aus und thaten sich viel darauf zu gute, daß man auf solche Weise zum erwünschten Ziele gelangte, denn die in solcher Art gemachte Eingabe erfreute sich der Bewilligung der Regierung.25[292] Oft schon habe ich an mich die Frage gerichtet, ob ich mit diesem Plane etwas Gutes gethan oder nicht, und bis zu dieser Stunde bin ich darüber noch nicht einig. Indeß ließ ich mir doch um dieser Sache willen keine grauen Haare wachsen. Mir war dieser Plan nur Mittel zum Zwecke und später wäre ein ähnliches Unternehmen doch entstanden. Offenbar erhielt von nun an die Pflege der Kunst eine ganz andere Richtung als früher. Was vordem von Kunstsinnigen und einsichtsvollen Liebhabern geschah, das wurde nun zum großen Theile in die Hände des Volkes gelegt. Das hatte, wie so vieles in der Welt, viel Gutes, aber es kamen in der Praxis auch große Schattenseiten zum Vorschein. So lange die Gesellschaft kaum 300 Köpfe zählte, ging alles ganz vortrefflich. Man war eifrig bemüht, in das durch freie Wahl berufene Comité, dem die Leitung der Geschäfte übertragen wurde, nur die einsichtsvollsten Männer zu wählen. Jener Theil desselben, dem der Ankauf der zur Verloosung bestimmten Gegenstände oblag, bestand nur aus fünf Personen: zwei Künstlern und drei Kunstfreunden. Diese Männer, die es sich zur Ehre anrechneten, das ihnen geschenkte Vertrauen zu rechtfertigen, beobachteten die möglichste Rücksicht gegen die Künstler. Ueber ihre Berathungen wurde das strengste Stillschweigen beobachtet, und Niemand erfuhr, wer für oder gegen dieses oder jenes Bild gestimmt hatte. Es bleibt auch nur auf diese Weise das Urtheil und die Abstimmung frei von allen Nebenabsichten. Unter den Künstlern entstand unter diesen Verhältnissen ein äußerst reges und heiteres Leben; Künstler und Kunstfreunde lebten in freundlichem Verkehr zusammen. Man versammelte sich öfters in zahlreicher Gesellschaft bei einem Mahle;26 die[293] Verloosung der Kunstwerke, die alljährlich am 16. Februar, als dem Stiftungstage des Vereins, stattfand, war jedesmal der Anlaß zu einem heitern Feste, kurz, das Institut stand in Jugendblüthe, wuchs und gedieh sichtlich. Es war eine der schönsten Kunstepochen in München, und wer in jener Zeit gelebt hat, versetzt sich gerne in Gedanken in dieselbe zurück; leider verlief sie nur zu schnell. Nach 4?5 Jahren war die Mitgliederzahl von 300 auf 3000 gestiegen. Dies gab dem Vereine bald eine völlig andere Gestalt. Man glaubte nun, durch Vermehrung der Comité-Mitglieder der großen Mitgliederzahl mehr Antheil an der Verwaltung einräumen zu müssen. Das Schiedsgericht (Ankaufscommission) wurde erst von fünf auf sieben, dann auf neun, endlich auf elf Mitglieder gebracht. Der Verwaltungs-Ausschuß bestand getrennt von dieser Commission aus 16 Mitgliedern. Je zahlreicher aber diese Behörden wurden, desto mehr Schattenseiten entfaltete der ursprünglich so schöne Verein. Es war nun schwer, so viele einsichtsvolle Männer zu finden, die man zu einer schonungsvollen und umsichtigen Leitung des Ganzen brauchte, besonders da man durch eine Bestimmung, nach der die Hälfte der Comité-Mitglieder alljährlich austreten mußte, die freie Wahl beschränkte und die uneigennützigsten und brauchbarsten Männer beseitigte. Diese zogen sich zurück und versagten ihre fernere Mitwirkung bei der Leitung der Geschäfte. Die Zügel kamen dadurch oft in ungeweihte Hände, die mehr verdarben als gut machten. Mangel an Kenntnissen, Parteilichkeit, Einseitigkeit des Urtheils trat nun oft an die Stelle einer sorgsamen Pflege der Kunstentwicklung. Am Ende wurde der Verein von den Künstlern als Markt und von den Kunstfreunden die Verloosung als der wichtigste Zweck desselben betrachtet. Damit verlor er an Würde und man ließ das edlere[294] Ziel, das ihm gesteckt war, die Hebung und Förderung der Kunst, immer mehr aus den Augen.27 Uebrigens darf man trotz dieser Mängel nicht verkennen, daß durch die Gründung des Kunstvereins ungemein viel Leben und Streben wachgerufen wurde. Ein Hauptgewinn der Kunstvereine mit einer permanenten Ausstellung, bei der die Bilder oft wechseln, wie dies in München der Fall ist, dürfte vor allem darin zu suchen sein, daß dem Künstler Gelegenheit geboten wird, seine Werke zu jeder Zeit, die ihm dienlich scheint, neben den Werken anderer Meister aufzustellen und sie mit diesen vergleichen zu können. Wem es ernstlich darum zu thun ist, zu sehen, wo es seinen Bildern fehlt, der hat hier die beste, ja, ich möchte sagen, fast einzige Gelegenheit dazu. Kein Künstler ist im Stande, sein Bild selbst richtig beurtheilen zu können, solange es in seinem Atelier ist. Nur wenn es in einem andern Lichte und neben andern Werken zur Anschauung kommt, wird das einseitige Urtheil über das eigene Bild beseitigt. Dieser Gewinn aber ist nicht gering zu achten. Leider wird er von einer Anzahl Künstler nicht genug gewürdigt, sonst würden sie nicht bloß jene Werke zur Ausstellung bringen, die sie an den Kunstverein zu verkaufen gedenken; das ist ein Uebelstand, der besonders in späterer Zeit sehr überhand nahm. Während durch das Wachsen und Gedeihen des Kunstvereins Leben und reger Verkehr bemerkbar wurde, traten neue Talente hervor, die man später zu den hervorragendsten Malern Münchens zählte, so Carl Rottmann,28 D. Monten,29 [295] H. Bürkel30 und Andere mehr. Rottmann, der mit Recht als Landschaftsmaler erster Größe gilt, hatte 1822 die ersten Versuche an das Licht gebracht. Wie an diesen, so erkannte man auch an Bürkel's Erstlingsarbeiten das schöne Talent, das ihm einen so bedeutenden Ruf erwarb. Ebenso zeigten die Leistungen von Monten bald sein Genie in der lebendigen Auffassung der Gegenstände, die er sich zum Vorwurfe seiner Darstellungen wählte. Auch mehrere dänische Künstler lebten damals in München, die vieles zu einer lebhaften Concurrenz beitrugen; besonders hinsichtlich der Technik, der Farbe und Wirkung ihrer Bilder hatten sie manches vor unsern einheimischen Malern voraus. Unter diesen sind besonders Simonsen,31 Holm,32 Fearnley,33 Gurlit,34 Storch35 und Andere zu nennen. Unter den schon früher in München lebenden Künstlern war auch ein Niederländer, Landschaftsmaler Cogels.36 Seine[296] Werke hatten in Farbe und Vortrag viel Verdienstliches und weichen hierin ziemlich von denen der Münchener Künstler ab. Tieferes Studium der Natur und Ernst der Gedanken durfte man aber in Cogel's Bildern nicht suchen. Besonders begünstigte ihn Langer. Als warmer Kunstförderer ist hier zu nennen ein schlichter Bürgersmann, Namens Reichel. Er legte sich eine kleine, aber schöne Sammlung von Gemälden an, der einzige, der im Verhältnisse zu seinen Mitteln vieles leistete, so daß sein Name hier genannt zu werden verdient. Seine Kunstliebe war weit entfernt von Ostentation, sie kam aus seinem Innern. Von Cogel besaß er nur zu viel für eine kleine Sammlung. Von 1823 an steigerte sich das Kunsttreiben immer kräftiger bis 1840. Viele Kunstvereine entstanden in dieser Zeit in Deutschland. Zu den ersten und erwähnenswerthesten gehören die zu Hannover, Hamburg, Prag. Diese waren in Folge des großen Interesses, das man dort den neuen Erscheinungen im Gebiete der Malerei und besonders den von München kommenden Werken schenkte, von großem Einflusse auf Belebung der Kunst. Ihnen folgten viele andere, ja zu viele, da bei manchen der Wirkungskreis und die Mittel nicht hinreichten, um bedeutenden Einfluß auszuüben und sie dadurch der Produktion des Mittelmäßigen oft Vorschub leisteten. Manches ging dadurch von der Würde verloren, womit die Hebung der Kunst behandelt werden soll. Es wäre schwer, alle die Namen jener Künstler aufzuzählen, welche in jener Epoche Vorzügliches leisteten und zu dem neuen Aufblühen der Kunst beitrugen; ihre Werke, welche[297] sich durch ganz Deutschland ausbreiteten, werden von selbst die Namen ihrer Meister der Vergessenheit entreißen. Wie die Kunstvereine wesentlich mitwirkten, Leben und Thätigkeit in der Kunst anzuregen, und jungen Talenten Gelegenheit boten, ihre Kräfte zu prüfen und zu entwickeln, so wurde für die höhere Entwicklung der Kunst in großartigstem Maßstabe gesorgt durch König Ludwig, ja eine neue Kunstepoche hervorgerufen. Cornelius37 wurde von ihm nach München gezogen, um die Frescobilder in der Glyptothek zu malen und durch Andere unter seiner Leitung ausführen zu lassen. Mit Cornelius wuchs eine ganz neue Schule, aus der das Große und Erhabene des Gedankens mächtig hervortrat. Später kamen auch Schnorr38 und andere tüchtige Meister, welche diese großartige Richtung einschlugen. Unter der Leitung von Cornelius erhielten andere junge Künstler den Auftrag, die Arkaden am Hofgarten mit einer Reihe von Frescobildern aus der bayerischen Geschichte zu zieren, was viele Kräfte in Thätigkeit setzte und Gelegenheit bot, sich für die Historienmalerei auszubilden. Rottmann setzte diese historischen Bilder unter den Arkaden in einer langen Reihe von Fresken fort, die interessante und klassische Punkte Italiens darstellen. Sie gewähren dauernden Genuß und machen den Beschauer mit jenem schönen Lande bekannt. König Ludwig dichtete dazu eigene sinnige Verse, welche über den Bildern angebracht wurden. Schnorr erhielt den Auftrag, die Säle der neuen Residenz mit Wandgemälden zu schmücken. Zuerst malte er die Nibelungensäle, später die Festsäle. Hiebei fanden auch andere Künstler unter Schnorr's Leitung Beschäftigung.[298] Die wohnlichen Räume des Palastes zierten Kaulbach,39 Philipp Foltz,40 Schwind41 und andere tüchtige Künstler mit Gemälden, zu denen der Stoff meistens aus den Poesien deutscher Dichter gewählt wurde. Peter Heß malte im Auftrag des Königs fünf große Schlachtgemälde: Darstellungen von siegreichen Kämpfen der Bayern aus der neuern Kriegsgeschichte. Diese Bilder sind mit der bekannten Meisterschaft dieses Künstlers ausgeführt. Es ist nur zu bedauern, daß sie so hoch und unvortheilhaft aufgestellt sind, dadurch entgeht dem Beschauer die große Vollendung, mit der Heß sie bis in das kleinste Detail durchführte. In demselben Saale, in welchem sich diese Bilder befinden, sind Gemälde von Wilhelm Kobell, auch ein großes Bild von mir, die Schlacht bei Borodino darstellend, und eines von D. Monten. Heinrich Heß bekam die Fresken in der Allerheiligenkirche auszuführen. Dieses großartigen Auftrags entledigte er sich mit jener Meisterhand und der Tiefe des Gefühles, welches er in allen seinen Werken, besonders auf dem Gebiete der christlichen Kunst, kundgibt. Einen Antheil an diesen Werken hatte auch Schraudolph,42 der dieselbe Richtung verfolgte. Später zierte Heinrich Heß auch die Basilika mit Fresken, die zu den schönsten Kunstwerken Münchens gehören. Was des Königs unermüdeter Geist an Kunstbauten, meist durch Klenze,43 Ziebland44 und Gärtner45 während seiner[299] Regierung ausführte und später auch ins Leben rief, ist zu bekannt und hat längst die Welt mit Bewunderung erfüllt, als daß es hier am Platze wäre, sie namentlich aufzuführen; sie stehen da für alle Zeiten und reden selbst. Durch diese Bauten hatte der König die Möglichkeit, eines der größten Talente, den damals noch jungen und leider zu früh verstorbenen Ludwig Schwanthaler, zu beschäftigen. Unendlich Vieles leistete der produktive Geist Schwanthaler's bei diesen Bauten. So erhielt auch die Bildhauerkunst ihren Antheil an dem großen Kunsttreiben in München; Schwanthaler beschäftigte eine große Anzahl tüchtiger Bildhauer, welchen hiedurch Gelegenheit zu weiterer Ausbildung gegeben war. Alles dieses rief ein einziger, echt deutscher Mann wie mit Zauberkraft hervor: König Ludwig der Erste. Was meine eigene Stellung betrifft, so hätte ich in diesem großartigen Schaffen leicht ganz in Dunkelheit verschwinden können, wäre es nicht eine Eigenschaft meines Charakters, vielleicht auch eine gute Gewohnheit gewesen, da meine Kräfte zu verdoppeln, wo Hindernisse zu überwinden sind. Am 21. Februar 1824 starb Prinz Eugen, Herzog von Leuchtenberg, und schon am 12. Oktober 1825 folgte ihm »Vater Max«, der unvergeßliche König Maximilian, nach. Zwei edle Leben endeten in ihnen und tiefe Trauer erfüllte das ganze Land. Ich verlor sehr viel an Beiden; von dieser Zeit an trat ich als Künstler zu München in eine ganz veränderte Stellung. In der günstigen Lage, in der ich, gestützt auf die Gnade des Königs Max, bevorzugt von Prinz Eugen und von so vielen hohen Personen mit Arbeit überhäuft lebte, war es natürlich, daß bei gar manchen Künstlern Neid und Eifersucht rege wurde. Allein solange meine beiden großen Beschützer lebten, ließ man mich ruhig gewähren. Keiner von meinen Neidern wagte, seine wahren Gesinnungen kund zu geben; keiner wollte es mit mir verderben, besonders weil man mir bei dem Prinzen Eugen größeren Einfluß zuschrieb, als ich wirklich besaß und gar Mancher auf diesen kunstsinnigen Fürsten speculirte. Kaum[300] aber hatten diese Beschützer die Augen geschlossen, so sagte man mir, was an mir sei und wo es meinen Leistungen fehle. Das wollte mir anfangs gar nicht munden, aber gerade diese schonungslose Kritik hatte ihr Gutes. Besser wäre es freilich gewesen, schon früher auf meine Fehler mich aufmerksam zu machen. Ich hätte mich dann mehr zusammengenommen. Aber ich war noch nicht so in meinen Jahren vorgerückt, um nicht noch vieles einholen zu können. Und das that ich auch. In meinem Einkommen entstand freilich durch den Verlust dieser beiden, großmüthigen Fürsten eine nicht unbedeutende Lücke. Allein stets gewöhnt, mich durch kein Mißgeschick entmuthigen zu lassen, wußte ich bald, welche Partie ich zu ergreifen hätte. Mit erneutem Eifer setzte ich mich an meine Staffelei; von dieser, von meinem Atelier aus, wollte ich meine Widersacher bekämpfen, und dieses Streben trug seine Früchte. Aber nicht bloß in meinem Atelier, auch in meiner häuslichen Einrichtung war ich darauf bedacht, zweckmäßige und für Zeit und Umstände passende Aenderungen zu treffen. Die Wohnung für meine zahlreiche Familie, verbunden mit einem geeigneten Lokale zum Arbeiten, zog eine ziemlich theuere Miethe nach sich. Ich kaufte deßhalb in einem etwas entlegenen Stadttheile ein Grundstück und baute mir vor allem ein Atelier mit der geeigneten Einrichtung, Thiere darin ordentlich studiren zu können. Ein paar kleine Gebäude, so eine Art Gartenhäuschen, gaben der Familie ein nothdürftiges Unterkommen; man beschränkte sich bis auf bessere Zeiten, so gut es ging. Später dann, im Jahre 1829, baute ich ein geräumiges Wohnhaus für meine Familie und legte, da dasselbe nicht unmittelbar an der Straße stand, vor und hinter demselben einen schönen Garten mit verschiedenen größeren Pflanzungen an, aus welchen im Verlaufe von 30 Jahren große Bäume wurden. Hier lebte ich ziemlich zurückgezogen, bloß in meinem Atelier, für meine Familie und mit der Erziehung meiner heranwachsenden Kinder beschäftigt. Es verschaffte mir übrigens ein ungemein behagliches Gefühl, auf meinem eigenen Grund und Boden zu hantiren, mein Leben war in ein neues[301] Stadium getreten; ein Besitzthum band mich enger an den Staat, in welchem ich lebte. Hier, sagte ich mir, hat Niemand zu gebieten als ich, solange ich die Gesetze des Staates nicht verletze. Das paßte in meinen Kram und zu meiner selbständigen Denkart. Im übrigen aber fuhr ich stets fort, mit großem Eifer und ernstlichem Vorwärtsstreben bei meiner Staffelei zu schaffen. Schon in den Jahren 1815?1825 hatte ich neben andern Arbeiten für den Prinzen Eugen ein Album (eine Art bildliches Tagebuch) von Erinnerungen an den russischen Krieg nach meinen in Rußland gesammelten Zeichnungen in 8 Blättern in Oel auf Papier gemalt; 1827 begann ich mit Bewilligung der Herzogin von Leuchtenberg einen Theil desselben nebst andern aus den in jenem Kriege gesammelten Skizzen in einer Reihe von 100 von mir selbst lithographirten Blättern unter dem Titel: Voyage pittoresque et militaire erscheinen zu lassen.46 Dieses Werk, das in fünf Jahren vollendet wurde, erregte viel Interesse und erfreute sich einer großen Verbreitung. In der Zeit wurde ich auch von mehreren Cavalieren zu einer Reise nach Mecklenburg veranlaßt. Dort fand ich schöne Gelegenheit, meine Pferdekenntniß zu erweitern. Ich sah viel Schönes, malte viel und fand allenthalben die freundlichste Aufnahme. Der Herzog von Holstein-Augustenburg, der mich dort[302] kennen lernte, veranlaßte mich, einige Jahre später ihn auf der Insel Alsen zu besuchen. Mehrere Monate verlebte ich auf dieser wahrhaft idyllischen Besitzung in dieser edlen Familie; diese Zeit gehört zu den angenehmsten Erinnerungen. Später ließ ich in drei Heften 18 lithographirte Blätter von Pferdeportraits aus dem Gestüte des Herzogs und anderes mehr erscheinen, die mit einem Text von dem Grafen von Holmer begleitet wurden.47 Im Jahre 1829 erhielt ich einen Ruf nach Württemberg um Portraits der edlen arabischen Pferde des Königs zu malen. Bald nachher bekam ich den Auftrag zu einem Reiterbildniß des Königs selbst, und da dieses sehr befriedigte, so wurde ein zweites und drittes und jedesmal auf einem anderen Pferde dargestellt, begehrt. Diesen Bildern folgten noch andere Aufträge, so daß ich mich veranlaßt sah, ein ganzes Jahr in Stuttgart zu verweilen. Sowohl durch die besondere Gnade des Königs, als auch durch die unzähligen Beweise von Aufmerksamkeit und des größten Wohlwollens, das mir von so vielen Freunden, die ich dort gewann, zu Theil wurde, verliefen auch diese in Stuttgart verlebten Tage höchst angenehm. Der Aufenthalt unter den treuherzigen Schwaben, ihre Sprache, die anmuthigen Umgebungen Stuttgarts, alles versetzte mich in die behaglichste Stimmung. Sobald ich sah, daselbst einen längern Aufenthalt nehmen zu müssen, ließ ich meine drei ältesten Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, dorthin kommen. Die Söhne hatten schon längst Talent für die Kunst gezeigt, so daß ich sie dort zweckmäßig beschäftigen konnte. Die Tochter, 17 Jahre alt, bescheiden und häuslich erzogen, führte unsere kleine Wirthschaft. Auf solche Weise fühlte ich die Trennung von meiner Familie[303] weniger und fand mich in Stuttgart ganz heimisch. Auch meine Kinder fanden allenthalben die liebreichste Aufnahme; wer zu uns kam, freute sich über unsern kleinen, häuslichen Kreis. Mein Leben war zu allen Zeiten ein sehr thätiges. Ob ich nicht zu viel schuf, will ich dahingestellt sein lassen. Auf alle Fälle habe ich in der Zeit, von der hier die Rede ist, zu viele Pferdeportraits und zu viele kleine und unbedeutende Bilder gemalt. Außer diesen hat auch das Lithographiren von hundert Blättern zu dem Werke über den russischen Feldzug (Voyage pittoresque) mir viele Zeit für bedeutende Arbeiten geraubt. Indessen kam mir ein Umstand zu Hilfe, der mich aus diesem gar zu geschäftsmäßigen Kunsttreiben herausriß. König Ludwig beauftragte mich, ein großes Bild für den Schlachtensaal (die Schlacht bei Borodino) zu malen, das sich an den Bildercyclus von Peter Heß und Wilhelm Kobell anreihen sollte. Der König legte einen besonderen Werth darein, dieses Gemälde von mir ausführen zu lassen, da ich Augenzeuge jener Schlacht gewesen. Mir konnte nichts angenehmer sein als dieser Auftrag, ich brannte vor Begierde, mich wieder auf einem großen Stück Leinwand bewegen zu können. Die tiefen Eindrücke, welche diese furchtbare Schlacht in mir zurückgelassen, traten bei Beginn meiner Arbeit mir wieder lebhaft vor Augen, so daß davon wohl auch etwas auf mein Bild übergegangen ist. Ich führte dieses Werk mit jugendlicher Frische durch. Die Composition ist lebendig und verfehlte die Wirkung nicht, die sie machen sollte. Ich hatte bei dem Bilde in Gedanken, wie in der Ausführung den Totaleindruck vor Augen und hütete mich, in einer zu detaillirten Darstellung mich zu verlieren. Das war aber nicht Vernachlässigung, noch Mangel an Kenntniß, sondern es geschah mit Absicht. Es ist bei großen Bildern, besonders bei figurenreichen Schlachtgemälden nicht gut, wenn man sich in zu viele Einzelnheiten zerstreut. Diese sind nur Veranlassung, daß man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Diesen Auftrag erhielt ich 1823, brachte das Bild aber erst 1835 zur Vollendung. Anfangs erfreute sich meine Leistung in München nicht[304] der großen Anerkennung, die ihr im Laufe der Zeit von Sachverständigen zu Theil wurde. Man war damals noch an einen glatten, bis in Kleinigkeiten sich einlassenden Vortrag gewöhnt. Hierin aber ist man inzwischen längst auf andere Ansichten gekommen, und ich darf sagen, ich habe den Muth gehabt, mich über den herrschenden Geschmack hinwegzusetzen und bin nicht mit der Zeit gegangen, die Zeit ist zu mir gekommen. Damals wurde ich wegen meiner Darstellung getadelt, jetzt nach 28 Jahren lobt man mich ihretwegen. So stellt die Zeit alles an seinen Platz, und ich kann mit der dem Bilde jetzt gezollten Anerkennung zufrieden sein. Mehrere Bilder aus dem Gebiete der Schlachtenmalerei folgten auf jenes Gemälde; der Sinn für eine ernstere Richtung war durch dasselbe in mir wieder mehr geweckt. Sechs solcher Bilder kamen in den Besitz des Kaisers Nikolaus von Rußland. Der zweite Sohn des Prinzen Eugen, Herzog Maximilian von Leuchtenberg,48 vermählte sich mit einer Tochter des Kaisers Nikolaus, der Großfürstin Marie. Diese Verbindung veranlaßte seine gänzliche Umsiedelung von München nach Petersburg. Der Kaiser, welcher ihn liebte, suchte auf alle Weise den Prinzen an sich zu ziehen und so wurde er veranlaßt, sich dort einen eigenen Palast zu erbauen. In einem großen Saale desselben sollten die Siege des Prinzen Eugen aus den Jahren 1809 und 1812 durch mich verewigt werden. Zu diesem Behufe erhielt ich den Auftrag, sechzehn Bilder aus jenen Jahren in namhafter Größe in Oel auszuführen. Diese Aufgabe nahm mich jahrelang sehr in Anspruch, und es freute mich der Gedanke, daß der Sohn den Vater durch mich ehre und mir Gelegenheit gab, viele von den im Kriege gesammelten Skizzen ausführen zu können. Leider erlebte der gute Prinz die Vollendung dieser Arbeiten[305] nicht; sie wurden durch seinen allzufrühen Tod unterbrochen. Drei Bilder fielen dadurch aus; die andern dreizehn aber sind in dem für sie bestimmten Saal zu Petersburg aufgestellt. Außer diesen Bildern besaß der Herzog noch viele andere Gemälde von mir. Auch jene aus früherer Zeit, welche sich zu München in der Leuchtenberg'schen Gallerie befanden, kamen später mit dieser kostbaren Sammlung nach Petersburg. Auf solche Weise arbeitete ich rastlos, bis das Jahr 1848 einen ganz neuen Wirkungskreis für mich herbeiführte. 1 Amazon.de Widgets Joh. Peter von Langer, geb. 1756 zu Calcum bei Düsseldorf, gest. 6. August 1824 zu München. Vgl. Nagler 1839, VII. 287 ff. E. Förster, Geschichte der deutschen Kunst 1860, IV. 168. Liliencron, Allg. Deutsche Biographie 1883, XVII. 678. Robert von Langer, geb. 1783, gest. 6. Oktober 1846 zu Haidhausen. Vgl. ebendas. 2 August Riedel, geb. 1800 zu Bayreuth, gest. 6. August 1883 zu Rom. Vgl. Nekrolog in Beilage 362 Allgem. Zeitung 30. Dezember 1883. 3 Anton von Gegenbauer, geb. 1800 zu Wangen im Allgäu, gest. 31. Januar 1876 zu Rom. 4 Paul Emil Jacobs, geb. 1803 zu Gotha, gest. das. 6. Januar 1866. 5 Jos. Hauber, geb. 14. April 1766 zu Görisried (im Allgän), gest. 23. Dezember 1834 zu München. Vgl. Nagler 1838, VI. 3 ff. Allg. Deutsche Biogr. 1880, XI. 38. 6 Andreas Seidl 1760?1836. Vgl. Nagler 1846, XVI. 216. 7 Moriz Kellerhoven 1758?1830. Vgl. Nagler 1838, VI. 553. Allg. Deutsche Biogr. 1882, XV. 584. 8 Wilhelm von Kobell, geb. 6. Juni 1766 zu Mannheim, gest. 10. Juni 1855 zu München. Vgl. Nagler 1839, VII. 99. Allg. Deutsche Biogr. 1882, XVI. 357 ff. 9 Achtzehn Blätter, colorirt von Ph. H. Dunker, Verlag von Frauenholz in Nürnberg. 10 Karl Ernst Christoph Heß, Kupferstecher, geb. 22. Januar 1755 zu Darmstadt. gest. 25. Juli 1828 zu München. Vgl. Allg. Deutsche Biogr. 1880, XII. 295 f. 11 Heinrich von Heß, geb. 1798 zu Düsseldorf, gest. 29. März 1863 zu München. Vgl. E. Förster, Geschichte der deutschen Kunst. Leipzig 1860, V. 114 ff. Allg. Deutsche Biogr. 1880, XII. 278 ff. 12 Ludwig Grimm (Bruder von Jacob und Wilhelm Grimm), geb. 14. Mai 1790 zu Hanau, gest. 4. April 1863 zu Kassel. Vgl. Nagler 1857, V. 381. Allg. Deutsche Biogr. 1879, IX. 689. 13 Franz Schwanthaler 1760?1820. Vgl. Nagler 1846, XVI. 96 ff. Wurzbach, Lexikon 1876, XXXII. 280 ff. 14 Ludwig von Schwanthaler, geb. 26. August 1802 zu München, gest. 13. November 1848 das. Ueber ihn F. Pocci im Kunstvereinsbericht für 1848, S. 56 ff. Leider existirt außer Fr. Trautmann's »Reliquien«, München 1858, und der schönen Darstellung in E. Förster, Geschichte der deutschen Kunst 1860, V. 220 ff. noch keine des Meisters würdige Monographie. 15 Jos. Kirchmayer 1773?1845. Vgl. Nagler 1839, VII. 28. Allg. Deutsche Biogr. 1882, XVI. 17. 16 Peter von Heß, geb. 29. Juli 1792 zu Düsseldorf, gest. 4. April 1871. Vgl. Nagler 1838, VI. 154 ff. E. Förster 1860, V. 187 ff. Mein Nekrolog in XXXI. 212 ff. des Oberbayer. Archiv 1871. Pecht in der Allg. Deutschen Biographie 1880, XII. 300 ff. 17 Jos. Max Wagenbauer 1774?1829. Vgl. Nagler 1851, XXI. 117. E. Förster 1860, V. 191. 18 Joh. Jak. Dorner 1741?1813. Vgl. Nagler 1836, III. 458 ff. Allg. Deutsche Biogr. 1877, V. 364. 19 Dom. Quaglio, geb. 1. Januar 1788 zu München, gest. 9. April 1837 zu Hohenschwangau. Vgl. Nagler 1842, XII. 140 ff. Kunstvereinsbericht für 1837, S. 79 ff. (mit Quaglio's Portrait). 20 C.W. von Heideck, genannt Heydecker, geb. 6. Dezember 1788, gest. 21. Febr. 1861. Vgl. E. Förster 1860, V. 191. Allg. Deutsche Biogr. 1880, XI. 295. 21 Carl Jos. von Stieler, geb. 1. November 1781 zu Mainz, gest. 9. April 1858 zu München. Vgl. Nagler 1847, XVII. 348 ff. Wurzbach XXXVIII 358 ff. 22 Vgl. oben S. 32. 23 Vgl. oben S. 32. 24 Vgl. hierüber die Erinnerungen des Dr. Joh. Nep. von Ringseis, gesammelt und herausgegeben von Emilie Ringseis. Regensburg 1886, I. 371 ff. 25 Zu den Stiftern des Münchener Kunstvereins gehören Stieler, Quaglio, Heß, Gärtner, Mettenleiter und Raphael Winter, in dessen Wohnung am 26. November 1823 zweiundvierzig Künstler und Kunstfreunde zusammentraten. Adam ist in dem offiziellen Berichte nicht genannt, unterzeichnete aber am 13. Dezember die an König Max gerichtete, »Vorstellung«, worauf schon am 31. Dezember 1823 die allerhöchste Bestätigung erfolgte. Vgl. »Erster halbjähriger Bericht über die Entstehung, den Bestand, die Verfassung und das Wirken des in München errichteten Kunstvereins. Erstattet von dem ordentlichen Verwaltungsausschusse, zusammengestellt von dem Mitgliede des Ausschusses, dem königl. Kämmerer Freiherrn von Proff. München 1824.« 26 Es gab auch daselbst abendliche gesellige Zusammenkünfte, bei welchen nicht allein Künstler, sondern auch Dilettanten und Laien eigene und fremde Kunstwerke zur Ansicht auflegten und durch Vorträge erklärten. Vgl. die ersten, durch Freiherrn von Proff halbjährig erstatteten »Berichte« S. 124 ff. 27 Wir geben hier die subjektive Ansicht Adam's unverkürzt, ohne dessen gesammtes, in manchen Punkten zu Widerspruch reizendes Raisonnement zu theilen. 28 Carl Rottmann, geb. 9. Januar 1798 zu Handschuhsheim, gest. 7. Juli 1850 zu München. Vgl. Nagler 1843, XIII. 473. E. Förster 1860, V. 205. Regnet, Münchener Künstlerbilder, Leipzig 1871, II. 100 ff. 29 Dietrich Monten, geb. 13. September 1799 zu Düsseldorf, gest. 13. Dezember 1843. 30 Heinrich Bürkel, geb. 29. Mai 1802 zu Pirmasens, gest. 10. Juni 1869 zu München. Vgl. Nekrolog in Nr. 165 Allg. Zeitung vom 14. Juni 1869. Allg. Deutsche Biogr. 1876, III. 623 (Pecht). 31 Niels Simonsen, geb. 10. Dezember 1807 zu Kopenhagen, gest. 12. Dezember 1885 das. Nagler 1846, XVI. 448 f. Seubert, Künstlerlexikon 1879, III. 317. 32 Christian Fred. Carl Holm, geb. 18. Februar 1804 zu Kopenhagen, gest. 1846 (nach Müller-Klunzinger 1860, II. 397 zu Rom 1847). Vgl. Raczynski, Geschichte der Kunst 1830, II. 401. Vincenz Müller, Universalhandbuch für München 1845, S. 143. Weilbach, »Dans Künstlerlexikon« 1878, S. 286?288. 33 Thomas Fearnley, geb. 27. Dezember 1802 zu Friedrichshall, gest. 16. Januar 1842 zu München. 34 Ludwig Gurlit, geb. 8. März 1812 zu Altona. Vgl. Seubert 1878, II. 148. W. Kaulen, Deutsche Künstler 1878, S. 73 ff. S. Biographie in den Mittheilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst III. Jahrgang, Nr. 2 vom 22. Januar 1875, S. 25 ff. 35 Friedrich Ludwig Storch, geb. 21. Juli 1805 zu Kjerte auf Fünen, gest. 2. September 1883 zu Kopenhagen. Vgl. Seubert 1879, III. 372. 36 Jos. Cogels, geb. 5. November 1786 zu Brüssel, gest. 31. Mai 1831 zu Leitheim bei Donauwörth. Vgl. Nagler 1836, II. 36 ff. und Neuburger Collectaneenblatt 1872, S. 59. ? Unbegreiflicherweise hat Albrecht Adam zwei Künstler mit Stillschweigen übergangen, mit denen er zeitlebens persönlich innig befreundet war, diese sind sein Landsmann Johann Michael Voltz (geb. 15. Oktober 1784 zu Nördlingen, gest. 17. April 1858. Vgl. das schöne Buch von K. Hagen: Der Maler J.M. Voltz von Nördlingen und seine Beziehungen zur Zeit- und Kunstgeschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Stuttgart 1863) und Johann Adam Klein (geb. 24. November 1792 zu Nürnberg, gest. 21. Mai 1875 zu München. Vgl. C. Jahn: Das Werk von J.A. Klein. München 1863). 37 Peter Cornelius, geb. 23. September 1783 zu Düsseldorf, gest. 6. März 1867 zu Berlin. Vgl. die schöne, schwungvolle Biographie dieses Meisters von E. Förster, Berlin 1874. 38 Julius Schnorr von Carolsfeld, geb. 26. März 1794 zu Leipzig, gest. 24. Mai 1872 zu Dresden. Vgl. E. Förster 1860, V. 91 ff. 39 Amazon.de Widgets Wilhelm von Kaulbach, geb. 1805 zu Arolsen, gest. 7. April 1874 zu München. 40 Philipp Foltz, geb. 1805 zu Bingen, gest. 5. August 1877 zu München. 41 Moriz von Schwind, geb. 21. Januar 1804 zu Wien, gest. 8. Februar 1871 zu München. 42 Johann von Schraudolph, geb. 1808 zu Oberstdorf im Allgäu, gest. 31. Mai 1879 zu München. 43 Leo von Klenze, geb. 29. Februar 1784 bei Hildesheim, gest. 27. Januar 1864 zu München. 44 Georg Friedrich Ziebland, geb. 1800 zu Regensburg, gest. 24. Juli 1873. 45 Friedrich von Gärtner, geb. 1792 zu Koblenz, gest. 21. April 1847 zu München. 46 Voyage pittoresque et militaire de Willenberg en Prusse jusqu'à Moscou, fait en 1812, pris sur le terrain même et lithogr par A. Adam. Munic 1827?1833. 101 Blätter Fol. mit des Künstlers Brustbild von Engelmann auf dem Titel. Dann die Bildnisse des Prinzen Eugen, des Kaisers Napoleon I. und des Königs Murat, ebenfalls von Engelmann lithographirt. Am Schlusse des ersten Heftes ein Blatt nach C.W. von Heideck. ? Nur die Umrisse sind von A. Adam und zwar mit dem Pinsel auf Stein gezeichnet, die lithographische Ausführung dagegen besorgten seine Söhne, vorzugsweise Benno Adam. ? Daran schließen sich: Vierundzwanzig Umrisse (Scenen aus dem russischen Feldzug im Jahre 1812). Nebst dem französischen Titel: Croquis pitt. etc. München 1834. Tondruck. Qu.-Fol. (Auch unter dem Titel: Die hervorragendsten Episoden aus dem Feldzuge in Rußland.) 47 Die Veredlung der Pferdezucht auf Alsen. Bildnisse und Skizzen aus dem Gestüte des Herzogs Christian August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, nach der Natur gemalt 1838. Von Benno und Franz Adam. Stuttgart 1839?1841. 19 Blatt in Qu. Fol. nebst erklärendem Text vom Grafen von Holmer. Gr. 40. 48 Maximilian Eugen Joseph Napoleon von Leuchtenberg, geb. 1817 (vermählt 1839 mit der Großfürstin Maria Nicolajewna von Rußland), gest. 1852. 
