
                              Polenz, Wilhelm von

                                Der Bttnerbauer

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                               Wilhelm von Polenz

                                Der Bttnerbauer

                                  Erstes Buch.

                                       I.

Der Grobauer Traugott Bttner ging mit seinen zwei Shnen zur Kirche.
    Die drei Mnner konnten sich sehen lassen. Der Bttnerbauer selbst war ein
Sechziger, gro, hager, bartlos, rotbraun im Gesicht, mit graugelbem Haupthaar,
das er nach altmodischer Weise lang ins Genick hinab wachsen lie. Breitspurig
und wuchtig trat er mit schwerem Stiefel auf, wie es ihm, dem Besitzer des
grten Gutes im Dorfe, zukam. Seine starken, etwas eckigen Gliedmaen, die sich
ausnahmen wie knorrige Eichenste, waren in einen Rock von dunkelblauer Farbe
mit langen Schen gezwngt. Die engen rmel behinderten ihn offenbar in der
Freiheit der Bewegung. Dafr war das auch der nmliche Rock, in welchem der
Bttnerbauer vor mehr als dreiig Jahren getraut worden war. Da der Rock
inzwischen etwas knapp geworden in den Schultern und ber die Brust, strte den
Alten nicht, im Gegenteil! diese Gebundenheit und enge Verschnrung des Leibes
stimmte so recht zu der Weihe und feierlichen Gemessenheit, die nun einmal zum
Sonntagmorgen gehrt. - Auf dem langen, straffen Haar trug er einen Zylinder,
den das Alter nicht glatter, sondern recht widerhaarig gemacht hatte.
    Der Bauer schritt zwischen seinen beiden Shnen: Karl und Gustav.
    Karl, der ltere, war in gleicher Gre mit dem Vater, aber beleibter und
fleischiger als dieser. Auch er rasierte sich, nach guter Bauernweise, den
ganzen Bart. Seine groen, etwas verschlafenen Augen und die vollen, roten
Wangen gaben ihm das Aussehen eines groen, gutgearteten Jungen. Aber wer sich
die Fuste des Mannes nher betrachtete, dem verging wohl die Lust, mit solchem
Burschen anzubinden. Heute trug er wie der Alte ein dickleibiges Gesangbuch in
der Hand. Auch er war in einen langschigen Kirchenrock gekleidet und trug
einen breitkrmpigen Zylinder auf dem runden Kopfe. Im ganzen war Karl Bttner
die wohlgenhrtere und um dreiig Jahre jngere Ausgabe von Traugott Bttner.
    Verschieden von den beiden zeigte sich der jngere Sohn Gustav,
Unteroffizier in einem Krassierregiment. Vielleicht war es die schmucke
Uniform, die seine Figur hob, ihm etwas Gewandtes und Nettes gab, da er sich
von den beiden plumpen Bauerngestalten vorteilhaft abhob. Er war etwas kleiner
als Vater und Bruder, sehnig, gut gewachsen, mit offenem, einnehmendem
Gesichtsausdruck. Gustav wiegte seinen schlanken Oberkrper ersichtlich in dem
Bewutsein, ein hbscher Kerl zu sein, auf den heute die Augen der gesamten
Kirchfahrt von Halbenau gerichtet waren. Nicht selten fuhr seine behandschuhte
Rechte nach dem blonden Schnurrbart, wie um sich zu vergewissern, da diese
wichtigste aller Manneszierden noch an ihrem Platze sei. Im Heimatdorfe hatte
man ihn noch nicht mit den Tressen gesehen. Zum heurigen Osterurlaub zeigte er
sich der Gemeinde zum ersten Male in der Unteroffizierswrde.
    Gesprochen wurde so gut wie nichts whrend des Kirchganges. Hin und wieder
grte mal ein Bekannter durch Kopfnicken. Zum Ostersonntage war ganz Halbenau
auf den Beinen. In den kleinen Vorgrten rechts und links der Dorfstrae blhten
die ersten Primeln, Narzissen und Leberblmchen.
    In der Kirche nahm der Bttnerbauer mit den Shnen die der Familie
angestammten Kirchenpltze ein, auf der ersten Empore, nahe der Kanzel. Die
Bttners gehrten zu der alteingesessenen Bauernschaft von Halbenau.
    Gustav sah sich whrend des Gesanges, der mit seinem ausgiebigen
Zwischenspiel der Beschaulichkeit reichlichen Spielraum gab, in der kleinen
Kirche um. Die Gesichter waren ihm alle bekannt. Hie und da vermite er unter
den lteren Leuten einen oder den anderen, den der Tod wohl abgerufen haben
mochte.
    Sein Blick schweifte auch gelegentlich nach dem Schiffe hinab, wo die Frauen
saen. Die bunten Kopftcher, Hauben und Hte erschwerten es, das einzelne
Gesicht sofort herauszukennen. Unter den Mdchen und jungen Frauen war manch
eine, mit der er zur Schule gegangen, andere kannte er vom Tanzboden her.
    Gustav Bttner hatte es bisher geflissentlich vermieden, nach einer
bestimmten Stelle im Schiffe zu blicken. Er wute, da dort eine sa, die, wenn
sie berhaupt in der Kirche war, ihn jetzt ganz sicher beobachtete. Und er
wollte sich doch um keinen Preis den Anschein geben, als kmmere ihn das nur im
geringsten. - Wenn er dorthin blicken wollte, wo sie ihren Kirchenstand hatte,
mute er den Kopf scharf nach links wenden, denn sie sa seitlings von ihm,
beinahe unter der Empore. Bis zum Kanzelvers tat er sich Zwang an, dann aber
hielt er es doch nicht lnger aus, er mute wissen, ob Katschners Pauline da
sei.
    Er beugte sich ein wenig vor, so unauffllig wie mglich. Richtig, dort sa
sie! Und natrlich hatte sie gerade auch nach ihm hinaufblicken mssen.
    Gustav war errtet. Das rgerte ihn erst recht. Zu einfltig! Warum mute er
sich auch um das Mdel kmmern! Was ging die ihn jetzt noch an! Wenn man sich um
jedes Frauenzimmer kmmern wollte, mit dem man mal was gehabt, da konnte man
weit kommen. berhaupt, Katschners Pauline! - In der Stadt konnte man sich mit
so einer gar nicht sehen lassen. In der Kaserne wrden sie ihn schn auslachen,
wenn er mit der angezogen kme. Nicht viel besser als eine Magd war sie!
wochentags womglich barfu und mit kurzen Rcken! -
    Er nahm eine hochmtige Miene an, im Geiste die ehemalige Geliebte mit den
Fruleins vergleichend, deren Bekanntschaft er in den Kneipen und Promenaden
der Provinzialhauptstadt gemacht hatte. In der Stadt hatte, wei Gott, das
einfachste Dienstmdel mehr Lebensart, als hier drauen auf dem Dorfe die
Frauenzimmer alle zusammen. Er verachtete Katschners Pauline so recht aus
Herzensgrunde.
    Und einstmals war die dort unten doch sein Ein und Alles gewesen! -
    Auf einmal zog durch seinen Kopf die Erinnerung an das Abschiednehmen
damals, als er mit den Rekruten weggezogen in die Garnison. Da hatten sie
gedacht, das Herz msse ihnen brechen beim letzten Kusse. Und dann, als er
wiederkam, zum ersten Urlaub, nach einjhriger Trennung. - Was er da angestellt
hatte vor Glckseligkeit! Und das Mdel! Sie waren ja wie verrckt gewesen,
beide. Was er ihr da alles versprochen und zugesagt hatte!
    Er versuchte die Gedanken daran zu verscheuchen. Damals war er ja so dumm
gewesen, so frchterlich dumm! Was er da versprochen hatte, konnte gar nicht
gelten. Und auerdem hatte sie ihm ja selbst auch nicht die Treue gehalten. -
Was ging ihn der Junge an! berhaupt, wer stand ihm denn dafr, da das sein
Kind sei! Er war ja so lange weggewesen.
    Na, mit der war er fertig! Mochten die Leute sagen, was sie wollten! Mochte
sie selbst sich beklagen und Briefe schreiben und ihm zu seinem Geburtstage und
zu Neujahr Glckwunschkarten schicken - das sollte ihn alles nicht rhren. So
dumm! Er hatte ganz andere Damen in der Stadt, seine Damen, die gebildet
sprachen und Hochwalzer tanzen konnten. Was ging ihn Katschners Pauline an,
deren Vater armseliger Stellenbesitzer gewesen war.
    Inzwischen hatte der Pastor zu predigen begonnen. Gustav versuchte nun,
seine Gedanken auf das Gotteswort zu richten. Er war in der Garnison noch nicht
gnzlich verdorben worden. Immer hatte er eine rhmliche Ausnahme vor den
Kameraden gemacht, welche das Kirchenkommando meist zu Schlaf oder allerhand
Unfug benutzten. Er war vom Elternhause her an gute Zucht gewhnt, auch in
diesen Dingen. Der alte Bauer ging den Seinen mit gutem Beispiele voran; er
fehlte kaum einen Sonntag auf seinem Platze und verpate kein Wort der Predigt.
Auch im Singen stand er noch seinen Mann; freilich mit einer Stimme, die durch
das Alter etwas krhend geworden. Karl allerdings, der etwas zur Trgheit
neigte, war von einem Kirchenschlfchen nicht abzuhalten. Bald nach dem ersten
der drei angekndigten Teile der Predigt sah ihn Gustav bereits sanft vor sich
hin nicken.
    Nachdem der Gottesdienst vorber, stand man noch eine geraume Weile vor der
Kirchtr. Der Bttnerbauer sah mit Behagen, da sein Gustav der Gegenstand
allgemeiner Aufmerksamkeit war. Alte und junge Mnner umstanden den
Unteroffizier. Der Anblick der Uniform erweckte die Erinnerung an die eigene
Dienstzeit oder auch bei den lteren an die Kriegsjahre. Der Bttnerbauer selbst
fhrte die Denkmnzen der beiden letzten Feldzge. Auch Karl Bttner hatte seine
drei Jahre weggemacht, aber bis zur Charge hatte es bisher noch kein Bttner
gebracht.
    Gustav mute auf viele Fragen Rede und Antwort stehen. Ob er's nicht bald
dicke habe, und wann er nach Halbenau zurckkehre, fragte man ihn. Der junge
Mann meinte mit dem Selbstbewutsein, das die Uniform den gewhnlichen Leuten
gibt, vorlufig gefalle es ihm noch so gut bei der Truppe, da er nicht daran
denke, den Pallasch mit der Mistgabel zu vertauschen.
    Zwei Frauen kamen auf die Mnner zu, eine ltere im bunten Kopftuch und eine
jngere mit einem schwarzen Hut, auf dem rosa Blumen leuchteten. Gustav hatte
den Hut schon von der Empore aus wiedererkannt. Vor Jahren, als er noch mit
Pauline Katschner gut war, hatte er ihr den Hut in der Garnison gekauft und, als
er auf Urlaub nach Hause ging, mitgebracht. - Die ltere Frau war die Witwe
Katschner, Paulinens Mutter.
    Guten Tag och, Gustav! sagte Frau Katschner. Guten Tag! erwiderte er
stirnrunzelnd, ohne ihr die Hand zu geben. Das Mdchen hatte den Kopf gesenkt
und blickte errtend auf ihr Gesangbuch. No, bist de och wieder mal in
Halbenau, Gustav! meinte die Witwe und lachte dabei, um ihre Verlegenheit zu
verbergen. Ja! sagte Gustav khl und fragte einen der jungen Mnner
irgendetwas Gleichgltiges.
    Die Frauen zgerten noch eine Weile, wohl eine Anrede von ihm erwartend.
Dann zog das Mdchen, dem das Weinen nahe schien, die Mutter am Rocke: Kumm
ack, Mutter, mir wollen gihn! - Darauf entfernten sich die beiden Frauen.
    Die kennst du wohl gar nich mehr, Gustav? fragte einer der jungen Leute
mit spttischem Lcheln den Unteroffizier. Der zuckte die Achseln, wiegte sich
in den Hften und gab sich Mhe, so gleichgltig auszusehen wie nur mglich.
    Nun setzte man sich langsam in Bewegung, ein Trupp von zehn, zwlf jungen
Mnnern, meist Schulkameraden Gustavs. Im Kretscham wurde ein Stehbier getrunken
und die Zigarren in Brand gesetzt. Dann gings wieder auf die Dorfstrae hinaus.
Einer nach dem anderen suchte nun sein Haus auf, denn die Mittagsstunde war
herangekommen. Abends wollte man sich auf dem Tanzboden wieder treffen.
    Das Bttnersche Bauerngut lag am obersten Ende des Dorfes. Der Bauer und
Karl waren bereits vorausgegangen. Gustav wollte in einen Feldweg einbiegen, der
ihn in krzester Frist nach Haus gefhrt htte, da hrte er seinen Namen rufen.
    Er wandte sich. Katschners Pauline war nur wenige Schritte hinter ihm. Sie
keuchte, beinahe atemlos vom schnellen Laufen.
    Er nahm eine finstere Miene an und fragte in barschem Tone, was sie von ihm
wolle. Gustav! rief sie und streckte ihm die Hand entgegen. Bis doch nicht
so! Du tust ja gerade, als kennt'st de mich am Ende gar nich.
    Ich hab keine Zeit! sagte er, wandte sich und wollte an ihr vorbei.
    Aber sie vertrat ihm den Weg. Ne, Gustav! Aber, Gustav, bis doch nicht so
mit mir! Sie stand da mit fliegendem Busen und sah ihm voll in die Augen. Er
hielt ihren Blick nicht aus, mute wegsehen.
    Sie griff nach seiner Hand und meinte: Ene Hand httst de mir immer geben
kennen, Gustav!
    Das sei gar keine Manier, ihm so nachzulaufen und ihn am hellen lichten Tage
anzureden, sagte er, und sie solle sich wegscheren. Er gab sich alle Mhe,
entrstet zu erscheinen.
    Pauline schien keine Furcht vor ihm zu haben. Sie stand dicht vor ihm. Eine
Bewegung seines Armes htte gengt, sie beiseite zu schieben. Aber er hob die
Hand nicht.
    Iber Johr und Tog is es nu schon, Gustav, da mer uns niche gesehn haben!
Und geontwortet hast du och nich, suviel ich dir och geschrieben habe. Du tust
doch gerade, als wr'ch a schlechtes Madel, Gustav! - die Augen standen ihr auf
einmal ganz voll Trnen.
    Heulen! das hatte gerade noch gefehlt! Weibertrnen waren fr ihn etwas
Entsetzliches. Er war ja sowieso schon halb gewonnen durch ihren bloen Anblick,
durch den vertrauten Klang ihrer Stimme. Was fr Erinnerungen rief ihm dieses
Gesicht zurck! Er hatte so glcklich mit ihr gelebt wie noch mit keiner
anderen. Sie war doch seine Erste gewesen. Es lag in dem Gefhle so etwas ganz
Besonderes, so etwas wie Heimweh, wie Dankbarkeit fr ihre Gte gegen ihn. - Da
sie jetzt weinte, war schlimm! Er kam sich schlecht vor und grausam. Das verdro
ihn. Nun wrde er das Mdel schwer wieder los werden, frchtete er.
    Sie wischte sich die Trnen mit einer Ecke ihrer schwarzen Schrze ab und
fragte: Was hast de denn egentlich gegen mich, Gustav? Sag mersch nur a
enzigstes Mal, was de hast, da de so bist! -
    Er kaute an seinem Schnurrbarte mit verdsterter Miene. Es wre ein leichtes
gewesen, ihr auf den Kopf zuzusagen, sie habe es inzwischen mit einem anderen
getrieben. Aber in diesem Augenblick, unter den Blicken ihrer treuen Augen,
fhlte er mit einem Male, auf wie schwachen Fen dieser Verdacht eigentlich
stehe. Er hatte ja die ganze Geschichte, die ihm von anderen hinterbracht worden
war, nie recht geglaubt. Das war ja nur ein willkommener Vorwand fr ihn
gewesen, auf gute Art von ihr los zu kommen.
    Als sie nun jetzt so vor ihm stand, einen Kopf kleiner als er, frisch und
gesund wie ein Apfel, mit ihren guten, groen Augen und den leuchtenden
Zhnchen, da befand er sich wieder ganz unter ihrem Banne.
    Ich habe mich su rgern missen ber dich! sagte sie leise und schluchzte
auf einmal auf. Die Trnen saen sehr locker bei ihr. Zwischen dem Weinen durch
konnte sie so lieb und schmeichelnd dreinblicken wie eine zahme Taube. Niemand
hatte dem Mdchen diese Knste gelehrt, aber die raffinierteste Kokette hatte
keine wirksameren Mittel, das Herz eines Mannes zu bestricken als dieses
schlichte Naturkind.
    Pltzlich senkte sie den Kopf, errtend und noch leiser als vorher meinte
sie: Willst de dir nich deinen Jungen ansehn, Gustav? Er is nu bald een Jahr!
    Der junge Mann stand unschlssig, im Innersten bestrzt. Er fhlte sehr
deutlich, da dieser Augenblick fr ihn die Entscheidung bedeute. Wenn er ihr
jetzt den Willen tat, mit ihr ging und sich den Jungen ansah, dann bekannte er
sich zur Vaterschaft. Bisher hatte er das Kind nicht als das seine anerkannt,
sich hinter der Ausflucht verschanzend, da man ja gar nicht wissen knne, von
wem es sei.
    Pauline hatte den Kopf wieder aufgerichtet und bat ihn mit den Augen. Dann
mit ihrer weichen Mdchenstimme: Ich ha dem Jungen nu schun su viel vun dir
vorderzahlt. Er kann noch ne raden. Aber,Papa! das kann er duch schun sagen. -
Komm ack, Gustav, sieh der'n wen'gsten a mal an! -
    Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn nach der Richtung, wohin sie ihn haben
wollte. Komm ack, Gustav, komm ack mitte! so ermunterte sie den immer noch
Zaudernden.
    Er folgte ihr schlielich. Dabei rgerte er sich ber sich selbst, da er so
nachgiebig war. Er verstand sich darin selbst nicht. Es gab in der ganzen
Unteroffiziersabteilung keinen schneidigeren Reiter als ihn. Remonte
dressieren, das war seine Lust. Und dabei konnte er so weich sein, da ihn der
Wachtmeister schon mal einen nassen Waschlappen genannt hatte. Das war damals
gewesen, als seine Charge, die Kastanie, den Spat bekommen und zum
Roschlchter gemut. Da hatte er geweint wie ein kleines Kind.
    Pauline schien sich darauf zu verstehen, ihm beizukommen. Sie konnte, wenn
sie wollte, so was recht Betuliches haben. Sie tat, als habe es niemals eine
Abkhlung zwischen ihnen gegeben. Kein weiteres Wort des Vorwurfes kam ber ihre
Lippen. Um keinen Preis wollte sie ihn in schlechte Laune versetzen. Ihr
Bestreben war, ihn gar nicht erst zur Besinnung kommen zu lassen. Sie erzhlte
von der Mutter, von ihrem Jungen, allerhand Lustiges und Gutes, brachte ihn so
mit kleinen Listen, deren sie sich kaum bewut wurde, bis vor ihre Tr.
    Pauline wohnte mit ihrer Mutter, der Witfrau Katschner, in einer
strohgedeckten Fachwerkhtte, einem der kleinsten und unansehnlichsten Anwesen
des Ortes. Es war nur eine Gartennahrung, nicht genug zum Leben und zuviel zum
Sterben. Die beiden Frauen verdienten sich etwas durch Handweberei. Frher war
Pauline zur Arbeit auf das Rittergut gegangen, aber in letzter Zeit hatte sie
das aufgegeben.
    Pauline hatte ihr eigenes Stbchen nach hinten hinaus. In Gustav rief hier
jeder Schritt, den er tat, Erinnerungen wach. Durch dieses niedere Trchen, das
er nur gebckt durchschreiten konnte, war er getreten, als sie ihn in einer
warmen Julinacht zum ersten Male in ihre Kammer eingelassen. Und wie oft war er
seitdem hier aus und ein gegangen! Zu Tag- und Nachtzeiten, ehe er zu den
Soldaten ging und auch nachher, wenn er auf Urlaub daheim gewesen war.
    In dem kleinen Raume hatte sich wenig verndert whrend des letzten Jahres.
Sauberkeit und peinlichste Ordnung herrschten hier. Er kannte genau den Platz
eines jeden Stckes. Dort stand ihr Bett, da das Spind, daneben die Lade. Der
Spiegel mit dem Sprung in der Ecke unten links, ber den eine Neujahrskarte
gesteckt war, hing auch an seinem alten Platze.
    Unwillkrlich suchte Gustavs Blick das Zimmer sprend ab. Aber er fand
nicht, was er suchte. Pauline folgte seinen Augen und lchelte. Sie wute schon,
wonach er sich umsah. -
    Sie ging auf das Bett zu und drckte die bauschigen Kissen etwas nieder.
Ganz am oberen Ende, tief versenkt in den Betten, lag etwas Rundliches, Dunkles.
    Sie gab ihm ein Zeichen mit den Augen, da er herantreten solle. Er begriff,
da der Junge schlafe und bemhte sich infolgedessen leise aufzutreten, den
Pallasch sorgsam hochhaltend. Das is er! flsterte sie und zupfte glckselig
lchelnd an dem Kissen, auf dem der Kopf des Kleinen lag.
    Der junge Mann stand mit verlegener Miene vor seinem Jungen. Der Anblick
benahm ihn ganz; nicht einmal den Helm abzusetzen, hatte er Zeit gefunden.
Hinzublicken wagte er kaum. Das sollte sein Sohn sein! Er hatte ein Kind! - Der
Gedanke hatte etwas eigentmlich Bedrckendes, etwas Dumpfes und Beengendes
legte sich auf ihn wie eine groe, noch unbersehbare Verantwortung.
    Sie half ihm, nahm ihm zunchst den Helm ab, rckte das Kind etwas aus den
Betten heraus, da er es besser sehen solle, fhrte selbst seine groe Hand, da
er sein eigenes Fleisch und Blut betasten mchte. Dann fragte sie, sich an ihn
schmiegend, wie es ihm gefalle.
    Er erwiderte nichts, stand immer noch ratlos, bestrzt vor seinem Sprling.
    Jetzt ging ein Lcheln ber die Zge des Kleinen, er bewegte im Schlafe ein
paar Finger des winzigen Hndchens. Nun erst begriff der Vater, da es wirklich
ein lebendiges Wesen sei, was da lag. Der Gedanke rhrte ihn auf einmal in
tiefster Seele. - So ein kleines Ding, mit solch winzigen Gliedmaen, und das
lebte doch und war ein zuknftiger Mensch, wrde ein Mann sein - sein Sohn!
Pauline und er hatten es hervorgebracht; aus seinem und ihrem Gebein stammte
dieses neue Wesen. Das ewige Wunder des Werdens trat vor ihn in seiner ganzen
unheimlichen Gre. -
    Gustav merkte, wie ihm die Trnen in die Augen traten, es wrgte ihn im
Halse, es kitzelte ihn an der Nase. Er bi die Zhne fest aufeinander und
schluckte die Rhrung hinunter; weinen wollte er um keinen Preis.
    Pauline eilte derweilen geschftig auf und ab im Zimmer. Sie hatte den
schwarzen Hut mit den rosa Blumen abgelegt, die rmel ihres Kleides aufgeknpft
und bis an die Ellbogen zurckgeschlagen und eine weie Schrze vorgesteckt.
Ohne Hut sah sie noch hbscher aus. Ihr blondes Haar, von selten schner
Frbung, kam jetzt erst zur Geltung, sie trug es nach Art der Landmdchen,
schlicht in der Mitte gescheitelt und hinten zu einem Nest von vielen kleinen
Fechten verschlungen. Das schwarze Kleid war ihr Konfirmationskleid. Nur durch
Auslassen und Ansetzen hatte sie es zuwege gebracht, da es ihre frauenhaft
entwickelte Flle auch jetzt noch fate.
    Jetzt eilte sie wieder an das Bett. Sie meinte, der Junge habe nun genug
geschlafen, er msse die Flasche bekommen. Sie weckte den Kleinen, indem sie ihn
sanft aus den Kissen hob und ihn auf die Stirn kte. Das Kind schlug ein Paar
groe, dunkle Augen auf, sah sich verwundert um und begann sofort zu schreien.
Der Vater, der an solche Tne noch nicht gewhnt war, machte ein ziemlich
verdutztes Gesicht hierzu.
    Pauline meinte, das sei nicht so schlimm, das Kind habe nur Hunger. Sie nahm
eine Blechkanne aus der Rhre. Das Zimmerchen hatte keinen eigenen Ofen, sondern
nur eine Kachelwand mit einer Rhre, die vom Nebenzimmer aus erwrmt wurde. In
der Blechkanne befand sich ein Flschchen Milch. Pauline, auf dem einen Arm das
Kind, fhrte die Flasche zum Munde, kostete schnell, stlpte einen Gummizulp
ber den Flaschenhals. Dann legte sie den Kleinen wieder aufs Bett, dessen
Blicke und Hnde begierig nach der wohlbekannten Flasche strebten. Nun endlich
steckte sie dem Schreihals den Zulp zwischen die Lippen. Sofort verstummte das
Gezeter und machte behaglich glucksenden Lauten Platz.
    Gustav atmete erleichtert auf. Der ganze Vorgang hatte etwas Beklemmendes
fr ihn gehabt. Whrend Pauline voll Wonne und Stolz war, konnte er sich einer
gewissen Gedrcktheit nicht erwehren. Mit dem Ausdrucke einer Zrtlichkeit, wie
sie nur eine Mutter hat, beugte sich das Mdchen ber das kleine Wesen, dessen
ganze Kraft und Aufmerksamkeit jetzt auf den Nahrungsquell gerichtet war, und
richtete ihm die Kissen.
    Erst nachdem der Kleine vllig glcklich zu sein schien, kam Gustav wieder
an die Reihe fr Pauline. Sie wischte ihm einen Stuhl ab mit ihrer Schrze und
bat ihn, sich zu setzen. Er hatte noch immer kein Wort ber den Jungen geuert;
jetzt ntigte sie ihn geradezu, sich auszusprechen.
    Er meinte, das Kind sehe ja soweit ganz gesund und krftig aus. Aber das
gengte ihrem mtterlichen Stolze nicht. Sie begann ihrerseits das Lob des
Jungen zu singen, wie wohlgebildet er sei und stark. Ja, sie behauptete sogar,
er sei ein Wunder an Klugheit, und fhrte dafr einige seiner kleinen Streiche
an. Gro sei er fr sein Alter wie kein anderes Kind, schon bei der Geburt sei
er solch ein Riese gewesen. Und sehr viel Not habe er ihr gemacht beim Kommen,
setzte sie etwas leiser mit gesenktem Blicke hinzu. Dann erzhlte sie, da sie
ihn bis zum sechsten Monate selbst genhrt habe.
    Er hrte diesem Berichte von Dingen, die fr sie von grter Bedeutung und
Wichtigkeit waren, nur mit halbem Ohre zu. Er hatte seine eignen Gedanken bei
alledem. Was sollte nun eigentlich werden, fragte er sich. Er hatte sich zu
diesem Kinde bekannt. Als anstndiger Mensch mute er nun auch dafr sorgen.
Burschen, die ein Kind in die Welt setzen und dann Mdel und Kind im Stiche
lieen, hatte er immer fr Lumpe gehalten. Einstmals hatte er Paulinen ja auch
die Ehe versprochen. Und wenn er sie so ansah, wie sie hier schaltete und
waltete, sauber und nett, geschickt, sorgsam und dabei immer freundlich und voll
guten Mutes, da konnte ihm der Gedanke einer Heirat schon gefallen. Da sie ein
durch und durch braves Mdel sei, das wute er ja.
    Aber, berhaupt heiraten! Er dachte an das Elend der meisten
Unteroffiziersehen. Da htte man sich ja schtteln mgen bei dem bloen
Gedanken.
    Und dann gab es da noch eins: er htte mit verschiedenen Frauenzimmern in
der Garnison brechen mssen. - Das alles machte ihm den Kopf schwer. -
    Pauline fing jetzt an, von ihren eigenen Angelegenheiten zu sprechen, sie
erzhlte, wie einsam und traurig der letzte Winter fr sie gewesen sei, die
Mutter wochenlang bettlgerig, dazu kein Geld im Hause, kein Mann in der Nhe,
der ihnen geholfen htte. Sie selbst durch die Pflege des Kindes abgehalten,
viel zu schaffen. Und zu alledem habe er nichts mehr von sich hren lassen. Was
er denn eigentlich gehabt habe gegen sie, verlangte das Mdchen von neuem zu
wissen. Er wich der Antwort aus, fragte seinerseits, warum sie denn gar nicht
mehr aufs Rittergut zur Arbeit gegangen sei.
    Das habe seinen guten Grund, erklrte sie und sprach auf einmal mit
gedmpfter Stimme, als frchte sie, das Kind knne etwas verstehen. Der Eleve
dort habe sich Unanstndigkeiten gegen sie erlaubt, deshalb sei sie lieber aus
der Arbeit fortgeblieben, obgleich sie den Verdienst schwer vermit htte.
    Gustav horchte auf. Das war ja gerade die Geschichte, ber die er gern etwas
Genaueres erfahren htte. Mit diesem Eleven nmlich hatte man ihm das Mdchen
verdchtigt. Er forschte weiter: Was hatte sie mit dem Menschen gehabt, wie weit
war er gegangen?
    Pauline zeigte sich im Innersten erregt, als diese Dinge zur Sprache kamen.
Sie sprach in den schrfsten Ausdrcken ber den jungen Herrn, der seine
Stellung ausgenutzt hatte, ihr in zudringlicher Weise Antrge zu machen. Mehr
noch als ihre Worte sagten es ihm ihre Mienen und die ganze Art, in der sie sich
uerte, da sie ihm treu geblieben sei.
    Gustav lie ihr seine Befriedigung durchblicken, da nichts an dem Gerede
sei. Nun erfuhr sie erst, da er darum gewut habe. Deshalb also hatte er mit
ihr gegrollt! Wer hatte sie denn nur ihm gegenber so angeschwrzt?
    Er sagte ihr nur, da er's gehrt htte von den Leuten. Da die
Verdchtigung aus seiner eigenen Familie gekommen, welche sein Verhltnis mit
Pauline niemals gern gesehen hatte, verschwieg er.
    Pauline nahm die Sache ernst. Da er sie in solch einem Verdachte gehabt und
noch dazu so lange und ohne ihr ein Wort davon zu sagen, das krnkte sie. Das
Mdchen wurde auf einmal ganz still. Sie empfand die Ungerechtigkeit und
Erniedrigung, die in seiner Auffassung lag, wie Frauen solche Dinge empfinden,
jh und leidenschaftlich. Sie machte sich im Hintergrunde des Zimmers zu
schaffen, ohne ihn anzusehen.
    
    Ihm war nicht wohl dabei zumute. Er wute zu gut, wieviel er sich ihr
gegenber vorzuwerfen hatte. - Er blickte verlegen auf seine Stiefelspitzen.
    Es entstand eine Pause, whrend der man nur die leichten Atemzge des
Kindes, das inzwischen mit seiner Flasche fertig geworden war, vernahm.
    Pltzlich ging Pauline nach dem Bette. Sie nahm den Kleinen aus dem Kissen.
Du hast den Jungen noch gar niche uf'n Arm gehat, Gustav! sagte sie, unter
Trnen lchelnd, und hielt ihm den Kleinen hin.
    Er nahm das Kind in Empfang, wie man ein Paket nimmt. Der Junge blickte mit
dem starren, leeren Blicke der kleinen Kinder auf die blanken Treffen am Halse
des Vaters.
    Getost is er och schon, sagte Pauline. Ich ha dersch ja damals
geschrieben, aber du hast nischt geschickt dazu. Der Paster war erscht bse und
hat tichtig gebissen uf mich, da mer sowas passiert wor.
    Gustav war inzwischen ins Reine mit sich gekommen, da er Kind und Mutter
anerkennen wolle.
    Der Junge streckte die kleine Hand nach dem Schnurrbart des Vaters, Pauline
wehrte dem Hndchen sanft. Se sprechen alle, da er dir su hnlich ske,
Gustav! Wie aus'n Gesichte geschnitten, sprechen de Leite. -
    Der junge Vater lchelte zum ersten Male sein Ebenbild an. Pauline hatte
sich bei ihm eingehngt, ihre Blicke gingen liebend von Gustav zu dem Kleinen.
Der Bengel hatte endlich den Schnurrbart des Vaters erwischt und stie einen
schrillen Freudenschrei aus.
    So gewhrten sie das Bild einer glcklichen Familie.

                                      II.


Gustav Bttner kam heute viel zu spt nach Haus zum Mittagbrot. Die Familie
hatte bereits vor einer Weile abgegessen. Der alte Bauer sa in Hemdsrmeln in
seiner Ecke und schlummerte. Karl hielt die Tabakspfeife, die er eigentlich nur
whrend des Essens ausgehen lie, schon wieder im Munde. Die Frauen waren mit
Abrumen und Reinigen des Geschirrs beschftigt.
    Die Buerin sprach ihre Verwunderung darber aus, da Gustav so lange
ausgeblieben. In der Schenke sitzen am Sonntag Vormittag, das sei doch sonst
nicht seine Art gewesen. - Gustav lie den Vorwurf ruhig auf sich sitzen. Er
wute wohl warum; seine Leute brauchten gar nicht zu erfahren, was sich
inzwischen begeben hatte.
    Schweigend nahm er auf der Holzbank, am groen viereckigen Familientische
Platz. Dann heftelte er seinen Waffenrock auf, wie um sich Platz zu machen fr
das Essen. Die Mutter brachte ihm das Aufgewrmte aus der Rhre.
    Die Bttnerbuerin war eine wohlhbige Fnfzigerin. Ihr Gesicht mochte
einstmals recht hbsch gewesen sein, jetzt war es entstellt durch Unterkinn und
Zahnlcken. Sie sah freundlich und gutmtig aus. Gustav sah ihr von den Kindern
am hnlichsten. In ihren Bewegungen war sie nicht besonders flink, eher steif
und schwerfllig. Der schlimmste Feind der Landleute, das Reien, suchte sie
oftmals heim.
    Eine der Tchter wollte ihr behilflich sein, aber sie lie es sich nicht
nehmen, den Sohn selbst zu bedienen. Der Unteroffizier war ihr Lieblingskind.
Sie setzte die Schssel, die noch verdeckt war, vor Gustav hin und sttzte die
Hnde auf die Hften. Nu pa aber mal auf, Gust! rief sie und sah ihm
schmunzelnd zu, wie er den schtzenden Teller abhob. Es war Schweinefleisch mit
Speckklen und Birnen im Grunde des Topfes zu erblicken. Gelt, dei
Leibfrassen, Gust! sagte sie und lachte den Sohn an. Sie lie die Blicke nicht
von ihm, whrend er zulangte und einhieb. Jeden Bissen schien die liebevolle
Mutter fr ihn mitzuschmecken. Gesprochen wurde nichts. Man hrte das Klappern
des Blechlffels gegen die irdene Schssel; denn der Unteroffizier ersparte sich
den Teller. - In der Ecke schnarchte der alte Bauer, sein ltester war auf dem
besten Wege, ihm nachzufolgen, trotz der Pfeife. Am Ofen, der eine ganze Ecke
des Zimmers einnahm, mit seiner Hlle und der breiten Bank, hantierten die
jngeren Frauen an dem dampfendem Aufwaschfa mit Tellern, Schsseln und
Tchern.
    Der Bttnerbauer besa zwei Tchter. Die dritte Frauensperson war Karls, des
ltesten Sohnes, Frau.
    Die Bttnerschen Tchter zeigten sich sehr verschieden in der Erscheinung.
Man wrde sie kaum fr Schwestern angesprochen haben. Toni, die ltere, war ein
mittelgroes, starkes Frauenzimmer mit breitem Rcken. Das runde Gesicht, mit
roten Lippen und Wangen, erschien wohl hauptschlich durch seine Gesundheit und
Frische hbsch. Sie stellte mit ihrem drallen Busen und krftigen Gliedmaen das
Urbild einer Bauernschnheit dar.
    Ernestine, die jngere Schwester, war erst vor kurzem konfirmiert worden.
Sie stand noch kaum im Anfange weiblicher Entwickelung. Sie war schlank
gewachsen, und ihre Glieder zeigten eine bei der lndlichen Bevlkerung seltene
Feinheit. Dabei war sie sehnig und keineswegs kraftlos. Ihren geschmeidigen,
flinken Bewegungen nach zu schlieen mute sie uerst geschickt sein. Die
Arbeit flog ihr weit schneller von der Hand als der lteren Schwester.
    Der Schlummer des Vaters wurde respektiert; man vermied das allzu laute
Klappern mit dem Geschirr. Am wenigsten besorgt um den Schlaf des Alten schien
Therese, die Schwiegertochter, zu sein. Sie sprach mit tiefer, rauher, etwas
gurgelnder Stimme, wie sie Leuten eigen ist, die Kropfansatz haben. Therese war
eine groe, hagere Person, mit langer, spitzer Nase, ziemlich bla, aber von
knochig-derbem Wuchse, mit starkem Halse.
    Sie ging jetzt daran, die abgewaschenen Teller in das Tellerbrett zu
stellen. Als sie an ihrem Gatten vorbeikam, dem der Kopf bereits tief auf die
Brust herabgesunken war whrend ihm die Tabakspfeife zwischen den Schenkeln lag,
stie sie ihn unsanft an. Ihr Mannsen braucht o ne en halben Tog zu verschlofa;
weil wir Weibsen uns abrackern missen. Das wr ane verkehrte Welt. Wach uf,
Karle! -
    Karl fuhr auf, sah sich verdutzt um, nahm seine Pfeife auf, die er langsam
wieder in Brand setzte, und blinzelte bald von neuem mit den Augenlidern. Seine
Ehehlfte ging inzwischen brummend und murrend auf und ab.
    Theresens Wut wurde gar nicht durch die Schlafsucht des Gatten erregt, an
die sie schon gewhnt war. Vielmehr rgerte sie sich darber, da Gustav von der
Buerin mit den besten Bissen bewirtet wurde. Sie war ihrem Schwager berhaupt
nicht grn. Der jngere Sohn werde dem lteren gegenber von den Alten
bevorzugt, fand sie. Sie fhlte wohl auch, da Gustav ihrem Gatten in vielen
Stcken berlegen sei, und das mochte ihre Eifersucht erregen. Ganz erbost
flsterte sie den Schwgerinnen zu - soweit bei ihr von einem Flstern die Rede
sein konnte - de Mutter stackt's Gustaven wieder zu, vurna und hinta!
    Endlich war Gustav fertig mit Essen. Zur Freude seiner Mutter hatte er reine
Wirtschaft gemacht. Sich streckend und ghnend, meinte er, da es in der Kaserne
so was freilich nicht gbe.
    Inzwischen war der alte Bauer erwacht. War Gustav doe? fragte er, sich mit
leeren Augen umsehend. Als er gehrt hatte, da Gustav bereits abgegessen habe,
stand er auf und erklrte, mit ihm hinausgehen zu wollen auf die Felder.
    Der junge Mann war gern bereit dazu. Er wute so wie so nicht, wie er den
langen Sonntagnachmittag verbringen solle.
    Karl ging mit Vater und Bruder aus dem Zimmer, scheinbar, um mit auf's Feld
zu gehen. Aber, er verschwand bald. Er hatte nur die Gelegenheit benutzt,
herauszukommen, um auf dem Heuboden, ungestrt von seiner Frau, weiter schlafen
zu knnen.
    Der Bauernhof bestand aus drei Gebuden, die ein nach der Sdseite zu
offenes Viereck bildeten. Das Wohnhaus, ein gerumiger Lehmfachwerkbau, mit
eingebauter Holzstube, ehemals mit Stroh gedeckt, war von dem jetzigen Besitzer
mit Ziegeldach versehen worden. Mit dem schwarz gestrichenen Geblk und den wei
abgeputzten Lehmvierecken zwischen den Balken, den unter erhabenen Bogen wie
menschliche Augen versteckten Dachsenstern, blickte es sauber, freundlich,
altmodisch und gediegen drein. Die Winterverpackung aus Moos, Laub und Waldstreu
war noch nicht entfernt worden. Das Haus war wohl versorgt, die Leute, die hier
wohnten, das sah man, liebten und schtzten ihren Herd.
    Unter einem langen und hohen Dache waren Schuppen, Banse und zwei Tennen
untergebracht. Ein drittes Gebude enthielt Pferde-, Kuh- und Schweinestlle.
Scheune wie Stall wiesen noch die althergebrachte Strohbedachung auf.
    Die Gebude waren alt, aber gut erhalten. Man sah, da hier Generationen von
tchtigen und fleiigen Wirten gehaust hatten. Jeder Ritz war zugemacht, jedes
Loch beizeiten verstopft worden.
    In der Mitte des Hofes lag die Dngersttte mit der Jauchenpumpe daneben. Am
Scheunengiebel war ein Taubenhaus eingebaut, welches eine Art von Schlchen
darstellte; die Tren und Fenster des Gebudes bildeten die Ein- und
Ausfluglcher fr die Tauben. Ein Kranz von scharfen, eisernen Stacheln wehrte
dem Raubgetier den Zugang. In dem offenen Schuppen sah man Brettwagen,
Leiterwagen und andere Fuhrwerke stehen, die Deichseln nach dem Hofe gerichtet.
Unter dem vorspringenden Scheunendach waren die Leitern untergebracht. Im
Holzstall lag gespaltenes Holz fr die Kche, Reisig zum Anfeuern und
Scheitholz. Das Kalkloch, der Sandhaufen und der Stein zum Dengeln der Sensen
fehlten nicht.
    Der Sinn fr das Ntzliche und Notwendige herrschte hier wie in jedem
rechten Bauernhofe vor. Aber auch der Gemtlichkeit und dem Behagen war Rechnung
getragen. Ein schmales Grtchen, von einem Holzstaket eingehegt, lief um die
Sd- und Morgenseite des Wohnhauses. Hier zog die Buerin neben Gemsen und
ntzlichen Krutern verschiedene Blumensorten, vor allem solche, die sich durch
starken Geruch und auffllige Farben auszeichneten. Und um die Pracht voll zu
machen, hatte man auf bunten Stben leuchtende Glaskugeln angebracht. In der
Ecke des Grtchens stand eine aus Brettern zusammengestellte Holzlaube, die sich
im Sommer mit bunt blhenden Bohnenranken bezog. Im Grasgarten standen
Obstbume, von denen einzelne, ihrem Umfange nach zu schlieen, an hundert Jahr
alt sein mochten.
    Die Tr des Wohnhauses war besonders schn hergestellt. Drei glatt behauene
steinerne Stufen fhrten hinauf. Die Pfosten und der Trger waren ebenfalls von
Granit. Auf einer Platte, die ber der Tr angebracht war, stand folgender
Spruch eingegraben:

Wir bauen alle feste,
und sind doch fremde Gste,
und wo wir sollen ewig sein,
da bauen wir gar wenig ein!

    Gustav und der Bauer schritten vom Hause, ohne da einer dem anderen ein
Wort gesagt oder einen Wink gegeben htte, geraden Weges nach dem Pferdestalle;
denn hier war der Gegenstand des allgemeinen Interesses untergebracht: eine
zweijhrige braune Stute, die der Bauer vor kurzem gekauft hatte. Zum dritten
oder vierten Male schon besuchte der Unteroffizier, der erst am Abend vorher in
der Heimat eingetroffen war, das neue Pferd. Er hatte sich die Stute auch schon
ins Freie hinausfhren lassen, um ihre Gnge zu beobachten; aber ein Urteil ber
das Pferd hatte er noch immer nicht abgegeben, obgleich er ganz genau wute, da
der Alte darauf wartete. Gustav sagte auch jetzt noch nichts, obgleich er
prfend mit der Hand ber die Sehnen und Flechsen aller vier Beine gefahren war.
    Die Bttners waren darin eigentmliche Kuze. Nichts wurde ihnen schwerer,
als sich gegen ihresgleichen offen auszusprechen. Oft wurden so die wichtigsten
Dinge wochenlang schweigend herumgetragen. Jeder empfand das als eine Last, aber
der Mund blieb versiegelt, bis endlich die eherne Notwendigkeit oder irgend ein
Zufall die Zungen lste. - Es war fast, als schmten sich die
Familienmitglieder, untereinander Dinge zu besprechen, die sie jedem Fremden
gegenber offener und leichteren Herzens geuert haben wrden. Vielleicht, weil
jedes die innersten Regungen und Stimmungen des Blutsverwandten zu genau kannte
und seine eigenen Gefhle wiederum von ihm gekannt wute.
    Vater und Sohn traten, nachdem man das Pferd gengend geklopft und
gestreichelt und ihm die Streu frisch aufgeschttelt hatte, wieder auf den Hof
hinaus. Hier verweilte sich Gustav nicht erst lange. Es hatte sich in der
Wirtschaft sonst nichts weiter verndert, seit er das letztemal auf Urlaub
gewesen war. Die neu aufgestellten Ferkel und die angebundenen Klber hatte er
schon vor der Kirche mit der Buerin besehen. Man schritt nunmehr unverweilt zum
Hofe hinaus.
    Das Gut bestand aus einem langen, schmalen Streisen, der vom Dorfe nach dem
Walde hinauslief.
    Am unteren Ende lag das Gehft. Im Walde, der zu dem Bauerngute gehrte,
entsprang ein Wsserchen, das mit ziemlich starkem Geflle zum Dorfbach
hinabeilte. An diesem Bchlein lagen die Wiesen des Bttnerschen Grundstckes.
Zwischen den Feldern zog sich der breite Wirtschaftsweg des Bauerngutes, mit
alten, tief eingefahrenen Gleisen, holperig und an vielen Stellen von Rasen
berwachsen, vom Gehft nach dem Walde hinauf.
    Vater und Sohn gingen langsam, jeder auf einer Seite des Weges fr sich.
Heute konnte man sich Zeit nehmen, heute gab es keine Arbeit. Gesprochen wurde
nichts, weil einer vom anderen erwartete, da er zuerst etwas sagen solle. Bei
den einzelnen Schlgen blieb der alte Bauer stehen und blickte den Sohn von der
Seite an, das Urteil des jungen Mannes herausfordernd.
    Gustav war nicht etwa gleichgltig gegen das, was er sah. Er war auf dem
Lande geboren und aufgewachsen. Er liebte den vterlichen Besitz, von dem er
jeden Fubreit kannte. Der Bauer hatte die Hilfe des jngeren Sohnes in der
Wirtschaft all die Zeit ber, wo Gustav bei der Truppe war, aufs empfindlichste
vermit.
    Karl, der eigentliche Anerbe des Gutes und Hofes, war nicht halb soviel wert
als Arbeiter und Landwirt wie der jngere Sohn.
    Sie hatten bereits mehrere Stcke betrachtet, da blieb der Bauer vor einem
Kleeschlage stehen. Er wies auf das Stck, das mit dichtem, dunkelgrnem Rotklee
bestanden war.
    Sicken Klee hat's weit und breit kenen. - Haa! - In Halbenau hoat noch kee
Pauer su an Klee gebrocht. Und der hoat in Haber gestanda. - Haa! - Do kann sich
in April schun der Hoase drine verstacken, in dan Klee! -
    Er stand da, breitbeinig, die Hnde auf dem Rcken, und sein altes,
ehrliches, rotes Bauerngesicht strahlte vor Stolz. Der Sohn tat ihm den
Gefallen, zu erklren, da er besseren Klee zu Ostern auch noch nicht gesehen
habe.
    Nachdem man sich gengsam an dieser Pracht geweidet, ging's langsam auf dem
Wirtschaftswege weiter. Nun war das Schweigen einmal gebrochen, und Gustav fing
an zu erzhlen. Im Manver und bei Felddienstbungen war er viel herumgekommen
im Lande. Er hatte die Augen offen gehalten und sich gut gemerkt, was er
anderwrts gesehen und kennen gelernt von neuen Dingen. Der alte Bauer bekam von
allerhand zweckmigen Maschinen und Einrichtungen zu hren, die ihm der Sohn zu
beschreiben versuchte. Bei Leiba, bei Leiba! rief er ein ber das andere Mal
erstaunt aus. Die Berichte des Sohnes klangen ihm geradezu unglaublich.
Besonders da es jetzt eine Maschine geben solle, welche die Garben bnde, das
wollte ihm nicht in den Sinn. Semaschinen, Dreschmaschinen, das konnte er ja
glauben, die hatte er auch schon selbst wohl gesehen, aber eine Maschine, welche
die Garben raffte und band! Da mechte am Ende ener och a Ding erfinden, das die
Apern stackt oder de Kihe von selber melken tut. Ne, das glob'ch ne! - dernoa,
wenn's suweit kma, da kennten mir Pauern glei gonz eipacken. Si's su schun
schlimm genuche mit a Pauern bestellt. Dar Edelmann schind uns, und dar Hndler
zwickt uns; wenn och noch de Maschinen, und se wullen alles besurgen, dernoa
sein mir Pauern glei ganz hin! -
    Gustav lchelte dazu. Er hatte in den letzten Jahren doch manches burische
Vorurteil abgestreift. Er versuchte es, den Vater zu berzeugen, da das mit den
neuen Erfindungen doch nicht ganz so schlimm sei; im Gegenteil, man msse
dergleichen anwenden und nutzbar zu machen suchen. Der Alte blieb bei seiner
Rede. Zwar hrte er dem Jungen ganz gern zu; Gustavs lebhafte und gewandte Art,
sich auszudrcken, die er sich in der Stadt angeeignet, machte ihm, der selbst
nie die Worte setzen gelernt hatte, im stillen Freude und schmeichelte seinem
vterlichen Stolze, aber von seiner ursprnglichen Ansicht ging er nicht ab. Das
war alles nichts fr den Bauern. Solche Neuerungen waren hchstens dazu
erfunden, den Landmann zu verderben.
    Sie waren unter solchen Gesprchen an den Wald gelangt. Hier lief die Flur
in eine sumpfige Wiese aus, die in unordentlichen Niederwald berging. Dahinter
erhoben sich einzelne Kiefern, untermengt mit Wacholderstruchern, Ginster und
Brombeergestrpp. Der Boden, durch die jhrliche Streunutzung vllig entwertet,
war nicht mehr imstande, einen gesunden Baumwuchs hervorzubringen. Der
Bttnerbauer war, wie die meisten seines Standes, ein schlechter Waldheger.
    Der alte Mann wollte nunmehr umkehren. Aber Gustav verlangte noch das
Bschelgewnde zu sehen, da sie einmal so weit drauen seien. Diese Parzelle
hatte der Vater des jetzigen Besitzers angekauft und dem Gute einverleibt.
    Der Bauer zeigte wenig Lust, den Sohn dieses Stck sehen zu lassen, und mit
gutem Grunde. Das Stck lag brach, allerhand Unkraut machte sich darauf breit.
Der Bauer schmte sich dessen.
    Was habt Ihr denn dort stehen heuer? fragte Gustav vllig arglos.
    Ne viel Gescheits! Dar Busch dmmt's Feld zu siehre, und a Zehnter-Rehe san
och allendchen druffe; da kann duch nischt ne gru warn.
    Er verschwieg dabei, da dieses Gewnde seit anderthalb Jahren nicht Pflug
und nicht Egge gesehen hatte.
    Will denn der Graf immer noch unseren Wald kofen? fragte Gustav.
    Der Bttnerbauer bekam einen roten Kopf bei dieser Frage.
    Ich sullte an Buusch verkofen! rief er. Ne, bei meinen Labzeiten wird
suwas ne! 's Gutt bleibt zusommde! Die Zornader war ihm geschwollen, er sprach
heiser.
    Ich meente ock, Vater! sagte Gustav beschwichtigend. Uns nutzt der Busch
doch nich viel.
    Der Bttnerbauer machte Halt und wandte sich nach dem Walde zu. Ich verkofe
och nich an Fubreit von Gutte, ich ne! Macht Ihr hernachen, wos der wullt,
wenn'ch war tud sein. Vun mir kriegt dar Graf dan Buusch ne! Und wenn er mir
nuch su vill lt bietan. Meenen Buusch kriegt ar ne! Der Alte ballte die
Fuste, spuckte aus und wandte dem Walde den Rcken zu.
    Gustav schwieg wohlweislich. Er hatte den Vater da an einer wunden Stelle
berhrt. Der Besitzer der benachbarten Herrschaft hatte dem alten Bauer bereits
mehr als einmal nahe legen lassen, ihm seinen Wald zu verkaufen. Solche Ankufe
waren in Halbenau und Umgegend nichts Seltenes. Die Herrschaft Saland, die
grte weit und breit, ursprnglich nur ein Rittergut, war durch die Regulierung
und die Gemeinheitsteilung und spter durch Ankauf von Bauerland zu ihrer
jetzigen Gre angewachsen. Das Bttnersche Bauerngut lag bereits von drei
Seiten umklammert von herrschaftlichem Besitz. Der Bttnerbauer sah mit
wachsender Besorgnis dem immer weiteren Vordringen des mchtigen Nachbars zu.
Seine Ohnmacht hatte allmhlich eine grimmige Wut in ihm erzeugt gegen alles,
was mit der Herrschaft Saland in Zusammenhang stand. Verschrft war seine
Gehssigkeit noch worden, seit er bei einem Konflikte, den er mit der Herrschaft
wegen bertritts des Damwildes auf seine Felder gehabt, in der
Wildschadenersatzklage abschlgig beschieden worden war.
    Man schritt den Wiesenpfad hinab, am Bache entlang. Von rechts und links,
von den hher gelegenen Feldstcken, drckte das Wasser nach der Bachmulde zu.
Das dunkle, allzu ppige Grn verriet die Feuchtigkeit einzelner Flecken. Es gab
Stellen, wo der Boden unter dem Tritt des Fues erzitterte und nachzugeben
schien. Der ganze Wiesengrund war versumpft.
    Gustav meinte, da hier Drainage angezeigt sei.
    Wu fullt ak daderzut 's Geld rauskumma, un de Zeit! rief der Bttnerbauer.
Mir warn a su och schunsten ne fertg! Unserens kann'ch mit su was duch ne
abgahn. Drainierchen, das is ganz scheen und ganz gutt for an Rittergutsbesitzer
oder anen konomen; aber a Pauer ...
    Er vollendete seine Rede nicht, verfiel in Nachdenken. Die ganze Zeit ber
hatte er etwas auf dem Herzen dem Sohne gegenber, aber er scheute das
unumwundene Gestndnis.
    Es mechten eben a poar Fausten mehr sein fr's Gutt! sagte er schlielich.
Mir sein zu wing Mannsen, Karle und ich, mir zwee alleene. Die Weibsen tten
schun zulanga; aber dos federt ne su: Weiberarbeit. Mir zwee, Karle und ich, mir
wern de Arbeit ne Herre. A dritter mechte hier sein! -
    Gustav wute nun schon, worauf der Alte hinaus wollte. Es war die alte
Geschichte. Da er dem Vater fehle bei der Arbeit, wollte er schon glauben. Denn
Karl war ja doch nicht zu vergleichen mit ihm, in keiner Weise, das wute der
selbstbewute junge Mann recht gut. - Der Vater klagte ja nicht zum ersten Male,
da die Wirtschaft zurckgehe, seit Gustav bei der Truppe sei. Aber, das konnte
nichts helfen, Gustav war nicht gesonnen, die Tressen aufzugeben fr die
Stellung eines Knechtes auf dem vterlichen Hofe. Ja, wenn's noch fr eigene
Rechnung gewesen wre! Aber fr die Familie sich abschinden, fr Eltern, Bruder
und Schwestern. Fr ihn selbst sprang ja dabei gar nichts heraus. Das Gut erbte
ja einstmals nicht er, sondern Karl. -
    Er erwiderte daher auf die Klage des Vaters in khlem Tone: Nehmt Euch doch
einen Knecht an, Vater!
    Der Alte blieb stehen und rief mit heftigen Armbewegungen: An Knacht! Ich
sull mer an Knacht onnahma? Ich mecht ock wissen, wu dar rauswachsen sillte.
Achzig Toler kriegt a su a Knacht jetzt im Juhre, und's Frassen obendrein. Und
do mechte och noch a Weihnachten sen und a Erntescheffel. Mir hon a su schun zu
vills Muler zu stopfa, hon mir! Wusu kann ich denne, und ich kennte mer an
Knacht halen! - Ne, hier mechte ener har, dar zur Familie geherte, dan wer
keenen Lohn ne brauchten zahla. So ener mechte hier sen!
    Der Unteroffizier zuckte die Achseln, und der Vater sagte nichts weiter. Der
Rckweg wurde schweigend zurckgelegt. In dem Gesichte des Alten zuckte und
witterte es, als fhre er das Gesprch innerlich weiter. Ehe sie das Haus
betraten, hielt er den Sohn am Arme fest und sagte ihm ins Ohr: Ich will der
amal a Briefel weisen, Gustav, das'ch gekriegt ha'. Komm mit mer ei die Stube!
-
    Der Bttnerbauer ging voraus in die Wohnstube. Auer der alten Buerin war
hier nur die Schwiegertochter anwesend. Therese schaukelte ihr Jngstes, das an
einem durch zwei Stricke am Mittelbalken der Holzdecke befestigten Korbe lag,
hin und her. Der Bauer begann in einem Schubfache zu kramen. Woas suchst de
denne, Bttner? fragte die Buerin. 's Briefel von Karl Leberechten.
    Dos ha'ch verstackt! rief die alte Frau, und kam aus ihrer Ecke
hervorgehumpelt. Wart ack, wart! Sie suchte auf der Kommode, dort lag in einem
Schchtelchen ein Schlssel, mit diesem Schlssel ging sie zum Spind, schlo es
auf und entnahm dem obersten Brett ein altes Buch mit vielen Einlagen und
Buchzeichen. In dem Buche bltterte sie eine Weile, bis sie endlich auf das
gesuchte Schreiben kam. Doe is er!
    Der Bttnerbauer berhrte den Brief wie alles Geschriebene mit besonderer
Vorsicht, ja mit einer Art von Scheu. Dann schob er ihn dem Sohne hin: Lase a
mal dos, Gustav!
    Der Briefbogen hatte groes Quartformat und trug rechts oben eine Firma:
C.G. Bttner, Materialwarenhandlung en gros &amp; en detail. Folgte die
Ortsbezeichnung.
    Gustav sah nach der Unterschrift. Sein eigener Name stand darunter: Gustav
Bttner. Der Briefschreiber war demnach sein ihm gleichaltriger Vetter,
Kompagnon im Geschfte des alten Karl Leberecht Bttner. Gustav hatte Onkel und
Vetter ein einziges Mal gesehen in seinem Leben, als sie vor Jahren dem
Heimatdorfe einen flchtigen Besuch von der Stadt aus abgestattet.
    Dieser Karl Leberecht war ein um wenige Jahre jngerer Bruder des
Bttnerbauern. Er hatte Halbenau frhzeitig verlassen als ein groer Tunichtgut.
Jahrelang war nichts von ihm verlautet. Dann tauchte er pltzlich als
verheirateter Mann und Inhaber eines Grnwarengeschftes in einer mittelgroen
Stadt der Provinz auf. Inzwischen hatte sich sein Geschft zur
Materialwarenhandlung en gros &amp; en detail ausgewachsen.
    Die beiden Familien, die eine in der Stadt, die andere auf dem Dorfe, hatten
so gut wie gar keine Berhrungspunkte mehr. Nur bei der Erbschaftsregulierung,
vor nunmehr dreiig Jahren, war man einander auf kurze Frist wieder einmal nher
getreten. In den letzten Jahrzehnten hatte man nur ganz gelegentlich etwas
voneinander gesehen oder gehrt.
    G. Bttner jun. also schrieb im Namen seines Vaters, da man die Hypothek,
welche von der Erbteilung her noch auf dem Bttnerschen Bauerngute in Halbenau
stand, hiermit kndige, und da man den Eigentmer besagten Bauerngutes ersuche,
Zahlung zum Iohannitermine zu leisten. Als Grund der Kndigung war Erweiterung
des Geschftes angegeben.
    Der Brief war durchaus in geschftlichem Stile gehalten und enthielt nichts,
was darauf hindeutete, da Schreiber und Empfnger in naher Blutsverwandtschaft
standen.
    Vater und Mutter hielten sich hinter dem Sohne, whrend er las, und blickten
ihm ber die Schulter.
    Habt Ihr schon was derzu getan, Vater? meinte Gustav, als er fertig war
mit lesen.
    Wie meenst de? fragte der Alte und sah ihn verstndnislos an.
    Ob Ihr schon derzu getan habt wegen an Gelde? Am ersten Juli mt Ihr
zahlen.
    Siehst de, Moann! rief die Buerin. Ich ho dersch immer geseut, de
mechtest federn und nach an Galde sahn.
    Ich bin o schun, und ich ha mich befrogt im a Gald. Bei Kaschelernsten
bi'ch gewast; der spricht, ar wullt mersch ack gahn, wenn'ch 'n sechsdehalb
Prozent versprechen tte.
    Das sieht dem Kujon hnlich! rief Gustav. Sein Onkel Kaschel war der
Inhaber des Kretschams von Halbenau. Er war Witwer, ehemals mit einer Schwester
des Bttnerbauern verheiratet. Er galt in Halbenau, wo Bargeld ziemlich rar war,
fr den ersten Kapitalisten.
    Da mechte aber bald Rat werden, sagte Gustav nachdenklich. Sonst werdet
Ihr verklagt, Vater!
    Mei Heiland! Siehste's Moann! rief die Buerin. Ich ho's schun immer
geseut iber den Pauer: mir wern noch gepfndt, ho'ch ibern geseut, de werscht's
derlaben, Traugott!
    Nu, dos gleb 'ch do ne von Karl Leberechten! meinte der Alte; aber sein
unsicherer Blick zeigte, da ihm nicht ganz geheuer zumute sei.
    Die werden wohl nich lange fackeln! meinte Gustav.
    Siehste, Traugott, siehste! Gustav meent och su! rief die Buerin. Su is
er aber nu, der Vater. Er bedenkt sich, und er bedenkt sich, und er tut nischt
derzu. Er werd's nuch soweit bringa, da se 'n 's Gut wagnahmen kumma.
    Der Bttnerbauer warf seiner Ehehlfte einen finsteren Blick zu. Das Wort
hatte ihn getroffen. Halt de Fresse, Frau! rief er ihr zu. Was verstiehst
denn du vun a Geschften!
    Die Buerin schien mehr betrbt als beleidigt ber diese Worte des Gatten.
Sie zog sich schweigend in ihre Ecke zurck. Gustav berlegte eine Weile,
welchen Rat er seinem Vater geben solle. Einen Augenblick dachte er daran, dem
Vater abermals vorzuschlagen, da er seinen Wald an die Herrschaft verkaufen
mchte. Aber, dann fiel ihm ein, wie dieser Vorschlag den Alten vorhin erbost
hatte. Er kannte seinen Vater, den hatte noch niemals jemand von seiner Ansicht
abgebracht.
    Ich wei keenen andern Rat, Vater, sagte er schlielich. Ihr mt in die
Stadt. Hier weit und breit is doch keen Mensch mit Gelde, auer Kaschelernsten.
In der Stadt, dcht'ch, mte doch Geld zu bekommen sein.
    Das ho'ch och schun gedacht! meinte der Bttnerbauer mit nachdenklicher
Miene.
    Es trat ein langes Schweigen ein. Man hrte nur das leichte Knarren der
Stricke in den Haken und das Knistern des Korbes, in welchem Therese den
Sugling hin und her schaukelte. -
    Jetzt traten die beiden Mdchen ins Zimmer. Toni war im vollen Staate. Ihre
ppigen Formen waren in ein Kleid von greller, blauer Farbe gezwngt, das vorn
etwas zu kurz geraten war, und so die plumpen, schwarzen Schuhe sehen lie. An
ihrem Halse blitzte eine Brosche von buntem Glase. Ihr blondes Haar hatte sie
stark pomadisiert, so da es streifenweise ganz braun aussah. Offenbar war sie
sehr stolz ber den Erfolg ihrer Toilettenknste. Steif und gezwungen, als sei
sie von Holz, bewegte sie sich. Denn die Zugschuhe, der Halskragen und das
Korsett waren ihr ungewohnte Dinge. Sie ging einher wie eine Puppe.
    Gustav, der in der Stadt seinen Geschmack gebildet hatte, belchelte die
Schwester. Heute abend sei Tanz im Kretscham, berichtete Toni dem Bruder. Sie
hoffte, da er sie dahin begleiten wrde, darum hatte sie sich auch so besonders
herausgeputzt, um vor seinem verwhnten Auge zu bestehen. - Der alte Bauer, der
allen Putz und unntzen Tand nicht leiden mochte, brummte etwas von
Pfingstuchse! Aber, die Buerin nahm die Tochter in Schutz. Am Sonntage wolle
solch ein Mdel auch einmal einen Spa haben, wenn sie sich Wochentags
abgerackert habe im Stalle, Hause und auf dem Felde.
    Das Abendbrot wurde zeitiger anberaumt, damit die Kinder nichts von dem
Vergngen versumen sollten.
    Gustav begleitete die Schwester zum Kretscham. Unterwegs erzhlte ihm Toni,
da Ottilie, die Tochter Kaschelernsts, des Kretschamwirtes, in den letzten
Tagen wiederholt und zuletzt heute frh in der Kirche gefragt habe, ob Gustav
nicht zum Tanze in den Kretscham kommen werde. Der Unteroffizier konnte sich
eines Lachens nicht enthalten, sobald er nur die Cousine erwhnen hrte. Ottilie
Kaschel war um einige Jahre lter als er, aber, als die Tochter Kaschelernsts,
wohl die beste Partie von Halbenau. Gustav hatte sich in frheren Zeit
gelegentlich sein Spchen mit ihr erlaubt; er wute ganz gut, da sie ihn gern
mochte, aber der Gedanke an ihre Erscheinung machte ihn lachen. Sie hatten ein
Pferd bei der Schwadron, einen alten Schimmel: die Harmonika, drr, berbaut,
mit Senkrcken; an den erinnerte ihn seine Cousine Ottilie.
    Gustav lie die Schwester allein in den Kretscham treten. Er sagte, er werde
nachkommen. Oben im Saale glnzten schon die Fenster, das Schmettern der
Blechmusik, untermischt mit dem dumpfen Stampfen und Schleifen der Tnzer, drang
auf die Strae hinaus.
    Gustav lockte das nicht; ihn erwarteten heute abend ganz andere Freuden.
    Auf Seitenpfaden, zwischen Grten und Husern hin, schlich er sich durch die
Nacht. Um nicht angesprochen zu werden, stieg er, als ihm ein Trupp junger Leute
entgegenkam, ber einen Zaun.
    Bei Katschners Pauline brannte ein Lmpchen. Sie wartete auf ihn. Sie hatten
nichts verabredet heute frh, und doch wuten beide, was der Abend bringen
wrde.
    Er klopfte vorsichtig an ihr Fenster. Da wurde auch schon der Vorhang
zurckgeschoben. Eine weie Gestalt erschien fr einen Augenblick hinter den
Scheiben. Ein kleines Schiebefensterchen ffnete sich. De Tiere is uff, Gustav!
Mach keenen Lrm, de Mutter is derheme.
    Der Unteroffizier zog sich die Stiefeln aus und reichte sie wortlos dem
Mdchen zum Fenster hinein. Dann schlich er sich, mit den Bewegungen einer
Katze, durch die niedere Tr in das Huschen. Gleich darauf verlschte das Licht
in Paulinens Zimmer.

                                      III.


Einige Tage spter fuhr der Bttnerbauer im korbgeflochtenen Klberwgelchen
durchs Dorf. Er sa ganz vorn im Wagen, so da er den Pferdeschwanz beinahe mit
den Fen berhrte, auf einem Gebund Heu, hinter ihm lagen eine Anzahl gefllter
Scke.
    Er hatte sich rasiert, was er sonst nur am Sonnabend abend tat, er trug ein
reines Hemd, den schwarzen Rock und einen flachen Filzhut - sichere Wahrzeichen,
da es nach der Stadt ging.
    Als er am Kretscham von Halbenau vorbeikam, stand dort sein Schwager Ernst
Kaschel in der Tr, Zipfelmtze auf dem Kopfe, die Hnde unter der Schrze, in
der echten Gastwirtspositur.
    Der Bauer stellte sich, als she er den Gatten seiner verstorbenen Schwester
nicht, blickte vielmehr steif geradeaus auf die Landstrae, whrend er sich dem
Kretscham nherte, und gab dem Rappen die Peitschenschmitze zu fhlen, damit er
sich in Trab setzen solle.
    Der Bttnerbauer war seinem Schwager Kaschel niemals grn gewesen. Das
gespannte Verhltnis zwischen den Verwandten stammte von der
Erbauseinandersetzung her, die der Bauer nach dem Tode des Vaters mit seinen
Geschwistern gehabt hatte.
    Aber der Gastwirt lie den Schwager nicht unangeredet vorberfahren. Gun
Tag o, Traugott! rief er dem Bauer zu. Und als dieser auf den Gru nicht
zeichnete, sprang der kleine Mann behende die Stufen vom Kretscham auf die
Strae hinab, trotz seiner Holzpantoffeln, und lief auf das Gefhrt zu. Holt a
mal, Traugott! Ich ha mit dir zu raden. -
    Der Bauer brachte das alte Tier, das, wenn einmal im Schusse, schwer zu
parieren war, durch ein paarmaliges krftiges Anziehen der Zgel endlich zum
stehen und fragte mit wenig erfreuter Miene, was zum Schwerenschock jener von
ihm wolle.
    Der Kretschamwirt lachte; es war dies eine von Ernst Kaschels
Eigentmlichkeiten, in allen Lebenslagen zu grinsen. Es gab ihm das etwas
Verlegenes, ja geradezu Trichtes und Tlpelhaftes - jedenfalls hatte es der
Mann trotz dieser Eigenheit in seinem Leben zu einer gewissen Macht ber seine
Mitmenschen gebracht.
    Kaschelernst, wie er meist genannt wurde, verzog also sein kleines,
bartloses Gesicht zu einem Grinsen und fragte, statt zu antworten: Hast de 's
denne so eilig, Traugott! Ich wollt ack freun, wu de su frih an Tage schun hin
wolltest?
    Ei de Stadt, Hafer verlosen, erwiderte Bttner, rgerlich ber den
Aufenthalt und ber das verhate Lcheln des Schwagers, dessen wahren Sinn er am
eigenen Leibe oft genug erfahren hatte. Schon hob er die Peitsche, um den Rappen
von neuem anzutreiben. Aber der Wirt hatte das Pferd inzwischen am Kehlriemen
gefat und kraute es in den Nstern, so da der Bauer, wre er jetzt
losgefahren, den Schwager hchst wahrscheinlich ber den Haufen gerannt htte.
    Kaschelernst war ein kleines, hiefriches Mnnchen, mit rtlich glnzendem,
dabei magerem Gesicht. Den feuchten, schwimmenden Augen konnte man die
Liebhaberei des Wirtes fr die Getrnke ansehen, die er selbst verschnkte. Mit
dem kahlen, spitzen Kopfe, dem fliehenden Kinn und dem Rest von vorspringenden
Zhnen in dem bartlosen Munde sah er einer alten Ratte nicht unhnlich. Seine
Glatze deckte tagein, tagaus eine gewirkte Zipfelmtze, der Leib war in die
Wirtsschrze eingeschnallt, an den Fen trug er blaue Strmpfe, in denen die
Beinkleider verschwanden.
    Er lie ein Ho, Alter, ho! vernehmen - was dem Pferde galt - dann wandte
er sich mit bldem Lachen an seinen Schwager: Wo in drei Teifels Namen nimmst
denn du dan Hafer her, zum verkefen, jetzt im Frhjuhre?
    Mir hon gelt allens zusommde gekroatzt uf'n Schittboden, 's is'n immer nuch
ane Handvell ibrig fir de Pferde. Ich dachte ock, und ich meente, weil er jetzt
on Preis hat, dacht'ch, du verkefst'n, ehbs da er wieder billig wird, dar
Hafer.
    Ich kennte grode a Zentner a zahne gebrauchen, meinte der Gastwirt, wenn
er nich zu huch kme.
    Der Marktpreis stieht ja im Blattel.
    An Marktpreis mecht'ch nu grode ne zahlen, wenn'ch 'n vun dir nahme, den
Hafer. Du wirst duch an nahen Verwandten ne iberteuern wullen, Traugott. -
Kaschelernst verstand es, ungemein treuherzig dreinzublicken, wenn er wollte.
    Vun wegen der Verwandtschaft! ... rief der Bttnerbauer erregt.
Sechsdeholb Prozent von an nahen Verwandten furdern, wenn ersch's Geld ntig
hat, das kannst du! - Gih mer aus 'n Wege, ich will furt!
    Kaschelernst lie den Kopf des Pferdes nicht los, trotz des drohend
erhobenen Peitschenstils. Ich will der wos sagen, Traugott! meinte er, ich
ha' mersch iberlegt seit neilich wegen der Hypothek von Karl Leberechten. Ich
will dersch Geld mit finf Prozent burgen. Ich will's machen, ock weil du's bist,
Traugott! Du brauchst's am Ende netig. Ich ha' mersch iberlegt; ich will dersch
gahn, mit finf Prozent.
    Der Bauer blickte seinen Schwager mitrauisch an. Was hatte denn den auf
einmal so umgestimmt? Neulich hatte er noch sechs und ein halb Prozent verlangt,
und keinen Pfennig darunter, wenn er die Hypothek, die dem Bttnerbauer von
seinem Bruder Karl Leberecht gekndigt worden war, bernehmen solle. Da
Kaschelernst ihm nichts zuliebe tun werde, wute der Bauer nur zu genau.
Andererseits lockte das Anerbieten. Fnf Prozent fr die Hypothek. - Es war
immer noch Geld genug! Vielleicht bekam man's doch noch um ein halb Prozent
billiger in der Stadt. berhaupt war es vielleicht besser, sich mit Kaschelernst
nicht weiter einzulassen; er besa ja sowieso weiter oben noch eine Hypothek auf
dem Bauerngute eingetragen, und leider hatte er ja auch berdies Forderungen.
    No, wie is! mahnte Kaschelernst den berlegenden. Sein mir eenig? Finf
Prozent!
    Mir worsch aben racht, wenn'ch 's Geld glei kriegen kennte.
    's Geld is da! Ich ha's huben liegen. Da kannst's glei mitnahmen, Traugott,
uf de Post, wenn de Karl Leberechten auszahlen willst. Also, wie is, sein mer
eenig?
    Der Bauer similierte noch eine ganze Weile. Er mitraute der Sache. Irgendwo
war da eine Hintertr, die er noch nicht sah. Wenn Kaschelernst die Miene des
Biedermanns aufsetzte, da konnte man sicher sein, da er einen begaunern wollte.
Du soist, du httst's Geld da liegen; soist du?
    Tausend Taler und drber! se liegen bei mer im feuersicheren Schranke.
Willst se sahn, Traugott?
    Also finf Prozent! Kannst de 's ne drunger macha?
    Ne, drunger gar ne! Und ees wolt'ch der glei noch sagen, Traugott, bei der
Gelegenheit: fr meine eegne Hypothek, die'ch von deiner Schwester geerbt ha',
dos wullt'ch der glei noch sagen: da mecht'ch von Michaelis an och finf Prozent
han, viere dos is mer zu wing, verstiehst de!
    Du bist wuhl verrikt!
    Finf Prozent fr beide Hypotheken! hernachen sollst du's Geld han.
Anderscher wird keen Geschft ne, Traugott!
    Jetzt ri dem Bttnerbauer die Geduld.
    Er hob die Peitsche und schlug auf das Pferd. Der Gastwirt, erkennend, da
es diesmal Ernst sei, hatte gerade noch Zeit, beiseite zu springen. Der Rappe
bockte erst ein paarmal ob der unerwarteten Schlge, dann zog er an. Kirschrot
im Gesicht wandte sich der Bauer nach seinem Schwager um und drohte unter wilden
Schimpfreden. Dabei ging das Geschirr in Bogenlinien von einer Seite der Strae
auf die andere und drohte in den Graben zu strzen, weil der Bauer in seiner Wut
abwechselnd an der Hotte- und an der Hsteleine ri.
    Der Kretschamwirt stand mitten auf der Strae und sah dem davoneilenden
Gefhrte nach, sich die Seiten vor Lachen haltend. Er sprang vor Vergngen von
einem Bein auf das andere, kicherte und schnappte nach Luft. Sein Sohn Richard,
ein sechzehnjhriger Schlacks, hatte die Verhandlungen zwischen Vater und Onkel
vom Gaststubenfenster aus neugierig verfolgt. Jetzt, da er den Bttnerbauer
erregt abfahren sah, kam er heraus zum Vater, um zu erfahren, was eigentlich
vorgegangen sei. Kaschelernst, dem die Augen bergingen, konnte seinem Sohn vor
Lachen kaum etwas erzhlen.
    Der Bttnerbauer machte seinem rger noch eine geraume Weile durch Flche
Luft. Am meisten rgerte er sich ber sich selbst, da er sich abermals hatte
verfhren lassen, mit seinem Schwager Kaschel zu sprechen. Als ob jemals ein
Mensch mit diesem Wrgebund etwas zu tun gehabt htte, ohne von ihm bers Ohr
gehauen worden zu sein. Der war ja so ein gerissener Hund mit seinem blden
Lachen. Als ob er nicht bis drei zhlen knne, so konnte dieser Lump sich
anstellen, und gerade damit fing er die meisten Gimpel.
    Als Kaschelernst ins Dorf gekommen war vor Jahren, hatte er nicht einen
roten Heller sein eigen genannt, und jetzt war er der anerkannt reichste Mann in
Halbenau. Der Kretscham, zu welchem ein nicht unbedeutendes Feldgrundstck
gehrte, war sein eigen. Er hatte einen Tanzsaal mit groen Fenstern eingebaut,
zwei Kegelbahnen und einen Schiestand angelegt. Auer dem Schnaps- und
Bierausschank betrieb er den Kleinkram, gelegentlich auch Fleischerei und
Getreidehandel. Alles gedieh ihm. Auch Landverkufe vermittelte er. Man munkelte
allerhand, da er seine Hand im Spiele gehabt bei Gterzerschlagungen, wie sie
in der letzten Zeit nicht selten in und um Halbenau stattgefunden hatten. Mit
den Hndlern, Mklern und Agenten der Stadt stand er in regem Verkehr; kaum eine
Woche verging, wo nicht einer von dieser Zunft im Kretscham von Halbenau
abgestiegen wre.
    Und zu denken, da dieser Mensch alles das nur dadurch erreicht hatte, da
er eine Tochter aus dem Bttnerschen Gute geheiratet! -
    Der alte Bauer gab sich trben Gedanken hin, nachdem der erste rger
verflogen war. Wie war das alles nur so ber ihn und seine Familie gekommen! -
Es war doch keine Gerechtigkeit in der Welt! Der Pastor mochte von der Kanzel
herab sagen, was er wollte: die schlechten Menschen fnden schon hier auf Erden
ihre Strafe und die guten ihren Lohn; fr ihn und die Seinen stimmte das nicht.
Da war es eher umgekehrt. - Es gab keine Gerechtigkeit auf der Welt!

                                     * * *

    Das Bttnersche Gut war eine der ltesten spannfhigen Stellen im Orte. Es
war, wie die Kirchenbuchnachrichten auswiesen, stets mit Leuten dieses Namens
besetzt gewesen. Lange vor dem groen Kriege schon hatten die Bttners dem Dorfe
mehrere Schulzen geschenkt. Und unter den alten Grabsteinen auf dem Kirchhofe
war mancher, der diesen Namen aufwies.
    Whrend des Dreiigjhrigen Krieges, wo Halbenau und Umgegend mehrfach arg
mitgenommen wurden, war mit dem groen Sterben auch die Bttnersche Familie
bis auf vier Augen ausgestorben. Seitdem gab es nur noch diesen einen Zweig in
Halbenau. Nicht, da es der Familie an Nachwuchs gefehlt htte! aber, entweder
heirateten die jngeren Shne nicht, oder wenn sie eigene Familien begrndet
hatten, blieben sie doch mit Frau und Kind auf dem Hofe ihrer Vter, halfen bei
der Bestellung und arbeiteten die Frondienste fr den Grundherrn ab. Die Kinder
muten, wie blich, der Gutsherrschaft zum Zwangsgesindedienst angeboten werden.
Man befand sich ja nicht auf eigenem Grund und Boden; der Gutsherr hatte die
Obrigkeit und besa Verfgungsrecht ber Land und Leib seiner Untertanen. Aber
die besondere Stellung der Bttnerschen Familie, ihre Tchtigkeit und
Ntzlichkeit war auch von seiten der Gutsherrschaft respektiert worden. Niemals
war einer aus diesem Gute, wie es in der Zeit der Erbuntertnigkeit den Bauern
nicht selten zu geschehen pflegte, in eine geringere Stelle versetzt worden. Man
leistete durch Spanndienste und Handdienste der Herrschaft ab, was man ihr
schuldig war. Groen Wohlstand hatte man dabei nicht sammeln knnen; dazu war
auch die Kopfzahl der Familie meist zu stark gewesen und der Boden zu rmlich.
Aber man hatte nichts eingebt an Land und Kraft in den Zeiten der Hrigkeit,
die nur zu viele Bauern herabgedrckt hat zur Unselbstndigkeit und Stumpfheit
des abhngigen Subjekts. Und der Hausverband, die Zusammengehrigkeit der
Familie war gewahrt worden.
    Unter dem Grovater des jetzigen Besitzers trat die Bauernbefreiung in
Kraft. Die Erbuntertnigkeit wurde aufgehoben, alle Fronden abgelst. Bei der
Regelung verlor das Bauerngut ein volles Dritteil seiner Flche an die
Herrschaft.
    In dem Vater des jetzigen Bttnerbauern erreichte die Familie einen gewissen
Gipfelpunkt. Er war ein rhriger Mann, und es gelang ihm, sich durch Flei und
Umsicht, begnstigt durch gute Jahre, zu einiger Wohlhabenheit emporzuarbeiten.
Durch einen gnstigen Kauf verstand er es sogar, den Umfang des Gutes wieder zu
vergrern. Vor allem aber legte er das erworbene Geld in praktischen und
bleibenden Verbesserungen des Grund und Bodens an.
    Es war kein kleines Stck fr den Mann, sich dem Vordringen des benachbarten
Rittergutes gegenber, das sich durch Ankauf von kleineren und greren
Parzellen im Laufe der Jahre zu einer Herrschaft von stattlichem Umfange
erweitert hatte, als selbstndiger Bauer zu erhalten. Unter diesem Besitzer war
die Familie, dem Zuge der Zeit folgend, in alle Windrichtungen
auseinandergeflogen. Nur der lteste Sohn, Traugott, war als zuknftiger Erbe
auf dem vterlichen Hofe geblieben. Als der alte Mann ziemlich pltzlich durch
Schlagflu starb, fand sich kein Testament vor. Als echtem Bauern war ihm alles
Schreibwesen von Grund der Seele verhat gewesen. Gegen Gerichte und Advokaten
hatte er ein tiefeingefleischtes Mitrauen gehegt. Zudem war der Alte einer von
denen, die sich nicht gern daran erinnern lieen, da sie dieser Welt einmal
Valet sagen mssen. Auch schien jede Erbbestimmung unntig, weil als
selbstverstndlich angenommen wurde, da, wie seit Menschengedenken, auch
diesmal wieder der lteste das Gut erben werde, und da sich die brigen
Geschwister murrlos darein finden wrden.
    Das kam nun doch etwas anders, als der Verstorbene angenommen hatte.
    Es waren fnf Kinder vorhanden und die Witwe des Dahingeschiedenen.
Traugott, der lteste, war durch den Tod des Vaters Familienoberhaupt und Bauer
geworden. Der zweite Sohn hatte vor Jahren das Dorf mit der Stadt vertauscht.
Ein dritter war auf der Wanderschaft nach sterreich gekommen und dort sitzen
geblieben. Auer diesen drei Shnen waren zwei Tchter da. Die eine war mit dem
Kretschamwirt von Halbenau verehelicht, die andere hatte einen Mhlknappen
geheiratet, mit dem sie spter von Halbenau fortgezogen war.
    Im Erbe befand sich nur das Bauerngut mit Gebuden, Vorrten und Inventar.
Das bare Geld war zu Ausstattungen der Tchter und zu Meliorationen verwendet
worden.
    Der lteste Sohn erklrte sich bereit, das Erbe anzutreten und die brigen
Erben mit einer geringfgigen Auszahlung abzufinden, wie es der oftmals
ausgesprochene Wunsch des Verstorbenen gewesen war. Aber der Alte hatte da mit
einer Gesinnung gerechnet, die wohl in seiner Jugend noch die Familie beherrscht
hatte: der Gemeinsinn, der aber dem neuen Geschlechte abhanden gekommen war.
Zugunsten der Einheitlichkeit des Familienbesitzes wollte keiner der Erben ein
Opfer bringen.
    Es wurde Taxe verlangt zum Zwecke der Erbregulierung. Als diese nach Ansicht
der Pflichtteilsberechtigten zu niedrig ausfiel, focht man die Erbschaftstaxe an
und forderte Versteigerung des Gutes.
    Der lteste Sohn, der sein ganzes Leben auf dereinstige bernahme des
vterlichen Gutes zugeschnitten hatte, wollte den Besitz um keinen Preis fahren
lassen. Er erstand schlielich das Gut zu einem von seinen Geschwistern
knstlich in die Hhe geschraubten Preise.
    Natrlich war er auer stande, die Erben auszuzahlen. Ihre Erbteile wurden
auf das Gut eingetragen; Traugott mute froh sein, da man ihm das Geld zu vier
Prozent stehen lie. So sa denn der neue Bttnerbauer auf dem vterlichen
Grundstcke, das mit einem Schlage aus einem unbelasteten in ein ber und ber
verschuldetes verwandelt worden war.
    Es kamen Kriege, an denen Traugott Bttner teilnahm. Die schlechten und die
guten Zeiten wechselten wie Regen und Sonnenschein. Aber die guten Jahre kamen
dem Braven nicht recht zu statten, da er nicht kapitalkrftig genug war, um den
allgemeinen Aufschwung und die Gunst der Verhltnisse auszubeuten. Die
schlechten Jahre dagegen drckten auf ihn wie ein Panzerkleid auf einen
schwachen und wunden Leib.
    Der Bttnerbauer war freilich nicht der Mann, der sich leicht werfen lie.
    Sein Gut war ausgedehnt, die uersten Feldmarken lagen in betrchtlicher
Entfernung von dem am untersten Ende eines schmalen Landstreifens gelegenen
Hofe. Der Boden war leicht und die Ackerkrume von geringer Mchtigkeit. Dazu
waren die Witterungsverhltnisse nicht einmal gnstige; denn nach Norden und
Osten lag das Land offen da, vom Sden und Westen her aber wirkten Hhezge ein,
Klte und Feuchtigkeit befrdernd und die warme Jahreszeit abkrzend. Der Acker
trug daher nur sprlich zu, der Emsigkeit und der rastlosen Anstrengung des
Bauern zum Trotze. Die Zinsen verschlangen die Ernten. Die Schulden mehrten sich
langsam aber sicher. An Meliorationen konnte man nicht mehr denken. Wenn der
Bauer auch hie und da einen Anfang machte, strker zu dngen, Abzugsgrben
baute, an den Gebuden besserte und flickte oder auch neues Gert anschaffte, so
warfen ihn unvorhergesehene Unglcksflle: Hagelschlag, Viehseuchen,
Erkrankungen, Tod und sonstiges Elend immer wieder zurck und verdarben ihm
seine Arbeit.
    Es war der Verzweiflungskampf eines zhen Schwimmers in den Wellen, der sich
mit aller Anstrengung gerade nur ber Wasser zu erhalten vermag.
    In diesem Kampfe war der Bttnerbauer ein Sechziger geworden.

                                      IV.


Der Bttnerbauer fuhr in der Kreisstadt ein. Er spannte wie immer im Gasthofe
Zum mutigen Ritter aus. Nachdem er seinen Rappen in den Stall gefhrt und
selbst versorgt hatte, begab er sich auf den Markt.
    Es war heute der Hauptwochenmarkt. Die Stadt wimmelte daher von Fuhrwerken
und Leuten, die vom Lande hereingekommen waren. Der Bttnerbauer war nicht
unbekannt; vielfach wurde er von den Kleinhndlern und Handwerkern, die bei
offenen Ladentren in ihren Geschften standen, angerufen und gebeten,
einzutreten. Aber er wollte sich heute nicht beschwatzen lassen zu irgendwelchen
Einkufen. Erst wollte er mit Profit verkaufen, dann wrde man weitersehen, ob
ein Groschen zu dergleichen brig sei.
    Auf dem Marktplatze gab es eine jedem Eingeweihten wohlbekannte Ecke, wo die
Kufe und Verkufe in Getreide abgeschlossen zu werden pflegten. Als sich der
Bauer diesem Flecke nherte, kam ihm einer der Hndler sofort mit ausgestreckter
Hand entgegen und erkundigte sich nach seinen Wnschen. Dann wurde er in den
Kreis der dort versammelten Mnner gezogen, man klopfte ihm auf die Schulter und
meinte, er habe sich recht lange nicht mehr blicken lassen.
    Aber, dieses auffllige Entgegenkommen von Leuten, die er kaum kannte,
machte den alten Mann stutzig. Wollte man ihn hier etwa dumm machen? Als man ihn
fragte, ob er was zu verkaufen habe, antwortete er vorsichtig und zurckhaltend.
Dann ging er von dieser Gruppe weg zu einer anderen. Er wollte sich die Sache
scheinbar nur mit ansehen. Die Hnde auf dem Rcken hrte er berall ein wenig
zu. Die Kauflust war gro, besonders nach Hafer wurde stark gefragt. Es ward
auch manches Geschft abgeschlossen, nach den Handschlgen zu schlieen, die zur
Besiegelung jedesmal gegeben wurden.
    Nachdem sich der Bttnerbauer eine Weile hier aufgehalten, verlie er den
Marktplatz wieder. Es waren ihm allerhand Bedenken gekommen. Bei dieser Art zu
handeln, wie sie hier in so lauter und nachlssiger Weise von den Hndlern
betrieben wurde, schien es ihm auf ein Betrgen des Landmannes herauszukommen.
    Heute lag ihm daran, einen mglichst hohen Preis zu erzielen aus seinem
Hafer; denn er hatte vor, mit dem Erls eine Kuh anzukaufen zum Ersatz fr eine,
die er im Laufe des Winters hatte stechen lassen mssen.
    Nun entsann er sich, da er vorm Jahre in einem Getreidegeschfte der
inneren Stadt fr Roggen einen guten Preis bezahlt erhalten hatte. Das Geschft
schickte ihm seitdem vierteljhrlich seinen Katalog zu. Erst vor ein paar Tagen
noch war ihm ein solcher Prospekt in die Hnde gefallen. Die Zahlung der
hchstmglichen Preise und die koulantesten Bedingungen wurden darin
versprochen.
    Der Bauer meinte, er knne es mit Samuel Harrassowitz wieder einmal
versuchen. War dort nichts zu machen, dann konnte man den Hafer ja immer noch
auf dem Markte losschlagen.
    Das Geschft von Harrassowitz lag in einer ziemlich engen Gasse zu ebener
Erde. Man trat zunchst in eine tonnenartige Einfahrt, die in einen
gepflasterten Hof einmndete. Eine Seitentr fhrte von der Einfahrt aus in das
Kontor.
    Der Bttnerbauer trat, seinen Hut schon vor der Tr abnehmend, nachdem er
angeklopft hatte, ein. Es war ein langer, schmaler Raum, in der Mitte durch
einen Ladentisch geteilt, hinter dem mehrere Schreiber auf Drehschemeln an hohen
Pulten saen. Ein junger Mann mit einer Brille sprang von seinem Schemel herab,
kam auf den Bauer zu und fragte, was er wnsche. Der Alte meinte, er habe etwas
Hafer zu verkaufen. Wieviel es sei, fragte der junge Mensch, die Feder an seinem
rmel auswischend.
    Sacke a Sticker zahne kennten's schun sein, gab der Bttnerbauer zurck.
    Der Jngling lchelte darauf berlegen und meinte, da sein Haus sich mit
Detaileinkufen nicht abgebe.
    Fr den Bauer war die Ausdrucksweise des jungen Herrn unverstndlich. Es gab
Frage und Antwort und abermaliges Fragen. Die Schreiber drehten sich auf ihren
Sesseln um und betrachteten sich den alten Mann im altvterischen Rocke mit
spttischen Mienen.
    Darber war ein mittelgroer, zur Korpulenz neigender Mann mit kahlem Kopfe,
gebogener Nase und brandrotem Backenbart von einem Nebenraume aus ins Kontor
getreten. Sofort fuhren alle Drehschemel wieder herum, und die jungen Leute
steckten mit gebeugtem Rcken die Nasen eifrig in ihre Schreiberei.
    Samuel Harrassowitz - denn er war es selbst - ma die Gestalt des Bauern mit
sphendem Blicke. Dann trat er auf ihn zu, streckte die Hand aus, lchelte
verbindlich und sagte: Gr Sie Gott, mein lieber Herr Bttner! Was steht zu
Ihren Diensten?
    Der Bauer war vllig berrascht. Woher kannte ihn dieser Herr? Er konnte
sich nicht entsinnen, dieses Gesicht jemals gesehen zu haben.
    Ich werde Sie doch wahrhaftig kennen, Herr Bttner! meinte der Hndler.
Sie sind eine bekannte Persnlichkeit bei uns. Besitzen Sie nicht ein schnes
Gut in Halbenau - nicht wahr?
    Der Bauer stand da mit offenem Munde, starrte jenen an, der ihm die
Allwissenheit in Person schien, und konnte sich von seinem Staunen gar nicht
wieder erholen.
    Kenne Sie! Kenne Sie ganz gut, Herr Bttner! Also, womit knnen wir
dienen?
    Der junge Mann raunte inzwischen seinem Chef mit halblauter Stimme etwas zu.
Nun, und ich hoffe stark, da Sie Herrn Bttner den Hafer abgenommen haben,
Herr Bellwitz! rief der Hndler. Ich dachte ... meinte der so Angeredete. -
Ach was, dachte! Sie denken immer! Verscherzen mir darber womglich eine
solche Kundschaft. - Natrlich nehmen wir den Hafer, Herr Bttner! Unbesehen
nehmen wir alles, was Sie uns bringen. Haben Sie den Hafer mit in der Stadt?
    Der Bttnerbauer brachte mit Rucken und Zerren ein Sckchen von grauer
Leinwand aus seiner hinteren Rocktasche hervor.
    Ach so, eine Probe! Ist eigentlich gar nicht ntig, Herr Bttner. Kennen
Ihre Ware schon. Prima, natrlich!
    Er ffnete das Sckchen aber dennoch und lie die Krner prfend durch die
Finger gleiten. Kaufen wir! Geben den hchsten Marktpreis. Herr Bellwitz,
gleich einen Mann nach dem, Mutigen Ritter' schicken! Der Hafer soll her. -
Inzwischen kommen Sie mal auf ein Augenblickchen hier herein, mein guter Herr
Bttner! Sie mssen mir was ber den Saatenstand bei Ihnen da drauen erzhlen.
    Der Bauer befand sich, ehe er sich dessen recht versehen, im Nebenzimmer,
einem kleinen Gemache, dessen einziges Fenster nach dem Hofe hinausfhrte. Dort
wurde er aufs Sofa gentigt; der rotbrtige Hndler nahm ihm gegenber am Tische
Platz.
    Nun, mein Lieber, wie steht's denn, wie geht's denn in Halbenau? Ich kenne
dort verschiedene konomen. Mittlerer Boden - was! Liegt auch schon ein bichen
hoch - was? Sie leiden an spten Frsten. Nachher will das Korn nicht recht
schtten, wenn's vorher noch so schn gestanden hat. Kenne das, kenne die ganze
Geschichte. - Also nun erzhlen Sie mir mal. Wie weit ist's mit der Sommerung?
    Mei Suhn und de Madel stacken heite de latzten Apern. Hernachen is nur noch
's Kraut. In a Wochen a zwee noch hin, denk'ch, sein mer fertig.
    Gratuliere, gratuliere! - Sie haben wohl eine starke Familie, Herr
Bttner?
    's langt zu, Herr Harrassowitz, 's langt Se gerade zu, meinte der Bauer
und lachte in sich hinein. Mit de Enkel sein's 'r immer a Muler achte, die
gefittert sein wullen - ju, ju!
    Nun, um so mehr Hnde sind dann auch da zur Bestellung und in der Erntezeit
- nicht wahr, Herr Bttner? Eine zahlreiche Familie ist ein Segen Gottes,
besonders fr den Landmann. Ich kenne die lndlichen Verhltnisse, ich kenne
sie! Sie mgen mir das glauben, lieber Bttner. - Und wie steht's denn mit der
Winterung?
    Der Bauer berichtete, da der Roggen gut durch den Winter gekommen und nur
wenig ausgewintert sei. Ene wohre Pracht! Wie ene Brschte, wee der Hohle, wie
ene Brschte steht Sie das Korn!
    Nun, das ist ja hocherfreulich zu hren! Da htten wir also die schnsten
Aussichten fr eine gute Ernte. Da wird wieder mal schnes Geld unter die Leute
kommen! Und hat der Bauer Geld, dann hat's die ganze Welt.
    Das mechte och sein - das mechte freilich sein, Herr Harrassowitz! meinte
der Bttnerbauer und kratzte sich hinter den Ohren. 's Geld is sihre rar
gewest. Ne, ach Gott, zu rare ist dos gewest in der letzten Zeit, Herr
Harrassowitz!
    Nun, Sie werden doch nicht etwa klagen wollen, Herr Bttner! Sie, mit Ihrer
schnen Besitzung! - Wie gro ist denn das Gut, wenn ich fragen darf?
    Zweemalhundert und a paaren dreiig Morgen, alles in allen, mit an
Buusche.
    Das wre ja bald ein kleines Rittergut! Und da wollen Sie lamentieren! Ich
bitte Sie, guter Herr Bttner, was sollen denn dann die kleinen Leute machen!
    Ju, wenn ock de vielen Abgaben ne wren und de Gemeenelasten und de
Schulden.
    Ich wei, ich wei, es lastet vielerlei auf dem konomen heutzutage. Sind
denn die Abgaben und Lasten so bedeutend in Halbenau?
    Der Bttnerbauer schttete darber sein Herz grndlich aus. Harrassowitz
lie ihn reden; nur manchmal warf er eine Bemerkung ein, die den einmal warm
Gewordenen veranlate, mehr und mehr von seinen Verhltnissen aufzudecken.
    Jetzt war der Bttnerbauer bei seinem Hauptbeschwernis angelangt: seinem
mchtigen Nachbarn, der Herrschaft Saland.
    Ja, ja, das glaube ich Ihnen gerne, Herr Bttner! rief der Hndler, solch
einen Grogrundbesitzer zum Nachbarn zu haben, ist kein Spa! Die Leute sind
landgierig, die mchten die Bauern am liebsten alle legen. Das ist ein wahrer
Krebsschaden fr unser Volk, die Latifundienwirtschaft. Ein freier,
selbstndiger Bauernstand wird immer eine Grundbedingung fr das Gedeihen des
ganzen Staates bilden. Wer soll uns denn die Soldaten liefern - was, he? Die
strammen Soldaten fr unser Heer, wenn nicht der Bauernstand! - Grenzen Sie an
einer oder an mehreren Seiten mit der Herrschaft Saland?
    Der Bauer erzhlte, da er so gut wie eingeschlossen sei durch das Dominium.
Dann ereiferte er sich ber den Wildschaden.
    Schrecklich! aber dafr hat natrlich so ein Graf gar keinen Sinn! rief
der Hndler mit dem Ausdrucke hchster Entrstung, wenn sich's nur um
Bauernflur handelt. Traurige Zustnde sind das! Hat Ihnen der Graf denn schon
mal ein Angebot machen lassen wegen Ihres Gutes?
    Der Bttnerbauer berichtete, da der Graf schon seit Jahren um seinen Wald
handle, aber da er ihm nicht einen Fubreit abzulassen gesonnen sei.
Harassowitz horchte scharf hin auf diese Angaben. Dann nahm er auf einmal wieder
eine nachdenkliche Miene an.
    Ja, das sind traurige Verhltnisse! Das zehrt am Vermgen, das will ich
schon glauben. Da haben Sie doch allerhand Sorgen, mein guter Herr Bttner.
Haben Sie denn etwa auch Hypothekenschulden auf Ihrem Gute?
    O Ierum! rief der Bauer bei dieser Frage, die mit der unbefangensten Miene
der Welt gestellt wurde. O Ierum! Er fuhr empor von seinem Sitze.
Hypothekenschulden! die tun freilich zulangen, tun die! Wenn's wos winger warn,
kinnt's och basser sein.
    Nun, was haben Sie denn so ungefhr drauf stehen? Ich frage aus wirklichem
Interesse.
    Der Bauer rechnete eine Weile. Dann sagte er, die Stimme dmpfend, mit
bedrckter Miene: A Mrker a zweeundzwanzigtausend kennen's schu sein, die
druffe stiehn, Herr Harrassowitz.
    Der Hndler lie ein leises Pfeifen ertnen, zog die Brauen in die Hhe und
wiegte den Kopf hin und her. Das ist ein bichen stark!
    Newuhr, 's is vill? meinte der Alte, ganz in sich zusammensinkend und
trostlos zur Erde blickend.
    Wie in aller Welt wollen Sie denn da die Zinsen herauswirtschaften, Herr
Bttner? - Harassowitz nahm ein Stck Papier zur Hand und begann zu rechnen.
Ja, mein Lieber, das ist ja ein Miverhltnis! Und da wollen Sie auch noch
davon leben, Sie und Ihre Familie! Das ist ja rein unmglich. Da lgen Sie sich
einfach in den Beutel, mein Bester!
    Ja, 's is schwer, 's is aben schwer! meinte der Bttnerbauer seufzend.
Man mechte manchmal salber zum Taler wern, um da Zinsen ock immer richtig zu
bezahla. Ees mu sich abrackern und abschinden mu mer sich, vun frih bis abend.
Ne a mal satt essen mechtn man, weil's hinten und vurne ne zulangen tut. Ne, 's
is a Luderlaben, wenn ees suvills Schulden hat wie der Hund Flhe.
    Und das ertragen Sie so ruhig? Das verdenke ich Ihnen, offen herausgesagt,
sehr, da Sie sich fr Ihre Glubiger so abqulen.
    Ju, wos soll unserees denne angohn? Ich ha's Gutt duch glei su verschuldt
bernumma. Billiger wullten de Geschwister mir's duch ne iberlassen.
    Da gibt's eben nur ein Mittel, mein Lieber: schmeien Sie den Glubigern
die ganze Geschichte hin. Sagen Sie einfach: ich tue nicht weiter mit. Mag's
doch ein anderer versuchen, die Zinsen herauszuwirtschaften, ich kann's nicht,
ich hab's satt! - Passen Sie mal auf, was fr Gesichter die dann machen werden.
Von denen bernimmt's keiner, verlassen Sie sich darauf! Die werden dann schon
kommen und Sie bitten, da Sie doch nur um Gottes willen weiter auf dem Gute
bleiben mchten, damit ihre Hypotheken nicht ausfallen. Sowas ist schon fters
mit Erfolg gemacht worden. Tragen Sie selbst auf Subhastation an wegen
berschuldung, dann wollen wir einmal sehen, was fr Seiten die Glubiger
aufziehen werden. Vielleicht erstehen Sie's dann selbst oder einer Ihrer Kinder
aus der Zwangsversteigerung zurck, dann sind Sie einen ganzen Posten Schulden
los. Nur nicht ngstlich sein in solchen Dingen! Das ist ja nur ein Mittel, sich
wieder zu rangieren, wenn man nicht ressiert hat. Gott sei Dank, mchte ich
sagen, da so etwas mglich ist!
    Der Bttnerbauer schttelte den Kopf. Den eigentlichen Sinn des Vorschlages
hatte er wohl gar nicht erfat. Sein Redlichkeitsgefhl sagte ihm jedoch, da
hier etwas nicht in Ordnung sei.
    Er wolle auf seinem Gute bleiben, erklrte er. Er hoffe auch durchzukommen
und seine Zinsen richtig bezahlen zu knnen, wenn nur bessere Zeiten kmen, und
wenn ihm inzwischen jemand helfend unter die Arme greifen wolle.
    Inzwischen waren die Haferscke vom Mutigen Ritter herangeschafft worden
und wurden im Hofe abgeladen. Der junge Mann aus dem Kontor trat ein und machte
Meldung davon. Da wollen Sie also Ihr Geld geflligst in Empfang nehmen, Herr
Bttner, sagte der Hndler. Vorn an der Kasse. Ich komme mit Ihnen.
    Der Bauer empfing am Kassenpult das Geld und mute ber den Empfang
quittieren. Das nahm einige Zeit in Anspruch, da seiner Hand das Schreiben nicht
mehr recht gelufig war. Endlich war er mit der schwierigen Prozedur zustande
gekommen. Trotzdem er sein Geld lngst durchgezhlt und eingesackt hatte, blieb
er noch stehen, zaudernd, seinen Hut in den Hnden drehend, als habe er noch
etwas auf dem Herzen.
    Dem scharfen Auge des Hndlers war das auffllige Benehmen des Alten nicht
entgangen. Er kam hinter dem Ladentische vor, wo er mit einem der Kontoristen
verhandelt hatte. Nun, Herr Bttner, kann ich Ihnen vielleicht noch mit etwas
dienen? Wir haben auch knstlichen Dnger, ein reichhaltiges Lager. Haben Sie da
keinen Bedarf?
    Ne, ne! meinte der Bauer. Da mag'ch nischt darvon. Aber was andres
wollt'ch Se noch derzahlen; wenn Se da vielleicht an Rat witen. - Mir is ane
Hipetheke gekindgt wurden. Uf Gohanni mu'ch zahlen.
    Sehen Sie einmal an! rief der Hndler und stellte sich erstaunt. Da werde
ich Ihnen wohl nicht helfen knnen. Hypotheken, das gehrt nicht in meine
Branche. - Aber, er nahm den Bauern doch wieder, mit in das Hinterzimmer.
    Also eine Hypothek ist Ihnen gekndigt auf den Johannistermin. An welcher
Stelle steht sie? wie ist der Zinsfu? wie luft sie aus?
    Harrassowitz stellte die verschiedensten Kreuz-und Querfragen. Dann rechnete
er fr sich. Der alte Bauer beobachtete whrenddessen das Mienenspiel des
Hndlers sorgenvoll. Er sah mit Schrecken, da Harrassowitz in einem fort
bedenklich den Kopf schttelte und die Brauen in die Hhe zog.
    Endlich erhob sich der Mann und trat dicht vor den Bauern hin, ihm in die
Augen blickend mit ernster Miene. Er knne das Geld nicht beschaffen, erklrte
er. Er sei Kaufmann und nichts als Kaufmann, und es gehre nicht zu seinen
Gepflogenheiten, Gter zu beleihen. Aber da er gemerkt habe, da der
Bttnerbauer ein redlicher und solider Mann sei, wolle er ihm helfen. Er habe
einen Geschftsfreund, einen durchaus feinen Mann, zu dem wolle er den Bauern
fhren, der werde ihm die Hypothek mglicherweise decken. Aber nur dem Bauern zu
Gefallen wolle er es tun, rein zum Gefallen. Denn er bemenge sich sonst nicht
mit dergleichen. -
    Darauf ging Samuel Harrassowitz ans Telephon und klingelte an. Guten
Morgen! Ist Herr Schnberger im Kontor? - Mchte ihn auf einen Augenblick
sprechen ... Danke!
    Der Bauer sah mit Staunen dem Beginnen des anderen zu. In seinem Leben hatte
er noch nichts von einem Fernsprecher gehrt, geschweige denn eine solche
Vorrichtung gesehen.
    Harrassowitz stand neben dem Apparate und lachte ber den komischen
Schrecken des Alten. Nehmen Sie mal das andere Ding ans Ohr, Herr Bttner!
rief er und hielt ihm den Hrer hin. Machen Sie nur! Es beit nicht. Der Bauer
war nicht zu bewegen, den Hrer anzufassen.
    Inzwischen kam Antwort.
    Hier Harrassowitz! ... Ja! ... 'n Morgen, Schnberger! Herr Gutsbesitzer
Bttner aus Halbenau ist hier bei mir, wnscht gekndigte Hypothek belegt zu
haben. Kann ich mit ihm zu Ihnen kommen?
    Eine lngere Pause entstand, whrend der Harrassowitz gespannt horchte. Dann
lachte er auf einmal laut auf, und den Bauern hhnisch von der Seite anblickend,
immer den Hrer am Ohr, rief er in den Fernsprecher:
    Der Kaffer braucht ehn, dringend. Feines Massematten .... Ach was! Bist
meschuke! - Wie? ... Is besoll. Wir machen's in Kippe, natrlich .... Versteh
nicht! Der Kaffer ist halb mechulleh. Geb dir Rebussim ... Schn! Bringe ihn.
Auf Wiedersehen. Schlu!
    Das nennt man Telephon oder Fernsprecher, mein Lieber! sagte Harrassowitz
und klopfte dem Alten mit spttischem Grinsen auf den Rcken. Sehen Sie, da
haben Sie wieder was Neues kennen gelernt und knnen Ihren Leuten da drauen was
erzhlen.
    Man wolle nun zu Herrn Schnberger gehn, meinte er und ntigte den Bauern
zur Tr.
    Das Kredit- und Vermittelungsbureau von Isidor Schnberger lag am anderen
Ende der Stadt, ebenfalls in einem engen Winkelgchen. Harrassowitz trat aber
nicht in das Kontor, fhrte den Bauern vielmehr durch den Hausgang in eine
Hinterstube.
    Hier sa in einem abgeschabten Lederfauteuil vor seinem Schreibtische ein
fetter Mann, kahlkpfig, mit dunklen, groen Augen, die ihm, aus tiefen Hhlen
ber die gebogene Nase hinwegsphend, etwas von einer groen Eule gaben.
    Morgen, Schnberger!
    Morgen, Sam! Der fette Mann rhrte sich nicht auf seinem Stuhle, mit dem
er verwachsen zu sein schien. Harrassowitz, unter dem Namen Sam weit und breit
in der Handelswelt bekannt, schien die Gewohnheiten seines Freundes zu kennen.
Er rckte selbst Sthle heran, forderte den Bauern auf, Platz zu nehmen und
setzte sich.
    Hier bringe ich Ihnen also meinen Geschftsfreund, den Herrn Gutsbesitzer
Bttner. Ich kenne den Mann. Er ist gut. Sie knnen ihm unbedenklich Kredit
erffnen.
    Schnberger zuckte die Achseln mit verdrielicher Miene. Dann begann er mit
belegter Stimme, etwas anstoend sprechend: In gegenwrtiger Zeit auf Grund und
Boden Geld zu borgen, sei bedenklich. Jetzt wo Subhastationen an der
Tagesordnung seien, und die Bauern noch fter pleite machten als die
Industriellen.
    Fr den hier garantiere ich! rief Harrassowitz. Das ist einer vom alten
Schrot und Korn. Der ist durch und durch solid! Dabei ttschelte er den Bauern.
Was? der macht uns nicht bankerott, nicht wahr?
    Aber Isidor Schnberger blieb bei seiner Ablehnung. Er habe zu viele
schlechte Erfahrungen gemacht in der letzten Zeit. Habe seine Zinsen nicht
erhalten, sei bei Zwangsversteigerungen ausgefallen und um sein Geld betrogen
worden.
    Wenn ich Ihnen sage, da der Mann Ihnen sicher ist! wenn ich mich mit
meinem Ehrenwort fr Herrn Bttner verbrge! Sehen Sie sich den Herrn doch blo
mal an, Schnberger! sieht der aus, als ob er uns Schaden machen wollte? Wenn
ich sage, er ist gut, dann ist er gut!
    Wo steht die Hypothek? fragte Schnberger, der im Gegensatz zum lebhaften
Wesen seines Geschftsfreundes eine gleichgltige, apathische Ruhe zur Schau
trug.
    Darauf kommt's hier gar nicht an! rief Harrassowitz. Bei einem Gute von
ber zweihundert Morgen besten Bodens! Die Hypothek ist todsicher.
    Weshalb ist sie gekndigt? fragte Schnberger.
    Der Bruder hatte sie, erklrte Harrassowitz. Der hat sie gekndigt, weil
er das Geld im Geschft braucht. Mu auch verrckt sein, der Herr, da er so 'ne
Hypothek weggibt! - Seien Sie vernnftig, Schnberger, geben Sie das Geld!
    Der fette Mann nahm ein Notizbuch zur Hand, befeuchtete die Bleistiftspitze,
dann forderte er den Bauern auf, ihm die einzelnen Posten der Reihe nach zu
nennen.
    Es bedurfte einiger Zeit, ehe der alte Mann die Zahlen in seinem Gedchtnis
gefunden hatte. Aber schlielich brachte er doch alles richtig zusammen.
    Da war zuerst die Landschaft mit viertausend Mark, dann kamen die
Geschwister: Karl Leberecht und Gottlieb, die verstorbene Schwester Karoline, an
deren Stelle jetzt ihre Erben: Ernst Kaschel und seine Kinder, ferner die
Schwester Ernestine. Smtliche zu gleichen Teilen und mit gleichem Vorrecht.
Dahinter kamen immer noch neue Schuldposten, unter diesen Ernst Kaschel mit
siebzehnhundert Mark.
    Der Mann im Lehnstuhle sa da mit der ihm eigenen verdrossenen Miene und
notierte jede Ziffer, die sich von den zagenden Lippen des Alten losrang, mit
khler Ruhe. Weder Staunen noch Erregung schien sich in den Fleischmassen dieses
gedunsenen Gesichtes ausdrcken zu knnen. Ist das alles? fragte er, als der
Bauer endlich schwieg. Der Bttnerbauer bejahte.
    Sie sollen das Geld haben! war alles, was die belegte Stimme darauf sagte.
    Harrassowitz sprang von seinem Sitze auf. Was habe ich Ihnen gesagt,
Bttner! Mein Freund Schnberger ist ein edler Mann! Sehen Sie, er gibt das
Geld!
    Wieviel hat Ihr Bruder Prozent gegeben? fragte Schnberger.
    Vier Prozent, erwiderte der Bauer.
    Mein Satz ist fnf, bei vierteljhriger Kndigung, meinte Schnberger.
    Dem Bttnerbauer fiel ein Stein vom Herzen bei diesen Worten. Er hatte
gefrchtet, man werde ganz andere Prozente von ihm fordern.
    Sehen Sie, was ich gesagt habe! rief Harrassowitz, was fr ein Mann
Schnberger ist! Fnf Prozent nimmt er blo. Sie haben ein glnzendes Geschft
gemacht, Bttner!
    Der Bauer fing an, das selbst zu glauben. In seinem schlichten Gemte regte
sich Dankbarkeit fr den Mann, der ihm in so groer Not geholfen hatte. Er
schritt unbeholfen auf Herrn Isidor Schnberger zu und pflanzte sich vor ihn
hin. Dann ergriff er die weie, welke, mit vielen Ringen geschmckte Hand des
Mannes und drckte sie mit seiner derben, roten Bauernfaust. Ich bedank' mich
och, Herr Schnberger, ich sog meinen schiensten Dank! Und bezahl' Sie's der
liebe Gott! Sie hon mir ane grue Surge abgenumma.
    Isidor Schnberger betrachtete ihn mit demselben mimutig verchtlichen
Ausdruck, den er fr alles auf der Welt hatte, was sich nicht in Zahlen
ausdrcken lie, und entlie ihn dann mit kaum merklichem Nicken seines schweren
Kopfes.
    Wir gehen jetzt zum Notar und dann zum Grundbuchfhrer, Herr Bttner!
sagte Harrassowitz, als sie in dem Hausflur standen. Gehen Sie nur immer hinaus
auf die Strae. Mir fllt eben ein, da ich in einer anderen Sache noch ein paar
Worte mit Schnberger zu sprechen habe. Ich komme in einer Minute zu Ihnen.
    Aus der Minute wurden ihrer mindestens zehn. Dann erschien der Hndler und
nahm den Bauern unter den Arm. Nun kommen Sie, mein Lieber! Jetzt machen wir
die Geschichte schriftlich, damit Sie Ihre Sicherheit haben und einen Beleg in
Hnden halten. Ich fhre Sie zu meinem Notar, der macht's Ihnen billig.