 XII. Rückreise.  [219] Zeitlich begab ich mich am 24. September, der bei stürmischem, naßkaltem und höchst unfreundlichem Wetter uns keine Annehmlichkeiten für den Anfang der Reise verkündete, zur festgesetzten Stunde in die Wohnung meiner Reisegesellschaft. Hier war alles noch mit Aufpacken beschäftigt. Es war ein Laufen und Durcheinanderrennen von Männern, Frauen und Kindern. Ein jedes trug sein Möglichstes dazu bei, die beiden Wagen recht zu belasten. Meine Geduld mußte eine harte Probe bestehen, bis sich endlich der schwerfällige Zug langsam in Bewegung setzte. Ich prophezeite diesen guten Leuten, daß sie in dieser Jahreszeit, bei den schlechten grundlosen Wegen, auf diese Weise nicht weit kommen und sich bald in die Nothwendigkeit versetzt sehen werden, entweder umzukehren oder die Hälfte ihres Gepäckes auf die Straße zu werfen. Das wollte ihnen freilich nicht recht gefallen. Die ganze Expedition schien mir überhaupt unter den obwaltenden Verhältnissen zu Unbehilfliches zu haben, als daß ich ihr einen glücklichen Erfolg zutrauen konnte. Als wir endlich durch die mehr als zur Hälfte verbrannten und verwüsteten Straßen dieser ungeheuren Stadt langsam dahinzogen, beschäftigten sehr ernste Gedanken meine lebhafte Phantasie; ich hatte zwar reiflich überlegt, was ich jetzt unternahm, aber wenn der Augenblick der Entscheidung da ist, pocht[219] doch so manches Gefühl an unser Herz, das früher geschwiegen hat. Ich ließ so wackere Freunde und viele Bekannte hier zurück, hatte durch so lange Zeit Freude und Leid, Noth und Mangel und alle Beschwerden des Krieges mit ihnen getheilt. Das aber bindet die Menschen viel fester zusammen, als das Glück, durch das der Mensch leicht zur Selbstsucht sich verführen läßt. Bis jetzt gehörte ich einer großen Gesellschaft an; von dieser bekam ich Schutz und soweit möglich Nahrung und Hilfe in der Noth. Fast jeder Soldat der italienischen Garden kannte mich, weil sie mich den ganzen Feldzug immer im Gefolge des Prinzen Eugen und so oft in ihren Lagern, auf den Schlachtfeldern, kurz überall zeichnen gesehen. Von dem Augenblicke an, wo ich Moskau verließ, stand ich ganz auf mich allein beschränkt in einem unermeßlich großen, mir ganz fremden Lande. Ein ungeheurer Raum trennte mich von meinem Vaterlande; unzählige Hindernisse und Gefahren, welche mir in den Weg treten konnten, machten es sehr ungewiß, ob ich auch das erwünschte Ziel erreichen würde. Bisher aber hatte ich in meinem ganzen Leben keine Ursache gehabt, an meinem Glücke zu verzweifeln, und so sagte ich zu mir: »In Gottes Namen! Was da kommen will, das komme; ich will das Beste hoffen und auf das Schlimmste mich gefaßt halten!« Unter solchen Gedanken verließ ich, wenn auch tief bewegt, doch festen Muthes Moskau. An der äußersten Barrière der Stadt erhielten wir schon die ersten warnenden und abschreckenden Berichte: versprengte württembergische Soldaten, die den Kosaken mit Noth entronnen, sangen uns ein klägliches Lied und warnten, weiter zu gehen, aber so fatal auch ihr Bericht klang, der Ton der schwäbischen Sprache berührte mein Ohr doch angenehm. Ich erfuhr von ihnen, daß sie die Equipagen des Kronprinzen von Württemberg begleitet hätten. Diese wären zwar für den Augenblick glücklich durch, aber Gott wisse, auf wie lange! Ich grüßte sie freundlich als Landsleute und zog weiter. Kaum waren wir eine Viertelstunde gefahren, so hielt mein Diener an, stieg vom Bocke, öffnete den Kutschenschlag und warf mir einen entsetzlich[220] schmutzigen Sack, den er von der Straße aus dem Kothe aufgehoben, vor die Füße. Ich zankte ihn aus, daß er mir einen solchen Schmutz in den Wagen mache. »O Herr,« sagte er mit einer pfiffigen Miene, »dafür werden Sie mir noch Dank wissen; es ist Salz und wir haben keines bei uns.« Dieser in der That wichtige Artikel wäre unbeachtet an der Straße liegen geblieben, doch ging ein vorderes Rad des Wagens darüber. Dadurch entdeckte der Kutscher dessen Inhalt, weil der Sack aufgedrückt wurde. Es verstrich auch kein Tag, wo ich nicht der Worte meines Burschen gedachte. Nur in ähnlichen Verhältnissen lernt man den wahren Werth der dem Menschen wichtigen Dinge schätzen. Nach etwa einer kleinen halben Stunde fanden wir an der Straße einen französischen Chasseur zu Pferde mit dem Karabiner in der Hand als Wachtposten aufgestellt. Er bedeutete, daß wir uns bei dem in einem naheliegenden Gehölze weilenden General melden müßten. Dort brannte ein Feuer und etwas weiter zurück befand sich ein Cavalleriepiquet. Der General saß unter einem schlechten Bretterdache, ein armseliges Tischchen mit Schreibzeug und einigen Papieren vor sich und sah eben nicht aus, als ob er sich in der rosigsten Laune befände. Er schaute mich an und fragte trocken: »Wo wollen Sie hin?« Nachdem ich ihm die nöthige Auskunft ertheilt, sagte er mit derselben trockenen Miene: »Wollen Sie von den Russen gefangen werden?« Ich antwortete, daß ich gerade keine besondere Lust dazu fühle. »Nun,« antwortete er, »ich habe Ihnen schon gesagt, daß Sie nicht durchkommen können: die Heerstraße ist allenthalben vom Feinde beunruhigt; täglich laufen die beklagenswerthesten Berichte hierüber ein.« Ich entgegnete: »Haben Sie, mein General, entschiedene Befehle, Niemand mehr passiren zu lassen?« ? »Nein, aber ich erwarte sie stündlich.« ? »Wenn dem so ist,« sagte ich in bescheidenem Tone, »so bitte ich Sie, die Gefälligkeit zu haben, mir meine Marschroute zu visiren. Sie sehen, ich habe von meinem Gebieter die Erlaubniß, mich nach Bayern zurückzubegeben und will wenigstens den Versuch wagen, ob es möglich sei, durchzukommen.« Der General schaute[221] mich groß an, unterzeichnete meine Papiere und gab sie mir mit den Worten: »Bon voyage!« Dabei warf er mir einen Blick zu, der mir vorkam, als wollte er sagen: »Du Narr!« Einer der Männer aus meiner Reisegesellschaft, der sich zugleich mit mir zu dem Generale begeben, um seine Legitimation vorzulegen, hatte die ganze Unterredung mit angehört. Diese Leute hatten sich noch nicht von dem Schrecken erholt, den ihnen die Unterredung mit den Württembergern eingeflößt hatte, und nun nach dem, was sie gehört, war keine Rede mehr von Weiterreisen. Er eilte zu dem Wagen zurück. Hier gab es eine interessante Scene. Es herrschte allgemeines Entsetzen über die Hartnäckigkeit, mit der ich auf meinem Entschlusse beharrte. Alle Beredsamkeit wurde aufgeboten, mich zur Rückkehr zu bewegen. Die Frauen weinten und eine Zofe warf sich auf der kothigen Straße vor mir auf die Kniee nieder und bat flehentlich, umzukehren und mein junges Leben zu berücksichtigen. Das wäre mir beinahe zu Herzen gegangen, aber es war nicht Zeit für sentimentale Regungen, ich blieb fest. Der Chasseur, unter dessen Augen diese Scene vor sich ging, sah diesem Auftritte verwundert zu und schmunzelte in seinen Bart. Endlich hatte ich mich losgerissen. Meine Gesellschaft steuerte wieder Moskau zu und ich zog unter Sturm und Regen auf der Straße der Schrecken meines Weges. Kaum hatten jene den Rückweg eingeschlagen, so wollten meine Pferde nicht weiter und versuchten, umzuwenden, bäumten und widersetzten sich, so daß wir unsere Noth hatten, vorwärts zu kommen. Der sehr heftige Sturm schlug uns gerade entgegen, was den Pferden sehr zuwider schien ? zudem waren sie gewöhnt, stets in Gesellschaft zu gehen. Es hatte so das Aussehen, als ob die Pferde sogar mein Vorhaben mißbilligten. Ein abergläubischer Mensch hätte leicht in Versuchung kommen können, es als schlimme Vorbedeutung zu betrachten; in meinem Innern aber schien mir eine Stimme zuzurufen: »Mit Muth und Beharrlichkeit wirst du dein Ziel erreichen! Vertraue dem schützenden Engel, der bisher über dir gewacht hat!« Der scheinbare Leichtsinn, mit dem ich unter den obwaltenden Umständen das vorgesteckte Ziel verfolgte, dürfte für[222] manchen, der diese Erzählung liest, etwas Befremdendes haben, aber es war nicht so unbesonnen, als es aussah. Die Gerüchte über die Unsicherheit der Straße im Rücken der Armee erwiesen sich als allerdings nicht so unbegründet, aber ich lebte in der Ueberzeugung, daß sehr viele Uebertreibung mit unterlaufe, wenn ich bedachte, wie es sich im gewöhnlichen Leben selbst mit Gerüchten verhält, wie unsicher und entstellt sie werden, wenn sie einen weiten Weg von Mund zu Mund machen. Hier aber kam dazu, daß schon seit geraumer Zeit das bloße Wort »Kosak!« für die Franzosen als ein wahres Schreckenswort galt. Bei ruhiger Prüfung war ich deßhalb schon berechtigt, an der Wahrheit eines großen Theiles jener Schreckensnachrichten zu zweifeln. Ich richtete darum keinen Blick mehr rückwärts und zog muthig und ergeben in mein Schicksal dahin. Es ging nur mühsam vorwärts, der Weg war schlecht, das Wetter abscheulich und mit den Pferden, die nicht ziehen wollten, hatten wir fortwährend uns herumzubalgen. Die Warnungen vor Gefahren mehrten sich indessen stündlich; die Straße war nicht ganz frei von französischen Soldaten, von vereinzelten Leuten, armen Marodeurs, die ihre Corps verloren hatten und herumirrten, ohne recht zu wissen, wohin? Unter anderm begegneten wir einem Grenadier der italienischen Garde mit ganz verbrannter Nase. Sein Bart hatte Feuer gefangen und die Nase war zunächst das Opfer. Der arme Mensch sprach uns in schlechtem Französisch an und fühlte sich unendlich beglückt, als ich ihm in seiner Muttersprache antwortete. Er wurde sehr gesprächig und ermangelte nicht, uns mit schauerlichen Geschichten reichlich zu versorgen. Ich gab ihm ein Glas Schnaps und eilte weiter. Unter großen Mühseligkeiten verging so der erste Tag unserer Rückreise, ohne besonders frohe Aussichten für die Zukunft. Vor Einbruch der Nacht bekamen wir auch noch in Wirklichkeit die Kosaken zu Gesichte. Links von der Straße zeigten sie sich in der Ferne auf einem sanft ansteigenden Hügel in nicht geringer Anzahl an dem Saum eines Waldes und in der ihnen eigenen Unruhe. Wir hielten einen Augenblick,[223] entschlossen uns aber, vorwärts zu gehen und wo möglich rechts von der Straße abzulenken, um jenen aus dem Gesichte zu kommen. In einem etwas abgelegenen kleinen Thal machten wir Halt, um die Nacht zuzubringen und abzuwarten, welche Aussichten uns der folgende Morgen eröffne. Der bisher so lästige Sturm legte sich, prachtvoll stieg der Vollmond herauf und warf einen Hoffnungsstrahl in meine Seele. Ich wurde zu allen Zeiten von Naturschönheiten, besonders durch den gestirnten Himmel, leicht veranlaßt, die Plackereien des Alltagslebens zu vergessen. So ging es mir auch an diesem Abend. Auf einem Wiesengrunde, durch den ein kleiner Bach floß, welcher uns und den Pferden das nöthige Trinkwasser bot, und unter dem Sternenzelte schlief ich nach kurzem Rückblicke auf die heutigen Ereignisse sanft und ruhig ein. Feuer hatten wir aus Furcht vor Entdeckung keines angezündet und begnügten uns mit kalter Küche. Pelze und Mäntel schützten gegen den Nachtfrost. Ebenso sehr als der Anblick des aufgehenden Vollmondes mir innere Ruhe gebracht, erfreute mich am Morgen ein prachtvoller Sonnenaufgang. Es dauerte jedoch nicht lange, so überzog sich der Horizont wieder mit finstern Wolken, der Sturm raste aufs neue und peitschte uns kalten Regen in das Gesicht, was einen widerlichen Contrast bildete zu der heitern Mondnacht, die uns in so wohlthätiger Stille eines erquickenden Schlafes genießen ließ. Wir suchten von unserem Lagerplatze aus wieder die große Straße auf und zogen nicht lange auf dieser fort, als wir neuerdings von umherschweifenden, theilweise leichtverwundeten Soldaten Nachrichten bekamen, die geeignet waren, uns gegründete Besorgnisse für unsere Weiterfahrt einzuflößen. Sie hatten sich mit den Kosaken gerauft und durchgeschlagen, weil sie noch Munition besaßen. Gegen Mittag erscholl vor uns Kanonendonner, der aber nicht sehr lange anhielt. Es schien, daß eine größere französische Truppenabtheilung in der Nähe mit dem Feinde kämpfte. Indessen ging das alles seitwärts von der Straße vor sich zu unserer Linken. Der Kanonenrauch stieg hinter Waldungen empor, so daß wir nichts näher unterscheiden[224] konnten. Nur so viel wußten wir, daß wir uns in etwas bedenklicher Lage befanden. Uebrigens wurde nach Verlauf einer Stunde alles stille, die Straße frei vom Feinde und wir zogen ruhig weiter, ohne auf besondere Hindernisse zu stoßen. Für den Nachmittag erwartete uns ein Abenteuer ganz besonderer Art. Wir gelangten an eine Vertiefung der Straße, in der ein wahrscheinlich für ein Spital bestimmter Fourgon stecken geblieben war; er war verlassen, die Pferde ausgespannt und weit und breit kein Mensch zu sehen. Verschiedene Gegenstände, darunter eine Kiste, die mindestens einen Centner guten schwarzen Thee enthielt, lagen zerstreut auf der kothigen Straße herum. Die Kiste war aufgesprengt und man sah, daß schon andere vor uns einen Theil des Inhaltes weggenommen hatten. Auch wir verproviantirten uns hier reichlich mit Thee, der uns sehr zu statten kam, denn später wurde er ausschließlich unser erwärmendes Getränk in den kalten Nächten. Bald darauf blieben wir mit unserem eigenen Wagen stecken, die Straße ging steil bergan und war ganz grundlos, so daß die Räder zu tief einschnitten und alle Anstrengungen, unser Fuhrwerk flott zu machen, erfolglos blieben. In dieser peinlichen Lage kam ein Dragoneroffizier der kaiserlichen Garde mit zwei Mann gegen uns hergeritten, hielt still und sah uns mit höhnischer Miene zu, wie wir uns abmühten, unser Fuhrwerk in Gang zu bringen. Endlich ritt er heran und fragte nach woher und wohin und bemerkte, nachdem ich ihm die nöthige Auskunft ertheilt: »Wenn Sie von Moskau kommen, so werden Sie wohl hübsch Proviant und andere schöne Sachen bei sich führen.« Auf meine Entgegnung, daß ich nur den allernöthigsten Bedarf für die Reise bei mir hätte, fragte er, mit lüsternen Augen den Inhalt des Wagens musternd: »Haben Sie Wein?« ? »Nein.« ? »Aber guten Schnaps müssen Sie haben?« ? »Ja.« ? »Nun, wenn Sie meinen Leuten einen guten Trunk geben, will ich Ihnen helfen, Ihr Fuhrwerk wieder in Gang zu bringen, aber Sie könnten nichts Besseres thun, als den Wagen stehen zu lassen, denn weit werden Sie ihn doch nicht bringen!« Ich[225] nahm eine große Flasche Schnaps, gab sie den Dragonern, welche es sich tüchtig schmecken ließen und dann auf einen Wink des Offiziers demselben die Flasche reichten. Auch dieser trank, behielt aber die Flasche und ritt mit den Worten: »Das bringe ich meinem Capitain!« langsam weiter. Die Dragoner, zwei große, starke Männer, halfen uns wirklich den Wagen wieder in Gang bringen, und wir fuhren langsam weiter, kamen aber nicht weit, als das ledige Pferd eines der Dragoner an unserem Wagen vorbeilief. Mein Kutscher, keck und aufmerksam wie die meisten Polen, rief mit sehr lauter Stimme in französischer Sprache: »Herr, schießen Sie hinaus, dahinten sind Räuber!« Mit zwei Pistolen in der Hand sprang ich aus dem Wagen und fand einen Dragoner, der sich abmühte, einen rückwärts aufgepackten Brodsack herunterzubringen, aber er hatte sich zwischen das Packbrett und den Wagenkasten gesperrt, wodurch eine unregelmäßige Bewegung entstand. Diese und sein lediges Pferd hatten den Dieb verrathen. Der Dragoner, in welchem das Ehrgefühl noch nicht abgestorben war, ließ augenblicklich von seinem Vorhaben ab und entschuldigte sich damit, daß er sagte, sein Lieutenant habe ihm befohlen, so zu handeln. Ich bemerkte, daß ein anderer Sack mit Brod auf der Straße lag, ich wollte ihn aufheben, aber der Dragoner bat, ihm diesen zu lassen; es sei sein eigenes Brod, welches sein Pferd verloren habe. Es verhielt sich auch so! Diese Leute hatten Brod und doch wollten sie mir das meinige rauben; so wären wir auf vierzehn Tage ohne Brod gewesen. Etwas später stieß ich noch auf eine kleine Abtheilung Infanterie und erfuhr, daß ein Zusammenstoß mit den Russen stattgefunden und daß die meisten ihrer Leute gefangen worden seien. Ein Offizier schien sichtbar von Furcht ergriffen; er machte eine klägliche Schilderung und bot alles auf, mich von der Unmöglichkeit des Weiterkommens zu überzeugen. Ich erwiderte, es setze der Rückweg nach Moskau mich denselben Gefahren aus, als das Vorwärtsgehen. So wurde ich zwei Tage lang mit ununterbrochenen Warnungen und kläglichen Berichten geplagt und aufgehalten, aber ich ließ mich durch nichts irre[226] machen, verfolgte meinen Weg und wurde diesen Abend durch nichts weiter belästigt. Mit Einbruch der Nacht gelangten wir in ein verlassenes und verwüstetes Dorf. Es war schon dunkel, als wir an einer noch ziemlich erhaltenen Scheuer hielten. Mein Kutscher sah sich nun um ein Unterkommen für die Pferde um und kam mit großer Freude, mir zu sagen, daß wir heute besonders glücklich seien; er hatte eine geräumige Lokalität für uns und die Pferde und auch Stroh gefunden, was etwas sehr Seltenes war, allein in dem Augenblicke, als er mit den Pferden eintreten wollte, scheuten diese und schnaubten, von sichtbarer Furcht ergriffen. Bei dem ersten Schritte vorwärts stolperte mein Diener und trat auf Leichen. Der ganze Raum war mit Todten angefüllt, die über einander gehäuft lagen. So hatte der Instinkt der Thiere diesen Uebelstand eher bemerkt, als der Mensch. Amazon.de Widgets Dieser traurige Anblick bot sich uns noch öfter auf der Reise dar. Wenn wir an ein Haus kamen, das ein Dach hatte, so fanden wir in ihm regelmäßig Leichen, mitunter auch Lebende, die dem Verscheiden unter den jammervollsten Zuständen nahe waren; in der Regel nicht Verwundete, sondern Nachzügler, die im größten Elende ohne Nahrung, erbärmlich gekleidet umherirrten und in das erste beste Haus hineinkrochen, um da in Ruhe zu sterben. Einige derselben erlagen sichtbar dem Hungertod. Sie hatten nur noch die bloße Haut über das Gerippe gezogen und schienen gar nicht in Verwesung überzugehen. Das Dach jenes Hauses hatte einen ziemlich großen Vorsprung; unter diesen stellten wir unsere Pferde; mein alter Reisegenosse und der Kutscher machten sich dort ebenfalls Platz, so gut es ging, ich blieb im Wagen. Feuer machten wir auch heute nicht an, da unsere Lage noch immer die möglichste Vorsicht erheischte, hier um so größere, als wir uns an der großen Straße befanden. So endete der zweite Tag der Reise. War es schon den Tag hindurch abscheulich gewesen, so wurde es in der Nacht gräßlich; es stürmte, regnete und schneite unaufhörlich, Menschen und Pferde befanden sich, meine Wenigkeit ausgenommen, in einem kläglichen Zustande, sie waren[227] buchstäblich unter die Traufe gerathen. Die Pferde blieben die ganze Nacht sehr unruhig und das schönste wurde von den andern, die sich an der Wand möglichst zu schützen suchten, in das Wetter hinausgedrückt und hatte dessen wüthendsten Andrang auszuhalten. So sorglos als wir die verwichene Nacht trotz den uns drohenden Gefahren geschlafen hatten, so peinlich verfloß diese. Sie schien ewig zu dauern! Es ist übrigens fast unbegreiflich, was der menschliche Körper auszuhalten vermag. Der alte sechzigjährige Thierarzt war bis auf die Haut naß, alles, Thier und Menschen, zitterte am Morgen vor Frost, und dennoch hatte es auf die Gesundheit der Menschen keinen weitern nachtheiligen Einfluß; dagegen kostete mich diese Nacht mein bestes Pferd. Dieses mußten wir nach einigen Stunden an der Straße liegen lassen; es bekam Kolik, stürzte zusammen und der Thierarzt benahm mir jede Hoffnung, es weiterzubringen. Es verursachte mir großes Leid, dieses Thier auf solche Weise zu verlieren. Es war der Schimmel, den ich bei Borodino am 6. September hinter mir stehen hatte, als ich das Schlachtfeld zeichnete und die Kugel mir an den Ohren vorbeisauste. Dieses Pferd zeichnete sich neben andern Vorzügen durch eine besonders schöne Mähne, die bis über die Schulter herabfiel und einen ebenso schönen reichbehaarten Schweif aus. Diese wollte ich abschneiden und mitnehmen, aber der Thierarzt, der sich nicht aufhalten mochte, verweigerte hartnäckig, mir ein Instrument für diesen Zweck zu geben. Mit wehmüthigem Blicke nahm ich Abschied von dem guten Thiere, das mir so viele Dienste geleistet, so viele Strapazen ausgehalten, und langsam zogen wir mit zwei Pferden weiter. Auf dem dritten Tagmarsche kamen uns keine beunruhigenden Gerüchte zu Ohren, und es schien, daß wir die erste Gefahr, in russische Gefangenschaft zu gerathen, hinter uns hatten. Alles, was ich durch die verschiedenen Nachrichten und eigene Beobachtung mir zusammenstellte, brachte mich zu der Ansicht, daß es nicht in dem Plane der Russen liege, die Hauptstraße besetzt zu halten, wohl aber schienen sie ein aufmerksames Auge[228] darauf zu richten, der Armee jede Gelegenheit abzuschneiden, sich Lebensmittel zu verschaffen. Auf der Hauptstraße aber und in deren nächster Nähe war nicht so viel zu finden, um einen Hund ordentlich zu ernähren: Alles verwüstet, verbrannt, zerstört und der Weg mit Leichen und mit Cadavern von Hausthieren, Hunden und Katzen und mit allem bedeckt, das an Vernichtung, an Hunger und Elend erinnert. Nicht so war es in der Umgebung, dort gab es noch vieles zu finden. Die große Menge der Nachzügler, welche sich im Lande herumtrieben, zwang der Hunger, sich von der Straße zu entfernen, sobald sie aber das thaten, fielen die Unglücklichen in die Hände der Kosaken. Indeß gelang es ausnahmsweise doch einigen dieser umherschweifenden Haufen, Orte zu erreichen, wo noch etwas zu holen war. Heute kam mir das zu gute. Wir begegneten einigen Soldaten, welche etwa acht bis zehn Schafe vor sich hertrieben und einige Hühner am Tornister angeschnallt trugen. Ich wollte ihnen ein Schaf abkaufen, aber mit Geld war nichts zu machen; jedoch als ich ihnen Brod und Salz anbot, gingen sie bereitwillig auf einen Tausch ein, und ich erhielt für einen einzigen Laib Brod und einige Hände voll Salz einen ganz schönen Hammel. Das Geld hatte ja in solcher Lage keinen Werth; man tauschte und kümmerte sich wenig darum, ob das, was man bot, auch den Werth von dem hatte, was man dafür erhielt. Das augenblickliche Bedürfniß allein bestimmte den Preis, und so erhielten oft die unbedeutendsten Dinge einen enormen Werth. Unbeirrt zogen wir weiter und kamen Abends an ein kleines Gehölze, wo wir von der Hauptstraße ablenkten und bivouakirten, da Wasser in der Nähe war. Wir zündeten Feuer an und schlachteten unsern Hammel. Ganz kunstgerecht wurde er hergerichtet und eine hübsche Keule gebraten. Auch Suppe konnten wir heute genießen. Diese warme Küche und das Feuer that uns ungemein wohl, da wir drei Tage diese Vorzüge schmerzlich entbehrt hatten. In meinem Tagebuch heißt es: »Dritter Tag. Die größte Gefahr vorüber, glückliche Handelschaft, gutes Bivouak, vortreffliches Nachtessen, schönes, aber stürmisches Wetter!« ? Solche Tage[229] nannte man damals glücklich! Wer noch nie in solcher Lage sich befunden, dem muß es sonderbar vorkommen, daß man einen solchen Zustand einen glücklichen nennen kann. Und doch war es so. Traulich saßen wir um das Feuer, das munter brannte und betrachteten mit lüsternen Blicken die Hammelskeule, wie sie sich nach und nach immer schöner bräunte; wir trockneten indessen am Feuer unsere Kleider und Stiefel, die eigentlich seit Moskau nicht mehr trocken geworden waren. Vorrichtungen zur Tafel nahmen nicht viele Zeit in Anspruch; Tischtuch, Teller und Gläser gab es nicht, unser ganzes Küchengeschirr bestand in einer kupfernen Casserole, aus dieser wurde gemeinsam die Suppe mit hölzernen Löffeln gegessen. Mein Tischzeug und was ich an Silber bei mir führte, war mir schon längst gestohlen worden. Auf einem Brettchen wurde das Fleisch transchirt und gegessen; so tafelte man jeden Tag und war vergnügt, wenn man nur etwas zu verzehren hatte. Wir fühlten uns so behaglich, daß wir erst spät an das Schlafen dachten, wickelten uns in unsere Mäntel, legten uns auf die liebe Mutter Erde und schliefen, bis der Morgen graute. Schon am vierten Tage unserer Reise begann die Noth mit dem Futter für die Pferde. Der wenige Haber, den wir in Moskau mit Mühe uns verschafft hatten, war aufgezehrt, ebenso das Heu. Unsere armen Pferde mußten sich mit dem schlechten Gras, das sie mit den Füßen aus dem Boden scharrten, und der Rinde der jungen Bäume begnügen. Sie fraßen auch das alte Stroh von den Dächern, das wir aber nur selten antrafen. Daß bei solchem Futter ihre Kräfte immer mehr abnahmen und wir nur langsam vorwärts kamen, ist leicht denkbar. Zum Glücke begegneten uns Soldaten, die ein Pferd an der Hand führten: ein russisches Thier von starken Knochen und gutem Körperbau. Da das Thier ohne Sattel und Zaum bloß an einem Strick um den Hals geführt wurde, fragte ich, was sie denn mit dem Pferd machten und wo sie es her hätten. Sie antworteten, dasselbe an der Straße gefunden zu haben. Ich fragte weiter, womit sie es zu ernähren gedächten. Da glotzte einer den andern an und sie meinten, das wüßten sie[230] eigentlich selbst nicht. »Gebt es mir,« sagte ich, »euch kann es doch nichts nützen und Fourage findet ihr nirgends.« Wir wurden handelseinig, und ich erstand es für zwei Louisd'or. So kam mir ein glücklicher Zufall zu Hilfe und gab mir einigen Ersatz für mein verlorenes Pferd. Das Thier wurde augenblicklich eingespannt und ließ sich recht gut an. Bei anhaltend schlechter Witterung, Regen, Wind und grundlosen Straßen kamen wir des Abends ohne weitere Hindernisse nach Moshaisk. Dieser arme Ort, den wohl früher niemand besonders beachtete, hatte durch diesen Krieg eine historische Bedeutung bekommen. Er war in ein großes Lazareth verwandelt und bot ein Bild des Jammers und Elendes. Ueberall sah man kranke, elende, verstümmelte Menschen, die sich geisterhaft herumschleppten. Wie mag es erst im Innern der armseligen Holzhütten ausgesehen haben! In dem Winkel eines halbzerstörten Hauses fanden wir ein erbärmliches Quartier. Hier erfuhr ich, daß Major von Zweibrücken noch lebe, aber ohne alle Hoffnung, wieder zu genesen, ich wollte ihn besuchen, konnte aber seine Wohnung nicht erfragen. Am folgenden Morgen den 28. konnten wir Moshaisk verlassen. Es wurden Versuche gemacht, so manches zu besorgen, was wir bedurften, unsere Bemühungen hatten aber geringen Erfolg. Etwas ganz weniges an Lebensmitteln und auf ein paar Tage Fourage für meine Pferde war alles, was wir durch besondere Begünstigung erreichen konnten, obwohl mich die Marschroute berechtigte, Verpflegung und Futter für vier Pferde zu beanspruchen. Ich athmete leichter, als ich diese Stätte des Jammers hinter mir hatte. Nach einigen Stunden kamen wir über das Schlachtfeld bei Borodino. Hier traten mir nochmals die Schrecken des 5. und 7. September lebhaft vor die Augen. Ich hätte mich gerne einen Tag aufgehalten, um manchen wichtigen Punkt zu zeichnen, wozu mir an jenem Tag die Zeit gemangelt hatte, aber in Verhältnissen, in denen man nicht weiß, wovon man am nächsten Tage leben muß, verzögert man ohne dringende Gründe nicht gerne die Fortsetzung der Reise.[231] Dennoch ließ ich meinen Wagen einige Zeit halten und machte einen Gang über einen mir merkwürdigen Theil des Schlachtfeldes, sah aber dort des Gräßlichen und Ekelerregenden so viel, fand die Luft so verpestet, daß ich bald wieder umkehrte. Die meisten Leichen von Menschen und Pferden waren unbeerdigt liegen geblieben, und es würde ein grauenerregendes Bild, wenn ich eine getreue Schilderung des Zustandes geben sollte, in dem ich diese Jammerstätte achtzehn Tage nach der Schlacht fand. Das Tiefergreifendste, was mir ausstieß, waren sieben Menschen, die, auf einen Knäuel zusammengekrochen, zunächst einem todten Pferde lagen. Fünf hatten ihr jammervolles Loos überstanden, der Tod hatte ihre Martern geendet, aber zwei derselben waren noch nicht aufgelöst, konnten noch sprechen und Lebenszeichen von sich geben. Mitnehmen konnte ich sie nicht, ebenso wenig ihnen Hilfe verschaffen, und ich gestehe, daß mich einen Augenblick der Gedanke überfiel, ihnen den Tod zu geben und sie aus ihrem Elende zu befreien. Mit Entsetzen floh ich vor dieser gräßlichen Erscheinung und sagte schwer aufathmend bei mir selbst: »Ja, der Krieg ist das Grauenhafteste!« Jene Unglücklichen waren Russen, welche auf dem vaterländischen Boden achtzehn Tage in solchem Jammer hilflos liegen geblieben. Häufig wurde ich gefragt, wenn ich dieses Ereigniß erzählte, wovon diese Menschen sich so lange ernährt hatten. Hierüber bin ich nicht im Stande, Auskunft zu geben, da ich ihre Sprache nicht verstand und sie überhaupt nicht mehr fähig waren, vieles zu reden; ich habe aber gegründete Ursache, zu glauben, daß sie von dem Cadaver des Pferdes, an das sie herangekrochen, ihr Leben gefristet. Das Schlachtfeld von Borodino ist in seiner Formation sehr düster; jetzt aber erschien es als abschreckende Wüste. Stundenweit begegnete mir niemand, es schien, daß kein menschliches Wesen hier weilen mochte; jeder trachtete, möglichst schnell vorüber zu kommen. Das melancholische Wetter erhöhte noch den traurigen Eindruck, den hier alles auf uns machte. Mein Thierarzt war glücklich, als ich wieder zurückkam; er hatte keine[232] Lust, eine solche Wanderung über das Schlachtfeld anzutreten und saß inzwischen in peinlicher Ungeduld im Wagen. Tiefer Ernst hatte sich meiner bemächtigt und stumm zogen wir auf der verödeten Straße fort, die noch überall die Spuren des Kampfes zeigte. Später kamen wir in die Nähe eines Klosters, welches die Hoffnung erregte, dort ein Quartier zu finden, aber wir trafen ein Lazareth, das uns nur neue, recht traurige Bilder vor Augen führte und uns von dort verscheuchte. Abends bot ein großer Schuppen uns und den Pferden ein erträgliches Nachtquartier. Wir bereiteten Thee ohne Zucker und Milch, weil uns beides fehlte, und verzehrten die letzten Reste des Hammels. Die grauenvollen Dinge aber, die ich an diesem Tage gesehen, erfüllten im Traum noch meine Phantasie mit schrecklichen Bildern. Der nächste Morgen brachte uns wieder ein gräßliches Unwetter; unter Sturm, Regen und Schneegestöber schleppten wir uns den 29. auf der kothigen Straße mühsam weiter. Es war der sechste Tag unserer ununterbrochenen Reise. Unsere Pferde fingen an, bei ärmlicher Fütterung und schlechten Straßen große Mattigkeit zu zeigen. Der häufige aus Westen entgegenkommende Wind belästigte uns ganz besonders. Es war überhaupt eine eigenthümliche Erscheinung, daß es bei Tage stürmte und tobte, während die Nächte meistens bisher schön gewesen. Nachmittags bekamen wir eine Reisegesellschaft: jüdische Kaufleute aus Glogau in Schlesien. Unternehmend wie die meisten Israeliten waren sie der Armee bis Moskau nachgezogen, um Geschäfte zu machen, und schienen nicht unbefriedigt zurückzukehren. Sie sahen gut aus und waren guter Dinge, drei noch ziemlich junge Männer, die sich sehr weltläufig zu benehmen wußten; sie gehörten dem Anzuge und Aussehen nach nicht zu jener Klasse, welcher man auf den ersten Blick den Juden ansieht. Sie hatten sich, wenn auch unvollkommen, in den Ton der gebildeten Klassen hineinstudirt. Ihr Fuhrwerk bestand aus einem mit Segeltuch überspannten, von vier guten Pferden gezogenen Wagen. Es schien ihnen sehr erwünscht, sich an mich anschließen zu können; ich für meinen Theil fand[233] kein besonderes Vergnügen daran. Ich fuhr aus Grundsatz gerne allein, um kein Aufsehen zu erregen, aber ich konnte es ihnen nicht verwehren. Die Erwartung, in der ansehnlichen Stadt Wjasma ein erträgliches Quartier zu finden, täuschte uns abermals; es war so schlecht, daß wir den Morgen kaum erwarten konnten, diese Stadt im Rücken zu sehen, vor der wir einen Monat früher bei reizendem Herbstwetter voll der schönsten Hoffnungen auf einen baldigen glücklichen Erfolg gestanden hatten. Bei besserer Witterung setzten wir unsere Reise fort und wurden mit unsern neuen Reisegenossen näher bekannt. Sie schienen einen Werth darauf zu setzen, mit einem Offizier aus dem Gefolge des Vicekönigs zu reisen und bewiesen mir einen gewissen Respekt. Auch wollte mir bedünken, daß ihnen meine Entschiedenheit, mit der ich alles unternahm, selbst mehr Muth und Hoffnung auf eine glückliche Fortsetzung der Reise einflößte. Sie hatten sich mit Zucker und Kaffee vorgesehen und erboten sich, gegen billige Entschädigung mir davon etwas abzulassen. Gegen Mittag machten wir in einem Dorfe einen glücklichen Fund an Fourage, das war eine große Freude; man fütterte die armen Pferde, die sich recht gütlich thaten und nahm noch einigen Vorrath mit. Abends erblickten wir auf einer kleinen Anhöhe ein einsames Dörfchen und steuerten darauf zu. Die Pferde wurden wenigstens vor Wind und Wetter geschützt untergebracht und ein ganz erträgliches Abendessen bereitet. Hier fanden wir wieder mehrere arme französische Soldaten, die krank und hilflos umherirrten und in den ärmlichen Hütten Schutz suchten. Zwei derselben schlichen sich wie Gespenster an unser Feuer heran und baten, sich ein wenig wärmen zu dürfen; sie hatten ein jämmerliches Aussehen und erregten mein Mitleid im höchsten Grade; ich ließ ihnen etwas warme Suppe reichen, nach der sie mit zitternden Händen griffen und die sie gierig verzehrten. Darauf legten sie sich zusammengekauert unter meinen Wagen und schienen zu schlafen; ich wollte sie nicht stören und ließ sie liegen; am nächsten Morgen aber fanden wir den einen todt, den andern am Verscheiden.[234] Am folgenden Tage, den 1. Oktober, tauchten wieder Gerüchte auf, daß die Straße von den Kosaken beunruhigt werde. Das jagte meinen israelitischen Reisegenossen große Angst ein; sie fingen an, gewaltig rasch zu fahren, was mich um meiner Pferde willen, die mit meinem viel schwereren Wagen größere Anstrengungen zu machen hatten, sehr genirte. Da kam mir wieder ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Ich traf einen Trupp französischer Soldaten, die drei Pferde an einem Wagen hatten, kaufte nach vielem Hin- und Hermarkten für einen mäßigen Preis ein ganz braves Pferd, das sogleich eingespannt wurde. Nun fuhren wir mit vier Pferden weiter, kamen besser voran und erreichten gegen Abend die Stadt Semlewo. Hier sah es wirklich bedenklich aus. Die Eingänge waren mit Pallisaden und allerhand Schutzwehren verrammelt, und wir hatten Mühe, eingelassen zu werden. Die kleine Besatzung hegte große Besorgnisse vor einem Ueberfall und wunderte sich, als sie hörte, wir kämen von Moskau. Auch hier fand man ein erbärmliches Unterkommen; in den Städten waren wir fast immer am schlimmsten daran. Im Freien, selbst bei ungünstiger Witterung, hatten wir doch wenigstens frische Luft, aber in den Städten war es, als ob die Luft verpestet sei. Da wir zeitig in Semlewo ankamen, ging ich noch auf die Kommandantschaft und fand dort recht artige Leute. Es interessirte sie sehr, durch mich so vieles über die Zustände in Moskau und unsere Erlebnisse auf der Rückreife erfahren zu können. »Ich bin wirklich sehr verwundert,« sagte der Kommandant, »daß Sie so glücklich bis hieher gekommen sind, bedaure aber, Ihnen sagen zu müssen, daß es Ihnen nicht gelingen wird, ebenso glücklich Smolensk zu erreichen, wir hören, daß die Kosaken schon bis auf zwölf Stunden von Smolensk alles beunruhigen und haben sie auch hier fortwährend auf dem Halse. Es müssen ganze Militärkommandos ausgesandt werden, um uns Lebensmittel und Fourage zu verschaffen, denn es fehlt uns hier an allem und unsere Lage ist eine miserable.« ? »Das sind schlimme Nachrichten,« erwiderte ich, »aber was wollen Sie hier mit mir machen? Sie sagen selbst, daß Sie[235] Mangel an allem haben, wollen Sie noch ein paar Gäste mehr hier festhalten? Ich bin weit entfernt, Zweifel in die Wahrheit dessen zu setzen, was Sie mir so gefällig waren, mitzutheilen, aber seit ich Moskau verlassen, höre ich immer dieselbe Sprache, und Sie werden mir zugestehen, daß dieselbe Gefahr, welche vor mir liegt, auch hinter mir ist. Niemand weiß, was Napoleon weiter beschließen wird, und auf Ungewißheit hier zu sitzen, dazu kann ich mich nicht entschließen. Ich bin fest gesonnen, morgen meine Reise nach Smolensk fortzusetzen.« Es waren drei bei Borodino leicht verwundete französische Offiziere hier, aber so weit hergestellt, daß sie reisen konnten. Sie saßen schon Tage lang unentschlossen in Semlewo. Mit gespannter Aufmerksamkeit hörten sie unserer Unterredung zu, benahmen sich sodann mit mir und faßten den Entschluß, die Reise zu versuchen. Bei ziemlich kaltem Nebel verließen wir frühzeitig Semlewo und stießen bald auf einen Chasseur à cheval, der als Wachtposten an der Straße hielt. Er sah finster und sehr erfroren aus und brummte uns mit tiefer Baßstimme zu: »In einer Viertelstunde treffen Sie die Kosaken!« machte aber keine Miene, uns von dem Weitergehen abzuhalten. Meine neue Reisegesellschaft gerieth durch dieses Wort in sichtbare Angst. Die Offiziere meinten, bei solchem Nebel weiter zu gehen, sei zu gewagt, man sollte wenigstens warten, bis dieser sich verziehe, es könnte sich ja ereignen, daß man an die Kosaken gerathe, ohne sie vorher zu bemerken. Ich erwiderte, daß wir uns von diesem Wagestück nicht so leicht abschrecken lassen dürfen. Der Nebel verberge zudem ja auch uns vor den Kosaken, diese werden nicht gerade die Straße besetzt halten, wenigstens hätte ich bis daher Gelegenheit gehabt, zu bemerken, daß dies nicht in ihrer Absicht liege. Uebrigens sei ich weit entfernt, die Herren zu bereden, vorwärts zu gehen, und wolle mich vor jeder Verantwortlichkeit verwahren; sie möchten nach eigener Einsicht handeln, ich für meine Person werde vorwärts gehen. Das that ich und langsam wie Schnecken zogen die Offiziere in einiger Entfernung hinter uns her. Wir waren noch nicht sehr weit gekommen, als unsere[236] Lage allen Ernstes eine sehr mißliche zu werden anfing. Von einem Seitenwege kam ein Offizier zu Fuß uns entgegen, der sich beeilte, die Hauptstraße zu erreichen und mit uns zusammenzutreffen. Ich ließ deßhalb etwas langsamer fahren. Als er uns eingeholt, grüßte er freundlich in französischer Sprache und bat uns, anzuhalten. Es war ein großer, starker, sehr wohlgestalteter Mann, in Haltung, Sprache und seinem ganzen Wesen lag etwas Achtunggebietendes. Nach den gewöhnlichen Fragen: »Woher? Wohin?« begann er Folgendes zu erzählen: »Ich bin der Obrist eines polnischen Infanterieregiments, das auf dem Marsche hieher begriffen ist. Gestern Abend verließ ich die Hauptstraße, um auf einem mir bekannten Edelhofe zu übernachten. Dort fand ich auch das gewünschte Unterkommen und trug kein Bedenken, nach langen, beschwerlichen Märschen mich der Ruhe zu überlassen, da ich eine starke Eskorte bei mir hatte. In der Nacht aber wurden wir durch Flintenschüsse alarmirt; die Kosaken hatten uns mit Uebermacht überfallen, meine Leute wurden nach tapferer Gegenwehr gefangen, meine Pferde und alles, was ich hatte, geraubt. Ich selbst entkam im Dunkel der Nacht, und so, wie Sie mich vor Ihnen sehen, besitze ich nichts mehr als meinen Degen. Sie werden meinem Regiment begegnen, dieses werden die Kosaken ungehindert ziehen lassen, sie vermeiden es immer, mit größeren Infanteriemassen zusammenzustoßen. Das Regiment ist brav und würde sich bis auf den letzten Mann schlagen. Sagen Sie seinen Offizieren, was mir begegnet ist, das Regiment solle seinen Marsch beschleunigen, ich erwarte es in Semlewo. Haben Sie den Muth, Ihre Reise fortzusetzen, so wünsche ich, daß Sie glücklicher seien als ich!« So trennten wir uns. Diese Erzählung bot in der That Stoff zu ernsten Betrachtungen und eröffnete uns keine frohen Aussichten auf den heutigen Tag. Nach Verlauf einer Stunde trafen wir auch dieses Regiment, welches zu unserer Verwunderung noch in gutem Zustande und ziemlich zahlreich war. Es nahm die ganze Breite der Straße ein; zu beiden Seiten war es mit einer starken Tirailleurkette umgeben. Die Offiziere waren sehr frappirt über meinen[237] Rapport und erzählten ihrerseits, daß die Kosaken zwar nicht gewagt, das Regiment anzugreifen, aber alles, was an Train und Equipagen hinterher kam, sei verloren und in ihre Hände gefallen. Die Bedeckung hätte sich zur Wehre gesetzt, einige Leute seien gefallen, die übrigen verwundet und gefangen worden, ebenso seien alle Pferde, die hinter dem Regiment hergezogen, eine Beute der Kosaken geworden. Diese hätten zudem ihre Stellung so in einem Walde genommen, daß ihnen mit Infanterie gar nicht beizukommen war. Jenen drei Offizieren, die von Semlewo bis hieher sich gewagt hatten, wurde es nun zu viel. Einer derselben wandte sich an mich mit den Worten: »Nun, junger Mann, was sagen Sie jetzt?« ? »Es sieht sehr gefährlich aus, aber ich kehre nicht um,« war meine Antwort. »Allez,« sagte er mit sichtbarem Zorne, »Sie sind ein Narr.« Sie hatten ein kleines russisches Fuhrwerk mit drei Pferden bespannt bei sich. Mit diesem waren sie ins Gedränge zwischen die Infanterie gekommen und konnten deßhalb nicht gleich umkehren, stiegen ab, spannten die Pferde aus, schwangen sich hinauf und jagten, was die Pferde laufen konnten, Semlewo zu. Später dachte ich oft daran, ob diese drei Herren auch so glücklich waren wie ich, ihr Vaterland wieder zu sehen. Ich möchte es bezweifeln. An Muth und Entschlossenheit schienen sie keinen Ueberfluß zu haben. Nachdem das Regiment vorübergezogen, setzten wir langsam und vorsichtig unsere Reise fort und kamen nach anderthalb Stunden an die Stelle, wo der Ueberfall der Kosaken stattgefunden. Zwei Todte lagen noch in ihrem Blute, auch verkündeten dort rauchende Trümmer von verbrannten Munitionswagen und verschiedenen Gegenständen deutlich, daß man sich vor kurzem raufte. Daß uns bei diesem Anblicke unheimlich zu Muthe wurde, kann ich nicht läugnen; aber sehr angenehm war uns, daß die Kosaken aus unserem Gesichtskreise verschwunden waren und wir sie auch den ganzen Tag nicht zu sehen bekamen. Sinnend und von ganz eigenen Gefühlen ergriffen, setzte ich getrost die Wanderung fort; ein guter Schutzgeist[238] wachte über mir und begleitete mich auf meinem Wege! Immer gelangte ich an so gefährliche Stellen, wenn die Gefahr vorüber war; ein paar Stunden früher oder später hätten vielleicht die ganze Scene geändert. Ohne weiter belästigt zu werden, zogen wir ruhig dahin und kamen gegen Abend in die Nähe eines großen Stadels, der seitwärts an der Straße stand. Ich wäre vorübergefahren, hätte nicht ein gewaltiger Lärm darin meine Aufmerksamkeit erregt. Ich ließ halten, horchte und bemerkte, daß es hier Streit gab. Bald trafen auch wohlbekannte Töne an mein Ohr. Sie waren so stark, daß man sie eine Viertelstunde weit hätte vernehmen können. Ich erkannte deutlich den schwäbischen Accent, stieg aus und trat in den Stadel. Hier fand ich die Equipagen des Kronprinzen von Württemberg. Einige Soldaten von der leichten Cavallerie, welche sie begleiteten, waren uneins geworden und prügelten sich durch. Durch mein Erscheinen legte sich nach und nach das Gewitter. Auch meine Juden schrien mit und halfen nach Kräften, den Lärm zu steigern. Diese waren gestern, durch böse Gerüchte geängstigt, eine gute Strecke über Semlewo hinausgeeilt und so mit den Württembergern zusammengetroffen. In diesem Stadel machte ich eine gute Bekanntschaft an einem königlichen Bereiter, der den Zug begleitete. Es war ein gebildeter Mann, in dessen Umgang ich später manche Stunde zubrachte. Bei diesem Transporte, mit welchem ich nun weiter reiste, befanden sich noch einige schöne Reitpferde, mehrere Equipagen und Wagen und einige reitende Jäger sammt der übrigen Dienerschaft. So angenehm mir nun auch diese größere Gesellschaft war, denn unsere Juden hatten sich auch angeschlossen, so flößte es mir doch bisweilen Bedenken ein, denn die Erfahrung hatte mich auf dieser Reise belehrt, daß fast immer größere Transporte von Kosaken überfallen wurden und ich glaubte weniger bemerkt zu werden, wenn ich ganz allein meines Weges weiter zog. Am zehnten Tage unserer Reise heiterte sich der Himmel auf, die Luft wurde mild und wir hatten mit wenig Ausnahmen durch den ganzen Oktober das schönste Herbstwetter.[239] Es kamen sogar Tage, an denen man den Ueberrock entbehrlich fand und an den Pelz gar nicht dachte. Ungehindert erreichten wir Abends ein kleines Dorf und fanden ein gutes Unterkommen. Ebenso verstrich der folgende Tag; ohne besondere Abenteuer wanderten wir in größerer Gesellschaft unserer Wege. Bei so schönem Wetter dachten wir gar nicht daran, eine Ortschaft aufzusuchen. An dem ersten geeigneten Platze machten wir Halt, schlugen unser Bivouak auf und saßen bei Essen und Trinken unter lebhaftem Gespräche in bestem Humor bis Mitternacht um das Feuer herum. Am zwölften Tag der Reise traf mich ein großer Uebelstand; die Kraft der Pferde ließ bedeutend nach, auch mein Kutscher wurde schwierig. Wir hatten große Noth, weiter zu kommen und verloren so unsere Gesellschaft, der wir nicht folgen konnten. Die Nacht brachten wir in einem Walde zu. Tags darauf trafen wir wieder zufällig mit den Württembergern zusammen und verlebten einen angenehmen Abend auf einem Schlosse, das in einer lieblichen Gegend lag und uns bei schönem Sonnenuntergange mit einem herrlichen Anblicke erfreute. In solchen Augenblicken vergißt man gerne das überstandene Ungemach und schöpft neuen Muth. Den vierzehnten Tag hatten wir mit unzähligen Widerwärtigkeiten zu kämpfen. Unsere Pferde waren so entkräftet, daß sie fast nicht mehr weiter konnten. Das Geschirr riß überall und zum Ueberflusse verfehlten wir noch die rechte Straße, verloren unsere Gesellschaft und erreichten nur mit Mühe Abends die Stadt Smolensk. Hier hatten wir die größte Gefahr und die größten Beschwerden hinter uns, aber große Mühseligkeiten warteten noch auf uns. Mit welchen Anstrengungen hatten wir in vierzehn Tagen einen Weg von 130 Stunden zurückgelegt! Welcher Raum trennte uns noch von dem geliebten Vaterlande! Uebrigens konnte bis Smolensk weder das Ungestüm der Witterung, noch irgend eine Beschwerde meine Gesundheit erschüttern; kräftig und vollkommen gesund kam ich dort an, Muth und Entschlossenheit hatten mich nicht einen Augenblick verlassen.[240] Während eines zweitägigen Aufenthaltes daselbst ließ ich mein Pferdegeschirr, so gut es ging, zusammenflicken, versah mich mit Fourage und etwas Nahrungsmitteln (viel war aber nicht zu finden). Pferden und Menschen bekam die kurze Ruhe sehr gut. Smolensk war ziemlich belebt von französischen Soldaten, aber es schienen mir meistens Marodeurs und Leute aus den Spitälern, eine ansehnliche Garnison war nicht da, ich fand mich darum auch nicht veranlaßt, einen längeren Aufenthalt zu nehmen. Mit ausgeruhten und gut gefütterten Pferden ging es nun am 10. Oktober bei prächtigem Wetter wieder recht ordentlich vorwärts; ich hatte die Straße gegen Minsk eingeschlagen und beabsichtigte, von dort über Grodno und Warschau zu gehen. Das wäre der nächste Weg gewesen, aber in Minsk stieß ich auf neue Hindernisse. Auf den zwei ersten Tagmärschen von Smolensk nach Minsk ging es uns recht gut. Am ersten Tage bekamen wir ordentliches Quartier in einem hübschen Dorfe, am zweiten jedoch ein sehr schlechtes. Das aber achtet man nicht, wenn man daran gewöhnt ist, sich schon glücklich zu fühlen, ein Obdach zu finden, das uns einigermaßen Schutz vor Wind und Wetter bietet. Am 13. Oktober trafen wir auf unserem Marsche zwei Klöster bald nach einander. Das erste war ein Herrenkloster, das von außen sehr einladend aussah, wir suchten deßhalb dort Unterkommen zu finden, allein gleich beim Eingange trat uns ein Geistlicher entgegen, der Protest einlegte. In seiner ganzen Erscheinung lag Würde, so daß wir uns abweisen ließen. Etwas später kamen wir bei einem Frauenkloster an. Hier wurde uns kein Hinderniß in den Weg gelegt, in den Hof einzutreten, der mit einer Mauer umgeben war, aber kein Thor mehr hatte. Das Hauptgebäude war verschlossen und wir machten keine Bemühungen, die Klosterfrauen zu beunruhigen, sondern nahmen von einer Art Oekonomiegebäude, das im Hofe stand, Besitz. Diesem konnte man aber nur zu gut ansehen, daß wir nicht die ersten ungebetenen Gäste waren, welche darin[241] gehaust hatten. Es sah verwüstet und schmutzig aus und hatte weder Fenster noch Thüren. Hier begegnete uns in der Nacht ein sonderbares, fast komisches Abenteuer, obwohl es auf den ersten Anschein ernst genug aussah. Da sich kein Stall vorfand, ließ ich die Pferde in einer Stube unterbringen, an der nicht viel zu verderben war. An diese stieß ein kleineres Gemach, in dem eine schlechte Bettstätte ohne Bett stand. Hier etablirten sich der Thierarzt und der Kutscher, die sich des kleinen Vorraths von Heu, den wir noch hatten, als Kopfkissen bedienten. Ich selbst schlief im Wagen, weil es mir im Gebäude zu schmutzig und die Nacht sehr schön und mild war. Plötzlich wurde ich durch ein gewaltiges Angstgeschrei und Pferdegepolter aufgeweckt. Ich konnte nichts Anderes denken, als daß meine Leute mißhandelt oder gar ermordet würden. Mit dem Säbel in der Hand sprang ich aus dem Wagen und entdeckte bei dem blassen Schein eines Lichtes, das aus einem Fenster des Klosters kam, daß eines meiner Pferde den Kutscher an den Haaren auf dem Boden herumzerrte. Dieses hatte das Heu gewittert, auf dem er mit dem Kopfe gelegen, und versucht, es unter demselben wegzufressen. Dabei hatte es sich mit den Zähnen so in dessen Haare verwickelt, daß es nicht mehr loskommen konnte, ein Auftritt, der sehr erklärlich ist, wenn man weiß, daß dieser Bursche ein sehr dichtes, lockiges Haar hatte, das sich bei dem Leben, das wir führten, auch keiner besonderen Pflege rühmen konnte. Mein Thierarzt eilte ihm wohl zu Hilfe, da aber das Pferd immer rückwärts ging und in der Angst zerrte und zerrte, auch die übrigen Pferde unruhig umhertrippelten, so konnte er allein nicht mehr fertig werden. Wir beide zusammen hatten Mühe, den Kutscher loszubringen. Auf solche Weise wurde unsere Nachtruhe, von der wir uns in der Klostereinsamkeit so gute Erwartungen gemacht, recht unangenehm unterbrochen. Der Kutscher selbst kam außer einigen Huftritten ohne erheblichen Schaden mit dem Schrecken davon. So ein Polack kann viel aushalten! Der 14. Oktober war einer unserer ominösen Tage; wir[242] verfehlten am frühen Morgen die Straße, kamen ganz von der rechten Richtung ab, wurden umgeworfen, jedoch ohne Schaden zu nehmen, und kamen gegen Mittag an eine kleine Ortschaft, wo wir Futter in Hülle und Fülle fanden. Wir glaubten nur zugreifen zu dürfen, und unsere Pferde ließen es sich vortrefflich schmecken. Aber bald wurden wir arg enttäuscht. Es erschien ein Haufe Bauern mit dem Gutsherrn an der Spitze, die sehr brutal thaten und vor Begierde brannten, uns durchzuprügeln. Der Gutsherr stellte mich zur Rede, warum ich die Hauptstraße verlassen habe, dort wären Magazine. Hier aber sei keine Militärstraße u. dgl. m. Es galt, zu einer Finte unsere Zuflucht zu nehmen. Ich that noch brutaler als die Bauern, schrie, sie würden wohl heute noch mehr hergeben müssen; ich hätte die Hauptstraße verlassen, weil in den Magazinen nicht Vorräthe genug wären, da ich einen Train von 60 Pferden bei mir hätte, die nachfolgten. Ich sei voraus geritten, um mich ein wenig umzusehen und Quartier zu bestellen. Dieß und der zuversichtliche Ton, in dem ich sprach, wirkte. Man verlegte sich auf das Unterhandeln; der Gutsherr versicherte mich, daß wir mit leichter Mühe vor Abends einen großen Edelhof erreichen könnten, wo ein weit besseres Unterkommen zu finden sei, als hier, und malte mir die Situation recht reizend aus. Anfangs spielte ich den Zweifler, nahm eine große, aus vier Blättern bestehende Karte von Rußland aus dem Wagen, breitete sie auf dem Boden aus und suchte nun lange darauf herum, zog überhaupt die Verhandlung möglichst in die Länge, damit meine Pferde sich an dem guten Futter recht gütlich thun konnten. Durch dieses sichere Benehmen kam es zuletzt so weit, daß man mir Geld anbot, wenn ich dafür sorgen wollte, daß meine Leute weiter ziehen. Das wies ich mit Indignation zurück, schrieb auf einen Zettel einige italienische Zeilen mit dem Bemerken, das könne man einem Sergeanten geben, wenn meine Leute kämen; es wären lauter Italiener, welchen sie sich sehr schwer verständlich machen könnten, da hätten diese aber die Weisung, weiterzuziehen. So kamen wir aus dieser Verlegenheit und zogen mit unsern sattgefütterten[243] Pferden möglichst rasch von dannen und erreichten wirklich noch am Abende zu guter Stunde den uns bezeichneten Edelhof. Herr und Frau gehörten der gebildeten Klasse an. Ich trat höflich ein, bedauerte, durch ein Versehen die Hauptstraße verfehlt zu haben und bat um Erlaubniß, bis zum nächsten Morgen ihre Gastfreundschaft ansprechen zu dürfen. Man hieß mich willkommen und behandelte mich auch wie einen nicht unwillkommenen Gast. Wir fanden recht gute Verpflegung. Ohne besondere Störung setzten wir am folgenden Tage unfern Weg weiter fort und erreichten am Abende ein hübsches Dorf, das abseits von der Straße lag. Mein Kutscher machte mich aufmerksam, daß es hier nicht ganz geheuer sei. Es schlichen sich allerlei Leute um den Wagen herum, die ihn aufmerksam musterten, auch hätte er einige verdächtige Reden gehört; ich möchte auf meiner Hut sein und lieber noch Jemand zu mir in den Wagen nehmen. Ich meinte dagegen, es werde nicht gerade so gefährlich sein, ermorden würden sie mich wohl nicht, und das Ausrauben denke ich schon zu verhüten. Zur Vorsicht aber legte ich doch meine zwei scharf geladenen Pistolen neben mich auf den Wagensitz. Mein Bursche hatte recht gesehen, in der Nacht verspürte ich Unruhe am Wagenkasten und ein Gemurmel von Stimmen. Ich rührte mich nicht, nahm aber meine Pistolen zur Hand und spannte beide, was man außen gut hören konnte. Auf das hin wurde alles ruhig; dann aber versuchte Jemand mit der Hand durch die vorgezogenen Ledervorhänge hereinzudringen. Diesem versetzte ich mit dem Laufe einer Pistole einen so derben Schlag, daß er seine Hand rasch zurückzog, Gleich darnach hörte ich Tritte von mehreren Leuten, die sich eilig entfernten. Und ich wurde nicht weiter belästigt. Amazon.de Widgets Am folgenden Morgen fanden wir einen armen Juden, der uns für geringes Geld mehrere Stunden weit begleitete und auf die Militärstraße führte, die ich meiner Marschroute gemäß einschlagen mußte. Den ganzen Weg von Moskau bis hieher hatte ich Gelegenheit zu bemerken, daß es immer mit Gefahr verbunden[244] war, wenn man sich von der Militärstraße entfernte. Zwei Tage hindurch, seit wir von der Hauptstraße abgekommen, begegnete uns nicht ein einziger Soldat der französischen Armee, und wir hätten füglich können todtgeschlagen werden, ohne daß ein Hahn nach uns krähte. Jetzt bewahrheitete sich auch, was jener Gutsherr sagte, daß nämlich auf der Hauptstraße Magazine errichtet wären. Wir faßten Fourage und nun kam die Reihe, sich besser zu ernähren, auch an die armen Pferde, nur Schade, daß sie durch die großen Anstrengungen bis hieher schon beinahe zu Grunde gerichtet waren. Ohne weitere besondere Ereignisse schleppten wir uns noch sechs Tage lang mühsam fort, bis wir endlich am 22. Oktober auf drei Stunden Entfernung von Minsk anlangten. So waren nun unter unzähligen Mühseligkeiten und Gefahren volle vier Wochen verstrichen, um diesen Weg von 200 Stunden zurückzulegen. Wie bei einem solchen Marsche alles herunterkömmt, was der Mensch mit und an sich hat, ist leicht denkbar. Wahrhaft bejammernswerth war der Zustand unserer Pferde, es verursachte mir Herzweh, sie anzusehen. Die armen Thiere waren so heruntergekommen, daß sie sich kaum mühsam fortschleppen konnten; auf dem letzten Marsche nach Minsk brauchten wir einen vollen Tag, um eine Strecke zurückzulegen, die ein ordentlicher Fußgänger in drei Stunden leicht zu gehen vermag. Eine herrliche Mondnacht folgte dem stürmischen Tag, an dem wir Moskau verließen. Den Gefahren jenes Tages glücklich entronnen, suchten wir uns damals ein stilles, heimliches Lagerplätzchen, in dem wir uns gleich Dieben, die das Auge der Menschen scheuen müssen, verborgen hielten, ohne es zu wagen, ein Feuer anzuzünden. In einer ebenso schönen Vollmondnacht, bei heiterstem Sternenhimmel bezogen wir vier Wochen später unser letztes Nachtquartier unter freiem Himmel, nur unter ganz andern Verhältnissen. Wir langten nach Sonnenuntergang bei einem kleinen Gehölze an, in dessen Nähe auf einem hübschen Platze seitwärts der Straße ein munteres Feuer brannte, an welchem ich verschiedene[245] Kochgeschirre bemerkte. Mehrere Menschen thaten sehr rührig, lustig, und schienen guter Dinge, so daß ich aufmerksam wurde und sagte: »Ich muß doch sehen, wer diese Leute sind, es scheint dort recht heiter zuzugehen.« Mit diesen Worten stieg ich aus und ging auf das Feuer zu. Wie erstaunt war ich, als ich, näher gekommen, meine frühere israelitische Reisegesellschaft wiederfand. Diese Leute waren nicht minder überrascht und begrüßten mich mit einem wahren Jubel, als sie mich erkannten. »Nun, das soll ein froher Abend werden, hieß es, an den wir uns alle gerne erinnern.« Einer derselben holte ein hübsches Kaffeegeschirr von ihrem Wagen, und vor allem wurde Kaffee gemacht, weil jene wußten, daß ich diesen gerne trinke. Zu dem Essen fügten auch wir von unsern Vorräten hinzu, später wurde auch noch Grogg bereitet. Eine große Heiterkeit ergoß sich über uns alle und machte den Abend zu einem wahren Feste. Man saß bis tief in die Nacht fröhlich beisammen. Es ist immer ein angenehmes Gefühl, wenn man in so widriger Lage Menschen begegnet, die uns Anhänglichkeit bezeigen. Diese erwiesen mir jene Kaufleute, so oft ich ihnen begegnete, ohne daß ich dabei eine eigennützige Absicht bemerkte. Es mag ihnen wohlgethan haben, daß ich sie nie etwas von den Vorurtheilen fühlen ließ, die man im allgemeinen in der Gesellschaft gegen die Juden hegt. Dies kam mir gar nicht schwer an; ich habe jederzeit im Menschen nur den Menschen gesehen, ohne Rücksicht auf Religion, Vaterland, Stand, und habe mich auch immer leicht angeschlossen, sobald ich Herz und Gefühl bei Jemandem wahrnahm. Hiebei bin ich stets gut gefahren. Tags nach diesem zufälligen Zusammentreffen mit den Juden, die mich dringend baten, ihnen das Versprechen zu geben, in Glogau, wenn ich dorthin kommen sollte, bei ihnen zu wohnen, langte ich wohlbehalten in der ansehnlichen Stadt Minsk an, es war am Abend des 23. Oktober. Hier verweilte ich einige Tage, Einiges zu ordnen und meine Pferde (um einen wahren Spottpreis) zu verkaufen. Denn[246] daß ich mit den armen Thieren nicht mehr weiter käme, darüber war kein Zweifel; Vorspann konnte ich auch nicht erhalten und so blieb mir keine andere Wahl, als vorerst bis Wilna Postpferde zu nehmen. Den Tag nach meiner Ankunft begab ich mich zu dem Gouverneur, der mich freundlich aufnahm und sich lange mit mir unterhielt. Meine Papiere gab er einem Offizier des Bureau, um sie zu unterzeichnen und den nöthigen Erlaubnißschein auszustellen, damit ich Postpferde bekommen konnte. Als ich mich nach Hause zurückbegeben hatte, besah ich zufällig meinen Paß und bemerkte, daß ich angewiesen war, über Wilna und Königsberg zu gehen und daß jede Poststation genannt war, die ich zu passiren hatte. In der Marschroute war es ebenso. Augenblicklich verfügte ich mich zu dem Gouverneur und bemerkte, es scheine hier ein Irrthum vorzuliegen; ich hätte den Wunsch ausgedrückt, daß ich den weit näheren Weg über Grodno und Warschau nehmen dürfte. Er blickte mich ernst an und sagte mit Nachdruck: »Es ist kein Irrthum, sondern mit Vorbedacht geschehen. Sie können jene Route nicht nehmen! Gehen Sie den Weg, den ich Ihnen vorzeichnen ließ. Reisen Sie glücklich!« Der Mann sah dabei so ernst aus, daß ich wohl sah, hier gelte keine Einwendung. Im Heimgehen dachte ich aber bei mir selbst: »Sonderbare Laune von diesem Manne, was muß er denn dabei für eine Absicht haben, mich einen solchen Umweg machen zu lassen?« fügte mich aber in das Unvermeidliche und schickte mich zur Abreise an. Das Räthsel, warum man mir in Minsk diesen Weg vorgeschrieben, klärte sich bald auf. Einige Tage, nachdem ich Minsk verlassen, war schon der Vortrab der russischen Armee, die unter Anführung von Tschitschakoff aus der Türkei kam, in der Nähe von Minsk erschienen, und in der zweiten Nacht meiner Reise nach Wilna nahmen die Posthalter schon Anstand, mir Pferde zu verabfolgen, weil das Gerücht allenthalben ging, daß die Gegend von den Kosaken beunruhigt sei. Hätte ich die Straße nach Grodno eingeschlagen, so wäre ich ihnen schnurgerade in die Hände gelaufen.[247] In der zweiten Nacht, bevor ich Wilna erreichte, begegnete mir das wunderlichste und zugleich erfreulichste Abenteuer der ganzen Reise. Wir waren noch zwei Stationen von Wilna entfernt, als ich bei dem Posthause ankam, um die Pferde zu wechseln. Vor demselben stand ein bepackter Reisewagen, der im Dunkel der Nacht meine Aufmerksamkeit auf sich zog, da er mir in seinen Umrissen bekannt schien. Jedoch dachte ich nicht weiter darüber nach und trat, bis frische Pferde angespannt waren, in das Zimmer, um meinen Namen vorschriftsgemäß in das Postbuch einzutragen. Auf langen Bänken, die an der Wand herum standen, lagen zwei Offiziere, mit großen, blauen Mänteln bedeckt, und schliefen. Ich kümmerte mich wenig darum, wollte auch nicht unbescheiden sein und sie naher betrachten, fragte aber, wer sie wären. Ich erhielt zur Antwort, es sei ein französischer General und ein Cuirassieroffizier, sie wären vor einer Stunde angekommen. Damit gab ich mich zufrieden und stieg in meinen Wagen. Ich schlief bald ein und träumte von meinem theuren de Saive, als ich durch ein sehr lautes Rufen außerhalb des Wagens geweckt wurde. Ich traute meinen Ohren nicht und glaubte noch zu träumen, bis ich immer lauter und vernehmlicher rufen hörte: Mr. Adam! Mr. Adam! Ich schlug die Ledervorhänge des Wagens zurück und erblickte den Kammerdiener meines Freundes de Saive. Dieser meldete mir, daß sein Herr bald nach meiner Abfahrt erwacht sei und seinen Namen unter den meinigen in das Postbuch eingezeichnet habe. Ihm habe er befohlen, sich augenblicklich ein Courierpferd satteln zu lassen und so schnell und lange zu reiten, bis er mich eingeholt. Er fügte bei, de Saive sei außer sich vor Freude gewesen über dieses wunderbare Zusammentreffen. Er werde bald nachfolgen und hoffe, wenn nicht auf der Straße, so doch sicher auf der nächsten Post mich zu treffen. Wer ein so inniges, zartes Verhältniß, wie es zwischen mir und diesem edlen Menschen bestand, zu begreifen im Stande ist, wer die Gefühle des Dankes, die mich an ihn fesselten, die[248] bedeutenden Momente meines Lebens, in denen er mir theilnehmend und schützend zur Seite gestanden, zu würdigen versteht, nur der kann sich eine schwache Vorstellung von der Freude machen, die mich belebte, als ich durch jene Botschaft mitten in der Nacht auf fremder Erde erweckt wurde. War es der mir bekannte Wagen, mit dem ich selbst so oft gefahren, waren es die beiden Schlafenden, die mir doch auffielen, oder war es Sympathie, daß ich eben von de Saive träumte? Ich weiß es nicht zu sagen, aber wunderlich genug war das Zusammentreffen mit allen Nebenumständen. Ich ließ von dem Augenblicke an im Schritte fahren. Wir kamen aber erst auf der nächsten Post zusammen. Die Freude des unerwarteten Wiedersehens läßt sich nicht beschreiben. Von da fuhren wir zusammen nach Wilna. Hier verlebte ich die drei glücklichsten Tage meiner Reise, sie verstrichen nur allzuschnell. Wie vieles hatten wir uns zu erzählen! Wie manche Erinnerung an vergangene, frohe Stunden tauchten in diesen Ruhetagen wieder auf! Aber auch mancher trübe Blick in die Zukunft und auf das Schicksal der Armee warf einen finstern Schatten in unsere gegenseitigen Mittheilungen. De Saive war von dem Prinzen Eugen in Geschäften nach Wilna gesandt, und hatte noch dort zu verbleiben, als ich meine Reise nach drei Tagen fortsetzte.1 Wilna ist eine sehr ansehnliche Stadt, und es herrschte dort das lebendigste Treiben, ein großer Zusammenfluß von Truppen aller Art. Für Geld konnte man sich alle erdenklichen Bedürfnisse verschaffen. Ich verbesserte einiges an meiner Kleidung und kaufte mir einen neuen Hut, in dem alten konnte ich mich vor keinem Menschen mehr zeigen.[249] Die Fortsetzung der Reise mit Extrapost schien mir für den weiten Weg, den ich noch vor mir hatte, zu theuer. Ich befürchtete, mit meiner Baarschaft nicht auszureichen, und schloß daher mit einem Juden einen Vertrag, uns für den Preis von 40 Thalern nach Königsberg zu fahren. Diese Leute treiben dort alle Gewerbe und besonders auch die Lohnkutscherei; er hatte fünf Pferde nebeneinander gespannt, und wir kamen wacker vorwärts. Uebrigens war dieser Jude ein Kerl voller Ränke und Schwänke, wie die meisten Leute dieser Art; man hätte glauben können, er sei bei einem italienischen Vetturino in die Lehre gegangen. Zum Glück hatte ich gelernt, mit solchen Leuten zu verkehren, und ein paarmal gab es selbst, da es nicht anders ging, Prügel, dann kamen wir wieder recht gut mit einander aus; es handelte sich dabei um pekuniäre Dinge und Prellereien. Meinen polnischen Diener hatte ich in Wilna zurückgelassen; er fand auch bald einen andern Herrn, mit dem er nach Paris kam; drei Jahre später besuchte er mich in München. Am 28. Oktober verließen wir Wilna, erreichten zu Kowno den Niemen und fuhren an dem rechten Ufer dieses Grenzflusses fort bis Tilsit. Hier verließen wir Rußland. Nie werde ich das angenehme Gefühl vergessen, das ich empfand, als ich den russischen Grenzsäulen Lebewohl sagte. Ueber diese Tour von Wilna bis Tilsit läßt sich wenig Bemerkenswerthes sagen, obwohl wir von Wilna bis Tilsit acht Tage unterwegs waren. Wir fanden meistens schlechtes Quartier und schlechte Straßen, nur das Wetter war noch sehr schön. Auf dieser Route traf ich zu meiner Freude wieder mit den Equipagen des Kronprinzen von Württemberg zusammen. Am 5. November kamen wir in Tilsit an. Mit dem ersten Tritte auf das linke Ufer des Niemen begrüßten wir die deutsche Heimath mit einer Freude und einem Jubel, welche nur der begreift, welcher lange unter fremden Völkern gelebt hat. Das sind nur Renegaten, die sich unter fremden Nationen gar so sehr behaglich fühlen.