                                     * * *

    Nachdem man beim Advokaten und auf dem Gerichte gewesen war - wo
Harrassowitz, der in diesen Dingen uerst bewandert zu sein schien, alles
veranlat hatte, so da der Bttnerbauer nur zu unterschreiben brauchte - ging
man zum Mutigen Ritter. Denn die Mittagszeit wer inzwischen herangekommen, und
der Bauer wollte heimfahren.
    Harrassowitz versicherte dem Alten, da er ihn nchstens einmal in Halbenau
besuchen werde. Es interessiere ihn, das Gut und die Wirtschaft mal in
Augenschein zu nehmen.
    Kimma Se ack, Herr Harrassowitz! Kimma Se ack! rief der alte Bauer. 's
full mir ane Freide sein!
    Damit drckte er dem Hndler treuherzig beide Hnde zum Abschiede.
    Der Bttnerbauer verlie die Stadt in bester Laune. Er hatte die Tasche voll
Geld, das er fr seinen Hafer eingenommen. Und was noch weit mehr bedeuten
wollte, seine Hypothek hatte er untergebracht. Nun hing ihm auf einmal der
Himmel voller Geigen. Es schien keine Sorgen und Nte mehr zu geben auf der
Welt, die Zukunft lag vor ihm im heitersten Lichte. Nun wrde er sich die neue
Kuh anschaffen knnen! so recht eine nach seinem Herzen, mit langem Rcken und
starkem Euter, womglich schwarz und wei gefleckt. Das waren seiner Erfahrung
nach die besten Milchkhe. Und dann liebugelte er ber seinen Plan hinaus mit
einem anderen, noch khneren: die Scheune umdecken! das Strohdach kostete zuviel
Reparaturen! Noch vor ein paar Tagen hatte er zu seinem Sohne Gustav gesagt, da
das eine Ausgabe sei, die er in seinem Leben nicht mehr werde auf sich nehmen
knnen. Heute stellte er im Geiste schnell einen Kostenanschlag auf, der
erstaunlich gnstig ausfiel. Es wrde schon gehen! es mute ja alles gut werden.
-
    Der Bauer schmunzelte in einem fort und pfiff auch gelegentlich still
vergngt vor sich hin. Etwas wie ein langverhaltener Jugendbermut kam ber den
alten Mann. Htte er einen Bummler berholt, er wrde ihn aufgefordert haben, zu
ihm in den leeren Klberwagen zu springen, nur um jemanden bei sich zu haben,
dem er seine gute Laune mitteilen knne. Als er an einem Gasthofe vorberfuhr,
kam ihm der Gedanke, zu halten und einen Branntwein zu fordern; das war ein
Genu, den sich der Bttnerbauer nur alle Jubeljahre einmal leistete.
    Er wollte schon das Pferd zum Stehen bringen, da fiel ihm ein, da er den
Schnaps ja auch im Kretscham von Halbenau trinken knne. Nicht etwa, da er
seinem Schwager, dem Kretschamwirt, den Verdienst htte zuwenden wollen! Nein!
Er hatte bei sich beschlossen, den Halunken zu rgern. Wie wrde sich
Kaschelernst erbosten, wenn er vernahm, da der Schwager das Geld doch noch
bekommen hatte und da ihm, Kaschelernst, die fnf Prozent auf diese Weise
entgingen. -
    Der Bauer trieb den Rappen an. Schadenfroh lachte er in sich hinein. Endlich
konnte er den Menschen, der ihm schon so manchen Tort angetan hatte, doch auch
einmal rgern! -
    Er hielt vor dem Kretscham an und machte sich durch Peitschenknallen
bemerkbar. Sein Neffe Richard Kaschel kam heraus. Der junge Mensch sah seinem
Vater bedenklich hnlich. Nur etwas lnger war er geraten und zeigte noch nicht
die rote Nase und die schwimmenden Augen des Alten. Aber dasselbe Rattengesicht
war's und auch dasselbe Lcheln und Kichern, das bei dem jungen Menschen noch
flegelhafter und zudringlicher herauskam.
    Der Bttnerbauer fragte den Neffen, ob der Wirt zu Haus sei. Der sei gerade
aufs Feld hinausgegangen, erwiderte der Bursche und grinste dazu.
    Der Bauer bestellte einen Kornschnaps.
    En guten? fragte der Neffe, mit unverschmten Lcheln den Onkel
anzwinkernd.
    Verstieht sich, an guten! Was Schlecht's mog ich ne! Wennt'r und er hat
schlechten, den kennt'r salber saufen. Verstiehst de! rief der Alte dem Neffen
zu.
    Der junge Mann, gleich seinem Vater in Strmpfen und Holzpantoffeln,
verschwand im Gasthofe, um gleich darauf mit einer Flasche und einem Glschen
wieder zu erscheinen.
    Der Bauer go den Schnaps hinter, machte brrr! und schttelte sich. Wos
kost' dos? rief er und zog den Geldsack.
    Der Neffe meinte mit gnnerhafter Miene, das sei umsonst.
    Was macht's? schrie ihn da der Alte an mit zorniger Miene. Ich wer dich
glei umsonsten! Ich will keenen Menschen nischt ne schuld'g bleiba, zu
allerletzten eich! Dei Vater mechte mich am Ende glei verklogen! Dei Vater,
wegen dan paar Pfengen. - Wos macht der Schnaps?
    Der Neffe nannte den Preis. Mit wichtiger Miene ffnete der Bauer den
Geldsack, suchte eine ganze Weile unter den Mnzen herum, immer beobachtend,
welche Wirkung das Geld auf den Neffen hervorbringen wrde, und lie ein
Goldstck wechseln.
    Nachdem er kleine Mnzen zurckerhalten und den Beutel wieder an seinen Ort
gebracht hatte, sagte er scheinbar beilufig: De kannst deinem Alten och
derzahlen, ich htte menen Hafer gut verkoft, und de Hipetheke htt' 'ch och
ungergebracht. Vun ihn braucht 'ch nu nischt mih, und an Puckel kennt' ar mir
rungerrutscha, kennt' ar mir! -
    Damit trieb er den Rappen an und fuhr nach Hause, sehr mit sich zufrieden.
Seinem Schwager wrde das brhwarm berichtet werden; dafr war gesorgt. Dem
Kaschelernst hatte er's mal grndlich heimgegeben.

                                       V.


Ein Reiter ritt in den Hof des Bttnerschen Bauerngutes ein. Das Pferd war ein
alter englischer Vollblutgaul, der bessere Tage gesehen haben mochte. Sattel und
Zumung waren armeemig. Der Reiter verleugnete in Haltung und Erscheinung den
ehemaligen Offizier nicht. Er war ein hagerer Fnfziger. Seinem wettergebrunten
Gesichte gab ein langer, graublonder Vollbart eine wirksame Umrahmung.
    Die Tchter des Bttnerbauern waren im Hofe mit Mistaufladen beschftigt.
Hochaufgeschrzt, mit bloen Fen, die Gabeln in den gerteten Hnden, standen
sie auf der Dngersttte, neben der ein halbbeladener Wagen unbespannt hielt.
    Bin ich hier im Bttnerschen Bauerngute? fragte der Reiter.
    Hier is Bttners! antwortete Toni, die ltere.
    Ist der Bauer zu Haus?
    Der Vater is uf'n Felde mit Karlen. Se tun de Apern igeln.
    Ich mchte mit Ihrem Vater sprechen in einer Angelegenheit. Am liebsten
allerdings im Hause. Knnten Sie ihn holen?
    Toni stand da mit offenem Munde und gaffte den Fremden an. Sein groer Bart,
die roten Lederhandschuhe, die Reitgerte mit dem Silberknauf, alles an ihm kam
ihr ungewhnlich vor. Sie empfand eigentlich Lust, zu lachen. Darber verga sie
ganz, zu antworten.
    An ihrer Stelle bernahm die jngere Schwester die Vermittelung dem Fremden
gegenber. Ernestine war die Gewecktere und Lebhaftere von den beiden. Mit
einigen kaum merklichen Griffen hatte sie es verstanden, ihren allzu hoch
aufgeschrzten Rock herabzulassen, so da wenigstens die vom Mist beschmutzten
Waden den Blicken des fremden Herrn entzogen waren. Sie sagte - und gab sich
dabei Mhe, Hochdeutsch zu sprechen:
    Wenn Sie den Vater sprechen wollen, wir knnen ihn rufen; sie sein nicht
sehre weit.
    Damit sprang sie behende von der Dngersttte hinab und lief zum oberen
Tore. Dort blieb sie stehen, bildete mit beiden Hnden ein Schallrohr und rief:
Karle, gieh, sag's ack den Vater, er mechte glei amal rei kimma. 's wre ener
dohie, der mit'n raden wullte .... Ich kann ne verstiehn! ... Ju, ju! A Reiter.
Mit an Pauer wullt ar raden, soit ar.
    Das Mdchen kam von ihrem Posten zurck. Der Bruder wird's 'n Pauern
sagen, erklrte sie, da er reinkommen soll. Darauf nahm sie die Mistgabel
wieder zur Hand.
    Der Fremde dankte ihr. Er war inzwischen abgestiegen, hatte dem Pferde die
Zgel ber den Kopf genommen, die Bgel in die Steigriemen hinaufgezogen und
locker gegurtet, mit Handgriffen, denen man die alte bung und die Liebe fr das
Tier ansehen konnte. Nun fragte er, ob er irgendwo einstellen knne. Die Mdchen
sahen sich eine Weile unschlssig an, dann erklrte Ernestine, im Kuhstalle sei
noch ein Stand frei. Sie lief auch sofort zum Stallgebude und ffnete die Tr.
    Der Fremde folgte ihr, das Pferd am Zgel. Jetzt, wo er sich auf ebener Erde
bewegte, kam erst die Gre und Schlankheit seiner Figur zur Geltung.
    Der Vollblter scheute vor der niederen Tr und dem Geruche, der aus dem
Kuhstall drang. Mit fliegenden Nstern und gespitzten Ohren stand der Gaul da
und schniefte in tiefen, langgezogenen Tnen. Durch Klopfen und Zureden brachte
sein Herr ihn endlich dazu, die verdchtige Schwelle zu berschreiten. Das
brige besorge ich mir schon selbst; danke Ihnen! rief er dann und verschwand,
seinem Tiere folgend, in dem engen Pfrtchen.
    Bald darauf trat der alte Bauer in den Hof. Seine Miene verriet rger. Er
war schlechter Laune, da man ihn von der Arbeit abgerufen hatte. Ernestine
erklrte ihm, da ein Herr zu Pferde da sei. Er she aus wie einer vom
Rittergute, meinte das Mdchen, welches, wie es schien, seine Augen zu
gebrauchen verstand. Die Laune des Alten verbesserte sich durch diese Vermutung
nicht. Er fluchte und rief den Tchtern zu, ein andermal sollten sie solche
Leute wegschicken.
    Inzwischen kam der Fremde aus dem Stalle heraus, in gebckter Haltung, um
nicht an den Deckstein anzustoen. Er begrte den Bauern, der die Hnde nicht
aus den Taschen nahm, mit Hutabnehmen und erklrte, er sei der neue
Gterdirektor des Grafen, Hauptmann Schroff.
    Der Bttnerbauer sah den Mann mit wenig freundlichem Ausdruck an. Einer von
der Herrschaft! Von der Seite war ihm bisher niemals was Gutes gekommen.
    Da der Bauer sich, wie es schien, nicht dazu herbeilassen wollte, zu
sprechen, fragte Hauptmann Schroff, ob er ins Haus treten drfe, er habe mit
Herrn Bttner ein Wort unter vier Augen zu reden.
    Der alte Mann ging, statt zu antworten, auf sein Haus zu. Der Hauptmann
folgte.
    Im Zimmer trafen sie die Buerin. Frau, gieh naus! rief ihr der Bauer kurz
angebunden zu. Der Fremde unterlie es nicht, sich bei der Frau zu
entschuldigen, er habe Wichtiges mit ihrem Eheherrn zu bereden.
    Der Bttnerbauer hatte sich in seine Ecke gesetzt und sah von diesem Verlie
aus mit mrrischer Miene den Dingen entgegen, die da kommen wrden. Der
Hauptmann holte sich einen Stuhl herbei und setzte sich dem Alten gegenber. Er
schien das ablehnende Wesen des anderen absichtlich bersehen zu wollen.
    Also, Herr Bttner! begann Hauptmann Schroff, und schlug dabei mit der
Reitgerte gegen seine gespornten und gestiefelten Beine, die er lang
ausgestreckt hatte, die Sache ist nmlich folgende: Mein Chef, der Graf, mchte
gern Ihren Wald kaufen. Es ist ja darber bereits frher zwischen Ihnen und
meinem Vorgnger verhandelt worden, aber ohne Resultat. Der Herr Graf wnscht
nun aber dringend, da die Sache endlich einmal vorwrts rckt. Der Erwerb Ihrer
Waldparzelle ist uns von ziemlicher Wichtigkeit; ich sage Ihnen das ganz offen
heraus. Das kleine Stck liegt gerade wie ein Keil zwischen zwei von unseren
Hauptrevieren. Eine Verbindung der beiden Reviere ist aus wirtschaftlichen
Grnden dringend erwnscht. Uns bedeutet dieser schmale Streifen die
Mglichkeit, bei den Holzfuhren viele Kilometer zu ersparen. Ihnen dagegen
ntzen diese fnfzig bis sechzig Morgen so gut wie gar nichts. Im Gegenteil, der
Wald kostet Ihnen hchstens etwas. Das bichen Holz, was darauf steht, ist kaum
der Rede wert. Der Boden ist entwertet durch die Streunutzung. Und dabei liegen
doch Abgaben darauf. Wenn wir es in unsere Regie bekommen, wrden wir sofort
Kahlschlag machen lassen und neu aufforsten. Dabei werden die Arbeitslhne
natrlich nicht einmal herauskommen, so schlecht ist der jetzige Stand. Sie
sehen demnach, Herr Bttner, das Interesse ist eigentlich auf beiden Seiten. Fr
uns, die Parzelle zu erwerben, fr Sie, das Ding loszuwerden. - Also werden wir
wohl handelseinig werden, denke ich, diesmal.
    Ich denk's ne! sagte der Bauer aus seiner Ecke heraus.
    Aber, ich bitte Sie, bester Herr Bttner! rief der Hauptmann und kam dem
Alten nher auf den Leib, sich mit Hilfe seiner langen Beine auf die Ecke
zurckend. Der Graf will Sie natrlich gut bezahlen, jedenfalls weit ber den
eigentlichen Wert des Grund und Bodens. Ich habe Vollmacht, Ihnen einen Preis zu
bieten, der in dieser Gegend fr Waldboden noch nicht bezahlt worden ist.
    Ich ha's an Vater vun Grofen schunstens zweemal soin lassen, ich verkefe
meenen Busch ne; und dos gilt a heite noch!
    Aber, bedenken Sie doch nur, Lieber, Sie bekommen dadurch Kapital in die
Hand. Ich glaube, Ihre Verhltnisse sind derart, da Sie das ganz gut gebrauchen
knnen.
    Wie's mir ergieht oder ne ergieht, das gieht niemanden uf der Welt nischt
ne an! rief der Alte; das Zittern seiner Stimme lie die innere Erregung ahnen.
    Herr Gott! Miverstehen Sie mich nur nicht! Fllt mir im Traume nicht ein,
mich in Ihre Verhltnisse zu mischen. Ich habe nur soviel sagen wollen, da Sie,
wenn Sie erst mal Ihren Wald los sind, alle Kraft auf die Verbesserung der
Felder und der Wiesen verwenden knnen. Ich glaube, da liee sich noch manches
tun. Ich bin neulich mal ber ihre Grundstck geritten. Da drauen am
Waldesrande liegt ein ganzer Schlag, auf dem nichts wchst als Unkraut.
    Der Bauer rckte in seiner Ecke unruhig hin und her, da jener ihn, ohne es
zu ahnen, an der verwundbarsten Stelle traf. Da war ja sein rgster Kummer, da
er das Bschelgewende schon zum zweiten Male mute als Brache liegen lassen,
weil es ihm an Arbeitskrften fehlte.
    Hauptmann Schroff fuhr unbeirrt fort: Da liee sich sicher noch vieles
bessern. Und vor allem! intensivere Wirtschaft, mein Lieber, intensiveres
Dngen. Aber dazu ist Bargeld ntig. Ich meine, Sie sollten mit beiden Hnden
zugreifen, wenn Ihnen ein solches Gebot gemacht wird. Der Sprecher merkte in
seinem Eifer gar nicht, wie es in dem Gesichte des Alten wetterte und zuckte.
Das waren ja alles Dinge, die er nur zu gut wute, die er sich selbst wie oft
gesagt, die aber im Munde des Fremden als beleidigende Vorwrfe wirkten.
    Und nun noch eins! fuhr der Hauptmann fort, etwas, das auch wieder das
gemeinsame Interesse illustriert, welches Sie wie der Graf an dem Handel haben.
Aus dem grflichen Forste tritt nicht selten das Wild auf die Fluren hinaus,
wahrscheinlich auch auf Ihre Felder ...
    Jetzt ri dem Alten die Geduld. Die Erwhnung des Wildes, das ihm seine
Saaten zertrampelte und sein Getreide abste, wirkte wie ein Peitschenhieb auf
sein bereits hinlnglich gereiztes Gemt. Hochrot im Gesicht fuhr er auf und
schrie los: Wullen Se mich etwan zum Narren halen! Kummen Sie und derzahlen mer
von a Wilde! Dos Ungeziefer frit unsereenen bale ganz uf. Geklogt ha'ch schun,
aber hob 'ch denn a recht gekriegt? Fir uns Pauern gibt's ja keene Gerechtigkeit
ne gegen de Gruen.
    Grollend setzte er sich wieder auf seinen Platz, verschrnkte die Arme und
sah den Fremden mit feindlichen Blicken an.
    Der grfliche Gterdirektor schien mit buerlichen Sitten so weit vertraut
zu sein, um zu diesem Zornesausbruch lcheln zu knnen. Er meinte in
beschwichtigendem Tone: Nur nicht gleich so hitzig, mein guter Bttner! Lassen
Sie mich Ihnen das mal in Ruhe erklren. Mein Graf will einen Wildzaun anlegen
lngs der buerlichen Grenze, so an zwanzig Kilometer lang und mehr. Dadurch
soll das bertreten des Wildes ganz verhindert werden. Aber dazu brauchen wir
Ihren Wald, weil sonst eine Lcke entstehen wrde in dem Zaun, verstehen Sie? -
Also wie steht's, sind wir handelseinig? Der Hauptmann streckte bei diesen
Worten dem Alten die Hand hin. Wenn es hierbei einen Vorteil gibt, so liegt er
ganz unbedingt auf Ihrer Seite, sollte ich denken. -
    Der Bttnerbauer prete die Lippen aufeinander, runzelte die Stirn und
blickte starr geradeaus, er vermied den Blick des anderen, wie einer, der sich
durch berredungsknste nicht irre machen lassen will. Gnzlich konnte er sich
der Einsicht ja nicht verschlieen, da ihm hier ein gnstiges Angebot gemacht
wurde; aber das alt eingewurzelte, bei den meisten Bauern tief eingefleischte
Mitrauen gegen alles, was von seiten der Herrschaft kommt, verhinderte ihn,
nchtern und vorurteilsfrei zu erwgen.
    Sie sollten Ihren Frieden machen mit der Herrschaft, sagte Hauptmann
Schroff, als ahne er, was in der Seele des Alten vorgehe. Vor allem, da Sie es
jetzt mit dem jungen Grafen zu tun haben. Der Zwist, den Sie mit dem alten Herrn
gehabt, knnte doch fglich mit ihm begraben sein. Ich glaube, es wre kein
Schade fr Sie, wenn Sie sich mit uns stellten. Die Interessen von Bauer und
Ritterschaft gehen vielfach Hand in Hand. Schlielich sind es doch verwandte
Stnde: Grundbesitzer. Die Gre des Besitzes bedeutet keinen so enormen
Unterschied.
    Dieser Versuch, ihn mit der Gemeinsamkeit der Interessen zu fangen, machte
den Bauer nur aufsttzig. Der Mann da entwickelte ihm viel zu viel Eifer. Nein,
so beschwatzen lie er sich nicht! Da der Graf nicht aus Liebe fr die Bauern
den Wildzaun errichten wollte, war klar. Wozu das Gerede! Nur um so fester wurde
der Alte in seiner Ansicht, da er hier wieder einmal betrogen werden solle.
    Nahmen Se sich ack keene Mihe wetter! sagte er in mrrischem Tone. Ich
verkefe nischt vom Gutte weg. Een fir allemal, nu ho'ch Se's gesoit!
    Der Hauptmann hatte die ausgestreckte Hand wieder zurckgezogen. Die Sache
ging doch nicht so schnell, wie er sich's gedacht hatte, mit diesem
starrkpfigen Alten. Sie werden sich's noch berlegen, Herr Bttner! meinte
er. Ich kann's ja begreifen, da Sie an Ihrem Eigentum hngen. Vollstndig
vermag ich's zu verstehen, glauben Sie mir das nur! Man hngt an der eigenen
Scholle, ich wei das aus eigener Erfahrung. Und das Herz blutet einem, lieber
mchte man sich einen Finger von der Hand hacken lassen, als einen Acker
weggeben vom ererbten Grund und Boden. Hauptmann Schroff hielt einen Augenblick
inne. Dem trben Ausdrucke nach zu schlieen, den urpltzlich seine sonst
heiteren und offenen Zge annahmen, schien eine dstere Erinnerung durch seine
Seele zu ziehen. Er schnipste mit den Fingern, wie um das zu vertreiben, und
fuhr fort: Sehen Sie, man kann darin aber auch zu weit gehen, ich meine, in
jenem Festhalten. Dann wird eben Starrkpfigkeit und Vernarrtheit daraus. Lieber
ein kleines Gut als ein groes, das man nicht voll bewirtschaften kann. Ich
kenne Ihre Lage, Bttner! Ich sage Ihnen so viel aus meiner eigenen Erfahrung
heraus; wenn Sie sich auf Ihren Willen versteifen, wenn Sie auf diesen Vorschlag
hier nicht eingehen, werden Sie sich nicht halten knnen auf Ihrem Gute.
    Jetzt hielt sich der Bauer nicht lnger. Ich ho mich gehalen dreiig Juhre
lang, dar Herrschaft zum Trotze! Mich wardt er ne uffrassen, wiet'r ringsrim
alles ufgefrassen hoat, mich ne! Wenn der Pauer alle wird, wer is 'n dran
schuld, wenn ne die Rittergitter? Auf uns Pauern hackt a alles ei, de Beamten
wie der Edelmann. Nu solln mer och noch 's latzte Bissel hergahn, dos mer hoan.
Vun Haus und Hof mechten se uns rungertreiba, alles mechten se schlucken, bis
mir gar an Bettelstabe sein. Dazumal, als se teelten - regulieren taten se's
heeen - 's is nu schun a Hardel Jahre har, mei Vater selch hot mer's derzahlt -
do hat mei Gruvater an dritten Teel vun Gutte hergahn missen ans Rittergut. Und
hernachen wor's immer no nich genug. Do mute mei Vater selch no ane Rente
abzahlen, wie viele Juhre durch! - Nu sollt ees denka, mer wr' frei gewurn,
weil mer an Hofedienst und a Fronde los sen. Aber ne! nu kimmt a Edelmann su vun
hinten rim und mechte unsereenem 's Gut abluchsen. Aber, da gibt's nischt! Mir
Pauern sein och nich mehr so tumm. Mir sein a nimmer de Untertanen mih vun an
gndigen Herrn. Wenn mir ne wullen, do brauchen mer ne! Zun verkefen kann mich
keener ne zwingen, och der Graf ne!
    Der Hauptmann hatte diesen Ausbruch buerlichen Selbstbewutseins mit
Verstndnis und Teilnahme angehrt. Sowie ihn der alte Mann zu Worte kommen
lie, sagte er: Ich kann das alles mit Ihnen fhlen, Bttner! Ich habe auch
einmal ein Gut besessen, ein schnes, groes, vom Vater ererbtes Rittergut. Ich
habe den Grund und Boden, auf dem ich geboren war, lieb gehabt, so gut wie Sie
Ihr Gut lieben. Genau wie Sie dachte ich damals. Aber die Verhltnisse sind oft
strker als unser Wille. Was will man machen! Ein paar Miernten und dann die
Hypotheken, mein Lieber! die Hypotheken! Das ist der zehrende Fra, der den
Grundbesitzer vernichtet. Das ist schlimmer als Feuersbrunst, Hagel und alle
Ungewitter zusammen. Auf berschuldetem Grunde sitzen, das ist, als ob dir einer
eine Schlinge um den Hals geworfen htte, und wenn du die Fe loslt, hngst
du drinnen. Da gibt es keine Rettung. Der grte Flei, die grte Sparsamkeit
ntzen da nichts, du bist kein freier Mann mehr, du hngst von etwas ab, das du
nicht kontrollieren kannst, und das lhmt dich. - Mit blutendem Herzen habe ich
meinen Besitz fahren lassen mssen. Sequestration, Zwangsversteigerung, alles
habe ich durchgemacht! Sie sehen, mein guter Bttner, ich kann hier mitreden.
    Der Hauptmann schwieg und strich sich mehrmals erregt den Bart, ihn von oben
nach unten durch die hohle Hand gleiten lassend. Er seufzte. Gott schtze Sie,
mein Lieber, vor alledem!
    Der alte Bauer war stille geworden in seiner Ecke. Die Worte des anderen
hatten Eindruck auf ihn gemacht.
    Hauptmann Schroff fuhr fort: Es ist nicht leicht als lterer Mann, ein
Stck hergeben von dem, was man durch ein ganzes Leben sich gewhnt hat, als
sein Eigentum zu betrachten. Sitzt da irgendwo in der Stadt ein Kerl, der hat
eine Hypothek auf deinem Gute erworben. Und dieser Mensch, der mit dem Grund und
Boden nicht das geringste zu tun hat, der nicht ackert, pflgt oder set, der
hat nun Gewalt ber dein Gut. Der kann dich runtertreiben, wenn es ihm pat. Wie
eine Ware kommt dein Eigentum unter den Hammer. Und das, was Generationen
gepflegt und kultiviert und gehtet haben wie ihren Augapfel, wird nun
zerschlagen und zerschlachtet von Fremden. Und drauen sitzen wir! Als lterer
Mann mit Familie mu man sich nach Brot umsehen. Das ist nicht leicht, mein
Lieber, das ist nicht leicht!
    Der Hauptmann schwieg und blickte gesenkten Hauptes zu Boden, als sei dort
irgendetwas Interessantes zwischen seinen Stiefelspitzen zu erblicken.
    Auch der Bttnerbauer sagte kein Wort. Der Mann hatte recht! so war es,
genau so! Wie oft hatte er nicht ebenso empfunden, wenn er mit Angstschwei die
Zinsen fr seine Glubiger aufzubringen sich mhte. Der Mann wute wie es
zuging, wahrhaftig, der durfte mitreden.
    Der Hauptmann ri sich aus seinem Nachdenken. Nun wollen wir aber mal von
unserer Sache reden, Bttner! Ich wei, wie's mit Ihnen steht. Ich gebe Ihnen
den wohlgemeinten Rat: verkaufen Sie Ihren Wald! Das ist das einzige Mittel, das
Sie noch retten kann. Zahlen Sie von dem Erls einen Teil der Grundschulden ab,
sonst bricht Ihnen eines Tages die Geschichte ber dem Kopfe zusammen. Es geht
Ihnen dann wie mir, Sie kommen um alles. Das Angebot, welches Ihnen der Graf
machen lt, ist kein schlechtes. Nehmen Sie's an! Ich spreche nicht etwa nur im
Interesse meines Brotherrn, ich spreche zu Ihnen geradezu als ein
Leidensgefhrte.
    Der Bauer schwieg eine Weile. In seinem Gesichte arbeitete es, als bewegten
ihn die widersprechendsten Gefhle. Aber die Feindseligkeit war aus seiner Miene
gewichen. Schlielich erklrte er mit gedmpfter Stimme, wenn er auch wolle, die
Hypothekenglubiger wrden es gar nicht zulassen, da er das Gut verkleinere.
    Auf diesen Einwand war der Hauptmann gefat. Natrlich wrden die Glubiger
Einspruch erheben, wenn Sie das Pfandobjekt vermindern wollten ohne ihre
Genehmigung. Mit den Leuten mu selbstverstndlich verhandelt werden. Ich denke,
wenn man ihnen eine entsprechende Abzahlung zusichert, werden sie sich bereit
finden, die Einwilligung zur Dismembration zu erteilen. Es sind ja wohl lauter
nahe Verwandte von Ihnen, die Glubiger? Die werden doch so viel Interesse fr
die Erhaltung des Gutes beweisen, da sie sich in diese notwendigen Maregeln
finden. -
    Der Bauer schttelte mit bitterem Lachen den Kopf. Han Se ne das Sprichwurt
gehert: Blutsverwandte tut mer heeen, die dich am erschten werden beeen.
    Steht es so bei Ihnen? Ich kenne das Wort! es liegt was Wahres darin. Aber
in Ihrem Falle, dchte ich, mten die Verwandten ein Einsehen haben, wenn nicht
aus Familiensinn, so vielleicht aus Egoismus. Die sind doch schlielich auch
daran interessiert, da das Gut in Ihren Hnden bleibt. Denn knnen Sie sich
nicht darauf halten, dann sind auch die Hypotheken gefhrdet. Auf berschuldetem
Besitz arbeitet der Eigentmer tatschlich nur fr die Glubiger. Sie schinden
und plagen sich, damit Ihre Verwandten den Zinsgenu ungestrt haben. So liegt
die Sache doch in Wahrheit, mein Bester! Habe ich recht?
    Recht han Se! Aber soin Se mal suwos zu an Gleibiger. Die gahn mer de
Einwilligung ne, ich glob's ne!
    Ich will Ihnen mal was sagen, Bttner! rief der Hauptmann, rckte dem
Alten ganz nahe und legte ihm eine Hand aufs Knie. berlassen Sie die ganze
Sache mir! Ich will mit den Leuten verhandeln. Erfahrung habe ich mir ja gekauft
in dieser Art Sachen. Ich glaube, ich werde die Gesellschaft so weit bringen,
da sie Konsens erteilen. Es ist ja tatschlich nur eine Formensache. Nennen Sie
mir mal Namen und Adresse der smtlichen Hypothekenglubiger.
    Der Alte kraute sich den Kopf; er wollte sichtlich nicht mit der Sprache
heraus. Schlielich gab er aber doch dem Drngen des Hauptmanns nach.
    Als der Bauer den Namen Schnberger nannte, stutzte der Hauptmann. Mann!
Wie kommen Sie zu so einem?
    Der Bttnerbauer berichtete in umstndlicher Weise die ganze Angelegenheit.
Die Kndigung der Hypothek von seiten des Bruders, wie er sich dann umsonst nach
Geld umgetan, bis er schlielich in der Stadt das notwendige erhalten habe.
    Hauptmann Schroff nahm eine bedenkliche Miene an und schttelte unwillig den
Kopf. Die Sache will mir nicht gefallen, mein guter Bttner! - Schnberger! -
Was mag das fr ein Menschenfreund sein?
    Der Bttnerbauer meinte, es habe ihm ja kein anderer Mensch das Geld borgen
wollen. Herr Schnberger sei gleich bereit dazu gewesen, und allzu hohe Zinsen
habe er auch nicht gefordert. -
    Trotzdem! trotzdem! meinte der andere. Oder vielmehr, gerade deshalb! Aus
Menschenliebe tut's diese Art gewhnlich nicht. - Na, das ist nun nicht mehr zu
ndern. - Also, mal die brigen Glubiger!
    Der Bauer berichtete, was sonst noch auf dem Gute an Schulden stehe.
    Der Hauptglubiger ist demnach Ihr Schwager Kaschel. Mit einer Hypothek
steht er zudem an letzter Stelle. Was denken Sie, wenn ich mit dem Manne zuerst
Rcksprache nhme? Er wohnt ja hier am Orte; ist Kretschamwirt, wie Sie sagen.
    Da mechte aber eener Haare uf'n Zhnen han, meinte der Bauer mit
vielsagendem Lcheln, wer Kaschelernsten kirren wollte. Dos is a
Dreimalgenhter. Und a bieser Hund is a Lammel gegen den, das sag'ch Se glei!
    Der Hauptmann meinte, er sei nicht furchtsam von Natur, und er wolle es auf
den Versuch ankommen lassen. Er werde gleich einmal nach dem Kretscham
hinberreiten.
    Der Bttnerbauer sagte nichts weiter dagegen.
    Sie verlieen die Stube. Der Hauptmann zog sich selbst sein Pferd aus dem
Stalle, brachte die Sattelung in Ordnung und stieg auf.
    Ich bringe Ihnen Nachricht ber den Erfolg, Bttner! rief er im Abreiten.

                                     * * *

    Der Bttnerbauer sah dem Reiter eine Weile nach, bis er die Dorfstrae
erreicht hatte und dort hinter Huser seinen Blicken entschwand. Es hatte etwas
Trstliches fr den alten Mann, da dieser vornehme Herr alles das durchgemacht
hatte, wovon er soeben erzhlt. Er war ihm dadurch nher getreten.
    Der Bauer stand da mitten in seinem Hofe, die Hand am Kinn, und simulierte.
Was das fr eine Welt war! man fand sich bald nicht mehr ein noch aus.
    Ein Hufnagel lag am Boden. Er beugte seinen alten, steifen Rcken und hob
das verrostete Ding auf. Man durfte nichts umkommen lassen. - Er sah sich im
Hofe um. Die Holzverschalung am Westgiebel der Scheune war an verschiedenen
Stellen brchig, an einem anderen Flecke fiel der Putz von der Wand. Kostete
wieder Geld, das herstellen zu lassen! Die neue Kuh war noch nicht voll bezahlt.
Zu alledem rckte der Halbjahrstermin heran, wo wiedermal die Zinsen fllig
waren. Woher das Geld dazu nehmen! Hafer, Roggen, Stroh, das vorjhrige Heu,
alles war schon verkauft, Schttboden und Banse waren leer.
    Auf den Feldern standen ja schne Frchte. Wenn das Wetter weiterhin gnstig
war, wrde er sogar eine ausgezeichnete Ernte machen. - Der Bauer wandte seine
Schritte unwillkrlich dem oberen Hoftore zu, von wo aus man die Felder des
Gutes in ihrer ganzen Ausdehnung berblicken konnte.
    Er deckte die Augen mit der Hand gegen die Sonnenstrahlen. Im klaren
Mittagslichte lagen die Fluren vor ihm. Das Kornfeld wogte wie ein grnlicher
See mit silbernen Wogenkmmen. Unabsehbar schien die Menge der hrenhupter, die
sich da im Winde beugten und hoben in langgezogenen schwellenden und sinkenden
Wellen. Und der Hafer, der eben die Schohalme treiben wollte, stand in dichten
Beeten, eine dunkelgrne, lebendige Matte, von ungezhlten schlanken, spitzen
Hlmchen. Und die Kartoffeln mit saftigem Kraut, kraftstrotzend, in langen,
geraden Reihen, sorgsam gejtet und angehufelt, da es eine wahre Lust war fr
das Auge des Landmanns.
    Das war doch sein Eigentum! Hundertfach hatte er es dazu gemacht durch die
Arbeit! Da war nicht ein Fubreit Land, den er nicht gepflegt htte mit seinen
Hnden. Sein Acker war ihm vertraut wie ein Freund. Er kannte alle seine
Eigenarten, seine Schwchen wie Vorzge, bis ins kleinste hinein. Er stand zu
diesem Boden, dessen Sohn er war, doch auch wieder wie die Mutter zum Kinde; er
hatte ihm von dem seinen gegeben: seine Sorge, seine Liebe, seinen Schwei.
    Und nun drohten sich zwischen ihn und dieses Stck Erde, aus dem er und die
Seinen Kraft und Nahrung zogen, nun drohten sich Fremde zwischen ihn und sein
Eigentum zu drngen. Seinem schlichten, ungeschulten Verstande stellte sich die
Gefahr dar wie eine Verschwrung teuflischer Mchte gegen ihn und sein gutes
Recht. Von der Macht und Bedeutung des mobilen Kapitals, von jenen ehernen
Gesetzen, nach denen ganze Stnde und Geschlechter dem Untergange verfallen,
andere emporhebend durch ihren Sturz, ahnte er nichts. Eines nur hatte er am
eigenen Leibe erfahren: er kmpfte und rang durch ein langes Leben gegen eine
Last, die auf ihn gelegt war, er wute nicht von wem. Und je verzweifelter er
sich aufbumte gegen das unsichtbare Joch, desto schwerer und drckender wurde
seine Wucht.
    Konnte ein Mensch das ahnen, der diese lachenden Fluren ansah?
    Gottes Segen schien auf ihnen zu ruhen. Der Acker wollte seinem Pfleger so
gerne zurckerstatten mit Zinsen, was er an Liebe auf ihn verwendet. Der Boden
wollte dem die Treue halten, der ihm treu gewesen war.
    Halm an Halm drngte sich. Konnte der, dem solche Ernte in die Scheuer
lachte, nicht guten Mutes sein? Durfte es denn wirklich eine Macht geben auf der
Welt, die ihm diesen Erntesegen, den der liebe Gott doch fr ihn hatte wachsen
lassen, streitig machte?
    Es kam wie ein groes, dunkles Gespenst ber die Felder gehuscht, ohne Beine
und doch schnellfig - der Schatten einer treibenden Wolke. Es lschte allen
Glanz von den hrenwellen, es wischte die Farbenpracht der bunten Fluren aus, es
legte sich wie ein dsterer Ton ber alles. Der Schatten eilte ber Haus und
Hof, ber die Feldmark in ihrer ganzen Breite, dem Walde zu.
    Der Bauer lie die Hand von der Stirn sinken; jetzt brauchte er sie vor den
Sonnenstrahlen nicht mehr zu schtzen. Er wischte mit dem rmel ber die Augen
hin und schneuzte sich.
    Toni kam aus dem Hause und meldete dem Vater, das Essen stehe auf dem
Tische. Vom Felde her zog Karl mit den Pferden herein. Der alte Bauer meinte,
sie sollten mit dem Essen immer anfangen, ohne ihn, er habe noch mit dem fremden
Herrn zu sprechen.
    Hauptmann Schroff erschien nach einiger Zeit, er blickte mimutig darein.
Es war nichts damit! rief er dem Alten schon vom Hoftore entgegen. Sie haben
recht behalten, Bttner. Ihr Schwager Kaschel - nun, ich will nichts weiter
sagen. Ich bedaure Sie, Mann! - Aus dem Dismembrationsplane kann nun nichts
werden. Da bleibt nur noch eins brig: mein Graf kauft Ihnen das ganze Gut ab,
zahlt die Glubiger aus, behlt sich den Wald und lt Sie als Pchter
zeitlebens auf Hof und Felder sitzen. Einen anderen Weg sehe ich nicht!
    Da verfrbte sich das Gesicht des Alten. Er richtete sich zu seiner ganzen
Hhe auf, und seinen knochigen Arm ausstreckend, rief er zornig:
    Sahn Se den Misthaufen durte? Lieber durt druffe verrecken, aber 's Gutt
gah ich nich har!

                                      VI.


Frau Katschner und ihre Tochter Pauline hatten Scheuerfest. Frau Katschner hielt
auf Sauberkeit und Ordnung in ihrem kleinen Hause. Sie war viele Jahre lang als
Kchenmagd auf dem Rittergute gewesen. Von daher stammten ihre Manieren oder,
wie man in Halbenau sagte, die Benehmiche, durch die sie sich von den anderen
Dorfleuten gnstig abhob. Eine Photographie der Grfin, ihrer ehemaligen Herrin,
hing an der Wand, an besonders sichtbarer Stelle.
    Ihre feinere Lebensart hinderte die Witwe jedoch nicht, gewhnliche Arbeit
zu verrichten wie jede andere brave Halbenauerin. Es war Sonnabend, der Tag, an
welchem in einem ordentlichen Haushalte gereinigt wird. Frau Katschner hatte
gleich ihrer Tochter die Rcke hoch aufgebunden, sie schweifte mit einem Hader
die Diele. Pauline handhabte am Boden knieend die Scheuerbrste. In der Mitte
des Zimmers stand ein Holzfa, dessen Inhalt bereits eine graubraune Frbung
angenommen hatte. Pauline wollte eben eine neue Fahrt warmes Wasser aus der
Pfanne herbeiholen, als ihr Blick, der sich zufllig durchs Fenster in den
Garten gewandt hatte, dort durch etwas Ungewhnliches gefesselt wurde.
    Mutter! Ne, sahn Se ack! Zu uns kimmt a Gescherre nuf, gerade ibern Garten.
Ja, Himmel, ich glebe, das sein de Kontessen, Mutter!
    Frau Katschner sprang ans Fenster. De Kontessen, Herr Jedelt! - Nu feder
aber, Madel! Sie lie sofort ihre Rcke herab, fuhr in die Holzpantoffeln,
trieb das Wasser, das in einer groen Pftze auf der Diele stand, mit einem
Borstwisch in die Ecke und schaffte das Waschfa hinter den Ofen. Das alles war
das Werk von kaum einer Minute.
    Schon klopfte es ans Fenster. Drauen hielt ein niedriger Korbwagen, darin
zwei junge Damen. Die eine hatte soeben mit dem Peitschenstiel gegen die
Fensterscheibe gepocht. Ist wer zu Hause hier? hrte man eine helle Stimme
rufen.
    Ich wer' naus gihn, Pauline! sagte die Witwe. Mach du dich derweilen a
bissel zurechte, hierst de! Zieh der Strimpe an und a frisches Halstichel,
verstiehst de! Ich wer se schun su lange hinhalen - gieh, feder acht!
    Pauline, die sich merkwrdig befangen und unschlssig gezeigt hatte, von dem
Augenblicke an, wo die Komtessen in Sicht gekommen, folgte dem Winke der Mutter
und verschwand in ihrer Kammer. Frau Katschner schob das Schiebefenster zurck,
das nach dem Garten hinausfhrte. Sie brach in freudige Rufe des Staunens aus:
Ne aber! Ne sowas! De gndigen Kontessen selber! Ich werde sogleich
herauskommen.
    
    Die Damen waren aus dem Wgelchen gestiegen. Eine von ihnen hatte die Zgel
gefhrt, jetzt warf sie die Leine dem Groom zu, der hinter ihnen auf der
Pritsche gesessen hatte.
    Die Komtessen waren gleich gekleidet, in hellen Stoff, und trugen breite
Strohhte mit bunten Bndern. Wanda, die jngere und grere von beiden, war
brnett, mit rassigem Gesicht, in dem adeliges Selbstbewutsein lag. Ida, die
ltere, ein Mdchen von schmchtiger Gestalt, mit durchsichtiger Hautfarbe und
hellem Haar, zeigte weichere Zge. Ihre stillen, groen Augen und der seine Mund
klangen zu eigenartig melancholischer Wirkung zusammen.
    Frau Katschner erschien in der Tr und machte ihren schnsten Knix, wie sie
ihn sich ehemals auf dem Schlosse abgesehen hatte.
    Wir wollten Sie mal besuchen, Bertha! rief Komtesse Wanda, welche eben
darber war, mit Hilfe des Grooms den Pony auszustrngen. Ist brigens ein
eklig schlechter Weg hier herauf. Bei einem Haare htten wir umgeschmissen. -
Kann der Pony hier grasen, Bertha?
    Frau Katschner beteuerte unter fortgesetztem Knixen, da hier alles den
gndigen Komtessen gehre, und da es ihr eine Ehre sei, wenn der Pony in ihrem
Garten Futter annehme. Nun trat sie an die jungen Damen heran und versuchte,
ihnen die Hand zu kssen, was jene aber zu verhindern wuten.
    Ist Pauline zu Haus? fragte die ltere Komtesse.
    Jawohl, Kontesse Ida! Wenn die Damen so gndig sein wollen und eintreten
... es sieht freilich ein wenig unordentlich aus bei uns.
    Kennen wir schon, Bertha! Faule Ausreden! rief die Jngere. Sie behaupten
immer, da es unordentlich aussieht bei Ihnen; dabei ist es das reine
Schmuckkstchen. Ich wnschte blo, bei uns wre es immer so ordentlich - was,
Ida? -
    Ach, du groer Gott, Kontesse Wanda! Die gndigen Damen mssen nur
verzeihen, wenn man eben arm ist! - Ordnung und Reinlichkeit, das kostet kein
Geld, sage ich immer. Auf dem Schlosse, bei der gndigen Herrschaft, da hatte
ich's freilich besser als jetzt. Das war ein ander Ding - dazumal!
    Ja, sehen Sie, Bertha! Das kommt alles nur vom Heiraten! meinte Wanda, die
unter ihresgleichen berchtigt war fr ihre krftigen Bemerkungen, und die sich
etwas zugute tat darauf, da sie alles heraussagte, was ihr gerade in den Sinn
kam.
    Ja, ja! die gndige Kontesse knnen schon recht haben, mit dem Heiraten is
es manchmal nich immer was Gescheits. Obgleich ich mich nicht beklagen kann.
Mein Mann is eben tot, Gott hab' ihn selig! Aber man hat viel Sorge davon und
rger noch obendrein. Ne, ne! Wer gescheit is, gndige Kontesse, da haben Se
sehr recht, der heirat' sich keenen Mann!
    Unter solchen Reden war man ins Haus getreten. Hier sprangen ein paar
Kaninchen hinter einen Bretterverschlag. Wanda wollte eines der Tiere erhaschen,
aber das Tierchen war flinker als sie. Frau Katschner, die Paulinens wegen jetzt
noch nicht das Zimmer betreten wollte, fand hierin eine gnstige Gelegenheit,
die jungen Damen noch lnger im Hausflur zu halten.
    Sie ffnete das Stllchen. In einer dunklen Ecke unter einer Heubucht
erblickte man eine ganze Kaninchenhecke. Wanda rief: Pfui Deibel, wie stinkt's
hier! lief aber nichtsdestoweniger in den Verschlag hinein und zog einzelne
Tiere an den Lffeln heraus. Frau Katschner mute ihr sagen, welches Mnnchen
und welches Weibchen seien.
    Als das Interesse hierfr erschpft schien, hielt es Frau Katschner fr
angezeigt, die Damen in das Wohnzimmer zu fhren. Pauline kam jetzt zum
Vorschein aus ihrer Kammer, mit gesenkten Augen, ber und ber errtend. Ihre
Befangenheit war womglich noch grer als zuvor.
    Pauline war in frheren Zeiten ein gelegentlicher Gast auf dem Schlosse
gewesen, als Spielgefhrte fr Komtesse Ida, mit der sie ungefhr in gleichem
Alter stand. Damals war man vertraut gewesen miteinander, nach Weise von
Kindern, bei denen sich der Standesunterschied nicht so stark bemerkbar macht.
Frau Katschner hatte der Tochter zwar immer die grte Devotion gegen die
herrschaftlichen Kinder eingeschrft, aber beim Spiele war die knstliche
Schranke der Etikette oft genug berschritten worden. Inzwischen hatten die
beiden Komtessen eine Pension fr freiadelige junge Mdchen besucht, aus der sie
vor einem Jahre als fertige junge Damen entlassen worden waren. Sie hatten ihren
ersten Winter in der Berliner Gesellschaft hinter sich. Seit Jahren hatten sich
also die ehemaligen Spielgefhrten nicht mehr gesehen.
    Auch Ida errtete bis unter das blonde Haar, als sie Pauline jetzt die Hand
reichte. Einen Augenblick hatte sie erwogen, ob sie das Mdchen umarmen solle.
Aber dann frchtete sie, es knne gemacht aussehen und wie Herablassung wirken,
und so lie sie es lieber bei einem Hndedruck bewenden.
    Wanda hingegen stellte sich vor Pauline hin und musterte sie von oben bis
unten. Diese Pauline! rief sie. Was das fr ein Weib geworden ist. Wie eine
Frau sieht sie aus, wie die reine Frau! Gar nichts vom Mdel mehr!
    Paulinens Hals, Wangen und Stirn frbten sich purpurn. Die Komtesse ahnte
nicht, welchen Sinn jene ihrer Bemerkung unterlegen mute.
    Frau Katschners Vermittlertalent half ber diesen kritischen Moment hinweg.
Sie sprach und fragte, machte auf dieses und jenes aufmerksam, forderte die
Damen zum Sitzen auf. Sie erzhlte aus jetziger und frherer Zeit, wute ihre
devote Gesinnung gegen die Herrschaft in das rechte Licht zu rcken. Mit ihrer
Bewunderung fr die Erscheinung der Komtessen hielt sie nicht zurck. Sie war
eine Meisterin in der Dienstbotenschmeichelei. Durch gelegentlich eingeworfene
Fragen verstand sie es brigens auch, die jungen Damen zur Aussprache zu
bringen, so da sie bald allerhand fr sie Wissenswertes in Erfahrung gebracht
hatte.
    Pauline sa stumm dabei und rhrte sich kaum. Auf dem Mdchen schien
irgendetwas zu lasten.
    Famos ist es hier! rief eben Wanda. berhaupt, die sogenannten armen
Leute haben es doch gar nicht schlecht! Da erhob sich in der Kammer nebenan ein
jmmerliches Quiecken. Pauline wurde sehr unruhig, und selbst Frau Katschner
warf einen besorgten Blick nach jener Tr.
    Was haben Sie denn da drinne? Junge Katzen? fragte Wanda. Sie schien groe
Lust zu verspren, dem Grunde des Lrmens sofort nachzuforschen.
    Ach, das ist ja das Kind! rief Frau Katschner. Gndige Kontessen mssen
entschuldigen!
    Was! Habt ihr hier kleine Kinder?
    Pauline sa wie mit Blut bergossen, die Augen in den Scho gerichtet.
    Wir wissen eigentlich selbst nicht recht, wie wir zu dem Kinde kommen,
sagte Frau Katschner. Da habe ich eine Schwester, von der is der Mann
gestorben, und da is eine Tochter, die hat geheiratet, und sehen Sie, der is der
Mann davongelaufen. So ein Lump! nicht wahr? Na, ich hab's ja vorher gesagt!
Aber, wer nicht hren wollte ... Also, von der is das Kind. - Das arme Ding
haben wir derweilen hier bei uns aufgenommen, weil die sich einen Dienst sucht.
Das is der ihr Kind, ja! -
    Pauline sah ihre Mutter erschrocken an ob der Lge. Das Mdchen war auf
einmal ganz bleich geworden. Gut, da Wanda das Gesprch sofort an sich ri und
ber durchgebrannte Mnner und kleine Kinder mit Kennermiene zu sprechen begann.
Pauline schlich sich derweilen aus dem Zimmer. Gleich darauf hrte man sie in
der Kammer das schreiende Kind beruhigen.
    Na, und sehen Se! fuhr die Witwe voll Eifer fort, was meine Pauline is,
die hat Sie das Kind doch nu so lieb gewonnen, als wre 's ihr eigenes. Wie eine
zweite Mutter, mechte man sprechen, is das Mdel zu dem Kinde.
    Darf man das Kleine einmal sehen? fragte Ida.
    Frau Katschner lief ins Nebenzimmer und sprach dort halblaut ein paar Worte
mit ihrer Tochter. Bald darauf kamen beide Frauen ins Zimmer zurck. Pauline
trug den Jungen auf dem Arme.
    Das Kind sa da, einen Finger im Munde, nur mit dem Hemdchen bekleidet, das
rmchen um den Nacken der Mutter gelegt und blickte die fremden Gesichter
fragend und neugierig an. Es war ein dicker, gesunder Junge mit schnen Farben
und kernigem Fleisch. Wer Gustav Bttner kannte, mute dessen Augen
wiedererkennen; im brigen sah das Kind Paulinen unverkennbar hnlich.
    Die Komtessen verhielten sich sehr verschiedenartig dem Kleinen gegenber.
Wanda war uerst wortreich, lobte und kritisierte und gab ihrem Mifallen
Ausdruck, da der Junge keine geraden Beine habe. Das sei ein sicheres Zeichen
fr Englische Krankheit, erklrte sie kategorisch. Frau Katschner hatte zwar
noch nie in ihrem Leben von diesem Leiden gehrt, der Komtesse zu Gefallen aber
tat sie, als halte sie das fr sehr wahrscheinlich und erkundigte sich, was man
dagegen anwenden msse. Wanda war offenbar nicht ganz vorbereitet auf diese
Frage; nach einigem berlegen entschied sie: Moorbder sind das beste!
    Ida betrachtete inzwischen das Kind aufmerksam mit nachdenklichen Augen. Sie
lchelte es an, ergriff eines seiner Hndchen und versuchte auf diese Weise,
Freundschaft mit dem Kleinen zu schlieen. Whrend sich Wanda und Frau Katschner
weiter ber die Englische Krankheit unterhielten, erkundigte sie sich nach dem
Leben und Treiben des Kindes. Pauline taute dabei ganz auf. Jetzt, wo sie von
dem Wichtigsten sprechen konnte, was es fr sie auf der Welt gab, fand sie ihre
gewhnliche Lebhaftigkeit und Offenheit wieder. Das Eis war gebrochen. Nicht
mehr die Komtesse stand vor ihr, sondern eine Frau wie sie, der sie ihr Herz
rckhaltlos ausschtten durfte. Bald wute Ida alles ber das Kind, seine
Angewohnheiten und Liebhabereien. Der kleine Gustav wurde aufgefordert, die paar
Worte, welche er angeblich sprechen konnte, aufzusagen; wohl aus ngstlichkeit
vor den Fremden versagte er jedoch vllig mit seinen Sprechknsten.
    Nach einiger Zeit wurde Wanda ungeduldig, sie zog die Schwester an der Hand;
man msse nun fort. Sie htten ja noch ein paar andere Armenbesuche im Dorfe
zu machen.
    Ida bat Pauline beim Abschiednehmen, sie bald einmal auf dem Schlosse zu
besuchen. Dem Kleinen kte sie die Hndchen mit einem innigen Ausdruck in ihren
stillen Zgen, wie er nur kinderliebenden Frauen eigen ist.
    Der Pony hatte sich inzwischen das Gras des Katschnerschen Gartens schmecken
lassen. Wanda legte selbst mit Hand an beim Anschirren. Die Komtessen nahmen im
Wgelchen Platz. Wanda ergriff Peitsche und Zgel, der Groom sa hinten auf, und
fort ging's, den schmalen Weg zur Dorfstrae hinab.
    Pauline brachte das Kind in die Kammer zurck, dann schrzte sie ihr Kleid
wieder auf und machte sich schweigend ans Scheuern. Frau Katschner nahm die
Arbeit nicht wieder auf, sie beschftigte sich vielmehr mit dem Zurechtmachen
der Vesper. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick nach der Tochter, forschend,
ob die nicht endlich was sagen wrde. Pauline brstete und rieb, als ob ihre
Seligkeit davon abhinge, da die Diele rein wrde.
    Es schwebte etwas Ungelstes, Schwles, ein Vorwurf zwischen Mutter und
Tochter.
    Willst de ne vaspern, Pauline? fragte die Mutter endlich. Ich ha' der
dohie wos zurechte gemacht.
    Lat ack, Mutter! Ich ho' keenen Hunger nee! sagte das Mdchen und vermied
es noch immer, die Mutter anzusehen.
    Frau Katschner, die am Tische sa, hatte sich ihr Brot mit Quark gestrichen,
von Zeit zu Zeit fhrte sie mit dem Messer ein Stck zum Munde. Pauline war
inzwischen aufgestanden, sie stand jetzt am Ofen, den Zuber vor sich auf der
Ofenbank.
    Was meenst de wohl, Pauline! begann Frau Katschner von neuem das Gesprch;
wenn mer's, und mir htten's den Kontessen derzahlt von deinem Kleenen, da der
von dir is, wos meenst de wohl, wos die fir a Gesichte derzut gemacht haben
mechten - haa?
    Ich wee nich, Mutter! sagte Pauline nur. Sie wandte der Mutter den Rcken
zu und rang mit Aufbietung aller Kraft den Hader aus.
    Mit suwas darf man der Art gar ne kimma. Das vertrogen se ne. Do is glei
alle. Das kenn' ich. Die Grfin, su ne hibsche Frau wie das war, aber wenn a
Madel, und se tat sich vergassen ... ne! Da flog se glei naus. Do gab's nischt
uf'n Schlosse. Suwos darf man denen gar nich merken lassen.
    De Kontesse Ida is immer su gutt gewast - gegen mich ... meinte Pauline
mit stockender Stimme. Das Weinen war ihr nahe. Nu hon Sie er suwas vurgeradt,
Mutter! Ich ho' mich su schamen missen. Su ane Liege! Ne, ich mu mich su siehre
schamen, mu ich mich! Grade der Ida, die su gutt is! - Ne, Mutter, das war ne
recht vun Sie!
    Pauline lie ihren Trnen freien Lauf. Sie hatte sich auf die Ofenbank
gesetzt, die Ellbogen auf die Knie gesttzt und verbarg ihr Gesicht in den
Hnden.
    Frau Katschner war rgerlich geworden. Sie sei wohl verrckt, warf sie der
Tochter vor; sie htt's wohl den Komtessen gleich auf die Nase binden sollen,
das mit den Jungen? Das sei das richtige Mittel, um sich bei solchen Damen
beliebt zu machen! Komtesse Ida mit ihrer Zimperlichkeit she gerade danach aus,
als ob sie dem Jungen dann noch was schenken wrde. Und wenn Pauline nchster
Tage aufs Schlo gehe, dann solle sie sich nur ja in acht nehmen mit ihren
Reden, da sie sich nicht etwa verplappere.
    Pauline hrte kaum mehr auf die Vermahnungen, die ihr die Mutter mit
keifender Stimme erteilte. Schlielich wurde es dem Mdchen zuviel. Sie lief in
ihre Kammer, schlo hinter sich zu, nahm den Jungen aus dem Korbe und herzte und
kte ihn ab unter Trnen.

                                      VII.


Vor dem Kretscham in Halbenau hielt ein Einspnner. Die Kleidung des Kutschers
lie darauf schlieen, da das Fuhrwerk aus der Stadt komme. Ein rotbrtiger
Mann im grauen berzieher und karrierten Hosen stieg aus und befahl,
auszuspannen. Dann begab sich der Fremde in den Gasthof.
    In der Schenkstube befand sich nur Ottilie, die Tochter des Gastwirts.
Harrassowitz betrachtete das Mdchen mit jenem sprenden Blicke, den er fr alle
Frauen hatte, mochten sie hbsch sein oder hlich. Ist der Herr Papa zu Haus?
fragte er. Denn Sie sind doch das Frulein Tochter. Ich bin Samuel Harrassowitz
aus der Stadt, Ihr Herr Vater kennt mich.
    Ottilie zog einen schiefen Mund, was sie immer tat, wenn sie verlegen war,
und meinte, sie werde nach dem Vater schicken. Sie begab sich ins nebenan
gelegene Schnapsgewlbe, wo ihr Bruder Richard mit Umfllen von Likren
beschftigt war, und sagte ihm, wer da sei. Ach, Sam! meinte Richard. Wer ist
denn das? fragte Ottilie neugierig. Sam is Sam! erklrte Richard. Geh, sag
mir's doch! Tu'n doch selber fragen, dumme Gans! meinte der liebenswrdige
Bruder, streckte dem Mdchen die Zunge heraus und ging, den Vater zu rufen.
    Ottilie kehrte ins Gastzimmer zurck. Sie war nun doppelt neugierig
geworden, wer der fremde Herr sei. Das Mdchen hatte nicht viel Besseres vor auf
der Welt, als sich um anderer Angelegenheiten zu kmmern. Sie war meist
unbeschftigt und hatte Zeit, allerhand Gedanken nachzuhngen, von denen die
meisten tricht waren.
    Ottilie war gro und mager, mit unverhltnismig langem Oberkrper, flacher
Brust und herausstehenden Hftknochen. Weibliche Flle und Rundung war ihr
versagt. Aber aus ihrer Art, verlegen zu lcheln, den Kopf beiseite zu legen und
dabei vielsagend dreinzublicken, sprach Gefallsucht, die ihrem reizlosen Krper
zum Trotze die Blicke auf sich zu lenken trachtete. Sie hatte wenig vom
Bttnerschen Blute in sich. Mit ihrer unreinen Hautfarbe, der birnenfrmigen
Kopfform und dem fliehenden Kinn war sie eine echte Kaschel.
    Ottilie machte sich hinter dem Schenktisch zu schaffen. Vielleicht wrde der
Fremde sie doch noch einmal anreden.
    Harrassowitz tat ihr auch wirklich den Gefallen. Frulein, wollen Sie sich
nicht ein bichen zu mir setzen, ich bin hier so alleine.
    Linkisch, mit ihrem scheuen Lcheln, kam Ottilie hinter dem Schenktische
vor. Ich bin so frei! Damit setzte sie sich an den Tisch.
    Sam lie seine Blicke in unverfrorener Weise auf ihrer Gestalt herumkreuzen,
whrend sie mit scheinbar niedergeschlagenen Augen, ihn dabei von der Seite
anschielend, dasa. Darf ich mir wohl die Frage erlauben, sagte er, ihr
vertraulich zulchelnd: Ihre Hand ist noch nicht vergeben?
    Aber ich bitte sehr, mein Herr! rief sie, von ihm wegrckend, mit einer
Miene, der man deutlich absehen konnte, da ihr die Frage im Grunde gar nicht
unangenehm war.
    Das ist mir eigentlich erstaunlich! meinte er. Ein solches Frulein:
ledig! Die Tochter von Herrn Ernst Kaschel! Da wte ich manchen jungen Herrn
...
    Zu Ottiliens groem Leidwesen trat hier der Vater ein, und die Unterhaltung
wurde an der interessantesten Stelle unterbrochen.
    Guten Tag, Herr Harrassowitz!
    Guten Tag, mein lieber Herr Kaschel!
    Die beiden Mnner lachten sich an wie zwei, die einander genau kennen, und
schttelten sich krftig die Hnde.
    Recht lange nicht mehr bei uns gewesen, Herr Harrassowitz!
    Der Hndler blickte dem Gastwirt in die schlauen Augen und meinte, er wolle
sich hier drauen nur mal ein bichen nach den Ernteaussichten umsehen. -
Kaschelernst lachte ber diese Bemerkung, als sei das der beste Witz, den er
seit langem gehrt habe.
    Der Wirt schickte Ottilie nach Glsern, er selbst holte eine Flasche herbei.
Den Getreidekmmel msse Harrassowitz mal kosten, das sei was Extrafeines. Er
schenkte ein.
    Man sprach ber die Feldfrchte, ber Wetter und Viehseuche. Aber das waren
alles nur Plnkeleien. Die beiden kannten und wrdigten sich. Kaschelernst wute
ganz genau, da der Hndler nicht um Schnickschnacks willen nach Halbenau
gekommen sei. Einstweilen gefiel es aber beiden, sich mit solchem
Versteckenspiel zu unterhalten.
    Sam begann endlich ernsthaft zu sprechen, was er dadurch andeutete, da er
nher an den Gastwirt heranrckte und die Stimme senkte. Kaschelernst schickte
die Tochter, die sich hinter den Schenktisch zurckgezogen hatte, hinaus; nun
konnte ein vernnftiges Wort unter Mnnern gesprochen werden.
    Der Hndler erkundigte sich nach den Verhltnissen der verschiedensten
Personen: Bauern, Gutsbesitzer, Handwerker. Kaschelernst kramte seine Kenntnisse
aus mit der Miene eines schadenfrohen Menschen. Man konnte ihm den Hochgenu
ansehen, mit dem ihn Unglck, Fehltritte und Dummheit seiner Mitmenschen
erfllten.
    Wenn er von einem Bauern erzhlte, der vor dem Bankerotte stand, lchelte
er. Er lchelte auch, als er berichtete, da ein anderer Feuer an seine Scheune
gelegt habe. Und ausschtten wollte er sich geradezu vor Lachen, als er dem
Hndler hinterbringen konnte, ein Stellenbesitzer habe sich neulich aufgehngt,
weil ihm die Glubiger die Kuh aus dem Stalle weggepfndet hatten.
    Kaschelernst schien alle Leute in der Runde zu kennen und ber die
Verhltnisse von allen Bescheid zu wissen. Harrassowitz lauschte mit grtem
Interesse, ja mit einer gewissen Andacht, als verknde jener ein Evangelium,
wenn er erklrte: der Bauer Soundso werde sich nicht lnger als hchstens noch
zwei Jahre halten, oder der und der sei durchaus kreditfhig, da er einer
sicheren Erbschaft entgegensehe.
    Man hatte bereits mehrere Glas von dem Kmmel vertilgt, welcher dem Hndler
zu schmecken schien.
    Endlich schien Harrassowitz genug Weisheit eingesogen zu haben, er erhob
sich. Er habe noch einen kleinen Gang ins Dorf vor, erklrte er.
    So, so! meinte Kaschelernst. Hier in Halbenau is doch jetzt nischt zu
machen fr Sie.
    Ach, doch! - Ich will mir mal 'n Bauerngut ansehen.
    Kaschelernst spitzte die Ohren. Aber beileibe wollte er sich keine Neugier
anmerken lassen. Welches denne? fragte er scheinbar nebenhin.
    Sam tat, als habe er die Frage berhrt. Es soll ein schnes Gut sein,
meinte er. Felder, Wiesen, alles prima! Auch die Gebude im Stande. Natrlich
sind tchtige Schulden drauf. Die Bauern sind ja alle verschuldet. Ich will
mir's mal besehen, damit wollte er gehen.
    Da Sie sich nur nicht verlaufen in Halbenau, Harrassowitz! sagte Kaschel,
ihm folgend. Hier gibt's viele Gter, groe und kleene. Zu wem wollen Se
denne?
    Auf das Bttnersche!
    Kaschelernst zuckte mit keiner Wimper, als er den Namen seines Schwagers
hrte. Harrassowitz fixierte ihn scharf. Kennen Sie das Gut? Ich interessiere
mich dafr.
    Der Wirt zuckte die Achseln und nahm eine geheimnisvolle Miene an. Er drfe
nichts sagen, meinte er, der Besitzer sei sein Schwager.
    Ihr Schwager, Herr Kaschel! rief der Hndler mit gut geheucheltem
Erstaunen. Das ist mir ja hochinteressant zu hren! Ich habe dem Manne nmlich
Geld verschafft. Das ist mir sehr lieb, da Sie mit ihm verwandt sind; sehr lieb
ist mir das! Nun ist mir der Bauer noch einmal so viel wert, denn Sie werden
Ihren Schwager doch nicht sitzen lassen in der Patsche - was?
    Kaschelernst machte ein ganz dummes Gesicht. Es war so dumm, da man die
Pfiffigkeit, die sich dahinter verbarg, leicht merkte. Der Hndler lachte hell
heraus, und der Wirt stimmte ein. Sie hatten einander wieder mal erkannt, die
beiden Biedermnner.
    Na, ich will mir's mal ansehen, das Gut Ihres Herrn Schwagers, sagte
Harrassowitz, lie sich den Weg beschreiben und schritt dann die Dorfstrae
hinab.

                                     * * *

    Sam nherte sich dem Bttnerschen Hofe. Mit prfendem Blicke musterte er
zunchst die Baulichkeiten. Wohnhaus: Fachwerkbau mit Ziegeldach, konstatierte
er. Stlle und Scheune: nur Strohbedachung. brigens schien alles recht gut in
Schu und wohlgepflegt. Ganz heruntergekommen war der Bauer also noch nicht.
    Der Hndler trat durch die offene Tr in den Hausflur und klopfte an die
Wohnstubentr. Er traf nur die Buerin an, die am Wiegekorbe stand und ihr
jngstes Enkelchen in den Schlaf wiegte.
    Die alte Frau sah den Fremden mit offenstehendem Munde an. Sam trat mit
leutseliger Miene auf sie zu und erklrte ihr, er sei ein Geschftsfreund des
Herrn Gutsbesitzers Bttner, und er habe sich immer schon die Besitzung einmal
ansehen wollen.
    Der Buerin imponierte der Aufzug des Fremden, vor allem eine blitzende
Nadel in der Kravatte stach ihr in die Augen - von Similibrillanten ahnte die
gute Frau freilich nichts. - Was ihr Mann doch fr vornehme Bekannte hatte in
der Stadt! Sie lief nach einem Stuhle, trotz ihrer rheumatischen Lhme. Aber der
Hndler kam ihr zuvor. Sie solle sich nur um Gottes willen nicht bemhen um
seinetwillen, wenn der Bauer auf dem Felde sei, wolle er ihn dort aufsuchen,
hier im Hause mchte er um keinen Preis Strung verursachen. Es sei alles
drauen, erklrte die Buerin, die Weibsen in den Runkeln, Karl beim
Kartoffelanfahren und der Bauer ganz drauen am Walde beim Sen.
    Der Fremde sah sich im Zimmer um. Er meinte, sie htten es recht hbsch und
gemtlich hier. Dann untersuchte er die Holzverkleidung der Wand, indem er daran
klopfte. Holztfelung liebe er, das gbe im Winter ein hbsch warmes Zimmer.
Auch den Wandschrank mit den bunten Tellern bewunderte er, von denen er einzelne
herabnahm, um sie nher zu betrachten. Es gab nichts, wofr Sam nicht Interesse
gezeigt htte.
    Sehr nett, ganz riesig nett hier! sagte er und lachte die Buerin
freundlich an. So richtig ehrwrdige, patriarchalische Verhltnisse. Ich liebe
das! So was hat man in der Stadt nicht.
    Die Buerin war von solchem Lobe aufs angenehmste berhrt. Sie hielt es aber
fr ntig, die Beschmte zu spielen. Es sei durchaus nicht schn bei ihnen,
behauptete sie, und der Herr sei es gewi ganz anders gewohnt. Harrassowitz
beteuerte dagegen, da es fr ihn nichts Idealeres gbe als eine gemtliche
Bauernstube, das gehe ihm weit ber sein Kontor.
    Dann nherte er sich dem Kinde im Korbe, schkerte mit dem Kleinen, indem er
es unter dem Kinn kitzelte und Kss, Kss! dazu machte, bis das Wrmchen vor
Vergngen lachte und das dicke Oberbett von sich strampelte. Er lobte das
gesunde Aussehen des Kindes und erzhlte, da er krzlich eine Tochter
verheiratet habe.
    Die Buerin war vllig gefangen genommen durch! das vertrauliche Wesen des
Fremden. Da man so vornehm und gleichzeitig so liebenswrdig sein knne, war
ihr unfalich.
    Als Sam schlielich erklrte, nunmehr aufs Feld hinaus zu wollen, bat sie
ihn, doch ja wieder zu kommen, und geleitete ihn humpelnd bis vors Hoftor, um
ihn den Weg zu weisen.
    Er traf zunchst auf die Frauen in den Rben. Sie standen in der Furche und
behackten die Pflanzen. Die Hacken flogen nur so in den fleiigen Hnden. Von
hinten sah man die drei gebckten Rcken und unter den kurzen Rcken die sechs
bloen Waden. So standen sie in einer Reihe, wie ausgerichtet, nebeneinander.
    
    Sam war auf weichem Wiesenpfade ungehrt bis dicht an die Frauen
herangekommen. Jetzt blieb er stehen und versenkte sich in den Anblick. Er nahm
alles mit. -
    Endlich rusperte er sich. Sofort standen die drei Hacken still, die drei
Kpfe wandten sich nach ihm um. Sam stand lchelnd vor den Frauen, breitbeinig,
mit vorgestrecktem Leibe, auf seinen kurzen, krummen Beinen. Guten Tag, meine
Damen! sagte er. Es sei heute recht warm und sie sollten sich nur nicht
beranstrengen.
    Therese, die lteste und redefertigste von den Dreien, meinte, er solle
lieber selber die Hacke zur Hand nehmen, dann wrde er vielleicht etwas von
seinem Fette kommen; aber von ordentlicher Arbeit verstehe er wahrscheinlich
nichts. -
    Die beiden Mdchen, Toni und Ernestine, kicherten zu der schlagfertigen Rede
der Schwgerin. Sam nahm die Bemerkung scheinbar nicht krumm; lchelnd erwiderte
er, er habe einen anderen Beruf als Rbenhacken erwhlt. Dann fragte er nach dem
Bttnerbauer.
    Die Frauen musterten den Aufzug des Fremden mit beobachtenden Blicken. Im
hellen Tageslichte besehen zeigte es sich, da sein Hemdkragen nicht vom
reinsten und da auf seiner hellen Weste verschiedene Fettflecke seien. Toni war
ein harmloses Geschpf und viel zu phlegmatisch, um sich mit Kritisieren
abzugeben. Aber Therese und die kleine Ernestine waren um so scharfugiger. Kaum
war er auer Hrweite, so hielten sie sich ber seinen hlichen Mund, den der
rote Bart nicht gengend deckte, auf, ber seine Dachsbeine, ja selbst die
versteckte Lsternheit seines Wesens war ihrem weiblichen Scharfblicke nicht
entgangen.
    Inzwischen kam Karl Bttner, der nebenan die Kartoffeln anfuhr,
herbeigelaufen. Der Vater sei drauen am Bschelgewende, erklrte er dem
Fremden, und wies mit dem Peitschenstiele in die Richtung nach dem Walde. Sam
betrachtete sich den hochgewachsenen jungen Mann, fragte, ob er der Sohn sei,
und verlangte schlielich, ber die Felder gefhrt zu werden.
    Karl rief seiner Frau zu, sie solle auf die Pferde aufpassen, dann folgte er
dem Hndler.
    Sam umschritt die einzelnen Schlge, hie und da untersuchte er den Boden mit
seinem Stocke, an dessen Ende sich eine lange metallene Zwinge befand.
Zwischendurch richtete er Fragen an seinen Begleiter ber die Grenzen des Gutes,
ber benachbarte Grundstcke, Wege, Fruchtfolge, Bewsserung, Aussaat und
Ertrge. Auch die Verhltnisse in der Familie schienen ihn zu interessieren.
Karl wunderte sich zwar ber die vielen Fragen des Fremden, aber auf den
Gedanken, etwas zurckzuhalten, kam er nicht. Treuherzig gab er auf alle Fragen
Antwort, so gut er es eben wute.
    So kam man in die Nhe des Waldes. Schon von weitem konnte man den alten
Bauern erblicken, auf lehnan gelegenem Feldstcke, wie er, einen grauen,
bauschigen Sack vorgebunden, den Samen mit gemessenem Wurfe ausstreute, den
Acker hinab oder hinauf schreitend.
    Der verwilderte Zustand dieses Schlages, der Nhe des Waldes wegen, das
Bschelgewende benamst, das zwei Jahre lang brach gelegen, hatte dem alten Manne
keine Ruhe mehr gelassen. Sowie die Bestellung des brigen Gutes beendet, war er
daran gegangen, dieses Stck wieder urbar zu machen. Eigenhndig hatte er es
umgepflgt und einen Teil davon fr die Aussaat vorbereitet. Da es zu spt war
im Jahre, um hier noch etwas anderes zu erbauen, sete er jetzt wenigstens noch
Gemenge aus.
    Im ersten Augenblicke erkannte der Bttnerbauer den Hndler gar nicht.
Harrassowitz mute sich ihm ins Gedchtnis rufen. Nun dmmerte es in den
verdutzten Mienen des Alten. Er schttelte dem Hndler krftig die Hand. Herr
Harrassowitz, ich htt' Se, wee der Hole, bale ne derkennt. Das is scheue vun
Sie, da Sie och mal zu uns nauskumma - das is racht!
    In der Freude des Bauern lag nichts Erheucheltes. Er rechnete es dem Stdter
hoch an, da er ihn auf dem Dorfe aufsuchte, und war sogar bis zu einem gewissen
Grade stolz auf diesen Besuch.
    Der Bauer band sich den Sack ab und gab ihn Karl zum Tragen. Dann schritt
man zu Dreien langsam auf dem Wiesenpfade dem Gehfte zu. Karl ging in
respektvoller Entfernung hinter dem Vater und dem fremden Herrn drein.
    Harrassowitz lobte alles, was er sah. Nach seinem Urteil war der Boden
ausgezeichnet, die Wiesen in bester Kultur, und der Stand der Feldfrchte lie
nichts zu wnschen brig. Dem alten Bauern mundeten die Lobeserhebungen des
Hndlers wie Honigseim. Er schmunzelte vergngt in sich hinein.
    Sie werden eine glnzende Ernte machen, mein guter Herr Bttner! sagte
Harrassowitz. Ich gnne es Ihnen von Herzen, denn hier in dem Boden steckt
Arbeit, das sieht man.
    Gab's Gott! Gab's dar liebe Gott! erwiderte der Alte und bekreuzigte sich
dabei. Es war ihm eigentlich nicht recht, da der andere eine solche
Prophezeiung ausgesprochen hatte. Man durfte nichts berufen. Gebraucha kennten
mer schun ane gute Ernte. Aber, da kann Sie mich mancherlei fr sich giehn bis
dohie. Er seufzte.
    Der Bttnerbauer hatte gerade in den letzten Tagen wieder schwere Sorgen
durchzumachen gehabt.
    Sein Schwager Kaschel hatte ihm durch eingeschriebenen Brief seine Hypothek
von siebzehnhundert Mark gekndigt. Das hatte wie ein Blitz aus heiterem Himmel
gewirkt. Woher das Geld herbeischaffen fr diese an letzter Stelle eingetragene
Hypothek! Mehr noch aber als die Kndigung hatte den Bttnerbauern ihre Form
gergert, ja geradezu in helle Wut versetzt. Ein eingeschriebener Brief! War so
etwas erhrt! Darin erblickte er eine ganz besondere Niedertrchtigkeit von
seiten seines Schwagers. Ein eingeschriebener Brief! Er hatte da dem Postboten
sogar noch etwas unterschreiben mssen. Und dabei wohnte sein Schwager einige
hundert Schritte von ihm. Man konnte sich vom Bttnerschen Gute zum Kretscham
mit einigermaen lauter Stimme etwas zurufen.
    Wre Kaschelernst an jenem Tage dem Schwager in den Wurf gekommen, es htte
wohl ein Unglck gegeben.
    Und das war noch nicht einmal alles. An verschiedenen Stellen drckte den
Bauern der Schuh. Der Viehhndler, dem die Kuh immer noch nicht ganz bezahlt
war, hatte gemahnt. Die Gemeindeanlagen waren fllig fr mehrere Termine. Der
Bttnerbauer hatte sein Bargeld immer und immer wieder berzhlt und seinen Kopf
angestrengt. Er wute keine Hilfsquellen mehr. Er wrde schuldig bleiben mssen,
und in der Ferne drohte das Schreckgespenst der Pfndung.
    Ist es nicht ein wahrer Segen Gottes! rief Sam und blieb vor dem groen
Kornfelde stehen, dicht am! Hofe. Hier wchst doch wirklich das reine Gold aus
dem Boden!
    Das Wort lste dem Bttnerbauer die Zunge. Natrlich fiel er nicht mit der
Tr ins Haus. Nach seiner buerisch verschlossenen, mitrauischen Art fing er an
ganz entlegener Stelle an und kam dann allmhlich seinem Gegenstande vorsichtig
nher.
    Der Hndler lie sich erzhlen. Mit teilnahmsvollem Gesichte hrte er zu.
Als der Bauer schlielich so weit war, da er ihm rckhaltlos seine miliche
Lage erffnete, nahm Sam eine ernstlich betrbte Miene an. Das tue ihm von
Herzen leid, sagte er. Ja, was wird denn da werden, mein guter Bttner? Die
Glubiger werden sich mit bloen Versprechungen wohl nicht beruhigen. Was wird
denn da werden?
    Ja, witen Sie nich an Rat, Herr Harrassowitz?
    Ich! - Ich bitte Sie, mein Bester, wie knnte ich Ihnen da einen Rat geben;
ich bin Kaufmann. In diesen lndlichen Dingen wei ich gar keinen Bescheid.
    Ich meente - ob Se nich vielleicht - wegen an Gelde ...
    Aber mein verehrter Freund! Wofr halten Sie mich denn?
    Ich dachte ack - weil Sie mer duch schun eemal, und Se han mir dunnemals su
freindlich gehulfa.
    Ach, Sie meinen damals mit Schnberger! Ja, sehen Sie, da lag die Sache
gnstiger. Da war einfach eine todsichere Hypothek zu besetzen - aber hier ...
nein, das sind Sachen, mit denen sich ein reeller Geschftsmann nicht gern
abgibt.
    Man ging fortan schweigend nebeneinander her. Der alte Bauer in stummer
Verzweiflung. Er hatte bei all den Sorgen der letzten Tage im stillen immer auf
Harrassowitz gehofft. Wenn alle Strnge rissen, wollte er sich an den wenden,
der wrde schon einspringen. Nun war es damit auch nichts!
    Schon war man an das Gehfte herangekommen und ging an der hinteren Wand der
Scheune entlang, da machte der Hndler pltzlich Halt. Bttner! sagte er, ich
habe mir die Sache berlegt: Ihnen mu geholfen werden. Einen Mann wie Sie, der
sich so redlich mht, in der Klemme sitzen zu lassen, das bringe ein anderer
bers Herz, ich nicht! Ich werde Ihnen das Geld verschaffen, obgleich ich selbst
noch nicht wei, wo hernehmen. Denn ich habe alles im Geschfte festgelegt.
Unsereiner kann auch nicht immer so, wie er gern mchte. Aber geschafft mu es
werden. Erst mal Ihre laufenden Schulden! die mssen Ihnen zunchst vom Halse
geschafft werden. Spter wird dann auch fr die Hypothek Rat werden. Sagen Sie
mir, wie viel die Lpperschulden ausmachen.
    Dem alten Manne zitterten die Hnde vor freudigem Schreck. Das Glck kam so
berraschend, da es ihm fr Augenblicke das Denkvermgen vllig benahm. Er
rechnete, nannte einige Zahlen, widersprach gleich darauf, faselte unsicher
zwischen seinen eigenen Angaben hin und her.
    Sam klopfte ihm beschwichtigend auf den Rcken. Nun, nun, mein Guter! Nur
keine Aufregung! Wir werden uns das nachher in aller Ruhe berechnen. Jetzt will
ich mir mal Ihre Gebude von innen ansehen.
    Man trat in die Stlle. Mit Kennerblick prfte der Hndler den Viehstand.
Eine Kuh hatte die Trommelsucht. Sam gab gute Ratschlge fr ihre Behandlung.
Auch die Scheune besah er sich, prfte das Geblk. Selbst in den Schuppen warf
er einen Blick. Er untersuchte, ob die Dngersttte auch die Jauche halte. Dann
betrat er den Garten, pflckte sich im Vorbeigehen eine Narzisse, die er ins
Knopfloch steckte, lie sich einen Augenblick auf der Holzbank nieder, die um
den alten groen Apfelbaum gegenber dem Westgiebel des Wohnhauses angebracht
war.
    Nichts gehe ihm ber die Traulichkeit des Landlebens, erklrte er und
musterte das alte, freundliche Haus mit empfindsamen Blicken; am liebsten gbe
er sein Geschft auf und wrde selbst ein Bauer.
    Inzwischen hatte die Buerin drinnen einen Kaffee zurecht gemacht, wie er im
Bttnerschen Hause noch nicht getrunken worden war. Die wohlbeleibte Frau
erschien dann selbst im Garten und bat mit ihrem schnsten Knix den Herrn zum
Vesper.
    Es gab Butter, Quark und Honig zum Schwarzbrot. Sam kostete von allem. Er
schmeichelte sich dadurch, da er so gar nicht whlerisch war, nur noch mehr im
Herzen der Wirtin ein.
    Nachdem er sich satt gegessen und getrunken, lehnte er sich zurck und
entnahm seiner Brusttasche ein Zigarrenetui. Es ist doch gestattet, zu
rauchen? fragte er lchelnd. Nach einer guten Tasse Kaffee gehrt sich eine
Zigarre! Dann holte er aus seinem Rocke eine gewichtige Brieftasche hervor, die
er vor sich auf den Tisch legte.
    Nun vielleicht zum Geschftlichen, Herr Bttner, wenn's recht ist?
    Der Bauer hatte inzwischen in einer Ecke des Zimmers sein Wesen fr sich
gehabt. Mit Hilfe eines Stckes Kreide schrieb er dort Zahlen an die braune
Wand. Jetzt wischte er die Zahlenreihe mit dem Rockrmel aus und trat zu dem
Hndler. A Mrker dreihundert wer'ch brauchen, sagte er mit gedmpfter Stimme,
was bluig de Handschulden sen.
    Der Hndler klappte die Brieftasche auf und bltterte darin.
    De Weibsen megen a mal nausgihn! sagte der Bauer, als er bemerkte, da
Ernestine und Therese lange Hlse machten und die Kpfe zusammensteckten.
Mutter, du kannst bleiba und Karle och! Die drei jngeren Frauen entfernten
sich darauf schleunigst.
    Sam hatte der Tasche ein Paket blauer Scheine entnommen. Ein glcklicher
Zufall! sagte er, da ich gerade heute Geld einkassiert habe. Fr gewhnlich
pflege ich nicht so viel bei mir zu tragen. Er legte drei Hundertmarkscheine
nebeneinander auf den Tisch und behielt die brigen in der Hand. Hier wre das
Gewnschte, lieber Bttner! Soll ich Ihnen vielleicht noch hundert Mark darber
geben, da ich's einmal hier habe?
    Der Bauer starrte mit groen Augen auf das Geld, rhrte aber keinen Finger
und sagte auch nichts.
    Ihnen gebe ich Kredit, so viel Sie wollen, Bttner. Ein so tchtiger Wirt
wie Sie, mit solch einer Ernte auf dem Felde! Ihre Unterschrift ist mir so gut
wie bar Geld.
    Dem alten Manne drehte sich alles vor den Augen. Er sah bald den Hndler,
bald seine Frau an, die neben ihm stand. Durfte er denn seinen Augen trauen! war
das nicht etwa ein Spuk! Hier lag das Geld, das er brauchte und noch mehr, auf
der Tischplatte, so viel, um ihn aus allen seinen Nten zu reien. Hier sa
einer, der ihm die Hilfe geradezu aufntigte. Was sollte man davon denken?
    In seiner Ratlosigkeit wollte er schon den ltesten Sohn um seine Meinung
befragen. Aber Karl sah dem ganzen Vorgange mit einer so vllig
verstndnisleeren Miene zu, da der Alte diesen Gedanken schnell wieder fallen
lie. Er blickte fragend nach seiner Lebensgefhrtin hinber.
    Die Buerin nickte ihm zu, ermutigte ihn: Nimm's ack, Mann! nimm's ack an!
Der Herr meent's gut mit uns - ne wohr?
    Der Bauer streckte die Hand aus und wollte nach dem Gelde greifen.
    Halt! Noch eine kleine Formalitt! meinte Harrassowitz lchelnd und legte
schnell sein Taschenbuch auf die Scheine. Nur der Ordnung wegen! Wir stehen
allezeit in Gottes Hand und wissen nicht, wie schnell wir abgerufen werden
knnen. Dann fehlt es nachher an einem Belege. Das wollen wir doch nicht! Nicht
wahr?
    Er hatte dem Taschenbuche einen schmalen, bedruckten Zettel entnommen.
Tinte und Feder ist wohl im Hause? Karl wurde beauftragt, das Gewnschte zu
schaffen. Ordnung mu sein in allem. Das ist man sich als reeller Geschftsmann
schuldig. Sam fllte das Formular mit einigen Federzgen aus. Also, ich
schreibe Mark vierhundert. Es ist doch recht so? Niemand antwortete; der Bauer
atmete so schwer, da man es durch das ganze Zimmer vernahm. Dann bitte ich
nur, hier zu unterschreiben, sagte der Hndler, stand auf und reichte dem Alten
die Feder.
    Der Bttnerbauer stand eine Weile da, den Zettel drehend und wendend; mit
hilflosen Blicken sah er Frau, Sohn und den Hndler an. Lesen Sie nur erst,
Herr Bttner! mahnte Harrassowitz. Ungelesen soll man nichts unterschreiben.
Der Bauer hielt das Papier mit zitternden Hnden weit von sich ab und studierte
lange. Nur keine Sorge, mein Guter; es ist alles drin, was drin sein mu,
witzelte Sam. Die ganze Geschichte ist in bester Ordnung. Bequemer kann ich's
Ihnen nicht machen. Hier, das Geld! Sie bekennen: Wert in bar empfangen zu haben
und mir die Summe am ersten Oktober dieses Jahres zurckerstatten zu wollen. Da
fllt die Ernte dazwischen, bedenken Sie das! Kulantere Bedingungen kann ich
nicht stellen. Das Papier hier brauche ich zu meiner Sicherung. Eine leere
Formalitt, weiter nichts, aber sie ist nun mal ntig. Also, bitte! Der Alte
berlegte noch immer. Seine arbeitenden Zge lieen auf den schwersten
Seelenkampf schlieen.
    Sam nahm eine finstere Miene an. Ich glaube gar, Herr Bttner traut mir
nicht! sagte er zu der Buerin. In diesem Falle nehme ich mein Geld lieber
zurck! Aufdrngen will ich mich nicht, nein! Ich dachte nur, ich knnte dem
Herrn eine Geflligkeit erweisen. Aber, wenn er nicht will ... Mit seiner
rotbehaarten Hand griff er bereits nach den Scheinen.
    Traugott! rief die Buerin und stie ihren Mann in die Seite. Bis ne
verrickt! Unterschreib ack das Briefel! Dann zog sie ihn am rmel und raunte
ihm zu: Ar wird glei biese warn, wenn de no lange machst.
    Sie reichte ihm selbst die Feder.
    Hier, bitte, an dieser Stelle, Herr Bttner! - Weiter rechts! ... Hier! ...
Blo den Namen. Der Hndler wies mit dem Finger genau auf den Fleck.
    Und so unterschrieb der Bttnerbauer den Wechsel.

                                     VIII.


Pauline lie volle vierzehn Tage ins Land gehen, ehe sie der Aufforderung von
Komtesse Ida, sie im Schlsse aufzusuchen, nachkam. Sie wre mglicherweise
berhaupt nicht dorthin gegangen, wenn nicht ihre Mutter sie unausgesetzt dazu
angetrieben htte.
    Eines Nachmittags also zog sie ihr Kirchenkleid an und setzte den neuen Hut
auf, den sie sich von Gustavs Gelde angeschafft hatte. So ging sie in ihrem
Feiertagsstaat nach dem Schlosse.
    Die Herrschaft Saland lag ungefhr eine halbe Stunde Wegs von Halbenau
entfernt. Ein eigentliches Dorf war nicht vorhanden; aber das Schlo mit seinen
Nebengebuden bildete an sich einen stattlichen Huserkomplex. Ein ausgedehnter
Park mit Rasenpltzen, Teichen, Gebschen und Baumgruppen umgab das Herrenhaus.
Die eigentlichen Grenzen dieses Parkes waren kaum festzustellen, da er sich in
die ausgedehnten Wlder der Herrschaft verlief.
    Pauline ging auf der groen Heerstrae, die unfern vom Schlosse
vorberfhrte, hin. Sie bog nicht in den breiten Fahrweg ein, der sich in
Schlangenlinien durch den Park zog und schlielich ber einen jetzt trocken
gelegten Wallgraben vor dem Portal des Schlosses fhrte. Sie whlte vielmehr
einen schmalen Seitenpfad. Das Mdchen war mit den Gebruchen und Sitten des
grflichen Haushaltes bekannt. Sie wute, da gewhnliche Leute vom Kastellan
gar nicht erst zum vorderen Portal eingelassen wurden. Fr ihresgleichen gab es
einen besonderen Eingang durch das Hinterportal. Sie wollte auch zunchst nur
die grfliche Wirtschafterin besuchen, Mamsell Bumille, die mit ihrer Mutter gut
bekannt war, und die sie selbst auch kannte von jener Zeit her, wo sie auf dem
Hofe gearbeitet hatte. Mit Mamsell Bumille wollte sie erst Rcksprache nehmen
und hren, ob Komtesse Ida berhaupt anwesend und ob sie allein sei. Das Mdchen
war sich noch gar nicht im reinen darber, ob sie den Besuch bei der Komtesse
nicht schlielich doch unterbleiben lassen solle.
    So nherte sie sich auf Seitenpfaden dem Schlosse, einem mchtigen
Steinviereck mit hohen, kahlen Wnden, kleinen, weieingerahmten Fenstern und
einem klobigen Turm, der jh aus einer Ecke aufsprang wie ein schtzender Riese.
Von geschmackvoller Gliederung war an diesem Bau nichts zu spren, aber das
Ganze wirkte durch seine Masse und Wucht imponierend.
    Dem Mdchen klopfte das Herz gewaltig. Der Anblick des Schlosses hatte immer
etwas Erdrckendes fr sie gehabt. Da es auch nur ein Bau sei, von Menschen
aufgefhrt, zur Behausung fr Menschen bestimmt, nur grer und fester als ihre
armselige Htte, ein solcher Gedanke war ihr noch nie gekommen. Das Schlo war
eben das Schlo fr sie. Seinesgleichen gab es nicht auf der Welt, und seine
Bewohner waren hhere Wesen, die mit gewhnlichen Sterblichen zu vergleichen,
ihr nicht im Traume eingefallen wre.
    Der hintere Torweg war offen. Pauline gelangte durch eine gewlbte Einfahrt
in den viereckigen Schlohof, der mit groen Steinplatten ausgelegt war. Die
Innenwnde des Schlosses waren von hundertjhrigem Efeu bis zum dritten
Stockwerk dicht berzogen. Nur die Fenster wurden freigelassen von dem
dunkelgrnen Geranke. Dicht am Erdboden zeigten diese Efeustcke einen
Durchmesser von Armesstrke. ber Tren und Fenstern waren Hirschgeweihe von
betrchtlicher Endenzahl angebracht. Ein Paar dorische Sulen, die das Portal
flankierten, trugen einen steinernen Lwen, der in aufrechter Haltung druend
das grfliche Wappen in seinen Vorderpranken hielt.
    Pauline kreuzte diesen Hof. Sie wagte nicht links noch rechts zu blicken,
ihr war zumute, als sei sie auf verbotenen Wegen. - Gott sei Dank, niemand
begegnete ihr! Dann schlpfte sie durch eine kleine Pforte in einer Ecke des
Hofes, die, wie sie wute, auf den Kchengang fhrte. Hier stand sie nun
klopfenden Herzens und wartete, bis jemand von dem Gesinde sie bemerken wrde.
    Ein Mdchen, das aus der Kche kam, sah sie stehen und forschte, was sie
hier wolle. Pauline fragte in schchternem Tone nach Frulein Bumille. Die
Bedienstete klopfte an die nchste Tr. Mamsell, hier is jemand, der zu Sie
will! Die Wirtschafterin erschien in der Tr, die ffnung mit ihrer stattlichen
Figur nahezu ausfllend.
    Katschners Pauline! rief sie. Sieh' eins an! Na, Mdel, lt du dich auch
mal wieder blicken. Ich sagte noch gestern - oder war's vorgestern - sagte ich:
was nur mit der Pauline sein mag. Und Komtesse Ida hat auch schon befohlen, wenn
Pauline Katschner kommt, soll sie gleich zu ihr gefhrt werden, nmlich zur
gndigen Komtesse. Na, da komm mal rein zu mir, Mdel!
    Die Dame fate Pauline ohne weiteres an der Schulter und schob sie in das
Zimmer, dessen sich Pauline von frher her recht gut entsann; es war die
Mamsellstube. Pauline mute sich setzen und erzhlen. Fr die Bumille war der
Klatsch Lebensbedrfnis. Sie interessierte sich mit seltener Weitherzigkeit fr
die intimen Verhltnisse von jedermann; am liebsten freilich hrte sie
Liebesgeschichten.
    In der herrschaftlichen Kche stand tagein, tagaus eine Kaffeekanne am
Feuer. Die Mamsell wute nur zu gut, welch zungenlsende Wirkung dieser Trank
besonders auf ihr Geschlecht ausbt. Auch vor Pauline wurde heute eine Kanne
aufgesetzt nebst Kuchen, der ebenfalls fr solche Gelegenheiten stets vorrtig
war.
    Nun wurde das Mdchen ausgefragt. Vor allem mute sie ber ihren Gustav
berichten, ihren Brutigam, wie die Mamsell sich gewhlt ausdrckte. Was er
treibe und ob er viel an sie schreibe. Die Bumille ging in ihrer Teilnahme so
weit, zu forschen, ob Pauline etwa Briefe von ihm bei sich habe, und schien zu
bedauern, als Pauline das verneinte. Ob sie denn auch sicher sei, da er sie
heiraten werde, fragte sie schlielich. Pauline errtete und meinte mit
gesenkter Stimme, sie glaube es.
    Die Bumille war eine groe, wohlbeleibte Frauensperson. Ihren grauen
Scheitel deckte eine weie Haube mit lila Bndern. Das meiste an ihr und um sie,
von diesen Bndern anzufangen, trug das Geprge des Hngenden. Die Scke unter
den runden Augen, die schlaffen Lippen zwischen bauschigen Wangen, das
Unterkinn, der Busen - kurz, alles an dieser Person zeigte das Bestreben, sich
in schlaffer Flle bodenwrts zu senken.
    brigens wiesen ihre Zge den Ausdruck ungemachter Gutmtigkeit auf. Sie
sprach mit etwas schwerer Zunge, was ihren Redeeifer aber keineswegs
beeintrchtigte. Mit erstaunlicher Gedchtnisstrke, besonders fr unwichtige
Dinge, schien sie begabt und von ungewhnlichem Interesse fr die Geheimnisse
anderer erfllt.
    Nachdem sie aus Pauline alles Wissenswerte herausbekommen, rief sie das
Kchenmdchen herbei. Von dem Dessert einpacken! Mandeln und Rosinen,
Schokolade kann auch dabei sein! befahl sie. Fr den kleinen Gustav was zum
knabbern, fgte sie in leutseligem Tone hinzu.
    Die Bumille war bekannt durch ihre Freigebigkeit. Fr Betller und
Landstreicher war Schlo Saland ein wahres Eldorado, oder wie es in der
Vagabundensprache heit: eine dufte Winde, wo anstndig gestochen wurde. Es
war bei Mamsell Bumille Gesetz, niemanden unbeschenkt von dannen ziehen zu
lassen, so erforderte es die Ehre eines herrschaftlichen Haushaltes.
Almosengeben armer nicht! war ihr Lieblingswort. Und da sie die Freigebigkeit
nur auf Kosten ihrer Herrschaft ausbte, traf das Sprichwort bei ihr auch
wrtlich ein.
    Pauline wurde mit einer groen Tte, angefllt mit Sigkeiten, die sie in
ihre Rocktasche versenken mute - damit die Herrschaften nichts merkten -
entlassen. Sie bekam auch Gre fr ihre Mutter mit, die sollte die
Wirtschafterin doch bald einmal besuchen. Eine Zofe, von denen es in diesem
Hause eine Menge zu geben schien, wurde angewiesen, Pauline zu der Komtesse zu
fhren, deren Zimmer sich im ersten Stockwerke befand.
    Pauline folgte dem Mdchen. Zunchst ging es durch die gerumige Haushalle.
Ein Raum, der mit Waffen, Jagdtrophen und allerhand fremdartigen bunten und
blinkenden Gegenstnden ausgestattet war. Dann die Treppe hinauf! Pauline fhlte
ihren Fu in weichen Teppichen versinken. Das rief ihr mit einem Male ihre
frheren Besuche mit wunderbarer Deutlichkeit ins Gedchtnis zurck: dieses
leichte, wohlige Gefhl, das der unter den Fen nachgebende Pfhl gibt, das sie
seit der Kinderzeit nicht wieder gehabt hatte.
    Sie stand schlielich im Zimmer der Komtesse, ohne recht zu wissen, wie sie
dahin gekommen.
    Ida hatte an ihrem Schreibtisch gesessen. Sowie Pauline eintrat, erhob sie
sich und kam auf das Mdchen zu. Heute, wo sie in ihrem eigenen Heim war, ohne
Zeugen, umarmte die Komtesse die ehemalige Spielgefhrtin. Dann rckte Ida einen
Rohrsessel heran, auf den sich Pauline setzen mute, sie selbst nahm neben ihr
Platz.
    Pauline blieb scheu und fhlte sich befangen, vielleicht gerade wegen des
freundlichen Entgegenkommens der Komtesse.
    Frher, als sie beide noch kleine Dinger gewesen waren, die miteinander
getollt und in den Bschen des Parkes Verstecken gespielt hatten, war Pauline
der anderen entschieden berlegen gewesen, nicht blo durch Krperkraft und
Geschicklichkeit, auch durch Findigkeit und Mutterwitz. Das Dorfkind, vor dessen
Augen kein Geheimnis der Natur knstlich verborgen gehalten worden, war in
tausend Dinge eingeweiht, die der Komtesse rtselhaft waren. Das hatte ihr jene
natrliche Schrfe der Sinne und der Instinkte gegeben, wie sie etwa der Wilde
vor dem zivilisierten Menschen voraus hat.
    Dieses Verhltnis hatte sich nun freilich in den letzten Jahren verschoben.
    Wer die beiden Mdchen jetzt nebeneinander sah, Pauline, in ihr
Konfirmationskleid gezwngt, mit plumpen Schuhen, unter ihrem neuen Hute, dessen
aufdringlicher Bltenschmuck ihre brunliche Hautfarbe schndete, dazu die
schlechte Haltung des Oberkrpers, der an das wahrscheinlich viel zu enge
Korsett nicht! gewhnt war, die Haltung der Arme, die wohl zur Arbeit krftig
waren, die sich aber hier im Boudoir ihrer eigenen Kraft zu schmen schienen -
und dieser lndlichen Schnheit gegenber nun die andere, mit ihrem stolzen
Gesichtsschnitt, der edlen Kopfform, den verfeinerten wie gemeielten Zgen, den
unbewuten Ausdruck von berlegenheit in Blick und Lcheln, mit durchsichtigem
Teint und schlanken, weien Hnden, alles gepflegt und gleichsam von Vornehmheit
duftend, wie sie sich leicht und sicher bewegte, - wer diese beiden Gestalten
verglich, mute die berlegenheit erkennen, welche alte Kultur dem edel
Geborenen von Geburtswegen ber den Menschen der groen Masse gibt.
    Die Umgebung pate zu Komtesse Ida. Dieses Zimmer mit seiner diskreten
Besonderheit schien ein Abdruck ihres Wesens zu sein. Da war nichts Prunkhaftes,
Kokettes oder Flatterhaftes; und doch war es das Zimmer eines jungen Mdchens.
Dem Blumentische, den Wandbildern, den Photographien auf dem Schreibtische sah
man den gewhlten Geschmack und die wertende Liebe an, mit der die Besitzerin
alles verschnte, was zu ihr in Beziehung stand.
    Allmhlich wirkte auch auf Pauline der beruhigende, erwrmende Einflu
dieser Persnlichkeit. Die teilnahmsvolle Erkundigung der Komtesse nach ihren
Schicksalen lste ihr die Zunge. Ida schien mit ihren Worten, die durchaus
einfach und ohne jede Feierlichkeit waren, viel mehr zu sagen als andere
Menschen, weil ihre ernsten, milden Blicke jedem Worte noch eine besondere
Bedeutung gaben. Pauline war es zumute, als se sie vor dem alten Geistlichen,
der sie konfirmiert hatte. Dem hatte man auch alles sagen mssen, man hatte
wollen mgen oder nicht.
    Sie hatten von der Kinderzeit gesprochen, von gemeinsamen Erlebnissen, von
den anderen Gespielen. Ida hatte niemanden vergessen. Sie fragte eingehend nach
den alten Spielgefhrten aus dem Dorfe. Fast alle diese Mdchen hatten, wie es
sich herausstellte, schon geheiratet, waren Mtter.
    Dann sprang die Unterhaltung wieder zurck auf Paulinens eigenste
Lebensweise. Ida meinte, es sei doch solch ein Glck fr Pauline, da sie jetzt
das kleine Kind ihrer Base zur Pflege da habe. Ein Glck, erklrte die Komtesse,
um das sie Paulinen beneiden knne. Kleine Kinder zu pflegen, das msse doch das
schnste sein auf der Welt. Freilich, fgte sie mit dem Schatten eines
melancholischen Zuges um die klugen hinzu, dazu kme ein Mdchen selten.
    Der anderen war das Herz schwer geworden, sobald Ida von dem Kinde zu
sprechen begann. Sie kam sich auf einmal so schlecht vor. Die Komtesse ahnte ja
nicht, wen sie vor sich hatte. Wrde sie nicht aufspringen und sie aus dem
Zimmer jagen, wenn sie erfuhr, was aus ihrer Freundin inzwischen geworden sei.
Wenn diese reine, feine Persnlichkeit konnte doch kaum etwas ahnen von all
diesen Dingen und wie es in der Welt da drauen zuging.
    Und das Geheimnis brannte dem Mdchen doch auf der Seele. War es denn nicht
noch viel schlechter, vor jener, die so gut zu ihr war, eine solche Lge
aufrecht zu erhalten. Und schlielich war es doch das einfachste Ding von der
Welt! Der Junge war ihr Kind, war denn darin ein Anrecht? Konnte denn das, was
aus Liebe geschehen war, schlecht sein? Etwas, das so glcklich machte, durfte
nicht bse sein! Und die Komtesse war eine Frau wie sie. Trotz aller Vornehmheit
mute sie das verstehen! Sie hatte so liebe Augen und eine so freundliche
Stimme. Da sie bse werden oder gar zanken knne, war ganz unmglich, sich
vorzustellen.
    Aber es war so furchtbar schwer, den Anfang zu finden. Es klang so
entsetzlich, ein solches Gestndnis. Pauline dachte wie oft: jetzt wirst du's
sagen! sobald Ida einen Satz zu Ende gesprochen. Und sie verschob es doch
wieder. So ging es eine ganze Weile fort, das Mdchen begriff immer deutlicher,
da sie fortgehen wrde von hier, ohne ihr Herz erleichtert zu haben.
    Ida begann davon zu sprechen, da sie es nicht zu begreifen vermge, wie
eine Mutter ihr Kind von sich lassen und einer Fremden zur Pflege bergeben
knne. Sie fragte Pauline, was denn die Mutter dieses Kindes fr eine Frau sei,
da sie so etwas bers Herz gebracht habe.
    Da fhlte Pauline, da jetzt der Augenblick gekommen sei, zu sprechen. Mit
kaum vernehmlicher Stimme kamen die paar Worte heraus, die der anderen alles
sagten.
    Ida verlor fr einen Augenblick die Fassung. Da merkte man auf einmal, was
fr leidenschaftlich jhes Frauengefhl unter dieser Decke von guter Erziehung
und jahrelanger Gewhnung verborgen lag. Sie war aufgesprungen von ihrem Sitze,
stand da bis in die Lippen erblat, die Hand aufgestemmt auf die Tischkante mit
den Kncheln, atmete schwer und hastig, und die weie Hand zitterte.
    Keines sprach ein Wort. Pauline sa vor Ida, gesenkten Hauptes und blickte
in den Scho. Ida betrachtete diese Gestalt mit eigenartig leuchtenden Augen.
Einen Augenblick kam es wie ein herber, selbstgerechter Zug in ihr Gesicht. Ihre
Nasenflgel flogen, die Lippen schrzten sich verchtlich. Jetzt war sie das
hochfahrende Edelfrulein, das die verworfene Bauernmagd richten wollte.
    Aber das war schnell verschwunden. Trnen traten ihr auf einmal in die
Augen, um die Mundwinkel zuckte es. Mitleid war es nun, was aus jedem Zuge
sprach, Mitleid mit Pauline, Mitleid mit sich selbst, mit ihrem ganzen
Geschlecht.
    Ida stand noch eine Weile schweigend mit wogendem Busen. Allmhlich aber
fand sie ihre Gemessenheit wieder. Sie setzte sich, legte ihre schlanke Hand auf
Paulinens braunrote derbe. Da hast du wohl rechte Freude an deinem Jungen,
Pauline?
    Pauline konnte nichts sagen, sie nickte stumm.