[250] Der Zufall wollte, daß mir gleich beim Eintritt in die erste deutsche Stadt der Kontrast mit dem jenseitigen Ufer des Niemen recht grell in die Augen fiel. Ich wurde bei einer Familie einquartiert, die der gebildeten Klasse angehörte. Sie bestand aus einer Wittwe mit drei Töchtern, die an Schönheit, jugendlicher Frische und Anmuth der Sitten miteinander wetteiferten. Die Mutter selbst stand in noch nicht sehr vorgerückten Jahren und hatte in Sprache und Ausdruck etwas Mildes und Anziehendes. Es war ein unbeschreiblicher Gegensatz zu dem Leben, den Wohnungen und Familienverhältnissen, welche ich am russischen Ufer der Memel gefunden. Man empfing mich mit Höflichkeit, lud mich ein, im Familienzimmer Platz zu nehmen und mich zu erwärmen, bis mein Zimmer geheizt sei, und bot mir Kaffee an. Anfangs war man freilich etwas frostig, da meine Uniform und die französischen Adler auf meinen Knöpfen und Aufschlägen für diese Damen nichts Anziehendes hatten. Trotzdem erwiesen sie sich theilnehmend und wurden bald zutraulich, als sie fanden, daß unter meinem französischen Rocke ein deutsches Herz schlage. Sie erwiesen mir alle Aufmerksamkeit, verpflegten mich sehr gut und bedauerten, daß ich nur auf einen Tag einquartiert sei, sie würden mich gerne länger behalten, damit ich mich von den überstandenen Strapazen ein wenig erholen könnte, allein dazu wäre nothwendig, daß ich die besondere Bewilligung einhole, welche ich durch den artigen Kommandanten bereitwilligst erhielt. Drei angenehme Tage verlebte ich daselbst, welche in geistiger Hinsicht den wohlthätigsten Einfluß auf mich übten. Dagegen mußte ich mich nach dem langen, wilden Nomadenleben erst allmälig wieder daran gewöhnen, in einem ordentlichen Bette zu schlafen und gut verpflegt zu werden. Ich war so sehr abgehärtet und an frische Luft und rauhe Witterung gewöhnt, daß ich nach meiner Zurückkunft in München den größten Theil des strengen Winters von 1812 auf 1813 in einem ungeheizten Zimmer arbeitete. Bevor ich Tilsit verließ, vertauschte ich meinen bequemen Reisewagen mit einem leichteren und bekam 25 Louisd'ors Aufgeld,[251] die mir sehr zu Statten kamen. Ich hatte auch sehr wohl daran gethan, mir einen leichten Wagen zu verschaffen, denn der Boden dieser Ostseegegend ist so weich und morastig, daß die Wege wahrhaft grundlos waren, und noch immer gab es keinen Frost, obwohl die Jahreszeit schon so vorgerückt war und wir uns im November befanden. Ueber die Reise nach Königsberg ist wenig zu sagen. Wir erreichten diese interessante Stadt am Abend des 6. November. Hier fand ich aber nicht die liebevolle Aufnahme, wie in Tilsit. Wir wurden in dem Hause eines angesehenen Beamten einquartiert, in dem alles auf Wohlstand deutete. Eine Magd führte uns durch den Hof in ein Hinterhaus, wo uns ein Zimmerchen mit einem Bette angewiesen wurde. Als ich nach einem zweiten Zimmer und Bett fragte, erhielt ich zur Antwort, das Bett wäre für uns beide, für mich und den Thierarzt. Ich verlangte darauf den Herrn des Hauses zusprechen, wurde aber zu der Frau geführt, mit dem Bedeuten, der Herr sei abwesend. Welch eine Erscheinung! Eine lange, hagere Gestalt mit gelbem, bleichen Gesicht und Zügen, aus denen Geiz und Mißgunst sprachen, stand vor mir. Sie war sehr verwundert, daß ich ein zweites Bett verlangte und bemerkte, in jenem Bette, das uns angewiesen worden, hätten auch zwei Pagen des Kaisers geschlafen, als Napoleon hier gewesen. Ich erwiderte, daß ich recht gut wüßte, wie es in einem Hauptquartiere Napoleons zuginge, da kämen dergleichen Dinge wegen Mangels an Raum gar oft vor, jetzt aber sei Napoleon nicht hier und in Königsberg wäre Raum genug, um einen Offizier des Vicekönigs anständig unterzubringen. Es sollte mir leid thun, wenn ich veranlaßt würde, Schritte zu machen, die sonst nicht in meiner Art wären. Ich bliebe acht Tage hier, um mich zu equipiren; wenn ich artig behandelt würde, so würde sie einen bescheidenen, artigen Mann an mir finden, im Gegentheil könnte ich auch unartig sein, wenn es noth thue. Auf diese Unterredung hin wurde mir ein anderes, besser eingerichtetes Zimmer aufgeschlossen, während mein Reisegefährte das erste Zimmer behielt. Die Frau bekam[252] ich nicht mehr zu Gesichte, ich trug auch kein Verlangen darnach. Hier in Königsberg fühlte man allenthalben die in politischer Hinsicht herrschende schwüle Stimmung. Bei jedem Anlasse drückte sich die unfreundlichste Gesinnung gegen alles aus, was zur französischen Armee gehörte. Auch die Franzosen, welche sonst gewöhnt waren, in Deutschland sehr freundlich behandelt zu werden, waren eben nicht sehr bemüht, die französische Artigkeit an den Tag zu legen. Bei jeder Gelegenheit kam die große Geringschätzung zum Vorscheine, die man seit dem Jahre 1806 gegen das ganze preußische Volk hegte, und so fand der gegenseitige Haß täglich neue Nahrung. Noch war man von der mißlichen Lage, in der sich Napoleon und seine Armee befand, hier nicht völlig unterrichtet. Wie mag jene erbitterte Stimmung zugenommen haben, nachdem die Nachricht von dem unglücklichen Rückzuge kund wurde. Ich für meinen Theil fand es deßhalb angezeigt, mit meinen Erzählungen in Königsberg vorsichtig zu sein. Meine Börse litt auch unter dem Widerwillen, den man gegen die französischen Uniformen hatte. Da ich mir einige nothwendige Kleider machen ließ, übernahm mich der Schneider also, daß ich, gering geschätzt, alles doppelt bezahlen mußte. Uebrigens kam mir mein Glücksstern auch in Königsberg wieder entgegen. Ich bedurfte einer neuen Marschroute und begab mich deßhalb auf das Bureau des Oberkriegskommissärs. Kaum eingetreten, blickte ein schöner, junger Mann von seinem Pulte auf, erhob sich und kam mir freundlich entgegen. Es war ein liebenswürdiger Franzose, den ich 1809 in Wien kennen gelernt hatte. Er interessirte sich damals lebhaft für mich und wir waren in Schönbrunn viel beisammen. Er verschaffte mir jetzt auf meiner Marschroute Ansprüche auf Vorspann, die ich auch, mit Ausnahme von Sachsen, überall ohne Anstand bekam. Dadurch wurde mir die Weiterreise sehr erleichtert und ohne diese Begünstigung hätte ich mit meinem Reisegeld nicht ausgereicht. Am 16. November verließ ich Königsberg, nachdem ich hier[253] den ersten Schnee gesehen und meine Frau von meiner baldigen Ankunft in München benachrichtigt hatte. Von Königsberg war mir der Weg über Elbing, Marienburg, Marienwerder, Graudenz, Culm, Bromberg vorgezeichnet. Die Reise bot von nun an nicht viel Bemerkenswerthes. Zwar brachte jeder Tag noch seine kleinen Beschwerden und fast jedes Quartier Eigenthümlichkeiten mit sich, die Stoff zu besondern Beobachtungen über die Menschen und ihre Lebensweise, ihre Sitten, Gebräuche und Wohnungen bieten. Ein Hackländer würde mit seiner Schilderungsgabe und Darstellungsweise immerhin Stoff genug gefunden haben, ein paar Bände auszufüllen; da aber diese Blätter nichts anders, als eine einfache, schlichte Erzählung der Erlebnisse auf meiner Rückreise sein sollen und keinen Anspruch auf eine literarische Durchbildung machen, so kann Vieles unberührt bleiben was am Ende doch gewöhnlich ist, sich häufig wiederholt und dadurch nur meine Erzählung schleppend machen würde. Die Straßen befanden sich in den meisten Gegenden, die wir durchreisten, besonders in Westpreußen, Polen und Sachsen in elendem Zustande wodurch das Weiterkommen sehr erschwert und die Reise entsetzlich langweilig wurde. Auch schlug die Witterung um und wurde sehr unfreundlich und naßkalt. In unsern Tagen, wo durch Eisenbahnen und alle möglichen Transportmittel das Reisen so erleichtert ist, kann man sich schwer einen Begriff machen, wie man von Moskau nach München, ohne sich besonders zu verweilen, drei Monate brauchen konnte, obwohl hiebei 80?100 Meilen noch mit Extrapost zurückgelegt wurden. Am 18. November verlebte ich in Elbing bei einer sehr gebildeten Familie einen jener Tage, die unter solchen Verhältnissen schöne Erinnerungen zurücklassen. Der Besitzer des Hauses besaß eine hübsche Bibliothek, in der sich Wielands Werke in einer Prachtausgabe befanden. Ich erfrischte mich sehr an diesem anmuthigen Dichter. In der Festung Graudenz, wo wir am 23. spät eintrafen, wollte ich Niemand mehr belästigen, sondern befahl dem Kutscher,[254] mich in ein gutes Gasthaus zu führen, wurde aber in unfreundlichster Weise in drei Gasthöfen abgewiesen und erhielt endlich durch die bereitwillige Vermittelung der Kommandantschaft für mein Geld Quartier und gute Verpflegung. Nachdem ich ein sehr gutes Abendessen zu mir genommen, führte mich der Wirth nach dem im Hause befindlichen Casino, wo ich zahlreiche Gesellschaft fand, in der die Offiziere die Mehrzahl bildeten und tonangebend waren, wie das in allen Festungen zu jener militärischen Zeit der Fall war. Aller Augen, alle politischen Meinungen, Hoffnungen und Wünsche sind auf den Soldaten gerichtet, darum fühlt er sich auch mehr als zu jeder andern Zeit. Anfangs wurde ich in dieser Gesellschaft ein wenig schief angesehen, bald aber trieb die Neugierde einige Offiziere, sich mit mir in ein Gespräch einzulassen, das große Aufmerksamkeit erregte. Es dauerte gar nicht lange so sah ich mich von einem zahlreichen Kreise von Offizieren umgeben, die auf alle andere Unterhaltung verzichteten und mit gespanntem Interesse auf meine Mittheilungen über die Ereignisse in Moskau, die Schlacht bei Borodino und den Zustand, in welchem ich die Armee verlassen, lauschten. Meine Mittheilungen erregten um so größere Eindrücke, als ich mit der mir angewöhnten Wahrheitsliebe und Einfachheit erzählte, was ich gesehen und erlebt. Man nahm mich in die Mitte, behandelte mich als Kameraden und wurde zutraulich. Ich mußte mit den Offizieren zechen, und Niemand scheute sich, seine wahren Gesinnungen kundzugeben. Hier hatte ich Gelegenheit, einen tiefen Blick in die preußischen Zustände zu thun. Die Offiziere brannten vor Begierde, die Schmach, welche seit 1806 auf der Armee lastete, abzuwaschen, und Niemand schien zu zweifeln, daß diese Zeit nicht mehr gar ferne sei. Die Niederlage bei Jena ist geschichtlich und wenig darüber mehr zu sagen, als daß die größte Schuld auf die fällt, welche in ihrem Dünkel es wagten, mit einem so überlegenen Gegner wie Napoleon sich in einen so ungleichen Kampf einzulassen, anstatt Hand in Hand mit Oesterreich jenem Koloß an Deutschlands[255] Grenzen entgegenzutreten. Der preußischen Armee fehlte es nicht an braven und tapferen Offizieren und Soldaten. Diese unterlagen dem Genie eines überlegenen Gegners, und eine solche Niederlage erträgt der Soldat in dem Gefühle seine Pflicht gethan zu haben. Seine Ehre ist dadurch nicht befleckt; er hat den Wechselfällen des Kriegsglückes und einem unvergleichlichen Gegner weichen müssen. Aber der Uebermuth der Franzosen, die Geringschätzung der preußischen Armee, die Verachtung, die sie gegen das ganze Volk an den Tag legten, war im höchsten Grade unpolitisch. Das mußte Erbitterung wachrufen und das verletzte Ehrgefühl des Soldaten auf das äußerste reizen. Die ganze Nacht bis gegen Morgen saß ich unter den Offizieren bei einer Bowle Punsch; sie konnten sich nur schwer von mir trennen. Am Morgen verließ ich Graudenz mit einer Art Ueberzeugung, daß Napoleon verloren sei, wenn ihn das Mißgeschick traf, bis nach Preußen sich zurückziehen zu müssen. Gleich nach meiner Ankunft in München hatte ich den Muth, diese Ansicht in Gegenwart eines geachteten bayerischen Generals und eines königlichen Prinzen auszusprechen, wurde aber bald gewarnt, mit solchen Prophezeiungen etwas vorsichtiger zu sein. In Bromberg war keine Brücke über die Weichsel und der Eisgang so stark, daß ich nur durch große Versprechungen es erreichen konnte, noch denselben Abend unter Lebensgefahr auf einer Fähre übergeschifft zu werden. Am nächsten Morgen wäre es nicht mehr möglich gewesen und wir hätten einen großen Umweg über Thorn machen müssen. In Preußisch-Polen bekam ich Anwandlungen von kaltem Fieber, das sich aber nach einem Tage Aufenthalt glücklich wieder verlor. In diesem Landstriche zwischen Weichsel und Oder ist die Unreinlichkeit nach allen Richtungen hin in höchstem Grade zu Hause. Am 2. Dezember kamen wir nach Glogau und ? wunderlich genug! ? kaum waren wir in die Stadt eingefahren als uns einer von unserer israelitischen Reisegesellschaft begegnete. Wir[256] konnten auf keine Weise loskommen und mußten die frühere Einladung annehmen und bei ihnen wohnen, fanden auch eine sehr gute Aufnahme, verweilten drei Tage daselbst und wurden dem ganzen weiten Familienkreise vorgestellt. Auch der Hochzeit eines dieser Leute wohnten wir bei. Von da steuerten wir ungesäumt Dresden zu. In Sorau an der sächsischen Grenze wurde uns die allenthalben mit Bereitwilligkeit geleistete Vorspann verweigert. Wir sahen uns genöthigt, durch ganz Sachsen Extrapost zu nehmen, was, abgesehen von den Kosten, ein elendes Reisen war, denn die Straßen und das Postwesen befanden sich damals in Sachsen in einem jämmerlichen Zustande. Am 8. Dezember kamen wir nach Dresden, verweilten dort nur ein paar Tage und eilten dann Bayern zu. Jetzt hatte sich auch der Winter mit großen Schneemassen und strenger Kälte eingestellt. Einige Posten von Dresden geriethen wir in einen zugeschneiten Hohlweg, in dem die Pferde so tief einsanken, daß nur noch Hals und Kopf zu sehen war. Wir mußten herausgeschaufelt werden, was viele Zeit und große Anstrengung kostete. Nie werde ich das freudige Gefühl vergessen, als wir die bayerische Grenze erreichten und die ersten blau-weißen Wegsäulen zu Gesicht bekamen. Ich glaubte die Erde küssen zu müssen und beauftragte die Wirthsleute auf der ersten bayerischen Post, dem Postillon, der mich dahin brachte, auf meine Kosten Speise und Trank zu verabreichen. In Hof, wo ich übernachtete, gab man mir, ohne daß ich es verlangte, wieder Vorspann, weil man aus meiner Marschroute sah, daß ich selbe überall erhalten, nur nicht in Sachsen. Am 18. kamen wir nach Nürnberg, wo ich meinen Freunden, die durch meine glückliche Rückkehr unendlich freudig überrascht waren, drei Tage schenkte und fuhr dann mit Extrapost bei einer Kälte von 22 Graden in einer Tour, Tag und Nacht, bis München, wo ich am 22. Dezember Morgens eintraf. Das erste lebende Wesen, das mir in meinem Hause begegnete, war mein Pudel, den ich auf der Heimreise zu Thorn[257] verloren hatte; er stand eben auf der Treppe und protestirte gewaltig gegen meinen Eintritt. Ich war nämlich in einen großen Pelz gehüllt, was mich ihm für einige Augenblicke unkenntlich machte, um so lustiger war die Erkennungsscene. Die Freude des Wiedersehens mit meiner Frau nach einer solchen Trennung zu schildern, wäre eine vergebliche Mühe. Wer sich in seinem Leben von einem Weibe so innig geliebt sah, wie ich es war, kann sich selbst eine Vorstellung davon machen; für Andere sind es nur leere Phrasen. 1 Amazon.de Widgets Die beiden Freunde begegneten sich von da an nie mehr, standen aber fortwährend in regstem Briefwechsel. De Saive ließ sich in Belgien, seiner Heimath, als Landwirth nieder und erlebte, umgeben von edlen Kindern, ein hohes Alter in Glück und Ehre; zuletzt meldeten sich die überstandenen Strapazen: er wurde schwer leidend und erblindete fast gänzlich. Der Kunst und seiner Kirche hing er mit voller Jugendkraft bis zu seiner Todesstunde an. 
 VI. Nach Graubündten und Kufenthalt in Monza. 1810.  [119] Mein treuer Freund de Saive, welcher mein ganzes Vertrauen besaß, hegte schon längst Besorgniß, meine Bekanntschaft möchte in der Folge nachtheiligen Einfluß auf meine damalige Stellung üben. Er suchte mich daher in andere Luft und andere Verhältnisse zu bringen, als er mich veranlaßte, mit ihm eine Reise über den reizenden Comersee und in die benachbarten Gebirge zu machen. Wir fuhren am 3. Mai in der Frühe mit Postpferden von Mailand ab, bei etwas trübem Wetter. Als aber die erste Station im Rücken lag, wurde es heiter; wir kamen nun aus der höchst langweiligen Ebene Mailands in ein anmuthiges Hügelland und gegen 10 Uhr nach Como. Diese Stadt gewährt mit dem reizenden See und den umliegenden Gebirgen einen äußerst lieblichen Anblick. Wir restaurirten uns in einer guten Osteria am Ufer des Sees, mietheten dann einen hübschen Nachen mit zwei Schiffern zur unumschränkten Verfügung auf so lange, als es uns belieben würde. Der See war sehr bewegt und mit Wonne ließ ich mich von seinen Wellen schaukeln. Mit Entzücken ergötzten wir uns an den herrlichen Ufern mit den vielen Villen, fuhren um die Spitze von Torno zu der interessanten Villa Pliniana, besahen[119] den höchst romantischen Garten, in dem sich ein starker Wasserfall hinter hohen, finstern Cypressen über Felsen herabergießt, machten einige Zeichnungen und setzten dann unsere Reise weiter fort. Nach Verlauf einer Stunde bot sich ein prächtiger Anblick: ein kleines Vorgebirge, das sich ziemlich weit in den See hinaus erstreckt. Auf seiner äußersten Spitze steht ein altes Lusthaus, das sehr einfach in seiner Form war, aber aus einer guten Zeit stammte. Eine große, steinerne Treppe führte über die Felsen hinauf, die wie Mauern aus dem See emporragen und auf deren Spitzen einige Statuen gut angebracht sind. Welch eine genußreiche Aussicht! Man befindet sich mitten im breiten See, die Formen der Berge werden immer größer und schöner. Ein Gebirge erhebt sich über dem andern. Das nächstliegende gegen Westen ganz dunkel, fast schauerlich, da ein Gewitter im Anzuge ist, weiter hinauf werden die Berge grauer, dann immer lichter, bis sie in der Ferne in einen zarten blauen Ton sich verlieren. Wendet man den Blick gegen Osten, so ist alles von der Abendsonne wie mit einer rothgelben Gluth überzogen. Die nahen Berge zeigen ein tiefes Grün, die fernern glänzen in feinem röthlichen Ton. Ueber die Fläche des Sees sendet die Sonne ihre letzten goldenen Strahlen. Gerne wäre ich auf der Höhe sitzen geblieben, bis die Dunkelheit ganz hereingebrochen, aber unsere Schiffer warteten schon lange mit Ungeduld unten in einer kleinen Bucht und so mußten wir von diesem herrlichen Anblick nur zu frühe scheiden. Auf die Angabe unserer Schiffer, in Termezzina ein gutes Wirthshaus zu finden, beschlossen wir, dort zu landen und unser Nachtquartier aufzuschlagen, und thaten wohl daran. Amazon.de Widgets Vor einbrechender Nacht machten wir noch einen Spaziergang und bestiegen eine kleine Anhöhe, die abermals einen reizenden Ausblick auf den See bot, der sich hier in zwei Arme theilt, in den Comersee im engern Sinne und den Lago di Lecco. Hier saßen wir, bis die Nacht das entzückende Panorama mit ihren Schatten umflorte. Allgemach kam ein Stern nach dem andern zum Vorschein, dunkle Gewitterwolken[120] hingen sich an die Berge und die Blitze spiegelten ihre Zickzacke in der Fläche des Sees. Auf diesem Abendspaziergange entfaltete sich vor mir das Herz meines Freundes immer mehr. Nie hätte ich geglaubt, unter der Uniform und bei Hofe einen so zartfühlenden Menschen zu finden, so voll Wärme und Empfindung für die Schönheit der Natur, so voll Eifer, Edles und Gutes zu thun und in sich aufzunehmen. An diesem Abende lernte ich ihn recht schätzen und lieben, und wahrhaft einsehen, von welchem Werthe der Umgang mit ihm für mich sei. In der Nacht entlud sich das Gewitter, und es folgte ein herrlicher Morgen. Der See aber war so bewegt, daß er tobte und schäumte und die Schiffer gar nicht fahren wollten. Da wir aber darauf bestanden, so schickten sie sich in Gottes Namen, wenn auch mit Herzklopsen dazu an. Wir beide hatten die Italiener wegen ihrer Feigheit etwas auf dem Zuge und belustigten uns an ihrer Furcht. Ich trieb den Muthwillen so weit, daß ich mich entkleidete bis auf die Beinkleider, mich an dem Schnabel unseres Fahrzeuges niederlegte und von den häufig in das Schiff hineinschlagenden Wellen übergießen ließ. Die Schiffer meinten, solche Passagiere hätten sie noch nie gefahren, das wären ganz absonderliche Liebhabereien! Da unsere Schiffer sich sehr anstrengen mußten, ließen wir an einer schönen Stelle landen, badeten uns im See, trockneten unsere theilweise naßgewordenen Kleider, besuchten noch mehrere schöne Punkte und nahmen ein frugales Mittagsmahl ein; als der See etwas ruhiger geworden war, fuhren wir weiter und gelangten noch denselben Tag nach Chiavenna. Am folgenden Morgen ging es zu Fuß weiter bei herrlichem Wetter, ohne ein eigentliches Ziel vor Augen zu haben, durch ein wildromantisches Thal rechts des Splügen. Mit Wohlbehagen schlenderten wir dahin, setzten uns zuweilen, zeichneten und stiegen von einer Anhöhe zur andern, bis wir auf eine von hohen Bergen umschlossene Ebene gelangten, in deren Mitte ein hübsches Dorf lag. Hier beschlossen wir einige Tage uns niederzulassen und an der stärkenden Bergluft zu laben. Wir[121] waren auf schweizerischem Gebiete. Unsere Erscheinung hatte dort Aufsehen und Verdacht erregt, weil man uns an so verschiedenen Orten zeichnen gesehen, als wären wir Spione. Deßhalb zogen wir vor, früher als uns lieb war, den Rückweg einzuschlagen, fuhren über den See zurück, landeten aber diesmal in Lecco und begaben uns von da ohne Aufenthalt nach Monza, wo der Hof schon die schöne Villa seit einigen Tagen bezogen hatte. Mein Freund de Saive verzichtete mir zu Liebe auf seine Zimmer in dem Palaste und miethete in einem Privathause eine recht idyllische Wohnung, in der wir sechs Monate sehr glückliche, frohe Tage mit einander verlebten. Das Haus hatte entfernt von allem Geräusche des Hofes und der Stadt eine stille, friedliche Lage; wir bewohnten vier Zimmer mit der Aussicht auf Monte Brianza. Eine Rebenlaube mit Gewächsen von vorzüglich edler Gattung führte nach einem Garten, durch den sich ein Flüßchen hinzog, das uns zum Bade diente, auch hatten wir einen schönen Stall, kurz alles, was bei mäßigen Ansprüchen zur Bequemlichkeit dient. Ich ließ ungesäumt mein begonnenes Bild, die Schlacht bei Raab, von Mailand bringen, arbeitete fleißig und mit gesammeltem Geiste daran und vollendete es bis gegen Ende September. Mitunter machten wir schöne Excursionen zu Pferd, wozu auch der dortige Park sehr einladend ist, und de Saive unterließ nichts, mir den Aufenthalt dort angenehm zu machen und mich von Mailand fern zu halten. Ganz aber wollte es doch nicht gelingen. Zeitweise erhielt ich Nachricht über das Befinden meiner ? wie soll ich sie nennen? ? Freundin, Geliebten. Man ist in diesem Falle verlegen um den Namen, den man der Sache geben soll. Noch war kein Wort von Liebe gesprochen und dennoch bestand schon ein Bund der Herzen, dessen Auflösung mir keine leichte Sache schien. Ich gestehe, daß ich es nicht vermochte, diesem Hause gänzlich den Rücken zu kehren; es ging gegen mein Gefühl. Ich ritt daher bisweilen nach Mailand, um nach ihr zu sehen. Damals besaß ich ein vortreffliches Pferd türkischer Race; eine wilde Bestie,[122] ein Ausreißer, der fast immer, wenn er in die Hitze kam, durchging. Das genirte mich aber gar nicht. Es sympathisirte vielmehr mit meinem Temperamente. Denn wenn wir beide uns ausgetobt hatten, ging alles vortrefflich, und austoben mußte ich mich zeitweise, dies war mir Bedürfniß. Gewöhnlich machte ich den Weg von zehn italienischen Miglien von Monza bis Mailand in Dreiviertelstunden, oft auch noch schneller. Magdalena war zu Anfang des Sommers immer noch krank. Ich konnte ihr die größte Theilnahme nicht versagen. Die sie früher immer umschwebende Heiterkeit war verschwunden. Das ging mir nahe. Aber immer stand mein Vorsatz noch fest, mich nicht zu binden. Nach ein paar Monaten genas sie wieder und erhielt ihr früheres, blühendes Aussehen. So schleppte sich dieses Verhältniß fort, bis der Herbst kam. Aber es fing doch an, mir selbst in der angenehmen Stellung, in welcher ich zu Monza lebte, trübe Stunden zu bereiten. Ich fühlte, daß ich sie liebte und durfte es ihr nicht einmal zeigen. Meine wahrhaft peinliche Lage übte auf meine Gesundheit und meine ganze Stimmung nachtheiligen Einfluß. In Jahresfrist wechselte ich in Mailand dreimal die Wohnung, suchte überall Ruhe und fand sie nirgends. Sie war aus meinem Herzen entschwunden! Der Monat September ging zu Ende. Ich stellte mein vollendetes Bild dem Prinzen vor, welcher darüber seine Zufriedenheit und große Freude äußerte. Ich erhielt eine angemessene Belohnung und zugleich die Weisung, mir schleunigst eine Uniform anzuschaffen, um den Prinzen auf einer Reise nach Ancona zu begleiten. Bei dieser Gelegenheit, als ich mein Bild vorstellte, sah ich zum erstenmale die schöne Gemahlin des Prinzen. Anfangs war ich ganz allein mit ihm, bald aber ging er fort und holte selbst seine Gemahlin. Sie erschien in einfachem, aber reich mit Spitzen verziertem weißen und nach damaliger Mode eng anliegenden Negligé. Ein Kind trug sie auf dem Arme, ein anderes, die Prinzessin Eugenie (spätere Königin von Schweden)[123] führte sie an der Hand. Diese hohe herrliche Gestalt mit ihren engelschönen Kindern dünkte mir wie eine Erscheinung aus höhern Regionen, ihr Anblick fesselte mich wie eine Zauberei; sie hatte keine Dame bei sich und so genoß ich das Glück, mit dem edlen Paare, das Napoleon selbst in einem Briefe an Josephine die Zierde der Menschheit nannte, geraume Zeit allein zu sein. Die Großen der Erde haben Augenblicke, wo es ihnen wohl thut, das lästige Ceremoniell abzuwerfen. Dieser Augenblick blieb mir unvergeßlich.[124] 
 X. Smolensk. Borodino. Schlacht an der Moskwa.  [175] Von Surash bis Smolensk durchzogen wir fünf bis sechs Tage lang schöne, fruchtbare Gegenden, welche von Wohlhabenheit zeugten; prachtvolle, üppige Kornfelder, schöne Wiesengründe, Obst, Vieh- und Bienenzucht, alles gedieh hier in reichstem Maße. Wir kamen in Dörfer, in denen es von Geflügel aller Art wimmelte, was natürlich den Soldaten sehr behagte. Auch Milch und Honig fand man in großer Quantität, aber das kam nur denen zugute, welche zuerst anlangten. Eine so ausgehungerte Armee zehrt alles auf, was sie findet und nimmt noch mit, so viel sie schleppen kann. Von den zum Theil hitzigen Gefechten, in welche die am Dnieper aufwärts nach Smolensk marschirende russische Armee mit den in Hast und Eile sie verfolgenden französischen Corps unter Murat und andern Heerführern verwickelt wurde, bekam ich nichts zu sehen. Prinz Eugen und seine Armee nahm an ihnen keinen Antheil. Ruhig und von nichts als der peinlichen Hitze belästigt, zogen wir über Hügel und Ebenen, durch Feld und Wald getrost mit neuer Hoffnung auf eine rasche, glückliche Wendung der Dinge Smolensk zu und gelangten in dessen Nähe zu Mitte August. Das Wetter blieb fortwährend schön; der Prinz schlief beinahe täglich unter seinem Zelte. Wir hatten mehrere recht angenehme Lagerplätze. Dieser Marsch und der zehntägige Aufenthalt in Surash[175] ist zu den wenigen guten Tagen zu zählen, die uns seit Monaten zu Theil geworden. In einem von Schluchten durchzogenen, etwa eine Stunde Wegs von Smolensk entfernten Birkenwäldchen ließ der Prinz sein Zelt aufschlagen. Diese Bäume gedeihen in Rußland ganz besonders, sie erreichen eine bedeutende Höhe, sind dabei sehr üppig und von recht schöner Gestalt. Das Lager auf diesem Platze hatte bei dem abwechselnden Terrain und den schönen Baumgruppen, unter denen sich Menschen und Thiere behaglich fühlten, etwas wahrhaft Reizendes: Bild reihte sich an Bild; aber wie arm fühlte ich mich, von so vielem Schönen so wenig festhalten zu können! Wie kostbar sind solche Augenblicke und wie schnell entfliehen sie! Von der Schlacht bei Smolensk bekam ich leider nichts zu sehen, da das 4. Armeecorps keinen Antheil an ihr hatte und ich mich nicht auf eigene Faust aus dem Hauptquartier des Prinzen Eugen entfernen wollte. Am Abende der Schlacht gewahrte man von unserm Lagerplatze aus ein schauerlich schönes Schauspiel: die Stadt stand in hellen Flammen und die glühende Abendsonne vermischte ihre Strahlen mit der Gluth des Brandes. Das Laub und die lichten Stämme der Birken glänzten durch wahrhaft magische Streiflichter wie vergoldet. Nie in meinem Leben sah ich wieder solch zauberische Lichteffekte; selbst der Rauch der Lagerfeuer erhielt durch den Wiederschein eine röthliche Farbe und gab dem ganzen Treiben in dem lichten Walde etwas Geisterhaftes. Das Feuer wüthete in der Stadt die ganze Nacht hindurch. Am folgenden Tage wurde die Stadt genommen. Die Russen hatten sie verlassen und zogen sich auf die gegenüberliegenden Anhöhen des rechten Dnieperufers zurück. Napoleon ritt in Smolensk ein. Bald verließ der Feind auch diese Stellung und entschlüpfte aufs neue. Abermals war für Napoleon die Hoffnung auf einen entscheidenden Schlag, auf einen glänzenden Sieg dahin. Er stand am Wendepunkte seines Glückes; noch war es Zeit, umzukehren, aber kein guter Genius flüsterte ihm zu: »Bis hieher und nicht weiter!« Ein feindseliges[176] Verhängniß trieb ihn und seine thatenreiche Armee dem Untergange entgegen. Smolensk selbst, eine mit einer sehr großen und vielen kleinern Kirchen und schönen Bauten gezierte Stadt, gewährt einen höchst fremdartigen, interessanten Anblick. Es ist rings von einer starken, mit Schießscharten versehenen, durch viele feste Thürme verstärkten Mauer umgeben. Das Innere der Stadt hat etwas Heiteres und Reinliches. Gegen den Dnieper hin, der die Stadt von einer tiefer liegenden, großen Vorstadt trennt, senkt sie sich an einem Abhange hinab, den auch fruchtbare Obstgärten zieren. Die innere Stadt blieb bis auf wenige Häuser von dem Brande verschont, die große schöne Vorstadt aber jenseits des Dnieper wurde in einen Aschenhaufen verwandelt, dessen rauchende Trümmer wir den Tag nach der Einnahme der Stadt durchzogen. Prinz Eugen besetzte nämlich die von den Russen verlassenen Anhöhen jenseits des Dnieper, von wo aus uns ein imposanter Anblick über das Ganze zu Theil wurde. Ich fand Zeit, eine gründliche Zeichnung der Stadt und ihrer schönen fruchtbaren Umgebung zu machen. Hier verweilten wir vom 17. bis 20. August bei anhaltend heiterem Wetter und großer Hitze. In dem Garten des armseligen Hauses, welches der Prinz bewohnte und welches zunächst der durch zwei Pyramiden bezeichneten Barriere an der Straße nach Petersburg lag, errichtete ich mir an einem schönen Punkte eine eigene Hütte mit Tisch und Bank aus Brettern, welche ich mit meinem Diener zusammentrug. Hier fühlte ich mich sehr behaglich und machte mich an das Werk, Mehreres, was ich bisher nur mit flüchtigen Strichen entwerfen konnte, ins Reine zu bringen, zeichnete aber daneben auch vieles Neue. Es waren die letzten Stunden der Muße, die mir während dieses Feldzuges zu Theil wurden. Das Rennen und Jagen dieses kolossalen Soldatenhaufens, um einen großen Moment der Entscheidung zu erhaschen, war nicht geeignet, einem Künstler Zeit zu lassen, alles Zeichnenswerthe festzuhalten. Mit wahrem Herzweh mußte ich an so vielem vorübereilen.[177] In solchen Bewegungen konnte man sich nicht leicht von dem Körper entfernen, dem man zugetheilt ist, sei es ein Corps, ein Regiment oder ein Stab. Und einigemale, wo ich es versuchte und mich im Eifer des Zeichnens hinreißen ließ, zurückzubleiben, bekam mir die Lection immer sehr schlecht und bereitete mir große Verlegenheiten. Von der Atmosphäre, in welcher wir in den Ruhetagen bei Smolensk lebten, läßt sich, so heiter auch der Himmel war, nicht viel Erfreuliches sagen: die noch immer rauchende Brandstätte und der Aasgestank der vielen todten Pferde und Leichname, welche alle unbeerdigt liegen blieben und bei der großen Hitze in vierundzwanzig Stunden schwarz waren und in Verwesung übergingen, verpesteten die Luft, aber man gewöhnt sich im Kriege an Dinge, vor denen im gewöhnlichen Leben die Natur mit Schauder und Ekel sich abwendet. Das Elend und die traurigen Folgen dieses Zerstörungskrieges waren noch immer im Steigen. Das geplünderte und halbzerstörte Smolensk wurde in ein Lazareth der kläglichsten Art verwandelt. Es fehlte an Aerzten, Medikamenten und allem, was zur Pflege der vielen Kranken und Verwundeten nöthig war. Ein großer Theil derselben fiel hilflos dem Tode zur Beute. Die unausbleibliche Folge solcher Zustände, das Spitalfieber (der Typhus) raffte sie zu Hunderten weg. In einem großen Kriegsrath zu Smolensk wurde indessen die Unternehmung nach Moskau und damit das Schicksal der großen Armee entschieden. Die bedeutendsten Feldherren, darunter auch Murat und Prinz Eugen, sollen nicht mit dem Zuge nach Moskau einverstanden gewesen sein, aber der Kaiser wollte es und die Mehrzahl stimmte ihm bei; so schwer lastete der Wille eines Einzigen auf dem Schicksal von vielen Hunderttausenden. Auch bei den heißen und blutigen Gefechten, welche Ney, Murat, Davoust der russischen Arrieregarde lieferten, war das 4. Armeecorps nicht betheiligt. Ich kann darum über sie nichts sagen, weil ich mir zur Aufgabe gemacht, nur Selbsterlebtes und Gesehenes zu erzählen. Am Morgen des 23. August wurde der verhängnißvolle[178] Marsch nach Moskau, dem Grabe von Napoleons Macht und Glanz, angetreten; aber nicht mit dem siegestrunkenen Bewußtsein, mit dem sich diese Armee 1806 Berlin, 1809 Wien genähert hatte, betrat man diesen Weg, sondern mit Mißtrauen auf einen glänzenden Erfolg. Ueberdruß der Beschwerden, mit denen man unausgesetzt seit Monaten zu kämpfen hatte, Besorgnisse ob dem fortwährenden Zusammenschmelzen der Armee und ihren vielen Verlusten, endlich der Gedanke: »Wann und wie werden wir unser Vaterland wiedersehen?« all das lähmte den Flug der Begeisterung, mit der Napoleon sonst seine Soldaten zum Siege führte. Was war nach acht Monaten mühevollsten Lebens mit dem Verluste der halben Armee bis jetzt erreicht worden? Man hatte keine Trophäen aufzuweisen. Einige Kanonen und beiläufig fünfhundert Gefangene ? das war Alles! Der Ehrgeiz und der militärische Geist, welcher diese Armee belebte, die Erinnerung an viele glorreich errungene Siege hielt zwar das Ganze noch zusammen und trieb sie vorwärts. Aber gar viele folgten diesem Zuge nur kopfschüttelnd mit dem ahnungsvollen Gefühl in der Brust, dieser Krieg müsse ein unglückliches Ende nehmen. Ueber den Marsch von Smolensk bis auf den großen Kampfplatz bei Borodino, wo der Tod seine ungeheure Beute erwartete, läßt sich wenig sagen. Es waren dieselben Beschwerden und Entbehrungen wie bisher, wodurch die Armee täglich abgematteter und schwächer wurde; ganz besonders litten auch jetzt wieder die Pferde. Längst schon hatte die Artillerie und das Fuhrwesen eine Menge kleiner, abgemagerter russischer Klepper mit zusammengekoppeltem elendem Geschirr an ihre Kanonen und Wagen vorgespannt. Bei den Menschen unterstützt noch oft die moralische Kraft den herabgekommenen Körper, aber diese fehlt dem Thiere, deßhalb unterliegt es früher. Der Weg führte bei heiterem Wetter anfangs noch durch fruchtbare, wohlhabende Gegenden, man fand Lebensmittel und Fourage für die Pferde und war so noch in der Lage, den Hunger zu befriedigen. Der erste Tagmarsch ging bis Pologhi, am andern Morgen überschritten wir einen kleinen, unscheinbaren, aber bei dem[179] Rückzuge für die Armee bedeutungsvoll gewordenen Fluß, die Vopp. Sie fließt wie die meisten Flüsse, welche wir bis jetzt in Rußland getroffen, in einem tiefen Bette, von hohen, steilen Ufern begränzt, wodurch der Uebergang für die Artillerie sehr erschwert wurde. Eine Brücke war nicht vorhanden, da der Fluß aber des trockenen Sommers wegen sehr wenig Wasser hatte, konnte er leicht ohne dieselbe überschritten werden. Ganz anders aber verhielt es sich einige Monate später. Der Herbst hatte das Rinnsal des Flusses reichlich mit Wasser versehen und das Eis selbst eine Brücke gebaut, aber diese brach ein und führte die traurige Nothwendigkeit mit sich, dort schon einen großen Theil der Munitionswagen und Equipagen zurückzulassen. Dieser Uebergang gab ein recht schönes Bild und ich war so glücklich, einige sehr hübsche Scenen zeichnen zu können. Prinz Eugen, bei welchem überall Klugheit und vorsichtige Sorge für die Erhaltung seiner Truppen mit der Tapferkeit Hand in Hand ging, hatte die Gewohnheit, an solchen Stellen oft stundenlang zu verweilen, um sich mit eigenen Augen über die Ausführbarkeit eines Unternehmens zu überzeugen. Seine Umgebung ärgerte sich oft darüber, besonders die Jüngeren; aber hätten alle Befehlshaber so gehandelt, es wäre das gränzenlose Elend nicht über die Armee gekommen. Am 25. Abends kamen wir nach Zazele und nahmen in einem schönen, großen Schlosse, aus Stein in einem wunderlichen Stile erbaut, Quartier ? eine große Seltenheit in diesem Feldzuge. Tags darauf mußten wir bei Blaghoe nochmals den Dnieper passieren. Er ist dort breiter als die Vopp, hat ebenfalls ein tiefes Bett, aber keine so steilen Ufer. Amazon.de Widgets Die zerstörte Brücke wurde mit großer Thätigkeit wiederhergestellt und brauchbar gemacht. Auch hier verweilte der Prinz, bis der Uebergang ohne Gefahr bewerkstelligt werden konnte. Inzwischen ging aber Infanterie und Cavallerie durch das Wasser, dessen Tiefe nicht viel über vier Fuß betrug. Abends trafen wir in Apopochina wieder ein hübsches Schloß nebst einer merkwürdigen Kirche im griechischen Stile mit vielen sehr alten wunderlichen Bildern auf Goldgrund.[180] Am 28. standen wir vor Wiazma. Diese Stadt liegt sehr freundlich zwischen sanften Hügeln und erhebt sich nach einer Seite hin auf einer sanft ansteigenden Hügelreihe mit einer Unzahl von Kirchen, die von ferne recht fremdartige Umrisse zeigten. In das Innere der Stadt kamen wir nicht, sie war noch von den Russen besetzt, welche jedoch bald vertrieben wurden; die Einwohner waren größtentheils mit ihnen entflohen. Prinz Eugen hielt auf einem erhöhten Punkte auf Kanonenschußweite vor der Stadt, stieg vom Pferde, setzte sich auf den Boden und beobachtete lange mit dem Fernrohre Stadt und Umgegend. Wir thaten dasselbe und ruhten eine gute Stunde, während die Colonnen der Avantgarde des 4. Armeecorps, besonders die Cavallerie, an uns vorüberzogen und sich entwickelten. Der Tag war heiter und die drückende Hitze, welche uns monatelang zu schaffen machte, hatte nachgelassen, weßhalb uns diese kurze Rast wirklich erquickte. Leider erblickten wir auch hier bald wieder die traurigen Signale dieses Krieges: dichte, rothbraune Rauchwolken stiegen aus der Stadt empor und verkündeten, daß auch diese ein Raub der Flammen zu werden bestimmt sei. Es brannte, wie wir später erfuhren, vieles ab, aber sie wurde nicht ganz zerstört; das verheerende Element bewahrte sich noch etwas für den kommenden Winter auf. Wir ließen Wiazma rechts liegen und der Prinz, welcher nun die Avantgarde führte, verfolgte die Russen mit leichter Cavallerie, besonders mit der bayerischen und den braven italienischen Chasseurs. Es gab verschiedene Neckereien mit den Kosaken, welche oft in großen Schwärmen vor uns herzogen, und da diese Truppenzüge lange über sanfte Hügel und Felder gingen, sah man recht hübsche Cavalleriebewegungen, welche aber an diesem Tage zu keinem ernsten Gefecht führten. Allmählig mehrten sich die Vorzeichen, daß bald etwas Großes geschehen werde. Napoleon verweilte vom 1. bis 3. September in der Stadt Chiatz-Pschatsk und concentrirte eine große Truppenmasse um dieselbe, während Prinz Eugen langsam vorrückte und die Kosaken vor sich her jagte. Diese begegneten uns[181] oft in großen Massen; andere russische Waffengattungen aber sahen wir bis zum 5. September fast gar nicht. Während eines dieser Märsche ritt der Prinz mit seiner Suite unter kleiner Escorte sorglos seiner Wege, vor ihm die bayerische Cavallerie und ein italienisches Chasseurregiment unter dem Obristen Banco, als ein bayerischer Offizier die Meldung brachte, daß die Kosaken sich in bedeutender Anzahl zeigten und man besorge, der Prinz möchte sich zu weit vorwagen. Eugen legte wenig Gewicht darauf oder wollte mit eigenen Augen sich davon überzeugen, er ritt ruhig weiter, bis auf eine Anhöhe, von der man einen weiten Blick in die Ferne hatte. Hier bewahrheitete sich jene Meldung: die Kosaken hatten die Cavallerie, welche ihnen entgegenstand, hart bedrängt und zum Weichen gebracht. Hiedurch ermuthigt, stürzten sie nun in ungeheuren Massen aus den Wäldern hervor und breiteten sich unter einem furchtbaren Hurrahgeschrei auf einer großen Thalebene aus. Soweit das Auge reichte, sah man ihre Schwärme sich nach allen Richtungen hin entwickeln. Wäre nicht glücklicherweise eine bayerische leichte Batterie, die des Hauptmann Wittmann, in der Nähe gewesen, so hätte die Sache schlimm ausfallen können. Diese wurde gerufen und fuhr eiligst den Hügel hinan, auf welchem wir standen, protzte ab und eröffnete ein ebenso rasches als wirksames Feuer, so daß die Kosaken wie ein Fliegenschwarm aus einander stoben und sich in ihren Wäldern verbargen. Wir standen nahe genug, um dieses prächtige Manöver genau wahrnehmen zu können, mit welcher Leidenschaft und Blitzesschnelle die Artilleristen handelten. Diese Truppe war stets sehr brav und standhaft, selbst vom Feuer des Feindes hart bedrängt. Auf jene Cavalleriemassen aber zu feuern, ohne eine Antwort befürchten zu müssen, war für den Artilleristen eine Art Spaß. Prinz Eugen und seine Umgebung zollten dieser Batterie ihre vollste Anerkennung. Bisher hatte meine kräftige Natur allen klimatischen Einflüssen, Beschwerden, Entbehrungen und Anstrengungen widerstanden, und ich erfreute mich einer ungestörten Gesundheit. Seit Anfang September aber fühlte ich mich unwohl, hatte[182] heftige Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und Fieber und mußte mich ärztlicher Behandlung unterziehen. In diesem Zustande geschah es, daß ich in einer Ortschaft, in der Prinz Eugen sein Hauptquartier genommen, in einer armseligen Hütte auf der Streu lag und ein Brechmittel eingenommen hatte; ein alter Topf mit schmutzigem, warmem Wasser stand vor mir, dessen Genuß die Wirkung der Medicin erleichtern sollte. Ich befand mich eben in einem ganz abscheulichen Zustand, als das Hauptquartier alarmirt wurde. Die Kosaken hatten die Vorposten überrumpelt und drohten in den Ort einzudringen. Man verließ ihn in Eile, da er nicht so stark besetzt war, um ihn mit Erfolg vertheidigen zu können. Mich wollte man in einer Equipage mitnehmen, allein ich befand mich so übel, daß sich eine große Gleichgültigkeit meiner bemächtigte und ich bat, mich liegen zu lassen. Da man in einem solchen Falle sich nicht gerne lange mit sentimentalen Unterhandlungen aufhält, so überließ man mich meinem Schicksale. Bald drang auch der süße Ton des Hurrah zu meinen Ohren, die Kosaken waren in den Ort eingedrungen und fegten nun mit wildem Lärm kreuz und quer durch die Straßen. Ich hatte mich bereits gefaßt gemacht, in meinem Kämmerlein an meinem Krankenbette, respektive an meiner schmutzigen Streu einen ungebetenen Besuch zu erhalten, als plötzlich Kanonendonner erscholl. Abermals war es die brave Batterie Wittmann, welche jenen Industrierittern den Rückweg wies. Diese bestrich von einer kleinen Anhöhe herab mit ihren Kugeln so energisch die breiten Straßen des Ortes, daß die Kosaken, welche, wie man sagt, die Kugeln, seien sie nun klein oder groß, gar nicht besonders lieben, für angezeigt fanden, den Ort zu verlassen. Nach anderthalb Stunden bezog der Prinz sein Quartier wieder und blieb in ruhigem Besitze desselben bis zum nächsten Tag. Der Herbst hatte sich auch gemeldet und auf die furchtbar heißen Tage folgten kühle Nächte, und es mag vielleicht dieser schnelle Uebergang der Temperatur nachtheilig auf mich eingewirkt haben, ich fühlte mich noch immer unwohl und folgte in einem Wagen mit dem übrigen Trosse des Hauptquartiers.[183] Mein Diener mit drei Pferden ritt hinterher. So langsam vorrückend, näherten wir uns am Abend des 4. September jener Hügelreihe, deren Erde in den nächsten Tagen mit dem Blute von 40 bis 50,000 Menschen getränkt werden sollte. Unmuthig in eine Ecke des Wagens gelehnt saß ich und hatte Zeit und Muße zum Grübeln und Nachdenken über alles, was seit vier Monaten an mir vorübergegangen, was ich gesehen, erlebt und durchgemacht hatte und alles, was noch kommen kann, als ich plötzlich aus meiner Träumerei aufgescheucht wurde, Große leichte Rauchwolken stiegen am fernen Horizonte empor: ich sah Haubitzgranaten in der Luft zerplatzen, eine heftige andauernde Kanonade ließ mich außer Zweifel, daß eine Schlacht beginne. Wie elektrisirt sprang ich aus dem Wagen, Grübeln und Fieber waren vergessen, Kraft und Leben erwachte in mir. Ich setzte mich zu Pferde und jagte der Richtung zu, wo sich der Kampf entsponnen. Bald erreichte ich das Schlachtfeld von Borodino. Es war der Abend des 5. September: die Schlacht hatte begonnen. Welch ein Anblick bot sich hier! Beinahe die ganze russische Armee stand in Schlachtordnung auf einer unabsehbaren Hügelreihe, eine Thalschlucht, durch die sich ein kleiner Fluß, Kologha, schlängelt, trennte die beiden Armeen. Links von uns, etwa eine Stunde entfernt, liegt der unbedeutende Ort Borodino, nach welchem die Russen diese kolossale Schlacht nannten. Auch wir standen auf einem erhöhten Punkte, der uns einen weiten Ueberblick über das Ganze bot. ? Der Anblick dieses Schlachtfeldes macht einen sehr ernsten Eindruck; es dehnt sich in seinen Hauptumrissen in großen strengen Linien aus, ist aber von sehr vielen Schluchten durchschnitten; der Boden ist kahl, von röthlicher, sandiger Erde, fast ohne alle Vegetation, nur große Strecken von Haselgebüschen finden sich darauf und düstere Tannenwälder begränzen den Horizont. Als ich ankam, hatte das Feuer nachgelassen und die Franzosen begannen die Kologha zu überschreiten. Es herrschte ringsum Stille, die Russen schienen uns trotzig anzuschauen[184] und zu sagen: »Kommt nur her, wir heben den Handschuh auf!« Den Ernst dieser Scene vollendete der graue, mit schweren Wolken überzogene Himmel und ein rauher Nordwest, der über die Hügel hinblies. Lange Zeit stand Prinz Eugen auf einem erhöhten Punkte, von welchem man das Terrain und die Stellung der Russen weit überblicken konnte; eine Batterie, welche abgeprotzt hatte, stand vor uns. Die Artilleristen um ihre Geschütze herum richteten mit gespannter Erwartung ihre Blicke in die Ferne auf die zahllosen Feinde vor ihnen. Es war ein feierlicher Moment. Welche Gedanken mögen sich da manchem dieser Menschen aufgedrängt, welche Gefühle in ihren Herzen sich geregt haben, denn daß es jetzt Ernst wird und die Stunde gekommen ist, wo durch einen entscheidenden Kampf das Loos über das Schicksal der Armee, vielleicht über die bedeutendsten Staaten Europas fällt, wurde an diesem Tage fast Jedermann klar. Von hier verfügte sich der Prinz mehr links nach Borodino. Die Artillerie und die Sappeurs des 4. Armeecorps hatten schon eine große Thätigkeit entwickelt, auf einer Anhöhe und auf Kanonenschußweite gegenüber der verhängnißvollen großen Redoute der Russen Erdwälle zu errichten und diesen Punkt, soweit es die Mittel und die Kürze der Zeit gestatteten, zu befestigen. Es ist bewunderungswürdig, was Menschenhände in kurzer Zeit auszurichten im Stande sind. Die Höhe, auf der wir standen, glich einem Ameisenhaufen. Tausende von Menschen mit Hacken, Schaufeln und den verschiedensten Werkzeugen und Karren versehen, wühlten in der Erde herum. Eine Brustwehr mit Schanzkörben entstand nach der andern und bis zum Morgen war eine Redoute für sechsunddreißig Kanonen fertig. Während dieser Arbeiten donnerten die russischen Kanonen aus einer Redoute, welche von den Franzosen noch den Abend nach einem dreimal mißglückten Sturme mit vielen Opfern genommen wurde. Der Kampf war äußerst heftig; viele Kugeln schlugen in der Nähe des Platzes ein, an welchem Prinz Eugen unbeweglich stand. Eine derselben riß einen Offizier des Generalstabes,[185] Namens Döberlein (ein geborner Straßburger), dicht neben mir vom Pferde. Das Pferd wurde am Halse getroffen, bäumte sich hoch auf und schleuderte den Reiter rücklings herunter. Wir waren im Gespräch begriffen, ich zeichnete, blickte vom Papiere auf und sagte: »Ich glaube, da kommt was für uns!« In demselben Augenblick war die Kugel auch da. Prinz Eugen schaute um, blieb aber mit gewohnter Ruhe, welche er stets im Feuer bewies, an seinem Platze. Der Abend war indessen hereingebrochen und der Horizont mit dichten, schweren Wolken umzogen, kalt und schaurig blies der Wind über die Hügel hin. Der 5. September endete mit einem Siege über die Russen, aber er war das Grab vieler Tapfern geworden. Nachts, als Prinz Eugen nach seinem Bivouak zurückritt, gewährten einen interessanten Anblick die feurigen Bogen, welche die russischen Hohlkugeln, die uns noch immer verfolgten, nach sich zogen und theils in der Luft, theils am Boden explodirten. Eine derselben zerplatzte dicht hinter mir, mein Pferd stürzte auf die Knie zusammen, ich glaubte, es sei von einem Granatsplitter getroffen, aber wir waren beide unbeschädigt. Die Nacht vom 5. auf den 6. brachte ich frierend auf einem Wagen zu; die Kanonen verstummten allmählig, das Kleingewehrfeuer der Plänkler aber dauerte die ganze Nacht hindurch und ließ mich wenig schlafen. Ich fühlte mich noch etwas schwach und aufgeregt von meinem Fieber, das mich aber sonst nicht weiter belästigte. Am Morgen des 6. September umschleierte ein kalter, feuchter Nebel den Horizont, er kämpfte einige Zeit mit den erwärmenden Strahlen der Sonne und senkte sich langsam zur Erde nieder, was einen heitern Tag verkündete. Von der Morgensonne beleuchtet, sahen wir das russische Heer in einer ungeheuren Ausdehnung in Schlachtordnung vor uns. Ich habe weder früher noch später ein Schlachtfeld gesehen, das so viel zu bildlichen Darstellungen bot wie das von Borodino. Das heitere Wetter und die völlige Waffenruhe des 6. machte ich mir trefflich zu Nutzen. Ich entwarf eine sehr genaue[186] Zeichnung von dem Terrain und der Aufstellung der Russen in einem halben Panorama. Mein überaus scharfes Auge leistete mir hiebei die besten Dienste. Ich bemerkte jede Bewegung der Russen. So entstand eine Zeichnung von großem historischen Werthe. Aber diese Arbeit wäre mir bald übel bekommen. Ich hatte mich möglichst weit vorgemacht und saß stundenlang an einem und demselben Flecke, mein Pferd, ein Schimmel, stand neben mir, das mag besonders durch seine Farbe die Aufmerksamkeit der Russen auf mich gezogen haben. Es fiel plötzlich ein Kanonenschuß aus der großen Redoute der Russen, die Kugel sauste mir an den Ohren vorüber und riß einem armen Artilleristen, der hinter mir stand und mit großem Interesse meiner Arbeit zusah, den linken Arm weg. Durch diesen unerwarteten derben Fingerzeig veranlaßt, zog ich mich weiter zurück nach dem Platze, wo Prinz Eugen mit seiner Suite stand. Dieser hatte mich längst in der Ferne gesehen und lachte anfangs, als er sah, daß ich mich so eilig aus dem Staube machte, gab mir aber dann einen Verweis wegen meines Schimmels und untersagte mir künftig bei ähnlichen Anlässen, dieses Pferd zu reiten. Ségur erwähnt in seinem Werke dieses Kanonenschusses, des einzigen, der an diesem Tage fiel. Er gab zu den sonderbarsten Vermuthungen Anlaß. Ségur z.B. meint, diese Kugel habe dem Kaiser gegolten, der sich aber in jenem Augenblicke viel weiter zurück auf der Höhe von Borodino befand; allein der Schuß war zu gut gezielt und die Wahrscheinlichkeit zu groß, daß er meiner unbedeutenden Persönlichkeit gegolten habe. Glücklicherweise war ich, als sich dieses ereignete, mit meiner Zeichnung und dem, was ich erreichen wollte, so gut wie fertig und konnte es darum leicht verschmerzen, auf eine so unliebsame Art gestört worden zu sein. Der Tag verstrich im Uebrigen ruhig; alles bereitete sich vor zu dem großen Kampfe für den folgenden Tag. Man hatte, obschon die Russen sich bisher nach jedem Gefechte zurückzogen, Gelegenheit genug gehabt, ihre Tapferkeit und Hartnäckigkeit kennen zu lernen, um den Widerstand, den sie morgen[187] leisten würden, nicht zu unterschätzen. Viele, welchen am 6. die Sonne freundlich leuchtete, mögen bei sich gefragt haben: »Werde ich wohl auch morgen noch die untergehende Sonne sehen?« Der Mensch gewöhnt sich an gar vieles und geht auch mit kecker Stirne dem Tode muthvoll entgegen, aber ein Gedanke hatte für die meisten an jenem Abende etwas Peinliches: in einem verödeten Lande so ferne von der Heimath, von allen Theuren und Lieben vielleicht hilflos verschmachten zu müssen. Mag ein Held noch so groß sein, in einer so unheimlichen Stille drängen sich ihm solche Gefühle auf. Im Getümmel der Schlacht treten sie zurück; man hat nicht Zeit zu Reflexionen. Der Tag neigte zu Ende, die Soldaten hatten Munition und Proviant gefaßt, setzten ihre Waffen in guten Stand und lagerten an den Plätzen, wo sie aufgestellt waren. Die Generäle kehrten in ihre Bivouaks zurück, so auch Prinz Eugen, welcher den ganzen Tag mit Beobachtungen und Anordnungen zugebracht hatte. Die Nacht war kalt und schaurig; es herrschte tiefe Stille, und wohl wenige dürften sich eines ruhigen Schlafes erfreut haben. Daß Napoleon diese Nacht in der größten Aufregung zubrachte, erfuhr ich schon am Morgen im Hauptquartiere des Prinzen. Gegen 5 Uhr, obwohl es noch dunkel war, wurde es unruhig; bald nach 6 Uhr saßen wir zu Pferde. Ich hatte vorher eine Tafel Consommé in Wasser bei einem Bivouakfeuer aufgelöst, um mich innerlich ein wenig zu erwärmen, und etwas Brod dazu genossen. Das war meine ganze Nahrung in achtzehn Stunden. Die geistige Aufregung an einem Tag wie der 7. September ist zu groß, um an Essen zu denken. Gegen 7 Uhr entbrannte der Kampf zuerst auf dem linken Flügel, auf welchem Prinz Eugen sich befand. Ich konnte alle Bewegungen an dem Platze, wo ich stand, so gut beobachten, daß ich fast jeden einzelnen Mann zu unterscheiden vermochte. Hier trat mir gleich zu Anfang des Tages eine schauerliche Scene vor Augen. Eine Infanteriebrigade unter General Plauson hatte sich[188] des Dorfes Borodino bemächtigt, die in der Nähe desselben befindliche Brücke über die Kologha überschritten und siegestrunken über den Erfolg sich so weit vorgewagt, daß sie von Front und Flanke in ein fürchterliches Feuer kam. Es war schaudererregend anzusehen, wie die weitausgedehnte Linie von den feindlichen Kugeln niedergeschmettert und zerrissen wurde. So oft ein Schuß durch ihre Reihen schlug, stieg hinter der Linie eine große Staubwolke von dem Sande, den die Kartätschen aufwühlten, empor. Wenn diese sich verzog, lagen ganze Glieder niedergeschmettert am Boden. So wurden ihre Reihen immer lichter, bis sie sich gar nicht mehr schließen konnten und zuletzt als vereinzelte Haufen umherirrten. Der General selbst fiel als eines der ersten Opfer; er hatte das Unausführbare dieses tollen Vorgehens eingesehen, konnte aber die von Kampfeswuth entbrannten Soldaten nicht zurückhalten. Zuletzt kam ihnen das von Eugen besonders geliebte 92. leichte Infanterieregiment zu Hilfe und führte das kleine Häuflein der Uebergebliebenen zurück. Der Boden aber war von Leichen und Verwundeten übersät. So begann der verhängnißvolle Tag und so dauerte er fort; es war ein ununterbrochenes Hin- und Herwogen des Kampfes, ein gegenseitiges gräßliches Morden. Der Kampf wurde von beiden Seiten mit einer fast beispiellosen Erbitterung und Hartnäckigkeit geführt. Die Russen standen wie Mauern unter dem Feuer und den ungestümen Angriffen der Franzosen. Tausende von Leichen deckten die blutgetränkte Erde und immer füllten sich die russischen Reihen aufs neue. Man konnte wohl merken, daß sie von der Heiligkeit ihrer Sache durchdrungen waren. Sie nennen dieses Schlachtfeld die heilige Haide, und es geht die Sage, daß nie ein Feind weiter vorgedrungen sei. Furchtbar wüthete das Feuer in den Reihen der Franzosen aus dem ungeheuren Vulkan, der großen Redoute. Sie bildete die Hauptstütze der Russen auf dem rechten Flügel auf einer Anhöhe, weßhalb sie weithin dominirte. Besonders entsetzlich litt von ihrem Feuer das 4. Armeecorps; der gute Prinz war fast den ganzen Tag den Kugeln ausgesetzt. Dreimal[189] stürmten die Franzosen mit verzweifeltem Muthe diesen todbringenden Erdhaufen und dreimal mußten sie ihn unter ungeheuren Verlusten wieder aufgeben. Schon Vormittags hatte sich der Kampf auf der ganzen Schlachtlinie ausgedehnt, furchtbar rollte der Donner des Geschützes meilenweit, ungeheure Rauchsäulen stiegen allerwärts empor. Aber alle Anstrengungen blieben immer noch ohne Erfolg. Der Mittag kam und des furchtbaren Mordens war noch kein Ende. Ein General nach dem andern wurde verwundet zurückgebracht, von vielen war die Todespost eingetroffen, bluttriefend schleppten sich die Soldaten aus den Kampfe, an vielen Stellen war das Feld mit Leichen bedeckt; was ich an Verwundungen und Verstümmelungen an Menschen und Pferden an diesem Tage gesehen, ist das Gräßlichste, was mir je begegnete und läßt sich nicht beschreiben. Von dem, was im Centrum und dem rechten Flügel der Franzosen vorging, kann ich nichts aus eigener Anschauung erzählen, ich hielt mich stets bei dem 4. Armeecorps auf, aber an der Heftigkeit und Beweglichkeit des Kampfes konnte man in der Ferne auch recht deutlich wahrnehmen, wo Ney und Murat befehligten. Jeder war an diesem Tage ein Held, aber diese beiden Heerführer steigerten ihre Kraft und Energie bis zum Aeußersten. Es war ein wahrer Kampf der Verzweiflung; was die Kriegskunst vermag, was mit der viel erprobten Tapferkeit der besten Truppen zu erreichen oder durch Raschheit der Bewegungen auszuführen ist, nichts blieb unversucht, aber alles scheiterte an der unerschütterlichen Standhaftigkeit der Russen. Gegen Mittag verließ ich das große Schlachtfeld und begab mich über die Kologha zurück nach dem Lagerplatz, wo die Equipagen des Prinzen hielten, um mir ein anderes Pferd zu holen, da das meinige sehr ermüdet sich am rechten Hinterfuße etwas beschädigt hatte. Kaum war ich dort angelangt, als auf dem äußersten linken Flügel ein furchtbares Hurrahgeschrei sich erhob. Eine ungeheure Masse Kosaken warf sich mit großem Ungestüm auf die bayerische Cavallerie (das 3., 4., 5. und[190] 6. Chevauxlegersregiment), aber die Wildheit dieses Angriffs scheiterte an der ruhigen Haltung dieser erprobten Truppen, welche sie mit eingelegtem Karabiner erwarteten. Auch die italienischen Garden, welche eben auf das große Schlachtfeld marschirten und in der Nähe sich befanden, bildeten Front gegen die anprallenden Kosaken und vereitelten ihren Stoß, der auf nichts Geringeres, als auf einen Angriff im Rücken des linken Flügels abgesehen war. Wäre dieses Manöver gelungen, so wären sämmtliche Equipagen des Prinzen und des Kaisers in die Hände der Feinde gefallen und die große Redoute, welche der russischen gegenüber stand, im Rücken bedroht gewesen. Die Sache sah auch gefährlich genug aus, da es gegen 10,000 Kosaken gewesen sein sollen. Ich hätte mit meinem guten Pferde das Weite suchen können, aber dieser neue Akt des furchtbaren Dramas interessirte mich ganz besonders. Ich verfügte mich zu der italienischen Garde und hatte so das Vergnügen, das großartige Reitermanöver in der Nähe zu sehen. Bald darnach ritt ich durch das kleine Thal der Kologha auf meinen vorigen Standort zurück. Auf diesem Wege begegnete mir etwas, das fast ein komisches Zwischenspiel des Tages zu nennen ist. Einem adeligen Stallmeister des Prinzen, Namens Bellisoni, wurde das Pferd unter dem Leibe erschossen. Ein Reitknecht sollte für den Prinzen ein anderes Pferd holen und einen andern Stallmeister mitbringen, um Bellisoni abzulösen. Dieses Loos traf den Baron Allemagna, einen Mailänder Cavalier, der nie in einer Schlacht gewesen und Tags zuvor erst als Courier aus Mailand bei der Armee angekommen war. Unterwegs hielt ich mich an einem Platze, wo es eben nicht mehr ganz geheuer war, mit Zeichnen auf, als ich plötzlich den Reitknecht mit dem neuen Pferde und dem Stallmeister sich mir nähern sah. Allemagna, welcher mich von Mailand her kannte, schrak zusammen und redete mich mit den Worten an: »Aber Adam, was machen Sie denn da? Sind Sie denn von Sinnen? Da sitzt der Mensch ruhig auf seinem Pferde und zeichnet, als wenn er zu Hause in seinem Atelier wäre, während die Kugeln daherfliegen.« Dabei sah er sich ganz scheu um,[191] ob nicht schon eine für ihn ankäme. »Mein lieber Baron Allemagna,« sagte ich, »das ist eben jetzt mein Atelier, und an das Pfeifen der Kugeln bin ich schon gewöhnt!« ? »Das gewöhne der Teufel!« war die Antwort, »ich muß jetzt da hinüber, ich bin ein armer Teufel (son' povero diabolo), meine Ehre, meine Stellung bei Hofe, alles ist hin, wenn ich mich jetzt nicht entschließe, meine Haut zu Markte zu tragen. Aber Sie! ein Künstler wie Sie, der ein freier Mann ist, dem die ganze Welt offen steht, wie kann sich der so exponiren, ich begreife Sie nicht!« Es schien, als hätte er gerne noch lange mit mir geplaudert, aber der Reitknecht drängte und ich packte zusammen und sagte: »Kommen Sie, Allemagna! Ich gehe mit. Fassen Sie nur Muth, es treffen nicht alle Kugeln, sonst wäre auch ich schon lange nicht mehr da.« Zaudernd folgte der gute Mann, bald kamen wir wirklich in das Schußbereich, und er mag wohl hübsch viele Angst ausgestanden haben, hielt aber doch geduldig den ganzen Nachmittag aus. Der Prinz, welcher seine Angst bemerkt haben mochte, sagte Abends: »Allemagna hat heute mehr geleistet, als wir alle.« Man war gewöhnt, über solche Dinge zu scherzen, schlug aber die Ueberwindung doch hoch an. Amazon.de Widgets Im Jahr 1813 traf ich Allemagna in Mailand ganz wohlbehalten: er erzählte oft in Gesellschaft mit liebenswürdiger Offenheit unser Zusammentreffen in jener mißlichen Lage und seine Angst vor den ersten Kugeln, die er pfeifen hörte. Es mag übrigens sonderbar klingen, wenn man hört, daß ein adeliger Stallmeister mit in das Feuer genommen wird und eigentlich nichts dabei zu thun hat; aber es war damals so Sitte, ja Murat hat sogar Pagen mitgeschleppt. Prinz Eugen und sein Corps war fortwährend noch dem heftigsten Feuer der großen russischen Redoute ausgesetzt, denn noch immer lag dieser verhängnißvolle Erdhaufen vor unseren Augen: sie war im Laufe des Nachmittags buchstäblich ein Erdhaufen geworden, da die französischen Geschütze große Zerstörungen an ihren Wällen angerichtet; aber die Russen vertheidigten sich in ihr stets mit derselben unerhörten Standhaftigkeit;[192] es war ihnen nicht eine Handbreit Erde abzugewinnen, diese Lage war für uns wahrhaft peinlich. Oft hörte ich die tapfersten Offiziere sagen, daß die Gefahr, wenn man sich zu lange in ihr befindet, ermüdet und abspannt; man greift dann zum Aeußersten. An diesem Momente war die Sache nun angelangt; um jeden Preis mußte eine Entscheidung herbeigeführt werden. Prinz Eugen ordnete einen neuen Angriff an; mit der größten Resignation rückten die Colonnen noch einmal den unheilvollen Hügel hinan, an den Leichen der vielen braven Kameraden vorüber, deren Loos auch sie bald theilen sollten. Glücklicherweise war es die letzte schwere Aufgabe an diesem Tage. Napoleon hatte gleichzeitig den verzweifelten Entschluß gefaßt, durch ungeheure Cavalleriemassen sich auf die Russen zu werfen, die Redoute im Rücken anzugreifen und so zu überwältigen. Es ist selbstverständlich, daß die Russen den Rücken nicht bloßgestellt ließen. Die Cavallerie kam dadurch in ein doppeltes und dreifaches Feuer in Front und Flanken, aber das Manöver gelang, Napoleon hatte Murat damit beauftragt, er wußte, daß dieser der Mann sei, es auszuführen. Mit welchen Opfern es aber gelang, davon zeugte der Abend und der folgende Tag. Der Angriff war prachtvoll, aber schauerlich anzusehen; die Kriegsfurie war los, alle Waffen in Thätigkeit: das Schwert, das Bajonett, alle Arten von Geschossen; besonders fürchterlich hausten die Kartätschen in den anstürmenden Reihen. Ungeheure Staubwolken stiegen empor und vermengten sich mit dem Pulverdampfe. Zwischen heraus sah man die Schwerter unheimlich blitzen, der Sturm sauste über Todte und Verwundete hinweg, über Waffen und Kriegsgeräthe und alles, was am Boden lag; man glaubte, das wilde Heer tobe vorüber. Die Redoute wurde durch Cuirassiere genommen, beinahe zu gleicher Zeit kamen die Colonnen des Prinzen, der sie in der Front angreifen ließ, dort an. General Coulaincourt, der Befehlshaber der Cuirassiere, starb unter den Brustwehren dieses Vulkans den Heldentod. Auch deutsche Cavallerie nahm[193] bedeutenden Antheil an diesem Kampfe, besonders Bayern, Sachsen und Württemberger. Ein sächsisches Cuirassierregiment wurde beinahe ganz aufgerieben, zunächst der Redoute sah ich das Feld mit ihren Leichen bedeckt. Vom 1. bayerischen Chevauxlegersregiment sollen am Abende des 7. September nur noch dreißig Mann mit zwei Offizieren diensttauglich und zu Pferde gewesen sein. Die Franzosen wußten die Truppen ihrer Verbündeten, besonders die deutsche Cavallerie, stets recht gut zu verwenden, in der Regel wurde diesen nicht die leichteste Aufgabe an der Arbeit des Tages zu Theil. ? Uebrigens hatten alle Regimenter bei dem verzweifelten Sturme mehr oder minder ungeheure Verluste. Ich schätzte mich glücklich, Augenzeuge dieses großartigen Schlachttages gewesen zu sein. Es bleibt nur immer das schmerzliche Gefühl zurück, alle die ergreifenden Scenen, welche sich hier so rasch auf einander häuften, nicht sogleich auf das Papier bringen zu können, um sie der Nachwelt zu überliefern. Der furchtbare Krater, der acht Stunden hindurch Tod und Verderben nach allen Richtungen hin verbreitete, war nun zum Schweigen gebracht. Die französischen Adler blinkten von seiner Höhe herab, aber diese Erdscholle war theuer erkauft, fast zu theuer, meinten viele. Die Russen machten verschiedene Versuche, die Franzosen wieder aus der Redoute zu werfen, aber diese blieben trotz der größten Anstrengungen und ungeheuren Opfer erfolglos. Die Russen mußten weichen und zogen sich in Ordnung in eine zweite Position zurück, in der sie, durch eine Reihe von Redouten und Verschanzungen aller Art gedeckt, unangreifbar waren. Der Kampf dauerte zwar noch mehrere Stunden fort, aber ohne Erfolg; gegen Abend wurde das Feuer schwächer, bis endlich das Dunkel der Nacht dem Morden ein Ende machte. Erhebend ist es, einem Kampf auf Leben und Tod, wie der bei Borodino war, beizuwohnen. Man wird zur Bewunderung über den Muth und die Todesverachtung hingerissen, mit der die Truppen im ärgsten Kugelregen dem Feinde entgegeneilen[194] oder, was noch mehr ist, ruhig aushalten. Während des Kampfes selbst ist freilich die Aufregung so groß, daß sie einer besonnenen Reflexion nicht Zeit gibt, aber wenn der Donner der Geschütze schweigt und man mit mehr Ruhe nun all den Jammer und das Elend übersieht, das der Kampf angerichtet, da tritt das menschlichere Gefühl mehr hervor und pocht an unser Herz. Mit Schaudern schweift unser scheuer Blick über das Schlachtfeld. Dieses bot besonders in der Umgebung der großen Redoute ein entsetzliches Bild. Zwischen verstümmelten Leichen und zerrissenen Gliedern rangen Verwundete ächzend in ihrem Blute mit dem Tode; hilflos einer kalten Nacht entgegensehend, schleppten andere bald einzeln, bald in Gruppen sich einher, ohne zu wissen, wohin. Keiner kümmerte sich um die andern, jeder hatte mit seinem eigenen Elende zu thun. Hie und da wurden Offiziere weggetragen, oder Schwerverwundete noch auf dem Pferde sitzend von leichter Verwundeten geführt, aber wohin?1 Man wußte es nicht. Adjutanten rannten auf keuchenden Pferden hin und her, um für verwundete Generäle Aerzte zu holen, welche schwer, oft auch gar nicht zu finden waren. Ledige Pferde, oft mit einem abgeschossenen Bein, schleppten sich auf drei Füßen herum, der vielen todten und verwundeten Pferde gar nicht zu gedenken, die den Boden bedeckten. Dieser war von Kugeln durchfurcht, mit Trümmern von demontirten Geschützen, Munitionswagen, Monturstücken, Waffen und Kugeln bedeckt, ein wahres Bild der Verwüstung. Gräßlich sah es in einem breiten Graben aus, der sich[195] rückwärts um die Redoute herumzog. Die Russen hatten durch die hartnäckige Vertheidigung, den ganzen Tag einem furchtbaren Feuer ausgesetzt, ganz entsetzliche Verluste, sie warfen, um Platz in der Redoute zu gewinnen, alle ihre Todten in diesen Graben, wo sie zwischen demontirten Geschützen und Trümmern aller Art hoch auf einander geschichtet lagen. Einen betrübenden Eindruck machte auf mich der Platz, wo das 1. und 2. bayerische Chevauxlegersregiment so gräßlich hingeopfert worden war. Außer vielen schwerverwundet am Boden herumliegenden Offizieren fand ich auch den Obrist des 1. Regiments, den Grafen von Wittgenstein, schon dem Tode nahe, in der Kraft der Jahre sein Leben aushauchen. Ueber seine blutenden Wunden war der Mantel gedeckt; ein sächsischer Arzt, ein junger, am Arme verwundeter Offizier und fünf verwundete Soldaten seines Regiments umgaben ihn. Sein Schwager, der in der ganzen Armee geachtete Baron Karl von Zweibrücken, hatte das Kommando nach seinem Falle übernommen, aber auch er wurde gleich darnach von einem Kartätschenschuß in die Brust getroffen. Nicht so glücklich, wie Wittgenstein, auf dem Schlachtfelde nach kurzen Leiden den Heldentod zu sterben, unterlag er erst mehrere Wochen später in der armseligen Stadt Moshaisk seinen Wunden. Zweibrücken war einer meiner frühesten Gönner, ich sprach ihn noch am Morgen dieses verhängnißvollen Tages; sein Tod ging mir sehr nahe. Die Dämmerung war hereingebrochen; düstere, tief herabhängende Wolken, von einem scharfen Westnordwind gejagt, vollendeten das Schauerbild des Schlachtfeldes. Das Schlachtfeld bei Borodino ist größtentheils eine wilde Haide mit sehr wenig Vegetation und gewährt für sich schon einen tragischen Anblick. Die vielen dasselbe durchschneidenden, meist mit Todten gefüllten Schluchten machten es sehr unwegsam und es war schwer, sich dort zurecht zu finden. Darauf befanden sich kaum ein paar elende, stundenlang aus einander liegende, halb oder ganz zerstörte Dörfer; von einer Straße (mit Ausnahme der großen Straße nach Moskau, welche die Russen noch besetzt hielten) war keine Rede.