                                     * * *

    Ein Brief von Gustav Bttner aus der Garnison! war bei Pauline Katschner
eingetroffen. Der Unteroffizier schrieb, da er die Absicht habe, nicht weiter
zu kapitulieren; so sehr ihm seine Vorgesetzten auch zuredeten, bei der Truppe
zu bleiben. Die ganze Soldatenspielerei hnge ihm zum Halse heraus. Nach dem
Manver werde er abgehen und nach Halbenau kommen. Pauline mchte zu seinen
Eltern gehen und ihnen seinen Entschlu mitteilen.
    Pauline war berglcklich. Wie gut Gustav war!
    Das Mdchen trug den Brief Tag und Nacht bei sich. In unbewachten
Augenblicken nahm sie ihn vor und las darin. Jedes seiner Worte war ihr teuer.
    Sie hatte sich doch nicht in Gustav getuscht. Wie oft hatte ihr die eigene
Mutter abgeredet, sich weiter mit ihm abzugeben, er sei ein Leichtfu und werde
sie ganz sicher sitzen lassen. Auch andere hatten sie gewarnt.
    Gustavs eigenes Benehmen schien eine Zeitlang jenen Warnern recht zu geben.
Die hlichsten Dinge waren ihr von Gustav Bttner hinterbracht worden. Sie
hatte an ihm festgehalten. Sie konnte ja nicht von ihm lassen. Er war ja der
Vater ihres Kindes!
    Nun war ihr Vertrauen doch nicht umsonst gewesen.
    In diesem Briefe war es ausgesprochen, zwar nicht mit Worten - das Heiraten
war mit keiner Silbe erwhnt - aber zwischen den Zeilen lag es. Und Pauline
wute in den Briefen ihres Geliebten zu lesen. Das einfache Mdchen hatte von
Natur jene weibliche Gabe mitbekommen, dort ahnend zu wissen, wo ihr Verstehen
aufhrte.
    Gustav verlie im Herbst die Truppe, kam nach Halbenau zurck. Das hie so
viel wie: sie wurde seine Frau. Sie wute es. Alles Nachdenken darber war
unntig. Es war so!
    Und sie sollte zu den alten Bttners gehen und ihnen seinen Entschlu
mitteilen. Sie hatte er zu seinem Boten ausersehen fr diese Botschaft. Darin
allein schon lag alles ausgesprochen. Die Familie sollte erkennen, da sie ihm
die Wichtigste sei, der er, zuerst von allen, seine Plne mitteilte. -
    Am nchsten Sonntagnachmittag begab sich Pauline auf das Bttnersche
Bauerngut.
    Sie traf die Frauen allein. Der Bauer und Karl waren ausgegangen. Die
Buerin hatte die Gelegenheit benutzt, wo ihr Eheherr abwesend war, um fr sich
und die Tchter einen Sonntagsnachmittagskaffee zu brauen. Der Bttnerbauer sah
nmlich den Kaffeegenu als Verschwendung an und hatte ein fr allemal ein
Verbot gegen solchen Aufwand ergehen lassen. Selbst zum Frhstck gestattete er
nur Milch und Mehlsuppe, wie sie seit Urgedenken seine Vorfahren genossen
hatten.
    Die Frauen waren im Bewutsein des verbotenen Tuns auf dem Lugaus. Pauline
wurde daher schon von weitem erkannt. Vier Kpfe waren hinter den Fenstern des
Wohnzimmers, als sie das Gehft betrat. Katschners Pauline! hrte sie rufen
und darauf ein Getuschel von weiblichen Stimmen.
    Jetzt wurde sie auf einmal zaghaft beim Anblick dieser neugierigen
Frauengesichter. Bis dahin hatte sie sich tragen lassen von der Begeisterung
ihres Entschlusses. Erst in diesem Augenblicke fiel es ihr aufs Herz, da sie
hier ja mit Feinden und Nebenbuhlern zu tun haben werde.
    Trotzdem pochte sie an, wenn auch zaghaft; denn jetzt war an eine Umkehr
nicht mehr zu denken.
    Therese ffnete ihr. Mit bloen Armen und Halse stand die unschne, hagere
Frau auf der Schwelle und musterte Pauline mit mignstigen Blicken. Willst de
zu uns? fragte sie in barschem Tone. Pauline erklrte schchtern, da sie zur
Buerin wolle. Se spricht, se wollte zu Sie, Mutter! erklrte Therese, ihren
kropfigen Hals nach rckwrts ins Zimmer drehend.
    Nu kimm ack rei, Pauline, kimm ack rei! rief die Buerin, bei der die
Gutmtigkeit die weibliche Rnkesucht um ein Gutes berwog!
    Pauline trat mit niedergeschlagenen Augen und unsicheren Bewegungen ein. Da
auch gerade Therese sie hatte einlassen mssen! Die beiden waren ungefhr
gleichalterig und hatten derselben Klasse angehrt. Katschners Pauline hatte
immer eine besondere Stellung gehabt, schon in der Schule, ihrer
Geschicklichkeit und ihres sauberen Aussehens wegen. Vor allem aber war sie
beneidet worden von den anderen um ihren vertrauten Umgang mit der Komtesse.
Therese aber, die mit Hilfe anderer Eigenschaften, durch: Hrte, Kraft und ein
frhzeitig entwickeltes scharfes Mundwerk, eine Rolle unter den Gleichaltrigen
gespielt hatte, war stets Paulinens rgste Widersacherin gewesen. Das Verhltnis
zwischen den beiden hatte sich eher verschlechtert als gebessert, seit Therese
den ltesten Sohn aus dem Bttnerschen Bauerngut geheiratet und Pauline die
Geliebte des jngeren Sohnes geworden war. Therese hatte nicht wenig dazu
beigetragen, die brige Familie gegen diese Liebschaft einzunehmen und Paulinen
jede Annherung an Gustavs Verwandte bisher unmglich zu machen.
    Das Mdchen schritt zunchst auf die Buerin zu, die vor ihrer Tasse am
Tische sa, und reichte ihr die Hand. Gun Tag, Buern!
    Gun Tag, Pauline, gun Tag!
    Darauf ging Pauline zu den beiden Mdchen, denen sie gleichfalls die Hand
reichte. Gun Tag, Toni! Gun Tag, Ernstinell Die beiden sahen sie befremdet an,
ohne etwas zu sagen. Toni war ohne Arg. Das schwerfllige, harmlose Geschpf
hatte keinerlei Stellung zu dieser Familienangelegenheit genommen. Die kleine
Ernestine dagegen betrachtete die Geliebte des Bruders halb mit Spott, halb mit
frhreifer Neugier.
    Trotz ihrer Befangenheit hatte Pauline, mit dem jeder wissenden Frau in
solchen Dingen eigenen schnellen Begriffsvermgen sofort festgestellt, da das
Dorfgercht wahr sei, welches behauptete, Bttners lteste sei guter Hoffnung.
Pauline kmmerte sich eigentlich wenig um den Dorfklatsch - sie ging nicht mehr
zum Tanz, seit sie den Jungen hatte - aber Nachbarn und Freunde hinterbrachten
ihr doch dieses und jenes. So war schlielich auch diese Neuigkeit zu ihr
gedrungen.
    Da niemand sie aufforderte, sich zu setzen, blieb Pauline stehen. Man
wartete darauf, da sie etwas sagen solle, denn, da sie ohne bestimmten Zweck
hierher gekommen sei, wurde nicht angenommen.
    Das Mdchen hatte die ganze Zeit ber die linke Hand unter der Schrze
gehalten. Sie hatte dort Gustavs Brief, den sie vorlegen wollte, falls man ihr
nicht glauben sollte. Schlielich mute sie sich entschlieen, zu sprechen. Sie
begann mit gedmpfter Stimme, ohne jemanden dabei anzusehen: Ich komme, und ich
soll och einen schnen Gru ausrichten von Gustaven an euch alle.
    Die Einleitung wurde mit Khle aufgenommen von den anderen Frauen.
    Und er wrde och bald nach Hause kommen, fuhr Pauline fort.
    Uf de Kirme! Wenn se'n Urlaub ghn! meinte die Buerin.
    Ne, ne! Er wird ganz nach Halbenau kommen.
    Gustav! derhemde?
    Er schreibt mir's dohie! Damit zog sie die Hand unter der Schrze vor und
hielt triumphierend den Brief in die Hhe. Er hat mer's geschrieben.
    Dos wre. Gustav vun Suldaten wag!
    Er hat sich zu sehre rgern missen mit seinem Wachtmeister. Er will nischt
nich mehr wissen vom Soldatenleben. Nach'n Manver will 'r nach Halbenau
kommen.
    Die Nachricht verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Buerin verga auf einmal
ganz, da Pauline eigentlich als eine Verfehmte betrachtet wurde in der Familie.
Sie holte das Mdchen heran und rumte ihr einen Platz neben sich ein. Gustav,
ihr Lieblingssohn, wrde nach Hause zurckkehren! Sie wollte darber Nheres
hren. Pauline mute erzhlen, was sie wute.
    Therese stand inzwischen bei den Schwgerinnen in einer anderen Ecke. Sie
betrachtete Pauline mit wenig freundlichen Blicken und murrte. Die Aussicht, da
Gustav auf den vterlichen Hof zurckkehren werde, war gar nicht nach ihrem
Geschmacke. Sie war diesem Schwager niemals grn gewesen. Sie konnte ihm seine
berlegenheit ber ihren Karl nicht verzeihen.
    Pauline war jetzt darber, der Buerin eine Stelle aus dem Gustavschen
Briefe vorzulesen. Der Unteroffizier schrieb, da es dem Vater wohl auch recht
sein wrde, wenn er zur Herbstbestellung ein paar Hnde mehr auf dem Gute habe.
    Da hielt sich Therese nicht lnger. Woas! schrie sie dazwischen und trat
an den Tisch, Gustav soit und er will hier bei uns nei! dan gruen Herrn
spiel'n, hier uf'n Gutte rimkummandieren! das mir anderen uns glei verkriechen
mechten! das kennte uns grade passen! Da mechten mir am Ende glei ganz verziehn,
Karle und ich. - Und hier sei Mensch ... damit wandte sie sich gegen Pauline,
der sie mit den Fusten vor dem Gesicht herumfuchtelte, die denkt am Ende, weil
se a Kind vun'n hat, da se schunsten zur Familie zahlte. Su schnell gieht das
ne! Wenn mer dan sene Frauenzimmer alle ufnahmen wollten, dohie, da langte s
Haus am Ende ne zu. Froit ack in der Stadt a mal nach, mit woas fr welchen dar
Imgang hoat. Oder denkst de etwan, da der d'ch heiraten werd. Bis ack ne su
tumm! Der wird a Madel mit an Kinde nahmen. Lehr du mich Gustaven kennen! - Ihr
zwee kimmt ne hier nei, so vill sag'ch ... vor mir ne! ...
    Der wtenden Person ging vor Erregung der Atem aus. Das letzte war nur noch
heiseres Gegurgel gewesen.
    Pauline sa da, gnzlich erblat, mit weit offenen Augen starrte sie Therese
an. Zu erwidern wute sie nichts. Sie war immer so gewesen. Der Roheit und
Ungerechtigkeit stand sie waffenlos gegenber.
    brigens sollte ihr von anderer Seite Hilfe kommen. Der Buerin war die
Geduld gerissen; besonders, da Therese es gewagt, Gustav schlecht zu machen,
hatte ihren mtterlichen Stolz gekrnkt. Sowie die Schwiegertochter sie zu Worte
kommen lie, wetterte sie los: Therese solle sich nur ja nicht einbilden, da
sie hier etwas zu sagen habe. Dem Bauern gehre Gut und Haus und nicht den
Kindern. Sie sollten geflligst warten, bis die Alten gestorben wren oder sich
aufs Ausgedinge zurckgezogen htten, ehe sie zu kommandieren anfingen.
    Therese lie sich den Mund nicht verbieten und redete dagegen. Die Buerin
war, wenn einmal aus ihrer gewhnlichen Ruhseligkeit aufgereizt, auch nicht die
Sanfteste. So gab es denn ein Keifen und Zetern zwischen der alten und der
zuknftigen Bttnerbuerin, da man es bis weit ber das Gehft hinaus hren
konnte. Dabei hatte man ganz die Vorsicht auer acht gelassen, Ausschau nach dem
Vater zu halten. Auf einmal ertnten schwere Futritte vom Hausflur her. Mit
erschreckten Gesichtern sahen sich die Frauen an. Es war zu spt, das Kaffeezeug
noch zu beseitigen; schon erschien der Bauer in der Tr, gefolgt von Karl.
    Der Bttnerbauer war so wie so nicht in der besten Laune. Es hatte
rgerliche Verhandlungen gegeben mit dem Gemeindevorsteher wegen eines
Gelnders, das der Bauer an seiner Kiesgrube anbringen sollte. Heute war ihm nun
von seiten der Behrde Strafe angedroht worden, wenn er den Bau noch lnger
unterlasse. Das hatte den Alten in seiner Ansicht bestrkt, da die Behrden nur
dazu da seien, den Bauern das Leben sauer zu machen. In hellem Zorn war er zum
Ortsvorsteher gelaufen und hatte dort eine halbe Stunde lang gewettert und
getobt. Sein Groll war noch keineswegs verraucht, als er jetzt bei seinen Leuten
eintrat.
    Nach einigen Schritten ins Zimmer erblickte er die Kaffeekanne auf dem
Tische. In den betretenen Mienen der Frauen las er das brige.
    Dann fiel sein Blick auf Pauline Katschner. Er stutzte. Was wollte das
Frauenzimmer hier? Er zog die Augenbrauen zusammen. Das hatte ihm gerade noch
gefehlt, an die Liebschaft seines Sohnes erinnert zu werden!
    Die Buerin sah, da die Lage bedenklich wurde. Erst wenige Tage war es her,
da hatte der Bauer erfahren, da seine lteste Tochter ein Kind erwarte. Der
Auftritt, den es darber gegeben hatte, lag den Frauen noch allen in den
Gliedern. Die Buerin kannte ihren Eheherrn. Die Adern an der Stirn schwollen
ihm; ein schwerer Sturm war im Anzuge. Es galt, den Ausbruch zu verhindern.
    Sie kam zu ihm herangehumpelt und legte ihm die Hand auf die Schulter.
Traugott! sagte sie und gab ihrer Stimme den sanftesten Klang, der ihr zu
Gebote stand. Mir han'ch ane Neege Kaffee gekucht; bis ack ne biese! Zu aner
Tasse Kaffee an Suntch Namittage langt's schun noche!
    Der Bauer rusperte sich. Sie kannte seine Gewohnheiten genau. Das war eine
Art von Ausholen; wenn man ihn erst einmal losbrechen lie, dann wurde es
furchtbar. Die erfahrene Frau sah ein, da sie jetzt einen Trumpf ausspielen
msse.
    Vater! sagte sie. Mir han och ene gutte Nachricht fir dich, ane sihre
gutte Nachricht von Gustaven. Denk der ack, ar hat geschrieben, und ar will vun
de Suldaten furt. Schun uf'n kinft'gen Herbst will er nach Halbenau zuricke
kimma, dar Gustav! Was sagst de denn anu, Mann! Freist de dich ne! Nu warn mer
unsern Jung'n bale wieder ganz in Hause han.
    Die Buerin hatte sich nicht verrechnet. Diese Nachricht wirkte bei dem
Alten wie ein Tropfen l auf erregte Wogen. Gustav nach Halbenau zurck! Die
Hoffnung, die er so lange im stillen gehegt hatte und die sich doch nicht
erfllen wollte bisher, weil der Junge zu sehr am bunten Rocke hing - und nun
wurde es doch endlich! Einen solchen Arbeiter auf das Gut und einen so
anschlgigen Kopf obendrein, wie sein Gustav war, da mute doch alles wieder gut
werden! Die tief gesunkenen Hoffnungen des alten Mannes stiegen mit einem Male
lustig in die Hhe, als er diese Kunde vernahm.
    Der Bttnerbauer machte zwar ein mimutiges Gesicht und brummte etwas, was
gar nicht nach Freude klang. Aber das war nur zum Scheine. Vor der Familie
wollte er sich seine Gefhle nicht anmerken lassen. Darum blieb er auch nicht
lange im Zimmer. Nur zum Vorwande stberte er in einer Ecke, als habe er dort
etwas zu suchen, dann ging er zur Stube und zum Hause hinaus. Unter Gottes
freiem Himmel, wo niemand ihn beobachtete, wollte er sich seiner Freude
hingeben.

                                      IX.


Der Sommer hatte nicht gehalten, was das Frhjahr versprochen. Die Herbstsaaten
waren zwar gut durch den Winter gekommen und hatten sich whrend eines milden
Frhlings krftig bestockt. Auch die Sommerung war prchtig aufgegangen, da es
im Mai eine Lust war, ber die Haferfelder und die Kartoffelbeete
hinwegzublicken. Regen und Sonnenschein folgten sich in gedeihlicher
Abwechslung. Das Korn trieb zeitig seine Schohalme. Anfang Juni sah es aus, als
ob es eine ausgezeichnete Ernte geben msse.
    In der Seele manches Landwirtes, der ber die schlechten Ertrge der letzten
Jahre schier hatte verzweifeln wollen, stieg die tiefgesunkene Hoffnung aufs
neue. Kein Stand ist ja so auf das Hoffen angewiesen wie dieser. Von dem
Auswerfen des Samens bis zum Bergen der Frucht schwebt der Landmann zwischen
Furcht und Hoffnung; jeder Tag ist von Bedeutung fr das Gedeihen, und jede
Stunde kann alles zerstren.
    Auf das vielversprechende Frhjahr folgte im Sommer Klte und anhaltende
Nsse. Die schnell aufgeschossenen Halme stockten pltzlich im Wachstum. An
vielen Stellen lagerte sich das Getreide. Die Kornfelder sahen aus, als sei eine
Riesenwalze ber sie dahingefahren. Licht und Luft fehlte der hre, eine
mangelhafte Bestubung fand statt, von unten wuchsen Disteln und allerhand
Ankraut durch das Getreide hindurch. Nur hier und da richtete der Wind die
Geknickten wieder auf. Die hren standen nicht in freier Luft aufrecht, dem
Lichte zugekehrt, wie es ntig ist fr die Entwicklung jeglicher Kreatur und
jeglicher Pflanze; sie senkten sich dem dunklen, feuchten Erdreiche zu, das
ihren Wurzeln wohl Nahrung zum Sprieen, ihren Huptern aber nicht Wrme, Licht
und Bewegung zu gewhren vermochte. So krnkelten die Krner, das Wachstum war
ohne Saft und Kern. Da gab es viele leere Hlsen und leichte Frchte, und
schdlicher Rost fra die welken Krner an.
    Auf den Wiesen hatte prchtiges Gras gestanden. Selbst auf den feuchten und
sumpfigen Flecken wuchsen heuer, begnstigt durch das trockene Frhjahr, bessere
Kruter als sonst; die sauren Grser hatten nicht die Oberhand gewinnen knnen.
Infolge der hufigen Regenschauer war berall ein dichtes Bodengras gewachsen.
Zu Beginn der Heuernte regnete es anhaltend. Nach alt bewhrter Bauernregel lie
man sich jedoch durch den Regen nicht vom Hauen abhalten. Einmal mute es ja
doch mit Gieen aufhren; der liebe Gott konnte doch unmglich wollen, da der
Segen, den er hatte wachsen lassen, so in Grund und Boden verdrbe.
    Aber die himmlischen Schleusen schlssen sich nicht. In der Kirche wurde
eifrig fr gutes Erntewetter gebetet - es regnete unbekmmert weiter. Sieben
Wochen lang mute schlechte Witterung bleiben; es hatte ja am Siebenschlfer
geregnet.
    Als es endlich doch aufhrte, da war es gerade um acht Tage zu spt. Das Heu
war zwar aus weiser Vorsicht in groe Schober gesetzt worden, aber die Nsse war
doch durchgedrungen. Als man die Haufen ffnete, dampfte und stank es. Dumpfe
Grung hatte sich darin entwickelt. Manches Heu war wie verbrannt. Kein Vieh
wollte das verdorbene Futter mehr anrhren. Statt auf den Heuboden, wanderte es
auf die Dngersttte oder in den Stall zum Einstreuen.
    Nun schien die Sonne durch volle vierzehn Tage herrlich. Der alte Gott lebt
noch! sagte der Pfarrer von der Kanzel, seht, wie hat Er es so herrlich
hinausgefhretl Die Bauern hrten sich das mit an; dem Herrn Pastor durfte man
ja nicht widersprechen. Aber in ihren geheimsten Gedanken war nicht viel von
Ergebenheit in die Ratschlsse des Hchsten zu finden. Wenn die Not am grten,
ist Gottes Hilfe am nchsten und Wer Gott dem Allerhchsten traut, der hat auf
keinen Sand gebaut. Das waren ja alles sehr schne Sprche, aber manchmal sah
es wirklich danach aus, als ob man im himmlischen Rate - ebenso wie bei der
irdischen Obrigkeit - recht wenig Verstndnis fr das bese, was dem Landmanne
frommt. Wie konnte es sonst geschehen, da jetzt ununterbrochen schnes Wetter
war, wo ein solcher Tag, vierzehn Tage frher, alles gerettet htte. Nun war das
schne Heu zu Mist geworden. Mancher schttelte den Kopf; wirklich, es ging zu
verkehrt zu in der Welt! Man wute nicht mehr, was man denken sollte.
    Die Kornernte begann. Stroh war viel da, soviel stand fest. Und wo kein
Lager gewesen, konnte man auch mit den hren leidlich zufrieden sein. Aber wo
sich das Getreide zeitig gelegt hatte und nicht wieder aufgestanden war, da sah
es trostlos aus. Jetzt erst beim Mhen merkte man, was das fr ein Fitz und Filz
geworden war. Kaum da die Sense durchdringen konnte. Noch einmal so viel Zeit
als sonst brauchten die Schnitter. Allerhand belstnde zeigten sich. An manchen
Stellen war das Getreide zweiwchsig geworden durch die anhaltende Nsse. An den
hren fand sich reichliches Mutterkorn. Der Rost und andere Krankheiten hatten
vieles verdorben.
    Den August hindurch blieb trockene, milde Witterung. So viel Einsehen hatte
der liebe Gott doch, da er die Roggenernte wenigstens nicht auch noch verregnen
lie. Den Lsterzungen und Nrglern war dadurch einigermaen der Mund gestopft,
und mancher, der durch die frhere Heimsuchung vor den Kopf gestoen worden,
machte wieder seinen Frieden mit dem lieben Gott. Ja, der Herr Pastor durfte von
der Kanzel herab sagen: so viel der Gte und Treue htten wir gar nicht
verdient. -
    Es war nicht alles verloren. Die Grummeternte stand noch aus, vielleicht
mochte sie ein wenig die Lcke ausfllen, welche das Verderben des Heues in die
Futtervorrte gerissen hatte. Der Hafer stand nicht schlecht. Streifenweise
hatte ihn freilich die Zwergzikade arg mitgenommen. Die Kartoffel stand ppig,
die Knollen waren zahlreich und gut entwickelt. Wenn der September sie nicht
verdarb, mute es eine gute Kartoffelernte geben.

                                     * * *

    Der Bttnerbauer hatte angefangen, sein Korn zu schneiden. In diesem Jahre
bildete Roggen seine Hauptfrucht. Ein Schlag, wo er besonders dick gest hatte,
war ihm gnzlich durch Lager verdorben; an anderen Stellen, wo das Getreide
weniger dicht gestanden, hatte es der Wind zum Teil wieder aufgerichtet.
    Es war eine groe Sache darum, wenn der erste Sensenhieb ins Korn getan
wurde. Schon mehrfach in den letzten Tagen hatte der Bttnerbauer die Felder
umgangen oder war auch in der Wasserfurche ein Stck hineingeschritten, um die
hren auf ihre Reife hin zu prfen. Farbe des Strohes und Lslichkeit der Krner
wollte ihm noch immer nicht gefallen. Endlich, eines Abends, gab der Alte die
Losung: Morgen beginnt die Kornernte!
    Karl dengelte die Sensen bis in die sinkende Nacht hinein. Am nchsten
Morgen bei Tagesgrauen ging es hinaus. Das groe Stck dicht am Hofe, welches
seiner geschtzten Lage wegen zuerst gereift war, kam zunchst daran.
    In einer Reihe traten sie an, ohne besonderen Befehl. Ein jedes kannte
seinen Platz von frheren Jahren her. Der Vater an erster Stelle, hinter ihm zum
Abraffen der hren Toni. Darauf Karl, dem seine Frau beigegeben war. Ernestine
hatte die Strohseile zu drehen fr die Garben. Die Buerin blieb ihres Leidens
wegen im Hause.
    Die Sensen sirrten. Bald lag eine ganze Ecke des Feldes in Schwaden. Als
arbeite eine Maschine, so regelmig flog die Sense in der Hand des alten Bauern
in weitem Bogen. Ganz unten am Boden fate sein krftiger Hieb das Korn und
legte es in breiten Schwaden hinter die Sense. Karl konnte es nicht besser als
der Alte, trotz der dreiig Jahre, die er weniger auf dem Rcken hatte. Der
Abstand zwischen den beiden Mnnern blieb der gleiche. Der Sohn trat dem Vater
nicht auf die Abstze, wie es wohl sonst geschieht, wenn ein junger und
krftiger Schnitter einem alten folgt. Die Frauen hatten genug zu tun, die hren
hinter den Sensen abzuraffen und auf Schwad zu legen.
    So hatte man bereits eine halbe Stunde gearbeitet, und der alte Mann hatte
noch nicht den Wink zu einer Ruhepause gegeben. Toni fing an, Zeichen von
Mdigkeit an den Tag zu legen. Die Arbeit war dem Mdchen nie besonders von der
Hand geflogen; in ihrem jetzigen Zustande wurde ihr jede Anstrengung doppelt
schwer. Tritt ack aus, Toni! raunte ihr der Bruder zu, ich wer's Ernestinel
ruffen. Mach du ack Strohseele. Toni hielt inne. Es war die hchste Zeit; sie
war in Schwei gebadet, blaurot im Gesicht. Karl winkte Ernestine heran, die an
Stelle der Schwester eintrat. Die Reihe hatte sich geschlossen, ohne da der
alte Bauer, der mit allem Sinnen und Denken bei der Arbeit war, etwas von dem
Wechsel gemerkt htte. Ernestine war eine rhrige Arbeiterin. Man sah es den
schlanken Gliedern der Sechzehnjhrigen nicht an, was fr Zhigkeit und
ausdauernde Kraft darin steckte.
    Als der Bttnerbauer Halt machte im Hauen, weil seine Sense gegen einen
Stein geschlagen und er die Scharte auswetzen mute, bemerkte er, da seine
lteste Tochter nicht mehr in der Linie war. Sie sa im Hintergrunde und drehte
an Ernestinens Stelle Strohseile. Das Gesicht des Alten verfinsterte sich; er
begriff sofort den Grund ihrer Entfernung - aber er sagte nichts. Die anderen
benutzten die Gelegenheit, um sich zu verpusten, whrend der Vater die Sense
schrfte. Dann ging's von neuem ans Werk.
    Noch war es nicht acht Uhr des Morgens, und schon brannte die Sonne
versengend auf die Schnitter nieder. Die Buerin kam vom Gute her, sich mhsam
mit einem Korbe schleppend. Sie brachte einen Krug dnnes Bier und
Butterschnitten. Bald sa die Familie auf dem Feldraine zum Frhstck vereinigt.
-
    Nicht immer in neuester Zeit bot die Bttnersche Familie einen so
friedlichen Anblick. fters gab es jetzt Zwist und Streit. Mit Sammetpftchen
hatte der Bauer die Seinen niemals angefat. Er war stets Herr in seinen vier
Pfhlen gewesen und hatte von den Rechten des Familienoberhauptes nach der Vter
Sitte Gebrauch gemacht. Wenn seine Art auch rauh und schroff war, ein
willkrlicher und grausamer Herrscher war er nie gewesen. Schlichte
Gerechtigkeit hatte er walten lassen in allem. Neuerdings war das anders
geworden.
    Nie htte er sich's frher beikommen lassen, seiner Ehehlfte aus ihrem
Leiden einen Vorwurf zu machen, jetzt hielt er ihr gelegentlich ihre
Gebrechlichkeit vor wie eine Schuld. Er zeigte sich hart und ungerecht gegen die
Kinder. Die Buerin hatte bereits einer Nachbarin geklagt, da man ihr den Bauer
ausgetauscht habe, da am Ende gar ein Feind ihn besprochen haben msse.
    Mit seinem ltesten konnte der Bttnerbauer gar nicht mehr auskommen. Karl
war langsam im Denken wie im Zugreifen. Das war immer offenkundig gewesen; aber
der Alte schien es jetzt erst zu bemerken. Er fluchte und verschwor sich, die
Wirtschaft gehe rckwrts, und daran sei Karl mit seiner Faulheit schuld. Er
drohte, ihn zu enterben, wenn das nicht anders werde. Karl lie dergleichen
ruhig ber sich ergehen; Ehrgefhl und Stolz waren nicht gerade stark bei ihm
entwickelt. Aber Therese nahm die Sache des Gatten um so eifriger auf, verfocht
sie mit der Leidenschaft des gekrnkten Weibes. Es gab Szenen, wie sie das Haus
noch nicht gesehen hatte. Eines Tages kam die Buerin bleich und an allen
Gliedern zitternd zu Karl aufs Feld hinausgehumpelt, er solle sogleich
hereinkommen, der Bauer und Therese rauften in der Familienstube.
    Auch dem Gange der Wirtschaft war anzumerken, da verhngnisvolle Wandlungen
vor sich gegangen waren.
    Ein unstetes Wesen machte sich in allem geltend. ber Gebhr zeitig mute
aufgestanden werden, so da die beranstrengten Menschen des Abends todmde
waren und ohne Lust und Liebe am nchsten Tage sich zur Arbeit erhoben. Am
unrechten Flecke wurde gespart. Der Buerin warf der Bauer Verschwendung vor,
wenn sie reichlich und gut kochte; die Folge war, da fortan mageres Essen auf
den Tisch kam, und da sich die Seinen hinter seinem Rcken satt aen. Auch dem
Vieh wollte er vom Futter abknapsen. Die Pferde, welche Hafer kaum mehr zu sehen
bekamen, sollten doch doppelte Arbeit leisten. Er, der frher bekannt gewesen
war als Heger und Pfleger seines Viehes, mute es erleben, da ihm, als er mit
den abgetriebenen Mhren durchs Dorf fuhr, das verfngliche Wort:
Pferdeschinder! nachgerufen wurde.
    Dabei gnnte er sich selbst am wenigsten Ruhe von allen, plagte und schand
sich in gottserbrmlicher Weise. Hohlugig und ausgemergelt lief er umher, da
es ein Jammer war, anzusehen. Manchmal berfiel ihn, besonders bei der Mahlzeit,
eine Schlafsucht, der er nachgeben mute, er mochte wollen oder nicht. In der
Kirche, wo er frher stets zu den Aufmerksamsten gehrt hatte, schlief er jetzt
schon im ersten Teile der Predigt ein. Des Nachts dagegen wachte er oft,
erschreckte die Buerin durch Selbstgesprche und wildes Aufschreien.
    Je mehr er seine Krfte nachgeben fhlte, desto verzweifelter versteifte er
sich darauf, seinen Willen durchzusetzen. Pltzlich berkam ihn eine Art von
Zwangsvorstellung. Da warf er sich mit allen Arbeitskrften, die ihm zur
Verfgung standen, auf die Urbarmachung einer Halde, die von einem eingegangenen
Steinbruch zurckgeblieben war. Die Seinigen hielten ihm vor, da man ja genug
Ackerland besitze, und da die Arbeit zurzeit an anderen Stellen brennend
notwendig sei. Aber mit solchen Einwnden durfte man ihm nicht kommen.
Wutentbrannt wies er jede Widerrede zurck. Eine ganze wichtige Woche im
September wurde so auf das Wegrumen von Schutt und Sprengen von Steinen
verschwendet. Und erreicht war damit nichts weiter, als da ein Stck Land mehr
da war, das unbrauchbar blieb fr die Bestellung.
    Mit aller Welt geriet der Bttnerbauer neuerdings in Zwist. Ein einziges
Wort konnte ihn derartig aufbringen, da er alle Besinnung verlor und den Streit
vom Zaune brach. Eines Tages ritt Hauptmann Schroff ber das Bttnersche Gut. Er
traf den Bauern bei der Feldarbeit, hielt sein Pferd an und redete den Alten in
freundschaftlicher Weise an. Der Alte tat, als habe er den Mann noch nie in
seinem Leben gesehen, geschweige denn in vertraulicher Weise mit ihm verkehrt.
Als der Hauptmann sich nach der Lage des Bauern erkundigte, ihn dabei an das
Gesprch erinnernd, das sie im Frhjahr gehabt, da brach gnzlich unerwartet und
unvermittelt aus dem Munde des Alten ein Schimpfen und Wettern los,
Verwnschungen und Beschuldigungen gegen die Herrschaft, die ihm den Garaus
machen wolle, so beleidigend und verletzend, da der grfliche Gterdirektor
seinem Renner die Sporen gab, machend, da er von dem alten Isegrim wegkam.
    Mit Gemeinde und Behrde war der Bttnerbauer neuerdings ebenfalls
zusammengeraten und auch nicht zu seinem Vorteil. Der Dorfweg fhrte ein Stck
entlang der Bttnerschen Grenze. Der Bauer hatte nahe am Wege eine Kiesgrube
angelegt, aus der er seinen Bedarf an Sand zu Bauten und Wegebesserungen
entnahm. Im Laufe der Zeit hatte sich durch Sandholen und Nachstrzen vom Rande
das Loch vergrert. Es drohte Gefahr, da Fugnger und Geschirre, namentlich
bei Dunkelheit oder Schneeverwehung, in die Grube strzen und Schaden nehmen
mchten. Die Gemeinde hatte daher das sehr begreifliche Verlangen an den
Besitzer der Kiesgrube gestellt, er mge zwischen Weg und Grube ein Gelnder
errichten. Der Bttnerbauer kehrte sich berhaupt nicht an dieses Ansinnen, das
er als einen Eingriff in sein gutes Recht auffate. Darauf Beschwerde von seiten
der Gemeinde beim Landrat. Das Amt dekretierte, der Bauer habe das Gelnder bis
zu einem bestimmten Zeitpunkte herzustellen. Der Bauer lie den Zeitraum
verstreichen, ohne einen Finger zu rhren. Hierauf Strafverfgung von seiten der
Behrde. Der Bauer schimpfte und tobte; aber hier half all sein Sperren nichts.
Er hatte sich selbst ins Unrecht gesetzt. Das Anbefohlene mute schlielich
ausgefhrt werden, und Strafe hatte er obendrein zu zahlen.
    So tat er in allem gerade das, was ihn am meisten schdigen mute. Es war,
als ob der Teufel den alten Mann geblendet htte. Die Buerin hatte nicht so
ganz unrecht mit ihrer Klage, da ihr Bauer behext worden sein msse.
    Es gab in der Tat ein Schreckgespenst, das dem Bauern im Rcken sa, ein
Werwolf, der ihn ritt, da er, halb wahnsinnig, nicht mehr wute, wo ein und
aus.
    Seit er dem Hndler den Wechsel unterschrieben, hatte der Bttnerbauer keine
ruhige Stunde mehr gehabt. Kaum war Harrassowitz zum Hause hinaus gewesen, htte
er ihn zurckrufen mgen, ihm sein Geld zurckzugeben.
    Dabei hegte er keinerlei bestimmten Verdacht gegen Harrassowitz. Er hatte
den Hndler nicht anders als freundlich und zuvorkommend kennen gelernt. Aber
das Bewutsein, da es einen Menschen auf der Welt gab, von dem er abhngig war,
der einen Zettel besa, auf dem sein Name stand, und der durch diesen Fetzen
sein Schicksal in Hnden hielt, das war der Alp, der auf dem Manne lastete, das
war das unheimliche Gespenst, das des Tages pltzlich vor ihm auftauchte, ihn
besa, wo er ging und stand und ihn des Nachts vom Lager aufscheuchte.
    In der ersten Zeit, als der Verfallstermin noch in weitem Felde stand, hatte
er sich der Hoffnung auf einen guten Ausgang nicht verschlossen. Wenn die Ernte
gut ausfiel, wenn hohe Preise wurden! Er hatte doch in anderen Jahren manchmal
aus dem Roggen allein an zweitausend Mark erzielt. Warum sollte denn das nicht
auch in diesem Jahre eintreten, wo Korn seine Hauptfrucht war. Stroh konnte auch
verkauft werden und vielleicht auch einige Fuder Heu. Auf die Weise konnte
hbsches Geld zusammenkommen, allein aus der Winterung. Und die Sommerfrchte
behielt er dann zur Deckung des Winterbedarfes und zum spteren Verkauf.
    So rechnete der Bauer im Frhjahre. Dann kam der erste Rckschlag durch die
verregnete Heuernte. Mit dem Heuverkauf war also nichts; man mute ja das
wenige, was man gerettet hatte vor dem Verderben, aufheben fr den Winter. Die
Kornernte war inzwischen beendet. Der Bttnerbauer hatte eine Menge Puppen
setzen knnen; sein Feld hatte voll ausgesehen. Das Getreide war trocken in die
Scheune gekommen.
    Der Bauer besa eine kleine Dreschmaschine und einen Gpel auf seinem Hofe.
Das meiste lie er freilich im Winter mit dem Handflegel ausdreschen nach alter
Sitte; das Stroh blieb beim Handdrusch besser, und dann liebte er auch nicht die
Neuerungen. - Maschine blieb Maschine, wenn es auch nur ein einfaches Gpelwerk
war. In diesem Jahre aber lie er gleich mehrere Tage hintereinander mit dem
Gpel dreschen. Er mute ja Korn haben zum schleunigen Verkauf.
    Der alte Bauer stand am Siebe, whrend Karl die Garben hineinschob und
Therese drauen das Pferd antrieb. Der Bauer nahm selbst das Getreide ab und ma
es nach.
    Seine Miene wurde dsterer und dsterer. 's schttet ne, 's will ne
schtten! erklang sein verzweifelter! Ruf. Was nutzte ihm das viele Stroh, wenn
der Krnerertrag so gering war! Und dabei hatte er das Hauptkorn in diesem Jahre
auf vorjhrigem Kartoffellande gebaut, das noch reich an Dnger gewesen. Er
hatte es an Sorge und Flei nicht fehlen lassen, und trotzdem kein Erfolg! Es
waren die kalten Tage und Nchte im Anfange des Sommers gewesen, die den
Landwirt um den Ertrag seiner Mhen betrogen hatten.
    Schlielich lag das gesamte Ergebnis der Kornernte in einem stattlichen
Krnerhaufen, durchgesiebt und durchgeworfen, von Spreu und Unkrautsamen
sorgfltig befreit, auf dem Schttboden.
    Wenn's nu ack an Preis htte! sagte der Bttnerbauer und schickte den Sohn
in den Kretscham. Karl sollte dort ein Glas Bier trinken und bei der Gelegenheit
im Kreisblatte nachsehen, was der Roggen jetzt gelte.
    Karl kam mit der Nachricht zurck, da Roggen pro erste Septemberwoche
neunzig stehe. Kaschelernst habe gemeint, der Preis werde in nchster Zeit noch
viel tiefer sinken an der Brse, von wegen der auslndischen Einfuhr, so
berichtete Karl wrtlich, ohne zu verstehen, was das eigentlich heie. Wer klug
handeln wolle, der hielte sein Korn bis zum Frhjahr, da werde es schon Preis
bekommen, habe Kaschelernst gesagt.
    Der Bttnerbauer konnte sich schon denken, mit welch treuherziger Miene sein
Schwager das gesagt haben mochte. Halten bis zum Frhjahr! Der Schuft! Als ob
der nicht ganz genau wisse, da der Bauer verkaufen mute, unter allen Umstnden
und zu jedem Preise. Und derselbe Mann, der ihm hier so freundlichen Rat
erteilen lie, war es, der ihm die letzte Hypothek Knall und Fall gekndigt
hatte. Der alte Bauer griff sich an den Hals und schluckte, als se da etwas,
was nicht hinunter wollte.
    Der Bttnerbauer machte sich darauf ans Rechnen. Das war stets als eine
geheimnisvolle Sache von ihm behandelt worden. Eine eigentliche Buchfhrung
kannte er nicht. Das Wichtigste behielt er im Gedchtnis. Er wute Ausgaben und
Einnahmen, die er gemacht, von vielen Jahren her auf Heller und Pfennig
anzugeben. Aber obgleich er fr gewhnlich nichts buchte, so machte er von Zeit
zu Zeit doch einmal einen Abschlu. Dann gab es ein hchst umstndliches Rechnen
mit Kreide auf einer Tischplatte oder einer Tr. Die Sache nahm Stunden in
Anspruch. Lange Zahlenreihen wurden aufgeschrieben, alle vier Spezies bemht.
Den eigentlichen Sinn aber dieser ganzen Rechnerei verstand nur der Bttnerbauer
allein. Es war ein Vorgang, der auch uerlich wie ein Geheimnis behandelt
wurde, denn er duldete nicht, da jemand whrend der Zeit sich im Zimmer
aufhielt. Die Seinen wuten das. Wenn es hie: Der Vater rechnet! hielt man
sich wohlweislich fern, denn dann war nicht gut Kirschen essen mit dem Alten.
    Auch diesmal hatte er eine verzwickte Rechnung angestellt. Das Ergebnis war
ein sehr einfaches und in seiner Einfachheit bestrzendes: Achthundert Mark! Auf
mehr kam er nicht! Das war nicht annhernd genug zur Deckung des Wechsels und
zur Bezahlung der Michaeliszinsen.
    Der alte Mann ballte die Faust. Er wute selbst nicht, gegen wen. Wer war es
denn, der die Schuld daran trug, da ihm nicht der Lohn seiner Arbeit wurde?
Sollte er den lieben Gott dafr verantwortlich machen, oder sollte er die
Menschen bei dem lieben Gott verklagen? Wer war der Feind, wo die Macht, die ihn
um das Seine gebracht hatte? -
    Der Bauer drohte in die leere Luft hinaus. Das war nicht zu fassen, fr
seinen Arm nicht zu erreichen: die Mchte, die Einrichtungen, die Menschen,
welche Schuld hatten, da sein Schwei umsonst geflossen war. Irgendwo da
drauen, unfalich fr seinen ungelehrten Verstand, gab es ungeschriebene
Gesetze, die mit eherner Notwendigkeit auf ihn und seinesgleichen lasteten, ihn
in unsichtbaren Ketten hielten, unter deren Druck er sich wand und zu Tode
qulte.
    Das Exempel stimmte mit frchterlicher Genauigkeit. Wenn er den Wechsel
bezahlte, langte es nicht zu den Zinsen, bezahlte er die Zinsen, langte es nicht
zum Wechsel.
    Die einzige Hoffnung blieb jetzt, da Harrassowitz Stundung gewhrte. -
    Noch ehe der Verfalltag eintrat, fuhr der Bttnerbauer in die Stadt, er
wollte mit dem Hndler sprechen.
    Als der Bauer das Produktengeschft von Samuel Harrassowitz betrat, wurde
ihm gesagt, der Chef sei noch nicht im Kontor. Er ging daher fort und kam nach
Verlauf von einigen Stunden wieder. Diesmal wurde ihm mitgeteilt, Herr
Harrassowitz sei zu sehr beschftigt, um ihn anzunehmen. Der Bttnerbauer lie
sich diesmal nicht so leicht abweisen. Es sei etwas sehr Wichtiges, ane grue
Sache, wie er sich ausdrckte, wegen der er mit Herrn Harrassowitz zu sprechen
habe. Der Kontorist, mit dem er bis dahin verhandelt hatte, rief einen anderen
herbei, den er Herr Schmei߫ benannte.
    Der junge Schmei schien bereits eingeweiht in die Angelegenheit, denn er
fragte den Bauern, sowie er dessen Namen gehrt, ob er etwa wegen Stundung
seines Akzepts komme. Der alte Mann bejahte, etwas verwundert ber die
hochfahrende Art dieses Jnglings. Man solle doch ein paar Monate Geduld haben,
bat er, bis er seinen Hafer rein habe und sein Korn vorteilhaft verkauft haben
werde.
    Harrassowitz wird sich schwer hten, meinte Schmei darauf. Nicht wahr!
damit Sie inzwischen Zeit gewinnen, die einzigen pfndbaren Objekte zu Geld zu
machen, da er dann das Nachsehen hat. Wir kennen das! Stundung gibt's nicht.
Wenn Sie nicht rechtzeitig zahlen, mssen Sie die Konsequenzen auf sich nehmen,
mein Lieber! -
    Mit diesem Bescheide lie er den verdutzten Alten stehen.
    Der Bttnerbauer blieb den ganzen Rest des Tages in der Stadt. Er hoffte,
Harrassowitz noch persnlich zu treffen. Er konnte nicht glauben, da diese
Antwort von dem Hndler ausgehe, auf dessen gutes Herz er baute. Aber Sam blieb
heute unsichtbar fr ihn.
    Dann kam er auf den Gedanken, zu dem Bankier zu gehen, der ihm neulich das
Geld fr die Hypothek gegeben hatte. Aber auch Herr Isidor Schnberger lie
bedauern, ihn nicht annehmen zu knnen.
    Unverrichteter Sache, schwerer denn je mit Sorgen belastet, fuhr der
Bttnerbauer am Abend nach Halbenau zurck.

                                       X.


Ein paar Tage darauf erschien derselbe Herr Schmei, welcher den alten Bauern im
Kontor von Harrassowitz abgefertigt hatte, in Halbenau. Er kam mit Lohngeschirr.
Neben ihm auf dem Rcksitz sa eine junge Dame. Whrend er sich in das
Bttnersche Gehft begab, schwnzelte die auffllig gekleidete Person im Dorfe
umher zum Gaudium der Dorfjugend und der Frauenwelt von Halbenau, die so hohe
Abstze, eine solche Taille und derartig weite Puffrmel noch nicht gesehen
hatten.
    Edmund Schmei, ein mittelgroer, junger Mann mit flottem Schnurrbrtchen
und Lockenfrisur, rmpfte die Nase ber den Misthaufen, den er im Bttnerschen
Hofe vorfand. Echte Bauernwirtschaft! sagte er zu sich selbst mit
verchtlichster Miene. Sein tadellos gearbeiteter Anzug von hechtgrauer Farbe,
sein ganzes Auftreten, waren prima um seinen eigenen Lieblingsausdruck zu
gebrauchen. Kenner htten vielleicht finden knnen, da nicht einmal die uere
Etikette der Ware besonders fein sei. Seine Manieren waren irgendwo her,
wahrscheinlich vom Offiziers-oder jngeren Beamtenstande erborgt und nicht immer
glcklich kopiert.
    Die Lebensstellung des jungen Schmei genauer zu umschreiben, war nicht
leicht. Harrassowitz bezeichnete ihn, wenn er von ihm sprach, als einen mir
ergebenen jungen Mann. Aber auch fr Isidor Schnberger arbeitete er, ohne
da man genau feststellen konnte, worin seine Arbeit eigentlich bestand. Man
pflegte ihn bei Huser- und Gterankufen als Strohmann zu verwenden, bei
Zwangsversteigerungen trat er als Bieter auf. Wenn ein Kleinkaufmann oder
Handwerker in momentaner Verlegenheit war, erschien er als Helfer in der Not.
Er war jederzeit bereit, Wechsel zu diskontieren und Geldsuchenden Darlehen von
Dritten zu verschaffen, vorausgesetzt, da der Darlehnssuchende etwas opferte
womit er seine Provision meinte, die niemals gering bemessen war. Er reiste fr
allerhand Huser, deren Firma nicht eingetragen war, und trat als
Generalbevollmchtigter von Konsortien auf, die nicht genannt werden durften,
weil sie sich noch im Entwicklungsstadium befanden. Er hatte jederzeit
mindestens ein halbes Dutzend feiner Geschfte an der Hand; kurz, er war alles
in allem ein uerst brauchbarer, praktischer, smarter, junger Mann, in vielen
Stteln gerecht, mit den Gesetzen und der Gerichtspraxis vertraut. Mit Vorliebe
legte er sich den Titel Kommissionr bei.
    Edmund Schmei also trat um die Mittagsstunde in die Bttnersche Wohnstube.
Er fand die Familie bei Tisch. Er meinte im Eintreten, man mge um seinetwillen
keine Umstnde machen. Er selbst machte allerdings auch keine, das mute man
sagen! Ohne Umschweife auf sein Ziel losgehend, fragte er den alten Bauern in
Gegenwart der Seinen, ob er gewillt sei, das heute fllig gewordene Akzept zu
decken.
    Sie waren alle aufgestanden. Erstaunt und bestrzt blickten sie auf den
fremden Eindringling, der sich so unbefangen geberdete. Der alte Mann brauchte
einige Zeit, ehe er die Antwort fand: er habe in dieser Sache doch nur mit Herrn
Harrassowitz zu tun.
    Ach was, Harrassowitz! rief Edmund Schmei. Ich bin jetzt derjenige,
welcher! An mich haben Sie zu zahlen. Bitte sich berzeugen zu wollen! Hier das
Indossement!
    Der junge Mann hielt dem Bauern das Papier hin und hie ihn, die Rckseite
beachten.
    Der Bauer sah, da dort was geschrieben stand, ein Name, wie es schien. Aber
was sollte ihm das! Wie kam dieser junge Mensch, der ihm niemals einen Pfennig
gegeben hatte, auf einmal dazu, sein Glubiger zu sein?
    Er schttelte den Kopf und erklrte, nur an Harrassowitz zu schulden.
    Edmund Schmei wurde ungeduldig. Herr Gott! kapieren Sie denn nicht! rief
er. Sie haben akzeptiert. Hier ist Ihre Unterschrift, nicht wahr?
    Der Bauer bejahte, nicht ohne sich seine Unterschrift noch einmal sorgfltig
betrachtet zu haben.
    Bekennen Sie, Valuta richtig empfangen zu haben? - Ich meine, ob Sie
zugeben, das Geld, vierhundert Mark, seinerzeit von Harrassowitz per Kassa
bekommen zu haben?
    Ju, ju! 's Geld ha'ch richt'g erhalen vun Herrn Harrassowitz, dohie an
diesem salbgen Tische. - Du weet's duch noch, Frau? Die Buerin nickte. Ju,
ju, lieber Herr!
    Nun, sehen Sie also! Harrassowitz hat Ihr Akzept diskontiert. - Man nennt
das ein Dreimonatsakzept. - Dann hat Harrassowitz remittiert an mich. Folglich
bin ich jetzt der Inhaber des Wechsels. Die Sache ist so klar wie etwas! Sie
mten denn behaupten wollen, da ich auf ungesetzliche Weise in Besitz des
Akzepts gekommen wre. Wollen Sie das behaupten?
    Der Bauer stand da mit uerst verdutzter Miene. Er verstand kein Wort von
der ganzen Sache. Da aber der andere so sicher auftrat und so beleidigt
dreinblickte, lie er schlielich ein zauderndes Nein hren.
    Darum mchte ich allerdings gebeten haben! sagte Edmund Schmei, machte
groe Augen und runzelte die Stirn. Hiermit prsentiere ich Ihnen also den
Wechsel. Heute ist Verfalltag. Ich frage Sie, ob Sie annehmen?
    Der Bauer blickte noch unverstndiger drein als zuvor. Auf den Gesichtern
der Seinen malten sich sehr verschiedenartige Gefhle; aber Schreck und Furcht
herrschten vor, diesem Fremden gegenber, der durch jenes Stck Papier Gewalt
ber den Vater und ber sie alle erhalten zu haben schien.
    Ob Sie mich auszahlen wollen, Herr Bttner? Ich dchte, die Sache wre doch
nicht so schwer zu verstehen!
    Der alte Mann bat sich den Wechsel noch einmal aus. Er drehte ihn um und um
in den zitternden Hnden und blickte ratlos drein, die Buchstaben verschwammen
ihm vor den Augen. Er mute sich setzen.
    Die Buerin trieb jetzt die Kinder aus der Stube, sie sollten den Vater
nicht in seiner Schwche sehen. Nun trat sie zu ihrem Gatten. Bis ack ruh'g,
Alter, bis ack ruh'g! redete sie ihrem Eheherrn zu.
    Jo, du mei Heiland! rief der Bauer in heller Verzweiflung mit hoher,
weinerlich klingender Stimme. Wos sull ich denne! Wos wullen Se denne von mir,
dohie!
    Zahlung! Weiter gar nichts! Zahlen Sie mich aus, Herr Bttner, dann ist
alles in Ordnung, erklang die trockene Antwort.
    Und 's Gald! Wu sull ich denns Gald harnahmen? Ich ho's do nel
    Edmund Schmei zuckte die Achseln. Den neuesten Berliner Gassenhauer vor
sich hin pfeifend und mit dem Fu den Takt dazu tretend, sah er sich im Zimmer
um.
    Die beiden Alten berieten sich inzwischen halblaut. Einen Rest Geld hatte
der Bauer noch im Kasten liegen. Es stammte von dem Korn, das er nun doch vor
ein paar Tagen verkauft. Da er aber die Michaeliszinsen und Abgaben davon
bezahlt hatte, war nicht viel brig geblieben. Es langte in keinem Falle zur
Deckung des Wechsels.
    Kalter Schwei stand dem alten Manne auf der Stirn. Starren Blickes, mit
bebendem Unterkiefer, auf dem Stuhle zusammengebrochen hockend, bot er einen
klglichen Anblick.
    Die Buerin redete ihm zu. No, Alter, no! ha ak Karrasche! Dar Herr werd
schun, und ar werd a Brinkel Geduld han.
    Dann wandte sie sich an den jungen Mann. Mit schmeichlerisch untertnigen
Blicken und Mienen streichelte sie ihm ehrfurchtsvoll die Hand: Newohr, lieber
Herr, Se wern meenen Mann Brinkel Zeit lan. Mir versprachen och, und wir wern
uns Mihe gahn, wir wern alles abzahlen - mit dar Zeet.
    Edmund Schmei erwiderte in khlem Tone: Das kenne er schon. Darauf knne er
sich nicht einlassen. Er habe den Wechsel als einen feinen gekauft.
Harassowitz habe ihm gesagt, Herr Bttner sei ein solider Mann. Er habe sicher
darauf gerechnet, heute sein Geld zu erhalten; habe sich mit anderen Geschften
schon darauf eingerichtet. Er msse daher Deckung verlangen. Falls er sie nicht
erlange, sehe er sich gentigt, den Rechtsweg zu beschreiten.
    Se wern uns doch ne verklag'n wulln? rief die Buerin entsetzt aus.
    Das sei sein gutes Recht, erwiderte der junge Mann.
    Herr Gutt, in deinen Himmel droben! rief die Frau. Sie griff sich an den
Mund mit zitternden Fingern, jammerte, leise vor sich hin weinend: Moan, Moan,
was sull denne anu aus uns warn! Der Bauer sthnte.
    Eine namenlose Angst hatte sich der beiden alten Leute bemchtigt. Ihre
Begriffe vom Rechte waren uerst verwirrte. Hinter jeder Klage drohte ihnen
gleich das Gefngnis. Dem Richter wie dem Advokaten stand man gleichmig
schutzlos gegenber. Sie sahen bereits im Geiste den Gerichtsvollzieher ihre
letzte Kuh aus dem Stalle fhren. Wenn jener es zur Klage trieb, dann war alles
verloren.
    Der wackere Bttnerbauer, der in zwei Feldzgen manche Probe von Beherztheit
abgelegt hatte, zitterte wie Espenlaub. Aller Witz schien den sonst besonnenen
Mann verlassen zu haben. Mit angstvergrerten Augen, haltlos, jeder Wrde
vergessend, hing er, der Sechziger, an den Mienen und Blicken dieses jungen
Menschen, in dessen Wohlgefallen er sein Geschick beschlossen glaubte.
    Edmund Schmei zog eine umfangreiche goldene Zylinderuhr, deren Deckel er
aufspringen lie. Ich mu fort! rief er, drauen wartet eine Dame auf mich.
Adieu, Herrschaften!
    Er wollte zur Tr. Die Buerin lief ihm nach, hielt ihn, beschwor ihn,
flehte, er mge bleiben.
    Aber bitte, dann etwas pltzlich! Wenn Sie noch was wollen. Zeit ist Geld.
    Das Ehepaar beriet von neuem. Der alte Mann erschien wie schwachsinnig. Er
sagte zu allem, was ihm die Frau vorschlug, ein klgliches Ich wee nischt, ich
wee nischt!
    Ich will Ihnen mal was vorschlagen! meinte der junge Schmei, damit wir
mit dieser Sache endlich zu einem Resultate kommen; denn es fngt nachgerade an,
mich zu ennuyieren! - Geben Sie mir, was Sie an barem Gelde im Hause haben. Fr
den Rest schreiben Sie mir ein neues Akzept, verstehen Sie. Der Wechsel mag
laufen bis Ultimo Dezember. Dafr nehme ich natrlich Zinsen. Zehn Prozent ist
mein Satz bei Dreimonatsakzepten und drei Prozent Provision. Das ist noch sehr
kulant in Anbetracht dessen, da Ihre Bonitt zweifelhaft ist. - Also
einverstanden?
    
    Der Bauer hatte nichts begriffen; nur so viel glaubte er zu verstehen, da
er von der Gefahr einer Klage befreit werden sollte. Er eilte nach seinem
geheimen Kasten, schlo auf und zhlte mit zitternden Hnden auf den Tisch, was
er an Geld dort vorgefunden hatte. Es kam um eine Kleinigkeit mehr als
hundertundzwanzig Mark zusammen. Edmund Schmei zhlte die Reihen blanker Taler
noch einmal durch. Den Rest von kleinerer Mnze schob er dem Bauern hin. Nickel
nehme ich nicht! Dann nahm er einen goldenen Bleistift zur Hand, der an seiner
Uhrkette befestigt war, und begann Zahlen niederzuschreiben. Also
hundertundzwanzig Mark per Kassa erhalten. Bleiben zweihundertundachtzig Mark in
Schuld. Nicht wahr, Herr Bttner? Der Bauer bejahte nach einigem berlegen.
Mit Zinsen und Kosten, Sie verstehen: Provision und Depotzinsen fr Harassowitz
und mich, alles in allem dreihundertundsechzig Mark. So viel sind Sie mir also
nach Zahlung der hundertundzwanzig noch schuldig. Dreihundertundsechzig. Bitte,
sich die Zahl zu merken! Nunmehr geben Sie mir ein neues Akzept ber die eben
genannte Summe - verstanden! Den alten Wechsel vernichte ich dann vor Ihren
Augen. So, das ist ein klares Geschft.
    Er entnahm seinem Taschenbuche ein Formular. brigens, sagte er, sich
scheinbar unterbrechend, dreihundertundsechzig Mark ist gar keine Summe. Mir
fllt da gerade etwas ein. Knstlichen Dnger knnen Sie ja in der
Landwirtschaft immer gebrauchen. Auch Kraftfutter knnte ich Ihnen preiswert
besorgen; bei der schlechten Heuernte in diesem Jahre werden Sie das ja sowieso
ntig haben. Ich kann Ihnen gerade noch etwas Erdnukuchen abgeben. - Schreiben
wir sechshundert Mark, also! Fr die restierenden Mark zweihundertundzwanzig -
nicht wahr - liefere ich Ihnen knstlichen Dnger und Kraftfutter. Dann ist die
Affre glatt - nicht wahr?
    Der Bauer sah den jungen Menschen mit leeren Augen an.
    Verstehen Sie nicht, Herr Bttner? Die Sache ist nmlich furchtbar
einfach. Er rechnete dem Alten das Ganze noch einmal vor. Einverstanden?
    Der Bauer bedachte sich eine Weile, dann meinte er kleinlaut, von
knstlichem Dnger habe er in seinem Leben nie etwas wissen mgen, und
Kraftfutter knne er auch nicht brauchen, da er sich mit Hilfe des Grummets
durch den Winter zu schlagen hoffe. Er bte, ihn mit solchen fremden Sachen zu
verschonen.
    Schn! sagte Edmund Schmei. Wie Sie wollen, Herr Bttner! Er erhob sich
und knpfte seinen Rock zu. Ich glaubte, Ihnen sehr weit entgegengekommen zu
sein. Aber, wenn Sie freilich nicht wollen ... ...
    Von neuem schritt er zum Ausgang, wieder holte ihn die Buerin ein und
erreichte mit ihren Bitten, da er blieb. Moan, Pauer, bis ak verninft'g!
redete sie dem Gatten zu. Wenn der Herr, und ar kimmt der su entgegen. Nimm ak
Verstand an und greif zu, was er der gahn werd.
    Der Bttenbauer sa mit gesenktem Haupte da, keine Widerrede kam mehr von
seinen Lippen. Die Buerin eilte geschftig, das Tintenfa herbeizuholen. Werd
Sie och die Feder racht sein, fragte sie in einschmeichelndem Tone den jungen
Mann, um seine Gunst und Huld mit dem Lcheln ihres alten, zahnlosen Mundes
buhlend. Se missen entschuld'gen, bei uns werd ne ofte wos geschrieb'n.
    Edmund Schmei fllte eines der Formulare aus. Sowie der Bttnerbauer seinen
Namen darauf geschrieben hatte, zerri er das alte Akzept und reichte dem Bauern
die Stcken; das sei nunmehr erledigt.
    Dann ging er. In der Tr noch rief er: Die Waren erhalten Sie in der
nchsten Zeit in natura geliefert, Herr Bttner. Natrlich prima! - Empfehle
mich.
    Drauen auf der Dorfstrae erwartete ihn seine Freundin mit Sehnsucht. Sie
hatte inzwischen die Sehenswrdigkeiten von Halbenau in Augenschein genommen:
Kirche, Pfarre, Schule, das Armenhaus, das Spritzenhaus. Weiter gab es nichts zu
sehen hier drauen. Die Gemeindepftze war schmutzig von den Gnsen, die dort
tagein, tagaus ihr Wesen trieben, die Huser meist klein und rmlich, die
meisten nur mit Stroh gedeckt. Und die Kinder, welche dort im Straenstaube
spielten, ungekmmt und ungewaschen, mit laufenden Nasen, waren nach Ansicht der
Dame hchstens ekelhaft zu nennen.
    Ein paar Frauen kamen vom Felde herein. Breithacken auf den Schultern,
Henkelkrbe darber. Junge Burschen folgten. Schon von weitem fate man die
fremdartige Erscheinung auf der Dorfstrae ins Auge. Die Mdchen steckten
tuschelnd die Kpfe zusammen, die Burschen lachten und stieen jene an.
    Die Stdterin war entrstet ber die drfische Zudringlichkeit und lie den
Schleier herab.
    Nun kam der Trupp heran. Die jungen Mnner blickten der Fremden ins Gesicht,
die Mdchen gingen mit unterdrcktem Kichern vorbei. Saht ack! Die hat a
Mikennetze! rief jemand. Darauf allgemeines Gelchter.
    Als Edmund Schmei die Freundin einholte, fand er sie auer sich vor
Emprung ber die Roheit des Dorfpacks.

                                      XI.


Gustav Bttner hatte zum letzten Male Dienst getan. Ein schwermtiges Gefhl
berfiel den jungen Mann, als er seine Kastanie, die braune Stute, die er als
Remonte zugeritten hatte, in ihren Stand zurckfhrte. Er wies den Stalldienst
zurck, der dem Herrn Unteroffizier das Pferd abnehmen wollte, sattelte und
zumte die Stute selbst ab und legte ihr die Stalldecke mit besonderer Sorgfalt
auf. Whrend er das Pferd versorgte, suchte das Tier an seinen Rocktaschen
schnuppernd nach dem Zucker, den er ihr jeden Morgen aus der Kantine
mitzubringen pflegte. Sie stie ihn ordentlich an mit dem Maule, als wolle sie
ihn mahnen, da er ihr die flligen drei Stckchen Zucker endlich herausgeben
solle. Heute war es eine ganze Tte voll. Er verftterte den Zucker langsam,
Stck fr Stck. Die Braune schniefte vor Wonne in langgezogenen tiefen Tnen,
blhte die Nstern und trat vor Vergngen und gieriger Wonne von einem Beine auf
das andere, whrend er daneben stand und ihr den Hals klopfte, mannhaft gegen
die Trnen ankmpfend.
    Der Abschied von dem Pferde war das Schwerste. Auch von einzelnen Kameraden
trennte sich Gustav ungern. Aber, im groen und ganzen - das merkte der junge
Mann zu seinem eigenen Befremden beim Abschiednehmen - - waren die Bande doch
sehr lockere und leichte gewesen, die ihn an die Truppe und das Soldatenleben
geknpft hatten.
    Der Herr Rittmeister war auf Urlaub. Das tat dem Unteroffizier von Herzen
leid. Vor diesem Manne, der fr ihn das Ideal eines Vorgesetzten gewesen war,
fr den er willig sein Leben gelassen htte, wrde Gustav gern noch einmal
stramm gestanden haben. Der wrde auch sicher zu Herzen gehendere Worte beim
Abschied gefunden haben als der Premierleutnant, welcher erst vor kurzem zur
Eskadron gekommen und ohne jene vertrautere Beziehung war, wie sie bei lngerem
gemeinsamen Dienen sich wohl auch zwischen Vorgesetzten und Untergebenen
entwickeln.
    Seine Extrauniform hatte Gustav an einen neugebackenen Unteroffizier
verkauft; er behielt sich nichts zurck als die Mtze, ein paar Knpfe und einen
Faustriemen zur Erinnerung an die Dienstzeit.
    Mit dem Reservistenstocke, wie es im Liede heit, trat er die Heimatreise
an. Die Nacht durch lag er auf den verschiedenen kleinen Bahnstrecken, die er
benutzen mute, um von der Provinzialhauptstadt in diesen entlegenen Winkel zu
gelangen. Dann wanderte er ein Stck zu Fu und traf am Morgen in Halbenau ein.
    Das Dorf trat ihm allmhlich aus den Herbstnebeln entgegen, welche die Flur
umfangen hielten: Dach um Dach, Zaun um Zaun, Baum um Baum. Er kannte sie alle.
Ein wunderliches, ihm selbst unbekanntes, wehmtiges Behagen berkam den jungen
Menschen. Fnf Jahre hatte er in der Kaserne gelebt, hatte ein Heim nicht mehr
gekannt. Freilich, mit der Stadt lie sich das hier ja nicht vergleichen! aber
diese Strohdcher, diese Lehmwnde, die bretterverschlagenen Giebel hatten doch
etwas in sich, das keine Pracht stdtischer Huserfronten zu ersetzen vermochte:
es war die Heimat!
    Nun bog er in den Weg ein, der nach dem vterlichen Gute fhrte. Schon von
weitem blickten ihn die Dachfenster des Wohnhauses wie groe schwermtige Augen
an. Aus der Kchenesse wirbelte gelblicher Rauch in den grauen Herbsthimmel
hinaus. Die Mutter kochte also bereits das Mittagsbrot, womglich sein
Lieblingsgericht ihm zu Ehren. Hier kannte er nun jedes Steinchen, jedes
stchen, jeden Ri und Fleck im Mauerwerk. Eine geringfgige Reparatur, die der
Vater am Dachfirsten hatte vornehmen lassen, fiel ihm sofort als eine
Vernderung auf. Je nher er kam, desto mehr beschleunigte er seine Schritte,
bis er schlielich fast im Trabe in das Gehft einlief.
    Er fand die Frauen im Hause. Vater und Bruder wurden aus dem Schuppen
herbeigeholt. bertriebene Zrtlichkeit herrschte nicht beim Wiedersehen. Nur
die Mutter lie sich etwas von der Freude anmerken, welche sie empfand, ihren
Liebling wieder ganz im Hause zu haben.
    Gustav frhstckte, zog seine guten Kleider aus und machte sich dann trotz
der berstandenen Reise gemeinsam mit Vater und Bruder an die Arbeit.
    Gesprochen wurde dabei nichts zwischen den Mnnern. Gustav hatte zwar manche
Frage auf dem Herzen ber den Stand der Guts- und Geldangelegenheiten, ber die
er seit seinem letzten Urlaub zu Ostern nichts wieder vernommen hatte - denn
Briefeschreiben war nicht gebruchlich unter den Bttners -, aber er bezhmte
seine Neugier einstweilen. Er kannte den Vater zu genau, der das Gefragtwerden
nicht liebte. Wenn sich etwas Wichtiges inzwischen ereignet hatte, wrde er es
schon noch erfahren.
    Beim Mittagsessen fiel dem eben Zurckgekehrten die gedrckte Stimmung der
Seinen auf. Kaum da gesprochen wurde ber Tisch. Halblaut flsternd, mit
scheuen Blicken nach dem Vater hinber, der finster und wortkarg in seiner Ecke
sa, langten die Kinder von den Speisen zu. Die Mutter sah bekmmert drein. Karl
machte sein dmmstes Gesicht, lie es sich aber wie gewhnlich ausgezeichnet
schmecken. Therese sah noch gelber und verrgerter aus als frher. Bei ihr
konnte Gustav es darauf schieben, da er zurckgekommen war. Er kannte die
Gesinnung der Schwgerin nur zu gut. - Toni gefiel dem Bruder gar nicht. Es fiel
ihm auf, da sie ihm nicht gerade in die Augen blicken konnte. Ernestine allein
schien nicht angesteckt von der allgemeinen Niedergeschlagenheit. Das Mdel
blickte dreist und keck darein mit ihrem spitzen Nschen und den pfiffigen
Augen.
    Irgendetwas war hier nicht in Ordnung, das muhte sich Gustav sagen. Nach dem
Essen erklrte er dem Vater, er wolle sich Stall und Scheune besehen. Er meinte
im stillen, dem Alten wrde es Freude machen, ihm die Tiere und Vorrte
persnlich zu zeigen, wie er es bisher nur zu gern getan hatte, wenn der Sohn
aus der Fremde zurckkam. Aber der alte Mann brummte etwas Unverstndliches zur
Antwort und blieb in seiner Ecke sitzen. Gustav ging also allein.
    Spterhin kam ihm Karl nach. Gustav fragte den Bruder, was eigentlich los
sei mit dem Alten. Karl machte den Mund zwar ziemlich weit auf, brachte aber
nicht viel Gescheites heraus. Gustav verstand nur so viel aus den
unzusammenhngenden Reden des Bruders, da in der letzten Zeit Herren aus der
Stadt beim Vater gewesen seien, von denen er viel Geld bekommen habe, und ber
Kaschelernsten habe der Bauer gesagt, er solle sich nur in acht nehmen, wenn er
ihn mal unter die Fuste bekme. -
    Gustav nahm die erste Gelegenheit wahr, wo er sich mit seiner Mutter unter
vier Augen sah, um sie zu befragen. Da erfuhr er denn das Unglck in seiner
ganzen Gre.
    Ihm war im ersten Augenblicke zumute wie einem, der einen Schlag vor den
Kopf bekommen hat. Da die Vermgenslage des Vaters eine miliche sei, hatte
Gustav ja gewut, aber da er geradezu vor dem Zusammenbruche stehe, das war
eine Nachricht, die ihn wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel traf.
    Auch da ein Unglck selten allein kommt, mute der junge Mann an sich
erfahren. Die Mutter verhehlte ihm nicht, in welchem Zustande sich Toni befinde.
Gustav geriet auer sich vor Zorn. Was ihn am meisten ergrimmte, war, da die
Seinen es verabsumt hatten, den Menschen, von dem sie das Kind unter dem Herzen
trug, zur Rechenschaft zu ziehen. Nun war der Lump nicht mehr im Dorfe. Man
wute nicht einmal genau, wohin er gezogen sei. Die Aussicht, ihn zu belangen,
war gering.
    Und in solche Verhltnisse hinein sollte er eine junge Frau bringen! Er
hatte ja in der letzten Zeit von nichts anderem getrumt als von dem Plane,
seine Jugendliebe, Pauline Katschner, heimzufhren. Er hatte sich gedacht, fr's
erste knnten sie auf dem vterlichen Hofe wohnen, bis sich fr ihn ein
selbstndiger Lebenserwerb gefunden haben wrde. Und nun drohte hier alles, was
eben noch so sicher geschienen, zusammenzubrechen.

                                     * * *

    Pauline erwartete Gustav. Er hatte ihr geschrieben, da er in den ersten
Tagen des Oktober in Halbenau eintreffen werde.
    Das Mdchen lie sich nicht anmerken, da sie vor Sehnsucht nach ihm
vergehen wollte. Sie verrichtete ihre Geschfte und Arbeiten mit der gewohnten
Sauberkeit; aber whrend sie die Nadel fhrte, am Scheuerfasse stand oder am
Webstuhle sa, schwrmten ihre Gedanken hinaus in die Zukunft. In der Phantasie
hatte sie sich bereits ein trauliches Heim zurecht gemacht, fr sich und Gustav,
den Jungen, und - wer wei, was mit der Zeit noch dazu kommen mochte.
    Sie war nicht mehr das unbedacht liebende Mdchen, das sich kopflos mit
starken Trieben dem Geliebten in die Arme geworfen hatte; die Mutter hatte in
ihr die Oberhand gewonnen. Sie liebte Gustav, den Vater ihres Sohnes, den
zuknftigen Gatten und Beschtzer ihres Kindes, mit tiefeingewurzelter, warmer,
gleichmiger Innigkeit.
    Sie war so glcklich, da sie ihn nun ganz wieder haben sollte. Die letzten
Jahre waren schrecklich gewesen mit ihren einsamen Nchten, den Zweifeln an
seiner Treue und der qulenden Sorge, da sie ihn ganz verlieren mchte.
    Nun kam er! da mute ja alles gut werden. Allerdings waren sie beide arm,
und Gustav hatte noch keinen Beruf. Man wrde einen schweren Kampf zu kmpfen
haben; aber fr Pauline bedeutete das nichts. Ihr lag die Zukunft im rosigen
Lichte. Wenn sie nur ihn hatte, den Vater ihres Jungen. Darin war fr sie das
Wohl und Wehe des Daseins beschlossen.
    Da sie ihn halten wrde fr immer, als den Ihren, ihr allein Gehrigen,
bezweifelte sie keinen Augenblick. Sie war sich des Schatzes von anziehenden
Reizen und erwrmender Liebenswrdigkeit, womit die Natur sie ausgestattet
hatte, in naiver Weise bewut. Ganz umstricken wollte sie den Geliebten mit
ihrer groen Weibesliebe, da er gar nie auf den Gedanken kommen knnte, sich
ein besseres Los zu wnschen oder je wieder nach einer anderen Frau zu blicken.
    Der Mutter hatte sie erst ganz zuletzt und nur mit einer kurzen Bemerkung
angedeutet, da sie Gustav erwarte. Das Mdchen lie die Mutter berhaupt nicht
viel von ihren Gefhlen blicken. Frau Katschner hatte der Tochter in jener Zeit,
wo Gustav nichts von sich hren lie und das Verhltnis so gut wie aufgehoben
schien, zugeredet, von dieser Liebschaft zu lassen; ja, sie hatte es Paulinen
nahegelegt, sich nach einem anderen Manne umzusehen. Das hatte Pauline der
Mutter nie vergessen. Diese Zumutung hatte sie an der Stelle verletzt, wo sie am
tiefsten und zartesten empfand. Jedem anderen Menschen htte sie das vielleicht
vergeben, nur nicht der Mutter; denn die htte es verstehen mssen, da es fr
sie nur eine Liebe gab, in der sie lebte, mit der sie sterben wrde.
    Seitdem war eine Entfremdung eingetreten zwischen Mutter und Tochter. Die
beiden Frauen lebten zwar uerlich in Frieden; es gab keine Zankerei und keinen
Hader. Mit Pauline sich zu streiten, war berhaupt schwer, da sie alles
innerlich abmachte und nur mit Blicken Widerspruch zu erheben pflegte. Aber die
Tochter verschlo sich in ihren wichtigsten Regungen und Gefhlen der Mutter
gegenber, mit der sie doch scheinbar im vertrautesten Umgang lebte. -
    Gegen Vormittag kam Frau Katschner aus dem Dorfe zurck. Sie hatte eine
Leinewand zum Faktor geschafft und brachte Garn zu neuer Verarbeitung zurck.
Sie verkndete die Nachricht, Bttners Gustav sei heute frh in Halbenau
eingetroffen. Pauline erzitterten die Knie; der Mutter gegenber stellte sie
sich jedoch an, als ob die Nachricht ihr ziemlich gleichgltig sei. So! meinte
sie, da wird er wohl och hierruf kommen in den nchsten Tagen.
    Mit dieser ueren Khle stimmte der Eifer nicht ganz berein, mit welchem
sie Vorbereitungen traf fr den Empfang des Gastes. Da wurde gekocht und
geschmort. Frau Katschner, welche von der herrschaftlichen Kche her allerhand
besondere Knste mitgebracht hatte, mute auf Bitten der Tochter einen Kuchen
backen, zu welchem Pauline selbst die Zutaten beim Krmer holte. Dann kam das
Kind an die Reihe. Es wurde mit dem wollenen Kleidchen angeputzt, das Komtesse
Ida der jungen Mutter krzlich zugeschickt hatte. Schlielich machte auch
Pauline sich selbst zurecht, ordnete ihr Haar und steckte die Granatbrosche an,
die Gustav ihr frher einmal vom Jahrmarkt mitgebracht hatte.
    Der Nachmittag zog sich hin in Erwartung des Brutigams. Zum Kaffee wird er
wohl kommen, dachte Pauline bei sich; da er zu Hause bei seiner Mutter essen
wrde, war anzunehmen. Die Vesperzeit verging, er war noch nicht gekommen. Frau
Katschner hatte den Kaffee selbst getrunken, damit er nicht umkomme, und den
Kuchen weggeschlossen. Es wurde dunkel in der kleinen Stube.
    Pauline, die sich den ganzen Tag ber lebhafter gezeigt hatte als
gewhnlich, war still geworden. Sie entkleidete den kleinen Gustav seiner
Festsachen und brachte ihn zur Ruhe in die Kammer. Frau Katschner hatte die
Lampe bereits angezndet, als Pauline wieder ins Wohnzimmer trat. Nu war ar
duch ne gekummen, Pauline! sagte die Mutter, halb mitleidig, halb neugierig,
was die Tochter nun anstellen werde; jedenfalls war sie nicht ganz frei von
Schadenfreude. Pauline erwiderte nichts; in ihrer gespannten, trostlosen Miene
lag alles ausgesprochen. Jetzt hielt sie es nicht mehr der Mhe fr wert, der
Mutter gegenber den Schein der Gleichgltigkeit aufrecht zu halten.
    Nichtsdestoweniger besorgte sie alles, schaffte und ordnete, wie sie es
jeden Abend zu tun gewohnt war. Aber als sie allein war in der Kammer bei dem
schlafenden Kinde, brach der zurckgehaltene Jammer aus.
    Sie sa auf der Kante ihres Bettes. Die Trnen liefen ihr ber die Wangen,
unaufhrlich. Da er ihr das antun konnte! Er war im Dorfe! Seit dem frhen
Morgen schon war er da, und zu ihr hatte er den Weg noch nicht gefunden. So
wenig hielt er auf sie, so wenig bedeutete sie fr ihn. Das hatte sie nicht
verdient um ihn! -
    So sa sie stundenlang. Das Kind strte sie nicht. Ruhig lag der Junge in
seinem Korbe, mit den gleichmig leichten Atemzgen des gesunden
Kinderschlummers. Die Klte, welche von allen Seiten eindrang in die Kammer,
seit im Nebenraum das Feuer ausgegangen war, fhlte sie kaum. Ihr Blick war
durch die kleinen Scheiben des Schiebefensterchens hinaus gerichtet in den
Garten, der in hellem Mondschein lag wie ein Tuch. Die alten Obstbume
zeichneten mit ihren krppeligen sten verzwickte Schattenbilder darauf. Wie oft
in frheren Zeiten hatte sie hier so gesessen, klopfenden Herzens in die Nacht
hinein wartend, ob er wohl kommen werde. Sie dachte an jenes erste Mal, wo er
vor ihrem Fenster gestanden. In einer warmen Juninacht war es gewesen; nur
seinen Ku hatte sie bis dahin gekannt. Wie er sie da um Einla gebeten! welche
Worte er da gehabt hatte! welche Gebete und Schwre! -
    Und jetzt, nachdem sie ihm alles gestattet, alles gegeben, was sie hatte,
nachdem sie ihm ein Kind geboren und ihm durch schwere Zeiten hindurch die Treue
gehalten, jetzt brachte er es ber sich, nach langer Trennung einen ganzen Tag
im Dorfe zu sein und nicht zu ihr zu kommen.
    Die Uhr schlug zehn Uhr vom Kirchturme. Sie starrte noch immer in den
Garten. Ihre Trnen waren versiegt. Eine Art von Klte war auch ber ihre Seele
gekommen. Mochte es sein, wie es war; es war gerade recht so! Sie wollte den
bitteren, feindlichen Gefhlen nicht wehren. Es lag ein Genu darin, das
Unrecht, das einem widerfuhr, auszukosten und den in Gedanken schlecht zu
machen, der es einem zugefgt.
    So also hielt er seine Schwre! Das war wahrscheinlich die Art, wie er sie
von jetzt ab behandeln wollte. Jetzt, wo sie das Kind von ihm hatte, wo sie ihm
sicher war, hielt er's wohl nicht mehr fr ntig, lieb mit ihr zu sein.
    Oder ob er seine Plne inzwischen gendert hatte? - Vielleicht dachte er
daran, eine ganz andere heimzufhren. Er plante wohl gar eine reiche Heirat! -
Da war Ottilie Kaschel, die Tochter aus dem Kretscham, seine Cousine. Die htte
ihn nur gar zu gern gehabt. Diese alte widerliche Person! - Aber hieran glaubte
Pauline selber nicht recht. So schlecht konnte Gustav nicht sein! Und auerdem
war sie sich ihrer eigenen Vorzge doch zu sehr bewut, die im Wettstreite mit
der hlichen Kretschamtochter den Sieg davontragen muten.
    Ob sie ihm etwa zu Haus abgeredet hatten. Mit den alten Bttners stand sie
sich ja neuerdings besser; aber da war diese bse Sieben: Therese. Vielleicht
hatte die irgendeine Verleumdung ersonnen, der Gustav Glauben geschenkt.
    Er war ja berhaupt so mitrauisch! Alles glaubte er, was ihm von bsen
Menschen Schlechtes von ihr gesagt wurde. belnehmsch war er auch. Tagelang
konnte er wegen einer Kleinigkeit mukschen. Und seine Eifersucht! Wenn ein
anderer sie nur mit einem Blicke! ansah, war er sofort auer dem Huschen.
Pauline mute lcheln, als sie an einen Vorgang dachte beim Kirchweihfest vor
einigen Jahren. Da hatte er sie einem Tnzer aus den Armen gerissen und sie vom
Tanzsaale weggefhrt, weil er gefunden, da ihr Partner den Arm zu fest um sie
gelegt hatte.
    Wie tricht er sich bei so etwas anstellen konnte! Aber ein lieber Kerl war
er doch! Sie hatte gut, ihn mit ihren Gedanken anklagen und sich einreden, da
sie ihn hasse und da sie nichts mehr von ihm wissen wolle; das glaubte sie ja
alles selber nicht. Er war und blieb ihr Gustav, ihr Einziger, ihr
Herzallerliebster. Morgen wrde sie sich aufmachen, ihn aufzusuchen und ihn zur
Rede stellen, sei es wo es sei. So scheu und zurckhaltend das Mdchen sonst
war, davor hatte sie keine Angst. Es war nicht das erste Mal, da sie ihn zu
sich zurckgefhrt hatte.
    Nachdem dieser Entschlu in ihr gereist war, fhlte sie sich sehr ruhig,
glcklich geradezu. Sie erhob sich, nahm das Kind aus dem Korbe, hielt es ab und
machte sich dann ans Auskleiden. Schnell in die Federn! Die Glieder waren ihr
steif geworden vom langen Aufsitzen in der Klte.
    Sie hatte sich das Deckbett bis an den Hals gezogen und die Augen
geschlossen zum Schlummer, als ein leichtes Gerusch an ihr Ohr schlug, drauen
von der Hauswand kam es her. Sie fuhr im Bette in die Hhe; den Ton kannte sie.
Alles Blut war ihr in einer starken Welle zum Herzen gedrungen. Noch einmal
dasselbe Klopfen an der Lehmwand! Sie war schon am Fenster und schob den
Schieber beiseite. Richtig! da drauen stand eine dunkle Gestalt. Gustav? -
Ja! - Ich kumme! Schnell ein Tuch ber die bloen Arme geworfen! etwas an
die Fe zu ziehen, nahm sie sich nicht erst die Zeit. Dann die Kammertr nach
dem Hausgang geffnet! so leise wie mglich die hintere Haustr aufgeriegelt und
aufgeklinkt!
    Im Rahmen des Trstocks erschien jetzt seine Gestalt. Sie griff nach Gustavs
Hand, leitete ihn, damit er in der Dunkelheit nicht zu Falle komme. Erst als sie
ihn drinnen hatte bei sich in der Kammer, den Geliebten, warf sie sich ihm um
den Hals, wie sie war, nichtachtend der Klte und Nsse, die er aus der Nacht
mit hereinbrachte.

                                      XII.


Die von Edmund Schmei versprochenen Dnge- und Kraftfuttermittel trafen in
einem groen Brettwagen auf dem Bttnerschen Gehfte ein. Der Fuhrmann bergab
einen Lieferschein, der am Kopfe die Firma Samuel Harrassowitz trug. Der
Bttnerbauer begriff nicht, was das heien solle. Er hatte doch mit Edmund
Schmei gehandelt und nicht mit Harassowitz. Der Kutscher, den der Bauer darber
ausfragen wollte, wute auch keinen Bescheid zu geben. Er sei von der Firma S.
Harrassowitz beauftragt, seine Fracht hier abzuladen. Es waren Scke mit
Chilisalpeter und Knochenmehl und ein Haufen Erdnukuchen. Der Fuhrmann lie
sich Empfangnahme vom Bauern quittieren und bergab dann einen Brief. Darin
bekannte Samuel Harrassowitz, Bezahlung fr gelieferte Dnge- und
Kraftfuttermittel durch ein von Herrn Edmund Schmei an seine Order remittiertes
Akzept des Bauerngutsbesitzers Traugott Bttner in Halbenau empfangen zu haben.
    Der Bttnerbauer stand ratlos vor dem Papiere. Was bedeutete nun das wieder!
Wieviel schuldete er nun eigentlich und fr was? Und wessen Schuldner war er?
    Der knstliche Dnger wurde vom Wagen genommen und in einer Ecke des
Schuppens untergebracht. Der alte Bauer empfand nichts als Verachtung diesen
Scken gegenber mit ihrem salzartigen Inhalte. Was sollte dieses Zeug seinen
Feldern ntzen? Das war ja auch nur so neumodischer Unsinn. Wie konnten einige
Handvoll solchen Pulvers ein Fuder Mist ersetzen, wie neuerdings gelehrte Leute
aus der Stadt behaupteten. Mit Ingrimm betrachtete er sich diese Scke, in denen
sein gutes Geld steckte.
    Gustav dachte anders darber als der Vater. Er war whrend seiner Dienstzeit
in vorgeschrittenere Wirtschaften gekommen, als die vterliche war, und hatte
die Vorzge der knstlichen Dngung mit eigenen Augen wahrgenommen. Er wute
auch, zu welcher Jahreszeit und auf welche Bden man die verschiedenen
Dngerarten anzuwenden hatte. Der Vater berlie es ihm, mit dem Zeugs
anzufangen, was er wollte. ber dreiig Jahre hatte er gewirtschaftet ohne
dergleichen. Er war zu alt, um darin noch umzulernen.
    Auch in anderer Beziehung machte sich Gustavs Einflu geltend. Die
Kartoffelernte hatte inzwischen ihren Anfang genommen. Der Bttnerbauer wollte,
wie in den Jahren bisher, das Ausmachen der Apern mit den Seinigen bezwingen.
Gustav redete ihm zu, er solle Tagelhner aus dem Dorfe annehmen, wie die
anderen Bauern es taten. Aber der Alte strubte sich dagegen, er scheute die
Ausgabe; auerdem, behauptete er, wrden ihm Kartoffeln gestohlen. Die Ernte zog
sich dadurch endlos in die Lnge, denn auer dem Alten, der die Furchen anfuhr,
standen nur acht Hnde fr das Lesen der Frchte zur Verfgung. Dabei konnte man
Toni, die nicht mehr allzuweit von der Entbindung stand, kaum mehr als volle
Arbeitskraft rechnen. Der alte Bauer zankte und wetterte, da es nicht vorwrts
rcke. Nchstens werde es frieren, und die Hlfte der Kartoffeln stecke noch im
Acker. Dabei war doch sein eigener kurzsichtiger Geiz und Starrsinn der
Hauptgrund der Verzgerung.
    Da kam Gustav auf einen Gedanken; er schlug vor, Kinder von armen Leuten,
Huslern, Einliegern, Handwerkern, die selbst kein Land hatten, zum
Kartoffellesen anzunehmen und sie mit einem bestimmten Ma von Kartoffeln zu
bezahlen.
    Der Gedanke leuchtete dem Alten ein. Auf diese Weise brauchte kein bar Geld
ausgegeben zu werden, mit dem er in letzter Zeit karger umging denn je zuvor.
Die paar Apern, welche die Kinder mit fortnahmen, fehlten kaum am Ertrage, und
am Stehlen wurden die Kinder auch verhindert, denn sie hatten genug zu schleppen
an dem ihnen Zuerteilten. Gustavs Plan kam zur Ausfhrung. Eine ganze Rotte von
Kindern armer Leute wurde angenommen, und in wenigen Tagen war die Ernte
beendigt.
    Der Bttnerbauer konnte mit dem Ertrage zufrieden sein. Die Nsse im frhen
Sommer hatte das Wachstum des Krutichs befrdert, und die Wrme und Trockenheit
des spteren Sommers war der Entwicklung der Knollen zugute gekommen. Die
Frchte waren zahlreich, gro und gesund. Ein wahrer Segen fr die Armen, deren
Hauptnahrung fr den Winter gesichert war. Der Keller unter der Bttnerschen
Scheune reichte in diesem Jahre nicht annhernd, um die Hackfrchte smtlich
aufzunehmen. Gustav gab daher seinem Vater den Rat, nur Kraut und Rben in den
Keller zu nehmen und an Kartoffeln so viel, wie man fr Haus- und Viehstand im
Winter voraussichtlich brauchen wrde, das brige aber auf freiem Felde
einzumieten. Der Bauer folgte auch darin dem Rate des Sohnes. Der pltzliche
Preissturz, den die Kartoffel gleich darauf erlitt - welcher mit der allgemein
gut ausgefallenen Ernte zusammenhing - konnte ihn belehren, da er recht daran
getan habe. Fr das Frhjahr durfte man mit Wahrscheinlichkeit auf ein Anziehen
des Preises rechnen.
    Die Herbstbestellung verlief unter gnstiger Witterung. Zeitig deckten sich
die Felder mit dem zarten Grn des aufkeimenden Winterkorns. Ein milder
Sptherbst gestattete es, bis tief in den November hinein zu pflgen. Als die
ersten Flocken niedergingen, konnte der Landmann dem mit Ruhe zusehen; es war
Zeit fr den Schnee. Die Ernte war geborgen, der Acker vorbereitet fr die
Frhjahrsbestellung und die Winterung gut aufgegangen.
    Mit dem Bttnerbauer war eine Wandlung vor sich gegangen in der letzten
Zeit. Er war milder geworden und friedfertiger gegen die Seinen. Die wilde Hast
hatte aufgehrt, mit der er whrend des Sommers die Arbeiten betrieben hatte. Er
lie Frau und Kindern grere Freiheit, die Weiber durften im Hauswesen wieder
schalten. Bis auf das Vieh herab erstreckte sich seine freundliche Stimmung. Die
Pferde erhielten wieder das ihnen gebhrende Ma Hafer und dankten ihrem Herrn
bald dafr durch besseres Aussehen. Sich selbst gnnte der Bauer jetzt auch
wieder Schlaf und Nahrung. Die guten Folgen davon bekam zunchst die Buerin zu
spren; er erschreckte sie nachts nicht mehr durch Selbstgesprche und
unheimliches Umgehen. In der Kirche war er bald wieder der Aufmerksamsten einer,
und der Pastor bekam ein freundlicheres Gesicht zu sehen als den Sommer ber.
    Das waren die segensreichen Folgen von Gustavs Rckkehr ins Vaterhaus. Seit
er seinen zweiten Sohn wieder bei sich hatte, schien der Bttnerbauer wie
umgetauscht. Dabei lie er es dem Jungen gar nicht mal merken, wie groe Stcke
er auf ihn hielt und was sein Rat und seine Hilfe in der Wirtschaft ihm
bedeuteten. ber den Kopf wollte er sich den jungen Menschen auch nicht wachsen
lassen. Die natrliche Eifersucht des Alters, das sich von der Jugend
berflgelt sieht, spielte dem Vater mit. Auerdem war Gustav nicht der lteste.
Karl blieb auch in den geheimsten Gedanken und Plnen des alten Mannes der
Anerbe des Hofes. An dem in seiner Gegend und seiner Familie eingebrgerten
Gebrauche, dem ltesten Sohne das Gut zu berlassen, htte er nie und nimmer
rtteln mgen. Karl sollte der zuknftige Bttnerbauer sein und bleiben, wenn
ihn auch Gustav jetzt hufig wie einen Knecht anstellte und behandelte.
    Gustav hatte auch die Ordnung der Geldverhltnisse in die Hand genommen.
Davon verstand er nur so viel, wie der gesunde Menschenverstand einem lehrt.
Denn Erfahrung in dieser Art Dingen zu sammeln, hatte er bei der Truppe kaum
Gelegenheit gehabt.
    Er tat, vom richtigen Naturtrieb geleitet, das Vernnftigste, was bei der
Lage seines Vaters getan werden konnte, er zhlte zunchst einmal die smtlichen
Schulden zusammen und stellte ihnen gegenber die Einnahmen auf, die man als
sicher erwarten durfte. Dann entwarf er eine Art von Schuldentilgungsplan. Die
Weihnachtszinsen hoffte er mit Hilfe des noch unverkauften Hafers zu decken, fr
den Ostertermin sollten die Kartoffeln bleiben. Wenn Hafer und Kartoffeln nur
einigermaen Preis bekamen, hoffte er auf berschsse. Freilich, so viel, wie
ntig war, um den Wechsel bei Samuel Harassowitz zu decken, wrde auf keinen
Fall brig bleiben. Da muten eben noch andere Quellen aufgetan werden.
Vielleicht lie sich in diesem Winter etwas mehr aus dem Walde nehmen als sonst.
Dann allerdings muten die letzten Bume, die dort noch standen, dran glauben.
Auch daran dachte er, die zwei Schweine, welche die Buerin gewhnlich um
Weihnachten herum schlachtete, die Speck und Schinken fr das ganze Jahr
hergeben muten, zu verkaufen, statt sie ins Haus zu schlachten. Sowie die
Schweine nicht mehr im Stalle wren, wrde ja auch Milch brig sein, und dann
konnte mehr gebuttert werden. Das Stroh, welches von der Kornernte her reichlich
vorhanden war, mute auch in Rechnung gezogen werden. So gab es schlielich eine
ganze Anzahl Dinge, die, wenn richtig verwertet, eine Einnahme abwerfen konnten.
    Bei dieser Aufstellung war allerdings nicht in Rechnung gezogen die
gekndigte und in naher Zeit fllige Hypothek von Gustavs Onkel, Kaschelernst.
Woher das Geld zur Deckung dieser Forderung beschafft werden sollte, wute
Gustav ebensowenig wie der alte Bauer selbst. Als der junge Mann zum
Haferverkauf nach der Stadt gefahren war, hatte er sich dort unter der Hand
erkundigt, ob und unter welchen Bedingungen die Hypothek unterzubringen sei.
Dabei hatte er sich berzeugen mssen, da solide Geschftsleute mit Hypotheken
an so gefhrdeter Stelle nichts zu tun haben wollten. Von einer Seite zwar wurde
ihm das Geld geboten, aber unter so bertriebenen Zinsbedingungen, da er
Halsabschneiderei witterte und von dem Geschfte absah.
    Gustav gab sich jedoch dieser Forderung wegen nicht allzu schweren
Besorgnissen hin. Er konnte sich nicht denken, da sein Onkel Ernst machen wrde
mit dem Ausklagen. Nicht etwa, da er Kaschelernst eine solche Hrte gegen den
eigenen Schwager nicht zugetraut htte; er kannte den Kretschamwirt nur zu gut.
Nein, er glaubte, da der es nicht wagen wrde, den Bauern zum uersten zu
treiben. Er mute doch am besten wissen, da bei dem Schwager nichts zu holen
war. Klagte er, so kam es zum Zusammenbruch, und Kaschelernst verlor dann seine
Hypothek, fr die er bisher die Zinsen stets richtig erhalten hatte. Da der
Kretschamwirt daran denken knne, auf Erwerb des Bauerngutes selbst zu
spekulieren, nahm Gustav nicht an. Weder Kaschelernst noch der Sohn waren
Landwirte, und sein schlauer Onkel wrde sich wohl hten, zu dem, was er schon
hatte, sich noch die Last eines greren Besitzes aufzubrden.
    Er nahm daher die Kndigung der Kaschelschen Hypothek, die dem alten Bauern
so schweres rgernis bereitet hatte, gar nicht ernst. Das war wohl nur ein
Schreckschu oder ein schlechter Witz, den sich der schadenfrohe Kretschamwirt
zu seinem besonderen Ergtzen gemacht hatte.
    Gustav ging hin und wieder in den Kretscham, um die Stimmung dort zu
ergrnden. Der Onkel behandelte ihn stets mit ausgesuchter Zuvorkommenheit. Er
lchelte und zwinkerte, sobald er des Neffen ansichtig wurde, in seiner
nrrischen Weise. Aber aus ihm herauszubekommen war nichts. Sowie Gustav
ernsthaft von Geschften zu sprechen anfing, begann er zu lachen, da ihm
manchmal die wirklichen Trnen aus den Augen liefen; so verstand er es, die
Sache ins Lcherliche zu ziehen und den Neffen hinzuhalten.
    Wenn nicht die stete Sorge um die Vermgenslage seiner Familie gewesen wre,
htte Gustav in jener Zeit ein glckliches und gemchliches Leben fhren knnen.
    Wintersanfang ist eine der ruhigsten Zeiten fr den Landmann. Sobald die
weie Decke die Fluren bedeckt, kann er von seinen Werken ausruhen und dem
lieben Gott die Sorge um die Saaten berlassen. In dieser Zeit, wo die ganze
Natur auszuruhen scheint vom Schaffen und Hervorbringen, wo alle jene
treibenden, nhrenden, in Saft und Frucht schieenden Triebe gleichsam
eingefroren sind, hlt auch der Bauer eine Art von Winterschlaf. Mehr als andere
ist er ja verwandt mit der Erde, die er bebaut. Er hngt mit ihr zusammen wie
das Kind mit der Mutter vor der Trennung. Er empfngt von ihr geheimnisvolle
Lebenskrfte, und ihre Wrme ist auch die seine.
    Ohne Arbeit war freilich auch der Winter nicht. Da gab es Schnee auszuwerfen
auf den Wegen. Dann war die Holzarbeit. Der Bttnerbauer machte sich mit Hilfe
seiner beiden Shne daran, die einzelnen bergehaltenen Kiefern und Fichten zu
fllen, die gefllten zu Kltzern zu schneiden, die Wipfel und ste zu
Reisighaufen aufzuschichten. Was an verkrppeltem Holze da war, das nicht zu
Nutzzwecken verwertet werden konnte, wurde in den Schuppen gebracht und dort in
Scheite gespalten und zu Brennholz zerkleinert.
    Es gab einen harten Winter. Das Feuer im Kochherde, der gleichzeitig Ofen
fr die Wohnstube war, durfte nicht ausgehen. Kohlen zu verwenden, betrachtete
der Bauer als Verschwendung; wozu wuchsen denn auch die Bume im Walde! So wurde
denn tchtig Holz verkachelt. Zu lften htete man sich wohl, damit ja nicht
etwas von der kostbaren Wrme entfliehe. Gegen ffnen durch vermessene Hnde
waren die Fenster brigens wohl verwahrt. Im Herbst schon hatte man die
Fensterstcke und -rahmen mit Moos, Laub, Stroh und Nadelzweigen sorgsam
versetzt. So war das ganze Haus in einen schtzenden Mantel gekleidet, welcher
der Winterklte den Zugang verwehrte, zugleich aber auch die frische Luft
ausschlo.
    Der Tag begann spt, erst gegen sieben Uhr dmmerte es ja, und der
Bttnerbauer drckte jetzt ein Auge zu wegen des spteren Aufstehens. Wenn das
Vieh um sechs Uhr frh sein erstes Futter hatte, war er zufrieden. Um vier Uhr
nachmittags fing der Abend schon an. Lampen wurden nicht gebrannt, der Ersparnis
halber, nur Laternen und Unschlittkerzen. Wozu brauchte man auch Helligkeit! Das
Kochen, Aufwaschen und Buttern konnte in den paar Tagesstunden vorgenommen
werden. Zum Essen sah man auch im Halbdunkel genug. Gelesen oder geschrieben
wurde nicht. Andere Bedrfnisse kannte man kaum. Mit den Hhnern wurde zu Bett
gegangen. Man dmmerte so dahin, schlfrig und schweigsam.
    Therese war die einzige, die manchmal mit ihrem scharfen Mundwerke, das auch
im Winter nicht eingefroren zu sein schien, etwas Erregung in dieses dmmerige
Dasein brachte. Vor allem an ihrem Gatten zankte sie herum, der meist mit der
Tabakspfeife im Munde hinter dem Ofen zu finden war. Karl war im Winter schlimm
daran, da konnte er sich der Klte wegen nicht auf den Heuboden oder ins Freie
retten. Die Ofenhlle war nur eine schlechte Zufluchtssttte vor der Galle
seiner Ehehlfte.
    Gustav wohnte zwar daheim, war aber auch viel in der Behausung der Witwe
Katschner zu finden. Fr diesen Haushalt mute er den fehlenden Mann ersetzen.
Holzhacken, Wasserholen, all die schweren Arbeiten nahm er auf sich. Pauline
hatte fr den Winter wieder das Weben aufgenommen. Sie ging mit geheimer Freude
an die Arbeit; sie wute ja, wem das zugute kam, was sie jetzt webte.
    So teilte Gustav seine Zeit und seine Krfte zwischen den beiden Familien.
Die Seinigen hatten sich darein gefunden, in Katschners Pauline Gustavs
Auserwhlte zu erblicken. Trotzdem fand ein Verkehr zwischen den Bauersleuten
und dem Mdchen nicht statt. Man fragte nicht danach, wann Hochzeit sein sollte.
Das war Sache der beiden; nicht einmal mit den eigenen Eltern sprach Gustav
darber.