[196] Meine Neugierde, mit diesem Kampfplatz möglichst bekannt zu werden, trieb mich lange auf ihm herum. In tiefes Nachdenken versunken, ritt ich auf meinem ermatteten Pferde langsam dahin und hatte große Mühe, bei der Nacht den Rückweg zu finden. Die Suite des Prinzen hatte ich längst verlassen, um nicht gebunden zu sein und mich nach eigenem Willen bewegen und umsehen zu können. Es war dieses die letzte und größte Schlacht, welcher ich beiwohnte, und mein Drang, den Krieg in allen Gestalten zu sehen, mehr als zur Genüge befriedigt. So endete der so lange, so heiß ersehnte Tag, der eine Entscheidung zu Gunsten einer Armee herbeiführen sollte, die durch ihre glänzenden Siege die Welt erbeben gemacht und ein Gegenstand der Bewunderung fast aller Nationen war. Einen Weg von mehr als achthundert Stunden hatte sie unter zahllosen Beschwerden zurückgelegt, durch die sie schon vor der Schlacht auf die Hälfte herabgeschmolzen war, um bei Borodino das Loos der Waffen an einem Feinde zu versuchen, der durch kalte Berechnung, durch Ausdauer in dem gefaßten Plane dem stolzen Heere den sicheren Untergang bereitete. Wird der blutige Kampf die Erwartungen krönen? Ist diese öde Scholle die zahllosen Opfer werth, die sie gefordert? War das wirklich eine entscheidende Niederlage des Feindes? ein entscheidender Sieg? Es hatte nicht den Anschein. Der folgende Morgen wird es zeigen. Unter solchen Betrachtungen gelangte ich ausgehungert und von Kälte erstarrt gegen Mitternacht an unsern ersehnten Lagerplatz und sah mich mit Begierde nach der Küche und meinem Freund Havard um. Ueber vier Monate war ich von Hause entfernt und hatte bis dahin keine Zeile von meiner jungen Frau und den Meinigen erhalten. Man schrieb mir zwar fleißig, hatte aber nicht den rechten Weg eingeschlagen, mir die Briefe zuzuschicken. Bei allen Courieren, auf allen Feldposten fragte ich vergebens nach, was mich sehr betrübte. Als ich nun so ermüdet angekommen und kaum vom Pferde gestiegen war, erblickte ich an einem Feuer, um welches Leute aus dem Dienste des Prinzen versammelt waren, einen Courier. Eiligst lief ich auf ihn zu[197] und fragte: »Haben Sie keinen Brief für mich?« ? »Ja!« lautete die erfreuliche Antwort. Wer war glücklicher, als ich. Am Tage dieser verhängnißvollen Schlacht erhielt ich den ersten und einzigen Brief von den Meinen während des ganzen Feldzuges. Dieser brachte die glückliche Nachricht der Entbindung meiner Frau von einem Knaben. Auch wurde mir unter anderm mitgetheilt, daß mein Pudel, den ich zu Thorn an der Weichsel verloren, in München angekommen sei. Dieser Brief machte mich so glücklich, daß ich erst, nachdem ich denselben an einem Feuer gelesen, darauf Bedacht nahm, meinen ausgehungerten Magen mit etwas Speise zu versehen. Dann aber sehnte ich mich nach Ruhe, welche ich auch auf etwas Stroh unter einem Wagen fand. Der Morgen des 8. September war rauh, windig und feucht, so wie der ganze Tag. Die Russen hatten sich wie immer in großer Ordnung zurückgezogen und uns das Schlachtfeld überlassen. Das war aber auch alles, was dieser blutige Kampf zur Folge hatte. Gefangene sah man gar nicht und die Verluste sollen auf beiden Seiten gleich gewesen sein, man wollte sie zusammen auf fünfzigtausend Mann angeben. Ségur zählt darunter allein zweiundvierzig todte und verwundete Generäle. Prinz Eugen begab sich nach Borodino, wo er den ganzen Vormittag verweilte, während ich nochmals einen großen Theil des Schlachtfeldes überritt und zeichnete, soviel ich in der kurzen Zeit konnte. Wahres Herzeleid verursachte es mir, diesen Reichthum von Uniformstücken, Sattelzeug, Armaturen und Kopfbedeckungen aller möglichen Waffengattungen herumliegen zu sehen, ohne etwas mitnehmen zu können. Ein Schlachtenmaler hätte hier Material für sein Leben gehabt. Aber wie diese Dinge transportiren? Ich hätte hiezu mindestens ein paar Fourgons gebraucht und es fehlte im allgemeinen ohnehin an Transportmitteln. Gern hätte ich auch hier noch einige Tage verweilt, um nur einiges von dem vielen Merkwürdigen zu zeichnen, das sich hier darbot. Als ich gegen 1 Uhr Nachmittags nach Borodino zurückkam, war man eben im Aufsitzen begriffen, um die Straße nach Moskau einzuschlagen.[198] Moskau! das war der Gedanke, welcher nun alles neu belebte. Welche Hoffnungen knüpften sich an diese alte Hauptstadt Rußlands! Welch stolzer Gedanke für die leicht zu begeisternden Franzosen, auf dem alten Czarenpalaste ihre Adler aufzupflanzen! Daß dieses in kürzester Frist geschehen werde, daran zweifelte Niemand. Man war gewöhnt, daß Napoleon stets den Feinden in ihrer Hauptstadt den Frieden diktirte. An diese Hoffnung knüpfte sich der Gedanke, von Moskau mit Lorbeer gekrönt bald in die liebe Heimath zurückzukehren! Alles war von diesem Wunsche beseelt, und der Mensch glaubt ja so gerne, was er sehnlichst hofft und wünscht. Wohl waren auch manche, die sich nicht so ganz diesen süßen Träumen hingaben: der Krieg, den die Russen bis dahin mit eiserner Consequenz nach ein und demselben Princip geführt hatten, gab Anlaß genug, den Flug der Begeisterung in etwas zu hemmen, daran aber mochte Niemand denken, daß die Russen ihre alte Czarenstadt, an welche sich so viele heilige Erinnerungen knüpfen und welche so viele Schätze in sich faßt, auf solche Weise opfern, wie es die Folge lehrte. Die Armee theilte sich nun auf verschiedenen Wegen, den Russen zu folgen; die italienische Armee unter Prinz Eugen schlug die Richtung gegen Krasnoje ein und zog an Moshaisk vorüber. Von da kamen wir nach Vendeskoje. Die Scenerie schien sich auf einmal verändert zu haben und ließ vermuthen, die Russen hätten auf diesem Wege keine Franzosen erwartet. Die meisten Bewohner waren zwar geflohen, aber das sonst gewöhnliche Signal, welches unserer Bahn voranging, der Brand, hatte uns diesmal den Weg nicht bezeichnet. Wir fanden Lebensmittel und Fourage, die Soldaten waren guter Dinge, und mit jeder Stunde wuchs die Hoffnung, daß man in Moskau bald für so lange, so große Entbehrungen entschädigt werde. Zu Vendeskoje fanden wir ein schönes Schloß mit prachtvoller Einrichtung, die von Geschmack, Kunstsinn und Reichthum zeugte: eine große, schöngeordnete Bibliothek, eine große Kupferstichsammlung von vorzüglichen und kostbaren Werken, Mal- und Zeichnungsrequisiten aller Art. Gleichen Schritt[199] damit hielt die Möbelirung. Diese Erscheinung bildete einen sonderbaren Contrast zu all dem, was uns seit dem Eintritt in Rußland begegnet war. Indessen war es herzzerreißend, zu sehen, wie alle jene Schätze verschleudert wurden. Jeder griff zu und nahm, was er eben brauchen konnte. Am tollsten ging es in dem wohlbesetzten Weinkeller zu. Am 9. September überschritten wir die Moskwa und kamen nach Rouza, einer nach russischen Begriffen nicht ganz unbedeutenden Stadt. Plötzlich stießen wir auf einen ungeheuren Zug von kleinen Wagen, wie sie die russischen Landleute haben, bepackt mit Habseligkeiten, Weibern und Kindern. Diese Leute, welche auf ihrer Flucht uns in die Hände fielen, wurden eben nicht sehr gut von den Soldaten behandelt. In Rouza selbst wurde uns einiger Widerstand geleistet von einer Art Landsturm, vom Adel geleitet. Der Ort mußte es bitter büßen. Die Soldaten plünderten und begingen die gröbsten Excesse. Um so leichter waren sie, die so lange an allem Mangel gelitten, hiezu geneigt, als sie in Rouza vollauf zu leben fanden und all das im Ueberflusse vorhanden war, was man so lange entbehrt hatte. Man gab sich der Hoffnung hin, so werde es bis Moskau fortgehen, aber von Rouza an ging wieder Brand und Verwüstung vor uns her. Die Vorfälle in Rouza scheinen ganz besonders dazu verwendet worden zu sein, das Volk zu fanatisiren und ihm die gräßlichsten Schilderungen von der Ruchlosigkeit der Franzosen und ihres Anführers zu geben, was um so wirksamer war, als die Gerüchte, welche man ausstreute, sich auf Thatsachen gründeten, die sich schnell von Mund zu Mund vor uns her verbreiteten. Von nun an fanden wir alles, mit Ausnahme einiger Landhäuser, bis Moskau niedergebrannt, verwüstet und alle Vorräthe, welche der Armee dienlich sein konnten, weggeschafft oder vernichtet. Am 12. kamen wir zu der schönen Abtei Zwenigorod. Diese liegt auf einem sanft ansteigenden Hügel mit üppigen Bäumen und Laubholz bewachsen, welche trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit noch im schönsten Grün standen. Um dieselbe zieht sich durch ein anmuthiges Wiesenthal ein Bach, so daß[200] man die Lage des Klosters mit Recht romantisch nennen kann und man auch hier die Beobachtung macht, daß die geistlichen Herren die Orte, wo sie ihre Klöster erbauten, sehr gut zu wählen verstanden. Das Kloster selbst ist mit starken Mauern, Schießscharten und Thürmen versehen; man könnte leicht in Versuchung gerathen, es eher für einen festen Platz, als für ein Kloster zu halten, wenn nicht über die Mauern heraus große Gebäude und Thurmspitzen mit Kuppeln von wunderlicher Form emporragten. Das Ganze machte einen eigenthümlich fremdartigen Eindruck. Die Mönche hatten ihr Kloster nicht verlassen, baten um Schonung der geheiligten Stätte und benahmen sich mit der Würde, wie sie ihr Stand erheischt. Einer derselben eröffnete uns mit furchtloser Freimüthigkeit, welch trauriges Loos unser in nächster Zukunft harre, und da alles, was wir erfuhren, errathen ließ, die Geistlichen in Zwenigorod seien über die politische Lage gut unterrichtet, selbst über die Zustände in Deutschland, so konnte manche dieser Mittheilungen Stoff zu ernstem Nachdenken geben; allein der Gedanke: »Wir stehen vor Moskau,« verdrängte alle anderen Eindrücke. Prinz Eugen übernachtete im Kloster; edel, wie er sich stets zeigte, wachte er sorgfältig darüber, daß keine Excesse vorfielen. Ob das auch nach seinem Abmarsche so gehalten worden, dafür möchte ich aber nicht einstehen. 1 Amazon.de Widgets Scenen dieser Art hat Albrecht Adam viele gemalt. Wir erinnern beispielsweise nur an das wörtlich hiezu stimmende Bild in der Leuchtenberg-Gallerie (radirt von dem jetzt so gefeierten Thiermaler Fr. Voltz in den von Inspektor Muxel herausgegebenen Umrissen dieser Sammlung, I. Bd. Bl. 32), oder die ergreifende Gruppe (lithographirt in Adam's Erinnerungen), wo zwei französische Soldaten ihren verwundeten Offizier tragen, indeß das leere Pferd traurig nebenbei trottet. Dazu gehören auch viele Oelbilder, z.B.: »Der von einem französischen Cuirassier aus der Schlacht geführte Offizier« (1829 auf der Kunstausstellung in Berlin); »Das verlassene Pferd auf dem Schlachtfeld« (vgl. Kunstblatt 1834, Nr. 12, S. 206 u.s.w.). 
 XVII. Nachwort.  [334] Damit enden Albrecht Adams eigenhändige Aufzeichnungen. Er schrieb daran in der Zeit von 1857 bis zum November 1861, meist an den Winterabenden oder vor der Nachtmahlzeit, bisweilen auch an stillen Sonntag-Nachmittagen; dann saß gewöhnlich seine Frau an seiner Seite und spann mit großem Fleiße an ihrer italischen Spindel. Er schrieb immer nur auf einer Seite, die andere zu jedoch selten nothwendigen Besserungen aufsparend, auf dünnes, bläuliches Postpapier, in dem ungewöhnlichen Format von circa 28 cm Höhe und 11 cm Breite; die Bogen heftete er selbst in kleine und größere Convolute, deren Zahl allgemach auf zweiundzwanzig anwuchs, welche etwas über 620 Blätter umfassen. Seine Schrift mit den großzügigen Buchstaben stammt unverkennbar aus einer alterthümlichen Schule; sein Lehrmeister dürfte wohl schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die Kunst des Schreibens erlernt haben. Daß Adam nicht länger in der Schule saß, als damals gerade nothwendig schien, ist glaubhaft. Mit Interpunktion und Orthographie nahm es unser Autodidact nicht besonders genau; er blieb überhaupt damit zeitlebens auf einem etwas gespannten Fuße. Als Material dienten ihm, außer seinem scharfen Gedächtniß, wohl die an Ort und Stelle gemachten Tagbuch-Aufzeichnungen, über deren Verbleib uns keine Kunde wurde, außerdem[334] benützte er noch seine stets sorgsam datirten Skizzenbücher. Dabei sind die meistentheils durch das Gehör vernommenen Orts- und Personen-Namen nicht immer richtig gegeben. Daß bei einer in längeren Zwischenräumen fortgeführten Arbeit die Stimmung des Schreibenden schwankt und bisweilen eine weniger günstige Disposition oder ein sorgloseres Sichgehenlassen in Styl und Ausdruck wahrnehmbar ist, bleibt selbstverständlich. Hier galt es, obwohl nur in wenigen Fällen, zu kürzen und auszuscheiden. Dazu kommt noch ein dünner Fascikel mit Concepten und ein längerer Aufsatz über Erziehung und Familienleben. Letzterer, beendet am 8. Dezember 1861, wiederholt einerseits die uns schon bekannten Maximen Adams: daß Genügsamkeit und Mäßigung, strenge Zucht und Ordnung, klug bewilligte Freiheit und ernste Liebe die Wurzel eines glücklichen Familienlebens bilde; anderseits finden sich einige biographische Notizen über seine Kinder, die Freude und der Stolz seines Hauses, wovon wir nachträglich einige Mittheilungen benutzen können. Anschließend an die von dem Autobiographen zuletzt geschilderte künstlerische Thätigkeit berichten über die im Jahre 1851 von Adam unternommene Reise nach Ungarn einige an verschiedene Glieder seiner Familie gerichteten Briefe, welche wir hier kurz auszüglich verwerthen. Unterm 2. Juli 1851 meldet der Maler seine Rückkehr von einem Ausfluge nach Raab und Komorn; freudig wartet er auf die Ankunft seines wackern Sohnes Franz, welcher gleich nach seinem Eintreffen fleißig daran geht, mehrere Offizier-Portraits in Aquarell für des Vaters Bild zu zeichnen. Dann finden wir die beiden Künstler auf der Theiß, nach den wichtigsten Punkten des ungarischen Insurrektions-Krieges reisend, begleitet von dem Hauptmann Friedberger, einem Augenzeugen jener schweren Kämpfe. Von Szolnok eilen sie nach Szegedin, wo vom frühen Morgen bis zum heißen Mittag im Freien gezeichnet wurde; dann geht es unverzüglich durch die unabsehbaren Pußten nach Temesvar. Sie sitzen auf einem[335] Bunde Stroh in einem mit drei Pferden bespannten, von einer Matte überdeckten Leiterwagen; die furchtbar holperige Fahrt eilt über Feld und Morast, über Haide und Wüste. Deßungeachtet verläßt unseren Maler die Reiselust und Poesie nicht; er möchte jetzt sogar nach Siebenbürgen: »Gut, daß Eugen (sein reiselustiger Sohn) nicht bei mir ist, sonst käme ich auch noch bis in die Türkei ... Hätte ich nicht höhere Pflichten und ökonomische Rücksichten vor Augen, so würde mich nichts abhalten, nach Konstantinopel auf der Donau hinunterzuschwimmen.« In Temesvar hören sie noch allerlei Geschichten und Erzählungen aus der Zeit der Belagerung; man erschöpft sich daselbst in Aufmerksamkeit gegen die beiden Künstler. Dann kehren sie bei furchtbarer Hitze über die mit politischen Gefangenen wohlbesetzte Festung Arad und über das prachtvolle kaiserliche Gestüt Mezö-Högyes ? wo sie ihre Skizzen in Ordnung bringen und eine wahre Erfrischung für Geist und Körper finden ? auf die Theiß zurück und treffen am 26. Juli wieder in Pesth ein, wo Franz »bald mit großer Passion und wahrer Begeisterung« eine »sehr schöne Skizze der Schlacht von Temesvar« malt. »Ich selbst beschäftige mich mit der Ausbildung von einigen Compositionen, welche ich selbst in Temesvar entworfen und wovon besonders eine von der Schlacht von Szörreg sehr gelungen ist, welche auch Franz außerordentlich befriedigt ... Ich verlasse Ungarn mit dankbarem Gefühl für so viele empfangene Beweise von Liebe und Auszeichnung jeglicher Art.« Am 10. August erhielt Albrecht Adam Audienz beim Kaiser ? wobei auch Franz vorgestellt wurde ? und in Folge davon Bestellung auf zwei Bilder. Am 15. August überreichte Albrecht Adam an den Grafen Grünne zu Schönbrunn die eben erschienenen neuesten (letzten) Hefte von dem Werke über den italienischen Feldzug, mit der Bitte, selbe Sr. Maj. dem Kaiser vorzulegen; dann verabschiedete sich der Maler von seinen übrigen hohen Freunden und wanderte schließlich unter den dunklen Laubgängen des schönen Gartens mit allerlei ernsten und feierlichen[336] Erinnerungen: »Hier sah ich vor vierzig Jahren den gefürchteten Kaiser Napoleon sehr oft in tiefem Nachdenken versunken, mit den Händen auf dem Rücken einherwandeln, und in einem der Zimmer, welche jetzt Graf Grünne bewohnt, hauste ich selbst zu jener Zeit durch mehrere Wochen. Damals kam ich auf meinem ersten größeren Ausflug in die Welt als ein armer Junge nach Wien und fand die erste Aufmunterung bei den Feinden Oesterreichs, den Franzosen; jetzt ruft mich der Kaiser Oesterreichs dorthin, um die Heldenthaten seiner tapfern, siegreichen Armee auf die Nachwelt zu übertragen.« Mit Ehrenzeichen auf der Brust, geliebt und geachtet an diesem Hofe und bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet, erging er sich hier, wo er als schüchterner Jüngling nie gewagt hätte, seine Hoffnungen und Ansprüche an Glück und Zukunft so hoch zu stellen. Er genoß jetzt den Lohn eines ernsten Strebens, als ein braver Bürger, als ein fleißiger Mann und berühmter Künstler. »Damals, bei Napoleons Gegenwart, herrschte ringsum Todtenstille, man sah nur die majestätischen Gestalten der Grenadiere und der kaiserlichen Garden, stets in Paradeuniform Schildwache stehen und alle Ein- und Ausgänge besetzt haltend ? heute bewegten sich in buntem Gemisch Tausende von Lustwandelnden aus allen Ständen, was dem Ganzen ein recht heiteres, festtägliches Aussehen gab.« ... Nach seiner Rückkehr warf sich Albrecht Adam mit der ihm eigenen Energie gleich auf die Ausführung des einen, die »Schlacht von Szörreg« behandelnden Bildes und vollendete dasselbe in verhältnißmäßig sehr kurzer Zeit, bis Ende Mai 1852. Er brachte sein Werk über Regensburg ? von Linz aus fuhr er auf dem Dampfer »Radetzky« ? nach Wien, wo der Künstler beim Kaiser abermals den liebenswürdigsten, herzlichsten Empfang fand. Alles strebte ihm Aufmerksamkeit zu erweisen. Gallerie-Direktor Krafft1 hat mit Begeisterung von diesem Bilde gesprochen. Auch hier war es ein Griff in's volle Leben: man[337] sah sich mitten in die Schlacht versetzt; auch Benedek wurde auf den ersten Blick erkannt. Im August desselben Jahres treffen wir Adam zu Hohenschwangau, wo ihn König Maximilian, welcher den Künstler immer in besonderer Affection hielt, in Audienz empfing, ebenso die Königin Marie. Adam wurde zur Tafel der Majestäten geladen, welche »auf der Terrasse unter einem Zelte bei paradiesischer Aussicht« stattfand. Auch hier stiegen schöne Erinnerungen an frühere Tage auf; hatte er doch »vor sechszehn Jahren hier gepinselt« und in die von Moriz von Schwind und Anderen componirten Bilder die Pferde hineingemalt. Zu Ende März des Jahres 1853 war nicht allein das für die Neue Pinakothek bestimmte Bild »Die Erstürmung der Düppeler Schanzen« (13. April 1849) vollendet, sondern auch das zweite der vom Kaiser Franz Joseph bestellten Bilder reisefertig. Ueber das im Münchener Kunstverein ausgestellte vorgenannte Werk berichten die Lokalblätter einmüthig in anerkennendster Weise. So heißt es z.B.: »Ein Bild aus der Geschichte des deutschen Waffenruhmes zieht dieses Mal alle Blicke auf sich. Es ist kein Gedicht, sondern eine geschichtliche Thatsache: wir erblicken bayerische Krieger und darunter wohlbekannte Portraits. Es entwickelt sich das berühmte Gefecht auf den Düppeler Höhen. Infanterie und Artillerie rücken kampfeslustig vor, während ein Theil der Letzteren bereits beflissen ist, den dänischen Schiffen auf die Angriffe aus ihren Geschützen eine gleichgewichtige Antwort zu geben. Das Terrain liegt klar vor uns; mit einem Blicke überschauen wir die Bewegungen der Massen; es herrscht im Ganzen eben so viel strategische als künstlerische Ordnung. Mit derselben Lust vertieft man sich auch in die Betrachtung der Einzelnheiten. Die Zuversicht der Führer, der freudige Muth der Soldaten wirken ebenso wohlthuend, als der Anblick der Verwundeten: eines getreu portraitirten Offiziers, eines Artilleristen und eines wackern Infanteristen, der sich ohne viele Umstände seinen Verband selbst zurecht macht, wirklich ergreift. Keine Spur von Uebertreibung und Affektation, überall Natur und Wahrheit.[338] Rechnet man dazu das natürliche Interesse, das wir an den dargestellten Figuren, als unseren Landsleuten, nehmen, sowie eine gewisse nationale Wärme, die sich wohl bei wenigen deutschen Beschauern verläugnen wird, so ist der Eindruck ein tiefer und wahrhaft herzerfreuender.« Das Bild übt heute noch für die Besucher der Neuen Pinakothek2 eine besondere Anziehungskraft.[339] Das Wiener Bild begleitete er wieder bis Regensburg, ließ dasselbe dort auf einen Dampfer verladen und fuhr einstweilen im Eilwagen bis Linz voraus. Die Aufnahme in Wien war, wie er unterm 14. Juli 1853 vergnüglich meldete, eine alle Erwartung übertreffende: »Ich kann in Wahrheit sagen, daß ich in Oesterreich eine zweite Heimath gefunden habe.« Als dann der Kaiser im Oktober nach München kam, ließ er den Maler rufen und empfing ihn mit aller treuherzigen Vertraulichkeit in Gegenwart einiger bayerischen Generäle und beehrte ihn später (im Dezember 1853) mit einem längeren Besuche in dessen Atelier, wobei auch ein neuer Auftrag erfolgte. Zu den Obliegenheiten, womit ihn seine Kollegen betrauten, gehörte auch die Vorstandschaft des Künstler-Unterstützungs-Vereins. Als Adam nach zweijähriger Verwaltung (im Februar 1854) den neuen Jahresbericht vollendet und Rechnung abgelegt hatte, glaubte er dieser Last genug gethan zu haben, erhielt aber gleich darauf ein neues Ehrenamt als Vorstand des Comités zu der im Sommer 1854 geplanten großen Kunst-Ausstellung. Obwohl die vorbereitenden Sitzungen unerwarteten Zeitverlust brachten, gelang es doch das große Bild der Schlacht von Novara Ende März 1854 zu vollenden. König Ludwig I. kam selbst in das Atelier, um das neue Werk in Augenschein zu nehmen, war in hohem Grade befriedigt und äußerte unter anderen schmeichelhaften Dingen: Adam sei in seiner Weise auch eine Art Radetzky und erringe wie dieser seine schönsten Lorbeeren in einem Alter, in welchem Andere schon längst verschollen[340] seien. Bis an sein Lebensende erfreute sich der Meister der hohen Ehre zeitweisen Besuches durch König Ludwig. Ueber die »Schlacht von Novara« berichtet Ernst Förster:3 »Der Künstler hat den Zeitpunkt des Kampfes gewählt, wo er sich mit dem Tage zu Ende neigte und die Piemontesen den letzten Versuch machten sich des andringenden Feindes zu erwehren. Links im Hintergrunde ist Novara sichtbar, rechts der Flecken La Bicocca, dessen Besitznahme die Schlacht enden machte. Links im Vordergrund steht der Eingang zum Garten der Casa Visconti. In der ganzen Linie von Novara bis La Bicocca und vorzüglich vor letzterem Ort lassen die Piemontesen ihre Geschütze spielen; aber General d'Aspre ist ihnen so nahe gerückt, daß man erkennt, es bedarf nur der Hilfe von einer zweiten Seite und die Piemontesen sind zum Rückzug gezwungen. Und diese Hilfe ist erschienen: ihr Eintreffen gibt den eigentlichen Kern der Darstellung. Es ist der Obrist von Benedek mit dem kampflustigen Regiment Gyulai, das an der Casa Visconti, wo das elfte Jägerbataillon unter Major Baur steht und die Wiener Freiwilligen sich sammeln, vorüber dem Feind entgegengeht. Es erhält seine Weisung zum Angriff von dem ritterlichen Erzherzog Albrecht, der hier im Vordergrund hält, umgeben von seinen Adjutanten Grafen von Kappi, dem Hauptmann Paginy und dem Rittmeister Belcredi. Da wir uns (im Bilde) im Centrum der Schlachtordnung befinden und vom linken Flügel nur etwas Pulverdampf, vom rechten gar nichts sehen, so suchen wir auch den Feldmarschall vergebens, der eben den letztern befehligte. Dagegen ist der Adjutant Radetzkys, Baron von Leykam, auf der rechten Seite des Bildes zu erkennen neben dem verwundeten Generalmajor Grafen Stadion, dem Dragoner-Rittmeister Gradwohl und dem Stabsarzt Wurzian. Links erblickt man das schmerzliche Opfer des heißen Tages, den Grafen Kielmannsegge, der auf einer Bahre sterbend vom Schlachtfeld getragen wird. Unter den kleinen Scenen, auf welche der moderne Schlachtenmaler angewiesen ist, wenn er[341] etwas individuelles Leben in die Darstellung seiner Massenkämpfe bringen will, fesselt vornehmlich diejenige, wo der unermüdliche und furchtlose Feldgeistliche Czerkas einem Sterbenden den letzten Trost der Religion bringt. Auch die gefangenen Piemontesen und Savoyarden, die der Künstler mit scharfen Zügen charakterisirt hat und die entmuthigt, gleichgültig, zwischen ihren Feinden oder hinter ihren verlorenen Kanonen stehen oder am Boden liegen, ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Die Aufgabe ist mit allem Ernst, ja mit der Ruhe des Geschichtsschreibers behandelt und kein Pinselstrich im Bilde, der dem Feinde wehe zu thun nur die entfernteste Absicht zeigte. Künstlerisch ist das Werk mit all der Liebe und dem Fleiße durchgeführt, die der Künstler seit einer langen Reihe von Jahren und mit zahlreichen Arbeiten bewährte von den Tagen an, da er unter dem Vicekönig Eugen die lombardischen Ebenen durchzog, zu den Schlachtfeldern von Smolensk und der Beresina, bis zu den heißen Feldzügen der Oesterreicher im Jahre 1848 und 1849, denen er gleichfalls als Zeuge beigewohnt hat.« Am 26. März erfolgte, ohne sein Zuthun, Adams Ernennung zum königl. Hofmaler, unmittelbar darauf erhielt er die Insignien des von König Maximilian II. gestifteten Maximilian-Ordens für Kunst und Wissenschaft und wurde mit dreißig anderen Koryphäen zur großen Hoftafel geladen, wo er zwischen E. Geibel und Prof. Dr. von Kobell seinen Platz fand. Der Zufall fügte es, daß unser Maler gerade an seinem 68. Geburtstage zu einem Hof-Concert befohlen wurde und daß sein Entrée auch in diese Welt sich sehr günstig und ehrenreich anließ. Auf der gleichzeitig mit der großen Industrie-Ausstellung verbundenen Kunst-Exposition ? leider erlitten beide Feste eine furchtbare Einbuße durch das unerwartete Auftreten der Cholera ? erschien eine neue Schöpfung Adams, das nicht umfangreiche, den Beschauer aber erschütternde Bild: »Rückzug der Franzosen aus Rußland 1812.« Das Deutsche Kunstblatt4[342] berichtet darüber: »Wem das größte Trauerspiel der Neuzeit, der Krieg von 1812 in seinen Einzelheiten aus dem Gedächtniß geschwunden, wem selbst die ergreifenden Schilderungen Rellstabs in seinem ?1812? betitelten Buche nicht gegenwärtig, der trete vor dieses Bild, das ? obschon nur eine kleine Nebenscene des großen Dramas ? das Ereigniß in seiner ganzen Furchtbarkeit vor Augen stellt. Vor uns liegt eine weite Schneewüste, deren Horizont in grauem Schneehimmel und dichtem Schneegestöber verschwindet. Wo der Blick frei ist, da sehen wir in ungeordneten Schaaren die Truppen zurückgehen und nur einzelne Kolonnen mit letzten Kräften und Mitteln den Versuch machen, den Rückzug gegen die Heersäulen der Russen und ihre Kosakenschwärme zu decken. Die völlige Hilfs- und Rettungslosigkeit der Fliehenden deckt eine einzige Scene im Vordergrunde auf. Da steht an seine Kanone gelehnt ein Artillerist; nein, er steht nicht, er sinkt im nächsten Augenblick zusammen: Hunger, Kälte und Ermattung haben ihn taub gemacht für das Kommandowort seines Offiziers. Ein Pferd vor der Kanone ist gefallen; die andern beiden können keinen Schritt mehr thun. Die Kanone zu retten, werden die Pferde von der nächsten Reise-Equipage genommen, die, edlerer Abkunft, noch einige wenige Kräfte zuzusetzen haben. Wem mag sie gehören? Kein Eigenthümer ist zu sehen. Vom Kutschbock wird der zurückgelassene Pelz genommen; in das Innere des Wagens drängen sich, als gewähre es wenigstens gegen das Erfrieren Schutz, mehrere Soldaten auf einmal; andere haben die Reisekoffer geöffnet und sich ? selbst unter Kolbenstößen vorübergetriebener Kameraden ? über die Mundvorräthe geworfen. Hier glaubt ein Freund noch den erfrierenden Freund in seinen eigenen, vor Kälte starren Armen zu erwärmen; dort schauen die hohlen Augen halb im Eis versunkener Krieger zwischen Pferdeleichen hervor; aus einem umgestürzten Bagagewagen kriecht ein Weib hervor, um mit ihrem neugeborenen Kinde in das schon bereite kühle Grab zu sinken. Wo sich dem Transport der Karren und Munitionswagen das leiseste Hinderniß, ein kleiner Schneehügel in den Weg stellt, da fallen Roß und[343] Mann und versinken, und vergeblich schieben Soldaten an einem Geschütz, dessen Bespannung zur Hälfte am Boden liegt. Und so haben wir nichts vor Augen als Rathlosigkeit, Flucht, Ermattung, Verzweiflung und Tod ? mit aller Wucht der Wahrheit: denn der Künstler schildert als Theilnehmer, Augenzeuge und mit vielerprobter kunstreicher Hand.« Das böse Jahr 1854 ging glücklich vorüber an der zahlreichen Familie des Meisters und dem behaglichen Häuschen, welches Adam sich in der damaligen Singstraße Nr. 135 zu einem wahren Künstlerheim gestaltet hatte. In den großen, mit selbstgepflanzten Anlagen und Bäumen ausgestatteten Garten hatte sich seine fröhliche Jugend getummelt, da standen in den Ställen schöne Fahr- und Reitpferde, welche auch als Modelle dienten; darnach im Freien zu studiren und zu malen wurden auch die artistischen jüngeren Freunde des Hauses, wie Friedrich Voltz, Theodor Horschelt und Andere eingeladen. Auch ein humoristischer Grauohr war da und einige feingebaute, hochgestellte Hunde, ein stattlicher Hühnerhof und anderes Gethier, das wir besonders in Benno Adam's liebenswürdigen Bildern wiederfinden. Ich erinnere mich noch recht gut, wie mir beim Weg nach dem nahe gelegenen Anatomie-Gebäude ? wo wir erst Medicina forensis und nachmals vergleichende Physiologie und andere Vorlesungen hörten, da mein lieber, mir unvergeßlicher Freund und Lehrer Prof. Dr. Joseph Beraz mich ganz für seine tiefsinnigen Forschungen gewinnen wollte ? oftmals eine Cavalcade von stattlichen Reitern auf prächtigen Rossen imponirte, welche vergnüglich daselbst aus- und einzog. Amazon.de Widgets Zu Ende Dezember richtet Adam in einem Briefe die »dankbaren Blicke zum Himmel, daß wir in unserem Familienkreise von dem entsetzlichen Unglück, welches eine verheerende Seuche über so viele Tausende brachte, verschont geblieben und Alle gesund sind an Leib und Seele.« Er selbst fühlte freilich, daß sein Leben »dem Ende entgegen gehe,« aber[344] er will dennoch arbeiten und schaffen, denn nur durch die Pflege und Ausübung seiner Kunst fühlte er sich immer erfrischt und verjüngt. Und an Aufträgen und Stoffen fehlte es nicht. Im Mai des nächsten Jahres hatte er die »Schlacht von Temesvar« vollendet und selbst wieder nach Wien gebracht. Der Maler »schildert in lebensvoller, characteristischer Weise das letzte große Cavallerie-Gefecht jener blutigen Schlacht; wir sehen (im Mittelpunkte) die beiden Regimenter Lichtenstein-Chevauxlegers und Kaiser-Uhlanen, angeführt von Feldmarschall-Lieutenant Simbschen, unter dem Oberkommando des Feldzeugmeisters Haynau, gegen die sich hartnäckig vertheidigende Nachhut der ungarischen Cavallerie heranstürmen. Der Vordergrund ist einerseits durch den, den Verlauf der Schlacht beobachtenden Generalstab (in trefflichen Portrait-Figuren), andererseits durch Gruppen von Verwundeten und Sterbenden von beiden Armeen künstlerisch schön belebt. Dieses Bild zählt, nach seiner Anordnung und ganzen Ausführung, zu den hervorragendsten Werken des wackeren Meisters.