                                     * * *

    Der Bttnerbauer war kein Trumer. Seine Interessen waren der strengen und
nchternen Wirklichkeit zugewandt, und zum Spintisieren und Phantasieren lie
ihm sein angestrengtes Tagewerk keine Zeit brig. Aber eins steckte tief in
seinem Wesen: er lebte viel mit seinen Gedanken in der Vergangenheit, sie war
ihm ein steter Begleiter der Gegenwart, der mit beredtem Munde zu ihm sprach.
Dieser Hang zum Rckwrtsblicken und Beschauen des Vergangenen wurde in ihm
bestrkt durch die Vereinsamung, in der er sich befand. Denn obgleich er eine
zahlreiche Familie um sich heranwachsen sah, war dieser Mann doch allein, wollte
es sein. Er scheute jede Mitteilung seines Innersten anderen gegenber, auch
wenn sie von seinem Fleisch und Blute waren. Aber mit den Dahingeschiedenen
stand er in lebendiger Beziehung.
    Sein erstaunlich frisches Gedchtnis untersttzte ihn darin. Er vermochte
sich Erlebnisse und Personen aus der frhesten Jugend vor die Seele zu stellen,
als seien sie gestern gewesen. Aussprche der Eltern, ja selbst des Grovaters,
konnte er mit wrtlicher Treue wiedergeben, obgleich der Alte vor nahezu fnfzig
Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Er war imstande, mit untrglicher Gewiheit
anzugeben, an welchem Tage in einem bestimmten Jahre man das erste Heu
eingefahren hatte, oder was ihm damals fr eine Kuh bezahlt worden war, oder
auch, wieviel der Roggen in dem und dem Monate gegolten hatte.
    Die Vergangenheit bildete aber nicht blo den vielbetrachteten Hintergrund
seines Daseins, sie wirkte geradezu entscheidend auf seine Entschlieungen ein.
Er war gebunden in seinem Willen an Taten und Absichten seiner Vorfahren. Ohne
sich dessen selbst recht bewut zu werden, lie er sich leiten von frommer
Rcksicht auf Wunsch und Willen jener Entschlafenen, die fr ihn eben
Gegenwrtige waren.
    Dabei sprach er fast nie von der Vergangenheit. Das Sprechen, soweit es
nicht einem bestimmten praktischen Zwecke diente, erschien ihm berhaupt mig.
Das Reden um der Aussprache willen, die se Erleichterung des Gemtes durch
Mitteilung erachtete er als weibisch.
    Am ehesten lie er noch etwas von seinen Gefhlen seinem Sohne Gustav
durchblicken, der von der ganzen Familie seinem Herzen am nchsten stand. Das
hatte seinen besonderen Grund. Der alte Mann glaubte in diesem Sohne etwas von
dem Wesen des eigenen Vaters wieder lebendig werden zu sehen. Die hnlichkeit
bestand in der Tat zwischen Enkel und Grovater. Aber auch sonst gab es
verwandte Zge zwischen den beiden. Wenn der Bauer diesen Sohn auf Feld und Hof
schalten und walten sah, mit energischen Befehlen die Geschwister anstellend,
berall selbst mit Hand anlegend, voll Eifer und Lust an der Arbeit, dann wurde
der alte Mann an den Vater erinnert, der fr ihn noch jetzt das Muster eines
tchtigen Wirtes bedeutete. Und so verband sich mit dem Gefhle des Vaterstolzes
fr den Bttnerbauer die geheime Hoffnung, da durch diesen Sohn der Familie
wieder eingebracht werden mchte, was sie durch schlechte Jahre und
Unglcksflle mancherlei Art in letzter Zeit eingebt hatte an Vermgen und
Bedeutung.
    Jetzt im Winter, wo die Arbeit nicht auf die Ngel brannte, war mehr Zeit
als sonst, seinen Gedanken nachzuhngen. Was fr Erinnerungen wurden da in der
Seele des Alten wach! was fr Gestalten standen da vor seinem rckschauenden
Blicke auf und gewannen Leben! -
    Da war sein Vater: mittelgro, breitschulterig, bartlos, wie alle Bttners
vordem, blondhaarig. Er gedachte des Vaters immer, wie er ihn aus der frhesten
Kindheit in Erinnerung hatte, als eines im besten Lebensalter stehenden
blhenden Mannes. Was war das fr ein Arbeiter gewesen! Mit einem Finger hatte
der den Pflug ausgehoben und umgewendet. Und dabei war er ein Grundgescheiter
gewesen. Dem hatte niemand ein X fr ein U machen drfen. Deshalb war es ihm
auch gelungen, das Seine zusammenzuhalten und zu mehren.
    Der Grovater des jetzigen Bttnerbauern hatte diesem Sohne das Gut noch bei
Lebzeiten berlassen und sich auf das Altenteil zurckgezogen. Der alte Mann
fand sich in der neuen Ordnung der Dinge, welche durch die Bauernbefreiung und
die Gemeinheitsteilung in den buerlichen Verhltnissen entstanden war, nicht
mehr zurecht. Er hatte die Zeiten der Erbuntertnigkeit unter der Gutsherrschaft
und die Fronden durchgemacht. Als junger Mensch hatte er drei Jahre lang im
Zwangsgesindedienst auf dem Gutshofe gescharwerkt. Spter waren von ihm die
flligen Spanndienste fr die Herrschaft abgeleistet worden. Er lebte ganz und
gar in den Anschauungen der Hrigkeit. Der Hofedienst ging allem anderen voraus.
Der Graf, sein gndiger Herr, konnte ihm sein Gut wegnehmen, wenn er wollte, und
einen anderen an seine Stelle setzen, wie es ihm gerade pate. Der Herr hatte
die oberste Polizei- und Strafgewalt und verfgte ber Leib und Vermgen seines
Untertanen.
    Das wurde nun mit einem Male alles anders. Der Bauer sollte fortan ein
freier Herr sein auf eigenem Grund und Boden. Dabei fiel mit den Pflichten auch
der Schutz weg, den die Gutsherrschaft den Untertanen gewhrt hatte. Viele
Leute, besonders die alten, in der Erbuntertnigkeit gro gewordenen, konnten
sich in diese nderung der Dinge nicht finden. Sie hatten gar kein Bedrfnis
nach Freiheit empfunden. Seit Menschengedenken hatten ihre Familien Hofedienste
getan, hatten unter Obhut und Leitung des Edelmannes ihr Leben zugebracht;
Selbstndigkeit und Freiheit waren fr sie Worte ohne Sinn. Sie wollten es nicht
anders haben, als ihre Vter es gehabt. Der Gutsherr hatte ihre Krfte benutzt,
hatte sie vielleicht ber Gebhr angestrengt, aber er hatte auch fr sie gedacht
und sie in schlimmen Zeiten geschtzt. Das gebot ihm das eigenste Interesse; sie
gehrten ihm ja, waren seine Leute, ohne deren krftige Hnde sein Besitz
wertlos war. Nun sollten sie auf einmal fr sich selber denken und sorgen. Sie
standen auf eigene Fe gestellt, verantwortlich fr ihre Taten. Gar manchen
frstelte da in der neugeschenkten Freiheit, und er wnschte sich in das Joch
der Hrigkeit zurck.
    So ging es auch dem alten Bttner. Schwere Zeiten hatte der Mann gesehen.
Zweimal waren die Franzosen durch Halbenau gekommen und hatten geplndert. Was
sie brig gelassen, nahmen die Kosaken mit, die als Verbndete kamen, aber rger
hausten als die Feinde. Von dieser Einquartierung sollte man sich noch lange in
der Gegend erzhlen. Dann kam gleich nach dem Feinde ein furchtbares Notjahr mit
Miernte und Hungersnot im Gefolge. Mancher Bauer verlie in jenen Tagen seinen
Hof und ging auf das Rittergut oder in die Stadt, um Anstellung zu finden, da er
als eigener Wirt dem sicheren Verhungern entgegensah. Da wurde vielfach lediges
Bauernland von der Herrschaft eingezogen. Der damalige Bttnerbauer sah es daher
als eine Erleichterung an, als bei der Regulierung ein Dritteil seines Gutes der
Herrschaft Saland zugeschlagen wurde. Ja, er htte sich vielleicht von dem
mchtigen Nachbarn, der sich aus einem Beschtzer ber Nacht in einen
Nebenbuhler verwandelt hatte, ganz aus seinem Besitze verdrngen lassen, wenn
nicht sein Sohn gewesen wre.
    Leberecht Bttner war im Gegensatze zu seinem Vater ein Sohn der neuen Zeit.
Er hatte die Freiheitskriege mitgemacht als Grenadier. Zweimal war er in
Frankreich gewesen, war mit Erfahrungen und voll Selbstbewutsein aus der weiten
Welt in das Heimatsdorf zurckgekehrt.
    Zu Hause nahm er sehr bald das Heft in die Hand. Der Vater besa so viel
Vernunft, um einzusehen, da er nichts Besseres tun knne, als der jngeren
Kraft Platz zu machen; er ging ins Ausgedinge und lebte noch manches Jahr. Aus
alter Gewohnheit nahm er an der Feldarbeit teil und ward eine Art von Tagelhner
bei dem eigenen Sohne. Der jetzige Bttnerbauer konnte sich noch ganz gut auf
ihn besinnen. Ein kleines, gebcktes Mnnchen mit schiefer Nase und
rotgernderten Augen war er gewesen. Sein gelbgraues Haar hatte ihm in langen
Strhnen um den Kopf gestanden. Sonntags pflegte er einen blauen Rock zu tragen,
der ihm bis an die Knchel reichte und eine braun- und grngewrfelte Weste mit
blanken Perlmutterknpfen. Er wute den Enkeln mit hoher, dnner Greisenstimme
schauerliche Geschichten zu erzhlen von der Franzosenzeit und der
Kosakeneinquartierung.
    Leberecht Bttner verstand es, die neugewonnene Unabhngigkeit, mit der sein
Vater nichts anzufangen gewut hatte, vortrefflich auszunutzen. Der Aufschwung,
den die Landwirtschaft zu Anfang des Jahrhunderts genommen, die Erkenntnis der
Bodenpflege, die vernderte Fruchtfolge, die Bekanntschaft mit neuen
Kulturgewchsen begann langsam durchzusickern und verdrngte allmhlich auch in
diesem entlegenen Winkel die veraltete Wirtschaftsweise der Vter. Durch die
Aufteilung der Gemeindeweide und die Einschrnkung des Viehtreibens und der
Streunutzung im Walde wurde der Bauer, selbst wenn er widerwillig war, zu
vernnftigerem Wirtschaften gezwungen.
    An Stelle der Weide trat der Stall, dadurch wurde der bisher verschleppte
Mist fr die Felddngung gewonnen. Man mute Futterkruter anbauen und mit der
Brachenwirtschaft brechen. Hand in Hand damit ging die bessere Wiesenpflege und
die Tiefkultur.
    Leberecht Bttner war der erste Bauer in Halbenau, welcher mit der
Dreifelderwirtschaft brach. Er baute eine massive Dngergrube auf seinem Hofe
und fhrte regelmige Stallftterung ein fr das Vieh; trotzdem konnte man ihm
nicht vorwerfen, da er neuerungsschtig sei. Von dem zh-konservativen
Bauernsinne hatte er sich den besten Teil bewahrt: wohlberlegtes Mahalten. Er
berstrzte nichts, auch nicht das Gute. Seine Bauernschlauheit riet ihm, zu
beobachten und abzuwarten, andere die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen,
nichts bei sich einzufhren, was nicht bereits erprobt war, vorsichtig ein Stck
hinter der Reihe der Pioniere zu marschieren. Behutsam und mit Vorbedacht ging
dieser Neuerer zu Werke. Er begngte sich mit dem Sperling in der Hand und
berlie es anderen, nach der Taube auf dem Dache Jagd zu machen.
    Dabei war ihm das Glck gnstig. Die jahrzehntelang gedrckten
Getreidepreise begannen auf einmal zu steigen. Der Absatz erleichterte sich
durch die neugefundenen Verkehrsmittel. Von dem ansteigenden Strome wachsender
Lebenskraft und gesteigerten Selbstbewutseins im ganzen Volke wurde auch der
kleine Mann emporgetragen. Leberecht Bttner war im rechten Augenblicke geboren,
das war sein Glck; da er den Augenblick zu ntzen verstand, war sein
Verdienst. Er durfte zu einer Zeit wirken und schaffen, wo der Landmann, wenn er
seinen Beruf verstand, Gold im Acker finden konnte.
    So arbeitete sich dieser Mann im Laufe der Jahre aus der Verarmung zu einer
gewissen Wohlhabenheit empor. Es gelang ihm, einen gnstigen Landkauf zu machen,
bei welchem er der benachbarten Herrschaft, die ihr Areal nach Mglichkeit durch
Auskaufen kleiner Leute zu vermehren trachtete, zuvorzukommen verstand. Durch
diesen Ankauf brachte er das Gut auf den nmlichen Umfang, wie es vor der
Ablsung gewesen war. Aber whrend das Bauerngut zur Zeit der Hrigkeit nicht
viel besser als eine Wstenei gewesen war, hatte er es durch Flei und Einsicht
in eines der bestgepflegtesten Grundstcke weit und breit verwandelt.
    Leberecht Bttner starb an der Schwelle des Greisenalters eines pltzlichen
Todes. Leute, deren ganzes Sinnen und Trachten aufs Schaffen gerichtet ist,
denken meist nicht gern ans Sterben. Beim Tode dieses sorgsamen, vorbedachten
Mannes fand sich ein letzter Wille nicht.
    Traugott Bttner, sein ltester Sohn, war in vieler Beziehung nach dem Vater
geraten. Vor allen Dingen hatte er dessen Zhigkeit, Tatkraft und Emsigkeit
geerbt. Aber das Geschick solcher Shne, welche eigenartige Vter haben, traf
auch ihn: durch die ausgeprgte Persnlichkeit des Vaters hatte die des Sohnes
gelitten. Jener hatte sich voll ausgelebt und im Egoismus der starken Natur nie
daran gedacht, da in dem Schatten, welchen er verbreite, ein krftiges Gedeihen
fr den Nachwuchs nicht mglich sei. Er war in seinem Bereiche alles in allem
gewesen. Seine Umgebung hatte sich daran gewhnt, bei allen wichtigen
Entscheidungen auf den Vater zu blicken, ihn denken und sorgen zu lassen.
Leberecht fhrte das Regiment im Hause, zunchst ber den eigenen Vater, der
freiwillig vor ihm zurckgetreten war, spter ber die Shne, auch nachdem sie
lngst zu Jahren gekommen. Unter solchem Drucke hatte sich Traugotts Charakter
nicht frei und nicht glcklich entwickelt. Er hatte von den Tugenden seines
Vaters die Fehler. Was bei Leberecht Vorsicht war, erschien bei Traugott als
Mitrauen; whrend jener sparsam war und haushlterisch, war dieser zum Geize
geneigt und kleinlich. Der konservative Sinn des Alten war bei dem Sohne in
Engigkeit, die Energie in Trotz und Eigensinn ausgeartet.
    Und eines war vom Vater auf den Sohn nicht bergegangen: das Glck.
    Leberecht Bttner war ein echtes Glckskind gewesen. Er trat als junger
Mensch zur rechten Zeit auf den Schauplatz, um das vterliche Gut vor Annexion
durch Fremde zu retten, er kam als reifer Mann in Zeiten, wo Tatkraft und Flei
nicht umsonst vergeudet wurden. Sein Sohn war in anderer Zeit und in vernderter
Lage geboren. Er bernahm zwar ein groes Anwesen im besten Stande, aber unter
erschwerten Bedingungen. Die Vermgenslage, in welche Traugott Bttner durch die
Erbauseinandersetzung mit seinen Geschwistern gekommen, trug den Keim einer
groen Gefahr in sich. Alles kam jetzt auf den neuen Wirt an und auf sein Glck.
Es kamen schwere Zeiten, denen er sich nicht gewachsen zeigte. Fallende
Getreidepreise, sinkende Grundrente, dazu steigende Lhne und wachsende
Ausgaben. Ein schnelleres Getriebe im Geschftsleben und erschwerte
Kreditbedingungen. Alles verwickelte und verschob sich. Mit dem schlichten
Verstande allein kam man da nicht mehr durch. Die Ansprche waren gesteigert auf
allen Gebieten. Die alte Wirtschaftsweise, wo man seine Erzeugnisse auf den
Markt brachte, mit dem Erls die Zinsen und Abgaben deckte, und was brig blieb,
mit seiner Familie verzehrte; diese einfache Art, aus der Hand in den Mund zu
leben, war gnzlich aus der Mode gekommen. Der neumodische Bauer hielt sich
womglich Zeitungen, las Bcher ber Landwirtschaft, studierte die Brsenkurse
und die Wetterberichte. Solche Leute nannten sich dann freilich auch nicht mehr
Bauern, sondern konomen, und lieen ihre Shne freiwillig dienen.
    Traugott Bttner hielt am Alten fest, wie es sein Vater bis zu gewissem
Grade auch getan hatte. Leberecht Bttner aber hatte sich dem, was gut und
ntzlich im Neuen war, nie verschlossen, und das tat Traugott. Er verstand seine
Zeit nicht, wollte sie nicht verstehen. Er hate jede Neuerung von Grund der
Seele und brachte es darum niemals zu einer Verbesserung. Er glaubte, die neue
Zeit mit Verachtung zu strafen und merkte nicht, da sie achtlos ber ihn
hinwegschritt und ihm den Rcken wandte. Mrrisch hatte er sich auf sich selbst
zurckgezogen, zehrte von seinem Trotze und lebte ein glckliches Leben nur in
der Erinnerung an die gute alte Zeit die doch ihrerzeit auch mal neu gewesen
war.
    Manchmal freilich sah er sich doch gezwungen, in das Licht, von dem er sich
grollend abgewandt hatte, zu blicken. Um so schmerzhafter blendete ihn dann die
grelle Tageshelle der Wirklichkeit. Dann fuhr er auf aus seiner weltentfremdeten
Zurckgezogenheit und beging in heftiger bereilung verhngnisvolle Irrtmer.
Sah er dann durch den Erfolg seines Tuns, da er verfehlt gehandelt hatte, so
versteifte er sich gegen besseres Wissen auf sein gutes Recht. Aber im Innern
war ihm nicht wohl dabei zumute, und leicht focht ihn dann Unsicherheit und
Verzagen an. Denn wenn er auch nach auen hin nicht um eines Haares Breite
nachgab und lieber einen Finger eingebt htte, als ein Zugestndnis zu machen,
so stand er doch vor dem Richter in der eigenen Brust hufig als ein Fehlender
da. Reue und Zerknirschung war es nicht, was er da empfand. Zum Beugen war sein
Bauernnacken zu steif. Weder vor Menschen noch vor Gott liebte er es, sich als
Snder hinzustellen.
    Des Bttnerbauern Christentum war ein eigenartig Gemchte, das vor den Augen
orthodoxer Theologen wohl als eine Art von Heidentum befunden worden wre. Sein
Verhltnis zu Gott bestand in einem nchternen Vertrage, der auf Ntzlichkeit
gegrndet war. Der himmlische Vater hatte nach Ansicht des Bauern fr gute
Ordnung in der Welt, fr regelmige Wiederkehr der Jahreszeiten, gut Wetter und
Gedeihen der Feldfrchte zu sorgen. Kirchgang, Abendmahl, Kollekte, Gebet und
Gesang, das waren Opfer, die der Mensch Gott darbrachte, ihn gnstig zu stimmen.
War das Wetter andauernd schlecht oder die Ernte war miraten, dann grollte der
Bauer seinem Schpfer, bis wieder bessere Zeit kam. Von der Bue hielt er nicht
viel. Um das Fortleben nach dem Tode kmmerte er sich wenig, sein Denken und
Sorgen war ganz auf das Diesseits gerichtet. Was der Herr Pastor sonst noch
sagte: von der Aneignung der gttlichen Gnade, dem stellvertretenden Opfertode
Christi und der Wiedergeburt im Geiste, das hrte er sich wohl mit an, aber es
lief an seinem Gewissen ab, ohne Eindruck zu hinterlassen. Dergleichen war ihm
viel zu weit hergeholt und verwickelt. Das hatten sich wahrscheinlich die
Gelehrten ausgedacht: die Studenten und die Professoren, oder wie sie sonst
hieen. Er trug ein deutliches, hchst persnliches Bild von seinem Gotte in der
Seele. Er wute ganz genau, wie er zu dem da oben stand; es bedurfte keines
Vermittlers, um ihn zu Gott zu fhren. Manchmal in frher Morgenstunde, wenn er
auf dem Felde stand, allein, und die Welt erstrahlte pltzlich in berirdischem
Glanze, dann fhlte er Gottes Nhe, da nahm er die Mtze vom Haupte und sammelte
sich zu kurzem Gebet. Oder ein Wetter brauste daher ber sein Haus und Land mit
Blitzschlag und Donnergrollen, dann sprte er Gottes Allmacht. Oder nach langer
Drre ging ein befruchtender Regen nieder, dann kam der Allmchtige selbst
hernieder auf seine Erde. In solchen Augenblicken lie der Alte etwas wie eine
Weihestimmung in sich aufkommen. Sonst liebte er das Hingeben an Gefhle nicht.
Er war kein Beter. Des Abends beim Abendluten nahm er aus alter Gewohnheit die
Mtze ab, sobald die Glocke anschlug, und sprach sein Vaterunser; das war aber
auch alles. Im brigen mute der sonntgliche Gottesdienst fr die Woche
aushalten.
    Je lter der Bauer wurde, desto mehr zog er sich auf sich selbst zurck,
umgab sich mit einem Mantel von Weltha und Menschenverachtung. Und je einsamer
er sich so machte, desto strker wurde doch in ihm das Bedrfnis, welches tief
in der Brust eines jeden Menschen lebt: sein Leben ber den Tod hinaus
fortzusetzen, seine Persnlichkeit nicht untergehen zu sehen, seinen Werken die
Fortdauer zu sichern, da er nicht der Vergessenheit anheimfalle, die Erinnerung
an ihn nicht ausgelscht werde wie die Fuspur im Sande. Wre er eine mystisch
angelegte Natur gewesen, so htte er sein Heil in der Glubigkeit gesucht. Aber
er war derb und nchtern, ein Bauer; alle seine Triebe waren der lebendigen
Wirklichkeit zugewandt. Darum konnte ihm die Seligkeit, wie sie das Christentum
versprach, wenig Trost gewhren. Ein Himmel mit rein geistigen Freuden bot ihm
keine Anziehung. Er wollte nicht Verklrung, er wollte Fortsetzung der
Wirklichkeit, an der sein Ich mit allen Fasern hing. Er war ein Sohn der Erde.
Was er hier gewesen, was er auf dieser Welt geschaffen und gewollt, sollte
ewigen Bestand haben.
    Es konnte darum keine bitterere Erfahrung fr den alten Mann geben, als mit
ansehen zu mssen, wie sein Lebenswerk mehr und mehr dem Untergange
entgegensteuerte. Von allen Seiten sah er feindliche Mchte vordringen, die ihm
das entreien wollten, was er aus der Hand seines Vaters als das kstlichste
Erbteil empfangen hatte: sein Gut. Und in seinem Kummer war ein Stachel
verborgen; ein Tropfen gab dem Kelche den bittersten Beigeschmack: der
Selbstvorwurf. Er wollte es sich nicht eingestehen, aber er mute es doch
fhlen, das wurmende und brennende Bewutsein, da er selbst die Schuld trug.
Solche Erkenntnis kam nur blitzartig ber ihn. Er wute die selbstklgerische
Stimmung wohl zu verscheuchen. Andere waren schuld, nicht er! die schlechten
Zeiten, die Verhltnisse. Ha gegen die Welt, das war der beste Trost, Ingrimm
das beste Schutzmittel des Trotzigen gegen die gefrchtete Reue.
    Einen wirklichen Trost hatte er, und an diesen klammerte er sich mehr und
mehr mit der verzweiflungsvollen Kraft des Sinkenden: seinen Sohn Gustav. Wenn
jemand ihn retten konnte, so war er es. Das Zeug hatte der Junge dazu. In Gustav
sah er ein Stck vom Grovater, Leberecht, wieder lebendig werden.

                                 Zweites Buch.



                                       I.

Eines Tages wurde dem Bttnerbauer ein Schreiben vom Amtsgericht zugestellt. Es
war ein Zahlungsbefehl. Das Gesuch dazu war von Ernst Kaschel gestellt, welcher
Zahlung seiner siebzehnhundert Mark nebst Zinsen und Kosten verlangte,
widrigenfalls er mit Zwangsvollstreckung drohte.
    Die Nachricht schlug wie ein Blitzstrahl ein. Trotz seiner mangelhaften
Kenntnis von der Rechtspflege begriff der alte Mann doch sofort, was das zu
bedeuten habe. Nun stand es fest, da Kaschelernst seinen Untergang wollte; dies
hier war die Waffe, mit der er ihm auf den Leib rckte. Zwangsvollstreckung und
in letzter Linie Zwangsversteigerung des Gutes, darauf hatte der Kretschamwirt
es abgesehen.
    Der Bttnerbauer hatte in seinem Leben mehr als ein Gut der Nachbarschaft
unter dem Hammer weggehen sehen. Manchen Bauern hatte er gekannt, der als
wohlhabender Mann angefangen und schlielich mit dem weien Stabe in der Hand
aus dem Hofe geschritten war. Zwangsversteigerung! Der Gedanke daran konnte
einem das Blut in den Adern gerinnen machen. Das war das Ende von allem! Der
Bauer, dem das geschah, war gestrichen aus der Liste der Lebenden, losgerissen
von seinem Gute, ausgerodet, hinausgeworfen auf die Landstrae, wie man ein
Unkraut aus dem Acker rauft und ber den Zaun wirft. -
    Gustav war der einzige von der ganzen Familie, mit dem der Bauer von diesem
neuesten Unglck sprach. Gustav sah sofort die Gefhrlichkeit der Lage ein. Er
sagte sich, da etwas geschehen msse, um die angedrohte Maregel zu verhindern.
Zunchst schien es immer noch das vernnftigste, mit Kaschelernst selbst
Rcksprache zu nehmen. Am Ende lie er sich doch dazu bringen, Stundung zu
gewhren, vor allem, wenn man ihm vorstellte, da er sein Geld bei einer
Zwangsvollstreckung kaum herausbekommen und im Falle der Versteigerung sogar
gnzlich einben werde. Dadurch gewann man Frist, und whrenddessen gelang es
vielleicht, von anderer Seite Hilfe zu schaffen.
    Gustav ging also noch am selben Morgen, als die Urkunde vom Gericht
eingetroffen war, nach dem Kretscham. Leicht wurde ihm der Gang nicht. Er wrde
bitten mssen, auf alle Flle sich demtigen vor den Verwandten. Dabei war ihm
die ganze Familie widerlich. Seinen Onkel Kaschel hatte er nie ausstehen mgen.
Wenn er an seine Cousine Ottilie dachte, htte ihm bel werden knnen. Und auch
mit seinem Vetter Richard stand er auf gespanntem Fue, seit er ihn als Jungen
einmal windelweich geprgelt. Gustav hatte den Vetter nmlich dabei berrascht,
wie er mit dem Pustrohre nach einem Huhn scho, das er an einen Baum angebunden
hatte als lebendige Zielscheibe. Diese Zchtigung hatte Richard Kaschel wohl
nicht so leicht vergessen.
    Gustav traf in der Schenkstube seine Cousine Ottilie. Er fragte sie ohne
Umschweife nach dem Vater. Der sei im Keller mit Richard und ziehe Bier ab,
erklrte das Mdchen, verlegen kichernd. Dann bat sie den Vetter, doch ins gute
Zimmer zu treten. Dieser Raum lag neben der groen Gaststube und unterschied
sich von ihr in seiner Ausstattung eigentlich nur durch ein Paar schlechte
ldrucke, welche den Kaiser und die Kaiserin darstellten.
    Hier mute Gustav Platz nehmen. Ottilie war bergeschftig um ihn bemht,
ihm einen Stuhl zurechtzurcken und den Tisch vor ihm mit einem Tuche
abzuwischen. Dabei blinzelte sie den Vetter mit vielsagendem Lcheln von der
Seite an. Er sei von der Stadt her verwhnt, zirpte sie mit erknstelt hoher
Stimme, aber er msse eben hier vorlieb nehmen mit dem, was er vorfnde. Es sei
doch recht langweilig in Halbenau. Warum sich denn der Vetter nicht fter mal
blicken lasse. Und zum Tanze sei er noch gar nicht gesehen worden im Kretscham.
Die Mdchen hier seien ihm wohl nicht sein genug? -
    Gustav antwortete kaum auf ihre Bemerkungen. Er witterte etwas von
Eifersucht in dem Wesen der Cousine. Hbsch war sie nicht mit ihrem Kropfansatz,
der langen, berbauten Figur und dem schiefen Munde, der neuerdings eine
Zahnlcke aufwies. Doch dafr konnte sie schlielich nichts. Aber was fr eine
Schlampe sie war! So herumzulaufen! Mit zerrissenen Strmpfen, zerschlissener
Taille und ungemachtem Haar. Und so was wollte die reichste Erbin in Halbenau
sein! Gustav stellte unwillkrlich Vergleiche an zwischen ihrer Schmuddelei und
der Sauberkeit, die stets um Pauline herrschte.
    Ottilie lief pltzlich hinaus. Er glaubte, es sei, um den Vater
herbeizuholen. Eine ganze Weile hatte er zu warten. Dann kam das Mdchen zurck,
aber ohne den Wirt. Sie brachte vielmehr ein Brett mit Frhstck darauf. Da
waren verschiedene Flaschen und Schsseln. Freundlich lchelnd setzte sie das
vor den Vetter hin.
    Gustav war rgerlich. Zwar ein Kostverchter war er nie gewesen, und bei den
Eltern ging es neuerdings schmal genug her; ein Frhstck nahm er immer gern an.
Aber von der hier bewirtet zu werden, das pate ihm ganz und gar nicht. Ihr
Anblick konnte ihm jeden Appetit verderben.
    Ottilie schien den Widerwillen nicht zu bemerken, den sie einflte. Sie
schenkte ein, zunchst ein Glas Bier, neben das sie noch zur Auswahl ein
kleineres Glas mit rtlichem Inhalt stellte. Dann setzte sie sich ihm gegenber
an den Tisch und sah ihm zu, wie er a und trank, mit dem Ausdrucke innigster
Befriedigung in ihren Zgen.
    Es entging ihm nicht, da sie sich inzwischen eine andere Taille angezogen
hatte. Er mute unwillkrlich lcheln ber so viel verlorene Mhe. Schner sah
sie in dem rot und gelb gemusterten Zeuge auch nicht aus mit ihrer flachen Brust
und der gelblichen Hautfarbe. Das Mdchen tat sein Mglichstes, um den Vetter
zum Zulangen zu bringen. Nach jedem Schlucke, den er nahm, schenkte sie nach, so
da der Inhalt des Glases niemals abnahm.
    Gustavs gesunder Appetit hatte bald den anfnglichen Widerwillen berwunden.
Zudem fragte er sich, warum er die Torheit des Frauenzimmers nicht ausnutzen
solle. Er lie sich seines Onkels Bier, Schnaps und Schinken gut schmecken.
    Als er sich soweit gesttigt hatte, da er nicht mehr imstande war, noch
einen Bissen herunterzubringen, schob er den Teller von sich. Ottilie sprang
auf, holte Zigarren und brannte ihm eigenhndig eine an.
    Er bat sie, da sie nun den Vater aus dem Keller holen mge. Sie meinte
darauf, das habe ja noch Zeit. Man habe sich doch so mancherlei zu erzhlen,
wenn man sich so lange nicht gesehen. Dabei wechselte sie den Platz, setzte sich
an seine Seite. Das wurde ihm doch zu viel des Guten. Es bedurfte einer sehr
energischen Aufforderung von seiner Seite, da sie sich bewogen fhlte, endlich
den Vater herbeizurufen.
    Der Wirt erschien, wie gewhnlich, in Pantoffeln, die Zipfelmtze auf dem
Kopfe, die Hnde unter der blauen Schrze. Hinter ihm sein Sohn wute die
Haltung des Vaters vortrefflich nachzuahmen. Nach Kaschelscher Art begrten sie
Gustav mit Kichern und Grinsen, das sich bei jedem Worte, das gesprochen wurde,
erneuerte.
    Ottilie! Ich nahm o eenen! rief der Wirt. Vun an Bierabziehn kann eens
schon warm warn. Newohr, Richard?
    Der Sohn feixte dummdreist und schielte falsch verlegen nach dem Vetter hin.
Er mochte an die Lektion denken, die er von dem einstmals empfangen hatte.
    Gustav, um etwas zu sagen, fragte, ob Richard nicht bald zu den Soldaten
msse. Da erhellten sich die Gesichter von Vater und Sohn gleichzeitig. Der Alte
meinte schmunzelnd: Ar is frei gekummen. Ju, ju! Richard is militrfrei!
Gustav sprach seine Verwunderung darber aus, Richard habe doch seines Wissens
kein Gebrechen. Nu, mir wuten och nischt dervon sulange. Aber der Herr
Oberstabsarzt meente, er htte Krampfadern an linken Beene. Ju, ju! Krampfadern
taten se's heeen. Newohr, Richard? Und da wurd' 'r zuricke gestellt. Nu, ich
ha' natirlich nischt ne dadergegen, und der Junge erscht recht ne. Newohr,
Richard? Der alte Kaschel schttelte sich vor Lachen. Er schien es fr einen
besonders genialen Streich seines Sohnes anzusehen, da er infolge seiner
Krampfadern militruntchtig war. Gustav htte gern offen heraus gesagt, was ihm
auf der Zunge lag, da dem Bengel die militrische Zucht gewi recht gut getan
haben wrde, aber er unterdrckte die Bemerkung. Er htete sich, in diesem
Augenblicke etwas zu uern, was den Onkel htte verdrieen knnen. Er war ja
als Bittsteller hierher gekommen.
    Er begann nunmehr mit seinem Anliegen herauszurcken. Sobald der Onkel
merkte, da von Geschften gesprochen werden solle, schickte er Ottilien aus dem
Zimmer. Zu Gustavs Verdrusse blieb aber Richard anwesend. Gustav sa an der
breiten Seite des Tisches, die beiden Kaschels ihm gegenber. In den
Angesichtern von Vater und Sohn, deren hnlichkeit hier, wo sie so dicht
beieinander waren, in unangenehmster Weise sich aufdrngte, lauerte die
nmliche, unter blder Miene verborgene dreiste Schlauheit.
    Sie lieen den Vetter reden. Lchelnd, hin und wieder mit den Augen
zwinkernd, hrten sie sich seinen Bericht mit an. Gustav sprach mit Offenheit.
Die miliche Lage seines Vaters war ja doch nicht mehr zu verbergen. Er
erklrte, da, bestnde der Onkel auf seiner Forderung, der Bankrott des Bauern
sicher wre. Dann bat er den Onkel, sich noch zu gedulden. Die Zinsen seiner
Forderung sollten pnktlich gezahlt werden, dafr wolle er sich persnlich
verbrgen. Mit der Zeit wrde man auch an ein Abzahlen des Kapitals gehen. Wenn
der Onkel es aber zum uersten treibe, dann sei das Gut verloren und damit auch
seine Forderung.
    Gustav hatte sich das, was er sagen wollte, vorher wohl berlegt. Aber, wie
das so geht, er sagte schlielich ganz andere Dinge und brauchte ganz andere
Wendung, als er beabsichtigt. Die Ruhe der beiden, die ihn nicht mit einem Worte
unterbrachen, warf ihm seinen ganzen Entwurf ber den Haufen. Er hatte sich
vorgenommen, mit Begeisterung zu sprechen, hatte den Onkel mit warmen Worten an
das Familieninteresse mahnen wollen. Sollte denn dieses Gut, das so lange im
Besitze der Familie gewesen, unter dem Hammer weggehen? Sollte der Bauer als
alter Mann von Haus und Hof getrieben werden und mit seinem grauen Haar auf das
Almosen der Gemeinde angewiesen sein? Das knne doch der Onkel nie und nimmer
verantworten! Das werde er doch nicht mit ansehen wollen! Das sei man doch der
Familie schuldig, solche Schmach zu verhindern! er habe ja doch eine Tochter aus
dem Bttnerschen Gute zur Frau gehabt; um des Andenkens der Verstorbenen willen
mge er doch seine Hilfe nicht versagen! - So etwa hatte der junge Mann zu
seinem Verwandten sprechen wollen.
    Aber er fhlte es, diesen Rattengesichtern gegenber mit ihrer lauernden
Bosheit war jede Begeisterung weggeworfen. Durch jedes wrmere Wort mute er
sich lcherlich machen. Er merkte, wie er immer unsicherer wurde und wie der
Widerwille gegen das, was er sagte, ihm zum Halse stieg. Was hatten denn diese
beiden da in einem fort zu nicken, zu winken und mit den Augen zu zwinkern.
Einer genau wie der andere, als bestnde eine geheime Verbindung zwischen Vater
und Sohn, als verstnden sie ihre Gedanken, ohne einander anzusehen. Sie
belustigten sich wohl gar ber ihn? Alles was er hier vorbrachte, diente am Ende
nur ihrer anmaenden Schadenfreude zur willkommenen Nahrung!
    Ziemlich unvermittelt fragte Gustav auf einmal: Was der Onkel eigentlich
bezwecke mit seiner Kndigung? Ob er es etwa zur Subhastation des Bauerngutes
treiben wolle, um das Gut dann selbst zu erstehen?
    Kaschelernst wich dieser Frage aus, sich nach seiner Art hinter ein Lachen
versteckend. Aber der Neffe lie diesmal nicht locker. Weshalb er das Geld
gekndigt und den Zahlungsbefehl veranlat habe, wolle er wissen. Das msse
seinen ganz besonderen Grund haben, denn der Onkel wisse recht gut, da der
Bauer im gegenwrtigen Augenblick nicht imstande sei, ihn zu befriedigen.
    Der Onkel fragte dagegen: Ob das nicht sein gutes Recht sei? Kaschelernst
war jetzt selbst etwas aus seinem gewohnten Gleichmut gekommen. Gustav sah ihn
zum ersten Male aus der Rolle des harmlosen Biedermannes fallen.
    Man war inzwischen auf beiden Seiten aufgestanden. Der Tisch befand sich
noch immer zwischen Gustav und den Kaschels.
    Gustav wiederholte noch einmal seine Frage, ob der Onkel den Zahlungsantrag
zurckziehen wolle.
    Ich war an Teifel tun! rief Kaschelernst protzig. Der Sohn kicherte dazu.
    Gustav fhlte, da er seine Wut nicht lnger bndigen knne. Er mute
irgendetwas tun, sich Luft zu verschaffen: die beiden beleidigen, die Krnkung
vergelten.
    Er prete die Stuhllehne vor sich zwischen seinen Fusten. Jetzt hatte es
keinen Sinn mehr, diesen hier seinen Ha zu verbergen. Mit bleichen Wangen und
der keuchenden Stimme des aufsteigenden Zornes sagte er: 's is schon gut so!
Ich htt' mer's eegentlich denken knnen. Nu wee ich's aber, wie's steht! Ihr
steckt mit dem Harrassowitz unter eener Decke. Na, Ihr seid eene schne Sorte
Verwandte. Ich komme ber Eure Schwelle nich mehr, davor seid 'r sicher! Pfui
Luder ber solches Pack. - Schmt eich! - Damit ging er, auf seinem Wege durch
das Zimmer an verschiedene Sthle und Tischkanten anrennend.
    Der Kretschamwirt lief dem Neffen nach. Von der Tr aus rief er hinter ihm
drein: Warte mal! Wart ack, Kleener! Ich ha' noch a Wrtel mit d'r. Wenn d'r
und 'r denkt, ihr kennt mich lapp'g machen, da seit 'r an Falschen geraten. Dei
Vater is immer a Uchse gewast, ar hat keenen grern in seinem eegnen Stalle
stiehn. Sicke dumme Karlen, die brauchen gar kee Pauerngutt. Ob sei Gutt ungern
Hammer kimmt, ob's d' ihr alle zusammde betteln gihn mit, das is mir ganz egal!
Verreckt Ihr meintswegen! Mit eich ha'ch kee Mitleed - ich ne!
    Gustav war schon auer Hrweite und vernahm die weiteren Schimpfreden nicht,
die ihm der Onkel noch auf die Gasse nachrief.

                                     * * *

    Gustav wollte, da er bei dem Kretschamwirt nichts ausgerichtet hatte, seinen
Onkel Karl Leberecht Bttner aufsuchen und dessen Hilfe anrufen. Freilich war
dazu eine Eisenbahnfahrt von mehreren Stunden ntig. Aber er meinte, diese
Ausgabe nicht scheuen zu drfen, denn es blieb tatschlich die letzte Hoffnung.
Der Onkel war wohlhabend; vielleicht konnte man ihn dazu bringen, etwas fr
seinen leiblichen Bruder zu tun.
    Ehe Gustav die Garnison verlassen, hatte er sich noch einen Anzug von
dunkelblauem Stoff anfertigen lassen. Pauline fand, da ihm die neuen Kleider
ausgezeichnet stnden. Auch einen ziemlich neuen Hut besa er und ein paar
Stiefeln, die noch nirgends geflickt waren. So konnte er denn die Reise guten
Mutes wagen. Er wollte bei den Verwandten in der Stadt nicht den Eindruck eines
Bettlers machen. Sie sollten sehen, da sie sich der in der Heimat
zurckgebliebenen Familienglieder nicht zu schmen brauchten.
    So trat er die Fahrt an. Angemeldet hatte er sich nicht bei den Verwandten,
damit sie ihm nicht abschreiben konnten. Denn Gustav war sich dessen wohl
bewut, da man ihm und den Seinen nicht allzu gnstig gesinnt sei von jener
Seite. Das hatte sich ja auch in der pltzlichen Kndigung der Hypothek im
Frhjahre ausgesprochen.
    Der alte Bauer hegte nicht die geringste Hoffnung, da die Reise seines
Sohnes irgendwelchen Erfolg haben knne. Er hielt nicht viel von Karl Leberecht.
Der Bruder war ihm im Alter am nchsten gewesen von den Geschwistern. Sie hatten
sich als Jungen stets in den Haaren gelegen. Karl Leberecht war lebhaft gewesen
und geweckt, zu allerhand Streichen aufgelegt, ein Sausewind und Wrgebund,
wie ihn der Bauer noch jetzt zu bezeichnen pflegte, wenn er von dem jngeren
Bruder sprach. Gustav lie sich jedoch durch das Abreden des Vaters nicht irre
machen. Karl Leberecht mochte in der Jugend gewesen sein wie er wollte, er hatte
es jedenfalls zu etwas gebracht im Leben. Und er war und blieb auf alle Flle
der Bruder des Vaters. Vielleicht schlummerte der Familiensinn doch noch in ihm,
und es bedurfte nur der richtigen Ansprache, um ihn zu wecken.
    Aus dem Briefe, welchen damals der Vetter - der wie er den Namen Gustav trug
- geschrieben! hatte, ersah er, da das Materialwarengeschft von Karl Leberecht
Bttner und Sohn am Marktplatze gelegen war. Dorthin richtete Gustav also seine
Schritte. Nach einigem Suchen fand er die Firma, die in goldenen Lettern auf
schwarzem Untergrnde weithin leuchtend prangte.
    Es war ein eigenes Gefhl fr den jungen Menschen, seinen eigenen Namen auf
dem prchtigen Schilde zu lesen. Gustav ging nicht sofort in den Laden hinein,
eine geraume Weile betrachtete er sich erst das Geschft von auen mit
ehrfurchtsvoller Scheu. Das war ja viel grer und glnzender, als er sich's
vorgestellt hatte.
    Das Bttnersche Geschft bestand aus einem gerumigen Eckladen, der mit zwei
Schaufenstern nach dem Markte hinaus blickte und auerdem noch mehrere kleinere
Fenster nach einer Seitengasse hatte. Eine reiche Auswahl von Verkaufsartikeln
lag da ausgestellt: Kaffee und Tee in Glasbchsen, Seifen, Biskuits in Ksten,
Lichte in Paketen, Sdfrchte, Tabak, Viktualien aller Art, Spezereien, Droguen.
In dem einen der vorderen Schaufenster sa ein Chinese, der mit dem Kopfe
wackelte. Auf einem Plakate, welches Karawanentee anpries, war ein Kamel
abgebildet, von einem Araber gefhrt, auf dem Rcken einen mchtigen Berg von
Ballen tragend.
    Gustav stand da, staunend. Obgleich er als Soldat mehrere Jahre in einer
greren Stadt kaserniert gewesen, war doch das Landkind lebendig in ihm
geblieben. Alles Fremde, besonders wenn es unverstndlich war, imponierte ihm
gewaltig. Die Schaufenster mit den vielen fremdartigen Dingen bestrkten ihn in
der Vermutung, da der Onkel doch sehr reich sein msse. Und wenn man bedachte:
der Mann stammte aus Halbenau! Hatte das Vieh gehtet und Mist aufgeladen wie
jeder andere Bauernjunge. Dann war er davongelaufen, weil's er daheim nicht mehr
ausgehalten; wohl hauptschlich, weil sein Vater, der alte Leberecht, ihn nicht
aufkommen lassen wollte neben dem lteren Bruder und Erben des Hofes. So war er
denn in die Fremde gegangen, hatte alles Mgliche erlebt und erfahren, hatte die
verschiedensten Lebensstellungen innegehabt. Markthelfer war er unter anderem
gewesen. Als solcher hatte er in ein Grnwarengeschft geheiratet und damit den
Grund zu seinem Vermgen gelegt.
    Ja, in der Stadt da konnte man es noch zu etwas bringen! In Gustav stieg ein
bitteres Gefhl auf, als er sich hier umsah und das Leben und Treiben ringsum
betrachtete: den Marktverkehr, die Huserreihen, die glnzenden Lden. - Wenn
man damit die de der drfischen Heimat verglich! Er fhlte sich etwas
herabgestimmt in seinem Selbstbewutsein und seiner Zuversicht, trotz des neuen
Anzugs. Die Verwandten wrden ihn doch am Ende nicht als voll ansehen. - Nachdem
er eine Weile vor dem Laden auf und ab gegangen, entschlo er sich schlielich
doch, hineinzugehen.
    Eine ganze Anzahl junger Leute war dort ttig. Der eine von ihnen, ein
langer schmchtiger, mit einer Brille, fragte den Eintretenden, was zu Diensten
stnde. Gustav nannte seinen Namen und sagte, da er mit dem Onkel zu sprechen
wnsche. Der junge Herr sah sich den Fremden daraufhin genauer mit forschenden
Blicken durch seine Brillenglser an. Der Vater sei leider nicht im Laden,
erklrte er.
    Also, das war der Vetter! Gustav ma den Mann, der seinen Namen trug, mit
neugierigen Blicken. Ein ziemlich groer, hagerer Mensch von gebckter Haltung
stand vor ihm. Dem Manne sah man es nicht an, da sein Vater auf dem Lande
geboren, da alle seine Vatersvorfahren durch Jahrhunderte hinter dem Pfluge
hergeschritten waren. Und doch war in dieser Schulmeistererscheinung eine
gewisse hnlichkeit mit den Verwandten nicht zu verkennen. Die Kopfform, die
groen Hnde und Fe, der Haarwuchs erinnerte an die Bttners von Halbenau.
    Zwischen den beiden Vettern gab es eine Verlegenheitspause. Sie waren durch
das Gefhl bedrckt, in naher Blutsverbindung zu stehen und einander doch
unendlich fremd zu sein. Man ma sich mit sphenden, mitrauischen Blicken und
wute einander nichts zu sagen. Gustav, der Bauernsohn, verachtete im geheimen
diesen drren Blling, der tagein, tagaus hinter dem Ladentisch stehen und die
Kunden bedienen mute. Aber seine Verachtung war dabei nicht ganz frei von einem
gewissen Neid, den das Landkind der berlegenheit des Stdters gegenber selten
verwindet. Und Gustav, der Mitinhaber der Firma Karl Leberecht Bttner und Sohn,
belchelte seinen Vetter vom Dorfe mit den unbeholfenen Manieren.
    Ein paar Leute vom Markt kamen herein, die bedient sein wollten. Nachdem die
Kunden abgefertigt waren, schlug der Kaufmann seinem Vetter vor, in die Wohnung
des Vaters zu gehen; der Alte werde wohl zu Haus sein. Er gab ihm einen
Lehrling mit, damit er den Weg finde. Unter Fhrung eines halbwchsigen
Brschchens gelangte Gustav so zur Wohnung der Verwandten.
    Mit dem Onkel fand sich Gustav schneller zurecht als mit dem Vetter. Der
Mann war wirklich sein Blutsverwandter. Der grobe, derbknochige Alte mit
bartlosem, gertetem Gesicht und buschigem, grauem Haar sah dem Bttnerbauer
nicht unhnlich. Wre nicht das gestickte Kppchen auf dem Kopfe, die
Safianpantoffeln und die Kleider von stdtischem Schnitt gewesen, htte man Karl
Leberecht Bttner wohl fr einer Halbenauer ansprechen knnen. In seinem
Augenblinzeln und dem verschmitzten Lcheln kam die Bauernpfiffigkeit zum
Ausdruck. Auch in seiner Aussprache waren noch heimatliche Anklnge zu finden.
Mit derber Herzlichkeit empfing er den Sohn seines Bruders.
    Der Neffe wurde zum Niedersetzen aufgefordert, bekam ein Glas Wein
vorgesetzt und mute erzhlen, zunchst ber die Familie, sodann von anderen
Leuten aus Halbenau, auf die sich der alte Mann noch besann. Freilich, ber
viele, nach denen der Onkel fragte, vermochte Gustav keine Auskunft zu geben;
sie waren gestorben, weggezogen, verschollen.
    Die Teilnahme, welche der Alte an den Tag legte fr diese Dinge, strkte
Gustavs Zuversicht. Der Onkel hatte noch nicht allen Sinn verloren fr die
Heimat; soviel stand fest! Als der alte Mann sich nach der Lage des Gutes und
der Wirtschaft erkundigte, benutzte Gustav die Gelegenheit, ihm die Not zu
erffnen, in welcher sich sein Vater befand.
    Karl Leberecht Bttner war sichtlich berrascht. Er schttelte wiederholt
den Kopf. Na so was! Na solche Sachen! war seine Rede. Da es mit seinem
Bruder nicht glnzend stehe, hatte er sich ja gedacht, aber da es so schlimm
sei! ... Er seufzte; sein Gesicht nahm einen trben Ausdruck an.
    Durch diese Anzeichen ermutigt, rckte Gustav mit seinem Ansinnen heraus:
der Onkel solle die eingeklagten siebzehnhundert Mark an Kaschelernst auszahlen
und dafr dessen Hypothek bernehmen.
    Karl Leberecht runzelte die Stirn, zog die Augenbrauen in die Hhe und
blickte starr vor sich hin, die Backen aufblasend - genau wie es der
Bttnerbauer machte, wenn ihm etwas berraschend kam - dann rckte er sich auf
seinem Sitze zurecht, meinte, die Sache sei bs; lie sich Gustavs Plan aber
doch noch einmal auseinandersetzen.
    Gustav sprach mit Lebhaftigkeit und Wrme. Er redete alles, was er auf dem
Herzen hatte, herunter. Dem Onkel gegenber wurde es ihm leicht, da stockte ihm
nicht das Wort auf der Zunge wie neulich vor den Kaschels. Er bestrmte den
alten Mann, er stellte ihm die Sache im gnstigsten Lichte dar und wunderte sich
beim Sprechen selbst ber die eindringlichen Worte, die er fand.
    Der Alte kratzte sich hinter dem Ohre, sprach von den schlechten Zeiten und
meinte, er habe alles Geld im Geschfte stecken; aber er lehnte nicht vllig ab.
Seine Einwendungen wurden immer schwcher. Halb und halb schien er der Sache
gewonnen.
    Gustav frohlockte in seinem Innern; nun glaubte er gewonnenes Spiel zu
haben. Er beschlo, die Gunst der Lage auszunutzen und bat den Onkel, auch die
Zinsen und Kosten mit zu belegen.
    Der Alte sagte nicht ja und nicht nein. Die Sache schien ihm Unruhe zu
bereiten. Er lief im Zimmer umher, kraute sich den Kopf, rieb die groen
Bauernfuste gegeneinander, fiel beim Sprechen unwillkrlich in den Dialekt
seiner Jugend zurck; der deutlichste Beweis, da er innerlich erregt war. Ne
nel Su! schnell gieht das nel Ihr denkt wohl uff'n Dorfe, wir hier in der Stadt,
wir htten's Geld wie Hei. Wenn's eich schlacht gieht, mit uns stieht's erscht
racht schlacht mit'n Geschften. Wenn de Bauern, und se kommen nich in de Stadt
zum Einkaufen, das merken mir gar sehre im Handel. Geld is gar keens da. Und nu
gar ich! Wenn ich auch gerne mechte, und ich wollte Traugotten helfen, kann ich
denn, wie ich mechte! Unser Geschft! - Nu ja, die Firma Bttner und Sohn kann
sich sehen lassen.
    Hier machte er in seinem Rundgange Halt und fragte den Neffen, ob er sich
den Laden angesehen habe. Gustav bejahte und gab seiner Bewunderung
unverhohlenen Ausdruck. Dem Alten tat das sichtlich wohl, er schmunzelte ber
das ganze Gesicht. Und da sollt'st de erscht mal unser Lager sahn! rief er.
Hernachen da wird'st de Maul und Nase ufreien. Na, Gustav mag dr's mal zeigen
's Lager. So was gibt's in Halbenau freilich nich! -
    Karl Leberecht hegte noch die naive Freude des Emporkmmlings an seinem
Glcke. Es war ihm ein Genu, sich dem armen Verwandten gegenber in seinem
Wohlstande und berflusse zu zeigen. Er sprach von dem Umsatze, den er jhrlich
habe, von den Leuten, die er beschftige und den Lhnen, welche er zahle, er
brstete sich mit seinen Geschftsverbindungen. Dann erzhlte er wie er von ganz
klein angefangen, mit nichts. Er rhmte sich seiner armseligen Herkunft und
kargte nicht mit Selbstlob. Seiner Tchtigkeit allein verdanke er es, da er
jetzt so dastehe. Er wolle dem Neffen mal auseinandersetzen, warum der
Bttnerbauer und der ganze in Halbenau zurckgebliebene Teil der Familie es zu
nichts gebracht habe. Dabei stellte er sich protzig vor Gustav hin, und legte
ihm die Hnde auf die Schultern: Siehste! Ihr Pauern megt noch so sehr schuften
und wrgen, ihr megt frih ufstehn und den ganzen Tag uf'n Flecke sein, ihr megt
sparen und jeden Pfeng umdrehn, wie dei Vater 's macht, das nutzt eich alles
nischt! Ihr bringt's doch zu nischt, ihr Pauern! Vorwrts kommt ihr im Leben
nich, eher rckwrts! Und das will ich dir sagen, woran das liegt: das liegt
daran, da ihr nich rechnen kennt. Was a richtiger Pauer is, der kann nich
rechnen. Und wer nicht rechnen kann, der versteht och von Gelde nischt, und zu'n
Geschfte taugt er dann schon gar nischt. Heitzutage mu eener rechnen kennen;
das is die Hauptsache. Sieh mich amal an! Ich bin in Halbenau uf de Schule
gegangen. Ich ha och nich mehr gelernt als dei Vater. Ich war rechter Nichtsnutz
als Junge, das kannst de globen! Aber, siehst de, rechnen hab ich immer gekunnt.
Da war ich immer a Lumich! Siehst de! Und! dadermit ha ich's gemacht. Damit ha'
ich mich durch de Welt gefunden. Und wer bin ich jetzt, und was seid ihr! -
Darum werd't ihr Pauern 's och nie nich zu was bringen, weil, da ihr nicht
ordentlich rechnen kennt.
    Gustav, fr den diese Auseinandersetzung nicht gerade schmeichelhaft war,
fhlte doch keine Veranlassung, dem Onkel zu widersprechen. Er kannte nur einen
Wunsch, die Zusage von dem Alten zu erlangen; darum mute man ihn bei guter
Laune zu erhalten suchen. Er kam wieder auf sein Verlangen zurck.
    Der Onkel klopfte ihm auf die Schulter und lchelte ihn freundlich an. Er
wolle sehen, was sich tun lasse, meinte er, und er sei nicht so einer, der seine
Blutsverwandten im Stiche lasse; aber eine bindende Zusage gab er nicht. Er
knne nichts Bestimmtes versprechen, erklrte er schlielich, von Gustav
gedrngt; da htten noch andere ein Wort mitzusprechen.
    Im Nebenzimmer hatte Gustav zwischendurch Stimmen gehrt, wie es ihm klang:
weibliche Stimmen. Und zwar schien sich eine ltere mit einer jngeren
Frauensperson zu unterhalten. Schlielich tat sich die Tr auf, und ins Zimmer
trat eine alte Frau: die Tante, wie Gustav richtig vermutete.
    Sie war um einige Jahre lter als ihr Gatte. Die grauen Haare trug sie unter
einer Morgenhaube mit lila Bndern. Sie musterte den fremden jungen Mann, aus
kleinen Maulwurfsaugen neugierig sphend. Ihr altes, verwelktes Gesicht nahm
sofort einen beleidigten Ausdruck an, als sie vernahm, da er ein Bttner aus
Halbenau sei. Mit diesen Bauersleuten hatte sie nie etwas zu tun haben wollen.
Sie wrdigte den Neffen keiner Anrede, nahm den Gatten beiseite und redete in
ihn hinein, wispernd und hastig, mit einer Stimme, welche durch die
Zahnlosigkeit so gut wie unverstndlich wurde. Gustav konnte nicht verstehen,
was sie sagte, er merkte nur an ihrem ganzen Benehmen, da die Tante wenig
zufrieden mit seiner Anwesenheit sei. Der Onkel schien sich vor ihr zu
entschuldigen. Sein Wesen machte nicht mehr den zuversichtlichen Eindruck wie
zuvor. In ihrer Gegenwart erschien er minder selbstbewut, ja geradezu
kleinlaut.
    Pfeift der Wind aus der Ecke! dachte Gustav bei sich. Also der Onkel war
nicht Herr im eigenen Hause! Da mute er freilich fr das Gelingen seiner Plne
zittern.
    Bald kamen auch noch die anderen Mitglieder der Familie herbei: der Vetter,
welchen Gustav vom Laden her kannte, und eine Cousine. Eine Anzahl anderer
Kinder hatte geheiratet und befand sich auer dem Hause. Die Cousine war das
jngste Kind der Ehe und stand im Anfang der zwanzig. Sie htte knnen hbsch
sein, wenn sie nicht die kleinen, versteckten Augen der Mutter geerbt htte.
Auch sie hatte kaum einen Gru fr den Vetter brig. Das war die richtige
Stadtdame! Mit ihrer engen Taille, der hohen Frisur und den wohlgepflegten
Hnden. Wenn Gustav damit seine Schwester verglich - und das war doch
Geschwisterkind! -
    Es wurde ihm pltzlich sehr unbehaglich zumute. Mit diesen Leuten hatte er
kaum etwas mehr gemein als den Namen. Die ganze Umgebung mutete ihn fremd an:
die polierten Tische, die Spiegel, die Samtpolster. berall Decken und Teppiche,
als schme man sich des einfachen Holzes. Dort stand sogar ein Piano, und auf
einem Tischchen lagen Bcher in bunten Einbnden. Wie konnten sich die Leute nur
wohlfhlen, umgeben von solchem Krimskrams! Man mute sich ja frchten, hier
einen Schritt zu tun oder sich zu setzen, aus Angst, etwas dabei zu verderben.
Das war doch ganz etwas anderes daheim in der Familienstube. Da hatte jedes Ding
seinen Zweck. Und auch mit den Leuten war man da besser daran, so wollte es
Gustav scheinen; weniger sein waren sie allerdings als diese, aber sie waren
offen und einfach und nicht geziert und heimlich wie die Sippe hier!
    Es wurde zu Tisch gegangen. Gustav sa neben dem Onkel. Das war sein Glck;
denn der hatte doch hin und wieder ein freundliches Wort fr ihn. Die Tante lie
es bei mignstigen Blicken bewenden. Vetter und Cousine unterhielten sich die
meiste Zeit ber mit einem Eifer, als bekmen sie sich sonst niemals zu sehen.
Dem Tone ihrer Unterhaltung merkte man die Schadenfreude an, darber, da der
dumme Bauer doch nichts von dem verstehen knne, wovon sie sprachen.
    Gustav dachte im stillen, da die Teller wohl nicht so oft gewechselt zu
werden brauchten, aber, da es dafr lieber etwas Handfesteres zu beien geben
mchte. Ein Mdchen ging herum mit weien Zwirnhandschuhen und einer Schrze
angetan. Sie trug die Speisen vor sich auf einem Brette. So oft sie anbot, sagte
sie: Bitte schn! Gustav fand alles das uerst sinnlos. Von der Kaserne und
dem Elternhause her war er gewhnt, da man, ohne viel Umstnde zu machen, aus
einem Napfe a und sich setzte und aufstand nach Belieben. Aber hier war man an
seinen Stuhl gebannt, mute warten und schlielich mit kleinen, zugemessenen
Portionen seinen Hunger stillen. Die Cousine rmpfte berlegen die Nase, als er
whrend des Essens um ein Stck Brot bat, und zwar um ein groes, weil das seine
schon alle geworden sei.
    Nach Tisch, als man beim Stippkaffee beisammen sa, kam noch ein junger
Mann hinzu, der Brutigam der Cousine. Ein geschniegeltes Herrchen, um einen
Kopf kleiner als die Braut, welcher die Bttnersche Krperlnge eigen war. Der
wohlpomadisierte junge Mann, mit einer bunten Weste ber dem Schmerbauche, ri
uerst verwunderte Augen auf, als er einen Fremden in der Familie vorfand. Er
beruhigte sich jedoch, nachdem er in einer Fensternische von seiner Braut
gengende Aufklrung ber Gustavs Persnlichkeit erhalten hatte.
    Spter zogen sich die Frauen zurck, damit die Mnner von Geschften
sprechen knnten. Frau Bttner hatte zuvor noch ihrem Gatten mit wispernder
Stimme Verhaltungsmaregeln gegeben.
    Gustav befand sich allein mit Onkel, Vetter und dem korpulenten Brutigam.
Man schien zu erwarten, da er sprechen solle. Er merkte sehr bald, da es ganz
etwas anderes sei, vor diesen hier sein Anliegen vorzutragen, als am Morgen, wo
er den Onkel allein hatte. Er fing einen Blick auf, den sich Vetter und
Brutigam zuwarfen.
    Nachdem Gustav eine Weile gesprochen, nahm der Vetter das Wort. Gustav mge
sich nur nicht weiter bemhen, sagte er, man werde auf seinen Plan nicht
eingehen. Dann setzte er auseinander, warum das Geld nicht gegeben werden knne,
ja, da es ein strflicher Leichtsinn sein wrde, wenn man es geben wolle. Er
sprach in Ausdrcken, die der Bauernsohn kaum verstehen konnte. Das Geld wrde
a fond perdu gegeben sein; von non valeurs und Damnen Hypotheken sprach
er; man drfe nicht Lebendiges auf Totes legen erklrte er mit wichtiger
Miene.
    Der fette Brutigam nickte Beistimmung, und Karl Leberecht lauschte mit
einer gewissen Bewunderung den Auseinandersetzungen seines Sohnes. Er war stolz
auf den Jungen, der so gelehrt sprechen konnte. Der war freilich auch auf der
Handelsschule gewesen; von dort stammten seine schlechten Augen und die fremden
Ausdrcke.
    Das Ende war, da Gustavs Anliegen im Familienrate abgeschlagen wurde. Wir
knnen es nicht verantworten, so viel Geld aus dem Geschfte zu ziehen und in
einer verlorenen Sache anzulegen, so redete Karl Leberecht schlielich seinem
Sohne nach.
    Gustav zog unverrichteter Sache ab. Im letzten Augenblicke, als er sich
schon verabschiedet hatte, im Halbdunkel des Flurs, steckte ihm der Onkel noch
hastig etwas zu, ohne da es die anderen bemerkt htten. Es war, wie sich spter
bei nherer Besichtigung ergab, ein Kistchen extrafeiner Havannazigarren.

                                     * * *

    Nach solchen Erfahrungen sagte sich Gustav, da an eine Erhaltung des
Bauerngutes nicht mehr zu denken sei. Er war auf den vterlichen Hof
zurckgekehrt und half dem alten Manne nach wie vor in der Wirtschaft, aber im
stillen war er mit sich selbst ins reine gekommen, da er sein Geschick von dem
der Familie trennen msse. Er stand nicht allein da, es gab Personen, die ihm
noch nher standen als Eltern, Bruder und Schwestern; er mute vor allen Dingen
fr die sorgen, die auf ihn als ihren alleinigen Ernhrer blicken durften: fr
Pauline und den Jungen. Er war bereits beim Standesbeamten und beim Pastor
gewesen und hatte gemeldet, da er im Frhjahr seine Braut zu ehelichen
beabsichtige.
    Aber als Eheleute brauchten sie ein Heim. Auf dem Bauerngute konnte er mit
Frau und Kind nicht leben, das war klar. Der Versorger einer Familie mute einen
festen Beruf haben. Das Gefhl wachsender Verantwortung lastete schwer auf dem
jungen Mann, machte ihn unsicher in seinen Gefhlen und unstt in seinen
Handlungen. Er ging viel in der Nachbarschaft umher, fragte, horchte hierhin und
dahin, blickte auch in die Zeitungen, immer in der Erwartung, da er etwas
finden mchte, was ihm zusagte. Er wollte einen Dienst annehmen; welcher Art,
das wute er nicht einmal bestimmt. Mit allerhand abenteuerlichen Plnen trug er
sich; sogar ans Auswandern dachte er.
    Pauline hrte ihm ruhig zu, wenn er seine Zukunftsplne entwickelte. Sie
wute ihn zu trsten und aufzuheitern durch die nie versiegende Gte ihres
Wesens. Das Mdchen lie sich von seinen Sorgen nicht anstecken. Seit sie seiner
sicher geworden, war groe Ruhe ber ihr Gemt gekommen. Als echte Frau verga
sie in unsicherer Zeit nicht die Besorgung des Nchstliegenden. Jetzt galt ihr
ganzes Sinnen und Trachten der Beschaffung ihrer Ausstattung. Wo sie wohnen und
leben wrde, das wute noch niemand; aber das war auch beinahe nebenschlich!
Das eine stand fest - das war das groe Ereignis ihres Lebens, der kstliche
Preis ihrer Liebe und Treue durch so viele Jahre -, da sie ein Paar wurden. Sie
war ihm von ganzem Herzen dankbar dafr, da er ihr doch die Treue gehalten.
Wenn er jetzt auch manchmal unwirsch war und schlechte Laune zeigte, das
beachtete sie kaum; dergleichen konnte sie nicht einen Augenblick an ihm irre
machen. Sie liebte nicht mehr mit jener jungen, hei aufwallenden und leicht
gekrnkten ersten Leidenschaft; ihre Liebe war die gesttigte, bewhrte des
befriedigten Weibes, das nur noch eine Sorge kennt, den Vater ihres Kindes
dauernd als ihr Eigentum zu halten. Sie hatte ihren geheimen Ehrgeiz. Sie wollte
nicht, da Gustav sie ganz ohne Aussteuer nehmen solle. Wenn bei ihrer Armut das
Brautfuder auch nur klein sein konnte, ganz mit leeren Hnden wollte sie nicht
kommen. Man sah sie in jener Zeit viel mit Schere, Zwirn und Elle beschftigt,
und Leinwand und bunte Stoffe lagen in ihrer bescheidenen Kammer ausgebreitet. -
    Die Kunde war zu Gustav gedrungen, da auf dem Rittergute die Stelle eines
ersten Kutschers frei geworden sei. Er ging sofort hinber, um sich darum zu
bewerben. Die Nachricht erwies sich als ein falsches Gercht. Der jetzige
Kutscher dachte nicht daran, seinen gut bezahlten Posten aufzugeben. Bei dieser
Gelegenheit lernte Gustav den grflichen Gterdirektor, Hauptmann Schroff,
kennen.
    Gustav hatte den Namen dieses Mannes mehr als einmal nennen hren. Der alte
Bauer pflegte seine grimmigste Miene aufzusetzen, wenn er von ihm sprach. Der
treibe seinem Herrn die kleinen Leute vors Gewehr wie die Hasen, behauptete er.
Von anderer Seite wieder hatte Gustav gnstigere Urteile gehrt. Er sei
menschenfreundlich und vertrete seine Arbeiter der Herrschaft gegenber, hie
es. Eine Anzahl neuer Arbeiterwohnungen, die erst krzlich an Stelle der
bisherigen elenden Baracken errichtet worden waren, redeten das Lob des
Gterdirektors.
    Sind Sie etwa ein Sohn des alten Bttnerbauern? fragte der Hauptmann.
    Zu Befehl, Herr Hauptmann!
    Gibt es denn auf dem Gute Ihres Vaters nichts fr Sie zu tun?
    Das lge so in den Familienverhltnissen, gab Gustav ausweichend zur
Antwort. Er schmte sich nmlich, da er, der Sohn des Bttnerbauern, sich um
einen Dienst bewerben mute.
    Hauptmann Schroff betrachtete sich den jungen Menschen genauer. Seine
geweckten Zge und die stramme Haltung bestachen den ehemaligen Offizier.
    Von Ihnen knnte man am Ende mal was Genaueres erfahren, wie es mit der
Bttnerschen Sache eigentlich steht - was?
    Gustav meinte: Mit seinem Vater stehe es schlecht, und wenn ihm niemand zu
Hilfe kme, wrde er sich wohl nicht halten knnen.
    Genau, was ich Ihrem Vater vor einem halben Jahre gesagt habe! Aber, wer
nicht hren wollte, war er, rief der Hauptmann.
    Die Unterhaltung hatte bis dahin auf dem Wirtschaftshofe des Rittergutes
stattgefunden. Der Hauptmann hatte zwischendurch einige jngere Gutsbeamte
abgefertigt. Jetzt meinte er, Gustav mge ihn in seine Wohnung begleiten, es
liege ihm daran, nheres ber die Angelegenheit zu erfahren.
    Man ging auf einem gepflasterten Gange am Stalle entlang. Der Hof bestand
aus einem lnglichen Viereck. Auf der einen Langseite standen die Stallungen fr
Khe und Zugvieh, gegenber waren Schweine und Schafe untergebracht. Quer vor
stand die mchtige Scheune mit vielen Tennen. In der Mitte des Hofes lag die
Dngersttte, von einem Ziegelwall umgeben, eine Schwemme fr das Vieh daneben.
Ein eingezunter Raum war zum Fohlengarten bestimmt. Das gerumige Viereck wurde
abgeschlossen durch ein stattliches Haus mit Valmdach, die Meierei, in welcher
sich das grfliche Rentamt befand. Hier wohnte auch der Gterdirektor. Die neuen
Arbeiterwohnungen bildeten eine Kolonie fr sich, umgeben von Deputatland, das
durch den Flei der angesetzten Leute bereits in freundliche Grten umgewandelt
worden war. Vom Schlosse sah man von hier aus so gut wie gar nichts. Das lag
hinter den dichten Kronen seines Parkes verborgen, als wolle es von dieser
Sttte der Arbeit nichts sehen.
    Hauptmann Schroff bewohnte im ersten Stockwerk des Meiereigebudes zwei
Zimmer. Die Einrichtung war einfach: lederbezogene Mbel, einige Rohrsthle, ein
Bcherbrett, ein Sekretr. Die Luft schon verriet, da hier ein
leidenschaftlicher Raucher sein Quartier aufgeschlagen habe. An den Wnden waren
militrische Embleme zwischen Jagdtrophen zu erblicken. ber dem Schreibtisch
hing das einzige Bild, welches das Zimmer schmckte. Es war ein sorgfltig
gemaltes lbild und stellte einen Landsitz dar. Ein wohnliches Haus mit einer
Veranda davor. In dem brtigen Manne, der dort inmitten seiner Familie sa, war
der Hauptmann leicht wieder zu erkennen. Eine Frau in hellem Sommerkleide schien
die Mutter der drei Blondkpfe zu sein. Das Bild hing wohl nicht ohne Grund an
dieser Stelle. Vom Sofa aus, vom Sorgenstuhl, vom Schreibsessel - wo immer der
Bewohner dieses Zimmers sitzen mochte der Ruhe pflegend, oder bei der Arbeit,
wenn er den Blick erhob, mute er auf dieses Bild fallen.
    Hauptmann Schroff war Witwer schon seit einigen Jahren. Die Blondkpfe des
Bildes waren jetzt erwachsene Menschen und muten gleich ihm die Fe unter
fremder Leute Tischen wrmen.
    Der Hauptmann bot Gustav Platz an. Dann holte er sich eine Pfeife aus der
Ecke, die bereits gestopft war und auf ihn dort gewartet zu haben schien. Mit
Hilfe von Streichholz und Fidibus zndete er sie an und begann mchtige
Dampfwolken zu entwickeln. Darauf warf er seine lange Gestalt in den Sorgenstuhl
schlug die Beine bereinander und meinte: Na, nu erzhlen Sie mir mal, Bttner!
Ihr Vater ist ein alter Brummbr. Wenn man dem Manne was Gutes tun will,
schnappt er womglich noch nach einem. Sie sehen mir aus, als ob Sie
vernnftiger wren - he!
    Zu Befehl, Herr Hauptmann!
    Der Mann hatte sofort Gustavs ganzes Herz gewonnen. Er nahm kein Blatt vor
den Mund, berichtete das Familienunglck, wie es gekommen war, von Anfang an,
soviel er davon wute: die Erbteilungsangelegenheit, die berschuldung des
Gutes, der Kampf des Vaters mit der Ungunst der Verhltnisse, Unglcksflle,
notwendige Anschaffungen, wachsende Ausgaben, schlielich vllige Verstrickung
in die Netze der Glubiger.
    Hauptmann Schroff strich sich mit der Hand ber den Bart, rckte unruhig in
seinem Stuhle hin und her, wechselte die Beine und stie Wolke auf Wolke in die
Luft, zwischendurch seufzte er; es schien, als ob ihn der Bericht keineswegs
gleichgltig lasse.
    Schlielich warf er die Pfeife weg und sprang auf. Fluchend lief er im
Zimmer auf und ab. Hatte ich mir's doch gedacht! Heiliges Kreuzdonner ......
Einem ehrlichen Menschen, der ihm helfen will, traut der Bauer ja niemals! Aber,
wenn die Sorte kommt: Harassowitz, Samuel Harrassowitz! Wo hat denn Ihr Vater
seinen Verstand gelassen, als er dem Teufel den kleinen Finger gab! Wei denn
Ihr Alter nicht, da dieser Jude drben in Wrmsbach das halbe Dorf besitzt.
Alles aufgekauft und in Parzellen zerschlachtet! Nun haben wir den Blutegel
glcklich auch in Halbenau! der Marder im Hhnerstall ist nichts dagegen! Binnen
Jahresfrist ist so einem alles tributpflichtig. Es ist um ..... Was soll denn
nun werden, was soll geschehen? Er blieb vor Gustav stehen; der zuckte mit
trber Miene die Achseln.
    Da seht Ihr's mal, Ihr Bauern, da Ihr an Eurem Elend allein schuld seid!
Euch ist nicht zu helfen! Wie die Schafe rennen sie ins Feuer hinein. - Ihr
Vater ist nun ein Graukopf; man sollte denken, er htte sich Weisheit kaufen
knnen, bei allem, was er erlebt hat. Und so einer geht hin auf seine alten Tage
und unterschreibt einen Wechsel beim Juden. Es ist um toll zu werden! Immer
wieder die alte Geschichte! Bei Groen wie bei Kleinen. Da einer mal vom
Unglcke des anderen lernte - nein! Jeder mu die Erfahrung von vorn an wieder
durchmachen, ehe er klug wird. Dann, wenn's zu spt ist, kommen die Trnen - die
Selbstanklagen - wenn's zu spt ist.
    Der Hauptmann war whrend der letzten Worte stehen geblieben, seinem
Schreibtische gegenber. Sein Blick war auf das Bild darber gerichtet. Die
verwitterten Zge des Mannes nahmen fr einen Augenblick einen tief
schmerzlichen Ausdruck an. Mit einer Handbewegung schien er das alles von sich
schleudern zu wollen. Dann setzte er seinen Rundgang fort.
    Ja, was soll denn nun werden, Bttner?
    Wenn der Herr Hauptmann keinen Rat wissen ...
    Wenn Ihr Vater damals vernnftig gewesen wre, als ich ihn aufsuchte;
damals war er noch frei, da htten wir einen Handel abschlieen knnen. Aber
jetzt, wo ihn der Jude bereits im Sacke hat! - Mein Graf wrde mich schn
auslachen, wenn ich ihm mit dem Ansinnen kme, das Bttnersche Gut freihndig zu
erstehen. Es ist ja nicht die Schulden wert, die drauf sind. Wir brauchen ja nur
die Subhastation abzuwarten; denn dazu kommt's ja doch schlielich. Wollen wir's
haben, dann bieten wir eben mit. Ihr Vater hat unter allen Umstnden das
Nachsehen. Wir wollen nur den Wald, das sagte ich ihm schon damals. Uns mit
einem Bauernhfe belasten, dazu liegt gar kein Anla vor. So steht die Sache.
Sie sehen, Bttner, ich kann Ihnen nicht helfen.
    Ich habe gehrt, da Harrassowitz eine Dampfziegelei anlegen will auf
unserem Gute, sagte Gustav. So eine gute Gelegenheit, hat Harrassowitz gesagt,
zu einer Ziegelei, wie bei uns, gbe es bald gar keine wieder.
    Gustav hatte das ohne Hintergedanken gesagt. Der Hauptmann stutzte bei
dieser Bemerkung. Eine Ziegelei! rief er. Habt Ihr denn Lehm?
    Freilich, is Lehm da! Das haben die Leute schon oft ber meinen Vater
gesagt, er wre ein Esel, da er keine Ziegel brennen tte.
    Und das hat mein Harrassowitz natrlich sofort herausgefunden! rief der
Hauptmann in unverkennbarem rger ber die Entdeckung. Setzt uns da womglich
eine Dampfziegelei direkt vor die Nase hin. Das fehlte wirklich noch zu allem!
    Jetzt fiel es Gustav auf einmal ein, da die Herrschaft vor kurzem eine
Ziegelei angelegt hatte. Nun begriff er den rger des Hauptmanns. Er war klug
genug, zu erfassen, da dieser Umstand gnstig sei, und da man ihn ausntzen
knne. Pltzlich leuchteten neue Mglichkeiten vor ihm auf, an die er nie zuvor
gedacht hatte.
    Die Laune des grflichen Gterdirektors hatte sich in den letzten Minuten
wesentlich verschlechtert. Er versetzte einem Stuhle, der ihm in den Weg kam,
einen Futritt, da er in die uerste Ecke flog. Nun haben wir die Bescherung!
Alles wittert so einer aus! alles unterbietet so ein Schuft! verdirbt uns die
Preise, zieht uns die Leute ab und macht uns die Kunden abspenstig - verdirbt
die ganze Bevlkerung! Mit der Ziegelei fngt es an, dann kommt eine Strkemhle
oder chemische Bleiche - was wei ich! Schlielich ist die Fabrik am Orte. Und
dann, Prosit Mahlzeit! Dann knnen wir mit der Landwirtschaft einpacken. Wie
ist's denn drben in Heigelsdorf! Esse an Esse! Die Wsser verdorben, kein
Mensch mehr als Feldarbeiter zu haben; alles luft in die Fabrik. So wird's hier
auch noch kommen. Ich sehe schon die infamen Industriespargel am Horizonte.
Alles Rauch und Kohlendunst dann! Na, da kann sich der Graf ja gratulieren, dann
hat er einen Landsitz gehabt! -
    Gustav sagte zu alledem nichts. Im stillen war er nicht unzufrieden mit dem
Gange der Dinge. Besser konnte es ja gar nicht kommen. Wenn Herrschaft und
Hndler sich schlielich noch um das Bauerngut rissen, dann konnte ja nur sein
Vater dabei gewinnen.
    Der Hauptmann blieb abermals vor dem jungen Menschen stehen, legte ihm
vertraulich eine Hand auf die Schulter. Nun, sagen Sie mal, Bttner! Sie sind
doch Unteroffizier gewesen und wie mir scheint, ein anstndiger Kerl. Soll denn
nun wirklich Ihr alter Vater vom Gute runter und der Jude rein? -
    Gustav meinte, mit seinem Willen geschehe das gewi nicht. Er fing an, jenen
zu durchschauen. Ganz so selbstlos und gromtig, wie der Herr sich anstellte,
war er wohl auch nicht. Es war schon so, wie der alte Bauer neulich in seinem
rger gesagt hatte: den Bauern liebten die Groen wie die Katze die Maus. -
    Das darf nicht zugelassen werden! rief der Hauptmann. Das Gut ist schon
lange in den Hnden Ihrer Familie, wie ich hre - nicht wahr? - Was soll denn
werden, wenn so unter dem alten buerlichen Grundbesitze aufgerumt wird! Und
wenn erst so einer, wie Harrassowitz, einen Fu drinnen hat, dann ist er bald
Alleinherrscher. - Was Sie mir da von der Ziegelei erzhlt haben, Bttner,
gefllt mir gar nicht.
    Gustav hatte bei sich beschlossen, den Mann, der so eifrige Besorgnis fr
seinen Vater an den Tag legte, beim Worte zu nehmen. Er erklrte, mit einigen
tausend Mark sei alles gut zu machen. Dann setzte er denselben Plan auseinander,
den er neulich seinem Onkel, Karl Leberecht, vorgetragen hatte. Der Herr
Hauptmann mge doch die vom Kretschamwirt, Ernst Kaschel, eingeklagte Hypothek
bernehmen, bat er schlielich.
    Ich, mein Lieber! rief Hauptmann Schroff. Ich bin ein armer Teufel wie
Sie. Nur noch schlimmer dran, weil ich bessere Tage gesehen habe. - Na, lassen
wir das! ... Jeder hat so sein Teil zu tragen. Nein, von mir erwarten Sie um
Gottes willen nichts! Ich bin nur der Vertreter meiner Herrschaft; darf nichts
anderes sein.
    Aber vielleicht knnte sich der Hauptmann beim Herrn Grafen verwenden,
meinte Gustav. Hauptmann Schroff runzelte die Stirn und strich sich mimutig den
Bart. Der Graf! Der ist in Berlin. Der nimmt auch lieber bar Geld ein, als da
er es ausleiht. Wir haben's auch nicht zum Wegwerfen, wie Ihr Leute Euch
einbilden mgt. Die Ansprche an so einen Herrn wachsen jhrlich, und die
Einnahmen verringern sich. In jetziger Zeit eine schlechte Hypothek bernehmen
... Ich kann meinem Herrn mit gutem Gewissen nicht zureden.
    Er hatte sich wieder in seinen Stuhl geworfen und sann.
    Ihr Vater hngt wohl sehr an seinem Besitze - was? fragte er nach einiger
Zeit.
    Gustav meinte, der Alte wrde den Verlust schwerlich berleben.
    Ja, ja, das kann ich begreifen! sagte der Hauptmann.
    Schlielich sprang er auf von seinem Sitze. Ich will Ihnen mal was sagen,
Bttner! Ich werde die Sache machen! Ich will dem Grafen schreiben. Versprechen
kann ich nichts, aber ich kann wohl sagen, der Graf tut im allgemeinen, was ich
ihm empfehle. Die Verantwortung ist nicht klein, die ich auf mich nehme; aber
ich will's tun, weil ... Um der Sache willen will ich's tun.
    Gustav ging vom Rittergutshofe mit viel leichterem Herzen, als er gekommen.

                                      II.


Samuel Harrassowitz sa in seinem halbverdeckten Wgelchen, in welchem er ber
Land zu fahren pflegte. Auf dem Bocke der Kutscher, mit einer goldbetreten
Livree angetan, die Sam bei irgendeiner Zwangsversteigerung billig erstanden
hatte. Er war auf der Fahrt nach Wrmsbach begriffen, ein Dorf, in dem er
verschiedene Huser und Landparzellen besa. Sein Weg fhrte ihn ber Halbenau.
Eigentlich hatte es nicht in seinem Plane gelegen, sich hier aufzuhalten, aber
als er von weitem den Giebel des Bttnerschen Hauses winken sah, konnte er der
Versuchung nicht widerstehen, einen Abstecher dorthin zu unternehmen. 'mal
sehen, wie die Dinge dort standen. Auf ein Stndchen kam es ja nicht an. Und
stets auf dem Platze sein, das war eines von Sams Geschftsgeheimnissen.
    Auerdem hatte er den Bauernhof und seine Bewohner nicht ungern.
Harrassowitz war einer gewissen Gutmtigkeit fhig. Er hate die nicht, welche
er schdigte. Auch besa er Sinn fr die Gemtlichkeit. Er vertilgte nicht
gierig; das war nicht klug, und man verdarb sich den Genu. Er nahm sich Zeit
und machte sich fters das Vergngen, um seinen Baum herumzugehen, mit den
Frchten zu liebugeln, ehe er sie schttelte.
    Er gab dem Kutscher Weisung, von der groen Strae abzubiegen und hielt bald
darauf im Bttnerschen Hofe.
    Die alte Buerin erschien in der Haustr. Sie erschrak, als sie den Hndler
erkannte, und verga darber ganz, ihn zu begren.
    Ist denn mein braver Bttner zu Haus? fragte Sam.
    Die Buerin erklrte, er sei mit Karl im Walde, und Gustav sei aufs
Rittergut gegangen. Ich bin ack ganz alleene mit den Madeln, meinte sie
schchtern.
    Recht so, Frau Bttner, recht so! sagte der Hndler im Aussteigen. Ihr
Mann ist ein fleiiger Mann, immer bei der Arbeit, trotz seiner Jahre. Das ist
brav! Mein Kutscher kann wohl etwas Hafer bekommen fr das Pferd - nicht wahr?
    Die Buerin beeilte sich, zu versichern, da hier alles zu seinen Diensten
stnde. Sie schickte sofort Ernestinen in den Stall, um Hafer und Heu fr das
Pferd des Herrn Harrassowitz zu besorgen.
    Leg die Decke auf! befahl der Hndler. Und la dir berschlagenes Wasser
geben - hrst du! da er mir nicht etwa Husten kriegt!
    Nachdem er so fr das Wohlergehen seines Tieres gesorgt hatte, wandte sich
Sam wieder an die Buerin. Und mir machen Sie wohl eine kleine Tasse Kaffee
zurecht, beste Frau Bttner! Ich bin ganz ausgekltet von der Fahrt, und Sie
kochen ja solch ausgezeichneten Kaffee; das wei ich von neulich. Damit trat er
ins Haus und klopfte der alten Frau wohlwollend auf den Rcken.
    Die Buerin war nur zu froh, Herrn Harrassowitz eine Aufmerksamkeit erweisen
zu drfen. Der Mann spielte keine geringe Rolle in den Hoffnungen und
Befrchtungen der Familie. Sein Name wurde nur mit gedmpfter Stimme
ausgesprochen. Die alte Frau wute, da ihrer aller Wohl und Wehe in dieser Hand
lag. Nach Weiberart glaubte sie, da man einen Feind dadurch entwaffnen knne,
wenn man ihm schmeichle. Trotz ihrer Lhme, die sich im Laufe des Winters
verschlimmert hatte, lief sie auf und ab, rief den Tchtern zu, sie sollten sich
sputen, lie das Feuer schren, setzte selbst das Wasser an und schaffte heran,
was nur irgend im Hause an Leckerbissen aufzutreiben war.
    Sam entledigte sich inzwischen seines Nerzpelzes, der nach seiner Angabe von
den Mdchen breit am Kachelofen aufgehangen wurde, damit er nicht auskhle. Dann
lie er sich selbst in der Nhe des Ofens nieder. Ein hbsches, warmes Zimmer
haben Sie hier, Mama Bttnern! sagte er in gemtlich scherzendem Tone. Es geht
nichts ber die Temperatur in den Bauernstuben. Ich wollte eigentlich erst
durchfahren durch Halbenau; dann dachte ich: mut doch mal sehen, was Bttners
machen.
    Die Buerin wute kaum, wie sie ihren Dank fr so viel Ehre in Worte kleiden
sollte.
    Jetzt im Winter ist ruhige Zeit auf dem Lande, fuhr er fort. Keine Arbeit
auf dem Felde, was? Im Frhjahre da geht's dann wieder ordentlich los mit allen
Krften. Sie haben ja jetzt auch Ihren zweiten Sohn hier, wie ich hre.
    Se meenen Gustaven?
    Der bei den Soldaten war bis vor kurzem; der wird dem Vater nun wohl
tchtig in der Wirtschaft helfen?
    Freil'ch! Das mechte aben sein! Aber er tutt sich sei Madel heiraten. Und
hernachen da will er furt von uns. Ar spricht, er wullte sei eegner Herre sein.
's gefllt 'n ni mih zu Hause. Ar gieht, und ar sieht s' ch nach an Dienste im.
Vurden gerade, eh Se kamen is er uf'n Huf geganga wegen aner Kutscherstelle. Ar
spricht, er mechte als Kutscher giehn beim Grafen, spricht 'r.
    So, so! Zum Grafen will er. Sagen Sie Ihrem Sohn mal von mir, das soll er
lieber bleiben lassen. Herrschaftlicher Dienst, das ist schlimmer als Sklaverei.
Er mag lieber zu mir kommen. Ich werde ihm schon was verschaffen. Drben im
Wrmsbach zum Beispiel, da habe ich gerade eine Stelle, die wre fr einen
tchtigen jungen Landwirt wie geschaffen. Haus, Garten, einige zwanzig Morgen
Feld dazu. Ich wrde ihm die Pacht billig lassen. Dort knnte er sein Glck
machen. Sagen Sie ihm das von mir!
    Die Buerin beknixte jeden seiner Stze. Inzwischen hatte sich der Tisch vor
dem Fremden mit allerhand Ebarem bedeckt. Die alte Frau trat zu ihm:
Entschuld'gen Se ack, Herr Harrassowitz, mir han's emal ne basser. Was mer han,
das ghn mer Se gerne. Nu war'ch den Kutscher ane Bemme schmieren giehn. Und an
Branntwein wird er wuhl och annehmen. Oder sull'ch 'n ane Neege Kaffee ghn, dem
Kutscher?
    Tun Sie das, Frau Bttner, sagte Harrassowitz lachend und kniff dabei die
alte Frau in den bloen Arm. Man wird bei Ihnen wirklich verwhnt. Dann hieb
er ein und lie es sich schmecken.
    Toni brachte die Kaffeekanne herbei und setzte sie auf den Tisch. Ernestine
mute die beste Tasse aus dem Glasschranke holen. Die Buerin schenkte selbst
ein. Es war alles um den Gast bemht. Dem schien es offenbar Freude zu machen,
sich so aufmerksam bedient zu sehen. Er schlrfte seinen Kaffee, blickte die
Frauen vergngt schmunzelnd durch seinen goldenen Zwicker an und richtete hin
und wieder eine Frage an sie. Die Frauen wagten kaum zu antworten, verlegen
standen sie im Hintergrunde und sahen ihm mit ehrfurchtsvollem Schweigen zu, wie
er a und trank.
    Sam betrachtete sich die Tasse, aus der er trank. Dem Jubelpaare! stand
darauf in Goldschrift. Die Buerin erklrte, das sei ein Geschenk gewesen zur
silbernen Hochzeit, die sie vor etwa fnf Jahren gefeiert htten. Dreiig Jahre
verheiratet! rief Sam. Eine schne Zeit! Und je glcklicher man gewesen, je
krzer kommt es einem vor. - Nicht wahr? - Ich werde nun auch bald meine
silberne feiern. Mein ltester ist schon auf Universitt. Er studiert
Jurisprudenz, verstehen Sie. Zu Ostern wird er fertig. Ein feiner Kopf, sage ich
Ihnen! Habe mir's aber auch, was kosten lassen. Dem Jungen ist nichts
abgegangen.
    Sams Gesicht strahlte, als er von seinem begabten Sprlinge sprach. Er sah
sich selbstzufrieden im Kreise um und weidete sich an der stummen Bewunderung,
die hier jedem seiner Worte entgegengebracht wurde. Sein Blick fiel auch auf
Toni. Seine zudringlichen, alles Zweideutige aussprenden und aufstbernden
Blicke ruhten so lange auf der Figur des Mdchens, bis Toni sich errtend
abwandte, um sich in einer dunkleren Ecke etwas zu schaffen zu machen.
    Der Hndler winkte sich die alte Buerin heran. Wie steht denn das mit
Ihrer Tochter dort, Frau Bttner? fragte er und gab sich kaum die Mhe, seine
Stimme zu dmpfen. Verheiratet ist sie meines Wissens doch nicht - he! Mit
schnffelnder Miene sphte er dabei immer nach dem Mdchen hinber.
    Ach, Se meenen und Se denken, weil, da se ... Und nun folgte eine lange
Auseinandersetzung von Tonis Liebesgeschichte. Es war weniger Entrstung oder
Trauer, was in den Worten der Mutter zum Ausdruck kam, als rger, da dem
Mdchen eine solche Dummheit passiert war. Beide Tchter waren im Zimmer und
hrten jedes Wort, das die Buerin ber den Fall sagte.
    Harrassowitz hrte mit einem gewissen Behagen zu und nickte hin und wieder
mit dem Kopfe. Ja, ja, so geht's! Die jungen Dinger sind immer nicht vorsichtig
genug. Und ehe man sich's versieht, ist ein neuer Weltbrger da. Na, man mu
immer noch das Beste daraus zu machen suchen. Haben Sie denn noch gar nicht
daran gedacht, Ihre Tochter als Amme gehen zu lassen, Mama Bttnern?
    Die Buerin verstand nicht, was er damit meinte.
    Nun ja, als Amme! Verstehen Sie nicht? Da kann sich so ein Mdchen
heutzutage ein schnes Stck Geld mit verdienen. Wenn ein Mdel gesund ist und
stark, - verstehen Sie. In den Stdten wird das sehr gesucht. Lassen Sie Ihre
Tochter mal dort aus der Ecke herauskommen.
    Das Mdchen zgerte, dem Ansinnen des Hndlers Folge zu leisten. Toni!
rief die willfhrige Mutter, de sollst kommen, herst de ne! Zu Herrn
Harrassowitz. Er will d'ch sahn. Toni kam schlielich zum Vorschein; sie wute
nicht, wohin sie blicken sollte vor Verlegenheit. Sie lachte krampfhaft, hielt
sich den Arm vors Gesicht und war dem Weinen nahe.
    So stellen Sie sich doch nur nicht so schrecklich an! meinte er und
musterte das Mdchen, wie etwa der Viehhndler sich ein Stck betrachtet. Das
sieht ja famos aus! In bester Ordnung alles, wie's scheint. Spreewlderkostm
wird Ihrer Tochter ausgezeichnet stehen, Frau Bttner. Das tragen diese Art
Mdchen nmlich meist in Berlin. Weie Hauben, kurze, grne oder rote Rcke,
Samtmieder, schwarze Strmpfe. Alles hochpatent! Wird dem Frulein ausgezeichnet
kleiden. - Na, wie steht's, Mama Bttnern?
    Die Buerin war in groer Bestrzung ber den Vorschlag des Hndlers.
Erzrnen wollte sie den Mann um keinen Preis durch eine abschlgige Antwort;
dazu war ihre Furcht vor ihm zu gro. Auf der anderen Seite hatte sie das
sichere Gefhl, da das, was er da vorschlug, nicht recht und schicklich sein
knne. Sie htte auch ihr Kind nur schweren Herzens von sich gelassen.
    Harrassowitz verfolgte seinen Plan weiter. Ich wte eine ausgezeichnete
Stelle, sagte er. Meine eigene Tochter, die in Berlin verheiratet ist,
erwartet im zeitigen Sommer. Die Sache ist eigentlich wie gegeben. Da kme Ihre
Tochter in ein hochherrschaftliches Haus, Berlin W., Tiergartenviertel, das
Feinste, was es gibt! Na, kurz, das Mdel knnte sich gratulieren, wenn sie
dorthin kme. - Wie steht's, Frau Bttner, wollen wir die Sache abmachen?
    Der Hndler hielt die Hand ausgestreckt zum Zuschlag. Da die Buerin
zgerte, griff er in seine Tasche. Ich will auch gleich ein Aufgeld geben,
damit Sie sehen, da mir der Handel ernst ist. - Er lie ein Geldstck blicken.
    Die Buerin hatte sich die Sache inzwischen berlegen knnen. Die Mutter in
ihr war rege geworden. Nee, nee! Herr Harrassowitz! rief sie. Su gieht das
ne! Su jhlings! Das mu sich eens duch erscht urdentlich mit seine Leite
beraden. Und das Madel salber mechte duch och gehert wern, ob se und se mechte.
    Nu ja! Beredt euch untereinander! meinte Sam und steckte sein Geldstck
wieder ein. Ich werde gelegentlich mal wieder nachfragen dieserhalb.
    In diesem Augenblicke hrte man krftige Tritte drauen am Trpfosten, wie
von einem, der sich den Schnee von den Fen tritt. Die Tr ffnete sich, und
Gustav trat ein.
    Er kam vom Rittergutshofe, wo er mit Hauptmann Schroff gesprochen hatte. Vor
der Tr sah er das Gefhrt des Hndlers stehen und erfuhr vom Kutscher, wer zu
Hause sei. Sofort scho ihm das Blut in den Kopf. Erregt trat er ins Zimmer, er
hatte den Feind noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen.
    Seine berraschung war gro, als er den Hndler erblickte. Den Burschen
hatte er sich ganz anders vorgestellt. Unwillkrlich wollte er etwas von der
teuflischen Bosheit, die er dem Menschen zutraute, auch in seiner Erscheinung
wiederfinden. Dort, dieser kleine, fette Mann, kahlkpfig, mit rotem
Kotelettenbart, das sollte der berchtigte Samuel Harrassowitz sein, von dem man
erzhlte, da er viele Menschen zugrunde gerichtet habe! -
    Gustav fhlte auf einmal das Bedrfnis, dem Manne seine ganze Verachtung zu
zeigen. Der sollte sich um keinen Preis einbilden, da er sich vor ihm frchte.
Er wute selbst nicht, woher ihm der bermut kam. Als ob der Fremde gar nicht im
Zimmer sei, feuerte er seinen Hut in die Ecke und rief: Wo ist der Vater?
    Harrassowitz betrachtete sich den jungen Menschen. Das ist also Nummero
zwei, der gewesene Unteroffizier. Gratuliere, Mama Bttnern, Sie haben einer
gesunden Nasse das Leben geschenkt. Solche Leute knnen wir brauchen.
    Die Buerin war auf ihren Sohn zugeschritten und machte ihm verstohlene
Zeichen, da er den Gast begren solle. Als Gustav das nicht zu verstehen
schien, sagte sie ihm halblaut, wer es sei.
    Wie alt sind Sie denn, junger Mann - he? fragte Sam.
    Gustav hielt es nicht der Mhe fr wert, zu antworten. Jetzt erkannte die
Mutter, da mit Gustav nicht alles in Ordnung sei. Sie glaubte, er sei
angetrunken. Auerdem wute sie, da Gustav dem Hndler nicht grn sei. Sie
frchtete das Schlimmste. In der Wut war er unberechenbar, gerade wie der Vater.
    Sie trat daher zu dem Hndler und antwortete statt des Sohnes:
Siebenundzwanzig is er, Herr Harrassowitz - ju ju, siebenundzwanzig. A strammer
Kerle, nich wahr, Herr Harrassowitz? Dazu lachte sie gnzlich sinnlos, aus
Angst. Und su a gutter Sohn wie der is, Herr Harrassowitz! fuhr sie fort.
Abwechselnd lchelte sie den Hndler an, um ihn bei guter Laune zu erhalten, und
warf dann wieder dem Sohne flehende Blicke zu, da er nichts Unbesonnenes
unternehmen mge.
    Gustav hatte inzwischen an den Speisen auf dem Tisch, dem kriechenden Wesen
der Mutter und den verngstigten Mienen der Schwestern erkannt, wie tief sich
die Seinen vor dem Fremden gedemtigt hatten. Eine dumpfe Wut erfate ihn
pltzlich gegen dieses fette Gesicht. Wie der Bursche dasa, protzig und sicher,
sich die guten Sachen seiner Mutter schmecken lie! Den wrde er mal auf den
Trab bringen. Auf Unterhandlungen wollte er sich gar nicht erst einlassen; denn
mit der Zunge war einem so einer ja natrlich ber. Hier konnte nur ungebrannte
Asche helfen.
    Ich hre, Sie sind auf dem Rittergute gewesen, sagte Harrassowitz, sich im
Kauen nicht unterbrechend, um sich nach einer Kutscherstelle beim Grafen
umzutun - war denn da was?
    Gustav! Herr Harrassowitz fragt dich, ob's de ... Was suchste de denn,
Junge?
    Ich suche meinen Stock, Mutter! sagte Gustav mit bedeutungsvollem Blicke
nach dem Fremden hinber. Wo habe ich denn meinen Stock gleich ... Ach, hier is
'r!
    Sam war whrend des letzten rege geworden. Er hatte ein schnelles
Begriffsvermgen. Gustavs Mienen- und Gebrdenspiel war auch uerst sprechend
in diesem Augenblicke. Der Hndler sprang auf die Fe, ri seinen Pelz vom Ofen
und suchte die Tr zu gewinnen, so schnell wie mglich. Die Mutter war dem Sohne
in den Arm gefallen, der holte aus, konnte aber nicht zuschlagen, weil er sonst
unfehlbar die alte Frau getroffen htte.
    So gelang es Sam, unversehrt ins Freie zu gelangen. Die Frauen standen jetzt
um Gustav und beschworen ihn, Vernunft anzunehmen. Er lie den Stock sinken.
Seine Wut hatte sich schnell gelegt, sowie er den Feind in seiner ganzen
Erbrmlichkeit gesehen. Der Anblick dieses Mnnchens, wie es mit erhobenen
Hnden, klglich schreiend, sich ein paarmal um sich selbst gedreht hatte, war
zu drollig gewesen. Gustav brach noch nachtrglich in ein unbndiges Gelchter
aus. Er mute sich die Seiten halten vor Lachen. Und ansteckend, wie die
Lustigkeit nun einmal wirkt, lachten die Mdchen schlielich auch mit.
    Die Buerin humpelte hinaus, um des Hndlers womglich noch habhaft zu
werden und ihn um Verzeihung fr die Untat des Sohnes zu bitten. Aber es war zu
spt; der Wagen fuhr bereits in schneller Gangart aus dem Hofe.

                                      III.


Kaschelernst war in die Stadt gefahren. Der Hauptzweck seiner Fahrt war,
Besorgungen und Bestellungen fr die Gastwirtschaft zu machen. Da er bei dieser
Gelegenheit hauptschlich mit Bierbrauern, Zigarren-, Wein- und Likrhndlern zu
tun hatte, die bei Geschftsabschlssen gern etwas springen lassen, befand er
sich bereits am frhen Nachmittage in stark angeheiterter Stimmung. Kaschelernst
pflegte sich jedoch nie bis zu voller Besinnungslosigkeit zu betrinken. Auch
heute schwankte er zwar bedenklich auf seinen kurzen Beinen, und sein
Rattengesicht hatte eine bluliche Frbung angenommen, aber im brigen hatte er
seine fnf Sinne vllig beisammen, und vor allem war seine Durchtriebenheit
nicht im geringsten geschwcht durch die selige Stimmung.
    In solcher Laune machte er sich auf, seinem Geschftsfreunde Sam einen
Besuch abzustatten.
    Herr Kaschel aus Halbenau war ein gern gesehener Gast in der
Getreidehandlung von Samuel Harrassowitz. Wenn er angemeldet wurde, lie ihn Sam
stets ohne weiteres in das kleine Hinterzimmer. Der Kretschamwirt pflegte meist
wichtige Nachrichten vom Lande zu bringen.
    Auch hier wieder bekam Kaschelernst sein Glschen vorgesetzt. Man sprach von
diesem und jenem. Der Kretschamwirt hatte schon mancherlei Interessantes
ausgekramt. In seiner Stellung als Wirt eines vielbesuchten Gasthauses erfuhr er
vielerlei, was anderen verborgen blieb. Heute hatte er sich etwas Besonderes bis
zuletzt aufgespart. Eine Nachricht, die, wie er mit verschmitzten Augenzwinkern
sagte, sie beide angehe: der Salnder Graf wolle dem Bttnerbauer auf die Beine
helfen.
    Der Hndler schnellte von seinem Sitze empor. Das wre doch ein starkes
Stck!
    Es is genau su, wie ich's sage! meinte Kaschelernst. Der Graf will mich
auszahlen. Bttnertraugott soll drinne bleiben im Gute. Su is es!
    Harrassowitz stie eine Verwnschung aus. Dann fragte er, ob Kaschel das
genau wisse; es beruhe vielleicht auf einem falschen Gerchte. Der Gastwirt
erklrte dagegen, der Graf lasse mit ihm unterhandeln wegen bernahme seiner
Hypothek, Mir kann's ja schlielich recht sein, meinte Kaschelernst mit
pfiffiger Miene. Mir kann's schon ganz recht sein, wenn der Graf mich auszahlt;
auf diese Weise komme ich doch zu Gelde.
    Sie wren auch ohnedem zu Ihrem Gelde gekommen, wenn wir das Geschft
zusammen gemacht htten! rief der Hndler wtend. Und was Schnes zu verdienen
htte ich Ihnen auerdem gegeben, Kaschel! Das wissen Sie ganz gut! Das hier ist
vollstndig gegen die Verabredung. Nun kommt der Bauer wieder auf die Fe.
Verfluchte Gauner, die Aristokraten. berall mssen sie sich einmischen. Wie
kommt der Graf dazu, sich um dergleichen zu bekmmern! Verdirbt ehrlichen Leuten
die Preise!
    Harrassowitz war in diesem Augenblicke ehrlich entrstet. Er empfand die
Hilfe, die der Graf leisten wollte, als ein persnliches Unrecht, als
unerlaubtes Eingreifen eines Unbefugten in seine Domne.
    Kaschelernst lchelte stillvergngt und rieb sich die Hnde. Er freute sich
an Sams rger. Dann trank er sein Glas aus und meinte: Ja, da wird's am Ende
diesmal doch nischt werden. Damit erhob er sich zum Gehen.
    Sam blieb in rgerlichster Stimmung zurck. Der Gedanke, da ihm das
Bttnersche Bauerngut entgehen sollte, war uerst schmerzlich. Er hatte im
Geiste bereits ber dieses Gut verfgt, als sei es sein Eigentum. Unter anderem
waren Unterhandlungen angeknpft wegen einer Dampfziegelei, welche er auf dem
neuen Besitz anzulegen gedachte. Ferner hatte er sich berlegt, welche Stcke er
abtrennen und veruern und welche er behalten wolle. Das Hauptgeschft aber
hatte er mit dem Walde vor. Den sollte ihm die Herrschaft Saland fr teueres
Geld abnehmen. Alle diese bereits eingefdelten Plne drohten nun in nichts zu
zerfallen durch das, was er soeben von Kaschelernst erfahren hatte. Denn wenn
der Graf wirklich fr die Schulden des Bauern eintrat, dann wurde nichts mit der
Subhastation, auf die es der Hndler in erster Linie abgesehen hatte. Er hatte
schon eine Menge Arbeit in diese Sache gesteckt, und nun sollte alles das auf
einmal verloren sein. Das war sehr rgerlich!
    Aber Sam pflegte sich niemals lange zu rgern. rger kostete Zeit, und Zeit
ist Geld. Er schtzte das Geld viel zu hoch, um es auf etwas Verlorenes zu
setzen. Lieber strengte er seinen Verstand an, berlegte, ob sich hier nicht
doch noch etwas machen lasse, und bald hatte er das Richtige gefunden.
    Wozu war denn Edmund Schmei da! Von der Gewandtheit und dem Schneid des
jungen Mannes hatte er mehr als eine Probe erhalten. Edmund Schmei war auch
hierfr der richtige Mann.
    Der Plan des Hndlers war folgender: Der Besitzer der Herrschaft Saland war
Rittmeister und stand in Berlin. Sam kannte den jungen Grafen zwar nicht
persnlich, aber er wute, da er ein vornehmer Herr sei, der sich nicht
sonderlich viel um die Gutsangelegenheiten kmmerte. Im Sommer und Herbst lebte
der Graf ein paar Wochen mit seiner jungen Frau auf der Herrschaft, die brige
Zeit hielten ihn Dienst und Geselligkeit in der Reichshauptstadt fest. Mit den
Einzelheiten der Landwirtschaft seines groen Besitzes konnte der junge Herr
sich wohl kaum befassen; dazu waren die Beamten da. Ihm war jedenfalls die Rente
die Hauptsache, und er war schon zufrieden, wenn er nur mglichst wenig Arbeit
und Sorgen durch den Besitz hatte. Es war ferner anzunehmen, da der Graf ber
die Verhltnisse bei den kleinen Leuten und Bauern, mit denen er grenzte, nur
sehr unvollkommen unterrichtet sei. Was er etwa darber wute, wurde ihm
jedenfalls durch seine Leute zugetragen. berhaupt sah er alle Verhltnisse
wahrscheinlich durch die Augen der Angestellten. Was konnte er eigentlich fr
ein Interesse an dem Bttnerbauer haben? Dem Grafen irgendwelche Teilnahme an
der Erhaltung eines krftigen Bauernstandes zuzutrauen, so naiv war Samuel
Harrassowitz nicht. Er kannte doch die Kavaliere! Wahrscheinlich spekulierte der
Graf auf den Wald des Bauerngutes der Jagd wegen. Jedenfalls war hier irgendein
ganz realer, egoistischer Zweck im Hintergrunde, welcher diesen groen Herrn
veranlate, dem Bauern anscheinend hilfreich unter die Arme zu greifen.
    Wie nun den Grafen daran verhindern? Die Sache war uerst brenzlich und
mute mit grter Vorsicht angefat werden.
    Solche Aristokraten waren hochfahrend, stark von sich eingenommen und
liebten nicht, da man sich ihnen aufdrnge. Auf der anderen Seite waren sie
leichtlebig und rasch in ihren Entschlieungen, lieen sich leicht bereden und
fortreien. Vor allem aber kam es ihnen bei jedem Geschfte darauf an, da es
sich in netter, geflliger Form darbot, da die Etikette gewahrt wurde.
    Sam besa so viel Selbsterkenntnis, um sich zu sagen, da, wenn er selbst
nach Berlin fhre, um mit dem Grafen zu verhandeln, dabei schwerlich etwas
herauskommen werde. Er hielt sich zwar durchaus nicht fr unfein; aber er wute,
da Leute, wie der Graf, besonders wenn sie Offiziere sind, einen schwierigen
Geschmack haben; kurz und gut, es schien ihm besser, seine Person im
Hintergrunde zu halten. Edmund Schmei - des war etwas ganz anderes! Das war ein
proper aussehender junger Mann, immer patent angezogen und mit noblen
Manieren, berhaupt prima! Sam hatte immer seine geheime Freude gehabt an dem
forschen Auftreten seines Gnstlings. Er zweifelte keinen Augenblick daran, da
der Kommissionr auch das Wohlgefallen des Grafen, schon durch seine
Erscheinung, gewinnen werde.
    Edmund Schmei wurde also ausersehen, nach Berlin zu reisen. Zuvor natrlich
einigte man sich ber die Provision, wie das unter vorsichtigen Geschftsleuten
blich ist.
    Sam vereinigte immer gern mehrere Geschfte, wenn es sich machen lie. Da er
sich nun einmal in die Kosten gestrzt hatte, seinen Kommissionr nach Berlin zu
schicken, gab er diesem gleich noch ein paar andere Auftrge mit. Man hatte
Geschftsverbindungen mit Berlin. Schmei bekam Order, verschiedene Freunde von
der Produktenbrse aufzusuchen und ein wenig auszuhorchen ber dieses und jenes.
berhaupt htte Sam gern etwas ber die Stimmung im Kreise der Eingeweihten
erfahren. Besonders fr Weizen interessierte sich der Hndler gegenwrtig
lebhaft. Die Berliner Berichte lauteten seit etwa acht Tagen stehend: Weizen
ruhig bei ziemlich behauptetem Preise. Aber Sam traute nicht. Das war wohl nur
die Stille vor dem Sturm. Der Markt litt nicht unter starkem Angebot, und
trotzdem kein Anziehen der Preise! Roggen litt unter Glattstellungen, Gerste war
still. Wahrscheinlich dachte eine Anzahl groer Firmen, im trben fischen zu
knnen; etwa die niedrigen Notierungen zu benutzen, um im stillen Deckungen
auszufhren und dann mit einem Male, wenn sie genug hatten, die Preise zu
schnellen. Es wre recht interessant gewesen, hinter die eigentlichen Absichten
der magebenden Leute im Weizengeschft zu kommen. Wenn man das Ziel des
Manvers rechtzeitig erfuhr, konnte man sich in seinen Manipulationen danach
richten.

                                     * * *

    Edmund Schmei reiste also nach Berlin ab.
    Zunchst versah er sich in einem Modemagazin mit einem neuen Zylinder,
rotbraunen Handschuhen und einer Kravatte von prchtiger Farbe. Er meldete sich
nicht an; denn da riskierte man eine Ablehnung. Er wollte berraschen, wenn es
sein mute, berrumpeln! Die Mittagsstunde schien ihm die beste Zeit fr seinen
Besuch. Er nahm eine Droschke erster Klasse, der Kutscher sollte vor der Tr auf
ihn warten - man durfte nichts versumen, was guten Eindruck machen konnte - und
fuhr nach den Zelten wo, wie er durch das Adrebuch ersehen hatte, der Graf
seine Wohnung hatte.
    Fast gleichzeitig mit ihm fuhr ein Coup vor. Der Diener sprang vom Bock und
ffnete den Schlag. Ein Ulanenoffizier stieg aus und eine Dame. Der Herr gab dem
Kutscher noch Weisungen und schritt dann der Dame nach ins Haus.
    Edmund Schmei hatte die Szene mit Neugier verfolgt und sich die
Physiognomien genau eingeprgt. Er trat an den Wagen heran, nahm den Hut ab und
fragte den Kutscher, wer das gewesen sei. Der Kutscher nannte den Namen seiner
Herrschaft.
    Der Kommissionr war zufrieden, nun wute er doch, da der Graf zu Haus sei.
Er sah sich noch einmal Wagen und Pferde an. Die Geschirre, die Livreen, bis
herab auf die Bockdecke und die Handschuhe von Kutscher und Diener, alles vom
Besten, geschmackvoll und gediegen.
    Edmund Schmei lie ein paar Minuten verstreichen, whrend der er auf dem
Trottoir auf und ab ging, und begab sich dann ins Haus. Ein Kammerdiener ffnete
auf sein Klingeln. Der Kommissionr hatte eine gleichgltig berlegene Miene
vorbereitet, von der er annahm, sie msse auf einen Bediensteten Eindruck
machen. Der Diener, ein groer, bartloser Graukopf, mit der gemessenen Haltung
eines Lords, warf einen einzigen prfenden Blick auf den Fremden und erklrte
darauf, der Herr Graf seien nicht zu Haus. Damit wollte er die Tr schlieen,
aber der Kommissionr, fix im Auffassen wie im Handeln, hatte sich zwischen Tr
und Angel gestellt, so da jener nicht zumachen konnte. Sagen Sie dem Herrn
Grafen, rief er mit einer Stimme, die berechnet war, auch in den Zimmern gehrt
zu werden, ich htte dem Herrn Grafen wichtige Nachrichten von der Herrschaft
Saland zu bringen. Hier ist meine Karte.
    Der Kammerdiener las die Karte, betrachtete sich den Mann noch einmal,
zuckte die Achseln und verschwand darauf.
    Nachdem man den Agenten eine geraume Zeit hatte warten lassen, erschien der
alte Diener wieder. Sein Benehmen hatte an Geringschtzung zugenommen. Die
Herrschaften wren jetzt beim Luncheon, erklrte er, der Graf liee dem Herrn
aber sagen, wenn er mit ihm sprechen wolle, mchte er in einiger Zeit
wiederkommen.
    Edmund Schmei berlegte. Sollte er gehn und in einer Stunde wiederkommen?
Vielleicht war man da wieder nicht zu Haus fr ihn. Das war wohl nur eine Finte,
um ihn auf gute Manier los zu werden! Nein, er blieb! Nun hatte er sich einmal
den Eintritt erzwungen in das Quartier; diesen Vorteil wollte er nicht wieder
fahren lassen.
    Er erklrte dem Kammerdiener, da er hier warten wolle, bis das Luncheon
vorber sei. Der Diener ma ihn mit einem verchtlichen Blicke. Wenn Sie wollen
- hier, bitte! Er ffnete eine Tr. Hier knnen Sie warten.
    Der Kommissionr sah sich in einem schmalen, einfenstrigen Zimmer, einer Art
Garderobe. Es hingen Pelzmntel und andere Kleidungsstcke an einem Rechen,
unter einem Regal stand Schuhwerk. Ein Schlafsofa war aufgestellt, an den Wnden
hingen Bilder und Photographien, die offenbar ausgemustert waren. Geheizt war
der Raum nicht.
    Obgleich das Ehrgefhl bei Schmei nicht sonderlich entwickelt war, fhlte
er sich doch fr den Augenblick nicht angenehm berhrt, als er bemerkte, wohin
man ihn gewiesen hatte. Seine Eitelkeit war gekrnkt Trotz des neuen Zylinders
und des pikfeinen Aufzuges hatte ihn dieser grobrodige Schuft von einem
Kammerdiener nicht fr voll angesehen. Er besah sich in einem Stehspiegel, der
in einer Ecke des Zimmers stand und wohl eines Sprunges wegen hierher verbannt
worden war. Seiner Ansicht nach war alles prima an ihm. Er htte ebensogut ein
Offizier in Zivil, ein Baron, ein Graf sein knnen. Was solche Lakaien doch fr
eine Witterung haben muten! -
    Aber Schmei war nicht der Mann, der sich durch peinliche Empfindungen fr
lngere Zeit niederdrcken lie. Die Behandlung, die ihm zuteil geworden, war
sicher nicht freundlich zu nennen, aber das mute man schlielich aufs Geschft
schlagen; er sah auf das Resultat, und da war der unzweifelhafte Erfolg zu
verzeichnen, da es ihm gelungen war, in die Nhe des Grafen zu gelangen, der
ihn nun doch nicht mehr abweisen lassen konnte. Den Leuten auf den Leib rcken,
das war beim Geschfte immer das Schwierigste und das Wichtigste. Nun er einmal
hier war, schien ihm der Erfolg so gut wie sicher.
    Er hatte sich auf das Schlafsofa gesetzt und sah sich im Zimmer um. Dort auf
dem Tische standen verschiedene Lampen von Bronze, Majolika, ein paar von
Berliner Porzellan, Prachtstcke aus der Kniglichen Manufaktur. So ein Winter
in Berlin mute dem Grafen eine Menge Geld kosten mit Familie, Dienerschaft,
Equipage und dazu erste Etage in den Zelten. Schmei machte einen berschlag.
    Seine Aufmerksamkeit wurde abgelenkt durch Gerusche aus dem Nebenzimmer. Er
hrte Tellerklappern, und Stimmendurcheinander. Aha, das Ezimmer! Er konnte
weibliche Stimmen unterscheiden. Man schien sich gut zu unterhalten, es wurde
viel gelacht. Der Kommissionr wechselte den Platz, um besser zu hren. Mit
Grafen und Komtessen hatte er noch niemals zu Tische gesessen; es interessierte
ihn doch, etwas davon aufzuschnappen, wie diese Art sich eigentlich unterhalten
mochte, wenn sie unter sich war.
    Schmei hatte ein scharfes Gehr, trotzdem konnte er anfangs kaum mehr
verstehen als einzelne Worte und Stze, die aus dem Zusammenhange gerissen
keinen Sinn ergaben. Man schien abgespeist zu haben, er hrte wenigstens kein
Tellerklappern mehr. Die Unterhaltung wurde in lebhaftester Weise gefhrt. Er
konnte jetzt einzelnes verstehen, weil er inzwischen gelernt hatte, die Stimmen
zu unterscheiden.
    Es schienen recht gleichgltige Dinge, von denen sie sprachen. Ein paar
Namen hatte der Lauscher auch schon herausgehrt. Eine Wanda schien da zu sein
und eine Ida; jedenfalls also der Graf mit seinen nchsten Angehrigen.
    Jetzt rckte man mit den Sthlen, man erhob sich. Es klang dem Kommissionr
fast, als wrde ein Tischgebet gesprochen, worber er sich nicht wenig wunderte.
Gleich darauf hrte er eine mnnliche Stimme sagen: Herr Graf, der Herr ist
auch noch da! - Welcher Herr? fragte jemand. Darauf hrte der Kommissionr
seinen eigenen Namen nennen. Was will der Mensch nur! hie es. Gleichzeitig
ertnte bermtiges Frauenlachen. Schmei! hast du gehrt? Schmei heit der
Mensch! Ein Kichern und dann: Mchtest du Frau Schmei heien, Ida? - Das
brige verlor sich in Gelchter.
    Edmund Schmei war errtet, was ihm selten begegnete. Die Krnkung hatte
gesessen. Er knirschte mit den Zhnen. Wer ihn jetzt gesehen htte, wrde haben
ahnen knnen, wessen dieser Mensch fhig war, wenn er beleidigt war.
    Die Tr vom Korridor wurde gleich darauf geffnet, der graukpfige
Kammerdiener trat ein und teilte mit, der Herr Graf wolle Herrn Schmei jetzt
annehmen. Der Kommissionr fuhr sich schnell noch einmal mit der Hand ber den
Schnurrbart, zog die Manschetten unter den rmeln vor und folgte dem Diener.
    Der Graf empfing ihn in seinem Zimmer. Er war ein groer, schlanker Herr.
Sein Kopf schien lter als seine Figur. Das blonde Haar lichtete sich bereits
stark. Die Nase war lang und etwas zu spitz, um schn zu sein. Die Augen
leuchteten gro und freundlich; sie waren das einzig Lebhafte in dem bleichen,
etwas verlebten Gesichte, dem auch der Schnurrbart nichts Martialisches gab. Der
Graf trug den Interimsrock.
    Edmund Schmei hatte zunchst das unangenehme, ihn bedrckende Gefhl
niederzukmpfen, einem vornehmen Manne gegenber zu stehen. Aber das war nur
vorbergehend, er beschlo, sich durch nichts imponieren zu lassen. Vornehmheit,
gut! die wollte er jenem lassen; aber ob der Mann so klug sei wie er, das wrde
sich erst noch ausweisen.
    Der Graf erwiderte die tiefe Verbeugung des Fremden mit einem Kopfnicken,
wies auf einen Stuhl, zum Zeichen, da er Platz nehmen mge, und setzte sich
selbst. Nun, also Herr ...... Der Graf dehnte das Herr nach dem Namen
suchend. Schmei ist mein Name, ergnzte der Kommissionr. Ganz recht, Herr
Schmei! also was fhrt Sie zu mir?
    Edmund Schmei hatte einen Fu vorgesetzt und stemmte den Zylinder auf das
Knie. Dann begann er mit Manieren, die zwischen Unterwrfigkeit, schnffelnder
Neugier und dreister Zudringlichkeit unausgesetzt wechselten, den Zweck seines
Kommens in seichter, dabei glatt flieender Rede, wie sie den Handlungsreisenden
eigen ist, auseinanderzusetzen.
    Der Graf hrte ihm eine Weile mit gelangweilter Miene zu; er feilte
inzwischen an seinen Fingerngeln. Als er mit allen zehn Fingern durch war,
blickte er auf und meinte in leicht nselndem Tone: Ja, mein Bester - ich wei
nicht - Sie haben behauptet, Sie brchten mir Nachrichten von Saland - unter
dieser Voraussetzung allein habe ich Sie angenommen. Ich sehe wirklich nicht
ein, was das hier eigentlich soll!
    Doch, Herr Graf! der Herr Graf wollen mir nur gtigst gestatten,
auszureden. Ich meine nmlich, da die Interessen der Herrschaft Saland mit
meinem Vorschlage sehr eng verknpft sind. Der Wald des Bttnerschen Bauerngutes
grenzt mit dem der Herrschaft, liegt wie ein Keil in dem Forst des Herrn Grafen
eingesprengt ...
    Das wei ich selbst, wahrscheinlich genauer als Sie! meinte der Graf,
welcher ungeduldig zu werden anfing. Um diesen Wald handle ich schon seit
Jahren. Ich werde wohl nun endlich mal dazu kommen. Um lumpige fnfzig oder
sechzig Morgen handelt es sich, glaube ich.
    Der Herr Graf werden aber viel zu hoch bezahlen. Wir wrden dem Herrn
Grafen den Wald billiger verschaffen.
    Der Graf musterte den Sprecher mit erstaunter Miene. Erst jetzt sah er sich
den Menschen richtig an, der sich mit solcher Unverfrorenheit an ihn
herandrngte. Das schien ja ein possierlicher Bursche zu sein! Der Graf lachte.
Wer sind Sie denn eigentlich, Verehrter! Ich wollte Ihnen blo bemerken, da
ich keine Zwischenhndler brauche, wenn ich mit einem meiner Bauern handeln
will.
    Herr Graf! Ich komme nicht im eignen Namen, das wrde ich mir nicht
erlauben. Ich bin Kommissionr. Ich komme im Auftrage der Firma Samuel
Harrassowitz. Der Name ist Ihnen gewi bekannt, Herr Graf. Eine groe
Getreidehandlung, der Inhaber ist ein feiner und durch und durch reeller
Geschftsmann.
    Bei Nennung des Namens Harrassowitz stutzte der Graf. Er war aufgestanden
und suchte etwas auf der Schreibtischplatte. Mir schreibt hier mein
Gterdirektor ... Er whlte in einem Berge von Papieren, die einen etwas
ungeordneten Eindruck machten. Ich kann den Brief gerade nicht finden. Den
Spheraugen des Kommissionrs entging die Nachlssigkeit, mit der der Graf in
den Papieren stberte, nicht. Na, egal Hauptmann Schroff schreibt mir, da
dieser - dieser ... den Sie eben nannten ...
    Harrassowitz! beeilte sich Schmei zu ergnzen, der schon bemerkt hatte,
da das Namensgedchtnis des Grafen ziemlich mangelhaft war.
    Ganz recht! Dieser Harrassowitz soll sich ja mit Gterschlchterei
befassen.
    Jetzt hielt es Edmund Schmei fr zeitgem, einen Trumpf auszuspielen. Er
erhob sich mit gekrnkter Miene und sagte: Ich bedaure, da der Herr Graf so
falsch berichtet sind. Harrassowitz ist ein Ehrenmann durch und durch. Er ist
mein Freund! Er knpfte seinen Rock zu, wie er es auf dem Theater von
beleidigten Helden gesehen hatte, und machte ernsthaft Miene zu gehen.
    Menschenkenntnis war gerade nicht die starke Seite des Grafen. Er war arglos
und gutmtig von Natur. Der Gedanke, jemanden gekrnkt zu haben, war ihm
peinlich. Er meinte in beschwichtigendem Tone: Na, bleiben Sie nur, bleiben
Sie! Die Sache wird wohl nicht so gefhrlich sein.
    Ja, aber Gterschlchterei ist ein schwerwiegendes Wort, Herr Graf! Wenn
ich mir meinen Freund Harrassowitz dazu denke. - Ich will ihm die Bemerkung des
Herrn Grafen lieber nicht hinterbringen.
    Der Graf merkte die versteckte Drohung nicht, die in diesen Worten liegen
sollte. Vllig arglos sagte er: Die Sache ist nun gut! Setzen Sie sich wieder
und echauffieren Sie sich nicht unntig!
    Wollen der Herr Graf mich weiter anhren? fragte Schmei mit gut
geheuchelter Miene eines Verletzten, der sich zur Vershnung bereit finden
lassen will. Im Innern triumphierte er.
    Ja, bitte, fahren Sie fort! Was wollen Sie denn eigentlich, oder was will
Ihr Harrassowitz von mir? Das verstehe ich immer noch nicht. Da ist dieser
Bauer, dieser ... dieser ... in Halbenau.
    Bttner! meinen der Herr Graf jedenfalls.
    Jawohl, Bttner! Ein alter, ehrlicher Kerl, wie mir scheint, dem die
Zwangsversteigerung droht, wie Hauptmann Schroff schreibt. Der Mann soll mit ein
paar tausend Mark zu retten sein.
    Gestatten der Herr Graf, da ich hier unterbreche! Die Erfahrungen, die wir
mit dem alten Bttner gemacht haben, sind etwas anders geartet. Wir sind der
Ansicht, da der Herr Graf verlockt werden sollen, einen Unwrdigen zu
untersttzen. Der Herr Graf sollen Ihr gutes Geld hergeben fr eine Sache, die,
gelinde ausgedrckt, sehr zweifelhaft ist. Das ist der Plan, hinter den wir
gekommen sind. Und um das zu verhindern, Herr Graf, bin ich nach Berlin
gereist.
    Schmei beobachtete, whrend er mit der Miene des moralisch entrsteten
Biedermanns sprach, die Zge des Grafen mit einer Aufmerksamkeit, der nichts
entging. Wenn dem Herrn das hier glatt einging, dann konnte er noch eine ganze
Portion mehr vertragen. Der Graf lie seine Augen mit dem Ausdrucke hchster
berraschung auf dem Sprecher ruhen, er hatte den Mund halb offen und sah in
diesem Augenblicke nicht besonders geistreich aus. Kennen Sie denn diesen -
diesen Bttner so genau? fragte er nach einigem Besinnen.
    Wir haben gengende Erfahrung mit dem Manne, ich kann sagen, mit der ganzen
Familie gemacht, um erklren zu drfen, wir kennen die Sippschaft grndlich.
    Mein Gterdirektor lobt mir die Leute in seinem Briefe.
    Das Urteil des Herrn Hauptmann Schroff scheint mir - nun, ich will nichts
gesagt haben, weil der Herr Graf etwas auf den Herrn zu halten scheinen. Aber
nachdem er ber meinen Freund Harrassowitz derartig geurteilt hat, kann mir sein
Urteil nichts mehr gelten! Der Herr Graf werden das verstehen!
    Der alte Bauer soll durch Familienunglck in Bedrngnis geraten sein,
glaube ich.
    Durch schlechte Wirtschaft und weiter nichts, Herr Graf! Der alte Mann ist
ein liederlicher Wirt und leider auch ein Trinker. Die Shne sind noch
schlimmer, und bei den Tchtern jagt ein uneheliches Kind das andere. Wollen
sich der Herr Graf nur erkundigen, dann werden Sie schon erfahren, da ich nicht
bertreibe. Ich bin selbst in dem Hause gewesen, ich kenne die Leute. Auf diese
Weise ist die Wirtschaft natrlich immer tiefer heruntergekommen. Jetzt sitzt
der Mann in Schulden bis ber die Ohren. Harrassowitz ist er Geld schuldig, auch
ich habe an ihn verloren. Wir sind mit dem Manne grndlich betrogen worden, weil
wir ihn fr reell hielten. Wir werden unser Geld einben. Und so geht es
verschiedenen ehrlichen Geschftsleuten. Auch mit seiner eigenen Familie hat er
sich berworfen. Der eigene Schwager hat ihn ausgeklagt. Der Herr Graf wollen
nur mal nachfragen lassen. Die ganze Sache ist oberfaul!
    Der Graf schttelte den Kopf. Wenn das so ist - dann lge die Sache ja in
der Tat etwas anders. Aber warum ist mir denn das so dargestellt worden?
    Die bekannte Gromut des Herrn Grafen soll ausgenutzt werden. Man denkt
vielleicht: Der Herr Graf ist weit weg, in Berlin, und auf ein paar tausend Mark
kommt's ihm nicht an. Man rechnet mit der Menschenfreundlichkeit des Herrn
Grafen. Aber hier wre Generositt, so schn sie auch sonst ist, nicht am
Platze. Gesetzt der Fall, der Herr Graf reien den Mann jetzt heraus - brigens
ist das mit ein paar tausend Mark keineswegs getan; ich wei, da der alte
Bttner namhafte Posten schuldet, bei Leuten, die sich noch gar nicht gemeldet
haben - also, wenn der Herr Graf jetzt auch bezahlen, werden immer noch
Forderungen nachkommen. Das ist wie ein Sieb, wo das Wasser, das man
hineingiet, durchluft. Und wenn der Bauer jetzt auch noch so viel verspricht,
in Jahresfrist ist doch wieder alles beim Alten. Dann ist neuer Bankerott da.
Der Herr Graf werden nichts als rger und Verdru gehabt haben und Ihr Geld
einben.
    Das ist doch wirklich traurig! sagte der Graf, und dem Tone, in welchem er
das sagte, war anzuhren, da es ihm von Herzen kam.
    Ja, es ist tieftraurig! echote Schmei.
    Solchen Menschen ist dann allerdings nicht zu helfen.
    Ganz sicher ist solchen Leuten nicht zu helfen, Herr Graf, sagte Edmund
Schmei mit wichtiger Miene und ernsten Blicken. Ganz sicher nicht! Da wird so
viel geschrieben in den Blttern ber die traurige Lage des Bauernstandes.
Besonders die Bltter einer freieren Richtung, die demokratischen Organe, sind
da immer schnell bereit, dem Grogrundbesitz die Schuld in die Schuhe zu
schieben. Die Magnaten werden angeklagt, den Bauern zu ruinieren, aufsaugen, wie
es da heit. Von Bauernlegen wird gesprochen. Aber da die Bauern meistens
selbst an ihrem Untergange schuld sind, das sagt niemand. Die Leute treiben's
danach! Der Bauernstand geht an sich selbst zugrunde, Herr Graf, nicht durch den
Grogrundbesitz. Hier an dem alten Bttnerbauern haben wir einen schlagenden
Beleg dafr!
    Edmund Schmei hatte die letzten Stze mit einer gewissen Feierlichkeit in
Ton und Gebrde gesprochen, als decke er seine innerste Gesinnung auf. Bei dem
Grafen waren solche Worte nicht verloren. Auch an ihn waren Klagen und
Forderungen, welche die Neuzeit gegen den Grogrundbesitz erhebt,
herangeklungen, und hatten ihn verdrossen. Diese Verteidigung der Magnaten klang
ihm angenehm in den Ohren.
    Was diese demokratischen Bltter sagen, ist alles Gewsch! erklrte er.
Was verstehen denn diese Leute von der Bauernfrage! Die mgen nur erst mal aufs
Land hinausgehen und sehen, wie's dort zugeht, ehe sie ihre roten Artikel
schreiben. Ja, wirklich solche Leute, Redakteure und berhaupt
Zeitungsschreiber, die mten alle mal zur Strafe ein paar Wochen das Feld -
bestellen was? Die Art Leute hinter dem Pfluge oder beim Dngerladen, wie denken
Sie sich das?
    Der Graf geruhte zu lachen ber seine eigene Bemerkung, und Edmund Schmei
verfehlte nicht, mitzulachen; auch er fand den Gedanken hochkomisch. Die
Unterhaltung hatte entschieden einen wrmeren Ton angenommen, und der Graf war
nicht mehr so unnahbar und von oben herab wie zu Anfang.
    Nicht wahr? Da kann einem doch niemand einen Vorwurf daraus machen, wenn
man solch einen Mann seinem wohlverdienten Schicksale berlt? fragte der Graf
schlielich.
    Im Gegenteil, Herr Graf! rief der Kommissionr. Ich meine, es wre
unverantwortlich, wenn man hier einen Finger zur Hilfe rhren wollte. Diesen
Leuten ist eben nicht zu helfen, und kein vernnftiger Mensch wird wagen, dies
von dem Herrn Grafen zu verlangen.
    Schmei hatte nun keine groe Mhe weiter, den Grafen zu berreden. Leute
von geringem Urteil und groer Gutmtigkeit, wie der Graf, sind leicht zur Hrte
zu verfhren. Der Graf rgerte sich bereits, da seine Gte wieder mal hatte
mibraucht werden sollen, und er gedachte, seinem Gterdirektor diesen Versuch
nicht zu vergessen.
    Der Kommissionr ging von ihm mit dem Bewutsein, seine Aufgabe in
glnzender Weise gelst zu haben. Und auerdem kam noch die angenehme Genugtuung
befriedigter Eitelkeit hinzu. Der Graf hatte ihn schlielich gar nicht mehr
schlecht behandelt. Sogar eine Zigarre war ihm vor dem Weggehen angeboten
worden.
    Mit gehobenem Selbstgefhl verlie Edmund Schmei das Haus, und dem
prickelnden Gedanken, da diese Aristokraten zwar uerlich recht vornehm, im
Grunde aber doch frchterlich dumm seien.

                                      IV.


Eines Tages, als Gustav die Dorfgasse hinabging, begegnete ihm Hauptmann Schroff
zu Pferde.
    Gut, da ich Sie treffe, Bttner! sagte der Hauptmann. Ich wollte eben zu
Ihnen. Ich habe Nachrichten in unserer Sache. Leider keine guten! Kommen Sie ein
paar Schritte mit mir. Die Stute steht nicht gerne.
    Gustav schritt neben dem Reiten her, welcher weiter berichtete:
    Der Graf will nicht! Rundweg abgelehnt meinen Vorschlag, nachdem er erst
Lust gezeigt, und ich infolgedessen unserem Rechtsanwalt schon Auftrag gegeben
hatte, mit dem Kretschamwirt zu verhandeln. Nun ist auf einmal Kontreordre
gekommen von Berlin, sogar auf telegraphischem Wege. Was da vorgegangen sein
mag, soll der Teufel wissen! Auf lumpige zweitausend Mark kommt's dem Grafen
doch sonst nicht an! Knnen Sie sich denn denken, was passiert sein kann,
Bttner?
    Gustav vermochte auch keine Erklrung zu geben.
    Ich habe sofort noch einmal an den Grafen geschrieben, weil mir die Sache
am Herzen lag. Er hat mir uerst kurz geantwortet und mich bedeutet, da, wenn
er nein sage, das nicht ja heie. Dadurch ist die Sache fr mich natrlich
erledigt. Ich habe mich zu fgen. Traurig ist das allerdings, tieftraurig!
    Der Hauptmann blickte mit dsterem Gesicht in die Ferne, seine Miene war
voll Gram. Der Teufel verblendet den groen Herren die Augen! sagte er, mehr
fr sich, und bi die Zhne aufeinander.
    Die Stute begann unter ihm nervs hin und her zu tnzeln; er hatte sie in
Gedanken zu fest gehalten. Er lie, als er den Grund erkannte, ganz mechanisch
die Kandarenzgel locker und zog die Trense etwas an. Hoo, hoo! rief er, dem
Pferde zuredend, und klopfte es am Widerrist. Ja, da ist nun nichts weiter zu
machen, mein guter Bttner! sagte er nach lngerem Schweigen. Ich wenigstens
kann nichts mehr tun, mir sind die Hnde gebunden. Nahe geht mir die Sache, das
kann ich wohl sagen! Auf dem Laufenden knnen Sie mich immerhin erhalten,
verstehen Sie, Bttner! - Nun, Gott befohlen!
    Damit gab er der Stute einen unmerklichen Schenkeldruck. Die krmmte den
Hals, schob das Hinterteil unter und trug den Reiter in gleichmig wiegenden
Galoppsprngen die Dorfstrae hinab.
    Gustav blickte ihm mit Wehmut nach. Er war so sehr Kavallerist geblieben,
da er selbst in diesem Augenblicke, wo ganz andere Sorgen und Kmmernisse ihm
nher lagen, doch noch Raum fand fr das Gefhl des Neides dem Manne gegenber,
der ein solches Pferd reiten durfte. Er verfolgte den Reiter mit seinen Blicken,
bis er ihm hinter den Husern verschwunden war. Dann wandte er sich seufzend, um
nach Hause zu gehen und dem Vater die schlechten Nachrichten zu berbringen.
    Der junge Mann fhlte sich sehr niedergedrckt. Die Aussicht, die ihm
Hauptmann Schroff erffnet, war so wunderbar gewesen, da er wirklich geglaubt
hatte, es werde nun alles gut werden. Er hatte seine Plne fr die Zukunft ganz
auf das Gelingen dieses Planes gestellt, und nun war in elfter Stunde alles
gescheitert!
    Auf den alten Bauern machte die Nachricht keinen tieferen Eindruck. Er hatte
ja nicht an eine Wendung zum Besseren geglaubt.
    Der alte Mann hatte sich wieder ganz in sich selbst zurckgezogen. Niemand,
selbst Gustav nicht, wute, ob er berhaupt noch etwas hoffe. Scheinbar lie er
die Dinge gehen, wie sie gehen wollten. Selbst die Nachricht vom Gericht, da
Termin zur Zwangsversteigerung angesetzt sei, schien ihn nicht merklich zu
erregen.
    In der Wirtschaft ging alles seinen gewohnten Gang weiter. Hier merkte man
gar nicht, welches Verhngnis drohend ber dem Gute hing. Die
Frhjahrsbestellung wurde wie alljhrlich vorbereitet. Karl fuhr Dnger auf den
Kartoffelacker und Jauche auf die Wiesen. Die Frage, wer die Frchte ernten
werde, stellte man nicht. Man tat seine Arbeit und schwieg. Die Maschine
schnurrte weiter, weil sie einmal im Gange war. Wenn nun pltzlich eine fremde
Hand eingriff und sie zum Stillstand brachte, was dann? -
    Der alte Bauer schien mit einem gewissen Trotz dieser Frage aus dem Wege zu
gehen. Reden lie er auch nicht mit sich darber. Gustav bekam zu hren, da er
ein grner Junge sei, als er einmal davon zu sprechen anfing, was eigentlich
nach der Subhastation werden solle.
    Und dabei lag die Notwendigkeit, daran zu denken, so nahe. Wer konnte denn
wissen, wer der Ersteher des Gutes sei und was er mit Haus und Hof anfangen
werde. Sie muten gewrtig sein, ihr Heim auf dem Flecke zu verlassen; dann
wrden sie obdachlos auf der Strae liegen, wohl gar der Armenfrsorge
anheimfallen.
    Gustav geriet auch in anderem mit dem Alten in Widerspruch. Der Bttnerbauer
steckte noch immer Geld in das Gut, obgleich es bereits an allen Ecken und Enden
zu mangeln begann. Der junge Mann war der Ansicht, da jetzt keine
Verbesserungen mehr vorgenommen werden drften, da es doch feststand, da der
Besitz nicht mehr der Familie erhalten werden knne. Aber der Bauer schien es
sich in den Kopf gesetzt zu haben, der verlorenen Sache noch mglichst viel
nachzuwerfen. Er schaffte einen neuen Pflug an, besserte an den Wegen, stopfte
Lcher im Fachwerk des Scheunengiebels und sprach sogar davon, den Kuhstall
umdecken zu lassen. Darber kam es zwischen Vater und Sohn zu einem heftigen
Auftritt.
    Die Folge war, da der junge Mann sich mehr denn je von zu Hause wegsehnte.
Jeder Tag vermehrte seine Einsicht, da hier alles unhaltbar geworden sei. Wozu
sein Geschick noch lnger an das seines Vaters knpfen, der zu alt zu sein
schien, um noch Vernunft anzunehmen. Im Elternhause wurde es immer der und
trauriger. Der alte Bauer lebte ein Leben vllig fr sich. Wie ein bser Hund
fuhr er aus seiner Htte, bereit, jeden zu beien, der ihn in seiner
Verdrossenheit strte. Die Buerin weinte viel und hatte an ihrem Leiden zu
tragen. Therese zankte mit Karl. Toni sah in schwler Gleichgltigkeit ihrer
Entbindung entgegen. Bei Ernestine begannen sich unter dem Einflsse all des
Widrigen, dessen das junge Ding Zeuge geworden, Eigensucht und Vorwitz in nicht
gewhnlichem Grade zu entwickeln.
    Gustav hielt sich infolgedessen dem Elternhause, das ihm die Hlle auf Erden
zu werden drohte, so viel als mglich fern. Um so mehr war er bei Pauline
Katschner zu finden. Sie und der Junge muten ihm jetzt Eltern und Geschwister
ersetzen.
    Der Termin der Hochzeit rckte nher und nher, und Gustav hatte noch immer
keine Stellung gefunden. Er dachte manchmal daran, ob es nicht das beste sei,
auszuwandern. Man sah es ja: die Verwandten alle, die von Halbenau weggegangen
waren, hatten es zu Vermgen und Ansehen gebracht. Im Dorfe konnte man nie und
nimmer zu etwas kommen. Die Heimat war ihm vergllt und verekelt durch so viel
traurige Erlebnisse. Also, nur fort! Den Staub von Halbenau von den Fen
geschttelt und anderwrts sein Glck versucht! Aber das war leichter gedacht
als ausgefhrt. Zunchst einmal: wo sollte er hingehen? In die Stadt! Wer stand
ihm dafr, da er dort Arbeit fand. Und dann mit Weib und Kind wanderte es sich
nicht so leicht, als wenn einer nur den Ranzen zu schnren und den Stab in die
Hand zu nehmen brauchte. Und schlielich war Gustav auch ein zu guter Sohn, um
trotz seines augenblicklichen Zerwrfnisses mit dem Vater seine alten Eltern
leichten Herzens im Stiche zu lassen. Die krnkelnde Mutter, den alten Mann, der
bei seinen Jahren vom Grobauern zum obdachlosen Bettler herabsteigen sollte! Es
war ein Jammer! Und Gustav erschien es oft wie Feigheit, da er gerade jetzt die
Seinen verlassen wollte.
    In dieser Zeit taten sich pltzlich fr den jungen Mann ganz neue Aussichten
auf.

                                     * * *

    Schon seit einiger Zeit hatte Gustav, der die Zeitungen jetzt eifrig nach
Stellenangeboten durchforschte, gelesen, da ein gewisser Zittwitz, der sich
Aufseheragent nannte, seine Vermittlung anbot fr junge Leute, welche nach dem
Westen auf Sommerarbeit gehen wollten. Durch Bekannte hatte er weiter gehrt,
da derselbe Agent eine Art Arbeitsvermittlungsbureau in der Stadt aufgetan
habe, da er auch die Drfer in der Runde besuche, um Mdchen und junge Mnner
zu mieten.
    In dieser Gegend war die Sachsengngerei noch unbekannt. Es war das erste
Mal, da ein Agent aus den westlichen Zuckerrbendistrikten hier gesehen wurde.
Die fabelhaftesten Gerchte gingen dem Manne voraus. Man versprach sich goldene
Berge. Die Leute, welche nach Sachsen zur Rbenarbeit gingen, hie es, knnten
sich im Laufe eines Sommers dort ein Vermgen erwerben. Andere wieder sagten,
diese Agenten seien nicht besser als Sklavenhndler, und die Mdchen und
Burschen welche ihrem Lockrufe folgten, shen einem schrecklichen Lose entgegen.
    Gustav hatte, als er noch bei der Truppe war, die Sachsengnger alljhrlich
im Frhjahr durch die Stadt ziehen sehen, von einem Bahnhof zum anderen auf
Mbelwagen: Weiber und Mnner zusammengepfercht mit ihren Ballen und Laden, oder
auch herdenweise durch die Straen getrieben wie Vieh. Fremdartige Gestalten
waren das gewesen, Polacken, schmutzig, zerlumpt. Er hatte die Gesellschaft aus
tiefster Seele verachtet, und nie bisher war ihm der Gedanke gekommen sich
diesen zuzugesellen.
    Eines Tages nun fand er am Spritzenhause in Halbenau einen Anschlag, auf
welchem der Aufseheragent Zittwitz mitteilte, da er im Kretscham angekommen sei
und Anmeldungen von Mdchen sowohl wie jungen Mnnern zur Sommerarbeit in
Sachsen annehme.
    Gustav, der eigentlich auf dem Wege zu seiner Braut begriffen war, las den
Anschlag ein paarmal aufmerksam durch. Sich anbieten! Nein, das wollte er nicht.
Er htte den schn gefhrt, der ihm, dem gewesenen Unteroffizier, htte zumuten
wollen, unter die Runkelweiber zu gehen. Aber anhren konnte man sich
schlielich doch mal, was der Agent zu sagen hatte; das verpflichtete ja zu
nichts.
    Vor dem Kretscham schon merkte man, da hier etwas Besonderes heute vor sich
gehe. Leute gingen und kamen. An der Tr stand ein Hause junger Burschen, Hnde
in den Taschen, Zigarren im Munde, welche die Mdchen, die zahlreich in den
Gasthof strmten, bekrittelten und verhhnten. Gustav schlo sich dieser Gruppe
an. Jetzt hineinzugehen, schmte er sich doch.
    Er stellte sich also zu den Burschen. Es wurde viel gespuckt, bramarabasiert
und geflucht. Der Kerl da drinnen mache die Mdel ganz verrckt, hie es. Das
Blaue vom Himmel lge er herunter, und einige habe er auch schon bald so weit,
da sie unterschreiben wollten. Er suche sich die jungen und hbschen aus.
Verheiratete wolle er gar nicht haben. Da knne man sich ja ungefhr vorstellen,
was er im Schilde fhre. Es folgten dstere Andeutungen. Einer wollte in der
Zeitung gelesen haben, wohin derartige Mdchen verschwnden.
    Gustav hrte sich das Gerede eine Weile mit an, dann meinte er, man sollte
doch lieber hineingehen und dem Burschen auf die Finger sehen bei seinem
Geschfte. Sie wrde wohl noch Mannes genug sein, ihn, falls er im trben
fische, aus dem Orte hinaus zu besorgen.
    Einige von den jungen Leuten folgten ihm in den Kretscham.
    Die groe Gaststube war gedrngt voll Menschen. Dem Eingange gegenber sa
der Agent an seinem Tische mit Schreibzeug und Papieren. Um ihn her standen und
saen alte und junge Mnner. Die Mdchen hielten sich mehr an der Wand, sie
schienen verschchtert und wollten sich nicht recht herantrauen.
    Der Aufseheragent war ein Mann von behbigem ueren, mit braunem Vollbart,
in einem Anzug von brauner Jger wolle, die ihn wie ein Sack einschlo und
nichts von weier Wsche sehen lie. Auffllig an ihm waren die groen,
lebhaften, schwarzen Augen.
    Er war soeben im Wortwechsel mit ein paar jungen Mnnern begriffen, welche
Soldatenmtzen trugen, und die, wie Gustav schnell erkannte, nicht aus Halbenau
waren. Die jungen Leute behaupteten, das seien Schundlhne, die jener anbte,
dafr brauche niemand die weite Reise zu machen. Verhungern knne man hier so
gut wie anderwrts umsonst.
    Der Agent lie die beiden eine Weile reden Er sa an seinem Tische mit
gelassener Miene, er schien seiner Sache sehr sicher zu sein. Er gebrauchte
seine Augen, indem er die einzelnen Gesichter um sich her scharf beobachtete.
    Jetzt schlossen sich auch Einheimische den beiden Schimpfern an. Fr solche
Lhne knne man kaum sein Leben fristen, hie es, geschweige denn etwas
verdienen oder zurcklegen. Da wolle man doch lieber daheim bleiben bei sicherem
Brot.
    Nun erhob sich der Agent von seinem Platze, er ging unter die Leute. Vor
einem der Hauptklugredner blieb er stehen. Er solle ihm doch einmal erzhlen,
was er verdiene, sagte er in vertraulichem Tone. Der junge Mensch war etwas
verblfft und wollte nicht recht mit der Sprache heraus, dann nannte er einen
Satz; andere widersprachen, so viel verdiene der nicht, hie es. Es gab darber
ein Hin und Her. Der Agent lie die Leute ausreden und blickte mit berlegenem
Lcheln drein. Dann griff er wieder ein, den Widerspruch, in den sich der junge
Mann verwickelt hatte, geschickt benutzend, machte er ihn lcherlich, so da er
bald die Lacher auf seiner Seite hatte.
    Eine ernstere Miene aufsetzend, hielt er darauf eine kleine Ansprache. Die
Leute sollten nur Vertrauen zu ihm fassen, sagte er. Er sei als Freund zu ihnen
gekommen. Er wisse, wie es dem kleinen Manne ums Herz sei in diesen schweren
Zeiten. Sei er doch selbst aus dem Arbeiterstande hervorgegangen, habe sich
durch seiner Hnde Werk emporgearbeitet. Aber stolz sei er nicht geworden.
    Der Mann besa eine gewisse breite Gemtlichkeit, etwas volkstmlich
Biedermnnisches in Worten und Gebrden, das zum Herzen des kleinen Mannes
sprach und ihm auch hier schnell die Gemter eroberte.
    Unter den Anwesenden waren viele Tagelhner, Dienstleute, kleine
Stellenbesitzer, lauter armes Volk, das um seine Existenz rang. Auch ein paar
Armenhusler waren zur Stelle. Die meisten hatten sich wohl nur des
Zeitvertreibs wegen hierher begeben, um mal zu sehen, was ein Aufseheragent
eigentlich fr ein Ding sei, und ob der Karle wos lus hatte.
    Getrunken wurde viel. Hinter dem Schenktisch stand Kaschelernst, der die
Pfennige ebenso gern von den Armen nahm wie von den Reichen. Kleinvieh macht
och Mist, pflegte er philosophisch zu sagen. Richard ging umher an den Tischen
und nahm die leeren Glser in Empfang, setzte volle auf und kassierte. An den
erhitzten Gesichtern und den lauten Stimmen konnte man merken, da einzelne
schon zu viel des Guten getan hatten.
    Agent Zittwitz hatte sich inzwischen in eine abgelegenere Ecke des Raumes
begeben, wo mehrere Mdchen beisammen saen, ngstlich und ratlos wie ein
Vlkchen junger Hhner. Der Aufseheragent pflanzte sich vor sie hin und suchte
sie durch freundlichere Blicke und Worte zu kirren. Er pries ihnen die Vorzge
seines Kontraktes. Seine Anpreisung war geschickt auf den weiblichen
Sparsamkeits- und Ordnungssinn berechnet. Sie knnten ihren ganzen Lohn
zurcklegen, da sie alles geliefert bekmen und keinerlei Ausgaben htten. Die
meisten Mdchen brchten im Herbst ihre dreihundert Mark zurck, er kenne auch
welche, die es bis zu fnfhundert gebracht htten. Viele Mdchen verdienten sich
auf diese Weise ihre Ausstattung.
    Die Mdchen sagten nicht viel, aber ihren Mienen war es leicht anzusehen,
da sie groe Lust hatten, der Lockpfeife des Fremden zu folgen.
    Gustav hatte sich anfangs nicht viel darum gekmmert, was in jener Ecke
vorgehe. Er war darber, den Kontrakt durchzulesen, welchen der Agent ausgelegt
hatte. Es befanden sich noch keine Unterschriften darunter. Als er dann nach der
Mdchenecke hinberblickte, erkannte er zu seiner nicht geringen Verwunderung
seine eigene Schwester Ernestine, die sich in der Gruppe befand. Sie sa unter
den Vordersten und folgte den Reden des Werbers mit gespannter Aufmerksamkeit.
Wollte die sich etwa gar verdingen? Er trat hinter den Agenten; er wollte doch
einmal genauer feststellen, was der den Mdeln eigentlich vorschwatzte.
    Der Werber war gerade dabei, auseinanderzusetzen, welche Lebensweise ihrer
in Sachsen harre. Sie wohnten gemeinsam in besonderen Husern, auch Kasernen
genannt. Ihre Betten und Kleider knnten sie sich mitbringen, fr alles andere
sei gesorgt. Die Lebensmittel bekmen sie geliefert. Frh, ehe es zur Arbeit
ging, setze man sich seinen Topf an. Ein Mdchen bleibe zurck, um nach dem
Feuer zu sehen und die Tpfe zu rcken. Den Abend htten sie ganz fr sich,
ebenso den Sonntag.
    Der Mann verstand es, das Leben der Sommerarbeiter in der angenehmsten Weise
zu schildern. - Dann begann er von der Arbeit zu sprechen, fr die sie gemietet
wrden. Er meinte, die sei so leicht, jedenfalls ein Kinderspiel im Vergleich zu
dem, was man in dieser Gegend von den Frauen verlange. Rben hacken und
verziehen, zur Erntezeit Getreide abraffen und binden und im Herbste Kartoffeln
und Rben roden. All die schweren und unappetitlichen Verrichtungen, die sie zu
Haus tun mten, wie: misten, jauchen, graben, dreschen, melken, karren und die
Egge ziehen, fielen da weg. Auch wrde da meist in Akkord gearbeitet, ohne
Aufsicht von seiten der Dienstherrschaft. Ganz frei sei man und ungebunden.
Knne es etwas Schneres geben! Und im Herbste kehre man dann mit dem ganzen
reichen Lohne des Sommers frohen Mutes in die Heimat zurck.
    Der Werber machte eine Pause. Er hatte die Stimmung so gut vorzubereiten
verstanden, da er nur noch die Hand auszustrecken brauchte, und er hatte die
Mdchen alle.
    Da trat Gustav vor und sagte, er wolle mal ein paar Fragen stellen. Bitte
schn! meinte der Agent. Dazu bin ich hier, um Rede und Antwort zu stehen. Je
mehr Sie fragen, desto angenehmer ist es mir. Er sagte das mit grter
Zuvorkommenheit, betrachtete sich den jungen Mann jedoch gleichzeitig mit
forschenden Blicken, die nicht frei von Argwohn waren.
    Wir haben ja hier alle gehrt, begann Gustav und wandte sich mehr an die
anwesenden Mnner als an die Frauen, wie schn dort alles ist, wo der Herr uns
hinbringen mchte, und wie dort alles gut ist, viel besser als hier bei uns. Er
stockte. Das freie Sprechen war ihm etwas vllig Ungewhntes. Einen Augenblick
lang gingen ihm die Gedanken aus. Du bleibst stecken! dachte er bei sich. Dann
nahm er alle Willenskraft zusammen und fand das verlorene Gedankenende wieder.
Solch ein Land mchten wir wohl alle kennen lernen, wie es der Herr da
beschreibt. Aber ehe ich den Kontrakt unterschreibe und mit dem Herrn
Aufseheragenten dorthin gehe, da mchte ich doch vorher von ihm noch eins
wissen: nmlich warum die Leute dort, die Burschen und die Mdel aus dem Lande,
von dem uns der Herr erzhlt, warum denn die nicht auf Arbeit gehen wollen und
sich das Verdienst mitnehmen? Oder gibt's dort etwa keine Arbeiter nicht? Das
glaub' ich doch nicht! -
    Die Anwesenden waren diesen Worten mit Spannung gefolgt. Die Mnner gaben
ihren Beifall zu erkennen. Das war einleuchtend! Bttner hatte recht! Es war
doch auffllig, da die Leute in jener Gegend sich den Vorteil entgehen lassen
sollten, der ihnen hier angepriesen wurde. Man war neugierig, was der Agent
hierauf zu antworten haben wrde.
    Der zuckte die Achseln und lachte. Er schien der Sache einen harmlosen
Anstrich geben zu wollen, indem er sie auf die leichte Schulter nahm. Ihr
Leute! rief er, ihr mt euch das nicht so vorstellen wie hier! Bei uns im
Westen, das ist eben eine ganz andere Sache. ... Dann erzhlte er von der
Fruchtbarkeit des Bodens und der intensiveren Wirtschaftsweise in jenen
Distrikten, welche eine groe Menge von Menschenkrften erfordere, mehr als
meist zur Hand seien.
    Die Erklrung verfing nicht bei den Leuten. Der Mann mochte noch so schn
und gelehrt sprechen, die klare Frage, welche ihm vorgelegt worden war, hatte er
nicht beantworten knnen. Irgendeinen Haken hatte die Geschichte also doch!
    Gustav gab dieser Stimmung Ausdruck, indem er fragte, ob etwa die jungen
Leute sich dort zu fein dnkten zur Feldarbeit, da man so weit hinausschicken
msse bis zu ihnen nach Arbeitern. -
    Der Agent erklrte, die Leute dort seien durchschnittlich wohlhabender als
hier im Osten. Viele gingen auch in die Stdte und widmeten sich anderen Berufen
als gerade der Landwirtschaft.
    Da haben wir's! rief Gustav, welcher den Mann nicht ausreden lie. Da
hrt ihr's! Wie ich gesagt habe! Die Sache ist genau so: wir sollen eben das
machen, was denen dort nicht pat. Wozu die sich zu gut vorkommen, dazu werden
wir geholt. Ne, das pat uns auch nich - nich wahr? Wir sind nich schlechter
hier als irgendwer andersch!
    Gustav sah sich fragend im Kreise um. Die Mnner riefen ihm zu, da er recht
habe. Der Werber, welcher merkte, da die Dinge eine ungnstige Wendung fr ihn
zu nehmen begannen, rief mit erhobener Stimme: Man solle ihn nur anhren, er
werde alles haarklein erklren. Aber schon hatte er die Aufmerksamkeit verloren.
Man schwatzte laut durcheinander und murrte. Fr dumm solle man die Halbenauer
nicht halten, hie es. Im Sacke wollten sie die Katze nicht kaufen. Das sei der
reine Menschenfang, der hier getrieben wrde, rief einer von den jungen Leuten
mit Militrmtze.
    So flogen die Redensarten hin und her. Jetzt redete mancher von der Leber
weg, der sich's zuvor nicht getraut hatte. Der Agent gab das Spiel noch nicht
verloren, er trat an einzelne heran, setzte ihnen zu, eiferte, widersprach,
wollte berichtigen. Er hatte gut sich abmhen, er fand keinen Glauben mehr. In
diesen einfachen Kpfen war das Mitrauen rege geworden, und mit Engelszungen
lie sich ihnen der Argwohn nicht wieder ausreden.
    Wer jetzt noch Lust hatte, den Kontrakt zu unterschreiben, wagte es nicht
mehr aus Angst, sich vor den Dorfgenossen lcherlich zu machen. Die Mdchen
gingen einer nach dem anderen hinaus, besorgend, es mge hier wohl noch gar zur
Rauferei kommen.
    Agent Zittwitz packte schlielich mit rgerlicher Miene seine Papiere
zusammen und verschwand.

                                     * * *

    Die Mnner blieben noch beisammen. Gustav Bttner war der Held des Tages.
Das war etwas ganz Neues fr ihn. Das Bewutsein, von seinesgleichen anerkannt
zu werden, hob sein Selbstgefhl. Er war so ganz unvorbedacht dazu gekommen; er
wute selbst nicht, wie ihm geschehen. Der blaue Dunst, den dieser Agent den
Leuten vorgemacht, hatte ihn verdrossen, und da hatte er frei herausgesagt, was
er fr recht hielt, ohne Haschen nach Bewunderung. Der Erfolg, den er gehabt,
setzte ihn selbst in Erstaunen. Die Aufmerksamkeit, deren Gegenstand er gegen
seinen Willen geworden, tat ihm aber doch wohl, bekam schlielich etwas
Prickelndes, Berauschendes fr seine wenig verwhnte Eitelkeit.
    Und die Umgebung sorgte dafr, da dieses Gefhl sich steigerte. Man feierte
den Sieg, brstete sich damit, dem Aufseheragenten das Geschft grndlich gelegt
zu haben. Ja, wir Halbenauer! ... hie es. Die Begebenheit wurde noch einmal
durcherlebt, breitgetreten, ausgeschmckt. Die Schnapsflasche machte die Runde.
Bier wurde bestellt; bald gab dieser, bald jener eine neue Auflage zum besten.
    Auch Gustav durfte sich nicht lumpen lassen, er lie anfahren. Dabei machte
er sich's zum besonderen Scherz, jedes Glas einzeln heranbringen zu lassen, nur
um das Vergngen zu haben, seinen Vetter Richard Kaschel auf seinen Wink
springen zu sehen. Hinter dem Schenktisch erschien jetzt auch Ottilie. Sie
schielte nach dem Vetter hinber und lchelte ihm mit schiefem Munde zu. Er hob
das Glas, und ihr zutrinkend rief er: Auf deine Schnheit! Ein schallendes
Gelchter der Burschen antwortete. Ottilie zog sich, scheinbar gekrnkt, von der
Bierausgabe zurck.
    Whrend man noch den schlechten Witz bejubelte, trat ein Fremder ins Zimmer.
Seinem Aufzuge nach war er ein wandernder Handwerksbursche, auf dem Rcken den
Berliner den Stenz in der Hand.
    Kenn Kunde! begrte ihn einer von den jungen Leuten, der auch einmal auf
der Walze gewesen war und die Kundensprache beherrschte.
    Kenn Kunde! kam es aus dem Munde des Wandersmanns zurck.
    Na, Kunde, wie ist der Talf gewesen?
    Denkst de, ich wer Klinken putzen! Ne, dazu is meinen Ollen sei Sohn zu
nobel.
    Na, Kunde, nobel siehst de grade nich aus. Du wirst wohl schmal gemacht
han! Oder bist de gar verschtt gegangen?
    Ich und verschtt gehn! Nich mal Knast gemacht ha' ch. Mein Lebtag nicht!
Ich hab' freilich meine Flebben in Ordnung. Willst se sehn?
    Ich bin keen Teckel nich! La deine Flebben, wo se sind. Willst en Soruff,
Kunde?
    Freilich mecht'ch  Nordlicht putzen. Hier is aber, wee der Hole, ene
dufte Winde.
    Hast wohl lange Leg' um kauen mssen?
    Pikus machen kann mer nich alle Tage auf der Walze. Meine Kluft is och
mie, die Trittchen hier sind ganz verrissen, und ne reine Staude hab' ich vor
drei Wochen angehabt.
    Na, la dich vom Bruder schmieren, Kunde!
    Wenn ich man Messume htte.
    Hier, trink mal!
    Prost, edler Menschenfreund!
    Gustav hatte sich den Mann, der eben das Glas zum Munde fhrte, inzwischen
mit Aufmerksamkeit betrachtet. Den mute er doch kennen. Himmeldonnerwetter! war
das nicht ... Wenn das nicht Hschke war, wollte er sich hngen lassen! Hschke,
mit dem er zusammen eingetreten war bei der zweiten Schwadron. Freilich, der
Vollbart vernderte ihn und die Vagabundenkleidung. Aber an den lebhaften Augen,
der Stimme und den Bewegungen erkannte er den ehemaligen Kameraden wieder.
    Hschkekorl! rief Gustav und unterbrach damit die Unterhaltung der beiden
Kunden.
    Der Handwerksbursche fuhr herum. Bttner Hol mich der Teufel. Bttnergust!
    Gleich noch ein Vier fr meinen Kameraden! rief Gustav nach dem
Schenktisch hinber.
    Nun ging ein eifriges Fragen los von beiden Seiten. Drei Jahre und ein
halbes war es jetzt her, da sie einander nicht gesehen hatten. Denn Hschke war
nach beendeter Dienstzeit herausgegangen, whrend Bttner kapituliert hatte.
    Hschke hatte sich neben Gustav setzen mssen. Nun mute er von seinen
Erlebnissen berichten. Er war von der Truppe aus zunchst in seine Heimat, das
Knigreich Sachsen, zurckgekehrt. Von Profession war er Schlosser und hatte
frs erste bei einem Meister seines Handwerks Arbeit genommen. Dort war seines
Bleibens aber nicht lange gewesen. Er hatte Krach bekommen mit dem Meister. Nun
war er gewandert, hatte dabei einen guten Teil Deutschlands gesehen. Im
Westflischen war er hngen geblieben eines Mdels wegen, sagte er. Dort hatte
er sich in eine Maschinenwerkzeugfabrik verdungen. Bald darauf war Streik
ausgebrochen, und er hatte seinen Stab weitersetzen mssen. Einige Monate lang
hatte er beim Nordostseekanalbau Arbeit gefunden. Nachdem er den Winter ber in
einer posenschen Zuckerfabrik als Heizer Verwendung und Unterschlupf gefunden,
lag er jetzt wieder auf der Landstrae.
    Gustav Bttner war mit diesem Hschte besonders befreundet gewesen. Sie
hatten zusammen die Leiden der Rekrutenzeit durchgemacht. Waren auf derselben
Stube und in dem nmlichen Beritt gewesen. Da Bttner bald zum Gefreiten
befrdert wurde, whrend Hschke Gemeiner blieb, hatte keine eigentliche
Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet. Hschke war und blieb einer der
beliebtesten und angesehensten Kameraden, obgleich ihm die Vorgesetzten nicht
wohl wollten, seines losen Maules und seiner Leichtfertigkeit wegen. Mutterwitz
und Gewandtheit brachten ihn bei seinesgleichen desto mehr zur Geltung.
    Jetzt wurden alle diese Erinnerungen wieder aufgefrischt. Vom schnauzigen
Wachtmeister und vom schneidigen Herrn Rittmeister erzhlte man sich, und
mancher lustige Streich aus dem Manver und dem Garnisonleben wurde ans
Tageslicht gezogen.
    Hschke war natrlich Gustavs Gast. Als er erfahren hatte, da der
Weitgereiste heute noch nichts Ordentliches in den Magen bekommen, bestellte
Gustav Butterbrot und Wurst fr ihn.
    Auf diese Weise war der Nachmittag vergangen. Die hereinbrechende Dunkelheit
mahnte zum Aufbruch. Gustav dachte mit geheimer Besorgnis an die hohe Zeche, die
er gemacht hatte. Aber er htete sich wohl, davon etwas merken zu lassen. Im
Gegenteil! Den Kaschels wollte er gerade mal zeigen, da es ihm auf ein paar
Mark nicht ankomme. Und er bestellte fr die ganze Gesellschaft noch einen Korn
zum Rachenputzen!
    Als man den Kretscham verlie, schlo Hschke sich Gustav an. Sobald sie
ohne Zeugen waren, begann der Handwerksbursche zu klagen, wie schlecht es ihm
gehe. Seit vierzehn Tagen sei er in kein vernnftiges Bett gekommen. Die letzten
Sparpfennige waren in den Pennen draufgegangen. Die Kleider fingen an zu
zerreien, und die Fe schmerzten in dem elenden Schuhwerk. Er sah in der Tat
abgerissen genug aus. Er fragte Gustav, ob er ihm nicht aus alter Kameradschaft
etwas vorschieen knne. Dann wolle er die Eisenbahn benutzen oder - wie er sich
in der Kundensprache ausdrckte - mit dem Feurigen walzen und ihm von seiner
Heimat aus das Erborgte zurckerstatten.
    Gustav hatte das Gewissen bereits gepeinigt wegen der heutigen Zeche. Das
war von den Ersparnissen gegangen, die er fr die Hochzeit bestimmt hatte. Es
wurde ihm schwer, dem alten Kameraden die Bitte abzuschlagen, aber es ging nicht
anders! Er war nicht mehr ganz nchtern, wie er jetzt erst merkte, wo er sich in
freier Luft befand, aber er fand noch so viel berlegung, dem anderen zu
erklren, da er nichts ausleihen knne, er sei selbst nicht in der besten Lage
und wolle nchstens heiraten.
    Hschke bat, da er ihm dann wenigstens Unterkunft fr ein paar Tage
verschaffen mge. Er wolle sich seine Sachen instandsetzen und seine Fe
ausheilen lassen. Wenn er sich wieder etwas herausgemacht haben wrde, werde er
seine Strae weiterziehen.
    Diese Bitte konnte Gustav unmglich abschlagen. Er berlegte: bei den Eltern
war ja Platz. Haschte behauptete, mit jedem Fleckchen, und sei es auf dem Boden
oder im Schuppen, zufrieden zu sein, und wenn es nur eine Bucht von Heu wre.
Gustav erklrte, es werde sich wohl noch ein Bett fr ihn finden.
    Er brachte also den Fremden mit nach Haus. Dort sa die Familie bereits beim
Abendbrot. Die Angetrunkenheit lste Gustavs Zunge. Mit grerem Wortreichtum
als man sonst an ihm gewohnt war, stellte er den Fremdling als einen ehemaligen
Kameraden und Freund vor, dem man Obdach gewhren msse.
    Die Frauen blickten verdutzt auf den brtigen Wanderburschen, der in der
trben Beleuchtung des schwachen llmpchens nicht gerade vertrauenerweckend
sich ausnahm. Der alte Bauer sagte nichts; ihn brachte jetzt nicht so leicht
mehr etwas aus seiner verstockten Gelassenheit. In frheren Zeiten wrde er dem
schn gekommen sein, der ihm solch einen Strolch ins Haus gebracht htte. Aber
jetzt nahm er auch das mit in den Kauf zu dem brigen. Die Buerin war gewi
nicht erbaut ber den Gast; doch wagte sie nichts zu uern, aus Furcht, Gustav
zu reizen. Therese war die erste, welche Worte fand. Als Gustav fragte, wo ein
Lager fr den Fremden zu finden sei, meinte sie trocken, drben bei den
Schweinen stehe noch ein Koben leer. Eine Bemerkung, welche ihr Gatte Karl,
nachdem er den Sinn erst begriffen, so ausgezeichnet fand, da er in ein
Gelchter ausbrach, welches an diesem Abende nicht mehr enden zu wollen schien.
    Gustav erbleichte vor Zorn. Dann wird Hschke eben in meinem Bette
schlafen! sagte er. Mir soll keiner nachsagen, da ich einen Kameraden auf der
Strae htte liegen lassen. Komm, mei Hschke!
    Und wu wirst du denne schlafen alsdann, Gustav? fragte die Mutter besorgt,
da sie sah, da der Sohn Ernst machen wollte mit seinem Vorhaben.
    Mutter, ich wee schon an Fleck fr mich! sagte Gustav.
    Und in der Tat, es gab in Halbenau einen Platz fr ihn, wo er freudige
Aufnahme fand, zur Tages- und Nachtzeit.

                                       V.


Obgleich gerade Gustav es gewesen war, der dem Aufseheragenten das Geschft in
Halbenau gelegt hatte, lie ihm doch der Gedanke an den Mann und was er gesagt
hatte, keine Ruhe. Er hatte neulich die ganze Sache als Schwindel und
Menschenfang bezeichnet, aber im stillen gedachte er jetzt mit heimlich
zehrender Sehnsucht der goldenen Berge, die jener in Aussicht gestellt hatte.
Wenn nun doch etwas an der Sache war! - Gnzlich aus der Luft gegriffen konnte
das alles unmglich sein. Gustav entsann sich der gedruckten Formulare, die der
Mann vorgezeigt hatte; sogar Stempel von Behrden waren darauf zu sehen gewesen.
    Der junge Mann befand sich in eigentmlicher Lage. Seine Seelenstimmung war
geteilt. Die Anerbietungen des Agenten lockten; auf der anderen Seite scheute er
sich, wieder in den Bannkreis des Mannes zu geraten, den er soeben mit Erfolg
bekmpft hatte. Und schlielich schmte er sich auch vor den Dorfgenossen, die
sein Auftreten im Kretscham mit erlebt und Beifall geklatscht hatten.
    Er hielt sich dem Werber vorlufig ferne, aber in den Blttern verfolgte er
die weiteren Schritte des Mannes mit Spannung.
    In allen Ortschaften ringsum rhrte Zittwitz die Werbetrommel und, wie es
den Anschein hatte, mit groem Erfolge. Seine Kontrakte bedeckten sich
allmhlich mit Hunderten von Unterschriften.
    Es lag etwas Ansteckendes in dieser Bewegung. Man wollte sich einmal
verndern, wollte sein Glck in der Ferne versuchen. Der Agent schilderte die
Verhltnisse da drauen im Westen in verlockenden Farben. Und wenn der Mann
vielleicht auch Schnfrberei trieb seines Geschftes wegen, schlielich
schlimmer als daheim konnte es dort wohl auch nicht sein. Und der Gedanke, zu
wandern, ein Stck Welt zu sehen, packte die Gemter mchtig. Die Fremde lockte
mit ihren unklaren, dem Auge im blulichen Dunst der Ferne verschwimmenden
Dingen. Das Frhjahr stand vor der Tr; da sind die Hoffnungen leicht erregbar
in der Menschenbrust. Da wachsen und quellen heimliche Wnsche, ein
unverstndlicher Drang treibt, ein ses und beunruhigendes Gefhl qult den
jungen Menschen und reizt ihn zu Neuem, Unentdecktem. Der tief in die
Menschennatur gesenkte Trieb, sich zu verndern, der Wandertrieb, regte sich.
    Wie die Zugvgel kamen sie zusammen. Einer sagte es dem anderen; berall in
den Schenkstuben, des Sonntags vor der Kirche, bei gemeinsamer Arbeit, wo immer
Menschen zusammenkamen, wurde das Fr und Wider eifrig besprochen. Die
Hoffnungsfreudigen steckten die Verzagten an; wer bereits unterschrieben hatte,
suchte Gefhrten zu werben. Wie der Schneeball im Rollen wuchs die Bewegung.
    Schon reute es manchen jungen Mann und manches Mdchen in Halbenau, da sie
neulich die Antrge des Aufseheragenten abgelehnt hatten. Heimlich gingen sie
dorthin, wo er neuerdings sein Quartier aufgeschlagen hatte, um sich seine Worte
doch noch einmal mit anzuhren.
    Eines Abends befand sich denn auch Gustav Bttner auf dem Wege nach dem
benachbarten Wrmsbach, wo, wie er aus den Zeitungen ersehen hatte, Zittwitz
heute sprechen wollte. Gustav hatte daheim keinem Menschen etwas gesagt von
seinem Vorhaben. Niemand in Halbenau sollte etwas davon wissen, er wollte sich
gnzlich im Hintergrunde halten; wenn irgend mglich wollte er vermeiden, von
dem Agenten selbst gesehen zu werden.
    Im Gasthof zu Wrmsbach bot sich dem Eintretenden ein ganz anderes Bild dar
als neulich in Halbenau. Der Aufseheragent sa auf einem erhhten Podium, neben
ihm ein junger Mann, welcher schrieb. Seinen Vortrag schien Zittwitz bereits
gehalten zu haben. Hin und wieder richtete er noch ein Wort der Erluterung an
die Menge oder beantwortete Fragen einzelner, die an ihn herantraten. Er schien
von Mnnern aus der Versammlung untersttzt zu werden, die von Tisch zu Tisch
und von Gruppe zu Gruppe mit Zetteln gingen und den Leuten zusetzten, sie
sollten unterschreiben. Besonders rhrig darin zeigte sich ein gewisser
Wenzelsgust, der fr gewhnlich als arbeitsscheues Individuum bekannt war.
Dieser Mensch lief hier mit wichtiger Miene geschftig umher und redete den
Leuten zu, sie drften sich eine solche Gelegenheit zur Arbeit um keinen Preis
entgehen lassen.
    Hin und wieder trat ein Bursche oder ein Mdchen an das Podium und sprach
mit dem Agenten. Waren sie handelseinig geworden, dann lie sich der Schreiber
die Personalien angeben, fllte ein Formular aus, und der Neugeworbene setzte
seinen Namen unter den Kontrakt. Von Zeit zu Zeit verlas der Agent dann mit
lauter Stimme die Namen und knpfte daran Worte der Ermunterung an die, welche
noch zauderten.
    Doch spielte sich nicht alles so ruhig und geschftsmig ab. Starke
Gefhle, Leidenschaften und Triebe arbeiteten versteckt unter anscheinender Ruhe
und Stumpfheit in dieser Menge.
    In Gustavs Nhe stand eine alte Frau und ein junges Mdchen. Wie aus ihren
Worten zu merken, war die Greisin die Gromutter des kaum sechzehnjhrigen
bildhbschen Dinges. Die Alte hatte Trnen in den Augen und redete voll Eifer
auf die Enkelin ein. Die blieb stumm und blickte mit einem gewissen
verinnerlichten Trotz in ihren kindlichen Zgen nach dem Podium hinber, wo eben
neue Sachsengnger sich meldeten.
    Ne, Guste! sagte die alte Frau mit zitternder Stimme, das Mdchen mit
ihrer runzeligen Hand liebevoll ttschelnd, de werft uns buch su was ne oantun
wellen. Was sillte denn aus dan kleenen Kingern warn, dernoa! Gieh! Bleib ack
bei uns, Guste! Wee mer denne, wie's da drauen sen mag.
    Dann sah sich die Greisin hilfesuchend im Kreise um: 's is ane Sinde und
ane Schande, su a Madel mitnahmen! Und sich dem Mdchen wieder zuwendend: Gleb
mirsch, Guste, dir wird's ei der Fremde bange wern nach der Heemde.
    In geschwtziger Greisenart erzhlte sie jedem, der es hren wollte, von
ihrer Not. Ihre Tochter, die Mutter des Mdchens, lag schon im siebenten Monat
ans Bett gefesselt. Der Schwiegersohn war als Steinmetzger im Gebirge, hatte
einen Haufen kleiner Kinder. Und nun wollte die Guste auch noch fort, welche
bisher die Sttze des ganzen Haushalts gewesen war. Raden Sie er ack zu! bat
sie die Umstehenden. Uf mich Altes tut se ne hieren. Se soit, se will sich a
Sticke Geld verdiene mit a Riebenhacka. Ich ha' gesoit, iber se gesoit ha' ich:
Guste, 's is duch ane Sinde un ane Schande, su a Madel, su a jung's Madel
alleene ei de Fremde losa. Was sull denne aus uns warn hernach'n.
    Die Greisin blickte in hilfloser Verzweiflung von einem zum anderen. Whrend
sie noch ihr Leid klagte, war die Enkelin unvermerkt von ihrer Seite gewichen.
Bald darauf sah man ihr rotes Kopftuch in der Nhe des Podiums, und nach einiger
Zeit verlas der Agent ihren Namen unter den Angeworbenen.
    Gustav erlebte mit Staunen, wie flott hier das Geschft des Werbers ging.
Freilich in Wrmsbach lagen die Verhltnisse auch anders als in Halbenau.
Wrmsbach und seine Bewohner genossen nicht gerade den besten Ruf in der
Nachbarschaft. Hier hatte es ursprnglich viele wohlhabende und selbstndige
Bauern gegeben. Eine Zeitlang nahm der Ort einen Aufschwung, der die
Nachbardrfer in Schatten stellte. Aber die junge Generation hatte angefangen,
auf dem ererbten Wohlstande auszuruhen. Das Spiel, der rgste Verderber des
Bauern, war aufgekommen, und der Trunk hatte sich dazu gesellt. An Stelle des
Reichtums trat die berschuldung. Die Gter der Bankrottierer kamen unter den
Hammer und wurden zerkleinert. In keinem Orte der ganzen Umgegend spielte die
Gterschlchterei und der Bodenschacher eine solche Rolle wie in Wrmsbach.
Samuel Harrassowitz aus der Kreisstadt war hier kein Unbekannter.
    An einem Tische fr sich sa eine Anzahl Mnner, die sich durch ihre
Kleidung von den Dorfleuten abhoben. Der Gendarm mit einem geraden schwarzen
Schnurrbart, neben ihm ein dicker Mann mit rotem Vollbart im braunen Lodenrock -
in dem Gustav einen der Inspektoren der Herrschaft Saland wiedererkannte - dazu
zwei Leute in Jgertracht, grfliche Revierfrster.
    Gustav erfuhr von einem neben ihm stehenden jungen Manne, weshalb die
Beamten hier seien. Zum Uffpassen! Neulich habe es bereits einen groen
Spektakel gegeben, da seien ein paar Mgde und ein Holzarbeiter von der
Herrschaft davongelaufen und htten sich dem Agenten verdungen.
    Die Augen des Berichterstatters leuchteten vor Schadenfreude, als er
erzhlte: Da soll nu der Schandarm, und er sull helfen uffpassen. In hellen
Haufen lsen se weg vun der Herrschaft und och von den Pauern. Is denen schun
recht, sag 'ch, was zahlt 'r sicke Hungerlhne, da unserener ne laben kann
dermitte und ne starben.
    Gustav sah sich den kleinen verwachsenen Burschen etwas nher an. Das war
wohl ein Sozialer wie es hier auch schon welche gab. Er fragte jenen, wer er
sei, und was er hier wolle. Er sei Ochsenknecht auf dem Rittergute, sagte der
Kleine. Ich ginge och glei. Ich ha' das Luderlaben satt. Glei macht 'ch mitte
nach Sachsen. Wenn 'ch ack ne verheirat' wre! Und Zittwitz spricht: Frau und
Kinder dirfte ees ne mitnahmen, spricht er.
    Inzwischen schien sich die Zahl der Arbeitsuchenden erschpft zu haben. Der
Aufseheragent erhob sich und fragte, ob sich weiter niemand melde, sonst werde
er fr heute abend die Liste schlieen. Dann verlie er das Podium und mischte
sich unter die Menge. Hier und da blieb er stehen an den Tischen, redete
einzelne Leute an: Er habe gerade noch eine Stelle frei auf einem
ausgezeichneten Gute, sie sollten sich nur dazu halten, jetzt noch vor
Toresschlu ihr Glck zu machen. So schritt er von Tisch zu Tisch.
    Als er Gustavs ansichtig wurde, stutzte er. Einen Augenblick schien er zu
berlegen, wo er dieses Gesicht wohl schon gesehen htte. Er warf dem jungen
Manne einen mitrauischen Blick aus seinen dunklen Augen zu. Dann aber, als habe
er sich eines anderen besonnen, hellten sich seine Zge pltzlich auf.
Wohlwollend reichte er dem erstaunten Gustav die Hand und meinte in
vertraulichem Tone, wie zu einem alten Bekannten: Recht so, da Sie auch hier
sind! Haben sich's also doch berlegt! Kommen Sie nur mit mir nach vorn, mein
Bester! Von Ihrer Art kann ich gerade noch einen gebrauchen.
    Gustav erwiderte dem Agenten, da er sich irre, wenn er ihn fr einen
Arbeitsuchenden halte.
    Wer spricht denn von Arbeit! Leute Ihres Schlages stellt man doch nicht zum
Rbenhacken an. Fr Sie habe ich ganz was anderes in petto. Sie sind
Unteroffizier gewesen nicht wahr?
    Gustav bejahte verdutzt. Woher wute der Mensch das bereits?
    Ihnen wrde ich einen meiner Kontrakte verkaufen, verstehen Sie! sagte der
Agent, nher an den jungen Mann herantretend mit gesenkter Stimme, andeutend,
da die anderen das nicht mit anzuhren brauchten. Das heit soviel: Ich
bergebe Ihnen einen Auftrag, den ich von einem kleineren Gute erhalten habe, in
eigene Entreprise, verstehen Sie wohl! Sie besorgen sich die Leute selbst und
gehen dann als Vorarbeiter oder Aufseher mit ihnen hinaus.
    Gustav schttelte den Kopf. Er verstand durchaus nicht, was jener meinte.
    Die ganze Sache bedeutet nmlich fr Sie ein glnzendes Geschft, mein
Lieber! Sie verdienen pro Kopf drei bis vier Mark Provision, je nachdem!
Auerdem bekommen Sie Ihren Vorarbeiterlohn und im Herbst eine schne
Gratifikation, wenn die Arbeit zur Zufriedenheit ausgefhrt ist. Ich dchte, so
etwas sollte man nicht ohne weiteres von der Hand weisen. Also wie steht's, sind
wir einig?
    Der Hndler hielt die Hand ausgestreckt. Gustav sah ihn nur verwundert an.
Da kam alles so Hals ber Kopf! -
    Hier! lesen Sie sich mal das Ding hier durch! Das ist ein
Vorarbeiterkontrakt. Die Wirtschaft, fr die Sie Leute zu engagieren haben
wrden, ist ein Vorwerk. Vier bis fnf Mnner und eine Mandel Mdchen etwa
wrden gengen. Lesen Sie sich das mal durch! Ich komme nachher wieder zu Ihnen.
Dann wollen wir weiter sprechen. Wir werden schon handelseinig werden. - Sie
sind ja ein heller Kopf!! Das habe ich neulich in Halbenau gemerkt. Damit
klopfte er Gustav auf die Schulter, blickte ihn verschmitzt lchelnd von der
Seite an, als wolle er sagen wir verstehen uns! und ging dann zu anderen.
    Gustav blickte in das Papier, welches er ihm gelassen hatte. Darin stand,
da der Vorarbeiter N.N. sich verpflichte, mit einer Anzahl krftiger Mnner und
Mdchen auf das Gut X. zu kommen, um dort gewisse Arbeiten auszufhren. Es
folgten die einzelnen Arbeiten und die Lohnbedingungen. Gustav las die lange
Reihe von Paragraphen nicht durch. Sollte er sich mit dieser Sache auch nur von
ferne einlassen? Er und Leute anwerben im Auftrage eines Fremden, fr ein Gut,
das er gar nicht einmal kannte, ja noch schlimmer, fr Verhltnisse, die ihm
gnzlich neu waren.
    Und wenn der Gewinn noch so hoch sein mochte, der dabei heraussprang, mit
solchen unsicheren Dingen wollte er sich nicht bemengen. Es war etwas in ihm,
eine warnende Stimme - mit Worten htte er dem gar nicht Ausdruck geben knnen -
ihm war es, als msse dem Handel etwas Unrechtes zugrunde liegen, und als begehe
er eine Leichtfertigkeit, wenn er sich dazu hergebe.
    Als der Agent zu ihm zurckkam, gab Gustav ihm den Kontrakt zurck, sagte,
er habe sich berzeugt, da das nichts fr ihn sei, und wollte gehen.
    Zittwitz fate den jungen Mann am rmel, um sein Forteilen zu verhindern.
Sie haben die Sache noch nicht richtig verstanden; daran liegt's, mein Guter!
Setzen wir uns dorthin, ich werde Ihnen die Geschichte mal beim Glase Bier
haarklein auseinandersetzen. Und wenn Sie dann nicht mit beiden Hnden
zugreifen, dann soll Sie und mich der Teufel frikassieren! Er fhrte Gustav in
eine ruhige Ecke. Dort setzte er sich und bestellte zwei Glas Bier.
    Also, was wollen Sie! Was gefllt Ihnen nicht an dem Kontrakt? fragte der
Agent in seiner eindringlichen Weise. Er hatte sich dicht vor Gustav hingesetzt,
dessen Aufmerksamkeit gewissermaen durch seine Krpernhe erzwingend. Was
haben Sie auszusetzen? Welche Punkte wnschen Sie anders?
    Gustav, welcher sich schmte, einzugestehen, da er den Kontrakt gar nicht
durchgelesen hatte, gab als Entschuldigung an, da er heiraten wolle.
    Das pat ja ausgezeichnet! rief der Agent, dann bringen wir die junge
Frau mit! und als errate er Gustavs nhere Verhltnisse: und auch die Kinder,
wenn schon Familie da ist. Das lt sich alles einrichten, beim Aufseher heit
das! Bei dem gewhnlichen Arbeiter, versteht sich, wird dergleichen nicht
geduldet. - Sehen Sie, mein Lieber, Sie haben ja keine Ahnung, wie schn und
angenehm Sie dort alles vorfinden. Ein Haus ganz fr sich, fr Sie und die
Arbeiter. Sie fhren die Oberaufsicht. Kein Mensch hat Ihnen da was 'reinzureden
in Ihren Kram. Natrlich auf Ordnung mssen Sie halten. Nun, das sind Sie ja vom
Militr her gewhnt. Ihre Frau versorgt den Herd, whrend die Mdel auf Arbeit
gehen. Ist das nicht ein herrliches Leben? Kann man sich was Selbstndigeres,
Freieres denken fr einen unternehmenden, strebsamen, jungen Mann wie Sie, -
he!
    Dabei klopfte er Gustav freundschaftlich auf die Schenkel. Der wandte ein,
da er die Arbeiten vielleicht gar nicht verstehe, zu denen er die Leute
anstellen solle.
    Verstehen Sie das Mhen?
    Ja!
    Verstehen Sie das Binden?
    Ja!
    Und das Setzen?
    Abermals ja!
    Nun, und das bichen Rben verhacken, verziehen und roden ist ja ein
Kinderspiel. Auerdem ist dort natrlich auch ein Inspektor, der Sie in dem
Notwendigsten unterweisen wird. Ihre Pflicht ist vor allem das Zusammenhalten
und Beaufsichtigen der Leute, verstehen Sie! Sie sind gewissermaen der
Korporalschaftsfhrer.
    Die Worte des Agenten verfehlten nicht, einen gewissen Eindruck auf Gustav
hervorzubringen. Was der da sagte, berhrte sich mit seinen eigenen geheimsten
Wnschen. Schon wute er nicht mehr, was fr Einwnde er jenem noch
entgegensetzen sollte.
    Die Sache ist Ihnen noch fremd, mein Lieber! fuhr der Agent fort. Ich
will Ihnen mal was im Vertrauen sagen: Diese Art des Arbeitskontraktes und der
Arbeiteranwerbung berhaupt, das ist die moderne Wirtschaftsweise. So wird's in
Amerika gemacht auf den Plantagen und Farmen. Und in Zukunft wird's bei uns
berall so werden. Das ist die moderne rationelle Wirtschaftsweise. - Der Mann
schien besonders stolz auf diesen Ausdruck zu sein, denn er wiederholte ihn noch
einige Male. - Das ist berhaupt das einzige Nationelle so! Beide Teile kommen
dabei auf ihre Rechnung. Der Arbeitgeber macht sich seinen Anschlag, bestellt
sich dann, was er braucht an Arbeitskrften; der Agent besorgt ihm die Leute, so
viel wie er braucht, auf den Kopf. Und der Arbeiter - nun, der fhrt auch nicht
schlechter dabei. Der bekommt seine Leistungen auf Heller und Pfennig in bar
ausbezahlt. Beide Teile wissen ganz genau, was sie voneinander zu fordern haben;
dafr ist der Kontrakt da. Der eine gibt das Geld, der andere seine Krfte. Das
Geschft ist klipp und klar wie ein Rechenexempel. Alles wird auf Geld
zurckgefhrt, gerade wie in Amerika! Ist das nicht viel praktischer und
rationeller so? Frher da bekam das Gesinde Geld berhaupt nicht zu sehen. Da
gab's freie Wohnung und Verpflegung und hchstens noch Deputat. Das waren die
sogenannten patriarchalischen Zustnde. Unter uns gesagt, die reine Sklaverei!
Jetzt gibt's das nicht mehr. Jetzt wird alles nach amerikanischem Muster
gemacht. Das nennt man das moderne Wirtschaftssystem, verstehen Sie! Aber alles
das sage ich Ihnen nur ganz im Vertrauen. -
    Dem jungen Mann brummte der Kopf von dem, was er gehrt hatte. Ihm wurde
bange zumute diesem Menschen gegenber mit seiner aufdringlichen Beredsamkeit.
    Zittwitz hatte sich, nachdem er diesen Trumpf ausgespielt, erhoben. Er habe
noch mit jemandem zu sprechen, sagte er, wolle aber bald zurckkommen.
    Gustav wartete nur, bis er den Agenten in eifrigem Gesprch mit ein paar
jungen Leuten am anderen Ende des Saales vertieft sah, dann entfernte er sich so
schnell wie mglich. Den Kontrakt des Agenten hatte er aber doch zu sich
gesteckt.

                                     * * *

    Inzwischen waren aus den zwei bis drei Tagen, die Hschke hatte auf dem
Bauerngute bleiben wollen, um seine Sachen instandzusetzen und seine Fe
auszuheilen, volle vierzehn Tage geworden. Der Wanderbursche hatte es
ausgezeichnet verstanden, sich bei den Bauersleuten wohlgelitten zu machen.
Selbst die Gunst des alten Bauern hatte er sich zu erobern gewut, indem er sich
unentbehrlich machte. Wozu bin ich denn Flammer von Religion? sagte er, womit
er meinte, da er sich auf Schmiedearbeit verstehe, und er msse doch
abarbeiten, da er hier treife wohne. -
    Und so machte er sich ber die Ackergertschaften, die Pflge, Eggen und die
Handwerkszeuge, sah nach den Schrauben, hmmerte, nietete und schrfte. Kurz, er
brachte alles in Schu fr die nahe Frhjahrsbestellung.
    Die Herzen der Frauen gewann Hschke durch seine gute Laune und seine
schnodderigen Witze. Im Bttnerschen Hause war die Frhlichkeit lange Zeit ein
unbekannter Gast gewesen. Jetzt wurde sogar gesungen - allerdings nur, wenn der
Bauer auer Hrweite war. Es stellte sich heraus, da Hschke sangeskundig war,
und Ernestine hatte eine hbsche Stimme. Da sangen sie manchmal zweistimmig
allerhand neue und lustige Lieder, die der Wandersmann von der Walze mitgebracht
hatte. Am schnsten aber war es, wenn er von seinen Reiseerlebnissen erzhlte.
Vielleicht nahm er es mit der Wahrheit nicht immer genau. Er wute von
wunderlichen Fahrten, Glcksfllen und Abenteuern zu berichten. Jedenfalls
verstand er, spannend zu erzhlen und seine Lgen geschickt auszuschmcken. Die
Frauen glaubten ihm aufs Wort; mit offenem Munde und leuchtenden Augen hrte ihm
Ernestine zu, wenn er von den Wundern der Fremde berichtete. Hschkekarl hatte
wohl schwerlich etwas vom Mohren von Venedig vernommen. Aber auch er wute,
da man das Wohlgefallen der Frau durch Erwecken ihrer Teilnahme an Gefahren und
auerordentlichen Erlebnissen am sichersten erregt.
    Erstaunlich schnell hatte Hschke es auch verstanden, sich aus einem
zerlumpten Bummler in einen schmucken und leidlich anstndig aussehenden
Menschen zu verwandeln. Viel trug er zu dieser Mauserung bei, da er sich seinen
struppigen Vagabundenbart hatte abnehmen lassen. Faden, Nadel und Schere borgte
er sich, und fr ihn fand sich auch unter den Vorrten der Frauen dieses und
jenes Stck Zeug. Karl Bttner mute eine Staude hergeben, wie Hschke das dem
Leibe zunchst gelegene Kleidungsstck benannte, der Schuster mute ihm die
Trittchen neu besetzen; den Wallmusch, die Kreuzspanne und die Weitchen
flickte er selbst mit den Tuchresten, welche er von den Frauen erhalten hatte.
Der Erfolg war, da er mit einer etwas scheckigen, aber nach seiner eigenen
Auffassung duften Kluft umherging.
    Als der Bttnerbauer zum ersten Male mit der Egge aufs Feld hinausfuhr, ging
Hschke mit. An einzelnen Stellen war der Frost noch im Boden und erschwerte die
Arbeit. Der zugereiste Handwerksbursche wute sich auch hier ntzlich zu machen.
Nehmt mich als Knecht an, Vater Bttner! meinte Hschke in dem vertrauten
Tone, dessen er sich seinem Wirt gegenber zu bedienen pflegte. Und der alte
Bauer sagte nicht nein!
    Gustav kam in dieser Zeit nicht mehr auf den vterlichen Hof. Er ging dem
Alten aus dem Wege. Neuerdings brauchten Vater und Sohn nur drei Worte zu
wechseln, und der Streit war fertig. Gustav meinte, das knne er sich ersparen;
ndern wrde er ja zu Haus doch nichts mehr an dem Gange der Dinge.
    Er hatte ganz genug mit seinen eigenen Angelegenheiten zu schaffen. Die
Trauung war nunmehr festgesetzt auf den nchsten Sonntag. Das Paar selbst wollte
von jeder Feierlichkeit, mit Ausnahme der kirchlichen, absehen. Aber Paulinens
Mutter blieb darauf bestehen, da man den Hochzeitsgsten etwas vorsetzen msse.
Frau Katschner verstand, von ihrer Dienstzeit in der herrschaftlichen Kche her,
einiges vom feineren, Braten und Kochen. Sie wollte sich die Gelegenheit, ihre
Knste einmal im hellsten Lichte zu zeigen, nicht entgehen lassen. Nach der
Trauung in der Kirche sollte es also einen Schmaus bei ihr im Hause geben.
    Am Morgen, nachdem Gustav in Wrmsbach gewesen war, kam Ernestine zu ihm.
Sie wolle mit nach Sachsen auf Rbenarbeit gehen, erklrte sie dem Bruder ohne
viele Umschweife.
    Gustav lachte die kleine Schwester aus, sie sei wohl nrrisch geworden,
meinte er; der Vater werde sie jetzt gerade fortlassen, wo er alle Hnde ntig
brauche.
    Das Mdchen erklrte dagegen mit einer Redefertigkeit, die man ihrer Jugend
schwerlich zugetraut htte: Die Eltern htten kein Recht, sie zurckzuhalten,
wenn sie gehen wolle. Hier halte sie es nicht mehr aus! Sie wolle sich selbst
etwas verdienen. Sich nur immer fr andere abqulen, ohne je einen Pfennig
Verdienst zu besehen, habe sie satt. Sie sei nun erwachsen und wolle sich nicht
lnger als Schulkind behandeln lassen. Kurz, sie werde mit den anderen fort auf
Sommerarbeit gehen.
    Gustav sah sich das kleine schmchtige Persnchen mit Staunen an. Man hatte
sich in der Bttnerschen Familie daran gewhnt, Ernestine immer noch als ein
halbes Kind anzusehen, weil sie eben ein Nesthkchen war. Aber heute merkte er,
da sie den Kinderschuhen in der Tat entwachsen sei.
    Er hielt es trotzdem fr seine Pflicht, ihr abzureden. Sie knne doch gar
nicht wissen, wie es da drauen sei und was ihrer dort warte, sagte er. Aber da
lachte das Mdchen den groen Bruder einfach aus. Das drfe er doch zu
allerletzt sagen, meinte sie mit altklugschnippischer Miene. Er habe sich ja
selber dem Agenten verpflichtet, und er wolle ihm ja sogar Arbeiter verschaffen.
    Der Bruder fate das Mdchen am Arme. Woher sie das habe, wollte er wissen.
Einige Freundinnen von ihr waren am Abend zuvor in Wrmsbach gewesen, die hatten
die Nachricht mitgebracht: Bttnergustav habe sich dem Agenten Zittwitz
verpflichtet und wolle mit Arbeitern nach Sachsen gehen.
    Gustav war im hchsten Grade aufgebracht. Er schimpfte auf den Agenten und
verschwor sich, die ganze Sache sei dummes Gerede. Ernestine schrie er an, sie
solle sich auf der Stelle packen, er werde den Teufel tun! berhaupt wolle er
mit der ganzen Geschichte nichts zu schaffen haben.
    Ernestine schien gerade keine allzu groe Angst vor dem Zorne des Bruders zu
haben. Sie war von zu Hause her gegen das Wten der Mnner abgebrht. Sie lie
ihn austoben. Dann meinte sie mit ruhiger Miene, sie wisse auch noch im Dorfe
eine Anzahl anderer Mdchen, die gern mitgehen wrden, besonders wenn sie
wten, da sie unter Gustavs Aufsicht kmen. Der Bruder erwiderte ihr, es falle
ihm gar nicht ein, mit einer Herde Gnse ins Land zu ziehen; da mchten sie sich
einen anderen dazu aussuchen.
    Aber die kleine Ernestine lie sich nicht so leicht werfen. Ein Plan, der
sich einmal in diesem Kpfchen festgesetzt hatte, wurde auch zu Ende gefhrt.
Der Bruder mge ihr nur den Kontrakt geben, den er von dem Agenten bekommen
habe, das brige solle er ihre Sache sein lassen. Sie werde schon fr die
Unterschriften sorgen.
    Gustav hatte sich die Sache in der vorigen Nacht hin und her berlegt.
Pauline hrte sein Seufzen und unruhiges Wlzen neben sich. Der Agent hatte ihn
mit seinem Vorschlage einen wahren Feuerbrand in die Seele geworfen. Vielleicht
war hier eine Gelegenheit, sein Glck zu machen! Und auf der anderen Seite: war
nicht die Verantwortung eine allzu groe? Wrde er sich der Aufgabe gewachsen
zeigen? - Das waren Fragen, die er allein nur entscheiden durfte; er konnte
Pauline keine Erklrung geben.
    Als seine junge Schwester jetzt vor ihn trat mit ihrer unbefangenen
Sicherheit, da kam es ihm vor, als sei das der Ansto, auf den er nur gewartet
habe, um sich ber seine eigene Verzagtheit hinwegzusetzen. Es war vielleicht
das beste so! Er bergab dem Mdchen den Kontrakt des Agenten. Mochte die Sache
nun gehen, wie sie gehen wollte! -
    Schon am Tage darauf erschien Ernestine wieder vor dem Bruder. Sie hatte
nicht weniger als elf Mdchen gewonnen. Und wenn man ihr ein paar Tage Zeit
lasse, meinte sie, mache sie sich anheischig, noch ein halbes Dutzend
anzuwerben.
    Gustav wute anfangs nicht recht, ob er sich ber diesen Erfolg freuen
solle. Jedenfalls stand jetzt fest, da er das begonnene Unternehmen
weiterfhren mute. Er befand sich, ohne sich des Sprunges recht versehen zu
haben, auf einmal jenseits des Grabens.
    Die Mdchen waren ihm also sicher. Es galt nun, die Mnner, welche der
Kontrakt verlangte, zu schaffen. Es sollten, den Vorarbeiter eingeschlossen,
ihrer vier bis fnf sein. Gustav sann hin und her. Er berschlug alles, was er
von jungen Leuten im Dorfe kannte. Kaum einer war da, dem er Lust und Befhigung
fr seine Zwecke zutraute.
    Aber es war merkwrdig! Als ob sich so etwas durch die Luft wie ein
Ansteckungsstoff mitteilen knne! Kaum zeigte sich Gustav heute auf der Gasse,
da redeten ihn die Leute auch schon auf sein Unternehmen an. Das Gercht hatte
sich bereits vergrert. Er suche dreiig Mdchen - einer sprach sogar von
fnfzig - mit denen er nach Sachsen gehen wolle.
    Auch einzelne spttische Mienen bekam er zu sehen. Es war noch in zu
frischem Gedchtnis, wie er neulich dem Agenten entgegengetreten war. Und nun
war er zu einem Helfer eben dieses Mannes geworden! Das mute man mit in den
Kauf nehmen! Aber es wurmte ihn im geheimen, da mancher ihn nun fr wankelmtig
oder doppelzngig halten mochte.
    Nun boten sich ihm auch ganz ohne sein Dazutun, zwei junge Leute an. Der
eine war auf einem der benachbarten Rittergter Stallbursche gewesen und jetzt
ohne Stellung, der andere wies sich als gewesener Schmiedegeselle aus, ebenfalls
arbeitslos. Bei dem Stallburschen war Gustav zweifelhaft, ob er ihn mieten
solle. Der junge, kaum siebzehnjhrige Mensch mit seinen langen, knabenhaft
mageren Gliedmaen sah nicht gerade wie ein strammer Feldarbeiter aus. Aber er
bat so instndig, angenommen zu werden, versprach, sein Mglichstes an Flei zu
leisten, da Gustav ihm schlielich den Willen tat. Der Schmiedegeselle machte
den Eindruck eines krftigen, handfesten Burschen.
    Zu Gustavs nicht geringer berraschung trat auch Hschke an ihn heran und
wollte angeworben sein. Seit jenem Abende, wo er den ehemaligen Kameraden auf
den Bauernhof gebracht, hatte Gustav nicht mehr viel von ihm gesehen. Er hatte
sich schon gewundert, da dieser Sausewind so viel Sehaftigkeit an den Tag
legte; denn ber zwei Wochen war er jetzt schon in Halbenau. Und als er Hschkes
Flei und Betriebsamkeit von den Seinen rhmen hrte, wollte er seinen Ohren
kaum trauen. Was war denn auf einmal in diesen Menschen gefahren, da er so
gnzlich umgetauscht erschien!
    Als Hschke jetzt mit diesem Ansinnen kam, lachte ihn Gustav anfangs aus.
Das war wohl gar ein schlechter Witz dieses Tausendsasas! Aber Hschke drang
allen Ernstes darauf, angeworben zu werden. Gustav hielt ihm vor, da Feldarbeit
gar nicht sein Beruf sei. Hschke erwiderte, er verndere seine Religion gar
gerne einmal, und er wollte mit Gustav mang die Zuckerrben gehen.
    Gustav wollte den ehemaligen Kameraden nicht abweisen. Schlielich war
Hschke ein fixer Kerl und offener Kopf. Er hatte schon mancherlei gesehen von
der Welt und mochte sich in schwierigen Verhltnissen wertvoll erweisen.
    Gustav begab sich mit dem Kontrakte, unter dem nun schon eine ganz
stattliche Anzahl von Unterschriften prangte, zu dem Agenten, der jetzt, nachdem
er die Drfer der Umgegend zur Genge bereist, sein Hauptquartier wieder in der
Kreisstadt aufgeschlagen hatte.
    Als er das Bureau betrat, empfing ihn Zittwitz mit dem Ausrufe: Sehen Sie,
ich habe es Ihnen ja gesagt, da wir handelseinig werden wrden. Nun zeigen Sie
mal her! Damit lie er sich den Kontrakt reichen.
    Der Agent nickte zufrieden. Da ein paar Mdchen mehr darauf standen, als
verlangt - durch Ernestinens eifriges Werben - war ihm nicht unlieb; denn,
meinte der erfahrene Mann: ein oder das andere Frauenzimmer bleibe im letzten
Augenblicke doch noch weg, oder laufe auch whrend des Sommers aus der Arbeit.
Da sei es vorsichtiger gehandelt, wenn man von Anfang an ein paar mehr
mitbringe, als unbedingt verlangt seien.
    Jetzt wollen wir mal die Reiseroute feststellen! sagte Zittwitz und nahm
das Kursbuch zur Hand. Sie reisen am Montag frh. Die Gutsverwaltung hat schon
geschrieben, da sie sehnlichst auf die Leute warte. Natrlich mit dem ersten
Zuge! Da knnen Sie abends bereits in Welzleben sein. Ich werde Sie anmelden,
dann finden Sie jedenfalls Geschirr vom Vorwerke auf dem Bahnhof. Sorgen Sie
dafr, da die Mdel nicht zu viel Gepck mitschleppen. Die mchten womglich am
liebsten das ganze Bett, Tpfe, Sthle, was wei ich alles, mitnehmen. Eine Lade
und ein Federbett, das ist das uerste, was gestattet wird. berhaupt, den
Frauenzimmern halten Sie den Daumen aufs Auge, den Rat gebe ich Ihnen. Ich bin
frher selbst als Vorarbeiter gegangen. Da mu man ein eisernes Regiment fhren,
am besten mit dem Stocke, sonst hat man verspielt mit der Gesellschaft.
Lumpenpack ist es ja doch meistens, was so von zu Hause wegluft!
    Was der Mann heute sagte, klang ganz anders, als was Gustav bisher aus
diesem Munde vernommen hatte. berhaupt schien er an Freundlichkeit und
Entgegenkommen bedeutend nachgelassen zu haben, seit er den Kontrakt mit den
Unterschriften in Hnden hielt.
    Gustav hatte kaum Zeit, ber die Wandlung in dem Wesen des Agenten
nachzudenken, ihm ging im Kopfe herum, was jener ber den Termin der Abreise
gesagt. So kurz hatte er sich die Frist nicht gedacht. Auf den Sonntag war seine
Hochzeit angesetzt, am Tage darauf schon sollte es also fortgehen! Das schien
sehr kurz anberaumt, aber es war vielleicht das beste so. Ein rascher Abschied
hatte auch sein Gutes. Wozu das lange Hngen und Haften an den alten
Verhltnissen, die doch einmal aufgegeben werden muten! -
    Der Agent zeigte ihm die Reiselinie auf der Karte. Gustav bat um Angabe der
Zugverbindungen, die er sich aufschreiben wollte.
    Und nun wollen wir mal das Reisegeld berechnen. Hin- und Rckfahrt haben
Sie nmlich frei mit Ihren Leuten, natrlich vierter Klasse! Das ist ein
weiteres gutes Geschft, das Sie machen. Gustav dachte bei sich, da das
eigentlich selbstverstndlich sei; sagte aber nichts. - Der Agent berechnete die
Billettpreise und hndigte Gustav das Geld gegen Quittung aus.
    Nun wren wir eigentlich fertig! sagte der Mann. Halt! noch eins! Was
haben Sie sich denn an Bindegeld von den Leuten geben lassen?
    Gustav erwiderte mit einigem Befremden, da er sich nichts habe geben
lassen; die Leute, die er angeworben htte, besen ja nichts oder so gut wie
nichts.
    Es sei blich, meinte Zittwitz mit berlegenem Lcheln, sich fr das
Anwerben ein Handgeld geben zu lassen. Umsonst sei auf der Welt nichts, und fr
seine Bemhungen wolle man doch auch einen Lohn haben. Dann sagte er - und
beobachtete dabei Gustavs Mienenspiel scharf - das Kaufgeld fr den Kontrakt
wolle er ihm bis zum nchsten Monate stunden, wo er es ihm von seinem
Vorarbeitergehalte abzahlen mge.
    Gustav sah den Agenten verdutzt an ob dieser Rede. Der erwiderte den Blick
des jungen Mannes mit Klte. Er verstehe wohl nicht recht, meinte Gustav; von
irgendeiner Bezahlung, die er zu leisten habe, sei doch vorher nicht die Rede
gewesen.
    Weil das ganz selbstverstndlich ist, mein Lieber! rief Zittwitz mit einer
ungeduldigen Bewegung. Denken Sie denn, ich schinde mich fr nichts und wieder
nichts ab! fahre auf den Drfern herum! lasse mich von den Leuten rgern und
stecke alle mgliche dummen Redensarten ein. Dabei warf er Gustav einen
feindlichen, nicht mizuverstehenden Seitenblick zu. Er hatte den Vorfall im
Kretscham von Salbenau also doch nicht vergessen, viel weniger vergeben. -
Nein, mein Lieber! Ich verlange meine Provision. Das ist Geschftsusance; so
nennt man das. Daran ist gebunden, wer mit uns handeln will. Da mu man sich
eben vorher erkundigen. Ins Maul schmieren knnen wir's nicht jedem einzeln. Da
htte man viel zu tun! - Oder dachten Sie vielleicht, da ich Ihnen so einen
Kontrakt, wie den hier, umsonst ablassen wrde? - Schenken, vielleicht aus
Freundschaft? - he! Dann sind Sie sehr naiv, mein Bester! Heutzutage ist alles
Geldgeschft. Pro Kopf des Arbeiters - ob Mdel oder Kerl ist eins - bekomme ich
von Ihnen fnf Mark. Das ist die Taxe. Davon zahlen Sie mir die Hlfte zu
Johanni, die andere zum Schlu der Arbeitsperiode. Sie werden schon wissen, wie
Sie den Leuten gegenber auf Ihre Kosten kommen.
    Gustav begriff nun endlich, da er bers Ohr gehauen sei. Im ersten
Augenblicke berkam ihn das Gelste, diesem Spitzbuben die ganze Geschichte vor
die Fe zu werfen. Zittwitz hatte sich auf seinem Stuhle umgedreht und war in
irgendwelche Schriftlichkeiten vertieft. Gustav sah nur seinen breiten Rcken.
Wenn der Mann ihm nur wenigstens offen als Feind entgegengetreten wre! Aber
dieser kalten Geringschtzung, diesem berlegenen Hohn gegenber fhlte er sich
gnzlich ohnmchtig.
    Der junge Mann wrgte und schluckte an seinem rger. Dann bat er um Gehr.
Ach Gott, Sie sind noch hier! sagte der andere und wandte sich um mit gut
geheucheltem Staunen. Also, was wollen Sie noch? Aber bitte, schnell! ich habe
nicht viel Zeit, wie Sie sehen.
    Gustav begann mit einer von rger und innerer Erregung rauhen Stimme in
abgehackten Stzen auseinanderzusetzen, er habe nichts davon gewut, da er den
Kontrakt bezahlen msse; man habe ihm die ganze Sache gegen seinen Willen
aufgentigt, und er wolle von dem Geschfte absehen.
    Der Agent unterbrach ihn. Das drfte Ihnen wohl bel bekommen, mein
Lieber! sagte er in trockenstem Tone. Hier steht Ihre Unterschrift. An die
halte ich mich. Wer etwas unterschreibt, was er nicht kennt, ist ein Narr!
Auerdem haben Sie eine ganze Anzahl Leute zum Unterschreiben veranlat; an die
sind Sie ebenfalls gebunden. Man wird sich an Sie halten von beiden Seiten. Es
gibt in unserem Gesetz ein Wrtchen, das heit Kontraktbruch; das wird
bekanntlich streng geahndet.
    Gustav war nicht imstande, diese Behauptung zu widerlegen. Er fhlte, ohne
es beweisen zu knnen, da er im Recht und jener im Unrecht sei. Aber bei dem,
was in letzter Zeit seinem eigenen Vater widerfahren, lag das Recht so deutlich
auf Seite des Unterliegenden und das Unrecht auf Seite des Siegers - und
trotzdem nahmen Samuel Harrassowitz und Ernst Kaschel das Gesetz fr sich in
Anspruch, whrend es den Bauern im Stiche zu lassen schien - da sich bei dem
jungen Manne alle Begriffe von Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit zu verwirren
drohten. Das Recht war wohl nur denen etwas ntze, die es zu verdrehen
verstanden!
    Der Agent hatte sich wieder seiner Arbeit zugewandt. Er lie Gustav in den
bittersten Gedanken stehen und warten. Sollte er's darauf ankommen lassen, ob
jener es wirklich so weit treiben wurde, ihn wegen! Kontraktbruchs zu belangen?
Die Sorge, sich vor dem Gesetze schuldig zu machen, war es weniger, die ihn
bedrckte, als das Gefhl der Verpflichtung denen gegenber, die sich ihm
verdungen hatten. Wie sollte er vor diesen bestehen? Was wre das fr eine
Schande gewesen vor dem ganzen Dorfe, wenn er jetzt die Flinte ins Korn warf.
Und zu alledem, war er denn dann nicht wieder brotlos, ohne Stellung und
Beschftigung. Traurig genug! Aber, es war so! es blieb ihm keine Wahl; er mute
sich den Bedingungen fgen, die ihm der Agent vorschrieb.
    Wie steht's, Bttner? fragte Zittwitz, gelegentlich von seiner
Korrespondenz aufblickend, nicht ohne Spott im Ton. Sind Sie noch nicht im
reinen mit sich? Die Sache wird durchs berlegen nicht anders.
    Gustav drehte seine Mtze in der Hand und blickte vor sich zu Boden.
    Fnf Mark pro Kopf! Die Hlfte zu Johanni, die andere zu Martini. Billiger
kann ich's nicht machen. Also, wie steht's? Soll ich den Kontrakt mitsamt den
Unterschriften an einen anderen verkaufen? - he! Das kann ich nmlich auch, wenn
mir's Spa macht. Oder, wollen Sie Vernunft annehmen?
    Gustav nagte die Lippen gesenkten Blickes und druckste noch ein wenig. Dann
sagte er mit einer verlorenen Handbewegung, ohne aufzublicken: Wenn's sein mu!
Aber recht is es nich!

                                      VI.


Der Sonntag war herangekommen, an welchem Gustavs und Paulinens Hochzeit
begangen werden sollte.
    Es war eine kleine und einfache Hochzeitsgesellschaft, die sich in der
Kirche zu Halbenau um den Altar versammelt hatte. Die Eltern des Brutigams
fehlten. Es war ein schwerer Tag fr die Bttnersche Familie. Tonis Stndlein
war da. Die Wehen hatten bereits eingesetzt. Die Buerin wollte ihr Kind in
schwerer Stunde nicht allein lassen. Der alte Bauer war, ohne ein Wort zu sagen,
in frher Stunde aus dem Hof gegangen, dem Walde zu. Sein Feststaat, den ihm die
Frauen fr die Trauung zurechtgelegt hatten, war unberhrt liegen geblieben.
Aber Karl, Therese und Ernestine waren zur Stelle.
    Unter den Freunden des Brutigams fiel Hschkekarl auf. Er war wie ein
feiner Herr angezogen, in schwarzen Sachen, mit weiem Vorhemdchen und
Manschetten. Sogar einen schwarzen Hut, wenn auch nicht den neuesten, hielt er
in der Hand. Woher der Vagabund sich diese Pracht verschafft hatte, wute nur er
allein.
    Die Braut war in weien Mull gekleidet. Das Kleid hatte sie sich mit Hilfe
einer Freundin, die in der Stadt das Zuschneiden erlernt hatte, selbst
angefertigt. Stdtische Blasiertheit wrde vielleicht die Nase germpft haben
ber den Staat dieser lndlichen Braut. Von Zierlichkeit und Anmut war da keine
Rede. Das helle Kleid verstrkte noch die Derbheit ihrer entwickelten Gestalt.
Und doch war es eine Freude, dieses Paar zu sehen. Gesund waren sie und
schlicht; echte Bauernkinder!
    Pauline trug keinen Brautkranz im Haar. Der alte Pfarrer hielt streng
darauf, da kein Mdchen, der es nicht zukam, mit dieser Auszeichnung vor den
Altar trete. Die kranzlosen Brute waren nicht selten in Halbenau, denn der
Leichtsinn der jungen Leute war gro. Der Pastor pflegte an die Paare, welche
die Freuden der ehelichen Verbindung vorausgenossen hatten, ernste Worte des
Tadels zu richten. Aber heute unterlie er das, zur Verwunderung vieler, denen
diese Art der ffentlichen Vermahnung immer einen angenehmen Kitzel bereitete.
Der Geistliche kannte Pauline gut. Sie war einst sein Liebling gewesen unter den
Konfirmanden. Er wute, da sie nicht leichtfertig war. Auch kannte er ihre
Verschmtheit und ersparte ihr darum die ffentliche Blostellung ihres
Fehltritts.
    Frau Katschner hatte auf ihre Erscheinung so viel Putz verwendet, als es ihr
bei ihren rmlichen Verhltnissen mglich war. Sie hatte heute ganz besonderen
Grund, stolz und voll Befriedigung dreinzublicken. Befand sich doch in der
Hochzeitsgesellschaft niemand Geringeres als Frulein Bumille, die
Wirtschaftsmamsell vom Schlo.
    Die Bumille glich mit ihrem hochgerteten Gesicht, dem bauschigen
Seidenkleide und dem hngenden Unterkinn einem aufgeblhten Puter. Bei jeder
ihrer schwerflligen Bewegungen krachte und knitterte die umfangreiche Maschine
ihrer Toilette. Auf dem wogenden Felde ihres Busens hatte eine Goldbrosche in
Form eines Rades Platz gefunden. Zwischen den hellen Handschuhen und den allzu
eng anschlieenden rmeln drngte sich eine Wulst rosalichen, gepreten
Fleisches hervor. So sa diese prchtige Dame als ein rechtes Renommierstck
unter den einfachen Dorfleuten. Durch Blicke, Haltung und jene eigenartigen
Gerusche, die von ihr ausgingen, schien sie jedermann einschrfen zu wollen,
da sie Frulein Bumille, die Mamsell vom Schlosse sei, und da der ganzen
Gesellschaft durch ihre Nhe eine nicht geringe Ehre widerfahre.
    Es wurde viel geweint von seiten der Frauen, wie meist bei Trauungen. Der
alte Pfarrer machte es aber heute auch ganz besonders schn. Auf das
Schneuztuch, welches Pauline ber dem Gebetbuch gebreitet hielt, fiel manche
Trne. Auch Gustav war ergriffen und, weil er diese weiche Stimmung eigentlich
verchtlich fand, schlielich mehr rgerlich als erhoben.
    Nach der Trauung ging man zu Fue nach Frau Katschners kleinem Hause. Wie
immer auf dem Lande, wurde viel Zeit vertrdelt mit Herumstehen und Schwatzen.
Einzelne junge Leute gingen wohl auch noch in den Kretscham, ehe sie sich in das
Hochzeitshaus begaben.
    Dort gab es den ganzen Nachmittag ber zu essen und zu trinken fr die
Hochzeitsgste, die Freunde und Nachbarn, welche aus Neugier und auch um der
guten Bissen willen auf ein Stndchen eintraten.
    Da das Huschen die Flle der Gevattern nicht zu fassen vermochte, traten
viele hinaus in den Garten. Die bevorzugten Gste saen drinnen im Zimmer um den
runden Tisch.
    Hier war es, wo Frulein Bumille den andachtsvoll lauschenden Dorfweibern
von dem neuesten freudigen Ereignisse im grflichen Hause berichtete: Komtesse
Wanda hatte sich in Berlin verlobt, im Sommer sollte die Hochzeit sein. Da wrde
die Gegend etwas zu sehen bekommen! Denn der Graf wollte der Schwester die
Hochzeit ausrichten. Der Brutigam sei Offizier und Prinz und noch dazu ein
schwer reicher. Ja, unsere Wanda! sagte Frulein Bumille und lie ihre
geheimnisvolle Maschinerie krachen und knistern, unsere Wanda! die hat's
inwendig! Die macht's gar nich, unter'n Prinzen, habe ich immer gesagt. Die
Wanda, die war schon als Kind was ganz Appart's. Wie sie noch ganz klein war, da
kam sie immer zu mir in die Kche gelaufen. Mamdell, sagte sie, Mamdell! so
sprach sie nmlich, gib mir ein Stckchen Kuchen; aber gro mu es sein. Das
sagte sie, und da war sie noch ein kleines Ding. Pat  mal auf, habe ich da
gleich gesagt, die macht's nich unter'n Prinzen.
    Frau Katschner besttigte jedes Wort durch ein Kopfnicken, und die Frauen
von Halbenau lauschten offenen Mundes den mancherlei Heimlichkeiten, welche die
Mamsell aus dem Leben ihrer Herrschaft mitzuteilen, sich herablie.
    Gegen Abend ging Frulein Bumille. Damit verlor das Fest seine eigentliche
Weihestimmung. Die Lustigkeit trat ungehindert in ihre Rechte.
    Hschkekarl hatte nun freies Feld. Wo er auftrat, gab es Ausgelassenheit und
Gelchter. Er hatte sich bereits den ganzen Nachmittag ber mit einem Schwarm
Burschen und Mdchen in Haus und Garten umhergetrieben. Jetzt sa er drauen im
Apfelbaume, eine alte Militrmtze schief auf dem Kopfe, mit einer falschen Nase
im Gesichte, sang Lieder und gab Schnurren zum besten. Mancher derbe Witz mochte
da mit unterlaufen, nach dem Wiehern und Grhlen der Burschen und dem
unterdrckten Gekicher der Mdchen zu schlieen.
    Bei anbrechender Dunkelheit hatte sich Pauline aus der Hochzeitsgesellschaft
zurckgezogen. Flink ward in der Kammer das Kleid gewechselt und nach dem Jungen
gesehen. Dann lief sie, ohne jemandem ein Wort davon zu sagen, nach dem
Bttnerschen Hofe.
    Die Alten waren nicht zur Hochzeit gekommen, darum wollte sich die junge
Frau ihnen selbst vorstellen als ihre Tochter.
    Sie trat in die groe Stube. Niemand schien zu Haus zu sein, alles war
dunkel. Schon wollte sie wieder hinausgehen, als sie gegen das lichte Fenster
einen Kopf und ein paar Schultern erblickte. Sie erkannte an den Umrissen den
alten Bauern.
    Pauline war heute in erregter und gerhrter Stimmung, darum wagte sie etwas
fr ihre sonstige Scheu Auerordentliches. Sie ging auf den alten Mann zu und
sagte ihm, da sie nun mit Gustav getraut sei. Dabei umarmte und kte sie ihn.
Im Augenblicke selbst, wo sie das tat, erschrak sie ber ihre Khnheit.
    Als sie die Wange des Alten berhrt, hatte sie dort ganz deutlich etwas
Feuchtes gefhlt. Der Bttnerbauer weinte! -
    Pauline fhlte es wie einen Stich in der Brust. Hier sa der alte Mann, von
allen verlassen, in seinem Kummer. Wie lange mochte er schon dagesessen haben!
    Sie htte ihm so gern etwas Liebes gesagt; denn sie liebte und verehrte ihn
wirklich, wenn auch bisher nur aus der Ferne. Aber es fiel ihr nichts ein, womit
sie sein Herz htte erfreuen knnen.
    Schlielich fragte sie mit stockender Stimme nach der Buerin. Im rauhen
Tone erwiderte ihr der Bauer, das Weibsvolk sei oben in der Kammer.
    Pauline zndete erst noch die Lampe an, damit er doch wenigstens nicht im
Dunklen sitzen solle, und lief dann die Treppe hinauf zum zweiten Stock, um die
Buerin und Toni zu begren.
    Auf der obersten Stufe der Holzstiege angelangt, hrte sie Tne, die der
jungen Frau alles Blut zum Herzen trieben. Sie blieb mit zitternden Knien stehen
und lauschte atemlos: dnnes, qukendes Geschrei.
    Tonis Kind war angekommen.

                                     * * *

    Es war ein feuchtwarmer Aprilmorgen, an welchem die Sachsengnger aus
Halbenau aufbrachen, zur Reise nach dem Westen. Ein Himmel wie Wolle. Hin und
wieder matte Sonnenblicke wie verschlafen durch grmliche Nebel.
    Auf einem Leiterwagen kauerten sie beieinander, Mnner und Weiber mit ihren
Habseligkeiten. Die Mdchen saen auf Laden und Federbetten, die Burschen hatten
leichtere Bndel zwischen den Knien. Vorn beim Kutscher auf einem bevorzugten
Platze sa Pauline, ihren Jungen im Schoe, neben ihr Ernestine.
    Gustav ging umher, die Uhr in der Hand und hielt besorgt Umschau. Drei von
seinen Mdchen fehlten ihm; sie waren in ihren Wohnungen nicht aufzufinden,
wahrscheinlich hielten sie sich versteckt. Der Entschlu, in die Fremde zu
gehen, mochte sie nachtrglich gereut haben. Von einer hie es, da sie sich
einem anderen Trupp angeschlossen habe, der bereits zeitiger die Fahrt nach den
Rbengtern angetreten hatte. Der Aufseheragent hatte also recht behalten: es
brannten immer einige durch.
    Gut, da Gustav noch den fnften Mann gefunden hatte in der Person eines
polnischen Arbeiters. Rogalla, so hie er, sa jetzt mit unzufriedener
Polenmiene, in einen Schafpelz gehllt, mit langem, schwarzem Haupthaar und
Schnurrbart, wie ein fremder Vogel unter den blonden Halbenauerinnen und kaute
Tabak.
    Der frhen Stunde zum Trotze, hatte sich doch eine ganze Anzahl Leute aus
dem Dorfe zusammengefunden, um Abschied von den Wanderern zu nehmen. Da wurde im
letzten Augenblicke noch alles mgliche herbeigeschleppt: Kleidungsstcke,
Bettzeug, Ewaren. Auch einige junge Burschen hatten sich eingefunden, wohl
ihrer Mdchen wegen, die in die Fremde gingen.
    Den meisten wurde der Abschied schwerer, als sie es sich anmerken lassen
wollten. Wer konnte wissen, was ihrer da drauen wartete! Und auch den
Zurckbleibenden war das Herz schwer. Mancher junge Mann zagte, da ihm die
Geliebte, die er widerwillig ziehen lie, in der Fremde die Treue brechen
mchte. Manche Mahnung und Warnung wurde da noch durch Blick und Hndedruck mit
auf die Reise gegeben, ohne Worte, zu denen es keine Zeit mehr gab.
    Der einzige von der ganzen Gesellschaft, dem es leicht ums Herz zu sein
schien, war Hschkekarl. Heute hatte er wieder seinen buntscheckigen
Vagabundenanzug angelegt. Den Hut verwegen auf einem Ohre, ein rotes Halstuch
statt eines Kragens, sah er einem Stromer verzweifelt hnlich. Jetzt, wo es auf
die Reise ging, fhlte er sich erst wieder wohl und behaglich. Und diesmal
sollte er noch dazu in guter Gesellschaft walzen. Eine ganze Mandel Schicksen
waren mit - so nannte er die Mdchen - da wrde sich's schon leben lassen. Er
summte ein Wanderlied vor sich hin. Als der kleine Gustav auf Paulinens Scho
unruhig wurde und zu schreien anfing, brachte er die Quarre durch eine seiner
drolligen Grimassen schnell wieder zur Ruhe.
    Die Bttnerbuerin war auch herausgehumpelt, ihrer Lhme zum Trotze. Zwei
von ihren Kindern gingen ja mit hinaus in die Fremde. Gustav, ihr bester Sohn,
und Ernstinel, ihre Jngstgeborene.
    Die alte Frau hatte es bisher gar nicht recht glauben wollen, da aus diesem
abenteuerlichen Plane etwas werden solle. Zu so vielen Sorgen und Kmmernissen
der letzten Zeit kam nun auch noch die Zersplitterung der Familie! Das war zu
viel! Als sie den Wagen sah mit den Wanderern und dem Gepck, drohten sie die
Krfte zu verlassen. Zum Abschied hatte sie nur ein sinnloses Gestammel: Ne,
ach Gutt! Gustav! Ne, ach Gutt, Pauline! Pat ack aufs Ernstinel uff. Ne, ach
Gutt - ach, du lieber Herr Gutt! - Ne, ne - was wern mer ack alles noch
derlaben!
    Gustav mute es den Frauen berlassen, von der Mutter zrtlichen Abschied zu
nehmen. Er war ganz von der neuen Pflicht in Anspruch genommen, die schon wie
eine schwere Verantwortung auf ihm lastete und ihn hart und ungesellig
erscheinen lie.
    Er glaubte, da sie nun nicht lnger warten drften, wenn sie den Zug nicht
versumen wollten. Er schwang sich auf den Wagen und gab den Befehl zur Abfahrt.
    Die Peitsche des Kutschers hob sich, die Pferde zogen an. Noch ein
Hndedruck, ein Schluchzen, ein Winken, ein Mtzeschwenken. Im Trabe ging's
durchs Dorf. Vor den Husern standen Leute, welche den Wanderern ein
freundliches Wort zuriefen. Dann zeigte das letzte Gehft des Dorfes, der
Bttnersche Hof, seine Giebelseite. Gustav blickte noch einmal dort hinber. Er
hatte den Vater nicht gesehen vor der Abreise. Ganz in der Frhe heute wollte er
noch zu ihm gehen; aber dann hatte er's doch gelassen. Als Vorwand war ihm die
Geburt von Tonis Kind gerade recht.
    Er trieb den Kutscher zur Eile an. Jetzt auf einmal war es ihm, als knne er
nicht schnell genug von der Heimat wegkommen.
    An bekannten Feldern ging's vorbei, an Bumen, Steinen und Wasserlufen. Nun
zog sich der Weg ein Stck durch den grflichen Wald. Dann hatte man die
Halbenauer Flur verlassen.
    Eine Stunde, darauf saen sie eng zusammengepfercht in einem Wagen vierter
Klasse, mit fremdem Volk, Sachsengnger gleich ihnen, die schon weither kamen
aus dem Osten. Unheimliches Gesindel mit braunen Gesichtern, das untereinander
eine unverstndliche Sprache redete.
    Als Pauline mit einem dieser schmutzstarrenden, kraushaarigen Frauenzimmer
den schmalen Sitz teilen mute, verlor sie alle Fassung, nachdem sie vorher
tapfer mit dem Heimweh gekmpft hatte. Sie nahm ihren Jungen dicht an sich und
haschte nach Gustavs Hand.
    Das war frwahr ein traurige Nachfeier ihrer Hochzeit!