«6 Gleichzeitig war auch die Skizze zu der »Schlacht von Komorn« vollendet: sie zeigte die kampfgerüsteten Regimenter österreichischer Infanterie und Cavallerie im Ausmarsch; eine Schaar von Verwundeten aus dem ersten Treffen zieht an ihnen vorüber.7 Im Juni desselben Jahres bestellte das Offiziercorps des General-Quartiermeister-Stabs, des Ingenieurcorps u.s.w. ein Bild der »Schlacht von Novara«, welches dem Feldzeugmeister Freiherrn von Heß am Tage seines fünfzigjährigen Dienstjubiläums als Huldigung überbracht werden sollte. Der Auftrag erging mit Bewilligung des Kaisers und Genehmigung des Jubilars unter ausdrücklicher Bedingung, daß Feldmarschall Radetzky besonders hervorgehoben werde und Heß nur als zweite, untergeordnete Persönlichkeit erscheine. Das Bild (6 Fuß lang und 4 Fuß hoch) war eine völlig neue Composition, wozu die von Adam früher gemachten, zahlreichen Studien mehr als[345] ausreichenden Stoff boten. Von Obrist Molinari zu obigem Feste auf den 24. Dezember nach Wien eingeladen, kam Adam rechtzeitig an mit dem Bilde, welches er diesesmal ganz allein gemalt hatte, während an den meisten seiner vorhergehenden Schöpfungen seine Söhne Eugen und insbesondere Franz Adam überwiegenden Antheil nahmen. Ein Wiener Blatt rühmte den in Conception und Ausführung gleich glücklichen Wurf: »Der Gedanke, die Helden dieses großen, entscheidenden Ereignisses in fesselnder Porträt-Aehnlichkeit darzustellen, beherrscht das Bild selbst. Auf der linken Seite, dem Vordergrunde näher gerückt, erscheinen der greise Feldmarschall Graf Radetzky und ihm zur Seite, in eifrigem Gespräche, der Feldzeugmeister Freiherr von Heß. Ruhig hört der Marschall, wie es scheint billigend, die Anschauungen und Vorschläge an, welche ihm der Chef des Generalstabes entwickelt. Zwischen beiden wird sicherlich in diesem Augenblick über den Gang, über den Erfolg der Schlacht selbst entschieden. Eine reiche Suite von Generälen im Hintergrunde harrt nur des Augenblickes, in welchem sie die weiteren Befehle erhalten, vollführen, siegen sollen. Die Schlacht selbst ist in den tiefsten Hintergrund gerückt. Rauch und Dampf verhüllen Novara und lassen nur in leiser Andeutung das furchtbare blutige Schauspiel und seinen Verlauf ahnen. Frische Truppen ziehen österreicherischerseits, unter den Augen des Feldherrn, kampfmuthig, fröhlich, sieggewiß dem eisernen Würfelspiel entgegen. Rechts befindet sich eine Gruppe gefangener Piemontesen, weiter vorne umgeben heitere Kriegergestalten eine Marketenderin, welche die Söhne des Mars mit der Feldflasche labt. Auch Sterbende und Verwundete erscheinen auf dem Bilde. Aber die mäßige Verwendung dieser unerläßlichen Gestalten spricht für den reifen Geist des Künstlers, welcher diese traurige Seite ebenfalls nur soviel als eben nöthig berührte. Dafür zeigen sich am äußersten Saume des Bildes wieder frische Reihen der Infanterie, welche auf einen um den greisen Befehlshaber sich schließenden weiten Kreis unermüdlicher, kampfbereiter Truppen weisen. ? Der Gesammteindruck des Bildes[346] ist eben durch die Einfachheit der Gruppirung, durch die klare Auffassung, durch das breite Auseinanderhalten der markirten und kontrastirenden Scenen ein äußerst günstiger. Der Künstler wollte den Beschauer, selbst von der genauesten Uebersicht seines Werkes, immer wieder auf die leitenden Persönlichkeiten, auf den Feldherrn und seine Umgebung zurückführen. Die Ruhe, welche dadurch das Auge gewinnt, bestimmt auch die Auffassung des Beschauers, der mit dem Gedanken von dem Bilde scheidet, daß die siegreiche Idee großer Strategen dem wildesten Kampfgetümmel Gesetz und Ordnung vor zuschreiben vermag.«8 Vor Uebergabe des Bildes ließ es der Kaiser in die Hofburg bringen, hielt sich mit großem Wohlgefallen sehr lange davor auf und erwies sich gegen den Künstler, wie immer, ungemein gnädig und liebreich. Die Freude des Feldzeugmeisters war unbeschreiblich und sowohl er selbst als alle Militärs waren im höchsten Grade befriedigt und überhäuften den Maler mit schmeichelhaften Huldigungen, so daß man eigentlich kaum mehr wußte, wer von den Beiden eigentlich der Mehrgefeierte sei. Dem Festabende bei Feldzeugmeister Heß folgten solche zu Ehren Adams bei Herrn von Arthaber in Döbling, dem Geschäftsleiter des österreichischen Kunstvereins in Wien (woselbst das Bild zur Ausstellung kam)9 und bei dem Bildhauer Fernkorn. Vom Dezember 1855 bis Ende Juli 1857 blieb Albrecht Adam in Wien, um den an ihn ergangenen vielfachen Aufträgen zu obliegen. Er hatte dazu ein sehr schönes Atelier mit prächtigem Licht in der kaiserlichen Burg und ein anderes, kleineres im kaiserlichen Marstall nahe bei der Reitschule. Außer verschiedenen Pferdebildern entstand im März 1856 ein Reiterporträt des Grafen Grünne. Inzwischen fiel der 70. Geburtstag des Meisters, dazu gab es am 15. und 16. April zahlreiche Gesellschaften in den gewähltesten Kreisen, mit Toasten[347] und Kränzen und einem Deklamatorium der Hofburg-Schauspielerin Amalie Haizinger.10 Gleiche Ehre wiederfuhr ihm beim Maifest der Wiener Künstler, wobei Minister Graf Thun und Direktor von Ruben sich mit Auszeichnungen gegen den gefeierten Gast überboten. Um diese Zeit erging der Auftrag, ein lebensgroßes Reiterbild des Kaisers zu entwerfen und auszuführen. Wir können zur Genesis des Bildes allerlei Detail aus Briefen nachtragen. Nachdem auch Franz Adam nach Wien gekommen war, ging es rasch vorwärts. So schreibt Albrecht Adam unterm 24. Mai: »Das große Reiterbild ist der Hauptsache nach aufgezeichnet und Franz malt schon mit Lust daran. Ich habe die beste Hoffnung, daß es etwas Tüchtiges wird und daß wir uns zusammen verständigen.« Nachdem sie mit Graf Grünne (im Juni) im Gestüt zu Kladrub verweilt hatten, wahrscheinlich um das zum Reiterbild passendste Pferd auszuwählen, lud der Kaiser die beiden Maler nach Laxenburg. »Der Kaiser«, berichtet Albrecht Adam unterm 1. Juli nach München, »gibt uns hier die Sitzungen zu seinem Porträt; er ist uns schon zweimal gesessen und morgen zu Pferd in ganzer Gala-Uniform. Somit sind alle unsere Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen mehr als erfüllt, sie sind durch die liebenswürdige Zuvorkommenheit des Kaisers weit übertroffen.« Sie genossen als Gäste des Monarchen eine wirklich kaiserliche Bewirthung; den Genuß steigerte der herrliche Park. »Der Kaiser hat uns schon vier Sitzungen gewährt, drei im Zimmer, eine im Garten zu Pferde. Letztere war früh 6 Uhr bestimmt und mit dem Glockenschlage traf der Kaiser ein. Es war etwas wahrhaft Feierliches dabei. Rings standen auf 600?1000 Schritte Wachposten, damit Niemand stören sollte; ich und Franz waren allein zugegen, nicht einmal ein Adjutant.« Dann folgte noch eine Sitzung. Der Aufenthalt zu Laxenburg dauerte über zwei Wochen und hätte den Sommer über währen dürfen, »aber das große Bild hier zu malen ging aus vielen Gründen[348] nicht.« So bezogen die beiden Maler wieder ihr Atelier in der kaiserlichen Burg zu Wien, das Bild rückte vorwärts, insbesondere war es Franz, welcher nach dem Zeugnisse des Vaters daran »gewaltig arbeitete«. Der Kaiser kam ab und zu auf Besuch, verweilte einmal eine halbe Stunde und sagte beim Weggehen höchst gnädig: er habe viel erwartet, aber seine Erwartungen seien weit übertroffen. Des andern Tages (Ende August) schickte der Kaiser auch seinen Oheim Erzherzog Ludwig und seinen Bruder, den Erzherzog Max Ferdinand (den nachmaligen Kaiser von Mexiko). Im Oktober, während Franz wieder bei Graf Nákó in Schönau weilte, arbeitete der Vater allein am Kaiserbild weiter. Der Sohn staunt nach seiner Rückkehr, »wie weit das Bild vorgerückt ist und findet sehr gut, was ich gemacht habe.« Endlich, am 14. November, that Franz »die letzten Pinselstriche daran« und setzte nach dem Willen des Vaters seinen Namen »Franz Adam« auf das heute noch im Conferenzsaale des Arsenals11 prangende, etwas über lebensgroße Porträtbild. Franz vollendete auch ein kleines Porträt des Kaisers, welches Albrecht begonnen hatte, für den Grafen Grünne; »er hat dieses mit recht vieler Liebe und Sorgfalt gethan und mir einen großen Dienst erwiesen, um so höher angeschlagen, als er mit Sehnsucht beim Grafen Nákó erwartet wird.« Auch Benno kam nach Wien und half mit, da neue Bestellungen folgten. Im Dezember beabsichtigte der Kaiser Ihrer Majestät der Kaiserin die Porträts zweier gesattelter Reitpferde (Norma und Fantasia) auf zwei Bildern von gleicher Größe zum Geschenk zu machen, wobei eines der beiden Bilder auch das Porträt des großen, schwarzen Hundes der Kaiserin als Nebenstaffage erhalten sollte. Diese beiden Bilder wurden am 15. Juli 1857 zur vollsten Zufriedenheit des hohen Bestellers übergeben. In demselben Monate entstand im Auftrage der Kaiserin eine sehr schöne Skizze zu einem Oelbilde, welches jedoch in München[349] ausgeführt werden sollte. Da darauf das Bildniß des Generalmajor Freiherrn Joseph Jablonsky del Monte Verico12 anzubringen war, ging Adam vorerst noch über Laxenburg und dem hintern Brühl in das Lager von Eisenstadt in Ungarn. Dann erfolgte am 29. Juli 1857 die Abreise von Wien über Prag, Dresden und Nürnberg mit je eintätigem Aufenthalte nach München. Im Juni 1858 lieferte General Freiherr von Lauingen zur Tarnow in Galizien Zeichnungen und sonstige Materialien zur Herstellung eines (4 Fuß 7 Zoll langen und 3 Fuß 4 Zoll hohen) Bildes der »Schlacht von Landshut in Schlesien« (23. Juni 1760) für Erzherzog Carl Ludwig, welches im Februar 1859 zu Innsbruck aufgestellt wurde. Am 18. März 1859 schloß Geheimrath von Klenze als Bevollmächtigter und auf Befehl Sr. Maj. des Königs Maximilian II. einen aus sieben Paragraphen bestehenden Contract über die Ausführung eines großen, die »Schlacht von Zorndorf« (25. August 1758) darstellenden Oelbildes. Demselben wurde ein Umfang (17 Fuß 9 Zoll Länge und 13 Fuß 1 Zoll Höhe) bestimmt, welcher des Künstlers ganze Energie herausforderte und zwar um so mehr, da Albrecht Adam beschloß, dasselbe ganz allein und ohne Beihilfe seiner Söhne zu malen. Adam erbat sich dazu eine dreijährige Frist und entledigte sich dieses ehrenvollen Auftrages auch in der stipulirten Zeit. Der königliche Mäcen geruhte nach Vollendung des Werkes den Künstler im Atelier zu besuchen und über eine Stunde daselbst zu verweilen, wobei Se. Majestät dem Künstler wiederholt die höchste Befriedigung aussprach. Auch die Kritik erklärte, überrascht von der Leistungsfähigkeit des hochbetagten Mannes, dieses Erzeugniß als sein hervorragendstes Werk. So schrieb z.B. Julius Grosse:13 »Der Künstler wählte den entscheidenden Moment am Nachmittage der Schlacht, in[350] welchem Seydlitz an der Spitze seiner Cuirassiere, Dragoner und Husarenschwadronen ein russisches Quarré stürmt, eine unvergleichliche Aufgabe für einen Maler. Die Composition zeigt auf der rechten Seite des Bildes gleichsam in drei gewaltigen, durch das coupirte Terrain geschiedenen Strömen die preußischen Reitermassen heranbrausen. Ganz vorn im Vordergrunde die weißen Gardecuirassiere, durch eine kleine, flache Schlucht getrennt die langen, sonnenbeschienenen Schwadronen der gelben Cuirassiere, welche sich fächerartig in mächtigem Schwunge gegen die russische Front entfalten. Ueber ihnen, auf einem mäßigen Hügel hält der große König mit seinen Generälen, von denen Seydlitz sich soeben verabschiedet hat. Jenseits des Hügels werden die übrigen Reitermassen der Dragoner und Husaren sichtbar, welche nur des Commando's warten, um gleichfalls zum Angriff zu schreiten. Den linken Theil des Bildes füllt das feindliche Heer aus. Dicht aneinander gedrängt leisten die Colonnen des Quarrés, dessen eine Seite den anstürmenden Gardecuirassieren zugekehrt ist, energischen Widerstand. Eine Anzahl preußischer Reiter hat soeben das Quarré durchbrochen und wüthet nun im Innern im Verein mit den äußeren Angreifern gegen die Verzweifelten. Aus dem Innern des Quarrés flüchten bereits die Gepäckwagen, während neue Colonnen herbeirücken, um die Lücken auszufüllen. Im weiten Hintergrunde werden neben brennenden Dörfern die fliehenden Kosaken und die zerstreuten Infanteriemassen des preußischen Heeres sichtbar. ? Man mag aus dieser flüchtigen Skizze den lebendigen und wirkungsvollen Gesammteindruck des Gemäldes entnehmen; namentlich sind mit großer Wahrheit die verzweifelten, dicht zusammengeballten Russen dargestellt, welche sich im wildesten Handgemenge mit Kolben, Säbeln und Bajonetten gegen die einzelnen einhauenden Reiter wehren. Die meisterhafte Behandlung der Pferde, der historischen Costüme und die psychologische, mannigfach variirte Abstufung heroischer Entschlossenheit und verzweifelten Todesmuthes: Alles wirkt im höchsten Grade fesselnd und gibt das überzeugende Bild dieser blutigen Affaire. Und diese poetische[351] Unmittelbarkeit läßt denn auch manches vergessen, was die Mühe verräth, die Schwierigkeiten der Composition zu überwinden.« Dieser Ruhm war aber theuer erkauft. Der Aufenthalt des bis dahin so rüstigen Greises in einem neuen Atelier, welches die Ausführung des großen Bildes erheischte und zur Winterszeit leider nicht gleichmäßig erwärmt werden konnte, dazu die übermäßige Anstrengung ? er selbst betheuerte dabei sein Leben geopfert und seine letzte Kraft aufgezehrt zu haben ? legten den Grund zu einer chronischen Krankheit, von welcher er sich nicht mehr völlig zu erholen vermochte. Er sehnte sich bisweilen nach Ruhe und genoß öfters einige, langersehnte Rasttage. Im Sommer 1860 ging er zur Hochzeit seines Sohnes Franz im Schlosse Grieningen nach Württemberg und verlebte eine ihn wahrhaft verjüngende, fröhliche Zeit; unternahm dann bauliche Veränderungen in seinem Hause und besuchte noch im November eine verheirathete Tochter zu Abensberg, auch dort an der Staffelei unausgesetzt thätig. Am Neujahrstage 1861 schrieb er: »Nach langen Anstrengungen überfällt mich oft der Wunsch nach einem Tag der Ruhe, an welchem es gar nicht still genug um mich sein kann, ich lebe dann gerne mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Unendlich viel Stoff zu den schönsten Erinnerungen liegt für mich in den Rückblicken in meine durchlebte Laufbahn. Besonderes Vergnügen macht es mir dann, in meinen Papieren zu blättern und mich mit längst dahingeschiedenen Freunden zu unterhalten. Mein scharfes Gedächtniß ruft mir dann gar viele schöne Momente und Stunden aus meinem vergangenen Leben zurück und ich darf sagen, viel Liebe habe ich durch mein ganzes Leben empfangen ...« Im März 1861 fühlte er, daß sein Befinden ihm »ernstlich Kummer und Sorge« zu machen beginne. Im August entschloß er sich, das Bad Adelholzen zu gebrauchen, wohin er schon in den Jahren 1858 und 1859 seine leidende Gattin in Begleitung einer sie pflegenden Tochter gesendet hatte. Hier machte er kleine Ausflüge mit der Badegesellschaft, wurde aber bei einer solchen nach Maria-Eck von einer Ohnmacht ähnlichen Schwäche befallen. Im Dezember fühlte[352] er sich glücklich über den Eintritt einer Krisis, durch welche er von allen Schmerzen, die ihn seit sechs Monaten so sehr belästigten, befreit wurde. Am 15. Februar 1862 starb sein in Freude und Leid zeitlebens innigst mit ihm verbundener Bruder Heinrich Adam. Das Vorangehen dieses dem Alter nach jüngeren Lebens- und Kunstgenossen berührte ihn tiefer und empfindlicher, als er sich's gestehen mochte. Indessen gelang es ihm doch wieder, in der Kunst Trost und Hilfe zu suchen und sich an die Arbeit zu klammern. Schon während der »Schlacht von Zorndorf« ? welche jetzt eine Zierde der großen im Münchener Maximilianeum aufgestellten historischen Gallerie bildet ? hatten ihn verschiedene neue Pläne und Projekte interessirt und beschäftigt. Mehrere Bilder, worunter »Napoleon durch die brennenden Trümmer Moskau's reitend« (letzteres im Dezember 1860), kamen auf Bestellung nach Philadelphia. Aber sein und seiner Gattin Befinden litt sichtlich und er wurde bald sehr hinfällig. Adam malte noch an einem den »Tod des Grafen Wittgenstein bei Borodino« vorstellenden Bilde. Es war nach Augsburg bestimmt. Während der Arbeit starb der Besteller.14 Bald nach der Vollendung dieses Gemäldes nahte auch dem Künstler der Tod. Im Mai machte Adam mit seiner Tochter noch eine Spazierfahrt in den Englischen Garten. Dann überraschte ein liebwerther Besuch des k.k. Obristlieutenant Grafen Froberg-Montjoye, eines Sohnes jenes ritterlichen Edelmannes, welcher der Laufbahn Adams seinerzeit die entscheidende Richtung gegeben hatte;15 er brachte ihm Grüße von alten Freunden und Verehrern aus Italien (u.a. aus Verona) und Ungarn. Die Erinnerungen an die schönen Tage wurden wach, zogen buntfarbig vorüber und belebten den Greis in erfreulicher, wohlthätiger Weise. Aber schon zu Anfang Juni stellten sich neue Krankheitserscheinungen ein, welche zu ernstlichen Befürchtungen nur[353] zu gegründeten Anlaß boten. Wie auch sein Körper litt, der Geist blieb hell und klar. Zeuge davon ist ein Brief vom 16. Juni 1862, worin es unter anderem ebenso wahr wie schön heißt: »Es gibt nach meinen Begriffen nur ein Glück: die Zufriedenheit mit dem Loos, welches uns auf dieser Welt geworden ist und das Bewußtsein, den Platz, welchen uns Glück, Zufall oder Schicksal angewiesen hat, mit Ehren auszufüllen. Alles andere ist nur Scheinglück, bei welchem wir uns selbst und der Welt etwas weißmachen. Daß Reichthum allein nicht glücklich macht, darüber sind die Gelehrten längst einig, und erst der Ehrgeiz! daß Gott sich erbarme! Dieser ist die wahre Geißel des menschlichen Geschlechts. Ich habe noch keinen Ehrgeizigen gesehen, der, wenn man sein Inneres genau untersucht, glücklich gewesen wäre. Damit sei nicht gesagt, der Mensch solle sich träge und gedankenlos fortschleppen, ohne daran zu denken, seine Lage zu verbessern und vorwärts zu kommen, wenn ihm die Kräfte und Mittel dazu geboten sind, aber aus dem Sattel darf er sich nie bringen lassen, wenn ihm ein Mißgeschick begegnet. Ich wiederhole es: die möglichst gute Partie aus der Lage zu ziehen in der wir uns befinden, ohne deßhalb kopfhängerisch zu werden, das ist die Aufgabe eines klugen Mannes.« Es ist das ein Résumé eines langen Lebens und ein wahres Vermächtniß eines vielerfahrenen Denkens. Er schloß mit der Welt ab, segnete seine Kinder, die Freude und der Stolz seines Hauses, und athmete, christlich fromm, wie er gelebt hatte, seine Seele aus, am 28. August 1862. Am 22. September 1863 folgte seine treue Lebensgefährtin ihrem heißgeliebten Gatten. Sie hinterließen fünf Söhne und fünf Töchter. Eine heitere Reihe von fünfundzwanzig Enkeln bildete den freudigen Trost ihres Alters.16[354] Adam arbeitete, trotz der größten Gewissenhaftigkeit, doch mit ungemeiner Leichtigkeit; so fand er neben seinen größeren Arbeiten immer noch Muße genug, eine staunenswerthe Anzahl von Genrebildern auszuführen, von denen ein nicht geringer Theil, namentlich durch den Kunsthändler Bolgiano, in das Ausland kam. In der Schilderung des Soldatenlebens war er unerschöpflich an immer neuen Combinationen. Dabei wußte er bisweilen den Ton einer tieferen Empfindung anzuschlagen, so z.B. indem er ein verlassenes Schlachtfeld schildert, auf dem sich französische Cuirassiere mit ihren verwundeten Pferden zu retten suchen:17 im Vordergrunde steht unter einem Baume ein lediges, abgemüdetes Pferd, so lahm und schwer, wie die Atmosphäre, die auf der ganzen Scene liegt und die bange Ahnung erregt von allen Schrecken des Kriegs. Oder der Künstler vergegenwärtigt in größerem Rahmen und in verschiedenen Episoden das Elend des russischen Rückzuges. Auch Arbeit und Mühsal des Pferdes im Dienste des Menschen wußte er lebendig zu veranschaulichen, sowohl das feine nervige Wesen des Luxuspferdes als die schwerfällige Anstrengung des Ackergauls am Pflug und am Last wagen.18 In seinen Schlachtenbildern ging er immer auf Treue der Lokalität und auf Versinnlichung des Hauptvorgangs aus, so z.B. in der »Schlacht von Custozza«, wo einerseits der muthige Angriff des Regiments Kinsky, andererseits die Gruppe der österreichischen Befehlshaber eine Vorstellung von der ganzen Schlacht zu geben suchen. »Wie die modernen Schlachtenmaler[355] überhaupt, so deutet auch Adam gern die strategische Bewegung, die Disposition der Massen an. Dadurch erhalten solche Bilder bei einer großen Anzahl kleiner Figuren einen landschaftlichen Charakter, während das eigentlich malerische Kampfgetümmel nur in einzelnen Episoden beiherspielt. ? Zu den künstlerischen Verdiensten Adams gehört auch, daß er neben Peter Heß und Anderen ein gesundes, realistisches Element in die Genremalerei der Münchener Schule brachte. Seine Arbeiten zeugen von einem genauen Naturstudium; daß er öfters (namentlich in früherer Zeit) noch in Pferden und Figuren etwas ungelenk blieb, kann nicht Wunder nehmen, da er ohne unmittelbare Vorgänger fast alles aus sich selber lernen mußte. Seine malerische Behandlung leidet an dem trockenen und kühlen Ton, der in den vier ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts der deutschen Malerei fast durchgängig eigen war. Indessen ist sein Vortrag eher breit als ängstlich und spitz zu nennen. An den Gemälden seiner späteren Zeit haben die Söhne mitgearbeitet.«19 Der geistige Wettkampf mit seinen wackern Söhnen, welcher sich sicherlich nicht immer friedlich und ohne Widerspruch vollzogen haben kann, förderte den Vater, erfrischte ihn, hielt ihn jung und trug wesentlich dazu bei, ihn immer auf der Höhe seiner Zeit zu erhalten. Es waren nicht allein neue Farben, sondern auch eine neue Technik und überhaupt eine völlig neue Auffassung und Anordnung des Stoffes aufgekommen. Ohne seine Söhne hätte sich Albrecht Adam vielleicht ablehnend verhalten, er wäre überflügelt zurückgegangen und zu Lebzeiten vergessen worden. Dadurch daß sein eigen Fleisch und Blut dem Fortschritte der Neuzeit huldigte, mag es oft genug Streit und Spähne gesetzt haben, doch zog der Vater immer Vortheil daraus, wenn er auch nach seinem humoristischen Sprachgebrauch »aus dem Atelier seiner Söhne austrat«. In dieser Hinsicht mochte Benno Adam, als der Aelteste, wohl den schwersten Stand gehabt und den ersten Puff ausgehalten haben. Glücklicherweise fand er rechtzeitig die seiner Natur zusagende[356] richtige Sphäre und errang in dieser Specialität einen gefeierten Namen. Größeren Einfluß gewann Franz, welcher im Atelier des Vaters die eigene Jugend und den größten Theil seiner Thätigkeit opferte, lange Zeit bald die rechte oder die linke Hand des Vaters bildete und daraus erst langsam und mühsam den eigenen guten Namen zu Tage brachte, welchen er allein früher schon errungen hätte. Geringeren, aber doch in seiner Weise ebenso wichtigen Einfluß übte der durchaus selbstlose, immer arbeitbereite und opferwillige Eugen, welcher, weniger originell angelegt und begabt, wie der feurige, durchaus geniale Franz, immer die Mühe der Terrainstudien, so zu sagen die Sammlung der Quellen und das Herbeischaffen des Rohmaterials übernahm und, unbesorgt um sich selbst, dem Ganzen als ausübende Hand sich unterordnete, ebenso wie der gemüthvolle, liebenswürdige Julius, welcher, insbesondere bei den von den Brüdern gemeinsam lithographisch herausgegebenen Werken die Hauptrolle leistete und als Maler und selbstschaffender Künstler gegen sein besseres Können zurücktrat. So schufen sie alle, wenn auch scheinbar getrennt, doch vereint an dem Ruhme und der Ehre des Hauses, obwohl vielfältigen Sinnes, doch von einer Begeisterung getragen und von gleicher Pietät beseelt, eine in ihrer Weise beinahe unvergleichliche Künstlerfamilie bildend, in welcher trotz der etwas monarchisch-despotischen Natur des Vaters doch eine Art republikanischer Gleichheit und theilweise selbst ein leichter Anflug von geistiger Gütergemeinschaft florirte. Bei dieser Gelegenheit ist vielleicht der nicht unerwarteten Ansicht entgegenzutreten, als hätte Adam bei einer so lebenslangen, unermüdlichen Thätigkeit große Reichthümer aufgehäuft. Die Honorare, welche der Künstler empfing, waren nach dem damaligen Stande der Dinge, wo das Leben noch unvergleichlich billiger war, gerade nicht unbedeutend, aber doch sehr anspruchslos und bescheiden. Er schlug sich wacker durch, ohne nach dem gewöhnlichen Sinne viel aufzustecken; ja es kam sogar im ersten Decennium seines Hausstandes, als Krankheiten und unvorhergesehene Zwischenfälle eintrafen, ein kurzer Zeitraum,[357] wo Adam drückende Sorgen durchzukämpfen hatte, welche er jedoch durch einen energischen Fleiß glücklich beseitigte. Seine Honorare stiegen später und mögen in einzelnen Fällen sehr gut und anständig gewesen sein, dürfen aber ja nicht nach dem Maßstabe unserer, in einigen Fällen freilich mit sehr ungleichem Gewicht wägenden Neuzeit taxirt werden. Nur zweimal erlebte Adam die Freude, daß der im Voraus stipulirte Betrag durch generöse Liberalität übertroffen wurde. Ich führe, obwohl widerstrebend, die beiden Ausnahmsfälle an, weil daraus hervorgeht, wie anspruchlos Adam seine Leistungen taxirte. Das eine Mal erhielt er für das Reiterporträt des Grafen Grünne statt der ausbedungenen Summe von zweihundert Gulden ein Röllchen mit achtzig neuen Dukaten, das andere Mal erhöhte das Comité des österreichischen Offiziercorps in Anerkennung der als Geschenk für den Feldzeugmeister von Heß bestimmten »Schlacht von Novara« den definitiven Voranschlag von zweitausend Gulden freiwillig um den vierten Theil der genannten Summe, da der Maler ein verhältnißmäßig bedeutenderes Kunstwerk lieferte. Das zarte, höchst verbindliche Schreiben, womit Oberst von Molinary Herrn Adam überraschte, setzte dieser ritterlichen Courtoisie die Krone auf. Albrecht Adams künstlerischer Nachlaß war sehr bedeutend. Außer einer zahlreichen Sammlung von Kupferstichen, Holzschnitten und dergleichen in sehr schönen Abdrücken und seltenen Exemplaren fand sich auch ein Schatz von Adams eigenen Skizzen und Handzeichnungen,20 welche, da hierüber keine testamentarische Bestimmung existirte, durch eine Auction veräußert[358] wurde, um jedem der Erben den ihn treffenden Antheil zu entziffern. Darunter befanden sich eine Reihe militärischer Zeichnungen aus dem Augsburger Lager (1808) und dem folgenden Feldzuge (1809), ebenso »Scenen aus der Schlacht von Wagram« und die ganze Serie von Adams Studien aus dem russischen Feldzuge (1812) mit Schlachten, Gefechten, Truppenmärschen, Bivouaks u.s.w., welche das königl. Kupferstich- und Handzeichnungs-Cabinet erwarb. Vieles davon hatte Adam schon zu Bildern in seine »Voyage pittoresque« verarbeitet. Das ganze Material aber bietet eine beredte Illustration zu den in dieser seiner Autobiographie geschilderten Scenen und wäre heutzutage, wo die vervielfältigende Kunst über so handsame Mittel verfügt, noch der weiteren Beachtung werth. ? Von dem Wunsche des Herausgebers, ein Verzeichniß aller von Adam gemachten Bilder zusammenzustellen, mußte, da eigene weitere Notizen des Künstlers hierüber fehlen oder uns nicht zu Handen kamen, wieder Abstand genommen werden, ebenso von dem Projekte, hier eine diplomatische Beschreibung seiner Radirungen zu veranstalten, da das hiezu nothwendige Material für eine unumgänglich neue Autopsie zu weit, und, in der uns zugewiesenen Zeit, unerreichbar auseinander liegt. Doch genügen für Liebhaber und Sammler vorläufig die (freilich vielfacher Berichtigungen und Ergänzungen bedürftigen) Andeutungen bei Julius Meyer I, 66, in Maillingers Bilderchronik von München 1876 II. 87 ff, und Nagler's Monogrammisten 1858. I. 47 (Nro. 98) und I. 537 (Nro. 1251). Einen sehr interessanten Beleg für die Transmission der Beschäftigung und Talente von einem Geschlecht auf das andere und über die Vererbung der Anlagen auf weitere Generationen, worüber bekanntlich der geistreiche Levin Schücking ein höchst anziehendes und lehrreiches Büchlein verfaßte,21 bietet die Geschichte[359] der Familie Adam in den einzelnen Gliedern, den zahlreichen Kindern und Enkeln. Albrecht Adam berichtet hierüber selbst in einem »Familienleben« überschriebenen Hefte, worin er Eingangs seine uns schon bekannten Erziehungs-Maximen und pädagogischen Ansichten des Weiteren darlegt. Dann heißt es ferner: »Bevor ich das zweiundvierzigste Lebensjahr erreicht hatte, war ich Vater von zehn lebenden Kindern: fünf Söhne und fünf Töchter ? alle gesund an Leib und Seele und von der Natur mit sehr schönen Anlagen begabt. Sie gut zu erziehen und sie als brauchbare Mitglieder der menschlichen Gesellschaft heranzubilden, betrachtete ich als meine erste und heiligste Pflicht. Und der Himmel hat meinen ernsten Willen gesegnet. Es ist unter zehn Kindern nicht ein Einziges, welches nicht wohlgerathen zu nennen wäre und ich darf es kühn aussprechen, der Name dieser Familie ist ein allgemein geachteter, von Thron herab bis zur Hütte.« »Mit der Ansicht, daß die erste Erziehung, so lange die Kinder noch klein sind, der Mutter angehöre, konnte ich mich nicht recht befreunden. Gleich von der Geburt an behielt ich sie scharf im Auge und beobachtete ihre Anlagen, ihre Neigungen und Leidenschaften, denn diese bringt der Mensch schon mit auf die Welt. Ihnen die möglichst gute Richtung zu geben und Entartungen entgegen zu wirken, ist die erste Aufgabe der Erziehung. Es kann damit nicht frühe genug begonnen werden; das kleinste Versehen bereitet später oft größere Schwierigkeiten und Mühe, um einer Unart Herr zu werden, die man aufkommen ließ ... Sobald meine Kinder heranwuchsen und die Söhne sich dem Jünglingsalter näherten, suchte ich unvermerkt den Weg vom strengen Vater zum Freund anzubahnen und einen ganz vertraulichen Umgang herbeizuführen, was sie vollends an mich fesselte. In den Jahren 1828, 1829, 1833 und 1837, in denen ich mich in Geschäften oft veranlaßt sah, längere Zeit vom Hause abwesend zu sein, nahm ich immer einen oder zwei meiner Söhne mit auf Reisen, um sie in die Welt einzuführen, und hatte die Freude zu sehen, daß man überall, wohin ich sie brachte, selbst in den höchsten Kreisen großes[360] Wohlgefallen an diesen, wie man sagte, wohlerzogenen und gutgesitteten jungen Leuten fand. Das schönste Verhältniß, welches zwischen Eltern und Kindern bestehen kann, trat von nun an in's Leben und führte eine ungemein heitere und glückliche Zeit für die Familie herbei. Die Räumlichkeiten des Ateliers wurden erweitert; dort saß der Vater mit drei Söhnen im vertraulichen Umgang und arbeitete mit Lust und heiterem Sinn; es herrschte ein großer Eifer für das Vorwärtsschreiten in der Kunst und es war eine Freude zu sehen, wie sich die Talente dieser jungen Leute täglich mehr entwickelten ... So verging der Tag froh bei der Arbeit, bis der Abend die ganze Familie wieder zusammenführte. Im Sommer nahm ein schöner, großer Garten mit verschiedenen Ruheplätzen sie dann auf; die Bäume und Gesträuche, welche ich gepflanzt und unter deren Schatten wir jetzt ruhten, waren unterdessen mit den Kindern groß geworden. Außer diesen hatte auch jedes der Kinder ein eigenes, kleines Gärtchen, in welchem sie nach eigenem Gefallen bauen und pflanzen konnten; durch die junge Phantasie, welche hier thätig war, bekam das Ganze bisweilen einen ganz idyllischen Charakter. Unter Thätigkeit in freier Luft, bei Spielen und Leibesübungen verging so die Zeit, bis ein frugales Mahl sie unter heiteren Gesprächen um den großen Familientisch vereinigte. ? Die Mädchen bildeten sich an der Seite der Mutter für die wahre Bestimmung des Weibes von bürgerlichem Stand, für tüchtige Hausfrauen frühzeitig aus und wurden gewandt für alle häuslichen Verrichtungen; sie hatten dann bei Tische auch Gelegenheit, ihre Thätigkeit zu entwickeln. Im Winter bot das Haus die nöthigen Räume für die Vereinigung einer zahlreichen Familie, wohl auch für einige Gäste, denn schon frühzeitig dachte ich darauf, wohlerzogene, gutgesittete junge Leute, die beiläufig in dem Alter meiner Kinder waren, in mein Haus zu ziehen. Auf diese Weise fanden sie auch Umgang und Freunde im Hause und suchten nichts außer demselben. So schloß sich das schöne Band der Familie immer enger und fester; es gestaltete sich ein höchst glücklicher Zustand, weil es ein heiterer, geistig und[361] körperlich gesunder und durchaus sittlicher war. ? Was ich an Sorge, Zeit und Aufmerksamkeit auf die Erziehung meiner Kinder verwendete, davon erntete ich in reichem Maße die Früchte, es kamen die Jahre, welche den Glanzpunkt meines häuslichen Lebens bildeten.