                                      VII.


Der Termin zur Zwangsversteigerung war herangekommen. Subhastationen waren im
Bezirke dieses Amtsgerichts nichts Seltenes gewesen in der letzten Zeit. In
diesen Zeitlufen fallen die Bauern wie Fliegen von der Decke, wenn es Winter
wird, hatte erst krzlich ein Kenner geuert. Man war im allgemeinen ziemlich
abgestumpft gegen buerlichen Bankerott.
    Immerhin machte es einiges Aufsehen, als bekannt wurde, da das Bttnersche
Bauerngut unter den Hammer kommen solle. Einmal, weil es ein groes Grundstck
war, das nicht, wie die meisten anderen seiner Art, heruntergewirtschaftet und
ausgeraubt war. Dann gab es aber auch noch Nebenumstnde, die den Fall
interessant machten. Man wute, da die Herrschaft Saland um das Bauerngut
gehandelt hatte und nachdem der Handel so gut wie abgeschlossen gewesen, davon
zurckgetreten war. Das gab zu allerhand Vermutungen Anla. Die Herrschaft hatte
sich bisher noch nie einen Bauern, der wackelig wurde, entgehen lassen und
hatte, nach der Behauptung kleinerer Gterhndler, die Preise des Grund und
Bodens auf diese Weise nicht wenig in die Hhe geschraubt. Es war auffllig, da
sich die Herrschaft bei diesem Bauerngute, welches ihr geradezu vor der Nase
lag, so zurckhaltend benahm. - Ungewhnlich wurde der Fall auch dadurch, da
der betreibende Glubiger kein anderer war als der eigene Schwager des
bankerotten Bauern. Was konnte der Mann fr ein Interesse an dem Untergange
seines Schwagers haben? fragte man sich unwillkrlich. Wollte er das Gut aus der
Subhastation billig erstehen? Und wozu sollte er, als Besitzer einer groen
Gastwirtschaft, sich mit so bedeutendem Grundbesitz belasten?
    In der Gerichtsstube begannen sich von frh neun Uhr ab einzelne Leute
einzufinden. Meist waren es Neugierige, Gerichtsbummler, die selten bei solchen
Anlssen fehlen.
    Die eigentlichen Interessenten saen drben im Lwen. Der Gasthof lebte
geradezu von den Gerichtsverhandlungen. Denn dort pflegten vor und nach den
Terminen Freund und Feind einzukehren. Dort strkten sich die Parteien zu
schwerem Gange. Dort tranken Richter, Staatsanwalt, Verteidiger, Zeugen und
Schffen ihren Schoppen in derselben Stube und vom nmlichen Fasse, nachdem sie
sich drben vielleicht im Rechtsstreite bis aufs Messer befehdet hatten.
    Auch Samuel Harrassowitz trank hier sein Bier. Er sa wie gewhnlich auf
seinem Platze am Fenster, von dem aus er den schmalen Platz zwischen Gasthof und
Gerichtsgebude berblicken konnte.
    Edmund Schmei sa neben dem Hndler. Er trug einen neuen Anzug von
hauptstdtischem Schnitt zur Schau, den er sich bei seinem letzten Aufenthalt in
Berlin hatte anfertigen lassen. Er bestellte sich einen Kognak, aber fine
champagne, garon! fgte er nselnd hinzu.
    Jetzt traten zwei Herren ein. Der Bankier Isidor Schnberger, fett, mit
weiem Gesicht und um so schwrzerem Haar. Bei ihm war Bruno Riesenthal, der
junge Advokat, der sich krzlich in dem Stdtchen niedergelassen und seiner
Fixigkeit wegen hier bereits eine namhafte Praxis gefunden hatte. Die Herren
schienen einander smtlich gut zu kennen. Zum Grue zwinkerten sie einander nur
mit den schlauen Augen zu. Schnberger setzte sich mit verdrossenem Gesicht.
Riesenthal kramte in seiner Advokatenmappe. Die Unterhaltung wurde halblaut
gefhrt, denn an den Nebentischen saen Leute, deren man nicht sicher war.
    Heute is der Kaphroh dran! sagte Schnberger.
    Harrassowitz nickte.
    Machst du de Massematten?
    Kairousche!
    Bis jetzt ist keine Konkurrenz da, damit mischte sich Edmund Schmei in
das Zwiegesprch.
    Konkurrenz! meinte Sam und nahm eine verchtliche Miene. Konkurrenz
gibt's nicht!
    Wird der Graf sich ganz fern halten? fragte der Advokat halblaut.
    Der Graf ist besorgt! flsterte Schmei. Dafr steh' ich! Und das andere
sind alles Schnorrer!
    In diesem Augenblicke ertnte vom Pflaster drauen Pferdegeklapper und
Wagenrasseln. Ein offener Jagdwagen mit zwei guten Pferden davor hielt vor dem
Lwen. Die vier Mnner machten lange Hlse. Sam stie einen Fluch aus. Er
erkannte in dem langen brtigen Manne, der selbst die Zgel gefhrt hatte, den
Gterdirektor des Grafen, Hauptmann Schroff. Der kleine Grauhaarige war wohl
ebenfalls ein Beamter der Herrschaft Saland.
    Die Konkurrenz war also dennoch gekommen!
    Sam stand auf, ohne sein Glas geleert zu haben. Jetzt galt's, die Ohren
steifhalten! So leichten Kaufes, wie er spekuliert hatte, wrde er nun doch
nicht zu dem Gute kommen. Aber Sam gab noch nichts verloren. Wann wre er jemals
in schwieriger Lage verzagt oder um Mittel und Wege verloren gewesen! Er besa
den ganzen rcksichtslosen, katzenzhen Optimismus seiner Rasse.
    Er hatte den Kretschamwirt von Halbenau vor einiger Zeit mit seinem
Wgelchen einfahren sehen; den suchte er jetzt auf.
    Kaschelernst und Harrassowitz hatten ein lngeres Gesprch im Flur des
Gerichtsgebudes. Die Unterhaltung endete damit, da Sam die Hand ausstreckte
und Kaschelernst grinsend einschlug und abgemacht! sagte.
    Die Gerichtsuhr hatte zehn geschlagen. Wer sich bis dahin noch im Lwen
aufgehalten hatte, kam nunmehr herber, nicht allzu eilig, falls er mit dem
Gerichtsgebruche vertraut war.
    Aus Halbenau waren eine Anzahl Leute eingetroffen, Freunde der Bttnerschen
Familie. Der alte Bauer selbst hatte sich fern gehalten, aber Karl Bttner war
gekommen. Er blickte unverstndig drein wie gewhnlich. Die Bedeutung dieses
Tages fr ihn und seine Familie war dem Denkfaulen schwerlich klar geworden.
    Hinter den Schranken erschien jetzt der Amtsrichter mit dem Kalkulator. Sie
nahmen am grnen Tische Platz.
    Nun nahm der Termin seinen blichen Verlauf. Zunchst wurden die
Interessenten festgestellt. Harrassowitz, der in diesen Dingen zu Hause war wie
der Fisch im Wasser, verlangte Vorweisen der Kaution. Da wrde man ja gleich
sehen, wer als ernsthafter Bieter in Betracht komme. Vor allem interessierte es
den Schlaukopf zu wissen, ob jene beiden, der Gterdirektor und der Rendant des
Grafen, mit Geldmitteln versehen seien. Er hatte bereits seinen Geschftsfreund,
den Kommissionr Schmei, vorgeschickt, der sollte sich den Herren in mglichst
harmloser Form nhern und sie zum Lften ihrer Maske bringen. Aber die beiden
hatten sich zugeknpft und den diplomatischen Knsten des jungen Schmei
gegenber unzugnglich verhalten. Sam pate genau auf, was der Hauptmann zeigen
wrde, als er daran kam, Kaution vorzulegen. Staatspapiere, ein ganzes Paket!
Der Mann war also gewappnet und nicht etwa aus bloer Neugier hier erschienen.
    Nachdem Namen und Personalien der Interessenten mit gerichtsblicher
Umstndlichkeit erfragt und aufgeschrieben waren, wurde zur Feststellung des
geringsten Gebotes bergegangen. Dann forderte der Richter zur Abgabe von
Geboten auf. Er hatte eine zweistndige Pause angesetzt, innerhalb deren geboten
werden konnte.
    Der Gerichtssaal leerte sich wieder; nur einige wenige Leute blieben zurck,
die hier ebensogut wie anderwrts ihre Zeit mit Nichtstun verbringen zu knnen
meinten. Der Richter arbeitete an seinen Akten. Der Kalkulator schrieb das
Protokoll aus, in der Ecke nickte der Gerichtsdiener. Der Geist der Langeweile
und der Schlfrigkeit hatte sich ber den Raum gesenkt.
    Der Richter war ein lterer Beamter. Wie viele Grundstcke waren nicht schon
im Laufe der langen Praxis unter seinem Hammer weggegangen! Die Verhandlung
pflegte unter seinem Vorsitz glatt, ohne Stocken, wie eine gutgelte Maschine,
zu laufen. Nchtern, geschftsmig und trocken erklangen seine Fragen.
    Was kmmerte es ihn, wer schlielich der Ersteher wurde! Sache des Juristen
war es nicht, Mitgefhl zu empfinden; das htte ja hchstens seine strikte
Objektivitt trben knnen. Fr ihn existierte das Stck Erde, welches
zuflligerweise einem gewissen Traugott Bttner gehrte, nur insofern, als es
durch ein in legaler Weise herbeigefhrtes Zwangsversteigerungsverfahren in
forensischen Konnex getreten war zum Gesetz und damit zu ihm, dem Diener des
Gesetzes. Dadurch war fr den Juristen ein Zaun abgesteckt, innerhalb dessen er
sich von Rechts wegen bewegen durfte. Wenn er sich's htte einfallen lassen, den
Zaun zu berschreiten, tiefer zu blicken, als seines Amtes war, dann wrde er
vielleicht entdeckt haben, da dieses Stck Erde, welches heute unter den Hammer
kam, doch noch etwas mehr als ein bloes Subhastationsaktenstck sei. Er wrde
gefunden haben, wenn er das legale Gewand der Sache zu lften sich die Mhe,
gegeben htte, da er nichts Geringeres als das Wohl und Wehe einer Familie, da
er Menschenschwei und Menschenblut zu meistbietender Versteigerung brachte.
Und da so das von Rechts wegen eine eigentmliche Bedeutung gewann.
    
    Der Saal fllte sich allmhlich wieder, als die zweistndige Pause sich
ihrem Ende zuzuneigen begann, und das Bieten nahm seinen Anfang. Zunchst
erfolgten einzelne Gebote, gleichsam tropfenweise; denn keiner der Interessenten
wollte dem anderen seinen Eifer merken lassen. Bankier Schnberger hatte
angeboten mit einer Summe, welche gerade die Hhe seiner Hypothek erreichte.
Dann berbot ihn Harrassowitz.
    Jetzt begann sich der grfliche Rendant an der Bietung zu beteiligen. Zuerst
langsam, dann in immer schnellerer Folge berboten sich Sam und der Rendant mit
Betrgen von geringem Umfang. Der Hndler legte khlste Ruhe an den Tag; die
Hnde in den Taschen, wiegte er sich auf den Abstzen und suchte den Gegner
durch seine berlegen spttische Miene in Verwirrung zu setzen. Der grfliche
Beamte, ein Graukopf mit glattrasiertem Gesicht, war unruhig. Die Gebte kamen
zaghaft und hastig von seinen Lippen. Mehrfach sah er sich nach Hauptmann
Schroff um, der weiter hinten unter den Zuschauern mit sichtlicher Spannung dem
Gange der Versteigerung folgte.
    Auf diese Weise hatten sich die beiden bis an die letzte Hypothek
herangetrieben, welche Ernst Kaschel gehrte. Der Gastwirt war im Saale
anwesend, bot aber nicht mit. Harrassowitz hatte soeben geboten. Der Rendant bat
um eine kurze Hinausschiebung des Zuschlags, lief nach hinten und besprach sich
mit dem Gterdirektor. Bis zur Hhe der Schulden, nicht wahr, ging der Limit?
fragte er. Der Hauptmann stand mit gerunzelter Stirn und berlegte. Hundert
Mark darber, sagte er dann. So viel will ich noch zulegen; mehr kann ich
nicht!
    Der Rendant ging wieder an die Schranken und machte sein Gebot. Sam berbot
ihn lchelnd.
    Die Spannung unter den Zuschauern hatte einen hohen Grad erreicht. Die
Sympathien der meisten waren auf seiten der grflichen Beamten. Der Rendant bot
noch einmal mit zitternder Stimme. Die Schulden waren mit seinem Gebote um
hundert Mark berschritten.
    Noch Fnfzig! rief Harrassowitz und sah den Gegner herausfordernd an.
    Es entstand eine Pause. Der Richter sah nach - der Uhr. Wenn keine weiteren
Gebote abgegeben werden, schliee ich die Subhastation.
    Kein weiteres Gebot erfolgte.
    Demnach ist Herr Samuel Harrassowitz Meistbietender geblieben. Ich frage,
ob Einwendungen gegen Erteilung des Zuschlages an Harrassowitz erhoben werden? -
Einwendungen werden nicht erhoben! - Die Erteilung des Zuschlages wird morgen um
elf Uhr verkndet werden.

                                     VIII.


Whrend in der Stadt sein Gut versteigert wurde, pflgte der Bttnerbauer seinen
Acker. Schon bei frhestem Morgengrauen hatte er die Ochsen aus dem Stalle
gezogen, hatte sie vor den Pflug gespannt und war hinausgefahren bis dorthin, wo
Wald und Felder grenzten.
    Die Buerin war seit einer Woche bettlgerig. Toni hatte mit dem Sugling zu
tun. Auf Theresens Schultern lastete, seitdem die Sachsengnger das Dorf
verlassen hatten, ganz allein die Sorge um das Hauswesen.
    Der Bauer wollte heute das Bschelgewende beackern. Dem verwilderten Schlage
- gleichsam das Stiefkind des Gutes - galt doch im Grunde seine eifrigste Sorge.
Der Gedanke, da ein Teil seines Besitzes vernachlssigt und unbenutzt daliege,
lie ihm keine Ruhe, qulte ihn wie einen Kranken die offene Wunde. Den Schlag
mute er wieder urbar machen, noch in diesem Sommer. Hafer wollte er darauf
sen, als die wenigst anspruchsvolle Frucht. Vor der Aussaat aber sollte der
Boden noch einige Male mit Pflug und Egge um und um gewendet werden.
    Es wollte ein wundervoller Frhjahrstag werden. Der Boden dampfte von dem
warmen Regen, der in der Nacht niedergegangen war. Laue Fruchtbarkeit schwebte
greifbar ber der Scholle. berall drngte und sprote junges Leben zum Tage
empor. Die Wiesen waren bereits mit dem ersten verschmten Grn beschlagen. Die
Wintersaaten standen dicht und ppig, in vielverheiendem, saftigem Dunkelgrn.
    Mit dem Pflgen ging es langsam genug vorwrts in dem zhen Lehm, der seit
Jahren keine Pflugschar gefhlt hatte. Brombeerranken und andere Schmarotzer des
verwilderten Landes bedeckten die magere Ackerkrume und wichen nur ungern dem
Pfluge. Kiesel und Feldsteine stemmten sich gegen die Schar. Und dazu ein Paar
trge Ochsen vorgespannt! Die Zeiten, wo er Pferde im Stalle gehabt, waren fr
den Bttnerbauer vorbei.
    Der alte Mann fluchte nicht, trotz der Langsamkeit der Tiere. Sein Trotz war
stumm. Mit zusammengebissenen Zhnen blickte er starr geradeaus ber die Rcken
der Ochsen. Die Hand am Sterz, in der Linken Leine und Peitsche, so schritt er
hinter dem Pfluge. Wenn er die Lippen ffnete, dann war es hchstens zu einem
H oder Hoo. An der Anewand angelangt, hielt er die Ochsen durch einen Ruck
der Leine an, hob den Pflug aus, wendete ihn und fuhr eine neue Furche an,
genaue Richtung haltend. Er pflgte noch wie ein Jngling, mit starker Hand und
scharfem Augenmae.
    Die Sonne rckte hher. Der Dampf ber den Auen hatte sich verflchtigt.
Klar lag jetzt Halbenau unter ihm, das er von seinem erhhten Stande berblicken
konnte, Haus fr Haus, bis hinab zur Kirche. Schon begannen sich die Fruchtbume
hie und da zu schmcken mit weien Percken. In langen, schmalen Streifen zogen
sich die Gter der Bauern, Halbhufner und Grtner vom Dorfe nach dem Walde zu,
vielfach durch Raine und Grben in viereckige Stcken und Streifen zerlegt, in
vielen Farben leuchtend, bald braun, bald grn, bald gelblich oder grulich, je
nach der Frucht und der Bodenart. Ein scheckiges Bild, wie ein Stck Zeug mit
vielen Flicken darauf. Und am Feldrande ein Kranz von Niederwald, der lichtgrn
und lila schimmerte, mit seinen hellen Stmmchen von Birke und Erle. Dahinter
der Kiefernwald, im mnnlichen Ernste seines dunklen Nadelkleides. Und darber
hin der Frhjahrshimmel, mit einzelnen schwimmenden Wolken von milchweier
Farbe.
    Der Bttnerbauer sah nichts von der Schnheit, die sich rings um ihn
breitete. Sechzigmal war er Zeuge geworden des Frhjahrswunders. Sechzigmal
hatte sich fr ihn die Flur geschmckt mit gleicher Pracht. Er war kein
empfindlicher Naturschwrmer; dafr gab es in seiner trocknen Bauernnatur keinen
Raum.
    Frhjahr, das bedeutete fr ihn: Erwachen aus der kalten, finsteren, den
Winterszeit, zum sonnigen, klaren, milden Sommer; wo man nicht lnger gezwungen
war, mit migen Hnden im Zimmer zu hocken, wo man hinaus durfte auf den
geliebten Acker, die Zeit, da man die Glieder in emsiger Arbeit rhrte, wo man
aber auch die Frchte seiner Arbeit sehen durfte, wie sie heranwuchsen und
gediehen, der Ernte entgegen.
    Auch in diesem Frhjahr schien die Sonne warm und belebend. Sie wrmte auch
die Glieder des Alten und brachte sein Blut in schnellere Strmung. Das
Neuwerden in der Natur rief selbst in seinem verbrauchten Krper eine Steigerung
aller Krfte, eine unbewute Spannung der Lebensenergie hervor. Aber es war
diesmal anders als sonst. Etwas war erstorben in dem alten Manne, lag wie mit
Eis und Schnee des Winters zugedeckt, war nicht grn geworden mit dem Erwachen
des Frhlings ringsum: die Hoffnung.
    Es hatte seinen guten Grund, warum er die Zhne so fest zusammengepret
hatte, und die Augen so starr geradeaus gerichtet hielt zwischen die Kpfe
seiner Tiere. Htte er die Blicke hinabschweifen lassen ber Felder und Wiesen,
hinab nach seinem Hause und Hofe, sie wren wohl bergegangen von salzigen
Trnen. Und der Trotz, der Grimm, die Menschenverachtung, die allein ihm die
Kraft gaben, diesen Tag zu ertragen, mchte dahingeschmolzen sein vor der
bergewalt des Schmerzes, den ihm der Anblick seines Eigentums heute bereiten
mute.
    Sein Eigentum!
    In diesen Stunden entschied es sich, wer knftighin Herr dieser Wiesen und
Felder, dieses Hauses und Hofes sein wrde. Drben in der Stadt, vor Gericht,
unter Leuten, die seinen Acker nicht kannten, von Fremden, kalten,
gleichgltigen Juristen, wurde der Wrfel ber sein Eigentum geworfen. Heute
noch war er hier Herr, und morgen konnte einer kommen, der ihn hinaustrieb aus
seinem Hofe, ihn auf die Strae setzte mitsamt den Seinen, und das alles kraft
eines Stckes Papier.
    Das war also der Erfolg seines Lebens! Jetzt, wo er sich dem Greisenalter
nherte, wo man sich nach Ausruhen auf vollendetem Lebenswerk sehnte, wo man
Recht und Besitz und Gewalt gern htte bergehen sehen in die Hnde der
Nachkommen, wo man als Lohn und Dank fr sorgliche Verwaltung des Familiengutes
nichts weiter verlangte als Pflege und Achtung und ein ruhiges Eckchen im Heim,
von dem aus man das Weiterblhen und Wachsen noch ein Weilchen mit ansehen
konnte - jetzt mute der Bttnerbauer, statt dieses wohlverdiente Altenteil zu
erwerben, erleben, da alles, was er von den Vtern bernommen, was er
verwaltet, woran er an seinem Teile geschaffen hatte, ihm aus den Hnden
gerissen, unwiderbringlich an Fremde dahingegeben wurde.
    Wenn der Vater das geahnt htte! Er, der recht eigentlich den Besitz zu dem
gemacht hatte, was er war, zu einem selbstndigen, freien Bauerngute. Wenn
Leberecht Bttner htte ahnen knnen, was jetzt, dreiig Jahre nach seinem Tode,
aus seinem Werke werden sollte! Dieser Mann, der den Familienbesitz in schwerer
Zeit angetreten, der die Nachwehen der Kriegszeiten und der jngst berwundenen
Hrigkeit durchzukosten hatte, der Zeit seines Lebens mit einem mchtigen und
beutelustigen Nachbar zu ringen gehabt, und der, all diesen Gefahren und Nten
zum Trotze, sich selbst zu einem wohlhabenden, unabhngigen Wirte
emporgearbeitet und sein Gut zum bestgepflegtesten der ganzen Gegend gemacht
hatte; wenn der Mann htte voraussehen knnen, was aus der Erbschaft, die er den
Seinen hinterlie, sich fr Unsegen entwickeln wrde! -
    Traf den Bttnerbauern die Schuld, da alles so gekommen, wie es gekommen
war?
    Traugott Bttner hatte sicher viele Versehen begangen, mancherlei verdorben
durch Eigensinn und beschrnkten Trotz. Viel Schaden htte abgewendet werden
knnen, wenn ihm Beweglichkeit des Geistes, hhere Bildung und besseres
Verstehen der Zeit und ihrer Bedrfnisse eigen gewesen wre. Aber grere
Fehler, als die seinem Stande eigentmlichen, durften ihm mit Recht nicht
vorgeworfen werden.
    Er war Zeit seines Lebens ein nchterner, ordentlicher Mensch gewesen, ein
ttiger Wirt und sorgsamer Haushalter. Sein Benehmen war buerlich derb, oft bis
zur Rauheit derb, aber seine Sitten waren rein geblieben. Was hatte er sich
vorzuwerfen! War er etwa ein Trinker gewesen? - Hatte er Haus und Hof verspielt,
wie so mancher Bauer es tat? Hatte er durch liederliche Wirtschaft oder durch
Zank und Streit mit den Nachbarn, durch Prozesse das Seine vergeudet? - Dem
Staate, der Gemeinde, der Kirche hatte er geleistet, was er ihnen schuldig war.
Seine Knochen hatte er in zwei Kriegen fr das Vaterland zu Markte getragen.
Sonntglich war er zur Predigt gegangen, und viermal im Jahre hatte er den Tisch
des Herrn aufgesucht. Die schlechten Jahre waren von ihm hingenommen worden, und
fr die guten hatte er Gott gedankt. Mit seiner Ehefrau hatte er sich vertragen;
nie war es zu mehr als zu Scheltworten gekommen zwischen ihnen, was bei
Bauersleuten etwas heien will. Die Kinder hatten sie schlicht und recht
aufgezogen nach dem Worte: Wer sein Kind lieb hat, der zchtigt es.
    berhaupt, das war die Summe dieses Lebens: der Bauer hatte das Seine getan,
so gut oder so schlecht er es vermochte, in den Grenzen seines Standes, gem
der Weltanschauung, mit der er geboren und in der er aufgewachsen war.
    Und nun war es wie ein Strafgericht, wie eine Vergeltung furchtbaren
Unrechts ber ihn und die Seinen gekommen, ohne da er doch gewut htte, von
wannen und wodurch. Wofr bte er, welche Snde hatte er zu shnen, mit so viel
Elend? Wo lag der Anfang des Unglcks? Wann und wo hatte er den Schritt getan,
der unvermeidlich das Verderben nach sich ziehen mute? War es nicht vielmehr
eine Kette von tausend winzigen Gliedern, ein ganzes Netz von, unsichtbaren
Maschen, an dem er Zeit seines Lebens unbewut gearbeitet, und das ihn jetzt
verstrickte zu unrettbarem Untergange?
    Oder lag die Schuld nicht tiefer und ferner? Reichte sie nicht zurck ber
die sechzig Jahre dieses Lebens in die Zeiten der Vter und Vorvter?
    Hatte Traugott Bttner nicht das Gut aus dem vterlichen Erbe erstanden
unter Bedingungen, die fr ihn den Erfolg von vornherein unterbanden! War das
nicht der anfangs kaum beachtete Ri, welcher am Ende zum Zusammenbruch des
Gebudes fhrte; der scheinbar unbedeutende Rechenfehler, der, von Jahr zu Jahr
weiter gefhrt, schlielich das Ergebnis der ganzen Rechnung falsch ausfallen
lie! Oder hatte Leberecht Bttner, dieser vorsichtige Wirt und Mehrer des
Vermgens, etwa selbst den Grund zum Untergange des Familiengutes gelegt, als er
dessen Grenzen erweiterte, neues Land zum ererbten hinzuerwarb? Hatte er damit
vielleicht dem ganzen eine ungesunde Entwicklung, einen allzu groartigen
Zuschnitt gegeben; htte er nicht, statt auf Erweiterung des Besitzes zu sinnen,
lieber das einmal Besessene so ertragreich wie mglich gestalten sollen? Hatte
er nicht durch diese Verrckung der Verhltnisse seinem Nachfolger eine
gefahrvolle Erbschaft hinterlassen, doppelt gefahrvoll, wenn dieser Nachfolger
ihm nicht gleichkam an Einsicht und Rhrigkeit?!
    Oder lag das Versehen nicht auerhalb der Familiengeschichte berhaupt!
Waren es nicht vielmehr die Verhltnisse, die Entwicklung, der Gang der
Weltereignisse, die auch auf dieses winzige Zweiglein am groen Baum des Volkes
gewirkt hatten? Stand nicht auch dieser kleine Ausschnitt aus dem
Menschheitsganzen unter den Gesetzen des Prozesses von Werden und Vergehen, dem
das Vlkerleben wie die Geschichte der Familien und des einzelnen unterworfen
sind! -
    War vielleicht jenes groe Ereignis der Bauernbefreiung im Anfange des
Jahrhunderts, dessen Zeuge noch Leberecht Bttner als junger Mensch gewesen, zu
spt eingetreten? War dieser mchtige Ruck nach vorwrts nicht mehr imstande
gewesen, das Bauernvolk aus der Jahrhunderte alten Gewhnung an
Unselbstndigkeit und Knechtsseligkeit herauszureien? Oder war die Aufhebung
der Frone zu schnell, zu unmittelbar gekommen? Hatte sie den Bauern nur
uerlich selbstndig gemacht, ohne ihm die zum Gensse der Freiheit ntige
Erleuchtung und Vernunft gleichzeitig geben zu knnen? Waren die durch viele
Geschlechter grogezogenen Laster: des Mitrauens, der Stumpfheit, der
Beschrnktheit und der tierischen Roheit, doch so tief in Fleisch und Blut der
Kaste bergegangen, da sie unausrottbar immer von neuem durchbrechen muten und
so den Untergang des ganzen Standes herbeifhren wrden? -
    Oder spannen sich die Fden jenes Gewebes von Unrecht, Irrtum und Unglck,
die den einzelnen mit dem Ganzen ebensogut verweben, wie Rstigkeit, Aufschwung
und Gedeihen eines Volkes segensreich das Einzelgeschick befruchten und frdern
- reichten diese unsichtbaren Wurzeln, die uns mit dem tiefstem Grunde der
Vergangenheit unseres Geschlechts verbinden, nicht noch viel viel tiefer hinab
in die Vorzeit? War der groe Krieg daran schuld, der das deutsche Volk zum
Bettelmann gemacht und seinen Boden zu einer Einde? Aber war nicht schon vor
dem groen Kriege schweres Unrecht am deutschen Bauern begangen worden? Drangsal
und Vergewaltigung, die ihm zu Luthers Zeiten den Kolben und den Dreschflegel in
die Hand nehmen lieen, zum Aufruhr gegen die Groen der Welt, in denen er die
Macht verkrpert sah, die ihn am meisten bedrckte: der Feudalismus.
    Und lag der letzte und tiefste Grund der Unbilden, die dem Bauern durch alle
Stnde widerfahren, mochten sie sich Frsten, Ritterschaft, Geistlichkeit,
Kaufmanns-, Richter- und Gelehrtenstand nennen, nicht noch viel weiter zurck in
der Entwicklung? War da nicht in unser Volksleben ein Feind eingedrungen, der
fr Kolben und Flegel unerreichbar war, der mit noch so derben Fusten nicht aus
dem Vaterlande getrieben werden konnte, weil er krperlos war, ein Prinzip, eine
Lehre, ein System, aus der Fremde eingeschleppt, einer Seuche gleich: der
Romanismus.
    War denn nicht der deutsche Bauer frei gewesen ehemals? Frei wie der Baum,
der Halm, ein Gewchs des freien Grund und Bodens, verantwortlich nur vor
seinesgleichen, gebunden nur durch die Gesetze der Markgenossenschaft. Nur die
Gemeinde und ihre Rechte hatte er ber sich, deren Lehnsmann er war, die ihm ein
Stck der freien Wildnis zuwies, damit er es urbar mache und sich darauf
ernhre.
    In jenen natrlichen, urwchsigen Zeiten, die noch nichts von den
knifflichen Definitionen der Gelehrten, vom pedantischen Schreibwerk der
Juristen ahnten, war Besitz und Eigentum noch eins; Tatsache und Recht fielen da
zusammen. Wer den Boden dem Urwalde abrang, der erwarb ihn, machte ihn zu seinem
Eigen. Die Ernte gehrte dem, der den Acker bestellt und die Aussaat gemacht.
Arbeit war der einzige Rechtstitel, welcher galt. Jeder Nachfolger mute sich
die Hufe und die Frucht von neuem erwerben durch seiner Hnde Werk.
    Und nun drang ein fremder Geist von jenseits der Alpen ein und verwirrte und
verkehrte diese einfachen erdgewachsenen Verhltnisse. Abgezogene Begriffe, aus
einer toten Kultur gesogen, wurden an Stelle des selbstgeschaffenen, gut
erprobten deutschen Rechtes gesetzt.
    Dieser fremde rmische Geist war der Verderber. berall drang er ein wie
eine Krankheit. Bald beherrschte er Staat, Kirche, Schule und Gerichte.
Formalismus und Scholastik waren seine belgeratenen Kinder.
    Am schwersten aber sollte unter dem fremden Produkt der leiden, welcher von
allen am wenigsten davon wute und verstand: der Bauer.
    Alle anderen Stnde verstanden es, sich das fremde System zunutze zu machen.
Ritter und Kaufmann wuten seine Maximen zu verwerten, sich nur zu gut dem
praktischen Egoismus anzupassen, der das Grundprinzip des rmischen Rechtes ist.
Und seit den Zeiten der Scholastik ward Haarspalterei und wirklichkeitsfremdes
Definieren und Konstruieren die Lieblingsbeschftigung der deutschen
Gelehrtenzunft.
    Dem freien deutschen Bauernstande aber grub das fremde Recht die
Lebenswurzeln ab.
    Denn der Begriff des rmischen Eigentums lief dem schnurstracks zuwider, was
fr den deutschen Ansiedler gegolten hatte. Nun wurden in trocken
formalistischer Weise Recht und Tatsache getrennt. Fortan konnte einem ein Stck
Land gehren, der nie seinen Fu darauf gesetzt, geschweige denn, eine Hand
gerhrt, um es durch Arbeit zu seinem Eigen zu machen. Jetzt gab es gar viele
Rechtstitel mit fremdklingenden Namen, kraft deren einer Eigentum erwerben und
veruern konnte. Den Ausschlag gab nicht mehr die lebendige Kraft des Armes,
sondern erklgelte, in Bchern niedergeschriebene, tote Satzung. Am Grund und
Boden konnte fortan Eigentum entstehen durch Eintragung in Bcher. Es konnte
ernten, wer nie geackert und geset hatte. Es gab Rechte an fremden Sachen,
Einschrnkungen des Eigentumsrechtes durch Dritte, die sich so drehen, deuten,
nutzen und ausdehnen lieen, da der Eigentmer bald wie ein Mann war, der sein
Feld auf der ffentlichen Landstrae liegen hat. Das Verpfnden und Belasten des
Grund und Bodens ward in ein System gebracht, das den Urgrund aller menschlichen
Verhltnisse, die Scholle, einem Handelsartikel gleichstellte. Es wurde mglich,
da einer durch Beleihung stiller Mitbesitzer eines Stck Landes ward. Dann
mute ihm der Eigentmer einen Teil der Ertrge abgeben, die er durch seine
Arbeit dem Boden abgerungen hatte, und jener geno in der Ferne ohne Mhe die
Frchte fremden Bodens und fremden Schaffens.
    So hatte sich das undeutsche Recht mit seinem egoistisch-kalten,
verstandesmigen Formalismus wie ein Lavastrom ber die heimischen
Einrichtungen ergossen, alles mit starrer Kruste berdeckend, und auch die
grnende Freiheit des buerlichen Ansiedlers auf Nimmerwiederkehr vernichtend.
    Der Bttnerbauer wute von der Geschichte und Entwicklung seines Standes
nichts. Kenntnis und Interesse fr das Vergangene sind gering beim Bauern; auch
hat er wenig Standesbewutsein, keinen Zusammenhalt mit seinesgleichen. Ihn
kmmern nur die Nte und Bedrfnisse, die ihn gerade im Augenblicke auf den
Ngeln brennen. Er wei von der Welt und ihrem Gange meist nur das Notdrftige,
was er in der Schule erlernt, was er selbst erlebt und erfahren hat, und zur Not
das Wenige von der Vergangenheit, was ihm die Eltern mitgeteilt haben.
    Traugott Bttner hatte nur ein dumpfes Gefhl, eine dunkle Ahnung, da ihm
groes Unrecht widerfahre. Aber wer wute denn zu sagen: wie und von wem! Wen
sollte er anklagen? Das war ja gerade das Unheimliche, da es eine Erklrung
nicht gab. Das Verderben war gekommen ber Nacht, er wute nicht von wannen.
Menschen hatten Rechte ber ihn und sein Eigentum gewonnen, Fremde, die ihm vor
zwei Jahren noch nicht einmal dem Namen nach bekannt waren. Er hatte diesen
Leuten nichts Bses angetan, nur ihre Hlfe, die sie ihm aufgentigt hatten, in
Anspruch genommen. Und daraus waren durch Vorgnge und Wendungen, die er nicht
verstand, Rechte erwachsen, durch die er diesen Menschen hilflos in die Hnde
gegeben war. Er mochte sich den Kopf zermartern, er konnte das Ganze nicht
begreifen.
    Eines blieb als Untergrund aller seiner Gedanken und Gefhle: ein dumpfer,
schwelender Ingrimm. Ihm war unsagbares Unrecht geschehen. Sein Mund verstummte;
htte er ihn aufgetan, es wre eine Klage erschollen, die kein Richter dieser
Welt angenommen htte.

                                 Drittes Buch.



                                       I.

Die Sachsengnger waren an ihrem Bestimmungsorte eingetroffen. Leiterwagen vom
Rittergute Welzleben hatten sie an der Station abgeholt und nach dem Vorwerke
Kabeldamm gebracht. Hier waren sie vom Inspektor in ihre Kaserne angewiesen
worden.
    Am nchsten Morgen bereits ging's mit der Feldarbeit los.
    Die Rben waren eben erst aufgegangen; an ihnen gab es also noch keine
Arbeit. Die Mdchen wurden daher mit Behacken des Wintergetreides beschftigt,
whrend die Mnner bei der Frhjahrsbestellung zu helfen hatten.
    Es waren vllig neue Verhltnisse hier im Westen, in welche diese Ostlnder
ganz unvermittelt versetzt wurden. Weit und breit fruchttragende ebene Fluren.
Feld an Feld, Schlag an Schlag, die das Auge kaum zu bersehen vermochte,
durchquert von geradlinigen Kunststraen und Obstalleen. Jede Handbreit Land war
hier ausgenutzt. So kostbar schien dieser Boden, da man keinem wilden Baum,
keinem Strauch in der Feldmark das Leben gnnte. Nirgends fiel der Blick auf
Unkraut. Sorgfltig waren die Steine aus dem Acker entfernt. Am Horizonte fehlte
der Kiefernbusch, der im Osten fast berall das landschaftliche Bild einrahmt.
Kein Wald, kein Gebsch, keine Hutung zu erblicken. Wenig Wiese; die
Ackerscholle beherrschte hier alles. An Stelle des buntscheckigen Planes von
winzigen Fleckchen und Streifchen, wie es die Sachsengnger von ihrer Heimat her
gewhnt waren, breitete sich hier das Zuckerrbenfeld mit den endlosen Reihen
der gedrillten Rbenpflnzchen; giftgrne Streifen auf dunkelbraunem
Untergrunde.
    Und nun erst die Bestellung! Spatenarbeit kannte man hier nicht, der
Handpflug war an vielen Stellen vom Dampfpfluge verdrngt. Das Getreide wurde
mit der Dampfmaschine ausgedroschen, die Saaten mit der Drillmaschine bestellt.
Und in der Wirtschaft war auch alles nach neuestem Zuschnitt. Das Rindvieh bekam
Rbenschnitzel als Futter. Trotz der vielen Khe und groartigen Sttte war die
Milchwirtschaft doch nur unbedeutend. Das Vieh kam von auswrts in groen
Transporten herein und stand nur zur Mast da. Klber wurden nicht angebunden.
Nur des Dngers wegen schien man Rindvieh zu halten.
    Und die Drfer! Da kam man sich vor wie in der Stadt. Die Huser eng
beieinander, den Nachbarn gleichend wie ein Ei dem anderen, weigetncht, kahl,
mit Ziegeln abgedeckt. Kein Fachwerk, keine Holzgalerie, kein Strohdach. Hin und
wieder war einmal der Ansatz zu einem Grtchen zu erblicken, hinter steifem
Staketenzaune. Der Grasgarten, die Obstbume, die der rmste Husler des Ostens
gern um sein Anwesen hat, fehlten ganz. Und wo waren die Dngersttten, das
Gpelwerk, der Taubenschlag, die Entenpftze? Diese Menschen hier nannten keine
Kuh, kein Schwein, kein Federvieh ihr eigen.
    Dabei schien es hier eigentliche Armut nicht zu geben. Die Leute lieen sich
nichts abgehen. Sie gingen einher in stdtischer Kleidung. Bloe Waden gab's
hier freilich nicht zu sehen; selbst die Kinder liefen nicht barfu.
    Die wenigen Bauern waren groe Herren. Sie ritten und fuhren einher wie die
Rittergutsbesitzer, wohnten in groen stattlichen Husern und schickten ihre
Kinder in die Stadt zur Schule. Wenn sie untereinander waren, redeten sie sich
mit Sie an, und an einem Tische mit seinem Gesinde wollte von diesen groen
Herren auch keiner mehr zum Essen niedersitzen.
    Da es keine Berge hierzulande gab, die Bume in der Landschaft selten und
die Kirchtrme klein und unansehnlich waren, so htte es eigentlich nichts in
die Augen Fallendes gegeben, wren nicht die Essen gewesen, die sich allerorten
neugierig und gleichsam waghalsig emporreckten. Hier eine von einer
Zuckerfabrik, dort von einer Ziegelei oder Brennerei.
    Auch auf dem Vorwerke Habeldamm gab es solch eine Esse, die zur Brennerei
gehrte. Der Wirtschaftshof wurde von lauter neuen einstckigen Gebuden
gebildet. Wie auf dem Prsentierbrett lag das ganze da, mit seinen blitzblanken,
gekalkten Wnden, hellroten Ziegeldchern, mitten in den grnen Rbenfeldern,
die sich bis dicht an die Gebude zogen. Eine Feldbahn verband das Vorwerk mit
dem Hauptgute Welzleben. Eine grere Bahn ging in weiter Kurve ber andere
Rbengter nach der Zuckerfabrik. Diese Fabrik war, ein Aktienunternehmen der
umliegenden Grundbesitzer.
    Etwas abseits vom eigentlichen Wirtschaftshofe lag die Wohnung der
Wanderarbeiter, die Kaserne wie sie kurzweg bezeichnet wurde. Es war ein mig
groes, einstckiges Haus, genau nach der polizeilichen Vorschrift erbaut, wie
der Inspektor nicht zu bemerken verfehlte, als er Gustav mit seinen Leuten
einwies. Zu ebener Erde befanden sich zwei saalartige Rume, der grere fr die
Mdchen zum Wohnen und Speisen, der andere fr die Mnner bestimmt, ferner eine
Kche mit neumodischem Herd und eine Wasch- und Spleinrichtung. Im ersten Stock
waren die Schlafrume untergebracht, die Mdchenkammer getrennt von der der
Mnner durch die Wohnung des Aufsehers wie Gustav jetzt tituliert wurde.
    Der Inspektor, ein jngerer Herr, dessen Schnurrbart und schneidiger Ton
keinen Zweifel darber aufkommen lie, da er Reserveoffizier sei, fhrte Gustav
in smtlichen Rumen umher, bergab ihm den Hauptschlssel und machte den
Aufseher darauf aufmerksam, da man sich von seiten der Gutsverwaltung fr jede
Schweinerei, die hier etwa vorkommen wrde, an ihn halten werde.
    Gustav fand die Einrichtung, in der sie fortan hausen sollten, weit besser,
als er's erwartet hatte. Die kasernenartige Einteilung des Hauses heimelte ihn
wie eine Erinnerung an die Soldatenzeit an. Pauline htte sich freilich mehr
Traulichkeit gewnscht in ihrer Stube, die auer Bett, Schrank, Tisch und
Sthlen nichts enthielt. Aber man mute schlielich froh sein! Hatte man doch
ein Dach ber sich und eine Diele unter den Fen. -
    Mit dem Kchenherde konnte sie auch zufrieden sein. Gut, da ihr die
neumodischen Kochvorrichtungen vom Rittergute daheim einigermaen bekannt waren.
Der Inspektor hatte sie darauf hingewiesen, da hier das zuknftige Feld ihrer
Ttigkeit sein werde. Die Kartoffeln werde sie wchentlich zugemessen erhalten
fr die ganze Gesellschaft. Was sie damit anfange, sei ihre Sache. Darum
knnen wir uns nicht auch noch scheren; da htten wir viel zu tun! hie es in
kurzer, schneidiger Ansprache.
    Von den Arbeitern fanden sich nicht alle sofort in die neuen Verhltnisse.
    Der Pole Rogalla rsonierte laut, allerdings auf polnisch, was niemandem
etwas tat, weil niemand es verstand. Bedenklicher war, da er sich weigerte, in
dem gemeinsamen Mnnerschlafsaale zu bernachten. Hschke sprach die Vermutung
aus, da dem Polacken die gewohnte Bucht mit den Reichskfern fehle. Gustav
redete ein Wrtlein deutsch mit dem Polen. Rogalla suchte daraufhin zwar die
gemeinsame Bettstatt auf, in der Nacht aber stahl er sich hinweg. Er mute
irgendwo eine seinem Geschmacke mehr zusagende Schlafsttte ausfindig gemacht
haben.
    Auch einige von den Mdchen stellten sich uerst gefhrlich an. Vor allem
ein Schwesternpaar Helfner. Sie stammten aus dem Armenhause. Helfners waren eine
berchtigte Familie in Halbenau. Gustav hatte sich daher lngere Zeit bedacht,
ob er das Schwesternpaar mitnehmen solle. Aber sie hatten die heiligsten
Versprechungen gegeben, sich gut auffhren zu wollen. Jetzt fanden sie alles
schlecht: die Wohnung, das Essen. Die Arbeit war ihnen zuviel. Als Gustav sie
etwas scharf 'rannahm, verschwanden sie in eine Kammer und schlssen die Tr
hinter sich zu. Da blieben sie und kamen nicht zur Arbeit. Gustav war ratlos.
Mnner zu kommandieren, das hatte er als Unteroffizier gelernt, aber mit
widerspenstigen Frauenzimmern fertig werden, das war noch ein ander Ding.
Pauline konnte ihm dabei nicht helfen, sie war zu weich, um ihresgleichen zu
beherrschen.
    Da fand der Aufseher unerwartete Hilfe und Untersttzung in seiner kleinen
Schwester. Schon auf der Reise hatte es sich gezeigt, da Ernestine unter den
Mdchen die Fhrerrolle an sich gerissen habe, obgleich sie eine der jngsten
war. Die anderen, unter denen manches brenstarke Frauenzimmer sich befand,
beugten sich doch der Energie und Klugheit dieser kleinen Person. Jetzt war
Ernestine die einzige, die sich Eingang zu dem aufsssigen Schwesternpaare zu
verschaffen wute, ja, die Helfners schlielich dazu bewog, die Arbeit
aufzunehmen.
    Eine uerst brauchbare Zugabe fr den Aufseher bildete auch Hschke. Das
war ein hartgesottener Snder, der schon durch manches enge Loch in seinem Leben
hindurchgekrochen sein mochte, der mit allen Hunden gehetzt war. So einen konnte
man hier gegebrauchen. Dabei war Hschkekarl ein grundgutmtiger Geselle und
seinesgleichen gegenber stets zur Hilfe bereit. Aber Hschkes freundschaftliche
Gesinnung verwandelte sich sofort ins Gegenteil, wenn er es mit einem
Hhergestellten zu tun hatte. Da wurde aus diesem lustigen Bruder ein
mitrauisch hmischer Geselle.
    Auf den Inspektor hatte Hschkekarl sofort seinen ganzen Ha geworfen. Er
lag Gustav in den Ohren, da er sich von dem Affen ja nichts gefallen lasse.
Der groschnuzige Kerl werde sie noch lange nicht dumm machen.
    Sehr schnell hatte es Hschke hingegen verstanden, sich drben im Vorwerk
beim Gesinde gute Freunde zu machen. Von dort brachte er allerhand interessante
Nachrichten mit: Herr Hallstdt, der Besitzer von Welzleben, sei mehrfacher
Millionr. Sein Vermgen habe er durch Rbenwirtschaft und Zuckerfabrikation
gemacht. Er selbst sei ein Geizhalz, aber seine Shne, die Offiziere waren,
sorgten dafr, da das Geld ihres Alten unter die Leute komme. -
    Auch ber den Herrn Inspektor wute Hschkekarl allerhand zu berichten. Den
Knechten gegenber sei der ein Wterich, gegen die Mgde hingegen oftmals nur
allzu freundlich. Im vorigen Jahre sei der Mann aber mal an den Richtigen
gekommen. Ein Knecht, der nicht mit sich hatte spaen lassen, habe hinter dem
Pferdestalle eine Unterredung unter vier Augen mit dem Inspektor gehabt. Danach
htte der junge Herr acht Tage lang das Zimmer gehtet, whrend der Knecht auf
Nimmerwiedersehen vom Hofe verschwunden sei. Die Gromagd aber, die den
Inspektor gepflegt, habe ganz eigenartige Dinge ber den Krperzustand des
Kranken zu berichten gehabt.
    Die Wanderarbeiter kamen brigens nur wenig mit dem Beamten in Berhrung,
mit Ausnahme von Gustav, der sich tglich bei ihm den Dienst zu holen hatte. Die
Arbeiten wurden meist in Akkord gegeben. Der Stcklohn spornte selbst die
Trgeren an, soviel wie mglich zu leisten. Besonders die Mdchen waren gro in
ihrer Emsigkeit. Selbst das Schwesternpaar Helfner wuten die Mitarbeiterinnen,
welche aus der Trgheit einzelner Mitglieder keine Einbue erleiden wollten, zur
Ttigkeit anzuhalten. Von den Mnnern drckte sich nur der Pole Rogalla soviel
wie mglich um die Arbeit herum.
    Eines Tages kam ein offener Wagen von Welzleben her auf das Vorwerk zu
gefahren. Das sei Herr Hallstdt, hie es. Gustav gab gerade mit seinen Leuten
auf einem groen Rbenschlage den jungen Pflanzen die erste Hacke. Herr
Hallstdt lie auf dem Wege halten und betrachtete sich das Arbeiten eine Weile.
Soviel man auf die Entfernung erkennen konnte, war er ein lterer Herr mit
grauem Backenbart, der eine Brille trug. Das war also der reiche Herr
Hallstdt-Welzleben, ihr Brotherr!
    Gustav erwartete bestimmt, der Herr werde ihn rufen lassen oder werde selbst
zu ihm und den Leuten herankommen. Sie standen doch bei ihm in Brot und Arbeit,
sie bestellten doch seinen Grund und Boden. Auf sein Gehei waren sie so viele
Meilen weit hierher gekommen. -
    Aber Herr Hallstdt-Welzleben lie nach einer Weile weiterfahren, ohne Gru,
ohne ein Wort mit seinen Arbeitern gewechselt zu haben.
    Hschkekarl spuckte aus. Das war Wasser auf seine Mhle. Die Groen taugten
alle nichts; berall war es dieselbe Geschichte! Und Gustav mute an die Worte
des Agenten Zittwitz denken: Der eine gibt die Goldstcke, der andere seine
Krfte. Das ist ein Geschft, klar und einfach. Alles wird auf Geld
zurckgefhrt. Das nennt man das moderne Wirtschaftssystem. So ungefhr hatte
der sich geuert, und er schien recht behalten zu sollen.
    Jeden Sonnabend erhielt Gustav den Lohn fr die Arbeit der Woche ausgezahlt.
Ein Bruchteil des Geldes wurde zurckgehalten als Deckung fr den Fall, da ein
Arbeiter den Dienst vorzeitig verlie. Auch Strafgelder waren vorgesehen, und im
Kontrakte fehlte die Klausel nicht, da jeder Arbeiter ohne weiteres entlassen
werden knne, ohne Anspruch auf Lohn, falls er sich den Anordnungen des
Arbeitgebers und seiner Beamten nicht fge. Kurz, man war, wie Hschke sich
ausdrckte, in seinem Felle lebendig verkauft.
    Mit der Ernhrung der Leute gab es im Anfange Schwierigkeiten. Die Feuerung
war frei, Kartoffeln lieferte das Gut. Um alles brige sollten sich die
Wanderarbeiter selbst kmmern. Auf dem Vorwerke war ein Wchter angestellt, der
gleichzeitig Kramhandel betrieb. Von diesem Manne htten die fremden Arbeiter
von jeher genommen, hie es. Die Waren dieses Kleinhndlers waren schlecht,
seine Preise aber um so hher. Der Mann wute nur zu gut, da er weit und breit
keinen Konkurrenten hatte. Auf diese Weise gingen die Sparpfennige der
Sachsengnger fr Nahrungsmittel drauf. Gustav sah das voll Verdru, aber was
wollte man denn machen!
    Da war es Hschkekarl, der Vielerfahrene, welcher Rat zu schaffen wute.
Eines Nachmittags bat er sich ein paar Stunden Urlaub aus, borgte etwas Geld von
Gustav und erklrte, er wolle sich mal ein bichen in der Gegend umsehen. Spt
Abend erschien er wieder in der Kaserne, einen vollgepackten Sack auf dem Rcken
schleppend.
    Er hatte Einkufe gemacht. Nun legte er eine Vorratskammer an und verkaufte
den Arbeitsgenossen die Waren zum Einkaufspreise. Fr seine Mhe nahm er keinen
Verdienst; er erklrte, der rger jenes gaunerischen Krmers sei ihm Lohnes
genug.
    Das Kochen besorgte Pauline, die nicht mit aufs Feld ging. Sie hatte Arbeit
genug. Den Jungen, der jetzt ins dritte Jahr ging und schon ganz hbsch laufen
konnte, hatte sie stets um sich. Das Kind mute ihr viel ersetzen.
    Die junge Frau sah trbe Tage. Ein wirkliches Heim fehlte ihr. Die Arbeit
zwar war nicht schlimm, daran war sie gewohnt; aber das Zusammenleben mit so
vielen Fremden strte das Glck der jungen Ehe. Von Gustav hatte sie so gut wie
nichts. Frh um vier Uhr stand er auf und trieb die Leute hinaus. Den Tag ber
war man getrennt, er auf dem Felde, sie in der Kaserne. Oftmals kamen sie nicht
einmal zum Mittagessen herein, lieen sich's hinaustragen aufs Feld. Abends kam
er dann nach Haus, abgehetzt, sorgenvoll, mrrisch. Frau und Kind sah er nicht
an, ri sich die Kleider vom Leibe, warf sich ins Bett und schlief wie ein
Toter. Es gab Tage, wo man kaum ein Wort miteinander wechselte.
    Ganz anders hatte sie sich das Leben an seiner Seite gedacht in der Ehe.
Denn wenn sie auch vorher einander nicht fremd gewesen waren, so legte Pauline
als echtes Landkind, am Althergebrachten, Frommen und Ehrwrdigen festhaltend,
der kirchlichen Trauung doch noch ganz besondere Wirkungen bei. Das Ehegelbde
vor dem Altare, meinte sie, mache den begangenen Fehltritt gut, beglaubige ihren
Bund, trage die Gewhr eines ganz besonderen Segens in sich. Nun durften sie
sich mit gutem Gewissen lieb haben; whrend der Genu bisher, so s er auch
gewesen, doch immer den Nachgeschmack eines Vorwurfs gehabt hatte.
    In diesen Erwartungen schien sich die gute Seele getuscht zu haben. Gustav
war ihr fremder geworden, als er ihr zuvor gewesen. Wann wre es frher jemals
vorgekommen, da er fr ihre liebevolle Annherung nur eine kurze unfreundliche
Abfertigung gehabt htte!
    Sie weinte oft heimlich, auch zur Nachtzeit, wenn er mit einer selbst noch
im Schlafe dster verdrossenen Miene in seinem Bette lag. Zu wecken wagte sie
ihn nicht. Durch ihren Kummer wre sie ihm nur lstig gefallen. Er war ja selbst
nicht glcklich. Da er so hlich gegen sie war, kam nur davon her, da er so
viel Sorgen hatte. Ihm zuliebe wollte sie ja alles ertragen, selbst die
Entfremdung von ihm.
    Pauline verschlo ihren Kummer ganz in sich, versteckte ihre Trnen vor ihm
und war darauf bedacht, ihm nur ein lchelndes Angesicht zu zeigen. Aber er, in
jenem Egoismus, den die Vielgeschftigkeit und Arbeitsberbrdung grozieht, sah
weder ihr Lcheln noch die Trnen, die darunter verborgen waren.
    Sie sorgte dafr, da er alles so gut finden mchte, wie sie es herzurichten
imstande war: das Bett, die Kleider, das Essen. All ihre groe zurckgewiesene
Frauenliebe wandte sie, in Ermangelung eines besseren, den Dingen zu, die ihn
umgaben.
    So vergingen die ersten Wochen in der Fremde.
    Eines Tages gab es eine unangenehme berraschung fr den Aufseher: Rogalla,
der Pole, war verschwunden. Seinen Arbeitsgenossen fehlten verschiedene
Kleidungsstcke, und Hschke machte die Entdeckung, da seine Vorratskammer um
eine Wurst und zwei Speckseiten rmer war.
    Wo mochte der Vogel hin sein? Das Gercht behauptete, er habe auf einem
anderen Rbengute, wo nur polnische Arbeiter in Sold waren, Arbeit angenommen.
Man stellte keine Nachforschungen nach ihm an, denn er war ein liederlicher,
lstiger und fauler Bursche gewesen. Mochte er bei seinesgleichen bleiben!

                                      II.


Zwei Monate waren vergangen, seit das Bttnersche Gut unter den Hammer gekommen
war. Samuel Harrassowitz schaltete und waltete jetzt hier als unumschrnkter
Herr und Gebieter. Er hatte den alten Bauern vorlufig auf seinem ehemaligen
Hofe gelassen. Er nahm auch keine Miete von den Leuten, aus dem einfachen
Grunde, weil sie nichts mehr hatten, wovon sie ihm htten Quartiergeld zahlen
knnen. Auerdem waren die Bttners, wie er es selbst zugab, alte brave Leute,
denen er das Almosen gern gnnte. - Er lie die Felder von dem alten Manne
bestellen; auf diese Weise konnte der etwas von dem Gelde, was er noch auf
Wechsel schuldete, abarbeiten.
    Mancherlei Vernderungen nahm der Hndler in der Wirtschaft vor. Zunchst
fhrte er die Ochsen weg; die konnte er gerade an einer anderen Stelle gut
gebrauchen. Sie kommen schlielich auch mit Khen aus; was, mein guter
Bttner? sagte er in seiner biedermnnisch aufgeknpften Weise zu dem Alten.
    Der Bttnerbauer erwiderte nichts hierauf. Er nahm berhaupt jeden Befehl
des neuen Herrn schweigend und mit undurchdringlicher Miene hin.
    Nun war er also so weit gekommen, da er mit Khen aufs Feld fahren mute
wie die Kleingrtner und Stellenbesitzer. Als Knecht eines Fremden bestellte er
jetzt den Acker, der einstmals sein gewesen. Wenn man Grimm und hllische
Schmerzen aussen knnte, was wre da fr eine Saat aufgegangen auf diesen
Fluren! -
    Im Obstgarten, der das Haus umgab, lie Sam tchtig aufrumen. Die alten
Krppel von Apfelbumen machten zu viel Schatten und trgen ja doch nur saures
Zeug, das man nicht los wrde, hie es. Die Bume hatte der Grovater zu Anfang
des Jahrhunderts gepflanzt, er war ein Obstheger gewesen, und die spteren
Generationen hatten den Segen seiner Frsorge geerntet. Jahrein, jahraus
pflegten die alten Krppel zu tragen, ihre harten kernigen Sorten, wie sie dem
Klima angepat waren. Die Buerin hatte davon abzubacken gepflegt;
Weihnachtspfel hatte man gehabt, und mancher spte Apfel hielt sich bis tief
ins Frhjahr hinein als angenehme Beigabe zur Alltagskost.
    Nun sollten die alt en treuen Stmme dran glauben. Der Bauer und Karl muten
selbst Hand anlegen, die Bume umzusgen und die Stcke zu roden. Der
Bttnerbauer verrichtete auch dieses Werk schweigend, aber in seiner Hand schien
die Sge zu knirschen, als sie sich in das sprde Holz einfra.
    Toni hatte inzwischen das vterliche Haus verlassen mssen, denn Sam
erklrte: So viel Muler drften auf seine Kosten nicht gefttert werden. Zudem
pate es jetzt mit der Ammenstelle. Frau Achenheim, seine Tochter in Berlin,
hatte Sam zum Grovater gemacht. Toni sollte den Sprling ernhren und wurde zu
diesem Behufe eines Tages nach Berlin befrdert. Und diesmal war kein Gustav zur
Stelle, die Schwester zu schtzen. Tonis eigenes Kind wurde Theresen bergeben,
welche diesen Familienzuwachs mit geringer Freude begrte.
    Man mute es Sam lassen, es hatte alles Art, was er unternahm. Er verstand
es, im groen Stile zu verfgen. Das Kleinste, was er anordnete, schien von
langer Hand vorbereitet und ordnete sich vortrefflich in das Gefge seiner
Operationen ein.
    Auch mit Karl Bttner hatte er seine besonderen Absichten. Zunchst lie er
es zu, da der junge, krftige Mann dem Vater bei der Frhjahrsbestellung half.
Sobald diese besorgt war, erklrte der Hndler dem Bauernsohne, da er seine
Dienste nunmehr entbehren knne, und da er mitsamt seiner Familie auszuziehen
habe.
    Karl war also vom vterlichen Hause und Hofe vertrieben! Was nun beginnen?
Karl Bttner stand der Zukunft ratlos gegenber. Er hatte nichts gelernt; nur in
der Soldatenzeit war er von der Heimat weggekommen. Einen anderen Beruf als den
buerlichen zu betreiben, daran hatte er, als des Bttnerbauern ltester, nie
gedacht.
    Der rmste hatte es schwer. Er war um das vterliche Erbe gekommen, er wute
nicht wie! Seine Frau machte ihm das Leben auch nicht leichter, seit er ein
Bettler geworden war. Tglich bekam er jetzt von ihr zu hren, da sie betrogen
sei mit ihm. Da er ein dummer Karle sei, das habe sie freilich immer gewut,
aber sie habe doch wenigstens geglaubt, einmal Buerin zu werden durch ihn. Nun
mute der Unglckliche ihr fr diese Enttuschung herhalten.
    Karl suchte eine Zeitlang nach einer Ttigkeit. Sein Suchen bestand darin,
da er ratlos umherlief und sich als Kutscher anbot. Aber man stie sich meist
an seiner starken Familie, und sein ungeschicktes Auftreten hatte auch wenig
Bestechendes. Bald gab er das jedoch auf und sa nur noch, unter dem Vorgeben,
in den Blttern zu suchen, in den Schenken umher. Therese, die ihm alsbald
anmerkte, da er Bier und Schnaps geniee, wurde durch diese Entdeckung auch
nicht freundlicher gestimmt.
    In dieser Not trat wiederum Sam als Helfer auf. Er wolle ihm eine von seinen
Wirtschaften in Wrmsbach verpachten, sagte er zu Karl.
    Karl Bttner ging nach Wrmsbach, um sich die Stelle anzusehen. Es war ein
kleines Anwesen, ein elendes berbleibsel von einem Bauerngute, welches
Harrassowitz bis auf diesen Rest vereinzelt hatte. Die Gebude waren gnzlich
verfallen und drohten jeden Augenblick Einsturz. Nur noch die kahlen Lehmwnde
standen da, und durch diese blickte an manchen Stellen schon das Tageslicht
hindurch. Was an Mbelstcken und Gertschaften frher etwa da gewesen sein
mochte, war lngst herausgeschleppt. Fast ebenso schlimm wie auf dem Hofe sah es
auf den Feldern aus. Das meiste war Schwarzbrache. Jahrelang hatte niemand hier
bestellt.
    Ein schnes Feld der Ttigkeit fr einen jungen Mann, sagte Sam. Sie
werden das schon in die Hhe bringen, Bttner, da sind Sie ganz der Mann dazu!
- Den Pachtschilling fr den ersten Termin wollte Sam gtigst stunden und zur
Anschaffung von Vieh, Saatgut und Inventar Geld vorschieen.
    Karl Bttner war leicht zu bereden, besonders von einem wie Samuel
Harrassowitz, der schon Klgere seinem Willen untertan gemacht hatte; so wurden
die beiden handelseinig.
    Karl siedelte also mit Weib und Kind und den wenigen Habseligkeiten, die er
sein nannte, nach Wrmsbach ber. Therese, die sonst nicht zu weichen Stimmungen
neigte, weinte, als sie das neue Heim erblickte. Der windschiefe Giebel, die
zerbrochenen, hie und da mit Papier verklebten Scheiben, das Strohdach, welches
aussah wie ein struppiger Pelz, in dem die Motten sich niedergelassen! Und erst
drinnen in den Stuben: die verschimmelten Wnde, die morschen Dielen, ein Herd,
zwischen dessen Kacheln das Feuer durchleuchtete!
    So sahen die Rume aus, in denen sie in Zukunft hausen sollten! -

                                     * * *

    Eines Tages kam ein kleiner Herr nach Halbenau, begleitet von einem
halbwchsigen Brschchen. Sie trugen sich mit Rollen, Holzkstchen, Mappen und
einer langen Kette. Wo das ehemalig Bttnersche Bauerngut gelegen sei, fragten
sie. Man wies ihnen den Weg. Sie begannen die Felder zu umschreiten, der Knabe
mute kleine Pflckchen einschlagen und hatte die Makette zu ziehen. Drei Tage
lang arbeiteten sie in dieser Weise, schrieben Zahlen an die Pflckchen und
machten Einzeichnungen in eine Karte.
    Der Mann verschwand wieder, aber seine Pfhle blieben stehen.
    Am Sonntag nachmittag gab es dann eine wahre Vlkerwanderung nach dem
Bauerngute. Die Halbenauer kamen, sich das abgesteckte Land zu besehen. Einzeln
und in Gruppen schritten sie auf den Rainen und Feldwegen auf und ab.
    Der Bttnerbauer sah das vom Hofe aus. Die Zornader schwoll ihm. Was wollte
das Volk denn hier! Die zertrampelten das Gras und liefen womglich ber die
Saaten. Er ging vor den Hof und rief den ersten besten, der ihm in den Wurf kam,
an, was er hier zu suchen habe.
    Ich will a Morgen a zweee kesen, morne! sagte der und ging seines Weges
weiter.
    Hier sei kein ffentlicher Weg, schrie ihn der alte Mann an.
    Nu, Traugott, stell d'ch doch ne su an! meinte der andere, einer seiner
Nachbarn. Morne wollen se duch deine Felder eenzeln versteigern. 's hat ja im
Blattel gestanda!
    Also das war es: Vereinzelung des Gutes! - Der alte Mann stand eine ganze
Weile wie erstarrt. Dann setzte er sich langsam in Bewegung, mit schleppenden
Schritten, als ziehe er eine schwere, unsichtbare Brde hinter sich drein.
    Ein Trupp Dorfleute kam ihm entgegen vom Felde. Sie sprachen laut; offenbar
unterhielten sie sich ber die bevorstehende Landauktion. Als sie des Alten
ansichtig wurden, verstummte ihr Lrmen; schweigend, mit verlegenen Mienen
eilten sie an ihm vorber.
    Dann kamen wieder zwei, ein alter und ein junger: Kaschelernst und Richard.
    Der Kretschamwirt blieb stehen, als er in gleicher Hhe mit seinem Schwager
war. Gu'n Tag, Traugott! Kein Gegengru erfolgte. Du, Traugott! meinte
Kaschelernst, scheinbar harmlos plaudernd, dei, Korn stieht aber heuer gutt.
Kreiterwetter! das is a Staatskorn, da warn a hibsch paar Schock uf'n Morgen
kimma. Was meenst de? nich!
    Der Bttnerbauer sagte nichts, warf aber dem Schwager einen so sprechenden
Blick zu, da der ihm unwillkrlich den Weg freimachte und ihn weitergehen lie.
Dann rief er dem Alten nach: Du, Traugott! zur Ernte kannst de mir helfen
kimma. Ich will d'ch och bezahl'n. Ich mechte 's Korn sinsten am Ende ne Herre
warn, suviel stieht's 'n druffe. Willst de uf Erntearbeit kimma - hee?
    Der Bauer ging weiter, ohne sich umzusehen.
    Nu ja, ich meene ock, Traugott! Du weet am Ende noch gar niche, da 'ch
das Kornsticke dahie von Harrassowitzen gehest ha'. 's is a hibsches Sticke, a
Schaffel a zehne gru. Ju, ju, das ha' ich mer genumm'n! Na, dacht'ch, wenn se's
Bttnersche Gut eemal versteigern tun, da wirscht de dir och e Sticke nahmen
kennen - warum denn ne! Da bleibt's duch wenigstens in der Familie.
    Nun war der Alte doch stehen geblieben, mitten auf dem Wege, starr und
steif, mit offenem Munde. Kaschelernst hatte das Kornstck gekauft! -
Kaschelernst im Besitze seines besten Ackers! -
    Ju ju, Traugott, das Korn is meine! sagte der Kretschamwirt, nher zu
seinem Schwager herankommend. Ich bedank' mich och schienstens bei dir, da du
den Acker so schiene bestellt hast. Schienes Korn, sehr schienes Korn!
    Richard, der sich bis dahin die Hand vor den Mund gehalten hatte, platzte
jetzt auf einmal heraus.
    Der Bauer stand da, steif wie ein Stock.
    Kaschelernst im Besitze dieses Kornstckes! - Das erschien von allem, was
ihm bisher widerfahren, das Ungeheuerlichste. Sein Gesicht begann sich zu
verndern. Die Augen leuchteten in dunklen Lichtern, die Nstern blhten sich
auf, die Lippen hoben sich wie bei einem wilden Tiere, das sich auf den Feind
strzen will. Aus seinem Munde kam ein knurrender Laut: Hund - Huund .... ...
    Das Lachen des Neffen verstummte vor der Miene des Alten, der mit geballten
Fusten auf sie zukam.
    Huund - Hunde! Ich zerschlag' eich de Knuchen - Ich zerschlag' .....
    Der Sohn suchte Deckung hinter dem Rcken des Vaters. Da aber Kaschelernst
es vorzog, sich in schnellster Gangart vor seinem Schwager zurckzuziehen, so
war bald ein Zwischenraum zwischen Traugott Bttner und den Kaschels entstanden.
Nach einiger Zeit wagten es die Braven wieder, Halt zu machen.
    Bttner war gleichfalls stehen geblieben und drohte keuchend mit der Faust
nach jenen hinber. Wenn 'ch, und ich find' d'ch Kaschell De Knuchen zerschlag'
'ch d'r. Hund du!
    Der Kretschamwirt rief eine hhnische Bemerkung dagegen. Der Bauer kam ihnen
von neuem nach, worauf sich das tapfere Paar abermals zurckzuziehen begann.
    Da bckte sich der Alte und hob Steine auf, lief ein paar Schritte,
ausholend, schleuderte nach jenen. Er traf nicht, denn er war viel zu erregt, um
zu zielen. Kaschelernst und Richard machten sich aus dem Staube und waren bald
hinter den ersten Dorfhusern verschwunden.
    Inzwischen waren die Leute auf den Vorgang aufmerksam geworden, kamen von
allen Seiten herbei, um sich an dem interessanten Streit zwischen den Verwandten
zu weiden. Man umstand den alten Mann.
    Traugott Bttner stand da mit dunkelrotem Kopfe, wirrem Haar, ohne Mtze,
die er beim Laufen eingebt hatte, am ganzen Leibe bebend vor Wut. Er
schttelte die Fuste noch immer nach jener Richtung, wo die Kaschels
verschwunden waren. Allmhlich lste sich seine Zunge. Zwischen rauhen und
schrillen Tnen wechselnd, dumpf knurrend und sich berschreiend, brachte er
wilde Flche und Verwnschungen vor.
    Einige jngere wollten sich schlechte Scherze erlauben mit dem alten Manne,
der ganz auer Rand und Band geraten schien. Aber ein paar von seinen
Altersgenossen besaen Anstandsgefhl genug, das nicht zuzulassen. Sie suchten
den Tobenden zu beruhigen, der sich inzwischen schon ganz heiser geschrien
hatte, und den nur noch die Wut vor dem Zusammenbrechen bewahrte. Er wiederholte
dieselben Schimpfworte immer und immer wieder, schien kaum mehr zu wissen, was
er schrie. Die lteren Leute nahmen sich seiner an, fhrten ihn nach seinem
Hause. -
    Die Buerin, die noch immer das Bett htete, merkte wohl, da der Bauer
unwirsch und einsilbig sei, noch mehr als sonst. Aber das Unglck der letzten
Zeiten war so gro gewesen, ein Schicksalsschlag hatte den anderen bertroffen,
da sie schon gar nicht mehr nach Neuem fragte.
    Die alte Frau war schwer mit Elend geschlagen. Ihr Mann hatte doch
wenigstens seine Arbeit; er konnte den Kummer da drauen im Acker vergraben.
Aber sie lag hier oben allein, ohne ein Glied rhren zu knnen. Die Kinder waren
nun alle aus dem Hause, in der Fremde. Keine Menschenseele hatte sie zur Pflege.
Hin und wieder kam einmal eine mitleidige Nachbarsfrau, nach ihr zu sehen. Dann
hatte sie wenigstens fr kurze Zeit jemanden, mit dem sie weinen konnte; das war
ihr einziges Labsal. Zu ihrer Gicht war noch Wassersucht getreten, die sie
gnzlich bewegungslos machte. Sie sehnte sich aufrichtig nach dem Tode.
    Die Buerin, welche des Nachts nur wenig schlief, traute ihren Sinnen kaum,
als sie in der auf diesen Sonntag folgenden Nacht pltzlich den Bauern aufstehen
und sich ankleiden sah. Wo er zu dieser Stunde hin wolle, fragte sie ihn. Eine
Kuh sei krank, erwiderte er und ging.
    Sie verfolgte seine Schritte und vernahm mit ihrem durch das lange
Stilleliegen geschrften Gehr in der tiefen Nachtstille, da er sich unten mit
den Geschirren zu schaffen machte. Und nach einiger Zeit war es ihr, als hre
sie ihn mit einem Gespanne den Hof verlassen.
    Was sollte alles das vorstellen? Mitten in der Nacht aufzustehen und zur
Feldarbeit zu gehen! War der Bauer am Ende gar bergeschnappt?
    Frh beim Morgengrauen erst kam er zurck, schmutzbedeckt und erhitzt, wie
von angestrengter Arbeit. Er kleidete sich aus, legte sich noch einmal zu Bett
und schlief bis tief in den Tag hinein. Die Buerin konnte sich nicht entsinnen,
je zuvor etwas hnliches an ihrem Eheherrn erlebt zu haben. -
    Im Kretscham sammelten sich inzwischen die Bieter. Heute sollte ja laut
Zeitungsanzeige die Vereinzelung des ehemalig Bttnerschen Bauerngutes
stattfinden. Halbenau machte Feiertag an diesem Montage. Denn wenn auch nicht
jeder bieten konnte, so wollte doch jeder zum mindesten dabei gewesen sein.
    Es kamen etwa sechzig Morgen in kleineren Parzellen zur Versteigerung. Der
Bauernhof mit einem Areal von etwa vierzig Morgen nahm der Besitzer von der
Auktion aus, ebenso den Wald. Ein Stck von - zehn Morgen hatte der
Kretschamwirt bereits vorher erstanden zu einem auffllig niedrigen Preise, wie
gemunkelt wurde. Nun, er war ja gut Freund mit Samuel Harrassowitz! -
    Die Stimmung war eine angeregte, es schien Kauflust vorhanden. Der Hndler
kannte seine Leute, wute, womit man den kleinen Mann kdert. Der Landhunger war
auch bei den Halbenauern ausgeprgt. Die rmsten Schlucker, die sich das Geld
womglich hatten zusammenborgen mssen zur Anzahlung, wollten diese Gelegenheit,
zu eigenem Grund und Boden zu gelangen, nicht ungentzt vorbergehen lassen; die
Erwgung, ob sie jemals imstande sein wrden, nur die Zinsen des Kaufgeldes
herauszuwirtschaften, bewegte diese Kpfe nicht. Kaufmnnisch zu verfahren oder
auch nur ihren Vorteil im voraus zu bedenken, war nicht die Sache von Leuten,
die aus der Hand in den Mund lebten und nichts zu verlieren hatten.
    Mit Spannung sah man der Ankunft des Hndlers entgegen, ohne den die Auktion
nicht beginnen konnte. Endlich kam das Wgelchen, auf dem Bocke der Kutscher,
mit dem blauen Rocke und der silbernen Tresse am Hute, die in Halbenau nicht
mehr unbekannt waren. Harrassowitz hatte den jungen Advokaten Riesenthal
mitgebracht, der ihm die Kontrakte mit den Kufern gleich fix und fertig machen
sollte.
    Mit freudigem Blicke berschaute Sam die Schar der Kauflustigen. Die Kerle
sein wie verrickt! raunte ihm Kaschelernst zu, als er den Geschftsfreund am
Wagen begrte.
    Recht so! meinte Sam. Wir wollen ja auch nichts verschleudern. -
    Nach einiger Zeit begab man sich hinaus aufs Bauerngut. Die Versteigerung
sollte an Ort und Stelle vorgenommen werden. Der Anblick des Feldes und der
Frchte, die darauf standen, wrde die Kauflust noch erhhen, taxierte Sam. Der
Hndler und der Gastwirt gingen etwas hinter dem allgemeinen Tro drein.
    Auf einmal gab es ein Recken der Hlse und Zusammenstecken der Kpfe, Rufe
des Staunens, untermischt mit Gelchter! Was gibt's denn? fragte Harrassowitz.
Die Leute wiesen auf ein Stck frisch gepflgten Ackerlandes.
    Kaschelernst stie einen Ruf des Schreckens aus, lief ein paar Schritte
vorwrts, blieb dann stehen mit rotem Kopfe und weitgeffnetem Munde, hnlich
wie am Tage zuvor sein Schwager Traugott Bttner. Von dem pfiffigen Lcheln, das
er sonst zur Schau zu tragen pflegte, war in diesem Augenblicke keine Spur zu
entdecken.
    Die Leute kicherten und nickten einander schadenfroh zu. Das war
Kaschelernsten einmal gesund!
    Wo gestern abend noch eine dunkelgrne Kornsaat geprangt hatte, lag jetzt
braune Strze.
    Das hatte der alte Bttner in einer Nacht mit dem Pflge umgeackert.

                                      III.


Die Sachsengnger waren mit ihren Arbeiten rstig vorwrts geschritten. Den
Rben war bereits die dritte Handhacke gegeben worden. Der trockene Sommer hatte
die Reise des Getreides stark gefrdert; bereits Ende Juni verkndete die
weigelbe Farbe der Kornhren die herannahende Ernte.
    Die Erntezeit bedeutete fr die Wanderarbeiter eine nderung ihrer ganzen
Arbeitsweise. Bis dahin hatten sie hauptschlich in Stcklohn gearbeitet. Es war
ihnen berlassen worden, sich Beginn und Dauer der Arbeitszeit selbst zu legen.
Erwerbsbeflissen, wie sie waren, hatten sie bei grauendem Tage die Arbeit
aufgenommen und niemals vor sinkender Nacht aufgehrt, nur mit kurzen
Unterbrechungen fr Frhstck, Mittagbrot und Vesper. So hatten sie durch groe
Emsigkeit schne Einnahmen erzielt. Und die Gte der Arbeit hatte doch nicht
unter dem Eifer, mglichst viel vor sich zu bringen, zu leiden gehabt, denn
Gustav Bttner stand als strenger Aufseher hinter ihnen. Gustav setzte seinen
Ehrgeiz darein, da bei seiner Gruppe nicht ber Schleuderarbeit geklagt werden
durfte. Das Auge des schneidigen Herrn Inspektors schien oft genug nach einer
Gelegenheit zu Tadel oder gar zu Lohnabzgen zu suchen, wenn er pltzlich an die
rbenhackenden Leute herangesprengt kam; aber bis dahin hatte er keine
Mglichkeit gefunden, seine wohlwollende Absicht auszufhren.
    Anders gestaltete sich die Sache, als die Erntezeit herankam. An Stelle des
Stcklohnes sollte nun laut Kontrakt Tagelohn treten. Die Arbeiter, die sich
ausgerechnet hatten, da sie nun nicht mehr den guten Verdienst haben wrden,
den sie bei der Akkordarbeit erzielen konnten, sahen der nderung des Lohnsatzes
mit Unlust entgegen. Es war darber schon viel hin und her gesprochen worden
unter den Leuten. Man hatte es dem Aufseher nahe gelegt, wegen Aufhebung dieses
Vertragspunktes mit dem Arbeitgeber zu verhandeln. Aber Gustav hatte erklrt,
was geschrieben sei, sei geschrieben, und an dem Kontrakte drfe nicht gerttelt
werden. Darber erhob sich Murren unter den Leuten; einzelne erklrten, im
Tagelohn wrden sie faulenzen.
    Hschke gab das Gelegenheit, seinem Herzen grndlich Luft zu machen. Er
schimpfte auf den Arbeitsherrn und seine Beamten, gebrauchte Worte, wie
Lohnsklaverei und Ausbeutung des Arbeiters. - Gustav warf ihm daraufhin vor,
er sei ein Roter. Hschke nahm den Vorwurf pfiffig lchelnd hin; die Roten
seien noch nicht so schlimm wie die Goldnen, meinte er.
    Eines Tages kam der Inspektor an die Arbeitergruppe herangeritten und teilte
ihnen in protzig barschem Tone mit, da morgen mit beginnender Roggenernte der
Tagelohn in Kraft trete. Er erwarte pnktlichsten Beginn der Arbeit bei
Sonnenaufgang und grten Flei; Bummelei werde er nicht dulden. Schlielich
drohte er mit Lohnabzgen und Fortjagen auf der Stelle. Damit sprengte er an der
Reihe entlang, da den Leuten Sand und Erdkle ins Gesicht flogen.
    Hschke blickte dem jungen Beamten mit einem eigentmlichen Lcheln nach.
Da de dich nur nich geschnitten hast, Kleener! meinte er. Wenn wir frh vor
fnfen antreten, so is das freiwillig. Sollen wir berstunden machen, dann megt
Ihr hbsch drum bitten. So steht die Sache, Freundchen!
    Am nchsten Morgen war ein Teil der Arbeiter nicht dazu zu bewegen, vor fnf
Uhr zur Arbeit zu gehen trotz Gustavs bald drohendem, bald gtlichem Zureden.
Der Stimmfhrer dieser Aufsssigen war Hschkekarl. Im Kontrakte stehe nichts
davon, da sie zu berstunden verpflichtet seien. Der Arbeitstag laufe von fnf
Uhr frh bis sieben Uhr abends. Ungebeten wrden sie nicht eine Minute lnger
arbeiten, als sie es ntig htten.
    Gustav war in bler Lage. Er konnte Hschke nicht widerlegen, und wiederum
durfte er als Aufseher eine Auflehnung gegen die Brotherrschaft nicht dulden.
Was aus alledem entstehen konnte, war nicht abzusehen. Schwerer denn je drckte
die Verantwortung, die er fr so viele Kpfe bernommen, auf ihn. Er versprach
schlielich, die Wnsche der Leute dem Inspektor vortragen zu wollen. Dadurch
beruhigten sich die erregten Gemter etwas.
    Whrend der Mittagspause ging er aufs Vorwerk zum Inspektor. Der Beamte ri
erstaunt die Augen auf, als er den Aufseher zu ungewohnter Zeit bei sich
eintreten sah. Als er vernommen hatte, um was es sich handle, geriet er in
malose Wut.
    Was! Ihr wollt Forderungen stellen? Das ist Betrgerei! Was steht im
Kontrakte? Ich kann euch allezusammen entlassen - ohne weiteres! berstunden!
Nicht einen Pfennig zahle ich mehr. Wer Morgen frh nicht Punkt vier Uhr auf dem
Posten ist, dem ziehe ich drei Mark ab. Rasselbande! Mit euch wird man wohl noch
fertig werden! -
    Gustav hrte sich das Schimpfen des erbosten Menschen nicht bis zum Ende an,
machte kurz Kehrt und verlie das Zimmer.
    Gustav war anfangs im Zweifel gewesen, ob die Forderungen, welche er im
Namen seiner Leute gestellt, auch wirklich berechtigt seien; nunmehr war er fest
entschlossen, der berhebung des Beamten seinen Trotz entgegenzusetzen. Als er
zu den Arbeitern zurckkehrte und ihnen brhwarm berichtete, wie er behandelt
worden sei, brach das Gefhl langverhaltener Erbitterung bei allen durch.
Hschke sprach die Ansicht der Mehrzahl aus, als er erklrte, da die gebhrende
Antwort hierauf nur Niederlegen der Arbeit sein knne.
    Obgleich Gustav die ihm und seinen Leuten widerfahrene Ungerechtigkeit tief
empfand, erschien ihm der Gedanke einer Arbeitseinstellung doch bedenklich.
Hschke hatte nicht unrecht, wenn er ihm hohnlachend vorwarf, ihm se noch die
Vorgesetztenangst vom Militr her in den Gliedern. Der Plan, die Arbeit
niederzulegen, kam Gustav ungeheuerlich vor; das grenzte an Desertieren, an
Meuterei. Er wollte und konnte so etwas nicht gutheien.
    Aber Hschke stellte ihm die Sache mit beredtem Munde noch einmal vor: man
war in seinem guten Rechte. Der Inspektor war es, welcher den Kontrakt brechen
wollte, nicht sie. Wenn sie sich hierin nachgiebig zeigten, wrden bald noch
andere bergriffe von seiten des Arbeitgebers und seiner Beamtenschaft erfolgen.
Es handele sich hier nicht blo um die paar Groschen, um deretwillen der Streit
entbrannt war, sondern um die Sache. Sie drften der Ehre halber nicht klein
beigeben, denn das knnte aussehen, als htten sie Furcht. Der Aufseher aber
mte in erster Linie fr seine Leute und ihre Rechte eintreten, denn nur in
diesem Vertrauen wren sie ihm hierher gefolgt. Im Stiche drfe er sie nicht
lassen. -
    Mit solchen, auf Gustavs Ehrgefhl berechneten Grnden kam Hschke zu seinem
Ziele. Im Stiche lassen wolle er sie nimmermehr, erklrte der Aufseher. Und
Ungerechtigkeit wrde er nicht dulden.
    Hurra, jetzt machen wir Strikke! rief Hschkekarl.
    Er wisse genau, wie dergleichen gemacht werden msse, behauptete er. Wenn
die Arbeiter nur wten, was sie wollten und untereinander festhielten, dann
knne es gar nicht fehlen, dann mten schlielich die Aussauger, die
Brotherren, klein beigeben. Dann diktiere der Arbeitnehmer seine Forderungen.
Hschke nannte das mit geheimnisvoller Miene Boykott!
    Er hielt eine Art von Ansprache an die Leute, die gespickt war mit
hochtrabenden Redensarten aus unverdauten Zeitungsartikeln. Seiner Zuhrerschaft
imponierte er mit diesen dunklen Wendungen gewaltig. Je weniger sie verstanden,
desto strker fhlten sie sich berzeugt. Die Mdchen hatte er so wie so auf
seiner Seite, denn die waren dem Schwerennter alle zugetan. Selbst die
nchterne, berlegte Ernestine zeigte sich fr den Plan, die Arbeit
niederzulegen begeistert.
    Das Ende war, da die Sachsengnger vom Felde abzogen und das bereits
gemhte Getreide unaufgestellt liegen lieen. Sie begaben sich in die Kaserne.
    Es herrschte jene gehobene Stimmung unter ihnen, wie sie in der Schule nach
einem gelungenen Streiche zu folgen pflegt.
    Die Mnner legten sich ins Gras vor das Haus und zndeten ihre Zigarren an.
Die Mdchen hatten sich in ihren Schlafsaal im ersten Stock zurckgezogen, zu
Nh- und Flickarbeit. Bald ertnte Gesang von hellen Frauenstimmen durch die
geffneten Fenster. Ernestine war die Chorfhrerin. Nach einiger Zeit
antworteten unten vom Rasen her tiefere Tne; Hschkekarl leitete den
Mnnergesang. Und so lste ein Lied das andere ab; die Mdchen stimmten an, die
Burschen fielen ein.
    Auf einmal erschienen Kpfe von auen an den Fenstern des Schlafsaales. Die
Burschen waren es, die mit Hilfe der Dachrinne und eines Simses da hinauf
geklettert waren. Die Mdchen stoben schreiend auseinander. Nur Ernestine fand
Geistesgegenwart genug, die Fenster schnell zu schlieen und zu verriegeln.
Hschke und seine Kumpanen stiegen, nachdem sie genugsam Grimassen geschnitten
und sich an den Schrecken, den sie eingejagt, geweidet hatten, wieder zum
Erdboden hinab.
    Nach dieser Heldentat legten sie sich von neuem auf den Rasen, rauchten ihre
Pfeifen, die Hnde unter dem Kopf, die Beine bereinander geschlagen und lieen
sich von der Sonne bescheinen, deren Strahlen an der kalkgetnchten Wand
abprallten. Auf einmal wurden die Faulenzer von wohlgezielten Wasserstrahlen
getroffen. Schreiend und sprudelnd sprangen sie auf und konnten ber sich gerade
noch die lachenden Mdchen verschwinden sehen.
    So gab es noch mancherlei Kurzweil und Schabernack an diesem Nachmittage.
Man hatte sich nun einmal in ein Unternehmen eingelassen, dessen Ausgang
zweifelhaft war; und in verwegenem Galgenhumor meinte man, da es auf ein paar
Dummheiten mehr oder weniger nicht ankomme.
    Einer war, dem sehr wenig nach Lachen und Scherzen zumute war: Gustav. Das
junge Volk hatte nichts zu verlieren; die waren ohne Verantwortung. Was
bedeutete es ihnen, wenn sie brotlos wurden? Aber er, der fr Weib und Kind zu
denken und zu sorgen hatte! -
    Gegen Abend lie der Inspektor sagen, er wnsche mit dem Aufseher zu
sprechen. Gustav begab sich hinber. Hschke legte ihm noch ans Herz, er solle
die Ohren steif halten und auf keinen Fall klein beigeben.
    Der Inspektor empfing den Aufseher auf ganz andere Weise als zu Mittag. Von
der hochfahrenden Miene war nichts mehr zu sehen, sein Ton war wesentlich
freundlicher, er bot Gustav sogar einen Stuhl an, was noch nie bisher
vorgekommen war.
    Kein Zweifel, der Ausstand der Wanderarbeiter kam ihm uerst ungelegen. Man
hatte auf den ausgedehnten Besitzungen des Herrn Hallstdt noch mehrere
Abteilungen von Sachsengngern in Lohn; wenn nun der Ausstand zu den anderen
Gruppen bersprang! Jetzt, wo gerade die Ernte auf dem Felde stand und geborgen
sein wollte! Wo sollte er denn jetzt andere Leute herbekommen? Ringsum herrschte
Arbeiternot.
    Der Inspektor verlangte von Gustav, er mge noch einmal auseinandersetzen,
was die Leute eigentlich wollten; mittags habe er es nicht ganz verstanden.
    Der Aufseher wiederholte seine Forderungen.
    Der Inspektor kratzte sich hinter dem Ohr. Wenn's nach ihm gehe, sagte er,
wrden die Arbeiter alles bewilligt bekommen, was sie verlangten; aber Herr
Hallstdt habe sehr bestimmte Ansichten und auf eine Bezahlung der berstunden
im Tagelohn werde er niemals eingehen.
    Gustav meinte, dann knne er ja mal zu Herrn Hallstdt nach Welzleben gehen.
    Aber davon wollte der Beamte durchaus nichts wissen. Er riet dringend davon
ab, ja er warnte davor. Der Aufseher wrde damit gar nichts erreichen. Herr
Hallstdt sei vllig unzugnglich und habe ein fr allemal verboten, da die
Arbeiter direkt mit ihm verhandelten.
    
    Sie sind ja ein vernnftiger Mann, Bttner! sagte der Inspektor. Treiben
Sie die Sache nicht auf die Spitze! Reden Sie mal mit Ihren Leuten. Sie haben ja
auch noch andere Mittel in der Hand. - Ich meine, als Aufseher haben Sie ja
schlielich groen Einflu. - Ich denke, wenn wir zweie einig sind, werden wir
mit der Gesellschaft schon fertig werden. Herrn Hallstdt wollen wir lieber
nicht erst einmischen, das htte keinen Zweck. - Also ich denke, wir sind einig!
- Ich werde auch dafr Sorge tragen, da Sie am Schlusse der Arbeitszeit eine
anstndige Gratifikation erhalten, Bttner! -
    Aber Gustav lie sich nicht so leicht kirren. Wenn er auch nicht so viel
Scharfblick besa, um sofort herauszufinden, wie schwach in Wahrheit die
Position des Gegners war, so bewahrte ihn doch seine Redlichkeit davor, auf
Vorschlge einzugehen, die ihm ntzten, aber seine Leute schdigten.
    Mit trotziger Zhigkeit, ein Erbteil seines Vaters, hielt er, ohne sich auf
die Redensarten des anderen einzulassen, an seiner Forderung fest. Alle Ungeduld
nutzte dem Inspektor nichts, seine Vorstellungen drangen in diesen harten
Bauernschdel nicht ein.
    So ging man auseinander, ohne da es zu einer Einigung, gekommen wre.
    Am nchsten Morgen schliefen die Streikenden aus. Whrend die Gespanne des
Vorwerks an der Kaserne vorberratterten, legten sie sich noch einmal gemtlich
aufs andere Ohr.
    Hschkekarl war in bermtigster Laune. Die Sache ging ausgezeichnet. Drben
auf dem Hofe hatte er in Erfahrung gebracht, da der Inspektor in grter
Schwulitt sei. Wer sollte ihm die Ernte einbringen? Das Getreide mute ja auf
dem Halme faulen, wenn die Hnde der Sachsengnger feierten. Hschke htte am
liebsten die Gelegenheit benutzt, um noch ganz andere Forderungen zu stellen.
Nur um Gottes willen nicht bescheiden sein! Den Arbeitgebern seine Bedingungen
diktieren! Der grobrodigen Gesellschaft mal zeigen, da der Arbeiter am Ende
des neunzehnten Jahrhunderts kein Fronknecht mehr sei. Es war Zeit, da der
kleine Mann seinen Vorteil wahrnahm; bisher hatten die Groen, die
Lerchenfresser, nur immer von allem das Fett abgeschpft.
    Aber derartige Ansinnen scheiterten an Gustavs mavollem Sinn. Er wollte
nichts haben, als was sie mit gutem Rechte fordern durften. Die politischen
Prinzipien, die sein Freund Hschke bei dieser Gelegenheit durchsetzen wollte,
lieen ihn kalt. Das waren gefhrliche Ideen, die jener auf der Landstrae
aufgelesen; von denen hielt man sich besser fern. Ohne es zu wissen, vertrat der
Bauernsohn die angeborene konservative Gesinnung des Landmannes dem vagierenden
Kinde der Strae gegenber, das in Pennen, Fabrikslen und Versammlungen sich
mit einer auf Umsturz gerichteten Anschauung erfllt hatte. -
    Noch im Laufe des Morgens erschien der Inspektor persnlich in der Kaserne.
Er verlangte den Aufseher nochmals zu sprechen.
    Die Verhandlung whrte diesmal nur kurze Zeit. Die Forderungen der Arbeiter
wurden bewilligt. Eine Stunde darauf schon hatten die Leute ihre Arbeit wieder
aufgenommen.

                                      IV.


Die Wanderarbeiter waren in der Weizenernte beschftigt. Das Feldstck gehrte
zu den Auenschlgen des Vorwerks und lag ziemlich weit von der Kaserne
entfernt. Der Aufseher hatte daher angeordnet, da mittags nicht heimgegangen
werde. Um das Essen fr die Leute aufs Feld zu bringen, wurde meist eines der
Mdchen entsandt. Heute war Ernestine daran.
    Als die Turmuhren der Nachbarschaft ihre zwlf Schlge taten, warf man die
Sensen hin. Jeder suchte sich ein Fleckchen im Straengraben. Dort ruhten sie,
die Mnner mit den Jacken unter dem Kopfe, die Mtzen ber dem Gesichte, zum
Schutze gegen die Augustsonne. Die Frauen mit bloen Armen und Fen, in ihren
bunten Kopftchern. So lagen sie im grellen Mittagslicht und warteten auf das
Mittagsbrot.
    Zum Reden hatte niemand Lust. Bleierne Schlfrigkeit lastete auf den
Ermatteten. Es war nichts Kleines, von frh um vier Uhr bis mittags, mit einer
Unterbrechung von nur einer halben Stunde, Getreide mhen, abraffen, binden und
aufstellen.
    Hschke hatte sich nicht mit in den Graben gelegt zu den anderen; unbemerkt
war er beiseite getreten. Erst langsamer, solange er im Gesichtsfelde der
Genossen war, dann mit weitausgreifenden Schritten, wie einer, der mit Eifer
einem ersehnten Ziele zustrebt, eilte er in der Richtung nach der Kaserne hinab.
    Nach einiger Zeit erblickte er die Gestalt, nach der er schon lange
ausgeschaut hatte: Ernestine, die in zwei Henkelkrben das Essen herantrug.
    Hschkekarl stie einen Freudenschrei aus und eilte ihr in langen Stzen auf
dem Feldwege entgegen.
    Sie hatte die Krbe niedergesetzt, sobald sie den brtigen Burschen auf sich
zukommen sah, erwartete ihn, die Hnde auf die Hften gestemmt. Erschreckt
schien sie nicht. Im Gegenteil! Sie lachte ber das ganze Gesichte, zeigte ihre
Perlenzhnchen. Er umfate sie, hob sie ein paarmal um und um und raubte ihr
einen Ku, ohne da sie, wie es den Anschein hatte, in solchem Verfahren etwas
Ungewohntes erblickt htte.
    Sie zupfte sich das rote Kopftuch zurecht, das ihr zurckgerutscht war, und
meinte dann, er solle ihr die Krbe tragen, sie habe sich nun genug damit
geschleppt. Hschkekarl war der letzte, um solch eine Bitte zu verweigern; aber
eigentlich htte er die Hnde lieber frei behalten.
    Sie setzten sich in Bewegung. Das Mdchen ging mit leichten Schritten vor
ihm her.
    Seine Augen verschlangen ihre Gestalt. Was machte es ihm, da ihre Fe
bestaubt waren, da ihr einfaches Kleid die Spuren der Feldarbeit an sich trug.
Sein Blick durchdrang die Hllen, erkannte das Weib, das er begehrte, so wie sie
war.
    Hschke, der Leichtfertige, hatte seine Meisterin gefunden.
    Um Ernestines willen war er in Halbenau geblieben, um ihretwillen hatte er
sich den Sachsengngern angeschlossen; nur um dieses Mdchens willen hatte er es
solange bei einer Beschftigung ausgehalten.
    Die kleine Ernestine war sich der Macht vollkommen bewut, die sie ber den
Mann ausbte. Trotz ihrer siebzehn verstand sie es, seine Wnsche im Zgel zu
halten. Er hatte das Ziel seines Verlangens noch nicht erreicht.
    Ernestine hatte stets ihren Kopf fr sich gehabt. Eine gewisse Selbstachtung
war ihr eigen, die sonst nicht ein hervorstechender Zug bei Landmdchen ist. So,
wie Toni, sich wegwerfen an den ersten besten, das sollte ihr nicht passieren! -
Sie hatte ihn gern, ganz gewi! Aber das uerte sich nur in einer Art munteren
Kameradschaftlichkeit. Auch in ihr steckte ein jungenhafter Zug wie in vielen
Mdchen, ehe die Frau zur Entfaltung gelangt ist. - Sie hatte bisher seinen
Antrgen gegenber die Besonnenheit nicht verloren.
    So gingen die beiden auf dem Feldwege hin. Sie kehrte sich gelegentlich
lachend nach ihm um. Es machte ihr Spa, ihn unter der unwillkommenen Last der
Krbe einherschreiten zu sehen.
    Ernestine hatte eine Gerstenhre aus dem Felde gerauft und kitzelte ihn
damit an der Nase, bis er niesen mute. Ehe er die Krbe niedergesetzt, war sie
schon zehn Schritte und mehr von ihm entfernt. Die Hitze war gro; er versprte
keine Lust zu einem Wettlaufe mit der Leichtfigen.
    Hschke machte gute Miene zum bsen Spiel und versuchte, whrend sie so
dahinschritten, ein Gesprch im Gange zu halten. Aber sie lachte nur zu allem,
was er sagte.
    So war sie nun! Wie ein Fisch: wenn er sie zu halten glaubte, entschlpfte
sie ihm glatt und geschmeidig. Eine harte Probe fr den Erfolggewhnten! -
    Schon einigemal hatte er sie eingeladen, Sonntags mit ihm nach Haderbaum
hinberzugehen zum Tanze. Ein Tnzchen in Ehren, was war da weiter dabei! Er
hatte den Vorschlag so harmlos wie nur mglich vorgebracht. Doch Ernestine war
nicht auf den Kopf gefallen. Sie tanzte fr ihr Leben gern; aber man wute
schon, da sich das Mannsvolk damit nicht begngte.
    Auch heute war all die Beredsamkeit, mit der Hschke ihr das Parkett, die
Militrmusik, die Getrnke und die sonstigen Gensse des Festes schilderte, an
sie verschwendet. Sie sagte nicht ja und nicht nein, kicherte nur und summte
sich ein Liedchen.
    Der Bursche kochte vor Wut. Er htte das Frauenzimmer auffressen mgen. Wenn
sie nur nicht so verdammt niedlich ausgesehen htte!
    Nicht weit vom Wege standen ein paar groe Roggenstrohfeimen, weit und breit
in der baumlosen Gegend sichtbar. In Hschkes Kopfe blitzte beim Anblick der
mchtigen Strohhaufen ein Gedanke auf.
    Stehen bleibend, meinte er, hier knne man sich ein wenig im Schatten
verschnaufen. Mit dem Mittagsbrot habe es keine solche Eile, die anderen wrden
ihnen nicht davonlaufen.
    Sie traten in den Schatten der Feimen. Er stellte die Krbe beiseite und
sagte: Hier is gut sein, Mdel! Damit umfate und kte er sie nach
Herzenslust.
    Sie lie sich das eine Weile lachend gefallen, dann aber setzte sie sich zur
Wehr. Er sollte sich mal seinen kratzigen Bart abnehmen lassen, meinte sie.
    Ich tu's glei, Ernstinel! sagte er, sie immer noch festhaltend und ihr
verliebt in die Augen blickend. Aber du mut mir och was zu Gefallen tun! -
    Was denne?
    Du weet schon!
    Du bist ein schlechter Kerl!
    's is nich schlecht, wenn man sich lieb hat.
    La mich!
    's sieht uns ja keen Mensch hier - Ernstinel!
    Sie wehrte ihn mehr mit ihrem khlen Blicke ab als mit ihren Hnden. Der
starke Bursche konnte nichts gegen das Mdchen ausrichten. Sie hatte keine Spur
von Furcht vor ihm. Er mute die Hnde von ihr lassen.
    Sie lachte ihn aus. Wie ein Strahl Wasser in eine hei lodernde Flamme
wirkte das auf seine Leidenschaft.
    Er warf sich ins Stroh, verzweifelnd, das Gesicht gegen den Boden, als wolle
er nichts mehr sehen.
    Das Mdchen stand neben dem Liegenden. Er sollte keine Faxen machen, meinte
sie; die anderen wrden sich wundern, wo sie blieben.
    Er sagte, zu den anderen werde er nicht mehr zurckkehren; er wollte
fortlaufen, sie sei zu schlecht gegen ihn. Er fand Tne echter Verzweiflung.
    Sie kniete neben ihn nieder und streichelte ihm den struppigen Kopf. Er
drehte ihr sein rotes Gesicht halb zu und schlang die Arme um sie.
    Er werde sich ein Leid antun, schwor er, wenn sie ihn nicht erhre.
    Was willst de denne? fragte sie, whrend er sie mit starkem Arme schon
halb zu sich herabgezogen hatte.
    Red' nich so dumm, Ernstinel! flsterte er ihr ins Ohr.
    Und damit lag sie nur noch halb widerstrebend neben ihm im Schatten der
Strohfeime.

                                     * * *

    Es gab unter den Wanderarbeitern mancherlei Streitigkeiten und Rnke, aber
auch Zuneigung und Eifersucht.
    Gustav, in seiner Stellung als Aufseher, bekam davon wenig zu merken. Die
Liebeleien, die es etwa unter den jungen Leuten geben mochte, wurden vor ihm
nach Mglichkeit verborgen.
    Die drei mnnlichen Arbeiter, die nach der Flucht des Polen noch da waren,
vertrugen sich untereinander leidlich. Hschke hatte durch Anlagen und Erfahrung
so sehr die Oberhand, da ein Aufkommen gegen ihn ausgeschlossen war. Welke, der
gewesene Stallbursche, war eine harmlos ehrliche Haut. Von den Mdchen wurde er
vielfach gehnselt. Er tat ihnen den Gefallen, verlegen zu werden und sich zu
rgern, was man bei seiner hellen Hautfarbe leicht am Rotwerden erkennen konnte.
Fumsack, der ehemalige Schmiedegeselle, war ein groer ungeschlachter Geselle,
stark wie ein Br, schwerfllig, wortkarg. Er war imstande, einen geschlagenen
Tag zuzubringen, ohne seinen Mund zu ffnen, auer zum Essen und Ghnen. Des
Nachts wute er sich um so entschiedener durch furchtbares Schnarchen Gehr zu
verschaffen. Fumsack hatte eine Liebschaft. Die Sache war schon lteren Datums.
Wahrscheinlich hatte er sich den Sachsengngern nur angeschlossen, um die
Geliebte zu bewachen. Eine Vorsicht, die in Anbetracht der auergewhnlichen
Hlichkeit seines Schatzes beinahe berflssig erscheinen konnte. brigens
machte sich dieses Verhltnis sehr wenig bemerkbar. Sie stickte ihm seine Sachen
und hob die Hlfte ihrer Lebensmittel fr den starken Esser auf. Darauf schienen
sich in der Woche die Beziehungen dieses Liebespaares zu beschrnken. Am
Sonntage fhrte er sie aus. Aber auch da schien der Verkehr nicht besonders
lebhaft. Man sah die beiden, wie sie hintereinander, er voran, dann sie auf
seiner Spur, langsam und wortlos durch die Getreidefelder zogen.
    Sonst schien es weiter keine Liebespaare zu geben. Welke hatte wohl hie und
da einen Versuch gemacht, sich ein Herz zu erobern. Aber er war nur ausgelacht
worden. Den Mdchen erschien er zu jung; noch keine Spur von Bart war bei diesem
Kieckindiewelt zu entdecken.
    Der weitaus Beliebteste und Begehrteste bei den Mdchen war Hschke. Aber er
lie sie zappeln, schien keiner seine besondere Aufmerksamkeit zuwenden zu
wollen.
    Der Aufseher war damit sehr zufrieden. Er kannte Hschken von der Garnison
her. Wenn einer Glck bei den Frauenzimmern gehabt, so war es dieser
Schwerenter gewesen. Da ihm die Rbenmdel nicht gut genug waren, wie es
schien, war ein Glck; man htte sonst nur Abenteuer erlebt.
    briges schien sich Hschkekarl anderwrts schadlos zu halten. Der Aufseher
fand eines Nachts beim Revidieren des Mnnerschlafsaales Hschkes Bett leer. Er
tat, als habe er nichts gesehen. Recht gut, da dieser glnzende Kater auer dem
Hause auf Liebespfaden schweifte! -
    Gustav Bttner, der sich fr gewhnlich eines gesunden und festen Schlafes
erfreute, lag whrend einer hellen Mondnacht ausnahmsweise wach im Bette. Der
Junge war laut gewesen, und der Vater hatte Paulinen helfen mssen, das Kind zu
beruhigen; darber hatte er nicht wieder einschlafen knnen.
    Whrend er so dalag, vernahm er an der Hauswand ein Gerusch, das ihn
stutzen machte. Er setzte sich im Bette auf und lauschte hinaus. Es klang wie
ein Hinabschrfen an der Mauer, dann ein Stapfen auf dem Erdboden; aber alles
nur gedmpft, kaum vernehmbar.
    Gustav dachte sofort an Hschke. Der Vagabund stieg wohl aus! Dann war es
vielleicht besser, man untersuchte die Sache gar nicht erst, um nicht eingreifen
zu mssen.
    Jetzt neues undeutliches Gerusch! Leichtes Rtteln, und Knarren! Aber
diesmal kam es von einer anderen Stelle, mehr aus der Richtung, wo die Mdchen
schliefen.
    Die Wohnung des Aufsehers war so gelegen, da sie die Schlafzimmer der
Burschen und Mdchen trennte. Eine Verbindung mit dem brigen Hause fand fr die
Mdchen nur durch die Aufseherwohnung statt. Das war alles von dem Erbauer sehr
klug erdacht. -
    Gustav erhob sich, schlich in gebckter Haltung ans Fenster. Drauen lag die
Landschaft wie am Tage, im Vollmondlicht. Trotzdem konnte er zunchst nichts
Verdchtiges erkennen. Erst als er sich so weit aufgerichtet hatte, da er durch
das Fenster den Streifen Rasen dicht am Hause zu berblicken vermochte, sah er
dort eine mnnliche Gestalt. Der Bursche arbeitete mit gebeugtem Rcken,
wuchtete, schien etwas im Boden zu befestigen. Dann erhob er sich pltzlich und
blickte am Hause in die Hhe.
    Jetzt, wo das Mondlicht hell auf seinem Gesichte lag, erkannte ihn Gustav
deutlich: es war Hschke.
    Er schien mit jemandem im ersten Stock in Unterhandlung zu stehen; denn er
machte Zeichen mit der Hand nach aufwrts.
    Der Aufseher war im hchsten Grade gespannt, was nun weiter erfolgen werde.
Er drckte sein Gesicht ganz an die Scheiben. Jetzt erkannte er, an der Mauer
hngend, einen Gegenstand wie einen Strick, dessen unteres Ende Hschke in der
Hand hielt.
    Eine Strickleiter! Der Halunke wollte einsteigen! - Dem Aufseher scho das
Blut zu Kopfe. Das waren Streiche, wie man sie wohl im Manver ausgefhrt hatte.
Bei Nacht in die Mgdekammer, wenn der Bauer am Abend zuvor den Schlssel dazu
abgezogen hatte. Gustav hatte mal mit Hschke zusammen auf einem Gutshofe
gelegen, wo der Inspektor besonders streng war. Wie zu den Mgden kommen? Da
hatte Hschke, der nie um ein Mittel verlegen war, die Khe im Stall
losgebunden, da mitten in der Nacht alles brllend im Hofe herumlief. Der
Inspektor in seiner Not holte selbst die Mgde herbei zum Anbinden des Viehes.
Whrenddessen waren Hschke und Gustav in die Kammer gelangt, hatten sich da gut
versteckt. Nun waren sie da, wo sie sein wollten. -
    Whrend Gustav an diesen wohlgelungenen Streich aus einer vergangenen Zeit
zurckdachte, stieg ihm gleichzeitig der rger auf, da Hschke es nun
versuchte, ihn zu hintergehen. Das ging doch wirklich zu weit! Der Aufseher
beschlo, dem Burschen einmal grndlich aufs Dach zu steigen.
    Er wollte nur warten und zusehen, was jener noch weiter angeben werde. Bei
der Gelegenheit wrde man vielleicht auch herausbekommen, wer die eigentlich
sei, der seine Zeichen galten.
    Da auf einmal erschien in Gustavs Gesichtsfelde eine neue Gestalt. Gegen die
helle Hauswand hob sich ein schmaler Schattenri ab. Erst sah es aus, als
schwebe die Gestalt in der Luft, dann erkannte man, da sie sich vorsichtig an
den Stricken zum Boden hinablie.
    Der Aufseher wollte seinen Augen nicht trauen. Das war ... ja, wahrhaftiger
Gott! das war seine eigene Schwester! -
    Gustav war so bestrzt, da er zunchst gar nichts tat. Wie festgebannt
harrte er auf seinem Platze aus. Ernestine und Hschke! - War denn das zu
glauben! Ernestine, die er kaum als etwas anderes angesehen als ein Kind. - Und
Hschke! -
    Er sah sie behende an der Strickleiter hinabklettern. Jetzt schwebte sie
frei ber dem Boden, lie los, der Mann fing sie auf in seine ausgebreiteten
Arme, trug sie ein paar Schritte fort, ehe er sie frei gab. Gustav konnte
deutlich ein Kichern von unten vernehmen.
    Der Bruder starrte regungslos auf die beiden. Da er das nicht zeitiger
gemerkt hatte! Merkwrdigerweise bildete das zunchst sein grtes rgernis.
Hchstwahrscheinlich war es eine alte Geschichte, stammte womglich schon von
Halbenau her. Die beiden trieben es schon lange hinter seinem Rcken. Und er
hatte nichts gemerkt! Das erboste ihn geradezu. - Denen wollte er den Spa
versalzen, und das gehrig!
    Und nun mute er sehen, wie sie sich im Mondschein umarmten und kten.
Ernestine warf dem brtigen Hschke die Arme um den Nacken und drckte sich an
ihn. Das kleine Ding schien sich auf die Kunst zu verstehen! Wie sie
schnbelten. - Hol' sie der Teufel! -
    Gustavs Gefhle waren uerst geteilte und verwirrte. So etwas wie
Eifersucht regte sich bei ihm. Dann stiegen aus der Ferne Erinnerungen an
verbotenes Liebesglck auf. Was die da unten taten, war ja so begreiflich!
    Aber auch der Bruder regte sich in Gustav. Hatte er nicht fr seine
Schwester einzustehen? - Sie war kaum siebzehn Jahre alt, und Hschke war ein
alter Snder! Hol' sie der Teufel alle beide! Sie hatten ihn schn an der Nase
herumgefhrt! Lachten wohl - gar da unten ber seine Dummheit und machten ihm
lange Nasen womglich!
    Er sah die beiden jetzt Arm in Arm den Weg nach den Feldern einschlagen.
    Jetzt war es hchste Zeit, etwas zu tun! Gustav erwachte aus seiner
Erstarrung. Er warf sich schnell ein paar Sachen ber und fuhr in die Stiefeln.
Darber erwachte Pauline.
    Sie fragte ihn, wohin er wolle, jetzt mitten in der Nacht? Gustav antwortete
ihr in barschem Tone, da jemand ausgestiegen sei. Mit erschreckter Miene fragte
sie: wer?
    Er wollte ihr nicht sagen, da es Ernestine sei, aus einer Art von
Schamgefhl fr seine Schwester. Er habe das Mdchen nicht genau erkennen
knnen, sagte er, aber Hschke sei dabei gewesen.
    Pauline hatte Licht gemacht. Sie stand vor ihm. In ihren Zgen spiegelten
sich Bestrzung und Angst. Sie bat ihn zu bleiben, versuchte es sogar, ihn zu
halten. Er stie sie von sich. Es sei seine Pflicht als Aufseher, so etwas nicht
durchzulassen, sagte er rauh. Damit ging er. Sie lief ihm nach bis zur Tr. Tu
ock 'n Ernstinel nischt ne! das waren die letzten Worte, die er hrte.
    Er lief die Treppe hinab. Die Haustr war nur angelehnt. Dabei war der
Aufseher der einzige, der einen Hausschlssel fhrte, und er hatte am Abend
abgeschlossen. Aber natrlich, Hschke hatte da mit dem Nachschlssel
gearbeitet! Alle hintergingen ihn. Seine eigene Frau wute von der Liebschaft. -
    Namenlose Wut berkam ihn. Wenn er die beiden jetzt traf! ... Er strmte
blindlings in der Richtung vorwrts, wo er sie hatte verschwinden sehen. Aber er
hatte zuviel Zeit vertrdelt; sie waren bereits verschwunden. Trotz der
tageshellen Beleuchtung konnte er das Paar nirgends entdecken. Er nahm auf gut
Glck einen Feldweg an, auf dem er sie vermutete.
    Er htte es sehen mssen, lngst! Sogar Pauline wute ja darum, schien sogar
unter einer Decke mit den beiden zu stecken; das wurmte ihn am meisten. Wer
wei, wer da alles noch eingeweiht war! Er war der einzige, der nichts gemerkt
hatte, er war der Dumme! - Ein schner Aufseher war er! - Wo hatte er denn seine
Augen gehabt?
    Er strmte auf dem Feldwege immer weiter. Bei einer Wegekreuzung wurde er
zum Stillstehen und berlegen gezwungen. Er mute sich sagen, da er der beiden
auf diese Weise schwerlich habhaft werden wrde. Wo konnten sie hin sein? Er
sann nach. Wo gab es denn in dieser Gegend ein passendes Versteck? - Halt, das
war's: der Schuppen! - Dort waren sie und nirgends anders! Da ihm das nicht
gleich eingefallen war!
    Der Schuppen war ein alter, bauflliger Kasten, mitten im Felde gelegen. Er
diente dazu, allerhand Ackergerte zu bergen und den Feldarbeitern, wenn sie
pltzlich vom Unwetter berrascht wurden, Obdach zu gewhren.
    Gustav war seiner Sache sicher. Er glaubte bestimmt, die beiden dort
anzutreffen und spornte seine Schritte zur grten Eile an. Bald lag der
Schuppen vor ihm, hell vom Mondlicht beleuchtet; ungesehen heranzukommen, war
unmglich.
    Er war nur noch wenige Schritte von dem Gebude entfernt, als sich die Tr
ffnete. Ein brtiger Kopf erschien fr einen Augenblick und fuhr blitzschnell
zurck.
    
    Mit einem Satze war der Aufseher an der Tr und wollte sie aufreien. Er
stie auf Widerstand. Von drinnen wurde zugehalten. Gustav legte sich gegen die
Tr. Umsonst! Er rief: Man solle ihm aufmachen. Drinnen wurde geflstert, aber
eine Antwort kam nicht, und geffnet wurde auch nicht.
    Da berkam ihn der Zorn. Er trat einige Schritte zurck, nahm Anlauf, warf
sich mit der ganzen Wucht seines Krpers gegen die Tr. Die Haspen sprangen aus
dem dnnen Mauerwerk, das morsche Holz barst, die ganze Tr fiel in Stcken
zusammen. Der Aufseher war im Schuppen.
    Die drei Menschen standen einander gegenber, keuchend, die Mnner
kampfbereit, jeder den Angriff des anderen erwartend, das Mdchen erschrocken
sich an den Geliebten klammernd.
    Es kam auf eine Kleinigkeit an, und hier wre Blut geflossen. Gustav befand
sich in wilder Erregung. Eine drohende Bewegung des Gegners, ein Wort des
Widerspruchs, und er htte zugeschlagen.
    Aber Hschke, der die Lage schnell erkannte, htete sich wohl, den anderen
zu reizen. Mit Ernestinens Bruder in Frieden auszukommen, war jedenfalls
rtlicher, als es auf einen Kampf ankommen zu lassen. Er lie Kopf und Arme
sinken, stand vor dem Aufseher mit der Miene des ertappten Snders.
    Der Schlaukopf hatte richtig gerechnet; Gustav war durch die nachgiebige
Haltung entwaffnet.
    Aber irgendetwas mute geschehen, das fhlte Gustav deutlich. Er fing an zu
fluchen; die beiden standen wie unter einem Hagel. Der Geist seines Vaters war
ber den jungen Menschen gekommen; er stie Schimpfreden und Flche aus, die er
als Kind wie oft aus dem Munde des Alten vernommen hatte.
    Das Mdchen fand zuerst Worte der Erwiderung. Sie wren nicht schlecht, und
sie htten nichts Bses getan; sie seien ordentliche Liebesleute. - Die Worte
flossen dem kleinen Dinge auf einmal uerst beredt, von den Lippen. Hschke
brauchte gar nichts zu sagen; er hrte mit Staunen, wie sie seine eigenen
Grnde, die sie noch vor kurzem bestritten, jetzt mit Eifer gegen den Bruder ins
Feld fhrte. Wie schnell diese Frauenzimmer lernten! -
    Gustav rief ihr zu, sie sei ein dummes Mdel! und die Liebesgedanken werde
er ihr schon austreiben.
    Die Schwester lachte ihm ins Gesicht. Kein Mensch knne ihnen verbieten,
sich lieb zu haben; am wenigsten er; er habe es ihnen ja vorgemacht.
    Gustav war starr ber die Unverfrorenheit des siebzehnjhrigen Dinges. Er
fhlte, da er mit solchem Mundwerke schwerlich fertig werden wrde. Ohne sich
auf eine Widerlegung einzulassen, schrie er sie an: Jetzt kommst du mit mir!
Marsch! Ich wer' dich ... Damit nahm er sie am Arme und fhrte sie zur Tr wie
eine Gefangene. Hschke folgte. So schlugen sie den Heimweg an.
    La mich ack gihn, Gustav! sagte Ernestine nach einiger Zeit; der Bruder
hielt ihr Handgelenk in seine Faust gepret wie in einem Schraubstock. Ich lof'
der nich dervon. Ich ha' ja nischt Unrechts nich getan!
    Er lie ihren Arm fahren. Sie schritten weiter nebeneinander her. Gesprochen
wurde lange Zeit nichts zwischen den dreien.
    Gustavs Zorn war lngst verraucht. Die natrliche Gutmtigkeit hatte die
Oberhand gewonnen. War es denn wirklich so schlimm, was die beiden getan hatten?
    Hschke mochte etwas von der Wandlung ahnen, die in dem Sinne des anderen
vor sich gegangen. Er nahm das Wort, erklrte, da er Ernestinens Brutigam sei,
und da sie sich heiraten wollten.
    Gustav meinte darauf nur: Das kenne er schon! Wer wei, wie vielen Mdeln
Hschke bereits die Ehe versprochen habe. Er msse doch verrckt sein, wenn er
seine Schwester einem solchen Vagabunden zum Weibe gebe.
    Man war inzwischen in die Nhe der Kaserne gekommen. Mglichst geruschlos
stiegen sie die Treppe hinauf. Hschke schlich sich in die Mnnerkammer. Gustav
nahm die Schwester mit sich in die Aufseherwohnung. Dort wartete ihrer Pauline
mit besorgter Miene.
    Der Aufseher war unwirsch, er gab seiner Frau keine Antwort auf ihre Fragen.
    Die beiden Frauen wechselten einen Blick des Einverstndnisses, den der Mann
nicht bemerkte.

                                     * * *

    Die Verstimmung dauerte ein paar Tage; Gustav sprach nicht mit Hschke, die
Schwester behandelte er wie die schlechteste seiner Arbeiterinnen. Des Nachts
stand er zwei-, dreimal auf, untersuchte den Mnnerschlafsaal, horchte an der
Tr der Mdchen.
    Am meisten hatte Pauline unter seiner Laune zu leiden. Sie sei mit den
beiden im Bunde, behauptete er. Von irgendwelchen Erklrungen und
Entschuldigungen wollte er nichts wissen. Wenn man ihm sagte, Hschke meine es
ehrlich und werde Ernestinen heiraten, bekam er einen roten Kopf und schrie die
Leute an: Er kenne Hschkekarln, er habe drei Jahre mit ihm gedient; auf
weiteres lie er sich nicht ein.
    Mitten in diese Erregung fiel ein Brief aus der Heimat von Frau Katschner an
Pauline.
    Die Witwe schrieb:

            Liebe Tochter!

        Ich ergreife die Feder, um Dir zu schreiben. Hier ist es jetzt sehr
        einsam ohne Euch und gehen allerhand Dinge vor sich. Die gndige
        Herrschaft aus Berlin sind wieder auf dem Schlosse mit den gndigen
        Kontessen und Frulein Bumille habe ich auch besucht und lt Dich schn
        gren. Kontesse Wanda ist nun richtig versprochen mit ihrem Brutigam
        neulich ist er auch schon in Saland gewesen bei ihr. Er ist ein kleiner
        Mann der Brutigam, die Wanda ist nicht hbsch mit ihm, sagt Frulein
        Bumille, wir freuen uns aber sehr da es ein Prinz ist. Die Hochzeit
        soll allerdings groartig und sehr fein werden, sagt Frulein Bumille,
        mit Essen und Trinken natrlich da soll nichts abgehen und Herrschaften
        aus Berlin und die hohen prinzlichen Verwandten und Freundschaft. Wir
        werden da etwas zu sehen bekommen und das ganze Dorf wartet schon darauf
        im Herbst soll es sein. Nun mu ich Dir noch etwas anderes sagen,
        nmlich dem Traugott Bttner haben sie doch den Hof weggenommen und das
        ganze Gut, was die Glubiger sind. Und die alten Leute sind nun ganz
        alleine, weil da doch die Toni weg is, nach Berlin sagen sie, aber kein
        Mensch wei was von der Toni schreiben thut se nich. Die Leute reden
        alles Mgliche! Ihren kleinen Jungen hat sie zur Therese gegeben was
        auch nich schn is die Leute haben sich alle gewundert. Karl und Therese
        sind nmlich jetzt in Wrmsbach, die haben's doch auch nicht dazu. Den
        alten Leuten natrlich geht es gar nich gut Traugott Bttner is so
        stille und simeliert in einer Dur die Leute sagen es wre nicht richtig
        mit ihm, sprechen sie. Allerdings hat er viel Kummer und Herzeleid
        erlebt und rgern hat er sich auch sehr mssen. Die Buerin ist sehr
        geringe geworden, so geringe, wie die Frau is! Ich sagte ber
        Buschlobeln am Sonntag sagte ich: Die lscht aus wie ein Licht, habe ich
        gesagt. Sie hat schon das Wasser in den Beinen und zu beien und zu
        brechen haben sie allerdings mich nichts auf dem Bauerngute, weil ihnen
        doch Herr Harrassowitz alles weggepfndt hat. berhaupt die Ochsen hat
        der auch weggenommen, das kannst Du Gustaven sagen. Die Not ist gro
        wenn nicht gute Menschen helfen, wissen wir nicht was der liebe Gott
        noch verhngen mag ber die armen Menschenkinder. Die Bttners was die
        alten Leute sind waren doch immer so fleiige und ordentliche Leute, das
        sagt ein jeds und nu sowas zu erleben! Die Leute sagen auch hier im
        Dorfe, da sich Kaschelernst schmen mte denn der soll doch blo den
        Bauern reingebracht haben und kein anderer. Ich schliee hiermit und
        wnsche da es Euch immerdar gut gehen mge und alle gesund bleiben wie
        es mir auch geht
                        Deine liebe Mutter
                                                          Clementine Katschner.

    Der Brief machte Eindruck auf alle, die ihn lasen. Die Nachrichten aus der
Heimat waren sprlich geflossen. Der Bttnerbauer nahm die Feder ungern zur
Hand, zu allerletzt gewi zu einem Briefe.
    So hatte man denn von den wichtigen Ereignissen der letzten Zeit hchstens
von weitem etwas vernommen durch Briefe, die an andere Sachsengnger aus der
gemeinsamen Heimat kamen.
    Gustav hatte sich viel mit geheimen Sorgen um den Vater und seine
Angelegenheiten getragen. Die letzten Ereignisse waren von ihm ja vorausgesehen
worden. Aber nun kam die schwere Erkrankung der Mutter noch zu allem Jammer
hinzu.
    Der Vater um Haus und Hof gebracht! Die alten Leute gnzlich allein in ihrer
Not! - Es war ein Elend, wie es grer nicht sein konnte!
    Frau Katschners beredter Brief machte die Runde bei den Familienmitgliedern.
Man sprach ber die Vorgnge in der Heimat und beriet, was geschehen solle. So
wurden die Zwistigkeiten, die eben noch geherrscht hatten, in den Hintergrund
gerckt.
    Man kam zu dem Schlusse, da es das beste sei, den Eltern eine Summe Geldes
zu schicken. Sie legten zusammen von ihren Ersparnissen. Auch Hschkekarl bat,
beisteuern zu drfen. Sein Geldstck wurde nicht abgewiesen.
    Gustav erlebte noch eine besondere Genugtuung: Als unter den Mdchen bekannt
geworden war, wie schlecht es den Eltern ihres Aufsehers gehe, sammelten auch
sie, ganz im stillen, unter sich und brachten ihm eines Tages ein ganz
stattliches Smmchen, das er mit nach Halbenau an die alten Leute schicken mge.
    Eine Vershnung fand nicht statt zwischen Gustav und Hschke. Aber mit der
Zeit sprach der Aufseher doch wieder mit dem Geliebten seiner Schwester.

                                       V.


Die Bttnerbuerin war gestorben. In den letzten Tagen hatte sie ber
unertrglichen Frost geklagt; der Bauer mute des Nachts bei ihr liegen, um die
Erkaltende zu wrmen.
    Eines Mittags, als der Bauer vom Felde zurckkehrte, fand er sie auf dem
Gesichte liegend, mit ausgebreiteten Armen. Er fate sie an; sie war kalt.
Mehrere Stunden mochte sie wohl schon so gelegen haben. Keine Spur von
Lebenswrme war mehr an dem steifen Krper zu entdecken. Die eine Gesichtsseite
hatte sich blulich verfrbt.
    Der alte Mann stand wie erstarrt vor der Leiche seiner Lebensgefhrtin. Er
warf sich nicht ber die Tote, liebkoste nicht die leblose Hlle. Und doch hatte
er sie geliebt mit echter, starker Liebe. Wie im Leben, hielt sie auch dem Tode
gegenber sein Gefhl fern von berschwang. Es hatte Tage gegeben, wo die Gatten
kaum ein Wort miteinander gewechselt. Wochen und Monde waren vergangen ohne Ku
und Umarmung. Harte Worte von seiten des Mannes, Trnen auf seiten der Frau
waren nichts Seltenes gewesen. Und doch hatte innige Treue die beiden Menschen
verbunden wie ein unsichtbares Band. Unter rauhen Formen wurde diese Liebe
gewahrt, als etwas Stilles und Keusches, von dem man nicht viel Aufhebens macht,
weil es so selbstverstndlich war.
    Der Bauer blieb sich treu in seiner schlichten Gesinnung fr die
Lebensgefhrtin bis zum letzten. Keine Klage, kein Haarausraufen, als er jetzt
vor ihrer Leiche stand. Ein tiefer Seufzer und ein paar Trnen, die ihm ber die
Wangen liefen, ohne da er es recht wute; das war alles.
    Dann machte er sich daran, fr die Entschlafene zu tun, was noch fr sie
getan werden konnte. Er drckte ihr die Augenlider herab, hob den schweren
Krper aus dem Bette, reinigte die Leiche und kleidete sie in ein frisches Hemd.
Alles, ohne eine Spur von Grauen vor der greifbaren Nhe des Todes zu empfinden.
Dann ging er ins Dorf, meldete den Tod beim Standesbeamten an, bestellte den
Sarg und besprach im Pfarrhaus den Tag der Beerdigung mit dem Geistlichen.
    Der Leichenzug fiel ber Erwarten stattlich aus, jung und alt beteiligte
sich, Krnze waren gespendet worden, aus freien Stcken trug ein Gesangverein
eine Arie am offenen Grabe vor.
    Es zeigte sich, da die Bttnersche Familie doch noch manchen Freund besa
in Halbenau. Es kam in dieser aufflligen Teilnahme etwas wie Demonstration zum
Ausdruck. Das Schicksal des Bttnerschen Bauerngutes hatte Aufsehen erregt und
manchen, der auf berschuldeten Grund und Boden sa, mit Bangen erfllt, da es
ihm frher oder spter auch so ergehen mge. Am Bieten hatte man sich zwar
eifrig beteiligt, als das Bauerngut zerkleinert wurde; aber es gab doch nur
wenig Leute in Halbenau, die nicht in ihrem Herzen fr den bankerotten Bauern
gewesen wren, gegen seine Ausbeuter. Dieses Gefhl, das sich offen nicht
hervorwagte, machte sich in Ehrenerweisungen fr die verstorbene Buerin Luft.
    Man war gespannt, ob Kaschelernst zur Beerdigung erscheinen werde. Aber der
schlaue Kretschamwirt mochte etwas von der Stimmung, welche im Dorfe herrschte,
gewittert haben; er kam nicht. Er hatte Ottilie entsendet, die einen Kranz auf
den Sarg legen mute.
    Hinter dem Sarge schritt der Witwer, neben ihm Therese und Karl. Das war
alles, was von der ehemals zahlreichen und angesehenen Bttnerschen Familie
jetzt noch in dieser Gegend brig war.
    Der Pfarrer lie sich die Gelegenheit nicht entgehen, die Herzen zu rhren.
Er war ein alter Praktikus, und wute, da auergewhnliche Unglcksflle nahezu
die einzige Gelegenheit sind, wo man den harten Bauerngemtern beikommen kann.
    Karl Bttner schluchzte wie ein kleines Kind. Bei dem alten Manne schien der
Trnenquell versiegt zu sein. Der Geistliche sprach von ihm als von einem, mit
dem Gott der Herr besondere Dinge vorhaben msse, da er ihm so harte Prfung
auferlege, wie einstmals dem Hiob. Wenn er aber dem unerforschlichen Ratschlusse
des Herrn stille halte, werde er auch wieder zu Ehren gebracht werden wie dieser
Knecht Gottes. -
    Die letzten Tage der Buerin waren nicht ohne jeden Sonnenblick gewesen; von
den Kindern aus der Fremde war Geld gekommen und Briefe. Fast zur nmlichen Zeit
hatte auch Toni, die bisher wie verschollen gewesen, wieder einmal geschrieben
und gleichfalls Geld geschickt.
    Was Toni schrieb, war zum Teil nicht recht verstndlich; die Schreibkunst
war nie dieses Mdchens starke Seite gewesen. Sie wre nicht mehr Amme, teilte
sie mit. Welcher Art ihre Lebensstellung sei, war nicht gesagt. Aber sie mute
doch wohl ihr Auskommen haben, sonst wrde sie nicht haben so viel abgeben
knnen. Fr ihr Kind, das bei Theresen untergebracht war, schickte sie auch
etwas mit.
    Nachdem das Begrbnis vorber war, kehrte alles schnell in die alten Gleise
zurck. uerlich merkte man kaum, da eine Lcke entstanden war.
    Der Bauer ging Tag fr Tag seiner gewohnten Arbeit nach. Er mute alles in
allem sein; zur Feldbestellung kam jetzt auch noch die husliche Arbeit. Der
Ersparnisse halber machte er nur noch einmal am Tage Feuer. Er nhrte sich
schlechter als das Vieh, lebte von altem Brot, das er trocken verzehrte, und
kalten Kartoffeln. Fast nie kam ein herzhafter Bissen auf seinen Tisch.
    Dabei arbeitete der alte Mann angestrengter denn je. Es war, als ob er
irgendetwas in sich betuben wolle durch die Anstrengung.
    Mitten in der Nacht stand er manchmal auf, wenn man kaum die Hand vor den
Augen sehen konnte, zog sich an, nahm Hacke, Sense oder ein anderes Werkzeug auf
die Schulter und ging damit aufs Feld hinaus.
    Es litt ihn nicht daheim; ohne Menschen war das Haus wie eine Totenkammer.
Er war gewi nicht furchtsam von Natur, hatte sich niemals vor Gespenstern
gefrchtet; aber jetzt berkam es ihn manchmal wie Grauen. Die Erinnerung an
vergangene bessere Zeiten sprach aus jedem Winkel. Die Gedanken an das, was
gewesen, was nie wiederkehren konnte, waren die Gespenster, die hier umgingen.
Vor dem, was sein eigenes Hirn ausbrtete: den Vorwrfen, den betrogenen
Hoffnungen, den Selbstanklagen, floh der alte Mann. Er rannte hinaus auf den
Acker wie ein Besessener, hackte, whlte dort, als wolle er etwas einscharren,
etwas, das er verbergen mute vor den eigenen Augen.
    Bei solchem Hundeleben verfiel der Krper des Greises mehr und mehr; er war
nur noch ein Skelett. Das Haar stand ihm in langen, grauen Strhnen um den Kopf.
Sich den Bart abzunehmen, lohnte nicht mehr. Die nchste Folge davon war, da er
Sonntags nicht mehr in die Kirche kam. Denn unrasiert sich in der Kirchfahrt
blicken lassen, war fr einen Halbenauer undenkbar.
    Bald fhrte er ein vollstndiges Einsiedlerleben. Die einzigen lebenden
Wesen, mit denen er noch etwas zu tun hatte, waren die beiden Khe, die
Harrassowitz auf dem Hofe gelassen hatte. Menschliche Gesichter wollte er so
wenig wie mglich sehen. Er hatte wohl das dumpfe Gefhl, hervorgewachsen aus
der eigensten Erfahrung, da die grte Unbill, das schwerste Unrecht dem
Menschen nur vom Menschen zugefgt wird. - Er hate seinesgleichen und hielt
sich von jeder Berhrung mit dem feindlichen Geschlechte fern. Bot ihm jemand
einen Gru, dann stellte er sich taub. Und wer ihn etwa anredete, konnte
erleben, da er, statt Antwort zu erhalten, den Rcken des Alten zu sehen bekam.
    Was eigentlich in der Seele dieses Mannes vorgehe, wute niemand. Der Pastor
machte ihm einige Zeit nach dem Begrbnis der Buerin seinen Besuch, an einem
Sonntagnachmittag. Er fand den Bauern im Werkeltagskleide im Hofe mit einer
Arbeit beschftigt. Das wre in frheren Zeiten auch nicht passiert! - - Der
Pfarrer drckte ein Auge zu ber die Sonntagsarbeit und betrat mit dem Alten die
Wohnstube.
    Der Hirt verstand es, das Gesprch gar bald auf geistliches Gebiet
hinberzuleiten. Das Elend, in dem sich der ehemalige Gutsbesitzer jetzt befand,
gab dem Seelsorger Anla, auf die Nichtigkeit alles Irdischen hinzuweisen und
den Sinn auf die ewigen Gter zu richten. Der Geistliche erinnerte den Bauern
auch an sein Alter, und da er vielleicht bald vor einem Hheren werde Rechnung
ablegen mssen. Er fand bewegliche Worte, der Herr Pastor. -
    Der alte Mann sagte nicht ja und nicht nein dazu. Mit verdrossener Miene sa
er in seiner Ecke. Er schien das seelsorgerische Bemhen des Pfarrers als eine
Belstigung zu empfinden, in die man sich wohl oder bel schicken mute.
    Seine Religiositt war niemals ber eine uerliche Kirchlichkeit
hinausgekommen. Nun er nicht mehr zur Kirche ging, kam das Heidentum zum
Vorschein, das tief der Natur des deutschen Bauern steckt. Was kmmerten ihn die
berirdischen Dinge; von denen wute man nichts! Der Boden, auf dem er stand,
die Pflanzen, die er hervorbrachte, die Tiere, die er nhrte, der Himmel ber
ihm mit seinen Gestirnen, Wolken und Winden, das waren seine Gtter. Jene
anderen, morgenlndischen, hatten doch etwas mehr oder weniger Fremdartiges fr
ihn.
    Als der Geistliche schlielich von dem Bauern wegging, wute er nicht, ob er
Eindruck auf das Gemt des Mannes gemacht habe oder nicht.
    Einer anderen Persnlichkeit, die sich dem Alten nhern wollte, um ihn in
seiner Verlassenheit zu trsten, ging es nicht viel besser. Frau Katschner
erschien eines Tages auf dem Bttnerschen Hofe, ging ins Haus und guckte in alle
Zimmer. Da sie niemanden antraf, tat sie sich ein Gtchen im Durchschnffeln der
verwaisten Rumlichkeiten. Dann begab sie sich hinaus aufs Feld, wo sie den
Bauern alsbald beim Kleehauen traf.
    Er schien vllig vertieft in seine Arbeit. Ehe sie an ihn herantrat,
betrachtete sie ihn sich eine Weile voll Mitgefhl, das nicht frei war von
selbstischem Behagen. - Der rmste man sah ihm den Witwer recht an. In seinen
Beinkleidern war ein Loch, das man auf zwanzig Schritt leuchten sah. Er war
gewi recht unglcklich! Keine sorgende Pflege! Nun erfuhr er, was es hie:
ledig sein. -
    Die Witwe rusperte sich und suchte in ihr Guntagoch, Bttnerbauer! so
viel Freundlichkeit und Teilnahmegefhl zu legen, wie nur mglich. Kein
Gegengr kam, er sah nicht einmal auf von seiner Arbeit. Aber die Witwe
Katschner war nicht so leicht abzuschrecken - sie war sich ja ihres guten
Zweckes bewut - daher tat sie, als bemerke sie seine abweisende Haltung gar
nicht.
    Sie begann damit, zu berichten, da sie krzlich einen Brief von Paulinen
bekommen habe. Der Alte handhabte die Sense in gleichmig abgerundetem
Schwnge, als gbe es auf der Welt nichts als den Klee und ihn. Die Witwe, die
sich zu diesem Gange eine gute Schrze vorgebunden und ein neues Kopftuch
angelegt hatte, sah ihm zu. Das mute man sagen, er war immer noch ein krftiger
Mann trotz seiner Sechzig, aber frchterlich anzusehen mit seinem langen Haar
und den zollangen Stoppeln um den Mund. Ganz abgemagert war er und hohlugig. Er
hrmte sich gewi, sehnte sich nach einer mitleidigen Seele. Wahrscheinlich
hatte er nichts Ordentliches zu essen und keine Abwartung. Wahrlich, hier war es
die hchste Zeit, da eine Frau eingriff! -
    Sie entfaltete den Brief und fragte, ob er nichts von seinen Kindern in der
Fremde wissen wolle. Darauf hielt der Bauer im Hauen inne. Frau Katschner
entnahm daraus die Erlaubnis, vorzulesen.
    Der Brief enthielt Nachrichten ber das Ergehen der Sachsengnger. Am
Schlusse schrieb Pauline, da sie im Herbst alle nach Halbenau zurckkehren
wollten.
    Die Witwe faltete den Brief sorgfltig zusammen und steckte ihn ein. Dann
seufzte sie und wischte sich die Augen mit einem Zipfel ihrer blau und wei
gedruckten Schrze. Zu ju! sagte sie, 's is och gutt su! Wenn se ack bale
zuricke kimma wellten! 's is ne schiene uf der Welt so alleene - nee 's is och
ne schiene! Hier lie sie eine Pause eintreten, wohl fr jenen zum berlegen
des Gehrten. Dann mit besonderem Blicke auf den Mann: Ich ha' schon manch a
lieb's Mal bei mer gedacht, der Bttnerpauer mu es duch firchterlich eensam
han, ha'ch gedacht. Den mu duch ordentlich bange sen, ha'ch gedacht! - So
alleene, wie der is uf der Welt. - Is ne a su, Pauer?
    Statt der Antwort nahm der Alle die Sense wieder auf und fuhr fort, Klee zu
hauen, als sei niemand da.
    Frau Katschner mute endlich abziehen.
    Sie war ziemlich kleinlaut und im Innersten gekrnkt, da ihre gute Absicht,
den Einsamen zu trsten, auf so undankbaren Boden gefallen war.

                                     * * *

    Inzwischen neigte sich der Sommer seinem Ende zu. Die Ernte war eine
ungewhnlich reiche gewesen. Der Roggen hatte volle hren mit vielen und
schweren Krnern getragen, das Stroh war lang und reichlich, auch Hafer und
Kartoffeln versprachen guten Ertrag.
    Bittere Gefhle waren es, mit denen der alte Mann in diesem Jahre den
Erntesegen betrachtete. Wo er bestellt und geset hatte, ernteten andere.
Tglich fuhren jetzt die Wagen der kleinen Leute, die sich ein paar Morgen vom
Bttnerschen Gute erstanden hatten, durch den Bauernhof. Fr die vielen
Parzellen, die bei der Vereinzelung entstanden, war dies der einzige Abfuhrweg.
    Auch auf den Feldern, die sich Harrassowitz fr sich selbst zurckbehalten
hatte, standen schne Frchte. Es war von vornherein klar, da der ehemalige
Bttnerbauer die Ernte allein nicht werde bewltigen knnen. Eines Tages
erschienen denn auch Helfer.
    Sam hatte Leute aus dem Dorfe angenommen als Erntearbeiter. Darauf kamen
Leiterwagen, in denen die Garben abgefahren wurden, nach Wrmsbach, hie es, wo
der Hndler ja noch mehr Land besa. Dort stand eine Dreschmaschine, die ihm das
Korn ausdrasch. Das gedroschene Getreide wurde nach der Stadt gefahren in die
Speicher des Hndlers, das Stroh auf dem Felde in Feimen gesetzt.
    Das Haferhauen gab Sam in Akkord. Aber den Hafer lie er nicht wegschaffen,
der wurde in die Scheune gebanst. Der alte Bttner sollte ihn mit dem Gpel
ausdreschen; da war gleich fr eine Winterarbeit gesorgt.
    Mit den Hackfrchten verfuhr der Hndler noch einfacher. Das Hacken, Lesen
und Einmieten machte ihm viel zu viel Umstnde. Er verkaufte die einzelnen
Furchen meistbietend an die Dorfleute. Nur so viel Kraut, Rben und Kartoffeln
behielt er, wie fr das Vieh whrend des Winters unentbehrlich war.
    Diesem Manne schien jedes Unternehmen zu glcken. So etwas htte nur ein
Bauer versuchen sollen, der wre sicher zu Schaden und darber noch zu Spott
gekommen.
    Wenn Samuel Harrassowitz im Gasthof bekanntmachen lie, da Auktion sei, da
kamen alle gelaufen. Die bloe Tatsache, da Sam im Orte war, schien das Geld in
den Taschen locker zu machen.
    Er machte es den Leuten aber auch leicht; er war wirklich ein kulanter
Geschftsmann. Jede Art von Bezahlung nahm er an. War es nicht in Geld, dann in
Naturalien oder auch durch Abarbeiten. Unter Umstnden fand er sich auch bereit,
ein Stck Vieh an Zahlungs Statt anzunehmen. Das gab er dann womglich wieder
einem anderen, mit dem er in Geschftsverbindung stand, in den Stall. Und Kredit
gewhrte er auch jederzeit. Diese Eigenschaft wurde von den Landleuten besonders
an ihm geschtzt. Nur im uersten Notfalle klagte er einen Schuldner aus und
dann sicher nur einen, bei dem noch etwas zu holen war. Die Leute, die nichts
mehr besaen, lie er mit Zwangsvollstreckungen in Frieden. Die muten ihre
Schuld abarbeiten, und er sorgte dafr, da der Posten niemals gnzlich getilgt
wurde.
    Auch den alten Bttner behandelte der Hndler jetzt ganz wie seinen
Arbeiter. Er schalt ihn gelegentlich, nannte ihn faul und dumm, ein andermal
wieder lobte er ihn, je nachdem seine Herrenlaune gerade war.
    Der alte Mann nahm das mit jener mrrischen Gelassenheit hin, die ihm
neuerdings zur zweiten Natur geworden zu sein schien. In seinem Wesen war etwas
geknickt, ausgelscht fr immer; es war, als habe er kein Ehrgefhl mehr im
Leibe.
    Dergleichen Behandlung htte ihm frher einmal jemand bieten sollen! Heiler
Haut wre der nicht vom Hofe gekommen. Und jetzt lie er sich schmhen von dem
Fremdling! -
    In sein Dasein, in sein ganzes Treiben und Tun war etwas Zweckloses,
Widersinniges gekommen: er arbeitete fr seinen Peiniger, ernhrte mit seiner
Hndewerk nur das starke Raubtier, das ihm das Blut aussaugte.
    Es gab kein Entrinnen! Harrassowitz hielt ihn an vielen Ketten. Er war der
Schuldner des Hndlers geblieben, auch nachdem er sein Gut an ihn verloren. Es
war ein Akt der Gnade, wenn der neue Herr den Alten im Hause lie. Fiel es dem
Besitzer ein, ihn hinauszuwerfen, dann brauchte er nicht einmal zu kndigen.
Gelegentlich damit zu drohen, verfehlte Sam nicht. Er war in seiner Art ein
Kenner des deutschen Bauern. Er wute, wie zhe diese Sorte an der Scholle
klebt, wie ihr zur Erde gewandter Blick sie dumpf und blde macht, unfhig,
Vorteil von Nachteil zu unterscheiden.
    Sam wute nur zu gut, da der alte Bttner sich lieber das Herz aus dem
Leibe wrde reien lassen, als da er die Stelle verlassen htte, die seine
Vorfahren besessen, die er selbst durch ein Leben innegehabt. Die Angst, vom
Hofe getrieben zu werden, band den Alten wie ein ungeschriebener, aber darum
nicht minder wirksamer Kontrakt an den neuen Besitzer des Bauerngutes.
    Es war eine Art von Leibeigenschaft. Und gegen dieses Joch waren die alten
Fronden, der Zwangsgesindedienst, die Hofegngerei und alle Spann- und
Handdienste der Hrigkeit, unter denen die Vorfahren des Bttnerbauern geseufzt
hatten, federleicht gewesen. Damals sorgte der gndige Herr immerhin fr seine
Untertanen mit jener Liebe, die ein kluger Haushalter fr jedes Geschpf hat,
das ihm Nutzen schafft, und es gab manches Band gemeinsamen Interesses, das den
Hrigen mit der Herrschaft verband. Bei dieser modernen Form der Hrigkeit aber
fehlte der ausgleichende und vershnende Kitt der Tradition. Hier herrschte die
parvenuhafte Macht von gestern protzig und frivol, die herzlose Unterjochung
unter die kalte Hand des Kapitals. -
    Man mute dem Hndler eins lassen, er arbeitete geschickt, mit Diskretion,
ja, mit einer gewissen Eleganz. Sam besa das Talent seiner Rasse in hohem Mae,
anderer Arbeit zu verwerten, sich in Nestern, welche fleiige Vgel mit emsiger
Sorgfalt zusammengetragen, wohnlich einzurichten. Und die Natur hatte ihm eine
Gemtsverfassung verliehen, die es ihm leicht machte, sich um das Geschick der
fremden Eier nicht sonderlich zu grmen.
    Man rechnete Sam nach, da er bereits jetzt durch den Verkauf einzelner
Parzellen fr den Preis gedeckt sei, den er bei der Subhastation geboten hatte.
    Eines Tages im Frhsommer waren eine Anzahl fremder Arbeiter und ein
Geometer nach Halbenau gekommen. Sie hatten sich auf die groe Wiese, die
zwischen dem Bttnerschen Hofe und dem Walde ungefhr in der Mitte des
Grundstckes lag, begeben. Hier, an der dachartig abfallenden Lehne, fingen sie
an, abzustecken. Dann wurde der Rasen abgeschlt, der Humus, der zunchst unter
der Grasnarbe lag, auf besondere Haufen geworfen, und schlielich in der
tiefergelegenen zhen Tonerde ein umfangreiches Viereck von Metertiefe
ausgegraben.
    Hier sollte die Dampfziegelei hin, die Harrassowitz zu grnden gedachte.
    Es sei ein allgemeines Bedrfnis fr die Gegend, hatte Sam erklrt; weit und
breit bekme man keine vernnftigen Ziegeln zu kaufen. Er halte es fr seine
Pflicht, etwas fr die Hebung des Ortes zu tun durch Einfhrung der Industrie.
Nun sollten die Halbenauer einmal sehen, was jetzt fr Geld unter die Leute
kommen werde! -
    Die Grundmauern zum Ringofen schossen schnell aus dem Boden empor, das
Geblk zum Trockenschuppen wurde gerstet, die Schlmmbassins angelegt und
schlielich die einzelnen Teile der weitlufigen Anlage mittelst schmaler
Schienenstrnge verbunden. ber dem Ganzen reckte sich bald die Ziegeleiesse
hher und hher empor; ein ungewohnter Anblick, der die Halbenauer staunen
machte. Nun bekamen sie doch auch eine Dampfesse in den Ort.
    Tglich gab es jetzt Vernderungen auf dem Grundstcke. Eines Tages, im
Herbst, erschien ein grflicher Revierfrster mit seinen Leuten auf der zum
Bttnerschen Gute gehrigen Waldparzelle. In wenigen Tagen ward mit den
verkrppelten Kiefern, Wacholderbschen und Stockausschlgen aufgerumt und
Kahlschlag hergestellt.
    Die Herrschaft Saland hatte nun doch den Wald des Bauerngutes angekauft fr
ein Geld, das dem Bauern, htte er es zur rechten Zeit gehabt, ber alle Nte
hinweggeholfen haben wrde. Gleichzeitig war auch das Bschelgewende, dessen
Urbarmachung dem alten Manne so viel sauren Schwei gekostet hatte, an den
mchtigen Nachbarn gekommen. Nun war das Loch zugemacht, das bisher die beiden
grflichen Reviere: Halbenau und Saland, getrennt hatte. Im Frhjahr sollte die
ganze Flche zugepflanzt werden.
    Traugott Bttner sah alle diese Dinge. Keine Klage kam ber seine Lippen. Es
war, als habe er sich selbst Schweigen auferlegt. Was in seinem Inneren vor sich
ging, erfuhr kein Mensch.
    Er glich einer Pflanze, die man schlecht versetzt hat, und die nun in
verwahrlostem Zustande dahinsiecht; sie vegitiert noch, aber in ihren Sften
geht sie zurck. Er glich auch einer Maschine, die ohne treibende Kraft doch
weiter arbeitet, weil der Schwung von frher her noch ein Weilchen vorhlt, ehe
sie aussetzt.
    Fr Schmerz war er scheinbar unempfindlich geworden, abgestumpft durch das
Zuviel, gleich dem Boden, der allzustark getrnkt, keine Nsse mehr in sich
aufnimmt.
    Die da meinten, er sei gefhllos, irrten sich. Er fhlte gar wohl das
Unrecht, das ihm widerfuhr. Die Demut und Schmerzensseligkeit eines Hiob war
seiner halsstarrigen Bauernnatur nicht eigen. Weit davon entfernt war er, mit
dem Knechte Gottes aus dem Alten Testamente zu sagen:
    Ich bin nackend von meiner Mutter Leibe gekommen, nackend werde ich wieder
dahinfahren. Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des
Herrn sei gelobet!
    Wenn er auch scheinbar zum stumpfen Lasttier herabgesunken war, das die
Schlge gleichgltig hinnimmt, so blieb sein innerer Trotz doch ungebrochen.
Menschenha und Verachtung waren seine Trster, Groll seine Nahrung; die
einzige, die ihn noch in Kraft erhielt. Aber die Qualen, die er ertrug, waren um
so brennender, weil er nicht den Schrei der Wut fand, sich von ihnen zu
entlasten.

                                      VI.


Nachdem das Manver vorber, hatte der Graf Urlaub genommen, um die Hochzeit
seiner Schwester Wanda auszurichten. Groe Vorbereitungen wurden in Schlo
Saland zu diesem Feste getroffen. Der Adel der Nachbarschaft, die Magnaten der
Provinz waren geladen. Aus Berlin waren Freunde des Brutigams und Kameraden des
Wirtes eingetroffen, und immer noch erschienen neue Gste.
    Es war ein Fest fr die ganze Gegend. Die kleinen Leute nahmen die
Gelegenheit wahr, einmal grndlich blauen Montag zu machen. Tglich gab es in
Saland jetzt etwas zu sehen. Einmal hie es, ein Wagen sei angekommen, mit sechs
Pferden davor, Kutscher und Diener dazu mit feuerroten Rcken. Natrlich lief
man da von der Arbeit fort, um das Wunder zu begaffen. Dann wieder gab es ein
Feuerwerk. Leute in einem entfernten Dorfe sahen davon den Schein gegen den
nchtlichen Himmel und glaubten, es msse ein Schadenfeuer sein. Die Sturmglocke
wurde angeschlagen, die Feuerwehr alarmiert. Die Feuerwehren der Ortschaften,
durch die man kam, schlossen sich an. Und so erschien schlielich eine ganze
Anzahl Spritzen vor Schlo Saland. - Als man wahrnahm, da es gar kein Feuer
gab, schimpfte man weidlich.
    Der Graf erfuhr von dem falschen Alarm und lie den Leuten Bier geben aus
der Schlobrauerei, damit sie statt des Feuers wenigstens ihren Durst lschen
mchten. -
    Die fabelhaftesten Gerchte durchschwirrten die Luft; es hie: am
Hochzeitstage solle Geld unter die Menge geworfen werden, im Schlohofe werde am
Vorabend der Trauung ein gebratener Ochse und ganze Schweine und Klber zur
allgemeinen Speisung ausgelegt werden, und dazu wrde aus einem Riesenfasse Wein
flieen.
    Eine Art von Fieber hatte sich der Bevlkerung bemchtigt. Die Arbeit
schmeckte den Entnchterten nicht mehr; man erwartete voll Spannung
auergewhnliche Dinge.
    Auch Karl Bttner war von Wrmsbach herbergelaufen, um sich das Feuerwerk
mit anzusehen. Er kannte einige von der Feuerwehrmannschaft von der Truppe her.
Man nahm ihn mit, als es zur Bierverteilung kam. So gelangte er zu Bier und
Zigarren, er wute nicht wie! -
    Das hatte ihm gefallen! Am nchsten Vormittag lief er schon wieder nach
Saland, gegen Theresens Willen. Er hoffte im stillen auf einen hnlich
glcklichen Zufall, wie ihn der vorige Abend gebracht.
    Diesmal fiel zwar nichts fr ihn ab, aber er wurde Zeuge eines merkwrdigen
Schauspiels.
    Im grflichen Park befand sich eine Wiese, beschattet von prchtigen Eichen
und Linden. Hier auf ebener Rasenflche berraschte Karl eine wunderliche
Gesellschaft. Eine Anzahl Burschen sprang da herum, wie die Mller anzusehen,
von oben bis unten wei. Auf den Kpfen trugen sie bunte Mtzen, um die Hften
farbige Grtel. Sie hielten in ihren Hnden Dinger, groen Fliegenklatschen
nicht unhnlich, damit warfen sie sich kleine Blle zu, ber ein Netz weg, das
quer ber den Rasenplatz gespannt war. Dazu schrien sie unverstndliche Worte,
gestikulierten eifrig und liefen manchmal wie besessen hin und her.
    Das war sehr possierlich mit anzusehen. Die Burschen selber aber schienen
die Sache mit groem Ernst und Eifer zu betreiben.
    Karl hatte die Spielenden von weitem fr Knaben gehalten, die sich mit
dergleichen Narreteien die Zeit vertrieben. Als er nher kam, erkannte er
jedoch, da es erwachsene Mnner seien. Er schlo sich einer Gruppe von
Dorfleuten an, die, hinter einem Boskett stehend, dem Treiben der Vornehmen
zusahen.
    Auf der Parkwiese war eine grere Gesellschaft versammelt: Herren und
Damen. Man sa und lag umher auf Korbsthlen und Bastmatten. Zwischen den Bumen
waren Hngematten gespannt. Eine Dame, die sich in einer solchen hin und her
schaukelte, nahm sich wie ein roter Farbenklecks aus gegen das Grn des Rasens.
Man trank, rauchte, nahm Erfrischungen zu sich, stand in Gruppen beieinander,
lachte und schwatzte in nachlssiger Weise. Ein Konzert fremdartiger Formen und
Farben, die Damen in hellen Toiletten wie exotische Blumen! Ein ppiges,
farbenschillerndes Bild von niegesehener Eigenart entrollte sich vor den Augen
des Landvolkes. Karl stand da und ri groe unverstndige Augen auf.
    Eine Frau, die gelegentlich auf Scheuerarbeit ins Schlo kam, machte die
Erklrerin. Sie wute, welcher der Brutigam sei: dort der kleine mit dem
schwarzen Schnurrbrtchen. - Karl hatte sich einen Prinzen bis dahin auch ganz
anders vorgestellt.
    Jetzt hrten sie auf zu spielen. Groes Durcheinander herrschte auf dem
Platze. Nu hat eene Parte gewunnen! Desderwegen tun se su brillen, erklrte
die Frau, sichtlich stolz, da sie so gut ber die Sitten der Groen
unterrichtet sei. Itze wern de Frauensmenscher och glei losmachen, pat a mal
uff!
    Richtig! es traten zwei Damen mit auf den Plan. Saht ack, das is se! das is
unse Wanda - das is de Braut!
    Nun sah man auch die Damen voll Eifer auf dem Rasen hpfen. Es wurde viel
gelacht und gejubelt. Das Brautpaar spielte auf einer Seite; sie verloren. Wanda
tadelte den prinzlichen Partner oft genug und lie ihn nach den verlorenen
Bllen springen.
    Ein kleiner Alter, mit einem Leinwandsack auf den Rcken, hatte lange
wortlos dem Spiele zugesehen aus matten rotumrnderten Augen. Dann sagte er
pltzlich: Die sein verrickt im Koppe! Damit ging er kopfschttelnd von
dannen.
    Racht hat 'r! sagte ein anderer. De Gruen sen alle verrickt, alle
mitenander sen die verrickt, de Gruen! Hot ees suwas gesahn! Die mechten wos
Gescheitres macha, als dohie su rimkalbern un an lieben Herrngutt de Zeet
stahlen.
    Die Frau, welche vorher Erklrungen gemacht hatte, widersprach. Nu is 's
etwan nich asu? hie es da. Gabt der Art eene urndtliche Arbeet ei de Hand und
'r sollt sahn, wie se sich daderzut astellen wern!
    Karl blieb noch eine ganze Weile dort stehen. Das Treiben gefiel ihm, wenn
er den Sinn auch nicht verstand.
    Auf dem Rckwege kehrte er ein. Bei dieser Gelegenheit traf er einen
Bekannten, der ihm erzhlte: morgen sei Jagd auf dem Herrschaftlichen, da gebe
es gute Bezahlung und gewhnlich auch Anteil am Jagdfrhstck fr die Treiber;
es wrden noch Treiber gesucht. Karl, den besonders das Jagdfrhstck lockte,
ging auf die nahe Oberfrsterei und meldete sich als Treiber.
    Am nchsten Morgen fand bei klarem Frhherbstwetter die Jagd statt. Es galt
vor allem den Fasanen, aber auch Birkwild, Rebhhner, Rehbcke und Hasen sollten
zum Abschlu kommen.
    Karl Bttner ging in einer langen Reihe von Treibern, mit einem Stocke
bewaffnet. Der Fasane wegen, die sich gern bergehen lassen, gingen die Treiber
so eng, da sie sich fast die Hnde reichen konnten. Sie waren angewiesen, ganz
langsam, schrittweise, vorzugehen, wenig Lrm zu machen und mit ihren Stcken
auf die Bsche und jungen Bumchen zu klopfen, um das Wild locker zu machen. Von
Zeit zu Zeit ertnten, von einem am Flgel marschierenden Forstbeamten geblasen,
Signale; dann machte die ganze Kette Halt, um auf ein neues Signal wieder
loszuschreiten.
    Die Fasanen waren zahlreich, da im Herbst zuvor wenig abgeschossen worden
war. Bei dem warmen Wetter lagen die Vgel fest, oft flogen sie den Treibern
unter den Fen auf. In einem fort ertnte das Gackern der Hhne; dann, sobald
die Vgel ber die Schtzenkette strichen, Schsse, oft ganze Kanonaden! Es war
ein herzerquickendes Schauspiel fr das Auge des Weidmanns, wenn der Fasanhahn
in die Luft stieg, dann in gerader Linie abstrich im Glanze seines prchtigen
Gefieders, mit dem langen Stoe. Darauf ein wohlgezielter Schu, gut
vorgehalten; der knigliche Vogel klappte zusammen, die ganze Pracht hatte ein
jhes Ende gefunden! -
    Auch der Treiber bemchtigte sich gar bald das Jagdfieber. Aller Mahnungen
des Forstpersonals, sich stille zu verhalten, ungeachtet, schrien sie laut,
jeden Treffschu bejubelnd.
    Nach dem fnften Treiben fand Frhstckspause statt. Tische und Bnke waren
herbeigefahren worden. Am Feuer, das auf einem Waldwege angezndet worden war,
wurden groe eiserne Tpfe und kupferne Kessel mit Speisen und Getrnken
gewrmt. Die Schtzen lieen sich nieder, einige Diener vom Schlosse bedienten.
    Karl hatte unter den Jagdgsten einen ehemaligen Vorgesetzten wiedererkannt,
der sein Rekrutenoffizier gewesen war. Inzwischen war der damalige Leutnant zum
Major vorgerckt und nach Berlin zur Garde versetzt worden.
    Karl konnte den Entschlu nicht recht finden, den Herrn anzureden. Wer wei,
ob der ihn kennen wrde? Und dann wurde er womglich ausgelacht! - Aber nach dem
Frhstck wuchs sein Mut. Die Speisereste waren unter die Treiber verteilt
worden; Karl hatte gierig geschlungen. Auf irgendeine Weise war auch eine
Flasche starken Likrs vom Tische der Schtzen unter die Treiber geraten. Karl
hatte einige Schlucke von dem ungewohnten Getrnk genossen; er befand sich
infolgedessen in gehobener Stimmung.
    Mit mehr Freimut, als ihm fr gewhnlich eigen war, trat er vor seinen
ehemaligen Vorgesetzten hin, schlug die Hacken zusammen, legte die Hand an die
Kopfbedeckung, sagte seinen Namen und erzhlte, da er Rekrut beim Herrn Major
gewesen sei.
    Der Offizier betrachtete sich den groen ungeschlachten Burschen eine Weile,
dann schien ihm die Erinnerung zu kommen.
    Waren Sie nicht anfangs rechter Flgelmann der Abteilung? fragte er. Karl
bejahte. Aber nachher mute ich Sie ins zweite Glied stecken, weil Sie mir die
ganze Gesellschaft umschmissen. Denn Sie waren doch der Rekrut, der immer rechts
und links verwechselte - nicht wahr? Karl antwortete durch ein verlegenes
Grinsen auf diese verfngliche Frage.
    Der Major erzhlte nun den anderen Schtzen allerhand Streiche von dem
Rekruten Bttner. Er tat sich auf sein ausgezeichnetes Gedchtnis etwas zugute.
Dann erkundigte er sich nach Karls jetziger Beschftigung, ob er verheiratet
sei, Kinder habe und so weiter.
    Whrend des nchsten Treibens hatte Hauptmann Schroff, welcher Zeuge der
Unterhaltung gewesen war, dem Major die Geschichte der Bttnerschen Familie
berichtet. Andere Herren traten hinzu, der Fall wurde hin und her besprochen.
ber den lndlichen Wucher ward manch krftiges Wrtlein gesagt. Karl Bttner,
als der lteste Sohn des ausgewucherten Bauern, wurde, ohne es zu wissen, zum
Mrtyrer gestempelt; auf einmal stand er im Mittelpunkte des Mitleids und der
Sympathie.
    Der Major veranstaltete schlielich eine Geldsammlung fr seinen ehemaligen
Rekruten. Es gingen ebenso viele Goldstcke ein, wie Herren da waren. Der Major
drckte dem erstaunten Karl die Summe von hundertundvierzig Mark in die Hand mit
dem Wunsche, da er sich damit ein wenig aufrappeln solle.
    Karl verga das Danken, so berrascht war er.
    Die anderen Treiber steckten die Kpfe zusammen. Schon regte sich der Neid.
So viel Geld verdiente man auf rechtmige Weise ja nicht in vielen Monaten.
    Hauptmann Schroff war ungehalten, da man dem Manne das Geld so ohne
weiteres ausgehndigt hatte; doch konnte er nichts mehr daran ndern. Er
ermahnte Karl wenigstens, er mge keinen Unfug damit anstellen.
    Aber der hrte und sah nichts mehr, starrte nur immer die Goldstcke in
seiner Hand an. - War das ein Glck! Er vermochte es kaum zu fassen.
    Die Jagd ging weiter. Karl Bttner wurde jetzt auch von den Treibern ganz
besonders beachtet. Er hatte selbst keine Schnapsflasche mitgebracht; dafr
beeilten sich die anderen, ihm ihre Neegen anzubieten. Es war gut fr Karl,
da die Dmmerung herankam und damit das Ende der Jagd, denn er war so
berauscht, da er sich kaum noch auf den Fen zu erhalten vermochte.
    Es gehrte nicht viel dazu, um Karl betrunken zu machen. Heute hatte das
ungewhnliche Glck, das ihm so unversehens in den Scho gefallen war, dazu
beigetragen, ihn zu berauschen. In der seligsten Laune trat er mit den anderen
Treibern den Heimweg an.
    Als man an einem Gasthof vorber kam, hie es: Bttnerkarl msse etwas zum
besten geben. Karl zgerte. Eine Stimme warnte ihn, die Gaststube zu betreten.
Er sehnte sich eigentlich nach Haus, um seiner Frau das Geld auf den Tisch zu
legen. Was die fr Augen machen wrde!
    Therese hatte ihn zwar in der letzten Zeit schlechter denn je behandelt;
dumm und faul und einen Fresack hatte sie ihn genannt, der nichts weiter knne
als fressen, saufen und sie belstigen. - Nun wollte er ihr's mal zeigen! Er
konnte doch noch was anderes! So viel Geld, wie er heute mitbrachte, hatte sie
wahrscheinlich noch niemals beisammen gesehen. Es drngte ihn, zu Theresen
zurckzukehren, an deren berraschung er sich weiden wollte.
    Aber die anderen setzten ihm zu. Da waren verschiedene lustige Brder
darunter, die er gut leiden mochte. Man warf ihm vor, er sei ein Geizkragen. Mit
einer ganzen Tasche voll Gold wolle er nicht mal ein paar Groschen fr
Branntwein springen lassen, das sei einfach ruppig. Karl glaubte, diesen Vorwurf
nicht auf sich sitzen lassen zu drfen; er trat in die Schenkstube, schlug auf
den Tisch und verlangte Korn fr die ganze Gesellschaft.
    Als er nach einigen Stunden die Schenke verlie, war Karl zwlf Mark
losgeworden. Er war schwer betrunken, lallte und heulte wie ein Kind. Von zwei
Leuten mute er gefhrt werden, die ihn bis nach Wrmsbach vor sein Haus
brachten. Die beiden Fhrer klopften an die Haustr, bis Therese den Kopf zum
Fenster hinaussteckte und rgerlich fragte: wer da sei. Die Mnner setzten den
Besinnungslosen auf die Trschwelle und entfernten sich schnell. Sie versprten
nicht die geringste Lust nach einem Zusammentreffen mit der bsen Sieben.
    Therese schleifte den Betrunkenen ins Zimmer. Sie war auer sich. Nun fing
Karl noch an, zu saufen. Das hatte wirklich gefehlt zu allem Unglck!
    Sie entkleidete ihn, um ihn ins Bett zu schaffen. Als sie ihm die
Beinkleider herunterzog, hrte sie ein Klirren und Klappern. Sie untersuchte die
Taschen. Dabei fiel ihr das Geld in die Hnde. Sie suchte alles zusammen, legte
es auf den Tisch und zhlte hundertundachtundzwanzig Mark.
    Zunchst war Therese erschrocken. Wie kam Karl zu dem Gelde? -
    Sie schrie ihn an, er solle ihr antworten. Er hatte nur ein unverstndliches
Grunzen. Noch einmal zhlte sie das Geld durch; es blieb dabei.
    Einstweilen mute sie sich damit beruhigen, bis er nchtern sein wrde.
    Ob er's gefunden hatte? - Da er es verdient habe, war nicht anzunehmen.
Oder war es geschenkt? - geborgt? - oder ... Nein! Das war undenkbar! Anders als
ehrlich hatte sie ihn nie gekannt.
    Auf alle Flle mute so viel Geld gut aufgehoben werden! Therese dachte
lange nach ber einen sicheren Ort. Dann fiel ihr etwas ein: am Ofen war eine
Kachel locker geworden, man konnte sie herausnehmen und wieder hineinsetzen; das
hatte sie neulich entdeckt. Dort wrde schwerlich jemand suchen. - Sie stieg auf
einen Stuhl, hob die Kachel aus, legte das Geld sorgfltig eingewickelt in das
Loch und setzte die Kachel wieder an ihre Stelle.
    Karl erwachte erst im Laufe des Vormittags von seinem schweren Rausche. Noch
lnger als gewhnlich brauchte er heute zum berlegen. Wo war er gestern
gewesen? was war ihm zugestoen? wie war er nach Haus gekommen? - Er sann und
sann. Die letzte feststehende Tatsache, die aus dem Nebel auftauchte, war die
Jagd. Nach und nach kamen ihm einzelne Momente ins Gedchtnis zurck: das
Frhstck, als ein besonderer Lichtpunkt, der Major und damit das Geldgeschenk.
    Hatte er das alles etwa getrumt? - Aber er glaubte sich noch ganz genau der
einzelnen Geldstcke zu entsinnen; er hatte sie ja in seiner Hand gefhlt. Es
fiel ihm auch ein, da er sie in seinen Tabaksbeutel getan und in die Tasche
gesteckt habe.
    Er griff nach seinen Hosen, sie lagen mit seinen brigen Sachen am Bette.
Der Beutel war da, auch ein Rest von Tabak darin, aber das Geld fehlte!
    Therese war inzwischen in Haus und Stall ttig gewesen. Sie tat die Arbeit
fr zweie. Erst hatte sie Karls Kleider gereinigt, die Kinder versorgt und
schlielich das Vieh gefttert.
    Sie besaen zwei Ziegen, auerdem standen ein paar Khe im Stalle.
Harrassowitz hatte sie eingestellt, damit sie fr den Fleischer fett gemacht
werden sollten. Wahrscheinlich hatte Sam die Tiere zum Pfnde fr eine Schuld
angenommen; nun lie er sie hier msten.
    Nachdem Therese noch eine Karre mit Krautblttern fr das Vieh
hereingebracht, wollte sie daran gehen, das Mittagbrot anzusetzen. Als sie in
das groe Zimmer trat, hrte sie nebenan in der Kammer schluchzen. Sie ri die
Tr auf; da sa Karl auf seinem Bette, halb angezogen, und heulte.
    Therese stemmte die Hnde auf die Hften und wollte eben anfangen,
loszuwettern. War der Mensch denn verrckt geworden? Da sa er und plrrte wie
ein kleiner Junge! -
    Auf einmal aber mute sie lachen. Er sah zu dumm aus mit seinem roten Kopfe,
dem offenen Hemde, aus dem die haarige Brust hervorsah, wie er so auf, der
Bettkante sa, der groe Kerl, und mit schief verzogenem Munde die Trnen laufen
lie. Dazu barmte er: Mei Geld! mei Geld! Se han mersch gestohlen!
    Therese trat an ihn heran, stie ihn nicht gerade sanft gegen die Schulter.
Dummer Kerl! her uff, zu natschen!
    Karl sah sie unverstndig an. Ich hatt' se dohie in Tabaksbeitel, ane ganze
Hansel Goldsuche. Nu sen se weg! Die schlachten Karlen han's genummen! Er
wollte von neuem aufheulen.
    Halt's Maul! Dei Geld is gurr uffgehoben.
    Soi mer ack, wu's is?
    Therese antwortete nicht auf seine Frage. Nach einiger Zeit meinte sie: Soi
du mer lieber, wie's du zu suvills Geld gekummen bist?
    Karl erzhlte ihr darauf mit vielen Wiederholungen und Unterbrechungen den
Verlauf des gestrigen Tages. Von dem Augenblicke an freilich, wo er zum zweiten
Male Schnaps fr die ganze Gesellschaft bestellt hatte, konnte er sich auf
nichts mehr besinnen.
    Therese rgerte sich, da so viel von der Summe bereits draufgegangen war.
Nun war sie erst recht entschlossen, ihn nicht wissen zu lassen, wo das brige
sich befinde; sonst wrde das am Ende auch desselben Weges gehen.
    Sie war lngst mit sich im reinen, was von dem Gelde angeschafft werden
solle: ein paar Ferkel zur Mast, fr die Kinder neue Kleider; die liefen in
Lumpen herum, da es eine Schande war. Dieser Geldsegen kam ihr wie gerufen ins
Haus.
    Als Karl in Erfahrung gebracht hatte, da sie das Geld an sich genommen,
verlangte er Herausgabe. Sie fuhr ihn an, er sollte aufstehen und machen, da er
zur Arbeit komme, alles andere werde sich spter finden.
    Karl war zu schwach, um seinem Willen Geltung zu verschaffen. Hnde und Knie
zitterten ihm. Er mute froh sein, da Therese ihm etwas zu essen vorsetzte.
Nachdem er gegessen, sa er am Tische und brtete. Sein Geld wollte er wieder
haben! Ihm war es geschenkt, folglich war es sein, und sie hatte kein Recht
darauf! -
    Sie veranlate ihn aufzustehen, drckte ihm eine Hacke in die Hand und gab
ihm einen Schubkarren mit; er solle Kartoffeln graben gehen auf dem Felde. Karl
gehorchte stumm.
    Er begann zu hacken, aber bald wurde ihm die Arbeit sauer. Der Rcken
schmerzte. Seine Gliedmaen waren schwer von der nchtlichen Schlemmerei. Ihm
war gar nicht wie arbeiten zumute heute. An dem Bummelleben der letzten Tage
hatte er Gefallen gefunden; er wollte heute nochmal blaumachen. Wozu nutzte das
schlechte Leben! Besa er denn nicht auerdem jetzt einen ganzen Haufen Geld,
wenn Therese 's ihm auch nicht herausrcken wollte. Sein war's doch! Mochte die
sich ihre Kartoffeln selber ausmachen!
    Er warf die Hacke in den Karren, wandte dem Felde den Rcken und ging
querfeldein auf Saland zu. Dort war heute gewi wieder was Extraes los.
    Als er an den herrschaftlichen Parke kam, traf er eine Anzahl Leute, die
gleich ihm das Hochzeitsfest der Komtesse zum Vorwande nahmen, nichts zu tun
und, auf Auergewhnliches erpicht, in der Nhe des Schlosses umherlungerten.
Auch einige von Karls Saufbrdern von der vorigen Nacht waren darunter. Sie
begrten ihn mit Hallo, schlossen sich ihm an in der Annahme, da er Geld bei
sich habe.
    Dann traten Mnner mit Soldatenmtzen und Denkmnzen auf. Einer von ihnen
fragte Karl Bttner, ob er sich nicht am Fackelzuge beteiligen werde. Karl hatte
davon noch nichts gehrt. Man erklrte ihm, die Militrvereine der Umgegend
wrden dem Brautpaare abends einen Fackelzug bringen. Karl, aufgefordert
mitzumachen, sagte nicht nein!
    Die Fackeltrger stellten sich in einer entlegenen Ecke des Parkes auf. Der
Ehrenvorsitzende des Kriegerbundes, Hauptmann Schroff, ordnete den Zug. Karl
bekam eine Fackel in die Hand gedrckt. Es solle am Schlosse vorbergezogen
werden, hie es.
    Der ganze Bau war bis zum dritten Stockwerk hinauf taghell erleuchtet.
Mchtige Holzste brannten zu beiden Seiten. In Pfannen und Becken loderte
Pech. Die mchtige Fassade, der klobige Eckturm, die Fensterreihen und Erker
lagen in rote Glut getaucht. Das Ganze schien eine groe Feuersbrunst und war
doch nur ein Freudenspiel. Nun brach der Fackelzug aus den Gebschen und
Baumgruppen des Parkes hervor; wie eine feurige Schlange nherte sich's dem
Schlosse.
    Von der breiten steinernen Freitreppe, die vom erhhten Parterre des
Schlosses in den Park hinabfhrte, sah die Hochzeitsgesellschaft dem Schauspiele
zu: Herren mit Epauletten und Ordenssternen, Damen mit Spitzen, Brillanten,
weien Pelzkragen und Mantillen. Greise Hupter, liebliche Mdchengesichter! Ein
Flor von hellen, duftigen Toiletten! Dazwischen der Ernst des Frackes und das
Blitzen der Uniformen. -
    Karl war es, als trumte er. Wie eine Erscheinung aus anderer Welt, ein
Wunder, nie gesehen, von ungeahntem, unbegreiflichem Glanz, stand dieses Bild
auf einmal vor den erstaunten Augen des Dorfkindes. Als wr ein Vorhang
weggerissen, und er drfe einen Blick tun in den Himmel, war ihm zumute. Er
konnte nur starren und starren. Das Bild stand da, lebendig, in tagheller
Beleuchtung; ringsherum war Nacht.
    Der Zug machte Halt. Jemand sprach. Der Brutigam verneigte sich und
schttelte einigen Deputierten die Hnde. Die Braut winkte mit ihrem weien
Arme. Dann schrie eine Stimme: Hoch! Hunderte fielen ein und schwenkten die
Hte. Karl schrie aus Leibeskrften mit. Ihn hatte es auf einmal wie
Begeisterung erfat. Feierlich war ihm zumute; er mute gegen das Weinen
ankmpfen. Kommandoruf! Die Spitze setzte sich in Bewegung. Die einzelnen Rotten
marschierten im Gleichtritt vorber, den Kopf stramm nach rechts gewandt wie bei
der Parade. Noch einmal sah Karl das Bild, jetzt zum Greifen nahe. Die einzelnen
Gesichter ganz deutlich, den bloen Arm einer Dame, die Brte der Mnner. Wie
sie dastanden, lchelten, sich unterhielten, kaum zu ihnen hinabblickten.
    Dann war der Traum vorber, der Vorhang wieder gefallen. -
    Der Zug marschierte um das Schlo herum, ber die steinerne Brcke, bog von
hinten in den Schlohof ein. Die Fackeln wurden in den Wallgraben
zusammengeworfen.
    Auch in dem steingepflasterten Schlohofe brannten Pechpfannen und
Holzste. Tische und Bnke waren hier in langen Reihen aufgestellt. Der Graf
lie die Fackeltrger bewirten.
    Karl war bereits berauscht, nur vom Sehen. Nun htten die grten Wunder
geschehen knnen, es htte ihn nicht sonderlich in Erstaunen gesetzt.
    Sie bekamen zu essen: Braten, dazu wurde Wein kredenzt. Karl dachte bei
sich, so ungefhr msse es im Himmel zugehen. -
    Ein Mann mit einem Jgerhute auf dem Kopfe und einer breiten, farbigen
Schrpe um den Leib hielt eine Ansprache an die Kameraden. Andere Reden, Hochs
und Hurras folgten. Spter erschien der Graf, gefolgt von Offizieren und Herren
mit Ordenssternen. Der Schloherr sprach einige Worte des Dankes. Wiederum Hochs
und Hurras und noch mehr Wein.
    Karl hatte nur noch das Gefhl unaussprechlich seligen Wohlbehagens. So
etwas hatte er noch nie erlebt und wrde er nie wieder erleben.
    Von da ab kam er nur noch augenblicksweise zum Bewutsein. Auf einmal stand
er mit anderen Leuten zusammen im Parke vor der steinernen Freitreppe, die jetzt
leer war. Die hohen Fenster des ersten Stockes waren erleuchtet. Man hrte Musik
von drinnen. An den Fenstern vorber huschten Schatten; sie tanzten.
    Nun sa er auf einmal in einem rauchigen Zimmer. Vor Tabaksqualm vermochte
er seinen Nachbarn kaum zu erkennen. Auf dem Holztische vor ihm stand ein
Schnapsglas, daneben ein Flschchen. Rings um ihn her Gesichter, und vor jedem
eben solch ein Glschen und Flschchen. Bttner bezahlt de Zeche, der hat's
grue Gald, hie es. Ich - ich - ha nischt ne mih, de Frau hat's! Ein lautes
Gelchter erscholl.
    Karl stand auf, schlug auf den Tisch und wollte den Freunden erzhlen, wie
ihn Therese um sein Geld gebracht htte; da schwanden ihm die Sinne, er strzte
hin.
    Als er erwachte, lag er im Straengraben, ber und ber mit Tau bedeckt. Am
Himmel zeigten sich rtliche Streifen. War es Abend oder Morgen? Er befhlte
seine Glieder. Der Kopf schmerzte ihm.
    Einige Zeit darauf befand sich Karl Bttner auf dem Weg nach Haus. Die Mtze
fehlte ihm, er hinkte, ber die Backe lief ihm eine blutunterlaufene Strieme. So
humpelte er weiter, die Zhne aufeinandergebissen, die Fuste geballt. Sein Hirn
war noch umnebelt; kaum da er begriff, wo er sei.
    Aber er hatte einen Gedanken, der sich seines gesamten Sinnens und Denkens
bemchtigt hatte, ein Ziel, auf das er mit der stieren Wut des Betrunkenen
losging: sein Geld!
    Er wollte das Geld zurckhaben. Seine Frau hatte es ihm weggenommen. Es
gehrte ihm. Heraus damit!
    So kam er mit blutunterlaufenen Augen heran. Er schwankte und turkelte, aber
er nherte sich seinem Ziele.
    Es war bereits heller Tag, als er vor das Haus kam. Die Tr war
verschlossen. Er donnerte mit schwerer Faust dagegen. Therese steckte den Kopf
zum Fenster hinaus. Bist de's? - Schwein! Damit warf sie den Flgel wieder zu.
Er lehnte da eine ganze Weile, rttelte an der Tr, brllte um Einla.
    Endlich ffnete sie. Er strzte ihr halb in die Arme. Sie fing seine schwere
Last auf, bewahrte ihn so vor sicherem Sturze. Wo hast de gesteckt de ganze
Nacht? - De stinkst nach Schnapse! Damit stie sie ihn durch den Gang vor sich
her. Er strebte, die Tr zum groen Zimmer zu gewinnen. Nich hiernei giehst de!
Da d'ch de Kinder sahn, besussen, wie's de bist!
    Sie wollte ihn in die Kammer stoen, aber er stemmte sich zwischen die
Trpfosten. Es entstand ein Ringen zwischen den Ehegatten. Sie glaubte, seiner
leicht Herr werden zu knnen wie bereits manch liebes Mal in frherer Zeit; sich
zur Wehr zu setzen, hatte er noch nie gewagt.
    Aber sie fand einen ganz anderen in ihm heute. Er drang auf sie ein. Den
wuchtigen Hieben seiner schweren Fuste vermochte sie nicht standzuhalten. Sie
versuchte loszukommen von ihm, er hielt sie wie in eiserner Umklammerung. Sie
schrie und wehrte sich, wie eine Verzweifelte. Aber es gab kein Entkommen. Er
hielt sie mit einer Hand und gebrauchte die andere wie einen Hammer. Mei Geld!
grhlte er zwischen den einzelnen Schlgen: Mei Geld! Gib mei Geld raus?
    's Geld kriegst de ne! sagte sie mit weiem Gesicht.
    Der Kampf ging weiter. Therese war keine schwchliche Frau; sie brachte ihn
mehrfach zum Wanken. Aber gegen seine ungeschlachten Krfte konnte sie auf die
Dauer doch nichts ausrichten.
    Karl Bttner glich einem wilden Tiere in seiner Wut. Niemand hatte ihn je so
gesehen: das Gesicht gnzlich verzerrt, mit geiferndem Mund und funkelnden
Augen. Das war nicht mehr der vom Vater ererbte trotzige Bauerngrimm - zum Tiere
war der alte Traugott Bttner nie geworden, auch im Zorne nicht. - Das mute von
weiterher kommen. Zurckgedmmte Wildheit brach hier durch, niedere Triebe
stiegen aus einem dunklen, langverdeckten Abgrunde ursprnglicher Verwilderung
auf. -
    Therese hielt sich tapfer. Bleich wie Leinewand, sthnte sie mit versagender
Stimme: 's Geld kriegst de ne! Und wenn de mich tutschlgst!
    Er raufte ihr das Haar, ri ihr die Kleider in Stcke. Dann fate er sie
pltzlich mit beiden Armen um den Leib, hob sie aus und warf sie zu Boden wie
ein Bndel. Er stolperte dabei, fiel ber sie hin, lag auf ihr und schrie ihr
ins Ohr: Mei Geld! gibst de mei Geld raus?
    Sie lag da mit geschlossenen Augen. Schon griff er nach ihrem Hals, um die
Ohnmchtige zu wrgen, als er sah, da Blut unter dem Haar hervordrang: ein
dnner, roter Faden, der ber die Stirn, an der Nase hin, nach dem Munde
zueilte.
    Da hielt er inne; hiervor erschrak selbst die bestialische Wut. Er erhob
sich, betrachtete sie. Die Frau sah schrecklich aus mit ihrem zerfetzten Haar
und dem entblten Busen.
    Er zog sich unwillkrlich vor dem zurck, was er angerichtet hatte. Ihm ward
schwl; die Beine versagten ihm pltzlich den Dienst. Er schlug auf das Bett
hin. In wenigen Minuten schnarchte er, die Glieder weit von sich streckend.
    Nach einer Weile fing Therese an, sich zu regen. Sie ffnete die Augen,
bewegte die Arme, richtete sich mhsam auf. Nach dem Kopfe tastend, entdeckte
sie das Blut. Sie wischte es ab, so gut sie konnte.
    Dann erhob sie sich ganz, befhlte ihre Gliedmaen. Sie konnte noch stehen
und gehen, wenn auch mit argen Schmerzen.
    Nebenan heulten die Kinder. Therese ffnete die Tr zur Hlfte und rief
ihnen zu: Sie sollten stille sein, gleich wrde sie kommen.
    Dann fiel ihr Blick auf den schlafenden Karl. Der Kopf war ihm ber die
Bettlehne gesunken. Sein Gesicht war bereits blaurot. Er rchelte.
    Sie betrachtete ihn einen Augenblick, dann griff sie unwillkrlich zu, um
ihn aus der gefhrlichen Lage zu befreien. Sie hob seinen schweren Kopf und
schob ihm ein Kissen unter. Nicht gerade mit zarter Hand, aber doch in sorgender
Frauenweise tat sie das.
    Dann untersuchte sie ihren Leib und ihre Kleidung. Beschunden war sie und
zerfetzt, ein ganzes Bschel Haare hatte er ihr ausgerauft, aber totgeschlagen
hatte er sie doch nicht.
    Und das Geld hatte er auch nicht und sollte es auch nicht bekommen; nun erst
recht nicht!
    Ein Lcheln des Triumphes flog ber das Gesicht des tapferen Weibes.

                                      VII.


Die Herbstarbeiten hatten fr die Sachsengnger angefangen: Kartoffelhacken und
Rbenroden. Der Oktober war feucht gewesen. Der schwere Boden hatte sich
vollgesogen mit Nsse, die Ackerscholle war zh und klebrig.
    Rbenroden ist schwere Arbeit. Sie hatten sich dazu in Gruppen geteilt. Ein
Mann ging an der Spitze, um die Erde mit dem Spaten zu lockern. Das ihm zunchst
folgende Mdchen zog mit jeder Hand eine Rbe und klopfte sie gegeneinander, bis
sie von Erde befreit waren. Die nachfolgenden Mdchen schlugen dann den Rben
mit dem Hackmesser die Bltter ab.
    Diese Arbeit mute uerst sauber geliefert werden. Der Inspektor kam hufig
und kontrollierte. Gustav hatte seine liebe Not mit den Mdchen, die oft genug
Erdreste an den Runkeln sitzen lieen und zu viel oder auch zu wenig von dem
grnen Kopfe der Rbe abschlugen.
    Im Hintergrnde drohte die Fabrik, die nur allzu schnell mit der Klage ber
mangelhafte Lieferung da war. Der Besitzer machte dann dem Inspektor Vorwrfe,
der nahm den Aufseher vor, der Aufseher schlielich schalt die Arbeiter. Und so
kam das Ungewitter im Instanzenwege endlich bis zu den armen Runkelmdchen, ber
deren Huptern es sich grollend entlud.
    Abends kehrte man todmde von der anstrengenden Arbeit in die Kasernen
zurck, durchnt, mit beschmutzten Kleidern. An den Stiefeln und Rcken klebte
das Erdreich. Selbst die ordentlichsten Mdchen konnten jetzt nicht mehr
reinlich zur Arbeit antreten.
    Es hatte sich der geplagten Menschenkinder eine groe Sehnsucht nach der
Heimat bemchtigt. Man setzte dem Aufseher zu, da er um baldige Entlassung aus
dem Dienst einkommen solle.
    Im Kontrakte war ein Termin nicht genannt; es stand darin nur, da die
Wanderarbeiter bis zur Beendigung der Rbenernte zu bleiben htten.
    Die Ausbeute war in diesem Jahre reichlich gewesen: die Kpfe gro und
schwer; die Pflanzen hatten nur wenig durch Auswachsen und Faulwerden gelitten.
Das Gut mute laut Kontrakt ein bestimmtes Quantum Rben an die Fabrik liefern.
Diese Bedingung, war erfllt. Der Rest der Rbenernte sollte eingemietet werden.
Hierzu waren die Weiber nicht ntig; das Bewerfen der Rbenmieten mit Erde
besorgten besser starke Mnnerhnde.
    Der Inspektor erklrte auf Gustavs Ansuchen, sie zu entlassen: Herr
Hallstdt gestatte den Mdchen heimzukehren, die Mnner jedoch mten bleiben,
bis die letzte Rbe eingemietet sei.
    Gleichzeitig wurde von seiten der Gutsverwaltung der Versuch gemacht, Gustav
mit seinen Leuten fr den nchsten Sommer anzuwerben. Der Inspektor lie sich zu
leutseligem Wesen herab, als er mit diesem Ansinnen kam. Statt des hochfahrenden
Vorgesetztentones, den er bisher den Wanderarbeitern gegenber gehabt, schlug er
auf einmal mildere Weisen an, suchte sich dem Aufseher gegenber als Kamerad
aufzuspielen.
    Aber bei Gustav verfingen diese Knste nicht. Er hatte das zweideutige
Verhalten des Mannes, der sich jetzt als Arbeiterfreund gab, von der
Ausstandszeit her noch zu gut im Gedchtnis; auch wnschte er sich keinen
zweiten Sommer wie diesen. Er lehnte daher das Anerbieten rundweg ab.
    So reisten denn die Mdchen in ihre Heimat zurck. Gustav lie seine Frau
und den Jungen mit ihnen fahren. Pauline hatte sich in der letzten Zeit
todunglcklich gefhlt. Die Huslichkeit fehlte ihrem Ordnung und Ruhe
bedrftigen Sinn. Sie sehnte sich nach der Mutter und ihrem kleinen Huschen in
Halbenau zurck. Manche Trne hatte sie heimlich verschluckt, um Gustav nicht
durch ihr Leid noch trber zu stimmen.
    Ernestine war leichten Herzens. Unter allen Mdchen hatte sie am meisten
zurckgelegt vom Verdienst. Was sie mit Hschke verabredet habe, erfuhr niemand;
aber es war anzunehmen, da sie einig seien. Er hatte ihr seine Ersparnisse
bergeben als eine Art von Unterpfand, da er sie nicht sitzen lassen werde. Man
munkelte, er wolle zunchst in seine Heimat zurckkehren, um sich dort nach
festem Erwerb umzusehen, dann wrde er Ernestinen nachholen und Hochzeit mit ihr
machen.
    Das andere Liebespaar machte es hnlich. Fumfack wollte nach beendeter
Rbenarbeit wieder zu seinem Schmiedegewerbe zurckkehren. Mit dem von ihm und
seiner Braut verdienten Gelde hatte er vor, sich selbstndig zu machen. Dann
sollte geheiratet werden.
    Von der ganzen Gesellschaft blieb nur einer im Westen zurck, das war Welke,
der ehemalige Stallbursche. Der hatte eine Stelle als Kutscher bei einem
Fabrikanten der Nachbarschaft angenommen.
    Die vier Mnner arbeiteten noch ihre Aufgabe ab. Endlich war die letzte
Schaufel Erde auf die groe Rbenmiete geworfen. Nun konnten auch sie reisen.
    Gustav hatte zum Schlu noch eine hliche Auseinandersetzung mit dem
Inspektor. Die Gratifikation, welche ihm im Frhjahr in Aussicht gestellt worden
war, sollte ihm jetzt vorenthalten werden. Und in seinem Kontrakte stand doch,
er solle eine Extravergtung erhalten, falls man mit den Leistungen seiner Leute
zufrieden sein wrde! - Nun war es auer allem Zweifel, da diese Gruppe mehr
und besser gearbeitet hatte als irgendeine andere. Aber jetzt, wo Gustav erklrt
hatte, da er im nchsten Jahre nicht wiederkommen wrde, gab man ihm zu
verstehen: man habe keinen Anla, ihm die Gratifikation auszuzahlen.
    Gustav war emprt ber diese Ungerechtigkeit. Er verlangte, mit Herrn
Hallstdt persnlich zu sprechen. Aber auch jetzt noch wurde der Gutsherr wie
ein Gott hinter Wolken gehalten; Herr Hallstdt sei nach dem Sden verreist,
hie es.
    Das war Wasser auf Hschkes Mhle. Lngst hatte er gewarnt, Gustav solle
sich vorsehen. Aber der war natrlich wieder der Dumme gewesen in seinem
Vertrauen auf die Groen. Nun hatten sie ihn doch bers Ohr gehauen. So waren
die Reichen ja alle! Wenn sie einem armen Luder das Fell ber die Ohren ziehen
konnten, das war ihnen ein wahrer Hochgenu!
    Gustav hatte frher auf Hschkes Brandreden nichts gegeben. Wenn er ihn
dergleichen in Gegenwart der anderen uern hrte, hatte er ihm wohl das Maul
verboten. Jetzt sagte er nichts. Der Gedanke kam ihm, da Hschkekarl vielleicht
nicht so unrecht habe.

                                     * * *

    Hschke hatte schon immer auf Gustav eingeredet, er msse ihn auf der
Heimatreise begleiten. Vielleicht gefalle es ihm dort, und sie fnden ein
gemeinsames Unterkommen fr die Zukunft. Hschke hatte sich, seit Gustav um sein
Verhltnis zu Ernestine wute, unwillkrlich vertraulicher zu ihm gestellt; er
nannte Gustav neuerdings Schwager, und der hatte sich nicht dagegen gestrubt.
    Gustav ging schlielich auf Hschkes Plan ein. Warum sollte er den Umweg
nicht machen? Er bekam auf diese Weise ein Stck Welt zu sehen, vielleicht fand
er sein Glck dabei. Die Zukunft war ja immer noch ungewi fr ihn.
    Er schickte sein Geld und die berflssigen Kleidungsstcke an Pauline nach
Halbenau, behielt sich nur so viel, da er ungefhr vierzehn Tage lang damit
auskommen konnte. Dann verschafften sich die beiden ihre Arbeitszeugnisse und
lieen sich ihre sonstigen Papiere von der Behrde abstempeln. Denn die
Hauptsache beim Reisen sei, da man die Flebben in Ordnung habe, erklrte der
in solchen Dingen erfahrene Hschke.
    So machten sie sich eines Tages im Anfang November auf die Reise, den
Berliner auf dem Rcken und den Stenz in der Hand, als echte und rechte
Wanderburschen. Ein paar Tage marschierten sie auf der groen Landstrae. Des
Nachts schliefen sie in der Katschemne, die Hschke, der diese Fahrt schon
einmal abgetippelt hatte, genau kannte. Da sie Asche hatten, gab der
Penne-Boos auch gerne eine Hulke, da sie nicht Bankarbeit machen muten,
wie die Kunden das Schlafen auf der Diele bezeichnen. Die Herbergen zur Heimat
vermied Hschke, denn dort war es langweilig, da wurde des Morgens und Abends
gebetet, und Soruff bekam man nicht einmal, wenn man ihn bezahlte. Da zog er
sich die Katschemnen oder wilden Pennen vor, dort gab es immer was zu sehen und
zu hren und Schnaps so viel man wollte.
    Dann trat schlechtes Wetter ein. Hschke schlug daher vor, mit dem Feurigen
zu walzen, um seine Kleider zu schonen. Sie wandten sich der nchsten
Eisenbahnstation zu und lsten sich Billetts dritter Klasse auf Hschkes Rat. In
der vierten reiste jetzt wieder allerhand Gesindel, Polacken und Russen, nach
der Heimat zurck, und da konnte man am Ende gar Barach auflesen.
    Hschkekarl war in prchtiger Laune. Die Erinnerung an die alte
Stromerherrlichkeit war neu in ihm erwacht. Fremd machen, wie er das Feiern
von der Arbeit nannte, und so dritter Gte durch die Welt kutschieren, das war
etwas fr seinen leichten Sinn. Und dazu noch das Bewutsein, einen ganzen
Sommer durch bei einer Arbeit und bei einem Mdel ausgehalten zu haben, das hob
sein Selbstbewutsein mchtig. Sie waren ein Paar rechte Kerle, er und Gustav.
Es mte mit dem Teufel zugehen, wenn sie zusammen sich nicht durch die Welt
finden sollten!
    Das nchste Ziel ihrer Reise war eine groe Handels- und Industriestadt im
Knigreich Sachsen. Mit einer gewissen Wichtigtuerei deutete Hschke seinem
Wandergenossen an, da er dort Freunde habe. Gustav irrte nicht in der Annahme,
da er damit Parteigenossen meine.
    Hschkes politische Gesinnung war Gustav schon lange verdchtig gewesen.
Einmal hatte er ihn direkt zur Rede gestellt: er sei doch nicht etwa ein
Roter? Hschkekarl hatte darauf vielsagend gelchelt und vor sich
hingepfiffen. Die Roten seien gar nicht so schlecht, war seine endliche
Erklrung, die wollten nur das Beste der Menschen. Und gelegentlich hatte er
versucht, dem Freunde ein kleines gelbes Bchlein in die Hand zu drcken; da
werde er alles drinnen finden, was man wissen msse, meinte er, das sei besser
als der Katechismus.
    Aber Gustav hatte diesen Versuch, seine Gesinnung zu verderben, mit
Entrstung zurckgewiesen. Von der Kanzel herab und von den Vorgesetzten war ihm
eingeprgt worden, da es nichts Gefhrlicheres gebe auf der Welt und nichts
Verabscheuungswrdigeres als jene Partei, die alle gttliche und menschliche
Ordnung umstrzen wolle. Vom Elternhause her brachte er zudem einen Abscheu mit
gegen alles, was Politik hie. Der alte Bttnerbauer hielt keine Zeitung und war
nie in seinem Leben zur Wahlurne gegangen. Gustav war darin echter Bauer
geblieben, da er alles Parteiwesen verachtete und verabscheute.
    Seit er im vorigen Frhjahr die Heimat verlassen, hatte sich seine
Anschauung auch hierin verndert.
    Im Westen hatte er eine gnzlich neue Wirtschaftsweise kennen gelernt,
leichtere, bequemere Lebensfhrung, ganz andere Arbeitsbedingungen als daheim in
dem abgelegenen Drfchen. Das Verhltnis des Gesindes zur Herrschaft, des
Arbeiters zum Arbeitgeber, war hier ein viel loseres. Die Arbeitskraft schien
eine Ware. Das Geld bildete die einzige Beziehung zwischen Herr und Knecht. Die
Maschine besorgte vieles, wozu man daheim viele Hnde brauchte. Der
Grundbesitzer stand kaum noch in einem persnlichen Verhltnis zu seinem Boden;
Landmann konnte man ihn nicht mehr nennen. Er war mehr mit einem Kaufmann oder
Unternehmer zu vergleichen; vom wirklichen Ackerbau verstand er vielleicht gar
nichts. Die Bodenarbeit berlie er den fremden Arbeitern, die von Beamten
bewacht wurden. Der Grundbesitzer schien hier kaum noch eine Person; hinter ihm
standen andere Mchte: die Fabrik, die Aktie, das Kapital, die zwischen den
Besitzer und sein Stck Erde traten.
    Und in eine ganz andere Welt wiederum hatte Gustav Einblick gewonnen whrend
der Tage, die er mit Hschke auf der Walze gewesen. Da hatte er den fnften
Stand kennen gelernt, das unheimliche Heer der Obdachlosen, der Ausgestoenen,
der Verkommenen, die hinter der brgerlichen Gesellschaft als ein neuer Stand
heranrcken. In eine eigenartige Welt hatte er da geblickt. Diese
Menschenklasse, auf die der Bauernsohn als auf Landstreicher und Verbrecher
herabgeblickt hatte, waren eine Zunft fr sich, besaen ihre eigene Sprache,
ihre Gebruche, ihre Standesehre sogar.
    Und wo stammten die meisten von ihnen her? Von buerlichen Vorfahren. Das
Land war ihre Wiege gewesen. Die Mnner, die im Anfange des Jahrhunderts dem
deutschen Bauern die Freiheit schenkten, hatten wohl nicht gedacht, da die
Enkel des sehaftesten Standes nach wenigen Generationen die Landstrae
bevlkern wrden. Die Gabe der Freizgigkeit waren fr viele das gewesen, was
ein starker Luftzug fr einen schwchlichen Krper ist. Freiheit hatten diese
Unglcklichen nur allzuviel; sie waren vogelfrei. Losgerissenen Blttern glichen
sie, die verloren umhergewirbelt werden. Trmmerstcke der modernen
Gesellschaft! Treibendes Holz auf den Wogen des Wirtschaftslebens! Entwurzelt,
ausgerodet aus dem Heimatsboden und nun unfhig, irgendwo neue Wurzeln zu
treiben.
    Nicht alle waren verdorbene Landleute. Jeder Stand hatte seinen Tribut an
die Landstrae gezahlt. Brotlose Fabrikarbeiter, heruntergekommene Kaufleute,
stellenlose Beamte, entlassene Strflinge, Bettler von Profession,
Arbeitsscheue, Invaliden, fahrende Knstler. - Die wenigsten waren znftige
Handwerksburschen, wie sie in frherer Zeit durch das Land reisten von Meister
zu Meister, um ein Stck Welt zu sehen und ihre Fertigkeit zu vermehren. Nicht
die Arbeitslust, die Not hatte diese hier auf die Strae getrieben.
    Allen war das eine gemeinsam: die Heimatlosigkeit. Von der Scholle waren sie
getrennt, deren mtterlich nhrende Kraft nichts ersetzen kann. Das waren die
wirklich Enterbten, denn sie hatten nicht, worauf jeder von Geburts wegen
Anspruch hat, ein Stck Erde, darauf er seine Fe ausruhen, auf dem er leben
und sterben darf. -
    In den Pennen hatte Gustav Reden mit angehrt und Dinge gesehen, die ihm die
Haut erschaudern machten, obgleich er vom Dorfe und der Kaserne her doch nicht
gerade verwhnt war.
    Unter diesen hier galt kein Gesetz als das der Gaunerei, keine Ehre auer
der Vagabundenpfiffigkeit, Genu und Vorteil waren die einzigen Autoritten, die
anerkannt wurden, Rechtlichkeit und Frmmigkeit wurden verlacht. Wie konnte der
auch rechtlich sein, der nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren hatte, wie
konnte fromm und gut sein, der, dem Tiere gleich, ohne Gerechtigkeit, ohne
Achtung, ohne Liebe war. Die Begriffe von Gut und Bse, von Eigentum, Recht und
Ordnung muten sich verschieben und in ihr Gegenteil verkehren fr Existenzen,
die in der Luft schwebten, die den Zusammenhang mit ihresgleichen, den Boden
unter den Fen, den Untergrund aller Gesellschaft verloren hatten.
    In Gustavs Gemt hatten die Erlebnisse der letzten Zeit einen unklaren
Bodensatz zurckgelassen. Es ging doch ganz anders zu in der Welt, als er sich's
frher vorgestellt hatte, ganz anders, als es ihm seine Lehrer und Instruktoren
gesagt. Viel Ungerechtigkeit gab es, von der man sich nichts hatte trumen
lassen. Die Gter waren sehr ungleich verteilt unter den Menschen.
    Wenn sie auf ihrer Wanderung an prchtigen Rittergtern, stattlichen
Kirchen, prunkhaften Fabrikantenvillen vorberkamen, da hatte Hschke wohl mit
der Faust hinbergedroht nach jenen stolzen Gebuden, einen Fluch hervorgestoen
und ausgespuckt.
    Gustav hatte ihm darin nicht nachgeahmt. So schnell wollte er nicht den
Glauben an jene Autoritten aufgeben, die sein ganzes bisheriges Leben
beherrscht hatten. Aber der Kinderglaube an die weise Einteilung und gerechte
Ordnung aller Dinge hatte einen Sto erlitten. In sein Blut war ein Stoff
getragen worden, der, wenn einmal aufgenommen, nicht mehr zu tilgen ist.
    Die neuen Ideen hatten noch keine feste Gestalt angenommen bei ihm; er
frchtete sich vor dieser Weltanschauung. Aber er konnte es nicht verhindern,
da sich ihm die Dinge in die Augen drngten, und da er sich selbst neuerdings
auf Gedanken ertappte, die ihm noch vor kurzem verbrecherisch erschienen wren.

                                     * * *

    Gustav und Hschke fuhren in die Stadt ein. Schon lange hatte man an den
vereinzelten Husern mitten im Felde, den Baupltzen und halbfertigen
Straenreihen, den Feuermauern, Essen und Etablissements aller Art die Stadt
gemerkt. Aus dem Kohlendunst, der, einer dsteren Wolke gleich, am Horizonte
stand, konnte man schlieen, da es ein industrielles Zentrum sei. Sobald man in
den mchtigen Bahnhof mit seiner glasbedachten Halle eingefahren war, bernahm
Hschke die Fhrung; er war auf diesem Pflaster wohlbekannt.
    Das erste, was er tat, war, sich an einer Straenecke eine Zeitung mit
Wohnungsanzeiger zu kaufen; darin hatte er bald gefunden, was er suchte:
Schlafstellen fr Handwerksburschen und Zugereiste noch zu haben bei Mller auf
der Feldstrae.
    Hschke kannte die Feldstrae nicht. Aber es war erstaunlich, wie er sich
durch die groe Stadt zum Ziele fand. Ein-, zweimal wurde gefragt - nicht der
Polizist, denn der wird dir blo grob, wenn du keinen guten Rock anhast! -
erluterte Hschkekarl.
    Bei Mller auf der Feldstrae muten sie vier Treppen steigen. Der Mann war
in der Fabrik, die Frau zeigte die Schlafstellen.
    In einer Dachkammer, deren Decke schrg abfiel, standen fnf Betten so eng
nebeneinander, da die hinteren Schlafburschen ber die Betten der vorderen
steigen muten. Zwei Betten waren besetzt, an junge Leute, die auch Arbeit
suchen, wie die Frau mit einem Blicke auf die Berliner der beiden sagte; sie
hatte die Fremden mit Kennerblick sofort richtig eingeschtzt.
    Man mute, um zu der Dachkammer zu gelangen, durch das Familienzimmer der
Vermieter gehen. Zwei nicht gerade saubere Kinder krochen auf der Diele umher,
ein anderes lag im Schlafkorb. Die Frau sah leidend aus und abgehrmt.
    Hschke fragte nach dem Preis des Bettes. Zwei Mark die Woche! lautete die
zaghafte Antwort. Hschke meinte, das sei viel, handelte aber nicht. Den
gutmtigen Gesellen dauerte die Frau. Man wurde handelseinig.
    Die Wanderburschen legten die Berliner ab und suchten sich sein zu machen;
man war ja in der Stadt! Die Wirtin gab dazu ihr eigenes Waschbecken her; auch
ein Stck Seife und ein Handtuch fand sich herzu. Man war schnell in gutes
Einvernehmen mit der Frau gekommen. Hschke hatte das Wohlgefallen der Mutter
durch kleine Spchen mit den Kindern zu erobern verstanden.
    Die beiden versprten Hunger. Hschke entsann sich einer Kneipe, in der er
frher, als er hier als Schlosserlehrling gearbeitet, oft verkehrt hatte. Dort
wrde man auch allerhand erfahren, was in der Welt vorgehe.
    Man befand sich im Fabrik- und Arbeiterviertel der Stadt. Auch jene Kneipe
entsprach der Umgebung: nchtern, einfach, fr die Verhltnisse des kleinen
Mannes berechnet. Hschke rekognoszierte, ehe man eintrat, das Schild. Es war
noch der alte Name; also wrde wohl auch der alte Geist hier walten.
    Man betrat das Lokal. Hschke gab sich als ein alter Kunde der Wirtschaft zu
erkennen. Der Wirt schmunzelte verstndnisvoll und erklrte, sich seiner noch
ganz gut zu entsinnen.
    Whrend der bestellte Imbi fr die beiden zubereitet wurde, setzte sich der
Wirt zu ihnen an den Tisch. Er schien ein geistig reger, gut unterrichteter Mann
zu sein. Hschke erfuhr von ihm im Laufe einer Viertelstunde alles, was er
wissen wollte.
    Die Lage des Arbeitsmarktes war zurzeit eine gedrckte. Fr Zugereiste gab
es so gut wie gar keine Anstellungsaussichten. Besonders in der
Maschinenbranche, nach der sich Hschke erkundigt hatte, gingen die Geschfte
ganz flau. Die Fabriken arbeiteten nur, um nicht schlieen zu mssen. Die groen
Unternehmer wollten die Krisis benutzen, sich einer Anzahl Arbeiter zu
entledigen und dann die Lhne der brigen zu drcken. Dazu gab es eine Menge
Arbeitsloser, die sich von Tag zu Tag durch Zuzug aus den Kohlenrevieren
vermehrten, wo seit einem Monat Streik herrschte. Groe Demonstrationen der
Arbeitslosen hatten bereits stattgefunden, fast jeden Abend gab es
Volksversammlungen; die Polizei hatte zu tun.
    Kurz, es ging allerhand Interessantes vor! Der Wirt schmunzelte wiederholt
bei seinem Berichte. Ihn erregten diese Dinge durchaus nicht; er fuhr unter
allen Umstnden gut. Je mehr Unzufriedene, desto strker der Besuch seines
Lokales. -
    Alles war hier darauf berechnet, dem Proletarier zu schmeicheln; kein
Bourgeoisblatt war zu erblicken, nur Zeitungen einer bestimmten politischen
Richtung. Hier bekam Gustav zum ersten Male in seinem Leben Bltter in die Hand,
welche er nur aus Verwarnungen der Vorgesetzten dem Namen nach kannte, die er
nie anders als mit Abscheu und Entrstung hatte nennen hren. In einem Kasten
unter Glas lagen Parteischriften.
    Der Wirt war vertraulicher geworden, sobald er gemerkt, da er in Hschke
einen sicheren Genossen vor sich habe. Gustav hrte mit Staunen der Unterhaltung
zu. Noch niemals hatte er so freie Reden gehrt. Die urteilten ber Personen,
Behrden, Einrichtungen, die er fr unantastbar gehalten hatte, mit einer
Geringschtzung, da ihm eine Gnsehaut nach der anderen ber den Rcken lief.
Er verstand nicht alles, was sie sagten, denn sie brauchten Ausdrcke und
Wendungen, die ihm nicht gelufig waren. Noch war ihm alles das neu und
unheimlich, und doch zog es ihn an.
    Abends ging es in eine Volksversammlung. Gustav hatte noch nie einen so
mchtigen Saal gesehen. Der war hchstens zu vergleichen mit der verdeckten
Reitbahn in der Kaserne. Der Raum wurde erleuchtet durch einzelne runde Lampen,
die, in der Hhe schwebend, das Ganze mit mildem weilichen Licht bergossen, so
hell, da man jedes einzelne Gesicht bis in die entfernteste Ecke des
riesenhaften Raumes erkennen konnte. Tausende waren da versammelt. Man sa an
Tischen, hatte sein Glas Bier vor sich stehen. Viele, die keinen Platz zum
Sitzen gefunden hatten, stauten sich unter den Galerien, die ebenfalls bis zur
dritten Empore mit Menschen gefllt waren.
    Und am unteren Ende des Saales, auf einem erhhten Platze, wie auf einer
freien Bhne, saen einige Mnner, die Einberufer der Versammlung, neben ihnen
ein Polizist; die einzige Uniform in der groen, schwarzen Menge.
    Gustav verstand nichts von den Vorgngen. Hschke erklrte ihm, da sie ein
Komitee bildeten. - Es schienen alles Mnner aus dem Volke zu sein, ihrer
Sprache und Kleidung nach zu urteilen. Auch der Mann, der jetzt sich zum Worte
meldete, war ein Arbeiter, ein Entlassener und Arbeitsloser, wie er selbst
sagte. Er sprach wohl eine Stunde lang. Die Tausende lauschten seinen Worten mit
atemloser Spannung; man konnte nicht andchtiger einer Predigt zuhren. Gustav
ward es zumute, als befnde er sich in der Kirche.
    Da brach die Menge auf einmal in ein Gelchter aus ber eine Bemerkung des
Redners; darauf Beifallsrufe aus Hunderten von Kehlen. Von da ab wurde der
Vortrag hufig unterbrochen durch Zustimmung. Hin und wieder hrte man auch ein
Zischen, aber das wurde sogleich durch verstrktes Bravorufen, Trampeln und
Hndeklatschen bertubt. Als der Redner endlich geschlossen hatte, brach ein
solcher Lrm los, da Gustav Schlimmes zu frchten begann.
    Das Tosen legte sich im Nu, als der Vorsitzende sich erhob zu ein paar
Worten. Jetzt hat er die Diskussion erffnet, erklrte Hschke dem Neuling.
    Verschiedene aus der Versammlung traten auf das Podium. Wieder waren es nur
ganz einfache Leute. Mancher unter ihnen sah rmlich aus und herabgekommen. Die
meisten erklrten sich als arbeitslos.
    Und wie sprachen diese Mnner! - Gustav konnte es gar nicht begreifen.
Bettler und Stromer schienen es zu sein, wie er manchen von seines Vaters Tr
gewiesen hatte. Und nun mute er mit Beschmung erkennen, wie ihm diese
einfachen Mnner berlegen waren. Wie wuten sie die Worte zu setzen, ihren
Gedanken Ausdruck zu verleihen!
    Sie schilderten ihr Elend, berichteten von den Erfahrungen, die sie in der
Fabrik, im Bergwerk, auf der Strae gesammelt hatten. Von der Unbarmherzigkeit
der Reichen sprachen sie und der Hrte der Arbeitgeber. Dann schilderten sie den
Jammer in ihren Familien. Und von diesem dsteren Hintergrund hob sich um so
leuchtender ab das Bild der Zukunft: ihre Forderungen, die khnen Hoffnungen und
Erwartungen dessen, was da kommen sollte, der Ausgleich, die Vergeltung, das
Glck, das irdische Paradies, welches ihnen prophezeit worden war von ihren
Lehrern, dessen Glanz sich in ihren glhenden Augen spiegelte.
    Die Worte dieser Mnner griffen Gustav ans Herz. Er fhlte die Not, die sie
schilderten, als sei es seine eigene. Er war ganz auf ihrer Seite. Eine Ahnung
ging ihm auf von dem, was sie beseelte.
    Es war die gemeinsame Sache. Ein Geist, eine Hoffnung, eine Idee sprach aus
ihren Blicken, beherrschte ihre Mienen, Bewegungen und Zungen. Eine Idee
erfllte sie, strkte ihren Mut, entflammte ihre Begeisterung, ihr Hoffen, erhob
sie ber sich selbst, lie jeden einzelnen mehr erscheinen, als er war.
    Es lag etwas Ansteckendes in dem gleichen Fhlen so vieler; als habe sich
der Luft etwas mitgeteilt von dem Empfinden eines jeden Kopfes, das vereinigt
wieder zurckwirkte auf den einzelnen. Auch Gustav versprte diese
geheimnisvolle Wirkung des Massengeistes auf sich. Es lebte Groes und
Erhebendes in dem Bewutsein, sich eins zu wissen in Hoffen und Wollen mit
Tausenden.
    Auch ihn erfate die Sehnsucht nach dem, was jene erstrebten, das sich mit
Worten kaum ausdrcken lie, und das doch unausgesprochen aus jedem Auge hier
leuchtete. Sie tappten unsicher umher, ihre Worte widersprachen sich; sie
widersprachen auch einander gegenseitig in ihren Reden, stammelnd suchten sie
nach Ausdrcken, um das zu sagen, was in ihrem Herzen lebte, unklar und
verworren, was in jedem dieser Kpfe eine andere Gestalt angenommen. Und doch
war etwas Gemeinsames da, das in der Tiefe der Gemter schlummerte: die
Sehnsucht nach dem Glck.
    Elend waren sie und verkommen. Die Gegenwart war fr sie eine dunkle Hhle,
weit abgelegen von aller Schnheit der Oberwelt. Ihre Augen waren starr auf
jenes kleine ferne Loch in der Hhe gerichtet, durch welches Licht und
Sonnenwrme zu ihnen drang; dort hinauf wollten sie. -
    Gustav bersah die Versammlung. So viel ernste Mnnerkpfe! Die meisten
bleich, sorgenvoll, schmerzgeprft. Konnte man sich vorstellen, da diesen nicht
ihr Recht werden sollte? -
    Eines war ihm an diesem Abende klar geworden: schlecht waren diese Menschen
nicht. Nicht Bosheit und Niedertracht beherrschte sie; sie trieb ein Streben,
das auch ihn beseelte wie jeden anderen Sterblichen: das Verlangen nach
Besserung.
    Inzwischen hatte ein neuer Redner das Wort erhalten. Es war ein kleiner,
krnklich aussehender Mann. Er sprach mit heiserer Stimme, die dort, wo Gustav
sa, kaum zu vernehmen war. Er schien erregt und leidenschaftlich; mit ein und
derselben immer wiederholten hmmernden Handbewegung stie er seine abgerissene
rauhe Rede hervor. Etwas von Kapitalismus und Bourgeoisregierung drang an
Gustavs Ohr.
    An den hinteren Tischen wurde man unruhig. Lauter! rief jemand dem Redner
zu. Der Mann erhob die Stimme und sagte nunmehr deutlich vernehmbar: Wie kann
man von Behrden oder Regierung Abstellung unseres Notstandes erwarten, wenn die
aufs engste verbunden sind mit der blutsaugerischen Unternehmerclique, ja, wenn
die nur die Handlanger sind des Kapitalismus ...
    Whrend er diese Worte in die Versammlung rief, hatte sich der
Polizeioffizier erhoben. Er setzte den Helm auf und erklrte die Versammlung fr
aufgelst.
    Die meisten Anwesenden waren gleichzeitig von ihren Pltzen aufgesprungen.
Das Rufen von tausend entrsteten Mnnern ertnte wie ein einziger Schrei des
Zornes. Ein Sturm, ein Tosen erhob sich, in dem die einzelne Stimme verschlungen
wurde wie die kleinen Wellen von der zur Flutwelle aufgepeitschen Brandung.
    Gustav erbebte. Was wrde jetzt werden! In den Gesichtern umher las er
Ingrimm und trotzige Entschlossenheit. Was konnte der entfesselten Wut dieser
Tausende widerstehen?
    Der Polizeioffizier stand unbeweglich vorn auf dem, Podium, er musterte das
tobende Meer zu seinen Fen scheinbar unerschrocken. Der Vorsitzende
verschaffte sich durch Winke und Zeichen so viel Ruhe, da seine Aufforderung,
ruhig auseinanderzugehen, gehrt ward.
    Zwar wurden Fuste geschttelt, manch haerfllter Blick traf den Vertreter
des Gesetzes da oben, manch halbunterdrcktes giftiges Wort erklang; aber dabei
blieb es. Allmhlich, in grerer Ruhe und Ordnung, als man es bei einer solchen
Menschenflle fr mglich gehalten hatte, setzte sich die Menge in Bewegung und
rumte den Saal.
    Drauen auf der Strae freilich war erst zu erkennen, wie gut die
Versammlung all die Zeit ber bewacht gewesen war. Im Lichte der Gaslaternen
blitzten Pickelhauben. Einzelne Berittene sprengten auf und ab und hielten den
abstrmenden Zug in steter Bewegung.
    Gustav hatte das Bewutsein, etwas Groes erlebt zu haben. Eine Ahnung war
ihm aufgegangen, da es Kmpfe gab in der Welt, von denen er daheim, wenn er
hinter den Pferden einhergeschritten war, sich nichts hatte trumen lassen. Ein
Vorhang war weggerissen worden vor seinen Augen, der ihm eine ganze Welt
verborgen gehalten hatte.
    Die nchsten Tage brachten neue Erlebnisse.
    Er ging mit Hschke in die Arbeitsnachweisbureaus und in die Fabriken. Da
sah er in langen Reihen die Arbeitsuchenden stehen: Mnner, die ihre
Fertigkeiten, ihre Krfte anboten wie eine Ware. Er hrte die geschftsmigen
kalten Fragen der Bureauchefs, er sah die verzweifelten Mienen der Abgewiesenen,
vernahm unterdrckte Seufzer und wilde Flche.
    Dann wohnte er noch anderen Volksversammlungen bei. Er hrte die Rede eines
berhmten Reichstagsabgeordneten der Arbeiterpartei. Durch Hschke lernte er
einzelne Genossen kennen. Er bekam einen Begriff von dem Dasein einer
weitverzweigten mchtigen Verbindung, einer Macht, die weit hineinreichte in
alle Verhltnisse.
    Und je mehr er sah, je mehr zog ihn an, was er kennen lernte. Es war, als
sei er an den Rand eines Strudels geraten. Er fhlte, da er da hinabgerissen
werden sollte, widerstrebte und wurde doch in den verfnglichen Kreis
hineingetrieben.
    Als Soldat hatte er mehr als vier Jahre in der Stadt zugebracht; aber wo
hatte er seine Augen damals gehabt! Jetzt erst, schien es ihm, wisse er, wozu er
berhaupt lebe. Bis dahin hatte er hingedmmert ohne Sinn und Verstand. Er sah
auf einmal die Welt mit ganz anderen Augen an. Hier allein in der groen Stadt
war das Leben des Lebens wert, wo jeder Augenblick neue Erlebnisse, neue
Erfahrungen brachte.
    Aber dieses schne Leben fand sein Ende. Eines Tages beim berzhlen seiner
Barschaft entdeckte Gustav, da er kaum noch so viel habe, um nach Hause reisen
zu knnen. Die letzten Tage hatten viel gekostet. Da war mancher Groschen fr
die arbeitslosen Genossen draufgegangen.
    Hschke hatte auch nichts mehr, aber er nahm Vorschu und konnte so Gustav
aushelfen.
    Eines Tages trennten sie sich. Mach's gut, Schwager! sagte Hschkekarl zum
Abschiede. Und wenn dir's in Halbenau nich gefallen will, dann denk' an
Hschken. Ich wer' dir 'n Platz hier warmhalten.