« »Ein frohes Zusammenleben brachte bald Wohlstand in das Haus; wo Fleiß und Eintracht wohnt und alle von der Natur verliehenen Kräfte in geregelte Thätigkeit gesetzt sind, fehlt auch der Segen nicht. ? Unsere Werke waren so gesucht, daß selten ein vollendetes Bild ohne eine Bestimmung im Atelier gefunden werden konnte. Sie breiteten sich in ganz Deutschland aus und gingen nach Frankreich, England und Rußland, schließlich auch nach Amerika. Bisweilen, aber nicht immer, arbeiteten meine Söhne mit an meinen Werken ? ein Umstand, welcher mir in späteren Zeiten oft sehr übel gedeutet wurde, besonders von Künstlern. Da aber meine Söhne sehr talentvoll waren, so schien nach keiner Seite hin viel dabei gewagt. Auch hatte ich dabei besonders die Rücksicht vor Augen, daß sie sich leichter entwickelten und durch mein eigenes Beispiel an eine geregelte Thätigkeit und gute Verwendung der Zeit gewöhnten; aber ich blieb weit entfernt, sie zu meinem Vortheil zu bloßen Werkzeugen zu machen. Stets trachtete ich dahin, ihre Selbständigkeit und eigene Individualität nicht zu gefährden; das hat auch der Erfolg bewiesen. Es wird keinem Sachverständigen einfallen, jetzt ein Bild von meinem Sohne Benno oder Franz mit einem Bilde von mir zu verwechseln; ein Jeder hat, seiner eigenen, individuellen Anschauung folgend, auch seinen eigenen Weg eingeschlagen, welcher ihn zu der jetzt allgemein anerkannten Meisterschaft führte. In demselben Maße als meine Söhne sich zu meiner Freude entwickelten, wuchsen auch meine Töchter bei echt weiblicher Tugend und zarten Sitten, als eine Zierde der Familie, zur Stütze der Mutter heran ....« »Alles im Hause war im Wachsen und Gedeihen. Verschiedene Bauten wurden im Hause und Garten vorgenommen und zweckmäßige Verbesserungen, der Bequemlichkeit und den[362] Bedürfnissen der Familie entsprechend, gemacht. Wir hatten einen Stall mit vier Pferden der verschiedensten Racen; diese dienten zum Studium als Modell, nebenbei zum Reiten und zu kleinen Ausflügen auf das Land. Eine Kuh gehörte auch immer mit zum Haushalt, sowie ein Hühnerhof mit allerlei Gattungen von Geflügel. Nebenbei hielten meine Söhne noch verschiedene Hausthiere: Schafe, Ziegen, ein seltenes Exemplar von einem Ziegenbock und andere mehr; schöne Hunde durften nicht fehlen. Auch ein boshafter, heimtückischer Esel diente lange Zeit zur Belustigung der männlichen Jugend, besonders des Abends, wenn man das Freie suchte, um sich in frischer Luft zu bewegen.« »In den Winterabenden gab es bisweilen Tänze, Maskeraden u. dgl. oder größere Versammlungen zu heiterer, geselliger Unterhaltung,« wobei seine Tochter Fräulein Wilhelmine gerne »eine dramatische Ueberraschung bereitete« oder »eine poetische Ader springen ließ«. Wilhelmine verfügte über ein neidenswerthes Talent zu improvisiren, welches sie niemals im Stiche ließ. Dem Drang des Augenblickes nachgebend, tummelte sie ihren Pegasus in gereimten und ungereimten Stegreifreden, womit sie bei Familienfesten und Carnevalsabenden Alles überraschte und hinriß; bald in der Maske einer Wahrsagerin, als Fee, oder Mädchen aus der Fremde u.s.w. »Nie wurde Karten gespielt; es kamen gar keine in mein Haus. Wohl aber waren Armbrust-Schießen mit Preisen oft und vielmals Gegenstand der heitersten Abende. So verstrichen in frohester Vereinigung die Jugendjahre meiner Kinder bis zum Mannesalter und bis zu jener Zeit, wo eines nach dem andern seinen eigenen Herd gründete. Ein Band der Liebe und Eintracht umschlang sie alle. Wohl ein seltenes Beispiel, daß eine so große Familie so lange und so fest zusammenhält. Dieses Verhältniß, so schön und wahrhaft ideal, galt allgemein als ein Gegenstand der Bewunderung.« »Der älteste meiner Söhne, Benno, hatte frühzeitig schon Leistungen gezeigt, welche zu den Erwartungen berechtigten, die er auch später rechtfertigte.« [363] Benno Adam (geb. 15. Juli 1812 zu München) ist Meister in der Darstellung der Hausthiere in Verbindung mit den Menschen sowie der Jagdthiere. Er begann seine künstlerische Thätigkeit, indem er die Zeichnungen seines Vaters zu der »Voyage pittoresque« und anderen Werken desselben auf Stein übertrug, bald aber wendete er sich der Thiermalerei zu und brachte unseres Wissens 1835 sein erstes Bild in den Münchener Kunstverein: »Kühe an einem Brunnen«, wozu Albrecht Adam noch die Landschaft gemalt hatte; dann einen »Hund an der Kette«, 1836 einen »Viehmarkt im bayerischen Gebirge«. Mit seinen weiter folgenden, zahlreichen Bildern wendete er sich entschieden der Thiermalerei zu und entwickelte namentlich in der Ausprägung des Charakters der Thiere sowohl von der ernsten, wie von der komischen Seite ? man denke nur an seine humoristischen Esel-Gruppen und die köstlichen Hunde! ? ein so großes Talent, daß man ihn »den deutschen Landseer« genannt hat.22 Alle seine Bilder zeugen von einem Wohlwollen und einer sprechenden Charakteristik, welche den Beschauer unwillkürlich packt und für den liebenswürdigen Künstler gewinnt. Aus seiner Ehe mit der Tochter des Architektur-Malers Dominik Quaglio stammen zwei Söhne, von denen der eine, Emil als Thiermaler sich auszeichnete, der andre Friedrich der praktischen Baukunde sich zuwendete. Seinen zweiten Sohn Franz Adam, (geb. 4. Mai 1815 zu Mailand) rühmte der Vater als einen »in Allem was er that, sehr genialen Menschen, als einen wahren Feuergeist.«[364] »Er war mir sehr ergeben und stand mir immer bereitwillig und hilfreich zur Seite, nachdem ich längst aus dem Atelier meiner Söhne ausgeschieden war.« Franz Adam, welcher ganz unbestritten zu den besten Schlachten- und Pferde-Malern der Neuzeit zählt, schlug zwar die Richtung seines Vaters ein, bekundete aber frühe schon23 eine eigene malerische Anschauung, welche zugleich in der Art und Weise der Technik den Errungenschaften der Neuzeit Rechnung trug. Die »realistische Kunstweise« führte Franz Adam noch entschiedener durch als sein Vater und wirkte damit fördernd auf seinen Lehrmeister zurück. Franz gewann überhaupt mehr Einfluß auf den Vater, als derselbe den anderen Söhnen zugestanden hätte. Nachdem Franz schon 1848 unter seinem Vater und 1849 mit seinem Bruder Eugen, während des Krieges in Italien Studien gemacht hatte, begab er sich 1850 zu gleichem Zweck nach Ungarn. Wie in seinen Kriegsscenen bewährte er eine nicht minder treffende Beobachtungsgabe in der Darstellung volksthümlicher Sitten und Gewohnheiten. So entstand eine Anzahl von Bildern aus dem ungarischen Volksleben, insbesondere eine »Schiffsfähre am Strande der Theiß« mit vielen Figuren und eine Scene an demselben Flusse (eine Heerde Schafe mit ihrem Hirten und Wallfahrer in einem Schiffe); später kamen die Pferde-Märkte und das Einfangen der Pferde: Alles ebenso voll packender Wahrheit wie von großer Kraft und Schönheit der Farbe. Obwohl vielfach im Atelier des Vaters thätig und an dessen größeren Bildern meist in bekannter Weise betheiligt, blieb ihm doch Zeit und Gelegenheit mit eigenen Arbeiten, deren Aufzählung uns hier zu weit führen würde, seinen Namen zu begründen. Beim Beginn des neuen Krieges (1859) ging Franz Adam mit seinem Bruder Eugen wieder nach Italien und weilte im österreichischen Hauptquartier zu Verona, Villafranca[365] und Vallegio, kehrte aber, durch äußere Umstände veranlaßt, bald wieder nach München zurück. Im August des folgenden Jahres verheirathete er sich mit Ida Freifräulein von Hornstein-Grieningen auf Schloß Grieningen in Württemberg, wobei auch der Vater auf der Hochzeit erschien und in bester Laune den Ehrentag seines Sohnes theilte. Franz Adam ließ sich zu München nieder, ohne, trotz seiner ausgesprochenen Begabung für Schlachtenmalerei, von Seiten einer Regierung mit Aufträgen bedacht zu werden. Und doch hat sich der Künstler, namentlich in der Schilderung des Kriegsgetümmels und der mannigfaltigen Episoden aus dem Feldleben im eminentesten Sinne ausgezeichnet. »Er vor Allen weiß die kühne, leidenschaftliche Bewegung des Momentes, die Kämpfenden in ihrer individuellen Lebendigkeit zu erfassen. Selten fehlte das Pferd dabei; es ist immer nach der Natur und mit meisterlicher Sicherheit geschildert. Er malte dann auch, da ihm selten Gelegenheit zu größeren Aufgaben wurde, selbständige Pferdedarstellungen; am liebsten das wilde, ungebändigte Pferd der ungarischen Pußten und den Soldatengaul, etwas mitgenommen im anstrengenden Dienst, bald im Kampf, bald in der Ruhe des Lagerlebens. Was allen diesen Bildern und insbesondere den späteren, außer der energischen Zeichnung noch eigenen Reiz gibt, ist die malerische Behandlung: Franz Adam weiß Landschaft und Figuren in eine besondere, der Natur fein abgesehene Licht- und Luftstimmung zu setzen und darin die Tonmassen wirksam von einander abzuheben. Auch der Vortrag ist meistens malerisch, markig und breit.« Eine höchst interessante Leistung des Künstlers, die von seinem Talent und Können ein treffliches Zeugniß gab, war das große, die »Straße zwischen Solferino und Valeggio am Tage der Schlacht vom 24. Juni 1859« darstellende Bild.24 Man sieht keine Schlacht, sondern nur den Rückzug der verwundeten Oesterreicher hinter der Front der Armee, während zugleich neue Truppen mit[366] Geschützen zum Angriff vorstürmen. »Alle Schrecken des Krieges sind hier in der hellgrauen, heißen Luft des Mittags scharf ausgesprochen und mit ergreifender Wahrheit versinnlicht.« Die im Mittelpunkt mit stolzem Trotz befindlichen französischen Gefangenen künden deutlich, auf welcher Seite der Sieg sei. Das Bild bleibt eine der bedeutendsten Leistungen der neueren Malerei. Die schauerlichen Folge des Krieges versinnlichte der Künstler in einem »Rückzug aus Rußland« (1869). Außerdem entstanden viele kleinere Pferdeporträts, Stallscenen und militärische Genrebilder, darunter ein »Gefecht von österreichischen Ulanen mit piemontesischen Dragoner«, welche namentlich durch die Feinheit der Farbe sich hervorthaten. Von besonderem Werthe waren vier kleine, fast miniaturartig in Oel auf Metall gemalte Schlachtenscenen aus dem Leben des Feldmarschall Prinzen Karl in Bayern, die auf der Decke des dem Prinzen von der bayerischen Armee gewidmeten Pracht-Albums eingefügt wurden.25 Neuen Aufschwung nahm seine Kunst durch den deutschen Krieg, welchem er theilweise als Augenzeuge beiwohnte. Eine Epoche-machende Leistung war der »Kampf um Floing« (in der Schlacht bei Sedan), welchen Adam 1874 für den Herzog von Meiningen malte und 1879 für die Berliner Nationalgallerie wiederholte (gestochen von Tobias Bauer), worin der Moment des Anstürmens der französischen Reiterbrigade mit unvergleichlicher Lebendigkeit dargestellt und der Grundcharakter der beiden kämpfenden Nationen auf's glücklichste zur Anschauung gebracht ist. Ein anderes bedeutendes Werk: »Das erste bayerische Armeecorps bei der Einnahme von Orleans, 11. October 1870« (gemalt 1877) ist eine Zierde der Neuen Pinakothek. Darauf folgte unter Anderen der »Gefangenen-Transport nach der Schlacht bei Sedan« (1880) und neuestens der unter Major von Bredow ausgeführte »Reiterangriff auf die französische Artillerie in der Schlacht von Mars-la-Tour« (für die Berliner National-Gallerie 1884).[367] Ein pferdereiches Bild »Mazeppa« (1882) erwarb Se. kgl. Hoheit Prinz Luitpold von Bayern.26 »Mein dritter Sohn Eugen ? schreibt Adam in seiner Familien-Chronik weiter ? ist ein milder Charakter, voll Herzensgüte und jeder Aufopferung fähig; er war stets nur zu aufopfernd für alle Menschen.« Damit ist dieser Grundcharakter treffend gezeichnet. Geboren zu München 22. Januar 1817, bildete er sich unter der Leitung des Vaters und dem Einflusse der älteren Brüder. Neben der Anlage zur Kunst erbte Eugen auch ein gewisses ethnographisches Interesse und eine besondere Wanderlust, in deren Folge er schon 1843 und in den folgenden Jahren wiederholt Ungarn, Croatien und Dalmatien unter allerlei Abenteuern und Fährlichkeiten nach allen Richtungen durchstreifte, überall zeichnend und durchweg neue, schöne und überraschende Skizzen und Studien sammelnd. Im August 1848 reiste er mit dem Vater nach Italien, wo er, im edlen Wetteifer mit seinem alsbald nachfolgenden Bruder Franz, eine Reihe von Terrain- und Figuren-Zeichnungen aus dem militärischen Leben zusammenbrachte, welche theilweise von Albrecht und Franz Adam zu ihren Schlachtenbildern benützt wurden, dann aber überhaupt für die großen lithographischen Prachtwerke der Brüder die wesentlichste Grundlage bildeten. Während Albrecht, wie bekannt, im Gefolge des greisen Schlachtenmeisters Radetzky blieb, wurde Eugen (Ende November) der Brigade des Grafen Clam-Gallas zugetheilt, lag die Wintermonate zu Como, wo er seine Feldskizzen ausarbeitete, rückte im Vorfrühling 1849 zu neuem Kampf nach Mailand und im Gefolge des Fürsten Karl von Schwarzenberg über Pavia nach Piemont, wo er den Kämpfen bei Mortara und der Schlacht von Novara beiwohnte und im Schnee und Frost, zwischen Verwundeten und Todten, eine Nacht auf dem berühmten[368] Schlachtfelde verbrachte. Die künstlerische Ausbeute war reich und gab dem Maler Anlaß zu mehreren Bildern, welche, später von Franz Adam auf Stein gezeichnet, dem großen Werke der Brüder einverleibt wurden. Er bewährte dabei, wie auch Julius Meyer hervorhebt, ein besonderes Geschick für die charakteristische Schilderung der Localität, der landschaftlichen sowohl als namentlich der architektonischen, deren Zeichnung immer sicher und treffend ist. ? Von da ging es nach Venedig, wo die Belagerung von Malghera den Brüdern vielfach zu thun gab. Während Albrecht Adam seine großen Schlachtenbilder in Angriff nahm, begannen die »Brüder Adam« gemeinsam die Herausgabe der »Erinnerungen an die Feldzüge der k.k. österreichischen Armee in Italien« ? ein Prachtwerk, welches in der lithographischen Anstalt des jüngsten, Julius Adam, gedruckt, mit der Dedication an Radetzky, lieferungsweise in 22. Blättern (München bei Cotta) erschien und verdientes Aufsehen erregte. Eugen blieb in Mailand in stetem Verkehr mit seinen militärischen Freunden und Gönnern, mit Bestellungen aus dem Gebiete des Kriegslebens betraut, darunter eine Darstellung des »Manövers unter dem Kommando des Kaisers von Oesterreich auf der Haide von Malpensa 1851«, zwei Bilder aus der »Einnahme von Malghera« u.s.w. Im Jahre 1853 kehrte Eugen nach München zurück, mit der Vollendung eigener Entwürfe vollauf beschäftigt, bis ihn, kaum ein Jahr nachdem er seinen eigenen Herd begründet hatte, der Krieg von 1859 neuerdings nach Italien rief. Es gab zwar Stoff genug, aber die Verhältnisse hatten sich geändert. Oesterreich hatte mit sich selbst genug zu thun und keine Zeit, an künstlerische Aufgaben zu denken. Auch die Zeichnungen für illustrirte Blätter hatten ihre Schattenseite und wurden schlecht reproduzirt. Die furchtbaren Strapazen lohnten sich nicht und die Opferwilligkeit des Malers fand keine Anerkennung. Die schönsten Blätter blieben unausgenützt in seinen Mappen liegen. In München malte Eugen viele militärische Genrebilder, ? darunter die ergreifende Scene »ein verwundeter Soldat mit seinem Hunde auf dem Schlachtfelde von Solferino« (in[369] der Neuen Pinakothek) ? Pferdeportraits, Scenen aus dem ungarischen Volks- und Jagdleben, einen »Jahrmarkt in Croatien« u.dgl. und ging dann, um Neues zu sehen und Geist, Auge und Hand sicher zu erhalten, zum öfteren nach der Schweiz, wo er den Truppen-Uebungen beiwohnte, insbesondere auf einer Tour über den St. Gotthard. Als Resultat davon erschien ein Prachtwerk: »Bildliche Erinnerungen an die eidgenössische Truppenzusammenziehung.«27 Beim Ausbruch des deutschen Krieges 1870 that Eugen Adam unverzüglich Schritte, daran theilzunehmen; doch verzögerte sich unnöthiger Weise die Erlaubniß, er kam gerade recht, um am Abend des 1. September eine Aufnahme von Bazeilles und etliche Tage darauf von Sedan zu skizziren. Bei dem ersten Armeecorps begleitete er die Munitions-Colonne Dennert. So kam er nach Orleans und Versailles, erhielt viele Anerkennung und Bewunderung, aber keine Bestellungen. Ueberaus ermüdet kehrte er im Dezember nach München zurück, wurde aber schon Ende Januar 1871 im Auftrag Sr. Majestät König Ludwigs II. nach Versailles gesendet und dem General von Hartmann zugetheilt. Hier traf er auch einen liebenswürdigen, jüngeren Collegen, Heinrich Lang, welcher mit ebenso großer Gewissenhaftigkeit wie unermüdlichem Fleiß den gleichen Studien oblag. Mit H. Lang, Louis Braun und Bleibtreu kam Adam beim Einzug in Paris zusammen, eilte aber dann über Straßburg nach München zurück, um seine künstlerischen Erlebnisse in einer Reihe von Oelbildern auszuarbeiten.28 Nebenbei beschäftigten ihn Erinnerungen aus Dalmatien und der Herzegowina, auch Stoffe aus den bayerischen Alpen und dem italienischen Feldzuge. Er hätte noch für Jahrzehnte Stoffe in Vorrath gehabt, als[370] ein Herzschlag den wackern Mann am 4. Juni 1880 plötzlich dahinraffte. »Er war eine neidlose Seele, ein treuer Freund, ein unendlich liebevoller und für seine Familie zärtlichst besorgter Gatte und Vater; als Künstler ein echter Schüler seines Vaters, ein treuer Gehilfe seiner Brüder und mit seinen eigenen Schöpfungen ein würdiges Glied dieser berühmten Maler-Familie.«29 »Auch von meinen beiden jüngeren Söhnen, Albrecht und Julius, bin ich so glücklich, sagen zu können, daß sie zu meiner Freude herangewachsen und brave Männer geworden sind. Ersterer ist Hypolog, ein tüchtiger Reiter und Pferdekenner;« erst Stallmeister des Fürsten Wrede, dann im Dienste König Maximilians II., zur Zeit kgl. Hof-Fourage-Magazin-Verwalter. »Der zweite ist Lithograph, besitzt aber auch großes Talent zur Kunst und ist ein genialer Mensch.« Julius Adam, geboren 1821 zu München, genoß gleichfalls die Unterweisung seines Vaters, zeigte sehr viel Talent zum Studium, ebenso zur Mechanik, aber auch zugleich für die Kunst, malte Landschaften mit Figuren und Thieren staffirt, in Aquarell, warf sich dann ganz auf die Lithographie, reproduzirte die Bilder seines Vaters und seiner Brüder und gab im Verein mit denselben die obengenannten: »Erinnerungen an die Feldzüge der k.k. Armee in Italien« heraus.30 Auch des Farbendrucks befliß er sich mit besonderer Vorliebe, um seine chemischen Kenntnisse zu verwerthen; diese führten ihn, neben allerlei Subtilitäten, auf das Gebiet der Photographie. Hier bemühte er sich mit Joseph Albert, die Photographie auf Metallplatten zum künstlichen Schnelldruck unter die Presse zu bringen und hatte auch hierin gute und neue Erfolge, starb aber schon am 4. Februar 1874.[371] Immer wird es eine beachtenswerthe Wahrnehmung bleiben, wie sich Adam's künstlerische Begabung in mannigfacher Färbung auch auf die Enkel vererbte. So nennen wir in erster Reihe Benno Adam's Sohn, Emil Adam, welcher, am 20. Mai 1843 zu München geboren, anfänglich zum Studium bestimmt war, aber durch das Vorbild seines Vaters, seines Großvaters und seines Oheims Franz sich unter Letzterem zu einem tüchtigen Meister in Reiter- und Pferdeportraits, insbesondere in Jagd- und Sport-Scenen bildete. Nachdem schon eine »Oesterreichische Lagerscene« (1861) großen Beifall gefunden hatte, ging er, Portael's Unterweisung zu genießen, nach Brüssel. Nach seiner Rückkehr wurde er mit seinem Vater nach Pardubitz in Böhmen berufen (1867), um eine adelige Jagdgesellschaft von sechzig Personen zu portraitiren, wobei er sein Talent für elegante Reiterbildnisse glänzend bewies. Seitdem malte er, als wahrer Meister im High-Life- und Sportsman-Fach nach Oesterreich, Ungarn, England berufen und durch Ehren aller Art ausgezeichnet ? im Mai 1882 verlieh ihm Se. Maj. der Kaiser von Oesterreich das Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens ? viele ähnliche Gelegenheits-Scenen, welche durch das freie, geschmackvolle Arrangement angenehm überraschen und mit großer Geschicklichkeit die gerade in diesem Genre gerne drohenden Klippen vermeiden.31 Ein gleichnamiger Sohn Franz Adam's schwankte lange zwischen Kunst und Wissenschaft, um schließlich auf letzterem Wege wacker vorwärts zu schreiten. Eugen Adam hinterließ zwar keinen Sohn, doch zwei Töchter, deren eine mit vorwiegend musikalischer Begabung dem Fache der Erziehung in einer aristokratischen Familie obliegt, indeß ihre Schwester Helene Adam als Zeichenlehrerin eine sehr glückliche Thätigkeit entfaltet. Ein nach seinem Vater ebenso benannter Julius Adam[372] (geb. 18. Mai 1852) befaßte sich zuerst mit Photographie, kam mit fünfzehn Jahren nach Rio Janeiro, etablirte daselbst mit gutem Erfolge ein photographisches Atelier, kehrte jedoch 1872 in seine Heimath zurück, um durch gründliche Studien an der Akademie die beleidigte Muse der Kunst zu versöhnen. Er begann als Illustrator und Zeichner mit reizenden Kinderscenen, malte dann mehrere Genrebilder (darunter ein höchst lebendiger »Bauerntanz«) und schuf eine Reihe von tiefgefühlten, warm pulsirenden Compositionen, in welchen Figuren und Landschaft in innigster Verbindung unsere ganze Theilnahme fesseln. Wir erinnern an die »Märchen-Erzählerin«, die schöne »Wald-Idylle«, das den herzlichsten Kinderjubel darstellende »In den Himbeeren«,32 denen sich neuestens »Der treue Eckart« in gleich genialer Weise anreiht. Inzwischen excellirte Julius Adam, nebenbei wieder als Thiermaler thätig, mit den köstlichen, höchst humoristischen Katzenbildern, welche ihm mit Recht eine wahre Berühmtheit und den Namen eines »Katzen-Raphael« eintrugen, obwohl das oben angedeutete Genre doch als seine eigenste Domäne gelten dürfte. Hieher gehört auch Ludwig v. Langemantel ? der Sohn des mit Magdalena, der drittältesten Tochter Albrecht Adam's, verheiratheten k. Bauamtmanns Otto von Langemantel33 ? welcher, geboren am 5. April 1854 auf dem Michaelsberg bei Kelheim, schon vierjährig im Atelier seines Großvaters die erste Anregung zur Kunst empfing. Nach der Kunstgewerbe-Schule besuchte er die Münchener Akademie (1870) und wurde 1874 Schüler von Karl Piloty. Sein erstes größeres Bild: »Die Verhaftung des Chemikers Lavoisier unter der Schreckensherrschaft[373] 1794«, wurde 1876 auf der Münchener Kunstausstellung durch Verleihung der »Medaille« ausgezeichnet.34 Drei Jahre darauf folgte das von dem Verein für historische Kunst angekaufte große Bild »Savonarola's Predigt in Florenz«35, eine sehr bedeutende, vielversprechende Leistung. Neuestens malte derselbe mehrere Bilder im Auftrage Sr. Majestät König Ludwigs II. Schließlich sei des im Verlaufe dieses Buches öfters erwähnten wackeren und ganz poetisch veranlagten Heinrich Adam gedacht.36 Ursprünglich wie sein älterer Bruder gleichfalls zum Conditor bestimmt, wandte er sich 1808 in Augsburg der Kunst zu, wo er zunächst Bilder zum Ausschneiden und Schlachten, welche colorirt wurden, radirte, kam dann zu Albrecht nach München, erhielt vorübergehend eine Stelle am Wasserbau-Bureau und radirte verschiedene Platten für General-Direktor von Wiebeking. Im Jahre 1811 verweilte er längere Zeit bei seinem Bruder zu Mailand und am Comer-See und versuchte sich abwechselnd mit Aquarell-Malerei und mit Führung der Radirnadel. In München lieferte er mehrere Blätter für das Werk des Grafen Rechberg über die Völker Rußlands, machte 1819 eine neue Fahrt nach dem Comer-See und begann eine Reihe von Oelbildern, theils aus dem Bereiche der Landschafts- wie der Architektur-Malerei. Auf einer Reise durch Bayern 1826 zeichnete er 24 Städte-Ansichten (lithographirt von G. Krauß). In der Neuen Pinakothek befinden sich zwei Tableaux mit je fünfzehn Ansichten aus Alt-München (1836), welche durch ihre Treue culturhistorisches Interesse erregen; 1855 zeichnete er auch 30 Ansichten aus Rom und Neapel, wohin er im Auftrage eines Verlegers eine Reise unternahm. Leider holte er sich hiebei eine Gehirnentzündung, welche ein langwieriges Kopfleiden und endlich den Tod zur Folge hatte.[374] Von 1824?1850 brachte er fast alljährlich mehrere Landschaften aus den bayerischen Alpen, aus Oberitalien und der Schweiz, welche mit Fleiß und Treue nach der Natur gemalt, doch mit einer etwas nüchternen und trockenen Manier ausgeführt waren, die auch seinen Radirungen eignet. Eine Stelle im Topographischen Bureau gab der charakterfeste Mann auf, als ihn sein Chef anhielt, auch am Charfreitage zu arbeiten. Er hinterließ einen Sohn Joseph Adam, welcher vielseitig, ebenso zur Musik wie zur Malerei begabt, seit längerer Zeit eine Stelle am k. Kupferstich-Kabinet begleitet. Das vorerst noch unbekannte Problem, wie sich die höchst zahlreiche dritte und vierte Generation entwickeln dürfte, wird die Zukunft beantworten. Sind Levin Schückings geistvolle Theorien richtig ? und sie beruhen ja auf sicherer Erfahrung ? so wird ein Theil dieser Familie in verwandten Kunstzweigen, im historischen Gebiete und Genre-Fache sich in der Folge hervorthun, etwa im Kupferstich, im Bereich der Bildhauerkunst und der Architektur, möglicher Weise auch in den verwandten Schwesterkünsten, der Poesie und Musik, vielleicht stellen sie auch ein stattliches Contingent zur Wissenschaft, als Erfinder, Techniker oder im Soldatenstande: hoffentlich aber immer zur Ehre ihres Ur-Ahnen Albrecht Adam. 1 Amazon.de Widgets Peter Krafft, geb. 17. September 1780 zu Hanau, gest. 28. Oktober 1856 zu Wien. Vgl. Wurzbach 1865, XIII. 106 ff. 2 In der Neuen Pinakothek befinden sich sieben Bilder von Albrecht Adam, welche wir hier nach der Reihe ihrer Entstehung verzeichnen. Nummer 285: »Das Innere eines Pferdestalles« (0,39 hoch, 0,44 breit). ? Nr. 277: »Ein Cavallerie-Lager.« Bez. 1818 (auf Holz 0,43 × 0,36). ? Nr. 384: »Ein geflecktes Fuhrpferd steht bei zwei Arbeitsleuten.« Bez. 1829 (auf Holz 0,34 × 0,45). ? Nr. 422: »Das Bildniß des kaiserl. österreichischen Feldmarschalls Grafen Radetzky zu Pferd; nach der Natur gemalt.« Bez. 1848 (0,60 × 0,72). ? Nr. 135: »Die Schlacht von Custozza bei Montegodio am 25. Juli 1848. Custozza liegt unmittelbar hinter dem hervorragendsten Hügel des Hintergrunds, auf welchem die Piemontesen sich kräftig verschanzt haben. Entscheidender Moment der Schlacht. Das Regiment Kinsky rückt im Vordergrunde links her in's Feuer, ihm zur Seite mit geschwungenem Degen der tapfere Hauptmann Graf Salis (blieb später bei Novara), den verwundeten Hauptmann Graf Lippe (nachmals Kommandant von Bologna) grüßend. Am Baume rechts, ruhig in das blutige Getümmel blickend, steht der Feldmarschall-Lieutenant Franz Graf von Wimpffen und, nach vorn gewendet, der kommandirende Feldmarschall-Lieutenant d'Aspre, im Gespräch mit dem Obrist von Schmerling zu Pferde, neben ihm schaut Obrist Molinari durch ein Fernrohr. Den Fürsten Edmund von Schwarzenberg, der in der größten Noth mit einem Kaiser-Infanterieregiment zu Hilfe kam, erblicken wir zu Pferde weiterhin rechts, und zwischen diesen Gruppen und dem Regiment Kinsky den Hauptmann Prosche, Adjutanten (gleichfalls zu Pferd), und den Hauptmann Steinhauser, Ordonnanzoffizier von d'Aspre, sowie den Rittmeister Grafen Pappenheim im Begriff, auf's Pferd zu steigen.« Bez. 1851 (1,46 × 2,49). ? Nr. 89: »Die Erstürmung der Düppeler Schanzen, 13. April 1849.« Bez. 1853 (0,93 × 1,81). ? Nr. 137: »Die Schlacht bei Novara. Am 23. Mai 1849, zwischen 3 und 4 Uhr Nachmittags, als Feldzeugmeister d'Aspre und Erzherzog Albrecht mit ihren Tapfern fünf Stunden hindurch einem doppelt überlegenen Feinde den wirksamsten Widerstand geleistet, trat durch das Erscheinen des 3. Armeecorps auf dem Schlachtfelde der entscheidende Moment ein. Obrist Benedek eilte mit den gesammelten Truppen vom Regimente Giulay herbei und stellte nach mehrmals wiederholten Angriffen das Treffen wieder her. Von diesem Augenblicke an neigte sich der Sieg zu den österreichischen Fahnen. Dieser Moment ist klar dargestellt. Links dem Beschauer sieht man den Obrist Benedek, in der Nähe der Casa Visconti, mit dem Regimente Giulay herbeieilen, indeß der tapfere Obrist Graf Kielmannsegge, ein Opfer dieses Tages, zurückgetragen wird. In der Mitte befindet sich Erzherzog Albrecht mit einigen seiner Offiziere: dem Rittmeister Graf Kappi, Graf Belcredi und Hauptmann Pageny vom Generalstab, rechts davon der verwundete General Graf Stadion zu Pferd, umgeben von einigen Offizieren, und im Vordergrunde der Feldkaplan Czerkas. In der Ferne gewahrt man bei der Bicocca (dem Centralpunkt der Schlacht) den Feldzeugmeister d'Aspre und im Hintergrund die Stadt Novara selbst.« Bez. 1854 (1,46 × 2,49). 3 Vgl. Nummer 100 der Allg. Zeitung vom 10. April 1854. 4 Herausgegeben von Eggers, Berlin 1854, V. Jahrgang, S. 333 ff. Vgl. Fr. Pecht in Beil. 234 der Allg. Zeitung vom 22. August 1854. 5 Nun völlig verändert und umgebaut in der Schillerstraße 26, immer noch mit zahlreichen Ateliers eine kleine Akademie. 6 Vgl. Beil. 119, Neue Münchener Zeitung vom 19. Mai 1855. 7 Vgl. Beil. 124, Neue Münchener Zeitung vom 25. Mai 1855. 8 Lithographirt von Franz Adam (Druck und Verlag von Julius Adam). 9 Eine lithographische Reproduktion veranstaltete Julius Adam, welche in Oesterreich die weiteste Verbreitung fand. 10 A. Haizinger, geb. 6. Mai 1800 zu Karlsruhe, gest. 16. August 1884 zu Wien. 11 Ebendaselbst auch das über lebensgroße Reiterbild des Feldmarschall Grafen Radetzky, gleichfalls bezeichnet: »Franz Adam 1859«. 12 Vgl. Wurzbach 1863, X. 8. 13 Im Abendblatt Nr. 34 der Neuen Münchener Zeitung vom 8. Februar 1862. 14 General v. Heideck (vgl. oben S. 285) erwarb dann das Bild aus Adams Nachlaß. 15 Vgl. oben S. 39 ff. 16 Vgl. den warm empfundenen Nachruf in Nr. 226 Morgenblatt zur Bayer. Zeitung vom 3. September 1862, den Nekrolog in Nr. 1006 Illustr. Zeitung, Leipzig, 11. Oktober 1862 (mit Porträt). Vgl. dazu Regnet, Münchener Künstlerbilder, 1871, I. 1?10. Jul. Meyer, Allgemeines Künstlerlexikon, 1872, I. 65 ff. u.s.w. 17 Vgl. oben S. 195. 18 »Das Pferd in seiner gereizten Natur, in seiner angestrengtesten Kraftäußerung im Schlachtgewühle, sich mühend vor dem Pfluge, am belasteten Wagen, darzustellen, gab ihm manchen Stoff, seine Kräfte nicht nur in Schilderungen der mannigfaltigsten und schwierigsten Stellungen dieses Thieres zu versuchen, sondern auch das dabei nach außen strebende Leben, den in alle Formen sich ergießenden Charakter zu entwickeln und somit den Werken Interesse, Wahrheit und Bedeutung zu geben.« Vgl. A.v. Schaden, Artistisches München 1836, S. 6. 19 Vgl. Jul. Meyer S. 66. 20 Der von Jos. Aumüller verfaßte Auctionskatalog enthielt auf 130 Seiten an dritthalb tausend Nummern, darunter (Nr. 2119?2251) nur eigene Handzeichnungen Albrecht Adams und (Nr. 2423?2439) eine Anzahl ausgeführter Pferdestudien in Oel auf Leinwand. Auch besaß Adam eine vorzügliche Sammlung von Aquarellen und Zeichnungen seiner besten Zeitgenossen (Nr. 2252?2396). 21 Vgl. Levin Schücking: Geneanomische Briefe. Frankfurt 1855. 22 Julius Meyer (S. 69, wo ein ziemlich ausführliches Verzeichniß der vor ihm und nach ihm lithographisch und photographisch vervielfältigten Werke gegeben ist) und H.A. Müller, Biographisches Künstlerlexikon, Leipzig 1882, S. 4. ? In der Neuen Pinakothek zu München befinden sich: Ein Viehmarkt im bayerischen Gebirge (1839). Ein Stall mit einem Schimmel, einer Katze und zwei Ziegen (1841). Zwei todte Hirsche und todtes Federwild, von einem Hunde bewacht (1848). Eine Gruppe Ziegen (1854). Eine Hirschjagd (1856). Eine von einem Hunde bewachte Eule (1856). 23 Man vgl. z.B. das 1849 gemalte, in der Neuen Pinakothek befindliche Genrebild: »Französische Cuirassiere während des Brandes zu Moskau in einer Halle.« 24 Zuerst 1867 auf der Pariser Weltausstellung und daselbst prämirt, ebenso 1869 zu München. 25 Vgl. Fr. Pecht: Aus dem Münchener Glaspalast 1876, S. 178. 26 Ein großer Theil der von Franz Adam theilweise nach den Zeichnungen seines Vaters, seiner Brüder und nach eigenen Werken gemachten Lithographien u.s.w. sind bei Jul. Meyer S. 71 verzeichnet. Ein schönes Porträt des Meisters, Kniestück, sitzend in einer Landschaft, hat L. Raab radirt. 27 Nach der Natur gezeichnet von Eugen Adam, lithographirt von Julius Adam. Bern 1863. Mit deutschem und französischem Text von O.A. Roth. 28 Eine aus mehr als zweihundert Blättern bestehende Sammlung von Handzeichnungen aus dem deutschen Kriege, welche einen stattlichen Folianten bilden, erwarb in der Folge der Staat für das Kupferstich- und Handzeichnungskabinet in München. 29 Vgl. Nekrolog in Beil. 274 der Allg. Zeitung vom 30. September 1880. Das Verzeichniß seiner in Lithographie vervielfältigten Werke bei Jul. Meyer S. 72. 30 Vgl. Jul. Meyer S. 72. 31 Emil Adam's Portrait und Biographie in Nr. 54 Ueber Land und Meer 1885, woselbst auch ein Holzschnitt der Pardubitzer Jagdgesellschaft. Vgl. dazu Jul. Meyer S. 72 und H.A. Müller's Künstlerlexikon 1882, S. 5. 32 »In den Himbeeren.« Vgl. Nr. 2157 Illustr. Zeitung, Leipzig, vom 1. November 1884. 33 Otto von Langemantel, ein sehr geistreicher und in seinem Fache äußerst tüchtiger Künstler (Schüler von Fr. von Gärtner), geboren 26. Februar 1816 zu Weiler bei Kempten, gest. 8. April 1875 zu München. Seine Gattin, Magdalena Adam, besaß ein ganz merkwürdig ausgesprochenes Talent zum Zeichnen, welches jedoch gegen den Willen des Vaters nicht ausgebildet wurde. 34 Vgl. Fr. Pecht: Aus dem Münchener Glaspalast, Stuttgart 1876, S. 56. 35 Holzschnitt in Ueber Land und Meer 1883, 51. Band. 36 Vgl. oben S. 3 (Anmerkung). Jul. Meyer S. 68 f. und Naglers Monogrammisten 1858, I Bd. (Nr. 696), III. Bd. 1863 (Nr. 596 und 601). 