                                     VIII.


Auch nachdem er seinen schweren Rausch ausgeschlafen, verlangte Karl Bttner mit
hartnckigem Eigensinn von Therese, sie solle ihm sein Geld herausgeben. Die
Behandlung, die ihr von seiner Seite widerfahren, hatte die standhafte Frau so
wenig entmutigt, da sie sich nach wie vor weigerte, ihm zu sagen, wo sie das
Geld versteckt halte.
    Unter der Hand erkundigte sich Therese nach ein paar Ziegen. Neuerdings
hatte sie beschlossen, Ziegen von dem Gelde zu kaufen. Jetzt noch Schweine
aufzustellen, war zu spt im Jahre, damit wollte sie bis zum nchsten Frhjahr
warten.
    Karl war wie umgewandelt. Ein neuer Zug schien in sein Wesen gekommen zu
sein, der ihm frher gnzlich fremd gewesen: Tcke. Man wollte ihm sein Geld
vorenthalten - gut! Seine Antwort darauf war, da er sich auf die faule Haut
legte.
    Ein Freund von angestrengtem Arbeiten war er niemals gewesen, aber jetzt
stellte er sich an wie ein sttischer Gaul. Bis in den Vormittag hinein wlzte
er sich im Bette, dann verlangte er zu essen. Wenn das Gewnschte nicht gleich
kam oder nicht nach seinem Sinne war, fluchte und schimpfte er. Therese war nur
noch seine Magd.
    Frher, wo Karl die Gutmtigkeit in Person gewesen, hatte Therese ihn oft
geplagt mit ihrer Streitsucht; immer hatte sie den Ruhseligen unter ihren
energischen Willen zu ducken verstanden. Jetzt wendete sich das Blttchen. Jetzt
wollte er ihr zeigen, da es auch umgekehrt gehe; er hatte Wohlgefallen am
Schlechtsein gefunden.
    In Karl hatte all die Zeit ber etwas geschlummert, etwas wie die versteckte
Wildheit des Stieres, die nur ausbricht, wenn die Gelegenheit sie hervorlockt.
In diesem Bauernsohne lag eine Summe von tierischer Kraft angesammelt, wie sie
seine Vorfahren im harten Ringen mit der Natur wohl gebraucht; aber ihm waren
alle jene edleren und feineren Gaben versagt geblieben, die den Landmann zu
einem guten Wirt und Hausvater, zu einem Pfleger und damit in hherem Sinne zu
einem berwinder der Natur machen. Solange er in guter Obhut gewesen unter der
strengen Fuchtel des alten Bauern, auf dem vterlichen Gute wie ein Knecht
gehalten, waren die wilden Seiten seines Wesens nicht hervorgebrochen; aber
jetzt, wo er, losgerissen von der Heimat, den Boden unter den Fen verloren
hatte, in Verhltnisse geworfen war, denen er mit seiner gering entwickelten
Intelligenz nicht gewachsen, fiel er mit Notwendigkeit in jene angeborene Roheit
zurck.
    Geschlagen hatte er seine Frau noch nicht wieder seit dem Zweikampfe an
jenem Morgen. Er hatte sich, als er die Folgen seiner Tat gewahr geworden, doch
vor sich selbst entsetzt. Dann kamen wieder Augenblicke, wo sie ihn durch ihre
spitzen Redensarten, denen seine plumpe Zunge nicht gewachsen war, zum Grimm
reizte. Da juckte es ihm in den Fingern, loszuschlagen. Aber das Bewutsein, da
er neulich haarscharf daran vorbeigegangen war, zum Gattenmrder zu werden,
hielt ihn immer wieder zurck.
    Es ging wenig erquicklich zu in dem Haushalte der beiden; zum huslichen
Unfrieden kam auch noch Krankheit. Die Kinder legten sich der Reihe nach. Das
Achtmonatskind, welches Therese von Toni zur Pflege berkommen hatte, siechte
von dem Augenblicke an, wo die Mutter es verlassen hatte. Therese sagte wie oft:
Wenn ack der Racker bluig starben wullte, da Ruhe wirde! - Aber ihre Taten
waren besser als ihre Worte. Manchmal trug sie das elende Wrmchen eine halbe
Nacht lang im Zimmer umher und suchte es in Schlaf zu wiegen.
    Karl fing jetzt an, des Abends regelmig auszugehen. Es hatte sich
herumgeredet, da Bttnerkarl im Besitze einer greren Summe Geldes sei. Wie
immer hatte das Gercht vergrert. Karl fand daher in den Schenken Kredit.
    Therese war auer sich. Sie lief bei den Leuten umher und verbreitete, Karl
besitze von dem Gelde - keinen Pfennig mehr. Aber der Eifer, mit dem sie das
erzhlte, machte ihre Behauptung unglaubwrdig. Ihr Mann bekam nach wie vor
Schnaps geschenkt, soviel er nur wollte.
    Auch den Kretscham von Halbenau besuchte Karl fters. Kaschelernst kicherte
vergngt, sobald er des Neffen ansichtig wurde. Mit der Miene des teilnehmenden
Verwandten erzhlte er ihm auch gelegentlich, was der Alte mache. Seinen Vater
hatte Karl noch nicht wieder gesehen, seit er im Frhjahr nach Wrmsbach gezogen
war.
    Natrlich war Kaschelernst uerst neugierig, zu erfahren, wie es mit des
Neffen Gelde stehe. Bald hatte er auch herausbekommen, da Karl da nicht 'ran
drfe. Die Geschichte ergtzte den alten Gauner aufs hchste; dergleichen
Angelegenheiten waren ganz nach seinem Sinne.
    Eines Tages kam er mit geheimnisvoller Miene an Karl heran, tuschelte ihm
ins Ohr: Wenn er noch etwas von seinem Gelde sehen wolle, mge er sich
dazuhalten; Therese sei drauf und dran, ein paar Ziegen davon zu kaufen.
    Karl lief spornstreichs nach Haus. Diese Nachricht hatte den Trgen in
Aufruhr gebracht. Therese Ziegen kaufen, von seinem Gelde! - Jetzt wollte er's
heraushaben von ihr!
    Aber auf dem Wege von Halbenau nach Wrmsbach hatte er Zeit, sich die Sache
zu berlegen. - Wenn er was sagte, wrde sie's merken, und er hatte wieder das
Nachsehen. Diesmal wollte er's schlauer anfangen. Sie hielt ihn zwar fr dumm;
zehnmal am Tage bekam er einen Uchsen an den Kopf geworfen, aber nun wollte er
sie gerade mal berlisten. Er beschlo, zunchst den Mund zu halten und zu
warten.
    Am nchsten Morgen zog Therese die Sonntagskleider an, band eine frische
Schrze darber und legte ein buntes Kopftuch an. Sie wollte mal zum Duchter
gehn wegen der Kinder, erklrte sie. Er mchte die Tpfe auf dem Herde
beobachten und gelegentlich rcken, damit's nicht berkoche. Der freundliche
Ton, in dem sie das sagte, war verdchtig.
    Er pate genau auf jede ihrer Bewegungen auf. Ob sie das Geld schon bei sich
hatte? - Sie ging in die Kammer nebenan. Er lauschte. Fast klang es, als steige
sie auf einen Stuhl. Sie rckte etwas. Dann konnte er ein schwaches Klimpern
vernehmen. Das war das Geld!
    Nach einiger Zeit kam sie wieder ins Zimmer. Nun wolle sie aber gehen, sagte
sie, sie habe sich nur noch ihr Sacktuch geholt.
    Er lie sie durch die Tre schreiten; aber dann war er auch sofort hinter
ihr drein. Noch ehe sie ins Freie gelangt, hielt er sie am Arme. Auf der anderen
Seite des Hausflurs war ein leerer Stall; eben der Ort, den sich Therese fr
ihre Ziegen ausersehen hatte. Dahinein ri er sie, schob den hlzernen Riegel
vor, sobald er sie drin hatte.
    Gibst de's Geld raus! knurrte er. De hast's ei der Tasche stacken. Ich
wee 's!
    Sie leugnete ihm ins Gesicht.
    Mach kee Gefitze nich! Ich ha's gehiert, wie de's eigesteckt hast.
    Sie wollte an ihm vorbei, dem Ausgange zu. Aber er umfate sie rechtzeitig,
schleppte sie nach dem Hintergrund des Stalles.
    Gibst de's har!
    Ne, dir ne!
    Er suchte ihr mit einer Hand die Arme festzuhalten und mit der anderen in
ihre Kleidtasche zu gelangen. Sie setzte sich zur Wehr, bi und kratzte. In der
Dunkelheit des Stalles funkelten ihre Augen wie die einer Katze. Karl brllte
auf, ihre Ngel in seinem Halse brannten wie Feuer. Er schttelte sie ab. Dann
warf er sich mit der ganzen Wucht seines schweren Krpers auf sie, da sie
sthnend zusammenbrach.
    Gibst de's raus?
    Ne, im Leben ne!
    Nun kniete er auf ihr, ihren Leib mit dem Knie niederstemmend. Ihre Hnde
drckte er mit seiner Riesenfaust zusammen, da sie gnzlich wehrlos dalag. Mit
der freien Hand suchte er in ihren Kleidern. Aber Therese lag auf dem
Geldtschchen; noch in dieser verzweifelten Lage wute sie den Schatz mit ihrem
Leibe zu decken. Er konnte nicht dazu gelangen, so sehr er sich auch mhte.
    Darber wurde er toll vor Wut. Blindlings griff er in die Kleider, zerfetzte
alles, was ihm zwischen die Finger kam. Therese wand und bumte sich, aber was
vermochte sie gegen die entfesselte Raserei dieses Wilden!
    Gibst de's nu?
    Sie konnte nicht mehr sprechen, spuckte ihm statt der Antwort ihren Geifer
ins Gesicht.
    Da griff er mit einer Tatze zu, vor der alles wich. Ein Ratz - das
Sonntagskleid in Fetzen!
    Jetzt fhlte er's; hier im Futter sa es. Die Nhte sprangen. Das
Ledertschchen mit dem Stahlbgel kam zum Vorschein. Nun hielt er's in Hnden.
Er stand auf.
    Aus der Ecke kam eine Jammergestalt hervor: halb nackt, blutend, mit
hngendem, zersetztem Haar. Seine Frau! -
    Er schob das Geldtschchen schnell in die Tasche, sprang nach der Tr und
lief aus dem Hause.
    Eine Stunde darauf sa er im Kretscham von Halbenau.

                                     * * *

    Inzwischen waren die Frauen von der Wanderarbeit im Rbenlande nach der
Heimat zurckgekehrt. Pauline war mit ihrem Jungen zur Mutter gezogen, wartete
hier auf Gustavs Rckkehr. Ernestine wohnte wieder auf dem Bauernhofe beim alten
Vater.
    Ernestine war sehr verndert zurckgekehrt aus der Fremde. Sie hatte sich im
Laufe des Sommers ein gewisses hochnsiges Herabblicken auf ihre Umgebung
angewhnt. Den heimischen Verhltnissen brachte sie ganz unverhohlene Verachtung
entgegen. Sie sagte es auch jedermann, der es hren wollte, da sie es in
Halbenau nicht lange aushalten werde.
    Sie war im Besitz grerer Geldmittel als irgend-ein anderes Mitglied ihrer
Familie. Und sie hielt gut Haus damit. Die anderen Rbenmdchen brachten ihr
Erspartes schnell unter die Leute: Kleider, Schmuck und allerhand unntzer Tand
wurde gekauft. Manch eine lie sich auch ihre mhsam erworbenen Groschen von
einem Burschen abschwatzen, oder man verjubelte die Ersparnisse gemeinsam. Die
Tanzereien und Gelage gingen in diesem Winter besonders flott im Kretscham von
Halbenau; die Runkelweiber hatten Geld ins Dorf gebracht.
    Ernestine Bttner war viel zu vernnftig und zu berechnend, um sich an
solchem Treiben zu beteiligen. Sie machte sich daran, mit ihrem und Hschkekarls
Gelde eine Ausstattung zu besorgen. Das Mdchen kaufte Stoffe ein und Leinwand.
Mit Pauline sa sie oft bis spt in die Nchte hinein in Frau Katschners
Behausung ber die Nadel gebckt. Schwerlich ahnte ihr Brutigam Hschke, wie
energisch, praktisch und sparsam das Regiment sein wrde, unter das er kommen
sollte.
    Auch dem Vater gegenber wollte Ernestine ihre Selbstndigkeit zur Geltung
bringen. Der alte Bauer hatte sich noch nicht darein gefunden, in ihr etwas
anderes zu sehen als das jngste Kind. Sie sollte sich seinem Willen in allen
Stcken fgen, wie er es von jeher von seinen Kindern, ganz besonders aber von
den Tchtern verlangt hatte.
    Er nahm als selbstverstndlich an, da Ernestine die huslichen Arbeiten
bernehmen wrde, welche seit dem Tode der Mutter arg vernachlssigt waren.
    Aber Ernestine, die von ihrem Brutigam gelernt hatte, da Kinder den Eltern
nicht mehr zu gehorchen brauchen, tat nur, was ihr pate. Den Befehlen des
Vaters antwortete sie mit Achselzucken, spitzen Worten oder auch Vorwrfen. Der
alte Mann bekam von der Tochter zu hren: Er sei ja selbst daran schuld, da sie
nichts mehr htten, nicht einmal so viel, um sich eine Magd zu halten. Er habe
ja das Vermgen durchgebracht mit liederlicher Wirtschaft. Nun sei Haus und Hof
in fremde Hnde geraten und sie, die Kinder, knnten betteln gehen.
    Der Bttnerbauer mute das mit anhren und seinen Kummer in sich
hineinschlucken. Jetzt warf ihm sein eigenes Kind das schwere Unglck, das ihn
getroffen hatte, auch noch als Vorwurf ins Gesicht.
    Ernestine wute nicht, was sie tat! - Jene naive Grausamkeit der Jugend war
ihr eigen, die in dem alten Menschen etwas Unangenehmes, Unntzes, Lstiges
sieht. Was wute sie denn von dem, was in der Seele des Vaters vorging, der am
Abende des Lebens sein ganzes Lebenswerk: Arbeit, Sorge, Hoffnung in nichts
zerrinnen sah! -
    Sie setzte den vterlichen Befehlen ihr schnippisches Besserwissen entgegen.
Wiederholt betonte sie, es sei nur ihr guter Wille, nicht ihre Pflicht, wenn sie
fr den Vater etwas besorge; seine Magd sei sie nicht! Sie habe es in der Fremde
besser kennen gelernt. Und wenn er sie etwa zwingen wolle, dann werde sie auf
der Stelle gehen; sie habe keine Pflicht, ihm zu gehorchen, da er ihr das
Erbteil vertan habe.
    Der Bttnerbauer hatte in den letzten Monaten gelernt, vieles zu ertragen.
Es schien fast, als wolle er auch den Rutenstreichen, die ihm seine
Jngstgeborene erteilte, geduldig den Rcken hinhalten.
    Eines Tages aber besann er sich auf seine Mannes-und Vaterwrde. Ernestine
hatte sich geweigert, die Grube hinter dem Hause auszuschpfen; diese Art
Beschftigung sei unter ihrer Wrde, erklrte sie. Das brachte bei dem Alten das
Ma zum berlaufen. Seit Menschengedenken hatten im Bttnerschen Hause die
Frauen diese Arbeit versehen. Nun wollte das junge Ding hier sich auf einmal
gegen die althergebrachte gute Sitte auflehnen! - Diesmal machte der Bauer von
seinem hausvterlichen Rechte Gebrauch. Er holte den Haselstock aus der Ecke
hervor, den Ernestine aus der Jugendzeit gar wohl kannte; der hatte auf ihrem
und der Geschwister Rcken gar manchen Tanz aufgefhrt. Das Mdchen war klug
genug, es nicht zum uersten kommen zu lassen. Sie kannte den Vater in der Wut.
Schleunigst machte sie sich an die ekelhafte Arbeit; der Alte stand mit dem
Stocke daneben als Wache, bis sie die ganze Grube ausgetragen hatte.
    Ernestinens Antwort auf diese Demtigung war, da sie, ohne ein Wort zu
sagen, aus dem vterlichen Hause wegzog; ihre sieben Sachen nahm sie mit sich.
Sie wohnte fortan im Dorfe zur Miete. Der Vater drfe sie nicht zwingen, bei ihm
zu leben, erklrte sie, da er ihr nichts zum Leben gebe. -
    So fand Gustav die Verhltnisse, als er nach Halbenau zurckkehrte.
    Er wohnte einstweilen mit bei Frau Katschner. Sein erster Gang, nachdem er
Frau und Kind begrt hatte, galt dem Bauerngute.
    Was hatte sich da alles verndert seit dem Frhjahre, wo er in die Fremde
gegangen war: das Gut in fremde Hnde bergegangen, zerstckelt, ausgeraubt!
Scheune, Keller, Stall leer! Im Hause alles verwahrlost und verwildert! Die
Mutter gestorben! Dazu die Kinder alle fortgezogen! Karl mit seiner Familie in
ein anderes Dorf, Toni in die Stadt. Und nun zum letzten noch Ernestinens
Auflehnung!
    Gustav, der den Vater seit einem halben Jahr nicht gesehen, fand ihn
furchtbar verndert. Der Alte war teilnahmslos und stumpf geworden. Selbst die
Rckkehr seines Lieblingssohnes ri ihn nicht aus seinem dumpfen Hinbrten.
    Sein Leben war schlechter als das eines Hundes. Seit Ernestine das Haus
verlassen, war nicht mehr gekocht worden. Kohlenvorrte und Holz fehlten. An
Ewaren gab es nur halberfrorene Kartoffeln und faulendes Kraut im Keller. Der
alte Mann lebte von Milch, in die er sich etwas Brot schnitt. Sein Bart war ihm
langgewachsen, umgab als gelbgraue, struppige Krause das ausgemergelte Gesicht.
Die Augen lagen in tiefen dunklen Hhlen. Seine Kleider starrten von Schmutz. Er
ging nicht mehr aus dem Hofe. In der Kirche hatte man ihn seit Monaten nicht
gesehen. Wenn er Menschen auf den Hof zukommen sah, rannte er hinauf in die
Dachkammer, schlo sich dort ein und gab auf noch so lautes Klopfen und Rufen
keine Antwort.
    Dem Sohne fiel das Herz vor die Fe, als er diese Dinge wahrnahm. Viel zu
helfen war hier nicht! Das Gut konnte er dem Vater ja doch nicht zurckerobern.
    Gustav sorgte dafr, da wenigstens Vorrte ins Haus kamen. Dann machte er
einen Versuch, Ernestine zum Vater zurckzufhren; aber der scheiterte an dem
Eigensinn des Mdchens.
    Gustav veranlasse infolgedessen Paulinen, tglich einige Stunden auf das
Bauerngut zu gehen, dem Vater das Essen zu bereiten und auch sonst fr seine
Notdurft zu sorgen.

                                     * * *

    Weihnachten war herangekommen. Eine Woche vor dem Christfeste kam ein Brief
an mit dem Poststempel Berlin. Toni schrieb an Ernestine, sie werde zum
Heiligenchrist nach Halbenau kommen. Ihr Chef habe ihr Urlaub gegeben, damit
sie sich zu Hause auskurieren solle. Sie habe nmlich vom vielen Stehen
geschwollene Beine bekommen, da sie kaum noch Schuhe ber die Fe ziehen
knne.
    Ernestine lie Tonis Brief unter den Freunden und Verwandten herumgehen. Er
war auf feinstem rosa Papier geschrieben und duftete s; der Inhalt war
Kauderwelsch. Schreiben schien Toni auch in Berlin nicht gelernt zu haben.
    Niemand freute sich sonderlich auf Tonis Kommen. Die Geschwister hatten sie
schon so gut wie vergessen. Man wunderte sich hchstens, wo sie das Geld zu der
weiten Reise hernehme.
    Eines Tages, in der letzten Woche vor dem Feste, kam Therese von Wrmsbach
nach Halbenau herber. Sie suchte Gustav und Pauline auf und erzhlte, Tonis
Kind sei am Tage zuvor gestorben. Sie war hauptschlich nach Halbenau gekommen,
um bei den Familienmitgliedern eine Beisteuer fr das Begrbnis zu erbitten.
    Man empfand es allgemein als Segen, da das Wrmchen gestorben.
    Ernestine und Pauline gingen mit zum Begrbnis. Sie waren beide noch nicht
bei den Geschwistern in Wrmsbach gewesen. Als sie zurckkamen, konnten sie
nicht genug davon erzhlen, wie traurig es dort sei. Das Haus, eine Htte, die
jeden Augenblick einzustrzen drohte, die Kinder elend und zerlumpt, Karl dem
Trunke ergeben und schlecht gegen seine Frau, Therese vllig herunter von dem
Jammerleben!
    Die Schwgerin war nie beliebt gewesen bei den Bttners, ihres streitbar
zufahrenden Wesens wegen. Aber jetzt beklagte man sie allgemein. Was war aus der
rstigen, tatkrftigen Frau geworden! -
    Toni kam kurz vor dem Feste mit dem Postwagen an. Sie begab sich ohne
weiteres nach dem Elternhause.
    
    Aber der alte Bauer, der eine Frauensperson in stdtischer Kleidung, gefolgt
von einem Burschen, welcher den Koffer trug, auf den Hof zuschreiten sah, schlo
die Haustr ab und zog sich in die Dachkammer zurck, aus der er so bald nicht
wieder zum Vorschein kam. Er hatte in dem Frulein die Tochter nicht wieder
erkannt.
    Toni war darauf zu Frau Katschner gegangen, wo sie Pauline und Ernestine
traf.
    Das Erstaunen der beiden ber Tonis Aufzug war nicht gering. Wenn jemand
buerisch ausgesehen hatte, so war es Toni gewesen; jetzt kam sie als Stadtdame
wieder.
    Dick schien sie immer noch zu sein, aber die rotbraune Farbe war von ihren
Wangen gewichen. Das Haar war gepflegt und zu einer hohen Frisur aufgesteckt,
ber die Stirne fiel es in vereinzelten Fransen fast bis auf die Augenbrauen
herab. Ihr Mieder mute ziemlich eng sein, nach der Art zu schlieen, wie sie
sich steif bewegte. Sie hatte den mit Seide geftterten Mantel, den Hut mit
Strauenfeder, Muff, Handschuhe und Schirm abgelegt und lie diese Pracht nun
von den Frauen bewundern. Von jedem Stcke nannte sie bereitwilligst den Preis.
    Frau Katschner war auch hinzugekommen. Es wurde Kaffee gekocht. Toni bildete
den Mittelpunkt des Interesses.
    Man erzhlte ihr, da ihr Kindchen gestorben sei. Zeichen allzu groer
Bestrzung gab sie nicht zu erkennen. Einige Trnen hatte sie wohl dafr brig.
Dann meinte sie: Die Kinderkleidchen, die sie aus Berlin mitgebracht fr das
Kleine, wollte sie nun Paulinen schenken.
    Die Witwe Katschner wollte dafr, da sie den Kaffee schenkte, auch etwas zu
hren bekommen. Toni wurde aufgefordert, von ihren Erlebnissen zu erzhlen. Sie
tat es in der Weise beschrnkter Menschen, die sich einbilden, da gerade ihnen
Dinge passiert seien, die keinem anderen Menschen widerfahren knnten. Halb und
halb sprach sie noch den heimischen Dialekt; in der altgewohnten Umgebung legte
sie schnell ab, was sie sich etwa an grostdtischen Redewendungen angewhnt
hatte. Sie schwatzte alles durcheinander.
    Zuerst war sie Amme gewesen in jener von Samuel Harrassowitz ihr
verschafften Stelle. Das wre wunderschn gewesen, erzhlte Toni. Sie machte
eine Beschreibung von ihrem Spreewlder Kostm. Tglich sei sie mit dem Kinde im
Tiergarten gewesen, bei gutem Wetter zu Fu, bei schlechten im Wagen.
    Ernestine fragte, warum sie denn nicht in der Stellung geblieben sei, wenn
sie es da so gut gehabt.
    Toni meinte, sie htte da nicht essen und trinken drfen, was sie gewollt;
vom Arzte htte sie sich auch in einem fort untersuchen lassen mssen, und als
das Kind eines Tages Brechdurchfall bekommen habe, sei die Herrschaft sehr bse
geworden und habe sie entlassen.
    Dann sei sie eine Zeitlang ohne Stellung gewesen, habe als privat gelebt,
wie sie sich ausdrckte, bis ihr Freund ihr endlich die jetzige Stellung
verschafft habe.
    Was denn das fr eine Art Verdienst sei, forschte die wibegierige Frau
Katschner.
    Toni wute Wunderdinge darber zu berichten. Sie sei in einem sehr feinen
Lokale. In der Mitte des Lokales befinde sich ein Ding, ganz aus Glas, wie ein
Huschen - sie gab sich vergebliche Mhe, einen Kiosk zu beschreiben - da
drinnen stehe sie und verkaufe Wrstchen an die Gste; das Paar koste zwanzig
Pfennige. An einem Abende verkaufe sie manchmal tausend und mehr. Dazu habe sie
ein Kostm an; sie beschrieb es: Sammetmieder, roten Rock, bloe Arme und eine
dreifache Kette von silbernen Mnzen um den Hals. Sie sei auch schon so
photographiert worden; die Photographie habe sie im Koffer mit.
    Ernestine, die schon lange mit verhaltenem Spotte den Erzhlungen der
lteren Schwester zugehrt hatte, meinte jetzt in wegwerfenden Tone: Wrstchen
verkaufen, das sei was Rechtes, dazu brauche man nicht nach Berlin zu gehen!
    Aber Toni erklrte voll Eifer, ihre Stellung sei eine sehr feine, sie
bekomme viel Trinkgelder, die Herren unterhielten sich oft mit ihr und machten
viel Spa. Zweimal in der Woche habe sie Ausgehtag. Dann erzhlte sie von
Zirkus, Theater, Vierkonzerten, Bllen.
    Die Wunder der Grostadt hatten auergewhnliche Bilder in die Phantasie
dieses Landkindes geworfen. Der neuen Eindrcke waren zu viel gewesen; alles
hatte sich in dem Kopfe der Trin verzerrt und verschoben. Nun, wo sie
versuchte, eine Beschreibung von ihren Eindrcken und Erlebnissen zu geben,
wute sie nicht, wo anfangen, fand keine Ausdrcke fr Dinge, die sie niemals
begriffen, nur wie der Wilde die Wunder der Zivilisation erstaunt angestarrt
hatte.
    Dann fing sie an von ihren Kleidern zu erzhlen. Drei hatte sie zum
Ausgehen, dazu zwei Hte, und Strmpfe und Hemden dutzendweise.
    Ernestine rckte unruhig auf ihrem Platze hin und her; da Toni, der sie
sich stets berlegen gefhlt hatte, jetzt als groe Dame auftrat, verdro sie.
Wovon Toni denn all den Aufwand bestreite, verlangte sie zu wissen.
    Ihr Freund bezahlte ihr alles, erklrte Toni mit Selbstgefhl.
    Mag 'n scheuer Freind sen, das! hhnte Ernestine.
    
    Voll Eifer setzte Toni auseinander: Er is sehre gutt mit mer. 's Reisegeld
hat er mer och geschenkt. Weil 'ch und de Fisse taten mer duch su schwellen; da
is 'r selber zum Chef und hat 'n um Urlaub gebaten fr mich. Su gutt is dar mit
mer.
    Sie blieb bis ber das Neujahr in Halbenau. Wohnung hatte sie schlielich
doch beim Vater genommen.
    Mit jedem Tage, den sie in der Heimat zubrachte, fiel von dem
grostdtischen Wesen, das sie anfangs aufrecht zu erhalten versuchte, etwas
mehr ab. Der Putz war nur oberflchlich aufgeworfen, wollte nicht recht haften
bei diesem echten Bauernkinde. Ein paar Tage lang lief sie vllig scheckig
umher: halb Bauernmagd, halb Stadtfrulein. Ihr modisches Kleid hoch
aufgebunden, da man die schwarzen Strmpfe sah, war sie im Stalle anzutreffen,
sa sie auf dem Melkschemel, die Milchgelte zwischen den Knieen.
    Dann fand sie in einer Lade auf dem Boden einige ihrer alten Kleider, die
dort geblieben waren aus frherer Zeit; die legte sie an. Nun war sie wieder
ganz die alte Toni. Hchstens, da ihre Wangen und Arme noch nicht die ehemalige
braunrote Frbung angenommen hatten.
    Jetzt fhlte sich Toni wieder ganz in ihrem Elemente. Lngst war es ihr ein
Dorn im Auge gewesen, zu sehen, wie die Khe bis an den Euter im Miste standen;
da mute mal ordentlich ausgerumt werden! - Eines schnen Vormittags machte sie
sich daran, mistete den Stall, karrte den Mist auf die Dngersttte, und streute
dem Vieh neu ein.
    Des Sonntags ging sie in den Kretscham zum Tanze. Dort war sie mit ihrem
Seidenkleide und durch den Ruf des auergewhnlichen Glckes, das sie gemacht
die gefeiertste und begehrteste Tnzerin. Und Toni war harmlos genug geblieben,
sich ber den Erfolg von Herzen zu freuen.
    Ernestine rmpfte die Nase ber die Auffhrung ihrer Schwester. Auch fr
Gustav war das Wiedersehen mit Toni peinlich. Er hatte genug vom Leben kennen
gelernt, um zu wissen, da sich ein Mdchen auf anstndige Weise nicht so viel
Geld verdient, wie Toni vertat.
    Toni selbst begriff nicht, warum die Geschwister ihr so khl begegneten. Sie
hatte erwartet, da die Ihrigen sie mit Jubel aufnehmen und sich an ihrem Glcke
freuen wrden, und war nun erstaunt, als sie auf Zurckhaltung stie. Aber sie
war nicht dazu veranlagt, sich Skrupel zu machen.
    Aus Berlin kam ein Geldbrief an Toni an. Sie lief damit bei den Verwandten
umher, zeigte ihnen in naiver Freude, wie ihr Freund sie bedacht habe. Sie
beschenkte Theresen fr ihre Mhe um das verstorbene Kind und sprach davon, dem
Vater etwas zuwenden zu wollen. Kurz, sie gefiel sich der Familie gegenber in
der Rolle einer Gnnerin.
    Am Morgen vor Tonis Abreise rief der alte Bauer seinen Sohn Gustav beiseite;
er hatte offenbar etwas auf dem Herzen. Nach einigem Drucksen, wie es seine Art
war, fing er an, den Sohn auszuforschen: Woher Toni die schnen Kleider habe,
und wie sie zu so viel Geld kme.
    Gustav merkte bald, worauf der Vater hinauswollte. Er hielt mit seiner
Ansicht ber Tonis Erwerbsquellen nicht hinter dem Berge.
    Der alte Mann griff in die Tasche, holte etwas in Papier Gewickeltes hervor,
packte es sorgfltig aus; es waren zwei blanke Goldstcke.
    Dos hoat se mer gegahn, de Toni. Iche mog's ne behalten, ich ne! Gib's du's
er zuricke! Ich mog sickes Gald ne!
    Damit ging er von dannen.
    Toni weinte, als Gustav ihr das Geld zurckgab; sie hatte es doch so gut
gemeint! -

                                      IX.


Karl kam neuerdings nur noch nach Haus, um seine Rusche auszuschlafen.
    Therese hoffte anfangs, es werde ihr gelingen, ihm im bewutlosen Zustande
das Geld abermals abzunehmen. Aber Karl war durch die frheren Erfahrungen
gewitzigt. So oft sie auch seine Taschen durchstberte, sie fand nichts darin.
Jedenfalls hielt er das Geld auerhalb des Hauses verborgen.
    Wenn der Trunkenbold erwachte, schwankte er zwischen Stumpfsinn und Tobsucht
hin und her. Sobald er seinen Anfall bekam, mute Therese die Kinder vor ihm
verbergen, fr deren Leben sie zitterte.
    Im Kretscham zu Halbenau war Karl jetzt ein hufiger Gast. Richard Kaschel,
sein Vetter, war neuerdings Karls Vertrauter geworden.
    Richard bertraf seinen Vater wohl noch an boshafter Verschlagenheit. Den
Bttners den Garaus zu machen, das war, ohne da sie sich dazu verabredet
htten, die geheime Wollust dieser beiden.
    Der alte Kaschel hatte, obgleich er eine Bttner geheiratet, ja, obgleich er
seinen Wohlstand Bttnerschem Gelde verdankte, doch immer einen
tiefeingewurzelten Ha gegen diese Familie gehegt. In seiner guten Zeit war
Traugott Bttner dem Schwager durch jene Kraft und Wrde berlegen gewesen, die
den ehrlichen Mann vor dem Rnkeschmied auszeichnet.
    Inzwischen war der ehemalige Bttnerbauer ruiniert worden. Nur noch eine
Frage der Zeit schien es, wann der Erbe des grten Bauerngutes im Orte der
Armenversorgung anheimfallen werde. An ihm noch ein Mtchen zu khlen, war
unmglich. Ihm konnte ja nichts mehr genommen werden; er war von allem entblt,
was einem Menschen Ansehen und Bedeutung verleiht auf der Welt.
    Aber auch das gute Gedeihen der Bttnerschen Kinder war stets ein Stachel in
der Seele des Kretschamwirts gewesen. Er hate vor allem Gustav. Der Mensch
schien sich, allem Unglck zum Trotze, das seine Familie betroffen, wacker durch
die Welt zu schlagen.
    Gustav bildete auch den Gegenstand stummer Wut fr Richard Kaschel. Die
Prgel, die er einstmals von dem Vetter erhalten, waren unvergessen.
    Aber an Gustav konnte man nicht heran; der verkehrte nicht im Kretscham.
Auch von Ernestine bekam man nicht viel zu sehen; es hie, sie habe einen
Brutigam in der Fremde und werde bald heiraten. Toni war wieder nach Berlin
zurckgekehrt, nachdem sie den Ort durch ihr Auftreten in Aufregung versetzt
hatte.
    Nun blieb noch Karl. Der schien allerdings die schiefe Ebene ganz von selbst
hinabzugleiten. An den reienden Fortschritten, die Karls Verlotterung machte,
hatte das edle Paar, Vater und Sohn Kaschel, seine helle Freude.
    Richard Kaschel hatte auerdem noch einen besonderen Grund, sich fr Karl zu
interessieren.
    In Halbenau wurde trotz der Armut seiner Bewohner viel und verhltnismig
hoch gespielt. Ein nach dem Hofe hinaus gelegenes Hinterzimmer im Kretscham bot
willkommene Gelegenheit zu jeder Art lichtscheuem Treiben. Dort flogen die
bunten Bltter oft ganze Nchte hindurch. Es war bekannt, da ein Halbenauer
Bauer dort Haus und Hof und alles Hab und Gut im Laufe weniger Jahre verspielt
hatte.
    Richard Kaschel gehrte zu der Spielerzunft. Der Vater wute um das Treiben
des Sohnes Bescheid. Er hatte versucht, ihn abzuhalten vom Spiel. Aber das
Brschchen, das dem Alten lngst ber den Kopf gewachsen war, hatte geantwortet:
Der Vater habe ja seine Kmmelpulle; da mge er ihm geflligst die Karten
lassen.
    Eines Abends, als Karl in den Kretscham kam, setzte sich Richard wie
gewhnlich zu dem Vetter an den Tisch. Nachdem Karl bereits sein zweites
Flschchen Korn geleert, fragte ihn Richard, ob er Lust habe, ein Viertel
Schwein zu gewinnen.
    Karl begriff zunchst nicht, was jener damit meine. Der Vetter erklrte ihm,
im Hinterzimmer sen zwei fremde Herren, die Lust htten, ein Spielchen zu
machen. Der eine habe eine Gans mitgebracht, der andere ein Paar Magenwrste, er
selbst, Richard, wolle ein Viertel von dem eben geschlachteten Schweine setzen;
es fehle ihnen aber der vierte Mann. Wenn Karl nichts anderes bei sich habe,
knne er auch Geld setzen; die Herren wrden das schon erlauben. Dann schilderte
er die Herrlichkeiten, die man gewinnen knne, lie Speckseiten und Wrste vor
den Sinnen des bereits Halbberauschten aufmarschieren.
    Karl hatte beim Militr hin und wieder Karten in Hnden gehabt, seitdem
nicht mehr. Aber Richard versprach zu helfen; sie zwei wollten die beiden
anderen tchtig ausnehmen, raunte er dem Vetter ins Ohr.
    Der Gedanke an den fetten Einsatz erschien verlockend. Karl taumelte ins
Hinterzimmer. Die beiden Fremden saen bereits da. ber dem ganzen Zimmer, das
von einer Hngelampe beleuchtet wurde, schwebte es wie blulicher Dunst.
    Karl wute, da er betrunken sei. Aber er befand sich in jenem Stadium des
Rausches, wo alles selbstverstndlich erscheint, wo alle Bedenken leicht wie
Rauch verfliegen. Du wirst diesen Kerlen mal zeigen! Du wirst ihnen mal zeigen
... dachte er bei sich.
    Dann sa er am Tisch, die Faust voll Karten; das war der Schellenknig und
das die rote Zehne - O, er kannte sie noch ganz genau, die Karten, wute auch
ihre Namen! -
    Ihm gegenber der Fremde hatte einen schwarzen Bart, in den sich auf der
einen Gesichtsseite ein dunkelrotes Muttermal verlief. Karl wurde ganz zerstreut
durch dieses Abzeichen; er mute unausgesetzt darauf starren.
    Karle, du bist am Ausspielen! mahnte der Vetter.
    Gegen solche Karten ist nicht aufzukommen, sagte der andere Fremde, ein
kleiner, bartloser Mann, dessen Kopf wie mit Mehlstaub bestreut erschien. Das
ist also ein Mller! dachte Karl. Aber als der Mann seinen Kopf ins Licht
vorbeugte, sah man, da sein Haar von Natur so grau sei.
    Herr Bttner hat die Partie gewonnen, hie es.
    Richard zeigte eine Magenwurst vor, die hatte Karl gewonnen. Der lachte vor
Vergngen ber das ganze Gesicht. Er hatte es ja gleich gesagt, da er die Kerle
reinlegen wrde.
    Jetzt woll'n mer um de Knppe spielen! rief Richard.
    Der mit dem Muttermale griff in die Tasche und legte eine Handvoll Silber
auf den Tisch. Ein gleiches tat der Graukopf. Ich bin auch versehen, erklrte
Richard Kaschel und klopfte protzig auf seine Tasche.
    Karl brachte das Ledertschchen mit dem Stahlbgel hervor. Er lchelte
verchtlich. Jetzt sollten die Fremden mal sehen, was er fr ein Kerl war! Mit
ungeschickten Fingern holte er die einzelnen Goldstcke heraus. Es waren noch
fnfzig Mark; das brige war vergeudet.
    Noch 'nen Nordhuser vorher! sagte Richard, den gebe ich. Er holte aus
dem Wandschranke eine Flasche hervor, schenkte die Glser voll und stellte die
Flasche auf den Tisch.
    Das Spiel begann von neuem. Der guckt durch a Astloch! sagte jemand. Karl
lachte ber die Bemerkung, weil er die anderen lachen sah. Diesmal hatte er
verloren.
    Immer glei bezahlen! Da gibt's nich lange Qualen! meinte der Gewinner.
Fnf Mark, hie es, habe Karl auszuzahlen. Richard wechselte ihm ein Goldstck
gegen Silbergeld ein.
    Nachdem Karl mehrere Male hintereinander verloren hatte, kam eine Art
Besinnung ber ihn. Er erhob sich, wollte nichts von weiterem Spielen wissen.
Aber Richard lie ihn nicht fort. Die lachen iber dich, wenn de weglefst. Bleib
ack hier, Karle! Ich werd' d'r schon helfen. Diesmal schmier'n mer se an; pa a
mal uff!
    Karl lie sich bereden und blieb. Noch einen Nordhuser, meine Herren?
fragte Richard. Auf einem Beine steht nur der Storch! Karl wollte zeigen, da
er sich nicht lumpen lasse und rief dem Vetter zu: Schenk ei! Eemal rim! Den
gab' ich! -
    Aber richtig bedienen mssen Sie, Herr Bttner! Sonst is es keen Spiel
nich! meinte der Graukopf.
    Ihr wart mich wuhl 's Kartenspielen lahren, Rotzleffel, die d' 'r seid!
rief Karl den Mitspielern zu.
    Die beiden Fremden wollten etwas erwidern, aber Richard winkte ihnen mit den
Augen ab.
    Wiederum hatte Karl verloren. Da schlug er auf den Tisch und brllte:
Betrogne Karlen seid 'r, da d' 'r 's wit! Betrogen hat 'r mich! Gaht mer mei
Gald raus, Hunde!
    Die Fremden waren aufgestanden. Karl fuhr fort, auf den Tisch zu hmmern und
sein Geld zu fordern. Sein Vetter trat auf ihn zu. Halt's Maul! Schrei nich su
laut! Se hieren's sunst vorne.
    Du hast mer an Dreck zu befehlen! Damit hatte Richard auch schon einen
Schlag von Karls Riesenhand ins Gesicht, da er sich aufheulend die Backe hielt.
    Die beiden anderen Mnner sprangen auf Karl zu, ihm in den Arm zu fallen. Er
schleuderte sie gegen die Wand, ergriff einen Stuhl und schlug blindlings drauf
los. Die Hngelampe, von einem Stuhlbeine getroffen, ri vom Flaschenzuge ab,
fiel auf den Tisch, wo sie zerbrach.
    Inzwischen waren Leute, durch den Lrm herbeigerufen, ins Zimmer gedrungen:
der Hausknecht, Gste, der alte Kaschel. Man umringte Karl, der noch immer um
sich schlug wie ein Wilder.
    Die neu Hinzugekommenen hatten keine Ahnung, um was es sich eigentlich
handle. Man sah nur, da es eine Rauferei gab; das erweckte sofort die Lust,
mitzutun. Richard hatte sich aus Karls gefhrlicher Nhe zu retten gewut und
spornte nun die anderen vom Hintergrunde aus an, zuzugreifen und es dem Hunde
mal ordentlich zu geben.
    Es wurde gerungen. Der Tisch fiel um, Glser zerbrachen. Pltzlich drhnte
und krachte es. Karl hatte sich Platz geschafft, drang durch den schmalen Gang
in die Hausflur. Dort standen auch schon Leute, die sich ihm entgegenwarfen. So
von allen Seiten umringt, an Armen und Beinen von einem Dutzend Fusten gepackt,
ward er endlich wehrlos gemacht.
    Man wute nicht recht, was mit ihm anfangen! Die meisten ahnten nicht, was
eigentlich der Anla zu dem Krakeel gewesen sei. Jemand riet, ihn vor die Tr zu
schaffen. Der Vorschlag fand Beifall. Karl wurde zur vorderen Tr geschleppt.
Hier gelang es ihm, ein Bein freizubekommen, das er gegen den Trflgel
einstemmte. Man drngte und drckte, aber der groe Krper war nicht
freizubekommen.
    Richard Kaschel wute Rat. Der Trflgel wurde durch eine eiserne Stange
abgehalten, die hob Richard aus; sofort gab die Tr nach. Karl strzte mitsamt
seinen Angreifern die Stufen hinab auf die Strae.
    In dem allgemeinen Durcheinander, das nun in der Dunkelheit entstand, wurde
ein Schlag und der Fall eines schweren Krpers so gut wie berhrt.
    Man lief ins Gastzimmer zurck, erzhlte sich gegenseitig unter Geschrei und
Gelchter die Heldentat, die man verbt. Kaschelernst lief umher, zeternd und
klagend ber den Schaden, der ihm am Mobiliar angerichtet worden sei. Um das
Schicksal des Hinausgeworfenen kmmerte sich niemand.
    Nach einiger Zeit brannte einer der Gste seine Laterne an und machte sich
auf den Heimweg. Gleich darauf kam er mit verstrtem Gesichte wieder ins Zimmer
zurck. Drauen liege einer in einer Pftze Blut, berichtete der Mann.
    Man eilte hinaus. Karl Bttner lag da einige Schritte von den Stufen. Der
Schnee um ihn her war dunkel gefrbt.
    Man untersuchte ihn; er war bewutlos. Das Blut flo aus einer Wunde am
Kopfe.
    Ein Messerstich war es nicht. Es sah mehr aus, als habe ihn ein Hieb mit
einem stumpfen Instrumente ber den Schdel getroffen.

                                       X.


Eines Tages im Februar erschien Harrassowitz auf dem ehemaligen Bttnerschen
Bauernhofe. Er war in Gesellschaft eines stdtisch gekleideten jungen Mannes.
    Der Hndler fand die vordere Haustr verschlossen. Er ging daher um das Haus
herum, durch den Schnee, nach dem hinteren Eingang, aber auch dort war die Tr
verriegelt. Harrassowitz pochte und rttelte an Tr und Fensterladen; als das
nichts ntzte, legte er sich aufs Pfeifen und Rufen. Jemand mute doch im Gehft
sein; es fhrte ja keine Spur in dem frisch gefallenen Schnee zum Hoftor hinaus.
-
    Endlich erschien der graue Bart des alten Bttner oben in der Dachluke. Er
hatte sich seiner Gewohnheit gem eingeschlossen. Jetzt freilich, wo er den
Eigentmer des Hauses und Gutes selbst vor der Tr sah, mute er wohl oder bel
aufmachen.
    Sam war wtend ber das lange Warten. Bei ihm sei es wohl nicht ganz richtig
im Kopfe, schrie er den alten Mann an, als er barhuptig in der Tr erschien. Er
solle mal geflligst sofort alles ffnen; hier sei jemand, der sich das Haus
ansehen wolle.
    Nun ging es an eine eingehende Besichtigung des Ganzen. Vom Keller bis
hinauf auf den Boden wurde jeder einzelne Raum beschritten und besehen.
    Der Fremde nahm es sehr genau. Er klopfte an die Wnde, untersuchte das
Holzwerk, blickte in die Essen und fen. Vielerlei fand er auszusetzen.
    Im Keller stand Wasser. Sam, der selbst niemals drin gewesen war, erklrte
unverfroren: Den Keller habe er immer trocken gefunden bisher; das msse
zufllig eingedrungenes Schneewasser sein. Er wandte sich an den alten Bttner
mit der Aufforderung, ihm das zu besttigen. Traugott Bttner erklrte in
mrrischem Tone: Solange er lebe, habe in diesem Keller im Frhjahre stets
Wasser gestanden. - Der Hndler bi sich auf die Lippen und warf dem Alten
gerade keinen freundlichen Blick zu.
    Auch sonst wurde mancherlei mangelhaft befunden. Die fen taugten nach
Ansicht des fremden Herrn nichts, whrend Harrassowitz beschwor, sie heizten
ausgezeichnet. Die Dielen sollten an vielen Stellen schadhaft sein. Das Dach sei
reparaturbedrftig, die Treppe wackelig. Von der Holzstube wollte der Herr gar
nichts wissen, die msse er herausreien lassen und durch Ziegelwnde ersetzen.
    Kurz, das Haus war, wenn man den Worten des Mannes trauen durfte, ein Loch
in das man eine junge Frau unmglich fhren konnte.
    Harrassowitz meinte, mit einigen hundert Mark mache er sich anheischig, aus
diesem Hause ein wahres Eldorado zu schaffen, komfortabel und
hochherrschaftlich.
    Eine Hundehtte ist das Ding! rief der Fremde, der die starken Ausdrcke
zu bevorzugen schien. Fnftausend Mark mu ich hier gleich reinschmeien; blo
was das Ausmisten kostet. Natrlich geht das vom Kaufpreise ab!
    Der Hndler schwor dagegen, beide Hnde zur Beteuerung erhebend, dann knne
kein Handel zustande kommen; er drfe nicht eine Mark vom Preise ablassen.
    So wurde hin und her gefeilscht zwischen den beiden. Auf den alten Bttner,
der gesenkten Hauptes dabeistand, Rcksicht zu nehmen, schien man fr
berflssig zu halten.
    Nachdem man Haus und Hof grndlich besichtigt, wobei der Fremde alles so
schlecht wie mglich machte, whrend Harrassowitz seinen Besitz nach Mglichkeit
herausstrich, ging es hinaus zur neu angelegten Ziegelei. Bttner wurde nicht
aufgefordert, mit dorthin zu kommen.
    Nach Verlauf von einer Stunde etwa kamen die Herren in das Gehft zurck.
Sie begaben sich in die ehemalige Wohnstube der Bttnerschen Familie. Sam
verlangte Tinte und Papier und schimpfte, als das nicht zu haben war.
    Sie knnen derweilen rausgehen! sagte er zu dem alten Manne. Aber halten
Sie sich in der Nhe auf, bis ich Sie rufen werde.
    Traugott Bttner ging in den Stall. Die Gesellschaft der Tiere war ihm
lieber als die der Menschen. Die Tiere waren unverstndig, stumpf und gutmtig.
Die kaltbltig-grausame Art, seinesgleichen zu martern, hatte der Mensch vor der
Kreatur voraus. -
    Der alte Mann sa bei den Khen auf einem Melkschemel. Er hatte den Tieren
neues Futter vorgeworfen. Gemchlich kauend standen sie da, blickten ihn whrend
des Fressens hin und wieder an, furchtlos; sie kannten ihn ja.
    Durch die offene Stalltr konnte man ber den Hof her vernehmen, wie jene
drben in der Stube sprachen. Sie schienen noch nicht einig. Es ging lebhaft zu
beim Handeln.
    Der Bauer versank tiefer und tiefer in Brten. Eine Hundehtte hatte der
Herr sein Haus genannt! Da der Mensch nicht stumm geworden war fr solche
Lsterung!
    Er, der Bttnerbauer, mute doch wohl sein Haus kennen und wissen, was es
wert war; es gab kein besseres im ganzen Dorfe.
    Die Grundmauern muten uralt sein. Der Vater hatte einmal gehrt von einem,
der es verstand: die Mauern stammten aus Zeiten, die noch lange, lange vor dem
groen Kriege lagen. Die Holzstube, welche der Fremde herausreien wollte, war
von Traugotts Grovater aus starken, trockenen Tannenbrettern und lrchenen
Pfosten eingebaut worden, und mochte noch manches liebe Jahr berdauern. Den
Dachstuhl hatte Leberecht Bttner neu zimmern lassen; da war kein Balken, der
sich gesenkt oder gebogen htte.
    Er selbst, Traugott Bttner, hatte viel Arbeit, Sorge und Kosten auf das
Wohnhaus verwendet. Es war stets sein Stolz gewesen, da es so stattlich sei; er
hatte seinen Ehrgeiz darein gesetzt, das von den Vtern berkommene Heim in
Ordnung und Stand zu halten.
    Er hatte dieses Haus lieb, wie man ein lebendes Wesen liebt. Wenn er vom
Felde hereinkam, blickte es ihn schon von weitem an, freundlich und vertraut,
wie eine Mutter. - Es war ja auch die Mutter von vielen Generationen, die in ihm
geboren und gro geworden, denen es Obdach und Behausung gewhrt hatte.
    Er kannte dieses Haus, wie er seine Ehefrau gekannt hatte. Er liebte es
nicht nur in seinen Vorzgen und guten Seiten, er liebte es in allen seinen
Eigenheiten und Heimlichkeiten, die nur ihm offenbar waren. Er liebte es nicht
zum mindesten der schweren und bangen Stunden wegen, die er unter seinem Dache
durchlebt hatte.
    Und nun kam da einer her, ein Fremder, und nannte es eine Hundehtte!
    Es war nicht Zorn, was der Alte empfand, auch nicht rger. All die jh
aufwallenden heien Gefhle waren ausgelscht in ihm. Mehr ein Staunen war es,
ein Verwundern ber das, was ihm widerfuhr. Der Geist der streitbaren
Auflehnung, der ihn frher oft zu seinem Schaden beseelt, hatte einer dumpfen
Verdrossenheit Platz gemacht.
    Er war still und nachdenklich geworden. Den Leuten im Dorfe wurde er dadurch
unheimlich. Wenn er in seinem Kummer gerast oder zur Schnapsflasche gegriffen
htte, wrden sie sich weniger gewundert haben, als ber dieses stille
Simelieren des Bauern.
    Er konnte neuerdings ber einem Worte, einem Erlebnisse stundenlang grbeln.
Es war, als ginge er im Kreise wie ein Tier, das den Gpel drehen mu. Sein
Geist klebte fest und zh an den Dingen, konnte sich nicht aufschwingen zu
Gedanken, sein Wille sich nicht mehr aufraffen zu Taten. Der ehemals so ttige
Mann war imstande, halbe Tage in vlligem Nichts-tun zu verbringen.
    Dann hielt er Selbstgesprche. Zu starkem Fluchen und Schimpfen, wie
ehemals, brachte er es nicht mehr. Aber er bekam es fertig, ein und denselben
Satz zehnmal und mehr vor sich hin zu sagen, immer schneller, immer lauter, bis
er ber sein eigenes Sprechen erschrak, sich scheu umsah, ob jemand da sei, und
nach einiger Zeit in seine gewhnliche Stumpfheit zurckversank.
    Auch jetzt wieder hatte er sich in einen Gedanken verbissen: jener fremde
Herr, dessen Namen er nicht einmal kannte, hatte sein Haus eine Hundehtte
genannt. Und nun sagte er das Wort vor sich hin mit rauher Stimme: Hundehtte,
Hundehtte, Hundehtte ..., da die Khe im Fressen innehielten und sich
umsahen nach dem nrrischen Alten.
    Vom Hause her ertnte jetzt lautes erregtes Sprechen, als ob sie sich dort
stritten. In der Haustr erschien der Fremde. Er war im Begriffe, seinen Pelz
anzuziehen; hinter ihm kam Sam, suchte den Mann festzuhalten.
    Zwanzigtausend Mark fr so eine Hitsche ist Unverschmtheit! schrie der
Fremde. Ich wei ganz genau, was Sie in der Subhastation dafr gegeben haben.
    Aber was ich inzwischen hineingesteckt habe, Herr Berger! Wollen Sie das
bitte nicht vergessen.
    Der Fremde stand noch immer in der Tr, er hatte inzwischen den rmel
gefunden, schien auf dem Sprunge, fortzugehen.
    Schn: reingesteckt! Rausgenommen haben Sie, dreimal so viel, als Sie
gegeben haben! Und nun soll ich Ihnen fr den Hof und das bichen Ziegelei
zwanzigtausend Mark geben! - Verrckt mte ich sein! Viertausend Taler gebe
ich! Nicht einen Pfennig mehr!
    Kommen Sie nur ins Haus, Herr Berger! mahnte der Hndler und suchte den
erregten Mann hereinzuziehen. Wir werden schon handelseinig werden! Dabei
klopfte er ihm auf die Schulter.
    Sie sind ein Halsabschneider! schrie Berger, folgte aber dem Hndler doch
ins Haus.
    Es dauerte wiederum eine ganze Weile, dann erschien Harrassowitz in der
Haustr und rief den Bauern herein.
    Er stellte ihn dem Fremden vor. Das ist hier der alte Bttner, der frhere
Besitzer. Ein braver Mann! Ich kann ihn nur empfehlen. Wir sind stets gut
miteinander ausgekommen, nicht wahr, Bttner? Dabei stie er den alten Mann
vertraulich an.
    Bttner sagte nichts. Er stand da gesenkten Hauptes und blickte auf die
Diele.
    Ich habe nmlich an diesen Herrn hier soeben verkauft, fuhr Harrassowitz
fort; er schien in bester Laune, rieb sich vergngt schmunzelnd die Hnde. Das
ist also hier Ihr neuer Herr, Bttner! Herr Berger wird die Ziegelei in Betrieb
nehmen und gedenkt, hier zu wohnen. - Es wird gut sein fr Sie, Bttner, wenn
Sie sich mit ihm stellen.
    Das Haus entspricht durchaus nicht meinen Ansprchen, meinte der neue
Herr, sich mimutig umblickend. Meine Frau kommt von der Stadt und ist's ganz
anders gewhnt.
    Es wird der jungen Frau mit der Zeit ganz gut hier gefallen in Halbenau;
passen Sie mal auf, Herr Berger! Hier ist's ganz nett, man versteht hier auch zu
leben. Und gesund ist's! Die Leute werden alt hier zu Lande! Wie zum Beispiel
Herr Bttner hier!
    Der Fremde zuckte die Achseln, dann meinte er, sich an den Alten wendend:
Ich wrde Sie unter gewissen Bedingungen im Hause behalten. Eine Kammer knnen
Sie meintswegen haben, obgleich eigentlich viel zu wenig Platz ist.
    Bttner nimmt mit allem vorlieb, sagte Harrassowitz, sich einmischend.
Sie mssen nur wissen, der Mann hat Zeit seines Lebens hier gewirtschaftet, da
wre es immerhin hart, wenn er Knall und Fall fort mte. Ich habe auch Erbarmen
gehabt mit ihm, obgleich ich's nicht eigentlich ntig hatte. Das ist eben
schlielich eine Art von Anstandspflicht - gewissermaen.
    Der neue Besitzer machte eine ungeduldige Bewegung. Zwingen kann Sie dazu
ja niemand! rief der Hndler. Wenn Sie den Alten drin lassen, so ist das eben
ein Akt der Barmherzigkeit und Herr Bttner mu Ihnen zeitlebens dafr dankbar
sein - nicht wahr, Bttner?
    Meintswegen! sagte Berger und erhob sich. Ich will gestatten, da der
Mensch hier wohnen bleibt in einer Dachkammer. - In die Hausordnung haben Sie
sich natrlich zu fgen, Bttner! Und ich darf erwarten, da Sie keinerlei
Strung verursachen. Die Wohnung sollen Sie frei haben; ich verlange als
Entgelt, da er den Garten versorgt und die huslichen Arbeiten bernimmt:
Holzspalten, Austragen der Grube, Kohlenklopfen und so weiter. Eventuell werde
ich ihn auch in der Ziegelei beschftigen, wenn er dazu nicht schon zu alt ist.
Natrlich ist dieses Verhltnis meinerseits jederzeit kndbar.
    Das scheint mir nur billig und gerecht! rief Harrassowitz. Sie knnen
lachen, Bttner! Machen Sie nur nicht ein so finsteres Gesicht, Mann! So
trifft's nicht jeder!
    Das scheint ein alter verstockter Bursch zu sein! sagte Berger zu dem
Hndler, als sie das Haus verlieen.
    Was wollen Sie, meinte Sam. Er ist halt 'n Bauer!

                                      XI.


Ernestine berbrachte eines Tages ihrem Bruder Gustav einen Brief von Hschke.
Dabei erzhlte sie, da sie in der nchsten Zeit Halbenau verlassen werde, ihr
Brutigam habe eine Wohnung gemietet und wolle sie nun heiraten.
    Eigentlich hatte Ernestine gewnscht, da die Hochzeit in Halbenau
stattfinden solle; aber Hschke hatte gemeint, da msse man sich womglich
kirchlich einsegnen lassen, und den Mumpitz mache er nicht mit. Ernestine fand
sich schlielich darein. Sie war schon so weit von der fortgeschrittenen
Weltanschauung ihres Brutigams angesteckt, da sie sich aus solchen
altmodischen Gebruchen, wie kirchliche Trauung und Taufe, nichts mehr machte.
Da sie auerdem praktisch war, sagte sie sich, da man durch Weglassen dieser
Zeremonien Geld ersparen knne, welches anderweit besser zu verwenden sei.
    Hschke berichtete in seinem Briefe an Gustav, da er in einer
Maschinenfabrik Anstellung als Schlosser gefunden habe. Er setzte dem Freunde
zu, da er's ihm nachmachen solle. In der Stadt sei doch ein ganz anderes Leben,
als in dem langweiligen Dorfe. Auf einen grnen Zweig werde er in Halbenau doch
niemals kommen. Wenn Gustav ihm Auftrag gebe, wolle er sich fr ihn um einen
Dienst bemhen. Gustav solle ihm sofort seine Papiere einsenden. Er werde ihm
schon etwas Passendes ausfindig machen. Gediente Unteroffiziere htten immer
Aussicht, genommen zu werden.
    In Gustav rief dieser Brief geradezu eine Grung hervor.
    Seit er neulich auf dem Rckwege aus der Rbengegend das Leben der groen
Stadt wieder einmal gekostet hatte, war ihm die geheime Sehnsucht danach nicht
wieder aus der Seele gewichen.
    Es bedurfte nicht viel Zuredens von seiten Hschkekarls, um diese Trume und
Wnsche, beunruhigend und verfhrerisch, wie sie nun einmal fr das Landkind
waren, lebendig zu machen.
    Der Abend vor allem, wo er in Hschkes Gesellschaft jener groen
Volksversammlung beigewohnt, hatte sich unauslschlich in seinem Gedchtnisse
eingeprgt. Die Tausende, welche in atemloser Spannung den Worten ihrer Fhrer
gelauscht, die eindringlichen Worte, welche die schlichten Arbeiter gesprochen,
der mchtige, sinnberauschende Applaus, wenn einer das rechte Wort gefunden, die
Disziplin, die Opferwilligkeit, der Korpsgeist - nichts von den tiefen
Eindrcken, die er in jenen Tagen in sich aufgenommen, war dem jungen Manne
abhanden gekommen.
    Was er da gesammelt hatte an neuen Erfahrungen und Gedanken, was er damals,
weil es zu viel auf einmal gewesen, nicht hatte verarbeiten knnen, war doch in
ihm geblieben, hatte sich gesetzt und verdichtet zu einer neuen Weltanschauung.
So wie er gewesen war, konnte er nie wieder werden; er hatte in geistigem Sinne
seine Unschuld verloren. Er fhlte es selbst bei den unbedeutendsten Anlssen,
da er mit anderen Augen in die Welt sehe.
    Vor allem aber war eine tiefe Sehnsucht in ihn gekommen, die ihm keine Ruhe
mehr lie, die Sehnsucht, heraus zu gelangen aus der Enge seiner bisherigen
Umgebung, Neues zu sehen und zu erleben, seinen Gesichtskreis zu erweitern,
teilzunehmen an dem Leben der groen Welt.
    Diese Sehnsucht trieb ihn aus seiner Heimat weg, in die Stadt. Dort war das
wahrhaftige Leben allein! In der Stadt fand man Anregung und Gesellschaft. Dort
erfuhr man, was in der weiten Welt vorging. Da ging einem eine Ahnung auf von
dem, was man selbst wollte und sollte. Da war man unter Tausenden und
Abertausenden, und doch ein selbstndiger, freier Mensch.
    Auf dem Lande glichen die Arbeiter dem Lasttiere, das seine Arbeit
verrichtet, sein Futter vertilgt und nur erwacht, um von neuem zur Arbeit
getrieben zu werden. So dmmerten die meisten Leute auf dem Dorfe dahin, stumpf
und gelangweilt, ohne viel mehr nachzudenken als das liebe Vieh.
    Nein! solch ein Leben wollte er nicht weiter fhren! Wenn man einmal starb,
wollte man doch wenigstens sich sagen knnen, da man gelebt habe.
    Er hatte ja frher die Heimat geliebt - er liebte sie noch - aber es war zu
vieles vorgefallen in den letzten Jahren, was ihm die Freude an dem Heim
vergllt hatte.
    Ja, wenn er's so htte haben knnen wie sein Grovater Leberecht - dem er,
wie die Menschen behaupteten, in vielen Stcken hnelte - wenn er auf freiem
Gute htte selbstndig schalten und walten drfen als sein eigener Herr, da
htte er wohl jede Arbeit auf sich nehmen wollen, wre sicher gewesen, etwas
Rechtes vor sich zu bringen. Aber so, wo das Glck der Familie vernichtet war!
Wo einer htte wieder ganz von vorn anfangen mssen! wo ihm, dem Bauernsohne,
nichts brig blieb, als sich als Tagelhner oder Knecht zu verdingen! -
    Nein! da wollte er doch lieber ganz von dem Orte weggehen, wo er und seine
Vorfahren einstmals bessere Tage gesehen hatten. In der Stadt kannte ihn
wenigstens keiner! Da konnte ihn niemand verhhnen, da er hatte herabsteigen
mssen, da er, der einstmals kommandiert hatte, nun selbst dienen mute.
    Was er frher nicht fr mglich gehalten haben wrde, der Abschied von der
Heimat wurde ihm jetzt nicht einmal schwer. Die Wurzeln, die ihn einstmals so
fest mit diesem Boden verbunden hatten, waren eben eine nach der anderen
durchschnitten worden; er war jetzt auch so ein loser Baum, den man leicht
ausheben und verpflanzen kann.
    Mehr und mehr fing er an, seiner drfischen Umgebung berdrssig zu werden,
ja, sie im Grunde seines Herzens zu verachten. Auf dem Dorfe war man wie in
einem dunklen, engen, dumpfen Zimmer, in welches das Licht hchstens durch
Ritzen und Klinzen eindringt. Da drauen in der Welt, in der Stadt, da winkte
das groe, rauschende Glck, das Vergngen, die Freiheit, die Selbstndigkeit! -
    So gab er denn seiner Schwester Ernestine, als sie Halbenau verlie, seine
Papiere mit, die sie Hschke bergeben sollte.
    Das Mdchen ging der Zukunft leichten Herzens entgegen. Sie hatte bereits
der vorige Sommer der Heimat entfremdet. Sie lebte lngst mit ihren Gedanken und
Plnen in einer neuen Welt, die mit dem lndlichen Heim wenig gemein hatte. Ein
Vaterhaus, von dem sie htten Abschied nehmen mssen, gab es ja fr die
Bttnerschen Kinder nicht mehr.
    Um die Zukunft machte sich die leichtfertige Ernestine wenig Sorge. Hschke
verdiente jetzt zwanzig Mark in der Woche. Mit der Zeit hatte er Aussicht,
Monteur zu werden, so schrieb er selbst. Auerdem konnte man zur Verbesserung
des Einkommens ja auch Kostgnger und Schlafburschen aufnehmen. Ein greres
Quartier war darauflos schon gemietet worden.
    Das Mdchen wrde vielleicht nicht einmal vom Vater Abschied genommen haben,
wenn nicht Gustav es ausdrcklich von ihr verlangt htte.
    Der Abschied war khl und steif. Ernestine, die doch sonst nicht gerade auf
den Mund gefallen war, wute dem Vater kein liebes Wort zu sagen.
    Der alte Mann brachte es auch zu keiner herzlichen uerung dem letzten
Kinde gegenber, das nun von ihm ging.

                                     * * *

    Karl war, nachdem man seine Wunde im Kretscham notdrftig gewaschen und
verbunden hatte, in seine Behausung nach Wrmsbach geschafft worden.
    Nachdem ihm der Arzt das dichte Haar rings um die Wunde abgeschnitten hatte,
fand sich, da die Schdeldecke stark verletzt war. Es mute geradezu ein Wunder
genannt werden, da er mit dem Leben davon gekommen war. Die Heilung ging
langsam vonstatten.
    Seine Frau leistete in dieser Zeit bermenschliches. Der Kranke war trotz
seiner Schwche nicht leicht zu pflegen, er delirierte stark. Die Nahrung mute
ihm auf knstlichem Wege zugefhrt werden.
    Therese hatte sich bis dahin nie sonderlich um die Krankenpflege gekmmert;
jetzt lie die Not sie auch diese Dienste erlernen.
    Sie mute dazu die Kinder versorgen, das Hauswesen im Gange erhalten, dabei
kein Geld im Hause! Denn Karl hatte in der Periode seiner Liederlichkeit alles
bis auf einen kleinen Rest vertan.
    Und nun kam das Frhjahr heran; da htte das Feld bestellt werden mgen.
Wovon sollte man denn die Pacht an Harrassowitz bezahlen?
    Sam war schon einmal dagewesen. Er zeigte sich sehr ungehalten. Wenn es
nicht besser werde, msse er sie heraussetzen. Sufer und Nichtstuer knne er
nicht gebrauchen.
    Was blieb fr Therese da anderes brig, als selbst das Feld zu bestellen!
Die Khe hatte Harrassowitz inzwischen weggenommen. Sie spannte sich also vor
die Egge. Der lteste Junge, kaum sechs Jahre alt, mute mit Hacke und Schaufel
hantieren.
    Es galt die grten Anstrengungen, denn wenn Harrassowitz sein Wort
wahrmachte, dann blieb ihnen nichts als das Armenhaus.
    Da Karl jemals wieder zu vollen Krften kommen werde, war unwahrscheinlich.
Auch nachdem die Kopfwunde verheilt war und das Fieber nachgelassen hatte, blieb
ein allgemeiner Schwchezustand zurck. Die Sprache hatte gelitten; bestimmte
Laute vermochte die Zunge berhaupt nicht mehr zu bilden. Das Gedchtnis war
geschwcht. Karl, der sich niemals durch besondere Geistesgaben ausgezeichnet
hatte, war vllig zum Trottel geworden.
    Eines Tages, als Therese vom Felde heimkehrte, fand sie den Kretschamwirt
von Halbenau bei Karl sitzen. Kaschelernst schien bereits eine ganze Weile mit
ihm gewesen zu sein. Was die beiden zusammen gesprochen, erfuhr Therese nicht.
    Der alte Kaschel machte einen durchaus vergngten Eindruck.
    Er spielte sich ganz auf den Unbefangenen; meinte, er sei nur im
Vorbergehen mal eingetreten, um zu sehen, wie sie eigentlich lebten. Was zu
essen hatte er mitgebracht - auch ganz zufllig, wie er behauptete - einige
Wrste und einen Schinken. Die lie er da, damit Karl davon esse und wieder zu
Krften kommen mge.
    Er is wie a bissel dumm im Koppe! sagte Kaschelernst zu Theresen, als er
in sein Korbwgelchen gestiegen war. Er meent, er kann sich uf nischt nich mehr
besinnen, meent er. Dabei beobachtete er, durch sein verschmitztes Lcheln
hindurch, Theresens Miene genau. Wee er denne gar nischt mehr, wie er damals
hingefallen is, in der Besoffenheet und sich das Luch in Kupp geschlagen hat? -
he!
    Ar is ne gefallen! erwiderte Therese. Ibern Kupp ha'n se'n gehaun.
    Soit Karl su?
    Ne! ar soit's ne, weil da er vun nischt ne mih was wee.
    Wer soit's denne?
    Nu, was de Leite sen, die soin's alle, 's htt' 'n eener ibern Kupp
gehaun.
    Kaschelernst schnalzte mit der Zunge. De Leute raden vill, was ne wahr is.
- Desderwegen ... Vergngt schmunzelnd fuhr er von dannen.
    Wenige Tage darauf erschienen zwei Herren vom Gericht bei Karl Bttner. Es
handelte sich um die Voruntersuchung gegen Richard Kaschel.
    Karl wurde aufs eingehendste vernommen. Viel war freilich nicht aus ihm
herauszubekommen. Er wute nur noch wenig von jenem fr ihn so verhngnisvollen
Abend im Kretscham zu Halbenau. Darber, wie er zu der Wunde am Kopfe gekommen,
vermochte er nichts Stichhaltiges anzugeben.
    Immerhin belasteten die Aussagen anderer Zeugen den jungen Kaschel so weit,
da es zur Verhandlung kam.
    Es ward festgestellt, da es Streit gegeben habe zwischen Karl und seinem
Vetter. Ferner wurde ausgesagt, da Richard Kaschel es gewesen, der die Leute
aufgefordert habe, den Betrunkenen hinauszuwerfen. Das Gravierendste aber war,
da mehrere Zeugen sich besinnen konnten, die eiserne Stange, die zum Festhalten
der Tr diente, in der Hand des Angeklagten gesehen zu haben. Da aber Richard
den Schlag gefhrt habe, der Karl verletzt haben sollte, wollte niemand
beschwren.
    Der Angeklagte selbst behauptete, er sei nicht mit drauen gewesen vor dem
Kretscham, habe vielmehr die eiserne Stange, auf Befehl seines Vaters sofort
wieder eingelegt.
    Der alte Kaschel, der unbeeidigt vernommen wurde, besttigte die Aussagen
seines Sohnes.
    Der Angeklagte wurde freigesprochen.
    Die ffentliche Meinung schrieb trotzdem dem Gastwirtssohne die Tat zu.
    Man schimpfte weidlich auf die Kaschels und verwnschte sie. Erst hatten sie
den alten Bttner ruiniert, ihn von Haus und Hof gebracht, und nun hatten sie
ihm auch noch den Sohn fr Lebzeiten elend gemacht.
    Aber solche Worte fielen nur hinter dem Rcken der Kaschels. Ihnen etwas ins
Gesicht zu sagen, wagte niemand; sie waren zu gefhrlich.
    Richard Kaschel zeigte sich, nachdem er hier mit einem blauen Auge davon
gekommen, anmaender und bermtiger denn je. Das Spielen setzte er fort. Er
ging oft weit ber Land oder fuhr in die Stadt, um seiner Leidenschaft zu
frnen.
    Dem alten Kaschel wurde unheimlich zumute dabei. Mehr als einmal schon hatte
er ein Loch zustopfen mssen fr den hoffnungsvollen Sprling.

                                      XII.


Nun begannen groe Umwlzungen im Bauernhofe. Baumeister und Zimmermann
erschienen. Im Wohnzimmer wurden die Dielen aufgerissen, die alten erblindeten
Fensterscheiben durch neue groe und glnzende ersetzt. Dann kamen die
Ofensetzer. Der alte Kachelherd mit Backrhre und Pfanne, der zwei Zimmer
geheizt hatte, auf dem die verstorbene Buerin das Essen fr die Familie
zugleich mit dem Angemenge fr das Vieh zubereitet hatte, wurde weggerissen und
an seine Stelle ein stdtischer Porzellanofen gesetzt. Die Kche kam in den
Nebenraum. Maler und Tapezierer erschienen. Die Holzverkleidung ward von den
Wnden gerissen, gemalt und geweit wurde, und in die Zimmer fr die zuknftige
junge Frau kamen sogar Tapeten.
    Der neue Herr kam fters von der Stadt heraus und trieb die Handwerksleute
zur Eile an; er wollte bald einziehen.
    Der Bttnerbauer wurde von einem Winkel in den anderen getrieben. Er war wie
ein altes Tier, dem aus Gnade das Leben gelassen wird.
    berall im Hause herrschten die Handwerker. Schlielich zog sich der Alte
mit einem Bndel Sachen in einen Bretterverschlag auf dem Boden zurck, um dort
zu hausen.
    Auf dem Felde war's ein Gleiches. berall Neuerungen! -
    Die Ziegelei wuchs und dehnte sich aus. Jetzt hatten sie ein neues Lehmlager
entdeckt, das noch besseres Material enthalten sollte als das erste. Dort wurde
abgegraben. Herr Berger, der neue Besitzer, lie einen Schienenstrang von der
Grube nach der Ziegelei legen.
    Das ganze Gut ward verbitzelt. Die groen Schlge, einstmals des alten
Bauern Stolz und Freude, waren in lauter schmale Streifen zerteilt, auf denen
kleine Wirte ihre vier, fnf verschiedenen Frchte bauten.
    Auch im Walde gab es Vernderungen. Schon im Herbste hatte der grfliche
Oberfrster Kahlschlag machen und Hgel zur Kultur auswerfen lassen. Kaum war
der Schnee gewichen, wurde mit der Anpflanzung begonnen.
    Der alte Mann hate all das Neue, das vor seinen Augen entstand. Es lag so
etwas Aufdringliches, Vorwitziges in dem, was diese jungen Leute anstellten.
    Vierzig Jahre hatte er nach der Vter Weise gewirtschaftet, und nun ber
Nacht, pltzlich, ward alles umgestrzt, das Oberste zu unterst gekehrt, seine
Arbeit verwstet, als sei sie nichts wert.
    Sein Lebenswerk wurde fr nichts geachtet. Die Spuren seiner Ttigkeit waren
ausgewischt. Das, was jeder Mensch als mchtigsten Trieb und Sporn zum Handeln
in sich trgt, der eigentliche Erreger alles menschlichen Strebens und
Schaffens, das Verlangen nach irdischer Unsterblichkeit, der Wunsch, in seinen
Werken das ewige Leben zu haben - dieses Denkmal, das jeder Tchtige sich zu
errichten strebt, damit Kinder und Kindeskinder seiner gedenken, auf da sein
Wesen und Wollen nicht von der Vergessenheit Nacht verschlungen werde - dieser
Abdruck seiner Persnlichkeit, der in diesem Grundstck: Haus, Hof, Feldern,
Wiesen und Wald, eingeschlossen lag, war zerstrt; fremde Hnde hatten in
wenigen Monaten das zur Unkenntlichkeit verndert, was er und seine Vorfahren im
Laufe eines Zeitraumes, der nach Generationen gerechnet werden mute, in Treue
und Liebe und Frmmigkeit aufgerichtet hatten.
    Die Zeit war ber ihn hinweggeschritten.
    Nun wurde er in die Ecke gestellt, ein verbrauchtes, altmodisches Gert. Er
war ein Baumstumpf, der mitsamt den Wurzeln ausgerodet ist; so lag er auf dem
Boden, dem er, als er in voller Kraft und Blte gestanden, seinen Schatten
gespendet hatte. Die tausendfltigen Beziehungen, die jeden mit der Mitwelt
verbinden, die unzhligen Wrzelchen, mit denen wir jeden Augenblick Krfte
saugen und Krfte zurckgeben, waren durchschnitten. Er war unntz geworden fr
sich und die anderen. Er konnte aus der Welt gehen, und nirgends wrde eine
Lcke klaffen.
    Zweck- und ziellos ging er umher, im Dorfe, ber die Felder, durch den Wald.
Wann wre das frher jemals vorgekommen! Da hatte jeder Gang sein Ziel, da wurde
er, auer Feiertags, niemals unbeschftigt angetroffen. Aber was sollte er jetzt
anfangen? wofr seine Hnde rhren?
    Die Leute redeten ihn an, einzelne aus Mitleid, die meisten aus Neugier;
sein Wesen war allen ein Rtsel.
    Aber, da man fast nie eine Antwort von ihm erhielt, unterblieb das Anreden
mit der Zeit. Die Kinder lachten wohl ber die struppige Erscheinung des Alten,
liefen ihm nach; auch Erwachsene wagten hie und da eine Spottrede hinter seinem
Rcken. Aber ins Gesicht ihn zu hhnen, wagte niemand; das Elend hatte noch
nicht ganz die Ehrfurcht gebietende Wrde aus der Erscheinung des Greises
gelscht.
    Der Pfarrer stellte den alten Mann auf der Strae und ging eine Strecke mit
ihm. Da gab es zarte Vorwrfe zu hren, da Bttner nicht mehr zur Predigt und
zum Tische des Herrn komme. Der Bauer zuckte verdrossen die Achseln, blieb dem
Seelsorger die Antwort schuldig.
    Ein andermal traf Bttner mit dem Gterdirektor des Grafen zusammen.
Hauptmann Schroff hielt sein Pferd an und begrte den alten Mann. Der Hauptmann
beklagte, da alles so gekommen wre. Nun das Bauerngut nicht mehr fr ihn zu
haben sei, habe der Graf seinen Sinn gendert. Er bereue jetzt, den Juden
hineingelassen zu haben. Die neue Nachbarschaft sei dem Herrn Grafen ein Greuel.
-
    Der Hauptmann sah wohl selbst ein, da solche Reden zu spt kamen und
niemandem etwas ntzen konnten. Er drckte dem Alten die Hand, berlie ihn
seiner Einsamkeit.
    Was wollten die Leute von ihm? Der Alte verachtete sie im Grunde seiner
Seele alle. Alles Reden war sinnlos, alles Mitleid verschwendet! Jedes Wort der
Teilnahme bedeutete eine Erniedrigung fr ihn. Nur in Ruhe sollten sie ihn
lassen, das war das einzige, was er noch von ihnen verlangte.

                                     * * *

    Auch dem Sohne erffnete sich der alte Mann nicht. Der gehrte ja auch zu
den Jungen, zu dieser neuen Generation, die keck ber ihn hinweggewachsen war.
    Gustav war ja auch diesem Boden entstammt, aber er war nicht so fest mit ihm
verwachsen, da er das Verpflanztwerden nicht berstanden htte. Er stand jetzt
im Begriffe, sich in neuen Verhltnissen ein neues Heim aufzurichten fr sich
und die Seinen.
    Soeben war von Hschke eine Antwort eingetroffen. Er hatte eine Stelle fr
den Freund gefunden. Gustav sollte in einem groen Hause der inneren Stadt die
Vizewirtsstelle bernehmen.
    Es war ein verantwortungsreicher Posten. Im Hinterhause befand sich eine
Kartonagenfabrik, die ber hundert Leute beschftigte. Im Parterre des
Vorderhauses war ein Bankgeschft, im ersten Stock eine
Versicherungsgesellschaft; alles in allem wohnten in dem weitlufigen Gebude
einige zwanzig verschiedene Parteien.
    Gustavs ausgezeichnete Militrpapiere hatten den Ausschlag gegeben, als er
zu dieser Stellung gewhlt wurde. Hschke riet, da er sofort annehmen sollte;
es gbe eine ganze Anzahl anderer Bewerber fr den Posten.
    Fr Gustav war es nichts Kleines, sich hier zu entscheiden. Vieles daran war
verlockend: die feste Anstellung, das auskmmliche Gehalt; bergroe Anstrengung
war mit einem solchen Posten auch nicht verbunden und man behielt Zeit brig fr
sich und die Seinen.
    Auf der anderen Seite gab es mancherlei Unerquickliches an einer solchen
Stellung. Man brachte mit seiner Arbeit nichts Bleibendes vor sich, woran man
seine Freude htte haben knnen. Die Aussicht, Hheres zu erreichen, sich selbst
vorwrts zu bringen, war ausgeschlossen. Man war der Diener von tausend
beliebigen Leuten. Und was Gustav als das schwerste erschien: er wurde
herausgerissen aus dem von Jugend auf gewohnten Leben. Vom Acker weg wurde er in
ein stdtisches Souterrain verpflanzt, in das vielleicht die Sonne nicht einmal
am Tage drang. Wie wrde er, wie wrde Pauline das ertragen?
    Erst jetzt, wo er vor die Entscheidung gestellt war, merkte er, was er
vorhatte: da er einen Strich mache unter seine eigene Vergangenheit, da er mit
der vielhundertjhrigen berlieferung seiner Familie breche, da er im Begriffe
stehe, aus einem Landmann ein Stdter zu werden.
    Er besprach die Sache mit Pauline. Sie berlie ihm, wie in allen wichtigen
Fragen, auch diesmal die Entscheidung. Ihr gengte, bei ihm bleiben zu drfen,
alles andere solle ihr recht sein.
    Schlielich erkannte Gustav, da es eine Wahl fr ihn gar nicht mehr gebe;
er mute annehmen. Der Winter hatte die Ersparnisse des vorigen Sommers
verschlungen. Als Aufseher wieder in die Rbengegend zu gehen, hatte er
verschworen. In der Heimat gab es keine Beschftigung fr ihn, wenn er nicht
tagelhnern wollte. Er mute also nach dem greifen, was sich ihm bot, um sich
und die Seinen vor Mangel zu bewahren.
    Die Stelle war durch Todesfall erledigt, und Hschke hatte geschrieben, da
Gustav sobald wie mglich antreten msse. Es hie also, in wenigen Tagen packen
und Abschied nehmen.
    Ein Plan war in Gustav gereift: er wollte den Vater auffordern, mit ihnen in
die Stadt zu ziehen.
    Gustav war sich nicht im unklaren, was er damit auf sich nehme. Es wrde
nichts Leichtes sein fr alle drei Teile; der alte Mann war schwierig, wrde
kein bequemer Hausgast sein. Besonders in der Stadt war das nichts Kleines, wo
man enge aufeinander sa, wo alle die mannigfaltigen Abziehungen des lndlichen
Berufes fehlten.
    Aber es mute sein! Pauline sowohl wie Gustav waren sich klar darber, da
sie den Vater nicht in seinem Elend allein lassen durften. Was sollte aus ihm
werden in Halbenau, wenn sie nun auch fortgingen? Wenn es niemanden mehr gab,
der sich um die Notdurft des Alten kmmerte! Das Armenhaus war der
wahrscheinliche Abschlu.
    Eine solche Schande wollte man nicht auf sich laden. Der Familiensinn, der
bei Gustav nicht vllig untergegangen war, sprach mit. So weit war es mit den
Bttners doch noch nicht gekommen, da man das Familienoberhaupt htte in
Schmutz und Armut verkommen lassen mgen, ohne eine Hand zu rhren. Die Leute
wrden mit Fingern auf solch unnatrliche Kinder gewiesen haben. Diese Schmach
wollte Gustav seinem Namen nicht antun.
    Als sie jedoch mit dem Vater davon sprachen, stieen sie auf Widerstand. Er
wolle nicht in die Stadt, erklrte er.
    Sie hielten ihm vor, was seiner in Zukunft in Halbenau warte: das
Einliegerelend, die Abhngigkeit von wildfremden Menschen, die ihn als ihren
Knecht behandeln und ihm, wenn es ihnen pate, den Stuhl vor die Tr setzen
wrden. Und was, wenn er krank wrde! Wer wrde ihn pflegen?
    All das hielten sie ihm vor. Ob es Eindruck auf ihn mache oder nicht, war
nicht zu ersehen. Er sagte nicht ja und nicht nein, trug seine gewhnliche
mrrisch-verschlossene Miene zur Schau.
    Gustav machte einen Versuch, ihn beim Ehrgefhl - zu packen. Sollte er sich
bei seinen Jahren noch als Tagelhner verdingen? Wollte er wirklich in die
Ziegelei gehen auf Arbeit? Er, der ehemalige Grobauer: Ziegelstreicher! Oder
wollte er gar der Gemeinde zur Last fallen? -
    Aber auch hierauf zeichnete er nicht. Er schttelte nur den Kopf und
murmelte etwas Unverstndliches vor sich hin. Es schien fast, als hege er einen
wohlberlegten Plan, einen Entschlu in seinem Innern, den er niemandem verraten
wollte.
    Seine Kinder drangen noch einmal in ihn. Sie stellten ihm dar, wie schn er
es bei ihnen haben werde. Man wolle ihm ein Stbchen ganz fr sich lassen.
Hschke habe von einem Grtchen geschrieben, das Gustav mit im Stande zu halten
htte; diese Arbeit solle er bernehmen, damit er doch seine Beschftigung habe.
- Es verschlug alles nichts. Man konnte zweifelhaft werden, ob er berhaupt die
Worte hre; seine Zge waren leer, seine Augen schienen auf etwas gerichtet:
weit, weit in der Ferne, das nur er sah.
    Gustav gab es schlielich auf, dem Vater noch lnger zuzureden. Wenn der
nicht wollte, dann brachten ihn zehn Pferde nicht von der Stelle. Er war eben
ein Bttner! -
    Aber Pauline lie die Hoffnung noch nicht fahren, den alten Mann zu
berreden. Sie war, seit sie Gustav geheiratet, der besondere Liebling des Alten
geworden. Ihr gegenber hatte er hier und da sogar etwas von seinem Kummer
blicken lassen.
    Die junge Frau sprach den Schwiegervater noch einmal unter vier Augen, mit
jener innigen, schlichten Herzlichkeit, die ihr zu Gebote stand, meinte sie: Sie
wollten's ihm auch so gut machen, als er sich's nur denken knne.
    Sie hoffte, ihn vielleicht mit der Kost locken zu knnen. Sie wolle ihm so
kochen, wie er's gewohnt sei von der Mutter her, und wie sie wisse, da er's
gern habe.
    Da traten dem Alten pltzlich die Trnen in die Augen; mit einer Weichheit,
die man sonst nicht an ihm gewohnt war, sagte er: Ne, ne! Pauline, la ack! Du
bist gutt! - Ich wee, Ihr meent's gutt mit mir alen Manne. Aber, la ack! ...
    Dann versank er in Nachdenken.
    Sie wagte es, seine Hnde zu ergreifen und sie zu streicheln. Noch einmal
stellte sie ihm dann vor, wieviel besser er's haben knne, wenn er bei seinen
eigenen Leuten bliebe als unter Fremden.
    's is alles eens. Pauline! war seine Antwort. Mit mir is eemal nischt
nich! Mir nutzt nischt nich mih! Ich were bale ganz alle sen!
    Sie meinte dagegen: Er werde noch manches Jahr erleben; er sei ja rstig und
nehme es noch mit manchem Jungen auf.
    Ne, ne! Ich ha's 'n dicke! Ich ha's 'n schun ganz dicke! - De Mutter is nu
och tut. 's is ne schiene su alleene ei der Welt.
    Er schnuzte sich und wischte die Augen; beides mit der Hand. Dann fuhr er
fort: Gieht Ihr ack! und lat mich Ales in Frieden. Ihr sed jung! Ihr wit ne,
wie's unsereenem zumute is. Ihr kennt's ne wissen. Das kann niemand nich
verstiehn, wie's unsereenem ums Harze is. - Su manchmal, Nchtens - su alleene -
und an Tage och, su verlassen! Mer mechte sich winschen, da de Sunne gar ne
nich scheinen tte. Alles is eenem zuwider! Ne, ne! Das verstieht niemand ne,
der's ne derlabt hat! - Lat mich ack! Ich wer' schun a Platzel finden; is ne ei
der Welt, dann is am Ende, kann sen, hauen.
    Pauline schluchzte laut auf, als sie den alten Mann so sprechen hrte.
    Ju, ju! Su is! Ich glob', ich wer mich ne lange mih zu schinden han. - Ich
will der och noch was mitgahn. Pauline, zum Adenken, eh' da 'r gieht.
    Damit ging er nach seinem Bretterverschlag auf dem Boden und kam nach
einiger Zeit, den Arm voll Kleidungsstcke, zurck.
    Da war eine wattierte Puffjacke der Buerin, eine seidene Schrze, die er
mal seiner Braut zum Geschenk gemacht hatte, etwas Leibwsche der Verstorbenen
und noch Kleinigkeiten aus dem Nachlasse der Buerin, mit denen er Paulinen
beschenkte.
    Auch Gustav sollte bedacht werden. Der Alte schleppte seinen Schafwollpelz
herbei, den er seit dreiig und mehr Jahren fhrte.
    Pauline weigerte sich, den Pelz fr ihren Mann anzunehmen; den msse der
Vater behalten, damit er im Winter was Warmes habe.
    Ich wer' keenen Winter mer sahn! sagte der Bauer.
    Da er bse zu werden drohte ber ihre Weigerung, nahm sie den Pelz
schlielich an, zum Schein. Sie wollte ihn der eigenen Mutter bergeben, die ihn
einstweilen aufbewahren und dem Alten bei beginnender Winterszeit zurckstellen
sollte. -
    An einem Sonntagmorgen in der Frhe nahmen Gustav und Pauline Abschied von
Halbenau. Ihre Abreise hatte manchen Freund und manche Freundin herbeigelockt.
Frau Katschner schwamm in Trnen. Sie mute der Tochter heilig versprechen, da
sie nach dem alten Bttner sehen werde.
    Die Witwe hatte im stillen noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, da ihr noch
ein zweites Mal die Freuden des Ehestandes zuteil werden mchten. Im geheimsten
Kmmerchen ihres Herzens regierte kein anderer als Traugott Bttner allein.
    Der alte Mann war nicht erschienen, um von seinen Kindern Abschied zu
nehmen. Die Leute sagten, er sei auf dem Wege nach der Kirche gesehen worden.

                                     XIII.


Am Sonnabendabend war der alte Bttner zum Dorfbader gegangen und hatte sich
seinen Bart abnehmen lassen. Sonntags beim Morgengrauen nahm er seine
Feiertagskleider aus der Lade, den langschigen Tuchrock, der zur Hochzeit neu
gewesen war, die Weste mit den Perlmutterknpfen, den Zylinder, der ihm nun auch
schon an dreiig Jahre Dienste getan hatte, und der trotz alles Streichens mit
dem Rockrmel nur immer widerhaariger wurde.
    Traugott Bttner ging zum Tisch des Herrn.
    In seinem Feiertagsstaat, das Gesangbuch in der Hand, schritt er die
Dorfstrae hinab. Er blickte nicht rechts noch links, nur auf seinen Weg.
    Andere Altarleute, die ihn berholten, blickten ihm erstaunt ins Gesicht.
    Ja, war denn das wirklich der Bttnerbauer! Oder war es sein Geist? Die
bleichen Wangen, nicht mehr vom Bart versteckt, zeigten jetzt erst ihre ganze
hohle Magerkeit.
    Er erwiderte keinen der vielen Morgengre, die ihm von allen Seiten geboten
wurden. Sein Gang war langsam aber fest, die Blicke hielt er starr geradeaus
gerichtet.
    Man steckte die Kpfe zusammen. Saht ack! Bttnertraugott gieht beichten!
- Er war eine ungewohnte Erscheinung geworden in der Kirchfahrt.
    Beim Hauptgottesdienste, der der Kommunion folgt, nahm Bttner seinen
altgewohnten Kirchenplatz ein. Vieler Augen waren auf ihn gerichtet; es war, als
ob nach langem Krankenlager einer wiederum unter Menschen geht. Selbst der
Geistliche schien unter dem Eindrucke zu stehen, da heute ein besonderer Gast
in ihrer Mitte weile; er sprach einige Male mit Betonung nach jener Richtung
hin, wo der alte Mann sa.
    Der hrte der Predigt vom ersten bis zum letzten Worte mit Aufmerksamkeit
zu. Beim Schlusse des Gottesdienstes opferte er seinen Groschen, wie er es von
jeher getan, so oft er das Abendmahl genossen.
    Man wollte ihn anreden, als er aus der Kirche trat. Alte Freunde drngten
sich an ihn heran. Nu Traugott! hie es, wu hast denn du su lange gestackt?
    Er schien fr die Frager keine Zeit zu haben. Mit eigenartig ernstem Blicke
sah er die Leute an, schttelte den Kopf, wandte sich und ging. - Mancher, der
jetzt kaum darauf geachtet, sollte sich spter daran erinnern. - Grade als ob
'r d'ch durch und durch buhren wollte; und duch als ob 'r ganz wu andersch hin
she, schilderte ein Zeuge nachmals diesen Blick. Dann sei er auf einmal
verschwunden aus der Menge der Kirchgnger; keiner wollte wissen, wie das
geschehen.
    
    Traugott Bttner schritt auf seinen ehemaligen Hof zu. Heute war das Haus
menschenleer; des Feiertags wegen arbeiteten die Handwerker nicht.
    Er ging in die Kammer, legte die Feiertagskleidung ab und zog die
Werkeltagskleider wieder an. Dann legte er die guten Sachen sorgfltig
zusammengefaltet auf einen Stuhl, das Gesangbuch zu oberst auf das Bndel.
    Nachdem er das besorgt, begab er sich in den Stall. Er steckte den Khen
Futter auf, reichlich, fr zwei Mahlzeiten. Den Schweinen schttete er Trebern
vor und go einen Rest von Milch darber zu einer rechten Feiertagsmahlzeit.
Darauf sah er sich noch einmal um, wie um sich zu berzeugen, da alles
beschickt und in Ordnung sei. Dann machte er die Tre hinter sich zu und schritt
zum Hofe hinaus auf dem Wege hin, der nach dem Walde fhrt.
    Nach einer Weile machte er Halt, wandte sich um. Hatte er etwas vergessen? -
Er wollte nur das Dach noch einmal sehen, unter dem er Zeit seines Lebens
gehaust hatte. Dort ragte der freundliche Giebel ber die Scheune hinweg.
    Der alte Mann hielt die Hand ber die Augen, um sie vor den blendenden
Strahlen der Frhjahrssonne zu schtzen. Er stand da eine Zeitlang, betrachtete
alles noch einmal ganz genau; das wrde er nicht wieder sehen!
    Dort auf den Scheunenfirsten war schon wieder mal das Stroh lose geworden;
es strubte sich wie unordentliches Haar nach allen Richtungen. Da er das
bisher gar nicht bemerkt hatte - Nun, der Neue wrde das schon in Ordnung
bringen!
    Ihn frstelte auf einmal.
    Warum stand er denn hier eigentlich? Was wollte er denn? - Ja, richtig! Nur
schnell! Je eher, je besser! Wozu hier stehen und gaffen? Das ntzte ja doch
nichts! Aber das Strohdach ... Er htte gar nicht gedacht, da der Wind neulich
so stark gewesen wre! - Er war selten hier heraus gekommen in der letzten Zeit,
weil ihn die Ziegelei rgerte! Ach, diese Ziegelei! Das ganze Gut war
schimpfiert. Dort blickte die Esse vor; er mochte gar nicht hinblicken!
    In weitem Bogen umging er das Bauwerk; bis er hinter der Ziegelei wieder auf
den Hauptweg des Gutes kam.
    Wieviel tausend und abertausendmal in seinem Leben war er diesen Weg
hinausgeschritten! Zu allen Jahreszeiten, ledig und mit Brde, allein oder in
Gesellschaft der Frau, der Kinder, mit den Gespannen. Vom Bttnerschen Hofe kam
der Weg, fhrte durch Bttnersche Felder und Wiesen, lief in den Bttnerschen
Wald aus. Eine halbe Stunde und mehr konnte der Bauer geradeaus schreiten, ohne
von seinem Grund und Boden herunterzukommen.
    Hier war er umgeben von den Zeugen seines Lebens und Wirkens. Jener klobige
Steinblock erinnerte ihn an die tagelange schwere Arbeit, mittelst der er ihn
aus dem Acker gehoben. An dieser Ecke war er in frher Jugend bewahrt worden vor
Unfall wie durch ein Wunder; die Pferde waren scheu geworden, hatten den Knaben
geschleift; als der Vater desselben Weges kam, sich den Tieren entgegenwarf und
so des Kindes Leben rettete. Dort jenen wilden Rosenstrauch hatte er stehen
lassen, whrend rings alles Gebsch gerodet wurde, der Hagebutten wegen, aus
denen die Buerin ein schmackhaftes Mus zu bereiten verstand. - Hier hatte jeder
Fubreit Landes Bedeutung fr ihn, jedes Hlmchen erzhlte ihm eine Geschichte.
    Jetzt verlie er den Hauptweg, schlug einen schmalen Gang zwischen zwei
Feldern ein. Dabei stie er auf einen frisch gesetzten Grenzstein. Das war die
neue Einteilung! - Alles hatten sie ihm durcheinander geworfen: die Grenzen, die
Schlge, die Fruchtfolge.
    Da war ein Stck mit junger grner Saat. Hafer konnte das nicht sein. Ja,
zum Teufel, was war denn das? - Der Bauer blieb stehen, bckte sich, betrachtete
sich die Hlmchen genau. Das war ja Gerste! - War der Mensch verrckt, hier
Gerste zu bauen, auf diesem nassen Zipfel! Der wrde sich mal wundern im Herbst,
was er hiervon ernten mochte! Er mute doch seinen Acker kennen. Hier gerade war
undurchlssiger Tonboden und immer Nsse. Da wollte solch ein Esel Gerste bauen!
- Der Alte lachte grimmig in sich hinein.
    Aber er hatte ja noch was vor heute. Richtig! -
    Ein kleiner Schauer lief ihm den Rcken hinab. Nur die Furcht nicht Herr
werden lassen! Die Sache war schnell vorber, wenn man's richtig anfing. Er
berzeugte sich durch einen Griff in die Brusttasche, da das, was er brauchte,
auch da sei.
    Was sie wohl sagen wrden, wenn sie ihn erst gefunden haben wrden! - Was
seine Peiniger da sagen wrden! - Kaschelernst, der Hund! Dort lag sein Feld.
Sein Korn schien gut zu stehen heuer. Wie er ihm im vorigen Jahre die Saat
umgestrzt hatte, das war doch mal ein gelungener Streich gewesen! - Der
Schimmer eines Lchelns flog ber die verbissenen Zge des alten Mannes.
    Jetzt mute er Halt machen; er war zu schnell gegangen. Nur Ruhe! Er kam
noch zeitig genug! Er warf einen Blick auf das Dorf, das man von hier aus in
seiner ganzen Lnge bersehen konnte, bis zur Kirche hinab. Eben begannen sie
dort zu luten; es war wohl zum zweiten Gottesdienste. Bttner nahm
unwillkrlich - die Mtze vom Kopfe, faltete die Hnde, betete ein Vaterunser.
Dann seufzte er tief und wandte sich wieder zum Gehen.
    Ob sie ihm wohl ein christliches Begrbnis gestatten wrden?
    Da er als Christ gestorben und nicht wie ein Heidenmensch, das muten sie
doch einsehen! Die ganze Gemeinde und der Pastor hatten ihn ja in der Kirche und
am Altar gesehen. Das mute doch gelten!
    Es war ja am Ende nicht recht in den Augen der Menschen, was er tat, und
eine Snde vor Gott dem Herrn war es auch. Aber konnte er denn anders?
Tausendmal hatte er's erwogen. Wie viele schlaflose Nchte waren darber
hingegangen seit jener, wo ihm der Gedanke zum ersten Male gekommen! Es war
damals gewesen, als seine Frau unbeerdigt im Hause lag. Er selbst hatte die Tote
gewaschen und angekleidet. Still hatte sie dagelegen und zufrieden, im
Leichenhemde. Da war ihm beim Anblicke des friedlichen Angesichts seiner
Lebensgefhrtin zum ersten Male der Gedanke gekommen, wieviel besser es doch die
Toten htten als die Lebenden. Gar nicht schrecklich war der Tod; er hatte etwas
so Natrliches und Gutes. Seitdem lie ihn die geheime Sehnsucht nach der Ruhe
nicht wieder los.
    Anfangs hatte ihn oft gegraust bei dem Gedanken, wie doch ein solches Ende
wider Natur und Sitte sei. Allmhlich aber hatte er sich an die Vorstellung des
Grauenhaften so gewhnt, da seine Pulse kaum schneller gingen, so oft er daran
dachte.
    Es gab ja keinen anderen Weg! Sie hatten ihm alles zerstrt, was den
Menschen ans Leben fesselt. Richtig hinausgedrngt war er worden aus seinem
Besitz, aus allen seinen Rechten. Den Boden hatten sie ihm unter den Fen
weggerissen. Wenn sie's gekonnt htten, sie htten ihm gewi auch Licht und Luft
genommen.
    Ein Bettler war er. Aber ins Armenhaus sollten sie ihn doch nicht bekommen.
Die Freude wollte er ihnen nicht machen, den ehemaligen Bttnerbauer im
Armenhause zu sehen. Nun wrde er's ihnen gerade mal zeigen, da er seinen Kopf
fr sich hatte. Mit guten Lehren und Ratschlgen waren sie immer schnell bei der
Hand gewesen, aber ihn zu retten, hatte keiner den Finger gerhrt. Er verachtete
sie alle, die ganze Sippe! Da er nun endlich keine Gesichter mehr zu sehen
brauchte, war ihm ein langersehntes Glck. Sie lieen einen ja doch nicht in
Frieden, wie tief man sich auch verkroch, sie kamen einem nach, berallhin, die
geschwtzige, neugierige Art. Man mute schon ganz aus der Welt gehen, um Ruhe
zu haben. Und nach seinem Tode wrden sie wahrscheinlich erst recht klug reden.
Das htte er nicht tun sollen, wrden sie sagen. Ein groes Gezeter wrden sie
anheben. Er kannte sie ja, wie sie waren, kaltherzig und gleichgltig, solange
einer zappelt, und dann, wenn ihm der Atem ausgegangen, wenn er verrchelt war,
dann kamen sie herbeigelaufen, umstanden das Opfer mit Trnen und Seufzern und
Redensarten.
    Aber das sollte ihn nicht bekmmern, das hrte er ja alles nicht mehr! - Er
tat, was er fr recht hielt. Hier durfte ihm keiner mehr was 'rein reden. Mit
sich selber konnte man anfangen, was man wollte. Wer einem nichts gab, hatte
einem auch nichts zu befehlen!
    Jetzt war er seinem Ziele schon ganz nahe. Dort am uersten Feldrande stand
der Baum; ein wilder Kirschbaum, schlank gewachsen. Ein Haufen Steine, aus dem
Felde zusammengelesen, lag darunter. Die, Krone stand in voller Bltenpracht,
leuchtete weithin wie eine weie Haube. Dahinter lag das Bschelgewende.
    Der Alte macht Halt. Was war denn hier vorgegangen? Erdhuschen an
Erdhuschen in langen, schnurgerade ausgerichteten Reihen! Und die grnen
Quirle, die aus den Hausen hervorlugten: junge Fichtenpflanzen!
    Hatten sie ihm das Bschelgewende also doch zugepflanzt! - Wie viele Tage
und Stunden mhevoller Arbeit mit Pflug und Egge steckten in dem Boden! Und
diese Arbeit war fr nichts und wieder nichts gewesen. Was er im Laufe eines
Lebens der Wildnis, entrissen, hatte die grfliche Forstverwaltung in wenigen
Tagen zupflanzen lassen.
    Also auch dieses Zeugnis seines Schaffens war vernichtet; so hatten sie ihm
denn alle Maschen seines Lebenswerkes aufgelst.
    Er stand und starrte die grnen Spitzen der Fichtenpflnzchen an. Eine
dumpfe Wut stieg in ihm auf.
    Da fiel ihm noch zur rechten Zeit ein, wie sinnlos sein rger sei; er
brauchte sich ja nicht mehr zu rgern. Nichts auf der Welt ging ihm mehr was an,
wie er keinem mehr was anging.
    Noch einmal empfand er die ganze Wonne des wirklich Einsamen, den Stolz, die
Verachtung des Bedrfnislosen, der im Begriffe ist, das letzte abgetragene
Gewand von sich zu werfen.
    Er war mit hastigen Schritten an sein Ziel gelangt. Hier stand der
Kirschbaum, mit dunklem, glnzendem, wie poliertem Schafte, bis ins kleinste
stchen von zierlichen Bltenkelchen bedeckt. Die ersten Bienen schwrmten
bereits in der Krone.
    Traugott Bttner achtete nicht auf das Summen und den Duft. Er ma den Baum
mit prfendem Blicke. Hier der unterste Ast war stark genug. Wenn er auf den
Steinhaufen stieg, konnte er ihn erreichen. Eine Schlinge - dann die Fe
loslassen, und dann ....
    Wieder lief ihm ein Frsteln durch alle Glieder. Ein Druck am Halse, als
wrde er ihm zugeschnrt, ein wrgendes Gefhl im Unterleibe; die Beine drohten
ihm den Dienst zu versagen.
    Er mute sich, von Schwche bermannt, an den Stamm lehnen. Vor den Augen
flimmerte es ihm. Er stand da mit offenem Munde stieren Blickes. Es war zu
frchterlich, was er tun wollte: Hand an sich selbst legen! Frchterlich! - Wenn
ihm das einer in der Jugend gesagt htte, da er so enden werde!
    Er betete ein Vaterunser, das erleichterte ihn. Dann richtete er sich auf;
der Furchtanfall war vorber.
    Er wollte sterben; tausendmal hatte er sich's berlegt. Es war nicht das
erstemal, da er mit dem Stricke in der Tasche hier drauen stand. Bisher hatte
ihn immer noch der Gedanke an seine Kinder abgehalten, das letzte zu tun. Sie
sollten ihn nicht so hngen sehen.
    Nun waren sie fort. Was die anderen sagen wrden, die Fremden, war ihm
gleichgltig.
    Heute wollte er's mal zu Ende fhren. Er war ja gut zum Sterben vorbereitet:
war zur Beichte gewesen, hatte das heilige Abendmahl genossen; Gott mute ihm
seine Snde vergeben. -
    Jetzt stand er auf dem Steinhaufen, der Strick sa fest am Aste, er brauchte
nur den Kopf durch die Schlinge zu stecken. -
    Noch einmal hielt er inne. Sein Blick flog ber die Felder und Wiesen zu
seinen Fen. Das war sein Land, er starb auf seinem Grund und Boden. Sein Auge
suchte das Vaterhaus; da unten lag es, winkte zu ihm herber aus blhenden
Baumkronen.
    Fast unbewut streifte er die Schlinge ber den Kopf. Wenn er sich nun mit
den Fen abstie, war's geschehen.
    Noch ein Vaterunser!
    Der Strick wrgte ihn schon am Halse. Er fhlte die Steine unter sich
rollen. Unwillkrlich suchte er eine Sttze mit den Fen. Umsonst! Er hatte den
Grund verloren, sein Krper wurde lang.
    Was war denn das an seinem Halse. Ein Band mit eisernen Stacheln! - Sie
rissen ihm den Krper in Stcke! Hing er denn? Er sah ja noch alles, ganz
deutlich: dort, die beiden Leute, zehn Schritt von ihm.
    So helft mir doch! Schneidet mich ab! Seht ihr's denn nicht! -
    Nichts! Sie rhren sich nicht.
    Der Wind spielt mit ihren Haaren, sie haben groe, stille Augen. Der eine
ist sein Vater, er erkennt ihn ganz genau, der Vater mit dem langen, gelben
Haar, bartlos. Und das kleine, gebckte Mnnchen daneben ist der Grovater. Ein
uralter Mann, mit schiefer Nase und rotumrnderten Augen. So stehen sie da und
sehen ihm ernst und schweigend zu.
    Er will mit ihnen reden. Wenn nur das Band am Halse nicht wre. - Hilfe!
Helft mir! -
    Jetzt kommt der Vater heran. Vater - So, jetzt wird's leichter. - Was sind
das fr groe, schwarze Vgel .... ...
    Der Wind schaukelt den Krper hin und her. Die Bienen im Kirschbaum lassen
sich deshalb in ihrem Geschfte nicht stren. Der Kopf mit dem grauen Haar hngt
tief auf die Brust herab. Die weit aus ihren Hhlen hervorquellenden Augen
starren die Scholle an, die Scholle, der sein Leben gegolten, der er Leib und
Seele verschrieben hatte.
